August Strindberg Ehestandsgeschichten * Leipzig Georg H. Wigand's Verlag 1898 * Herbst Seit zehn Jahren waren sie verheiratet. Glücklich? Nun, so glücklich, wie es die Umstände erlaubten. Sie hatten alle beide schwer gezogen, wie zwei gleich starke Pferde, von denen jedes in seinen Sielen geht. Im ersten Jahr wurden natürlich eine Menge von Illusionen über die Ehe als einen Zustand absoluter Seligkeit zu Grabe getragen; im nächsten Jahr kam das Kind, und nun liess ihnen die Mühsal des Lebens nicht mehr viel Zeit zu Grübeleien übrig. Er war sehr häuslich, vielleicht etwas allzusehr, und hatte in der Familie seine kleine Welt gefunden, deren Mittelpunkt er war; die Kinder waren die Radien, und die Frau suchte auch auf eigene Hand ein Mittelpunkt zu sein, – wenn auch nie im eigentlichen Centrum, da sass der Mann. Jetzt nach zehnjähriger Ehe bekam der Mann eine Anstellung als Sekretär bei der Gefängnisinspektion und musste eine Reise machen. Das gab seinen häuslichen Gewohnheiten einen Stoss, und er empfand wirkliche Unlust bei dem Gedanken, einen ganzen Monat lang von seinem Heim getrennt zu sein. Er wusste nicht recht, ob es die Frau war, oder die Kinder, die er am meisten vermissen würde, – vielleicht alle zusammen. Am Abend vor der Abreise sitzt er auf seinem Sofa und sieht zu, wie seine Frau ihm den Koffer packt. Sie kniet auf der Diele und legt seine Wäsche hinein. Dann staubt sie den schwarzen Anzug ab und faltet ihn sorgsam zusammen, damit er einen möglichst geringen Platz einnimmt. Er versteht sich auf so etwas ja doch nicht. Sie hat sich niemals als seine Dienerin betrachtet, kaum als seine Frau, – sie war Mutter, für die Kinder und für ihn. Sie fühlte sich niemals gedemütigt, wenn sie seine Strümpfe stopfen musste, und begehrte keinen Dank dafür, sie fand auch nie, dass er deswegen in ihrer Schuld stand, sie wusste ja, dass er ihr dafür neue Strümpfe verschaffte und noch vieles andre, was sie sich sonst mühsam und schwer ausser dem Hause hätte verdienen müssen, während ihre Kinder allein zu Hause bleiben müssten. Er sass in der Sofaecke und sah ihr zu. Jetzt, wo der Abschied näher kam, fing er schon fast an, sie im Voraus zu vermissen; er betrachtete ihre Figur. Die Schulterblätter traten etwas hervor, und der Rücken war ein wenig gebeugt von der Arbeit über der Wiege, über dem Herde und über dem Plättbrett. Er war auch gebeugt von dem vielen Sitzen am Schreibtisch, und für seine Augen hatte er schon eine Brille nehmen müssen, aber jetzt dachte er wahrhaftig nicht an sich. Er sah, dass ihr Haar dünner geworden war und an einzelnen Stellen ein ganz klein wenig ins Graue spielte. War er es, für den sie ihre Frische und Schönheit hingegeben hatte, er allein? Nein, für die ganze kleine Gemeinde, die sie bildeten; denn sie hatte ja auch für sich selbst gearbeitet. Und sein Haar war ja auch dünner geworden in dem Kampfe um den Unterhalt für sie alle. Er hätte vielleicht mehr von seiner Jugend gehabt, wenn nicht so viele Münder dagewesen wären, wenn er allein gelebt hätte, aber er wollte um keinen Preis einsam sein! »Es wird Dir ganz gut thun, etwas herauszukommen,« sagte die Frau, – »Du hast schon viel zu lange zu Hause gehockt.« »Du bist froh, dass Du mich ein bisschen los wirst,« entgegnete er, nicht ohne Bitterkeit, »aber ich werde Euch schon vermissen.« »Du bist wie die Hauskatze, Du vermissest Deinen warmen Winkel, – aber mich wirst Du wohl schwerlich sehr vermissen.« »Und die Kinder?« »Ja, wenn Du fort bist, – aber zu Hause schiltst Du über sie, – aber nein, lieb hast Du sie wohl, glaube ich, – ich will auch nicht ungerecht sein.« Beim Abendbrot war er in weicher Stimmung und das Herz war ihm ganz schwer. Er legte die Abendzeitung ungelesen fort und suchte ein Gespräch mit seiner Frau anzuknüpfen; aber sie war so von sorglichen Gedanken erfüllt, hatte so viel vorzubereiten und zu überlegen, dass sie nicht viel Zeit zum Plaudern fand, und ausserdem hatten sich ihre Gefühle wohl auch etwas abgenutzt während der zehnjährigen Kampagne in Küche und Kinderstube. Er war gerührt, mehr als er merken lassen wollte, und die Unordnung im Zimmer versetzte ihn in Unruhe. Er sah Bruchstücke seines täglichen Lebens, seiner Existenz, in wüstem Durcheinander auf Stühlen und Tischen liegen, und der offene, schwarze Koffer gähnte ihn an wie ein Sarg, weisses Leinen schmiegte sich um schwarze Kleider, die noch die Spuren seiner Kniee und Ellbogen trugen, und ihm war, als sähe er sich selbst im steifen, weissen Totenhemde daliegen, bereit, mit dem Deckel fest über sich, hinausgetragen zu werden. Am Tage darauf, einem Augustmorgen, sprang er hastig aus dem Bett, kleidete sich an und war sehr nervös. Er ging hin und küsste alle Kinder, die sich schlaftrunken die Augen rieben, dann umarmte er seine Frau, setzte sich in eine Droschke und fuhr zur Bahnstation. Die Fahrt, mit seinem Vorgesetzten zusammen machte ihm Freude, und er fand es jetzt wirklich ganz gut, einmal herauszukommen. Sein Heim lag hinter ihm wie eine muffige Schlafstube, und er war ganz vergnügt und guter Dinge, als sie in Linköping ankamen. Den Rest des Tages brachte er auf einem »Gefängnisdiner« in dem grossen Hotel zu, wo viel getrunken und auf das Wohl des Landeshauptmanns angestossen wurde, aber nicht auf das der Gefangenen, die doch sozusagen den Zweck der Reise ausmachten. Aber dann kam der Abend und sein einsames Zimmer. Ein Bett, zwei Stühle, ein Tisch, eine Kommode und zwei Stearinlichter, die ihren feuchten Schein auf die nackten Tapeten warfen. Dem Sekretär wurde ängstlich zu Mut, ihm fehlte alles! Nichts war da! Pantoffeln, Schlafrock, Pfeifenrohr, Schreibtisch; alle diese kleinen Dinge, die für ihn notwendige Bestandteile des Lebens waren. Und dann die Kinder und die Frau! Wie mochte es ihnen nur gehen? Ob sie gesund waren? Er wurde unruhig und seine Stimmung verdüsterte sich. Als er seine Uhr aufziehen wollte, war der Schlüssel nicht zu finden. Ach ja, der hing zu Hause auf dem kleinen Ständer, den ihm seine Frau als Braut gestickt hatte. Er legte sich zu Bett und zündete eine Cigarre an; aber er musste noch einmal auf und sich ein Buch heraussuchen. Alles lag so fein ordentlich im Koffer, dass es ihm förmlich leid that, alles auseinander zu reissen. Und wie er so kramte, fand er die Pantoffeln. Nein! sie hatte doch wirklich an alles gedacht; und auch das Buch fand er! Aber er las nicht mehr darin. Er lag und dachte an die Vergangenheit, an seine Frau, während der ganzen letzten Jahre. Und dann trat ihr Bild aus vergangenen Zeiten vor ihn hin, und ihr jetziges Bild verschwamm in dem bläulichen Rauch seiner Cigarre, der in Kreisen nach der regenfleckigen Decke emporstieg. Er fühlte sich grenzenlos einsam. Jedes harte Wort, das zwischen ihnen gefallen war, schnitt ihn ins Herz, und er bereute jede bittre Stunde, die er ihr bereitet hatte. Endlich schlief er ein. Am folgenden Tage Arbeit und wieder Diner mit Toasten auf den Direktor, aber immer noch nicht auf die Gefangenen. Am Abend Kälte, Leere, Einsamkeit. Er empfand das Bedürfnis, mit seiner Frau zu plaudern, er suchte Papier heraus und setzte sich an den Tisch. Schon bei dem ersten Federzuge stutzte er. Wie sollte er anfangen? »Liebe Mama«, schrieb er jedesmal, wenn er ihr auf einem Zettelchen mitteilte, dass er ausser dem Hause essen wollte. Aber jetzt war es nicht die »Mama«, an die er schrieb, sondern seine alte Braut, seine Geliebte. So schrieb er denn »Lilli, meine Geliebte«, ganz wie früher. Zu Anfang ging es schwer, denn all die schönen Worte von früher waren durch die trockne, schwere Alltagssprache verdrängt worden. Aber bald wurde er warm, und nun stiegen sie alle wieder empor, wie vergessene Melodieen. Walzertakte und Romanfragmente, Fliederbüsche und Schwalben; Abendstunden bei Sonnenuntergang auf spiegelglattem Wasser. Alle Frühlingserinnerungen des Lebens kamen hervor wie Sonnenstrahlen aus Wolken, und alle gruppierten sich um sie. Ganz unten am Rande machte er einen Stern, wie Liebende zu thun pflegen, und schrieb, – ganz wie früher, – die Worte daneben: »küsse dort hin!« Als er zum Schluss seinen Brief durchlas, fühlte er, wie sein Gesicht glühte, – er war förmlich verlegen, er wusste nicht recht, weshalb. Aber ihm war zu Mut, als gäbe er seine innersten Gefühle preis, ohne rechtes Verständnis dafür zu finden. Er sandte jedoch den Brief ab. Es vergingen ein paar Tage, ehe die Antwort kam, und bis dahin ging er in unruhiger Wartestimmung umher und fühlte sich so sonderbar beschämt und bedrückt. Aber endlich kam die Antwort, er hatte den rechten Ton getroffen, und aus Küchen- und Kinderlärm hervor stieg ein klarer, schöner Gesang, – warm und rein wie die erste Liebe. Und nun begann ein Austausch von Liebesbriefen. Er schrieb jeden Abend, und dazwischen schickte er noch hin und wieder ein Kärtchen ab. Seine Kollegen kannten ihn gar nicht wieder. Er fing nämlich an, sich sorgfältiger zu kleiden und überhaupt mehr auf sein Äusseres zu geben, so dass er in Verdacht kam, eine kleine Liebelei angeknüpft zu haben. Und er war wirklich von Neuem verliebt. Er schickte ihr seine Photographie ohne Brille, und sie ihm ein Löckchen von ihrem Haar. Sie wurden etwas kindisch in ihren Ausdrücken und er schaffte sich sogar rosa Briefpapier an, mit Tauben darauf. Aber sie waren ja auch noch verhältnismässig junge Menschen, und nur die Last des Lebens war schuld, dass sie sich alt fühlten. Er hatte sie auch im letzten Jahre etwas vernachlässigt, nicht eigentlich aus Kälte, sondern aus einer eigentümlichen Ehrfurcht heraus: er sah in ihr immer nur die Mutter der Kinder. Die Reise näherte sich dem Ende, und nun erfüllte ihn eine gewisse Unruhe beim Gedanken an das Wiedersehen. Er hatte mit der Geliebten korrespondiert, würde er sie in der Mutter und Hausfrau wiederfinden? Er fürchtete sich vor einer Enttäuschung bei der Heimkehr. Er wollte sie nicht in der Küchenschürze finden, mit ein paar Kindern an den Rockfalten, wenn er sie zum ersten Mal wieder umarmte. Sie mussten sich an irgend einem andern Ort treffen, allein. Vielleicht konnte sie ihm nach Vaxholm entgegenkommen, in das kleine Wirtshaus, wo sie als Brautleute so viele frohe Stunden verlebt hatten? Das war eine Idee. Dort wollten sie sich treffen, und zwei Tage dableiben und der Erinnerung leben. Er setzte sich hin und machte ihr diesen Vorschlag in einem langen, glühenden Briefe, auf den sie umgehend bejahend antwortete, glücklich darüber, dass er auf denselben Gedanken gekommen war, den sie schon lange gehabt hatte. Zwei Tage später war er in Vaxholm und brachte im Gasthause das Zimmer in Ordnung. Es war ein schöner Septembertag. Er ass sein Mittag einsam in dem grossen Saal, trank ein Glas Wein und fühlte sich wieder jung. Ihm war so leicht und froh zu Mute. Da draussen funkelte der blaue Fjord, und die Birken am Strande leuchteten in goldenem Gelb. Draussen in dem Gärtchen standen die Dalien noch in voller Blüte und von den Rabattenrändern her duftete das Reseda. Hin und wieder kam noch eine Biene zu den trocknen Kelchen und flog enttäuscht wieder davon. Draussen auf dem Wasser strichen die Segel hin und her und blitzten bei jeder Drehung auf, und die Möven flogen kreischend in grossen Bogen um die Strömlingsfischer herum, die in ihren Booten sassen. Er trank seinen Kaffee auf der Veranda, und begann auf das Dampfboot zu warten, das um 6 Uhr kommen sollte. Unruhig, als ginge er etwas Ungewissem entgegen, wanderte er auf und ab und spähte ab und zu über das Wasser hin. Endlich stieg in der Ferne Rauch auf und verursachte ihm solches Herzklopfen, dass er einen Likör trinken musste. Dann ging er an den Strand hinunter. Jetzt war der Dampfer mitten auf dem Fjord, man konnte schon die Flagge auf dem Mast erkennen. War sie mit, oder hatte sie etwa im letzten Augenblick etwas abgehalten? Es brauchte nur einem der Kinder etwas zu fehlen, dann war sie gewiss zu Hause geblieben und dann musste er die Nacht wieder allein im Hotel zubringen. Die Kinder, die während der letzten Wochen in den Hintergrund getreten waren, erschienen ihm jetzt als etwas, das trennend zwischen ihm und seiner Frau stand. Sie hatten in ihren letzten Briefen sehr wenig von den Kindern gesprochen, als hätten sie etwas Störendes fernhalten wollen. Er ging die Dampferbrücke entlang, die unter seinen Füssen knarrte, dann blieb er stehen und blickte starr nach dem immer grösser werdenden Boote hin, dessen Kielwasser wie ein Strom geschmolzenen Goldes auf der leise gekräuselten, blauen Oberfläche lag. Nun sah er auf Deck Menschen sich bewegen und erkannte die Matrosen, die sich mit dem Takelwerk zu schaffen machten. Und nun winkt etwas Weisses dicht neben dem Steuerhäuschen, er sieht sich um – er ist allein auf der Brücke, es kann also nur ihm gelten, – und ihm kann weiter niemand zuwinken ausser ihr; so nimmt er also sein Tuch heraus und erwidert ihren Gruss. Nun pfeift der Dampfer und legt an, und er erkennt sie wieder; sie grüssen sich mit den Augen, aber noch können sie kein Wort wechseln, des Abstandes wegen. – Ja, sie ist es, und doch nicht sie; zehn Jahr liegen dazwischen. Die Mode hat sich verändert, der Schnitt der Kleider ist nicht mehr derselbe wie damals. Vor zehn Jahren trug sie einen Hut, der ihr bräunliches Gesichtchen einrahmte und die Stirn freiliess, – jetzt war diese von der geschmacklosen Imitation eines Herrenhutes bedeckt. Auch der lange, kutscherrockähnliche Mantel war unvorteilhaft, und lange nicht so kleidsam, wie der kleine Umhang, den sie damals trug, und nun gar diese schrecklichen chinesisch-zugespitzten Schuhe, die ihren hübschen Fuss so platt und unschön erscheinen liessen. Es war sie und doch nicht sie! Er umfasste sie und küsste sie! Sie fragten einander, wie es ginge, und dann wanderten sie den Strand entlang. Die Worte fielen trocken, schwerfällig und gezwungen. So wunderlich! Sie schämten sich förmlich vor einander, und keiner machte eine Anspielung auf ihre Briefe. Endlich fasste er sich Mut und sagte: »Wollen wir nicht ein Stückchen spazieren gehen, ehe die Sonne ganz fort ist?« »Ja, gern,« sagte sie und nahm seinen Arm. Sie gingen durch eine der Vorstadtstrassen der kleinen Stadt. Alle Kaffeegärten waren geschlossen. Hier und da hing noch ein vergessener Apfel in dem spärlichen Laub der Bäume, aber die Rabatten waren schon aller Blumen beraubt, die Veranden ohne Zeltmarkisen sahen wie Skelette aus, und wo man sonst Gesichter sah und frohes Lachen hörte, war alles still. »Es sieht schon recht herbstlich aus,« sagte sie. »Ja, der Anblick all dieser Gärten ist nicht gerade erbaulich.« Und sie wanderten weiter. »Wir wollen doch 'mal dahin gehen, wo wir damals gewohnt haben,« sagte sie. »Ach ja, – das wird hübsch sein.« Und sie gingen weiter, an der Badeeinrichtung vorbei. Da lag das kleine Häuschen, eingeklemmt zwischen zwei andere, mit dem roten Stacket vor dem Gärtchen, mit der kleinen Veranda und der Steintreppe davor. Alte Erinnerungen tauchten auf. Dort in der Stube war der Älteste geboren worden; Jubel und Feste, Jugend und Gesang! Dort stand der Rosenbusch, den sie gepflanzt hatten, da lag das Erdbeerbeet, das sie angelegt hatten, – aber jetzt war nichts mehr davon zu erkennen, das Gras hatte alles überwuchert. An den Eschen sah man noch die Spuren der Schaukel, die da gehangen hatte. »Ich dank' Dir für Deine lieben Briefe,« sagte sie und drückte seinen Arm. Er wurde rot und antwortete nicht. Darauf kehrten sie um und gingen zum Hotel, während er Einzelheiten von der Reise erzählte. Er hatte in dem grossen Saal decken lassen, an dem Tische, wo sie damals immer gesessen hatten. Und nun sassen sie wieder einmal zu zweien. Er nahm das Brotkörbchen und bot es ihr an; sie lachte. An so viel Aufmerksamkeit war sie gar nicht mehr gewöhnt. Aber es war so hübsch und behaglich, einmal auswärts zu essen, und es dauerte nicht lange, so war eine lebhafte Unterhaltung im Gange, wie ein Duett, in dem bald der eine, bald der andere die Melodie aufnahm, sie vertieften sich ganz in alte Erinnerungen, ihre Blicke leuchteten und die kleinen Runzeln in den Gesichtern glätteten sich. O die goldene, rosenrote Zeit, die man nur einmal lebt, wenn sie einem überhaupt vergönnt ist, und die viele, viele gar niemals kennen lernen. Beim Dessert flüsterte er dem Kellner etwas zu, der gleich darauf mit einer Champagnerflasche erschien. »Aber liebster Axel, was fällt Dir ein!« sagte seine Frau in einem Ton, der fast wie Tadel klang. »Auf den Frühling, der vergangen ist, aber wiederkommen wird!« Aber seine Gedanken waren nicht ganz bei diesem Toast, denn bei dem leisen Tadel seiner Frau tauchte das düstre Bild der Kinderstube und der grossen Grützeschüssel vor ihm auf. Es war, als sei eine Katze durch das Zimmer geschlichen. Aber die gute Stimmung kehrte wieder, der rosenrote Wein liess schöne alte Bilder aufleben, und beide stürzten sich von neuem in den Strom der Erinnerungen. Er sass da, die Hände auf den Tisch gestützt, und beschattete die Augen mit der Hand, als wollte er sich gegen die störende Gegenwart schützen, – die Gegenwart, die er doch eben gerade suchte. Die Stunden verflossen, sie standen auf und gingen in den kleinen Salon, wo das Klavier stand, um hier Kaffee zu trinken. »Wie mag es nur meinen Kleinen zu Hause gehen,« sagte sie plötzlich, als erwache sie aus einem Rausch. »Setz' Dich und sing' etwas,« bat er und öffnete das Instrument. »Was soll ich singen? Du weisst ja, ich habe so ewig lange nicht mehr gesungen.« Ja das wusste er, das machte aber nichts. Sie setzte sich ans Klavier und präludierte etwas; – es war ein schlechtes Gasthaus-Pianino, dessen einzelne Töne an lose Zähne erinnerten. »Was soll ich singen?« fragte sie und wandte sich auf dem Stuhle um. »Du weisst schon, Lilly,« entgegnete er, ohne zu wagen, ihren Blicken zu begegnen. »Dein Lied! Ja! Ob ich es weiss!« Und so sang sie: »Wie mag das Land wohl heissen, wo meine Liebste wohnt.« Aber die Stimme war dünn und heiser und vor Rührung wurde sie etwas unrein. Manchmal klang sie wie ein Schrei aus der Tiefe der Seele, die fühlt, dass Mittag vorüber ist, und dass der Abend sich nähert. Die Finger, die tagaus tagein schwere Arbeit thun müssen, sind nicht mehr so leicht und leise wie früher und schlagen manchen falschen Ton an; das Klavier ist abgespielt, die Tuchverkleidung der Hämmer ist fort und das nackte Holz schlägt an die Metall-Saiten. Als das Lied zu Ende war, sass sie ein Weilchen still, ohne sich zu rühren, es war, als wartete sie darauf, dass er kommen würde, ihr etwas zu sagen. Aber er kam nicht, und es blieb alles still. Als sie sich mit dem Stuhl umwandte, sass er in der Sofaecke und weinte. Sie wollte aufspringen, seinen Kopf in beide Hände nehmen und ihn küssen, wie früher, aber sie blieb unbeweglich sitzen, die Blicke starr auf den Boden gerichtet. Er hielt eine unangezündete Cigarre zwischen Daumen und Zeigefinger. Als er hörte, dass das Spiel verstummte, biss er die Spitze ab und strich ein Zündhölzchen an. »Danke Lilly,« sagte er und errötete. »Willst Du jetzt nicht Kaffee trinken?« Sie tranken Kaffee und sprachen von Sommerfrischen im Allgemeinen, und wo sie nächstes Jahr hingehen wollten. Aber die Unterhaltung kam bald ins Stocken und man wiederholte sich. Endlich sagte er mit einem langen, schlecht verhaltenen Gähnen: »Jetzt geh' ich und lege mich hin.« »Ich auch,« sagte sie und stand auf, »aber erst geh' ich noch ein Augenblickchen heraus – auf den Balkon.« Er ging ins Schlafzimmer. Seine Frau stand noch ein Weilchen im Esszimmer und plauderte mit der Wirtin über eingemachte Zwiebeln. Dann kamen sie auf das Thema der Wollwäsche, und aus dem Augenblickchen wurde eine halbe Stunde. Sie ging an die Schlafzimmerthür und lauschte. Drinnen war alles still und seine Stiefel standen vor der Thür. Sie klopfte an, niemand antwortete. Da öffnete sie die Thür und trat ein. Er schlief. Er schlief! Am Morgen darauf sassen sie beim Kaffeetisch. Der Herr hatte Kopfschmerzen und die Frau sah unruhig aus. »Puh! solch ein Kaffee!« sagte er und zog ein Gesicht. »Es ist brasilianischer,« sagte sie. »Was wollen wir heute unternehmen?« Er zog die Uhr heraus. »Du solltest Dir ein Butterbrot geben lassen,« meinte seine Frau, »statt in dem Kaffee herumzurühren.« »Ja, das will ich auch, und einen kleinen Schnaps dazu. Das ist der Champagner von gestern. Brrrr!« Er bekam seinen Likör und seine belegte Schnitte, und die Laune hob sich wieder. »Jetzt wollen wir auf den Lotsberg gehen und die Aussicht ansehen.« Sie standen auf und gingen hinaus. Das Wetter war herrlich und der kleine Gang that ihnen gut. Aber als es an das Besteigen des Hügels ging, fehlte ihr der Atem, und seine Kniee waren etwas steif. Vergleiche mit früher wurden nicht angestellt. Darauf gingen sie über die Waldwiese. Das Gras war längst gemäht und abgeweidet, so dass nicht eine Blume zu sehen war. Sie setzten sich jeder auf einen Stein. Er begann von der Gefängnisinspektion und ihrer Arbeit zu reden; sie von den Kindern. Dann gingen sie wieder ein Stück weiter, ohne zu sprechen. Er zog die Uhr heraus. »Es sind ja noch drei Stunden bis Mittag!« sagte er und dachte bei sich: was in aller Welt sollen wir mit der ganzen Zeit anfangen! Sie gingen zurück zum Hotel, und er begann nach den Zeitungen zu suchen. Sie lachte und setzte sich still neben ihn. Das Mittagessen verging unter Schweigen. Endlich brachte sie das Gespräch auf die Dienstmädchen. »Ach, aber um Gottes Willen, lass mich mit den Mädchen in Ruh'!« »Ja, um zu zanken sind wir auch nicht hergekommen.« »Zanken? Habe ich denn gezankt?« »Na, ich doch nicht.« Und so entstand wieder eine gefährliche Pause. Wie angenehm wäre ihm jetzt die Dazwischenkunft eines Dritten gewesen, der Kinder z.B. Dieses tête à tête begann ungemütlich zu werden. Aber es gab ihm doch einen Stich ins Herz, wenn er an die schönen Stunden des gestrigen Tages dachte. »Gehen wir doch einmal auf den Eichenhügel,« schlug sie vor, »wo die Erdbeeren stehen.« »Ja, aber Erdbeeren werden wir schwerlich da finden, – es ist ja Herbst.« »Schadet nichts, gehen wir nur!« Und sie machten sich auf den Weg. Aber es kam keine Unterhaltung auf. Er suchte mit den Augen nach irgend etwas, irgend einer Stelle am Wege, an die sich ein Gespräch knüpfen liess, aber alles war vertrocknet, der Stoff erschöpft. Sie wusste seine Ansichten über alles, und missbilligte einen grossen Teil derselben. Ausserdem sehnte er sich heim, nach Haus und Kindern. Es war doch eigentlich auch albern, hier so zum Gelächter rumzulaufen, – und sich dazu noch beinahe zu zanken. Endlich blieben sie stehen, denn seine Frau war müde. Er stützte sich auf seinen zwischen den Beinen durchgesteckten Stock, und wartete nur auf eine Gelegenheit zur Aussprache. »Woran denkst Du?« fragte sie schliesslich. »Ich?« er fühlte sich wie von einer Last befreit. »Ja, ich dachte daran, dass wir alt sind, Mamachen; wir haben ausgespielt und müssen uns zufrieden geben mit dem, was gewesen ist. Wenn Du so denkst wie ich, dann fahren wir heut' Abend mit dem Dampfer nach Hause, was?« »Daran habe ich schon die ganze Zeit über gedacht, mein guter Junge, aber Du solltest doch Deinen Willen haben.« »Also abgemacht, wir fahren nach Hause, – es ist eben nicht mehr Sommer, – es ist Herbst.« »Ja, es ist Herbst.« Sie gingen ganz erleichtert zurück. Immerhin fühlte er sich aber etwas bekniffen über die prosaische Wendung der Sache und empfand das Bedürfnis, eine psychologisch-philosophische Erklärung dafür zu finden. »Siehst Du, Mamachen,« sagte er, »meine Lieb – hm, (das Wort war zu stark,) meine Zuneigung zu Dir hat im Lauf der Jahre eine gewisse Evolution durchgemacht, wie man heutzutage sagt. Sie hat sich entwickelt, – amplifiziert, sozusagen, so dass jetzt nicht wie zu Anfang nur das eine Individuum, sondern die Familie als Kollektivität das Ziel derselben ist. Sie gilt jetzt nicht nur Dir persönlich, auch nicht den Kindern allein, sondern dem Ganzen...« »Oder wie der Onkel immer sagt: die Kinder sind die Blitzableiter.« Er war nach dieser kleinen philosophischen Auseinandersetzung wieder er selbst. Es war angenehm, den Visitenrock auszuziehen und wieder in den alten Schlafrock zu schlüpfen. Und als sie ins Hotel kamen, machte sie sich gleich mit den Koffern zu schaffen, da war sie in ihrem Element. An Bord des Dampfbootes angelangt, begaben sie sich gleich hinunter in den Speisesalon, nachdem er erst schandenhalber gefragt hatte, ob sie nicht den Sonnenuntergang ansehen wollten, was sie aber ablehnte. Beim Abendbrot nahm er sich wieder zuerst, und sie fragte die Dame am Büffet, was das Brot kostete. Als er satt war und das Porterglas eben an den Mund setzen wollte, konnte er einen Gedanken, der ihn schon lange beschäftigte, nicht länger zurückhalten: »Ein alter Narr bin ich, was?« sagte er und lachte seine Frau an, die während des Essens zu ihm hinüberblickte. Aber sie lachte nicht, als sie in sein fettes, glänzendes Gesicht sah, sondern ihre Augen nahmen einen so zerschmetternden Ausdruck von Würde an, dass er ganz verlegen wurde. Jetzt war der Zauber gebrochen, die letzte Spur der Geliebten war verschwunden, er sass neben der Mutter der Kinder, und er fühlte sich geduckt. »Du darfst mich nicht gering achten, weil ich einen Augenblick lang thöricht war,« sagte sie ernst. »Aber in der Zuneigung des Mannes liegt ein grosser Teil Verachtung, das ist wunderbar.« »Und in der des Weibes?« »Noch viel mehr, das ist wahr, aber sie hat auch viel mehr Veranlassung dazu.« »Weiss Gott! Aber im Grunde kommt es wohl beinahe auf eins heraus, jedenfalls haben sie beide unrecht damit; aber man kommt wohl leicht dazu, das gering zu achten, was man zuerst, weil es so schwer zu erreichen war, überschätzt hat.« »Weshalb sollte man es überschätzen?« »Weshalb wird einem das Erreichen so schwer gemacht?« Die Dampfpfeife über ihren Köpfen unterbrach das Gespräch. Sie waren am Ziel. Als sie wieder in ihre Behausung traten und er sie mitten in der Kinderschar sah, merkte er, dass seine Zuneigung für sie wirklich eine Verwandlung erlebt hatte, und dass ihre Liebe zu ihm verteilt und auf all diese kleinen Schreihälse übertragen war. Vielleicht hatte er auch nur als Mittel zum Zweck ihre Neigung besessen. Er hatte nur eine vorübergehende Rolle gehabt, jetzt fühlte er sich zurückgesetzt. Wenn man ihn nicht als Ernährer brauchte, würde man ihn wahrscheinlich jetzt ganz einfach beiseite setzen. Er ging in sein Arbeitszimmer, zog Schlafrock und Pantoffeln an und fühlte sich wieder heimisch. Draussen peitschte der Regen gegen die Scheiben und es heulte im Ofenrohr. Seine Frau kam herein, nachdem sie mit den Kindern fertig war. »Das ist kein Wetter zum Erdbeeren pflücken, nicht wahr?« »Nein, meine Liebe, der Sommer ist zu Ende, und es ist Herbst.« »Ja, es ist Herbst,« antwortete sie, »aber doch noch nicht Winter, – immerhin ein Trost.« »Schöner Trost, wenn man nur einmal lebt!« »Man lebt zweimal, wenn man Kinder hat und dreimal, wenn man noch seine Enkelkinder sieht.« »Ja, aber dann ist doch wirklich Schluss.« »Ja, wenn es kein Leben nach diesem hier giebt.« »Was wissen wir davon? Nichts Gewisses. Ich glaube daran, aber nein, Glaube ist kein Beweis.« »Ja, das ist wahr, aber es ist doch so schön, es zu glauben, wir wollen es glauben, ja? Wir wollen hoffen, dass der Frühling auch für uns noch einmal kommt, – wollen wir?« »Ja, – wir wollen es glauben,« sagte er langsam und schlang den Arm um ihre Schulter. Brot Er war Assessor im Handelsamt mit 1200 Kronen Gehalt. Er hatte ein junges Mädchen ohne Vermögen geheiratet, aus Liebe, wie er selbst sagte, um sich nicht mehr auf Bällen und auf den Strassen herumtreiben zu müssen, meinten seine Freunde. Mochte es nun sein, wie es wollte, jedenfalls lebte das Paar anfangs sehr glücklich zusammen. Wie billig lebt es sich doch, wenn man verheiratet ist! rief er eines Tages bald nach der Hochzeit aus. Dieselbe Summe, mit der er nur knapp seine Junggesellenwirtschaft hatte bestreiten können, reichte jetzt für sie beide aus. Es ist doch eine ausgezeichnete Erfindung, die Ehe, alles hat man innerhalb seiner vier Wände, Schlafstelle, Kneipe, Restaurant, – alles! Keine Kellnerrechnungen mehr, keine Trinkgelder, kein neugieriger Portier, wenn man früh morgens mit seiner Frau am Arm ausgeht. Das Leben lachte ihn an, er fühlte seine Kräfte wachsen, und er arbeitete für drei. Niemals vorher hatte er sich so voll überschäumender Lebenskraft gefühlt, des Morgens war er mit einem Sprunge aus dem Bett, und seine Laune war vorzüglich, er war wie verjüngt. Nach zwei Monaten, ehe die Langeweile sich einschleichen konnte, machte ihm seine Frau eine gewisse vertrauliche Mitteilung. Neue Freude, neue Sorgen, aber so leicht zu tragen! Es wurde notwendig, seine Einkünfte etwas zu vermehren, um den neuen Weltbürger würdig empfangen zu können. Er verschaffte sich Übersetzerarbeit. – Kleine niedliche Kleidungsstücke lagen überall auf den Möbeln verstreut, die Wiege stand und wartete im Entree und eines Tages kam der Kleine frisch und munter in dieser Welt der Sorgen an. Der Vater war entzückt, obschon er sich eines gewissen ängstlichen Gefühls beim Gedanken an die Zukunft nicht erwehren konnte. Ausgaben und Einnahmen wollten nicht mehr so recht stimmen, es wurde unumgänglich nötig, sich mit der Toilette etwas einzuschränken. Der schwarze Gehrock fing an, etwas zu glänzen, und die Chemisetts mussten unter einem langen Schlips versteckt werden. Die Hosen waren unten herum etwas faserig, was von seinen Kollegen mit einigem Naserümpfen bemerkt wurde. Er musste seinen Arbeitstag eben noch verlängern. »Jetzt dürfen vorläufig keine Kleinen mehr kommen,« dachte er bei sich; aber wie stellt man das an? Das wusste er nicht. Drei Monate später teilte ihm seine Frau mit, dass seine Vaterfreuden sich binnen einiger Zeit verdoppeln würden. Er war nicht sonderlich erfreut über diese Nachricht, aber es half nun nichts, man musste sich durchbeissen, obschon sich das Verheiratetsein als eine nichts weniger als billige Sache herausstellte. Aber lass sehen, – dachte er und sah etwas froher aus, – der Jüngere erbt dann Hemdchen und Windeln von dem Älteren, nicht wahr? Auf diese Weise kostet es nichts, und schliesslich – müssen sie eben leben, der eine wie der andre. So wurde er also zum zweitenmale Vater. »Das geht ja bei Dir mit vollen Segeln,« sagte einer seiner Kollegen, der schon einige Zeit verheiratet war, aber nur ein Kind hatte, zu ihm. »Ja, in Teufels Namen, – was soll man denn machen?« »Man soll vernünftig sein!« »Vernünftig! Hör 'mal, mein Bester, – man heiratet doch, um – na, ich meine, nicht einzig und allein, – aber doch immerhin, um – na, mit einem Wort, – wir sind nun einmal verheiratet, da ist die Sache doch klar.« »Nicht so ganz, die Sache hat eine andre Seite, mein Lieber. Wenn Dir daran liegt, befördert zu werden, dann musst Du gute, steife Vorhemden tragen und Deine Hosen dürfen unten nicht ausgefranzt sein und ins Rötliche spielen. Und der Freund flüsterte ihm ein paar Worte ins Ohr. So war denn der arme Ehemann auf halbe Ration gesetzt, und nun fing die Misere an. Zuerst gab es überreizte Nerven, schlaflose Nächte, Mattigkeit und Arbeitsunfähigkeit bei Tage. Und dann der Arzt, drei Kronen für jedes Rezept, und was für ein Rezept, Du grosser Gott! Er durfte sich nicht zu sehr anstrengen. Er hatte zu viel gearbeitet, das Herz zu sehr überanstrengt. Aber nichts thun, das bedeutet den Untergang für alle! Und Arbeiten, das bedeutete auch den Untergang. Und er arbeitete! Eines Tages, als er im Bureau sass, über die endlosen Zahlenkolonnen gebeugt, bekam er einen Schwindelanfall und stürzte zu Boden. Besuch beim Spezialisten: 18 Kronen. Neue Ordination: Urlaub nehmen wegen Kränklichkeit, jeden Morgen einen tüchtigen Ritt und zum Frühstück Beefsteaks mit einem Glase guten Portweins. Reiten und Portwein! Aber was das schlimmste war, eine gewisse Kälte gegen die geliebte Frau begann in ihm aufzusteigen, er wusste nicht, woher das kam. Er fürchtete sich, ihr nahe zu kommen, und doch sehnte er sich nach ihr; er liebte sie, – er liebte sie, aber dieses Gefühl war mit einer gewissen Bitterkeit gemischt. »Du magerst ab, –« sagten seine Kollegen zu ihm. »Ja, ich glaube wirklich, ich bin magerer geworden,« sagte der arme Ehemann. »Ich wollte Dir das schon immer sagen,« meinte ein anderer. »Du spielst falsches Spiel, alter Junge!« »Ich verstehe kein Wort davon.« »Ja, – solche halbe Geschichte, – wenn man verheiratet ist, ich möchte nur sagen, ich warne Dich, lieber Freund.« »Ich verstehe Dich weiss Gott noch immer nicht!« »Es geht nicht an auf die Dauer, sich gegen den Wind zu steifen, sag' ich Dir. Nein, – frisch losgesegelt, und Du wirst sehen, dass Du wieder gesund wirst. Glaub' mir, ich kenne das. Du verstehst mich doch?« Der Assessor steckte den guten Rat ein, aber er wusste wohl, dass die Einnahmen sich nicht im Verhältnis zur Kinderschar vermehren. Jedenfalls war er jetzt ganz und gar überzeugt, dass hier der Grund zu seiner Krankheit lag. Indessen war der Sommer gekommen. Die Familie war aufs Land gezogen. Eines schönen Abends ging das Ehepaar zu zweien den Strand entlang auf einem von Erlen beschatteten Wege. Still und niedergeschlagen setzten sie sich ins Gras. Er war schweigsam und es war ihm schlimm zu Mut; düstre Gedanken arbeiteten in seinem gequälten Gehirn. Das Leben erschien ihm wie ein Abgrund, der sich aufthat, um alles, was er liebte, zu verschlingen. Sie fingen an, davon zu sprechen, dass er wohl bald seine Stellung verlieren würde; der Chef hatte es nämlich schon übel vermerkt, dass er von neuem um Urlaub hatte bitten müssen. Er beklagte sich über das Benehmen seiner Kollegen. Er fühlte sich von allen verlassen und litt bei dem Gedanken, dass auch sie seiner überdrüssig werden könnte. Ach nein, – nein, sie liebte ihn gewiss ebensosehr wie in den ersten glücklichen Tagen ihrer jungen Ehe. Konnte, er daran zweifeln? Nein, – das konnte er nicht, aber er hatte so sehr viel gelitten, er fühlte sich gar nicht mehr Herr über seine Gedanken. Und er verbarg sein glühendes Gesicht an ihrem Halse, schlang den Arm um sie und bedeckte dann ihre Augen mit heissen Küssen. Die Mücken tanzten in grossen Schwärmen ihren Hochzeitstanz um die Birke, ohne sich um die tausend Kleinen zu kümmern, die sie in diesen seligen Stunden ins Dasein riefen. Im Wasser spielten sorglos die Fische und in der Luft die Schwalben, die sich im Fluge küssten, ohne Furcht vor den Folgen ihrer illegitimen Verbindungen. Plötzlich sprang er auf und reckte sich wie nach einem schweren Schlaf mit bösen Träumen, während er in tiefen Zügen die laue Luft einatmete. »Was ist Dir?