Rudolf Töpffer Genfer Novellen Die Erbschaft 1. Langeweile heißt mein Leiden, lieber Leser. Ich langweile mich überall; im Hause und außer dem Hause, bei Tisch, wenn ich keinen Hunger mehr habe, auf einem Ball, sobald ich in den Saal getreten bin. Es gibt keinen Gegenstand, der meinen Geist, mein Herz, meine Neigungen gefangen nimmt, und nichts scheint mir so ewig zu dauern wie meine Tage. Trotzdem gehöre ich zu denen, die man die Glücklichen dieser Welt nennt. Mit vierundzwanzig Jahren habe ich noch keinen andern Verlust zu beklagen gehabt, als den meiner Eltern; und die Trauer, die ich darüber empfinde, ist sogar das einzige Gefühl, das ich mit einer Art schmerzlichen Behagens in mir nähre. Im übrigen bin ich reich, verhätschelt, gern gesehen, beliebt, unbekümmert um Gegenwart und Zukunft: alles wird mir leicht, alles steht mir offen. Und zum Überfluß hab' ich noch einen Paten (er ist mein Onkel), der mich liebt und mir einst sein sehr bedeutendes Vermögen zuwenden will. Und inmitten all dieser Güter gähne ich, daß mir die Kinnbacken zerreißen könnten. Ich finde selbst, daß ich zu viel gähne. Ich habe darüber mit meinem Arzt gesprochen; er meint, es sei nervös, und läßt mich abends und morgens Baldriantropfen nehmen. Ehrlich gesagt hätte ich nicht geglaubt, daß es so schlimm um mich stände; und da ich eine schreckliche Furcht vor dem Tode habe, so beschäftigen sich meine Gedanken nur noch mit einem innerlichen Leiden, das mich untergräbt und das man mir verheimlicht. Ich bin nicht müde geworden, die äußeren Anzeichen desselben zu studieren, meinen Puls zu fühlen, meine innere und äußere Empfindlichkeit zu prüfen, mich in die eigenartige Natur meiner Kopfschmerzen und in ihr Zusammentreffen mit einer merklichen Beschleunigung meines Gähnens zu vertiefen, und so bin ich endlich dahin gekommen, mir eine Gewißheit zu verschaffen ... eine Gewißheit, die ich für mich behalte, in der Befürchtung, daß, wenn ich sie meinem Arzt anvertraue, er sie vielleicht nicht teilen könnte ... und dann würde die Todesangst mich sicherlich töten. Diese Gewißheit besteht darin, daß ich im Herzen einen Polypen habe. Einen Polypen ... ich gestehe, daß ich nicht recht weiß, wie er entstanden ist, will es indessen auch gar nicht wissen, aus Furcht, dabei schreckliche Entdeckungen zu machen; aber ich habe einen Herzpolypen; daran zweifle ich nicht mehr. Dieser Polyp erklärt auch schlagend alles, was in meinem Körper vorgeht: er ist die Ursache meines Gähnens, der Ursprung meiner Langenweile. Ich habe deshalb meine Lebensweise eingeschränkt, meine Mahlzeiten umgewandelt. Keinen Wein mehr, nur noch weißes Fleisch. Der Kaffee ist verbannt, er ruft Herzzuckungen hervor. Morgens Malventee, das ist vorzüglich gegen Herzpolypen. Keine Säuren, nichts Starkes oder Schweres, das wirkt alles auf die Verdauung ein und diese wieder auf das Nervensystem; dann ist der Blutumlauf sofort behindert und – siehe da, mein Polyp schwillt an, breitet sich aus, wächst ... Im Grunde nämlich stelle ich ihn mir wie einen dicken Champignon vor. So verbringe ich stundenlang damit, an meinen Champignon zu denken. Wenn man mich anredet, ist er es, der mich hindert, zuzuhören. Habe ich einen Galopp getanzt, so mache ich mir Vorwürfe über diesen Leichtsinn, der nachteilig für meinen Champignon sein muß. Ich kehre früh zurück, wechsle die Wäsche, lasse mir eine Tasse Bouillon ohne Salz geben – alles wegen meines Champignons. Ich lebe nur im Hinblick auf meinen Champignon. So beschäftigt mich mein Leiden viel, aber ich finde nicht, daß es mich von dem andern Übel heilt, der Langenweile. Ich gähne also weiter. Manchmal schlage ich ein Buch auf. Aber die Bücher sind so wenig anmutend. Die guten? die sind so ernsthaft, so tief, man muß sich Mühe geben, sie zu verstehen, Mühe, sie zu genießen. Mühe, sie zu bewundern. Die neuen Erscheinungen? Davon hab' ich so viel gelesen, daß mir nichts mehr neu erscheint. Schon bevor ich sie aufschneide, kenne ich sie. Der Titel läßt mich die ganze Handlung durchschauen; am Titelbilde erkenne ich den Ausgang; und dann ... mein Champignon verträgt keine lebhaften Erschütterungen ... Ernsthafte Studien? Hab' ich auch versucht! Der Anfang ist leicht, aber das Beharren! ... Und ich frage mich sehr bald, wozu? Mein Lebenslauf besteht darin, von meinen Renten zu leben, spazieren zu reiten, mich zu verheiraten und zu erben. Ohne mir die Mühe zu machen, irgend etwas zu lernen, werde ich das alles besitzen und noch andres dazu. Ich bin Oberst in der Nationalgarde. Man hat mich zum Stadtrat gemacht; ich habe abgelehnt, Bürgermeister zu werden: die öffentlichen Ehren regnen nur so auf mein Haupt; aber ... mein Champignon würde sich mit einer großen geistigen Anstrengung nicht befreunden. »Was gibt's?« Die Zeitung. »Gib her. Schon gut! – Etwas, mich wenigstens für einige Augenblicke zu beleben.« Ich suche nach Neuigkeiten, natürlich nach solchen aus der Stadt, denn die aus Spanien berühren mich wenig, die aus Belgien bringen mich um. Nanu, kein Selbstmord ..., kein schrecklicher Unglücksfall? Nichts von Mord und Brandstiftung! Törichtes Blatt! Das heißt doch den Abonnenten das Geld aus der Tasche stehlen! Wie bedaure ich, daß die schönen Tage der Cholera vorüber sind! In der Zeit, ja, da unterhielt mich meine Zeitung: sie hielt meinen Schrecken in Atem, und an dem kleinsten Ereignis, das mit dem Schreckgespenst im Zusammenhang stand, nahm ich beim Lesen Anteil. Ich sah das Ungeheuer, mit weit aufgesperrtem Rachen sich vorwärts bewegen, wieder zurückweichen, bis vor meine Tür dringen ... Nicht alles war heiter an diesen Vorstellungen, aber wenigstens gab es neben der Hoffnung, daß es nicht kommen würde und der schrecklichen Angst, daß es doch kommen könnte, keinen Platz für die Langeweile; dazu kam das Flanellhemd, das mir die Haut kitzelte, so daß ich fortwährend an irgendeiner Stelle zu kratzen hatte. Ich kenne keine Langeweile, keine körperliche oder seelische Mattigkeit, die nicht einem Jucken weichen würde. Ich bin sicher, daß ... »Was gibt's wieder?« »Herr Retor.« »Sag ihm, daß ich nicht zu Hause bin.« »Ja, hm – da ist er schon.« »Herr Retor, ich bin zu sehr beschäftigt, um Sie empfangen zu können.« »Zwei Minuten nur ...« »Ich habe nicht eine zu verlieren.« »Nur, um Ihnen diese Zeitrechnungstafel der allgemeinen Völkergeschichte vorzulegen ...« (Der Teufel hole ihn und seine allgemeine Völkertafel.) »Nun, und ...?« »Ich mache Sie darauf aufmerksam, mein Herr, daß noch keine derartige Tafel auch nur annähernd die Vollendung dieser hier erreicht hat. Sie erblicken darauf vier verschiedene Zeitrechnungen mit der Zurückführung auf Jahre der christlichen Zeitrechnung und auf Jahre seit Erschaffung der Welt. Sie haben hier ferner die vollständige Reihe der ägyptischen Könige und derer von Babylon ...« (Ich wollte, man bände ihn dir auf den Rücken, deinen Schweif von babylonischen Königen und deine fünf Zeitrechnungen, Schurke! Eine ist schon zuviel, und er will mich vier kaufen lassen und noch eine mehr!!!) »Herr Retor, das ist alles sehr schön, aber ich beschäftige mich nicht mehr mit Weltgeschichte.« »Sie haben hier außerdem den Kaiser Kan-tien-si-long ...« »Überflüssig, Herr Retor; ich bin sicher, daß Ihre Tafel vollkommen ist.« »Dann gestattet der gnädige Herr wohl, daß ich ihm zwei Exemplare hier lasse?« »Ich wüßte nichts damit anzufangen. Ich besitze die Tafel von Hocquart.« »Die von Hocquart! Voller Irrtümer! Ich bitte den gnädigsten Herrn nur um eine halbe Stunde Aufmerksamkeit, um zu vergleichen ...« (Der Schurke, mir, gerade mir, derartige Vorschläge zu machen!) »Nichts davon, Herr Retor. Ihre Tafeln langweilen mich, ich will keine.« Nach diesen Worten folgt eine lange Pause, in der Herr Retor langsam seine Tafel zusammenrollt, während ich ihm zusehe und ungeduldig darauf warte, ihn herzlichst zu verabschieden. »Der gnädige Herr hätte keine Veranlassung ...« »Nein.« »Ein Sammelwerk zu kaufen ...« »Nein.« »Dreißig Bände in Folio ...« »Auch nicht.« »Mit Bildertafeln ...« »Nichts.« »Und Inhaltsverzeichnis ...« »Nein.« »Von Mouchard ...« »Nein doch, nein.« »Dann, gnädiger Herr, habe ich die Ehre. .. Der gnädige Herr würde mich aber doch sehr verpflichten, wenigstens eine dieser Tafeln zu behalten.« »Wie, Sie sind noch nicht fertig?« »Ich bin Familienvater.« »Unleidlich.« »Habe sieben Kinder ...« »Dafür kann ich nichts.« »Und ich lasse sie Ihnen für fünf Franken statt für zehn.« (Sieben Kinder! Sie werden vielleicht fünfzehn bekommen! und für jedes soll ich dann eine Zeitrechnungstafel der allgemeinen Völkergeschichte kaufen!) »Da sind fünf Franken und nun lassen Sie mich zufrieden!« Ich mache heftig die Tür hinter ihm zu und setze mich wieder hin. Die Galle steigt in mir auf, eine scheußliche Stimmung vergrößert noch meine Langeweile. Dieser Polyp will mich umbringen, er wird mich auch umbringen. Mit dem kläglichsten Ausdruck überfliege ich meine Zeitrechnungstafel der allgemeinen Völkergeschichte, die der andere auf meinem Tisch ausgebreitet hat liegen lassen. Da ist bis zu Kan-tien-si-long und Nectanebus auch nicht ein Name, der mir nicht als mein persönlicher Feind erschiene, als ein lästiger Frechling, ein Schurke mit sieben Kindern, der sich mit den Familienvätern gegen meine Börse und meine Gesundheit verschworen hat. Der Zorn packt mich, steigt in mir auf, übermannt mich ... Ins Feuer mit der Tafel! – Es ist doch eigen, wie bisweilen die Wut vernünftig, der Jähzorn vorausblickend sein kann. Ich ziehe die Tafel, noch ehe ich sie hineingeworfen habe, vom Feuer zurück und denke dabei, ich weiß nicht wieso, daran, daß ich die fünf Franken verbrenne, die mich die Tafel gekostet, und dann steigt der Gedanke in mir auf, sie könne eines Tages meinen Kindern nützlich sein. Gerade darin zeigt sich mein vorausschauender Blick; denn ich bin unverheiratet und es ist sogar anzunehmen, daß ich nie heiraten werde. Dennoch glaube ich manchmal, daß ich als Verheirateter mich weniger langweilen würde. Wenigstens würden wir dann zu zweien sein, um uns zu langweilen; das müßte doch eigentlich lustiger sein. Kann man übrigens die Bemerkung machen, daß auch Familienväter der Langenweile unterworfen sind? Durchaus nicht; Familienväter sind tätig, froh, immer im Gange; stets ist Geräusch, Bewegung um sie, mit ihnen; eine Frau, die sie anbetet ... Ja, eine Frau, die mich ein, zwei Jahre anbeten würde, das mag hingehen. Aber wenn sie mich dreißig Jahre, vierzig Jahre anbeten wollte! Der Gedanke macht mich starr vor Schrecken! Vierzig Jahre Anbetung! Wie lang, wie unendlich muß das sein! Und dazu Kinder, die schreien, weinen, sich zanken, sich die Nase schnauben, sich schlecht abwischen ... und als einziger Ersatz, ihnen Geist und Herz mit meiner Zeitrechnungstafel der allgemeinen Völkergeschichte bilden! Ach, man muß viel überlegen, bevor man heiratet ... und nicht zu vergessen – mein Herzpolyp ...! Trotzdem habe ich Absichten auf eine junge Dame, die sich in jeder Beziehung für mich eignen würde. Angenehmes Äußere, hübsches Vermögen: unsere Charaktere passen zueinander Aber sie hat fünf Tanten, Vater, Mutter, zwei Onkel: im Ganzen elf oder zwölf nahe Verwandte. Sobald man nur von dieser Heirat spricht, sind sie alle die Zuvorkommenheit selbst, lächeln mir zu, schmeicheln mir, wollen mich mit heiraten; es ist zum umkommen vor Langerweile. Ich gähne ihnen ins Angesicht; sie verdoppeln nur ihre Liebenswürdigkeiten. Dann fühle ich deutlich, wie meine Liebe ins Wanken gerät, und daß ich doch lieber Junggeselle bleibe. Indessen, da nun einmal empfindsame Herzen ein gebieterisches Bedürfnis nach zärtlichen Neigungen haben, so hat das meine eine andere Richtung eingeschlagen. Ich fühle ganz bestimmt, daß ich ein anderes junges Mädchen anbete, das ich zuerst nicht beachtet hatte, um nicht zwei Flammen auf einmal zu nähren. Sie hat ein so schönes Profil, so schöne Augen und einen so liebenswürdigen und natürlichen Geist, daß es unmöglich ist, sie nicht zu lieben; auch hat sie keine nahen Verwandten. Darum werde ich auch von Tag zu Tag verliebter in ihre Reize und in ihr verfügbares Vermögen. Nur eins stimmt mich bedenklich, daß außer mir kein anderer junger Mann ihr den Hof macht. Ich muß daher ganz allein zu ihren Füßen schmachten. So lieblich nun aber auch eine Blume erscheinen mag, die man pflücken möchte, warum sollte ich es tun, wenn niemand sie begehrt, gerade ich, der ich mir etwas auf meinen zarten und ausgezeichneten Geschmack einbilde? Vor einiger Zeit kam ich auf einen Ball, als sie gerade mit einem schönen Offizier tanzte. Lieblich, lächelnd, belebt, schien sie gar nicht zu bemerken, daß ich eintrat. Gerade daran entzündete sich die Flamme meiner Liebe aufs neue; ich war nur noch einen Schritt von der Entscheidung entfernt. Ich eile auf sie zu, um sie für die erste Masurka zu engagieren. »Mit Vergnügen, mein Herr!« »Den zweiten Kontertanz?« »Mit Vergnügen.« »Den dritten Walzer?« »Mit Vergnügen.« »Den fünften Galopp?« »Mit Vergnügen.« Immer »mit Vergnügen«. Kein einziger, den sie mir streitig macht. Meine Liebesglut erlosch darüber so sehr, daß ich den ganzen Abend damit zubrachte, kleine Kuchen zu verzehren. Seit diesem Tage habe ich meine Huldigungen auf ein anderes Fräulein übertragen, für das ich zuerst wenig Neigung empfand, und zwar darum, weil alle Welt mir zuredete; allen voran mein Pate. Es war dies Fräulein S..., die Cousine von Frau von Luze. Das bedeutet, daß sie zu einer der ersten Familien gehört, und daß sie zu den vornehmsten Salons der Stadt Zutritt hat. Sie ist groß, von schöner Haltung, wird von den Herren umschwärmt, ebenso sehr ihres Geistes wegen, wie um ihrer Schönheit willen, und viel, sehr viel reicher als die beiden zuerst genannten Damen. Auch bin ich gewiß, daß ich mit ihr schon verheiratet sein würde, wenn mein Pate nicht wäre. Vergangenen Montag komme ich erst spät auf einen Ball. Um sie herum herrscht dichtes Gedränge. Ich mußte mich mit dem sechsten Kontertanz begnügen und der Gunst einer Runde in der Masurka, die ich noch dazu mit drei anderen Herren zu teilen hatte. Diese Hindernisse stachelten meine Leidenschaft an; die lebhafteste Neigung, das reinste Feuer begannen mich zu erfüllen; ich dachte bereits an ernste Schritte für den kommenden Morgen, und der sichtlich beifällige Blick meines Paten vermochte nicht einmal meine Glut abzukühlen. Obgleich sie nur von dem Balle sprach und sich damit begnügte, über meine witzigen Einfälle ein klein wenig zu lächeln, fand ich sie immer entzückender. Ich habe viel Geist, wenn ich will. Wahrscheinlich, dachte ich, hat sie ebensoviel wie ich. Und das ist von unberechenbarem Wert. So werden unsere Gespräche gewürzt sein; ob sie spricht oder schweigt werde ich den unendlichen Zauber, der von ihr ausgeht, durchdenken, erraten, auskosten dürfen. Indem ich so grübelte, riß ich sie mit mir in den Wirbelwind der Masurka in einer Trunkenheit, die ich bisher noch nicht empfunden hatte. Es schien mir, als hielte ich in meinen Armen eine himmlische Vereinigung von Schönheit, Geist und Empfindung; und aus ihrem Atlasleibchen, das meine Finger sanft umschlossen, strömte es wie wollüstiger Wohlgeruch, der mit meiner holden Verzauberung zusammenfloß. Ich war entschlossen, ganz und gar entschlossen, und im übrigen müde, stets wieder unentschlossen zu sein, als ich beim Fortgehen meinen Paten traf, der mich erwartete. »Nun, bist du endlich gekommen? Recht so, denn sie betet dich an!« »Wirklich?« »Ein Wort und du hast sie. Die Familie findet dich reizend, alle wollen dich.« »Sind Sie dessen sicher?« sagte ich enttäuscht. Er näherte sich meinem Ohr. »Es ist schon die Rede von einer Wohnung, die dem jungen Fräulein gefallen würde. Nun? Ich sage es ja, du bist ein Glückspilz. Laß mich nur machen ...« In dem Maße, wie mein Pate sprach, entwich meine Trunkenheit, die himmlische Vereinigung auch und das Atlasleibchen gleichfalls. Ich will, sagte ich kühl, darüber nachdenken. Und ich dachte gar nicht mehr daran. So befinde ich mich wieder in der gleichen Ungewißheit wie früher. – »Was gibt's noch?« »Wird der gnädige Herr zu Mittag essen?« »Natürlich werde ich essen.« »Aber hier zu Hause?« »Wart' einmal – ja, ich werde zu Hause essen.« »So werde ich anrichten.« »Halt, nein! Richte nicht an. Ich hab's mir überlegt, ich werde auswärts essen.« 2. Wenn du dich noch daran erinnerst, lieber Leser, so langweilten wir uns tüchtig zusammen, als wir uns zuletzt sahen. Ich verließ dich gähnend, du verließest mich, als ich fort ging, um auswärts zu essen. Es war bei einem meiner Freunde. Er ist verheiratet, Familienvater und ebenso glücklich und heiter wie ich es nicht bin. Er und seine junge Gattin überhäuften sich mit Liebesbeweisen; die Blicke, die sie einander zuwarfen, strahlten von wahrer Zärtlichkeit, und an vielen kleinen Aufmerksamkeiten, an tausend scheinbar unbedeutenden Dingen konnte ich die enge Gemeinschaft ihrer Seelen erkennen. Der eine machte dasselbe Gesicht wie der andere; der eine trank nur wenn der andere auch trank; das Brotkrümel, das der eine absichtlich liegen ließ, begehrte, ergriff und verzehrte heimlich der andere, und so, ganz eingenommen von ihrer Liebe, sprachen sie mich nur der Form wegen an, und ich kam mir wie ein lästiger Dritter vor, der höchstens dazu da war, um eine reizvolle Abwechslung in ihre ständigen zarten Liebesbezeigungen zu bringen. Ich langweilte mich ordentlich, und um so mehr, als ich mich trotz meiner selbst langweilte, gegen meine bessere Absicht, ungeachtet der Ratschläge, die ich mir innerlich selbst erteilte. Suche doch, sagte ich zu mir, suche doch diesem holden Schauspiel Geschmack abzugewinnen, ziehe eine Lehre daraus für dich selbst, lerne es, dieses ebenso glückliche wie liebenswürdige Paar zu beneiden, ja, beneide sie um ihr Glück, das du, wenn du nur willst, dir selbst bald verschaffen kannst. – Bitte, antwortete ich dieser wackeren Stimme, lerne zu schweigen. Du ähnelst meinem Paten. Mein Pate ist es, der dich so reden heißt. Laß mich dieses einfache Kotelett in Frieden essen; das ist für den Augenblick mein einziger Genuß, mein alleiniges Begehren. Soviel ist sicher, einer der Umstände, die dem guten Einfluß unserer innerlichen Selbstvorwürfe am meisten schaden, ist der Klang der Stimme, ist die Gestalt, die wir ihnen im Geiste geben. Während sehr langer Zeit habe ich die innere Stimme meines Gewissens nicht von der Stimme meines Hauslehrers unterscheiden können. So glaubte ich, wenn mein Gewissen zu mir sprach, es in schwarzem Gewande, mit schulmeisterlicher Miene, eine Brille auf der Nase, vor mir zu sehen. Die Folge davon war, daß, sobald mein Gewissen mich abzukanzeln begann, ich mich ihm in einem zwar sehr achtungsvollen, zugleich aber denkbar unverschämten Ton widersetzte und nur aufs eifrigste bedacht war, mich seinem Einfluß zu entziehen und anders zu handeln, als es mir anriet. Ich habe daraus eine Lehre gezogen, die ich hoffentlich noch einmal praktisch verwerten kann: nämlich, meinen Kindern einen Hauslehrer zu geben, der so liebenswürdig, so nachsichtig, so voller natürlicher Herzensgüte, so frei von Pedanterie und allem gekünstelten Wesen ist, daß, wenn ihr Gewissen später die Gestalt dieses würdigen Mannes annimmt, es nur um so mehr Rechte für sich beanspruchen kann, sie zu leiten und sich ihnen vernehmlich zu machen. Ach, wie bedauerlich ist es doch, daß ich bei so weisen Plänen für die Erziehung meiner Kinder eine so unbeständige Neigung zur Heirat besitze! Ich aß also mein Kotelett. Als ich damit fertig war und keinen Hunger mehr hatte, wartete ich ungeduldig auf das Ende der Mahlzeit, das meine glücklichen Wirte immer wieder hinauszögerten, und nicht etwa nur durch Gespräche. Welcher Gleichklang in ihrem Appetit! dachte ich; aber vor allem, was für ein Appetit! Ist es denn möglich, daß man so viel essen kann, wenn man sich liebt? Das ist also das Ziel, zu dem einen die eheliche Liebe hinführt? O, wie verschieden ist sie von der leidenschaftlichen Liebe, deren Zauber in der Unruhe besteht, die von ihren Gedanken allein lebt und sich aus dem eigenen Feuer Nahrung holt! Und du solltest je daran denken, Eduard (das ist mein Rufname), du solltest je daran denken... »Sie sind so nachdenklich,« sagte da plötzlich die junge Gattin meines Freundes verbindlich zu mir. »Was fehlt Ihnen?« »Er ist traurig,« antwortete mein Freund statt meiner, »wie es alte Junggesellen sind. Übrigens, wie steht es mit deinen Liebschaften, Eduard?« »Sie haben weit geringere Fortschritte gemacht, als die eurige,« sagte ich. »Teufel auch! Das will ich hoffen!« »Ich auch.« Ich weiß nicht wie mir dies unartige Wort entschlüpfte. Mein Freund schwieg; seine Frau sprach von etwas anderem; und ich, ich schämte mich, war zornig auf mich selbst, machte stillschweigend Brotkügelchen und bedauerte bitterlich, nicht bei mir gegessen zu haben, wo ich niemanden vor den Kopf gestoßen haben würde. Sobald ich es ohne zu große Unhöflichkeit tun konnte, verabschiedete ich mich und eilte nach Hause. Dort fand ich ein gutes Feuer. Ich zog meinen Zahnstocher hervor; mir ersetzt er die Zigarre. Indem ich mich so erholte, dachte ich an meinen Freund und Familienvater; im Geiste vergegenwärtigte ich mir wieder sein Aussehen, seinen Ton, seine Art zu sprechen, und beglückwünschte mich nun beinahe wegen der schroffen Erwiderung, die mir entwischt war. Im Grunde besteht ein geheimer Groll zwischen jungen Ehemännern und alten Junggesellen; wenigstens kann es zwischen ihnen keine vollständige und innige Seelengemeinschaft geben. Die jungen Ehemänner beklagen den alten Junggesellen; aber ihr Mitleid ähnelt zum Verwechseln dem Spott. Der alte Junggeselle bewundert den jungen Ehemann; aber seine Bewunderung ist nur um Haaresbreite vom Hohn entfernt. Ich sagte mir daher, daß ich wohl getan, ihren schlechten Scherzen die Spitze abzubrechen und daß, wenn ich bei meinem Ausfall etwas derb geworden, auch dies mein Recht war, das Recht des Schwächeren, da ich doch einer gegen zwei gewesen. »Gnädiger Herr!« »Was gibt's?« »Ach, gnädiger Herr!« »Nun?« »Es läutet ›Feuer‹!« »Es wird nichts sein.« »Vier Häuser, gnädiger Herr!« »Wo denn?« »In der Vorstadt.« »Bring mir warmes Wasser zum rasieren.« »Der gnädige Herr wollen...« »Ich will mich rasieren.« »Hören der gnädige Herr das Geschrei?« »Ja.« »Soll ich dem gnädigen Herrn trotzdem warmes Wasser bringen?« »Ja doch, Dummkopf! Verlangst du etwa, daß ich mich des Feuerlärms wegen nicht rasiere...?« Es ist doch wirklich ein schönes Ding um die Versicherungsgesellschaften, dachte ich und entfernte meine Halsbinde. Da können die Leute ruhig mit verschränkten Armen zusehen, wie ihre Häuser abbrennen. Für ihre verfallenen Baracken tauschen die Spitzbuben neue Häuser ein. Ein wenig Unannehmlichkeit mag ja damit verbunden sein, das ist wahr; aber was ist das im Vergleich zu früher? Übrigens trifft es sich heut noch glücklich für die Gesellschaften, daß der Wind nicht stärker weht... »Nun, bringst du mir warmes Wasser?« »Hier ist es!« »Ich glaube gar, du zitterst.« »Ach, gnädiger Herr!... sechs Häuser!... alle in Flammen ... Man fürchtet schon für das neue Viertel ... und meine Mutter wohnt ziemlich nahe bei dem Feuer!« »Weißt du denn nicht, daß, abgesehen von den freiwilligen Gaben, die stets reichlich fließen, diese Häuser sämtlich versichert sind?« »Ja, gnädiger Herr, aber meine Mutter besitzt nur ihr Mobiliar. Wenn der gnädige Herr...« »Du willst hingehen? Aber ich werde dich hier brauchen. Na, meinetwegen. Lauf, komm bald wieder, um mir zu berichten, wie es steht, und auf dem Rückwege kaufe mir Eau de Cologne .« Nun begann ich, mich zu rasieren und zwar mit besonderem Interesse, weil ich eine neue, vervollkommnete Seife versuchte. Der Schaum erschien mir ebenso reichlich und kräftig, wie der Geruch zart und lieblich; nur kam ich nicht recht vorwärts, da das Wasser nicht warm genug war, und verfluchte die Feuersbrunst, die schuld daran hatte. Währenddessen läuteten alle Glocken der Stadt zusammen. Unheimliche Rufe ertönten aus den benachbarten Straßen, Trupps von Männern kamen und bemächtigten sich der städtischen Feuereimer, die mir gegenüber in einem Schuppen aufbewahrt werden. Bei diesem Geräusch ging ich ans Fenster, erfüllt von einer köstlichen geheimen Erregung, die uns tumultuarische Auftritte so oft verursachen. Es war dunkel draußen, so daß ich die Männer nicht sah; aber am Himmel bemerkte ich einen rötlichen Schein, gegen den sich die Dächer und Schornsteine der Häuser in undurchdringlichem Schwarz abzeichneten. Einige Reflexe reichten bis zu dem dicken Turm der Kathedrale, von deren Spitze die Glocken ihre Klangwellen entsandten, bald mit mächtigem Brausen, bald mit entferntem Murmeln, je nachdem der Schlegel von einer oder von der entgegengesetzten Seite das Erz traf. Wie herrlich! sagte ich zu mir selbst und trat wieder vor den Spiegel, um mich fertig zu rasieren. Es war das ein sehr langsames und sehr peinliches Geschäft, da eine kleine, erst halb vernarbte Schnittwunde am Rande des Kinns die größte Behutsamkeit erforderte. Zudem eilte ich immer wieder ans Fenster, um die Größe des roten Lichtscheins zu beobachten, der ständig zunahm. Schon hoben sich Garben glühender Asche hoch in die Lüfte, um darauf anmutig mit all dem Glanz eines Riesenfeuerwerks zur Erde zu sinken. In der Tat, dachte ich, das muß ein schöner Anblick sein. Ich habe nicht übel Lust, dort vorbeizugehen, bevor ich mich ins Kasino begebe. Ich beendete deshalb eilig meinen Anzug, hing meinen Mantel um, zog weiße Handschuhe an und lenkte meine Schritte nach der Vorstadt. In den Straßen zeigte sich niemand, die Läden waren geschlossen; ich begegnete nur zwei oder drei Fuhrwerken, die einige meiner Bekannten in das Kasino brachten. Ich kam bald in der Vorstadt an. Das Unglück war schrecklich, der Eindruck erhaben. Vier oder fünf Dachstühle, die Feuer gefangen hatten, schleuderten wahre Wirbelwinde von Flammen und Rauch zum Himmel empor, und inmitten dieses unheimlichen Anblicks beleuchtete eine festliche Helle die Uferdämme, die Brücken und die Tausende von Menschen, die in dem Gewühl und Geschrei ihre Tätigkeit entwickelten. Die Einwohner der bedrohten Häuser warfen ihre Möbel aus den Fenstern heraus oder trugen ihre kostbarsten Habseligkeiten durch die Menge in ein nahe gelegenes Gotteshaus, das man zu diesem Zweck geöffnet hatte. Lange Reihen von Männern, Frauen und Kindern stellten die Verbindung mit dem Fluß her und ließen so die gefüllten Eimer zu den Spritzen gelangen, deren gleichmäßiges Geräusch die Rufe der Menge übertönte. Mitten auf der Brandstätte schlugen Männer mit ihren Beilen brennende Balken zusammen. während andere von der Höhe benachbarter Häuser den zischenden Strahl der Spritzen in die Mitte der unermeßlichen Glut richteten. »Weiß man,« fragte ich einen sehr geschäftigen Biedermann, »weiß man, wie das Feuer entstanden ist?« »Gehen Sie an die Kette,« sagte er mir. »Sehr schön, aber antworten Sie mir, weiß man...« »Ihr Diener von ganzem Herzen.« Der Mann erschien mir von einer eigenartigen Grobheit, und ich begann den schlechten Ton der unteren Klassen zu beklagen, der heute so gewöhnlich ist, daß ein wohlerzogener Mensch es kaum wagen kann, selbst in der höflichsten Weise einen Vorübergehenden anzureden. Aber schon unterbrach eine andere Stimme meine Überlegungen. »He! der Liebhaber mit den weißen Handschuhen, hier brauchen wir etwas Hilfe; man wird Ihnen Platz machen.« Lebhaft verletzt über diese unverschämt vertrauliche Anrede, ging ich auf die andere Seite der Straße. »Hierher, hierher! Posten, bringen Sie uns doch mal den hübschen Burschen her.« Entrüstet schwenkte ich nach links herüber. »Hallo, hierher der Marquis!« Aufgebracht wandte ich mich nach rechts. »Lump, wenn du nicht gleich kommst, um hier zu arbeiten, so werd' ich dir was zu saufen geben.« Aufs tiefste in meinen ehrbarsten Gefühlen verletzt, beschloß ich, diese abscheuliche Gesellschaft zu verlassen und stehenden Fußes ins Kasino zu gehen. »Hier ist kein Durchgang,« sagte da eine Schildwache und verlegte mir den Weg mit ihrem Gewehr. »Gestatten Sie, mein Herr, Sie müssen doch an meinem Anzug sehen, daß Ihre Weisung sich nicht auf mich beziehen kann. Ich will ins Kasino.« »Ins Kasino! Himmeldonnerwetter, sehen Sie denn nicht, daß es hier an Armen fehlt? Marsch an die Kette!« »Wissen Sie auch, mein Freund, daß Sie Ihre ungeschliffene Grobheit zu bereuen haben könnten? Ich will davon absehen, nach Ihrem Namen zu fragen, aber geben Sie mir jetzt augenblicklich den Weg frei.« »Ich heiße Louis Marchand und fürchte Sie nicht. Ich bin Jäger im fünften Bataillon, Hauptmann Ledru. An die Kette, Canaille, glauben Sie denn, daß die braven Leute dort im Wasser zu ihrem Vergnügen arbeiten? Sie Kasino, Sie! Tanzen gehn wollen, nicht wahr? Während die Frauen hier vor Kälte schauern.« Während dieser Erörterung stürzten die vom Feuer erfaßten Dachstühle mit schrecklichem Krachen zusammen, dem ein Augenblick allgemeinen Stillschweigens folgte. Die ganze Menge hatte die Arbeit eingestellt und blickte gespannten Auges auf dieses Schauspiel. Man vernahm deutlich das Knistern der Flammen, mit dem sich das dumpfe Rollen einer Spritze vermengte, die soeben aus einer entfernten Gemeinde herankam. Ein Mann zu Pferde sprengte herbei und rief: »Mut! Mut, meine Freunde, man wird des Feuers bald Herr sein.« Mehrere Leute umringten ihn sofort und ich hörte, wie er zu ihnen sagte: »Das Feuer breitet sich auch im ›Neuen Viertel‹ aus; eben ist der große Heuspeicher ergriffen worden. Es fehlt an Arbeitskräften. Drei Leute sind umgekommen...« Dann galoppierte er weiter und verschwand. »An die Arbeit!« rief man von allen Seiten, »an die Arbeit! Das Feuer ist im ›Neuen Viertel‹«. Ich wurde von der Menge mitgerissen und bildete bald ein Glied der unabsehbaren Kette. Zuerst hatte ich gar keine Zeit, zur Besinnung zu kommen. Die Eimer folgten einander mit ununterbrochener Schnelligkeit, und aus Mangel an Gewöhnung oder Geschick gab ich jedem einen Stoß, der das Wasser gegen mich spritzen ließ, zum Schaden meines Anzugs. Ich war darüber sehr ärgerlich, denn ich hatte noch keineswegs dem Plan entsagt, ins Kasino zu gehen. Ich wollte meine Handschuhe ausziehen, aber sie klebten so fest an meinen Händen, daß ich auf diese Verrichtung, zu der ich mehr Zeit gebraucht hätte, als man mir dazu ließ, verzichten mußte. Mein Platz war auf dem Uferweg ganz nahe an der Stelle, wo die Kette bei dem Fluß endete, an einer Treppe, die zum Wasser hinabreichte. Dort standen Männer in Blusen trotz der heftigen Kälte bis zu den Knien im Wasser und füllten beim Scheine einer Fackel ohne Unterlaß die Eimer. Und wenn die Kette auf dem steilen Abhang vom Ufer bis zu ihnen sich staute, so ergoß sich ein Teil des Wassers, das sie den über ihnen Stehenden reichten, auf ihre Schultern zurück. Um mich herum befanden sich zumeist Frauen jeden Alters, aber nicht jeden Berufs; Handlanger, Arbeiter, einige Herren vervollständigten den Rest der Kettenglieder. Obgleich wir ziemlich weit von der Brandstätte entfernt waren, trug der Wind, der nach unserer Seite stand, einen Funkenregen herbei, der den Eindruck der traurigen Szenerie noch erhöhte. Einige Augenblicke lang fühlte ich mich noch verletzt und beschimpft und dachte nur daran, in den Sälen des Kasinos die meiner Würde zugefügten Beleidigungen zu vergessen. Aber nachdem ich einmal, fast gewaltsam in den Mittelpunkt dieses für mich neuen Schauspiels versetzt war, nahmen meine Gedanken ganz allmählich eine andere Richtung; und trotz Kälte, Wasser und Widerwillen unterwarf ich mich schließlich dem Gebot der lebhaften Empfindungen, die mich mit sich fortrissen, und deren kräftiger Zauber mir bisher unbekannt gewesen war. Ein Gefühl brüderlicher Zusammengehörigkeit, der muntere Eifer der Arbeit, das Bewußtsein, nützlich zu sein, bewirkten, daß um mich eine von Herzen kommende Fröhlichkeit herrschte, die sich in harmlosen Scherzen und kleinen Zügen selbstloser Aufopferung äußerte. »Na, gute Frau, geben Sie mir Ihren Platz, gehen Sie zu den leeren Eimern.« »Lassen Sie nur, Freund, ich bin Wäscherin: die Arme im Wasser, das ist mein Gewerbe ...« »Na, die weißen Handschuhe da! So sieht der Ball nicht aus, zu dem Sie gehen wollten. Möchten Sie Ihren Platz nicht wechseln?« »Sehr freundlich, lieber Mann! Ich fange eben erst an.« »Mut, meine Freunde! Das macht die Arme geschmeidig. Potz Blitz, ihr Wäscherinnen, unsere Hemden werden ohne euch gewaschen: mein Hemd ist aufgeweicht. Ist aber gleichgültig. Vorwärts! eins, zwei, drei, links!« Ein Mann tritt auf mich zu. »Willst du trinken, du?« sagt er zu mir. »Ich will schon, mein Freund, aber erst nach denen hier, nach dieser guten Frau, die sehr viel länger arbeitet als ich.« »Nein, nein, trinkt nur, trinkt, ohne Umstände.« Und ich trinke das beste Glas Wein, das ich in meinem Leben getrunken habe. Während ich mich solchen Empfindungen überließ, fühlte ich mich gleichzeitig mehr und mehr von Hochachtung für diese Blusenmänner durchdrungen, deren Fackel mir gestattete, ihre unermüdliche und harte Arbeit zu beobachten. Bei ihnen waren nur der Eifer, die Selbstverleugnung, die einfache und doch so große Hingebung des Arbeiters, der seine unentbehrlichen Dienste selbst zu niedrigem Preise einschätzt, der Antrieb zu ihrer uneigennützigen Tätigkeit. Sie konnten nicht miteinander plaudern, nicht teilnehmen an der Fröhlichkeit, die in unseren Reihen herrschte; sie konnten die grausige Schönheit der Feuersbrunst nicht bewundern, keine Belohnung in den Blicken der Menge finden. Heute, dachte ich, im Schatten der Nacht, verrichten diese Wackeren den schwersten Teil der Arbeit; morgen, in der Helle des Tages, werden sie unerkannt in die unscheinbaren Reihen ihrer Genossen zurückkehren ... Und hohe Achtung, begeisterte Bewunderung, dankbare Verehrung ergriffen mein Herz mit Macht; ich hätte vor ihnen in die Knie sinken können: ich fühlte mich mehr geehrt, daß ich ihnen helfen durfte, als jemals durch das Lächeln der Großen, die schmeichelhafte Aufnahme bei den Mächtigen. In diesem Augenblick sah ich die Wagen, die ich an diesem Abend auf der Fahrt nach dem Kasino getroffen, vor meinem geistigen Auge; stolzeste Verachtung traf die Insassen und ich empfand mit Entzücken die Genugtuung, daß mein Egoismus mich nicht wie jene in die fade Gesellschaft von Müßiggängern getrieben hatte, sondern daß ich die Gemeinschaft mit Wäscherinnen und Arbeiterinnen vorgezogen hatte. Du siehst, lieber Leser, ich hatte die Rollen völlig vertauscht. Ich war nicht mehr der abgestumpfte, gelangweilte Mensch, den du kennst; ich war nicht mehr der »Herr«, der einer Feuersbrunst wie einem merkwürdigen Schaustück zusehen wollte; ich war nicht mehr der Müßiggänger, der von den Arbeitern beschimpft wurde; im Gegenteil, ich war infolge einer Verwandlung, die für dich, der du meine Geschichte liest, ziemlich spaßhaft sein muß, jetzt am erbittertsten gegen die Vorübergehenden, die ich von meinem Platze aus umherirren sah, ohne sich an der Arbeit zu beteiligen. »He, der Liebhaber,« rief ich ihnen zu, »hierher, hier ist Platz; treten Sie in die Reihe ein, meine Herren. Unwürdiges Pack! Sehen diese Männer seit sechs Stunden im Wasser und können mit untergeschlagenen Armen dabeistehen. Hallo, Posten, den Kolben gegen diese Nichtstuer! Gute Frau, ist es nicht eine Schmach? Aber Sie, mein Fräulein, ich beschwöre Sie, ziehen Sie sich zurück, die Kälte ist streng. Sie sind zu jung für diese Arbeit.« Das junge Geschöpf, an das ich mich wandte, stand mir gegenüber. Ich hatte sie zuerst inmitten der Unordnung und Finsternis nicht bemerkt. Aber seit der zunehmende Feuerschein gestattete, die Gesichter zu unterscheiden, hatten ihre Gesichtszüge, ihre Jugend und das zarte Weiß ihrer Hände meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen, ebenso auch das sanfte Mitgefühl, das ich in ihren Augen schimmern sah, so oft sie diese den Flammen zuwandte. Unmerklich hatten sich alle Eindrücke, die ich soeben beschrieben habe, mit dem Gefühl verschmolzen, das ich beim Anblick dieses schönen, jungen Mädchens empfand, das herbeigeeilt war, um ihre schwachen Arme in den Dienst der arbeitenden Menge zu stellen. Ein zärtliches Mitleid für sie durchdrang mich, und wiewohl diese Empfindung mich dazu trieb, ihr zu raten, daß sie sich entferne, so fühlte ich doch, wie ihre Abwesenheit mir einen süßen Rausch nehmen und den ganzen Schauplatz entzaubern würde, auf dem ich unerwartet so lebhafte Gemütsbewegungen empfunden hatte. Sie antwortete mir nur mit einigen Worten, aus denen ich entnahm, daß sie auf ihre Mutter wartete, um sich zu entfernen, und daß eine sehr natürliche Verlegenheit sie veranlaßte, lieber zu bleiben, als allein oder unter dem Schutze eines der Männer aus ihrer Umgebung nach Hause zu gehen. Indessen schien sie mehr und mehr unter der Kälte zu leiden; auch ihre Nachbarn merkten, daß ihre schwachen Kräfte für die Tätigkeit in der Kette nicht mehr ausreichten. Einer von ihnen, der mich die »weißen Handschuhe« genannt hatte, sagte zu ihr: »Arme Kleine, lassen Sie uns nur machen, gehen Sie nach Hause und wärmen Sie sich. Wollen Sie, daß ich Sie begleite? Wer nimmt meinen Platz?« »Nehmen Sie den meinigen,« rief ich, »ich werde sie nach Hause bringen.« »Mit Vergnügen, mein Herr mit den weißen Handschuhen. Gute Reise; und wir, an die Arbeit! Aufgepaßt ihr Leute! Erste Bewegung! Zweite Bewegung! Der Schurke dürfte eigentlich keinen Durst mehr haben. Bravo, Mutter Babi, für Sie das Ehrenkreuz! Wenn der Teufel birst, sind Sie es, die ihn zum Platzen gebracht hat. Nun eine Prise, und dann vorwärts!« Während Lachsalven die fröhlichen Scherze dieses wackeren Mannes begleiteten, hatte ich die eisige Hand des jungen Mädchens gefaßt und entfernte mich mit ihr von der Kette nach den dunkleren Straßen, in die der Feuerschein nicht mehr drang. Ich befand mich in einer so lieblichen Verwirrung in dem Bewußtsein, der einzige Beschützer dieses liebenswürdigen Mädchens zu sein, daß ich ganz vergaß, mich bei ihr nach ihrer Wohnung zu erkundigen, zu der ich sie doch bringen wollte. Sie ging zunächst sehr eilig vorwärts, dann mäßigte sie allmählich ihre Schritte und blieb nach einer Weile, wie benommen, stehen. Ich konnte nicht unterscheiden, ob innere Bewegung oder ein durch die Anstrengung hervorgerufenes Übelbefinden die Ursache war. Jedenfalls unterstützte ich sie mit der einen Hand, hakte mit der andern meinen Mantel los und legte ihn ihr um, hocherfreut, ihn in so angenehmer Weise verwenden zu können. Einige Augenblicke darauf sagte sie mit sichtlicher Anstrengung und einer kindlich furchtsamen Stimme, deren Klang mein Ohr bezauberte: »Mein Herr, da ich meine Mutter nicht treffe, so gestatten Sie, daß ich allein nach Hause zurückkehre.« »Diese Bitte kann ich nicht erfüllen,« erwiderte ich, »wie sehr ich auch wünsche, Ihnen nicht zu mißfallen. Sie sind leidend; ich werde Sie nicht eher verlassen, als bis Sie zu Hause sind und dort alle die Sorgfalt finden, die Sie brauchen. Bis dahin, bitte, vertrauen Sie sich mir an; Ihre Jugend flößt mir ebenso große Hochachtung wie warmes Interesse ein.« Sie antwortete nichts, und wir setzten unseren Weg fort. Ich fühlte, wie ihr Arm auf dem meinen zitterte und wie eine schamhafte Verwirrung ihre Schritte beschleunigte. Vor einem Hausflur ließ sie mich los und sagte: »Hier ist es; es bleibt mir nur übrig, Ihnen zu danken, mein Herr...« »Werden Sie Ihre Mutter oder jemand anderen antreffen?« »Meine Mutter muß gleich kommen; ich danke Ihnen, mein Herr.« »Dann erlauben Sie, daß ich mich davon überzeuge. Im Augenblick, glaube ich, ist niemand in Ihrer Wohnung, und in der Nachbarschaft bemerke ich nicht ein einziges Licht. Bitte, gehen Sie voran. Es erscheint mir angemessener, daß ich Sie selbst Ihrer Frau Mutter übergebe, als wenn sie erfährt, daß ein Unbekannter Sie zurückgebracht hat.« Während ich so sprach, war das furchtsame Kind beim Anblick eines Vorübergehenden in den Hausflur hereingetreten, wohin ich ihr folgte. An diesem dunklen Orte wagte ich es nun nicht mehr, ihr meinen Arm anzubieten oder sie durch meine Annäherung einzuschüchtern. Als ich aber bei einer Biegung der Treppe eine Stufe verfehlte, reichte sie mir unwillkürlich ihre Hand, und als ich sie ergriff, durchzuckte es mich wie ein süßer Rausch, der uns wie der Vorgeschmack der wahren Liebe erscheint, und den ich inmitten der gekünstelten Gefühle und Anschauungen der großen Welt noch nicht empfunden hatte. Als wir bis zur dritten Etage gekommen waren, öffnete das junge Mädchen eine Tür. Ich glaubte zu bemerken, daß sie einige Tränen vergoß. »Haben Sie Kummer?« fragte ich. »Nein, mein Herr ... aber ... ich weiß nicht, wie ich es anfangen soll. Sie zu bitten, mich jetzt allein zu lassen... Es scheint mir, als dürften Sie zu dieser Stunde hier nicht eintreten.« »Ich werde auch nicht eintreten,« antwortete ich, »wenn es Ihnen so sehr peinlich ist; aber ich werde hier warten, bis Ihre Mutter zurück ist. Treten Sie ein, machen Sie Licht, ruhen Sie sich aus und gönnen Sie mir, wenn ich auf der Schwelle bleibe, das beglückende Bewußtsein, Sie zu bewachen, bis ein anderer mich ablöst.« Sie legte meinen Mantel neben mir nieder, trat ein, und bald darauf erhellte ein Licht einen bescheidenen Raum, eine reinliche, gut aufgeräumte Küche, in der einige elegante Möbel von den Küchengeräten abstachen, die auf den Simsen glänzten. In diesem Augenblick konnte ich die Züge des jungen Mädchens nicht erkennen; aber ihr Schatten, der sich von den Vorhängen abhob, die im Hintergrunde des Zimmers einen Alkoven verbargen, ließ mich eine allerliebste Gestalt und die Anmut einer edlen, durch die Jugend noch verschönten Haltung erraten. Aus der Bewegung des Schattens hinter dem Vorhang entnahm ich, daß sie damit beschäftigt war, ihr Haar in Ordnung zu bringen. Locken fielen auf einen Hals, dessen zierliche Schönheit mir schon beim Schein des Feuers aufgefallen war. Wie unvollständig dieser Anblick auch war, mir erschien er bezaubernd, und von Sekunde zu Sekunde überließ sich mein Herz mit wachsender Hingebung der Süßigkeit eines Gefühls, das mich mit Entzücken erfüllte. Inzwischen verrannen die Minuten in vollständigem Stillschweigen. Der Schatten allein verriet mir etwas von derjenigen, deren Anblick meinen ungeduldigen Augen versagt blieb. Ich sah, daß sie sich hingesetzt hatte und den Kopf auf die Hand stützte. Aber ein Zittern, das ich zuerst der zuckenden Flamme des Lichts zuschrieb, erweckte beunruhigende Vorstellungen in mir. Angstvoll betrachtete ich ihre Gestalt. Es schien mir, als neige sie sich vornüber und richte sich nur mit Anstrengung wieder empor, auch glaubte ich einige unterdrückte Seufzer zu hören. Schließlich konnte ich meine Angst nicht mehr bemeistern, ich trat schnell ein und sah, wie das junge Mädchen, blaß, mit erloschenen Augen der Ermüdung, dem Übelbefinden und der Verwirrung zu erliegen drohte. In einem Nu hatte ich sie in meine Arme genommen und trug sie auf das Bett, das durch die Vorhänge des Alkovens verdeckt wurde. Ich breitete eilig meinen Mantel über sie und suchte unter den in der Küche befindlichen Gegenständen etwas Essig, mit dem ich ihre Stirn und Schläfen sanft befeuchtete. Der Zustand des jungen Mädchens beunruhigte mich, und meine eigene Lage brachte mich in Verlegenheit: nicht, daß sie mir nicht reizvoller erschienen wäre als irgendein früheres Erlebnis, sondern weil sie dazu angetan war, gerade diejenige bloßzustellen und zu betrüben, die mir schon so teuer geworden war. Als meine fürsorglichen Bemühungen ihr einige Erleichterung verschafften, machte sie mit ihrer hübschen Hand Zeichen, die mir die rührende Angst ihrer mädchenhaften Scham verrieten. Darauf entfernte ich mich von dem Bett und sehnte mit allen meinen Gedanken die Rückkehr der Mutter herbei, die allein den angstvollen Beklemmungen der jungen Kranken wirksam hätte steuern können. Mehrmals glaubte ich auf der Schwelle des Hauses ein Geräusch zu hören, das ihr Kommen ankündigte, aber meine Erwartung wurde jedesmal getäuscht und ich fiel bald in meine Bestürzung zurück. Nach einigen Augenblicken des Stillschweigens zog ich leise den Vorhang beiseite und sah, daß das junge Mädchen friedlich eingeschlafen war. Getrieben von einem Bedenken, das ich begriff, hatte sie meinen Mantel entfernt und sich in die Bettdecke eingehüllt. Ich konnte dem Wunsch nicht widerstehen, ihre Züge zu betrachten; ich holte daher das Licht, und nun konnten meine Angen sich an dem Anblick ihrer Schönheit weiden, die durch einen Ausdruck lässiger Anmut und den sanften Schimmer rührender Blässe noch erhöht wurde. Einige lose Haare verdeckten zur Hälfte ihre jungfräuliche Stirn, während ihr zarter Hals auf den in Unordnung geratenen Flechten ihres langen Haares ruhte. Noch nie hatten so holde Reize in einer so berückenden Lage mein Auge berauscht oder je mein Herz in die Trunkenheit leidenschaftlichsten Entzückens versetzt. Gleichwohl hätte ich mir eher einen Dolch in den Busen gebohrt, als es gewagt, dieses unberührte rosige Antlitz durch einen Kuß zu beschimpfen. Nur niedergebeugt hatte ich mich, um ihren Atem in mich aufzunehmen, dessen sanfter Hauch genügte, mein Herz mit Balsam, meine Einbildungskraft mit dem Duft reinster Liebe zu durchdringen ... »Das ist schändlich! Was machen Sie da? Wer sind Sie?« Ich drehte mich um, rot und zitternd, wie im Schuldbewußtsein. »Gnädige Frau,« stotterte ich, »ich tue nichts Böses... Sie werden es selbst aus dem Munde Ihres Kindes hören, sobald der Schlaf, der ihrer Unpäßlichkeit folgte, sie erquickt hat.« »Welche Unpäßlichkeit?« fragte sie, indem sie ihre Stimme dämpfte. »Was haben Sie hier zu tun? Ich bin nicht ihre Mutter...« »Wenn Sie nicht ihre Mutter sind, mit welchem Recht schelten Sie, daß ich meine Sorge einem Kinde zuwende, das der Zufall meiner Hut anvertraut hat...?« »Ihrer Hut! Schön behütet meiner Treu!!! Unwürdiger, der Sie sind ...! Führt man sich so in ein anständiges Haus ein...? Gehen Sie hinaus...!« »Liebe Frau, es scheint mir, daß Sie sich von einem sehr häßlichen Verdacht hinreißen lassen, und statt mich zurückzuziehen, wie es meine Absicht war, sobald ich dieses kostbare Gut sicheren Händen überliefert habe, sollten Ihre Äußerungen und Ihre Blicke mich eigentlich veranlassen, noch hier zu bleiben...« »Es ist unsere Nachbarin, mein Herr,« sagte da das junge Mädchen mit zitternder Stimme, »sie weiß nicht, wie gut Sie zu mir waren. Bitte, lassen Sie sie bei mir und empfangen Sie nochmals den Dank, den ich Ihnen schulde...« »Ich werde es tun, da Sie mich darum bitten. Aber kann ich Ihnen noch dienlich sein, indem ich Ihre Frau Mutter suche und ihr Nachricht von Ihnen bringe?« »Man wird sie auch ohne Sie finden,« versetzte die Nachbarin, »machen Sie nur, daß Sie fortkommen.