Carl Sternheim Tabula rasa Ein Schauspiel   Franz Blei in herzlicher Kameradschaft     Philipp Reclam jun. Stuttgart [1992]     Personen         Wilhelm Ständer Isolde Ständer , seine Nichte und Mündel Heinrich Flocke Artur Flocke , sein Sohn Nettel Flocke , seine Tochter Werner Sturm Paul Schippel Bertha , Magd bei Ständer Der Arzt Die Szene ist dauernd die bürgerliche Wohnstube Ständers     Erster Aufzug Erster Auftritt Bertha . Nach fünf Jahren Dienst hätte man Aufbesserung verdient. Ständer . Ich bin Arbeiter wie du, simpler Glasbläser, und habe nicht das Recht, von anderen Dienste zu fordern. Du dienst nicht bei mir, unser Verhältnis ist ein – Bertha . Von dem wollte ich nicht sprechen. Ständer . Beruht auf einem Gegenseitigkeitsvertrag, nach dem gegen Unterhalt und Ernährung du die Führung meines Haushalts freiwillig übernahmst. Bertha . Mit einem Monatslohn. Ständer . Einem Geschenk, das ich jeden Monatsersten wiederhole. Hast du dir einfallen lassen, es vor den Nachbarn hinzustellen, als seist du Magd im Haus? Bertha . Ich spreche mit niemandem. Ständer . Was sollte die Welt denken? Ein Arbeiter, der für sich arbeiten läßt, ein Proletarier, der Sklaven hält! Bertha . Wenn ich aber um halb sechs Uhr früh aufstehen muß! Ständer . Übereinkunft! Bertha . Schweine füttern, den Abtritt räumen! Ständer . Gesellschaftsvertrag! Bertha . Bis in die Nacht mich schinde, um im Bett noch keine Ruh' zu haben. Ständer . Das geht dich als Weib an. Ist außerhalb der Abmachung. Bertha . Sie wollen mir den Lohn nicht erhöhen? Ständer . Du hast zum Donnerwetter keinen! Freiwilliger Vertrag. Bertha . Ich will einen neuen mit Ihnen machen. Fünf Mark monatlich mehr. Freiwillig. Ständer . Du freiwillig. Aber ich nicht. Das ist doch der Unterschied zwischen Dienstbarkeit und freiem 5 Verhältnis: Der Sklave läßt sich die Sklaverei bis auf den Pfennig vom Herrn entgelten. Du aber widmest dem Genossen deine Kraft auf Gegenseitigkeit und wahrst Menschenwürde. Bertha . Wenn ich wie ein Tier für ihn schufte. Ständer . Aus freiem Antrieb. Was du an Entschädigung von mir erhältst, wiegt deine Arbeit nicht auf. Folglich kann der Lohn nicht Veranlassung sein, aber – deine menschliche Tugend. Du bist ganz einfach tugendhaft, Bertha; mußt es selbst gar nicht wissen. Es genügt, dir strahlt jetzt das Auge; du fühlst, da ich dirs zugestehe, innen großes Glück. Ja, Dicke, menschlich wohl bereitet und damit basta! Bertha . Wär' nur der Schweinestall nicht! Ständer . An einem Morgen – du fühlst dich stark, hast gut geschlafen und merkst, was du im Grunde für ein unabhängiges Geschöpf bist, räumst du ihn einmal gründlich und von allen Seiten auf. Er brauchts. Das ist der Segen eines solchen Vertragsverhältnisses: da man zu nichts gezwungen ist, treibt einen das Bedürfnis, sich selbst zu übertreffen, zu immer größerer Arbeitsleistung. Und du bist ein Muster dieser Regel. Bertha . Fünf Mark! Ständer . Fragst du dich, was du günstigenfalls mit deinem Leben vermöchtest, heißt die Antwort: was du auch wirklich leistest. Diese Gewißheit ist höchster Lohn des Daseins, den ich nicht überbieten kann. Bertha . Dann soll ich in meinem alten Kleid das Fest mitmachen? Ständer . Dahin hat's Zeit, und wer weiß, was noch geschieht. Bertha . Aber der Tag kommt bestimmt, an dem die Fabriken hundert Jahre stehen. Ständer . Sicher. Doch ob ein Mensch Lust haben wird, ihn zu feiern? Warts ab. Bertha . Dann ists zu spät. Ständer . Dein prachtvolles Bewußtsein! 6 Bertha . Schon. Ständer . Das leuchtende Auge! Bertha . Nur – Ständer . Wie hübsch du bist, Mädel, vor lauter gutem Gewissen und Glück. Bertha . Ach Herr Ständer! Ständer (tätschelt sie) . Siehst du. Bertha (an ihn gelehnt) . Sie haben am Ende recht. Ständer . Und nun noch ein Stündchen fest an die Arbeit. Und stehst du von morgen ab um fünf Uhr auf, wirds nicht ungern gesehen. Bertha (exit) . Ständer . Ihre ständige Unzufriedenheit hält sie lebendig, ist ein Glück für mich.   Zweiter Auftritt Isolde (tritt auf) . Ständer . Ich sterbe vor Hunger, und du trödelst draußen. Spukt auch bei dir das Jubiläum? Isolde . Wir Mädchen üben großartige Bilder und Tänze ein. Ständer . Gut. Später. Schließ' ab. Isolde . Die Türen sind zu. Ständer . Den Vorhang herunter! Isolde (läßt den Vorhang herab) . Ständer . Was bringst du? Isolde . Fischmayonnaise, ein Rehkotelett in Gelee. Ständer . Der Sherry? Isolde . Ist da. (Sie stellt aus einem Körbchen alles auf den Tisch.) Ständer (beginnt gierig zu essen) . Isolde . Noch ein Bund Radieschen; die frühesten auf dem Markt. Ständer . Nicht hervorragend die Mayonnaise; das Öl an der Grenze der Bedenklichkeit. 7 Isolde (hat eine Spieluhr in Gang gesetzt) . Ständer . Herrgott, das Wichtigste vergißt du ja! Isolde . Ist auch besorgt. (Sie gibt ihm einen verschlossenen Briefumschlag.) Ständer (steckt das Papier zu sich) . Ihr Mädchen mit Tänzen und lebendem Bilderkram seid auch die einzigen, die hier Lust spüren, irgendein Fest zu feiern. Der Rest, wir dreitausend Arbeiter von Rodau mit lastüberhäuften Weibern und Anhang, sind angeschmiedete Sklaven, die nicht die mindeste Neigung haben. Isolde . Angeschmiedet? Ständer . Vom Hahnenschrei bis zur Dunkelheit an die Maschinen. Nie eigene Person. Glasstaub in den Lungen. Schwindsucht, schließlich Faulen auf dem Mist. Betäubten uns nicht Alkohol und Nikotin, wir rissen die stählernen Ungetüme vom Platz, schmissen sie zum Fenster hinaus und befreiten uns mit einem Ruck zu bescheidenem Lebensgenuß. Isolde (hat ihm den Frisiermantel umgelegt und beginnt, sein Haar mit schäumendem Wasser zu waschen) . Ständer . Je älter ich werde, um so weniger begreife ich unsere Lammsgeduld. Just so ein Jubiläum gäbe uns Proletariern die beste Gelegenheit, mit den Besitzern der Werke gründlich abzurechnen. Etwa: die Fabrik steht hundert Jahr, Dutzende von Millionen sind verdient. Der Arbeiter hat sie geschafft. Was wurde an ihn, was an die Eigentümer bezahlt? Wo ist da um Gotteswillen Gerechtigkeit? Gibt es unter uns nicht solche, die knapp vierzehn Mark die Woche verdienen? Es ist eine Schweinerei. Und dazu ein Jubiläum mit Fackeln und bengalischer Beleuchtung? Das Volk hat Milch in den Knochen, läßt sich durch Almosen einlullen, sonst müßte es, statt Feste der Fabrikanten zu feiern, endlich mit gepanzerter Faust auftrumpfen. Isolde . Glaubst du wirklich? Ständer . Ich spreche stets nur Überzeugungen aus, das weißt du aus Erfahrung. Habe ich dir verschwiegen, nach 8 deinem einundzwanzigsten Jahr gab ich dir nur darum noch Unterhalt, weil bis zum Eintritt entscheidender Veränderungen in meinem Leben deine hübsche Erscheinung im Zusammenleben mir inzwischen Spaß macht, und die mit mir angestellten Aufmerksamkeiten mich ergötzen. Isolde (nimmt ihm den Frisiermantel ab und küßt ihn) . Ständer . Da du unter keinen Umständen selbst nennenswert arbeiten willst, sagte ich, mußt du die Talente wetzen, den Mann, den du eingefangen, zu unermüdlicher Leistung für dich zu spornen. Das geschieht, indem du seine Phantasie entflammst. Die Basis dafür schufen deine Eltern, als sie dir auf meinen Rat den überspannten Namen Isolde gaben. Was du aber bis heute aus eigener Kraft hinzugetan, reicht zu großen Hoffnungen bei weitem nicht aus. Isolde . Was soll ich denn noch –? Ständer . Methodischer Klavier. Isolde . Artur ist ohne Gehör unmusikalisch. Ständer . Eben darum bieten Beethoven und Konsorten hundert Schlupfwinkel für deinesgleichen. Mehr Französisch, das er nicht versteht, und Schiller. Isolde . Schiller ist veraltet. Ständer . Erprobt ist er. Was kann Vernunft gegen das eine Wort: »Ehret die Frauen, sie flechten und weben«? So etwas wirkt im Streitfall wie bombensicheres Bollwerk. Da du dich unbedingt von deinem Mann mästen willst – sieh deinen Bauch – Isolde . Ich habe kein Korsett an. (Sie räumt den Tisch ab und bringt das Zimmer in Ordnung.) Ständer . Du bist eine Fresserin, und nichts wird ihn im Wachstum hindern. Isolde . Aber meine ausgeschnittene Bluse fürs Fest, die schon neue Rüschen hat und geplättet ist? Ständer . Kein Wort mehr davon. Wollen sehen, ob Gerechtigkeit zuläßt, während das Elend und die Unfreiheit der arbeitenden Klasse gerade hier zum Himmel stinkt, daß kapitalistische Orgien gefeiert werden. Erst habe ich 9 der Gesellschaft mal einen Knüppel in die Räder geworfen. Gleich wird die Wirkung zu spüren sein. Isolde . Und ich sollte die Abundantia, den Überfluß darstellen, weil ich körperlich am entwickeltsten bin. Die Arme wohltuend ausgebreitet und das Bein gehoben. (Sie macht die Stellung.) Ständer . Die Stellung kannst du im Leben schon noch verwerten. Im übrigen – morgen mehr und gute Nacht. Isolde (exit) . Ständer (erbricht den Briefumschlag und liest) . »Wir teilen Ihnen mit, daß wir Sie für getrennte Dividendenscheine mit Mark fünfhundertfünfzig Valuta dato erkannt haben: ferner, daß wir für Sie gekaufte Mark sechstausend Vereinigte Rodauer Glasfabriken in Ihr Depot übernehmen.« Gut. (Er öffnet in der Mauer einen Kasten und schließt das Papier hinein. Man hört draußen einen schrillen Pfiff und noch einen.) Was für ein Indianerpfiff? (Er sieht zum Fenster hinaus.) Sturm! Werner Sturm. Mit solchem Firlefanz fällt er mehr auf, als kommt er geradewegs zur Haupttür hinein. Hoffentlich schläft Flocke schon. (Exit links und tritt gleich darauf mit Sturm wieder auf.)   Dritter Auftritt Sturm . Geradewegs vom Bahnhof komme ich um nähere Auskunft und Belehrung. Ständer . Du weißt aus meinen Briefen die Hauptsache. Sturm . Ich will das Ding im Handumdrehen fingern, daß es schillert. Eine unfehlbare Methode habe ich, dösige Köpfe zu rebellieren. In zwei Tagen raucht hier außer den Kaminen alles. Ständer . Die Kerls sind nicht dumm. Du mußt systematisch vorgehen. Sturm . Wie werde ich denn nicht! Erst System auf den Tisch gehauen, daß die Bagage hüpft: Herrschaft des 10 Proletariats, Klassenkampf bis zur Vernichtung der Gegner. Dafür laß mich sorgen. Ständer . Langsam ihnen eins nach dem andern beibringen. Sturm . Und vor allem gleich ein paar zuverlässige Schlagworte jedem in die Fresse. Da habe ich eine ganze Speisekarte. Zehn Jahre arbeite ich nach bewährtem Rezept. Hast du Schnaps? Ständer (zieht aus der Hose die gewöhnliche Branntweinflasche) . Sturm . Nichts Besseres? Ständer (schüttelt den Kopf) . Knappe Zeiten. Sturm . Auf den Tisch springe ich, und dann gehts mit Alarm. (Er schreit.) Genossen! Aktionärbataillone und ihre Profitrate würgen euch schließlich den Magen aus dem Hals. Ständer . Hier handelt es sich eigentlich um lokale Fragen. Sturm . Alles wurzelt im großen, politischen, allgemeinen Ideal. Ständer . Das sitzt uns tief in den Knochen; unnötig, davon zu sprechen. Sturm . Im Gegenteil behaupte ich: lokale Fragen, die sich stets um ökonomische Vorteile drehen, um Bequemlichkeiten einzelner Gruppen vor der großen Masse, bedrohen geradezu die ewige Sichtbarkeit unserer politischen Forderungen. Ständer . Es liegen besondere Verhältnisse vor. Sturm . Nichts Besonderes! Als deine ersten Zeilen mit dem Notschrei kamen, du fürchtest, hier stürbe durch reichliche und fortwährende Konzessionen die Unzufriedenheit des Proletariers aus, da sah ich, du hiebst in die gleiche Kerbe mit anderen Besorgten, aber bewußter und fester. Da wußte ich, Rodau ist der Platz, endlich im Angesicht ganz Deutschlands die Genossen in flammender Proklamation vor ihrer Neigung zur Verweichlichung durch Fürsorge aller Art zu warnen. 