Hermann Stehr Peter Brindeisener Alle Rechte vorbehalten Copyright 1927 by Horen-Verlag G.m.b.H., Berlin-Grunewald * Er erzählte mir immer dieselbe Geschichte, und wenn ich ihn sah, wußte ich schon, wie er sie diesmal vortragen würde. Manchmal galoppierten seine Worte wie Pferde, die von der Peitsche einen steilen Berg hinaufgeprescht werden. Zuzeiten tropften ihm die Sätze zäh und monoton aus dem Munde. Dann wieder glomm in seiner Stimme ein geheimes Zittern: es war trunkenes Taumeln in seiner Geschichte. Seltsam aber war der Erfolg seiner Erzählung: ich vergaß sie immer sofort. Wenn er schwieg, war sie auch schon weggeblasen. Das Seltsamste aber bestand darin, daß der Erzähler und seine Geschichte in gar keinem Zusammenhange zu stehen schienen. Darauf kam ich erst sehr spät, eigentlich am Ende unserer Bekanntschaft. Er hatte die Sache diesmal in dem Garten eines großen Vergnügungsetablissements vor der Stadt einzufädeln gewußt, und während ich durch die lärmende Gesellschaft an überfüllten Tischen vorüberging, um die Handwerker mit ihren Familien, Bergleute und ihr Anhang, Ladendiener mit und ohne Verhältnis, Schlepper mit Fabrikmädchen zusammengekeilt saßen, fühlte ich mich von irgendwoher unangenehm fixiert und wollte schon die Stufen der riesigen Holzveranda hinuntergehen, um auf der Straße am Bahndamm entlang ein wenig in den Wald zu schlendern. Aber gerade als ich die erste Stufe unter dem Fuße hatte, bog es mir instinktiv den Kopf zurück, und ich sah ihn in der hintersten Ecke an einem ganz leeren Tisch vor seinem kalten Grog sitzen und mich lächelnd ansehen, als ob er sagen wollte: Das ist ja Unsinn, so zu tun, als wolltest du gehen. Komm doch her und setz' dich; dein Sträuben ist durchaus erfolglos. Und wirklich saß ich nach zwei Minuten mit einer Selbstverständlichkeit neben ihm, als sei es von Anfang meine feste Absicht gewesen, mich mit ihm dort zu treffen. Er war auch gar nicht sonderlich erregt, als ich bei ihm Platz genommen hatte, und bedeckte, wie es seine Art war, die rechte Hand mit der anderen, als friere ihn an den Handrücken. Weiße lange Haare standen in der porösen Haut, dicht wie ein Schimmelüberzug. Von seinem Gesicht sah ich nicht mehr wie die übermäßig hohe Stirn. Endlich sagte ich: »Herr Brindeisener, ich wollte eigentlich ein wenig im Tolkebusch schlendern gehen.« Darauf streifte er mit seinem grauen Auge über mich hin, mit einem beiläufigen, aber so schmerzvollen Blick, antwortete nichts, sondern stellte sein Gesicht wie horchend über die Köpfe der lärmenden Gesellschaft weg, dem Himmel entgegen, und sagte dann trocken und hilflos: »Die Luft ist unbarmherzig klar.« Und dann ließ er den überlangen Oberkörper wieder zusammensinken, als schiebe er eine Klappkamera ineinander. Mich ergriff der geheimnisvolle Hilferuf des alten Mannes. Aber ich raffte mich doch nach einigen Augenblicken wieder auf und sagte mir, daß es töricht sei, mich den ganzen schönen Sonntagnachmittag diesem morschen Buchhalter aus der Zündholzfabrik zu überliefern, nur um die Geschichte zu hören, die ich immer wieder vergaß, und eilte mit großen, energischen Schlüngen dem Boden meines Bierglases zu. Ehe ich den Rest hinuntergießen konnte, stieß Brindeisener entschlossen den Stock zwischen die gespreizten Knie und begann ohne jede Einleitung seine Erzählung: »Sie müssen wissen, mein junger Freund, das Leben ist immer ein zu kurzes Pferd. Man mag sich darauf setzen, wie man will. Es nutzt nichts. Entweder fällt man vorn oder hinten herunter und gerät unter die Hufe und Reifen.« Und so weiter. Von Zeit zu Zeit donnerte ein Bahnzug vorüber. Auf den, feiernden Gruben rundum schnarchten die Auspuffer der Ventilatoren und Pumpwerke leise und verschlafen. Das Gelärm der Ausflügler wuchs. Der alte Brindeisener achtete auf nichts, sah gerade vor sich auf den Tisch und sprach wie zu sich selber. Nein, er sprach nicht. Er rief die Sätze diesmal wie ein Auktionator, laut und hart. Und ich hörte eigentlich gar nicht auf ihn, sondern wartete auf den Augenblick, wo mit seinem Gesicht die eigentümliche Verwandlung vor sich ging. Da – jetzt begann sein Kinn einzuschrumpfen. Es war, als würde es von dem Atem hinaufgesogen, nicht bloß das Kinn, fast der ganze Unterkiefer, so daß Brindeisener aussah, als habe er nur einen halben Kopf, und sein grauer Knebelbart schien unmittelbar aus den breiten, gelben Zähnen des Oberkiefers hervorzuwachsen. Nun ging es dem Ende zu. Ich stürzte rasch den Rest Bier hinunter, und unmittelbar nach dem letzten Worte erhob ich mich, dankte mit unsicherer Stimme für die Gesellschaft, schützte eine Verabredung im Tolkebusch vor und wand mich eilig zwischen den Tischen durch, dem Ausgange zu. Dort drehte ich mich noch einmal um und bemerkte, daß der alte Buchhalter mit breiten Ellenbogen, das Gesicht vergraben, auf dem Tisch lag. Seine Schultern ruckten. Wahrhaftig so, als weine er. Aber ich konnte diesmal nicht. Einfach. Ich wäre ihm grob gekommen. Allein, mein Sonntag hatte doch einen unheilbaren Knacks davongetragen, und während ich unter den Bäumen umherirrte, lag eine unsichtbare raunende Wolke tiefer Trostlosigkeit um mich. Die hinderte mein Gemüt, in die Träume von meinem Vaterhause zu entfliehen und den Rechenstaub der Bankstube abzuschütteln. Ich kriegte die Dieseler Eisenwerke, das Pari, die Lombardaktien, Diskont und Provision, all diesen grauen Lärm, nicht aus der Seele, an den ich mich nur aus Liebe zu meinem Vater verkauft hatte, der durchaus einen Bankdirektor aus mir machen wollte, nachdem die Maturitätsprüfung vorbeigelungen war. Diese Bedrückungen spürte ich nicht wie sonst als eine Last im Hirn, ich empfand sie wie eine aussichtslose Schwermut, die von außen auf mich eindrang. Wie gesagt, gleich einer bebenden Wolke der Trostlosigkeit lag es um mich. Auf einmal tönte es: der Subskriptionspreis für die Anleihe beträgt 97½ Prozent zuzüglich 4½ Prozent Stückzinsen vom 1. Mai 1911. Merkwürdig, und das sprach es nicht mit Worten. Nein, dieser Satz tauchte in meinem Gedächtnis wie ein grelles Transparent auf, ohne Beziehung auf mich, seelenlos, wie etwa in der Nacht über den Dächern die Aufforderung aufflammt: Raucht Manoli! So und zugleich schwankte der Schmerz, die Hilflosigkeit, der eintönige Gram eines verlorenen Lebens um mich, wie es aus der Geschichte Brindeiseners in immer anderer Gestalt über mich gekommen war. Das schwere, monotone Auf und Ab der Erzählung steckte darin und die Person des Buchhalters auch. Sobald ich aber mein inneres Horchen auf den Rhythmus der Geschichte einstellte, erlosch das Gesicht Brindeiseners, wie ich es heute gesehen hatte, und gelang es meiner Aufmerksamkeit, seine Physiognomie festzuhalten, verflüchtigte sich jede Empfindung für die Erzählung, die ich dazu nicht wußte. Eine Gefühlskomplexion marterte mich, die, halluzinatorisch scharf und verschwommen in einem, nur ein Jüngling von neunzehn Jahren erleiden kann. Aus dieser, doch im Innern getrennten Einheit ... nein, es ist unmöglich, das zu erklären. Kurz, ich kam durch eine abenteuerliche Kombination zu der Ansicht, zwischen Brindeisener und seiner Geschichte bestehe keinerlei innerer Zusammenhang. Es sei zwecklos, mir noch zwanzig- und mehrmal das gleiche anzuhören, und ich trüge von all der lässigen, etwas knabenhaften Neugier nichts davon als den Verlust jugendlicher Fröhlichkeit und Entschlossenheit. Deswegen mied ich in den nächsten Wochen alle Orte, an denen ich mit Brindeisener sonst zusammengetroffen war, und unterließ jede Bemühung, etwas Näheres über die Vergangenheit des alten Buchhalters und seine Lebensweise zu erfahren. Der erste Winter, den ich in Wirbnitz verbrachte, verging vergnüglicher, als es den Anschein gehabt hatte. Gegen das Frühjahr hin waren die Bilderrahmen mit Kotillonorden vollgespickt. In meinem Tischschube verwahrte ich manche Locke und Haarschleife. Mein Beruf erschien mir ganz angenehm, und mit Ungeduld sah ich dem Mai entgegen. Den Buchhalter hatte ich vergessen. Vielleicht war er davongezogen oder gar gestorben. Es war mir auch gleichgültig. Ich nannte ihn einen alten Märbeutel und glaubte, er bedeute mir nicht mehr als ein zerschlissener Schirm, den man leichten Mutes in einem Winkel stehenläßt. * So ging es in den März hinein, recht geprügelt und geblasen, wie mein Vater von dem unbeständigen Frühlingswetter zu reden beliebte. Am Tage warf es einem zwanzigmal schimmernde, weiße Lichtnetze über, durch deren glitzernde Maschen man den süchtig-blauen Himmel in einer so unendlichen Höhe gewahrte, daß man ganz gut meinen konnte, er habe sich aufgemacht, in der Unendlichkeit für immer zu verschwinden, um die Menschen mit dem allmächtigen, jungen Licht allein zu lassen. Dann schrie und tanzte alles in der grauen, grämlichen Bergmannsstadt, und selbst die wackeligsten Invaliden gingen aufrecht und drehten ihren Stock durch die Luft. Im nächsten Augenblick aber lag der Himmel über der Erde wie die verrauchte niedrige Decke einer durchfuselten Kaschemme. Es warf mit nassem Schnee, daß es nur so klatschte, und der Wind fuhr einem ins Gesicht wie mit schartigen Sensen. In einer Nacht kehrte ich sehr spät aus meiner Kneipe nach Hause. Sie lag am entgegengesetzten Ende der Stadt, und ich mußte durch ganz Wirbnitz. Ganz Wirbnitz. Das waren ja wohl kaum ein halbes Dutzend Straßen und Gassen. Aber es dünkte mich eine Stunde zu dauern. Alles war vollgesackt von beißend kaltem, gelbbraunem Nebel, durch den die Glühfadenlampen wie rote Triefaugen blinzten, und von den nahen Kokereien wälzte sich stinkender Kohlenrauch in die Gassen, daß es war, als gehe man durch eine riesige Latrine. Der Schall der Schritte erlosch unter den Füßen. Die Stadt war totenstill, und die Häuser schienen seit langer Zeit unbewohnt zu sein. Die Türen und Fenster gähnten als schwarze, halb verfallene Luken an den Häuserfronten, die sich ohne Dach in dem schmutzigen Nebel verloren. Ich hatte mich mit meinen Bekannten wegen eines Mädchens gezankt und setzte auf dem einsamen Gange den Streit allein fort. So kam ich auf den Marktplatz. Da ging gerade ein Erhellen durch den Nebel. Ein schwacher Wind kehrte ihn mit leisem Seufzen in die Gassen, und die Häuser standen bis zu den Dächern hinauf in leidvoll-blassem Licht. Hundert Schritt vor mir saß ein Mann auf einer Haustürschwelle in der Haltung eines todmüden Wanderers. Der Kopf, von einer zerlumpten Pelzmütze bedeckt, hing wie schlafend auf der eingesunkenen Brust. Aber der Fremde schlief nicht. Er kratzte mit seinem Stocke, den er zwischen den heraufgezogenen, gespreizten Knien hielt, auf den Steinfliesen des Trottoirs und murmelte monoton vor sich hin. Als er mich sah, erhob er sich mühselig und gab sich den Anschein, als gehöre er in das Haus, auf dessen Schwelle er eben gesessen, klopfte leise an die Tür, trat zurück, sah zu den Fenstern empor, klatschte gedämpft in die Hände und kroch dann geduldig in den Schatten des Hauseinganges, bis ich vorüber war. Dann ging er zum Nachbarhaus, ließ sich wieder auf der Schwelle nieder und begann sein versunkenes Gemurmel wie vorher. Als ich vor meiner Wohnung stand und eben den Schlüssel ins Schloß schieben wollte, fiel es mir ein: das war ja Brindeisener, den ich wie einen zerschlissenen Schirm in einem Winkel des Lebens hatte stehenlassen. In schnellem Lauf jagte ich auf den Marktplatz zurück. Der war inzwischen wieder in schmutziger Finsternis erloschen und zum Schneiden dicht mit Nebel erfüllt. Ich suchte alle Haustüren ab – sie waren leer. In der Nacht war es mir fortwährend, als sitze der alte Buchhalter auf dem Stuhl neben meinem Bett und rede eintönig vor sich hin. Die Stube war mit den Lauten aussichtslosen Grames erfüllt, und mehreremal sah ich deutlich seinen langen, gekrümmten Rücken und einen Teil seines gesenkten, großen Kopfes. Mein Streit war verschwunden, alle Lustbarkeiten des Winters waren nicht gewesen. Mir kam es vor, als habe ich die Monate seit unserem letzten Zusammensein in einem lichtlosen Zimmer gesessen und in dumpfer Sehnsucht nur auf ihn gewartet. Man weiß ja nicht eher, was ein Mensch uns bedeutet, bis man ihn verloren hat. Ich geriet seit dieser Nacht immer schon nach wenigen Gedankengängen in einen inneren Abgrund, und was ich auch angreifen mochte, endete in dies beklemmende Warten, mit dem ich nach jener Nacht aufgestanden war. Um diesem Zustand ein Ende zu machen, begab ich mich zwei Tage nachher auf die Suche nach Brindeisener. Aus unserer ersten Zusammenkunft erinnerte ich mich dunkel, daß er bei Angabe seiner Adresse die Fehlenerstraße genannt hatte. Die Nummer war mir abhanden gekommen. In einem gelb gestrichenen Hause sollte es sein, so schwante mir, und dann mußte er auch von einem Löwen gesprochen haben, dem zwei Brezeln an einer Schnur aus dem offenen Rachen hingen. Dieses Bild, in Stein gemeißelt, sollte über der Tür in die Mauer eingelassen sein. Nein Erinnern, das in leisem Fiebern an den Bildern meines Gedächtnisses herumgedeutet hatte, führte mich recht. Ich fand das Haus. Es war das dritte in der engen Gasse, die über einen mit allerhand Gerümpel gefüllten Hof ins Feld endete. In der dritten Etage klingelte ich, mich dem traumhaften Führen überlassend, an einer Tür, neben deren Griff ein Schildchen angebracht war, auf dem der Name »Hermine Wengen« mit schwarzen Buchstaben auf weißem Grunde stand. Zaghaft wurde geöffnet, und es erschien eine mädchenhaft kleine, zarte Greisin auf der Schwelle, strich sich mit einer durchsichtigen Schneiderinnenhand über die Stirn und wartete eine Weile, aus gelbbraunen, wie mir schien halb erblindeten Augen ins Leere starrend. Dann fragte sie mit unwirklich dünner Stimme nach meinem Begehr. Als sie den Namen Brindeisener hörte, suchte sie verlegen nach dem Schlüssel, drehte ihn ein paarmal im Schloß und atmete schwer. Dann bat sie mich, ihr in die Wohnung zu folgen, setzte sich mir gegenüber, verharrte wieder eine Weile regungslos in dem blicklosen Schauen ihrer halb erloschenen Augen und beantwortete meine Fragen in einer Weise, als müsse sie sich immer durch eine tote Schicht mühsam zu ihren Worten durchkämpfen. Ja, der Buchhalter, Herr Brindeisener, hätte sechs Jahre bei ihr gewohnt. Ja, aber vor vier Monaten sei er ausgezogen. Warum? Er sei ein eigentümlicher Herr gewesen. Die alten unverheirateten Männer bekämen alle mit den höheren Jahren so ihre Seltsamkeiten, ja. Er war ein guter Herr, ein stiller Herr, ein lieber Herr. Ob er getrunken habe. Nein, da sei ihr nichts bekannt. Von seinem Leben und seinen Gewohnheiten wisse sie auch nicht viel. Denn er habe sein Zimmer stets verschlossen gehalten und nie gestattet, daß es jemand betrete. Sei er zu Hause gewesen, so habe sie ihn unaufhörlich mit großen, lauten Schritten in seinem Zimmer auf und ab gehen hören, bis in die tiefen Abendschatten hinein. Dann habe er auf der Flöte geblasen. Ja, und seit der neue Zimmerherr da sei und das Flötenspiel nicht mehr in den Abend klinge, fehle ihr etwas. »Wissen Sie, junger Herr,« sagte die kleine Greisin. »ich kenne Sie ja nicht, will auch nicht wissen, wer Sie sind, Sie mögen auch darüber lachen. Das tut mir nichts.« Darauf verstummte sie und tastete verschämt auf ihrer Schürze herum. »Hat er Ihnen nichts erzählt?« fragte ich. »Nein. Nie. Guten Morgen. Guten Abend. Wie es die Zeit war. Sommer und Winter. Immer dasselbe. Gütig und leise. Ja, das hat er mir erzählt. Aber ich weiß doch, daß er von weit her war, aus einem guten Hause. Aus Hannover oder Westfalen. Denn er sprach das ›s‹; so eigentümlich wie mein Bruder, als er vom Militär aus Quedlinburg zurückgekehrt war.« »Ja, aber Quedlinburg liegt doch in Sachsen.« »Na, da war es eben eine andere Stadt. Aber das ist auch gleich. Nein, um auf das Flötenspiel zu kommen. Er blies immer das gleiche Lied. Er blies es eigentlich nicht. Es war, als singe er mit dem Holz, und zwar so leise und weich, wie ein Mädchen singt, wenn sie Blumen auf der Schürze hat, auf der Wiese sitzt und einen Kranz flicht. Sehen Sie, solange Herr Brindeisener neben mir auf der Flöte gesungen hat, ist's mir eigentlich nicht in den Sinn gekommen, daß ich seit zwanzig Jahren Witwe bin und eine erwachsene Tochter habe. Aber seit er fort ist, spüre ich, daß das Alter über mich kommt.« »Haben Sie Herrn Brindeisener nicht halten können?« fragte ich. Aber Frau Wengen achtete auf meine Worte nicht, saß unbeweglich und kämpfte mit ihren toten Augen gegen die tote Schicht um Worte. »Nein, wissen Sie, und dabei war es manchmal eigentlich schrecklich mit seinem Flötenspiel«, sagte sie endlich. »Nämlich von Ostersonnabend bis Ostersonntag blies er die ganze Nacht. Ohne Aufhören eigentlich. Immer leiser, immer schmerzlicher. Ich habe oft im Bett gelegen und geschluchzt wie als ganz junges Mädchen. Man konnte sich da nicht helfen. Gegen Morgen, wenn das Licht kam, hörte das Lied auf. Ach, wenn ich's nur sagen könnte, wie. So, als wenn es in der Sonne erfriere. Ja, wirklich, wie wenn es erfriere, so ein Zittern war darin. Mach dieser Osternacht aber lag Herr Brindeisener immer zwei Tage im Bett, und wenn er dann herauskam, sah er aus, als sei er von einer schweren Krankheit aufgestanden.« Die kleine Greisin hatte ihre Schürze erbarmungslos in den Händen zusammengeknüllt und strich sie jetzt, da sie wie ertappt schwieg, mit zitternden Fingern wieder glatt. »Haben Sie denn Herrn Brindeisener nicht halten können?« wiederholte ich. Es dauerte einige Augenblicke, ehe sich Frau Wengen wieder gesammelt hatte. Dann begann sie mit der Antwort, indem sie wortlos den Kopf schüttelte. »Das gehörte auch zu den Schrullen. Gott ja, man sagt Schrullen,« erwiderte sie darauf mit suchenden Worten, »man weiß zuwenig.« »Was denn, Frau Wengen?« »Nun, sehen Sie. Herr Brindeisener konnte doch junge Mädchen nicht leiden. Wissen Sie, kleine. Schulmädchen schon, wenn er auch mit keinem sprach. Auch ältere, ja. Aber solche um siebzehn 'rum, solche mit festen Fäusteln unter den Blusen, solche auf keinen Fall. Ich sag' Ihn', da wurde der alte Mann kalkweiß und kriegte förmlich das Schmeißen. Nun, und im Herbst kam meine Tochter aus dem Dienst. Sie ist ja schon fünfundzwanzig, sieht aber noch aus wie sechzehn. Wissen Sie, sie hat von mir die Statur. Na, und kaum, daß Herr Brindeisener sie zweimal auf dem Flur gesehen hat, kündigt er und zieht aus. Es muß übrigens da noch was anderes gegeben haben. Denn den Sonntag vorher kam er um den Abend nach Hause, und ich denke, daß er wieder anfangen wird zu blasen.« »Erlauben Sie mal. An welchem Tage war das ungefähr?« Ich unterbrach sie, weil ich an unser letztes Zusammentreffen in der Holzveranda dachte. »Ach ja«, antwortete Frau Wengen. »Denken Sie, das werd' ich kaum 'rauskriegen. Warten Sie.« »War es nicht am 9. Oktober?« fragte ich. »Nu. Es war ums Krauteinholen. Freitags gingen wir die Maschine bestellen. Sonnabend war die Berthel da, meine Schwägerin nämlich. – Nein, nein. Ganz richtig. Das stimmt schon. Die erste Oktoberwoche war's.« Die Greisin war bei dieser Datumbestimmung, wie es allen Greisen geht, in noch größere Aufregung geraten. Nun richtete sie plötzlich betroffen ihre Augen auf mich und fragte mit heimlichem Mißtrauen: »Warum wollen Sie denn das so genau wissen?« »Ich muß mir doch klar werden. Sie können sich das denken, Frau Wengen. Herr Brindeisener ist mir nicht gleichgültig. Ich habe Sie unterbrochen. Bitte, erzählen Sie weiter.« Frau Wengen bedeckte die Stirn mit der rechten Hand, und es hatte den Anschein, als sei sie in Zweifel, ob es besser sei, die Unterhaltung abzubrechen oder in der Erzählung fortzufahren. Doch schüttelte sie die Wolken der Besorgnis ab und fuhr fort: »Ja, da war er also an dem Sonntag nach Hause gekommen. Ich dachte, es wär' später gewesen wie sonst. Wie gesagt, ich dacht', er würde gleich anfangen zu blasen. Denn das Abendrot war schon hinter dem Ferdinandschacht hinunter. Aber er ging erst lange in der Stube auf und ab, wie er's gewohnt war. Ich muß zu meiner Schande gestehen, ich hab' an der Wand gehorcht. Ja, wissen Sie, einer alten Frau, die schon viel hinter sich hat, ist das nicht übelzunehmen. Na ... und dann fängt er mit sich an zu reden, wird immer wilder und stampft endlich mit dem Fuße auf den Boden. ›Es muß ein Ende gemacht werden‹;, so ungefähr sagte er dabei. Dann hör' ich, wie er was zerbricht und wegschmeißt. Die paar Tage, die er dann noch da war, hat er nicht mehr geblasen, und wie er dann ausgezogen war, haben wir hinter dem Ofen die zerbrochene Flöte gefunden.« »Mit Mädchen hat er nie gesprochen?« fragte ich. »Nie. Er hatte bloß immer junge Herren um sich, so alt wie Sie sind.« »Ist er denn noch in der Fabrik?« »Ach Gott, ich komme nicht vor die Tür. Das weiß ich nicht. Aber gewiß wohl, denn wie ich gehört habe, war ja der Herr Methner sehr zufrieden mit ihm.« Ich erhob mich zum Abschied. »Ja, ja, es wird Ihnen langweilig,« sagte Frau Wengen und rutschte auch vom Stuhl, »wenn ich nicht gedacht hätte, Sie sind ein Freund von ihm, da hätt' ich nicht soviel erzählt. Aber es ist ja nichts Schlechtes, was ich gesagt habe. Und ehrlich gestanden, weil er nicht mehr spielte, war er mir unheimlich. Gott, und was sollen einer alten Frau auch Singen und Lieder.