« fragte seine Frau tief errötend. »Ich weiss nicht, – ich weiss nur, dass ich wieder lebe, wieder atme!« Und strahlend, mit verklärten Zügen und glänzenden Augen streckte er seine starken Arme nach ihr aus, hob sie hoch wie ein Kind und drückte einen Kuss auf ihre Stirn. Seine Muskeln schwollen wie bei einem antiken Gott, sein Körper richtete sich stolz auf, und wie berauscht von Glück und Lebenskraft trug er seine liebe Last bis zu dem Fusspfade hin, auf den er sie niedersetzte. »Du verhebst Dich, Liebster,« sagte sie abwehrend, während sie sich vergebens bemühte, aus seiner Umarmung loszukommen. »Ach bewahre, ich könnte Dich bis zum Ende der Welt tragen, – und ich will Euch alle tragen, soviel Ihr da seid, oder vielmehr,« – fügte er hinzu, – »soviel Eurer noch werden.« Und voller Freude wanderten sie Arm in Arm heim. »Wenn alles zu allem kommt, Liebling, muss man gestehen, dass es ganz leicht ist, den Abgrund zu überspringen, der Körper und Seele trennt.« »Ach, wie Du sprichst!« »Hätte ich das nur früher gewusst, dann wäre ich nicht so unglücklich gewesen. O, diese Idealisten!« Und sie gingen ins Haus. Die guten alten Zeiten fingen wieder an, und diesmal schienen sie dauerhafter zu sein. Der Mann ging wieder auf sein Bureau und der alte Liebesfrühling lebte noch einmal wieder auf. Kein Doktor mehr und die Laune immer Ia. Nach der dritten Taufe fängt er aber doch wieder an, die Sache bedenklich zu finden und dasselbe »falsche Spiel« zu spielen mit denselben Folgen. Der Doktor, – Urlaub, – Reiten und Portwein trinken! Man musste ein Ende machen, das Defizit im Budget machte sich immer mehr geltend. Gänzlich erschöpft, die ganze Nervenmaschine in Unordnung gebracht, sah er sich endlich genötigt, der Natur ihren Gang zu lassen, – und wieder stiegen die Ausgaben und sanken die Einnahmen. »Die Wahrheit zu gestehen, liebes Kind, – haben wir wieder genau dieselbe Geschichte wie damals,« sagte er. »Bis zu einem gewissen Punkte, ja, Liebster,« sagte das arme Wesen, auf der neben den Mutterpflichten noch der grösste Teil der Hausarbeit lastete. – – – Nach dem vierten Wochenbett wurde es ihr zu schwer, und man sah sich gezwungen, ein Kindermädchen zu nehmen. »Jetzt ist es aber genug,« sagte der unglückselige Ehemann, – »jetzt machen wir einen Strich.« Die Grundpfeiler des Hauses begannen zu schwanken, die Armut starrte sie an. Und mit 30 Jahren, in dem blühendsten Alter, wo alle Blumen Anspruch auf Befruchtung haben, sahen sich die jungen Eheleute zu einem traurigen, schmählichen Cölibat verdammt. Der Mann wurde übellaunig, bekam eine fahle Gesichtsfarbe und erloschene Augen. Die üppige Schönheit seiner Frau welkte hin, ihr kräftiger Busen sank ein, und sie hatte all die Leiden einer Mutter auszustehen, die ihre Kinder schlecht genährt und schlecht gekleidet sieht. Eines Tages stand sie am Herde und briet Hering, als eine Nachbarin zu ihr kam, um etwas zu plaudern. »Wie geht's Ihnen denn,« fragte sie. »Danke, so ziemlich. Und wie geht's Ihnen selbst?« »Ach, ich bin recht bedrückt! Es ist keine schöne Sache, verheiratet zu sein, wenn man auf Schritt und Tritt auf seiner Hut sein muss.« »Glauben Sie etwa, es geht Ihnen allein so?« »Ah – –?« »Wissen Sie, was er einmal zu mir gesagt hat? Man muss die Zugtiere schonen, hat er gesagt, – aber ich leide dabei, das können Sie mir glauben! Ja, es ist fein, das Verheiratetsein; – einer von beiden muss das erfahren, das kommt auf eins heraus, er oder sie.« »Oder auch alle beide!« »Es scheint aber in der Sache nichts zu machen zu sein.« »Und die Gelehrten, die sich auf öffentliche Kosten gütlich thun? was machen die?« »Die Gelehrten, – ja, – die haben anderes zu denken, und ausserdem gilt es ja auch für unpassend, über solche Sachen zu schreiben, man könnte sie ja nicht laut lesen.« Und nun fangen die beiden Frauen an, einander ihre trüben Erfahrungen mitzuteilen. – – Im nächsten Sommer mussten sie in der Stadt bleiben; ihre Parterrewohnung lag in einer engen Gasse, die Fenster gingen grade auf den Rinnstein hinaus, der so schlecht roch, dass man kaum lüften konnte. Die Hausfrau sitzt und näht in demselben Raum, wo die Kinder spielen; der Mann, der seine frühere Stellung verloren hat, sitzt mit seiner Abschreibearbeit nebenan und brummt über den Lärm, den die Kinder machen. Man ruft sich durch die Thür bittre Worte zu. – – – – – – Es ist Pfingstsonntag, Nachmittag. Der Mann liegt auf dem alten Ledersopha und betrachtet durch die Scheiben ein gegenüberliegendes Fenster. Er sieht dort ein Mädchen, die wegen ihres schlechten Lebenswandels berüchtigt ist, stehen und sich für den Abendspaziergang putzen. Neben ihrem Toilettenspiegel steckt ein Fliederzweig, darunter liegen zwei Apfelsinen. Ohne sich um neugierige Blicke zu kümmern, schnürt sie ihr Leibchen über der festen Brust zusammen. »Das ist gar kein so schlechter Lebenswandel, den die da führt,« sagte der zum Cölibat Verurteilte bei sich selbst, indem er plötzlich zornig aufloderte. »Man lebt doch nur einmal.« Seine Frau, die in diesem Augenblick ins Zimmer trat und seine Blicke auffing, bemerkte sofort das Ziel derselben. Es flammte in ihren Augen auf, der letzte Funke einer ausgebrannten Liebe, die unter der Asche glimmt und die Form einer flüchtigen Eifersucht annimmt. »Meinst Du nicht, wir sollten mit den Kindern etwas in die Anlagen gehen?« fragte sie. »Um unser Elend öffentlich auszustellen, ja? Danke bestens.« »Aber hier drin ist es so heiss, ich werde die Gardinen zuziehen.« »Mache doch lieber das Fenster auf.« Er errät die Gedanken seiner Frau und steht auf, um es selbst zu thun. Draussen auf der Kante des Trottoirs sitzen seine vier Kleinen ganz nahe bei dem einen Abflussrohr. Sie stampfen in dem trocknen Rinnstein herum und spielen mit Apfelsinenschalen, die sie irgendwo aufgelesen haben. Er empfindet einen Stich im Herzen und das Weinen steckt ihm in der Kehle; aber die Armut hat ihn stumpf gemacht, so dass er mit gekreuzten Armen unthätig stehen bleibt. Plötzlich quellen zwei schmutzige Ströme aus der Kloakenröhre und überschwemmen den Rinnstein und die Füsse der Kinder, die, halb erstickt von dem entsetzlichen Gestank, zu schreien anfangen. »Zieh' die Kinder zum Ausgehen an, aber schnell!« ruft er, ganz verzagt bei dem trübseligen Anblick, seiner Frau zu. – Der Vater schob den Korbwagen, in dem das Kleinste lag, während die Mutter die anderen bei der Hand führte. Sie kamen nach dem gewöhnlichen Ziel ihrer Spaziergänge, dem St. Clara-Kirchhof, dessen dunkelstämmige Linden in üppigem Laube grünten, als mästeten sie sich von den Leichen, über denen sie wuchsen. Die Armenhäuslerinnen gingen scharenweise zum Abendgottesdienst und setzten sich in die leergewordenen Bänke der reichen Leute, die ihre Seele im Hauptgottesdienst erquickt hatten und sich jetzt im königlichen Tiergarten auf Gummirädern schaukelten. Das Ehepaar setzte sich auf eine Bank, neben sich den Kinderwagen, in dem das Kleinste an seiner Flasche saugte. Die andern Kinder setzten sich auf die grossen flachen Grabsteine, die mit Wappen und Inschriften geschmückt waren. Zwei Hunde, halbversteckt im hohen Grase, gaben sich beim Klange der Glocken ihren Frühlingsgefühlen hin. Ein junges, elegantes Ehepaar, das ein kleines, in Seide und Spitzen gekleidetes Mädchen an der Hand führte, kam vorbei. Der arme Abschreiber erkannte einen seiner früheren Kollegen aus der Handelskammer. Der that, als sähe er ihn nicht. Da stieg ein Gefühl des Neides in ihm auf, so heftig und bitter, dass er sich durch dieses sogenannte unedle Gefühl mehr gedemütigt fühlte, als durch seine beklagenswerte Lage. Gönnte er denn dem andern die Stelle nicht, die er selbst gern gehabt hätte? Gewiss nicht. Vielleicht war auch sein Neid nur die Kehrseite seines Gerechtigkeitsgefühls und sein Leiden um so tiefer, als er wusste, dass es von einer ganzen Klasse von Enterbten geteilt wurde. Er war überzeugt, dass die elenden Armenhausweiber, die da unter dem Joch der kommunalen Wohlthätigkeit einhergingen, seine Frau beneideten, und es war keine Frage, dass viele dieser hochwohlgeborenen Verstorbenen, die hier unter pomphaften Inschriften ruhten, ihn um seine Kinder beneidet haben würden, sie, die ohne Erben für ihr Majorat aus dem Leben gehen mussten. Gewiss fehlt es in jedem Leben an etwas, aber warum sollen die fetten Bissen gerade immer denen zufallen, denen es so schon gut geht, – wie kommt es, dass die grossen Gewinne immer auf diejenigen treffen, die schon viel haben. Die Enterbten müssen sich mit der Kirche, dem Abendgottesdienst begnügen. Aber der gute und gerechte Gott, der die Gaben so ungleich verteilt hat? Wäre es nicht besser, gut zu leben ohne einen schlechten Gott, der überdies noch aufrichtig genug war, zuzugestehen, dass »der Wind bläst von wannen er will«, und damit zugab, dass er sich wenig um unsere Angelegenheiten bekümmert. Aber doch, – ohne Kirche kein Trost. Und wozu Trost? Wäre es nicht besser, sich so einzurichten, dass man keines Trostes bedürfte? In diesen Grübeleien unterbrach ihn sein ältestes Töchterchen mit der Bitte um ein Lindenblatt, das sie ihrer Puppe als Schirm geben wollte. Aber der Vater war kaum auf die Bank gestiegen, um einen kleinen Zweig zu pflücken, als ein Polizist erschien und mit barscher Stimme bemerkte, es sei verboten, die Bäume anzurühren. Neue Demütigung! Und zugleich bat der Polizist, darauf zu achten, dass die Kinder nicht auf die Grabsteine träten, denn das wäre gleichfalls verboten. »Es ist am besten, wir gehen nach Hause,« sagte der unglückliche Mann empört. »Wie viel Umstände macht man sich für die Toten, und wie wenig für die Lebenden!« Und sie gingen nach Hause. Der Mann setzte sich an seine Arbeit. Er hatte das Manuskript zu einer akademischen Vorlesung abzuschreiben, die von der Übervölkerung handelte. Er konnte es nicht lassen, sich für den Inhalt zu interessieren, und fing an, das Heft zu lesen. Der junge Autor, der der sogenannten ethischen oder Frauenzimmerschule angehörte, predigte gegen das Laster. »Was für ein Laster?« fragte sich der Abschreiber. Dasselbe, kraft dessen wir alle zur Welt gekommen sind, dasselbe, welches bei der Trauung gepredigt wird mit den Worten: »Seid fruchtbar und mehret Euch.« Und der junge Autor fuhr fort: Ausserhalb der Ehe wäre die Vermehrung der Menschheit ein unglückbringendes Laster, in der Ehe dagegen wäre es Pflicht, seinen Neigungen freien Lauf zu lassen, u. s. w.; u. s. w. Und all diese Albernheiten musste er mit seiner schönsten Schrift ins Reine schreiben. Eine solche Menge Moral und kein Wort der Aufklärung! Zum Schluss schrie der junge Philosoph sich heiser über das Thema, wie der enorme Vorrat an Weizen der beste Beweis dafür sei, dass es keine Übervölkerung gäbe, und dass die Theorie des Neumalthusianismus falsch und zugleich verbrecherisch sei, verbrecherisch sowohl vom Standpunkt des bürgerlichen Gesetzes als von dem der Moral. Und der unglückliche Familienvater, der schon seit mehreren Jahren kein gutes Weizenbrot mehr gegessen hatte, stand auf, um den Kindern mit gutem Beispiel voran zu gehen und die grobe Roggengrütze mit bläulicher Milch herunter zu schlingen, mit der sie sich allabendlich den Leib vollschlugen, ohne sich sonderlich satt zu fühlen. Das war bitter – – –. Nicht die Wassergrütze, das war nicht das Schlimmste, aber die gute Laune, diese Zauberfee, die den grauen Roggen in hellen Weizen umzuwandeln verstand, und die allmächtige Liebe mit ihrem Füllhorn, – – – die waren fort, verdunstet, verflüchtigt, Tropfen für Tropfen. Die Kinder erschienen nur als eine Last, und die geliebte Frau war jetzt ein versteckter Feind, verachtet und verachtend. Und die Quelle all dieser Misere? Der Mangel an Brot. Und zu derselben Zeit stürzte in der Neuen Welt ein grosses Handelshaus zusammen unter dem allzu reichlichen Weizenangebot. Eine Welt von Widersprüchen! Die Wissenschaft, die heute die Stelle der Religion einnimmt, hat keine Antwort auf all diese Fragen; sie konstatiert Thatsachen und lässt es ruhig geschehen, dass die Kinder vor Hunger sterben und die Eltern vor Durst. Ein Puppenheim Sie waren jetzt sechs Jahre verheiratet, aber sie lebten wie in den Flitterwochen. Er war Flottenkapitän und musste jeden Sommer auf mehrere Monate fort; zweimal hatte er auch schon Langtouren gemacht. Sie waren ein rechter Segen, diese kleinen Expeditionen. Hatten sich zu Ende des Winters Spuren einer gewissen Versauerung eingestellt, so frischte die Sommerreise ihr Verhältnis wieder von Grund aus auf. Im ersten Sommer schrieb er ihr förmliche Liebesbriefe, und nicht ein einziges Fahrzeug liess er vorübergehen, ohne zu signalisieren: Post! Und als er endlich bei der schwedischen Küste Land zu sehen bekam, wusste er gar nicht, wie er sie schnell genug zu sehen bekommen sollte. Aber das wusste sie. Bei Landsort bekam er ein Telegramm, dass sie ihm bis Dalarö entgegen kommen wollte, und als dann sein Schiff bei Jutholm vor Anker ging, und er von der Veranda des Postgebäudes her ein kleines himmelblaues Taschentuch winken sah, wusste er, dass sie es war. Aber es gab noch so viel an Bord zu besorgen und es wurde Abend, ehe er an Land gehen konnte. Als er dann aber mit der Schaluppe ankam, und der Bootshaken eingeschlagen worden war, und er sie auf der Brücke stehen sah, so jung, so frisch, so hübsch wie je, da war es, als erlebte er seinen Hochzeitstag noch einmal. Und als sie zu der Posthalterei kamen, was für ein gutes kleines Souper hatte sie in den zwei Gasthauszimmerchen zu arrangieren verstanden. Und wie viel hatten sie sich zu erzählen! Von der Reise, von den Kleinen, von der Zukunft. Und dann funkelte der Wein und die Küsse knallten und dann hörten sie den Zapfenstreich von draussen her. Aber das störte ihn nicht, – er brauchte ja vor ein Uhr nicht fort. Was, musste er wieder fort? Ja, er hätte ja eigentlich ganz an Bord bleiben sollen, aber wenn er nur zur Reveille dort war, dann war es gut. Wann war denn Reveille? Um fünf Uhr. »So zeitig!« Aber wo würde sie schlafen diese Nacht? Das sollte er gar nicht wissen! Aber er wollte durchaus ihr Schlafzimmer sehen. Sie stellte sich vor die Thür, – aber er küsste sie, nahm sie auf den Arm wie ein Kind und öffnete. Huh, dieses grosse Bett! Diese enorme Barkasse! Wo hatte sie denn das aufgegabelt? O Gott, wie rot sie wurde! Aber sie hatte ja seinen Brief so verstanden, dass sie in der Posthalterei logieren wollten. Ja, gewiss wollten sie das, wenn er auch zu dem verflixten Morgengebet an Bord musste, das schadete nichts. Nein, wie er aber redete! Und jetzt wollten sie Kaffee haben und ein kleines Feuerchen, denn die Laken fühlten sich so klamm an. Nein, so ein verständiger kleiner Schelm, für so ein grosses Bett zu sorgen! Wie hatte sie denn das aufgegabelt. Sie hatte es ja gar nicht »aufgegabelt«! Nein, gewiss nicht, das wollte er gerne glauben! Ach er war dumm! So, war er dumm? Und er fasste sie um die Taille. Nein, er sollte aber bescheiden sein! Bescheiden, das war leicht gesagt! Jetzt kam ja das Mädchen mit dem Holz! – – – – – Als die Uhr zwei schlug, und es im Osten heller wurde, sassen sie beide am offenen Fenster. Es war, als sei sie seine Geliebte, und er der Liebhaber. Und war es denn nicht so? – Ach, dass er jetzt fort musste! Aber um zehn Uhr zum Frühstück wollte er wieder da sein, und dann wollten sie unter Segel gehen. Dann machte er Kaffee auf seinem Maschinchen, und dann tranken sie Kaffee bei Sonnenaufgang und beim Schreien der Möven. Dann küsste er sie zum letzten Mal, schnallte den Säbel um und ging. Und als er unten an der Brücke stand und rief »Boot ahoj!« versteckte sie sich hinter der Gardine, gerade als schämte sie sich. Aber er warf ihr Handküsse zu, einen nach dem andern, selbst dann noch, als die Matrosen mit dem Fahrzeug da waren. Und dann noch ein letztes: Schlaf gut und träume von mir! und als er schon ein ganzes Stück fort war, und sich mit dem Krimmstecher vor den Augen nach ihr umwandte, sah er noch eine ganz kleine Gestalt mit schwarzem Haar am Fenster, und die Sonne schien auf ihr Leinenzeug und ihre blossen Schultern, so dass sie aussah wie eine Seejungfrau. Und dann kam die Reveille. Die langen Töne des Signalhorns rollten über grüne Inseln und blanke Wasserflächen und hallten von den Tannenwäldern wieder. Und dann alle Mann auf Deck und »Vater unser« und »Jesu lass mich stets beginnen«. Die kleine Glocke von Dalarö antwortete mit leisen Tönen, denn es war Sonntagmorgen. Und nun kamen allerlei Fahrzeuge in der Morgenbrise daher, Flaggen wehten, Schüsse knallten, helle Sommerkleider blitzten auf der Zollbrücke, das Dampfboot von Altön kam an, Fischer zogen ihre Netze heraus, und über grünem Land und blauem Wasser leuchtete die goldene Sonne. Um zehn Uhr kam der Kapitän mit sechs Paar Rudern an Land, und nun hatten sie einander wieder! Als sie in dem grossen Speisesaal frühstückten, flüsterten die andern Gäste sich zu: »Ist das seine Frau?« Er sprach halblaut wie ein Verliebter, und sie schlug die Augen nieder und lachte, oder klopfte ihn mit der Serviette über die Finger. Das Boot lag, zur Abfahrt fertig, bei der Brücke und sie sollte am Steuerruder sitzen. Er besorgte das Focksegel. Aber er konnte seine Blicke nicht abwenden von ihrer hellen, sommerlich gekleideten Gestalt, mit der hohen, festen Brust, der ernsten kleinen Miene und dem festen Blick, mit dem sie nach dem Winde ausschaute, während ihre in hirschledernen Handschuhen steckende kleine Hand die Grossmastschote hielt. Er wollte immer nur plaudern und machte beim Wenden allerlei dummes Zeug. Da bekam er einen Verweis wie ein Schiffsjunge, und das amüsierte ihn unendlich. »Warum hast Du eigentlich die Kleine nicht mitgebracht?« »Ich möchte wissen, wo ich sie hätte hinlegen sollen?« »Na, in die grosse Barkasse natürlich.« Sie lachte, und diese Art von Lachen gefiel ihm unbeschreiblich gut. »Na, was hat denn die Wirtin heute morgen gesagt?« fuhr er fort. »Was soll sie gesagt haben?« »Fragte sie, ob Du gut geschlafen hast?« »Weshalb sollte ich nicht gut geschlafen haben?« »Weiss ich? Aber es hätten ja z. B. Ratten knabbern oder Fensterflügel knarren können, kann man wissen, was alles den Schlaf so einer alten Jungfer stört?« »Wenn Du nicht gleich still bist, dann mache ich die Schote fest und segle Dich ins Meer hinein. Sie landeten bei einer kleinen Insel und assen Mittag aus einem mitgebrachten Körbchen. Dann schossen sie mit dem Revolver nach dem Ziele; schliesslich warfen sie Angeln aus, als aber nichts anbeissen wollte, segelten sie weiter. Hinaus auf den Fjord, wo die weissen Eidervögel herumstrichen, in den Sund hinein, wo die Hechte schnellten, und wieder hinaus, und er wurde nicht müde, sie anzusehen, mit ihr zu plaudern, sie zu küssen. – – – So trafen sie sich sechs Sommer nach einander in Dalarö und immer waren sie gleich jung, in einander vernarrt und glücklich. Den Winter über sassen sie in Skeppsholm in ihrer kleinen Wohnung. Da fabrizierte er Boote für die Jungen oder er erzählte ihnen seine Abenteuer in China und den Südseeinseln, und seine Frau sass dabei und amüsierte sich über die tollen Geschichten. Und das Zimmer, in dem sie sassen, war das schönste, das es gab, anders als irgend eines, das man finden konnte. Da hingen japanische Schirme und Rüstungen, ostindische Miniaturpagoden, australische Waffen, Bogen und Lanzen, Negertrommeln und getrocknete Fliegenfische, Zuckerrohrstangen und Opiumpfeifchen. Und dem Papa, der allmählich etwas kahl zu werden anfing, wollte es draussen gar nicht mehr recht gefallen. Ab und zu spielte er mit dem Auditeur eine Partie Schach oder Karten bei einem gemütlichen kleinen Grog. Anfangs hatte seine Frau gern mitgespielt, aber seit sie vier Kinder hatten, hatte sie keine Zeit mehr dazu, dafür setzte sie sich ab und zu etwas neben ihren Mann und guckte ihm in die Karten, und jedesmal wenn sie kam, fasste er sie um die Taille und fragte sie um Rat. – – – Die Korvette sollte in See gehen und sechs Monate ausbleiben. Dem Kapitän wurde es recht sauer, denn die Kinder waren jetzt schon grösser, und es wurde der kleinen Mama nicht leicht, ihr weitläufiges Reich allein in Ordnung zu halten. Der Kapitän war nicht mehr so jung und auch nicht mehr ganz so lebhaft, aber – es musste nun einmal sein, und so reiste er. Von Kronberg sandte er schon den ersten Brief ab, der folgendermassen lautete:   Mein geliebtes, kleines Topfpflänzchen! Wind flau, SSO. z. O.   10° Celsius, 6 Glasen auf Feldwache. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie mir zu Mute ist, hier, ohne Dich. Als wir bei Kastellholm den Anker heisten (6 Uhr 30, bei starkem NO. z. N.), war mir zu Mut, als hätte ich schweren Ballast in der Brust. Man sagt, dass Seeleute Vorahnungen haben, wenn ihnen etwas Böses bevorsteht. Davon weiss ich nichts, aber ehe ich Deinen ersten Brief habe, bin ich in grosser Unruhe, soviel weiss ich. An Bord nichts passiert, aus dem einfachen Grunde, weil nichts passieren darf. Wie gehts Euch zu Hause? Hat Bob endlich seine neuen Stiefel bekommen, und wie passen sie? Ich bin ein schlechter Briefschreiber, wie Du weisst, und schliesse jetzt. Mit einem grossen Kuss auf dieses Kreuz Dein alter Pall.   P.S. Du solltest Dir etwas Gesellschaft suchen, Kleinchen, (weibliche natürlich!) und vergiss nicht, die Mamsell in Dalarö zu bitten, dass sie uns die grosse Barkasse gut behütet, bis ich wiederkomme! (Der Wind nimmt zu. Heut' Nacht kriegen wir ihn von Norden!) In Portsmouth bekam der Kapitän folgendes Briefchen von seiner Frau:   Lieber alter Pall! Du glaubst nicht, wie hässlich es hier ist ohne Dich! Der kleinen Alice ist es schlimm gegangen mit ihrem Zahn, aber jetzt hat sie ihn endlich! Der Doktor sagt, es wäre aussergewöhnlich früh, und das bedeutet, – aber nein, das brauchst Du nicht zu wissen! Bobs Stiefel passen sehr gut, und er ist riesig stolz darauf. – Du schriebst in Deinem Brief, ich sollte mir etwas weibliche Gesellschaft suchen, das habe ich schon gethan, oder vielmehr, sie hat mich aufgesucht. Sie heisst Ottilie Sandegren und ist auf dem Seminar gewesen; sie ist sehr ernst, so dass mein alter Pall nicht zu fürchten braucht, sie könnte sein Topfpflänzchen auf Abwege führen. Und sie ist auch so religiös. Ja, ja, wir könnten es schon vertragen, die Religion etwas ernster zu nehmen, alle beide; sie ist ein ausgezeichnetes Mädchen. Und nun schliesse ich für heute, denn Ottilie kommt, mich zu holen. Sie kommt eben jetzt und bittet mich, Dich von ihr unbekannterweise zu grüssen. Deine treue Gurli.   Der Kapitän war nicht sonderlich zufrieden mit diesem Brief; er war zu kurz und nicht so munter wie gewöhnlich. – Seminar, – religiös, – ernst und Ottilie, zweimal Ottilie. Und diese Unterschrift! Gurli, – warum nicht Gulla wie sonst immer? Hm! – Acht Tage später, als sie vor Bordeaux lagen, bekam er wieder einen Brief, von einem Buch unter Kreuzband begleitet. »Lieber Wilhelm!« Was? Wilhelm? Nicht mehr Palle? »Das Leben ist ein Kampf,« – Donnerwetter, was soll das heissen? Was geht uns das Leben an? »von Anfang bis Ende. Sanft wie ein Bach in Kidron« – – Kidron? Ist das nicht aus der Bibel? »ist das unsrige bis heute verflossen. Aber wir sind wie Schlafwandler an einem Abgrund dahingegangen, ohne ihn zu sehen.« Oh, Seminar, Seminar! – »Aber nun kommt das Ethische und macht sich geltend in seiner höheren Potenz.« – Potenz ist gut! –   »Wenn ich nun aus unserm langen Schlaf aufwache, und mich frage: ist unsre Ehe eine wahre Ehe gewesen? so muss ich mit Scham und Reue sagen: nein, sie war es nicht! Die Liebe ist himmlischen Ursprungs.« (Math. XI, 122.)   Der Kapitän musste aufstehen und etwas Rum mit Wasser trinken, ehe er fortfuhr: »Wie irdisch und konkret ist dagegen unsre Liebe! Haben unsre Seelen in der Harmonie gelebt, von der Plato spricht? (Phaedon, Buch IV, Kap. II, § 9.) Nein! Was bin ich Dir gewesen? Deine Haushälterin und – oh Schmach! – Deine Geliebte! Haben unsre Seelen einander verstanden? Nein, müssen wir antworten!« Zum Teufel mit allen Ottilien und Satans-Seminarien! Meine Haushälterin will sie gewesen sein? Sie ist mein Weib gewesen und die Mutter meiner Kinder!   »Lies das Buch, welches ich Dir hier schicke. Es wird Dir auf alle diese Fragen Antwort geben. Es spricht das aus, was seit Jahrhunderten auf dem Grunde aller Frauenherzen geschlummert hat. Lies es und sage mir, ob unsere Ehe eine wahre Ehe gewesen ist! Deine treue Gurli.«   Das also war seine böse Ahnung gewesen! Der Kapitän war ganz ausser sich und konnte sich gar nicht denken, was mit seiner Frau vorgegangen sein mochte. Das war ja toller als eine Predigt! Er riss das Kreuzband auf und las auf dem Deckel des broschierten Buches: »Ein Puppenheim von Henrik Ibsen.« Ein Puppenheim! Was noch! Gewiss, sein Heim war ein feines kleines Puppenhaus gewesen, sein Frauchen war seine kleine Puppe gewesen, und er ihre grosse Puppe. Sie hatten sich vorwärts gespielt über des Lebens schlüpfrige makadamisierte Wege, und sie waren glücklich gewesen! Was fehlte ihnen da? Welches Unrecht hatten sie begangen? Er musste doch einmal nachsehen, es sollte ja in dem Buche stehen. Nach drei Stunden hatte er es ausgelesen, aber sein Verstand stand still. Was ging das sie beide an? Hatten sie Wechsel gefälscht? Hatten sie einander nicht geliebt? Na!! – Er schloss sich in der Kajüte ein und las das Buch noch einmal. Dann strich er verschiedenes rot und blau an, und als der Morgen graute, setzte er sich hin, um an seine Frau zu schreiben. Und er schrieb: »Eine wohlgemeinte kleine Abhandlung über das Stück ›Ein Puppenheim‹, zusammengekliert vom alten Pall, an Bord der Vanadis im Atlantischen Ocean vor Bordeaux. (45 0 n. B. 16 0 ö. L.) § 1. Sie hatte ihn geheiratet, weil er sie liebte, und daran that sie sehr recht, denn hätte sie auf den warten wollen, den sie liebte, dann hätte es das Schicksal vielleicht gewollt, dass dieser Betreffende nun wieder sie nicht liebte, und dann hätte sie ganz auf dem Trocknen gesessen; denn dass alle beide so ganz mordsverliebt in einander sind, kommt äusserst selten vor. § 2. Sie fälscht Wechsel. Das war dumm von ihr, aber sie soll doch nicht sagen, dass sie es um seinetwillen gethan hat, denn sie hat ihn ja gar nicht geliebt. Wenn sie gesagt hätte, sie thäte es um ihrer beider und der Kinder willen, das wäre die Wahrheit gewesen. Leuchtet das ein? § 3. Dass er nach dem Balle verliebt in sie ist, beweist eben nur, dass er sie lieb hat, und das ist doch wohl kein Fehler, – aber dass so etwas auf dem Theater vorgeführt wird, das ist ein Fehler. II y a des choses qui se font mais qui ne se disent pas, – nicht wahr? § 4. Dass sie, bei der Entdeckung, dass ihr Mann ein Schweinhund ist, denn das ist er, wenn er ihr vergeben will, sobald es sich herausstellt, dass die Geschichte nicht rauskommt, – wenn sie also bei dieser Entdeckung von den Kindern fortgehen will, weil sie nicht würdig ist, sie zu erziehen, so ist das Ganze nur eine nicht besonders scharfsinnige Koketterie. Wenn sie eine Gans war, – denn man lernt es doch wohl nicht erst auf dem Seminar, dass Wechselfälschungen unzulässig sind, – und er ein Ochse, dann passen sie ja gerade vorzüglich zusammen. Und zum mindesten sollte sie dann doch die Erziehung ihrer Kinder nicht einem solchen Kerl überlassen, den sie verachtet. § 5. Nora hat also um so mehr Grund, bei den Kindern zu bleiben, als sie entdeckt hat, was für ein Bursche ihr Mann ist. § 6. Dass der Mann sie nicht gleich von Anfang an nach ihrem wahren Werte schätzt, dafür kann er nichts, denn der kommt doch erst nach der ganzen Geschichte zu Tage. § 7. Nora war anfangs ein dummes Ding, das leugnet sie ja selbst nicht. § 8. Alle Garantieen für ein besseres Zusammenpassen als bisher sind ja für die beiden gegeben: Er hat bereut und will sich bessern, sie auch! Bon! Hier ist die Pfote, und nun können wir wieder anfangen. Gleich und gleich gesellt sich gern! Du warst eine Gans und ich habe mich dafür benommen wie ein Ochse. Du, Meine Nora, warst schlecht erzogen, ich alter Esel hatte es auch nicht besser gelernt. Beklage uns alle beide. Wirf faule Eier auf unsre Erziehung, aber schlag' mir nicht gleich den Schädel entzwei. Ich bin, obschon ein Mann, ebenso unschuldig wie Du, vielleicht etwas unschuldiger, denn ich habe aus Liebe geheiratet, Du aus ökonomischen Rücksichten! Lass uns deshalb Freunde sein und gemeinsam unsre Kinder das lehren, was uns beiden zu lernen so schwer geworden ist! Ist das klar? – All right? – Dies hat Kapitän Pall aufgeschrieben mit seinem schwerfälligen Verstande und seinen steifen Fingern! Und nun, meine geliebte Puppe, hab' ich Dein Buch gelesen und Dir meine Meinung darüber gesagt. Aber nun sag' Du mir: was geht uns das eigentlich an? Haben wir einander nicht lieb gehabt? Lieben wir einander nicht noch? Haben wir uns nicht gegenseitig erzogen und die scharfen Kanten abgehobelt, was zu Anfang, wie Du Dich wohl erinnern wirst, gar nicht so einfach war: Was sind das also für Grillen! Zum – mit allen Ottilien und Seminarien! Das war ein recht grätiges Buch, was Du mir da geschickt hast! Wie ein schlecht markiertes Fahrwasser, in dem man leicht ansegeln kann. Aber ich hab' mein Besteck genommen und es auf der Karte markiert, so dass ich freie Fahrt hatte. Aber das thue ich gewiss nie wieder. Nüsse knacken, die innen schwarz sind, wenn man sie endlich einmal aufgekriegt hat, – das hat der Teufel erfunden! Und nun wünsch' ich Dir Glück und Frieden und Deinen gesunden Verstand wieder zurück. Was machen unsere Kleinen? Du hast ja ganz vergessen, etwas über sie zu schreiben, – Du hast wahrscheinlich zu viel an Noras reizende Kinderchen gedacht, – (die es übrigens so nur auf dem Theater giebt.) Weint mein Sohn, spielt mein Kleinstes, singt meine Nachtigall und tanzt mein kleines Püppchen? Das soll sie immer thun, dann ist ihr alter Pall vergnügt. Und jetzt behüte Dich Gott und lass' keine bösen Gedanken zwischen uns aufkommen. Ich bin so traurig und verdriesslich, dass ich es gar nicht sagen kann! Und da soll ich sitzen und Rezensionen über Theaterstücke schreiben! Gott behüte Dich und die Kleinen, gieb ihnen einen Kuss mitten auf den Mund von Deinem treuen alten Pall.   Als der Kapitän mit diesem Briefe fertig war, holte er sich den Doktor und machte für sie beide einen Grog. »Häu!« sagte er, »kennst Du den Geruch von alten schwarzen Hosen? Häu! Surabaja! Sollte meiner Seele hoch auf der Mastspitze gehisst werden, damit sie mal von einem tüchtigen NW. z. N. ausgelüftet wird!« Aber der Doktor verstand kein Wort davon. »Ottilie, Ottilie, – die steckt dahinter! Müsste ihre Ration mit dem Knüppel kriegen!« »Aber was ist eigentlich mit Dir los, alter Pall?« fragte der Doktor. »Plato! Plato! Jawohl! wenn man sechs Monat auf See gewesen ist, dann ist man für Plato, jawohl! ääh! Da wird man ethisch, ethisch! Ich möchte meinen Kopf verwetten: wenn Ottilie ihre warme Kost hätte, würde es ihr nicht einfallen, von Plato zu reden!« »Aber was ist denn los?« »Ach gar nichts! Aber hör mal, Du bist ja Arzt, – wie ist denn das eigentlich mit den Frauenzimmern, sag' mir mal, – ist es nicht gefährlich für sie, so lange unverheiratet herumzulaufen, was? Werden sie nicht so, – na Du weisst schon, so 'n bisschen brustkrank? Hier oben? Was?« Der Doktor liess sich des Längeren darüber aus, wie beklagenswert es wäre, dass nicht alle Weibchen befruchtet werden könnten. In der Natur, wo das Männchen fast immer in Polygamie lebt, (was auch in den meisten Fällen ganz gut angeht, weil es an Futter für die Jungen nicht fehlt,) giebt es keine solche Abnormitäten wie unverheiratete Weibchen. Aber im Kulturleben, wo man es beinahe einen glücklichen Zufall nennen kann, wenn man sein Auskommen hat, kommt es häufiger vor, da es einen Überschuss an weiblichen Wesen giebt. Man müsse aber nachsichtig gegen alte Jungfern sein, denn sie hätten ein trübseliges Los. Man sollte gut zu ihnen sein, – ja, das war leicht gesagt, wenn sie nun aber nicht gut zu uns sind? Und nun schüttete er sein Herz aus und erzählte ihm alles bis auf die Rezension, die er hatte abfassen müssen. »Ach, die schreiben jetzt so viel Blech zusammen,« sagte der Doktor, indem er den Deckel auf die Toddykanne that, – »zuletzt ist es doch die Wissenschaft, die diese grossen Fragen entscheidet, einzig und allein die Wissenschaft!« Als der Kapitän nach sechsmonatlicher Abwesenheit und einem langweiligen Briefwechsel mit seiner Frau, – die seine Rezension des Ibsenschen Stückes scharf mitgenommen hatte, – in Dalarö an Land ging, wurde er von seiner Frau, allen Kindern, zwei Mädchen und Ottilie empfangen. Seine Frau war lieb und gut, aber nicht recht zärtlich, – zum Willkommenkuss reichte sie ihm nur die Stirn hin. Ottilie war lang wie ein Baum und trug abgeschorenes Haar, das wie ein Scheuerbesen um den Nacken her stand. Das Abendessen war ziemlich öde, mit Thee. Die Barkasse steckte voller Kinder, und der Kapitän musste in einem andern Zimmer schlafen. O, wie anders war das alles früher! Der Kapitän sah gealtert aus und war ganz verblüfft. Es wäre eine reine Hölle, meinte er, verheiratet zu sein und doch keine Frau zu haben! Am nächsten Morgen wollte er eine kleine Segeltour machen, aber Ottilie vertrug die See nicht. Schon bei der Herreise war ihr so sehr schlecht geworden. Und im übrigen war es ja Sonntag. – Sonntag! Da haben wirs! Statt dessen wollten sie wenigstens etwas spazieren gehen, – sie hatten sich doch so viel zu sagen, – aber Ottilie sollte nicht mit dabei sein! Sie gingen Arm in Arm, aber sie sprachen wenig, und das wenige, was sie sagten, schien mehr darauf berechnet, ihre eigentlichen Gedanken zu verstecken, als sie auszudrücken. Sie kamen bei dem kleinen Cholerakirchhof vorbei und schlugen den Weg nach dem Schweizerthal ein. Endlich setzte sie sich auf einen Stein und er zu ihren Füssen. Jetzt wird's bald losgehen, dachte er, und es ging los. »Hast Du etwas nachgedacht über unsere Ehe?« begann sie. »Nein,« sagte er, als wäre er auf diese Frage schon vorbereitet gewesen, »ich habe es nur gefühlt, ich glaube nämlich, dass die Liebe eine Gefühlssache ist. Wenn man beim Segeln die Gegend aus Erfahrung kennt, dann kommt man in den Hafen, verlässt man sich nur auf Kompass und Karte, dann geht man zu Grunde.« »Ja, aber unsre Ehe ist doch auch nichts anderes gewesen, als ein Puppenheim!