Laurence Sterne Sterne's Empfindsame Reise. Aus dem Englischen von Karl Eitner. 1868 – »In Frankreich stellen sie das besser an.« – – »Sie waren in Frankreich?« fragte der Herr, indem er sich mit der höflichsten, aber siegfrohesten Miene von der Welt gegen mich wandte. – »Seltsam!« sagte ich, als ich die Sache bei mir überlegte, »daß einundzwanzig Meilen zu Schiffe – denn weiter ist es nicht einen Schritt von Dover bis Calais – einem Menschen solche Zuversicht geben soll! – Ich will mich doch selbst überzeugen.« – Damit gab ich die Behauptung auf, ging stracks in meine Wohnung, packte ein halb Dutzend Hemden und ein Paar schwarzseidne Beinkleider ein –»der Rock, den ich anhabe«, sagte ich, indem ich den Aermel betrachtete, »ist noch ganz erträglich« – nahm einen Platz in der Postkutsche nach Dover, und da das Packetboot um neun Uhr des Morgens abging: so saß ich um drei Uhr an der Mittagstafel bei einem fricassirten Huhn so unzweifelhaft in Frankreich, daß, wäre ich in der Nacht an einer Indigestion gestorben, die ganze Welt nicht die Vollziehung des droit d'aubaine In Kraft dieses »Heimfallrechtes« wird auf alle Effecten der Reisenden (die von Schweizern und Schotten ausgenommen), welche in Frankreich sterben, Beschlag gelegt, und wenn der Erbe selbst zur Stelle wäre; und Herausgabe findet um so weniger statt, da diese zufälligen Einkünfte verpachtet sind. hätte verhindern können – Meine Hemden und schwarzseidenen Beinkleider – mein Mantelsack und Alles darin wäre dem Könige von Frankreich anheimgefallen – sogar das kleine Bild, das ich so lange mit mir herumgetragen habe, und das ich, wie ich Dir, Elisa, so oft gesagt, mit mir ins Grab nehmen wollte, würde mir vom Halse genommen worden sein. – Wie ungroßmüthig! – sich der Trümmer eines arglosen Reisenden zu bemächtigen, den Ihre Unterthanen an ihre Küsten hingelockt haben. – Beim Himmel, Sire, das ist nicht wohlgethan! Und es thut mir sehr leid, daß es der Beherrscher eines so gebildeten und höflichen und wegen seiner feinen Beurtheilung und Empfindung so berühmten Volkes ist, mit dem ich rechten muß – Doch ich habe ja kaum den Fuß in Ihr Gebiet gesetzt. –   Calais . Als ich meine Mahlzeit beendet und auf die Gesundheit des Königs von Frankreich getrunken hatte, um meiner Empfindung zu genügen, daß ich keinen Groll gegen ihn hegte, sondern im Gegentheil ihn wegen seines menschenliebenden Sinnes hoch schätzte – fühlte ich mich infolge dieser Mäßigung beim Aufstehen um einen Zoll höher. »Nein«, sagte ich, »die Bourbons sind durchaus kein grausames Geschlecht. Sie können, gleich andern Menschen, mißleitet werden; aber es liegt eine gewisse Sanftheit in ihrem Blute.« – Indem ich dies anerkannte, fühlte ich ein Erröthen auf meiner Wange, das von edlerer Art – wärmer und menschenfreundlicher war, als daß der Burgunder (wenigstens der nicht, die Flasche zu zwei Livres, den ich soeben getrunken) die Ursache davon hätte sein können. »Gerechter Gott!« rief ich aus, indem ich meinen Mantelsack mit der Fußspitze beiseite stieß, – »was liegt denn an den Gütern dieser Welt, daß sie unser Gemüth verbittern und so manchen Gutherzigen von uns Menschenbrüdern zu so grausamen Beschwerden reizen sollten, wie wohl zu Zeiten geschieht?« Wenn der Mensch mit den Menschen in Frieden lebt, wie viel leichter als eine Feder ist dann das schwerste der Metalle in seiner Hand! Er zieht seine Börse, hält sie leicht und unbekümmert empor und blickt umher, als wenn er sich nach jemandem umsähe, mit dem er sie theilen könnte. – Indem ich dies that, fühlte ich, wie jede Ader meines Leibes sich schwellte – die Arterien pulsirten alle freudig und harmonisch, und jede Kraft, die das Leben fördert, vollzog dies mit so geringer Reibung, daß es die physikalisch gelehrteste Zierpuppe in Frankreich in Verwirrung gebracht hätte: bei all ihrem Materialismus hätte sie mich schwerlich eine Maschine nennen können. – »Ich bin fest überzeugt«, sagte ich bei mir selbst, »ich würde ihre Zuversicht erschüttert haben.« Das Verfolgen dieses Gedankens führte im Augenblick meine Natur auf eine solche Höhe, als sie irgend erreichen konnte. Mit der Welt war ich schon vorher in Frieden – und dies brachte die Unterhandlung mit mir selbst zum Schluß. – »Wäre ich jetzt König von Frankreich«, rief ich aus – »welch ein Augenblick für eine Waise, die mich um ihres Vaters Mantelsack anspräche!« Der Mönch. Calais . Ich hatte kaum diese Worte vor mich hin gesagt, als ein armer Mönch vom Orden des heiligen Franciscus, mit der Bitte um eine kleine Gabe für sein Kloster, in das Zimmer trat. Niemand hat gern, daß seine Tugenden dem Zufalle zum Spiele dienen – es sei nun, daß ein Mensch großmüthig ist, wie ein anderer mächtig – sed non quoad hanc – oder es sei, wie es wolle – denn es giebt noch keine begründete Theorie über Ebbe und Flut unserer Launen; vielleicht hängen sie – was weiß ich! – von denselben Ursachen ab, welche die Flutzeiten des Meeres bewirken – die Voraussetzung, daß sich dies so verhalte, könnte gar oft unsern Credit verbessern; ich meinerseits bin wenigstens überzeugt, daß ich in vielen Fällen es weit lieber hören würde, wenn die Welt sagte, ich hätte einen Handel mit dem Monde gehabt, worin weder Sünde noch Schande liegt, als daß etwas ganz und gar als meine That aus eigenem Beweggrunde gälte, worin so viel von beiden läge. – Doch sei dem, wie ihm wolle. In dem Augenblick, daß ich meinen Blick auf ihn richtete, faßte ich den Entschluß, ihm nicht einen einzigen Sous zu geben. Demzufolge steckte ich meine Börse in die Tasche, knöpfte diese zu, setzte mich selbst etwas mehr in Positur und schritt gravitätisch auf ihn zu. Es war, fürchte ich, etwas Abweisendes in meinem Blicke. Noch diesen Augenblick schwebt mir seine Gestalt vor Augen, und ich glaube, es lag etwas darin, das eine bessere Behandlung verdiente. Wie ich aus den Resten seiner Tonsur urtheilte – denn alles, was davon übrig geblieben war, bestand in wenigen zerstreuten weißen Haaren oberhalb seiner Schläfe – mochte der Mönch so um die Siebenzig sein; doch nach seinen Augen zu schließen, und nach der Art von Feuer, das darin schimmerte, und welches mehr durch Höflichkeit als durch die Jahre gedämpft schien, konnte er nicht mehr als sechzig haben – die Wahrheit mochte wohl in der Mitte liegen. Gewiß war er fünfundsechzig; und das Aussehen seiner Gesichtszüge stimmte im Allgemeinen, ungeachtet Etwas vor der Zeit Furchen darein gezogen zu haben schien, mit dieser Rechnung überein. Es war einer von jenen Köpfen, welche Guido oft gemalt hat – sanft, blaß, eindringend, frei von allen Gemeinplatzgedanken fetter, selbstzufriedener, zur Erde niederblickender Unwissenheit. Er blickte gradaus, doch so, als ob er nach etwas jenseits dieser Welt schaute. Wie Einer seines Ordens zu diesem Kopfe kam, weiß der Himmel droben, der ihn auf eines Mönches Schultern gerathen ließ, am besten; aber er würde einem Brahminen gut gestanden haben, und wäre ich ihm auf den Ebenen Hindostans begegnet, ich hätte ihm Ehrerbietung bezeigen müssen. Das Uebrige seiner äußern Gestalt läßt sich mit wenigen Strichen angeben – man könnte es der Hand eines jeden Zeichners vorlegen; denn es war weder zierlich noch sonst etwas, als nur wozu Charakter und Ausdruck ihn grade machten. Es war eine dünne, hagere Gestalt, etwas über gewöhnliche Größe, nur daß das Ungewöhnliche derselben durch eine geringe Neigung nach vorn gemildert wurde – Doch es war die Stellung eines Bittenden; und wie er jetzt gegenwärtig vor meiner Einbildungskraft steht, gewann er dadurch mehr, als er verlor. Als er drei Schritte in das Zimmer gethan hatte, stand er still, und indem er die linke Hand auf seine Brust legte, während seine Rechte einen dünnen, weißen Reisestab umfaßte, führte er sich, nachdem ich ihm näher getreten war, mit der kleinen Historie von der Bedürftigkeit seines Klosters und der Armuth seines Ordens ein – und that dies mit einer so kunstlosen Anmuth – und aus dem Wesen seines Blickes und seiner ganzen Haltung sprach eine so beredte Entschuldigung –: ich mußte behext sein, daß ich davon nicht gerührt wurde. – – Ein besserer Grund war aber, daß ich mir einmal in den Kopf gesetzt hatte, ihm nicht einen Sous zu geben. Der Mönch. Calais . »Es ist sehr wahr«, sagte ich, auf einen Blick seiner Augen nach oben antwortend, womit er seine Anrede geschlossen hatte – »es ist sehr wahr – und der Himmel sei deren Stütze, welche keine andere Hülfe haben, als die Mildthätigkeit der Welt, deren Vermögen, wie ich fürchte, keinesweges hinreicht, die vielen und großen Ansprüche zu befriedigen, welche allstündlich an sie gemacht werden –« Als ich die Worte » große Ansprüche « betonte, ließ er einen flüchtigen Blick auf den Aermel seines Gewandes fallen – ich fühlte die ganze Stärke dieser Appellation. »Ich gestehe«, sagte ich: »ein rauhes Kleid, und nur dies eine während dreier Jahre, bei dürftiger Kost – will allerdings wenig genug sagen. Und der Hauptpunct der Bemitleidung ist, daß Ihr Orden beides, das doch mit so geringem Aufwande von Fleiß in der Welt zu erlangen ist, sich dadurch zu verschaffen wünscht, daß er einem Kapital Abbruch thut, das dem Lahmen, dem Blinden, dem Altersschwachen und dem Kranken gehört – ja der Gefangene, welcher daliegt und die Tage seines düstern Daseins zählt, schmachtet auch nach seinem Antheile daran. Und wären Sie noch von dem Orden der barmherzigen Brüder , anstatt von dem des heiligen Franciscus: so arm ich auch bin«, – fuhr ich fort, indem ich auf meinen Mantelsack hinzeigte, – »mit Freuden würde ich Ihnen diesen geöffnet haben für die Loskaufung eines Unglücklichen« – Der Mönch machte hier eine Verbeugung –»Aber vor allen Andern«, setzte ich meine Rede weiter fort, »haben unzweifelhaft die Unglücklichen unseres eigenen Landes das erste Anrecht darauf – und ich habe Tausende im Elend an dem heimischen Strande zurückgelassen« – Der Mönch machte eine treuherzig zustimmende Bewegung mit dem Haupte, als wollte er sagen: »Leider giebt es Elend in jedem Winkel der Welt genug, so gut als in unserem Kloster.« – »Aber wir machen einen Unterschied«, sagte ich, indem ich meine Hand zur Beantwortung seiner Appellation auf den Aermel seines Gewandes legte –»wir machen einen Unterschied, mein guter Pater, zwischen denen, welche nur das Brot ihres eignen Schweißes zu essen verlangen, und denen, die anderer Leute Brot essen und keinen andern Zweck im Leben haben, als es in Müßiggang und Unwissenheit hinzubringen – um Gottes willen .« Der arme Franciscaner erwiederte nichts. Eine hektische Röthe überflog einen Augenblick seine Wangen, doch sie vermochte nicht darauf zu verweilen – Die Aufwallungen der Natur schienen in ihm ihre Macht verloren zu haben; er zeigte keine – sondern ließ den Stab in seinen Arm fallen, drückte seine Hände mit Entsagung gegen seine Brust und begab sich hinweg. Der Mönch. Calais . Mein Herz begann in dem Augenblick, als er die Thür hinter sich zuzog, unruhig zu schlagen. –»Pah!« sagte ich mit einer angenommenen Miene von Sorglosigkeit dreimal hintereinander; aber es wollte nicht wirken. Jede unfreundliche Sylbe, die ich hatte verlauten lassen, drängte sich meinem Gedächtniß wieder auf. Es fiel mir ein, wie mir gegen den armen Franciscaner kein anderes Recht zustand, als ihm eine Gabe zu verweigern, und daß dies für den in seiner Erwartung Getäuschten auch ohne die Zugabe unfreundlicher Worte schon Strafe genug war – Ich bedachte seine grauen Haare; seine höfliche Gestalt schien wieder einzutreten und mich bescheiden zu fragen, womit er mich denn beleidigt hätte? und weshalb ich ihm auf solche Art begegnete? – Ich hätte in diesem Augenblicke zwanzig Livres für einen Vertheidiger gegeben. –»Ich habe mich«, sagte ich bei mir selbst, »sehr übel benommen; doch ich habe ja eben erst meine Tour begonnen, und werde wohl auf der Weiterreise mich besser betragen lernen.« Die Désobligeante. Calais . Wenn ein Mensch mit sich unzufrieden ist, so hat das für ihn wenigstens den Vortheil, daß es ihn in eine vortreffliche Gemüthsstimmung versetzt, um einen Handel abzuschließen. Da man nun eine Reise durch Frankreich und Italien ohne eine Chaise nicht unternehmen kann, und die Natur uns gemeiniglich zu dem antreibt, wozu wir am meisten Geschick haben: so ging ich hinaus nach dem Wagenraum, um mir etwas zu meinem Zwecke Dienliches zu kaufen oder zu miethen. Eine alte Désobligeante Ein französischer Reisewagen damaliger Zeit für nur eine Person. im äußersten Winkel des Hofes reizte meine Phantasie beim ersten Anblick so, daß ich auf der Stelle hineinstieg; und da ich fand, daß sie mit meinen Empfindungen ganz leidlich harmonirte: so befahl ich dem Aufwärter, mir Monsieur Dessein, den Herrn des Hôtels, zu rufen. Monsieur Dessein war aber in die Vesper gegangen, und da ich keine Neigung verspürte, mit dem Franciscaner zusammenzutreffen, den ich auf der andern Seite des Hofes im Gespräch mit einer Dame sah, die soeben im Gasthofe angelangt war: so schob ich den taftenen Vorhang zwischen uns, und weil ich doch einmal entschlossen war, meine Reise zu beschreiben, so zog ich Feder und Dinte hervor und schrieb die Vorrede dazu in der Désobligeante. Vorrede in der Désobligeante. Schon mancher peripatetische Philosoph muß die Bemerkung gemacht haben: daß die Natur, aus eigener, unbestreitbarer Macht und Gewalt, um das Mißvergnügen des Menschen einzuschränken, gewisse Grenzen und Schranken errichtet hat. Sie hat ihren Zweck auf die ruhigste und bequeme Weise dadurch erreicht, daß sie ihm die fast unabweisliche Verpflichtung auferlegte, in der Heimath sowohl sein Behagen zu befördern, als seine Leiden zu erdulden. Nur da hat sie ihn mit den passendsten Umgebungen versehen, die Antheil an seinem Glücke nehmen und ihm einen Theil von jener Bürde tragen helfen, welche überall und zu allen Zeiten noch stets für Ein Paar Schultern zu schwer gewesen ist. Allerdings sind wir mit einem unvollkommenen Vermögen begabt, unser Glück bisweilen jenseits dieser Grenzen auszudehnen; doch ist es so angeordnet, daß wir aus Mangel an Sprachkenntnissen, Verbindungen und Bekanntschaften und in Folge der Verschiedenheit der Erziehung, der Sitten und Gewohnheiten auf so viele Hindernisse stoßen, wenn wir unsre Empfindungen außerhalb unsrer eignen Sphäre mittheilen wollen, daß unsere Absichten oftmals zur völligen Unmöglichkeit werden. Hieraus wird immer folgen, daß die Bilanz im Gefühlsverkehr stets gegen den in der Fremde herumreisenden Abenteurer ist. Er muß kaufen, was er kaum brauchen kann, zu einem festgesetzten Preise; seine Conversation wird er selten ohne hohen Discont gegen die der Fremden auswechseln, und da ihn dies im Laufe der Dinge fortwährend in die Hände billigerer Mäkler treibt, um nur eine Unterhaltung zu finden, wie sie eben zu haben ist: so gehört kein besonderer Geist der Weissagung dazu, um zu vermuthen, was für ihn dabei herausspringt. Dies bringt mich auf meinen eigentlichen Punct, und führt mich naturgemäß (wenn das Schaukeln dieser Désobligeante mich nur fortfahren läßt) sowohl zu den wirkenden als den End-Ursachen des Reisens – – Das Reisen eurer müßigen Leute, die ihr Geburtsland verlassen und aus irgend einem oder mehreren Gründen auf Reisen gehen, läßt sich aus einer der folgenden allgemeinen Ursachen herleiten: Gebrechlichkeit des Körpers, Schwäche des Geistes, oder Unvermeidliche Nothwendigkeit. Unter die beiden ersten Klassen gehören alle diejenigen, welche zu Land oder zu Wasser reisen, weil sie an Hochmuth, Neugier, Eitelkeit oder Milzsucht leiden, nebst ihren Unterabtheilungen und Verbindungen in infinitum . Die dritte Klasse umfaßt das ganze Heer wandernder Märtyrer; genauer gesagt, jene Reisenden, welche vermittelst der Beneficien des Clerus ihre Wanderschaft antreten, entweder als Uebelthäter, unter der Leitung von Aufsehern, welche ihnen von der Obrigkeit empfohlen worden – oder junge Herren, die, von der Grausamkeit der Eltern oder Vormünder verbannt, unter der Leitung von Aufsehern reisen, welche ihnen die Universitäten Oxford, Aberdeen und Glasgow empfohlen haben. Es giebt noch eine vierte Klasse, aber deren Anzahl ist so gering, daß sie gar keine besondere Abtheilung verdienen würde, wäre es bei einem Werke dieser Art nicht durchaus nothwendig, die größte Bestimmtheit und Genauigkeit zu beobachten, um eine Verwirrung der Charaktere zu vermeiden. Und zwar sind die Menschen, von denen ich rede, solche, welche die Meere durchkreuzen und sich aus verschiedenen Gründen und unter mancherlei Vorwänden in fremden Ländern aufhalten: in der Absicht, Geld zu sparen. Allein da sie ebensowohl sich selbst als Andern einen großen Theil unnöthiger Mühe ersparen könnten, wenn sie ihr Geld zu Hause zusammenhielten, und da ihre Gründe, zu reisen, gegen die der andern Gattungen von Auswanderern, am wenigsten verwickelt sind, so unterscheide ich diese Herren von jenen durch die Bezeichnung: Simple Reisende . Sonach läßt sich die ganze Gesellschaft der Reisenden unter folgende Titel bringen: Müßige Reisende, Neugierige Reisende, Lügende Reisende, Hochmüthige Reisende, Eitle Reisende, Milzsüchtige Reisende. Dann folgen die aus Nothwendigkeit Reisenden, Der reisende Uebelthäter und Verbrecher, Der unglückliche und unschuldige Reisende, Der simple Reisende, und als letzter von allen (wenn Sie es erlauben) Der empfindsame Reisende (worunter ich mich selbst verstehe), als welcher ich gereist bin und nun hier sitze, einen Bericht davon abzustatten – ebenso sehr aus Nothwendigkeit und besoin de voyager als nur irgend Einer aus der Klasse. Da nun sowohl meine Reisen, als die Bemerkungen darüber von einem ganz andern Schlage als diejenigen aller meiner Vorgänger sein werden, so sehe ich recht wohl ein, daß ich auf eine besondere Nische für mich ganz allein hätte Anspruch machen können –; jedoch ich würde in den Bereich des eitlen Reisenden gerathen, wenn ich die Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen wünschte, so lange ich nicht bessere Gründe dazu habe, als die bloße Neuheit meines Vehikels . Es genügt für meinen Leser, wenn er nämlich selbst gereist ist, daß er durch Studium und Nachdenken über das Vorstehende fähig werden kann, sich seinen eignen Platz und Rang in diesem Verzeichniß anzuweisen – es wird ein Schritt weiter zu seiner Selbsterkenntniß sein; denn man kann wohl alles wetten, daß er bis auf diese Stunde von all dem, was er in der Fremde angenommen oder mit hinausgebracht hat, noch einen leisen Anstrich, eine kleine Aehnlichkeit an sich behalten hat. Der Mann, welcher zuerst die Burgunder Traube auf das Vorgebirge der guten Hoffnung verpflanzte (mau beachte wohl, daß es ein Holländer war), ließ es sich nicht im Traume beikommen, daß er denselben Wein auf dem Cap trinken würde, den die gleiche Traube auf den Bergen Frankreichs hervorbringt – dazu war er zu phlegmatisch; – aber unzweifelhaft erwartete er, irgend ein weinartiges Getränk zu genießen; ob indessen gut oder schlecht, oder mittelmäßig – er kannte genug von dieser Welt, um zu wissen, daß solches nicht von seiner Wahl abhing, sondern daß das, was man insgemein Glück zu nennen pflegt, den Ausschlag über den Erfolg geben würde. Gleichwohl hoffte er das Beste; und in dieser Hoffnung und voll übermäßigen Vertrauens auf die Stärke seines Kopfes und die Tiefe seiner Einsicht hätte Mynheer in seinem neuen Weingarten leicht beide zu Falle bringen, und durch Enthüllung seiner Blöße ein Gegenstand des Gelächters für seine Leute werden können. Grade so ergeht es dem armen Reisenden, der zu Schiffe und mit der Post die civilisirtern Länder der Erde besucht, um Kenntnisse und Erfahrungen zu sammeln. Kenntnisse und Erfahrungen sind allerdings zu gewinnen, wenn man sich zu diesem Zweck dem Schiff und der Post anvertraut; aber ob nützliche Kenntnisse und ersprießliche Erfahrungen, das ist nichts als eine Lotterie – und selbst dann, wenn der Spielende Glück hat, darf man von dem gewonnenen Schatze, wenn er Nutzen bringen soll, nur mit Behutsamkeit und Mäßigung Gebrauch machen. Da aber, sowohl in Hinsicht der Erlangung wie auch der Anwendung, die Glücksfälle oft wunderbar schief ausgehen: so bin ich der Meinung, daß ein Mann noch ebenso weise handeln würde, wenn er es über sich gewinnen könnte, ohne fremdländische Kenntnisse und ohne fremdländische Erfahrungen zufrieden zu leben, zumal wenn er in einem Lande zu Hause ist, wo es an beiden durchaus keinen Mangel hat. Und in der That hat es mir zu mancher Zeit großes Herzeleid verursacht, wenn ich wahrgenommen habe, wie manchen schmutzigen Weg der neugierige Reisende durchmessen mußte, um unerhörte und neuentdeckte Dinge zu sehen, die er alle, wie Sancho Panza zu Don Quixote sagte, trocknen Fußes hätte daheim sehen können. Wir leben in einem Zeitalter, so voll von Aufklärung, daß es kaum ein Land oder einen Winkel in Europa giebt, dessen Strahlen nicht mit denen anderer Gegenden gekreuzt und ausgetauscht wären. – Die Wissenschaft gleicht in den meisten ihrer Zweige und in den meisten Lebensangelegenheiten der Musik in italienischen Straßen, an welcher auch diejenigen Theil nehmen, die nichts zahlen. – Nun giebt es aber keine Nation unter dem Himmel – und Gott (vor dessen Richterstuhl ich einst treten und von diesem Buche Rechenschaft ablegen muß) ist mein Zeuge, daß ich es nicht aus Prahlerei sage – es giebt keine Nation unter dem Himmel, die reichlicher und in größerer Mannigfaltigkeit mit Gelehrsamkeit versorgt wäre – wo man sich um die Wissenschaften füglicher bewerben oder wo man sie sicherer erlangen kann, als hier – hier, wo die Kunst aufgemuntert und bald hoch steigen wird – wo die Natur (in Bausch und Bogen genommen) so wenig zu verantworten hat – und wo, um dies Alles zu krönen, mehr Witz und Mannigfaltigkeit des Charakters herrscht, um den Geist zu nähren – »Meine lieben Landsleute, wo wollen Sie denn hin?« – »Wir wollen uns nur diese Chaise besehen«, sagten sie. »Ihr ganz ergebener Diener«, sagte ich, indem ich heraushüpfte und meinen Hut abzog. – »Wir wunderten uns«, sagte der Eine von ihnen, der, wie ich fand, ein neugieriger Reisender war, »was ihre Bewegung veranlassen könnte.« – »Die Gemüthsbewegung bei Abfassung einer Vorrede war schuld daran«, erwiederte ich kaltblütig. – »Noch niemals habe ich«, sagte der Andere, der ein simpler Reisender war, »von einer Vorrede gehört, die in einer Désobligeante geschrieben worden wäre.« – »Es würde allerdings in einem Vis-à-Vis besser gegangen sein.« Doch da ein Engländer nicht reist, um Engländer zu sehen , so begab ich mich nach meinem Zimmer zurück.   Calais . Ich bemerkte, daß noch Etwas außer mir den Durchgang verdunkelte, wie ich diesen entlang nach meinem Zimmer schritt; und wirklich war es Monsieur Dessein, der Wirth des Hôtels, der eben aus der Vesper zurückkehrte und mir mit größter Höflichkeit, den Hut unter dem Arm, folgte, um mich an meine Bedürfnisse zu erinnern. Ich hatte mir den Einfall mit der Désobligeante so ziemlich aus dem Sinne geschrieben, und da Monsieur Dessein davon mit einem Achselzucken sprach, als ob sie in keiner Weise für mich passen würde: so fuhr es mir augenblicklich durch den Kopf, daß sie irgend einem unschuldigen Reisenden gehören mochte, der sie bei seiner Rückreise der Ehrenhaftigkeit des Monsieur Dessein überlassen hatte, um sie so gut als möglich zu verkaufen. Vier Monate waren vergangen, seitdem sie ihre Tour durch Europa in dem Winkel von Monsieur Desseins Wagenhof beendigt hatte; und weil sie bereits von vorn herein nur als ein leicht zusammengeflicktes Ding ausgezogen war, nachdem man sie schon vorher zweimal auf dem Mont Cenis auseinander genommen hatte: so hatte sie von ihren Abenteuern wenig Nutzen davongetragen; doch von keinem weniger, als da sie so viele Monate unbemitleidet in Monsieur Desseins Wagenhof stand. Es ließ sich freilich nicht viel zu ihren Gunsten sagen – Etwas aber dennoch – und wenn ein paar Worte das Elend aus seiner unglücklichen Lage retten können, so hasse ich den Menschen, der damit zu knickern im Stande ist. – »Nun, wäre ich der Herr dieses Hôtels«, sagte ich und legte dabei die Spitze des Zeigefingers aus Monsieur Desseins Brust, »so würde ich mir es unweigerlich zum Ehrenpunct machen, diese unglückliche Désobligeante los zu werden – sie steht da und schaukelt Ihnen, so oft Sie an ihr vorübergehen, Vorwürfe zu.« – » Mon Dieu! « sagte Monsieur Dessein –»ich habe kein Interesse dabei.« – »Ausgenommen das Interesse«, sagte ich, »welches Menschen von einer gewissen Gemüthsart an ihren eigenen Gefühlen nehmen, Monsieur Dessein. – Ich bin überzeugt, daß einem Manne, der ebenso wohl für Andere als für sich Empfindung hat, jede Regennacht – verbergen Sie sich's, so sehr Sie können – auf die Seele wie ein Alp drücken muß – Monsieur Dessein, Sie leiden ebenso sehr als jene Maschine.« – Ich habe stets bemerkt, daß, wenn in einem Compliment ebenso viel Saures als Süßes liegt, ein Engländer beständig in Verlegenheit ist, ob er es annehmen oder auf sich beruhen lassen soll; ein Franzose ist es niemals – Monsieur Dessein machte mir eine Verbeugung. » C'est bien vrai «, sagte er – »aber in diesem Falle würde ich eine Sorge nur gegen eine andere eintauschen, und zwar mit Verlust. Stellen Sie sich vor, werther Sir, wenn ich Ihnen eine Chaise gäbe, die Ihnen auf dem halben Wege nach Paris in Stücken fiele – stellen Sie es sich selbst vor, wie sehr es mich schmerzen müßte, einem Ehrenmann eine üble Meinung von mir beigebracht und auf Unkosten d'un homme d'esprit , wie ich müßte, gelogen zu haben.« Die Dosis war genau nach meinem eigenen Rezepte gemacht, und so konnte ich nicht umhin, sie einzunehmen; – ich gab also Monsieur Dessein seinen Bückling zurück, und wir gingen ohne weitere Wortfechterei mit einander nach seiner Remise, um seinen Vorrath von Chaisen in Augenschein zu nehmen. Auf der Straße. Calais . Es muß durchaus eine feindselige Art von Welt sein, in welcher der Käufer (und gelte es nur eine ärmliche Postchaise) mit dem Verkäufer nicht über die Straße gehen kann, um den Handelsstreitpunct zwischen ihnen zu erledigen, ohne daß er augenblicklich in dieselbe Stimmung verfällt und seinen Handelsmann mit demselben Blick ansieht, als wenn er mit ihm auf dem Wege nach Hydepark wäre, um sich dort mit ihm zu schlagen. Was mich anbelangt, da ich nur schlecht meinen Degen führe und Monsieur Dessein keineswegs gewachsen bin – ich fühlte in mir ein Kreisen aller Gemüthsbewegungen, welche in einer solchen Situation gewöhnlich sind. Ich sah Monsieur Dessein mit durchdringenden Blicken an – betrachtete ihn, wie er so hinschritt, bald im Profil – bald en face – bildete mir ein, er sähe aus wie ein Jude – dann wieder wie ein Türke – fand Mißfallen an seiner Perrücke – fluchte auf ihn – wünschte ihn zu allen Teufeln – – – Und alles das muß sich in dem Herzen entzünden wegen armseliger drei oder vier Louisd'or, um die ich doch aufs höchste bevortheilt werden kann? – »Abscheuliche Leidenschaft!« rief ich aus und wandte mich um, wie Jemand bei einem plötzlichen Wechsel der Empfindung es unwillkürlich thut – »abscheuliche, unedelmüthige Leidenschaft! deine Hand ist gegen Jedermann und Jedermanns Hand gegen dich.« – – »Das verhüte der Himmel!« sagte sie, ihre Hand zur Stirn erhebend, denn ich befand mich durch mein Umwenden Antlitz in Antlitz der Dame gegenüber, die ich im Gespräch mit dem Mönche gesehen hatte – sie war uns unbemerkt gefolgt – »Allerdings, der Himmel verhüte es!« sagte ich und bot ihr meine Hand dar. – Sie hatte ein Paar schwarzseidne Handschuhe an, die nur an dem Daumen und den zwei nächsten Fingern offen waren: so nahm sie dieselbe ohne Weigerung an, und ich führte sie nach der Thür der Wagenremise. Monsieur Dessein hatte mehr als fünfzigmal über den Schlüssel diablirt , ehe er inne wurde, daß er einen falschen mitgebracht hatte. Wir waren ebenso ungeduldig wie er, die Thür geöffnet zu sehen, und dermaßen in das Hinderniß vertieft, daß ich, fast ohne es zu wissen, noch immer ihre Hand hielt, also daß Monsieur Dessein uns beisammen stehn ließ – sie ihre Hand in der meinen und wir beide mit den Gesichtern gegen die Remisenthür gekehrt – und sagte, er würde in fünf Minuten wieder zurück sein. Nun ist ein Gespräch von fünf Minuten in einer solchen Situation so viel werth wie eines von ebenso vielen Jahrhunderten, bei welchem eure Gesichter der Straße zugewendet sind. In diesem Falle wird es von den äußern Gegenständen und Vorfällen hergenommen; – sind aber die Augen auf ein todtes Weiß gerichtet, so schöpft man es rein aus sich selbst. Ein Stillschweigen von einem einzigen Augenblicke, nachdem uns Monsieur Dessein verlassen, wäre für die Situation verhängnißvoll geworden – die Dame hätte sich unfehlbar umgewandt – also begann ich augenblicklich die Unterhaltung. – Was aber meine Beweggründe dazu waren, das will ich (da ich nicht schreibe, um die Schwachheiten meines Herzens auf dieser Reise zu entschuldigen, sondern um von ihnen Bericht zu erstatten) mit derselben Einfachheit darstellen, mit der ich es empfand. Die Remisenthür. Calais . Als ich dem Leser berichtete, daß ich keine Lust verspürte, mich aus der Désobligeante herauszubegeben, weil ich den Mönch mit einer soeben im Gasthofe eingetroffenen Dame in tiefem Gespräch begriffen sah, so sagte ich ihm die Wahrheit; aber dennoch sagte ich ihm nicht die volle Wahrheit, denn ich wurde ebenso sehr durch die Erscheinung und Gestalt der Dame, mit welcher er sprach, zurückgehalten. Ein Argwohn fuhr mir durch das Gehirn und sagte mir, er theile ihr mit, was zwischen ihm und mir vorgefallen sei – ein Etwas gab einen Mißton in mir – ich wünschte ihn in sein Kloster. Wenn das Herz dem Verstande vorauseilt, so erspart es dem Urtheil außerordentlich viel Mühe. Ich war gewiß, sie gehöre zu einer bessern Art von Geschöpfen; – indessen – – ich dachte nicht weiter an sie und schrieb an meiner Vorrede weiter. Als ich ihr in der Straße begegnete, kehrte derselbe Eindruck wieder. Die bescheidene Freimüthigkeit, mit der sie mir ihre Hand gab, bewies mir, wie ich glaubte, ihre gute Erziehung und ihren Verstand, und ich fühlte, wie sie mit mir so dahin ging, eine angenehme Geschmeidigkeit in ihrem Wesen, welche in alle meine Geister eine gewisse Ruhe brachte. – Gütiger Gott! wie gern möchte man doch ein solches Geschöpf, wie dieses, mit sich um die ganze Erde führen! Ich hatte ihr Gesicht noch nicht gesehen – doch das that nichts zur Sache; denn der Umriß davon war bald zu Stande gebracht, und schon längst, ehe wir noch zur Remisenthür gelangt waren, hatte die Malerin Phantasie den ganzen Kopf vollendet und gefiel sich darin, daß er zu ihrer Göttin so gut paßte, als ob sie deswegen in die Tiber hinabgetaucht wäre. – Doch du bist ein betrogenes und betrügerisches Weibsbild; und obgleich du uns des Tages siebenmal mit deinen Bildern und Vorstellungen hintergehst, so thust du es doch mit so zauberischer Verführungskunst und stattest deine Gemälde mit den Gestalten so vieler Engel des Lichtes aus, daß man sich tadeln müßte, wenn man mit dir brechen wollte. Als wir bis vor die Remisenthür gekommen waren, zog sie ihre Hand von der Stirn weg und ließ mich das Original sehen. Es war ein Gesicht von ungefähr Sechsundzwanzig – von einem hellen, durchschimmernden Braun, an sich selbst, ohne rouge oder Puder, reizend – es war nicht nach den Regeln der Kritik schön; aber es lag etwas darin, was bei meiner dermaligen Stimmung mich um so mehr anzog – es bewegte mich zur Rührung. Ich bildete mir ein, es trüge den Charakter des Wittwenblickes, und zwar in jenem Stadium der Abnahme, worin die beiden ersten Paroxysmen des Schmerzes überwunden sind und man gelassen anfängt, sich über seinen Verlust zufrieden zu geben – doch konnten auch tausend andere Unglücksfälle dieselben Linien gezogen haben. Ich hätte gern gewußt, von welcher Art jene gewesen, und war schon im Begriffe zu fragen (hätte es der bon ton der Conversation wie in den Tagen Esra's erlaubt): – » Was fehlet dir? und warum bist du so bekümmert? und warum ist deine Seele betrübt? « – Kurzum, ich fühlte Wohlwollen für sie, und beschloß, auf die eine oder die andere Weise mein Scherflein von Höflichkeit, wo nicht von Dienstbeflissenheit, darzubringen. Das waren meine Beweggründe – und in dieser Stimmung. ihnen Raum zu geben, wurde ich mit der Dame allein gelassen, ihre Hand in der meinen ruhend, und mit unsern beiden Gesichtern näher an der Remisenthür, als absolut nothwendig war. Die Remisenthür. Calais . »Fürwahr, schöne Dame!« sagte ich, ihre Hand leicht ein wenig erhebend. als ich begann, »dies muß einer von Fortunens wunderlichen Einfällen sein: zwei einander fremde Menschen – verschiedenen Geschlechtes und vielleicht aus ganz verschiedenen Weltgegenden – bei den Händen zu ergreifen und sie beide in Einem Augenblicke in solch eine vertraute Situation zu bringen, wie es der Freundschaft selbst kaum gelungen wäre, und wenn sie einen Monat lang darauf gesonnen hätte.« – – »Und Ihre Bemerkung darüber, Monsieur, beweist, wie sehr jene Sie durch diesen unerwarteten Vorfall in Verlegenheit gesetzt hat.