« Ich war schon auf dem Flur, und die zierliche, kleine Greisin stand, wie sie mich empfangen hatte, in der halb offenen Tür und sah mit ihren wie zerstörten Braunaugen ins Leere. Im letzten Augenblicke fiel mir glücklicherweise ein, nach der neuen Wohnung Brindeisens zu fragen. Frau Wengen gab mir Bescheid und verschwand mit einem leichten Neigen des Kopfes hinter der Tür. »Den Sonntag vorher tief im Herbst ...« hatte Frau Wengen gesagt. Da war es so eigentlich über ihn gekommen. Hm. Vielleicht hatte meine brüske Art, ihn zu verlassen, die letzte Sicherheit in Brindeiseners Leben wegreißen helfen. Mir schien es, ich sei nach dem Verlassen des gelben Hauses mit dem Löwen über der Tür nur zwei Schritte durch die Straßen gegangen, um an die neue Wohnung Brindeisens zu gelangen, und doch war ich um die halbe Stadt herumgelaufen, als ich die schiefe Gartentür aufstieß, hinter der das vollkommen verwahrloste Haus lag. Der Putz war an vielen Stellen ganz oder teilweise abgefallen. Es gab Stellen an der Mauer, die aussahen wie verstaubte blutige Wunden. An manchen Flecken hatten sich nur einige Schalen des alten Kalkanstrichs losgeblättert, und man konnte daraus ersehen, welche Farben seit dem Bestehen das Haus getragen hatte. Es war grau, grün, rot und gelb getigert. Die Fensteröffnungen lagen nicht nach Stockwerken in Reihen geordnet, sondern waren planlos über die Front zerstreut, dabei wiesen sie verschiedene Größe auf. Das Haus schien von einem Säufer im Delirium gebaut worden zu sein. Noch heute fieberte es förmlich von Lärm. Jedes Fenster spie eine andere Skala wüster, greller Töne über das Feld, in das das Gebäude wie ein Aussätziger gelaufen war. Als ich die Gartenpforte aufgestoßen hatte, fuhren an alle Fenster wie auf Kommando ungewaschene Kindergesichter, halbwüchsige Mädchen, blaß und frech, mit diesen gemeinen Blicken aus kalten Augen, wie sie Lust aus frühester Jugend kocht; Bergleute, noch von dem Kohlenstaub über und über verrußt, sahen mich mit weiß rollenden Äugen an. Ein altes Weib kniete vor einem Beet und rupfte unter fortwährenden Verwünschungen Unkraut aus. Sie verstellte mir den Weg zum Eingange. »Petersiken, nehmt die Beine weg!« rief eines der Mädchen. Die alte Frau, die einen Schober grauer Haare trug, hörte nicht. »Er fällt auf Euch, Petersiken,« schrie eine Männerstimme, »das wär' so was!« »Na, auf der hält er's nicht lange aus«, rief eine Mädchenstimme. Darauf gellte die ganze Front in tollem Lachen. Ich stand betäubt vor dem alten Weibe, das sich jetzt erhoben hatte und aus einem einzigen Auge stechend mich musterte. Das andere Auge mußte einst mit einem Stock tief in den Schädel getrieben worden sein. »Zu wem wollen Sie denn?« fragte die Alte mit dem einnehmendsten Lächeln. Aber kaum hatte ich den Namen Brindeisener genannt, so verwandelte sich Frau Petersik in eine Furie. Ihr Leib hüpfte wie eine Mehlfuhre, mit der die Pferde durchgehen. Das Auge wurde grün, die Lippen wanden sich förmlich unter der Flut von Schimpfwörtern, die sie ausstießen. »Was hat Ihn' denn der Herr getan, alte Putte, daß Sie so schrei'n?« rief ein Mädchen in zornigem Mitleid mit mir aus halber Höhe. Frau Petersik fuhr wie gestochen gegen die Störerin herum. Diese Wendung benutzte ich und entfloh durch das Pförtchen auf die Straße. So unangenehm es mir war; ich mußte mich überwinden und aus dem Unrat der Worte dieser Frau die Aufschlüsse über das weitere Schicksal Brindeiseners zusammenlesen. Er hatte nur kurze Zeit in diesem furchtbaren Hause gewohnt. Solange die Sonne am Himmel stand, war er wie ein Verstorbener in seiner Stube geblieben. Ohne Laut, ohne Atemzug. Jeden Abend sei er »fortgeludert«, wie das Weib sich ausgedrückt hatte, und erst gegen Morgen zurückgekehrt. Einmal sei er von einem Schlepper, der von der Nachtschicht zurückkam, besinnungslos hier auf den Beeten liegend aufgefunden worden. Man habe sich seiner erbarmt und ihn in sein Zimmer getragen. Zum Dank für diese Güte sei er einige Tage später fortgelaufen und habe sich nicht mehr sehen lassen. In den Augen der Frau Petersik war Brindeisener, sie nannte ihn nur Blindschleicher, ein Trinker, ein Hurenläufer, ein Betrüger, denn er war ihr die Miete schuldig geblieben, kurz, ein Ausbund an Schlechtigkeit. Aber sein ergebenster Freund, wenn er eine einzige herzlich geneigte Seele auf der Welt besaß, hätte mit allen guten Gründen nicht so für Brindeisener sprechen können, als es diese Frau mit dem Schimpf und der Schande fertiggebracht hatte, die sie hinter diesem alten Manne dreinwarf. Ich wußte, daß der Buchhalter nie mehr als ein buntes Schleierchen in seinem kalten Grog gesucht hatte; nein, Brindeisener war in die Grube seines Schicksals gestürzt, die, allen und auch mir verborgen, allein für seine gesenkten, schmerzvollen Augen das ganze Leben hindurch unerbittlich offen gelegen hatte. Nun war er zusammengebrochen. Vergeblich sann ich darüber nach, was sich ereignet haben mußte. Denn es war mir nicht recht wahrscheinlich, daß er den letzten Halt durch die Vernichtung seiner Flöte verloren hatte. Und traf das zu, was bedeutete dies Spiel des einzigen Liedes in seinem Leben? Er hatte ja auch nur eine einzige Geschichte erzählt. Hier klang etwas wie ein Zusammenhang in meine Seele, die sich den letzten Schritten dieses geheimnisvollen Lebens voll Reue und Selbstvorwürfen nachdrängte. Warum war ich an jenem Nachmittage auf der Veranda nicht gütig zu ihm gewesen? Mehrere Nächte hintereinander suchte ich alle Haustüren von Wirbnitz ab. Brindeisener fand ich nicht mehr. Der kürzeste Weg zur Aufklärung führte in die Zündholzfabrik Methner. Aber nach dieser Richtung war alles verbarrikadiert. Das Mädchen, um dessentwillen ich mich mit meinem Freunde und im Verlauf des Abends mit der ganzen Gesellschaft junger Leute gezankt hatte, war eben die Tochter Methners. Mir lag nichts an diesem aschblonden, überschlanken Fräulein mit dem grauen Teint und den überheblich großen Augen. Aber ich hatte nicht geduldet, daß mein Freund sie nur deswegen zum Abladeplatz all seiner unangenehmen Einfälle machte, weil sie ihn, auf allerdings sehr vernehmliche Art, abgeblitzt hatte. Die anderen, alle geheime Verehrer ihrer frühreifen, schönen Verwelktheit, schlugen sich auf die Seite des Gemaßregelten. So drängte man mich in die Rolle des Ritters einer Dame gegenüber, von der ich nichts wissen wollte. Ja, man verdächtigte mich der ausgesprochenen Beziehungen und verübelte mir die Parteinahme in einem Falle, der mich, nach ihrer Meinung, ohne Bedenken unter die Kämpfer der gedemütigten Männerwelt hätte stellen müssen. Denn die Jünglinge lieben es, ihren egoistischen Leidenschaften den weiten Mantel hoher Prinzipien umzuhängen, und in jener Zeit liefen die ersten lärmenden Paradoxien der Frauenrechtlerinnen durch die Gehirne, die am Wege wuchsen. Mir hatte erst seit anderthalb Jahren die Stimme umgeschlagen. Deswegen nahm ich die Sache blutig ernst und wagte mich nicht in die Nähe der Fabrik, um meinen Widersachern nicht scheinbare Beweise ihrer falschen Behauptung in die Hände zu spielen. Doch der Strom der Ereignisse fließt nur für stumpfe Blicke in dem Bette äußerer Geschehnisse, und nur für Oberflächliche besteht die Möglichkeit, sich durch Vorsicht ihm entziehen zu können. Über die Gebiete der Seele besitzen die Menschen keine Macht, wie die Erde gegen die Fügungen des Wetters keine Gewalt hat. Sie unterstehen der unsichtbaren Führung unsichtbarer Götter. Darum konnte ich es nicht verhindern, daß die Schatten der beiden Menschen, die mich am stärksten beschäftigten, in geheimnisvolle Beziehung gerieten. Neben dem Bilde des in der Nacht vor dem Haustor lauernden Brindeisener tauchte immer deutlicher das graue, schöne Gesicht Wanda Methners auf und sah mich mit von Mitleid überströmten Augen an, mit Augen, in denen zugleich im tiefsten Grunde eine Süßigkeit schimmerte, die sich nur mir zu kosten gab. Ja, und je glücklicher mich diese Hingabe des Traumbildes machte, um so schmerzhafter, dem Herzen näher, fühlte ich das unbekannte Unglück des Buchhalters. So innig vermischten sich diese entgegengesetzten Beziehungen, daß ich das Leiden um Brindeisener geradezu manchmal durch eine heiße, unterirdische Verliebtheit in die Tochter des Fabrikbesitzers empfand. Meinem Dienst in der Bankstube bekam dieser Zustand sehr schlecht. Unser Institut hatte in jenen Tagen gerade einen äußerst starken Ultimoverkehr. Dabei wechselten wegen der politisch verworrenen Lage fortwährend die Kurse in fast fieberigen Zuckungen. Da hieß es, die Ohren steif halten, um bei dem lebhaften Verkehr in Industriepapieren nichts zu versehen. Mit Aufbietung meiner ganzen Willenskraft suchte ich mich der Unruhe des Herzens zu entziehen. Aber nach kurzen Augenblicken klarer Aufrichtung verfiel ich immer wieder in ein Nachtwandeln des Gemüts und berechnete die Aktien des Dynamittrusts, die um dreiviertel Prozent nachgelassen hatten, wie die Werte der Gesellschaft für Licht- und Kraftanlagen, die um einhalb Prozent in die Höhe gegangen waren. Als ich an einem Tage die fünfte falsche Aufstellung gemacht hatte, zerriß der Dezernent in stummer Wut den Bogen, den ich ihm hingereicht hatte, ließ die Fetzen nachdenklich in den Papierkorb tröpfeln, schob dann mit der Linken die Oberlippe an die Nase hinauf und sah mich dabei mit einem förmlichen Erschrecken an. »Wissen Sie,« sagte er dann in seiner Grabesstimme, »wissen Sie, mein Herr Jungmann, Sie sind meschugge, oder die Feiertage picken schon bei Ihnen. Aber wir wollen annehmen, daß Sie krank sind. Gehen Sie nach Hause, und legen Sie sich ins Bett. Ich werd's dem Chef melden, Sie haben Scharlach oder Masern, nicht? Jedenfalls ist das so 'ne Kinderkrankheit.« Ich wollte etwas erwidern, kam aber nicht dazu, denn der Alte strich seine unwirklich lange, graue Mähne hinter die Ohren und schnitt mir jede Entschuldigung ab, indem er mit Ironie sagte: »Ach wo? Nein, so was! Na ja, schon gut und nun: Guten Morgen! Und verzehren Sie's mit Gesundheit.« Unter anderen Umständen wäre ich dem Alten sicher in die Parade gefahren, so aber drückte ich mich möglichst unauffällig durch den langen, schmalen Raum, nur leise angekratzt von dem spöttischen Räuspern der beiden anderen Eleven. In meiner Stube angekommen, überließ ich mich fast mit Behagen einem unwirklichen Wirbel, der meine Umgebung, ja mein ganzes Leben wie einen Spuk um mich drehte. Endlich sah ich ein, daß es unwürdig sei, sich dieser schwächlichen Auflösung ohne Gegenwehr hinzugeben. Zuerst kam mir der Gedanke, nach Hause zu fahren und dort unter den vertrauten Verhältnissen diese fremde Störung loszuwerden. Allein schon bei der bloßen Vorstellung der Reise fühlte ich, wie diese bebende Wolke, die mich einhüllte, mitging. Mein Vater hätte mir die Veränderung angemerkt und ihren Grund in meiner latenten Abneigung gegen den Beruf erblickt, in den er mich geschoben hatte. Lange Auseinandersetzungen, endlos gütig-kluge Erwägungen, die stumme Bekümmernis meiner Mutter, das vorwurfsvolle Seufzen unseres ganzen Gutshofes fielen dann über mich her. Nein, das war unmöglich. Aber hierbleiben konnte ich doch auch nicht, denn ich lief Gefahr, in diesem törichten Taumel, der mich erfaßt hatte, eine Dummheit zu begehen. An einem Nachmittage ertappte ich mich darüber, wie ich unter dem Vorwand eines Spazierganges um die Zündholzfabrik streifte und mit angehaltenem Atem in den Garten spähte, der die Villa Methners umgab. Ein hellblaues Kleid, das auf der kleinen Terrasse erschien, brachte mich zur Besinnung. Mit einem zornigen Fluch über mein heißes Erschrecken, das mich beim bloßen Anblick des Mädchenkleides überfiel, wandte ich mich ab und eilte in meine Stube. Dort sank ich, ohne den Hut abzunehmen, auf einen Stuhl am Tisch nieder und überließ mich der Bitterkeit entrüsteter Scham über die Schwäche meines Willens, der es nicht fertigbrachte, das Mitleid mit dem Schicksal eines alten Mannes von dem Bilde Wanda Methners zu trennen, das ganz von ungefähr in meine Seele gegaukelt war. Ich nannte mich ein über das andere Mal einen »lächerlichen Träumer« und »jammervollen Phantasten« und geriet trotz des Grimmes wieder tief in dieses Nachtwandeln des Gemütes. Während ich, den Kopf in die Hände gestützt, saß und mich an ein schmerzvoll süßes Grübeln verlor, fühlte ich, wie sich ein junger Mädchenleib so hingebend über mich beugte, daß der Busen weich auf meiner Achsel lag und Locken an meinen Wangen niederrieselten. »Warum sind Sie denn gar so traurig. Herr Jungmann?« fragte zugleich eine verschleiert schöne Stimme. Und ganz, als stehe ich im Banne ihrer körperlichen Nähe, in Trunkenheit, antwortete ich: »Weil Sie mir gar nicht sagen, Fräulein Wanda, wo Ihr Buchhalter Brindeisener ist. Ich muß ihn finden, sonst stirbt er in seinem Unglück.« Dabei fühlte ich, wie sich meine Augen in einem würgend heißen Strom von innen her verdunkelten, und mein ganzer Leib bebte wie unter stürmischen Liebkosungen. * Ich bewohnte eine möblierte Stube in der Knauerstraße, einer nicht zu breiten Gasse jenes Teiles von Wirbnitz, der noch etwas von dem alten Wesen der Stadt bewahrt hatte. Obwohl nicht weit das rauchgeschwärzte Ungeheuer einer Porzellanfabrik mit riesigen Häuserklötzen sich über einen breiten Raum ausdehnte, so störte sein stillerer Betrieb das geruhige Leben der gewundenen Gasse nicht sonderlich, und die Leute saßen wie in allen Kleinstädten am Abend vor den Türen, plauderten mit halber Stimme, ließen die Kinder vor sich spielen und versanken von Zeit zu Zeit in melancholisches Horchen. Denn über die Dächer der Porzellanfabrik schwangen sich die Laute des freien Feldes, ganz weiches Fließen von den Ährenbreiten her, leises Sausen der Hecken, und die ganz Feinhörigen, jene, deren Sehnsucht so lauter war, daß sie sich durch die Hoffnung auf Erfüllung nicht mehr verunreinigte, jene ganz Stillen, erlauschten wohl auch manches, für das das Ohr eines Menschen zu grob ist, das nur mit der Seele wahrgenommen werden kann: es klang ihnen wohl der geheimnisvolle Ton, den etwa ein Baum hervorbringt, der einsam, ohne sich zu rühren, auf dem Felde steht; fern von den tausend geselligen Genossen des Waldes die grüne Wolle seiner Krone vertrauensvoll dem Himmel entgegenträgt. Das Haus selbst war ein großer, ungeschlachter Bau mit einem gewölbten Tor in seiner Mitte, das auf einen geräumigen Hof führte. Der lag, auch zur Mittagszeit, in stetem Dämmern, denn er glich mehr einem Schacht, der von den fensterlosen Brandgiebeln zweier benachbarter Mietskasernen und einem dreistöckigen Hinterhause begrenzt war. Immer erfüllte ihn eine wirre Menge durcheinandergefahrener Wagen verschiedener Gattungen bis auf einen schmalen Gang zur Tür des Hinterhauses. Da standen Jagdwagen, Landauer, Cabs, Gesellschaftswagen und Geschäftsvehikel für allerlei Betriebe, denn der Besitzer stand einem schwunghaften Wagenbau vor. In seiner Abwesenheit strömte das mit kleinen Leuten bis unters Dach vollgestopfte Hinterhaus seine hundert Kinder aus, die sich sofort über die Wagen hermachten, um in ihnen allerhand imaginäre Reisen, Geschäftsfahrten und Familienausflüge zu unternehmen. Die Kutscher auf dem Bock trieben mit lautem Geschrei die eingebildeten Rosse an, und die Herrschaft im Wagen vollführte eine Konversation, deren einziger Wert im Lärm bestand. Tauchte der Wirt im Tore auf, so ergriff die Schar schleunigst die Flucht, der Bierkutscher ließ seine Fässerfuhre im Stich, die gräfliche Familie verschwand mitten auf der Landstraße aus dem Landauer, und die Taufgesellschaft rannte unter Zurücklassung des schreienden Säuglings davon. Nach solchen Austreibungen lag der Hof dann doppelt schwer und düster, und sah ich zur Abendzeit auf die Verdecke der Wagen hinab, so brauchte ich nur geringe Vorbehalte, um mich in den Gutshof meines Vaters zu versetzen, wenn er zu einem Familienfest von den Wagen der Gutsnachbarn fast bis auf den letzten Platz gefüllt war. Dies hatte mich auch bestimmt, die Wohnung in der kleinen, abgelegenen Arbeitergasse zu wählen. Den Zustand, dem ich nach dem traumhaft wirklichen Besuch Wanda Methners unterworfen war, können nur jene Menschen höheren Alters verstehen, denen es gelingt, durch die Erinnerung in die Zeit ihrer Jugend zurückzuschlüpfen. Sie wissen, daß man in den schwersten und glücklichsten Perioden jener herrlichen Jahre seine Erlebnisse tiefer und schmerzvoller empfindet und zugleich auch über sie hingetragen wird, als schwebte man auf einem Luftschiff entrückt in der Höhe, und das, was uns die Brust einpreßt, schauen wir zugleich wie eine fremde, bunte Einbildung, die uns nur durch den Rausch der Sehnsucht gehört, denn nie sind wir weiter von den Dingen entfernt als in jener Zeit, da wir den Zauber der Wirklichkeit am tiefsten und lebendigsten an uns erfahren. Und nach Momenten solch höchster Traumgenüsse überkommt uns ein willenloses, elegisches Geschehenlassen, wie Kranke, die aus einer Narkose erwachen. In dieser Gemütsverfassung saß ich nach dem Tage der halluzinatorischen Nähe Wanda Methners bald an dem einen, bald an dem anderen Fenster meiner Wohnung und schaute mit leerer, leidender Neugier hinunter in den Hof. Wie ein Taumel war mein Schlaf gewesen, mein Wachsein bestand nur in einer anderen Form des Versinkens. Alle Ereignisse der letzten Tage lagen wie erblassende Bilder weit draußen in meiner Seele, alle Entschlüsse in mir erschöpft wie exaltierte Pläne, die in der Trunkenheit geschmiedet worden sind. Das beste wär's, sann ich, wenn man sich den Rucksack auf den Rücken würfe und ins Gebirge stiege. Aber diese Überlegung sank als undeutlicher Ton an mir vorbei. Ich blieb indessen ruhig auf meinem Stuhl am Fenster und verfolgte das Leben und Treiben im Hofe. Aus der Wagenbauwerkstatt, die das ganze Erdgeschoß des Hinterhauses einnahm, schoben vier Gesellen einen neuen halbgedeckten Wagen, der dunkelgrün gestrichen und mit schmalen hellgrünen Streifen abgesetzt war, reinigten seine Polster mit Bürsten, wischten den Staub von den Radspeichen und steckten die Deichsel in die Gabel. Dann gingen sie um ihr schönes Werk herum und betrachteten es von allen Seiten. Die Kinder, die mit gefüllten Körben und Taschen vom Einholen zurückkehrten, traten vor die lackierten Seiten und bespiegelten sich lachend darin. Darauf verschwanden sie durch den schmalen, seitlichen Aufgang im Hinterhause. Frauen mit Kuchenblechen unterm Arm rannten in Eile über den Hof. Kleine Kinder drehten sich auf dem schmalen Gange zwischen den Wagen, in einem Kreis verschlungen, und sangen mit dünner, fröhlicher Stimme ein kurzes Liedchen, bis sie vom Wirt vertrieben wurden. »Was für ein Tag ist denn heute?« fragte ich mich dumpf, mochte mir aber weder eine Antwort geben, noch brachte ich es fertig, mich umzudrehen und nach dem Kalender zu sehen, der über der Kommode hing. Eine erschöpfte Scheu hielt mich zurück, einen Blick über meine behagliche Wohnung zu werfen. Denn ich hütete mich, an das Schicksal Brindeiseners zu denken, der zerstört, zerlumpt und hungernd draußen umherirren mußte, während ich stumpf und bequem hier saß, ich, der doch eigentlich eine Schuld an dem Hereinbrechen seines Unglücks auf mich geladen hatte. Im zweiten Stock des Hinterhauses riß jetzt eine junge Frau leidenschaftlich das Fenster auf und begann überlaut zu einer anderen zu reden, die drunten im Hofe mit einem Einkaufskorbe am Arm neben dem neuen Wagen stand. »Er hot mr meine Brote au verdorben, der meschante Kerl«, schrie sie. Von drunten aber antwortete es: »Na ja, mei Kuchen is an eener Seite schwarz wie Kohle und hart wie ein Brett. Das wird ein schönes Ostern werden morgen.