11 Ständer . Aber – Sturm . Schreiende Schande ist der Versuch der Kapitalisten, durch sogenannte Wohlfahrtseinrichtungen die Massen zu ködern. Verbrechen aber die Neigung unserer Führer, solche Dinge zu fördern und ihrerseits zu überfordern. Ständer . Immerhin – Sturm . Wie kann einem Unternehmen, in dem dem Arbeiter Konsum-, Vorschuß- und Kreditvereine, Speise-, Bade- und Erholungsanstalten, Säuglings-, Waisen-, Blinden-, Krüppelfürsorge neben Kranken-, Unfall-, Angestellten- und Invaliditätsversicherung den irdischen Rücken decken, ihn noch dringendes Bedürfnis an einer Umgestaltung der Lage seiner Klasse beseelen? Ständer . Aber – Sturm . Muß nicht die Sucht, sich nach allen Himmelsrichtungen durch Renten zu sichern, das Kontroll- und Verantwortlichkeitsgefühl, seinen theoretischen Sinn schwächen, da sie alle Sinne auf das praktische Leben lenkt? Die Partei ist dir tief verpflichtet, weil du durch deinen Hinweis Gelegenheit gabst, hier ein Exempel zu statuieren. Ständer . Neben diesen richtigen Voraussetzungen wollte ich – Sturm . Du nennst mir die maßgebenden Genossen. Gewissermaßen die, die auf größere Arbeitergruppen Einfluß haben. An sie pürsche ich mich zuerst heran. Ständer . Grund meiner Aufforderung an dich, zu kommen, war rund heraus, eine Arbeiterbibliothek. Sturm . Bibliothek? Ständer . Die Glasbläser von Rodau fordern aus Gründen der Menschlichkeit eine großzügige Volksbücherei, die trotz des vor der Tür stehenden Hundertjahrfestes die Leitung der Werke nicht bewilligen will. Sturm . Aber da haben wir die Korruption! Ständer . Stellst du eine Bücherei mit Badeanstalten und Genossenschaftsschlächtereien auf eine Stufe – 12 Sturm . Unbedingt tue ich das. Ständer . Für mich gibts da wesentliche Unterschiede. Auf ein Bad kann ich verzichten, die Fortbildung des Proletariats durch Bücher aber ist auch zur Erkenntnis des wirklich gottgewollten Systems Notwendigkeit. Sturm . Ihre ungebrochene, zielbewußte Sehnsucht lesen sich die Leute auseinander, schnüffeln sie an Dingen, die sie nichts angehen, oder die sie nicht verstehen. Bücher sind eine Brücke mehr zur Oberschicht, denn mit Ausnahme von Parteischriften sind sie sämtlich vom Bourgeois geschrieben. Ständer . Shakespeare, Goethe, Schiller? Sturm . Schiller erst recht! Da gibts nichts als Herrschaften, die aus Mangel an wirklicher Arbeit und Sorge ums tägliche Brot Zeit haben, ihre nächsten Verwandten zu morden. Das ist sinnlos für unsere Welt. Großbürgerliche Vorstellungsreihen in Spiritus. Ständer . Sittengesetze? Sturm . Das Sittengesetz unserer Zeit wird geboren aus dem Kampf der Massen ums Dasein. Ständer . Du scheinst auf deine Weise radikal. Sturm . Ich bins. Und legt ihr die Ruten noch geschickter, den Leim der Bourgeoisie wittere ich in allen Schlupfwinkeln. Wir wollen den Erdball, alle Gesetze der Spießbürger aus den Angeln drehen, wir brauchen ihre Moral, ihre Fürsorge und vor allem ihre Bücher nicht. Eine neue Welt mit nagelneuen Begriffen wollen wir. Die Zeit liegt in Wehen. Das merkt ein Stockblinder. Nach innen und außen wankt unser Boden politisch. Wer ein Mann ist, wagt heut schon irgendwo sein Leben. Der Proletarier das seine an einen reinen ideellen Sozialismus. Keine Bibliothek, aber ein spießbürgersäurefreies Rodau schaffe ich dir eins, zwei, drei. Verlaß dich auf Sturm, alter Freund. Ständer . Sehr schon alles in allem. Nur vielleicht ein wenig gemäßigter. Sturm . Gemäßigt? Da hättest du einen anderen suchen müssen. Lauheit ist gerade jetzt Todsünde. Ich halte es 13 unverbrüchlich mit Befreiung durch politische Enteignung. Punktum. Ständer . Na gut, dann schön. Sturm . In diesem Sinn von morgen ab mit Dampf. Ständer . Na schön. Sturm . Weil du müde bist; jetzt nicht mehr das nötige Feuer aufbringst. Einverstanden? Ständer . Gut. Sturm (ernst) . Konfiskation. Revolte! Ständer . Na schön. Sturm . Gasthaus zum Hahn, so hieß das Ding am Bahnhof wohl? Da wohne ich also. Und mit Hochdruck morgen. Ständer . Schön. Sturm (mit Händedruck exit) . Ständer . Ein törichter, theoretischer Mensch. Was so ein Bursche, höheren Aufschwungs unfähig, ohne im wesentlichen zu nützen, im einzelnen für Unheil anrichten könnte. (Er setzt sich und schreibt.) »An die Unionbank. Ich bitte Sie, für mich Mark achttausend nominal Vereinigte Rodauer Glasfabriken zum Kurs bis 190 Prozent zu verkaufen.«   Vierter Auftritt Heinrich Flocke (tritt auf) . Ständer . Flocke, jetzt noch? Was gibts? Flocke . Mit dem Elfuhrzug kommt Artur. Telegramm. Ständer . So plötzlich? Flocke . Wenn nur nichts Fürchterliches passiert ist. Ständer . Was kann einem ausgewachsenen Journalisten Schreckliches zustoßen? Flocke . Ich zittere immer, kommt der Junge. Sein Erscheinen hatte noch nie ruhige Gründe. Ständer . Ruhe ist jetzt für keinen zu hoffen. Am wenigsten für dich. Unter unseren Füßen schwelt ein Vulkan. 14 Flocke . Nein? Ständer . Ich stehe nicht an, dir zu erklären: unsere Existenz gilt mir fürs äußerste gefährdet. Flocke . Ständer! Ständer . Wobei ich mit nichts als einem Mündel besser gestellt bin als du mit sechs unmündigen Kindern zu dem Zeitungsschreiber. Flocke (sich den Angstschweiß trocknend) . Um Gottes willen – erkläre doch! Ständer . Daß du nicht selbst das Unglück kommen sahst! Aber stumpf wie die Sau lebst du am Trog. Das Jubiläum ganz einfach! Im Gleichgang der Tage, mit Kontrolle des Einkaufs, der Produktion, Auszahlung der Gehälter – dem ständigen Geschäft, ist vom Generaldirektor bis zum Lehrjungen jeder froh, erfüllt er sein tägliches Pensum. Keine Veranlassung zu Extratouren. Flocke . Natürlich. Ständer . Da aber naht das Fest, das außergewöhnliche. Das hebt ruckhaft für Augenblicke alles aus dem gewohnten Geleis. Nach rückwärts und vorwärts wird geschaut, vigiliert, recherchiert, kontrekontrolliert. Überblicke, Tabellen und Statistiken werden im Schweiß des Angesichtes für die staunende Menschheit gefertigt, sich selbst und anderen zu imponieren. Da kommt mit einem alles unter die Lupe. Verstehst du endlich? Flocke . Ich beginne. Ständer . Da stößt das forschende Auge auf Besonderheiten des Betriebs, hakt plötzlich der schürfende Sinn in einen erstaunlichen Posten: zwei alte Glasbläser! Flocke . Allmächtiger! Ständer . Flocke und Ständer. Flocke . Barmherzigkeit! Ständer . Thronend über dreitausend Proletariern mit achthundert bis zweitausend Mark Jahresgehalt – angestellt der eine – Flocke mit fünftausendsechshundert, Ständer mit sechstausendvierhundert Mark jährlich. Sage und schreibe. 15 Flocke . Aber doch Kunstbläser beide. Ständer . Daß ich nicht lache! Was hat zum Donnerwetter Kunst in unseren Betrieben zu suchen? Das sind ja Fossile, Mammute, die beiden. Stören unser glattes Massengeschäft. Liegen uns im Weg, wuchern als parasitäre Geschwüre an unserem gesunden Leib. Schmeißt sie, pfeffert sie, hängt die Blutegel! Flocke (wird ohnmächtig) . Ständer . Flocke! Er hat wirklich schlapp gemacht. (Mit kaltem Wasser bringt er Flocke wieder zu sich.) Besser, alter Knabe? Jedenfalls hast du inzwischen begriffen. Flocke (jammert) . Ständer! Ständer . Flenne nicht! Hab ich recht? Flocke . Unbedingt. Meilenweit werfen sie uns hinaus, stoßen mit Füßen. Wir sind verloren. (Er weint.) Ständer . Erstens wären wir nicht durchaus verloren. Für uns hätte die Konkurrenz am Ende immer ein Plätzchen. Flocke . Nicht zu annähernd gleichen Bedingungen. Ständer . Darum eben gilt es, sich zur Wehr zu setzen. Flocke . Zwei vereinzelte alte Bläser! Rettungslos sind wir verloren. Ständer . Nein! Was war zu tun, um im Gegenteil bei diesem nicht wiederkehrenden Ereignis die Gelegenheit für einen Hauptschlag zu erwischen? Flocke . Ja was? Ständer . Die Möglichkeit mußte man ihnen vor allem beschneiden, Nachforschungen, Spezialstudien machen zu können. Mit Unvorhergesehenem über die tägliche Arbeit hinaus sie beschäftigen. Flocke . Wie? Ständer . Man warf ihnen einen Knüppel zwischen die Beine. Flocke . Du folterst mich. Ständer . Man zeigte ein wenig Talent. Flocke . Aber wie? Ständer . In die beiderseitig ungetrübte Zufriedenheit fährt plötzlich die stürmische Forderung der Arbeiter. 16 Flocke . Die Bibliothek! (Er klatscht in die Hände.) Ständer . Und nicht mit lumpigen fünfzig- oder hunderttausend Mark. Ein Monumentalbau mit bedeutender Bücherei, mit Fonds, Bibliothekaren und Angestellten wird verlangt. Voranschlag rund eine Million. Festgeschenk der Gesellschaft an die Arbeiter. Flocke . Du hattest zuerst den Gedanken. Ich weiß es genau. Ständer . Meinem Kopf ist der Plan entsprungen. Dann gab es einen bangen Augenblick lang die Befürchtung, der Aufsichtsrat bewilligt die Forderung der Angestellten. Flocke . Er lehnte sie Gott sei Dank ab. Ständer . Nicht der Kostenhöhe wegen. Aber seine Geschenke an uns läßt er sich nicht vorschreiben. Flocke . Ja! (Er kichert.) Ständer . Ich aber mache den Genossen klar: Geschenke mögen wir überhaupt nicht. Bei solcher Gelegenheit, dem Generalüberblick über unsere Tüchtigkeit, hätten wir das Recht, groß und bedeutend zu fordern. Flocke . Bravo! Ständer . Die Bewegung hin und wider nahm, wie vorausgesehen, täglich an Umfang zu, und heute beschäftigt die Leiter der Werke mit Konferenzen, gemischten Kommissionen und Beratungen so gut wie ausschließlich die Entscheidung der Frage. Flocke . Ausgezeichnet! (Er schüttelt Ständer die Hände.) Ständer . Langsam; die Gefahr ist nicht vorüber. Immer wieder gibt es Augenblicke, in denen beide Parteien auf dem Punkt stehen, im Hinblick auf das deutlich gemeinsame Interesse zur Einigung zu kommen. Besonders in den letzten Tagen war die Gefahr groß. Flocke . Wirklich. Ständer . Geschickt arbeitet Direktor Schippel mit sentimentalen Regungen, die auch den aufsässigsten Arbeiter bei dem Gedanken an hundert Jahr tüchtiger Arbeit bewegen, auf einen Vergleich hin. 17 Flocke (seufzt) . Ständer . Gestern war's einmal fast so weit, daß man sich hüben und drüben gerührt in die Arme sank. Da habe ich nun, weil meine eigenen Bewegungen gebunden sind, es scheinen muß, als wünsche ich auf der Basis unserer erfüllten Wünsche schnellen Frieden, hab ich mich um Hilfe nach Berlin gewandt, mir einen entschlossenen – Flocke . Friedensstörer. Ständer . – energischen Agitator verschrieben, der vor einer Stunde angekommen ist. Flocke . Brillant! Ständer . Noch immer nicht in Ordnung. Dieser Freund und Kupferstecher geht weit über das von mir vorläufig Gewollte hinaus, die Gesellschaft über die kritische Zeit hin ein wenig zu verwirren. Er ist radikal, will aufs Ganze. Flocke . Auf welches Ganze? Ständer . Revolution! Flocke . Allgütiger! Ständer . Droht mit Umsturz und Enteignung. Flocke, aus deinem sauer Ersparten besitzt du seit heute durch Kauf – (Er übergibt ihm einen Brief.) Flocke . Schweißgroschen. Ständer . Aus dreißigjähriger harter Arbeit mit deinen Fäusten – Flocke . Für meine sechs Würmer im Fall der Not. Ständer . – viertausend Mark Rodauer Glasaktien zu 190 Prozent. Durch das Auftreten dieses Burschen ist dein Notpfennig in starken Teilen gefährdet. Flocke . Wie konntest du solchen Halunken, Rinaldo Rinaldini –? Ständer . Meine zwingende Gedankenfolge legte ich klar. Flocke . Du hättest dich vergewissern müssen. Jetzt ist meine arme Brut vielleicht des letzten beraubt. Besser wäre dir der Gedanke an die Bibliothek nie gekommen. Ständer . Und die Schnüffelei, Generalrevision! 