« – Wenn eine Situation so ist, wie wir sie wünschen, so ist nichts so unzeitig, als auf die Umstände hinzudeuten, welche sie so gestalten. »Sie danken dem Glücke«, fuhr sie fort, »Sie hatten Ursache dazu, – das Herz erkannte es und war davon befriedigt; und niemand anders als ein englischer Philosoph wäre im Stande gewesen, die Kunde davon dem Verstande zukommen zu lassen, damit er das Urtheil abändere.« Indem sie dies sagte, machte sie ihre Hand von der meinigen mit einem Blicke los, den ich als einen zureichenden Commentar über den Text ansah. Es ist ein jämmerliches Bild, das ich hier von der Schwachheit meines Herzens liefere, indem ich eingestehe, daß es eine Qual empfand, welche würdigere Veranlassungen nicht zu erzeugen vermocht hätten – ich fühlte mich gekränkt, daß sie mir ihre Hand entzog; und die Art, wie ich sie verloren hatte, goß in die Wunde weder Oel noch Wein: niemals in meinem Leben hatte ich die Qual einfältiger Verlegenheit so peinlich empfunden. Die Triumphe eines wahrhaft weiblichen Herzens über dergleichen Niederlagen sind von kurzer Dauer. Nach wenigen Sekunden legte sie ihre Hand auf den Aufschlag meines Rockes, um ihre Entgegnung zu beendigen: so gewann ich auf irgend eine oder die andere Art, Gott weiß wie, meine Situation wieder. –»Sie hätte nichts hinzuzufügen.« – Sofort begann ich auf eine andere Unterhaltung für die Dame zu sinnen; denn sowohl nach dem Geist als nach der Moral derselben zu schließen, glaubte ich, daß ich über ihren Charakter im Irrthum gewesen sei. Als sie mir aber ihr Gesicht wieder zuwandte, war der Geist, der die Erwiederung beseelt hatte, entflohen – die Muskeln waren wieder in ihre Ruhe zurückgetreten, und ich gewahrte denselben schutzlosen Blick des Kummers, welcher zuerst meine Theilnahme für sie erweckt hatte – Wie traurig, einen so muntern Geist als eine Beute des Kummers zu sehen! – Ich bemitleidete sie aus tiefster Seele. Und obgleich es einem verhärteten Gemüthe lächerlich genug erscheinen mag – ich hätte sie ohne Erröthen auf offener Straße in meine Arme schließen und liebkosen können. Die Schläge der Pulsadern in meinen Fingern, die sich um die ihrigen schmiegten, sagten ihr, was in meinem Innern vorging: sie schlug den Blick zu Boden. – Es folgte ein Stillschweigen von einigen Augenblicken. In dieser Zwischenzeit muß ich einige schwache Versuche gemacht haben, ihre Hand enger zu umfassen, wie ich nach einer leisen Bewegung befürchtete, die ich in meiner innern Hand empfand; nicht, als ob sie im Begriff gewesen wäre, mir die ihrige zu entziehen – nur so, als ob sie es im Sinne hätte –; und ich hätte diese zum zweiten Mal unfehlbar eingebüßt, hätte mir nicht der Instinct mehr als der Verstand das letzte Auskunftsmittel in solchen Gefahren an die Hand gegeben, nämlich, sie lose und in solcher Weise zu halten, als ob ich selbst sie jeden Augenblick fahren lassen wollte. So ließ sie es geschehen, bis Monsieur Dessein mit dem Schlüssel zurückkam; und in der Zwischenzeit überlegte ich, wie ich den üblen Eindruck tilgen könnte, den die Geschichte mit dem armen Mönch, im Fall er sie ihr mitgetheilt hatte, in ihrem Herzen wider mich erzeugt haben mußte. Die Schnupftabaksdose. Calais . Der gute alte Mönch war, als mir der Gedanke an ihn durch den Kopf fuhr, nur etwa sechs Schritte von uns entfernt und kam auf uns zu, obwohl ein wenig von der Seite, als wenn er ungewiß wäre, ob er uns stören dürfe oder nicht. Er blieb indessen, sobald er an uns herangekommen war, mit dem vollsten Ausdruck der Freimütigkeit stehen, und da er grade eine Schnupftabaksdose aus Horn in der Hand hielt, so bot er mir eine Prise daraus an. –»Sie sollen auch meinen versuchen«, sagte ich, indem ich meine kleine Dose von Schildkrot hervorzog und sie ihm in die Hand gab. –»Der ist ganz vortrefflich«, sagte der Mönch. – »Nun, dann erzeigen Sie mir die Gefälligkeit«, versetzte ich, »diese Dose nebst dem, was darin ist, zu behalten, und wenn Sie eine Prise daraus nehmen, so denken Sie bisweilen daran, daß dieselbe das Versöhnungszeichen eines Mannes ist, der Ihnen einmal unfreundlich begegnete, obwohl sein Herz keinen Antheil daran hatte.« Eine Scharlachröthe überflog das Antlitz des armen Mönches. »Mon Dieu!« sagte er, indem er erstaunt die Hände ineinander legte, »Sie haben mich niemals ungütig behandelt.« – »Ich sollte meinen«, sagte die Dame, »daß ihm das nicht ähnlich sieht.« – Nun war die Reihe, zu erröthen, an mir; doch auf Grund welcher Gemütsbewegungen, das zu analysiren überlasse ich den Wenigen, welche sich darauf verstehen. – »Entschuldigen Sie, meine Dame«, entgegnete ich, »ich benahm mich gegen ihn höchst unfreundlich, und zwar ohne irgendwie dazu herausgefordert zu sein.« – »Das ist nicht möglich«, sagte die Dame – »Mein Gott«, rief der Mönch mit einer Wärme der Betheurung aus, die ihm sonst nicht eigenthümlich zu sein schien – »der Fehler lag an mir und in der Zudringlichkeit meines Eifers« – Die Dame machte Einwendungen, und ich stimmte darin ein, indem ich behauptete: es sei unmöglich, daß ein so gesetzter Geist, wie der seinige, Jemand beleidigen könne. Ich hatte es noch nicht erfahren, daß ein Streit zu etwas so Süßem und Beschwichtigendem für die Nerven werden könne, als ich es eben in mir fühlte. – Wir schwiegen eine Zeitlang still, ohne das Geringste von jener albernen Pein zu empfinden, welche sich einstellt, wenn mau in einer Gesellschaft zehn Minuten lang sich gegenseitig ansieht, ohne ein Wort zu sprechen. Während dieser Pause rieb der Mönch seine Horndose auf dem Aermel seines Gewandes; und als sie durch das Reiben einen Schimmer von Glanz erhalten hatte, machte er mir eine tiefe Verbeugung und sagte: es wäre zu spät, zu untersuchen, ob es Schwäche oder Güte unseres Temperaments gewesen, was uns in diesen Streit verwickelt habe; doch sei dem, wie ihm wolle – er bäte mich, unsere Dosen zu tauschen. Und indem er dies sagte, reichte er mir mit der einen Hand die seinige dar, während er mit der andern die meinige ergriff; und nachdem er sie geküßt – steckte er sie mit einem Strome von Gutherzigkeit in den Augen in seinen Busen – und verabschiedete sich. Ich bewahre diese Dose, wie ich die Kirchenutensilien meiner Religion zu bewahren pflege, als etwas, was mir dazu dient, meinen Geist zu Höherem zu erheben. In der That, ich gehe selten ohne sie aus; und vielmals habe ich durch sie den bescheidenen Geist ihres ehemaligen Besitzers herbeibeschworen, um den meinigen im Getümmel der Welt wieder ins rechte Gleis zubringen. Auch bei ihm war dies sehr nöthig gewesen, wie ich später aus seiner Geschichte entnahm, bis er, ungefähr fünfundvierzig Jahre alt, nachdem ihm Kriegsdienste übel vergolten worden waren, und er gleichzeitig eine Enttäuschung in der zärtlichsten der menschlichen Leidenschaften erfahren hatte, das Schwert und das andere Geschlecht miteinmal aufgab und sich in ein Heiligthum, nicht sowohl in seinem Kloster, als in ihm selbst, zurückzog. Ich fühle mein Gemüth beklommen, da ich hinzufügen muß, daß ich bei meiner kürzlichen Rückkehr durch Calais, auf meine Erkundigung nach dem Pater Lorenzo, erfuhr, er sei vor fast drei Monaten gestorben, und seinem Wunsche gemäß nicht in seinem Kloster, sondern auf einem kleinen, dazu gehörigen Kirchhofe, der etwa zwei Meilen davon entfernt liegt, begraben worden. Ich trug großes Verlangen, zu sehen, wo sie ihn hingelegt hatten; – und als ich an seinem Grabe saß, seine kleine Horndose hervorzog und eine oder zwei Nesseln zu seinen Häupten, die dort nichts zu suchen hatten, ausriß, so erregte dies alles mein Gemüth so stark, daß ich in einen Strom von Thränen ausbrach. – Doch ich bin so weichherzig wie ein Weib, und ich bitte die Welt, nicht darüber zu lächeln, sondern mich zu bedauern. – Die Remisenthür. Calais . Die ganze Zeit über hatte ich die Hand der Dame nicht losgelassen; ich hatte sie so lange gehalten, daß es unschicklich gewesen wäre, sie frei zu geben, ohne sie zuvor an meine Lippen zu drücken. Als ich es that, kehrten Blut und Lebensgeister, die gleichsam von ihr gewichen waren, in ihr Antlitz zurück. Da die beiden Reisenden, welche mich in dem Wagenhof angeredet hatten, in diesem kritischen Augenblicke grade an uns vorübergingen und unser Verhalten zu einander wahrnahmen, so setzten sie sich natürlich in den Kopf, daß wir wenigstens Mann und Frau sein müßten. Sie blieben also an der Remisenthür stehn, und der Eine von ihnen, und zwar der neugierige Reisende, fragte uns, ob wir am nächsten Morgen nach Paris abfahren würden? – Ich antwortete, ich könnte dies nur für mich selbst bejahen; und die Dame setzte hinzu, sie ginge nach Amiens. – »Dort haben wir gestern zu Mittag gegessen«, sagte der einfache Reisende. –»Sie müssen«, fügte der Andere hinzu, »auf Ihrer Tour nach Paris die Stadt passiren.« – Ich wollte eben tausend Dank für die Auskunft abstatten, daß Amiens auf dem Wege nach Paris läge; da ich aber grade meines armen Mönchs kleine Horndose hervorzog, um eine Prise zu nehmen, – so machte ich nur eine gelassene Verbeugung und wünschte ihnen eine glückliche Ueberfahrt nach Dover. – Sie verließen uns. – »Nun, was würde das groß schaden«, sagte ich bei mir selbst, »wenn ich diese betrübte Dame den halben Raum meiner Chaise anzunehmen ersuchte? und was für ein gewaltiges Unglück könnte daraus entstehen?« Jede niedrige Leidenschaft und jede böse Neigung in meiner Natur kam in Allarm, als ich den Vorschlag aufstellte. – Du wirst genöthigt sein, ein drittes Pferd zu miethen, sagte der Geiz , und das wird deinen Beutel um zwanzig Livres leichter machen. – Du weißt nicht, wer sie ist, sagte der Argwohn ; – noch in welche Verlegenheit dich dieser Handel bringen kann, flüsterte die Feigheit . Verlaß dich darauf, Yorick! sagte die Weltklugheit , man wird sagen, du seist mit einer Maitresse durchgegangen und auf Verabredung zu diesem Zwecke nach Calais gekommen. Du kannst fürderhin nie mehr, schrie die Heuchelei ganz laut, der Welt dein Antlitz zeigen – Oder, sprach der Eigennutz , nach höheren Würden in der Kirche streben – Oder, schloß der Ehrgeiz , je etwas Anderes darin werden, als ein untergeordneter Pfründner. – – Aber es ist doch eine Sache der Höflichkeit, sagte ich; – und da ich gemeiniglich nach dem ersten Antrieb handle und deshalb selten auf diese Kabalen achte, die, so viel ich weiß, zu nichts weiter dienen, als das Herz mit einer diamantenen Mauer zu umgeben – so wandte ich mich alsobald gegen die Dame –– – Aber sie war, während die Sache bei mir verhandelt wurde, unvermerkt weggegangen und hatte schon zehn oder zwölf Schritte die Straße hinabgethan, bis ich endlich zur Entscheidung gelangt war. Ich ging ihr also mit großen Schritten nach, um ihr in der besten Art, deren ich fähig wäre, das Anerbieten zu machen. Da ich jedoch bemerkte, daß sie, ihre Wange halb in der Hand ruhen lassend, mit dem langsamen, kurzgemessenen Schritte des Nachsinnens und die Augen fortwährend aus den Boden geheftet, dahinging: so kam mir der Gedanke, daß sie vielleicht denselben Proceß bei sich verhandelte. »Gott steh' ihr bei!« sagte ich: »sie hat gewiß eine Stiefmutter, oder eine tartüffische Tante, oder sonst ein unvernünftiges altes Weib, mit der sie die Sache berathen muß, so gut wie ich selbst. Da ich sie also in ihrer Ueberlegung nicht stören wollte und es für höflicher hielt, sie mehr durch Bescheidenheit als durch Ueberraschung zu gewinnen, so machte ich Kehrtum und schritt ein paarmal vor der Remisenthür kurz auf und ab, indeß sie nachdenklich weiterging. Auf der Straße. Calais . Nachdem ich beim ersten Anblick der Dame in meiner Phantasie für ausgemacht angenommen: »daß sie ein Wesen besserer Art sei« – und dann als zweites Axiom, ebenso unbestreitbar als das erste, festgestellt hatte: daß sie eine Wittwe sei und die Trauer ihr an der Stirn geschrieben stünde – so ging ich darin nicht weiter; ich hatte Grund genug für die Situation, an der ich Gefallen fand – Und wäre sie bis Mitternacht dicht an meinem Arme geblieben, ich würde getreu an meinem Systeme festgehalten und sie einzig unter diesem allgemeinen Gesichtspuncte betrachtet haben. Sie war kaum zwanzig Schritte von mir entfernt, als etwas in meinem Innern nach einer genaueren Auskunft verlangte – der Gedanke einer ferneren Trennung stieg in mir auf – möglicherweise sähe ich sie nie wieder. – Das Herz sucht für sich zu retten, was es kann, und ich verlangte nach Mitteln und Wegen, durch welche meine Wünsche den Pfad zu ihr finden könnten, im Fall ich ihr nie wieder begegnen sollte. Mit einem Wort, ich wünschte ihren Namen – den ihrer Familie – ihren Stand zu erfahren; und wie ich den Ort wußte, wohin zu gehn sie im Begriff war, so wollte ich auch wissen, woher sie käme. Aber ich fand kein Auskunftsmittel, wie ich dies alles erfahren könnte; hundert kleine zarte Bedenken standen im Wege. Ich machte ein halb Schock verschiedener Pläne – es war doch keine Sache, wonach man geradezu fragen konnte – das war unmöglich. Ein kleiner munterer französischer Capitain, welcher die Straße herabgetänzelt kam, bewies mir, daß in der Welt nichts leichter war als das. Denn zwischen uns hüpfend, grade als die Dame wieder nach der Remisenthür zurückkehrte, empfahl er sich meiner Bekanntschaft und ehe er sich selbst noch recht angekündigt hatte, bat er, ich möchte ihm die Ehre erzeigen, ihn der Dame vorzustellen – Ich selbst war ihr nicht vorgestellt worden, – und so sich zu ihr herumwendend, that er es ebenso gut selbst, indem er sie fragte, ob sie von Paris käme? – Nein; sie ginge des Wegs dahin, sagte sie. – »Vous n'êtes pas de Londres?« – Das wäre sie nicht, erwiederte sie. – »Dann müssen Madame durch Flandern gekommen sein – Apparement vous êtes Flamande?« fragte der französische Capitain. – Die Dame antwortete, sie wäre es. »Peut-être de Lisle?« fügte er hinzu. – Sie entgegnete, sie sei nicht aus Lisle. –»Auch nicht aus Arras? – oder aus Cambray? – oder Gent? – oder Brüssel?« – Sie erwiederte, sie wäre aus Brüssel. Er habe die Ehre gehabt, sagte er, im letzten Kriege dem Bombardement der Stadt beizuwohnen – es hätte eine schöne Lage, pour cela – und sei voller Noblesse gewesen, als die Kaiserlichen von den Franzosen herausgetrieben worden wären (die Dame machte einen leichten Knicks). Und hierauf berichtete er ihr über die Affaire, und welchen Antheil er daran gehabt – er bat sich die Ehre aus, ihren Namen zu wissen – und machte seine Verbeugung. – »Etr Madame a son mari?« sagte er, zurückblickend, als er schon zwei Schritte gethan hatte – und ohne eine Antwort abzuwarten, tänzelte er die Straße hinunter. Und wäre ich sieben Jahr lang in der Lehre der guten Lebensart gewesen, ich hätte unmöglich so viel zu Stande gebracht. Die Remise. Calais . Als der kleine französische Capitain uns verlassen hatte, kam Monsieur Dessein, mit dem Schlüssel zur Remise in der Hand, herbei und ließ uns sogleich in sein Wagenmagazin eintreten. Der erste Gegenstand, der mir in die Augen fiel, als Monsieur Dessein die Thür der Remise öffnete, war eine andere alte, im Verfall begriffene Désobligeante; und ungeachtet sie das genaue Ebenbild derjenigen war, welche nur eine Stunde früher im Wagenhofe meine Phantasie so sehr bestochen hatte – so erregte mir doch jetzt der bloße Anblick derselben eine unangenehme Empfindung, so daß ich mir unter demjenigen nur ein filziges Thier dachte, in dessen Kopf zuerst der Gedanke keimen konnte, eine solche Maschine zu bauen; und nicht mehr Nachsicht hatte ich für den Mann, der sich dergleichen bedienen konnte. Ich bemerkte, daß die Dame ebenso wenig davon erbaut war als ich. So führte uns denn Monsieur Dessein zu einem Paar Chaisen, welche nebeneinander standen, und theilte uns zu ihrer Empfehlung mit, daß sie von den Lords A. und B. für die grand tour gekauft, aber nicht weiter als bis Paris gebraucht worden und folglich in jeder Hinsicht so gut als neu wären. – Sie waren zu gut – und somit ging ich zu einer dritten über, welche im Hintergrunde stand, und begann sogleich um den Preis zu handeln. »Aber sie wird für Zwei kaum genug Raum bieten«, sagte ich, indem ich den Schlag öffnete und hinein stieg. – »Haben Sie die Güte, Madame«, sagte Monsieur Dessein, indem er ihr seinen Arm bot, »mit hineinzusteigen.« – Die Dame zögerte eine halbe Secunde und stieg dann hinein; und da der Hausknecht in diesem Augenblicke dem Monsieur Dessein winkte, um ihm etwas zu sagen, schlug dieser den Kutschenschlag zu und verließ uns. Die Remise. Calais . »C'est bien comique, – das ist sehr drollig«, sagte die Dame lächelnd, in Erwägung, daß wir nun zum zweiten Mal durch ein paar wunderliche Zufälle mit einander allein gelassen wurden – »c'est bien comique« , sagte sie – – – »Da fehlt nichts«, sagte ich, »um es vollends dazu zu machen, als der komische Gebrauch, wozu es die Galanterie eines Franzosen benutzen würde – im ersten Augenblick den Verliebten zu spielen, und im zweiten seine Person anzutragen.« »Ja, das ist ihre Stärke«, erwiederte die Dame. »Man nimmt das wenigstens an – und wie es gekommen ist«, fuhr ich fort, »das weiß ich nicht; aber gewißlich haben sie sich den Ruf verschafft, in der Liebe bewanderter zu sein und es weiter darin zu bringen, als irgend eine andere Nation der Welt; ich für meinen Theil jedoch halte sie für elende Stümper, und in der That für die schlechteste Art Schützen, die je Cupido's Geduld auf die Probe stellten.« – »Wie thöricht, die Liebe durch Sentiments betreiben zu wollen!« »Ich sollte meinen, man könnte ebenso leicht einen anständigen Anzug aus alten Zeugflicken herstellen; – und gar mit der Thür so ins Haus zu fallen – beim ersten Anblick durch eine Erklärung – das heißt doch den Antrag und sich selbst dazu, mit allen pours und contres , der Prüfung eines kühlen Verstandes unterwerfen.« Die Dame merkte auf, als wenn sie erwartete. daß ich fortfahren würde. »Bedenken Sie dann, Madam«, sprach ich weiter, indem ich meine Hand auf die ihrige legte –: »ernsthafte Leute hassen die Liebe des Namens wegen – eigenliebige Menschen ihrer selbst wegen – Heuchler des Himmels wegen – und wir alle, Alte wie Junge, werden zehnmal mehr durch den bloßen Schall des Wortes erschreckt als verletzt. – Wie großen Mangel an Kenntniß in diesem Zweige des Verkehrs verräth ein Mann, welcher das Wort eher über seine Lippen kommen läßt, als mindestens eine oder zwei Stunden nach der Zeit, wo sein Schweigen darüber zur Qual wird! Eine Reihe von kleinen, still erwiesenen Aufmerksamkeiten, nicht so erkennbar, daß sie zu beunruhigen vermöchten, noch so unbestimmt, daß sie verkannt werden könnten – dann und wann ein gefühlvoller Blick, und wenig oder gar nicht davon gesprochen – das läßt der Natur noch die Macht, Herrin über euch zu sein, und sie wird es nach ihrem Sinne lenken.« »Dann, muß ich ernstlich gestehen«, sagte die Dame erröthend, »haben Sie mir die ganze Zeit über Liebeserklärungen gemacht.« Die Remise. Calais . Monsieur Dessein kam zurück, um uns aus der Chaise zu befreien, und brachte der Dame die Nachricht, Graf von L . . . ., ihr Bruder, sei soeben im Hôtel abgestiegen. Obgleich ich der Dame alles mögliche Gute wünschte, so kann ich doch nicht sagen, daß ich in meinem Herzen über den Vorfall erfreut gewesen wäre – und konnte nicht umhin, ihr dies zu sagen – »denn er vereitelt einen Vorschlag, den ich Ihnen zu machen soeben im Begriff war.« »Sie brauchen mir nicht zu sagen, worin der Vorschlag bestand«, sagte sie und legte ihre Hand auf meine beiden, indem sie mich unterbrach. – »Ein Mann, mein werther Herr, hat einem Frauenzimmer selten ein gütiges Anerbieten zu machen, daß dieses nicht schon einige Augenblicke vorher eine Ahnung davon hätte.« – »Die Natur waffnet es damit«, sagte ich, »zu ihrem unmittelbaren Schutze.« – »Aber ich denke«, sagte sie und blickte mir ins Gesicht, »ich hatte nichts Uebles zu befürchten, – und ich will Ihnen offen gestehen: ich hatte beschlossen das Anerbieten anzunehmen. – Hätte ich dies gethan – (sie hielt einen Augenblick inne): ich glaube, Ihr Wohlwollen würde mir eine Erzählung entlockt haben, welche das Mitleid zur einzigen gefährlichen Sache auf der Reise gemacht hätte.« Indem sie dies sagte, duldete sie, daß ich ihre Hand zweimal küßte, und mit einem Blick, in welchem sich inniges Gefühl und Kummer mischte, stieg sie aus der Chaise – und sagte mir Lebewohl. Auf der Straße. Calais . Niemals in meinem Leben habe ich einen Handel von zwölf Guineen so rasch abgeschlossen Nach dem Verlust der Dame schien die Zeit schwer auf mir zu lasten; und da ich wohl erkannte, daß jeder Augenblick mir wie zwei vorkommen würde, bis ich mich in Bewegung setzte, so bestellte ich sofort Postpferde und ging nach dem Hôtel. »Himmel!« sagte ich, da ich die Stadtuhr Vier schlagen hörte, und mir einfiel, daß ich wenig mehr als eine einzige Stunde mich in Calais befand  – Welch eine Fülle von Ereignissen kann in der kleinen Spanne von Leben derjenige wahrnehmen, der mit seinem Herzen an Allem Antheil nimmt, der seine Augen gebraucht, um zu sehen, was Zeit und ein glücklicher Zufall ihm fortwährend auf seiner Wanderung am Wege darbieten, und der nichts beiseit liegen läßt, woran er ohne Vorwurf seine Hände legen darf. Wenn aus dem Einen nichts ersprießen will – so wird es aus einem Andern – es thut nichts; – es ist ein Gold-Probestrich an der menschlichen Natur; – die Mühe selbst ist meine Belohnung – das ist genug; – das Vergnügen am Experiment hat meine Sinne und den besten Theil meines Blutes wach erhalten und den gröbern eingeschläfert. Ich bedaure den Mann, der im Stande ist, von Dan bis Berseba zu reisen, und dabei auszurufen: »Es ist Alles öde!« – Und doch ist es so; und so muß die ganze Welt demjenigen erscheinen, der die Früchte, die sie hervorbringt, nicht anbauen will. – »Wahrhaftig«, sagte ich, indem ich freudig meine Hände zusammenschlug, »und wenn ich in einer Wüste wäre, ich wollte auch dort irgend etwas ausfindig machen, das meine wohlwollenden Empfindungen hervorriefe. – Wenn ich nichts Besseres wüßte, so würde ich sie einer lieblichen Myrte zuwenden, oder ich würde eine melancholische Cypresse suchen, um mich ihr anzuschließen – ich würde um ihren Schatten buhlen und ihres Schutzes wegen sie freundlich begrüßen – ich würde meinen Namen in ihre Rinde schneiden und schwören, sie wären die lieblichsten Bäume der ganzen Wüste. Wenn ihre Blätter welk herabhingen, so würde ich trauern, und wenn sie sich erquickt fühlten, so würde ich mich mit ihnen freuen. Der gelehrte Smelfungus reiste von Boulogne nach Paris – von Paris nach Rom – und so weiter; aber er trat seine Reise mit Spleen und Gelbsucht an, und jeder Gegenstand, an dem er vorüberkam, erschien ihm farblos oder entstellt. – Er schrieb einen Bericht darüber, allein es war nur der Bericht von seinen trübseligen Empfindungen. Ich begegnete dem Smelfungus in dem großen Porticus des Pantheon – er kam grade heraus. »Es ist nichts weiter, als ein ungeheurer Hahnenkampfplatz«, sagte er. – »Ich wollte, Sie hätten von der mediceischen Venus nichts Schlimmeres gesagt«, erwiederte ich, – denn bei meiner Durchreise durch Florenz hatte ich erfahren, daß er sich abscheulich über die Göttin ausgelassen, und sie wie eine gemeine Straßendirne behandelt hatte, ohne die geringste Herausforderung der Natur. Ich stieß unversehens wieder in Turin auf Smelfungus, als er auf der Heimreise begriffen war, und er hatte nur eine traurige Geschichte von schrecklichen Abenteuern mitzutheilen, worin er »von kläglichen Vorfällen zu Wasser und zu Lande sprach, und von den Kannibalen, die einander auffressen – den Anthropophagen;« – er war bei lebendigem Leibe geschunden, und teufelmäßig behandelt, ja übler zugerichtet worden als der heilige Bartholomäus, auf jeder Station, die er passirt war – – »Ich werde es der Welt berichten!« rief Smelfungus aus. – »Sie thäten besser«, sagte ich, »Sie berichteten es Ihrem Arzte.« Mundungus, der ein unermeßliches Vermögen besitzt, machte die große Tour: er reiste von Rom nach Neapel – von Neapel nach Venedig – von Venedig nach Wien – nach Dresden, nach Berlin – ohne auch von nur einer edelherzigen Verbindung, oder einer vergnüglichen Anekdote berichten zu können. Er war immer drauf los gereist, ohne nach rechts oder links zu sehen, damit ja nicht Liebe oder Mitleid ihn von seinem Striche abbringen möchten. Friede sei mit ihnen! – wenn der für sie zu finden ist; aber der Himmel selbst, wenn es auch möglich wäre, mit solchen Temperamenten dahin zu gelangen, würde keine Mittel haben, ihn zu geben. – Alle seligen Geister würden auf den Schwingen der Liebe herbeigeeilt kommen, ihre Ankunft zu begrüßen – die Seelen des Smelfungus und Mundungus würden nichts zu hören bekommen als neue Freudenhymnen, neue Entzückungen der Liebe und neue Glückwünsche über ihre gemeinsame Seligkeit – Ich bedaure sie von ganzem Herzen – sie haben keine Empfänglichkeit für dergleichen mitgebracht; und wäre dem Smelfungus und Mundungus die glückseligste Behausung im Himmel gewährt: sie würden sich doch so weit von aller Glückseligkeit entfernt fühlen, daß es den Seelen des Smelfungus und Mundungus in alle Ewigkeit ein Ort der Buße wäre.   Montreuil . Einmal hatte ich meinen Mantelsack hinten von der Chaise verloren, und zweimal war ich im Regen ausgestiegen, und das eine Mal dabei bis an die Kniee in Koth getreten, um dem Postillon beim Wiederanbinden desselben zu helfen, ohne daß ich im Stande gewesen wäre, herauszufinden, woran es mir fehlte – Und eher fiel es mir auch nicht ein, als bis ich nach Montreuil gelangt war, und der Wirth mich fragte, ob ich nicht einen Diener brauche, – das grade war es. »Einen Diener! ja, den brauch' ich recht sehr«, sagte ich. – »Nun, Monsieur«, sagte der Wirth, »da ist ein gewandter junger Bursch, der sich auf die Ehre viel zu gute thun würde, einem Engländer zu dienen.« – »Warum denn aber einem Engländer lieber als einem Andern?« – »Sie sind so generös«, sagte der Wirth. – »Ich will mich todtschießen lassen, wenn mich das nicht noch diesen Abend einen Livre mehr aus meiner Tasche kostet«, sagte ich zu mir selbst. – »Aber sie haben's auch, um es sein zu können, mein Herr«, setzte er hinzu. – »Dafür wieder einen Livre mehr«, sagte ich. – »Es war erst letzte Nacht«, sagte der Wirth, qu'un Mylord Anglais présentait un écu à la fille de chambre.« – »Tant pis pour Mademoiselle Jeanneton«, sagte ich. Da nun Jeanneton des Wirths Tochter war, und er mich noch für einen Anfänger im Französischen hielt, so nahm er sich die Freiheit, mich zu belehren, daß ich nicht tant pis hätte sagen sollen, sondern tant mieux. »Tant mieux, toujours, Monsieur«, sagte er, »wenn etwas zu gewinnen ist – tant pis, wenn nichts.« – »Es kommt auf Eins hinaus«, sagte ich. – Pardonnez-moi,« sagte der Wirth. Ich kann keine passendere Gelegenheit ergreifen, als hier ein für allemal zu bemerken, daß, da tant pis und tant mieux die zwei großen Angelpunkte in der französischen Conversation sind, ein Fremder sehr wohl thun würde, sich in dem Gebrauch derselben recht tüchtig einzuüben, ehe er nach Paris kommt. Ein zungenfertiger französischer Marquis fragte an der Tafel unseres Gesandten Herrn H**, ob er H** der Dichter wäre? – »Nein«, sagte Herr H** freundlich. – »Tant pis«, versetzte der Marquis. »Es ist H** der Geschichtschreiber«, sagte ein Anderer – Tant mieux«, sagte der Marquis; und Herr H**, der ein Mann von vortrefflichem Herzen ist, dankte verbindlich für beides. Als mich der Wirth in dieser Angelegenheit zurecht gewiesen hatte, rief er La Fleur herein (dies war der Name des jungen Menschen, von dem er gesprochen hatte), vorher nur noch bemerkend: was dessen Talente beträfe, so wolle er sich nicht unterfangen, ein Wort zu verlieren – Monsieur wäre der beste Richter über das, was ihm zusagen würde; was aber die Treue La Fleurs anlange, so wolle er mit allem, was er besitze, dafür einstehn. Dies äußerte der Wirth in einer Art und Weise, die mich augenblicklich zu dem Geschäft, das ich vorhatte, aufgelegt machte – und La Fleur, welcher draußen stand und mit jener athemlosen Erwartung harrte, die jeder Erdensohn seiner Zeit einmal empfunden hat, kam herein.   Montreuil . Ich bin sehr geneigt, mich für alle Arten von Menschen beim ersten Anblick einnehmen zu lassen; am meisten aber, wenn ein armer Teufel kommt, um einem so armen Teufel, wie ich bin, seine Dienste anzubieten. Und da ich diese Schwäche an mir kenne, so lasse ich gern, in Rücksicht hierauf, mein Urtheil etwas in den Hintergrund treten – und zwar mehr oder weniger, je nach dem Modus oder Casus, in dem ich mich befinde – und ich mag wohl hinzufügen, auch nach dem Genus der Person, über die ich gebieten soll. Als La Fleur in das Zimmer trat, entschieden – nach allem Abzug, den ich meinem Herzen zum Trotz machen konnte, – der offene Blick und die treuherzige Miene des Burschen die Sache auf einmal zu seinen Gunsten. Und so miethete ich ihn denn zuerst, und fing dann an, ihn zu fragen, was er verrichten könne. »Doch ich werde schon seine Geschicklichkeiten entdecken«, sagte ich, »wenn ich ihrer benöthigt bin – und außerdem: ein Franzose ist zu allen Dingen anstellig.« Nun, der arme La Fleur konnte nichts weiter auf der Welt, als die Trommel schlagen und einen oder zwei Märsche auf der Querpfeife blasen. Ich war entschlossen, seine Talente geltend zu machen, und kann nicht sagen, daß meine Schwachheit jemals von meiner Klugheit so bespöttelt worden wäre, als bei diesem Versuche. La Fleur hatte früh im Leben damit angefangen – tapfer wie die Franzosen größtenteils sind – einige Jahre zu dienen . Nach Verlauf derselben, da er diese Neigung befriedigt und überdies gefunden hatte, daß die Ehre, die Trommel zu schlagen, wahrscheinlich ihren Lohn in sich enthielte, da sie ihm keinen weiteren Pfad für den Ruhm eröffnete – zog er sich à ses terres zurück und lebte, comme il plaisait à Dieu – das heißt so viel als: von nichts. »Und so hast du nun«, sagte die Klugheit, »einen Trommler als Begleiter auf deiner Tour durch Frankreich und Italien gemiethet!« – »Pah!« rief ich aus: »macht nicht die Hälfte unserer Vornehmen mit einer Schlafmütze als compagnon de voyage dieselbe Rundreise, und haben sie nicht den Pfeifer und den Teufel und Alles außerdem zu bezahlen?« Wenn sich ein Mensch mit einem Witze aus einem so ungleichen Handel heraushelfen kann, so ist er nicht so übel dran – »Aber du kannst doch noch sonst etwas, La Fleur?« fragte ich. – »O qu'oui«, antwortete er: er könnte noch Kamaschen machen und ein wenig auf der Geige spielen. – »Bravo!« sagte die Klugheit. »Nun, ich spiele den Baß«, sagte ich – »da werden wir gut zusammen passen. – Kannst du rasiren und die Perrücke ein wenig zurecht stutzen, La Fleur?« – Er habe zu Allem in der Welt Lust. – »Beim Himmel, das ist hinreichend!« sagte ich, indem ich ihn unterbrach, »und muß mir genügen.« – Als darauf das Abendessen aufgetragen wurde, und ich an der einen Seite meines Stuhls einen muntern englischen Wachtelhund und an der andern einen französischen Bedienten hatte, mit so viel Heiterkeit im Gesicht, als die Natur jemals in eines hineinmalte: so war ich aus vollem Herzen mit meinem kleinen Reiche zufrieden; und wenn Monarchen recht wüßten, was sie eigentlich wollten, so würden sie so zufrieden sein, als ich es war.   Montreuil . Da La Fleur die ganze Tour durch Frankreich und Italien mit mir machte und noch oft auf der Bühne erscheinen wird, so muß ich doch beim Leser ein wenig mehr Antheil für ihn erwecken, indem ich sage, daß ich niemals weniger Ursache hatte, die Triebfedern, welche mich gewöhnlich zu einem Entschlusse bestimmen, zu bereuen, als in Betreff dieses Burschen. Er war eine so treue, gutherzige, ungekünstelte Seele, als nur jemals den Fersen eines Philosophen nachgetreten ist; und trotzdem, daß seine Fertigkeiten im Trommelschlagen und Kamaschenmachen, wenn auch recht gut an sich, für mich nicht grade von großem Vortheil waren: so wurde ich doch allstündlich durch die Fröhlichkeit seines Naturells belohnt – das ersetzte alle Mängel. Ich fand steten Trost in seinen Blicken in all meinen mißlichen Lagen und Bedrängnissen – bald hätte ich hinzugefügt, in den seinigen auch, – aber La Fleur wurde von gar keiner Noth angefochten. Denn mochte er Hunger oder Durst, oder Kälte oder Blöße oder Wachen oder was sonst für Streiche des Mißgeschicks auf unsern Reisen zu ertragen haben: niemals stand etwas in seinem Gesicht geschrieben, was Kunde davon gegeben hätte – Er blieb stets derselbe; so daß, wenn ich ein Stück von einem Philosophen bin – (welche Meinung mir der Satan zu Zeiten in den Kopf setzt) – so kränkt es immer den Stolz dieser Einbildung, wenn ich erwäge, wieviel ich der Temperaments-Philosophie dieses armen Burschen verdanke, der durch Beschämung mich zu einer bessern brachte. Bei alledem hatte La Fleur einen leichten Anstrich von Geckenhaftigkeit – er schien aber beim ersten Anblick mehr ein natürlicher als ein gemachter Geck zu sein; und ehe ich noch drei Tage mit ihm in Paris zugebracht hatte – kam er mir nicht im Mindesten mehr wie ein Geck vor.   