William Shakespeare König Lear William Shakespeare Die Tragödie des König Lear Übersetzt von Wolf Graf Baudissin PERSONEN LEAR, König von Britannien König von FRANKREICH Herzog von BURGUND Herzog von CORNWALL Herzog von ALBANY Graf von GLOSTER Graf von KENT EDGAR, Glosters Sohn EDMUND, Glosters Bastard CURAN, ein Höfling Ein ARZT Der NARR Oswald, Gonerils HAUSHOFMEISTER [ EDELLEUTE, HAUPTLEUTE ] Ein ALTER MANN, Glosters Pächter Ein Offizier in Edmunds Diensten Edelmann in Cordelias Gefolge Verschiedene DIENER Cornwalls GONERIL REGAN CORDELIA } Lears Töchter Ritter im Gefolge des Königs, ein Herold, Boten, Offiziere, Soldaten, Gefolge Die Szene ist in Britannien ERSTER AKT ERSTE SZENE Ein Prunksaal in König Lears Palast Kent, Gloster und Edmund. KENT Ich dachte, der König sei dem Herzog von Albany gewogener als dem von Cornwall. GLOSTER So schien es uns immer; doch jetzt, bei der Teilung des Reichs, zeigt sichs nicht, welchen der beiden Herzoge er höher schätzt. Denn so gleichmäßig sind die Teile abgewogen, daß selbst die genaueste Forschung sich für keine der Hälften entscheiden könnte. KENT Ist das nicht Euer Sohn, Mylord? GLOSTER Seine Erziehung ist mir zur Last gefallen; ich mußte so oft erröten, ihn anzuerkennen, daß ich nun dagegen gestählt bin. KENT Ich kann Euch nicht verstehen. GLOSTER Dieses jungen Burschen Mutter konnte es, worauf sie einen runden Leib bekam und freilich früher einen Sohn für ihre Wiege als einen Mann für ihr Bett hatte. Merkt Ihr was von einem Fehltritt? KENT Ich kann den Fehltritt nicht ungeschehen wünschen, da der Erfolg davon so ansehnlich ist. GLOSTER Doch habe ich auch einen rechtmäßigen Sohn, einige Jahre älter als dieser, den ich aber darum nicht höher schätze. Obgleich dieser Schelm etwas vorwitzig in die Welt kam, eh er gerufen ward, so war doch seine Mutter schön, es ging lustig her bei seinem Entstehen, und der Bankert durfte nicht verleugnet werden. Kennst du diesen edeln Herrn, Edmund? EDMUND Nein, Mylord. GLOSTER Mylord von Kent; gedenke sein hinfort als meines geehrten Freundes. EDMUND Mein Dienst sei Euer Gnaden gewidmet. KENT Ich muß Euch lieben und bitte um Eure nähere Bekanntschaft. EDMUND Ich werde sie zu verdienen suchen. GLOSTER Er war neun Jahre im Auslande und soll wieder fort. Der König kommt! Man hört Trompeten. König Lear, Cornwall, Albany, Goneril, Regan, Cordelia und Gefolge treten auf. LEAR Führt ein die Herrn von Frankreich und Burgund, Gloster! GLOSTER Sehr wohl, mein König! Gloster und Edmund ab. LEAR Derweil enthülln Wir den verschwiegnen Vorsatz. Die Karte dort! - Wißt, daß Wir Unser Reich Geteilt in drei. 's ist Unser fester Schluß, Von Unserm Alter Sorg und Müh zu schütteln, Sie jüngrer Kraft vertrauend, während Wir Zum Grab entbürdet wanken. Sohn von Cornwall, Und Ihr gleich sehr geliebter Sohn von Albany, Wir sind jetzund gewillt, bekanntzumachen Der Töchter festbeschiedne Mitgift, daß Wir künftgem Streite so begegnen. - Die Fürsten Frankreich und Burgund, die hohen Rivalen um der jüngsten Tochter Gunst, Verweilten lange hier in Liebeswerbung Und harrn auf Antwort. - Sagt mir, meine Töchter, Da Wir Uns jetzt entäußern der Regierung, Des Landbesitzes und der Staatsgeschäfte, Welche von euch liebt Uns nun wohl am meisten? Daß Wir die reichste Gabe spenden, wo Verdienst sie und Natur heischt. Goneril, Du Erstgeborne, sprich zuerst! GONERIL                                 Mein Vater, Mehr lieb ich Euch, als Worte je umfassen, Weit inniger als Licht und Luft und Freiheit, Weit mehr, als was für reich und selten gilt, Wie Schmuck des Lebens, Wohlsein, Schönheit, Ehre, Wie je ein Kind geliebt, ein Vater Liebe fand. Der Atem dünkt mich arm, die Sprache stumm, Weit mehr als alles das, lieb ich Euch noch. CORDELIA beiseit. Was sagt Cordelia nun? Sie liebt und schweigt. LEAR All dies Gebiet, von dem zu jenem Strich, An schattigen Forsten und Gefilden reich, An vollen Strömen, weitgedehnten Triften, Beherrsche du; Albanys Stamm und deinem Sei dies auf ewig! - Was sagt Unsre zweite Tochter, Die teure Regan, Cornwalls Gattin? Sprich! REGAN Ich bin vom selben Stoff wie meine Schwester, Und schätze mich ihr gleich. Mein treues Herz Fühlt, all mein Lieben hat sie Euch genannt. Nur bleibt sie noch zurück; denn ich erkläre Mich als die Feindin jeder andern Lust, Die in der Sinne reichstem Umkreis wohnt, Und fühl in Eurer teuren Hoheit Liebe Mein einzig Glück. CORDELIA beiseit.                     Arme Cordelia dann! Und doch nicht arm; denn meine Lieb, ich weiß, Wiegt schwerer als mein Wort. LEAR Dir und den Deinen bleib als Erb auf immer Dies zweite Dritteil unsers schönen Reichs, An Umfang, Wert und Anmut minder nicht, Als was ich Goneril gab. Nun Unsre Freude, Du jüngste, nicht geringste, deren Liebe Die Weine Frankreichs und die Milch Burgunds Nachstreben, was sagst du, dir zu gewinnen Ein reichres Dritteil als die Schwestern? Sprich! CORDELIA Nichts, gnädger Herr! LEAR Nichts? CORDELIA Nichts. LEAR Aus nichts kann nichts entstehn; sprich noch einmal! CORDELIA Ich Unglückselge, ich kann nicht mein Herz Auf meine Lippen heben; ich lieb Eur Hoheit, Wie's meiner Pflicht geziemt, nicht mehr, nicht minder. LEAR Wie? Wie? Cordelia! Beßre deine Rede, Sonst schädigst du dein Glück. CORDELIA                                 Mein teurer Herr, Ihr zeugtet, pflegtet, liebtet mich; und ich Erwidr Euch diese Wohltat, wie ich muß, Gehorch Euch, lieb Euch und verehr Euch hoch. Wozu den Schwestern Männer, wenn sie sagen, Sie lieben Euch nur? Würd ich je vermählt, So folgt dem Mann, der meinen Schwur empfing, Halb meine Treu, halb meine Lieb und Pflicht. Gewiß, nie werd ich frein wie meine Schwestern, Den Vater nur allein zu lieben. LEAR Und kommt dir das von Herzen? CORDELIA                                 Ja, mein Vater! LEAR So jung und so unzärtlich? CORDELIA So jung, mein Vater, und so wahr. LEAR Sei's so! Nimm deine Wahrheit denn zur Mitgift, Denn bei der Sonne heilgem Strahlenkreis, Bei Hekates Mysterien und der Nacht, Bei allen Kräften der Planetenbahnen, Durch die wir leben und dem Tod verfallen, Sag ich mich los hier aller Vaterpflicht, Aller Gemeinsamkeit und Blutsverwandtschaft, Und wie ein Fremdling meiner Brust und mir Sei du von jetzt auf ewig! Der rohe Skythe, Ja der die eignen Kinder macht zum Fraß, Zu sättigen seine Gier, soll meinem Herzen So nah stehn, gleichen Trost und Mitleid finden, Als du, mein weiland Kind. KENT                             Mein guter König - LEAR Schweig, Kent! Tritt nicht dazwischen, wenn der Drache wütet! Sie war mein Liebling, und ich setzte alles Auf ihre sanfte Pflege. Zu Cordelia.                          Fort! Mir aus den Augen! Sei Friede so mein Grab, als ich von ihr Mein Vaterherz losreiße. - Ruft mir Frankreich! Wer rührt sich? Ruft Burgund! - Ihr, Albany und Cornwall, Zu meiner Töchter Mitgift schlagt dies Dritteil! - Stolz, den sie Gradheit nennt, vermähle sie! - Euch beide kleid ich hier in meine Macht, Vorrang der Würd und allerhöchsten Glanz, Der Majestät umgibt. Wir, nach der Monde Lauf, Mit Vorbehalt allein von hundert Rittern, Die Ihr erhaltet, wohnen dann bei Euch, Nach Ordnung wechselnd. Wir bewahren nur Den Namen und des Königs Ehrenrecht; Die Macht, Verwaltung, Rent und Staatsgewalt, Geliebte Söhn, ist Euer. Des zum Zeugnis Teilt diesen goldnen Reif! Übergibt die Krone. KENT                             Erhabner Lear, Den ich als meinen König stets geehrt, Geliebt als Vater und als Herrn begleitet, Als höchsten Hort einschloß in mein Gebet - LEAR Der Bogen ist gespannt, entflieh dem Pfeil! KENT Laß ihn nur fliegen, ob die Spitze auch Mein Herz durchbohrt. Kent sei nur ohne Sitte, Wenn Lear so toll. Was tust du, alter Mann? Meinst du, daß Pflicht die Rede scheut, weil Macht Sich Schmeicheln fügt? Die Ehre fordert Gradheit, Wenn Könige wie Narren sind. Bleib Herrscher, Und mit der besten Überlegung hemme Die frevle Eil. Mit meinem Leben bürg ich, Die jüngste Tochter liebt dich minder nicht, Noch ist der ohne Herz, des schwacher Klang Nicht Hohlheit widertönt. LEAR Schweig, Kent, bei deinem Leben! KENT Mein Leben galt mir stets nur als ein Pfand, Zu wagen gegen deinen Feind; gern laß ichs Für deine Wohlfahrt. LEAR                       Aus den Augen mir! KENT Sieh besser, Lear, und laß mich immer bleiben Der Zielpunkt deines Auges. LEAR Nun beim Apoll! KENT                  Nun beim Apollo, König, Du rufst vergeblich deine Götter an. LEAR O Knecht! Aufrührer! Legt die Hand ans Schwert. ALBANY und CORNWALL                       Teurer Herr, laß ab! KENT Tu's, töte deinen Arzt, und gib den Lohn Der schnöden Krankheit! Nimm zurück die Schenkung, Sonst, bis der Kehle Kraft versagt zu schrein, Sag ich dir, du tust Unrecht! LEAR                                Höre mich, Rebell, bei deiner Lehnspflicht, höre mich! Weil du zum Wortbruch Uns verleiten wolltest, Den Wir noch nie gewagt, und stolz verwegen Dich drängtest zwischen Unsern Spruch und Thron, Was Unser Blut und Rang nicht dulden darf, Wenn Unsre Macht bewährt, nimm deinen Lohn: Fünf Tage gönnen Wir, dich zu versehn Mit Schirmung vor des Lebens Ungemach; Am sechsten kehrst du den verhaßten Rücken Dem Königreich, und weilt am zehnten Tag In Unserm Lande dein verbannter Leib, So ists dein Tod. Fort nun! Bei Jupiter, Dies widerruf ich nicht! KENT So leb denn wohl, Fürst! Zeigst du so dich, Lear, Lebt Freiheit auswärts und Verbannung hier. - Zu Cordelia. Dir, Jungfrau, sein die Götter mächtiger Hort, Die richtig denkt und sprach das rechte Wort. - Zu Goneril und Regan. Eur breites Reden mög die Tat bewähren, Und Liebeswort willkommne Frucht gebären! - [ Zu den Herzogen. ] Fahrt wohl, Kent muß zum Abschied nun sich wenden, Im neuen Land den alten Lauf vollenden. Er geht ab. Trompetenstoß. Gloster kommt zurück mit Frankreich, Burgund und Gefolge. GLOSTER Hier sind Burgund und Frankreich, hoher Herr! LEAR Fürst von Burgund, Zu Euch erst sprech ich, der mit diesem König Um meine Tochter warb. Was als das mindste Erwartet Ihr als Mitgift, oder steht Von Euerm Antrag ab? BURGUND                       Erhabner König, Mir genügt, was Ihr freiwillig habt geboten, Und minder gebt Ihr nicht. LEAR                             Mein würdiger Herzog, Als sie Uns wert war, schätzten Wir sie so; Nun ist ihr Preis gesunken. Seht, da steht sie: Wenn etwas an der kleinen, schmucken Larve Oder sie ganz mit Unserm Zorn dazu, Und weiter nichts, Eur Hoheit noch gefällt, So nehmt sie, sie ist Eur. BURGUND                             Mir fehlt die Antwort. LEAR Wollt Ihr mit allen Mängeln, die ihr eigen, Freundlos und neuverschwistert Unserm Haß, Zur Mitgift Fluch, durch Schwur von Uns entfremdet, Sie nehmen oder lassen? BURGUND                          Herr, verzeiht, Mit der Bedingung endigt jede Wahl. LEAR So laßt sie; bei der Macht, die mich erschuf, Ich nannt Euch all ihr Gut. Zu Frankreich.                              Ihr, großer König - So möcht ich Eure Freundschaft nicht verraten, Euch zu vermählen, wo ich hasse. Lenkt Zu besserm Ziel, ich bitt Euch, Eure Wünsche, Als auf dies Wesen, das Natur errötet Anzuerkennen. FRANKREICH                Wahrlich, dies ist seltsam, Daß sie, die eben noch Eur Kleinod war, Der Inhalt Eures Lobs, Balsam des Alters, Eur Bestes, Teuerstes, in diesem Nu So Unerhörtes tat, ganz zu zerreißen Solch reichgewebte Gunst. Ja, ihr Vergehn Muß unnatürlich, ungeheuer sein, Oder die Liebe, deren Ihr Euch rühmtet, Ist tadelnswert. So schlimm von ihr zu denken, Heischt Glauben, wie Vernunft ihn ohne Wunder Mir nimmer einimpft. CORDELIA                        Herr, ich bitte doch, Mangelt mir auch die schlüpfrig glatte Kunst, Zu reden nur zum Schein - denn was ich ernstlich will, Vollbring ich, eh ichs sage -, daß Ihr zeugt, Es sei kein schnöder Makel, Mord noch Schmach, Kein zuchtlos Tun noch ehrvergeßner Schritt, Der mir geraubt hat Eure Gnad und Huld. Nur, weil mir fehlt, wodurch ich reicher bin, Ein stets begehrend Aug und eine Zunge, Die ich mit Stolz entbehr, obgleich ihr Mangel Mir Euern Beifall raubte. LEAR                            Besser wärs, Du lebtest nicht, als mir zur Kränkung leben! FRANKREICH Ist es nur das? Ein Zaudern der Natur, Das oft die Tat unausgesprochen läßt, Die es zu tun denkt? - Herzog von Burgund, Was sagt Ihr zu der Braut? Lieb ist nicht Liebe, Wenn sie vermengt mit Rücksicht, die seitab Vom wahren Ziel sich wendet. Wollt Ihr sie? Sie selbst ist ihre Mitgift. BURGUND                               Hoher Lear, Gebt mir den Anteil, den Ihr selbst bestimmt, Und hier nehm ich Cordelia bei der Hand Als Herzogin Burgunds. LEAR Nichts! Ich beschwors, ich bleibe fest. BURGUND Dann tut mirs leid, daß Ihr zugleich den Vater Verliert und den Gemahl. CORDELIA                           Fahr hin, Burgund! - Da Wunsch nur nach Besitz sein Lieben ist, Werd ich nie seine Gattin. FRANKREICH Schönste Cordelia, du bist arm höchst reich, Verbannt höchst wert, verachtet höchst geliebt! Dich nehm ich in Besitz und deinen Wert. Gesetzlich sei's: ich nehme, was man wegwarf. Wie seltsam, Götter, meiner Liebe Glühn Und Achtung muß aus kaltem Hohn erblühn. Sie mußte Erb und Glück bei dir verlieren, Um über uns und Frankreich zu regieren. Kein Herzog von Burgunds stromreichen Auen Erkauft von mir die teuerste der Frauen! Den Harten gib ein mildes Abschiedswort, Das Hier verlierst du für ein beßres Dort. LEAR Du hast sie, Frankreich, sie sei dein; denn nie Hatt ich solch Kind, und nimmer grüße sie Mein altes Auge mehr. - Folg deinen Wegen Ohn Unsre Lieb und Gunst, ohn Unsren Segen! - Kommt, edler Fürst Burgund! Trompetengetön. Lear, Burgund, Cornwall, Albany, Gloster und Gefolge gehen ab. FRANKREICH Sag deinen Schwestern Lebewohl. CORDELIA [ beiseit. ] Des Vaters Edelsteinen! - [ Laut. ]                             Nassen Blicks Verläßt Cordelia euch. [ Beiseit. ]                         Ich kenn euch wohl, Und nenn als Schwester eure Fehler nicht Beim wahren Namen. [ Laut. ]                     Liebt denn unsern Vater, Ich leg ihn euch ans vielberedte Herz. [ Beiseit. ] Doch ach, wär ich ihm lieb noch wie vorzeiten, Wollt ich ihm einen bessern Platz bereiten. [ Laut. ] So lebt denn beide wohl! REGAN Lehr uns nicht unsre Pflichten. GONERIL                                   Dem Gemahl Such zu genügen, der als Glücksalmosen Dich aufnahm. Da du Pflichtverletzung wagtest, Versagt sich dir nur, was du selbst versagtest. CORDELIA Was List verborgen, wird ans Licht gebracht, Wer Fehler schminkt, wird einst mit Spott verlacht. Es geh euch wohl! FRANKREICH                     Komm, liebliche Cordelia! Frankreich und Cordelia gehen ab. GONERIL Schwester, ich habe nicht wenig zu sagen, was uns beide sehr nahe angeht. Ich denke, unser Vater will heut abend fort. REGAN Ja, gewiß, und zu dir; nächsten Monat zu uns. GONERIL Du siehst, wie launisch sein Alter ist; was wir darüber beobachten konnten, war nicht wenig. Er hat immer unsere Schwester am meisten geliebt, und mit wie armseligem Urteil er sie jetzt verstieß, ist zu auffallend. REGAN 's ist die Schwäche seines Alters; doch hat er sich von jeher nur obenhin gekannt. GONERIL Schon in seiner besten und kräftigsten Zeit war er zu hastig. Wir müssen also von seinen Jahren nicht nur die Fehler längst eingewurzelter Gewohnheiten erwarten, sondern außerdem noch den störrischen Eigensinn, den gebrechliches und reizbares Alter mit sich bringt. REGAN Solch haltloses Auffahren kann uns nun auch bevorstehen, wie diese Verbannung Kents. GONERIL Solche Abschiedskomplimente wirds noch mehr geben, wie zwischen Frankreich und ihm. Bitte, laßt uns zusammenhalten. Behauptet unser Vater sein Ansehn mit solchen Gesinnungen, so wird diese letzte Übertragung seiner Macht uns nur zur Kränkung. REGAN Wir wollen es weiter überlegen. GONERIL Es muß etwas geschehen, und in der ersten Hitze. Sie gehen ab. ZWEITE SZENE Ein Saal im Schloß des Grafen Gloster Edmund mit einem Briefe. EDMUND Natur, du meine Göttin! Deiner Satzung Gehorch ich einzig. Weshalb sollt ich dulden Feindseliger Sitte Ungunst und gestatten, Daß mich der Völker enger Sinn enterbt, Weil ich ein zwölf, ein vierzehn Mond erschien Nach einem Bruder? - Was Bastard, weshalb unecht, Wenn meiner Glieder Maß so stark gefügt, Mein Sinn so kühn, so adlig meine Züge, Als einer ehrbarn Gattin Frucht? Warum Mit unecht uns brandmarken? Bastard? Unecht? Uns, die im heißen Diebstahl der Natur Mehr Stoff empfahn und kräftgern Feuergeist, Als in dem dumpfen, trägen, schalen Bett Verwandt wird auf ein ganzes Heer von Tröpfen, Halb zwischen Schlaf gezeugt und Wachen? Drum, Echtbürtiger Edgar, mein wird noch dein Land! Des Vaters Liebe hat der Bastard Edmund Wie der Echtbürtige. Schönes Wort: echtbürtig! Wohl, mein Echtbürtiger, wenn dies Brieflein wirkt Und mein Erfinden glückt, stürzt den Echtbürtgen Der Bastard Edmund. Ich gedeih, ich wachse! Nun, Götter, schirmt Bastarde! Gloster kommt. GLOSTER Kent so verbannt! Frankreich im Zorn gegangen! Der König fort zu Nacht! Der Macht entsagt! Beschränkt auf Leibgeding! Und alles das Im Nu! - Edmund, was gibts, was hast du Neues? EDMUND steckt den Brief ein. Verzeih Euer Gnaden, nichts. GLOSTER Warum steckst du so eilig den Brief ein? EDMUND Ich weiß nichts Neues, Mylord. GLOSTER Was für ein Blatt lasest du da gerade? EDMUND Nichts, Mylord. GLOSTER Nichts? Wozu denn die schreckhafte Eile damit in deine Tasche? Ein wirkliches Nichts bedarf keiner solchen Hast, sich zu verstecken. Laß sehn! Gib! Wenn es nichts ist, brauche ich keine Brille. EDMUND Ich bitte, Herr, verzeiht; es ist ein Brief meines Bruders, den ich noch nicht ganz durchgesehen, und soweit ich bis jetzt las, finde ich den Inhalt nicht für Eure Durchsicht geeignet. GLOSTER Gib mir den Brief, sag ich! EDMUND Ich werde unrecht tun, ich mag ihn geben oder behalten. Der Inhalt, soweit ich ihn verstehe, ist zu tadeln. GLOSTER Laß sehen, laß sehn! EDMUND Ich hoffe zu meines Bruders Rechtfertigung, er schrieb dies nur als Prüfung und Versuchung meiner Tugend. GLOSTER liest. Dieses Herkommen, diese Ehrfurcht vor dem Alter verbittert uns die Welt für unsre besten Jahre; entzieht uns unser Vermögen, bis unsre Hinfälligkeit es nicht mehr genießen kann. Ich fange an, eine alberne, törichte Sklaverei in diesem Druck bejahrter Tyrannei zu finden, die da herrscht, nicht weil sie Macht hat, sondern weil man sie duldet. Komm zu mir, daß ich weiter hierüber rede. Wenn unser Vater schlafen wollte, bis ich ihn weckte, solltest Du für immer die Hälfte seiner Einkünfte genießen und der Liebling sein Deines Bruders Edgar. - Hum! - Verschwörung! - Schlafen wollte, bis ich ihn weckte - die Hälfte seiner Einkünfte genießen. - Mein Sohn Edgar! Hatte er eine Hand, dies zu schreiben? Ein Herz und ein Gehirn, dies auszubrüten? - Wann bekamst du dies? Wer brachte dirs? EDMUND Es ward mir nicht gebracht, Mylord, das ist die Feinheit; ich fands durch das Fenster meines Zimmers geworfen. GLOSTER Du erkennst deines Bruders Handschrift? EDMUND Wäre der Inhalt gut, Mylord, so wollte ich darauf schwören; aber wenn ich auf diesen sehe, so möchte ich lieber glauben, sie sei es nicht. GLOSTER Es ist seine Hand. EDMUND Sie ists, Mylord, aber ich hoffe, sein Herz ist dem Inhalte fern. GLOSTER Hat er dich nie zuvor über diesen Punkt ausgeforscht? EDMUND Niemals, Mylord; doch habe ich ihn oft behaupten hören, wenn Söhne in reifen Jahren und die Väter auf der Neige ständen, dann sei von Rechts wegen der Vater des Sohnes Mündel und der Sohn Verwalter des Vermögens. GLOSTER O Schurke, Schurke! - Völlig der Sinn seines Briefes! - Verruchter Bube! Unnatürlicher, abscheulicher, viehischer Schurke! Schlimmer als viehisch! - Geh gleich, such ihn auf, ich will ihn festnehmen. - Verworfener Bösewicht! - Wo ist er? EDMUND Ich weiß es nicht genau, Mylord. Wenn es Euch gefiele, Euren Unwillen gegen meinen Bruder zurückzuhalten, bis Ihr ihm ein beßres Zeugnis seiner Absichten entlocken könnt, so würdet Ihr sichrer gehen; wollt Ihr aber gewaltsam gegen ihn verfahren, und hättet Euch in seiner Absicht geirrt, so würde es einen argen Riß in Eure Ehre machen und das Herz seines Gehorsams zertrümmern. Ich möchte mein Leben für ihn zum Pfande setzen, daß er dies geschrieben hat, um meine Ergebenheit gegen Euch, Mylord, auf die Probe zu stellen, ohne eine gefährliche Absicht. GLOSTER Meinst du? EDMUND Wenns Eur Gnaden genehm ist, stell ich Euch an einen Ort, wo Ihr uns darüber reden hören und Euch durch das Zeugnis Eures eignen Ohrs Gewißheit verschaffen sollt, und das ohne Verzug, noch diesen Abend. GLOSTER Er kann nicht solch ein Ungeheuer sein - EDMUND Und ists gewiß nicht. GLOSTER - gegen seinen Vater, der ihn so ganz, so zärtlich liebt! Himmel und Erde! Edmund, such ihn, forsche mir ihn aus, ich bitte dich; führe das Geschäft nach deiner eigenen Klugheit; ich würde alles dafür hingeben, die gehörige Klarheit zu gewinnen. EDMUND Ich