Carl Sternheim Der Abenteurer Drei lustige Stückchen von ihm   Personen Personen des ersten Stückes Henry , Herzog von Bourbon, Prinz von Condé Thérèse , seine Gattin Casanova von Seingalt Ein Diener des Herzogs Ein Diener des Casanova Personen des zweiten Stückes Casanova Antonio Lucrezia , dessen Frau Der Diener des Casanova Personen des dritten Stückes Casanova Alfreddo , der Wirt Maria , sein Weib Ein Fremder Knechte und Mägde des Alfreddo Erstes Stück Paris. Die Wohnung des Casanova Es klopft Diener : Darf ich öffnen? Casanova : Öffne. Diener (geht und kehrt zurück) : Der Herzog von Bourbon, Prinz von Condé-Montmorency. Casanova : Welcher Name! (er geht ihm entgegen) Herzog (tritt ein) : Mein Herr ... Casanova : Sie sehen mich glücklich, den Träger eines solchen Namens bei mir zu sehen. Ich kann Chantilly nur mit Tränen in den Augen bewundern. Ich bin außer mir, daß Anne de Montmorencys Enkel mit mir spricht. Wie geht es den Karpfen, den Pfauen, der Meute von Chantilly? Herzog : Die Kreatur befindet sich besser als der Mensch. Casanova : Was höre ich! Kann irgendein Schmerz der Erde die Wonne betäuben, Montmorency zu heißen? Herzog : Ihre Liebe zu einem alten Namen ist rührend. Casanova : Rührend ist dieser Name selbst, der den Königen Frankreichs Entzücken einflößte. Heinrich IV. mit dem schönen Barte ging nur an einem Feiertag nach Chantilly. Herzog : Wie bewundernswert wiederum, einen geringeren Namen vom Vater ererbt zu haben und ihn mit dem Geist der eigenen Persönlichkeit zu erfüllen. Der Zauber, den Sie dem Ihren verliehen, führt mich hierher. Ich will nicht sagen ganz Europa, aber die Welt hat mit Erstaunen von Ihrem Leben gehört, das einen seltenen Grad von Kühnheit und Edelsinn bezeugt und auch den Lohn erzählt, den Frauen Ihren Tugenden zollen. Nehmen Sie Platz. Wir sind am Ziel. Ich will Ihnen erzählen. Casanova : Ich brenne, Ihre Geschichte zu hören. Herzog : Ich füge meinem Namen einen edleren bei: Orléans. Ich habe Thérèse Bathilde von Orléans vor zwei Jahren zu meinem Weibe gemacht. Sie war vornehm und schön. Ich selbst gefiel ihr schnell, als wir uns am Wiener Hofe sahen; wir kehrten in die Stadt zurück. Casanova : Nach Paris? Herzog : Nach Paris. Das junge Mädchen wurde eine beneidete junge Frau; sie schien mir glücklich; ich gestehe im übrigen, nicht viel darüber nachgedacht zu haben, es war nur selbstverständlich. Sie ging in den Gärten einher und gab ein gutes Bild, bewegte sich im Hause mit hinreichendem Anstand, sie sang und erfreute mich auf mannigfaltige Weise. Kurz, unser Glück war vollständig. Mitteilungen über Sie, Herr Casanova, haben mir einen bedeutenden Begriff Ihrer Verschwiegenheit beigebracht. – Vor drei Monaten etwa, es war Frühling geworden ... Casanova : Frühling in Chantilly! Herzog : Die Frau wird schweigsam. Schaut mit großen seltsamen Augen. An was denkt sie? Casanova : An den Frühling. Herzog : Woran denkt sie? Ich jage. Kehre mit großer Beute heim, die ich zu ihren Füßen niederlege. Sie sieht mich überlegsam an. Ich reiße sie mit mir in die großen Wälder, Sattel an Sattel jagen wir, und sie heftet ihr schweigendes Gesicht an eine Chimäre. An was? Sie liebt. Casanova : Endlich! Ich schwöre es Ihnen, Herzog, es bedarf geraumer Zeit, Vorzüge einer solchen Kultur zu erkennen, ehe man sie bis zur Schwärmerei anbeten muß. Herzog : Sie liebt ein Nichts, einen Garden des Königs. Casanova : Herzog! Herzog : Was sagen Sie? (er lacht) Casanova : Sie nehmen mir den Glauben zum Weibe. Herzog : Es ist die Wahrheit. Casanova : Und? Herzog : Nun, ich bedauere die Arme natürlich ganz außerordentlich. Casanova : Was haben Sie an Beweisen? Herzog : Ich habe alle Beweise. Casanova : Alle? Herzog : Alle. Casanova : Entsetzlich! Herzog : Abscheulich. Ein peinliches Gefühl beherrscht mich, das ich nicht mehr lange ertragen will. Gewiß ist mein Mitleid mit ihr sehr bedeutend, aber ich gehöre nicht zu diesen allerbesten Christen, die dies Gefühl für die größte Menschentugend halten. Man soll nicht Spielverderber sein. Man soll nichts ernst nehmen als sich selbst. Immerhin mag ich nicht ansehen, daß ein Mensch von guter Erziehung und Manieren sie plötzlich vergißt und wie ein Gassenjunge tollt. Casanova : Hm. Herzog : Auf mir lastet Ungeheures. Ohne Beruf habe ich mehr zu tun als der Beschäftigtste. Sie glauben es nicht. Fünfhundert Menschen wollen von mir ihr Brot und verlangen danach unaufhörlich. Es ist routure, und ich verarge es dieser Klasse nicht. Seit Jahren ist die Bibliothek in Ordnung zu bringen. Ich weiß nicht, ob das berühmte Traktat der immaculata conceptione virginis, das zu suchen mir mein geliebter Vater ans Herz legte, vorhanden ist; es bedarf neuer Ställe, neuer Hürden, ich bin einer Verwandtschaft der Familie mit den Stuarts auf der Spur, historische Auspizien von der größten Tragweite, ich schätze Maria Stuart bedeutend – in dieses Chaos kommt dieser Unfall. Casanova : Sehr – sehr ... Herzog : Ich darf mich nicht zersplittern. Die Majestät hat vergangenen Donnerstag stundenlang mit mir Stammbäume durchgesehen: sie wäre ebenso entzückt wie ich – jetzt diese Weibergeschichte. Casanova : Einen Garden des Königs. Herzog : Ein Vieh mit einem Wort. Leutnant gänzlich unbekannten Namens. Gott sei Lob. Es ist, als ob ich mich mit einer Stallmagd brouillierte. Gewiß würde niemand etwas dabei finden, aber es geniert mich. Es geniert mich, mit einer Frau zu leben, die anscheinend ohne Unterscheidungsvermögen ist. Es ist dies Gefühl: mit einem Menschen durch eine Galerie zu gehen, der nicht weiß, wer Raffael und Watteau ist. Es ist, als ob ich einem Bauern ein Vollblut gebe, und er ist ohne Ahnung, was er reitet. Nein, umgekehrt, es ist, als ob ein Montmorency glaubt, ein Vollblut zu reiten, und er ist mit einer Schindmähre betrogen. Casanova : Ich verstehe Sie durchaus. Ich verstehe Sie so sehr, daß ich dieses Weib hasse. Herzog : Das ist zu viel. Casanova : Ich hasse sie. Ah, ich kann es begreifen, daß man einem Geldsack verheiratet ist und jauchzend einem Montmorency in die Arme fliegt. Ich fühle darin ein Hinauf, Hinan. Ich begreife, man ist einem alten Coligny vermählt und muß diesen Montmorency anbeten. Dies aber ist Sünde! Herzog : Zu viel. (er lacht) Sie echauffieren sich. Ich habe von Anfang an vermieden, die Sache ernster zu nehmen als sie ist. Schaun Sie, kommt so etwas vor, so ist es für uns ein Unglück, wenn es geschah, weil der Mann an Wert verlor. Im anderen Fall: ziehn Sie selbst den Schluß. Casanova : Bei Gott, Sie haben recht. Ich fühle Mitleid für diese Frau. Herzog : Das ist es. Mit Stolz darf ich sagen: ich bin der alte. Der Inhalt meiner Seele ist mit Gottesfurcht, Königstreue und Stolz auf die eigene Person auch weiterhin durchaus bezeichnet und durch diesen Akzident unverändert. Einen Augenblick Schweigen Herzog : Ich sagte Ihnen aber, daß mir von früh bis spät der Tag durchaus erfüllt wird. Ich gestehe, es ist mir unlieb und unwillkommen, mich dieser Geschichte auch nur um ein weniges mehr zu widmen, als sie es verdient. Trotzdem – ich liebe mein Weib. Nehmen Sie es als keine Phrase; ich liebe in ihr was schön und edel, was mir ebenbürtig ist. Sie ist eine Orléans, hat große Möglichkeiten. In ihr ist das Blut vorzüglich, hervorragend. Verstehen Sie noch einmal besser: mich geniert dieser Streich, dieser üble Witz. Ich möchte, daß er bald verklingt und ich möchte Ihnen anbieten ... Casanova : Ich nehme es an! Ich darf es. Mit ganzer Seele widme ich mich dieser Angelegenheit. Ich bin stolz darauf, daß ein Mann, daß Sie, Herzog, zu mir kommen, nicht um Genugtuung zu fordern für ein besudeltes Weib, sondern daß Sie von mir fordern, daß ich Ihrem Weibe die Augen öffne darüber, was groß und stolz ist und was verächtlich. Herzog : Es wird nicht schwer sein. Casanova : Des bin ich sicher. Wann sehe ich die junge Frau? Herzog : Heute, zum Souper. – Wissen Sie, daß Maria Stuart die Seele der Bourbons schöner fand als die der Habsburger? Dies Weib war urteilsfähig. Casanova : Kannte sie Anne de Montmorency? Herzog : Nein. Casanova : Schade.   