Montreuil . Als am nächsten Morgen La Fleur sein Amt antrat, übergab ich ihm den Schlüssel zu meinem Mantelsack nebst einem Verzeichniß von meinem halben Dutzend Hemden und dem Paar seidnen Beinkleidern, mit der Weisung, Alles gut auf die Chaise zu packen, die Pferde vorspannen zu lassen und den Wirth zu rufen, daß er die Rechnung bringe. »C'est un garçon de bonne fortune«, sagte der Wirth, indem er durch das Fenster auf ein halb Dutzend Mädchen zeigte, die sich um La Fleur versammelt hatten und höchst freundlich von ihm Abschied nahmen, während der Postillon die Pferde herausführte. La Fleur küßte allen der Reihe nach wiederholt die Hände; fuhr sich dreimal über die Augen und gab dreimal das Versprechen, er wolle ihnen Allen Ablaß von Rom mitbringen. »Der junge Bursch«, sagte der Wirth, »ist in der ganzen Stadt beliebt, und es giebt kaum einen Winkel in Montreuil, wo man nicht seine Abwesenheit empfinden wird. Er hat nur ein einziges Mißgeschick«, fuhr er fort, »er ist immer verliebt.« – »Das freut mich von Herzen«, sagte ich – »das wird mir die Unbequemlichkeit ersparen, jede Nacht meine Beinkleider unter mein Kopfkissen zu legen.« – Indem ich dies äußerte, hielt ich nicht sowohl La Fleur eine Lobrede, als vielmehr mir selbst, weil ich fast mein ganzes Leben durch in die eine oder die andere Prinzessin verliebt war, und ich hoffe, daß das so fortdauern soll, bis ich sterbe, da ich fest überzeugt bin, daß, wenn ich je eine niedrige Handlung begehe, dies nur in der Zwischenzeit zwischen der einen und der andern Leidenschaft geschehen wird. So lange dies Interregnum währt, fühle ich stets mein Herz zugeschlossen; – ich kann kaum einen Groschen für einen Armen herausbringen. Darum suche ich immer sobald als möglich diesen Zustand los zu werden; und in dem Augenblick, daß ich wieder in Flammen stehe, bin ich auch von Neuem ganz Großmuth und Menschenfreundlichkeit und würde für und mit Jedermann alles in der Welt thun, wenn man mich nur darüber beruhigt, daß keine Sünde dabei ist. – Doch, indem ich dies sage – wahrhaftig, lobe ich die Liebe – nicht mich. Ein Fragment. – – – Die Stadt Abdera war, ungeachtet Democritus daselbst lebte und alle Gewalt der Ironie und des Lachens anwandte, um sie zu bessern, doch die schändlichste und ruchloseste in ganz Thrakien. Was für Vergiftungen, Verschwörungen und Mordthaten, was für Schmäh- und Spottreden und Aufläufe gingen dort nicht bei Tage vor – und in der Nacht war es noch schlimmer. Nun ereignete es sich, als diese Dinge gerade aufs Höchste gestiegen waren, daß die Andromeda des Euripides in Abdera aufgeführt wurde und die ganze Orchestra davon entzückt war. Aber unter allen Stellen, die das Volk entzückten, wirkte keine so stark auf dessen Einbildungskraft, als die zarten Züge der Natur, die der Dichter in jene pathetische Rede des Perseus eingewoben hatte: »O Amor, Herr der Götter und der Menschen! \&c.« – Am andern Tage sprach alle Welt fast nur in Jamben und von nichts als von Perseus und seiner rührenden Anrede: »O Amor! Herr der Götter und der Menschen!« – in jeder Straße von Abdera, in jedem Hause: »O Amor! Amor!« – in jedem Munde, gleich den kunstlosen Tönen einer süßen Melodie, die unwillkürlich unsern Lippen entschlüpft, nichts als: »O Amor, Amor, Herr der Götter und der Menschen!« – Das Feuer griff um sich – und die ganze Stadt stand, wie das Herz Eines Mannes, der Liebe offen. Kein Arzneikrämer konnte auch nur ein Körnchen Nieswurz los werden – kein Waffenschmied hatte das Herz, ein Todesinstrument zu schmieden – Freundschaft und Tugend fielen einander in die Arme und küßten sich auf der Straße – das goldne Alter kehrte zurück und schwebte über der Stadt Abdera – jeder Abderit ergriff sein Haberrohr, und jede Abderitin verließ ihr Purpurgewebe und setzte sich züchtig nieder und lauschte dem Gesange. »Solches zu bewirken«, sagt das Fragment, »vermochte nur der Gott, dessen Herrschaft vom Himmel zur Erde, und selbst in die Tiefen des Meeres reicht.«   Montreuil . Wenn im Gasthofe Alles bereit und jeder einzelne Posten der Rechnung bestritten und bezahlt ist, so bleibt, wofern ihr nicht über all diese Umstände etwas verdrießlich geworden seid, noch an der Thür etwas abzumachen, eh ihr in eure Chaise einsteigen könnt, nämlich mit den Söhnen und Töchtern der Armuth, die sich um euch her drängen. Niemand sage: »Mögen sie zum Teufel gehen!« – das hieße, einige wenige Unglückliche auf eine schreckliche Reise schicken, und sie haben doch genug gelitten ohne das. Ich denke, es ist immer besser, einige Sous in die Hand zu nehmen; und ich möchte jedem gutgesinnten Reisenden rathen, es auch so zu machen. Er braucht nicht so genau aufzuschreiben, aus was für Gründen und wofür er sie ausgegeben hat – sie werden schon anderswo zu Buche getragen werden. Was mich anbelangt, so giebt wohl kein Mensch so wenig als ich; denn nur wenige von denen, die ich kenne, haben so wenig zu geben. Doch da dies die erste öffentliche Handlung meiner Wohlthätigkeit in Frankreich war, so verwendete ich um so mehr Aufmerksamkeit darauf. »Nun, das wird gut werden!« sagte ich; »ich habe nur acht Sous in Summa« (indem ich sie in meiner Hand zeigte)»und da stehen für sie acht arme Männer und acht arme Frauen.« Ein armer zerlumpter Mensch, ohne Hemd auf dem Leibe, zog augenblicklich seinen Anspruch zurück, indem er sich zwei Schritte von dem Kreis entfernte und einen ablehnenden Bückling machte. Hätte ein ganzes Parterre mit Einer Stimme ausgerufen: »Place aux dames!« – es würde das Gefühl der Achtung vor dem andern Geschlecht nicht halb so wirksam ausgedrückt haben. Gerechte Vorsicht! aus was für weisen Gründen hast du es angeordnet, daß Bettelarmuth und artiges Benehmen, die in andern Ländern so weit von einander getrennt sind, in diesem einen Weg zur Vereinigung finden sollten? – Ich bestand darauf, daß er einen Sous annehmen mußte, blos seiner Politesse wegen. Ein armer, kleiner, zwerghafter, munterer Bursche, der im Kreise mir grade gegenüber stand, zog, nachdem er vorher etwas unter seinen Arm geschoben, was einst ein Hut gewesen war, eine Schnupftabaksdose aus der Tasche hervor, und bot freigebig nach beiden Seiten hin eine Prise an. Das war schon eine Gabe von Werth, und man schlug sie bescheiden aus. – Der arme kleine Bursche aber nöthigte sie ihnen auf, indem er einladend mit dem Kopfe nickte – »Prenez en – prenez«, sagte er und blickte anderswohin; und so nahm denn jeder eine Prise. – »Schade, wenn deine Dose jemals leer sein sollte«, sagte ich bei mir, und legte ein paar Sous hinein, indem ich eine kleine Prise daraus nahm, um den Werth der Gabe zu erhöhen. – Er fühlte das Gewicht der zweiten Dankverpflichtung stärker, als das der ersten – ich erwies ihm damit eine Ehre – das andere war nur eine milde Gabe – und er machte mir dafür einen Bückling bis auf die Erde. – »Hier!« sagte ich zu einem alten Krieger mit Einer Hand, welcher Feldzüge mitgemacht hatte und im Dienst des Vaterlandes alt und schwach bis zum Tode geworden war – »hier sind ein paar Sous für dich.« – »Vive le roi!« sagte der alte Soldat. Jetzt hatte ich nur noch drei Sous. Einen gab ich einfach »pour l'amour de Dieu«, weil er darauf hin von mir erbeten wurde – das arme Weib hatte eine ausgerenkte Hüfte, und so konnte es nicht wohl aus einem andern Grund geschehen. »Mon cher et très-charitable Monsieur!« –»Da kann man unmöglich widerstehen«, sagte ich. My Lord Anglais« – der bloße Klang schon war das Geld werth – und so gab ich meinen letzten Sous dafür hin. – Aber im Eifer des Gebens hatte ich einen pauvre honteux übersehen, welcher keinen Menschen hatte, um einen Sous für ihn zu bitten, und der doch, glaube ich, eher gestorben sein würde, als daß er selbst darum gebettelt hätte. Er stand nahe an der Chaise, ein wenig außer dem Kreise, und wischte eine Thräne von einem Gesicht, welches, allem Anschein nach, bessere Tage gesehen hatte. – »Guter Gott!« sagte ich – »und ich habe nicht einen einzigen Sous mehr, den ich ihm geben könnte.« – »Aber du hast ja tausende!« – schrieen alle Mächte der Natur, die sich in mir regten – und so gab ich ihm – was liegt daran, was – ich schäme mich jetzt, zu sagen, wie viel – und schämte mich damals, daran zu denken, wie wenig . – Nun, wenn der Leser sich eine Muthmaßung aus meiner Stimmung zu bilden vermag: so kann er, da ihm zwei feste Puncte gegeben sind, innerhalb einem oder zwei Livres rathen, welches die genaue Summe war. Den Uebrigen konnte ich weiter nichts geben, als ein »Dieu vous benisse!« – »Et le bon Dieu vous benisse encore!« – sagte der alte Soldat, der Zwerg u. s. w. Der pauvre honteux konnte nichts sagen – er zog ein kleines Taschentuch hervor, und fuhr sich damit, indem er sich wegwandte, über die Augen – und ich hielt dafür, daß er mir mehr dankte, als alle Uebrigen. Das Bidet. Nachdem alle diese kleinen Angelegenheiten beseitigt waren, setzte ich mich in meine Postchaise mit mehr Behagen, als ich mich jemals in meinem Leben in eine Postchaise gesetzt habe; und nachdem La Fleur einen großen Courierstiefel auf die rechte Seite eines kleinen Bidets Ein Postpferd. , und einen andern auf die entgegengesetzte gebracht hatte (denn seine Beine kommen dabei nicht in Betracht) – trottete er vor mir hin, so glücklich und so kerzengerad wie ein Prinz. – – Doch was ist Glück? was ist Größe auf dieser gemalten Bühne des Lebens? – Bevor wir noch eine Viertelmeile zurückgelegt hatten, stellte ein todter Esel dem Laufe La Fleurs ein plötzliches Hinderniß entgegen – sein Bidet wollte nicht daran vorüber – ein Streit erhob sich zwischen ihnen, und der arme Bursch wurde gleich beim ersten Ausschlagen des Bidets aus seinen Courierstiefeln herausgeschlagen. La Fleur ertrug seinen Fall wie ein französischer Christ, indem er weder mehr noch weniger darüber verlauten ließ, als: »Diable!« – Damit raffte er sich augenblicklich empor, und bürdete sich rittlings seinem Bidet von Neuem auf, indem er darauf losschlug, als ob es seine Trommel wäre. Das Bidet setzte von der einen Seite der Straße zur andern, dann wieder zurück – dann hierhin – dann dorthin, kurz überallhin, nur nicht am todten Esel vorbei. – La Fleur bestand auf seinem Kopfe – und das Bidet drehte sich wieder mit ihm herum. »Was ist denn das mit deinem Bidet, La Fleur?« fragte ich. – »Monsieur«, sagte er, »c'est un cheval le plus opiniâtre du monde!« – »Nun, wenn es eine so störrige Bestie ist«, erwiederte ich, »so laß es seinen eignen Weg gehen.« – La Fleur stieg ab und gab ihm einen tüchtigen Schmitz; das Bidet aber nahm mich beim Wort und riß aus, nach Montreuil zurück. – »Peste!« sagte La Fleur. Es wird nicht mal-à-propos sein, hier Kenntniß davon zu nehmen, daß, wenn sich auch La Fleur nur dieser beiden Ausdrücke bediente, um sich bei diesem Abenteuer Luft zu machen – nämlich: Diable! und Peste! – es demungeachtet in der französischen Sprache deren drei giebt, dem Positiv, Comparativ und Superlativ entsprechend, von denen man den einen oder andern bei jedem unerwarteten Wurf im Würfelspiel des Lebens anwendet. Le diable! welches der erste, der positive Grad ist, wird hauptsächlich bei gewöhnlichen Gemüthserregungen gebraucht, wo geringfügige Dinge anders ausfallen, als wir erwarteten – z. B. wenn man im Brettspiel einmal einen Pasch wirft – wenn man, wie La Fleur, vom Pferde abgeworfen wird, und so weiter – folglich aus demselben Grunde auch bei Hahnreischaft, stets Le diable! Bei Fällen aber, wo der Wurf etwas Aergerliches hat, wie als das Bidet hinterher davon lief und La Fleur in Courierstiefeln zu Fuße zurückließ – findet der zweite Grad statt. Dann heißt es: Peste! Und was den dritten anlangt – – Doch hier wird mein Herz von Bedauern und menschlichem Mitgefühl bedrängt, wenn ich bedenke, wie elend das Loos eines so verfeinerten Volkes gewesen sein, und welche bittere Leiden es durchgemacht haben muß, um es zum Gebrauch eines solchen Ausdrucks zu zwingen! – Legt mir, o ihr Mächte, die ihr im Unglück der Zunge Beredsamkeit verleiht – wie immer auch mein Wurf falle – legt mir nur anständige Worte zu Ausrufungen in den Mund, und ich will meiner Natur den Lauf lassen. – Da aber solche Worte in Frankreich nicht zu haben waren, so beschloß ich, ein jedes Uebel grade so hinzunehmen, wie es mich träfe, ohne irgend einen Ausruf. La Fleur, der keinen solchen Vertrag mit sich geschlossen. hatte, folgte dem Bidet mit seinen Augen, bis es ihm aus dem Gesichte gekommen war – und nun mögt ihr euch selbst vorstellen, wenn es euch beliebt, mit welchem Wort er den ganzen Handel schloß. Da es unmöglich war, einem scheu gewordenen Pferde in Courierstiefeln nachzujagen, so blieb keine andre Wahl, als La Fleur entweder hinten auf-, oder in die Chaise einsteigen zu lassen. – Ich zog das Letztere vor, und in einer halben Stunde hielten wir vor dem Posthause zu Nampont. Der todte Esel. Nampont . – »Und dies«, sagte er, den Ueberrest einer Brotrinde in seinen Reisesack steckend – »dies wäre dein Theil gewesen, wärest du leben geblieben, um es mit mir theilen zu können.« – Dem Tone nach, mit dem er dies sagte, hätte ich denken sollen, es wäre eine Anrede an sein Kind gewesen; aber sie galt nur seinem todten Esel, und zwar demselben Esel, den wir todt auf der Landstraße hatten liegen sehen, und welcher La Fleurs Unfall veranlaßt hatte. Der Mann schien ihn sehr zu beklagen, und dies brachte mir augenblicklich die Klage Sancho's um den seinigen in die Erinnerung; aber dieser that es mit wahreren Tönen der Natur. Der Betrübte saß auf einer steinernen Bank an der Thür mit des Esels Sattelkissen und Zaum an seiner Seite, die er von Zeit zu Zeit in die Höhe hob – dann wieder hinlegte – sie anblickte und den Kopf schüttelte. Dann holte er wieder die Brotkruste aus seinem Reisesack, als ob er sie essen wollte; hielt sie eine Zeitlang in der Hand – legte sie dann auf das Gebiß von seines Esels Zaum – sah gedankenvoll auf die kleine Veranstaltung, die er getroffen hatte – und stieß einen Seufzer aus. Das Rührend-Einfache seines Kummers zog eine Menge Menschen um ihn herbei, und unter ihnen auch La Fleur, indeß die Pferde angeschirrt wurden; und da ich in der Postchaise sitzen geblieben war, so konnte ich über ihre Köpfe weg Alles sehen und hören. Er erzählte, er wäre erst kürzlich aus Spanien gekommen, wohin er von den äußersten Grenzen Frankens gereist wäre, und so weit wäre er auf seiner Heimreise gelangt, als ihm sein Esel gestorben sei. Jedermann schien begierig zu erfahren, was einen so alten und armen Mann zu einer so weiten Reise von Hause fort bewogen haben könne. Es hätte dem Himmel gefallen, sagte er, ihn mit drei Söhnen zu segnen, den hübschesten Burschen in ganz Deutschland. Als er darauf in Einer Woche die beiden ältesten von ihnen durch die Pocken verloren hätte, und auch der jüngste von derselben Krankheit befallen worden, so habe ihn die Angst ergriffen, ihrer aller beraubt zu werden, und er habe ein Gelübde gethan, wenn der Himmel ihm diesen Letzten nicht nehmen würde, so wolle er aus Dankbarkeit nach Sanct Jago in Spanien wallfahrten. Als der Trauernde in seiner Geschichte so weit gekommen war, hielt er inne, um der Natur ihren Zoll zu entrichten – und weinte bitterlich. Darauf erzählte er: wie der Himmel die Bedingung angenommen, und wie er seine Hütte verlassen habe mit dieser armen Creatur, die ein geduldiger Theilnehmer seiner Pilgerfahrt gewesen wäre – wie sie auf dem ganzen Wege dasselbe Brot mit ihm gegessen hätte und ihm wie ein Freund gewesen wäre. Alle Umstehenden hörten dem armen Manne mit Theilnahme zu – La Fleur bot ihm Geld an – aber der Betrübte erwiederte, er bedürfe dessen nicht – es wäre ihm nicht um den Werth des Esels, sondern um den Verlust desselben. – Er wäre überzeugt, sagte er, daß der Esel ihn geliebt hätte – und hierauf erzählte er eine lange Geschichte von Unfällen bei ihrem Uebergange über die Pyrenäen, welche sie drei Tage lang von einander getrennt hätten. Während dieser Zeit hätte der Esel ihn eben so sehr, als er den Esel gesucht, und sie hätten beide kaum Speise oder Trank zu sich genommen, bis sie einander wieder gefunden. »Bei diesem Verlust deines armen Thieres, mein guter Freund«, sagte ich, »bleibt dir wenigstens Ein Trost; denn ich bin überzeugt, du bist ihm ein gütiger Herr gewesen.« –»Ach!« sagte der Traurige, »ich dachte das auch, als er noch lebte; doch jetzt, da er todt ist, denke ich anders. – Ich besorge, daß die Last von mir und meinem Kummer zusammen zu schwer für ihn gewesen ist – das hat das Leben des armen Thieres verkürzt, und ich fürchte. daß ich das zu verantworten habe.« – »Schmach über die Welt!« sagte ich zu mir selbst: –»liebten wir einander nur so, wie dieser arme Mensch seinen Esel liebte – das wäre doch noch etwas.« – Der Postillon. Nampont . Die traurige Stimmung, in die mich die Geschichte des armen Mannes versetzt hatte, erheischte einige Rücksicht; aber der Postillon schenkte ihr nicht die geringste, sondern jagte über das Steinpflaster in vollem Galopp davon. Die durstigste Seele in der sandigsten Wüste Arabiens hätte nicht ähnlicher nach einem Becher frischen Wassers verlangen können, als die meinige nach einer gemessenen, ruhigen Bewegung; und ich würde eine hohe Meinung von dem Postillon gefaßt haben, wäre er mit mir, so zu sagen, in einem nachdenklichen Schritt dahin geschlichen. – Im Gegentheil aber gab der Bursche, als der Betrübte seine Klage beendet hatte, jedem seiner Thiere einen fühllosen Hieb und jagte rasselnd gleich tausend Teufeln auf und davon. Ich rief ihm aus allen Leibeskräften zu, um des Himmels willen langsamer zu fahren; doch je lauter ich rief, desto unbarmherziger galoppirte er weiter. – »Der Henker hole ihn und sein Galoppiren dazu«, sagte ich – »er wird so lange meine Nerven in Stücke zerreißen, bis er mich in die tollste Aufregung versetzt hat – und dann wird er langsam fahren, damit ich die Süßigkeit des Aergers recht schmecken kann.« Der Postillon betrieb die Sache wirklich zum Verwundern. Während der Zeit, daß er bis zum Fuß eines steilen Hügels, etwa eine halbe Meile von Nampont, gelangt war, hatte er mich in Aerger gegen sich gebracht – und dann gegen mich selbst, daß ich mich hatte ärgern lassen. Meine Stimmung erforderte jetzt eine ganz verschiedene Behandlung, und ein guter durchrüttelnder Galopp würde mir sehr dienlich gewesen sein. – »Nun, fahr' zu, bitte, fahr' zu! mein guter Bursche«, sagte ich. Der Postillon zeigte auf den Hügel hin – Ich versuchte, mir die Geschichte des armen Deutschen wieder in Erinnerung zu bringen – aber der Faden war abgerissen – und ich konnte so wenig wieder in den Zug damit kommen, als der Postillon in den Trab. – »Der Henker hole Alles mit einander!« sagte ich. »Ich sitze hier so willfährig, um das Schlimmste zum Besten zu kehren, wie es nur jemals ein Menschenkind sein konnte, und Alles rennt wider den Strich.« Ein sanftes Beruhigungsmittel für Uebel giebt es wenigstens, das die Natur uns darreicht; und so nahm ich es denn dankbar aus ihren Händen an und schlief ein; – und das erste Wort, das mich weckte, war – Amiens. – »Beim Himmel!« sagte ich, indem ich mir die Augen rieb – »das ist ja gerade die Stadt, wohin meine arme Dame kommen wird.« –   Amiens . Kaum waren mir diese Worte aus dem Munde, als die Postchaise des Grafen von L . . ., mit seiner Schwester darin, eilig vorüber fuhr. Sie hatte grade Zeit genug, mir zum Zeichen des Wiedererkennens eine Verbeugung zu machen, und zwar auf eine ganz besondere Art, welche mir bezeugte, daß sie die angeknüpfte Beziehung zu mir noch nicht für aufgehoben erklärte. Sie war so gut, als ihr Blick zu erkennen gab; denn ehe ich noch ganz meine Abendmahlzeit beendet hatte, trat ihres Bruders Bedienter in mein Zimmer mit einem Billet, in welchem sie mir schrieb, sie hätte sich die Freiheit genommen, mich mit einem Briefe zu belästigen, den ich an dem ersten freien Morgen in Paris Madame R . . . in eigner Person einhändigen möchte. Dann war nur noch hinzugefügt: es thäte ihr leid, aber aus welchem penchant, wüßte sie nicht zu sagen, daß sie verhindert worden, mir ihre Geschichte zu erzählen, sie bliebe mir dieselbe aber schuldig; und wenn mich jemals meine Reise über Brüssel führen sollte, und ich bis dahin den Namen der Frau von L . . . nicht vergessen hätte – so würde Frau von L . . . sehr erfreut sein, sich ihrer Verpflichtung zu entledigen. »Also werde ich dich wiedersehen, schöne Seele!« sagte ich, »in Brüssel – ich brauche ja nur bei meiner Rückkehr aus Italien durch Deutschland nach Holland und über Flandern nach Hause zu reisen – es wird kaum zehn Poststationen außerhalb meiner Reiseroute liegen. Und wären es tausend! Mit welchem tugendhaften Ergetzen wird es meine Reise krönen, Antheil an den traurigen Vorfällen einer leidensvollen Erzählung zu nehmen, die mir von einer solchen Dulderin mitgetheilt wird! – Sie weinen zu sehen! – Und wenn ich auch die Quelle ihrer Thränen nicht trocknen kann – welch eine erhabene Empfindung gewährt es noch, sie von den Wangen der besten und schönsten der Frauen abzuwischen, indem ich mit meinem Tuche in der Hand schweigend die ganze Nacht an ihrer Seite sitze!« Es lag nichts Unrechtes in diesem Gefühl; und dennoch tadelte ich sogleich mein Herz darüber in den bittersten und vorwurfsvollsten Ausdrücken. Eine der besondern Segensgaben meines Lebens war, wie ich dem Leser schon mitgetheilt habe, daß ich fast zu jeder Stunde desselben sterblich in irgend eine Person verliebt gewesen; und da meine letzte Flamme beim plötzlichen Umwenden um eine Ecke von einem Windstoße der Eifersucht ausgeblasen worden war, so hatte ich sie etwa drei Monate vorher an der reinen Kerze meiner Elisa wieder angezündet – und zwar mit dem Schwure, daß sie die ganze Reise über dauern sollte. – Nun, warum sollte ich die Sache verheimlichen? – Ich hatte ihr ewige Treue geschworen – sie hatte ein Recht auf mein ganzes Herz – meine Liebe theilen, hieß sie verringern – sie bloßstellen, hieß sie der Gefahr aussetzen – wo Gefahr droht, da kann auch Verlust bevorstehen; – und was wird dir dann bleiben, Yorick! einem Herzen zu antworten, das so voller Vertrauen und Zuversicht ist – so gut, so edel und so ohne alle Vorwürfe? – »Ich werde nicht nach Brüssel gehen!« – rief ich aus, mich unterbrechend – aber meine Einbildungskraft ging ihren Gang – ihr Blick in dem entscheidenden Momente unserer Trennung kam mir wieder vor die Seele, als keines von uns beiden die Kraft hatte, Lebewohl zu sagen! Ich blickte auf das Bild, das sie mir mit einem schwarzen Bande um den Nacken gebunden hatte – und erröthete, als ich es ansah – ich hätte eine Welt darum gegeben, es küssen zu dürfen – aber ich schämte mich – – »Und soll diese zarte Blume«, sagte ich, indem ich es zwischen meinen Händen drückte – »soll sie bis auf die Wurzel zerknickt werden – und zerknickt durch dich, Yorick. der du versprochen hast, sie an deiner Brust zu schirmen?« »Ewiger Quell der Glückseligkeit!« rief ich, auf den Boden hinknieend – »sei du mein Zeuge – und jeder reine Geist, der sie kostet, sei mir ebenfalls Zeuge: daß ich nicht nach Brüssel reisen würde, wo nicht Elisa mit mir ginge, und führte mich auch der Weg dem Himmel zu.« In Entzückungen dieser Art wird das Herz, trotz dem Verstande, immer zu viel sagen. Der Brief. Amiens . Das Glück hatte La Fleur nicht gelächelt; denn er war in seinen Ritterthaten erfolglos gewesen – auch nicht das Geringste hatte seit der Zeit, daß er in meinen Dienst getreten war (und das waren beinahe vierundzwanzig Stunden), sich dargeboten, wodurch er seinen Eifer hätte bethätigen können. Der arme Junge brannte vor Ungeduld; da kam der Bediente des Grafen von L . . . mit dem Briefe, und da dies die erste anwendbare Gelegenheit war, die sich darbot, so hielt sie La Fleur auch sogleich fest. Er nahm ihn, um seinem Herrn Ehre zu machen, in ein Hinterzimmer des Gasthauses und bewirthete ihn mit ein oder zwei Bechern des besten Weines der Picardie; und des Grafen von L . . . Diener, um in der Höflichkeit nicht hinter La Fleur zurückzubleiben, hatte ihn zur Erwiederung mit zurück in des Grafen Hôtel genommen. La Fleurs einnehmendes Wesen (sein bloßer Blick diente ihm schon als Empfehlungsbrief) setzte bald alle Leute in der Küche auf vertraulichen Fuß mit ihm. Und da ein Franzose durchaus nicht spröde damit thut, seine Talente zu zeigen, worin diese auch bestehen mögen: so hatte La Fleur in weniger als fünf Minuten seine Querpfeife hervorgeholt, und indem er selbst mit der ersten Note den Tanz anführte, machte er die Fille de chambre, den Maître d'hôtel, den Koch, die Scheuermagd, kurz den ganzen Haushalt, Hunde und Katzen, selbst einen alten Affen nicht ausgenommen, zu einem Tänzchen aufgelegt. Ich glaube, es hat seit der Sündfluth keine so lustige Küche gegeben. Frau von L . . . ging grade von ihres Bruders Zimmern nach dem ihrigen, und da sie die ungemeine Heiterkeit drunten vernahm, klingelte sie ihrem Kammermädchen, um nach der Ursache davon zu fragen; und als sie hörte, es sei der Bediente des englischen Herrn, der das ganze Haus mit seiner Querpfeife in Lustigkeit versetzt habe, so beorderte sie ihn zu sich herauf. Da sich der arme Bursche doch nicht mit leeren Händen vorstellen konnte, so hatte er sich, während er die Treppe hinaufstieg, mit unzähligen Complimenten von Seiten seines Herrn an Frau von L . . . versehen – fügte eine lange Liste von erdichteten Erkundigungen nach der Gesundheit der gnädigen Frau hinzu; sagte ihr, Monsieur, sein Herr, wäre au désespoir betreffs ihrer Erholung von den Beschwerden der Reise – und, als Schluß von Allem, Monsieur habe den Brief empfangen, womit Madame ihn beehrt hätte – – »Und er hat mir die Ehre erzeigt«, fragte Frau von L . . ., La Fleur unterbrechend, »mir zur Erwiederung ein Billet zu senden?« Frau von L . . . hatte dies mit einem solchen Tone zuversichtlicher Hoffnung gesagt, daß La Fleur nicht den Muth fand, ihre Erwartung zu täuschen – er zitterte für meine Ehre – und wahrscheinlich mochte er auch um die seinige nicht ganz unbesorgt sein, als sei er fähig, einem Herrn anzuhängen, der es en égards vis-à-vis d'une femme ermangeln lassen könnte! Als daher Frau von L . . . La Fleur fragte, ob er einen Brief mitgebracht hätte, sagte dieser: »O qu'oui!« – Und damit legte er seinen Hut auf den Fußboden, griff mit der linken Hand nach der Klappe der rechten Rocktasche und fing mit der Rechten an, nach dem Briefe zu suchen – dann auf der entgegengesetzten Seite – »Diable!« – dann wurde jede Tasche, eine nach der andern an seinem Leibe durchsucht, selbst die Hosentasche nicht ausgenommen – »Peste!« – Hierauf leerte La Fleur sie alle auf dem Fußboden aus – zog eine schmutzige Halsbinde hervor – ein Schnupftuch – einen Kamm – eine Peitschenschnur – eine Nachtmütze – dann warf er einen Blick in seinen Hut – »Quelle étourderie!« – er hätte den Brief im Wirthshause auf dem Tische liegen lassen; er würde darnach eilen und mit ihm in drei Minuten wieder zurück sein. Ich hatte eben mein Abendessen beendigt, als La Fleur hereintrat und mir einen Bericht von seinem Abenteuer abstattete. Er trug mir die ganze Geschichte so einfach vor, wie sie sich verhielt, und fügte nur noch hinzu: wenn Monsieur ( par hazard ) vergessen haben sollte, Madame auf ihren Brief zu antworten, so gäbe ihm dies arrangement Gelegenheit, den faux pas wieder gut zu machen; – wo nicht, so bliebe Alles, wie es gewesen. Nun war ich hinsichtlich der Etiquette allerdings nicht ganz sicher, ob ich hätte schreiben sollen oder nicht; doch wäre ich es auch gewesen – der Teufel selbst hätte nicht böse werden können: es war ja nur der Pflichteifer eines wohlmeinenden Geschöpfes, das um meine Ehre besorgt war; und mochte er immerhin einen Mißgriff gethan, oder mich durch sein Thun in Verlegenheit gesetzt haben – sein Herz hatte keine Schuld daran – ich befand mich durchaus nicht in der Notwendigkeit, zu schreiben – und was mehr als alles das ins Gewicht fiel – er hatte gar nicht das Aussehen, als ob er etwas Unrechtes gethan hätte. – »Das ist Alles ganz gut, La Fleur«, sagte ich – und dies war hinreichend –: La Fleur flog wie ein Blitz aus dem Zimmer und kehrte mit Feder, Dinte und Papier in der Hand zurück; und indem er an den Tisch herantrat, legte er es mit solcher Freude in den Mienen dicht vor mich hin, daß ich nicht umhin konnte, die Feder zu ergreifen. Ich fing an und fing wieder an; und obgleich ich nichts zu sagen hatte, und dieses Nichts in einem halben Dutzend Zeilen hätte ausgedrückt werden können, so machte ich doch ein Dutzend verschiedener Anfänge und konnte mir es mit keinem recht machen. Genug, ich war nicht in der Laune zu schreiben. La Fleur ging wieder hinaus und brachte ein wenig Wasser in einem Glase, um mir die Dinte flüssiger zu machen – dann holte er Sand und Siegellack – es blieb dasselbe: ich schrieb, und strich aus, und zerriß und verbrannte es, und schrieb von Neuem. – »Le diable l'emporte!« brummte ich vor mich hin – »ich bin außer Stande, diesen Brief zu schreiben«, und mit diesen Worten warf ich voll Verzweiflung die Feder weg. Sobald ich sie weggeworfen hatte, trat La Fleur mit der demüthigsten Haltung an den Tisch heran, und nachdem er tausend Entschuldigungen vorgebracht wegen der Freiheit, die er sich herausnähme, sagte er zu mir: er hätte einen Brief in der Tasche, den ein Tambour seines Regimentes an die Frau eines Corporals geschrieben habe, und der, wie er sich zu behaupten unterstände, auf den vorliegenden Fall passen werde. Ich befand mich in der Laune, auf den wunderlichen Einfall des armen Burschen einzugehen – »Nun«, sagte ich, »so laß mich ihn sehen.« La Fleur zog sofort eine kleine schmutzige Brieftasche hervor, vollgepfropft mit kleinen Briefen und billets-doux in einem traurigen Zustande; und indem er diese auf den Tisch hinlegte und hierauf die Schnur, mit der sie alle zusammengebunden waren, aufnestelte, sah er sie alle der Reihe nach eilig durch, bis er auf den fraglichen Brief traf. – »Voilà!« rief er, die Hände zusammenschlagend, faltete ihn dann auseinander, legte ihn vor mich hin und zog sich, während ich ihn las, drei Schritte von dem Tische zurück. Der Brief. Madame, Je suis pénétré de la douleur la plus vive, et réduit en même temps au désespoir par ce retour imprévu du Corporal, qui rend notre entrevue de ce soir la chose du monde la plus impossible. Mais vive la joie! et toute la mienne sera de penser à vous. L'amour n'est rien sans sentiment. Et le sentiment est encore moins sans amour. On dit qu'on ne doit jamais désespérer. On dit aussi que Monsieur le Corporal monte la garde Mercredi: alors ce sera mon tour. Chacun à son tour . En attendant — Vive l'amour! et vive la bagatelle! Je suis, Madame , avec tous les sentiments les plus respectueux et les plus tendres tout à vous         Jacques Roque . Es war nichts weiter nöthig, als den Corporal in den Grafen umzuändern und nichts von dem Auf-die-Wache-ziehen am Mittwoch zu erwähnen – und der Brief war so übel nicht. Um also dem armen Jungen, der für meine Ehre, für seine eigne und für die seines Briefes zitternd dastand, einen Gefallen zu thun – schöpfte ich den Rahm sauber davon ab, und nachdem ich ihn nach meiner Weise zugerichtet hatte – siegelte ich das Billet und schickte ihn damit zu Frau von L . . . – Und am nächsten Morgen setzten wir unsere Reise nach Paris fort.   Paris . Wenn ein Mann es mit einer Equipage durchsetzen und ringsum Aufsehen erregend mit einem halben Dutzend Lakaien und ein paar Köchen daher rauschen kann – so macht sich das prächtig an einem solchen Orte wie Paris – er kann in jede beliebige Straße hineinjagen. Ein armer Prinz aber, der nicht stark mit Reiterei versehen ist, und dessen Fußvolk nicht über Einen Mann hinausgeht, thut am besten, das Feld frei zu geben und sich im Cabinet hervorzuthun, wenn er nämlich hinaufkommen kann – ich sage: hinaufkommen kann in dasselbe – weil man sich da nicht so senkrecht unter die Leute hinablassen kann mit einem: »Me voici, mes enfans!« hier bin ich – was Mancher auch denken mag. Ich gestehe, meine ersten Empfindungen, sobald ich mich einsam und allein in dem mir angewiesenen Zimmer im Hôtel befand, waren nichts weniger als so schmeichelhaft, wie ich sie mir im voraus gedacht hatte. Ich trat nachdenklich in meinem bestaubten schwarzen Rock an das Fenster und sah, durch die Scheiben blickend, alle Welt in Gelb, Blau und Grün nach dem Ringe des Vergnügens rennen – Die Alten, mit zersplitterten Lanzen und in Helmen, denen die Visire fehlten – die Jungen in glänzenden Rüstungen, die wie eitel Gold schimmerten, befiedert mit jeder bunten Feder des Orients – alle – alle stachen darnach, gleich bezauberten Rittern in den alten Turnierspielen um Ruhm und Liebe. »Ach, armer Yorick!« rief ich aus, »was willst du hier anfangen? Beim ersten Stoß an all dieses glänzende Getümmel wirst du zu einem Atom zusammenschwinden; – suche – suche irgend eine sich dahin schlängelnde Allée, die ein Drehkreuz schließt, wo noch nie eine Kutsche rollte, noch je eine Fackel ihre Strahlen hinschoß – dort magst du deine Seele in der süßen Unterhaltung mit irgend einer gutherzigen Grisette von Barbiersfrau erlaben und Zutritt in dergleichen Coterien finden.« – »Lieber umkommen, als das thun!« sagte ich, indem ich den Brief hervorzog, den ich an Madame de R . . . zu übergeben hatte. »Ich will dieser Dame meine Aufwartung machen; das soll mein erster Gang sein.