will ihn sogleich suchen, Mylord, die Sache fördern, wie ichs vermag, und Euch von allem Nachricht geben. GLOSTER Jene letzten Verfinsterungen an Sonne und Mond weissagen uns nichts Gutes. Mag die Wissenschaft von der Natur sie so oder anders auslegen, die Natur selbst fühlt sich geschlagen von den Wirkungen, die ihnen folgen: Liebe erkaltet, Freundschaft fällt ab, Brüder entzweien sich; in Städten Meuterei, auf dem Lande Zwietracht, in Palästen Verrat; das Band zwischen Sohn und Vater zerrissen. Dieser mein elender Bursche bestätigt die Vorzeichen: da ist Sohn gegen Vater. Der König weicht aus dem Gleise der Natur: da ist Vater gegen Kind. Wir haben das Beste unsrer Zeit gesehn: Ränke, Herzlosigkeit, Verrat und alle zerstörenden Umwälzungen folgen uns rastlos bis an unser Grab. Erforsche mir den Buben, Edmund, es soll dein Schade nicht sein; tu's mit allem Eifer. Und der edle Kent mit seinem treuen Herzen verbannt! Sein Verbrechen: Redlichkeit! - Seltsam, seltsam! Geht ab. EDMUND Das ist die tollste Narrheit dieser Welt: Geht es einmal schlecht mit unserm Glück - oft, weil wirs zu weit getrieben haben in unsrer Lebensführung, schieben wir die Schuld an unsern Desastern auf Sonne, Mond und Sterne, als wenn wir Schurken wären durch Notwendigkeit, Narren durch himmlische Einwirkung, Schelme, Diebe und Verräter durch die Übermacht der Sphären, Trunkenbolde, Lügner und Ehebrecher durch zwingende Abhängigkeit von planetarischem Einfluß, und alles, worin wir schlecht sind, durch göttlichen Anstoß. Eine herrliche Ausflucht für den Liederlichen, seine hitzige Natur den Sternen zur Last zu legen! - Mein Vater ward mit meiner Mutter einig unterm Drachenschwanz, und meine Nativität fiel unter ursa major; und so folgt denn, ich müsse rauh und verbuhlt sein. Ei was, ich wäre geworden, was ich bin, wenn auch der jungfräulichste Stern am Firmament auf meinen Bastardsursprung geblinkt hätte. [ Edgar ] - Edgar tritt auf. Und husch ist er da, wie der Schluß in der alten Komödie. Mein Stichwort ist »spitzbübische Melancholie« und ein Seufzer wie Tom aus Bedlam. - Oh, diese Verfinsterungen deuten auf diesen Zwiespalt! Fa, sol, la, mi - EDGAR Wie gehts, Bruder Edmund? In was für tiefsinnigen Betrachtungen? EDMUND Ich sinne, Bruder, über eine Weissagung, die ich dieser Tage las, was auf diese Verfinsterungen folgen werde! EDGAR Gibst du dich mit solchen Dingen ab? EDMUND Ich versichere dich, die Wirkungen, von denen er schreibt, treffen leider ein! - Unnatürlichkeit zwischen Vater und Kind, Tod, Teuerung, Auflösung alter Freundschaft, Spaltung im Staat, Drohungen und Verwünschungen gegen König und Adel, grundloses Mißtrauen, Verbannung von Freunden, Auflösung des Heers, Trennung der Ehen und was noch alles! EDGAR Seit wann gehörst du zur astronomischen Sekte? EDMUND Sag mal, wann sahst du meinen Vater zuletzt? EDGAR Nun, gestern abend. EDMUND Sprachst du mit ihm? EDGAR Ja, zwei volle Stunden. EDMUND Schiedet ihr in gutem Vernehmen? Bemerktest du kein Mißfallen an ihm in Worten oder Mienen? EDGAR Durchaus nicht. EDMUND Besinne dich, womit du ihn beleidigt haben könntest, und ich bitte dich, meide seine Gegenwart, bis eine kurze Zwischenzeit die Hitze seines Zorns abgekühlt hat, der jetzt so in ihm wütet, daß ihn kaum eine Mißhandlung an deiner Person besänftigen würde. EDGAR Irgendein Schurke hat mich angeschwärzt! EDMUND Das fürcht ich auch. Ich bitte dich, weiche ihm sorgfältig aus, bis die Heftigkeit seines Ingrimms nachläßt, und, wie gesagt, verbirg dich bei mir in meinem Zimmer, wo ichs einrichten will, daß du den Grafen reden hören sollst. Ich bitte dich, geh, hier ist mein Schlüssel! Wagst du dich hervor, so geh bewaffnet. EDGAR Bewaffnet, Bruder? EDMUND Bruder, ich rate dir dein Bestes: Geh bewaffnet! Ich will nicht ehrlich sein, wenn man Gutes gegen dich im Schilde führt. Ich habe dir nur schwach angedeutet, was ich sah und hörte; längst noch nicht, wie entsetzlich die Wirklichkeit ist. Bitte dich, fort! EDGAR Werd ich bald von dir hören? EDMUND Zähle auf mich in dieser Sache. Edgar geht ab. Ein gläubger Vater und ein edler Bruder, So fern von allem Unrecht, daß er nie Argwohn gekannt, des dumme Ehrlichkeit Mir leichtes Spiel gewährt! Ich seh den Ausgang: Wenn nicht Geburt, schafft Güter mir die List; Mir gilt für gut, was dazu nützlich ist. Er geht ab. DRITTE SZENE Ein Zimmer in [ Vor ] dem Palast des Herzogs von Albany Goneril und Oswald, ihr Haushofmeister. GONERIL Hat mein Vater einen meiner Edlen geschlagen, weil er seinen Narren schalt? HAUSHOFMEISTER Ja, gnädige Frau! GONERIL Bei Tag und Nacht kränkt er mich! Jede Stunde Bricht er hervor mit der und jener Grobheit, Die uns verstimmt und stört; ich duld es nicht! Frech werden seine Ritter, selber schilt er Um jeden Tand. Wenn er vom Jagen kommt, Will ich ihn jetzt nicht sehn; sagt, ich sei krank. Wenn Ihr in Eurem Dienst saumselger werdet, So tut Ihr recht; die Schuld nehm ich auf mich. [ Trompeten. ] HAUSHOFMEISTER Jetzt kommt er, gnädge Frau, ich hör ihn schon. Hörner hinter der Szene. GONERIL Zeigt ihm so träge Lässigkeit Ihr wollt, Ihr und die andern; ich wollt, es kam zur Sprache. Wenns ihm mißfällt, so zieh er hin zur Schwester, Die darin, weiß ich, einig ist mit mir Und sich nicht meistern läßt. Der greise Tor, Der immer noch die Macht behaupten will, Die er verschenkt hat! Nun, bei meinem Leben, Das Alter kehrt zur Kindheit, und es braucht Der strengen Zucht, wenn Güte ward mißbraucht. Merkt Euch, was ich gesagt. HAUSHOFMEISTER                              Wohl, gnädge Frau! GONERIL Und seinen Rittern gönnt nur kalte Blicke; Gleichviel was draus erwächst; sagt das den andern auch! Ich finde wohl dadurch Gelegenheit, Mich zu erklären. Meiner Schwester schreib ich gleich, Daß sie verfährt wie ich. - Besorgt das Mahl! Sie gehen ab. VIERTE SZENE Ein Saal in Albanys Palast. [ Daselbst ] Kent tritt auf, verkleidet. KENT Kann ich so gut nur fremde Sprache borgen, Die meine Red entstellt, so mag vielleicht Mein guter Will in vollem Maß erstreben Das Ziel, um das mein Wesen ich verhüllte. Nun, du verbannter Kent, kannst du dort dienen, Wo du verdammt bist, so geschieht es wohl, Daß dein geliebter Herr dich treu erfindet. Jagdhörner hinter der Szene; Lear, Ritter und Gefolge treten auf. LEAR Laßt mich keinen Augenblick auf das Essen warten; geht, laßt anrichten! Einer vom Gefolge geht ab. Nun, wer bist du? KENT Ein Mann, Herr! LEAR Was ist dein Beruf? Was willst du von Uns? KENT Mein Beruf ist, nicht weniger zu sein, als ich scheine, dem treu zu dienen, ders mit mir versuchen will, den zu lieben, der ehrlich ist, mit dem zu verkehren, der Verstand hat und wenig spricht, das Jüngste Gericht zu fürchten, zu fechten, wenn ichs nicht ändern kann, und keine Fische zu essen. LEAR Wer bist du? KENT Ein recht treuherziger Kerl und so arm als der König. LEAR Wenn du als Untertan so arm bist wie er als König, dann bist du arm genug. Was willst du? KENT Dienst. LEAR Wem willst du dienen? KENT Euch. LEAR Kennst du mich. Alter? KENT Nein; aber Ihr habt etwas in Euerm Wesen, das ich gern Herr nennen möchte. LEAR Was ist das? KENT Hoheit. LEAR Was für Dienste kannst du tun? KENT Ich kann rechtschaffene Dinge geheimhalten, reiten, laufen, eine hübsche Geschichte schlecht erzählen und eine deutliche Botschaft zur Not ausrichten. Wozu ein gewöhnlicher Mensch brauchbar ist, dafür tauge ich, und das beste an mir ist guter Wille. LEAR Wie alt bist du? KENT Nicht so jung, Herr, ein Mädchen ihres Gesanges wegen zu lieben, noch so alt, um ohne alle Ursache in sie vergafft zu sein; ich habe achtundvierzig Jahre auf dem Rücken. LEAR Folge mir, du sollst mir dienen; wenn du mir nach dem Essen nicht schlechter gefällst, so trennen wir uns nicht so bald. - Das Essen, holla, das Essen! - Wo ist mein Bursch, mein Narr? Geh einer und ruf mir meinen Narren her! Einer aus dem Gefolge geht ab. Der Haushofmeister kommt. Ihr da! - He! - Wo ist meine Tochter? HAUSHOFMEISTER Verzeiht mir - Er geht ab. LEAR Was sagt der Schlingel da? Ruft den Tölpel zurück. Ein Ritter geht dem Haushofmeister nach. Wo ist mein Narr, he? - Ich glaube, die Welt liegt im Schlaf. - Der Ritter kommt zurück. Nun? Wo bleibt der Lümmel? RITTER Er sagt, Mylord, Eurer Tochter sei nicht wohl. LEAR Warum kam denn der Flegel nicht zurück, als ich ihn rief? RITTER Herr, er sagte mir sehr rund heraus, er wolle nicht. LEAR Er wolle nicht? RITTER Mylord, ich weiß nicht, was vorgeht; aber nach meiner Ansicht begegnet man Eurer Hoheit nicht mehr mit der ehrerbietigen Aufmerksamkeit, wie man pflegte; es zeigt sich ein großes Abnehmen der Höflichkeit sowohl bei der Dienerschaft als auch beim Herzog und Eurer Tochter selbst. LEAR Ha, meinst du? RITTER Ich bitte Euch, verzeiht mir, Mylord, wenn ich mich irre, denn mein Diensteifer kann nicht schweigen, wenn ich Eure Hoheit beleidigt glaube. LEAR Du erinnerst mich nur an meine eigne Wahrnehmung. Ich habe seit kurzem eine sehr kalte Vernachlässigung bemerkt, doch schob ichs mehr auf meine argwöhnische Gemütsart als auf einen wirklichen Vorsatz und absichtliche Unfreundlichkeit. Ich will genauer darauf acht geben. Aber wo ist mein Narr? Ich hab ihn in zwei Tagen nicht gesehn. RITTER Seit der jungen Fürstin Abreise nach Frankreich, gnädiger Herr, hat sich der Narr ganz abgehärmt. LEAR Still davon; ich hab es wohl bemerkt. Geht und sagt meiner Tochter, ich wolle sie sprechen. - Einer aus dem Gefolge geht ab. Und Ihr ruft meinen Narren! Ein weiterer aus dem Gefolge geht ab. Der Haushofmeister kommt. O Ihr, Herr, Ihr, Herr, kommt doch näher, Herr, wer bin ich, Herr? HAUSHOFMEISTER Myladys Vater. LEAR Myladys Vater? Mylords Schurk! Du verdammter Hund, du Lump, du Schuft! HAUSHOFMEISTER Ich bin nichts von alledem, Mylord, ich bitte mirs aus. LEAR Wirfst du mir Blicke zu, du Hundsfott? Er schlägt ihn. HAUSHOFMEISTER Ich lasse mich nicht schlagen, Mylord. KENT schlägt ihm ein Bein unter. Auch kein Bein stellen, du niederträchtiger Fußballspieler? LEAR Ich danke dir, Bursch, du dienst mir, und ich will dich lieben. KENT Kommt, Freund, steht auf, packt Euch! Ich will Euch Unterschiede lehren; fort, fort! Wollt Ihr Eure Flegelslänge noch einmal messen, so bleibt, sonst packt Euch! Fort! Seid Ihr klug? - So! Er stößt den Haushofmeister hinaus. LEAR Nun, mein freundlicher Gesell, ich danke dir, hier ist Handgeld auf deinen Dienst. Er gibt Kent Geld. Der Narr kommt. NARR Laß mich ihn auch dingen; hier ist meine Kappe. Gibt Kent seine Kappe. LEAR Nun, mein schmuckes Bürschchen? Was machst du? NARR Höre, Freund, du tätst am besten, meine Kappe zu nehmen. KENT Warum, Narr? NARR Warum? Weil du's mit einem hältst, der in Ungnade gefallen ist. Ja, wenn du nicht lächeln kannst, je nachdem der Wind kommt, so wirst du bald einen Schnupfen weghaben. Da nimm meine Kappe. Sieh, dieser Mensch da hat zwei von seinen Töchtern verbannt und der dritten wider Willen seinen Segen gegeben; wenn du dem folgen willst, mußt du notwendig meine Kappe tragen. - Nun wie stehts, Gevatter? Ich wollt, ich hätte zwei Kappen und zwei Töchter! LEAR Warum, mein Söhnchen? NARR Wenn ich ihnen all meine Habe geschenkt hätte, die Kappen behielt ich für mich. Ich habe meine; bettle du dir eine von deinen Töchtern. LEAR Nimm dich in acht, du! - Die Peitsche! NARR Wahrheit ist ein Hund, der ins Loch muß und hinausgepeitscht wird, während Madame Schoßhündin, die großmäulige Petze, am Feuer stehn und stinken darf. LEAR Eine bittre Pille für mich! NARR Hör, guter Freund, ich will dich einen Reim lehren. LEAR Laß hören. NARR Gib acht, Gevatter! Nicht alles mußt zeigen Und manches verschweigen, Nicht alles leih her, Reit wenig, geh mehr, Glaub wenig, hör viel, Setz wenig beim Spiel, Laß Dirnen und Wein, Halt im Hause dich fein, Und aufs Schock wird dir gehn Mehr als sechs mal zehn! LEAR Das ist nichts, Narr. NARR Dann ists gleich dem Wort eines unbezahlten Advokaten; du gabst mir nichts dafür. Kannst du von nichts keinen Gebrauch machen, Gevatter? LEAR Ei nein. Söhnchen, aus nichts wird nichts. NARR zu Kent. Bitt dich, sag ihm doch, geradesoviel trage ihm die Rente seines Landes; er wirds einem Narren nicht glauben. LEAR Ein bittrer Narr! NARR Weißt du den Unterschied, mein Junge, zwischen einem bittren Narren und einem süßen Narren? LEAR Nein, Bursch, lehr ihn mich! NARR Der dirs geraten, Lear, Dein Land zu geben hin, Den stell hierher zu mir, Oder steh du für ihn. Der süß und bittre Narr Zeigt sich dir nun sofort. Der ein im scheckgen Wams, Den andern siehst du dort. LEAR Nennst du mich Narr, Junge? NARR Alle deine andern Titel hast du weggeschenkt, mit diesem bist du geboren. KENT Darin ist er nicht so ganz Narr, Mylord. NARR Nein, mein Seel, Lords und andere große Herren würdens mir auch nicht ganz lassen; hätt ich ein Monopol darauf, sie müßten ihr Teil daran haben, und die Damen ebenso, die würden mir auch den Narren nicht allein lassen, sie würden was abhaben wollen. Gib mir ein Ei, Gevatter, ich will dir zwei Kronen geben. LEAR Was für zwei Kronen werden das sein? NARR Nun, nachdem ich das Ei durchgeschnitten und das Inwendige herausgegessen habe, die beiden Kronen des Eis. Als du deine Krone mittendurch spaltetest und beide Hälften weggabst, da trugst du deinen Esel auf dem Rücken durch den Dreck; du hattest wenig Witz in deiner kahlen Krone, als du deine goldne wegschenktest. Wenn ich diesmal in meiner eignen Manier rede, so laß den peitschen, ders zuerst so findet. Singt: Den Narrn blüht heuer wenig Glück, Denn Weise wurden Laffen; Mit ihrem Witz gings sehr zurück, Benehmen sich wie Affen. LEAR Seit wann bist du so reich an Liedern, he? NARR Das bin ich, Gevatter, seit du deine Töchter zu deinen Müttern gemacht hast; denn als du ihnen die Rute übergabst und dir selbst deine Hosen herunterzogst, Da weinten sie aus freudgem Schreck, Ich sang aus bitterm Gram, Daß solch ein König Butzemann spielt' Und zu den Narren kam. Bitt dich, Gevatter, nimm einen Schulmeister an, der deinen Narren lügen lehre; ich möchte gern lügen lernen. LEAR Wenn du lügst, Bursch, so werden wir dich peitschen lassen. NARR Mich wundert, wie du mit deinen Töchtern verwandt sein magst; sie wollen mich peitschen lassen, wenn ich die Wahrheit sage, du willst mich peitschen lassen, wenn ich lüge, und zuweilen werde ich gepeitscht, weil ichs Maul halte. Lieber wollt ich alles in der Welt sein, als ein Narr; und doch möchte ich nicht du sein, Gevatter. Du hast deinen Witz von beiden Seiten abgestutzt und nichts in der Mitte gelassen. Da kommt so ein abgestutztes Ende. Goneril tritt auf. LEAR Nun, Tochter, was soll denn das Stirnband da? Mir scheint, Ihr habt in letzter Zeit die Stirn zu viel gerunzelt. NARR Du warst ein hübscher Gesell, als du noch nicht nötig hattest, auf ihr Runzeln zu achten; nun bist du eine Null ohne Ziffern. Ich bin jetzt mehr als du: ich bin ein Narr, du bist nichts. - Ja doch, ich will ja schweigen; das befiehlt mir Euer Gesicht, obgleich Ihr nichts sagt. Mum, mum, Wer nicht Krust' bewahrt noch Krum, Wenn er satt, der bangt noch drum. Er zeigt auf Lear. Das ist so 'ne leere Erbsenschote! GONERIL Nicht Euer Narr bloß, Herr, der alles darf, Auch mancher Eurer zügellosen Ritter Sucht stündlich Zank und Unfug, schwelgt und rauft In unerträglich lästiger Wildheit. Herr, Ich glaubte, wenn ich dies Euch angezeigt, Ihr würdets ändern; doch befürcht ich nun Nach dem, was Ihr seit kurzem spracht und tatet, Ihr schützt dies Treiben selbst und reizt dazu Durch Euern Beifall. Steht es so, dann fehlt Die Rüge nicht noch schläft die scharfe Zucht, Die, zwar, nur strebend nach wohltätigem Frieden, Vielleicht in ihrem Lauf Euch Kränkung bringt, Was Schmach uns wäre sonst, doch weise Vorsicht, Wenn es die Not gebietet. NARR Denn du weißt, Gevatter, Grasmücke so lange den Kuckuck speist, Bis das Junge ihr schließlich den Kopf abbeißt. Und da ging das Licht aus und wir saßen im Dunkeln. LEAR Bist du meine Tochter? GONERIL Hört mich: Ich wollt. Ihr brauchtet den gesunden Sinn, Der sonst, ich weiß. Euch ziert, und legtet ab Die Launen, die seit kurzem Euch verwandelt, Wie Ihr nicht wirklich seid. NARR Kanns nicht ein Esel merken, wenn der Karren das Pferd zieht? - He, Hanne! Ich liebe dich. LEAR Kennt mich hier jemand? Nein, das ist nicht Lear! Geht Lear so? Spricht so? Wo sind seine Augen? Sein Kopf muß schwach sein oder seine Denkkraft Im Todessschlaf. Ha, bin ich wach? Es ist nicht so. Wer ists, der mir kann sagen, wer ich bin? NARR Lears Schatten. LEAR Ich wüßte es gern; denn nach den Zeichen des Königtums, der Einsicht und der Vernunft wärs Täuschung, wenn ich glaube, ich hätte Töchter. NARR Die dich zum gehorsamen Vater machen werden. LEAR Euer Name, schöne Frau? GONERIL Dies Staunen, Herr, schmeckt allzu sehr nach andern Von Euern neuen Grillen. Ich ersuch Euch, Nicht meine wahre Absicht zu mißdeuten. So alt und würdig, seid verständig auch, Ihr haltet hundert Ritter hier und Knappen, So wildes Volk, so schwelgerisch und frech, Daß unser Hof, befleckt durch ihre Sitten, Gemeiner Schenke gleicht. Unzucht und Prassen Stempelt ihn mehr zum Weinhaus und Bordell Als fürstlichen Palast. Scham selber heischt Abhülfe schleunig: Seid deshalb ersucht Von der, die sonst sich nimmt, um was sie bat, Ein wenig zu vermindern Euern Schwarm; Und wählt den Rest, der Euerm Dienst verbleibt, Aus Männern, wohlanständig Euerm Alter, Die sich und Euch erkennen. LEAR                              Höll und Teufel! Sattelt die Pferde, ruft all mein Gefolg! - Entarteter Bastard, ich will dich nicht Belästigen; noch bleibt mir eine Tochter. GONERIL Ihr schlagt mein Dienstvolk, und Eur frecher Troß Macht beßre sich zu Knechten. Albany tritt auf. LEAR Weh, wer zu spät bereut! - Zu Albany.                                  O Herr, seid Ihrs? Ist das Eur Wille? Sprecht! - Bringt meine Pferde! - Undankbarkeit, du marmorherzger Teufel, Abscheulicher, wenn du dich zeigst im Kinde, Als Meeresungeheuer! ALBANY                       Bitte, faßt Euch, Mylord! LEAR zu Goneril.          Verruchter Geier, wie du lügst! Mein Volk sind ausgewählte wackre Männer, Höchst kundig aller Pflichten ihres Dienstes, Und die mit strenger Achtsamkeit genau Halten auf ihre Ehre. O kleiner Fehl, Wie schienst du an Cordelien mir so greulich, Daß du, wie folternd, mein natürlich Wesen Verrenkt, dem Herzen alle Lieb entrissen, Zu Galle sie gemacht! O Lear, Lear, Lear! Schlägt an die Stirn. Schlag an dies Tor, das deine Tollheit einließ, Die Urteilskraft hinaus! - Geht, gute Leute! ALBANY Herr, ich bin schuldlos, ja ich ahne nicht, Was Euch bewegt. LEAR                   Es kann wohl sein, Mylord! - Hör mich, Natur, hör, teure Göttin, hör mich! Hemm deinen Vorsatz, wenns dein Wille war, Ein Kind zu schenken dieser Kreatur! Unfruchtbarkeit sei ihres Leibes Fluch! Vertrockn ihr die Organe der Vermehrung; Aus so entartetem Leib erwachse nie Ein Säugling, sie zu ehren. Muß sie kreißen, So schaff ihr Kind aus Zorn, auf daß es lebe Als widrig quälend Mißgeschick für sie! Es grab ihr Runzeln in die junge Stirn Und ätz mit Tränenströmen Furchen ein In ihr Gesicht; all Muttersorg und Wohltat Erwidr es ihr mit Spott und Hohngelächter, Daß sie empfinde, wie es schärfer nagt Als Schlangenzahn, ein undankbares Kind Zu haben! - Fort, hinweg! Er geht ab. ALBANY Nun, ewge Götter, was bedeutet dies? GONERIL Nicht kümmert Euch, die Ursach zu erfahren; Laßt seiner wilden Laune nur das Ziel, Das Torheit ihr gesteckt. Lear kommt zurück. LEAR Was? Fünfzig meiner Leut auf einen Schlag? In vierzehn Tagen? ALBANY                     Gnädiger Herr, was ists? LEAR Ja, hör mich! - Zu Goneril.                  Höll und Tod! Ich bin beschämt, Daß du so meine Mannheit kannst erschüttern, Daß heiße Tränen, die mir wider Willen Entstürzen, dir geweint sein müssen. Pest Und Giftqualm über dich! - Wunden des Vaterfluchs, zu tief für Heilung, Die spür in jeder Faser deines Wesens! Ihr alten kindischen Augen, weint noch einmal Um dies Geschehn, ich reiß euch aus und werf Euch mit den Tränen hin, die ihr vergießt, Den Staub zu löschen! Dahin ists gekommen? - Laß es so sein, ich hab noch eine Tochter, Die ganz gewiß mir freundlich ist und liebreich. Wenn sie dies von dir hört, mit ihren Nägeln Zerfleischt sie dir dein Wolfsgesicht. Dann findst du Mich wieder in der Art, von der du denkst, Ich habe sie auf immer abgeworfen. [ Du sollst, das schwör ich dir! ] Lear, Kent und Gefolge gehen ab. GONERIL Habt Ihrs gehört, Mylord? ALBANY Bei meiner großen Liebe, Goneril, Kann ich nicht so parteiisch sein. GONERIL Ich bitt Euch, laßt das gut sein! He, Oswald, he! - Zum Narren. Ihr da, mehr Schurk als Narr, folgt Eurem Herrn! NARR Gevatter Lear, Gevatter Lear, wart und nimm den Narren mit dir! 