« »Lügen, mit Respekt zu sagen. Du hast niemals Wechsel gefälscht, Du hast nie Deine Strümpfe einem x-beliebigen Doktor gezeigt, von dem Du Geld leihen wolltest. Du bist nie so romantisch stupide gewesen, zu erwarten, Dein Mann solle sich als Urheber eines Vergehens angeben, das seine Frau aus Dummheit begangen hat, und das gar kein Vergehen wäre, wenn sich kein Ankläger fände; Du hast mich nie belogen! Ich habe Dich ebenso ehrlich behandelt, wie Helmer seine Frau, als er sie zu seiner Herzensfreundin machte. Wir sind also ein echtes Ehepaar nach altmodischen wie nach neumodischen Begriffen.« »Ja, aber ich bin Deine Haushälterin gewesen!« »Lügen, mit Respekt zu sagen! Du hast nie in der Küche gegessen, Du hast nicht Lohn von mir bekommen, Du hast nie Rechenschaft über das Wirtschaftsgeld zu geben brauchen, und hast nie Schelte bekommen, wenn dies oder das nicht gestimmt hat! Und hältst Du etwa meine Arbeit, – das Haien und Brassen, und Kommandieren, Heringe abzählen und Suppe ausmessen, Erbsen wiegen und Mehl prüfen, hältst Du das alles für ehrenhafter als nach den Mädchen zu sehen und auf den Markt zu gehen, Kinder in die Welt zu setzen und sie zu erziehen.« »Nein, aber Du hast dafür bezahlt. Du bist selbständig, Du bist der Mann und Du bestimmst.« »Mein liebes Kind! Willst Du Lohn von mir haben? Willst Du wirklich meine Haushälterin sein? Dass ich ein Mann bin, ist ein Zufall, – das lässt sich überhaupt erst im siebenten Monat entscheiden. Das ist betrübend, denn heutzutage ist es ein Vergehen, Mann zu sein. Aber der Teufel hole den, der die beiden Hälften der Menschheit gegen einander aufgehetzt hat! Der trägt eine grosse Verantwortung. Du sagst: ich herrsche! Herrsche ich denn? Herrschen wir nicht alle beide? Thue ich irgend etwas Wichtiges, ohne Dich um Rat zu fragen? Du dagegen erziehst z. B. die Kinder ganz nach Deinem Kopf! Denke nur dran, wie ich damals das Wiegen abschaffen wollte, weil ich es unrecht finde, die Kinder so zu betäuben, – wie hast Du Dich da aufgelehnt! Und Du hast doch Deinen Willen durchgesetzt! Ein andermal habe ich meinen Willen gehabt, und das nächste Mal wieder Du! Einen Mittelweg giebt's doch nicht, denn zwischen Wiegen und Nichtwiegen giebt es kein Drittes! Und es ist doch auch auf die Weise bis jetzt ganz gut gegangen! Aber Du bist mir über Deiner Ottilie untreu geworden!« »Ottilie! Immer Ottilie! Hast Du mich nicht selbst zu der Freundschaft gedrängt?« »Doch nicht zu dieser speziell: Jedenfalls ist sie es aber jetzt, die das Ruder in Händen hat.« »Von allem, was ich lieb habe, willst Du mich trennen!« »Ist Ottilie alles? Es sieht fast so aus!« »Aber ich kann sie doch nicht einfach fortschicken, jetzt, wo ich sie aufgefordert habe, die Mädchen fürs Gymnasium vorzubereiten, und Latein mit ihnen zu treiben!« »Latein, was? Herr Jesus, sollen die auch verrückt werden?« »Ja, sie sollen ebensoviel wissen, wie ein Mann weiss, damit ihre Ehe, wenn sie einmal heiraten, eine wahre Ehe wird.« »Aber liebste Seele, können denn alle Männer Latein? Ich kann ja auch kaum noch ein einziges Wort davon! Und dabei sind wir doch glücklich gewesen, nicht? Im übrigen geht man ja damit um, auch die Männer vom Latein als von etwas Unnützem zu erlösen. Wollt Ihr Euch denn auch in diesen Unsinn stürzen? Könnt Ihr Euch nicht an uns ein Beispiel nehmen? Ist es noch nicht genug damit, dass man das männliche Geschlecht mit dem Zeug verdorben hat? Sollen die Frauen durchaus auch noch verdorben werden? O Ottilie, Ottilie, was hast Du angerichtet?« »Sprechen wir nicht mehr davon! Aber unsre Liebe, Wilhelm, die ist nicht so gewesen, wie sie sein sollte! sie ist sinnlich gewesen!« »Liebes Herz, wie hätten wir denn Kinder haben sollen, wenn unsre Liebe nicht auch sinnlich gewesen wäre! Aber sie ist doch nicht bloss sinnlich gewesen!« »Kann denn etwas schwarz und weiss zugleich sein, frage ich Dich? Antworte mir darauf.« »Jawohl, – sieh Deinen Sonnenschirm an, der ist oben schwarz und unten drunter weiss!« »Sophist!« »Höre mal, liebstes Kind, sprich Du doch mit Deinem eigenen Munde und Verstande und nicht mit Sätzen aus Ottiliens Büchern! Nimm Deine Vernunft zusammen und sei wieder Du selbst, meine eigne, liebe, kleine Frau.« »Ja, Deine eigne, das ist es eben, Dein Eigentum, das Du kaufst mit dem Gelde, das Du durch Deine Arbeit verdienst.« »Ganz ebenso, merke Dir das, bin ich Dein Mann, Dein eigener Mann, an den keine andre Frau rühren darf, wenn sie sich auch die Augen aus dem Kopfe guckt, und den Du zum Geschenk, nein, zum Ersatz dafür bekommen hast, dass er Dich hat. Ist das nicht partie égale?« »Aber haben wir nicht unser Leben vertändelt? Haben wir höhere Interessen gehabt, Wilhelm?« »Ja, Gurli, wir haben die höchsten Interessen gehabt, wir haben nicht nur getändelt, es hat auch ernsthafte Stunden für uns gegeben. Wir haben die höchsten Interessen gehabt, die es giebt, denn wir haben für die kommende Generation gesorgt, und wir haben uns tüchtig für die Kleinen gequält und abgemüht, – Du am meisten! Bist Du nicht für sie viermal dem Tode nahe gewesen? Hast Du nicht bei Tage Zerstreuung und Vergnügen, und bei Nacht den Schlaf geopfert, um sie zu schützen und zu pflegen? Könnten wir nicht sechs Zimmer und Küche auf der feinsten Strasse haben statt unserer kleinen Wohnung auf der langen Strasse, wenn wir die Kleinen nicht hätten? Könnte meine Liebste nicht seidene Kleider und Perlen haben, und könnte nicht Dein Mann in ungestopften Hosen 'rumgehen, – wenn die Kleinen nicht wären? Sind wir also solche Puppen? Sind wir wirklich so selbstsüchtig? Höhere Interessen! Sind das höhere Interessen, wenn man Latein treibt, oder wenn man sich zu wohlthätigen Zwecken halbnackend auszieht und derweil die Kinder zuhause liegen und in ihren nassen Windeln krank werden lässt? Ich habe höhere Interessen als Ottilie, wenn ich gesunde, starke, frohe Kinder haben will, die später einmal ausrichten sollen, was wir nicht gekonnt haben! Aber dazu ist kein Latein nötig! – Leb wohl, Gurli! Ich muss auf Wache, kommst Du mit?« Sie blieb sitzen und schwieg. Da ging er allein, mit schweren, schweren Schritten, und der blaue Fjord schien ihm düster und die Sonne ohne Glanz. »Pall, Pall, wo soll das hinaus,« sagte er zu sich selbst, als er am Kirchhof vorbeiging. »Ich wünschte, ich läge da im Schatten unter den Baumwurzeln, aber Ruhe fände ich gewiss nicht, wenn ich allein liegen müsste! Gurli! Gurli!« * »Jetzt geht's ganz schief, Schwiegermutter,« sagte der Kapitän eines Tages im Herbst, als er zu der alten Dame in der Sturegasse kam. »Wie steht's denn, lieber Wilhelm?« Der Kapitän klagte seine Not. »Ja, ja, das ist ein schwerer Fall, lieber Wille, aber wir werden schon etwas ausfindig machen. Es ist doch nicht möglich, dass Du, grosser Mensch, so herumläufst, wie ein Junggeselle!« »Ja, das meine ich eben auch!« »Ich habe es ihr neulich ganz offen gesagt, wenn Du es so weiter treibst, bringst Du Deinen Mann dahin, dass er zu schlechten Mädchen geht.« »Na, und was sagte sie darauf?« »Sie sagte, das dürfe er immerhin, denn über seinen Körper könne jeder verfügen.« »Sie auch, natürlich! Feine Theorien, muss ich sagen! Ich werde grau, Schwiegermama!« »Es giebt ein gutes, altbewährtes Mittel, und das ist: sie eifersüchtig zu machen. Das pflegt eine Radikalkur zu sein, denn wenn noch Liebe vorhanden ist, dann kommt sie bei diesem Mittel sicher zum Vorschein.« »O, vorhanden ist sie schon!« »Ganz gewiss, denn die Liebe stirbt nicht so knall und fall; sie kann wohl im Lauf der Jahre etwas zernagt werden, wenn das überhaupt möglich ist. – Weisst Du, – mache Ottilien den Hof!« »Den Hof machen? Der?« »Versuche es nur! Giebt es nichts, was Du verstehst und was auch sie interessiert?« »Na, – lass 'mal sehen! Augenblicklich haben sie es mit der Statistik! Gefallene Mädchen, ansteckende Krankheiten, Häu! Vielleicht könnte ich die Mathematik etwas aufs Tapet bringen, – die verstehe ich wenigstens.« »Na, siehst Du! Fange nur mit der Mathematik an, dann gehst Du dazu über, ihr den Shawl umzugeben und gelegentlich 'mal die Schuhe zuzuknöpfen. Dann begleite sie abends nach Hause, – trinke 'mal ein bisschen mit ihr und gieb ihr einen Kuss, so dass Gurli es sieht. Wenn's sein muss, dann kannst Du auch etwas zudringlich werden, – ih, – sie wird nicht böse drüber sein, glaube mir! Und vor allem immer viel Mathematik, möglichst so, dass Gurli nichts davon versteht, immer still dabei sitzen muss. – Und nach acht Tagen komm nur ja her und erzähle, wie es abgelaufen ist!« Der Kapitän ging nach Hause, las schnell die letzten Broschüren über die Unsittlichkeitsfrage durch und schritt dann ans Werk. Acht Tage später sass er vergnügt bei seiner Schwiegermutter und trank einen guten Sherry. »Erzähle nur, erzähle,« sagte die alte Dame und schob die Brille in die Höhe. »Ja, siehst Du, – anfangs war's nicht leicht, – denn sie war misstrauisch, sie dachte, ich wollte mich über sie lustig machen. Aber da fing ich davon an, was für einen kolossalen Einfluss die Wahrscheinlichkeitsrechnung in Amerika auf die Sittlichkeitsstatistik ausgeübt habe, das hatte geradezu Epoche gemacht! Soo? Das wusste sie nicht, und das reizte sie. Ich führte ein Beispiel an und bewies ihr mit Ziffern und Daten, dass man mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit im Voraus berechnen könnte, wie viele Mädchen in einem bestimmten Zeitraum fallen würden. Das erstaunte sie! Nun sah ich, dass sie neugierig geworden war und sich für das nächste Zusammensein einen Triumph verschaffen wollte. Gurli war riesig froh, dass wir uns befreundeten, und trieb uns förmlich mit Gewalt zusammen. Sie schob uns in mein Zimmer und machte die Thür hinter uns zu, und da sassen wir nun den ganzen Nachmittag und rechneten. Sie selbst, die alte Schachtel, war ganz glücklich, mich endlich besiegt zu haben und nach drei Stunden waren wir Freunde. Beim Abendbrot fand meine Frau, dass so gute alte Freunde wie wir beide uns duzen müssten. Ich holte von meinem guten alten Sherry herauf, um das grosse Ereignis zu feiern, – und dann küsste ich sie mitten auf den Mund – Gott verzeih' mir meine Sünden. Gurli sah etwas erschrocken aus, wurde aber nicht böse. Sie war eitel Glück und Freude! Der Sherry war stark, und Ottilie war schwach. Ich half ihr beim Mantelanziehen und begleitete sie nach Hause, drückte auf der Steppsholmbrücke ihren Arm und erklärte ihr die ganze Sternkarte. Sie war begeistert! A–ach! Hatte den Sternhimmel von jeher so geliebt, aber nie die Namen der Sterne gelernt! Die armen Frauenzimmer lernten ja nichts! Sie schwärmte förmlich und wir trennten uns als die besten Freunde, die einander so lange, so lange verkannt hatten. Den Tag drauf noch mehr Mathematik. Wir sassen bis zum Abendbrot dabei. Gurli kam hin und wieder herein und nickte uns zu, und abends begleitete ich Ottilien wieder nach Hause. Aber auf dem Quai begegnete ich Kapitän Björn, mit dem ich ins Grand-Hotel ging und ein Glas Punsch trank. Heim kam ich erst um ein Uhr. Gurli sass noch auf. ›Wo bist Du so lange gewesen, Wilhelm?‹ fragte sie. Da fuhr der Teufel in mich und ich sagte: ›Wir haben so lange mit einander geplaudert, Ottilie und ich, dass ich ganz die Zeit vergessen habe.‹ – Das zog, sag' ich Dir! ›Ich finde es eigentlich nicht passend, des Nachts mit einem jungen Mädchen umherzuziehen,‹ sagte sie. Ich that verlegen und sagte, wenn man sich viel zu sagen hätte, vergässe man leicht, was passend ist und was nicht. ›Über was habt Ihr denn gesprochen?‹ sagte Gurli und setzte ihre kleine Miene auf. Ich konnte mich nicht recht besinnen – – »Das war famos, mein Junge,« unterbrach ihn die alte Dame, – »nur weiter, weiter!« »Am dritten Tage,« – fuhr der Kapitän fort, – »kam Gurli mit ihrer Handarbeit und setzte sich zu uns bis zum Schluss der Mathematikstunde. Das Abendbrot war nicht so munter wie sonst, dafür aber desto mehr astronomisch. Zuletzt half ich der alten Schachtel in die Überschuhe hinein, und das machte einen tiefen Eindruck auf Gurli die bloss die Backe hinhielt, als Ottilie sie zum Abschied küssen wollte. Zärtliches Armdrücken unterwegs und ein Gespräch über die Sympathie der Seelen und über die Heimat der Sterne und der Seelen. – Dann trank ich wieder Punsch im Grand-Hotel und kam um zwei Uhr nach Hause. Gurli sass noch auf, ich sah es wohl, aber ich ging direkt in mein Schlafzimmer, – ich bin ja jetzt Junggeselle, wie Du weisst, und Gurli schämte sich, hereinzukommen und zu fragen. Tags drauf Astronomie; Gurli erklärte, sie hätte grosse Lust, mit dabei zu sein, aber Ottilie sagte, wir wären schon zu weit fortgeschritten, – sie wolle Gurli erst die Anfangsgründe lehren. Gurli ging beleidigt hinaus. Zum Abendbrot reichlich Sherry. Beim Gesegnete-Mahlzeit-Sagen fasste ich Ottilie um die Taille und küsste sie. Gurli wurde blass. Beim Zuknöpfen der Überschuhe that ich so einen unvermuteten kleinen Griff, hm, hm, –« »Geniere Dich nur nicht vor mir, Du, Wille,« sagte die Schwiegermutter, »ich bin eine alte Frau.« »Hm, – nach der Wade hin, – gar nicht so übel übrigens, – wirklich gar nicht so übel, häu! – Aber als ich mir gerade den Überzieher anziehen will, – hast Du nicht gesehen, steht Lina da, bereit, das Fräulein zu begleiten, und Gurli erfindet für mich eine Entschuldigung, ich hätte mich am vorigen Abend erkältet und dürfte nicht wieder in die Nachtluft hinaus. Ottilie sah wütend aus und gab Gurli keinen Kuss. Am nächsten Tage sollte ich Ottilien in der Schule astronomische Instrumente zeigen und erklären. Sie kam auch, war aber pikiert. Hatte zuerst Gurli aufgesucht, die unfreundlich gegen sie gewesen war. Konnte sich gar nicht erklären, weshalb. Als ich zu Tisch nach Hause kam, fand ich Gurli ganz verändert, kalt und stumm wie ein Fisch. Sie litt, das sah ich, aber nun musste das Messer 'rein! ›Was hast Du denn mit Ottilien gehabt? Sie war ja so verdriesslich?‹ fing ich an. ›Was ich mit ihr gehabt habe? Ich habe ihr gesagt, dass sie eine Kokette ist, – das haben wir mit einander gehabt.‹ ›Wie konntest Du nur das sagen,‹ rief ich, – ›Du bist doch nicht etwa eifersüchtig?‹ ›Ich? Eifersüchtig auf die?‹ ›Ja, das sollte mich auch wundern, – denn einem so intelligenten verständigen Mädchen könnte es doch nie in den Sinn kommen, sich mit dem Mann einer andern einzulassen!‹ ›Nein, (Jetzt kam es!) aber dem Manne einer andern könnte es wohl einfallen, sich mit einem beliebigen Mädchen einzulassen!‹ Huhuhuhu! Jetzt war es fertig. Ich verteidigte Ottilie so lange, bis Gurli ganz wild wurde. Und an diesem Nachmittag kam keine Ottilie. Sie schrieb einen pikierten Brief und entschuldigte sich; sie sähe, sie wäre überflüssig, schrieb sie. Ich protestierte und that, als wollte ich Ottilie holen, – aber da geriet Gurli ganz ausser sich. Sie wüsste ja, ich hätte mich in Ottilie verliebt, und sie, Gurli, sei mir gar nichts mehr, sie wüsste ja, sie wäre ein thörichtes Ding, das nichts verstände und zu nichts taugte, – und Mathematik, – huhuhuhu! die könnte sie nie lernen, das sähe sie deutlich! – Na, ich liess einen Schlitten holen, und so fuhren wir nach Lidingöbro. Da tranken wir Glühwein und assen ein famoses Frühstück, – es war wahrhaftig wie bei der Hochzeit, – und dann fuhren wir nach Hause.« »Und dann?« fragte die Alte und guckte ihn über die Brille an. »Dann? Hm! Gott verzeih' mir meine Sünden, – ich habe sie verführt, regulär verführt, bei Gott und meiner Ehre! – Was sagst Du dazu, Schwiegermama?« »Da hast Du sehr recht gethan! Und nun?« »Ach, jetzt ist alles gut, – all right, – und nun sprechen wir von Kindererziehung und der Befreiung des Weibes von allerhand dummem Zeug, Romantik etc., – aber wir sprechen zu zweien, und da versteht man einander schon am besten, nicht wahr?« »Gewiss, Herzenskinder, – und jetzt komme ich auch bald 'mal wieder und sehe nach Euch.« »Thu das nur, Mamachen, – da sollst Du wieder sehen, wie die Puppen tanzen und die Lerchen singen und zwitschern, und wie lustig und hübsch es bei uns ist, weil keiner herumgeht und auf ›das Wunderbare‹ wartet, was es doch nur in Büchern giebt, nicht wahr? – Da wirst Du 'mal ein richtiges Puppenheim zu sehen bekommen, sag' ich Dir.« Das Kind. Sein Vater war früh gestorben und er wuchs unter der Obhut von Mutter, zwei Schwestern und mehreren Tanten auf. Einen Bruder hatte er nicht. Sie wohnten auf ihrem Gute tief in Södermanland, und ringsumher gab es keine Nachbarn, mit denen man »umgehen konnte«. Als er sechs Jahr alt war, bekam er zusammen mit den Schwestern eine Gouvernante, und zu gleicher Zeit wurde eine kleine Cousine von ihnen ins Haus genommen. Er schlief im selben Zimmer mit den Schwestern, spielte ihre Spiele, badete mit ihnen zusammen und niemand kam auf den Gedanken, dass er einem andern Geschlecht angehörte, als die Mädchen. Die älteren Schwestern legten auch sehr bald Hand auf ihn und wurden seine Lehrmeister und Tyrannen. Er war ein ganz starker Junge, aber beständig von übergrosser Zärtlichkeit umgeben, wurde er mit der Zeit verweichlicht und hilflos. Eines Tages machte er den Versuch, mit den Dorfkindern auszurücken. Sie gingen in den Wald, kletterten auf Bäume, nahmen Nester aus und warfen mit Steinen nach den Eichhörnchen. Frithiof war glückselig, wie ein aus dem Gefängnis Entsprungener, und blieb über Mittag aus. Die Jungen pflückten Blaubeeren und badeten im See; es war der erste wirklich schöne Tag in seinem Leben. Als er gegen Abend heimkam, war das ganze Haus in Aufruhr. Die Mutter war unglücklich und bekümmert, und machte kein Hehl aus ihrer Freude, ihn wiederzuhaben; Tante Agathe dagegen, eine alte Jungfer, die eigentlich das Haus regierte, war rasend. Ein solches Vergehen musste bestraft werden. Frithiof sah nicht ein, worin das Vergehen bestand, aber die Tante blieb dabei, Ungehorsam wäre ein Vergehen. Frithiof wandte ein, dass man ihm ja nie verboten hatte, mit den Dorfkindern zu spielen, und das hatte man auch nicht, denn so etwas kam überhaupt gar nicht in Frage. Aber die Tante blieb dabei und führte ihn vor den Augen der Mutter fort, in ihr Zimmer, um ihm eine Tracht Prügel zu verabreichen. Er war acht Jahr und ein kräftiger, gut gewachsener Junge. Als die Tante seine Hosen abzuknöpfen begann, überlief ihn ein Schauder, der Atem sass ihm in der Kehle und sein kleines Herz tobte. Er schrie nicht, sondern starrte nur mit entsetzten Blicken auf das alte Frauenzimmer, das ihn jetzt mit fast schmeichelnder Stimme bat, gehorsam zu sein und sich nicht zu sträuben. Aber als sie nun seinen Körper entblösste, überkam ihn ein so entsetzliches Gefühl von Scham und Wut, dass er aufsprang und um sich zu schlagen begann. Etwas Unreines, etwas unerklärlich Widriges schien ihm von diesem weiblichen Wesen auszugehen, gegen das sich sein Schamgefühl empörte. Aber die Tante geriet in förmliche Raserei und fiel über ihn her, warf ihn über einen Stuhl, riss ihm das Hemde herunter und schlug drauf los. Zuerst schrie er, aus Wut, denn Schmerz empfand er nicht, er schlug krampfhaft mit den Füssen aus, um sich loszumachen, darauf wurde er plötzlich ganz still. Als die Alte aufgehört hatte, blieb er liegen. »Steh auf,« sagte sie mit matter, gebrochener Stimme. Er richtete sich auf und sah sie an. Die eine Hälfte ihres Gesichts war blass, die andre rot, die Augen glühten düster, und sie zitterte am ganzen Leibe. Der Knabe sah sie an, wie man ein böses Tier ansieht, und mit höhnischem Lächeln, als fühlte er sich durch die Verachtung, die sie ihm einflösste, ihr überlegen, warf er ihr das Wort »Deiwel« an den Kopf, das er erst kürzlich von den Dorfkindern gelernt hatte. Dann raffte er seine Sachen auf und sprang hinaus zur Mutter, die weinend im Esszimmer sass. Er wollte sich bei ihr beklagen, aber sie wagte ihn nicht zu trösten; da lief er in die Küche, wo ihn die Mägde mit Rosinen aus dem Gewürzschränkchen traktierten. Von dem Tage an schlief er nicht mehr bei den Schwestern drin, sondern wurde im Schlafzimmer der Mutter einquartiert. Er fand das recht langweilig und unangenehm, und wenn die Mutter in ihrer Zärtlichkeit mehrmals während der Nacht kam, um ihn zuzudecken, wurde er im Schlaf gestört und gab auf ihre Fragen, ob er es auch gut hätte, verdriessliche Antworten. Nie durfte er aus dem Hause gehen, ohne vorher ausdrücklich dazu angezogen zu werden, und er besass so viel wollene Shawls und Halstücher, dass ihm die Wahl schwer wurde. Schlich er sich einmal hinaus, so ging es nicht ab, ohne dass aus einem der Fenster hinter ihm hergerufen wurde, er sollte zurückkommen und etwas anziehen. Die Spiele der Schwestern fingen an, ihn zu langweilen. Das Federballwerfen war nichts mehr für seine starken Arme, die Steine werfen wollten. Sich mit dem armseligen Krokettspiel zu unterhalten, das weder körperlichen Kraftaufwand noch Verstand verlangte, verdross ihn. Und dann beständig die Gouvernante auf den Hacken zu haben, die französisch zu ihnen sprach, während er ihr schwedisch antwortete. Ein dumpfer Hass gegen sein Dasein und seine Umgebung begann sich seiner zu bemächtigen. Die ungenierte Art, das all die weiblichen Wesen im Hause ihm gegenüber an den Tag legten, empfand er ebenfalls als Verachtung, und ein Gefühl des Ekels stieg in ihm auf. Die einzige, die etwas Rücksicht für ihn an den Tag legte, war seine Mutter, die einen grossen Schirm um sein Bett stellen liess. Schliesslich wurde die Mädchenstube sein Zufluchtsort, wo er immer gern gesehen war. Hier bekam er ab und zu Dinge zu hören, die wohl die Neugier eines Knaben erregen konnten, aber für ihn gab es keine Geheimnisse. So kam er auch eines Tages zufällig zu der Badestelle der Mädchen. Die Gouvernante schrie auf, aber er begriff nicht, weshalb, und begann mit den Mädchen zu plaudern, die nackt im Wasser spielten. Das machte gar keinen Eindruck auf ihn. So wuchs er heran und wurde Jüngling, Man musste einen Inspektor nehmen, der ihn die Landwirtschaft lehrte, denn Frithiof sollte ja einmal das Gut übernehmen. Man engagierte einen alten pietistisch angehauchten Mann. Das war nun gerade keine aufheiternde Gesellschaft für einen ganz jungen Menschen, indessen war es doch immer besser als er es bisher gehabt hatte. Aber der Inspektor bekam täglich und stündlich so viel Instruktionen von den Damen, dass er schliesslich das reine Sprachrohr wurde. Frithiof wurde mit 16 Jahren eingesegnet, bekam eine goldne Uhr und die Erlaubnis, zu reiten; aber mit der Büchse in den Wald hinausgehen, wie er es geträumt hatte, das durfte er nicht. Es standen ihm zwar keine Prügel von seinem Erbfeind bevor, aber er fürchtete sich vor der Mutter Thränen. Er war eben immer noch das Kind. Aber er wuchs und wurde zwanzig Jahr. Eines Tages stand er in der Küche und sah der Köchin zu, wie sie Barsche schuppte. Sie war ein hübsches, junges Mädchen mit feinen Gesichtszügen. Er fing an, sich mit ihr zu necken, und steckte die Hand in den Rückenausschnitt ihres Kleides. »Herr Frithiof, seien Sie gut,« bat das Mädchen. »Ich bin ja gut,« sagte Frithiof und wurde zudringlich. »Nein, Herr Jeses, wenn die gnädige Frau käme!« In demselben Augenblick kam Frithiofs Mutter an der offenen Küchenthür vorbei, kehrte um und ging auf den Hof. Frithiof fand die Situation peinlich und verschwand in sein Zimmer. – – – Ein neuer Gärtner war engagiert worden, und zwar hatten die Damen in ihrer Weisheit einen verheirateten genommen. Aber unglücklicherweise war dieser Gärtner schon so lange verheiratet, dass die Frucht seiner Ehe in Gestalt einer lieblichen Tochter herangereift war. Herr Frithiof hatte die schöne Blume sehr bald unter den anderen Rosen des Gartens entdeckt. Alles, was sich von Wohlwollen gegen das andre Geschlecht in ihm fand, wandte sich nun dem jungen Mädchen zu, das hübsch gewachsen und nicht ganz ungebildet war. Er ging jetzt oft in den Garten und plauderte lange mit ihr, wenn sie vor einer Rabatte kniete, oder Blumen pflückend hin und her ging. Aber sie war stolz gegen ihn und das vermehrte seine Vorliebe für sie. Eines Tages ritt er durch den Wald und wie gewöhnlich träumte er mit offenen Augen von ihrer Gestalt, die ihm die Vollkommenheit selbst zu sein schien. Er sehnte sich danach, sie hier in der Einsamkeit bei sich zu haben, ohne Zeugen, ohne Furcht, irgend jemandes Unwillen damit zu erwecken. Dieser Traum hatte in seiner erhitzten Einbildung solche Dimensionen angenommen, dass das Leben ihm wertlos und nichtig erschien ohne sie. Das Pferd ging mit lockeren Zügeln Schritt vor Schritt den Weg entlang und sein Reiter hing in Gedanken versunken im Sattel. Plötzlich sah er etwas Helles zwischen den Bäumen und die Gärtnerstochter trat ihm entgegen. Er stieg vom Pferd und begrüsste sie; dann gingen sie beide plaudernd neben dem Pferde her. Er sprach ihr in verschleierten Ausdrücken von seiner Liebe, aber sie wies alles zurück. »Weshalb sollen wir von etwas Unmöglichem sprechen,« sagte sie. »Was ist unmöglich?« stiess er hervor. »Es ist unmöglich für mich armes Mädchen, die Frau eines reichen, feinen Herrn zu werden.« Frithiof fand die Bemerkung richtig und fühlte sich geschlagen. Seine Liebe war grenzenlos, aber er sah ein, wie unmöglich es wäre, sie in diese Meute einzuführen, die sein Hab und Gut bewachte, und die ohne Zweifel sein Rehchen zerreissen würde. Nach dieser Unterhaltung überliess er sich einer stillen, düsteren Verzweiflung. Im Herbst zog der Gärtner, aus unbekannten Gründen, fort. Herr Frithiof war sechs Wochen lang untröstlich, denn er hatte seine erste und einzige Liebe verloren; er sollte niemals wieder lieben. Und so ging der Herbst vorüber. Um die Weihnachtszeit liess sich ein neuer Arzt in der Gegend nieder, und da die Tanten beständig krank waren und man ihn oft brauchte, wurde Verkehr angeknüpft. Unter seinen Kindern befand sich auch ein erwachsenes Mädchen, und es dauerte nicht lange, so war Frithiof bis über die Ohren in sie verliebt. Anfangs schämte er sich, seiner ersten Flamme untreu geworden zu sein, und zimmerte sich zur eigenen Beruhigung die Theorie, die Liebe müsse etwas Unpersönliches sein, da sie den Gegenstand wechseln konnte. Sobald diese seine Neigung von seiner Garde ausspioniert worden war, bat die Mutter ihren Sohn um eine Unterredung unter vier Augen. »Du bist nun in den Jahren,« begann sie, »wo man sich nach einer Frau umzusehen pflegt.« »Das habe ich bereits gethan, liebe Mama,« entgegnete er. »Ich fürchte aber, Du hast Dich übereilt, mein Kind. Das Mädchen, auf welches Deine Wahl gefallen ist, besitzt entschieden nicht die moralischen Grundsätze, die ein gebildeter Mann verlangen kann.« »Was? Amelias moralische Grundsätze? Wer will etwas dagegen sagen!« »Nein, nein, ich sage nichts. Schlechtes von ihr, – aber ihr Vater ist, wie Du weisst, ein Freidenker – – –« »Es freut mich, kann ich Dir nur sagen, einem Manne näher zu treten, der eine freie Gesinnung hat, ohne jede Rücksicht auf irgendwelche Interessen.« »Lassen wir ihn, Frithiof, – aber Du hast ältere Verbindungen.« »Was? – sollte –« »Du hast mit Lisas Herz gespielt – –« »Was, Cousine Lisa?« »Ja, Lisa. Habt Ihr nicht von Kindheit an einander als ein künftiges Paar betrachtet und glaubst Du nicht, dass sie ihre Zukunftshoffnungen auf Dich gesetzt hat?« »Ihr habt mit uns gespielt und uns zusammengeredet, nicht ich!« entgegnete der Sohn. »Aber denke an Deine alte Mutter und Deine Schwestern, Frithiof. Willst Du in dieses Haus, das stets unser aller Heim gewesen ist, ein wildfremdes Mädchen bringen, die dann das Recht haben soll, alles in die Hand zu nehmen und nach ihrem Belieben zu schalten und zu walten?« »Ah – so, das ist es also! Lisa ist zur Herrscherin erkoren?« »Nicht ›erkoren‹, aber eine Mutter hat immer das Recht, die künftige Frau ihres Sohnes auszusuchen, und es kann auch keiner so wie sie. Zweifelst Du an meinen guten Absichten? Sag, kannst Du glauben, Deine eigene Mutter dächte, Dir zu schaden?« Nein, das konnte Herr Frithiof nicht. Aber – er liebte Lisa nun einmal nicht! Er war ihr ja gut wie einer Schwester, gewiss, aber – lieben? Ach die Liebe, – die Liebe wäre ja ein so unbeständiges Ding, auf die wäre kein Verlass! Aber Freundschaft, Übereinstimmung in Ansichten und Gewohnheiten, Gemeinsamkeit der Interessen, gründliche Bekanntschaft mit des andern Charakter, – das wären die besten Garantieen für eine glückliche Ehe. Lisa war ein tüchtiges Mädchen, häuslich und ordentlich, und sie würde gewiss sein Heim so glücklich machen, wie er nur immer wünschen könnte. Frithiof sah keinen andern Ausweg, als sich Bedenkzeit auszubitten. Ganz erstaunlich schnell wurden plötzlich alle Tanten gesund, so dass die Visiten des Doktors unnötig wurden. Als der Doktor trotzdem noch einen Besuch machte, wurde er behandelt wie ein Einbruchsdieb, der gekommen war, um auszukundschaften Er war ein scharfsichtiger Mann, der sofort sah, wie die Sachen standen, und als Frithiof seinen Gegenbesuch machte, wurde er als Verräter behandelt und damit war aller Verkehr abgebrochen. Unterdessen war Frithiof mündig geworden. Nun begann ein wahres Sturmlaufen. Die Tanten krochen vor ihm, und zeigten dem neuen Herrscher ihre Unentbehrlichkeit, indem sie ihn wie ein unverständiges Kind behandelten. Die Schwestern bemutterten ihn mehr wie je, und Cousine Lisa fing an, Wert auf ihre Toilette zu legen; sie trug ein Korsett und brannte ihr Haar. Sie war durchaus kein hässliches Mädchen, aber sie hatte einen kalten Blick und – Für Frithiof war sie jedenfalls etwas gleichgiltig Geschlechtsloses, – er hatte bisher nie das Weib in ihr gesehen. Jetzt, nach der Aussprache mit der Mutter, fühlte er sich in Lisas Gegenwart geniert, besonders da ihr Wesen etwas aufdringlich zu werden begann. Er begegnete ihr überall, auf der Treppe, im Garten, ja im Stalle sogar. Eines Morgens kam sie, als er noch lag, in sein Zimmer und bat ihn, ihr den Schuhknöpfer zu leihen. Sie war im Frisiermantel und that sehr verschämt. Durch das alles begann sie ihm widerwärtig zu werden, aber gleichwohl beschäftigte sie seine Gedanken. Ab und zu wiederholte die Mutter ihre Ermahnungen an den Sohn und Schwestern und Tanten spielten unablässig auf die nahe Hochzeit an. Das Leben wurde dem jungen Manne unerträglich. Er sah keinen Ausweg aus diesem Netz. Lisa war etwas anderes für ihn geworden als Schwester und Kamerad, ohne dass sie ihm deshalb lieber geworden wäre. Aber durch den Gedanken an die Möglichkeit einer ehelichen Verbindung mit ihr war sie endlich ein Weib in seinen Augen geworden, ein unsympathisches zwar, aber doch ein Weib. Das Heiraten brachte doch wenigstens eine Änderung des jetzigen Zustandes, vielleicht war es eine Rettung. Er sah sonst kein weibliches Wesen, – und schliesslich war sie vielleicht ebenso gut wie jede andre. Endlich ging er zur Mutter und teilte ihr seine Bedingungen für eine Heirat mit Lisa mit: eigener Haushalt im Nebenflügel und eigener Tisch; und die Mutter sollte statt seiner bei Lisa freien, denn das brachte er nicht fertig. Der Kompromiss wurde angenommen und Lisa liess sich Frithiofs Umarmung und einen äusserst kühlen Kuss gefallen. Sie weinten alle beide, weshalb, wussten sie selber nicht recht. Sonst war alles wie früher, nur die Bemutterung durch Tanten und Schwestern wurde noch grösser. Sie richteten den Seitenflügel ein, placierten die Möbel, verteilten die Zimmer und bestimmten alles, – Frithiof wurde nicht gefragt. Und nun begannen die Vorbereitungen zur Hochzeit. Alte halbvergessene Verwandte wurden aufgestöbert und eingeladen, und endlich war die Hochzeit da. Am Morgen darauf war Frithiof schon um 8 Uhr bei Wege. Er verliess das Schlafzimmer so bald als möglich und schützte eine wichtige Arbeit auf dem Felde vor. Lisa war noch schläfrig und hatte nichts dagegen, sie erinnerte ihn nur; und es klang wie ein Befehl: »Du vergisst doch nicht, dass um elf Uhr Frühstück ist.« Er ging in sein Zimmer, zog grosse Stiefeln und Jagdrock an, nahm die Büchse aus dem Schrank und ging in den Wald. Es war ein schöner Oktobermorgen mit Reif. Frithiof ging mit schnellen Schritten, als fürchte er, zurückgerufen zu werden, oder als wollte er vor etwas entfliehen. Die frische Morgenluft wirkte auf ihn wie ein Bad. Er fühlte sich frei, und war glücklich, dass man ihn jetzt unbehelligt mit der Büchse gehen liess. Aber er war bedrückt. Bisher hatte er sein Schlafzimmer für sich gehabt, – die Gedanken bei Tage und die nächtlichen Träume waren wenigstens sein eigen gewesen, – das war nun vorbei. Der Gedanke an das Schlafzimmer plagte ihn jetzt als etwas Widerwärtiges. Er hatte nie die Heuchelei des Lebens für so gross gehalten, hatte nicht geglaubt, dass die ganze mimosenhafte Weiblichkeit im Grunde nichts war, als die Furcht vor den Folgen. Ja, wenn es nun aber die Doktorstochter oder das Gärtnermädchen gewesen wäre, Da wäre das einsame Zusammensein mit ihnen gewiss eine Seligkeit gewesen, statt wie jetzt etwas Drückendes, Unschönes zu sein. Ziellos strich er durch den Wald, ohne an Schiessen zu denken; endlich bekam er Lust, seine Büchse knallen zu hören und ein Tier stürzen zu sehen, aber er konnte nichts entdecken. Die Vögel waren fortgezogen, nur ein Eichhörnchen guckte mit seinen schwarzen Äugelchen von einem hohen Baum auf ihn herunter. Er legte die Büchse an und drückte ab, aber das flinke Tier war längst auf der andern Seite des Stammes. Indessen hatte der Knall wie eine Beruhigung auf seine Nerven gewirkt. Er verliess den Weg und schlug sich mitten durch den Wald. Von jedem Pilz, den er sah, hieb er den Kopf ab, – er war in rechter Zerstörungslaune, er sehnte sich förmlich danach, eine Schlange zu treffen, um ihr den Kopf entzweizutreten, oder einen Schuss auf sie abzufeuern. Aber endlich fiel es ihm ein, dass er ja nach Hause müsse, und dass dies sein Hochzeitsmorgen war. Beim Gedanken an all die naseweisen Blicke, denen er bei der Heimkunft begegnen sollte, wurde ihm zu Mut, als sollte er für ein Vergehen gestraft werden, ein Vergehen gegen die Sitte, und was noch schlimmer war, gegen die Natur. Er hätte fliehen mögen vor alledem, bis ans Ende der Welt, aber wie sollte er das machen! Schliesslich wurde er es müde, beständig dieselben Gedanken durchzugrübeln; er empfand nichts weiter als tüchtigen Hunger; er ging also zum Frühstück nach Hause. Als er auf den Hof kam, standen alle Hochzeitsgäste, die im Hause übernachtet hatten, auf der Veranda und begrüssten ihn mit lustigem Hurrahruf. Mit schwankenden Schritten ging er über den Vorplatz und nahm mit schlecht verhehltem Ärger die scherzenden Fragen der Gäste nach seinem Gesundheitszustand entgegen. Er drückte sich an ihnen vorbei und ging hastig ins Haus, ohne zu bemerken, dass seine Frau auch in der Gruppe gestanden, und erwartet hatte, er solle sie begrüssen. Das Frühstück wurde ihm durch die ironischen, anzüglichen Bemerkungen der Gäste, sowie durch die Zärtlichkeiten seiner jungen Frau zu einer Tortur, die er nie vergass. Sein Freudentag war zum widerwärtigsten Tage geworden, den er noch je erlebt hatte. Nach ein paar Monaten war die junge Frau, unterstützt von Schwestern und Tanten, der eigentliche Herr des Hauses. Frithiof war und blieb der Jüngste und Unverständigste. Man fragte ihn wohl einmal um Rat, richtete sich aber nie danach, und er war nach wie vor der Gegenstand ihrer aller Fürsorge. Die Mahlzeiten zu zweien erwiesen sich bald als unmöglich, denn er schwieg hartnäckig, und Lisa, die das nicht ertragen konnte, musste sich nach einem Ableiter umsehen, der in Gestalt einer der Schwestern in den Flügel des jungen Ehepaares übersiedelte. Frithiof machte verschiedentliche Emanzipationsversuche, wurde aber stets von der Übermacht zurückgeschlagen; es waren ihrer zu viele, und sie redeten gewöhnlich so lange, bis er in den Wald floh. Dem Abend sah er jetzt immer mit einem förmlichen Entsetzen entgegen. Er hasste das Schlafzimmer, das er betrat wie der Delinquent den Richtplatz. – Nachdem sie ein Jahr verheiratet waren, ohne Aussicht auf Nachkommenschaft, nahm ihn die Mutter eines Tages bei Seite, um unter vier Augen mit ihm zu reden. »Würdest Du nicht sehr froh sein, einen Sohn zu haben?