18 Flocke . Wahrhaftig! Ständer . Fünftausendsechshundert! Sechstausendvierhundert! Flocke . Heiland! Ständer . Kommt doch mal her! Seht den Posten: Zwei alte Kunstglasbläser. Flocke (ächzt) . Blutgeschwüre! Ständer . Wir wollen ihnen etwas blasen! Hinunter mit ihnen zu den andern ins Bagno! Flocke . Meine sechs Kinder bei Wasser und Brot. Ständer . Es darf nicht geschehen. Wir müssen – Flocke . Was? Ständer . Zuerst müßte – wie? Flocke . Aber wer, wann, wo? Ständer . Sturm muß – sofort – Flocke (fast an ihm niedergleitend) . Hilf, Wilhelm!   Fünfter Auftritt Artur Flocke (tritt auf) . Da seid ihr. Als ich oben niemand fand – Flocke (auf ihn zu) . Was ist geschehen? Artur . Nichts Besonderes. Urlaub. Flocke . Du verschweigst mir nichts? Artur . Weder, Vater, werde ich von der Polizei noch vom Gerichtsvollzieher gesucht, habe keinen Eisenbahnunfall hinter mir, eine ansteckende Krankheit nicht zu verbergen. Flocke . Es geht dir gut? Artur . Ausgezeichnet. Flocke . Aber? Artur . Ohne Aber. (Zu Ständer.) Guten Abend, Onkel Wilhelm. Was macht Isolde? Ist es zu spät, sie zu sehen? Ständer . Morgen. Artur . Und Ihr? Ständer . Ziemlich. 19 Artur . Besonderes? Flocke . Leider. Artur . Euer soziales Gewissen? Erzählt. Ich brenne. Ständer . Kennst du Sturm? Artur . Werner Sturm? Aber ja. Was ist mit ihm? Ständer . Hier ist er. Artur . Zu welchem Zweck? Ständer . Ich rief ihn. Flocke . Leider. Artur . Was geht vor? Ständer . Vorgeht das Jubiläum oder erst Vorbereitungen zum Hundertjahrsfest unserer Fabriken. Artur . Richtig! Ständer . Ferner: die Genossen haben ein großzügiges Leseunternehmen für diesen Tag von den Gesellschaftern gefordert. Aufwand rund eine Million Mark, und die Direktion hat den Antrag abgelehnt. Artur . Hört, hört! Flocke . Jawohl. Ständer . Doch wir bestehen inzwischen auf unserer Forderung. Artur . Und Sturm? Ständer . Sollte sorgen, daß die Genossen, jedenfalls vor den Festtagen nicht, faulen Frieden schließen. Artur . Aber er wird euch ein für allemal den Platz in Grund und Boden verhetzen, sinnlosen Kampf aufs Messer anstreben. Er ruht nicht, bis die Existenz der Werke in Frage steht. Ständer . Ich kannte ihn vor einem Dutzend Jahren; wußte nichts von seiner Entwicklung. Artur . Er hat keine. Steht auf dem Standpunkt von 1789. Terroristischer Aufwiegler. Ständer . Sprach schließlich von Konfiskation des Eigentums. Revolution. Artur . Da habt ihrs. Ständer . Und nannte das einen idealen Sozialismus. Flocke . Heiland im Himmel! (Zu Artur.) Stimmt das? 20 So ist doch um Gottes willen der Sozialismus nicht – wegnehmen, totschlagen? Artur . Du bist selbst Sozialist. Frag' dein Herz. Flocke . Ein durchaus friedliebender Mensch bin ich. Artur . Du und Onkel Wilhelm Sozialisten. Flocke . Aber man macht sich dabei wenig Gedanken. Ständer . Man macht sich Gedanken, doch sind die Ansichten in ständigem Fluß. Man kann, was da eigentlich gewollt wird, nicht klipp und klar sagen. Flocke . Aber gewiß nicht rauben und morden! Ständer . Du, der an der Quelle sitzt, mußt formulieren können. Artur . Warum hast du statt Sturms mich nicht gerufen? Ständer . Für unsere Zwecke schienst du ein wenig zu sanfter Natur. Artur . Aber hellen Verstandes. Sturm leidet an Überschätzung der schöpferischen Kraft revolutionärer Gewalt. Ständer . Und was willst du und deinesgleichen? Artur . Eroberung der politischen Herrschaft durch das als Partei organisierte Proletariat. Flocke . Doch Eroberung! Artur . Aber nicht auf gewaltsamem, sondern dem friedlichen Weg der Entwicklung. An die Stelle des »bevorrechteten« tritt der gleichberechtigte Bürger. Die Sozialdemokratie löst die bisherige Gesellschaft nicht auf und proletarisiert ihre Mitglieder, sondern hebt den Arbeiter aus der Stellung des Proletariers in die des Bürgers und verallgemeinert Bürgertum. Ständer . Aber das ist ganz neu! Artur . Das ist auch nicht neu. Flocke . Ausgezeichnet ist es. Da kann man sich als Sozialdemokrat ja ordentlich sehen lassen. Sturm aber scheint ein ausgemachter Betrüger, der Unwissende mit Vorspiegelungen vom rechten Weg lockt. Ständer . Ein Dummkopf. Artur . Er predigt einfach die Lehre im Urzustand. 21 Ständer . Aber weiß von ihrer – quasi – Entwicklung? Artur . Leugnet sie. Flocke . Um im Trüben zu fischen. Stehlen ist freilich leichter als sich hinaufentwickeln. Artur . Hier muß ihm das Handwerk gelegt werden. Flocke . Er soll uns den Frieden nicht stören. Artur . Die Propaganda darf er gar nicht beginnen. Wann kam er? Ständer . Vor einer Stunde. Artur . Dann fand er keine Gelegenheit – Ständer . Hat außer mir kaum noch jemand gesprochen. (Zu Artur.) Stell' ihn! Flocke . Heut' noch! Ständer . Augenblicklich! Artur . Es wäre das beste. Flocke . Erbleichen wird er bei deinem Anblick. Artur . Wissen jedenfalls: neben mir gibt es für ihn keinen Wirkungskreis. Wo wohnt er? Ständer . Im Hahn. Läufst du, triffst du ihn noch wach. Flocke . Lauf, lauf! Artur (exit) .   Sechster Auftritt Ständer . Das ist nicht übel! Wie donnerte er gegen den Bourgeois. Erhabene Weltdichter hat er beschimpft, und nun stellt sich heraus – Flocke . Man müßte mit solchen Subjekten kurzerhand tabla rabla machen. Ständer . In der Sozialdemokratie ist nicht die Rede von Ach und Krach, kein Grund zur Aufregung. Flocke . Höchst friedlich spielt die Geschichte sich ab. Artur ist doch ein Hauptkerl. Ständer . Ausgleich durch Entwicklung. Gleichberechtigte statt bevorrechteter Bürger. Das ist das ganze 22 Geheimnis? Du lieber Gott! (Er zerreißt den Brief an die Bank.) Flocke . Wie es mit den übrigen Dingen des Lebens auch ist. Erst Hund und Katze zum Sprung auf Tod und Leben gegeneinander. Schließlich, da man mitsamt auskommen muß, gibts Mittel und Wege. Der eine läßt hier, der andere dort nach, man befühlt die Angelegenheit von allen Seiten und einigt sich. Frieden will der Mensch am letzten Ende. Ständer (nach einer Pause) . Aber – haben wir vollkommene Ruhe – und wir hatten sie bis vor kurzem – Flocke . Hier krümmte keiner einer Fliege ein Haar. Ständer . Aber dann – Flocke . Was? Ständer . Flocke! Flocke . Was gibts wieder? Ständer . Was es immer, vor fünf Minuten, einer halben Stunde gab. Den reinen, durch nichts gestörten Frieden wollen wir auch nicht. Der ists ja gerade, der uns augenblicklich in der Existenz bedroht. Sie sollen oben in der Leitung nicht über Büchern sitzen dürfen. Flocke . Sechstausendvierhundert, fünftausendsechshundert meinst du? Ständer . Und Artur will mehr: Nicht vorübergehenden Ausgleich – endgültig durchgreifende Verständigung und Zufriedenheit. Das heißt aber, sich selbst ans Messer liefern. Gewinnt er Einfluß auf die Genossen, wird der mit allen Wassern gewaschene Schippel im Taumel der Festesvorfreuden ein geradezu inniges Band um Arbeitgeber und Arbeiter schlingen. Zügeln hätte man Sturm, ihn beaufsichtigen müssen. Aber nicht ohne weiteres ihn ausschließen. Flocke . Ich hole Artur zurück. Ständer . Sich besprechen, die Grundlinien des Vorgehens genau festlegen, mußte man unbedingt vor jeder Tat. Flocke . Ich laufe. Ständer . Sonst wird unter Umständen dein Sohn und 23 sein allgemeinbürgerlicher Taumel, schafft man nicht eine bedeutende Gegenbewegung, uns gefährlicher als der gute Sturm. Flocke . Ich hole ihn. Ständer . Habe ich denn nicht recht? Flocke . Vollkommen. Ich fliege. Ständer . Faß' ihn! Flocke (exit) . Ständer . Da hätt' ich ums Haar die schönste Dummheit gemacht. Flocke, der Sanftmütige, hat sich in seinen Blondkopf von Sohn sublimiert. Schalmeien und Psalmen kann ich hier im Augenblick so wenig gebrauchen wie eine Revolte; aber ganz so gutmütig, schlummerrollenhaft kann auch der Sozialismus in Wirklichkeit nicht sein. Denn hätte Artur recht, wär so der Wind in der Partei, dann ist mein Plänchen schlecht. Was kümmerte den Kapitalisten unsere Bibliothek, was brauchte er uns um den Bart zu gehen, springt schon von selbst des Proletariers geheime Sehnsucht ihm entgegen? Dann verschwinde ich bei Gelegenheit mit einem Fußtritt in die Versenkung letzten Elends, und die Aussicht, doch noch einmal zu eigenem Leben aufzuerstehen, ist für immer dahin. Wie auch Sturm gefährlich würde, ließe man ihn frank und frei tun. Das war ein tolles Tempo, als er vom Katheder schrie. Andere Flamme als beim lahmen Flöckchen: Diktatur des Proletariats, daß die Bagage hüpft! Heißa, das war Rasse! Immerhin echtes Lebensgefühl. Kommt er mit dem, ohne daß man's gewahr wird, im richtigen Moment an die Schwefelbande, ginge freilich in Sekunden die Bescherung in die Luft. »In zwei Tagen raucht außer den Kaminen alles.« Aber wie will man trotz Arturs eigentlich hinter seine Schliche? Wie hat man vom Aufstehen bis zum Hinlegen ihn immer an der Kette? Ein Pfiff genügt doch da ins Pulverfaß: »Aktionärsbataillone würgen euch das Eingeweide bis auf die Stiefel.« Am Ende hat er auf dem Heimweg, im Wirtshaus noch 24 jemand erwischt? Aber warum nicht? Es ist kaum elf. Einen? Viele. Die ganze Gesellschaft sitzt beim Bier, er tritt ein – in diesem Augenblick kann die Brandrede steigen. Und da halte ich Artur auf, der ihn aufhalten soll? Bin ich von Sinnen – wart' mal – ich laufe selbst. Vor allem aber muß der Brief, muß an die Bank ein Telegramm fort. Wer besorgt das? Wer hindert Flocke, Artur nicht zu hindern? (Er eilt zur Tür links und ruft hinein.) Bertha! Bertha (tritt auf) . Ständer . Lauf', wie du bist, geradeaus. Du triffst Herrn Flocke nicht weit von hier. Umkehren soll er, ohne weiteres zurückkommen, der Alte. (Er drängt sie hinaus, läuft an den Tisch zu Papier und Tinte.) Zu 185 verkaufe ich, 180 sogar. Wenn nur die Brüder nicht in dieser Nacht schon etwas unternehmen, und morgen früh die Börse weiß! (Er schreibt.) Ich bitte, Mark achttausend nominal Rodauer Glasfabriken – (Er springt auf und ans Fenster.) Wenn sie ihn nur noch erwischt! Vielleicht ist Sturm gleich ins Bett gefallen; nach der Reise, mancherlei Getränk, war er hundsmüde. Artur freilich bringt es fertig, ihn im Schlaf zu überfallen. (Man hört von obenher Kinderstimmen weinen.) Ruhe! Sie kriegen sich in die Haare, Artur vermag möglicherweise durch dies und das Pression auszuüben, findet den genialen Dreh und zwingt ihn zur Abreise mit dem Nachtzug, bevor man bei Tageslicht nüchterner Vernunft noch einmal hin und her überlegt hat. Und morgen früh sitze ich mit dem Heilsarmeebruder hier allein, pax vobiscum in der Patsche?! (Erneutes Kindergeschrei.) Ruhe! (Er zerreißt das Papier.) Das Telegramm hat bis morgen früh Zeit. Selbst muß ich die Geschichte einrenken. (Exit.) 25   Siebenter Auftritt (Durch die offene Tür sieht man das erleuchtete Treppenhaus und alsbald eins – zwei – fünf – sechs Kinder im Nachtkleid über das Geländer spähen, herabkommen, in die Stube treten, sich um das älteste etwa fünfzehnjährige – Nettel Flocke – scharen und) Papa! (plärren. Dazu von oben wütendes Hundegebell.) (Vorhang.)   