« Das Hin- und Widerschimpfen dauerte noch eine Weile. Ich aber hörte nicht mehr darauf, sondern ging mißmutig vom Fenster weg, an dem ich seit Stunden gesessen hatte, und legte mich auf das Sofa mit dem Gesicht gegen die Lehne. Gleich einem grauen, flordünnen Schleier stand es um meinen Kopf. So, so, sagte ich träge zu mir, also Ostersonnabend ist heute! Was wird denn Brindeisener diese Nacht tun, wenn er nicht mehr auf der Flöte blasen kann? Da wurde es noch dunkler um mich, und aus den Schatten spürte ich etwas wie den gespannten Blick unsichtbarer Augen auf mich gerichtet. Zugleich klang das Lied, das die Kinder vorhin im Hofe gesungen hatten, in mir wieder, aber jetzt, als würde es von einer einzigen Stimme zitternd in eine weite Öde geschickt. Es wurde immer schwächer, und meine Gedanken verloren sich an seiner verschmachtenden Melancholie ins Pfadlose. Als ich aufwachte, waren beide Flügel eines Fensters herumgeschlagen. Die Wirtin mußte sie während meines Schlafes geöffnet haben. Der Ton von verklungenem Glockengeläut summte aus der hohen Luft in den Schacht unseres Hofes, und darin klang, wie rätselhaft eingesargt, der Schatten jenes Kinderliedes, an dem ich mich in den Schlaf verloren hatte. Ich zog die Uhr und sah, daß sie die fünfte Stunde zeigte. Das Summen, das nun ganz erloschen war, rührte also von dem Geläut der Auferstehungsprozession her, die in Wirbnitz zu dieser Stunde um die Kirche geführt wurde. Im Hofe herrschte fast vollkommene Stille. Auch das Hinterhaus lag lautlos. Von der Höhe her streiften die ersten Schimmer des Abends über seinen grauen Bewurf und hauchten einen schwachen Glanz feiertäglicher Heiterkeit um das kahle, freudlose Gebäude. In der Tiefe des Hofes herrschte die immer gleiche mürrische Dämmerung. Die Wagen waren enger zusammengerückt und auf jeder Seite in dichtgeschlossene Doppelreihen geordnet, so daß aus dem schmalen Zugang zum Hinterhaus etwas wie ein bequemlicher Platz geworden war. Nur der neue Halbgedeckte war dieser feiertäglichen Ordnung nicht eingefügt worden. Er schien zum Abholen bereit gehalten zu werden und streckte ungeduldig seine Deichsel nach dem Tore aus. Der Meister stand davor in blütenweißen Hemdärmeln, mit einer grünen Tuchschürze umgürtet, betrachtete geruhig das saubere Gefährt, wedelte da und dort mit der Schürze ein Stäubchen fort und wurde von Zeit zu Zeit durch Ungeduld, die ihn unversehens überfiel, aus seinem wohligen Trödeln gerissen und unter die Torfahrt getrieben. Als er, ich weiß nicht nach wieviel solcher Absprünge, wieder einmal zu dem Halbgedeckten zurückkehrte, stand ein fremder Mann neben ihm. Ich hatte nicht genau achtgegeben, deswegen war es mir entgangen, von woher, ob aus der Torfahrt oder dem Hinterhause, der Fremde herzugetreten war. Es waren nach meinem Dafürhalten keinerlei Verhandlungen zwischen dem Meister und ihm vorhergegangen. Regungslos, die Hände auf der Krücke eines Stockes gefaltet, dessen Spitze er in eine Fuge zwischen zwei Steinplatten gestemmt hatte, den ganzen Körper versunken, etwas vornübergebeugt, stand er da. Er befand sich auf der linken Seite vom Meister und würdigte weder den Wagenbauer noch den Halbgedeckten eines Blickes, sondern starrte vor sich hin zu Boden. Man ist imstande, aus der Haltung eines Menschen seine Seelenverfassung zu erkennen. Dieser geheimnisvoll aufgetauchte Kunde machte den Eindruck eines Ratlosen, Vertriebenen. Eine graue Jacke war um seinen ungewöhnlich langen Oberkörper gewürgt, und die Hosen lagen in vielen Falten, als seien sie für die Beine viel zu lang, auf den großen, ausgetretenen Stiefeln. Gott, der Meister mußte doch auf den Mann aufmerksam werden! Aber als sei er ganz allein in dem Hofe, fuhr er fort, an dem Wagen wie vorher herumzubasteln. Da er jetzt von dem Hinterrade, zu dem er sich niedergebeugt und die Kapsel geprüft hatte, zurücktrat, bewegte er sich auf den Fremden zu. In dem Augenblicke, als er hätte an ihn stoßen müssen, war der seltsame Mann verschwunden, so wie der Schatten eines vorüberfliegenden Vogels an der Wand auftaucht und erlischt. Der Meister stand genau an der Stelle, an der der andere noch eben seinen Stock zwischen die Fugen gestemmt hatte, und keine Spur einer Erregung war an ihm zu bemerken. Ich wollte mich eben zum Fenster hinausbeugen, um den Wirt zu fragen, was der Mann da neben ihm gewollt habe, da ging wie ein schmerzlich reißender Schlag die Erkenntnis in mir auf, daß das ja der Buchhalter Brindeisener gewesen sei. Dies empfinden und an die Erzählung meiner Mutter denken, daß sie an seinem Todestage ihren Vater auf der Türschwelle hatte stehen sehen, war eins. Ich drehte mich um, ergriff Stock und Hut und eilte die Treppen hinunter, um Brindeisener, der noch nicht weit fort sein konnte, einzuholen. Denn ich hatte im nächsten Augenblicke den Glauben an das spukhafte Erlebnis meiner Mutter verworfen und war überzeugt, der Buchhalter habe in Person mich aufsuchen wollen und sei im letzten Moment vor Scheu und Scham davongetrieben worden. So erklärte sich ja auch sein grübelndes Dastehen und fluchtartiges Verschwinden. Im Tor stieß ich auf die zurückkehrenden Besucher der Auferstehungsfeier, geputzte Frauen und Kinder, die mit hellen, glücklichen Stimmen sangen: Christ ist erstanden! Die Straße war auch erfüllt von Scharen froher Kirchenbesucher, unter denen sich Bergleute und Fabrikarbeiter befanden, die mit den blauen Kaffeekännchen in der Hand nach Hause strömten. Eilig wand ich mich durch das Gedränge und spähte indessen fortwährend über die Köpfe der Menge nach Brindeisener aus. Nichts war zu sehen. Auf dem Ringe spielte, in eine Wolke von Gaffern eingekeilt, eine Musikkapelle vor einem Hause das Lied an den Abendstern. Gedankenlos summte ich im Lauf einige Töne mit. Da, als ich aufblickte, stand Wanda Methner vor mir. Wenn ich achtlos weitergelaufen wäre, hätte ich sie umgerannt. Ich sehe, wie sie bei meinem Anblick schmerzlich betroffen erbleicht, erbebe bis in die Fußspitzen, reiße meinen Hut, stürme weiter, rufe ihr aber nach einigen Schritten zu: »Warten Sie eine Weile auf mich, Fräulein Wanda, ich komme bald zurück.« Aber kaum waren diese Worte heraus, so schämte ich mich auch schon zum In-den-Boden-Sinken. Denn noch nie hatte ich mit dem Mädchen ein Wort gesprochen, sondern war ihr im Gegenteil, wenn es sich nur irgend tun ließ, ausgewichen, um den Gruß zu vermeiden. Und jetzt hatte ich sie angesprochen, als sei mein Herz mit dem ihren seit langem auf dem sicheren Wege verliebten Einverständnisses. »Um Gottes willen, Kerl, was machst du für Dummheiten?« sagte ich entsetzt, nein, fast verzweifelt zu mir selber, »sie muß dich ja für komplett verrückt halten.« Dabei rannte ich wie gehetzt weiter, von Straße zu Straße, einem Ziele zu, das nirgendwo in der Welt, sondern nur allein geheimnisvoll und rätselhaft, zwingend in mir lag. Denn alle Richtungen in der Welt sind wohl nur in uns. Und je weiter mich meine Füße auf dem Wege vorwärts trugen, desto mehr verwandelten sich Schreck und Scham über meine Dummheit geradezu in ein Glänzen, das am fernen Horizont meines Gemütes aufstieg. Die letzten Häuser der Stadt lagen hinter mir. Die Straße ging in die Chaussee über. Neben mir breitete sich ein Zimmerplatz aus, in dessen Baracke gerade die elektrisch betriebene Säge die letzten Ächzer ausstieß. Ein Mann trat unter die Tür des Holzbaues, schob die Mütze zurück und strich sich mit der Hand über die Stirn. Er musterte mich eilig Dahingehenden kritischen Blickes und trat dann pfeifend in das Dunkel des Sägewerkes wieder zurück. Eben wollte sich meiner wieder der Zweifel bemächtigen, ob es einen Sinn habe, aufs Geratewohl weiterzulaufen, als ich, die lange Baumreihe der schnurgerade hinziehenden Chaussee hinunterspähend, vielleicht dreihundert Meter vor mir, undeutlich, gleich einem Schattenfleck, einen Mann schleichen sah. Sofort fiel ich aus dem zögernden Schritt in die alte schnelle Gangart zurück. Ich sah mich um. Die ganze Straße war wie ausgestorben. »Brindeisener!« rief ich gedämpft, »Herr Brindeisener!« wiederholte ich lauter, und mein Lauf artete in ein förmliches Jagen aus. Der Mann war nicht einzuholen. Da tauchte der Tolkebusch vor mir auf, und durch die leeren Kronen der Bäume sah ich den Spiegel des dahinterliegenden Teiches in rötlich angelaufenem Silber schimmern. Jetzt bog sich die Chaussee in einer weiten Kurve. Auf einer kleinen Anhöhe rechts lag das Vergnügungslokal, in dem ich den Buchhalter das letztemal gesehen hatte. Der Schatten vor mir, den ich für ihn gehalten hatte, war nicht mehr zu sehen. Erschöpften Schrittes, den Hut in der Hand, näherte ich mich dem Tolkebusch, der sich in der weiten, flachen Mulde links von der Straße angesiedelt hatte und gegen die Stadt hin mit niedrigem Gesträuch in eine große Wiese endete. Solange ich auf der Straße ging, hielt ich noch, aus welchem Grunde weiß ich freilich nicht, krampfhaft in mir die Hoffnung aufrecht, Brindeisener zu treffen. Als ich aber auf dem schmalen Pfad über die steile Böschung der Chaussee hinab, in der Wiese entlang, an dem geduckten Rande des Busches angekommen war und mir zu Häupten das feine, klingende Sausen anhob, das der Frühling aus knospenden Baumkronen zu hauchen weiß, beruhigte sich in mir dies unterirdische Zucken, dieser, vielleicht trifft dies meinen Zustand, jenseitige Taumel, von dem ich seit Wochen beunruhigt worden war. Von dem erhöhten Standpunkt auf der Chaussee hatte ich durch das Gewirr der Zweige den Spiegel des Teiches schimmern sehen, der nach der Sage der Leute in der Mitte so tief sein sollte, daß der Kirchturm von Wirbnitz bequem aufrecht stehend, von dem Glöcknerpförtchen bis über den Knopf hinaus, darin Platz habe. Jetzt, da ich zwischen den Bäumen dahinging, sah ich wie durch ein durchbrochenes Gewebe hin nur die fröhlich geschwungene Kuppe des Hochwaldes und seiner spielerisch angereihten Vorberge in einem Blau, über dem, wie ein dampfender Schleier, das letzte satte Licht der untergehenden Sonne lag. Die frühlingsfeuchten Wege des Tolkebusches schimmerten auch in seinem Widerschein, daß sie, schmalen blitzenden Wasserläufen gleich, geruhig nach allen Richtungen zwischen den Bäumen hinzogen. Ich muß sagen, ich atmete auf, wie einer peinigenden Haft entronnen, da ich wahrnahm, daß ich an den Stämmen emporblicken, das leichte Gaukeln der Knospen betrachten, an freieren Stellen die Schneeglöckchen begrüßen konnte, ohne geheime Bedeutung oder verborgene Anzeichen wittern zu müssen, und faßte den Entschluß, dieses gesunde Gefühl so tief als möglich auszukosten, um, wenn's gut ging, von all diesen schattenhaften Bedrängnissen frei, recht als ein Auferstandener nach Hause zurückzukehren und vielleicht doch noch auf zwei Tage zu meinen Eltern fahren zu können. Dem klaren Vorfrühlingsabend hingegeben, geriet ich ohne zu wissen von Pfad in Pfad, überwand die schwache Bodenwelle, die den Tolkebusch quer durchzieht, und befand mich bald auf jener höchsten Stelle, wo sechs oder sieben uralte Buchen, weit auseinander gestellt, dem ziemlich ungepflegten Waldgrundstück etwas von dem Wesen eines Parkes verleihen. Ein gerader, ziemlich breiter Weg führte von hier in kaum empfindlichem Fall an das Ufer des Teiches hinunter. Gerade als ich auf diesen freieren Plan heraufgestiegen und, den Weg hinunter, den abendstillen Teich erblickte, in dem das Abbild der Ufergesträuche und hohen Bäume wie eine drängende Verheißung schimmerte, wurde ich die rätselhaften Bedrängnisse ganz los, die mich durch die Stadt und die Chaussee hingejagt hatten. Auf dem Wipfel einer halbhohen Fichte flötete eine Amsel durch fortwährend abgebrochene Variationen, eine melancholische Melodie, die auf eine rätselhafte Weise aus der abendlichen Gebärde der ganzen Landschaft auf mich eindrang. Man weiß, daß dieser Vogel von Zeit zu Zeit von der Willkür krauser Kadenzen in langen, sehnsüchtigen Tönen ausruht, die sich wie das Pfeifen eines Einschlafenden anhören. Eben sang er so, und sein Lied sank traumvoll durch die Luft. Ich weiß nicht, was meine Augen sahen, ich glaubte wirklich das Niederschweben des Liedes zu erblicken, und jetzt, da es meinem Empfinden nach den Spiegel des Teiches berührte, entstanden schwache Kreise und liefen verhauchend über das stille Wasser, als sei etwas unendlich Zartes darin untergetaucht. »Brindeisener«, sagte ich vor mich hin, ohne zu wissen, was ich sprach. »Guten Abend«, antwortete eine Stimme aus der Nähe, aber so leise, daß ich einen Augenblick meinte, nach diesen Tagen der Einbildungen narre mich eine Antwort, die aus dem eigenen Innern an mein Ohr klinge. Doch als ich mich umsah, gewahrte ich zu meinem Schrecken wirklich den Gerufenen. Er saß auf einem Baumstumpf in der Haltung eines Menschen, der, von langer Wanderung ermüdet, sich nur mit Anstrengung aufrechterhält. Sein Rücken war gebeugt. Die Hände hielten in krampfhaftem Griff den Stock zwischen den lang hinliegenden Beinen. Das Gesicht trug den Ausdruck betroffener Gespanntheit, fast vor Furcht. Stürmisch atmend, wie nach schnellem Lauf, den Mund halb geöffnet, betrachtete er mich mit ungläubigen Augen, die noch tiefer in den Höhlen lagen als sonst. Meine Überlegenheit, die ich eben aufgerichtet zu haben glaubte, war wie weggeblasen. Ein leichter Schwindel fiel mich an. Aber ich riß mich auf. »Guten Abend, Herr Brindeisener!« sagte ich tapfer, »das nenne ich eine Überraschung! Sagen Sie bloß, wie kommen Sie hierher?« Während dieser Worte war ich zu ihm getreten und streckte ihm die Hand zur Begrüßung hin. Er suchte aufzustehen, ließ sich aber sogleich wieder nieder und reichte mir seine Rechte herauf, die welk und kalt vor Erregung war. Dann, ohne zu antworten, senkte er seinen Kopf und bewegte ihn einigemal hin und her. »Ich bin nicht verwundert«, sagte er dann vor sich nieder, und seine Stimme klang gesammelt. »Gar nicht.« »Nun, es ist doch mindestens sonderbar,« sprach ich, »daß ich Ihre Absicht verstanden habe.« »Habe ich etwas dergleichen Ihnen zu verraten Gelegenheit gegeben?« fragte er erstaunt und sah mich groß an. »Nun, das ja nicht,« antwortete ich. »aber ich habe mir Ihren Besuch im Hofe unseres Hauses wenigstens so gedeutet.« »In Ihrem Hofe? – Ich?« »Nun, Sie haben doch ... das heißt, ist es Ihnen unangenehm? ...« »Wie sollte es denn? Ich bitte, fahren Sie ruhig fort.« »Sie haben doch in unserem Hofe auf der Knauerstraße vor einer halben Stunde neben dem Wagenbauer vor dem neuen Wagen gestanden.« »Vor einer halben Stunde?« fragte er, besann sich und schüttelte dann den Kopf. »Jawohl, Sie trugen das gleiche graue Jackett, dieselben Hosen, kurz, alles stimmt bis auf den Hut, der mir Ihr Gesicht verdeckte, und zudem erhoben Sie auch den Kopf nicht.« Brindeisener sprang leidenschaftlich auf und ging mit leichten, flüchtenden Schritten dem Wege nach dem Teich hin zu, als wolle er davonlaufen, blieb aber plötzlich stehen und sah lange wie spähend über das Wasser hin. Dann kehrte er mir sein Gesicht zu, fuhr sich durch den fast weiß gewordenen Bart und sah mich forschend an, so, als sei ich durch meine Worte vor ihm verändert worden. »Das haben Sie gesehen? – Wahrhaftig und wirklich? – nicht bloß im Schlafe?« Auf all diese Fragen brachte ich nichts über mich als ein Neigen des Kopfes, dermaßen ergriff mich die Verwandlung, die nach jedem der leisen Ausrufe immer tiefer über den alten Mann kam. Der Schrecken hatte ihn von mir weggescheucht, und nun wand er sich durch ein Grauen, das seine Augen noch tiefer in den Höhlen sog, über die tiefen Erschütterungen zweifelnden Glaubens in ein leidvolles Strahlen. Jawohl, wie qualvolles Glück kam es über Brindeisener, der irgendeine Unsicherheit in sich zur Klarheit geläutert fühlte. Er sah verjüngt aus in der schmerzvollen Heiterkeit seines asketisch mageren Gesichtes, in der Gerecktheit seiner Haltung, in den weichen, leichten Schritten, mit denen er sich jetzt mir wieder näherte. Er streckte mir seine Hand hin und senkte den Blick tief in meine Augen. »Sie?« sagte er in glücklichem Staunen, »gerade Sie? Ich hatte das nicht gedacht. – Aber, setzen wir uns dort auf die Bank, so will ich Ihnen erzählen, was es mit meinen rätselhaften Ausrufen für eine Bewandtnis hat.« Er schritt vor mir der morschen Lattenbank zu, die vor langer Zeit wohl irgendein schwärmerischer Forstadjunkt an dem Stamm einer der uralten Buchen hatte errichten lassen. Während ich ihm dorthin folgte und die Leichtigkeit seines Ganges bewunderte, die durch diesen ehedem plumpen, verdrückten, aber überwüchsig hohen Körper spielte, zweifelte ich, ob dieser energische Mann und der verstört-dumpfe Buchhalter von ehedem ein und dieselbe Person seien. Aber als Brindeisener sich auf die Bank niederließ und in der alten Art seinen Oberkörper ineinanderschob, erkannte ich, daß eine Täuschung ausgeschlossen sei. Er blickte eine Weile hinunter auf den Teich, dessen Spiegel man ganz überschauen konnte, und sagte dann: »Wissen Sie, in den Auf- und Abstiegen unseres inneren Lebens geraten wir in die Gebiete immer anderer Seelen. Als ich um genau dieselbe Zeit, in der Sie in dem Hofe Ihres Hauses mich leibhaftig neben dem Wirt haben stehen sehen, droben im Walde über der Friedrichshöh, Wirbnitz und den ganzen rauchigen Kessel übersah und den Menschen nachsann, die in den Jahren meines Aufenthaltes hier an mir vorübergeglitten sind, trat aus dem Zug der Schatten nur Ihre Gestalt allein deutlich vor mich hin. Ich sah Ihr Gesicht bis auf den leisesten Zug genau, vor allem aber die Augen, die gar nichts mehr von der abweisenden Gleichgültigkeit an sich hatten, mit der Sie bei unserer letzten Zusammenkunft im Herbst von mir gingen. Nein, ich bemerkte den Ausdruck bedrängter, ratloser Sympathie nicht nur in Ihrem Blick, nein, im ganzen Gesicht. And wissen Sie, da war ich noch nicht so weit wie jetzt. Ich steckte noch in Finsternissen, vor denen Sie Gott verschonen möge, mein junger Freund ...« Brindeisener brach ab und schaute blicklosen Auges über sich ins Leere. »Der Himmel liegt erschöpft,« sagte er dumpf, »sehen Sie nur, wie er blaß und durchsichtig ist wie die Haut eines Sterbenden. Jetzt werden gleich die Fieberröten des Abends ... des Todes ... über ihn zu jagen beginnen.« Die Amsel hatte wieder ihren Platz auf dem Wipfel der Fichte eingenommen und begann zu pfeifen. Brindeisener wandte den Kopf nach der Richtung, aus der die Töne kamen, und sagte: »Klingt das nicht wie der Ton einer Flöte, die ein Lebenseinsamer verlassen spielt? ... Nun, da stimmt ja auch das ...« »Wir haben heut Ostersonnabend«, sagte ich, um ihn weiterzuführen. Brindeisener fuhr herum und sah mich betroffen und verfinstert an. »Warum sagen Sie das?« fragte er. »Ach, ich meinte nur so«, erwiderte ich ausweichend, weil ich die Empfindung hatte, daß ich von meinen Erkundigungen noch nichts sagen durfte. Er beruhigte sich und kehrte zu seiner unterbrochenen Erklärung zurück. »Hm, hm,« sagte er, »also, wie ich so Ihr Gesicht deutlich vor mir sah, fühlte ich mich innerlich erleichtert und nahm wahr, daß sich ein Strömen in mir aufmachte und Ihnen entgegenfloh. So war mir, als folgte meine Seele einem Rufe, der unhörbar in den langen Monaten vor mir in der Luft gelegen habe. Dieses Hinströmen zu Ihnen hat dann meine Gestalt vor Ihren Äugen erstehen lassen. Nicht? Man kann es doch nicht anders begreifen.« »Sind Sie nicht auf der Chaussee hierhergelangt?« fragte ich. »Denn ich sah Sie doch vor mir hingehen.« »Nein, nein,« antwortete er, »ich bin da auf dem Fußstege hinter der Friedrichshöh hierhergekommen und dachte mir, wenn all das, was vorgegangen ist, etwas zu bedeuten hat, muß ich Sie hier treffen. Ach mein Gott, wie feige sind wir Menschen! Nun sich alles nach meiner Sehnsucht fügte und die Notwendigkeit des endlichen Austrages mit Ihrem Erscheinen vor mir erwiesen war, bebte ich davor zurück. Sahen Sie nicht, daß ich bei Ihrem Anblick erbleichte, daß mir der Atem förmlich aus der Kehle rauchte?« Brindeiseners anfängliche schmerzliche Heiterkeit war ganz geschwunden. Er rang mit lodernden Worten gegen ein Verzagen in sich. »Lieber Herr, beruhigen Sie sich,« sagte ich, »ich denke, nun wird sich alles zum Guten wenden. Ich weiß ja nicht, was Sie zum plötzlichen Aufgeben Ihrer Stelle in der Zündholzfabrik gebracht hat. Aber, ich verstehe nicht, weshalb Sie die Wohnung bei der Frau Wengen aufgeben und in jenes furchtbare Haus draußen neben der Roßschlächterei ziehen mußten. Sie konnten doch ruhig in der alten Wohnung bleiben, bis sich eine passende Beschäftigung für Sie fand.« »Woher wissen Sie das alles?« fragte er fremd und kalt. Da erzählte ich ihm von allen Bedrängnissen, die auf unwiderstehliche Weise mich seinethalben befallen hatten, und da ich im Reden war, erwähnte ich auch des Mannes, den ich in der Nacht vor den Haustüren hatte kauern sehen. »Waren Sie das, Herr Brindeisener?« fragte ich, da er nichts verneinte und nichts zugab, sondern mit geschlossenen Lippen und starren Auges vor sich hinsah. Statt zu antworten, schleuderte er seinen Stock von sich, bedeckte eine Weile die Stirn mit der Hand und sagte mit Worten, die unsicher klangen wie die Schritte eines Menschen, der in finsterer Nacht etwas sucht: »Das, was den eigentlichen Inhalt unseres Lebens ausmacht, lassen fast alle Menschen vor ihren Türen draußen schwanken wie einen ungewissen Traum. Sie fürchten sich, es zu sich hereinzuziehen oder zu ihm hinauszugehen, vertrösten sich immer auf Tage entschiedener Stärke und häufen auf diese Weise den Wust und Schutt halber Erkenntnisse, lahmer Absichten und verrotteter Vorsätze vor alle Ausgänge in ihre Welt, daß sie am Ende nicht mehr wissen, wie ihr Wille aussieht.« Nach diesen Worten sah er wartend auf mich. Aber vor dem unbestimmten Mitleid um diesen offenbar ins tiefste Unglücklichen kam ich nur zu dem Wunsch, den Alten um die Schulter zu fassen und ihn sacht und sanft aus dem Walde hinaus den Menschen zuzuführen. Als er einige Augenblicke so umsonst auf eine Entgegnung gewartet hatte, stand er auf, suchte den weggeworfenen Stock, zerbrach ihn übers Knie und schleuderte die Stücke in verschiedenen Richtungen von sich. Dann nahm er unter einem tiefen Atemzug wieder neben mir Platz. »Ich weiß, Sie verstehen nicht, was ich eben gesagt und getan habe«, begann er dann wieder. »Ja, vielleicht bin ich ... aber, was haben solche Erwägungen jetzt für einen Sinn ... jetzt?! – Die Telepathie der Lebenden kann nicht geleugnet werden. Nein! Aber wir sind auch mit den Toten verbunden. Nicht mit allen. Aber nicht alle, die eingesargt liegen, sind uns gestorben.