« fragte sie. »0 gewiss!« entgegnete er. »Du bist gar nicht nett gegen Deine Frau,« sagte die Mutter in möglichst sanftem Ton. Da brauste er auf. »So! Was noch? Was ist nun wieder nicht recht? Ihr wollt mich vielleicht auf meine Pflichten hinweisen, ja? Hm! Lisa ist übrigens ganz anders, als Ihr glaubt, – aber wen geht das etwas an? Aber gut, formuliert Eure Anklage, dann will ich darauf antworten.« Nein, dazu hatte die Mutter durchaus keine Lust. – In seiner Einsamkeit entdeckte Frithiof, dass der Inspektor ein junger Mann war, der gerne trank und Karten spielte. Er that sich mit ihm zusammen und verbrachte die Abende mit ihm auf seinem Zimmer, von wo er immer so spät als möglich aufbrach. Eines Abends lag seine Frau wach und wartete auf ihn. »Wo warst Du?« fragte sie ihn scharf und energisch. »Das geht Dich nichts an,« entgegnete er. »Es ist wirklich hübsch, verheiratet zu sein, wenn man es so hat, wie ich,« sagte sie. »Wenn wir doch wenigstens ein Kind hätten.« »Ja, meine Schuld ist es nicht,« meinte er. »Nun, meine doch nicht etwa?« Und nun entspann sich ein Streit über dieses Thema, der zwei Jahre dauerte. Lisa versuchte alle Mittel. Sie kokettierte mit ihrem Manne, – und machte sich ihm damit unangenehm, sie suchte ihn bei seinem Stolze zu fassen, und wurde ihm erst recht unleidlich. Da keiner von beiden sich zu dem Schritt entschliessen und einen Sachverständigen, einen Arzt fragen wollte, war das Resultat dasselbe wie in allen solchen Fällen: der Mann wurde lächerlich, die Frau nahm die Sache tragisch. Eine kinderlose Frau ist heilig, denn »Gottes Bann« ruht auf ihr – dass Gott sich herablassen sollte, einen Mann in den Bann zu thun, schien gar nicht in Betracht zu kommen. Aber Herr Frithiof fühlte deutlich, dass ein Bann auf seinem düsteren, ungesunden Leben lastete. Die Natur hat zwei Geschlechter geschaffen, die unter Umständen einander suchen, aber unter anderen Verhältnissen als erbitterte Feinde sich gegenüberstehen. Er hatte das andre Geschlecht als Feind kennen gelernt, und zwar als übermächtigen Gegner. Eines Tages fragte ihn seine Schwester wie zufällig, was das Wort Kapaun bedeutete. Er antwortete nicht, sondern sah sie nur scharf an und merkte, dass sie es wirklich nicht wusste, aber dass sie wahrscheinlich irgendwo gelauscht hatte und neugierig geworden war. Nun war sein Leben vergiftet, – er war lächerlich geworden, und ein eigentümliches Misstrauen erfüllte ihn. Alles was er hörte oder sah, brachte er mit dieser Anschuldigung in Zusammenhang, und so ging er in einem Anfall von Ingrimm hin und verführte eins der Hausmädchen, – mit dem gewünschten Erfolg: er wurde Vater! Lisa war eine Märtyrerin und Frithiof ein Elender! Aber er kümmerte sich nicht weiter darum, denn seine Ehre war gerettet. Aber von nun an war Lisas Eifersucht wach, und, – wunderlich genug, – eine Art von Liebe zu ihrem Manne begann sich in ihr zu regen. Eine Liebe, die äusserst unbequem wurde, da sie sich in einer nervösen, beständigen Bewachung und Zudringlichkeit, zugleich mit einer unerträglichen, bemutternden Fürsorge äusserte. Sie untersuchte die Büchse, ob sie geladen war, sie flehte ihn auf ihren Knieen an, sich beim Ausgehen etwas Warmes anzuziehen, u. s. w., u. s. w. Dabei war sie sehr pedantisch; es gab in der Wohnung ein beständiges Kehren und Stäuben, Putzen und Scheuern, Sachen klopfen und Betten sonnen. Er hatte niemals Ruhe und war nie sicher, einmal allein sein zu können. Seine Arbeit nahm nicht viel Zeit in Anspruch, denn das Gut wurde von den vielen Frauenzimmern bewirtschaftet. Er fing an, Landwirtschaft zu studieren, und wollte allerlei Verbesserungen einführen, aber es war unmöglich, denn er wurde so lange geschurigelt und geplagt, bis er es wieder aufgab. Endlich wurde er der Sache müde. Das Sprechen hatte er sich schon längst abgewöhnt, weil er stets sicher sein konnte, auf Widerspruch zu stossen. Aus Mangel an passendem Verkehr mit Männern litt sein Verstand; sein Nervensystem war zu Grunde gerichtet, er vernachlässigte sein Äusseres und fing an zu trinken. Jetzt war er fast nie mehr zu Hause, dafür fand man ihn oft betrunken in der Dorfschenke oder in Bauernhäusern, denn er trank mit jedem, den er fand, und immer bis zur Sinnlosigkeit. Es war ihm eine Wohlthat, das Gehirn durch den Alkohol zu stimulieren, und ausserdem konnte er da frei reden; es war überhaupt nicht ganz sicher, ob er trank, um einmal sprechen zu können, ohne auf Widerrede zu stossen, oder ob er trank, um zu trinken. Um Geld zu bekommen, fing er an, den Bauern Getreide zu verkaufen, oder auch irgendwelche Vergünstigungen oder Vorrechte, – denn die Kasse wurde von den Weibern geführt. Schliesslich brach er in seinem eigenen Geldschrank ein und – stahl. Seit man den letzten Inspektor wegen »Völlerei« entlassen musste, wurde streng drauf gehalten, dass ein Mann von »frommer Sinnesrichtung« diesen Posten bekleidete. Als man es mit Hilfe des Geistlichen durchgesetzt hatte, die Schenke aus dem Dorfe zu verbannen, fing Herr Frithiof an, mit seinen eigenen Knechten zu trinken, und Skandal folgte auf Skandal. Schliesslich war er ein notorischer Säufer geworden, der Krampfanfälle bekam, wenn er eine Zeit lang keinen Alkohol trank, und der in ein Trinkerasyl übergeführt werden musste, wo er als unheilbar blieb. In lichten Stunden, wenn er sein Leben überblickte, empfand er tiefes Mitleid mit allen jungen Mädchen, die an einen ungeliebten Mann verheiratet worden waren, und denen er um so lebhafter nachfühlen konnte, als er den Fluch einer solchen Vergewaltigung der Natur an sich selbst erfahren hatte, und er war doch nur ein Mann! Aber er sah die Ursache zu seinem Unglück auch in der Familie als oekonomische Institution, die seine rechtzeitige Befreiung zu selbständigem individuellem Leben verhindert hatte. Seine Frau klagte er niemals an, denn sie war ja ebenso unglücklich wie er, und ein Opfer derselben unglückseligen Verhältnisse. Pech »Du kannst Dir ja denken, wie prekär es ist, das ganze Leben lang mit einem Frauenzimmer zusammenzuhausen, wenn schon Kameraden es gewöhnlich nur kurze Zeit mit einander aushalten. Und die Männer haben doch noch meist dieselben Gewohnheiten und kleinen Untugenden. Sieh Dich vor, ehe Du wählst, das rate ich Dir, und lerne Deine Braut gründlich kennen, ehe Du sie heiratest.« So pflegte der alte Onkel seinem Neffen stets zu predigen, aber was half es? Der Mann wählt ja seine Zukünftige gar nicht, sondern die Wahl, die »natürliche Zuchtwahl«, geschieht in den meisten Fällen ganz von selbst. Und so traf er die Rechte! Es war ein hübsches Mädchen von zweiundzwanzig Jahren, die nun seit fünf Jahren zu Hause sass und darauf wartete, von dem beständigen Tadeln der Mutter und dem Gezänk der Schwestern befreit zu werden. Und da kam Er, der Retter, – der Ritter! Er war Grosshändler und hatte ein gutes, altes Geschäft geerbt. Er war ein Mann von stillen, ruhigen Gewohnheiten und sehnte sich danach, ein Heim zu gründen und zu Ruhe zu kommen. Er war ohne Zweifel dazu geschaffen, der beste, liebenswürdigste Ehemann zu werden. Und so heirateten sie sich! Er hatte alles in Ordnung gebracht und so schön überlegt, – sie würden gewiss glücklich werden. Na, am Tage nach der Hochzeit konnte noch von keiner Arbeit die Rede sein, aber am Tage darauf – da musste er um neun Uhr auf dem Contor sein. »Wir trinken also um acht Uhr Kaffee,« – sagte er zu seiner Frau. Sie antwortete: »Ja, ja,« denn sie war schon schläfrig. Am nächsten Morgen erhob er sich um halb acht Uhr, sah nach, ob der Kaffeetisch gut gedeckt war, stellte ein Blumensträusschen vor ihren Platz und zündete den Spiritus unter dem Eierkocher an. Dann ging er ins Schlafzimmer. »Auf, auf, mein Kleinchen,« sagte er, »der Kaffee ist fertig.« Aber sie drehte sich auf die andre Seite und sagte, sie wolle noch etwas schlafen. Hm, – er wollte also bis halb neun warten. Dann kam er wieder. »Es ist doch eigentümlich, dass Du mich nicht schlafen lassen kannst! Trinke Du doch immer; ich werde meinen schon später bekommen.« Er war traurig, beschloss aber zu warten. Es war unangenehm, denn zur Morgenpost hätte er eigentlich auf dem Contor sein sollen. Aber wenn sie aufgestanden war, sollte es desto hübscher werden: ein kleines tête à tête beim Kaffeetisch hatte immer zu seinen Vorstellungen von häuslichem Glück gehört. Um halb zehn wagte er einen neuen Versuch. Aber nun fand sie es noch eigentümlicher, dass man sie nicht schlafen liess! Sie war gewöhnt, so lange zu schlafen, wie sie wollte, und sie hoffte, er würde keine Erziehungsversuche mit ihr anstellen. Warum hatte er seinen Kaffee noch nicht getrunken? Wer hinderte ihn denn daran? Sie wollte ihren Kaffee ans Bett gebracht haben, – aber vor allem wollte sie sich ausschlafen. Da wurde er noch trauriger, aber er hatte nichts einzuwenden. Als er dann vor seiner einsamen Kaffeetasse sass, schien es ihm, als sei er wieder Junggeselle wie bisher, und er war nicht gerade vergnügt, als er aufs Contor ging. Zum Mittagessen kamen alle Speisen mit Zucker angerichtet auf den Tisch. Er verabscheute alles Süsse, wollte sie aber nicht durch einen Tadel betrüben. Er fragte nur ganz bescheiden an, ob das auf ihren Wunsch geschehen sei, oder aus eigener, Initiative der Köchin. Nein, – auf ihren Wunsch, – denn so war sie es von zuhause her gewöhnt. Der Salat war mit Sahne und Zucker zurechtgemacht; der Ehemann wagte noch die eine Frage, ob sie ihn nicht lieber mit Öl ässe? Nein, Öl vertrug sie nicht. Aber man könnte ja für ihn apart ein wenig mit Öl anrichten. Nein, nein, er wollte nicht so viele Umstände machen, das war die Sache nicht wert. Und es blieb wie es war. Nach dem Essen pflegte er Kaffee zu trinken, aber ihr hatte der Arzt Kaffee verboten, und so sass er allein bei seiner Tasse. Sollte er ihr die Zeitung vorlesen? Es war ein interessanter Artikel über die irische Bewegung drin. Huh, nein! Sie wollte nichts Hässliches hören! So zündete er sich eine Cigarre an, eine gute Havannah, direkt aus Bremen. Grosse Entrüstung! »Du rauchst?« »Gewiss, – hast Du das nicht gewusst?« »Nein. Mein Vater hielt das Rauchen für etwas Unreinliches, und ich werde krank vom Tabaksgeruch.« Er legte die Cigarre auf den Kaminsims, und sah betrübt zu, wie sie verlosch und wie sich eine feine Asche bildete, weiss wie Watte. Am Abend wollte er vorlesen. Was für Bücher? Dickens! Nein, nein, sie konnte die englische Litteratur nicht ausstehen, ob er nichts Französisches hätte? Nein, er verabscheute alles, was aus Frankreich kam. Schade! Und nun musste er aus dem Hause, auf Bälle, Soupers und Diners und ins Theater. Letzteres war für ihn die grösste Plage, denn er fand die Komödien in den Salons immer noch interessanter als die auf der Bühne, wo man noch dazu still sitzen musste, ohne sich bei der Hand halten oder küssen zu können. Den Sommer über wollten sie auf dem Lande sein; er stimmte für den Mälarsee, denn dort war er aufgewachsen, aber sie konnte in jener Gegend nicht leben, und so gingen sie ans Meer. Er liebte Jagd und Fischfang und besass auch ein Segelboot. Das waren seine Passionen, mit denen er im Sommer das wieder einzubringen pflegte, was er im Lauf des Winters an seiner Gesundheit eingebüsst hatte. Am ersten Sonntagmorgen nachdem sie aufs Land hinausgezogen waren, stand es des Morgens um fünf Uhr auf, rüstete ein Futterkörbchen aus, suchte seine Angelgeräte zusammen, und nahm sich einen Begleiter mit. Wie herrlich war es, so im Boot zu sitzen, zu rauchen und Barsche heraufzuziehen! Strahlend kam er um zwölf Uhr nach Hause, und beeilte sich, seine Frau zu begrüssen, – aber sie stiess ihn von sich. Er roch ja nach Tabak und rohen Fischen. Dass ein gebildeter Mann an solchen simplen Beschäftigungen Vergnügen finden konnte! Und sie hatte mit dem Frühstück auf ihn gewartet!! Die Katze bekam so viel Barsche, wie sie fressen wollte, der Rest wurde fortgeworfen. Zu Mittag, hoffte er, sollte sie schon wieder gut werden, – er hatte eine Überraschung für sie. Sie gingen in den Park und kamen an die Landungsstelle. Dort lag ein schöner Blekinger Kahn und ein als Bootsmann gekleideter Diener stand da, bereit, mit der Herrschaft zu segeln. »Segelst Du? Ist das Dein Boot?« »Gewiss, mein Herz,« – entgegnete er stolz. »Und das hast Du mir verschwiegen? – Ich gebe niemals zu, dass Du segelst! Das musst Du mir heilig versprechen, Ernst, hörst Du? Wenn Du mich liebst!« Ernst stand vor der Alternative, in Ungnade bei seiner Frau zu fallen, oder auf sein liebstes Vergnügen zu verzichten, – aber er versprach. »Ich habe ein ekliges Pech gehabt,« dachte er bei sich, und sie gingen durch den Park und langweilten sich. Aber seine Frau liess am Nachmittag Einladungen an alle Bekannte ergehen, und es kamen eine Menge Leutnants und Referendare, die bei ihnen auf der Veranda sassen und über Theater und Musik sprachen. Und Herr Ernst musste herumgehen, Cigarren anbieten, Streichhölzer anzünden und Punschgläser füllen, so dass er abends müde war wie ein Kellner. Wenn er sich in die Unterhaltung zu mischen versuchte, bekam er eine Antwort, auf die er nichts zu entgegnen fand, denn sie waren fix mit der Zunge, die jungen Herren, und er kam sich im eignen Hause vor wie in der Kneipe. Im Herbst gab es Familienhoffnungen bei dem jungen Paar; die Frau war verdriesslich und zürnte ihrem Manne und sich selbst. Aber sie schnürte sich und ging aus, so lange es irgend möglich war. Die beiden letzten Monate war sie ganz ausser sich. Das sollte ihr nicht wieder passieren! Er musste ihr abends französische Romane vorlesen und ein paar gute Bekannte mitbringen, um sie aufzumuntern, und das Haus war beständig voller Besuch. Dann wurde das Kind geboren. Selbst nähren wollte sie natürlich nicht, denn dann konnte sie nicht dekolletiert gehen. Als sie wieder auf war, sprach sie mit ihrem Manne davon, reiten lernen zu wollen. Er befragte den Arzt und der riet ab. Tags darauf kam seine Frau von einer Konsultation beim »Professor« zurück, der ihr Reiten verordnet hatte. »Verordnet, hörst Du?« Da half es denn nichts! Herr Ernst hatte eine unüberwindliche Abneigung gegen die Reitbahn. Wenn man dorthin kam, schlug einem ein brünstiger Geruch von Schweiss und Ammoniak entgegen. Durch angelehnte Thüren sah man halbausgezogene Frauenzimmer in Hemd und Beinkleidern. Es war ihm widerwärtig mit anzusehen, wie der starke Kerl von einem Stallmeister seine Frau um die Taille fasste und ihr Bein in dem Sattelbogen zurechtlegte. Und dann alle diese Kavaliere, die den Bewegungen ihres Körpers mit glühenden Augen folgten. Liederlichkeit lag hier in der Luft, und wer weiss, was alles hinter den Coulissen geschah! – aber der Arzt hatte es doch »verordnet«. »Reite doch mit,« hatte sie einmal zu ihm gesagt, als er missvergnügt über die Sache war. Er beteiligte sich auch wirklich zweimal bei der Sache, – bekam Seitenstechen, verlor den Hut, musste sich allerlei Stichelreden gefallen lassen und wurde ausgelacht. Schliesslich kam seine Frau eines Tages mit der Nachricht, die Reitstunden wären auf den Abend verlegt, es sollte eine Quadrille mit Musik eingeübt werden, – er könnte ja von der Galerie aus zusehen. Einen Abend that er das, – aber dann nie wieder. In den Zwischenpausen hatte er nämlich den Aufwärter spielen, Champagner und Selterwasserflaschen aufziehen müssen, etc. etc. Er blieb also zu Hause beim Kinde. Das war sein geträumtes Glück! Er musste an all die Frauen denken, die zu Hause sitzen mussten, während der Mann sich in Wirtshäusern herumtrieb. Warum war er nicht einer solchen unglücklichen Frau auf seinem Lebenswege begegnet, – da hätten sie sich zusammenthun können. Pech! Pech! Die Quadrille wurde aufgeführt und mit einem Souper beschlossen. Einmai gegen Mitternacht wurde plötzlich heftig an der Entreeglocke gerissen. Herr Ernst sass wie gewöhnlich neben der Kinderstube und las Dickens. Er sprang auf, um zu öffnen, seine Frau stand vor ihm, – zugleich hörte er leise Tritte die Treppe hinabschleichen. Sie war krank. Er führte sie ins Zimmer, sie war wirklich sehr blass und ganz glasig um die Augen. »Ernst,« sagte sie und verfiel plötzlich in ein konvulsivisches Lachen, das wie Weinen klang, »liebst Du mich?« Gewiss, das that er. »Ach, ich bin so krank, so krank.« Ihre Züge wurden schlaff und um ihren Mund spielte ein wehmütiges Lächeln. »Ach, wie ich Dich liebe, Ernst!« Herr Ernst wurde unruhig, – diese Worte hatte er seit langer, langer Zeit nicht mehr gehört. »Bist Du mir böse?« fragte sie und wand sich in Schmerzen. Er? Nein, gewiss nicht, aber er wäre so froh, wenn sie mehr zu Hause bleiben wollte. Ja so, – sie wäre zu viel fort, – aber wenn es der Arzt doch »verordnet« hatte. Ob ihm denn ihre Gesundheit gar nichts gälte? Ja ja, – aber der Kleine! Der Kleine! fehlte dem denn etwas? War sie schlechter als andre Mütter, die mit ihren Kindern kokettieren... Jetzt wollte sie vom Stuhl aufstehen, – aber sie war so krank!! Er half ihr ins Schlafzimmer und wollte Christine rufen. Nein, nein, das war nicht nötig, sie wollte das Mädchen nicht haben, nur ein Glas Wasser. Das bekam sie und setzte sich aufs Sofa. Herr Ernst war ganz blass geworden; das Zimmer roch nach Cognac und nach Tabak. »Sooo! Und mit was hast Du Dich denn indessen hier unterhalten, mein alter Junge?« sagte sie. »Du hast gewiss wieder Dickens gelesen! Hu, was ist mir doch schlecht!« Jetzt wollte sie noch in die Kinderstube, um dem Kleinen einen Kuss zu geben, aber der Mann stellte sich vor die Thür. »Da hinein gehst Du nicht!« »So? Wer will mir denn das verbieten?« »Ich! Denn Du bist betrunken, Du Satan!« »Hahahaha! Das sollst Du mir nicht umsonst gesagt haben, Du infamer Kerl! Pfui! Pfui Teufel!« Und sie griff nach einem Buch, um es ihm an den Kopf zu werfen, – aber sie fiel dabei zur Erde. Herr Ernst weckte Christine und brachte mit ihr seine Frau zu Bett. Dann machte er sich mit ein paar Decken und Kissen ein Lager vor der Kinderstubenthür zurecht, und blieb hier die ganze Nacht über liegen. * Am nächsten Morgen bekam er sie gar nicht zu sehen; aber als er aufs Contor ging, war er fest entschlossen, Scheidung zu verlangen. – Aber aus welchem Grunde? Wegen Trunksucht? Dieser Fall war im Gesetz nicht vorgesehen. Und dann der Skandal! Die Gesellschaft! Aber es musste geschehen. Er überdachte noch einmal die nächtliche Scene. Was für Worte waren da gefallen! Und so plötzlich, so ohne Vorbereitung! Aber nein, im Stillen hatte es sich schon vorbereitet. Den ganzen Vormittag ging er tiefbekümmert umher und betrachtete sich als tot, ausgelöscht. Was konnte ihm das Leben jetzt noch bringen! Und das mutterlose Kind ... Mit schweren Schritten kam er mittags heim. Was stand ihm jetzt alles bevor! Er blieb ganz nahe bei seinem Hause vor dem Schaufenster eines kleinen Ladens stehen und musterte die ausgelegten Waren. Sollte er nach oben gehen? War es nicht besser, dem Elend bald ein Ende zu machen? Aber das Kind, das Kind! Als er die Treppe hinanstieg, hörte er Gesang und Klavierspiel, und beim Eintreten sass seine Frau am Pianino und begleitete eine Freundin zum Gesang. Und sie sprang ihm entgegen, nannte ihn ihren lieben Jungen und küsste ihn. Und ihm war, als gäbe ihm jemand in einem Augenblick seine Gesundheit wieder. Wie hübsch sie heute war, und wie sie ihrer Freundin die Krankheit von der vorigen Nacht beschrieb, ohne irgend ein unerquickliches Detail zu berühren. Und sie hatten ein gemütliches Mittag zu dreien. Dann ging die Freundin und sie blieben allein. Kein Wort vom gestrigen Erlebnis. Er lag im Bett und sah ihr beim Auskleiden zu; er fand sie weniger verschämt und zartfühlend als früher, aber so schön, so schön. Er hasste sie, aber sein Leib war in Ketten geschlagen: er konnte nicht mehr ohne dieses Weib leben! Und so ging dasselbe Leben von neuem los. Er hockte auf der Galerie der Reitbahn und korkte Champagnerflaschen auf. Er langweilte sich ganze Ballnächte hindurch, denn er tanzte nicht. Er sass mit ihr im Theater, trug ihren Shawl und knöpfte ihre Gamaschen zu, nur um einen Augenblick ihren Fuss in der Hand zu haben. Aber dann bekam er die Sache wieder satt und sass zu Hause. »Was für ein Esel von Mann,« sagten die Männer. »Was für ein liederliches Weibsstück,« sagten manche Frauen. Eines Tages las er in der Zeitung eine Notiz über eine »Dame aus der Gesellschaft«, das waren böse Sachen. Man hatte sie in dunklen Ecken Männer küssen sehen. Ein schrecklicher Verdacht tauchte in ihm auf – Beweise hatte er nicht, denn man pflegt zu solchen Abenteuern keine Zeugen mitzunehmen, aber seine Ruhe war hin. Er fühlte sich betrogen und konnte nichts dagegen thun. In einem Anfall von Verzweiflung und Wut nahm er sich eine Maitresse, – die betrog ihn nach zwei Monaten. Er nahm eine andre – mit demselben Erfolg. Er wollte es gern seiner Frau zu Ohren kommen lassen, – aber sie wusste von nichts, oder that doch wenigstens so. Brechen? Das konnte er nicht, – des Kindes wegen, und dann – – – – er konnte ja nicht leben ohne sie! Einmal, als er ziemlich viel getrunken hatte, schüttete er einem Freunde, bei dem er sass, sein Herz aus und sagte ihm alles, was dieser im Voraus wusste. »Du stehst nicht allein da, lieber Freund,« sagte der andre. »Es ist ja einzig der Mann, der die Initiative hat, – deshalb ist er auch in fast allen Fällen der Sklave, denn wer liebt, wird zum Sklaven. Fast bei allen Ehen besteht anfangs auf Seiten des Mannes Liebe, – Du siehst es ja in der Natur. Die Männchen machen den Angriff, – die Weibchen sitzen und warten. Auf wen? Nun, auf den, der gerade kommt! Und glaub' Du mir, die Frauen sind es, die eigentlich die Welt regieren, wenn sie auch kein Stimmrecht haben. Sie hat sich verheiratet, um aus dem Elternhause herauszukommen, – das thun alle Frauen; Du hast geheiratet, um in ein Heim hineinzukommen. Ist sie lasterhaft? Nein, denn sie ist einmal zur Polyandrie geboren, während Du monogam veranlagt bist. Es ist eben Pech, dass Ihr beide aneinander geraten seid! Pech, Pech, lieber Freund.« Herr Ernst fand diese Erklärung ganz plausibel, aber ein Trost war sie ihm darum nicht. Seine ganze Ehe war eben ein Missgriff, aber ein unheilbarer. »Denn ob man zu einander passt, das weiss man immer erst nachher, – und da ist es dann zu spät!« sagte der Freund. »Was soll man da aber thun? Was soll man thun?« »Man wird es schliesslich so machen müssen, wie die Bauern,« sagte der Freund in scherzhaftem Ton. »Ja, wie machen es denn die Bauern?« »Jaa – die kriegen es schon vorher heraus! 0 diese Bauern! Die sind schlau!« Gegen Bezahlung Ihr Vater war General, die Mutter war ihr früh gestorben; seitdem verkehrten fast nur Herren bei ihnen und ihr Vater besorgte ihre Erziehung selbst. Sie ritt mit ihm zu. Da ihr Vater von allen, die in ihrem Hause verkehrten, den höchsten Rang einnahm, so wurde ihm von allen eine Ehrerbietung gezollt, wie sie unter Gleichstehenden nicht vorkommt, und ihr als der Generalstochter fiel ganz natürlicherweise auch ein Teil dieser Ehrenbezeugungen zu. Sie hatte sozusagen ebenfalls Generalsrang, und sie wusste das. Im Entrée sass beständig eine Ordonnanz, die sich mit lautem Geräusch erhob, wenn sie durchging. Auf den Bällen bemühten sich die Majore um sie, ein Hauptmann gehörte in ihren Augen schon zu einem geringeren Menschenschlag, und die Leutnants zu einer Art ungezogener Jungen. So gewöhnte sie sich daran, die Menschen nur nach der Rangliste zu beurteilen. Civilisten nannte sie verächtlich »Fische«, ärmlich gekleidete Personen »Lumpen«, und die ganz armen Leute hiessen bei ihr nur »das Pack«. Aber über dieser Rangliste standen die Damen. Ihr Vater, der alle Mann unter sich hatte, dem Ehrenbezeugungen entgegengebracht wurden, wo er sich zeigte, unterliess es doch nie, vor einer Dame aufzustehen, gleichviel, ob sie jung oder alt war, seinen Bekannten die Hand zu küssen, oder irgend einer besonderen Schönheit Ritterdienste zu erweisen. Durch alles das stieg ihre Meinung von der Überlegenheit des weiblichen Geschlechts, und sie betrachtete alle Männer als untergeordnete Wesen. Wenn sie ausritt, war immer ein Reitknecht hinter ihr, der jedesmal stehen blieb, wenn es ihr beliebte, stillzuhalten. Er war wie ihr Schatten; wie er aber aussah, ob er jung oder alt war, davon hatte sie keine Ahnung. Wenn sie jemand gefragt hätte, welchen Geschlechts er war, so hätte sie es nicht sagen können, denn es kam ihr nie in den Sinn, dass der Schatten ein Geschlecht haben könne, und wenn sie im Sattel sass und mit ihrem kleinen Füsschen auf seine Hand trat, so war ihr das vollkommen gleichgiltig, ebenso wenn ihr Kleid manchmal etwas höher flog, als es sollte, es fiel ihr nie ein, auf seine Gegenwart zu achten. Diese Vorstellungen vom Range der Menschen durchdrangen ihr ganzes Leben. Mit den Majors- oder Hauptmannstöchtern konnte sie nie ganz vertraut werden, denn die Väter derselben standen unter ihrem Vater. Auf einem Ball hatte ein Sekondeleutnant gewagt, sie aufzufordern; um ihn für seine Vermessenheit zu bestrafen, sprach sie während des Tanzens kein Wort mit ihm, und war nachher untröstlich, als sie erfuhr, dass es einer der Prinzen gewesen war. Sie, die alle feinen Unterschiede, alle Abzeichen in jedem Regiment wusste, – sie hatte den Prinzen nicht erkannt! Das war ein harter Schlag! Sie war schön, aber der Stolz gab ihrem Wesen eine Schroffheit, die jeden Anbeter abschrecken musste. Ans Heiraten hatte sie noch nie gedacht, denn die Jungen waren noch nichts rechtes, und die Alten, die einen Rang hatten, waren eben zu alt. Wenn sie einen Hauptmann geheiratet hätte, so hätte sie bei Tisch hinter allen Majorsfrauen zurückstehen müssen, – sie, die Generalstochter. Das wäre doch offenbare Degradierung gewesen. Sie hatte auch gar keine Lust, das Anhängsel oder den Salonausputz für einen Mann abzugeben. Sie war gewohnt, dass sie befahl, und dass man ihr gehorchte, sie konnte nicht gehorchen, und gegen alle weiblichen Beschäftigungen hatte sie durch das freie Leben unter Männern einen entschiedenen Widerwillen bekommen. Das sexuelle Leben kam ihr spät zum Bewusstsein. Ihre wenigen weiblichen Bekannten fanden sie kalt und gleichgiltig gegen alles, was sich auf die Beziehungen der beiden Geschlechter zu einander bezog. Sie selbst äusserte auch unverhohlen ihre Missachtung gegen all dergleichen, sie fand es schmutzig und hässlich und konnte es nicht begreifen, wie ein weibliches Wesen sich aus freien Stücken einem Manne hingeben konnte. Für sie war die Natur unrein und Tugend bestand in tadelloser Wäsche, gestärkten weissen Unterröcken und ungestopften Strümpfen. Arm, schmutzig und lasterhaft erschien ihr gleichbedeutend. Die Sommermonate verbrachte sie mit ihrem Vater regelmässig auf ihrem Landgute. Sie liebte das Landleben nicht; der Wald war ihr unheimlich, die See flösste ihr Grauen ein, selbst das hohe Gras der Wiese konnte Gefahren bergen. Die Bauern waren in ihren Augen eine Art hinterlistiger, böser Tiere, und so schmutzig! Ausserdem hatten sie so viele Kinder, und das junge Volk war so unsittlich! Bei grossen festlichen Gelegenheiten, z. B. am Mitsommertage und am Geburtstag des Generals wurden sie auf den Herrenhof entboten, wo sie wie Statisten auf dem Theater »mitwirken«, hurra rufen und tanzen mussten. * Es war wieder einmal Frühling. Helene war allein, ohne Begleitung, auf ihrer Rassestute ausgeritten und ziemlich weit gekommen. Sie wurde müde und stieg ab, band das Pferd an eine Birke, die neben einem eingefriedigten Weideplatz stand, und ging ein Stückchen weiterhin, wo ein paar Orchideen am Grabenrande wuchsen. Die Luft war warm und das Gras und die Birken waren in feuchten Dunst gehüllt. Ab und zu hörte man einen Frosch in den Teich springen. Plötzlich wieherte die Stute und Helene sah sie den schlanken Hals über die Einfriedigung strecken, und mit weitgeöffneten Nüstern die Luft einsaugen. »Alice,« rief sie, »ruhig mein gutes Tier.« Und sie fuhr fort, Blumen zum Strauss zu sammeln, diese zarten, bleichen Orchideen, die ihre Geheimnisse so sorgfältig hinter den dicksten, schönsten, wie aus bunt bedrucktem Stoff gemachten Gardinen verhüllten. Aber da wieherte die Stute von neuem. Von dem Gebüsch her antwortete ein anderes Gewieher, der Wiesenboden dröhnte, kleine Steine rasselten unter gewaltigen Hufschlägen, und plötzlich trat ein schwarzer Hengst hervor. Sein Kopf war gross und stark, die gespannten Muskeln lagen wie Bündel unter der glänzenden Haut. Seine Augen funkelten, als er die Stute erblickte. Erst blieb er stehen und streckte den Hals vor, als ob er auf etwas lauschte, dann zog er die Oberlippe hoch und zeigte seine Zähne, und endlich begann er auf dem Grasplatz umherzugaloppieren, wobei er sich dem Zaune immer mehr näherte. Helene raffte ihre Kleider zusammen und lief hin, um die Zügel zu fassen, aber die Stute hatte sich frei gemacht und setzte über den Zaun; nun begann die Werbung. Helene stand draussen und lockte und rief, aber das wilde Tier hörte nicht, die wilde Jagd ging ihren Gang weiter und die Situation wurde verfänglich. Helene wollte fliehen, denn die ganze Scene flösste ihr Entsetzen ein; sie hatte noch nie die Raserei der Naturmächte in lebenden Geschöpfen entfesselt gesehen, und sie fühlte sich durch diesen unverhüllten Ausbruch bis in ihr Innerstes empört. Sie dachte daran, sich hinzuwagen und ihre Stute fortzuführen, aber sie fürchtete sich vor dem wütenden Hengst; sie wollte fortstürzen und Hilfe holen, – aber das hiess ja nur einen Zeugen der Situation schaffen. Nach Hause konnte sie nicht gehen, das war zu weit. Sie wandte dem Auftritt den Rücken und beschloss zu warten. Da hörte sie Hufschläge auf der Landstrasse. Ein Wagen kam. Helene konnte nicht mehr fliehen, und sie schämte sich, dazubleiben. Jetzt war es aber zu spät, der Wagen fuhr langsamer und blieb schliesslich ganz in ihrer Nähe stehen. »Ja, aber es ist doch grandios!« sagte die eine Dame im Wagen und zog ihre goldene Lorgnette hervor, um das Schauspiel genauer zu betrachten, das jetzt in vollem Gange war. »Aber weshalb, um Gottes willen, bleiben wir denn stehen!« schrie die andre Dame, »so fahren Sie doch zu!« »Ist es denn aber nicht schön?« fragte die ältere Dame wieder, während der Kutscher in seinen grossen Bart schmunzelte und die Pferde wieder in Trab brachte, »Du bist wirklich prüde, liebe Amalie, für mich ist das derselbe Genuss, wie ein Gewitter zu beobachten, oder eine Sturzsee ...« Mehr hörte Helene nicht, sie war ganz vernichtet von Ärger, Scham und Entsetzen. Da kam ein Bauernbursche den Weg entlang. Helene eilte ihm entgegen, um ihn zu verhindern, etwas zu sehen, und zugleich um seine Hilfe zu erlangen; aber er war schon zu weit gekommen. »Ja! Das wird wohl dem Müller sein Schwarzer sein,« sagte er mit nachdenklicher Miene. »Da ist es am besten, man wartet, bis es vorbei ist, denn mit dem ist nicht gut anbinden. Wenn das Fräulein nach Hause geben will, ich bringe das Pferd schon nach.« Und froh, die Sache los zu sein, eilte Helene fort. Als sie heimkam, war sie krank. Ihre Stute wollte sie nicht mehr vor Augen sehen, sie war unrein. Dieses unbedeutende Ereignis übte einen stärkeren Einfluss auf Helenens Wesen aus, als man hätte glauben sollen. Dieser brutale Ausbruch eines Naturtriebes verfolgte sie wie der Gedanke an eine Hinrichtung: er beschäftigte sie bei Tag und Nacht bis in ihre Träume hinein, flösste ihr ein Entsetzen vor der Natur ein, und veranlasste sie, ihr Amazonenleben aufzugeben. Sie blieb im Hause und begann zu lesen. Es gab eine Bibliothek im Herrenhaus, aber leider hatte seit dem Vater des Generals niemand etwas für sie gethan. Die Bücher waren also durchgehends eine Generation zu alt für sie, und so bekam sie etwas verstaubte Ideale. Die »Corinna« der Frau v. Staël fiel ihr zuerst in die Hände. Es sah aus, als wäre es viel gelesen worden. Der Einband, grün und gold, Empirestil, war abgegriffen, die Ränder der Seiten voller Bleistiftstriche und Bemerkungen von der verstorbenen Mutter des Generals; da war die ganze Geschichte einer Seele aufgezeichnet. Unzufriedenheit mit der Prosa des Lebens, der Rauhheit der Natur, hatte ihre Phantasie erhitzt, und sie veranlasst, sich eine Traumwelt aufzubauen, in der die Seelen ohne Körper lebten. Diese Welt war aristokratisch, denn vor allem war oekonomische Unabhängigkeit notwendig, wenn man seine Gedanken ganz dem Seelischen schenken will; das war das Evangelium der Reichen, diese Hirnüberreizung, die man Romantik nennt, die zur Lächerlichkeit herabsinkt, wenn sie in die Unterklassen dringt. Corinna wurde nun Helenens Ideal. Die Dichterin, die Eingebungen von oben bekam, die wie die Nonnen des Mittelalters ein Keuschheitsgelübde abgelegt hatte, um ihre erhabene Reinheit nicht zu verlieren, die von der grossen Menge angestaunt wurde als ein himmelhoch über sie erhabenes Wesen. Das war im Grunde nichts anderes, als das Generalsideal in eine andere Sphäre übertragen: Honneur machen, – erster Platz, – Präsentiert das Gewehr! Sie fing nun an, sich ganz von der Aussenwelt zurückzuziehen und über ihr Ich nachzugrübeln. Die Randbemerkungen in dem Buch der verstorbenen Mutter begannen Früchte zu tragen. Sie identifizierte sich schliesslich mit Corinna und mit ihrer Mutter zugleich und brachte viel Zeit damit zu, über ihren Beruf nachzugrübeln. Dass sie dazu bestimmt war, für ihr Geschlecht zu leben, Wachstum und Gedeihen der Keime zu befördern, die die Natur in sie gelegt hatte, diese Gedanken wies sie von sich; nein, ihr Beruf war, der Menschheit ihre Gedanken, ihre Ideen zu offenbaren, die ans Licht drängten. Sie begann zu schreiben, und versuchte sich sogar eines Tages mit Versen; sie glückten ihr, d. h. die Zeilen wurden gleich lang und die Enden reimten sich. Da ging es wie ein Licht vor ihr auf: sie war zur Dichterin geboren. Es fehlten ihr nur die Gedanken, – und die lieferte ihr Mad. de Staëls Buch fix und fertig. Und so entstanden eine Menge Gedichte. Aber nun sollte die Welt auch Teil daran haben, und das war nun einmal nur durch die Druckerpresse möglich. Eines Tages sandte sie eines ihrer Werke, das sie mit »Corinna« gezeichnet hatte, einer illustrierten Zeitung ein. Mit klopfendem Herzen trug sie es zur Post, und als sie es in den Kasten fallen liess, sandte sie ein stilles Stossgebet zum lieben Gott empor. Die darauffolgenden vierzehn Tage waren schrecklich, sie konnte weder essen noch trinken und vermied menschliche Gesellschaft. Am nächsten Sonntag, als die Nummer des Blattes kam, zitterte sie wie in einem Fieberanfall, und sank haltlos zusammen, als sie ihr Gedicht weder abgedruckt, noch auch im »Briefkasten« mit einem Worte erwähnt fand. Am nächsten Sonntag wanderte sie, sicher, diesmal doch wenigstens eine Antwort zu finden, mit der neuen Nummer des Blattes in den Wald hinaus. Weit draussen, in einem versteckten Winkel, zog sie das Blatt hervor, sah sich vorsichtig spähend nach allen Seiten um, und begann nun mit den Blicken hastig die Spalten zu überfliegen. Dort stand nur ein Gedicht, – es war nicht das ihre. Nun ging sie zum »Briefkasten« über, aber nach dem ersten Blick, den sie auf die kurzen kleinen Zeilen geworfen, ballte sie das Blatt zu einem Klumpen zusammen und warf es weit weg. Das war der erste Schimpf, der ihr zugefügt worden war. Ein ganz unbekannter, obskurer Zeitungsschreiber hatte ihr zu bieten gewagt, was noch nie jemand sich unterstanden hatte, – er hatte ihr eine Grobheit gesagt: »Die Corinna von 1807 hätte Essen gekocht und Kinder gewiegt, wenn sie nach 1870 gelebt hätte. Sie sind aber keine Corinna.