« Ohne dieser Frau zu antworten, nahm ich Abschied von dem liebenswürdigen Kinde; ich wünschte ihr, sie möge recht schnell wiederhergestellt sein und drückte ihr meine Absicht aus, mich persönlich bei ihrer Mutter danach erkundigen zu wollen. Dann ging ich und dachte nicht an meinen Mantel, der am Fußende des Bettes liegen geblieben war. Ich war empört über diese Nachbarin und es kränkte mich besonders, daß ich gerade in dem einen Augenblick überrascht worden war, wo eine recht begreifliche Neugierde mich dazu getrieben hatte, mich dem Bett zu nähern. An dem Bedauern, mit dem ich mich von dieser Stätte entfernte, merkte ich, daß ich mein Herz dort gelassen hatte. Je weiter ich schritt, desto mehr erschien mir diese doch so nahe Vergangenheit wie ein entfernter Traum, den ich festzuhalten suchte; und indem ich ihn der Herrschaft neuer Eindrücke streitig machte, verirrte ich mich in den Straßen, ohne an meine Wohnung, die Feuersbrunst oder die vorgerückte Stunde zu denken. Nur der Anblick eines Vorübergehenden verursachte mir Herzklopfen. In jeder Gestalt glaubte ich die Mutter meines Schützlings zu erkennen, und ich umgab dieses unbekannte Wesen, das meiner Freundin das Leben gegeben hatte, bereits mit Achtung und Liebe. Meiner Freundin! So nannte ich sie schon in meinem Herzen, diesem heimlichen Heiligtum, wo keine Fessel die Zärtlichkeit der Sprache einengt, wo die Liebe allein die Worte vorschreibt und jedem einzelnen seine Anmut, seinen Zauber, seinen Reiz leiht. Nachdem ich lange umhergeirrt war, befand ich mich in der Nähe der Vorstadt. Dort erst dachte ich wieder an die Feuersbrunst, und die Ereignisse des Abends traten mir im Geiste wieder vor Augen, aber nur als verwischte Eindrücke, in deren Mittelpunkt ich immer wieder das Bild des jungen Mädchens sah, mit ihren weißen Händen auf den Eimern, die schönen Augen nachdenklich auf den Glanz des Feuers gerichtet. Ich nahm meine Erinnerungen wieder vor, eine nach der andern: ich begleitete das junge Mädchen von neuem, ich hing ihr meinen Mantel um, ich ergriff in der Dunkelheit ihre Hand; aber vor allem fühlte ich mit einem Schauer den Druck ihres jungen Körpers auf meinem Arm, und dachte mit Entzücken an den Augenblick, wo ich die süße Last, in der einsamen Wohnung auf ihr Lager gebettet hatte. Während mich diese Gedanken entzückten, ging ich fast ohne Neugierde an den Stätten vorbei, die unlängst die Flamme verheert hatte. Endlich hauchte das durch die Anstrengungen der Menge gebändigte Feuer in einem Wirbelwind von schwarzem Rauch seine letzte Wut aus. Verkohlte Balken, Haufen von Trümmern und Schutt lagen durcheinander auf dem weiten Raum, auf dem noch vor wenigen Stunden Häuser standen, in denen friedliche Familien wohnten, die jetzt verzweifelt umherirrten. Einige Posten standen noch als Wache da, und eine Spritze sandte ihren einsamen Strahl auf die Stellen, wo eisige Windstöße das verlöschende Feuer wieder anfachten. Ich verließ diesen Schauplatz der Trostlosigkeit, verlor mich in der Stille und im Dunkel der Straßen und war einige Augenblicke später in meiner Wohnung. 3. Es war zwei Uhr nachts, als ich in mein Wohnung zurückkehrte. Noch ganz erfüllt von den Eindrücken des Abends und dem Bild meines jungen Schützlings, war ich Beute einer Erregung, die mir jede Neigung zum Schlaf raubte. So fachte ich das Feuer im Kamin, wo die Scheite noch glimmten, wieder an und begann zu träumen. Diesmal freiwillig, aus Neigung, von einem Gegenstande, der mir das Herz bewegte, während ich gewöhnlich gewaltsam träumte, aus Müßiggängerei von einem Nichts. Aber es ist eigentümlich, wie die kleinsten Gegenstände, die uns umgeben, bei der Richtung, die unsere Gedanken nehmen, eine Rolle spielen können. Während ich so träumte, lagen die Gegenstände meines Toilettentisches vor mir, die ich auf dem Kamin ausgebreitet zurückgelassen hatte, und darunter auch die vervollkommnete Rasierseife, die noch immer ihren zarten Rosenduft ausströmte. Dieser unvermutete Duft trug auf seinen Schwingen etwas wie eine aristokratische Stimmung in meine Seele und ließ mich meine Gedanken allmählich zurück verfolgen bis zu dem Augenblick, wo ich mich an der gleichen Stelle anschickte, in die Säle des Kasinos zu gehen, unter die Augen herrlich geschmückter Frauen, in die Gesellschaft der feinen und modernen Welt. Schnell verjagte ich diese Vorstellungen von Luxus und weltlicher Größe, um in die ärmliche Wohnung meiner jungen Freundin zurückzukehren. Aber ich gestehe es, ich trat dort schon nicht mehr mit der gleichen Verzauberung ein wie zuerst. Die Einfachheit der Möbel erschien mir nüchtern, der Anblick der Küchengeräte verletzte mich, und der gewöhnliche Ton der Nachbarin klang mir in der unerfreulichsten Weise im Ohr. Um dem unglücklichen Eindruck, den dies alles auf meine Liebesträumereien machte, zu begegnen, mußte ich meine Einbildungskraft ständig mit dem jungen Mädchen beschäftigen, deren Haltung, deren Gesichtszüge und Stimme, ja deren bescheidene Kleidung mir einen edeln und anmutigen Eindruck gemacht hatten. Indem ich mich so stets nur mit demselben Gegenstand beschäftigte, gelang es mir, meine Liebe unentweiht in den Schlummer mit hinüberzunehmen. Ich wurde bald durch die Rückkehr meines Dieners gestört und benutzte einen Augenblick halben Erwachens, um mich auszuziehen und ins Bett zu legen. Man wird es mir glauben, daß ich tüchtig müde war, und ich schlief in einem Zuge bis zwei Uhr nachmittags. In dem Augenblick, als ich die Augen öffnete, traf mich das Tageslicht in höchst unangenehmer Weise, da es so sehr von dem nächtlichen Bilde abstach, mit dem sich meine Einbildungskraft am Tage vorher beschäftigte, ehe ich entschlummert war. So begann ich die Vorgänge der Nacht zu bedauern und vor allem die Feuersbrunst, die ich wahrscheinlich weder heute noch an einem der folgenden Abende sich erneuern sehn würde. Ich empfand darüber eine große innere Leere und Verzagtheit. Aber ich hatte doch wenigstens für den heutigen Tag einen reizvollen Gang in Aussicht: ich durfte zu meiner jungen Freundin zurückkehren. Das war schon viel und zwang mich, Freude darüber zu empfinden. Immerhin glaubte ich wahrzunehmen, daß zehn Stunden tiefen Schlafs und vor allem die Wiederkehr des Tageslichts ihr liebliches Bild etwas verwischt, und ihren Reizen etwas von ihrem Schimmer genommen hatten. Ich fürchtete ordentlich, sie völlig wiederhergestellt zu sehen, kühner unter dem Schutz der Mutter, vielleicht gar mit einer Hausarbeit beschäftigt. Ich erwog, daß eine Fülle zufälliger Umstände, die sich nicht gut noch einmal zusammenfinden konnten, dazu beigetragen hatten, ihr in meinen Augen vorübergehend einen Zauber zu verleihen, für den ich mich so begeistert hatte, als ob er von Dauer sein könnte. Als ich mich schließlich an gewisse romantische Ideen erinnerte, die auf eine Heirat hinzielten, und die mir wenige Stunden vorher ganz natürlich erschienen waren, konnte ich mich nicht hindern, sie jetzt geradezu exzentrisch zu finden, sehr zum Schaden meiner keimenden Leidenschaft, die dadurch die Aussicht auf eine glückliche Entwicklung einbüßte. So wurde ich allmählich wieder der Mann von gestern. Die Flamme, die vorübergehend mein Herz entzündet hatte, verglomm mehr und mehr, und schon erstand neben ihr, bleicher noch als zuvor, von neuem die Langeweile. Gleichwohl konnte ich nicht wieder völlig derselbe werden. Jede innere Bewegung, die wir empfinden, läßt im Herzen eine Leere zurück und kann nicht von neuem erstehen. Bei einem zweiten ähnlichen Abenteuer hätte ich nicht die gleiche Reinheit der Empfindungen, nicht den lebhaften Zauber des Neuen, Ungeahnten finden können. Und das Bewußtsein, ohne Ergebnis einige dieser kostbaren Schätze verschwendet zu haben, war mir zu wenig fremd, als daß ich nicht etwas Hefe auf dem Grunde des Tranks gefunden hätte, an dem ich mich eben berauscht hatte. In diesem Zustande befand ich mich nach ein oder zwei Stunden Muße und Langeweile. Alles war mir wieder gleichgültig geworden: ich hatte meinen Polypen vergessen; selbst meine Lebensgewohnheiten, die sonst dazu dienten, mich die Leere meiner Tage doppelt empfinden zu lassen, hatten ihre Herrschaft über mich verloren; unbeweglich saß ich an meinem Kaminfeuer: ohne den Wunsch, dazubleiben, aber auch ohne die Neigung fortzugehen. Eine in der Ecke des Spiegels befestigte Karte sagte mir, daß ich den Abend bei Frau von Luze zubringen sollte; ich betrachtete sie mit Geringschätzung, mit Ekel; ich lehnte mich gegen dieses unerwünschte Entgegenkommen auf; schließlich glaubte ich Frau von Luze selbst zu sehen, wie sie mich im Interesse ihrer jungen Cousine (das ist die Gattin, die mir mein Pate bestimmt hatte) auf das schmeichelhafteste empfing; ich überraschte mich bei dem Gedanken, ihr den Gruß zu verweigern, ihr den Rücken zuzukehren, und mich gleichzeitig an dem völlig erstarrten Antlitz meines Paten zu weiden. Nein, sagte ich zu ihnen allen, nein. Gestern konnte ich an eurer Zuvorkommenheit noch einiges Vergnügen finden, heute nicht mehr. Ein Kind, ein armes, einfaches Kind von niederer Herkunft würde den Vorrang vor euch allen haben, wenn ich überhaupt die Kraft in mir fühlte, zu lieben, wenn ich nur den leisesten Wunsch in mir empfände, diesen Platz zu verlassen, von dem aus ich euch angähne bei eurem Entgegenkommen, und mich langweile bei eurer liebenswürdigen Aufnahme. Und um es ihnen noch besser zu zeigen, warf ich die Karte ins Feuer. »Jakob!« »Haben der gnädige Herr gerufen?« »Zünde die Lampe an und erinnere dich, daß ich niemanden empfangen will.« »Ja, aber der Herr Pate haben sagen lassen, daß Sie den gnädigen Herrn zu Frau von Luze abholen würden.« »Schön, zünde die Lampe nicht an, denn ich werde ausgehen.« »Also, was soll ich nun tun...?« »Nichts.« »Und wenn er kommt...?« »Schweig.« »Und wenn...« »Jakob, du bist der unerträglichste Diener, den ich kenne.« »Es ist nicht erfreulich, was der gnädige Herr da sagen.« »Ich glaube gar, du bist damit nicht einverstanden?« »Doch, gnädiger Herr, aber...« »Widersprich nicht! Troll dich! Laß mich! Verschwinde!« Alsbald begann ich meine Stiefel anzuziehen, um auszugehen und meinem Paten zu entwischen, dessen Überlästigkeit mich in die schlechteste Laune versetzte. Nein, sagte ich mir, solange dieser Mann dich glücklich machen will, wirst du keinen glücklichen Augenblick haben. Welch harte Sklaverei! Wie schwer doch eine Erbschaft zu erringen ist! Nun würde man einmal ruhig zu Hause bleiben wollen, nein, da muß man sich selbst aus dem Hause jagen. In diesem Augenblick riß mir eine Stiefelstrippe ab; natürlich setzte ich auch das auf Rechnung meines Paten, den ich zu allen Teufeln der Hölle wünschte... »Gnädiger Herr?« »Näh diese Strippe an. Schnell.« »Nämlich ... der Herr Pate ist da.« »Dummkopf! Dacht' ich's mir doch, daß du ihn mir hinterrücks hereinlassen würdest. Aber ich bin nicht zu Hause. Verstehst du mich?« Jakob ging erschreckt hinaus und wagte es nicht, den Stiefel aus meinen Händen zu nehmen, den ich zornbebend und mit wütenden Blicken schwenkte. Kaum war Jakob verschwunden, da trat mein Pate ein, strahlend und in so großartiger Laune, daß sie einen zur Verzweiflung bringen konnte. »Vorwärts, vorwärts, Eduard! Was, du bist noch nicht fertig? Eil dich, ich wärme mir unterdessen die Füße.« Es ist stets ein unerfreuliches Ding um die sogenannte freundschaftliche Vertraulichkeit, die sich bei uns einnistet, sich breit macht, sich im Lehnstuhl ausstreckt und nur die Rechte der Freundschaft auszuüben glaubt, wenn sie uns aus dem stillen Winkel unserer Wohnung und der Freiheit unserer Häuslichkeit vertreibt. Diese Art und Weise war bei meinem Paten ganz besonders ausgebildet und kühlte schon für gewöhnlich meine Freude bei seinem Eintritt ab; diesmal verletzte sie mich aufs äußerste; ich knirschte gewissermaßen in den Zügeln und fühlte mich sehr versucht, ihm freimütig und schroff zu antworten. Da ich mich nun aber einmal daran gewöhnt hatte, mich im Hinblick auf seine Erbschaft zusammenzunehmen, so zog ich es vor, eine letzte Anstrengung zu machen und zu lavieren. »Ich glaube,« sagte ich sehr liebenswürdig, »ich glaube, lieber Pate, daß ich Sie allein gehen lassen werde, wenn Sie es mir erlauben...« »Ich erlaube dir nichts. Heut abend wenigstens nicht. Heute abend wird die Sache gemacht. Du brauchst dich bloß gut anzuziehen, freundlich und ein wenig liebenswürdig zu sein, und alles ist erledigt. Aber mach ein bißchen schnell; ich habe versprochen, daß wir früh kommen würden.« Es verletzte mich tief, daß er so über mich verfügt hatte, ja, daß er sich herausnahm, mir zuzumuten, liebenswürdig zu sein in einem Augenblick, wo ich dazu so gar keine Lust hatte; ich wagte es deshalb, meine Ablehnung in eine bestimmtere Form zu kleiden. »Ich glaube, mein lieber Pate, ich habe keine Lust, Sie zu begleiten.« Mein Pate drehte sich um und guckte mir ins Gesicht. Alle seine Ansichten über die Gefügigkeit eines Erben gerieten bei dieser Äußerung des Widerstandes arg ins Wanken, und in dieser unerwarteten Lage wußte er kaum etwas zu sagen. Nachdem er mich angeblickt hatte, sagte er kurz: »Laß sehn, erkläre dich.« »Lieber Pate, ich habe nämlich nachgedacht.« »Ach, ist es nur das? Nun wohl, folge meinem Rat, denke nicht mehr nach, oder du wirst nie heiraten. Nur weil ich nachgedacht habe, bin ich noch heute und für den Rest meiner Tage Junggeselle. Wenn du es ebenso machst, gehen mein Vermögen und deines auf dritte Personen über, und unser Name stirbt aus. Überlege nichts mehr; es ist außerdem unnütz. Wo die Verhältnisse so zueinander passen: Rang, Reichtum, schöne und liebenswürdige Person, ist Überlegung Unsinn. Du mußt handeln und zu Ende kommen. Zieh dich an und komm...« »Unmöglich, mein lieber Pate. Ich will meinetwegen nicht mehr nachdenken. Aber, um zu heiraten, müßte ich doch wenigstens den Wunsch dazu verspüren ...« »Teufel auch, bist du etwa entschlossen, nicht zu heiraten? Dann bitte, sag es; nun, sprich doch...!« Bei diesen Worten hatte mein Pate einen bezeichnenden Ton angeschlagen, der mir die Aufforderung zu enthalten schien, mich über Annahme oder Ablehnung der Erbschaft zu erklären. Dieser schrecklichen Wahl wünschte ich gerade auszuweichen, ohne recht zu wissen, wie ich es anfangen sollte. Glücklicherweise kamen mir da meine romantischen Gedanken vom Abend vorher wieder in den Sinn. Die ließ ich mir jetzt als Vorwand dienen: »Und wenn,« sagte ich mit einem halben Lächeln, »wenn mein Herz bereits nach einer andern Seite eine Entscheidung getroffen hätte ...?« »Vorwand!« erwiderte er. »Sag lieber frei heraus: ›Ich will nicht heiraten‹, dann weiß ich, wonach ich mich zu richten habe.« »Und wenn Sie sich nun täuschten, lieber Pate, und wenn ich wirklich verliebt wäre; würden Sie mir auch dann raten, Ihr Fräulein zu heiraten, wenn ich mein Herz einer anderen geschenkt hätte?« »Das kommt darauf an. Wen liebst du?« »Ich liebe eine junge reizende Person.« »Ist sie reich?« »Es hat nicht den Anschein.« »Ihr Name?« »Den kenne ich nicht.« »Das ist aber stark! Zum Teufel, was bedeutet denn das?« »Das bedeutet, daß wenn dieses junge Mädchen auch arm und von niederer Herkunft sein mag, sie mir doch teuer genug ist, um mich, wenn ich gegenwärtig überhaupt ans Heiraten dächte, was durchaus nicht der Fall ist, zu ihr mehr als zu irgendeiner anderen hingezogen zu fühlen.« »Ha, ha, arm, niederer Herkunft und schön! Das ist ja, wie ich sehe, eine Verplemperung nach allen Regeln der Kunst.« »Verplemperung, wahrhaftig nicht, mein Pate, ich versichere es Ihnen.« »Treiben wir keinen Scherz, bitte! –« »Glauben Sie mir, daß auch ich nicht dazu aufgelegt bin.« »Geh doch! In deiner Stellung, reich, aus guter Familie an ein Wesen ohne Namen und ohne Vermögen zu denken ...! Mit derartigen Mädchen kann man wohl ein Verhältnis haben, aber man heiratet sie nicht.« Dieser Vorschlag meines Paten, der mir das junge Mädchen, dessen schüchterne Schamhaftigkeit mich ganz besonders gerührt hatte, zu beschimpfen schien, brachte mich außer mir. Wie er in meinem Herzen von neuem die lebhaften Gefühle weckte, die es tags vorher hatten höher schlagen lassen, so erfüllte er mich gleichzeitig mit Verachtung für einen Greis, der Worte des Lobes und der Achtung nur für Reichtum und Rang zu finden wußte, den heiligen Zauber der Unschuld aber ganz zu verkennen und mich geradezu aufzufordern schien, ihn ohne Gewissensbisse zu entweihen. »Mein Pate,« sagte ich feurig, »Sie beschimpfen ein liebenswürdiges und tugendhaftes junges Mädchen, ein Kind, reiner, als Sie es ahnen können, weit achtungswürdiger als diejenige, welche Sie mir zu erwählen raten; tausendmal lieber würde ich sie heiraten, als daß ich diese Blume zu brechen vermöchte...!« »Schön, dann brich sie nicht, aber heirate die andere.« »Warum, wenn ich keine Liebe für sie empfinde, wenn meine Neigung mich anderswohin treibt? Sie spielten eben auf meinen Rang an; nun ich langweile mich dabei; auf meinen Reichtum ... er sollte, meine ich, dazu dienen, mich die Auswahl einer Gattin freier treffen zu lassen, als einen anderen. Wie! Wenn ich in dieser Person ohne Vermögen und ohne Namen, in diesem gering geachteten Mädchen, wenn ich in diesem Geschöpf die Schönheit, die Tugend und tausend andere Eigenschaften gefunden hätte, die sie meiner Achtung und meiner Liebe wert machen ..., wer sollte mich hindern, einer ehrbaren Neigung zu folgen! Wer dürfte mich tadeln, wenn ich den Wunsch empfände, meinen Reichtum mit ihrer Dürftigkeit zu teilen, ihrer Schwäche durch meine Kraft Halt zu geben, ihr einen Namen zu verschaffen, wenn sie keinen hat, und in diesen edlen, großmütigen Beweggründen ein echteres, reineres, verdienteres Glück zu finden, als das ist, welches ich bei der Übereinstimmung einiger eitler und gekünstelter Verhältnisse erwarten darf. Ach, mein Pate, ich wünschte, ich hätte die Kraft dazu; ich wünschte, ich wäre nicht bereits so entnervt, so verdorben durch die Anschauungen der Welt, in der ich lebe, so festgekettet durch tausend Bande, die mich hindern und fesseln, ohne mir das Glück zu geben, dann würde ich es schließlich zu finden wissen bei dieser bescheidenen Gefährtin, die Sie zum Gegenstande Ihrer Verachtung, Ihrer Beschimpfung machen!« »Du predigst großartig, aber wie ein Dummkopf. Von solchen Gedanken ist man heute zurückgekommen. Das ist gut für Romane. Im Leben, da nennt man's eine Albernheit. Solltest du jemals eine derartige Dummheit begehen, so erinnere dich daran, daß du zwar dein, aber nicht mein Vermögen mit ihr teilen wirst. Darum habe ich das meinige nicht behütet, vermehrt, Zinsen tragen lassen, um es in die Hände einer leichten Person fallen zu lassen, um es ausgerechnet dazu zu verwenden, eine Familie verfallen zu lassen, es zu verschwenden, um Leute aus dem Keller zu unterhalten, die du uns zu Verwandten geben willst.« Diese Worte waren nicht gerade geeignet, mich von meinen Anschauungen zurückzubringen. Auch faßte ich alsbald meinen Entschluß: »Für den Augenblick, mein Pate, denke ich noch nicht daran, zu heiraten; aber ich rechne darauf, diesen Schritt ungehindert tun zu können, wann und wie es mir beliebt, sei es selbst mit einer jungen Dame, die Sie verachten, ohne sie zu kennen. Es ist nur recht, daß ich mich in diesem Falle jeden Anspruchs auf Ihre Erbschaft entschlage. Nehmen Sie sie zurück und geben Sie mir das Recht wieder, frei über mich selbst zu verfügen. Und möchte doch das alles ohne Groll auf beiden Seiten geschehen. Was Sie betrifft, glauben Sie es mir, ich schwöre es Ihnen, Sie werden mir nur um so teurer sein, wenn ich in Ihnen nicht mehr den eigennützigen Herrn meines Geschicks zu erblicken brauche, wenn ich mich nicht mehr damit abquälen muß, mich demutsvoll vor Ihren Anschauungen, die nicht die meinigen sind, zu beugen: mit einem Wort, wenn ich nur noch Ihr Neffe sein darf, der Sie liebt, und nicht mehr Ihr Erbe, der Sie fürchtet und auf Widerstand gegen Sie sinnt.« Während ich so sprach, schwankte der Ausdruck im Antlitz meines Onkels zwischen zornigen und bitteren Empfindungen. Seine Pläne umgestoßen, sein Wille mißachtet, seine Wohltaten zurückgewiesen; alles trug dazu bei, ihn in einen Zustand von Aufgebrachtheit und Verwirrung zu versetzen, der ihn bald blaß, bald rot werden ließ: »Ah, ah, dahin wolltest du also kommen,« brach er endlich los. »Meine Güte ermüdete dich? Mein Joch war dir zu schwer? In aller Freundschaft wolltest du meine Ratschläge, meine Sorgfalt, meine Wohltaten los werden? Das genügt, ich verstehe! Aber, mein Herr, verzichten Sie künftig auf meine Freundschaft wie auf mein Vermögen. Weder die eine, noch das andere gehören Ihnen mehr und sollen Ihnen auch nicht mehr unbequem werden. Ich grüße Sie.« Er ging. Ich begleitete ihn einige Schritte und kehrte dann in mein Zimmer zurück. 4. Schläfst du, lieber Leser? Was hältst du von meinem Benehmen? Gibst du meinem Paten oder mir recht? Warte, ich werde es dir sagen. ... Das heißt, ich könnte es dir sagen, wenn du mir deinen Stand, dein Alter nennen wolltest, ob du Frau oder Mann bist, Junggeselle oder Mädchen. Aber es würde mir schließlich genügen, zu wissen, daß du jung bist, um mir einzubilden, daß du auf meiner Seite stehst; nicht weil ich sie für die der Klugheit oder gar der Weisheit halte, nein; wohl aber, ich gestehe es, für die der unklugen Anständigkeit, der unbedachten Großmut, die Seite also, auf die man nicht mehr tritt, wenn mit den Jahren die kühle Berechnung in unsern Geist einzieht, und der Schwung unserer Seele nachläßt. Junger Freund oder Freundin, wenn ich mich täusche, so laßt mir meinen Irrtum, er ist mir teuer; wenn ich recht geraten, so möchte ich euch den euern nicht rauben. Früh genug werdet ihr klug werden, früh genug werdet ihr die Weisheit lernen; früh genug werden eure Leidenschaften sich abkühlen. werden aufhören, eure ehrenhaften Empfindungen mit ihrem Feuer zu erwärmen, werden die Bahn frei machen für die gewichtigen Mahnungen der Vernunft, des Eigennutzes und der Vorurteile. Und wenn du alt bist, lieber Leser, vielleicht gerade unglücklich genug, um nur noch weise zu sein, aber noch reich an Resten eines Herzens, das einst warm und großmütig schlug, so bin ich sicher, daß, wenn du mich auch mit Bedauern der Unklugheit zeihen, du mir doch deine welke Hand entgegenstrecken wirst; dein Lächeln tut mir wohl; deiner Verständigkeit zum Trotz nickt mir dein Auge beifällig zu, belohnt mich deine Achtung. Guter Greis, ich kenne dich, ich weiß, du wirst diese Erzählung lesen ... Tadle ohne Furcht; ich lese in deinen ehrwürdigen Zügen mehr Bedauern als Vorwurf, mehr Zustimmung als Tadel. Wenn du dagegen unter dem Schnee des Alters die Selbstsucht deines Charakters oder Berufs, der Habsucht, oder der Vorurteile vereinigt hast, wenn du es stets verstanden hast, in der Gegenwart bereits die Zukunft zu berechnen, wenn du stets die Sicherheit deines Behagens den Zufällen einer großmütigen Unklugheit vorgezogen hast, wenn niemals die Glut der Leidenschaft die Hülle deiner Eitelkeit gesprengt hat ... dann, weiser Mann, ja, dann wirst du auf Seiten meines Paten stehen, dann wirst du den tadeln, der eine Erbschaft ausschlägt; du wirst ihn um so mehr tadeln, wenn er, hingerissen von dem Zauber eines Kindes, das nur schön und rein ist, seine eigene Stellung verkennt und im Begriff steht, hinabzusteigen. – Was mich anbelangt, so empfand ich zuerst nur das Vergnügen, mein Joch abgeschüttelt zu haben und kehrte zufriedenen Sinnes und belebten Herzens in mein Zimmer zurück. Als ich an die Empfindungen dachte, die mir meine eigenen Antworten einflößten, mischte sich etwas Stolz in meine Zufriedenheit; wiewohl ich noch keinen Plan in bezug auf das junge Mädchen, dessen Verteidigung ich übernommen, gefaßt hatte, beglückwünschte ich mich zu dem Mut, mit der gleichen Wärme gesprochen und gehandelt zu haben, als wenn ich es nur aus diesem eigennützigen Beweggründe getan hätte. – Aber noch andere Empfindungen bewegten mich: ich hatte meine Ketten zerrissen, mein Geschick gehörte wieder mir selbst, ich war frei, und die Freiheit erlangt man nicht wieder ohne einen Rausch. Mein kleines Vermögen, das mir bisher stets nur als die Quelle vorläufigen Behagens erschienen war, gewann in meinen Augen plötzlich an Wert. Es wurde zu einem wirklichen Gut und war mir von nun an kostbar und teuer. Nun konnte ich es doch nach meinem Belieben verwenden, teilen, mit wem es mir gut dünkte; ich hatte ein Interesse daran, es zu vermehren, und an Stelle der Schlaffheit, in der ich aufgewachsen war, ließ mich jetzt ein aufleuchtender Schimmer von Ehrgeiz Tätigkeit und die Notwendigkeit der Arbeit ohne Widerwillen in Erwägung ziehen. Diese Gedanken weckten in mir das Bewußtsein des Eigentums, und in rein mechanischer Wirkung stellte ich die Feuerzange an ihren Platz, ordnete ich mein Rasierzeug und entdeckte, während ich einen liebevollen Blick durch mein Zimmer gleiten ließ, an jedem Möbelstück einen neuen Wert. Das erwachende Verständnis für eine gemütliche Häuslichkeit ließ mich auch meinen Diener Jakob mit anderen Augen ansehen; ich dachte daran, ihn zu bilden, ihn an mich zu fesseln. Zum ersten Male erwog ich die Hilfsquellen meiner Stellung in ihrer wahren Bedeutung und dachte nur noch daran, möglichst schnell das Glück um mich herum zu verbreiten, das ich bisher nur in weiter Ferne und abhängig vom Tode meines Onkels vorhersah. Inmitten dieser neuen Pläne ließ der Wunsch nach Freuden der Häuslichkeit meine Gedanken stets wieder zu der Gefährtin zurückkehren, welche die Einsamkeit meiner Wohnung beleben würde; und dann fand ich vor meinem geistigen Auge das Bild meiner jungen Freundin von gestern. Schließlich beruhen die freundlichsten Wirkungen oft auf lächerlichen Ursachen: was mich im Augenblick an meiner neuen Lage am meisten entzückte, war der Umstand, daß ich heut abend nicht zum Tee zu Frau von Luze zu gehen brauchte. Meine Gedanken nahmen jetzt einen philosophischen Charakter an, der Neigung folgend, die uns wohl allen innewohnt, die Erfahrungen des täglichen Lebens zu allgemein gültigen Sätzen ausbilden zu wollen. Ach, wer du auch seist, der du dein Schicksal von einer Erbschaft abhängig machst, ich beklage dich! Wenn dein Erblasser nicht bald stirbt, läufst du Gefahr, deine besten Jahre in undankbarer, langweiliger Erwartung zu verbringen; wenn du aber gar in der Ungeduld nach dem Besitz, seinen Tod in demselben Augenblick herbeisehnst, wo du ihn mit Zärtlichkeiten überhäufst, dann bist du ein Ungeheuer. Und dann, was heißt es, ewig deine natürlichen Empfindungen hinter einer Maske verbergen, stets deinen Neigungen, deinen Ansichten, oft deiner Rechtlichkeit Opfer bringen... Nein, nein, keine Erbschaft! lieber arbeiten, lieber dulden, aber frei leben, unabhängig sein, Herr seiner selbst und seines Herzens bleiben; es lieber der zu eigen geben, die dich liebt, als der, welche man ihm aufdrängen will ... lieber einem reinen, einfachen Mädchen, das dir durch Zärtlichkeit und Hingebung das Opfer ersetzen wird, das du ihr etwa durch Aufgabe einer beneideten Stellung bringst, als einem Fräulein, welches gerade weil es dir wenig verdankt, viel beanspruchen, das mehr eine Stellung als einen Gatten, mehr die Beobachtung guten Tons als Zärtlichkeiten suchen wird, und deren Herz du ständig den Eitelkeiten, den Zerstreuungen und Gefahren der großen Welt wirst streitig machen müssen... Liebenswürdige Freundin, fügte ich hinzu, hingerissen von dem Schwunge meiner Gedanken, bescheidenes Mädchen, du, die ich so sanft und furchtsam gesehen, so schön in deiner Reinheit und Anmut, du, die ich in meinen Armen gehalten mit so lebhaftem, aber auch so achtungsvollem und zärtlichem Entzücken, warum sollte ich mich scheuen, an deiner Seite ein Glück zu suchen, dessen Vorgeschmack du allein mich hast kosten, dessen Zauber du allein mich hast ahnen lassen? So entstand, durch die Beschimpfung hervorgerufen, aufs neue die Liebe in meinem Herzen und mischte sich dort mit der reinen Flamme der Uneigennützigkeit, mit der Kraft echter und edler Gefühle. Diesem lebhaften Aufschwung folgte allmählich die Neugierde in betreff der Person, mit welcher sich meine Empfindungen beschäftigten. Ich hätte mich gern vergewissert, ob gegebenenfalls ihre Art und ihre Erziehung sich in nicht zu großem Mißverhältnis zu meinem Wunsche, ihre Hand zu erhalten, befinden. Dabei kamen mir nun verschiedene Umstände, die ich zuerst nicht recht beachtet hatte, ins Gedächtnis zurück, aus denen ich jetzt Schlüsse zu ziehen suchte. Immer wieder erinnerte ich mich an ihre weißen Hände, deren Zartheit durch keine Handarbeit verdorben schien; mit Vergnügen erinnerte ich mich daran, daß die Arbeit an der Kette zu anstrengend für ihre schwachen Arme gewesen ist und sie unter dem Druck des Unwohlseins hatte erliegen lassen, wie wenn sie, an ein sanftes und ruhiges Leben gewöhnt, die Strenge einer mühseligen und groben Arbeit nicht hätte aushalten können. Obgleich ich die Einzelheiten weiblicher Kleidung nur sehr unvollkommen zu beurteilen vermag, war mir die ihrige doch einfach und anmutig erschienen, und ganz besonders wertvoll war mir die Erinnerung an ihre zierlichen Füße, die nicht ohne eine gewisse Sorgfalt mit Halbstiefelchen aus Zeug bekleidet waren, die an der Seite zugeschnürt wurden. Im Geiste trat ich dann wieder in ihre Wohnung ein, musterte von neuem alle Ecken und hielt mich bei einigen wertvollen Möbeln auf, die mir als die Überbleibsel vergangenen Wohlstandes und als ein Anzeichen verfeinerter Lebensgewohnheiten erschienen. Auf einem Lehnstuhl hatte ich einen Mantel von schwarzer Seide mit gleichfarbigem Pelz besetzt gesehen, und dieses Kleidungsstück, das offenbar der Mutter gehören mußte, gab mir von ihrem Aussehen und ihrer Haltung die Vorstellung einer edlen und verehrungswürdigen Einfachheit. Vor allem aber erinnerte ich mich daran, daß meine Augen, als ich den Essig suchte, auf dem Tisch einige sauber eingebundene Bücher bemerkt hatten, und daß der eine Band, der aufgeschlagen dalag, das englische Gedicht von Thompson über die Jahreszeiten enthielt. Wenn ich alle diese Anzeichen zusammenhielt und sie mit dem Klang der Stimme verglich, mit der Betonung, den Umgangsformen und hauptsächlich der schüchternen Zurückhaltung meines jungen Schützlings, gelang es mir immer mehr, die Bruchstücke des Bildes, das mir zurückgeblieben war, zu vervollständigen, und da dieses Bild den Forderungen entsprach, die mir Erziehung, Neigung und gewisse aristokratische Lebensgewohnheiten nun einmal als selbstverständlich erscheinen ließen, so ertappte ich mich dabei, sie noch hundertmal mehr zu lieben. Meine Ungeduld, sie zu sehen, wurde immer drängender, und angstvoll beobachtete ich den Zeiger meiner Kaminuhr, ungewiß, ob ich es trotz der vorgerückten Stunde wagen dürfte, sofort zu ihr zu gehen. Bald darauf erhob ich mich plötzlich und verließ meine Wohnung. 5. Sobald ich mich auf der Straße befand, taten die Ruhe des Abends, die Stunde, die Dunkelheit, das Stillschweigen das ihrige dazu, meinen Empfindungen all den Reiz und die Lebhaftigkeit des vorhergegangenen Abends wiederzugeben. Ich nahm meinen Weg durch die gleichen Straßen, um dieselben Eindrücke wieder durchzukosten, und ich befand mich bald in der Gegend der Wohnung, nach der ich hinstrebte. Aber in dem Maße, wie ich mich ihr näherte, verlangsamte eine mir sonst fremde Erregung meine Schritte, und als ich in den Hausflur eingetreten war, blieb ich stehen, ungewiß, ob ich hinaufgehen oder vorläufig auf mein Vorhaben verzichten sollte. Was mich vielleicht zum Verzicht hätte veranlassen sollen, trieb mich an, meinen Plan zu verfolgen. Als ich in den Hof gelangt war, bemerkte ich im dritten Stockwerk kein Licht; daraus hätte ich schließen müssen, daß ich niemand zu Hause antreffen würde; aber gerade diese Aussicht nahm mir etwas von meiner Verlegenheit und ermutigte mich, weiter zu gehen. Auch trieb mich die Neugierde, denn diese Dunkelheit war gegen meine Erwartung. Es war erst acht Uhr, und ich konnte nicht annehmen, daß die Personen, die ich besuchen wollte, schon zur Ruhe gegangen waren. Ich betrat also die Treppe und zwar mit einem Herzklopfen, das jedesmal stärker wurde, wenn ich im Dunkeln an einen Gegenstand stieß oder beim Stillstehen das Schweigen um mich herum empfand. Endlich kam ich an der Schwelle an; aber ich wagte nicht eher ganz leise an die Tür zu klopfen, als bis ich mich nach langem Warten und Prüfen überzeugt hatte, daß voraussichtlich niemand da sein würde, der mir antworten könnte. Kaum hatte ich aber geklopft, so verließ mich diese Überzeugung plötzlich wieder; ich hielt meinen Atem an und war bereit zu fliehen, sobald ich das geringste Geräusch hörte; aber nichts ließ sich vernehmen. Nun klopfte ich etwas weniger sanft, dann stärker, und nachdem ich so die Gewißheit erlangt, daß die Wohnung in diesem Augenblick unbewohnt war, wagte ich es, zu klingeln ... Alsbald öffnete sich in dem unteren Stockwerk eine Tür, und ein Licht erleuchtete mit mattem Schein die Stelle, auf der ich stand. Die Person dort unten rührte sich nicht und sprach nicht; auch der Lichtschein blieb der gleiche. Was sollte ich tun? In die oberen Stockwerke fliehen? Das hieß, Beschämung und Verdacht auf mich ziehen. Stehen bleiben? Schon raubte mir ein kalter Schweiß die Möglichkeit dazu, und jede Sekunde, die in dieser Lage verrann, schien mir ein Jahrhundert der Angst. Kühn hinunterzugehen, dazu hatte ich auch nicht den Mut. Ich entschloß mich, noch einmal zu klingeln. »Er ist es,« rief eine Stimme, und alsbald erschien vor mir die Nachbarin, die mich am Abende vorher beschimpft hatte. Das Antlitz dieser Frau atmete Wut. »Unwürdiger,« sagte sie, »Sie wagen es noch wiederzukommen? ... Welche Unverschämtheit ...! Sie wollen wohl Ihren Mantel ...? Der ist beim Herrn Pfarrer dieses Stadtviertels. Gehn Sie, ihn sich dort holen. Er weiß alles, der wird Ihnen was erzählen ...« Ich hörte mir diese heftigen und abgerissenen Worte mit mehr Erstaunen als Zorn an. »Liebe Frau,« sagte ich, »ich weiß nicht, wer Sie sind. Was ich aber verstehe, ist die Unklugheit, mit der Sie ein anständiges Kind bloßstellen, indem Sie mich selbst verleumden.« »Ungeheuer,« unterbrach sie mich, »habe ich dich etwa nicht gesehen? Hab' ich nicht ihre Tränen gesehen? Hab' ich etwa nicht deinen Mantel aufgehoben, der bei dem Bett liegen geblieben war ...?!« »Ich verstehe Sie nicht,« unterbrach ich sie; »überdies komme ich nicht hierher, um Sie anzuhören oder meinen Mantel zu holen. Wenn Sie mir sagen können, zu welcher Stunde ich das junge Mädchen und ihre Frau Mutter hier antreffen werde, so ist das alles, was ich von Ihnen verlange.« »Hier werden Sie sie nicht mehr sehen, und da wo sie sind, da lassen Sie sich nur nicht einfallen, sie zu suchen ... Gehen Sie, Unseliger, verlassen Sie dieses Haus, und daß man hier nie mehr etwas von Ihnen hören möge, das ist das einzige, was ich beauftragt bin, Ihnen zu sagen.« Bei diesen Worten stieg sie vor mir die Treppe herab und blieb an ihrer Tür einige Augenblicke stehen, um sich zu vergewissern, daß auch ich gehen würde. Durch eine Öffnung, die nach dem Hof ging, bemerkte ich in diesem Augenblick mehrere Köpfe an den Fenstern, die aufmerksam lauschten, was sich weiter ereignen würde. Da meine Überraschung und besonders mein Schweigen mir in den Augen all dieser Leute beinahe ein Ansehen von Beschämung und Schuldbewußtsein gaben, so sagte ich zu der Megäre, die die Urheberin dieses Auftritts war: »Um der Personen willen, die uns zuhören, liegt mir daran, meinen Namen nicht zu verschweigen; ich heiße Eduard von Vaux. Es ist möglich, daß die junge Dame und ihre Mutter mich von einer besseren Seite kennen lernen, und ich werde das Meinige dazu tun, denn ich achte sie zu sehr, um ihre Mißachtung ertragen zu können: was Sie betrifft, so rechnen Sie für alle Fälle auf die meinige; denn ohne jeden Grund, lediglich getrieben durch Ihre eigenen niedrigen Empfindungen, haben Sie diesem jungen Mädchen ein vielleicht nicht mehr gut zu machendes Unrecht zugefügt.« Nach diesen Worten stieg ich hinab. Eine tiefe Stille gestattete mir, das Flüstern der Nachbarn zu hören, die dieser Vorgang an ihre Fenster gelockt hatte. Bald befand ich mich wieder auf der Straße. Ich war sehr enttäuscht, indessen weniger über den ungerechten Ausfall dieses Weibes, als, weil ich das junge Mädchen nicht wiedergesehen hatte, und weil ich überdies ihren Zufluchtsort nicht kannte. Da ich nicht wußte, bei wem ich mich danach erkundigen konnte, die vorgerückte Stunde mir auch jede Hoffnung nahm, noch an diesem Tage irgendwelche Schritte tun zu können, so entschloß ich mich, sehr zu meinem Bedauern, nach Hause zurückzukehren. Nichtsdestoweniger hatte dieser Zwischenfall, weit entfernt, meine Empfindungen abzukühlen, nur dazu gedient, ihnen noch eine kräftigere, innigere Färbung zu geben. Die unvorhergesehene Flucht der beiden Damen traf mich wie etwas Geheimnisvolles und Romanhaftes. Sie betrübte mich zwar, aber bei meiner Geistesveranlagung mißfiel sie mir durchaus nicht. Beschäftigte mich die Unruhe der Mutter, so war ich nur um so ungeduldiger, sie zu beruhigen; und war die Tochter einen Augenblick von dem Hauch der Verleumdung gestreift worden, so erschien sie mir nur um so rührender. Da sich mir die Gelegenheit bot, so fühlte ich mich verpflichtet, sie auch weiterhin zu beschützen, und diese Rolle, die meinem Betragen ihnen gegenüber einen Schein von Edelmut lieh, schmeichelte meiner Eigenliebe und verstärkte noch die Neigung, die mich zu ihr hinzog. Als ich nach Hause kam, erfuhr ich von Jakob, daß seit einigen Augenblicken eine Persönlichkeit im Salon auf mich warte. Ich trat eilig ein und bemerkte, daß ein unbekannter Herr, den ich nach seiner Kleidung alsbald für den Pfarrer hielt, vor dem Kamin saß. Er hielt meinen Mantel in seiner Hand und erhob sich, um mich zu begrüßen. »Mein Herr, Sie wissen nicht, was mich herführt,« begann er ziemlich erregt, »und ich selbst bin in Verlegenheit, es Ihnen zu sagen.« »Sind Sie,« unterbrach ich ihn, »sind Sie der Bewahrer meines Mantels?« »Ja, mein Herr.« »In diesem Falle weiß ich, mein Herr, was Sie herführt, und ich bin bereit, Sie anzuhören.« Wir setzten uns. »Mein Herr,« begann er von neuem, »ich muß Ihnen sagen, daß ich Sie durchaus nicht kenne, und daß, wenn sich nicht am Aufhänger des Mantels Ihr Name befunden, ich kein Mittel besessen hätte, Sie hier zu behelligen. Im übrigen beruht meine Berechtigung, mich hier bei Ihnen einzufinden, lediglich auf den Pflichten, die ich gegen meine Pfarrkinder auszuüben habe, und ich werde diese Berechtigung Ihnen gegenüber nur so lange geltend machen, als Sie selbst sie anerkennen wollen.« »Ich erkenne sie an,« sagte ich. »So will ich ganz freimütig mit Ihnen sprechen,« fuhr er fort. »Ich komme hierher, voreingenommen gegen Sie durch den äußeren Anschein, durch die Redensarten einer Nachbarin, und mehr noch durch den Schmerz einer hochachtbaren Mutter, die zum ersten Male sehen muß, wie das Aufsehen und die Verleumdung den fleckenlosen Kranz berühren, der der schönste Schmuck und der einzige Reichtum ihres Kindes war. Aber ich weiß sehr wohl, daß das Aufsehen und die Verleumdung nicht haltmachen vor den reinsten Absichten und den anständigsten Handlungen, und ich bin auch jetzt noch gern bereit, an die Lauterkeit der ihrigen zu glauben. Es lag mir nur daran, mein Herr, in einer Angelegenheit, die das Glück zweier Menschen berührt, welche ihre Vereinsamung meinem Schutze ganz besonders empfiehlt, zu Ihnen zu kommen, mit Ihnen zu sprechen und, wenn möglich, zu hören, welchen Gefahren sie ausgesetzt waren oder noch sind, damit ich besser in der Lage bin, sie nach den Gesetzen der Vernunft und der ewigen Wahrheit zu leiten. Ich will Ihnen noch gestehen, daß, wie schuldig oder wie unklug Sie auch nur gewesen sein mögen, ich nicht gezweifelt habe, daß die Ermahnung eines uneigennützigen Greises Sie davon abhalten würde, Unrecht zu tun, oder Ihnen doch wenigstens Gefühle der Achtung und des Mitleids für meine beiden Pfarrkinder einflößen würde.« »Mein Herr,« erwiderte ich alsbald, »ich tadle weder Ihre Beweggründe noch Ihre Absichten; aber es will mir scheinen, als ob ein anderes Zeugnis dem meinigen vorzuziehen war, das ist das des jungen Mädchens. Wenn dieses Kind mich beschuldigt, daß ich es ihr gegenüber an Rücksicht habe fehlen lassen, wenn ihre Worte anders lauten, als daß ich ihr meine Dienste in aller Ehrerbietung geleistet habe, wenn sie auch nur andeuten könnte, daß ihre Reinheit durch mich im geringsten verletzt worden sei ... wäre es dann noch nötig, daß Sie zu mir kämen?! Würden Sie nicht dem Zeugnis dieses bescheidenen Kindes viel mehr glauben als dem eines Mannes, den schon der äußere Anschein anklagt? Wenn ich daher auch Ihre Absichten achte, mein Herr, so weiß ich mir doch weder Ihren Schritt, noch das Aufsehen, das er hervorruft, zu erklären. Noch einmal, ich berufe mich auf das junge Mädchen: wenn sie mich verdammt, so will ich durch ihren Spruch ihre Verachtung und auch die eurige auf mich nehmen.« »Ihre Worte,« versetzte der Pfarrer, »atmen Freimut und Anstand, und überdies ist Ihnen das Zeugnis, das Sie anrufen, durchaus nicht ungünstig. Nur ist es unvollständig; es ist das der Unerfahrenheit und der Einfalt, die man durch unbesonnene Fragen zu verletzen fürchtet. Das junge Mädchen versteht gar nicht, was man von ihr will; was sie hört, setzt sie in Verwirrung; sie kann nur Tränen vergießen und versichern, daß Sie sich in der ehrenwertesten Weise um sie bemüht haben. Ich für meinen Teil möchte mich vor allem auf das Feingefühl ihrer Unschuld verlassen. Aber Sie geben mir vielleicht zu, daß es möglich wäre, Sie hätten auch ohne daß es ihr zum Bewußtsein gekommen wäre, die Gesetze strenger Ehrbarkeit verletzt. Wenn nun ein Augenzeuge Sie beschuldigt und das Herz der Mutter in Schrecken versetzt, die durch den Anschein ohnehin ungünstig beeinflußt wird, so dürfen Sie es weder seltsam noch unbegründet finden, wenn ich meine Zuflucht zu Ihrer Aufrichtigkeit nehme. Wahrlich, der Schritt ist sehr peinlich für mich, ich versichere es Ihnen: die Biederkeit, das Zartgefühl, die Absichten jemandes verdächtigen, die feierlichen Erklärungen eines Ehrenmannes in Zweifel ziehen, das ist, wenn nicht die grausamste, so doch sicher die peinlichste Aufgabe, die unser Amt uns zumuten kann.« »Das ist wahr, mein Herr,« versetzte ich trocken. »Immerhin, da Sie zwischen meinem Zeugnis und dem jenes Weibes schwanken, so will ich weder mich selbst beleidigen, noch schweigen. Hören Sie also, was sich zugetragen hat. Aber ich sage Ihnen im voraus, daß ich nach meiner Erzählung von Ihrer Seite weder Zweifel noch Ungewißheit mehr ertrage.« Darauf berichtete ich ihm die Ereignisse des vorhergegangenen Abends so, wie sie dir, lieber Leser, bekannt sind. Ich verbarg ihm weder meinen Eifer noch meine Zärtlichkeit; denn, wenn diese Dinge für eine verderbte Seele vielleicht verdächtige Anzeichen sind, so steht es doch anders mit edlen Charakteren, für die sie der sicherste Bürge der Reinheit des Herzens und der Handlungen sind. Er hörte mir mit Interesse zu. Mehr als einmal glaubte ich in seinen Zügen einen Ausdruck der Teilnahme und der Zustimmung wahrzunehmen; ich sah, daß sein Auge mich freisprach, daß seine Hand im Begriff war, die meinige zu ergreifen ... Als er daher nach Beendigung meiner Erzählung unbeweglich und stumm blieb, empfand ich einen lebhaften Unwillen und war schon im Begriff, in verletzende Worte auszubrechen, als er von neuem begann: »Erzürnen Sie sich nicht. Ich habe Ihre Erzählung vernommen. Zwischen Ihnen und jener Frau schwanke ich nicht. Verzeihen Sie mir gleichwohl, wenn ich meiner eigenen Überzeugung Gewalt antue und Ihnen die Worte der Achtung und Genugtuung, die ich Ihnen zu schulden wünsche, noch verweigere. Aber ein stärkeres, achtungswerteres Zeugnis, eine Persönlichkeit, die ein Interesse daran hat, Sie zu rechtfertigen, und die auch soeben versucht hat, Sie bei mir zu entschuldigen, hat gerade dadurch mehr dazu beigetragen, diese Überzeugung in mir zu erschüttern, als es irgendein Ankläger vermocht haben würde.« Ich vernahm diese Worte erwartungsvoll und verblüfft, mein Herz war auf das heftigste von Zorn, Verachtung und Stolz bewegt. »Ich will nichts verbergen,« fuhr er fort; »Fräulein S ..., die Cousine von Frau von Luze, ist meine Verwandte; vor wenigen Tagen erst wurde ich von ihrer Familie zu Rate gezogen und gab meine Zustimmung zu ihrer Verbindung mit einem Manne, den nach meiner Meinung seine Sitten und sein Charakter noch mehr empfahlen als seine Stellung und sein Vermögen ... zu ihrer Verbindung mit Ihnen, mein Herr. Ihr Pate war es, den Sie mit den einleitenden Schritten beauftragt hatten. Ihr Pate ist es auch, der, erschreckt durch die möglichen Folgen der Gerüchte, die Sie soeben widerlegt haben, von denen er wußte, daß sie zu gleicher Zeit mit diesem verräterischen Mantel zu meiner Kenntnis gelangt waren, soeben zu mir geeilt ist, um sich mir gegenüber zu Ihrem Verteidiger aufzuwerfen. Er besaß Ihr Geständnis, er rief meine Nachsicht an, er bat mich, ein Ärgernis zu unterdrücken, das Ihnen schaden könnte, er flehte mich an, meinen Einfluß aufzuwenden, Sie von einem schimpflichen Verhältnis abzubringen ... Nun versetzen Sie sich an meine Stelle; urteilen Sie selbst, wie schwer es ist, die Wahrheit zu erforschen, selbst für den, der sie auf das eifrigste sucht, und grollen Sie nicht mehr, wenn Sie nicht von Anbeginn an die volle Genugtuung erhalten, die Ihre Unschuld als ein klares und heiliges Recht verlangen darf.« Tausend widerstreitende und heftige Empfindungen stürmten auf mich ein. Ich zürnte meinem Paten, dessen nur zu wenig lautere Seele meine ehrlichen Worte so ausgelegt hatte, als suchte ich in schmählicher Weise meine Liederlichkeit zu verbergen. Ich war voll Achtung und Verehrung für den Mann, der mit mir sprach; es drängte mich gleichzeitig, ihm zu antworten; gleichwohl blieb ich noch einige Augenblicke in Stillschweigen versunken sitzen, beherrscht von einer Erregung, die sich erst allmählich legte, während ich aus meinem Gedankengange alle Antworten ausschaltete, die nicht völlig entscheidend erscheinen konnten, oder nicht den Anforderungen meines Stolzes und meiner Unschuld, die beide verletzt waren, genügten. Endlich glaubte ich das richtige gefunden zu haben. »Mein Herr,« begann ich mit so viel Ruhe, als meine unterdrückte Bewegung mir gestattete, »Sie beleidigen mich keineswegs. Wenn ein Verwandter mich nach Belieben beschimpft, wie sollte ich von Ihnen eine rühmliche Meinung erwarten, die er selbst nicht besitzt? Aber ich bin imstande, Ihren Verdacht zu zerstören, Ihre Bedenken zu beschwichtigen... ja, mein Herr, ich liebe das junge Mädchen ... aber, was Sie nicht wissen, was mein Pate sich wohl gehütet hat, Ihnen mitzuteilen: um ihretwillen habe ich ihn verstimmt, um ihretwillen habe ich sein Joch abgeschüttelt, habe ich auf seine Erbschaft verzichtet und auf etwas noch Schmeichelhafteres, mein Herr, auf die Hand Ihrer Verwandten, auf die Verbindung mit Ihrer Familie... Als ich so handelte, hatte ich meine Absichten noch nicht auf Ihre junge Schutzbefohlene gerichtet; aber heute, wo sie bloßgestellt ist, wo die vergifteten Äußerungen der einen, die diensteifrigen Reden der andern sie zu beschimpfen vermocht haben, da bitte ich um ihre Hand, ja, ich wünsche sie, ich verlange sie! und ich darf hinzufügen, schon bevor Sie kamen, war dies der einzige Wunsch meines Herzens. Werde ich in Ihnen eine Stütze für diesen Wunsch finden?« fuhr ich in weniger leidenschaftlichem Ton fort; »wollen Sie sich zum Träger meiner Bitte machen? Ich wage es zu hoffen, mein Herr, wenn Sie, überzeugt von meiner Redlichkeit, mir endlich Gerechtigkeit widerfahren lassen ...