« – Somit rief ich La Fleur, mir auf der Stelle einen Barbier zu schaffen und bald wiederzukommen und meinen Rock auszubürsten. Die Perrücke. Paris . Als der Barbier kam, weigerte er sich entschieden, irgend etwas mit meiner Perrücke vorzunehmen: sie war entweder über oder unter seiner Kunst. Mir blieb weiter nichts übrig, als eine fertige neue auf seine Empfehlung hin zu nehmen. –»Aber ich fürchte, mein Freund!« sagte ich, »diese Locke wird nicht stehen.« – »Und wenn Sie sie in den Ocean tauchen«, erwiederte er, »so wird sie stehen!« – Nach welchem großen Maßstabe doch Alles in dieser Stadt genommen wird! dachte ich. – Die äußerste Grenze der Vorstellungen eines englischen Perrückenmachers wäre nicht weiter gegangen, als sie »in einen Eimer Wasser getaucht« zu haben. – Welch ein Unterschied! – es ist wie Zeit und Ewigkeit. Ich gestehe, ich hasse alle nüchternen Vorstellungen ebenso sehr, wie die kleinlichen Ideen, aus denen sie entspringen, und ich werde gemeiniglich von den großen Werken der Natur so stark ergriffen, daß ich meinerseits, wenn es sein müßte. niemals etwas Geringeres zu einem Gleichniß brauchen würde, als mindestens einen Berg. Alles, was gegen die französische Erhabenheit in dem vorliegenden Beispiele eingewendet werden kann, ist dies – daß die Größe mehr in den Worten liegt und weniger in der Sache. Ohne Zweifel erfüllt der Ocean die Seele mit erhabenen Gedanken; da aber Paris so tief im Lande liegt, so ließ sich nicht annehmen, daß ich ein hundert Meilen per Post reisen würde, um den Versuch anzustellen; – der Pariser Barbier dachte sich nichts dabei. – Der Eimer mit Wasser neben die unermeßliche Tiefe hingestellt, macht freilich eine ärmliche Figur in der Rede; – aber man kann sagen, er gewährt doch Einen Vortheil, er ist im nächsten besten Zimmer zur Hand, und die Festigkeit der Locke kann darin ohne weitere Umstände erprobt werden, und zwar in einem Augenblicke. Ehrlich herausgesagt, und nach unparteiischer Untersuchung der Sache: der französische Ausdruck verspricht mehr, als er leistet . Mir scheint, daß ich die bestimmten und unterscheidenden Merkmale des Nationalcharakters besser in diesen albernen Geringfügigkeiten zu erkennen vermag, als in den wichtigsten Staatsgeschäften, wo die großen Männer aller Nationen in so ganz gleicher Weise handeln und wandeln, daß ich nicht neun Pfennige für die Auswahl unter ihnen geben möchte. Ich befand mich so lange unter den Händen meines Barbiers, daß es zu spät wurde, noch diesen Abend an einen Gang mit meinem Briefe zu Madame de R . . . zu denken. Doch wenn man einmal in jedem Stücke zum Ausgehen hergerichtet ist, so hat man wenig Lust zu etwas Anderem. Ich merkte mir also den Namen des Hôtel de Modène , wo ich logirte, und ging, ohne irgend ein bestimmtes Ziel zu haben, fort. – »Ich werde unterwegs«, sagte ich zu mir, »darüber nachdenken.« Der Puls. Paris . Gesegnet seid, ihr kleinen, süßen Gefälligkeiten des Lebens! denn ihr macht den Pfad desselben angenehm, gleich der Anmuth und Schönheit, welche beim ersten Anblick uns zur Liebe geneigt machen; ihr seid es, welche diese Pforte öffnen und dem Fremdling den Eintritt gestatten. – »Ich bitte, Madame«, sagte ich, »haben Sie die Güte, mir zu sagen, welchen Weg ich nehmen muß, um zur Opéra comique zu gelangen.« – »Sehr gern, Monsieur«, sagte sie und legte ihre Arbeit bei Seite. Ich hatte im Dahinschreiten meinen Blick in ein halb Dutzend Läden geworfen, mich nach einem Gesicht umsehend, das durch eine solche Unterbrechung nicht allzu sehr gestört würde, bis ich zuletzt, da dieses meine Phantasie anlockte, hier eintrat. Sie arbeitete grade an einem Paar Handkrausen und saß dabei auf einem niedrigen Sessel an der der Thür entgegengesetzten Seite des Ladens. – » Très-volontiers, sehr gern«, sagte sie, legte ihre Arbeit auf einen neben ihr stehenden Stuhl und erhob sich von dem niedrigen Sessel, worauf sie saß, mit so munterer Bewegung und so heiterem Blicke, daß ich, hätte ich auch fünfzig Louisd'or vor sie hingezahlt, doch gesagt haben würde: »Dies Frauenzimmer ist dankbar.« – »Sie müssen sich, mein Herr«, sagte sie, indem sie mit mir bis zur Thür des Ladens ging und mir den Weg die Straße hinab zeigte, die ich nehmen sollte – »Sie müssen sich erst linker Hand halten – mais prenez garde – da sind zwei Straßenmündungen; treten Sie gefälligst in die zweite ein; dann gehn Sie diese ein wenig entlang – und Sie werden eine Kirche sehen; und sobald Sie an dieser vorüber sind, so bemühen Sie sich nur gleich rechts, so kommen Sie an den pont neuf, den Sie überschreiten müssen – und dort wird Ihnen Jedermann mit Vergnügen den ferneren Weg zeigen. – Sie wiederholte ihre Unterweisung dreimal, das letzte wie das erste Mal mit derselben gutmüthigen Geduld; und wenn Ton und Manieren eine Bedeutung haben, wie es wirklich der Fall ist, außer für Herzen, die sich dafür verschließen – so schien ihr wirklich daran gelegen zu sein, daß ich mich nicht verirren sollte. Ich will die Annahme beiseit lassen, als ob die Schönheit des Frauenzimmers (wiewohl sie, meines Bedünkens, die hübscheste Grisette war, die ich jemals sah) an der Empfindung, die mir ihre Gefälligkeit einflößte, großen Antheil hatte: ich erinnere mich nur, daß ich ihr sehr tief in die Augen blickte, als ich ihr sagte, wie sehr ich ihr verpflichtet wäre, – und daß ich meinen Dank eben so oft wiederholte, als sie es mit ihrer Unterweisung gethan hatte. Ich war noch nicht zehn Schritte von ihrer Thür, als ich schon merkte, daß ich jedes Tüttelchen von dem, was sie mir gesagt, vergessen hatte; – und da ich in dieser Verlegenheit zurückschaute und sie noch in der Thür des Ladens stehn sah, als wenn sie sich überzeugen wollte, ob ich recht ginge oder nicht: so kehrte ich zurück, um sie zu fragen, ob ich mich zuerst nach rechts oder links zu wenden hätte – denn ich hätte es rein vergessen. – »Ist es möglich!« sagte sie halblachend. –»Das ist sehr möglich«, versetzte ich, »wenn ein Mann mehr an ein Frauenzimmer denkt, als an ihren guten Rath.« Da dies die reine Wahrheit war – so nahm sie es, wie jedes Weib etwas aufnimmt, das ihr zukommt, mit einer leichten Verneigung hin. »Attendez«, sagte sie, indem sie ihre Hand auf meinen Arm legte, um mich zurückzuhalten, während sie einem Burschen in dem hintern Laden zurief, ein Packetchen Handschuhe bereit zu machen. »Ich wollte ihn eben«, sagte sie, »mit einem Packet in jenes Viertel schicken; und wenn Sie gefälligst eintreten wollen, so wird es in einem Augenblick zurecht gemacht sein, und er soll Sie nach dem Platze geleiten.« – Ich ging also mit ihr hinein in den Laden, und indem ich die Manschette, die sie auf den Stuhl gelegt hatte, in die Hand nahm, als ob ich mich setzen wollte, ließ sie selbst sich auf ihrem niedrigen Sessel nieder, und ich setzte mich ohne Weiteres neben sie. – »Er wird gleich fertig sein, Monsieur«, sagte sie, »in einem Augenblick.« – »Und in diesem Augenblicke«, erwiederte ich, »möchte ich Ihnen so gern etwas recht Artiges für all diese Gefälligkeiten sagen. Ein Jeder kann wohl gelegentlich eine Handlung der Gutmüthigkeit ausüben; aber sie zu wiederholen, das zeigt, daß das Temperament dabei betheiligt ist; und sicherlich«, fügte ich hinzu, »wenn dasjenige Blut, das vom Herzen ausgeht, dasselbe ist, welches sich nach den äußern Theilen verbreitet (und hierbei faßte ich sie an ihrem Handgelenk): so bin ich überzeugt, Sie müssen einen der besten Pulse haben, den je ein Frauenzimmer in der Welt hatte.« – »Fühlen Sie ihn«, sagte sie, indem sie ihren Arm hinhielt. – So legte ich denn meinen Hut beiseit, hielt ihre Finger mit der einen Hand umfaßt und legte die beiden Vorderfinger der andern auf die Pulsader – – Beim Himmel! ich wünschte, mein theurer Eugenius, du wärest vorbeigegangen und hättest mich in meinem schwarzen Rocke und mit meiner Jammermiene sitzen sehen, wie ich die Schläge des Pulses, einen nach dem andern, mit ebenso wahrer Andacht zählte, als wenn ich die kritische Ebbe und Flut ihres Fiebers hätte beobachten wollen. – Wie würdest du über meine neue Profession gelacht und moralisirt haben! – Und möchtest du immerhin gelacht und moralisirt haben – glaube mir, theurer Eugenius, ich würde gesagt haben: »Es giebt schlimmere Beschäftigten in dieser Welt, als einem Weibe den Puls fühlen .« – »Aber einer Grisette!« würdest du erwiedert haben – »und in einem offenen Laden, Yorick!« – – »Um so besser. Denn wenn meine Absichten ehrbar sind, Eugenius, so ist es mir gleichgültig, ob auch die ganze Welt mich den Puls fühlen sähe.« Der Ehemann. Paris . Ich hatte zwanzig Pulsschläge gezählt und zählte weiter bis gegen die vierzig hin, als ihr Mann unvermuthet aus einem hintern Zimmer in den Laden kam und mich ein wenig aus meinem Zählen brachte. – Es wäre niemand weiter als ihr Mann, sagte sie – und so fing ich ein neues Halbschock zu zählen an. – »Monsieur ist so gütig«, sagte sie zu ihrem Manne, als dieser an uns vorüberging, »und bemüht sich, mir den Puls zu fühlen.« – Der Ehemann zog seinen Hut ab und sagte mit einer Verbeugung, ich erzeige ihm zu große Ehre – und dies gesagt, setzte er den Hut wieder auf und ging hinaus. »Gütiger Gott!« sagte ich bei mir selber, als er hinausging – »kann dies der Mann dieser Frau sein?!« Mögen sich die Wenigen, die sich den Grund meiner Ausrufung zu erklären wissen, nicht ärgern, wenn ich ihn denen erörtere, die es nicht können. In London scheinen ein Ladenhändler und eines Ladenhändlers Frau Ein Fleisch und Bein zu sein. In den verschiedenen geistigen wie leiblichen Begabungen ist bald das Eine, bald das Andere im Vortheil, so daß sie sich im Allgemeinen die Wage halten und genau so zu einander passen, wie es bei Mann und Weib nothwendig ist. In Paris dagegen giebt es kaum zwei Klassen von Wesen, die verschiedener wären. Denn da die gesetzgebende und vollziehende Gewalt im Laden nicht auf dem Manne beruht, so kommt er selten hinein; – ohne Verkehr sitzt er mit seiner wollenen Nachtmütze in irgend einem dunklen, trübseligen Hinterzimmer, als ebenderselbe rauhe Sohn der Natur, wie die Natur ihn von sich entließ. Da aber der Genius eines Volkes, bei dem nichts als die Monarchie auf dem salischen Gesetze beruht, dieses Departement nebst verschiedenen andern gänzlich den Frauen abgetreten hat –: so haben diese durch ein fortwährendes Markten mit Kunden aller Stände und Sinnesarten von Morgen bis in die Nacht, gleich rauhen Kieseln, die man lange Zeit in einem Beutel zusammen schüttelte, durch freundschaftliche Berührung ihre Rauhheiten und scharfen Kanten verloren und sind nicht nur rund und glatt geworden, sondern einige von ihnen nehmen auch eine Politur an gleich dem Brillanten. – Monsieurr le Mari ist wenig besser als der Stein, auf den ihr tretet. – – Wahrlich – wahrlich, Mensch! – es ist nicht gut, daß du allein seist – du wurdest für geselligen Umgang und freundliche Begrüßung geschaffen, und die Vervollkommnung, welche unsere Naturen dadurch erhalten, ist mein Beweis dafür. – »Und wie geht er denn, Monsieur?« fragte sie. – »Mit all der Gutartigkeit«, sagte ich, ihr ruhig in die Augen blickend, »die ich erwartet hatte.« – Sie wollte eben etwas Verbindliches darauf erwiedern – aber der Diener kam in den Laden mit den Handschuhen. »A-propos«, sagte ich, »ich brauche selbst ein Paar.« Die Handschuhe. Paris . Die hübsche Krämerfrau stand, als ich dies sagte, auf, ging hinter den Ladentisch, holte ein Packet herunter und band es auf. Ich trat an die äußere Seite des Ladentisches ihr gegenüber. Sie waren alle zu weit. Die hübsche Krämerin maß sie, ein Paar nach dem andern, über meine Hand; sie blieben alle zu weit, nach wie vor. – Sie bat mich, daß ich ein Paar, welches das kleinste zu sein schien, anprobiren möchte – sie hielt sie mir offen hin – meine Hand schob sich im Nu hinein. – »Es will nicht passen«, sagte ich, ein wenig mit dem Kopfe schüttelnd. – »Nein«, sagte sie, und that desgleichen. Es giebt gewisse zusammengesetzte Blicke von einfacher Feinheit, worin launiges, verständiges, ernstes und schalkhaftes Wesen so gemischt sind, daß alle Sprachen Babels, zusammen losgelassen, keinen Ausdruck dafür zu geben vermöchten –: sie werden so augenblicklich mitgetheilt und aufgefangen, daß man kaum sagen kann, welcher der ansteckende Theil ist. Ich überlasse es euren Wortmachern, Seiten darüber vollzuschreiben; gegenwärtig reicht es hin, noch einmal zu wiederholen: die Handschuhe wollten nicht passen. Und so lehnten wir uns beide, die Hände in die Arme schlagend, nachlässig auf den Ladentisch hin – er war schmal und bot grade nur noch Raum genug, daß das Packet Handschuhe zwischen uns liegen konnte. Die hübsche Ladenfrau sah bisweilen auf die Handschuhe, dann seitwärts nach dem Fenster, dann wieder auf die Handschuhe – dann auf mich. Ich fühlte keinen Antrieb, das Schweigen zu brechen; – ich folgte ihrem Beispiele: sah bald auf die Handschuhe, bald nach dem Fenster hin, dann wieder auf die Handschuhe, dann nach ihr – und so ging es abwechselnd fort. Ich merkte, daß ich bei jedem wiederholten Angriff beträchtlich in Nachtheil gerieth – sie hatte lebhafte, schwarze Augen und schoß unter langen und seidenen Wimpern so durchdringende Blicke hervor, daß sie mir bis ins innerste Herz hinein schaute. – Es mag seltsam erscheinen, aber ich empfand in der That, daß es so war. – »Es thut nichts«, sagte ich, indem ich zwei Paare der mir zunächst liegenden zu mir nahm und in die Tasche steckte. Es war mir nicht recht, daß die hübsche Krämerfrau mir kaum mehr als einen einzigen Livre über den Preis abgefordert hatte; ich wünschte, sie hätte noch einen mehr gefordert, und zerbrach mir den Kopf, wie ich das zuwege bringen sollte. – »Könnten Sie glauben, mein werther Herr«, sagte sie, meine Verlegenheit mißverstehend, »daß ich im Stande wäre, von einem Fremden auch nur einen Sous zu viel zu fordern – und noch dazu von einem Fremden, der mehr aus Artigkeit, als weil er Handschuhe braucht, mir die Ehre erwiesen und sein Vertrauen geschenkt hat? – M'en croyez-vous capable?« – »Ich wahrhaftig nicht!« sagte ich; »und wenn Sie dessen fähig wären, so würde es mir nur willkommen sein.« Damit zählte ich ihr das Geld in die Hand, und mit einer tieferen Verbeugung, als man sonst einer Krämerfrau zu machen pflegt, ging ich fort, und ihr Bursche folgte mir mit seinem Packet nach. Die Uebersetzung. Paris . In der Loge, in welche man mich wies, war niemand, als ein freundlicher, alter französischer Offizier. Ich liebe diesen Charakter; nicht nur, weil ich den Mann ehre, dessen Sitten durch einen Beruf, welcher sonst schlimme Menschen noch schlimmer macht, milder geworden sind; sondern weil ich einst einen gekannt habe – denn er ist nicht mehr! – – Und warum sollte ich nicht ein Blatt vor dem Verderben retten, indem ich seinen Namen darauf schreibe und der Welt sage, daß dies Capitain Tobias Shandy war, der Theuerste meiner geistlichen Heerde und meiner Freunde, an dessen Menschenfreundlichkeit, so lang es auch her ist, daß er gestorben, ich niemals denken kann, ohne daß meine Augen von Thränen überfließen. Um seinetwillen habe ich eine Vorliebe für den ganzen Stand alter Krieger; und so stieg ich über die beiden hintern Reihen von Bänken weg und setzte mich neben ihn. Der alte Offizier las aufmerksam in einem kleinen Büchelchen (es mochte wohl der Operntext sein) mit einer großen Brille. Sobald ich mich niedergesetzt hatte, nahm er diese ab, und nachdem er sie in ein Chagrinfutteral gelegt hatte, steckte er sie nebst dem Büchelchen in die Tasche. Ich erhob mich halb und machte ihm eine Verbeugung. Uebersetzt dies in irgend eine civilisirte Sprache der Welt – und der Sinn ist folgender: »Da ist ein sich selbst überlassener Fremder in die Loge gekommen. Er scheint niemand zu kennen, und würde wahrscheinlich auch niemand kennen lernen, und wenn er sieben Jahre in Paris wäre, sofern Jeder, dem er sich nähert, seine Brille auf der Nase behielte – denn das hieße, ihm die Thüre der Unterhaltung vor der Nase zuschlagen und ihn ärger behandeln als einen Deutschen.« Der französische Offizier hätte dies ebenso gut laut sagen können; und hätte er es gethan, so würde ich natürlich die Verbeugung, die ich ihm machte, auch in das Französische übersetzt und zu ihm gesagt haben: »ich empfände seine Aufmerksamkeit sehr wohl und sage ihm tausend Dank dafür«. Es giebt kein Geheimniß, das den Fortschritt des geselligen Verkehrs so fördert, als die Kunst, Meister in der Auslegung solcher Abbreviaturen zu sein, und die verschiedenen Bewegungen der Blicke und Glieder mit all ihren Abwandlungen und Umschreibungen in klaren Worten rasch wiedergeben zu können. Ich meinestheils übe dies, zufolge langer Gewohnheit, so mechanisch, daß ich, bei einem Spaziergang durch die Straßen Londons, auf dem ganzen Wege solches Uebersetzen treibe; und mehr als einmal habe ich hinter einem Gesellschaftskreise gestanden, worin nicht drei Worte gesprochen wurden, und dennoch zwanzig verschiedene Dialoge daraus mit hinweggetragen, die ich recht gut hätte zu Papier bringen und beschwören können. In Mailand wollte ich eines Abends in Martinas Concert gehen und trat grade in die Thür der Halle, als die Marquise von F . . . mit einer gewissen Eile heraus kam – sie stand fast vor mir, ehe ich sie bemerkte. Ich sprang also zur Seite, um sie vorüberzulassen; – sie hatte das Nämliche gethan, und zwar nach der nämlichen Seite, und so rannten wir denn mit den Köpfen zusammen. Augenblicklich wandte sie sich nach der andern Seite, um hinauszukommen; ich traf es gerade so unglücklich wie sie, denn ich war ebenfalls nach jener Seite gesprungen und verrannte ihr abermals den Weg. – Wir flogen beide gleichzeitig wieder auf die entgegengesetzte Seite, und dann zurück – und so fort – es war zum Lachen. Wir wurden beide über die Maßen roth; endlich that ich denn, was ich gleich zu Anfang hätte thun sollen: ich blieb still stehen, und die Marquise hatte keine Beschwerlichkeit weiter. Ich war nicht im Stande, eher in den Saal zu gehen, bis ich ihr so viel Genugthuung gegeben hatte, daß ich wartete und ihr mit den Augen bis zum Ausgang folgte – Sie sah zweimal zurück und hielt sich mehr an die Seite, als wenn sie jemandem, der die Treppe herauf käme, Platz lassen wollte, vorbei zu kommen. –»Nein«, sagte ich, »das ist eine elende Auslegung: die Marquise hat ein Recht auf die beste Entschuldigung, die ich ihr nur machen kann; und jener freie Raum ist mir offen gelassen, dies zu thun.«– Also eilte ich zu ihr hin und bat um Verzeihung wegen der Verlegenheit, in die ich sie gesetzt hätte, indem ich sagte, es wäre meine Absicht gewesen, ihr Platz zu machen. Sie antwortete, dieselbe Absicht hätte sie mir gegenüber geleitet – und so dankten wir denn einander gegenseitig. Sie stand gerade am obern Ende der Treppe, und da ich keinen Cicisbeo in ihrer Nähe bemerkte, so bat ich, sie zur Kutsche geleiten zu dürfen. Wir stiegen also die Treppe hinab und blieben auf jeder dritten Stufe stehen, um von dem Concert und dem Abenteuer zu reden. – »Auf mein Wort, Madame«, sagte ich, als ich ihr in den Wagen geholfen hatte, »ich habe mich sechsmal bemüht, Sie herauszulassen« – »Und ich mich sechsmal«, entgegnete sie, »um Sie hineinzulassen.« – »Wollte der Himmel«, sagte ich, »Sie thäten es zum siebenten Male.« – »Von Herzen gern«, sagte sie und machte mir Platz. – Das Leben ist zu kurz, um viele Zeit mit Formalitäten zu verlieren – ich stieg also flugs ein, und sie nahm mich mit sich nach Hause. – Was aus dem Concert geworden ist, das wird die heilige Cäcilia, die vermutlich dabei war, besser wissen als ich. Der Zwerg. Paris . Ich will nur noch hinzufügen, daß die Bekanntschaft, die ich dieser Uebersetzung verdankte, mir mehr Vergnügen gewährt hat, als sonst irgend eine, die ich in Italien zu machen die Ehre hatte. Ich hatte die Bemerkung in meinem Leben von Niemand gehört, ausgenommen von Einem – und wer das gewesen, wird sich wahrscheinlich aus diesem Kapitel ergeben. Da ich also so gut wie gar nicht im voraus eingenommen war, so mußten doch Gründe für das vorhanden sein, was mir, als ich auf das Parterre hinabblickte, sofort in die Augen fiel – und dies war das unerklärbare Spiel der Natur, wodurch sie eine solche Menge von Zwergen hervorbrachte. – Ohne Zweifel treibt sie Kurzweil zu gewissen Zeiten in fast jedem Winkel der Welt; in Paris aber ist ihres Scherzens kein Ende – die Göttin scheint fast ebenso ausgelassen, als sie weise ist. Da ich meine Idee aus der Opéra comique mit mir nahm, so maß ich damit einen Jeden, den ich in den Straßen gehen sah. – Eine melancholische Nutzanwendung! – besonders da, wo die Größe ohnedies ausnehmend gering ist – das Gesicht außerordentlich brünett – die Augen unruhig – die Nase lang – die Zähne weiß – das Kinn vorragend –: so viele Unglückliche zu sehen, die durch die Gewalt von Zufälligkeiten aus ihrer eigentümlichen Klasse fast bis an die Grenze einer andern getrieben worden, so daß es mir Pein erregt, es niederzuschreiben: – jeder dritte Mensch ein Pygmäe! – einige mit unförmlichen Köpfen und höckerigen Rücken – andere mit krummen Beinen – ein dritter Theil von der Hand der Natur im sechsten oder siebenten Jahre im Wachsthum zurückgehalten – ein vierter, sonst in vollkommnem und natürlichem Zustande, gleich Zwergbäumchen von den ersten Keimen des Lebens an bestimmt, niemals größer zu werden. Ein medizinischer Reisender könnte behaupten, das rühre von unzweckmäßigem Einwickeln her – ein mit dem Spleen behafteter, vom Mangel an Luft – und ein neugieriger Reisender mag, um das System zu befestigen, die Höhe ihrer Häuser und die Enge ihrer Gassen messen – und in wie wenig Cubikfuß Raum im sechsten und siebenten Stockwerk so viele Personen von der Bourgeoisie zusammen essen und schlafen. Aber ich erinnere mich, daß Herr Shandy der Aeltere – der nichts in einer Weise wie andere Menschen betrachtete – eines Abends, als von dergleichen die Rede war, die Behauptung aufstellte, daß Kinder, gleich andern Thieren, fast zu jeder Größe herangezogen werden könnten, vorausgesetzt, daß sie auf richtige Art zur Welt kämen; aber das Elend wäre: die bürgerlichen Einwohner von Paris lebten so zusammengepfercht, daß sie wirklich nicht Raum genug hätten, welche zu erzielen – »ich kann dies nicht einmal: Etwas erzielen nennen«, sagte er; »es heißt vielmehr Nichts erzielen.« – »Ja, fuhr er fort, in seiner Darlegung sich steigernd, »es heißt etwas Schlimmeres erzielen als Nichts, wenn alles, was ihr erzielt habt, nach zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren der zärtlichsten Sorgfalt und der nahrhaftesten Kost, die darauf verwendet wird, zuletzt nicht größer sein soll, als mein Bein.« – Weil nun Herr Shandy von sehr kurzer Statur war, so konnte freilich nichts Stärkeres über die Sache gesagt werden. Da dies kein Werk wissenschaftlicher Untersuchung ist, so lasse ich die Erklärung auf sich beruhen und begnüge mich allein mit der Wahrheit der Bemerkung, welche in jeder Gasse und Nebengasse von Paris ihre Bestätigung findet. Ich ging einmal jene hinunter, welche von dem Caroussel nach dem Palais Royal führt, und da ich einen kleinen Knaben an dem Rande der Gosse, welche mitten durch die Straße hinlief, in Verlegenheit sah: so reichte ich ihm meine Hand entgegen und half ihm herüber. Als ich darauf sein Gesicht in die Höhe richtete, um ihn anzusehen, nahm ich wahr, daß er ungefähr ein Vierziger war. – »Thut nichts«, sagte ich; »irgend ein gutherziger Mensch wird mir den gleichen Dienst erweisen, wenn ich einmal neunzig bin.« Ich fühle in mir gewisse kleine Grundsätze, die mich zum Wohlwollen gegen diesen armen, verkrüppelten Theil meiner Mitmenschen bestimmen, welcher weder Größe noch Kraft genug besitzt, um in der Welt fortzukommen. – Ich kann es nicht ertragen, wenn ich sehe, daß man einen von ihnen mißhandelt; und ich hatte mich kaum neben meinem alten französischen Offizier niedergelassen, als diese widerwärtige Empfindung in mir dadurch erregt ward, daß ich grade einen solchen Fall unter der Loge, in der wir saßen, vorgehen sehen mußte. Am Ende des Orchesters, zwischen diesem und der ersten Seitenloge, ist ein schmaler Raum gelassen, wohin, wenn das Haus voll ist, Leute aus allen Ständen ihre Zuflucht nehmen. Obschon man dort stehen muß, wie im Parterre, so muß man doch den nämlichen Preis bezahlen, wie im Orchester. Ein armes, wehrloses Geschöpf aus jener Klasse war auf eine oder die andere Weise an diesen unglücklichen Ort gedrängt worden – der Abend war heiß, und er war von Wesen umgeben, die zwei und einen halben Fuß größer waren als er. Der Zwerg hatte von allen Seiten her unaussprechlich zu leiden; doch was ihm am beschwerlichsten fiel, war ein großer, wohlbeleibter Deutscher von fast sieben Fuß Höhe, welcher gerade zwischen ihm und aller Möglichkeit, etwas von der Bühne und den Schauspielern zu sehen, stand. Der arme Zwerg that alles, was er konnte, um einen Lug von dem, was vorging, zu gewinnen, indem er nach einer kleinen Oeffnung zwischen dem Arm und dem Körper des Deutschen spähte, es bald auf der einen, bald auf der andern Seite versuchend; aber der Deutsche stand wie ein Quaderstein in der unnachgiebigsten Stellung, die man sich nur denken kann – der Zwerg hätte ebenso gut auf dem Grunde des tiefsten Ziehbrunnens in Paris stehen können. Er reichte also höflich mit seiner Hand nach dem Rockärmel des Deutschen und klagte ihm seine Noth; – der Deutsche drehte den Kopf herum, sah auf ihn hinab, wie Goliath auf David – und nahm gefühllos wieder die vorige Stellung ein. Ich nahm da gerade eine Prise aus meines Mönchs kleiner Horndose. – »Wie würde dein sanfter und höflicher Sinn, mein lieber Mönch!– so geübt im Ertragen und Dulden! – wie willfährig würde er der Klage dieser armen Seele ein Ohr geliehen haben.« Da der alte französische Offizier mich bewegt die Augen erheben sah, als ich die Apostrophe that, nahm er sich die Freiheit, zu fragen, was es gäbe. – Ich theilte ihm die Geschichte in drei Worten mit und fügte hinzu, wie inhuman dies wäre. Mittlerweile war der Zwerg aufs Aeußerste gebracht worden und hatte in seinen ersten Aufwallungen, welche gewöhnlich unvernünftig sind, dem Deutschen gedroht, er wolle ihm seinen langen Zopf mit dem Messer abschneiden. – Der Deutsche sah sich kaltblütig um und meinte, er solle es nur thun, wenn er hinaufreichen könne. Eine Beleidigung, die durch Hohn verschärft wird, treffe sie wen sie wolle, macht jeden Menschen von Gefühl parteiisch: ich hätte aus der Loge stürzen mögen, um diesem Unwesen zu steuern. – Der alte französische Offizier that dies mit weit geringerer Störung; denn nur ein wenig sich über die Brüstung lehnend, winkte er einer Wache und wies zugleich mit dem Finger auf den Uebelstand hin – die Wache verfügte sich hin. – Da bedurfte es nicht erst der Erörterung der Beschwerde – die Sache sprach von selbst. Der Gardist stieß den Deutschen sofort mit seiner Muskete zurück, nahm den armen Zwerg bei der Hand und stellte ihn vor jenen hin. – »Das ist lobenswerth!« sagte ich und schlug meine Hände zusammen. – »Und doch«, sagte der alte Offizier, »würde man dies in England nicht gestatten.« – »In England, werther Herr«, sagte ich, » sitzen wir alle ganz bequem .« Der alte französische Offizier würde mich wieder in Uebereinstimmung mit mir selbst gebracht haben, falls ich mit mir in Widerspruch gewesen wäre, indem er sagte, das wäre ein bon mot – und da ein bon mot in Paris immer etwas werth ist, so bot er mir eine Prise an. Die Rose. Paris . Nun kam die Reihe an mich, den alten französischen Offizier zu fragen: »was es gäbe?« – denn ein Geschrei: »Haussez les mains, Monsieur l'Abbé!« das wohl von einem Dutzend verschiedener Stellen des Parterres erscholl, war für mich ebenso unverständlich, als meine Apostrophe an den Mönch ihm gewesen war. Er sagte mir, es beziehe sich auf irgend einen armen Abbé in einer der obern Logen, der sich, wie er vermuthe, verstohlener Weise hinter ein paar Grisetten aufgepflanzt hätte, um die Oper zu hören, und das Parterre, das ihn ausgespäht hätte, bestände darauf, daß er während der Vorstellung seine beiden Hände in die Höhe halten solle. – »Und kann man annehmen«, fragte ich, »daß ein Geistlicher sich an den Taschen der Grisetten vergreifen sollte?« – Der alte französische Offizier lächelte und eröffnete mir, ins Ohr flüsternd, das Verständniß über Etwas, wovon ich keinen Begriff hatte. »Guter Gott!« sagte ich und erblaßte vor Erstaunen – »ist es möglich, daß ein in Empfindung so verliebtes Volk zu gleicher Zeit so unsauber und sich selbst so widersprechend sein kann? – Quelle grossièreté! « setzte ich hinzu. Der französische Offizier sagte hierauf, es wäre ein etwas ungroßmüthiger Sarkasmus gegen die Kirche, der im Theater zu der Zeit, als Molière den Tartüffe auf die Bühne brachte, seinen Anfang genommen habe – der aber gegenwärtig, gleich andern Ueberbleibseln gothischer Sitten im Abnehmen begriffen sei. – »Jede Nation«, fuhr er fort, »hat ihre Raffinements und Grossièretés, in welchen sie vor andern den Rang behauptet, den sie ihnen der Reihe nach abtritt« – Er hätte die meisten Länder gesehen; aber in keinem wäre er gewesen, wo er nicht gewisse Delikatessen angetroffen hätte, die andern zu fehlen schienen. »Le Pour et le Contre se trouvent en chaque nation. Es giebt überall«, sagte er, »ein gewisses Gleichgewicht von Gutem und Schlimmem; und nichts anderes, als daß man weiß, daß es einmal so ist, kann die eine Hälfte der Welt von den Vorurtheilen befreien, die sie gegen die andere hegt. – Der Nutzen des Reisens bestände in Rücksicht des savoir vivre darin, sehr viele Menschen und deren Sitten zu beobachten; es lehre uns gegenseitige Duldung – und gegenseitige Duldung – schloß er mit einer Verbeugung gegen mich – lehre uns gegenseitiges Wohlwollen. Der alte französische Offizier äußerte dies mit einem so freimüthigen und verständigen Wesen, daß es mit den ersten günstigen Eindrücken, die ich von seinem Charakter empfing. übereintraf – ich fühlte, daß ich den Mann liebte; aber ich befürchtete, mich im Gegenstande zu irren. Es war meine eigne Weise, zu denken – nur mit dem Unterschied, daß ich mich nicht halb so gut hätte ausdrücken können. Es ist für den Reiter ebenso beschwerlich, als für sein Thier, wenn dieses immer mit gespitzten Ohren geht, und bei jedem ihm unbekannten Gegenstande stutzt. – Ich bin zwar damit so wenig als irgend eine lebende Creatur geplagt; dennoch muß ich ehrlich bekennen, daß mir im ersten Monate Mancherlei ein peinliches Gefühl verursachte, und daß ich bei manchem Wort erröthete, das ich im zweiten bedeutungslos und vollkommen unschuldig befand. Madame de Rambouillet hatte mir, nachdem ich ungefähr sechs Wochen mit ihr bekannt war, die Ehre erwiesen, mich in ihrem Wagen etwa zwei Meilen außerhalb der Stadt mit zu nehmen. – Madame de Rambouillet ist die anstandvollste aller Frauen, und ich darf nicht hoffen, eine von mehr Tugenden und größerer Reinheit des Herzens zu sehen. – Bei unserer Rückkehr bat sie mich, die Klingelschnur zu ziehen – ich fragte, ob sie etwas bedürfe – »Rien que pisser«, sagte Madame de Rambouillet. Nimm keinen Anstoß daran, zartfühlender Reisender, daß Madame de Rambouillet p . . . . . will. – Und ihr, schöne mystische Nymphen! gehe jede und pflücke ihre Rose , und streuet sie auf euren Pfad – denn Madame de Rambouillet that nichts weiter. – Ich half Madame de Rambouillet aus dem Wagen – und wäre ich der Priester der keuschen Castalia gewesen, ich hätte an ihrem Quell nicht mit ehrfurchtsvollerem Anstande dienen können. Das Kammermädchen. Paris . Was der alte französische Offizier über das Reisen gesagt hatte, brachte mir den Rath, den Polonius seinem Sohn über denselben Gegenstand ertheilt, ins Gedächtniß – und dies wiederum den Hamlet – und Hamlet die übrigen Werke Shakespeare's. Ich machte also auf dem Rückwege zu meiner Wohnung auf dem Quai de Conti Halt, um mir eine vollständige Ausgabe derselben zu kaufen. Der Buchhändler sagte, er hätte nicht ein einziges Exemplar. – »Comment!« sagte ich, indem ich einen Band von einem Exemplar aufnahm, das zwischen uns auf dem Ladentische lag. – Dies, sagte er, wäre ihm nur zugesandt worden, um es binden zu lassen, und sollte morgen früh nach Versailles dem Grafen von B . . . . zurückgeschickt werden. – »Liest Graf von B . . . . den Shakespeare?« fragte ich. – »C'est un esprit fort«, erwiederte der Buchhändler. »Er liebt englische Bücher, und was ihm noch mehr zur Ehre gereicht, Monsieur, er liebt auch die Engländer.« – »Sie sagen das auf so verbindliche Weise«, sagte ich, »daß es einem Engländer die Verpflichtung auferlegt, einen oder zwei Louisd'or in Ihrem Laden anzubringen.