Auf Leben und Tod.     Zwei Erzählungen von Hermann Stehr Berlin S. Fischer, Verlag   1898   Der Graveur Motto. Selbst die Verzweiflung in uns hat ihr Leben, Die Lebenskraft des Gifts, das Wurzel faßt, Die Nahrung dem unselgen Stamm zu geben. Leicht wärs zu sterben! Doch das Leben paßt Sich an der Frucht des Kummers, die es haßt, Und die, den Aepfeln gleich am toten See Schier Asche ist . . . . . . . . . Byron, Child Harold, III. Gesang. I. »Es ist eben so, was nutzt das Arbeiten am Tage, wenn man sich den ganzen Abend in den Schenken herumdrückt? Abend! – ha, ha! – du hast zu Hause nie die Uhr elf schlagen hören. Der Teufel auch, wo läufst du hin mit der Nase auf dem Boden, wie ein Köter, der die Spur verloren hat? Was du suchst, das findest du freilich nicht mehr! Wer sein Geschäft durch die Gurgel . . . . . . Aber zum Schinder, rechts! – Siehst du's nicht, hier die Chaussee, das ist der Wald, rechts und links die Ahorne, das ist der Graben – doch den kennst du ja – hm – wenn's so fortgeht, wird's dein Ausgedinge!« Der Sprecher, ein mittelgroßer Mann mit braunem Vollbart und breitem Hut, blieb stehen, hielt die Hand über die Augen und sah dann in das Thal, das sanft zu seinen Füßen abfiel. Die Abensonne erglühte hinter den Bergen. Ihr goldenes Strahlenrad blitzte über den Rücken des nahen Gebirges herauf. Dies lag vor ihm, schon in das Dämmern des Abends gehüllt. Hier und da an seinem Abhange blitzten Lichter auf. Dem überraschten Auge schienen sie flimmernd hin und her zu wandern. Aber der Beschauer wußte es ja, der Berg war bis zur Höhe bebaut. »Seltsam,« öffnete er die zusammengepreßten Lippen, »das wissen die Leute genau, wenns um sie Nacht wird. Da zündet jeder sein Licht an. Aber wenn drinnen die Nacht anhebt, haben die wenigsten Augen.« Seine eben noch streng blickenden, grauen Augen wurden milde, die Lider senkten sich. Die Linien des Gesichts, welche bei den Worten an seinen Begleiter hart die Wangen furchten, verschwanden. Das Antlitz wurde sanft, feierlich, wie das eines Menschen, der fernes Glockengeläut hört, oder schöne Gedanken und Träume belauscht. Nach einigen Minuten stillen Sinnes strich er sich über das Gesicht und fragte, sich energisch zum Weitergehen wendend: »Und was willst du nun beginnen?« Der Begleiter riß sein Gesicht vom Boden. Die Zähne seines Oberkiefers hatten sich in die fleischige Unterlippe gegraben, die Gesichtsmuskeln an den Seiten zuckten noch im Zorne. Aber da wandte er das Gesicht dem Fragenden voll zu und – augenblicklich stieß Freundlichkeit die Lippen auf und rollte sie voll und sinnlich; das eckig gepreßte Kinn fiel in schrankenloser Gutmütigkeit und bettete sich in die aufquellende Fettmasse des Gesichtes. »Was thun? – einfach, einfach! – Siehst du, Bruder Josef . . . .« Er blieb stehen, spreitete seine kurzen dicken Beine und lehnte sich zurück auf seinen knotigen Stock, stieß seine breitschildige Mütze nach hinten und faßte den Stehenbleibenden fest ins Auge. Es mochte ihm etwas neues durch den Kopf gehen – etwas fernes, fremdes, aber interessantes. Er sammelte sich. »Einfach, einfach! Mit dem Handwerk ist nichts mehr, trotz Innungsschwindel und Zünftelei. Blech sage ich dir, pures Blech! Alle gehen futsch! Warte nur ein paar Jährchen und den dicken Kollegen gehts grade wie mir. Wer ist Schuld? Bismarck der . . .« er schrak vor dem Worte auf seiner Zunge zusammen und schaute sich betroffen um . . . . . »der, mit seiner Grenzsperre, seinem Schweineverbot, seinem, wer weiß was, macht alle Fleischer caput. Caput, sage ich dir!« Er stieß seinen Stock auf. »Ich bin ein Opfer der Politik, weiter nichts. Das war die letzte Zeit zum Haare ausraufen. Sag ich zum Gesellen: Geh und hol ein Schwein; aber fett, ein Speckschwein, zum Donnerwetter! Abends kommt er wie lungensüchtig, als ob er um die Welt gelaufen wär und bringt ein Schwein, ein Schweinchen – so – so –« Er bückt sich und berührt mit der Hand fast den Boden; aber es thut nichts, es ist ja dunkel. »So – ach Gott, kaum gucken die Ohren aus dem Troge und 150 Mark – Pfund 70 Pfennige. Na, und wer kaufts? Der Arbeiter? hat kein Geld, muß gluck, gluck . . . . Der Beamte? Nun ja, aber: »Nur ja keine Knochen, das Gehalt ist klein und alles theuer, lieber Herr Schramm!« und dabei machen die Weiber ein Gesicht zum Erbarmen. Da bleib einer fest; ich konnte es nicht. Herr Gott, warum war ich so weichmütig und habe geborgt dem 6 Mark, dem neun, dem zwanzig u.s.w. u.s.f. . . . und dann ist der fort und der . . . ha, ha! ich bin ein Opfer der Politik, weiter nichts! Was ich thu? Siehst du lieber Bruder – du weißts, der Vater hat immer gesagt, wenn der August . . . .« »Ach wenn der Vater noch lebte! gut, daß er tot ist!« Der Sprecher schien es nicht gehört zu haben. »Vaterunserschlucker,« murmelte er und dann zuversichtlich-kordial, feuriger Thatendrang zitterte in seiner ausgebrannten Stimme: »Ich hab schon den Plan gemacht, als es zu rappeln anfing. Wenn alles ins Reine gebracht ist, bleiben mir noch so etwa 300 Mark. Dafür kauf ich mir ein Pferd und einen Wagen, häng die Profession an den Nagel und handle mit Rindvieh, Schweinen u.s.w. u.s.f., den Einkauf versteh ich wie Moses. Nach Schweinchen reißt man sich die Kleider vom Leibe. Das Geschäft muß gehn. Aber von den Herrn kauf ich sie nicht, die sich an der Klassenpolitik des Fürsten Bismarck reich schlucken. Lieber geh ich Lumpen sammeln. Drüben in Böhmen sind die Schweine fast umsonst; den halben Wurf schlägt man tot. Das Paar vier Gulden, ich sage dir wie geleckt. Mit den Herrn von der Steuer trinkt man ein paar Flaschen Ungar, sagt gute Nacht und läßt einen Fünfmarkschein in ihren Händen. Ich sage dir, dann sind sie mit Blindheit geschlagen. Ich kenne den Rummel.« »Und wenn sie dich contreband machen?« »Der Michel,« dachte der Kleine und wollte sich vor Lachen ausschütten. »Dafür laß mich sorgen. – Drüben kostet jedes Paar Schweine vier Gulden. Das sind so sieben Mark und bei uns verkaufe ich sie nicht unter 50 Mark, macht mindestens 35 Mark Reingewinn. Wenn ich in drei Jahren nicht alles wieder habe, was ich jetzt verloren, will ich Hans heißen, Hans sage ich!« Dem nachdenklich Dahinschreitenden gefiel es, daß den Bankerotteur nicht Mutlosigkeit ergriffen. Aber die Art und Weise, wie er seine Entwürfe entwickelte, das Heftige, Verworrene, das blinde Gewebe seiner Pläne ließ den Geist erkennen, aus dem seine bisherige Unternehmungslust geflossen. Er glaubte, ihn zu riechen und hielt sich dichter an der Seite seines Bruders. Der aber stürmte dahin, immer energischer mit dem Stocke aufstoßend. So wirbelten auch seine Gedanken durch die Seele. Dann noch zwei Jahre – wie schnell gehen zwei Jahre – werden vier Pferde gehalten. In Neurode ein Haus . . . . am Ringe natürlich . . . . vom Bäcker Krause . . . . er will allerdings alles in Gold aufgewogen haben. – Aber, mein Gott! nach zwei, drei Jahren, was sind mir dann 8000 Mark, wenns Geschäft so fort geht? Es stand fest, es mußte so gehen. . . . . und dann fahre ich natürlich nicht mehr selber. Es wird – an Ort und Stellen über – na sagen wir 5-6000 Stück abgeschlossen. Die Kleinhändler verfahren die Ware. Mein Gott, die armen Schlucker wollen auch etwas haben. Arbeitsteilung, das ist eben das Geheimnis. Er hatte auch bis jetzt die Arbeit geteilt, so zwar, daß auf ihn zuletzt nur noch der Schein der Arbeitsamkeit kam. Das ist das Geheimnis. Er hatte den Schlüssel gefunden zu dem Rätsel der Neuzeit, an dem alles krankt in Wollust, in Hunger, in Wut und Schlemmerei, in Dünkel und Ekel. Es regnet Titel auf ihn: Stadtvater, Weisenrat . . . verflucht, und du dicknasige Aktenmotte, Herr Bürgermeister, dann bin ich nicht mehr der Gewissenlose, der seine Familie in Not bringt, verstanden? Diese Zukunft! Er blieb stehen, hob den Kopf und starrte in die Nacht. Da hüpften die Bilder seiner Phantasie bunt, ach wie schön an ihm vorüber. Ueber ihm in den Tannen säuselte es so geheimnisvoll eigen. Die feierliche Melodie gab den Gesichten, welche vor ihm dahinflogen, Geist und Herz. Nun stieg gar der Mond durch das Geäst. Er rollte glutgolden herauf wie die Pläne seines Innern. Diese zerstoben nach und nach vor ihm und in ihm. Aber das wollüstige Gefühl blieb. Er hatte es vergessen, daß er heimatlos, ein Bettler, ein Elender war. Die schwere Zeit seines Aufringens lag hinter ihm. Er kostete den Segen seines Innern, er schlürfte Genuß. Das ist Leben! »Da gehört ein Schluck darauf,« summte ihm plötzlich mechanisch der fuselstinkende Gassenhauer wie ein feierlicher Hymnus durch den Kopf. Er holte die Flasche aus seiner Seitentasche, hielt sie gegen das Mondlicht und schüttelte den Inhalt. Der Branntwein drehte sich im Kreise. Er sah seinen Bruder durch die Flüssigkeit: bucklig, zusammengeknotet, wie ein Zwerg rannte er herum, lächerlich mit den Beinen schlenkernd. Natürlich, er war ja eine Ameise, nur scharren, zusammentragen und geizen konnte er. Aber einen kühnen, gewaltigen Gedanken hatte sein armer Schädel noch nie ausgeheckt. – Da war er ein anderer Kerl. Das alles ging ihm pfeilgeschwind durch den Kopf. Dann verschwand der Branntwein in einem Zuge. Er pfropfte die Flasche bedächtig zu. Es kam wie würdige Ruhe über ihn. Seine Gedanken hatten eine folgenschwere Lebensperiode gewinnbringend abgeschlossen. Er blickte mit überlegener Rührung auf seinen Bankerott, der weit, weit hinter ihn ins Wesenlose gerückt schien. Voll Verwunderung betrachtete er sich, der so Schweres überstanden und nun einer der Geachtetsten war. Er befand sich in einer Stimmung, in welcher ihn jeder Zweifel, jeder Einwurf, ja jeder gut gemeinte Rat barsch, hart, gehässig, grob machen, ja sogar in maßlose Wut bringen konnte. In solchen Momenten hatte er, der sonst Gutmütige, aber sanguinisch Launenhafte seine Frau und Kinder mißhandelt, den Gesellen mit dem Krummholz niedergeschlagen, den Gastwirten die Gläser am Kopf zerschmettert, sein Geld handvollweise übermütig in der Stube umhergestreut. Das geschäftige Lächeln war in seinem Gesichte verschwunden. Er schritt hochaufgerichtet dahin. Er hatte es ja nicht nötig, zu kriechen. »Ich sehe schon, dein Mut und deine Pläne,« begann sein Bruder in ernstverweisendem Ton, »ist alles Flunkerei.« »Jeder kennt sein Geschäft am besten; wenn ich dir sage . . . . . « »Lassen wir das,« schnitt ihm dieser den Redefluss ab, »das kommt später, wenn es überhaupt kommt.« »Was willst du mir sagen? Du verstehst von meinem Geschäft so viel, wie das Kalb vom Eierlegen!« »Wann läuft der Contract ab? Wie lange hat deine Familie noch Wohnung?« Der Fleischer knirschte mit den Zähnen über solche »Bagatellen«. Jetzt, wo andere Fragen brennend sind, kommt der Stumpfnasige mit solch' erbärmlichen Lappalien! Warte nur! »Den 32. Januar anno Tobak!« knurrte er mit unterdrücktem Lachen. »Ich frage das wegen deiner Kinder, die ich bedaure, daß sie einen solchen Vater haben.« »Amen!« höhnte der Kleine. »Deine Vaterliebe, dein ganzes Menschentum ist im Fusel ersoffen, darum bist du unfähig zu jedem Edelmut. Und verdien ichs, von dir so behandelt zu werden? Denkst du, die 1000 Mark, die ich mir sauer erworben habe, und die du so leichtsinnig vergeudet, werde ich dir schenken?« »So nimm mein Weib, meine Kinder! Mein Weib, ja, ja, du bist ja ledig! Hier hast du die Hand, arbeits ab! Du – du – Hostienlecker!« Er schäumte vor Wut. Die Straße bog nach Nord-West ab. Sie traten in einen thalwärts führenden Hohlweg. Der Fleischer beschritt rechts den Rand. Der Graveur ging in der Tiefe der steinigen Straße. Die beiderseitigen Ränder hoben sich bis an seine Hüften. Er streifte den neben und über ihm schwankend Hinschreitenden mit einem verachtungsvollen Blick. »Elender!« kam es von seinen Lippen. Der Andere hörte es nicht. Er mußte sich in Acht nehmen, nicht herunterzufallen. Er fluchte und wetterte. Worüber, war er sich nicht bewußt. Da huschte ihm plötzlich die Gewißheit durch den Kopf, sein Bruder verachte ihn, schäme sich seiner. »Du mein Gott – der Gelbschnabel!« Er blieb stehen und drehte sich zu ihm. Unter sarkastischem, bitterem Lachen fiel es rauh und zerrissen von seinen Lippen: »Ich habe kein Geld . . . Natürlich muß ich mit dir gehen . . . Aber ich will nicht bei dir schlafen. Gott bewahre mich . . . So viel Lebensweise habe ich noch, zu verstehen, daß ein Bettler vor die Thür gehört – obwohl es auch ein Mensch ist – und wärs der Bruder. Ich geh in die Glasfabrik und lege mich auf den Aschenhaufen. Da ists warm. Wenn man mich frägt, . . . . aber, wer wird mich fragen? . . . . man kennt mich ja und läßt mich. Ich bin ja vom Herrn Graveur der Bruder; und der Herr Graveur ist die Rechte des Herrn, das heißt, der Herr Graveur hat seine Rechts stets in dem Geldbeutel des Herrn. Der Herr Graveur ist ein religiöser Gauner, dem es der Teufel nicht von seinem sanften Paternostergesicht absieht, daß er seinen Bruder bei der Erbteilung um 1000 Mark betrogen hat, um dieselben 1000 Mark, die er ihm dann großmütig lieh. Ha, ha! Du heiliger Dieb!!« Er spie nach dem bleichen, schmerzlich kalten Gesichte des unter ihm Stehenden und taumelte von dem Ruck rückwärts durch krachende Aeste zu Boden. Der Graveur griff nach dem Herzen. Die Enttäuschung preßte es zusammen. Das also, dachte er, nach all deiner Sorge, deinem Kummer um ihn? Alles was er ihm gethan, stieg in seiner Erinnerung auf. Er hatte ihm sein Vermögen zum Geschäftsanfange geliehen, damit er Konkurrenz zu bieten imstande war. Dann, als die Leidenschaft des Bruders an der kaum begründeten Existenz gerüttelt, hatte er geholfen, so viel er konnte. Er selbst hatte auf alles verzichtet. Die Ehre seiner Familie sollte nicht niedergetreten werden. Auf seinen Schultern hatte in der letzten, verhängnisvollen Zeit vor dem Zusammenbruch des Geschäftes alle Sorge, aller Kummer geruht. Er war der verzweifelten Schwägerin Berater, Tröster und Stütze, den Kindern ein Vater gewesen. In dem Edelmut der That selbst hatte er Dank und Lohn gesucht und gefunden. Kaum berührten ihn die Gerüchte, daß er seinen Brotherrn übervorteile, um das »Gesindel« über Wasser zu halten. Er war ruhig, heiter-ernst gewesen, wie uns eben nur reine Gesinnung zu machen imstande ist. Jetzt aber stand dieser Trunkenbold gegen ihn auf und verlachte roh seine Hilfe. Jetzt warf sein Bruder, dem er alles gethan, niederträchtige Beschuldigungen auf ihn. Darum war er wie zerschlagen. Er war einer jener langsamen, tiefen Charaktere, welche nichts oberflächlich fühlen und denken können, die in der ersten Ueberraschung tage-, wochenlang, wie weltfremd schweigend hinschreiten, sinnen, planen und mutmaßen und selbstthätig nie zu einem Entschluß emporschnellen, denen das Handeln vom Schicksal abgetrotzt oder vom Zufall entwunden werden muß. So stand er auch jetzt lange in düsterem Sinnen. Endlich löste sich sein Brüten in dem tonlosen Aufruf: »So ist er doch ein Ehrloser, mein Bruder!« – Er schrak zusammen, als das eigne Wort an sein Ohr schlug. »Waaas duu, du . . . .« arbeitete sich der Trunkene mit Mühe vorwärts. »Wart«, kreischte er in tierischem Zorn, »wart, ich will dirs eintränken, daß du dein Lebtag an den Lumpen denken sollst!« Er riß die Schnapsflasche aus der Seitentasche und schwang sie über dem Kopfe. Der Graveur sah es mit kalter Gleichgiltigkeit. Plötzlich zuckte ein glühend roter Feuerballen vor seinen Augen. Zugleich traf ein schwerer Schlag seine Stirn. Der Schatten seines Bruders wuchs pfeilgeschwind zu schwindelnder Höhe und beängstigender Breite. Es brauste vor seinen Ohren immer stärker, Mit rauschenden Flügelschlägen wälzte sich Nacht auf ihn. Dazwischen heulte es meilenfern: Lump – Betrüger – Hurenkerl! Kalte Beängstigung raste durch seinen Körper. Der Instinkt reißt ihn zur Notwehr. Er hebt seine Arme, irr, kraftlos um sich schlagend. Sein Bewußtsein erstirbt. Er fühlte nur noch sanfte matter werdende Stöße auf seinen Kopf niedersinken. Aus jedem strömt wollüstige, erschlaffende Wärme über sein Gesicht, durch seinen Körper. Feuergarben spritzen vor ihm auf. Sie werden immer bleicher. – Nun fühlt er sich windschnell kreisend emporgehoben. Noch einmal kehrt sein Bewußtsein zurück. Es ist ihm, als stoße er mit dem Haupt an den Himmelsbogen. Er schlägt die Augen auf und sieht den blutigroten Mond dicht vor sich und streckt in der Angst die Hand darnach aus, um sich an ihn zu klammern. Aber schon braust die schwärzeste Nacht heran. Jach reißt sie ihn zur Tiefe. – Am Morgen fanden Vorübergehende den Bewußtlosen mit Blut überströmt am Wege. II. . . . . . . . . Der Graveur fühlt sich von irgend etwas dahingetragen. Es fliegt, es rollt, unsicher schwankend, wie ein Schiff. Nun sieht es aus wie ein Ballen, nun wie eine weite, dunkle Ebene, die sich im Fluge senkt und hebt. Er selbst aber hat die Empfindung, daß er fort müsse – wohin? – weit – weit – Nun krümmt sich die Ebene plötzlich und schnellt ihn ab. Was unter ihm war, zieht vor ihm. Er ist getrennt vor ihm; aber die Empfindung ist noch geblieben, daß er weit, weit fort müsse. Das macht, daß er die Augen fest auf den vor ihm rollenden dunklen Ballen richtet. Aber – da recken sich langsam zwei Beine hervor, die rissigen Fichten gleichen. Langsam wachsen nun ein viereckiger Rumpf und ein Haupt, dessen verwittertes Antlitz wie aus Stein gemeißelt ist. Nebel umbrauen die ganze Gestalt, besonders das Gesicht. Sie verdichten sich; sie zerfließen. Wie sie kommen und flüchten, wachsen und schwinden, jetzt locken, jetzt drohen, scheint auch das Antlitz seinen Ausdruck zu wechseln. Aber es scheint auch nur so. In Wahrheit bleibt es grau, steinern, starr und tot und die Veränderungen fliegen über dasselbe hin wie Wetterwolken, wie Lichtlächeln. Jetzt sieht es aus wie ein Teufelsgesicht: süß lächelnd, hartherzigmild, abstoßend-verlockend. Er fürchtet sich und möchte sich verstecken; aber überall ist Nebel, und er ist ganz allein, und – – – darf nicht säumen . . . und mit perlendem Angstschweiß auf der Stirn fliegt er dem furchtbaren Bilde nach weit . . . . weit . . . . das rollt glühend seine Augen. Dann wendet sich das Haupt: das Innere wird Aeußeres, als würden die Gedanken greifbares Bild . . . . oh, was für ein Bild! Das Gesicht Lears, des wahnsinnigen Königs: die Stirn hoch, weiß; die grauen Augen rastlos irrend und stier; der Mund von unendlicher Seelenqual und Verzweiflung schmerzlich verzogen; die blutlosen Lippen bewegen sich nicht. Aber es geht ein Seufzen und Wimmern durch die Luft. Man hört nichts und doch fließt es dem Graveur wie eisige Schauer durch die Seele. Dies steigert sich zur atemlosen Todesangst, da er bemerkt, daß der Mann nicht mehr vor ihm hergeht, sondern auf ihn zuschreitet. Und plötzlich nimmt er mit Qual wahr, daß der Drang nach vorwärts, der ihn beherrscht, zunimmt. Nun fliegt er wie Wind. Er zittert voll Beklemmung und doch spürt er den stärkeren Drang wie Süßigkeit. Jetzt fühlt er des Entsetzlichen Arme sich langsam um seinen Leib legen; die marmorkalte Stirn preßt sich immer fester auf die seine. Die rastlos irrenden, seelenverwaisten Augen bohren sich in seine Seele. Er fühlt sein Leben fortebben, langsam – langsam – dort hinein in die toten, öden Augen; – aber sie bleiben tot. Dann fühlt er, daß in der geheimsten Werkstatt seines Wesens etwas Klammerndes, Lastendes, Bedrückendes falle. Er hat die Empfindung einer inneren Auferstehung. Die Kälte, der Tod, das atemlose Bangen, das Erstarren weicht und Wärme, Leben, Feuer fühlt er innen aufschießen und seinen Körper durchprickeln. Zugleich steigt er in die Höhe, als hebe ihn eine innere Kraft. Noch hat er die Augen aus Angst geschlossen. Aber über seine Haut streicht es weich und lind – das ist Licht! – – – Er fühlt es und öffnet mutig die Augen, sie fest auf die furchtbare Gestalt heftend, die ihn noch umklammert hält. Allmählich wird der Griff leichter, das Gesicht undeutlicher, blasser. Zuletzt fühlt er nur noch eine schwache Beklemmung, sieht nur noch einen leisen, grauen Nebel vor seinen Augen, vor seiner Seele. Er aber fliegt in die Höhe, leichter – schneller – feuriger. Da erwacht er und blickt um sich. – Ueber ihm blühen rote Blumen. Er wendet sich. Da flutet das Sonnenlicht in breiten, goldenen Streifen durch das Fenster herein. An der Wand sieht er einen Mann und ein Weib. Sie lächeln. Sie grüßen ihn, die guten Leute. Wer es nur sein mag? Er möchte ihnen entgegen gehen; aber er fühlt sich so schwach, daß er nur verworren wollen kann. Wer sie nur sind, die guten Leute? Da klingelt es so süß, so froh, daß ihm das Herz im Leibe hüpft. Er ist berauscht von dem schmeichelnden Klange. Er strengt sich an, zu erkennen, wer und was es ist. Ach! Das ist die alte »Therese«, das ist seine Stube, an der Wand das Bild, das Liebespaar im Walde und – er – wird nicht sterben! Die roten Blumen . . . . . das goldene Licht . . . . . . . die lachenden Gesichter . . . . leben! . . . . . leben! Er lächelt glückselig. – Doch schon beginnt es um ihn zu wirbeln, alles tanzt bunt und verdichtet sich zu Nacht, die sich auf, über und in ihn legt. Unter dem Schwächeausruf: »Ah!« sinkt er zurück in Bewußtlosigkeit. Da schrickt die Alte zusammen, fährt herum und wirft das Glas, in dem sie eine Flüssigkeit rührte, herunter. Das Klirren reißt den Fiebernden noch einmal zum Bewußtsein. Er sieht die Alte, die an die Seite des Bettes geeilt ist – lächelt schwach und schließt die Augen, unverständliche Laute hervorstoßend. »Jesus, Marie und alle heiligen Engel! Herr Josef, liebster Herr Schramm! kennen Sie mich nicht? Ich bin ja Ihre alte, treue Therese, lieber Herr Josef!« Aber der hörte sie nicht, der lag im Fieber. »Nun schon sechs Tage,« murmelte die Alte, in den Hof schauend, wo sich zerlumpte Jungen balgten. Sie starrte wie jemand, der einem inneren Schmerze entfliehen will, etwas Zerstreuendes sucht und findet und in allem doch bald nur das bleiche Antlitz seines tiefen Seelenleidens sieht, das er eben fliehen möchte. So seufzte sie tief und schluchzend auf: »Er ist nicht mein Kind; aber wenn ich ginge, müßte ich mich selber anspeien. Nein – nein!« bestärkte sie sich in ihrem Edelmute. ». . . . . . . und dann gleich etwas Kräftiges . . . . was sagte nur der Doktor . . . .« Er wird wieder aufwachen. Sie ging auf den Zehen zum Bett und sah unverwandt auf den bleichen Kranken, dessen fiebertrockene Lippen sich krampfartig bewegten. Sie blickte unausgesetzt auf ihn, mit jener Sehnsucht und Liebe, wie der Gärtner auf eine mühevoll gepflegte Pflanze schaut, deren Aufblühen er erwartet: er stellt sich die Blüte vor, zählt im Geiste die Blumenblätter, meint den Duft zu riechen und hört sich schon erfreut seinem Weibe oder jedem Dritten mit feurigen Worten die frohe Kunde melden. So rief auch sie sich das schnell verflogene Lächeln des Wiedererwachten ins Gedächtnis zurück, stellte sich das bleiche regungslose Gesicht vor und schalt sich »ein ungeschicktes Ding« wegen des Glases. Sie habe ihn nur wieder »verdreht« gemacht, war ihre Meinung. Dann sann sie sich aus, was sie ihm sagen würde, wenn er wieder erwachte. Es mußte etwas Heiteres sein, denn sie verzog den Mund zu einem breiten unbeholfenen Lächeln. Aber ihr graublaues Auge sah so selig drein, daß das Gesicht dem eines fröhlichen Kindes geglichen hätte, wenn die Runzeln nicht gewesen wären. Und das und das würde sie dem Doktor erzählen. So und so hat ers gemacht. Da stand ich u.s.w., ganz genau, denn »der Doktor muß alles ganz genau wissen, sonst kann er nimmer das Rechte treffen.« Bei diesen Gedanken an ihre wortreiche Erzählung wurde sie selbst unversehens hastig und geschäftig, vollführte alle Bewegungen, die sie erwähnen wollte, faltete ein über das andere Mal betrübt, bedauernd, ratlos die Hände, ließ den Geist ihrer Worte über ihr Gesicht huschen und zog und zupfte dazwischen in bekümmerter Aengstlichkeit an der Decke des Kranken, rückte ihm die Kopfbinde und fuhr dem »armen Kerl« mit der rauhen, harten Hand über die welke Wange. Da ging die Thür auf und der Doktor trat ein. Therese drehte sich hastig herum, daß das kleine Tischchen ins Wanken kam und die Medizinflaschen klirrten. »Guten Tag, Herr Doktor«, stotterte sie wie ein ertapptes Kind. »Guten Tag, Therese,« schleifte seine Zunge über die Zähne. »Nun, wie gehts? besser? aufgewacht? Angeschlagen? Noch im Fieber? hm, hm.« Er nahm des Kranken schlaff herabhängende Hand und fühlte den Puls, ihn aufmerksam prüfend, er erwartete offenbar keine Antwort auf seine mechanisch-schnell gethanen, abgerissenen Fragen. »Hm, hm . . . wann war er bei Besinnung? wie lange?« Therese staunte ihn sprachlos an und vergaß anfangs vor Bewunderung ihre schön einstudierte Erzählung. Dann aber brachen die Schleusen ihrer Beredsamkeit. Der Doktor ertrug es mit einem Lächeln, das wie eine ärgerliche Grimmasse aussah. Er lachte nie anders. »Nicht lange,« setzte er endlich fest dazwischen, »und der Kranke wird wieder aufwachen. Ich werde ihm etwas zur Kräftigung und Anregung des Appetits verschreiben. Kann sein, er hat die Sprache verloren. Aber ich hoffe, daß er bei Ruhe und sorgfältiger, schonender Behandlung wieder ganz gesund wird. Vor allem, Therese, vermeiden Sie alle Anspielungen auf seinen Bruder und sein Unglück sonst. . . Aber . . . . . « brach er rauh ab und weiter dacht er: das ist eine Gans. Wozu ihr alles sagen? Sie verstehts doch nicht. »Verkehren Sie mit ihm, wie mit einem Kinde.« »Jesus, Jesus! mein Gott! stumm! sagten Sie nicht so?« rief sie. Es sollte gedämpft klingen; aber es scholl durchs Zimmer wie ein schmerzlicher Schrei. »Ach!« klang es gedehnt und tonlos vom Krankenlager her. Der Doktor eilte hin. »Nun Herr Schramm, ausgeschlafen? So ists hübsch. Guten Morgen! Haben Sie Kopfschmerzen?« Er nahm des Kranken Hand, die er losgelassen hatte und schaute ihn liebenswürdig an und lächelte. Aber sein Lachen war abstoßend anzusehen. Es war, als ob rachsüchtige Schadenfreude schwach mit weinerlicher Wut auf dem Gesicht kämpfte. Er konnte nicht dafür. Anfangs lächelte der Kranke wie ein Sechswochenkind: eckig, leer und schwach. Plötzlich aber schaute er erschrocken und voll Angst. Ein verzweiflungsvoller Gurgelton kam über seine Lippen. Der Doktor ging weg und der Graveur heftete seine weitgeöffneten Augen schreckenstarr fest auf etwas, das vor ihm in der Luft zu schweben schien. Nach und nach verschwindet das Entsetzen aus seinen Zügen und die Augen schließen sich wie vor Ermattung. Der Doktor giebt der Alten noch flüsternd einige Anweisungen und schleicht dann geräuschlos von dannen. Therese seufzt auf und steht lange schmerzversunken. Dan geht sie, mischt einen Trank und reicht ihn dem Kranken. Er schlägt die Augen auf und lächelt wieder jenes stumme, leere, schwache Lächeln; dann schlürft er die dargebotene Flüssigkeit. Therese wendet sich hastig und schluchzt unterdrückt; sie möchte ihn gern bedauern und sprechen und ihn trösten, aber sie darf nicht. Doch so, ohne dem Schmerze Luft zu machen, ist sie nicht imstande, den Hilflosen anzuschauen. Sie geht leise zur Thür hinaus, draußen die Hände nach unten ringend, und bitterlich in die Schürze weinend, schleicht sie die kreischende Stiege hinab. Indessen lag Schramm mit weit geöffneten Augen da. Sie glitten neugierig und hastig über das ganze Zimmer, an jedem Gegenstande eine Weile entzückt haftend. Er erkannte alle Sachen: die roten Blumen an der Decke, die Bilder an der Wand, in der Ecke den Blumentisch, auf dem Schrank den Käfig mit dem Kanarienvogel, draußen Berge, Himmel, Sonne, Wolken und Häuser. Er hatte die Empfindung weit, weit gewandert und nun angekommen zu sein. Doch wo er gewesen, von Zeit und Verhältnissen der Reise hatte er kein Bewußtsein. Es lag in ihm ein weites Land: Berge, Flüsse, Himmel, Wälder und Häuser. Alles in einem weißen verlockenden Frühlingszwielicht, aber alles ohne Leben, ohne Zweck, ohne Ziel, ohne Beziehung auf einander. Zu dieser stummen Welt in seinem Innern gelangte er nicht durch Besinnung, sondern sie dehnte sich aus, wuchs und klärte sich mit der zunehmenden Menge von Gegenständen, welche seine Sinne wahrnahmen. Auch lag diese Welt nicht hinter ihm. Seine Seele war von ihr umringt. Er hatte jede Idee der Zeitfolge verloren. Wenn ein neuer Gegenstand vor seine Sinne trat, dann fühlte er eine warme, wollüstige Woge in seinem Innern auf- und nach außen, gleichsam dem Dinge entgegenfluten, dessen Bild sich in seine Seele hinabneigte und dort aus dem weißen lockenden Frühlingszwielicht sein längst dort ruhendes, aber verloschenes, verschüttetes Abbild heraushob. Dann hatte er stets das Gefühl der Befriedigung, des Geborgenseins, ja eines gewissen kindlichen Stolzes, wenn man, weil unserer Sprache die rechten Worte für diesen Zustand fehlen, Zusammengesetztes, Hohes für Einfaches, Niederes setzen will. Es war eine gewisse tierische, organische Wollust, welche aus der Uebereinstimmung und dem Zusammenklang der Resultate der, auf so verschiedenem Wege forschenden Sinne sich zusammensetzte. Sein Wiedererkennen der Außenwelt hatte viel Aehnlichkeit mit der Art und Weise, wie ein kleines Kind Erfahrungen, d.h. Bilder sammelt. Aber der Eindruck, der daraus entspringende Seelenzustand war doch ein ganz verschiedener. Während in der Seele des kleinen Kindes aus dem Hochgefühl selbstständigen Entdeckens rastloser Eifer und Erfahrungssucht sich gebärt, wob sich um das Leben Schramms aus dem Reflex der Außenwelt in sein Inneres eine feierliche, gesättigte, wunschlose Freude. Diese fühlte er aber weniger im Herzen und Geiste, sondern sie verbreitete sich durch seinen ganzen Körper als Wohlbehagen. Er schmeckte sie mit der Zunge. Es war, als fühle er sie weich und wohlthuend, wenn er die Hände aneinander rieb. Seine Freude wurde hervorgerufen durch die Erkenntnis der Verwandtschaft oder Gleichheit der äußeren Dinge unter einander und mit den, in immer größerer Zahl und Deutlichkeit in geistige Sichtbarkeit tretenden Bildern seines Innern in Form, Farbe, Gestalt, Ausdehnung und Bewegung. Es war mit einem Worte eine indirekte und auch nicht klar bewußte Freude darüber, sich unverändert wiedergefunden zu haben, nachdem er weit, so weit gereist sei. Was ihn besonders entzückte, war, daß er z.B. den Sang des Kanarienvogels noch lange gedämpft, in eigentümlicher Tonfärbung im Innern nachklingen hörte, Farben nach dem Verschwinden traumhaft fortglühen und Dinge und Gegenstände rastlos sich bewegen sah. Dann kehrten seine Sinne ihre Kräfte gleichsam innewärts und stundenlang beobachtete er versunken das bunte, seelenlose Kaleidoskop seines toten Innenlebens. – Von Allem, was er sah und hörte, hatte er die Ahnung, es oft