« Nunmehr reichte er mir, nicht ohne eine gewisse Rührung, die Hand. »Seit langem schon,« sagte er, »lasse ich Ihnen Gerechtigkeit widerfahren, mein junger Freund; meine Achtung gehört Ihnen ganz und gar, voller Aufrichtigkeit, und mein Herz ist bewegt über Ihre tugendhafte Wallung, die Sie vielleicht etwas zu weit fortreißt... Ich habe kein Amt, für meine Verwandte einzutreten; weit eher möchte ich in meinem Namen als in dem ihrigen reden, so sehr entsprechen Sie der rühmlichen Meinung, die ich mir schon früher über Ihren Charakter gebildet hatte. Sie sind im Begriff, in einem Augenblick über das Schicksal Ihres Lebens zu entscheiden ... Sie weisen tausend Vorteile zurück ... Sie verschmähen eine liebenswürdige Dame, die Ihrer durchaus würdig ist ... Sie entfremden sich einen Verwandten ... Sie verlieren ein Vermögen, das er für Sie bestimmte ... und was werden Sie als Ersatz finden? Die Tugend, ohne Zweifel, die Anmut des Körpers und des Geistes, aber ein unscheinbares, armes Geschöpf, ein Kind, verlassen von der Welt, in der Sie leben, und deren Vorurteile es Ihnen nicht gestatten werden, sie dort einzuführen ... Aber, im übrigen,« fuhr er fort, »das wolle Gott nicht, daß ich denen schaden möchte, die mir anvertraut sind, daß ich sie um ein Glück bringe, welches die Vorsehung vielleicht für sie aufgespart hat als Entgelt für ihr Mißgeschick und für ihre Tugenden. Sehen Sie selbst zu, mein guter Freund. Ich habe Sie nur aufklären, nicht wankend machen wollen in Ihrer ehrenhaften Absicht. Ich ging nicht darauf aus, Ihre Wallung zu unterdrücken, sondern ihr die Überlegung zur Seite zu stellen; nur im Verein mit ihr werden Sie zu einer weisen Entschließung gelangen. Und wenn Sie bei Ihren großmütigen Plänen beharren, so fürchten Sie nicht, daß ich es andern überlassen könnte, diese Botschaft zu überbringen, der feste Hort derselben zu sein. Ihnen von nun an eine liebevolle Hochachtung zu widmen, und die brünstigsten Gebete für eine unter so rührenden Zeichen begonnene Vereinigung emporzusenden.« Bei diesen Worten warf ich mich an seinen Hals und, nachdem ich ihn umarmt hatte, öffnete ich ihm vollständig mein Herz. Er konnte erkennen, daß meine Überlegungen schon angestellt waren, bevor ich ihn gesprochen hatte, und daß mein Entschluß, wenn er auch plötzlich entstanden war, darum doch nicht minder auf schicklichen Erwägungen und auf dem Wunsch beruhte, in der Liebe und Pflichterfüllung ein Glück zu finden, das mir meine bisherige allzu günstige und angenehme Stellung versagt hätte. Er verwarf alle seine Bedenken und nahm an meinen Plänen mit der ganzen Hingebung eines warmen und edlen Herzens teil; und wie es wohl geschieht, wenn eine echte Teilnahme alle Unterschiede des Alters, der Stellung oder des Ranges verschwinden läßt, so flößte mir dieser verehrungswürdige Mann, mit dem ich zum erstenmal in meinem Leben sprach, die Ehrerbietung eines Vaters, das Vertrauen eines alten Freundes ein. Nunmehr begann ich ihn auch über die beiden Damen zu befragen, die mit meinem Dasein bereits so fest verknüpft waren, und die ich noch nicht einmal dem Namen nach kannte. Wie er mir erzählte, hieß das junge Mädchen Adele Sénars, und ich gestehe es, der Name entzückte mich. Ich bin sehr geneigt, in den Eigennamen einen gewöhnlichen oder seinen Klang zu finden, und infolge einer Grille meines Geistes, von der ich auch heute noch nicht frei bin, würde ich einen Namen, der mir nicht mißfiel, unendlich freudiger begrüßt haben, als wirkliche Vorteile an Rang oder Vermögen. Aber den liebenswürdigen Namen »Adele« umfing außer dem Zauber, den ich sofort mit ihm verknüpfte, ein weiterer, den die Jahre nicht haben zerstören können; denn, seit er mir im innersten Herzen eingegraben steht, verbinden sich mit ihm die letzten Eindrücke meiner Jugend und alles, was ich seitdem an wahrem Glück habe kosten dürfen. Aber auch alles andere, was ich durch den Pastor erfuhr, verletzte keines der Vorurteile, die mir nun einmal eigen sind, sondern erhöhte nur noch meinen Rausch und meine Zufriedenheit. Der Vater des jungen Mädchens war Schweizer, wie ich selbst. Er war jung in den Dienst der englischen Marine getreten, hatte es dort zu einem nicht gerade hohen, aber ehrenvollen Range gebracht, und während seines Aufenthalts in England die Mutter meiner Adele geheiratet. Erklärte mir dies, warum ich auf dem Tisch das Gedicht über die Jahreszeiten hatte liegen sehen, so schien es mir auch dem jungen Mädchen den Reiz zu verleihen, den fremde Frauen für uns zu haben pflegen, und ich gefiel mir darin, dem englischen Ursprung ihre blendende Hautfarbe, den melancholischen Blick der großen blauen Augen und den Ausdruck rührender Unschuld in dem Antlitz zuzuschreiben. Seit einigen Jahren war ihre Mutter mit ihr nach der Schweiz gekommen, um ihr hier mit geringeren Kosten eine Erziehung geben zu können, die sie als ihre zukünftige Hilfsquelle ansah. Nach dem vor zwei Jahren erfolgten Tode des Vaters waren die beiden Damen auf die geringe Pension angewiesen, die das englische Gesetz der Witwe eines im Dienst gestorbenen Offiziers zubilligt, und bewohnten seitdem die Räume, in denen mich der Zufall sie hatte antreffen lassen. Daher stammten auch die feinen Möbel, die ich bemerkt hatte, und die anderen Anzeichen einer einst behaglicheren Lebenslage. Alle diese Dinge entzückten mich. »Aber, glauben Sie,« sagte ich, »daß die Damen trotz ihrer Voreingenommenheit gegen mich meine Bitte freundlich aufnehmen werden...? Glauben Sie, daß es mir gelingen wird, von dem jungen Mädchen geliebt zu werden, für welches die Vorteile des Vermögens, die ich ihr zu bieten vermag, zweifellos nichts bedeuten, und dessen Herz, schüchtern und furchtsam in seiner Schamhaftigkeit, es kaum wagen wird, sich den Empfindungen der Liebe hinzugeben? ... Ich fühle es, daß ich keine andere Hilfe und Hoffnung habe als Sie, den würdigen Beschützer; Sie allein vermögen durch die Achtung, die Sie einflößen, die Voreingenommenheit der beiden Damen gegen mich zu zerstören und ihnen meine Wünsche genehm erscheinen zu lassen, denen sie sonst mißtrauen würden.« »Alles dies,« erwiderte er, »werde ich mir von Herzen angelegen sein lassen. Fürchten Sie übrigens weniger ihre Voreingenommenheit und mehr ihren Stolz. Bei dem Geschrei der jähzornigen Nachbarin war es meine eifrigste Sorge, meine beiden Freundinnen deren Einfluß zu entziehen und sie gleichzeitig vor jeder Berührung mit Ihnen zu sichern, falls ich wirklich nach der Zusammenkunft mit Ihnen die Beschuldigungen dieser Frau hätte begründet erachten müssen. Ihr Vorurteil gegen Sie konnte nicht mehr zunehmen und mein Zeugnis, von dem sie alles erwarten, wird genügen, um sie vollständig zu beruhigen. Aber sie besitzen das Selbstbewußtsein der Armut und Ehrbarkeit: Ihr Vermögen, Ihr Rang, die den ihren so sehr überlegen sind, könnten ihren Stolz aufscheuchen und die Pläne der Mutter, die ich selbst ermutigte, sind stets dahin gegangen, das Glück der Tochter in einer unscheinbaren Stellung zu suchen, der einzigen, zu der ihre Lage ihnen die Aussicht eröffnete, und zu der ihnen der Zugang durch eine zu sehr ausgebildete Erziehung möglicherweise versperrt werden konnte. Denn Sie sollten es nicht glauben,« fügte er hinzu, während mein Herz seine Worte verschlang, »wieviel Verstand, Geschmack, welche wahre Zierde des Geistes die Bewohner dieses so schlichten Zufluchtsortes verschönt, den Sie gesehen haben. Das junge Mädchen, so furchtsam und unerfahren sie im übrigen ist, besitzt und pflegt eine Fülle von Kenntnissen. Sie hat sich der Musik, dem Zeichnen gewidmet und für beides besitzt sie ein natürliches Geschick und eine, ich weiß nicht wie ich es anders sagen soll, mit Empfindung erfüllte Anmut. Die Mutter vereinigt mit ähnlichen Eigenschaften das, was Erfahrung, Reisen und ein wohl angewendetes Leben hinzufügen können; vor allem aber besitzt sie eine sanfte Lieblichkeit, die ihrer feinen Empfindung entspringt, die sich in den Prüfungen wie in den Freuden des menschlichen Herzens erprobt hat. So finde ich stets ein neues Vergnügen daran, beide zu besuchen. Es ist der liebenswürdigste Fleck in meinem Sprengel. Ich verweile dort oft, und ich verabschiede mich nie, ohne im Innern zu bewundern, welche Fülle von Anmut und Annehmlichkeit die Ehrbarkeit, die Arbeit, die Geistesbildung um diesen kleinen Herd, der so nahe der Dürftigkeit und Armut erbaut ist, haben vereinigen können.« Unsere Unterhaltung dauerte noch recht lange. Ich zögerte sie durch tausend Fragen hinaus, da ich nicht müde werden konnte, den Erzählungen meines würdigen Freundes zuzuhören über alles, was er von den beiden Personen wußte, die mir ein so lebhaftes Interesse einflößten. Wir kamen überein, daß er am nächsten Morgen früh zu ihnen gehen sollte. Je nach der Stimmung, in der er sie fände, sollte er ihnen die ersten Eröffnungen machen und vielleicht, um meine Ungeduld zu stillen, mir noch am Vormittag eine Antwort überbringen. Danach erhob er sich, um sich zurückzuziehen; aber ich mußte ihn noch bis zu seiner Wohnung begleiten, wo ich mich von ihm verabschiedete, das Herz voll Liebe, Freude und Hoffnung. 6. Ich kehrte zu mir zurück, sehr glücklich und sehr verwandelt. Es schien mir, daß ich erst seit diesem Tage wirklich zu leben begonnen, und ich denke auch heute noch, daß es so ist. Denn wenn auch seitdem noch manchmal Unglücksfälle mein Leben erschüttert haben, so bin ich doch nicht wieder in jenen Zustand von Schlaffheit verfallen, der gewöhnlich die Folge eines zu gesicherten Daseins, einer zu bestimmt vorgezeichneten Zukunft ist, wo das Herz leer ist, die Fähigkeiten einrosten, der Geist zusammenschrumpft und sich schließlich nur noch mit kleinlichen Saloninteressen und den leichtfertigen Zerstreuungen der Eitelkeit befaßt. Ich gehöre einer Klasse von Menschen an, in der dieser Zustand gerade heutzutage häufig vorkommt; und wenn ich sehe, was für ein Los denen beschieden ist, die darin beharren, so empfinde ich, daß, wenn ich mein Leben in Ermangelung dessen, was mein Glück begründet, noch einmal zu bestimmen hätte, ich ein Dasein voller Arbeit und Armut, der Wurzel aller Tätigkeit und Anstrengung wählen, und dem Wohlleben und Müßiggang vorziehen würde, in denen ich die Hälfte meiner schönsten Jahre hingebracht habe. Wie am Abend vorher hatte ich mich hingesetzt, um über die innere Bewegung, die mich mächtig und lebhaft erfüllte, nachzudenken, wie es wohl geschieht in den feierlichen Augenblicken unseres Lebens, in denen wir von der Vergangenheit Abschied nehmen, um uns ganz und gar einer neuen Bestimmung hinzugeben. Bald saß ich still, richtete meine Augen auf das Feuer und ermutigte meine Hoffnungen mit allem, was ich in der Erinnerung, in den Worten und dem Ausdruck des jungen Mädchens an Liebevollem und Freundlichem finden konnte, vor allem aber mit dem Ansehen, welches die Empfehlungen meines Freundes bei ihr haben würden: bald wiederum, wenn ich meine Hoffnungen bereits als erfüllt betrachtete, stand ich entzückt auf, lief im Zimmer auf und ab und, den Tagen, den Wochen, den Jahren vorauseilend, malte ich mir ein lachendes Glück aus, mit dem ich tausend reizvolle Pläne verband. Inmitten dieser Träume fielen meine Augen auf einen an mich gerichteten Brief, den ich in meiner Zerstreutheit nicht bemerkt hatte, obgleich er vor mir auf dem Kamin lag. An der Aufschrift erkannte ich sofort die Handschrift meines Paten, und ich schellte: »Wann ist dieser Brief gekommen,« fragte ich Jakob. »Während der gnädige Herr fort waren. Es wird sogar eine Antwort erwartet, hat man gesagt.« »Es ist gut.« Ich öffnete den Brief mit mäßiger Eile; er lautete: »Mein lieber Eduard! Ich will gern alles vergessen. Nachdem ich Dich verlassen, habe ich von Deinem Streich gehört, und daß Dein Mantel dort geblieben ist. Ich bin alsbald an der maßgebenden Stelle tätig gewesen und habe die Gerüchte erstickt, die sich schon kräftig auszubreiten begannen. Das Wichtigste war, Herrn Pastor Latour, den Verwandten Deiner Zukünftigen, zu besänftigen, und das ist mir gelungen. Noch ist nichts verdorben. Nachdem Du das Mädchen einmal verführt hast, ist, denke ich, alles nach dieser Richtung erledigt. Du schuldest ihr natürlich eine Entschädigung, und das soll meine Sache sein. Nun aber auch keine Ungewißheit, keinen Aufschub mehr. Morgen machen wir ein Ende, und um diesen Preis (Du bist nicht sehr zu beklagen) findest du wieder die Erbschaft und die Freundschaft Deines Dir wohlgeneigten Paten.« Das Lesen dieses Briefes versetzte mich in den heftigsten Zorn und ich brach in beleidigende Ausrufe gegen meinen Paten aus, der sich mir als ein Wesen ohne Herz und Moral enthüllte, dessen schamlose Worte alles entweihten, was ich als rein und heilig betrachtete. Ich ergriff die Feder und verfaßte eine Antwort, deren verächtliche Heftigkeit zu weitgehend war, um mich nicht selbst einige Augenblicke später einsehen zu lassen, daß ich diesen Brief nicht absenden konnte. Ich zerriß ihn deshalb, um eine zweite und dann eine dritte Antwort aufzusetzen, bis ich ruhiger wurde und mir überlegte, daß die Entscheidung über mein Schicksal, die ja wahrscheinlich am nächsten Tage erfolgen würde, die schlagendste Antwort auf seinen schmählichen Brief sein wird; ich unterließ es deshalb, ihm überhaupt zu schreiben und betrachtete es als meine einzige Rache, zu meinen süßen Träumereien zurückzukehren. Es war fast drei Uhr morgens, als ich mich zu Bett legte. Ich hoffte, die Ungeduld, mit der ich den kommenden Tag erwartete, durch einige Stunden Schlaf fortzutäuschen; aber ich vermochte kaum während einiger Augenblicke die Augen zu schließen; bei den ersten Lichtstrahlen, die in mein Zimmer drangen, stand ich auf, zog mich an und wartete mit immer lebhafterer Ungeduld weiter. Die Augen auf meine Kaminuhr gerichtet, berechnete ich, wann Herr Latour aufstehen müßte, wann er bereit sein könnte, fortzufahren, wann er unterwegs sein, und wann er sich endlich bei den Damen einfinden würde. Bei diesem Augenblick angelangt, verfaßte ich seine Rede auf hunderterlei verschiedene Weisen, je nach der Lage, dem Ort, der Stimmung, in der er seine beiden Freundinnen treffen würde. Sodann lieh ich mit Hilfe der Einbildungskraft, welche die Sehnsucht und die Liebe einzuflößen vermögen, den Ausdrücken meiner Geliebten und den Worten der Mutter eine Sprache, die meine Bitten erhören ließ. Schließlich wurde mir das weitere Harren unerträglich, und ich entschloß mich, mein Haus zu verlassen, um der Antwort, die Herr Latour mir überbringen wollte, entgegenzugehen. In seinem eigenen Landhause, etwa eine Wegstunde von der Stadt, hatte der gute Pastor die Damen am Tage vorher aufgenommen. Dorthin machte ich mich an einem Dezembermorgen auf den Weg. Die Eindrücke, die ich damals empfand, werden niemals aus meinem Gedächtnis schwinden. Das Wetter war milde, die Wege scheußlich. Eine bleiche Sonne erleuchtete mit silberfarbigem Lichte die Felder ohne Grün, die Bäume ohne Laub, und der Schnee der Berge schimmerte nur schwach durch einen leichten Nebel hindurch. Aber mein Herz erwärmte die eisige Natur mit seiner Glut, und in der Rührung über die Aussicht auf ein nahes Glück malte ich mir aus, wie die Seligkeit und die Liebe ihre Gaben bis in die geringsten Hütten, die zerstreut auf den Wiesen am Rande der Landstraße lagen, tragen. Ich erinnere mich, daß, als ich mich hingesetzt hatte, um Herrn Latour zu erwarten, meine Augen auf einer dieser Hütten ruhten, die fast ganz unter dem dichten Gezweig der Ulmen begraben lag, und aus der eine ruhige Rauchsäule emporstieg. Ich dachte daran, meine Zukunft in so einer niedrigen Hütte zu begründen; ich brachte meine Geliebte her, ich begann schon meine Lebensführung hier einzurichten; ich belebte diese kahlen Schatten mit dem lebendigen Zauber meiner Träume, und meine für einige Augenblicke getäuschte Ungeduld ließ meine Gedanken um diesen ländlichen Zufluchtsort flattern. Manchmal schenkt uns das Schicksal in unseren Träumen eine Ahnung des Kommenden. In einem Schlupfwinkel ganz in der Nähe dieser Örtlichkeit habe ich wenige Jahre später die Verwirklichung meiner Träume erlebt. Während ich dort saß, erschien am Horizont der Landstraße ein Wagen, der mich jäh aufspringen und ihm entgegeneilen ließ. Von fern erkannte ich, daß er leer war, und wollte bereits vorbeigehen, als der Kutscher sein Pferd zuerst langsamer gehen ließ, dann anhielt und mich fragte, ob ich nicht der Herr sei, den Herr Latour holen lasse. In einem Augenblick saß ich in dem Wagen, der schleunigst umkehrte. Die Verwirrung und Erregung, die meiner Ungeduld folgten, benahmen mir jede Geistesgegenwart, so daß ich alles in der Welt darum gegeben haben würde, wenn der Wagen mich mit geringerer Schnelligkeit davongetragen hätte. Bald bemerkte ich das Haus; es lag auf halber Höhe eines Hügels. Man gelangte zu ihm über einen steilen Abhang, der von alten Nußbäumen beschattet war. Mein Herz klopfte mächtig, meine Augen suchten angstvoll irgendeine Bewegung um mich herum. Aber ein ruhiges Schweigen schwebte über der Zurückgezogenheit dieses Ortes; zwei offene Fensterflügel im Erdgeschoß verrieten allein, daß es bewohnt war. Inzwischen näherte sich der Abhang seinem Ende; schon verbargen mir die nähergerückten Hecken die Aussicht auf die Gebäude; ich bemerkte einen Torweg, und das Bellen eines Hundes vermischte sich plötzlich mit dem langsameren Rollen der Räder, die das Pflaster des Hofes berührten. Der Wagen hielt und alles verfiel wieder in die frühere Stille. Ich war eben abgestiegen, als Herr Latour erschien. Eine Dame von fünfzig Jahren stützte sich auf seinen Arm. Sie war mit Geschmack und einfach gekleidet; trotz der Bewegung, die die edle Heiterkeit ihres Antlitzes beherrschte, erhöhte der durchdringende und gefühlvolle Blick, mit dem sie mich ansah, meine Schüchternheit, während er ihr gleichzeitig mein Herz gewann. In diesen ersten Augenblicken wußte ich nichts zu sagen; auch sie beobachtete Stillschweigen; aber der gute Pastor wandte sich an mich: »Mein Freund,« sagte er, »ich habe Ihre Wünsche der gnädigen Frau übermittelt, die so freundlich ist, davon angenehm berührt zu sein. Das ist, denke ich, alles, was ich meinerseits tun konnte. Das übrige liegt bei Ihnen oder vielmehr bei Ihrem Verdienst, das besser durch sich selbst spricht, als es meine Lippen vermögen.« »Auf eine seltsame Weise,« nahm nun die Mutter mit bewegter Stimme das Wort, »lernen wir uns kennen ... dennoch, die Worte des Herrn Latour vermögen mehr als alle andern Ihnen meine Achtung zu gewinnen, und ich darf eine Bitte, die er unterstützt, nicht zurückweisen. Meine Tochter weiß noch von nichts, aber ich habe ihr nun nichts mehr zu verschweigen; das übrige muß ich ihrer freien Wahl überlassen. Aber, bitte, treten Sie ein ...« Ich war noch zu verwirrt, um eine Antwort zu wagen; gleichwohl vergaß ich im wogen meiner Gefühle die Zurückhaltung, welcher Höflichkeit und Selbstbeherrschung sich befleißigen sollten: ich ergriff die Hand der Mutter und drückte meine Lippen darauf mit einer Ergriffenheit, für die sie empfänglich schien. Kaum hatte ich diese Regung in ihrem Antlitz entdeckt, als ich, schon weniger furchtsam, ihr meinen Arm anbot, um sie in den Salon zu geleiten. In diesem Augenblick fühlte ich mich bereits als ihr Sohn, und mein von Glücks- und Dankesgefühlen begeistertes Herz schwur ihr die aufrichtige Zuneigung, mit der ich seitdem ihre alten Tage zu beglücken gesucht habe. Als ich in den Salon eingetreten war, erkannte mich das junge Mädchen wieder, und ihre Wangen färbten sich mit lebhafter Röte; als sie mich jedoch den Arm ihrer Mutter halten sah, gewann sie ihre Ruhe wieder und verneigte sich zum Gruß vor mir. Sie stand vor mir in anmutiger, bescheidener Haltung und wartete bis die andern Platz genommen, ehe sie sich selbst setzte. »Ich hoffe, mein Fräulein,« sagte ich zu ihr, »daß Sie nicht mehr allzuviel Ermüdung von jenem Abend verspüren, dem ich den Vorzug verdanke, Sie kennen gelernt zu haben.« Sie errötete von neuem, und um die Verlegenheit zu verscheuchen, die ihr diese Erinnerungen verursachten, begann ich von der Feuersbrunst zu sprechen. Nun kam eine Unterhaltung in Gang, aber kalt und gezwungen, wie es geschieht, wenn die Worte nur dazu dienen, die Zerstreutheit des Herzens zu verbergen. Nur das junge Mädchen, das diese Empfindungen nicht teilte, überließ sich der Freude, zuzuhören und fügte schüchtern den Erzählungen, die ihre Aufmerksamkeit völlig in Anspruch nahmen, einige Worte hinzu. Gleichwohl wurde die Lage, je länger sie dauerte, nur peinlicher; wenn ich mich auch schon etwas sicherer fühlte, so hatten die Worte der Mutter mich doch darüber im Ungewissen gelassen, was ich wagen dürfte, auszusprechen. Schließlich wandte sich Herr Latour an das junge Mädchen: »Ich habe einen Wunsch auszusprechen, Fräulein Adele; es ist der, daß mein Freund, der auch der Freund Ihrer Frau Mutter ist, eines Tages der Ihrige werden möchte.« »Sie wissen sehr gut, Herr Latour,« sagte das junge Mädchen schüchtern aber ohne Scham, »daß ich alle diejenigen liebe, die meiner Mutter und Ihnen teuer sind.« Ich merkte nun, daß sie den Grund meines Kommens nicht ahnte, und daß sie in ihrem völlig unberührten Herzen den Sinn der Worte des Herrn Latour nicht verstanden hatte. »Mein Fräulein,« ergriff ich nunmehr das Wort, »die geringste Zuneigung von Ihrer Seite ist in meinen Augen eine unschätzbare Gunst. Aber warum sollte ich Ihnen den Wunsch verschweigen, von dem mein Glück abhängt ...? Es ist das Geschenk Ihrer Hand, das ich erflehe, es ist das Glück, mein Leben dem Ihrigen gesellen zu dürfen, das Glück, zugleich mit einer so liebenswürdigen Gefährtin eine Mutter zu gewinnen, die ich schon ebenso liebe und verehre wie die, welche ich verloren habe.« Während ich mich so ausdrückte, richtete das junge Mädchen, überrascht und erschreckt, ihre Blicke bald auf Herrn Latour, bald auf mich, bald auf ihre Mutter. Diese hatte in dem Augenblick, wo sie über das Schicksal ihrer zärtlich geliebten Tochter entscheiden sollte, gefühlt, wie ihre Herzenswunde sich von neuem öffnete; zerrissen in der Erinnerung an die Vergangenheit, unterwürfig und doch zitternd vor der Ungewißheit der Zukunft, flehte ihr Blick um Liebe, Schutz und Mitleid; endlich vermochte sie nicht mehr, sich zu beherrschen, und aus ihren Augen flossen reichliche Tränen. »Mama,« rief da die Tochter und flüchtete sich zu ihr, »warum weinen Sie ...? Ich liebe den Herrn und ich bin Ihnen ergeben ... Verfügen Sie über mich zu Ihrem Glück; dort allein werde ich das meine finden.« Ihre Mutter vermochte ihr noch nicht zu antworten; schließlich aber suchte ihre Erregung bei mir einen Schutz; sie ergriff die Hand ihrer Tochter und legte sie in die meinige. Von diesem Augenblick an waren wir vereint. Die wahre Unschuld ist vertrauend. Ein Herz, dem die Liebe noch fremd war, gibt sich ohne Rückhalt hin. In dem Herzen Adeles fand ich die Schätze unberührt, die die Welt so häufig beschmutzt oder entblättert, die Zurückgezogenheit aber verschönt und verhüllt. Bei all ihrer bemerkenswerten Schönheit, ihrer Anmut, ihrer Empfänglichkeit, die bei einer Frau alle Gaben und Kenntnisse noch erhöht, kannte ihre großmütige und bescheidene Seele keine anderen Vergnügungen als die der Zuneigung und Hingebung. Wenn sie die Anmut ihrer Bewegungen und ihres Geistes verschwenderisch auszustreuen schien, so verlieh gleichzeitig eine schamhafte Zurückhaltung der geringsten ihrer Gunstbezeigungen einen Zauber, der weit tiefer und unendlich reizvoller war als der, den ebenso schöne Frauen vergeblich in die Berechnungen der geschicktesten Koketterie zu legen suchen. Es wurde abgemacht, daß die Damen den Rest des Winters in der Zurückgezogenheit verbringen sollten, die ihnen die Güte des Herrn Latour bot. Dorthin kam ich jeden Tag während eines strengen, eisigen Winters, um mich in der Nähe dieses reizenden Mädchens an den Freuden einer Liebe zu berauschen, die jeden Tag lebhafter, jeden Tag schöner erwidert wurde. O, ihr Zeiten irdischer Seligkeit und lachender Hoffnungen! Ihr glücklichsten Tage meines Lebens! Nicht wie so viele andere Vergnügungen, welche die Jahre für immer mit sich fortnehmen, seid ihr vergangen, ohne liebenswürdige Spuren zu hinterlassen; ihr wäret das schimmernde Morgenrot des Glücks, das ich noch heute genieße, und mein Herz, das in der Erinnerung zu euch zurückkehrt, hat nicht nötig, von euch Rechenschaft zu verlangen über holde Versprechungen, mit denen ihr mich einst gelockt habt. Im nächsten Frühling verband uns Herr Latour in der Kirche eines benachbarten Dorfes. Stolz und glücklich über eine Vereinigung, die das Werk seiner Klugheit und Uneigennützigkeit war, ist er unser beständigster Freund geblieben. Jakob hat mich in meine neuen Verhältnisse begleitet. Mein Pate ist zwei Jahre später gestorben, ohne mir verziehen zu haben; sein Vermögen hat er unter Verwandte verteilt, die weniger begütert sind als ich. Ich endige, lieber Leser. Hast du mich bis zum Schluß begleitet? Ich habe es mir wenigstens eingebildet, und empfinde darum großes Bedauern, von dir zu scheiden. Der Paß voll Anterne Das Tal von Servoz ist das erste, das sich zeigt, sobald man das Tal von Chamonix verläßt. Wenn der Schnee von den benachbarten Gipfeln verschwunden ist, wenn die Wiesen ihr Grün wiedererlangt haben, wenn die Abendsonne die Felsen, welche es einschließen, vergoldet, dann macht das Tal trotz seiner Wildheit einen lieblichen Eindruck. Einige Hütten sind darin zerstreut, darunter eine kleine Herberge, in der ich am 12. Juni abends anlangte. Man kann aus diesem Tal auf sehr viele Arten und Weisen wieder herauskommen. Einige verlassen es auf der großen Landstraße, das ist das einfachste; aber zu jener Zeit war ich jung, und was mehr sagen will, ein Tourist; ich verachtete daher diese fade Art, Täler zu verlassen. Ein Tourist will Gipfel, will Pässe, will Abenteuer, Gefahren, Wunder: Warum? Das ist so seine Natur. Wie ein Esel sich nichts anderes vorzustellen vermag, als daß man von der Mühle zum Backofen auf dem kürzesten, ebensten, besten Wege einhertrottet, so kann sich ein Tourist gar nicht denken, daß man von Servoz nach Genf einen anderen, als den längsten, schwierigsten, abscheulichsten Weg wandern mag. Die Handlungsreisenden, die Käsehändler, die Finanzmänner, die alten Leute machen es wie der Esel; Schriftsteller, Künstler, Engländer und ich machen es wie der Tourist. Als ich daher in dem kleinen Wirtshaus in Servoz angekommen war, unterrichtete ich mich sofort über die Beschaffenheit der Pässe und Übergänge. Man nannte mir den Paß von Anterne: das ist eine enge Schlucht, eingezwängt zwischen die Pics von Fiz und die Basis des Mont Buet; der Fußpfad ist schwierig, die Höhe rauh und kahl... Ich erkannte gleich, daß das etwas für mich wäre, und ich entschloß mich, den Übergang am nächsten Morgen mit einem guten Führer zu wagen. Unglücklicherweise gibt es aber keine Führer an diesem Ort, und man konnte mir nur einen Gemsjäger bezeichnen, der mir als Führer würde dienen können; es fand sich aber, daß dieser Mann bereits von einem englischen Touristen engagiert war, der sich auf demselben Wege, den ich einzuschlagen beabsichtigte, nach Sixt begeben wollte. Diesen Touristen hatte ich bei meiner Ankunft auf der Schwelle der Herberge bemerkt. Es war ein »Gentleman« von gutem Aussehen, mit sauberer, sorgfältiger Kleidung und sehr feinen Umgangsformen; er erwiderte nämlich den Gruß, den ich im Vorbeigehen an ihn richtete, nicht; das gilt bei wohlerzogenen Engländern als Zeichen von gutem Ton und weltmännischer Gewandtheit. Gleichwohl, als ich erfahren, daß der einzige Ortskundige, der mich zum Paß von Anterne führen konnte, bereits von diesem Touristen engagiert war, kehrte ich noch einmal zu ihm zurück, von dem lebhaften Wunsche beseelt, ihn zu der Erlaubnis zu bestimmen, daß ich mich ihm bei dem Paßübergange anschließen, und natürlich auch die Hälfte des Führerlohns für den Gemsjäger bezahlen dürfe. Der Engländer saß dem Montblanc gegenüber, den er aber keines Blickes würdigte. Er hatte eben gegähnt; als Zeichen der Teilnahme gähnte ich ebenfalls; danach glaubte ich einige Minuten verstreichen lassen zu müssen; während dieser Zeit sollte Mylord Gelegenheit haben, sich mit meiner Person zu befreunden; dann galt ich, wie ich annahm, als vorgestellt, als »bei ihm eingeführt«. Als der Augenblick mir günstig schien, sagte ich mit halblauter Stimme: »Herrlich«, und ohne mich an jemand zu wenden, fügte ich hinzu: »Großartiges Schauspiel.« Nichts rührte sich, niemand antwortete. Ich trat darauf näher heran. »Mein Herr,« fagte ich sehr verbindlich, »Sie kommen ohne Zweifel von Chamonix?« »Ja.« »Auch ich bin heute morgen von dort aufgebrochen.« Der Engländer gähnte ein zweites Mal. »Ich habe nicht den Vorzug gehabt, mein Herr, Sie unterwegs zu treffen; sollten Sie über den Paß von Balme gekommen sein?« »No.« »Vielleicht über den Prarion?« »No.« »Ich kam gestern über die Tête Noire und nehme mir vor, morgen über den Paß von Anterne zu wandern, wenn es mir noch gelingt, einen Führer zu finden. Sie sind so glücklich gewesen, wie man mir sagt, sich einen verschaffen zu können?« »Jä.« Jä, no! Der Teufel hole ihn, dachte ich bei mir selbst. Dummes Tier! Dann entschloß ich mich, die Sache abzukürzen: »Wäre es eine Unbescheidenheit, mein Herr, falls ich keinen Führer mehr finden sollte, Sie zu bitten, mich Ihnen anschließen und die Hälfte des Führerlohns beisteuern zu dürfen?« »Jä, es sei sich einer Unbescheidenheit.« »Dann bestehe ich natürlich nicht darauf.« Und ich entfernte mich, recht entzückt über dieses interessante Zwiegespräch. Einen besonderen Reiz hat auf Reisen die Abendstunde, wenn man in einer wilden und einsamen Gegend aufs Geratewohl gemächlich einherstreift, ohne andere Absicht, als das zu sehen, was sich gerade bietet, mit einem Vorübergehenden zu plaudern, den Hunger reif werden zu lassen, den der bisherige Weg schon angeregt hat, und den die in Vorbereitung befindliche Mahlzeit bald stillen wird. So schlenderte auch ich dahin und lenkte meine Schritte zu einem mit Trümmern bedeckten Felsen: man nennt ihn den Mont Saint Michel. Zwei Ziegen weideten dort; bei meiner Annäherung flohen sie und ließen mich als Herrn des Platzes zurück. In der Nähe junger Erlen, die dort wachsen, ließ ich mich nieder. Es ist durchaus kein Abenteuer, dessen Einzelheiten ich hier entwickeln will. Verspitze dich nicht etwa darauf, lieber Leser, ich bitte dich darum. Ich saß, das ist alles. Aber es ist viel, ich versichere es dir zu dieser Stunde und an dieser Stätte. Das Tal liegt schon im Schatten. Aber da, wo es sich zu dem nahen Montblanc öffnet, erleuchtet und färbt ein glänzendes Licht die Eismassen dieses majestätischen Gipfels, dessen Zacken sich prächtig von dem tiefen Blau des Himmels abheben. Je mehr die Sonne sinkt, desto mehr zieht sich der Glanz von den Eisflächen und den schimmernden Abgründen zurück, und wenn der letzte Lichtschein hinter der letzten Nadel verschwunden ist, dann scheint es, als ob das Leben aufgehört habe, die Natur zu beseelen. Dann beginnen die Sinne, die bis dahin aufmerksam, verzaubert, wie festgeschmiedet an die äußersten Gipfel waren, sich wieder des Tales zu erinnern; die Wange fühlt den erfrischenden Hauch des Windes, das Ohr vernimmt wieder das Murmeln des Baches, und von der Höhe seiner Betrachtung steigt der Geist herab und denkt an das Abendbrot. Ein Hirte kam die Ziegen holen. Auf dem Rückwege schloß ich mich ihm an. Der Biedermann wußte einiges über den Paß von Anterne, und ich hätte ihm sicherlich den Vorschlag gemacht, mir am folgenden Tage als Führer zu dienen, wenn ich nicht eine ganz außerordentliche Furchtsamkeit an ihm wahrgenommen hätte. »Leute hier aus der Gegend,« sagte er, »das geht noch, aber Herren wie Sie, nein! Der Schnee liegt zu hoch da oben! Kaum acht Tage, daß da zwei Schweine umgekommen sind, dem Peter seine; und sein Weib dazu, das sie vom Markt in Samoïns zurückbrachte. Zwei selbstaufgezogene Schweine! Hätte sie sie wenigstens verkauft gehabt, so würde sich das Geld gefunden haben! Ich sage Ihnen, es ist ein schlechter Übergang im Juni.« Gestützt auf mein Reisehandbuch hielt ich ihm entgegen, daß der Paß von Anterne im Gegenteil zu den leichtesten Übergängen zählt, da er sich nur 7086 Fuß über dem Meeresspiegel erhebt, während die Grenze des ewigen Schnees erst bei 7812 Fuß beginnt. Da aber die Kraft meiner Beweisführung den Hirten nicht überzeugt zu haben schien, so zog ich meinen Bleistift hervor, machte auf dem Umschlag meines Reisehandbuchs mit siegreichem Erfolge ein Subtraktionsexempel und bewies ihm, daß wir von der Paßhöhe ab noch 726 Fuß nackten Fels, ohne Schnee und Eis zu erwarten hätten. »Dem soll man nicht trauen,« sagte er in seinem Platt. »Ihre Zahlen, die kenne ich nicht; aber warten Sie, vor zwei Jahren, im gleichen Monat hat ein Engländer da oben dranglauben müssen. Es war der Sohn. Ich sah den Vater ganz in Tränen und Trauer. In der Wirtschaft bei Renaud mühten sie sich um ihn; trockene Nüsse setzten sie ihm vor, Fleisch und alten Wein. Er nahm nichts. Er wollte seinen Sohn. Sechsunddreißig Stunden später hatte man ihn, aber es war nur der Leichnam.« Es schien mir klar, daß der Mann mehrere Namen miteinander verwechselte; mein Reisehandbuch war zu bestimmt, mein Subtraktionsexempel schlagend. Außerdem wollte ich ja etwas Gefahr; und da ich voraussetzen durfte, daß der Hirt in seiner Furchtsamkeit Dinge übertrieb, die auf ihrem Grunde natürlich etwas Wahrheit bargen, so fand ich, daß der Paß von Anterne derjenige Paß wäre, der für mich unter allen Pässen ganz besonders paßte. Ich beharrte daher bei meinem Vorsatz, den Übergang ohne Führer zu machen, da ich keinen fand, aber mit Hilfe meines ausgezeichneten Reisehandbuchs und mit der Vorsichtsmaßregel, bald nach dem Engländer aufzubrechen, um von ferne seinen Spuren zu folgen. Bei der Rückkehr ins Gasthaus fand ich das Abendbrot angerichtet. Ein kleiner Tisch war für mich aufgestellt; in einiger Entfernung davon hatte Mylord den seinigen, wo er in Gesellschaft eines jungen Mädchens, seiner Tochter, die ich bisher noch nicht bemerkt hatte, aß. Sie war schön, von strahlender Frische, und in ihren Bewegungen war ein Gemisch von Anmut und Steifheit, das man häufig bei jungen Engländerinnen antrifft, die den vornehmen Kreisen angehören. Da ich englisch verstehe, hätte ich ihre Unterhaltung genießen können, auch ohne daran teilzunehmen; aber diese beschränkte sich auf den Austausch einiger einsilbiger Wörter, mit denen sie ihre stolze Verachtung über die Bedienung, die Beschaffenheit der Gerichte und die zweifelhafte Sauberkeit des Geschirrs zum Ausdruck bringen wollten. Diese Gerichte selbst waren eigenartig ausgewählt und noch eigenartiger verteilt. Das gnädige Fräulein hatte sich ein großes Beefsteak geben lassen, und ihre hübschen Lippen verschmähten es nicht, einigen vollen Gläsern Wein Durchgang zu gestatten, der aus dem Reisevorrat zu stammen schien. Währenddessen war Mylord damit beschäftigt, seinen Tee zu machen, der seine ganze Mahlzeit bilden sollte. Er verrichtete dieses Geschäft mit der peinlichen Sorgfalt, der ernsten Wichtigkeit, die nur einem vornehmen Engländer eigen ist; und obgleich das ganze Haus aufgepflanzt dastand, bereit alles zu tun, bereit sich ins Feuer zu stürzen, wenn nur der Tee tadellos würde, behandelte Mylord das ganze Haus mit der zornigen Nichtachtung, die gleichfalls so häufig den Engländer von Stande kennzeichnet, wenn er sich auf Reisen im Wirtshause und auf dem Festlande befindet. Gegen das Ende der Mahlzeit trat der Führer ein. »Holla, he, hört mal, lieber Herr, wir müssen morgen sehr früh aufbrechen. Hab' eben das Wetter beobachtet; gegen Mittag könnten wir leicht ein Gewitter haben, 's ist nicht gut da oben wegen der Schneefälle, das Fräulein würde sich da an ihrem Sonnenschirm nicht herausziehen können.« Diese ritterliche Art, sich auszudrücken, verletzte Mylord sichtlich. Bevor er antwortete, begann er mit seiner Tochter ein Zwiegespräch auf englisch. Zur Klarheit meiner Erzählung gebe ich diese Zwiegespräche in der Mundart wieder, deren Engländer sich untereinander zu bedienen pflegen, wenn sie sich französisch unterhalten. Mylord zu seiner Tochter: »Diese Führer hab' sich eine sehr unerbietige Benehmen.« Die Tochter: »Er scheint mich eine Dummkopf zu sein. Sag' Sie ihm, daß ich nur gehen will, wenn die Himmel sich keiner einzigen Wolke hat.« Mylord zum Führer: »Ich will Sie nur gehen, wenn die Himmel keiner einzigen Wolke hat.« Der Führer: »Hallo, das gibt's nicht. Am frühen Morgen werden sicher Wolken da sein, das sag' ich Ihnen im voraus; trotzdem müssen wir sehr früh aufbrechen. Lassen Sie mich nur machen; wir Landbewohner kennen hier das Wetter und die Gelegenheiten.« Mylord zu seiner Tochter: »Das sei eine Schurke.« Zum Führer: »Ich sag' Sie, ich will nur gehen, wenn die Himmel keiner einzigen Wolke hat.« Der Führer: »Wie Sie wollen, es ist Ihre Sache. Ich wette, daß der Himmel um neun Uhr frei sein wird. Und nun will ich Ihnen was sagen: Sie sollen um neun Uhr abmarschieren, aber um zwölf Uhr kann sich das Gewitter entladen und um zwölf Uhr werden wir mitten im Schnee sein; während wenn wir ganz früh aufbrechen, wir zur Mittagszeit in Sixt sind und dann kann das Unwetter meinetwegen losplatzen!« Mylord zu seiner Tochter: »Das sei eine Schurke. Versteh' Sie die Sach', Klara? Er kennen es, daß morgen sein wird schlechte Wetter und wollen uns doch bestimmen, früh zu gehen, weil, wenn später es wird regnen, er verliere sein Geld.« Die Tochter: »Ich glauben auch.« Mylord: »Diese Mensch sei ganz eine bemerkenswerte Räuber.« Die Tochter: »Ganz! – Befehl' Sie ihm Ihre Willen. Sag' Sie ihm, daß er sei erkannt.« Mylord zum Führer: »Mein Freund, ich durchschauen vollständig und ganz Ihre Stratadjem. Ich sag' Sie, daß ich nur gehn wollen, wenn die Himmel nicht mehr Wolke haben als auf diese Plate... (zu Klara): How do You say plate, Clara? « Die Tochter: »Teller.« Mylord: »... Wie auf diese Teller ... Versteh Sie?« Der Führer: »Ich verstehe, verstehe, aber 's ist eine Torheit. Warten Sie, lassen Sie mich Pater holen. Mit seinen zwei Schweinen, die ihm das gekostet hat...« Mylord: »Ich verbieten Sie, Schweine zu holen.« Der Führer: »Es ist ja nur, um dem Herrn begreiflich zu machen...« Mylord: »Ich verbieten Sie!« Der Führer: »Wie Sie wollen.« Mylord: »Ich verbieten, zum Teufel!« Der Führer ging hinaus und so konnte ich gegen meine Gewohnheit nicht schon am Abende vorher die Stunde des Abmarschs festsetzen. Ich meinerseits war geneigt, den Erklärungen des Führers Glauben beizumessen, da ich aber weder Sitz noch Stimme im Kapitel hatte, so mußte ich mich damit begnügen, mein Schicksal mit dem Mylords zu verknüpfen, und mit diesem Entschlusse legte ich mich schlafen. Führer haben ihre eigenen Gedanken. Trotz der empfangenen Befehle machte der unsrige bei Tagesanbruch einen Heidenlärm, um Mylord aufzuwecken und zum Abmarsch zu drängen. Mylord fühlte sich schon durch die geräuschvolle Art, mit der der Jäger seine Leute weckte, in seiner innersten Empfindlichkeit verletzt; er stieg aus dem Bett, steckte die Nase zum Fenster heraus, sah, daß der Himmel mit Wolken bedeckt war und konnte nun seine Entrüstung nicht mehr zurückhalten: »Sie sei eine Schurke, Herr, eine Schurke!« rief er dem Führer durch die Tür zu. »Ich kenne Sie, Ihr Stratadjem, ich kenne Sie...! Ich erklär' Sie noch einmal, daß ich nicht gehen will, wenn auch nur einer einzigen Wolke es gibt in das ganze Firmament ...! Geh' Sie raus! Ganz sofort, ganz ...« Der Führer zog sich brummend zurück, ohne den Grund dieses schroffen Empfanges völlig zu begreifen. Seine Wetterprophezeiungen trafen übrigens genau ein. Von acht Uhr ab drang die Sonne durch den Wolkenhimmel, der bis dahin über dem Tal gelagert hatte; bald danach zerstreute sie die dünner gewordenen Nebel, und man sah den Himmel in völliger Reinheit erglänzen. Nun erst entschlossen sich Mylord und seine Tochter zum Abmarsch; sie bestiegen ihre Maultiere, die, gesattelt und gezäumt, seit mehr als zwei Stunden mit dem Führer vor dem Wirtshaus warteten. Ein drittes Maultier sollte auf einem kürzeren und leichteren Wege ihr Gepäck nach Sixt bringen. Ungefähr zwanzig Minuten nach ihrem Abreiten schulterte ich meinen kleinen Rucksack und folgte zu Fuß ihren Spuren. Das Gebirge, welches wir überschritten, ist interessant und malerisch. Bis zu halber Höhe kommt man über prächtig bewachsene Hügel: zuerst Nußbäume, dann Buchen untermischt mit Fichten, bald danach die ersten Birken, deren zitterndes Laub die schlanken, silberfarbigen Stämme umkränzt; endlich die Felsen der Fizhörner. Sie ragen in den blauen Himmel empor, immer höher, immer drohender, je mehr man sich ihnen nähert; sie bilden eine ausgedehnte Kette nach Sallenche zu, wo sie in der majestätischen Nadel von Warens endigen. Die Felsen sind angefressen und unterhöhlt von der Macht des Wassers; infolge mehrerer Erdrutsche, deren letzter im vorigen Jahrhundert stattfand, haben sich die Hügel gebildet, die heute mit Bäumen bestanden sind und zwischen denen lachende Weiden schimmern; aber unter ihnen schlummern Menschen, Weiler, ja ganze Landstriche. Dann und wann sind einzelne kühne Jäger auf die Fizhörner geklettert. Sie sagen, daß auf dem rauhen Gipfel ein dunkler, tiefer See liegt, von dem man in der Umgegend die wunderbarsten Dinge erzählt. Das letzte Dorf, durch das man kommt, wenn man von Servoz aus aufsteigt, ist das Dorf Mont. Ich war erstaunt über den Verfall, der in dem kleinen Weiler herrschte, wo ich weder Bewohner noch Haustiere bemerkte; an einem Brunnen hielt ich Rast, aber niemand erschien, den ich nach dem Grunde dieser tiefen Einsamkeit hätte fragen können. Wenn ich es gekonnt hätte, so würde eine traurige Enttäuschung die Folge meiner gestillten Neugierde gewesen sein; als ich nämlich am nächsten Morgen in Bonneville ankam, zeigte mir unser Kutscher mit dem Finger das Gefängnis, das alle unglücklichen Bewohner des Dorfes in sich barg. Es ist eine traurige Geschichte. In diesem Weiler wie in den andern des Tales hatten die Bewohner ihre guten und tugendhaften Seiten; wie in den andern erzeugten Arbeitsamkeit und Einfachheit der Sitten einen mäßigen Wohlstand. Die Generationen folgten einander, unscheinbar aber einig und friedlich. Mit dem Abschluß der Kriege des Kaiserreichs kehrten jedoch einige von draußen an den heimatlichen Herd zurück und brachten die Gewöhnung an Müßiggang und Trunk mit nach Hause. Dort verkündeten sie die Lehre, wie man anderwärts die Kirchen nicht mehr besuchte und sich über den Pfarrer lustig machte; sie sagten, daß die Savoyarden in Paris geschützt werden, daß sie dort in wenigen Jahren für keineswegs zu schwere Dienstleistungen ein schönes Stück Geld verdienen. So ließen sich mehrere verführen, wanderten aus und kehrten nach einigen Jahren zurück. Geld brachten sie in Hülle und Fülle mit, aber auch bis dahin unbekannte Laster, eine schmähliche Liederlichkeit, sowie die Kenntnis von und das Bedürfnis nach Ausschweifungen. Schon vorher hatte die Verachtung der althergebrachten Sitten, die Geringschätzung der ländlichen Gebräuche, des kirchlichen Herkommens den Boden vorbereitet; nun keimte die Fäulnis, schlug Wurzeln, breitete sich aus und drang bis in das Innerste der Hütten ein; die Unmäßigkeit, die Krankheit, das Elend nagten wie ebenso viele Geschwüre an den bis dahin gesunden, im Wohlstande lebenden Familien; nach Verlauf von wenigen Jahren war die kleine Gemeinschaft, welche die Gewöhnung an Ordnung und Arbeit verloren hatte, ruiniert; sie hielt nur noch durch das Band des Lasters und der gemeinsamen Bedürfnisse zusammen und schmiedete nunmehr gegen das Eigentum der benachbarten Gemeinden ein abscheuliches Komplott. Sie eigneten sich fremde Tiere an, machten andern willkürlich ihre Rechtsansprüche streitig, maßten sich Grundstücke an; vor die Gerichte gezogen, gewannen sie ihre Prozesse auf Grund von falschen Zeugnissen, zu denen sie sich gegenseitig durch einen verabscheuenswürdigen Schwur verpflichtet hatten. Endlich ereilte sie die Vergeltung für ihre Verbrechen: die Väter und Mütter wurden ins Gefängnis geworfen. Die Kinder, die Waisen, beschmutzt, zerstreut, aßen vor den Hütten, auf dem Pflaster der Straßen das Brot des Almosens. Glücklicherweise wußte ich von alledem nichts. Ich saß an der Quelle und bewunderte ihr klares Wasser, den glänzenden Gischt. Ich stellte mir vor, daß die guten Leute, die auf der Schwelle ihrer Häuser und um die Ställe herum nicht zu sehen waren, in den Wäldern arbeiteten oder ihre zahlreichen Tiere weiden ließen. Wie sollte ich an dieser entlegenen Stätte, unter diesen lieblichen Schatten Menschen suchen, die von den Wunden zerfleischt werden, die die Bevölkerung der großen Städte verzehren? Wie sollte ich am Busen der Hochalpen auf den Zauber der Unschuld verzichten, den man hier, wie in einem unverletzlichen Zufluchtsort suchen geht? Und doch, so oft sie auch enttäuscht wird, die Hoffnung ersteht aufs neue, ohn' Unterlaß, denn uns Städter bewegt die große Natur im Innersten unserer Seele, zu uns spricht das Schweigen der Berge. Unser Herz erhebt sich, es wird reiner, es scheint zum Urzustande der Unschuld zurückzukehren; schon begreift es nicht mehr das Böse, die Laster, die verwerflichen Leidenschaften, und bekleidet alles mit dem Zauber, von dem es selbst berauscht wird. Ich empfand ihn, diesen Zauber, in seiner ganzen Reinheit und immermehr, je höher ich stieg. Gegen elf Uhr schwebten einige Wolken über den tiefen Schluchten; der Montblanc gewährte einen glanzlosen Anblick: die Felsgrate zeichneten sich tiefschwarz auf einem Hintergrunde von mattem Weiß; von Süden her blies der Wind mit kalten, jähen Stößen. Ich dachte an die Prophezeiungen des Führers, aber nur, um über den guten Mylord zu lachen, der sich selbst eine Falle gestellt hatte aus Furcht, der Führer könne ihn täuschen. Von Zeit zu Zeit, wenn das Unterholz weniger dicht und der Abhang steiler war, sah ich die beiden Maultiere oberhalb meines Kopfes. Mylord und seine Tochter ritten gerade ohne ein Wort zu sprechen, als der Führer, der das Maultier der jungen Miß führte, stehenblieb, um ihr etwas zu zeigen, worauf sich ein Streit zwischen ihnen entspann. Man muß nämlich wissen, daß die Führer an dieser Stelle den Reisenden einen eisenfarbigen Fleck zu zeigen pflegen, der in bedeutender Höhe gegen die Wand der Fizhörner sichtbar ist. Sie nennen diesen Flecken »den Mann der Fizhörner«, weil sie behaupten, daß er die Gestalt und das Aussehen einer gelben Hose hat, während darum herum, nach ihnen, andere Anzeichen die Gestalt eines Riesen vervollständigen. Diese eigenartige Erscheinung war es, die der Führer der jungen Miß mit dem Finger bezeichnete. Aber um ihr den Mann zu zeigen, bezeichnete er die Hose. Nun weiß man, wie unpassend dieses Wort für englische Ohren klingt; auch malte sich auf dem Antlitz der jungen Dame ein Ausdruck größter Prüderie, während Mylord auf dem seinen alle Zeichen einer höchst komischen Entrüstung erscheinen ließ. »Hier oben, linker Hand,« wiederholte der Führer, »eine rote Hose.« »Ich verbieten Sie, Führer, diese Wort zu sagen.« »Der Herr sieht sie bloß nicht. Warten Sie, gerade über der Spitze meines Stockes ... Eine gelbe Hose!« Das schamhafte Unbehagen der jungen Miß vergrößerte sich, und Mylord, entrüstet über diesen Rückfall, schrie ihn an: »Sie sei eine unsaubere Herr! Ich hab' Sie gesagt, nicht auszusprechen diese schmutzige Wort. Ich zahl' Sie, dafür hab' Sie gehorsam zu sein. (Zu seiner Tochter.) Sporn' Sie das Maultier an, Klara.« Die Karawane setzte sich wieder in Bewegung. Der Führer, der ein einfacher Gemsjäger war und nur gelegentlich einmal Führerdienste versah, war nicht so, wie es die Führer von Chamonix sind, mit den Sitten und Gebräuchen der Welt bekannt; er verstand daher immer weniger, mit wem er es zu tun hatte. Da er sich aber im Grunde nur um seinen Lohn sorgte, so bestand er nicht weiter auf seinem Vorhaben; vielmehr zog er aus seiner Tasche eine mächtig große, bis oben mit Tabak vollgestopfte Pfeife, steckte sie in seinen Mund und begann Feuer zu schlagen. Klara zum Mylord: »O, der abscheuliche Perfium, wenn diese Mann will rauchen seiner Pfeife!