Zweiter Aufzug Erster Auftritt Isolde (sitzt am Klavier und spielt ein Stück von Grieg) . Bertha (am gedeckten Kaffeetisch trinkt und ißt, während Nettel ihr die Haare mit schäumendem Wasser wäscht, zu Isolde) . Willst du den Kuchen nicht mehr? Isolde . Iß nur. Bertha (schlingt ein neues Stück Kuchen mit Schlagrahm) . Isolde (spielend) . Das ist Musik! Grieg. Bertha (zu Nettel) . Bist du bald fertig? Nettel . Ists schon sechs Uhr? Bertha . Halb. Nettel . Bis sechs habe ich nichts zu tun. Bei den Kindern sitzt Trude; sie spielen artig, und für die Haare kann die Massage nicht lange genug dauern. Bertha . Mußt du denn immer zu rackern haben? Ich wundere mich wahrhaftig, daß dir die Wirtschaft oben nicht genügt. Fünf Rangen und die Küche und sonstige Bescherung dazu. Nettel . Wie ichs mir eingeteilt, bleibt freie Zeit genug. Isolde (steht auf und zündet eine Zigarette an) . Das war Grieg; der geht auf den Lebensnerv. (Sie umfaßt Nettels Schultern.) Ach wüßtest du –! (Geht zum Instrument zurück.) Bertha . Nettel kennt außer ihrer Arbeit rein gar nichts, obwohl sie sich viel mehr um ihre Bildung kümmern müßte. Was bleibt der Mensch ohne Bildung? Nettel . Ich habe alle Bücher gelesen, die Isolde mir gab. Bertha . Hast du von Bölsche gelesen? Nettel . Ja. Bertha . Hast du auch von Key gelesen? Nettel . Ja. 27 Bertha . Dann mußt du die ganze Geschichte doch wissen. Nettel . Welche? Bertha (lacht) . Die bewußte natürlich. (Zu Isolde.) Ich sage zu Nettel wegen Bölsche: dann mußt du die Geschichte doch wissen. Fragt sie: welche? Nettel . Es stehen unzählige Geschichten drin. Bertha . Nein, die Nettel! (Sie lacht stürmisch.) Nettel . Meint ihr Zeugung und Geburt? Da ist nichts zu lachen; das ist so. Bertha (zu Isolde) . Hör' nur, wie frech sie das sagt. (Zu Nettel.) Du scheinst schön verdorben. Isolde . Siehst du das Geheimnisvolle der Vorgänge nicht? Protoplasma, Keimzelle, das gewaltige Mysterium? Nettel . Ich kann mir nichts dabei denken. Isolde . Euere Generation kommt mir geradezu pervers vor. Die erhabensten Dinge der Welt nehmt ihr mit Gleichmut hin, ohne zu staunen, im Tiefsten zu erschauern. Ihr denkt und prüft nicht wie die jungen Leute meines Alters. Im Leben steht ihr und tut und gut. Klappert und klappt wie Maschinen eintönig euer Tagwerk. An Übersinnliches rührt ihr nicht. Nettel . Wir sind zufriedener als ihr. Bertha . Wie frech das Mädel ist! Isolde . Weil ihr das Gefühl der Verantwortung nicht im gleichen Maße habt. Bertha . Keine Verantwortung! Nettel . Ich hab die Welt nicht gemacht. Isolde . Als wär' das eine Entschuldigung. Nettel . Wofür? Isolde . Für die Schöpfung, wie sie ist. Nettel . Aber sie ist gut. Bertha . Für die Reichen mit großem Geldsack vielleicht. Wer sich aber die Tage hindurch schinden muß! Isolde . Wer aber auch an allem, allem oft verzweifelt! (Großer Seufzer.) Nettel . Fürchtete ich mich nicht so schrecklich – 28 Bertha . Wovor fürchtest du große Person dich? Nettel . Abends – ist's dunkel – ist Vater fort wie vor ein paar Tagen, ich oben mit den Kindern allein; plötzlich Schatten, Gestalten überall. Wär das nicht! (Sie erschauert.) Bertha . Holt dich einer, bringt er dich an der nächsten Laterne wieder. Nettel . Wär das nicht, ich könnte mich über das bloße Leben nicht lassen. Trude ist auch so; manchmal tanzen wir im Hemd. Wir haben viel zu arbeiten, und es gelingt. Stets ist etwas nicht in Ordnung; man änderts, dann paßts. Wo ein Fleck ist, wischt man ihn weg und hat das Gefühl, ohne einen geht die Wirtschaft nicht. Isolde . Und abends kommt das Grübeln. Nettel . Abends ist man müde; schläft. Isolde . Du bist von der platten Unkompliziertheit deiner Altersgenossen. Für euch hätte der unglückliche Goethe nicht leben müssen. Ihr versteht nicht das: »Vom Aberglauben früh und spät umgarnt, es eignet sich; es zeigt sich an, es warnt, und so verschüchtert, stehen wir allein!« Bertha . Mir kommt sie einfach frech vor. Isolde . Wachst auf in einer Umgebung, die vom Kampf der Klassen und Individuen ums tägliche Brot und um das Heil der Seelen dröhnt und haspelt dabei stumpf euer Pensum ab. Sorgen sind euch fremd; erst Ideale! Nettel . Liebe meinst du? Bertha . Da habe ich keine Angst. Das wird das Mädchen schon machen. Isolde . Doch wie banal! Wie das Haustier. Beute irgendeiner stupiden Männlichkeit. Nettel . Da denke ich mir mein Teil. Bertha . Immer frech. Isolde . Höheren Aufschwungs unfähig. Schließlich aber bist du sechzehn Jahre alt. Nettel . Tu ich nicht meine Pflicht? Isolde . Gegen andere, nicht gegen dich selbst. Stets 29 stopfst du den Kindern die Mäuler. Dich selbst, dein Zellensystem nährst du schlecht. Trägst stets die gleichen Sachen. Du bist eine kapriziöse Erscheinung, könntest Eindruck machen. Als wir die lebenden Bilder überlegten, haben wir auch an dich gedacht. Nettel . Dafür bleibt mir gar keine Zeit. Isolde . Aber die Überzeugung, dir würde für jede höhere Figur der Ausdruck fehlen – Nettel (weinerlich) . Was habt ihr nur? Bertha . Gib dir keine Mühe; sie verstehts nicht. (Geste zu Isolde.) Frag' sie, wie man einen Haferschleim rührt, sie wird antworten; oder Strümpfe stopft. Nettel . Ihr beide seid einfach faul. Bertha . Was? Nettel . Onkel Wilhelm und Vater sagens auch. Nur wenn ein Vergnügen vor der Tür steht wie jetzt, rührt ihr euch. Isolde . Hat Artur das behauptet? Nettel . Der wagts nicht. Hat Angst vor dir. Isolde . Nur die beiden Alten, die selbst nichts tun. Bertha . Brandreden halten, ihren Leib füllen und uns schikanieren. Nettel . Uns ernähren. Für die Rechte der Arbeiter sich einsetzen. Bertha . Nun mach' Schluß. Was verstehst du davon? Nettel . Warum sonst das Zusammenbleiben bis in die Nacht? Onkel Wilhelm hättet ihr gestern abend bei uns hören sollen: »Und wollt ihr mit Posaunen mich übertönen, das unterdrückte Volk wird mich hören.« Bertha . Faule Fische. Da kenne ich mich aus. Isolde . Die lebenden Bilder will er uns verderben; aber das Jubiläum wird gefeiert. Nettel . Oder nicht. Bertha . Bist du still! Nettel . Der Schwarze, der hier ist, der Feurige mit dem Bärtchen – Bertha (zu Isolde) . Der Feurige – hörst du! Nettel . Der auf Stühle klettert, wills um die Welt nicht. 30 Isolde . Und Artur? Nettel . Macht immer: Pst! (Sie legt lachend den Finger an den Mund.) Isolde . Als kritisch überlegener Geist beteiligt er sich kaum am Geschwätz. Nettel . Der Schwarze hats ihm aber ein paarmal tüchtig gegeben. Isolde . Dein Schwarzer ist ein vollkommener Idiot. Reicht Artur nicht das Wasser. (Mißt sie verächtlich.) Platitüde! (Schlägt die Tür, exit.) Bertha (mißt sie verächtlich) . Feurig! Schaf! (Schlägt die Tür, exit.) Nettel . Schlampen! (Schlägt die Tür, exit.)   Zweiter Auftritt Sturm (öffnet die Tür, sagt draußen zu Nettel) . Ist dein Vater da? Nettel . Hier wohnt mein Vater nicht. Sturm . Ständer? Nettel . Sieh selbst nach! (Sie verschwindet.) Sturm . Range! (Er tritt ins Zimmer.)   Dritter Auftritt Ständer (tritt auf) . Was hast du gegen das Fest? Sturm . Statt Feste der Fabrikanten zu feiern, soll das Volk mit der Faust auftrumpfen. Ständer . Selbstverständlich ist, zu jubilieren, kein Anlaß, doch unter der Maske der Vorbereitungen fallen Zusammenkünfte, fällt fieberhaftes Leben, der wahre Jakob weniger auf. Alles was dient, die Aufmerksamkeit des Feindes von unseren wirklichen Absichten abzuziehen, soll recht sein. Sturm . Aber was zum Teufel sind unsere Absichten? Fast 31 eine Woche bin ich hier, und durch ein unerklärliches Weißnichtwas fühle ich mich aus dem Gleichgewicht. Wie ein Quirl springst du um mich, gehst mir nicht von der Seite. Wohin ich meinen Samen streue, wende ich mich fort – wieder zurück, scheint mir Gegenteiliges aufgegangen. Wiederholst du den Leuten meine Worte, zwinkerst du zugleich so andersdeutig, daß die ganz Verkehrtes verstehen müssen. Ständer . Ich zwinkere? Sturm . Blinzelst, schielst und mauschelst. Fieberst wie ein Signalapparat, der mit grünem Einfahrtslicht rotes Halt gebietet. Tiefster Überzeugung rief ich: »Mißtraut dem heimtückischen Mammon!« Aller Herzschlag der Genossen ist fest in meiner Hand, fühle ich. Da, mitten im Rollen des Wortes »Mammon« dreht sich alles Auge zu dir, der du stehst – Ständer . Wortlos. Sturm . Mit sprechender Visage, die den Sinn meiner Worte aufhebt. Ständer . Du bist verrückt. Sturm . Mir geht ein Licht auf. Ständer . Das ist Hochverrat! Sturm . Von wessen Seite? Ständer . Ich hänge es an die große Glocke. Dafür sollst du büßen. Ich, der seit vierzig Jahren Herzblut für die Armen, sein Hemd – vergießt – ich! ah! das! Sturm . Ständer! Ständer . Allein – früh und spät – blute – Sturm . Mir gehts um mein Evangelium. Steh mir Aug in Auge: Bist dus?! Ständer . Sein Hemd bis ins letzte! Sturm . Sozialdemokrat?! (Er packt ihn bei der Hand.) Ständer (mit großer Geste) . Bis in den Tod von deiner Rasse. Sturm (drückt ihn an sich) . Das dank' ich dir ewig. 32   Vierter Auftritt Artur (tritt auf, sagt zu Sturm) . Ich verbiete endgiltig, Sie hetzen unser Volk mit tausendmal überholten Maximen auf. Sturm . Auseinandersetzungen mit Ihnen lehne ich ab. Artur . Sie verkennen den Zweck, der Sie herrief, tun Sie anderes, als die Genossen darüber aufklären, daß eine Sammlung guter Bücher für sie notwendig ist. Sturm . So bin ich fortan ohne Auftrag in eigener Angelegenheit hier. Artur . Sie erreichen nichts. Die Leute lachen Sie aus. Sturm . Das bleibt meine Sorge. Artur . Wüßten Sie, in welchem Grad Sie einfältig und überflüssig sind, Sie schämten sich. (Zu Ständer.) Gerade habe ich mich mit dem Direktorium auseinandergesetzt. Nach allem, was ich hörte, steht man nicht mehr auf dem unbedingt ablehnenden Standpunkt. Die Aussichten für die Bibliothek sind im Gegenteil die besten. Nur das sofortige Aufhören der Arbeiterbewegung will man. Durch den plötzlichen, passiven Widerstand an allen Ecken und Enden ist man einfach nicht imstande, ordnungsgemäß zu arbeiten, Entschlüsse zu fassen. Wird durch tausend kleine Schikanen an der Erledigung des Notwendigen gehindert. Sturm . Krepieren soll die Bande vor stets neuen Sorgen! Ständer . Den Knüppel zwischen den Beinen sind sie gelähmt! Artur . Sie können vor lauter Zwischenfällen – Ständer . – nicht mehr X vom U unterscheiden, geschweige – (Er reibt sich die Hände.) Artur . Wir haben begründete Aussicht, ein prachtvolles Ziel durchzusetzen, schaffen wir den Verantwortlichen ein klares Hirn für ihre Entscheidung. Unser akuter Wille ist: Die Bücherei. Von Prinzipien sehen wir für den Augenblick ab. 33 Sturm . Den Teufel tun wir. Ihr Lesekränzchen ist ein Bierulk, eine Lokalposse. Wir anderen stehen zehn Stockwerk höher. Haben die Eisenstange im Räderwerk und heben den ganzen freibeuterischen Mechanismus endlich aus dem Gewinde. Artur . Ihr utopisches Geschwafel ist heutzutage Verbrechen. Wir marschieren, Proletarier, festen Schritts zur Vereinigung, Verbrüderung mit dem gesamten europäischen Bürgertum, Weltpolitik zu machen. Sturm . Wir springen euch elenden, geldvergifteten Spießbürgern an die Gurgel, wir – Proletarier! Artur (an der einen Seite des Tisches) . Hinter uns steht unübersehbare Menge. Sturm (an der anderen Seite des Tisches) . Die Elite, das Mark und die Kraft Deutschlands schnellen uns. Ständer . Meine Herren! Artur . Das ist ein –! Sturm . Er soll mich –! Ständer (leise zu Artur) . Geh! Ich schaffe ihn fort. Artur (schlägt mit Gewalt auf den Tisch) . Sturm . Friedlich, Bourgeois! Artur . Bourgeois selbst! Sturm . Citoyen! Bourgeois; den Unterschied beult das nächste Jahrzehnt aus deutscher Sprache heraus. Ständer (hat Artur hinausgedrängt) .   