« – Der Buchhändler machte eine Verbeugung und wollte eben etwas erwiedern, als ein junges sittsames Mädchen von etwa zwanzig Jahren, das dem Ansehen und dem Anzuge nach das Kammermädchen irgend einer frommen, vornehmen Dame zu sein schien, in den Laden trat und nach Les égarements du coeur et de l'esprit fragte. Der Buchhändler reichte ihr das Buch augenblicklich. Sie zog eine kleine grünatlassene Börse hervor, die mit Band von derselben Farbe ringsum eingefaßt war, und indem sie mit dem Zeigefinger und dem Daumen hineingriff, holte sie das Geld für das Buch heraus und zahlte es hin. Da ich nichts weiter in dem Laden zu schaffen hatte, so gingen wir beide mit einander zur Thür hinaus. – »Und was haben Sie denn, meine Liebe«, sagte ich, »mit den » Verirrungen des Herzens « zu schaffen, Sie, die Sie kaum erst wissen, ob Sie eins haben? Und vielleicht nicht eher, als bis die Liebe es Ihnen gesagt oder irgend ein ungetreuer Seladon ihm Seufzer abgepreßt hat, kannst Du jemals sicher sein, daß Du eins hast.« – »Dieu m'en garde!« sagte das Mädchen. – »Und mit Recht«, sagte ich – »denn wenn es gut ist, so ist es schade, wenn es Dir geraubt werden sollte: es ist ein kleiner Schatz für Dich und verleiht Deinem Antlitz eine schönere Zierde, als wenn es mit Perlen geschmückt wäre.« Das junge Mädchen hörte mit demüthiger Aufmerksamkeit zu, indem es die ganze Zeit über die seidene Börse am Bande in der Hand hielt. – »Die ist sehr klein«, sagte ich, indem ich sie unten am Boden anfaßte, – sie hielt sie mir hin – »Und es ist auch sehr wenig darin, meine Liebe«, sagte ich; »aber sei nur so gut, als Du hübsch bist, und der Himmel wird sie füllen.« – Ich hatte etliche Kronen in der Hand, womit ich den Shakespeare bezahlen wollte; und da sie die Börse vollends hatte fahren lassen, so steckte ich eine davon hinein, band die Schnur in einen Schleifenknoten und gab sie ihr zurück. Das junge Mädchen dankte mir mit einem mehr demüthigen als tiefen Knicks – es war eine von jenen ruhigen, dankvollen Verbeugungen, worin die Seele selbst sich verneigt – der Körper thut nicht mehr dabei, als es kund zu geben. Nie in meinem Leben gab ich einem Mädchen eine Krone mit halb dem Vergnügen. »Mein Rath, meine Liebe, wäre Ihnen nicht eine Stecknadel werth gewesen«, sagte ich, »wenn ich nicht dies noch hinzugefügt hätte. Nun aber werden Sie daran denken, so oft Sie das Geldstück ansehen – Verthun Sie es also nicht in Bändern.« »Auf mein Wort, mein Herr«, sagte das Mädchen ernst, »ich könnte es nicht über's Herz bringen« – und indem sie dies sagte, gab sie mir, wie das bei kleinen Ehrenversicherungen gewöhnlich ist, die Hand – »En vérité, Monsieur, je mettrai cet argent apart«, sagte sie. Wenn ein tugendhafter Vertrag zwischen einem Mann und einem Frauenzimmer geschlossen wird, so heiligt dies ihre geheimsten Gänge. Und so machten auch wir uns, obschon es dunkelte, kein Gewissen daraus, da wir beide doch einen und denselben Weg hatten, den Quai de Conti entlang miteinander zu gehen. Als wir unsern Weg antraten, machte sie mir einen zweiten Knicks, und ehe wir noch zwanzig Schritt von der Thür entfernt waren, hielt sie, als ob sie vorher noch nicht genug gethan hätte, ein wenig inne, um mir noch einmal zu sagen – daß sie mir danke. Es wäre ein kleiner Tribut, sagte ich zu ihr, den ich nicht umhin gekonnt hätte, der Tugend zu zahlen, und um alles in der Welt willen möchte ich mich nicht gern in der Person geirrt haben, an die ich ihn abgetragen hätte – »doch ich sehe Unschuld in Ihrem Gesicht, meine Liebe, – und Verderben treffe den Mann, der ihr jemals eine Schlinge auf ihren Pfad legt!« Das Mädchen schien in einer oder der andern Weise gerührt von dem, was ich sagte – sie stieß einen tiefen Seufzer aus – Ich fand, daß ich durchaus kein Recht hätte, nach der Ursache desselben zu fragen – und so sagte ich nichts weiter, bis ich an die Ecke der Rue de Nevers kam, wo wir uns trennen mußten. – »Aber ist dieses auch der rechte Weg, meine Liebe«, fragte ich, »nach Hôtel de Modène?« Sie antwortete mir, er wäre es – oder ich könnte auch durch die Rue de Guénégaud gehen, welches die nächste Richtung wäre. – »Dann will ich durch die Rue de Guénégaud gehen«, sagte ich, »und zwar aus zwei Gründen: erstens wird es mir selbst Vergnügen machen, und zweitens werde ich Ihnen den Schutz meiner Begleitung so weit, als ich kann, gewähren.« – Das Mädchen empfand meine Höflichkeit und sagte, sie wünschte, das Hôtel de Modène läge in der Rue de St. Pierre. –»Wohnen Sie da?« fragte ich. – Sie erzählte mir, sie wäre Kammermädchen bei Madame de R . . . . – »Guter Gott!« sagte ich, »das ist dieselbe Dame, an welche ich einen Brief von Amiens mitgebracht habe.« – Das Mädchen sagte mir, sie glaube, daß Madame de R . . . . einen Fremden mit einem Brief erwarte und ungeduldig wäre, ihn zu sehen. – So bat ich denn das Mädchen, mein Compliment an Madame de R . . . . auszurichten und ihr zu sagen, daß ich ihr mit Bestimmtheit morgen früh meine Aufwartung machen würde. Während dies vorging, standen wir an der Ecke der Rue de Nevers still – Wir verweilten dann noch einen Augenblick, indem sie sich's mit ihren Egarements du coeur bequemer einrichten wollte, als sie in der Hand zu tragen – denn es waren zwei Bände. Ich hielt ihr also den zweiten Theil, während sie den ersten in ihre Tasche steckte; und dann hielt sie die Tasche auf, und ich schob den andern nach. Es ist köstlich, zu empfinden, durch welche feingesponnenen Fäden unsere gegenseitigen Zuneigungen aneinander geknüpft werden. Wir setzten uns von neuem in Gang, und bei dem dritten Schritte legte sie ihre Hand in meinen Arm – ich wollte ihr ihn eben bieten – doch sie that es von selbst mit jener nicht erst überlegenden Einfachheit, welche erkennen ließ, es käme ihr gar nicht in den Sinn, daß sie mich früher noch nie gesehen hatte. Ich für meinen Theil fühlte die Ueberzeugung von einer gewissen Blutsverwandtschaft so stark, daß ich nicht umhin konnte, mich halb zu ihr herumzuwenden und ihr ins Gesicht zu blicken, um zu sehen, ob ich darin nicht irgend etwas von einer Familienähnlichkeit entdecken könne – »Weg damit!« sagte ich; »sind wir nicht alle Familienglieder?« Als wir bei der Wendung ankamen, welche zur Rue de Guénégaud hinaus führt, hielt ich an, um ihr in vollem Ernste Adieu zu sagen. Das Mädchen dankte mir nochmals für meine Begleitung und Güte – Sie sagte mir zweimal Adieu – ich wiederholte es ebenso oft; und so herzlich war unser Scheiden, daß, wäre es anderswo gewesen, ich nicht dafür gestanden hätte, daß ich es nicht mit einem Kuß der christlichen Liebe besiegelt haben würde, so warm und heilig, als der eines Apostels. Doch in Paris, wo sich niemand küßt als die Männer – that ich, was auf dasselbe hinausläuft – – Ich bat Gott um seinen Segen für sie. Der Reisepaß. Paris . Als ich in meinem Hôtel wieder angelangt war, sagte mir La Fleur, der Polizeilieutenant hätte nach mir fragen lassen. – »Hol's der Kuckuck!« sagte ich – »ich weiß schon warum.« – Jetzt ist es Zeit, daß es der Leser auch erfahre, denn in der Reihe der Ereignisse, wo sich's zutrug, wurde es ausgelassen. Nicht, daß es mir entfallen wäre; aber hätte ich es damals schon erzählt, so wäre es jetzt vielleicht schon vergessen – jetzt ist die richtige Zeit dazu. Bei der so großen Eile, mit welcher ich London verlassen hatte, war es mir gar nicht in den Sinn gekommen, daß wir mit Frankreich in Krieg lagen; und ich hatte schon Dover erreicht und schaute mit meinem Fernglas nach den Hügeln jenseits Boulogne, ehe mir der Gedanke daran in den Kopf kam und infolge dessen, daß ich ohne Reisepaß nicht durchkommen würde. Ich habe eine tödtliche Abneigung dagegen, nur bis an das Ende einer Straße zu gehen, und nicht weiser zurückzukehren, als ich ausgegangen bin; und da diese Reise eine der größten Unternehmungen war, die ich um der Kenntniß willen je bewerkstelligt hatte: so konnte ich den Gedanken daran um so weniger ertragen. Da ich nun erfuhr, daß der Graf von . . . . das Packetboot gemiethet hätte, so ersuchte ich ihn, mich in seiner Suite mitzunehmen. Ich war dem Grafen ein wenig bekannt, und so machte er wenig oder gar keine Umstände und sagte mir nur: seine Willfährigkeit, mir zu dienen, könnte nicht weiter als bis Calais gehen, weil er über Brüssel nach Paris zurückkehren würde. Gleichwohl könnte ich, wenn ich einmal übergesetzt wäre, ohne Unterbrechung nach Paris gelangen, nur müßte ich dann in Paris mir Freunde zu verschaffen suchen und für mich selber sorgen. – »Lassen Sie mich nur nach Paris gelangen, Herr Graf«, sagte ich, »und ich werde mir schon fortzuhelfen wissen.« – Ich schiffte mich also ein und dachte nicht weiter an die Sache. Als mir La Fleur sagte, der Polizeilieutenant hätte nach mir fragen lassen, fiel mir's wieder aufs Herz – und nachdem mich La Fleur hinlänglich berichtet hatte, trat der Herr des Hôtels in das Zimmer, um mir dasselbe zu sagen, mit der Beifügung, daß man insbesondere nach meinem Paß gefragt habe. Der Herr des Hôtels schloß mit den Worten: er hoffe, daß ich einen hätte – »Meiner Treu, nein!« antwortete ich. Der Herr des Hôtels wich, als ich ihm dies erklärte, drei Schritte vor mir zurück, wie vor einer angesteckten Person – und der arme La Fleur näherte sich mir drei Schritte mit jener Art von Bewegung, wie sie eine gutmüthige Seele macht, um einem Unglücklichen zu Hülfe zu kommen – der Bursche gewann mein ganzes Herz dadurch; und nach diesem einzigen Zuge kannte ich seinen Charakter so vollkommen und konnte mich so fest auf ihn verlassen, als wenn er mir schon sieben Jahre treue Dienste geleistet hätte. »Monseigneur!« rief der Herr des Hôtels – doch, als er den Ausruf gethan, besann er sich und änderte augenblicklich den Ton – »Wenn Monsieur«, sagte er, »keinen Reisepaß hat, so wird er doch aller Wahrscheinlichkeit nach ( apparement ) Freunde in Paris haben, die ihm einen verschaffen können.« – »Nicht, das ich wüßte«, versetzte ich mit gleichgültiger Miene. –»Nun dann, certes «, erwiederte er, »wird man Sie in die Bastille schicken oder ins Chatelet, au moins .« – »Pah!« sagte ich, »der König von Frankreich ist eine gutherzige Seele; er wird niemandem weh thun wollen.«. »Cela n'empêche pas«, sagte er – »man wird Sie sicherlich morgen früh in die Bastille bringen.« – »Aber ich habe mich ja bei Ihnen auf einen Monat eingemiethet«, antwortete ich, »und ich werde Ihre Zimmer, um aller Könige Frankreichs willen, nicht einen Tag vor der Zeit verlassen.« – La Fleur flüsterte mir ins Ohr: niemand vermöchte sich dem Willen des Königs von Frankreich zu widersetzen. »Pardi!« sagte der Wirth: »ces Messieurs Anglais sont des gens très-extraordinaires« – und nachdem er dies gesagt und beschworen hatte – ging er hinaus. Der Reisepaß. Das Hôtel in Paris . Ich konnte es nicht über das Herz bringen, La Fleur durch eine verdrießliche Miene wegen des Gegenstandes, der mich in Verlegenheit setzte, zu quälen, und dies war der Grund, daß ich die Sache so kavaliermäßig behandelte. Und um ihm zu zeigen, wie leicht sie mein Sinn nahm, ließ ich sie ganz fallen und plauderte mit ihm, während er mir beim Abendessen aufwartete, mit mehr als gewöhnlicher Heiterkeit über Paris und von der Opéra comique. – La Fleur war auch darin gewesen und mir durch die Straßen bis zu dem Laden des Buchhändlers nachgefolgt; als er mich aber mit dem jungen Kammermädchen herauskommen sah und daß wir den Quai de Conti miteinander hinabgingen, hielt es La Fleur für unnöthig, mir einen Schritt weiter zu folgen. Indem er also seine eignen Betrachtungen darüber anstellte, schlug er einen kürzeren Seitenweg ein und kam zur rechten Zeit in das Hôtel, um von dem Einwand der Polizei gegen meine Ankunft unterrichtet zu werden. Sobald die redliche Seele abgedeckt hatte und hinuntergegangen war, um selbst zu Abend zu essen, begann ich ein wenig ernstlicher über meine Lage nachzudenken. – Und hier, Eugenius, weiß ich, wirst du lächeln, wenn du dich des kurzen Gesprächs erinnerst, das wir in dem Augenblick vor meiner Abreise zusammen hatten. Ich muß es hier erzählen. Eugenius, welcher wohl wußte, daß ich ebenso wenig mit Geld als mit Gedanken überladen zu sein pflege, hatte mich beiseit gezogen, um mich zu fragen, für wie viel Reisegeld ich Sorge getragen hätte. Als ich ihm die Summe genau angab, schüttelte Eugenius mit dem Kopf und meinte, das würde nicht reichen. Dabei zog er seine Börse hervor, um sie in die meinige auszuschütten. – »Ich habe wahrhaftig hinreichend, Eugenius«, sagte ich. – »Wirklich, Yorick, du hast es nicht«, erwiederte Eugenius, »ich kenne Frankreich und Italien besser als du.« – »Aber du bedenkst dabei nicht, Eugenius«, sagte ich, sein Anerbieten ablehnend, »daß ich, bevor ich noch drei Tage in Paris sein werde, dafür Sorge tragen will, eines oder das andere zu sagen oder zu thun, weswegen man mich ohne alle Umstände in die Bastille stecken wird, und daß ich dort ein Paar Monate gänzlich auf Kosten des Königs von Frankreich zu leben gedenke.« – »Ich bitte um Entschuldigung«, sagte Eugenius trocken; »an diese Hülfsquelle hatte ich in der That nicht gedacht.« Jetzt stand der damals scherzhaft verhandelte Umstand in bitterm Ernste vor meiner Thür. Ist es nun Thorheit, oder Fahrlässigkeit, oder Philosophie, oder Hartnäckigkeit oder was sonst in mir, daß ich trotz alledem, als La Fleur hinabgegangen und ich ganz allein war, mein Gemüth nicht dahin bringen konnte, anders von der Sache zu denken, als ich damals mit Eugenius davon gesprochen hatte? – Und was die Bastille anbetrifft, so liegt das Schreckliche nur in dem Worte. – Macht so viel daraus, als ihr wollt, sagte ich zu mir selbst: die Bastille ist nur ein anderes Wort für einen Thurm – und ein Thurm ist nur ein anderes Wort für ein Haus, aus dem man nicht herausgehen kann – Gott stehe den Gichtbrüchigen bei! denn sie stecken wohl zweimal des Jahres darin. – Doch mit neun Livres den Tag, und Feder und Dinte und Papier und Geduld, kann sich ein Mensch, wenn er auch nicht heraus darf, schon recht leidlich darin befinden – wenigstens einen Monat oder sechs Wochen lang. Sind diese zu Ende, so tritt doch, falls er ein harmloser Geselle ist, seine Unschuld an den Tag, und er kommt besser und weiser heraus, als er hineinging. Als ich zu diesem Schluß gekommen war, hatte ich eine Veranlassung (ich weiß nicht mehr welche), in den Hof hinabzugehen; und ich erinnere mich, daß ich mit nicht geringem Siegsgefühl über das Schlagende meines Raisonnements die Treppe hinunterstieg. – »Verwünscht der düstre Pinsel!« sagte ich prahlerisch – »Ich beneide seine Kraft nicht, welche die Uebel des Lebens mit so harten, widerwärtigen Farben malt. Die Seele sitzt erschrocken vor den Gegenständen, die sie selbst vergrößert und verdunkelt abconterfeiet hat: gieb ihnen wirkliche Größe und Farbe wieder, und sie verachtet sie. – Zwar«, sagte ich, den Vordersatz verbessernd, »ist die Bastille kein so schlechtweg zu verachtendes Uebel –: aber nehmt ihr die Thürme – füllt den Graben aus – schafft die Sperrbalken vor den Thoren weg – nennt sie schlichtweg eine freiwillige Haft, und zwar durch irgend eine tyrannische Krankheit und nicht durch einen Menschen, der euch darin zurückhält – und das Schreckliche verschwindet, und ihr ertragt die andere Hälfte ohne Klage.« Ich wurde in dem Jubilo dieses meines Selbstgesprächs von einer Stimme unterbrochen, die ich für die eines Kindes hielt, welches klagte: »es könne nicht heraus«. – Ich blickte den Gang hinab und hinaus – da ich aber weder einen Mann, noch ein Frauenzimmer, noch ein Kind gewahrte, so ging ich, ohne weiter darauf zu achten, hinaus. Bei meiner Rückkehr auf den Gang hörte ich dieselben Worte zweimal wiederholen, und als ich emporsah, entdeckte ich, daß es ein Staar war, der in einem kleinen Käfige da hing. – »Ich kann nicht heraus – ich kann nicht heraus!« schrie der Staar. Ich blieb stehn und betrachtete mir den Vogel, der auf jede Person, die durch den Gang kam, nach der Seite hin, von welcher sie sich näherte, mit derselben Klage über seine Gefangenschaft, zuflatterte. – »Ich kann nicht heraus!« schrie der Staar. – »Gott helfe dir!« sagte ich – »doch ich will dich herauslassen, koste es, was es wolle.« Damit ging ich um den Käfig herum, um zu dem Thürchen zu kommen; aber es war so fest mit Draht zugeflochten und wieder verflochten, daß es, ohne den Käfig in Stücken zu reißen, nicht aufzubringen war – trotzdem ich beide Hände zu Hülfe nahm. Der Vogel flatterte nach der Stelle hin, wo ich den Versuch zu seiner Befreiung machte; und seinen Kopf durch das Gitter drängend, stemmte er höchst ungeduldig seine Brust dagegen. – »Armes Geschöpf!« sagte ich: »ich fürchte, ich werde dich nicht in Freiheit setzen können.« –»Nein«, rief der Staar – »ich kann nicht heraus! – ich kann nicht heraus!« rief er von Neuem. Ich gestehe, daß mein Mitgefühl niemals in so empfindlicher Weise erregt worden ist; noch erinnere ich mich irgend eines Vorfalls in meinem Leben, durch welchen die zerstreuten Geister, die mit meiner Vernunft wie mit einer Wasserblase gespielt hatten, so schnell wieder gesammelt worden wären. So mechanisch diese Laute auch waren, so wahr stimmten sie doch ihrem Tone nach mit der Natur überein, dergestalt, daß sie im Nu all meine systematischen Vernünfteleien betreffs der Bastille über den Haufen warfen; und in niedergeschlagener Stimmung stieg ich die Treppen hinauf und widerrief jedes Wort, das ich im Hinabsteigen gesagt hatte. »Verkleide dich, so viel du willst, Sklaverei!« sagte ich – »stets bist du doch ein bitterer Trank! und wenn auch Tausende zu allen Zeiten dich haben trinken müssen, so bist du darum doch nicht weniger bitter.« – Du aber, dreifach süße, holdselige Göttin, so redete ich die Freiheit an, du bist es, welcher Alle, öffentlich wie im Geheimen, Verehrung zollen. Dein Geschmack ist lieblich und wird es stets bleiben, so lange die Natur selbst sich nicht ändert; – kein Wortgekleckse kann deinen schneeweißen Mantel beflecken, noch chemische Kraft deinen Scepter in Eisen verwandeln. – Der Landmann, dem du lächelst, während er seine Brotrinde verzehrt, ist glücklicher als sein König, von dessen Hofe du verbannt bist. – »Gnädiger Himmel!« rief ich aus, indem ich auf der vorletzten Stufe beim Hinaufsteigen niederkniete: »gewähre mir nur Gesundheit, du großer Verleiher derselben, und gieb mir nur diese herrliche Göttin zur Gefährtin – und laß deine Bischofshüte, wenn es deiner göttlichen Vorsicht gut scheint, auf jene Häupter herabregnen, die nach ihnen seufzen.« Der Gefangene. Paris . Das Bild des Vogels in seinem Käfig verfolgte mich bis in mein Zimmer. Ich setzte mich dicht an meinen Tisch, stützte den Kopf auf die Hand und fing an, mir das Elend eines Gefangenen vorzustellen. Ich befand mich in der rechten Stimmung dazu und ließ meiner Einbildungskraft vollen Lauf. Ich war im Begriff, bei den Millionen meiner Mitgeschöpfe anzufangen, welche dazu geboren sind, nichts anderes zu erben als Sclaverei; da ich aber fand, daß ich mir das Gemälde, wie ergreifend es auch sonst sein mochte, nicht nahe genug bringen konnte, und daß die Menge trauriger Gruppen in demselben mich nur verwirrten – – So hob ich einen einzelnen Gefangenen daraus hervor, und nachdem ich ihn in seinem Gefängniß eingeriegelt hatte, blickte ich durch das Zwielicht seines Thürgatters, um sein Bild abzuconterfeien. Ich sah seinen Körper halb abgezehrt von langem Harren und Gefängniß, und empfand, wie krank es das Herz machen müsse, wenn die Hoffnung so hingehalten wird. Als ich näher hinblickte, sah ich seine Blässe und seinen fieberhaften Zustand: dreißig Jahre hindurch hatte der Westwind nicht Einmal sein Blut gekühlt – er hatte in der ganzen Zeit weder Sonne noch Mond gesehen – noch hatte die Stimme eines Freundes oder eines Verwandten durch sein Gitter ihm zugesprochen; – seine Kinder – Doch hier begann mein Herz zu bluten – und ich war genöthigt, zu einem andern Theile des Bildes überzugehen. Er saß in dem hintersten Winkel seines Kerkers am Boden auf ein wenig Stroh, das abwechselnd ihm zum Sitz und zum Lager diente. Ein kleiner Kalender, aus dünnen Holzstäbchen bestehend, worauf von oben bis unten die ganze Zahl der jammervollen Tage und Nächte, die er hier verbracht hatte, eingekerbt war, lag ihm zu Häupten. Einen von diesen kleinen Stäbchen hielt er in seiner Hand und kratzte mit einem rostigen Nagel einen neuen Tag des Elends hinein, um ihn der Menge der übrigen zuzugesellen. – Da ich das wenige Licht, das ihm zu Theil wurde, verdunkelte: so erhob er sein hoffnungsleeres Auge und sah gegen die Thür, dann schlug er es nieder, schüttelte den Kopf und setzte sein trauriges Werk fort. Ich hörte das Klirren der Ketten an seinen Beinen, als er den Körper wandte, um das kleine Hölzchen zum Bündel der anderen zu legen. – Er stieß einen tiefen Seufzer aus – ich fühlte, wie der Druck der Fesseln in seine Seele drang – ich brach in Thränen aus. – Ich konnte das Bild der Gefangenschaft, das sich meine Phantasie ausgemalt hatte, nicht ertragen – ich fuhr von meinem Stuhl empor, rief La Fleur und befahl ihm, eine Miethkutsche zu bestellen und sie um neun Uhr morgens vor dem Hôtel bereit zu halten. – »Ich will gradezu selbst«, sagte ich, »zu Monsieur le Duc de Chioseul gehen.« La Fleur hätte mich gern zu Bette gebracht; doch da ich nicht wollte, daß er etwas aus meinem Gesicht sähe, was dem ehrlichen Burschen ein Herzweh verursachen könnte – so sagte ich ihm, ich würde mich ohne seine Hülfe zu Bett legen – und hieß ihn gehen und das Gleiche thun. Der Staar. Weg nach Versailles . Zur bestimmten Stunde saß ich in meinem Wagen; La Fleur stieg hinten auf, und ich bat den Kutscher auf dem Weg nach Versailles sein Bestes zu thun. Da sich auf dieser Straße nichts zum Bemerken darbot, wenigstens nichts, wornach ich beim Reisen mich umschaue: so kann ich das leere Blatt nicht besser anfüllen, als mit einer kurzen Geschichte ebendesselben Vogels, welcher der Gegenstand des letzten Kapitels war. Indeß Seine Hochwohlgeboren, der Herr . . ., zu Dover auf guten Wind wartete, hatte ein englischer Bursche, der sein Reitknecht war, den Vogel, der noch nicht recht fliegen konnte, auf den Klippen gefangen, und da er ihn nicht tödten mochte, in seinem Busen mit auf das Packetboot genommen – und weil er ihn denn fütterte und doch einmal unter seinen Schutz genommen hatte, so gewann er ihn in wenigen Tagen lieb, und brachte ihn wohlbehalten mit nach Paris. In Paris kaufte der Bursche für einen Livre einen kleinen Käfig für den Staar, und da er während der fünf Monate, die sein Herr dort verweilte, nicht viel Besseres zu thun hatte, so lehrte er ihn in seiner Muttersprache die vier einfachen Worte – und nichts mehr – für die ich mich so sehr als des Vogels Schuldner bekenne. Bei der Weiterreise seines Herrn nach Italien hatte der Bursche den Vogel dem Herrn des Hôtels gegeben. Da aber sein kurzer Ruf nach Freiheit in einer zu Paris unbekannten Sprache geschah, so legte der Vogel wenig oder keine Ehre bei jenem ein – und La Fleur kaufte ihn für mich sammt dem Käfig um den Preis einer Flasche Burgunder. Bei meiner Rückkehr aus Italien brachte ich ihn mit mir in das Land, in dessen Sprache er seine Laute gelernt hatte – und als ich dem Lord A . . . seine Geschichte erzählte, bat mich Lord A . . . um den Vogel – eine Woche darauf gab ihn Lord A . . . dem Lord B . . .; Lord B . . . machte dem Lord C . . . ein Geschenk damit; und Lord C . . . s Kammerdiener verkaufte ihn dem des Lord D . . . für einen Shilling; – Lord D . . . gab ihn dem Lord E . . ., und so fort durch das halbe Alphabet. – Von diesem Range stieg er nun in das Unterhaus hinab und ging durch die Hände von ebenso viel Gemeinen. – Doch da diese alle hinein wollten – mein Vogel aber heraus – so legte er in London fast so wenig Ehre ein, als in Paris. Es ist unmöglich, daß nicht viele meiner Leser von ihm gehört haben sollten; und sollte ihn Einer zufälliger Weise gesehen haben – so erlaube ich mir, ihm mitzutheilen, daß dieser Vogel mein Vogel war – oder irgend eine schlechte Copie, die ihn vorstellen sollte. Ich habe über ihn nichts weiter hinzuzufügen als daß ich von jener Zeit an bis jetzt diesen armen Staar als Helmschmuck über meinem Wappen geführt habe: – Solchergestalt: – Und nun laßt die Wappenkundigen kommen und ihm den Hals umdrehen, wenn sie das Herz haben. Die Anrede. Versailles . Es würde mir unlieb sein, wenn ein Feind von mir in meine Seele schauen könnte, sobald ich im Begriff bin, irgend Jemand um seinen Schutz anzusprechen; weshalb ich mich auch so viel wie möglich bestrebe, mich selbst zu beschützen. Aber dieser Gang zu Monsieur le Duc de C . . . . war eine Handlung der Notwendigkeit – wäre es eine Handlung der freien Wahl gewesen, so würde ich sie wahrscheinlich wie andere Leute abgethan haben. Wie viele niedrige Entwürfe zu einer demüthigen Anrede machte mein sklavisches Herz auf dem Wege! Für jeden einzelnen hätte ich die Bastille verdient. Als ich endlich Versailles in Sicht bekam, vermochte ich nichts mehr zu thun, als Worte und Redensarten zu drechseln und Stellungen und Töne zu ersinnen, um mich in die Gunst des Monsieur le Duc de C . . . . hineinzuwinden. – »Dies wird wirken«, sagte ich. – »Grade so gut«, warf ich mir selbst dagegen ein, »wie ein Kleid, das ihm ein verwegener Schneider bringt, ohne ihm das Maß dazu genommen zu haben. – Thor!« fuhr ich fort – »sieh erst das Antlitz des Monsieur le Duc – gieb Acht, was für ein Charakter darin geschrieben steht – bemerke, in welcher Stellung er dich anhört – fasse die Wendungen und die Ausdrucksweise seines Körpers und seiner Glieder ins Auge – und was den Ton der Stimme anbetrifft – der erste Laut, der von seinen Lippen kommt, wird dir ihn andeuten, und aus all diesem zusammengenommen wirst du dir auf der Stelle eine Anrede bilden, die dem Herzog nicht mißfallen kann – die Zuthaten sind von ihm selbst hergenommen und werden höchst wahrscheinlich gut hinunter gehn.« – »Gut«, sagte ich, »ich wünschte, es wäre vorüber. – Wiederum feig! – als wenn nicht Mensch dem Menschen überall die Wage hielte auf der ganzen Oberfläche der Erde; und wenn in dem Felde – warum nicht ebenso Aug' in Aug' im Cabinet? Und glaube mir, Yorick, wenn es nicht so ist, so ist der Mensch falsch gegen sich selbst und giebt seine eigenen Hülfstruppen zehnmal auf, wo die Natur es nur Einmal thut. Geh zum Duc de C . . . . mit der Bastille in deinen Mienen – und mein Leben verwette ich, du wirst in einer halben Stunde mit meiner Escorte nach Paris zurück geschickt.« »Ich glaube es wohl«, sagte ich – »Nun, beim Himmel! so will ich zum Herzog gehen mit der größten Heiterkeit und dem sorglosesten Herzen von der Welt.« – »Und da hast du wieder Unrecht, Yorick«, erwiederte ich. – »Ein ruhiges Herz springt nicht von einem Aeußersten zum andern – es bleibt stets in seinem Mittelpunct. – Gut! gut!« rief ich aus, als der Kutscher eben in das Thor einlenkte, »ich glaube, ich werde meine Sache ganz gut machen.« Und während er rund um den Hof gefahren war und mich vor das Portal brachte, fand ich mich durch meine eigne Lection um so viel gebessert, daß ich die Stufen nicht hinaufstieg wie ein Opfer der Gerechtigkeit, das auf der obersten vom Leben scheiden soll, aber auch nicht mit einigen wenigen Sprüngen hinaufflog, wie ich es mache, wenn ich zu dir, Elisa, hinaufeile, um es bei dir zu finden. Als ich in die Thüre des Saales trat, kam mir eine Person entgegen, welche vielleicht der Haushofmeister sein mochte, jedoch mehr das Ansehen eines der Untersecretaire hatte, und der mir sagte, der Duc de C . . . . habe Geschäfte –»Ich bin«, sagte ich, »der Formen unkundig, um zu einer Audienz zu gelangen, da ich hier gänzlich fremd bin, und, was bei den gegenwärtigen Conjuncturen der Dinge noch schlimmer ist, obendrein ein Engländer.« – Er erwiederte, das erhöhe die Schwierigkeit durchaus nicht. – Ich machte ihm eine leichte Verbeugung und sagte, daß ich dem Herrn Herzog etwas Wichtiges vorzutragen hätte. – Der Secretair blickte nach der Treppe zu, als ob er im Sinn hätte, mich zu verlassen, um Jemand diese Nachricht zu überbringen. – »Aber ich darf Sie nicht irre leiten«, sagte ich, »denn was ich vorzutragen habe, ist keineswegs von Wichtigkeit für Monsieur le Duc de C . . . ., wohl aber von großem Gewicht für mich.« – »C'est une autre affaire«, erwiederte er. – »Durchaus nicht für einen Mann von Höflichkeit«, sagte ich. »Aber ich bitte Sie, lieber Herr«, fuhr ich fort: »wann kann ein Fremder hoffen, Zutritt zu erhalten?« – »In nicht weniger als zwei Stunden«, sagte er, indem er auf seine Uhr sah. – Die Menge der Equipagen auf dem Hofe schien die Angabe zu rechtfertigen, daß ich früher keine Aussicht dazu haben würde; – und da das Auf- und Abgehen im Saale, ohne mich einer Seele mittheilen zu können, unter den gegenwärtigen Umständen so schlimm war, als wenn ich mich in der Bastille selbst befände: so ging ich auf der Stelle nach meinem Wagen zurück und befahl dem Kutscher, mich zum Cordon bleu zu fahren, welches nämlich das nächste Hôtel war. Es scheint mir etwas Verhängnisvolles darin zu liegen, daß ich selten an den Ort gelange, wo ich hin will! Der Pastetenverkäufer. Versailles . Ehe ich noch halb die Straße hinabgefahren war, änderte ich meinen Sinn. »Da ich einmal in Versailles bin«, dachte ich, »so könnte ich mir wohl die Stadt in Augenschein nehmen.« Damit zog ich die Schnur und befahl dem Kutscher, durch einige der Hauptstraßen zu fahren. – »Ich vermuthe, die Stadt ist nicht eben groß«, sagte ich. – Der Kutscher bat um Verzeihung, daß er mich berichtigen müsse, und sagte mir, sie wäre wirklich superb, und sehr viele der ersten Herzöge und Marquis und Grafen hätten hier Hôtels. – Der Graf von B . . . ., von welchem der Buchhändler auf dem Quai de Conti den Abend vorher so artig gesprochen hatte, kam mir sogleich in die Erinnerung. – »Und warum sollte ich nicht zu dem Grafen von B . . . . gehen«, dachte ich, »welcher eine so hohe Meinung von englischen Büchern und den Engländern hat – und ihm meine Geschichte erzählen?« – Und so änderte ich meinen Sinn zum zweiten Male. In Wahrheit aber war es das dritte Mal; denn ich hatte eigentlich diesen Tag für Madame de R . . . . in der Rue St. Pierre bestimmt und ihr ehrerbietigst durch ihr Kammermädchen melden lassen, daß ich ihr sicherlich meine Aufwartung machen würde – Doch ich werde von den Umständen beherrscht – ich kann sie nicht beherrschen. – Indem sah ich einen Mann mit einem Korbe an der andern Seite der Straße stehen, als ob er etwas zu verkaufen hätte, und gebot La Fleur, zu ihm hinzugehen und sich nach dem Hôtel des Grafen zu erkundigen. La Fleur kehrte ein wenig blaß zurück und sagte mir, es wäre ein Chevalier des St. Ludwigsordens, der Pastetchen verkaufe. – »Es ist nicht möglich, La Fleur«, sagte ich. – La Fleur konnte sich die Erscheinung so wenig erklären, als ich selbst; doch bestand er auf seiner Aussage. Er hätte das in Gold gefaßte Kreuz gesehen, sagte er, mit seinem rothen Bande im Knopfloch befestigt – und hätte in den Korb geblickt und die Pastetchen gesehen, welche der Chevalier verkaufe; also könnte er sich nicht getäuscht haben. Solch ein Umsturz in eines Mannes Leben ruft einen bessern Beweggrund hervor, als bloße Neugierde. Ich konnte nicht umhin, von meinem Sitz in der Kutsche aus ihn eine Zeitlang zu betrachten – und je mehr ich ihn, sein Kreuz und seinen Korb ansah, desto stärker prägten sie sich meinem Gehirn ein. – Ich stieg aus der Kutsche und ging auf ihn zu. Er hatte sich eine saubere leinene Schürze umgebunden, die bis über die Kniee hinabreichte, mit einer Art Latz, der bis zur Hälfte der Brust hinausging. Ueber diesem, doch ein wenig noch unter den Saum sich versteckend, hing sein Kreuz. Sein Korb mit den Pastetchen war mit einer weißen, blumig gewirkten Serviette bedeckt; eine andere dergleichen war über den Boden gebreitet, und Alles hatte ein solches Ansehen von Propretät und Sauberkeit, daß man ihm seine Pastetchen ebenso wohl aus Appetit als aus Mitgefühl abkaufen mochte. Er bot sie niemand an, sondern stand still damit an der Ecke eines Hôtels, um sie denen zu verkaufen, die unaufgefordert welche haben wollten. Er war ungefähr achtundvierzig Jahr alt und von einem gesetzten Ansehen, das etwas an würdigen Ernst grenzte. Mich nahm das nicht Wunder. – Ich ging gleichsam mehr zu dem Korbe als zu ihm hin, und nachdem ich die Serviette erhoben und eine von seinen Pasteten in die Hand genommen hatte – bat ich ihn, mir die Erscheinung zu erklären, die mich so ergriff. Er berichtete mir in wenigen Worten, daß er den besten Theil seines Lebens im Kriegsdienst verbracht hätte, worin ihm, nach Zusetzung seines ererbten kleinen Vermögens, eine Compagnie und dabei das Kreuz zu Theil geworden wäre. Da man aber bei dem letzten Friedensschlusse sein Regiment aufgelöst, und das ganze Corps nebst denen einiger anderen Regimenter ohne irgend eine Versorgung gelassen hatte, so fand er sich in der weiten Welt ohne Freunde, ohne Geld – und in der That, sagte er, ohne sonst irgend etwas, als dies (bei welchen Worten er auf sein Kreuz zeigte). – Der arme Chevalier gewann mein Mitleid, und er endigte den Auftritt damit, daß er auch noch meine Achtung erwarb. Der König, sagte er, wäre der großmüthigste Fürst; aber seine Großmuth könne nicht Allen helfen oder sie belohnen, und es wäre nur sein Mißgeschick schuld, daß er sich unter der Zahl dieser befände. Er hätte ein niedliches Weibchen, sagte er, das er liebe und das die Pasteten backe, und fügte hinzu, daß er keine Unehre darin fände, sie und sich selbst auf diese Weise vor Mangel zu schützen – wenn ihm die Vorsehung nicht eine bessere anwiese. Es würde fühllos sein, dem Leser von Empfindung ein Vergnügen vorzuenthalten, indem ich überginge, was dem armen Chevalier vom St. Ludwigskreuz ungefähr neun Monate später begegnete. Es scheint, daß er gewöhnlich seinen Stand in der Nähe der eisernen Gitterthore nahm, welche zu dem Palais führen; und da sein Kreuz die Augen Unzähliger auf sich gezogen, so hatten ihn auch Unzählige ebenso darum befragt wie ich. – Er hatte ihnen dieselbe Geschichte erzählt und stets mit so großer Bescheidenheit und so verständig, daß es zuletzt vor die Ohren des Königs gekommen war – und dieser, als er erfuhr, der Chevalier sei ein tapfrer Offizier und bei dem ganzen Regiment als ein Mann von Ehre und unbescholtenem Rufe geachtet gewesen – legte ihm seinen kleinen Handel vermittelst einer jährlichen Pension von fünfzehnhundert Livres. Da ich diese Geschichte dem Leser erzählt habe, um ihm ein Vergnügen zu machen, so bitte ich, er wolle mir gestatten, noch eine andere außer der Ordnung zu meinem eignen Vergnügen mitzutheilen – Die beiden Geschichten werfen ein gewisses Licht auf einander – und es wäre schade, wenn sie getrennt würden. Der Degen. Rennes . Wenn Staaten und Reiche ihre Perioden des Verfalls haben und auch sie die Reihe trifft, zu empfinden, was Unglück und Armuth ist – so will ich mich nicht damit aufhalten, die Ursachen mitzutheilen, welche das Haus d'E . . . . in der Bretagne nach und nach in Verfall brachten. Der Marquis d'E . . . . hatte mit großer Standhaftigkeit gegen seine Lage angekämpft, weil er einige kleine Ueberreste von dem, was seine Vorfahren gewesen waren, zu erhalten und sie auch der Welt zu zeigen wünschte; – allein durch ihre unbesonnene Handlungsweise war ihm alle Macht dazu benommen. Es war zwar genug für die kleinen Bedürfnisse eines dunklen Lebens übrig geblieben – aber er hatte zwei Knaben, die nach Licht zu ihm aufschauten – und die, wie er glaubte, es verdienten. Er hatte seinen Degen versucht – dieser konnte ihm keinen Weg bahnen – das Steigen war mit zu viel Kosten verknüpft – und bloßes Sparen konnte sie nicht bestreiten – es gab kein anderes Hülfsmittel als den Handel. In jeder andern Provinz Frankreichs, außer der Bretagne, hätte dies die Wurzel des kleinen Baumes, den sein Stolz und seine Liebe wieder blühen zu sehen wünschte, abhauen heißen. Da es aber in der Bretagne eine Vorkehrung dagegen gab, so machte er sich diese zu nutze. Als nämlich die Stände in Rennes versammelt waren, erschien der Marquis, die Gelegenheit wahrnehmend, mit seinen beiden Söhnen vor dem Gerichtshof, und nachdem er das Recht eines alten Gesetzes des Herzogthums, das, obschon selten beansprucht, wie er sagte, doch darum nicht weniger in Kraft wäre, für sich in Anspruch genommen hatte, nahm er seinen Degen von seiner Seite und sagte: »Hier, nehmt ihn hin und haltet ihn in treuer Hut, bis bessere Zeiten mich in den Stand setzen, ihn zurückzufordern.