'ne Füchsin, wenn man sie fängt, 'ne Tochter wie diese: gehenkt Gehören sie beide. Verschenkt Hätt die Kapp ich fürn Strick, daß sie hangen! So der Narr hinterher kommt gegangen. Geht ab. GONERIL Der Mann war gut beraten. - Hundert Ritter! Politisch wärs und sicher, hundert Ritter Zur Hand ihm lassen: daß bei jedem Traum, Bei jeder Grill und Laune, Klag und Unlust, Er seine Torheit stützt auf ihre Macht, Und unser Leben hing an seinem Wink. - He, Oswald, he! ALBANY                  Du fürchtest wohl zu viel. GONERIL Besser, als traut ich ihm zu viel. Laß mich Wegschaffen einen Schaden, den ich fürchte, Statt fürchten, selber weggeschafft zu werden. Ich kenn sein Herz. Was er geäußert, schrieb ich Der Schwester. Nimmt sie ihn, die hundert Ritter, Zu sich, da ich den Nachteil zeigt - Der Haushofmeister kommt.                                       Nun, Oswald, Hast du den Brief an meine Schwester fertig? HAUSHOFMEISTER Ja, gnädge Frau! GONERIL Nimm dir Begleitung mit und schnell zu Pferd; Belehre sie, was ich besonders fürchte, Und füge selbst ihr solchen Grund hinzu, Der dies noch mehr verstärkt. Nun mach dich auf Und kehre bald zurück! Der Haushofmeister geht ab.                              Nein, nein, Mylord, Euer allzugütiges, milchsanftes Wesen, Ich wills nicht schelten; doch Euch trifft, verzeiht, Mehr Tadel, weil Euch Klugheit fehlt, als Lob Für Sanftmut voll Gefahr. ALBANY Ob du das Rechte triffst, ich weiß nicht recht; Wer bessern will, macht oft das Gute schlecht. GONERIL Nun, dann - ALBANY              Gut, gut, - der Ausgang. Sie gehn ab. FÜNFTE SZENE Ein Hof vor dem Palast des Herzogs von Albany. [ Daselbst ] Es treten auf Lear, Kent und der Narr. LEAR Geh du voraus nach Gloster mit diesem Brief; sag meiner Tochter von dem, was du weißt, nicht mehr, als worum sie nach dem Brief dich fragen wird. Wenn du nicht sehr eilst, werd ich noch vor dir dort sein. KENT Ich will nicht schlafen, Mylord, bis ich Euern Brief bestellt habe. Geht ab. NARR Wenn einem das Hirn in den Hacken säße, wärs da nicht in Gefahr, Schwielen zu bekommen? LEAR Ja, Bursch. NARR Dann, bitt ich dich, sei vergnügt; dein Verstand wird nie in Schlappschuhen gehen. LEAR Ha, ha, ha! NARR Gib acht, deine andre Tochter wird dir artig begegnen, denn obgleich sie dieser so ähnlich sieht wie der Holzapfel dem Apfel, so weiß ich doch, was ich weiß. LEAR Nun, was weißt du denn, mein Junge? NARR Sie wird ihr an Geschmack so gleich sein als ein Holzapfel einem Holzapfel. Das weißt du, warum einem die Nase mitten im Gesicht steht? LEAR Nein. NARR Ei, um die beiden Augen nach beiden Seiten der Nase hin zu gebrauchen, damit man in das, was man nicht herausriechen kann, ein Einsehen habe. LEAR Ich tat ihr Unrecht. NARR Kannst du mir sagen, wie die Auster ihre Schale macht? LEAR Nein. NARR Ich auch nicht; aber ich weiß, warum die Schnecke ein Haus hat. LEAR Warum? NARR Nun, um ihren Kopf hineinzustecken, nicht ums an ihre Töchter zu verschenken und ihre Hörner ohne Futteral zu lassen. LEAR Ich will meine Natur vergessen. Solch gütiger Vater! - Sind meine Pferde bereit? NARR Deine Esel sind nach ihnen gegangen. - Der Grund, warum die sieben Sterne nicht mehr sind als sieben, ist ein hübscher Grund. LEAR Weils nicht acht sind? NARR Ja, wahrhaftig, du würdest einen guten Narren abgeben! LEAR Mit Gewalt muß ichs wiedernehmen. Scheusal Undankbarkeit! NARR Wenn du mein Narr wärst, Gevatter, so bekämst du Schläge, weil du vor der Zeit alt geworden bist. LEAR Wieso das? NARR Du hättest nicht alt werden sollen, eh du klug geworden wärst. LEAR O laß nicht toll mich werden, Himmel, toll nicht! Laß mir die Fassung, toll möcht ich nicht sein! Ein Ritter kommt. Nun, sind die Pferde bereit? RITTER Bereit, Mylord. LEAR Komm, Bursch! NARR Die jetzt noch Jungfer ist und spottet mein und stichelt, Die bleibts nicht lange mehr, wird nicht was weggesichelt. Sie gehn ab. ZWEITER AKT ERSTE SZENE Ein Hof im Innern des [ Vor dem ] Schlosse des Grafen Gloster Es treten auf Edmund und Curan von verschiedenen Seiten. EDMUND Gott grüß dich, Curan! CURAN Und Euch, Herr! Ich bin bei Eurem Vater gewesen und habe ihm die Nachricht gebracht, daß der Herzog von Cornwall und Regan, seine Herzogin, diesen Abend bei ihm eintreffen werden. EDMUND Wie kommt das? CURAN Nun, ich weiß nicht. Ihr werdet die Neuigkeiten gehört haben, ich meine, was man sich zuraunt; denn noch ist die Sache nur Ohrengeflüster. EDMUND Ich? Nichts! Bitt Euch, was sagt man? CURAN Habt Ihr nicht gehört, daß es wahrscheinlich bald zwischen den Herzogen von Cornwall und Albany zum Krieg kommen wird? EDMUND Nicht ein Wort. CURAN So werdet Ihrs noch hören. Lebt wohl, Herr! Ab. EDMUND Der Herzog hier zu Nacht! So besser! Trefflich! Das webt sich ganz von selbst in meinen Plan. Mein Vater stellte Wachen, meinen Bruder Zu fangen; und ich hab ein heikles Ding Noch auszurichten. Helft mir, Glück und Raschheit! - Bruder, ein Wort! - Komm, Bruder, komm herunter! - Edgar tritt auf. Der Vater stellt dir nach; o flieh von hier! Kundschaft erhielt er, wo du dich versteckt. Die Nacht wird dir den besten Schutz gewähren. Sprachst du wohl etwa gegen Herzog Cornwall? Er kommt hieher, bei Nacht, in größter Eil, Und Regan mit ihm; hast du nichts gesagt Von seinem Streit mit Herzog Albany? Besinne dich! EDGAR                Nein, wahrlich, nicht ein Wort. EDMUND Den Vater hör ich kommen! Nun verzeih, Verstellterweise muß ich mit dir fechten; Zieh, wehre dich zum Schein! Nun mach dich fort! [ Laut. ] Ergib dich! Komm zum Vater! Licht, he, Licht! [ Leise. ] Flieh, Bruder! [ Laut. ]                 Fackeln, Fackeln! [ Leise. ]                                    So leb wohl! Edgar geht ab. Ein wenig Blut an mir zeugt wohl die Meinung Von ernstrer Gegenwehr. - Er verwundet sich den Arm.                            Ich sah Betrunkne Im Scherz mehr tun als dies. - O Vater, Vater! Halt, halt! O helft! Gloster und Bediente mit Fackeln treten auf. GLOSTER                       Edmund, wo ist der Schurke? EDMUND Er stand im Dunkeln hier, sein Schwert gezückt, Den Mond beschwört' er mit verruchtem Zauber, Ihm hülfreich beizustehn. GLOSTER                            Nun, und wo ist er? EDMUND Seht, Herr, ich blute! GLOSTER                         Edmund, wo ist der Schurke? EDMUND Dorthin entflohn. Als er auf keine Weise - GLOSTER Verfolgt ihn! - Fort! - Bediente ab. Auf keine Weise - was? EDMUND - Mich überreden konnt. Euch zu ermorden, Und ich ihm sagte, daß die Rachegötter Auf Vatermord all ihren Donner schleudern Und wie durch vielfach starkes Band dem Vater Das Kind vereinigt sei - genug, Mylord, Er merkte, wie mit Abscheu ich verwarf Sein unnatürlich Tun - in voller Wut Fällt er mit schon gezognem Schwert mich an, Mich Unbeschützten, trifft mir hier den Arm; Doch als er mich in tiefster Seel empört Und kühn gerechten Kampf aufnehmen sah, Vielleicht erschreckt auch durch mein Schrein um Hülfe, Entfloh er plötzlich. GLOSTER                        Flieh' er noch so weit, In diesem Land entgeht er nicht der Haft Und, trifft man ihn, der Strafe. Unser Herzog, Mein werter Fürst und Schutzherr, kommt zu Nacht; Kraft seiner Vollmacht künd ichs aller Welt, Daß, wer ihn findet, unsern Dank verdient, Bringt er den feigen Meuchler zum Gericht, Wer ihn verbirgt, den Tod. EDMUND Als ich ihm sein Beginnen widerriet Und fand ihn fest entschlossen, droht ich zornig, Ihn anzugeben; er erwiderte: Du güterloser Bastard! Kannst du meinen, Wenn ich dir gegenüber steh. Vertrauen Auf irgend Wahrheit, Wert und Treu in dir Macht' deine Worte glaubhaft? Wenn ich leugne, Und das tät ich gewiß, und zeigtest du Auf meine Handschrift - alles stellt ich dar Als deine Bosheit, Arglist, schnöden Trug. Du mußt 'nen Dummkopf machen aus der Welt, Soll sie den Vorteil meines Todes nicht Als starken, höchst gewichtgen Trieb erkennen, Ihn anzustiften. GLOSTER                    O verstockter Bube! Die Handschrift leugnen? [ Hat er das gesagt? - ] Nie hab ich ihn gezeugt. [Auch diese Abweichung beruht auf unterschiedlichen Lesarten des Originals: »said he?« / »I never got him.«] Man hört Trompeten. Der Herzog? Was ihn herführt, weiß ich nicht. - Die Häfen sperr ich all, er soll nicht fliehn. Mein Fürst muß mirs gewähren; auch sein Bildnis Versend ich nah und fern; das ganze Reich Soll Kenntnis von ihm haben; und mein Land, Du guter, würdger Sohn, ich wirk es aus, Daß du's besitzen darfst. Cornwall und Regan treten mit Gefolge auf. CORNWALL Wie gehts, mein edler Freund? Seit ich hierher kam, - Doch eben erst! - vernahm ich arge Dinge. REGAN Und sind sie wahr, genügt wohl keine Strafe So großer Missetat. Wie gehts Euch, Graf? GLOSTER Zerrissen ist mein altes Herz, zerrissen! REGAN Was? Meines Vaters Patenkind wollt Euch Ans Leben? Dem mein Vater gab den Namen? Euer Edgar? GLOSTER              Fürstin! Scham verschwieg es gern. REGAN Hatt er nicht Umgang mit den wüsten Rittern In meines Vaters Dienst? GLOSTER                           Ich weiß nicht, Lady. Es ist zu schlimm, zu schlimm! EDMUND Ja, gnädge Frau, er hielt mit jenem Schwarm. REGAN Kein Wunder denn, daß er auf Bosheit sann! Sie trieben ihn zum Mord des alten Mannes, Um seine Renten schwelgend zu verprassen. Erst diesen Abend hat mir meine Schwester Sie recht geschildert und mit solcher Warnung, Daß, wenn sie kommen, um bei mir zu wohnen, Ich nicht daheim sein will. CORNWALL                              Auch ich nicht, Regan. - Edmund, ich hör. Ihr habt dem Vater Euch Bewährt als treuer Sohn. EDMUND                           Ich tat nach Pflicht. GLOSTER Er deckte seine List auf und erhielt Die Wunde hier, als er ihn greifen wollte. CORNWALL Setzt man ihm nach? GLOSTER                      Ja, gnädger Herr. CORNWALL Wird er ergriffen, soll sich niemand ferner Vor seiner Bosheit scheun: all meine Macht Steht Euch zu Dienst nach eigner Wahl. Ihr, Edmund, Des Tugend und Gehorsam eben jetzt Sich so bewährt. Ihr sollt der Unsre sein; Gemüter solcher Treue tun uns not, So zähl ich denn auf Euch. EDMUND                             Ich dien Euch treu, Worins auch sein mag. GLOSTER                        Dank für ihn, mein Fürst! CORNWALL Ihr wißt nicht, was uns hergeführt zu Euch - REGAN So außer Zeit, in Finsternis der Nacht! Der Anlaß, edler Gloster, hat Gewicht, Und Eures Rates sind wir sehr bedürftig. Mein Vater schreibt uns, und die Schwester auch, Von Zwistigkeiten, die ich besser hielt Zu schlichten außerm Hause. Beide Boten Erwarten hier Bescheid. Ihr, alter Freund, Beruhigt Eur Gemüt und steht uns bei Mit höchst erwünschtem Rat in dieser Sache, Die höchste Eile heischt. GLOSTER                            Ich dien Euch gern; Eur Gnaden sind von Herzen mir willkommen! Sie gehn ab. ZWEITE SZENE Vor Glosters Schloß. [ Daselbst ] Es treten auf Kent und Oswald, Gonerils Haushofmeister, von verschiedenen Seiten. HAUSHOFMEISTER Guten Morgen, mein Freund; bist du hier vom Hause? KENT Ja. HAUSHOFMEISTER Wo können wir die Pferde unterbringen? KENT Im Dreck. HAUSHOFMEISTER Ich bitte dich, sag mirs, wenn du mich liebhast. KENT Ich habe dich nicht lieb. HAUSHOFMEISTER Nun, so frage ich nichts nach dir. KENT Hätt ich dich in Lipsburys Pferch, so solltest du schon nach mir fragen. HAUSHOFMEISTER Warum behandelst du mich so? Ich kenne dich nicht. KENT Kerl, ich kenne dich. HAUSHOFMEISTER Wer bin ich denn? KENT Ein Schurke bist du, ein Halunke, ein Brockenesser, ein niederträchtiger, hochmütiger, hohler, bettelhafter, dreiröckiger, hundertptündiger, schmutziger, grobstrümpfiger Schurke; eine lahmherzige, querulierende Knechtsseele; ein Hurenbengel, ein Spiegelgaffer, ein überserviler, geschniegelter Spitzbube; ein lumpiger Ein-Koffer-Erbherr; einer, der aus lauter Diensteifer ein Kuppler sein möchte und nichts ist als ein Gemisch von Schelm, Bettler, Lump, Kuppler und der Sohn und Erbe einer Bastardpetze; einer, den ich in Greinen und Winseln hineinprügeln will, wenn du die kleinste Silbe von diesen deinen Ehrentiteln ableugnest. HAUSHOFMEISTER Was für ein Unmensch bist du, Kerl, so auf einen zu schimpfen, den du nicht kennst und der dich nicht kennt? KENT Was für ein eisenstirniger Schuft bist du, mirs abzuleugnen, daß du mich kennst? Sinds doch kaum zwei Tage, seit ich dir ein Bein stellte und dich vor dem König prügelte! Zieh, du Schuft, denn wenn es auch Nacht ist, so scheint doch der Mond; ich will eine Mondscheinstunke aus dir machen. Zieh, du infamer, verhurter Barbierstubenstammkunde, zieh! Er zieht den Degen. HAUSHOFMEISTER Fort! Ich habe nichts mit dir zu schaffen. KENT Zieh, Hundsfott! Du kommst mit Briefen gegen den König und nimmst der Drahtpuppe Eitelkeit Partei gegen die Majestät ihres Vaters. Zieh, Schuft, oder ich will dir deine Schenkel so zu Karbonaden zerhacken - zieh, Lump! Stell dich! HAUSHOFMEISTER Hülfe! He, Mord, Hülfe! KENT Wehr dich, Lümmel; steh. Schuft, steh; du geputzter Lumpenkerl, wehr dich! Er schlägt ihn. HAUSHOFMEISTER Hülfe! Ho, Mord, Mord! Edmund, Cornwall, Regan, Gloster und Gefolge treten auf. EDMUND Was gibts hier? Was habt ihr vor? Auseinander! KENT Nur her, junger Mann, wenn Ihr Lust habt; kommt, ich will Euch scharfmachen; nur her, Junker! GLOSTER Waffen? Degen? Was geht hier vor? CORNWALL Frieden, bei euerm Leben! Der stirbt, wer sich noch rührt! Was geht hier vor? REGAN Die Boten unsrer Schwester und des Königs. CORNWALL Und worum geht der Streit? HAUSHOFMEISTER Kaum schöpf ich Atem, Herr! KENT Ich glaubs. Ihr habt den Mut so angestrengt! Du feiger Schurk, Natur verleugnet dich, Ein Schneider machte dich! CORNWALL                             Seltsamer Kauz! Ein Schneider einen Menschen machen? KENT Ja, ein Schneider, Herr; ein Steinmetz oder ein Maler hätte ihn nicht so schlecht geliefert, und wären sie nur zwei Stunden in der Lehre gewesen. CORNWALL Doch sprich! Wie kam der Zwist? HAUSHOFMEISTER Der alte Raufbold, Herr, des Blut ich schonte, Um seinen grauen Bart - KENT Ei du verzwicktes X, unnützer Buchstab! Mylord, wenn Ihrs vergönnt, stampf ich den ungeschliffenen Schuft zu Mörtel und bestreiche eines Abtritts Wand mit ihm. - Meinen grauen Bart geschont, du Bachstelze! CORNWALL Schweig, Kerl! Du grober Knecht, weißt du von Ehrfurcht nichts? KENT Schon, Herr, doch hat der Ingrimm einen Freibrief. CORNWALL Worüber bist du grimmig? KENT Daß solch ein Lump, wie der, ein Schwert soll tragen, Der keine Ehre trägt. Solch Gleisnervolk Nagt oft, gleich Ratten, heilige Band' entzwei, Unlösbar fest verknüpft', dient jeder Laune, Die auflebt in dem Busen seines Herrn, Trägt Öl ins Feur, zum Kaltsinn Schnee, verneint, Bejaht und dreht den Hals wie Wetterhähne Nach jedem Wind und Luftzug seiner Herrschaft, Und weiß nichts, Hunden gleich, als nachzulaufen. [ Zum Haushofmeister. ] Die Pest auf deine epileptische Fratze! Verlachst du noch mein Wort, als wär ich närrisch? Gans, hätt ich dich auf Sarums ebner Flur, Ich trieb dich gackernd heim nach Camelot. CORNWALL Was, Alter, bist du toll? GLOSTER Wie kam der Zank? Das sag! KENT Die Antipoden sind sich ferner nicht, Als ich und solch ein Schuft. CORNWALL Weshalb nennst du ihn Schutt, was tat er dir? KENT Sein Aussehn mag ich nicht. CORNWALL Vielleicht auch meins nicht oder seins und ihrs? KENT Herr! Grad heraus und offen ist mein Brauch: Ich sah mitunter bessere Gesichter, Als hier auf irgendeiner Schulter jetzt Vor meinen Augen stehn. CORNWALL                          Das ist ein Bursch, Der einst gelobt um Derbheit, sich befleißt Vorwitzger Roheit und sein Wesen zwängt Zu fremdem Schein: der kann nicht schmeicheln, der! Ein ehrlich, grad Gemüt - spricht nur die Wahrheit! Gehts durch, nun gut, wenn nicht - treuherzig ist er. Ich kenn solch Schurken: in Treuherzigkeit Hüllen sie Arglist mehr und tückischen Plan Als zwanzig fügsam untertänige Schranzen, Die schmeichelnd ihre Pflicht noch überbieten. KENT Gewiß, Herr, und wahrhaftig, ganz im Ernst, Unter Vergünstigung Eures hocherhabnen Aspekts, des Einfluß wie der Strahlenkranz Um Phöbus' Flammenstirn - CORNWALL                                 Was soll das heißen? KENT Daß ich aus meiner Redeweise fallen will, die Euch so wenig behagt. Ich weiß, Herr, ich bin kein Schmeichler; wer Euch mit graden Worten betrog, war gradehin ein Schurke, und das will ich meines Teils nicht sein, sollt ich auch Euer Mißfallen so weit gewinnen können, daß Ihr mich dazu auffordertet. CORNWALL Was tatst du ihm zuleid? HAUSHOFMEISTER                           Herr, nicht das mindste! Dem König, seinem Herrn, gefiels vor kurzem, Aus einem Mißverständnis, mich zu schlagen, Worauf er, gleich zur Hand, dem Zorne schmeichelnd, Rücklings mich hinwarf, als ich lag, mich schimpfte, Und nahm so große Heldenmiene an, Daß diese Mannestat der König pries, Weil er zu Leib ging dem, der schon sich fügte; Und noch berauscht von seinem Ritterwerk, Zog er aufs neue hier. KENT Memmen und Schurken! - Tun sie nicht, als wär Ajax ihr Narr. CORNWALL                 Holt mir die Blöcke, he! - Du alter Starrkopf, du weißbärtiger Prahler, Dich lehr ich - KENT                  Herr, ich bin zu alt zum Lernen, Holt nicht den Block für mich. Dem König dien ich; In seinem Auftrag ward ich abgesandt; Zu wenig Ehrfurcht zeigt Ihr, zu viel Trotz Gegen die Gnad und Würde meines Herrn, Tut Ihr das seinem Boten. CORNWALL                            Holt die Blöcke! Auf Ehr und Wort, bis Mittag soll er sitzen. REGAN Bis Mittag? Bis zur Nacht - die Nacht dazu! KENT Nun, Lady, wär ich Eures Vaters Hund, Ihr dürftet so mich nicht behandeln. REGAN Da Ihr sein Schurke seid, so will ichs. [ Die Fußblöcke werden gebracht. ] CORNWALL Der ist ein Kerl so recht von jener Farbe, Wie unsre Schwester schreibt. Kommt, bringt die Blöcke! Blöcke werden gebracht. GLOSTER Laßt mich Euch bitten, Herr, dies nicht zu tun. Er ging zu weit; sein Herr, der gute König, Ahndets gewiß; doch diese niedre Züchtgung Ist solcher Art, wie man verworfnen Troß Für Mauserein und ganz gemeinen Unfug Bestraft. Der König muß es übel finden, Wird er so schlecht geehrt in seinem Boten, Daß man so mit ihm umgeht. CORNWALL                              Das vertret ich. REGAN Viel übler muß es meine Schwester deuten, Daß einer ihren Dienstmann schmäht und anfällt, Weil er ihr Wort befolgt. Schließt ihm die Beine! Kent wird in den Block gelegt. Kommt, werter Lord! [ Regan und Cornwall ab. ] Alle außer Gloster und Kent ab. GLOSTER Du tust mir leid, mein Freund; der Herzog wills, Des heftger Sinn bekanntlich keinen Einspruch Noch Hemmung duldet. Ich will für dich bitten. KENT Nein, tuts nicht, Herr! Ich wacht und reiste lange; Fürs erste schlaf ich was, dann kann ich pfeifen. Das Glück 'nes braven Kerls kommt wohl einmal Ins Stocken. Guten Morgen! GLOSTER Der Fürst tut unrecht; übel wird mans deuten. Geht ab. KENT Du, guter König, machst das Sprichwort wahr: Du kommst jetzt aus dem Regen in die Traufe. Komm näher. Leuchte dieser niedern Welt, Daß ich bei deinem heitern Strahl den Brief Durchlesen möge. - Wahrlich, nur das Elend Erfährt noch Wunder! Ich weiß, Cordelia schickt ihn, Die schon zum Glück von meinem dunkeln Leben Nachricht erhielt und sich die Zeit ersieht, Für dieses Greuelzustands Übel Heilung Zu suchen. Ganz erschöpft und überwacht Genießt den Vorteil, müde Augen, nicht Zu schaun dies schnöde Lager. Nun, Fortuna, Gut Nacht! Lächle noch einmal, dreh dein Rad! Er schläft ein. DRITTE SZENE Heide Edgar tritt auf. EDGAR Ich hörte mich geächtet, Und durch die günstge Höhlung eines Baums Entkam ich noch der Jagd. Kein Hafen frei! Kein Platz, an dem nicht strenge Wacht und Sorgfalt Mir nachstellt! Retten will ich mich, solang Ich noch entfliehn kann, und ich sinne drauf, Die ärmste, niedrigste Gestalt zu wählen, In der Not Menschen achtlos fast zum Vieh Erniedrigt. Mein Gesicht schwärz ich mit Schlamm; Im bloßen Lendenschurz, das Haar zu Zotteln Verklebt, trotz ich in ungeschützter Nacktheit Den Winden und den Plagen dieses Himmels. Die Gegend bietet Vorbild ja und Muster Von Tollhausbettlern, die sich mit Geheul In die erstarrten, tauben Arme schlagen Holzsplitter, Nägel, Nadeln oder Dornen, Und durch so grausen Anblick sich in Mühlen Und Hütten, armen Dörfern, Schäfereien, Bald mit verrücktem Fluch, bald mit Gebet Mitleid erzwingen. - Armer Turlygod! Armer Tom! So bin ich etwas noch, als Edgar nichts! Er geht ab. VIERTE SZENE Vor Glosters Schloß Es treten auf Lear, der Narr und ein Ritter. Kent im Block. LEAR Seltsam, vom Haus so weggehn und den Boten Mir nicht heimsenden! RITTER                        Wie ich dort erfuhr, War tags zuvor an diese Reis' hieher Noch kein Gedanke. KENT                     Heil dir, edler Herr! LEAR Ha! Treibst du solch Schmach zur Kurzweil? KENT                                         Nein, Mylord. NARR Haha! Der trägt grobe Kniegürtel! Pferde bindet man an den Köpfen, Hunde und Bären am Halse, Affen an den Lenden und Menschen an den Beinen; wenn ein Mensch zu übermütig mit den Beinen gewesen ist, so muß er hölzerne Strümpfe tragen. LEAR Wer wars, der also dich verkannt, hieher Dich so zu werfen? KENT                     