« Nach diesen rätselhaften Worten blickte er hinunter auf den Weiher. Ich folgte seinen Augen und sah an der Stelle, wo das Amsellied vorher untergetaucht war, den Schein eines feuerfarbenen Abendwölkchens gleich einem roten Schleier schimmern und langsam im Wasser untersinken. Ich hatte wohl acht auf Brindeisener. Als der Abendschein in die Tiefe gesogen wurde, sah ich, daß ein Beben durch seinen ganzen Körper rieselte. Darauf lehnte er sich zurück, hob sein Gesicht zur Höhe und deckte die Augen mit der Hand zu. Seltsam. Er glich jetzt einem Menschen, der durch das Fenster Ausschau in eine endlos lange Gasse hält. Als er die Hand von der Stirn sinken ließ, nahm sein Körper eine Haltung ein, aus der jede Spur der Aufregung verschwunden war, und deren Geschlossenheit etwas wie die Bereitschaft einer Seele ausdrückte, sich der Nacht tiefer Musik anzuvertrauen. »Sie und mancher Jüngling aus dieser Stadt haben zu wiederholten Malen von mir eine Geschichte anhören müssen«, begann er dann mit einer völlig freien Stimme, einem tiefen, bronzenen Tenor, der bei großer Fülle unendlich weich und biegsam klang, so, daß ich mich vorneigen und dem Buchhalter verblüfft ins Gesicht schauen mußte. Brindeisener duldete die jugendliche Taktlosigkeit, lächelte unmerklich und setzte nach kurzer Pause wieder ein: »Wenn Sie und die anderen daraus nicht recht klug geworden sind, so wundert mich das nicht. Denn sehen Sie, ich habe Ihnen die Geschichte durch die Geschichte verheimlicht.« »Ja«, sprach ich und schob mich überstürzt in den Fluß der Mitteilung, die von kurzer Erwägung unterbrochen wurde. »Wenn Sie uns die Geschichte vorenthalten wollten, und ich sage, daß es Ihnen bei mir durchaus gelungen ist, also wenn Sie schweigen wollten, warum haben Sie den Umweg übers Reben gemacht?« »Einmal,« erwiderte Brindeisener, »weil diese Art Schweigsamkeit die gebräuchlichste und sicherste ist, mit der Menschen sich vor anderen verbergen. Und dann erwägen Sie das andere, daß Erzählungen nicht durchaus das Interesse des Zuhörers als Absicht haben müssen. Nicht immer, meine ich.« »Ja, aber ich, wissen Sie, Herr Brindeisener«, sprach ich in der Leidenschaft eines Zweifels, der mir aber entschlüpfte, so wie ich ihn ausdrücken wollte. Der Buchhalter fuhr unbeirrt fort, indem er den Arm weisend nach dem Weiher ausstreckte. »Sie sehen da drunten einen Schatten über dem Teich liegen, der uns das Wasser verdeckt.« »Gewiß, aber ich weiß doch, daß das der Tolketeich ist.« »Freilich. Doch nur aus einer früheren Kenntnis. Wenn es Ihnen aber gelänge, das geläufige Wissen auszuwischen, so müssen Sie zugeben, daß Sie durch nichts gehindert würden, den Weiher für eine Wiese in der Dämmerung zu halten. Nicht wahr?« »Ach ja, das könnte man schon. Aber ich verstehe nicht, in welchem Zusammenhange das mit Ihrer Geschichte steht.« »Nun, denken Sie sich den Fall, der Schatten stiege nicht von außen, zufällig über den Weiher, sondern er würde mit Absicht von den Wassern selbst erzeugt, damit der Teich nichts mehr von sich wüßte oder wenigstens sich über sich täuschen könnte, so haben Sie den Sinn mancher Erzählungen.« »Da bin ich mit meiner Ansicht doch nicht fehlgegangen.« »Welche Meinung hatten Sie?« »Na, Meinung? Nein. Überzeugung! Es konnte ja auch nicht anders sein, daß Sie nämlich, Herr Brindeisener, zu Ihrer Geschichte in gar keiner Beziehung stünden. Denn, ich habe nicht nur jedesmal sofort alles vergessen, was Sie erzählten, sondern Ihre Persönlichkeit wurde mir sogar durch die Geschichte so verwirrt, daß es eine Unmöglichkeit war, mir von Ihnen eine Vorstellung zu bilden.« Der Buchhalter bemühte sich nicht, die Entgleisung meines Scharfsinns richtigzustellen, sondern nickte nur in tiefem Sinnen. Ohne mir aber beizustimmen oder mir zu widersprechen, nahm er nach einigen Augenblicken wieder das Wort. »Ein Geigenspieler kann uns dadurch um etwa das Violinkonzert von Beethoven bringen, daß er es uns vorträgt. Und vielleicht nur einmal in seiner Künstlerlaufbahn, einmal in seinem Leben erreicht seine innere Erhobenheit jenen Grad und jene Fülle, die der göttlichen Weihe nahekommt, in der der Meister das Werk geschaffen hat. Sonst stümpert er nur. Sonst, das heißt die anderen Male.« Nach diesen Worten sah er mich behutsam an. Aber ich ahnte nur dunkel den Zusammenhang seiner Darlegungen und schwieg in einer geheimen Beklommenheit. Darum begann er von neuem: »Sie sind offenbar berufen, berufen meine ich, nicht etwa von einer Nacht, die die Menschenleben durcheinanderschiebt gleich Spielsteinen, nein, berufen durch Ihr Wesen, in meinem Dasein eine Rolle zu spielen. Denn dazumal, als Sie mich in der Kneipe, da auf dem Abhang über uns, so schnöde verliehen, öffneten Sie mir den Zugang zu meinem Leben.« »Herr Brindeisener, nehmen Sie es mir nicht übel, ich bin ja noch sehr jung. Aber das nennen Sie einen Zugang, die Stellung aufgeben, in ein verrufenes Haus ziehen, in Nächten auf fremden Schwellen zu sitzen und an fremden Türen Einlaß zu begehren? In Finsternissen, in Sturm und Schnee schutzlos umherirren?« »Noch mehr, mein lieber, junger Mensch, in Gräben schlafen, vor Kälte an den Gittern Schutz suchen, die den Ausfluß des heißen Grubenwassers verwahren. Hunger ertragen, Verachtung in jeder Form. Jawohl. Aber doch war es ein Zugang. Denn in den Jahren meiner scheinbaren Lebenssicherheit lag ich als Geschiebe unter den Wogen meiner Schicksalsgewässer und kam mir verloren und begraben vor für immer. Aber als ich den Mut fand, mich fallen zu lassen, durch die niedrigsten Formen des Lebens hindurchzusinken, stieg ich empor, und heute sehen Sie mich bereit zum letzten, was von Menschen gefordert werden kann, unbeschwert, ja in einer Art tiefster Freude. Da ich nun schon ein unverbesserlicher Geschichtenerzähler bin und auch nichts besitze als das, nichts, rein gar nichts, so will ich Ihnen die Ereignisse erzählen, die Sie sooft von mir gehört und immer wieder vergessen haben. Aber heute will ich nicht das Wasser sein, von dem ich Ihnen vorhin gesprochen habe, sondern der Geigenspieler in seinem höchsten Moment. Das heißt, wenn Sie einverstanden sind. Sonst, es bleibt Ihnen freigestellt, dürfen Sie sich ruhig entfernen, denn der Tag liegt in den letzten Zügen. Ja, wenn Sie wollen, gehen Sie ruhig. Ich bin Ihnen wahrhaftig nicht böse, bleibe allein hier sitzen, sinne alles, was ich zu sagen habe, vor mich hin, einsam und still und ... na, wollen Sie?« * Mit einer Gebärde ergriffensten Einverständnisses bat ich dem Alten alles ab, wodurch ich seine Zweifel an mir geweckt hatte, erhaschte seine große Hand und drückte sie leidenschaftlich. Gleichmütig, doch nicht unfreundlich, nahm er meine reuevolle Huldigung entgegen und neigte sich dann, innerlich von mir abrückend, jenen Geschehnissen zu, durch die ich an der Hand seiner Erzählung sooft gewandelt war, und von denen ich doch nichts zurückbehalten hatte als die undeutliche Erinnerung an Wege, die man etwa mit verbundenen Augen oder in tiefer Nacht geführt worden ist. Brindeisener schlug die Beine übereinander, bedeckte nach seiner Gewohnheit eine Hand mit der anderen, schickte einen suchenden Blick nach dem Turme des Hochwaldes hinauf, der schwarz in dumpf rauchendem Abendrot stand, und begann dann seine Erzählung: »Sie kennen vielleicht die Aussicht von der Wilhelmshöh bei Salzbrunn. Nach Nordosten zu, glaube ich, erblickt man den Siegesturm von Hohenfriedeberg. Von da an wiegt sich das Gebirge in immer schwächeren Bodenwellen der Oderebene zu. Nicht höher müssen Sie sich die Hügel denken, die das westfälische Münsterland gegen den Rhein hin zwischen Wesel und Emmerich aufwirft. Die Siedlungen fügen sich wohl schon zu geschlossenen Dörfern. Aber auf den Höhen und Buckeln des Landes hat sich der starrköpfige, stolze Einsamkeitswille der Bauern, da und dort abgelegen, fernab von den Straßen, sein Gehöft gebaut und haust dort, in sich gekehrt, als sei er mit seiner Familie der vornehmste Mittelpunkt der Welt, um die er sich notabene nur kümmert, um sie aus tiefstem Herzensgrunde geringzuschätzen. Wenigstens war das in unserer Familie so, und in anderen Höfen spielte das gleiche Lied der bäuerlichen Überheblichkeit durch die Leute, denn es ist nun schon das Schicksal der Einsamen, sich zu übertreiben, entweder in ihrem Glück oder in ihrem Unglück. Es ist auch ebenso sicher, daß das Glück der Kindheit in einer Übertreibung des Wesens beruht, das sich noch nicht kennt. Allein, bedenkt man es recht, das heißt, sinkt man mit dem magischen Bewußtsein an seinem Denken vorbei, bis in jene selige Schicht, in der die Jahre der Kindheit wandeln, so merkt man, daß das junge flaumhaarige Menschenwesen sich doch eigentlich nicht übertreibt, sondern daß es nur tut, was die Menschen bis in ihre trockensten Altersrunzeln überhaupt tun müßten, sich schuldlos den Wundern zu überlassen, die aus seiner Tiefe die Welt seines Lebens und seiner Umgebung mit unnennbar göttlichem Glänzen überspielen und durchdringen. Mein lieber, junger Freund, glauben Sie's oder glauben Sie's nicht, aber ein solches Kind war der in so einem einsamen Bauernhofe, weit, weit von hier, den Sie als verlorenen Mann vor sich sitzen sehen, ich, der Buchhalter Brindeisener, ich, der sich gemüht hat, den Ring des Fatums zu zerbrechen, und der durch all das erbitterte Kämpfen doch nichts anderes erreichte, als an die alte Kette immer neue Ringe zu schmieden, die Kette immer länger zu machen, immer schwerer, und der nie von ihr loszukommen oder sie zu zerbrechen vermochte.« Der alte Mann schwieg und sah lange forschend auf seine Hände, die unbeweglich auf dem Oberschenkel des übergeschlagenen Beines lagen. Er starrte so bohrend darauf, als müßte der Anblick der Finger, der Adern und Sehnen ihm die Erkenntnis des Grundes von der Schicksalsgebundenheit seines Lebens bringen. Dann hob er enttäuscht den Kopf und sah mich an, so, als ob er mich auffordere, ihn durch eine Frage oder einen Zwischenruf aus der Dunkelheit zu leiten, in die er geraten war. Aber ich schwieg und verriet auch mit keiner Miene meine Überzeugung, daß wahrscheinlich aus seiner Erzählung wieder nur eine der aussichtslosen Geschichten werden würde. Deshalb wandte Brindeisener seine Aufmerksamkeit wieder seinen Händen zu, schüttelte aber bald das leidvolle Eindämmen von sich ab und fuhr mit behutsamer Stimme in der Erzählung fort: »Aber, wie gesagt, es gab eine Zeit, da ich nicht nur noch nichts von einer Schicksalsfesselung meines Daseins wußte, nein, da ich sicher von jeder Kette frei war. Jawohl, das muß es gegeben haben, denn wenn ich in meine Todeskette hineingeboren worden wäre, so wäre ich für meine Verbrechen nicht verantwortlich, die Qualen meines Lebens wären eine Torheit samt meiner jetzigen Situation, und meine Sicherheit, dieser heutige Abend bedeute die endgültige Sprengung des Ringes, wäre auch eine Täuschung und noch dazu eine vollkommen unnötige. Doch lassen wir das einstweilen auf sich beruhen. Denn wenn ich mich schon jetzt darauf versteife, durch Denken aus dem Pfadlosen auf sicheren Weg zu kommen, so wiederholt sich in dieser Stunde notwendig die Aussichtslosigkeit des Ringens fast meines ganzen Lebens, weil ich es ja tausend-, nein hunderttausendmal erfahren habe, daß Denken unweigerlich ins Pfadlose führen muß, und der Erfolg meiner Bemühung würde wirklich am Ende dem stillen Verdacht recht geben, den Sie auch jetzt wieder in Ihrer Seele heimlich hegen, den nämlich, daß meine heutige Erzählung auch wieder nur eine der aussichtslosen Geschichten wird, mit denen ich bisher die Geschichte meines Lebens vor Ihnen und anderen verheimlicht habe, um das Bekenntnis, zu dem ich gedrängt wurde, durch mein Bekenntnis zu verwischen. – Haha! – Also, weiter! Auf einem solch einsamen Hofe, wie ich ihn vorhin beschrieben habe, bin ich gerade heut vor fünfzig Jahren als der Sohn eines Großbauern geboren, dessen Besitz so umfangreich war, wie hier in Ihrem Schlesien die Rittergüter zu sein pflegen. Nicht die großen, nein! Wir hatten vierhundert Morgen unterm Pfluge und etwa zweihundert Morgen Wald. Uns gegenüber hauste ein ebenso reiches Bauerngeschlecht, der Hof wie der unsere auf einem Hügel. In dem kleinen Tälchen lief ein Weg, der zugleich die Grenze zwischen den Besitzungen bildete. Zwischen den beiden Familien herrschte eine alte Feindschaft, die weit, fast ins Legendenhafte, zurückreichte. Ob alles wahr ist, was in unserem Hause von den Sintlingern, so hieß das Geschlecht, das uns gegenüber wohnte, geredet und uns Kindern eingeprägt wurde, weiß ich nicht. Mein Vater behauptete, jeder Sintlinger sei von der Windel her ein Teufel, und am Ende werde drüben sicher einst der Satan den Kehraus blasen. Und so hätte ich eigentlich von Anfang an auch voller Feindseligkeit gegen die Sintlinger sein müssen, die uns gegenüber auf dem Hügel saßen. Allein, ich war der letzte, verspätete Sprößling, und der alte Familienhaß schien sich in mir erschöpft zu haben. Ich war wirklich ohne die Kette zur Welt gekommen, mit der alle in unserer Familie vom Mutterschoße her gefesselt waren. Ja, je Schlimmeres, je Böseres mir von den Sintlingern erzählt wurde, desto seltsamer, ferner, herausgehobener, ja sogar ausgezeichneter von allen erschienen mir die Menschen, die ich hassen sollte. Die Finsternis aber, die man durch immer neue Geschichten auf den Hof unseres Nachbars warf, schlug merkwürdigerweise in meiner Vorstellung auf unseren eigenen Hof zurück. Unsere Stuben erschienen mir verwinkelt und lichtlos, unsere Scheunen verwahrlost, unser ganzes Gehöft war grämlich. Als dies an mir geschah, mag ich an zehn Jahre alt gewesen sein. Der erste der Kreise, in denen die Menschen immer gedreht werden, der göttliche, der so um das siebente Jahr sich rundet, war geschlossen, und aus dem verwunschen-seligen Überallhinspielen begann ich mich dem Schmerz des Daseinsgefühles zu nähern, der uns eigentlich nie mehr verläßt, sondern in den folgenden Lebensbulgen sich immer mehr vertieft, entweder zu unserm Glück oder zu unserm Unglück. Manche Menschen werden offenbar wie im Schlummer durch ihr Leben getragen. Vieldeutig und geheimnisvoll wie Träume fliegen die Ereignisse ihrer Zeit an ihnen vorüber, und erwachen sie je einmal aus dem Schlaf ihres Schicksals, so dauert das nur kurze Momente. Das, wovor sie unklar bangten, wonach sie im Halbschlaf ein unbestimmtes Verlangen trugen, ist dann schon geschehen, vorüber, und der Schlaf- und Traumzustand ihres Daseins spinnt sie wieder ein. Ich aber gehöre zu der anderen Art von Menschen, zu jener, ich muß wohl sagen, dunklen Kaste, die, einmal erwacht, nie, nie wieder einschlafen können, durch keinen Schlaf, keinen Genuß, kein Kasteien, weder durch das Alter noch durch Entbehrungen oder Erfüllungen, ja nicht einmal durch die Eintönigkeit des Alltags. Jener vergessene Weise, der das Märchen von der Austreibung aus dem Paradiese ersonnen hat, entstammte wohl auch der Gilde von Menschen mit schlaflosen Augen und schlummerlosem Geist. Und wirklich, nie in all den Jahren, bis auf diesen Augenblick, da ich im Begriff bin, die Decke aller Geheimnisse meines Lebens vor einem anderen wegzuziehen, habe ich den Austritt aus meiner Kindheit anders als eine Austreibung angesehen. Und wenn ich ganz genau hinblicke, so fing die Austreibung aus dem Paradies mit dem Einzug ins Paradies an. Denn wenn Gott den Hammer hebt, schlägt er schon zu, und inmitten all seiner Zerstörungen sitzt die Aufrichtung. Aber in der Zeit, um die ich so paradox herumrede, habe ich von all dem Gedankengewölle, das ich mir nun seit Jahrzehnten schon in die Augen blase, nichts gewußt. Nur das eine ist mir klar, daß ich schon damals in unserm Haus nicht zu Hause war. Denn ich wußte mit der Nützlichkeit, die alles in unserm Hofe regierte, nichts anzufangen. Wenn ich Steine vom Kleeacker lesen sollte, so hob ich sie nicht auf, um das Feld zu reinigen, sondern mit ihnen Jagd auf Vögel und Mäuse zu machen. Ich weidete das Vieh, indem ich es ruhlos umhertrieb, daß es hungrig und mit leerem Euter in den Stall zurückkehrte, oder überließ es seinen eigenen Gelüsten, saß auf einem hohen Baume, sang und träumte den Wolken nach und kümmerte mich nicht darum, daß es zu Schaden ging. Das hätte schon in einem Hofe zu Zerwürfnissen geführt, in dem der Stiel sozusagen schweigend in der Axt saß. Bei uns aber maulten noch die Ziegel miteinander, aus denen die Mauern bestanden. Alles ging grämlich und unfroh in den Gelenken, und selbst die geschmierten Wagen quietschten. Und alles das rührte eigentlich von meinem Vater her, der wie eine Schwarzbuche alles und sich selbst noch verfinsterte, und der doch eigentlich durch diesen Schatten gedieh, mit dem er sich und uns allen das Leben sauer machte. Meine Schwester siechte dahin, mein älterer Bruder wurde tiefer in die Dumpfheit getrieben, zu der ihn sein Wesen sowieso verlockte, und meine Mutter, die wohl einst mit einer geheimen Sonne in der Brust auf den Brindeisenerhof gekommen war, verwirrte sich um des Friedens willen mit den Jahren immer weiter in dies gegenseitige Wort- und Gemütshecheln. Ach, dieser Frieden bei uns wucherte wie Nesseln auf einem Müllhaufen, wie Nesseln, die alles brennen und verwunden, das mit ihnen in Berührung kommt. So konnte es denn nicht anders sein, daß ich wirklich erst aufatmete, wenn ich unsern Hof nicht mehr sah, ja oft erst, wenn ich über die Grenzen unserer Wirtschaft mich verlor, ander Leuts Bäume und Felder und Wässer um mich erblickte, einen anderen Himmel über mir sah und andere Stimmen um mich hörte, oder wenn ich mit meiner Schwester zur Nacht unter dem Dach in der Schlafkammer lag und wir von Bett zu Bett durch die Finsternis hin mit halber Stimme zueinander redeten. Unter uns rumpelte der Vater mit schweren Schritten, stieg auf und ab ruhelos durch das Haus und grummelte mit meiner Mutter, die auch ab und zu schlurfen mußte, und die seinen galligen Worten mit bitterlicher Widerrede diente. Und immer, wenn dieser gemächliche Ehezank von Zeit zu Zeit aufeinanderplatzte, unterbrachen wir unser gedämpftes Gespräch, lauschten angehaltenen Atems unter uns und ließen dann die leisen Wässerlein unserer Worte weiterrinnen. Am meisten sprach ich natürlich von allerhand Knabensachen, von den Vogelnestern, die ich ausgekundschaftet hatte, von Hummeljagden, von Igeln, die ich heimlich belauscht hatte, von Krähen, die mich kannten, und daß ich einstens auf einem großen Schiffe den Rhein hinunter ins Meer fahren und nie, nie mehr nach Hause kommen wollte, nicht eher wenigstens, bis ich ganz reich wäre, daß ich nicht mehr Steine lesen und Disteln stechen müßte, und daß mich niemand mehr ausschimpfen durfte. Dann stand ich wohl auf, tastete mich ans Bett der Schwester, und Amalie, so hieß sie, mußte fühlen, ob der Schnurrbart schon auf meiner Lippe zu sprießen beginne. Einmal lagen wir wieder so und plauderten, und ich erzählte gerade eine phantastische Geschichte, wie ich auf der Querhovener Lehne durch das Abreißen eines blauen Gewitterblümchens einen richtigen Donner aus dem Himmel gelockt hatte, und ereiferte mich sehr, weil ich spürte, daß Amalie die Geschichte nicht glaubte, die mir selbst sehr unwahrscheinlich vorkam. Und da ich mich bemühte, ihr und mir den letzten Zweifel zu nehmen, indem ich beschrieb, wie der Donner aus dem blauen Himmel gefallen und in dem Hornwassergrund polternd entlang gefahren sei, gerieten drunten im Hause Mutter und Vater so laut aneinander, daß ich genötigt war, meine Erzählung aufzugeben. Ärgerlich schwieg ich und wartete wie gewöhnlich das Ende des Streites ab. Als alles wieder ruhig war und ich meine Schwester bekümmert Atem holen hörte, sagte ich erbittert, es wäre am besten, daß Vater und Mutter für immer die Sprache verlieren möchten, denn dann könnten sie nicht mehr schimpfen. Da spürte ich, wie meine Schwester entsetzt im Bett auffuhr, und dann sagte sie verweisend, so etwas könne und dürfe man nicht wollen, weil es eine große Sünde sei. Ich aber beharrte trotzig auf meinem Wunsch und ließ mich selbst nicht davon abbringen, als Amalie fragte, ob ich denn wisse, was das sei, stumm sein. Das wäre gerade so schlimm, als wenn der Sintlinger drüben und seine Frau gewünscht hätten, ihr kleines Mädchen möge blind sein. ›Siehst du, Peter, nun ist sie wirklich blind, und niemand auf der Erde kann mehr machen, daß sie sehend wird‹;, sagte sie verweisend. Plötzlich, warum weiß ich nicht, wurde ich von der Tatsache, daß das einzige Mädchen auf dem feindlichen Hofe drüben – blind zur Welt gekommen war, tief ergriffen. Wohl schon oft hatte man im Hause im Schwall der Böswilligkeit von dem Unglück des Kindes als einer gerechten Strafe für die Schlechtigkeit der Sintlinger gesprochen. Aber es war doch wie all das andere Finstere und Scheele spurlos an mir niedergeglitten, so als sei es nur eine häßliche Erfindung meines Vaters und mithin nicht wahr. Nun aber packte es mich dergestalt, als trüge ich durch meinen bösen Wunsch gegen meine Eltern auch eine Schuld an dem Zustande des Sintlinger Mädchens. Ich zog mir das Deckbett über den Kopf, daß es rabenschwarz um mich war, und dachte mit Erschrecken und Entsetzen, daß Blindsein so wäre. ›Sieht sie auch am Tage nicht?