« Der Präsident nahm den Degen des Marquis in Empfang – dieser verweilte noch einige Minuten, um zu sehen, wie man ihn in dem Archive seines Hauses niederlegte, und ging sodann fort. Der Marquis schiffte sich mit seiner ganzen Familie am folgenden Tage nach Martinique ein, und nach ungefähr neunzehn oder zwanzig Jahren einer erfolgreichen Handelsbetriebsamkeit, wozu noch einige unerwartete Erbschaften von entfernten Zweigen seines Hauses kamen, kehrte er wieder in die Heimath, um seinen Adel zurückzufordern und aufrecht zu erhalten. Es war ein sehr glücklicher Zufall, der nicht leicht einem andern als einem empfindsamen Reisenden begegnen wird, daß ich mich grade zur Zeit dieser feierlichen Rückforderung in Rennes befand. Ich nenne sie: feierlich – denn für mich wenigstens war sie es. Der Marquis trat in den Gerichtshof mit seiner ganzen Familie. Er führte seine Frau am Arm, sein ältester Sohn führte seine Schwester, und der jüngste befand sich an der andern Seite neben seiner Mutter. – Zweimal hielt er sein Taschentuch vor das Gesicht. – – Ein todstilles Schweigen herrschte. Als sich der Marquis dem Tribunal auf sechs Schritte genähert hatte, gab er die Marquise seinem jüngsten Sohn, that drei Schritte von seiner Familie vorwärts und forderte seinen Degen zurück. Der Degen wurde ihm übergeben, und im Augenblick, da er ihn in seiner Hand hielt, zog er ihn beinahe ganz aus der Scheide – es war ihm das freudenhelle Antlitz eines Freundes, den er einst aufgegeben hatte. Er betrachtete ihn aufmerksam, vom Gefäß an der ganzen Länge nach, als wollte er untersuchen, ob es noch derselbe sei – und als er einen kleinen Rostflecken bemerkte, der sich an der Spitze angesetzt hatte, hielt er ihn näher an sein Auge, und ich glaubte, während er seinen Kopf darüber beugte, eine Thräne auf die Stelle fallen zu sehen. Nach dem, was folgte, hatte ich mich nicht getäuscht. »Ich werde«, sagte er, »schon ein anderes Mittel finden, ihn wegzuschaffen.« Als der Marquis dies gesagt hatte, stieß er den Degen wieder in die Scheide, machte vor den Bewahrern desselben eine Verbeugung und ging mit Frau und Tochter und den beiden Söhnen, die ihm folgten, hinweg. O wie beneidete ich ihn um seine Gefühle! Der Reisepaß. Versailles . Es hatte keine Schwierigkeit, bei dem Herrn Grafen von B . . . . Zutritt zu erlangen. Die Werke Shakespeare's lagen auf dem Tische, und er durchblätterte sie eben. Ich ging nahe an den Tisch heran, und nachdem ich einen solchen Blick auf die Bücher geworfen, daß er begreifen mußte, sie seien mir bekannt, – sagte ich ihm: ich wäre ohne irgend eine Person gekommen, die mich vorstellte, in der Voraussicht, in seinen Zimmern einen Freund anzutreffen, der es gewiß für mich thun würde – »Es ist mein Landsmann, der große Shakespeare«, sagte ich, indem ich auf seine Werke zeigte – »et ayez la bonté, mon cher ami« fügte ich, seinen Geist anredend, hinzu, »de me faire cet honneur-là!«  – Der Graf lächelte über diese sonderbare Einführung; und da er wahrnahm, daß ich etwas blaß und leidend aussah, so bestand er darauf, daß ich einen Armstuhl nähme. So ließ ich mich denn nieder; und um ihm jede unnütze Muthmaßung über einen Besuch, der so wider alle Regeln lief, zu ersparen, erzählte ich ganz einfach den Vorfall in dem Buchhändlerladen, und wie dies mich bewogen hätte, eher ihn mit der Geschichte einer kleinen Verlegenheit zu behelligen, als sonst irgend Jemand in Frankreich. – »Und worin besteht Ihre Verlegenheit? lassen Sie hören«, sagte der Graf. – Und so erzählte ich ihm die Geschichte gerade so, wie ich sie dem Leser erzählt habe. – – – »Und der Wirth meines Hôtels«, sagte ich, nachdem ich sie beendigt hatte, »will durchaus, daß ich in die Bastille wandern soll, mein Herr Graf; aber ich bin deshalb unbesorgt«, fuhr ich fort – »denn da ich in die Hände des civilisirtesten Volks der Welt gefallen bin, und da ich das gute Gewissen eines redlichen Mannes habe, der nicht gekommen ist, die Blößen des Landes auszuspähen, so dachte ich nicht, daß ich Gewaltthätigkeit zu befürchten habe. – Es ist der Tapferkeit der Franzosen unangemessen, mein Herr Graf«, sagte ich, »sie an Invaliden zu beweisen.« Dem Grafen B . . . . stieg eine lebhafte Röthe in die Wangen, als ich dies sprach – » Ne craignez rien – fürchten Sie nichts«, sagte er. – »In der That, es kommt mir keine Furcht an«, versetzte ich. – »Ueberdies«, fuhr ich mit einem scherzhaften Anfluge fort, »habe ich den ganzen Weg von London bis Paris unter Lachen zurückgelegt, und glaube nicht, daß Monsieur le Duc de Choiseul ein solcher Feind des Scherzes ist, daß er mich mit Weinen über mein Leid zurückschicken sollte. – »Und deshalb wende ich mich an Sie, Herr Graf von B . . . . (hiebei machte ich ihm eine tiefe Verbeugung), daß Sie ihn ersuchen, es nicht zu thun.« – Der Graf hörte mich mit großer Gutmüthigkeit an, sonst hätte ich nicht halb so viel vorgebracht – und ein oder zweimal sagte er: »C'est bien dit.« So ließ ich denn meine Sache dabei bewenden und nahm mir vor, nichts weiter davon zu erwähnen. Der Graf leitete das Gespräch. Wir sprachen von gleichgültigen Dingen – von Büchern, von Politik und den Menschen – und dann von den Frauen. – »Gott segne sie alle!« sagte ich, nachdem wir viel über sie hin und her geredet hatten – »es giebt keinen Mann auf Erden, der sie so liebt, wie ich: trotz all der Schwächen, die ich an ihnen bemerkt, und all der Satiren, die ich über sie gelesen habe, liebe ich sie noch fortwährend, indem ich fest überzeugt bin, daß ein Mann, der nicht eine Art von Zuneigung für das ganze Geschlecht hat, nicht fähig ist, eine einzige zu lieben, wie sich's gebührt.« »Eh bien! Monsieur l'Anglais«, sagte der Graf aufgeräumt – »Sie sind nicht herübergekommen, um die Blöße des Landes auszuspähen – ich glaube es Ihnen – ni encore, darf ich wohl hinzufügen – die unserer Weiber – Aber, erlauben Sie mir, zu vermuthen – daß, wenn sie Ihnen par hazard in den Weg kämen, Ihnen der Prospekt nicht sehr anziehend erscheinen würde.« Es ist etwas in mir, was den Hauch der leisesten zweideutigen Anspielung nicht vertragen kann. Im lebhaftesten Wortgefecht des Scherzens habe ich mich oft bemüht, dergleichen zu unterdrücken, und wieder mit unsäglicher Anstrengung habe ich vor einem Dutzend des andern Geschlechts tausend Dinge gewagt – deren geringstes ich vor Einer allein nicht herausbringen könnte, und wenn ich mir den Himmel damit gewinnen sollte. »Entschuldigen Sie, Herr Graf«, sagte ich – »was die Blöße Ihres Landes anbetrifft, so würde ich, falls ich sie sähe, den Blick meiner Augen nur durch Thränen auf sie fallen lassen – und die Ihrer Frauen anlangend (ich erröthete über die Vorstellung, die er in mir erregt hatte), so bin ich in diesem Puncte so evangelisch gesinnt und habe für alles, was schwach an ihnen ist, ein so großes Mitgefühl, daß ich es mit einem Mantel bedecken würde, wenn ich es nur anzustellen wüßte. – Aber«, fuhr ich fort, »wünschen möchte ich wohl, die Blöße ihrer Herzen auszuspähen und durch die verschiedenen Verkleidungen der Sitten, des Klimas und der Religion hindurch das Gute in ihnen herauszufinden, um mein eigenes Herz darnach zu bilden – und deshalb bin ich herübergekommen.« »Aus diesem Grunde, Herr Graf«, fuhr ich fort, »habe ich auch nicht das Palais Royal gesehen – noch das Luxembourg – noch die Façade des Louvre – noch auch versucht, die vorhandenen Verzeichnisse von Gemälden, Bildsäulen und Kirchen zu vermehren – Ich betrachte jedes schöne Wesen als einen Tempel und möchte darin eintreten und die dort aufgehangenen Original-Gemälde und flüchtigen Skizzen betrachten, lieber als selbst die Verklärung Rafaels.« »Der Durst darnach «, fuhr ich fort, »der ebenso brennend ist wie der, welcher die Brust des Kunstkenners entflammt, hat mich aus meiner Heimath nach Frankreich geführt – und wird mich aus Frankreich nach Italien führen – Es ist eine stille Reise des Herzens, um der Natur nachzugehen und jenen Regungen, deren Mutter sie ist, und welche bewirken, daß wir uns einander und die Welt besser lieben, als es gewöhnlich geschieht.« Der Graf sagte mir bei dieser Gelegenheit außerordentlich viel Höfliches und setzte sehr verbindlich hinzu, wie sehr er Shakespeare für meine Bekanntschaft zu Dank verpflichtet sei – »Doch, à propos«, sagte er, »Shakespeare ist voll großer Schönheiten – nur vergaß er einen kleinen Umstand, nämlich, mir Ihren Namen zu nennen – Das setzt Sie in die Nothwendigkeit, es selbst zu thun.« Der Reisepaß. Versailles . Nichts im Leben setzt mich so in Verlegenheit, als wie ich jemandem beibringen soll, wer ich bin, – denn es giebt kaum einen Menschen, von dem ich nicht einen bessern Bericht geben könnte, als von mir selbst, und oft bin ich auf den Wunsch verfallen, daß ich es mit einem einzigen Wort abmachen könnte – und es damit abgethan wäre. Hier war es das einzige Mal und die einzige Gelegenheit in meinem Leben, daß ich dies mit einem gewissen Erfolge bewerkstelligen konnte. Denn da Shakespeare auf dem Tische lag und ich mich erinnerte, daß ich in seinen Werken vorkomme, so nahm ich den Hamlet, schlug ohne Weiteres die Todtengräberscene im fünften Act nach, legte meinen Finger unter das Wort: Yorick , und reichte dem Grafen das Buch hin, während ich den Finger unter dem Namen fest liegen ließ. – »Me voici!« sagte ich. War nun die Vorstellung von des armen Yoricks Schädel bei der leibhaften Anwesenheit des meinigen dem Gedächtnisse des Grafen entfallen, oder durch welche Magie sonst er einen Zeitraum von sieben oder acht Jahrhunderten überspringen konnte, das kommt hier nicht in Betracht – gewiß ist, daß die Franzosen Vorstellungen leichter auffassen, als sie sie in Verbindung miteinander bringen können. – – Ich wundre mich über nichts in der Welt, und um so weniger darüber; und zwar insofern um so weniger, als eines der Häupter unserer Kirche, vor dessen Lauterkeit und väterlichen Gefühlen ich die höchste Ehrfurcht hege, bei derselben Veranlassung in denselben Irrthum verfiel –: »Er könne es durchaus nicht über sich gewinnen«, sagte er, »Predigten zu lesen, welche des Königs von Dänemark Hofnarr geschrieben habe.« – »Schön, Mylord!« sagte ich; »aber es giebt zwei Yoricks. Der Yorick, den Ew. Hochwürden meinen, ist schon seit achthundert Jahren gestorben und begraben; er florirte an Horwendillus' Hofe – der andere Yorick bin ich selbst, der ich an keinem Hofe florirt habe.« – Er schüttelte den Kopf. – »Guter Gott«, sagte ich, »Sie könnten ebenso gut Alexander den Großen mit Alexander dem Kupferschmied verwechseln, Mylord.« – Das wäre all eins, erwiederte er. – »Wäre Alexander, König von Makedonien, im Stande gewesen, Ew. Hochwürden zu versetzen«, sagte ich, »ich wette, Sie würden nicht so gesprochen haben.« Der arme Graf von B . . . . fiel nur in denselben Irrthum. – – – »Et, Monsieur, est-il Yorick?« fragte der Graf. – »Je le suis«, antwortete ich. – »Vous?« – »Moi – moi qui ai l'honneur de vous parler, Monsieur le comte.« – »Mon Dieu!« sagte er, mich umarmend – »Vous êtes Yorick!«  – Und auf der Stelle steckte der Graf den Shakespeare in seine Tasche und ließ mich allein im Zimmer zurück. Der Reisepaß. Versailles . Ich konnte ebenso wenig begreifen, warum der Graf von B . . . . so plötzlich das Zimmer verlassen, als ich begreifen konnte, warum er den Shakespeare in die Tasche gesteckt hatte. – Räthsel, die sich von selbst lösen müssen, sind den Verlust der Zeit nicht werth, die uns eine Muthmaßung darüber kostet – es war besser, im Shakespeare zu lesen. Und so schlug ich denn » Viel Lärmen um nichts « auf und versetzte mich augenblicklich von dem Stuhl, worin ich saß, nach Messina in Sicilien, und beschäftigte mich dermaßen mit Don Pedro und Benedict und Beatrice, daß ich weder an Versailles, noch an den Grafen, noch an den Reisepaß dachte. Köstliche Geschmeidigkeit des menschlichen Geistes, daß er sich urplötzlich Täuschungen hingeben kann, welche der gespannten Erwartung und der Bekümmerniß ihre lästigen Augenblicke benehmen! – Lange, lange schon hättet ihr meine Tage verkürzt, wäre ich nicht einen großen Theil davon auf jenem bezauberten Boden gewandelt. Wenn mein Pfad zu rauh ist für meine Füße, oder zu steil für meine Kräfte. so wende ich mich von ihm ab zu irgend einem glatten, sammtenen Pfade, den die Phantasie mit den Rosenknospen der Freude bestreut hat; und habe ich auf diesem einige Gänge gemacht, dann kehre ich gestärkt und erfrischt zurück. – Wenn schwere Leiden meine Seele bedrängen und es keinen Zufluchtsort für sie in dieser Welt giebt: dann suche ich einen neuen Weg aus – ich verlasse die Welt – und da ich eine deutlichere Vorstellung von den elysischen Gefilden habe als vom Himmel, so bahne ich mir, wie Aeneas, mit Gewalt einen Pfad zu ihnen hin – ich sehe ihn, wie er dem schwermüthigen Schatten seiner verlassenen Dido begegnet, und wie er sich bemüht, ihn zu erkennen – ich sehe den beleidigten Geist das Haupt hin und her bewegen und sich schweigend von dem Urheber ihrer Leiden und ihrer Schande abwenden – die Gefühle meines eignen Selbst verlieren sich in den ihrigen und in Empfindungen, welche mich schon in Trauer um sie zu versetzen pflegten, als ich noch die Schule besuchte. Wahrhaftig, das heißt nicht in einem leeren Schatten wandeln – noch setzt sich der Mensch dadurch vergeblich in Unruhe; – weit öfter thut er dies, wenn er den Ausgang seiner Gemüthsbewegungen der Vernunft anheim giebt. – Ich kann in Wahrheit von mir selbst sagen: ich war niemals im Stande, irgend eine einzige schlimme Regung in meinem Herzen so entschieden zu besiegen, als wenn ich so schnell wie möglich irgend eine menschenfreundliche und edle Empfindung herbeibeschwor, um jene auf ihrem eignen Grund und Boden zu bekämpfen. Als ich an den Schluß des dritten Acts gekommen war, trat der Graf von B . . . . mit meinem Paß in der Hand ins Zimmer. »Monsieur le duc de C . . . .«, sagte der Graf, »ist, wie ich wohl sagen darf, ein ebenso großer Prophet als Staatsmann. Un homme qui rit – sagte der Herzog – ne sera jamais dangereux . – Wäre er für einen Andern, als für des Königs Hofspaßmacher gewesen«, fügte der Graf hinzu, »so würde ich den Paß wahrlich in zwei Stunden noch nicht erhalten haben.« – »Pardonnez-moi, Monsieur le Comte«, sagte ich – »ich bin nicht des Königs Hofspaßmacher.« – »Sie sind aber doch Yorick?« – »Ja wohl.« – »Et vous plaisantez?« – Ich antwortete: ich scherzte in der That gern, würde aber nicht dafür bezahlt – es geschähe ganz auf meine eignen Kosten. »An unserm Hofe giebt es keinen Spaßmacher mehr, mein Herr Graf«, sagte ich. »Es war unter der zügellosen Regierung Karls des Zweiten, daß wir den letzten hatten. Seit dieser Zeit haben sich unsere Sitten allmählig so verbessert, daß unser Hof gegenwärtig so voller Patrioten ist, welche nichts Anderes wünschen, als die Ehre und Wohlfahrt unseres Landes – und unsere Damen sind alle so keusch, so rein, so gut, so fromm – daß es da nichts giebt, worüber ein Spaßmacher seine Scherze machen könnte« – »Voilà un persiflage!« rief der Graf aus. Der Reisepaß. Versailles . Da der Paß an alle Gouverneurlieutenants, Gouverneure und Commandanten der Städte, an alle Generale der Armee, alle Richter und Justizbeamten gerichtet war, »den Herrn Yorick, Hofspaßmacher des Königs, nebst seinem Gepäck ruhig des Weges ziehen zu lassen« – so muß ich gestehen, daß der Triumph, den Paß erlangt zu haben, nicht wenig durch die Figur, die ich darin spielte, gedämpft wurde. – Doch, es giebt einmal keine ungemischte Freude in der Welt; und einige unserer ernstesten Gottesgelehrten sind so weit gegangen, zu behaupten, daß der Genuß selbst von einem Seufzer begleitet sei – und daß der höchste, welcher ihnen im Allgemeinen bekannt wäre , sich wenig besser endige, als mit einer Convulsion. Ich erinnere mich, daß der ernste und gelahrte Bevoriskius, in seinem Commentar über die Geschlechter der Menschen von Adam an, sehr natürlich mitten in einer Anmerkung abbricht, um der Welt Kunde zu geben von einem Paar Sperlingen auf der äußern Einfassung seines Fensters, welche ihn in der ganzen Zeit, während er schrieb, gestört und zuletzt von seiner Genealogie abgebracht hatten. – »Es ist wunderbar!« schreibt Bevoriskius, »aber das Factum ist gewiß, denn ich habe der Curiosität wegen jedesmal mit der Feder einen Strich gemacht –: während der kurzen Zeit, binnen welcher ich die andere Hälfte dieser Anmerkung hätte vollenden können, hat mich das Sperlingmännchen wirklich dreiundzwanzig- und ein halb Mal durch die Wiederholung seiner Zärtlichkeiten unterbrochen.« »Wie gnadenvoll«, fügt Bevoriskius hinzu, »erweist sich doch der Himmel gegen seine Creaturen!« Unglücklicher Yorick! – daß der ernsteste deiner Mitbrüder fähig sein mußte, etwas für die Welt hinzuschreiben, was dir beim bloßen Abschreiben in deiner Studierstube das Antlitz mit Purpur überzieht. Doch das hat nichts mit meinen Reisen zu schaffen – und deshalb bitte ich zweimal – zweimal dafür um Verzeihung. Charakter. Versailles . – »Und wie finden Sie die Franzosen?« fragte der Graf von B . . . ., nachdem er mir den Paß gegeben hatte. Der Leser kann voraussetzen, daß ich nach einem so zu Dank verpflichtenden Beweise seiner Gefälligkeit nicht in Verlegenheit sein konnte, auf diese Frage etwas Artiges zu erwiedern. – »Mais passe, pour cela – Sagen Sie aufrichtig«, sprach er: »finden Sie in den Franzosen all die Urbanität, welche uns die Welt zuzugestehen die Ehre erweist?« – Ich hätte Alles gefunden, sagte ich, was dies bestätigte. – »Vraiment«, sagte der Graf – »les Français sont polis.« – »Ueber die Maßen«, erwiederte ich. Dem Grafen schien das Wort » über die Maßen « aufzufallen, und er behauptete, ich hätte mehr im Sinn, als ich sagte. Ich vertheidigte mich lange Zeit so gut ich konnte – doch er blieb dabei, daß ich noch etwas im Hinterhalt hätte, und ich möchte meine Meinung nur frei aussprechen. »Ich glaube, mein Herr Graf«, sagte ich, »der Mensch hat, ebensowohl wie ein musikalisches Instrument, einen genau bestimmten Umfang, und die sozialen und andern Bedürfnisse nehmen der Reihe nach jede Tonart bei ihm in Anspruch, so daß, wenn Sie einen Ton zu hoch oder zu tief greifen, ein Mißklang entweder in den oberen oder unteren Partien entstehen muß und in dem Gebäude der Harmonie sich eine Lücke zeigt.« – Der Graf von B . . . . verstand nichts von der Musik, und bat mich daher, ihm eine andere Erklärung zu geben. »Eine gebildete Nation, verehrter Herr Graf«, sagte ich darauf, »macht jedermann zu ihrem Schuldner; und überdies hat die Urbanität selbst, gleich dem schönen Geschlechte, so viele Reize, daß man es nicht über das Herz bringt, zu sagen, sie könne Uebles anrichten. Und doch, glaube ich, ist es nur eine gewisse Linie der Vollkommenheit, welche der Mensch, im Ganzen genommen, zu erreichen befähigt ist. Geht er darüber hinaus, so vertauscht er vielmehr nur seine Eigenschaften, als daß er neue erwirbt. Ich maße mir nicht an, zu sagen, in wie fern dies in dem Falle, wovon wir sprechen, auf die Franzosen anwendbar ist; – aber sollte es jemals geschehen, daß die Engländer in dem Fortschritt ihrer Verfeinerung zu derselben Politur gelangten, wodurch sich die Franzosen auszeichnen, so würden wir, wenn auch nicht die politesse du coeur, welche die Menschen mehr zu menschlichen als zu höflichen Handlungen geneigt macht – doch wenigstens jene entschiedene Mannigfaltigkeit und Originalität des Charakters verlieren, welche uns nicht nur von einander, sondern auch von der ganzen übrigen Welt unterscheidet.« Ich hatte einige Shillinge aus König Wilhelms Zeit, so glatt abgewetzt wie Glas, in meiner Tasche; und da ich voraussah, daß sie mir bei der Erläuterung meines Satzes dienlich sein würden, so hatte ich sie, als ich bis zu dieser Stelle gekommen, in die Hand genommen. »Sehen Sie, mein Herr Graf«. sagte ich, indem ich aufstand und sie vor ihn auf dem Tisch hinlegte – »durch siebenzig Jahre langes Klimpern und Scheuern an einander, in bald dieser, bald jener Leute Taschen, sind sie sich so ähnlich geworden, daß Sie schwerlich einen Shilling von dem andern unterscheiden können.« »Die Engländer, gleich antiken Münzen mehr ausgespart und nur durch weniger Leute Hände gehend, behalten die anfängliche Schärfe bei, welche ihnen die feine Hand der Natur aufgedrückt hat – sie sind nicht so glatt anzufühlen; dagegen aber ist die Inschrift so lesbar, daß Sie gleich beim ersten Blick erkennen, wessen Bild und Ueberschrift sie tragen. Die Franzosen hingegen, Herr Graf«, fügte ich hinzu, um das, was ich gesagt hatte, zu mildern, – »haben so viele Vorzüge, daß sie jene um so besser entbehren können – Sie sind ein treues, tapferes, großmüthiges, geistreiches und wohlgelauntes Volk, wie es nur eins unter dem Himmel geben mag. Wenn sie einen Fehler haben, so ist es der – sie sind zu ernsthaft .« »Mon Dieu!« rief der Graf aus, indem er von seinem Stuhl aufsprang – – »Mais vous plaisantez«, sagte er, seinen Ausruf verbessernd. – Ich legte die Hand auf die Brust und versicherte ihm mit nachdrucksvollem Ernste, daß es meine festbegründete Ueberzeugung sei. Der Graf sagte, es thäte ihm sehr leid, daß er nicht bleiben könne, um meine Gründe anzuhören; er müsse den Augenblick zur Mittagstafel bei dem Duc de C . . . . gehn. »Wenn es Ihnen aber nicht zu weit ist, nach Versailles zu kommen und mit mir zu Abend zu speisen, so bitte ich, daß ich, ehe Sie Frankreich verlassen, das Vergnügen haben mag, zu erfahren, wie Sie Ihre Meinung zurücknehmen – oder dieselbe behaupten. – Doch wenn Sie sie behaupten, mein Herr Engländer, so müssen Sie dies aus allen Kräften thun, weil Sie die ganze Welt gegen sich haben.« – Ich versprach dem Grafen, daß ich mir die Ehre geben würde, bei ihm zu speisen, ehe ich nach Italien aufbräche; – und damit empfahl ich mich. Die Versuchung. Paris . Als ich vor meinem Hôtel ausstieg, sagte mir der Portier, daß ein junges Frauenzimmer mit einer Putzschachtel eben kurz vorher nach mir gefragt hätte. – »Ich weiß nicht«, sagte der Portier, »ob sie schon wieder weg ist oder nicht.« – Ich ließ mir von ihm den Schlüssel zu meinem Zimmer geben und stieg die Treppen hinauf; und als ich mich bis auf zehn Stufen von dem obersten Tritt der Treppe vor meiner Thür genähert hatte, begegnete ich ihr, wie sie eben gemächlich wieder herabkam. Es war das hübsche Kammermädchen, mit dem ich über den Quai de Conti gegangen war. Madame de R . . . . hatte sie mit einigen Aufträgen zu einer Putzhändlerin geschickt, deren Laden sich ein paar Schritt von dem Hôtel de Modène befand; und da ich ermangelt; ihr meine Aufwartung zu machen, so hatte sie ihr befohlen, nachzufragen, ob ich Paris verlassen, und wenn dies der Fall wäre, ob ich nicht einen Brief an sie zurückgelassen hätte. Da das hübsche Kammermädchen sich so nahe an meiner Thür befand, so kehrte sie um und ging mit mir auf einen oder zwei Augenblicke, während dessen ich ein Billet schreiben wollte, in mein Zimmer. Es war ein schöner, stiller Abend in den letzten Tagen des Monat Mai – die purpurrothen Fenstervorhänge (von gleicher Farbe mit den Bettvorhängen) waren dicht zugezogen – die Sonne war im Untergehen begriffen und legte eine so warme Färbung auf das Gesicht des hübschen Kammermädchens, daß ich glaubte, sie erröthete – der Gedanke daran machte mich selbst erröthen – wir waren ganz allein; und dies trieb mir eine zweite Röthe ins Gesicht, ehe noch die erste Zeit gehabt, zu verfliegen. Es giebt eine Art von süßem, halb schuldigem Erröthen, woran das Blut mehr Antheil hat als der innere Mensch – es wird mit Ungestüm vom Herzen ausgeschickt, und die Tugend eilt ihm rasch nach – nicht um es zurückzurufen, sondern um die Empfindung davon den Nerven um so köstlicher zu machen, gesellt sie sich zu ihm. Doch ich will das nicht weiter ausführen. – Ich fühlte anfänglich etwas in mir, was nicht völlig im Einklange stand mit den Ermahnungen zur Tugend, die ich ihr am Abend vorher ertheilt hatte. – Ich suchte fünf Minuten lang nach einer Karte – ich wußte, daß ich keine hatte – Ich ergriff eine Feder – ich legte sie wieder weg – meine Hand zitterte – kurz der Böse war in mir. Ich weiß ebenso gut als irgend jemand, daß er ein Widersacher ist, der, wenn wir ihm widerstehen, vor uns die Flucht ergreift; – aber ich widerstehe ihm doch selten, aus Furcht, ich möchte, wenn ich auch siegte, doch eine Wunde aus dem Kampfe davon tragen. Und so gebe ich den Triumph für die Sicherheit auf; und anstatt daran zu denken, ihn in die Flucht zu jagen, fliehe ich gemeiniglich selbst. Das hübsche Kammermädchen kam dicht an meinen Schreibtisch heran, wo ich nach einer Karte herumsuchte; – hob erst die Feder auf, die ich hinunter geworfen hatte; erbot sich dann, mir das Dintenfaß zu halten, und that das mit so viel Anmuth, daß ich schon im Begriff stand, es anzunehmen; – allein ich wagte es nicht. – »Ich finde nichts, meine Liebe«, sagte ich, »worauf ich schreiben könnte.« – »Ei«, sagte sie naiv, »schreiben Sie, auf was Sie wollen.« Eben wollte ich ausrufen: »Dann will ich es auf deine Lippen schreiben, schönes Mädchen! –« »Wenn ich dies thue«, sagte ich, »so ist es um mich geschehen!« – und also nahm ich sie bei der Hand, führte sie nach der Thür hin und bat sie, der Ermahnung nicht zu vergessen, die ich ihr gegeben hätte. – Sie sagte, sie würde es gewiß nicht – und indem sie dies mit einem gewissen Ernst äußerte, wandte sie sich um und legte ihre beiden zusammengefaltenen Hände in die meinigen. – Es war in dieser Situation unmöglich, sie nicht zu drücken. – Ich wünschte, sie los zu lassen, und die ganze Zeit über, da ich sie hielt, predigte ich bei mir selbst dagegen – und doch hielt ich sie fest. – Nach zwei Minuten fand ich, daß ich den ganzen Kampf von Neuem durchzumachen hätte – und fühlte, wie meine Beine und jedes Glied an mir bei diesem Gedanken erbebten. Der Fuß des Bettes war etwa anderthalb Schritte weit von der Stelle, wo wir standen, entfernt – ich hielt noch immer ihre Hände umfaßt – und wie es geschah, kann ich nicht sagen – aber ich bat sie nicht – ich zog sie nicht – noch hatt' ich einen Gedanken an das Bett– genug, es machte sich so –: wir kamen beide darauf zu sitzen. »Ich will Ihnen doch«, sagte das hübsche Kammermädchen, »die kleine Börse zeigen, die ich mir heute zu Ihrer Krone gemacht habe.« Dabei fuhr sie mit der Hand in ihre rechte Tasche, die mir zunächst war, und suchte eine Weile darin – dann in die linke –: »sie hätte sie verloren.« – Ich ertrug nie eine Erwartung mit größerer Ruhe – endlich fand sie sich doch in ihrer rechten Tasche. Sie zog sie heraus: sie war von grünem Taffet, mit einem schmalen Saume von weißem Atlas eingefaßt und grade groß genug, um die Krone zu fassen. Sie gab sie mir in die Hand – sie war recht niedlich – und ich hielt sie wohl zehn Minuten in meiner Hand, deren Rückseite auf ihrem Schoße ruhte, und sah bisweilen auf das Beutelchen, bisweilen seitwärts daneben weg. Es waren ein oder zwei Stiche in den Falten meiner Halskrause aufgegangen. Das hübsche Kammermädchen holte, ohne ein Wort zu sagen, ihr kleines Nähtäschchen hervor, fädelte eine feine Nadel ein und nähte sie zu. – Ich sah voraus, daß dies die Glorie dieses Tages gefährden würde; und wie sie bei dem Manoeuvre mit ihrer Hand an meinem Halse, ohne zu sprechen, hin und her fuhr, fühlte ich, wie der Lorbeer, welchen die Phantasie schon um meine Schläfe gewunden hatte, zu wanken begann. Ein Schuhriemen war ihr im Gehen losgegangen und ihre Schuhschnalle wollte eben herunterfallen – »Sehen Sie doch«, sagte das Kammermädchen und hob ihren Fuß empor. – Ich konnte bei meiner Seele nicht anders, als ihr aus Erkenntlichkeit die Schnalle wieder fest zu machen und den Riemen einzuziehen. – Und als ich damit zu Stande gekommen war und den andern Fuß zugleich mit erhob, um zu sehen, ob beide in Ordnung wären – mochte ich dies nun zu plötzlich gethan haben – genug, es brachte das hübsche Kammermädchen, ohne daß ich es vermeiden konnte, aus dem Gleichgewicht – und hierauf – Der Sieg. Paris . Ja – und hierauf! – – Ihr, deren eiskalte Köpfe und lauwarme Herzen eure Leidenschaften wegphilosophiren oder maskiren können, sagt mir, was für eine Sünde ist es, daß der Mensch welche hat? oder wofür kann sein Geist dem Vater der Geister verantwortlich sein, als wie er sich ihrer Macht gegenüber verhalten hat? Wenn die Natur das Gewebe der zärtlichen Empfindungen so gewoben hat, daß einige Fäden der Liebe und des Verlangens mit durch das ganze Stück laufen –: muß deswegen das ganze Gewebe zerrissen werden, um sie herauszuziehen? – Züchtige mir solche Stoiker, großer Beherrscher der Natur! sagte ich bei mir selbst. – Wohin auch immer deine Vorsehung mich stelle zur Prüfung meiner Tugend – wie groß auch meine Gefahr sei – welcher Art meine Lage – laß mich die Regungen empfinden, die daraus entspringen und die zu meinem menschlichen Wesen gehören. Und wenn ich sie als guter Mensch beherrsche, so will ich den Ausgang deiner Gerechtigkeit überlassen: denn du hast uns gemacht, und nicht wir uns selbst. Als ich diese Anrede geschlossen hatte, richtete ich das hübsche Kammermädchen mit der Hand empor und geleitete sie aus dem Zimmer. Sie blieb neben mir stehen, bis ich die Thür abgeschlossen und den Schlüssel in die Tasche gesteckt hatte – – Und hierauf – – indem der Sieg völlig entschieden war – und nicht eher, drückte ich meine Lippen auf ihre Wange, ergriff von Neuem ihre Hand und führte sie wohlbehalten zur Thüre des Hôtels. Das Geheimniß. Paris . Wer das menschliche Herz kennt, wird begreifen, daß es mir unmöglich war, sogleich in mein Zimmer zurückzugehen – das wäre gewesen, als ob ich am Ende eines Musikstücks, das alle meine Gefühle bewegt hätte, aus dem Dur-Accord plötzlich in die kleine Terz fiele. Deshalb blieb ich, nachdem ich die Hand des Kammermädchens hatte fahren lassen, eine Weile in der Thür des Hôtels stehen, indem ich mir die einzelnen Leute, die vorübergingen, ansah und Muthmaßungen über sie nachhing, bis meine Aufmerksamkeit von einem einzigen Gegenstand gefesselt wurde, welcher jede Art von Vermuthung zu Schande machte. Es war eine lange Gestalt mit einem philosophischen, ernsten, finstern Blicke, welche langsam die Straße auf- und niederging, indem sie in einer Entfernung von ungefähr sechszig Schritten zu jeder Seite von der Thür des Hôtels wieder umkehrte. – Der Mann war etwa ein Zweiundfünfziger – hatte einen dünnen Stock unter seinem Arm, war in einen dunklen, schwarzgrauen Rock und eine Weste und Beinkleider von derselben Farbe gekleidet, welche ihren Dienst schon mehrere Jahre lang versehen zu haben schienen; doch waren sie noch sauber und gaben der ganzen Gestalt das Ansehen einer gewissen ärmlichen Propreté . Aus seinem Hutabziehen und seiner Geberde, mit der er sich vielen an ihm Vorübergehenden näherte, konnte ich ersehen, daß er um ein Almosen bat, und so nahm ich ein Paar Sous aus der Tasche, um sie ihm zu geben, wenn er sich vielleicht auch an mich wendete. Aber er ging an mir vorüber, ohne mich um etwas zu bitten; – und doch war er nicht fünf Schritte weiter gegangen, als er ein kleines Frauchen um eine Gabe ansprach – obgleich es weit wahrscheinlicher war, daß von uns beiden ich etwas geben würde. Kaum war er mit der kleinen Frau fertig, als er seinen Hut vor einer andern abzog, die desselben Weges kam. – Ein alter vornehmer Herr ging langsamen Schrittes vorbei – und nach ihm ein junger flotter Bursche – er ließ sie beide vorüber, ohne sie anzusprechen. Ich blieb, um ihn zu beobachten, wohl eine halbe Stunde stehen, während welcher Zeit er ein Dutzend Hin- und Hergänge machte, und, wie ich sah, unveränderlich denselben Plan verfolgte. Dabei kamen mir zwei Dinge besonders seltsam vor, und setzten mein Hirn in Thätigkeit, wiewohl ohne Erfolg. Das erste war, warum der Mann seine Geschichte nur bei Frauenzimmern anbrachte; das zweite, was für eine Art von Geschichte das wäre, und welcher Beredsamkeit er sich dabei bedienen möchte, die die Herzen der Weiber erweichte, und von der er wußte, daß sie Männern gegenüber wirkungslos bleiben würde. Dann waren noch zwei andere Umstände, welche dieses Geheimniß noch verwickelter machten. Der eine war: er sagte jedem Frauenzimmer, was er ihr zu sagen hatte, ins Ohr, und zwar in einer Weise, welche mehr den Anschein eines Geheimnisses als einer Bitte hatte; der andere war der, daß er es stets mit Erfolg that – er hielt niemals ein Frauenzimmer an, daß es nicht auch die Börse gezogen und ihm augenblicklich etwas gegeben hätte. Ich konnte kein System zu Stande bringen, um mir dieses Phänomen zu erklären. Mir war da ein Räthsel aufgegeben, mit dem ich mich den übrigen Theil des Abends unterhalten konnte; und so stieg ich denn hinauf in mein Zimmer. Der Gewissensfall. Paris . Unmittelbar auf dem Fuße folgte mir der Herr des Hôtels nach, welcher in mein Zimmer trat, um mir zu sagen, daß ich mich nach einem andern Logis umsehen möchte. – »Wie so, mein Freund?