« Da stand ihr zum erstenmal »der Erbfeind«, der Mann, gegenüber. Essen kochen und Kinder wiegen! Gewiss, das war etwas für sie! Helene ging nach Hause zurück. Sie fühlte sich am ganzen Körper wie zerschmettert. Aber als sie ein paar Schritte gethan hatte, kehrte sie plötzlich um. Wenn jemand die Zeitung fände! Da wäre sie ja verraten. Sie ging zurück, suchte sich ein Stöckchen, zog das Zeitungsblatt aus dem Gebüsch hervor und glättete es. Dann hob sie ein Stück Moos auf, verbarg das Blatt darunter und legte einen Stein darauf. Es war eine begrabene Hoffnung. * Im Herbst starb ihr Vater. Da er viel gespielt und meist Pech gehabt hatte, hinterliess er eine Menge Schulden. Aber da er General war, so machte das nichts. Helene brauchte sich nicht in einen Cigarrenladen zu stellen, sondern wurde von einer bisher unsichtbaren Tante aufgenommen. Aber mit des Vaters Tode trat eine eingreifende Änderung in Helenens Leben ein. Alles Gewehrpräsentieren hörte von selbst auf. Die Regimentsoffiziere begannen ihr freundschaftlich zuzunicken, und auf den Bällen wagten es die jüngsten Leutnants, sie aufzufordern. Jetzt kam sie erst dahinter, dass all ihre Hoheit nicht in ihrem persönlichen Wert beruhte, sondern nur entlehnt war. Sie fühlte sich degradiert, empfand plötzlich lebhafte Sympathie für alle Subalternen, und spürte in ihrem Innern einen förmlichen Hass gegen alle, die den hohen Rang einnahmen, welchen sie früher gehabt hatte. Damit wuchs auch ihr Bedürfnis nach persönlicher Anerkennung, nach einem Rang, der sie über alle erhob, wenn er auch nicht in der Rangliste eingezeichnet stand. Sie wollte sich auszeichnen, durchdringen und herrschen. Da wurde ihr ein Platz als Hofdame angeboten, und sie nahm ihn an. Nun gab es wieder Trommelwirbel und »Präsentiert das Gewehr!« und Helenens Sympathie für die Subalternen nahm merklich ab. Aber der Sinn ist unbeständig wie das Glück, und mit neuen Erfahrungen bildeten sich bei Helene neue Ansichten. Sie entdeckte nämlich eines Tages, und zwar sehr bald, dass sie eigentlich nichts anderes war, als eine Dienerin. Eines Tages sass sie mit der Herzogin zusammen, die an einer Häkelei arbeitete. »Ich finde alle Blaustrümpfe dumm,« sagte die Herzogin plötzlich. Helene wurde aschgrau im Gesicht und fixierte ihre Herrin. »Das finde ich nicht,« sagte sie. »Ich habe nicht zu wissen verlangt, was Sie finden,« sagte die Herzogin und liess ihre Häkelnadel fallen. Helene zitterte an allen Gliedern und ihre ganze Zukunft zog in einem Nu an ihr vorüber, aber sie bückte sich nach der Häkel-Nadel. Es knackte in ihrem Korsett, und sie war dunkelrot, als sie sie der Herzogin überreichte, die ihr nicht dafür dankte. »Sind Sie böse?« fragte die Herzogin und sah ihr Opfer mit impertinenter Miene an. »Nein, königliche Hoheit,« brachte Helene über sich, zu entgegnen. »Man hat mir gesagt, Sie wären ein Blaustrumpf,« fuhr die Herzogin fort, »ist das wahr?« Helene antwortete nichts. Wieder fiel die Häkelnadel herunter. Helene that, als sähe sie es nicht, und biss sich in die Lippen, um die Thränen, die der Zorn ihr in die Augen trieb, zu unterdrücken. »Ach, heben Sie mir doch einmal meine Häkelnadel auf,« sagte die Herzogin. Helene richtete sich auf, sah der Despotin gerade ins Gesicht und sagte: »Nein, das will ich nicht.« Damit ging sie fort; der Sand knirschte unter ihren Füssen und durch ihre Schleppe wurden kleine Staubwölkchen aufgewirbelt. Fast springend eilte sie die Treppe hinan und verschwand im Schlosse. Damit war ihre Carrière bei Hofe abgeschlossen. Aber ein Stachel blieb zurück; Helene lernte kennen, was es hiess, in Ungnade gefallen zu sein, und noch deutlicher merkte sie, was es bedeutete, eine Stelle verloren zu haben. Die Gesellschaft liebt es nicht, dass die Menschen ihre Plätze wechseln, und man konnte es gar nicht fassen, wie sie freiwillig auf den Sonnenschein des Hoflebens verzichten konnte. Sie musste »entlassen« worden sein, – natürlich! Das war das rechte Wort: entlassen. Das war für sie die grösste Demütigung, die sie erfahren hatte. Sie fühlte sich als eine Deklassierte, als sie merkte, wie ihre Verwandten sich von ihr zurückzogen, als fürchteten sie, die hohe Ungnade könnte ansteckend sein und ihnen schaden. Sie merkte, wie ihre Freundinnen kühl gegen sie wurden und ihren Gruss auf ein Minimum reduzierten, aber auf der andern Seite wurde sie von allen Angehörigen der Mittelklasse, die sie jetzt zu sich herabsteigen sahen, mit rührender Vertraulichkeit aufgenommen. Anfangs war ihr das schrecklicher als die Kälte ihres eigenen Kreises, aber schliesslich sah sie ein, dass es entschieden besser war, die erste Rolle hier unten zu spielen, als dort oben die letzte, und so suchte sie Anschluss an einen Kreis von Civilbeamten und akademischen Lehrern, wo sie mit offnen Armen aufgenommen wurde. Huldigungen über Huldigungen wurden ihr entgegengebracht; hier war sie selbst General und hatte bald einen ganzen Stab junger Gelehrter zu befehligen. Sie rief Vorlesungen für Frauen ins Leben. Alter akademischer Trödelkram wurde hervorgeholt, abgestaubt und als etwas ganz Neues ausposaunt. Man las in einem abgeräumten Speisesaal über Plato und Aristoteles vor einem Publikum, dem natürlicherweise die Schlüssel zu diesem Heiligenschrein der Weisheit fehlten. Helene fühlte sich jetzt durch die Eroberung solcher Freimaurergeheimnisse hoch über die unwissende Aristokratie erhaben, und das gab ihrem Auftreten eine imponierende Sicherheit und Überlegenheit. Die Männer verehrten sie um ihrer Schönheit und Unnahbarkeit willen, aber sie empfand nie etwas wie Unruhe in ihrer Gegenwart; sie nahm ihre demütigen Huldigungen wie einen notwendigen Tribut hin, und empfand wenig Achtung für diese Bedienten, die jedesmal diensteifrig aufsprangen, wenn sie an ihnen vorbeikam. Aber ihre Situation als unverheiratetes Mädchen war auf die Dauer unbefriedigend, und sie sah mit einigem Neid auf die Freiheiten, die die Frauen genossen. Sie durften allein auf der Strasse gehen, mit jedem Manne sprechen, den sie trafen, abends fortbleiben, so lange sie wollten, und sich von ihren Männern wie von Bedienten abholen lassen. Ausserdem besass eine Frau gewissermassen mehr Rang, mehr Macht, Wie herablassend behandelten alle Verheirateten die jungen Mädchen! – Aber beim Gedanken an die Heirat tauchte sofort das Erlebnis mit der Stute in ihr auf, und ein Entsetzen überfiel sie, das sie förmlich krank machte. Um diese Zeit trat eine neue Erscheinung in Helenens neuem Umgangskreise auf: eine junge, sehr schöne Professorsfrau aus Upsala. Helenes Stern begann zu erbleichen und alle ihre geistigen Anbeter wurden ihr untreu und beteten den neuen Stern an. Helene hatte nicht mehr Generalsrang, auf den sie sich stützen konnte, wie früher, der Duft von Hof und Militär war verdunstet wie das Parfüm von einem Taschentuch, – sie fühlte sich hilflos geschlagen. Der einzige, der ihr noch treu war, war ein Dozent der Ethik, der sich früher nicht recht an sie herangewagt hatte. Jetzt war seine Zeit gekommen. Von jetzt an wurden seine Aufmerksamkeiten gnädig angenommen, auch flösste ihr seine strenge Ethik unbegrenztes Vertrauen ein. Eines Abends sassen sie beide auf Schaukelstühlen in dem abgeräumten Speisesaal, wo der junge Dozent gegen freie Reise und einiges Händedrücken einen Vortrag gehalten hatte über das Thema: »Das ethische Moment in der ehelichen Liebe« oder »Die Ehe als Manifestation der absoluten Identität.« »Sie halten also die Ehe für ein Coexistenzverhältnis zwischen zwei identischen Ichwesen?« »Ich meine,« entgegnete er, »wie ich schon in meinem Vortrag die Ehre hatte, klarzulegen, dass das Dasein nur unter einem Relationsverhältnis zwischen zwei kongruenten Identitäten zu einem Bleibenden in höherer Potenz konfluieren kann.« »Was ist ein Bleibendes?« fragte Helene und errötete. »Das ist die Postexistenz zweier Vitalitäten in einem neuen Ich.« »Wie? Sie meinen also, dass die Kontinuität des Ich sich notwendigerweise in einem konkreten Wesen verkörpern muss? ...« »Nein, mein Fräulein, ich wollte nur sagen, dass, – um mich der profanen Sprache zu bedienen, die Ehe nur unter der Bedingung der Kompatibilität der Seelen durch Reciprocität ein neues geistiges Ich hervorbringen soll, welches nicht sexuell differenziert werden kann. Ich meine, dass das neue Wesen, welches in der Ehe hervorgebracht wird, ein Konglomerat von Mann und Frau sein soll, ein neues Wesen, in welchem beide ihre Persönlichkeit aufgeben, eine Einheit der Mannigfaltigkeit, kurz, um mich eines bekannten Ausdrucks zu bedienen, das Phänomen homme-femme. Der Mann soll aufhören Mann, das Weib, Weib zu sein.« »Also Vereinigung der Seelen,« rief Helene aus, froh, an dieser schwierigen Klippe vorbei zu sein. »Es ist die Harmonie der Seelen, von der Plato spricht. Es ist die wahre Ehe, wie ich sie stets geträumt habe, wie ich sie aber bei unserem heutigen Gesellschaftszustande leider – hm – nie zu realisieren hoffen darf.« Helene sah zu dem Haken in der Mitte der Decke empor und flüsterte: »Weshalb sollten Sie, – der zur geistigen Elite gehört, Ihren Traum nicht realisiert sehen?« »Weshalb? Weil die, zu der meine Seele sich hingezogen fühlt, nicht, – hm, – nicht an die Liebe glaubt.« »Das ist wohl nicht so ausgemacht, ob sie daran glaubt oder nicht.'' »Und selbst, wenn sie es thäte, so würde sie immer an der Aufrichtigkeit dieser Gefühle zweifeln. Im übrigen, – es giebt gewiss kein weibliches Wesen, das mich lieben könnte, – keins!« »O doch,« sagte Helene und sah ihm in das Emailauge (er hatte nämlich ein Emailauge, das vorzüglich gemacht war). »Sind Sie dessen gewiss?« »Ja,« sagte Helene, »denn Sie sind nicht wie andre Männer; Sie verstehen, was Liebe der Seelen bedeutet, – Liebe der Seelen!« »Und wenn sich dieses Mädchen fände, so würde ich doch nie eine Ehe mit ihr eingehen.« »Weshalb nicht?« »In demselben Zimmer wohnen! Nein!« »Das ist nicht nötig! Mme. de Staël teilte mit ihrem Manne wohl die Wohnung, aber nicht dasselbe Zimmer. »Wirklich?« »In was für interessante Gespräche sind die Herrschaften vertieft?« fragte die Professorin, die soeben aus dem Salon trat. »Wir sprachen vom Laokoon,« entgegnete Helene und stand auf, verletzt von dem überlegenen Ton der jungen Frau. Und damit war ihr Beschluss gefasst. Acht Tage später wurde die Verlobung zwischen Helene und dem Professor der Ethik veröffentlicht, sie wollten im Herbst heiraten und sich in Upsala niederlassen. * Die Hochzeitsgäste waren gegangen, die Diener hatten die Tafel abgeräumt, das junge Paar war allein. Helene war verhältnismässig ruhig, aber er war dafür nervös im höchsten Grade. Ihre Verlobungszeit war ihnen in ernsthaften Unterhaltungen vergangen, und nie hatten sie es getrieben wie andre Brautleute, nie hatten sie einander umarmt und geküsst. Bei jeder Annäherung hatten Helenens kalte Blicke ihn entwaffnet. Aber er liebte sie, wie eben ein Mann ein Weib liebt, mit Leib und Seele. Sie gingen auf dem Teppich im Salon auf und nieder und suchten nach einem Gesprächsthema, aber das Schweigen stellte sich hartnäckig immer wieder ein. Die Lichter im Kronleuchter waren herabgebrannt, der Raum war noch von Essengeruch und Weindunst erfüllt und auf der Spiegelkonsole lag Helenens Bouquet und strömte seine Heliotrop- und Nelkendüfte aus. Endlich blieb er vor ihr stehen, breitete seine Arme aus und sagte in gezwungen scherzendem Ton: »So bist Du nun also mein Weib!« »Was meinst Du damit?« fragte Helene hastig. Er fühlte sich entwaffnet und liess die Arme sinken, aber er ermannte sich und sagte mit verkniffenem Lächeln: »Nun, ich meine, wir sind jetzt Mann und Frau.« Helene mass ihn mit; einem Blick, als hätte sie einen Betrunkenen vor sich. »Erkläre Dich, bitte, etwas näher,« meinte sie. Das war eben das, was er nicht konnte. Alle philosophischen und ethischen Landungsbrücken wurden hochgezogen und er stand vor der kalten, höchst ungemütlichen Wirklichkeit. Sie ist verschämt, dachte er bei sich, das ist ihr gutes Recht, aber ich müsste nun wohl auch meine Rechte geltend machen. »Hast Du mich missverstanden?« fragte Helene und ihre Stimme begann zu zittern. »Nein, ganz gewiss nicht, – aber, – mein Herzchen, hm, – meine Liebe, – hm, wir hm ...« »Was für einen Ton schlägst Du eigentlich an? Mein Herzchen? Wofür hältst Du mich eigentlich, und was sind Deine Absichten? – Oh Albert, Albert,« fuhr sie fort, ohne eine Antwort auf ihre vielen Fragen abzuwarten. »Sei gross, sei edel und lerne es, im Weibe etwas höheres zu sehen, als bloss das Weib! Thu' das, so wirst Du glücklich und gross werden.« Albert war besiegt. Voller Zerknirschung und Scham fiel er vor ihr auf die Kniee und stammelte: »Verzeih! Helene, Du bist edler als ich, reiner, besser, – Du musst mich zu Dir emporheben, wenn ich in den Staub sinke.« »Steh auf, Albert, und sei stark,« sagte Helene mit prophetischem Tonfall, »gehe in Frieden, und zeige der Welt, dass die Liebe etwas andres ist, als die niedrige tierische Begierde. Gute Nacht!« Albert erhob sich und sah zögernd seiner Frau nach, die in ihr Zimmer ging und die Thür hinter sich verschloss. Von den reinsten Gefühlen und edelsten Absichten erfüllt ging nun auch Albert in sein Zimmer, warf den Rock ab und zündete sich eine Cigarre an. Es war ein richtiges Junggesellenzimmer, das er sich eingerichtet hatte, mit einem Schlafsofa, Schreibtisch, Bücherregalen und einer Kommode. Er entkleidete sich, wusch sich mit kaltem Wasser, streckte sich auf sein Sofa und ergriff das erste, beste Buch, um darin zu lesen. Bald aber liess er das Buch sinken und begann über seine Situation nachzudenken. War er nun ein verheirateter Mann oder Garçon? Er war Junggeselle wie früher, nur mit dem Unterschiede, dass er einen weiblichen Pensionär im Hause hatte, der keine Pension zahlte. Das war kein verlockender Gedanke, aber es war die Wahrheit. Die Köchin sollte die Küche besorgen, das Stubenmädchen die Zimmer aufräumen, was würde Helene da zu thun haben? Sich entwickeln. Ach Gewäsch! dachte er, das ist ja der reine Nonsens, und er fand sich selber lächerlich. Plötzlich fiel es ihm ein, ob nicht vielleicht das alles die gewöhnliche weibliche Ziererei war! – Sie konnte nicht zu ihm kommen, er musste wohl zu ihr gehen ... Wenn er nicht kam, lachte sie ihn vielleicht am andern Morgen aus, oder noch schlimmer, fühlte sie sich vielleicht verletzt und gekränkt ... Ja, ja, die Frauenzimmer waren einmal unbegreiflich und der Versuch musste jedenfalls gemacht werden. Er sprang auf, warf sich den Schlafrock um und ging in den Salon. Er lauschte, mit schlotternden Knieen, ob er vielleicht aus Helenens Zimmer einen Laut vernähme. Nichts! Da fasste er Mut und näherte sich der Thür; vor seinen Augen tanzten blaue Lichter, als er anklopfte. Keine Antwort. Er zitterte am ganzen Körper und der kalte Schweiss brach ihm aus. Er klopfte noch einmal und brachte mühsam die Worte heraus: »Ich bin es nur!« Keine Antwort! Da begann er wieder, sich seiner selbst zu schämen und kehrte abgekühlt und ernüchtert in sein Zimmer zurück. Es war ihr also Ernst! Er legte sich wieder hin und nahm die Zeitung, aber er hatte noch nicht lange gelegen, als er Schritte auf der Strasse hörte, die allmählich in einen gelinden Trab übergingen und endlich verstummten. Dann hörte man ein paar vereinzelte musikalische Laute und endlich setzte ein Doppelquartett ein: »Integer vitae scelerisque purus.« ... Er war gerührt! Wie schön das war! Purus. Er fühlte sich über die Materie erhaben. Es lag gleichsam im Zeitgeiste, diese Forderung nach einer mehr idealen Auffassung der Ehe. Die junge Generation war von dem ethischen Strome erfasst worden, der durch die Zeit ging. Nec venelatis ... Wenn nur Helene die Thür geöffnet hätte! Er nickte sachte zum Takt und kam sich so gross vor, so edel, wie Helene ihn gewollt hatte. Tusce pharetra. Ob er das Fenster öffnen, und der studierenden Jugend danken sollte? ... Er erhob sich. Ein vierfacher gellender Hahnenschrei schallte zum Fenster empor, gerade als Albert das Rouleau aufziehen wollte. »Ja, so war es, – man lachte! Wütend drehte er sich um und stiess im Zimmer an den Schreibtisch, Er war lächerlich. Ein leises Gefühl des Hasses gegen die Urheberin dieser demütigenden Scene begann in ihm sich zu regen, aber seine Liebe sprach sie bald von allem frei, und seine Wut richtete sich gegen diese Narren, diese Schelme, die er vors Konsistorium bringen wollte, – jawohl! Aber er kam immer wieder auf sich selbst zurück und konnte es sich nicht verzeihen, dass er sich hatte an der Nase herumführen lassen. Er ging im Zimmer auf und ab, und sank endlich auf sein Lager, wo er in bitterem Unmut über den Schluss dieses Tages einschlief. Das war ein feiner Hochzeitstag, – der der schönste im Leben sein sollte. * Am nächsten Morgen beim Kaffeetisch traf er Helene. Sie war kalt und vornehm wie gewöhnlich. Albert wollte natürlich die Serenade nicht erwähnen. Helene entwickelte grossartige Zukunftspläne besonders zur Aufhebung der Prostitution. Albert war entgegenkommend und versprach sein möglichstes zu thun. Die Menschen mussten zur Keuschheit gebracht werden. Unkeusch lebten nur die Tiere. Darauf ging er ins Kolleg. Misstrauisch beobachtete er sein Auditorium, das ganz besondere Mienen aufzusetzen schien, misstrauisch nahm er die Glückwünsche seiner Kollegen entgegen, die ihm alle so eigentümlich vorkamen, dass er sich im Innersten verletzt fühlte. Ein dicker, fetter, lebenslustiger Adjunkt stellte sich ihm in einem der Korridore mitten in den Weg, fasste ihn am Rockaufschlag und fragte mit einem kolossalen Grinsen auf seinem Gesicht: »N–na«!? »Unsinn!« war das einzige, was der Neuvermählte herausbringen konnte, indem er sich losriss und fortstürzte. Bei seiner Heimkunft fand er sein Haus voller »Freundinnen.« Albert verwickelte seine Beine in Schleppen und verschwand schliesslich in einem Fauteuil, halb versteckt von Weiberröcken. »Nun, und Sie haben gestern auch ein Ständchen gehabt?« fragte die schöne junge Professorin. Albert erblasste, aber Helene antwortete ganz ruhig: »Ach, es war ja nicht weit her damit! Vor allem hätten die Beteiligten wenigstens nüchtern sein sollen; die Trunksucht unter der studentischen Jugend hier ist wirklich entsetzlich!« »Was haben sie denn gesungen?« fragte die Professorin weiter. »Ach, das, was sie gewöhnlich singen: ›Das Leben gleicht den Meereswellen‹ und dergleichen,« sagte Helene. Albert schaute erstaunt und bewundernd zu ihr hinüber. Der Tag verging mit allerlei Diskussionen, die Albert auf die Dauer ermüdeten. Sich nach des Tages Arbeit ein paar Stunden mit Frauenzimmern zu unterhalten, war angenehm genug, – aber das hier war etwas zu viel davon. Und dabei musste er noch beständig zu allem ja sagen, denn wenn er den Versuch machte, zu widersprechen, wurde er überstimmt. So wurde es Abend und Zeit, zu Bett zu gehen: sie sagten sich Gute Nacht und jeder ging in sein Zimmer. Wieder wurde er von Zweifel und Unruhe geplagt. Er glaubte, einen zärtlichen Blick in Helenens Augen entdeckt zu haben, und er war nicht ganz sicher, ob sie ihm nicht die Hand leise gedrückt hatte. Er zündete seine Cigarre an und nahm die Zeitung vor, warf sie aber bald wieder fort und sprang auf. Er zog seinen Schlafrock an und schlich in den Salon. Er hörte, dass sich in Helenens Zimmer noch etwas rührte. Da klopfte er an. »Sind Sie es, Louise,« rief es von innen. »Nein, ich bin es nur,« flüsterte er halblaut und fast atemlos. »Was ist geschehen? Was willst Du?« »Ich muss noch einmal mit Dir sprechen, Helene,« entgegnete er, fast sinnlos vor Erregung. Der Schlüssel wurde im Schlosse umgedreht, – Albert traute seinen Ohren kaum, – und die Thür ging auf. Da stand Helene, noch völlig angekleidet. »Was willst Du?« fragte sie. Aber in demselben Augenblick sah sie, dass er nicht angekleidet war, und dass seine Augen so eigentümlich glänzten. Mit ausgestreckten Armen stiess sie ihn zurück und warf die Thür zu. Er hörte etwas wie einen zur Erde niederfallenden Körper und darauf heftiges Weinen. Verzweifelt und beschämt kam er in sein Zimmer zurück. Es war also voller Ernst. Aber das war sicher etwas Abnormes. Eine durchwachte Nacht mit allerlei Grübeleien erfüllt, war das Resultat und am nächsten Morgen musste er seinen Frühstückskaffee einsam trinken. Als er mittags nach Hause kam, ging ihm Helene mit resigniertem, schmerzlichem Gesichtsausdruck entgegen. »Warum hast Du mir das angethan?« fragte sie. Er bat um Verzeihung, aber ganz kurz. Seine Gesichtsfarbe wurde ganz grau, seine Augen sahen erloschen aus; seine Stimmung war ungleich, und er verbarg stets eine dumpfe Wut unter einem kühlen Äusseren. Helene fand ihn verändert und despotisch, weil er ihr zu widersprechen und die von ihr veranstalteten Zusammenkünfte zu vermeiden begann, um sich Verkehr ausser dem Hause zu suchen. Eines schönen Tages wurde ihm der Vorschlag gemacht, sich um eine Professur zu bewerben. Da er seine Mitbewerber sich für überlegen hielt, wollte er keinen Versuch machen, aber Helene bestürmte ihn so lange, bis er ihren Bitten nachgab Er wurde ernannt; weshalb, wusste er nicht, aber Helene wusste es. Zur selben Zeit war Reichstagswahl. Der neue Professor, der nie daran gedacht hatte, am politischen Leben teilzunehmen, war fast erschrocken, als er seinen Namen auf der Liste der Kandidaten sah, und noch erschrockener, als er wirklich gewählt wurde. Er dachte daran, abzulehnen, aber Helenens Vorstellungen, wie gut es sein würde, die Kleinstadtverhältnisse mit dem Leben in der Hauptstadt zu vertauschen, bestimmten ihn dazu, das Mandat anzunehmen. Und so reisten sie nach Stockholm. * Indessen war der neue Reichstagsabgeordnete und Professor während seines halbjährigen Ehelebens, das eigentlich ein Junggesellenleben war, mit den neuen Ideen in Berührung gekommen, die darauf ausgingen, die ganze alte Gesellschafts- und Morallehre umzustürzen und fühlte den Zeitpunkt nahe, wo es zwischen ihm und seiner »Pensionärin« zum Bruche kommen musste. In Stockholm mit seinen modernen Strömungen begann er förmlich zu einem neuen Dasein aufzuleben. Die Liebe zu seiner Frau hatte sich abgekühlt, er suchte seine Freuden ausser dem Hause, ohne dabei das Gefühl zu haben, dass er damit eine Untreue an seiner Frau beging, da ja in einem Verhältnis, das gar nicht existiert, auch nicht von Treue die Rede sein konnte. In der Berührung mit dem andern Geschlecht wurde ihm auch erst so recht sein Erniedrigungszustand klar. Helene sah, wie er ihr immer fremder wurde, ihr Zusammenleben wurde unerquicklich und eine Katastrophe schien unausbleiblich. Der Tag der Reichstagseröffnung kam heran. Helene sah unruhig aus und schien ihr Wesen dem Manne gegenüber geändert zu haben. Ihre Stimme bekam einen weicheren Klang, und sie schien sich Mühe zu geben, ihrem Manne alles recht zu machen; sie fing an, die Dienstboten zu beaufsichtigen, und danach zu sehen, dass alles in Ordnung war und die Mahlzeiten zur rechten Zeit auf dem Tische standen. Er beobachtete sie mit Misstrauen und machte sich auf irgend etwas Ungewöhnliches gefasst. Eines Morgens beim Kaffeetisch sah Helene verlegen aus, was sonst nicht ihre Gewohnheit war; sie zupfte an der Serviette, und hüstelte ab und zu. Schliesslich fasste sie Mut und brachte ihr Anliegen vor. »Albert,« begann sie, »Du wirst doch gewiss mir und der Sache, der ich diene, einen Dienst leisten, nicht wahr?« »Was ist das für eine Sache?« fragte er kurz und trocken, denn nun, wusste er, begann der Überfall. »Du wirst doch etwas für die unterdrückten Frauen thun, nicht wahr?« »Wer sind die unterdrückten Frauen?« »Was? Du hast unsere Sache, unsere grosse Sache verraten?« »Was ist das für eine Sache?« »Die Sache der Frauen!« »Ich kenne keine solche!« »Du kennst keine solche? O! Du! Ist denn nicht das Weib aus dem Volke im Zustande der schmählichsten Unterdrückung?« »Nein, ich sehe nicht ein, dass die Frau mehr unterdrückt ist, als der Mann aus dem Volk. Befreie ihn von seinen Ausbeutern und sein Weib wird auch befreit sein.« ,,Aber die Unglücklichen, die sich verkaufen müssen – – – und die schlechten Männer«– – »Die so schlecht sind, zu bezahlen, nicht wahr? Hast Du gesehen, dass irgend jemand für etwas bezahlt, das alle beide Teile gemessen?« »Darum handelt es sich nicht, es handelt sich nur darum, dass das Gesetz ungerecht verfährt, wenn es den einen Teil bestraft und den andern nicht.« »Das ist keine Ungerechtigkeit. Der eine Teil hat sich dadurch, dass er sich verkauft, aufs äusserste erniedrigt, und sich zu einer Quelle der scheusslichsten Ansteckung gemacht. Der Staat behandelt sie daher wie einen tollen Hund. Wenn Du einen Mann findest, der sich ebenso tief erniedrigt, – gut, – dann stelle ihn auch unter Polizeiaufsicht! Ach, Ihr reinen Engel Ihr, die Ihr den Mann verachtet, wie ein unreines Tier! Was willst Du eigentlich von mir? Was soll ich thun?« Jetzt erst sah er, dass sie ein Manuskript in der Hand hatte, – er nahm es ihr ab und begann zu lesen. »Eine Vorlage für den Reichstag? Ich soll also der Strohmann sein, und dieses Zeug befürworten? Ist das etwa moralisch? Kannst Du das mit Deinem Gewissen verantworten?« Helene stand auf, brach in Thränen aus und warf sich auf das Sofa. Er näherte sich ihr, ergriff ihre Hand und fühlte den Puls, ob sie etwa fieberte. Sie griff krampfhaft nach seiner Hand und drückte sie an ihre Brust. »Verlass' mich nicht,« schluchzte sie, »bleib bei mir und lass' mich an Dich glauben.« Es war das erste Mal, dass sie ihren Gefühlen freien Lauf liess. Dieser schöne Körper, den er bewundert und geliebt hatte, konnte also Leben bekommen! Es rollte also warmes Blut in diesen Adern, diese schönen Augen konnten also Thränen vergiessen! Er streichelte ihre Stirn »Ach,« sagte sie, »wie gut das thut, wenn Du mich so streichelst! O Albert, so sollte es immer sein!« »Ja, – und weshalb ist es denn nicht so, – weshalb?« Helene schlug die Augen nieder und wiederholte nur leise: »weshalb.« Ihre Hand lag zögernd in der seinen, und er fühlte, wie eine schöne Wärme von ihr ausging und wie alles wieder aufwachte, was er je für sie gefühlt hatte, – diesmal aber war er voller Hoffnung. Endlich erhob er sich. »Verachte mich nicht,« sagte sie, »hörst Du, verachte mich nicht!« Und sie ging in ihr Zimmer. Was war das? fragte Albert sich selbst beim Ausgehen. Machte sie eine Krisis durch? Begann erst jetzt ihr Leben als Weib? Er war den ganzen Tag vom Hause fort. Als er heimkam, sah er in Helenens Zimmer Licht. So leise er konnte, ging er daran vorbei, – drinnen hörte er ein leises Husten. Dann ging er in sein Zimmer, nahm die Zeitung und eine Cigarre und begann zu lesen. Plötzlich hörte er die Thür zu Helenens Zimmer gehen und gleich darauf leise Schritte im Salon. Er sprang auf, um nachzusehen, was passiert sei; sein erster Gedanke war: Feuer. Im Salon stand Helene im Nachtkleide. Als sie ihren Mann erblickte, stiess sie einen kleinen Schrei aus und stürzte in ihr Zimmer zurück, wo sie mit vorgestrecktem Kopf stehen blieb. »Verzeih, Albert! Warst Du es? Ich wusste gar nicht, dass Du schon zu Hause bist, und dachte, es wären Diebe.« Und dann schloss sie ihre Thür wieder zu. Was bedeutete das? Erwachte die Liebe in ihr? Er blieb vor dem Spiegel stehen. Konnte ein Weib ihn lieben? Er war ja hässlich. Aber wenn die Seelen einander lieben, – – und es gab ja soviele hässliche Männer, die schöne Frauen hatten. Aber dann waren diese Männer wohl meistens reich oder in angesehener Stellung. Sollte Helene das Falsche in ihrer Lage eingesehen haben? Oder hatte sie gemerkt, dass er ihr immer fremder wurde und wollte sie ihn wiederhaben? Er wusste nicht, was er denken sollte. Am nächsten Morgen, als sie sich am Kaffeetisch trafen, war Helene in weicher Stimmung. Der Professor bemerkte, dass sie einen neuen, spitzenbesetzten Morgenrock anhatte, der ihre Schönheit erst ins rechte Licht stellte. Als er nach der Zuckerdose griff, berührten sich wie durch Zufall ihre Hände. »Verzeih, Liebster,« sagte sie mit einer Miene die er noch nie bei ihr gesehen hatte, und die an den Ausdruck ganz junger Mädchen erinnerte. Sie sprachen über gleichgiltige Dinge. Am Vormittage fand die Eröffnung des Reichstages statt. Helene blieb dauernd nachgiebig und liebenswürdig, und war von Tag zu Tag gefühlvoller. Eines Abends kam der Professor in ungewöhnlich heiterer Stimmung aus einem Klub zurück. Wie gewöhnlich ging er in sein Zimmer und legte sich mit Cigarre und Zeitung zu Bett. Nach einer Weile hörte er wieder Helenens Thür gehen, – dann war alles still, – und plötzlich klopfte es an seine Thür. »Wer ist da?« fragte er. »Ich bin's, Albert; zieh' Dich an und komm' heraus, ich muss mit Dir sprechen.« Er kleidete sich an und ging in den Salon. Helene hatte eine Wandlampe angezündet und sass im Spitzenpeignoir auf dem Sofa. »Verzeih' mir,« sagte sie, »aber ich konnte nicht schlafen, mir ist so wunderlich im Kopf. Setze Dich etwas her und sprich zu mir.« »Du bist nervös, mein Kind,« sagte Albert und ergriff ihre Hand. »Du solltest ein Glas Wein trinken.« Er ging ins Speisezimmer und holte eine kleine Weinkaraffe mit ein paar Gläsern. »Dein Wohl, Helene,« sagte er. Helene trank und ihre Wangen bekamen Farbe. »Nun, was fehlt Dir denn?« fragte er und legte den Arm um ihre Schulter. »Bist Du krank?« »Nein, ich bin nicht glücklich.« Ihre Worte klangen trocken und gesucht, aber er achtete nicht darauf, seine Leidenschaft war geweckt. »Weisst Du, weshalb Du unglücklich bist?« fragte er. »Nein, ich bin mir selbst nicht recht klar. Aber eines weiss ich jetzt: ich liebe Dich.« Albert nahm sie in seine Arme, presste sie an sich und küsste ihr Gesicht. »Bist Du mein Weib oder bist Du es nicht?« flüsterte er. »Ja, ich bin es,« hauchte Helene, deren Körper zusammensank, als wären alle ihre Nerven gesprungen. »Ganz und gar?