In Chantilly. Die Bibliothek der Condé Herzogin (tritt ein) : Henry! Herzog : Thérèse? Herzogin : Ich habe Ihnen ein Geständnis zu machen. Herzog : Wollen Sie mir sagen, daß Sie einen fremden Mann lieben? Herzogin : Dasselbe. Herzog : Gut. Sie haben es gemacht. Drei Tage zu spät, aber enfin – einen Garden des Königs. Herzogin : Ich sehe, Sie sind gut bedient. Herzog : Ich hoffe etwas Ähnliches von Ihnen. – Ist die Sache zu Ende, weil Sie sie gestehen? Herzogin : Durchaus nicht. Ich will Ihnen sagen ... Herzog : Es wird in der Affäre nichts sein, das mich interessiert. Mein Gott, Sie lügen, gehen in Kleidern Ihrer Kammerfrau in abscheuliche Zimmer, verkehren mit Spitzbuben wie mit Ihresgleichen, aus Angst, man verrät Sie. Alles dies ist, obwohl es die Dichter glauben, nicht so lustig, daß man es weitererzählt. Ich bedaure Sie, ich bedaure Sie aufrichtig. Mehr kann ich nicht für Sie tun. Herzogin : Ja, aber – und Sie? Herzog : Ich? Was soll ich? Rasen? Morden? Wen? Ich sehe niemanden. Ich kann mit dem besten Willen niemand entdecken. Der König ist es nicht, unsere Vettern sind es nicht, ich brauche mich in meinem Kreise nicht zu schämen. Herzogin : Welche Moral! Herzog : Ich bedeute daß Sie dies Wort brauchen. Mir paßt es nicht hierher. Sie haben einen Spaß, Herzogin. Ist es der langen Rede wert? Herzogin : Es ist der Rede wert. Herzog : Sie täuschen sich, es ist nicht eines Wortes wert. Ich spiele nicht Komödie. Die Wahrheit ist: die Sache geht mir nicht so nah, die nächste Stunde mit Ihnen zu sein und Ihnen den Spaß auszureden. Ich bin zum König für den Abend gebeten. Herr Casanova von Seingalt ist bei uns; wollen Sie ihn bewirten? Diener (läßt Casanova eintreten) : Herr von Seingalt. Herzog (Casanova begrüßend) : Bleiben Sie bei der Herzogin. Ich muß zum König. Leben Sie wohl, Thérèse. Er verbeugt sich und geht Casanova : Ist Ihnen nicht wohl? Sie wurden bleich. Darf ich Sie in den Stuhl ... Er führt sie zu einem Sessel Herzogin : Mir ... Der Herzog vergaß ... Ich wollte diesen Abend fort. Ich muß fort! Casanova : Ich entferne mich sogleich. Herzogin : Es ist mir unendlich leid; wie gern hätte ich zu einer anderen Stunde mit Ihnen ... Casanova (für sich) : Sie muß bleiben! Herzogin, hören Sie mich an. Ich wurde wider allen Willen Mitwisser Ihres Geheimnisses. Sie lieben. Der Gegenstand Ihrer Liebe lebt nicht mehr. Herzogin : Sie sind toll. Casanova : Er fiel heute. Herzogin : Mein Gatte ... Casanova : Ich selbst habe ihn getötet. Die Herzogin fällt mit einem Aufschrei zurück Herzog (tritt ein) : Was geschah? Herzogin : Dieser ... Oh! Herzog : Wer? Casanova : Ich. Herzog : Was? Herzogin : Hat ihn getötet. Herzog : Wen? Casanova : Ihn. Herzog : Denselben? Casanova : Ihn. Herzog : Um Gottes willen! Casanova : Wie? Herzog : Doch nicht getötet? Herzogin : Mörder! Mörder! O ihr Himmlischen! (sie schluchzt fassungslos) Herzog (leise zu Casanova) : Ein Scherz? Casanova : Nein. Herzog : Aber mein Gott! Dann sind wir verloren. Casanova : Ich verstehe nicht mehr. Herzog : Ein letztes Wort: Wirklich tot? Casanova : Ich hoffe. Das heißt, ich will nunmehr sagen, es schien so. Herzog : Ein Schimmer von Hoffnung? Casanova : Als ich ging, lag er im Sterben. Herzog : Im Sterben? War ein Arzt da? Casanova : Auch das. Herzog : Bestimmt: im Sterben, nicht tot. Casanova : Ja. Herzog (stürzt davon) : So ist doch noch die Möglichkeit! Herzogin : Henry! Casanova : Ich bin betäubt. Herzogin : O, Sie furchtbarer Mensch! Sie Ungeheuer! Wie können Sie leben im Angesicht eines solchen Schmerzes. Casanova : Dieser Schmerz, so ergreifend und anmutig er ist, würde mich dennoch nicht zerschmettern. Nieder wirft mich eine unleidliche Gewißheit, die die Vernunft noch nicht annimmt, das Gefühl aber schon bestätigt: ich war ein Dummkopf. Herzogin : O sagen Sie mir, sagen Sie auch mir, daß er leben kann, – nein, sagen Sie es mir nicht! Keine neue Hoffnungen, keine Lügen. Wer kennt Sie nicht und die Erbarmungslosigkeit, mit der Sie Ihre wüsten Abenteuer enden. Casanova : Ich hatte keine Abenteuer. Herzogin : Diese Jugend! Diese Männlichkeit! Was hatten Sie mit ihm zu schaffen? Aber hüten Sie sich vor der Rache eines Weibes. Casanova : Ich muß mich eher vor der mitleidigen Verachtung eines Mannes retten. Herzogin : Was tat er Ihnen, der mir so wohl tat? Casanova : Er war ein Flegel. Ich bin nicht in der Laune, Ihnen seinetwegen Komplimente zu sagen. Ich gehe in seine Wohnung und fordere ihn mit allem Anstand auf, sich in die südlichen Provinzen zu begeben, und er – gibt mir eine Ohrfeige, worauf er für tot am Boden lag. Herzogin : Es ist empörend! Warum sollte er in die Provinz? Casanova : Die Pariser Luft litt durch ihn. Aber lassen wir das alles, betrachten wir das Wesentliche: Wir beide sind das Opfer eines Verhängnisses. Herzogin : Sie auch? Casanova : Ich auch. Herzogin : Ich werde meinen ganzen Einfluß aufbieten, daß Sie diesen grauenhaften Mord büßen müssen. Die schlimmsten Martern sollen Ihnen nicht erspart bleiben. Zum König selbst will ich gehen und ihn auf meinen Knien anflehen. Casanova : All dies werden Sie keineswegs tun, weil ich nicht Ihren Vater oder Bruder, sondern den Liebhaber getötet, den Sie aushielten. Herzogin : Es war nicht seine Schuld, daß er arm war. Casanova : Es gilt aber nicht als eine hervorragende Mannestugend. Herzogin : Tugend, Tugend! Ich habe ihn nicht auf seine Tugenden geprüft, da ich begann, ihn zu lieben. Er war jung und schön. Casanova : Sie behaupten also selbst, er war ein schöner Schuft. Herzogin : Unverschämter! Ich behaupte das Gegenteil. Wir kannten uns sechs Wochen. Ich habe nicht Zeit gehabt, seinen Katechismus zu hören, aber ich habe gefühlt ... Casanova : Ich gratuliere. Herzogin : Von Stunde zu Stunde habe ich es mehr gefühlt, was eine edle Frau zur Minute weiß, da sie sich hingibt: Du hast dich nicht fortgeworfen. Ja, mein Herr, mögen Sie auch geringschätzig lächeln: in glücklichen, erhabenen Minuten, da mir die Seele dieses Mannes nah war, wurde mir bewußt, er ist gut und rein. Und wenn er wenig sprach, es wenig bewies, so war es meine stärkere Pflicht, es zu empfinden, es an den Tag zu bringen. Und gerade die letzte Zeit brachte auch Anzeichen dafür, daß er aus sich herausgehen und euch allen beweisen würde, wer und wie er eigentlich war. Euch allen. Mir war es bewiesen. – Jetzt, da ich mit Ihnen spreche, den ich verabscheue, und da der erste heftigste Schmerz bezwungen, gelten meine Tränen schon nicht mehr so dem edlen Leibe, der dahin ist, klar und klarer treten mir seine Tugenden, die Sie leugnen, vor Augen, Zug um Zug fällt mir ein Beispiel seiner Güte, seiner Zartheit, seiner hinreißenden Bescheidenheit ein. Casanova : Seiner Bescheidenheit, seiner Heldenhaftigkeit! Herzogin : Auch seiner Heldenhaftigkeit. Wohl! Freilich nicht in dem rüpelhaften Sinn, den Sie damit verbinden, sondern die, die man gegen Frauen beweist. Sein Scharfblick, seine Scham, Wahrhaftigkeit, Nachsicht, Enthaltsamkeit, seine enge, aber abgrundtiefe Phantasie, sein gediegenes Wissen, das er allerdings nicht marktschreierisch zur Schau trug ... Casanova : Halten Sie ein! Herzogin : Ja, das mögen Sie nicht hören. Ich aber weiß dies alles nur zu gut; ich empfinde den teuren Verstorbenen wieder bis in die Seele, und es soll fortan kein Tag vergehen, daß ich mir all diese einzigen und unübertrefflichen Vorzüge vergegenwärtige und mich im Gebete würdige, ihrer teilhaftig gewesen zu sein. Casanova : O mein Gott, ich fange an, zu verstehen. Herzogin : Ja, ich beginne sogar schon ein wenig den Sinn des Himmlischen zu begreifen. Casanova : Welchen Sinn? Herzogin : Gierig und ohne recht bereitet zu sein, habe ich dieses Übermaß von Menschentugenden auf mich niederströmen lassen; betäubt habe ich und unwürdig seine Seele überhört, in der Befriedigung einer unedlen Sehnsucht. Wie mag dieser Mann gelitten, wie mag es ihm die Lippen verschlossen haben, da er mich sah, mich, die ich in anderer Erwartung an seinem Munde hing. O mein Gott ich beginne mich zu schämen. Casanova : Ich Tor, ich Elender! Herzogin : Nicht vor der Welt nicht vor euch. Vor ihm, vor ihm! Und kann es ihm nicht zeigen, wie sehr ich mich erniedrigen möchte zu seinen Knien, und er kann mich nicht sehen, wie ich demütig, reumütig empfinde, daß ich ihn nicht gekannt ihn nicht gewürdigt habe. Doch all mein zukünftiges Leben soll dazu dienen, sein hohes, sein hehres Bild zu schmücken. Dies muß mich in meinem unbeschreiblichen Schmerze trösten. Casanova (bei sich) : Jaja, der Herzog hat es gesehen! Dieser Mensch muß leben. Muß leben um jeden Preis. Er stürzt davon.   