gesehen und gehört zu haben, mit ihm vertraut gewesen zu sein. Aber da sich diese Erinnerung nur an sinnlich wahrnehmbare Eigenschaften knüpfte, schloß sie eben jede Vorstellung von Zeitfolge aus. Auch Personen seiner näheren Bekanntschaft übten in der ersten Zeit nicht mehr als einen bloßen Sinnesreiz aus. Ihre Worte waren ihm nur Schälle, welche seine sensitiven Nerven auf gewohnte Weise erregten. Er vermochte Klangfarbe und Nüancirung der Stimme zu unterscheiden, aber nur insofern, als die verschiedenen Tonwellen, nun leer, entgeistet, ohne seelische Anziehungskraft, früher durch sein Bewußtsein geflutet waren. – Fremden, unbekannten Tönen, Gegenständen und Gesichtern gegenüber verhielt er sich stumpf und teilnahmslos, eben weil sie keinen inneren organischen Erinnerungsschatten wachriefen. So ruhte seine Seele wochenlang zwischen tierischer Nacht und lichtvollem, klarem Bewußtsein, in dem Dämmern eines geistigen Halbschlafes. – III. Viele Tage und Nächte gingen. Schramm verbrachte sie mit Schlafen, Essen und Schauen. Allmählich wurde er kräftiger. Schon durfte er stundenlang auf einem Stuhle sitzen und am Arme der Alten einige Schritte im Zimmer thun. Sein Inneres wandelte sich. Es glich der Natur im Winter, wenn die Sonne mit geschlossenem Auge, wie eine Nachtwandlerin über den Himmel schleicht, mit bleichem, schlaftrunkenen Angesicht. Die Dinge auf Erden stehen einsam und verschlossen da, jedes gleichsam gebannt und bewegt von eigenem, kaltem, lastendem Schmerz und Düsterkeit. Der wunderbare, naturgesetzliche Zug der Sympathie zwischen allen ist zerrissen und auch der gleiche Tod, in welchem alles zittert, vermag sie nicht zu einen. Die trauernde Weide steht gebeugt am Bache; ihre Krone schwankt wie ein schmerzbetäubtes Haupt und wenn sie ein leiser Wind bewegt, dann schwingt sie die langen, schlaffen Ruthen wimmernd, als ob sie in dumpfer, namenloser Verzweiflung ihren schlanken Leib geißele. Der Bach kocht und brodelt in Gram; die Tannen murren und ächzen in düsterem Elend. Der angestoßene Stein des Weges schreit durchdringend und grell auf, wie die verfehmte Armut, die von der Hartherzigkeit in die Gosse geschleudert wird. Aber alles trägt einsam, verschlossen und scheu den gleichen Tod. Doch wenn dann im März der Schnee graut, das Eis schmilzt, die braune Woge sich brausend wälzt, der glückliche Himmel aus zerrissenen Wolkenmassen mit seelenvollen, tiefblauen Augen neugierig niederlugt und die Sonne in stets kühnerem Bogen hinwandelt in kindlicher, reifender Mädchenschöne, so verheißend, so lockend: Dann bricht der Bann des Todes und der Vereinsamung. Zwischen den Dingen haftet und sprüht ein wunderbares, unsichtbares Leben, Sichhinneigen und Sehnen. Ein stummes Jauchzen ruht auf der geschlossenen Knospenlippe des Baumes, der seine Aeste in Wiedersehensfreude nach dem Himmel breitet. Alles drängt und ringt nach dem Ausdruck eines neuen Lebens der Harmonie und süßen Verkettung. Der betrachtende Menschengeist sieht das Mühen der an die Scholle gefesselten Lebewesen, sich zu umschlingen, sich etwas zu erzählen, den Grund ihres Daseins zu öffnen, zu künden. Er grübelt und sucht nach Vorstellungen und Begriffen, nach Klarheit und schwingt sich immer nur bis zum begeisterten, bewundernden, unklaren Ausruf auf. Dieselbe Wandlung hatte sich in Schramms Seele vollzogen. Er stand zum zweiten Male in einem geistigen Vorfrühling. Er saß in einem Lehnstuhle, den Kopf müde rückwärts gelehnt. Seine Augen waren halb geschlossen, der Mund leise geöffnet. Auf dem ganzen Gesichte lag es wie überirdische Verzückung, die in ihrem Ausdruck durch die Krankenblässe noch erhöht wurde. Die Strahlen der aufgehenden Sonne breiteten ihren zitternden, buntfarbigen Fächer aus. Auf dem gelben Schrank in der Ecke kamen und vergingen gleißende Ringe. In dem Pflanzengewirr des Blumentisches zerfloß das Licht wie träumend in seine Farben. Die Goldfische schwammen wie in Morgenröte und man wußte nicht, ob das blitzende Wasser durch Verdichtung die Fische zu schaffen beginne, oder ob die Goldfische in ihr blitzendes Element zerflössen. Die Messingplatte des Perpendikels schwang in geschwätziger Regelmäßigkeit aus dem Sonnenschein in den Schatten; sie sah aus wie ein Auge, das, von der Sonne immer geblendet und geschlossen, sich immer wieder öffnet, wie ein runder Zwerg, der rastlos auf seinem Rücken den Sonnenschein in die Nacht schleppte, seine dunkle Heimat zu erleuchten. Der Kanarievogel flatterte mit sehnsüchtigem Ruf dem Lichte der Freiheit zu. Draußen rauschten die Bäume herein, die Vögel sangen und surrend zog das eintönige Geräusch von der Landstraße herauf in seine Wohnung. Seine Seele öffnete sich mit feierlichem Wohlbehagen der Flut neuer Töne und Farben, die seine Sinne emsig sammelten. Plötzlich gewahrte er, daß der Schrank zum Unterschied von anderen Gegenständen prismatische Gestalt habe. Er bemerkte die Ritze des Thürschlosses, die Verzierungen, den Schub und die kurzen Füße. Es kam ihm wie ein Rätsel, ein Märchen vor. In ihm tauchte nicht die Frage »warum?« auf, es umschwebte den Schrank ein nur für ihn sichtbares, bunt bewegtes Leben: er hörte es um den Schrank herum klopfen, ächzen, kreischen, fauchen, zischen, fallen . . . . doch weit, gedämpft, undeutlich. Menschen, Dinge, Farben, Erlebnisse, wie nebelverschwommen oder stückweise, entstanden und vergingen. An der Wand wurde es auch lebendig. Das Muster verblich. Er sah undeutlich eine Gestalt durch sein Gedächtnis huschen. Er hörte zerrissene Worte: . . . . wollen . . . . . . blau . . . . . Untermuster . . . . na ja! . . . ha . . . Der Ofen zerbröckelte, es polterte, schlug dumpf, warf etwas herab. Dann hörte er: Kochherd . . . . . sehr wärmend . . . . offene . . . . gut. Ein Gesicht tauchte in seiner Seele auf und verging schnell. Die Erinnerung arbeitete sich aus dem Taumel zur Klarheit. In die wiedergewonnenen, sinnlichen Wahrnehmungen begann der Geist der Vergangenheit zu ziehen; entweder zerflattert und zusammenhanglos oder voll, klar, aber schnell verschwindend. Der Erlebungskreis, welcher sich an jedes Stück seines Eigentums oder die Dinge draußen knüpfte, verlieh jedem sein eigenes geistiges Gesicht, auf dessen Lippen wie in Qual Worte, Begriff, Thatsachen, ganze Scenen sich aufrangen, halb laut wurden, wieder verstummten und zuletzt gleichsam nur durch die Gebärde des Sprechens in Sichtbarkeit traten. Schramms Seele beherrschte dieselbe Empfindung des Unbefriedigtseins, dasselbe ängstliche, ärgerliche Grübeln, welches sich bei jedem einstellt, wenn er ein fast bekanntes Gesicht sieht. Man sucht nach dem Namen, grübelt, grübelt, sieht dazwischen in traumhafter Deutlichkeit Scenen, erinnert sich halb an Gespräche, welche sich an diese Person zu knüpfen scheinen und grübelt weiter, ohne zur klaren Erinnerung zu gelangen. Schramm sann, sann leidenschaftlich mit wogender Brust, glühenden Augen, hämmernden Schläfen, festgeschlossenen Lippen. Es trieb ihn dazu die plötzlich in ihm auftauchende, mehr gefühlte Ueberzeugung, daß er Klarheit finden müsse, sonst sei sein Leben elend. Darum dachte er angstvoll fiebernd. Wie mit spitzen Geierkrallen packten seine Augen die Gestalten, welche die Dinge um ihn her umtanzten, entstanden und vergingen. Wenn er sie gefaßt und seine forschenden Blicke darauf heftete, zerflossen sie oder verwandelten sich in andere, noch nie gesehene Gestalten, denen seine Augen aufs Neue wie in Gier nachjagten, bis sie wieder ratlos und irr vor dem Wesenlosen standen. Schon perlte auf des Kranken Stirne Schweiß und immer noch trat auf der eilig dahinhuschenden Woge von Farben, Gestalten, Dingen, Tönen und Geräuschen keine Scene, kein Wort, kein Ding in Deutlichkeit hervor. Sein ängstliches Sehnen sank schon in eine peinigende Mutlosigkeit, da sah er deutlich in seiner Erinnerung die Schrankthür aufgehen. Eine Frauengestalt wuchs aus dem dunklen Hintergrunde klar und scharf hervor. Die kehrte Schramm den Rücken und hing etwas hinein. Es war so deutlich und klar, daß er gar nicht zu dem Gedanken an Täuschung kam. Mit angehaltenem Atem, klopfendem Herzen und namenloser Verzückung in dem weit geöffneten Auge starrte er das Bild an, wie ein Denker eine endlich gefundene Idee, ein Erfinder das Modell, das er so oft im Traum sah. Nun wandte sich die Gestalt und kehrte ihm ihr lebensfrisches, liebenswürdig-lachendes Gesicht zu. »Ach Gott, ach ja, das ist ja meine Schwester«, schrie er, entzückt die Hände zusammenschlagend. Die Alte fuhr erschrocken auf; sie hörte Schramm einen dumpfen, überlauten Gurgelton ausstoßen. Plötzlich sah sie, wie das Entsetzen langsam seine Züge entstellte. Sein Gesicht nahm denselben verzweiflungsvoll erschrockenen Ausdruck an, als da er nach wiedergekehrtem Bewußtsein des Doktors grinsendes Lächeln wahrnahm. Das Auge war starr auf etwas vor ihm in der Luft schwebendes gerichtet. Schramm hatte unmittelbar nach dem Ausruf, wohl infolge der geistigen Anstrengung, die immer bunter und klarer aufsteigende Welt seiner Erinnerung wie durch einen Stoß zusammenbrechen und in wirren Fetzen davonfliegen sehen. Gleich düsteren Schatten zog es dann in seine Seele; und jetzt quollen titanenhafte dräuende Gesichte hervor. Der Fiebertraum, an welchem er zum Bewußtsein emporstieg, zog wieder mit seinen entsetzlichen Gestalten und Empfindungen durch ihn hin. Eine furchtbare Angst, die seit lange, gleichsam wie betäubt, nach Bewußtsein ringend in ihm geschlafen zu haben schien, sprang in seinem Herzen auf und wälzte sich zitternd durch alle Glieder. . . . . . . . . . . Da wandelte sich das Antlitz des Traumes. Ein Teufelsgesicht starrte auf ihn: süß-lächelnd, hartherzig-mild, abstoßend-verlockend. In demselben Moment tritt der Doktor herein. Er ist in tiefem Nachdenken, legt Hut und Stock beiseite, schreitet mechanisch auf ihn zu, lächelt sein seltsames Lächeln, bietet ihm die Hand und heftet erst dann sein Auge voll auf den regungslos Dasitzenden. Schramm springt auf, weicht entsetzt zurück, beschreibt mit seinen Armen irre abwehrende Bewegungen, dabei gurgelnde Hilfeschrei ausstoßend. Auf den Lippen des Doktors versteinert das grinsende Lächeln. Es fährt ihm durchs Hirn: er ist wahnsinnig, fliehst du, dann bis du verloren, er stürzt sich auf dich und erw. . . . . . . Er geht dem Zurückweichenden herzhaft nach, immer verzweifelt lächelnd: »Was giebts? . . . . Kopf . . . . schmerz l–egen – Sie – sich in–s Bett . . .« stottert er tonlos. Schramm weicht zurück. »Das ist es! oh , es kommt, es kommt näher, das Satansgesicht!« schreit die rasende Furcht in ihm auf. Er ist an der Wand angelangt und kann nicht weiter. Beide bohren die Augen in einander. Es vergehen qualvolle Minuten langsam wie Jahre. – Ueber ihnen, im dritten Stock der Arbeiterkaserne, welche Schramm bewohnt, hat sich Gepolter erhoben. Gedämpftes Stimmengewirr erschallt durch die Zimmdecke. Die Thür in einem der oberen Gemache wird krachend aufgerissen. Man hört es durch einander fluchen, roh und trunken lachen, stoßen und schleifen. Nun rollt eine Last dumpf und schnell herab. Peinliche Stille folgt. Dann ist es, als ob sich jemand langsam und unsicher von einem Falle erhebe. Es prallt etwas an Schramms Zimmerthür, dann hört man eine tiefe, männliche Stimme brummen und in verbissener Wut stöhnen. Auf dieses Lebenszeichen von unten erdröhnt vom oberen Flur wieherndes Gelächter. »Knochen wie ein Kautschukmann!« Frenetischer Jubel lohnt diesen Witz. Da hebt der Herabgeworfene zischend vor Wut an: »Was du – du – Lump, Betrüger, Hurenkerl.« Man hört diesen Ausruf auch in Schramms Zimmer. Er trifft den Graveur wie ein Donnerschlag. Wie ein Blitzstrahl schießt helles Licht durch seine Seele. Das traumhafte Gesicht, die lastende Wolke von Angst und halbem Bewußtsein flieht jäh. Die Welt seiner Umgebung mit allem was er in ihr sah, dachte und erlebte, stürzt sich kalt und gewöhnlich auf ihn: aber er fühlt alles wie einen schmerzhaften Schnitt quer durch sein Herz. Er schnellt auf und – sinkt im nächsten Augenblick innerlich gebrochen zusammen. Denn klarer und genauer als alles Vergangene hebt sich die Erinnerung an den Hohlweg. Sie wächst in ihm schnell wie eine Giftpflanze, sie breitet ihr düsteres Geäst über alle Bilder seine Gedächtnisses. In vollem Sonnenlichte makelloser Bewußtheit steht sie in ihm. Das übrige tritt mehr oder weniger in unklares Dämmern, abgestoßen, überwuchert, oder scheu zurückweichend! – Der taumelnde Schatten seines Bruders wächst blitzschnell zu schwindelnder Höhe und beängstigender Breite. Die im blutigroten Mondschein blitzende Flasche kreist und funkelt, wie das mordgierige Auge eines Raubtieres. Aus unendlicher Ferne schwimmt auf zitterndem Flügel gedämpft der wutohnmächtige Ruf: Lump, Betrüger, Hurenkerl! in seine Brust und gräbt und bohrt sich hinein wie ätzendes Gift. Sein reiner, tief sittlicher Charakter zuckt wie leblos unter dem schmachvollen Banne der Verdächtigung durch seinen Bruder. Lange steht er wie entgeistet, sein Haupt ruht auf der Brust, sein Auge ist geschlossen. Dann fühlt er es innen glutheiß aufkochen, stürmen, brausen und stoßen wie eine Feuerwoge. Die Ruhe und Ordnung seines ganzen Organismus ist zerrissen. Es gährt und rast in ihm wie die Revolution. Gedanken und Empfindungen, Gefühle, Leidenschaft und Willensstärke kämpfen in eine wirre, unförmige Masse zusammengeballt. Wie wuchtige Keulenschläge pocht das Herz gegen die Brust, aber irr und unregelmäßig. Es sind die Wehen seiner milden, beschaulichen, ernsten, liebvollen Seele, welche sich gegen die Geburt einer düsteren Leidenschaft wehrt, wie die blütenbesäte Erde gegen den kochenden Vulkan, der ihr Inneres zerwühlt und ihr heiteres Leben bedroht. Plötzlich ballt sich das unklare Wogen und Schäumen zur Gorgonengestalt der Wut, zu leidenschaftlichem Zorn und Abscheu. Jeder Nerv, jede Fiber, jedes Gefühl, jede Empfindung wird sprachbegabt. Wie ein Hilferuf, wie eine Anklage schreit er innerlich auf: »Wie, ich ein Lump, ich ein Betrüger? ich?!« Und als Zittern läuft durch die gestrafften Muskeln das stumme, ersterbende Echo der Leidenschaft. – Dann fühlt sich Schramm so leer, so kalt, so verlassen, elend und entblößt von allem und allen auf der Welt, wie der Schiffbrüchige, den die Wogenflut auf einen unwirtlichen, öden Felsenstrand geworfen. O Gott! ruft er händeringend, setzt sich auf den Bettrand und verfällt in dumpfes Brüten. So geknickt und zerschmettert sitzt das verlassene, geschändete Mädchen; der Mann, den sein Freund betrog; das Kind, welches seine Eltern verstießen; der Forscher, der nach lebenslangem Denken sein System als eitles Phantom zerfließen sieht. Die Sonne geht auf und nieder, der Markt füllt sich und wird leer, die Blumen blühen, der Menschenstrom braust und gleitet bunt und wechselnd an ihnen vorüber. Sie aber sehen auf alles teilnahmslos, mit einem schwachen, entgeisteten Lächeln auf den bleichen Lippen. Und in ihnen kein Hoffen, kein Glaube, weder Liebe noch Haß, weder Schmerz noch Freude, leer, leer, von innen heraus werden sie zu Stein. Bis zum Tode ist alles vorüber! Ach wäre es so, thörichtes, blindes Menschenkind! – IV. Daß die übrige Erinnerung an seine Vergangenheit vor dem Gedächtnisbilde der Szene im Hohlweg und aller mit ihm zusammenhängenden Erlebnisse, Gedanken und Gefühle zurücktrat, das drängte sein Denken mit unwiderstehlicher Gewalt zu den düsteren Vorkommnissen der jüngsten Zeit. Dazu kam noch, daß durch den Einfluß der Krankheit sein Geist an Kraft und Selbständigkeit gelitten hatte, daß er mehr den schnellen Wandlungen und Wallungen des genesenden Organismus unterworfen war, daß die mehr sensitiven Zustände immer vorwaltender wurden, während Edelmut, Sanftmut, versöhnliche Milde und alle höheren, absolut geistigen Regungen immer seltener im Uebergewicht waren. Sonst hatte er den Wert seiner selbstlosen Sorge für das Wohl des Bruders und seiner unglücklichen Familie nicht hoch angeschlagen, hatte keinen anderen Lohn gekannt und gewollt, als die Genugthuung und Ruhe, welche die gute That spendete. Jetzt aber wurde er plötzlich eitel auf seinen Charakter und sein Thun. »Der ist nicht meinen kleinen Finger wert und nennt mich Lump? Wer hätte so gehandelt? Der Tausendste nicht!« das waren Gedanken, die ihn fortwährend beschäftigten. Sein Schwächezustand und die Schmerzen, welche die Wunden am Kopf verursachten, verfinsterten die gemeine Handlungsweise des Bruders zum schwärzesten Verbrechen und er kam sich vor wie ein Märtyrer. Bei diesem Gedanken verweilte er besonders gern. Aus ihm sog er neue Entrüstung, wenn sein geschwächter Geist sich gleichgiltig und stumpf abwenden wollte. Die Unfähigkeit, sich anderen mitteilen zu können, verinnerlichte seinen Aerger mehr und mehr. Zuletzt lebte er nur noch in seinem Zorn. Er legte sich mit ihm schlafen, wälzte ihn in anschreckenden Traumbildern durch die Seele und fand an jedem Morgen eine neue Seite, die er noch nicht gesehen und betrachtet hatte. Einst erhob er sich vom Lager; es war spät am Vormittag. Die alte Therese stellte ihm das Frühstück auf den kleinen Tisch am Bette. »Sie haben lange geschlafen, Herr Josef. Es ist zehn Uhr. Na, ich freue mich nur, Sie sind nun bald wieder gesund. Schlafen ist die halbe Nahrung. Kinder und Kranke müssen viel schlafen. Wie haben Sie geträumt?« Schramm sah sie betroffen an. Richtig! das war ein komischer Traum. Er gab ihr keine Antwort und begann zu essen. Dabei dachte er an seinen Traum. Sein Bruder war mit ihm gegangen. Es war in einer Stadt, manchmal sah es aus wie ein Dorf. Der Fleischer hatte viel gesprochen und oft geräuschvoll ausgespuckt, wie er es machte, wenn er halb trunken war. Wie sie durch die Straßen gingen, rief er bald diesem, bald jenem etwas zu. »Na, alter Kunde auch hier« oder »Morgen Kollege, wart Kerl, du hast mir den Ochsen ausgekauft! Oder »Halt, halt Thresel, Du kleine Hexe, wohin so schnell?« Die Fleischer kennen alle, duzen alle, sind gut Freund mit allen und reden meistens vom Geschäft, dabei wühlen sie in den Taschen mit dem Gelde. »Laß doch das dumme Gerede!« hat er zu ihm gesagt. Der Bruder sah ihn mit giftigen Augen an; sie schillerten grün und wurden größer. Bald darauf sah er, daß eine Schlange aus ihm hervorkroch. Je weiter sie sich herauswand, desto zwergenhafter wurde sein Bruder. Nun war er ganz verschwunden und das Ungeheuer hing vor ihm in der Luft. Sie bewegte sich mit weitgeöffnetem Rachen in Wellenlinien auf ihn zu. Nun schnellt sie an seine Brust und gräbt ihre Zähne hinein. Er sieht sich in Angst nach Hilfe um; aber er ist plötzlich im Walde und mutterseelen allein. Er will die Schlange abstreifen; aber es liegt wie Ohnmacht in seinen Armen; er kann sie nicht bewegen. Und die Schlange frißt sein Herz. Da schreit er in Angst und erwacht. »Das ists, ich bin der halbe Mensch, wie zerrissen, wie innerlich verdorrt. Warum war ich ein Narr? Aber er konnte so schön reden, so bitten, so elend thun , so . . . . so . . . . so . . . . ganz wahrhaftig, wie eine Schlange – ja, ja, verflucht.« Er schlägt mit der Faust auf den Tisch, sieht dann lange starr auf einen Fleck der Diele, während es immerfort durch seinen Kopf summt: eine Schlange, ja, ja, verflucht. Dann springt er auf und beginnt, halbangekleidet, schlürfend im Zimmer auf und ab zu wandeln. Er sieht finster und drohend, senkt den Kopf und will weiter denken . . . . oh, der Bruder ist noch mehr, noch viel mehr! Aber er kommt nicht weiter. Taktmäßig, wie seine Tritte geht es ihm fortwährend durch den Kopf: ei–ne – Schlan–ge – ja – ja – ver–flucht. Immer dasselbe! So geht es eine halbe Stunde in brütendem Stumpfsinn. Da schießt es wieder in ihm auf: oh, mein Bruder ist noch mehr, noch viel mehr! Er bleibt stehen und beginnt wieder nachzusinnen. Aber in den mühsamen Drang, es zu thun schwätzt die Wanduhr verwirrend und er hör wieder regelmäßig nach den Pendelschlägen der Uhr und endlos: Ei–ne – Schlan–ge – ja – ja – ver–flucht. Erst interessiert es ihn, die Worte, den alten Gedanken in schnellerem Tempo zu hören. Dann ist es ihm schon als ob die Uhr die Worte spreche. Dann will er es nicht mehr hören und beginnt stampfend weiter zu wandern. Doch je mehr er auftritt, desto stärker scheint er in Wut, Es bringt ihn fast von Sinnen, das ewige Geschwätz der Uhr. Jetzt bereitet sie sich schnarrend zum Schlagen vor und es ist ihm, als ob sie höhnisch lache. Dann »kling« schlägt sie eins. »Lump« hört er es und dann wieder: ei–ne – Schlan–ge – ja – ja – Da stößt er einen Wutschrei aus, stürzt nach der Ecke, ergreift einen Stock und schlägt die Uhr von der Wand, daß die Räder im Zimmer umherrollen. Nun war es totenstill im Zimmer, nur das Kohlenfeuer puffte und schluchzte. Es war als ob jemand verhalten weine. Worüber? Armer Graveur! – »Ganz recht!« dachte er in kindischer Schadenfreude, warf den Stock zu den Trümmern und setzte sich auf den Stuhl, den Kopf in die hohlen Hände stützend. Er bewegte den rechten Fuß hin und her, sah den Schatten desselben herüber- und hinüberhuschen und dachte nichts. »Jesus Maria!« rief Therese, hereintretend. Sie bückte sich, hob die Schlagfeder auf, sah sie eine Weile prüfend an und pickte dann mit einem Rade an dieselbe. »Aha, so hat sie geschlagen!« Aber, wie ist sie heruntergekommen? Zuletzt werden ihre Augen groß und entsetzt. Sie faltet voll Mitleidsschmerz ihre Hände. Dann aber mit dem gemurmelten Stoßgebet: »Gott steh mir bei!« drückt sie sich scheu und furchtsam nach der Platte und begießt den Braten. Dann geht sie rückwärtsschreitend nach der Thür, den stumpf Hinbrütenden immer fest im Auge behaltend. Endlich fiel die Thürklinke quietschend in den Haken und sie atmet erleichtert auf. »Also doch, doch! der gute Josef! Es ist schrecklich!« Sie mag das Wort nicht aussprechen; aber sie fühlte es in ihrem guten, treuen, liebevollen Herzen bohren. »Jetzt geh' ich über den dunklen Flur und die schwarze Stiege, über die helle Straße, in das dunkle Haus drüben. Nacht, Licht und bei vielen wieder Nacht, das ist das Leben. Alles ist vergänglich,« philosophierte sie. Doch ehe sie in den figürlichen Lebenssonnenschein treten konnte, packte sie eine derbe Faust. »Und wenn ihr noch so eigen seht, die Pflastersteine werden doch keine Zwanzigmärker!« polterte aus der Höhe ein schnauzbärtiger Mund diese Worte auf die Erschreckende nieder. Therese war alte Jungfrau und außerhalb des Hauses Herren gegenüber kindisch verschämt, und jetzt drückte sie ein solcher Kummer. »Ach Gott, ach Gott,« entwischte sie ihm. »Wird' dir nicht um den Hals fallen,« knurrte der Mann, die Treppe hinaufstampfend. »Verdammt!« stöhnte er auf halbem Wege. Man hatte ihm einst in Gesellschaft gesagt, daß er einen Schmerbauch bekomme. Von nun an spielte er den Dickwanst und litt entsetzlich unter der eingebildeten Last. »Sechs Frühschoppen«, keuchte er weiter, seinen Leib befühlend. »In drei Jahren, wenns so fort geht, muß ich eine Wohnung zu ebener Erde haben. Aber immer besser wie so ein Dürrländer!« »Guten Morgen Josef!« Der Kranke riß das Gesicht aus den Händen und sah mit leeren Augen auf den Eintretenden. »Kennst du deinen alten Freund Klinke nicht?« Klinke . . . . hm – hm – schob sich die zerflatterte Erinnerung langsam mechanisch zusammen. Er trinkt immer 8 Glas, hat ein Velociped, eine häusliche Liebste, einen neuen blaugestreiften Anzug und einen großen Schnurrbart. Dann begann Schramm wieder mit dem Fuß zu schaukeln. »Ha, ha, eine schöne Wirtschaft das!« Klinke warf sich in einen Stuhl. »Ich sage dir, nicht zum Aushalten! gewiss! Der alte Aufseher ist fort; du weißt ja. Er sitzt jetzt warm auf der Wolle, die er uns und dem Chef geschoren. Mag sein, es war ein Kerl, mit dem man reden konnte – schließlich haben alle – wenns darauf ankommt und der Herr schläft – Leim an den Fingern – natürlich alles in Ehren. Gewiß! Der alte Kolbe, die gute Haut; einen Kolbe kriegen wir sobald nicht! – Wenn er vorbei geht, da nickt und zwinkert er einem zu, wie die Magd dem Kalbe, wenn es der Fleischer fortführt. »Armes Tier,« will sie sagen, »wie schmeckt das? Meister Fleischer hat eine andere Hand, wenn er »He!« sagt. Ja, ja und Du dachtest gewiß, bei mir ist nichts zu haben, ha, ha!« Wahrhaftig so ist mirs vorgekommen. Was meinst du, Josef?« Der hat aufgehört mit dem Fuße zu schaukeln. Was mag er nur wollen? fragt er sich und bleibt stumm. Klinke wartete auf Antwort; aber er bekam keine. Darum sah er den Kranken forschend an. »Du! – bist du ganz wohl? Kommste bald nauf?« Zeigte er mit dem Kopfe nach der Glasschleife. Kenn dich schon, Fuchs, argwöhnte Schramm. Er ist nur hergekommen, um sich zu überzeugen, daß ich nicht mehr arbeitsfähig bin. Dann will er hinlaufen und sich in meine Stelle betteln. Kenn dich schon! Und er nickte einigemal mit dem Kopfe wie ein Ast, den der Wind anstößt: auf und abpendelnd, immer langsamer und schwächer. Kenn dich schon, Fuchs! Dem Fragenden lag dieser Gedanke so fern, wie dem kindlich reinen Charakter Schramms der Argwohn früher gelegen hatte. Froh bewegt begann der redselige Besucher wieder. »Ja, ja, komm nur, du verstehst mich. Oder, wenn das noch lange so fort geht, dann packe ich meine Sachen und marschiere in die Lausitz. Bei der Arbeit halts der Teufel aus. Immer bloß Muscheln, Striche und Zwiebeln! Verflucht wozu war ich in Berlin? Deßwegen etwa, um jetzt dieselbe Arbeit zu bekommen, wie die Gelbschnäbel! Natürlich verdient man bei dem Quark nichts und wenn man sich die Hosenträger zerreißt. Und sag ich etwas, wie neulich dem Herrn: krieg ich nicht bald andere Arbeit, Herr! sag ich. »Lassen Sies gut sein, wenn der Schramm gesund ist. Ich hoffe übrigens, daß er bald wieder eintreten wird. Es ist so viel gute Ware nach Rußland bestellt. Sie könnens allein nicht fertig bekommen." Also, gelt ja, alter Kunde, du bist morgen wieder drüben? Da gehts wieder hui! Wenn ich so eine feine, fertiggeschliffene Vase aus dem Spülschaff habe und die Blumengewinde, die Knospen, Blätter und Ranken sehe, da – wahrhaftig – da ist mir, als ob mir meine Kleine ins Gesicht sieht. Ists nicht so, Josef? Weiß schon. Ich müßt dein Gesicht nicht gesehen haben. Kenn dich schon. Wenn die andern vor Freude platzen, machst du immer bloß große, glückliche Augen und preßt die Lippen aufeinander. Aber drinnen, da bist du froher als alle. Was ist all das Lob des Herrn? gar nichts, ein Quark! Ich kenn ja alle! Sie sehn bloß das Geschliffene; aber von der Kunst, keine Wolke.« Schramm hatte sich zurückgelehnt und sah ärgerlich auf die Decke. Bei den letzten Worten Klinkes stieß er mit den Hacken des rechten Fußes auf die Erde und spuckte aus. »Schöne Kunst das,« sollte es heißen, »wenn man einen ganzen Satz verpfuscht! Schwätzer!« »Also du kommst. Die Hand darauf!« Ganz gut so, dummes . . . . Da brauch ich nicht zu reden, und Schramm gab ihm die Hand ohne aufzublicken. »So nun ists mit der Charwoche alle. Die 15 Mark Wochenverdienst brauche ich für Bier. Freilich säß mir der Nabel am Rückgrat, da wärs gegangen. So aber«, er schlug sich auf den Bauch, »so aber! Das ist meine Frau, meine Sparbüchse, meine Liebste ha, ha!« er brach in übermütiges Lachen aus. Schramms Gesicht aber wurde bleicher und er heftete giftige und verachtungsvolle Blicke auf Klinke. Oh, du Schurke! Kenn dich schon, Heuchler. Aber du irrst dich; und er biß die Lippen aufeinander um seine aufkochende Erregung nicht laut werden zu lassen. Ich lache nicht, ich nicht und wenn zehn solche . . . . . . kämen wie du. Die Schimpfnamen waren ihm nicht geläufig, dafür aber wallte innen doppelte Wut. Will er denn immer noch nicht gehen? Ich weiß, er wird mich zum Aeußersten bringen und dann ist alles verloren; dann wird er Erster; ich kann gehen und mich in den Straßengraben setzen. Wer braucht einen Stummen? Es war das erste mal, daß er sich sein Unglück eingestand. Der Schrecken und die Beklemmung darüber wuchsen und drohten ihn zu erdrücken. Aber er riß sich von dem furchtbaren Gedanken daran nicht los, sondern seine zitternde Seele sah ihm mit brütender Unschlüssigkeit in das entsetzliche Gesicht. Wer brauchte einen Stummen? Und vor seinen geistigen Augen tauchten die Bilder solcher Unglückseligen auf. Sie wandern zerlumpt, ruhen an den Rändern, schlafen in den Ställen. Die Erwachsenen wenden sich kalt und gleichgiltig von ihnen ab und die Kinder springen um sie herum, zupfen sie am Rocke, schneiden Grimmassen und spreizen die Finger. Wer braucht einen Stummen, lastet es wie ein Keulenschlag auf seiner Brust. Der Atem ging zitternd und seine bebende Hand suchte die heiße Stirn. Er bedeckte die Augen mit der glühenden trockenen Hand. Er wollte sein Elend nicht sehen. Aber durch die Nacht vor seinen Augen tanzten und flogen blaue, rote und gelbe Kugeln. In jeder war ein Gesicht und jedes Gesicht war wie in schmerzhaftem Kampfe verzogen. Der Mund jedes einzelnen wechselte ratlos, unbeholfen eckige Stellungen. Er sah, wie die Gesichter sich mühten, zu sprechen. Aber es war umsonst. Umsonst bettelte das volle, gequälte Herz an den gelähmten Organen. Umsonst zwang sie der ungeschwächte Geist mit bitter trotzigem Willen. Es blieb immer beim bloßen Ansatz zum Worte und nur aus den Augen schaute die Verzweiflung. Hier wurde das qualvolle Martyrium der Seele sichtbar. So bin ich . . . . so . . . . . . so . . . . so . . . . . verfolgte er mit unseliger Aufmerksamkeit den Schementanz in der selbstgeschaffenen Nacht. Es war ihm, als sterbe er. O du Menschenseele; wie leicht furcht dich der sonnige Schwingenschlag des Glückes und ach, wie abgrundtief zerwühlt dich das Elend. – Dem Graveur fiel die Hand von den Augen, als wäre ihm der Arm abgehauen. – Klinke war in der heitersten Laune und tappte wiegend in der Stube auf und ab: er zeigte den »neuen Gang der Sammt-Affen.« So – immer mit den Absätzen gehackt wie ein Zuckfuß, die Ellbogen – ha, ha! – wie, ha! – wie die Beckenhaken an Barbierschildern. – Ueber die große Zehe, mit dem Kopfe gewackelt, wie ein Eisbär, den Rücken krumm, wie ein Höckerweib. Du Schramm und immer: n–n–n – Tag – Härr! – »Da bin ich heute Abend ein anderer Kerl!