« flüsterte er wieder, indem er sie mit seinen Küssen fast lähmte. »Ganz und gar,« antwortete sie ebenso, und ihr Körper schwankte wie in unbewussten Konvulsionen hin und her, als wäre sie im Traum und suchte sich gegen irgend eine Gefahr zu wehren. * Als Albert am nächsten Morgen erwachte, fühlte er sich frisch und ausgeschlafen und bei hellem, klarem Bewusstsein. Seine Gedanken waren bestimmt und energisch, wie nach einem guten, langen Schlaf. Das Erlebnis des gestrigen Abends stand klar vor seiner Seele. Der wahre Sachverhalt trat hervor mit all seiner Nüchternheit und unentrinnbaren Bestimmtheit. Sie hatte sich verkauft. Um drei Uhr morgens hatte er ihr versprochen, – berauscht, blind, wahnsinnig wie er war, – dass er ihre Sache im Reichstag vertreten wollte. Und der Preis! Ruhig, kalt, unbeweglich hatte sie sich ihm hingegeben. Welches mag das erste Weib gewesen sein, das entdeckte, dass man seine Gunst verschachern kann? Und wer mag darauf gekommen sein, dass der Mann kaufen will? Das waren die Stifter der Ehe und der Prostitution. Und dann wurde behauptet, Gott hätte die Ehe eingesetzt. Er sah sie so deutlich, seine und ihre Erniedrigung. Sie wollte gegenüber ihren Freundinnen den Triumph haben, die erste zu sein, die in die Gesetzgebung eingriff, und das hatte sie sich erkauft. Aber er wollte ihr den Schleier abreissen. Er wollte ihr zeigen, wer sie war. Er wollte ihr sagen, dass die Prostitution nie abgeschafft werden könnte, so lange das Weib einen Vorteil davon hat, sich zu verkaufen. Und mit diesem Beschlusse zog er sich an. Als er in das Esszimmer kam, musste er eine Weile warten, er hatte Zeit, sich zu ermannen und Mut zu fassen zu der geplanten Unterredung. Und da kam sie! Ruhig, lächelnd, triumphierend, aber schöner als je zuvor. Ein dunkles Feuer brannte in ihren Augen, und er, der erwartet hatte, sie mit niedergeschlagenen Blicken, errötend wie eine Neuvermählte zu finden, war vernichtet. Sie war es, die den siegenden Verführer spielte und er war die scheue Verführte. Kein Wort von dem, was er sich vorgenommen, kam über seine Lippen. Besiegt stand er auf, ging ihr demütig entgegen und küsste ihre Hand. Sie unterhielt sich mit ihm wie sonst, ohne die geringste Andeutung, dass ein neues Moment in ihr Leben getreten war. Als er sich dann mit ihrem Manuskript unterm Arm in das Reichstagsgebäude begab, wütete er innerlich gegen sich, aber der Gedanke an zukünftige Seligkeiten beruhigte ihn wieder. Abends, als er an Helenens Thür klopfte, war sie verschlossen, den nächsten Abend ebenso, und dabei blieb es drei Wochen. Wie ein Hund kroch er ihr nach, gehorchte ihrem leisesten Wink, that alles, was sie wünschte – vergebens. Da endlich machte sich sein Zorn Luft und er sagte ihr alles. Sie antwortete ihm mit scharfen Worten, als sie aber sah, dass sie zu weit gegangen war, und dass er seine Kette zu zerreissen drohte, ergab sie sich! Und so trug er seine Kette. Er biss in sie hinein, er riss an ihr herum, – aber sie hielt fest. Sie hatte es sehr bald herausbekommen, wie stramm sie anziehen durfte, und jedesmal, wenn es zu viel zu werden drohte, gab sie nach. Er hatte keinen grösseren Wunsch, als sie als Mutter zu sehen. Das würde sie vielleicht zum Weibe machen, dachte er, das. würde die gesunde Natur hervorlocken. Aber sie wurde nicht Mutter. Hatte der Ehrgeiz oder das Feuer der Selbstsucht die Lebensquelle in ihr verzehrt? Eines Tages teilte sie ihm mit, dass sie auf einige Tage zu Verwandten verreisen würde. Als Albert am Abend nach ihrer Abreise heimkam, und das leere Haus fand, überfiel ihn ein Gefühl grenzenloser Öde und Sehnsucht.. Jetzt wurde ihm erst klar, wie sein ganzes Wesen von Liebe zu ihr durchdrungen war. Die Wohnung kam ihm so trostlos leer vor, wie nach einem Begräbnis. Der leere Platz ihm gegenüber am Tische quälte ihn, und er ass fast nichts. Nach dem Abendbrot setzte er sich im Salon auf Helenens gewohnten Platz, und nahm ihre angefangene Näharbeit in die Hand: ein Kinderjäckchen für irgend ein fremdes Neugeborenes in einer neugegründeten Krippe. Da steckte noch die Nadel. Er stach sich in den Finger, als wollte er sich die Wohlthat eines körperlichen Schmerzes verschaffen. Dann zündete er ein Licht an und ging in ihr Schlafzimmer. Er schauerte beim Eintreten zusammen, als ertappe er sich bei etwas Unrechtem. Aber das Zimmer war gar nicht wie das einer Frau. Ein einschläfriges Bett ohne Vorhänge, – ein Schrank, ein Bücherregal, ein Nachttischchen und ein Sofa, – ganz wie drüben bei ihm. Kein Toilettetisch, nur ein kleiner Wandspiegel. Dort hingen ein paar Kleidungsstücke von ihr. Der starke Wollenstoff gab noch die Formen ihres Körpers wieder. Er strich leise darüber hin, presste sein Gesicht an die Halskrause und versuchte den Arm um die Taille zu schlingen, die aber schlaff zusammenfiel. Dann näherte er sich dem Bette, als hoffte er, eine Erscheinung zu sehen, und berührte, betastete jeden Gegenstand. Schliesslich begann er, wie in unbewusstem Suchen nach der Lösung eines Rätsels, an den Schubladen eines Schränkchens zu ziehen: sie waren alle verschlossen. Da zog er auf gut Glück den Nachttischschub auf und sein erster Blick fiel auf den Titel einer Broschüre – – Das war es also! Fakultative Sterilität! Das, was für die, aller Existenzmittel beraubten Unterklassen eine Rettung aus Elend und Not sein sollte, das war hier zum Werkzeug des krassesten Idealismus geworden. Er that einen tiefen Blick in die Korruption und moralische Fäulnis der oberen Klassen, die das Kinderzeugen und Gebären ausserhalb der Ehe für unmoralisch und in der Ehe für erniedrigend halten! Aber er wollte Kinder haben! Er hatte die Existenzmittel und sah eine Pflicht und gleichzeitig einen berechtigten Genuss darin, sein eigenes Wesen in ein anderes Dasein übergehen zu sehen. Das war der natürliche Weg des wahren, gesunden Egoismus zum Altruismus. Aber sie ging andere Wege, – sie strickte Jäckchen für fremde Kinder. Und das Motiv? Furcht vor den Unbequemlichkeiten der Mutterschaft. War es nicht viel billiger und bequemer, in der Sofaecke sitzen und Jäckchen stricken, als das mühsame, opfervolle Kinderstubenleben? Es war eine Schande, Mutter zu sein, ein Geschlecht zu haben, beständig daran erinnert zu werden, dass man »Weibchen« ist. Darin lag es. Was sie Arbeit für die Menschheit, für den Himmel, für höhere Interessen nannte, war im Grunde nichts als Befriedigung der Eitelkeit, des Ehrgeizes. Und er hatte sie beklagt, hatte sich in Acht genommen, sie irgend welchen Unwillen über ihre Unfruchtbarkeit merken zu lassen. Ach er fühlte es, er hasste ihre Seele, – denn er hasste ihre Gedanken! Und doch liebte er sie? Was liebte er denn da an ihr? »Wahrscheinlich,« sagte er zu sich selbst, und verfiel unwillkürlich wieder ins Philosophieren, »wahrscheinlich den Keim zu einem neuen Wesen, den sie in sich trägt, und den sie unterdrücken will.« Was konnte es sonst sein? Aber was liebte sie an ihm? Seine Titel, seine Stellung, seine Macht. Und mit solchen alten Menschen soll man am Aufbau einer neuen Gesellschaft arbeiten? Er nahm sich vor, ihr alles das bei ihrer Rückkehr zu sagen, und doch wusste er ganz genau; dass er das nie fertig bringen würde. Er wusste, wie er ihr nachkriechen und um ihre Gunst betteln, wie er ihr Sklave sein und ihr Mal für Mal seine Seele verkaufen würde, ebenso wie sie ihren Körper verkaufte. Er wusste, dass es so kommen musste, weil er sie liebte! Der Ernährer Früh wacht er nach schweren Träumen von protestierten Wechseln und zurückgewiesenen Manuskripten auf. Er hat die Haare von Angstschweiss feucht, und beim Ankleiden merkt er, dass sein Gesicht zuckt. Aber da hört er, wie die Kinder im Nebenzimmer zu zwitschern anfangen, und steckt seinen Kopf in kaltes Wasser, trinkt seinen Kaffee, den er sich selbst kocht, damit das arme Kindermädchen nicht so früh – halb acht – aus dem Bette braucht. Dann bringt er sein Bett in Ordnung, bürstet seine Kleider und setzt sich ans Schreiben. Das Fieber befällt ihn, das Fieber, das ihm Hallucinationen bringen soll von Räumen, die er nie gesehen hat, von Landschaften, die nie auffindbar sind, von Menschen, die in keinem Adresskalender stehen. Er fühlt, wie ihn beim Schreiben eine Todesangst überfällt. Die Gedanken sollen klar, die Worte korrekt und anschaulich sein, der Stil gewandt, die Handlung soll sich vorwärts bewegen, die Bilder sollen treffend, der Dialog glänzend sein. Und da sieht er sich vom Publikum angegrinst, dessen Hirn er aufklären soll, er sieht die mit Pince-Nez bewaffneten Recensenten vor sich, die er gewinnen soll, das saure Gesicht des Verlegers, das er zum Strahlen bringen muss. Er sieht die Geschworenen um den schwarzen Tisch, mit der Bibel darauf, sitzen, sieht den schwachen Glanz am Thor des Gefängnisses, wo der Freidenker dafür büssen muss, dass er Gedanken für die Denkfaulen gedacht hat, er lauscht nach dem schleichenden Tritte des Hotelwirts, der mit der Rechnung kommt. Und dabei dauert das Fieber an, die Feder läuft und läuft, ohne bei dem Auftauchen des Bildes des Verlegers oder der Geschworenen einen Augenblick stille zu stehen, und sie lässt rötliche Streifen hinter sich, wie von Blut, das allmählich gerinnt und schwarz wird. Wie er nach zwei Stunden aufsteht, hat er noch soviel Kraft, ans Bett zu gehen und sich darauf zu werfen. Da liegt er, als hätte der Tod ihn niedergeschlagen. Das ist kein erquickender Schlaf, kein Vergessen, es ist eine lange Betäubung, mit halb erhaltenem Bewusstsein, mit dem Gefühle geschwundener Kraft, schlaffer Nerven, leeren Hirns. Da schellt es an der Thüre des Boardinghauses; voilà le facteur, die Post ist gekommen! Er springt auf und taumelt hinaus. Ein Paket Postsachen ist für ihn da. Es enthält Korrekturen zum Revidieren, ein Buch eines jungen Schriftstellers, der um eine Besprechung bittet, einen Brief mit der Aufforderung zu Beiträgen für einen Kalender und einen warnenden Brief vom Verleger. Das alles soll der entkräftete Mann nun erledigen. Das Kindermädchen ist inzwischen aufgestanden, hat die Kinder angezogen, Butterbrot mit Honig gegessen; alles das ist im Hause für es zurecht gemacht. Dann zieht es hinaus auf die Promenade, ins Grüne. Um 1 Uhr läutet es zum Lunch. Alle Gäste sammeln sich um den Esstisch, an den er sich allein für sich setzt. »Wo ist Ihre Frau Gemahlin,« wird von rechts und links gefragt. »Das weiss ich nicht,« – antwortet er. »Was für ein ungehobelter Mensch,« flüstern die Damen, die eben erst aus dem Morgenrock geschlüpft sind. Dann kommt seine Frau. Es muss für sie nachserviert werden und die Hungrigen müssen auf das nächste Gericht warten. Die Damen fragen nun, wie es der Frau geht, ob sie gut geschlafen hat, ob ihre Nerven heut in Ordnung sind. Keine fragt, wie es dem Manne geht, denn das glauben sie von selbst zu wissen. »Er sieht wie eine Leiche aus,« sagt eine der Damen. Und das thut er auch. »Er lebt gewiss liederlich,« sagt die eine. Aber das thut er durchaus nicht. Er spricht kein Wort bei Tisch, denn er hat den Damen nichts zu sagen. Statt seiner spricht seine Frau. Und er verschlingt sein Essen, während er hört, wie alles Gemeine gepriesen und alles Gute geschmäht wird. Als man vom Tisch aufgestanden ist, bittet er seine Frau um eine Unterredung. »Meine Liebe,« sagt er, »willst Du nicht so gut sein und Louise mit meinem Rocke zum Schneider schicken, er ist an den Nähten aufgegangen und ich habe keine Zeit, selbst zu gehen.« Sie antwortet nicht, aber anstatt das Mädchen zu schicken, nimmt sie den Rock über den Arm und geht in die Stadt, wo der Schneider wohnt ... Im Garten trifft sie ein paar emanzipierte Damen, die sie fragen, wohin sie will. Sie antwortet ganz ehrlich, dass sie für ihren Mann einen Gang in die Stadt hat. »Nein, denken Sie nur, die Dame lässt sich von ihrem Manne zum Schneider schicken! Sie lässt sich wie ein Dienstmädchen behandeln! Und er liegt natürlich und macht sein Nachmittagsschläfchen, so ein junger Mensch. Das ist wirklich ein Muster von einem Mann!« Er schläft wirklich nach Tisch, denn er ist blutarm. Dann klingelt um drei wieder der Briefträger, und nun soll er einen deutschen Brief nach Berlin, einen französischen nach Paris und einen englischen nach London schreiben. Dann fragt ihn die Frau, die von ihrem Gange zum Schneider zurückgekommen ist und unterwegs Cognac getrunken hat, ob er nicht einen Spaziergang mit den Kindern machen will. Aber er muss Briefe schreiben. Nach seinen Briefen steht er vom Tische auf, um vor dem Essen einen Gang zu machen. Er hätte gern mit jemandem gesprochen, aber er ist allein. Er geht zu seinem Kinde nach unten. Das dicke Kindermädchen sitzt auf einem Gartensofa und liest in den »Wahren Frauen.« Das Kind langweilt sich und will wo anders hin, will sich bewegen. »Warum gehst Du nicht mit dem Kinde spazieren,« fragt der Herr. »Die Frau hat gesagt, es wärme zu warm.« Die Frau hat es gesagt! Er nimmt das Kind mit sich und geht mit ihm auf die Landstrasse, da bemerkt er aber, dass es ungewaschen ist und zerrissene Schuhe hat. Er kehrt um. »Warum geht das Kind mit zerrissenen Schuhen?« fragt er Louise. »Die gnädige Frau hat gesagt ...« Die Frau hat gesagt! Er geht allein aus. Es wird 7 Uhr und Zeit zum Essen. Die Jungen sind nicht nach Hause gekommen. Die beiden ersten Gänge sind serviert, als sie pustend, schreiend, rot im Gesicht hereinstürzen. Die Frau und ihre Freundinnen sind sehr vergnügt und riechen nach Cognac. »Was hast Du Dich mit meinem Mädchen zu zanken gehabt?« fragt die Frau. »Ich wollte mit dem Kinde spazieren gehen, da sagte sie ...« »War Louise denn nicht zu Hause?« »Ja, aber sie hatte keine Zeit.« »Ich halte es für nicht zu viel, wenn der Mann sich auch einmal seiner Kinder annimmt,« sagt eine von den Freundinnen. »Das sage ich auch nicht,« antwortet er. »Und deshalb habe ich es der Louise auch verwiesen, dass sie das Kind schmutzig und zerrissen herumgehen lässt.« »Kaum kommt man nach Haus, so kriegt man auch schon Scheltworte zu hören,« sagt seine Frau. »Man kann kein Vergnügen ohne Unannehmlichkeiten haben. – Und eine ärgerliche, zerdrückte Thräne schleicht sich aus dem geröteten Auge. Die Freundin sieht den Mann mit zornigen Blicken an, alle andern Damen folgen ihr. Man macht sich zu einem Angriffe fertig und die Freundin wetzt die Zunge. »Haben die Herrschaften Luthers Rede über die Rechte der Ehefrau gelesen?« fragt sie, »Was für ein Recht?« fragt die Frau. »Sich einen andern Mann zu suchen, wenn der ihrige ihr nicht mehr passt.« Pause. »Das ist eine gefährliche Lehre für Frauen,« sagt der Mann. »Denn daraus folgt das Recht des Mannes, sich eine andere Frau zu suchen, wenn seine ihm nicht mehr passt, und dieser letztere Fall ist viel gewöhnlicher.« »Das verstehe ich nicht,« sagt die Frau. »Das ist nicht meine Schuld und auch nicht Luthers,« antwortet der Mann. »Ebensowenig wie es die Schuld des Mannes ist, dass er nicht zu seiner Frau passt. Er kann dann nämlich ausgezeichnet zu einer anderen passen.« Unter Totenstille steht der Mann vom Tische auf. Er geht auf sein Zimmer. Die Frau setzt sich mit der Freundin in eine Laube. »Nein, diese Brutalitäten!« sagt die Freundin. »Und Du feinfühlende intelligente Frau sollst das Dienstmädchen dieses Egoisten sein!« »Er hat mich niemals verstanden,« seufzt die Frau. Der Genuss an diesen niederschmetternden Worten ist für sie zu gross, als dass sie nun in ihrem Innern die oft wiederholten Worte hören sollte, die sie von ihm als Antwort auf diesen Vorwurf bekommen hat: »Bist Du so tief, meine Liebe, dass ich Dich mit meinem guten Verstande nicht sollte verstehen können? Hast Du nie an die Möglichkeit gedacht, dass Deine Oberflächlichkeit das ist, was es Dir unmöglich macht, mich zu verstehen!« Auf seinem Zimmer sitzt er, allein! Er ist bekümmert, er leidet, als hätte er seine Mutter geschlagen. Aber sie hat es ja zuerst gethan: sie hat ihn Jahre lang vor allen Leuten geschlagen, und er sie nie wieder ausser heute. Diese rohe, herzlose, cynische Frau, die er angebetet hatte, der er gern seine ganze Seele, alle Gedanken hingegeben hätte, mit allen ihren schönen Gefühlen, sie hatte seine Überlegenheit empfunden und ihn deshalb verspottet, erniedrigt, in den Schmutz gezogen, beschimpft. War es da so unrecht, dass er einmal nach ihr schlug, wenn sie ihn öffentlich verhöhnte? Ja, er fand sich hässlich, als hätte er seinen besten Freund verletzt. Der Sommerabend sinkt dämmernd nieder und die Sterne funkeln, der Mond geht auf. Vom Saale her klingt Gesang. Er geht in den Garten hinunter und setzt sich unter den Nussbaum. Allein! Und mit den Akkorden des Klaviers verschmilzt der Gesang. Er hört eins seiner Lieder singen. Er geht auf den Gartenweg bis ans Fenster und sieht in den Saal hinein. Da sitzt sie, sein Gedicht, wie er es sich einst geträumt hat. Und die Thränen klingen aus ihrer Stimme. Die Damen, die auf dem Sofa sitzen, werfen sich vielsagende Blicke zu. Sie singt eines seiner Lieder am Klavier. Aber hinter dem Gebüsch auf einer Gartenbank flüstern zwei Herren, die da ihre Cigarren rauchen. Er lauscht und hört: »Es ist wieder bloss der Cognac.« »Ja, sie lernt saufen.« »Und daran soll der Mann schuld sein.« »Es ist eine Schande. Sie hat schon in Julians Atelier trinken gelernt. Du weisst ja, dass sie Malerin werden sollte, aber sie konnte nichts. Und als sie ihr Bild nicht in die Ausstellung kriegen konnte, warf sie sich dem armen Kerl in die Arme und cachierte ihre Niederlage hinter ihrer Verheiratung.« »Ja, gehört habe ich davon. Und dann hat sie ihm zugesetzt, dass er jetzt wie ein Schatten rumläuft. Sie fingen erst an einen eigenen Haushalt zu führen, und in Paris, wo sie sich zwei Dienstboten hielten, nannte sie sich beständig sein Dienstmädchen. Obgleich sie alles im Hause allein anordnete, hielt sie sich für seine Sklavin. Sie vernachlässigte den Haushalt, liess sich von den Mädchen bestehlen, und er sah zu, wie sie dem Ruin entgegen gingen, ohne mitreden zu dürfen. Wenn er einen Weg zur Rettung vorschlug; so widersetzte sie sich und sagte schwarz, wenn er weiss sagte. Damit hat sie schliesslich seinen Willen paralysiert und seine ganze Intelligenz lahmgelegt. Dann zogen sie ins Boardinghaus, um ihr die Wirtschaftssorgen zu ersparen, und damit sie sich ihrer Kunst widmen könnte. Jetzt, wo sie sich weder um die Küche noch um den sonstigen Haushalt zu kümmern braucht, fasst sie keinen Pinsel an, sondern amüsiert sich nur mit ihren Freundinnen. Ja, sie möchte ihn gern von seiner Arbeit abhalten und zum Trinken verführen, aber das ist ihr doch nicht geglückt, deswegen hasst sie ihn, gerade wegen seiner moralischen Überlegenheit.« »Gott was ist er für 'n Tropf,« antwortete der andere. »Ja, in dem Punkte – aber in dem Punkte sind wir's ja alle. Er ist nach zwölf langen Jahren noch in sie vernarrt. Das schlimmste ist aber, dass er, der früher so stark war, dessen Wort in der Kammer und den Zeitungen gefürchtet war, nun anfängt schlaff zu werden. Ich habe mit ihm heute vormittag gesprochen, und er ist, mindestens, krank.« »Ja, es heisst seine Frau wollte ihn ins Irrenhaus bringen, und dass ihre Freundin sie darin bestärkt.« »Pfui Teufel! Und da sitzt er und schuftet dafür, dass sie sich amüsieren kann!« »Na, weisst Du, weshalb sie ihn am meisten verachtet? Weil er sie nicht so ernähren kann, wie sie gern möchte. – Ein Mann, der seine Frau nicht ernähren kann, ce n'est pas grande chose, sagte sie neulich bei Tisch. Und ich habe guten Grund zu glauben, dass sie einmal darauf rechnete, er würde für sie als Malerin Reklame machen. Unglücklicherweise erlaubten ihm seine politischen Anschauungen nicht, mit den tonangebenden Zeitungen zu thun zu haben, und so drückte er sich um die Kunstschriftstellerei als ein seinem Arbeitsfelde fernliegendes Gebiet.« »Sie wollte ihn also ausnutzen, aber als er sich dazu nicht tauglich zeigte, liess sie ihn fallen. Na, als Familienernährer taugt er ja noch was.« »Nun weine ich im Stillen Der Einsamkeit bittere Thränen«, klang es aus den Saalfenstern. »Paff!« klang es hinter dem Nussbaum. Ein Paar Zweige brachen und es rasselte im Sande. Die Herren sprangen auf. Da lag ein gut gekleideter Toter auf dem Wege, den Kopf an einem Stuhlbein. Der Gesang verstummte, die Damen kamen heraus. Die Freundin schüttete ihre Eau de Cologne-Flasche über den Toten. »Pfui, eine Leiche,« sagte sie, und hielt sich die Nase zu, als sie sah, dass es sich nicht um eine Ohnmacht handelte. Der ältere der beiden Herren, der sich zu dem Toten niedergebeugt hatte, hob den Kopf und sagte: »Ruhig, Weiber!« »Nein diese Brutalität,« sagte die Freundin. Die Frau des Toten wurde in den Armen der Freundin ohnmächtig und erhielt die besorgte Fürsorge der anderen Damen. »Lauft nach einem Arzt,« schrie der ältere. Herr. »Schnell!« Niemand rührte sich, sondern alles war um die ohnmächtige Frau beschäftigt. »Nein, seiner Frau solchen Kummer zu machen! So ein Mann, so ein Mann!« jammerte die Freundin. Nicht ein Gedanke an den Sterbenden, sondern alle für die Ohnmächtige. »Giesst ihr einen Cognac ein, dann wird sie gleich munter werden!« sagte der Herr. »Ach, ach, der abscheuliche Mensch verdiente sein Los!« erklärte die Freundin. »Nein, er war gewiss ein besseres Los wert, als lebendig in Eure Hände zu fallen. Schämt Euch, Weiber, und Achtung für den Familienernährer! Er stand auf und liess die Hand des Toten los. »Es ist aus!« sagte er. Und es war aus. Zweikampf Sie war hässlich und wurde daher von den rohen Männern, die eine schöne Seele unter einem unschönen Äusseren nicht zu würdigen verstehen, etwas vernachlässigt. Aber sie war reich und wusste, dass die Männer nach dem Gelde der Mädchen angeln; sie hatte als Tochter wohlhabender Eltern eine ganze Menge gelernt, und da sie den Männern im allgemeinen mit grossem Misstrauen begegnete, galt sie als gescheites Frauenzimmer. So war sie zwanzig Jahre alt geworden; ihre Mutter lebte, und sie hatte keine Lust, fünf Jahre zu warten, ehe sie über ihr Vermögen disponieren durfte. Daher überraschte sie ihre Freundinnen eines Tages mit ihrer Verlobungsanzeige. »Sie verheiratet sich, um einen Mann zu haben,« sagten die einen. »Sie verheiratet sich, um ihre Freiheit zu bekommen und einen Bedienten dazu,« sagten die andern. »So dumm zu sein und zu heiraten,« sagten die dritten; – »sie weiss eben nicht, dass sie dann erst recht unmündig wird.« »Habt keine Angst,« sagten wieder andere, »sie wird schon mündig werden, obschon sie sich verheiratet.« Wie sah er aus? Was war er? Wo hatte sie ihn kennen, gelernt? Er war ein junger Rechtsanwalt von etwas weiblichem Äusseren, hohen Hüften und bleicher Gesichtsfarbe. Er war der einzige Sohn und von seiner Mutter und einer Tante erzogen worden. Bisher hatte er immer eine grosse Scheu vor jungen Mädchen gehabt, und er hasste die Leutnants, die so männlich waren und überall bevorzugt wurden. – So war er. Sie trafen sich in einem Badeort auf der Réunion. Er war spät gekommen, und es gab keine Dame mehr für ihn. Die jungen Mädchen schleuderten ihm ihr frohes, triumphierendes Nein entgegen, als er kam, um sie aufzufordern, und viele schwenkten schon von weitem ihre vollgeschriebenen Tanzkarten, wie um eine aufdringliche Fliege zu verscheuchen. Verletzt, gedemütigt, ging er auf die Veranda hinaus und zündete sich eine Cigarre an. Der Mond schien über die Linden des Parks und von den Beeten her duftete die Reseda. Er sah durch die Fenster, wie Paar auf Paar drin vorbeisauste, und bei den wollüstigen Walzerklängen bebte er vor Eifersucht und ohnmächtigem Begehren. »Der Herr Rechtsanwalt sitzt hier und schwärmt?« fragte plötzlich eine Stimme neben ihm; »tanzen Sie denn nicht?« »Weshalb tanzen Sie denn nicht, mein gnädiges Fräulein?« fragte er und sah auf. »Weil ich hässlich bin und niemand mich haben will,« entgegnete sie. Er betrachtete sie. Sie waren alte Bekannte, aber er hatte nie zu ihren Verehrern gehört. Sie war ausserordentlich gut gekleidet und ihre Augen drückten in diesem Moment solchen Schmerz aus, solche Verzweiflung über die Ungerechtigkeit der Natur, dass er lebhafte Sympathie für sie empfand. »Mich will auch niemand haben,« sagte er. »Aber die Leutnants haben ja recht; in der natürlichen Zuchtwahl hat ja der Stärkere, Stattlichere, Geputztere immer recht. Sehen Sie doch diese Schultern und Epauletten ...« »Pfui, wie Sie reden!« »Verzeihen Sie! Aber man wird so bitter, wenn man in einem ungleichen Kampf steht! Wollen Sie vielleicht mit mir tanzen?« »Geschieht es etwa aus Barmherzigkeit?« »Ja, gegen mich.« Er warf die Cigarre fort. »Wissen Sie, was es heisst, sich ausgestossen fühlen, immer der letzte sein?« fuhr er mit Wärme fort. »Ob ich das kenne!« rief sie aus. »Aber es sind nicht immer die Schlechtesten, die bei solchen Gelegenheiten wie die heutige unter den letzten stehen, nicht wahr? Es giebt noch andre Eigenschaften als Schönheit, die einen Wert im Leben haben.« »Welche Eigenschaften schätzen Sie denn am Manne am höchsten?« »Herzensgüte,« entgegnete sie bestimmt; »denn diese Eigenschaft ist selten bei Männern.« »Güte und Schwäche pflegen aber gewöhnlich Hand in Hand zu gehen, und die Frauen sind gewöhnlich für Stärke und Kraft begeistert.« »Was für Frauen? Die rohe Kraft hat ja ihre Zeit gehabt, und wir, die wir etwas höher in der Kultur stehen, wir sollten doch verständiger sein, und die brutale Muskelkraft nicht höher anschlagen als Herzensgüte.« »Wir sollten!! Gewiss! Aber sehen Sie einmal durch dieses Fenster!« »Für mich ist wahre Männlichkeit gleichbedeutend mit Adel des Gefühls, und Intelligenz des Herzens.« »Sie könnten also einen Mann achten, den die ganze Welt einen Schwächling, eine Memme nennt? ...« »Was geht mich die Welt und ihr Urteil an?« »Wissen Sie, dass Sie ein ganz ungewöhnliches Mädchen sind?« fragte er mit wachsendem Interesse. »Gar nicht aussergewöhnlich! Aber Ihr Männer seid so gewöhnt, alle weiblichen Wesen als eine Art Spielzeug zu betrachten, –« »Welche Männer? Ich, mein gnädiges Fräulein, habe von Kindheit an zum Weibe wie zu einem höheren Wesen aufgeblickt, und von dem Tage an, wo mich ein Mädchen lieben sollte, und ich sie, wäre ich ihr Sklave.« Adele sah ihn lange nachdenklich an. Dann sagte sie: »Aber Sie, – Sie sind ein aussergewöhnlicher Mensch!« Nachdem die beiden einander für ganz merkwürdige Spezies des armseligen Menschengeschlechts erklärt, das eitle Vergnügen des Tanzens einer scharfen Kritik unterzogen und Betrachtungen über die Melancholie eines Mondscheinabends angestellt hatten, gingen sie hinein und suchten sich ein Vis à vis zur Française. Adele tanzte ausgezeichnet, und der junge Jurist gewann vollends ihr Herz dadurch, dass er tanzte wie ein »unschuldiges Mädchen«. Nach Schluss der Franchise setzten sie sich wieder auf die Veranda. »Was ist Liebe,« sagte Adele und blickte den Mond an, als wollte sie die Antwort auf ihre Frage vom Himmel herunter holen. »Sympathie der Seelen,« flüsterte der junge Mann. »Aber Sympathie kann leicht in Antipathie umschlagen, – das sieht man nur zu oft,« meinte Adele. »Dann war es eben nicht die rechte Sympathie. Manche Materialisten behaupten, es gäbe gar keine Liebe, wenn es nicht zwei Geschlechter gäbe, und sie wagen zu behaupten, dass die sinnliche Liebe länger Bestand hat als die andre. Kann man sich etwas so Niedriges, so Tierisches denken als diese Liebe, die in der Geliebten nur das andre Geschlecht sieht?« »Sprechen Sie nicht von den Materialisten.« »Ja, ich musste von den Materialisten sprechen, um Ihnen klar zu machen, wie hoch ich meine Liebe zu einem Weibe halten würde, wenn ich je dazu käme, zu lieben. Sie brauchte nicht schön zu sein, Schönheit vergeht. Ich würde einen guten Kamerad, einen Freund in ihr sehen; ich würde ihr gegenüber nicht scheu und verlegen sein, wie gegen andere Mädchen. Nein, ich würde ihr ruhig entgegen gehen, wie ich jetzt zu Ihnen komme, und fragen: willst Du mein Freund fürs Leben sein?« Adele sah mit Begeisterung auf den jungen Mann, der ihre Hand ergriffen hatte. »Sie sind eine ideale Natur,« sagte sie, »und Sie haben mir aus dem Herzen gesprochen. Sie haben mich, wenn ich recht verstanden habe, um meine Freundschaft gebeten? Die sollen Sie haben, aber erst eine Probe. Zeigen Sie mir, dass Sie für Ihre Freundschaft Demütigungen ertragen können.« »Worin soll die Probe bestehen? Ich will alles thun!« Adele knüpfte ihr goldenes Halsband mit daranhängendem Medaillon ab. »Tragen Sie dies als Wahrzeichen unserer Freundschaft.« »Ich will es tragen,« entgegnete der junge Mann etwas unsicher, »aber es wird dann heissen, wir seien verlobt.« »Fürchten Sie das?« »Durchaus nicht, wenn Du es willst! Willst Du es?« »Ja, Axel, ich will, denn die Welt duldet keine Freundschaftsverbindungen zwischen Mann und Weib; die Welt ist so gemein, dass sie an ein reines Verhältnis zwischen Personen verschiedenen Geschlechts nicht glaubt.« Und er trug seine Kette. Die Welt, die unter vier Augen sehr materialistisch ist, sagte, wie die Freundinnen: sie heiratet, um einen Mann, und er, um eine Frau zu bekommen. Es wurden selbst ein paar hässliche Anspielungen darauf gemacht, dass er sie um des Geldes willen nähme, da er selbst erklärt hatte, etwas so Gewöhnliches wie Liebe existierte zwischen ihnen nicht, und da die Freundschaft allein ja doch keinen dazu zwingt, ein gemeinsames Schlafzimmer zu teilen, wie Eheleute zu thun pflegen. Sie heirateten sich. Die Welt bekam einen kleinen Wink, dass sie wie Geschwister zusammenleben wollten, und nun wartete man mit höhnischem Grinsen auf den Ausgang dieser grossen Reform des Ehelebens. Die Neuvermählten reisten ins Ausland. Die Neuvermählten kamen wieder heim. Die junge Frau war blass und schlechter Laune; sie begann, Reitstunden zu nehmen. Die Welt legte die Ohren an und erwartete etwas. Der junge Rechtsanwalt sah aus, als hätte er ein Vergehen auf dem Gewissen, und ging herum und schämte sich. »Sie leben eben wie Geschwister,« sagte lachend die Welt. »Dann wird es also wohl ein Geschwisterkind geben?« »Ohne Liebe? Aber das ist ja! Ja, was ist es eigentlich?« Das Faktum blieb bestehen, aber die Sympathie der Seelen begann nach und nach abzutropfen. Die verachtete Wirklichkeit brach rächend über sie herein. Der Rechtsanwalt ging seinem Berufe nach, seine Frau überliess ihre Berufsarbeit einer Amme und einem Mädchen für alles. Dann empfand sie den Fluch der Beschäftigungslosigkeit. Sie hatte reichlich Zeit und Gelegenheit, sich zu entwickeln, und begann über ihre Lage nachzudenken. Sie war wenig befriedigt von derselben. War das ein Dasein für einen begabten Menschen, dazusitzen und nichts zu thun? Ihr Mann riskierte einmal die Bemerkung, dass sie das ja nicht nötig hätte, dass niemand sie zwänge, nichts zu thun. Aber er riskierte es nie wieder. Ihre Thätigkeit wäre keine Thätigkeit. Nein, thatenlos herumzuziehen wäre allerdings keine Beschäftigung. Weshalb nährte sie ihr Kind denn nicht? Nähren? Nein, sie wollte etwas haben, womit sie Geld verdiente. Ob sie denn so geldgierig war? Sie hatte ja mehr, als sie verzehren konnten, weshalb wollte sie Geld verdienen; Um ihm gleichgestellt zu werden. Gleichgestellt könnten sie nie werden, denn sie würde stets eine Stellung einnehmen, die er nie erreichen könnte. Die Natur hatte es einmal so eingerichtet, dass die Frau Mutter wurde, nicht der Mann. Ach, das wäre ja Unsinn! Es hätte ja auch umgekehrt sein können, – es war nun aber einmal so. Ja, aber dieses Leben war unerträglich. Sie konnte nicht ausschliesslich für die Ihrigen leben, sie wollte auch andern Menschen nützen. Sie könnte ja immerhin mit den Ihrigen anfangen, an die andern konnte man später denken. So hätte die Unterhaltung in Ewigkeit fortgehen können; sie dauerte aber immerhin eine gute Stunde. Der Rechtsanwalt war natürlich den grössten Teil des Tages ausser dem Hause, und wenn er heimkam, hatte er Sprechstunde. Das brachte Adele zur Verzweiflung. Sie sah, wie er sich mit anderen Frauenzimmern einschloss und ihr Vertrauter wurde, und Sachen erfuhr, die er ihr nicht sagte. Immer standen Heimlichkeiten zwischen ihnen, und sie fühlte ihn sich überlegen. Ein dumpfer Hass gegen das Ungerechte in ihrem Verhältnis zu einander begann sich in ihr zu regen; und sie sann auf ein Mittel, ihn aus seiner Stellung zu drängen; er sollte herabgezogen werden, um eine Gleichstellung zwischen ihnen zu ermöglichen. Eines Tages rückte sie mit dem Plane heraus, ein Krankenhaus stiften zu wollen. Er riet ihr ab, da er für seine Person vollauf mit seiner Praxis zu thun hatte. Aber schliesslich meinte er, es würde vielleicht ganz gut sein, ihr eine Beschäftigung zu geben, – er würde dann mehr Ruhe haben. Sie bekam ihr Krankenhaus und er sass mit ihr in der Direktion. Nachdem sie ein halbes Jahr »dirigiert« hatte, fühlte sie sich so bewandert in der ärztlichen Kunst, dass sie auf eigene Hand Rat zu geben begann. Das sei keine grosse Sache, meinte sie. Eines Tages ertappte sie den Arzt des Krankenhauses auf einem kleinen Versehen, und seitdem hatte sie kein Vertrauen mehr zu ihm. Die Folge davon war, dass sie eines Tages im Gefühle ihrer Überlegenheit seine Abwesenheit benutzte und ein Rezept schrieb. Es wurde auch ausgeführt und die Medizin von dem Patienten eingenommen, aber mit tötlichem Ausgang. Man musste in eine andere Stadt ziehen, aber das Gleichgewicht war gestört, und es wurde noch mehr gestört durch die Ankunft eines neuen kleinen Weltbürgers. Auch war ihnen das fatale Gerücht aus ihrem früheren Wohnort in den jetzigen gefolgt. Das Verhältnis zwischen den beiden Eheleuten war trist und unschön, denn Liebe hatte ja nie bestanden. Die Basis des frischen, starken, gesunden Naturtriebes fehlte, und ihr Zusammenleben war eigentlich nichts anderes, als ein auf dem lockeren Kalkül egoistischer Freundschaft gegründetes Konkubinat. Was nun in ihrem Gehirn vorging, als sie den auf der Suche nach einem eingebildeten »Höheren« begangenen Missgriff entdeckte, davon sprach sie nicht, aber ihr Mann sollte es erfahren. Sie fing an zu kränkeln, verlor den Appetit und wollte nicht ausgehen. Dabei magerte sie ab und begann zu hüsteln. Ihr Mann liess sie mehrmals untersuchen, aber die Ärzte kamen der Ursache der Krankheit nicht auf den Grund. Endlich gewöhnte er sich so an ihr beständiges Klagen, dass er gar nicht mehr darauf achtete. »Es ist langweilig, eine kranke Frau zu haben,« sagte sie. Er musste im Stillen zugeben, dass es weiter kein Vergnügen war, aber wenn er sie geliebt hätte, würde er so etwas weder empfunden noch zugegeben haben. Sie nahm sichtlich ab, und er musste sich schliesslich dazu bequemen, sie zu einem berühmten Professor zu schicken. Adele reiste zu dem Professor. »Wie lange sind Sie schon krank?« fragte dieser. »Ich bin eigentlich nie gesund gewesen, seit ich vom Lande, wo ich meine Jugend verlebt habe, in die Stadt gezogen bin. »Sie gedeihen also nicht recht in der Stadtluft?« »Gedeihen? Wer fragt danach, ob ich gedeihe oder nicht,« antwortete sie mit Märtyrermiene. »Glauben Sie nicht, dass die Landluft Ihnen gut bekommen würde?« fragte der Professor. »Ich glaube allerdings, dass das das einzige ist, was mich retten kann, wenn ich aufrichtig sein soll.« »Nun, so leben Sie doch auf dem Lande!« »Meines Mannes Carrière kann doch meinetwegen nicht zerstört werden.« »Ach was, Sie sind ja reich, und Rechtsanwälte haben wir genug!« »Sie denken also, Herr Professor, dass wir durchaus auf dem Lande leben müssen?« »Ja, wenn Sie meinen, dass es Ihnen bekommt. Ich finde absolut keine andere Krankheit bei Ihnen, als sogenannte Nervosität, und ich denke, die Landluft wäre ganz gut dafür?« Höchst niedergeschlagen kam Adele heim. Na–a? – Der Professor hatte sie zum Tode verurteilt, wenn sie weiter in der Stadt lebte. Der Rechtsanwalt geriet ganz ausser sich beim Gedanken, dass er seine Praxis aufgeben sollte, und darin sah seine Frau den deutlichsten Beweis, dass er sich nicht das allermindeste aus ihr machte. Er wollte nicht recht daran glauben, dass es sich um ihr Leben handelte. So, – er wollte das also besser wissen, als der Professor? Er wollte, sie sollte sterben? Das wollte er gewiss nicht und daher kaufte sie ein Landgut. Ein Inspektor sollte es verwalten. Der Rechtsanwalt war beschäftigungslos geworden. Die Tage zogen sich ihm endlos in die Länge, und er führte ein trübseliges Dasein. Da seine Einnahmen aufgehört hatten, musste er von dem Gelde seiner Frau leben. Im ersten halben Jahr las er viel; im zweiten steckte er das Lesen auf, weil er fand, dass nichts dabei herauskam, im dritten begann er zu sticken. Seine Frau dagegen warf sich mit aller Macht auf die Landwirtschaft, ging bis zu den Knieen aufgeschürzt im Hofe herum, kam schmutzig nach Hause und roch nach dem Kuhstall. Sie fühlte sich in ihrem Element und kommandierte die Leute, dass es eine Lust war, denn sie war auf dem Lande geboren und verstand sich darauf. Wenn der Rechtsanwalt über Beschäftigungslosigkeit klagte, dann sagte sie zu ihm: »Nimm Dir doch etwas vor! Kein Mensch braucht die Hände in den Schoss zu legen und nichts zu thun.« Er ass, schlief und ging spazieren; alle Augenblick war er jemandem im Wege und bekam es von seiner Frau zu hören. Eines Tages, als er wieder mit seinen Klagen kam, und das Mädchen die Kinder ohne Aufsicht gelassen hatte, sagte sie zu ihm: »Sieh doch nach den Kindern, dann hast Du gleich etwas zu thun.« Er sah sie an, ob sie im Ernst sprach: »Ja gewiss, – weshalb soll man sich nicht um seine eigenen Kinder kümmern, – findest Du das so wunderbar?