Fünfter Auftritt Sturm . Dieser Allerweltsumarmer ist ja eine tolle Abart der Partei. Treibt einem Gift ins Gehirn. Ständer . Wahrhaftig! Sturm . Solche Quirler, Vermischer reiner Absichten gehören unter den Tritten unserer Bataillone zerstampft. Ständer . Bravo! Sturm . Bebst du wie ich vor Wut? Was sagst du? Ständer . Du sahst doch, gerade stieß ich ihn noch zur 34 Tür hinaus. Im nächsten Augenblick hätte ich mich vergriffen. Sturm . Die mengen Europa in großer Bütte zu einem Mus, das alle Wege der Vernunft und des Glaubens verstopft. Ständer . Da hast du aber einmal wirklich und vollkommen recht! Sturm . Und wagt sich unsereinem in den Weg! Ständer . Freilich ohne Wirkung. Das Männchen nimmst du zu wichtig. So etwas bewegt sich wie der Sturm im Wasserglas, (auf Sturm zeigend) nicht wie dieser freilich, knapp bis ins dreißigste Jahr. Dann kommt mit Frau und Kindern die harmlose Katastrophe. Sturm . Der Wurm krümmt sich lange. Ständer . Er ist durch baldige Heirat meiner Nichte Isolde geliefert. Ein faules, fettes Mädchen, das ihm sein Quentchen Mark in Jahresfrist herauslöffelt. Sturm . Hoffentlich. Ständer . Sei unbesorgt. Der hat sich die längste Zeit getummelt. Darum genug von ihm; du brauchst ihn ferner nicht zu beachten. Tu deine Arbeit, die ich schätze. Tu sie, willst du, mehr im geheimen. Ich, der über den Schwachkopf in die hiesige Wirklichkeit sieht, bin mit dir, in Anbetracht und so weiter, zufrieden. Das wollt ich dir bei dem Anlaß sagen. Spring flink noch zu Flocke hinauf, meld' ihm, unser Plan geht nach Wunsch. Das gewollte Chaos ist angerichtet; bei völliger Verwirrung unserer Gegner halten wir für große Zwecke den Faden in der Hand. Ists nicht so? Sturm (mit bewegtem Händedruck) . Es ist! Und auf der Basis wirken wir nun kräftig fort. (Exit.) Ständer . Sechs Tage bis zum Fest. Noch bleibt alle Gefahr drohend. Das Durcheinander kann dauernd nicht wild genug sein. Nach links zieht Sturm, Artur rechts am Strick. Wüßte ich einen Dritten, sollte der von der Mitte her tüchtig schütteln. 35   Sechster Auftritt Artur (tritt auf) . Was ist mit ihm? Ständer . Gerade stieß ich ihn zur Tür hinaus. Im nächsten Augenblick hätte ich mich vergriffen. Jedenfalls vergißt er das Wiederkommen. Artur . Vor solchem Ungetüm könnte man an der intellektuellen Linie der ganzen Natur verzweifeln. Diese Gewaltmenschen gehören glatt an die Wand erschossen. Ständer . Bravo! Artur . Ohne einen Begriff davon, daß sich durch wirtschaftliche Organisation das hehre Ziel schneller und gründlicher erreichen läßt als durch blutige Revolution, halten diese Fossile aus der Primärzeit es nicht für nötig, sich über errungene Feststellungen zu unterrichten. Diese tiefen Köpfe ich meine tief im Sinne einer Thermometerskala haben vom Unterschied zwischen Arbeitswert und Produktionspreis keine Ahnung. Ständer . Bewahre. Artur . Wissen von Profitrate, Zentralisation des Kapitals und der Betriebe, vom nationalen Mehrprodukt, Kreditsystem, der Vergesellschaftung und dem Normalarbeitstag nicht das geringste. Ständer . Wie soll so einer auch? Von den Gutgesinnten gemieden, ohne Weib und Kind. Artur . Und wagt sich unsereinem in den Weg! Ständer . Ohne Wirkung freilich. Wie der Sturm, (er lacht) im wahren Sinn des Wortes, im Wasserglas, bringt sich so etwas knapp bis ans dreißigste Jahr. Artur . Er ist fünfunddreißig. Ständer . Bis ans vierzigste. Dann kommt als Folge jahrelanger Ausschweifungen die schnelle Katastrophe. Artur . Meinst du? Ständer . Du nimmst ihn zu wichtig. Beacht' ihn weiter nicht. Tu deine Arbeit, die ich schätze. Artur . Lohnrate gegen Profitrate! Ständer . Versteht sich. Tu sie, willst du, mehr im 36 geheimen. Wir halten hier durch dich geradezu die Fäden in der Hand. Das wollt ich dir bei dem Anlaß sagen. Artur . Und ich: nie hätte ich gehofft, in dir einen so fortgebildeten und aufrichtigen Genossen zu finden. (Er drückt ihm kräftig die Hände.) Ständer . Mit Isolde bist du zufrieden? Artur . Eine Perle. Ein prima Eizellchen. Ständer . Erziehung: Beethoven, Französisch! Artur . Mehr als das: ein vorurteilfreies, großzügiges Herz. (Umarmt ihn.) Ständer . Und in jeder Beziehung fix dazu. Wo willst du hin? Artur . Ins Direktorium zurück. Melden, Sturms Einfluß ist bis morgen matt gesetzt. Er selbst verschwindet. Ich versichere, unverzüglich erfüllen sie unsere Forderung. Ständer . Laß es bis morgen. Die unruhige Erwartung macht sie uns geneigter, und ich kann mit deinem Vater, der auch von der Partie ist, das Passende bereden. Und dann mit Volldampf voraus zum gesteckten Ziel. Artur . Also spaziere ich mit Isolde eben noch ins Wäldchen hinaus. Ständer . Auch äußerlich ein Prachtweib? Artur . Der ideale, sorgende Gefährte für ein harmonisches Leben. Ständer (meckert) . Glückskerl! Artur (exit) . Ständer . Wie es sich nun mit der Sozialdemokratie im Kern auch verhalten mag, man kann jedenfalls in seinen Neigungen weit schweifen, um immer noch ein erstklassiger Genosse zu sein.   Siebenter Auftritt Flocke (tritt auf) . Stehts gut, wie Sturm sagt? Ständer . Die Arbeiterschaft ist durch ihn, Gustav, und unterirdisch durch mich so im Strudel, daß nicht nur über 37 die Zweckmäßigkeit des Festes, sondern des eigenen Lebens jeder in Zweifeln schwebt. Die Leitung der Werke dagegen will nur Ruhe, die Hand vor Augen zu sehen. Dann wird sie uns wohl jeden Wunsch erfüllen. Flocke (nach einer Pause seufzend) . Ach Gott, ach ja! (Nach einer neuen Pause.) Was war von alldem eigentlich der Grund, Wilhelm? Ständer . Kind Gottes, das fragst du seltsam. Flocke . Ich weiß, die Bücherei. (Pause.) Ich meine, was dich recht eigentlich innerlich trieb? Ständer . Innerlich? Ganz innerlich? Um mir irgendwie die Mittel zu wirklichem Leben (Er geht dabei mit einem Ruck auf Flocke los, macht aber vor ihm halt und sagt im gewöhnlichen Ton) Ach Gott, du weißt es doch. Das Wohl der Proletarier, Fortbildung und so weiter. Flocke . Ich weiß. Ach Gott, ach Gott! Ständer . Betracht' ichs aber unabhängig davon und nehme an, die geschaffene Verwirrung hat zu unserem Wohl die Aufmerksamkeit von uns beiden und unserer eigentlichen Stellung endgültig abgelenkt, sehe ich die Forderung der Genossen: eine runde Million für Bücher und ihre Aufbewahrung nunmehr nüchtern von anderem Standpunkt an, vergesse, ich bin Angestellter der Werke und denke, man ist als Mitbesitzer an ihrem Gedeihen beteiligt Flocke . Ja? Ständer . Das fiel mir in den letzten Nächten ein: ist die Forderung der Bagage, eine Million! bodenlose Unverschämtheit. Flocke . Aber Ständer . Erlaube! In den letzten fünf Jahren wurde durch Speise-, Bade- und Erholungsanstalten, Säuglings-, Blinden-, Krüppelheime Flocke . Stellst du eine Bibliothek mit der Badeanstalt auf gleiche Stufe? Ständer . Weniger wichtig ist sie. Als Kulturmensch kann ich auf ein Buch eher als aufs Bad verzichten. Ich 38 wundere mich, wie du, der mit seinen ganzen Ersparnissen an den Fabriken beteiligt ist, einer bedeutenden Schwächung des inneren Wertes der Aktiven seelenruhig zusehen willst. Durch Gewährung der Million wird der Gewinn dieses Jahres gewaltig gekürzt, und die Dividende dein Zins, Flocke kleiner. Flocke . Wahrhaftig? Ständer . Das ist die Kehrseite der Medaille. (Er holt ein Buch und schlägt es vor Flocke auf.) In der letzten Bilanz hatten wir eine Bruttoeinnahme von rund zwei, und nach Abschreibung der Handlungskosten noch eine und eine viertel Million Gewinn. Davon gingen aber ab für: Arbeiterwohnhauskonto, Arbeiterunterstützungskonto, Arbeiterpensionsfonds Arbeitersparkassenkonto, Badehaus, Speisehaus, Erholungsanstalt und sonstige Arbeiterwohlfahrtseinrichtungskonti rund dreihunderttausend Mark, bis schließlich aus knapp einer Million Mark zehn Prozent Dividende verteilt wurden. Verstehst du? Flocke . Ja. Ständer . Woher, um alles in der Welt, soll nun die Verwaltung die Million nehmen? Flocke . Um Gottes willen! Ständer . Aus dem Jahresgewinn? Das hieße keine Kopeke Dividende. Flocke . Was?! Ständer . Aber auch: der Kurs der Aktien fällt um vierzig bis fünfzig Prozent. Flocke . Allmächtiger! Ständer . Aus den Reserven? Das bedeutet katastrophale Schwächung des inneren Wertes der Anlage. Flocke . Heiland! Ständer . Folge: gleichfalls Kurssturz bis auf Pari. Flocke (wimmert) . Ständer . Aus alldem erkennst du: wir haben nach Erreichung unseres persönlichen Ziels kein anderes Interesse, als die Bewilligung der Bibliothek um jeden Preis zu verhindern. 39 Flocke . Unser Ziel ist aber nicht völlig erreicht. Es bleiben sechs Tage. Ständer . Die letzten drei oder vier kommen für geregelte Geistestätigkeit nicht mehr in Frage. Da geht in Lampions und Girlanden jede Orientierung verloren. Achtundvierzig Stunden lang müssen wir mit der bisherigen Undurchsichtigkeit, mit Durcheinander die Geschichte noch in der Schwebe halten, verhüten, daß das geringste Wirkliche geschieht. Denn einmal aufrichtig und uns insgeheim gestanden: läßt man überhaupt die menschlichen Voraussetzungen hier gelten die sozialen Zustände in Rodau sind, wie sie sind, geradezu ideal. Flocke . Ideal! Ständer . Du und ich, ohne sich körperlich zu überanstrengen Flocke (kichert) . Ständer . Doch sechstausendvierhundert, fünftausendsechshundert! Und da das Gros der Arbeiter den ganzen Tag über meist wirklich beschäftigt ist, bleiben die Anstalten, Porzellanwannen, Nickelduschen zu gewissen Stunden der Benutzung durch uns vorbehalten. Flocke (strahlend) . Die Sitzbrause! Ständer . Artur hat für den Augenblick beim Direktorium Oberwasser. Es will bewilligen. Das regulieren wir noch heute. Sturm muß wieder in den Vordergrund. Bevor sich die Leitung besinnt, hat sich die Arbeiterschaft besonnen. Ihre Forderung sieht sie selbst als zu groß ein. Man überlegt; wird nach dem Fest weiter davon sprechen. Flocke . Doch wird Artur jetzt mit dem Kopf durch die Wand wollen. Ständer . Isolde ist instruiert. Sie bremst ihn im Stadtwald. Aber auch Sturm, lasse ich ihm die Leine locker, bleibt bei Fuß. Zu dem Zweck veranstalte ich heute abend bei mir Kartenspiel, und wir setzen ihm dein kleines Mädchen zur Seite. Flocke . Nettel? Wilhelm, du bist ein Genie! 40 Ständer . Ich habe einen illuminierten Kopf. Meine Mutter war auch eine geborene Seidenschnur. Flocke . Jetzt erst sehe ich vollen Erfolg. Alle Steine fallen mir vom Herzen. (Man hört draußen zunehmende Bewegung.) Ständer (zum Fenster) . Was ist das? Flocke . Sausen eines Motors? Siehst du etwas? Ständer . Gruppen Menschen in Bewegung. Flocke . Sturm mit ihnen; sie ziehen nach rechts. Ständer . Er wirft die Arme, holt alle links hinüber. Gegen die Direktionsgebäude schwenken sie. Flocke . Zum Angriff! Er rebelliert sie. Mord und Totschlag! Wir kommen zu spät. Ständer . Man muß hinunter. (Zur Tür.)   