Beide, er und sie, Eur Sohn und Tochter. LEAR                         Nein! KENT                                Doch! LEAR                                       Nein, sag ich! KENT Ich sage doch. LEAR Nein, nein, sie tätens nicht. KENT Sie tatens. LEAR Bei Jupiter schwör ich, nein! KENT Bei Juno schwör ich, ja! LEAR                            Sie durftens nicht; Sie konntens, wagtens nicht; 's ist mehr als Mord, Die Ehrfurcht so gewaltsam zu verletzen! Erklär mirs in gebotner Eil, wie hast du Verdient, wie haben sie verhängt die Schmach, Da du von Uns kamst? KENT                       Als in ihrem Hause Ich Eurer Hoheit Briefe übergab, Da, eh ich aufstand von dem Platz, wo ich Gekniet in Demut, kam halb atemlos Ein Bote, dampfend heiß, und keucht' hervor Die Grüße seiner Herrin Goneril, Gab - war ich gleich der erste - seinen Brief, Der flugs gelesen ward. Auf dessen Inhalt Beriefen sie die Reisigen, nahmen Pferde, Hießen mich folgen und gelegentlich Der Antwort warten, gaben kalte Blicke; Und da ich hier den andern Boten traf, Des Willkomm meinen, wie ich sah, vergiftet - Derselbe Bube, der so frech sich neulich Vergangen wider Eure Majestät - Mehr Mann als Urteil in mir fühlend, zog ich; Er weckt das Haus mit lautem, feigem Schrei. Eur Sohn und Tochter fanden dies Vergehn Wert, solche Schmach zu dulden. NARR Der Winter ist noch nicht vorbei, wenn die wilden Gänse in dieser Richtung ziehn. Gehn die Väter nackt, So sind die Kinder blind; Kommen sie geldbepackt, Wie artig scheint das Kind! Fortuna, die arge Hur, Schließt auf den Reichen nur. Aber bei alledem kannst du doch so auf deine Töchter rechnen, daß du ein ganzes Jahr daran zu zählen haben wirst. LEAR O wie der Krampf mir auf zum Herzen schwillt! Hysterica passio! Nieder, steigend Weh! Dein Platz ist unten! - Wo ist diese Tochter? KENT Beim Grafen, Herr, hier drinnen. LEAR                                    Folgt mir nicht, Bleibt hier. Er geht ab. RITTER Hast du nicht mehr versehn, als wie du sagtest? KENT Nein. - Wie kommt der König mit so kleiner Zahl? NARR Wärst du für die Frage in den Block gesetzt, so hättst du's wohl verdient. KENT Warum, Narr? NARR Wir wollen dich zu einer Ameise in die Schule schicken, um dich zu lehren, daß es im Winter keine Arbeit gibt. Alle, die ihrer Nase folgen, werden durch ihre Augen geführt, bis auf die Blinden; und gewiß ist unter Zwanzigen nicht eine Nase, die den nicht röche, der stinkt. Laß ja die Hand los, wenn ein großes Rad den Hügel hinabrollt, damit dirs nicht den Hals bricht, wenn du ihm folgst; wenn aber das große Rad den Hügel hinaufgeht, dann laß dich nachziehn! Wenn dir ein Weiser einen besseren Rat gibt, so gib mir meinen zurück; ich möchte nicht, daß andere als Schelmen ihm folgten, da ein Narr ihn gibt. Herr, wer Euch dient für Gut und Geld Und nur gehorcht zum Schein, Packt ein, sobald ein Regen fällt, Läßt Euch im Sturm allein. Doch ich will ausharrn; der Narr verweilt, Läßt fliehn der Klugen Schar: Der Schelm wird Narr, der so enteilt, Der Narr kein Schelm fürwahr. KENT Wo hast du das gelernt, Narr? NARR Nicht im Block, Narr. Lear kommt zurück mit Gloster. LEAR Verweigern mich zu sprechen? Sind krank, sind müde? Sie reisten in der Nacht? - Ausflüchte nur! Bilder von Abfall und Empörung! Geh, Schaff mir 'ne beßre Antwort! GLOSTER                                      Teurer Herr, Ihr kennt des Herzogs feurige Gemütsart, Wie unbeweglich und bestimmt er ist In seinem Sinn. LEAR                  Pest, Rache, Tod, Vernichtung! Was feurig? Was Gemüt? - Ha, Gloster, Gloster! Herzog Cornwall will ich sprechen und sein Weib! GLOSTER Nun wohl, mein teurer Herr, so sagt ichs auch. LEAR So sagtest du's? Verstehst du mich auch, Mann? GLOSTER Ja, bester Herr! LEAR Der König will mit Cornwall, mit der Tochter Der liebe Vater sprechen, heischt Gehorsam. Sind beide unterrichtet? Blut und Leben! Feurig! Der Herzog! Sagt dem heißen Herzog - Doch nein, noch nicht - kann sein, er ist nicht wohl; Krankheit verabsäumt jeden Dienst, zu dem Gesundheit pflichtig ist; wir sind nicht wir, Wenn die Natur, gepreßt, die Seele zwingt, Zu leiden mit dem Körper. Ich will warten, Und ging zu weit in meinem Ungestüm, Daß ich krankhafte, schwache Laune nahm Für den gesunden Mann. - O Höll und Tod! Schaut Kent an. Warum sitzt dieser hier? Ha, dies bezeugts: Des Herzogs Nichterscheinen und das ihre Ist Hinterlist! - Gebt mir den Diener los! - Geht, sagt dem Herzog und seinem Weib, ich wollte Sie sprechen, jetzt, sogleich! Heiß sie erscheinen, Sonst schlag ich an der Kammertür die Trommel, Bis sie den Schlaf zu Tod geschreckt. GLOSTER Wär alles gut doch zwischen euch! Er geht ab. LEAR Weh mir, mein Herz! Mein schwellend Herz! Hinunter! NARR Ruf ihm zu, Gevatter, wie die alberne Köchin den Aalen, als sie sie lebendig in die Pastete tat; sie schlug ihnen mit einem Stecken auf die Köpfe und rief: Hinunter, ihr Gesindel, hinunter! Ihr Bruder wars, der aus lauter Güte für sein Pferd ihm das Heu mit Butter bestrich. Cornwall, Regan, Gloster und Gefolge treten auf. LEAR Guten Morgen euch beiden! CORNWALL                            Heil Euch, gnädiger Herr! Kent wird losgemacht. REGAN Ich bin erfreut, Eur Majestät zu sehn. LEAR Regan, ich denk, du bists, und weiß die Ursach Warum ichs denke; wärst du nicht erfreut, Ich schiede mich von deiner Mutter Grab. Weils eine Ehebrecherin verschlösse. - Zu Kent. O bist du frei? Ein andermal davon! Geliebte Regan, Deine Schwester taugt nicht! - O sie band mir, Regan, Scharfzahnigen Undank, gleich dem Geier, hier - auf sein Herz zeigend, Ich kann kaum sprechen - nimmer wirst du's glauben, Mit wie entartetem Gemüt - O Regan! REGAN Ich bitt Euch, faßt Euch, Herr. Ich hoffe. Ihr Verfehlt mehr. Ihre Tugend einzuschätzen, Als ihre Pflicht zu leisten sie. LEAR                                   Wie war das? REGAN Ich kann nicht denken, daß sie nur im kleinsten Gefehlt in ihrer Pflicht. Hat sie vielleicht Gehemmt das wilde Treiben Eures Schwarms, So wars mit so viel Grund und gutem Zweck, Daß sie kein Tadel trifft. LEAR                             Mein Fluch auf sie! REGAN O Mylord, Ihr seid alt, Natur in Euch steht auf der letzten Neige Ihres Bezirks; Euch sollt ein kluger Sinn, Der Euern Zustand besser kennt als Ihr, Zügeln und lenken; darum bitt ich Euch, Kehrt heim zu unsrer Schwester; sagt ihr, Herr, Ihr kränktet sie. LEAR                    Ich ihr Verzeihn erbitten? Fühlst du denn nicht, wie dies dem Hause ziemt; »Lieb Tochter, ich bekenn es, ich bin alt; er kniet. Alter ist unnütz; auf den Knien bitt ich: Gewähre mir Bekleidung, Kost und Bett!« REGAN Laßt ab, Herr, das sind törichte Gebärden. Kehrt heim zu meiner Schwester! LEAR steht auf.                                  Niemals, Regan! Halb mein Gefolge hat sie mir genommen, Mich finster angeblickt, mit ihrer Zunge Recht schlangenartig mir ins Herz gestochen. Des Himmels aufgehäufte Rache fall Auf ihr undankbar Haupt! Giftlüfte, schlagt Mit Lähmung ihre ungebornen Kinder! CORNWALL O pfui, Herr, pfui! LEAR Du jäher Blitz, flamm in ihr stolzes Auge Dein blendend Licht! Vergiftet ihre Schönheit, Sumpfnebel, die der Sonne Macht gebrütet, Versengt, vernichtet ihren Stolz! REGAN                                    O Götter! Das wünscht Ihr einst auch mir, in jäher Hitze! LEAR Nein, Regan, du sollst meinen Fluch nie fühlen! Die Zartheit deines Herzens gibt dich nicht Der Roheit hin! Ihr Auge sticht, doch deins Tut wohl und brennt nicht. In dir ist das nicht: Mir Freud mißgönnen, mein Gefolg vermindern, Mit herbem Zank mein Ausgesetztes schmälern, Und endlich gar mit Kett und Riegel mir Den Eintritt wehren; nein, du lerntest besser Die Pflichten der Natur, der Kindschaft Band, Der Ehrfurcht Zoll, die Schuld der Dankbarkeit; Du hast des Reiches Hälfte nicht vergessen, Womit ich dich beschenkt. REGAN                            Nun, Herr, zur Sache! LEAR Wer setzte meinen Diener in den Stock? Trompeten. CORNWALL Was für Trompeten? [ Der Haushofmeister tritt auf. ] REGAN Ich weiß, die meiner Schwester; denn sie schreibt mir Ihr schleunig Kommen. - Oswald tritt auf.                          Ist deine Herrin da? LEAR Das ist ein Sklav, des leicht geborgter Stolz In seiner Herrschaft flüchtiger Gnade wohnt. - Geh, Schuft; mir aus dem Aug! CORNWALL                                Was meint Eur Gnaden? LEAR Wer blockte meinen Diener? Regan, ich hoffe, Du wußtest nicht darum. - [ Goneril kommt. ]                            Wer kommt da? - Götter, Goneril kommt. Wenn ihr die Alten liebt, wenn eure Herrschaft Gehorsam gutheißt, wenn ihr selber alt seid, Macht es zu eurer Sache, sendet Beistand! - Zu Goneril. Schämst du dich nicht, auf diesen Bart zu sehn? - O Regan, kannst du bei der Hand sie fassen? GONERIL Warum nicht bei der Hand? Was fehlt ich denn? Nicht alles ist ja Fehl, was Torheit meint Und Aberwitz so nennt. LEAR                         Zu zähe Rippen, Haltet ihr noch? - Wie kam der in den Block? CORNWALL Ich ließ ihn schließen, Herr; doch seine Unart Verdiente weniger Milde. LEAR                           Ihr? Ihr tatets? REGAN Hört, Vater, da Ihr schwach, wollt stark nicht scheinen! Wenn bis zum Ablauf Eures Monats Ihr Zurückgehn, bei der Schwester wohnen wollt, Und Euren Zug dann halb entlaßt, kommt zu mir! Ich bin jetzt fern vom Haus und nicht versehn, Wie es sich ziemt, für Euern Unterhalt. LEAR Zurück zu ihr? Und fünfzig Mann entlassen? Nein, ehr verschwör ich alles Dach, und lieber Setz ich mich aus der Tyrannei der Luft Und will Kamrad mit Wolf und Eule werden, Aus scharfem Zwang der Not! - Zurück zu ihr? Der hitzige Frankreich, der mein jüngstes Kind Ohn Mitgift nahm - so leicht zwäng ich mich wohl, An seinem Thron zu knien und wie ein Knecht Ein ärmlich Brot und Jahrgeld zu erbetteln. Zurück zu ihr? Verlange lieber noch, Daß Sklav ich werd und Saumtier diesem Schuft! Deutet auf Oswald. GONERIL Wie's Euch beliebt. LEAR Ich bitt dich, Tochter, mach mich nicht verrückt! - Ich will dir nicht zur Last sein, Kind; leb wohl! Wir wolln uns nicht mehr treffen, nicht mehr sehn. Und doch bist du mein Fleisch, mein Blut, mein Kind - Nein, eine Krankheit ehr in meinem Fleisch, Die mein ich nennen muß; bist eine Beule, Ein Pestauswuchs, ein schwellender Karbunkel In meinem kranken Blut. Ich will nicht schelten; Scham komme, wann sie will, ich ruf ihr nicht; Ich heiße nicht den Donnerträger schleudern, Noch schwatz ich aus von dir vor Jovis Thron. Geh in dich, ganz nach Muße beßre dich; - Ich hab Geduld, ich kann bei Regan bleiben, Ich und die hundert Ritter. REGAN                              Nicht so ganz! Ich zählte nicht auf Euch, bin nicht gerüstet, Euch zu empfangen; hört die Schwester, Herr! Denn wer Eur Zürnen mit Vernunft betrachtet, Muß sich doch sagen: Ihr seid alt, und so - Doch sie weiß, was sie tut. LEAR Nennst du das gut gesprochen? REGAN Ich darfs behaupten, Herr. Was, fünfzig Ritter? Ists nicht genug? Wozu bedürft Ihr mehr? Wozu selbst diese, da Gefahr und Last So viele widerrät? Kann so viel Volk In einem Haus bei zweierlei Befehl In Freundschaft stehn? 's ist schwer, beinah unmöglich. GONERIL Was braucht Ihr, Herr, noch andre Dienerschaft, Als meiner Schwester Leute oder meine? REGAN Jawohl, Mylord; wenn die nachlässig wären, Bestraften wir sie dann. Wenn Ihr zu mir kommt - Denn jetzt seh ich Gefahr -, so bitt ich Euch, Bringt mir nur fünfundzwanzig; denn nicht mehr Kann ich herbergen oder zugestehn. LEAR Ich gab Euch alles - REGAN                       Und zur rechten Zeit. LEAR - Macht Euch zu meinen Pflegern und Verwaltern, Nur diese Anzahl hab ich vorbehalten Mir zum Gefolg. Was, muß ich zu dir kommen Mit fünfundzwanzig, Regan? Sprachst du so? REGAN Und spreche noch einmal aus, Mylord: nicht mehr! LEAR Solch ruchlos Wesen sieht doch hübsch noch aus, Sind andre noch ruchloser; nicht die Schlimmste Zu sein ist dann wie Lob. - Zu Goneril.                              Ich geh mit dir; Dein Fünfzig macht doch zweimal fünfundzwanzig, Und du bist zweifach ihre Liebe. GONERIL                                   Hört mich: Was braucht Ihr fünfundzwanzig, zehn, ja fünf In einem Haus, wo Euch zweimal soviel Zu Diensten stehn? REGAN                     Was braucht Ihr einen nur? LEAR O rechtet nicht, was nötig! Der schlechtste Bettler Hat bei der größten Not noch Überfluß. Gib der Natur nur das, was nötig ist, So gilt des Menschen Leben wie des Tiers. Du bist doch eine Edelfrau; Wenn warm gekleidet gehn schon prächtig wäre, Nun, der Natur tut deine Pracht nicht not, Die kaum dich warm hält - doch für wahre Not - Gebt, Götter, mir Geduld, Geduld tut not! - Ihr seht mich hier, mich armen alten Mann, Gebeugt durch Gram und Alter, zwiefach elend! Seid ihrs, die dieser Töchter Herz empört Wider den Vater, macht nicht so zum Narrn mich, Es zahm zu dulden; weckt mir edeln Zorn! O laßt nicht Weiberwaffen, Wassertropfen, Des Mannes Wang entehren! - Nein, ihr Teufel, Ich will mir nehmen solche Rach an euch, Daß alle Welt - will solche Dinge tun - Was, weiß ich selbst noch nicht; doch solln sie werden Das Graun der Welt. Ihr denkt, ich werde weinen? Nein, weinen werd ich nicht. Wohl hab ich Fug zu weinen; doch dies Herz Soll eh in hunderttausend Scherben splittern, Bevor ich weine. - O Narr, ich werde rasend! Lear, Gloster, Kent und der Narr gehn ab. Man hört einen Sturm in einiger Entfernung. CORNWALL Gehn wir hinein, es kommt ein Sturm. [ Sturm und Gewitter von weitem. ] REGAN Das Haus ist klein, es faßt den Alten nicht Und sein Gefolg. GONERIL 's ist seine Schuld, er nahm sich selbst die Ruh; Nun büßt er seine Torheit. REGAN Was ihn betrifft, ihn nehm ich gerne auf; Doch keinen seines Zugs. GONERIL                           So denk ich auch - Wo ist Mylord von Gloster? [ Gloster kommt zurück. ] CORNWALL Er ging dem Alten nach; dort kommt er wieder. Gloster kommt zurück. GLOSTER Der König ist in Wut. CORNWALL                         Wo geht er hin? GLOSTER Er will zu Pferd, doch weiß ich nicht, wohin. CORNWALL Am besten läßt man ihn; er führt sich selbst. GONERIL Mylord, ersucht ihn ja nicht, hier zu bleiben! GLOSTER Mein Gott, die Nacht bricht ein, der scharfe Wind Weht schneidend; viele Meilen ringsumher Ist kaum ein Busch. REGAN                      O Herr, dem Eigensinn Wird Ungemach, das er sich selber schafft, Der beste Lehrer. Schließt des Hauses Tor; Er hat verwegne Diener im Gefolg; Wozu ihn die anhetzen, da so leicht Sein Ohr betört wird, das muß Vorsicht scheun. CORNWALL Schließt Eure Pforte, Herr; die Nacht ist schlimm, Und Regan rät uns gut. Kommt aus dem Sturm! Sie gehn ab. DRITTER AKT ERSTE SZENE Heide, Sturm, Donner und Blitz Kent und ein Ritter von verschiedenen Seiten treten auf. KENT Wer ist da, außer schlechtem Wetter? RITTER Ein Mann, gleich diesem Wetter, höchst bewegt. KENT Ich kenn Euch; wo ist der König? RITTER Im Kampf mit dem erzürnten Element. Er heißt dem Sturm die Erde wehn ins Meer, Oder die krause Flut das Land ertränken, Daß alles sich auflöse und vergeh, Rauft sich das weiße Haar, das wütge Windsbraut Mit blindem Grimm erfaßt und macht zum Spott. Er will in seiner kleinen Menschenwelt Des Sturms und Regens Wettkampt übertrotzen. In dieser Nacht, wo bei den Jungen gern Die ausgesogne Bärin bleibt, der Löwe Und hungergrimmige Wolf gern trocken halten Ihr Fell, rennt er mit unbedecktem Haupt Und heißt, was immer will, hinnehmen alles. KENT Doch wer ist mit ihm? RITTER Der Narr allein, der wegzuscherzen strebt Sein herzerschütternd Leid. KENT                              Ich kenn Euch, Herr, Und wag es auf die Bürgschaft meiner Kenntnis, Euch Wichtiges zu vertraun. Es trennt ein Zwiespalt, Wiewohl sie noch den Schein davon verhüllen In gleicher List, Cornwall und Albany. Sie haben, so wie jeder, den sein Stern Erhob und krönte, Diener, treu zum Schein, Die heimlich Frankreichs Späher sind und Wächter; Die kennen unsern Zustand, alle Händel Und Zänkerein der Fürsten, kennen auch Das schwere Joch, das beide auferlegt Dem alten König, ja noch tiefre Dinge, Wozu vielleicht dies nur ein Vorspiel war - Doch ists gewiß, von Frankreich kommt ein Heer In dies zerrißne Reich, das klüglich unsre Nachlässigkeit benutzend heimlich schon In unsern besten Häfen fußt und bald Sein Banner frei entfaltet. Nun für Euch: Wagt Ihrs, so fest zu bauen auf mein Wort, Daß Ihr nach Dover gleich enteilt, so findet Ihr jemand, ders Euch dankt, erzählt Ihr treu, Welch unnatürlich sinnverwirrend Leid Des Königs Klage weckt. Ich bin ein Edelmann von altem Blut, Und weil ich Euch als zuverlässig kenne, Vertrau ich Euch dies Amt. RITTER Ich möcht noch mehr Euch sprechen. KENT                                     Nein, das nicht - Und zur Bestätigung, ich sei Größres als Mein äußrer Schein, empfangt die Börs' und nehmt, Was sie enthält. Wenn Ihr Cordelien seht - Und daran zweifelt nicht -, zeigt ihr den Ring, Und nennen wird sie Euch den Freund, des Namen Euch jetzt noch unbekannt. - Hu, welch ein Sturm! Ich will den König suchen. RITTER Gebt mir die Hand! Habt Ihr nicht mehr zu sagen? KENT Nicht viel, doch, in der Tat, das Wichtigste: Dies, wenn den König wir gefunden - Ihr Geht diesen Weg, ich jenen -, wer zuerst Ihn antrifft, rufs dem andern zu. Sie gehn nach verschiedenen Seiten ab. ZWEITE SZENE Eine andere Gegend auf der Heide Fortdauernd Ungewitter. Es treten auf Lear und der Narr. LEAR Blast, Winde, sprengt die Backen! Wütet, blast! Ihr Katarakte, Wolkenbrüche, speit, Bis ihr die Türm ersäuft, die Hähn ertränkt! Ihr schwefligen, gedankenschnellen Blitze, Vortrab dem Donnerkeil, der Eichen spaltet, Versengt mein weißes Haupt! Du Donner, schmetternd Schlag flach das mächtige Rund der Welt; zerbrich Die Formen der Natur, tilg alle Keime, Daraus der undankbare Mensch entsteht. NARR Ach, Gevatter, Hofweihwasser in einem trocknen Hause ist besser als dies Regenwasser draußen. Lieber Gevatter, hinein und bitt um deiner Töchter Segen; das ist 'ne Nacht, die sich weder des Weisen noch des Narren erbarmt. LEAR Rumple nur, was du kannst, spei Feur, flut Regen! Nicht Regen, Wind, Blitz, Donner sind meine Töchter; Euch schelt ich grausam nicht, ihr Elemente, Euch gab ich Kronen nicht, nannt euch nicht Kinder, Euch bindet kein Gehorsam. Darum büßt Die grause Lust: Hier steh ich, euer Sklav, Ein alter Mann, arm, elend, siech, verachtet. Und dennoch nenn ich knechtische Helfer euch, Die ihr im Bund mit zwei verruchten Töchtern Türmt eure hohen Schlachtreihn auf ein Haupt So alt und weiß als dies. Oh, oh, 's ist schändlich! NARR Wer ein Haus hat, seinen Kopf hineinzustecken, der hat einen guten Kopflatz. Wenn Hosenlatz will hausen, Eh Kopf ein Dach geschafft, Wird Kopf und Latz verlausen, Solch Frein ist bettelhaft. Und willst du deinen Zeh, Du Tropf, zum Herzen machen, Schreist übern Leichdorn weh, Statt schlafen wirst du wachen. - denn noch nie gabs eine hübsche Frau, die nicht Gesichter vorm Spiegel schnitt. [ Kent tritt auf. ] LEAR Nein! Ich will sein das Muster aller Langmut, Ich will nichts sagen. Kent tritt auf. KENT Wer da? NARR Nun, hier ist Seine Gnaden und ein Hosenlatz; das heißt ein Weiser und ein Narr. KENT Ach, seid Ihr hier, Mylord? Was sonst die Nacht liebt, Liebt solche Nacht doch nicht; des Himmels Zorn Scheucht selbst die Wanderer der Finsternis In ihre Höhlen. Seit ich ward zum Mann, Erlebt ich nimmer solchen Feuerguß, Solch Krachen grausen Donners, solch Geheul Des brülladen Regensturms: kein menschlich Wesen Erträgt solch Leid und Graun. LEAR                                 Jetzt, große Götter, Die ihr so wild ob unsern Häuptern wettert, Sucht eure Feinde auf: Zittre, du Frevler, Auf dem verborgne Untat ruht, vom Richter Noch ungestraft! Versteck dich, blutige Hand, Meineidiger Schurk, und du, o Tugendheuchler, Der in Blutschande lebt! Zerbrich in Stücke, Lump, der im Mantel frommer Ehrbarkeit Mord stiftete! Ihr tief verschloßnen Greuel, Sprengt den verhüllnden Zwinger, fleht um Gnade Die grausen Mahner! - Ich bin einer, den Mehr Sünde schlug, als daß er sündigte. KENT O Gott, mit bloßem Haupt! - Mein gnädiger Herr, nahbei ist eine Hütte; Die bietet etwas Schutz doch vor dem Sturm; Ruht dort, indes ich in dies harte Haus - Weit härter als der Stein, aus dems erbaut, Das eben jetzt, als ich nach Euch gefragt, Mir schloß die Tür - zurückgeh und ertrotze Ihr karges Mitleid. LEAR                       Mein Geist beginnt zu schwindeln. - Wie gehts, mein Junge? Komm, mein Junge! Friert dich? Mich selber friert. Wo ist die Streu, Kamrad? Die Kunst der Not ist wundersam; sie macht Selbst Schlechtes köstlich. Nun zu deiner Hütte. - Du armer Schelm und Narr, mir blieb ein Stückchen Vom Herzen noch, und das bedauert dich. NARR singt. Wem der Witz nur schwach und gering bestellt, Hop heisa bei Regen und Wind, Der füge sich still in den Lauf der Welt, Denn der Regen, der regnet jeglichen Tag. LEAR Wahr, lieber Junge. - Kommt, zeigt uns die