‹; fragte ich, die Decke niederstreifend. ›Nein,‹; antwortete meine Schwester, ›auch wenn die Sonne scheint, nicht.‹; ›Um Gottes willen, da hat sie keine Augen?‹; fragte ich mit der den Kindern eigenen Hartnäckigkeit, und als ich hörte, daß die Augen des armen Mädchens im Gegenteil so schön himmelblau seien, wie sie noch keine gesehen hätte, ja, daß das Kind so zart und hübsch wie ein Engel sei, wurde die Sache für mich wahrhaft gespenstisch. Augen haben und doch nicht sehen, schön und doch blind sein, ich begriff es nicht und redete erregt und aufgestört zu meiner Schwester, auch als sie, schon eingeschlafen, keine Antwort mehr gab. Aber auch dann noch bohrte es in mir weiter. Ich konnte nicht los, denn mein Schicksal hatte mich berührt. Eine Pflanze sieht mit der Blume, sann ich, ein Teich mit dem Spiegel, ein Baum mit den Augen. Und wenn ein Baum keine Augen hat, aus denen das Leben kommt, muß er sterben. Ich weiß genau, daß ich das von dem Teich gesonnen habe, von dem Teich, so, als sei ich kleiner Junge von einer Ahnung dessen berührt worden, was später hereinbrechen sollte. Zuletzt flog alles wie ein Wirbel um mich, daß ich aufstand, zum Dachfenster ging und angstvoll den Namen des Sintlinger Mädchens in die Nacht hinausschrie. ›Helene!‹; rief ich, daß meine Stimme überschnappte. Dann kroch ich ins Bett und fror, daß mir die Zähne klapperten. Nach dieser denkwürdigen Nacht begann ich ein ruheloses Vigilieren um den Sintlingerhof, des Geheimnisses habhaft zu werden, das irgendwo in ihm verborgen war, vor allem, um das blinde Lenlein genau zu Gesicht zu bekommen, an dessen Schicksal ich mich durch den sündhaften Wunsch gegen meine Eltern schuldig fühlte. Denn dieses mimosenhafte Rechtsgefühl neben oft schrankenloser Leidenschaftlichkeit besaß ich schon damals. Anfangs getraute ich mich noch nicht in seine Nähe, sondern suchte mir einen überhöhten Hügel aus oder kletterte gar dort auf einen Baum und spähte in den Hof, der wohl nicht größer, aber viel stattlicher als der unsere war. Die großen Scheunen, der mächtige Stall, das überragende Wohngebäude mit seinem verschnörkelten Giebel und einem kleinen Türmchen auf dem First, alles massiv und blitzend von Sauberkeit und Ordnung, machten einen tiefen Eindruck auf mich. Noch mehr wirkte die geräuschlose Fröhlichkeit des Gehabens aller Leute, die in schaffiger Eile ab und zu gingen. Wie ich mich auch anstrengen mochte, nie hörte ich einen Fluch, nie ein lautes Schimpfwort, von denen unser altersdunkler, grämlicher Hof von früh bis abends widerhallte. Und durch all das Treiben stiller Emsigkeit sah ich den Sintlinger selbst, zierlich und klein, fast ein Zwerg gegen meinen Vater, und doch schien es mir, als sei alles von ihm behext und liefe nur auf seinen Fingerwink oder nach dem stummen Wenden seines Gesichts. Ich war auch hinter allen Knechten und Mägden vom Hofe drüben her, getraute mich aber aus eingebleuter Scheu an keinen mit einer Anrede heran, auch dann nicht, als ich einigemal das blinde Mädchen in Begleitung einer alten Frau gesehen hatte, wie sie zierlich, fast schwebend, in ihrem duftigen Kleidchen und blonden Haar eher ein unwirkliches weißes Wölkchen, denn ein Menschenkind war. Ja, einmal, da ich von meinem Baumwipfel aus beobachtete, wie der Sintlinger mit der kleinen Helene auf dem Arm aus dem Hause trat, hüpfenden Schrittes über den Hof, dem Blumengarten hinter der Scheuer zuging, sie dort auf den Boden stellte und Ringel-Ringel-Rosenkranz tanzte, daß ihr jubelndes Jauchzen und seine lachende Stimme bis zu mir herüberscholl, schossen mir armem Kerlchen die Tränen so dick und bitter in die Augen, daß ich fast aus dem Wipfel gefallen wäre, denn zu gleicher Zeit packte mich vom Herzen her ein Taumel des Neides, daß ich nur mit der größten Anstrengung aus den Ästen zur Erde kam, wo ich mich ins Gras werfen und laut heulen mußte, weil mich noch niemand auf Erden so geliebkost hatte. Mein gequältes, leidenschaftliches Blut riß mich zu Verwünschungen und Lästerungen meiner Eltern hin, so böse und ausschweifend, daß ich leer und richtig mit ausgerodetem Herzen nach Hause zurückkehrte. Allein, wie es eben so geht, traf ich auf dem Hofe nicht die dumpfe Zerstörung und bittere Finsterlichkeit aller gegen alle an, gegen die ich unter dem Baume draußen gerade so schrankenlos gewütet hatte, sondern es herrschte eine jener weichen, fast beglänzten Stunden in dem alten Gewese meiner Eltern, wie sie von Zeit zu Zeit, dazu oft ohne jeglichen äußeren Anlaß, dem alten Hofe geschenkt wurden. Der Vater ging in der Sonne unter den Gartenbäumen umher und schnitt da und dort einen Zweig aus ihren verwichtelten Kronen, mein älterer Bruder saß in der Gerätekammer an der Schnitzbank und bastelte, pfeifend und dann und wann für sich behaglich auflachend, an einer Stange herum. Aus dem Kuhstall sangen die Mägde, die Mutter stand fröhlich am Butterfaß, und meine Schwester saß am offenen Fenster über eine Näharbeit gebeugt und nickte mir, aufsehend, einen liebevollen Gruß zu, als ich an der offenen Stubentür erschien, da sank denn der Zorn ganz aus meinem Herzen. Ich getraute mich nicht in die Stube, sondern schlich mich über die Stiegen hinauf in unsere Schlafkammer, warf mich auf mein Bett, stopfte mir das Kissen in den Mund und schluchzte, daß es mir die Brust schmerzend zerarbeitete, über mich schlechten Jungen, der seine guten, lieben Eltern mit so bösen Gedanken und Worten beleidigt hatte, und zwischen den Ausbrüchen der leidenschaftlichen Reue betete ich zum heiligen Barnabas, damit er mir wegen meiner Sünden bei Gott durch seine Fürbitte helfe, und da ich in meinem Schmerz einmal aufschaute, weil es mir gewesen war, als habe die Bodenstiege geknarrt, stand meine Schwester an meinem Bett und sah mich erschreckt und schwer atmend an. ›Was hat's denn mit dir, Peter?‹; fragte sie leise, und die Tränen traten ihr dabei in die Augen. Allein ich konnte und mochte nichts sagen, sondern richtete mich nur ein wenig auf, umschlang ihren Hals und fragte, ob die Eltern wirklich nun stumm werden müßten, weil ich ihnen das gewünscht habe. Das liebe Wesen strich mir die Haare aus dem Gesicht, fuhr mir ein über das andere Mal mit linder Hand über die Wangen und tröstete mich mit verschüchterten Worten, bis mich meine Herzensnot verlassen hatte. Dann brachte sie mir heimlich ein Töpfchen mit kaltem Wasser zum Augenkühlen und ging nach einem beruhigenden Druck ihrer Hand wieder hinunter ins Haus, aus dem die Mutter schon nach ihr rief. – – Wäre ich doch damals nicht in diese Herzensweichheit verfallen! Hätte mich doch mein verzweifelter Schmerz so hart gesotten, daß ich das Gemütsblühen unseres Hofes in jener Stunde als das erkannt hätte, was es wirklich war, eine Art Verwesungsbuntheit des Lebens, vielleicht wäre es unterblieben, daß ich mich meinem Vater und meiner Mutter so dicht an die Fersen heftete, um das Unheil von ihnen abzuwenden, das ich ihnen sündhafterweise gewünscht hatte. – Allein, es ist nun eben so. Wenn ich auch den Hammer vom Stiel schlage, wird es doch kein Messer. Ich alter Narr. Haha! Ja – – ich war also seitdem hinter meinen Eltern her wie ihr leibhaftiger Schatten, und hatten sie sonst um einer Arbeit halber zwei-, dreimal nach mir rufen müssen und das auch oft noch vergeblich, so genügte jetzt ein Pfiff, ein Wink, ein wortloser Puff, und ich war in fröhlicher Bereitschaft zur Hand, so daß sich alles im Hofe über die Verwandlung wunderte, die mit mir vorgegangen war, natürlich bis auf Amalie, die alles wußte, aber nichts verriet. Ja, ich blieb meinem Vorsatz gemäß achtsam, hingebend, anschmiegsam, auch als die Windblüten der guten Stunden auf unserm Hofe wieder abgefallen waren und alles wie sonst, Stich und Stoß, heimlich oder offen, gegeneinander arbeitete. Ich aber verharrte bei meinem guten Vorsatz und spielte mit meinem veränderten Betragen oft geradezu eine lächerliche Figur. Man fragte mich, ob ich ein ›Pitzkalb‹; geworden sei und an der Mutter Schürzenband lutschen müsse, griff mir hinterwärts an die Hosen, um mich von den Eierschalen zu befreien, und verhöhnte mich auf alle Weise. Und wenn mir der Zorn auch schon manchmal verstohlen Zahn auf Zahn setzte, ich diente weiter, denn ich wollte meine Eltern dadurch zwingen, so lieb zu mir zu sein, wie der Sintlinger drüben zu seinem blinden Kinde war. Was ich ersehnte, erreichte ich nicht, dagegen erlebte ich etwas, das ich zwar damals noch nicht verstand, das aber von den unheilvollsten Folgen für mein Schicksal werden sollte. Noch heute, nach fast vierzig Jahren, steht der Nachmittag so deutlich, nein, grell in meiner Erinnerung, als sei es gestern geschehen. Das Verhältnis zwischen meinen Eltern war jenen Tag schon vom frühen Morgen an besonders gespannt gewesen, und ich hatte mir vorgenommen, was auch kommen möge, und sollte es selbst einen blutigen Kopf geben, heute wollte ich zwischen ihren Unfrieden treten und ihnen ins Gesicht sagen, so miteinander zu verfahren, wie der Sintlinger mit seiner Frau umgehe, so würde alles gut sein, und wir alle wären im Himmel. Das hatte ich mir fest vorgenommen, beobachtete die beiden unauffällig und schlich ihnen nach, wohin sie auch gingen. Vom Pferdestall aus, dessen Tür ich einen Spalt geöffnet hatte, sah ich meinem Vater zu, der in der Mitte des Hofes einen Brettwagen instand setzte. Da trat meine Mutter unter die Haustür, die in der Nachmittagsonne lag, und nachdem sie dem gebückt Schaffenden eine Weile zugesehen hatte, rief sie ihm lachend und höhnisch zu: ›Na, wie geht's, altes Krachscheit!?‹; ›Das wirst du gleich sehen, wie's geht‹;, antwortet mein Vater, richtet sich jäh auf, wirft den Hammer, mit dem er eben zuschlagen will, aus der Hand, daß er klingend auf die Steine schlägt, und springt förmlich mit seinen langen Beinen auf sie zu, daß mir auf meinem Lauscherposten ganz kalt wird und ich denken muß, nun geschieht etwas Schlimmes. Ich sehe, wie meine Mutter von meinem Vater am Arm gepackt und trotz heftigen Widerstrebens ins Haus gerissen wird. Alles ist auf dem Feld, der Hof einsam, und das Licht summt in der Luft. Ich trat geräuschlos aus der Tür, lief zwei Fenster lang den Stall hinunter und war dann mit ein paar unhörbaren Sätzen meiner bloßen Füße von der Seite her über den Hof und unter der Wohnhaustür. Dort war der Flur schon leer, und ich hörte die beiden oben auf dem zweiten Flur mit ihren schweren Schuhen gegeneinandertreten, als ob sie erbost miteinander rängen. Wie ein Wiesel war ich auf den Zehen über der Stiege, den Flur hin und kam gerade in dem Augenblick an die halb geöffnete Tür des einzigen Gastzimmers, als mein Vater die Mutter eben aufs Bett warf und dann in Wut mit seinem ganzen Leibe gegen die Liegende einzurammen begann. Dabei schnaubte und stöhnte er wie ein Roß. Die Mutter stieß noch ein paarmal gegen ihn, dann wurde es still, und ich erlitt einen Schreck, als würde mir ein glühender Draht durch das Rückgrat gezogen. Alles taumelte um mich. Ich wußte, wenn mich die Eltern jetzt sähen, müßte ich sterben. So tastete ich mich über die steile Holzstiege geräuschlos, betäubt hinab. Auf den letzten Stufen verfingen sich vor Verwirrung meine Füße. Ich stürzte polternd vollends hinunter und sank dort in die Knie. Ehe ich mich erheben konnte, trat mein Vater aus der Tür und schrie eine Reihe Schimpfnamen auf mich nieder. Merkwürdigerweise belastete mich das nicht, sondern löste Lähmung und Schreck in mir. Ich rannte davon und lief so lange, bis ich nicht mehr konnte. Als ich mich umzudrehen wagte und unseren Hof nicht mehr sah, setzte ich mich an den Wegrand, nahm einen Stein auf und erstaunte bis in meine Seele hinein, daß das noch immer ein Stein sei, jetzt, nachdem ich das gesehen hatte mit Vater und Mutter droben in unserem Hause. Ich hatte zwar meines Vaters Gesicht nicht erblickt, als er vom oberen Flur auf meine entsetzte Flucht die Schimpfnamen nachsandte. Aber als ich nun am Wegrands saß und mit einer schmerzlichen Anklage des Gemütes erstaunte, daß der Stein nach diesem ungeheuerlichen Erlebnis noch immer so wie vorher geblieben sei, während er doch, um sich in diese Weltumwälzung einzufügen, hätte fliegen, in meiner Hand zu Staub zerfallen oder mit einem Knall in die Luft zerstieben müssen ... während ich so saß und mich in das Zucken dieses schmerzvollen Erstaunens immer tiefer sinken ließ, klang indessen die Stimme meines Vaters fortwährend wie eine Begleitmusik um mich, und aus ihrem Tonfall und Rhythmus formte sich deutlich sein Gesicht, weiß, erschöpft, böse, so feindselig und fremd im Ausdruck, wie ich es noch nie gewahr geworden war. Denn in der Stimme des Menschen ist seine ganze Gestalt, und die Klänge nehmen wir nicht bloß mit dem Ohr, sondern ebenso mit den anderen Sinnen wahr. Und auch eine ungesehene Handlung wirkt auf das moralische Bewußtsein des anderen, wie man dem Einfluß der Sonne ausgesetzt ist, auch wenn sie verborgen bleibt. Ja, du lieber Gott, was sag' ich's denn nicht klipp und klar heraus, ich war verführt, von meinen Eltern, wenn auch wider ihren Willen, dennoch von meinen eigenen Eltern, und wenn es gegangen wäre, ich wäre geradezu irgendwohin in die Welt gelaufen, nur um ihnen nicht mehr in die Äugen sehen zu müssen. So blieb ich bis in die Nacht sitzen. Als aber der erste Totenvogel im Walde seinen Klageruf ertönen ließ, schlich ich mich nach Hause, sagte Amalie, daß ich kein Abendbrot brauche, weil ich im Walde zuviel Beeren gegessen habe, und rannte erblaßt und mit den Tränen kämpfend hinauf in unsere Schlafkammer. Spät kam meine Mutter mit einem Licht die Treppe herauf. Sie betrachtete mein gramvolles Gesicht, befühlte mir die Stirn, versuchte mit mir zu sprechen, ja, rüttelte mich an den Schultern. Ich aber spielte den Träumenden und dann den Schlaftrunkenen so täuschend, daß sie, leise vor sich hinmurmelnd, wieder hinunterging, ohne mein Erwachen zuwege gebracht zu haben. Auch meine Schwester erfuhr von dem Stoß nichts, den es mir versetzt hatte. Ich verheimlichte es ihr geschickt, und so entstand auch zwischen uns beiden, wenngleich nicht so stark, dieselbe Fremdheit, der Argwohn, die Scheu, die zwischen meinen Eltern und mir aufgewachsen war, und das neue Wissen konnte sich ungestört in mir festsetzen, trotzdem ich mich anstrengte, es zu vergessen oder seiner nicht mehr zu gedenken. Denn ich konnte nicht verhindern, daß ich, als dieser Schleier gelüftet war, Dinge zwischen Knechten und Mägden, vor allem an meinem älteren Bruder sah, die mir früher verborgen geblieben waren, und warf mein Bruder beim Ernten wieder eine Magd zur Erde, deckte eine Garbe über sie und griff unter dieser an dem Körper der Liegenden umher, so stieg mir das Blut zu Kopfe, und es war mir wegen des heißen Würgens im Halse unmöglich, so darüber zu lachen, wie ich es früher getan hatte, als ich noch glaubte, all dieses sei nur ein harmloser Spaß. Nie auch konnte ich meine Eltern in ein Zimmer gehen sehen, ohne denken zu müssen, nun geschehe zwischen den beiden wieder jenes, was ich in dem Gastzimmer beobachtet hatte. Kurz, ich war auf eine tiefere, gefährlichere Art unruhig in mir und glückloser in unserem Hause als früher, und der Hof unseres Nachbars schien mir seitdem noch in einem zauberhafteren Licht als sonst zu stehen. * Eigentlich könnte ich jetzt aufhören zu erzählen; denn wenn ich es mir recht überlege, war mein Schicksal schon jetzt in seiner Grundtatsache entschieden, und alle folgenden Ereignisse meines Lebens sind nichts Neues, nichts, was von irgendwo hinzufließt, sondern nur in der Form, nicht im Wesen verschiedene Ausstrahlungen meines dauernden inneren Zustandes. Und ein Mensch mit halbwegs spürsinniger Phantasie müßte von nun an den weiteren Ablauf meines Lebens vollkommen treffend zu schildern imstande sein, vor allem, wenn er wie Sie, junger Freund, das Endergebnis kennt ... und vor sich sieht.« Der alte Buchhalter schwieg. Ich erwachte aus der Gebundenheit meines Aufmerkens und spürte trotz der immer tiefer gewordenen Dunkelheit, in der kaum etwas scharf heraustrat, daß er nicht nur sein Gesicht, sondern seine ganze Gestalt nach mir hingewendet hatte, um meine Antwort entgegenzunehmen. »Nein,« sagte ich endlich, »das bin ich nicht imstande.« »Hm ... ja ...«, so hörte ich ihn nach einer Weile seine geheimen Erwägungen in fast unwilliger Art schließen und leise klatschend eine Hand über die andere legen. Dann begann er ungeduldig, ja gewissermaßen gereizt auf mich einzudringen: »Wissen Sie, ich hab' Ihnen doch einmal von der ›Schattenmühle‹; erzählt und ein anderes Mal die Geschichte von dem ›Sonnenhofe‹;, nicht? Erinnern Sie sich nicht?« »Nein, an gar nichts.« »Na, das ist doch unmöglich! Denken Sie doch nach, von dem Mann, der in einem sonnigen Grunde sich seine Mühle erbaute, die Erfahrung macht, daß die Hitze ihm das Wasser mehr und mehr verzehrt. Und so weiter, um seine Mühle Bäume pflanzt, den ganzen Grund hinauf. Das muß Ihnen doch wenigstens geblieben sein!« »Nichts. Ich hab' Ihnen ja schon gesagt, daß ich jede Geschichte, die Sie mir jemals erzählten, immer sofort vergessen habe.« Brindeisener konnte sich nicht mehr halten, er sprang in großer Erregung von seinem Sitz auf und lief so eilig zwischen den Bäumen gegen den Teich hin, als wolle er, wie sonst manchmal nach einem Geschichtsfetzen, entsetzt fliehen. Und wirklich rannte er heftig gestikulierend, ganz aus dem Häuschen, davon. Er lief den sanften Abhang gegen den Tolketeich hinunter, und ich sah den langen Mann immer undeutlicher werden zwischen den schwarzen Stämmen. Ehe er meinen Äugen ganz entschwunden war, riß die Dunstdecke des Himmels, und der Widerschein des besternten, heiteren Frühlingsfirmamentes blies sich als ein märchenhafter, traumschwacher Lichtrauch auf den glatten Spiegel des regungslos schlafenden Teiches. Das geschah überraschend, gleichsam aufrüttelnd. Kaum war der Lichtfächer vom Himmel auf den Teich gefahren, so hörte ich Brindeisener in seiner Flucht anhalten, merkte, wie er, auch von dem zauberhaften Vorgang getroffen, lange stehenblieb und dann zögernd, mit langsamen, gedankenvollen Schritten wieder zu mir zurückkehrte. Ohne irgendwelche Erklärung seines merkwürdigen Betragens nahm er im Niedersitzen genau die Stelle ein, die er verlassen hatte, und begann nach kurzem Überlegen mit ungewöhnlich sanfter Stimme: »Die lautlosen Worte ergreifen am tiefsten, und alles, was ohne Mund zu uns redet, vermag Schreie auszustoßen, die bis ins Mark erschüttern. Der Teich hat mich zurückgerufen, wissen Sie, der Teich, und doch wieder nicht der Teich da unten ... der Tolketeich ... nein ... aber hören Sie nur weiter ...« Brindeisener sprach diese Worte schüchtern, suchend, behutsam. So etwa klangen und bewegten sie sich, wie eine Hand vorsichtig im Finstern nach einer kostbaren, leicht verletzlichen Blume tastet. Und während er sprach, schloß sich der Sternenspalt des Himmels droben, und die Schatten rieselten wieder über dem traumhaften Lichterwachen des Teiches zusammen. Die Nacht herrschte abermals ganz allein, eine merkwürdig atemlose Nacht, voll eines kaum spürbaren, geheim vibrierenden Fiebers. Und in dieses wollustvolle Stocken der Frühlingsnacht klang ganz schwach und in unendlicher Höhe das Sausen der Bergwälder. Das Stampfen der Schächte klapperte von überall her, so als liefe was rund um den Wald, in dem ich mit dem Buchhalter saß, wolle herein zu uns und könne den Zugang nicht finden. »Da läuft doch draußen jemand«, sagte Brindeisener, aus dem Lauschen erwachend, in das sich seine Worte verloren hatten. »Haben Sie jemand auf der Straße gelassen?« Mit einem Huschen der Empfindung dachte ich an Wanda Methner, verwarf den Gedanken aber sofort als eine sinnlose Entgleisung. »Ach wo! Wen sollte ich denn draußen gelassen haben? Das sind ja auch keine Schritte! Das sind doch die Schächte«, antwortete ich. »So, so, die Schächte? Ja, die dunkeln Schächte, die Finsternisse!