« fragte ich. – Er antwortete, ich hätte mich diesen Abend mit einem jungen Frauenzimmer zwei Stunden in meinem Zimmer eingeschlossen, und das wäre gegen die Ordnung seines Hauses. – »Sehr wohl«, sagte ich; »wir wollen als gute Freunde scheiden – denn das Mädchen ist deshalb nicht schlechter – und ich bin nicht schlechter – und auch Sie werden grade so bleiben, wie ich Sie gefunden habe.« – Es wäre hinreichend, um sein Hôtel in Verruf zu bringen, sagte er. »Voyez-vous, Monsieur?« rief er aus, indem er auf den Fuß des Bettes hinwies, wo wir beide gesessen hatten. – Ich gestehe, es hatte ziemlich den Anschein eines überführenden Beweises; doch da mein Stolz es nicht zugab, auf die Einzelheiten des Falles einzugehen: so gab ich ihm den guten Rath, seine Seele in Frieden schlafen zu lassen, wie ich entschlossen sei, es mit der meinigen zu thun, und morgen beim Frühstück würde ich ihm meine Schuld entrichten. »Ich würde nichts dagegen erinnert haben, Monsieur«, sagte er, »und wenn Sie dreißig Mädchen gehabt hatten.« – »Das ist ein halb Schock mehr«, erwiderte ich, ihn unterbrechend, »als ich je zu haben Willens bin.« – »Vorausgesetzt«, fuhr er fort, »daß es nur am Morgen gewesen wäre.« – »Und macht denn in Paris der Unterschied der Tageszeit einen Unterschied in der Sünde?« – »Es machte«, sagte er, »einen Unterschied im Aergerniß.« – Eine scharfe Distinction ist mir von Herzen willkommen, und ich kann nicht sagen, daß ich auf den Mann so erschrecklich böse gewesen wäre. – »Ich muß gestehen«, nahm der Herr des Hôtels wieder das Wort, »es ist eine Notwendigkeit, daß einem Fremden in Paris die Gelegenheit geboten werde, Tressen und seidene Strümpfe und Handkrausen en tout cela zu kaufen – und es hat nichts auf sich, wenn ein Frauenzimmer mit einer Bandschachtel zu ihm kommt.« – »Bei meinem Gewissen«, sagte ich, »sie trug eine; aber ich habe nicht hineingesehen.« – »Also hat Monsieur auch nichts gekauft.« – »Nicht das Geringste«, erwiederte ich. – »Deshalb«, sagte er, »könnte ich Ihnen eine empfehlen, die Sie en conscience bedienen würde.« – »Aber sie müßte noch heut Abend kommen«, sagte ich. – Er machte mir einen tiefen Bückling und ging hinunter. »Nun will ich einmal über diesen maître d'hôtel triumphiren«, rief ich aus – Und was dann? – »Dann will ich ihm merken lassen, daß ich weiß, was für ein schmutziger Kerl er ist.« – Und was dann? was dann? – Die Sache ging mich zu nahe an, als daß ich sagen konnte, es geschähe um Anderer willen. Es blieb mir keine passende Antwort darauf übrig; – es war mehr üble Laune als Grundsatz in meinem Vorhaben, und ich war seiner noch vor der Ausführung überdrüssig. Nach einigen Minuten erschien die Grisette mit ihrer Spitzenschachtel. – »Ich will gleichwohl nichts kaufen«, sagte ich bei mir selbst. Die Grisette wollte mir Alles zeigen – ich war schwer zu befriedigen. Sie that, als bemerkte sie das nicht. Sie machte ihr kleines Magazin auf und legte mir all ihre Spitzen der Reihe nach vor – entfaltete eine nach der andern und faltete sie mit der geduldigsten Freundlichkeit wieder zusammen – ich möchte nun kaufen – oder nicht – sie wolle mir Alles nach meinem eigenen Gebote lassen. – Das arme Geschöpf schien ängstlich bestrebt, einen Pfennig einzunehmen, und bemühte sich, mich zu gewinnen, und zwar nicht sowohl in einer schlauen, als vielmehr, meiner Empfindung nach, einfachen und einschmeichelnden Weise. Desto schlimmer steht es um einen Mann, wenn er nicht einen gewissen Vorrath von ehrlicher Leichtgläubigkeit in sich hat. Mein Herz erweichte sich, und ich gab meinen zweiten Vorsatz so willig als den ersten auf. – Warum sollte ich der Einen den Fehltritt einer Andern entgelten lassen? – »Wenn du diesem Tyrannen von Wirth zinsbar bist«, dachte ich, ihr ins Gesicht blickend, »um so saurer ist dein Brot.« Hätte ich auch nicht mehr als vier Louisd'or in meiner Börse gehabt, so hätte ich es doch nicht über das Herz bringen können, aufzustehen und ihr die Thür zu weisen, ehe ich nicht erst drei davon für ein Paar Handkrausen hingegeben hätte. – Der Herr des Hôtels wird den Profit mit ihr theilen – sei es drum; – dann habe ich nur ebenso bezahlt, wie mancher arme Tropf vor mir für eine Handlung gezahlt hat, die er nicht begehn, noch auf die er denken konnte . Das Räthsel. Paris . Als La Fleur herauf kam, um mir beim Abendessen aufzuwarten, sagte er mir, wie sehr den Wirth des Hôtels die Beleidigung reute, daß er mir die Wohnung gekündigt hätte. Ein Mensch, der den Werth einer guten Nachtruhe kennt, wird sich nicht mit Groll im Herzen niederlegen, wenn er dem abzuhelfen weiß. – So trug ich denn La Fleur auf, dem Wirth des Hôtels zu sagen, daß es auch mir leid thäte, ihm dazu Veranlassung gegeben zu haben – »und wenn du willst, La Fleur, so kannst du ihm auch sagen«, fügte ich hinzu, »daß, wenn das junge Frauenzimmer wieder kommen sollte, ich sie nicht sehen will.« Dies war ein Opfer, was ich nicht Jenem, sondern mir selbst brachte; denn nachdem ich mit so knapper Noth entkommen, war ich entschlossen, mich nicht wieder in die Gefahr zu begeben, sondern Paris, wo möglich, mit all der Tugend zu verlassen, die ich mit hingebracht hatte. »C'est déroger à la noblesse, Monsieur«, sagte La Fleur, indem er mir bei den Worten einen Bückling bis auf die Erde machte – »Et encore«, sagte er, » Monsieur ändern vielleicht Ihren Sinn – und wenn Sie ( par hazard ) belieben sollten, sich zu unterhalten« – »Ich finde kein Amüsement dabei«, sagte ich, indem ich ihn unterbrach – »Mon Dieu!« sagte La Fleur – und deckte ab. Nach einer Stunde kam er wieder, um mich zu Bett zu bringen, und zeigte sich diensteifriger als gewöhnlich; – es schwebte ihm etwas auf der Zunge, was er mir sagen oder wonach er mich fragen wollte, und was er doch nicht über die Lippen brachte. Ich konnte nicht darauf kommen, was es sein mochte, gab mir in der That auch wenig Mühe, es herauszubringen, weil ein anderes, mich bei weitem mehr interessirendes Räthsel mein Nachdenken beschäftigte, nämlich das in Betreff des Mannes, der vor der Thür des Hôtels um Almosen bat. – Ich würde etwas darum gegeben haben, der Sache auf den Grund zu kommen, und zwar nicht aus Neugierde – sie ist ein so niedriger Grund des Nachforschens, daß ich, im Allgemeinen genommen, die Befriedigung derselben nicht mit einem Zwei-Sous-Stück erkaufen würde; – aber ein Geheimniß, dachte ich, welches so schnell und so sicher das Herz eines jeden Frauenzimmers, das in eure Nähe kommt, zum Mitleid bewegt, muß ein Geheimniß sein, das an Werth mindestens dem Steine der Weisen gleich kommt. Hätte ich beide Indien gehabt: – ich hätte eines darum gegeben, dieses Geheimniß zu besitzen. Fast die ganze Nacht schob und wälzte ich es in meinem Kopf herum, ohne zu einem Resultat zu kommen; und als ich am Morgen erwachte, fühlte ich meinen Geist durch meine Träume ebenso sehr beunruhigt, als der König von Babylon es nur jemals über die seinigen gewesen war; und ich stehe nicht an, zu behaupten, daß es alle Weisen von Paris gleich sehr, wie jene von Chaldäa, in Verlegenheit gesetzt haben würde, sie auszulegen. Le Dimanche . Paris . Es war Sonntag; und als La Fleur am Morgen mit meinem Kaffee und Weißbrot und Butter hereintrat, erschien er so stattlich herausgeputzt, daß ich ihn kaum erkannte. Ich hatte, als ich ihn in Montreuil in Dienst nahm, versprochen, ihm einen neuen Hut mit einem Silberknopfe und einer Silberschnur, dazu vier Louisd'or zu geben, pour s'adoniser wenn wir nach Paris kämen; und ich muß dem armen Burschen die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er Wunder damit bewerkstelligt hatte. Er hatte einen weithin leuchtenden, sauberen, wohlerhaltenen Scharlachrock und ein Paar Beinkleider von derselben Farbe gekauft – Sie wären noch um keine Krone Werths abgetragen, sagte er – und ich wünschte ihn dafür zum Henker, daß er mir es sagte – Sie sahen noch so neu aus, daß ich, obwohl ich wußte, das Ding sei unmöglich, doch lieber meine Einbildung mit der Annahme betrogen hätte, sie wären neu für den Burschen angeschafft worden, als daß sie aus der Rue de Friperie gekommen. Das ist aber ein übertriebenes Zartgefühl, welches in Paris niemandem das Herz schwer macht. Er hatte außerdem eine hübsche blauatlassene Weste gekauft, die phantastisch genug gestickt war. Diese war freilich durch den Dienst, den sie gethan hatte, etwas mehr abgenutzt, doch hatte man sie fein gesäubert – das Gold war wieder aufgeputzt, und das Ganze war weniger schlicht, als vielmehr in die Augen fallend; und da das Blau nicht schreiend war, so paßte es recht gut zu dem Rock und den Beinkleidern. Dazu hatte er dem Gelde noch einen neuen Haarbeutel und einen Solitaire abzuknappen gewußt, und bei dem Fripier auf einem Paar goldner Kniebänder für seine Beinkleider bestanden. Endlich hatte er musselinene Manchetten, bien brodées, für vier Livres von seinem eigenen Gelde gekauft und für fünf ein Paar weißseidene Strümpfe – und die Hauptsache war: die Natur hatte ihm eine hübsche Figur gegeben, die ihn nicht einen Sous kostete. So ausstaffirt, dazu das Haar im höchsten Style frisirt, und einen hübschen Blumenstrauß vor der Brust, trat er in das Zimmer – mit Einem Worte: in allem, was er um sich hatte, lag jener Blick von Festlichkeit, welcher mich auf einmal daran erinnerte, daß es Sonntag war, – und indem ich beides mit einander in Zusammenhang brachte, fiel mir sogleich ein, daß die Gunst, welche er gestern Abend von mir hatte erbitten wollen, sicherlich darin bestand, den Tag auf die Art hinbringen zu dürfen, wie ihn eben Jedermann in Paris hinbringt. Kaum hatte sich diese Vermuthung in mir gebildet, als La Fleur mit unendlicher Unterthänigkeit, aber doch mit einem Blick voll Vertrauen, als würde ich es ihm nicht abschlagen, mich bat, ich möchte ihm für diesen Tag Urlaub geben, pour faire le galant vis-à-vis de sa maîtresse. Nun war dies grade dasselbe, was ich selbst vis-à-vis von Madame de R . . . . thun wollte – ich hatte mir zu diesem Zwecke die Kutsche gemiethet, und es würde meine Eitelkeit nicht verletzt haben, einen so wohl geputzten Diener wie La Fleur hintenaufstehen zu haben: ich mißte ihn in der That sehr ungern. Doch in dergleichen Verlegenheiten müssen wir empfinden und nicht auf unserem Rechte bestehen – Die Söhne und Töchter der Dienstbarkeit entsagen in ihren Contracten ihren Rechten auf Freiheit, aber nicht denen der Natur; sie sind Fleisch und Blut, und haben, mitten im Zwinger ihrer Dienstbarkeit, ihre kleinen Eitelkeiten und Wünsche ebenso gut wie ihre Herrschaften. Freilich haben sie einen Preis auf ihre Selbstverleugnung gesetzt, und ihre Erwartungen sind so unverschämt, daß ich sie oft täuschen möchte, wenn es ihr Stand nicht so leicht machte, dies zu thun. » Siehe – siehe, ich bin dein Knecht « – dies nimmt mir auf Einmal die Gewalt eines Herrn. – – – »Du kannst gehen, La Fleur!« sagte ich. – »Aber was für einen Schatz, La Fleur«, sagte ich, »kannst du dir in so kurzer Zeit in Paris angeschafft haben?« – La Fleur legte die Hand auf die Brust und sagte, es wäre eine petite demoiselle im Hause des Grafen von B . . . . – La Fleur hatte ein Herz, das für die Geselligkeit geschaffen war, und, um die Wahrheit zu sagen, er ließ sich ebenso wenig die Gelegenheit entgehen, als sein Herr. So hatte er auf die eine oder die andere Art – der Himmel weiß, wie – sich mit der Demoiselle auf dem Treppenabsatz bekannt gemacht, indessen ich mit meinem Reisepaß beschäftigt war; und wie diese Zeit für mich hinreichte, den Grafen für mein Interesse zu gewinnen, so hatte in derselben La Fleur das Mädchen für das seinige zu gewinnen verstanden. Die Dienerschaft kam, wie es schien, diesen Tag nach Paris, und er hatte mit dem Mädchen und zwei oder drei Anderen von des Grafen Leuten eine Partie auf den Boulevards verabredet. Glückliches Völkchen! das wenigstens einmal in der Woche sicher ist, all seine Sorgen beiseite zu legen, und die Bürde der Bekümmerniß, welche den Geist anderer Nationen zu Boden drückt, zu versingen, zu vertanzen und hinweg zu scherzen. Das Fragment. Paris . La Fleur hatte mir etwas zum Zeitvertreib hinterlassen was mich den Tag über mehr unterhielt, als ich mir ausbedungen, oder als in seinen oder meinen Kopf hätte kommen können. Er hatte das Stückchen Butter auf einem Johannisbeerblatte gebracht; und da der Morgen warm war, und er es eine gute Strecke tragen mußte, so hatte er sich einen Bogen Maculatur ausgebeten, um ihn zwischen das Johannisbeerblatt und seine Hand zu legen. Da dieses hinreichend als Teller dienen konnte, so hieß ich es ihn auf den Tisch hinlegen, so wie es war; und da ich den ganzen Tag über im Zimmer zu bleiben beschloß, so befahl ich ihm, zu dem Traiteur zu gehen, um mein Mittagessen zu bestellen, und mich beim Frühstück allein zu lassen. Als ich mit der Butter zu Ende war, warf ich das Johannisbeerblatt aus dem Fenster, und wollte soeben dasselbe mit dem Maculaturblatt thun – allein da ich innehielt, um erst eine Zeile zu lesen, und diese mich zu einer zweiten und dritten verlockte – so hielt ich das Blatt eines bessern Schicksals werth; ich machte also das Fenster zu, zog einen Stuhl an dasselbe heran und setzte mich nieder, um es ganz zu lesen. Es war in dem alten Französisch aus Rabelais' Zeit, und soweit ich mich darauf verstehe, konnte es von ihm selbst geschrieben sein. Ueberdies waren es gothische Lettern, und diese noch dazu, durch Feuchtigkeit und die Länge der Zeit, so verwischt und verlöscht, daß es mich unendlich viel Mühe kostete, etwas von dem, was es enthielt, herauszubringen. – Ich warf es hin und schrieb einen Brief an Eugenius – dann nahm ich es wieder auf und müdete meine Geduld von Neuem daran ab – und dann, um sie wieder herzustellen, schrieb ich einen Brief an Elisa. – Immer noch hielt es mich fest, und die Schwierigkeit des Verständnisses steigerte nur mein Verlangen darnach. Ich hielt mein Mittagmahl, und nachdem ich meinen Geist durch eine Flasche Burgunder erhellt hatte, ging ich wieder daran; und nach zwei oder drei Stunden Grübelns darüber, und zwar mit ebenso angestrengter Aufmerksamkeit, als jemals Gruter oder Jacob Spon auf eine unverständliche Inschrift verwendet haben mögen, glaubte ich den Sinn gefunden zu haben. Doch um dessen gewiß zu werden, hielt ich es für den besten Weg, es ins Englische zu übersetzen und zu sehen, wie es sich darin ausnehmen würde. So machte ich mich denn ganz gemächlich ans Werk, wie man spielend etwas betreibt – bisweilen einen Satz niederschreibend – dann einen Gang oder zwei durch das Zimmer machend – wohl auch einmal aus dem Fenster schauend, wie die Welt draußen ginge; so daß es neun Uhr Abends schlug, ehe ich damit zu Stande gekommen war. – Alsdann begann ich es zu lesen, wie folgt. Das Fragment. Paris . – Als nun des Notars Frau mit dem Notar über den Punct mit so großer Hitze stritt, sagte der Notar, indem er das Pergament hinwarf: »Ich wünschte, daß noch ein anderer Notar hier wäre, bloß um alles dieses niederzuschreiben und zu bezeugen« – – »Und was würdet Ihr dann thun, Monsieur?« fragte sie, indem sie sich hastig erhob. – Die Frau des Notars war ein kleiner Hitzkopf von einem Weibe, und der Notar nahm sich klüglich vor, durch eine sanfte Erwiederung einen Sturm zu vermeiden. – »Ich würde zu Bette gehen«, antwortete er. – »Zum Teufel könnt Ihr gehen!« antwortete die Frau. Nun gab es aber gerade nur Ein Bett im Hause, weil, nach der Gewohnheit in Paris, die beiden andern Zimmer ohne Hausrath waren; und da der Notar keine Lust verspürte, in demselben Bette mit einer Frau zu liegen, die ihn soeben, mir nichts dir nichts, zum Teufel hatte gehen heißen, so ging er mit Hut und Stock, und da die Nacht sehr stürmisch war, im kurzen Mantel fort und schritt sehr übel gelaunt auf den Pont neuf zu. Von allen Brücken, welche jemals gebaut wurden, ist der Pont neuf, wie Jedermann, der darüber gegangen ist, zugestehen muß, die edelste, schönste, prächtigste, leichteste, längste und breiteste, welche jemals auf der Oberfläche dieses aus Erde und Wasser zusammengekneteten Balles Land mit Land verbunden hat. (Hiernach scheint es, als wenn der Verfasser des Fragments kein Franzose gewesen wäre.) Der schlimmste Vorwurf, welchen die Theologen und die Doctoren der Sorbonne gegen sie erheben können, ist der, daß, sobald nur eine Mütze voll Wind in und um Paris weht, auf ihr gotteslästerlicher sacredieut wird, als an irgend einem andern freien Platze der ganzen Stadt – und zwar aus guter, triftiger Ursache, Messieurs. Denn er stürmt auf euch los, ohne garde d'eau! zu rufen, und mit solchen unversehenen Stößen, daß von den Wenigen, die mit einem Hut auf dem Kopfe darüber gehen, nicht Einer unter Funfzigen ist, der nicht zwei und einen halben Livre (womit der Hut vollkommen bezahlt ist) aufs Spiel setzt. Der arme Notar, welcher gerade bei dem Wachposten vorüberging, fuhr instinctmäßig mit seinem Stock an die Seite seines Hutes; allein indem er ihn erhob, verfing sich die Spitze desselben in die Schnur des Hutes der Schildwache und schleuderte diesen über die Spitzen des Geländers geraden Weges in die Seine – – » 's ist ein böser Wind «, sagte ein Bootsmann, welcher ihn auffing, » der niemandem etwas Gutes zubläst .« Die Schildwache, ein Gascogner, drehte sich augenblicklich den Knebelbart und legte die Muskete an. Die Musketen wurden damals mit Lunten abgebrannt, und weil gerade eines alten Weibes Papierlaterne am Ende der Brücke vom Wind ausgeblasen worden, so hatte sie sich von der Wache die Lunte geborgt, um sie wieder anzuzünden. Das verschaffte dem Gascogner einen Augenblick Zeit, sein Blut sich kühlen zu lassen und den Vorfall mehr zu seinem Vortheil zu benutzen. – » 's ist ein böser Wind «, sagte er, indem er dem Notar seinen Biberhut vom Kopfe riß, die Besitzergreifung mit dem Witzwort des Bootsmanns rechtfertigend. Der arme Notar schritt über die Brücke fort, und indem er die Rue de Dauphine entlang nach dem Faubourg von St. Germain weiter ging, klagte er unterwegs folgendermaßen: »Ich unglücklicher Mensch!« sagte der Notar, »mein ganzes Leben hindurch das Spiel der Stürme sein zu müssen – nur dazu geboren zu sein, den Sturm böser Zungen zu erdulden, die sich gegen mich und mein Treiben richten, wo ich gehe und stehe – durch den Donner der Kirche zur Ehe mit einem Unwetter von Weibe gezwungen zu sein – durch häusliche Winde aus meinem Hause gejagt und durch pontificalische meines Biberhuts beraubt zu werden – mich hier baarhäuptig in stürmischer Nacht, der Ebbe und Flut der Zufälle preisgegeben, umhertreiben zu müssen –: wo soll ich mein Haupt hinlegen? – Ich unglückseliger Mann! welcher Wind von den zweiunddreißig Puncten der Windrose kann dir etwas Gutes zuwehen, wie er es deinen übrigen Mitgeschöpfen thut?« – Als der Notarius, in dieser Weise sich beklagend, an einem dunklen Durchgange vorbeikam, rief eine Stimme nach einem Mädchen und hieß ihr, nach dem ersten besten Notar zu eilen. Da nun unser Notar der nächste war, so schritt er, seine Lage zu seinem Vortheil gebrauchend, den Durchgang hinauf nach der Thür, und wurde durch eine Art alten Saal hindurch in ein großes Zimmer gebracht, das von jeglichem Hausrath entblößt war, bis auf eine lange Soldatenpike, einen Brustharnisch und ein rostiges altes Schwert nebst einem Bandelier, welche in gleichen Zwischenräumen an vier verschiedenen Stellen der Mauer aufgehängt waren. Ein alter Mann, der ehedem ein Edelmann gewesen und, sofern Verfall der Glücksgüter nicht auch das adlige Blut trübt, noch zur Zeit ein Edelmann war, lag, den Kopf auf die Hand gestützt, in seinem Bette. Ein kleiner Tisch mit einer brennenden Kerze stand dicht daneben, und an den Tisch war ein Stuhl gestellt. Der Notar setzte sich darauf, zog sein Dintenfaß und ein paar Bogen Papier hervor, die er in der Tasche bei sich trug, legte sie vor sich hin und hielt, die Feder eintunkend und die Brust über den Tisch lehnend, Alles in Bereitschaft, um des Edelmanns Testament und letzten Willen aufzusetzen. »Ach! mein Herr Notarius«, sagte der Edelmann, sich ein wenig erhebend – »ich habe nichts zu vermachen, was auch nur die Vermächtnißkosten decken würde, ausgenommen meine eigene Geschichte, und ich könnte nicht ruhig sterben, wenn ich sie der Welt nicht als ein Vermächtniß hinterließe. Den Gewinn, welcher heraus kommt, vermache ich Ihnen als Lohn für die Mühe, daß Sie sie aus meinem Munde niederschreiben. – Es ist eine so ungewöhnliche Geschichte, daß sie alle Welt nothwendig lesen muß – sie wird das Glück Ihres Hauses machen.« – Der Notar tunkte die Feder ins Dintenfaß. – »Allmächtiger Lenker aller Zufälle meines Lebens!« sagte der alte Edelmann, ernst aufblickend und seine Hände zum Himmel erhebend – »Du, dessen Hand mich durch solch ein Labyrinth von seltsamen Wegen bis zu dieser trostlosen Scene geführt hat: stehe dem schwindenden Gedächtniß eines alten, schwachen, am Herzen gebrochenen Mannes bei – leite meine Zunge durch den Geist deiner ewigen Wahrheit, damit dieser Unbekannte nichts niederschreiben möge, als was in jenem Buche verzeichnet ist, nach dessen Ausspruch«, sagte er, und schlug dabei seine Hände zusammen, »ich erwarten muß, verdammt oder freigesprochen zu werden!« – Der Notar hielt die Spitze seiner Feder zwischen das Licht und seine Augen – – – »Es ist eine Geschichte, mein Herr Notarius«, sagte der Edelmann, »welche jede Regung der Natur aufstören wird – sie wird die menschlich Gesinnten tödtlich verwunden und das Herz der Grausamkeit selbst zum Mitleid bewegen« – – – – Der Notar brannte vor Verlangen, endlich zu beginnen, und tunkte seine Feder zum dritten Mal in das Dintenfaß – und der alte Edelmann, indem er sich ein wenig mehr nach dem Notar hinwandte, fing an seine Geschichte in folgenden Worten zu dictiren – – – »Und wo ist denn das Uebrige davon, La Fleur?« fragte ich, da dieser eben ins Zimmer trat. Das Fragment und das Bouquet. Paris . Als La Fleur näher an den Tisch kam und begriffen hatte, was mir fehlte, sagte er mir, es wären nur noch zwei Bogen davon da, die hätte er um die Stiele eines Bouquets gewickelt, das er der Demoiselle auf den Boulevards überreicht hätte. – »Nun, dann bitt' ich Dich, La Fleur«, sagte ich, »gehe sogleich zu ihr zurück in das Hôtel des Grafen von B . . . . und siehe zu, ob du sie wiedererhalten kannst .« – »Da ist gar kein Zweifel daran«, sagte La Fleur und flog eiligst davon. In sehr kurzer Zeit kam der arme Bursche zurück, ganz außer Athem und mit stärkeren Zeichen getäuschter Hoffnung im Gesicht, als daß sie aus der bloßen Unersetzlichkeit des Fragmentes entspringen konnten. – Juste ciel! In weniger als zwei Minuten, nachdem der arme Bursche seinen letzten zärtlichen Abschied von ihr genommen, hatte seine treulose Geliebte sein gage d'amour einem von des Grafen Lakaien gegeben – der Lakai es einer jungen Nähterin – die Nähterin wieder einem Geiger – immer mit meinem Fragment um den Stiel des Bouquets. – Unsere Unglücksfälle waren mit einander verflochten – ich stieß einen Seufzer aus – und La Fleur gab ihn meinem Ohr als Wiederhall zurück. – »Wie treulos!« rief La Fleur aus – »Wie unglücklich!« sagte ich. – »Es würde mich nicht kränken, Monsieur«, sagte La Fleur, »wenn sie es nur verloren hätte.« – »Noch mich, La Fleur«, sagte ich, »wenn ich es nur gefunden hätte.« Ob dies der Fall war oder nicht, wird man später sehen. Die mildthätige Handlung. Paris . Der Mann, welcher einen dunklen Eingang zu betreten entweder verschmäht oder fürchtet, kann ein außerordentlich guter Mann und zu hundert Dingen geschickt sein; aber er wird unmöglich einen guten empfindsamen Reisenden abgeben. Ich schlage die vielen Dinge, die ich am hellen lichten Tage in großen, weiten Straßen vorgehen sehe, nicht hoch an. – Die Natur ist schüchtern und haßt es, vor Zuschauern zu handeln; aber in manchem unbemerkten Winkel seht ihr bisweilen von ihr eine einzelne kurze Scene aufführen, die alle sentiments von einem Dutzend französischer Schauspiele zusammengenommen werth ist, die doch gewiß an und für sich vollkommen schön sind; – und so oft ein mehr als gewöhnlich bemerkenswerter Fall zu meiner Kenntniß kommt, dergleichen ein Prediger ebenso gut wie ein Held zu seinem Vortheile benutzen kann, so mache ich gemeiniglich meine Predigt darüber – und was den Text betrifft, so paßt »Cappadocia, Pontus und Asia, Phrygia und Pamphylia« – ebenso gut dazu, als irgend ein anderer in der Bibel. Ein langer dunkler Gang führt aus der Opéra comique in eine enge Straße; er wird nur von den wenigen betreten, welche geduldig auf einen Fiacre warten oder ungefährdet zu Fuß heimzugelangen wünschen, wenn die Oper vorbei ist. Am Ende desselben, gegen das Theater zu, wird er von einem dürftigen Licht erleuchtet, dessen Schein sich schon zu verlieren beginnt, ehe man noch den halben Weg hinab gethan hat. Nahe am Ausgange jedoch – denn es dient mehr zur Zierde als zum Nutzen – sieht man es nur noch als einen Fixstern letzter Größe: er blinkt zwar, gewährt aber der Welt, so viel wir wissen, wenig Vortheil. Als ich durch diesen Gang zurückkehrte, konnte ich im Näherkommen, etwa fünf oder sechs Schritte von der Thüre, zwei Damen unterscheiden, welche Arm in Arm mit dem Rücken an der Mauer standen, um, wie ich mir dachte, auf einen Fiacre zu warten. Da sie sich der Thür zunächst befanden, so glaubte ich, sie hätten ein früheres Anrecht, und deshalb schob ich mich, etwa anderthalb Schritt von ihnen, ein und nahm ruhig meinen Stand. Da ich schwarz gekleidet ging, so wurde ich kaum bemerkt. Die Dame, welche mir zunächst stand, war eine lange, schmächtige Frauengestalt von ungefähr Sechsunddreißig; die andere, von gleicher Größe und Figur, war ungefähr Vierzig. An keiner von beiden gab es Merkmale, ob sie Frauen oder Wittwen wären – sie schienen zwei ehrbare Vestalen-Schwestern zu sein, noch nicht gewelkt unter Liebkosungen, noch ungebrochen von zärtlichen Umarmungen. Ich hätte wünschen können, sie glücklich gemacht zu haben; – doch ihr Glück sollte ihnen diesen Abend von einer andern Seite her kommen. Eine leise Stimme bat, in wohlgesetzten Ausdrücken und mit angenehmem Tonfall am Schlusse, beide um ein Zwölfsousstück um Gottes willen. Es kam mir sonderbar vor, daß ein Bettler die Größe des Almosens bestimmte, und daß die Summe zwölfmal so viel betragen sollte, als was man sonst im Dunkeln zu geben pflegt. Beide schienen darüber ebenso erstaunt, als ich selbst. – »Zwölf Sous!« sagte die Eine – – »Ein Zwölfsousstück!« – sagte die Andere, ohne ihm zu antworten. Der arme Mann sagte, er könne Damen von ihrem Stande unmöglich um weniger ansprechen, und verneigte dabei seinen Kopf bis zur Erde. »Hm!« sagten sie – »wir haben kein Geld bei uns.« Der Bettler schwieg ein paar Augenblicke und erneuerte dann seine Bitte. »Meine schönen jungen Damen, verschließen Sie ihre gütigen Ohren nicht vor mir«, sagte er. – »Auf mein Wort, lieber Mann!« sagte die Jüngere, »wir haben kein kleines Geld.« – »Nun, es segne Sie der Himmel«, sagte der arme Mann, »und vervielfache die Freuden, welche Sie Andern, ohne zu wechseln, gewähren können!« – Ich bemerkte, daß die Aeltere mit der Hand in ihre Tasche fuhr – »Ich will sehen«, sagte sie, »ob ich einen Sous bei mir habe.« – » Einen Sous! – geben Sie doch zwölf«, sagte der Bittsteller; »die Natur ist so freigebig gegen Sie gewesen, seien Sie auch freigebig gegen einen armen Mann.« »Ich wollt' es ja von Herzen gern sein, lieber Freund«, sagte die Jüngere, »wenn ich nur was hätte.« »Meine schöne Mitleidige!« sagte er, sich zu der Aelteren wendend – »Was Anderes ist es denn, als Ihre Güte und Menschenfreundlichkeit, was Ihre glänzenden Augen so reizend macht, daß sie sogar in diesem dunklen Gange den Morgen überstrahlen? Und was war es, was den Marquis von Santerre und seinen Bruder so viel von Ihnen beiden sprechen ließ, als Sie eben hier vorübergingen?« Die beiden Damen schienen sehr bewegt, und aus gleichzeitigem Antrieb fuhren sie beide mit der Hand in ihre Taschen und zogen jede ein Zwölfsousstück heraus. Der Streit zwischen ihnen und dem armen Bittenden war vorüber – er wurde nur unter jenen selbst fortgesetzt, welche von beiden das Zwölfsousstück aus Mildthätigkeit geben sollte; und um den Streit zu enden, gaben sie es alle beide, und der Mann ging hinweg. Das gelöste Räthsel. Paris . Ich ging ihm eilig nach: es war derselbe Mann, dessen glücklicher Erfolg im Almosenbitten bei den Frauenzimmern vor der Thür des Hôtels mich so neugierig gemacht hatte – und ich entdeckte auf einmal sein Geheimniß, wenigstens den Grund, auf dem es beruhte: – es war Schmeichelei. Köstliche Essenz! wie erfrischend wirkst du auf die Natur! wie stark neigen sich all ihre Kräfte und all ihre Schwächen auf deine Seite! wie süß mischest du dich mit dem Blut und hilfst es durch die schwierigsten und verschlungensten Kanäle nach dem Herzen fördern! Da der arme Mann hinsichtlich der Zeit nicht beschränkt war, so hatte er hier diese Essenz in reichlicherer Dosis zugemessen. Sicherlich verstand er auch die Kunst, sie für die vielen unerwarteten Fälle, die ihm in den Straßen aufstießen, in kleinere Dosen zu bringen; aber wie er es anfing, sie den Umständen anzupassen, zu versüßen, zu verstärken oder zu mildern –: mit dieser Untersuchung quäle ich mir den Geist nicht ab. – Genug, der Bettler kam zu zwei Zwölfsousstücken, und diejenigen, welche Beträchtlicheres dadurch gewonnen haben, könnten am besten über das Weitere Mittheilungen machen.   Paris . Wir bewirken unser Fortkommen in der Welt nicht sowohl dadurch, daß wir Dienste leisten, als, daß wir sie empfangen: ihr nehmt einen welkenden Zweig und setzt ihn in die Erde, und dann begießt ihr ihn, weil ihr ihn gepflanzt habt. Der Herr Graf von B . . . . wollte, blos weil er mir eine Gefälligkeit in meiner Paßangelegenheit erzeigt hatte, noch weiter gehen und mir in den wenigen Tagen, die er in Paris verweilte, eine andere dadurch erweisen, daß er mich mit einigen angesehenen Personen bekannt machte, und diese sollten mich wieder andern vorstellen, und so weiter. Ich war grade zur rechten Zeit in Besitz meines Geheimnisses gekommen, um diese Ehren zu einigem Vortheil für mich zu benutzen; sonst dürfte ich wohl, wie es gewöhnlich der Fall ist, ein- oder zweimal die Reihe herum zu Mittag oder zu Abend gespeist, und dann, infolge der Uebersetzung französischer Blicke und Geberden in deutliches Englisch, baldigst erkannt haben, daß ich mich des Couverts eines unterhaltendern Gastes bemächtigt hätte; und natürlicher Weise hätte ich dann auf alle meine Plätze, einen nach dem andern, Verzicht leisten müssen, aus dem einfachen Grunde, weil ich sie nicht behaupten konnte. – Wie es aber einmal war, lief die Sache nicht so übel ab. Ich hatte die Ehre bei dem alten Marquis von B . . . . eingeführt zu werden. Vor Zeiten hatte er sich durch einige kleine ritterliche Thaten an dem Cour d'amour hervorgethan und sich seitdem stets nach seiner Idee von Lanzenrennen und Turnieren gekleidet. – Der Marquis von B . . . . wünschte, man möchte glauben, die Sache beruhe nicht blos auf seiner Einbildung. »Er hätte nicht übel Lust, einen Ausflug nach England zu machen«, und fragte mich viel über die englischen Damen aus. »Bitte, bleiben Sie, wo Sie sind, Herr Marquis, sagte ich« – »les Messieurs Anglais können jetzt schon kaum einen gütigen Blick von ihnen erlangen.