« Uebermütig begann er »die schöne Adelheid« zu schreien, zu stampfen und mit den Händen zu schlagen. Schramm fühlte die Lustigkeit wie einen Hohn auf sein Elend; und seine Verzweiflung löste sich in tiefe namenlose Trauer auf. Mitleidig ruhten seine feuchten Augen auf dem Herumspringenden, welcher eben einen anderen Walzer »schliff«. Seine Armbewegungen illustrierten das Wiegende der Melodie und die Finger griffen in der Luft die Töne. Sie richteten sich aber keineswegs nach dem Taktmaß, sondern gaben, vom Bauche bis über den Kopf reichende Läufer zu. Wie Schramm dem herumschlenkernden Kollegen mit den Augen folgte, kam er auf einen Gedanken. Mit dem Munde brauchst du ja nicht zu arbeiten. Beine und Arme sind ja noch gesund. Gott sei Dank. Die Beine? Wer weiß? wer weiß! Er sprang auf und maß mit langen Schritten das Gemach. – Zwar lag es noch wie Blei in den Beinen, und bei jedem Schritte fühlte er eine leise, schmerzende Hemmung, aber in ängstlich zitterndem Trotz bäumte sich der Wille gegen die Schwäche. Es muß gehen! und es ging. Aber er konnte sich nicht beruhigen. Was nutzen die Beine, wenn die Ruhe und Sicherheit der Hand hin ist! Wollen sehen. Er hob die Schlagfeder der Uhr auf und hielt sie still zwischen Daumen und Zeigefinger. Sie zitterte. Es wurde ihm dunkel vor den Augen. Ach nein, es kann nicht sein; die Augen und meine Erregung sind schuld. »Unsinn! meine Hände sind sicher wie je.« – Aergerlich warf er die Feder von sich. Und morgen gehts wieder los. Schramm wurde ganz Peinlichkeit und Hingabe. Das Kleinste erregte ihn. Er wäre am liebsten hingelaufen, um sich seine Stelle anzusehen. Er freute sich auf den morgigen Tag, wie der Schüler auf den Beginn der Ferien. Er suchte sich die Arbeitskleidung und musterte sie genau. Alle Knöpfe waren fest, kein Loch, keine gesprungene Naht, alle Taschen ganz, alles wie es sein mußte. Dann holte er aus der Kommode die Vorlegeblätter. Sie zu studieren, war seine Sonntagsfreude gewesen. Heute sollte sie ihn auf den morgigen Tag vorbereiten. Er begann – in seinem Leben vielleicht das 100. Mal – das erste Blatt zu betrachten, dann das zweite, das dritte u. s .w. Hier und da lagen von seiner Hand ausgeführte Variationen oder neue Entwürfe. Sonst ergriff ihn beim Anschaun der Blätter Begeisterung. Die schönen Formen erhoben und erwärmten ihn, wie andere sich groß und rein fühlen nach Lesung eines erhabenen Gedichtes, nach Erfassen eines tiefen Gedankenplanes. Dieser ideale Zug war in ihm verschwunden. Haß, Eitelkeit, Mißtrauen, Argwohn, die ihn in den letzten Wochen nie verlassen hatten, die er mit der Wärme seines Herzens, mit seiner Großmut, seiner kindlichen Reinheit und Naivität in dumpfem Brüten groß gezogen, waren seine Vernichter. Leer, mechanisch, hastig reihten sich die Gedanken aneinander. Während er nun die Blätter mit krankhafter Aufmerksamkeit musterte und sie schnell wendete, stand nur ein Gedanke in seiner Seele: Lacht nur und zieht die Mäuler schief. Wenn ich den ersten fertigen Krug neben mich gestellt habe, werdet ihr sehen, daß ich noch derselbe bin und zieht den Rücken krumm. Hm, Kleinigkeit! Mein Kopf hat gar nicht gelitten! – Jetzt kommt das »Rokoko-Muster.« Er schloß die Augen und blätterte um – Richtig! und jetzt »Bachus« und jetzt »das Frühstück«. Mit fliegender Hast blätterte er. Alles stimmte. Ich bin derselbe Kerl! Ha, ha, ihr Esel! Er schrak zusammen. Ein harter dumpfer Laut schlug an sein Ohr. Er war in der Erregung laut geworden. Oh! stieß der wutschäumende Gedanke in ihm auf, und die Cannaille hats gehört! – Er hats gewußt, daß es so kommen würde. Natürlich heulte es innen. Darum sitzt er so still. Er gab sich jedem gehässigen, mißtrauischen Gedanken bedingungslos hin und fühlte in dem Schmerze, den er ihm verursachte, eine Art Wollust. Natürlich hat ers gewußt, daß es so kommen würde, und doch hatte er keinen Beweis, hatte er den Klinke noch gar nicht angeschaut. Werden sehen! Er bemühte sich, ein nichtssagendes Gesicht zu falten und ließ die Augen ruhig in einem weiten Bogen nach dem »Liebespaar im Walde« wandern. Als er über dem Haupte Klinkes hinschaute, flog sein Blick, blitzartig schnell, verschlagen feindselig über dessen Gesicht. Und dann zwang er seine Aufmerksamkeit nach dem Bilde in der Ecke. Dacht ich mirs doch, spann er wild an den Gedanken weiter. Aber so weit seine Verstellung zu treiben, so weit! So ein schlechter, niederträchtiger Fuchs. Aber ich bin etwas klüger, Freundchen. Magst du auch bleich thun, die Augen aufreißen und ängstlich stieren, die Hände traurig und mitleidig falten, den boshaften Zug um deinen Mund kannst du doch nicht verschlucken. Freundchen, nein, jetzt ist die Komödie zuende, jetzt mußt du raus – raus – raus! Einen ganz anderen Eindruck machten all diese Vorgänge auf Klinke. Er hatte die Teilnahmslosigkeit und das Hinsinnen Schramms gleichgiltig angesehen: ». . . . . er machts immer so und hört und sieht alles.« Er hatte den »neuen Gang der Sammt-Affen« vorgemacht in der sichern Erwartung, Schramm zum Lachen zu bringen. Umsonst! Das ärgerte ihn. Er fühlte es wie eine gesellschaftliche Niederlage und er war siegverwöhnt, hatte die Lacher immer auf seiner Seite – und wich nicht. Zuletzt fand er es langweilig und schickte sich an, das Zimmer zu verlassen. Als aber Schramm nach dem inneren freudigen Ausrufe: und morgen gehts wieder los – aufsprang, die Kleider suchte und musterte, das setzte sich der neugierige, skandalsüchtige Besucher wieder und dachte erwartungsvoll: ein komischer Kauz, das muß man sagen. Was wird nur jetzt werden! Nun blätterte Schramm in den Vorlagen. Erst wendete er die Bogen sanft, vorsichtig und feierlich. »Der alte Kleinigkeitskrämer!« Dann flogen die Blätter schnell und immer schneller. Wie sie von rechts und links knisterten, öffneten und schlossen sich Schramms Augen, kam und ging ängstlich gespannter Ernst, düstere Erwartung und ein immer krauser und übermütiger werdendes Lächeln. Klinke staunte. Dann windet er sich innerlich vor Lachen: »Totaliter verrückt! total ä–ä–ä!« Da poltert plötzlich über Schramms Lippen ein brummelnder Gurgellaut, dem Brunstruf des Hirsches ähnlich. Klinke schrickt zusammen. Furcht aber packt ihn, da er das Gesicht seines Freundes beobachtet: Eben noch war es in bleichem Entsetzen und Schrecken starr und unbeweglich. Plötzlich geraten aber alle Muskeln des Gesichts in eilige, irre Bewegung. Jetzt gleitet der Mund in die Breite und will lächeln, aber die Augen verkriechen sich giftig; jetzt arbeitet sich stiller Ernst herauf, schließt den Mund und glättet die Stirn, aber die Backenmuskeln bleiben geballt – Ernst, Würde, Wut und gezwungene Freundschaft huschen in wirrem Tanze über das Antlitz. Die ohnmächtige Anstrengung, etwas anderes zu zeigen, treibt sie rasch von hinnen und giebt dem Gesichte eine furchterregende Beständigkeit im Ausdruck. Nun ist der Kampf beendet. Aber auch jetzt ist es nur ein ruhender Widerstreit. Man sieht, das Gesicht soll gleichgültig aussehen – und ründet sich in süßlicher, verschlagener Freundlichkeit. Klinke fühlt erstickendes Grausen. »Oh, er ist toll!« Jesus! nun ruhen die blitzenden, stechenden Augen auf ihm; hüpfen auf, kommen und bohren und saugen sich fest, giftig und haßerfüllt. »Er ist toll!« In Seelenangst, um sich Mut zu machen, beginnt Klinke Witze zu erzählen. Er spricht sprudelnd von »der dicken Pfarrköchin«, vom »Koscher und der Rochers« und von vielem anderen; er erzählt voll Hast. Nach jedem Witze bricht er in wieherndes Gelächter aus und dann brodeln seine Worte wieder eintönig über seine Lippen. Schramm aber hat den Entsetzten voll mit den drohenden Augen gepackt und läßt ihn keinen Moment los. Jetzt muß er raus – raus – raus! – Ich weiß schon, denkt er, den ruhigen, festen, aufmerksamen Blick kann die Quecksilber-Natur nicht aushalten. Dabei aber brannte sein Auge in Zorn, Wut und Verachtung. Endlich erhob sich Klinke. Er hatte seine ganze »Courage« zusammenraffen müssen. »Also morgen Alter, Adje!« Schramm atmete erleichtert auf: Siehst du, du Schuft! Der Davongehende aber blieb auf der Stiege stehen, trocknete sich den Schweiß und murmelte: »Das reine Rindvieh! und dazu noch total verrückt, total, gewiß.« Er spuckte verächtlich aus und ging weiter. »Na die Kollegen, die in der Brauerei sitzen, werden schöne Augen machen, wenn ich ihnen alles erzähle und – morgen der Jucks!« »Ja ich vertausch die Heirat nicht um 1000 Thaler . . .« pfiff er und bog um die Ecke. V. »Schnittbohnen zum Mittag? Sie sind gerade billig!« fragte die alte Therese. Schramm nickte stumm und trank seinen Frühstückskaffee. Dann trat er ans Fenster. Ernster Friede lag auf seinem blassen Gesichte. Der feste Entschluß hatte das Wogen und Wallen in ihm zur Ruhe gebracht. Er sah sein Leben vor sich liegen: ein langer, grader, reizloser Weg. Aber über und in ihm leuchtete das helle Licht eines festen Lebensplanes. Er sah zum Fenster hinaus. Die sommerliche Welt lag vor ihm, wie ein erwachendes üppiges Weib. Auf den blauen Himmelsaugen lagen noch leichte Wolken des eben verflogenen Nachttraums. Der frische Tag glühte ihr rosig auf den Wangen. Ueber dem Busen lag der dunkle Wäldermantel. Aus dem ährengoldenen Haare glühte der bunte Kranz der Feldblumen. Aus tausend Vogelkehlen wogten die süßen Zukunftsträume eines eben erwachten, neuen Lebens durch das unendliche Gebäude des Weltalls. Nicht klar, dunkel, verhüllt, aber eben desto bunter und wollüstiger umfing dieser Gedanke die Seele Schramms. Du schöne Welt! stieg es in ihm auf und blieb als zitternde Thräne an seiner Wimper hängen. Er kam sich wie erlöst, wie vom Tode erstanden vor. Die schrecklichen Gedanken und Träume, welche sein Brüten hervorgebracht, wichen wie Gespenster. Aus weiter unbestimmbarer Ferne schielten sie lauernd aus ihren Schattenaugen nach ihm. Wohin wäre er gekommen, hätte er andauernd seinem Menschenhaß Gehör geschenkt! – Man muß sich aufraffen; man darf sich nicht so hingeben. Er schlug den Ueberrock zurück und holte die Uhr unter der Leinwandblouse hervor. »Sechs Uhr! nun geh' ich bis um ½7 spazieren und dann melde ich mich beim Herrn, und eh die andern kommen bin ich schon bei der Arbeit.« Er ging in der Richtung nach Ebersdorf. Es trieb ihn ein gewisses beängstigendes Gefühl ins Freie. Wie wirds gehen? fragte er sich. Gott, wenn nur das erste Stück gelänge, daß der Herr sähe, ich bin noch der Alte. Aber, wenns mißlingt, was dann? – Der Zweifel wollte nicht von ihm lassen. Neben ihm grollte und schluchzte das Wasser unter dem hohlen Ufer hin; über sich hörte er singendes Wimmern in den Kiefernkronen; ein leiser Wind brachte es hervor. Er fühlte sich beängstigt. Er wollte von dem Gedanken lassen. Aber je mehr er gegen ihn kämpfte, desto lauter und beklemmender kehrte er wieder. Da schlug ½7, und er kehrte um. Er wandte sich dem Wege zu, der nach der Hütte führte. Es ging bergauf. Schramm fühlte sich schwach werden. Aber er mäßigte seine Schritte doch nicht. Er bebte vor der Möglichkeit, ermattet stehen bleiben zu müssen. Endlich war er oben; die Glasfabrik lag vor ihm. Er drehte sich um, nahm seinen Hut ab, trocknete sich die schweiß-triefende Stirn und maß voll Genugthtuung die Entfernung, welche er in zwanzig Minuten zurückgelegt hatte. . . . . . . Morgen wird es mir schon leichter fallen. Ach, es wird schon gehen . . . . Der Zweifel wollte nicht schweigen. Langsam begann er weiter zu gehen. Dann blieb er wieder stehen. Aus der Glasfabrik drang vielfacher Lärm, Klirren und Poltern. Die Glasmacher schimpften und kommandierten in allen Tonarten; die Hüttenjungen lachten, sangen und pfiffen; Karren quietschten und knarrten; Glasüberreste flogen prasselnd auf; Kohlfuhrleute knallten und fluchten; Pferde schnauften und wieherten; die Lokomobile fauchte und zischte; Kinder hüpften, Lastträger schlichen gebückt, Frauen wiegten ihre Kinder im Arm; über ihm schnurrten die Kohlenwagen der Drahtseilbahn in endlosen Reihen und polterten laut, wenn sie die Träger passierten. Ueberall Jagen, Hasten, frohes, lautes Schaffen. Er lauschte und sah begierig alles. Zufriedenheit und Sicherheit kam über ihn. Das war seine Welt. Hier war er groß geworden, hier fand er plötzlich alles wieder, seine Kindheit, seine Jugend, sein ganzes Leben das wochenlang unter den Schatten einer eintönigen Leidenschaft begraben gelegen hatte. Und wie ein Knabe nach einsamem Gange bei dem Lärm seiner Geschwister in der Kinderstube freudig aufatmet, so machte ihn das bewegte, surrende Leben um ihn wieder fest, mutig, hoffnungsvoll, ruhig. Ein lauter Krach schreckte ihn auf. Ein Kohlenwagen war aus der Höhe herabgestürzt und lag zertrümmert neben ihm. Arbeiter eilten herbei und schafften Kohlen und Wagen fort. Im Weggehen hörte er sie sagen: »Der fährt nicht mehr. Aber auch ganz entzwei. Mit dem ists für immer alle.« Ueber ihm surrten die anderen Wagen weiter. Die vollen liefen ächzend hinab, die leeren tanzten tönend herbei, jeder an sein Ziel. Und drüben im Hofe und in den geschwärzten düsteren Häusern das verwirrte Rufen, Knarren, Prasseln, Pfeifen, Schleifen, Hin- und Wiedergehen war nur der Pulsschlag eines großen, streng geregelten Ganzen. Alles strebte einem Ziele zu. Alles ging den Weg der Pflicht und alle waren heiter und mutig. Das Maß der Pflichterfüllung ist das Maß von Menschenglück und -größe. Und ich? sah Schramm auf die Stelle, an welcher der Kohlenwagen sich zerschlug – – – ich? – Alles ging seinen Gang, hatte sein Ziel, seinen Weg und Zweck. Männer, Frauen und Kinder liefen wirr durcheinander und doch standen sie sich nah und waren verwoben: Die Kraft stützte –das Geschick, die schwache Schnelligkeit half der plumpen Gewalt, die zarte Peinlichkeit zügelte das rauhe Hasten: alle waren verbunden und wuchsen innerlich und fühlten sich wohl in der allgemeinen, gegenseitigen Abhängigkeit. Er aber, dem treue Arbeit und Pflichterfüllung alles gewesen war – Vergnügen, Spiel, Ruhe, Frieden, Liebe – alles, mußte von ferne stehen, verlassen, müßig, allein, unglücklich. Woran sollte er denken, wenn er nicht mehr arbeiten dürfte? – wovon reden, lesen, träumen? – Seine Seele wurde heimatlos. Was hatte er denn noch, als sein Elend . . . . .? Da fiel ein Blatt vom Baume. Der Wind hob es und wirbelte es nieder, führte es über blumige Wiesen und – warf es auf den Weg unter die Hufe und Reifen. – Es hatte auch einmal gegrünt, im Lenzwind gelispelt, im Sommer gelacht und im Sturme gerauscht – nun war es dürr und verwaist. Im Staube war sein Grab. Und ich? – Schramm taumelte zurück, wie von einem betäubenden Schlage getroffen. Dann ging er gebückt weiter. – Bangen klopfendes Herzens strebte er dem Hause des Hüttenbesitzers zu. Der hatte ihn kommen sehen und schritt ihm nun entgegen. »Guten Morgen!« grüßte er den traurig Dastehenden. »Endlich sind Sie wieder da.« Er hatte ihm die Hand gereicht und schüttelte sie freundlich. »Sogar die Russen warten auf Sie, ha, ha!« Schramms Seele litt unter dem Vergleich zwischen seinem jetzigen und früheren Zustande, als er seinem kräftigen mutstrotzenden Herrn gegenüber stand. Er kam sich so elend und unfähig vor, sogar zum Leben. Eine Weile starrte er mit großen Augen traurig vor sich hin. Dann heftete er sie bittend auf das Antlitz seines Chefs. Klein fühlte den stummen Wehruf in Schramms Augen an sein Herz hämmern. »Ach was, mein Lieber, den Kopf hoch! Mit der Zunge arbeitet kein Graveur, wenn nur Arme und Beine fest sind. Und mit denen gehts ja. Nein, nein, Sie sind noch der Alte und ich auch. So – und nun gehen Sie zum Herrn Binder und lassen Sie sich die Vorlage zu den guten Vasen geben.« Schramm verneigte sich und wandte sich zum Gehen. »Ja, was ich noch sagen wollte, und Ihren Bruder hat man noch immer nicht finden können. Wahrscheinlich werden Sie nächstens vor Gericht geladen werden.« Der Graveur schüttelte langsam und trübe sein Haupt. Er wollte es vergessen. Seine Milde und Versöhnlichkeit walteten wieder in seiner Seele. Nein, nein! Er hat sich übereilt, dachte er, er ist sonst so gut; mag er gehen. Mein Unglück ist für ihn Strafe genug, mein Unglück und sein Gewissen. Klein deutete das Schütteln falsch. »Ach was, man hat ja doch Ihren Bruder an dem Tage mit Ihnen gesehen!« Da kam Schramm der Gedanke, daß es ihm unmöglich sein würde, seinem verbrecherischen Bruder vor Gericht gegenüber zu stehen und ihn durch sein Zeugnis zu verderben. – Er darfs nicht gewesen sein! – und nun schüttelte er als Antwort auf seines Herrn ungläubigen Ausruf das Haupt energisch und sah ihn fest an. – Natürlich! Man könnte ja dann niemand mehr unter die Augen treten, wenn es ausgemacht wär, daß der eigne Bruder ein Totschläger ist. Nein, nein! – »Aber, ich kann Sie nicht begreifen!« rief Klein. »Nun wenn Sie's nicht sagen wollen, wird's Ihr Bruder thun müssen! Im Uebrigen bleibt alles beim Alten zwischen euch.« Sie trennten sich. . . . . . . beim Alten . . . . sang das Herz des Graveurs im Weiterschreiten ohne Ende. Und nun gab er sich ohne Rückhalt der Wiedersehensfreude hin. Für ihn, der sich nicht durch Trinken, Leidenschaften und geschlechtliche Ausschweifungen abgestumpft hatte, lag auch im Geringsten eine Fülle von Freude und schöner, unentweihter Erinnerung. Er genoß sie in breiter Gemächlichkeit. Auf dem weiten schmutzigen Hofe hatte seine Kindheit geblüht. O, in jener Zeit war der Himmel so nah, alles Große, Schöne und Heiligste so leicht zu erreichen; die ganze Welt so klein und das kleine Herz so weit, so weit und die kindliche Seele so großeund allgewaltig. O Jugendzeit, o Heldenzeit. Schramm blieb inmitten des Feldes seiner Knabenzeit stehen. Aus Aschenhaufen, hohen Bergen von Glasüberresten; aus grauem, verfallendem Gemäuer, geschwärzten Fenstern und Dachluken stiegen die Gestalten seiner glücklichen Kinderjahre herauf und erzählten ihm herzige frohe Geschichten. Still verklärt lauschte er. »Guten Morgen Josef!« Der alte Jogwer karrte die Schamottenmasse über die Bretterbrücke aus der Glasfabrik und grüßte ihn von fern. »Guten Morgen!« er stand neben ihm und streckte ihm seine Schwielenhand entgegen. »Ich habe mich schon lange nach dir umgesehen!« Jogwer war der Jugendfreund von Schramms Vater gewesen; darum duzte er den Graveur. »Mein Gott, kannst dich noch erinnern! Am Gelöbnistage haben wir uns das letzte mal gesehen. Zehn Wochen, ja, ja, ganze zehn Wochen. Jesses, Jesses, du warst so ganz marode und weg wegen deinem Bruder. Und mein Gott, wenn der Vater aufstünde! Der August, der Lumpenkerl, muß so was machen. Aber ich habs zu meiner immer gesagt. Marie, hab ich gesagt, aus dem Schramm August wird nichts. Man kann sagen, was man will, es hat getroffen, er ist unter einem bösen Planeten auf die Welt gekommen. Ich hab's gewußt, Gott verzeih' mir meine Sünde.« Jogwer schwieg und sah den Graveur aus seinen wasserblauen Augen unbeholfen schlau an. »Wo hat er dich denn überfallen? Konnt'ste nicht ausweichen?« Jogwer horchte, »Was?« und hielt ihm zur Ermunterung seine Dose hin. Schramm nahm eine schwache Priese, that aber keinen Laut und machte keine Gebärde. »Dort wo die Lärchenschonung anfängt, hä, da wars?« »Was? haste nichts gespürt oder gesehn, vorher nicht, daß er was im Schilde führt!« Schramm wollte durchaus die Erinnerung an sein Unglück aus seinem Gedächtnis verwischen, durchaus mit Gewalt. Er mühte sich, an etwas anderes zu denken: – Ja, dort von der Mauer hab ich mit dem Strangfeld Anton den großen Drachen steigen lassen. »Die Leute sagen, es war eine Vierkanter-Flasche, mit der er dich geschlagen hat!« ‚ . . . . . er war so groß wie ich; das Papier war von – na von wem denn! – wie man doch alles vergißt!' – Halb horchte er auf den Alten. Dann bestürmte er wieder sein Gedächtnis . . . . . . ‚es war blaues und weißes Papier. Der Anton hat die Schnur gegeben und ich hab das Gesichte drauf gemalt' . . . . »Das kann ich blos nicht verstehn, daß du ihn nicht gepackt hast. Kam er 'a so schnell, daß du 'n nicht fassen konntst?« ‚ . . . . . . ach ja er stieg zwei mal so hoch wie der Schlot' . . . Er hatte wieder halb hingehorcht. Die Erinnerungen an den Mordanfall kamen wie eine dunkle Woge geschossen. Dagegen ankämpfend, beantwortete er doch in Gedanken, freilich zerrissen, unmutig, die letzte Frage des geschwätzigen Alten: freilich, aber der Teufel mags wissen wies kam . . . . . nein, und – er klammerte sich an das Erinnerungsbild – ‚dann drehte er sich auf den Oberberg zu; er blieb am Blitzableiter hängen' . . . . . .! »Hast'n noch nichts vom Gerichte gehört?« Jetzt war es genug. – Er schüttelte den Kopf und ging. Jogwer sah ihm nach: »Ganz richtig is doch nicht mit ihm!« Das Weibermaul muß mir auch gerade in die Quere kommen, dachte Schramm, als er die Bretterbrücke emporschritt, um in die Glasfabrik zu gehen. Auf seiner Stirne zeigten sich schon wieder die düstern Falten, um seinen Mund grub sich der leidende Zug und seine Augen begannen alles bohrend zu fassen und funkelten in bösem Glanze. Seine Seele aber schwebte in leerer Unschlüssigkeit. Von dem düstern Bilde angezogen, jedoch von bitterem Willen zurückgerissen und hastig nach der schönen Vergangenheit gedrängt, tappte sie wie ein Tagelöhner mechanisch aufwärts ans Licht goldener Zeiten, während in ihrem geheimsten Mittelpunkte ein leiser unerklärlicher Drang die Hölle des Krankenlagers und der Genesung herbeisehnte. Schramm fühlte ihn mit Bangen und Aerger stärker werden und suchte nach einem Strohhalm, um den Geist dem Wirbelgange der Gedanken und den Untersuchungen über das Verhältnis zu seinem Bruder zu entziehen. Er hatte sich zur Seite gekehrt und sah starr auf den Boden. Lange konnte er nichts finden. Eben war durch die Erinnerung seines Vaters Bild geflohen. Schattenhaft schnell war es dahin geeilt. Das liebe runzlige Gesicht wollte sich nicht zu ihm wenden, ihn nicht befreien helfen von den bösen Gedanken. Traurig sann er ihm nach. Da rollte es dumpf hinter ihm. Als er sich umwandte sah ihm der alte Jogwer ins Gesicht. Aus irgend einem Grunde lag um seinen Mund ein verwelktes, kümmerliches Lächeln. Blitzartig schnell hüpfte der Gedanke in des Graveurs Kopf auf; so, grade so pflegte der Vater zu lachen. Ach, und da stand ja das liebe Gesicht vor ihm, in ihm, mit demselben sorgenvollen Lächeln, das den langen gelben Eckzahn der linken Seite enthüllte. »Du sollst dich nicht so quälen wie ich,« hatte der Gute gesagt, als er einst, so wie heut der alte Jogwer, ihn auf der Brücke traf. »Darum mußte in die Schleife und wenn dus Zeug hast kommste auch mal 'nauf zu den Herrn Schneidern. Ich muß jetzt schon weiter tempern, bis mich der Totengräber in die Mache kriegt.« Da hatte sich's der kleine Schramm vorgenommen »'nauf zu den Herrn Schneidern zu kommen.« Mit ängstlich bebender Aufmerksamkeit und kleinlicher Peinlichkeit zwang er jetzt seinen ganzen Bildungsgang an sich vorüber. Das mußte ihn befreien von dem immer mehr um sich greifenden galligen, zornigen Brüten über sich und seine jetzige Lage; das mußte ihn seitwärts drängen in die gewohnte Bahn seines alten Lebens, das er eben aufnahm; das allein konnte seine Kräfte vereinen zu der ersten wichtigen Arbeit. »O Gott, wenns mißlingt, was dann?« Mit klopfendem Herzen packte er das Bild von sich als Schulknabe, das eben durch seine Erinnerungen hinhuschte. Er sah sich das erste Mal in die Fabrik gehen: blaue Bluse, Holzschuhe, unter der Mütze eine Wolke verwirrten graublonden Haares – auf ein Haar wie alle »Hüttenjungen.« Ja, das war er! Er zwang sich zu freudiger Ueberraschung und trat mit seinem Gedächtnisbilde mitten in den Lärm der Fabrik. – Ein Junge klapperte an ihm vorüber, stieß ihn mit der Stange, auf der er einen fertigen noch weiß glühenden »Pariser« (man blies eben Lampenschirme) »eintrug«, lachte breit-frech und laut und pfiff zum Kühlofen. Du schöne Zeit, wo bist du hin! zwang der Graveur sein Blut zu affektierter Sentimentalität. Aber da gähnte der Abgrund seiner Seele auf. Sein anderer düsterer, wilder, bohrender Geist stieß seine Brust mit einer knirschenden Seufzerwoge auf: »ha! und was wär ich geworden? Und was kann ich werden?« Ein ruhiger stummer Wutfluch riß die rote Farbe von seinem Gesicht. Aber was kann das nützen, beherrschte er sich gleich darauf. Davon lern ich nicht reden. Ich muß es vergessen, ich muß . . . . . muß . . . . muß . . . Und zitternd vor Erregung lief er in das dichteste Gedränge. Da rannte er mit den Knien gegen einen mit Milchglasständern gefüllten Kastenkarren. Der Arbeiter kam vom Kühlofen gefahren. Von dem Stoß des Graveurs geriet der Glasberg ins Wanken. »Verflucht!« schrie der Arbeiter, »wo wollen Sie hin? Setzen Sie sich auf und backen Sie sich an jede Seite des Hintern einen Ständer, Hesse!« Schramm verzog ungeschickt, geschäftsmäßig den Mund, wie eine Puppe mit Lachmechanismus und stürmte weiter. Ich muß vergessen – muß – muß – Aber schon packte ihn eine Faust bei der Schulter: »Kerl wenn du's nicht wärst, hieb ich dir's Rohr über die Mütze. Wieder umsonst meine Backen gequält!« Schramm streckte dem Schulkameraden die Hand entgegen und lächelte zerstreut. »Nun,« polterte der Bläser ärgerlich, »du hast mir de Form vom Rohre weggestoßen.« Ach, sagte Schramm durch eine Handbewegung, wegen dem, wenns nur nicht mehr ist! »Natürlich, aber a Fremder säß draußen auf a Scherben, das weiß ich. – Na, wir sind ja Alte, gelt Josef, alte Freunde. Aber wahrhaftig, Bange hab ich um dich gehabt. Sie sagten, du wärst Wochenlang irre gewesen. Mitgenommen hat dichs ordentlich. Aber die Farbe kommt wieder.« Der Glasmacher erzählte schreiend viel – viel. Schramm hörte nicht auf ihn, sondern quälte sich in seiner Erinnerung. . . . . . Gut dreizehn Jahre sind es her, daß ich Kölbelmacher war. Ja, mit siebzehn Jahre hatte ich schon eine Stelle. Die andern, das waren alles Schafe; die mußten vier Jahre Kölbel blasen. Richtig – und der Hüttenherr hieß mich immer den jungen Meister – ja – ja – Dieser Hochmut kam ihm sehr willkommen, wußte er doch alles in buntes, grelles Licht zu tauchen, für alles die prächtigsten Farben zu schaffen und ihm auf einige Momente süßes Selbstvergessen zu kredenzen. ». . . . . na wir sind ja alte Freunde!« flocht der Bläser eben wieder in seinen Schrei-Monolog. »Ich dächte, Josef, wir untersuchten wie der Liter unten aussieht, einen mußt du rausrecken!« Seine Stimme dröhnte und sein Gesicht strahlte, daß er endlich die feuchte Pointe seiner gewaltigen Rede erreicht hatte. Ha, dacht ich mirs doch! O die Säufer! Na, ich kenn sie alle! Einer wie der andere! zischelte der böse Dämon in des Graveurs Innern. Das trieb ihn weiter; und als er sich das Karussel, einen neuen Kühlapparat erklären ließ, stieß sein zweiter düsterer Geist zwischen die Aufmerksamkeit den furchtbaren Ausruf: Da in dem glühenden Wagen könnte sich August seine Knochen abkühlen. Schramm betrachtete noch vieles, ging hin und her, ließ sich von vielen anreden. Aber es war umsonst, er blieb zerstreut. Seine Sammlung, seine geschäftliche Arbeitsstimmung, die er sich auf dem Gange durch die Räume der Glasfabrik hatte erhöhen wollen, wurde, kaum entstanden, von einem höhnischen, bitteren, rachsüchtigen Gedanken durchbrochen. – Auf dem Wege zum Zeichner »Herr Binder« bewies er sich aus seiner Erinnerung, daß »sein Hund von einem Bruder« die Trunkenheit nur geheuchelt, daß er ihn »entschieden, mit Vorsatz, nach langer, langer Ueberlegung hatte totschlagen wollen«, um die Lebensversicherungssumme »auch noch in den Rachen zu schlucken«. Er wälzte noch viele dunkle, zornige Gedanken hastig durch seine Seele, er wühlte noch lange in den Abgründen seines lastenden Hasses, der ihn ganz durchdrungen, gebannt, den sein langsames Temperament doch nie zu glühender Flamme, zum klaren Entschluß steigerte und trieb. – – Indem er zwecklos in dem Hofe und um die Gebäude ging, verlief sich der anfänglich hohe Wogendrang der Leidenschaft in ihm, nachdem er aus seinem verwitterten Geiste den peinlich gesteiften, krankhaft lebendigen Willen, aus dem Herzen das mühsam gewonnene stärkende Interesse und die erfrischenden, gesunden Bilder der Erinnerung hinweggespült hatte. Leer, dumpf, stumpf und doppelt schlaff war seine besiegte Seele, kalt sein vergiftetes zweifach armes Herz. – Seine Sinneswerkzeuge arbeiteten schnell und leichtfertig und trugen doch nichts nach innen. Er sah alles, hörte alles, auch das Geringste; und doch war alle Erregung so schwach, ging so schnell, war so alleinstehend beziehungslos, daß kein Gefühl, kein Begriff sich bildete. Er strich umher, wie ein Nachtwandler, aber ohne dessen verwirrtes, buntbewegtes Innenleben. Er stand schon eine Viertelstunde vor dem, durch Dampf getriebenen Schöpfwerke, welches das Grubenwasser förderte, und sah zum vielleicht tausendsten Male die Kolbenstange auf und niederstoßen, aber er langweilte sich nicht. Denn wenn der Kolben aufs neue niederfuhr, war der frühere gleiche Eindruck schon verflüchtigt und Schramm sah mit ursprünglicher, mechanischer Aufmerksamkeit das Glitzern des blanken Eisens und hörte wie überrascht das Aechzen, das Gurgeln und Plätschern des Wassers. Er hätte wohl noch lange geistlos hingestarrt, doch der Ruf: »Na Schramm haben Sie schon die Vorlagen in der Tasche, oder ruhen Sie das erste Mal?« riß ihn auf. Herr Klein stand hinter ihm. Schramm verzog sein Gesicht nicht. Wie ein säumiges Zugtier auf den Ruf des Fuhrmanns sich wieder in Tritt setzt, so wandte sich der Graveur wieder zum Gehen. Die frühere Aufforderung des Herrn lag und wirkte in ihm wie ein tierischer, blinder Trieb. . . . . . . . . Nun klopfte er an die Thür des Zeichners. »Herein!« quäkte es drinnen. Er trat ein und blieb stehen, die Mütze in der Hand schwenkend, wie es Arbeiter eben thun. In der langen Stube, vor ihm auf einem hochgeschraubten Drehschemel hockte ein buckliger Mann über eine Arbeit gebeugt. Er sah sich nicht um, rührte sich nicht einmal, als Schramm das Zimmer betrat. Er schien versteinert zu sein. Nur die pfeifenden Atemzüge bekundeten, daß Leben in dem verknoteten Menschen sei. Das Pfeifen wurde stärker und schneller. Endlich platzte die Erregung in einem kurzen plärrenden Hustenstoß auf und dann: »Donner Kilian! guten Morgen Herr Grobian!« Und plötzlich drehte sich das Männchen zweimal um sich selbst, daß die Beine seitwärts flogen, hüpfte herunter, stand dem Graveur im nächsten Augenblicke unter der Nase und schleuderte ihm ein zorniges »Hä!« ins Gesicht. Dann trat es zurück, spreizte die Beine, rückte die goldene Brille dicht vor das Auge und stemmte die Arme in die Seite: »Da quäl' ich mich schon jahrelang mit der Bande herum; aber es nutzt kaum was. Da ist immer wieder einer, der über seinem Büffel den Rock nicht zuknöpfen kann. Verflucht! wie oft soll ichs denn sagen: ich bin nicht eures gleichen! Ich bin nicht Handwerker, ich bin Künstler! (dabei blies er mächtig.) Verstanden? und verlange Respekt. Ja!« Danach strabelte er quer durchs Zimmer, zu einem Schrank. Das war Herr Binder! Schramm dachte, der sieht aus, wie Kasperle und mußte lachen. »Es ist eine Flegelei, einem Vorgesetzten« – Binder setzte das Wort durch seine Betonung in Anführungszeichen – »ins Gesicht zu lachen!