« sagte er darauf gedankenvoll. »Da drunten dieser Schimmertraum des Teiches vorhin und um und über uns dies Sausen und Stampfen der Finsternis ...! Genau auf diese doppelte Weise schaffte fortan mein Wesen sich seinen Weg durch mein Dasein. Und da werden Sie nachträglich den Sinn meiner vielen Erzählungen von der ›Schattenmühle‹; und dem ›Sonnenhof‹; verstehen. Nicht anders war es seit dem Tage, an dem mich meine Eltern wider ihren Willen verführten, als töte ich mich fortwährend mit der einen Hand und mache mich dann mit der anderen wieder lebendig, oder als unterwühle ich durch unterirdische Gänge fortwährend den Boden, auf dem ich dann versuche, mir ein Haus zu bauen. Mein Gott!! Mein Gott!! Dürfte ich noch einmal als Zwölfjähriger über dem Hofe meines Vaters sitzen und nach dem Sintlingerhofe hinübersehen! Wie anders sollte alles Wurzel schlagen und verwendet werden, was ich damals erlebte. Ich hörte das blinde Mädchen drüben singen, bald im Baumgarten unter dem Wohnhause, bald im Blumengärtlein hinter den Scheunen, oft auch aus dem Hause oder im Felde. Aber nicht das, was sie sang, ergriff mich so, denn es waren die bekannten Lieder unserer Gegend, nein, wie sie sang. Ich habe viele berühmte Sängerinnen im späteren Leben gehört, aber noch von keiner Stimme bin ich so ergriffen worden wie von der kindlichen Stimme dieses blinden Mädchens. Da war auch nicht ein Laut, der nicht so vollkommen aus der Seele quoll, so, daß er gleichsam dadurch selbst zu sein aufhörte, wie Lerchen, die so hoch steigen, daß ihre Lieder zu Gesängen des Himmels werden, in dem sie sich verlieren. So, über alle Begriffe hinausgehend, klang mir damals die Stimme der blinden Helene Sintlinger und entrückte mich ganz den inneren Schatten und Dünsten, die als unverstandene Gier aus meinem noch schlummernden Blute stiegen. Ich wurde durch sie in die wunschlose, verschollene Welt meiner Kindesunschuld zurückgehoben. Sicher ist's ja, ich täusche mich nicht, daß ich diesen klaren Wunsch der Entsühnung damals nicht so deutlich empfunden habe wie heut. Aber verhüllt wirkte er um so stärker, fast inbrünstig, nein, geradezu betörend, daß ich oft nicht bei mir war und nicht wahrnahm, daß mein Vater, mein Bruder, oder sonst wer vom Hofe, ein Knecht oder eine Magd, hinter mich traten und meine Versunkenheit belauerten, bis man es endlich heraus hatte, wem mein leidenschaftlicher Lauscherdienst gelte. Es versteht sich von selbst, daß man mich nun überall aufstöberte und höhnisch davontrieb, wo man mich traf, wie ich ›gleich einem Uhl saß und auf das Gegille und Gepiepe aus dem Luderhofe‹; horchte. Mir klang der kindliche Gesang aus allen meinen versinkenden Himmeln, den anderen aus der Bosheit ihrer Feindseligkeit. Deswegen mußte ich etwas anderes hören als die anderen. Und als ich nicht mehr lauschen durfte, machte ich mich auf und schlich wieder verstohlen um den Sintlingerhof, um mehr zu erhaschen, als mir verwehrt wurde, nicht nur den Klang ihrer Stimme, sondern sie selbst ganz nahe zu sehen, dieses rätselhafte, geheimnisvolle Kind, das unsere Leute für ein halbes Leichlein, eine Hexe hielten, und das doch vielen im Dorfe eine kleine Heilige war. Ich kletterte auf Mauern, stand angehaltenen Atems hinter Bäumen und Schobern und ließ mich einmal von der leidenschaftlichen Neugier so weit hinreißen, daß ich nicht nur in den feindlichen Hof, sondern sogar in das Haus eindrang und erst aus der Trunkenheit meiner Sucht nach dem rätselhaften Mädchen aufwachte, als ich mich auf der Schwelle der großen Sintlingerschen Wohnstube der stillen Bäuerin gegenübersah. Ich weiß nicht, ob die sanfte Frau mich damals angeredet oder ob mich der erschreckte Ausdruck ihrer guten, großen Augen allein so ergriffen hat, daß ich wie gepeitscht aus dem verfemten Hofe und über den Hübel hinunterfloh, mich nicht nach Hause getraute, sondern in den nahen Wald lief, wo ich in einem unbeschreiblichen, geradezu himmlischen Taumel unter den unbeweglichen alten Bäumen saß und richtig im Schauern fortwährend den Namen des Mädchens vor mich hin lispelte: ›Lenlein ... Lenlein ... Lenlein.‹; Ich war wirklich wie von Sinnen. So saß ich, bis der ganze Wald im Abendrot feurig zu brennen anfing. Dann erhob ich mich mühsam und stieg wie gelähmt zu unserem Hof hinauf. An einem anderen Tage sah ich von unserem Hofe aus ein trunkfälliges Weib neben dem Lenlein auf dem Hübel im besonnten Grase sitzen und hörte, wie sie dem Kinde auf ihrer Gitarre so lange vorklimperte, bis das Mädchen anfing, mit ihrer überirdischen Stimme dazu zu singen. In meinem gewalttätigen Knabenherzen hatte sich der Wahn gebildet, der Gesang des Sintlingermädchens gehöre nur mir, sonst niemand auf der Welt. Deswegen mischte sich gar bald in meine Freude über das Lied des Lenleins der Zorn über das Bettelweib, das sich so nahe an das Kind herangewagt und offenbar wider den Willen der Eltern das Mädchen zum Singen gebracht hatte. Und als bald darauf das Tor des Sintlingerhofes knarrte und die alte Trine, die Wärterin des Lenleins, heraustrat, sah ich das Bettelweib zusammenfahren, ihre Gitarre ergreifen und in großen Sprüngen den Hübel hinunter dem Wege zu eilen, der nach Hemsterhus führte. Da ich die Landstreicherin so rennen sah, glaubte ich nichts anderes, als daß sie dem Mädchen was angetan hatte, raffte Steine auf, schrie in Wut alle Schimpfnamen, die ich wußte, und warf beides, Steine und Unflat, hinter der Straßenläuferin her, bis sie meinen Augen entschwunden war. Dieser rüpeligen, wiewohl gutgemeinten Heldentat muß mein Vater aus irgendeinem Winkel zugeschaut und sich eine Meinung gebildet haben, die allerdings dem Sinn meines Zornausbruches nicht nahekam, denn beim Abendbrot, bei dem er mir gegenübersaß, war sein finsteres Faltengesicht mit den buschigen, eisgrauen Augenbrauen heller, ja geradezu manchmal sonnig überlichtet, wenn er mich wohlgefällig ansah. Wir hatten Speckkraut mit eingeschnittenen derben Klößen und aßen das Gericht gemeinsam aus einer riesigen irdenen Schüssel, die in der Mitte des großen Eßtisches stand. Ich fahndete mit meiner Gabel rücksichtslos und in durchtriebenem Eifer nach jeder großen Speckgriebe, auch wenn sie nicht in dem engen Jagdgebiete auftauchte, das mir zugehörte. Während die anderen meine Räubereien, die immer ungezwungener wurden und sich bald in alle Gegenden der Schüssel erstreckten, mit immer steigenderem Widerwillen duldeten, bemerkte ich, daß mein Vater mit seiner Gabel die Speckstückchen mir unauffällig zuschnellte, auf die ich zielte, bis mein Bruder eine rote Zorneswulst auf seiner Stirn kriegte und, unter einem drohenden Blick auf mich, mit dem Stielende seiner Gabel empört auf die Tischplatte hieb. Diese Durchbrechung der ererbten Sitte des vollkommenen Schweigens während der Mahlzeit war so ungewöhnlich, daß ich nicht nur allein beklommen zu meinem Vater aufschaute. Der geruhige Eßfleiß aller geriet einen Augenblick ins Stocken, weil jeder eine handfeste Zurechtweisung des Übertreters der Hausordnung erwartete. Aber nicht mal die kleinste Wolke des Unmuts kam in dem Gesicht meines Vaters auf. Im Gegenteil, er lächelte mit verschmitztem Wohlwollen über meine Betretenheit, schüttelte gütig den Kopf und sagte dann mit seiner ungefügen, tiefen Stimme: ›Laßt den Jungen, und wenn er uns allen den Speck wegfrißt, er hat sich's verdient, denn so wie er's heute dem Pack da drüben gegeben hat, so ist das schon lange nicht geschehen.‹; Und nun erzählte er weitläufig meinen Angriff auf die Landstreicherin, aber in einer Weise, als habe ich mit meinen Schimpfworten eigentlich die Sintlingerleute, vor allem das blinde Mädchen, ›den Totengacks‹;, wie er sich ausdrückte, gemeint. Das trunkfällige Bettelweib sei von mir nur geriebenerweise zum Schein als Ziel meiner Wut genommen worden. Ich erblaßte und war kaum noch imstande, meine Gabel zu halten. Aus Furcht vor der Gewalttätigkeit meines Vaters wagte ich jedoch nicht, den Irrtum richtigzustellen. Ich ließ es niedergeschlagenen Auges über mich ergehen, als ein Lästerer des Mädchens gefeiert zu werden, das ich mit allen tiefsten Fasern meines guten Wesens liebte. Wohl machte ich in meiner Herzensbedrängnis ein paarmal den Versuch, den Sinn des Vorganges richtigzustellen, kam aber über ein Drucksen und ein Stottern unzusammenhängender Worte nicht hinaus, die für alle vollkommen sinnlos waren. Ich fühlte, wie meine Augen überzulaufen drohten, und mußte die Zähne aufeinanderbeißen, um meiner Erregung Herr zu werden. Endlich machte mein Vater dieser quälenden Szene dadurch ein Ende, daß er der Mutter befahl, mir eine fette Schinkenschnitte zum Lohne für meine Heldentat gegen die Sintlinger zu geben. Und als sie mir von der Mutter gereicht wurde, sagte er noch, ich habe mich heute als ein echter Brindeisener gezeigt, und wenn ich so weiter fortfahre, werde alles mit mir noch gut werden. Denn wer die Zähne zeigen wolle, müsse vor allem was Tüchtiges zwischen die Zähne kriegen. Nun ertrug ich den Schimpf nicht länger. Am ganzen Leibe bebend, stand ich auf, faßte die Schnitte und wollte sie auf den Tisch werfen. Aber ein Blick auf meinen Vater und die betroffenen Gesichter der anderen lähmte meine schöne Empörung dergestalt, daß ich aufschluchzte und mit meinem Brot, wie ein Judas wider Willen, aus der Stube stürzte und in das Grau vor meinen Augen ziellos hineinlief. Treppenstufen kamen mir unter die Füße. Ich weinte lauter und ungehemmter und lief und lief, bis ich atemlos auf dem höchsten Boden unter dem Dache stand. Dort setzte ich mich auf einen Haufen alten Gerümpels, die Schnitte vor mir auf der Diele. Man rief nach mir. Ich gab kein Zeichen. Es wurde stiller und dunkelte mehr und mehr. Zuletzt brauste nur die Stille der Nacht um mich, da erhob ich mich und warf das Brot in weitem Schwunge hinaus. Vielleicht hätte diese heimlich-wilde Abschüttelung mich restlos von den drückenden Folgen der Untat befreit, die ich nicht begangen hatte, und ich wäre nach der schweren, traumverworrenen Nacht jenes Tages wieder ungetrübt in das selige Wolkensegeln meiner Knabenliebe gestiegen, wenn mir nicht auch durch das veränderte Betragen der Leute des Sintlingerhofes die Gewißheit beigebracht worden wäre, daß man meinen Zornesausbruch gegen die Landfahrerin als eine Roheit gegen das liebe blinde Mädchen aufgefaßt hatte. Bisher waren meine Streifereien um den Hof auf keine Abwehr gestoßen. Man hatte meinen Liebesdienst, den niemand ahnen konnte, als eine schnell vergehende Knabenschrulle geduldet. Ich konnte auf den Rainen und Wegen der Sintlingerschen Wirtschaft gehen, hinter Mauern lehnen, um die Zäune schleichen, das Tor umkreisen und wurde von niemand unfreundlich behandelt oder vertrieben. Ja, der Sintlingerbauer hatte mir sogar einmal linde die Hand auf den blonden Haarschopf gelegt und mich liebreich gefragt, ob ich der Peter sei. Nach meinem wilden Angriff auf die trunkfällige Gitarrespielerin bekam ich Helene überhaupt nicht mehr zu sehen. Sobald ich mich von fern dem spielenden Mädchen zu nähern begann, führte man sie aus meinen Augen, als sei ihr meine Bosheit auch aus der Weite schon gefährlich. An dem Betragen des Bauern merkte ich zwar keine Veränderung gegen mich, dagegen hüteten die alte Pflegerin und die Bäuerin das Lenlein vor mir, als einem wüsten Unhold, auf das ängstlichste. Und bei Gelegenheit einer Festlichkeit, ich weiß nicht mehr genau, war es eine Erntefeier oder ein Geburtstagsfest, bekam ich von den Knechten des Hofes einen tüchtigen Denkzettel angehängt. Nein, richtig, man hatte neben den Torlinden ein schönes, steinernes Kreuz aufgestellt und weihte es durch eine Hausfeier ein, die sich bis in den tiefen Abend ausdehnte und schließlich bei dem angetrunkenen Gesinde in Tanzen, Singen und Lärmen endete. Und da ich das Lenlein in einem weißen Kleide, wie ein Engelchen, im Dämmern hin und wieder huschen sah, stieg in mir die verwegene Hoffnung auf, daß es mir gelingen könne, dem überirdischen Wesen so nahe zu kommen, daß mir vielleicht das Glück beschieden sei, ihre Hand oder ihr schönes goldenes Haar zu berühren. Mit klopfender Brust hatte ich mich auch schon, hart auf den Rasen gepreßt, auf allen vieren kriechend, bis in die Nähe der Torlinden gearbeitet. Niemand bemerkte mich, obwohl die Knechte und Mägde ganz nahe über mir hin und her gingen. Wenn das Lenlein in meine Nähe kam, wollte ich aufspringen, ihre Hand erfassen und sagen: ›Lenlein, ich bin Peter; aber ich bin nicht böse und hab' dich auch nicht geschimpft‹;, und das Mädchen, dessen blinde, schöne Augen durch alle Nacht, auch durch die Finsternis der Blindheit sahen, würde mich anblicken und alles erkennen. Ich lag still wie ein Holz und erwartete fiebernd den Augenblick ihres Nahens wie eine himmlische Seligkeit. Aber da ging ein trunkener Knecht vorüber, stolperte über einen Stein, kam ins Taumeln und torkelte über den Abhang hinunter, gerade auf mich zu. Unfehlbar hätten seine schweren Stiefel meinen Kopf oder meinen Rücken getroffen, wenn ich nicht emporgesprungen und in großen Sätzen den Hofhügel hinuntergelaufen wäre. Doch noch ehe ich auf dem Grenzwege angekommen war, erkannte man mich an meinem weißen Schopf und bombardierte mich unter wildem Gefluch und Geschrei mit großen Steinen. Alle herbeigeeilten Knechte beteiligten sich an der Jagd auf mich. Ich lief wie durch einen Steinregen und war schon heil bis auf den Grenzweg gekommen. Da traf mich ein grober Brocken so hart ans Bein, daß ich schreiend zusammenbrach und von unseren herbeigeeilten Leuten ins Haus getragen werden mußte. Mein Vater brüllte wie ein Stier durch die Nacht zu dem Sintlingerhofe hinüber. Ich lag blaß im Bett. Meine Schwester Amalie saß im Lichte einer Kerze, weiß, bekümmert und schweigend neben mir und erneuerte von Zeit zu Zeit an meinem geschwollenen Beine die kühlen Umschläge. Durch all diese Vorgänge kam über meinen guten Geist ein Ermatten, vor allem auch deswegen, weil ich gezwungen war, den wahren Grund meines nächtlichen Heranschleichens an den Sintlingerhof zu verleugnen, das heißt, nicht nur meine Verehrung für das blinde Kind wieder nicht zu gestehen, sondern zuerst zaghaft und dann immer entschiedener mich zu dem leidenschaftlichen Haß zu bekennen, der in unserem ganzen Hofe gegen die Sintlinger kochte. Schließlich behauptete ich, nur wegen eines rüden Schabernacks bis nahe an die Torlinden gekrochen zu sein, um nämlich das Sintlingermädchen beim Vorübergehen am Bein zu packen und über den Abhang hinunterzureißen. Und merkwürdig, je mehr ich so durch Lügen gegen meine Inbrunst wütete, zu desto leidenschaftlicheren Verzerrungen meines Wesens wurde ich fortgerissen, und endlich atmete ich nur noch auf meinem dunklen Lungenflügel. Mein Herz pumpte mir die Schatten wieder tiefer ins Blut, die das erstemal durch das Auge in mein Inneres gestiegen waren, als ich meine Eltern in der Gaststube auf dem Bett belauscht hatte. Ich schlich nun wieder emsig und verstohlen unseren Mägden nach, lauerte entweder unschuldigen Gesichts in der Nähe oder einsam in einem nahen Versteck, wenn sie sich in ihren kurzen Röcken bückten, daß die nackten, prallen Beine bis übers Knie hinauf enthüllt wurden, oder trieb mich um unsere Pumpe herum und beobachtete gierig und kurzen Atems ihre abendliche Reinigung vom Arbeitsschmutz, wobei sie sich äußerst ungeniert benahmen und allerlei sehen ließen, was für die übertreibende sinnliche Neugier eines im Geist halb deflorierten Knaben wie aufreizendes Gift wirkte. Oder ich kroch heimlich meinem Bruder nach, wenn er sich mit einer Magd auf den Heuboden verlor, und erschauerte, kalt und heiß in einem, bis zum Herzpochen und Zittern meiner Kinnladen, wenn das schrille und doch begierige Kichern des Mädchens begann und dann inbrünstig-jäh in der vollgesackten Nacht des Bodens abbrach. Ich weiß genau, wie es mich einst dermaßen schüttelte, daß ich stöhnend, mit dem Gesicht nach vorn ins Heu fiel und mich wie unsinnig hineinwühlte, als sei es der weiche, willige Leib eines Menschen. Am Tage nach einem solchen Ereignis auf dem Heuboden lehnte ich während der großen Pause abseitig an der Wand des Schulhauses unter den Fenstern und schaute dem Spiel und Lärm der anderen zu. Vom ersten Schultage an war ich ein Einspänner gewesen. Als Großbauernsohn und vorzüglicher Schüler hatte man mich nie zu den gemeinsamen Spielen gezwungen und es seit jeher geduldet, daß ich selbstverloren meinem eigenen Vergnügen nachging. An diesem Tage aber fand ich mich nicht einmal in mein versonnenes einsames Spielwerk hinein. Meine Phantasie war wie aus den Angeln gehoben. Das heiße Dunkel des Heubodens spukte in meinem Blut. Ich lehnte wie in einer Trunkenheit an der übersonnten Mauer und sah eigentlich nichts von den Spielen und Späßen der Kinder, sondern lauschte nur auf das Gelächter der großen Mädchen. In ihrem übermütigen Aufschrillen klang manchmal etwas von dem brunstvollen Kichern, mit dem die Magd gestern in der Dunkelheit des Heubodens plötzlich so rätselhaft still geworden war, daß es mich betäubt und in das Heu gerissen hatte. Ich schloß die Augen, um diesen Laut besser hören zu können, und hatte bald heraus, daß es immer ein und dieselbe Stimme war, die diesen merkwürdig aufreizenden Klang hatte, daß mir das Herz heiß und wollüstig schwer wurde. Und als ich wieder einmal die Augen zusinken ließ, um durch das Lachen zu dem Genuß des prickelnden Bebens in allen Gliedern zu kommen, schrillte das Lachen dicht vor mir auf, und da ich ertappt die Augen aufmachte, stand Mathinka Meixner aus Querhoven vor mir, vom Laufen überhitzt, mit halb geöffnetem Munde stürmisch atmend. Ihre großen braunen Augen brannten wie tanzend voll Spott und Verlockung auf meinem Gesicht. Dann schleuderte sie mit dem ihr eigenen leidenschaftlichen Schwung des Kopfes die schwarzen Haare aus der Stirn und fragte: ›Peter, du bist ja so blaß! Was hat's mit dir?‹; Und weil ich vor Überraschung nicht antworten konnte, sagte sie wie in wildem Ausbruch: ›Komm und fang mich.‹; Dann lief sie mit aufreizendem Lachen davon. Aber ich blieb an meiner Wand lehnen, schaute ihr eine Weile nach und bemerkte, daß sie schon einen Busen habe. Ich weiß nicht, vielleicht wäre ich ihr schon gleich nachgegangen. Sie rannte hinter den Holzschuppen, steckte nach einem Weilchen den Kopf wieder vor und winkte. Aber da ich eben mich mit den Händen von der Mauer ab- und mich ihr nachstoßen wollte, klatschte der Kantor Pfeiffer in die Hände, und die Pause war vorüber. Dieses schwarzhaarige, früh entwickelte Mädchen mit weißer, wie durchsichtiger Haut, das einzige Kind des Querhovener Großbauern, im übrigen ein Kerl, eine Mischung von Gnu und Wolf, toll, trunkfällig und maultrommelig ... dieses Mädchen, das die wilden Hummeln in allen Gliedern juckten, hatte mich nicht nur an diesem gefährlichen Vormittag zur Zielscheibe ihres herausfordernden, nein, aufstachelnden Spottes gemacht. Wann und wo es sich nur einrichten ließ, wußte sie sich mir immer in den Weg zu stellen, meine Verschlossenheit zu verhöhnen und mich, mit wem ihr gerade einfiel, zu necken. Bald fragte sie mich, in welcher Hosentasche ich die Haarschleife der Anna Weisig stecken habe, dann brachte sie ein Liebesgerücht mit einem anderen Mädchen auf, und weil ich in meiner himmlischen Sehnsucht nach dem blinden Mädchen auf dem Sintlingerhofe anderen Knaben gegenüber wohl dies und das Schwärmerische gesprochen haben werde, hatte sie auf das dringendste in der letzten Zeit dieses Spiel der Verlockung und des Hohnes verdoppelt. Freilich war sie dabei ins Holz nach Rosen gegangen, und ich hatte mich immer, wenn auch meistens nicht sehr geschickt, dem Gespinst entzogen, durch das sie mich mit ihr verwickeln wollte. Denn die maßlosen, brennenden Feuer, die diesem Mädchen aus allen Nähten züngelten, vertrugen sich in meiner Seele nicht mit dem himmlischen Schimmer und jenseitigen Zauber, den ich von dem Sintlinger Mädchen in mich sog, wenn auch dies klar geschiedene Herzenswetter mir nicht immer beschieden war. Sowie ich nämlich den Dunkelheiten verfiel, die geheim in unserem Hofe umgingen, in demselben Maße wurde ich lässiger in der Abwehr der liebenswürdigen Zudringlichkeiten des dunkeläugigen Mathinkleins, plauderte mit ihr in den Unterrichtspausen, half ihr da und dort in das Verstehen des Unterrichts hinein, weil ihre Sinne geweckter waren als ihr Geist, und ließ es sogar manchmal geschehen, daß sie mich durch allerlei reizende Listen verführte, mit ihr und den Querhovener Kindern durch die Wiesen nach Hause zu schlendern. Aber das war doch sehr selten vorgekommen, kaum drei- bis viermal. Sonst kehrte ich immer mutterseelenallein aus dem Grenzwege von der Schule zurück. An diesem Tage, da mir aus ihrem Lachen meine Knabenbrunst stürmischer ins Herz gewühlt hatte, wurde ich meinem einsamen Heimweg, und diesmal aus einer heißen Lähmung, einer Betäubungsseligkeit heraus, wieder untreu. Die Schule war aus. Alles polterte über die Bänke, durch die Gänge, über die Holzstiege hinunter. Ich räumte geistesabwesend an meinem Tornister herum und kam damit doch nicht zu Ende. Drunten lärmten die Kinder und wurden dann plötzlich still. Ich wußte, der Lehrer war zu ihnen getreten, sie in Paaren zu ordnen. Jetzt sagte er mit knarrend unwirscher Stimme sein ›Geht!‹; Mit vielstimmigem ›Gelobt sei Jesus Christus!