Zwei Wochen später. Der gleiche Raum Diener (meldet) : Herr von Seingalt Herzog : Vorzüglich. Willkommen lieber Freund. Aber – Sie sehen blaß aus. Geht es Ihnen nicht zum besten? Casanova (tritt ein) : Mir geht es schlecht. Ich gräme mich. Herzog : Worüber? Casanova : Über diese Angelegenheit, die mir die ganzen Tage und Nächte nicht aus dem Kopf wollte. Ich fühle mich schuldig, die Herzogin Ihnen noch weiter entfremdet, aus diesem Harlekin ein Götterbild gemacht zu haben. Herzog : Dies hitzige Temperament. Ihr Italiener! Sie fragen mich gar nicht, Sie poltern darauf los. Warum haben Sie sich in vierzehn Tagen nicht einmal sehen lassen? Casanova : Ich sagte es schon: ich schäme mich. Herzog : Warum, Bester? Sie waren unbesonnen. Sie waren sogar unklug. Sie begingen einen Streich, den ich Ihnen nach einer solchen Vergangenheit nicht zugetraut hätte; mais enfin ... Sie wollten das beste und schließlich war der Himmel doch mit Ihnen und rettete diesen Menschen vom Tode, der ihm sicher schien. Casanova : Zu spät. Als die Frau ihm schon ein Heiligtum errichtet hatte und darin betete. Herzog : Seltsam, wie töricht manchmal auch ein wirklich gescheiter Mensch ist. Hören Sie zu. Einen kurzen Augenblick hatte ich Angst, eben den, da es noch nicht entschieden war, ob der Kerl am Leben blieb; denn sein Tod, das wußte ich, hätte mich matt gesetzt, da gegen ein Idol auch ein Bourbon vergeblich sich einsetzt. Als dieses Wesen aber die erste Geflügelpastete verspeist hatte, und zwar bis zum letzten Bissen, als ich wußte, er sollte der Welt erhalten bleiben, da war ich ruhig wie nie zuvor. Denn eine Überlegung drängte sich sofort auf: Jetzt kämpft er mit dem Idol. Und das Idol erschlägt ihn. Idole haben diese unangenehme Eigenschaft. Sie schauen. Ich war des Sieges gewiß. Eins nur war zu fürchten, daß er noch und trotzdem starb. Ich zog die Konsequenz. Ich habe den Menschen mit hingebender Zärtlichkeit gepflegt; er ist von mir mit Austern, Cremes und Pasteten gefüttert und gemästet worden. Es war unglaublich, was in diesem Futteral Platz hatte; aber bald war es deutlich, er blähte sich von Tag zu Tag mehr auf. Schließlich bot er einen entsetzlichen Anblick; aber er war gesund wie ein Stier. Casanova : Bravo! Bravissimo! Herzog : Noch das Ende. Heute ist die Herzogin zu ihm. Ich weiß es. Sie kommt, ihr sphärenhaftes halb entseeltes Idol zu suchen und findet ein fettes Ungeheuer. – Aber lassen Sie uns nun an diese Affäre kein Wort mehr wenden. Ich sagte Ihnen damals schon, ich wollte ihr mich nicht mehr widmen, als unbedingt notwendig. Das Notwendige ist getan; wenden wir uns anderen Dingen, uns selbst zu. Casanova : Aber eins müssen Sie mir gestatten, Herzog, dies auszusprechen: Ein Stümper bin ich gegen Sie. Ich werde Kaufmann, Händler. Herzog : Sie sind jünger als ich. Man weiß mit fünfzig mehr als mit fünfundzwanzig Jahren. Casanova (erschrocken) : Herzog, Sie sind nicht fünfzig Jahre alt! Herzog : Ich bin einundfünfzig Jahre. Casanova : Nun schäme ich mich vollends und vom Grunde meiner Seele. Könnte ich Ihnen doch ein wenig, nur ein wenig ähnlich sein. Herzog : Haben Sie Selbstgefühl, Freund, und Sie sind es. Casanova : Ich bin nicht Bourbon. Herzog : Oh ... Casanova : Ich bin nicht Montmorency. Und es ist am Ende doch wahr: Dies Selbstgefühl wird aus Vater und Mutter, aus einer Ahnenreihe mit uns geboren. Herzog : Lesen Sie Rousseau, Freund. Casanova : Ich hasse diese Bestie. Herzog : Sie sind unmodern. Herzogin (tritt ein) : In viereinhalb Stunden von Paris hierher. Die Pferde flogen. Herzog : Achtung. Herzogin : Eine himmlische Fahrt, ein himmlisches Ankommen. Chantilly ist wunderbar im Sommer, meine Freunde. Herzog : Was trieb Sie? Herzogin : Mir war die Stadt verhaßt, es zog mich hierher. Ich wollte zu Tisch hier sein, mit Ihnen essen, Henry. Casanova : Haben Sie mir vergeben? Herzogin : Nein; doch in einem Sinne vielleicht, den Sie nicht ahnen, (zum Herzog) Wer machte Ihnen diesen vorzüglich sitzenden Rock? (zu Casanova) Finden Sie nicht, daß der Herzog sich gut anzieht? Casanova : Wie ein Gott, Herzogin. Herzogin : Sie haben recht.   Zweites Stück Rom. Ein Zimmer in einer vornehmen Herberge Lucrezia (mit gelöstem Haar in einem Sessel) : Ich bin unglücklich. Casanova : Du bist unbescheiden, mein Kind. Lucrezia : Was habe ich jetzt? Dich, Scheusal. Casanova : Was für ein entzückendes Scheusal, um das dich die Frauen Roms und der ganzen Erde beneiden. Lucrezia : Wie lange wird's dauern? Tausend Nachfolgerinnen werde ich haben, wie ich tausend Vorgängerinnen gehabt habe. Casanova : Du überschätzest mich. Lucrezia : Ich kenne dich. Casanova : Ein großes Wort Lucrezia : Ich wußte von dir, ehe ich ahnen konnte, daß ich dich je sehen würde. Dein Ruf ging dir voraus und warb für dich. Casanova : Mein Ruf als Beichtvater? Lucrezia : Ihre Tugend beichten dir die Frauen. Ihre Schmerzen um ihre Tugend – und du erlösest sie. Casanova : Gern. Lucrezia : Du täuschest ihr Vertrauen. Casanova : Nein. Sie täuschen das meine. Ich hielt noch eine jede für engelhaft rein, und noch immer war ich der Betrogene. Lucrezia : Spitzbube, wie willst du dich von deinen hunderttausend Verbrechen lösen? Casanova : Fürchtest du für mich? Lucrezia : Dein Gewissen muß doch zusammenbrechen. Casanova : Mein Gewissen beschwert mich nicht mit Vergangenem. Lucrezia : Ich bin schuldlos. Casanova : Sicherlich. Hattest du vor Gott nicht den besten Willen? Lucrezia : Ich bin ihm ein treues Weib gewesen. Casanova : Das soll einer leugnen! Soll nur einer sagen, Lucrezia habe nicht tausend Anfechtungen bestanden, er kommt vor meinen – vor Gott ... Lucrezia : Wenn ich eine sah, von der das Gerücht ging, sie sei auf Abwegen, und man wies auf den und den – ich konnte es nicht fassen, ich verurteilte sie. Casanova : Unsere Religion lehrt Milde, und sie weiß warum. Lucrezia : Es darf nicht immer das gleiche Maß sein. Wenn uns einer entgegentritt, mit allem ausgerüstet, wonach das Weib verlangt ... Casanova : Tausend Dank, nun wirst du wieder wahr. Warum auch nicht sagen, wie man fühlt. Habe ich dir einen Augenblick verhehlt, daß ich anbete? Lucrezia : Der Andächtige kniet. Casanova : Ich liege im Staube. Lucrezia : Und ziehst mich mit hinab. Casanova : Laß uns aufstehn und die Stunden nützen. Der Tag flieht, und morgen gehörst du wieder dem anderen. Lucrezia : Und du einer anderen. Casanova : Wenn ich am Leben bin. Lucrezia : Geh, du bist gemein und roh. Casanova : Schwöre bei Gott und deiner Seligkeit, daß ich es bin. Lucrezia : Ich schwöre. Casanova : Kleine Meineidige, warum tatest du das? Lucrezia (sehnsüchtig) : Um erlöst zu werden. (sie schlingt ihre Arme um ihn) Casanova : Ich tu's. Ich bin zu gut, viel zu gut, und kann euch nicht leiden sehen. Lucrezia : Aber wir leiden doch. Casanova : Doch wie erst, wenn du mich nicht gefunden hättest. Du liefest deiner Sehnsucht weiter nach und bis in den Tod. Lucrezia : Ich war zufrieden. Casanova : Manchmal. Lucrezia : Ich hatte schöne Stunden. Casanova (lächelt) : So schön? Lucrezia : Und war ... Casanova : Zu Hause. Das ist allerdings ein Vorteil. Jener ist reich und ein König. Ich bin ein Bettler und dein Gerechtigkeitssinn trieb dich auszugleichen und das große Versehen der Schöpfung einigermaßen gutzumachen. Lucrezia (lacht) : War's so? Casanova : Gewiß. Oder hattest du geglaubt, es sei deine niedere Begier gewesen? Du konntest ja nicht ahnen, daß dieser langjährige Freund deines Gatten Stunden zu verschenken hatte, in denen du tiefer erbeben würdest als je bisher. Du kamst einfach aus Güte. Lucrezia : Du bist gut Casanova : Mir ist, das hörte ich schon. Lucrezia : Nicht von mir. Casanova : Du willst mich erst kennenlernen. Lucrezia : Werde ich Zeit dazu haben? Casanova : Das – hängt von vielem ab. Ob Gott dies Rom nicht morgen zerstört, ergrimmt ob so vieler Sünden intra muros. Lucrezia : Es steht in deiner Hand. Casanova : In meiner Hand? Was denkst du? Was ist der Mensch, und was kann er wollen? Ein Ziegel vom Dach, ein Schuß aus dem Hinterhalt, und alles ist vorbei. Lucrezia : Dieser Schuß – hüte dich! Casanova : Mein Leben steht in des Herrn Hand, und wenn er mag ... Lucrezia : Sei gewiß, ich lasse nicht mit mir spielen. Du bist in mein Dasein getreten, als ich an nichts dachte, und hast mich von meinem Platz und von meiner Pflicht zu dir gelockt. All die Künste und Listen, die du erprobt hast, wandtest du an, um mich zu Fall zu bringen. Casanova : Ich war bescheiden unter deinen Bewunderern und hielt mich zurück. Lucrezia : Mit welcher Anmaßung tratest du schon das erstemal vor mich. Casanova : Ich verneigte mich tief. Lucrezia : Mit einem Blick! Casanova : Voll Demut. Lucrezia : Und bewußter Sicherheit. Casanova : Unbewußt. Lucrezia : Und alsdann ... Casanova : Ich schwieg doch stets. Lucrezia : Dies Schweigen gellte mir in den Ohren und verfolgte mich überall hin. Ah, du wußtest genau, warum du schwiegst. Du sahst, daß ich schon kämpfte und litt. Casanova : Ich hoffte. Lucrezia : Du fühltest, daß, wenn du