Achter Auftritt (Artur und Isolde treten auf.) Artur . Was gibts? Flocke . Sturm, Weltuntergang! Artur . Hinunter! (Zur Tür.) Isolde (Aufschrei) . Geliebter! Flocke (Aufschrei) . Artur! Ständer und Artur (versuchen, sich loszumachen, da Isolde und Flocke ihre Knie umfassen. Bertha ist dazugekommen, es gibt ein chaotisches Hin und Her; von oben hört man Kindergeschrei und Hundegebell. In das Durcheinander brüllt) Ständer . Ruhe! Flocke (fällt für tot in einen Stuhl; die übrigen lauschen) . Bertha (bei völliger Stille) . Man hört nichts. (Von neuem erhebt sich draußen Unruhe, die anschwillt. Alles tritt nebeneinander zum Fenster und zeigt, in einer Reihe stehend, den Rücken.) Artur . Sie kommen! 41 Isolde . Sturm voran! Ständer . Aufs Haus zu! Bertha (schreit auf) . Sie stürmen! Ständer (ohrfeigt sie) . Artur . Wer ist das neben Sturm? Sie wollen zu uns! (Exit.) Ständer . Schippel! Isolde (schreit auf) . Artur! Ständer (ohrfeigt sie. Exit) . Nettel (tritt auf) . Isolde (stürzt ihr schluchzend an die Brust) . Nettel (am Fenster) . Der Schwarze! Flocke (für tot in einem Stuhl) . Bertha (beim Anblick Flockes mit Aufschrei auf ihn zu) . Nettel und Isolde (gleichfalls zu ihm) .   Neunter Auftritt Es treten auf Schippel, hinter ihm Ständer, Sturm, Artur und etwa ein Dutzend Arbeiter, während der Rest bei offener Tür im Hausflur und auf der Treppe stehen bleibt. Die Frauen sind bei der Männer Eintritt hinter die Wand von Stühlen geflüchtet, den halb entseelten Flocke mit sich nehmend. Schippel (bei völliger Ruhe) . Guten Abend, meine Damen. (Zu Ständer.) Haben Sie die Güte, mich vorzustellen. (Er tritt aber selbst auf die Frauen zu und sagt, jeder die Hand reichend.) Direktor Schippel. Flocke (verschwindet irgendwie vollständig) . Die Frauen (knixen) . Schippel . Ohne Sorge, meine Damen. Ein überraschend zahlreicher, doch nicht bösartiger Einbruch. Und nun, Freunde, keine unnütze Erregung. Wer Platz findet, die Damen vor allen, setzt sich. Die übrigen hören stehend unserer Aussprache zu. Darf ich bitten. (Er führt Bertha mit Komplimenten zu einem Stuhl.) 42 Sturm . Wir haben hier nicht Komplimentenzirkel. (Zu Nettel.) Zier' dich nicht, Balg! Nettel (entreißt ihm die Hand) . Hand los! Schippel . Jeder, wie es ihm bequem ist. Und jetzt gestatten Sie, ich nehme zu einer Ansprache das Wort, die Sie bald beschwichtigen, sogar erfreuen wird. Hier ist noch ein Stuhl frei. (Anbietend.) Bitte, Herr Ständer. Ständer . Ich überlasse Schippel . Sie alle unbedingt erfreuen wird. Sturm . Das werden wir sehen. Ein Arbeiter . Brot wollen wir. Kampf aufs Messer! Schippel . Einen Augenblick, Lieber. Die Damen möchte ich sehen. (Er schiebt ihn aus dem Weg.) Sturm . Das sind Possen! Schippel . Sondern mit Vernunft gehen wir aufs Ziel los. Arbeiter in Rodau! Obwohl ich Sie, Verehrte, ganz anders anreden möchte, spreche ich nüchtern und rufe Sie an, wie es Sie adelt: Rodaus Arbeiterschaft! Seit mehr als zwanzig Jahren bin ich euch bekannt. Nicht undeutlich, scharf umrissen stehe ich selbst, meine Absicht, steht das durch mich für euch Erreichte vor euch. Zuruf . Wir wollen uns und unsere Kinder erziehen dürfen. Ein Arbeiter . Brot! (Einiges Echo.) Schippel . Wiewohl gewissermaßen euch übergeordnet, habe ich meine schlichte Herkunft nie verleugnet, nicht vergessen, daß ich wie die Ärmsten unter euch aus der letzten Tiefe des Volkes komme. Machte nie mehr aus mir als einen, der für desselben Werkes Gelingen schafft wie ihr. Auch ich nenne mich mit Recht einen Rodauer Arbeiter. Niemals aber mit größerem Stolz als jetzt, da das hundertjährige Bestehen unserer aller Ernährerin vor der Tür steht. Ein Arbeiter . Brot! Schippel . Haben wir durch das Glaswerk alle reichlich. 43 Und mehr. Vor den Arbeitern umliegender Bezirke besitzt ihr Anstalten, die euer Wohl nach allen Seiten sicherstellen und fördern. Jetzt wollt ihr für euer geistiges Fortkommen Bücher. Ein anderer Arbeiter . Eine ganze Bibliothek wollen wir. Verstehen Sie! Sturm . Ich unterbreche! Schippel . Lassen Sie den Mann doch aussprechen. Er formuliert den Wunsch der Genossen. Sags noch einmal. Sturm . Der Mann ist Ihr Duzbruder nicht. Artur (zu Sturm) . Stören Sie nicht! Sturm . Herrgott! Zurufe . Ruhe! Schippel . Erst stutzt das Direktorium. Meine Freunde! Wir haben im Verlauf weniger Jahre Riesensummen für Bequemlichkeiten eures Lebens aufgewandt. Freilich kann einem das irdische Dasein nicht angenehm genug gemacht werden. Gleichzeitig ist aber, bei unveränderter Arbeitszeit, der Härtegrad eurer Arbeit, möcht' ich sagen, nicht größer geworden, da die Bedienung der verbesserten Maschinen leichter wurde. Sturm . Sie reden um den Brei! Zurufe . Ruhe! Schippel . Während hingegen für Eigentümer und Leiter der Geschäfte durch erschwerte Einsicht in verwickelte wirtschaftliche und politische Verhältnisse Verantwortung und Risiko täglich mehr und ins Ungemessene wächst. Aber ihr antwortet sehr richtig: das ist deren Sache. Durch die famosen Maschinen seid ihr Behaglichkeit immer mehr inne geworden und wollt sie auch im häuslichen Leben nicht missen. Basta! Ihr wißt heute, was ein Aufenthalt in würziger Waldluft, am rauschenden Meeresufer ist, habt in der Einrichtung eurer mustergültigen Fürsorgeanstalten längst den Anschluß an den höchsten Komfort erreicht. Sturm . Nicht länger dulde ich Ihre Witze! 44 Schippel . Wissen Sie den Leuten Wichtigeres zu sagen, räume ich mit Vergnügen den Platz. (Mit Komplimenten tritt er zurück.) Zurufe . Weiterreden! Sturm (tritt vor) . Genossen! Proletarier mit einem einzigen leuchtenden Ziel sind wir! Zurufe . Das gehört nicht hierher! Sturm . Nicht Almosen wir wollen aus eigener Kraft mit souveräner Gewalt das Ganze. Artur . Hier ist keine Wahlversammlung! Zurufe . Der Direktor soll sprechen. Hinaus! Sturm (stark) . Wer rief hinaus? Ein starker Arbeiter (tritt vor) . Ich! (Zu Sturm.) Ein Schmuser sind Sie: reden Schmonzes. Zurufe . Zur Sache! Schippel (zu Sturm) . Ihre zweifellos heilige Überzeugung wird bei ungünstiger Disposition der Anwesenden für so schweres Geschütz besser später vorgetragen. Vielleicht sprechen Sie jetzt zur Sache. Zurufe (von allen Seiten) . Zur Sache! Sturm . Zu dieser verfluchten, von Gott verlassenen, unheiligen Sache habe ich nichts zu sagen! (Exit.) Artur . Pöbelhaft! Ein Arbeiter . Radaubruder! Schippel (mit süßem Lächeln) . Ein sympathischer Brausekopf. Das Direktorium stutzt einen Augenblick. Doch bricht sich in sturmbewegten Sitzungen die Überzeugung Bahn: Es kann im Zeitalter herrlicher, allgemeiner Aufklärung, es kann heutzutage das Band, das sich um Arbeitgeber und Arbeitnehmer schlingt, nicht innig genug sein. Im Verwaltungsbüro sitzt der eine, der andere steht an der Maschine durch das unlenkbare Schicksal. Doch aus eigenem, menschlichen Willen wollen beide das Gleiche: Aufhebung der Klassenvorherrschaft durch Schaffung von Bedingungen, die den Übertritt von einer Gesellschaftsschicht in die höhere für jeden einzelnen verbürgen, bis schließlich einzig der 45 gleichberechtigte Bürger Deutschlands was sage ich Europens Boden bewohnt. Für solches Ziel ist die geistige Hinaufbildung der Massen Notwendigkeit, und so zwingt uns am Ende die Forderung der Rodauer Arbeiter nach einer Bücherei die Träne der Rührung ins Auge, da wir gestehen müssen: Sie wissen, was Sie für sich, was Sie mit uns gemeinsam wollen. (Er fährt sich leicht übers Auge.) Durch Beschluß des Aufsichtsrats vom sechzehnten April ist auf Vorschlag des Direktoriums eine Arbeiterwohlfahrtsbibliothek für Rodau im Erstellungswert von einer Million Mark genehmigt. (Zurufe und große Bewegung.) Schippel (nach einer Pause) . Als aber erst Erkenntnis unserer tiefen Gemeinsamkeit Rührung und Erleuchtung gebracht hatte, trieb elementares Gefühl, eure Forderung von uns her aus freiem Antrieb zu überstürzen. Die gewaltige Tatsache der Jahrhundertfeier mögen wir nicht vorübergehen lassen ohne eine Geste, die der Welt ans Herz greift. Beweisen wollen wir die brüderliche Liebe, die sämtliche Angehörige des Werkes durchpulst, indem wir einen von euch, der euer Vertrauen hat, mitten unter uns stellen, ihn hinsichtlich seines Titels, seiner Rechte und Bezüge uns gleichmachen als ein Symbol dafür, daß solches hinfort zu jeder Zeit jedem von euch möglich ist. (Er tritt vor.) Seine eigene Bereitwilligkeit und Zustimmung vorausgesetzt, schlage ich die Ernennung des von uns verehrten, um das Werk hochverdienten Herrn Wilhelm Ständer zum Mitdirektor der Vereinigten Glaswerke vor. (Großer Beifall. Zu Ständer.) Wir erwarten Ihre Antwort. Ich sehe Sie bewegt, erschüttert. Wollen Sie, lassen wir Sie für einige Minuten allein, sich zum Entschluß zu sammeln. Ziehen wir uns zurück! Auf einen Augenblick vor die Tür, meine Lieben! (Während er den Arbeitern ihren Platz im Flur bezeichnet und die Tür hinter ihnen schließt, zieht er sich selbst 46 mit den Frauen und Artur ins Nebenzimmer zurück. Da das Zimmer leer ist, sieht man Flocke hinter den Stühlen teilnahmslos auf einem Schemel hocken.)   Zehnter Auftritt Ständer (der Flocke nicht bemerkt und von dem Geistesabwesenden nicht wahrgenommen wird) . Ich? (Sehr leise.) Ich? (Er schleicht zum Schlüsselloch der Flurtür, dann zu jener, durch die Schippel und Anhang ging, schaut hindurch und lauscht durch dasselbe.) »Großzügiger Charakter?« Möglicherweise. (Er lauscht weiter.) »Weitblickender Kopf, der für das Werk fruchtbar gemacht werden muß?« Vielleicht auch weitblickend. Aber »für das Werk fruchtbar gemacht werden – muß? « (Er kommt nach vorn.) Fruchtbar für andere? Von neun Uhr morgens bis fünf Uhr abends auf Befehl hingegeben fruchtbar? Einen Tag wie den andern, jahraus jahrein? Aber wenn ich von meinem hingegangenen tristen Leben ein Rühmenswertes sagen kann, ists, daß ich den Frondienst, und was damit zusammenhängt, widerwillig, gerade zur Not noch, aber nie hingegeben oder gar befruchtend, beflügelnd versehen habe. Und jetzt mit sechzig Jahren glaubt ihr, mir eine Falle für mein Menschentum stellen zu können? Am Ende mehr als weitblickend, in die Tiefen schauend sogar vielleicht. Aber wie bisher doch nur für mich selbst, verschwiegen und höchstpersönlich. Damit, während der äußere Wandel noch armselig ist, im Inneren Reiz blüht, das karge Dasein für mich in bunten Farben schillert und Hoffnung mich immer aufrecht erhält. Für mein Seelenheil zum Verschwenden auf gut Glück, aber nicht unter Kontrolle mit ungeheurer Verantwortung und Risiko für andere mein Genie wie Flocke sagt; gewiß nicht! Flocke . Was? Ständer . Flocke? 