Hütte! [ Geht ab. ] Lear und Kent gehen ab. NARR Das ist 'ne hübsche Nacht, um eine Buhlerin abzukühlen. Ich will eine Prophezeiung sprechen, eh ich gehe: Wenn Priester Worte, nicht Werke häufen, Wenn Brauer in Wasser ihr Malz ersäufen, Wenn der Schneider den Junker Lehrer nennt, Kein Ketzer mehr, nur der Buhler brennt, Wenn Richter ohne Falsch und Tadel, Wenn ohne Schulden Hof und Adel, Wenn Zunge sich von Lästrung scheidet, Der Beutelschneider Gedränge meidet, Die Wuchrer ihr Gold im Freien beschaun, Und Huren und Kuppler Kirchen baun, Dann kommt das Reich von Albion In große Verwirrung und Konfusion: Dann kommt die Zeit, wer lebt, wirds sehn, Wo's Brauch wird, mit den Füßen zu gehn. Diese Prophezeiung wird Merlin machen, denn ich lebe vor seiner Zeit. Ab. DRITTE SZENE Ein Zimmer in Glosters Schloß Es treten auf Gloster und Edmund. GLOSTER O Gott! Edmund, dies unnatürliche Verhalten gefällt mir nicht. Als ich sie um Erlaubnis bat, mich seiner anzunehmen, da verboten sie mir den Gebrauch meines eignen Hauses, befahlen mir bei Strafe ihrer ewigen Ungnade, weder von ihm zu sprechen, noch für ihn zu bitten, noch ihn auf irgendeine Weise zu unterstützen. EDMUND Höchst grausam und unnatürlich! GLOSTER Nun, nun, sage nichts! Es ist ein Zwiespalt zwischen den beiden Herzogen, und Schlimmeres als das. Ich erhielt diesen Abend einen Brief - es ist gefährlich, davon zu reden; ich verschloß den Brief in meinem Kabinett. Die Kränkungen, die der König jetzt duldet, werden schwer geahndet werden! Ein Teil des Heeres ist schon gelandet, wir müssen mit dem König halten. Ich will ihn aufsuchen und ihn heimlich unterstützen. Geh du und unterhalte ein Gespräch mit dem Herzoge, damit er meine Teilnahme nicht bemerkt. Wenn er nach mir fragt, bin ich krank und zu Bett gegangen. Und sollte es mein Tod sein, wie mir denn nichts Geringeres gedroht ist: dem König, meinem alten Herrn, muß geholfen werden! Es sind seltsame Dinge im Werk, Edmund; ich bitte dich, sei behutsam. Er geht ab. EDMUND Von deinem Freundschaftseifer, dem verbotnen, Meld ich dem Herzog gleich, auch von dem Brief. Dies scheint ein groß Verdienst und soll mir lohnen Mit dem, was er verliert: den Gütern allen! Die Jungen steigen, wenn die Alten fallen. Ab. VIERTE SZENE Ein Teil der Heide mit einer Hütte. Fortdauernder Sturm Es treten auf Lear, Kent und der Narr. KENT Hier ists, Mylord; o geht hinein, Mylord! Die Tyrannei der offnen rauhen Nacht Hält die Natur nicht aus. [ Fortdauernder Sturm. ] LEAR                                  Laß mich zufrieden! KENT Ich bitt Euch, kommt! LEAR                        Willst du das Herz mir brechen? KENT Mein eignes ehr. O geht hinein, mein König! LEAR Dir dünkt es hart, daß dieser wütende Sturm Uns bis zur Haut durchdringt - so ist es dir; Doch wo die größre Krankheit Sitz gefaßt, Fühlt man die mindre kaum. Du fliehst den Bären, Doch führte dich die Flucht zur brüllenden See, Liefst du dem Bärn in'n Schlund. Ist frei der Geist, Dann fühlt der Körper zart. Der Sturm im Geist Raubt meinen Sinnen jegliches Gefühl, Nur das bleibt, was hier wühlt - Undank des Kindes! Als ob der Mund zerfleischte diese Hand, Weil sie ihm Nahrung bot! Schwer will ich strafen! Nicht will ich weinen mehr. In solcher Nacht Mich auszusperrn! - Gieß fort; ich wills erdulden. - In solcher Nacht, wie die! O Regan, Goneril! Euren alten, guten Vater, des freies Herz Euch alles gab - zum Wahnsinn führt der Weg - Den laß mich meiden! Oh, nicht mehr davon! KENT Mein guter König, geht hinein! LEAR Bitt dich, geh du hinein, sorg für dich selbst! Der Sturm verwehrt mir, Dingen nachzusinnen, Die mehr mich schmerzen. Doch ich geh hinein, zum Narren Geh, Bursch, voran! - Du Armut ohne Dach - Nun geh doch! Ich will beten und dann schlafen. Der Narr geht in die Hütte. Ihr armen Nackten, wo ihr immer seid, Die ihr des tückischen Wetters Schläge duldet, Wie soll eur schirmlos Haupt, hungernder Leib, Der Lumpen offne Blöß euch Schutz verleihn Vor Stürmen, so wie der? O daran dachte ich Zu wenig sonst! - Nimm Arzenei, o Prunk! Gib preis dich, fühl einmal, was Armut fühlt, Daß deinen Überfluß du ihnen hinschüttst Und rettest die Gerechtigkeit des Himmels! EDGAR drinnen. Anderthalb Klafter! Anderthalb Klafter! Armer Tom! NARR indem er aus der Hütte läuft. Geh nicht hinein, Gevatter! Hier ist ein Geist! Hülfe, Hülfe! KENT Gib mir die Hand! - Wer ist da? NARR Ein Geist, ein Geist! Er sagt, er heiße armer Tom. KENT Wer bist du, der im Stroh hier murmelt? Komm her! - Edgar erscheint im Aufzug eines Wahnsinnigen. EDGAR Weg, weg! Der böse Feind verfolgt mich! Durch scharfen Hagedorn saust der kalte Wind. Huh! Geh in dein kaltes Bett und wärme dich! LEAR Gabst du wohl alles deinen beiden Töchtern? Und kamst du so herunter? EDGAR Wer gibt dem armen Tom was, den der böse Feind durch Feuer und durch Flammen geführt hat, durch Flut und Strudel, über Moor und Sumpf? Er hat ihm Messer unters Kissen gelegt und Schlingen unter seinen Stuhl; hat ihm Rattengift in die Suppe getan und ihm Hoffart eingegeben, auf einem braunen, trabenden Roß über vier Zoll breite Stege zu reiten und seinem eigenen Schatten wie einem Verräter nachzujagen. Gott schütze deine fünf Sinne! Tom friert. [ Vor Frost schaudernd. ] O de de de de de! - Gott schütze dich vor Wirbelwinden, vor bösen Sternen und Seuchen! Gebt dem armen Tom ein Almosen, den der böse Feind heimsucht: Hier könnt ich ihn jetzt haben, und hier - und da - und hier wieder - und hier. Immerwährend Ungewitter. LEAR Was, brachten ihn die Töchter in solch Elend? Konntst du nichts retten? Gabst du alles hin? NARR Nein, er behielt eine Decke, sonst müßten wir uns alle schämen. LEAR Nun, jede Seuche, die die Luft zur Strafe Der Sünder herbergt, stürz auf deine Töchter! KENT Herr, er hat keine Töchter! LEAR Ha, Tod, Rebell! Nichts beugte die Natur Zu solcher Schmach, als undankbare Töchter. - Ists Mode jetzt, daß weggejagte Väter So wüten müssen an dem eignen Fleisch? Sinnreiche Strafe! Zeugte doch dies Fleisch Diese Pelikan-Töchter. EDGAR Pillikok saß auf Pillikoks Berg: Hallo, hallo, hallo! NARR Diese kalte Nacht wird uns alle zu Narren und Tollen machen. EDGAR Hüte dich vor dem bösen Feind! Gehorche deinen Eltern, halt dein Wort, fluche nicht, verführe nicht deines Nächsten angetraute Ehefrau; hänge dein Herz nicht an eitle Pracht! - Tom friert! LEAR Was bist du gewesen? EDGAR Ein Verliebter, stolz an Herz und Sinn, der sein Haar kräuselte, Handschuh an seiner Kappe trug, den Lüsten seiner Gebieterin frönte und das Werk der Finsternis mit ihr trieb. Ich schwur so viele Eide, als ich Worte redete, und brach sie im holden Angesicht des Himmels; schlief ein in Gedanken der Wollust und erwachte, sie auszuführen; den Wein liebte ich kräftig, die Würfel heftig, und mit den Weibern übertraf ich den Großtürken; falsch von Herz, leicht von Ohr, blutig von Hand; Schwein in Faulheit, Fuchs im Stehlen, Wolf in Gier, Hund in Tollheit, Löwe in Raubsucht. Laß nicht das Knarren der Schuhe noch das Rascheln der Seide dein armes Herz den Weibern verraten. Halte deinen Fuß fern von Bordellen, deine Hand von Schürzen, deine Feder von Schuldbüchern und trotze dem bösen Feind! Immer noch durch den Hagdorn saust der kalte Wind; ruft Summ, Mum, Hei no nonni - Dauphin, mein Junge, heißa! Laß ihn vorbei. Anhaltendes Ungewitter. LEAR Nun, dir wäre besser in deinem Grabe, als so mit unbedecktem Leib dieser Wut der Lüfte begegnen. Ist der Mensch nicht mehr als das? - Betracht ihn recht! Du bist dem Wurm keine Seide schuldig, dem Tier kein Fell, dem Schaf keine Wolle, der Katze keinen Bisam. Ha, drei von uns sind überkünstelt: du bist das Ding selbst; der natürliche Mensch ist nichts mehr als solch ein armes, nacktes, zweizinkiges Tier wie du. Fort, fort, ihr Zutaten! - Kommt, knöpft mich auf! Er reißt sich die Kleider ab. NARR Ich bitt dich, Gevatter, laß gut sein; das ist eine garstige Nacht zum Schwimmen. Jetzt wär ein kleines Feuer auf einer wüsten Heide wie eines alten Buhlers Herz; ein kleiner Funke, und der ganze übrige Körper kalt. Seht, hier kommt ein wandelndes Feuer. EDGAR Das ist der böse Feind Flibbertigibbet; er kommt mit der Abendglocke und geht um bis zum ersten Hahnenschrei; er bringt den Star, macht das Auge schielend und schickt Hasenscharten, verschrumpft den weißen Weizen und quält die arme Kreatur auf Erden: Sankt Withold alt dreimal auftrat, Nachtmahr selbneunt auf seinem Pfad Hielt er an Und nahm in Bann. Und trolle dich, Hexe, troll dich! KENT Wie gehts, mein König? Gloster kommt mit einer Fackel. LEAR Wer ist der? KENT                Wer da? Wen sucht Ihr? GLOSTER Wer seid Ihr? Eure Namen? EDGAR Der arme Tom, der den schwimmenden Frosch ißt, die Kröte, die Unke, den Kellermolch und den Wassermolch; der in der Wut seines Herzens, wenn der böse Feind tobt, Kuhmist für Salat ißt, die alte Ratte verschlingt und den toten Hund, den grünen Mantel des stehenden Pfuhls trinkt, gepeitscht wird von Kirchspiel zu Kirchspiel und in die Eisen gesteckt, gestäupt und eingekerkert, der drei Kleider hatte für seinen Rücken, sechs Hemden für seinen Leib, Zum Reiten ein Pferd, zum Tragen ein Schwert: - Doch Mäus und Ratten und solch Getier Aß Tom sieben Jahr lang für und für. Hütet euch vor meinem Verfolger! Still, Smolkin, still, du böser Feind! GLOSTER Wie, gnädger Herr! Nicht bessere Gesellschaft? EDGAR Der Fürst der Finsternis ist ein Edelmann, Modo heißt er und Mahu. GLOSTER Ach, unser Fleisch und Blut, Herr, ward so schlecht, Daß es die haßt, die es erzeugt. EDGAR                                   Tom friert! GLOSTER Kommt mit mir, meine Treu erträgt es nicht, Zu folgen Eurer Töchter hartem Willen; Befahlen sie mir gleich, die Tür zu schließen, Auch preiszugeben der tyrannischen Nacht: Doch hab ich es gewagt, Euch auszuspähn. Und führ Euch hin, wo Mahl bereit und Feuer. LEAR Erst red ich noch mit diesem Philosophen: Woher entsteht der Donner? KENT Mein teurer Herr! Nehmt seinen Vorschlag an, Geht in das Haus! LEAR Ein Wort mit diesem kundigen Thebaner: Was ist dein Studium? EDGAR Den Teufel fliehn und Ungeziefer töten. LEAR Ein Wort mit Euch noch insgeheim. KENT Drängt ihn noch einmal, mitzugehn, Mylord! [ Das Ungewitter dauert fort. ] Sein Geist beginnt zu schwärmen. GLOSTER                                   Kannst du's tadeln? Die Töchter suchen seinen Tod. Das sagte Voraus der gute Kent, der arme Flüchtling! Du fürchtst, der König wird verrückt; glaub mir, Fast bin ichs auch; ich hatte einen Sohn, Verstoßen jetzt, er stand mir nach dem Leben Erst neulich, eben jetzt. Ich liebt ihn, Freund, Mehr liebt kein Vater je; ich sage dir, Der Sturm dauert fort. Der Gram zerstört den Geist mir. - Welche Nacht! Ich bitte Eure Hoheit - LEAR                          O verzeiht mir, Herr! - Mein edler Philosoph, begleitet uns! EDGAR Tom friert. GLOSTER Hinein, Bursch, in die Hütte, halt dich warm! LEAR Kommt all hinein! KENT                     Hierher, Mylord! LEAR                                        Mit ihm; Ich bleibe noch mit meinem Philosophen. KENT Willfahrt ihm, Herr, gebt ihm den Burschen mit! GLOSTER So nehmt ihn mit! KENT                     Du folg uns, komm mit uns! LEAR Komm, mein Athener! GLOSTER                       Nicht viel Worte, still! EDGAR Herr Roland kam zum finstern Turm. Sein Wort war nur: Pfui, brr und puh, Ich wittre, wittre Britenblut. Sie gehen alle ab. FÜNFTE SZENE Ein Zimmer in Glosters Schloß Es treten auf Cornwall und Edmund. CORNWALL Ich will Rache an ihm, eh ich sein Haus verlasse. EDMUND Mylord, wie man mich tadeln wird, daß ich so die Natur meinem Diensteifer geopfert, daran denk ich mit Schaudern. CORNWALL Ich sehe nun ein, daß Euer Bruder nicht so ganz aus bösem Trieb seinen Tod suchte, vielmehr aus einem verdienstvollen, der durch die verdammenswerte Schlechtigkeit des Alten erregt wurde. EDMUND Wie heimtückisch ist mein Schicksal, daß ich bejammern muß, gerecht zu sein! Hier ist der Brief, von dem er sprach, aus dem hervorgeht, daß er ein geheimer Anhänger der französischen Partei ist. O Himmel! daß dieser Verrat nicht wäre, oder ich nicht der Entdecker! CORNWALL Kommt mit mir zur Herzogin! EDMUND Wenn der Inhalt dieses Briefes wahr ist, so habt Ihr wichtige Dinge zu erledigen. CORNWALL Wahr oder falsch, er hat dich zum Grafen von Gloster gemacht. Suche deinen Vater auf, daß er gleich zur Rechenschaft gezogen werde! EDMUND beiseit. Finde ich ihn beschäftigt, dem König beizustehn, so wird das den Argwohn noch verstärken. Laut. Ich will in meiner Treue fortfahren, wie schmerzlich auch der Kampf zwischen mir und meinem Herzen ist. CORNWALL Du sollst mein Vertrauen besitzen und in meiner Liebe einen bessern Vater finden. Sie gehn ab. SECHSTE SZENE [ In einer Hütte ] Eine Kammer in einem an das Schloß angrenzenden Bauernhaus. [ Kent und ] Gloster , Lear, Kent, Narr und Edgar treten ein. GLOSTER Hier ists besser als in der freien Luft; nehmt es dankbar an; ich werde zu Eurer Bequemlichkeit hier hinzufügen, was ich vermag; gleich bin ich wieder bei Euch. KENT Alle Kraft seines Geistes ist seiner Ungeduld gewichen. Die Götter lohnen Euch Eure Freundlichkeit! Gloster geht ab. [ Lear, Edgar und der Narr kommen herein. ] EDGAR Frateretto ruft mir und sagt, Nero fische im Pfuhl der Finsternis. [ Zum Narren ] Bete, du Unschuldiger, und hüte dich vor dem bösen Feind! NARR Bitt dich, Gevatter, sag mir, ist ein toller Mann ein Edelmann oder ein Bürgersmann? LEAR Ein König, ein König! NARR Nein, 's ist ein Bürgersmann, der einen Edelmann zum Sohn hat; denn der ist ein wahnsinniger Bürgersmann, der seinen Sohn früher als sich zum Edelmann werden sieht. LEAR Daß ihrer Tausend mit rotglühnden Spießen Laut zischend auf sie stürzten! EDGAR Der böse Feind beißt mich im Rücken. NARR Der ist toll, der auf die Zahmheit eines Wolfs baut, auf die Gesundheit eines Pferdes, eines Knaben Liebe oder einer Hure Schwur. LEAR Es soll geschehn, gleich sprech ich euer Urteil. Zu Edgar. Komm, setz dich her, du hochgelehrter Richter! Zum Narren. Du weiser Herr, sitz hier! - Nun, ihr Wölfinnen - EDGAR Sieh, wie er steht und glotzt! Habt Ihr keine Augen vor Gericht, schöne Dame? Komm übern Bach, mein Liesel, zu mir. NARR Ihr Kahn ist nicht dicht, Doch sagt sie dirs nicht, Warum sie nicht rüber darf zu dir. EDGAR Der böse Feind verfolgt den armen Tom mit der Stimme der Nachtigall. Hoptanz schreit in Toms Bauch nach zwei Heringen. Krächze nicht, schwarzer Engel! Ich habe kein Futter für dich. KENT Nun, bester Herr? O steht nicht so betäubt! Wollt Ihr Euch legen, auf den Kissen ruhn? LEAR Erst das Verhör. Bringt mir die Zeugen her! Zu Edgar. Du, Ratsherr im Talar, nimm deinen Platz! Zum Narren. Und du, sein Amtsgenoß der Richterwürde, Sitz ihm zur Seite! Zu Kent.                      Ihr seid auch Geschworner, Setzt Euch gleichfalls! EDGAR                           Laßt uns gerecht verfahren. Schläfst oder wachst du, artiger Schäfer? Deine Schafe im Korne gehn, Und flötet nur einmal dein niedlicher Mund, Deinen Schafen kein Leid soll geschehn. Purr, die Katz ist grau. LEAR Sprecht über die zuerst: 's ist Goneril. Ich schwöre hier vor dieser ehrenwerten Versammlung, sie hat den armen König, ihren Vater, mit Füßen getreten. NARR Kommt, Lady! Ist Euer Name Goneril? LEAR Sie kanns nicht leugnen. NARR Verzeiht, ich hielt Euch für einen Sessel. LEAR Und hier noch eine, deren scheeler Blick Ihr finstres Herz verrät. O haltet fest! He! Waffen, Waffen, Feuer, Schwert! - Bestechung! Du falscher Richter, läßt du sie entfliehn? EDGAR Gott erhalte dir deine fünf Sinne! KENT O Jammer! - Herr, wo ist denn nun die Fassung, Die Ihr so oft Euch rühmtet zu bewahren? EDGAR beiseit. Meine Tränen nehmen so Partei für ihn, Daß sie mein Spiel verderben. LEAR Die kleinen Hunde, seht, Spitz, Mops, Blandine, alle belln mich an. EDGAR Tom wird seinen Kopf nach ihnen werfen. Hinaus mit euch, ihr Kläffer! Sei dein Maul schwarz oder weiß, Sei's von giftigem Geifer heiß, Windspiel, Bullenbeißer, Jagdhund, Bracke, Pudel, Dogg und Schlachthund, Lang- und Stumpfschwanz, all ihr Köter, Hört ihr Tom, so schreit ihr Zeter, Denn werf ich so den Kopf nach euch, Rennt ihr und springt in Graben und Teich. Du di du di, Sessa! - Kommt auf die Kirmes und den Jahrmarkt! - Armer Tom, dein Horn ist trocken. LEAR Nun laßt sie Regan anatomieren und sehn, was an ihrem Herzen wuchert. Gibts irgendeine Ursach in der Natur, die solche harten Herzen hervorbringt? - Zu Edgar. Euch, Herr, halte ich als einen meiner Hundert; nur gefällt mir der Schnitt Eures Habits nicht. Ihr werdet sagen, es sei persische Tracht; aber laßt es ändern! KENT Nun, teurer Herr, ruht hier und schlaft ein Weilchen. LEAR Macht keinen Lärm, macht keinen Lärm; zieht den Vorhang zu. So, so, so; wir wollen zur Abendtafel morgen früh gehn; [ so,so,so ] . NARR Und ich will am Mittag zu Bett gehn. Gloster kommt zurück. GLOSTER Komm her, Freund, sag, wo ist mein Herr, der König? KENT Hier, Herr! Doch stört ihn nicht, er ist von Sinnen. GLOSTER Du guter Mann, nimm ihn in deine Arme; Von einem Anschlag, ihn zu töten, hört ich. Ich hab 'ne Sänfte, leg ihn da hinein, Und rasch nach Dover, wo du finden wirst Schutz und Willkommen. Eil und nimm ihn auf; - Säumst du 'ne halbe Stunde nur, so ist Sein Leben, deins und aller, die ihn schützen, Verloren ohne Rettung: fort denn, fort! Und folge mir; ich schaffe, dich zu schützen, Ein schnell Geleit. KENT                      Schläfst du, erschöpfte Kraft? Ein Balsam wärs für dein zerrißnes Leben, Das, ist dir solche Lindrung nicht vergönnt, Wohl schwer gesundet. - [ Zum Narren. ]                          Komm, hilf deinem Herrn, Zum Narren. Du darfst zurück nicht bleiben. GLOSTER                                  Kommt, hinweg! Kent, Gloster und der Narr tragen den König fort. [ Edgar bleibt allein. ] EDGAR Sehn wir den Größern tragen unsern Schmerz, Kaum rührt das eigne Leid noch unser Herz. Wer einsam duldet, fühlt die tiefste Pein, Fern jeder Lust, trägt er den Schmerz allein; Doch kann das Herz viel Leiden überwinden, Wenn sich zur Qual und Not Genossen finden. Mein Unglück dünkt mir leicht und minder scharf, Da, was mich beugt, den König niederwarf; Er kind-, ich vaterlos. Nun, Tom, wohlan, Merk auf den Sturm der Zeit; erschein erst dann, Wenn die Verleumdung, deren Schmach dich peinigt, Beschämt durch Prüfung, deinen Namen reinigt. - Entkommt der König, mag in dieser Nacht Geschehn, was sonst will. Doch gib acht, gib acht! Geht ab. SIEBENTE SZENE Ein Zimmer in Glosters Schloß Es treten auf Cornwall, Regan, Goneril, Edmund und Bediente. CORNWALL Eilt sogleich zu Mylord, Eurem Gemahl; zeigt ihm diesen Brief: die französische Armee ist gelandet! - Geht, sucht den Schurken Gloster. Einige Bediente gehn ab. REGAN Hängt ihn ohne weiteres! GONERIL Reißt ihm die Augen aus! CORNWALL Überlaßt ihn meinem Unwillen! Edmund, leistet Ihr unsrer Schwester Gesellschaft; die Rache, die wir an Eurem verräterischen Vater zu nehmen gezwungen sind, verträgt Eure Gegenwart nicht wohl. - Ermahnt den Herzog, wenn Ihr zu ihm kommt, zur schleunigsten Rüstung; wir verpflichten uns gleichfalls dazu. Unsre Boten sollen schnell sein und das Verständnis zwischen uns erhalten. Lebt wohl, liebe Schwester - lebt wohl, Mylord von Gloster! Haushofmeister tritt auf. CORNWALL Nun, wo ist der König? HAUSHOFMEISTER Mylord von Gloster hat ihn fortgeführt. Fünf- oder sechsunddreißig seiner Ritter, Ihn eifrig suchend, trafen ihn am Tor Und ziehn, nebst andern von des Lords Vasallen, Mit ihm nach Dover, wo, so prahlen sie, In Waffen steht ihr Anhang. CORNWALL                              Schafft der Herrin Die Pferde! GONERIL              So lebt wohl, Mylord und Schwester! [ Goneril, Edmund und der Haushofmeister gehn ab. ] CORNWALL Edmund, leb wohl! - Goneril, Edmund und Oswald gehn ab.                      