« Schramms schlaffer Geist begann sich zu regen – »ein schöner Vorgesetzter« – und sein Herz faßte Leben. Auf seinem Gesichte wollte das Lächeln nicht versiegen. Herr Binder sah ihn eine Weile forschend an. Er wartete offenbar auf eine Entgegnung und hatte schon eine Grobheit parat. Der Mund des Graveurs blieb stumm. Ach mein Gott, erinnerte sich jetzt Herr Binder: der Stumme, ja, ja, mit dem sauberen Bruder! Mithin! – der ist kein Wort wert. »Sie sollen,« begann er geschäftsmäßig, in scharfem widerlich hochmütigem Tone, indem er an den Tisch ging und Schramm durch eine befehlende Handbewegung hinter sich heranwinkte, »Sie sollen hier nach diesem Muster – aber rein halten – Vasen schleifen. Den Geist, die schwungvolle Seele der Zeichnung, werden Sie nie verstehen lernen. Sie werden es blos nachritzen, nachmachen – wie ein rechter – echter Hand–wer–ker–« Des Graveurs Stirn umwölkte sich. Er nahm Herrn Binder die Vorlage unsanft aus der Hand. So, das wird sich zeigen, sollte es heißen. Aufmerksam betrachtete er dann die Zeichnung. Sie stellte einen großen, geschmackvoll geordneten Blumenstrauß dar, über dem auf Schmetterlingsflügeln drei kleine Tanzgeisterchen neckisch schwebten. Wirklich eine prachtvolle Zeichnung! Er ist doch ein Teufelskerl, der kleine Knirps! Blos die schöne Rosenknospe und darüber der kleine Kerl in dem wallenden Schleier, wie er begierig nach der Blume guckt! . . . . . . . . . . Und plötzlich fühlte er es in seiner Brust wollüstig aufwogen: das Ahnen, das Träumen, die lebensstarken Gedanken kamen über ihn, welche ihn heute früh ergriffen hatten, als er nach dem Frühstück von seinem Fenster aus die erwachende Welt betrachtet hatte. Da legte er freilich eine tiefere Seele in die Zeichnung, als sich Herr Binder gedacht hatte. Dieser aber fühlte sich durch das lange Betrachten geschmeichelt und begann in wohlwollendem Schulmeisterton: »Die drei Grazien sind Glaube, Hoffnung und Liebe. Links über der springenden Rosenknospe ist die Liebe. Leichtfertig ist der Schleier um den üppigen Leib geschlungen und verhüllt die Reize. Der lüsterne Blick lugt nach der aufquellenden Rose, welche die erwachende Sinnlichkeit bedeutet, d.h. symbolisiert. – Symbolismus ist die Hauptsache! Hier hatte Rembrandt ganz recht, wenn ich auch seine Vorliebe für das Gräßliche verurteile – verurteilen muß!« – und das Zwerggenie bohrte seine Glasaugen in die Luft und blitzte den vor ihm schwebenden Riesen an wie einen Schulbuben. »Mitten schwebt der Glaube,« nahm er seine Erklärung wieder auf, nachdem er selbstgefällig auf seinem Lorbeerreisigbündel eine Weile ausgeruht hatte »– Glaube. Ernste Gesten bekunden seine gedankensatte Seele. Ich wollte ihm eigentlich einen Prophetenbart machen, um den Ursprung des christlichen Glaubens anzudeuten; aber . . .« »Thrä!« – Der Graveur schneuzte sich verständnisinnig – Es klang wie ein Trompetenstoß. Binder starrte ihn an. Wut und Zorn machten ihn erbleichen. Mit zitternden Lippen schrie er: »So eine Unverschämtheit! Hier – hier – hier – nein – so was – machen Sie – hier – daß Sie nauf kommen. Donner Kilian!« Der Zornesausbruch machte auf den Graveur nicht den geringsten Eindruck. Indem er die Mütze gegen das Bein schlug und sich zum Gehen wandte, dachte er: Eine herrliche Vorlage; aber schwierig! Da heißt's die Ohren steif halten. Sonst . . . . Die Gleichgiltigkeit brachte Binder zum Aeußersten. »Ein Lump sind Sie. Eine Lüge is, eine stinkende Lüge is! Ihr Bruder hat gar nicht dran gedacht, Sie zu schlagen. Besoffen waren Sie und da . . . .« Schramm blieb wie angewurzelt stehen. Die ganze Last der verschwiegenen Wut rollte auf seine Brust. Herz und Lippen bebeten ihm. Er drehte sich energisch um, um ihm »eins zu versetzen.« – Aber du wärst des Todes! – Grollende, dumpfe Laute quollen über seine Lippen und seine Augen funkelten in düsterer, unheimlicher Glut. »Her Binder« lehnte wie leblos am Tische und schrie aus Leibeskräften nach Hilfe; aber die Angst preßte ihm die Brust zusammen, und so klang es wie das Wimmern eines jungen Hundes. Schramm spie ihm ins Gesicht und schlug die Thür hinter sich zu. Herr Binder kam langsam zu sich. Er wischte sich das Gesicht, und als er vorsichtig zur Thür hinausgesehen und bemerkt hatte, daß der Graveur schon fort sei, ballte er die Faust. »Wart nur, Vögelchen! du denkst, der Ast, auf dem du sitz'st, ist grün! Wart nur, wart nur, wenn man dran sägt, wird er schon dürr werden. Wollen sehen. Nein! – 's ist doch zum Farbe fressen, so eine Respektwidrigkeit!« VI. Also das noch! – wenns der sagt, dann muß es unter den Leuten Gerede sein! – Der Graveur ging, ganz an die Mauer gedrückt, das verrauchte Gebäude entlang und bog endlich in eine offen stehende Thür. Die Schwelle, die Flurziegel waren ausgetreten; der Putz war teilweise von den Wänden gestoßen. Packstroh lag wirr auf dem Boden. Rechts eine Thür, links eine – u.s.w. – alle wie ein Bettlersrock: geflickt, abgeschabt, bald zu groß, bald zu klein, schief hängend; fest zu und doch nur lose angelehnt, denn alle Schlösser an ihnen waren schadhaft. Die Thüren ächzen, quietschen, poltern, hüpfen auf und nieder, wie angesteckt von Lärm und Bewegung um sie, neben und über ihnen. Rechts eine Thür – links eine – ein langer Hausflur! – Schramm bleibt vor jeder einen Augenblick stehen wie ein Lastträger, den das Gewicht seiner Bürde fast zusammendrückt. »Hineingehen! – – – – nein! – bin –ich aber – – ein Esel!« – äußert sich das mechanische Arbeiten seiner Seele. In der Tiefe aber wühlt und bohrt es wie Fieberkrampf: also das noch! – nach allem! – ich ein Ehrloser! – Du ewiger Gott!! – Das muß herunter von mir – oder es erdrückt mich! Aber – was thun? Er ging weiter. Links eine Thüre! »Hineingehen!« – Er blieb stehen! – Was thun? verklagen werd ich den Hund! ja–a! Aber der Kerl spricht wie Marktjüde und ich? – Unsinn! Da müßt ich alles haarklein erzählen! Nein, nein! Da bin ich mir zu gut, daß ich vor dir, du elender Knirps, alles ausbreite. Und . . . . . . . . Recht? – Frage den Stein! . . . Er ging weiter. – Rechts eine Thür! »Hineingehen!« – Er blieb stehen. – »Nein – räudige Katze – durchprügeln werd ich dich – totschlagen – das verdienst du, dem die Ehre eines andern so lieb ist, wie dein Buckel. Totschlagen!« Aber da kam ihm der Gedanke, daß es andere auch wußten, daß andere grade so schlecht und niederträchtig seien als Binder – totschlagen! Das Gift fraß weiter: – wo – wieviel hats gute, ehrliche Menschen auf der Erde? – keinen – totschlagen! – alles, alles Ungeziefer. Er, der Henker und vor ihm die ganze Welt – weg mit euch! – alle einen Kopf kürzer! – totschlagen! Er lachte auf: grell, schrill, schneidend. Es klang wie der Schrei eines Ertrinkenden. – Sein Herz aber schlug gegen die Brust, als wolle es das knöcherne Gefängnis sprengen, um hinauszukommen aus der Nähe dieser düstern, höllischen Gedanken. Schramm preßte die Hand darauf, wie um es zu beruhigen. Da hörte er die Vorlage in der Seitentasche knistern – Er war im dunkeln Treppenhause angekommen. Rechts die Schamottenstampfe, links der Schleifsaal. – »Es wird nicht gehen! – Ich hab keine Ruhe! – Obs überhaupt geht, – und – was dann?« Der Lärm rechts und links spann seine Gedanken weiter und gab ihm Antwort. Aus dem Schleifsaal kreischte und zischte es sinnverwirrend wie höhnisches Lachen. Aus der Schamottestampfe quoll es wie dumpfe, eintönige, träge Hammerschläge. Ihm war es, als höre er das Schicksal den Sarg seiner Zukunft zimmern. Er schauerte zusammen. In dieser Erregung muß ich ja alles verderben. Es muß ja heute nicht sein; er drehte sich um und wollte gehen. »Halt Freundchen, so wird nicht gespeist!« Klinke war es. Er kam aus dem Schleifsaal und war in himmelblauester Montagslaune. »Ich hab heute den Geburtstag gehabt, dann der Czernoch, dann der Mann – hier ist die Herzensschmiere!« Er hielt einen gewaltigen »Vierkanter« voll Korn in das Licht des Flures. »Gemütlichkeit! Immer gemütlich, das ist die Hauptsache. Ha, ha! na heute wirds toll! Bruder, und jetzt hast du Geburtstag!« Er hatte Schramm die Stiege hinaufgezerrt. Bei den letzten Worten traten sie in den Schneidersaal. Ein Chorus taumelnder Stimmen schrie: »Guten Tag Geburtstagskind!« – Dazwischen klang der bewundernde Ruf: »Klinke ist schon ein uricher Hund! – Klinke hoch!« Alle sprangen von dem Arbeitstische, einer aus Brettern zusammengeschlagenen Tafel, welche um den ganzen Saal, mit Ausnahme der Thürwand, lief und stellte sich in einem Halbkreis um die Ankömmlinge auf. Schramm dachte: Sie sind alle besoffen. Ich dächt, ich ließ sie, sonst machen sie's noch toller. Klinke nahm das Wort. Mit komischer Feierlichkeit überreichte er Czernoch die Flasche: »Hier, mein Marschallsstab.« – »Kollegen, Kameraden, Freunde! Gestern haben wir Moltke, den großen Schweiger, gefeiert. Heute begrüßen wir einen kleinen Moltke . . . .« »Bravo! Bravo! Weiter!« Eine Anspielung auf deine Stummheit dachte Schramm und erblaßte. »Er hat einen nächtlichen Kampf bestanden. Fast wäre er seinen Wunden erlegen; aber er hat gesiegt. – Mir wär's gestern fast um ein Haar so gegangen. Ich stürzte über einen Stein und – schlug mir das Knie blutig. Natürlich den Schädel konnt' ich mir auf keinen Fall einstoßen. Dazu gehören zwei vierspännige Fuder (er zeigte auf den Vierkanter, den Czernoch hielt) unter die Mütze.« Das ist auf mich gemünzt! – der Zorn begann in Schramm aufzubäumen, aber Klinke fuhr unbeirrt fort: »Na, was wollte ich denn schnell sagen. Also, er ist wieder gesund. Er ist gleichsam von . . . er ist gleichsam neu . . . geboren. Der Herr hat ihm die Hand geschüttelt. Binder hat ihm die Thür aufgemacht . . . .« »Serr scheen! Brachtvoll!« schrie Czernoch. »Wir sind froh, daß du wieder da bist und wollen deinen Geburtstag begießen und du sollst die Taschen aufmachen und den Regen herauslassen. Wir sind alle noch die Alten: Czernoch, der Büffel, Mann, der Nachtfalter und Schürzenkönig, Strangfeld, die Bibelmotte . . .« Alle brüllten und stampften: »Bravo! Klinke, du Hund!« »Die Andern,« setzte er fort, die Andern sind die bekannten Esäue ohne E!« »O, ho, na, na!« »Und du bist noch das Hinterviertel vom Chef! Auf daß err sich wirt eemol inn Aptritt . . . . .« knurrte Czernoch. »Klinke hoch! Schramm hoch! Geburtstagskind hoch!« Schramm warf Klinke einen haßerfüllten Blick zu, riß sich von ihm los und schritt seiner Arbeitsstelle zu. Sein unseliges Mißtrauen hatte in allen Worten Klinkes böswillige »Niederträchtigkeit, Anspielungen und Verleumdungen« erblickt. Die Schneider sahen einander eine Weile fragend an. Als aber Klinke mit nach Schramm hingeneigtem Kopfe gewinkt und unter Zwinkern »Nicht recht meschucke« gesagt hatte, brachen alle in wieherndes Gelächter aus. Nur Strangfeld, die Bibelmotte, ein Hüne mit Beinen, welche aus einem Handtuch zusammengedreht schienen, ging abseits. Er mochte in seinem klareren, gesammelten Innern eine Ahnung haben von dem Elend in Schramms Seele, welche an dem Glauben, der Welt und Gott nur noch durch das zitternde Bewußtsein eigener Ehre gehalten wurde, sonst aber eingehüllt war von den Schatten düsterer Leidenschaften, welche sie unterdrücken wollte und doch in schmerzlicher Wollust gebar. – Er ging zu ihm und drückte ihm mit stummem herzlichem Lächeln die Hand. Schramm preßte sie voll Inbrunst: o hätte er seine gequälte Seele befreien und ausrufen können, mein Freund, mein Retter! Statt dessen preßte er sie nochmals mit Wehmut, daß Strangfeld hätte aufschreien mögen.– Die Übrigen hatten sich um den »Vierkanter« geschart, ließen die Gläser klingen und springen und sangen: »Frei die Kunst Und weit der Schlund, Immer ohne Sorge. Hats kein Geld, Du reiche Welt, Muß man borgen, borgen!« »Laßt den Duckmäuser, ein'n Murk haben ich auch noch selberr!« schrie Czernoch, als sie geendet und warf eine Mark hin. Strangfeld winkte Schramm, machte mit dem Daumen die Bewegung des Geldzählens und zog den Mund in ironischer Schlauheit in die Höh. Das sollte heißen: »Gieb, du wirst sie eher und besser vom Halse haben.« Schramm nickte verständnisvoll, holte eine Mark hervor und Strangfeld trug sie Klinke, »Dem Präsidenten der Gemütlichkeit« hin: »Hier vom Schramm auf den Geburtstagtropfen«. Kaum hatte Mann die Mark gesehen, so blies er auch schon auf der hohlen Hand einen Tusch und seine Augen funkelten. Und dann erhob sich die ganze Schaar und stimmte den Toast Frisch auf, und nehmt das Glas zur Hand, Thut einen tiefen, deutschen Schluck. Schramm lebe hoch und Czernoch auch, Nach altem, echtem Künstlerbrauch.            Hoch, dreimal hoch! an. Das war heute mit Einsetzung der betreffenden Namen schon oft gesungen worden. Es war sehr beliebt. Denn eine feststehende Melodie hatte der Gesellschaftsvertrag der »Künstler« nicht bestimmt Deshalb benutzte Jeder diesen Toast zum Ausdruck seines musikalischen Glaubensbekenntnisses. Jeder war tief überzeugt, daß seine Melodie die reine, geoffenbarte Wahrheit sei und suchte ihr durch die größte Anstrengung Geltung zu verschaffen. Dieser war ein Freund schwermütiger Weisen. Er sang den Toast als Trauermarsch. Dabei breitete er die Arme seitwärts und schlug auf und ab wie ein Storch vor dem Auffliegen. Mann liebte das Tändelnde. Ludolf Waldmann war sein Ideal. Obwohl Taktmaß und Rhythmus nicht stimmten, sang er die Worte hartnäckig nach der Melodie: Meines Liebchens blaue Augen. Dabei schlug er eifrig und mit weisem, selig verklärten Gesicht sein Messer an das Glas. Klinke stellte sich bei Beginne des Toastes stets in Grundstellung. Dann aber sang er ihn nach dem Regimentsmarsch der Elfer. Er marschierte um den Saal, ließ die Augen rollen wie ein Eroberer und schwenkte die Arme wie sein »seliger Kapellmeister«. Czernoch war ein musikalischer Freischärler. In seiner Melodie gaben sich alle Melodien des Erdkreises, in jedem Tone alle denkbaren Töne ein Rendevous. Bald glaubte man das Brüllen eines Löwen zu vernehmen, bald klang es, als habe jemand eine Katze getreten, und dann wieder ertönte das ferne Rollen eines Wagens mit aufgedrehter Hemme. Die Jüngeren beschränkten sich darauf, mit den Händen, je nach der Schwere des Rausches, die große oder die kleine Trommel zu schlagen. Darin aber waren alle einig, daß der Zauber des Toastes ganz erheblich verringert worden wäre, wenn nicht jeder nach dem Maße der ihm von Gott verliehenen Kräfte mit den Füßen gestampft hätte. Klinke war, wie es eben gar nicht anders sein konnte, bei den letzten Worten in der Mitte der Singenden angekommen und hatte mit einem donnernden »Halt!« das letzte »Hoch!« gewaltig unter den Boden gestampft, als er, sich im Kreise drehend, das »Bundeslied« anstimmte. Nach dem eben verklungenen melodischen Janhagel diese würdevollen Töne! Brüder, reicht die Hand zum Bunde. Diese ernste Feierstunde . . . . Freilich machte es den Eindruck, als sehe man einen mit allem Herrscherpomp bekleideten König seinen Hermelin trunken durch Gasse schleifen. Die Mitwirkenden aber falteten höchst ernst-würdevolle Gesichter. Diesem rannen die Thränen über die Wangen. Einer sank sogar vor Rührung unter den Tisch. Da bei allen mit dem Beginn der zweiten Strophe die Kenntnis des Textes ihr jähes Ende fand, löste sich das Lied in ein vielgestaltiges, mysteriöses Brummen auf und verstummte endlich ganz. Dann aber blitzten aller Augen und wie ein Sturmlied wütender Kämpfer erbrüllte es: Wr hoan a Lied gesonga, do gehert a Schluck darauf, Bei dr Infanterie, bei dr Kavallrie woarsch immer so dr Brauch! Bum! hieb Jeder auf den Tisch und leerte sein Glas in einem Zuge. Der »Vierkanter« hatte seine Fuselseele ausgehaucht und Klinke machte auf den Weg ihm eine neue einsetzen zu lassen. VII. Ein Junge hatte Schramm die Vasen auf die Arbeitsstelle getragen. Strangfeld war ihm bei den Vorbereitungen zum Schneiden behilflich. Er feuchtete den Schmirgel in der Schale an und stellte ihn hin. Schramm legte die Lederschnur über das Schwungrad und befestigte die »angenäßte Fahne« über der Scheibe. »Gut Glück!« wünschte Strangfeld und reichte ihm die Hand. Schramm lächelte ungläubig und hoffnungslos und drückte zitternd die dargebotene Rechte. Dann sah er dem Davongehenden nach: lang, lange, sehnsuchtsvoll. Er wäre am liebsten aufgesprungen und ihm nachgeeilt. Er hatte so vieles zu denken, so vieles niederzukämpfen. Aber sein träumerisch schwankender Wille, seine Entschlußunfähigkeit, der Gedanke an den Hohn seiner Kollegen hielten ihn auf dem Schemel, obwohl er sich zur Arbeit durchaus unfähig fühlte. Durch die Aeußerung Binders und die stichelnden »vieldeutigen Worte Klinkes des Schweinehundes« war sein Inneres gänzlich zerrissen. Die Spaltung begann bei dem Unglück im Hohlweg. Der eine Teil seines Lebens, seine Kindheit und Jünglingszeit, sanken wie tot, dürr verwüstet, ohne Beziehung auf ihn und sein Glück, ohne Interesse zu wecken, tiefer und tiefer. Alle warmen, lichten, bunten, schönen Gedanken und Gefühle zogen mit ihm fort, wie die Vöglein und Sonnenstrahlen und Blumen alle mit dem sterbenden Sommer entschwinden. Der andere Teil seines Daseins, die jüngste Vergangenheit, quoll in ihm auf, wie der frühe düstre Herbstabend. Sturm, Frost, Leere, Nacht und Tod sind seine Kinder. Sie erfüllte seine Brust, sein ganzes Sein und mit ihr kamen die düstern Geister wieder, welche der herrliche Morgen, der Mut vertrieben: Mißtrauen, Haß, Hoffnungsarmut, die Gespenster des toten Selbst- und Menschenglaubens. Ach, und seine Seele schwebte nicht mehr in Zweifel, sah nicht mehr hoffend hinab in den Abgrund, in die Ferne, wo die schöne Zeit und ihre lichten Gefährten verschwunden waren. Eine schwache, stets im Tode zitternde Wonne, eine blasse Zweiflerahnung von seligen Tagen war alles, was die menschenreine Vergangenheit in ihm zurückgelassen hatte. Der Seele Hinüberlangen nach den schönen Erinnerungsgefilden, die marternde Gewißheit des lebendigen Todes im Falle steter Trennung von ihnen, der Kampf um die lichtvolle, geistige Existenz, den sie vor dem Kohlenwagen der Seilbahn, gegen Jogwer, in der Glasfabrik gekämpft hatte, lag in ihr wie ein mechanischer, verständnisloser Drang, war zum Entschluß geworden, die Gedanken- und Gefühlswelt der Gegenwart auf jeden Fall zu vernichten, um in das verlorene Paradies zurückzukehren. Aber den Weg, den der Graveur zu nehmen hatte, sah er nicht. Er drängte in blindem Kampftrieb seine Seele in das wilde Gewühl des Innern. Und sie zog ein und nahm Wohnung auf den Trümmern, bei dem Tode, in der Leere und kleidete sich in Kälte. – Die ganze Außenwelt flog schnell und gestaltlos, wie Windesflucht, an ihr vorüber. Nichts hatte mehr Bezug auf sie, als was mit dem Haß gegen den Bruder und allem hieraus Entspringenden in Verbindung stand. Sonst drehte sie sich, ein Atom unter Millionen Atomen, mit dem Kreislauf der Lebenswogen; jetzt stand sie still, und alles Uebrige flog um sie; allem Aeußeren gab sie die Züge ihres Gesichtes, den Inhalt ihres Innern. Die Bangigkeit vor der Vernichtung der äußeren Existenz war das einzige, was Schramm mit seinen Menschenbrüdern verband und sein Thun dem ihren äußerlich ähnlich machte. Aber sein Wille war von krampfhaftem Brüten und unfruchtbarem Träumen so entnervt, daß sein ganzes, in diesem Augenblicke beginnendes Ringen um die Behauptung seiner Stelle nichts war, als die mechanische, abgerungene Ausführung eines Entschlusses, der dunkel, hart, eintönig und wie aus zeitlanger Ferne drängte. So schnell vollziehen sich endlich lang vorbereitete Wandlungen in unserm Innern, daß Schramm die folgenschwere, unglückliche Veränderung in sich fühlte, wie man den Bann der Nacht merkt, wenn sie uns auch nicht sichtbar ist. – Minuten gingen, und sie war vollzogen. – Schramm hatte unterdeß sein Gesicht von der Thür abgewandt und starrte zum Fenster hinaus. »Jetzt muß ich aber anfangen,« regte sich sein schlaffer, arbeitsscheuer Wille. Langsam suchte der Fuß den Tritt, die Räder begannen wie ärgerlich, träge zu schnurren. Aber wie dem morschen Invaliden bei dem Klange kriegerischer Weisen sein versunkenes Heldentum, gleich Spätherbstsonnenschein durchzieht, wurde in dem Graveur bei dem altgewohnten Geräusch die ehemaligen Berufsliebe nach und nach rege. Doch sie lag mehr in den Muskeln, indem diese durch die gewohnte Bewegung, in die sie traten, das Gefühl der Sicherheit, der Geschlossenheit der Persönlichkeit erzeugten. Dieses steigerte sich und nahm an scheinbarer Innerlichkeit zu, wie die höheren Sinne in die alte handwerkmäßige Thätigkeit hineingezogen wurden. Und wie der Graveur nun, eine Vase in der Rechten, aufmerksam die Vorlage betrachtete, faßte ihn ungeteilter Arbeitseifer. Er »speiste« die Scheibe aus der Schmirgelschale, und seine Hände führten die Vase sicher heran. Er bewegte sie auf und ab und drehte sie im Kreise; jetzt ließ er sie nach kurzer Berührung mit der Scheibe forthüpfen, nun zitterte sie an der windschnell Kreisenden: Stiele, Blätter, Früchte, Blüten entstanden auf dem blanken Glase wie durch Zauber. Warme Ruhe, leise Freude, trostvolle Sicherheit erfüllte ihn mehr und mehr, da er nach dem jedesmaligen Abwischen des Glasstaubes die Ueberzeugung gewann, daß ihm die Arbeit »prächtig« gelinge. »Ha, ha, der Alte! das ist herrlich!« In seinen Augen erwachte ein leiser Schimmer des auferstehenden Lebensglückes seiner Vergangenheit. Begeistert schnitt er weiter. – – – Der Saal hatte sich geleert. Alle waren fortgegangen. Niemand kümmerte sich um Schramm, der sich durch seinen alten Arbeitseifer aus ihrer Gemeinschaft ausgeschlossen hatte. Alle betrachteten ihn voll Mitleid, und äußerten wegwerfende, zornige Worte über den »eingebildeten Streber und Augendiener.« Am wütendsten war »Czernoch, der Büffel«. Sein roher Charakter, seine Trägheit und unsaubre Arbeit hatten ihn schon einmal vor den Abgang gestellt. Schramms Fürsprache bei Herrn Klein hatte ihm die nochmalige Verzeihung erwirkt. Schramm hatte dies gethan, um Czernochs alte Mutter, die bei dem Sohne ein karges, bitteres Gnadenbrot aß, nicht unglücklich zu machen. Aber gerade dieser Edelmut war der Grund, daß Czernoch ihn noch mehr haßte; denn er betrog sich zu dem »Glauben, Schramm habe ihn nur »bei dem Härrn Tscheff« angeschmiert, um sich a Pildel einzulegen.« Der blinde Haß Czernochs war ein trefflicher Bundesgenosse für den beleidigten »Herrn Binder«, dessen schnaubende Rachsucht auf rascheste Vergeltung drang. Er hatte Czernoch nach dem Vorfall mit Schramm auf dem Hausflur getroffen und mit in sein Kabinett gezogen. Dort ließ sich der schlaue, heimtückische »Künstler« soweit herab, mit dem Schneider zum Verderben Schramms ein Kartell zu schließen. Czernoch setzte seine rohe Gewalt, Binder seine Verschlagenheit ein. Er wollte »dem mutigen, ehrenhaften, graden Herrn Schneider« im Falle des Gelingens des Anschlages die Stellung Schramms verschaffen. In Wahrheit aber dachte er gar nicht daran, den »rohen Gimpel« zu »befördern«. Er wollte nur auf jeden Fall die »wahnsinnige Kröte«, den Stummen, vom Halse haben. – – – Schramm hatte eben das Bouquet vollendet und betrachtete ausruhend die wohlgelungene Arbeit. Da füllte plötzlich erregtes Stimmengewirr den Hof, wälzte sich über den Hausflur und die Stiege nach dem Schneidersaal herauf. Der Graveur machte sich schleunigst wieder an die Arbeit, um mit »den Säufern in keine Berührung zu kommen«. Die drei allegorischen Figuren, welche über den Blumen schwebten, waren noch zu schneiden. Eben, als die Thüre krachend aufflog, grub sich die Scheibe wieder zischend in das Glas. »Natürlich, wenn alle so eselten, könnte jeder bei dem Hungerlohnsatz bestehen!« rief der Vorderste der hereintaumelnden Schneider, indem er auf den über die Arbeit gebeugten wies. »Ä, laß den Duckmäuser, das ist kein Zukunftsmensch, der muß dem Herrn wieder Honig ums Maul streichen, nachdem er dreizehn Wochen gefaullenzt und auch das Geld der Krankenkasse gestohlen hat!« »Ruhe, Genossen, das gehört nicht zu der Sache!« . . . mahnte Klinke, indem er sich aus dem Knäul herausarbeitete. »Es ist nur die Frage, auf welche Weise wir auf dem Wege des Rechtes, und das ist uns allen heilig, unsere gerechten Forderungen . . . .« »Jawoll, jawoll! unt dann thut Kärl noch, als ob wirr garr nix wörn, reinn garr nix, der . . . .« brüllte Czernoch. »Ruhe! Ruhe! Maul halten!« schrie es von allen Seiten. »Nein, hä, hä, das wäre noch scheene, wenn ich nich sagen könnte dem Lump die Wahrheit!« »Was wollen Sie denn? frage ich,« trat Strangfeld drohend auf ihn zu. »Geht dich garr nix an, sprech ich nich mit dir!« »Czernoch, wenn du mit dem was hast, laß es sein bis darnach, machs mit ihm allein ab!« rief Klinke, der um seinen Rednerruhm besorgt war. »Nein, unt noch eemol nein! grade nich, alle sollen hären, was is dr Härr Oberschneider fr a Früchtel!« »Da laßt, laßt ihn! Czernoch hat's Wort!« riefen seine Complizen, welche er sich eben drüben im Gasthaus zur Hütte erkauft hatte. »Los, Czernoch, los!« Schramm arbeitete, daß ihm der Schweiß von der Stirne troff; aber sein Gesicht war marmorkalt und die Tropfen wie Eis. Mit halbem Ohr, halbem Aug, halbem Gefühl in den Händen war er bei der Arbeit. Seine Seele und sein Herz richteten sich langsam, zitternd auf unter dem Banne einer furchtbaren Ahnung. Seine steigende Erregung dehnte die Brust zum Springen und hing sich an den stockenden Atem. Die Worte Czernochs rissen ihn in den Strudel. Dieser wiederholte im wesentlichen den gemeinen haltlosen Verdacht Binders, nur mit dem Unterschied, daß sein Haß und Zorn zwischen den einzelnen Sätzen den Unflat der gräulichsten Verwünschungen anhäufte. »Wissen ja,« fuhr er fort, »wissen alle, Bruder Lump, daß de hast verflucht gelogen. In deinem tolle Wutt über paar lumpiges Mark, woas hoaste deines armen Bruder geburgt – geburgt auf, machen bloß caput! – – – In tolle Wutt, daß hoaste verlorn paar lumpiges Mark, hoaste deiniges arme Bruder tuttschlagen gewullt. Aber prave Bruder hatt Kuhrasche, hatt dir gegan Paffer auf Schadel! . . . Lige is, daß hatt Bruder dich hat gewullt tutt schlagen. Du bist gewest Lump! Du, Geizhals verdammtes, haste dein Mark wieder, kenntste sonst flutschen. Friß in Maul, Räuberbande du!« Während der letzten Sätze hatte die Zuhörer ein zischendes Singen vernommen. »Es brennt!« Die Vase stand in den Händen Schramms wie angewachsen. Er war zusammengebrochen und wie versteint. Die Füße arbeiteten wie im Krampfe. Die »Fahne« war trocken. Die Scheibe schnitt, daß Feuergarben sprühten. Längst hatte sie ein Loch gegraben. Aber Schramm achtete nicht darauf. Sein Haupt lag schlaff auf der Brust. Um die Lippen zuckte und zitterte es. Aus den regungslosen, weitgeöffneten Augen fielen langsam stumme Thränen. »Friß in Maul, Räuberbande du!« Klirrend flog das Markstück an die Vase. Schramm fuhr aus dem Starrkrampf. Die Arbeit war total verdorben. Striche, Knoten und Löcher waren wirr über die Vase zerstreut: Sein Leben vernichtet! – Seine Ehre hin! – Die Achtung tot. – Das Vertrauen gestorben. – Er ein Bettler – ein Ausgestoßener – verachtet – oh! – – – – – – von einem Schurken, einem Säufer! – Seine Wut war Raserei: In wahnsinnigem Zorne sprang er auf Czernoch zu. Starke Arme packten ihn. »Hund! das sagst du mir? Ich habe ihm den letzten Pfennig gegeben, daß ich arm bin wie Bettler, und du wagst, mich der Rache und des versuchten Mordes anzuschuldigen? Du bist es wert, daß ich dich erwürge. Und ihr, ihr sinnlosen Säufer, die ihr lacht über mein Unglück, ich werde ihn suchen, meinen Bruder. Der Himmel wird mir helfen. Ich werde ihn suchen. Hierher bring ich ihn, vor euch, dann muß er sagen, warum er mich halb totschlug. Wenn es einen Gott im Himmel giebt, dann wird es mir gelingen! Du aber, Czernoch, du Bestie, du bist des Todes!« So schrie seine Seele. – Dem Mund aber entquoll Heulen, Gurgeln, Zischen, Röcheln. Die Lippen zuckten, Schaum flog um seinen Mund, die Augen waren stier nach oben gerichtet, sein Gesicht war verzerrt, sein Körper zitterte. Mit Mühe hielten Zwei den Tobenden. »Seht ihrs nicht, daß er wahnsinnig ist?« quäkte es. Binder, der bucklige Zwerg, tauchte aus dem Haufen, das Lächeln gesättigter Rachsucht auf seinem unschönen Gesicht. Als Schramm ihn sah, riß er sich mit übermenschlicher Gewalt los, stürzte auf ihn zu und streckte ihn mit einem furchtbaren Faustschlage zu Boden. Da packten ihn zwanzig Hände und im nächsten Augenblicke lag er draußen auf dem Flur. Eine Zeit lang blieb er betäubt liegen. Das Pochen aus der Schamottstampfe brachte ihn zu sich. Dumpf, langsam donnerten die ruhelosen Balken nieder, daß der Bretterflur, auf welchem er lag, zitterte. Das Grab seiner Zukunft war fertig – er lag darin, doch lebendig. O, hätte er sterben können, dann war alles vorbei, alles vergessen, was vorgegangen und eintönig, zerfetzt, wirbelnd durch sein Hirn tanzte; die kochende Erregung, das wilde Leben und Stürmen in seinem Innern hatte dann auf immer ausgetobt! – Wenn die entfesselten Flammen ein Haus verzehrt haben, lodern sie wohl noch einmal auf, dann sinken sie für immer zusammen und sterben unter der Asche. Der Riß in Schramms Seele, welcher so lange vorbereitet war, hatte sich vollzogen. Seine Vergangenheit, sein menschenwürdiges Dasein waren versunken. Seine Seele lebte nur noch in stumpfem, tierischem Haß und dem steinherzigen blöden Entschluß, den Bruder zu suchen. Den Entstehungsgrund für beide hatte er vergessen, oder er war so bedeutungslos geworden, daß er nie mehr an ihn denken konnte. Was geschehen wollte, wenn er seinen Bruder fand, wußte er auch nicht mehr. Er haßte ihn eben und mußte ihn suchen; das war aller Inhalt seines geistigen Lebens. Ein Leben, schlimmer als Tod. Die Balken pochten dumpf weiter. Su–chen . . . su–chen . . . stießen es die Schläge unförmig durch ihn hin. Unter diesem Banne stand er auf und ging unsicheren Schrittes die Treppe hinauf, über den unteren Hausflur, über den Hof, die Straße, immer weiter, weiter – wohin? . . . . . su–chen, – su– chen. Er sah nicht auf, noch um. Sein Blick haftete am Boden. Er schritt über die Felder, dem Walde der Wolfkoppe zu. Der Wind sauste in den Kiefernadeln, es tönte ihm: su–chen – su–chen. Aus dem Schnalzen der Rotkelchen, dem heiseren Häherschrei, dem feinen Lockruf der Meise, dem Murmeln der Wellen des kleinen Waldbaches hörte er immer dasselbe. Ratlos trieb es ihn weiter, immer weiter . . . . Endlich wurde es Abend. Erschöpft sank er ins Moos und war bald entschlafen. – – – – – – – – – – Das Schicksal hat das Haus durch Feuer verwüstet: die Balken sind zerstört, die Mauerüberreste bröckeln und stürzen, in den offenen Lucken, den leeren Zimmern, in den geheimen unterirdischen Räumen, überall wohnt der Verfall. Senke dich nieder, ewige, ewige, milde Nacht! O, daß über der Ruine doch niemals der Morgen erwachte! Der arme Besitzer muß sonst verzweifeln. – VIII. Die Sonne stand schon ziemlich hoch. Eine Nebelkrähe auf dem Baume, unter welchem der Graveur lag, ließ ihren langgedehnten, schnarrenden Schrei ertönen, dann gluckte sie ein paarmal heiser und spreizte den Schwanz dazu. Der Schläfer schrak auf, wischte sich die Augen und richtete sich langsam zur Höh. ‚Eine Krähe, hm, hm!' Er war vor Kälte fast starr. Kalt, kalt! schauerte er zusammen. Dann stand er auf und schaute umher. Ein dunkles Gefühl der Ueberraschung, sich im Walde zu finden, wurde in ihm rege. Mit schlaffen Schritten ging er quer durch den Wald. Da überfiel ihn wie aus dem Hinterhalte plötzlich der Gedanke: Wenn »er« – der Bruder natürlich – mich hier trifft! Keinen Stock, keinen Stein, der Weg weit ab, nirgends Menschen! – Vorsichtig, ängstlich spähte er durch die Bäume. Er stand still und lauschte. Nichts regte sich. Leise schlich er bis zum nächsten Haselstrauche und brach sich einen Knüttel. – So! – Sicher ging es nun bergab. Den ersten Weg, auf den er traf, ging er entlang. Aufmerksam lugt er nach rechts und links; wenn es knisterte, stand er still und faßte den Knüttel fester. Sonst war er gedankenleer. . . . . . . . Da rauschte, rollte und sang es. Er stand vor der Mauer des Kirchhofs von Schlegel. Man bestattete einen Toten; ein Grablied erklang. »Ein Begräbnis . . . . . viel Leute?