« Mylord zu Klara: »Ich hab' Sie noch nicht gekannt eine so unleidliche Mensch. (Zum Führer.) Ich verbieten Sie, Führer, zu rauchen, warum mein Tochter fürchtet die Perfium...« »Das ist kein Perfium, das ist guter Tabak, noch dazu wirklich guter.« »Das ist eine schlechte Perfium, ich verbieten Sie.« »Na, warten Sie mal, das Tier ist sicher, ich werde hinterher gehen.« Klara: »O, o, lass' Sie nicht das Maultier los.« Mylord: »Lass' Sie nicht los! Hallo! What fellow we have there . Ich verbieten Sie zu rauchen. Wenn Sie rauch', ich verweigere gar und ganz, Sie zu zahlen.« »Na, das sind mir die Rechten, lieber führ' ich noch Tiere zum Markt sagte der Führer und steckte seine Pfeife wieder in die Tasche. »Nun aber vorwärts,« fügte er hinzu. »Der Himmel bezieht sich, wir müssen eilen, durch den Schnee durchzukommen.« In der Tat hatte sich der Himmel von neuem ganz in Wolken eingehüllt; alle Gipfel waren verborgen, und der Wind, der immer heftiger wurde, ließ den Staub der Schluchten im Wirbel umhertanzen. Seit mehr als drei Stunden stiegen wir unausgesetzt, trotzdem erschien die Paßhöhe noch entfernt. Seit wir die untersten Felsen der Fizhörner erreicht und gleichzeitig die letzten Spuren des Pflanzenwuchses hinter uns gelassen, verbargen uns die Felsen, die wir jetzt zu umgehen begannen, die Aussicht auf das Tal von Servoz. Der Anblick war nun ein anderer. Zur Linken senkrecht aufstrebende Felsen; zur Rechten der Grundstock des Mont Buet, nur Eis und nackter Fels; um uns eine wüste, finstere Gegend, die nur durch die weißen Schneeflecken eine Abwechslung erfuhr, welche immer häufiger auftraten und bald zusammenhängend wurden. Mylord zu Klara: »Ich hab' Sie die Verdacht, daß diese Schurke nicht die true Weg kennen tut.« »Ich hab' Sie auch,« antwortete Klara mit beunruhigtem Ausdruck. Mylord: »Sie führ' uns in eine schlechte Weg, Führer.« »Hier? da dürfen Sie sich noch nicht beklagen. Warten Sie nur, bis wir erst oben sind. Vorwärts, vorwärts!« Klara zu Mylord: »O, ich fürchten sehr, mein Vater!« »Vorwärts, vorwärts! Gestern haben Sie nicht auf mich hören wollen; nun müssen wir sehen, wie wir wieder herauskommen.« »Ich wollen umkehren, durchaus umkehren,« rief die junge Miß im höchsten Schrecken. »Unmöglich, Fräulein. Aber das ist sicher, es wäre besser, wenn wir uns um diese Zeit schon auf der andern Seite befänden.« »Halt' Sie die Maultier an, Führer, halt' Sie!« sagte Mylord. Der Führer, der ganz mit seiner Aufgabe beschäftigt war, beachtete den Zwischenruf nicht. »Halt' Sie an,« wiederholte die Miß. »Halt' Sie an,« wiederholte Mylord, »ganz sofort, ganz.« Der Führer hielt weder an, noch antwortete er; er beobachtete nur aufmerksam den Himmel hinter uns. »'s sieht schlecht aus,« sagte er. Dann hemmte er plötzlich den Gang der Maultiere. »Gnädiger Herr, Fräulein, Sie müssen absteigen,« »Absteigen?« riefen nun auf einmal beide gleichzeitig. »Und zwar schnell. Umkehren ist unmöglich. Da steigt schon das Unwetter im Rücken von uns auf: der Wind führt es in raschem Tempo auf uns zu. Wir haben nur die eine Aussicht, daß es uns nicht mehr erreicht. Die Paßhöhe ist noch fern, wenn wir da herüber wollten, würden wir vorher umkommen. Wir müssen hier zur Linken über die Erhöhung klettern, sie kürzt unsern Weg ab; auf der andern Seite sind wir außer dem Bereich des Windes. Also herunter. Die Maultiere werden allein ihren Weg finden. Herunter doch.« Die Kaltblütigkeit des Mannes flößte dem Engländer Achtung ein; gleichzeitig versetzten ihn aber die Worte in lebhafte Unruhe. Er stieg wortlos ab, während ich mich ihm näherte. Die junge Miß zitterte am ganzen Körper. Ohne erst um Erlaubnis zu bitten, half ich ihr aus dem Sattel und richtete einige ermutigende Worte an sie. Als der Vater sah, wie ihre zarten Füße tief in den Schnee einsanken, malte sich eine Bewegung des Schreckens in seinem Antlitz. »Führer,« sagte ich nun zu dem Manne, der in aller Eile die Steigbügel an dem Sattel der Maultiere befestigte, »Ihre Aufgabe ist es, uns aus dieser Klemme zu befreien. Man hat mir so viel von Ihrem Mut, Ihrer Kraft erzählt; Sie sind Félizas, der geschickteste Jäger des Tales; wir vertrauen uns Ihnen vollständig an.« Darauf wandte ich mich an Mylord: »Fürchten Sie nichts mein Herr! Auch ich kenne die Berge. Wir beide, dieser wackre Mann und ich, werden das gnädige Fräulein stützen, wenn sie dem Übermaß der Anstrengung erliegen sollte.« »Sehr verpflichtet,« antwortete er, völlig zerstreut in seiner tiefen Erregung. Weniger verwirrt als der Engländer, befand ich mich doch in nicht geringerer Unruhe. Die Erzählungen des Hirten, denen ich tags vorher kaum zugehört hatte, standen mir im Geiste wieder vor Augen und ließen mir unsere Lage als sehr gefährlich erscheinen. Der Mann hatte mir mit allen Einzelheiten die Umstände berichtet, von denen der Tod des jungen Engländers und der Frau von Peter begleitet war. Alles das sah ich jetzt im Geiste sich mit erschreckender Wahrheit wiederholen. Die Unglückliche war eben mit ihrer Begleitung auf der Paßhöhe angelangt, hatte nicht mehr die Kraft gehabt zu fliehen, war von dem Windsturm erfaßt und begraben worden und umgekommen. Der Windsturm oder Windhose ist ein Unwetter, das in den Vertiefungen der engen Schluchten braust, dort mit Macht umherwirbelnd riesige Schneemengen mit sich führt, die alle Gegenstände, an denen es seine Wut austobt, wie mit einem Totentuch zudecken. Solch ein Wirbelwind war es, der sich hinter uns im Grunde des Tales erhob und uns in wenigen Augenblicken erreichen zu müssen schien. Seit der Führer ihn bemerkt hatte, und lange bevor wir eine Gefahr ahnen konnten, hatte er ihn nicht mehr aus den Augen gelassen; er maß mit Scharfsinn die Entfernung, fühlte die Richtung, und urteilte mit ebenso sicherem wie rechtzeitigem Blick, daß wir, wenn wir nicht zugrunde gehen wollten, aufs schnellste den Abhang erklettern mußten, den er uns soeben gezeigt hatte. Damit begannen wir nun. Die Maultiere fühlten sich kaum frei, als sie auch schon, den Kopf hoch, die Nüstern im Winde, behende davoneilten. Geleitet durch ihren Instinkt verließen sie den Fußweg, auf dem wir gekommen waren, hielten sich nach links herüber, um sich von der Windhose zu entfernen und drangen in eine dunkle Schlucht ein, wo wir sie bald aus den Augen verloren. »Vorwärts, damit wir hinkommen,« rief ohne Unterlaß der Führer. Aber der Abhang war so steil, daß, wenn sich nicht der Schnee unter unsern Füßen zusammengeballt hätte, es auch dem geschicktesten Jäger unmöglich gewesen wäre, sich aufrecht zu erhalten. Trotz dieses günstigen Umstandes kamen wir kaum vorwärts und wurden durch die dringenden Zurufe des Führers mehr in Verwirrung gesetzt als unterstützt. Die junge Miß bezwang ihre Angst, um den Schrecken, der ihren Vater festzunageln schien, nicht noch zu erhöhen, und machte unglaubliche Anstrengungen, um höher zu kommen; aber ihre Kräfte verzehrten sich dabei; zuerst hatte sie in natürlicher Zurückhaltung eine gewisse Verlegenheit empfunden, wenn sie zur Unterstützung meine Hand annahm; jetzt hing sie sich fest an meinen Arm und überließ mir immer häufiger die Sorge, sie zu unterstützen, sie fast zu tragen. Ich fühlte mich selbst erschöpft und glaubte mich jeden Augenblick am Ende meiner Kräfte angelangt; aber die äußerste Gefahr, in der sich das junge Mädchen befand, belebte immer wieder meinen Mut, und ich wagte noch eine Anstrengung. Endlich erreichte sie den höchsten Punkt des Abhangs. Wir ließen sie dort, denn ihr Vater heischte jetzt dringend unseren Beistand. Ein eigentümlicher Umstand hatte die Not dieses armen Herrn noch erhöht. Um die Steilheit des Abhangs zu vermindern, hatte er versucht, Zickzacklinien zu beschreiben; dabei hatten ihn seine Füße auf einen unter der Schneedecke verborgenen Felsblock geführt, der, wie das manchmal vorkommt, in der Schwebe lag. Durch sein Körpergewicht hatte er diese riesige Masse in eine schaukelnde Bewegung versetzt; der Schrecken, den Mylord darüber empfand, war so plötzlich und lebhaft, daß er sich unfähig fühlte, ihn zu überwinden, und sich auf seine schlotternden Knie niedersinken ließ. Sein Antlitz war blaß und entstellt: seine Tochter, die ihn von oben in diesem Zustande bemerkte, stieß verzweiflungsvolle Rufe aus, und auch wir wußten nicht, wozu wir uns entschließen sollten. »Laßt mich,« rief er uns zu, »und rettet mein Kind.« Doch der Führer rief ihm zu: »Mut, mein guter Herr, das schadet nichts,« und zu mir gewendet: »wir wollen ihn herauftragen.« Wir vereinigten unsere Anstrengungen und nach unendlicher Mühe erreichten wir den Gipfel. Auf diesem Gipfel war ein Raum von wenigen Fuß im Umkreise, der fortwährend vom Winde gefegt wurde und deshalb schneefrei war. Dort fanden wir uns alle vier vereinigt wieder. Der Wirbelsturm näherte sich immer mehr. »Hier oben dürfen wir nicht alt werden,« sagte der Führer. »Ich nehme den Herrn, der ist schwerer. Sie das Fräulein. Wir haben jetzt nur noch bergab zu steigen, aber durch zwanzig Fuß Schnee. Setzen Sie alle nur stets Ihre Füße dahin, wo ich die meinigen gesetzt habe: vergessen Sie das nicht; es ist nötig, um die Löcher zu vermeiden, die um die Felsen herum sind. Mut, mein guter Herr, Mut Fräulein, es hat alles nichts zu bedeuten. Halt, hier ist etwas, was Sie stärken wird.« Bei diesen Worten zog der Führer eine alte Kürbisflasche im Lederfutteral aus der Tasche, die noch einige Tropfen schlechten Landbranntweins enthielt. »Not kennt kein Gebot,« sagte er und kredenzte die Flasche der jungen Miß. Diese kostete von dem Getränk und reichte ihm die Flasche mit dankbarem Lächeln zurück. Darauf ließ der Führer Mylord trinken und gab die Flasche dann mir; sie war schon recht leicht; »Sie zuerst, Führer,« sagte ich deshalb. »Trinken Sie nur,« erwiderte er und schickte sich an, aufzubrechen. »Werden so schon kaum noch etwas finden.« Dann blickte er über sich. »Vorwärts,« rief er plötzlich und wie wenn er selbst überrascht wäre über den Anblick, den der Himmel bot. In der Tat kam die Windhose, ähnlich einer riesigen Säule, in schräger Richtung auf uns zu; schon überdachte ihr oberer Teil die Stelle, auf der wir uns befanden und verbarg uns die Gipfel der Fizhörner zu unserer Linken. Der kleine Schluck Branntwein hatte unsere Kräfte ein wenig belebt; wir begannen den Abstieg. Aber schon bei den ersten Schritten stellten sich uns unüberwindliche Hindernisse entgegen. Auf dieser Seite des Berges, die im Schutz vor dem kalten Winde lag, der auf der andern Seite wehte, hatte sich der Schnee erweicht; wir sanken bei jedem Schritt bis zur Hüfte ein. Bald waren die Kleider der jungen Miß völlig durchnäßt; sie klebten an ihren Beinen, ließen sie vor eisiger Kälte erschauern und hinderten sie zudem bei jeder Bewegung. Jeden Augenblick sah sie sich aufgehalten, ohne daß ich im Hinblick auf die Natur des Hindernisses in der Lage gewesen wäre, ihr eine Erleichterung zu gewähren. Auch der Führer bemerkte es und schalt sich selbst: »Dummkopf, der du bist, dort oben mußtest du sprechen... Ja, was hilft's, liebes Fräulein, Sie müssen sich, wie die Frauen hier zu Lande, aus Ihren Röcken eine Hose machen...!« Die Lage war seit einigen Stunden ganz verwandelt. Zwar nicht ohne Verlegenheit, aber dieses Mal ohne falsche Prüderie, machte sich die junge Engländerin an die Arbeit, raffte das vordere Ende ihres Kleides nach hinten, befestigte es dort mit einer Nadel und stellte so eine Art bauschiger Hose her, die es ihr gestattete, ein Stück Weges mit größerer Leichtigkeit zurückzulegen. Was Mylord anbetraf, so war er von der Sorge um seine Tochter völlig eingenommen. »Sehr verpflichtet,« sagte er bei jedem Schritt zu mir, »sehr verpflichtet. Mein Gott, mein Gott, Führer, hab' wir Sie noch lang' so zu gehen?« »Warten Sie,« versetzte der Führer, »wir sind gerettet, aber sehen Sie dorthin, wo wir eigentlich unsern Weg hätten nehmen sollen.« Bei diesen Worten des Führers trennten wir uns unwillkürlich voneinander, wandten unsere Blicke nach der bezeichneten Seite und blieben in stiller Betrachtung versunken. Die Windhose zerbarst mit unendlichem Getöse. Riesige Schneestreifen schlugen auf die Felsen auf, zerstäubten wieder in die Lüfte, der Sturm packte diese verirrten Garben aufs neue und stieß sie gegeneinander; es sah so aus, als ob eine große Wolkenschicht plötzlich von allen entfesselten Winden zerrissen wurde. Beim Anblick dieser Schrecken wandte sich Mylord, der seine Tochter kaum einem furchtbaren Tode entronnen glaubte, in tiefer Bewegung ihr zu, um sie in seine Arme zu schließen ... Aber selbst tief bewegt und von der Kälte erstarrt, verlor das junge Mädchen in diesem Augenblick das Bewußtsein. Ich zog sofort meinen Rock aus, mit dem ich das junge Fräulein umhüllte; dann nahm ich sie in meine Arme, während ihr Vater aus seinem Ranzen einige Lappen hervorholte, mit denen wir ihre eiskalten Beine und Füße umwickelten. Sie öffnete die Augen und errötete, als sie sich in meinen Armen sah. »Es geht ihr schon besser,« sagte ich zu Mylord, »nehmen Sie wieder den Arm des Führers, mein Herr, ich werde das Fräulein tragen, bis wir an eine bessere Stelle kommen.« In diesem Augenblick sagte die junge Miß mit schwacher Stimme: »Danke, mein Herr ..., geh' Sie, mein Vater, ich bitt' Sie.« Dabei legte sie ihren Arm um meinen Hals, um mir die Last ihres Körpers weniger fühlbar zu machen. »Wenn es so steht,« sagte der Führer, »dann wollen wir uns nach rechts wenden, da weiß ich eine Sennhütte.« In der Tat, nach Verlauf von zwanzig Minuten fand der wackere Mann ein kleines Hänschen, dessen Schornstein allein aus dem tiefen Schnee, unter dem es begraben lag, hervorragte. Diese Hütten sind sehr niedrig; der Führer räumte den Schnee weg, machte ein Loch in das Dach, stieg selbst zuerst herein, empfing dann aus meinen Armen das junge Mädchen und bald waren wir alle in dieser Wohnung geborgen; als Wände hatte sie schwarze, verräucherte Balken, als Fußboden feuchte Erde, deren Beschaffenheit zeigte, welchen Gebrauch davon die Herden gemacht, die hier im verflossenen Sommer geweilt hatten. Ohne diese elende Behausung, die uns so kostbar wurde, ist schwer zu sagen, was aus unserer jungen Begleiterin geworden wäre. Dem Unwetter, das ausgebrochen war, bevor es uns erreichen konnte, war ein kalter, mit Schnee untermischter Regen gefolgt, dessen dichte Tropfen dem Gesicht wehtaten, unseren Blick behinderten und den Horizont schon auf wenige Schritte abschlossen, so daß selbst der Jäger kein anderes Anzeichen als den Abhang des Berges hatte, um uns zu führen: es war der letzte Teil des Unwetters, der so über unsere Köpfe hinging. Im übrigen wäre es mir, wie leicht die junge Miß auch war, unmöglich gewesen, sie noch weiter zu tragen; der Führer seinerseits hätte mich in meinem Amte nicht ablösen können, ohne die Leitung unserer kleinen Karawane mitten auf einer Straße aufzugeben, deren Schwierigkeiten und Gefahren seine ganze Aufmerksamkeit und Bewegungsfreiheit erforderten. Das alles hatte der wackere Mann schon früher als wir empfunden, als er plötzlich ausrief: »Ich kenne eine Hütte.« Sobald wir eingetreten waren, lockerte er die Tür, hob sie aus ihren Angeln und legte sie bequem und dergestalt hin, daß sie uns die weniger nasse Seite zukehrte; nun breitete ich auf ihr alles aus, was mein Rucksack enthielt, und dann betteten wir die junge Miß darauf. Mylord blieb schweigsam, war aber sichtlich die Beute einer tiefen innerlichen Bewegung. Mit einem Arm hielt er den Kopf seiner Tochter, damit er nicht auf dem Holz selbst zu ruhen brauchte, mit dem andern suchte er seinen erstarrten Körper mit allem, was uns noch an trockenen Kleidungsstücken geblieben war, zu bedecken. Unterdessen hatte Félizas unter den Holzschindeln des Daches die kleine Zahl derer ausgesucht, die vom Tauwetter des Frühlings noch nicht berührt waren, und sie in einem Haufen auf einige Strohhalme gelegt, die er einzeln zwischen den Balken des Häuschens zusammengesucht hatte. Nun zog er sein Feuerzeug aus der Tasche und sagte zu Mylord: »Fürchten Sie nichts, 's ist nicht für die Pfeife diesmal.« Bei diesem Wort, das ohne Absicht seitens des armen Jägers einen recht grausamen Vorwurf in sich schloß, durchdrang ein lebhaftes Bedauern das Herz des Engländers und ließ die Röte auf seine Wangen zurückkehren. Sein Mund blieb stumm, aber sein Auge ließ eine Beschämung erkennen, die bei einem bejahrten Mann stets bewegend wirkt; ich konnte in seinem Auge lesen, daß er es sich nicht verzieh, hart gegen den Mann gewesen zu sein, dem er jetzt das Dasein seiner Tochter zu verdanken hatte. Nun prasselte die Flamme auf dem Herd, und wir näherten uns ihr. Bei der sanften Wärme kam die junge Miß zum Leben zurück, die Farben erschienen wieder auf ihrem schönen Antlitz. Allmählich verloren ihre Glieder die Steifheit und gestatteten ihr wieder leichte Bewegungen; ihre ersten Worte, die voller Dank für unsere Sorge um sie waren, gaben ihr einen Ausdruck bezaubernder Anmut, während ohnehin mitten in dieser geschwärzten Behausung und bei der Flamme des Herdes ihre Schönheit in unerwartetem Glanz erstrahlte. Mylord, der jetzt ganz darüber beruhigt sein durfte, daß seine Tochter ihm zurückgegeben war, machte in diesem Augenblick noch einmal alle inneren Bewegungen, von der lebhaftesten Angst bis zur mächtigsten Freude, durch, und noch ehe er ein Wort hatte sprechen können, rannen ihm die Tränen vom Antlitz herunter. Von Zeit zu Zeit ließ er die Hand seiner Tochter los, um die meinige und dann die des Führers zu drücken, und dieser Mann antwortete ihm dann in seiner Einfachheit: »Ich sagte es Ihnen ja, mein guter Herr, es hat nichts zu bedeuten ...« Nein, sich in der größten Gefahr zu befinden, während zweier Stunden die Berührung des Todes ganz nahe, fast gegenwärtig ansehen zu müssen, heißt doch nicht solche Augenblicke ohnegleichen zu teuer erkaufen, in denen die Hoffnung aus der Angst entsteht, wo das Glück plötzlich in seiner lebendigen Wärme wieder erscheint, wo die Freude des Herzens überströmt, sich nach außen verbreitet und sich mit der Freude aller und eines jeden vermengt. Ich werde viele tolle Genüsse, manche lachende Freude vergessen, die ich auf meinem Lebenswege gepflückt; aber niemals wird mein Herz die Erinnerung an diese Stunde vergessen, die ich mit drei Fremden in einer verräucherten Sennhütte tief im Schnee und beim Toben des Sturmes zugebracht habe. Der Führer, immer tätig und vorausdenkend, hatte neben dem Feuer eine Art Ständer hergerichtet, an dem er unsere Kleidungsstücke aufhing und umwendete; die der jungen Miß waren an ihrem Körper getrocknet; sie saß schon wieder aufrecht da und versicherte, weitergehen zu können. Durch das Loch, welches wir in das Dach gemacht, und das Félizas noch vergrößert hatte, um unserem Feuer Nahrung zu geben, brach jetzt ein Strahl des Sonnenlichts und gab uns vollends unsere Sicherheit wieder. »Ein Zeichen von Kälte,« sagte der Führer, »der Schnee wird uns tragen. Gleichviel, auf den Steinen werden diese Schuhe nicht überflüssig sein!« So nannte er eine Sohle ans Holz, die er mit seinem Messer zum Gebrauch für die junge Miß zurechtgeschnitten hatte, deren feines Schuhwerk schon sehr mitgenommen war und weder dem Schnee noch der Rauheit des Fußpfads mehr widerstehen konnte. Während wir andern die Vorbereitungen zum Abmarsch trafen, paßte er ihr selbst die Sohlen an, und bald darauf verließen wir die Hütte, nachdem wir das Feuer mit Schnee ausgelöscht hatten. Der Abend war schön, und welch anziehenden Schimmer gaben ihm in unseren Augen die eben erst verronnenen Stunden! Wie stimmte der sanfte Glanz des Abends überein mit der Heiterkeit, die unsere Seelen nach so viel finsteren Aufregungen erfüllte! Wir gingen zusammen, glücklich, nichts mehr fürchten zu müssen, und doch noch vereint durch die frische Erinnerung an die gemeinsame Gefahr. Die junge Miß stützte sich auf meinen Arm; ihr Vater hatte es gewollt, als sie in ihrer Zurückhaltung es ablehnte. In ihren Augen war es eine Rücksicht, die sie mir schuldeten; in den meinigen war es ein Vorgang, dem ich ebensoviel Wert beimaß, wie ich Vergnügen darüber empfand. Nach dreiviertel Stunden waren wir aus dem Bereich des Schnees heraus. »Jetzt,« rief Mylord mit Entzücken aus, »sei ich Sie glücklich, sehr viele glücklich, und ich danke Gott!« Dann wendete er sich zu mir: »Sie sei mein Freund, Herr! Mehr kann ich Sie nicht sagen... Sie, die Führer, forder' Sie von mir und Sie erhalt' alles von meine Dankbarkeit und meine Zuneigung. Sie sei eine ausgezeichnete, eine würdige Mann. Ich hab' Sie gestern schlecht geurteilt und ich hab' Sie eine große Gewissensbissen. Tu' Sie mir den Gefallen und rauch' Sie die Pfeife, mein Freund, um mich zu verpflichten.« »Daran soll es nicht fehlen,« antwortete Félizas und machte sich sofort ans Werk. Die letzte Strecke des Abstiegs war leicht; vor Einbruch der Nacht kamen wir in Sixt an. Dort fanden der Engländer und die junge Miß ihr Gepäck vor und konnten endlich die Kleider wechseln. Sie verlangten, daß ich das Abendessen mit ihnen teilte; dabei gaben sie mehr einer Regung ihres Herzens nach, denn die äußerste Ermüdung mußte sie ein großes Bedürfnis nach Ruhe empfinden lassen. Gegen das Ende der Mahlzeit wurde der Führer gerufen; Mylord brachte einen Toast auf ihn aus, und indem er einige Goldstücke in seine Hand gleiten ließ, verstand er es, ihm auszudrücken, daß es Dienste gibt, die sich weniger durch Geld als durch Hochachtung und durch zuneigungsvolle Dankbarkeit vergelten lassen. Am nächsten Morgen trennten wir uns. Der Tag erschien mir lang, der Weg unschön; was soll ich noch mehr sagen? Ich hatte die junge Miß in meinen Armen gehalten; während einiger Augenblicke waren ihr Leben, ihre Anmut, ihre Schönheit der Gegenstand meiner lebhaften, zärtlichen Fürsorge gewesen. Bedurfte es noch mehr, um mich noch viele Tage danach alle Stätten öde finden zu lassen, wo sie nicht war?! Der See von Gers Von Sixt kann man in das Tal der Arve gelangen, indem man eine Kette hoher Berge überschreitet, die sich zwischen Cluses und Sallenches ausdehnen. Dieser Übergang ist kaum bekannt und wird nur von Schmugglern benutzt, die in dieser Gegend reichlich vorhanden sind. Diese kühnen Leute versehen sich in Martigny im Wallis mit Waren; dann machen sie sich, beladen mit riesigen Traglasten, auf den Weg und steigen über unzulängliche Pässe in die Täler von Savoyen herab, während die Zollbeamten treue Wache am Saume des Landes halten. Zollbeamte, das sind Leute, die eine Uniform tragen, schmutzige Hände und eine Pfeife im Munde haben. Sie sitzen an der Sonne und tun nichts, bis ein Wagen vorbeikommt, der bei ihnen einzig nur darum vorüberfährt, weil er auch nicht eine Spur von zollbarer Ware mit sich führt. »Hat der Herr nichts zu verzollen?« »Nein.« Und nun sind sie auch schon dabei, trotz dieser entschiedenen Antwort, und öffnen die Koffer und wühlen mit den eben gekennzeichneten Händen in der weißen Wäsche, den seidenen Kleidern und den Taschentüchern. Der Staat bezahlt sie dafür, dieses Gewerbe auszuüben. Mir ist das stets komisch vorgekommen. Schmuggler sind Männer, die bis an die Zähne bewaffnet und stets bereit sind, jeden Zollbeamten mit einer Kugel zu durchbohren, der auf den Gedanken kommen sollte, auf dem Wege herumzuspazieren, den sie sich vorbehalten haben. Glücklicherweise gehen die Zollbeamten, die eine Ahnung von diesem Umstand haben mögen, dort nicht spazieren, sondern vergnügen sich anderswo. Mir ist das stets als ein Zeichen von Takt bei den Zollbeamten erschienen. Zoll und Schmuggel, zwei Geschwüre unserer Gemeinwesen. Die Zollinien sind ein Gürtel von Lastern, von Liederlichkeit, der ein Land einschließt. Die Schmuggelzüge sind eine bewunderungswürdige Schule für Raub und Verbrechen, aus der jährlich gute Schüler hervorgehen, die der Staat sich verpflichtet fühlt, später mit geringen Kosten in den Gefängnissen und Bagnos zu beherbergen und zu ernähren. Mit den Zollbeamten habe ich oft genug zu tun gehabt. Meine Hemden haben die Ehre gehabt, auf allen Grenzen von den Beamten aller Regierungen, absoluter und anderer, betastet zu werden. Bei dem Worte »Hemd« fällt mir eine Geschichte ein. Ich reiste nach Lyon. In Bellegarde durchwühlte man unsere Koffer und wollte auch unsere Personen befühlen, aus Furcht vor Uhrenschmuggel, denn Genf ist nicht fern. Ich ließ mir die Verrichtung gutmütig gefallen; aber ein englischer Offizier, der unter den Reisenden war, ließ sich erklären, was man von ihm wollte, zog dann ruhig sein Messer aus der Tasche und erklärte, daß er entzwei schneiden würde »die erste und auch die zweite, der es wagen würde, ihn auch nur von fern zu berühren.« Es gab einen großen Lärm. Die Zollbeamten wollten durchaus der Dienstvorschrift genügen; aber dieser große Kerl mit der Waterloo-Medaille und seinem scharfgeschliffenen Messer schüchterte sie höllisch ein. Inzwischen wiederholte der Chef mit seiner ganzen Würde: »Durchsuchen Sie diesen Mann!« Und der andere wiederholte mit wachsender Wut. »Komm' Sie an! und ich schneide entzwei die erste, wie auch die zweite und noch die dritte dazu!« Mit dem »dritten« meinte er den Chef. Die Dinge hätten ein tragisches Ende nehmen können, so groß war die Erbitterung des würdigen Gentleman, als es mir einfiel, vermittelnd einwirken zu wollen. »Möge doch der Herr,« sagte ich, »seine Kleider den Zollbeamten hinreichen, so werden sie die Befehle ausführen, ohne daß seine Würde auch nur im geringsten darunter zu leiden hat.« Kaum hatte ich so gesprochen, als sich der Engländer auch schon diesen Bedingungen anbequemte; mit Blitzesschnelle zog er seine Kleider aus und warf sie, eins nach dem andern, dem Zollbeamten ins Gesicht. Nackt wie ein Spatz stand er da, und ich werde nie den Anblick vergessen, mit welchem Ausdruck er den Chef mit seinem Hemd zudeckte und dazu sagte: »Da, Elender, da!« Weniger zu tun gehabt habe ich mit den Schmugglern; indessen gelangte ich in einige Berührung mit ihnen an dem Tage, als ich es mir einfallen ließ, allein von Sixt nach Sallenches durch die Berge gehen zu wollen, von denen ich eben erzählt habe. Den Weg hatte ich mir beschreiben lassen. Eine Stunde bevor man die Höhe erreicht, geht man längs eines kleinen Sees dahin, welcher der See von Gers genannt wird: jenseits desselben folgt man einem Felsgrat, der eine Fläche vereisten Schnees durchstreicht; darauf steigt man zu den Wäldern herab, die nach der Seite von Sallenches den Wasserfall von Arpenas umkränzen. Nach drei Stunden schnellen Steigens entdeckte ich den kleinen See. Es ist ein Weiher, eingekapselt zwischen grünen Abhängen, die sich darin in dunklen Tinten widerspiegeln, während die Durchsichtigkeit des Wassers dem Auge gestattet, bis auf den Grund zu dringen, wo schimmerndes Moos den Boden wie ein Teppich bedeckt. Ich setzte mich an das Ufer der Lache und betrachtete mich darin nach dem Vorbild von Narziß. ... Ich sah mich, wie ich einen Hühnerflügel verzehrte, ohne daß das Vergnügen, mein eigenes Bildnis zu schauen, mich auch nur einen einzigen Bissen versäumen ließ. Außer meiner Person sah ich in der Lache auch das umgekehrte Bild der benachbarten Gipfel, der Wälder, kurz der ganzen schönen Natur, auch zwei Raben, die, hoch in den Lüften fliegend, mir, in diesem Spiegel gesehen, zu den entferntesten Antipoden zu eilen schienen. Während ich mich damit vergnügte, dieses Schauspiel zu betrachten, schien es mir, daß ein Männer- oder Frauen- oder Tierkopf, jedenfalls irgend etwas Lebendiges sich auf dem Abhang eines Berges bewegt hatte. Es war der Berg, den ich erklimmen wollte. Ich erhob alsbald die Augen, um den Gegenstand selbst zu erkennen, aber ich sah nichts mehr, so daß ich die Erscheinung einer Wellenbewegung auf der Oberfläche des Wassers zuschrieb und mich in der festen Überzeugung auf den Weg machte, mich allein in der Landschaft zu befinden. Da ich aber gleicherweise überzeugt war, irgend etwas gesehen zu haben, so blieb ich von Zeit zu Zeit stehen, um nach der einen und der andern Seite Umschau zu halten, und als ich dem Ort nahe war, wo ich den Kopf zu bemerken geglaubt hatte, ging ich vorsichtig um einige Felsen herum und verdoppelte meine Achtsamkeit. Unten im Tal hatte man mir eine Geschichte erzählt über das Felscouloir, das ich eben durchkletterte. Ich glaube, es ist Zeit, daß ich sie hier wiedergebe. Achtzehn Schmuggler kamen hier vorbei, ein jeder beladen mit einem Sack Pulver aus Bern. Der letzte in der Reihe nahm wahr, daß sein Sack merklich leichter wurde; er war schon im Begriff, sich dazu zu beglückwünschen, als er geistreicherweise zu ahnen begann, daß die Erleichterung sich vielleicht auf Kosten der Last vollziehen könnte. Es war nur zu wahr. Ein langer Pulverstreifen wurde auf dem Wege sichtbar, den er verfolgt hatte. Das war ein Verlust, aber vor allem war es ein Merkmal, das den Marsch des Trupps verraten und alle bloßstellen konnte. Er rief »halt«, und auf diesen Ruf setzten sich die siebzehn andern gleichzeitig auf ihre Säcke, um einen Schluck Branntwein zu trinken und sich die Stirn abzutrocknen. Unterdessen eilte der andere, der Geistreiche, den Weg zurück bis zum Anfang des Pulverstreifens. Nach zweistündigem Marsche erreichte er die Stelle und zündete nun den Streifen mit seiner Pfeife an. Zwei Minuten später vernahm er einen großartigen Knall, der sich an den Bergwänden brach, durch die Täler rollte, durch die Schluchten wieder emporstieg und ihm eine wunderbare Überraschung bereitete: es waren die siebzehn Säcke, die von dem brennenden Pulverstreifen erreicht worden und in die Luft geflogen waren, zusammen mit den siebzehn Familienvätern, die auf ihnen gesessen hatten. Dazu habe ich zwei Anmerkungen zu machen. Zunächst, daß diese Geschichte eine wahre Geschichte ist, angenehm und erbaulich, ausreichend wahrscheinlich, bewiesen durch die Überlieferung und durch den Felsendurchgang, der immer noch vorhanden ist, wie jedermann sich durch den Augenschein überzeugen mag. Ich halte sie für ebenso gewiß, wie den Übergang Hannibals über den kleinen Sankt Bernhard. Wie beweist man Hannibals Übergang über den kleinen Sankt Bernhard? Man beginnt damit, einen weißen Felsblock am Fuß des Berges zu zeigen, und dann beweist man, daß es derselbe ist, den der Karthager bei seiner Ankunft auf dem Gipfel in Essig zergehen ließ. Meine zweite Anmerkung ist die, daß in dieser Geschichte siebzehn Leute umkommen; aber bemerken Sie wohl, es bleibt einer übrig, um die Nachricht zu überbringen. Das ist, wenn ich nicht irre, das Zeichen, das entscheidende Merkmal einer Mustergeschichte; denn wenn in einer Schlacht, bei einem Unglücksfall, einer Katastrophe nur wenige umkommen, so ist das kläglich; wenn alle zugrunde gehen, so ist eben alles vorbei. Aber, daß mitten aus einem riesigen Zusammenbruch ein einziger davonkommt, und gerade um die Nachricht davon zu überbringen, das ist das köstlichste in seiner Art und die Freude des Liebhabers. Und darum ist die Weltgeschichte, die griechische wie die römische und die moderne, reich an ähnlichen Zügen. Es war recht heiß in meinem Felscouloir; jedoch in dieser Höhe wird die Hitze durch die größere Bewegtheit der Luft gemildert; auch nimmt die Schönheit des Schauspiels, das man vor Augen hat, die Seele gefangen und läßt einen die kleinen Unbequemlichkeiten vergessen, die in einer öden Ebene manchmal unerträglich werden. Als ich mich umdrehte, sah ich ganz nahe den Eisdom des Mont Buet... ich glaubte auch, gar nicht weit, etwas zu bemerken, was sich hinter den letzten Fichten bewegte, an denen ich eben vorbeigegangen war; ich konnte mir einbilden, daß es die Füße waren, zu denen ich vorher den Kopf gesehen hatte, und ich setzte deshalb meinen Weg mit wachsender Achtsamkeit fort. Unglücklicherweise bin ich von Natur sehr furchtsam; ich verabscheue die Gefahr, in der die Helden, wie man sagt, sich wohlfühlen sollen. Ich liebe nichts so sehr wie eine vollkommene Sicherheit, vorn, hinten und auf den Seiten. Der Gedanke schon, daß man bei einem Zweikampf der Unannehmlichkeit ausgesetzt ist, eine Degenspitze seinem rechten Auge gegenüber zu erblicken, hat stets genügt, um mich trotz meines lebhaften Temperaments, mit der größten Umsicht handeln zu lassen, und um meine Empfindlichkeit abzustumpfen, trotz meines leicht erregbaren Stolzes. Und dies hier konnte schlimmer als ein Zweikampf, konnte ein Attentat auf meine Börse oder auf meine Person oder auf beides zugleich sein; und niemand war vorhanden, um die Nachricht zu überbringen! Als mir dieser Gedanke gekommen war, konnte ich keinen andern mehr fassen; er beherrschte mich so sehr, daß ich mich schließlich zwischen den Felsen versteckte, um zu beobachten, was sich hinter meinem Rücken zutrug. Ich beobachtete ungefähr eine halbe Stunde (es ist recht ermüdend zu beobachten), als ein Mann von üblem Aussehen es wagte, vorsichtig hinter den Fichten hervorzukommen. Er blickte lange in der Richtung der Felsen, zwischen denen ich mich versteckt hatte, dann klatschte er zweimal in die Hände. Auf dieses Zeichen erschienen noch zwei Männer; alle drei beluden ihre Schultern je mit einem dicken Sack und begannen ruhig in die Höhe zu steigen, wobei sie ihre Pfeifen rauchten, die sie wieder in Brand setzten. So kamen sie bald an die Stelle, an der ich, auf die Erde gekauert, beobachtete; sie setzten sich auf ihre Säcke, genau wie die bewußten siebzehn. Unglücklicherweise drehten sie mir den Rücken zu. Ich hatte alle Muße, meine Beobachtungen fortzusetzen. Die Herren schienen mir sehr gut bewaffnet zu sein. Zu dreien hatten sie einen Karabiner und zwei Pistolen, außerdem den dicken Sack, den meine Einbildungskraft, getreu den Lehren der Geschichte, nicht verfehlte, mit Pulver aus Bern anzufüllen. Und ich zitterte schon bei dem Gedanken an einen Pulverstreifen, als einer von ihnen aufstand, um sich einige Schritte zu entfernen und dabei seine brennende Pfeife auf den Sack legte. Bei diesem Anblick empfahl ich Gott meine Seele und erwartete die Explosion; dabei drängte ich mich dicht an einen Felsblock, auf dessen Schutz ich gerade genug rechnete, um nicht vor Schrecken laut zu heulen. Der Mann, der sich entfernt hatte, war auf eine Anhöhe geklettert, von wo er einen beobachtenden Blick auf die Straße warf, die sie durchmessen wollten. Dann kam er zu seinen Begleitern zurück. »Man sieht ihn nicht mehr,« sagte er. »Gleichviel,« sagte der andere, »der Lump genügt, um uns alle zu verkaufen.« »Und ich wette,« sagte der dritte, »daß er nur aus diesem Grunde so eilig vorwärts läuft. Ein verkleideter Zollbeamter, sag' ich euch. Er stand hier still, um die Witterung zu bekommen, er guckte hierhin und dahin und dorthin...« »Ach, warum haben wir ihn nicht hinüberbefördert in diesem günstigen Winkel hier? Nur die Toten kehren nicht wieder!« »Auch Jean-Jean ist nicht wiedergekehrt,« nahm der zweite, der gesprochen hatte, wieder das Wort. »Gerade hier am Fuß dieses Abhangs muß das Loch sein, wo sein Gerippe modert. Als wir ihn festnahmen, wollte sich der Schlaukopf das Aussehen eines Privatmannes geben und warf seinen Karabiner, 's ist der hier, weit von sich. Sein Prozeß war schnell gemacht. Kaum hatten wir ihn, da band ihn Lamsche an einen Baum, Pierre jagte ihm eine Kugel durch die Schläfe, und der Spaßvogel sagte erst hinterher zu ihm: Jean-Jean, sprich dein letztes Gebet!« Ein greuliches Lachen folgte diesen schrecklichen Worten, bis derselbe Kerl aufstand und das Zeichen zum Aufbruch gab. »Donnerwetter,« rief er, als er mich bemerkte, »da haben wir ja die Elster in ihrem Nest, da ist ja unser Freundchen.« Bei diesen Worten sprangen die beiden andern jählings auf, und ich sah oder glaubte zu sehen, wie eine unzählige Menge von Pistolen auf meine Schläfe gerichtet waren. »Meine Herren,« sagte ich, »meine Herren, ich... Sie täuschen sich... Erlauben Sie... bitte, senken Sie zuerst die Waffen ... meine Herren, ich bin der anständigste Mensch von der Welt (sie runzelten die Augenbrauen)... bitte, senken Sie Ihre Waffen, die ohne Ihre Absicht losgehen könnten... Ich bin Schriftsteller ... habe mit Zollangelegenheiten auch nicht das mindeste zu tun... bin verheiratet, Familienvater ... senken Sie, ich beschwöre Sie, Ihre Waffen, die mich verhindern, meine Gedanken zu sammeln... Ich verachte die Zollämter. Ich interessiere mich sogar für Ihr mühsames Gewerbe. Sie sind anständige Leute, Sie ermöglichen den Opfern einer gehässigen Fiskalität den Lebensgenuß. Meine Herren, ich habe die Ehre, Sie hoffnungsvollst zu begrüßen.« »Du bist hier, um uns zu beobachten,« versetzte im Tone eines Cartouche der übelste von den dreien. »Durchaus nicht; durchaus nicht ... ich bin hier, um...« »Um uns zu beobachten, um uns zu verkaufen. Wir kennen dich, wir haben dich da unten gesehen, wie du ausspähtest, um dich schautest...« »... Die schöne Natur, meine Herren, nichts anderes.« »Die schöne Natur ...! Und der Winkel hier, wo du dich niedergekauert hast? Willst du Gimpel fangen? Schlimmes Gewerbe, das du da treibst. Die Berge gehören uns. Weh' dem, der uns da aufstöbern will. Sprich dein Gebet.« Er erhob seine Pistole. Ich fiel zur Erde. Die beiden andern traten herzu und alle drei wechselten mit leiser Stimme einige Worte. Nach einem kleinen Verlauf warf der eine ohne weiteres seine Last auf meine Schulter und rief: »Auf.« So war ich auf einmal Teilnehmer an einer Schmuggelexpedition geworden. Es war die erste in meinem Leben, und ich habe mich seitdem so einzurichten gewußt, daß es auch die letzte geblieben ist. Es scheint, daß in der geheimen Beratung bereits über mein Schicksal entschieden war, denn die Kerle kümmerten sich nicht mehr um mich. Sie gingen still vorwärts und trugen abwechselnd die beiden übrigen Lasten. Gleichwohl versuchte ich stets aufs neue, meine Unschuld zu beteuern, aber ihr geübtes Auge urteilte mehr zu meinen Gunsten, als es alle meine Versicherungen vermochten. Nur eins konnten sie sich noch nicht erklären, warum ich vorsichtig vorwärts gegangen war und um mich geblickt hatte, als ich mich noch allein glauben durfte. Ich gab ihnen den Schlüssel zu dem Geheimnis, indem ich ihnen gestand, welche Erscheinung vor mir in dem kleinen Wassertümpel aufgestiegen war. »Das ist ganz gleichgültig,« sagte der Üble, »unschuldig oder nicht, du kannst uns verraten. Gleich kommen wir in den Wald, da werden wir die Sache erledigen.« Man wird sich denken können, welchen unheimlichen Sinn ich diesen Worten unterlegen mußte. So hatte ich denn während des Spaziergangs von einer halben Stunde, der uns zum nächsten Walde brachte, reichlich Zeit, mir eine Vorstellung von der Todesangst jemandes zu machen, den man zum Schafott führt. Ich kann versichern, daß jeder mitleidswürdig ist. Dabei war es noch günstig für mich, daß ich unschuldig war und die Möglichkeit hatte, jemandem zu begegnen. Auch stand es mir frei, mich und meine Last in einen recht artigen Abgrund zu stürzen, der sich zu meiner Rechten öffnete. Die erste Aussicht bot sich nicht dar, nach der zweiten verlangte mich nicht, und so kamen wir ohne weiteren Aufenthalt in den Wald. Dort nahmen mir die Herren meine Last ab; dann banden sie mich fest an eine Lärche, und statt mich niederzuknallen, wie sie es mit Jean-Jean gemacht hatten, sagten sie mir: »Wir brauchen einundzwanzig Stunden Zeit. Seien Sie hier recht vergnügt! Morgen, wenn wir wieder vorbeikommen, werden wir Sie losbinden und die Dankbarkeit, denken wir, wird Sie verschwiegen machen.« Danach luden sie ihre Lasten auf und verließen mich. Ich glaube, noch niemals erschien mir die Natur so schön und strahlend wie in diesem Augenblick. Eigentümlich, aber meine Lärche behinderte mich durchaus nicht. Vierundzwanzig Stunden kamen mir wie eine Minute vor. Diese Wohltäter! Diese anständigen Leute! Ein wenig schroff waren sie gewesen, nun ja, aber sie konnten auch nicht gut anders; sonst waren es achtenswerte Leute, die sich zu benehmen verstanden. Ja, das Leben war mir wirklich aufs neue geschenkt worden. Nach einigen Minuten, als meine schreckliche Furcht von dem Gefühl überströmender Freude abgelöst wurde, überkam mich eine Ohnmachtsanwandlung, und als ich daraus erwachte, rieselten Tränen über mein Antlitz. Ich möchte dieser Erzählung meiner Angstempfindungen, die ja durch die schließliche Lösung einen Beigeschmack von Lächerlichkeit erhalten, nicht auch noch einen Bericht über das, was mein Herz dabei empfand, hinzufügen. Aber warum sollte ich verschweigen, daß ich nach meiner Errettung Gott aus tiefster Seele dankte, und daß die Tränen, die ich mit so viel Inbrunst vergoß, Tränen der Liebe und Dankbarkeit waren, die man in dieser Innigkeit nur für den empfindet, der unser Leben in seiner Hand hält. Ich segnete ihn tausendmal, und die erste Empfindung, die diesem Dankopfer folgte, war der Gedanke an das Glücksgefühl, das mich durchströmen sollte, wenn ich mich wieder inmitten meiner Familie befinden würde. So ungeduldig war ich, mich in ihre Arme zu werfen, daß ich infolge davon zum erstenmal empfand, wie unbequem es ist, seinen Körper in fester Verbindung mit einem Lärchenbaum zu wissen. Es war zwei Uhr nachmittags. Ich brauchte nur noch dreiundzwanzig Stunden zu warten. Die Örtlichkeit war wild, ganz nahe an der Schneegrenze von Reisenden gar nicht begangen. Aber wenn selbst jemand in der ersten Zeit erschienen wäre, würde ich ihn, glaube ich, in meiner tiefen Hochachtung gegen meine Verfolger, die noch nicht weit sein konnten, gebeten haben, mich nicht zu befreien, ja, sich mir nicht einmal zu nähern. Um vier Uhr jedoch hatte sich meine Hochachtung bereits im direkten Verhältnis des Quadrats der Entfernungen vermindert und zu gleicher Zeit begann mein Lärchenbaum mir, ohne jede Übertreibung, den Rücken in eigener Weise zu zersägen. Aber das brachte mich nicht weiter; wie die Ratte in der Fabel vermochte ich keinen Ausweg zu erspähen, als auf einmal ein Eingeborener auf der Bildfläche erschien. Dieser Landesbewohner war selbst ein fabelhaftes Wesen. Er trug einen durchlöcherten Hut, Hosen, keine Strümpfe und unter der Nase eine Art Schwarzwald, der offenbar von dem übermäßigen Gebrauch geschmuggelten Tabaks herrührte. »Holla, he, zu Hilfe, wackerer Mann,« rief ich ihm zu. Aber anstatt herbeizueilen, blieb er nur stehen und zog eine mächtige Prise ein. Der savoyardische Bauer ist nicht hinterlistig, aber klug. Er überstürzt nichts, er streckt den Arm nur da aus, wo er klar sieht. Er mischt sich in eine Sache nur dann, wenn er im Hintergrunde weder Händel mit der Obrigkeit, noch Zwist mit seinen Nachbarn, noch irgendeine Reiberei mit den Königlichen Gendarmen zu entdecken vermag; im übrigen ist er der beste Mensch von der Welt; ich sage das in vollem Ernste, da ich es bei vielen Gelegenheiten erprobt habe. Mein Landesbewohner war also der beste Mensch von der Welt. Aber ein an einem Lärchenbaum festgebundener Mann, – das schien ihm nicht klar zu sein. Das konnte von der Obrigkeit ausgehen, oder von einem andern, oder von sonst woher. Bevor er sich näherte, wollte er daher erst den Zusammenhang ergründen. »Schönes Wetter heute,« rief er mir schließlich mit verschmitztem Lächeln zu, als ob ich mir da auf einem Spaziergange eine Annehmlichkeit bereitet hätte. »Wirklich recht schön.« »Kommt mich doch losbinden, statt mir vom schönen Wetter zu erzählen, Spaßvogel, der Ihr seid!« »Man wird Sie schon losbinden. Sind Sie hier schon lange so?« »Seit drei Stunden. Na, los doch, fangt an.« Er kam zwei Schritt näher. »Das waren wohl Bösewichter die Sie so hergerichtet haben.« »Das werd' ich Euch alles erzählen, bindet nur erst los.« Er kam noch drei Schritte näher, und ich glaubte schon, am Ende meiner Drangsal angelangt zu sein, als er mit leiser Stimme und geheimnisvoller Miene von neuem begann: »Sagen Sie mal, waren es gar Schmuggler?« »Richtig! Ihr habt es getroffen. Die Verbrecher haben mich an diesen Baum gebunden, damit ich von heute auf morgen, wo sie wieder vorbeikommen wollen, sterben soll.« Diese Worte übten eine wundersame Wirkung auf den Landesbewohner aus. Er prallte vor Schreck zurück und traf sofort Anstalten, mich allein zu lassen. Nun konnte ich meinen Zorn nicht mehr zurückhalten. Ich beschimpfte ihn und behandelte ihn wie die elendeste Kreatur, die ein menschliches Antlitz besitzt oder vielmehr nicht besitzt. Meine Beleidigungen rührten ihn gar nicht. »Man wird ja sehen,« murmelte er, indem er sich sachte zurückzog, »man wird Sie schon losbinden.« Dann beschleunigte er seine Schritte und verschwand hinter einer Wendung des Fußpfades. Meine Verwünschungen folgten ihm. Ich wußte nicht, was ich denken oder tun sollte. Meine Lage schien mir durch das, was ich diesem Manne gesagt hatte, noch verschlimmert, da er mich bei den Schmugglern bloßstellen konnte, wenn er nicht gar selbst als ihr Verbündeter zu ihnen gehörte. Meine Einbildungskraft malte sich düstere Bilder aus, und ohne die Sprünge zweier Eichhörnchen, die mir einige Zerstreuung boten, wäre ich sehr unglücklich gewesen. Diese hübschen aber furchtsamen Tierchen glaubten sich allein in dem Gehölz und spielten deshalb mit dem freien Behagen und der Anmut in den Bewegungen, die von der Furcht alsbald vernichtet zu werden, nichts wissen; sie verfolgten einander von Baum zu Baum und überraschten mich durch die Behendigkeit ihrer Sprünge und die feine Zierlichkeit ihres Betragens. Da ich mit dem Lärchenbaum eins zu sein schien, so stieg das eine ahnungslos über mich weg, um auf einen benachbarten Baum zu klettern, auf welchem das andere es von Zweig zu Zweig bis zur Spitze verfolgte. Plötzlich hielten sie beide gleichzeitig inne, was mich vermuten ließ, daß sie von da oben jemanden bemerkten, der sich näherte. Ich täuschte mich nicht. Ein dicker Mann erschien, gefolgt von dem Manne mit dem Schwarzwald. Der dicke Mann hatte ein dreifaches Kinn, ein Vollmondsgesicht, kleine und unglücklicherweise sehr kluge Augen; er trug einen breitkrempigen Hut und einen langschößigen Rock. Als er mich bemerkt hatte, blieb er beobachtend stehen. »Wer sind Sie,« rief ich ihm zu. »Der Gemeindeschulze,« antwortete er, ohne einen Schritt näher zu kommen. »Nun wohl, Gemeindeschulze, ich fordere Sie auf, mich loszubinden, oder mich durch den Untergebenen da, der sich an Ihrer Seite die Nase voll Tabak stopft, losbinden zu lassen.« »Man wird Sie schon losbinden,« sagten alle beide zu gleicher Zeit. »... Erzählen Sie ein bißchen Ihre Geschichte,« fügte der Schulze hinzu. Durch die Erfahrung belehrt, hatte ich mir vorgenommen, kein Sterbenswort mehr von den Schmugglern zu sagen. »Meine Geschichte ist sehr einfach. Ich bin von Räubern angegriffen, beraubt, an diesen Baum gebunden worden, und verlange, sofort befreit zu werden.« »So liegt also die Sache,« meinte der Schulze. »Räuber sagen Sie?« »Ja, Räuber. Ich wanderte mit einem Maultier, welches mein Gepäck trug, über die Berge. Sie haben mir das Maultier und das Gepäck abgenommen.« »Aha, so liegt die Sache.« »Gewiß, so liegt die Sache, und nun Sie alle Umstände kennen, kommen Sie und binden Sie mich sofort los. Vorwärts.« »So liegt die Sache also,« wiederholte er, ohne näher zu kommen. »Sagen Sie, das wird aber viel Schreiberei kosten.« »Binden Sie mich doch erst los. Elender! Was soll ich mit Ihrer Schreiberei anfangen?« »Ja, sehen Sie, wir müssen ein Protokoll aufnehmen, von Rechts wegen.« »Sie werden kein Protokoll aufnehmen. Binden Sie mich erst los.