kamst ... Casanova : Du zittertest. Und ich zitterte auch. Ich merkte, wie das Band sich um uns schlang, meine Arme sanken herab, nicht mehr fähig zu lösen und nicht willens. Wenn du die Augen aufschlugst, flog eine unerhörte Wollust zu mir hin, und ich war selig. Lucrezia : Zu dem Besten in mir und zu dem Unberührtesten bin ich geflohen; ich habe vor mir auf den Knien gelegen und zu mir gebetet, ich habe Antonio die schönsten Augenblicke geschenkt und das Beste von ihm genommen; seine schönsten Lieder mußte er mir spielen, und immer mehr und mehr sank ich zu dir. Wie habe ich diesen Tag ersehnt und verabscheut. Hättest du doch gesprochen, stundenlang gesprochen, ich hätte in deinen Worten etwas gegen dich gefunden und wäre vielleicht sicher gewesen; aber du schwiegst. Jeder Blick von dir war eine Beleidigung; die Faust ballte sich und wollte dich – liebkosen. Ich glaube, du bist ein Fluch Gottes. Casanova : Merkwürdig, daß ich dann so viel Segen bringe. Ich bin ja ganz voll Segen. Sieh, Liebe, diese Segenskraft jagt mich in der Welt herum. Auf der Straße, in der Kirche treffe ich diese großen, unseligen Augen. Dann wird's in meiner Seele warm, meine Hände beginnen sich auszustrecken und mein Gehirn tropft über von zärtlichen Gedanken. Diese da verblüht bei strengen Eltern, bei grämlichen Tanten, Oheimen und Großmüttern. Rette! Hilf! Und ich komme. Lucrezia : Und du gehst. Casanova : Ich kann nicht bleiben. Überall in der Welt warten hunderttausend Kelche, erfüllt zu werden. Du ahnst ja nicht wie groß die Welt ist. Erdteile und Länder und Städte. Ah, es ist ein Schöpfungsfehler! Man ist machtlos. Es erdrückt einen. Überall ahnt man es und kann doch nicht hin. Schlechte Wege, kein Geld, es ist ein Jammer. Ja, wenn alle Männer diese Kraft besäßen, diesen Drang fühlten. Man ist wie ein Arzt und hat die Pflicht. Es ist der grenzenlose Jammer meines Lebens, daß ich nicht hunderttausendfach bin! Lucrezia : Hör mal Casanova : Diese Qual, diese Skrupel! Was weißt du davon? Da winkt ein blonder Engel nach Genua, hier ein schwarzer nach Padua, und in Rom bist du! Man sieht aufgehobene Hände, hört erstickte Schreie, und sieht die Welt in einem Schleier von Tränen. Man fühlt sich Mörder von jungen Hoffnungen und ist machtlos. Der Augenblick flieht und damit die Gelegenheit. Es ist eine Tragödie. Lucrezia : Du hast also bei jeder das Gefühl, eine andere verpaßt zu haben? Casanova : Eine? Ach! Lucrezia (ironisch) : Armer Casanova. Casanova : Und dabei diese Menschen! Eben diese Eltern, Brüder, Onkel und Gatten, die nicht begreifen wollen. Man ist den schrecklichsten Mißdeutungen ausgesetzt und erntet eitel Undank. Kommt in die unangenehmsten Situationen und ist dann oft zu einer gewissen Härte genötigt, die einem so fern liegt. Ah, sagt so ein Mann ... Lucrezia : Wenn Antonio ... Casanova : Antonio? Nein, nein, bestimmt nicht. Nein. Sieh mal, da sind die Männer, die von ihren Zinsen leben. Die sind schlimm. Die haben nichts zu tun, schnüffeln, und wenn sie etwas finden, sind sie unbändig aus Freude, einmal zu etwas zu taugen. Die Berufsmenschen, Ärzte, Advokaten, sind zu fürchten, wenn sie gerade kein ernster Fall beschäftigt, und die Kaufleute, wenn das Geschäft schlecht geht. Aber ein Künstler – nein! Erstmal, der schöne Größenwahn: Neben mir keiner und nach mir – noch lange keiner. Und wenn es selbst so weit kommt, sind sie leicht zu behandeln, ach viel leichter, als ein Advokat etwa. Ah, das sind unangenehme Menschen. Lucrezia : Du kennst Antonio nicht. Casanova : Ich ihn nicht kennen! Dann niemand. Es ist auch wirklich nicht schwer und ein Wort sagt alles: Künstler. Von der Seele des Mannes gehen Saiten in den Himmel und ein Hauch weckt auf ihnen Melodeien, die alles andere zu ehrfürchtigem Schweigen bringen, um ihn und in ihm. Auch du, mag er dich lieben, wie du willst, bist ihm dann nur ein Schemen, und in den Augenblicken lebt er nicht um dich. Lucrezia : Darunter habe ich gelitten. Casanova : Die Kunst ist grausam. Lucrezia : Du auch! Du läßt mich verschmachten. Casanova : Du hast mich so lange warten lassen. Lucrezia : Und wenn ich schon am ersten Tag bereit gewesen wäre, wir hätten doch bis zu seiner Reise warten müssen. Die Sonne steht schon hoch; bald ist es Mittag. Sag, ist denn keine so schön, daß sie dich halten könnte? Casanova : Wie schön bist du! Lucrezia : Aber ... Casanova : Kein Aber! Du bist schön ohne jedes Aber. Jedoch in Genua ... Lucrezia (erzürnt) : Und in Padua ... Casanova : Ach und wenn das alle wären! Lucrezia : Teufel! Diener (stürzt aufgeregt herein) : Herr Graf! Casanova : Man klopft. Diener : Ein Herr, Herr Graf! Casanova : Was soll's? Diener : Ich glaube ... Casanova : Wer? Was? Diener : Der Gemahl dieser Dame! Lucrezia (schreit auf) : O Gott! Casanova : Still! Wo? Diener : Er kam aufs Haus. Jetzt ist er wohl schon ... Casanova (packt Lucreziens Arm und reißt sie zur Tür des Seitenkabinetts) : Da hinein! Still. Casanova (entnimmt dem Schrank einen Priesterrock und schlüpft hinein. Zum Diener) : Geh. Der Diener geht durch eine dritte Tür Antonio kommt eilig und erregt und schließt die Tür, durch die er gekommen ist. Dann geht er bis zum Tisch, an welchem Casanova schreibt und zieht eine Pistole aus der Tasche Casanova : Endlich! Antonio : Was? Casanova : Du willst dich töten. Antonio : Wen? Casanova : Ich habe es gewußt, geahnt wenigstens, als du vorgabst, reisen zu wollen. Antonio : Ich? Casanova : Und das Schlimmste, ich darf nicht nein sagen, darf nicht. Was habe ich durchgemacht, wie sieht es in mir aus! Der Freund und der Priester wollten dich retten; ich kann es nicht; der klare Verstand siegte. Antonio : Bist du verrückt? Casanova : Mach mich nicht wütend! Da, der Brief. An dich. Er sollte dir sagen, daß mit diesem Tage unsere Freundschaft endet, daß ich dein Haus nicht mehr betrete ... Antonio : Ja, aber Casanova : Ja, wahrhaftig! Wenn dir der Priester für deine letzte Stunde Trost schenken soll, er hat kein Wort für dich. Antonio : Hör auf, hör auf, du bist wahnsinnig. Casanova : Elender! Antonio bricht in ein verzweifeltes Lachen aus Casanova : Ich kann nicht. Als du zum ersten Male das große Bewußtsein hattest ein seltener Künstler zu sein, hast du da nur an deine Vorrechte vor anderen Menschen gedacht? Antonio : Willst du mir sagen, was das heißt? Casanova : Gut wenn ich denn Ankläger sein muß: Wie furchtbar hast du dein Weib betrogen und die Welt und mich. Antonio : Ich, ich ... Casanova : Wie furchtbar! Wirklich, du hast Grund genug, ein Ende zu machen. Aber der Vergeltung entgehst du dennoch nicht! Du bist gezeichnet Antonio (außer sich, hebt die Pistole) : Mensch, rede oder ich schieße! Casanova : Drücke los. Morde. Dein schlimmstes Verbrechen wird es nicht sein. Ich will nicht zuerst von deinem Weibe, dieser Allerärmsten, sprechen, nein, Antonio, obwohl ... Aber in welcher Weise betrogst du die Welt dein Jahrhundert das eine große Forderung an dich hatte. Wo ist die erschütternde Tatsache, die du leisten mußtest? Antonio (tief berührt) : Casanova ... Casanova : Du bist königlich durch die Menge geschritten, und mit welchem Recht? Als du deine ersten Lieder jenen Abend vor der Prinzessin spieltest und wir alle wußten, Italien hat wieder einen großen Künstler, da mußt du deine große Pflicht gefühlt haben, und du hast sie gefühlt Und du erinnerst dich unserer Abende in Venedig, wo man begann, von dir zu sprechen und wo die Frauen anfingen, mit dir groß zu tun. Wie oft habe ich da dasselbe gesagt: Antonio, ach! und legte die Bewunderung hinein, als spräche ich von Alighieri und Monteverdi – Und in der Zukunft? Antonio (gequält) : Casanova ... Casanova : Als ich dich jetzt nach Jahren wiederfand, – ich wartete, ich wartete, du mußtest doch sprechen, du mußtest doch zeigen, was dir gelungen war. Antonio : Ich habe gerungen ... Casanova (lacht auf) : Wonach? Zur Möglichkeit, am Abend wieder zu genießen, als sich der Körper von den Erregungen des Mittags noch nicht erholt hatte. Antonio : Ich habe Stunden gesessen, Stunden in die Nacht ... Casanova : Haha! Frauenhaare, Frauenhaare. Antonio (verzweifelt) : Du, du bist mein schlimmster Feind! Was mir Menschen je getan haben, ist gering vor deinen Schlägen. Ich habe ja – als dieser Quell nachließ, dies mühelose Hervorbringen, als ich anfangen mußte, zu suchen, als die Kunst Arbeit für mich wurde und Verzweiflung, da begann für mich Qual ohne Ende. Casanova : Weiße Arme haben deine Kraft zerstört. Antonio : Wenn ihr mich überschätzt habt, ihr mehr von mir verlangt habt, als ich leisten konnte ... Casanova : Das hast du getan aber auf anderem Gebiete. Antonio : Oft habe ich die Waffe in der Hand gehabt. Casanova : Wie oft! Wenn ich dir jetzt dein Lied spielen würde ... Antonio : Höre auf! Siehst du denn nicht? Casanova : Du sehnst dich nach Mitleid. Du bist es nicht wert. Dein Weib hat zuerst deine Qualen mitgelitten. Antonio : Sie – hat – gewußt? Casanova : Und als sie am Ende ihrer Kraft war, gingst du auf die Straße und betrogst sie. Antonio : Ich? Casanova : Willst du es etwa leugnen? Antonio : Ich hätte ...? Casanova : Ich muß wohl Namen nennen? Hör mal, mein Freund, was glaubst du eigentlich von einer Frau? Hältst du es für besonders angenehm, sich auf tränenfeuchten Kissen die Lüste des galanten Gatten auszumalen? Antonio : Um Gotteswillen! Ich schwöre dir, ich habe nicht geahnt, daß auch sie litt, ich schwöre! Ich hatte für nichts Sinn, als für mein Elend. Das weißt du auch, Casanova: Der Tod ist leicht gegen die gelähmte Künstlerhand. Casanova (grimmig) : Du lebst ja noch! Jetzt endlich, da der Krug überzulaufen droht, hast du dich zum letzten entschlossen. Zu spät. Antonio (außer sich) : Du willst sterben? Casanova : Es wäre der gerechte Lohn dafür, daß ich versucht habe, das Gräßliche von dir fern zu halten. Mein zu gutes Herz! Als sie unter Tränen sprach: Könnte er zürnen, wenn ich dem Tiber meine müden Glieder anvertraute ...? Antonio : Heiland! Casanova : Da half ich und sprach der Fassungslosen Trost zu und ließ ihr eine Hoffnung für die Zukunft. Gemeinsam beteten wir um deine Erlösung zur Tat und um deine Heimkehr. Aber als da dich immer weiter entferntest, als die Finger ihrer beiden Hände die Zahl deiner Geliebten nicht mehr faßten ... Antonio : Das ist nicht wahr! Casanova : Ich muß wohl wieder erst Namen nennen? übrigens Geschmack hast du, Freund. Antonio : Kein Mensch kann wissen ... Casanova : Du hast es schlau angefangen, aber du vergaßest die gefälligen Dienstboten. Antonio : Sie weiß, sie weiß! Und deshalb ist sie fort? Sie ist fort! Casanova : Ja. Und ist das nicht das Natürlichste von der Welt? Sollte sie denn warten, bis deine Gier sich nicht mehr beherrschte und das Haus entehrte? Schon wies man mit Fingern auf sie und belächelte sie. Sie wußte schließlich nicht mehr wohin mit ihrer Scham. Antonio : Warum sagte sie es nicht, sprach kein Wort? Casanova : Warum hast du es nicht gefühlt? Antonio : Gestern noch lachte sie ... Casanova : Vergoldete ihre Tränen. In welchem Sumpf bist du denn herumgekrochen, daß dir edle Frauenart so fremd ist? Freilich, wer nur an das ekle Gekreisch um Lohn für gespendete Liebenswürdigkeiten gewöhnt ist ... Antonio : Wo ist sie? Casanova : Das fragst du? Das wagst du zu fragen? Du entblödest dich wohl nicht, ihr deine Sünden zuzuschreiben und vermutest sie bei einem deiner edlen Freunde, die nach der schönen Beute lüstern sind? Wahrhaftig, du verdientest es! Aber leider gab dir der Himmel das reinste Weib. Wie hat sie gerungen! Wie hat sie gerungen! Sie hatte ja nicht Mutter, nicht Freundin und keine Verwandten hier. Ja, als sie gestern zu mir sagte: Er läßt mich wieder allein, und eine Träne von ihr mir auf die Hände fiel, und ich dachte: Er verläßt sie zu seinem letzten Gange, einmal hast du sie dem Jenseits entrissen, diese Frau stirbt, wenn sie die Nachricht seines Todes empfängt, da lud ich sie hierher. Antonio : Ha! Also ist sie hier! Casanova : Aber glaube nicht, daß sie dir in ein neues Martyrium folgt. Im Hause des Priesters hat sie eine Freistatt gefunden, die sie nicht eher verläßt ... Antonio : Wo ist sie? Laß mich hin! Casanova : Halt! Antonio : Laß mich! Casanova : Du bleibst. Antonio (hebt die Waffe) : Aus dem Wege! Casanova : Also geh! Und wenn sie dir deine Schmach ins Gesicht schlägt, dann – lache ich! Antonio stößt die Tür des Seitenkabinetts auf. In dem durch eine Ampel matt erleuchteten Alkoven liegt Lucrezia schlafend auf einem Ruhebett Antonio : Sie schläft ... Casanova : Und der Friede glänzt ihr an der Stirn. O Antonio, sei demütig. Antonio (stürzt zu ihr und zu ihren Füßen) : Lucrezia, Lucrezia, Lucrezia ... Er faßt ihre herabhängende Hand und bedeckt sie mit Küssen Lucrezia (erwacht) : Ich schlief ... Antonio : Geliebte! Lucrezia : Ich schlief und ... (sie erhebt sich): Antonio? Casanova (für sich) : Weiber! Antonio : Ich bin es. Lucrezia : Antonio? Wo bin ich? Was ist das alles? Casanova : Seht Ihr das Glück in seinen Augen, Lucrezia, und die große Bitte um Verzeihung? Lucrezia (kommt an Antonios Hand nach vorn, erstaunt): Verzeihung? Casanova (zu Antonio): Merke diese schöne Güte, die erstaunt fragt: Verzeihung? Die selbstverständlich löst und nur bedauert, nicht mehr geben zu können. Antonio : Lucrezia. Casanova : In diesem Augenblick leiste in deiner Seele den Schwur, nie wieder etwas anderes denken zu wollen als dein Weib, nie wieder einer anderen Frau ... Lucrezia : Ja, was denn ...? Casanova (Lucrezia mit den Augen bezwingend) : Damit du ein anderes Mal nicht gerichtet wirst. Lucrezia : (die an sich gehalten, jetzt aber taumelt): Ich muß sitzen ... Antonio : Was hast du? Er will sie stützen Lucrezia (stößt ihn zurück und bricht in ein wildes Schluchzen aus): Das ist – ich, ich ... Antonio : Um Gottes willen! Casanova : Ruhig. Schnell den Arzt! Antonio : Der Puls steht, kein Herzschlag ... Casanova : Den Arzt! Antonio : Wenn sie indes ... Casanova : Sie stirbt nicht; aber schnell, nur schnell! Antonio stürzt mit einem Blick auf die Liegende davon Lucrezia (richtet sich auf und ruft ihm nach): Betrüger! Betrüger! Casanova : Und vergib uns unsere Schuld. Lucrezia : Wie hat man gekämpft, sich gewehrt, um diesen ... Casanova : Wenn wir das gewußt hätten. Lucrezia : Wie hast du's aber erfahren? Casanova : Ich hab es ihm auf den Kopf zugesagt. Lucrezia : Ja, wußtest du denn? Casanova : Nichts; aber das stimmt immer und bei allen. Lucrezia : So wird man hintergangen. Casanova : Weiß Gott, die Welt ist schlecht. Er trägt sie in sein Schlafzimmer   Drittes Stück Wirtsstube Eine junge Bäuerin geht durch den Raum Casanova : Potz Blitz! Wer war das? Fremder : Die Wirtin. Casanova : Welche Schönheit! Fremder : Weit und breit berühmt. Signore Alfreddo ist wohlhabend durch sie geworden. Es gibt Burschen, die eine Stunde Weges kommen, ihren Schoppen hier zu trinken. Casanova : Sapperlot! Fremder : Und bekommen sie doch nur selten zu sehen, äußerst selten. Und wagen auch nur verstohlen zu fragen, nachdem Alfreddo den ersten, der ein wenig näher an sie heranging, für alle Zeiten gezeichnet. Er ist wahnsinnig, was sein Weib betrifft. Casanova : Wie heißt das Dorf? Fremder : Torre del Greco. Casanova : Unsagbar! Fremder : Wir werden uns eilen müssen, bis zur Dunkelheit in die Stadt zu kommen. Casanova : Wir haben einen tüchtigen Weg hinter uns. Fremder : Brechen wir auf. Casanova : Die Schwüle ist unerträglich, und es sitzt sich gut hier. Fremder : In Neapel wird es sich besser sitzen. Bei der sore Anina. Casanova : Wer weiß. Fremder : Was sagen Sie? Casanova : Daß ich hier bleibe. Fremder : Sie scherzen. Casanova : Warum? Der Bauer wird ein Bett haben. Fremder : Das wohl; aber ... Sollte es möglich sein? Casanova : Was, wenn's beliebt? Fremder : Lassen Sie sich raten. Casanova : Von Ihnen? Fremder : Ich kenne alle Umstände, die in Betracht kommen. Ihr Versuch ist aussichtslos. Casanova : Mein Versuch zu schlafen wird sehr bald von Erfolg gekrönt sein. Fremder : Zu schlafen ist es Ihnen nicht zu tun. Casanova : Herr, wollen Sie mir in den Weg treten? Fremder : Gott behüte. Ich meine es gut mit Ihnen. Sie sind mir sympathisch. Casanova : Niemand meint es so gut mit mir wie ich selbst. Niemand, kein Mensch auf der Welt übersieht die Lage besser als ich. Fremder : Verzeihen Sie. Casanova : Sie wären denn der Prinz von Condé. Fremder : Wie kommt der dazu? Casanova : Er kommt nicht mehr dazu; er ist tot. Sehen Sie zu, nach Neapel zu kommen. Glück auf den Weg. Fremder : Sie sind gewarnt. Casanova : Ich bin gewarnt. Fremder : Wirtschaft! Alfreddo (der Wirt kommt): Was soll's? Fremder : Was ich schuldig bin? Alfreddo : Zwei Pistolen. Der Fremde zahlt Alfreddo (zu Casanova) : Und dieser Herr? Fremder : Bleibt zur Nacht. Alfreddo : Aber Sie kommen noch reichlich in die Stadt. Fremder : Er weiß es und will trotzdem bleiben. Alfreddo : Wir sind schlecht vorbereitet. Casanova macht dem Wirt heimlich ein Zeichen Alfreddo (für sich) : Was heißt das? Fremder : Wenn er doch müde ist. Alfreddo : Es wollen Bauern auf dem Rückweg von der Stadt hier übernachten. Casanova macht dem Wirt erneute Zeichen Alfreddo (zu sich) : Was will er nur? Fremder : Leben Sie wohl. Casanova : Leben Sie wohl. Fremder : Also wirklich? Casanova (scharf) : Pst! Alfreddo bringt den Fremden hinaus Casanova : Es müßte mit dem Teufel zugehen! Alfreddo (kehrt zurück) : Was soll das alles, Herr? Casanova : Pst! Alfreddo : Ja, aber ... Casanova : Pst! Pst! (er geht auf den Fußspitzen und mit ausgebreiteten Armen durchs Zimmer; plötzlich ruft er:) Ha! Alfreddo : Was tun Sie? Was ist das? Casanova : Willst du schweigen! Willst du alles vernichten? (er geht wieder wie vorher) Ha! Ha! Alfreddo : Maria und Josef! Casanova : Coribi, Coribi, Pamphlati, Pamphlati! Ha! Alfreddo bekreuzigt sich Casanova : Pamphlati, Coribi. Ha! Ha! ... So ist es Wahrheit. Ich habe es geahnt! Alfreddo : Was gibt es denn? Casanova : O du Glückseliger! Alfreddo : Ich ... Casanova : Gebenedeiter. Dem Unmündigen gibt's der Herr im Schlaf. Eine Ahnung hielt mich, eine Unruhe trieb mich, seitdem ich unter dieses Dach trat. In den Armen zuckte es – endlich, endlich entfernte sich der Überflüssige, und ich konnte zur Prüfung des Wunders schreiten. Alfreddo : Ein Wunder? Casanova : Ein Wunder in deiner Hütte. Das du mit bäurischer Derbheit beinahe gestört hättest. Wer heißt dich so zu brüllen? Kannst du deine Stimme nicht mäßigen? Bist du mit dem Vieh groß geworden? O Herr, deine Wege sind dunkel und unerklärlich. Statt die Würdigen zu bedenken, überschüttest du die Unwürdigen mit Segen. Alfreddo : Mich? Casanova : Ja, dich. O welche Chimäre! Ὦ διος ἄδυεπὲς φάτι τίς ποτε τὰς πολυχρύσου Alfreddo : Wen beschwören Sie? Casanova : Die neidischen Geister. Das Heer der Parasiten und Mitesser, die schon in den Lüften kreisen, dir den Schatz zu entreißen. Alfreddo : Einen Schatz? Casanova : Pst! Πυδὤνος αγλαἇς. ἐβἇς. Warte Bursche! (er schlägt in die Luft) Dir soll's vergehen! Alfreddo : Einen Schatz? Casanova : O du Spitzbube, vermaledeiter! Herbei, herbei, meine Getreuen! Und so! Und so! Aus dem Wege! Er wischt dem Wirt eins aus Alfreddo : Oh! Soll ich helfen? Casanova : Siehst du wen? Alfreddo : Nein. Casanova : So halte dich still – Pausanias, Epaminondas, Vergil, Katull, Properz, Tibull, Seneca, Seneca! – Ah, sie weichen, sie weichen! Endlich. Ah, ah, ich bin zu Tode ermattet. Er fällt auf einen Stuhl Alfreddo : Herr, Herr, kommt zu Euch. Welch Entsetzen, welche Freude. Casanova : Wo bin ich? Antonio? Der Friede glänzt an deiner Stirn. Sei demütig, o Antonio. Alfreddo : Ich heiße Alfreddo. Casanova : Der Himmel nennt dich Antonio. Sei es zufrieden. Dir ist ein großes Glück widerfahren. Alfreddo : Nun? Nun? Sagen Sie es, Herr! Casanova : Irgendwo unter dem Grunde deines Hauses, deines Besitzes liegt ein Schatz vergraben. Alfreddo : Wirklich ein Schatz? Casanova : So ist es. Ein weiterer Zweifel wäre Verbrechen an der Gottheit. Alfreddo : Mein Heiland! Casanova : Ist es zu glauben, daß einer solchen Kreatur ... Alfreddo : Ich habe meine Verdienste, Herr, und mein Weib die ihren. Casanova : Du bist verheiratet? Alfreddo : Wissen Sie das nicht? Casanova : Was schiert mich Frauenvolk? Alfreddo : Ich rufe mein Weib, sie muß es hören. Casanova : Zurück! Willst du dich wohl gebührlicher betragen? Alfreddo : Ich kann es nicht erwarten. Casanova : Das glaube ich. Alfreddo : Es ist möglich, daß Sie sich irren. Casanova : Ich bin Doctus. Alfreddo : Verzeihen Sie, aber wie kommt der Schatz hierher? Ist er groß? Casanova : Groß. Alfreddo : Er gehört mir, wenn er doch auf meinem Grunde liegt; ist mein, sagt das Gesetz. Die Gesetze sind sehr streng hierzulande. Casanova : Was hier geschieht, ist himmlisch. Ist hochheilig, ist ein Wunder, und hat mit dem Gesetz nichts zu tun. Es lächelt über das Gesetz. Alles steht in der Gnade Gottes. Alfreddo : Ich war stets ein guter Christ und bin Gottes Gnade würdig. Casanova : Du hast es nicht verdient. Alfreddo : Ich bin nicht schlechter als andere. Casanova : Du mußt dich heiligen. Glaubst du, einem solchen unreinen Vieh naht sich Gott? Vermeinst du, ich lasse mich mit einer so schmutzigen Seele ein? Alfreddo : Ich bin ein ehrlicher Mann. Casanova : Eben noch hast du den Fremden um eine Pistole betrogen. Alfreddo : Es ist mein Preis. Casanova : So betrügst du einen jeden. Heilige dich. Sonst ist dir der Schatz verloren. Alfreddo : Da ich doch weiß, wo er liegt. Casanova : Weißt du es? Alfreddo : Ich lasse meinen ganzen Grund umgraben. Casanova : Du Otterngezücht, Satansbrut! Der Herr wird mit jedem Spatenstich, den du tust, den Schatz um zwei Klafter tiefer in die Erde versenken. Ich aber hebe mich von hinnen. Alfreddo : Nein, Herr, nein doch! Ich scherzte! Ihr sollt auch einen Teil vom Schatze haben. Wieviel meint Ihr wohl? Den Zehnten? Casanova : Ich bin Doctus, ich bin Doctissimus. Mein Lohn ist im Himmel. Alfreddo : So ist es recht. Man soll beizeiten an die ewige Seligkeit denken. Casanova : Heilige dich. Alfreddo : Was muß ich tun? Casanova : Es wird dir alsbald verkündet. – Aber ist dein Weib auch ein so schmutziges Gefäß? Alfreddo : Sie ist rein und brav. Casanova : Wie du. Alfreddo : Besser sozusagen. Casanova : Es wird unsagbare Schwierigkeiten machen. Es wird vielleicht unmöglich sein. Alfreddo : Aber nein, Herr, nein! Casanova : Mir scheint es beinahe; ja, ganz beinahe. Alfreddo : Das wäre entsetzlich. Casanova : Du bist zu sehr verworfen. Alfreddo : Ich will mich heiligen. Casanova : Ich versuche es. Ich befrage die Bücher. Ich beantrage die Beichte. Alfreddo : Die Beichte beantragen? Casanova : Setze dich. (er entnimmt seinem Gepäck ein. Buch und liest den Titel) La nouvelle Justine ou les malheures de la vertu. Hm. Alfreddo : Das ist französisch. Casanova : Geraten Schuft. Es ist die Sprache des Himmels. Aufgepaßt. (er murmelt vor sich hin) Alfreddo : Was sagt das Buch? Casanova (murmelt weiter) Alfreddo : Ist es schwer zu erfahren? Casanova (murmelt weiter, plötzlich) : Wer schläft im Haus? Alfreddo : Nur ich und mein Weib. Casanova : Die Knechte, die Mägde? Alfreddo : In den Scheunen. Casanova : Es muß noch ein Wesen hier schlafen. Alfreddo : Aber nein. Casanova : Aber ja! Das Buch sagt es. Alfreddo : Der Hund? Casanova : Soll fort! Alfreddo : Aber ... Casanova : Muß fort für diese Nacht. Unter dem Dach dürfen nur geheiligte, gereinigte, geeinigte Wesen sein. Willst du den Hund heiligen? Alfreddo : Manches Tier ist besser als ein Mensch. Casanova : Willst du dich mit ihm einigen? Alfreddo : Wie einigen? Casanova : Einen. Mit ihm eins sein. Alfreddo : Eins sein? Bin ich denn eins mit Euch? Casanova : Du mußt es werden. Alfreddo : Mit Euch? Casanova : Noch heute. Denn morgen früh will ich weiter und soll schon alles geschehen sein. Heilige dich zuerst. Dann wirst du gereinigt. Wahrscheinlich ein hartes Stück. Und dann sollen unsere Leiber und Seelen den Abstand der dreißig Jahre zwischen ihnen vergessen. Doch wie verstehe ich das? Alfreddo : Ja, wie, Herr? Casanova : Laß mich das Buch befragen. (er murmelt wieder) Casanova : Gemeinsam auf demselben Lager sollen wir die Nacht in brünstigem Gebet verbringen. Alfreddo : In einem Bett? Casanova : Mir graust! Nein, Himmel, nein, das kannst du nicht von mir verlangen. Ich bin dein gehorsamer Diener, doch du verlangst Ungeheures. Mich diesem borstigen Vieh aussetzen, zu viel, zu viel! Alfreddo : Aber, Herr, wenn das Buch es doch so verlangt. Casanova : Aber zum Teufel, Herr, was geht mich dein Schatz an? Alfreddo : Aber zum Donnerwetter, wer hat mir denn davon erzählt? Casanova : Ich sehe ein, es war unvorsichtig. Alfreddo : Und jetzt wollen Sie plötzlich nicht mehr mittun! Wegen einer solchen Albernheit. Ich beiße Euch nicht. Casanova : Und dein Weib? Kannst du für sie bürgen? Sie ist mir vielleicht noch unappetitlicher als du. Alfreddo : Oho! Mein Weib! Soll das denn mittun? Casanova : Es muß. Alfreddo : Mit Euch? Casanova : Wir drei, die es angeht. Im Denken und Fühlen müssen wir morgen früh gewissermaßen derselbe Mensch sein. Alfreddo : Das ist eine kitzlige Geschichte. Casanova : Es ist mir horrible. Alfreddo : Die Frau könnte doch in der Scheuer schlafen. Casanova : Es darf nichts am Gewohnten geändert werden. Alfreddo : Der Hund geht doch auch hinüber. Casanova : Der Hund ist Vieh. Alfreddo : Das ist – das muß man doch überlegen. Casanova : O du wackerer Mann! Sollte ich mich in dir getäuscht haben? Welche Hoffnung! Ja, du bist es. Ich sehe es. Du verzichtest auf den Schatz. Empört sagst du zu mir: Holla, Herr, das sind unziemliche Spaße. Gehen Sie weiter. Ich bin nur ein Bauer; aber mein Weib steht mir zu hoch; sie dient mir nicht zum Gelderwerben. Beglücken