‹; setzte sich alles schweigend in Bewegung. Dann begann wieder ein undeutliches Durcheinandersprechen, das sich in entgegengesetzten Richtungen vom Schulhaus entfernte und bald ganz in dem Schweigen der stehenden Herbstluft unterging. Mir klopfte das Herz, daß ich glaubte, das ganze ausgestorbene Schulhaus halle wider von seinen furchtsamen Schlägen. Ich blickte erschrocken auf, und mein Auge traf das Bild des alten Kaisers Wilhelm über der Tür. Es sah gleichgültig-gütig auf mich nieder. Da schnallte ich entschlossen den Deckel auf meinem Tornister fest, warf den Bücherranzen auf den Rücken und stand auf. In diesem Moment hörte ich den Kantor Pfeiffer über die Treppe heraufkommen und zögerte, hinauszutreten. Allein, er kam nicht ins Schulzimmer, sondern stand, auf dem oberen Flur angekommen, ein Weilchen still und schlurfte dann in seine Wohnung. Als die Tür hinter ihm eingeschnappt hatte, schlich ich mich auf den Zehen lautlos die Treppe hinunter. Was mein Herz mit seinem stürmischen Rumoren geahnt hatte, traf ein. Sowie ich aus der Schulhaustür trat, sah ich das Mathinklein neben einer Weide auf dem Wiesensteige ganz allein stehen, während die anderen Querhovener Kinder schon weit in das flache Tälchen hineingewandert, von silbrigem Herbstlicht umzittert, weiterzogen. Sie winkte mir nicht, sondern richtete sich nur wie frohlockend auf und begann dann, säumig Fuß vor Fuß, den Steig weiterzugehen. Mit erlahmenden Beinen, mit schluchzend beklemmter Brust, einen Wirbel, wie Trunkenheit, im Kopfe, ging ich ihr nach. Nach einigem Zögern aber fiel ein Sturm über mich, ich schrie inbrünstig ihren Namen ›Mathinka!‹; und begann dann zu jagen, daß mein Atem flog. Sie kam mir rasend Betörtem mit glücklich-flimmerndem Gesicht zwei Schritte entgegen, packte meine Hand mit festem Griff und sagte nichts als: ›Peter, du!‹; Sie sagte es fast stimmlos, aber so leidenschaftlich, so verzehrend, daß ich vollkommen in ihrem Bann war. Ziemlich in der Mitte von Querhoven liegt die einzige Wassermühle des kleinen Dorfes an dem Hornwasser, das, durch ein Holzwehr teichbreit gestaut, dort fast stillsteht. Der Steig von Hemsterhus her geht nahe an dem strauchlosen Ufer hin. Über dem Wasser drüben lag auf einem Hügelstoß der Meixnerhof, aus dem Mathinka stammte. Ob es heute noch so ist, weiß ich nicht. Die meisten, die damals an der Querhovener Teufe vorübergingen, blieben stehen und beschauten den Hof in der Höhe und sein Spiegelbild in dem ruhigen Wasser. Wir beiden verstrickten Kinder, das Mathinklein und ich, waren ohne ein Wort zu sprechen, ja ohne uns anzusehen, die Hände ineinandergeflochten, bis hierher gegangen und taten nun dasselbe. Die dortige Uferstrecke ist ganz hauslos. Ein Stück unterhalb liegt die Mühle. Eine ganze Strecke wasserauf führt ein Steg über den Bach, und erst dort war wieder ein Anwesen, ein kleines Haus, das übrigens der verwitweten Schwester von Mathinkas Vater gehörte. Dort traten wir an das stille Wasser heran, wir jungen Kindermenschen, beide gewitterschwül, und schauten erst auf den unbeweglichen Spiegel und dann nach dem Gesträuch des gegenüberliegenden Ufers. Ich tat es wenigstens, denn ich fürchtete mich vor meinem Gesicht im Wasser und schämte mich vor Mathinka. Des wilden Mädchens Hand aber umklammerte glühheiß die meine und zog mich immer näher ans Wasser. Jetzt wagte ich unter mich zu sehen. Mein Gesicht war weiß und starr, die Augen übergroß und dunkel, wie das Gesicht eines Menschen, der mit offenen Augen gestorben ist. Das Mathinklein blühte mir fieberrot und lachend aus dem Wasser herauf. ›Fürchtest du dich vor dem Wasser, Peter?‹; fragte sie und lachte mit weißen Zähnen aus dem Wasser. Ich schüttelte nur den Kopf. ›Aber du hast kalte Hände‹;, sagte sie wieder. ›Ja‹;, hauchte ich erst. ›Ja, Mathinklein!‹; brach es jetzt stürmisch aus mir. ›Ja, du!‹; Darauf schleuderte sie übermütig ihre Haare in den Nacken und lachte so, so daß sich mir vor wollüstigem Schauer der Atem im Halse abwürgte, warf den Tornister vom Rücken, riß sich die Schuhe von den Füßen und streifte die Strümpfe von den weißen, wunderschönen Beinen. ›Mathinklein, was tust du?‹; fragte ich fassungslos, und mein Kopf donnerte. ›Peter, ich fürchte mich nicht ... ich nicht ... ich ... hänge die Füße ins Wasser ... die Beine ... alles ...‹; So redete das Mädchen fließend, ekstatisch, dämonisch, und riß und zerrte an Schuhen und Strümpfen. Jetzt war sie damit fertig und ließ sich hart am Ufer nieder. ›Sieh‹;, sagte sie, beugte, auf den linken Arm gestützt, den Oberkörper zurück, schloß die Augen, und langsam mit der rechten Hand das Kleid immer höher über die Beine streifend, lechzte sie lockend immerfort das eine: ›Sieh ... sieh ... sieh ...‹; Dabei schob sie sich immer weiter gegen den Uferrand und hing die Beine tiefer ins Wasser. Als das Kleid von dem schon verdunkelten Schoß weggezogen wurde, schrie ich voll Entsetzen auf: ›Mathinka!‹;, stürzte mich auf sie und riß sie vom Wasser weg. Sie umklammerte meinen Hals, und unsere brennenden Gesichter gruben sich ineinander. Niemand hat das gesehen. Denn es war hoher Mittag. Es ist auch nichts geschehen. Wir beide sind nur in die Nacht der Wollust gestürzt. Aber getrunken habe ich dazumal noch nicht von den heißen Wassern. Nein, wahrhaftig nicht! Aber besinnungslos war ich und wachte erst auf, als ich auf der Querhovener Lehne angekommen war und durch den Fichtenstreifen schritt, der vom dürren Berge herunterlief. Die ganze Welt wogte in einem grauen Dampf um mich, hinter dem gleichwohl alle Gegenstände in nie gesehenen, lockenden Farben aufleuchteten. Das Merkwürdigste widerfuhr mir aber in der Tatsache, daß alles dieses, das hinter dem grauen Schleier gespenstisch und geheimnisvoll hervortrat, die Züge meines Gesichtes trug, wie es mich als Spiegelbild aus dem Wasser angeschaut hatte, da ich mit Mathinka an der Hornwasserteufe gestanden hatte. Weiß und starr, die Augen übergroß und dunkel, wie das Gesicht eines Menschen, der mit offenen Augen gestorben ist, so formte sich mein Gesicht aus allem, was ich eine Weile anschaute. Aus dem herbstblassen Baum tauchte es traumhaft und doch scharf auf, auf jeder weißen Hauswand zeichnete es sich ab, selbst, wenn ich mich losriß und in den blaßblau rauchigen Himmel des Herbstes flüchtete, sah ich es nach kurzer Zeit in der Höhe nach den Schlägen meines Herzens aufzucken und weiterrücken, aufgesogen werden und sich wieder bilden. Und doch, während diese blasse Maske von überall her auf mich eindrang, fühlte ich immerfort das heiße Gesicht des Mathinkleins auf dem meinen und spürte ihre weißen Beine mich umschlingen. So kam ich nach Hause, gestorben und fiebernd in einem, starr und zugleich wie von einem glühenden Karussell gedreht. Die Gesichter von Vater und Mutter, von Knechten und Mägden, von Bruder und Schwester kamen mir fremd vor, ich schwätzte törichtes, wirres Zeug und konnte mich nicht bezwingen. Bei Tisch verschlang ich die Speisen, ohne zu wissen, was ich hinunterwürgte, lachte immer wieder laut und schreiend heraus und fühlte bei allen Wirbeln, die in mir rasten, mein Gesicht starr, blaß, eingefallen und meine Augen groß, stier, wie gestorben. Ich komm in die Hölle, sann es in mir, mein Vater kommt in die Hölle, denn er hat auf der Mutter gelegen, mein Bruder kommt in die Hölle, weil er die Mägde auf dem Heuboden stumm macht. Dann mußte ich wieder hell auflachen. Nur aus dem leidenden, abgezehrten Gesicht meiner Schwester Amalie wehte mich eine reine, heilige Furcht an, daß ich hätte weinen und gepeinigt aufschreien mögen. Endlich war dem Vater meine ›Verrücktheit‹; zuviel, und um mir ›die Motten auszutreiben‹;, gab er mir auf, mit Amalie den Nachmittag über bis zum Abend die Äpfel von den Bäumen zu pflücken und sie in der Fremdenstube und einer Kammer auf Stroh zu schütten. Als wir die Leiter in dem Garten hinauftrugen, mußten wir öfter stehenbleiben. Die Arme meiner Schwester zitterten vor Schwäche, sie wurde von der Last ganz krumm gebogen, und ich, der das hintere schwere Ende trug, hörte ihren Atem in kurzen, reißenden Stößen gehen. In knabenhaftem Übermut hätte ich höhnisch auflachen mögen über diese weibliche Zimperlichkeit und Ohnmacht. Denn da Amalie immer krank war, erschien sie mir nicht krank. Aber kurz vor unserem Ziel, einem Apfelbaum, der am Ende des nicht eingezäunten, den Hügel hinaufgelehnten Gartens stand, da sie die Leiterbäume wieder aus den schlotternden Armen sinken lassen mußte, kehrte sie ihr kalkweißes Märtyrerinnengesicht nach mir um, wischte sich die dicken Schweißperlen mit bebender Hand von der Stirn und sagte atemlos mit gütigster Stimme: ›Ja, ja, mein lieber Peter!‹; Dabei sah sie mich aus ihren schuldlos reinen Augen so durch und durch an, daß ich mich beschämt abwenden mußte. Trotzdem, kaum, daß die Leiter in den Baum gelehnt war, fing der Wirbel mit meinem verwandelten Gesicht aus allen Gegenständen, der Spuk von weißen, wundervollen Beinen, die Berückung durch weiches, brennendes Fleisch, das ich zwischen den Fingern fühlte, wenn ich zum Beispiel einen Apfel erfaßte, wieder an, daß ich mich aus dem Bann stahl und über die Wiese und einige Feldbreiten ging, um im Schatten der ersten Waldbäume ungestört dem Tanze der wollüstigen Bilder nachzuhängen. Wohl rief Amalie einigemal und das immer dringender, endlich gar bittend und in furchtsames Weinen umschlagend, nach mir. Anstatt aber der machtlos Gepeinigten zu helfen, aufzuspringen und hinunterzueilen, warf ich mich, mit dem Gesicht nach unten, lang auf den Waldboden, griff in dem weichen Haarmoos herum und bildete mir ein, es sei der Schoß Mathinkleins, der mir wohl während der sinnlosen Verschlingung unserer Leiber in die Hand geraten war. In der Nacht gestaltete sich der Zustand meiner Schwester sehr schlimm. Sie stöhnte, ächzte und wurde zum Brustzerspringen von trockenem, nicht endenwollendem Husten geschüttelt, so daß sie in Angst einigemal nach mir rief, sie aufrichten oder umdrehen zu helfen. Aber ich, den die Gier im Bett noch betäubender überfallen hatte, ich, der die Arme auf das Deckbett legen mußte, weil ich es nicht wagen durfte, mit den Händen das eigene Fleisch zu berühren, ich wagte nicht, aus dem Bett zu steigen, weil ich mich fürchtete, den entblößten Körper meiner Schwester an irgendeiner Stelle zu berühren. Dabei litt ich, daß mir die Kinnladen bebten. Und dann war wieder einmal der schreckliche Hustenanfall vorüber, und Amalie lag atemlos, so still im Bett, als sei sie gar nicht mehr da, nicht in der Kammer, nicht in der Nacht, gar nicht mehr auf der Erde. Ich setzte mich erschreckt im Bett auf. Und während ich beklommen lauschte, kam eine Stimme traumhaft in der Finsternis auf, die war so kindhaft-dünn, so hoch, so ganz fremd und entrückt, daß ich mich mühte, mit den Augen die Nacht zu durchdringen, um das Wesen zu sehen, das so geisterhaft redete. Denn die Stimme meiner Schwester klang doch ganz anders. Es hatte ausgesetzt, und ich wollte mich schon wieder umlegen. Da fing es von neuem an, schwebend und leise zu sprechen: › ... ich seh' ein Weißes in mir, ein ganz Helles ... ein Strahlendes ... einen Engel ... oder ein Kind. Ach, ›das hat blonde Haare wie Gold und geht vor mir her in ein hohes Tor von Licht ... Heiligenlenlein! – Heiligenlenlein, du!! – Nimm mich mit zu Gott und vergiß auch meinen armen Peter nicht ... Heiligenlenlein ... du ...‹; Dann erstarb die Stimme im Schlaf. Wir war, als hätte jemand einen Pfahl durch meinen Körper getrieben. So war es doch Amalie, die gesprochen hatte! Ich sprang aus dem Bett zu ihr hin und rief sie mit allen Kosenamen, indes mir die Tränen über die Wangen liefen, griff mit der einen Hand nach ihrem Gesicht und mit der anderen nach ihrer Hand, die aus dem Bett hing. Ihr Körper war feucht von Schweiß und welk. ›Was soll ich dir tun, Amalie?‹; fragte ich und bettete ihren herabhängenden Arm unter die Decke. Sie schüttelte leise den Kopf, schloß dankend die Finger um meine Hand und sagte glücklich und fast unhörbar, ich solle ruhig wieder ins Bett gehen. Nun sei der Anfall ja vorüber, und sie wolle schlafen. Vorsichtig, um sie nicht wieder zu wecken, lautlos kroch ich in mein Bett zurück. Ich war erschüttert, daß meine Schwester eben mit einer anderen, mit der Stimme des Sintlingerlenleins gesprochen hatte, und wurde doch bald wieder gedrängt, sie durch irgendeine Frage noch einmal zum Sprechen zu bringen, um zu erkunden, ob das zauberhafte Mädchen des feindlichen Nachbarhofes noch immer in ihr stecke, unterließ es aber dann, weil ich fürchtete, Amalie könne nicht nur wieder zu sich, sondern in eine neue Folter des Hustenkrampfes gerufen werden. Ich lag ganz, ganz still und lauschte in mir dem Singen der Traumstimme des blinden Mädchens nach, die aus meiner Schwester geklungen hatte. Sie tönte immer leiser, immer ferner, und wie ich mit meinem Lauschen ihrem Davonschweben folgte, verließen mich die wüsten Bilder meiner Knabenbrunst, die mich den Tag über so umdrängt hatten, und ich geriet, wie über mein Leben und die Erde hinaus, ganz nahe an eine glückvolle, lichte Unendlichkeit mit buntem, schimmerndem Gewölk, auf dem ein weißes, unwirkliches Engelswesen saß, das mit lockenden Gebärden mich zu sich heraufwinkte. Doch wie ich im Traume auch rang, zu ihr hin zu gelangen, es glückte mir nicht, weil von meinem Gesicht die Starre und Blässe und aus meinen Augen die Dunkelheit und Kühle des Todes nicht wich, die mich am Nachmittage neben Mathinka Meixner an der Querhovener Teufe überfallen hatte. Die ganze Nacht kämpfte ich so, und als mich im dunkeln Morgen die Stimme meiner Mutter zur Schule rief, fiel dieses Bild mit dem Schlafe nicht ganz von mir ab. Ja, da ich nach beendetem Frühstück mit dem Schultornister auf dem Rücken aus dem Hofe in das Feld hinaustrat, schien die ganze Welt von dem Traum meiner Nacht verwandelt zu sein. Der erste Reif war gefallen, und über dem schneebehauchten Grase wogten weiße, wollige Nebel, auf denen das Licht der aufgehenden Sonne zitterte. Während ich neben unserem Baumgarten den Hügel hinunterging, um auf den Grenzweg zu kommen, schielte ich mit einem halben Blick auf den Sintlingerhof hinüber, dessen weiße Gebäudemassen, von der milchweißen Novembersonne getroffen, meinen traumverwirrten Sinnen wie die höchste überlichtete Wolke vorkam, von der das engelhafte Wesen mir im Schlaf gewinkt hatte. * Das Leben stürzt nicht immer in die Tiefe, aus Helle in Finsternis, aus Frieden in wilde Wirbel, o nein, man kann auch umgekehrt stürzen, jawohl, und in jenen Tagen, nach der Schmerzensnacht mit meiner Schwester Amalie, stürzte ich zurück in die Höhe, aus der ich gefallen war. Allerdings, wenn man die Geschehnisse bloß von außen betrachtet, sieht es eher wie das Gegenteil aus. Ja, mein Gott ... und lange gedauert hat dieser Sonnen- und Höhensturz ja auch nicht. Wie ich auf dem Grenzwege weiter nach Hemsterhus zu komme und die Schule mit ihrem hohen, altersroten Ziegeldach über die Baumkronen nach mir hersieht, erschrak ich, denn was sollte geschehen, wenn mich beim Eintritt ins Klassenzimmer Mathinka Meixner mit ihren strahlend-schwarzen Äugen ansah? Ich mußte auf der Straße stehenbleiben und vertiefte mich über die wellige Ebene hin in den Anblick seiner Hügel. Aber ob ich in meine Augen noch so sehr die schuldlose Neugier rein kindlichen Schauens legte – Sie kennen diese Knabenangst, die man zu Unrecht Verlogenheit nennt –, ja, wie ich über einen Pflug erstaunte, einen einsamen Baum, einen verlaufenen Hasen, alles, um nur der Entscheidung zu entgehen, die beim Eintritt ins Schulzimmer über mich herfallen mußte, spürte ich die alte Maskenstarre über mein Gesicht kriechen, sah das Mathinklein halb entblößt vor mir im Straßengraben liegen und fühlte die Glut ihres brünstigen Mundes über mein Gesicht streichen. Da fing ich an zu singen, nicht ein Lied, das ich kannte, und nicht mit meiner Stimme, sondern mit der fremden Stimme, unwirklich hoch, mädchenhaft, mit der in der Nacht meine fiebernde Schwester von dem Sintlingerlenlein gesprochen hatte, ich sang schreiend zum Schutze gegen das Andringen der wollüstigen Bilder und lief dabei wie ein Gehetzter. Die Leute, die mir begegneten, lachten über mich. An den ersten Häusern von Hemsterhus verstummte ich, verdoppelte dafür aber mein rasendes Laufen, überquerte so den Schulhof, polterte die Treppe hinauf und stürzte abgewandten Gesichtes durch die Klassenzimmertür auf meinen Platz. Ich weiß, daß zugleich eine wilde, zornige Wut in mir war, und während ich tief gebückt meinen Tornister unter der Bank verstaute, lauerte ich förmlich darauf, einer meiner Mitschüler möge mich hänseln. Denn dann hätte ich mich auf ihn gestürzt und wahnsinnig zugehauen, wahnsinnig! Aber es kam nicht dazu. Der Kantor Pfeiffer trat ein. Die Erregung fiel in mir zusammen. Ich fühlte mich ganz erschöpft und saß teilnahmslos, vor mich hinblickend, da. Dennoch verstand ich den Unterricht, beantwortete alle an mich gerichteten Fragen, versank aber immer mehr in eine Art gramvoller Verschollenheit. Als der Lehrer am Ende der Stunde wie gewohnt die Anwesenheitsliste aus dem Schube nahm und die Namen der Schüler zu verlesen begann, fing mir das Herz stürmisch zu hämmern an. Ich fürchtete mich vor Mathinka Meixners ›Hier‹;, vor dieser hellen, triumphierenden Stimme, weil ich nicht wußte, was mit mir geschehen würde, wenn sie aufklänge. Mit angehaltenem Atem, gesenktem Kopf, an meinen Lippen beißend, saß ich da und wurde von Namen zu Namen geruckt, ich weiß nicht, richtig wie ein Verurteilter. Nun sprach der Kantor den Namen aus. Ich packte vor Verlegenheit den Schulranzen mit beiden Händen. Aber das ›Hier‹; blieb aus. Pfeiffer hob prüfend den Kopf, wartete einen Augenblick und sagte dann lächelnd zu sich: ›Ach so, die ist ja nach Wesel ins Pensionat.‹; Da fiel die Angst von mir. Ein kaum erträgliches Glücksgefühl kam über mich, daß ich am liebsten über die Bank gefallen wäre und mein Gesicht in den Armen verborgen hätte. In der dritten Stunde stürzten mir plötzlich die Tränen aus den Augen. Ich grub mir die Nägel in meine Hand. Es half nichts. Die Tränen flössen, und ich hatte alle Mühe, das Schluchzen zu unterdrücken. Dabei sah ich, wie der Kantor mich musterte. Ja, er fing schon an, mich zu fragen: ›Sage mal, Peter, was ist dir denn?‹; Da wurde an die Tür geklopft. Ehe ich zu antworten brauchte, war der Lehrer zur Tür hinausgewirbelt. Als er bald darauf die Klasse wieder halb betrat, sah er mich über die Brille weg erst eine Weile mit erblaßtem, mitleidsvollem Gesicht an, nickte mir wie bestätigend zu und sagte dann leise über die vollkommen verstummte Klasse hin: ›Ja, ja, Peter, es ist so. Nimm dir die Sachen und geh nach Hause.‹; Dann verschwand er wieder auf den Flur. Die Stube drehte sich um mich, da ich zu ihm hinaustrat, und während ich taumelnd von meinem Platz der Tür zuschritt, überfiel mich die schreckenvolle Vermutung, irgend jemand könne vom Meixnerhofe herunter den Vorgang beobachtet haben, der sich gestern nachmittag mit dem Mathinklein und mir an der Querhovener Teufe abgespielt hatte, und die Meixnerbäuerin sei gekommen, um von dem Kantor meine Bestrafung zu verlangen. Meine Angst war umsonst. Als ich zaghaft auf den Flur hinaustrat, traf ich niemand als den Kantor Pfeiffer, der eben, über das Geländer gebeugt, jemand nachrief, der sich mit eiligen, schweren Schritten über die Holztreppe entfernte: ›Ich lasse Herrn Brindeisener und seiner Frau mein Beileid ausdrücken. Es wird alles besorgt werden, und heute nachmittag um fünf soll nur der Herr oder die Frau kommen, da können wir alles wegen dem Begräbnis bereden‹;, rief er hinunter. Dann kehrte er sich herum, trat an mich heran, nickte mir blassen, angegriffenen Gesichtes zu und streichelte gütig meine Wange, indem er sagte: ›Ja, ja, armer Peter: rasch tritt der Tod den Menschen an. Ich habe dir's angesehn, den ganzen Vormittag schon. Du hast's wohl in deinem weichen Herzen geahnt. Fass' dich, Peter: deine Schwester ist vor einer Stunde gestorben.