« . . . . Er guckte über die Kirchhofmauer . . . . , ‚verdammt' – . . . und kauerte sich schnell wieder nieder. »Auf der Straße kann ich nicht gehen. Da sehen mich alle. Ich muß vor Hundt vorbei, vor der Brauerei . . . . da kann er drinn sitzen und mich sehen. Ach und die anderen Leute,« brütete er weiter, »sind ja alle auf seiner Seite. Eh ich mich umseh', hats ihm jemand gesteckt, daß ich ihn suche und – husch! ist er verschwunden. Da heißts aufpassen!« »Herr Schramm, was ist Ihnen denn? Ist Ihnen unwohl?« rief plötzlich über ihm eine mitleidige, weibliche Stimme. Er fuhr auf; grub aber schleunigst den Kopf wieder auf die Brust. ‚Ach, die »Wagnern!« auch so eine Schlange! Was machen?' er sann lange nach. Endlich kam es ihm wie eine Erleuchtung. »Ich werde mich verrückt stellen« und er sprang auf, schlug mit dem Knüttel an die Mauer und murmelte dumpf. Die Frau hatte lange gewartet und noch einige Fragen an ihn gestellt, die er aber nicht hörte. Als sie keine Antwort erhalten, war ihr Angst geworden. Deswegen hatte sie sich schnell entfernt. Eben als er aufsprang und mit dem Knüttel die Mauer bearbeitete, sah sie sich um. »Mein Gott, mein Gott, er ist wahnsinnig!« sprach sie schauernd zu sich und bog voll Schrecken rechts ab auf die Chaussee . . . . . . . Schramm merkte, daß er keine Kopfbedeckung habe. »Das trifft sich ja prächtig. Wenn mich die Leute ohne Hut sehen, dann wird jeder denken: ach der ist bei dem und dem gewesen und geht jetzt nach Hause. Da hats noch Zeit, daß ichs dem August sage, der bei der Brauern sitzt, oder sonst wo. – – Aber kalt ist es doch verdammt. Ich geh nach Hause, ich muß mir eine Mütze holen. – Mitten durchs Dorf – da kann ich den Beobachter spielen. – Ich seh's den Leuten am Gesicht an, ob er hier ist! –« Ein schmaler Steig führte an der Kirchhofmauer hinab, nach der Chaussee, welche zugleich Dorfstraße war. Er betrat den Pfad und war bald auf dem breiten, belebten Wege. Den Knüttel in der Rechten, nach rechts und links den Vorübergehenden scharf und auffallend in die Augen blickend, ging er schleppenden Schrittes die Straße abwärts. Sein Rücken war berieben, schmutzig, voll Moos und dürrer Halme; sein Haar verwirrt und hing tief in die Stirn. Alle, die ihn kannten, blieben stehen, oder wichen ihm scheu aus. »Wahrhaftig, er ist verrückt!« zischelte es bald da, bald dort. Schramm aber dachte: »Wie ich vermutet habe. Natürlich ist er da, was brauchten mir sonst alle auszuweichen? Sogar der Franke – einst sein bester Freund – geht auf die Seite. Die stecken alle unter eine Decke; aber wartet nur, ich finde ihn schon . . . .« bald stand er vor einem verrauchten, schmucklosen, fensterreichen Hause. Er trat in den unsauberen Hausflur und stieg die bekannte knarrende Treppe hinauf. Er fand seine Wohnung offen, erstaunte aber nicht, sondern ging hinein und warf sich auf den ersten Stuhl, an welchen er stieß. Er fühlte sich unendlich abgemattet. Es raschelte hinter ihm. Seine Augen blieben geschlossen. Er rührte sich nicht; er war so abgespannt, daß er nicht einmal ahnen mochte. Jetzt wurde Geräusch wie von leisen Schritten laut. Therese stand starr vor Schreck hinter ihm und heftete ihr weit geöffnetes Auge auf ihn. Neben ihr stand ein Tragkorb, in welchem allerhand Kleidungsstücke lagen. Sie hielt das Kuppelseil in den Händen. Endlich wagte sie es: »Herr Josef! Sie ziehen ja aus. Ich muß fort. Meine Schwester ist krank. Sie ist allein und hat keine Pflege. Und – und – vom letzten Vierteljahr dies – Lohn – das – schenk ich – das will ich – das – hab ich schon. Sie sind ja vor so unglücklich. – Adjes!« – Sie konnte sich nicht mehr halten, schluchzte und weinte und reichte ihm die Hand. »Leben Sie wohl! der liebe Gott sei mit Ihn.« Schramm waren die Hände herabgesunken und er sah sie mit leerem Gesichte an. Da schritt sie durch die offne Thür. »Gott sei ihm gnädig!« Unsicher ging sie die Treppe hinab, denn sie sah durch die rollenden Thränen kaum die Stufen, die gute, treue Seele. Schramm machte ein zufriedenes Gesicht: »Ganz gut, daß sie geht. Ich muß schlafen; ich bin müde, gar – zu – müde!« – Er legte sich angekleidet aufs Bett und schlief bald ein. Plötzlich fühlte er sich am Arme erfaßt und gerüttelt. »Was wollen Sie noch da, Schramm?« Der Wirt des Hauses, ein vierschrötiger Mann stand vor ihm. Er war modern gekleidet. Aber an den Füßen trug er langschäftige Stiefeln, welche die übergezogene Langhose schnabelartig nach hinten stießen und im Gesicht lag ein brutaler, kalter Zug, wie ihn Leute aus dem Volke tragen, welche jahrelang über ruinierte Existenzen und verzweifelte Herzen geschritten sind, aus denen sie hartherzig ihren verbrecherischen Gewinn sogen. »Heute ist der erste!« begann er ärgerlich mit noch härterer Stimme, als er sah, daß der Graveur vollkommen gleichgiltig blieb. »Sie können nicht mehr hier wohnen. Warum haben Sie nicht zur Zeit gekündigt? Wissen Sies nicht, wann der erste ist? Das Geld, ich meine die Miethe vom letzten Vierteljahr, sind Sie auch noch schuldig!« Schramm sah ihn verdrießlich an; aber er machte keine Miene, sich zu verständigen. Er dachte bloß: »Nun weckt mich der Esel, und ich schlief so gut.« »Das hab ich mir wohl gedacht, daß Sie keins haben werden!« fuhr der Wirt nach einer Pause fort. Dann sah er sich im Zimmer um und räusperte sich. »Es sind 63 Mark. Um Ihnen alle Unannehmlichkeiten zu ersparen, werde ich die Möbel als Zahlung annehmen. Ich will Ihren Schaden nicht.« Im stillen berechnete er dreißig Mark Gewinn. »Die Glassachen können Sie sich behalten; ich will ja nichts verdienen, bloß was jedem recht ist?« – Ein schlaues Lächeln hüpfte auf Schramms Lippen: Die Glassachen?! O, du Tölpel! Die nehm ich und geh hausieren, da ahnt kein Teufel was, daß ich den August such. Gut – gut! Sofort war alle Müdigkeit von ihm gewichen. Er sprang auf, holte aus einer Ecke einen großen Armkorb und begann die Kommode abzuräumen. Kunstvoll geschnittene Becher, Vasen, Nippessachen, Gläser, alles packte er in Stroh, das er dem Bett entnahm und legte die Sachen in den Korb. Der redliche Wirt verfolgte all seine Handbewegungen, damit nicht etwas anderes mit in den Korb schlüpfte, ging von einem Stück Möbel zum anderen, streichelte und befühlte alles liebevoll, registrierte den Preis und summierte. Indessen war Schramm fertig geworden, nahm Stock und Hut und schritt zur Thüre hinaus, ohne den Wirt zu beachten, oder sich umzusehen. Dieser schloß die Stubenthür zu. Der Riegel fuhr herum. »Abgemacht!« fiel es ihm unversehens von den Lippen. »Ich brauchte gar nicht so viel Worte zu machen. Er versteht ja doch nichts; denn offenbar ist er verrückt. Aber es ist besser so, reell, reell, das ist die Hauptsache. Die Form muß innegehalten werden. Jetzt kann mir niemand auf den Hals.« Er war vor der Hausthür angelangt und pfiff vergnügt: »Siehste nicht, da kimmt er?« »Wo mag er hingehen?« fragte er sich, als er den Graveur im Dorf hinauf eilen sah. »Den sollte man eigentlich nicht so herumlaufen lassen. Der müßte eigentlich nach Scheibe. Aber lieber schweigen, ruhig sein. Da muß die Gemeinde für so ein elendes Subjekt wieder bluten. Lauf zu, ich hab meine Sache!« schloß der edle Menschenfreund seinen gemurmelten Monolog, lachte auf, pfiff die abgerissene Polka weiter und wandte sich behäbigen Schrittes seiner Wohnung zu. – Schramm eilte unterdeß weiter. Vor einem alten, hölzernen Gebäude, das mit seinen kleinen Fenstern griesgrämig auf die Straße schaute, blieb er stehen und blickte empor: »Karl Marchs Brauerei und Schankwirtschaft« las er und nickte zufrieden. Die Glocken des Kirchthurmes verkündeten eben die Zwölfte Stunde, als er die Schwelle des Gasthauses überschritt. ‚Poliert, poliert!' murmelte er und setzte sich an den Tisch der dunkelsten Ecke. Auf einem der Tische standen ein kleines Fläschchen, in dem man gewöhnlich Kornbranntwein an niedre Leute schenkt und ein großes Glas. ‚Ha, ha!' argwöhnte er, eine Fährte; aus solchen pflegte »er« immer zu trinken. Mechanisch, wie in den Tagen des Glückes, griff er in die Tasche, um sich das Geld für seine Zeche zurecht zu legen. In der rechten steckte das Taschentuch, die linke war leer. Aus der Westentasche grub er endlich einen Fünfziger. In der Gaststube hatte sich bis jetzt niemand sehen lassen. Da öffnete sich die Küchenthür. Schramm wandte sein Gesicht. Ein kräftiger, junger, schnurrbärtiger Mann, ein halbwüchsiger Bursche in Hemdärmeln, und eine Frau traten ein. »Alles leer! Eine Wirtschaft zum Teufel holen!« sprach der ältere der beiden. »Doch nicht! Verdammt, ist das nicht der Schramm? Richtig! Na, wohin? Was giebts neues? Was, einen Korb? Ein Geschenk drin? Ja, ja! Feine Ware?« und er griff nach dem Deckel des Korbes. «ng, ng, ng, ng!« hörte der Brauer. Mit »feinem Instinkt« spürte es Schramm, daß der »Affe« nur »luchtern« wolle. Darum nahm er den Korb und stellte ihn in die dunkle Ecke, so daß ihn der Brauer nicht erreichen konnte. Dann zeigte er auf das Geldstück. »Korn?« Er nickte und würde es auch getan haben, wenn ihn der Wirt um irgend etwas anderes gefragt hätte. »Er wird in der Küche stecken.« Das Lächeln der Frau hatte ihn bestärkt, darum horchte er gar nicht auf den Inhalt der Frage, die der Brauer an ihn noch weiter richtete. ‚Wie das anfangen, daß sie es nicht merken?' Er trank einen Schluck und verfiel in Sinnen. ‚Die Küche hat zwei Ausgänge. Durch die Thür dort kann ich nicht gehen. Da läuft »er« zur andern hinaus, oder man läßt mich gar nicht hinein.' Er überlegte weiter, ob es nicht besser wäre, durch das Küchenfenster von außen einzusteigen, verwarf aber den Plan nach einigem Ueberlegen. ‚So geht es', murmelte er, stand auf und schritt in der Stube auf und ab, wie, um sich zu ergehen. Dabei stieß er bald die Kugeln des Billards an, wie ein hungriger Queue-Künstler, bald trommelte er auf einem der Tische, an welchem er gerade vorüberging, wie ein arbeitsloser Musikant, pfiff und beobachtete die Anwesenden scharf. Endlich saß auch die Frau am Tische; niemand achtete auf ihn; alle waren in das Mittagsessen vertieft. Da bellte draußen ein Hund. Wie vor Neugier rannte Schramm hinaus, schloß die Thür und stellte einen leeren Eimer vor dieselbe, damit »er« darüber falle, wenn »er« ha unbemerkt entschlüpfen wolle. Dann schlich er horchend an die Küchenthür. Nach einigen Augenblicken öffnete er sie geräuschlos und wand sich hinein. Er musterte das ganze Zimmer, jedes Winkelchen, niemand da! Er horchte einen Augenblick. Plötzlich hörte er es von der offenen Platte her ganz deutlich: der Schrank ist offen – klapp! – klapp! – und dort steckt er drin – klapp! – klapp! – Erstaunt sah er sich nach dem Sprecher um. Es kam ihm nicht in den Sinn, daß er so lebendig denke. Er sah den Blechdeckel eines Topfes, in welchem irgend etwas kochte, auf- und niederhüpfen. Jetzt war es ihm klar: »Wußt' ichs doch!« Nach einigem, gedankenvollem Zaudern ergriff er beherzt, leise einen an der Wand hängenden eisernen Bolzenhaken und machte sich daran, den Schrank zu öffnen. Sein Herz zitterte vor Erregung, seine Hände bebten. Mit den Nägeln der Linken zwängte er die Thür auf. Den Haken hielt er zum Schlage bereit. – Nun stand der Schrank offen: alte Kleider! Forschend stieß er mit dem Eisen bald da, bald dort hinein. Nichts da! garnichts! – Enttäuscht ließ er den angehaltenen Atem aus und schloß vorsichtig wieder die Thür. Da scholl es wieder: klapp! – klapp! ‚Halts Maul!' – Zornig sprang er hinzu und hieb auf den herumhüpfenden Blechdeckel, daß er klirrend zu Boden fiel. Im nächsten Augenblick stand die Wirtin vor ihm: »Zum Kuckuck, was suchen Sie hier?« »ng – ng – ng« – und Schramm zeigte auf den Mund, welchen er kauend bewegte. »Das konnten Sie draußen sagen. In der Küche hat niemand nischt zu thun! Marsch jetz naus!« Er ging mit gesenktem Kopf hinaus. Urplötzlich war die Erregung, das scheinbare Leben in ihm versunken. Es war in seinem Innern wieder alles tot, kalt, leer, fühllos, Nacht, Nacht. Er setzte sich vor sein Glas, stützte den Kopf in beide Hände und stierte auf ein Loch in der Wachstuchdecke seines Tisches. »Hier!« scholl es da neben ihm, und eine dampfende Schüssel mit einem mysteriösen Inhalt schob sich vor ihn hin. Gierig begann er zu essen. Einen Tag hatte er nichts zu sich genommen. Als die Frau sah, wie schnell seinen zitternden Hände die Bissen zum Munde führte, wurde sie nachdenklich und traurig. Armer Kerl, dachte sie, vor einem halben Jahre so ein stattlicher, angesehner Mann und jetzt . . . . . . ach und wie gut er war. Ach du Himmel, der hats nicht verdient!– Schramm schob die Schüssel über den Tisch und leerte das Branntweinglas. Hastig ergriff es die Frau. ‚Er hat ja sonst nichts mehr vom Leben! da mag er noch einen trinken!' Sie füllte das Glas noch einmal, stellte es Schramm hin und ging mit der Schüssel durch das unterdeß wieder vollkommen leere Zimmer nach der Küche. Der Graveur that abermals einen tiefen Zug. Der Genuß des Branntweins brachte sein Blut in Wallung. Die Oede in ihm begann zu weichen. Seine Seele fing wieder an, eintönig um den Abgrund in seinem Innern zu irren. ‚Er ist wirklich nicht mehr hier. Warum ist er so schnell fort? Er muß es gemerkt haben, daß ich ihm auf die Fersen bin und ist ausgerückt. Er fühlt sich nicht mehr sicher. O, der Schlauberger macht über die Grenze ins Oesterreichische. Da soll ihn dann jemand suchen. Aber wart nur! Gewiß hat er die Richtung nach Wünschelburg, die Chaussee gewählt. Wenn ich über die Berge geh, bin ich schon da und wenn »er« hinkommt, pack ich ihn. Aber da heißts schnell sein, sonst entwischt er mir wieder. Eilfertig nahm er Stock, Hut und Korb und stürmte zur Thür hinaus, über den Eimer stolpernd. Nicht lange darnach sah man ihn den steilen Weg des Kapellenberges hinaufeilen. Der Schweiß troff ihm von der Stirn; in der Lunge begann es zu stechen. Er achtete nicht darauf. ‚Wer über die Grenze ist, den findet niemand, der ist so gut, als wäre er in Kameru – Kamerun' – – – ging es einförmig, hastig nach dem Takte seiner Schritte durch seinen Kopf. – IX. Was der Graveur vor langen Monaten von seiner Zukunft geahnt, war fürchterliche Wirklichkeit geworden. Nun wanderte er zerlumpt, ruhte in Gräben und Wäldern und schlief in Ställen. Die Erwachsenen wendeten sich kalt und gleichgiltig von ihm ab und die Kinder sprangen um ihn herum, schrieen, zupften ihn am Rock, schnitten Grimmassen und spreizten die Finger. Wäre er der Frühere gewesen, zwar stumm, aber im Besitz der Liebebedürftigkeit, der Sehnsucht nach Glück und ungetrübter, allseitiger Aufmerksamkeit für sein wahres Menschenwohl und die Vorgänge um ihn herum, die Betrachtung seines Zustandes hätte ihn der Verzweiflung in die Arme getrieben. Nun aber merkte er die Veränderung, welche mit ihm vorgegangen war, nicht. Die ganze Welt um ihn herum trug das Antlitz seiner Gedanken. Der konsequente Egoismus seines Hasses machte, daß die bunte Vielseitigkeit der Beziehungen seiner Seele zur Außenwelt umgeprägt worden war in düstere, unwandelbare Einförmigkeit. Die vielen Augen, aus welchen die Menschenseele auf den bewegten formen- und farbenreichen Strom der Welt sieht, waren geschlossen: nur das glühende, lauernde Auge des Hasses maß alles Aeußere nach dem weltfremden Maßstabe ihrer entseelten Gesetze. Und als der Haß den letzten Funken der Seelen- und Herzenswärme in unfruchtbaren, spitzfindigen Plänen und Vermutungen vergeudet hatte, zerfiel er selbst, verschwand seine krankhafte Sammlung , ward er rein tierisch und floß in die Organe, welche sein Tyrannismus in eintönigem Dienste aufgerieben, und setzte hier sein altes Zerstörungswerk fort: Nur manchmal noch gab ihm der Fuselgeist des Branntweines seine alte Kraft wieder, und er eilte ins Hirn, in die Seele und peitschte die Gedanken in wildem Wirbel auf und entkräftete den Leib in regelloser, zielloser Erregung und Arbeit. Dann hieb der Graveur das Branntweinglas heulend auf und stürmte hinaus, mochte es Tag sein oder Nacht, mochte es stürmen oder schnein. In wildem, atemlosem Lauf stürzte er dem nächsten Walde zu und jagte den Gestalten nach, welche ihm seine Rachsucht vorgaukelte. Plötzlich blieben dieselben wie vom Schreck angewurzelt stehen: und nun begann sie Schramm, knirschend vor Wut, mit Steinen und Aesten zu bearbeiten, bis er selbst vor Ermattung niedersank an dem Baume, in welchem er seinen Bruder, Czernoch oder Binder gesehen hatte. Am andern Morgen, wenn Frost und Hunger ihn frühzeitig vom harten Lager aufrissen, beherrschte sein ödes, totes Innere eine unerklärliche, klammernde Furcht und Angst, fühlte er, daß jemand, der lebenslang mit ihm gegangen, ihm vertraut geworden, fort sei; dann drückte ihn etwas, wie tiefe Weltverlassenheit. Er hatte es erfahren gelernt, was ihm fehlte und wie er sich helfen konnte. Emsig sammelte er vom Mitleid die karge Geldspende ein und eilte dem nächsten Wirtshaus zu. Von zwei Gläsern Branntwein, welche er trank, erwachte sein alter Gefährte, der Haß, und raunte ihm die alten Verwünschungen und Geschichten zu, und Schramm fühlte sich wieder selbst. In einem solchen Zustande ging er einst durch ein Dorf. Vor einer Schmiede stand ein Frachtwagen. Er war mit zwei Pferden bespannt. Das eine wurde beschlagen. Der Kutscher hielt das Bein desselben und der Schmied beschnitt den Huf. Das andere stand angeschirrt vor dem Wagen. Schramm blieb stehen und sah hin. Die Handbewegungen des Schmiedes und das Herunterfallen der Hornspäne unterhielten ihn. Da ertönte es neben ihm rauh und abgerissen: »Wir kommen grade aus Böhmen. – An manchem Gasthause haben wir gehalten. Da konnten wir auch in die Stube sehen.« Neugierig betrachtete Schramm das noch eingespannte Pferd. Es hob grade den Kopf, schüttelte sich, daß die Messingringe schwirrten und dann öffnete es wieder das Maul: »In einer Schenke an der Grenze saß auch ein Mann! der war klein und dick, hatte eine blaue Nase und wässrige Augen. Er trank Branntwein und sah immer ängstlich auf die Straße. Er mochte sich wohl vor jemand fürchten.« Schramm verhielt es den Atem. Er trat ganz nahe an den Kopf des Pferdes. Doch das schwieg, drückte die Augen zu und ließ den Kopf ruckweise immer tiefer sinken. Schramm klopfte es ermunternd an die Seite und murmelte unzusammenhängende Laute: »Weiter, weiter! ich weiß es schon, wer es ist,« sollte es heißen, von dem Schlage erschrak das Pferd, schnellte das Kummet, das ihm über den Kopf fallen wollte, zurück und schielte auf das andere, welches beschlagen wurde, als fürchte es, belauscht zu werden. Dann hob es den Kopf, riß das Maul weit auf und Schramm hörte den durchdringenden Schrei: »Das war dein Bruder, den du hast gewollt tuttschlagen!« Als der Graveur seine Gedanken so aufschreien hörte, überkam ihn wahnsinnige Verzweiflung. Wie um sein Leben zu verteidigen, stieß er das Pferd mit den Füßen, bearbeitete es mit den Fäusten und gurgelte und heulte: »Verfluchte Bestie, du lügst, du bist des Todes!« Das Tier bäumte sich, stieg in die Höh und schlug aus. Der Fuhrmann ergriff mit der Linken die Zügel. Mit der Rechten erfaßte er die Peitsche und ließ sie auf Schramm niedersausen: »Elender Bummler, mach daß du fort kommst. Ich werde dir helfen meine Pferde scheu zu machen.« »Ha, ha, ha!« lachte der Schmied aus vollem Halse, »das ist ja der verrückte Seff! Immer fest drauf, dem kanns nicht schaden, der treibt sich überall umher und macht Stänkerei!« Schramm floh. In einiger Entfernung dreht er sich um, ballte die Fäuste nach den Zweien, stieß wilde Laute aus und verschwand endlich mit gesenktem Kopfe. Nun begann er von fortwährendem Branntweingenuß aufgestachelt die Verfolgung seines Bruder hastiger, ruheloser als je zuvor. Bald tauchte er in diesem, bald in jenem Dorfe auf, um schnell wieder zu verschwinden; bald sah man ihn auf dem Felde im Graben kauern, bald hinter einem Baume lauern. Dann hörte man ihn wieder nächtlich mit seinem Bruder kämpfen. Sonst schlich er auf menschenleeren Wegen von Haus zu Haus, von Dorf zu Dorf. Seine Augen flammten in unheimlicher Glut, sein Gesicht trug die Spuren seelischer Zerrüttung. Zerfurcht, wachsgelb, sah es aus, wie das Bilde eines fanatischen Asceten. Unterdeß war der Winter gekommen: zeitig, schneereich und schneidend kalt. Es war im Monat Dezember. Die Nägel in den Holzdächern sprangen krachend, der Schnee knirschte unter den Hufen und Sohlen: es war furchtbar kalt. Eisnebel krochen am Boden hin, an den Bäumen empor und blieben als Reif hängen. Die Sonne schielte aus einer schmalen Wolkenspalte auf die Erde nieder, um sich bald wieder zu verkriechen. Schon eine Stunde war sie aufgegangen und doch schien sie noch auf derselben Stelle zu stehen, als sei sie an dem Himmel festgefroren. Kein Luftzug strich, die Bäume des Waldes standen regungslos wie versteinerte Riesen. Wenn die Vögel von den Dächern vor die Scheunen flogen, breiteten sie kaum die Flügel. Es sah aus, als fielen die Steine herab. Der alte Schmied in Reichenau stand auf der Schwelle seines Hauses und blinzte mit eingekniffenen Augen und festgeschlossenen Lippen hinaus. »Verflicktes Wetter das! Vierundzwanzig war auch a Winter; aber der heurige machts besser, verflickt!« murmelte er vor sich hin und rieb sich die Hände. »Na, was stehste wieder? Mach daß de in de Schmiede kommst! Franze holt heute den Schlitten und Elsner will auch die Deichsel. Mach! Guck, wenn du fertig bist!« polterte aus dem Innern des Hauses eine rauhe, weibliche Stimme. »Das hat man im Alter,« murmelte der Weißkopf. »Kinderliebe geht ein Zentner auf einen Fingerhut. Ja, ja, meine Selige . . . .« Er steckte die Hände tief in die Taschen und wollte eben »copieren«, da knurrte es unmittelbar hinter ihm: »Aus'm Wege! Du wirst noch angefrieren! Wer in den theuren Zeiten nicht die Hände rührt, muß an den Fingern lutschen, bis ihm die Backen platzen. Wir können nicht alles machen. Wollt Ihr essen Vater, so müßt Ihr auch arbeiten helfen!« Der Alte trat die drei Stufen hinab, ging aus dem Wege, sah seinem Sohne nach und sprach in philosophischer Ruhe zu sich: »Heute haben die Kinder die Köpfe bloß zum Stoßen wie die Böcke und das Maul zum Beißen wie die Hunde.« Trotz dieser grimmen Worte über das gemeine Betragen seiner beiden Kinder – alte, grämliche, unehliche Menschen – quoll kein Gift in seine Seele; denn ein Streit am Morgen, als Vor- oder Nachtisch zum Frühstück gehörte seit dem ersten Tage der Verheiratung mit seiner »Seligen« bis auf heute zu den unausbleiblichen Vorgängen in seinem Hause. Mit der Zeit war die Bitterkeit und Härte der einzige Ausdruck seiner Seele geworden, auch seine Liebe kleidete sich darein. »Eh man die Hand aufmacht, soll man sehn, was man greifen will, und eh man das Maul aufmacht, soll man bedenken, was man reden will: sonst greift man bloß Schlechtes. Aber, so sind die jungen Leute; ist das Herz voll, ist der Mund toll. Man mag reden, was man will. Zwei gegen Einen: viele Hunde sind des Hasen Tod.« Mit diesem Sprichwort schloß er fast jedesmal sein Betrachtungen, welche nach dem Streit sich maschinenmäßig einzustellen pflegten. Heute aber war sein Gemüt durch den nebelvollen, traurigen, kalten Wintermorgen wirklich bedrückt, und indem er das verlotterte Thor der Schmiedewerkstatt öffnete, seufzte sein hoffnungsverlassenes, müdes Herz: das Leben ist wie das Eisen. Es verglüht entweder schnell zu Asche, oder es vermorscht langsam in der Erde. Bei dem Einen gehts rasch, bei dem Andern wills nicht enden. Warum muß ich solange warten?! Dann verschwand der gebeugte Alte in dem Dämmern der russigen Werkstatt, wo es bald zu knarren und zu fauchen begann. Funken flogen auf und ein kleines Feuer sah mit seinem unstäten flackernden Auge hinaus auf die Straße, hinein in den Nebel. Die Kinder, welche zur Schule gingen, sahen es hüpfen und sprühen, sahen den Funkenwirbel aufstieben und verlöschen, lachten, klatschten in die Händchen und gingen belustigt von dannen. Die alten Bauern, die aus der Frühmesse kamen, platzten ein unwirsches: »N'Morgen Meester!« in »das schwarze Schmiedloch.« Ihre »Alten« reckten die blauen Nasenspitzen links: »Nee, nee! schonn arbten! pechelt dar!« zischelte ihr zahnloser Mund. Der alte Schmied kümmerte sich um niemand. Er hing seinen Gedanken nach, welche nicht leichter waren, als die schwarze Ecke, welche er den Rücken zukehrte. Als er sich zufällig einmal umdrehte, stand der Graveur hinter ihm. Der Alte schrak unwillkürlich zusammen. Obwohl er ihn kannte, konnte er sich doch bei seinem Anblick eines Grausens nicht erwehren. Seine plötzliche unbemerkte Ankunft und die furchtbare Veränderung, welche mit ihm vorgegangen, riefen es hervor: sein Gesicht bis in die Augen mit einem struppigen Bart bedeckt, die bleichen Wangen tief eingefurcht, die Stirn faltenzerknittert, der Mund jetzt wehmütig geschlossen, jetzt verzweiflungsvoll geöffnet und jetzt wieder zitternd vor Kälte, die Augen rollten jetzt wild und blitzend vor, nun krochen sie scheu und entsetzt unter die Brauen, in die tiefen Höhlen und nun standen sie glanzlos im Schatten der Rat- und Hoffnungslosigkeit; es war, als sähe man den Tod sterben. – Die ausgezehrten blaugefrorenen Hände hatte er, Wärme suchend, an die Brust vergraben: ach, dort wohnte seit Jahren keine Wärme, kein Leben, kein Licht. – Wo konnte der Mund sich ründen, das Auge in stillem Frieden glückblitzend wandern, das Herz Glut haben, die Knochen Kraft, die Muskeln Stärke? O, seit Jahren hatte die Lippe den Hunger gesogen, das Auge sich an Verachtung gesättigt, das Herz sich an Lieblosigkeit zerschmettert und die wahnlebendige Seele Kraft und Stärke vergeudet. So sieht ein elendes, verlorenes, totgehetztes Menschenleben aus! – Der Alte ließ seine Augen noch einmal von den lumpenumhüllten Füßen bis zum Kopfe des Graveurs wandern. »Wärm dich, wärm dich!« sprachen seine welken Lippen und zitterten. »Der Schlüssel ist gelegt! Wir fahren in die Mühle. Paß gut auf und mach!« scholl es von draußen, dann knirschte ein Schlitten fort. »Das ist schön!« sprach der weißhaarige Eisenbändiger zu sich, »nun will ich dem armen Teufel warm machen. Besser wärs natürlich für ihn, er läg längst erfroren; aber es ist ein Mensch.« Kohlen flogen ins Feuer, frisch fauchte der Blasebalg, Wärme und Glut fluteten über den Unglücklichen, welcher sich auf einen Ambos niedergelassen hatte, und der Alte machte ein zufriedenes Gesicht: »Wird ihm schon warm machen!« und seine mattere Kraft trieb den schweren Hammer in langsamen Schlägen auf das glühende Eisen. Der Graveur rückte hin und her, damit der wärmende Feuerschein die Kälte aus seinem Körper treibe. Dann schlief er ein und träumte: von seinem Bruder, von seinem Elend, von seiner Rache, wirr, zusammenhangslos, eintönig . . . . . . . . . . Jetzt hört er ferne dumpfe Schläge. Die Augen bleiben geschlossen, sein Ohr öffnet sich. Seine Seele denkt die Begleitung: su–chen – su–chen. Nun rauscht es um ihn, über ihm, überall, wie im Walde. Halb öffnet er seine Augen. Die Gesichte wirbeln weiter durch seine Seele. Durch den Flor der schwarzen Wimpern sieht er die Räume schwarz aufsteigen und oben wölbt sich das düstere Dach. – Wer ist das? Er geht neben ihm, gebückt, unsicher; seine Hände fuchteln in der Luft. Das ist er ja, der August, der Hund, der sein Glück totschlug, seine Ehre, seine Existenz. In wildem Siegesrausch fliegt seine haßgepeinigte Seele auf aus den Fesseln des öden Todes. Die volle Wucht der Düsterkeit, Verzweiflung, Rachsucht und Zornmütigkeit all seines Denkens und Fühlens wirft sich auf sein Herz, das umschnürt ist, wie von Feuerklauen. Der Schüttelfrost gieriger Erregung macht ihn bewegungslos. Nun hört er ganz deutlich eine trunkene Stimme: »Der Herr Graveur ist ein religiöser Gauner, dem es der Teufel nicht von seinem sanften Paternostergesicht absieht, daß er seinen Bruder um 1000 Mark betrog, um dieselben tausend Mark, die er ihm dann großmütig lieh!« Es schreit um ihn, in ihm und die Schallwellen scheinen durch seinen Körper zu gehen, so zittert jede Fiber bei den Worten. Das Gesicht weckt wilden Haß in seiner Seele und wirbelt weiter. Jetzt wird aus dem vor ihm Stehenden ein kleines, buckliges Männchen, welches schreit: »Ein Lump sind Sie! Eine stinkende Lüge ist's. Ihr Bruder hat Sie gar nicht totschlagen wollen. Sie waren besoffen!« Das Gesicht weckt seinen wilden Haß und wirbelt weiter. Aus dem niedrigen Zwerg wächst ein vierschrötiger, starker Mann. »Friß in Maul, Räuberbande du!