« – Der Marquis lud mich zum Abendessen ein. Monsieur P . . . ., der Generalpächter, erkundigte sich ebenso angelegentlich nach unsern Steuern – sie wären sehr beträchtlich, hätte er gehört. – »Wenn wir sie nur einzutreiben verstünden«, sagte ich und machte ihm einen tiefen Bückling. Auf eine andere Aeußerung hin wäre ich nie zu Monsieur P . . . . s Concerten eingeladen worden. Man hatte mich der Madame de Q . . . . fälschlich als einen esprit vorgestellt. – Madame de Q . . . . war selbst ein esprit ; sie brannte vor Ungeduld, mich zu sehen und sprechen zu hören. Ehe ich mich noch gesetzt hatte, bemerkte ich schon, daß sie sich nicht im Geringsten darum kümmerte, ob ich Witz hätte oder nicht. Ich wurde blos zugelassen, um mich zu überzeugen, daß sie welchen hätte. Ich nehme den Himmel zum Zeugen, daß ich auch nicht Einmal die Pforte meiner Lippen öffnete. Madame de Q . . . . betheuerte Jedermann, dem sie begegnete: sie hätte in ihrem Leben mit noch keinem Manne eine so lehrreiche Unterhaltung geführt. In der Herrschaft einer französischen Dame giebt es drei Epochen: erst ist sie Kokette – dann Freigeist – dann Dévote. Niemals läßt sie während dieser Epochen die Zügel aus den Händen – sie wechselt nur die Gegenstände derselben. Wenn fünfunddreißig Jahre und darüber ihre Staaten von den Sclaven der Liebe entvölkert haben, so bevölkert sie diese wieder mit Sclaven des Unglaubens – und hierauf mit den Sclaven der Kirche. Madame de V . . . . schwankte eben zwischen den ersten beiden Epochen: die Farbe der Rose war in schnellem Verbleichen begriffen – sie hätte eigentlich schon fünf Jahre früher Freigeist werden sollen, ehe ich die Ehre hatte, ihr meinen ersten Besuch abzustatten. Sie lud mich ein, mich zu ihr auf das Sopha zu setzen, um den Punct der Religion genauer durchzusprechen. – Madame de Q . . . . sagte mir kurz und gut, sie glaube gar nichts. Ich sagte Madame de V . . . ., es möchte dies wohl Grundsatz bei ihr sein; doch wäre ich überzeugt, es könne nicht in ihrem Interesse liegen, die Außenwerke zu schleifen; denn ich begriffe nicht, wie eine Festung wie die ihrige sich ohne diese zu halten vermöchte; – es gäbe für eine Schönheit nichts Gefährlicheres in der Welt, als ein Freigeist zu sein – ich wäre es meinem Glauben schuldig, ihr dies nicht zu verhehlen; – noch hätte ich keine fünf Minuten neben ihr auf dem Sopha gesessen, und schon hätte ich Anschläge zu schmieden begonnen; – und was anders als die Empfindungen der Religion und die Ueberzeugung, daß deren auch in ihrer Brust lebten, hätten diese Pläne im Entstehen ersticken können? »Wir sind nicht von Diamant«, sagte ich, ihre Hand ergreifend – »und es ist alle Zurückhaltung erforderlich, bis das Alter zu seiner Zeit sich einschleicht und sie uns auferlegt. – Doch, meine verehrte Dame«, sagte ich und küßte ihr die Hand – »es ist noch zu früh – noch allzu früh.« – Ich darf es wohl äußern, daß ich in ganz Paris im Rufe stand, Madame de V . . . . von der Freigeisterei bekehrt zu haben. Sie versicherte es dem Monsieur D . . . . und dem Abbé M . . . ., daß ich in einer halben Stunde mehr zu Gunsten der geoffenbarten Religion gesprochen hätte, als ihre ganze Enzyklopädie dagegen vorgebracht hätte. – Ich wurde sogleich in die Liste der Coterie der Madame de V . . . . eingetragen – und sie schob die Epoche der Freigeisterei noch auf zwei Jahre hinaus. In dieser Coterie war es, wie ich mich erinnere, mitten in einem Gespräche, in welchem ich die Nothwendigkeit einer ersten Ursache nachwies, daß der junge Graf von Fainéant mich bei der Hand nahm und in die äußerste Ecke des Zimmers führte, um mir zu sagen, daß ich meinen Solitaire zu eng um meinen Hals angesteckt hätte – er müsse plus badinant sein, sagte der Graf, auf seinen eignen hinabblickend – »aber ein Wort, Monsieur Yorick, zu dem Weisen  – –« – »Und von dem Weisen , mein Herr Graf«, erwiederte ich, mit einer Verbeugung – » ist genug .« Der Graf von Fainéant umarmte mich mit größerer Wärme, als ich jemals von einem sterblichen Menschen umarmt worden bin. Drei Wochen lang war ich der Meinung eines Jeden, der mir in den Weg kam. – Pardi! ce Monsieur Yorick a autant d'esprit que nous autres.« – »Il raisonne bien«, sagte ein Anderer. »C'est un bon enfant«, sagte ein Dritter. – Und um diesen Preis hätte ich all meine Lebtage in Paris essen und trinken und fröhlich sein können. Aber das war eine ehrlose Rechnung – ich fing an mich zu schämen:– es war der Gewinn eines Sclaven – jedes Gefühl von Ehre empörte sich dawider. Je höher ich stieg, desto mehr war ich von meinem Bettelsystem abhängig, – je besser die Coterie – desto mehr Kinder der Kunst – ich schmachtete nach denen der Natur. Und eines Abends, nachdem ich mich höchst schmählich einem halben Dutzend verschiedener Leute preis gegeben hatte, wurde mir unwohl – ich ging zu Bette und befahl La Fleur, mir für den Morgen Pferde zu bestellen, um nach Italien abzureisen. Maria. Moulins . Noch hatte ich die Qual des Ueberflusses unter keinerlei Gestalt empfunden bis jetzt – – durch Bourbonnais, die lieblichste Landschaft von Frankreich, zu reisen – zur lustigen Zeit der Weinlese, wenn die Natur ihren Reichthum in Jedermanns Schoß schüttet und jedes Auge emporgerichtet ist – eine Fahrt, auf welcher bei jedem Schritte Musik den Tact zur Arbeit schlägt, und all ihre Kinder aufjubeln, indem sie ihre Trauben einbringen; – durch alles dies hindurch zu ziehen mit meinen überwallenden Gefühlen, die sich an jeder Gruppe vor mir entzünden – und jede derselben war reich an Abenteuern. Gerechter Himmel! – ich könnte zwanzig Bände damit anfüllen – und ach! es sind mir nur noch wenige kleine Seiten übrig geblieben, worauf ich all dies zusammendrängen muß;– und die Hälfte davon muß ich der armen Maria widmen, die mein Freund, Herr Shandy, nahe bei Moulins antraf. Die Geschichte, die er mir von diesem seelenkranken Mädchen mittheilte, hat mich beim Lesen nicht wenig ergriffen; aber als ich in die Nähe des Ortes kam, wo sie lebte, kehrte alles so heftig in mein Gedächtniß zurück, daß ich dem Antriebe nicht widerstehen konnte, einen Umweg von einer halben Meile nach dem Dorf zu machen, wo ihre Eltern wohnten, um mich nach ihr zu erkundigen. Diese Fahrt, ich leugne es nicht, gleicht denen des »Ritters von der traurigen Gestalt«, um trübselige Abenteuer aufzusuchen; – allein ich weiß nicht, wie es kommt –: ich bin mir niemals des Daseins einer Seele in mir so vollkommen bewußt, als wenn ich mich mit dergleichen befasse. Die bejahrte Mutter kam an die Thüre: ihre Blicke erzählten mir die Geschichte, ehe sie noch den Mund öffnete. – Sie hatte ihren Mann verloren: er war, wie sie sagte, aus Kummer über den Verlust der Sinne Maria's ungefähr vor einem Monate gestorben. – Sie hätte im Anfange gefürchtet, fügte sie hinzu, dies möchte ihr armes Kind vollends des bischen Verstandes, das ihr noch übrig war, berauben – es hätte sie aber im Gegentheil mehr zu sich selbst gebracht, dennoch hätte sie noch immer keine Ruhe; – ihre arme Tochter, sagte sie seufzend, irre stets irgendwo auf der Landstraße umher. – – Warum schlägt denn mein Puls so matt, indem ich dies schreibe? und was bewirkte denn, daß La Fleur, dessen Herz nur für Freude gestimmt zu sein scheint, sich zweimal mit dem Rücken der Hand über die Augen fuhr, als das Weib dastand und dies berichtete? Ich winkte dem Postillon, wieder nach der Landstraße umzulenken. Als wir eine halbe Meile nach Moulins zu gemacht hatten, sah ich, einen Seitenpfad entlang, welcher nach einem Gebüsch führte, Maria unter einer Pappel sitzen – sie saß da, den Ellbogen auf den Schoß gestützt und den Kopf in die innere Fläche der Hand legend – ein kleiner Bach floß an dem Fuße des Baumes hin. Ich befahl dem Postillon, mit der Kutsche nach Moulins weiter zu fahren, und La Fleur, mir das Abendessen zu bestellen, und sagte, ich würde nachkommen. Sie war weiß gekleidet und ganz so, wie mein Freund sie beschrieben hatte, ausgenommen daß ihr Haar, das früher in ein seidenes Netz geflochten war, lose herabhing. Sie hatte ihr Mieder noch mit einem blaßgrünen Bande versehen, welches von ihrer Schulter bis auf die Hüfte herabfiel, und an dessen Ende ihre Hirtenflöte hing. – Ihre Ziege war ihr so untreu geworden, wie ihr Geliebter, und sie hatte sich an ihrer Statt einen kleinen Hund angeschafft, den sie, vermittelst einer Schnur an ihrem Gürtel mit sich führte. Als ich auf ihren Hund sah, zog sie ihn an der Schnur zu sich hin. – »Du sollst mich nicht verlassen, Sylvio«, sagte sie. Ich blickte in Maria's Augen und erkannte, daß sie mehr an ihren Vater als an ihren Geliebten oder ihre kleine Ziege dachte; denn als sie diese Worte aussprach, rollten ihr die Thränen über die Wangen hinab. Ich setzte mich dicht neben sie, und Maria ließ sie mich, wie sie so herabträufelten, mit meinem Taschentuch abtrocknen. Dann drückte ich es auf meine eignen – dann auf die ihrigen – dann wieder auf die meinigen – und dann trocknete ich die ihrigen abermals – und als ich dies that, fühlte ich so unbeschreibliche Regungen in meinem Innern, wie man sie, deß bin ich sicher, aus irgend einer Verbindung von Materie und Bewegung nicht erklären kann. Ich bin fest überzeugt, ich habe eine Seele, und alle Bücher, womit die Materialisten die Welt verpestet haben, können mich niemals zur Annahme des Gegentheils bewegen. Maria. Als Maria ein wenig zu sich selbst gekommen war, fragte ich sie, ob sie sich eines blassen schlanken Mannes erinnere, welcher vor etwa zwei Jahren zwischen ihr und ihrer Ziege gesessen hätte? – Sie sagte, sie wäre damals nicht recht bei sich gewesen, aber doch erinnere sie sich zweier Umstände – daß sie, so krank sie auch gewesen, doch wahrgenommen hätte, die Person habe Mitleid mit ihr; und ferner, daß ihre Ziege sein Taschentuch gestohlen, und sie dieselbe wegen des Diebstahls geschlagen habe. Sie hätte es, sagte sie, in dem Bache gewaschen und seitdem immer in ihrer Tasche behalten, um es ihm wiederzugeben, im Fall sie ihn jemals wiedersehen sollte, was er, fügte sie hinzu, ihr halb und halb versprochen hätte. Als sie dies sagte, zog sie das Tuch aus ihrer Tasche, um es mir zu zeigen; sie hatte es, sauber zusammengefaltet, in ein Paar Weinblätter eingeschlagen und mit einer Weinrebe zugebunden; – als ich es aufmachte, sah ich in einer der Ecken ein  S eingezeichnet. Sie hätte sich seitdem, erzählte sie mir, bis nach Rom verirrt und wäre einmal um den St. Peter herumgegangen –und dann zurückgekehrt; – sie hätte ihren Weg über die Apenninen ganz allein gefunden; – hätte die ganze Lombardei ohne Geld durchwandert – und die steinigen Straßen Savoyens ohne Schuhe – wie sie das ausgehalten und überstanden hätte, das könnte sie nicht sagen – »aber Gott macht den Wind sanft für das geschorene Lamm«, sagte Maria. »In der That geschoren! und bis ins Fleisch hinein«, sagte ich. »Und wärest du in meiner Heimath, wo ich eine Hütte habe, so wollte ich dich hineinführen und dich schützen. Du solltest von meinem Brot essen und aus meinem Becher trinken – ich würde deinen Sylvio freundlich behandeln – in all deinem Selbstvergessen und Umherirren wollt' ich dich aufsuchen und dich wieder zurückbringen – wenn die Sonne niederginge, wollt' ich dir meine Gebete vorsagen; und wäre ich damit fertig, so solltest du dein Abendlied auf der Schalmei spielen – und der Weihrauch meines Opfers würde darum nicht minder huldvoll aufgenommen werden, weil er zugleich mit dem eines gebrochenen Herzens zum Himmel emporstiege.« Mein Inneres löste sich auf, als ich diese Worte hervorbrachte; und da Maria, als ich mein Taschentuch herauszog, bemerkte, daß es schon zu feucht wäre, um es noch gebrauchen zu können, wollte sie durchaus gehn und es in dem Bache waschen. – »Und wo willst du es trocknen, Maria?« fragte ich. – »Ich werde es in meinem Busen trocknen«, sagte sie, »es wird mir wohlthun.« »Und ist dein Herz noch immer so warm, Maria?« fragte ich. Ich hatte die Saite berührt, an welcher all ihre Sorgen hingen. Sie sah mir eine Weile mit gedankenvollem Irrsinn ins Gesicht, und dann, ohne ein Wort zu sagen, nahm sie ihre Schalmei und spielte ihren Gesang an die heilige Jungfrau. – Die Saite, die ich berührt hatte, hörte auf, zu schwingen – nach ein paar Augenblicken kam Maria wieder zu sich, ließ ihre Flöte fallen und stand auf. »Und wohin willst du nun gehen, Maria?« fragte ich. – »Nach Moulins«, sagte sie. – »So laß uns zusammen gehen«, sagte ich. – Maria legte ihren Arm in den meinigen, und nachdem sie die Schnur verlängert hatte, damit der Hund uns folgen könne, zogen wir solcherweise in Moulins ein. Maria. Moulins . Obgleich ich eben kein Freund von Umarmungen und Begrüßungen auf offenem Markt bin, so hielt ich doch an, als wir in die Mitte desselben gekommen waren, um den letzten Blick und das letzte Lebewohl von Maria zu nehmen. Maria, wenn auch nicht schlank, gehörte demungeachtet in die erste Klasse schöner Gestalten. Der Schmerz hatte ihrem Blicke ein Etwas verliehen, was kaum mehr irdisch war – Doch hatte sie noch immer etwas Weibliches – es umathmete sie noch so viel von alle dem, wornach das Herz oder die Augen bei einem Weibe verlangen, daß, hätten die Spuren des Jammers aus ihrem Gehirn, oder die von Elisa aus dem meinigen weggelöscht werden können, sie nicht allein von meinem Brot essen und aus meinem Becher trinken sollte , sondern Maria sollte auch an meiner Brust liegen und wie meine Tochter gehalten sein. Lebe wohl, armes, unglückliches Mädchen! – Sauge das Oel und den Wein in dich, welchen das Mitleid eines Fremden, der seines Weges zieht, jetzt in deine Wunden träufelt; – jenes Wesen, das sie dir zweimal geschlagen, kann sie allein dir für immer verbinden. Das Bourbonnais. Es gab nichts, wovon ich mir ein so freudiges Schwelgen in Gefühlen ausgemalt hatte, als von der Reise durch diesen Theil Frankreichs zur Zeit der Weinlese. Nun aber, da ich durch diese Pforte des Kummers dahin eindrang, hatten mich meine Leiden ganz unfähig dafür gemacht. Bei jeder festlichen Scene sah ich Maria im Hintergrunde des Gemäldes, schwermüthig unter der Pappel sitzend, und ich hatte beinahe Lyon erreicht, ehe ich im Stande war, einen Schatten über sie zu werfen. Theure Empfindsamkeit! unerschöpfte Quelle von allem, was es Köstliches in unsern Freuden oder Erhebendes in unserem Kummer giebt! Du fesselst deinen Märtyrer an sein Lager von Stroh – und du bist es auch, die ihn empor zum Himmel erhebt. Ewige Quelle unserer Gefühle! – hier will ich dir nachspüren; und dies ist deine » Gottheit, die sich in mir regt «; – nicht daß in manchen trüben und krankhaften Augenblicken » meine Seele zurückschrickt in sich selbst und vor der Vernichtung schaudert « – ein bloßer Wortprunk! – sondern daß ich gewisse großherzige Freuden und großherzige Sorgen noch außer mir fühle – alles das kommt von dir, großes, großes Sensorium der Welt! – das schon in Schwingung versetzt wird, wenn nur ein Haar von unserem Haupte zur Erde fällt in der entlegensten Wüste deiner Schöpfung. – Berührt von dir, zieht Eugenius den Vorhang vor meinem Lager weg, wenn ich verschmachtend daliege – vernimmt ruhig meine Aufzählung der Symptome und klagt das Wetter an wegen der Störung seiner Nerven. Du verleihst einen Theil davon bisweilen dem rauhen Landmann, der die unwirthbarsten Gebirge durchstreift – er findet das zerfleischte Lamm aus der Heerde eines Andern – In diesem Augenblick sehe ich ihn, wie er seinen Kopf an seinen Hirtenstab lehnt und mit mitleidigen Gefühlen darauf niederschaut! – »O wäre ich doch einen Augenblick eher gekommen! – es blutet sich zu Tode!« – Sein edles Herz blutet mit ihm. – Friede mit dir, edelmüthiger Hirt! – Ich sehe, wie du mit Bekümmerniß von dannen gehst: – aber deine Freuden sollen sie aufwiegen. Denn glücklich ist deine Hütte, und glücklich, wer sie mit dir theilt – und glücklich sind die Lämmer, die um euch her spielen. Die Abendmahlzeit. Als beim Beginn des Aufsteigens am Berge Taurira ein Eisen von einem Vorderfuße des Deichselpferdes losgegangen war, stieg der Postillon herunter, drehte das Hufeisen vollends ab und steckte es in die Tasche. Da das Bergaufsteigen fünf bis sechs Meilen dauerte, und wir dabei besonders auf dieses Pferd zu rechnen hatten: so verlangte ich mit Nachdruck, daß das Hufeisen, so gut sich's thun ließe, wieder befestigt würde; aber der Postillon hatte die Nägel weggeworfen, und da ohne diese der Hammer in dem Kutschkasten von keinem großen Nutzen war, so fügte ich mich darein, daß er weiter fahre. Wir waren noch keine halbe Meile weiter hinauf gekommen, als das arme Thier auf einer steinigen Strecke des Weges ein zweites Eisen, und zwar am andern Vorderfuße, verlor. Ich stieg nunmehr in vollem Ernst aus der Kutsche, und da ich in einer Entfernung von ungefähr einer Viertelmeile linker Hand ein Haus erblickte, so vermochte ich, nach einigem Wortwechsel, den Postillon, darauf zuzufahren. Der Anblick des Hauses und seiner Umgebung, als wir näher kamen, söhnte mich bald mit dem Unfall aus. – Es war eine kleine Meierei, von ungefähr zwanzig Acker Weinland und etwa ebenso viel an Kornfeldern umgeben, und dicht beim Hause befand sich an der einen Seite ein Gemüsegarten von anderthalb Acker, versehen mit allem, was Ueberfluß in das Haus eines französischen Landmanns bringen kann, und auf der andern Seite lag ein Wäldchen, welches das Holz zur Zubereitung der Gemüse lieferte. Es war etwa acht Uhr Abends, als ich bei dem Hause ankam – ich überließ dem Postillon, den Schaden so gut, als er konnte, zu verbessern, und ging meinerseits ohne Umstände ins Haus hinein. Die Familie bestand aus einem alten Manne mit greisem Haupte und seiner Frau, nebst fünf oder sechs Söhnen und Schwiegersöhnen und ihren verschiedenen Weibern, und einer lustigen Nachkommenschaft derselben. Sie saßen eben alle miteinander bei ihrer Linsensuppe; ein großes Weizenbrot lag mitten auf dem Tische; und ein Krug Wein an jedem Ende desselben versprach Fröhlichkeit in allen Zwischenpausen der Mahlzeit – es war ein Gastmahl der Liebe. Der alte Mann stand auf, um mir entgegenzugehen, und lud mich mit einer ehrerbietigen Herzlichkeit ein, mich mit an den Tisch zu setzen. Mein Herz hatte sich schon im Augenblick, als ich eintrat, bei ihnen niedergelassen, und so setzte ich mich denn, gleich einem Sohne der Familie, ohne Umstände zu ihnen hin; und um so schnell als möglich in diesen Charakter einzugehen, borgte ich augenblicklich von dem alten Manne sein Messer, ergriff den Brotlaib und schnitt mir ein tüchtiges Stück ab. Und als ich dies that, gewahrte ich in jedem Auge ein Zeugniß nicht nur von herzlichem Willkommen, sondern auch von einem Willkommen, das zugleich den Dank enthielt dafür, daß ich nicht daran gezweifelt zu haben schien. War es dies? oder sage mir, Natur, was es sonst war, was mir diesen Bissen so köstlich gemacht hat – und welcher Wunderkraft ich es zuzuschreiben habe, daß der Zug, den ich aus ihrem Kruge dazu that, so vortrefflich schmeckte, daß beides noch zu dieser Stunde meinen Gaumen labt? War schon das Abendessen ganz nach meinem Geschmacke – um wie viel mehr mußte es das Dankgebet sein, das darauf folgte! Das Dankgebet. Als die Abendmahlzeit zu Ende war, klopfte der alte Mann mit dem Hefte seines Messers auf den Tisch – es war das Zeichen, sich zum Tanze fertig zu machen. Und im Augenblick, als es gegeben ward, eilten die Frauen und Mädchen alle mit einander in ein hinteres Gemach, um sich die Haare aufzubinden – und die jungen Männer zur Thür, um sich die Gesichter zu waschen und ihre Holzschuhe mit andern zu vertauschen, und in drei Minuten stand jede Seele auf einem kleinen Rasenplatze vor dem Hause, bereit, den Tanz zu beginnen. Der alte Mann und seine Frau kamen zuletzt heraus und ließen sich, mich in ihre Mitte nehmend, auf einer Rasenbank neben der Thüre nieder. Der alte Mann war vor einigen fünfzig Jahren nicht ungeschickt auf der Vielle Ein musikalisches Instrument mit Claviatur, dessen Saiten durch ein Rad gestrichen und in Schwingung gesetzt werden. S. Dictionn. von Boiste . gewesen – und noch in seinem jetzigen Alter spielte er sie gut genug für den gegenwärtigen Zweck. Seine Frau stimmte dann und wann mit Gesang in die Weise ein – setzte dann wieder aus – und begleitete von Neuem ihren alten Mann, während ihre Kinder und Enkel vor ihnen ihre Tänze aufführten. Erst in der Mitte des zweiten Tanzes kam es mir, während einiger kleinen Pausen in der Bewegung, in denen sie alle gen Himmel zu blicken schienen, vor, als ob ich eine Erhebung der Seele darin entdeckte, verschieden von jener, welche die Ursache oder die Wirkung einfacher Heiterkeit ist. – Mit Einem Wort, ich glaubte zu sehen, daß sich Religion in den Tanz einmischte. Da ich diese aber noch niemals in solcher Verbindung gesehen hatte, so würde ich es als die Täuschung einer Einbildungskraft betrachtet haben, die mich ewig irre führt, hätte mir nicht der alte Mann, als der Tanz vorüber war, gesagt, daß dies ihre beständige Gewohnheit wäre, und daß er es sich sein ganzes Leben lang zur Regel gemacht hätte, nach dem Abendessen die Seinigen alle zum Tanz und zur Freude aufzufordern. Denn er glaube, sagte er, daß ein heiteres und zufriedenes Gemüth die beste Art des Dankes wäre, den ein ungelehrter Landmann dem Himmel darbringen könne – – »Oder auch ein gelehrter Prälat«, sagte ich. Der heiklige Fall. Wenn man auf den Gipfel des Berges Taurira gelangt ist, so geht es gleich steil hinunter nach Lyon – Adieu dann, alle schnellen Bewegungen! Die Reise erfordert alle Behutsamkeit, und gereicht den Empfindungen zum Vortheil, weil man nicht so eilig mit ihnen zu sein braucht. Und so machte ich es mit dem Vetturin aus, sich mit seinem Paar Maulthieren Zeit zu nehmen und mich in meiner eignen Kutsche wohlbehalten durch Savoyen nach Turin bringen. Armes, geduldiges, ruhiges, redliches Volk! Befürchte nichts: deine Armuth, der Schatz deiner einfachen Tugenden, wird dir nicht von der Welt beneidet werden, noch wird sie darum feindlich in deine Thäler einbrechen. – Natur! inmitten deiner Regellosigkeiten bist du doch noch immer gütig gegen das Unzulängliche, das du geschaffen hast; – mit allen deinen großen Werken um dich her, hast du für die Sense oder die Sichel nur wenig übrig gelassen – aber diesem Wenigen gewährest du Sicherheit und Schutz, und lieblich sind die Wohnungen, welche also beschirmt stehen. Laß den wegemüden Wanderer seine Klagen ergießen über die jähen Wendungen und Gefahren deiner Wege – deine Felsen – deine Abgründe – über die Schwierigkeiten beim Bergan-, und die Schrecken beim Bergabfahren – die unersteiglichen Gebirge – die Wasserstürze, welche große Felsenblöcke von ihren Gipfeln herabrollen und seinen Pfad versperren! – Die Bauern hatten den ganzen Tag über daran gearbeitet, um ein großes Felsenstück dieser Art zwischen St. Michael und Madane beiseit zu schaffen; und als mein Vetturin bei der Stelle ankam, brauchte man noch volle zwei Stunden, ehe nur zur Noth eine Durchfahrt konnte zu Stande gebracht werden. Da half nichts, als geduldig zu warten, trotz des nassen und stürmischen Abends: so daß hierdurch und durch die Verzögerung der Vetturin sich genöthigt sah, fünf Meilen vor seiner Station in einem kleinen, anständig aussehenden Wirthshause an der Landstraße einzukehren. Ich nahm sogleich Besitz von meinem Schlafgemach – ließ ein tüchtiges Feuer anzünden – bestellte ein Nachtessen und dankte dem Himmel, daß es nicht übler abgelaufen war – als ein Wagen mit einer Dame und ihrer Dienerin angefahren kam. Da es in dem Hause ein zweites Schlafzimmer nicht gab, so wies sie die Wirthin ohne große Bedenklichkeit in das meinige, indem sie ihnen während des Hereinführens mittheilte, daß niemand darin wäre, als nur ein englischer Herr; daß zwei gute Betten darin ständen, und ein Verschlag im Zimmer wäre, wo sich noch ein drittes befände. Der Ton, in welchem sie von diesem dritten Bette sprach, schien nicht viel Gutes davon zu verheißen. Genug, sie sagte, es wären drei Betten da für ebenso viel Personen – und sie dürfe wohl behaupten, der englische Herr würde Alles zu accommodiren wissen. – Ich ließ der Dame keinen Augenblick Zeit, darüber ihre Muthmaßungen anzustellen, und gab sofort die Erklärung ab, daß ich Alles thun würde, was in meinen Kräften stände. Da mich diese Erklärung nicht zu einer unbedingten Uebergabe meines Schlafgemaches verpflichtete, so sah ich mich noch entschieden genug als den Eigner des Zimmers an, um berechtigt zu sein, die Honneurs darin zu machen – Ich ersuchte also die Dame, sich niederzulassen – nöthigte sie auf den wärmsten Sitz – rief nach mehr Brennholz – bat die Wirthin, den Plan des Abendessens zu erweitern und uns mit ihrem besten Weine zu beglücken. Kaum hatte sich die Dame fünf Minuten lang am Feuer gewärmt, als sie ihren Kopf zurückwandte und einen Blick auf die Betten warf; und je öfter sie ihre Augen diesen Weg gehen ließ, um so besorglicher kehrten sie zurück. – Ich empfand für sie – und für mich selbst; denn in wenigen Minuten fühlte ich mich, sei es nun infolge ihrer Blicke, oder durch die Sache selbst, ebenso verlegen, als es nur immer die Dame sein konnte. Daß die Betten, worin wir schlafen sollten, sich in einem und demselben Zimmer befanden, war schon an sich hinreichend, um diese Wirkung hervorzurufen – allein ihre Stellung (sie standen parallel und so nahe beieinander, daß sie nur einen Raum für einen kleinen Rohrstuhl zwischen sich ließen) machte die Sache für uns noch verfänglicher. Ueberdies standen sie nahe beim Feuer, und die Ausladung des Kamins auf der einen, und ein starker Tragpfeiler, der durch das Zimmer lief, auf der andern Seite bildeten eine Art von Blende, die in keiner Weise unserem Zartgefühl günstig war – Und als wäre es an alle dem noch nicht genug gewesen, so kam noch hinzu, daß die beiden Betten so sehr schmal waren, daß der Gedanke an ein Zusammenschlafen der Dame und ihres Mädchens gar nicht aufkommen konnte. Wäre dies ausführbar gewesen, so würde mein Danebenliegen, wenn auch nicht gerade etwas Wünschenswertes, doch nichts so Furchtbares gewesen sein, daß nicht die Phantasie ohne Pein darüber hätte hinweg kommen können. Was den kleinen abgesonderten Raum betraf, so gewährte uns dieser wenig oder gar keinen Trost. Es war ein feuchter, kalter Verschlag, mit einem halb zerfallenen Laden und einem Fenster, worin weder Glas noch geöltes Papier war, um gegen den Nachtwind zu schützen. Ich gab mir gar nicht Mühe, meinen Husten zu unterdrücken, als die Dame einen flüchtigen Blick hineinwarf; und so war man natürlich auf die Alternative gebracht: entweder, die Dame mußte ihre Gesundheit ihrem Zartgefühl zum Opfer bringen, den Verschlag einnehmen und das Bett neben dem meinigen dem Kammermädchen überlassen – oder das Mädchen mußte im Verschlage liegen u. s. w. Die Dame war eine Piemontesin von ungefähr dreißig Jahren, mit einer Gluth von Gesundheit auf ihren Wangen. Die Jungfer war eine Lyonerin von Zwanzig, und so frisch und lebhaft, als nur irgend ein französisches Mädchen sein kann. Da gab es Schwierigkeiten auf allen Seiten – und das Hinderniß des Felsenblockes auf der Landstraße, welcher uns in diese kritische Noth versetzte, so groß es auch erschien, als die Bauern sich abmüheten, ihn zu beseitigen, war nur ein Kiesel gegen das, was jetzt uns im Wege lag. Ich füge nur noch hinzu, daß es das Gewicht, welches auf unsern Gemüthern lastete, nicht vermindern konnte, daß wir beide zu delicat waren, um das, was wir bei der Gelegenheit empfanden, einander mitzutheilen. Wir setzten uns zum Abendessen nieder; und hätten wir keinen begeisternderen Wein dabei gehabt, als den ein geringes Wirthshaus in Savoyen zu bieten vermochte: so wären unsere Zungen gefesselt geblieben, bis die Notwendigkeit selbst sie in Freiheit gesetzt hätte. Da aber die Dame einige Flaschen Burgunder in ihrem Wagen hatte, so ließ sie durch das Kammermädchen ein Paar davon herauf holen; so daß wir, als wir abgegessen hatten und allein gelassen waren, uns zu hinreichender Stärke des Geistes erhoben fühlten, um wenigstens ohne Rückhalt von unserer Situation zu sprechen. Wir wendeten den Gegenstand hin und her, und untersuchten und betrachteten ihn in jeder Art von Beleuchtung im Verlauf einer zweistündigen Unterhandlung. Zu Ende derselben wurden schließlich die Artikel zwischen uns bestimmt und in Form und Weise eines Friedensvertrages festgesetzt – und ich bin der Meinung: mit ebenso vieler Gewissenhaftigkeit und gutem Vertrauen von beiden Seiten, als bei irgend einem Vertrage, der noch die Ehre gehabt hat, der Nachwelt überliefert zu werden. Sie waren folgende: Erstens: Da Monsieur im Besitzrecht des Schlafzimmers ist und er glaubt, daß das Bett zunächst am Feuer das wärmste sei, so besteht er darauf, daß ihm von Seiten der Dame zugestanden werde, dasselbe einzunehmen. Gewährt von Seiten der Dame; jedoch mit der Bedingung: daß, da die Gardinen nur aus einem dünnen, durchsichtigen Baumwollenzeuge bestehen und auch zu schmal zu sein scheinen, um sie dicht zuziehen zu können, das Kammermädchen den klaffenden Spalt mit großen Stecknadeln, oder mit Nadel und Zwirn in solcher Art schließen soll, daß es als eine genügende Schranke an der Seite von Monsieur erachtet werden kann. Zweitens: Von Seiten der Dame wird verlangt, daß Monsieur die ganze Nacht hindurch in seinem Schlafrocke liegen soll. Abgeschlagen, in sofern als Monsieur keinen Schlafrock hat, da sich in seinem Mantelsack nur sechs Hemden und ein Paar schwarzseidene Beinkleider befinden. Die Erwähnung der schwarzseidenen Beinkleider führte eine gänzliche Umänderung des Artikels herbei; denn die Beinkleider wurden als ein Aequivalent für den Schlafrock angenommen, und so ward stipulirt und festgesetzt, daß ich die ganze Nacht in meinen schwarzseidenen Beinkleidern liegen sollte. Drittens: Es wird von Seiten der Dame darauf bestanden und festgesetzt, daß, nachdem Monsieur zu Bett gegangen und Feuer und Licht ausgelöscht worden, Monsieur die ganze Nacht hindurch nicht ein einziges Wort verlauten lassen soll. Zugestanden; nur dürfe, wenn Monsieur seine Gebete spräche, dies nicht für einen Bruch des Vertrages angesehen werden. Nur ein Punct war in dem Vertrage vergessen, und dieser betraf die Art und Weise, wie die Dame und ich selbst verpflichtet sein sollten, uns zu entkleiden und zu Bette zu legen. Es war nur eine Art möglich, und diese zu errathen, überlasse ich dem Leser, betheure aber dabei, daß, wenn dies nicht die delikateste Art von der Welt ist, die Schuld seine eigene Einbildungskraft trägt – gegen welche dieses nicht meine erste Klage ist. Wir waren nun zu Bette gegangen. Aber mochte es die Neuheit der Situation sein, oder was es sonst war, ich weiß es nicht – genug, ich konnte kein Auge schließen. Ich versuchte es auf der einen und auf der andern Seite, ich wendete mich herum und wieder herum, bis eine ganze Stunde nach Mitternacht – bis Natur und Geduld erschöpft waren. – »O mein Gott!« rief ich aus – »Sie haben den Vertrag gebrochen, Monsieur«, rief die Dame, welche ebenso wenig geschlafen hatte, als ich selbst. – Ich bat tausendmal um Verzeihung, blieb aber dabei, es wäre nichts weiter als ein Stoßgebet gewesen. – Sie dagegen bestand darauf, es wäre ein vollständiger Bruch des Vertrages. – Ich behauptete aber, dem wäre in der Klausel des dritten Artikels vorgesehen worden. Die Dame wollte auf keine Weise nachgeben, obgleich sie dadurch nur ihrer Barriere schadete; denn in der Hitze des Streites hörte ich, wie zwei oder drei der großen Nadeln aus der Gardine zu Boden fielen. »Aber mein Wort und meine Ehre, Madame«, sagte ich, meinen Arm als Zeichen der Versicherung aus dem Bette streckend – Ich wollte eben hinzufügen, daß ich um die Welt nicht gegen die entfernteste Idee von Wohlanständigkeit gehandelt haben möchte – Allein das Kammermädchen, das diesen Wortwechsel zwischen uns vernommen hatte und fürchtete, es möchten Feindseligkeiten daraus erfolgen, war stillschweigend aus ihrem Verschlage herausgeschlichen, und hatte sich, da es stockfinster war, so nahe an unsere Betten herangestohlen, daß sie in den Engpaß, der diese trennte, gerathen und so weit gekommen war, daß sie eben in einer Linie zwischen ihrer Herrin und mir stand – Als ich daher meine Hand ausstreckte, faßte ich der Kammerjungfer ihre –