Sie, wen Sie wollen mit Ihrem Gold; mich lassen Sie ungeschoren. – Du hörst es, Himmel, er sagt es. Es ist eine große Seele. Ich habe mich gedemütigt, ich war schließlich bereit; aber er selbst, der höchst Ehrenwerte, mag nicht. Alfreddo : Was schreien Sie so? Ich habe noch nichts gesagt. Casanova : Aber du warst doch empört? Alfreddo : Empört, empört! Das ist zu viel. Empörung ist etwas für reiche Leute. Verdutzt war ich, sage ich Ihnen. Nicht mehr. Casanova : Du warst empört, Bauer. Alfreddo : Ich war verdutzt. Casanova : Empört! Alfreddo : Verdutzt! Donnerwetter, ich weiß es bestimmt. Und wenn ich noch einmal überlege, dann ... Casanova : Was? Alfreddo : Die Sache ist so schlimm nicht. Casanova : Wie? Nicht schlimm? Pfui Teufel. Danke. Was ist das für eine niedrige Mannsseele, die sein Weib preisgibt. Alfreddo : Nun, nun, wenn es ein tüchtiges Stück Geld ist; es sind schlechte Zeiten, Herr. Gold ist rar. Und wenn ich meinem Weibchen ein neues Kleid schenke, gar mit Seidenbändern? Was setzt sie denn ein? Casanova : Was sie einsetzt? Ah, jetzt weiß ich Bescheid. So ist sie also eine solche? Alfreddo : Was für eine? Casanova : Hm, hm. Alfreddo : Halt Er das Maul, sonst komme ich ihm drüber! Casanova (nach einem Augenblick) : Kurz und gut, ich will nicht. Alfreddo : Wie? Casanova : Nein. Alfreddo : Herr! Casanova : Was? Alfreddo : Reizt mich nicht! Casanova : Ich kann tun und lassen, was ich will. Alfreddo : Aber ich bitte Euch. Casanova : Nein, es ist zu schmählich. Alfreddo : Warum denn? Wir liegen zusammen, wir beten. Casanova : Es geht nicht. Alfreddo : Und wenn ich Ihnen sage: es muß ! Casanova : Das wollen wir doch sehen. Alfreddo : Ja, das wollen wir sehen. Ich nehme einen Prügel und schlage ihn zu Brei. Casanova : Besieh dir diese Klinge, Freund. Alfreddo (fuchtelt Casanova vor dem Gesicht) : Sind diese Fäuste nichts? Casanova : Nun, so hoffe ich noch das eine: Dein Weib sträubt sich. Alfreddo : Mein Weib gehorcht. Casanova : Ein schönes Los. Alfreddo : Wollt Ihr nun? Casanova : Mir scheint, ich muß. Alfreddo : Ich bin kein Bandit. Aber Sie haben die Geschichte angefangen; nun soll's auch geschehn. Casanova : Leider. Ich bedaure es ungemein. Aber der Trieb war zu mächtig, (leise wie für sich) Es muß ein großer Schatz sein. Alfreddo (gierig) : Ja? Casanova : Viel Geld. Ich fühle es. Alfreddo : Ja? Donnerwetter, dann keine Bedenken. Und bis morgen früh muß alles geschehen sein. Casanova : Bis morgen früh um zehn. Alfreddo : Sie sind ein Goldpüppchen. Ich habe Euch lieb. Ich fühle mich Ihnen schon ganz nah. Ohne Scherz. Es wird da nicht mehr viel zu tun sein. Casanova : So laß uns das letzte hören. Alfreddo (setzt sich wieder) : Ja. Casanova (murmelt) : Eins und zwei bis Mitternacht. Zwei, drei bis der Hahn erwacht, Und der dritte gebe acht Alfreddo : Wie ist das zu verstehen? Casanova : Von jetzt bis Mitternacht sind wir beide zusammen. Das ist eins und zwei. Alfreddo : Ist das sicher? Casanova : Eins ist immer der Herr des Hauses, die stärkste Potenz. Alfreddo : Aha! Casanova : Zwei ist der Mittler. Alfreddo : Warum? Casanova : Sagt die Kabbala. Das ist ein alter Witz. Zwei ist immer der Mittler. Eben die Mitte zwischen eins und drei. Alfreddo : Aha. Verstehe. Casanova : Bleibt drei: dein Weib. Währenddem wir drinnen zusammen beten, wacht bis Mitternacht dein Weib hier vor der Tür. Das will sagen: und der dritte gebe acht. Von Mitternacht bis morgens der Hahn kräht gibst du hier acht. Alfreddo : Ich dachte, wir drei beten gemeinsam. Casanova : Und wer schützt das Tor vor den Parasiten, den Trabanten und den Korybanten des Teufels? Alfreddo : Das kann nur er, Herr, denn ich sehe die Viecher gar nicht Casanova : Deine alsdann gereinigte, geheiligte Seele versperrt ihnen den Eingang. Auf die Seele kommt's an, das Fleisch ist schwach. Keiner vermag einzudringen, wenn du gut aufpassest Das muß man auch der Frau vor allem einschärfen: gut achtgeben. Denn wenn nur einer durchschlüpft ist alle Mühe verloren. Alfreddo : Man soll's nicht glauben. Casanova : Ah, da sind die Vorschriften sehr streng. Ich könnte dir einen großen Vortrag halten über die Disziplin der Teufel. Sie zerfallen in drei Klassen, Urteufel, Teufel schlechthin und Teufeliden. Mit einem Worte: kein Stand ist so gut organisiert wie die Teufel. Selbst der tiers état in Frankreich nicht Alfreddo : Ich werde sie schon in Schach halten. Casanova : Aber dein Weib? Alfreddo : Es wird ihr eingeschärft. Nötigenfalls eingebläut. Casanova : So? Alfreddo : Sie ist's gewohnt. Casanova : Es ist Unrecht, ein Weib zu schlagen. Alfreddo : Da lassen Sie sich von mir belehren: ein Weib braucht Schläge wie das liebe Vieh. Casanova : Manche. Alfreddo : Alle. Ich seh's bei den Mädchen. Die sonntags nicht ihre Tracht hat, arbeitet kommende Woche schlecht. Ausgeprobt. Und sie verlangen nichts anderes. Casanova : Bist du sicher? Alfreddo : Vollständig sicher. Eine merkwürdige Rasse. Casanova : Gut. Dann gälte es zuerst, dich zu heiligen. Du nimmst dies Buch und gehst, indem du laut diese Zeilen liest, tausend Schritt die Straße gegen die Kirche geradeaus und kehrst wieder hierher. Alfreddo : Das hat einen Haken, Herr. Ich kann nicht lesen. Casanova : Gut. Aber eine Litanei kannst du. Alfreddo : Freilich. Casanova : So sage sie her und wandle den befohlenen Weg. Aber erst schicke mir dein Weib, daß ich es vorbereite. – Oder besser erst noch eins. Ich will dir aus meinem eigenen Vermögen hundert Pistolen auf den Tisch legen, wenn du mir das alles erläßt. Es ist mir zu peinlich, mit dir, mit einem fremden Weibe das Lager zu teilen. Alfreddo : Nichts mehr davon, Herr, nichts mehr davon. Casanova : O du habgieriger Bauer! Alfreddo : Es sind schlechte Zeiten, Herr, und meinem Weibe tut eine Nacht beten einmal sehr wohl. Casanova : Ich habe alles getan. Alfreddo : Ihr habt noch sehr wenig getan. Ich hoffe aber. daß Ihr noch viel an mir tun werdet (er ruft) Maria! Casanova : Maria, o Wort des Himmels. Maria (kommt) : Bauer? Alfreddo : Dieser Herr hat dir etwas zu sagen. Daß du aufmerkst und ihm in allem folgst. Sonst – du kennst mich. Maria : Ja, Bauer. Alfreddo : Tausend Schritt? Casanova : Tausend Schritt. Alfreddo (geht murmelnd hinaus) Casanova : O du liebe Frau. Maria : O mein Herr. Casanova : Du bekommst Schläge von diesem Ungeheuer, diesem Barbaren. Maria : O mein Herr. Casanova : Dieser zarte Leib, diese vollendeten Glieder unter dem Stock dieses Lümmels. Dieser Hals, der geschaffen ist einen Fürsten des Geschmacks durch seine Vollendung zu begeistern, dieser Rücken, dieser Busen, wie ihn Raffael nicht fand. Ach, und dieses Haupt mit dem Kissen schwarzer Haare. Diese duftenden, diese schweren, schönen, glänzenden Haare tragen eine Dornenkrone. Er küßt sie aufs Haar Maria : O mein Herr. Casanova : Hände, ihr müßt arbeiten, schmutzige, schwere Arbeit verrichten, für die ihr nicht gelohnt werdet. Weniger als an eine Dienstmagd gelangt an dich das große, schöne, heilige Leben mit seinen neuen Freuden jeden Tag. Keine Aussicht hast du für morgen, keine zarte Hoffnung für den nächsten Tag, und bald ist deine Jugend vergangen, diese überirdische Schönheit die mich trunken macht, da ich dich anschaue. Weißt du, daß du Correggios Jo gleichst und einer Lucrezia, die ich in Rom kannte, das schönste Weib, das ich je gesehen. Maria : O mein Herr. Casanova : Bedenkst du auch, welches Glück dir von diesem Menschen gestohlen ist, der dich seit Jahren in Gefangenschaft hält? Weißt du etwas von solchen Küssen? Maria : O mein Herr, o mein Herr ... Casanova : Still. Höre mir zu und vertraue mir. Alles, was heute geschieht, füge dich ihm. Frage nicht und gib dich hin. Sage womöglich kein Wort, auf daß du nichts zerstörst von dem Wundervollen, das kommen soll. Gott schickt mich dir wie einen Engel in dein finsteres Elend. Gott hat Erbarmen mit dir und sendet dir Freude auf Leid und bestraft diesen Elenden. – Doch eines Maria: hast du mich lieb? Maria : O mein Herr. Casanova : Sieh mich an. Die Welt ist so schön. Glaubst du das auch? Es gibt Dinge ... Dein süßes Ohr. Warum schließt du die Augen, Maria, warum schließt du sie fester? Was überläuft dich, Maria, so sonderbar? Maria (tut die Arme um seinen Hals) : O mein lieber, mein lieber Herr. Casanova : Evviva! Und du wirst staunen, Lieb. Wie wirst du deine Augen wieder weit öffnen, wenn du siehst und hörst, was sich ereignet. Der Himmel kommt zu uns, Maria, heute nacht. Maria : Herr! Casanova (küßt sie) : Maria ... Still. Er kommt. Halte dich gut und schweige. Alfreddo (kommt) : Da bin ich. Wie ging es? Casanova : Ein wenig besser, als ich gedacht. Alfreddo : Nun gut. So ist alles fertig. Casanova : Gefehlt. Fühlst du dich schon sündenrein? Das wird mit dir noch Mühe kosten. Ich habe das Buch befragt, und es schreibt für dich noch eine ganze Reihe von außerordentlichen Übungen ausdrücklich vor. Alfreddo : Ich meine, es wäre nun genug. Casanova : Ganz wie es beliebt. Keinem ist es lieber als mir, wenn die ganze Sache zu Ende kommt Alfreddo : Was soll's denn noch? Casanova : Du wirst es sofort hören. Alfreddo : Und die Frau? Casanova : Ist würdig. Alfreddo : Sagt das Buch? Casanova : Sagt das Buch. Sie mag uns das Bett bereiten. Alfreddo : Und ich bin müde, Himmelkreuzdonnerwetter! Casanova : Fluche nicht Unglücklicher. Alfreddo : Also fangt schon an. (zu Maria) Geh hinein und warte. Casanova : Dir werde ich's jetzt eintränken, Freundchen.   