« brüllt er und versinkt. Nun schleicht es heran, langsam, langsam. Seine Stirn ist hoch, weiß und kalt; die grauen Augen stieren ratlos, der Mund ist offen, doch stumm, aber durch die Luft geht ein Seufzen und Wimmern. Nun kommt es näher! Ein Feuerballen zuckt auf . . . . . . . Der ganze Inhalt des unglücklichen Teiles seines Lebens hat Gestalt angenommen und schreitet ihm in den Personen seiner Peiniger entgegen. Sein seelentiefes, lebensweites Elend ist auf einen Punkt zusammengedrängt und droht ihn zum andern Mal zu zermalmen. Aber auch seine leidenschaftliche Bitterkeit, seine Lebensliebe sind zur voller Höhe emporgeschnellt. Die Verzweiflung leiht ihnen Stärke. Das Gesicht mit den lauernden Augen des Raubtiers kommt näher. Lump, Betrüger, Hurenkerl! hört er es heulen oder stöhnen in ihm, um ihn, durch ihn hin. Eine Faust hebt sich zum Schlage. Da packt er in namenloser Todesangst, gepaart mit tollster Rachsucht einen vor ihm liegenden Hammer und – läßt ihn auf den Schädel unter ihm niedersausen. Dumpf, polternd fällt die Gestalt um. In tierischer Wut stürzt sich der Graveur auf sie und schlägt weiter, bis sein Arm erschlafft ist. Wie er den Körper unter sich verzucken spürt, wie das warme Blut über seine Hand rieselt, ist es ihm, als ob Schatten aus seiner Seele fliegen, als ob eine grause, wilde Sehnsucht, die stets in Schleiern und verhüllt seine Seele gepeitscht, in der Erfüllung gestorben, als ob ein düsterer Traum verbleiche unter dem Schimmer aufquellenden Lichtes. Die entsetzliche Schemenwelt seines Innern weicht weit, weit; auch aus der Ferne sehen ihre haßerfüllten Augen nicht mehr nach ihm hin. Da sinken die Schleier auch von seinem äußeren Auge und er sieht die wahre Welt – und unter sich den erschlagenen Schmied mit zerschmettertem Schädel. – Entsetzt springt er auf und weicht weit zurück. »Tot . . . . tot . . . .« kommt es deutlich, halblaut über seine Lippen. – »Mein Gott, mein Gott . . . . . . was? – Blut an den Händen? . . . . . Wozu den Hammer? – Und das Gehirn daran? – – Kein Traum?! – – Ich der Mörder? – i – ich! – – warum? – – mein Bruder, oh! – mein Bruder!« – Er hat die Sprache wieder. Ueber der Ruine ist der Morgen aufgegangen. Der unglückliche Besitzer muß verzweifeln. Er hat die Empfindung, daß er weit, weit gewandert sei über Höhlen, durch Sümpfe, an Abgründen vorüber, durch ein wüstes, schreckliches Land. Und nun ist er wieder daheim bei sich, bei seiner Seele, in seinem Herzen. Aber seine Seele ist vermorscht, sein Herz pocht nicht mehr dem Leben entgegen. Vor ihm gähnt die Zukunft wie ein unendliches Grab. Dort muß er, der lebendige Tote hundertfachen Tod sterben, wenn er weiter leben will. Aber er will nicht, aus Liebe zu sich. Sein Leben hat ihn zum Tode verurteilt. Er muß sterben. Das Gebot ruht in ihm. Er hat es gewoben in den Zeiten seiner Irrgänge, da er glaubte, seine Ehre hänge von den Mitmenschen ab. Nun richtet es ihn zu Grunde. Ergeben beugt er sich dem Spruch. Gebrochen, mit wankenden Knieen schleppt sich der Graveur in den nahen Wald. Nachmittags fand man ihn erhängt. – Meicke, der Teufel. Rundum standen die Berge, schwarzblau, wie sie im Frühjahre immer sind. Darüber lag der Himmel, schwer und düster. Nur ein roter Strich schwamm über den Gipfeln und verlor sich allmählich in der Höh, in Streifen und in rauchendem Dunst. In der Mitte des Landes . . . . . es schwang sich in Hügeln hinan, es stolperte in Thäler und Schluchten, es stieß in breiten, massigen Höhenrücken aufwärts zu den schwarzblauen Bergen und dem dunstlosen Streifen darüber . . . . . in der Mitte des Landes, zwischen den Städten, auf dem Felde, das in der Nacktheit brauner Aecker sich hindehnte, saß er am Grabenrand, wühlte sich mit der schmutzigen Rechten in seinem Bart und wischte dann den Speichel aus seinen Mundwinkeln an die Beine. Rechts vor ihm lief die Chaussee hinaus, links lief sie hinaus, gerade wie ein Deichselbaum. Dann wendete sie sich hier, wie dort mit einem Ruck von der Richtung ab. An jedem Knie stand ein Kreuz. Und die beiden Erlöser sahen sich ins Gesicht. Sie sahen sich sinnend an mit der milden Miene grübelnder Weisheit. Die Bilder des Heilandes sind nicht tot. Sie können sich bewegen und haben Macht. Manchmal, in der Nacht, werden sie lebendig. Dann steigen sie herab von ihrem Martholz, breiten die Arme aus und wandeln segnend über das Feld. Beim ersten Hahnschrei kehren sie wieder zurück in ihre Qual zwischen Himmel und Erde. Von diesen stillen Gängen, welche nur Sonntagskinder sehen können, erhält das Feld seine Früchte, der Himmel den Regen und guten Wind, die Straße ihre Sicherheit. Darum knallen auch nur sündhafte Fuhrleute vor einem Kreuze. Die guten aber putzen den Daumen der rechten Hand an ihrer Lederhose ab, machen damit ein Kreuz, fahren vorbei und pfeifen, wenn sie ein Stück fort sind, weil sie wissen, daß das Unglück jetzt keinen Fug mehr an sie habe. Wenzel hats auch gemacht wie die guten Fuhrleute, sitzt nun zwischen den beiden Erlösern und wartet, was sich ereignen werde. Der Heiland rechts sinnt und thut nichts. Der Heiland links sinnt und ist unschlüssig. Er schlägt mit der flachen Hand ermunternd aufs Knie und sieht die Kreuze an, eines nach dem andern, zaghaft aber lange. Der Hund auf der Straße, vor dem zweirädrigen Sandkarren springt bei dem Laut auf und blickt seinen Herrn durch die überhängenden Brauen groß an. »Lee dich, Meicke, se senn so nie ees met n ander, wies met ons warn sol.« Meicke wirft einen prüfenden Blick auf den Karren, rollt das Weiß seiner Augen hin und her, legt sich dann wieder nieder, schiebt die Schnauze unter den Hinterschenkel und schläft ein. Girräck! Girräck! Aus den verfallenen Wasserfurchen der Sturzäcker schwirrt der Liebesschrei eines Rebhahns. Fern drei schwarze Flecken auf dem Felde, Bauernbüsche. In dem weißlichen Dunst der Weite lehnt gelangweilt ein Kirchturm. Wenzel gähnt. Darnach räuspert er sich ungeduldig. Aber es ereignet sich nichts und er verfällt in Sinnen: . . . . . . . . . . das ist lange her. – – Die Aerzte des Krankenhauses von Lemberg ließen ihn gehen, denn sie behaupteten, er sei gesund, ganz gesund. Er aber stieß zornig das krummgekeilte Bein auf den Boden. Das sollte heißen: Nennt ihr das gesund? Sie zuckten die Achseln: den Brettschneidern geht es am Ende nicht anders. Warum läßt man sich das Klotz übers Bein gehen. Da ist nichts zu machen. Voll Haß sah er sie so lange an, bis seine Augäpfel brannten, fluchte laut und ging eilig in eine Schenke. Dort kaufte er sich Branntwein. Darauf ward er mutig und wanderte der deutschen Grenze zu. Aber als das Geld weg war, hörte auch sein Mut auf. Er stürzte, besinnungslos vor Entkräftung, in einen Graben am Wege. Als er aufwachte, lag ein großes Stück schwarzen Brotes neben seinem Kopfe und ein schwarzer, häßlicher Hund saß zu seinen Füßen. Seine Haare waren borstig, lang und an manchen Stellen von Schmutz zu Klumpen zusammengebacken. An seiner Oberlippe stand ein stachlicher Schnurrbart, so daß seine Schnauze noch plumper erschien, als sie ohnedies war. Die Vorderläufe waren an den Ellenbogen nach außen gedreht. ‚Eigentlich ist es Unsinn, daß ich erwacht bin', das war der erste Gedanke, der sich in Wenzels Kopfe klar zusammenschob. Aber der Hund sah ihn mit seinen großen, braunen Augen so weich an. Darum vergab er sich sein Wiedererwachen, setzte sich auf den Rand und begann, das Brot zu verzehren, das irgend eine mitleidige Hand neben ihn gelegt hatte. Das dauert lange, denn vor Erschlaffung und Niedergeschlagenheit vermochte er den Unterkiefer nur mit Anstrengung zu bewegen. Er kaute an dem Brote herum, bis er müde war. Dann lockte er das häßliche Tier heran, das bis jetzt dagesessen hatte, ohne sich zu rühren. Der Hund kam langsam, geduckt, scheu. Nach langem Zögern nahm er den dargereichten Brocken behutsam mit den Lippen. Dabei wedelte er dankbar mit dem Schwanze. Wenzel sann: »Der Hund ist wie du; nur daß du eine Heimat hast und der . . . . der . . . . wen hat der? – wer weiß, vielleicht ist es gar toll . . . . aber die Augen, die braunen, sprechenden Augen.« Da fuhr ein Wagen vorüber. Zwei trunkene Bauern saßen darauf. Der eine knallte mit der Peitsche, der andere fluchte und sang. Dieser sah zu ihm herüber und schrie: »Brüderchen, was fütterst du den Teufel?« Wahrhaftig, daran hatte er noch nicht gedacht. Der Böse kommt manchmal in Gestalt eines Hundes. Aber wozu sollte sich der Teufel die Mühe geben? Seine Seele gehörte ihm ja doch. Vielleicht aber ist es doch besser! – – und er sah sich um, wohin er den Hund jagen sollte. In der Richtung, welcher er mit seinen Blicken folgte, guckten Strohdächer aus Laubkronen. Dort war der Hund her, dort war seine Heimat. So brauchte er das Scheusal nicht fortzujagen. Denn – warum, das wußte er nicht – er fühlte es, daß er den Hund nicht schlagen konnte. Darum stand er auf und ging. Im Dorfe würde sich das Tier schon verlieren. Aber, als er die Hütten im Rücken hatte und sich umsah, bemerkte er, daß der Hubd noch hinter ihm her trotte, den Kopf gesenkt und seine Krallen schlugen knackend auf die Steine. Wenzel schrie und schlug mit dem Stecken auf die Straße, um ihn zu verjagen. Aber all sein Bemühen hatte keinen andern Erfolg, als daß der Hund auf die Wiese sprang, sich dort hinsetzte und leise winselte. Da that es ihm leid, und weil er sich erinnerte, daß er eigentlich niemand auf der weiten Welt habe, rief er den Köter herbei, um ihn zu streicheln. Doch der kam nicht mehr heran. Allein, als Wenzel wieder weiterschritt, folgte ihm der Hund von ferne. Eben kam er auf dem Rücken eines niedrigen Hügels an. Drunten, weit in der Ebene, wälzte sich ein Fluß. Daran ging ein Mann hin und her. Ueber seinem Haupte blitzte etwas hell wie Silber. Ein Grenzaufseher! Drüben, über dem rauchenden Wasser, fern, lag seine Heimat, ein neues Leben. Da werde ich wieder schlafen, wie sichs gehört – warum nicht gar in einem Bett?! – – Ueber den Hügel herauf kamen zwei Knaben gelaufen, ein großer, schwarzhaariger vorn, ein kleiner, blonder hinter ihm. Der hatte ein großes Stück Brot in der Hand und schrie, weil er den Großen nicht einholen konnte. Die Augen der Knaben blitzten, ihre Wangen glühten; wie flink waren ihre Beinchen! ihre nackten Füßchen klatschten eilig auf den Weg. . . . . . vorbei waren sie. Wenn ein Leben so laufen könnte, bergauf, mit lachenden Augen und strotzenden Wangen! – – Plötzlich schrillt hinter ihm ein verzweifelter Schrei aus Kindermund. Jäh fährt sein Kopf herum. Da liegt das blonde, runde Knäblein auf dem Wege. Der schwarze, borstige Hund steht über ihm und fletscht die Zähne. Das Kind ist verloren! – Der Hund ist toll! »Verflucht! . . . . . schuch! – – – – – Aas!« – Das Biest läßt ab und schlendert gemütlich in den Graben, das Brot des Kleinen im Fang. Der Junge ist aufgesprungen und rennt dem großen nach, der, starr vor Schrecken, dem Vorfall von Ferne zugesehen hatte. Nun fallen sie sich um den Hals, drehen sich dann um und rufen nach dem Hunde hin: »Meicke!« Was ist das, sein Name oder ein Schimpfwort? Teufel – – – Meicke . . . . Kopfschüttelnd kehrt sich Wenzel um. Weit draußen schimmert der Fluß. Durch den weißen Dunst gleißt und lockt es in den bunten Farben des vollen Sommers. Seine Heimat – – – – ein neues Leben! – Wahrhaftig, ein neues Leben! – Hol der Teufel den Schnaps, die Menscher, das Spiel . . . . nun, nun kommt es anders. Wenn er nur erst über dem großen Wasser wäre! Vorsichtig, jede Bodenfalte benutzend, schleicht er hinunter, dem Gesträuch des Ufers zu, hinter ihm der Hund, weit entfernt, aber beständig. Nach einer aufreibenden Stunde ist er drunten angelangt, legt sich in einen dichten Haselstrauch und schläft ein. In der Nacht erwacht er. Der Fluß rauscht lauter. Die Sterne blitzen scharf, viel tausend. Ja warum bin ich hier, fährt es in ängstlicher Neugier in ihm auf, und was rauscht? Er wendet den Kopf und sieht sinnend in das Gewirr der schwarzen Stämme und Stangen um sich. Satan! – so leuchtet Phosphor im Dunkel, zwei blaugrüne Punkte, regungslos beieinander! – Meicke! – – Meicke! – – Ein leises weiches Winseln antwortet. Das Gras raschelt verschlafen. Die leuchtenden Punkte schieben sich, ruckweise schwankend, näher. Endlich stößt eine kalte Nase an seine Hand. »Armes Luder, also heeßt'de doch Meicke! Nu miß mer doch vo nander. Zu em Laba, wies etz kemmt brauch ich kenn Teifel.« Aber er nimmt den borstigen Kopf doch zwischen die Hände und drückt ihn herzlich und Wärme quillt in ihm auf. »Adje Meicke!« – – Dann stößt er ihn mit dem Fuße von sich. Darnach steht er auf, sieht scharf nach allen Seiten, schiebt sich vor, horcht, schleicht weiter, langsam von Stamm zu Stamm. So einem Grenzer sitzt die blaue Bohne oft verflucht locker im Rohr. Also! Nicht wegen seiner, aber das neue Leben! Er käme drum und stürbe mit einem Geschmack im Munde, dumpf wie Jauche. Da! – – – – zu seinen Füßen rollt das Wasser. Vor allem, schärft er sich noch einmal ein, indem er seinen ausgezogenen Rock mit einer Troddel auf seinem Rücken festbindet, vor allem ruhig atmen, ruhig Tempo. Das übrige Gott befohlen . . . . . . . . . . das Wasser schlägt über ihm zusammen. Alles geht glücklich. Als die Sonne kommt, sitzt er nackt, zusammengekauert, im dichten Gesträuch. Am Geäst draußen –, im heißen Licht flattert seine nasse Kleidung. Er hat nichts als den Atem in seiner Brust und die Hoffnung in seiner Seele. Aber ihm ist so glücklich, so leicht. Dies Ringen mit den Wassern war seine Taufe, die ihn abgewaschen von dem Schuldbewußtsein. Draußen, über dem Felde, wirkt die Wärme des Tages und die Luft zittert in ihr. Leuchtendes Auges starrt er in die Glut, lange, unverwandt. Schon tanzen schwarze Kugeln vor seinen Blicken; aber er wendet sie nicht weg. Es ist so schön, in's Licht zu sehen. Die Kugeln drehen sich im Kreise. Wie er die Augen bewegt, so tanzen sie. Nein, doch nicht . . . . . . Eine läuft an der Erde hin, auf ihn zu. Er hebt die Augen hoch, im–mer – hö–her. Die schwarze Kugel läuf– – –t auf ihn zu. Die Hand über die Augen! . . . . . ach! . . . . der ist ja . . . . . durchs Wasser? . . . . Unsinn! . . . . . es nutzt alles nichts: Meicke, der Teufel aus Galizien. – – Die Nase dicht auf dem Boden, jagt er heran, sein Stummelschwanz wackelt. Mit einem Freudengeheul stürzt er auf ihn zu. Ausgehungert, abgetrieben, stinkend, so heftet er sich an seine Füße. Das ausgestoßene Leben wacht wieder in ihm auf und legt sich über sein Hoffen, wie Lumpen sich auf Blumen legen. Es fröstelt ihn – – ein Schluck Branntwein! Vorsichtig zieht er die Kleider herein. Dann schneidet er sich einen Stock und schreitet dem Dorfe zu, das drüben, mitten im Felde, liegt. Dort geht er von Thür zu Thür. Man giebt ihm Brot und Geld. Das Brot teilt er mit Meicke; für das Geld kauft er Schnaps. Und als er abends trunken im Pferdestall liegt, besucht ihn seine Hoffnung. Er sieht sie an und weint und sein Thränen rinnen in den Koth, auf dem er liegt. Am Morgen sinkt sein verdorbenes Leben wieder über ihn und macht ihn stumpf. Meicke weicht nicht mehr von ihm. So erreicht er zum Anfange des Winters seine Heimat, das arme Rutersdorf, nachdem seine Wanderung ein halbes Jahr gedauert hat. Sein Bruder nimmt ihn auf in dem Verschlage neben der baufälligen Wohnstube, der einzigen der Hütte. Sein Bruder ist älter. Der wacht nicht mehr auf aus seinem traurigen, elenden Leben. Im Sommer fährt man Sand; im Winter bindet man Besen, wozu man die Ruten stiehlt. Auf Kartoffeln, Brot und Kaffee langt es. Manchmal bleibt ein Groschen übrig. Dann machen sich beide ein Vergnügen. Sie berauschen sich, der Bruder aus Schwäche, in einem Wahn, der in seinen verwahrlosten Kopf die Worte Glück und Linderung wirft –, die dann wie ein Paroxismus darin umgehen. – Ihn treibt die Spannung der Sehnsucht dazu. Denn die Hoffnung ist unsichtbar in ihm geworden. Sie liegt in ihm: ein Brennen, eine Unruhe, eine Unlust, wie Speichel auf der Zunge, den er nicht loskriegen kann. Aber im Rausch steht sie auf und wird groß wie sie immer war, greifbar, sichtbar, verlacht ihn, peitscht und stachelt. Dann liegt er in seinem Verschlage auf den Lumpen, beißt sich in die Hände, daß sie bluten; schlägt wütend um sich, flucht verzweifelt, alles weil er seine Hoffnung liebt und doch weiß, daß sie am Morgen mit dem Rausch verflogen ist in dem öden Grau seines hilflos elenden Lebens. Alles, was ihm die Sonne davon läßt, ist ein rastloses, immer zweckloses Grübeln nach dem Ausweg. Er findet hundert, tausend, unzählige. Aber eben deswegen ist alles nutzlos. Wie lange hat er so getastet in ersterbender Sehnsucht. Aber hinauf ist er noch mit nichts gekommen, als dem verzweifelten Blick seines Auges. Nun steht er wieder vor der unübersteigbaren Mauer mit dem ameisenschnellen Wirbel tanzender Hohlgedanken wie immer, – und sein Elend sieht er so greifbar um sich, daß er das versunkene Haupt schwer heraufhebt. Mit einem in der Runde wandernden Auge bittet er gleichsam die ganze Welt um Hilfe in blöder Ratlosigkeit. Aber plötzlich springt sein Bewußtsein aus dem Bann trüber Erinnerungen. Es ist doch unnötig, so verloren zu sitzen. Denn heute, an dem Frühlingsmorgen ist ein Wunder mit ihm geschehen: bei voller Nüchternheit ist die Hoffnung in ihm erwacht. Alle Wunder kommen von oben, von dem Wesen, vor dem er als unschuldiger Knabe auf den Knieen gelegen hat. Darum sitzt er auch mitten im Felde, zwischen den Städten, unter dem lieben Himmel. Rechts der Heiland, links der Heiland. Die werden ihm endlich helfen. Aber . . . . . .; längst schlafen die blauen Berge hinter den Abendnebeln! in der regungslosen Luft klingen verwehende Glockentöne. Dann braust es drüben an den drei Waldflecken . . . . der Bahnzug, oder der Wald schläft. – »Oan warum halft ihr nie? – Seid ihr nie d'Erlieser? – – – weil ich a Loampa bin? – Braucht dr Gude denn en Heiland?« – – Kalt und langsam steht eine Gewißheit in ihm auf. Die Welt hat ihn vergessen, der Himmel auch. Wenzel wird aber nicht weich. Trotzig, wild greift er ins Gras . . . . . er speit in die Luft . . . . ha ha! – ein verächtliches Lachen. »Nu is oalle! Wil ichs andersch hoan, muß ichs andersch macha. – Doas andre is Oalbernheet oan Gerede. Oan ich wils !« vollende er mit drohendem Ernst. »Meicke!« Der Karren knarrte. Wenzel tastete sich hin. »Du bests?! – Wenn du weg best, verleßt mich ach mei Elende. Wahrhaftig, Meicke heßt Teifel, etz sah ichs.« Er spannte den Hund aus und nahm ihm das Geschirr ab. Dann packte er ihn an den Haaren des Halses. In seiner Brust erwachte wohl ein Zittern; aber er schluckte es hinunter. Wollte er Mitleid mit seinem trostlosen Leben haben? – Nein! – Schon sausten erbarmungslose Schläge über den Rücken des Hundes. Der heulte vor Schmerz, er wand sich in seiner Hand. Wenzel merkte nichts, er war sinnlos in Wut und vor Mitleid. Endlich gelang es dem Tier, sich los zu machen. Schreiend entfloh es über die Straße ins Feld. Wenzel lief fluchend hinter ihm her. Bis zur Erschöpfung lief er mit keuchender Brust und drohenden Worten. Nach Atem ringend stand er endlich still und horchte in die Nacht hinaus. Alles ruhig. – Nun hatte er seine Schwäche und seine Laster verjagt. Auf keinem Wege sollte sie sich zu ihm zurückfinden. Aber auch der Karren mußte fort, damit nichts mehr ihn an seine Vergangenheit erinnere. Mit Mühe fand er sich an den Ort zurück, an dem er gesessen. Der Karren stand noch. Er faßte ihn an der Deichsel und schlug ihn auf den Straße in Trümmer. Aus den Rädern trat er die Speichen. Dann ging er befriedigt seinen Weg. Als er an das Kreuz kam, das vorhin links von ihm gestanden hatte, grub er seine Hände fester in die Hosentaschen, sah auf die andere Seite und lachte höhnisch: »Got! – Holz oan Gerade, wetter nischt!« – * * * Am andern Morgen war er mit seinem Grübeln am Ende. Er wußte genau, was er thun mußte, erhob sich in seinem Verschlage, schielte mit einem Auge durch einen Ritz in der Wand und rief dann in die Stube: »Seff!« »Woos.« »Ich gieh fatt.« »Nu, do gieh!« »Ich komm oaber nemme wieder.« »So . . . . o . . . .« Die ausgebrannte, hohle Männerstimme zitterte eine Weile in Staunen, schüttelte sich dann in Fistelhöhe und vollendete: » . . . on Affe!« Das schien ganz undenkbar. Wer einmal in diesem Verschlage war, mußte auch darin umkommen. Wenzel aber wußte genau, was er thun mußte. Er legte 15 fettige Nickel, seine ganze Barschaft, auf die Bank an der Wand. »Oof dr Banke liegt mei Geld.« »Geld! – Geld!« rief es glückselig aus dem Innern der Stube. »Do gieh oach ei Gots Noama, Guste!« Wahrhaftig, er ging auch. Die Pflaumenbäume hingen voll Tropfen. Er ging gebückt unter ihnen durch und stand bald darauf im vollen Schein der kommenden Sonne auf dem Wege. Er sah in ihre junge Glut und ein Bild aus seiner Kindheit umfing seine Erwartung. Es war das einzige, aus welchem der Zauber seines Menschenmorgens zu ihm sprach. Die anderen Tage hatte er vergessen, die mit niedergeschlagenen Augen, hungernd und zerlumpt hingegangen waren. Dies eine Bild enthielt seine ganze Kindheit. Nun neigt es sich im Schimmern der aufgehenden Sonne wieder lebendig in ihn. – – – – – er war satt von Bettelbrot und machte Augen wie ein glückliches Kind. Das Gras, in dem er saß, war grün, schimmernd grün. Über ihm schliefen die Blüten in den Bäumen und es war, als träume ihnen etwas sehr schönes, denn die Bäckchen ihrer weißen Blätter brannten in Glut. Die Vögel sangen ihnen leise Lieder und das Licht summte unaussprechlich selig dazu. Er aber streichelte das Gras, das weich, weich war, wie Menschenhaar. Und ein rundes Käferlein lief über sein Händchen. Das hob er auf, denn es war rot und hatte schwarze Punkte. »Kaferla, flieg! – Kaferla, flieg!« Das runde Käferlein lief an den ausgespreizten Fingern seiner erhobenen Hand emsig auf und nieder und als es an der Spitze des Goldfingers angekommen war, nickte es ein paar mal lustig mit seinem schwarzen Köpfchen, nahm bedächtig seine Glasflügel unter den Decken hervor und flog davon, weit, weit fort ins Pommerland. Heute flog das Käferlein wieder vor ihm her und setzte sich auf das Dach einer Feldgärtnerstelle am Wald. In diesem Hause wohnte sein neues Leben. Vor der Thür traf er ein Mädchen. Das war mager und hoch aufgeschossen. Ihr voller Mund war immer geöffnet. Darin standen lange, weiß-gelbe Zähne. Die großen, wasserblauen Augen gingen umher wie verirrt. »Wie alt best de, Mariela?« »Fufzehn Joahr.« »Soo! – fuf–zehn – Joahr – hm, hm,« und er sah sie eine Weile musternd an und wischte dabei mit dem Zeigefinger der rechten Hand sinnend in den Mundwinkeln. »Fuf–zehn – Joahr –« wiederholte er gedankenvoll. Marie ward unter dem forschenden Blick des Mannes rot und kehrte ihm den Rücken zu. »Wo is dn de Mutter?« »Drinne,« antwortete das Kind über die Achsel. – – – »Guda Marja, Stumpn!« »Gudn Morgn! Na, was brengst du?« das Weib hatte in ihrer Jugend einige Jahre in einem Gasthause gedient und sprach darum einen städtischen Dialekt. »Gudes Water, oan mich.« »Gudes Wätter, ja, aber dich? – mir?« »Weils nie Obnds is.« »Ich brauch kenn Man iberhaupt nie meh. Wär, wär sagt das hä?« drohend trat sie auf den Mann zu. »De Mariela.« »Die! . . « »Joa, oan ihr Voater, dr ale Kliegel, dan im Krankahause de Leise gefrassa hoan, nachdem du a em sei Wertschaftla gebrocht hoast.« – »Ich ems Wertschaftl? Seim Kende der Mariela, hot ärs varmacht.« »Sem, sem Kende? bis ruhig. Stumpn, ich hoas schoan tajelang ein dr Broast oan wenn ich lach, thuts wieh,« und nachdem er sie einige Zeit mit einem malitiösen Lächeln angesehen hatte, fuhr er höhnisch fort: »Jo oan waßthoalbich mußte der gude Voaater, dar de Hosa vo a Benn hargegan hoatt, waßthoalbich mußt a eis Krankahaus, wie a preßthoaft wur?« – »Weil är enne ansteckende Krankheet hatte.« »Här uf, här uf, Stumpn, mich zerreßts!« und er brach in ein erzwungen schreiendes Lachen aus, wobei er sich die Seiten hielt. »Wenzel, Wenzel! Hier is de Thiere! Fir en Lumps hat mein Haus kee Dach!« »Oaber fir a Hure.« »Ich?« »A Moanhure! – – Nä, Stumpn. ich hoa 's nie vergassa, de Nächte do drenne. Viel zwanzig mol bin ich doarchs Fanster ganga, ich oan andre.« »Du . . . . aber andre . . .« »Oalle weiß ich! – Woas hoa ich zu verlian? Oaber du! Ich wil de Sperlinge schon lerna, doas Liedla von dr zo senga, bis se dich zum Doarfe naustreiba.« Die Lippen des kleinen, mageren Weibes flogen und ihre Augen loderten. Dann lachte sie schleichend und scharf und sah dabei Wenzel von der Seite an. Der erhob sich von dem Tische und trat auf sie zu. »Do, fiehl mien Arm, do mei Bän. Woas meesnte? Die senn harte zoar Arbt oan zo oallm.« Das von der Gier ausgemergelte Weib sann einen Augenblick. Dann frug sie lauernd: »Wär scheckt dich här?« – »Mei Elende.« »Was gieht mich dei Elende an?« »Dich? denkst du, ich ga noch Geld wie dr ale Kliegel! Geld derfier, em mich drnoch oazuspein, wenns verbei is?« Zögernd ging das Weib in die Nebenstube. Nach einer Weile kam sie wieder und legte einen Thaler auf den Tisch. »Hier nimm drs un gieh un laß mich zufrieden.« Wenzel schüttelte stumm mit dem Kopfe. Das Weib legte noch einen Thaler, noch einen, noch einen zögernd und feilschend hin, als handle es sich um ein Geschäft, das sie durch Zähigkeit möglichst zu ihren Gunsten zu wenden bestrebt sein mußte. Wenzel lachte entschlossen. Da bemächtigte sich des Weibes eine heiße Wut. Sie griff nach dem Besen am Ofen, erhob ihn und schrie: »Nu naus, glei naus oder der Bäsen saust of deinen Schädel, daß der de Sinne vergiehn. Ha! nä, mei Wertschaftl, mein sauer derworbnes, jagst du mir nicht durch de Gurgel. Nä, nich ehr bis ich derschlagen da lige!« Aber kalt lächelnd packte sie Wenzel am Handgelenk und drehte es herum, daß dem Weibe der Besen entfiel. Bleich, zitternd, mit haßerfüllten Augen sah ihn das Weib an. Vergeblich suchte sie ihre Hand frei zu machen, die in dem Griff des Mannes saß wie in einem Schraubstock. Es entstand eine tiefe Pause. Dann atmete Wenzel schwer und der Ausdruck seines Gesichts wandelte sich. Er begann wieder und seine Stimme klang wahrhaftig, einschmeichelnd und dringend: »Tommes, kendsches Weib! Dei Geld hiel der. Kee Groampel vo demm Acker wil ich, kenn Hoalma aus dr Scheine, kee Lode vo dem Vieche. Ich hoa weder Honger noch Doarscht. Oaber Honger oand Doarscht hoa ich noch em andern Laba. Ausm Verschlaje muß ich raus, ronder vo a Lompa. Meicke is weg, de Karre leit zerschlän of dr Stroße. – Nu stieh ich vier dr. Hal mich bein dr; ich wil dei Knecht senn; ich wil arbta vier zwee oan nischt verlang ich. Woas de mir gibst, dodermit bin ich zofriede. Kathrine, komm, gie mr dodruf dei Hand freiwellich.« – Eine stockende Stille trat ein. Der Schutzgeist des Menschenlasters flog durch den Raum und lächelte. Sein heißer Atem strich über die verlorne Seele des Weibes hin und die alte Sucht erwachte darin. »Guste, du denkst ich bin noch jung. Nä, wegen dem, es is nich meh netich, wejen dem heirat ich nich.« »Sol a nie sein. Häß mich wie de wellst, meinswejen denn Schoaffer, denn Arbter, denn Wertschoafter.« Und nach langem Sinnen kam es unwillkürlich aus der Weite seiner fernsten Gedanken: »Woas warn soal, wärd.« Das Weib bezog das auf sich und lächelte. Wenzel hing seine Jacke an die Ofenstange: »Wo isn de Sänse?« »Im Hause hängt se.« Darauf verließ er die Stube, ging auf die Wiese und mähte. Das Weib kochte den Frühkaffe und stellte drei Töpfchen auf den Tisch. Darnach aßen die drei gemeinsam. So fing Wenzeln sein neues Leben an. Er hatte nicht umsonst als Knabe das Käferlein fliegen lassen. * * * Aus dem Kopfe Wenzels, aus seinem Leibe brach nun der Fleiß hervor, leidenschaftlich wie ein Rausch. Dieser erschöpfte ihn in der Glut des Sommers; er fror ihn aus im Frost des Waldes beim Holzfahren; er trieb ihn im Handel mit Beeren über die Landstraße, warf ihn von Schenke zu Schenke. Aber seine Kraft schien unerschöpflich in der Ausdauer, sein Kopf voller Schliche und Listen. Mit Bewunderung und Stolz sah das Weib auf ihn, der er sich aufgedrungen. Wahrhaftig, sie hatte ein gutes Geschäft gemacht mit ihm. Auf dem Acker wogte das Getreide. In dem Schube der Lade häufte sich das Geld. Nie sprach er vom Heiraten, nie vom Lohn; nie sagte er das »Guda Obnd!« lallend, wenn er auch noch so spät nach Hause kam. Einst trug sie ihm heimlich eine Flasche Schnaps vors Bett. Am andern Morgen war der Branntwein samt Flasche verschwunden. Da wurde ihr bange und sie sah ihn mit den flammenden Augen verächtlich an. Er aber schnalzte: »Haha, komm!« nahm eine Schaufel und ging mit ihr in den Garten. Unter einem Baume war der Rasen welk. Dort stieß er die Schaufel in den Boden und hob die Flasche heraus. »Fahlt a Troppa dervo?« »Nä, nie! Aber warum vergräbst du se?« »Asu is mei Suff.« Er schüttelte die Flasche. Der Schnaps klang gegen das Glas, als ob er lache und funkelte. Da schloß Wenzel die Augen und schleuderte sie gegen einen Stamm, daß sie schreiend zerbrach. Ihm war es, als rufe etwas nach ihm und er ging hinzu und schlug die Stücke zu Staub, daß das Lebendige tot sei, was nach ihm schrie. Seitdem wuchs die Glut in dem Weibe und mit verlangenden Armen griff sie nach seinem Leibe. * * * Schau nur nicht den Jahren zu, das macht mutlos. Aber schwinge dich auf sie, sie gehn dir lammfromm im Zügel deiner Pläne. Wie der Reiter, so das Roß. Wenzel war ein starker, rücksichtsloser, unermüdlicher Reiter. Endlich trabte er durch das Schlafgemach der Frau Stumpf, stieg im Hofe ab, sah das Gebäude entlang und sprach: »Mei Wertschoaftla is eene Krone.« Da er Frau Stumpf am Fenster sah, rief er ihr barsch zu: »Kathrine, loß de Kiehe raus.« Das Weib erschien eilig in der Hausthür, stockte aber plötzlich im schnellen Gange, stemmte die eingeknickten Hände gegen die Hüften und erwiderte messerscharf: »Woas sagst de? – Kathrine?« – »Nu, etwan Fra Stumpn, woas? – ich weeß nie woas dich schendt! – Geh, Kathrine!« – Man sah, daß sie sich innerlich dagegen wehrte und that es doch. Die Ketten rasselten im Stall, mit krummen Schwänzen sprangen die blanken Kühe auf den Hof. Frau Stumpf aber warf den Thürriegel erbost hin, daß er klingend über das Pflaster hüpfte. Sie hatte ihren Bändiger gefunden. Mit raffiniertem Geschick regierte er sie durch ihren Leib. Er lächelte überlegen. Sie aber lechzte durch Flüche und Verwünschungen nach ihm. Noch war sie Herrin: » Mei Kiehe sein wie de Schneck!« – »Joa, jo, onse Kiehe senn de schinsta weit oan breet.« »Unse? – unse – meine und der Marielas, ja unse !« Wenzel lachte nur. Dann sprach er sicher und selbstverständlich: »De Hersche hoa ich m Weigang Flescher verkaft. Ei acht Taja hult a se.« Frau Stumpf brach in wilde Schimpfereien aus. Er zuckte die Achseln gleichgiltig, sprach: »Es bleit derbei;« und ging pfeifend weg. Abend um Abend schritt er nun lachend an ihrer Schlafkammer vorüber. Am vierten Abend, als er eben die Bodentreppe zu seiner Kammer emporstieg, erschien Frau Stumpf auf der Thürschwelle. »Gehst de schlafen, Guste?« »Jo!« »Dei Bette werd nie zum wärmsten sein.« »Mags, ich hoa viel Hetze.« »Schloaf gesund.« »Du ach.