« Er dachte ein Weilchen nach und fand wirklich nichts dabei. Nun ging er regelmässig jeden Tag mit den Kindern spazieren. Eines Morgens, als er sie abholen kam, waren die Kinder noch nicht angezogen. Der Rechtsanwalt war ärgerlich und ging zu seiner Frau,, denn vor den Mädchen fürchtete er sich etwas. »Warum sind denn die Kinder noch nicht fertig?« fragte er. »Weil Marie etwas anderes vor hat. Zieh' Du sie doch an, Du hast ja nichts weiter zu thun. Ist es etwa eine Schande, seine eigenen Kinder anzuziehen?« Er grübelte ein Weilchen und musste ihr schliesslich wieder recht geben: es war keine Schande. So kleidete er die Kleinen an. Eines Morgens zog er es vor, allein auszugehen, mit der Büchse über der Schulter, obschon er niemals schoss. Als er heimkam, ging seine Frau ihm entgegen. »Weshalb warst Du heut' nicht mit den Kindern draussen?« fragte sie in ziemlich scharfem Ton. »Weil es mir heute nicht passte!« »Nicht passte! Glaubst Du, es passt mir, den ganzen Tag im Schmutz herumzulaufen? Ich finde wirklich, ein alter Mensch wie Du sollte sich schämen, auf dem Sofa herumzuliegen und nichts zu thun.« Er schämte sich wirklich, und von dem Tage an war er als Kinderfrau angestellt, und pünktlich besorgte er seinen Dienst. Er sah nichts Unrechtes darin, aber er litt darunter, die ganze Sache erschien ihm einigermassen verkehrt, aber seine Frau wusste ihm immer alles plausibel zu machen. Sie sass im Kontor und verhandelte mit Inspektor und Amtmann, sie stand im Speicher und wog die Portionen für die Knechte ab. Alle, die auf den Hof kamen, fragten nach der Frau, niemand nach dem Herrn. Beim Spazierengehen geriet er eines Tages auf eine Wiese, wo Vieh weidete. Er wollte dem Kinde die Kühe zeigen, und führte es vorsichtig an die grasende Herde heran. Plötzlich erhob sich ein schwarzer grosser Kopf über die Rücken der andern Tiere und schaute die Ankommenden dumpf brüllend an. Der Vater nahm die Kinder auf den Arm und rannte, was er konnte, nach dem Garten zu. Hier angekommen, warf er die Kinder hastig über den Zaun, und wollte sich ebenfalls hinüberschwingen, blieb aber mit seinem Rocke hängen. Als er auf der Wiese ein paar Frauen sah, rief er ihnen, so laut er konnte, entgegen: »Der Stier! Der Stier!« Aber die Frauen lachten nur, kamen herbei und nahmen sich der Kinder an, die im Dickicht übel zugerichtet worden waren. »Seht Ihr denn den Stier nicht?« schrie er. »Nee, – es giebt ja gar keinen Stier,« sagte die älteste von ihnen, »den haben wir ja vor vierzehn Tagen geschlachtet.« Kleinlaut und verdriesslich kam er nach Hause, und beklagte sich bei seiner Frau über die Mädchen; sie lachte nur. Am Nachmittag, als das Ehepaar allein im Saale sass, klopfte es an der Thür. »Herein,« rief die Hausfrau. Eins der Mädchen, die bei dem Abenteuer mit dem Stier zugegen gewesen waren, kam herein und trug das bewusste Halsband des Rechtsanwalts in der Hand. »Das ist gewiss der gnädigen Frau ihres,« sagte sie zögernd. Adele sah erst das Mädchen, dann ihren Mann an, der mit aufgerissenen Augen seine Kette betrachtete. »Nein, das gehört dem Herrn,« sagte sie und nahm das Halsband in die Hand. »Danke, mein Kind, – der Herr wird Dir etwas zum Finderlohn geben.« Der sass aber blass und unbeweglich da. »Ich habe kein Geld bei mir, – wenden Sie sich an die gnädige Frau,« sagte er und steckte das Schmuckstück zu sich. Seine Frau nahm eine Krone aus ihrem grossen Portemonnaie und gab es dem Mädchen, die sich zurückzog, offenbar, ohne das geringste von der ganzen Scene begriffen zu haben. »Das hättest Du mir ersparen können,« sagte er in schmerzlichem Ton. »Hast Du nicht die Courage, für Deine Worte und Thaten einzustehen? Schämst Du Dich, ein Geschenk von mir zu tragen, wo ich doch Deine trage? Du bist doch eigentlich ein armseliger Mensch! Und das will ein Mann sein!« * Adele musste zu einer Auktion fahren und sollte acht Tage fortbleiben; während der Zeit sollte ihr Mann in der Wirtschaft nach dem Rechten sehen. Am ersten Tage kam die Köchin und bat um Geld zu Zucker und Kaffee; er gab es ihr. Drei Tage später kam sie wieder nach Geld zu demselben Zweck. Er drückte sein Erstaunen darüber aus, dass die erste Summe schon verbraucht war. »Ich esse es ja nicht alleine auf,« sagte die Köchin grob, »und die gnädige Frau sagt nie etwas, wenn ich nach Geld komme.« Er gab ihr das verlangte Geld, aber der kleine Vorfall hatte ihn neugierig gemacht, er schlug das Haushaltungsbuch auf und begann zu addieren. Es war eine merkwürdige Summe, die bei diesen zwei Posten herauskam. Es stellte sich heraus, dass im Monat acht Kilo verbraucht worden waren. Nun setzte er seine Forschungen fort, – überall dasselbe Resultat. Er nahm nun das Hauptbuch vor und fand neben den unglaublichsten Ziffern auch die gröbsten Rechenfehler. Es zeigte sich, dass seine Frau nicht mit Brüchen zu rechnen verstand, und dass ganz unerhörte Diebstähle von Seiten der Dienstleute begangen wurden, die zum Ruin führen mussten. Adele kam nach Hause, und der Rechtsanwalt musste einen ausführlichen Auktionsbericht anhören. Darauf räusperte er sich und wollte anfangen, aber seine Frau kam ihm zuvor und fragte: »Na, wie bist Du mit den Leuten fertig geworden, mein alter Junge?« »O, fertig geworden bin ich ganz gut, aber sie sind gewiss nicht ehrlich, das kannst Du glauben!« »So? Sie sind nicht ehrlich?« »Nein, – es sind z. B. viel zu grosse Posten Kaffee und Zucker da.« »Woher weisst Du denn das?« »Ich habe es im Wirtschaftsbuch gesehen.« »Du hast also in meinen Büchern herumgeschnüffelt?« »Geschnüffelt? Es hat mich interessiert, der Sache auf den Grund zu gehen, –« »Aber was geht Dich das eigentlich an?« »– Und da habe ich gesehen, dass Du Buch führst, ohne mit Brüchen rechnen zu können.« »Was? – Das soll ich nicht können?« »Nein, mein Kind, das kannst Du nicht, – und wenn es so weiter geht, dann müssen wir bald vor dem Ruin stehen. Deine ganze Rechnerei ist Humbug, mein gutes Kind, weiter nichts.« »Was geht es Dich eigentlich an, wie meine Bücher aussehen?« »Ja, sieh' mal, das Gesetz verlangt aber ordentliche Buchführung.« »Bah, das Gesetz, – was kümmere ich mich um das Gesetz!« »Das glaube ich schon, aber es hält sich doch an uns, – an mich jedenfalls, und deshalb werde ich von jetzt ab die Bücher führen.« »Wir können ja einen Buchhalter nehmen.« »Das ist nicht nötig, ich habe ja nichts anderes zu thun.« Und dabei blieb es. Aber seit ihr Mann an dem Pulte sass, und die Leute mit ihren Anliegen zu ihm kamen, verlor sich Adelens Interesse für Landleben und Landwirtschaft. Eine grosse Veränderung ging mit ihr vor, und sie kümmerte sich bald weder um die Kühe, noch um Kälber, sondern blieb im Zimmer. Hier hockte sie nun und brütete über neuen Plänen. Ihr Mann dagegen erwachte zu neuem Leben und warf sich mit Eifer auf die Landwirtschaft. Nun hatte er wieder das Übergewicht. Er kommandierte und überlegte, ordnete an und kontrollierte. Eines Tages kam Adele aufs Kontor und bat ihn um tausend Kronen zur Anschaffung eines neuen Klaviers. »Wo denkst Du hin!« sagte ihr Mann, »und gerade jetzt, wo der Hof umgebaut werden soll! Das geht unmöglich!« »Was soll das heissen? Haben wir es nicht dazu? Reicht mein Geld nicht aus?« »Dein Geld?« »Gewiss, mein Geld, was ich in die Ehe gebracht habe.« »Das ist doch, dächte ich, durch die Verheiratung Gemeingut der Familie geworden?« »Mit andern Worten: Dein Eigentum, ja?« »Nein, mein Kind, der Familie, habe ich gesagt. Die Familie ist eine kleine Gemeinde, die einzige, in der Eigentumsgemeinschaft existiert und anerkannt wird, mit dem Manne als Verwalter.« »Weshalb kann denn der Verwalter nicht auch eine Frau sein?« »Weil der Mann nicht die Kinder bekommt, und daher mehr Zeit dazu hat!« »Weshalb können denn aber nicht alle beide verwalten?« »Weshalb hat jede Aktiengesellschaft nur einen Direktor? Wenn die Frau sich auch an der Verwaltung beteiligen soll, dann muss es schliesslich das Kind auch, denn sie haben doch auch ein Recht darauf.« »Ach, das ist Advokatenspitzfindigkeit! Aber ich finde es wirklich hart, dass ich hier stehen und um mein Geld betteln soll, wenn ich ein neues Klavier haben will.« »Es ist jetzt nicht mehr allein Dein Geld.« »Ist es etwa Deins?« »Nein, meins auch nicht, es gehört eben der Familie. Du musst auch nicht so thöricht sein und von betteln reden, – die Klugheit gebietet aber, dass man den Verwalter des Vermögens fragt, ob man sich gerade jetzt eine grössere Luxusausgabe gestatten kann.« »Hältst Du ein Klavier für einen Luxus?« »Ein neues Klavier, wenn man ein altes hat, ja. Die Vermögenslage ist augenblicklich gerade nicht günstig, deshalb gestattet sie für jetzt den Ankauf eines neuen Pianinos nicht, obschon ich persönlich mich natürlich Deinem Wunsche nicht widersetzen kann noch will.« »Tausend Kronen ruinieren einen noch nicht!« »O ja, durch Schuldenmachen, wenn es auch nur tausend Kronen sind, kann man den Grund zu seinem Ruin legen.« »Das bedeutet also, dass Du mir meine Bitte abschlägst?« »Nein, das will ich damit nicht sagen, aber die Unserheit des Eigentums – – –« »O Gott, wann wird der Tag kommen, wo die Frau ihr Vermögen selbst verwalten wird und nicht als Bettlerin vor ihrem Manne zu stehen braucht!« »Wenn sie selbst arbeitet. – Ein Mann, – Dein Vater, – hat Dein Vermögen erarbeitet, aller Besitz, alles Vermögen ist von Männern angesammelt worden, und deshalb, siehst Du, wäre es gerecht, wenn die Schwester weniger erbte, als der Bruder, da der Bruder schon sozusagen mit der Verpflichtung geboren ist, einmal eine Frau zu ernähren, während den Frauen eine entsprechende Verpflichtung doch nicht obliegt. Verstehst Du das?« »Sieh' mal an, Du hältst also eine ungleiche Teilung für gerecht? Kannst Du mit Deinem vielen Verstande solche Behauptung wirklich halten? Sollte man nicht immer gleich teilen?« »Nein, durchaus nicht; es soll proportionaliter, je nach Verdienst geteilt werden. Der Faulpelz, der im Grase liegt und zusieht, wie die Maurer arbeiten, soll weniger haben, als der Maurer selbst.« »So sagst Du also, ich wäre faul?« »Hm! Es ist wohl das Beste, ich sage gar nichts, aber ich möchte Dich nur daran erinnern, dass Du mich für faul hieltest, wenn ich auf dem Sofa lag und las, und dass Du dieser Deiner Meinung auch ganz offen Ausdruck gegeben hast.« »Was sollte ich also thun, bitte, sage mir das.« »Mit den Kindern spazieren gehen.« »Ich passe nicht zu Kindern.« »Aber ich sollte passen, nicht wahr? – Höre einmal, liebes Kind, und lass Dir sagen, ein Weib, das behauptet, es passte nicht zu Kindern, ist eigentlich gar kein Weib. Ein Mann ist sie aber auch nicht, – was ist sie denn dann überhaupt, was meinst Du?« »O pfui, pfui, dass Du so etwas zu der Mutter Deiner Kinder sagen kannst!« »Was sagt man denn von einem Mann, der keine Neigung für das andere Geschlecht hat? Sagt man da nicht auch etwas Hässliches?« »Ach, ich will gar nichts mehr hören!« Und damit ging Adele in ihr Zimmer, schloss sich ein und – wurde krank. Der Arzt, – dieser allmächtige Berater, – erklärte die Landluft und Einsamkeit unzuträglich für sie, und eine Übersiedelung nach der Stadt wurde nötig, da sie sich einer langwierigen Kur unterziehen musste. Die Stadt übte auch bald einen ausserordentlich günstigen Einfluss auf Adelens Gesundheitszustand aus, und die Rinnsteinluft gab ihrem Gesicht Farbe und Frische. Der Rechtsanwalt verschaffte sich wieder Praxis und nun gab es für die üblen Launen beider wieder Ableiter aller Art. Eines Tages teilten die Zeitungen mit, dass ein von Adele verfasstes Theaterstück zur Aufführung gelangen sollte. »Siehst Du nun,« sagte sie triumphierend zum Manne, »dass eine Frau auch für höhere Ziele leben kann, als kochen und Kinder wiegen?« Und das Stück kam wirklich zur Aufführung. Der Rechtsanwalt sass in der Prosceniumsloge wie unter einer kalten Douche, und nach Schluss des Theaters musste er bei einem kleinen Souper den Wirt spielen. Seine Frau sass mitten in einem Schwärm von Bewunderern, denen er Schnäpse und Cigarren anbieten musste. Dann wurden Reden gehalten. Der Rechtsanwalt stand neben dem Kellner und überwachte die Champagnerkorken-Salutschüsse bei dem Toast auf die Frauen, in dem ein junger Poet, der noch an »das Weib« glaubte, die hochfliegendsten Zukunftshoffnungen äusserte. Ein Schauspieler kam, klopfte den Rechtsanwalt auf die Schulter und bat ihn, doch eine bessere Champagnermarke geben zu lassen, als diese langweiligen Roederer. Die Kellner sprangen hin und her und fragten nach dem Mann der gnädigen Frau. Und Adele ermahnte ihn beständig, auch ja aufzupassen, ob die Rezensenten genug zu trinken hätten. Jetzt war er wieder untendurch, und sie obenauf, und er empfand das in höchst unbehaglicher Weise. Als sie an jenem Abend endlich nach Hause kamen, war Adele ganz glückstrahlend: es war, als sei ihr eine Zentnerlast von der Seele genommen, und sie atmete leicht und frei. – Sie hatte geredet und war gehört worden, sie war stumm gewesen und hatte die Sprache wiederbekommen; sie schwärmte von der Zukunft, von neuen Plänen, neuen Eroberungen. Der Mann sass schweigend dabei, wie ein nasser Holzklotz, der keine Resonanz giebt. Je mehr sie stieg, desto tiefer sank er. »Du bist doch nicht etwa neidisch?« sagte sie und hielt mitten in ihrer begeisterten Rede inne. »Wenn ich nicht Dein Mann wäre, würde ich es gewiss nicht sein,« entgegnete er; »ich freue mich ja über Deine Erfolge, aber mich vernichten sie, löschen sie aus. Du hast Rechte, aber ich habe auch Rechte. Die Ehe ist nun einmal Menschenfresserei: Esse ich Dich nicht auf, dann issest Du mich. Du hast mich aufgegessen, ich kann Dich nicht mehr lieben.« »Hast Du mich denn jemals geliebt?« »Nein, es ist wahr, wir haben die Ehe aufgebaut ohne Liebe, daher ist es nicht gegangen. Es geht der Ehe wie der Monarchie: Wenn das Prinzip des Alleinherrschertums aufhört, müssen beide sterben, die Monarchie wie die Ehe.« »Und was soll an ihre Stelle treten?« »Die Republik natürlich,« entgegnete er und begab sich in sein Zimmer. Natürliche Hindernisse Ihr Vater hatte sie doppelte Buchführung lernen lassen, damit ihr das traurige Los erspart bliebe, dazusitzen und auf einen Mann zu warten. Sie hatte auch eine Stelle als Buchhalterin bei der Eisenbahngepäckverwaltung bekommen, und galt für eine gute Arbeitskraft. Sie konnte mit den Kerlen umgehen, dass es eine Lust war, und sie hatte eine Zukunft vor sich. Da kam der grüne Jäger aus dem Forstinstitut und die beiden wurden ein Paar. Aber Kinder sollten und durften nicht kommen. Sie wollten eine geistige Ehe führen und die Welt sollte sehen, dass das Weib auch ein seelisches Wesen ist, nicht nur »Weibchen«. Die beiden Gatten trafen sich mittags und nachts, und wenn es eine Vereinigung der Seelen war, so war es jedenfalls auch eine der Körper, aber davon wurde nicht gesprochen. Eines Tages kam die junge Frau nach Hause und berichtete, die Dienststunden seien geändert, Ein neuer Reichstag von Malmö sei eingelegt worden, und sie hatte jetzt von 6 bis 9 Uhr abends Dienst. Das gab einen Strich durch die Rechnung, denn er konnte nicht vor 6 Uhr nach Hause kommen, unmöglich! Nun assen sie ihr Mittag einsam, und waren nur bei Nacht bei einander. Und diese langen Abende. Um neun kam er und holte sie vom Bureau ab, aber er fand es nicht sehr angenehm, auf einem Stuhl im Gepäckraum zu sitzen und von allen gestossen und geknufft zu werden. Er war immer im Wege. Und wenn er plaudern wollte, mit ihr, die da mit der Feder hinter dem Ohre sass, dann bekam er gewöhnlich zu hören: »Sei so gut und störe mich jetzt nicht.« Und dann drehten die Gepäckträger sich um, und er konnte an ihren Rücken sehen, dass sie grinsten. Oft wurde er auch mit den Worten angemeldet: »Frau Holm ihr Mann is da!« Frau Holm ihr Mann, wie verächtlich das klang! Aber was ihn am meisten ärgerte, war, dass ihr Kollege, mit dem sie an einem Pulte sass, ein junger Laffe war, der ihr immer so angelegentlich in die Augen schaute, und sich mit Vorliebe, um einen Blick ins Hauptbuch zu thun, über ihre Achsel beugte, so dass sein Kinn fast ihre Brust berührte! Und dann sprachen sie von Faktura und Certifikat und lauter Sachen, von denen er keine Ahnung hatte; und sie kollationierten zusammen und schienen sehr viel vertrauter mit einander zu sein und einer des andern Gedanken viel besser zu kennen, als es zwischen ihm und seiner Frau der Fall war. Und das war ganz natürlich, denn sie war ja mit dem jungen Laffen viel mehr zusammen, als mit ihrem Manne. Und wenn der Mann von Waldwechsel zu sprechen anfing, dann antwortete sie Gepäckspedition, denn wes der Kopf voll ist, des geht der Mund über. Er begann einzusehen, dass ihre Ehe doch wohl eigentlich keine rechte »geistige« Ehe war, denn wenn sie das sein sollte, hätte er bei der Gepäckexpedition sein müssen, und nun war er doch einmal an der Forstakademie. Eines Tages, oder richtiger in einer Nacht verkündete ihm seine Frau, dass sie nächsten Sonntag mit ihren Kollegen von der Eisenbahn einen kleinen Ausflug machen würde; zum Schluss sollte ein kleines Abendessen stattfinden. Ihr Mann nahm diese Nachricht mit einiger Verlegenheit auf. »Willst Du wirklich mit?« war er so naiv zu fragen. »Wie Du fragst! Natürlich!« »Ja, aber Du als einziges weibliches Wesen unter so viel Männern, – und wenn die Männer dann getrunken haben, werden sie so, – so zudringlich.« »Na, gehst Du nicht zu Deinen Lehrerversammlungen ohne mich?« »Ja, aber doch nicht als einziger Mann unter lauter Weiber.« »Männer und Frauen sind gleich, denke ich? Es wundert mich wirklich sehr, dass Du, der Du immer für die Befreiung der Frauen bist, etwas dagegen haben kannst, dass ich dieses kleine Fest mitmache.« Er musste zugeben, dass es sich bei ihm um alte Vorurteile handelte, er gab auch zu, dass sie recht hatte, und er unrecht, – aber er bat sie, zu Hause zu bleiben, ihm wäre der Gedanke so unangenehm! Davon könnte er sich nicht frei machen! Das sei inkonsequent von ihm, meinte sie. Ja, es war inkonsequent von ihm, aber sie wüsste ja selbst, es gehörten zehn Generationen dazu, alte Vorurteile zu überwinden. Gut, aber dann sollte er auch nicht mehr in seine Lehrerversammlungen gehen! Das wäre ja doch aber etwas ganz anderes, denn dort befände er sich doch unter lauter Männern! Es war ja nicht, dass sie ohne ihn ausging, sondern dass sie ohne ihn in Herrengesellschaft gehen wollte. Aber sie wäre ja nicht allein, die Frau vom Kassierer sollte ja mit von der Partie sein in ihrer Eigenschaft als – Als was? Nun, als Frau des Kassierers. Und konnte er nicht auch mit, in seiner Eigenschaft als »Frau Holms Mann«? Ach er würde sich doch nicht so erniedrigen wollen und sich aufdrängen! Ja, er wollte sich erniedrigen, wenn es sein musste. Er war wohl gar eifersüchtig? Ja, weshalb nicht? Er fürchtete, es könnte etwas zwischen sie treten. Pfui, also wirklich eifersüchtig! Nein, diese Kränkung, dieser Schimpf, dieses Misstrauen! Was dachte er denn eigentlich von ihr? Das Allerbeste, – das wollte er ihr beweisen, indem er sie gehen liess, allein, ohne ihn. So, so, also erlaubte er es ihr wirklich! Nein, wie gnädig! Und sie ging und kam gegen Morgen nach Hause. Sie musste ihren Mann wecken und ihm erzählen, wie hübsch es gewesen sei. Sie hatten Reden auf sie gehalten, und dann Quartette gesungen und getanzt. »Und wie bist Du denn nach Hause gekommen?« »Herr Glop hat mich bis vor die Hausthür begleitet.« »So? Das ist ja recht angenehm für mich, wenn einer meiner Bekannten meine Frau nachts um drei mit einem fremden Manne auf der Strasse gesehen hat.« »Was thut denn das? Habe ich denn einen schlechten Ruf?« »Nein, Du kannst ihn aber bekommen.« »Pah! Du bist eifersüchtig, – und was noch schlimmer ist, Du bist neidisch! Du gönnst mir keine kleine Freude. Ja, ja, so ist es, wenn man verheiratet ist! Wenn man einmal aus war und sich ein bisschen amüsiert hat, dann kommt man nach Hause und wird ausgezankt. Pfui, was für ein hässliches Ding ist es, verheiratet zu sein, – und noch dazu so wie wir! Nur in den Nächten sind wir zusammen, gerade so, wie alle andern auch! Und die Männer sind ja alle egal! Bis zur Verheiratung sehr artig und aufmerksam, aber dann, – dann! Du bist gerade so wie die andern, Du glaubst, ich gehörte Dir, und Du könntest mit mir machen, was Du willst!« »Ich glaube, es hat, einmal eine Zeit gegeben, wo jeder von uns sich freute, dem andern anzugehören, – aber ich irre mich vielleicht. Jetzt bist Du es jedenfalls, die mich besitzt, wie man einen Hund besitzt, dessen man stets sicher ist. Bin ich etwas anderes als Dein Bedienter, wenn ich abends komme, Dich abzuholen? Bin ich für irgend jemand etwas anderes als ›Frau Holms Mann‹? Ist das etwa Gleichheit?« »Ich bin nicht gekommen, um mich mit Dir zu zanken! Ich will immer Deine kleine Frau sein, und Du bist mein gutes Männchen!« Der Champagner wirkt, – dachte er und drehte sich nach der Wand. Sie weinte und bat ihn, nicht ungerecht zu sein und – – ihr zu verzeihen. Er wickelte sich in die Decke. Sie bat noch einmal, ob er ihr nicht verzeihen wollte. Ja, gewiss wollte er das! Aber er hatte einen so schrecklichen einsamen Abend gehabt, wie er ihn nicht wieder erleben wollte. »Das wollen wir jetzt alles vergessen, nicht wahr?« Und so vergassen sie es, und sie war wieder seine kleine Frau. – – – Am folgenden Abend, als der Forstmann in das Kontor kam, um seine Frau abzuholen, war sie nicht da; sie hatte im Magazin zu thun. Er setzte sich auf ihren Stuhl und wartete. Eine Glasthür that sich auf und Herr Glop steckte den Kopf durch die Spalte. »Annchen, bist Du da?« Nein, es war nur ihr Mann. Er stand auf und ging seiner Wege. Herr Glop nannte seine Anna Annchen und Du, – Annchen! Das war zu viel! Bei ihrer Nachhausekunft gab es eine grosse Scene, in der der junge Forstmann gründlich von der Haltlosigkeit und Albernheit seiner Frauenbefreiungs-Theorien überzeugt wurde, da er etwas darin fand, dass seine Frau sich mit ihren Kollegen duzte. Das schlimmste war, dass er zugeben musste, seine Theorien seien haltlos. »So? Du bist also anderer Ansicht geworden? Was?« »Ja wohl! Die Ansichten ändern sich je nach der Wirklichkeit, die so veränderlich ist! Aber, das muss ich Dir sagen: habe ich früher an eine »geistige Ehe« geglaubt, so glaube ich jetzt überhaupt an keine Ehe mehr. Das ist ja doch ein Fortschritt in radikaler Richtung, nicht wahr? Und was das Geistige betrifft, so bist Du entschieden mehr mit Herrn Glop verheiratet, als mit mir, denn mit ihm teilst Du ja alle die Ideen von Warenverkehr etc., für meine Forstangelegenheiten hast Du nicht das geringste Interesse und Verständnis. Also sage selbst, ist unsere Ehe überhaupt geistig zu nennen?« »Nein, jetzt nicht mehr, denn unsere Liebe ist gestorben, – Du hast sie getötet, Du selbst, indem Du den Glauben an unsere grosse Sache, die Befreiung des Weibes, verloren hast. Die Unterhaltung wurde immer giftiger, und man kam immer weniger zu einem Resultat. »Du verstehst mich nicht,« sagte sie oft zu ihm. »Nein, ich habe das nicht gelernt,« entgegnete er. Eines Morgens teilte er ihr mit, dass er mit einer Mädchenpension, in der er unterrichtete, einen botanischen Ausflug machen würde. So! Davon hatte er ja nichts gesagt! Grosse Mädchen? Kolossale! Sechzehn bis zwanzig Jahr. Hm, – am Vormittag? Nein, am Nachmittag; abends wollten sie gemeinsam essen. Hm – die Lehrerin war doch wohl mit? Nein; die Schulvorsteherin hatte so viel Vertrauen zu ihm, da er verheiratet war. Siehst Du, manchmal ist es ganz vorteilhaft, verheiratet zu sein. Am nächsten Tage war seine Frau krank und lag zu Bett. Sollte er das Herz haben, von ihr zu gehen? Der Dienst ging vor, – ob sie denn so sehr krank sei? Ach schrecklich! Es wurde zum Doktor geschickt, trotz ihres Protestierens. Der erklärte die Sache für ungefährlich und meinte, der Mann könne ruhig gehen. Und er ging und kam gegen Morgen heim. Hei, wie vergnügt er war; und wie gut er es gehabt hatte! Donnerwetter noch 'mal, so wohl hatte er sich lange nicht gefühlt. Nun brach es los: Huhuhuhu! Dieser Kampf war ihm zu schwer! Und er musste ihr einen heiligen Eid schwören, dass er nie eine andere lieben würde! Nie! Es gab Krämpfe und Weinessig. Er war zu edelmütig, um auf nähere Details über das Fest einzugehen, aber er konnte es sich nicht versagen, noch einmal auf seinen Vergleich mit dem Hunde zurückzukommen, und er erlaubte sich, hinzuzufügen, dass zur Liebe der Begriff des Besitzerrechtes gehöre, auch von Seiten der Frau. Weshalb weinte sie? Was brachte sie zu Thränen? Dasselbe, was ihn zum Schelten gebracht hatte, damals, als sie mit den zwanzig Männern einen Nachmittag verlebt hatte: die Furcht, ihn zu verlieren! Aber man kann doch nur verlieren, was man besitzt! Und so wurde die Sache wieder zusammengeflickt, so gut es ging; aber Gepäckexpedition und Mädchenpension standen mit ihren Scheren da und schnitten jeden frischen Trieb ab, und ihre Ehe war nicht harmonisch zu nennen. Da wurde die junge Frau krank! Gewiss hatte sie sich mit einem der Packete im Magazin verhoben; sie war so eifrig und konnte es gar nicht mit ansehen, wie langsam das alles ging. Sie musste immer gleich zugreifen. Sie liess sich untersuchen: man fühlte etwas hartes, meinte die Hebamme. Und so war denn die Geschichte fertig! Sie war entsetzlich böse! Böse auf ihren Mann, – denn es war doch bestimmt nur Schlechtigkeit von ihm! Wie sollte es denn nun mit ihrer Zukunft werden! Sie müssten das Kind in ein Findelhaus geben, das hatte Rousseau auch gethan. Im übrigen war er ein Dummkopf aber in diesem Punkte hatte er recht. Alle diese Grillen und Launen! Ihr Mann musste den Unterricht in dem Mädchenpensionat aufgeben, aber sofort l Aber das Allerschlimmste: sie konnte nicht mehr in das Magazin gehen, musste im Kontor sitzen und schreiben. Sie bekam einen Gehilfen zugewiesen, dessen heimliche Aufgabe es war, sie zu vertreten, wenn sie liegen musste. Die Kollegen waren auch nicht mehr wie früher, die Gepäckträger grinsten,– ach sie hätte sich vor Scham in die Erde verkriechen mögen. Lieber sich im Hause begraben und Essen kochen, als hier zum Spektakel herumzulaufen. O diese Abgründe von Vorurteilen, die sich in den falschen Herzen der Männer verbergen. Im letzten Monat nahm sie Urlaub. Sie war nicht mehr imstande, den Weg von ihrer Wohnung zum Kontor viermal am Tage zurückzulegen. Sie bekam jetzt oft ganz plötzlich gewaltigen Heisshunger, und musste sich Butterbrote holen lassen, und dazwischen wurde ihr wieder übel und sie musste sich zurückziehen. Was für ein Leben? Was hatten doch die Frauen für ein klägliches Los. Endlich kam der Kleine an. »Sollen wir ihn ins Findelhaus schicken?« fragte der Vater. »Würdest Du wirklich das Herz dazu haben?« Und er blieb zu Hause. Es dauerte nicht lange, so erhielt die junge Mutter einen sehr höflichen Brief von der Eisenbahnverwaltung mit der Anfrage, wann sie ihren Dienst wieder würde antreten können. Übermorgen wollte sie wieder auf dem Posten sein, sie war noch etwas schwach und musste hinfahren, aber sie wurde bald wieder ganz kräftig. Zweimal am Tage musste sie einen Boten nach Hause schicken, und fragen lassen, wie es dem Kleinen ginge. Und wenn sie erfuhr, dass er schrie, wurde sie ganz wild und lief nach Hause: Die Gehilfin war ja immer noch da, um sie nötigenfalls zu ersetzen, und die Eisenbahnverwaltung war sehr artig und sagte nichts. Eines Tages entdeckte die junge Mutter, dass es der Amme an Nahrung fehlte, dass sie es aber verheimlicht hatte, um ihre Stelle nicht zu verlieren. Nun hiess es also, Urlaub nehmen und eine neue Amme suchen. Ach, sie waren ja alle egal, eine wie die andere! Keine Spur von Interesse für die Kinder anderer Leute, nur die nackte Selbstsucht! Man konnte sich nie auf sie verlassen! »Nein,« sagte der Mann, »in diesem Falle kann man sich nur auf sich selbst verlassen.« »Du meinst damit, ich solle meine Stelle aufgeben?« »Ich meine, Du sollst thuen, was Dir beliebt.« »Und Deine Sklavin werden?« »Nein, nein, das meine ich durchaus nicht.« – Der Kleine wurde krank, wie es bei allen Kindern einmal vorkommt, er bekam Zähne. Urlaub über Urlaub. Es stellten sich sogenannte Zahnkrämpfe ein; – schlaflose Nächte, bei Tage Arbeit und unruhiges, mattes, schläfriges Wesen. Neuer Urlaub. Herr Holm war ein gutherziger Mann; er trug den Kleinen bei Nacht umher, und sagte seiner Frau kein Wort. Aber sie erriet seine Gedanken. Er wartete nur darauf, dass sie zu Hause bleiben sollte; aber er war falsch, deshalb schwieg er. O, wie falsch alle Männer waren! Sie hasste ihn, und sie wollte lieber ins Wasser gehen, als ihre Stelle aufgeben und seine Sklavin werden! Als der Kleine fünf Monate alt war, befand sich die Frau wieder in andern Umständen. Herr Gott im Himmel gab das einen Aufstand! »Ja, siehst Du, mein Kind, wenn das erst einmal angefangen hat, dann ist der Teufel los!« Der glückliche Ehemann musste seine Lehrerstelle in der Mädchenpension wieder aufnehmen, – des Geldes wegen; und sie? – Jetzt endlich streckte sie die Waffen. »Ich bin Deine Sklavin,« schluchzte sie, als sie mit der Entlassung nach Hause kam, »ich bin Deine Sklavin!« Nichtsdestoweniger führt sie von nun an das Regiment im Hause, und der Mann liefert ihr seine Einnahmen bis auf den letzten Pfennig ab. Wenn er ein paar Cigarren haben will, hält er eine längere Rede, ehe er mit seinem Anliegen herausrückt. Sie schlägt ihm nie etwas ab, – immerhin aber findet er es etwas unbequem, so um Geld zu bitten. In das Lehrerkollegium darf er jetzt gehen, aber mit botanischen Mädchenschul-Ausflügen ist es nun zu Ende. Er vermisst es auch eigentlich nicht, er bleibt am liebsten zu Hause und spielt mit den Kindern. Seine Kameraden meinen, er stände unter dem Pantoffel, aber er lacht darüber, und denkt, er befände sich am besten dabei, denn er hätte so ein verständiges, nettes Frauchen. Sie aber bleibt dabei, sie wäre doch seine Sklavin, und dieser Märtyrerberuf ist ihr einziger Trost in der Bekümmernis. Um sich zu verheiraten Man konnte wirklich mit gutem Gewissen sagen, dass sie einander in die Arme getrieben worden waren. Sie war die älteste von fünf Schwestern und hatte ausserdem noch drei Brüder. Es war einigermassen eng in dem Mädchenstübchen, das liess sich nicht leugnen, und eine kleine Schlägerei war nichts seltenes unter den Kindern des Uhrmachers. Er spielte die Bratsche in der Hofkapelle, und nannte sich königlicher Kammermusikus. Er war eine gute Partie, lernte das Mädchen irgendwo kennen, und fing an bei ihnen zu verkehren. Es dauerte auch nicht lange, so plazierten sie ihn und sie zusammen auf das Sofa, die Schwestern tuschelten und pufften sie in den Rücken, die Brüder sprachen von »den beiden«, Vater und Mutter waren sehr artig, und so wurde sie die Seine. Er kam pünktlich alle Tage um halb fünf zu ihnen zu Besuch, und musste pünktlich um halb sieben wieder fort, um zur rechten Zeit im Theater zu sein. Es war eine Hölle, das Verlobtsein, aber es würde schon besser werden nach der Hochzeit. Der Schwiegervater, der auch sein kleines Vergnügen von der Sache haben wollte, war ein eifriger Brettspieler. Da hab' ich meinen Mann, dachte er, und nun musste der unglückselige Bräutigam jeden Nachmittag am Schachbrett sitzen. Meist war seine Braut in der Nähe, – und der Bräutigam verlor stets. Der Alte mochte ihn deshalb auch recht gut leiden, ausser wenn er allzu zerstreut war und falsche Züge that, was allerdings recht oft geschah. Sonntags war er zu Mittag bei den Schwiegereltern. Da musste er Theatergeschichten erzählen, was dieser oder jener Schauspieler, diese oder jene Schauspielerin gesagt und gethan hatten. Und dann erzählte der Alte, wie es in früheren Zeiten zugegangen war, als Torsslow und Högquist noch lebten. Nach Tisch, während der Vater schlief, waren die beiden ein Stündchen für sich. Aber wo, das war immer die grosse Frage. Das Zimmer der Mädchen war von den Schwestern besetzt, die Brüder belegten alle Sofas mit Beschlag, im Schlafzimmer war der Alte. So blieben sie also im Esszimmer jeder auf seinem Rohrstuhl sitzen, während die Mama im Schaukelstuhl ein kleines Nickerchen machte. Er war nach Tische jedesmal entsetzlich müde und schläfrig, und hätte sich's gern auch irgendwo bequem gemacht, aber es half nichts, er musste steif wie eine Latte auf seinem Rohrstuhl bleiben, und that sein möglichstes, die Braut dabei zu umarmen. Wenn sie sich küssten, guckte jedesmal einer der Brüder grinsend durch eine Thürspalte, oder aus irgend einem Winkel warf ihnen eine der Schwestern »sittliche« Blicke zu. Und was er mit den Freibillets zu thun hatte! Jeden einzigen Tag musste er auf dem Bureau um seine beiden Freibillets bitten, damit doch abwechselnd die ganze Familie ins Theater geführt werden konnte, und die Brüder der Braut setzten ihm so lange zu, bis er sie gelegentlich einmal hinter den Coulissen einschmuggelte. Die Samstagabende war er meist frei und da machte er denn einen Ausflug mit seiner Braut nach dem Tiergarten. Natürlich musste dann die Mama mit sein, und ohne zwei Schwestern ging es selten ab. Adolf konnte doch nichts dagegen haben, dass sie auch etwas frische Luft schöpfen wollten. Natürlich! Wie sollte Adolf das können! Wenn aber dann in der Alhambra das Abendbrot bezahlt werden sollte, dann kam es ihm sauer an, das fünf- oder sechsfache von dem zu geben, was seine Braut und er allein gekostet hätten. Dann kam es oft vor, dass die Mama müde wurde, und man einen Wagen nehmen musste. Innen war es gewöhnlich schon voll genug und er musste auf dem Bock sitzen und sich winden wie ein Pfropfenzieher, um seine Braut zu sehen. Manchmal kamen auch die Brüder nach der Alhambra um die Schwestern abzuholen, und regelmässig bat dann der lange Karl den Schwager, »für ihn auszulegen«, oder Erik nahm ihn auf die Seite und pumpte ihm eine Kleinigkeit ab. Allein war er mit seiner Braut fast nie zusammen. So kam es, dass er in die Ehe ging, ohne zu wissen, wer sie war. Er wusste nur, dass er sie liebte, das war genug, und er versprach sich soviel von der Heirat und dem stillen Zusammenleben mit ihr. Als er am letzten Sonntag mit dem Aufgebot kam, und sein letztes Junggesellenmittagessen einnahm, lag das Leben so schön und hell vor ihm, er träumte von seinem eigenen Heim und dem Alleinsein mit ihr. Zusammen auf dem Sofa sitzen und plaudern, ohne grinsende Brüder und kichernde Schwestern in der Nähe. Als er dann in seine alte Bude ging, um die Alltagskleider auszuziehen und Frack und weisse Halsbinde anzulegen, war es ihm, als würfe er alles Hässliche, Unangenehme, das ganze widrige abnorme Junggesellenleben von sich. Und in seiner Vergangenheit gab es keine Schatten, die auf die Zukunft fallen konnten. Nun packte er die letzten Kleinigkeiten und seine alten Sachen in einen Koffer, den er in die neue Wohnung schickte, sagte dem alten Schlafsofa lebewohl und verabschiedete sich von seiner Wirtin, die Thränen vergoss und ihm von Herzen Glück wünschte. Abends war die Hochzeit bei den Schwiegereltern. Die Schwäger wurden unangenehm vertraulich, die Mutter vergoss einen Strom von Thränen, behandelte ihn wie einen Räuber und ermahnte ihn mit leisen Andeutungen, gut gegen ihr geliebtes Kind zu sein, – endlich war alles das überstanden und er konnte seine junge Frau an den Wagen führen. Mehrere Brüder schienen mit von der Partie sein zu wollen, aber Adolf schlug die Thür zu, dass die Wagenfenster klirrten, und wünschte die lieben Verwandten dahin, wo der Pfeffer wächst. Nun waren sie endlich allein! Aber als sie eine eigentümliche Siegermiene bei ihm entdeckte, wurde ihr angst vor ihm. So hatte sie ihn noch nie gesehen. Ob das zu verwundern sei, fragte er. Aber sie weinte, und sträubte sich gegen seine Zärtlichkeiten; er wurde verdriesslich, und die Ankunft in ihrem neuen Heim, wo das Mädchen vergessen hatte, für Zündhölzchen zu sorgen, war ziemlich trübselig. Am folgenden Morgen hatte er um sieben Uhr eine Stunde zu geben. Sie mussten verständig sein, denn sein Gehalt war knapp, und er wollte auch wieder einbringen, was er in der Verlobungszeit an Stunden eingebüsst hatte. Um neun Uhr kam er zum Frühstück nach Hause, dann ging's zur Probe. Nach dem Mittagessen musste er ein Stündchen schlafen, denn um fünf Uhr hatte er schon wieder eine Stunde bei sich im Hause zu geben. Seine Frau fand es »brutal« von ihm, dass er nachmittags schlafen wollte, sie sässe den ganzen Vormittag über allein, sagte sie, und wenn er dann endlich nach Hause käme, wollte er schlafen! Aber er musste, sonst konnte er seine Lektion nicht geben. Er musste! – Um vier Uhr kam der Schüler, und nun: adieu, für ein kleines Weilchen, mein gutes Kind. Aber Du könntest doch heute einmal den Schüler zurückschicken! Unmöglich! Er musste streng gegen sich selbst sein. Und als der Schüler kam, sass die junge Frau im Nebenzimmer und hörte, wie Adolf mit dem Fusse den Takt dazu trat, und wie auf einer miserablen Geige die Tonleiter gespielt wurde, c d e f g a h, ohne Ende. Endlich klingelte es an der Entreethür und herein stürmten drei Brüder und alle vier Schwestern. Da gab es Lärm und Gelächter. Der lange Karl ging sofort ohne Umschweife an das Büffet und holte Punschgläser heraus, und die Schwestern sahen die junge Frau neugierig forschend an, ob sie sehr angegriffen aussähe. Und die Hausfrau, musste an die Chiffonnière gehen, vom Wirtschaftsgelde nehmen und Lina in die Weinhandlung schicken. Adolf, der den lustigen Lärm hörte, öffnete die Thür und nickte den Schwägern und Schwägerinnen zu. Er war so froh, dass seine Frau etwas Gesellschaft bekommen hatte, – aber mit dabei sein konnte er nicht, er musste wieder zu seinem Schüler. »Na, Du scheinst mir auch ziemlich grün um die Nase zu sein,« sagte Erik, ehe Adolf sich wieder zurückzog. Und nun ging es wieder los: cdefgah . Draussen wurde gelacht und gelärmt und mit den Gläsern angestossen, aber er durfte nicht mit dabei sein. Zum Schluss kam seine Frau und klopfte an die Thür: Adolf sollte ein einziges Mal kommen und mit den Geschwistern anstossen! Ja, das konnte er wohl! Aber gleich wieder hinein! Und um fünf Uhr kam der nächste Schüler. »Das wird aber fein für Dich, Elin, dieses Zuhören,« sagte eine der Schwestern, »das klingt täuschend wie Schweinschlachten.