« »Unmöglich, mein guter Herr. Ich würde ein Versehen begehen. Erst protokollieren, dann losbinden. Ich werde mir Zeugen besorgen. Ich brauche zwei, die imstande sind, ihren Namen zu schreiben. Um die zu bekommen, ist Zeit nötig, das begreifen Sie! Und dann muß ihnen die Versäumnis bezahlt werden, aber der Herr hat ja gewiß die Mittel...« Darauf wandte er sich zu dem Landesbewohner: »Steig hinab zur Pernette, nach Maglan. Sie wird dir zeigen, wo ihr Mann, der Notar ist; dem bestellst du, daß er heraufkommen soll; dann machst du nach Saint Martin, wo du den Kirchenältesten Benaîton triffst. Er ist heute ganz sicher zu Hause, da er die Hochzeit für Chozet einläuten muß. Dem sagst du auch, daß er heraufkommt. Und daß der Notar sein Schreibzeug mitbringt – unseres ist Dienstag bei einer Nachtarbeit umgefallen – und Stempelpapier. Geh, mein Junge, und beeil' dich. Mit seinen Leuten rechnet man erst hinterher ab und kommt dabei nicht zu kurz. Geh, und wenn du durch Veluz kommst, dann sag Jean-Marc, daß seine Stute den Rotz hat und gebrannt werden mußte, daß sie aber im Herbst wieder gesund werden wird. Und nun geh.« »Zum Teufel mit ihm und Jean-Marc und seiner Stute und mit Ihnen dazu ...! Stumpfsinniger Beamter! Ihr Elenden ohne menschliches Empfinden! Aber halt! Bindet mich los und ich gebe jedem von euch ein Zwanzigfrankstück.« Bei diesem Vorschlag blieb der Landesbewohner, der sich schon auf den Weg gemacht hatte, stehen, und sperrte die Augen vor Begehrlichkeit groß auf. Aber der Schulze sagte: »Sie werden die Schreiberei und die Kosten bezahlen, und können nachher nach Belieben ein Trinkgeld geben. Ist es groß, wird sich niemand beklagen; aber die Leute im voraus kaufen wollen, da könnten Sie Goldstück auf Goldstück häufen und würden nichts erreichen. Wissen Sie, wir sind hier Schulze vom Vater auf den Sohn, seit Antoine Baptiste, meinem Vorfahr, und eher wird die Arve kein Wasser mehr haben, als daß wir uns durch einen Flecken beschmutzen. Geh du nur,« sagte er zu dem Landesbewohner. »Fassen Sie sich in Geduld, fügte er hinzu, indem er sich zum Gehen anschickte, »ich werde Ihnen einen Schoppen Roten holen, der wird Sie bestens stärken.« So wurde mir die trostlose aber verdienstliche Anständigkeit dieses Biedermannes ebenso zuwider wie seine Hochachtung vor den Förmlichkeiten. Ich blieb von neuem allein und diesmal gewiß, daß ich erst am folgenden Morgen befreit werden würde. Glücklicherweise war der Abend warm und die Luft von entzückender Reinheit. Die untergehende Sonne fiel wagerecht in den Wald ein, der ihren Strahlen am Tage verschlossen blieb, und die Stämme der Lärchen warfen ihre langen Schatten über den moosigen Boden, der in schimmernden gelblichen Färbungen erglänzte. Einige Bussarde, die ich über meinem Kopfe hatte schweben sehen, waren verschwunden. Raben zogen krächzend durch das Tal der Arve, um ihre nächtliche Ruhestätte zu erreichen; selbst die Berggipfel, die sich allmählich entfärbten, schienen aus der Tätigkeit des Lebens in die Stätte des Schlummers zu sinken. Dieser abendliche Friede, dieses Schauspiel der Natur, die sich in Schatten einhüllt und während der Nacht einschläft, übt auf unsere Seele eine geheimnisvolle Macht aus, die alle Verworrenheit und Sorge auflöst in eine sanfte Melancholie. Trotz der Unannehmlichkeit meiner Lage vermochte ich mich diesen Eindrücken nicht zu entziehen. Bewegten Herzens überdachte ich noch einmal die Stunden dieses stürmischen Tages; je mehr ich mich dabei der am Morgen ausgestandenen Angst erinnerte, desto köstlicher schlürfte ich nun die holde Ruhe des Abends ein und erquickte mich an dem erheiternden Bewußtsein der, wenn nicht sofortigen, so doch gesicherten und nahen Befreiung. Inzwischen sah ich bei den letzten Strahlen der Sonne in meinem Gesichtskreis einige Männer, Frauen, Kinder, ein ganzes Dorf auftauchen. Die Gestalten standen zwischen der Sonne und mir und hoben sich wie bewegliche Schattenbilder von dem durchsichtigen Laub der tiefer stehenden Lärchenbäume ab; so konnte ich zunächst meinen Schulzen mit seinem Schoppen Wein nicht erkennen. Er war aber dabei, und an seiner Seite der Pfarrer, den der Ruf meines Abenteuers gleichfalls heraufführte. Der Besuch dieses Kirchendieners belebte meine Hoffnungen, und ich war entschlossen, zugunsten meiner Befreiung alle christlichen Tugenden, die ich in ihm entdecken würde, anzurufen. Der Pfarrer war hochbetagt und schwach; er stieg langsam empor. »O je,« sagte er, als er mich bemerkte, »die Verbrecher haben Sie ja übel eingewickelt, mein Herr; ich grüße Sie.« Der freie Ton, die offene Art des gütigen Greises entzückten mich. »Sehr übel, in der Tat,« antwortete ich, »entschuldigen Sie, wenn ich mich infolgedessen nicht verneigen, auch nicht meinen Hut abnehmen kann, Herr Pfarrer! Könnte ich mich wohl einige Augenblicke mit Ihnen allein unterhalten?« »Das Eiligste scheint mir zu sein, daß Sie losgebunden werden,« versetzte er. »Nachher werden wir uns bequemer unterhalten. Antoine,« sagte er zum Schulzen, »ans Werk! Schneiden Sie die Stricke nur durch, so wird's am schnellsten gehen.« Ich erschöpfte mich in Dankesbezeigungen, und sie kamen wirklich von Herzen. Antoine zog sein Messer und machte sich daran, meine Bande zu zerschneiden; da sprang der Landesbewohner, der ein Auge auf den Strick geworfen und ihn gern unversehrt besessen hätte, herzu, schob das Messer beiseite und löste den Knoten in der Tat in wenigen Augenblicken auf. Kaum fühlte ich mich frei, so drückte ich dem Pfarrer die Hand, und in der ersten freudigen Erregung küßte ich ihn auf beide Wangen. Aber gleich danach empfand ich einen heftigen Schmerz in allen Gliedmaßen; ich war unfähig, meine erstarrten Beine zu bewegen, und genötigt, mich auf der Stelle hinzusetzen. Nun näherte sich Antoine mit seinem Schoppen, während der Pastor durch eines seiner Pfarrkinder sein Maultier holen ließ, um es mir anzubieten. Nachdem er seine Weisungen gegeben, sagte er: »Ich bin bereit. Sie anzuhören.« Und nun setzten sich das ganze Dorf, Frauen, Kinder, Hirten, Schulze und Kirchenältester im Kreise um uns herum. Die Sonne war eben untergegangen. Ich erzählte meine Geschichte in ihrer schlichten Wahrheit. Die schrecklichen Einzelheiten, unter denen der Tod Jean-Jeans erfolgt war, erfüllten die guten Leute mit Grausen; und als ich die Gotteslästerung wiederholte, welche die Schmuggler zum Lachen gereizt hatte: »Jean-Jean, sprich dein Gebet,« bekreuzten sich alle, Pastor und Pfarrkinder, in ehrfurchtsvollem Schweigen. Dieser Anblick rührte mich, es drängte mich, an diesem naiven Ausdruck einer natürlichen Empfindung teilzunehmen, und so faßte ich unwillkürlich mit der Hand nach meinem Hut und entblößte mein Haupt... Die Pfarrkinder schienen überrascht, der Pfarrer blieb ernst und unbeweglich, und ich ... ich kam etwas aus der Fassung. »Fahren Sie nur fort, fahren Sie fort,« sagte der gute Greis. Ich vollendete meine Erzählung, ohne die übermäßige Vorsicht des Landesbewohners und die löbliche Uneigennützigkeit des Schulzen zu vergessen. Als ich meine Erzählung beendet hatte, sagte der alte Pfarrer: »Nun, das ist schön.« Dann wendete er sich zu seinen Pfarrkindern: »Ihr andern hört mich an! Ihr zittert vor den Verbrechern, und darum wagen sie alles. Eure Feigheit macht sie erst zu Helden. Aber sehr viel schlimmer ist es noch, daß einige von euch aus diesem abscheulichen Handel Nutzen ziehen. Siehst du es jetzt ein, André, wohin dich deine Leidenschaft für den Tabak gebracht hat, und deine unmäßige Art, über deine Mittel hinaus davon zu verbrauchen? Deine Nase ist vollgestopft, aber du besitzest keine Strümpfe; meinetwegen magst du auch ohne Strümpfe gehen, aber den Tabak, den kaufst du bei den Paschern; und um es nicht mit ihnen zu verderben, wagst du es nicht, wie es doch Christenpflicht ist, einen Mann aus seiner Not zu befreien. Aber weißt du auch, André, daß diese Räuber in der Hölle geröstet werden, daß ihre Leiber nach allen vier Windrichtungen auseinandergezerrt werden? Und ich kann keine Verantwortung für diejenigen übernehmen, die zu ihnen halten. Glaube mir, mein Junge, verbrauche weniger Tabak und kaufe ihn lieber im Laden. Was Antoine anlangt, so hat er geglaubt, richtig zu handeln, und was mehr wert ist, er hat auch wohlgetan. Es ist die Vorschrift, die ihm Fesseln anlegte, nicht seine Neigung. Bei diesen Worten klopfte der gute Pfarrer Antoine vertraulich auf die Schultern; strahlend über diese öffentliche Belobigung, die ihm vor dem ganzen Dorf für sein vorsichtiges und uneigennütziges Betragen zuteil ward, warf er sich in die Brust, wobei er in der einen Hand seinen Schoppen, in der andern seinen breitkrempigen Hut hielt. Während dieser Reden war das Maultier angelangt. Man half mir, mich darauf zu setzen, und ich konnte endlich Abschied von meinem Lärchenbaum nehmen. Wir stiegen hinab. Der Schulze hielt die Zügel, der gute Pfarrer plauderte an meiner Seite, dann kamen die Pfarrkinder; und diese malerische Prozession bewegte sich vorwärts in der durchsichtigen Dämmerung, bald zerstreut auf dem Moos des Waldes, bald vereinigt im Grunde einer Schlucht, bald im Gänsemarsch sich über einen schmalen Fußpfad schlängelnd. Nach Verlauf von einer halben Stunde erreichten wir freigelegene Weiden, von denen aus man die andere Seite des Tals der Arve, die schon in tiefer Dunkelheit dalag, bemerken konnte; ein kleines Stück weiter kamen einige Ackerstücke, dann Buchen und ein verfallender Kirchturm. Das war das Dorf. Als wir dort anlangten, wünschte der Pfarrer allen seinen Leuten guten Abend. »Ihnen mein Herr, biete ich ein Bett und ein Abendessen an. Es ist zwar heute Fasttag, aber ich habe dort oben gesehen, daß Sie kein Katholik sind; so werden wir Sie nach besten Kräften stärken. Martha,« rief er, während er sich dem Pfarrhause näherte, »bereite so schnell wie möglich ein Huhn und gib mir den Kellerschlüssel.« Dann speiste ich zusammen mit diesem ausgezeichneten Manne zur Nacht; er fastete, während ich das Huhn verzehrte. Nachdem wir eine Flasche alten Weins getrunken, die er mir zu Ehren entkorkt hatte, verabschiedete ich mich von meinem Wirt, um endlich die Ruhe zu finden, nach der ich großes Verlangen trug. Am nächsten Morgen stieg ich nach Maglan hinab. Es war eigentlich meine Absicht gewesen, Chamonix zu besuchen; aber nach so lebhaften Aufregungen und einem so schweren Abenteuer spürte ich nicht die geringste Anwandlung, noch weiter im Lande umherzulaufen; so drehte ich den Bergen den Rücken und beeilte mich, auf dem kürzesten Wege zu meinem heimatlichen Herde zurückkehren. Das Tal von Trient Es sind drei Jahre her, da machte ich mich eines Morgens von Chamonix auf, um mich nach Martigny im Wallis zu begeben. Viele andere Touristen taten an diesem Tage das gleiche. Alle hatten ihre Maultiere; ich allein wanderte zu Fuß; aber in diesem bergigen Lande hat der Fußgänger vor den übrigen Reisenden den Vorteil der Schnelligkeit voraus, wie er schon den der vollständigen Freiheit in seinen Bewegungen besitzt. Der Weg war somit belebt durch den Anblick verschiedener Karawanen, die sich in einiger Entfernung voneinander bewegten. Ich überlegte bei mir, welchen Gebrauch ich von meiner Unabhängigkeit machen sollte. Ich konnte zwischen drei Möglichkeiten wählen: entweder einsam die Nachhut bilden; oder alle Welt überholen und allein an der Spitze marschieren; oder endlich von einer Gruppe zur andern gehen, Bekanntschaften anknüpfen und mit dem Reiz des Spazierengehens den der Unterhaltung verbinden. Dieser letztere Ausweg erschien mir als der angenehmste. So erreichte ich die Gesellschaft, die mir am nächsten war. Am liebsten hätte ich mich gleich dieser für den ganzen Tag angeschlossen. Bei ihr befand sich nämlich ein liebenswürdiges, schönes, bezauberndes, junges Mädchen. Wenigstens machte sie auf mich diesen Eindruck. Aber ich habe eine Beobachtung gemacht: daß auf Reisen alle jungen Damen diesen Eindruck machen; ich schließe daraus, daß dieses Fräulein vielleicht nicht schöner oder bezaubernder war, als irgendein anderes. Auf Reisen gibt sich unser Herz gern romanhaften und abenteuerlichen Gedanken hin; es erschließt sich rascher, und ist entschieden zärtlicher veranlagt. Die Schönheit des anderen Geschlechts erscheint ihm, um galant zu sein, noch huldigenswerter als zu anderen Zeiten; und da bei diesen zufälligen Begegnungen gewöhnlich kein ernsthafter Plan, keine auf Heirat abzielende Berechnung als heilsamer Ballast den Flug des reinen Empfindens hemmt, so schwingt sich unser Gefühl in die Lüfte und erhebt sich in wenigen Augenblicken zu wunderbarer Höhe. Und nicht nur unser Herz beträgt sich so auf Reisen, sondern es ist sicher, daß auch ein junges Mädchen bei diesem Anlaß gewisse Gelegenheitsreize hat, die sie in einem Salon kaum besitzen dürfte. Zunächst ist sie allein; losgelöst von ihren schöneren oder ebenso liebenswürdigen Gefährtinnen, ist sie eine mehr oder weniger seltene, mehr oder weniger schimmernde Blume: aber diese selbe Blume, welche nichts bedeuten würde, wenn sie sich in dem hoffärtigen Glanz eines Straußes verlöre, gefällt, rührt, erscheint bezaubernd und anmutig, wenn sie verborgen auf einer einsame Wiese das Auge erquickt und ihren Duft verbreitet. Gibt es im Grunde etwas Dümmeres als einen Blumenstrauß? Gleicht er nicht einem unwürdigen Serail, in dem ein törichter Gebieter eine Schönheit neben der andern einschließt und sich aus den schnell welkenden Reizen einer jeden eine zwar strahlende aber anmutslose Vereinigung, aus dem zarten Duft jeder einzelnen einen beleidigenden Geruch schafft? Geh, geh, häßlicher Sultan, beschmutze, verwelke, vergrabe für deine Lüste die Frische von tausend Rosen ... Ich, ich will meine Blume an Orten suchen, wo sie einsam ihren Kelch wiegt, und, eifersüchtig auf ihre bescheidene Anmut, werde ich mich hüten, ihr Gefährtinnen zu geben; ja, ich werde mich scheuen, sie überhaupt zu pflücken. Aber das ist nicht alles. Auf Reisen steht dir ein junges Mädchen von vornherein innerlich näher. Entweder hat ihr Herz schon entschieden, dann ist sie geneigt, die Gegenwart junger Leute überhaupt zu meiden; andernfalls muß deine Person ihr notwendigerweise interessant, deine Aufmerksamkeit ihr angenehm werden. Die Herrschaft, die sie auf dich ausübt, das Glück, das du an ihrer Seite empfindest, können ihr weder entgehen noch mißfallen, vorausgesetzt, daß du zart genug bist, deine Gefühle mehr erraten, als sie sichtbar werden zu lassen. Und wie viele zufällig auftauchende Gelegenheiten, wie viele Gegenstände bieten sich dar, um einen einschmeichelnden Eifer zu beweisen, um sich in demselben Gedankengange zu begegnen, um miteinander zu empfinden, um den Gleichklang der Seelen entstehen zu lassen, zu dem Alter und Neigung zwei junge Herzen mit unwiderstehlichem Zauber hinziehen. Diese Harmonie der Seelen wird vielleicht nur wenige Stunden, vielleicht einen ganzen Tag dauern; aber wenn sie auch nur flüchtig ist, sie ist lebhaft und rein; und statt des Bedauerns hinterläßt sie uns die reizvollste Erinnerung. Und wie wird es erst sein, wenn die Gegenstände, die sich euren Augen bieten, Täler, Wälder, Berge, die unendlichen Gletscher sind, mit einem Wort, wenn es die bald lachende, bald erhabene Natur der Hochalpen ist? Wenn in jedem Augenblick ein fesselndes Schauspiel die aufrichtigste Bewunderung und das Bedürfnis hervorruft, die heftigen Bewegungen mitzuteilen, deren Flut das Herz nicht völlig im Busen zu bewahren vermag, und deren fromme Reinheit sie die Fessel schamhafter Zurückhaltung abstreifen läßt? Wie wird es erst sein, wenn das junge Mädchen in seinem Entzücken nicht mehr an ihr Reittier denkt und dir die holde Sorge überläßt, dessen Schritte zu lenken, seine Launen zu zügeln? Während du, den Zügel in der Faust, dich als lebendigen Wall zwischen das Maultier und den Abgrund stellst, darf sie bewundern, genießen. Das lebendige Empfinden verschönt ihr Antlitz; der Morgenwind, der von den Bergen weht, überhaucht sie mit rosigen Farben, er spielt in den Falten ihres Mantels und enthüllt dir den Reiz ihrer Formen. Ach, junger Mann, schon wird dein Herz, wird dein Auge den Bergen untreu, liebevoll beschäftigt es sich nur mit dem lieblichen Geschöpf. Nicht wahr, sie ist liebenswürdig, ist schön, ist bezaubernd ...? Das ist alles, was ich beweisen wollte. An jenem Tage empfand ich alle eben beschriebenen Gefühle. Ich hatte den Zügel in der Faust, ich machte aus meinem Körper einen Wall, nur war unglücklicherweise kein Abgrund vorhanden. Nahe am Gletscher du Tour machten wir halt. Wir entdeckten dicht vor uns die enge und wilde Talmulde, in welche nach den Abhängen des Col de Balme zu das Tal von Chamonix ausläuft. Dort wogte noch ein Schattenmeer. Aber hinter uns zeigte sich dasselbe Tal bereits in seinem ganzen schimmernden Morgenglanz. Die Sonne war schon über die Schluchten emporgestiegen; sie sandte ihre Strahlen durch die bläulichen Nebel hindurch, bestrich vom Gipfel bis zum Fuß die feingezackten Grate der Gletscher und ließ über den dunklen Vorhang der Wälder die unzähligen Nadelspitzen des Bois des Bossons und von Taconey erglänzen; und während sie das Tal der Arve mit ihren waldbewachsenen Inseln im Schatten ließ, vergoldete sie an den Wänden des Brévent die friedlichen Wiesen, auf denen die zerstreuten Hütten von Prieuré schimmern. »Welch ein Schauspiel,« sagte meine Begleiterin, »ich möchte absteigen...« Sofort half ich ihr; mit der einen Hand lockerte ich den Steigbügel, mit der andern unterstützte ich sie beim Abspringen und empfand dabei den sanften Druck ihrer Hand. Nun setzten wir uns auf einen Granitblock, während das Maultier, dessen Zaum ich weiter festhielt, die Grasbüschel am Wegrande abfraß. Es gibt Augenblicke, in denen die Naturbetrachtung vorgeschrieben ist, ohne darum gerade leichter zu sein. Es handelte sich jetzt darum, zu bewundern; nur darum hatten wir uns ja dort hingesetzt. Aber wenn meine Gefährtin noch wenig Anlage für ein Schäferstündchen zeigte und deshalb eine ziemliche Verlegenheit darüber empfand, auf einmal mit mir allein zu sein, so war ich meinerseits so vollständig durch ihre Gegenwart in Anspruch genommen, daß es mir nicht leicht gewesen wäre, jetzt plötzlich in beredter Weise über die Berge zu sprechen. Ich versuchte es gleichwohl, aber nach einigen Gemeinplätzen, deren Nichtigkeit mich selbst ärgerte, kehrte ich, so schnell ich konnte, zu einem Gegenstande zurück, der weit mehr zur Tagesordnung gehörte, als der Glanz des Morgens. »Sie bemerken, mein Fräulein,« sagte ich zu ihr, »daß die Straße sich hier gabelt. Darf ich so frei sein, Sie zu fragen, ob Ihre Eltern sich für die Tête-Noire oder für den Paß von Balme entschieden haben...?« »Ich weiß es nicht, mein Herr,« antwortete sie. Dann drehte sie sich nach der anderen Seite um, um mir ihr Erröten zu verbergen. »Ich glaube, es sind meine Eltern, die man da unten wahrnehmen kann.« In der Tat kam der Rest der Karawane, die wir hinter uns gelassen hatten, langsam näher. Ich bemerkte, daß der Vater und die Mutter meiner jungen Begleiterin jetzt ihrerseits an der Spitze vor den übrigen Reisenden marschierten, und daß sie, ohne uns zu sehen, den Schritt ihrer Maultiere zu beschleunigen suchten. Als sie uns erreicht hatten, sagte der Vater: »Nun, meine Damen, jetzt ist der Augenblick gekommen, uns zu entscheiden.« Dann wendete er sich an mich: »Und Sie, mein Herr, welchen Weg werden Sie nehmen?« Diese hinterlistige Frage überraschte mich nicht so sehr, wie sie meine Absichten durchkreuzte. Schon am Abend vorher hatte ich dem Vater unvorsichtigerweise erzählt, daß es mein Plan wäre, über die Tête-Noire zu gehen. Ich hatte dabei geglaubt, sehr klug zu verfahren; denn da dieser Übergang leichter ist als der andere, wird er gewöhnlich von denjenigen Gesellschaften gewählt, bei denen sich Damen befinden. Allerdings hatte mich der Vater gleich am Abend vorher darauf aufmerksam gemacht, daß er sich noch nicht klar darüber wäre, welchen der beiden Übergänge er wählen sollte. Es war offenbar, daß der vorsichtige Vater sich alle Möglichkeiten offen halten wollte, darunter auch die, seine Tochter auf dem Wege gehen zu lassen, den ich nicht wählen würde. So verstand ich denn auch sofort die Tragweite seiner Frage, und nur noch bedacht, meine Würde zu wahren, antwortete ich: »Sie wissen es ja, mein Herr, mein Plan war, über die Tête-Noire zu gehen ...« Er unterbrach mich: »Unglücklicherweise haben wir mehr Neigung für den Paß von Balme. Ich bedaure das aufrichtig. Gute Reise, mein Herr; ich bin entzückt, wenigstens während dieses Morgens den Vorzug Ihrer Begleitung gehabt zu haben.« Ich erschöpfte mich in ebenso aufrichtigen Höflichkeiten, und wir trennten uns. Ich blieb sehr traurig zurück im Angesicht der schönen Natur, die mir gar nicht mehr schön vorkam. Le Prieuré erschien mir mit einem Male finster, les Bossons langweilten mich. Auf meinem Granitblock sitzend, hing ich grollenden Gedanken nach über die heuchlerische Tyrannei der Väter, die nur zu oft und zur Unzeit von der allzu engelhaften Unterwürfigkeit der Töchter unterstützt wird. In diesem Augenblick kam eine andere Karawane vorbei, der ich mich in Ermangelung von etwas Besserem anschloß, auch um durch die Zerstreuung mein beleidigtes Empfinden wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Diese Karawane setzte sich aus drei Herren zu Fuß und einem mit Steinen beladenen Maultier zusammen. Die drei Herren waren Geologen. Geologen sind reizende Gesellschafter, aber hauptsächlich für Geologen. Ihre Eigenart besteht darin, bei jedem Kiesel stehenzubleiben und jedem Erdhaufen ein Prognostikon zu stellen. Sie zerschlagen die Kiesel, um sie mitzunehmen; sie kratzen die Erdhaufen auf, um jedesmal ein neues System aufzustellen. All das dauert sehr lange. Sie sind nicht ohne Einbildungskraft; aber ihre Einbildungskraft hat als Gebiet den Meeresboden und das Erdinnere; sie erlischt, sobald sie an die Erdoberfläche gelangt. Man zeige ihnen einen herrlichen Gipfel – für sie ist es lediglich ein vulkanisches Gebilde: eine vergletscherte Schlucht –, sie sehen darin nur die Wirkung des Feuers: einen Wald – da hört ihr Verständnis völlig auf. Der elende Schimmer eines Granitblocks, auf dem ich mich halbwegs nach Valorsine ausruhte, vermochte meine drei Geologen in Aufregung zu versetzen. Ich mußte schnell aufstehen und ihnen meinen Sessel überlassen. Während sie ihn in Stücke schlugen, entfernte ich mich ganz sacht, und sie verloren mich aus den Augen. Sic me servavit Apollo. Wenn ich aber auch gern den einzelnen Geologen vermeide, so liebe ich doch jederzeit die Geologie selbst. Besonders im Winter, in einer Ecke am Kaminfeuer, ist es dann reizvoll zuzuhören, wenn über die Bildungen der schönen Berge gestritten wird, die man während der Sommerszeit besucht hat, oder über die Sündflut und die Vulkane! Wenn man bei den Fossilien angelangt ist, verfehle ich nie, die Unterhaltung auf das große Mastodon von, ich weiß nicht von wem, oder auf den Megalosaurus von Cuvier zu lenken: das ist eine große Eidechse von hundert Fuß Länge, von der wir nur noch die Knochen ohne die Haut besitzen. Aber man stelle sich dieses königliche Tier vor, wie es durch die Welt spazieren ging und seine kleine Brut mit Elefanten fütterte! Hoch die Leute mit malerischen Anschauungen und Neigungen! Sie verbreiten die Wissenschaft, sie bringen sie unters Volk! Von ihnen habe ich alle meine Geologie gelernt! – Und überdies, auch ohne die malerisch veranlagten Leute, wer ist heute nicht ein wenig Geologe!? Wer fragt sich nicht beim Anblick der Ereignisse und Wunder einer Berglandschaft, woher diese Schlünde und Höhlen der Abgründe kommen? Wie konnten diese Gipfel sich bis zu den Himmeln erheben? Woher diese sanften Abhänge und die trotzigen Felsen? Woher kommen die Granitkolosse, die schwer auf der Ebene lasten? Woher die aus dem Meer stammende Beute, die wir in den Bergen vergraben finden? Alle diese Fragen gehören der reinen Geologie an, der elementaren und zugleich der transzendentalen. Andere Fragen legen sich Geologen überhaupt nicht vor; über die Art, sie zu beantworten, sind sie sich niemals einig. Entweder ist es das Wasser, oder das Feuer, oder eine Ätzung, oder ein vulkanisches Gebläse. Überall Systeme, keine Wahrheiten! Viele Handlungen, kein Lehrmeister! Priester, aber kein Gott! So daß jeder seine Hypothese der Flamme des Altars näherbringt, und wenn er sie aufflammen sieht, sagen darf: »Rauch gegen Rauch, der meine, mein Herr, ist ebensoviel wert wie der Ihre.« – Und gerade darum liebe ich diese Wissenschaft so. Sie ist unendlich und unbestimmt, wie die Poesie. Wie die Poesie untersucht sie Geheimnisse, sie durchtränkt sich mit ihnen, sie gleitet auf ihnen, ohne zugrunde zu gehen. Sie hebt nicht den Schleier, aber sie bewegt ihn, und durch zufällige Löcher dringen einige Strahlen, die den Blick blenden. Statt daß sie die geschäftige Hilfe des Verstandes anruft, erwählt sie die Einbildungskraft zur Gefährtin und schleppt sie bald in die finsteren Tiefen der Erde, bald schweift sie mit ihr zurück zu den ersten Tagen der Welt und führt sie spazieren über junge und grünende Festländer, die eben erst dem Chaos entsprossen, in ihrem ersten Schmuck erglänzen, und auf denen untergegangene Rassen umherwimmeln, deren riesenhafte Überreste uns heute noch ihr einstiges Dasein zum Bewußtsein bringen. Wenn sie das erstrebte Ziel auch nicht erreicht, so durcheilt sie doch stets eine anziehende Bahn. Wenn sie abschweift und Erörterungen über ferner gelegene Gegenstände anstellt, so stellt sie uns doch immer wieder, und gerade infolge ihres Unvermögens eine Lösung zu finden, dem Urgrund aller Dinge gegenüber, und ebendarum wird diese Wissenschaft, die so alt ist wie die Menschheit selbst, überall geliebt und überall gepflegt. Die Schöpfungsgeschichte ist die älteste und erhabenste Abhandlung über Geologie und bei dem Volk der Dichter χατ εξοχην, den Griechen, sind Theogonien und Kosmogonien seit dem frühesten Zeitalter auf der Tagesordnung. Damals wie heute streiten sich die Anhänger der verschiedenen Systeme, die Jünger Vulkans und Neptuns, aber nicht um den Beifall und die Zustimmung der gelehrten Welt, sondern um die naive Bewunderung, um die müßige Neugier, um das poetische Empfinden der verständnisvollen wie der leichtgläubigen Menge. – In Valorsine holte ich drei Touristen ein: es waren ein Franzose und zwei Engländer; sie hatten zueinander keine anderen Beziehungen als die, welche vorübergehend durch gute Umgangsformen und eine gewisse aristokratische Sympathie hervorgerufen werden, und vermöge deren Leute, die ein Gefühl gesellschaftlicher Zusammengehörigkeit empfinden, gern miteinander verkehren mögen, zumal wenn der Verkehr mit anderen zurzeit ausgeschlossen ist. Die Engländer waren zwei schöne, große Jungen, Studenten, noch nicht zum Manne gereift, die ihr Herr Vater, kaum daß sie von Cambridge fort sind, auf die erste Festlandsreise schickt, in Begleitung eines untergeordneten Hofmeisters, der ihre Stiefel wichst und ihren Champagner bezahlt. Ich war ihnen bereits an den Tagen vorher begegnet. Im Gasthof, bei Tisch hatten sie, wie es mir schien, allen Anstand eines englischen Gentleman beobachtet. Unterwegs hatte ich bemerkt, wie sie untereinander und mit den Vorübergehenden ihren Scherz trieben. Sie erinnerten mich an die großen Neufundländer Hunde, die, im Begriff ernst und würdig zu werden, sich selbst dabei überraschen, daß sie noch einmal vor Vergnügen umherspringen und mit den kleinen Spitzhunden spielen. Der Franzose war ein seiner junger Mann, nach Überzeugung, Sprache und Schnurrbart ein Karlist; Das heißt Anhänger des eben aus Frankreich vertriebenen Königs Charles X. Anm. d. Übersetzers. einer von den Salonpolitikern, die sich einbilden, in der Vendée gekämpft zu haben, und die sich einreden, daß sie nach der im Lande eingetretenen Beruhigung es ihrer Familie schuldig sind, eine Reise durch die Schweiz zu machen, um der Regierung einen anständigen Vorwand zu geben, über ihr allzukühnes Vorleben beide Augen zuzudrücken. Im übrigen war er ein fröhlicher Gesell, der beste Kerl von der Welt und – hatte weiße Handschuhe an. Die beiden Engländer waren sparsam mit Worten, linkisch in ihren Bewegungen, aber ziemlich verständnisvoll für die Schönheiten der Gegend. Die Frische des Graswuchses, die durchsichtige Klarheit der Bäche, vor allem die kühn geschwungenen Linien der Berggipfel erfüllten sie mit einer innerlichen Befriedigung, für deren Ausdruck die Anforderungen ihrer natürlichen Würde nicht immer ausreichten. »Beautiful« murmelten sie von Zeit zu Zeit, indem sie einen Blick miteinander austauschten. Im übrigen waren sie mit der behaglichen und kostspieligen Einfachheit ausgerüstet, durch die sich Touristen ihres Landes auszeichnen: schöne Strohhüte mit breiten Krempen, vollkommen sauber, aber durch den Gebrauch zerknittert und nachlässig aufgesetzt; Jacketts aus grauer Leinwand, von bequemem Schnitt, in deren tiefen Taschen sich ein Fernrohr von Dollond, ein silbernes Zigarrenetui und das ganze Zubehör von Gegenständen verbargen, die bei einer Reise in den Bergen nötig oder nützlich werden können. Dieselbe Einfachheit, die gleiche ausgesuchte Sauberkeit in der Wäsche; und bei aller linkischen Schwerfälligkeit in ihren Bewegungen das sichere Auftreten der jungen Lords, die für das Ziel, das sie sich gesetzt, ausgerüstet sind, und die auf ihren Schneider vertrauen, um sich behaglich zu fühlen, auf ihr nettes Gesicht, um überall bemerkt und ausgezeichnet zu werden, und vor allem und stets auf ihre Guineen, um von den Wirten des Festlandes geehrt und geliebt zu werden. Der Franzose war im Gegenteil außerordentlich mitteilsam, ungezwungen und lebhaft in seinen Manieren; für die alpinen Schönheiten schwärmte er riesig, besaß aber nicht das geringste Verständnis für sie. Wie die Engländer, war er entzückt über die Durchsichtigkeit des Wassers, aber nur, um es mit der Frische des lauwarmen Wassers zu vergleichen, das man in Paris trinkt. Die Felsspitzen entzückten ihn, aber nur in Hinsicht auf die wunderbaren Sprünge, welche die Gemsen vollführten, um von einer auf die andere zu gelangen, vor allem aber in der Hoffnung, ihrer bald habhaft zu werden, sowie er seine ausgezeichnete Jagdflinte von Lepage erhalten haben würde, die er sich eiligst aus Paris herbestellt hatte. »Die erste, die ich erlege,« sagte er, »schicke ich nach Prag.« Aufenthalt des entthronten Königs Charles X. Anm. d. Übers. Im übrigen war er gekleidet wie Robinson, wenn ein moderner Schneider seine Ausrüstung besorgt hätte: ein reizender wasserdichter Hut mit schmalem Rande saß kokett auf seinem schimmernden Haargelock; eine gleichfalls wasserdichte Krawatte schnürte ihm den Hals zusammen. Sein langer Überrock war aus Samt; er hatte vorn ausgeschweifte Schöße, um den Gang zu erleichtern und einen niedrigen, sehr engen Taillenschnitt, offenbar, um der Erscheinung einen Anflug von Leichtigkeit zu geben; er war versehen mit Taschen und Nebentaschen, in denen eine Unzahl von Nichtigkeiten steckte, von denen die meisten nutzlos waren, teils wegen ihrer Beschaffenheit, teils wegen ihrer Geringfügigkeit. Aber ein Meisterwerk der Kunst war sein Stock. Dieser Stock ließ sich als Stuhl auseinanderfalten, um bequemer die Aussichtspunkte genießen zu können; er öffnete sich als Schirm, um vor dem Sonnenbrand zu schützen, und er ließ sich wieder als Stock zusammenklappen, um damit die Berge zu erklimmen. Der Stock war so schwer wie ein Balken, der Sonnenschirm ausgeschweift wie ein Fledermausflügel, der Stuhl so bequem wie ein Sessel ohne Lehne und Stroh; und trotzdem war der Eigentümer zufrieden und strahlte vor Glück über die Fülle unentbehrlicher Annehmlichkeiten, deren Genuß ihm dieses Meisterstück gewährleistete. Ich fand die Herren unweit von ihren Maultieren, die ihre Tagesration erhielten, gelagert und in einer Unterhaltung begriffen, deren Kosten der Franzose wenigstens zu neunzehn Zwanzigsteln allein trug. Er hatte soeben alle dynastischen Fragen behandelt, vom republikanischen und vom doktrinären Standpunkte aus; von da war er auf Henri V., von diesem auf die Gemsen gekommen; das letztere gelegentlich eines Flintenschusses, der aus den Bergen herübergerollt war. Über diese Vierfüßler wie über die Politik war seine Erziehung abgeschlossen, seine Ansicht fest gebildet, seine Grundsätze formuliert; offenbar hatte er seine Kenntnisse über die Gemsen aus den Büchern von Alexandre Dumas, Raoul Rochette und anderen Theoretikern; aber er fühlte sich als ein Schüler, der weiter kommt als seine Lehrmeister, für den die von jenen in die Welt gesetzten Theorien bald nur noch eine kindische Tändelei im Vergleich zu derjenigen sein werden, die er an Ort und Stelle festlegen würde. Nichts war spaßiger, als diesen ungestümen Redner zu beobachten, wie er auf die beiden phlegmatischen Engländer einsprach, die zu verständig waren, um ihm leichthin zu glauben, zu höflich, um ihm zu widersprechen, ob sie sich schon im übrigen bei seinem abgebrochenen, reißend schnellen, unerschöpflichen Geschwätz tüchtig langweilten. Ohne sich durch zu große Aufmerksamkeit zu ermüden, rauchten sie ihre Zigarre und dachten behaglich bei sich selbst, wie doch die französische Nation vollkommen ›foolish ‹, geschwätzig und gar und ganz angezogen sei, wie eine Tanzmeister. »Meine Herren,« sagte ihnen der Franzose gerade, »noch eine eigenartige Tatsache, die Sie nicht kennen. ... Ich habe sie von einem Jäger, der in einem Jahre zwanzig Steinböcke und neunundneunzig Gemsen getötet hat, unter anderen einmal zwei durch einen Schuß; doch das erzähle ich Ihnen später ... Eine Tatsache, die nur dieser Jagd eigen ist, die einzige übrigens, die ich noch nicht selbst ausgeübt habe: ich habe auf Rehböcke, auf Eber gejagt; einen Eber hätte ich beinahe erlegt, wäre nicht der König, dem man natürlich die Jagdehre läßt, gewesen –... Also die merkwürdige Tatsache ist die, daß man auf Gemsen nicht wie auf Schnepfen in gerader Richtung, genau dem Schützen gegenüber, schießt; die Gemse hat feine Sinne und ist mißtrauisch; sowie sie das Ende eines Flintenlaufs sieht, ist sie auf und davon und es ist vergeblich, ihr nachzusetzen. Was tut nun der Jäger? Sehen Sie, hier steht die Gemse auf ihrem Felsblock. Nun wohl, der Jäger, der sich verborgen aufgestellt hat, zielt nach einem benachbarten Felsblock, etwas näher, etwas weiter, je nachdem: der Schuß geht los, die Kugel schlägt auf, prallt ab und die Gemse fällt, ohne zu wissen, woher sie die blaue Pflaume bekommen hat... Ein starkes Stück, möchte ich glauben, nicht wahr?« »Führer,« unterbrach ihn in diesem Augenblick einer der Engländer, »mach' Sie schnell, ich glaub' Sie, wir bekommen die Regen; wir woll' Sie aufbrech´.« Damit erhoben wir uns alle vier, um weiterzugehen, und gleichzeitig kamen die Geologen von Valorsine an. Jenseits dieses Weilers schiebt sich das Tal zusammen; bald danach gelangt man in den wilden Engpaß der Tête-Noire. Das Wetter, das am Morgen so strahlend gewesen war, hatte tatsächlich umgeschlagen. Weißliche, schmale Nebelstreife hatten unbemerkt das Blau des Himmels verschleiert und den Glanz der Sonne verdunkelt; um diese Zeit ballten sie sich zu drohenden Regenwolken zusammen, die sich um die Berggipfel herum anhäuften. Ein kühler Wind kam aus dem Rhonetal, stieg durch die enge Schlucht herauf, trieb Sandmassen vor sich her, beugte das Gras nieder und pfiff durch die Nadeln der Fichten. Unsere Unterhaltung hörte auf, wir beschleunigten unsere Schritte; von Zeit zu Zeit kamen wir an kleinen Kreuzen vorüber, die am Rande des Fußpfades in die Erde eingelassen waren. Diese Kreuze bezeichnen die Stellen, wo während des Winters oder der ersten Frühlingsstürme Bergbewohner erfroren oder von einer Lawine verschüttet sind. Am Fuße eines derselben kniete eine arme Frau und murmelte Gebete für den Hingeschiedenen, während ihre Ziege, durch unsere Annäherung erschreckt, von Stein zu Stein sprang, bis zum Rande eines kleinen Abhangs, von wo aus sie uns neugierig beobachtete. Gleich darauf brach das Gewitter mit einem Platzregen los; inzwischen gelangten wir jedoch zu dem »Stein der Engländer«, wo wir Schutz fanden. Dieser Stein ist ein riesiger Felsblock, der wie ein Vorsprung über den Fußweg hinausragt. Eine an sichtbarer Stelle eingemeißelte Inschrift besagt, daß dieser Stein in aller Form Rechtens seitens einer englischen Dame angekauft ist. »Sehn Sie mal,« fagte unser Franzose, als er die Inschrift von fern bemerkte, »ist das ein Denkstein oder ein Grabmal?« Als er aber gelesen, rief er laut lachend: »Das ist gut, das nenn' ich mir noch ein Spielzeug, das werden die Geologen nicht fortschleppen können; und die Gemeinde ist nicht dumm gewesen. Na, meinetwegen! Also sind wir hier nun in England! Sehr verbunden meine Herren,« wandte er sich an die Engländer, »für Ihre Gastfreundschaft. Nun möchte ich bloß noch ein Roastbeef und eine Flasche Bordeaux.« Den beiden Engländern mißfiel durchaus der unehrerbietige Ton, mit dem der Franzose ein Ereignis behandelte, dessen Überspanntheit ihnen im Grunde »als einer großen Sach'«, und dessen Absonderlichkeit ihnen gar »als einer nationalen Sach'« erscheinen mochte; sie hüllten sich deshalb in ein zugleich geringschätziges und verstimmtes Schweigen. Es war klar, es hätte nur einer kleinen schmeichelnden Aufmunterung bedurft, um ihre geheimen Gedanken eine äußere Form finden, um sie sich begeistern zu lassen für diesen »beautiful and enthousiastic « Zug, um sie erklären zu lassen, daß die Engländerinnen » der erste people von der Erde « seien und was weiß ich noch? Vielleicht hätten sie gar mit rauher und feierlicher Stimme ein God save the king angestimmt, und das alles wäre sicher viel amüsanter gewesen, als das Schweigen, in dem sie jetzt beharrten. Aber wie beleidigt sie sich auch fühlen mochten, es ward ihnen eine rasche und gründliche Genugtuung zuteil. Um die Aussicht besser zu genießen, hatte unser Begleiter seinen künstlichen Stuhl auseinandergefaltet. Kaum saß er darauf, da brachen die drei Beine auf einmal zusammen, er fiel hintenüber, mit dem Rücken in den Staub, mit dem Kopf in eine Wasserlache... Nein, nie wieder habe ich zwei Engländer so herzlich zusammen lachen sehen, nie wieder einen so kraftvollen Klang innerster Befriedigung vernommen. Der Franzose erhob sich, fluchte, warf die Trümmer seines Stocks in den Gießbach und war dann so gescheit, in der frischesten und harmlosesten Weise mit uns um die Wette zu lachen. Unterdessen hörte der Regen nicht nur nicht auf, sondern fiel mit wachsender Gewalt auf uns nieder. »Wir sind hier zwar in England,« sagte der Franzose, »aber es gefällt mir darum nicht um ein Haar besser ... schließlich zieh' ich's noch vor, unterwegs durchnäßt zu werden, als hier zu trocknen. Wer mich liebhat, folge mir.« Und damit machte er sich frohgemut auf den Weg. Die Engländer machten es bald ebenso, und ich folgte ihrem Beispiel. Wenn man jung und gesund ist, wenn man an Fußreisen Gefallen findet und eine gewisse Übung darin besitzt, so ist es gar keine so traurige Situation, wie man vielleicht denken mag, wenn man dem Unwetter trotzt und seinen Weg fortsetzt. Man ist durch und durch naß; das Wasser tritt, wie Panurg sagt, beim Hals ein und bei der Ferse wieder heraus; aber das sind nun einmal die Zugaben zu den lebhaften Freuden, die uns später erwarten: die Herberge zu erreichen, sich der nassen Kleider zu entledigen, die steifen Glieder vor der hellen Flamme des Herdes auszustrecken, den ermüdeten Körper auszuruhen und die Kräfte an einem wohlbesetzten Tisch zu ergänzen. Und außerdem bedeutet das nichts, dem großen Naturschauspiel beizuwohnen? Empfindet dabei unser Herz, das ständig nach Bewegung, Aufregung, Beschäftigung verlangt, nicht einen eigenen Zauber? Wie in einem durchsichtigen See spiegelt sich in ihm zuerst die tauige Morgenfrische, dann der glühende Mittagsbrand, jetzt die grauen Regenwolken und der heulende Gewitterwind. Die ganze Aufregung der Natur nimmt es in sich auf, und inmitten all dieses Tumults empfindet es geheimnisvolle Freuden, die dem versagt bleiben, der in stumpfem Wohlbehagen dahinlebt. Um alle diese inneren Erregungen besser auszukosten, war ich etwas hinter meinen Begleitern zurückgeblieben. Es war mir lieb, allein zu sein in dem Schlund der Tête-Noire, gepeitscht vom Regen, betäubt von dem Getöse des Gießbachs, von dem Lärm der Steine, die in Absätzen von den Abhängen herunterprasselten, von dem Donner, dessen ruckweise Schläge in majestätischem Grollen, bald in der Ferne, bald ganz nahe, über meinem Haupte verhallten. Das Schauspiel war so großartig und ich so ganz hingenommen davon, daß ich fast enttäuscht war, als ich in meiner Nähe die Hütten von Trient erblickte, von denen ich mich noch weit entfernt wähnte. Von dem Balkon eines kleinen Hauses tönte Lachen zu mir herüber. Es war der Franzose, der mich bemerkt hatte. »Hier gibt's Wein,« rief er mir zu, »kommen Sie herein und lassen Sie sich etwas trocknen.« Ich folgte ihm und trat in das Häuschen ein. Die Hütten von Trient liegen in einem kleinen Tal, dessen Anblick auffallend und charaktervoll ist. Das Tal hat nach keiner Seite eine Ausdehnung von mehr als einer Wegstunde und liegt so tief eingeschachtelt zwischen Berggipfeln von ungeheurer Höhe, daß die Sonne den Talgrund erst gegen die Mitte des Tages und nur während weniger Stunden bescheint. An dem einen Ende liegt zwischen engen Granitwänden der Gletscher von Trient; unter dumpfem Krachen speit er aus seinem geöffneten untersten Teil wie aus einer azurblauen Schnauze, schwarze wirbelnde Fluten aus, die bald in sanfterem Lauf über die Wiesen dahineilen. Am anderen Ende des Tales gestattet ein Berg, der von oben bis unten senkrecht gespalten ist, dem Bach einen schmalen Durchgang; er stürzt sich in neblige, dem menschlichen Auge entrückte Abgründe und kommt erst wieder bei Mattigny im Wallis zum Vorschein, wo er sich in die Rhone ergießt. Die Lage des Tals, der beständige Schatten der Gletscher, die Wasser verleihen ihm eine entzückende Frische, und wenn man die Wiesen, die den Grund bedecken, von der Höhe des Gebirges zum erstenmal erblickt, so erglänzen sie in einem unvergleichlichen Grün. Man entdeckt gleichsam von neuem ein bis dahin unbekannt gebliebenes Paradies, in dem seit Jahrhunderten die Ureinwohner der Gegend ein verborgenes Dasein führen. Man steigt herab, man tritt ein in den kühlen Schatten, man atmet die erquickende Luft, man vernimmt die kräftige, beständige Stimme der Wasser, die kommen und fliehen, ein ungeahnter Glanz blendet das Auge und bewegt sanft das Herz. In dieses kleine Tal münden die beiden Übergänge der Tête-Noire und des Passes von Balme. Die beiden Fußpfade vereinigen sich am Fuß der Forilaz, die man noch erklimmen und wieder herabsteigen muß, um nach Martigny zu gelangen. Es gibt dort als Unterschlupf nur die kleine Herberge, in die ich eben eingetreten war. Im Erdgeschoß befinden sich der Stall und ein Heuschuppen; darüber die Gaststube, zu der man über einige Stufen aus Fichtenholz gelangt, die auf die Galerie münden, von der aus mich der Franzose gerufen hatte. Da sich zuweilen ein Reisender hierher verirrt, der von der Nacht oder einem Gewitter überrascht und genötigt wird, in Trient zu bleiben, so haben die Wirtsleute in der Gaststube auch noch zwei einfache Betten aufgestellt. Als ich eintrat, hatten die beiden Engländer es aufgegeben, bei dem schlechten Wetter noch bis Martigny zu kommen; sie hatten sich deshalb die Betten gesichert, die Wäsche gewechselt, ihre Zigarren angezündet und sich auf ihrem Lager behaglich ausgestreckt. Das Unwetter war so heftig geworden, daß ich mich lebhaft um das Schicksal der Karawane beunruhigte, die ich am Morgen verlassen hatte; ich hätte gern erfahren, ob sie den Paß überschritten und schon durch Trient durchgekommen wäre. Als ich mich deshalb an den Wirt wenden wollte, fuhr ein Blitz, gefolgt von einem furchtbaren Donner nieder und ließ uns alle erzittern. Der Wirt bekreuzte sich, seine Frau lief ans Fenster und rief: »Das war im Bois Maguin.« Wir sahen ebenfalls hinaus. Aus dem Wäldchen trat ein Mann heraus und floh in der Richtung auf uns zu. Als er näher kam, riefen wir ihn an. Ich erinnerte mich alsbald, ihn am Morgen bei den Eltern meiner jungen Gefährtin gesehen zu haben, und fragte ihn angsterfüllt aus. Doch erfuhr ich nichts von ihm. Auf der Paßhöhe hatte man ihn gebeten, vorzugehen, nach Martigny zu eilen und dort Nachtquartiere zu bestellen. Eine Stunde später war der Regen, dann das Gewitter, schließlich der Blitz gekommen. »Es hat eingeschlagen in dem Häuschen von Privas,« fügte er hinzu; »es steht in Flammen, das Vieh irrt umher, zumal eine Färse, die bei mir vorbeilief, blökte, daß einem das Herz brechen konnte. Sie folgte mir bis ein Blitz niederging, daß ich glaubte, der Weltuntergang wäre da.« Plötzlich rief der Franzose, der zugehört hatte: »Was, Damen sind in dem Wäldchen ..., Damen bei diesem Unwetter! Bei Gott, man soll nicht sagen, daß ich sie nicht herausgeholt hätte. Wer kommt mit mir?« »Ich bin Ihr Mann, und Sie sind der meine,« antwortete ich. »Vorwärts! Ich nehme diese beiden Hammelhäute, die an der Wand hängen.« »Und ich diese Herzstärkung,« sagte der Franzose und goß den Landwein aus unserm Schoppen in seine Feldflasche. Ohne weitere Vorbereitungen brachen wir auf. In dem Augenblick kamen die drei Geologen an... Aber in welchem Zustande! guter Gott...! Von den Ellbogen, durch die Taschen, aus der Nase, zwischen den fünf Fingern rann das Wasser; wie Maikäfer, die in einer Pfütze zappeln, wie Schiffbrüchige aus der Sintflut, die der Arche zuschwimmen ...! und trotzdem voll gespannter Aufmerksamkeit die Kiesel betrachtend, und nach den Erdschichten schielend; so traten sie in das Häuschen ein. Wir beide befanden uns bald mitten in dem Tal des Col de Balme. »Diese Kaufleute,« sagte der Franzose, »mit ihren wasserdichten Sachen sind die reinen Räuber. Das Wasser des ganzen Himmels hat sich in meinem Hut angesammelt...! Übrigens, sind Ihre Damen hübsch?« Ein neuer Donnerschlag, von unheimlichem Rollen begleitet, überhob mich der Antwort; zudem war es ohnehin unendlich schwer, sich zu verständigen. Aus dem Fußsteg war das Bett eines reißenden Baches geworden; von allen Seiten stürzte das Wasser in Absätzen herab, und je höher wir stiegen, desto empfindlicher wurde die Kälte. Oberhalb Bois Magnin war der eisige Regen mit Hagelschloßen vermengt; eine Stunde später befanden wir uns mitten im Schnee. Nun folgte dem Lärm des herabstürzenden Wassers und dem Pfeifen des Windes im Walde plötzlich ein tiefes Stillschweigen. Man konnte den Fußweg nicht mehr erkennen, auch antwortete niemand auf die Rufe, die wir von Zeit zu Zeit hören ließen. Wir verzweifelten schon am Gelingen unseres Versuchs, als wir über uns ein Maultier bemerkten, das von der Paßhöhe herunterkam. Es war allein, völlig gesattelt; der Zügel schleifte an der Erde. Um es nicht zu erschrecken, versteckten wir uns hinter einem Felsvorsprung; als es dann bei uns vorbeikam, verlegte ihm mein Begleiter den Weg, während ich auf den Zügel trat, an welchem ich das Tier wiedererkannte, das ich am Morgen geführt hatte; es war Emilies Reittier. Nun ergingen wir uns in den schlimmsten Vermutungen. Ohne Zeit zu verlieren, sprang der Franzose auf das Tier, während ich dahinterblieb, um es durch Peitschenhiebe zu zwingen, weiterzugehen und gleichzeitig uns zu führen. Als wir aber ein wenig weiter oberhalb auf eine nach allen Seiten freigelegene ebene Stelle gekommen waren, wandte sich das Maultier plötzlich nach links, suchte mit der denkbar größten Schnelligkeit zu entkommen und sich dabei seines Herren zu entledigen. Der Franzose war aber ein guter Reiter, auch reizte es ihn, sich vor mir als solcher zu zeigen; er blieb im Sattel, und nach einigen Augenblicken verlor ich ihn aus dem Gesicht. Ich blieb nun allein, von der quälendsten Unruhe verzehrt, und wußte nicht, welche Richtung ich einschlagen sollte. Nachdem ich einige Zeit umhergeirrt war, fand ich die Spuren, die das Maultier beim Abstieg im Schnee zurückgelassen hatte, und entschloß mich, denselben aufwärts zu folgen. Das war ein glücklicher Gedanke, denn nach einer Viertelstunde sah ich mich plötzlich einem Manne gegenüber, der abwärts steigend, den gleichen Spuren folgte. Es war der Führer, der seinem Tier nacheilte. »Wir haben Ihr Maultier,« rief ich ihm zu, »aber wo sind Ihre Leute?