Sucht den Verräter Gloster, Bindet wie einen Dieb ihn, führt ihn her! Weitere Bediente gehen ab. Obgleich wir ihm nicht wohl ans Leben können Ohn alle Rechtsform, soll doch unsre Macht Willfahren unserm Zorn, was man zwar tadeln, Jedoch nicht hindern kann. - Ists der Verräter? Bediente kommen mit Gloster. REGAN Der undankbare Fuchs! Er ists. CORNWALL Bind't ihm die welken Arme. GLOSTER Was meint Eur Hoheit? Freunde, denkt, ihr seid Hier meine Gäste; frevelt nicht an mir! CORNWALL Bind't ihn! Gloster wird gebunden. REGAN              Fest! Fest! O schändlicher Verräter! GLOSTER Du unbarmherzge Frau, das war ich nie. CORNWALL Bind't ihn an diesen Stuhl: Schuft, du sollst sehn - Regan zupft ihn am Barte. GLOSTER Beim gütigen Himmel, das ist höchst unedel, Zu raufen meinen Bart! REGAN So weiß, und solch Verräter! GLOSTER                              Böse Frau, Dies Haar, das du entreißest meinem Kinn, Verklag dich droben einst! Ich bin Eur Wirt; Ihr solltet nicht mit Räuberhand mißhandeln Mein gastlich Angesicht. Was wollt Ihr tun? CORNWALL Sprecht, was für Briefe schrieb man Euch aus Frankreich? REGAN Antwortet schlicht, wir wissen schon die Wahrheit. CORNWALL Und welchen Bund habt Ihr mit den Verrätern, Die jetzt gelandet sind? REGAN In wessen Hand gabt Ihr den tollen König? Sprecht! GLOSTER Einen Brief erhielt ich voll Vermutung, Von jemand, der zu keiner Seite neigt, Und der nicht feindlich ist. CORNWALL                               Ausflucht! REGAN                                            Und falsch! CORNWALL Wo sandtest du den König hin? GLOSTER                                 Nach Dover. REGAN Warum nach Dover? War dir nicht gedroht - CORNWALL Warum nach Dover? Erst erklär er das. GLOSTER Am Pfahle fest muß ich die Hatz erdulden. REGAN Warum nach Dover? GLOSTER Weil ich nicht wollte sehn, wie deine Nägel Ausrissen seine armen, alten Augen, Noch wie die unbarmherzge Goneril In sein gesalbtes Fleisch die Hauer schlage! Die See, in solchem Sturm, wie er ihn barhaupt In höllenfinstrer Nacht erduldet, hätte Sich aufgebäumt, verlöscht die ewigen Lichter. Doch armes altes Herz, er half Dem Himmel regnen. Wenn ein Wolf geheult In jener grausen Nacht an deinem Tor, Du hältst gerufen: Pförtner, tu doch auf! Wer grausam sonst, ward mild. Doch seh ich noch Geflügelte Rach ereilen solche Kinder. CORNWALL Sehn wirst du's nimmer! Halte fest den Stuhl, Auf deine Augen setz ich meinen Fuß. Gloster wird auf seinem Stuhl festgehalten, während Cornwall ihm eines seiner Augen ausreißt und zertritt. GLOSTER Wer noch das Alter zu erleben hofft, Der steh mir bei! - O grausam! O ihr Götter! REGAN Eins wird das andre höhnen; jenes auch! CORNWALL Siehst du nun Rache? BEDIENTER                        Haltet ein, Mylord! Seit meiner Kindheit hab ich Euch gedient, Doch bessern Dienst erwies ich Euch noch nie, Als jetzt Euch Halt zu rufen. REGAN                                Was, du Hund? ERSTER DIENER Wenn Ihr 'nen Bart am Kinn trügt, zaust ich ihn Bei solchem Streit; was habt Ihr vor? CORNWALL                                        Mein Knecht? Er zieht den Degen und geht auf ihn los . ERSTER DIENER Nun, dann nehmt hin, was Wut und Zufall bringen. Zieht. Sie fechten; Cornwall wird verwundet. REGAN zu einem anderen Bedienten. Gib mir dein Schwert; lehnt sich ein Bauer auf? Ergreift das Schwert, Sie durchsticht ihn von hinten. ERSTER DIENER Oh, ich bin hin! Mylord, Euch blieb ein Auge, Die Straf an ihm zu sehen. - Oh! Er stirbt. CORNWALL Dafür ist Rat: Heraus, du schnöder Gallert! - Wo ist dein Glanz nun? Reißt Glosters anderes Auge aus und wirft es zu Boden. GLOSTER                         Alles Nacht und trostlos. Wo ist mein Sohn Edmund? Edmund, schür alle Funken der Natur, Und räche diesen Greul. REGAN                          Ha, falscher Schurke, Du rufst den, der dich haßt; er selber wars, Der deinen Hochverrat entdeckt; er ist Zu gut, dich zu bedauern. GLOSTER                            O mein Wahnsinn! Dann tat ich Edgar unrecht! - Götter, vergebt mir das und segnet ihn! REGAN Fort, werft ihn aus dem Tor, dann mag er riechen Den Weg nach Dover. - Wie ist Euch, Herr? Wie gehts? [ Gloster wird weggebracht. ] CORNWALL Er schlug mir eine Wunde. - Folgt mir, Lady! - Hinaus den blinden Schurken! Diesen Hund Werft auf den Mist! - Regan, ich blute stark; Dies kommt zur Unzeit. Gib mir deinen Arm! Regan führt Cornwall ab. Bediente binden Gloster los und führen ihn hinaus. [ ERSTER ] ZWEITER DIENER Ich achte nicht, was ich für Sünde tu, Wenns dem noch wohl geht. [ ZWEITER ] DRITTER DIENER                            Lebt sie lange noch Und endigt leichten Tods nach altem Brauch, So werden alle Weiber Ungeheuer. [ ERSTER ] ZWEITER DIENER Ihm nach, dem alten Grafen; schafft den Tollen, Daß er ihn führen mag; sein Bettler-Wahnsinn Läßt sich zu allem brauchen. [ ZWEITER ] DRITTER DIENER Geh nur, ich will ihm Flachs und Eiweiß holen, Es auf sein blutiges Gesicht zu legen. Der Himmel helf ihm! Sie gehn ab nach verschiednen Seiten. VIERTER AKT ERSTE SZENE Freies Feld Edgar tritt auf. EDGAR Doch besser so und sich verachtet wissen, Als stets verachtet und geschmeichelt sein. Wenn man ganz elend ist, das niedrigste, Vom Glück vollkommen ausgestoßne Wesen, Lebt man in Hoffnung noch und nicht in Furcht. Beweinenswerter Wechsel trifft nur Bestes, Das Schlimmste kehrt zum Lachen. Drum willkommen, Du wesenlose Luft, die ich umfasse! Der Ärmste, den du warfst ins tiefste Elend, Fragt nichts nach deinen Stürmen. - Doch wer kommt hier? Gloster von einem alten Manne geführt. Mein Vater, bettlergleich, geführt? Welt, Welt, o Welt! Lehrt' uns dein seltsam Wechseln dich nicht hassen, Das Leben beugte nimmer sich dem Alter. ALTER MANN O lieber, gnädiger Herr, ich war Euer Pächter und Eures Vaters Pächter an die achtzig Jahre. GLOSTER Geh deines Wegs, verlaß mich, guter Alter! Dein Beistand kann mir doch nicht nützlich sein; Dir möcht er schaden. ALTER MANN Ach Herr, Ihr könnt ja Euren Weg nicht sehn. GLOSTER Ich habe keinen, brauch drum keine Augen. Ich strauchelt, als ich sah. Oft zeigt es sich, Besitz macht sorglos, und Entbehrung erst Gedeiht zur Hülfe. O mein Sohn, mein Edgar, Den des betrognen Vaters Zorn vernichtet! Erlebt ich noch, umarmend dich zu sehn, Dann spräch ich, wieder hab ich Augen! ALTER MANN                                          Wer da? EDGAR beiseit. Gott, wer darf sagen: Schlimmer kanns nicht werden? 's ist schlimmer nun als je. ALTER MANN                                Der tolle Tom! EDGAR beiseit. Und kann noch schlimmer gehn; 's ist nicht das Schlimmste, Solang man sagen kann: dies ist das Schlimmste. ALTER MANN Wo willst du hin. Gesell? GLOSTER                            Ist es ein Bettler? ALTER MANN Ein Toller und ein Bettler. GLOSTER Er hat Vernunft noch, sonst könnt er nicht betteln. Im letzten Nachtsturm sah ich solchen Wicht, Und für 'nen Wurm mußt ich den Menschen halten; Da kam mein Sohn mir ins Gemüt, und doch War mein Gemüt ihm damals kaum befreundet. Seitdem erfuhr ich mehr: Was Fliegen sind Den müßigen Knaben, das sind wir den Göttern; Sie töten uns zum Spaß. EDGAR beiseit.                           Ist mirs denn möglich? Ein schlecht Gewerb, beim Gram den Narren spielen; Sich selbst und andern wehtun. - Laut.                                   Grüß Euch Gott. GLOSTER Ist das der nackte Bursch? ALTER MANN                              Ja, gnädger Herr. GLOSTER Dann geh, mein Freund! Willst du uns wieder treffen, Ein, zwei, drei Meilen weiter auf der Straße Nach Dover zu, so tu's aus alter Liebe Und bring 'ne Hülle für die nackte Seele; Er soll mich führen. ALTER MANN                            Ach, er ist ja toll! GLOSTER 's ist Fluch der Zeit, daß Tolle Blinde führen! Tu, was ich bat, oder auch was du willst; Vor allem geh! ALTER MANN Den besten Anzug hol ich, den ich habe, Entstehe draus, was mag. Er geht ab. GLOSTER                Hör, nackter Bursch! EDGAR Der arme Tom friert. Beiseit. Ich halte mich nicht länger! GLOSTER Komm her. Gesell! EDGAR beiseit.                    Und doch, ich muß. Laut. Gott schütz die lieben Augen dir, sie bluten. GLOSTER Weißt du den Weg nach Dover? EDGAR Steg und Hecken, Fahrweg und Fußpfad. Der arme Tom ist um seine gesunden Sinne gekommen. Gott schütze dich, du gutes Menschenkind, vorm bösen Feind! Fünf Teufel waren zugleich im armen Tom: der Geist der Lust, Obidikut; Hoptanz, der Fürst der Stummheit; Mahu, des Stehlens; Modu, des Mords; und Flibbertigibbet, der Grimassenteufel, der seitdem in die Zofen und Stubenmädchen gefahren ist. Gott helfe dir, Herr! GLOSTER Hier nimm die Börse, du, den Zorn des Himmels Zu jedem Fluch gebeugt; daß ich im Elend, Macht dich beglückter. - Recht, ihr Götter! Laßt Den Überfluß- und lustgesättigten Mann, Der Eurer Satzung trotzt, der nicht will sehen, Weil er nicht fühlt, stets Eure Macht schnell fühlen: Verteilung tilgte dann das Übermaß Und jeder hätt genug. - Sag, weißt du Dover? EDGAR Ja, Herr! GLOSTER Dort ist ein Fels, des hohe, steile Klippe Furchtbar hinabschaut in die jähe Tiefe. Bring mich nur hin an seinen letzten Rand, Und lindern will ich deines Elends Bürde Mit einem Kleinod. Von dem Ort bedarf Ich keines Führers mehr. EDGAR                            Gib mir den Arm, Tom will dich führen. Sie gehn ab. ZWEITE SZENE Vor dem Schloß des Herzogs von Albany Es treten auf Goneril und Edmund, von der andern Seite der Haushofmeister. GONERIL Mylord, willkommen! Mich wundert, daß mein sonst liebreicher Mann Uns nicht entgegenkam. - [ Zum Haushofmeister. ]                           Wo ist dein Herr? HAUSHOFMEISTER Drin, gnädige Frau; doch ganz und gar verändert. Ich sagt ihm von dem Heer, das jüngst gelandet, Da lächelt er; ich sagt ihm, daß Ihr kämt, Er rief: So schlimmer! Als ich drauf berichtet Von Glosters Hochverrat und seines Sohnes Getreuem Dienst, schalt er mich einen Dummkopf Und sprach, daß ich verkehrt die Sache nähme, Was ihm mißfallen sollte, scheint ihm lieb, Was ihm gefallen, leid. GONERIL zu Edmund.                           Dann geht nicht weiter; 's ist die verzagte Feigheit seines Geists, Die nicht zu handeln wagt; kein Unrecht rührt ihn, Soll er die Spitze bieten. Unser Wunsch Von unterwegs kann in Erfüllung gehn. Eilt denn zurück zu meinem Schwager, Edmund, Beschleunigt seine Rüstung, führt sein Heer; Ich muß hier Waffen wechseln und die Kunkel Dem Manne geben. Dieser treue Diener Soll unser Bote sein; bald hört Ihr wohl, Wenn Ihr zu Eurem Vorteil wagen wollt, Was Eure Dame wünscht. Tragt dies; kein Wort! Neigt Euer Haupt! - Der Kuß, dürft er nur reden, Erhöbe dir den Mut in alle Lüfte. Versteh mich und leb wohl! EDMUND Dein in den Reihn des Tods. Er geht ab. GONERIL                               Mein teurer Gloster! O welch ein Abstand zwischen Mann und Mann! Ja, dir gebührt des Weibes Gunst; mein Narr Besitzt mich wider Recht. HAUSHOFMEISTER Der Herzog, gnädige Frau! Haushofmeister geht ab. Albany tritt auf. GONERIL Sonst war ich einen Hundepfiff doch wert! ALBANY O Goneril, Du bist den Staub nicht wert, den dir der Wind Ins Antlitz weht. Mir graut vor deinem Herzen: Ein Wesen, das verachtet seinen Stamm, Kann nicht begrenzt sein sicher in sich selbst. Ein Zweig, der von dem mütterlichen Baumsaft Sich abschließt, welkt gewiß und dient nur noch Tödlichem Hexenwerk. GONERIL Nicht mehr, der Text ist albern. ALBANY Weisheit und Tugend scheint dem Schlechten schlecht; Schmutz riecht sich selbst nur gut. Was tatet ihr? Tiger, nicht Töchter, was habt ihr verübt? Ein Vater, und ein gütiger alter Mann, Den wohl der zottge Bär in Ehrfurcht leckte - O Schmach! O Schandtat! -, fiel durch euch in Wahnsinn! Und litt mein edler Schwager solche Tat, Ein Mann, ein Fürst, der ihm so viel verdankt? Schickt nicht der Himmel sichtbar seine Geister Alsbald herab, zu zügeln diese Greuel, Muß Menschheit an sich selbst zum Raubtier werden, Wie Meeresungeheuer. GONERIL                       Milchherziger Mann, Der Wangen hat für Schläg, ein Haupt für Schimpf, Dem nicht ein Auge ward, zu unterscheiden, Was Ehre sei, was Kränkung, der nicht weiß, Daß Toren nur den Schuft bedauern, der Bestraft ward, eh er fehlt. - Was schweigt die Trommel? Frankreichs Panier weht hier im stillen Land, Mit stolzem Helmbusch droht dein Mörder schon, Und du, ein Tugendnarr, bleibst still und stöhnst: Ach, warum tut er das? ALBANY                         Schau auf dich, Teufel; Die wahre Häßlichkeit ist nicht am Satan So grauenvoll als am Weib. GONERIL                              Nichtiger Tor! ALBANY Verwandeltes, verstelltes Wesen du! Schäm dich, so scheußlich zu erscheinen. Wär nur, Daß diese Hand dem Blut gehorchte, ziemlich, Sie möchte leicht zerreißen dir und trennen Fleisch und Gebein! Wie sehr du Teufel bist, Die Weibsgestalt beschützt dich. GONERIL Ei, welche Mannheit nun! Ein Bote tritt auf. ALBANY                            Was bringst du Neues? BOTE O gnädger Herr, tot ist der Herzog Cornwall; Ihn schlug sein Knecht, als er ausreißen wollte Graf Glosters zweites Auge. ALBANY                               Glosters Augen? BOTE Ein Knecht, den er erzog, gereizt von Mitleid, Die Tat zu hindern, zückte seinen Degen Auf seinen großen Herrn, der, drob ergrimmt, Ihn rasch mit andrer Hülfe niederstieß. Doch traf ihn schon der Todesstreich, der jetzt Ihn nachgeholt. ALBANY                   Das zeigt, ihr waltet droben, Ihr Richter, die so schnell der Erde Frevel Bestrafen könnt. Doch, o du armer Gloster! Verlor er beide Augen? BOTE                         Beide, Herr! - Der Brief, Mylady, fordert schnelle Antwort. Er kommt von Eurer Schwester. GONERIL beiseit.                                Halb gefällts mir; Doch da sie Witwe und bei ihr mein Gloster, Könnt all der luftige Bau zusammenstürzen Auf mein verhaßtes Leben. Wiederum, Die Post ist nicht so übel. Ich will lesen Und Antwort senden. Sie geht ab. ALBANY Wo war sein Sohn, als sie ihn blendeten? BOTE Er kam mit Eurer Gattin. ALBANY                           Er ist nicht hier. BOTE Mein gnädger Herr, ich traf ihn auf dem Rückweg. ALBANY Weiß er die Greueltat? BOTE Ja, gnädger Herr! Er wars, der ihn verriet Und den Palast vorsätzlich mied, der Strafe So freiem Lauf zu lassen. ALBANY                             Ich lebe, Gloster, Die Treu, die du dem König zeigst, zu lohnen, Die Augen dir zu rächen! - Folg mir, Freund, Sag mir, was mehr du weißt. Sie gehn ab. DRITTE SZENE Das französische Lager bei Dover Es treten auf Kent und ein Edelmann. KENT Warum der König von Frankreich so plötzlich zurückgegangen ist: wißt Ihr die Ursach? EDELMANN Es war ein Staatsgeschäft noch nicht vollendet, Das nach der Landung er bedacht; es drohte Dem Königreich so viel Gefahr und Schrecken, Daß eigne Gegenwart höchst dringend schien Und unvermeidlich. KENT Wen ließ er hier zurück als seinen Feldherrn? EDELMANN Den Marschall Frankreichs, Monseigneur le Fèr. KENT Reizten Eure Briefe die Königin nicht zu Äußerungen des Schmerzes? EDELMANN Jawohl, sie nahm sie, las in meinem Beisein, Und dann und wann rollt' eine volle Träne Die zarte Wang herab; es schien, daß sie Als Königin ihren Schmerz regierte, der Rebellisch wollt ihr König sein. KENT                                   O dann War sie bewegt. EDELMANN Doch nicht zum Zorn. Geduld und Kummer stritten, Wer ihr den stärksten Ausdruck lieh. Ihr saht Regen zugleich und Sonnenschein; ihr Lächeln Und ihre Tränen war wie Frühlingstag. Dies selige Lächeln, das die frischen Lippen Umspielte, schien, als wiss' es um die Gäste Der Augen nicht, die so von diesen schieden, Wie Perlen von Demanten tropfen. Kurz, Der Gram würd als ein Schatz gesucht, wenn jeden Er also schmückte. KENT                     Hat sie nichts gesprochen? EDELMANN Ja, mehrmals seufzte sie den Namen Vater Stöhnend hervor, als preßt' er ihr das Herz: Rief: Schwestern! Schwestern! Schmach der Frauen! Schwestern! Kent! Vater! Schwestern! Was? In Sturm und Nacht? Glaubt an kein Mitleid mehr! - Dann strömten ihr Die heilgen Tränen aus den Himmelsaugen Und netzten ihren Laut; sie stürzte fort, Allein mit ihrem Gram zu sein. KENT                                 Die Sterne, Die Sterne bilden unsre Sinnesart, Sonst zeugte nicht so ganz verschiedne Kinder Ein und dasselbe Paar. - Spracht Ihr sie noch? EDELMANN Nein. KENT Wars vor des Königs Abfahrt? EDELMANN                                Nein, hernach. KENT Gut, Herr! Der arme kranke Lear ist in der Stadt; Manchmal in beßrer Stimmung wirds ihm klar, Warum wir hier sind, und auf keine Weise Will er die Tochter sehn. EDELMANN                             Weshalb nicht, Herr? KENT Ihn überwältigt so die Scham. Sein harter Sinn, Der seinen Segen ihr entzog, sie preisgab Dem fremden Zufall und ihr teures Erbrecht Den hündischen Schwestern lieh, das alles sticht So giftig ihm das Herz, daß glühende Scham Ihn von Cordelien fernhält. EDELMANN                              Armer Herr! KENT Wißt Ihr von Albanys und Cornwalls Macht? EDELMANN 's ist, wie gesagt: sie stehn im Feld. KENT Ich bring Euch jetzt zu unserm König Lear Und laß ihn Eurer Pflege. Wichtige Gründe Gebieten, mich verborgen noch zu halten; Geb ich mich kund, so wirds Euch nicht gereuen, Daß Ihr mich jetzt gekannt. Ich bitt Euch, kommt, Begleitet mich! Sie gehn ab. VIERTE SZENE Das französische Lager. Ein Zelt. [ Freies Feld ] [ Trommeln und Fahnen. ] Cordelia, ein Arzt, [ Gefolge, Edelleute ] und Soldaten treten auf. CORDELIA O Gott, er ists; man traf ihn eben noch In Wut, wie das empörte Meer, laut singend, Bekränzt mit wildem Erdrauch, Windenranken, Mit Kletten, Schierling, Nesseln, Kuckucksblumen Und allem wilden Unkraut, wie es wächst Im nährenden Weizen. Hundert schickt und mehr, Durchforscht jedwedes hochbewachsne Feld Und bringt ihn zu uns! Ein Offizier geht ab.                         Was vermag die Kunst, Ihm herzustellen die beraubten Sinne? Er, der ihn heilt, nehm alle meine Schätze! ARZT Es gibt noch Mittel, Fürstin! Die beste Wärtrin der Natur ist Ruhe, Die ihm gebricht; und diese ihm zu schenken, Vermag manch wirksam Heilkraut, dessen Kraft Des Wahnsinns Augen schließt. CORDELIA All ihr gesegneten, geheimen Wunder, All ihr verborgnen Kräfte der Natur, Sprießt auf durch meine Tränen! Lindert, heilt Des guten Greises Weh! Sucht, sucht nach ihm, Eh seine blinde Wut das Leben löst, Das sich nicht führen kann. Ein Bote tritt auf. BOTE                               Vernehmt, Mylady, Die britische Macht ist auf dem Zug hieher. CORDELIA Man wußt es schon, und wir sind vorbereitet, Sie zu empfangen. O mein teurer Vater, Für deine Wohlfahrt hab ich mich gerüstet; Drum hat der große Frankreich Mein Trauern, meiner Tränen Flehn erhört. Nicht leerer Ehrgeiz treibt uns zum Gefecht, Nur heiße Lieb und unsers Vaters Recht; Möcht ich bald sehn und hörn ihn! Sie gehn ab. FÜNFTE SZENE Ein Zimmer in Glosters [ Regans ] Schloß Es treten auf Regan und der Haushofmeister. REGAN Doch steht des Schwagers Macht im Feld? HAUSHOFMEISTER                                          Ja, Fürstin. REGAN Er selbst zugegen? HAUSHOFMEISTER                     Ja, mit vieler Not; Eure Schwester ist der bessere Soldat. REGAN Lord Edmund sprach mit deinem Herzog nicht? HAUSHOFMEISTER Nein, gnädge Frau! REGAN Was mag der Schwester Brief an ihn enthalten? HAUSHOFMEISTER Ich weiß nicht, Fürstin. REGAN Gewiß, ihn trieb ein ernst Geschäft von hier. Sehr töricht wars, dem Gloster nach der Blendung Das Leben lassen; wohin er kommt, bewegt er Die Herzen wider uns. Edmund, vermut ich, Aus Mitleid seines Elends, ging er enden Sein nächtlich Dasein und erforscht zugleich Des Feindes Stärke. HAUSHOPMEISTER Ich muß durchaus ihm nach mit meinem Brief. REGAN Das Heer rückt morgen aus; bleibt hier mit uns, Gefährlich sind die Weg. HAUSHOFMEISTER                           Ich darf nicht, Fürstin; Mylady hat mirs dringend eingeschärft. REGAN Was brauchte sie zu schreiben? Könntst du nicht Mündlich bestellen dein Geschäft? Vielleicht - Etwas - ich weiß nicht was - ich will dir gut sein: Laß mich den Brief entsiegeln! HAUSHOFMEISTER                                  Lieber möcht ich - REGAN Ich weiß, die Herzogin haßt ihren Gatten; Das ist gewiß; bei ihrem letzten Hiersein Liebäugte sie mit sehr beredten Blicken Dem edlen Edmund; du bist ihr Vertrauter. HAUSHOFMEISTER Ich, Fürstin? REGAN Ich rede mit Bedacht; ich weiß, du bists! Drum rate ich dir, nimm zur Kenntnis dies: Mein Mann ist tot; Edmund und ich sind einig, Und besser paßt er sich für meine Hand, Als deiner Herrin. Schließe weiter selbst! Wenn du ihn findst, so bitt ich, gib ihm dies; Und wenns die Herzogin von dir vernimmt, Ermahne sie, Vernunft zu Rat zu ziehn. Und somit lebe wohl! Triffst du vielleicht den blinden Hochverräter, Ein reicher Lohn wird dem, der ihn erschlägt. HAUSHOFMEISTER Ich wollt, ich fänd ihn, Fürstin, daß Ihr säht, Mit wem ichs halte. REGAN                       So gehab dich wohl! Sie gehn ab. SECHSTE SZENE Gegend bei Dover Es treten auf Gloster und Edgar in Bauerntracht. GLOSTER Wann kommen wir zum Gipfel dieses Bergs? EDGAR Ihr klimmt hinan, seht nur, wie schwer es geht! GLOSTER Mich dünkt, der Grund ist eben. EDGAR                                   Furchtbar steil! Horcht! Hört Ihr nicht die See? GLOSTER                                   Nein, wahrlich nicht! EDGAR Dann wurden Eure andern Sinne stumpf Durch Eurer Augen Schmerz. GLOSTER                              Das mag wohl sein. Mich dünkt, dein Laut ist anders, und du sprichst Mit besserm Sinn und Ausdruck als zuvor. EDGAR Ihr täuscht Euch sehr; ich bin in nichts verändert Als in der Tracht. GLOSTER                      Mich dünkt, du sprächest besser. EDGAR Kommt, Herr, hier ist der Ort; bleibt stehn! Wie graunvoll Und schwindelnd ists, so tief hinabzuschaun! Die Krähn und Dohlen, die die Mitt umflattern, Sehn kaum wie Käfer aus - halbwegs hinab Hängt einer, Fenchel sammelnd - schrecklich Handwerk! Mich dünkt, er scheint nicht größer als sein