« Aber da wurde Elin böse und sagte, man heiratete ja auch nicht, um es gut und bequem zu haben? Nicht? Wozu denn sonst? Das ginge sie ja nichts an. Es begann etwas hitzig zu werden, als Adolf herauskam, um Abschied zu nehmen, ehe er ins Theater ging. Aber er bat sie alle, dazubleiben und der Schwester Gesellschaft zu leisten, damit sie nicht allein zu sitzen brauchte, auf ihn warten sollten sie aber ja nicht. Und sie blieben alle da. Als er um zwölf Uhr nach Hause kam, schlief seine Frau bereits. Der Salon, sein hübscher, kleiner Salon, war voller Rauch und schlechter Luft; das Tischtuch, gestern noch so schön rein, war voller Flecken, auf der Erde lagen die Scherben eines Glases, und die überall herumstehenden Bierreste verbreiteten einen widrigen Geruch. Die Butter war fort bis auf ein kleines Häufchen in der einen Ecke der Dose, das frische Brot war aufgegessen und für ihn aufbewahrt lag eine Scheibe fetter Presssülze, – die magere hatten die Teufel aufgegessen, – ein vertrocknetes Stückchen Zunge, das aussah wie aus Guttapercha geschnitten, und zwei Anchovis, deren durchlöcherter Rücken deutlich zeigte, dass sie schon einmal aufgespiesst waren. Seine Frau erwachte. »Hast Du etwas zu essen gefunden, mein alter Junge?« fragte es aus den Kissen heraus. Ja ja, er nahm es nicht so genau; er ging selbst in die Küche hinaus nach Bier. Und dann ging er zu Bett; seine Frau wollte, er sollte noch mit ihr plaudern, aber er war todmüde und schlief augenblicklich ein. Tags darauf kam die Schwiegermutter auf eine kleine Vormittagsvisite. Als Adolf heimkam, roch es im Salon nach Portwein. Am Nachmittag erschien der Schwiegervater, aber Adolf hatte Stunde und konnte ihm nicht Gesellschaft leisten, und der Alte ging fort, ganz beleidigt, denn er meinte, der Schwiegersohn hätte sich schon an solchem Tage einmal frei machen können. Aber die Schwäger und Schwägerinnen waren ausdauernd. Einer von ihnen hatte immer Zeit, und so ging es reihum. Immer standen Punschreste auf dem Tisch, und auf dem Teppich lag Cigarrenasche. Eines schönen Tages riskierte Adolf eine vorsichtige kleine Andeutung über den vielen Punsch, von dem er nie etwas zu schmecken bekam. Hui! Da ging es aber los. Keiner von den Ihrigen sollte den Fuss mehr in sein Haus setzen! Sie wusste ja sehr gut, dass alles ihm gehörte, und das sollten die andern auch erfahren. »Nein, mein gutes Kind, das ist nicht nötig, – ich habe mir nur die Frage erlaubt, weshalb hier bei uns tagtäglich Punsch getrunken wird, mein Engel.« »Das ist nicht wahr! Gestern haben wir keinen getrunken!« »Das mag schon sein, aber wenn nur an einem von vierzehn Tagen kein Punsch getrunken wird, so kann man doch bildlich sagen: ›es giebt tagtäglich Punsch‹, nicht wahr?« Sie verstand sich nicht auf »bildliche Sprache«, so feine Erziehung hatte sie nicht genossen, aber auf Piken verstand sie sich. Ach nie, nie hätte sie gedacht, dass es so sei, verheiratet zu sein. Der Mann war ja niemals zu Hause, und wenn er zu Hause war, dann schlief er oder zankte mit ihr. Und dann hielt er ihr vor, dass alles ihm gehörte, sein wäre. Unglücklicherweise hatte der lange Karl an demselben Tage einen Pumpversuch bei dem Schwager gemacht und eine kurze, ziemlich schroffe Ablehnung erfahren. Das Gerücht davon, samt der Punschgeschichte, verbreitete sich rasch, und nun war Adolf ein knauseriger Kerl, und ein falscher Kerl noch dazu, denn so war er als Bräutigam nie gewesen. Zum Schluss, nach vielem Ärgern, kam es so, dass Adolf selbst derjenige war, der den Grünschnäbeln Punsch anbot, wenn sie kamen, und da er es selbst that, konnte er natürlich auch nichts weiter darüber sagen. In einer Nacht kam Adolf müde und hungrig wie gewöhnlich nach Hause. Auf dem Tisch lag eine ausgehöhlte Käserinde, ein leeres Schüsselchen wies Spuren von Beefsteaks auf, in einem andern schien gebratene Leber gewesen zu sein. Für ihn lag wieder ein Stück fette Presssülze zwischen Tellern mit Eierschalen und Brotresten; Butter war gar nicht mehr da. Er war hungrig und sehr nervös, und hätte wohl böse werden mögen, aber er zog es vor, die Sache von der humoristischen Seite aufzufassen. »Höre 'mal, Kind,« sagte er zu ihr, – sie lag schon zu Bett, – »ist denn unter allen Deinen Brüdern nicht einer, der fette Presssülze gern isst?« Es war das Wort »alle«, in dem der Stachel lag. »Findest Du also, ich hätte so sehr viele Brüder?« »Na, – jedenfalls mehr, als ich hier Butter habe.« »Ist keine Butter mehr da?« Sie hatte es wirklich nicht gesehen, und es that ihr leid, aber klein beigeben wollte sie nicht, so fügte sie hinzu: »Ich bin doch nicht Dein Dienstmädchen!« Das wusste er wohl, – sonst hätte er schon längst andere Saiten aufgezogen. Was für andere Saiten? Ach, – es war ja gleichgiltig. Was für andere Saiten? Er würde sie vielleicht schlagen, ja? Ja, wenn sie sein Dienstmädchen wäre, – wahrscheinlich. So! Das war es also, er wollte sie schlagen! Ja, – wenn sie sein Mädchen wäre, – jetzt natürlich nicht! Aber schlagen wollte er sie doch! Ja, wenn sie sein Dienstmädchen wäre, – aber sie war es ja nicht, und so wollte er sie auch nicht schlagen. Das wollte sie ihm auch geraten haben! Sie hatte ihn geheiratet, um seine Frau zu sein, nicht sein Dienstmädchen. Wenn irgend etwas nicht in Ordnung war, so mochte er sich an Lina wenden, und nicht mit ihr zanken. Und da hatte sie ihr gutes, schönes Heim verlassen, um sich solch' einem Menschen in die Arme zu werfen! Bei dem Worte »schönes Heim« konnte Adolf sich nicht enthalten, vielsagend zu husten. War es etwa kein schönes Heim? Hatte er etwas dagegen zu sagen? War es nicht fein genug – u. s. w., u. s. w. In der Weise ging es von nun an fast jeden Abend. Da kam das Kind. Die junge Mutter konnte nicht allein mit allem fertig werden, Schwester Malla musste zu ihnen ziehen. Malla kam und logierte anfangs im Salon. Herrn Adolf war manchmal zu Mut, als lebte er in Polygamie, denn oft lagen Mallas Kleider und seine Hosen auf demselben Stuhl. Und bei Tisch vertrat Malla die Hausfrau. Die Schlafstube wurde Kinderstube, und um wenigstens den Salon in Ordnung zu behalten, musste Adolf sein Zimmer hergeben. Das Stundengeben im Hause musste er aufgeben, des bewussten »Schweinschlachtens« wegen, und so bequemte er sich denn, in fremde Häuser zu gehen, an fremde Thüren zu klopfen, herauskomplimentiert zu werden, wenn der kleine Friedrich oder Ullrich krank war, und die Zeit zwischen zwei Lektionen im Wirtshaus zuzubringen, wenn der Weg bis nach Hause zu weit war. Er war nur noch selten zu Hause. Abends sass er mit seinen Kollegen im Theaterrestaurant und sprach von Musik und anderen Sachen, die ihn interessierten. Wenn er heimkam, gab es jedesmal Zank, – da hatte er keine besondere Eile. Ihm war, als hätte er überhaupt keine Frau, und als müsste er alle Tage einmal in die Hölle zurück, – aber Kinder bekamen sie. Worin der Fehler eigentlich lag, dahinter kam er nicht. Seine Frau meinte, es käme daher, dass er nie zu Hause war, und er antwortete darauf, dass sein Beruf das so mit sich brächte. Sie hatten vielleicht alle beide recht, – aber er konnte doch jetzt nicht mehr umsatteln, und er konnte auch nicht verlangen, dass man bei Tage Theater spielte, zu einer Zeit wo alle Menschen beschäftigt waren. Er gab bereitwillig zu, dass es für seine Frau nichts weniger als schön sein mochte, mit einem Manne verheiratet zu sein, der nur nachts nach Hause kam, – aber es war nun einmal so, und das Leben knackt nun einmal nicht alle Nüsse für uns, die auf dem Haselstrauch der Kultur wachsen. Man müsste sich darein finden wie in so vieles andere, – helfen konnte ihnen niemand. Die Entstehung der Rasse Der Baron hatte mit grosser und edler Bekümmernis einen Aufsatz darüber gelesen, dass die Kinder der Oberklassen zu Grunde gehen müssten, wenn sie nicht den Kindern der Unterklassen die Muttermilch wegtränken. Er hatte Darwin gelesen, und die Sache so zu verstehen geglaubt, dass die Nachkommen der Adelsgeschlechter ein höheres Entwicklungsstadium der Gattung Mensch bedeuteten. Nun hatte er aber auch viel über die Vererbung studiert, und das hatte ihm einen grossen Widerwillen gegen die Verwendung von Ammen beigebracht, indem er die Befürchtung hegte, durch Einführung des niederen Blutes in Adern höherer Wesen könnten dem Kinde vielleicht allerlei im Volke häufige Begriffe, Vorstellungen und Intentionen eingeimpft werden. Er hatte es sich also in den Kopf gesetzt, seine Frau sollte ihr zu erwartendes Kind selbst nähren, und wenn sie dazu nicht imstande sei, wollten sie es mit der Flasche aufziehen; auf die Milch seiner Kühe, die sein eigenes Heu frassen, hatte er doch sicher ein Recht. Und so kam das Kind zur Welt. Es war ein Sohn! Er war bis zu der entscheidenden Stunde sehr unruhig gewesen, denn er selbst war ein armer Teufel, seine Frau dagegen sehr reich; er aber hatte von ihrem Gelde nichts, wenn ihre Ehe nicht von einem männlichen Erben gesegnet wurde. Man kann sich daher vorstellen, dass ihre Freude gross und ungeheuchelt war. Der Sohn war ein durchsichtiges kleines Vollblutwesen, mit blauen Adern auf dem Köpfchen. Ja, blau war das Blut, aber dafür auch desto dünner. Die Mutter war eine engelhaft zarte Person, die nur von ganz bestimmter, sorgfältig ausgewählter Nahrung lebte, sich durch kostbares Pelzwerk gegen das rauhe Klima schützte, und deren Wangen durch jene zarte Blässe ausgezeichnet waren, die die feine Rasse andeutet. Sie nährte ihr Kind selbst, – so brauchte man nicht erst Bauersfrauen, um leben zu dürfen! Das waren ja alles nur Phrasen! Das Kind trank und schrie vierzehn Tage lang. Alle Kinder schreien, – das hatte nichts zu bedeuten. Aber es magerte ab, – es magerte ganz entsetzlich ab. Ein Arzt wurde zugezogen. Er erklärte dem Baron, dass das Kind sterben müsse, wenn die Mutter fortführe, es zu nähren, teils weil sie zu nervös war, teils weil sie nichts zu geben hatte. Was war zu thun, – denn sterben sollte das Kind nicht. Amme oder Flasche war die Losung. Aber eine Amme kam gar nicht in Frage, unter keinen Umständen. Es sollte durchaus mit der Flasche versucht werden, obschon der Arzt entschieden darauf bestand, es müsse eine Amme genommen werden. Es blieb bei der Flasche. Die beste holländische Kuh, die auf dem landwirtschaftlichen Verein die Goldmedaille bekommen hatte, wurde auf Trockenfutter gesetzt. Der Arzt machte eine chemische Analyse der Milch und alles war gut. Es war doch zu bequem mit der Flasche! Weshalb hatte man es nur nicht gleich gethan! Und was für ein Segen, dass man ohne Amme auskam, – diese Pest, diesen Haustyrannen, dem man alles in den Hals stecken musste, und die dann womöglich noch eine ansteckende Krankheit an sich hatte! Aber das Kind magerte ab und schrie. Es schrie Tag und Nacht, – gewiss hatte es Magenschmerzen. Neue Kuh und neue Analyse. Die Milch wurde mit Karlsbader Brunnen, echtem Sprudel, verdünnt, aber es half nichts: Das Kind schrie weiter. »Hier giebt's keine andere Rettung als eine Amme,« erklärte der Arzt. Nein, das wollte man nicht. Man wollte andern Kindern nicht fortnehmen, was ihnen zukam, das war unnatürlich, und ausserdem war man doch nie sicher von wegen der »Vererbung«. Wenn der Herr Baron von »natürlich« oder »unnatürlich« sprach, so konnte ihn der Doktor darüber aufklären, dass, wenn man der Natur ihren Lauf liesse, alle Adelsgeschlechter aussterben müssten, und ihr Besitz an die Krone fallen würde. So hätte es die Natur gewollt, und die Kultur wäre nur ein ohnmächtiger Kampf gegen die Natur, ein Kampf, in dem der Mensch unterliegen müsse. Die Rasse des Herrn Barons wäre zum Untergange bestimmt; ein Beweis dafür sei schon der Umstand, dass die Frau Baronin nicht genug Nahrung für das Kind hätte. Um es am Leben zu erhalten, müsste man die Milch anderer Frauen rauben, – oder kaufen; – die Rasse lebte eben vom Raube bis in die geringsten Einzelheiten. Ob es denn auch Raub wäre, wenn man die Milch kaufte, – teuer kaufte. Ja gewiss, denn das Geld zum Kaufen der Muttermilch war ja das Produkt einer Arbeit; und wessen Arbeit? Der Arbeit des Volks, – denn der Adel arbeitete ja nicht. »Aber Sie sind ja Sozialist, Doktor!« »Nein, Darwinist; im übrigen können Sie auch ruhig Sozialist sagen, – das ist mir völlig gleichgiltig.« »Ja, aber stiehlt man, raubt man denn, wenn man kauft?« »Wenn man mit Gelde kauft, was man nicht erarbeitet hat, – gewiss.« »Meinen Sie buchstäblich mit den Händen erarbeitet?« »Ja.« »Aber dann gehören Sie ja auch zu den Räubern, lieber Doktor!« »Natürlich! Das hindert doch nicht, dass ich so rede? Erinnert sich der Herr Baron nicht vielleicht an den bussfertigen Sünder aus der Bibel?« Hier wurde die Unterhaltung abgebrochen. Der Baron schickte nach einem Professor. Dieser nannte den Baron gar einen Mörder, dass er nicht sofort eine Amme besorgt hatte. Nun musste jener seine Frau überreden. Sein ganzes eigenes Beweisgebäude musste er niederreissen und ihr zweierlei vorhalten: Die Liebe zu ihrem Kinde und – das geltende Erbrecht. Aber woher eine Amme nehmen? Aus der Stadt, daran konnte man nicht denken, in der Stadt waren alle Menschen so verderbt! Nein, ein Mädchen vom Lande musste es sein. Aber von einem Mädchen wollte nun wieder die Baronin nichts wissen, – ein Mädchen mit einem Kinde war ja doch ein unsittliches Geschöpf, von der der junge Baron womöglich etwas erben konnte! Der Arzt sagte, alle Ammen wären Mädchen, und wenn der junge Baron von ihr die Neigung zum andern Geschlecht »erben« sollte, so wäre das nur ein Beweis für seine tüchtige Natur u. s. w. u. s. w. Eine verheiratete Bäuerin bekämen sie auf keinen Fall, denn wer nur etwas Grund und Boden besässe, der wollte auch seine Kinder behalten. Ja, – wenn sie z. B. ein Mädchen mit einem ihrer Knechte verheirateten? So müssten sie eben neun Monate warten. Ja, – aber wenn sie nun ein solches Mädchen verheirateten, die schon ein Kind hatte? Ho, das war ein Gedanke. Der Baron wusste schon ein Mädchen mit einem drei Monate alten Kinde, er kannte sie nur allzugut, – hatte sie während seiner langen Verlobungszeit kennen gelernt – – –. Er ging selbst hin, um sie zu fragen. Sie sollte einen eigenen kleinen Bauernhof bekommen, wenn sie einwilligte, den Stall-Anders zu heiraten und Amme auf dem Herrenhof zu werden. Gewiss wollte sie das, es war doch immer besser, als hier mit der Schande herum zu laufen. Sie sollten gleich am nächsten Sonntag ein für alle mal aufgeboten werden, und Anders sollte auf zwei Monat zu seinen Eltern reisen. Mit einem wunderlichen Gefühl von Neid betrachtete der Baron seinen unehelichen Sohn. Es war ein starkes kleines Tierchen. Schön war er nicht grade, aber er schien dazu geboren, zu leben, und eine grosse Reihe von Nachkommen zu haben, – was man von seinem legitimen kleinen Erben nicht behaupten konnte. Anna weinte, als ihr Kind ins Findelhaus gethan wurde, aber das gute Leben auf dem Herrenhof und besonders das gute Essen, – denn sie bekam natürlich vom herrschaftlichen Tisch, – trösteten sie allmählich wieder. Sie durfte oft ausfahren, in der grossen Kalesche, mit dem Bedienten auf dem Kutscherbocke; sie bekam »Tausend und eine Nacht« zu lesen, – sie führte ein Leben, so behütet und gepflegt, wie sie es früher nie geahnt hatte. Nach zwei Monaten kam Anders ausgefüttert und ausgepflegt vom Besuch bei seinen Eltern zurück. Er begann seinen Hof zu bewirtschaften, und sich nach seiner Anna zu sehnen. Sie könnte ihn doch wenigstens ab und zu besuchen, meinte er. Das wollte aber die gnädige Frau nicht, um keinen Preis! Anna wurde mager und der kleine Baron schrie. Man fragte den Doktor um Rat. »Lassen Sie sie doch hingehen,« – sagte der. »Aber wenn es nun schädlich ist?« Ach bewahre, aber Anders sollte »analysiert« werden. Das wollte Anders nicht. Aber da bekam er ein paar Wollschafe zum Geschenk, – und liess sich »analysieren«. Und nun schrie der kleine Baron gar nicht mehr. Da kam eine Nachricht aus dem Findelhause: Annas Junge war tot, an Diphteritis gestorben. Anna verlor die Milch, und der junge Baron schrie mehr wie je. Anna musste verabschiedet werden und kam zu ihrem Manne heim. Anders war recht froh, endlich »ordentlich verheiratet« zu sein, aber Anna hatte sich zu sehr an das feine Leben gewöhnt. Brasilianischen Kaffee konnte sie nicht mehr trinken, sie musste Zara haben; und sechsmal die Woche Strömlinge essen konnte sie auch nicht mehr, das verbot ihr ihre Gesundheit. Schwere Feldarbeit konnte sie nicht mehr machen, so ging es bergab mit ihnen. Über ein Jahr musste Anders von seinem Hofe herunter, aber der Herr Baron wollte ihnen wohl, und gab ihm Arbeit. Auch Anna arbeitete für Tagelohn auf dem Hofe, und sah oft den kleinen Baron. Er kannte sie nicht wieder, und doch hatte er an ihrer Brust gespielt, doch hatte sie ihm das Leben gerettet, und das ihres Kindes dafür geopfert. Sie war fruchtbar und hatte viele Söhne; die wurden Bauern, Eisenbahnarbeiter, – und einer wurde Sträfling. Aber der alte Baron sah mit Unruhe dem Tage entgegen, wo der junge Baron heiraten und Erben zeugen sollte. Er sah nicht gerade stark aus. Er wäre viel beruhigter gewesen, wenn der andere kleine Baron, der im Findelhause gestorbene, auf dem Herrenhof gesessen hätte. Und wenn er wieder solche Aufsätze las, wie damals, dann musste er zugeben, dass die Oberklassen von der Gnade der Unterklassen lebten, und dass man die Zuchtwahl, wie sie heute war, nichts weniger als natürlich nennen konnte. Aber es war nun einmal so, da liess sich nichts ändern, mochten der Doktor und die Sozialisten sagen, was sie wollten. Getraut und Ungetraut Der Assessor ging an einem schönen Frühlingsabend vor den Thoren spazieren. Da hörte er Musik und Gesang aus einem der Sommertheater schallen, und sah das Licht durch die hohen Fenster seinen Schein auf die frischbelaubten Linden werfen. Er ging hinein, setzte sich an einen leeren Tisch in der Nähe der Estrade und liess sich einen Grog geben. Erst sang ein Komiker ein sehr betrübtes Lied über »Die tote Ratte«. Dann trat ein rosagekleidetes junges Mädchen auf und sang das Couplet »Und nichts geht über eine Mondscheintour«. Sie sah verhältnismässig unschuldig aus, und adressierte ihren Gesang ausschliesslich an unsern unschuldigen jungen Assessor. Geschmeichelt durch diese Auszeichnung knüpfte dieser eine Reihe von Unterhandlungen an, die mit einer Flasche echten Lilienholms begannen und mit zwei möblierten Zimmern samt Küche und Zubehör endeten. Eine Analyse der Gefühle des jungen Mannes fällt nicht in den Plan dieser Arbeit, ebensowenig wie eine Beschreibung der Möbel und sonstigen Einrichtung des jungen Paares. Genug, sie waren gute Freunde. Indessen, angesteckt von den sozialistischen Zeitströmungen, und von dem Wunsche beseelt, sein Glück immer vor Augen zu haben, beschloss der Assessor, selbst in diese Wohnung zu ziehen und seine kleine Freundin als Haushälterin anzustellen, worauf sie mit Freuden einging. Aber der junge Mann hatte eine Familie; das will sagen, seine Familie betrachtete ihn als zu sich gehörig, und sobald man herausgefunden hatte, dass er die allgemeine Moralanschauung verletzte, und damit dem Ansehen der Familie Abbruch that, wurde er vor den aus Eltern und Schwestern bestehenden Familienrat zitiert, um eine Verwarnung zu erhalten. Da er sich aber für dergleichen zu alt hielt, wurden alle weiteren Unterhandlungen und aller Verkehr zwischen ihm und den Seinigen abgebrochen. Das fesselte ihn noch mehr an sein eigenes Heim, und er wurde ein sehr häuslicher Ehe-, oder vielmehr Nicht-Ehemann. Sie waren sehr glücklich, denn sie liebten sich und fühlten sich nicht von einer Fessel gedrückt. Sie lebten in der beständigen frohen Sorge, einander ja nicht zu verlieren und thaten daher ihr Möglichstes, um einander zu behalten. Nur eins fehlt ihnen: Verkehr. Die Gesellschaft wollte sie nicht haben, und Einladungen in die grosse Welt nahm der Assessor nicht an. Am Tage vor Weihnachten bekam der Assessor, als er beim Morgenkaffee sass, einen Brief. Er war von einer seiner Schwestern, die ihn in rührenden Worten bat, den Weihnachtsabend mit ihnen zu verleben, sie rührte alte Saiten an, und er wurde ganz unschlüssig. Sollte er sie, – seine Freundin, sein Weib, an einem solchen Abend allein sitzen lassen? – Nein! – Sollte sein Platz am elterlichen Weihnachtstisch leer bleiben, wo er noch nie gefehlt hatte? – Hm! – So standen die Sachen, als er sich an die Arbeit begab. Um die Frühstückszeit traf er einen Kameraden, der ihn so vorsichtig wie möglich fragte: »Verlebst Du den Weihnachtsabend in der Familie?« Der Assessor wurde rot. Sollte der eingeweiht sein? Oder was meinte er damit. Der andre sah, dass er auf ein Hühnerauge getreten hatte, und fuhr daher fort, ohne eine Antwort abzuwarten: »Ja, siehst Du, wenn Du allein gewesen wärst, dachte ich, hättest Du zu mir kommen können, zu uns, meine ich. – Du weisst doch wohl, hm, dass ich da ein kleines Verhältnis habe, hm, – ein sehr prächtiges, nettes Mädchen übrigens, weisst Du.« Das klang ja sehr schön und der Assessor war gern bereit, den Vorschlag anzunehmen, wenn sie beide kommen durften; natürlich durften sie das, und damit war die Weihnachtsabend- und Verkehrsfrage gelöst. Sie fanden sich um sechs Uhr bei dem Freunde ein, und die Männer setzten sich wie Paschas zu ihrem Portwein, während die Frauen in der Küche herumpusselten. Dann halfen alle vier beim Decken; und die Frauen hatten sich so rasch befreundet, sie fühlten sich einander so nah, zusammengehalten von dem gemeinsamen Bande, was man »das Urteil der Welt« nennt. Sie achteten einander, behandelten sich gegenseitig mit Taktgefühl und Teilnahme, und vermieden die hässlichen zweideutigen Gespräche, mit denen sich verheiratete Leute zu unterhalten pflegen, sobald die Kinder aus Hörweite sind, gleich als wollten sie sagen: wir haben ja das Recht dazu. Bei der Torte hielt der Assessor eine kleine Rede über das eigene Heim, wohin wir fliehen aus der Welt, von den Menschen fort, und wo wir mit unseren wirklichen Freunden unsere besten Stunden verleben. Hier begann Marie Louise zu weinen, und als er sie fragte, ob sie betrübt wäre, ob sie nicht glücklich sei, brachte sie schluchzend hervor, sie merkte wohl, dass er seine Mutter und Schwestern vermisse. Er versicherte sie, das wäre ganz gewiss nicht der Fall, im Gegenteil, wenn sie jetzt hier erschienen, würde er sie sicher weit fort wünschen. Ja, aber weshalb sie sich denn nicht heirateten! Aber waren sie denn nicht verheiratet? Doch nicht so ganz richtig. Wie denn, richtig! Mit einem Pastor? Er fand, ein Pastor sei auch nichts anderes, als ein examinierter Student, und seine Beschwörungsformeln wären in seinen Augen Mythologie, nichts weiter. Das verstand sie nicht, aber sie wusste, dass es nicht ganz so war, wie es sein sollte, und die Leute, die sie kannten, zeigten mit Fingern auf sie. So mochten sie doch! Hier fiel Sophie ein, – sie wisse wohl, dass sie den Verwandten ihres Mannes nicht fein genug sei, aber daraus machte sie sich nichts. Jeder muss sich mit dem Platz begnügen, auf den er hingehört. Durch dieses Zusammensein war der Umgang angebahnt, und man lebte so einträchtig zusammen, wie es unter Familien selten vorkommt. Aber nach einigen Jahren sah der Assessor seine Verbindung mit einem Sohne gesegnet. Dadurch war die Geliebte zu dem Range der Mutter seines Kindes erhoben. Durch die Leiden und Sorgen für das Neugeborene hatte sie sich verändert, und der Gedanke, der Wunsch, ihrem Manne zu gefallen, sich seine Liebe zu sichern, hatte aufgehört, ihr einziger Gedanke zu sein. Im Verkehr mit der Freundin zeigte sich bereits eine leichte Überlegenheit, und ihrem Manne gegenüber grössere Sicherheit. Eines Tages kam er strahlend mit einer grossen Neuigkeit zu ihr. Er hatte die älteste Schwester auf der Strasse getroffen, die natürlich von allem unterrichtet war. Sie schien neugierig, ihren kleinen Neffen zu sehen, und hatte ihren Besuch versprochen. Nun begann Marie Louise alles gründlich aufzuräumen, zu kehren und abzustäuben, und der Assessor musste ihr endlich ein neues Kleid kaufen. Nun wartete sie acht Tage lang; die Gardinen wurden gewaschen, die Messingbeschläge an Thüren und Öfen geputzt, denn die Schwester sollte sehen, dass es eine ordentliche Person war, mit der ihr Bruder sich zusammengethan hatte. An dem Tage, als die Schwester nun endlich kommen sollte, wurde ein strammer Vormittagskaffee gekocht. Und sie kam, steif wie eine Latte, und streckte eine ebenso steife Hand zum Grusse hin. Sie inspizierte die Möbel im Schlafzimmer, liess sich herab, Kaffee mitzutrinken, und sah der Schwägerin nicht ins Gesicht. Für das Neugeborene zeigte sie einiges Interesse; darauf ging sie fort. Aber Marie Louise hatte ganz genau den Schnitt ihres Mantels, die Güte ihres Kleiderstoffes und ihre Haarfrisur in Augenschein genommen. Auf viel Herzlichkeit hatte sie sich nicht gefasst gemacht. Der Besuch an sich war ihr für den Anfang ganz genug, und bald wusste das ganze Haus, dass die Schwägerin dagewesen war. Der Kleine wuchs heran und hatte bald eine kleine Nachfolgerin. Jetzt begann Marie Louise sich um die Zukunft ihrer Kinder Sorge zu machen, und der Assessor bekam es täglich zu hören, dass der Segen der Kirche die einzige Rettung sei. Dazu kamen die Andeutungen der Schwester, dass die Eltern sich zu einer Versöhnung herbeilassen wollten, wenn das Paar nur rite getraut wäre. Nach zweijährigem, täglichem und stündlichem Kampf beschloss er endlich, um der Zukunft der Kinder willen, die mythologische Ceremonie über sich ergehen zu lassen. Aber wen sollte man zur Hochzeit bitten, – die Marie Louise durchaus in der Kirche gefeiert haben wollte. Da konnte doch Sophie nicht mit dabei sein! Das ging bestimmt nicht an: ein Mädchen wie sie! Marie Louise verstand schon das Wort »Mädchen« mit einem ganz besonders moralischen Accent auszusprechen. Der Assessor erinnerte sie daran, dass sie doch gute Freundinnen gewesen wären, und dass man nicht undankbar sein dürfe, aber Marie Louise hielt ihm vor, er müsse um der Kinder willen seine Privatsympathien aufgeben, – und er gab nach. Die Hochzeit kam heran und ging vorüber. Keine Einladung von Seiten der Alten. Ein grober Brief von Sophie und vollständiger Bruch zwischen beiden Paaren. Nun sass Marie Louise als Frau da. Einsam, – einsamer als vorher. Verdriesslich über ihre falsche Rechnung und ihres Mannes sicher, der nun gebunden war, begann sie bald sich alle die Freiheiten herauszunehmen, die einer Ehefrau zukommen. Was früher aus Liebe und aus freiem Willen gegeben wurde, nahm sie jetzt als schuldigen Tribut hin. Sie verschanzte sich hinter dem Ehrentitel der »Mutter seiner Kinder«, und von daher machte sie ihre Ausfälle. Einfältig, wie alle von Weibern erzogenen Männer, konnte er nie begreifen, was denn eigentlich für eine besondere Heiligkeit darin lag, »Mutter seiner Kinder« zu sein; irgend jemand musste es doch sein; auch dass seine Kinder merkwürdiger sein sollten als andere Kinder und als er selbst, konnte er durchaus nicht fassen. Indessen, beruhigt durch die Legitimierung, die er seinen Kindern hatte angedeihen lassen, begann er, kleine Ausflüge aus seinem Heim zu machen, und sich in der Welt umzusehen, die er anfangs, im ersten Liebesrausch, fast vergessen und auch später noch vernachlässigt hatte, aus Abneigung, Frau und Kinder allein zu Haus zu lassen. Diese Freiheiten missfielen seiner Frau, und da sie sich nun nicht mehr in Acht zu nehmen brauchte, und ausserdem eine aufrichtige Natur war, sagte sie es ihm gerade heraus. Er, der alle juristischen Winkelzüge studiert hatte, war um Antwort nicht verlegen. »Findest Du es anständig, die Mutter Deiner Kinder zu Hause sitzen zu lassen, während Du Dich in der Kneipe aufhältst?« »Ich dachte nicht, dass Dir etwas fehlte, mein Kind,« sagte er in ruhigem Ton. »Fehlte! Ich finde, wenn der Hausherr immer aus ist und das Wirtschaftsgeld vertrinkt, dann fehlt dem Hause nur allzuviel.« »Fürs erste trinke ich nicht, sondern ich esse nur mein bisschen Abendbrot und trinke eine Thräne Kaffee dazu; fürs zweite ist es nicht das Wirtschaftsgeld, denn das hast Du eingeschlossen; – ich habe nämlich noch etwas anderes Geld, was ich ›vertrinke‹.« Unglücklicherweise verstand sie, wie die meisten Frauen, keinen Spass, und diese scherzweise von ihm ausgeworfene Schlinge bekam er sofort zurück und um den Hals. »Jedenfalls giebst Du doch also zu, dass Du trinkst?« »Ich? Bewahre! Ich habe das Wort doch nur ironisch gebraucht.« »Ironisch! Jetzt wird man also ironisch mit seiner Frau. Früher war das anders.« »Du hast ja die mythologische Geschichte selbst gewollt! Weshalb ist es denn jetzt nicht mehr wie früher?« »Natürlich weil wir verheiratet sind!« »Jawohl, teils deswegen und teils weil es einmal in der Natur des Rausches liegt, zu verfliegen.« »So, also bei Dir ist es nur ein Rausch gewesen?« »Nicht nur bei mir, – bei Dir auch, und ebenso bei allen anderen. Es handelt sich nur um die Dauer, verstehst Du.« »Ja, bei den Männern ist die Liebe wohl nur ein Rausch.« »Nein, bei allen.« »Ein Rausch ist sie also doch?« »Ja, ja, ja! Aber man kann ja trotzdem gut Freund bleiben.« »Dann braucht man sich doch aber gar nicht zu heiraten.« »Das fand ich eben auch.« »Du? Wolltest Du nicht selbst, dass wir uns trauen liessen?« »Ja, weil Du es wolltest, tagaus, tagein, drei volle Jahre lang.« »Aber Du wolltest es doch auch?« »Nur weil Du es wolltest. Danke mir jetzt dafür.« »Ich soll Dir dafür dankbar sein, dass Du Dich um Weib und Kind nicht kümmerst, und in den Kneipen herumsitzest?« »Nein, dafür nicht, sondern dafür, dass ich mich mit Dir habe trauen lassen.« »Also dankbar soll ich jedenfalls sein?« »Jawohl, wie jeder anständige Mensch dankbar sein muss, wenn er seinen Willen durchsetzt.« »Na, ich kann Dir sagen, ein Vergnügen ist es nicht, verheiratet zu sein, wenigstens nicht so wie ich; nicht 'mal von Deinen Verwandten werde ich achtungsvoll behandelt.« »Was gehen Dich meine Verwandten an? Ich habe mich ja mit Deinen auch nicht verheiratet.« »Ja gewiss, weil sie Dir nicht fein genug sind.« »Aber meine Verwandten sind Dir jedenfalls fein genug; wenn sie Schuhmachersleute wären, würde Dir gewiss weniger an ihnen liegen.« »Schuhmachersleute! Taugen die etwa nichts? Sind das etwa nicht auch Menschen?« »Ja, ja, ganz gewiss, – und doch glaube ich, Du würdest ihnen nicht besonders nachlaufen.« »Nachlaufen? Ich laufe überhaupt niemandem nach.« »Na, dann ist es ja gut.« Aber es war doch nicht gut, und es wurde nie wieder gut. Ob es nun an der Trauung lag, oder an etwas anderem, aber Marie Louise fand jedenfalls, dass es nicht mehr so war wie früher; es war nicht mehr so »kreuzfidel«, wie sie sich ausdrückte. Der Assessor aber war der Meinung, dass doch nicht die Trauung die Schuld trug, nachdem er nämlich gesehen hatte, dass auch verschiedene Civilehen mit der Zeit brüchig geworden waren. Auch sein Freund und Sophie, die er heimlich ab und zu besuchte, machten eines Tages »Schluss«, wie sie es nannten; und sie waren nicht getraut. – Es konnte also wohl nicht daran liegen!