Derselbe Raum. Es ist dunkel Alfreddo hat eine Stallaterne neben sich postiert and sitzt schlafend Tor der Tür zum Nebenzimmer auf einem Stuhl Alfreddo (erwacht) : Ich habe doch nicht vielleicht geschlafen? I wo. Betäubt war ich einen Augenblick. Hat mir wohl so ein verdächtiges Luder eins versetzt. Wird doch nichts geschehen sein? Daß es nicht etwa hineingekommen ist (er sieht durchs Schlüsselloch) Scheint ja nicht; alles ist ruhig. Herrgottsaxen, was so eine Geschichte für Not macht Das Kreuz ist mir lahm, ich bin zerschlagen. Erst diese Übungen: Dreimal um den Saal herum auf allen vieren kriechen, dazu das Paternoster sagen, über Tisch und Stühle springen, und zum Schluß befahl dieses vermaledeite Buch, daß mir der Buckel verhaut wurde. Und das bei dieser entsetzlichen Hitze und schwülen Luft. Aber macht nichts. Bald ist alles überstanden und ich werde für meine Mühsal belohnt, (er hebt die Lampe) Schleicht da nicht so ein gottverdammtes Vieh heran? Mein Lieber, da wirst du dich schneiden. Hier kommst du nicht vorbei. Meine Seele ist makellos. Kehre nur um, das ist gescheiter. Hier hast du nichts verloren. Mir ist allweil, es fliegen da mehrere über die Mitten vom Zimmer. Die Stelle ist mir schon lang verdächtig. Es war auch da, wo er das erstemal »Ha« schrie. Josef, hatte ich mich erschrocken. Erst dachte ich, er sei wahnsinnig geworden, (er nähert sich der Stelle) Dies verdammte Beten! Was der Mensch für Sprüche wußte. Das war ganz kolossal! Ein sehr frommer Herr. Und dann immer wieder die Geschichte mit dem Kolibri: Kolibri, Kolibri, Pamphlati! Das muß sehr wichtig sein. Eigentlich dachte ich immer, ein Kolibri wäre so eine Art wildes Tier. Große Gelehrsamkeit! Aber hier sieht man doch wenigstens, wozu sie gut ist. Wenn ich einmal ein Bübchen habe ... Das gibt Reputation. Gold! Gold! Wenn man wüßte, wieviel es ist; wenn man von den Zinsen leben könnte. Ich zöge in die Stadt, ja, in die Stadt. Aber die Maria? Ja mei! Die Maria und die Stadt. So was gehört aufs Land. Da müßte man sich ja genieren, mit so einem Bauernmensch! Sie ist sonst nicht übel; aber für einen besseren Stand ... o Jesus! Da gibt's nichts. Gott, die findet man zur Not noch ab, wenn man 's Geld hat. Er hat doch selbst gesagt, es sei eine tüchtige Portion. Ist mir denn nicht eingefallen, meine Großmutter selig hat mir einmal gesagt, als die Franzosen unter König Philipp – das heißt, dieser war kein Franzos – kurz und gut, da hätte alle Welt sein Geld vergraben. Das ist so, meiner Seel, das hat sie gesagt. Diese selbe Stelle! Ich möchte meinen, mir juckt es auch schon in den Händen, als müßte ich anfangen zu graben, wie ein Dachs. – Es wird Tag, beim Himmel, es wird Tag! Ich bin bewegt, eine heilige Stimmung ist über mich gekommen, so war mir nicht seit der Firmung. Wahrhaftig eine Hitze. Ob sie nicht bald aufstehn? Es hieß doch: bis der Hahn erwacht, (er steht am Fenster) Ja, was ist jetzt dies? Die Sonne ist schon da, und dies verdammte Vieh will nicht auf. Sonst kräht das Luder in die schwarze Nacht hinein. Hätte ich nur einen Stein ... Da liegt die ganze Hühnerbagage und er in der Mitte. Hat das Biest einen schönen Traum und läßt ihn nicht aus, sapperment Und ob sie wohl von selbst ein Ende machen? (er sieht durchs Schlüsselloch) Wieder nichts. Der nimmt die Geschichte streng; ich weiß es von mir selbst her. Draußen kräht ein Hahn Alfreddo : Gelobt sei Jesus Christus! Er hat ausgeträumt Jetzt steht aber gar nichts mehr im Wege. (er klopft an die Tür) Keine Antwort? (er klopft wieder) Hallo! Hallo! Casanovas Stimme : He? Alfreddo : Der Hahn hat gekräht Casanovas Stimme : So. Warum? Alfreddo : Warum? Ja, wieso? Was soll das heißen? Casanovas Stimme : Ehe der Hahn kräht wirst du mich verraten! Alfreddo : Schon recht (bei sich) Hör endlich auf mit deinen Bibelsprüchen. Kommen Sie? Casanovas Stimme : Apage Satanas! Alfreddo : Bald? Casanovas Stimme : Gleich, gleich. Alfreddo : O! O! O! Trallalala! Es fängt an! Man könnte gleich hinwerden vor Freude. Und jeden Lohn hat er ausgeschlagen. Für seine Seligkeit wollte er sorgen, hat er gesagt. Ich will ihn expreß vorher noch einmal fragen. Besser, ich erwähne die Geschichte eher gar nicht mehr. Ist der Schatz zutage, und will der Herr mir dann Sperenzien machen, so bin ich der Stärkere. Casanova (kommt) : Mein Gott ist das eine unerträgliche Schwüle. Alfreddo : Eine sakrische Hitze. Casanova : Guten Morgen. Alfreddo : Nun? Casanova : Wie? Alfreddo : Wenn ich fragen dürfte ... Casanova : Du darfst nicht fragen, Wage es nicht zu fragen. Es ist schon gut, es ist gut. (bei sich) Ich muß mich erst wieder zurechtfinden. Gebenedeite Frau! Wie bekomme ich den Kerl vom Halse. Die Sache wird ernst; aufgepaßt. Alfreddo : Was geschieht nun? Casanova : Wüßt ich's doch. Alfreddo : Was muß ich tun? Casanova : Das Maul halten. Alfreddo : Soll Maria nicht dabei sein? Casanova : Später. Alfreddo : Alsdann ... Casanova : Setze die Lampe hier in die Mitte der Stube. Alfreddo : Dachte ich's doch! Casanova : Was? Alfreddo : Daß dies die Stelle ist. Casanova : Es ist aber nicht die Stelle. Alfreddo : Was soll denn die Lampe dort? Casanova : Was der Mensch nicht alles fragt! Also setz' schon die Lampe dahin. Alsdann gehst du hinein und schickst dein Weib her. Alfreddo : Ja, aber ... Casanova : Kein aber; um Gottes willen nicht! Die heilige Handlung beginnt. Darinnen zählst du langsam zehnmal bis zwanzig. Dann erscheinst du wieder vor mir, bleibst lautlos im Hintergrund und verteidigst die Türe gegen jedermann. Aber auch gegen jedermann, verstehst du? Alfreddo (geht) : Ich verstehe schon. Casanova (über seinem Gepäck) : Eine Million Pistolen war das Glück dieser Nacht wert. Tausend zahle ich abschläglich, (er entnimmt das Gold) Maria (kommt) Casanova : Maria, nimm dies und verstecke es irgendwo im Keller an einem Platz, an den sonst niemand kommt. Du verstehst mich, Maria? Maria : Gewiß, Herr. Casanova : Es muß ganz den Anschein erwecken. Eile dich und laß dich nicht erwischen. Und sei froh, bis ich wiederkehre, bald wiederkehre. Willst du mir noch etwas sagen, Maria? Maria (ringt nach einem Ausdruck) : O ... ich danke dir, Herr. Casanova : Ich aber danke dir tausendmal, (er küßt sie) Leb wohl, lebe wohl, Maria. Maria (geht langsam) Casanova (folgt ihr mit den Augen) Es donnert Casanova : Hallo, was war das? Alfreddo (erscheint in der Tür) : Ich bin da. Casanova (beginnt in seltsamen Schritten und Sprüngen sich um die Laterne zu bewegen) : Hekuba! Hekuba! Beim Zwielicht eines Mondscheinkuchens. Hekuba! Beim Kuchen eines Zwielichtmondscheins. Hekuba! Beim Mondschein eines Kuchenzwielichts. Hekuba! Ein furchtbarer Donnerschlag erfolgt Alfreddo : Heiland, das hat gezündet! Casanova (tanzt rasender) : Mondscheinkuchen! Zwielichtmondschein! Kuchenzwielicht! Hekuba! Hebuka! Hekuba! Blitz und Donnerschlag Alfreddo : Sei meiner armen Seele gnädig. Casanova (immer rasender) : Kuchenhekuba! Hekubakuchen! Mondscheinmondschein! Knechte und Mägde (kommen gelaufen) : Bauer! Die Scheune brennt! Alfreddo : Heilige Jungfrau! Ich komme, ich komme! Casanova : Wirst du bleiben! Die Zeremonie. Mondscheinkuchen ... Alfreddo (läuft davon) : Meine Scheuer brennt! Casanova (erschöpft) : Gott und alle Heiligen sind gelobt! Eine Minute später und ich war dem Irrsinn verfallen. Doch nun fort! Maria (kommt) Casanova : Wie bekomme ich mein Pferd? Der Stall ist am Haus, die Scheuer dort drüben an der anderen Seite. Es muß gehen; aber geschwind; Maria, geschwind! Hast du es gut untergebracht? Maria (nickt) Casanova : Lebe wohl, herrliche Maria vom Torre del Greco! Beide schnell ab Donner und Blitz Alsbald sieht man Casanova zu Pferde davon, Maria ihm nachwinkend