47 Flocke . Du hier? (Er kommt nach vorn.) Ständer . Aber das ist ein Zeichen Gottes, ist reine Offenbarung. Mit dieser Geste gewinne ich Klarheit nach allen Seiten und endlich den realen Ausgangspunkt für die eigene unverfälschte Person. (Er öffnet die Tür links und die Gangtür. Alle treten auf ihre alten Plätze zurück bis auf Bertha, die jetzt bescheiden im Hintergrund bleibt.) Ständer (in der Mitte von allen) . Mein Herr Direktor, verehrte Anwesende! Zuerst aus bewegter Seele Dank für die Gewährung unseres Wunsches, Dank für die zugesagte Bücherei. Was den über alles Erwarten hochherzigen Wunsch unserer Führung, ein treuerprobtes, charaktervolles Mitglied der Arbeiterschaft zum gleichberechtigten Kollegen ins Direktorium zu erheben, angeht Ich selbst, schlichter Art, schlichter Gewohnheit, auf allen Seiten des Lebens in schlichter Auffassung befangen, bin nichts, will und darf nichts sein als ein einfacher Arbeiter. (Gemurmel.) Doch wäre ich auch durch besondere Gaben befugt, den angebotenen Platz einzunehmen, einer ist unter den Kameraden, der durch Alter, Verdienst und Befähigung mir weit vorausgeht, für den ein jeder von uns meine Worte bestätigen wird. Gehorsamst bitte ich, das mir gezeigte Vertrauen auf den Würdigeren zu übertragen, auf Herrn Heinrich Flocke; (laut) unsern guten alten Flocke an meiner Statt zum Direktor zu ernennen. Rufe von allen Seiten . Flocke! Hoch Flocke! Schippel (nach einer Pause) . Ich sage gerührt und erschüttert: Herr Ständer, Sie haben sich selbst und mich besiegt. Die Stunde wird Folgen haben; ich verbürge mich, Ihr Vorschlag wird angenommen, und das Andenken an das von Ihnen Vollbrachte wird in unseren Herzen nicht verloren gehen. Für meine Pflicht halte ich es, auszusprechen, wie mich hinfort Ihr Umgang ehrt. Ständer . Ich bin sehr glücklich. Schippel . Auf Wiedersehen, lieber Herr Ständer! 48 (Schüttelt ihm beide Hände und verneigt sich. Vor Flocke.) Herr Flocke! (Schüttelt ihm beide Hände und verneigt sich. Mit Verbeugungen exit.) Flocke . Ich bin sehr glücklich. Zurufe . Hoch! Einige Arbeiter (haben Flocke auf ihre Schultern gehoben und tragen ihn im Triumph durchs Zimmer und hinaus. Die im Zimmer Zurückbleibenden stürzen zum Fenster, das sie öffnen, und winken mit ihren Tüchern hinaus.) Bertha . Da sind sie! Artur . Fabelhaft! Isolde . Ein wahrer Triumphzug. Onkel Heinrich schwebt. Nettel (jauchzt hingerissen) . Papa, lieber Papa! Ständer (winkt mit großem Tuch hinaus) . Der gute alte Flocke! (Vorhang.) 49   Dritter Aufzug Erster Auftritt Isolde (liest aus einem Buch von Bölsche vor) . »Eine der merkwürdigsten Übergangsformen zwischen Mischliebe und Distanzliebe ist der Kuß. Im Moment der körperlichen Kußberührung ist die Distanz zwischen den Personen des Liebesindividuums zweifellos nahe der Minimalgrenze. Wie nah der Kuß dem Schlußakt ist, zeigt klärlich der Umstand, daß er in seiner sinnlichsten Form das Wollustgefühl anzuklingen und erste Töne davon deutlich heraufzulocken beginnt.« Nettel . Schon wieder Bölsche! Isolde . Nicht schon erst wieder. Meiner Ansicht nach kann man Menschen, die ins Leben treten, vom Morgen bis zum späten Abend nichts Herrlicheres vorsagen als »das Liebesleben in der Natur«. Artur . Wie führt diese prachtvolle Fernmalerei aus einem greulichen Pessimismus dualistischer Denkform in das Paradies des Monismus. »Das Tier hat den Menschen erfunden. Er war Fisch und Wurm und Urzelle.« Dann sehen wir ihn im Lauf der Jahrtausende von der Amöbe, dem Ichthyosaurus her real zur Sonne aufsteigen. Aber wie gibt uns dieser Geist nicht nur in unserem individuellen, sondern im sozialen Bewußtsein Rückgrat. (Er nimmt Isolden das Buch aus der Hand, schlägt auf und liest.) Zur Frage des Mutterschutzes: »Hier liegt ein Punkt, wo alle politischen Parteien einig werden müssen. Der Konservative muß hier fühlen wie der Sozialdemokrat. Es gilt das Volksmaterial als solches, das auf dem Spiel steht. Gegen das Kulturweibchen, das sich das Amusement der Dinge nicht durch Schwangerschaften unterbrechen lassen will, gegen den süßlichen Ästheten, der das Kindergebären dreckig findet, gilt es.« Isolde . Fabelhaft! 50 (Nettel hat, während Artur und Isolde die Gesichter dicht beieinander ins Buch stecken, das Zimmer verlassen.) Artur . Man muß die Weiber zwingen, die nicht wollen! Oder Bilder von riesiger Schlagkraft: »Vom Zeugungsakt selbst. Ich weiß nicht, ob es dir bei der Selbstbeobachtung des Zeugungsaktes auf der männlichen Seite einmal genügend aufgefallen ist, was für eine wirklich frappante Ähnlichkeit in gewisser Beziehung zwischen diesem Akt und einem anderen, dir höchst geläufigen deines Körpers besteht: nämlich dem schlichten Akt des Niesens.« Isolde . Ganz fabelhaft! Artur . Lassen wir die technischen und organisatorischen Leistungen, die Deutschland in diesem Jahrhundert aufweist, einmal ganz beiseite: Dies Werk, der Triumph naturwissenschaftlicher Vernunft über den theologisch synthetischen Gott ist ein Verdienst, um das uns nicht nur die Kulturvölker der Gegenwart, nein zwei europäische Jahrtausende beneiden müssen. Isolde . Götzendämmerung! Du trägst das Ganze aber auch vor, hast eine Eindringlichkeit der Überzeugung! Artur . Könnte mir über das Ideal der Sozialdemokratie noch etwas gehen, wärs der Monismus. Isolde . Wieviel tiefer wird alles in uns anklingen, nimmt erst der eigene Leib an den erhabenen Vorgängen teil. Artur . Freilich. Isolde (mit einem Seufzer) . Vierzehn Tage noch! Artur . Nach dem Jubiläumstrubel schien es geraten, eine Pause im Feiern eintreten zu lassen. Isolde . Und in der Ahnung der Herrlichkeiten, die mit dem Andämmern des Lebensquells bevorstehen! (Sie legt die Hand aufs Buch.) Diesem Manne danke ich viel. Von allen Zweifeln hat er mich gründlich befreit. Nicht blind gehe ich meinem Schicksal entgegen; ich darf sagen, durch ihn ist mir die ganze Technik des Zeugens und Gebärens geläufig. Welch kristallene Klarheit fürs Leben, Artur. Keine mystische Geheimniskrämerei, sondern 51 eindeutig und nackt stehen sich Mann und Weib gegenüber. Findest du nicht, irgendwie reicht dieser Bölsche an einen Gott? Artur . Es scheint manchmal. Isolde (großen Blicks und feierlichen Ernsts) . Artur! Artur (ebenso) . Isolde! (Händedruck.) Beide (exeunt) .   Zweiter Auftritt Bertha tritt auf, nimmt das liegengebliebene Buch, beginnt zu lesen, lacht, liest und bricht in einen Lachsturm aus. Ständer (tritt auf) . Was gibts? Bertha (zeigt mit krampfhaftem Lachen auf das offene Buch) . Nein! da! Ständer (nimmt das Buch und liest) . Meinem Schwiegersohn? Bertha (nickt) . Herrn Artur. Ständer (für sich) . Idiot! (Laut) . Schweig! Was erlaubst du dir? Bertha . Ich kanns für zwanzig Mark monatlich nicht länger machen. Nach fünf Jahren Dienst hätte man Aufbesserung verdient. Ständer . Es gibt keinen Dienst, kein Gehalt. Freiwilligen Vertrag. Bertha . Den kündige ich zum Ersten. Ständer . Gut. Was sonst? Bertha . Aber Herr Ständer ist es denn möglich? Ich soll von Ihnen fortgehen? Ständer . Du sollst. Gekündigt zum Ersten. Bertha . Warum? Ständer . Weil du sündhaft faul stets warst und bist. Dich von mir mästen willst. Bertha . Das kann Ihr letztes Wort nicht sein, Herr 52 Ständer. Wo Sie mir versprochen haben, niemand außer mir soll einst Ihre Leiche waschen. Ständer . Aus. Bertha . Aber unser Verhältnis ist ein Gesellschaftsvertrag, den man nicht Ständer . Gekündigt. Bertha . Übereinkunft! Ständer . Gekündigt. Bertha . Ich will ja alles was Herr Ständer von mir armen Weibe mag. (Sie weint.) Ständer . Nein, nein, nein. Ich habe es satt. Hinaus! Bertha (schluchzend exit) . Ständer . Dieses war der erste Streich! Wind weht durch den Morgen. Ausgelüftet wird von oben bis unten das Haus. Lunge, Hirn und Leber ausgelüftet. Den zwanzigsten Mai streichen wir rot im Kalender an. Frühlingsanfang in meinen Herbsttagen. Spät kommt er, doch er kommt. (Er zieht ein Schreiben heraus.) Es ist entschieden, wie ich es vorausgesehen. Ich habe mich zur Ruhe gesetzt. Die bodenlose Achtung, die man vor meinem Verzicht empfand, wurde von mir weit über meine Ansprüche zu einem Ruhegehalt ausgewalzt. Mit Zuschüssen aus einem Dutzend Kassen zahlt man mir an viertausend Mark jährlich. Bis ans Lebensende ist dafür, wie mich mein Anwalt versichert, das Gesetz auf meiner Seite. Kommen fast zwölfhundert Mark Kapitalzinsen dazu. Nach dieser Feststellung trete ich sechzigjährig, gehäutet auf den Weltenplan und sehe die Systeme um mich, die ich bisher heimlich und auf Umwegen bekämpfte, als ein freier Mensch an. Doch der zweite folgt sogleich! Als begönne ich zu schweben, habe ich das Gefühl. Der nächste, der mir gegenübertritt, lernt schon den gänzlich neuen, und, wie mich dünkt, den Originalständer kennen. 53   Dritter Auftritt Der Arzt tritt auf. Ständer . Guten Morgen, Herr Doktor. Arzt . Sie baten mich, vorzusprechen. Da ich gerade Herrn Flocke sah Ständer . Ist er unpäßlich? Arzt . Liegt zu Bett. Ständer . Befund? Arzt . Bös. Ständer . Wie? Arzt . Marasmus. Ein spärliches Maschinchen, das zu ebener Erde eben lief, sollte plötzlich einen steilen Berg hinankeuchen. Jetzt stehts still. Von morgen ab rollts rückwärts. Ständer . Sein neues Amt überbürdet ihn? Arzt . Er ist ihm in nichts gewachsen. Nicht an Kenntnissen, nicht an Arbeitskraft. Was ihn tötet, ist das Maß der Verantwortung, das auf ihm ruht. Ständer . Wirklich? Arzt . Sein Hirn ist gesprengt, das Herz gebrochen. Am schmerzlichsten betrauert er den Verlust seiner Invalidenkarte, das fortgegebene Anrecht auf Kassenschutz. Als Arbeiter organisiert, fühlte er Person, Leben und Welt. Als führende Persönlichkeit isoliert, bleibt er gefühl- und leblos. Ständer . Was prophezeien Sie? Arzt . Schluß in vier Wochen. Ständer . Unfehlbar? Arzt . Bestimmt nach Menschenermessen. Ständer . Ich dacht' mirs. Arzt . Er hätte sichs versagen müssen. Bleib, Schuster, bei deinem Leisten. Verantwortung ist längst nicht für jedermann. Ultra posse nemo tenetur. Ständer . Richtig. Arzt . Ein beklagenswertes Schicksal. Nun zu uns. Was gibts? Wo fehlts? Ständer . Mir fehlt nichts. Was ich will, ist ein 54 Gutachten. Dieser Tage wurde ich sechzig Jahr. Wie lange, ärztlicher Voraussicht nach, in welcher Kondition ich noch zu leben habe, wüßte ich gern. Arzt . Brauchen Sie ein Kassenattest, handelt es sich um Renten? Ständer . Mit dem heutigen zwanzigsten Mai bin ich zur Ruhe gesetzt. Die verpflichtenden Zusagen aller in Betracht kommenden Kassen besitze ich schon. Arzt . Sie wollen die Wahrheit? Kein Attest? Ständer . Runde Wahrscheinlichkeit. Arzt . Viel, das wissen Sie, kann ich als Arzt nicht feststellen. Stehen Sie als Menschengebäude vor mir, sehe ich deutlich nur die Fassade. Die ist solid. (Befühlt ihm den Kopf.) Auch die Wetterseite, Schieferdachung. Der innere, grobe Mechanismus, Luft- und Heizungsschläuche (Er hat ihm das Instrument auf die Brust gesetzt.) Tief und ruhig atmen! Teufel Lungen wie ein Brabanter Roß. Das Herz? Ein Strombagger, Schiffspumpe. Nerven? Das System der Lebensreizempfänger und -verwerter? (Er schließt mit den Händen Ständers Augen und öffnet sie wieder.) Phantastisch jung und sprühend lebendig. Von da aus werden Sie hundert Jahr. Ständer . Aber? Arzt . Auch Niere, Leber und Magen streiken nicht, wie ich aus jahrelanger Behandlung weiß. Bleibt das Wesentliche, von dem ich gar nichts sagen kann. Ständer . Nämlich? Arzt . Das Maß Ihrer Neigung zu innerer Selbstvergiftung und die Fähigkeit des Blutes zur Verteidigung dagegen. Wie weit die Galle Fäulnis der Säfte und ihre Gärungen verhüten kann. Ständer . Zerstörung durch Bazillen, Bakterien? Arzt . Die brauchts nicht. Wir wissen nicht einmal, ob sie außer in medizinischen Lehrbüchern wirklich schädlich wirken. Vergiftung durch die Unfähigkeit, verbrauchte Stoffe, die gefährlich sind, aus dem Haushalt des Körpers auszuschleudern. 