« Krachend flog die Thür ins Schloß. Dahinter stand das Weib und schüttelte die Fäuste gegen den Mann: »O du . . . du! – so ein . . . . ach!« Aber Wenzel stieg vergnügt weiter, lag eine Weile mit offenen Augen im Bette, die Hände unter den Kopf geschoben, spuckte dann über sich und schlief ein. Dann sah der siebente Abend durchs offene Stubenfenster der Wirtschaft am Walde. Draußen lag ein schweres Dunkel. Ein schwüler Wind wühlte in den Heuhaufen, denn es war Juni. Das Talglicht auf dem Tische leuchtete rot und eine lange Kohle ragte über das kümmerliche Flämmchen. Wenzel lehnte behaglich gegen die Wand, als warte er mit halboffenen Augen auf den Schlaf. Marie saß auf einem Schemel und blickte mit zagem, bedrücktem Gesicht auf die in ihrem Schoße gefalteten Hände. Frau Stumpf war bleich. In ihrem mageren Gesichte arbeitete es. Mit kalter Hand spielte sie auf dem Tisch. Sie kämpfte gegen sich, allein umsonst. »Mariela, geh schlafen;« sagte sie dann aus arbeitenden Brust heraus und wagte nicht, ihre Tochter dabei anzusehen. Diese schlich hinaus wie ohnmächtig vor Schauern der Scham. Droben vergrub sie sich ins Bett und weinte bis ihre zitternde Seele ruhig geworden im Schlaf. In der Stube drunten blieb es totenstill. Die Lider Wenzels waren tiefer über sein lauerndes Auge gesunken. Frau Stumpf war bleicher geworden. Sie blickte feindselig in das taumelnde Fünkchen Licht und sog in tiefen Zügen die schwüle, leise wühlende Glut ein, die durch das offene Fenster hereindrang. Dann stieß sie mit hastigem Griff das Licht aus und stammelte mit trockener, lustschwerer Zunge ins Dunkel: »Warum bin ich dir nich meh gutt genung? – – Verkeef de Hersche – – mach was de willst – – – – – aber – ich – – ich –« die suchenden Arme umschlangen den noch immer Regungslosen. »Woas wehrste dich erscht?« entgegnete ruhig der Sieger und nahm sie in seine Arme. – * * * Ihr kennt das auch – – – – – Die Erde starrt mit stumpfen Umrissen in die Luft. Sie liegt regungslos, als fürchte sie sich vor Gespenstern und wagt kaum mit ihren Wäldern zu atmen; nur ihre Wasser klopfen ängstlich durch die Nacht. Der Himmel, ihre Mutter, ihr Vater. Er ist stumm über sie gebeugt und blickt mit seinen tiefen, liebevollen Sternenaugen auf sein Kind, das nicht schlafen kann, hüllt es in weiche, graue Betten der Nachtnebel und streicht diese glatt. Das giebt dann einen weichen, traumhaften Luftzug. Man spürt ihn nicht an der Wange, nicht einmal im Auge, man merkt ihn nur an dem schlaftrunknen Regen der gesenkten, müden Blätter des Baumes. Dies Streichen der bekümmerten Mutterhand ging auch über den Leib der Erde in jener Nacht, als die Inbrunst in den Beiden erwachte. Sie lagen bei einander im Bett und das blauweiße Licht der Nacht ging lautlos durch das offene Fenster ein und als es die beiden sah, zitterte es und flog wieder hinaus. Aber es kam doch wieder neugierig herein und ging bebend hinaus und sagte es dem ganzen Licht draußen, dessen Keuschheit über der schlafenden Erde lag. Und bald zitterte alles Licht um das Lager der Beiden. Des Mannes Seele sah mit großen, brennenden Augen hinein. Des Weibes Seele schielte durch den furchtsamen Spalt bebender Lider. So erwachte die Inbrunst in der Brust beider. Und sie kniete vor die Seele des Weibes und bat sie weinend mit den reinen Augen ihres Kindes, mit den Händen, an denen noch keine Spuren des Lasters waren: »O Mutter, Mutter!« Da richtete sich Frau Stumpf auf, stumm, behutsam, langsam. Ihre bloßen, scharfkantigen Arme sanken schlaff und kalt auf die Decke. Unter der gesenkten Stirn glommen ihre Augen. Die waren sehend geworden. – Sie schauten was die Inbrunst geschaffen. Denn dieselbe war gewachsen und aus ihrer Seele hinausgegangen in ihr Leben und hatte den Schleier weggezogen, den roten, gleißenden Schleier ihrer Wollust. So sah das Weib das erste mal mit ihren Augen, das erste mal seit 45 Jahren. Dort vor ihr, im zitternden, blauweißen Lichte der Nacht lag es: ein Sumpf, der endlos in die Breiten wuchs, müdes stinkendes Wasser, in dem Felder lagen, in voller Frucht ertrunken; Städte, im Bau zu Ruinen geworden . . . . dieser Sumpf floß aus einem Licht, süß wie junger Maisonnenschein, und verschwand draußen in einem Landstreifen, wo kinderhelle Sonnenglut um Knospen hüpfte, die sein Licht tranken und davon aufblühten. Das Weib sah den Sumpf und wagte in Scheu nichts zu sagen. Es sah das süße Licht seines Anfangs und seufzte: »Ach, noch eenmal, noch ein allereenziges Mal Kend sein!« – Es sah das ferne Land: »Mariela, mei armes Mädl.« Als das Weib das gesehen, sank es um mit dem Gesicht gegen die Wand und weinte; es weinte nicht furchtsam in die Hand, nein, schluchzte laut und bitter. In Wenzel aber stand die Inbrunst anders auf, als er in das Licht schaute. Seine Seele ward aufgerissen, stürmisch wie im Feuer und auf den Flammen war seine Hoffnung hereingefahren. Wild sah sie sich in seinem Innern um, höhnisch, lächelnd: »Ha, ha! Die Alte! guten Appetit! haha.« – Fort war sie. Er sog mit seinen brennenden Augen an der Nacht. Aber die Enteilte kam nicht mehr wieder. Nur ihr höhnisches, bitterwildes Lachen war geblieben: »Haha!« – Das schlug wie ein Peitschenhieb über seine Seele hin, daß sie sich unter demselben krümmte in Wut und Aerger. Darum schwor er in sich hinein: »Gutt, a Ende, verflucht, a Ende!« – Das Weib neben ihm aber weinte, stoßweise, matt, unaufhörlich. Endlich hielt er es nicht mehr aus. »Woas flerrst'n – du – ha Stumpn?!« – »Ich bin krank, krank Gus . . . . Wenzel.« »Sol ich etwan giehn?« »Ja, bis schien gebätn . . . gieh oan . . . oan . . .« aber sie brachte es nicht heraus, was sie sagen wollte, denn ihr Schmerz war matt, das aufreißende Bild der Inbrunst verschwunden und langsam floß wieder der gleißende, rote Schleier über ihr ganzes Sein. Sie streckte die Hände ins Dunkel, erhaschte den Arm des Mannes und drückte ihn heiß. In der Brust Wenzels aber wühlte das peitschende Lachen seiner Hoffnung. Rauh drückte er das Weib von sich und fühlte sich in seine Kammer. * * * Das Weib aber schlief ein; es war eigentlich kein Schlaf. Ueber die Gestaltenflucht ihres Innern kam ein grauer, öder Dunst. Sie lag wie im Bann, wie umsponnen von traumhaften Fesseln. Die Gedanken flogen auf und verbanden sich zu absonderlichen Schnörkeln: aus Menschen wurden Häuser, welche gehen konnten; Vogelschwärme verwandelten sich in Wälder, welche sangen. Sie sog den Duft dieser spuckhaften Verwandlungen mit müder, müder Gier ein und es war ihr dabei, als werde ihr Leib von Wellen geschaukelt, ohne Ruck, ohne anzustoßen, sanft, weich. Und siehe, da war ein Meer über ihr, ein Meer unter ihr. Zwischen diesen war Licht, ein eises, furchtsames Licht, wie es die Dämmerung schafft, wenn das träge Blau der Nacht in die verlöschende Rotglut des Abends fließt. In diesem Lichte, dessen Horizont rundum flimmernd ins Endlose wuchs, hing oder lag sie und hörte dem einschläfernden Raunen der Meere über und unter ihr zu. Plötzlich brach aus dem Meere über ihr ein Donner, ein hartes, körperliches Poltern. Das furchtsame Licht, in dem sie lag oder hing, zitterte, wie der Schein flutet, wenn der Wind die Ampel stößt. Dann lief der Schall mit fliehendem Schritt in das Meer unter ihr und eine Thür darin, die sie bis dahin gar nicht gesehen, flog schreiend, keuchend auf. Durch sie stürzte ein Mädchen in das Licht: die schwarzen Haare aufgelöst, den Leib in der Flucht vorgebeugt, von Angst geschüttelt, die Arme vom Ringen rotfleckig, im Hemd, das ihr halb über die Schulter geglitten. Alle Glieder ein einziger, packender Hilfeschrei. Aber die sinnenden, erbarmungstiefen, betenden Augen des verfolgten Mädchens bändigten doch den Mund, der reden wollte, so daß sich nur die Lippen in Mitleid krümmten. Ein Schauer schüttelte sie. Schweigend hob sie die Arme in die Luft und versank langsam unverwandt mit den großen Augen vorwurfsvoll auf das Weib hinschauend. Dann war alles im leeren Schlaf erloschen. – – – – Am andern Morgen sprach Frau Stumpf zu ihrer Tochter: »das war ein komscher Traum.« »Welcher denn?« Und sie erzählte ihr denselben. Das Mädchen ging ans Fenster und sah hinaus. »Gelt, is das nich komsch? Verleicht, wer weeß, hat er was zu bedeitn.« Marie preßte ihr schamglühendes Gesicht an die Scheiben und fing an zu weinen. »Kind'sche Liese, s' is ein Traum, da werd ma weinen.« »Ach, wejen dem Traum wein ich nie; s' is bloß a so deitlich: das Meer, das Bissel Licht un das arme, arme Mädl, das um Hilfe rufen möchte un nicht reden darf, blos beten, in de Luft, mit nackten Armen.« Das hatte sie stockend gesprochen und ihre Stimme war oft von dem heißen Weinen im Hauchen aufgelöst worden. »Na ja, das is ja eben,« sann Frau Stumpf in ratlosem Ernst hin. »Mutter!« rief das Mädchen und kehrte ihr das Gesicht zu, »Mutter, thätst du mir helfen, wenn ich und ich wär das Mädel?« dann wartete sie mit krankhaft starren Augen und angehaltenem Atem auf Antwort. »Mariela, ich un auch Wenzel. – Mach keen Gesichte! Wenzel is ein orndtlicher, fleißicher un klujer Mann. Laß mr endlich das mucksch thun geger ihn, sonst leeft er ons noch fort.« Da ward das Gesicht des Mädchens blaß und traurig. Sie wollte reden; aber was sie sollte, mochte sie nicht und wie sie so gern hätte sprechen mögen, nein, bei dem Gedanken daran ward sie rot. In Verlegenheit stand sie unbeweglich und stieß einen verächtlichen Laut durch die Nase, der Lachen sein sollte. Da erhob sich im Hofe doppelstimmiges Hundegebell. Schneidendscharf jappende Heullaute wehrten sich gegen rauhes Knurren. »Ich wär sähn, was is.« Wie wenn sie im Begriff gewesen, etwas Böses zu thun und nun vom Zwang dazu befreit war, so freudig aufatmend, hastig stürzte sie hinaus. »Warum, warum kann se bloß den Wenzel nich leiden!?« Die Mutter schüttelte noch den Kopf, als Marie schon wieder furchtsam hereinschlüpfte. »Nach?« frug sie das Mädchen. »Unse Fipsl liejt ei dr Hitte ofm Stroh un heilt zum Derbarmen; a wil nich raus und sol, denn vir'm Hittl da stieht'r a Hund, schwarz, zottlich, de Schnauze wie ne Kulpe, Aujen grien wie Gift; mit krummen Knochen un fährt immer of de Hitte los, doaß de unse Fipsl vo Angst schier kromm werd. Un wie ich naus komm un wil'm eens mitm Zubersteckn auswinken, fletscht a de Zehne off mich groadnett wie dr Teifel.« ». . . . . wie dr Teifel?« wiederholte zaghaft fragend eine Männerstimme hinter den Beiden. Wenzel, durch die Hinterthür vom Felde gekommen, war unbemerkt eingetreten und hatte Maries Worte mit angehört. Eine tiefe Erschlaffung, ein Gefrieren packte ihn. Leer und in bösen Ahnungen verloren, sagte er es mechanisch noch einmal: »wie dr Teifel« und mit tiefer Mutlosigkeit ruhte sein Auge auf Marie. »Ja,« fuhr die auf in der Glut eines lange verhaltenen Hasses, »ja, Fipsl liejt ei seim Hittl, ihm gehärts, ihm! ihm!! – Und so ein Luder, so ein Remläfer, der de nischt hatt, wie Hunger eim Ranzen und Leise ofm Puckel, der wil a raus dricken . . . . der? . . . . der??« Der Atem versagte ihr, sie warf die Arme in die Höh und starrte mit großen Augen barmherzig ihre Mutter an. Wie ein Blitz fuhr in dieser der Traum der Nacht auf. So, gerade so hatte das Mädchen der Nacht auf sie gesehn, mit denselben ratlos mitleidigen Augen. Am Ende war alles überhaupt kein Traum gewesen, das Poltern nicht, das hilfesuchende Mädchen nicht, am . . . . Ende! . . . . und sie bohrte ihren lodernden Blick auf Wenzel ein. Der aber achtete auf nichts. Regungslos stand er und sah zum Fenster hinaus. »Rrrrm!« Das rauhe, tiefe Knurren war wieder da und fuhr dann, wild aufbellend, die winselnden Heullaute an. Das stach Wenzel in die Brust. Er fuhr auf; sein Auge rollte . . . »dr Teifel!« – Er stürmte durch die Thür, ohne sie zu schließen. Draußen war er. Der fremde Hund, es war, o Gott! es war Meicke, sprang vor Freude heulend auf ihn zu – sst! – ein Schlag mit dem Stocke! – Wie geworfen floh der Hund, durch den Zaun, daß die Haare flogen, das Blut spritzte, über Gräben, Steinhalden. Hinter ihm Wenzel, fluchend, schreiend, den Stock schwingend, immerzu, ohne Atem, bis zur Erschöpfung wie ehedem. Mutter und Tochter sahen aus dem Fenster allem zu. »Wie er matt is . . . . aber er leeft . . . . siehst de nicht? . . . nu is dr Hund iber de huche Mauer. – Er is woll verrickt?? – . . . sieht er nich den Graben derfier? – ha! . . . . er hult aus! . . . . nu? . . . is er drieben? Mariela, allerliebstes Mariela! . . . . is er drieben? Meine Aujen sein schwach, woas?« Aber das Mädchen war grimmig über die Angst ihrer Mutter: »Was gieht das uns an? Wenn a spetziger Steen eim Graben läg, wär das etwan nie gutt?« und ihr Gesicht war gleichgiltig und kalt. Aber das Weib zitterte vor Aufregung, wischte an den Fensterscheiben, wischte ihre Augen, rannte auf den Hof und blickte hinunter. Aber Wenzel erschien nicht auf der Höhe der Steinmauermauer. So lag er also im Graben . . . . tot . . . mit gebrochenen Beinen . . . . das jagte das Weib von ihrem Hause fort; über die Felder und Raine und Gräben. Endlich war sie da. Wo, wo lag er? Hier, mit der Brust im verzweifelten Sprung an den Rand des tiefen, breiten Grabens geflogen, die Hände krampfhaft ins Gras gegraben, als klimme er noch in der Bewußtlosigkeit, das Gesicht auf der Seite, totblaß. Ein breiter Blutstreifen zog sich von der Stirn durch den graugrünen Rasen. Das Weib sprang in den Graben, schöpfte mit der zitternden Hand Wasser und träufelte es auf die Wunde, einmal, zweimal, oft in zärtlicher Ausdauer. Nach langer Zeit begann er zu atmen . . . . noch war sein Auge geschlossen; aber er lächelte; »Ma . . . . Ma . . . Ma« so lallte er glückselig mit halberstorbenen Lippen. Dann schlug er die Augen auf und mit suchend sehnsüchtigen Blicken wendete er sie. Als er die Alte sah, schloß er sie eilig und eine schmerzliche Enttäuschung verzog sein Gesicht. »Guste, lieber Guste, hast de was gebrochen?« Er schüttelte den Kopf und schwieg. »Hast de dr de Lunge überprescht?« Er schüttelte den Kopf und eine wilde Ungeduld preßte seinen Mund zusammen. Sein Atem stand, kein Glied bebte, wie tot. – Plötzlich sprang er auf. Es drehte sich alles. »Verflucht, das schmerzte!« Aber er biß die Zähne zusammen und lachte: »So do stieh ich! oan dr Teifel, wie de Mariela säte, is doch weg!« »Un Gott sei Dank! laß mich a mal an dein Kopp fiehlen, Armer, du, Guste . . . .« »Äh!« wehrte er sie ärgerlich ab. Sie stiegen wieder mit einander zum Hofe empor. * * * Wenzels Glaube an die Verwirklichung seiner Pläne war erschüttert, seitdem Meicke sich auf dem Hofe wieder gezeigt hatte. An dessen Stelle kam eine geheime Furcht, eine Unrast in ihn. Manchmal saß er lange in der Stube auf einem Flecke und sann mit starren Augen, um dann mit einem Lachen aufzuspringen, einem höhnischen Lachen, wie es die Hoffnung in seine Seele geschrieen hatte, als sie ihn das letzte Mal besuchte in jener Nacht mit dem zitternden Lichte. Aber er lachte die Beklemmung nicht fort und die verschwundene Hoffnung nicht mehr herbei. Sie war noch da, aber er kannte sie nicht mehr wieder. Ihre Gestalt war verändert. Sie trug die Formen Marielas und rang gegen ihn. Er streckte tausend Gedanken nach ihr aus, tausend Gedanken, verzagende, schwache, aber inbrünstige und heiße. Nie aber schlangen sie sich in einander und tanzten, zu einer Kette verbunden, in seiner Seele. Nein, sie standen auf, wie wirre Haufen von Wandervögeln, sahen ihn mit ihren verlangenden Augen an und ehe er sie ordentlich erkannt, verflogen sie im Grau seines Kummers. »Bis dohar, is ganga oan nu solls oalle senn? Nu soll ich giehn, wejer em Hunde? – Es is, oals wenn mr die Lärche a Kop lar gebellt hätt, de Kurasche aus'm Leibe, doaß ich lieje, lar oan ausgenumma wie henderm Verschlaje.« – So sprach er in sich hinein, wenn er unterm Dache sich in seinem Bette herumwälzte, dessen Decke auf ihm brannte. Dann lag er wohl stundenlang ganz still und horchte hinaus in die Nacht. Er hatte das Bodenfenster aufgemacht, daß jedes Geräusch zu ihm hereindringe. Einst kam es wieder, das rauhe Knurren. Er hatte darauf gewartet, um ein Ende zu machen. Nun hörte er es, verhielt es ihm den Atem. Leise zog er den bereit liegenden Knüppel unter dem Bett hervor, schlich die Treppe hinunter und stürzte, einen Fluch schreiend, ins Freie. Aber Meicke mußte das Knarren des zurückgleitenden Riegels gehört haben, denn Wenzel sah ihn wie einen Schatten und konnte ihm nur den Knüttel nachwerfen, ohne ihn zu treffen. Der nächtliche Besuch des treuen Tieres wiederholte sich nun öfter. Aber nie traf Wenzel den Hund, mochte er es noch so schlau anstellen. Wenn er dann, von einem solchen nächtlichen Ausfall ärgerlich zurückgekehrt, wieder im Bett lag, hörte er aus der Ferne klägliches Geheul erschallen. Es war, als schrie sein Elend nach ihm und schauernd zog er die Decke über seine Ohren, um es nicht zu hören. Aber er nahm es doch mit allen Sinnen wahr; und immer war es Meicke, durch den das Verzagen über sein Inneres kam. – – * * * Er ruhte auf der harten Bank eines Straßengasthauses bei einem Glase Bier aus. »Du host en guda Hund,« trat die Wirtin zu ihm heran, »wenn a ach nie hibsch is.« Mit Anstrengung verbarg er seinen Schrecken und lächelte qualvoll: »Jo! jo! – haha!« und sah zum Fenster hinaus. Wahrhaftig, das stand das »Luder« draußen vor dem Pferde und sah mit seinen großen, braunen Augen sehnsüchtig an demselben hinauf. Dann ging er rund um den Wagen mit langsam-glücklichen Schritten. Ein Mann schritt vorüber. Sogleich fletschte der Hund drohend die Zähne. Darauf leckte er dem Gaul voll Zärtlichkeit den Schmutz von den Fesselhaaren. »Host de a Gewähre?« frug Wenzel tonlos. »Zu woas n?« »Weg muß doas Aas, ich war noch Unannehmlichkeit ufbrenga mit m. Kees derf virm Wäne borbei; glei beißt a.« »Nä, oan wenn ich eens hätt, zu dam gewiß nie.« Dann lief er hinaus. Aber der Hund war schon verschwunden. Wie rasend fuhr er von dannen. Aber als er im nächsten Gasthaus angekommen war und nach einer Weile wieder durchs Fenster sah, lag ein schwarzer, besudelter Ballen unter dem Geviert des Wagens: Meicke! abgetrieben, zum Skelett abgemagert, die Zunge hing aus seinem Maule und zitterte lechzend. Er floh, aber den Hund ward er nicht los! Wenn er im Walde von der Arbeit aufsah, bemerkte er ihn fern zwischen den Stämmen durchs Beerkraut schleichen. Im Felde tauchte er plötzlich aus einem weit abliegenden Graben auf, stutzte eine Weile, legte schmerzlich den Kopf auf die Seite und blickte sehnsüchtig einen Augenblick nach ihm hin. Darauf verschwand er in einem reifen Saatfelde. Lange sah man die Aehren wogen. Die Bewegung lief bis in die Mitte. Dann war alles wieder regungslos. Die Glut zitterte wieder einsam über der weiten Fläche, wie seine Seele bebte unter dem Lasten einer brennenden Angst. Das Mädchen, um deren Besitz er so litt, sah ihn leer von der Seite an. Er fühlte es, ein kalter Haß lag in diesen Augen. Ha! warum war er ein Esel gewesen in seiner Inbrunst, im zitternden Lichte, daß sie geflohen war? Hätte er nicht warten können, bis die Mutter sie ihm in die Arme führte? Was, äh, was lag ihm überhaupt an dem Mädel? Nichts! Ohne sie Eigentümer der Wirtschaft werden! Mit einem Stoß vor die Brust hätte er sie auf die Landstraße geworfen. Aber, das war ja Wahnsinn! – Er mußte das Mädchen sich geneigt machen. Wie das geschehen sollte, konnte er nicht heraus bekommen. Sein Fleiß, seine Anstelligkeit, seine Gabe lebhafter drastischer Erzählung, nichts hatte bisher genutzt. Als sie ein Kind war, hatte er sie übersehen. Nun zählte sie 18 Jahre und haßte ihn. Warum? – Sie sah in ihm den, der er war: den Räuber des häuslichen Glücks, den Zerstörer ihres Rufes; jenen, der das Heiligste besudelte, was ein Kind in seinem Herzen trägt, das Bild der Mutter. Allein sie war zu keusch, die sittliche Verkommenheit ihrer Mutter auch nur zu ahnen. Nur ein großes, grenzenloses Mitleid, das war ihr Abscheu. Im Fieber ihres blutjungen, heißen Grames hatte sie sich geschworen, lieber zu sterben, als Wenzel zu gestatten, sie auch nur zu berühren. So waren die Tiefen der traumhaften Welt, die in dem Busen ihrer Jugend blühte, Wenzel verschlossen. Er sah sich einer Macht gegenüber, der er nicht gewachsen war, da er sie nicht verstand. Liebe läßt sich nur durch Liebe erkämpfen. Diese aber war ihm kaum mehr als ein tierischer Aktus. Gewalt half nichts. Wie auch sollte er sie anwenden? O, dies verfluchte Kind! Und grübelnd arbeitete er; grübelnd schlief er; grübelnd saß er in Gesellschaft: alles war umsonst! Diese Ohnmacht zerfraß wie ein Gift das Gefüge seines Innern. Sein Fleiß erlahmte; seine Ehrlichkeit empfand er als Zwang; seine Sorge für das Wohl der Frau Stumpf als eine tölpelhafte Dummheit. Ruhlos umkreiste ihn der Hund. Er folgte nicht nur seinen Schritten; er lief hinter seinen Gedanken her; sein Bellen zerriß ihm jeden Plan; vor seinen Augen verkroch sich jeder Entschluß; er hetzte seine Willenskraft bis zur vollständigen Erschlaffung ab. Endlich traf ein, was er schon lange gefürchtet hatte. Der klare Herbst stand am Himmel und es war Haferernte. Auf den Stoppeln der Roggenfelder wehten die Spitzenschleier des Altweibersommers; über den Weiten lag wie eine regungslose Goldstaubwolke das Licht des Septembers. Wenzel stand hemdärmlig auf einem fast ganz abgeernteten Haferfelde, dessen eine Langseite bis an die Chaussee reichte. Die Arme auf den Kreuzbalken eines eingestoßenen Rechens gelegt, sah er einem geladenen Erntewagen nach, der langsam der Scheuer zu schwankte. Neben demselben schritt Frau Stumpf und wehte von Zeit zu Zeit mit der Peitsche, dahinter, bedachtsam im Gleise, ging das Mädchen. Er sollte, so war es bestimmt worden, noch schnell die wenigen Garben zusammentragen und dann eilig nachkommen, um beim Abladen des Wagens behilflich zu sein. Mit Unlust hatte er den ganzen Tag gearbeitet. Nun kam es ihm vor, als sei das ein ganz fremder Wagen den er dort sah, ein fremdes Feld auf dem er stand, als seien das fremde Leute, denen er umsonst arbeitete. Schon oft waren ihm solche Gedanken gekommen; aber er hatte sie nie Gewalt über sich gewinnen lassen. Mit kecker Faust vertrieb sie stets sein Mut: »Holla, oals Knecht gieh ich a mol ei de Kerche oan oals Herr komm ich wieder heem.« Aber dieser Ausruf war immer zaghafter geworden. Heute schwieg er ganz und mit bitterer Miene sah er dem Wagen nach, der im Lichtstaub der Ferne verschwamm. In seinem Innern gebar sich ein Gähnen, die dumpfe Schlaffheit des Mutlosen, das planlose Hinlullen einer Seele, die sich selbst verloren giebt. Alles abgeernet in seinem Leben, wie das Feld auf dem er stand! Andere fuhren die letzten Früchte seines Fleißes in ihre Scheuern, ihm blieben keimlose wurzeltote Stoppeln. Ha, was hatte er davon, daß man ihm mit mehr Achtung entgegentrat, da er einen ganzen Rock trug? Das war nichts, als ein eintöniges, zweckloses Hintraben. »Hul oals der Teifel!« Er trat den Rechen nieder, daß seine Zinken dumpf in den Boden schlugen, griff in die Westentasche, um sich zu vergewissern, ob er noch Geld bei sich trage, schob seine Mütze schief, hing sich die Jacke auf die linke Achsel und schritt pfeifend der Chaussee zu. Gut, heute wollte er, nach drei Jahren das erste mal wieder sehen, ob ihm der Schnaps noch schmecke. Drunten an der Scheuerecke stand Frau Stumpf und schrie nach ihm. Er lachte über die »Hexe« und schlenderte unbeirrt weiter. Das Weib rief lauter, daß es klang wie das Krähen eines heiseren Hahnes, »Kickricki«, höhnte er, »du best a Hahnla, ale Pletsche; oaber oam liebsta krehst de Obends, oan der Marja, ja der Marja . . . .« Ein alter Mann humpelte ihm entgegen. Der schleppte einen Karren hinter sich her und redete knurrend mit sich selbst, wie Einsame und Verkommene es immer thun. »Nu, Grieger, Aler, wie giehts?« »Der Angeredete schrak zusammen. Dann kroch sein Blick schüchtern an dem Frager empor. Da erkannte er ihn. »Nä, Jesses, Maria oan Joseph, best, best dus? – Ja, du, du kannst freen. Oaber ich . . . . nuch, mir giehts, wie a Schuta, naberm Wege: a jedes trett of mir rem. – Kee Brut, kee Geld, kee Holz, Kälde in a Knocha oan alle Klunkern ofm Leibe, Do getraut man sich nie zo freen: wie giehts. Du weßts woll nemme, wies ons armen Teifan gieht. Du host dich neigefrassa ei a Speck, wie a Maus.« »Nu ja, mir giehts woll, oan Geld hots . . . . haha . . . sieh oach Aler . . .« er ließ seine Münzen auf der flachen Hand vor den gierigen, trockenen Augen des Mannes funkeln. Nun er innerlich von seinem Ziele geschieden war, fühlte er das Bedürfnis, prahlerisch mit andern darüber zu sprechen. »Gelt, a su is, glupsch muß ma sein, tänzan, sich bieja, a Rock drehn, wie dr Wend pfeft. Griejer, so a orndlicher Moan is dr a elender Moan. Ihr arma Luder weßt goar nie, wie frei ihr seid.« »Wenzel, siehch oach, doas verstieh ich dr nie. Doas mag woll bloß ei enn komma, wenn ma soat ist. Larer Maja, Larer Kop.« Er schüttelte in stummer Trauer den Kopf. Dann ward seine Stimme tastend. »Wenzel, wellst mr, siehch oach, ich bin ganz . . . du weßt woll, ma friert inwendig . . . . gib mr a solches, weißes Dengla do« und zaghaft deutete er auf einen Zehnpfennig, »ich hoa heite noch keen verschluckt.« »Do nim dr oan griß mr oalle.« »Dank schien, dank schien, warsch ausrechta, jo, jo!« darauf humpelte er davon; aber es ging schneller, er hatte Eile. Das Leben, dem sich Wenzel in die Arme zu werfen im Begriff stand, war in seiner abschreckendsten Gestalt, einem alten Säufer, warnend vor ihm erschienen. Allein er hatte keinen Stolz, keinen Willen, kein Ehrgefühl, keine Hoffnung mehr, er war ein Verlorener. Gleichgiltig ging er unter den Bäumen der Chaussee dahin. Der Wind rüttele in ihnen und die ersten welken Blätter fielen auf seine Schultern. »Jo jo, s werd wieder Herbst«, dachte er und ging gleichmütig der Schenke zu. * * * Wenzel wußte, daß seine Herrschaft auf dem Hofe zuende war. Aber er löste den Griff nicht, mit welchem er die Alte an sich gefesselt hielt. Freiwillig, das stand fest, ging er nicht. Nur der Gewalt wollte er weichen. Aber dann, man sollte nur kommen, er würde ihnen weisen, was für gesunde Zähne er habe. Und das Eseln und Buckeln, das Schaffen bis spät in die Nacht hörte auf. Er ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Dann stieg er aus dem Bett und frühstückte gemächlich. Die Arbeit verrichtete er zum Zeitvertreib. Am liebsten fuhr er auf dem Wagen umher, kaufte und verkaufte, was ihm vorkam. Den Verdienst und noch etwas darüber schüttete er, anstatt in die Lade der Alten, in seine Tasche. Als Frau Stumpf sich drüber verwunderte, zuckte er mit den Achseln und meinte: »Jach, de andern hoan mrsch oabgeguckt oan macha mrsch etz anoch; do mählts halt schwächer.« – Nie war er um eine Ausflucht verlegen, sein Treiben zu entschuldigen. Kam er spät aus dem Gasthause heim, so hatte er auf säumige Schuldner so lange warten müssen. War er trunken, was nun auch öfter vorkam, dann hatten ihm die anderen unbemerkt Schnaps ins Bier gegossen und er fluchte lallend über die Lumpen. Bald faullenzte er bis zum Mittage, verlangte besseres Essen, da er alles verdiene und kleidete sich wie ein Städter. Frau Stumpf sah voll Aerger die Veränderung im Wesen ihres Kebsmannes. Da dieser aber so raffiniert war, die Wollust in ihr rege zu halten, so fügte sie sich, wenn auch mit Unbehagen und suchte zu ihrem Troste nach Entschuldigungen für sein Treiben. Sie brauchte diese nicht nur zu ihrem Frieden, sondern auch zur Beruhigung ihrer Tochter, deren Mißvergnügen mit der loddrigen Wirtschaft sich immer schroffer und beißender äußerte. »Siehch och, Mariela, man muß de Geduld nie verliern. Denk bloß, was ich mir die Jahre, wo Wenzel da is, erspart hab, 500 Thaler langen lange nie. De Mannesleite sein halt aus am andern Sticke geschnitzt wie mir. Se habn manchmal a tomb Fleckl. Wenn, uns is dernach verbei, da sein se wieder forsch und fleißig wie sonste.« »Ja, ja, das vom tomm'a Fleckl das wil ich nie streiten; aber s hat ach Weibsbilder, die, scheint mirs, ganz verwirrt sein.« Bitter lachend ging sie weg und Thränen stürzten aus ihren Augen. * * * Einst kam Wenzel gegen Abend heim, eine Flinte auf seinem Rücken und Meicke neben ihm, scheu an sein Bein geschmiegt. Mutter und Tochter sahen sprachlos, erstaunt zu ihm empor. Die Alte fand zuerst Worte: »Na was sol denn das wieder sein?« und deutete auf die Flinte. »Nuch«, platzte Wenzel lachend heraus, »ich gieh hald etzt of a Oastand.« »Jaaa! zu was is denn das gutt?« frug der verhaltene Grimm weiter. »Nuch, wellst du dr etwan de Soote ganz frassa lon. Siehch dr sche oa, wie a Berschte stieht se do. Oan zom Friehjoahre hoan se de Riehe oan Hoasa de Hälfte gefrassa, oan woas se nie zwenga zertrampeln se. Do is do s eefachste, ma knoollt se weg.« Frau Stumpf sah ihn an und da es ihrer Eitelkeit schmeichelte, daß ihr »Wirtschafter« es wagte, wie ein »Großpauer« auf die Jagd zu gehen, war sie still und begnügte sich, etwas von einem »verrückten Kerle« zu murmeln. Marie hatte mit zu Boden glimmenden Augen und angehaltenem Atem der Verhandlung zugehört. Als sie nun ihre Mutter schweigen hörte und aufschauend, noch Befriedigung auf ihrem Gesichte lesen mußte, verlor sie jede Beherrschung ihres Hasses, sprang auf, griff einen Besen und stürzte sich auf Meicke, der, die Zähne fletschend nach der Thür retirierte: »Is das Luder auch wieder da?« »A Basm weg, dr Hund bleibt do, dar is meine!« »Der Hund? – do blein? – raus! – der starr ja vir Leisen!« und mutig hieb das zornige Mädchen auf das Tier ein, das an diesem wildfremden Orte seinen Mut nicht fand, sondern mit dem Kopf gegen die Wand, im Thürwinkel stand und reichlich niedersausenden Schläge mit ängstlichem Knurren beantwortete. In grimmiger Unentschlossenheit sah Wenzel eine Weile zu, dann aber schrie er, bleich vor Wut: »Nu is genug! So a treies Tier, a su haun. Weg, oder ich hetze.« Aber das Mädchen hörte nicht. »Meicke, alla . . . faß! . . . faß!!« Heulend fährt er herum, schnell wie der Blitz und wühlt seinen plumpen Kopf in die Kleider seiner Peinigerin, daß es reißt und platzt. Die Weiber schreien vor Schreck auf und Wenzel pfeift den Hund ab. Dieser kommt sofort herbei und stellt sich neben ihn. Seine Augen funkeln grün, die Haare stehen auf seinem Rücken steif wie Borsten, kampfbereit wendet er den Kopf von der Mutter zur Tochter und wieder zurück. So stehen die beiden Eindringlinge in offener Feindseligkeit den Besitzern des Hauses gegenüber. – Bohrend und kalkbleich im Gesichte, schaut Marie, furchtsam in die Ecke hinter den Tisch gedrückt, zu Boden. Dann hebt sie die Augen in unendlich qualvoller Demut und sieht die Mutter an, lange, stumm, bitter. Die aber wagt, im Bann des Mannes stehend nichts zu sagen. »Is das noch unse Haus . . . du . . . du . . . du . . .?