« »Wo sie sind, ja, wo sind sie? Weiß ich's? Dieser Schnee jetzt, das ist ja wie die Sonne nach dem Unwetter von vor einer Stunde. Kein Fußsteg mehr, nichts mehr zu erkennen! Ein Wind, um die Fichten zu entwurzeln, und Donner und Blitz aus allen vier Windrichtungen. Wir saßen ein jeder auf seinem Tier; ich vornüber gebeugt auf den Hals des meinigen. Hab' niemanden mehr gesehen. Zum Glück hab' ich mich schließlich nach einer Höhle, nicht weit von hier, hingefunden; da hab' ich wenigstens das Fräulein unter Dach und Fach bringen können; ängstigen tut sie sich so noch genug, und ohne mein Maultier werd' ich sie nicht einmal von da fortschaffen können.« Die letzten Worte, die viel zu langsam aus seinem Munde kamen, versetzten mich nach der gräßlichen Angst in einen wahren Freudentaumel. Nicht nur, daß Emilie in Sicherheit war, ich kam ja auch noch gerade im allergünstigsten Augenblick. »Guter Mann,« sagte ich, »Sie werden weiter suchen, bis Sie alle Ihre Leute zusammengefunden haben, und ich rühre mich nicht aus der Höhle, bis Sie wiedergekommen sind. Wo ist sie?« – Er zeigte mir in einiger Entfernung einen schwarzen Fels. »Gerade darunter,« sagte er, »Sie können den Weg nicht verfehlen.« Und er eilte weiter. – Ich ging auf den Felsen zu. Aber was sagst du zu meiner Lage, Leser? Wenn schon das Reiseleben an sich, die Trennung von den Begleitern, die ungezwungene Annäherung, die Gelegenheit, sich mit ihr zu unterhalten, die Reize einer jungen Dame in deinen Augen steigert, ihre Anmut verdoppelt, ihre Schönheit erhöht, – wie wird es erst sein, wenn du als Befreier herbeieilst, sie im Schatten einer Grotte überraschst, sie allein, zitternd und doch durch deinen Anblick beruhigt findest, und ihr dankbares Lächeln als Lohn dafür empfängst, daß du mit solchem Eifer zu ihrer Rettung herbeigeeilt bist? Es ist nur zu fürchten, daß du selbst, verwirrt durch deine Freude, kühn gemacht durch den erreichten Vorteil, eine Geschäftigkeit zeigst, die dir unter den obwaltenden Umständen als Zudringlichkeit ausgelegt werden könnte! – Alles dies ließ ich mir sorglich immer wieder durch den Kopf gehen, als ich zu dem Felsen emporstieg. Aber was er auch tun möge, um sich in den Schranken ehrerbietigster Höflichkeit zu halten, ein junger Mann kann nicht plötzlich am Eingang einer Grotte erscheinen, in der ein junges Mädchen Zuflucht gefunden hat, ohne daß dieses eine schamhafte Verlegenheit empfände, die schon vorher in dem Bewußtsein der Einsamkeit aufkommen wollte. Bei meinem Anblick färbte eine lebhafte Röte die Wangen Emilies; sie verließ alsbald ihren Platz im Hintergrund der Grotte und eilte nach dem Ausgang zu, um sich gewissermaßen unter den Schutz des Tageslichts und des Himmels zu stellen. So natürlich diese Bewegung war, so wenig vermochte sie mich zu erfreuen. Denn die Furcht, sei es auch die flüchtigste, verletzt ein zartes und ehrbares Gefühl. Immerhin, das Mißvergnügen, das ich darüber empfand, half mir, meinem Erscheinen die prosaische Erklärung zu geben, die der Anstand verlangte. Ich erzählte Emilie, welcher Folge von Umständen ich das Glück verdankte, mich ihr gegenüber zu befinden. Ich teilte ihr mit, welche Maßregeln ich getroffen, um die Vereinigung mit ihren Eltern zu beschleunigen, und daß diese inzwischen zweifellos bereits durch die Ankunft meines Freundes bei ihnen beruhigt seien. Die sichtliche Freude, die ihr diese guten Nachrichten machten, ermutigte mich, und ich richtete nun meine Worte so ein, sie immer mehr zu beruhigen, um diese kurzen Augenblicke eines so unverhofften téte-á-téte nicht durch Empfindungen der Unruhe und Angst vergiften zu lassen. Emilie lächelte auch schon wieder: und wenn wirklich noch einige Verlegenheit bei ihr zurückblieb, so war es jetzt nur noch die schüchterne Zurückhaltung, die sie hinderte, mir ihre Dankesgefühle so lebhaft zu zeigen, wie sie sie empfand. In diesem Augenblick hatte der Schneefall aufgehört und der Wind, Herr des Passes und der Höhen, hielt die schweren Wolken gefesselt, die hoch in den Lüften hingen. Ein trauriges, bleiches Tageslicht erleuchtete die Fläche der Hochebene, während ein feuchtes Dunkel in den Schluchten wogte, aus denen zerrissene Fetzen grauer, unbestimmter Nebel emporstiegen. Wir ließen uns an der Stelle nieder, auf der wir uns befanden, und, die Augen auf das Schauspiel vor uns gerichtet, begannen wir, uns von den Abenteuern des Tages zu unterhalten, von der Wut des Gewitters, von den wundervollen Gegensätzen, die sich unsern Blicken im Zeitraum von wenigen Stunden dargeboten. Dabei konnten wir in der reizendsten Weise feststellen, daß wir, wenn auch voneinander getrennt, doch zahllose Eindrücke in der gleichen Weise auf uns hatten wirken lassen, und so wurde unsere Unterhaltung schließlich immer weniger zurückhaltend und gewann an Innigkeit. Emilie gestand mir, daß, wenn sie erst mit ihren Eltern wieder vereinigt wäre, sie diesen Tag, an dem sie so viel Aufregungen, so viel Schrecken und Freude empfunden hätte, zu den schönsten ihres Lebens zählen würde. Ich wagte es darauf, ihr zu antworten, daß der Augenblick, da ich das Glück gehabt, sie allein zu treffen und ihr die Gefühle zu gestehen, die mein Herz erfüllten, sich überhaupt nicht mit einem andern meines verflossenen Lebens vergleichen ließe, und daß ich fern von ihr auch keinen ähnlichen je wieder finden würde. Diese Worte versetzten sie in äußerste Verwirrung. Um sie abzulenken, und da sie infolge der auf der Höhe herrschenden Kälte ganz erstarrt war, drang ich in sie, sich mit dem einen Hammelfell zu bekleiden, das ich von Trient mitgebracht hatte. Es ist das eine Art grober Mantel, in den sich die Hirten der Gegend einhüllen. Sie gab mir lächelnd nach, und während ich mit der einen Hand das Hirtengewand hochhielt, ging ich mit der andern durch die Armelöffnung der ihrigen entgegen. Aber unter der ländlichen Vermummung leuchtete ihr Antlitz so anmutsvoll hervor, daß mein Gefühl mich hinriß; meine Lippen verirrten sich und drückten auf die Finger, die ich umschlossen hielt, einen Kuß. Verwirrt zog Emilie ihre Hand zurück, da ließen sich auch schon Stimmen vernehmen. Wir sprangen auf: es war der Führer ... und hinter ihm der Vater. Nie habe ich bei einem Vater die Freude, seine Tochter wiederzufinden, so mit dem Ärger, sie nicht allein zu finden, vermischt gesehen. Um ihm ihr Erröten zu verbergen, hatte sich Emilie in seine Arme geworfen; ich selbst war beflissen, ihm zu zeigen, welch innigen Anteil ich an der glücklichen Wiedervereinigung nahm; trotzdem konnte er sich weder in seinen Worten, noch in seinem Benehmen in Einklang mit dem unseren setzen, obgleich es nach den Umständen geboten war, daß er sich zärtlich gegen seine Tochter, und vor allem dankbar gegen mich zeigte. Schon wollte seine beinahe zu deutliche Verlegenheit sich auch unserer bemächtigen, als er, um seine Fassung wiederzufinden, über die ländliche Verkleidung Emilies laut zu lachen begann. Damit war ein sehr glücklicher Ausweg gefunden, der uns allen die gute Laune wiedergab, so daß wir nun um die Wette lachten, obgleich wir eigentlich kein Bedürfnis danach hatten. Nun kamen die gegenseitigen Erklärungen über die Zwischenfälle des Tages. Mein Freund, der Franzose, hatte wahre Wunder vollbracht. Er hatte den Führer getroffen, er hatte den Vater ausfindig gemacht, er hatte die Mutter gefunden, und beide über das Schicksal ihrer Tochter beruhigt, die sich seit einer Stunde in meiner Hut, im Innern einer Grotte befände. Bei dieser Mitteilung hatte Herr Desalle (der Vater Emilies) aber gar keine Erleichterung gefunden, sondern war jäh aufgesprungen, um uns in aller Eile zu erreichen. Ich habe nämlich vergessen, den Lesern mitzuteilen, daß ich das junge Mädchen schon lange vorher in Genf bei den Wintervergnügen bemerkt hatte. Dann hatte ich sie auch an den ersten schönen Tagen gesehen, wenn die jungen Damen die wollenen Kleider und Winterumhänge gegen leichte Gewänder und flatternde Schärpen vertauschen, wenn sie wie frisch erblühte Blumen erscheinen, die sich eben von der neidischen Hülle befreit haben, die ihren Glanz verbarg. Und endlich hatte ich sie gesehen, als sie im August mit ihren Eltern zum Besuch des Hochgebirges aufbrach und ich mich entschloß, ihren Spuren zu folgen. Bleibt es wohl noch fraglich, ob auch sie mich bemerkt hatte? Ich will es nicht entscheiden, aber eins kann ich versichern, daß die Eltern ihrerseits mich unzähligemal gesehen hatten. Meine Beharrlichkeit störte ihre Ruhe und durchkreuzte ihre Pläne; ich allein hatte sie zu einer Luftveränderung bestimmt; ich war es, um dessentwillen sie den mühsamen Übergang über den Paß von Balme dem leichten Wege über die Tête-Noire vorgezogen hatten. Diese kurze Erläuterung wird manches erklären. Ich könnte sie vervollständigen, wenn ich eine ziemlich nahe Zukunft vorweg nehmen wollte; aber ich fürchte, dem Interesse, das man an meiner Erzählung nehmen kann, Abbruch zu tun, wenn ich durchblicken lasse, wie mein poetisches Abenteuer sechs Monate später eine zwar glückliche, aber doch schließlich prosaische Lösung fand. Doch ich will meinen Bericht wieder aufnehmen. Das Wetter blieb zwar noch düster, aber das Gewitter hatte aufgehört. Die geringe Menge Schnee, die noch gefallen war, begann zu verschwinden, und wir durften auf einen ruhigen Abend hoffen. Wir verließen die Grotte und richteten unsere Schritte auf eine Rauchsäule zu, die hinter einem Lärchengehölz aufstieg und uns die Stelle zeigte, an der wir erwartet wurden. Der Franzose war im Augenblick gerade abwesend, aber wir fanden Frau Desalle so behaglich wie nur denkbar untergebracht. »Ihr Freund, mein Herr, ist ein reizender Mensch,« sagte sie zu mir, sowie sie mich bemerkte. Und in der Tat, mit der hilfsbereiten und zuvorkommenden Geschäftigkeit, die der Franzose alsbald entwickelt, wenn er das andere Geschlecht in Not sieht, hatte mein Begleiter in wenigen Augenblicken aus einigen nebeneinander gesetzten Steinen und darübergelegten Moosschichten eine Art Chaiselongue hergerichtet. Über ihr hatte er die Lärchenzweige so durcheinander geschlungen, daß sie gegen den Schnee einen undurchdringlichen Wall bildeten. Daneben hatte er ein kleines Feuer zur Erwärmung für Frau Desalle angezündet; etwas entfernt davon hatte er eine Menge großer Zweige aufgehäuft und aus ihnen eine Art gewaltiger Kohlenpfanne gemacht; ringsherum hatte er Stecken aufgestellt, die er von den nächsten Lärchenbäumen entnommen hatte, und an denen die Kleider der Karawane zum Trocknen aufgehängt werden sollten. Diese Rücksichten für eine nicht mehr junge Dame, diese vorausdenkende Sorge, um unserer kleinen Kolonie ein behagliches Dasein zu verschaffen, riefen in uns allen ein Gefühl von Dankbarkeit hervor, das so ganz dazu angetan war, die unerfreuliche Situation zu einer Quelle der heitersten Freuden zu machen. Aber beim Anblick eines kleinen silbernen Geräts, das aus drei oder vier Stücken kunstvoll ineinandergefügt war, und in dem sich eine siedende Flüssigkeit befand, konnte ich mich des Lachens nicht erwehren. Ich erkannte nämlich eine mechanisch arbeitende Kaffeemaschine wieder, deren Eigenheiten unser Begleiter uns in Valorsine auseinandergesetzt hatte; in diese hatte er einige Tropfen einer in Paris erstandenen Kaffee-Essenz gegossen und darauf einige Hände voll Schnee vom Col de Balme getan. In diesem Augenblick bemerkten wir ihn selbst, wie er den Hügel, auf dem wir uns befanden, heraufstieg und eine Milchkuh hinter sich herzog, die ihm ohne allzu großen Widerstand folgte. »Bravo,« rief er, als er uns alle vereinigt sah, »hiervon bringe ich für alle Welt, aber Kaffee ist nur für die Damen da. Ich begrüße Sie, mein Fräulein! Meine Herren, haben Sie die Güte, Ihre Mäntel und den Schal an jenen Stecken aufzuhängen. Das übrige ist meine Sache.« Nun öffnete er eine kleine Taschenzuckerdose und stellte sie neben die beiden Damen hin. Dann machte er sich daran, die Kuh in zwei seiner Kokostrinkbecher zu melken, goß den Kaffee dazu und bot das Getränk mit einem eifrigen und selbstzufriedenen Ausdruck an, der zum Totlachen war. So lachte ich denn auch; aber es war ein frohes zufriedenes Lachen, ohne jede Beimischung von Spott, wie es in Valorsine der Fall gewesen war. Ich begriff nämlich erst jetzt, was doch so unendlich einfach ist, daß auf Reisen, wie auch anderswo, nur diejenige Neuausrüstung einen häßlichen Eindruck macht, die lediglich ihrem Eigentümer dient, ohne anderen zugute zu kommen. Ein von Angst befreites Herz ist gern bereit, Nachsicht zu üben und alle nachtragenden Empfindungen zu verbannen. Herr und Frau Desalle schienen schon gar nicht mehr an die Grotte oder an frühere Widerwärtigkeiten zu denken. Ich meinerseits war ihnen zu dankbar für ihre Haltung, als daß ich durch allzu eifrige Bemühungen um ihre Tochter einen neuen Schatten auf unsere junge Freundschaft hätte heraufbeschwören wollen. Emilie hatte ihre Erregung wenigstens äußerlich überwunden; sie verbarg das, was sie innerlich beschäftigte, hinter einer erhöhten Munterkeit; mein neuer Freund, der Franzose, hatte die Küchenbatterie wieder in seine Tasche versenkt und traf mit den Führern die Vorbereitungen zum Aufbruch. In dem Augenblick, als wir uns aufmachten, kam die Sonne am Horizont noch einmal zum Vorschein; das Dach grauer Regenwolken, das bis dahin über unsern Häuptern geschwebt hatte, überzog sich auf einmal unter den Strahlen des untergehenden Tagesgestirns mit Purpur und verwandelte sich in einen Riesendom von überirdischem Glanz. Unmerklich erlosch dann dieser Schimmer, das bleiche Licht der Sterne zuckte hier und da am Himmel auf und die Nacht überraschte uns auf unserm Abstieg. Bis nach Martigny zu gelangen, davon konnte keine Rede mehr sein; anderseits schien es ein fast verzweifeltes Beginnen, in Trient schlafen zu wollen. Selbst die Führer konnten dazu nicht raten. »Keine Schlafgelegenheit,« sagten sie, »und als Nahrungsmittel nur Eier.« »Eier,« fiel der Franzose ein; »dann übernehme ich die Verantwortung für das Nachtmahl« (er überlegte einen Augenblick) »... und auch für das Nachtlager. Aber ich muß vorauseilen; also, glückliche Reise und auf Wiedersehen!« Wir wollten ihn zurückhalten, ihm wenigstens danken; aber er war uns schon aus den Augen. Nach anderthalb Stunden kamen wir aus dem Bois Maguin heraus. An dem hellen Licht, das uns aus einem Hause entgegenstrahlte, erkannten wir von weitem die Hütten von Trient und, daß unser Gefährte an der Arbeit war. Als wir uns näherten, kreuzten wir den Pfad zweier Wanderer, die zu unserem Erstaunen in dieser vorgerückten Stunde den Fußpfad nach der Forilaz einschlugen. Es waren unsere beiden Engländer. Bei seiner Ankunft hatte der Franzose nichts Eiligeres zu tun gehabt, als sie aufzuwecken und ihnen die erfreuliche Mitteilung zu machen, daß er, auf ihre Höflichkeit bauend, ihre Betten zwei Damen versprochen hätte, die sofort eintreffen würden. Sichtlich verstimmt, aber stillschweigend waren die Engländer aufgestanden, hatten sich gegen die Wirtin ereifert, die ihnen vorschlug, im Schuppen zu schlafen, und sich dann entschlossen, weiterzuwandern. Ich habe den Gasthof schon oben beschrieben. Wir kamen gegen zehn Uhr an. Als wir an der Küchentür vorbeigingen, sahen wir dort ein fortwährendes Kommen und Gehen von Leuten, und mitten zwischen ihnen unsern Franzosen, der, vom Herdfeuer beleuchtet, seine Befehle erteilte und gleichzeitig eine Kasserolle bewachte, in der ein schäumendes Gericht brodelte. »Gehen Sie nur herauf, gehen Sie herauf,« rief er uns zu. »Ich kann unmöglich jetzt meinen Sambayon Ein hauptsächlich aus Eiern bestehendes Gericht. verlassen. Mein Ruf und Ihr Nachtisch stehen auf dem Spiele.« So begaben wir uns in den oberen Saal, wo die drei Geologen, die er ebenfalls zu dem Festmahl geladen hatte, uns mit herzgewinnender Freundlichkeit empfingen. Ich fand den Saal völlig verwandelt. Die Betten hatten zwar nicht entfernt werden können, aber sie waren schicklich in den Hintergrund geschoben worden; außerdem hatte sich der Franzose alle Tischtücher des Hauses geben lassen und damit die Fenster wie mit Vorhängen verhangen; dabei hatte er mit glücklichem Geschick die Größe der Leinwandtücher benutzt, um sie an den Seiten nach Art von Festons aufzunehmen. Durch diese Anordnung hatte er der Gaststube jede Erinnerung an ihre Bestimmung als Schlafraum genommen und ihr ein so ansprechendes und sauberes Ansehen verliehen, daß der freundliche Eindruck, besonders bei den Damen, noch erhöht wurde. Was man aber geradezu bewundern mußte, das war die Festtafel. Sechs Kerzen, sauber in Flaschen befestigt, beleuchteten den Tisch, der mit ländlichen Gerichten und malerischen Geräten besetzt war. In der Mitte dampfte eine Suppe; zu beiden Seiten standen drei oder vier verschiedene Eiergerichte; dazwischen waren in regelmäßigen Abständen Zinnkrüge aufgestellt, die einen mit Walliser Landwein, die anderen mit Gletscherwasser gefüllt. Mit Entzücken setzten wir uns hin. Die Freude, glücklich angekommen zu sein, die Überraschung, so viele gute Dinge anzutreffen, und mehr noch die Empfindung, daß dies alles, wie mittels eines Zauberstabes, durch liebenswürdigen Eifer aus dem Nichts geschaffen war, ließen unsere Befriedigung und unsere Dankbarkeit den Höhepunkt erreichen. Nun erschien auch bald der Franzose. Hinter ihm trug die Wirtin, die vor Gehorsam und gutem Willen geradezu erstarb, den Sambayon. Wir überboten uns alle in freudigen Ausrufen über die uns bereitete Überraschung und die geschickte Anordnung des Mahles. »Nicht wahr? Dazu gehört aber auch,« wendete er sich an die Wirtin, »daß man so wackere Leute trifft, die ihren Keller öffnen und ihre Eier und Tischtücher preisgeben. Und nun, gute Frau, schicken Sie Ihre Leute ins Bett, und wenn der Wein kocht, rufen Sie mich. Es wird nämlich ein ›Negus‹ Eine Art Punsch erklärte er uns. »Und nun zu Tische. Hier Frau Desalle, da Fräulein Emilie, Herr Desalle dort oben, ich hier unten; Sie und die andern Herren in den Zwischenräumen; es lebe das Wirtshaus von Trient!« Wir stimmten alle ein, zumal ich, der ich mir einen Platz zwischen Emilie und ihrer Mutter hatte sichern können. Das Abendessen war, wie man sich denken kann, reizend. Von der Suppe an, die gut aber etwas dünn war, erneuerten sich die Ausrufe der Überraschung bei jedem Gericht; ich will gar nicht davon sprechen, wieviel hierbei auf die Stimmung der einzelnen in Rechnung zu setzen war; aber jeder, der einen Tag voller Ermüdung und Entbehrungen in den Bergen zugebracht hat, weiß, wie wertvoll einem selbst eine mäßige Suppe ist, und wie gern man geneigt ist, die einfachsten Gerichte besonders wohlschmeckend zu finden. Als nun gar der »Sambayon« an die Reihe kam, erneuten sich die begeisterten Zurufe. Der Franzose, der vergnügter war als wir alle zusammen, antwortete mit Einfällen von sprudelnder Lustigkeit, so daß der Lärm, der mit Glückwünschen begonnen hatte, sich zu wahren Lachsalven steigerte. Das Erscheinen des »Negus« machte dem Lärm vorläufig ein Ende. Sobald er herumgereicht war, nahm jeder, auch der Franzose, das Recht für sich in Anspruch, einen Toast auszubringen. Aber Herr Desalle erteilte sich selbst im Hinblick auf sein Alter das Wort: »Ich bringe,« sagte er, »die Gesundheit meines Wirtes aus. Er möge entschuldigen, wenn ich ihn so nenne, bis ich seinen Namen erfahre, der uns allen teuer bleiben wird, und meiner Familie ganz besonders. Einen Tag der Ermüdung und Furcht hat er uns zu einem Tage des Vergnügens und der Erholung gemacht; ich spreche ihm dafür unsern lebhaften, von Herzen kommenden Dank aus.« Wir standen alle auf, um mit dem Franzosen anzustoßen, der sofort antwortete: »Die Bescheidenheit verbietet mir, mich zu nennen; aber hier ist mein Hut, in dessen Innern mein Name geschrieben steht. Es sei mir gestattet, meinerseits zu versichern, daß seit ich reise, ich noch nie so vergnügt gewesen bin wie heute; daraus wollen Sie schließen, daß ich mich noch nie in so liebenswürdiger Gesellschaft befunden habe. Meine Damen und Herren, ich trinke auf Ihre Gesundheit!« Bald darauf beurlaubten wir uns von den Damen und betteten uns auf unserer ländlichen Lagerstätte, wo wir dank den Anstrengungen des Tages in einem Zuge bis zur Morgenröte durchschliefen. Die Überfahrt Ich habe einst ein Kind gekannt, das eine hervorragende militärische Befähigung erkennen ließ; leider war es bucklig. Ich war damals selbst noch ein Kind, und begleitete meinen Freund gern zu Besichtigungen und Paraden, zum Dienst, kurz, überallhin, wo Soldaten vorüberkamen; nicht etwa, weil diese Schaustellungen von besonderem Reiz für mich gewesen wären, sondern aus Anhänglichkeit an meinen Kameraden, und weil es mir nun einmal eine liebe Gewohnheit geworden war, meine Zeit in seiner Gesellschaft zu verbringen. Mein Buckliger wurde lebhaft, sobald er Trommeln und Pfeifen vernahm; und wenn nach dieser lärmenden Musik die ausdrucksvollere der Blasinstrumente einsetzte, so rührte sie sein ganzes Innere auf und gab seinen Zügen einen Ausdruck soldatischen Stolzes, martialischen Feuers. Wenn dann das Salvenfeuer, der Kanonendonner ertönte, wenn die Regimenter gegeneinander vorrückten und Attacke, Sieg, Rückzug, kurz das ganze Schauspiel des Krieges markierten, dann stürzte sich der Knabe, entzückt von diesem Anblick, in die Rauchwolken, lief in die Schützenlinien, begleitete die Geschütze, eilte zu dem Flügel der Schwadronen und achtete nicht der Gefahr, in jedem Augenblick von den Kolonnen erdrückt oder von den Soldaten, deren Bewegungen er hemmte, verletzt werden zu können. Nach beendeter Besichtigung marschierte er im Tritt neben der Spitze eines Bataillons, die Augen auf den Führer gerichtet, und gab durch Zeichen zu verstehen, daß er allen Befehlen gehorchte und im Geiste alle Bewegungen mit ausführte. Durch dieses Benehmen fiel er der Menge auf, und die Leute lachten bei seinem Anblick. Er aber, völlig unter dem Banne der ernstesten Auffassung seines Tuns, fuhr fort, Tritt zu halten, blieb unempfindlich gegen allen Spott und war nur erfüllt von Gedanken an Ruhm, Vaterland und Schlachten. »Ich will,« sagte er, als wir abends allein in der Umgebung der Stadt spazieren gingen, »ich will eintreten, sobald ich das Alter dazu habe. Hast du den Kommandeur gesehen, wie er quer über den Platz jagte...? Eine Schwadron befehligen können! Wie der Blitz auf eisenstarrende Reihen einbrechen, Ruhm ernten, nicht in Erwartung des Todes, aber dahinsausend, ihn entweder zu finden oder zu geben! Durchbrechen, auseinandersprengen, verfolgen...! Meine Waffe, Ludwig, ist die Kavallerie!« Ein wenig mitgerissen von soviel Begeisterung begann auch ich im Geiste durchzubrechen, auseinanderzusprengen, zu verfolgen... Da fuhr er fort: »Und das ist noch nichts! Sieh', jetzt fliehen sie und lassen ihre Verwundeten und Toten auf dem Platze... Nun sammle ich meine staub- und blutbedeckten Dragoner und wir kehren in die gerettete Stadt zurück ... Von weitem sieht man die Menge, die sich auf den Wällen staut, die die Dächer der Häuser bedeckt... Wir nähern uns, wir ziehen ein... der verwundete Führer tänzelt auf seinem Gaul an der Spitze seiner Tapferen... Aller Blicke sind auf ihn gerichtet, alle Herzen fliegen ihm entgegen...! Meine Waffe, Ludwig, ist die Kavallerie!« Mir gefielen diese Reden und das Feuer eines echten, begeisterten Empfindens. Außerdem war ich zu sehr daran gewöhnt, in ihm zuerst den Freund und dann erst den Buckligen zu sehen; mir vermochte daher die groteske Vorstellung seiner armseligen Person rittlings auf einem edlen Renner nichts von dem Schimmer seiner glänzenden Gemälde zu rauben. Weit entfernt, ihn zu belächeln, lauschte ich ihm begierig; bald beugte ich mich dem Einfluß, den ein fester, feuriger Charakter ausübt; ich wurde der Soldat meines Feldobersten; nach seinem Befehl führte ich geschickte Bewegungen aus, und dann kehrten wir unter Musik nach dem Klang der Trommeln und Pfeifen nach der Stadt zurück, bald im Schritt, bald im beschleunigten Marschtempo. – O, die entzückende Unschuld der Jugend! Wie liebenswürdig sind doch Kinder, die sich lieben trotz körperlicher Gebrechen und Unschönheit, deren Auge und Herz noch nicht vergiftet ist durch die Scheu vor dem Lächerlichen. In der Beanlagung dieses Knaben habe ich stets einen schlagenden Beweis für den Unterschied gefunden, der, wie man behauptet, zwischen den beiden Stoffen zu finden ist, aus denen wir bestehen. Wie dieser gebrechliche und mißgestaltete Körper... und darin diese ritterliche Seele, die sich an einem Schattenbilde des Ruhmes und des Triumphs zu berauschen vermag! Dieser Unglückliche, dessen Gestalt ihn hätte veranlassen sollen, sich zurückzuziehen, zu schweigen, jeden Aufschwung des Gefühls, der Begeisterung, der Leidenschaft zu unterdrücken ... und diese Seele, so schön wie der schönsten eine, die nur nach Erschütterungen, nach Heldentaten, nach Beweisen von Hingebung dürstete! Ist es nicht das treffende Bild der erzwungenen Vereinigung zweier Naturen ohne Verbindung untereinander? der groben irdischen Hülle, die einen reinen inneren Kern umschlossen hält? Überdies ist es nicht erforderlich, auf die Buckligen zurückzugreifen, um ganz ähnliche Lehren zu erhalten. Man blicke nur um sich. Wie viele harte, düstere, häßliche Gesichter gibt es, auf denen doch dann und wann ein Strahl von heiterer Güte, von Zartheit und Feinfühligkeit aufblitzt! Wie viele gebrechliche Gestalten verfügen über einen eisernen Willen! Wie manche Riesen anderseits, scheinbar aus Muskeln und Knochen zusammengeschlagen, sind in Wahrheit weiche, willenlose Naturen! Und man braucht gar nicht einmal auf den lieben Nächsten zu schauen: wer fühlte nicht in seinem eigenen Innern den fremden Gast, den edlen Verbannten, den die Mauern seines engen Gefängnisses erdrücken?! Wer empfände nicht, wie er an seiner eigenen Traurigkeit oder Freude den herzlichsten Anteil nimmt?! Wie er vor Begeisterung und Fröhlichkeit hüpft und zittert, wenn der Körper zu schlummern scheint, und seinerseits schläft, wenn der Körper sich in seinen liebsten Genüssen ergeht?! Wenn auf der Bühne die sanfte und keusche Desdemona auftritt, wenn Othello voller Vertrauen und Zärtlichkeit sich dem Entzücken an ihrer Seite hingibt, wenn die Schlange Jago an diese beiden zurzeit noch so heiteren und glücklichen Geschöpfe herankriecht... wenn bereits das Gift, das in den Adern des Mohren kreist, in seinen Augen den Blitz aufflammen und sein Herz vom Dämon der Rache durchdringen läßt... dann sehe man auf der Galerie die Tausende von Gestalten, die still und regungslos dasitzen: das sind nur die körperlichen Hüllen, die irdischen Leiber ... Während diese dem Drama fremd bleiben, das sich da unten abspielt, und nur die Stufen mit ihrer unbeweglichen Masse belasten, sind die Seelen davongeflogen: stürmisch bewegt, zitternd vor Schrecken, blutend vor Mitleid irren sie regellos um die Bühne; sie ergehen sich in Verwünschungen gegen Jago; sie rufen dem Mohren zu, daß man ihn täuscht; sie umringen, umhüllen, beschützen mit allem, was sie an liebevollem Mitgefühl besitzen, die reine und bedrohte Heldin; und während alles in dem weiten Raum in tiefstem Schweigen liegt, ist alles Bewegung, Leidenschaft, Gewitter in der unsichtbaren Region, wo die Seelen in ihrer Bestürzung sich drängen. Doch ich kehre zu meinem Buckligen zurück. Der arme Knabe war dazu bestimmt, daß jede der Illusionen, denen er sich so leicht hingab, schon bei den ersten, nur zu bald eintretenden Erfahrungen zerstört wurde. So war auch seine kriegerische Begeisterung nur von kurzer Dauer. Mit dem Alter begann er es immer mehr zu empfinden, wenn er verlacht und verspottet wurde; zaghafte Scheu nahm seinen Neigungen den Schwung; er begriff bitteren Herzens, daß die Kavallerie nicht seine Waffe war. Aber eine Naturanlage ändert sich erst ganz allmählich, und wenn nun Heinrich (so hieß mein Freund) den Besichtigungen fortan fernblieb, so hatte er damit nicht etwa den Wunsch abgeschworen, sich auszuzeichnen und die Gunst der Menge zu erringen. Nur der Gegenstand seiner Wünsche wurde ein anderer. Als er eines Tages Zeuge des Triumphs eines Anwalts war, sah er alsbald die Laufbahn des Verteidigers offen vor sich liegen, und in der Hoffnung, sich damit einen Namen zu machen, bedauerte er seitdem weniger die verlorene Aussicht auf militärischen Ruhm, die seine junge Phantasie vor allem verführt hatte. Trotz seiner Jugend betrieb er seine Studien mit einem Eifer, den sich seine Lehrer gar nicht erklären konnten, und ganz durchdrungen von dem Ernst und der Bedeutung seiner zukünftigen Aufgaben, begeisterte er sich für die Unschuld und versuchte sich bei jeder Gelegenheit in Verteidigungsreden, die den Stempel seines jugendlichen Feuers trugen. Die Plaidoyers waren nunmehr der einzige und beständige Gegenstand unserer Unterhaltungen, der hauptsächliche Reiz unserer gemeinschaftlichen Ausflüge. »Du bist der Angeklagte,« rief er plötzlich, wenn wir an irgendeinen entlegenen Punkt gelangt waren; »dein Verbrechen wirst du von mir hören. Setz dich nur hin. Hier befinden sich die Richter, dort die Geschworenen, auf der Seite das Publikum (denn er brauchte Publikum) und nun beginne ich. Meine Herren Richter,« sprach er feierlich von einem Hügel herab, während ich lässig auf dem Rasen lag und mich willig verteidigen ließ. »Meine Herren Richter, beim Anblick dieses Unglücklichen, den ein blutiges Ereignis auf die Anklagebank brachte, bin ich außer mir vor Schmerz, zittere ich vor Besorgnis... Sein Fall scheint mir zwar günstig zu liegen, aber ich mißtraue meinen Fähigkeiten; und wenn ich bedenke, daß das Schicksal, ja vielleicht das Leben meines Klienten davon abhängt, wie ich das Wort, das mir für kurze Zeit verstattet ist, benutzen werde, so kann ich mich einer unwillkürlichen Verwirrung nicht erwehren.« »Die Sonne röstet mich,« unterbrach ich ihn und stand auf, um den Platz zu wechseln. »Daß du dich nicht rührst, lieber Freund, sonst verteidige ich dich nicht,« rief mir der Anwalt voll ernsthaften Eifers zu. »Ich werde nun den Tatbestand darstellen. Fern sei es von mir, irgend etwas verschweigen oder bemänteln zu wollen. Denn nur in der treuen Wiedergabe der Wahrheit erblicke ich meine Stärke. Hören Sie mich also an, meine Herren Geschworenen! Ich appelliere an Ihre Aufmerksamkeit, Ihren Scharfsinn, Ihr Gewissen. Und in der Gewißheit, daß die Überzeugung, der ich jetzt meinen Mut verdanke, sich bald auch Ihnen mitteilen wird, erwarte ich ungeduldig Ihren schwerwiegenden Spruch. Ludwig Desprez, mein Schutzbefohlener (so wurde mein wirklicher Name in diesem Prozeß aufgeführt), verheiratete sich vor zwölf Jahren mit Eleonore Kersaint, der Tochter eines Anwalts, dessen Stimme oft in diesen Mauern erklungen ist. Die ersten Jahre dieser Ehe waren glücklich und fünf Kindern ...« Hier wurde das Plaidoyer durch Lachsalven unterbrochen. Kameraden, die sich in der Umgegend ergingen, hatten uns bemerkt. Der Bucklige stieg von seiner Erhöhung herab. Ein anderer trat sofort an seine Stelle und begann, ihm nachzumachen, wobei er die Haltung des Redners und seine eckigen, unbeholfenen Bewegungen in lächerlichen Gegensatz zu dem Pathos seiner Stimme brachte. Bleich und fassungslos versuchte mein Freund zu diesem Streich zu lächeln, während ihm das Herz brach; seine liebste Hoffnung ward ihm in diesem Augenblick geraubt. Glaubte er doch wirklich aus dem Gelächter, das ihm galt, den Eindruck zu entnehmen, den er eines Tages auf die Menge, deren Beifall er erstrebte, machen würde; so verlor er den Mut und dachte seitdem nicht mehr an die Advokatenlaufbahn. Aber noch lange, nachdem er diesem Traum bereits entsagt, mußte er den Spott und die Neckereien erdulden, die nun einmal bei der unter Schulkameraden herrschenden Vertraulichkeit erlaubt, oft aber nur ein Zeichen dafür sind, daß es den jungen Leuten an der allergewöhnlichsten Herzensgüte gebricht. Gleichwohl konnte man bei ihm weder bei dieser noch bei späteren Gelegenheiten die Eigenschaften wahrnehmen, durch welche die Buckligen beinahe sprichwörtlich in den Ruf gekommen sind, einen besonders boshaften Charakter zu besitzen. Unaufhörlich im Kampfe mit dem Fluch der Lächerlichkeit, raffen sie die Waffe auf, die man gegen sie verwendet, und schleudern sie geschärft durch den Wunsch nach Rache zurück. Diese traurige Gewohnheit befähigt sie, stets auf den ersten Blick die schwache Seite ihres Gegners zu entdecken und dorthin mit sicherer Hand den nie fehlenden Pfeil abzuschießen. Zumal die Buckligen der niederen Stände, die nichts beschützt und nichts zurückhält, nehmen diese Gewohnheiten unwürdiger Bosheit, zynischen Lächelns, mißgünstiger Blicke, spöttischer Wendungen an, ohne dabei durchfühlen zu lassen, daß dies alles nur die berechtigte Abwehr gegen niedrige und boshafte Angriffe bedeutet. Heinrich aber, obgleich er im Kreise seiner Altersgenossen fortwährend ihren Neckereien und ihrem beißenden Spott ausgesetzt war, büßte dabei nie etwas von seiner natürlichen Würde und Herzensgüte ein. Er verbarg seine Leiden hinter einer Maske von Gleichgültigkeit und Resignation; er verzichtete darauf, die ihm zugeschleuderten Pfeile aufzuheben, weil er in der Vergeltung des ihm zugefügten Leides keine Erleichterung gefunden hätte. Er zog es vor, von seinen Altersgenossen zwar geneckt, aber doch gern gesehen zu sein; er wollte lieber aus Mitleid geliebt, als gefürchtet und verlassen werden. Diese vornehme Gesinnung prägte sich auch auf seinem Antlitz aus; dank seinem liebenswürdigen Wesen, dem milden melancholischen Ausdruck seiner Augen war man geneigt, seinen Naturfehler, wenn auch nicht zu übersehen, so doch zu vergessen. So näherte sich Heinrich nach einer unerfreulichen Kindheit dem Jünglingsalter, das von vornherein auf alle Rechte zu verzichten hatte. Sein Auge war hellblickend geworden. Früh hatte er die Grenzen der Sphäre erkannt, innerhalb welcher er sich bewegen durfte; ohne sie gerade zu erwarten, ahnte er doch, welche harte Prüfung ihm bevorstand; so zwang er sich, seine ehrgeizigen Absichten zu verbergen und die Regungen eines allzu feurigen Temperaments zu beherrschen. So weise das schien, so war seine Lage doch, nachdem er dieses Ziel erreicht, nur um so trauriger. Die Dinge, die ihn bisher gefesselt hatten, das Studium, das Wissen, wurden ihm immer gleichgültiger, je mehr er einsah, daß sie ihm nie dazu dienen würden, sich auf einem Gebiete öffentlichen Wirkens zu betätigen und auszuzeichnen, sondern für ihn nur eine nutzlose Beschäftigung, eine unfruchtbare Erholung bedeuten würden. So vegetierte er einige Jahre in tiefster Zurückgezogenheit; dann überließ er sich der Leitung seiner Eltern, deren strenge, aber vorausschauende Ansichten und Pläne ihm bisher zuwider gewesen waren. Sie ließen ihn die kaufmännische Laufbahn einschlagen; und nun mußte er, dessen Traum es gewesen war, seine Fähigkeiten uneigennützig in den Dienst seiner Mitmenschen zu stellen, sich in die dunkle Ecke eines Bureaus vergraben und lernen, wie man Geld verdient und sein Vermögen vergrößert. Aber das waren nur Vorläufer kommender größerer Leiden. Heinrich näherte sich jetzt dem Alter, in dem sich im Herzen eines jeden der Ehrgeiz entwickelt, der weit gebieterischer auftritt als derjenige, welcher auf Auszeichnung und Nachruhm ausgeht. Lieben und geliebt zu werden, das Entzücken gegenseitiger Neigung, das Glück einer innigen und zarten Verbindung auszukosten, das ist der Trieb der Natur, das ist der unaufhaltsame Wunsch eines jeden Sterblichen. Wer sich unterfangen wollte, diesen Trieb zurückzudrängen oder gar zu besiegen, der würde sich nur langen Qualen opfern, die vielleicht mit den Jahren gemildert werden mögen, denen aber erst der Tod ein Ende setzt. Und doch ist gerade dies das Schicksal jedes Mißgestalteten, dem sein lange im geheimen getragenes bitteres Leid die Sehnsucht nach Verständnis und Liebe nur noch erhöht, und den der erzwungene Verzicht auf irdisches Glück den Qualen ewiger, verabscheuter Vereinsamung preisgibt. Gerade darum ist solch ein Unglücklicher besonders zu beklagen, und bei seinem Anblick krampft sich das Herz voll Mitleid zusammen. Ein Fremder besuchte eines Tages eine Fabrik. Man zeigte ihm unter anderen Arbeitern einen alten Soldaten, der Handwerker geworden war. Das Antlitz dieses Mannes war durch schreckliche Narben furchtbar entstellt. Sein Anblick erschütterte den Fremden. »Ist er verheiratet?« fragte er. Als dies bestätigt wurde, schien sich seine Aufregung zu legen, und er sagte im Weitergehen: »Dann wollen wir unser Mitleid für andere aufsparen.« Ich war damals zugegen, und das Wort blieb mir lange als ein befremdlicher und zugleich harter Ausspruch im Gedächtnis; heute finde ich darin einen von Gerechtigkeit und echter Menschlichkeit zeugenden Sinn. Es ist wohl recht allgemein, daß feurige und großherzige Naturen sich im beginnenden Mannesalter wandeln. Erschienen ihnen bisher die Ehren und Auszeichnungen der Menge erstrebenswert, so suchen sie nunmehr in der Liebe und Achtung einer einzelnen Person das zu finden, was sie anderwärts zu erreichen aufgeben. Viele, die als Jünglinge sich Helden dünkten, deren Träume nach Ruhm unerfüllt blieben, oder die in ihren Hoffnungen auf Unsterblichkeit Schiffbruch litten, waren froh, in dem Hafen einer stillen und friedlichen Ehe landen zu können. Und sie waren durchaus nicht zu bedauern. Seine Liebe erwidert zu finden, sich in seinen Kindern noch einmal entstehen zu sehen, sein Alter am häuslichen Herde verleben zu dürfen, heißt seine Bestimmung erfüllen. Wenigstens bedeutet es, von den kostbaren Gütern, die allen verheißen zu sein scheinen, seinen Anteil erhalten zu haben. Aber diese Güter nur sehen zu dürfen, sie um sich ausgebreitet erblicken zu müssen, mit ganzer Seele nach ihnen zu streben und sie doch nie berühren zu dürfen, im Kreise junger Mädchen zu leben, deren bloßer Anblick schon den Wunsch nach ihrem Besitz im Herzen entstehen läßt, und sich doch für immer von dem Glück zu gefallen und geliebt zu werden, ausgeschlossen zu wissen, jeder Frau nur als ein Ungeheuer zu gelten, dessen Huldigung als beleidigend empfunden werden würde: heißt das nicht mehr Erbarmen verdienen als der letzte der Elenden!! Und nun wird man erst vollständig jenen Fremden verstehen, von dem ich eben sprach, der kein Mitleid empfand und ruhig weiterging, und doch ein braver, an der rechten Stelle menschlich empfindender Mann war. Glücklicherweise zeigt die Einsamkeit einem solchen Unglücklichen, den sie erwartet, nicht auf einmal ihr furchtbares Antlitz. So erklärt es sich, daß er sich nicht voller Verzweiflung gegen die ungerechte Härte seines Loses auflehnt, daß er erst allmählich zusammenbricht und die Last seines freudlosen Daseins bis zu Ende schleppt. Als mein Freund in die Welt eintrat, glaubte er keineswegs, trotzdem er durch frühe Erfahrungen bei zahllosen Gelegenheiten belehrt war, daß die Huldigungen eines Herzens wie des seinigen unwert erscheinen könnten, verstanden zu werden, oder daß ihm der Weg zur Ehe ebenso versperrt sein würde, wie die Laufbahn des Anwalts oder des Offiziers. Immerhin, wenn er sich in dieser Beziehung einer Einbildung hingab, so hatte er doch bereits genug Enttäuschungen erfahren, um nicht schüchtern, ja furchtsam in seinem Auftreten gegenüber dem weiblichen Geschlecht zu sein, um nicht lediglich durch liebenswürdiges und wohlerzogenes Benehmen gefallen zu wollen, ohne je zu versuchen, den Ersatz durch leidenschaftlichen Ausdruck der Gefühle zu erreichen, von denen sein Herz übervoll war. Diese seine Stellung wurde für ihn zu einem beständigen Fallstrick. Man duldete ihn, man schätzte den Verkehr mit ihm, ja man suchte ihn auf, aber unter der stillschweigenden Bedingung, daß er keine weitergehenden Ansprüche erhöbe; so mußte er froh sein, wenn er durch übermenschliche Anstrengungen es erreichte, seine Stellung zu behaupten; dagegen durfte er gewiß sein, sich den tödlichsten Qualen, ja selbst Beleidigungen auszusetzen, wenn er sich je einfallen ließ, ein zärtliches Wort zu äußern, oder auf eine von Herzen kommende Freundlichkeit zu rechnen, oder erraten zu lassen, daß er für jemanden eine tiefer gehende Vorliebe empfände. Ich war damals sein Vertrauter. Er weinte oft. Ich wußte warum; aber ich veranlaßte ihn nie, sich mit mir darüber auszusprechen, kannte ich ja doch auch keinen Balsam für seine Wunden. Er selbst empfand eine Art Scham davor, seinen Leiden auf den Grund zu gehen und zog es deshalb vor, mich seine Qualen erraten zu lassen, anstatt sich offen darüber zu äußern. Trotzdem sagte er wohl einmal: »Meine Angebetete ist schön, sie ist liebenswürdig vor allen...! aber ich schwöre dir, ehe ich allein bleiben müßte, würde ich meine Neigung lieber der zuwenden, die weit weniger schön und liebenswürdig ist, wüßte ich, daß sie, die die andern nicht mögen, mich leiden und lieben könnte.« Ich bestärkte ihn in diesen bescheidenen Wünschen; ich benutzte die Niedergeschlagenheit, in der er sich befand, um seine keimende Leidenschaft für eine Dame, die ihm unerreichbar bleiben mußte, zu ersticken; ich ließ ihn hoffen – und ich glaubte wirklich selbst daran –, daß er eines Tages ein dauerhaftes Glück sein eigen nennen würde, wenn er die Kraft besäße, seine Ansprüche herabzumindern und auf die verführerischen aber flüchtigen Reize einer schönen Gestalt zu verzichten. Dieser demütigende Trost betrübte ihn tief. Aber er hatte zu viel Verstand, um dem, was ich sagte, nicht Rechnung zu tragen, und er benahm sich so, daß seinen Gefühlen, die von der Außenwelt nicht bemerkt wurden, nichts Lächerliches anhaftete. Aber mochte Heinrich auch auf diese Weise den Angriffen einer grausamen und spottsüchtigen Gesellschaft entgehen: Traurigkeit und Entmutigung sollten ihn dennoch nicht minder sicher, wenn auch auf einem andern Wege, packen und ihm selbst das rauben, was er bereits erreicht zu haben schien. Er hatte sich schnell in seinem neuen Beruf ausgezeichnet und die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Glänzende Aussichten eröffneten sich ihm. Ihm wäre es mehr wie jedem anderen beschieden gewesen, durch seine Charaktereigenschaften und durch den glänzenden Erfolg seiner Arbeit seinen Stand zu heben. Aber je mehr er die Unmöglichkeit begriff, seine Schätze einer Gefährtin seiner Wahl als Huldigung zu Füßen legen zu können, desto mehr sank der Wert irdischer Güter in seinen Augen, und die Flamme des Ehrgeizes erlosch unmerklich in seinem Herzen. Bald hielt er auf dem Wege, den er bisher mit Auszeichnung zurückgelegt hatte, inne; er beschränkte sich darauf, seine kaufmännische Tätigkeit nur noch als Lebenserwerb zu betrachten. Dann brach er fast alle Beziehungen ab, mied die Häuser, in denen er verkehrt hatte, und begann, sich in ein stilles und einsames Leben hineinzufinden. Ein seltsamer, fremdartiger Zug scheint mir den Seelenzustand meines Freundes zu jener Zeit am besten wiederzugeben, und gibt auch einen Begriff von der tiefen, durch verzehrende Bitterkeit hervorgerufenen Erschütterung seines Innern. Als wir eines Tages spazierengingen, hörten wir in einiger Entfernung zwei Frauenstimmen, die von einer Harfe begleitet wurden. Heinrich, auf den Musik zu allen Zeiten großen Eindruck machte, blieb stehen, um zuzuhören. Dann zog er mich in der Richtung weiter, aus der die Stimmen zu kommen schienen. Es war in dem sonst stillen Hofe eines vornehmen Hauses. Dort trafen wir zwei Straßensängerinnen. Die beiden Frauen sangen eine alte Ballade. Ihr Benehmen und ihre ganze Art verrieten Bescheidenheit und Anstand. Die eine, ein junges und schüchternes Kind, schien die Tochter der andern zu sein. Mattblonde, seidige Haare umrahmten die sonnengebräunte Stirn, lange rötliche Wimpern beschatteten ihre bescheiden blickenden Augen; ihre Züge boten ein Gemisch von zarter Anmut und rauher Strenge, deren poetischen Reiz man nur bei Frauen finden kann, die wie diese gezwungen waren, ein umherschweifendes, abenteuerliches Leben zu führen. Beim Anblick ihrer den frechen Blicken der Menge preisgegebenen Jugend konnte man sich einer Empfindung des Mitleids nicht erwehren und mit einer gewissen Melancholie durfte man diese junge Blüte betrachten, die sich fern der Heimat, allen Unbilden der Witterung und allen Beschimpfungen der Menge ausgesetzt, entwickeln mußte. Aber, was für jeden andern ein flüchtiger Eindruck bleibt, genügt zuweilen, um ein krankes Herz von Grund aus aufzurühren. Unbeweglich neben mir stehend, betrachtete mein Freund das Kind mit zartem Mitgefühl. Beim Klange der etwas einförmigen aber wohllautenden und einfachen Musik belebte seine Züge ein empfindungsvoller Ausdruck, und Tränen benetzten seine Lider. Er schien völlig unter dem Zauber der mächtigen Eindrücke, des unerklärlichen Entzückens zu stehen, das ein ausdrucksvoller Gesang in unserer Seele entstehen läßt, und sein Herz schlug in Dankbarkeit für das junge Mädchen, dessen Gesang ihm diese vorübergehende, aber lebhafte Glücksempfindung verschaffte. Da derartige seelische Erschütterungen seine Traurigkeit später gewöhnlich noch erhöhten, so wollte ich vorbeugen und weitergehen. Aber er hielt mich nicht zurück und folgte mir auch nicht. Nach der Ballade sangen die Frauen noch eine zweite; errötend sammelte das junge Mädchen unsere Spende ein; dann begannen sie an einer etwas entfernten Stelle von neuem. Wir folgten ihnen von Platz zu Platz bis zum Abend. Als wir sie verlassen hatten, blieb Heinrich lange still und nachdenklich. Schließlich gab er seinen Gedanken einen Stoß und sagte ungestüm: »Wer wird diese Frauen von ihrem verächtlichen und peinvollen Gewerbe befreien? Wer wird diesem Kinde die Stellung verschaffen, die es sicher würdig ist einzunehmen? Nein,« fuhr er fort, »und wieder nein, man errötet nicht so, man hat kein so schüchtern blickendes Auge, keine so keusche Stirn, wenn man nicht ehrbar und rein ist.« Während er so mit leidenschaftlichem Ausdruck sprach, sah Heinrich mich starr an, wie um den ihm verborgenen Ausdruck, den seine Worte auf mich machten, von meiner Stirn abzulesen. Und als ich in meiner Unsicherheit, welche Bedeutung ich ihnen beilegen sollte, mit der Antwort noch zögerte, begann er von neuem heftig: »Ich, ich selbst möchte sie an den ihr gebührenden Platz bringen... aber sicherlich will sie gar nichts von mir wissen, und Sie wagen bloß nicht, es mir zu sagen!« Seine Stimme erhob sich bei diesen Worten, und seine Augen füllten sich mit Tränen. »Heinrich,« antwortete ich, »lieber Heinrich, Sie wissen nicht, was Sie sagen. Wie konnte ich Sie sofort verstehen! Aber welcher Wahn, wenn Sie glauben, daß die öffentliche Meinung Ihnen je das Aufsehen vergeben würde, das eine derartige Verbindung hervorrufen müßte...?!