Kopf. Die Fischer, die am Strand entlanggehn, scheinen Wie Mäuse und das hohe Schiff am Anker Verjüngt zu seinem Boot, das Boot zum Tönnchen, Beinah zu klein dem Blick. Die dumpfe Brandung, Die wütet auf den Kieseln, zahl- und nutzlos, Schallt nicht bis hier. - Ich will nicht mehr hinabsehn, Daß nicht mein Hirn sich dreht, mein wirrer Blick Mich taumelnd stürzt hinab. GLOSTER                               Stell mich, wo du stehst! EDGAR Gebt mir die Hand: Ihr seid nur einen Fuß Vom letzten Rand. Für alles unterm Mond Tät ich hier keinen Sprung. GLOSTER                               Laß mich nun los! Hier, Freund, ist noch ein Beutel, drin ein Kleinod, Kostbar genug dem Armen. Feen und Götter Gesegnen dirs! Geh nun zurück, mein Freund, Nimm Abschied; laß mich hören, daß du gehst! EDGAR Lebt wohl denn, guter Herr! Tut als würde er gehen. GLOSTER                               Von ganzem Herzen! EDGAR für sich. So spiel ich nur mit dem Verzweifelnden, Um ihn zu heilen. GLOSTER                     O ihr mächtigen Götter! Der Welt entsag ich, und vor euerm Blick Schüttl ich geduldig ab mein großes Leid. Könnt ich es länger tragen ohne Hader Mit euerm unabwendbar ewgen Rat, So möchte wohl mein müder Lebensdocht Von selbst verglimmen. Wenn mein Edgar lebt, O segnet ihn! - Nun, Freund, gehab dich wohl! EDGAR Bin fort schon; lebt denn wohl! Gloster springt und fällt zur Erde. Und weiß ich, ob nicht Phantasie den Schatz Des Lebens rauben kann, wenn Leben selbst Dem Raub sich preisgibt? Wär er, wo er dachte, Jetzt dächt er nicht mehr. Lebend oder tot? - He, guter Freund! Herr, hört Ihr? Sprecht! - So könnt er wirklich sterben; nein, er lebt. - Wer seid Ihr, Herr? GLOSTER                       Geh weg und laß mich sterben! EDGAR Wärst du nicht Fadensommer, Federn, Luft, So viele Klafter tief kopfüber stürzend, Du wärst zerschellt wie 'n Ei. Doch atmest du, Hast Körperschwere, blutst nicht, sprichst, bist ganz. Zehn Mastbäum aufeinander sind so hoch nicht, Als steilrecht du hinabgefallen bist. Ein Wunder, daß du lebst! Sprich noch einmal! GLOSTER Doch fiel ich oder nicht? EDGAR Vom furchtbarn Gipfel dieser Kreideklippe. Sieh nur hinauf, man kann die schrillende Lerche So hoch nicht sehn noch hören; sieh hinauf! GLOSTER Ach, keine Augen hab ich. Ward auch die Wohltat noch versagt dem Elend, Durch Tod zu endigen? Trost wars doch immer, Als Jammer der Tyrannen Wut sich konnte Entziehn und seine stolze Willkür täuschen. EDGAR Gebt mir den Arm! - Auf! - So! Wie gehts? Fühlt Ihr die Beine? - Steht? GLOSTER Zu gut, zu gut! EDGAR                  Das nenn ich wunderseltsam! Dort auf der Klippe Rand, welch Ding war das, Das von Euch wich? GLOSTER                     Ein armer Bettler wars. EDGAR Hier unten schienen seine Augen mir Zwei Monde; tausend Nasen hatt er. Hörner Gekrümmt wie Wellen des gefurchten Meeres: Ein Teufel wars. Drum denk, beglückter Alter, Daß höchste Götter, die zum Ruhm vollführen, Was uns unmöglich scheint, dich retteten. GLOSTER Ja, das erkenn ich jetzt. Ich will hinfort Mein Elend tragen, bis es ruft von selbst: Genug, genug und stirb! Das Ding, wovon Ihr sprecht, schien mir ein Mensch; oft riet es aus: Der böse Feind! - Er führte mich dahin. EDGAR Seid ruhig und getrost! Doch wer kommt da? Lear tritt auf, phantastisch mit Blumen [ und Kränzen ] aufgeschmückt. Gesunder Sinn wird nimmer seinen Herrn So ausstaffieren. LEAR Nein, wegen des Münzens können sie mir nichts tun, ich bin der König selbst. EDGAR O herzzerreißender Anblick! LEAR Natur ist hierin mächtiger als die Kunst. - Da ist Euer Handgeld. Der Bursch führt seinen Bogen wie eine Vogelscheuche. Spannt mir eine volle Tuchmacherelle - sieh, sieh, eine Maus - still, still, dies Stück gerösteter Käse wird gut dazu sein. - Da ist mein Panzerhandschuh; gegen einen Riesen verfecht ichs. Die Hellebarden her! - O schön geflogen, Vogel! Ins Schwarze, ins Schwarze! Hui! - Gebt die Parole! EDGAR Süßer Majoran. LEAR Passiert. GLOSTER Die Stimme kenn ich. LEAR Ha, Goneril! Mit 'nem weißen Bart! Sie schmeichelten mir wie einem Hunde und erzählten mir, ich hätte weiße Haare im Bart, ehe die schwarzen kamen. - Ja und nein zu sagen zu allem, was ich sagte! - Ja und nein zugleich, das war keine gute Theologie. Als der Regen einst kam, mich zu durchnässen, und der Wind mich schauern machte und der Donner auf mein Geheiß nicht schweigen wollte, da fand ich sie, da spürte ich sie aus. Nichts da, es ist kein Verlaß auf sie; sie sagten mir, ich sei alles: das ist eine Lüge, ich bin nicht fieberfest. GLOSTER Den Ton von dieser Stimme kenn ich wohl: Ists nicht der König? LEAR                        Ja, jeder Zoll ein König. Blick ich so starr, sieh, bebt der Untertan. Dem schenk ichs Leben; was war sein Vergehn? Ehbruch! Du sollst nicht sterben. Tod um Ehbruch? Nein! Der Zeisig tuts, die kleine goldne Fliege, Vor meinen Augen buhlt sie. Laßt der Vermehrung Lauf, denn Glosters Bastard Liebte den Vater mehr als meine Töchter, Erzeugt im Ehebett. Dran, Unzucht! Frischauf, denn ich brauch Soldaten. - Sieh dort die ziere Dame, Ihr Antlitz weissagt Schnee in ihrem Schoß; Sie tut so tugendlich und dreht sich weg, Hört sie die Lust nur nennen, Und doch sind Iltis nicht und hitzige Stute So ungestüm in ihrer Brunst. Vom Gürtel nieder sinds Zentauren, Wenn auch von oben Weib; nur bis zum Gürtel Sind sie den Göttern eigen; jenseits alles Gehört den Teufeln, dort ist Hölle, Nacht, Dort ist der Schwefelpfuhl, Brennen, Sieden, Pestgeruch, Verwesung - pfui, pfui, pfui! - Pah! Pah! - Gib etwas Bisam, guter Apotheker, Meine Phantasie zu würzen. Da ist Gold für dich! GLOSTER O laß die Hand mich küssen! LEAR Laß mich sie erst abwischen; sie riecht nach dem Grabe. GLOSTER O du zertrümmert Meisterstück der Schöpfung! So nutzt das große Weltall einst sich ab Zu nichts. Kennst du mich wohl? LEAR Ich erinnere mich deiner Augen recht gut; blinzelst du mir zu? Nein, tu dein Ärgstes, blinder Cupido; ich will nicht lieben. Lies einmal diese Herausforderung; sieh nur die Schriftzüge! GLOSTER Wär jede Letter Sonn, ich säh nicht eine. EDGAR Nicht glauben wollt ichs dem Gerücht; es ist so, Und bricht mein Herz. LEAR Lies! GLOSTER Was, mit den Höhlen der Augen? LEAR Oho, stehn wir so miteinander? Keine Augen im Kopf, kein Geld im Beutel? Höhlten sie dir die Augen und holten dir den Beutel? Doch siehst du, wie die Welt geht! GLOSTER Ich seh es fühlend. LEAR Was, bist du toll? Kann man doch sehn, wie es in der Welt hergeht ohne Augen. Schau mit dem Ohr; sieh, wie jener Richter auf jenen einfältigen Dieb schmält. Horch - unter uns -, den Platz gewechselt und die Hand gedreht: wer ist Richter, wer Dieb? Sahst du wohl eines Pächters Hund einen Bettler anbellen? GLOSTER Ja, Herr! LEAR Und der Wicht lief vor dem Köter: da konntest du das große Bild des Ansehns erblicken; dem Hund im Amt gehorcht man. Du schuftiger Büttel, weg du blutige Hand! Was geißelst du die Hure? Peitsch dich selbst; Dich lüstet heiß, mit ihr zu tun, wofür Dein Arm sie stäupt. Der Wuchrer hängt den Gauner; Zerlumptes Kleid bringt kleinen Fehl ans Licht, Talar und Pelz birgt alles. Hüll in Gold die Sünde, Der starke Speer des Rechts bricht harmlos ab; In Lumpen: des Pygmäen Halm durchbohrt sie. Kein Mensch ist sündig; keiner, sag ich, keiner; Und ich verbürg es, wenn - versteh, mein Freund - Er nur des Klägers Mund versiegeln kann. Schaff Augen dir von Glas, Und wie ein räudiger Bauernfänger tu, Als sähst du Dinge, die du doch nicht siehst! - Nun, nun, nun, nun - Zieht mir die Stiefel aus! - Stärker, stärker - so! EDGAR O tiefer Sinn und Aberwitz gemischt! Vernunft in Tollheit! LEAR Willst weinen über mich, nimm meine Augen. Ich kenne dich recht gut, dein Nam ist Gloster. Trags in Geduld, wir kamen weinend an. Du weißt, wenn wir die erste Luft einatmen, Schrein wir und winseln. Ich will dir predigen: horch! GLOSTER O welcher Jammer! LEAR Wir Neugebornen weinen, zu betreten Die große Narrenbühne - ein schöner Hut! O feine Kriegslist, einen Pferdetrupp Mit Filz so zu beschuhn! Ich wills versuchen, Und überschleich ich so die Schwiegersöhne, Dann schlagt sie tot, tot, tot! - Tot, tot! Ein Edelmann mit Bedienten tritt auf. EDELMANN O hier, hier ist er! Haltet ihn! Mylord, Eur liebstes Kind - LEAR Wie, kein Entsatz? Gefangen? Bin ich doch Der wahre Narr des Glücks. Verpflegt mich wohl, Ich geb euch Lösegeld. Schafft mir 'nen Wundarzt, Ich bin ins Hirn gehaun. EDELMANN                           Nichts soll Euch fehlen. LEAR Kein Beistand - ganz allein? Da könnte wohl der Mensch in salzigen Tränen Vergehn, wie Kannen seine Augen brauchend, Des Herbstes Staub zu löschen. EDELMANN                                 Teurer Herr! LEAR Brav will ich sterben, wie ein Bräutigam; was? Will lustig sein; kommt, kommt, ich bin ein König, Ihr Herren, wißt Ihr das? EDELMANN Ein hoher König, und wir folgen Euch. LEAR So ist noch nichts verloren. Kommt! wenn Ihrs haschen wollt, so müßt Ihrs durch Laufen haschen. Sa, sa, sa, sa! Er läuft fort. Bediente folgen ihm. EDELMANN Ein Anblick jammervoll am ärmsten Bettler, Am König namenlos. Du hast ein Kind, Durch das die Welt vom grausen Fluch erlöst wird, Den zwei auf sie gebracht. EDGAR Heil, edler Herr! EDELMANN                    Seid kurz, mein Freund! Was wollt Ihr? EDGAR Vernahmt Ihr, Herr, obs bald ein Treffen gibt? EDELMANN Nun, das ist weltbekannt, ein jeder weiß es, Der Ohren hat zu hören. EDGAR                               Doch erlaubt, Wie nahe steht der Feind? EDELMANN Nah und in schnellem Anmarsch, stündlich kann Die Hauptmacht hier sein. EDGAR                             Dank Euch! Das war alles. EDELMANN Weilt gleich die Königin aus Gründen hier, Ist doch das Heer schon vorgerückt. EDGAR                                      Ich dank Euch. Edelmann geht ab. GLOSTER Ihr ewig gütigen Götter, nehmt mein Leben, Daß nicht mein böser Sinn mich nochmals treibt, Zu sterben, eh es euch gefällt. EDGAR                                   So betet Ihr trefflich, Vater! GLOSTER                        Nun, mein Freund, wer seid Ihr? EDGAR Der ärmste Mensch, gezähmt durch Schicksalsschläge, Der durch die Schule selbstempfundnen Grams Empfänglich ward für Mitleid. - Gebt die Hand mir, Ich führ Euch in ein Haus. GLOSTER                              Von Herzen Dank! Des Himmels Huld und reicher Segen geb Euch Lohn auf Lohn! - Der Haushofmeister tritt auf. HAUSHOFMEISTER                        Ein Preis verdient! Willkommen! Dein augenloser Kopf ward darum Fleisch, Mein Glück zu gründen. Alter Hochverräter, Bedenke schnell dein Heil; das Schwert ist bloß, Das dich vernichten soll. GLOSTER                             So brauch mit Kraft Die Freundeshand! Edgar setzt sich zur Wehr. HAUSHOFMEISTER                     Was, frecher Bauer, willst du Verteidigen solchen Hochverräter? Fort! Daß seines Schicksals Pest nicht auch auf dich Ansteckend falle. Laß den Arm ihm los! EDGAR Will nit los losse, Herr, muß erst anders kumme. HAUSHOFMEISTER Laß los, Sklav, oder du stirbst. EDGAR Lieber Herr, gehn Eures Wegs und loßt arme Leut in Ruh. Wann ich mich sollt mit eim große Maul ums Lebe bringe losse, da hätt ichs schun vor viezehn Täg los werde künne. Kummt mer dem alte Mann nit nah; macht Euch furt, rat ich, oder ich will emol versuche, was stärker is, Eur Hirnkaste oder mei Knippel. Ich sogs Euch grod raus. HAUSHOFMEISTER Ei du Bauerflegel! EDGAR Ich ward Euch die Zähne stochern, Herr: was schiern mich Eure Finte! Sie fechten, und Edgar schlägt ihn zu Boden. HAUSHOFMEISTER Sklav, du erschlugst mich! - Schuft, nimm meinen Beutel; Solls dir je wohl gehn, so begrabe mich Und gib die Briefe, die du bei mir findst, An Edmund, Grafen Gloster! Such ihn auf In Englands Heer - O Tod zur Unzeit - Tod! Er stirbt. EDGAR Ich kenne dich; ein dienstbeflißner Bube, Den Lastern der Gebietrin so geneigt, Als Bosheit wünschen mag. GLOSTER                            Was, ist er tot? EDGAR Hier setzt Euch, Vater, ruht! [ Beiseit. ] Laß sehn die Taschen; jene Briefe können Mir guten Dienst tun. [ Laut. ]                        Er ist tot; nur schade, Daß ich sein Henker mußte sein. [ Beiseit. ]                                   Laßt sehn! Erlaube, liebes Wachs, und schilt nicht, Sitte: Man risse ja, des Feindes Sinn zu spähn, Sein Herz auf; seine Briefe geht schon eher. Er liest den Brief. Gedenkt unsrer gegenseitigen Schwüre. Ihr habt manche Gelegenheit, ihn aus dem Wege zu räumen; fehlt Euch der Wille nicht, so werden Zeit und Ort Euch vielmal günstig sein. Es ist nichts geschehn, wenn er als Sieger heimkehrt; dann bin ich die Gefangne und sein Bett mein Kerker. Von dessen ekler Wärme befreit mich und nehmt seinen Platz ein für Eure Mühe. Eure (Gattin, so möcht ich sagen) ergebene Dienerin Goneril. O unabsehbar weit schweift Weibergier! Ein Plan auf ihres biedern Mannes Leben, Und der Ersatz: mein Bruder! - Hier im Sande Verscharr ich dich, unseliger Bote du, Mordsüchtiger Buhler; und zur rechten Zeit Bring ich dies frevle Blatt vors Angesicht Des todumgarnten Herzogs. Wohl ihm dann, Daß deinen Tod und Plan ich melden kann. Edgar schleppt den Leichnam fort. GLOSTER Der König rast. Wie starr ist meine Seele, Daß ich noch aufrecht steh und scharf empfinde Mein schweres Los! Besser, ich wär verrückt; Dann wär mein Geist getrennt von meinem Gram, Und Schmerz in eiteln Phantasien verlöre Bewußtsein seiner selbst. Edgar kommt zurück. EDGAR                            Gebt mir die Hand! Trommeln in der Ferne. Fernher, so scheint mir, hör ich Trommelschlag; Kommt, Vater! - Einem Freund führ ich Euch zu. Sie gehn ab. SIEBENTE SZENE Zelt im französischen Lager. Lear liegt auf einem Bett, schläft, sanfte Musik spielt. Ein Arzt, ein Edelmann und andere kümmern sich um ihn. Es treten auf Cordelia, Kent, [ ein Arzt und ein Edelmann ] . CORDELIA O teurer Kent, kann all mein Tun und Leben Dir je vergüten? Ist mein Leben doch Zu kurz, und jeder Maßstab allzu klein. KENT So anerkannt ist überreich bezahlt. Was ich gesagt, ist alles schlichte Wahrheit, Nicht mehr noch minder. CORDELIA                           Nimm ein beßres Kleid; Die Tracht ist Denkmal jener bittern Stunden, Ich bitt dich, leg sie ab. KENT                             Nein, teure Fürstin; Jetzt schon erkannt sein schadet meinem Plan. Als Gnade bitt ich, kennt mich jetzt noch nicht, Eh Zeit und ich es heischen. CORDELIA                               Sei's denn so, Mein werter Lord. Zum Arzt.                    Was macht der König? ARZT Er schläft noch, Fürstin! CORDELIA                              Gütige Götter, heilt Den großen Riß in seinem so gequälten Gemüt und stimmt der Sinne rauhen Mißklang Dem Kind gewordnen Vater! ARZT                            Gefällts Eur Hoheit, Daß wir den König wecken? Er schlief lang. CORDELIA Folgt Eurer Einsicht und verfahrt durchaus Nach eignem Willen. Ist er angekleidet? [ Diener bringen den schlafenden Lear in einem Sessel herein. ] EDELMANN Ja, gnädige Frau, in seinem tiefen Schlaf Versahn wir ihn mit frischen Kleidern. ARZT Bleibt, gnädige Herrin, wenn wir ihn erwecken; Ich zweifle nicht an mildrer Stimmung. CORDELIA                                         Wohl! [ Musik. ] ARZT Gefällts Euch, näher! - Lauter die Musik! CORDELIA Mein teurer Vater! O Genesung, gib Heilkräfte meinen Lippen; dieser Kuß Lindre den grimmen Schmerz, mit dem die Schwestern Dein Alter kränkten! KENT                        Gütige, liebe Fürstin! CORDELIA Warst du ihr Vater nicht - dies Silberhaar Verlangte Mitleid. Oh, war dies ein Haupt, Feindlichen Winden ausgesetzt zu werden? Dem lauten, furchtbarn Donner, und der Blitze Höchst grauenvollem Zucken kreuz und quer? Mit nichts als dünnem Haar behelmt zu wachen - Verlorner Posten? Meines Feindes Hund, Und hätt er mich gebissen, durft die Nacht An meinem Feuer stehn, und, armer Vater, Dir mußte faules, kurzes Stroh bei Schweinen Und vogelfreiem Volk genügen! Ach, Ein Wunder, daß dein Leben nicht zugleich Mit deinen Sinnen schied. - Er wacht: sprecht zu ihm! ARZT Tut Ihrs, Mylady; 's ist am besten. CORDELIA Was macht mein königlicher Herr? Wie gehts Eur Majestät? LEAR 's ist unrecht, daß ihr aus dem Grab mich nehmt. Du bist ein seliger Geist, ich bin gebunden Auf einem Feuerrad, daß meine Tränen Brennen wie flüssig Blei. CORDELIA                             Herr, kennt Ihr mich? LEAR Du bist ein Geist, ich weiß es wohl. Wann starbst du? CORDELIA Noch immer weit, weit weg! ARZT Er ist kaum wach, laßt ihn ein Weilchen ruhig. LEAR Wo war ich denn? Wo bin ich? Heller Tag? Man täuscht mich arg. Ich stürbe wohl vor Mitleid, Erblickt ich andre so. Was soll ich sagen! Ich will nicht schwören, dies sei meine Hand; Laß sehn! - Ich fühle diesen Nadelstich. Wär ich doch überzeugt von meinem Zustand! CORDELIA O seht auf mich, Mylord! Hebt Eure Hand zum Segen über mich! Nein, Herr, Ihr müßt nicht knien. LEAR                                     O narrt mich nicht! Ich bin ein schwacher, kindischer, alter Mann, Achtzig und drüber, keine Stunde mehr Noch weniger; und grad heraus gesagt, Ich fürchte fast, ich bin nicht recht bei Sinnen. Mich dünkt, ich kenn Euch, kenn auch diesen Mann, Doch zweifl ich noch, denn ich begreif es nicht, An welchem Ort ich bin; all mein Verstand Entsinnt sich dieser Kleider nicht, noch weiß ich, Wo ich die Nacht schlief. Lacht nicht über mich, Denn so gewiß ich lebe, Die Dame halt ich für mein Kind Cordelia. CORDELIA Das bin ich auch! Ich bins! LEAR Sind deine Tränen naß? Ja, wirklich! Bitte, O weine nicht! Wenn du Gift für mich hast, so will ichs trinken, Ich weiß, du liebst mich nicht; denn deine Schwestern, Soviel ich mich erinnre, kränkten mich; Du hattest Grund, sie nicht. CORDELIA                                Kein Grund! Kein Grund! LEAR Bin ich in Frankreich? CORDELIA                          Herr, in Euerm Reich! LEAR Betrügt mich nicht! ARZT                       Seid ruhig, werte Herrin! Geheilt ist, wie Ihr seht, das große Rasen; Doch wärs gefährlich, die verlorne Zeit Ihm zu erklären. Führt ihn jetzt hinein, Und stört ihn nicht, bis er sich mehr erholt. CORDELIA Beliebt es Euch, hineinzugehn, mein König? LEAR O habt Geduld mit mir! Bitt euch nun, vergeßt und vergebt; ich bin alt und kindisch. Lear, Cordelia, Arzt und Bediente gehen ab. EDELMANN Bestätigt sichs, Daß Herzog Cornwall so erschlagen ward? KENT Ja, Herr! EDELMANN            Wer ist der Führer seines Heers? KENT Man sagt, der Bastard Glosters. EDELMANN                                  Sein verbannter Sohn Edgar, heißts, lebt mit dem Grafen Kent In Deutschland. KENT                   Das Gerücht ist unverbürgt. 