« haucht das arme Mädchen mit versagender Stimme, die ruckweise unter dem aufquellenden Schmerze erstirbt. Dann reift ihr die Scham die Hände vor die Augen – so eilt sie hinaus. * * * Der Hund blieb also da, weil, wie Wenzel der allzugläubigen Alten auseinander gesetzt hatte, er zur Jagd notwendig sei. »Denn a Jäger ohne Hund is wie a Fisch ohne Schwanz.« Er folgte seinem Herrn auf Schritt und Tritt, lag nachts vor dessen Kammer und trabte auf Handelsfahrten geschickt zwischen den Vorderrädern des Wagens. Nie mehr sah man Wenzel ohne den Hund, dessen Verstand und Treue er nicht genug loben konnte. Wie er aber dazu gekommen war, sich seiner wieder anzunehmen – sagte er niemand. Das war so zugegangen: Der Rausch hatte ihn aus dem Gasthaus auf die Straße geschleudert. Unsicher, wankend war er dahingegangen, seiner Wohnung zu. Seine Beine summten plötzlich stark, immer stärker. Sie werden schwer, immer schwerer. Er erhebt sie nicht mehr und stürzt quer über den Weg hin, im Fall schon schlafend. Plötzlich fühlt er sich gerissen. An seinem Arm zerrt es, gellend heult's ihm in die Ohren. Nun fühlt er einen Stich im Arme. Da fährt er auf. Wo ist er? Winselnd zieht ein schwarzer Hund seinen Fang aus dem Muskel des Oberarmes. Er will fluchen. Auf einmal kollerts im harten Wege; ein Donnern, Rasseln rollt näher, daß alles zittert. Der Schreck reißt ihm den Kopf herauf. Zwei Lichter flackern droben vor ihm . . . . . Teufel, ein Wagen! . . . . die Pferde schnauben! . . . . ein wilder Seitensprung in Todesangst . . . kopfüber stürzt er in den Graben und ist gerettet. Sein Rausch ist wie weggeblasen. Der Hund aber leckt ihm das Blut von der Hand, das aus der Wunde des Armes herabträufelt. Da reißt er den häßlichen Kopf zu sich herauf und drückt einen heißen Kuß in die stinkenden Zotteln. Es ist die inbrünstige Abbitte für alles, was er ihm angethan. Nie mehr kommt er von seinen Fersen weg, denn er hat ihm ja das Leben gerettet. – – * * * Darnach fiel der Winter aus dem toten Himmel auf die tote Erde. Er stürzte herunter wie ein Wüterich, in jeder Faust einen Sturm. Und als er die beiden Fäuste öffnete und die Stürme frei ließ, da schien die Welt verloren: Peitschende, beißende Schneewolken gingen nieder, die Wälder donnerten, die Schindeldächer knarrten, die schutzlosen Sträucher auf dem Felde lagen vor ihm auf den Knieen und flehten ihn um Gnade an; die mitleidigen Sterne aber schlossen vor Grauen ihre schönen, tiefen Augen als das Unwetter losbrach. Am andern Morgen, als die kranke Sonne mühsam und fröstelnd aufstand und das Unheil sah, das ihrer lieben Erde über Nacht geschehen, ward ihr Gesicht noch bleicher. Die Leute aber sprachen: »Heite wils goar nie Marja warn.« – Ja, nun kam die Folge jener langen, öden Dämmerungen; die sich Wintertage nennen. Brach ja das Licht einmal voll über die lastenden Berge, über die weite Ebene, so schlossen die Menschen die Augen, denn der frierende Sonnenschein that ihnen wehe. Aufatmend kehren die Leute solchen Tagen den Rücken und flüchten durch die niedrigen Thüren an den warmen Ofen in das schummrige Licht der Stuben. Dort reden sie mit leiser, schläfriger Stimme von ihrem Hoffen zu einander. Frau Stumpf und Marie saßen an einem solchen Abende auch am Tisch, und man sah ihren Mienen das Behagen an, allein zu sein. Die Alte saß an der Wand und schliß Federn, Marie, ihr gegenüber, strickte. Mehrere mal ließ das Mädchen den Strickstrumpf sinken und blickte ihre Mutter an, wie man in ein Buch sinnt, das einen unverständlichen Inhalt hat. Die Mutter aber senkte die Augen vor dem Blick und zupfte eifriger an den Federn. Dann ward ihr das Schauen des Mädchens unbequem und sie sagte, ohne aufzublicken: »Was siehst'n immerfort riber of mich!« »Ach, ich sann bloß.« »Was du?« »Wie lange werd'n dr Wenter dauern?« »Nu, a zeitliches Frihjahr macht nen kurzn Wenter.« »Gellock, Mutter, wenn de Leite a Wenter machen mißten, da wär keener.« »Nu . . . . nä . . .« »Hast du a Wenter gerne: man sieht nischt, kenn Himmel, kee Sonne, kee Grin, kee Blimel . . . . un man kan sich nie helfn, wenns em ach noch a su bange thut . . . hast du a Wenter gerne?« »Nä, Mariela . . . . näha . . .« »Oh, ich hattn a mal gerne. Und wenn der Schnie kam, warsch, as wenns sang ei mem Härze . . . aber etze, ich säh of keen Schnie, ei keen Pusch, wenn er ach noch a su schien is vom Oaraume. Bloß wie ich n kommen härte vergangne Nacht, daß das Gesärre krachte virm Soarme, da wur mir a su Angst, a su Angst, ich kans gar nie sän . . . . . un ich dochte immer bloß: nä, wenn dich där Wend nehm, un triech dich fat, weit, a su weit, daß de a Schnieberg nie meh sähst. Das docht' ich un, ich weß nie, das gieht den ganze Tag mit mr . . . . . un verlett mich nie, das »fat iber alle Berge«.« – »Ja, du mächst giehn, aach ohne mich?« »Nä, Mutter, ohne dich nie. Aber du thust mr a su läd, ach liebstes Mitterla, Mitterla,« und sie warf sich der Mutter weinend an den Hals. Die aber erschauerte unter der Umarmung wie unter einer Anklage. »Gieh, gieh! du stößt mr de Federn under einander. – – – – Ich weß nie, was iber dich kemmt?!« und zitternd schob sie ihre Tochter von sich. Traurig ging das Mädchen an seinen Platz. Es sah starr auf ihr Strickzeug. Die Thränen liefen stumm über ihre Wangen und verstohlen wischte sie dieselben mit eiligen Fingern ab. Das Feuer schluchzte im Ofen. Dann war es, als wimmere etwas. »Der Feiermann sengt! – – Was bedett das Mutter, Glecke oder Unglecke?« »Ich weß nie,« »Das soll eene arme Seele senn, die sich nie hälfn kan, un a su häßlich thutt, daß sich de Leite derbarmen über sie.« »Här uf, Mädl, s werd em andlich weech.« So rührte das Kind, denn ein Kind war es, trotz seiner 18 Jahre, mit traumhaften Worten rastlos an der mütterlichen Seele, so daß sich das Weib verachtete in ihrem Herzen. Als habe Marie die Gedanken ihres Innern gelesen, begann sie: »Wo a su lange bleit?« »Nu, a werd ofm Oastande senn.« »Derschisst sich da nie mancher aus Versähn?« »Ach nu . . . . aber, das is Unglecke.« »A Unglecke? . . . . verleicht sang dr Feiermann daswejn vrhinn su erbärmlich.« Wenn es wäre, wenn sie ihn nicht mehr sähe, den sie in schmerzvoller Wollust, zornröchelnder Brunst verfluchte, dann, oh, dann würde alles noch einmal gut! – Das dachte die Mutter; nein, es kam über sie wie ein weinendes, heißes Gebet, daß sie schwieg und ihre Tochter mit sehnsuchtsgroßen Augen ansah. »Horch, Fipsl bellt; etz kemmt a!« »Wie spät ist n?« »Halb zwelfe.« »Halb zwelfe«, wiederholte die Mutter grimmig. Auf das pfeifende Bellen des kleinen Wächters draußen fuhr das bekannte, tiefe Knurren los. Zwischen dem Hundegebell hörte man schiebende, taumelnde Schritte. Tastend griff es an der Wand unter den Fenstern hin. Nun hielt es an der Thür. Dann stieß und arbeitete es daran herum. Frau Stumpf stand auf, um zu öffnen. »Mutter!« – Das Mädchen sagte das eine Wort, nur das eine, aber mit einem solchen Abscheu, so schwer, daß das Weib aus der Hypnose der Wollust erwachte und willig auf ihren Platz zurückkehrte. Dort saß sie regungslos und wagte nicht mehr, ihre Augen emporzuheben. Indeß war die Thür aufgeflogen. Wenzel fluchte und lachte durcheinander. Vor dem Eingange der Stube hielt er. »Hier Meicke, komm her. Hier bin ich Herr. War dich oariehrt, den schieß ich iber a Haufa, ha ha, verfl . . .« Dann war es eine Weile ganz still. Er überlegte offenbar, ob er in die Stube gehen solle, oder nicht und entschied sich nach einigem Besinnen für das letztere. »Wie sprecht dr Hund, Meicke, wie . . . . wie . . . wie!! . . . sprecht . . . dr Hun . . . d?« Das Tier bellte scharf. »Holla, aler Karle! doas hoan mr goar nie netich, nä, mir braucha nie neigehn, mir senn de Herrn, ich oan du, denn mr hoan Kurasche, haha!« Dann polterte er die Stiege empor. Frau Stumpf zitterte und es war, als krümme sich ihre Seele vor dem Auge der Tochter, das breit und klar auf ihr ruhte. Aber ihr Mund brachte kein Wort hervor, denn sie schämte sich so tief, so tief. Darauf reichten sich die beiden zum »Gute Nachtgruß« die Hände. Keines sprach ein Wort. Der Druck ihrer Finger war welk, kalt und hoffnungslos. * * * So legte sich Frau Stumpf schlafen, so stand sie auf: in Hoffnungslosigkeit. Nach Tagen war es ein Grauen. Wie mit abgewandtem Auge sah ihr Sinnen auf ihr Verhältnis zu Wenzel. Sie scheute sich, scharf richtend daran zu rühren. Denn in der Ferne ihrer verkümmerten Seele saß drohend eine Furcht. Und wenn sie sich aufrichtete, das Weib, das von ihrem Laster gepeinigt wurde, und in gerechtem Haß den, nun ja, Lumpen über die Schwelle stieß, dann würde all ihre Vergangenheit aufwachen, alle Sünden, die unter dem Moder immer neuer Vergehungen verscharrt lagen und sie fühlte, daß sie sich mit ihrem ganzen vergangenen Dasein auseinander setzen mußte nach einem neuen Geiste, der in sie gekommen war. Dazu hatte sie keine Kraft, darum fürchtete sie sich. Nach und nach war der neue Geist in sie gekommen. Jene Nacht, da sie die Inbrunst aus dem zitternden, blauen Lichte in sich getrunken, jene Nacht hatte sie Keime geboren. Langsam, unfühlbar war er herangewachsen. Manchmal schien er gestorben, oder ausgewandert zu sein. Dann sog sie mit wachen Augen wieder an den Feuerbrünsten der Wollust. Doch, oft mitten im Stammeln der Sünde, war er wieder da. Sie aber ward sehend. Ihr flutender Leib sank zurück. Das Lallen der Leidenschaft ging in einen wunden Aufschrei über, so daß der Mann erschreckt von ihrem Lager floh und sie allein ließ mit ihrem stoßenden Weinen. Als ihr Ekel das Herz gesäubert hatte, siedelte sich der neue Geist dauernd darin an und nahm Wohnung daselbst. Wenn dann aus dem Glimmern der wilde Drang steigen wollte; erhob er sich und leise fuhr er mit reiner Schwinge durch sie hin. Und – – sie ließ das Lid über ihren lodernden Blick fallen und die Hand auf ihr schlagendes Herz, bis ihr Atem wieder regelmäßig ging im Zügel klarer Besinnung. Nach jeder sieghaften Ueberwindung eines solchen Anfalles kam ein immer stärkeres Wohlgefühl über sie, eine stärkere Stille. Ein friedliches Licht wohnte in den Wunden ihrer Seele, daß sie selig lächeln mußte. »Mutter, wenn de a su lachst, best de gar nie wie a Weib,« sagte dann ihre Tochter zu ihr. »Wie dn do?« frug sie glücklich. »Nu, nu, wie sol ich och sän, wie – a – Kend, das des erschte Bliml fendt ei seim Läben, a su beste.« »Nu da, da,« und sie wandte sich rasch ab und arbeitete weiter mit bebenden Händen, weil sie denken mußte, etwas verloren zu haben, was unendlich schön und süß gewesen sein müsse. Dann kam sie tagelang davon nicht los und es lag ein Rücksehnen in ihr, ein schweres, wehmutvolles Traumsinnen. Sie hatte etwas Herrliches eingebüßt, ehe sie es besessen. Was es war, konnte sie nicht finden. Nur eine starke, tiefe, dauernde Abneigung gegen Wenzel bildete sich auf geheimnisvolle Weise aus ihrem Grübeln. Nicht nur aus ihrem Grübeln allein, auch aus der schroffen Weise, wie Marie dem Eindringling entgegentrat, aus ihren harten Worten, ihren verachtungsvollen Blicken. Ja und nach und nach, je öfter sie auf ihre Tochter schaute, besonders, wenn deren große Augen frei lachten in einem friedetiefen, glücklichen Schimmer, ward es wie ein Dämmern in ihr wach, daß jenes Verlorene solche Blicke besessen haben müsse. Sie ward traurig darüber und mied jede Berührung mit Wenzel; denn sie erkannte, daß das Verhältnis zu ihm das letzte Glied einer Kette sei, mit welcher sie in der zurückliegenden Ferne ihres Lebens jenes Schöne erwürgt hatte. So ward sie dem Sein wiedergeboren in Gram und Selbstpeinigung, unter Zittern und großem, verschwiegenem Sehnen, aus einem Leben, das von dumpfem Stroh aufgetaumelt, zwischen Gräbern und Winkeln hingeirrt und endlich mit den Ersparnissen des Lasters hierher geflüchtet war, um in Behaglichkeit den Bodenrest aus dem Kelche der Wollust zu genießen. Das war also der neue Geist, eine Qual, eine schwere, schwarze Wolke um ihre Seele. Aber draußen, weit, wo die lichtschwachen Umrisse der Inseln ihrer Jugend aufdämmerten, stand es und winkte, stumm, schön, unendlich süß – ein Engel, eine Sonne, ein Frühling, das wußte sie? – und sie breitete die Arme darnach aus über die Sumpfschatten ihres Lebens hinweg. * * * Wenzel wußte nicht, was in der Alten vorging. Er sah nur ihr verändertes Wesen. Wie in der Flucht schob sie nun stets an ihm vorüber. Während der gemeinsamen Mahlzeiten saß sie stumm da, selten selbst mit ihrer Tochter ein Wort wechselnd. Mit seinen Besuchen in ihrer Schlafkammer war es längst vorbei, und ihre Augen waren immer so still, kalt und sicher, ihr Mund so ernst und wortkarg, daß ihm stets die Lust zu zweideutigen Späßen verging, obgleich seine Schlauheit ihm schon hundertmal geraten hatte, »Oel of de Loampe zo gissa.« Langsam, aber sicher ward er aus seiner herrischen Stellung in die eines Knechtes gedrängt. Seine Ausschweifungen, die Vernachlässigung der Arbeit, die Schießerei übersah man. Man wollte, das redete ihm sein scharfäugiges Mißtrauen ein, ihn in dem Gefühl der Sicherheit nicht stören, um desto ungehinderter und gründlicher alle Vorbereitungen zur endlichen Scheidung zu treffen. Er sah ja alles, genau zum Greifen: die früher ununterbrochenen Reibereien zwischen Mutter und Tochter hatten ganz aufgehört. Die wirtschaftlichen Maßnahmen wurden zwischen den beiden besprochen. Ihm übertrug man kurz und bestimmt die Ausführungen derselben. Am 2. Januar, dem »Sterztage«, d.h. Umzugstage der Dienstboten, wurde er von Frau Stumpf ersucht, nach dem Frühstück etwas zu warten. Marie schickte sie hinaus. Er wollte sich vertraulich auf die Bank neben sie setzen. »Gieh und setz dich of de Bank nieber; ich muß glei wieder uffstiehn.« »Wie de wellst!« fügte er sich mit kochendem Lachen. »Ofs Friehjahre werds vier Jahre, daß de bein mr best,« fuhr sie fort, ohne auf dasselbe zu achten. Sie sprach schwach, bebend, mit einer zitternden Entschlossenheit. »Du hast bis etz nischt gekriejt, wie die Kleedung uns Essen. Ich mag das nemme. Denn du bist a . . . techticher, klujer un, un a guder Mensch. Du best mr enne Stetze gewäst . . .« ». . . gewäst . .« wiederholte er und pfiff leise über seine herabhängende Unterlippe. »Gewäst,« nickte sie bestimmt. »Bettelleite lon sich was schenkn, ich nie. Wellste fr Luhn dableibn is gutt, wenn nie, thutt mrsch leed. Da mußt de halt zom 1. April ziehn.« Das hatte er nicht erwartet. Er stützte den Kopf auf seine linke Hand, schob sich so ein Stück auf dem Tisch hin und schleifte sein tonloses »du, du doas« in hilflosem Grimm heraus. Dann sprang er toll auf. »Meicke!« Der Hund stellte sich neben ihn. So trat er vor sie hin, drohend und seine Unterlippe schlotterte. »Sä mr ees, Kathrine . . .« »Stumpf«, unterbrach sie ihn. »Egal! – woas is doas?« »A Hund,« lachte sie gezwungen. »Nä, a Luder is! – Denn warum is ees?« Sie zuckte angstvoll mit den Achseln und sah nach der Thür. »Werd nischt, haha, doa bleist de.« Eilig riegelte er die Thür zu und kehrte zurück. »Warum? – soll ich drsch sän? – Weil ich a trata koan, stoßa, of a spein, naus schmeißa, woas ich wil oan nischt derf a macha, nä. Des wejen is a Luder,« und er hat sich gebeugt vor ihr und schüttelt ganz nahe vor ihr sein bleiches Gesicht. Dann schleuderte er sich in die Höhe und lief bis mitten in die Stube, wo er mit einem Ruck stehen blieb, in eine Ecke lachte und nach einigem Sinnen wieder zurückkehrte. »Wie sprecht dr Hund?« Es war, als habe sich die Wut des Herrn auf Meicke übertragen. Er sprang auf, fegte mit seinen Hinterläufen scharrend auf den Dielen und gab jenen vibirierend scharfen Laut von sich, der dem Pfeifen einer Flintenkugel gleicht. Wenzel nickte zufrieden. »Oan woas is doas?« frug er kalt und tonlos. Das Weib wagte nicht mehr, sich zu rühren. »Gellock, do droa host de nie gedocht, nä, nä. Siehst de, ich war drsch sän: Hetz doos Luder oan a zerreßt dich!« Sie hatte ihn nur allzu gut verstanden und saß wie betäubt da. »Oan un komm noch a mol oan free mich: Wellste de Luhn? – Doas is, oals wenn ich sprech: Meicke, alla faß!!« – Der Hund machte ernst, stieg auf den Hinterläufen in die Höh und wartete mit lodernden Augen auf einen zweiten Zuruf, um sich auf das zusammengesunkene Weib stürzen zu können. Wenzel aber beruhigte ihn liebkosend und ging dann mit starken Schritten aus der Stube, ohne sich noch einmal umzublicken. * * * Umsonst! So kam sie nie über die Trümmerfelder nach der winkenden Ferne. Keinen Ausweg! Wie unter der Dumpfheit eines Schlages ging sie hin. Ihr Denken war ein Schrei. Unruhig bewegte sie sich umher, voller Geschäftigkeit und doch griff sie nichts mehr recht an. Vor jeder Arbeit hatte sie die Empfindung, daß sie vorher noch etwas thun müsse. Verzagend rang sie nach dem Segnenden. Allein sie fand es doch, nachdem sie wochenlang gewartet hatte. Hinter der Scheuer war es, wo eine schmale Wiese lag. Die Mittagssonne schien scharf und der Schnee glitzerte. Vor ihr stand ein Kasten mit Asche. Sie hatte die Schaufel hineingestoßen und hielt inne, denn ihr fiel wieder ein, daß sie erst etwas thun müsse: und weil sie es wieder nicht herausbekommen konnte, sah sie leer und trübe in den Winter. Drüber führte die Straße hin; einsam, winterlichöde. Nur ein Knabe ging darauf. Er hatte wohl in der Schule nachsitzen müssen und lief darum, daß man das Schulzeug in seinem Holztornister klappern hörte. Die Wälder bewegten sich nicht. Es war lautlos still. Da hub eine ferne Glocke an zu läuten, rein, süß, lieblich, wie eine kindliche Bitte, eine weiche, schmeichelnde Mahnung. Und andere Glocken, ganz weite mit verschleiertem Laut; ganz nahe, mit schütterndem Schlag, wiederholten, was jene erste gesungen hatte. Das Knäblein auf dem Wege, wie es die Lüfte mit den Erzzungen der Glocken sprechen hörte, stand still im Lauf, nahm die Mätze ab, versteckte seine Händchen darunter und betete. Das Weib neben dem Kasten sank auch in die Knie; denn der Geist der Jugend hatte endlich den Weg zu ihr gefunden und ihre Seele gesegnet. Worauf sie so lange gewartet hatte, das war endlich eingetroffen. Sie konnte wieder beten. Nachdem sie eine Weile so träumend hingeschaut, richtete sie sich straff auf und warf in kräftigen Schwüngen die Asche über den glitzernden Schnee, damit aus dem Eise die Blumen des Lenzes erwachsen möchten. * * * In glücklicher Stille ging ihr Tag vorüber. Sie war froh, als nach dem Abendbrot Marie gleich das Bett aufsuchte, weil sie sich nicht ganz wohl fühlte. Denn das Weib hatte nun eine Sehnsucht nach sich und wollte allein sein. Aber Wenzel zog sie in allerhand Gespräche, um sie noch länger aufzuhalten. Dabei sah er sie oft so starr an. Eben wollte sie aufstehn, um an ihm vorbei in den Schlafraum zu huschen, als er sie am Handgelenk faßt und rauh zurückhielt. »Wart a mol, ich muß dr woas sän.« Dann sann er eine Weile gegen den Boden, schüttelte ein paar mal den gesenkten Kopf und murmelte etwas Unverständliches. »Sags un gieh,« drängte das Weib. »Doas noatz dich a nischt, ree – goar – nischt,« kam es endlich breit, langsam und grimmig-bitter über seine Lippen. Dann wartete er eine Weile, ohne seine Augen zu erheben. »Aber das Weib frug nicht und aus tiefem Sinnen heraus, mehr zu sich, sprach er hohl weiter. »Doas beim Koasta – zoam Mettiche – doarch de Glocka . . . . denn ich trau dr nemme – Wo de giehst bin ich . . . . wo de stiehst, laur ich . . . kee Schrit ohne mich . . . . s Weib kniet, wenn se bat't, dr Moan bleit setza . . . . s is doasselbe, denn doas Inwendige hebt de Hände ei de Hieh . . . . . s is doasselbe oan noatzt nischt, goar nischt – nischt.!« Sein peinigender Atem rauschte in eine lange Stille. »Meicke, komm!« Der tiefe Ernst der Stimme bedrückte den Hund so sehr, daß er auf dem Bauch herbeikroch. »Kathrine fiehl do a Recka, de Bäne, de Riba.« Mit Widerstreben that es das Weib. »Siehch, oalls zerschlän, kroamm, narbich . . . oh, wie hot dar ausgesahn!« Und wilder werdend: »Oan mei Hände hoan a gepackt, gewergt, geboja zoam Brecha . . . . ich wollde a Ende macha met mem Elende, met a Menschern, m Schnoapse – – – Gebat't hoa ich, gebat't hoa ich zoa jem druba, groade wie du – – –.« Dann wies er auf den Hund: »A fluch ei de Nacht, a heilte oan verschwoand – – – wie leichte woar mr doa, wie leichte! – Denn doas ist kee Hund, doas is a Teifel, oalls woas der Mensch verflucha muß, wenns m gutt giehn sol, is dar Hund, mei Unglecke . . . . hach! – Oober siehste de, doas noatzt doch oalls nischt, doas Hände iberm Koppe zusammaschlon, nischt – goar – nischt! – da stieht a wieder oan sieht mich oa – oan oalls is aus mr wieder raus, woas de ei em labt, wie dr Vojel ei der Loft . . . oalls, oalls. – Oan doas sät a Moan, a Bam . . . du oaber best wie a Schwippla . . . . Gieh oan bat, s noatzt nischt, nischt, nischt . . .« und während er das Wort dreimal sprach, ließ er sie los und wankte, ohne den Kopf zu erheben, hinaus. Dem Weib kam es vor als sei er zusammengeschrumpft. * * * Dieses Vorkommnis würgte ihre Hoffnung bis zur Besinnungslosigkeit. Sie saß in der Kirche . . . . sie kniete vor dem Bildstock im Walde, vor dem Kreuz auf dem Felde – – – – sie sprach durch das Gitter des Beichtstuhles mit bleicher, zitternder Lippe: – – Die Glocken klangen; der Wald rauschte feierlich; das Gewölk des Himmels neigte sich ihr gnädig; die freundliche Stimme des Paters verhieß ihr Vergebung . . . . . . . . . . und . . . es war doch umsonst. Sie brachte es nicht vor den Ohren weg, aus der Seele heraus, jenes verzweiflungsvolle, hohle: nischt, nischt, nischt. Umsonst: – – – * * * Indessen ward es draußen Frühjahr. Das Weib sah es nicht eher bis die Staare auf den Bäumen sangen und ging durch den jungen Sonnenschein mit ihrem alten Kummer. – Aber Marie jubelte in das Licht. Denn in ihr war ein anderer Frühling aufgewacht. Ihre sonst so leeren Augen leuchteten lebendig. Aber wenn sie in dem tiefen Dämmern des Abends vorsichtig wieder hereinschlich in die Stube aus den Schatten des Gartens, dann glommen sie Feuer und ihre Lippe war feucht und schwellend rot vom heimlichen Trank erster Liebe. Doch die Mutter ward nichts gewahr. Bloß einmal fiel ihr der Schimmer in den Augen ihrer Tochter auf. Sie blieb stehen und träumte in das reine Licht hinein und dachte in tiefer Wehmut an das Schöne, das sie verloren, ehe sie es besessen. Denn ausgemergelt von der Lust des Fleisches, abgehetzt von einem gierenden Willen, hatte sie die Kraft zur reinlichen Scheidung verloren und wandelte an der Grenze des Guten, eine Somnambule der Reinheit. Ein Paar Augen aber sahen hell, weil sie durch das Brennglas der Eifersucht alles betrachteten. Nichts entging ihnen. Sie bemerkten sogar jeden Abend den Schatten eines Mannes fortwandeln aus dem Garten in das mondbeglänzte Feld hinaus und schlossen sich dann fest, weil das kochende Blut in sie schoß, daß sie schmerzten. Nur ein Paar Augen sahen hell und Wenzel fluchte ihnen, weil es seine eigenen waren und verwünschte alles, was sie sahen. Aber er konnte es doch nicht ändern. Und wenn er sie aus den Höhlen, unter der arbeitenden Stirn sich herausgerissen hätte, diese glühenden Kohlen, der Zauber wäre nicht zerstört worden, der allabendlich in süßer Heimlichkeit träumte, dort in dem durchsichtigen Schatten der Bäume. Er ging leise umher, scheu. Seine Sohlen schlürften über den Boden. Er fürchtete, scharf aufzutreten. Der Haß hatte seine Brust mit entschlossenen Anschlägen gefüllt, von denen jeder einer Mine mit trockenem Zunder glich. Nur ein Funke durfte dahineinfallen, in das vielfach unterwühlte Innere und der Zündstoff entlud sich in wilder That. Doch es war ihm bange vor dem Funken, denn er wußte, dann war es mit allem vorbei, mit allem, auch mit seinem Leben. Darum ging er so leise, so vorsichtig, um sein wildes Ich nicht zu wecken zu jäh hinstoßendem Aufsprung. Knirschend riß er Meicke zurück, der treu neben ihm lauerte, unruhig trat und vor Ungeduld winselte, wenn die beiden jungen Menschen im Rausch des Glücks sich leise rührten. Jeden Abend stahl Wenzel dem davonschleichenden Mädchen sich nach und kauerte hinter dem Holzstoß der Scheuer sich nieder. Jeden Abend schwor er sich, auf die beiden loszustürmen. Aber immer lag die Eifersucht dann wie eine fiebernde Betäubung über ihm hin, daß seine Augen nur unter den eingepreßten Lippen unzusammenhängende Worte der Rachsucht murmelten. An einem Sonntage im Mai entzündete ein Funke die lauernde Glut seines Innern. Das Essen war eingenommen. Die gereinigten Geschirre standen wieder im Topfbrett. Wenzel war gleich nach eingenommener Mahlzeit auf den Boden gegangen um zu schlafen, wie er, mit einem scharfen Blick nach Marie hin, gesagt hatte. Mutter und Tochter saßen auf der Bank beisammen und thaten, was im Mai das einzige ist, sie schauten hinaus. Die Fenster standen offen. Sonnenschein, Finkenjubel und Blütenduft quollen herein. Frau Stumpf fuhr sich über die Stirn, um etwas wegzuwischen aus ihren Gedanken; aber sie blieb doch bleich und bekümmert. Das Mädchen aber atmete heiß dem Glück der Erde draußen entgegen. »Gieh, Mädl, ich wil a wing ruhn; gieh du ei a Gartn und seng, ich härsch a su gerne, wenn a junges Mädle sengt.« Marie hüpfte hinaus und bald erklang ein einfaches Schullied in die verträumt rauschenden Blütendächer des Baumgartens. Aber nicht lange so riß ihr Lebensschwung die Schranken des Taktes nieder. Die Stimme des Mädchens schwelgte, die Worte des Liedes und sein artig wandelnder Rhythmus wurden zum Jubel, in den sich verlangende Jauchzer mischten. Der Gesang war zu einem Sehnsuchtsruf der Liebe geworden. Die Mutter in der Stube stützte den Kopf in die Hände und hörte eine Weile zu. Als das Fluten und taktlose Schwelgen begann, ward sie verstimmt: »Was das sein sol? Da werd ja kee Mensch nie gescheit.« – Dann legte sie sich auf die harte Bank, die Hand unter dem Kopfe und ein summender Schlaf begann. Plötzlich war es ihr, als erhalte sie einen Stoß gegen das Herz. In Angst stockt ihr Atem und mit einem Ruck sitzt sie aufrecht. Die Sonne war schon mehr gegen die Berge hingewandelt und sandte durch das Fenster rechts vom Tische goldene Streifen über die sandbestreute Diele. Eine Weile sah sie erstaunt und verwirrt dem bebendem Lichte zu. Dann ward es ihr eigen, daß sie über so ein Alltägliches verwirrt werde. Indessen, was war doch das gewesen, was sie mit einem Stoß aus dem Schlafe aufgetrieben hatte? Sie befand sich allein in der Stube, was war das . . . . da wird das schlaftrunkene Tappen ihrer Gedanken durch das wilde Gebell Meickes zerrissen. Mit einem Mal ist sie ganz klar, steht auf und geht zum Fenster. Der Hund jagt aus dem Garten herauf, als sei er von jemand vertrieben worden, bleibt stehen, sträubt die Haare seines Rückens, bellt noch einmal und springt dann in großen Sätzen durch die Hausthür, über die Bodenstiege hinauf, daß seine Krallen scharf aufschlagen. Dort drunten sieht sie ihre Tochter dicht neben einem Burschen stehen. Das Mädchen hat einen Arm auf seine Achsel gelegt und beide schauen in der Richtung hin, welche der Hund genommen hat. Ihre Gesichter glühen im keuschen Lichte des Maien, daß sie aussehen, wie zwei blühende Blumen. Nun ertönt doppelstimmig, übermütiges Lachen. Dann neigen sie sich gegeneinander und küssen sich, küssen sich, ohne Aufhören als seien sie ganz allein auf der Erde, als sähe niemand ihnen zu. Ueber ihr wird klirrend das Dachfenster aufgestoßen. Allein sie hört es schon nicht mehr, denn in ihrem Herzen wird das Ferne ihrer Seele, das Goldene und Reine ihrer Sehnsucht gewaltig und wächst und dehnt sich aus über die vertrümmerte Vergangenheit, den Schatten, daß alles Frieden ist im Licht. Das Schöne, was sie verloren, ehe sie es besessen, sie sieht es: die reine Liebe, die Offenbarung, den Gott des Weibes, und faltet die Hände und segnet ihr Fleisch und ihre Seele, auferstanden zu einem neuen Dasein im Leben ihrer Tochter. O, daß es verschont bliebe von jenem Anderen, jenem gleißenden Fluch, der in allen Lüften schwebt, auf allen Straßen geht, in allen Räumen lauert und die kindsäugige Seele in Fesseln schlägt! – – Wenn es verschont bliebe davon, ihr Kind! mit allem wollte sie das erkaufen, dem theuersten, was sie nun hat, mit ihrem Leben. Und wie sie so sinnt, knarrt die Bodentreppe vorsichtig unter schleichendem Schritt. Wenzel! Jetzt, gerade jetzt! und er, er? – Wo soll sie hin? und sie weiß in ihrer Verlegenheit nichts Besseres zu thun, als auf den Boden zu knieen. Ueber ihr aber ist das offene Fenster. Die Schritte schlürfen an der Thür vorüber . . . hinaus . . . . an der Wand hin . . . nun, vor ihr . . . nein, jetzt etwas weiter rechts, halten sie an . . . sie hört alles ganz, ganz deutlich, ja selbst das Sandkorn unter seinen Sohlen knackt ihrem Lauschen so deutlich . . . . wie . . . ein Flintenhahn, den – – – man auf – – – zieht – – Geräuschlos, in einer steinernen Angst wächst sie auf. Da!! – – – Wenn sie den Arm ausstreckt, kann sie den Flintenlauf packen, der zitternd heraufgehoben wird. Nun steht er schußfertig, starr, wie angenagelt in der Luft. Alles ist ihr klar. Mit jähem griff reißt sie die Mündung des Gewehres herein, gegen ihre Brust. Der Schuß kracht und lautlos zuckend sinkt sie zurück. Schritte stürzen fort. Schritte fliegen herbei. Die Thür wird aufgerissen und jammernd wirft sich Marie auf die Daliegende. »Oach, Mitterla liebstes Mitterla bleib mr – siehch – – siehch oach, – hätt' ich redn kenn – – – nu, etz is komma – oach . . .« Das Weib öffnet die Augen, starr und fragend, in ängstlicher Muttersorge. Marie versieht den Blick: »Fat is er, ei a Pusch, mit dr Flinte oan m Hunde, där Verfluchte!« Draußen donnerte ein Schuß im Walde auf und das Echo kollert nach, wie Schollen, die in ein fertiges Grab fallen. »Erlöst!« murmelt das Mädchen und ein Schauer schüttelt sie. Die Mutter schlägt noch einmal die Augen auf und nickt mit dem Kopfe. Siehch Mutter, oan doas is a, mei Liebster, mei Moan, dei Suhn, bis m gutt, Mutter! . . .« Der Bursche, der starr dastand, ward rot von ihrem Bekenntnis. Die Tropfen liefen reichlicher über seine Wangen, die harten Hände griffen krampfhaft ineinander und er brachte nichts über seine Lippen, wie ein erstickendes: »Mutter!« Da schaute sie so selig, so umfangend auf die Beiden und dann lächelt sie noch einmal jenes Lächeln, das sie so jung macht. Derweil stirbt sie. * * * Meicke aber, der Teufel, lief von dem Grabe seines Herrn fort und nachdem er lang umhergeirrt war, heftete er sich einem andern an die Fersen. –