« Diese Worte riefen einen Überschwang von Zorn und Verzweiflung in ihm hervor. »Die öffentliche Meinung,« unterbrach er mich erbleichend: »der auch noch Opfer bringen? Und gerade ich? Aus welcher Veranlassung? Was schulde ich ihr denn...? Die öffentliche Meinung? Ich hasse sie, ich verachte sie, ich trotze ihr... ich will ihretwegen weder leiden noch sterben, verstehen Sie mich, Ludwig...? Öffentliche Meinung! Aufsehen! Wollte der Himmel, das wären die einzigen Hindernisse für mich...! Nein, sprechen Sie die Wahrheit, gestehen Sie nur, daß ein Mädchen, das ich von der Straße auflese, noch zu kostbar ist, als daß ich um sie werben dürfte... gestehen Sie nur, daß ich verurteilt bin, allein und elend zu sterben ... gestehen Sie nur, mein Freund, daß Sie nicht anders können, als diesen Spruch unterschreiben...?!« Er konnte nicht fortfahren, seine Stimme erstickte im Schluchzen. So endete diese Unterhaltung; wir sprachen nicht mehr von den Frauen, und Heinrich verfiel bald wieder in eine dumpfe Niedergeschlagenheit. Aber seit diesem Tage sahen wir uns nicht mehr so oft, und unsere Unterhaltungen wurden weniger vertraulich. Er hatte meine Worte und mehr noch mein Schweigen zu grausam gefunden. Und als ob er Veranlassung gehabt, an der Hingebung meiner Freundschaft zu zweifeln, erkaltete die seinige allmählich. Einige Monate später hielt er, ohne mir etwas davon zu sagen, um eine junge Person an, die weder reich noch schön war. Gleichwohl wurde er abgewiesen. Nun ordnete er seine Angelegenheiten, zwar ohne ein Geheimnis daraus zu machen, aber auch ohne erkennen zu lassen, zu welchem Zweck es geschähe; bald darauf erfuhren wir, daß er die Stadt verlassen hätte. Über die Ursache seines heimlichen Verschwindens waren viele Gerüchte im Umlauf; ich selbst wußte nicht, wie sich das Schicksal meines Freundes gestaltet haben mochte: da erhielt ich dieser Tage nach sieben Jahren des Schweigens von seiner Seite den Brief, den ich hier folgen lasse, und um dessentwillen ich die vorangegangenen Seiten niedergeschrieben habe. – »Erinnern Sie sich noch, Ludwig, des armen Buckligen, den Sie einst liebten, ertrugen, trösteten? Heute ist er verheiratet, Vater und zufrieden wie..., wie es noch nie ein Mann ohne Buckel war. Er ist es, der Ihnen heute schreibt. Das Unglück macht bitter, es verblendet. Als ich abreiste, verabscheute ich mich selbst und hatte auch Sie nicht mehr lieb. Heute denke ich mit Tränen daran, wie ich Ihre beständige und geduldige Freundschaft verkennen konnte, und ich kann es mir nicht verzeihen, undankbar gegen Sie gewesen zu sein. Ich habe eine Lebensgefährtin, Ludwig! Dieses Glück, das ich so lange erträumte, koste ich jetzt in seiner ganzen Fülle. Gott hat mich vom Rande des Abgrunds, in den ich in meiner Verzweiflung gestürzt wäre, hinweggezogen und mich zu einem Gatten und Vater erhoben, dessen Glück seiner kühnsten Einbildungskraft entspricht. Um uns wachsen drei Kinder heran, deren Anblick allein mich mit Entzücken durchdringt, und auch diejenige mit anbetender Liebe verehren läßt, die sie mir geschenkt hat. Sagt nur euren jungen Mädchen, Ludwig, sie sollen Bucklige heiraten. Ich glaube wirklich, ein Buckliger wird, wenn nicht der verführerischste, so doch sicher der hingebungsvollste Ehegatte sein. Seine Frau ist ihm mehr als eine Frau; sie ist ihm die Vorsehung, die ihn errettet hat; er glaubt sich ihr nicht ebenbürtig, er erblickt in sich selbst nur ihr dankerfülltes Geschöpf; vor allem wird er nie vergessen, daß sie durch das unerwartete Geschenk ihrer Neigung ihm, dem Enterbten, himmlische Freuden beschert hat, und daß all seine Hingebung nicht ausreicht, um sie würdig zu lieben. Als ich abreiste, konnte ich Ihnen meine Pläne nicht mitteilen. Ich hatte nämlich noch keine, lieber Freund! Mein einziges Sehnen war, den Orten zu entfliehen, an denen ich soviel gelitten, und mich möglichst weit von ihnen zu entfernen. Deshalb griff ich auch, als man mir bei einem Aufenthalt in Paris vorschlug, nach Amerika zu fahren, um dort ein Geschäft zu erledigen, bei dem bedeutende Interessen auf dem Spiel standen, schnell zu, und, wenige Tage darauf, schwamm ich auf dem Ozean. Das Schiff war voll besetzt mit Passagieren. Unter ihnen bemerkte ich einen jungen Mann von ungefähr fünfundzwanzig Jahren, dessen ernstes und trauriges Wesen mich gleich vom ersten Tage an sympathisch berührte. Ich ging auf ihn zu, und wir plauderten miteinander. Er schien ein inneres Leiden zu haben, das er mit ruhiger Fassung ertrug. Während der Überfahrt, die lang und unangenehm war, verschlimmerte sich sein Übel, und als wir Land in Sicht bekamen, schien es kaum mehr zweifelhaft, daß wir ihn nicht lebend ausschiffen würden. Seine junge Gattin verließ ihn keinen Augenblick. Ich erinnere mich, daß ich als Zeuge der liebevollen Pflege, die sie ihm widmete, den Sterbenden darum beneidete, und daß ich gern mit dem, was mir an Geld und Aussichten geblieben war, das Glück erkauft hätte, in den Armen dieses engelhaften Geschöpfes sterben zu dürfen. Der junge Mann war ein Geistlicher, gläubig und uneigennützig. Er wollte nach einem Punkt im fernen Westen, um eine eben errichtete Pfarre zu versehen. Ein Bruder von ihm war seit einigen Jahren in der Gegend ansässig; seinem Rufe folgte er dorthin. Er selbst erzählte mir dies alles. ›Aber‹, fügte er eines Tages hinzu, als seine Frau uns nicht hören konnte, ›ich werde wohl kaum mehr bis dahin kommen. Das einzige, um was ich Gott bitte, da er mich zu sich ruft, ist, mir noch die Zeit zu lassen, meine Frau der Obhut meines Bruders zu überantworten.‹ Die letzten Worte versetzten ihn in eine Rührung, die er männlich überwand; die Worte seines Gebetes waren so einfach und von so gläubiger Einfalt, daß ich es nicht mehr als etwas Seltsames empfand, wie er so plötzlich in meiner Gegenwart von der Unterhaltung zum Gebet überging. Er konnte noch lebend landen. Die Hilflosigkeit der beiden machte mich ihnen unentbehrlich, und in dem Gedanken, diesen beiden betrübten Leuten helfen zu können, vergaß ich zeitweilig ganz meinen eigenen Kummer. Um mich ihren Verhältnissen, welche die äußerste Sparsamkeit bedingten, anzupassen, wählte ich unter den Hotels in Neuyork das allerbescheidenste und zog zu ihnen. Die Ruhe, vor allem aber die Pflege eines tüchtigen Arztes hielten die Fortschritte der Krankheit für einige Tage auf, konnten aber dem Unglücklichen keine Hoffnung auf dauernde Genesung geben. Während sich seine Frau mit mir am Krankenbette ablöste, benutzte ich die Gelegenheit, wenn ich allein mit ihm war, um seine Angst und Sorge, daß er seine junge Gefährtin nun bald allein lassen müsse, zu mildern. Ich versprach ihm, daß ich selbst sie zu seinem Bruder bringen würde, sobald ich die Geschäfte, die mich nach Neuyork geführt, erledigt hätte, und daß, wenn sie sich nicht entschließen könnte, bei jenem zu bleiben, ich sie nach Europa in den Schoß ihrer eigenen Familie zurückbegleiten würde. Dieses Versprechen beruhigte ihn. Nun ging sein Streben nur noch dahin, seine Frau auf die baldige Trennung vorzubereiten; nach einigen Wochen schlief er, gestärkt durch die Verheißungen seines Glaubens, friedlich ein. So wurde ich der Beschützer der Witwe. In den Augen der Welt war unsere Lage eine zweideutige; für uns beide aber war sie klar und deutlich vorgezeichnet, denn Jenni (das ist der Name der jungen Dame) hatte noch durch ihren Gatten selbst von dem Versprechen, das ich ihm gegeben, gehört und wußte, welche Beruhigung ihm dasselbe verschafft hatte. Alle Tage sah ich sie; und Sie wissen ja zur Genüge, Ludwig, wie mir damals zumute war, um ohne weiteres zu erraten, was notwendigerweise daraus entstehen mußte. Aber jetzt wie früher unterdrückte ich jede Äußerung dessen, was mich bewegte; ich beschränkte mich darauf, die übernommenen Verpflichtungen zu erfüllen, und es beglückte mich, der, die ich in der verschwiegenen Tiefe meines Herzens anbetete, wenigstens meinen Schutz leihen, und ihr dienen zu können. So verlebten wir ein Jahr; unsere Abreise verschoben wir von Monat zu Monat, bis meine Geschäfte beendet waren. Dann machten wir eine Reise von mehr als neunhundert Meilen bis in die verlorensten Gegenden des Westens. Jenni war für meine Sorge um sie sehr empfänglich und bewies mir oft ihre lebhafte Dankbarkeit; wir sprachen von ihrer Zukunft, von ihrer Familie, von den Gegenden, die wir durcheilten, und so knüpfte sich zwischen uns das Band einer Vertraulichkeit, die für sie wenigstens nur angenehm war, und ihr keine inneren Kämpfe verursachte. Mit einem einfachen Wesen verband sie ausgesprochenen Verstand; so hatte die Unterhaltung mit ihr für mich einen großen Reiz und ließ mich zeitweilig den schrecklichen Gedanken vergessen, daß ich ihr nie mehr sein würde. Sie schien jedoch zu ahnen, daß mich eine innere Qual folterte, und an der Geflissentlichkeit, mit der sie gewisse Gespräche vermied, merkte ich, daß mein Seelenzustand ihr bald kein Geheimnis mehr sein würde. Der Ort, wo der Schwager Jennis sich angesiedelt hatte, gehört zu den kleinen Flecken, die überall am Rande der Wüste emporschießen, um bald wieder von den kühnen Kolonisten verlassen zu werden, die unaufhörlich in diesen Einöden weiter vordringen. Bei unserer Ankunft wurden wir von den Einwohnern des malerischen Fleckens umringt, die uns zu der Wohnung wiesen, die wir suchten. Aber sie sagten uns auch gleichzeitig, daß wir dort niemanden mehr vorfinden würden. Die gleiche Krankheit, der sein Bruder erlegen war, hatte auch den Schwager vor zwei Monaten dahingerafft. Sein Vermögen hatte er dem Gatten Jennis vermacht. Durch dessen Tod ging es auf einen in Europa gebliebenen Bruder über, so daß sich die junge Frau von allen Hilfsmitteln entblößt sah. Diese Nachricht machte Jenni völlig mutlos; mitten in der entlegensten Einöde glaubte sie sich von Gott und den Menschen verlassen, und in einem Anfall von Verzweiflung warf sie sich tränenüberströmt in meine Arme. Diese Erschütterung eines jungen Weibes, das meinen Schutz anflehte, in mir den einzigen Freund und Halt auf Erden zu erblicken schien, machte einen tieferen Eindruck auf mich als irgend etwas anderes in meinem bisherigen Dasein... Glück und Verwirrung raubten mir die Stimme; kaum wagte ich zu atmen; ein Hoffnungsschauer durchzitterte mein Herz, und in dem Überschwang meiner Empfindungen packte mich ein wilder Freudentaumel. Von diesem Augenblick ab war ich ein neuer Mensch: ein unüberwindlich scheinendes Hindernis war gefallen; abgestreift waren die Ketten der Scheu und Scham, die mich so lange schwer gedrückt hatten. Sobald wir beide etwas ruhiger geworden waren, wagte ich es, Jenni meine Gefühle zu gestehen und ihr vorzuschlagen, unser Geschick miteinander zu vereinigen, sowie unsere Lage eine etwas sicherere geworden sein würde. Sie hörte mich bewegt aber ohne Erstaunen an; und da sie überzeugt war, daß meine Werbung durch aufrichtige Neigung und nicht etwa durch Mitleid mit ihrer Hilflosigkeit diktiert wurde, so antwortete sie schlicht: ›Ich will Ihre Frau sein, Herr Heinrich! Möchten Sie in mir eine Ihrer würdige Gefährtin finden! Das ist der Wunsch meines Herzens, das ich Ihnen freudig zu eigen gebe.‹ Seit diesem Augenblick, liebster Freund, genieße ich Stunden eines beständigen und wolkenlosen Glücks. Ich segne die Vorsehung, die mich auf ihrem geheimnisvollen und seltsamen Pfade gerade dem einen Glück entgegengeführt hat, das ich begehrte, und die mich seiner gerade in dem Augenblick hat teilhaftig werden lassen, in dem ich am entferntesten von ihm zu sein wähnte. So sehr hat sie alles zu meinem Besten gefügt, daß jetzt nur noch Liebe, Dankbarkeit und Freude in meinem Herzen wohnen, und daß alles Leid und Ungemach, das ich erduldet, mir mein jetziges Glück nur in noch zauberhafterer Verklärung erscheinen lassen. Jenni besaß weder Vater noch Mutter mehr; in Europa blieb ihr nur ein mit Kindern reich gesegneter Onkel. So wäre sie nach dorthin mehr aus Pflicht als aus Neigung zurückgekehrt; mich selbst erfüllte der Gedanke der Rückkehr mit Widerwillen. Überdies dünkte es mich verführerisch, gerade in der neuen Umgebung zu bleiben, die mir die Aussicht auf eine so frohe Zukunft eröffnete. Die Gegend, in der wir uns befanden, war wundervoll, noch beinahe unberührt von Menschenhand, wild und schweigend, und doch bereits an einigen Punkten durch die aufkeimende Zivilisation belebt. Ich hatte den lebhaften Wunsch, an dieser Bewegung teilzunehmen, ein einfaches, ursprüngliches Leben zu führen, durch das die Familienbande, die sich bei Euren Sitten und weltlichen Vergnügungen lockern, fester geknüpft und in ihrer herrlichen Fülle erst wahrhaft ausgekostet werden. Ich teilte meine Absicht Jenni mit, die sie sogleich guthieß, und nun dachten wir nur noch an ihre schnelle Verwirklichung. Ich bot auf die Besitzung des Schwagers meiner Frau, erhielt den Zuschlag für einen mäßigen Preis und deponierte den Betrag, der später den Erben zufloß. Da haben Sie meine Geschichte, lieber Ludwig. Das Weitere können Sie sich gewiß denken. Ich gründe eine Stadt, ich mache Land urbar, kurz ich bin eine der Ameisen, die durch ihre vielleicht unmerkliche, aber beständige Arbeit das Aussehen dieses ungeheuren Landes fortwährend umwälzen und verändern. Ich wähle, ich stimme, ich bin mit öffentlichen Ämtern beladen, die in Anbetracht meiner Sinnesart und der Richtung, die meine Neigungen genommen haben, vielleicht das einzige sind, was in diesem herrlichen Landstrich auf mir lastet und mich ermüdet. Aber das geht vorüber; und wenn ich tagüber geschrien, gewühlt, abgestimmt habe, und dann meine Jenni, meine Kinder wiedersehe, dann bin ich geneigt, die staatlichen Einrichtungen eines Landes, das mir eine Frau und drei Kinder gönnt, bewundernswert und erhaben zu finden. In unserer Kolonie leben noch drei weitere Bucklige. Gratulieren Sie mir dazu, Ludwig, daß ich Gesellschaft habe, aber bedauern Sie die andern nicht. Ihr Buckel ist ihnen nicht mehr zur Last, als mir heute der meinige, obwohl zwei von ihnen noch nicht verheiratet sind. Aber sobald sie nur wollen, werden auch sie Lebensgefährtinnen finden. Nur die Bedürftigen, das heißt hierzulande die Faulpelze, bekommen keine. Hier ist die Heirat nicht das Ergebnis zarter Neigung oder romanhafter Leidenschaft, sondern ein einfaches Geschäft. Hier handelt es sich lediglich darum, die Arbeitskraft der Gattin mit der zu vereinigen, die man selbst besitzt, und dann jedes Jahr ein Kind zu bekommen. Ein Mann mag noch so unschön von Gestalt sein, ist er fleißig, gesund, geschäftsgewandt und in behaglichen Verhältnissen, so kann er unter den höchsten Töchtern des Landes wählen und er wird jeden Adonis schlagen, der kein Geschäft abzuschließen, kein Terrain zu erschließen, keinen Gewinn in Sicherheit zu bringen versteht. Wäre ich in diesem Erdenwinkel geboren, würde ich mit meiner Geschäftserfahrung der erste Mann der Gegend geworden sein, und hätte mir viel Leid ersparen können. Dennoch hüte ich mich wohl, über mein Geschick zu klagen. Litt ich einst viel, so genieße ich jetzt doppelt. Ohne das, was ich erduldet, wäre ich einer der Glücklichen, deren Glück mir vielleicht vergnüglich, sicherlich nicht erstrebenswert erschiene, besäße mein heutiges Dasein nicht den Reiz, der mich mit den lebendigsten und schönsten Empfindungen erfüllt. Schickt uns also nur Eure Buckligen her, wir werden schon Frauen für sie finden. Aber sagen Sie, es fällt mir gerade in diesem Augenblick ein, was war das für ein trostloses Gespenst von ›öffentlicher Meinung‹, mit dem Sie mich einst schrecken wollten! Hier im Lande macht ein Buckliger seinen Weg, ohne auf ein Hindernis zu stoßen, wenn er nur einigermaßen tätig, betriebsam und rechtschaffen ist: er kann Gatte, Vater, Richter, Präsident und was weiß ich werden. Aber in diesem selben Lande, das mit so fanatischem Stolz an seiner Demokratie, an seiner Freiheit und Gleichheit hängt, da soll mal ein Mann noch so schön, tapfer und rechtschaffen, aber ein Schwarzer, noch so gut, großherzig und liebenswert, aber ein Mulatte, noch so tätig, betriebsam, gewandt und unternehmend, aber ein Quadrone sein: immer wird ihm seine Abstammung als ein unauslöschlicher Fleck ankleben, überall wird er verstoßen, verachtet, ausgeschlossen von jedem Gefühlsaustausch, von jedem gesellschaftlichen oder Familienbande mit den Weißen bleiben. Er darf ihre Töchter nicht heiraten, sich an ihrem Herd nicht niederlassen; in den Städten, in den Theatern, in den Kirchen darf er den für ihn abgegrenzten Raum nicht verlassen... Und das findet die öffentliche Meinung, die freie öffentliche Meinung, die so stolz, so hochmütig stolz auf ihre republikanischen Einrichtungen, auf ihre demokratischen Ideen von Gleichheit ist, das findet sie alles gerecht und hergebracht und ganz natürlich! Welch barbarische, inkonsequente, geradezu unmenschliche Torheit! Der grausame Spott, der sich in Eurer guten Gesellschaft gegen Unglückliche meines Schlages richtet, knüpft doch immerhin noch an wirkliche und abstoßende Gebrechen an! Die unter Euch, die so handeln, kommen sich wenigstens nicht noch besonders großherzig oder human vor; und wenn sie ihre Opfer quälen und vernichten, blähen sie sich nicht noch mit ihrer Sanftmut und tun sich nicht noch mit ihrer Nächstenliebe groß! – Aber verlassen wir diesen traurigen Gegenstand. Ich könnte Ihnen noch vieles und Anziehenderes berichten, wenn ich nicht endlich diesen langen Brief schließen müßte. Wie kostbar, lieber Ludwig, wäre mir der Verkehr mit einem Freunde wie Ihnen, in einem Lande, das so reich an interessanten Schauspielen ist: wo der Mensch von gestern eine neue Gesellschaftsordnung aufrichtet, die sich unter unseren Augen entwickelt: wo so viele Fragen, um die sich unsere Denker seit Jahrhunderten streiten, tagtäglich praktisch gelöst werden müssen auf einem jungfräulichen Boden und von Menschen, die sich mit derlei Abstraktionen noch nicht beschäftigt haben: wo jeder Gedanke alsbald zur sinnlich wahrnehmbaren Tat wird, die einen schaffenden Geist zu neuen Plänen spornt und reizt! Und wenn wir dann, an alte Gewohnheiten anknüpfend, die Stadt verlassen würden, um durch die Felder zu streifen, wie reizvoll und entzückend würden unsere Wege in diesen Gegenden sein, wo die Natur als alleinige Herrin seit der Schöpfung gebietet: in diesen lauschigen, grünenden, schweigenden Einsamkeiten voller Majestät und Mysterien, wo das Auge von Wunder zu Wunder irrt, unsere Gedankenwelt reiner und größer wird, wo der Mensch im Anblick der Werke der ewigen Allmacht mit ehrerbietigem Schauer seine Schwäche und Vergänglichkeit empfindet und sich zitternd unter die Fittiche der göttlichen Liebe und Barmherzigkeit findet. Ach, mein Freund, wenn diese Ergriffenheit mich schon auf meinen einsamen Wanderungen packt, wie würde es erst sein, wenn wir sie gemeinsam empfinden könnten! Die Menschen, unter denen ich lebe, fühlen nichts von dem, was mich bewegt. Sie sind Abenteurer ohne Empfindsamkeit, gottesfürchtig ohne Poesie; richtige Yankees: sie laufen und eilen und spekulieren, sie sehen in den erhabensten Dingen nur ein neues Ausbeutungsobjekt, um da, wo ein wirklich reizvoller Gegenstand ihrer Betrachtung wert wäre, sich sterblich zu langweilen. So sehne ich mir denn auch aus der vergangenen Zeit nur das Glück zurück, das ich im täglichen Verkehr mit Ihnen empfand. Seit langem schon denke ich nicht mehr an die Kavallerie. Was ich vom Anwaltstande gesehen, hat genügt, um mich davon abzubringen. Von jenem Kinde, das mein Sinnen und Trachten einst so gebieterisch gefangennahm, ist mir nur noch ein verschwommenes Bild geblieben. Aber, solange ich lebe, werde ich es bedauern, daß das Schicksal uns beide getrennt hat, und sollte ich mich eines Tages zu einer Reise nach Europa entschließen, so sind Sie es, mein geliebter Freund, Sie ganz allein, der mich dorthin zieht.« Der Große Sankt Bernhard Wir saßen im Hospiz des Großen Sankt Bernhard, mit den Füßen gegen das Feuer, in Gesellschaft des Priors. Nach mancherlei durch unsere Fragen angeregten Erzählungen bemerkte dieser: »Übrigens, meine Herren, unser Berg, der Sankt Bernhard, ist eigentlich mehr berühmt, als er genau gekannt wird ...« »Und ich werde Ihnen auch sagen warum, mein Vater,« unterbrach ihn ein dicker Herr, der zur Rechten des Herdes saß und bisher an der Unterhaltung noch nicht teilgenommen hatte. »Er wird schlecht gekannt, weil er zu oft beschrieben worden ist. Es geht Ihrem berühmten Berge wie so vielen Tagesschriftstellern, die auch berühmt sind, und die wir, das Publikum, nur aus Feuilletons, aus Biographien, aus Kupferstichen kennen. Die Feuilletons scherzen, die Biographien lügen, die Abbildungen schmeicheln: das ganze ist falsch wie eine Grabschrift.« Der Herr schwieg. Aber ich, der ich auch zum Publikum gehöre und als Publikum meine Gedanken und Überzeugungen habe, fühlte mich durch seine schroffe Äußerung verletzt. »Erlauben Sie,« sagte ich, »die Grabschriften...« Er ließ mich nicht aussprechen; »Die Grabschriften! Sollten Sie etwa zufällig die Verteidigung der Grabschriften übernehmen wollen? Dann verfügen Sie sich freundlichst... (ich zitterte, und mein Auge, dessen bin ich gewiß, funkelte) nur für eine Stunde auf den Kirchhof Père-Lachaise. Sie können nicht leugnen, Herr, daß dort einige Teufel unter der Erde ruhen. Nun! Die Grabschriften melden uns nur von Engeln.« »Möglich,« antwortete ich. »Aber man kann begreifen, daß die Hinterbliebenen im Übermaß ihres Schmerzes ...« Er unterbrach mich wieder: »Sie sind noch jung, Herr, sehr jung. Sie werden später einsehen, daß es nie der Schmerz ist, sondern stets die Sucht, zu prunken, die Eitelkeit oder die Freude, die diese Lügen niederschreiben und bezahlen.« Dagegen lehnte ich mich auf: »Die Eitelkeit, sei's drum; aber die Freude, Herr, die Freude auf dem Kirchhof, auf einem Grabe?!« »Ja, die Freude, Herr, oder die Fröhlichkeit, wenn Sie dieses Wort lieber mögen, die übermächtige Fröhlichkeit, die einen packt, wenn man eine tüchtige Erbschaft gemacht hat... In einer ganz natürlichen Regung, die aber nichts mit dem Schmerz zu tun hat, will man sich nun für das Gute, das einem widerfahren ist, erkenntlich zeigen, und so kommt die Grabschrift zustande. Das ist die bequemste und billigste Art und Weise, und darum diejenige, die seit altersher im Schwange ist. Sei ernsthaft mein Bildhauer, sei ernsthaft, ernsthaft von Grund aus, ernsthaft immer und allewege; sprich von Tugenden, sprich noch mehr davon, entrichte den Tribut für..., ja wofür denn gefälligst, meine Herren, wenn nicht für unsere innige Dankbarkeit gegen den Erblasser, für unsere tiefinnere Zufriedenheit, unsere Fröhlichkeit, die um so wärmer in unserem Herzen schlägt, als es ihr zurzeit noch nicht gestattet ist, sich laut zu äußern?!« »Es mag einzelne Ungeheuer geben, die so beschaffen sind,« versetzte ich entrüstet, »aber...« »Nehmen Sie dieses Wort zurück, junger Mann, und verwahren Sie es sich für häßlichere Dinge. Was lediglich als ein Elend bezeichnet werden kann, als ein Elend, das der Menschheit nun einmal anklebt, würde nur ungerechterweise ungeheuerlich genannt werden können. Ich spreche Ihnen ja von ganz gewöhnlichen Vorkommnissen, ich spreche von einem Egoismus, der mehr häßlich, als verderbt, von einer Heuchelei, die zu den harmlosen und anständigen unter den Heucheleien gehört. Ich spreche von dem, was Ungeheuer, wie zum Beispiel Sie und ich, ebensogut hätten tun können. Alles was ich sagen will, ist das, daß derartige Ungeheuer, wenn sie aufrichtig betrübt sind, weder Mausoleen zu errichten, noch Grabschriften zu verfassen brauchen. Der wahre Schmerz empfängt seine Nahrung aus sich selbst; er ist schüchtern, furchtsam, er hat seine Scham: bis zu den Trauerkleidern, die die Sitte ihm aufdrängt, und die ihm lästig sind, weil sie die Blicke auf ihn lenken. Der wahre Schmerz beweint den ganzen Menschen, mit seinen Fehlern, die er entschuldigt, mit seinen Tugenden, die er liebt, und denen er im stillen seine Verehrung, seine Seufzer, seine Tränen darbringt. Der wahre, der aufrichtige Schmerz, Herr, stellt sich nicht zur Schau, er läßt sich kaum einmal überraschen. Und wenn ich ein undankbarer Sohn wäre und möchte doch an die Echtheit meines Kummers glauben machen, so würde ich mich vor allen Dingen hüten, einen Marmor auf das Grab meiner Mutter setzen zu lassen...!« Der Herr, der so sprach, mißfiel mir. Der Prior mißfiel mir auch, da er erklärte, sich einer Meinung anzuschließen, deren Ausdruck mir traurig und streng, deren Sinn mir falsch und widersinnig vorkam. Um aber nicht zu widersprechen und vielmehr von dem Thema abzulenken, erwiderte ich: »Für die Grabschriften mag das gelten, mein Herr! Aber wir sprachen eben über Nachrichten, Lebensbeschreibungen und Bildnisse von Schriftstellern...!« »Daran glaube ich ebenso wie an die Grabschriften, will sagen, daß ich gar nicht daran glaube. Hören Sie zu! Die Teufel von Père-Lachaise waren möglicherweise im Grunde gute Teufel; sicherlich besaßen sie gewisse Eigenschaften, und die Grabschrift lügt vielleicht ebensosehr hinsichtlich der Tugenden, von denen sie schweigt, wie betreffs der, welche sie ihnen zuerkennt... Ebenso steht es mit den Bildern unserer Berühmtheiten. Sie sind nicht ohne Ähnlichkeit, aber das Schöne daran ist falsch und das Wahre ist unvollständig. Es ist nicht die Gestalt des Menschen, die man uns gibt, sondern das Antlitz des Unsterblichen; es ist nicht mehr wie einst, der armselige Kopf Fénélons, ganz vergraben in seiner Perücke: heute bringt man eine prächtige Maske, bemalt, frisiert, hergerichtet für Publikum und Nachwelt. Früher überließ man dem Publikum die Sorge, in dem ärmlichen Kopf die Seele zu finden, die sich in den Schriften enthüllt hatte: heute ist es die Aufgabe desselben Publikums, in den Schriften die Eingebung, die Ursprünglichkeit, die intimen Reize, das Menschliche wiederzufinden, die alle in dem Antlitz eingemeißelt sind. Grabschrift, Herr! Auf allen diesen lithographierten, in Kupfer gestochenen oder gemalten Masken lese ich in großen Buchstaben: Dies ist der größte Dichter! Das ist der größte Lyriker! Dieser war blaß vor Nachdenken, jener ausgemergelt vor Tiefe, der da aufgeschwemmt vor Genie! Grabschrift, Herr, alles ist Grabschrift...! Aber, um auf Ihren Großen Sankt Bernhard zurückzukommen...« In diesem Augenblick hörte man einen Lärm im unteren Stockwerk des Hospizes von der Schwelle her, und das Bellen der Hunde übertönte die Stimme unseres dicken Herrn. »Es sind neue Ankömmlinge,« sagte der Prior, und er verließ uns, um sie zu empfangen. Der dicke Herr und ich blieben allein zurück; ein jeder von uns stellte Vermutungen darüber an, was dort unten vorging, und wir dachten nicht mehr an die Grabschriften. Nach Verlauf von einigen Minuten trat ein Herr in den Saal ein. Der Herr war Tourist, etwa dreißig Jahre alt, außerordentlich gut angezogen, sehr mitteilsam. »Ich grüße Sie, meine Herren.« Er nahm einen Stuhl; wir rückten zusammen, um ihm Platz zu machen. »Entschuldigen Sie, aber das Feuer tut wohl, wenn man eben aus einer Lawine kommt.« »Eine Lawine!« sagte der dicke Herr. »In dieser Jahreszeit?« fügte ich hinzu. »Und was für eine, ich garantiere Ihnen dafür; mindestens eine viertel Wegstunde lang.« Die Lawine dieses Herrn war mir unverständlich. Wir befanden uns nämlich in den letzten Tagen des Juli, in einer Jahreszeit also, wo die nächsten Berggipfel völlig schneefrei waren, und mithin der nicht vorhandene Schnee auch nicht gut als Lawine herabstürzen konnte. Gleichwohl mochte ich nicht widersprechen und beschränkte mich darauf, den Herrn zu bitten, uns sein Abenteuer zu erzählen. »Gern,« sagte er. »Wir verließen die Kantine um sechs Uhr. (Die Kantine ist das letzte bewohnte Haus auf der Walliser Seite, zu dem man gelangt, ehe man das Hospiz erreicht.) Fünfzehn Schritt vor mir wanderte eine kleine Gesellschaft. Es sind die Leute, die eben hier angekommen sind. Zwei Herren und ein junges Mädchen; hübsch, meiner Treu, aber brustleidend. Der eine der beiden Männer ist ihr Vater, der andere ihr Bräutigam, ein großer, ruhiger Jakob, beflissen und lebhaft wie eine Statue. Die Schweizer sind nun einmal so. Als wir auf die Lawine gekommen waren...« Hier versuchte ich ihn zu unterbrechen: »Erlauben Sie, Herr, gewöhnlich ist es die Lawine, die auf uns zukommt.« »Warten Sie nur! Als ich also auf die Lawine gekommen war, sehe ich, daß das Maultier des Fräuleins bis zum Bauch darin einsinkt, und daß auch wenig Aussicht besteht, sie herauszuholen, da der Führer mit dem Tier nicht im geringsten umzugehen versteht. Nun nähere ich mich, schiebe den Bengel beiseite, ergreife den Zügel und bringe das Maultier wirklich zum Gehen, Sie hätten es nur sehen müssen...! Aber auf einmal erschrickt das Fräulein, der Vater wird böse, der Bräutigam schreit, darüber wird das Tier störrisch, und auch der Führer mischt sich ein und will mich daran hindern, es mit Schlägen zu bearbeiten. ›Donnerwetter‹ sag' ich, ›so nehmt Euer Maultier wieder‹, und werfe ihm den Zügel zu. Der Dummkopf fängt ihn aber nicht auf; nun verabfolge ich ihm eine Kopfnuß, das Tier schlägt hin, und das Fräulein wälzt sich in der Tiefe der Lawine...« »Aber erlauben Sie,« unterbrach ich ihn wiederum, »das Gewöhnliche ist doch, daß die Lawine sich auf das Fräulein wälzt.« »Warten Sie doch. Also nun fangen meine beiden Hasenfüße an, aus vollem Halse zu schreien, der Führer tobt, das Fräulein ruft um Hilfe. Ich wünsche sie alle zum Teufel, wie ich aber weder den Vater noch die Hunde mehr erblicke, stürze ich mich in die Lawine, dringe auch glücklich zu dem Fräulein durch und bringe sie mit Hilfe des Führers heil und gesund auf die Fahrstraße zurück. Das ist meine Geschichte,« schloß unser Tourist. Dann begann er zu husten: »Ja, ja, bei solch einer Lawine holt man sich eine Erkältung. Gute Nacht, meine Herren, ich will mich hinlegen und etwas Warmes trinken.« Damit entfernte er sich, ohne uns Zeit zu lassen, seine seltsam irrigen Vorstellungen über eine Lawine zu berichtigen. Eine Lawine ist bekanntlich ein Knäuel von Schnee, der sich hoch in den Bergen loslöst; im Herunterrollen wächst er durch den Schnee, den er mit sich reißt, an und wird so in wenigen Augenblicken zu einer furchtbaren Masse, die in ihrem reißenden Sturz alles, was sich ihr in den Weg stellt, zerbricht, umreißt, vernichtet. Zufällige Umstände können eine Lawine an jeder Stelle entstehen lassen, wo Schnee auf steilen Abhängen liegt; gewöhnlich sind es aber die gleichen engen Felspassagen, durch die sie, dank dem Zusammentreffen günstiger und gleichförmiger Umstände, in jedem Jahre wieder ihren Weg nehmen. Wenn man im Hochsommer die Alpen bereist, kann man diese Passagen sehr gut erkennen: es sind weite, vollständig baum- und felslose Abhänge, an deren Fuß sich die Trümmer von Jahrhunderten angehäuft haben, die allmählich, je mehr sie durch ihre Anhäufung für sich selbst einen Schutzwall bilden, von Pflanzenwuchs bedeckt werden. In den Hochtälern, wo die Hitze nur kurze Zeit währt, haben die Schneemassen, die sich während des Winters am Fuß dieser Passagen ansammeln, gar nicht die Zeit zu schmelzen und bleiben dauernd liegen; da mag es denn wohl vorkommen, daß die Landesbewohner solche Überreste einer wirklichen Lawine mißbräuchlich auch mit Lawine bezeichnen. Daher kam auch die Verwechslung unseres Touristen; er besuchte diese Täler zum erstenmal, hatte den Kopf vollgepfropft mit Bemerkungen aus seinem Reisehandbuch und war nun fest davon überzeugt, daß er in ruhmvoller Weise mit dieser schrecklichen Plage der Hochalpen zu tun gehabt hatte. Wenn er uns die Zeit dazu gelassen hätte, würde ich versucht haben, ihn über seinen Irrtum aufzuklären, obgleich es eine unbequeme und undankbare Aufgabe ist, jemanden aufzuklären, wenn er steif und fest an eine Sache glaubt, die seiner Eigenliebe schmeichelt. Als mein Vetter Ernst ein Duell hatte, hatten wir, ehrenwerte Zeugen und gute Verwandte, nur mit Pulver geladen: der Gegner zielte, Ernst schoß in die Luft, darauf gingen wir alle frühstücken, und der Ehre war Genüge geschehen. Wenn aber mein Vetter Ernst die Geschichte erzählt, behauptet er, daß die Kugel sein Ohr streifte und macht uns das Pfeifen des Geschosses vor; dann zittert meine Tante Sara, die ganze Gesellschaft zittert, und wir, – wir, ehrenwerte Zeugen und gute Verwandte, wir sind gezwungen, mit der Gesellschaft und mit meiner Tante mitzuzittern. Würden wir wohl zittern, wenn es nicht eine so undenkbare und unbequeme Sache wäre, unsern Vetter aufzuklären? Der Tourist hatte uns kaum verlassen, als zwei Herren in den Saal eintraten, die mir der Vater und der Bräutigam zu sein schienen. Die Herren nahmen an dem Tische Platz und hatten offenbar die Absicht, recht wohl zu speisen. Ihr Appetit verletzte mich und ihre Sorglosigkeit mißfiel mir. Der ältere Herr erschien mir viel zu ruhig für einen Vater, dessen Tochter, die ohnehin brustleidend ist, eben eine halbe Stunde im Schnee zugebracht hatte; und bei dem Bräutigam verletzte mich jeder Bissen, den er genehmigte, wie ein Schimpf, den er der unglücklichen und leidenden Schönheit seiner Braut zufügte. Ja, ich erinnere mich, daß ich nach dem Vorgang des Touristen aus diesem Anblick sehr ungünstige Schlüsse über die Gemütseigenschaften der Schweizer zog. Während ich noch mit meinen Schlußfolgerungen beschäftigt war, trat ein Dienstbote in den Saal, der auf einem Tablett eine Portion Tee trug, und gleich danach erschien auch das Fräulein selbst. Sie mußte es sein, denn der Vater stand auf, küßte sie auf die Stirn und zeigte sich sehr erfreut, sie so schnell wieder hergestellt zu sehen, während der Tölpel von Bräutigam, statt außer sich vor Entzücken zu sein, oder sich in schön empfundenen Ausdrücken von lebhaftem Glück und zärtlicher Freude zu ergehen, zu essen fortfuhr und im ruhigsten und nüchternsten Ton sagte: »Luise, setz dich und trink deinen Tee, solange er warm ist.« Das war gewiß nicht das leidenschaftliche »du«, das ein Saint Preux an seine Julie richtete; diese ruhige Vertraulichkeit machte mir deshalb auch geradezu den Eindruck einer Entweihung. Das junge Mädchen war in der Tat sehr hübsch, und die Gefahr, die sie eben durchgemacht hatte, erhöhte in meinen Augen noch die liebliche Anmut ihres Antlitzes. Nur konnte ich an ihr gar nicht die schamhafte Verlegenheit einer Braut bemerken, die sich von zwei fremden Herrn beobachtet fühlt, und noch weniger den Ausdruck rührender Melancholie, den man bei einem zarten und gebrechlichen Geschöpf zu finden erwartet. Was mich aber vollständig außer Fassung brachte, war, daß ich auf ihrem Antlitz anstatt Niedergeschlagenheit und Traurigkeit den durch unsere Anwesenheit nur unvollkommen zurückgehaltenen Wunsch entdeckte, in ein tolles Lachen auszubrechen. Dieser Wunsch teilte sich zuerst dem Bräutigam, dann auch dem Vater mit; dieser konnte schließlich nicht mehr an sich halten und wendete sich zu uns: »Entschuldigen Sie, meine Herren, dieses Lachen muß Ihnen sehr wenig am Platze erscheinen, aber es packt uns unwiderstehlich. Nochmals, entschuldigen Sie uns.« Und nun brachen alle drei, von jedem Zwang befreit, in ein helles Lachen aus, während wir sie ernsthaft und erstaunt ansahen. Ich hielt es für angezeigt, mich zu entfernen, und schickte mich schon dazu an, wobei ich nur bedauerte, mein Mitgefühl an Leute verschwendet zu haben, die so von Grund aus zufrieden waren; da wendete sich der Vater zu mir: »Ich möchte Ihnen gern den Grund unserer Fröhlichkeit, die Ihnen ja seltsam erscheinen muß, erklären: es handelt sich um einen Herrn...« »Den Herrn, der soeben noch hier war?« »Ganz richtig; der gefälligste Mensch von der Welt, aber auch der gefährlichste, den ich kenne. Wir hatten ihn früher noch nie gesehen; plötzlich setzte er sich da unten, im Schnee, in den Kopf, daß wir unmittelbar von einer Lawine bedroht würden. Aus reiner Aufopferung also und mit unerschütterlichem Ernst schob er unsern Führer beiseite, prügelte unser Maultier und warf meine Tochter in den Hohlweg.« Wieder unterbrach Lachen seine Erzählung. Und in der Tat, wie heftig auch der Schreck gewesen war, jetzt, nach ausgestandener Gefahr, zeigte sich den drei Reisenden alles von der komischen Seite und stachelte ihre Heiterkeit, deren Zeuge und deren Mitschuldiger ich bald war, nur noch mehr an. Den Gipfel erreichte die Fröhlichkeit, als sie durch mich erfuhren, daß der Tourist das junge Mädchen für brustleidend, und ihren Bruder für ihren Bräutigam hielt, dem er prosaische Kühle und Gefühllosigkeit vorwarf. Der dicke Herr, der noch immer am Feuer saß, hatte uns zugehört, ohne an der Unterhaltung oder an unserem Lachen teilzunehmen. Nun stand er auf, um in sein Zimmer zu gehen: »– Ein Dummkopf,« sagte er, »und einer meiner Landsleute, da können Sie sicher sein. Nur einer meiner Landsleute kann in so glücklicher Weise Torheit und Ernst, Einbildung und Unwissenheit miteinander vereinigen; nur einer meiner Landsleute wird, ehe er an sich selbst zweifelt, lieber ein frisches, junges Mädchen, das er für brustkrank hält, in das werfen, was er für eine Lawine hält... Guten Abend, meine Herren...!« Damit nahm der dicke Herr ein Licht und entfernte sich. Bald danach taten wir alle dasselbe. Die im Hospiz des Großen Sankt Bernhard für die Fremden bestimmten Zimmer sind voneinander nur durch eine dünne hölzerne Scheidewand getrennt. Als ich mein Licht ausgelöscht hatte, bemerkte ich eine Helligkeit, die durch die Spalten der Scheidewand auf mein Bett fiel. In einem derartigen Falle wird man kaum umhin können, seiner zwar indiskreten, aber begreiflichen Neugierde nachzugeben, und sein Auge an diejenige Spalte zu legen, die einem am breitesten vorkommt. Das tat ich denn natürlich auch, und zwar unter den sinnigsten Vorsichtsmaßregeln, damit mein Vorhaben durch kein Geräusch verraten würde. Da sah ich nun zu meiner großen Überraschung, aber doch auch mit einer gewissen Enttäuschung, wie unser Tourist aufrecht in seinem Bett dasaß; Oberkörper und Kopf waren eingehüllt; die Feder in der Hand, schien er ganz in eine schriftliche Ausarbeitung versenkt zu sein. Neben seinem Bett stand eine dampfende Teemaschine und eine Flasche mit Kirschbranntwein. Von Zeit zu Zeit hörte er auf zu schreiben, um das Geschriebene nochmals durchzulesen und zu verbessern, und dann malten sich alle Schattierungen der Befriedigung vom einfachen Lächeln der Zufriedenheit bis zur aufrichtigen Bewunderung auf seinem Antlitz. Einmal konnte er dem Wunsche nicht widerstehen, den schmeichelnden Klang seiner Perioden selbst zu vernehmen; doch aus dem Stück, das er sich vorlas, konnte ich nur so viel heraushören, daß es von Molosserhunden, von Veilchen und von einem jungen Mädchen, namens Emma handelte. Ich schloß daraus, daß unser Tourist ein Schriftsteller war, vielleicht gar ein Reisender aus der Schule von Alexander Dumas, der in diesem Augenblick beschäftigt war, seine Eindrücke, sowie die Erinnerungen und entscheidenden Ereignisse des Tages zu Papier zu bringen. Daraufhin überließ ich ihn seiner Arbeit und schlief ein. Beim Frühstück am andern Morgen erfuhr ich, daß der Tourist seit einer Stunde fort war; der dicke Herr machte sich auf den Weg, um nach Martigny zurückzukehren. So gesellte ich mich für den Abstieg nach Aosta zu den drei Personen, die ich am Abend vorher auf so fröhliche Weise kennen gelernt hatte. Diese drei Reisenden, von denen der Tourist den einen auf den ersten Blick als phlegmatischen Schweizer erkannt hatte, ließen mir alsbald keinen Zweifel darüber, daß sie aus Chambéry waren. Sie wollten nach Jorea, um dort die Hochzeit des jungen Mädchens zu feiern, das ihr Vater, ein Gastwirt in Chambéry, schon seit Jahren dem Sohne eines Piemontesen, der Gastwirt in Jorea war, versprochen hatte. Bei dieser Gelegenheit gedachte der Biedermann sich gleichzeitig mit Wein und Reis zu versehen, und dann nach Erledigung aller seiner Geschäfte über den Kleinen Sankt Bernhard nach Savoyen zurückzukehren. Alles das erzählte er mir unterwegs in der heiteren und einnehmenden Art und Weise, die gerade den Savoyarden eigen ist. Da ich an seinen Erzählungen Interesse zu nehmen schien, so lud er mich zur Hochzeit seiner Tochter ein, und diese bat mich mit liebenswürdiger Treuherzigkeit, ihr doch diese Ehre zu erweisen. Ich lehnte die Einladung nicht gerade ab, aber ich war auch noch nicht entschlossen, sie anzunehmen. Ich mußte mir nämlich zunächst über die Vorgänge in meinem Innern klar werden. Schon am Abende vorher hatte das junge Mädchen durch ihre ganze Art und Weise mich lebhaft interessiert; heute fühlte ich schon, daß ich im Begriff war, mich in sie zu verlieben. Das mag ein wenig überstürzt erscheinen. Aber einmal fühlt sich unser Herz auf Reisen abenteuerlicher und freier aufgelegt und fängt rascher Feuer als gewöhnlich; außerdem aber wird es stets dem Zauber unerwarteter Reize und einer Anmut, die ihm bisher vielleicht fremd geblieben ist, unterliegen. Das junge Mädchen war bei den Nonnen in Sacré Cœur erzogen worden und hatte das Kloster erst vor wenigen Wochen verlassen; sie war daher noch in allen Dingen ein Neuling und völlig weltunerfahren. Aber gerade ihre Naivität verlieh ihr einen eigenen Zauber, es schwebte um sie wie ein zarter, unberührter Blütenduft von fröhlicher Erwartung. Anmutig saß sie auf ihrem Maultier, das nach dem diesen Tieren eigenen Instinkt am äußeren Rande der Straße ging; so schwebte sie über dem Abgrund und fuhr doch unbekümmert fort, ihre Scherze zu treiben, was bei ihr kein Zeichen von Mut, sondern nur von sorglosem Vertrauen war. Und als dann unsere Unterhaltung sich vom Reis und von den Weinpreisen anderen Gegenständen zuwandte, die mehr nach ihrem Geschmack waren, da nahm sie daran teil, wobei sie bald von der ausgelassensten Munterkeit war, bald ernsthaft und voller Verständnis zuhörte. Zu zwei oder drei Malen war auch die Rede von ihrem Verlobten; sie hatte ihn erst einmal gesehen und sprach von ihm ohne Verlegenheit, aber auch ohne tiefere Empfindung; sie schien in der Heirat nur ein köstliches, ewig währendes Fest zu erblicken. Welch liebenswürdiges Kind! Während meine Augen an ihr hingen, stellte ich mir ihr zukünftiges Schicksal, ihr ach so nahes Erwachen aus der Verzauberung vor. Und da ich voraussah, wie viele Enttäuschungen sie gerade am Herde ihres häuslichen Glücks erwarteten, so wäre ich gern derjenige gewesen, der ihr durch zärtliche Beständigkeit, durch die Fürsorge eines verständnisvollen, liebenden Herzens das alles hätte ersparen dürfen. Da ich aber dieser Mann nicht sein durfte, so zog ich es vor, nicht erst ein Gefühl großzuziehen, das bei seiner Hoffnungslosigkeit nur zu bald peinvoll werden mußte. Aus diesen Gründen war ich innerlich noch nicht entschlossen, ob ich der Hochzeit des Piemontesen beiwohnen sollte. Nach vier Stunden kamen wir in Aosta an. Es war gerade Markttag. Im Schatten der Ruinen des Amphitheaters und um die alten römischen Tore breiteten die Bauern, die von den Bergen hergekommen waren, ihre Erzeugnisse aus. Hier erhoben sich Haufen von Käsen, dort brüllten Kälber; etwas weiterhin blökten furchtsame Schafe um kleine Buden oder säugten ihre Lämmer unter dem Schutz der Wagen. Unsere beiden Herren waren kaum angekommen, als sie auch schon von den Kaufleuten umringt wurden, mit denen sie zu tun hatten; es war ihnen lieb, mich schon wie einen alten Bekannten behandeln, und mir die Sorge um das junge Mädchen anvertrauen zu können. Der Gasthof, in dem wir abgestiegen waren, war geräuschvoll und voller Leute. Ich schlug ihr deshalb vor, zu dem Turm »des Aussätzigen« zu pilgern. Sie willigte mit freudigem Eifer ein, und erst als wir schon unterwegs waren, fragte sie, wer »der Aussätzige« sei. Ich verhieß ihr, daß sie es bald erfahren sollte, trat in einen Bücherladen ein und erstand dort das berühmte Werk des Herrn von Maistre. Nun wandten wir uns zu dem ländlichen Gehege, in dem sich der alte Turm erhebt, den er unsterblich gemacht hat. Als wir ihn genügend besehen hatten, suchten wir auf einer nahen Wiese einen schattigen Platz, wo wir uns niederlassen, und das Buch lesen konnten. Wir fanden einige dichtbelaubte Eichen, nicht weit von ein paar Gräbern, diejenigen vielleicht, bei denen »der Aussätzige« gesehen hatte, »wie die junge Frau ihr Haupt an die Brust ihres Gatten schmiegte« und fühlte, wie sein Herz sich zusammenschnürte und beinahe brach in seiner hoffnungslosen Verzweiflung. Meine junge Begleiterin war, wie gesagt, bei den Nonnen in Sacré Cœur erzogen worden und hatte bisher fast nur Andachtsbücher gelesen. Zum erstenmal hörte sie eine Erzählung, die zugleich ernst und fesselnd war, deren bewegte, beredte Sprache das Herz bald sanft durchdringt, bald zusammenpreßt, und es vor Mitleid lauter schlagen läßt. Zuerst war sie ruhig und fast zerstreut; sie betrachtete bald den Turm, bald die Berge, bald das Tal, bis sie mehr und mehr von dem Interesse an der Erzählung eingenommen wurde; nun erst malte sich auf ihrem Antlitz die Überraschung und die Verzauberung, die innere Bewegung einer jungfräulichen Seele, die sich der Poesie erschließt. Ihr Antlitz glänzte vor Freude. Aber bei den Stellen, wo von den bitteren Leiden »des Aussätzigen« die Rede ist, füllten sich ihre Augen mit Tränen; und als der Augenblick kam, wo der Unglückliche von seiner Schwester getrennt werden soll, da verriet sich ihr Mitgefühl durch lautes Schluchzen, und sie bat mich, nicht weiter zu lesen. Ich schloß darauf das Buch, reichte es ihr, damit sie es später zu Ende lesen könne, und bat sie, den kleinen Band zur Erinnerung an mich zu behalten. Sie versprach es mir bereitwilligst, aber sie errötete dabei. Und in der Tat, wir waren zusammen empfindsam gewesen, hatten uns gemeinsam rühren lassen, waren uns unmerklich innerlich näher getreten, und so war aus dem harmlosen Wohlgefallen von gestern in dem jungen Mädchen ein neues Gefühl entsprossen, das sie mit schamhafter Verwirrung erfüllte. Wir kehrten in den Gasthof zurück. Die beiden Herren steckten noch ganz in ihren Geschäften; sie beeilten sich jetzt, sie zu beenden, um abreisen zu können. Daß mit dem Fräulein eine so große Veränderung vorgegangen war, merkten sie kaum. Was mich betrifft, so war ich mir klar darüber, daß ich eine Unklugheit begangen hatte. Es war kein Liebesdienst gewesen, daß ich ihr gerade in dem Augenblick, wo sie die heiligsten, aber auch prosaischsten Verpflichtungen eingehen sollte, das Verständnis für die Poesie eröffnete, und das erfüllte mich mit aufrichtigem Kummer. Das Unheil, das ich angerichtet, konnte ich nicht mehr ungeschehen machen; aber ich konnte es noch vergrößern, wenn ich meinen Weg in der Gesellschaft des jungen Mädchens fortsetzte, wozu mich mein dringender, in seiner Lebhaftigkeit schon beinahe sträflicher Wunsch verleiten wollte. So widerstand ich denn mit Aufbietung aller Willenskraft der herzlichen Aufforderung des Vaters wie des Bruders und den schüchternen, aber inständigen Bitten meiner Gefährtin, dankte ihnen herzlich für ihre Freundlichkeiten und trennte mich von ihnen. Gleich darauf reisten sie ab. Ich blieb noch in Aosta; inmitten der herbeigeströmten Volksmenge fühlte ich mich völlig vereinsamt, und an derselben Stelle, wo wir am Morgen unter den Eichen gesessen hatten, versenkte ich mich in die Melancholie, die mein Herz erfüllte. Auch am nächsten und an den folgenden Tagen war ich noch die Beute widerstreitender Empfindungen und hatte wenig Sinn für die Gegenden oder Städte, durch die ich kam. In Jorea, das ich am frühen Morgen passierte, mußte ich mir von neuem Gewalt antun, um mich dort nicht wenigstens einige Stunden aufzuhalten. Die Straßen waren noch leer, die Luft kalt, die Dora kaum vom ersten bleichen Morgenschimmer erhellt; gleichwohl schien es mir so, als ob keine Gegend Italiens so reizvoll wäre wie diese. Im Vorbeigehen erblickte ich mehrere Gasthöfe; vor jedem blieb ich stehen, vor jedem überlegte ich, ob er die Behausung des jungen Mädchens sein könnte: wahrscheinlich schlief sie jetzt noch; vielleicht aber träumte sie wachend von dem, was einige Tage vorher ihr Inneres bewegt hatte, und dachte an den jungen Mann, der wenn auch nicht der Gegenstand, so doch die Veranlassung ihrer ersten seelischen Erschütterungen gewesen war. Da ich mich bei dem häufigen Stillestehen versäumte, kam mein Kutscher, der mich am anderen Ausgang des Städtchens erwarten sollte, zurück, um mich zu holen. Ich folgte ihm; der Wagen rollte fort; und als ich das Geräusch der Räder auf dem Straßenpflaster nicht mehr vernahm, durchzog mich eine unaussprechliche Traurigkeit. Immerhin, im Lauf der Wochen ließ diese Stimmung allmählich nach, und das Gefühl, das ich im Herzen bewahrte, nahm die Gestalt einer lieblichen Erinnerung an. Ich besuchte Genua, Florenz, Rom und Neapel; als ich an die Rückkehr denken mußte, wählte ich als Alpenübergang den Simplon: ebensosehr darum, weil es mich in meiner zurückgewonnenen Unbefangenheit nicht mehr danach verlangte, wieder durch Jorea zu kommen, als auch weil ich mich fürchtete, dabei möglicherweise meine Erinnerung zu verunglimpfen, die ich mir zu meiner Freude so hold, so rein und so frisch erhalten hatte. – Als ich vergangenen Herbst nach Genf zurückkehrte, machte ich nach meiner Gewohnheit meiner Tante Sara einen Besuch. Ich habe sie schon weiter oben gelegentlich des Zweikampfes meines Vetters erwähnt. Meine Tante Sara wohnt auf dem Lande: das heißt, sie besitzt vor den Toren der Stadt ein Gärtchen, das durch Mauern von den Nachbargärtchen getrennt ist. Das Gärtchen weist als Annehmlichkeit eine Schaukel auf. Eine Pumpe, die nur in der trockenen Jahreszeit versiegt, sorgt für die Bewässerung. In der Nordostecke hat mein Vetter Ernst einen chinesischen Pavillon aufgeführt und ganz in Grün bemalt; von ihm aus schweift das Auge auf das Steuerhaus und die Stadtbefestigungen. Meine Tante Sara ist eine ausgezeichnete, jetzt hochbetagte Dame; sie hat in ihrem Leben nur das eine Unglück durchgemacht, vor vierzig Jahren, nach drei Monaten eines ungetrübten Glücks, wie sie selbst treuherzig sagt, ihren Gatten zu verlieren. Sechs Monate nach diesem Ereignis genas sie eines nachgeborenen Sohnes, auf den sich seitdem alle ihre zärtlichen Gefühle vereinigten: dieser Sohn ist mein Vetter Ernst, den sie so erzogen hat, wie eine zärtliche Mutter, die in ihrer Jugend Gouvernante war, einen einzigen, und was noch mehr sagen will, einen nachgeborenen Sohn erzieht. Von frühester Jugend an: Ordnungsvorschriften, Gewöhnung an Anstand, Unterweisung in guter Körperhaltung; später, um das Herz zu bilden: Sittenregeln, Merkverse, Erzählungen mit moralischer Nutzanwendung, in denen das Laster bestraft, die Tugend belohnt wird; späterhin, um den Geist zu bilden: Vorschriften über höfliches Benehmen und sittsame Unterhaltung. Dazu seit den ersten Jünglingsjahren Handschuhe, Spazierstöckchen, Frack, auswärts gerichtete Füße, entsprechende Manieren; noch später: ... nichts. Mit fünfzehn Jahren war mein Vetter Ernst ein fertiger Mensch, in jeder Beziehung vollkommen, ein Musterknabe, die Freude seiner Mutter, aber auch die Freude einiger zu Lachen und Spott aufgelegten Altersgenossen, deren Ton meine Tante abscheulich fand. Heutigestags ist mein Vetter Ernst immer noch der einzige, nachgeborene Sohn, ein gesetzter, schmucker Junggeselle; er zieht Nelken auf, begießt Tulpen, geht jeden Tag zur Stadt, um bei einem Bekannten die von diesem bereits gelesene Zeitung abzuholen, und in der Leihbibliothek den ersten Band des Romans, den meine Tante liest, gegen den zweiten umzutauschen. Sind die Straßen naß, trägt er Überschuhe, sind sie staubig, zieht er Gamaschen an; regnet es, oder ist der Barometerstand drohend, steigt er in den Omnibus. Ohne den Omnibus würde er nie sein Duell gehabt haben. Es ist seltsam! Ich bin Soldat von Beruf, von ziemlich lebhaftem Naturell und sehr kitzlich im Ehrenpunkt; gleichwohl habe ich noch niemals ein Duell gehabt. Mein Vetter Ernst bringt sein Leben unter guten alten Damen zu. Er besucht weder Gesellschaften noch öffentliche Veranstaltungen; er ist sanftmütig, er ist ein einziges Kind, er ist nachgeboren ... und doch hat es das Schicksal gewollt, daß er seinen Ehrenhandel haben sollte. Das hat seinen Grund darin, daß für meinen Vetter Ernst seine Gewohnheiten dasselbe bedeuten, wie für andere Leute ihre Leidenschaften: daß ihm das Anrecht, um acht Uhr morgens unterwegs zu sein, wenn er den Achtuhromnibus benutzt, so viel bedeutet, wie anderen faulen Köpfen die Befugnis, nach Belieben die Marseillaise anzustimmen oder einer Gräfin den Zigarrenrauch ins Gesicht zu blasen. Also eines Tages trifft es sich, daß, als mein Vetter in dem Achtuhromnibus Platz nimmt, der Schaffner auf die Bitten eines jungen Fremden einwilligt, die Abfahrt um einige Minuten zu verzögern, um einer Dame, die dieser Fremde erwartet, Zeit zu lassen, heranzukommen. Das betrübt meinen Vetter bereits, weil er voraussieht, daß dieser Aufenthalt eine völlige Verwirrung in seine Tageseinteilung bringen wird. Es schlägt ein Viertel; nun ärgert sich mein Vetter; er überlegt, daß diese Dame der Ausgangspunkt einer ununterbrochenen Reihe von Unregelmäßigkeiten sein wird; daß eine die andere nach sich ziehen, daß die Stunde seines Mittagsessens, seines Kaffees, seiner Mittagsruhe verschoben werden wird ... Fünf Minuten nach ein Viertel kann er sich nicht mehr halten, er brummt vor sich hin: »Zum Teufel mit dem Fräulein.