's ist Zeit, sich umzuschaun, das Heer des Reichs Rückt schleunig vor. EDELMANN Nun, die Entscheidung wird sehr blutig sein. Gehabt Euch wohl! Geht ab. KENT Und meine Schale senkt sich oder steigt, Gut oder schlimm, wie jetzt der Sieg sich neigt. Geht ab. FÜNFTER AKT ERSTE SZENE Feldlager des britischen Heeres bei Dover Es treten auf mit Trommeln und Fahnen Edmund, Regan, Offiziere , [ und ] Soldaten und andere . EDMUND zu einem Offizier. Den Herzog fragt, obs bleibt beim letzten Wort Oder seitdem ihn was bewog, den Plan Zu ändern, denn er ist voll Widerspruch Und schwankend; meld uns seinen festen Willen! Offizier ab. REGAN Der Schwester Boten traf gewiß ein Unfall. EDMUND Ich fürcht es, gnädige Frau! REGAN                                Nun, liebster Graf, Ihr wißt, was ich Euch Gutes zugedacht; Sagt mir - doch redlich, sagt die lautre Wahrheit: Liebt Ihr nicht meine Schwester? EDMUND                                   Ganz in Ehren. REGAN Doch fandet Ihr nie meines Schwagers Weg Zu der verbotnen Stätte? EDMUND                            Falscher Argwohn! REGAN Ich fürcht, Ihr seid mit ihr schon längst vereint Aufs innigste, soviel es möglich ist. EDMUND Nein, gnädge Frau, auf Ehre. REGAN Sie war mir unerträglich; teurer Lord, Seid nicht vertraut mit ihr! EDMUND                                Das fürchtet nicht! - Sie und der Herzog, ihr Gemahl! Albany, Goneril und Soldaten treten mit Trommeln und Fahnen auf. GONERIL beiseit. Eh daß mir diese Schwester ihn entfremdet, Möcht ich die Schlacht verlieren. ALBANY Verehrte Schwester, seid uns sehr willkommen! Man sagt, der König kam zu seiner Tochter Mit andern, so die Strenge unsrer Herrschaft Zur Klage zwang. Ich war noch niemals tapfer, Wo ich nicht ehrlich konnte sein; wir fechten, Weil Frankreich unser Land hier überzog, Nicht, weils dem König hilft und jenen, welche, Aus triftigem Grunde, fürcht ich, mit ihm halten. EDMUND Herr, Ihr sprecht nobel. REGAN                            Doch wozu dies Klügeln? GONERIL Dem Feind entgegen steht vereint zusammen; Für diesen häuslichen besondern Zwist Ist jetzt nicht Zeit. ALBANY                        So laßt uns denn den Ratschluß Mit Kriegserfahrnen fassen, was zu tun. EDMUND Gleich werd ich bei Euch sein in Eurem Zelt. REGAN Ihr geht doch mit uns, Schwester? GONERIL Nein. REGAN Der Anstand forderts, bitt Euch, geht mit uns! GONERIL beiseit. Oho, ich weiß das Rätsel. Ich will gehn. Da sie gehen wollen, kommt Edgar verkleidet. EDGAR Sprach Euer Gnaden je so armen Mann, Hört auf ein Wort! ALBANY                     Ich komm Euch nach. - Sprich, Mann! Edmund, Regan, Goneril , Offiziere, Soldaten und Gefolge gehen ab. EDGAR Eh Ihr die Schlacht beginnt, lest diesen Brief! Wird Euch der Sieg, laßt die Trompete laden Den, welcher ihn gebracht; so arm ich scheine, Kann ich den Kämpfer stellen, der bewährt, Was hier behauptet wird. Doch wenn Ihr fallt, Dann hat Eur Tun auf dieser Welt ein Ende, Und alle Ränke schweigen. - Glück mit Euch! ALBANY Wart noch, bis ich ihn las! EDGAR                              Das darf ich nicht. Wenns an der Zeit, laßt nur den Herold rufen, Und ich erscheine wieder. [ Er geht ab. ] ALBANY Nun fahre wohl, ich will den Brief mir ansehn. Edgar ab. Edmund kommt zurück. EDMUND Der Feind ist nah, zieht Eure Macht zusammen, Hier ist die Schätzung seiner Stärk und Macht Nach der genausten Kundschaft; doch Eur Eilen Tut dringend not. ALBANY                    Dem Augenblick sein Recht! Geht ab. EDMUND Den beiden Schwestern schwur ich meine Liebe, Und beide hassen sich, wie der Gestochne Die Natter. Welche soll ich nehmen? Beide? Ein oder keine? Keiner werd ich froh, Wenn beide leben. Mir die Witwe nehmen, Bringt Goneril von Sinnen, macht sie rasend, Und schwerlich komm ich je zu meinem Ziel, Solang ihr Gatte lebt. Gut, nutzen wir Sein Ansehn für die Schlacht; ist die vorüber, Mag sie, die gern ihn los wär, weiter sinnen, Ihn schnell hinwegzuräumen. Doch die Schonung, Die er für Lear im Sinn hat und Cordelia - Wenn wir gesiegt und sie in unsrer Macht, Vereitl ich solch Verzeihn. Nicht müßiger Rat Ziemt meiner Lage, nein, entschloßne Tat. Geht ab. ZWEITE SZENE Ein Feld zwischen den beiden Lagern. [ Daselbst ] Feldgeschrei hinter der Bühne. Es kommen mit Trommeln und Fahnen Lear, Cordelia und Soldaten und ziehen über die Bühne. Edgar und Gloster treten auf. EDGAR Hier, Vater, nehmt den Schatten dieses Baumes Als gute Herberg; fleht um Sieg des Rechts! Wenn ich zu Euch noch einmal wiederkehre, Bring ich Euch Trost. GLOSTER                         Begleit Euch Segen, Herr! Edgar geht ab. Getümmel, Schlachtgeschrei; es wird zum Rückzug geblasen. Edgar kommt zurück. EDGAR Fort, alter Mann, gebt mir die Hand, hinweg! Lear ist besiegt, gefangen samt der Tochter. Gebt mir die Hand; nur fort! GLOSTER Nicht weiter, Freund! Man kann auch hier verfaulen. EDGAR Was? Wieder Schwermut? Dulden muß der Mensch Sein Scheiden aus der Welt, wie seine Ankunft; Reif sein ist alles. Kommt! GLOSTER                              Wohl ist dies wahr. Sie gehn ab. DRITTE SZENE Das britische Lager bei Dover Edmund tritt als Sieger auf, mit Trommeln und Fahnen. Lear und Cordelia als Gefangene. Offiziere, Soldaten und andere. EDMUND Hauptleute, führt sie weg! In strenge Haft, Bis deren höchster Wille wird verkündet, Die ihre Richter. CORDELIA                    Ich bin nicht die erste, Die, Gutes wollend, dulden muß das Schwerste. Dein Unglück, Vater, beugt mir ganz den Mut, Sonst übertrotzt ich wohl des Schicksals Wut. Sehn wir nicht diese Töchter? Diese Schwestern? LEAR Nein, nein, nein, nein! Komm fort! Zum Kerker, fort! Da laß uns singen, wie im Käfig Vögel. Bittst du um meinen Segen, will ich knien Und dein Verzeihn erflehn; so wolln wir leben, Beten und singen, Märchen uns erzählen Und über goldne Schmetterlinge lachen. Wir hören armes Volk vom Hof erzählen Und schwatzen mit, wer da gewinnt, verliert, Wer in, wer aus der Gunst, und tun so tief Geheimnisvoll, als wären wir Propheten Der Gottheit; und so überdauern wir Im Kerker Ränk und Spaltungen der Großen, Die ebben mit dem Mond und fluten. EDMUND                                     Fort! LEAR Auf solche Opfer, o Cordelia, streuen Die Götter selbst den Weihrauch. Hab ich dich? Wer uns will trennen, muß mit Himmelsbränden Uns scheuchen wie die Füchse. Weine nicht! Die Pest soll sie verzehren, Fleisch und Haut, Eh sie uns weinen machen; eher solln sie Verschmachten! Komm! Lear und Cordelia werden von der Wache abgeführt. EDMUND                       Tritt näher, Hauptmann, höre! Nimm dieses Blatt, übergibt ein Papier.                     folg ihnen in den Kerker! Um einen Rang erhöht ich dich schon; tust du, Wie dies verlangt, so bahnst du deinen Weg Zu hohen Ehren. Merke dirs, der Mensch Ist wie die Zeit; zartfühlend sein geziemt Dem Schwerte nicht. Dein wichtiges Geschäft Erlaubt kein Fragen; sag, du willst es tun, Sonst such dir andres Glück! HAUPTMANN                                Ich bin bereit. EDMUND So tu's und sei beglückt, wenn du's vollbracht. Doch - hörst du - auf der Stell, und grade so, Wie ich dirs niederschrieb. HAUPTMANN Ich kann den Karrn nicht ziehn noch Hafer essen; Doch ist es Menschenarbeit, will ichs tun. Er geht ab. Trompeten. Albany, Goneril, Regan , Offiziere und Gefolge [ und Soldaten ] treten auf. ALBANY Herr, Ihr habt heut viel Tapferkeit bewiesen, Und hold war Euch das Glück. In Eurer Haft Sind, die uns feindlich heut entgegenstanden. Wir fordern sie von Euch und wolln sie halten, Wie's ihr Verdienst und unsre Sicherheit Gleichmäßig heischen. EDMUND                        Herr, ich hielt für gut, Den alten, schwachen König in Gewahrsam Und sichre Hut bewacht hinwegzusenden. Sein Alter wirkt, sein Rang noch mehr, wie Zauber, Ihm der Gemeinen Herzen zu gewinnen Und die geworbnen Lanzen wider uns, Die Herrn, zu kehren. Mit ihm ward Cordelia Aus gleichem Grund entfernt: Sie sind bereit, Auf morgen oder später zu erscheinen, Wo Ihr die Sitzung haltet. Jetzt bedeckt Uns Schweiß und Blut; der Freund verlor den Freund, Und in der Hitze flucht dem besten Kampf, Wer seine Schärfe fühlte. Doch die Frage Wegen des Königs und Cordeliens heischt Wohl eine beßre Stunde. ALBANY                           Herr, erlaubt, Ich acht Euch nur als Diener dieses Kriegs, Als Bruder nicht. REGAN                    Das ist, wie's uns beliebt. Mich dünkt. Ihr solltet unsern Wunsch erst fragen, Eh Ihr dies spracht. Er führte unser Heer, Vertrat uns selbst und unsre höchste Würde, Und kraft so hoher Vollmacht darf er aufstehn Und Euch als Bruder grüßen. GONERIL                                Nicht so hitzig! Sein eigner Wert hat höher ihn geadelt Als Eure Übertragung. REGAN                        In mein Recht Durch mich gekleidet, weicht er nicht dem Besten. ALBANY Das höchstens doch, wenn er sich Euch vermählte. REGAN Aus Spöttern werden oft Propheten. GONERIL                                      Holla! Das Aug, mit dem Ihr das gesehen, schielte. REGAN Lady, mir ist nicht wohl, ich gäbe sonst Aus vollem Herzen Antwort. - General, Nimm hin mein Heer, Gefangne, Land und Erbteil, Schalt über sie und mich! Du nahmst die Mauern: Bezeugs die Welt, daß ich dich hier erhebe Zum Herrn und Gatten. GONERIL                         Meint Ihr, er werd Euer? ALBANY Dein guter Wille wird es nicht verhindern. EDMUND Noch Eurer, Herr! ALBANY                     Halbbürtiger Bursche, doch! REGAN zu Edmund. Die Trommeln rührt! - Verficht mein Recht als deins! ALBANY Halt! Hört ein Wort! Edmund, um Hochverrat Verhaft ich dich und diese goldne Schlange. Auf Goneril deutend. Was Euern Anspruch anlangt, schöne Schwester, Ich muß ihn hindern namens meiner Frau, Denn sie ist insgeheim dem Lord verlobt, Und ich, ihr Ehemann, erhebe Einspruch Nun gegen Euer Aufgebot. Wollt Ihr Heiraten, wendet Eure Liebe mir zu; Mein Weib ist ja versagt. GONERIL                            Ein Zwischenspiel! ALBANY Du bist in Waffen, Gloster - blast, Trompeten! Kommt niemand, dich ins Angesicht zu zeihn Verruchten, offenbaren Hochverrats: Hier ist mein Pfand, wirft einen Handschuh hin.                       aufs Haupt beweis ichs dir, Eh Brot mein Mund berührt, du seist das alles, Wofür ich dich erklärt. REGAN                           Krank! Ich bin krank! GONERIL beiseit. Wenn nicht, so trau ich keinem Gift. EDMUND Hier ist mein Gegenpfand! wirft einen Handschuh hin.                            Wer in der Welt Mich Hochverräter nennt, lügt wie ein Schurke. Trompeten, blast! Wer zu erscheinen wagt, An dem, an Euch, an jedem sonst behaupt ich Fest meine Ehr und Treu. ALBANY                            Ein Herold, ho! EDMUND Ein Herold, ho, ein Herold! [ Ein Herold tritt auf. ] ALBANY Vertrau allein dem eignen Arm; dein Heer, Wie ichs auf meinen Namen warb, entließ ich In meinem Namen. REGAN                    Meine Krankheit wächst! ALBANY Ihr ist nicht wohl; geht, führt sie in mein Zelt! Regan wird weggebracht. Ein Herold tritt auf. Herold, tritt vor! Laß die Trompete blasen! Und lies dies laut! OFFIZIER Blast die Trompete! Die Trompete wird geblasen; der Herold liest: Wenn irgendein Mann von Stand oder Rang im Heer wider Edmund, den angeblichen Grafen von Gloster, behaupten will, er sei ein vielfacher Verräter, der erscheine beim dritten Trompetenstoß; er ist bereit, sich zu verteidigen. EDMUND Blase! Erste Trompete. HEROLD Noch einmal! - Zweite Trompete. Noch einmal! - Dritte Trompete. Eine andre Trompete antwortet hinter der Bühne; darauf tritt Edgar bewaffnet auf; ein Trompeter geht ihm voran. ALBANY Fragt, was er will, warum er hier erscheint Auf der Trompete Ladung? HEROLD                           Wer seid Ihr? Eur Nam, Eur Stand? Warum antwortet Ihr Auf diese Ladung? EDGAR                     Wißt, mein Nam verging, Zernagt vom giftigen Zahne des Verrats; Doch bin ich edel wie mein Widerpart, Dem ich Kampf biete. ALBANY                        Welchen Widerpart? EDGAR Wer stellt sich hier für Edmund Grafen Gloster? EDMUND Er selbst. Was willst du ihm? EDGAR                                 So zieh dein Schwert, Daß, wenn mein Wort ein edles Herz verletzt, Dein Arm dir Recht verschafft. Hier ist das meine. Sieh her, es ist der Anspruch meiner Ehre, Mein Eid und mein beschwornes Amt: ich zeih dich Trotz deiner Stärke, Jugend, Würd und Hoheit, Trotz deinem Siegerschwert und neuem Glück, Wie Kraft und Mut dich ziert: Du bist Verräter, Falsch vor den Göttern, deinem Bruder, Vater, Rebellisch diesem hocherlauchten Fürsten, Und von dem höchsten Wirbel deines Haupts Zu deiner Sohle tiefstem Staub herab Ein krötengiftger Bube. Sagst du nein - Dies Schwert, mein Arm, mein bester Mut sind fertig, Was ich gezeugt, aufs Haupt dir zu beweisen: Du lügst! EDMUND Nach Vorsicht sollt ich deinen Namen forschen, Doch weil dein Äußres also schmuck und kriegrisch Und Ritterschaft aus deiner Rede spricht - Was ich mit Fug und Vorsicht könnte weigern Nach Recht des Zweikampfs, will ich nicht beachten. In deine Zähne schleudr ich den Verrat, Werf dir ins Herz zurück die Höllenlüge, Der - denn sie streifte nur und traf mich kaum - Mein Schwert sogleich die Stätte bahnen wird, Wo sie auf ewig ruhn soll. - Blast, Trompeten! Getümmel; sie fechten; Edmund fällt. ALBANY O schont ihn, schont! GONERIL                         Du fiehlst durch Hinterlist; Nach Recht des Zweikampfs warst du nicht verpflichtet Dem unbekannten Gegner; nicht besiegt, Getäuscht, betrogen bist du! ALBANY                                Dame, schweigt, Sonst stopft dies Blatt den Mund Euch. [ Zu Edmund. ]                                         Seht hieher! [ Zu Goneril. ] Du Schändlichste, lies deine Untat hier! Zerreißt es nicht! Ich seh, Ihr kennt dies Blatt. Er gibt den Brief an Edmund. GONERIL Und wenn auch, ist das Reich doch mein, nicht dein! Wer darf mich dafür richten? ALBANY                                Scheusal! Oh! Kennst du dies Blatt? GONERIL                         Frag mich nicht, was ich kenne. Sie geht ab. ALBANY Geht, folgt ihr; sie ist außer sich; bewacht sie! Zu einem Offizier, der abgeht. [ Einige aus Albanys Gefolge ab. ] EDMUND Wes du mich angeklagt, ich habs getan, Und mehr, weit mehr; die Zeit enthüllt es bald - Sie ist am Schluß, und so auch ich. - Wer bist du, Der so mir obgesiegt? Bist du ein Edler, Vergeb ich dir. EDGAR                   Laß uns Erbarmung tauschen. Ich bin an Blut geringer nicht als du; Wenn mehr, so mehr auch hast du mich verletzt. Edgar heiß ich, bin deines Vaters Sohn. Die Götter sind gerecht; aus unsern Lüsten Erschaffen sie das Werkzeug, uns zu geißeln. Der dunkle, sündige Ort, wo er dich zeugte, Bracht ihn um seine Augen. EDMUND                             Wahr, o wahr! - Ganz tat das Rad den Umlauf, ich lieg hier. ALBANY Mir schien dein Gang schon königlichen Adel Zu prophezein; nun muß ich dich umarmen. Gram spalte mir das Herz, wenn ich jemals Dich oder deinen Vater haßte! EDGAR                                Ja, Das weiß ich, Fürst. ALBANY                      Doch wo wart Ihr verborgen? Wie kam Euch Kunde von des Vaters Elend? EDGAR Indem ichs pflegte. Hört ein kurzes Wort; Und ists erzählt, o bräche dann mein Herz! Der blutgen Achtserklärung zu entgehn, Die mir so nah war - o wie süß das Leben! Daß stündlich wir in Todesqualen sterben Lieber als Tod mit eins! -, verhüllt ich mich In eines Tollen Lumpen, daß ich aussah, Daß Hunde selbst mich scheuten. So entstellt; Fand ich den Vater mit den blutigen Ringen, Beraubt der edlen Steine, ward sein Leiter, Führt ihn und bettelte für ihn und schützt ihn Vor Selbstmord. Nie gab - leider! - ich mich kund, Bis ich vor einer halben Stund in Waffen, Nicht sicher, doch voll Hoffnung dieses Siegs, Um seinen Segen fleht und von Beginn Zum Ende meine Pilgerschaft erzählte. Doch sein zerspaltnes Herz - ach schon zu schwach, Den Kampf noch auszuhalten zwischen Schmerz Und Freud - im Übermaß der Leidenschaft Brach lächelnd. EDMUND                   Deine Red hat mich gerührt Und wirkt wohl Gutes; aber sprich nur weiter, Es scheint, als hättst du mehr zu sagen noch. ALBANY Ist es noch mehr, mehr leidvoll noch, so schweig; Denn ich bin nah daran, mich aufzulösen, Dies hörend. EDGAR                Dies erschien als Höchstes wohl Dem, der den Gram nicht liebt; jedoch ein andres, Noch steigernd, was zu viel schon, überragt Das Alleräußerste. Als ich laut schrie vor Schmerz, da kam ein Mann, Der mich gesehn in meinem tiefsten Elend, Und meine schreckliche Gesellschaft floh: Nun aber, da er hörte, wer es sei, Der dies ertrug, schlug er die starken Arme Mir um den Hals und heulte laut hinauf Zum Himmel, gleich als wollt er ihn zersprengen, Warf sich auf meinen Vater hin, erzählte Von sich und Lear die kläglichste Geschichte, Die je ein Ohr vernahm; im Sprechen ward Sein Schmerz so übermenschlich, daß die Stränge Des Lebens rissen. - Da zum zweiten Male Klang die Trompet, ich ließ ihn halb entseelt. ALBANY Doch wer war dieser? EDGAR Kent, der verbannte Kent, der in Verkleidung Nachfolgte dem ihm feindgesinnten König Und Dienste tat, die keinem Sklaven ziemten. Ein Edelmann kommt in voller Eile mit einem blutigen Messer. EDELMANN Helft, helft, o helft! EDGAR                          Wem helfen? ALBANY                                        Sagt uns an! EDGAR Was meint der blutige Dolch? EDELMANN                                Er raucht, ist heiß; Er kommt frisch aus dem Herzen - oh, sie ist tot! ALBANY Wer tot? Sprich, Mann! EDELMANN Herr, Eure Gattin; ihre Schwester ist Von ihr vergiftet; sie bekannt es selbst. EDMUND Ich war verlobt mit beiden, alle drei Vermählt ein Augenblick nun. [ Kent tritt auf. ] EDGAR                               Hier kommt Kent. ALBANY Bringt sie hierher uns, lebend oder tot. Dies Strafgericht des Himmels macht uns zittern, Rührt unser Mitleid nicht. - Der Edelmann geht ab. Kent tritt auf.                                    Oh, ist das Kent? Die Zeit verstattet nicht Empfang, wie ihn Die Sitte heischt. KENT                     Ich kam, um meinem König Und Herrn auf immer gute Nacht zu sagen. Ist er nicht hier? ALBANY                      So Großes ward vergessen! Sprich, Edmund, wo ist Lear? Wo ist Cordelia? Gonerils und Regans Leichen werden hereingetragen. Kent, siehst du, was geschieht? KENT Ach, warum so? EDMUND                  Edmund ward doch geliebt! Die eine gab um mich der andern Gift, Und dann sich selbst den Tod. ALBANY So ists. - Verhüllt ihr Antlitz! EDMUND Nach Leben ring ich. Gutes möcht ich tun, Trotz meinem eignen Wesen. Sendet schnell - O eilt Euch! - auf das Schloß, denn mein Befehl Geht auf des Königs und Cordeliens Leben. Ich sag Euch, zögert nicht! ALBANY                                   Lauft, lauft, o lauft! EDGAR Zu wem, Mylord? Wer hat den Auftrag? Schickt Ein Pfand des Widerrufs! EDMUND Sehr wohl bedacht, hier nimm mein Schwert Und gibs dem Hauptmann. EDGAR                          Eil dich, um dein Leben! [ Ein Offizier ] Edgar geht ab. EDMUND Er hat Befehl von deinem Weib und mir, Cordelien im Gefängnis aufzuhängen Und der Verzweiflung dann die Schuld zu geben, Daß sie sich selbst entleibt. ALBANY Die Götter schützen sie! - Tragt ihn hinweg! Edmund wird weggetragen. Lear kommt, seine Tochter Cordelia tot in den Armen tragend. Edgar, ein Offizier und andere folgen ihnen. LEAR Heult, heult, heult, heult! O ihr seid all von Stein! Hätt ich eur Aug und Zunge nur, mein Jammer Sprengte des Himmels Wölbung! - Hin auf immer! Ich weiß, wenn einer tot und wenn er lebt: Tot wie die Erde. Einen Spiegel her! Und wenn ihr Hauch die Fläche trübt und fleckt, Dann lebt sie noch. KENT                      Ist dies das Weltenende? EDGAR Sinds Bilder jenes Grauens? ALBANY                               Sturz und Ende? LEAR Die Feder regte sich, sie lebt! O lebt sie, So ists ein Glück, das allen Kummer tilgt, Den ich jemals gefühlt. KENT kniend.                                O teurer Herr! LEAR Fort, sag ich dir! EDGAR                      's ist Kent, Eur edler Freund. LEAR Fluch über euch, Verräter, Mörder, alle! - Ich könnt sie retten; nun dahin auf immer! Cordelia, Cordelia! Wart ein wenig, ha! Was sprachst du? - Ihre Stimme war stets sanft, Zärtlich und mild; ein köstlich Ding an Fraun - Ich schlug den Sklaven tot, der dich gehängt. [ KENT ] OFFIZIER 's ist wahr, Mylords, er tats. LEAR                                 Tat ichs nicht, Bursch? Einst war die Zeit, wo sie mein gutes Schwert Wohl hätte springen machen. Nun bin ich alt, Und all dies Leid bringt mich herab. - Wer bist du? Mein Aug ist nicht das beste; ich weiß es gleich. KENT Rühmt sich Fortuna Zweier, die sie liebte Und haßte - einen sehn wir hier. LEAR Ich sehe nur so trüb - bist du nicht Kent? KENT Ich bin dein Diener Kent; doch wo ist Cajus? LEAR Das ist ein wackrer, treuer Bursch, das glaubt mir; Der schlägt und säumt nicht. - Er ist tot und fault. KENT Nein, teurer Fürst; ich selber bin der Mann. LEAR Das will ich sehn. KENT Der gleich seit Eurem Abweg und Verfall Folgt Eurer finstern Bahn. LEAR                             Willkommen hier! KENT Nein, keiner wohl! - Trüb alles, tot und trostlos! - Eure ältern Töchter legten Hand an sich Und starben in Verzweiflung. LEAR                               Ja, das denk ich. ALBANY Er weiß nicht, was er sagt; es ist vergeblich, Daß wir uns ihm erklären. EDGAR                            Ganz umsonst. Ein Hauptmann kommt. HAUPTMANN Edmund ist tot, Mylord! ALBANY                           Das ist nicht wichtig hier. - Ihr Freund' und edlen Lords, hört meinen Willen: Was Trost sein kann bei so gewaltigen Trümmern, Das sei versucht. Ich selbst entsage hier Zugunsten dieser greisen Majestät Der Herrschermacht. Zu Kent und Edgar.                      Ihr tretet in Eur Recht Mit Ehr und Zuwachs, wie es Eure Treu Mehr als verdient hat. Alle Freunde sollen Den Lohn der Tugend kosten, alle Feinde Den Kelch, den sie verdient. - O seht, o seht! LEAR Und tot mein armes Närrchen? - Nein! Kein Leben! Ein Hund, ein Roß, 'ne Maus soll Leben haben, Und du nicht einen Hauch? - O du kehrst nimmer wieder, Niemals, niemals, niemals, niemals, niemals! - Ich bitt Euch, knöpft hier auf! - Ich dank Euch, Herr! - Seht Ihr dies? Seht sie an! Seht ihre Lippen, Seht hier, seht hier! Er stirbt. EDGAR                         Er sinkt! - Mein Herr, mein Herr! KENT Brich, Herz, ich bitt dich, brich! EDGAR                                      Blick auf, mein Herr! KENT Quält seinen Geist nicht! Laßt ihn ziehn! Der haßt ihn, Der auf die Folter dieser zähen Welt Ihn länger spannen will. EDGAR                           O wirklich tot! KENT Das Wunder ist, daß ers ertrug so lang; Sein Leben war nur angemaßt. ALBANY Tragt sie hinweg! - Ich kann nichts mehr als trauern. Zu Kent und Edgar. O Freunde meiner Seele, herrscht ihr beiden In diesem Reich und heilts von seinen Leiden! KENT Ich muß zur Reise bald gerüstet sein; Mein Meister ruft, ich darf nicht sagen nein. ALBANY Laßt uns, der trüben Zeit gehorchend, klagen: Nicht, was sich ziemt, nur, was wir fühlen, sagen. Dem Ältsten war das schwerste Los gegeben, Wir Jüngern werden nie so viel erleben. Sie gehn mit einem Totenmarsche ab.