55 Ständer . Wie mache ich meinen Leib dazu fähiger? Arzt . Vermeiden Sie die Laster! Ständer . Körperliche? Arzt . Zuerst! Trunksucht, Ausschweifung. Ständer . Ich bin kein Wüstling. Arzt . Dann seelische: Bosheit, Neid, Gram. Ständer . Neid liegt mir fern. Gram suche ich nicht. Ein Schuß Bosheit hier und da bekommt mir. Arzt . Wenn Sies so fühlen, gut. Vor allem aber fege Selbstgefühl, das Bewußtsein der Freiheit und eigenen Willens durch die Blutbahnen. Ständer . Das ists, Doktor! Verlassen Sie sich darauf, nur das! Und hängts davon ab, vom festen Entschluß dazu, von der Gewißheit, ihn immer und in jedem Augenblick zu besitzen, werde ich, das versichere ich Sie über hundert Jahr. Arzt . Ich sehe nichts, das Ihre Voraussage ausschlösse. Ständer . Und wozu dient die Bauchspeicheldrüse? Arzt . Niemand weiß es. Ständer . Wozu die Milz? Arzt . Man ahnt es kaum. Ständer . Und der Bazillen sind Sie nicht einmal gewiß? Arzt . Die Bakteriologie ist eine Suppe, die man nicht anrührt, ohne sich zu verbrennen. Man schütte sie weg. Ständer . Doktor, wann sind Sie wissenschaftlich einmal sicher? Arzt . Liegt der Kranke tot vor uns, dürfen wir ruhig versichern, er lebt nicht mehr. Ständer . Nicht immer ist der Arzt des Sterbens Grund? Arzt . Meist Blutvergiftung. Ständer . Ich danke Ihnen. Jedoch der gute alte Flocke unbedingt? Arzt . Leider. Unfähig, Antitoxine zu bilden. Zuviel Sorge und Gram. Guten Morgen. (Exit.) Ständer (vor dem Spiegel) . Mit fünftausendzweihundert, Schieferdachung und gesunder Blutbereitung habe ich mindestens fünfundzwanzig rüstige Jahre vor mir. Es lohnt! 56   Vierter Auftritt Isolde (mit einem Tablett tritt auf und setzt es auf den Tisch) . Das Frühstück! Ein Hühnchen mit Tomatentunke. (Sie läßt den Vorhang herunter, verhängt die Schlüssellöcher.) Ständer (setzt sich zum Tisch) . Zieh den Vorhang hoch! Isolde . Den Vorhang? (Sie tuts.) Ständer . Die Türen mach' auf. Isolde . Auf? (Sie tuts.) Ständer . Stell' dich als Abundantia wie am Festabend dorthin. Üppig, üppig! Isolde (tuts) . Ständer . Stillgestanden! Graziöser das Bein. Hoch! Öffne das Haar. Laß deine Mittel spielen. Isolde (entfesselt ihr Haar) . Ständer . Ich möchte, in einer Zeitung, in Büchern wäre fettgedruckt von mir die Rede. Ich wollte zum Bersten bin ich mit Buntheit und Kräften angefüllt.   Fünfter Auftritt Artur (tritt auf und sieht Isolde in ihrer Stellung) . Was bedeutet der Auftritt? Ständer . Abundantia. Die Fülle. Erinnerst du dich? Artur . Ich verbiete meiner Braut, sich irgendwem in solchen Stellungen zu zeigen. Ständer . Ernsthaft? Artur . Deine Nichte gehört fortan ausschließlich mir und zu mir. Isolde (auf ihn zu, umschlingt ihn) . Ständer . Ihr seid, sieht man euch an, im wesentlichen übereinstimmend, wirklich mit gleichem Maß zu messen. Isolde . Ich fühle ganz wie Artur. Ständer . Das muß ein Vergnügen sein. 57 Artur . Was soll die Redensart? Willst du eine Auseinandersetzung, findet sie allerdings besser vor der Hochzeit als nachher statt. Ständer . Hast du etwas gegen mich? Artur . Nein. Ständer . Es schien mir so. Artur . Durchaus nicht. Ständer . Isolde? Isolde . Aber Onkel! Ständer . Ihr gebt mir das Zeugnis, bis zu diesem Augenblick besteht in euch keinerlei Abneigung gegen mich und meine Art? Artur . Ich schätze dich als großzügigen Charakter außerordentlich hoch, das weißt du. Isolde . Ich liebe dich doch, Onkel! Ständer . Seid ihr vollkommen ehrlich? Isolde . Ja. Artur . Vollkommen. Ständer . So bin ichs auch. Leider kann ich von meinen Gefühlen für euch nicht dasselbe sagen. Anschauungen und Urteile, die ihr habt, und die euch fürs Leben vereinen, sind mir konträr. Artur . Wie? Ständer (zu Artur) . Geradezu widerlich. Vom Augenblick an, da ich dich genauer kenne, kämpfe ich eigentlich bei jedem deiner Worte mit Brechreiz. Isolde . Onkel! Artur . Aber das ist ja Ständer . In deiner Person verkörpert sich für mich der zähe Schleim der tausend Gemeinplätze und Redensarten, mit dem der nach Eigentümlichkeit durstende europäische Mensch betropft und zu einer klebrigen Masse geknebelt wird. Artur . Unerhört! Ständer . Was aus deinem Mund kommt, hat die Absicht, der Erbärmlichkeit von überall her zum Sieg zu helfen. Christentum, Sozialismus, jeden ursprünglich heiligen 58 Protest des Menschentums, zu einer geschmacklosen Bettelsuppe zu verdünnen, die den Lebensnerv reiner Gottesgeschöpfe bricht. Artur . Hören Sie auf! Das ist ! Ständer . Hinaus! Nehmen Sie mein Mündel, das mit Mondsüchtigkeiten fettgeschwemmte Mädchen, mit. Isolde . Artur! (Mit Aufschrei an seine Brust.) Artur . Ich ! Ah ! Das ! Ständer . Verpestet draußen das eigene und anderer Leben weiter mit sozialer Hinaufentwicklung, mit Mutterschutz, Schlagsahne und Bourgeoisschleim. (Da Artur fuchtelnd Miene zu irgend etwas macht, brüllt) Ständer . Hinaus!! Artur und Isolde (umschlungen exeunt) . Ständer (reißt das Fenster auf) . Luft herein. Wie wohl das tut!   Sechster Auftritt Sturm nach einem Augenblick tritt auf. Ständer . Das ist eine Überraschung. Was tust du wieder hier? Sturm . Einmal lockt mich die Neugier, das Schlußbild der kürzlich aufgeführten Lokalposse am Ort selbst zu sehen: Flocke im Schweiße seines kleinen Angesichts als verantwortlicher Werkdirektor. Ständer . Die Posse wird zum Trauerspiel. Er stirbt daran. Sturm . Ich dachte mirs ungefähr. Ständer . Das war keine Kunst. Sturm . Du hast ihn vorgeschlagen. Ständer . Ohne böse Absicht für ihn. Mich im Augenblick zu retten. Er hätte auch ablehnen können, ablehnen müssen. Aber da saß schließlich der Haken: unter einem Wust unverstandener Ideen drängte stürmisch genug simple 59 Bürgersehnsucht. Der Knoten entrollte zur Katastrophe. Sturm . Ein warnendes Beispiel. Und du Ständer? Ständer . Und du, Sturm? Sturm . Meinen Weg gehe ich weiter; warne und beschwöre die mir anvertrauten Massen unablässig durch Wort und Schrift vor den Ködern, die ihnen die kapitalistische Bourgeoisie überall legt. Suche, sie zu behüten vor dem Verlust ihrer elementaren Stoßkraft durch Annahme einer Halbbildung, die sie weiter begehrlich und unentschieden macht. Halte sie im Mißtrauen gegen Volksschulen in Sandstein und Mahagonihölzern, in denen man allen Lehrstoff großbürgerlich fälscht, gegen Kasernen mit Sprungfedermatratzen und Wasserspülung, gegen den Aufenthalt in Marmorpalästen mit Wagnermusik durch ein verstärktes Symphonieorchester bei einer Tasse Kaffee in Meißner Porzellan für dreißig Pfennig. Ständer . Um sie endlich zu führen wohin? Sturm . Im gegebenen Moment die Staatsgewalt zu ergreifen. Ständer . Was ist Staatsmacht? Schutzwille des Eigentums. Sturm . Alle Klassenunterschiede aufzuheben. Ständer . Was schafft Klassengegensätze? Kapital. Sturm . Um schließlich Ständer . Nicht wie Artur Flocke im Weg friedlicher Entwicklung Sturm . Durch blutige Gewalt! Ständer . Dennoch die Erbschaft des bevorrechtigten Bürgers anzutreten. Sich in seine Güter und Ideen festzunisten. Im Weg, Sturm, unterscheidest du dich von Flocke, und ich gebe deiner Art schließlich den Vorzug. Aber am Ziel angekommen mit einer Menge, die für ihren Bürgerberuf durch tausend Kanäle schon vorgebildet, in Volksschulen, durch Zeitung, Kino und Theater bourgeoismäßig mit dem einzigen Begriff der Kapitalsanhäufung und Verteidigung vergiftet ist, müssen deine und 60 Flockes Massen unfehlbar die gleichen Götter wieder aufstellen, die ihr stürzt. Sturm . Wir werden's nicht! Niemals! Ständer . Wie hoffst du, unübersehbare, auf immer tollere Fruchtbarkeit gestellte Menschheit mit einem Fischzug zu heben aus dem Teich jahrtausendalter Zwangsvorstellungen; wie sie zu erlösen von Begriffen, die durch geschickte Bildung endgültig scheinen? Wie kannst du die Männer vom Weg ihrer historisch beglaubigten Tugenden, Weiber aus den Schlupfwinkeln der ihnen zugewiesenen Vortrefflichkeiten locken? Wer spült die Milch im Frauenleib rein von den Giftkeimen des nicht Sein-, sondern Scheinenwollens, die, dem Säugling eingeflößt, ihn später zwingt, eine bürgerliche Geltung zu behaupten, der keine menschliche Bedeutung entspricht? Und doch bekennen wir vor unserem Gewissen, wir besseren Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts, daß alle geerbte Lehre nicht mehr wirksam ist unter Hundertmillionengruppen, die einzig der Sinn der Selbsterhaltung durch Zusammenschluß noch bewegt. Für den Volksführer aber ist es besonders sündhaft, weiter Ideale zu predigen, die das Gewissen des Einzelnen zur Voraussetzung haben. Geht hin und formt voraussetzungslos die Sittenlehre, in der zum erstenmal die Masse des Volks als das zu hegende Einzelwesen erscheint. Sturm . Wir wollen nichts anderes. Aber wie, wo ist da für uns der Anfang? Hast du auch darüber nachgedacht? Ständer . Ich bin ein alter Mann und durchaus noch von der Art jener Menschen, die im Grund nur sich selbst ohne jeden Vergleich und das Wohl der eigenen Seele wollen. Durch Sorge ums Brot wurde ich bis an mein sechzigstes Jahr verhindert, ausschließlich darauf zu achten, und konnte nur durch maskierte Vorstöße, durch zeitweilige Empörung irgendwelcher Art, die Verbindung zur inneren Richtlinie festhalten. Den letzten Ausbruch hast du miterlebt. Von heute an aber habe ich freie Möglichkeit und trenne 61 mich entschieden von allem, was als Menschengesetz mir hier gepredigt wird. Unabhängig von Zunft und Gemeinschaftsidealen, will ich nur noch mein eigenes Herz durchforschen, die Lehrer suchen, die meine Natur verlangt, und sollte ich sie in China und in der Südsee finden. Sturm . Ob dein Recht auf dich selbst oder die Pflicht aller für alle Gottes Ratschluß mit uns ist, werden wir heute nicht entscheiden. Doch fällt dir deine Überzeugung spät im Leben ein. Ständer . Da liegt der Haken! Wäre ich zwanzig, mein Junge, und täte, was ich jetzt tue, viele würde mein Aufbruch mitreißen. Dann müßte Prophetie sein, was jetzt nur den Propheten rührt: der uns alle geschaffen und unterschieden, will auch von jedem die anvertraute Person unverfälscht zurück. In meiner Façon, durchschnittlich begabt in die Welt gestellt, kann ich mir das Heiligsein erst als kleiner Rentner mit sechzig Jahren leisten, doch bleibt es immer noch Verdienst, meine ich, feste Bezüge erst seit Stunden in der Tasche, in das eigene Selbst unverzüglich aufzubrechen. Sturm (nach kurzer Pause) . Leb wohl! (Er zeigt nach oben zu Flocke.) Stirbt oben der Alte die Kinder sind allein das älteste Mädchen, ein einfaches Ding, hat mirs vielleicht angetan. Ich will hinauf. (Er gibt ihm die Hand.) Ständer . Du hast mich nicht verstanden! Sturm (sehr kühl) . Ich habe dich gehört. Und wills Gott wirklich, zeigt sich auch irgendwie und -wann der Effekt. (Exit.) Ständer . Bei seinen geringen Einkünften erlebe ichs nicht mehr. (Er setzt den Hut auf.) Und nun auf Wanderschaft zum Ziel am ruhigen Ort. Für mich, Ständer, stehe ich. Welch Glück, daß man keine Kinder hat! (Exit.) (Vorhang.)