« Sofort gibt ihm der junge Fremde die Adresse und bittet um seine, und alles wird auf den nächsten Morgen um acht Uhr verabredet; »um acht Uhr pünktlich,« fügt der Fremde noch hinzu. An diesem Tage ließ mein Vetter zum erstenmal auf sich warten. Er wollte sich entschuldigen, aber das wurde nicht angenommen. Darauf haben wir, ehrenwerte Zeugen und gute Verwandte, alles übrige erledigt, und der Ehre wurde Genüge getan. Ich komme nun auf den Besuch zurück, den ich meiner Tante Sara vergangenen Herbst machte. Als ich das Gärtchen betrat, fand ich sie in dem chinesischen Pavillon sitzend, wie sie einigen braven Damen aus der Nachbarschaft vorlas. Der Gegenstand mußte recht herzbewegend sein, denn die ganze Gesellschaft war gerührt, mein Vetter Ernst jedoch ausgenommen, der, immer noch einzig und nachgeboren, eine Zigarre rauchend, nachlässig auf einer einfachen Bank im Schatten einer grauen Akazie saß. Nachdem ich alle begrüßt und meine Tante umarmt hatte, bat ich die Damen, sich durch mich in ihrer Lektüre nicht stören zu lassen, und setzte mich auch auf die einfache Bank im Schatten der grauen Akazie und steckte mir ebenfalls eine Zigarre an. Meine Tante las genau so wie eine zärtliche Mutter, die in ihrer Jugend Gouvernante war; mit lehrhaftem Ausdruck, nach vernünftig ausgedachten Grundsätzen, und unter strenger Befolgung aller Regeln der Aussprache, so daß es ein Hochgenuß war, ihr zuzuhören. Nachdem sie ihre Brille wieder zurechtgerückt hatte, fuhr sie fort: »... Dieses junge Mädchen war eine der bleichen Frauengestalten, die wie mit einem dämmerigen Schleier die bläuliche Gloriole geheimer Traurigkeit umgibt. Vom Schicksal verdammt, sich dem Zwange eines Vaters fügen zu müssen, der unfähig war, das geheimnisvolle Streben einer Seele zu verstehen, die nur danach trachtete, die Abgründe ihres Innern zu verbergen und die Vervollkommnung ihres Daseins zu vollenden, verzehrte sie sich in geheimem Schmerz und unterdrücktem Schluchzen. So hatte diese Pflanze, die geschaffen war, auf den schimmernden Abhängen der Apenninen zu erblühen, ihre Wurzeln an den kalten Hängen der Schweiz schlagen müssen, und im Begriff, ihre strahlende Blumenkrone zu erschließen, hatte der eisige Höhenwind sie genötigt, sich in die schlichte Hülle ihres bleichen Kelches zurückzuziehen.« »Vetter, wer ist denn diese Pflanze?« fragte ich den nachgeborenen Junggesellen, der an meiner Seite rauchte. »Das ist..., das ist eine köstliche Frauengestalt.« (Mein Vetter war darauf erzogen, die gewählten Ausdrücke seiner Mutter zu wiederholen.) »Und was ist das für ein Buch?« »Reiseeindrücke.« »Nicht sehr heiter, nicht wahr?« »Nein.« »Traurig?« »Ja, sehr.« Und damit begann mein Vetter, den meine Fragen weit mehr in seiner Ruhe störten, als das unterdrückte Schluchzen der weißen Frauengestalt, weiter zu rauchen mit einem Ausdruck, der mir sagen sollte, daß, wenn er auch nicht beabsichtigte, zuzuhören, er nichtsdestoweniger von mir verlangte, ihn in Ruhe zu lassen. »... Und während sie vergeblich unter den irdischen Wesen, von denen sie umgeben war, denjenigen suchte, der den verlassenen Palast ihres Herzens öffnen und mit seiner Liebe bevölkern sollte, hatte ihr Vater« (»Vetter, wer ist dieser Vater?« – »Es ist der ihrige.–«) »hatte ihr Vater, eine gewöhnliche Natur, einer von den Männern, deren Leben ganz in Handelsgeschäften aufgeht,« (»Also wohl ein Handeltreibender, ja?« – »Ja doch!«) »hatte ihr Vater, statt ihrem Zärtlichkeitsbedürfnis einen jener edlen Verbannten vorzuschlagen, die das vulkanische Italien in der Zeit seiner Ausbrüche über die Alpen geschleudert,« (»Ciani? Mazzini?« – »Ich weiß nicht.«) »eine der reichen, leicht entzündlichen Naturen, wie sie heute noch Neapel oder die Stadt der Gondeln hervorbringt,« (»Venedig, was?« – »Still!«) »hatte ihr Vater sein Auge auf einen jungen Schweizer geworfen, einen plumpgebauten, pausbäckig frischen, blondhaarigen Menschen, die traurige Verkörperung einer matten Seele ohne jedes Feuer. So mußte die bleiche Blume, die ständig von eisigen Winden zerzaust wurde, statt bei den anderen Blumen, ihren Gefährtinnen, eine reiche Stütze zu finden, ihre Stirn an der unbehauenen Fläche der beiden Granitblöcke zerstoßen, die sie töteten, obwohl sie sie schirmen wollten.« Bei dieser Stelle konnte meine Tante, die in ihrer Jugend Gouvernante gewesen war, sich nicht enthalten, zu bemerken, wie entzückend dieses Buch geschrieben wäre. Sie fand in dem Stil unendlich viele Schattierungen, die dem tausendfachen Wohlklang einer empfindsamen Seele entsprächen; besonderen Wert legte sie auf die Wendung mit dem unerwarteten Vergleich, der so viel Licht auf das Schicksal der bleichen Heldin werfe. Die alten Damen teilten ihre Meinung vollkommen und bezeigten die größte Verachtung für die beiden Granitblöcke; die eine von ihnen versenkte sich mit so ausgesprochener Begeisterung in die Schmerzen des unverstandenen Weibes, daß ich bei mir die Vermutung aufstellte, sie möge wohl gleichfalls viel unter der stumpfen Gleichgültigkeit und Verständnislosigkeit des andern Geschlechts gelitten haben. »Ist diese Dame verheiratet?« fragte ich ganz leise meinen Vetter. »Nein.« Ich selbst ahnte noch nicht im entferntesten, daß diese bleichsüchtige Pflanze meine frische Begleiterin von Aosta, und der eine Granitblock der Gastwirt aus Chambery waren; aber ich nahm lebhaften Anteil an der Vorlesung, die meinen guten Vetter nicht im geringsten aus seiner Ruhe brachte, dagegen die Empfindsamkeit der Damen von Grund aus aufrührte und sie zu Bemerkungen verleitete, die nicht minder köstlich waren als der Stil, durch den sie veranlaßt wurden. »Als ich sie traf,« fuhr meine Tante in ihrer Vorlesung fort, »wanderten sie den Gefilden Italiens zu, in der törichten Hoffnung, daß der sanfte Hauch eines balsamischen Klimas den Verheerungen in diesem, dem Tode geweihten Körper Einhalt gebieten würde. Ich aber, dessen Seele die ihre verstand, ich sah diese Jungfrau, wie sie durch eine Allee von Zypressen ihrem bereits ausgehobenen Grabe zuschritt, und das Gewicht eines ungeheuren Schmerzes lastete auf meiner niedergedrückten Seele. Neben ihr, im hellen Tageslicht, führte ihr blonder Bräutigam die plumpe Masse seiner Gliedmaßen spazieren; keine innere Flamme verklärte sein fades Antlitz oder verlieh seinen alltäglichen Bewegungen ein pulsierendes Leben. Undurchdringliche Herzensstumpfheit bekleidete diesen Mann wie eine bleierne Rüstung und nicht einmal das Herannahen einer furchtbaren Lawine (hier horchte ich mit beiden Ohren hin) vermochte ihm den selbstsüchtigen Schreck der alltäglichsten Furcht einzujagen. Inzwischen nahte die Nacht; es schien, als wollten die schwarzen Zacken der Gipfel die Abendwolken durchbohren, als wollten die Schluchten des Sankt Bernhard gleich riesigen Mäulern die letzten Strahlen der untergehenden Sonne verschlingen. Die Lawine war da, gähnend, unergründlich, bleich wie ein Leichentuch, gierig wie ein Grab. Plötzlich stürzt eine weiße Erscheinung nach vorn, dreht sich um sich selbst und verschwindet in den Abgrund. Es ist Emma! (Emma! rief ich bei mir selbst.) Schneller als der Blitz werfe ich mich ihr nach, ich rolle, ich springe, ich tauche vom Leeren ins Leere, ich suche dem Tode zuvorzukommen, der sich zu meiner Verfolgung aufgemacht hat, endlich gehe ich als Sieger aus dem furchtbaren Streite hervor, ich erreiche die bleiche, eisige Jungfrau ... Sie hatte in dem Schlund ein Ende ihrer Qualen finden wollen. Nun gab ich, der Fremde, ich der Unbekannte, ihr zu erkennen, daß ich ihren Gedanken erraten hatte. Endlich fühlte sie sich verstanden, zum erstenmal vielleicht; ihre Augenlider öffneten sich um einen Strahl des Entzückens durchzulassen, und ein sonniges, unaussprechliches Lächeln spielte um die Veilchen (!!!) ihrer Lippen. Gleichzeitig kamen die Molosserhunde (!!!) des Hospizes auf uns zu, beladen mit herzstärkenden Sachen, durch ihr Bellen Hilfe und Befreiung verkündend. Vom Rande der Landstraße warf man uns ein Tau zu, die Brüder kamen uns entgegen; den Männern des Himmels übergab ich das Opfer der Welt, und nachdem ich es ihnen übergeben, entfernte ich mich mit verzweifelten Schritten.« Ich brach in lautes Lachen aus... Die Damen erhoben sich entrüstet; mein Vetter sah seine Mutter an, meine Tante sah mich an; ich erblickte alle Welt in Tränen, und da ich meine Heiterkeit, die gerade dieser Anblick auf ihren Gipfel brachte, nicht länger unterdrücken konnte, so entschloß ich mich der Gesellschaft meinen Gruß zu entbieten und mich zu verabschieden, nicht ohne mich wegen des großen Ärgernisses, das ich ihnen gegeben, zu entschuldigen. Während ich in mein Hotel zurückkehrte, erinnerte ich mich des dicken Herrn, welcher sagte: Grabschrift! Alles ist Grabschrift! Die Furcht Vor den Toren der Stadt Genf vereinigt die Arve, ein reißender Bach, der von den Gletschern Savoyens herabkommt, seine kotigen Wellen mit den klaren Wassern der Rhone. Die beiden Flüsse laufen eine ganze Strecke, ohne ihr Wasser miteinander zu vermischen: so ist es für die, welche noch nicht daran gewöhnt sind, ein ganz eigenartiger Anblick, in dem gleichen Bett parallel zueinander eine schlammige Welle und azurblaue Wogen rinnen zu sehen. Die Landzunge, welche die beiden Flüsse, nahe bei der Brücke, wo sie sich vereinigen, trennt, bildet ein kleines Delta, dessen Grundlinie in einer Breite von nur wenigen hundert Schritten von dem städtischen Kirchhof eingenommen wird. Dahinter liegen Gemüsegärten, die mittels großer Räder bewässert werden, die das Wasser aus der Rhone heben und es in eine Unzahl kleiner Rinnen verteilen, die das Land durchkreuzen. Nur einige Landleute bewohnen diese kleine Ebene, die von einem Erlengehölz und weiterhin von einem öden Sandstreifen begrenzt wird. Am äußersten Ende dieses flachen Sandstreifens vereinigen sich die beiden Flüsse, um dann, eingezwängt zwischen unterwaschene Felsen, die den Horizont abschließen, weiterzuströmen. Ungeachtet der Nähe einer volkreichen Stadt macht die Örtlichkeit einen melancholischen Eindruck, welcher die große Menge fernhält. Manchmal freilich tobt eine fröhliche Schar von Schülern die Flußufer entlang. Der Reiz der Ungebundenheit, den diese verlassene Stelle bietet, verführt sie dann wohl, sich an der sandigen Uferstelle, von der ich eben sprach, niederzulassen; meist aber trifft man dort nur vereinzelte Spaziergänger, und mehr von der Sorte, die es lieben, sich den Blicken ihrer Mitmenschen zu entziehen und für sich zu träumen. Oft auch haben unglückliche Leute an dieser Stelle den Tod in den Fluten gesucht. Ich war ungefähr sieben Jahre alt, als ich diese kleine Landschaft zum erstenmal, und zwar an der Hand meines Großvaters, durchmaß. Wir gingen unter dem Schatten großer Buchen, an deren Zweigen er mir mit der Spitze seines Spazierstocks kleine Vögel zeigte, die von Zweig zu Zweig hüpften. »Sie spielen,« sagte ich. »Nein, mein Kind, sie suchen in der Umgegend hier herum nach Nahrung für ihre Kleinen; die bringen sie ihnen und dann fliegen sie wieder fort, um von neuem anzufangen.« »Wo sind sie, die kleinen Vögel?« »Sie sind in ihren Nestern, die wir nicht sehen.« »Warum sehen wir sie nicht...?« Während ich diese kindlichen Fragen tat, waren wir am Ende der Baumallee vor ein großes steinernes Portal gelangt. Durch eine Öffnung des Tors bemerkte man im Innern einige Zypressen und Trauerweiden; auf dem Giebel des Portals war in weißem Marmor mit großen schwarzen Buchstaben eine Inschrift eingemeißelt. Dieser, für ein Kind auffällige Gegenstand erregte meine Aufmerksamkeit. »Was ist das?« sagte ich zu meinem Großvater. »Lies selbst,« sagte er. »Nein,« versetzte ich, »lies du, Großvater,« denn der empfangene Eindruck hatte etwas in sich, das mich furchtsam machte. »Das ist hier das Kirchhofstor,« sagte er, »der Ort, wo man die Toten hinbringt. Die Inschrift ist eine Stelle aus der Bibel: ›Selig, die im Herrn sterben; sie ruhen von ihrer Arbeit aus und ihre Werke folgen ihnen nach.‹ Das will heißen, mein Kind ...« »Aber wohin bringt man sie denn?« unterbrach ich ihn. »Man legt sie in die Erde.« »Warum, Großvater? Tut man ihnen ein Leid an?« »Nein, mein Kind, die Toten fühlen nichts mehr auf dieser Erde.« Wir gingen an dem Tor vorbei und ich tat keine Fragen mehr. Von Zeit zu Zeit drehte ich den Kopf nach dem weißen Stein um; dabei knüpfte ich an diesen Gegenstand alle möglichen, finsteren Gedanken über Tote, über Gräber und über Männer in schwarzen Mänteln, die ich oft in den Straßen bemerkt hatte, und die Tragbahren trugen, die mit großen Tüchern verdeckt waren. Aber die Sonne schien, und ich hielt die Hand meines Großvaters. Diese Eindrücke verblaßten vor anderen; und als wir die Ufer der Rhone erreichten, zogen der Anblick des Wassers und zumal der eines Mannes, der fischte, meine ganze Aufmerksamkeit auf sich. Bei dem niedrigen Wasserstande hatte sich der Mann, welcher große lederne Stiefel anhatte, in die Mitte der Strömung gestellt. »Sieh mal, Großvater, er steht im Wasser!« »Der Mann fängt Fische. Wir wollen ein Weilchen warten, du wirst sehen, wie er zuckt, wenn er etwas am Ende seiner Angel fühlt.« Wir sahen ihm zu, aber der Mann zuckte nicht. Allmählich drängte ich mich näher an meinen Großvater und drückte seine Hand kräftiger, denn die Unbeweglichkeit des Fischers begann mir seltsam zu erscheinen. Seine starr auf das Ende der Angel gerichteten Augen, die Angel selbst, die geheimnisvoll unter der Oberfläche des Wassers ruhte, das Schweigen, das über der ganzen Szene lagerte, alles das wirkte mächtig auf meine zarte Einbildungskraft, die bereits durch den Anblick der Inschrift mit den schwarzen Buchstaben erschüttert war. Als schließlich gar, infolge einer häufig vorkommenden, für mich aber neuen Einbildung, der Fischer sich stromabwärts, das gegenüberliegende Ufer aber sich stromaufwärts zu bewegen schien, da zog ich meinen Großvater bei der Hand weiter und wir setzten unsern Spaziergang fort. Wir gingen am Ufer unter den Weiden entlang, die den Fußsteig beschatten; sie sind wurmstichig, von Moder zerfressen; grünes Moos wächst an ihrem Fuß, während sich aus ihren altersschwachen Kronen biegsame Zweige herausstehlen, die sich zum Flusse niederbeugen. Wir hatten zu unserer Rechten die Rhone, zur Linken die Gärten, von denen ich vorhin sprach. Das Rad, welches das Wasser in kleine Tröge hebt, aus denen es in die Rinnen zurückfällt, interessierte mich sehr; gleichwohl in der Stimmung, in der ich mich befand, war es mir lieber, diese große, sich um sich selbst drehende Maschine nicht allein betrachten zu müssen; auch stand der Fischer noch immer da unten, allein und unbeweglich. Endlich verloren wir ihn aus den Augen und kamen an die flache sandige Stelle, welche die Landzunge abschließt. Mein Großvater zeigte mir in dem Kies eine Menge flacher und runder Steine und lehrte mich, sie über die Oberfläche des Wasser zu schnellen, so daß ich völlig den Torweg, den Fischer und das Rad darüber vergaß. Am Ufer war eine kleine Bucht, voll klaren Wassers und gar nicht tief. Mein Großvater forderte mich auf, mich darin zu baden, zog mir meine Kleider aus und ließ mich ins Wasser gehen. Er selbst setzte sich ans Ufer, stützte sein Kinn auf den goldenen Knopf seines alten Spazierstocks und sah mir zu, wie ich spielte. Ich blickte lange auf seine ehrwürdige Gestalt und ich weiß nicht recht, warum sich mir die Erinnerung an ihn seitdem in diesem Bilde eingeprägt hat. Wir gingen um die Spitze der Halbinsel herum und am Ufer der Arve entlang zurück. Ich hatte meine Munterkeit wiedergefunden, das Bad hatte mich in Gang gebracht. Ich spielte mit meinem Großvater und zog ihn an den Rockschößen, bis er sich plötzlich umdrehte, tat, als ob er mich verfolgte und dabei seine Stimme erhob. Als wir das Weidengehölz erreichten, versteckte er sich hinter den Bäumen und ich suchte ihn, ganz aufgeregt vor Vergnügen, und gab mich einer lärmenden Freude hin, wenn ich sein Versteck fand oder wenn er sich auch nur durch das Ende seines Stocks oder durch seinen Hut verriet. Einen Augenblick verlor ich seine Spur. Während ich ihn von Baum zu Baum suchte, drang ich immer tiefer in das Gehölz, ohne ihn zu finden. Ich rief ihn, er antwortete nicht. Nun beschleunigte ich meinen Lauf und lenkte meine Schritte nach der Seite des Dickichts, die mir weniger düster zu sein schien; dabei kam ich von dem Fußweg ab und befand mich plötzlich am Ufer, einem Gegenstand gegenüber, der mich mit Schrecken erfüllte. Es war ein Pferdegerippe, das auf dem Sande lag. Die tiefen Augenhöhlen, die Nasenlöcher, der fleischlose Kiefer, der wie in einem teuflischen Gähnen weit offen stand und das scheußliche Gebiß sehen ließ, machten mir einen so jähen und so starken Eindruck, daß ich mit aller Kraft meiner Lungen schrie: »Großvater, o Großvater!« Mein Großvater kam zum Vorschein, ich warf mich in seine Arme und zog ihn schnell von dem Orte des Schreckens fort. Als man mich abends zu Bett brachte, war ich noch sehr unruhig und aufgeregt und fürchtete mich vor dem Augenblick, wo ich allein bleiben würde. Auf mein Bitten wurde gestattet, daß die Tür zu dem Zimmer, in dem meine Eltern zu Abend speisten, angelehnt blieb, und bald darauf befreite mich der Schlaf von meiner Furcht.   Im folgenden Jahre starb mein Großvater. Sein Verschwinden rief bei mir kein Gefühl der Leere hervor; weit mehr rührte mich der Schmerz meines Vaters, dessen Niedergeschlagenheit und Traurigkeit mir Tränen erpreßten. Man zog mir schwarze Kleider an, umwickelte meinen Hut mit einem Trauerflor, und als der Tag des Begräbnisses kam, mußte ich dem Leichenzug mit meinen Angehörigen folgen, die alle, wie ich, lange schwarze Mäntel anhatten. Als wir das Haus verließen, wagte ich nicht, meinen Vater zu fragen, wohin wir gingen; abgesehen davon, daß mein Kummer mich schüchtern machte, stand ich mit ihm, wie das bei Kindern gewöhnlich der Fall ist, nicht so vertraut wie mit meinem Großvater. Was mein Großvater mir von den Toten und der Erde, in die man sie legt, erzählt hatte, war meinem Gedächtnis wieder entschwunden, so daß ich auf dem Wege mehr neugierig als unruhig war. Als ich vollends hörte, wie meine erwachsenen Verwandten hinter mir sich von gleichgültigen Dingen unterhielten und die Vorübergehenden grüßten, kam mir die Feierlichkeit gar nicht mehr traurig vor. Am Stadttor präsentierte der Posten, und die Soldaten der Wache stellten sich in Reih und Glied, um das gleiche zu tun. Ich wußte nicht, daß es unsertwegen geschah, aber ich erblickte darin eine sehr angenehme Abwechslung. Einer der Soldaten, den ich wegen seines martialischen Aussehens besonders aufmerksam betrachtete, lächelte, als er mich erblickte; ich glaubte, daß er wegen meiner Ausstaffierung lache und errötete, und so oft die Blicke der Vorübergehenden auf mir ruhten, errötete ich von neuem. Während ich mich durch diese Eindrücke und durch tausend andere Nichtigkeiten, die meine Augen trafen, zerstreuen ließ, hatte ich nicht gemerkt, welche Richtung der Zug nahm. Plötzlich fand ich mich in der Buchenallee wieder, dem großen Portal gegenüber; die Eindrücke vom Jahre vorher stellten sich in meinem Geiste wieder ein, und ich zweifelte nun nicht länger, daß ich Teilnehmer an einer Toten- und Begräbnisfeier sein sollte, deren finsteres Geheimnis mich schon so oft aufgeregt und verwirrt hatte. Nun kehrten meine Gedanken zu meinem Großvater zurück, der, wie ich wußte, in dem Sarge lag. Ich begriff, daß man ihn nach den Gebräuchen, von denen er mir erzählt, in die Erde versenken wollte; da ich noch unfähig war, mir einen Toten zu denken, so stellte ich mir vor, daß er ganz lebendig in den engen Kasten gebettet wäre, und ich wartete voller Angst, was weiter mit ihm geschehen würde. Obgleich zu der Furcht, die ich empfand, auch etwas Neugierde hinzukam, so hoffte ich doch, daß sich alles in einer gewissen Entfernung abspielen, und daß wir durch das Tor nicht hindurchgehen würden. Aber es kam anders. Ich hatte noch nie einen Kirchhof gesehen und mir von diesem traurigen Ort eine schreckliche Vorstellung gemacht; ich war deshalb ziemlich beruhigt, als ich beim Eintritt Bäume, Blumen und Sonnenstrahlen bemerkte, welche die Oberfläche einer weiten Wiese vergoldeten. Alsbald erfüllte sich meine Phantasie wieder mit sanfteren Bildern; so sah ich meinen Großvater wieder vor mir, wie er mir im Jahre vorher am Ufer der kleinen Bucht erschienen war. Ich stellte mir vor, daß er diese Wiese bewohnen und sich an der Sonne ausruhen würde, wie es seine Gewohnheit an schönen August- oder Julitagen gewesen war. So sehr beschäftigte mich dieser Gedanke, daß in einer ganz natürlichen Rückwirkung, Ruhe und Frieden alsbald in mein Herz zurückkehrten. Immerhin verursachten mir verschiedene Dinge noch einige Unruhe. Von Zeit zu Zeit kamen wir an Steinen mit Inschriften und kleinen Gehegen vorbei, die mit schwarzen Geländern eingefaßt waren. Neben einem derselben hatte ich von fern eine Frau in andachtsvoller Stellung bemerkt; ich nahm an, daß sie sich umdrehen würde, um uns beim Vorbeigehen sehen zu können. Aber sie wandte keinen Blick von dem kleinen umschlossenen Raum, über den sie sich geneigt hatte, und ein unterdrückter Seufzer, der mir von da zu kommen schien, wo sie kniete, versetzte mich in die äußerste Aufregung. Wie ich sie so unbeweglich sah, stellte ich mir vor, daß der Seufzer unter dem Grase hervorkam, das in dem Gehege wuchs, und das Bild des Toten, der unter der Last der Erde auf ihm ächzte, machte mich starr vor Schrecken. Während ich so erschüttert war, bemerkte ich vor dem Zuge zwei Männer, die auf uns zu warten schienen. Je mehr wir uns ihnen näherten, desto mehr machten mir ihre schwarze Erscheinung, ihre strengen Züge, ihr stilles Gebaren einen immer düsteren Eindruck. Als aber der Leichenwagen anhielt und ich Schaufeln und Hacken und ein großes Loch in der Erde erblickte, da fühlte ich, wie meine Beine zu zittern begannen. Diese schrecklichen Männer faßten den Sarg bei den Enden, setzten ihn in das Loch, ergriffen ihre Schaufeln und bedeckten ihn mit der zu beiden Seiten der Grube angehäuften Erde. Neben dem schallenden Geräusch der Steine und Erde, die auf das Holz fielen, ließ meine Einbildung mich ächzende Rufe und Seufzer hören, und als der Lärm dumpfer wurde, glaubte ich das unterdrückte Röcheln meines Großvaters zu vernehmen. Kurze Zeit darauf waren wir wieder zu Hause. Mein Vater gab sich einem heftigen Schmerz hin, und ich teilte denselben, da ich überzeugt war, daß er über die Martern weinte, die mein armer Großvater unter der Last der auf ihm ruhenden Erde erdulden mußte. Ich muß wohl von Natur sehr furchtsam sein. Diese Eindrücke sind für mich unauslöschlich geblieben; sie können immer wieder erwachen: in der Nacht, in der Einsamkeit und immer dann, wenn meine Seele weder durch Gedanken oder Empfindungen noch durch ein bestimmtes Ziel beschäftigt wird und ihnen freien Zutritt läßt. Aber ich will die Erzählung der Ereignisse wieder aufnehmen, die mich wenige Jahre später die Beute noch weit heftigerer Gemütsbewegungen werden ließen. Es war in den ersten Tagen meiner Jünglingszeit. Wie das in diesem Alter zuweilen vorkommt, hatte sich die Liebe mit der ganzen Heftigkeit eines ersten Angriffs meines jungen Herzens bemächtigt. Ganz eingenommen von meinen liebevollen Gedanken, fortwährend mit holden Wahngebilden beschäftigt, war ich ein Träumer geworden, dazu schweigsam und unfleißig. Mein Vater bekümmerte sich darüber, und mein Lehrer versicherte, daß ich für die toten Sprachen gar keine Begabung besäße. Jünglingsliebe habe ich gesagt. In der Tat, ich war für ein junges Mädchen entbrannt, das zur Not meine Mutter hätte sein können; darum war ich auch eifrig bemüht, meine heimliche Flamme vor jedermann zu verbergen; das Geheimnis erhielt sie lebendig und rein, der Spott hätte sie ausgelöscht. Die Herrin meiner Gedanken war ein schönes Wesen, das in demselben Hause wohnte wie wir. Sie kam oft zu meinen Eltern, und dank meinem Alter ging ich in ihrer Wohnung ungehindert ein und aus. Je mehr ich mich in sie verliebte, desto mehr Vorwände fand ich, um sie häufiger zu besuchen, um länger bei ihr zu verweilen; schließlich brachte ich ganze Tage bei ihr zu. Ich stand neben ihr, während sie mit einer Nadelarbeit beschäftigt war, und da ich es nicht wagen durfte, zu seufzen, so schwatzte ich, hielt ihre Wollsträhne oder lief ihrem Knäuel nach, wenn er auf den Fußboden gerollt war. Wenn eine häusliche Pflicht sie aus dem Zimmer rief, so benutzte ich diese Augenblicke, um mit Entzücken die Gegenstände zu küssen, die sie berührt hatte; oder ich fuhr mit meinen Händen in ihre Handschuhe, und damit der Hut, der auf ihren Haaren geruht, auch die meinigen berührte, so setzte ich mir plötzlich den ihrigen auf, wobei ich mich entsetzlich fürchtete, überrascht zu werden, und schließlich gar noch über mein eigenes Rotwerden errötete. Ach! Und doch! Eine so schöne Leidenschaft sollte einen unglücklichen Verlauf nehmen. Aus Scherz, ich nahm es aber ernsthaft; nannte mich das Fräulein seinen »kleinen Mann«. Diese Bezeichnung war mein Vorrecht, das ich mit keinem andern teilte, was allein schon genügte, um es mir unendlich teuer zu machen. Eines schönen Abends stieg ich zu meiner Herrin hinauf, die mich selbst gebeten hatte, an diesem Tage zu einer Familienvereinigung zu ihr zu kommen. Strahlend trat ich in den Salon ein. Mit dem Recht, das ich mir nahm und das mich entzückte, während es mehrere erwachsene Verwandte schwer verletzte, hatte ich Grüße und Freundlichkeiten nur für meine schöne Nachbarin, der ich alle Liebenswürdigkeit weihte, über die ich zu verfügen vermochte; da trat ein großer junger Mann ins Zimmer, der mir sofort stark mißfiel, weil er die Aufmerksamkeit meiner Herrin von mir ablenkte: plötzlich sagte er zu mir: »Sieh da, Sie sind der kleine Mann; nun, ich werde der große sein... Ich hoffe, wir werden gut zusammen auskommen.« Alle Welt begann zu lachen, zumal als man sah, wie ich meine Hand, die er ergriffen, verstimmt zurückzog und ihm einen Blick wie ein Tiger zuschleuderte. Bei diesem Lachen fühlte ich, wie der Ärger, die Beschämung, die Verwirrung mich übermannten, und ich stürzte hinaus. Ich wagte es nicht, sofort zu meinem Vater zurückzukehren, und außerdem hatte ich nur den einen Wunsch, mich fern von allen Menschen meinem Schmerz hingeben zu können. Sobald ich allein und außerhalb der Stadt war, stürzten meine Tränen hervor. Ich war lächerlich und doch sehr zu beklagen. Ohne Frage, meine Liebe war ziel- und hoffnungslos, selbst in meinen eigenen Augen. Aber wie sie unschuldig und verfrüht war, so war sie auch rein, aufrichtig, voll Frische und Saft, und seit einiger Zeit machte sie mein Leben aus. Ich wußte sehr gut, daß ich erst das Gymnasium zu absolvieren hatte, ehe ich ans Heiraten denken konnte: ich dachte auch noch gar nicht daran. Aber daß ein anderer sie heiraten sollte, sie, der ich voller Entzücken meine Dienste geweiht hatte, das war das verhängnisvollste Ereignis für mich bis zu diesem Zeitpunkt und mußte mein Glück zertrümmern. Von Kummer und Ärger, von Eifersucht und Zorn verzehrt, hatte ich weder auf die vorgerückte Stunde, noch auf die Richtung geachtet, die meine Schritte nach einer Örtlichkeit genommen hatten, die ich sonst nicht für einen nächtlichen Spaziergang ausgesucht haben würde; aber plötzlich kam ich wie vom Blitz getroffen zu mir, als die Turmuhr zu schlagen begann und ich zwölf Schläge gezählt zu haben glaubte. Die Stadttore waren also für mich seit einer Stunde geschlossen. Ich hoffte, mich getäuscht zu haben und lief mit aller Kraft vorwärts, als die entfernte Uhr eines Dorfes zu schlagen begann; ich zählte mit schrecklicher Angst neun, zehn, elf Schläge... der zwölfte vernichtete mich. Nichts ist so unerbittlich wie eine Kirchturmuhr. Ich gestehe, daß ich in diesem Augenblick meine Liebe vergaß, aber ich fand darum meine Ruhe nicht wieder, denn der Gedanke an die Angst der Meinigen erfüllte mich mit der furchtbarsten Qual. Sie würden mich verloren, gestorben glauben; und in meiner Einfalt ging ich so weit, zu fürchten, daß sie mein Verschwinden mit der Erzählung meiner Nachbarn über meine Scham, meine Verzweiflung, mein plötzliches Fortlaufen in Verbindung bringen würden. Aber wohin, glaubt man, hatten mich meine Füße getragen? Unter die Weiden; auf den Fußweg, an den Platz, wo ich vor sechs Jahren den Fischer beobachtet hatte. An dieser Stelle schluchzte ich nun heute, ohne zu wissen, wozu ich mich entschließen sollte. Gleichwohl waren meine Gedanken, mit denen ich mich ganz zu Hause, inmitten meiner Familie befand, noch nicht von Furcht beherrscht; auch sah ich durch meine Tränen hindurch am andern Ufer ein Licht schimmern, das mir, ohne daß ich es ahnte, Gesellschaft geleistet hatte. Als dieses Licht bald danach erlosch, ergriff mich zum erstenmal das Bewußtsein meiner Einsamkeit. In dem Augenblick, da es verschwand, unterdrückte ich unwillkürlich mein Schluchzen und empfand nun die Stille der Nacht um mich. Ich suchte die Finsternis zu durchdringen; dabei sah ich Formen und Gestalten, die mich der bleiche Schimmer des kleinen Lichts hatte übersehen lassen, und während ich diese Prüfung anstellte, trockneten meine Tränen vollständig. Bald dachte ich nicht mehr an meine Familie, obgleich ich alle Anstrengung machte, meine Gedanken, die bereits voller Angst sich mit den Nachtschatten um mich beschäftigten, gerade bei diesem Gegenstande festzuhalten. Da ich es kommen sah, daß jeder Augenblick die Schrecken, von denen ich mich bedroht fühlte, noch vergrößern würde, legte ich mich sanft unter der Hecke, die mich von den Gärten trennte, nieder und faßte den festen Entschluß, einzuschlafen. Der Gedanke war gut, aber die Ausführung schwierig. Meine Augen blieben zwar geschlossen, aber mein Kopf wachte mehr als beim hellen Tageslicht, und meine weit geöffneten Ohren ließen mich in dem kleinsten Geräusch die furchtbarsten Gestalten vermuten, die den Schlaf immer mehr von meinen Lidern fernhielten. Ich gab deshalb meine Anstrengungen auf und sann auf einen anderen Ausweg, um meine Gedanken auf irgend etwas zu konzentrieren und mich dadurch von den Ausgeburten meiner Phantasie zu befreien. Ich stellte mir die Aufgabe, bis hundert, bis zweihundert, bis tausend zu zählen; aber nur meine Lippen verrichteten den Dienst und mein Gehirn ließ sie zunächst gewähren. Ich war bei der Zahl zweihundertneunundneunzig angelangt, als ich zwei Schritt von mir im Laub ein Zischen vernahm; ich beeilte mich, mit meiner Arbeit schneller fertig zu werden, um dadurch besser über die Vorstellung von feuchten Schlangen und starr blickenden Kröten hinwegzukommen, die ich alsbald geneigt war, hinter dem Geräusch zu vermuten. Meine Aufregung wurde aber nur noch größer; bald verkörperte mir das Zischen so seltsame, so entsetzliche Gestalten, daß ich es doch vorzog, lieber die Anwesenheit von Schlangen vorauszusetzen. Schließlich, sagte ich zu mir selbst, haben Schlangen gar nicht so etwas Furchtbares an sich; Schlangen sind unschuldig, zumal ... (o, wie gelegen kam mir der Gedanke!) wenn es nur eine Eidechse ist. Da ertönte das Zischen von neuem, und diesmal noch näher; nun wähnte ich mich bereits erschnappt, verschlungen, zerkaut; ich sprang auf und durchquerte die Hecke, so voller Schrecken über das gehörte Geräusch und meine eigene Bewegung, daß ich kaum merkte, wie mir die Spitzen der Dornen die Haut zerrissen. Als ich mich auf der anderen Seite befand, empfand ich eine große Erleichterung. Hier war ich nun zwischen Salat-, Kohlbeeten und kleinen Wasserrinnen, alles Dinge, die mich an Menschenarbeit mahnten und dadurch das Gefühl der Einsamkeit verminderten. Ich erinnere mich, daß ich das Wohlbehagen, welches ich darüber empfand, dadurch zu verlängern suchte, daß ich mir alle Einzelheiten der Bodenbearbeitung vor Augen führte, der ich ja so oft und gerade an dieser Stelle zugesehen hatte: den Männern, die im Sonnenbrand den Boden umgruben, den Frauen, die Gemüse pflückten, den Kindern, die Unkraut rupften, kurz, der ganzen ländlichen Idylle. Nur an die Bewässerung vermied ich es, zu denken, aus Furcht, dann auch gleichzeitig an das große Rad denken zu müssen, das in diesem Augenblick nicht sehr weit von mir sich bewegte. Und dann war ich jetzt unter dem Gewölbe des Himmels, das allein des Nachts keinen Schrecken einjagt. Ich hatte einen weiten Raum und etwas Helligkeit um mich. Wenn er kommt, dachte ich, werde ich ihn kommen sehen. Wenn er kommt! Erwartest du denn jemanden? Ohne Zweifel! Und wen? Den, welchen man erwartet, wenn man Furcht hat. Und hattest du nie Furcht, Leser? Nicht des Abends, an der Kirche, beim Widerhall deiner Tritte? Nicht des Nachts, wenn der Fußboden krachte? Nicht, wenn du schlafen gingst, und, das eine Bein bereits im Bett, nicht wagtest, das andere nachzuziehen, aus Angst, daß von unten eine Hand ...? Nimm das Licht, sieh ordentlich nach! Nichts, niemand. – Gut, stell das Licht hin, sieh nicht mehr hin. – Doch ... da ist es von neuem ...! Das ist der Jemand von dem ich spreche. Ich blieb also unbeweglich in der Mitte der Ebene stehen; aber nunmehr fing die Idee des Raumes um mich herum, die mir zuerst eine Erleichterung gewesen war, an, mich in der unerfreulichsten Weise zu beherrschen; nicht so sehr der Raum vor mir, wo mir ja nichts entgehen konnte, als der hinter mir und zu meinen Seiten, wo meine Blicke nicht hinzudringen vermochten. Denn wenn man fühlt, daß »er« kommt, ist es immer von der Seite, die man gerade nicht beobachtet. Ich drehte mich deshalb oft und plötzlich um, wie um »ihn« zu überraschen; dann wendete ich mich wieder schnell zurück, um »ihn« auf der andern Seite nicht ohne Überraschung zu lassen. Aber nun waren es diese seltsamen Bewegungen selbst, die mir Furcht machten; ich verschränkte deshalb die Arme und begann in gerader Linie auf und ab zu gehen, sehr zum Schaden der Kohl- und Salatköpfe, denn nicht um ein Kaiserreich wäre ich nach dem Gebüsch und den Fußsteigen zu abgewichen. Noch weniger aber würde ich nach der anderen Seite der kleinen Ebene ausgewichen sein. Denn dort hatte ich ja in meinen Knabenjahren ausgestreckt auf dem Ufersande gesehen ... Wenn ich nun auch, wenigstens mit einem Auge, dieser Seite eine ganz besondere Aufmerksamkeit widmete, so vermied ich es doch, gerade dorthin zu blicken, und vor allem, mir über die Gründe Rechenschaft zu geben, die mich davon abhielten. Aber diese Anstrengung wandte sich gegen mich selbst. Während ich das Ungeheuer zurückzustoßen glaubte, gab ich mir eine Blöße; indem ich es von meinen Gedanken fernhalten wollte, führte ich sie erst darauf hin...; schon erzwang es sich den Eintritt! Eine scheußliche Vereinigung von Knochen und Zähnen, ein Auge ohne Ausdruck, ein Untier ganz aus Rippen und Wirbelbeinen, die sich krachend bewegten, so trottete es auf mich zu. Schon machte ich mich darauf gefaßt, den Kampf mit ihm aus der Nähe aufnehmen zu müssen, da tauchten plötzlich – ich hatte wohl nicht bemerkt, daß ich inzwischen weiter gegangen war – zwei Schritt von mir die riesigen Arme des großen Rades auf, die sich geheimnisvoll in der Finsternis umdrehten. Ich fühlte mit Schrecken, wie das Rad und das Untier sich einander nähern würden, nahm allen meinen Rest von Mut zusammen, ging langsam wieder zurück und begann eine flotte Melodie zu pfeifen. Wenn ein Mann, der Furcht hat, darauf verfällt, zu pfeifen, so kann man sicher annehmen, daß seine Stimmung auf dem Tiefpunkt angelangt ist. Kaum war ich umgekehrt, da vollzog sich die Annäherung des Ungeheuers mit den Wirbelbeinen an das große Rad. Ich hörte es galoppieren, ich fühlte seinen Atem, glaubte es schon in meinem Nacken. Gleichwohl wollte ich standhalten und verlangsamte meinen Gang, wie um ihm zu imponieren; aber diese Anstrengung ging über meine Kräfte; ich beschleunigte wieder meine Schritte, ich lief, ich flog bis zu dem Fuß einer Mauer, die mir den Weg versperrte. Dort stand ich atemlos still. Eine Mauer, das ist etwas in solcher Lage. Zunächst einmal ist es eine Mauer: ein weißes, festes Ding ohne Geheimnisse, ein Ding, das aus dem unbestimmten, von Phantomen bevölkerten Raum eine greifbare Wirklichkeit macht. Sodann konnte ich mich dagegen anlehnen und von da aus Umschau halten. Letzteres tat ich denn auch. Als ich mich umdrehte, sah ich nur leere Finsternis. Aber das Untier lebte darum nicht minder in meiner Einbildung; ich nahm an, daß es bereit sei, auf mich loszubrechen, von allen Punkten aus, deren Anblick mir durch die Nacht verhüllt wurde. Aus dem Grunde begann sich meine Angst bereits auf die andere Seite der Mauer, an die ich mich gelehnt hatte, zu übertragen, als ein Geräusch, das mir von dorther zu kommen schien, meine Aufmerksamkeit und meine Furcht ganz nach dieser Richtung fesselte. Es war ein Geräusch, ähnlich dem, das die Nachteulen ertönen lassen. Kein Zweifel, es war das Untier ... Ich fühlte es; ich sah, wie es über die Mauer kletterte, wie es seine Knochenfinger zwischen die Ritzen der Steine schob. Die Augen stier auf den Mauergrat gerichtet, wartete ich von Sekunde zu Sekunde, daß das Tier seinen Kopf langsam vorschieben und die beiden Augenhöhlen ihren unbeweglichen, starren Blick auf mich richten würden. Diese Situation wurde unerträglich, die Angst trieb mich ihm entgegen. Das war mir jetzt lieber, als es zitternd und wie verzaubert zu erwarten. Ich half mir also mit einigen Rudern, die die Fischer an die Mauer gestellt hatten, kletterte herauf und setzte mich rittlings auf sie hin. Es war nichts zu sehen. Obgleich ich das eigentlich erwartete, genoß ich doch die volle Freude der Überraschung. Furchtsame Leute leihen ihr Ohr zwei inneren Stimmen, die einander widersprechen: der der Furcht und der des gesunden Menschenverstandes; da sie nun bald auf die eine, bald auf die andere, bald auf beide zugleich hören, so sind sie natürlich den seltsamsten Widersprüchen unterworfen. Anstatt des Untiers sah ich eine von Mauern umgebene Ebene, weiterhin Bäume und darüber hinweg die Stadt, die von dem dicken Turm von Saint-Pierre beherrscht wurde. Der Anblick der Stadt machte mir Freude; aber in den Häusern brannte kein Licht und der Turm von Saint-Pierre hatte auch nichts recht Beruhigendes an sich... da ertönte das Glockenspiel der Turmuhr... All meine Angst war plötzlich verschwunden. Dieser bekannte Ton entzückte mich wie am hellen Tage und der Gedanke, daß andere ihn mit mir hörten, ließ mich ganz und gar das Gefühl meiner Verlassenheit verlieren. Ich wurde wieder ruhig, tapfer, kühn ... aber leider nur für eine ganz kurze Spanne Zeit. Das Glockenspiel schwieg, die Uhr schlug zwei, und die ganze Natur, die scheinbar mit mir dem Glockenspiel gelauscht hatte, schien nun wieder ihre ganze Aufmerksamkeit auf mich, der ich da oben auf der Mauer saß, zu konzentrieren. Ich machte mich klein, ich suchte mich unsichtbar zu machen, ich legte mich schließlich der Länge nach auf dem schmalen Grat hin: vergebliches Beginnen, den Blicken zu entgehen. Die Kohlköpfe, wirklich selbst die Kohlköpfe, die in langen Reihen gepflanzt waren, erschienen mir als in Reih und Glied gestellte Köpfe, mit grinsenden Mäulern und tausenden von Augen, die sie auf mich richteten. Da zog ich es doch vor, wieder herabzusteigen, aber wegen des großen Rades stieg ich an der anderen Seite der Mauer herunter. Ich hatte glücklich einige Schritte zurückgelegt, als ich gegen einen Gegenstand stieß, den ich in dem schwarzen Schatten nicht hatte unterscheiden können. Bei dem plötzlichen Anprall stieß ich einen Schrei aus; ich glaubte nicht anders, als daß es das Untier wäre. Aber als ich von diesem ersten Eindruck zurückkam, fühlte ich, daß ich eine schwarze Einzäunung berührt hatte, und nun rieselte kalter Schweiß über meinen Körper... Ich war auf dem Kirchhof. Als mir dies so plötzlich zum Bewußtsein kam, erhoben sich tausend schreckensvolle Gestalten vor mir; sie schossen auf, wie aus dem innersten Kern eines bläulichen Feuers, das sie mit Totenblässe umgab. Wurmstichige Gespenster waren es, Schädel, Knochen, eine schwarze Frau, scheußliche Totengräber... Aber das Furchtbarste von allen, das schließlich die andern verdrängte, war das Gespenst meines Großvaters, das zur Hälfte noch in der Erde ruhte. Seine entstellten Züge zeigten hohle Knochen, leere Augenhöhlen; sein zahnloser Mund schien eine Klage zu unterdrücken, und mit seinen fleischlosen Armen suchte er mit größter Anstrengung, die schmutzige Erde beiseite zu schieben. Völlig außer mir, ging ich rasch vorwärts, um mich von diesem Gedanken und gleichzeitig von den schwarzen Einzäunungen zu entfernen. Aber je weiter ich ging, je mehr stieg das Gespenst aus seiner Gruft heraus; es drehte seine Augenhöhlen nach der Ebene zu, es hatte mich erkannt; schon eilte sein dumpfer, geheimnisvoller Schritt mir nach, und gewaltig klopfte mein Herz, als ob es mich jeden Augenblick erreichen könnte. Da fällt plötzlich mein Hut zu Boden, und ich fühle, wie eine kalte, harte Hand sich schwer auf meinen Kopf senkt... »Großvater! o, nicht doch, Großvater!« schrie ich und floh mit aller Schnelligkeit, die mir der Wahn und der entsetzlichste Schrecken gestatteten. Es waren die unteren Zweige einer Weide, an denen ich mich gestoßen hatte. Bei der Bewegung meiner Flucht, bei dem Geräusch meiner Schritte standen tausend andere Gespenster auf, und ich fühlte mich von einer ganzen Armee verfolgt, als es mir endlich gelang, das Kirchhofstor zu passieren; nun lief ich, was ich konnte, bis zu den Toren der Stadt. »Wer da?« rief mich die Schildwache an. Bei dem Klang dieser menschlichen Stimme: vorbei Trugbilder, Gespenster, Ungeheuer und Schlangen! – »Gut Freund,« antwortete ich mit beinahe leidenschaftlichem Ausdruck. Eine Stunde später war ich meiner Familie zurückgegeben. Diese Krisis tat mir sehr gut. Ich vergaß meine Liebe und fand Meinen Hut wieder. Ende.