‹; Dann redete er noch allerhand Tröstliches zu mir und sagte das, was er eben von dem Boten über die Umstände erfahren hatte, unter denen Amalie gestorben war. Sie sei hinter dem Tisch mit einem kleinen Schrei umgesunken und tot gewesen, schnell, wie man ein Licht ausbläst. Beim besten Willen bringe ich das genaue Nacheinander der folgenden Ereignisse nicht mehr zustande. Ich bin diesen Weg der Erinnerung, der Aufrechnung oder des Gerichtes, den ich vor Ihnen hoffentlich das letztemal gehe, unendlich oft gewandert. Aber immer, wenn ich bis zu dem Punkt komme, wo ich als beinahe vierzehnjähriger Junge auf dem oberen Flur der Hemsterhuser Schule dem Kantor Pfeiffer gegenüberstehe, halb im Beben der Furcht vor der Entdeckung meines ersten Fehltrittes, halb von dem unbegreiflichen Grauen des Todes meiner Schwester verdunkelt und doch auch im tiefsten meines Wesens über den Fortgang Mathinka Meixners, gleich einem Entronnenen, einem Befreiten, beglückt, wenn ich bis hierher gelange, geht es mir immer wie einem Wanderer, der, auf dem Wege von den Wirbeln einer Windhose angefallen, in die Höh' gehoben und eine Strecke durch verfinsterte Luft getragen wird. Übrigens ist das nicht die einzige Partie meines Daseins, die, verhüllt, erloschen, wie nie gewesen, gleichsam aus dem Gedächtnis herausgelockt, durch keine Sammlung und Hingabe an die Erinnerung sichtbar gemacht werden kann. Es ist mir so, als habe ich damals nach der Mitteilung des Todes meiner Schwester den Kantor Pfeiffer gefragt, ob Mathinka Meixner einspännig oder mit zwei Pferden zur Bahn gefahren sei, und wie lange sie fortbleiben werde. Ich weiß es aber nicht genau und schließe es bloß aus dem Klang und Rhythmus meiner Stimme, die aus dem Grau jener Tage noch heut lebendig an mein Öhr tönt, ohne ihre Worte verständlich machen zu können. Und zugleich sehe ich als Antwort auf meine Frage die erschreckten, unbeweglichen Karpfenaugen des Kantors aus dem Nebel der Erinnerung auf mich starren. Dann muß ich allein vor der Leiche meiner Schwester gestanden und mitleidig mit dem Zeigefinger ihre schmalen Lippen berührt hüben, die so blau waren, als habe sie jemand mit dem Saft der Heidelbeeren gefärbt. Dann rauschen Wasser durch mein Erinnern, tief, dunkel, unabsehbar, weit, und mir ist, als werfe ich Steine hinein, werfe Steine hinein, als prügelte ich die Wasser in Gram und Trauer und leidenschaftlichem Schmerz, weil sie mir nicht sagen, was das sei, das Sterben und der Tod der Menschen, obwohl sie es mit dem ewigen Auftauchen und Verschwinden der Wellen doch wissen müssen. Das Rauschen wie von allen Wäldern der Erde ist um mich. Wein Vater und meine Mutter gehen mit vergällten, mißmutigen Gesichtern durch das Dunkel, und die enttäuschte Bitterkeit auf dem Antlitz meiner Eltern erhellt und sänftigt sich auch nicht bei dem Gesang und Klang der Glocken, der zuletzt hallend einsetzt. Aber dann reißen die Schleier wieder, die die Vorgänge dieser wichtigen drei Tage meinen Blicken entziehen, und ich sehe mich als Letzter in jenem kleinen Schwarm der Grabbegleitung auf dem Grenzwege unserem Hof zustreben, der an dem Traueressen bei uns teilnehmen sollte. Der Sintlingerbauer und seine Ehehälfte waren unter ihnen, der kleine, zierliche und doch wie stählerne Mann mit seinem spielenden Gange, und die etwas größere, stille, ich muß schon sagen wohllautende, blonde Frau, die gar nicht miteinander verheiratet aussahen. Und doch merkte ich, daß sie wie durch ein Wunder zusammengehörten, und arbeitete mich durch die Menschen hindurch, um zu sehen, wie sie das machten, so fern und zugleich himmlisch einträglich miteinander hinzugehen. Ehe ich aber zu ihnen gelangen konnte, waren sie gerade an der kleinen Brücke angelangt, die vom Grenzwege über den Graben zu unserem Hofe hinführte. Da mögen sie wohl ein wenig gestutzt haben, ob sie in das Haus ihres Widersachers gehen oder zu ihrem Gehöft hinaufsteigen sollten. Deswegen ballte sich der Schwarm vor dem Brücklein und kam einen Augenblick nicht vorwärts, bis mein Vater, der, allen voran, schon auf dem halben Hügel stand, ihnen mit seiner klobigen Stimme etwas Freundliches zurief. Darauf sah ich das Gesicht des Sintlingers sich erhellen, er ergriff die Hand seines Weibes und zog sie sanft sich nach über die Brücke. Das war noch niemals geschehen, weder daß ein Sintlingerscher unseren, noch daß ein Brindeisenerscher ihren Hof betreten hätte, und ich war von der Tatsache, der verhaßte Nachbar mit seiner Frau komme unter unser Dach, wie von der Sicherheit betroffen, heute müsse etwas ganz Ungeheures geschehen. Der Schwarm schob sich langsam über den Hügel hinauf und verschwand unter unserem Hoftor. Ich aber setzte mich auf das niedrige Brückenmäuerlein, baumelte mit den Beinen und sah auf den schmalen Wasserfaden, der sich lautlos unter mir durch das bunte Herbstlaub hinwand. Ich wollte herausbekommen, was sich heute ereignen würde. Vielleicht erschlug mein Vater den Sintlinger, oder er warf ihn aus dem Fenster auf den gepflasterten Hof, daß er mit gebrochenen Beinen und blutend liegenblieb. Denn ich kannte die fast tierische Wut meines Vaters. Oder wenigstens fing er Streit an und prügelte ihn den Hügel hinunter, über die Brücke. Und wenn das geschah, war ich auch mit zerschlagen und vertrieben. Alles war aus, und ich mußte fortlaufen zu Mathinka Meixner, muhte sie aus dem Hause in der Fremde holen und mich wieder mit ihr an ein stilles Wasser legen, und das tote Gesicht mit den starren Augen bliebe zeitlebens an mir, weil ich ihr selber dann die Röcke über die Beine streifen mußte. Die Einbildungen packten mich so furchthaft, daß ich von meinem Mäuerlein sprang und in gestrecktem Galopp den Hofhügel hinausjagte, um mich durch den Augenschein zu überzeugen, wie weit in der Trauerstube das Unheil schon gediehen sei. Der Raum für die Schmerzgasterei lag in einem, hinten nach dem Garten zu ausspringenden Anbau und war mehr als eine Stube, schon fast ein kleines, wenn auch niedriges Sälchen. Seine Tür stand auf, und statt des gefürchteten Geschreies und wilden Tumultes hörte ich geruhiges, dielstimmiges Geplauder. Das löste mein krampfhaft schlagendes Herz, und als ich gar, noch ein wenig beklommen, unter die Tür trat, erblickte ich all die schwarzen Gäste in einer fast aufgeräumten Geselligkeit an den beiden langen Tafeln sitzen und tapfer essen, rechts die Frauen, links die Männer. Meinem Vater gegenüber saß der Sintlingerbauer und wippte eben spielend ein Messer mit Zeigefinger und Daumen, während er heiteren Gesichtes mit seiner hohen, entschiedenen Stimme offenbar etwas zu allen sprach, denn er wendete sich dabei bald nach rechts, bald nach links. Und als er geendet hatte, glitt über die Gesichter all der Männer ein beifälliges Schmunzeln. Nein Vater aber zog sich die Weste über den Leib herunter und dröhnte mit essenvollem Munde ein heiter-böses Lächeln heraus, dann hieb er das Messer mit dem Stielende auf den Tisch und schrie: ›Ja, ja, der Sintlinger ist ein geriebener Hund.‹; Die Sintlingerbäuerin hob bei diesem fröhlichen Ausbruch auf der Männerseite ihren leicht gesenkten Kopf und blickte, mit einem gütigen Lächeln auf dem sanften Gesicht, zu ihrem Mann hinüber, der ihr in achtsamer Heiterkeit zunickte. Dann lief die Unterhaltung auf jeder Seite wieder ihren besonderen Weg. Die Sintlingerin neigte den Kopf über den Teller, und das Herbstlicht wob aus ihrem blonden Haar einen goldigen Schimmer um ihren Scheitel. Als ich dies gesehen hatte, sank das Bangen ganz aus meiner Brust, und in meiner leidenschaftlichen Art schlug alles Finstere in glückhaftes Frohlocken um. Ich hatte des Sintlingers Heiterkeit über die Männer triumphieren sehen, und seine Frau hatte wie ein lichtes, stilles Wunder unter den Weibern gesessen. Das konnte doch kein Unglück geben. Da mußte doch alles gut werden in unserem Hofe, und der Tod meiner Schwester erschien mir gar wie ein Segen, und während ich drunten in der Wohnstube an einem Eckchen des großen Tisches meinen Teil an dem Trauermahl nicht aß, sondern verschlang, gaukelten überschwengliche Hoffnungen um mich, und immer wieder stand ich reißend auf, lief ans Fenster und sah über den Hübel hinunter und zu dem Sintlingerhof hinüber. Denn um das Glück vollzumachen, das uns widerfahren war, fehlte noch eins, das Lenlein, der Engel, das blinde Mädchen von drüben. Nachdem ich dies Aufspringen und Niedersitzen, dies Hinausgieren und Inmichversinken eine Weile getrieben hatte, litt es mich nicht mehr in der Stube. Ich ließ meinen Teller halb geleert stehen, lief hinaus in den Garten, kletterte auf das Brunnendächlein unter einem weitästigen Apfelbaum und begann in die goldblättrige, übersonnte Krone hinauf inbrünstig alle Lieder zu singen, die ich das Sintlingerlenlein je hatte singen hören. Denn nur so glaubte ich, das begehrte Mädchen herüber auf unseren Hof, nein, zu mir locken zu können. Alle Knabenbrunst war aus mir geschwunden, so als sei nie mein Inneres von ihr befleckt und verdunkelt worden. Wissen Sie, es strahlte geradezu in mir. Ja, wahrhaftig, wie eine Fontäne aus Licht und Feuer fuhr der Gesang aus meinem Munde. Nie, niemals in meinem Leben bin ich in einer solchen überirdisch-seligen Sehnsucht gewesen. Die Angst um die Eltern, um meinen Bruder, um den ganzen Hof trieben mich immer in ein neues Lied. Weiße Wölkchen zogen langsam am hohen, blauen Herbsthimmel, und ich trieb auf meinen Liedern im Rausch fast religiöser Verzückung. Aber immer noch ließ sich nichts auf dem Sintlingerhübel drüben sehen. Das Tor rührte sich nicht. Der Weg blieb leer. Da überkam es mich wie Angst und Erschöpfung. Ich ließ die Worte fahren und sang nur noch den Namen des ersehnten Mädchens nach der Melodie des Liedes. ›Komm, Sintlingerlenlein‹;, sang ich, ›komm zu uns herüber auf den Hof. Ich geh nicht mehr mit der Mathinka ans Wasser. Ich habe wieder lebendige Augen. Lenlein, komm herüber.‹; Und da ich meine Augen wieder aus dem Himmel sinken ließ, geschah das Wunder. Das Türlein des Sintlingerhofes ging auf, und das Mädchen kam sacht und vorsichtig den Hübel herunter. Mir stockte das Herz, und nun, nur immer ihren Namen singend, aber nicht mehr nach einem Liede, sondern bloß in furchtsamem Jubel, stieg ich von meinem Brunnendächlein und ging ihr entgegen. Nach meiner Stimme fand die Blinde den Weg. Auf unserem Brücklein wagte ich ihre Hand zu fassen und sie zu führen. So gingen wir schweigend, wie verzaubert an den ersten Bäumen des Gartens vorbei den Hügel hinauf. Ich, meiner Sinne nicht mächtig, in weißem Taumel. Sie war viel kleiner als ich und, obwohl sie vier Jahre jünger war, viel kleiner und Zierlicher auch wie sonst die neunjährigen Mädchen auf dem Lande. Ich sah ihre blonden Haare, ihre rätselhaften blauen Äugen, ihr schwebendes Gehen und wußte nicht mehr, wo ich war, und als sie die Beklemmung überwunden hatte und zu reden anfing, war es vollends um mich geschehen. Ich hörte gar nicht auf das, was sie sprach, sondern nur auf den Klang ihrer Stimme, gegen die die meine mir so grob und plump vorkam, daß ich anfangs gar wenig redete. Außerdem weiß ich kaum ein Wort von dem, was wir gesprochen haben. Denn auch die Ungerechtigkeiten, den Schimpf, den ich ihr, wenn auch wider mein Herz und erpreßt, aber doch immerhin angetan hatte, die unreinen Lüste, die Verirrung mit Mathinka Meixner, alles das, zu einem unübersehbaren Alp zusammengepreßt, bedrückte und verwirrte mich. Plötzlich verlangte sie, mich zu sehen, entzog sich meinen Fingern und streckte die Hände über sich nach mir hin. Da verstand ich erst, was sie meinte, und beugte mich zu ihr nieder. Und nun geschah etwas, das ich nicht anders als ein Wunder bezeichnen muß. Sie tastete mit ihren Fingern, die so zart waren, daß ich das Licht durch sie schimmern sah, über mein Gesicht. Davon ging ein Schauern von Seligkeit durch meinen ganzen Körper. Wie magisches Licht floß es aus ihren Fingerspitzen, ein unnennbarer Schleier. Der letzte Krampf der Starre von dem Erlebnis mit Kathinka Meixner am Wasser verlor sich jetzt vollkommen aus meinen Zügen, und ich sah auf geheimnisvolle, unbeschreibliche Weise mit einem inneren Schauen mein eigenes Gesicht, wie ich es noch nie gesehen hatte, schön und in Verklärung. Da fühlte ich mich wirklich erlöst von allem wilden Spuk der letzten finsteren Wochen und war so glücklich, daß ich am ganzen Leibe bebte. Indessen zwitscherte und plauderte das wunderbare Kind neben mir mit ihrem Vogelstimmchen, und ich führte sie weiter den Garten hinauf, richtig verzaubert, als ginge es nicht gegen den grämlichen Hof meines Vaters hin, sondern geradeswegs in den Himmel hinein. Warum bin ich nicht damals gestorben? Vom Jubel erwürgt worden, der mir den Hals einschnürte, hingeschlagen, von den Lichträdern zermalmt worden, die vor meinen Blicken tanzten? Ja, müßige Menschenfragen! Die Krüge unseres Schicksals werden wohl schon vor unserer Geburt gefüllt, unsere Hände kommen schon an ihre Henkel angewachsen zur Welt, und was wir auch immer planen, wollen, suchen, alles läuft doch darauf hinaus, das Gift zu trinken, das uns gebraut worden ist. Ich hatte damals vor, mit dem Lenlein an der Hand, in die Trauerstube zu gehen und vor allen Gästen meinem Vater und meiner Mutter um den Hals zu fallen. Ich, fast vierzehnjähriger Junge, verschlossen und eigenbrötlerisch bis dort hinaus! Daraus können Sie ersehen, wie aufgelöst, erschüttert ich war, wie meine Wellen zum Sprung in ein anderes Lebensbett ausholten. Es sollte leider anders kommen. Als ich mit dem Lenlein an der Hand bis zu dem Brunnen gekommen war, von dessen Dach ich eben gesungen halte, blieb ich ein wenig stehen, um zu überlegen, was ich sagen sollte, wenn ich nun mit dem Lenlein unter den vielen Leuten vor meinen Eltern stehen würde. Und während ich leidenschaftlich an den Worten herumraffte, die mein drängendes Herz mir auf die Zunge warf, hörte ich einen Tumult, ein Durcheinander von, wie mir schien, streitenden Männerstimmen durch die geöffneten Fenster der Trauerstube bringen und meinen Vater in Wut alle überschreien. ›Daraus wird nichts. Verflucht, nein! Über Brederode wird die Straße nicht gebaut. Hiergeblieben, Sintlinger‹;, brüllte er. Nun war das Unheimliche da. Ich sah ihn in meiner Einbildung auf den kleinen Bauern stürzen, ihn packen, zum Fenster emporheben, um ihn hinaus auf das Pflaster des Hofes zu schmettern. Alles, was mir meine aufgestörte Phantasie vor ein paar Stunden Furchtbares vorgegaukelt hatte, sah ich erfüllt. Das Lenlein hatte meine Hand fahren lassen und fragte, das Gesicht wendend, was das für ein Geschrei in unserem Hofe sei. Ich aber, um sie von dem Horchen abzubringen, hob sie in die Höh', drehte mich mit schreiend lustigem Singen ein paarmal um mich selbst, als tanze ich, stellte sie wieder hin und sagte ihr, sie solle nur auf mich hören, ich wolle ein wildes Pferd sein. Und in meiner Seelenangst begann ich wie besessen durch den Garten zu jagen. Schlug toll mit den Absätzen auf, wieherte wie ein durchgehendes Roß und ahmte auch das Schreien des erregten Knechtes nach, dem es sich entrissen hatte. Und wirklich, das liebe Kind ließ sich von meiner Täuschung gefangennehmen, lachte überlaut, klatschte beglückt in die Hände und wurde von meiner Tollheit so angesteckt und hingerissen, daß sie ihre Blindheit vergaß. Laut rufend begann sie auf dem abschüssigen Abhang hinter mir herzulaufen. Und obwohl ich in meinem Rasen augenblicklich einhielt und ihr zurief, sofort stillzustehen, konnte ich das Unglück nicht mehr verhüten. Sie war ins Jagen gekommen, strauchelte auf dem unebenen Boden und fiel so schlimm, daß sie mit dem Kopf auf einen Stein schlug. Als ich hinzusprang, lag sie blaß und still, und das Blut floß ihr aus der Stirn. In meiner Angst drückte ich den Mund auf die Wunde, weil mir einfiel, man müsse eine Wunde aussaugen, um das Blut zu stillen und sie zu heilen. Ich sog und sog, hatte den Mund voll Blut, schlang es hinunter, besudelte mir das Gesicht und die Kleider, rief das Kind mit allen Kosenamen, rüttelte an ihr, hob sie auf und erreichte doch nichts. Sie öffnete die Augen nicht und hing schlaff und leichenblaß in meinen Händen. Da überfiel es mich, sie habe sich erschlagen, und ich sei schuld an ihrem Tode. Entsetzt ließ ich sie aus den Armen ins Gras gleiten, stürzte über den Hof, die Treppe hinauf, trat mit meinem blutigen Gesicht auf die Schwelle der Trauerstube, schrie hinein, daß das Lenlein tot im Garten liege, und lief dann zerstört wieder fort, von dem wahnsinnigen Gedanken beherrscht, ich habe das heilige Kind getötet, sei ein Mörder und müsse auch sterben. Wie ich aus dem Wohnhaus gekommen bin, weiß ich nicht. Das Bewußtsein kehrte mir erst zurück, als ich auf den Bodenraum der Scheuer mich durch das Heu gegen das Dach hinaufarbeitete. Dort wollte ich mich verkriechen und verhungern. Diesen Entschluß riß ich in mich hinein wie ein Erstickender die Luft, dann überfiel mich der Schlaf wie ein Totschläger, drückte mir den Kopf rückwärts ins Heu, als bräche er mir das Genick, warf mein ganzes Innere wie Plunder durcheinander und stieß mich mit dem Fuß in ein finsteres, bodenloses Traumloch. Darin fiel und fiel ich, Stunden um Stunden. Der Abend kam, natürlich der Traumabend, ich fiel, die Nacht trat ein und spritzte Sterne durch die Luft. Ich fiel und fiel. Es war schrecklich. Als es Morgen wurde, fiel ich noch immer. Ich sah ein, daß das die ganze Ewigkeit so gehen würde, und verzweifelte bis zum Herzerfrieren. In diesem angstvollsten Augenblick hörte ich eine Stimme, steinweit entfernt, von der Erde her nach mir rufen. Sie klang ganz leise, durch die Ewigkeit fast lautlos gemacht. Es war die einzige Rettung in diesem rasenden Fallen. Ich riß mich zusammen und rief wieder. Da gab es einen Ruck. Die Fahrt stand. Erstaunt öffnete ich die Augen. Und als ich noch immer tiefe, schwarze Nacht um mich sah, ganz weit nur der lautlose Vorüberflug riesiger schwarzer Kugeln, da dachte ich, daß es vielleicht besser gewesen wäre, weiter zu fallen, als nun zwischen lauter erloschenen Planeten mitten im unendlichen Weltraum zu stehen und nicht zu wissen, wohin sich wenden. Und wie ich in meiner Ratlosigkeit mich umkehre, um auch nach einer anderen Richtung Ausschau zu halten, sehe ich ein Gesicht aus der Unendlichkeit, und zwar mit der Schnelligkeit eines Pfeiles auf mich zufliegen. Erst klein wie ein Punkt, im Nahen sich rasend schnell vergrößernd. Es war schrecklich. Ich schloß ergebungsvoll die Augen. Als ich sie wieder öffnete, stand es vor mir. Wenn ich meinen Arm hob, hätte ich es berühren können. Aber ich war wie gelähmt. Wir standen uns eine Weile gegenüber, und als das Wesen jetzt die Augen aufschlug, wußte ich, es war der Satan, der vor mir stand. Der Weltallssatan. Seine Blicke durchbohrten mich einen Blitz lang. Dann nickte er mir befehlend zu und verschwand. Dem war nicht zu entrinnen. Es rief von der unendlich fernen Erde wieder mit schwacher Stimme nach mir. Da ließ ich mich auf meine Hände nieder und begann auf allen Vieren durch das Heu zurückzukriechen, kam an die Leiter, kletterte hinunter auf die Tenne, ging über den dämmerigen Hof und trat in die Stube meiner Eltern. Mein Vater saß am Ofen, den Kopf gesenkt, die Beine auseinander geworfen, die Hände geballt, wie zwei unförmliche Steine, zwischen den gespreizten Knien hängend. Er saß da in der Gebärde höchster Wut. Ich war noch im Traum und wach, noch im Weltraum und wieder auf der Erde. Als mein Vater jetzt den Kopf hob und mich ansah, trug sein Gesicht die Züge des Satans, der eben aus der Weltunendlichkeit auf mich zugesaust war, so grauenhaft, so entsetzlich sah mein Vater aus, daß ich in Bestürzung wohl das Wort Teufel gestammelt haben muß. Denn nun donnerte er auf mich los: ›Jawohl, Teufel.‹; schrie er, ›hast recht, wenn du dich so nennst. Hund, verfluchter, könnt'st du auch sprechen. Den Sintlingerdarm umschmeißen. Meinetwegen. Ihn blutig schlagen. Warum nich? Die Luder verdienen's. Aber das Blut saufen. Da hört doch alles auf. Da muß sich eens ja schämen im ganzen Kreese und weiter 'naus.‹; Und nun strafte mich der Sinnlose, als wolle er mich wirklich erschlagen. Ich hatte mit dem Leben abgeschlossen und war glücklich, für das Lenlein sterben zu können. Mit ihrem Namen auf den Lippen verlor ich die Besinnung, als mich mein Vater von der Diele aufhob und zwischen Ofen und Schrank wie ein Bündel Lumpen in den Winkel warf. Für tot, aus vielen Wunden blutend, hat mich meine Mutter den Händen des Wütenden entrissen und in mein Bett auf den Boden getragen. Das Sintlingermädchen hatte natürlich nicht das von mir befürchtete Schicksal erlitten. Das zarte Kind war durch den Sturz in unserem Garten in eine tiefe Ohnmacht verfallen, unter der Aufregung des ganzen Trauergeleites von ihrer erschreckten Mutter nach Hause getragen worden und hat dann länger im Fieber gelegen, als die ungefährliche Stirnwunde es notwendig machte, wohl weil ihr reizbares Gemüt von allerhand Angstvorstellungen beunruhigt worden ist. Das erfuhr ich, nachdem ich mich von den vielen körperlichen Schäden durch die Züchtigung meines Vaters wieder erholt hatte. Es blieb mir auch nicht verborgen, daß meinen Vater weniger der Anfall des Lenleins zu diesen wilden Gewalttätigkeiten gegen mich getrieben hatte, sondern die Niederlage in einem Streit um die Führung einer Straße nach dem Rhein. Es handelte sich um eine Niederlage, die ihm der überlegene Sintlingerbauer so vollkommen und doch mit solchen Mitteln gütiger Weisheit beigebracht hatte, daß mein Vater dem allgemeinen Gelächter auch seiner Freunde verfallen wäre, wenn er sich gegen den verhaßten Überwinder zu ungezügelten Ausbrüchen hätte hinreißen lassen. Dies mühsam unterdrückte Schnauben seiner ungebändigten Natur hatte sich gegen mich entladen. Die Folgen für mein Leben, für mein Wesen waren furchtbar. Noch jetzt, indem ich es, als eigentlich überfälliger Mann, erzähle, stockt mir das Herz. Ein Vulkanausbruch, der Asche, Feuerlohe und Lava über eine blühende Stadt wirft, war das barbarische Strafgericht des Vaters über mich gewesen. Alles, aber auch alles hatte es in mir verschüttet: meine himmlische Liebe zu dem Lenlein, meine Gier nach Mathinka Meixner und die Angst vor ihrer sündigen Schönheit, meine Sorge um mein und der Eltern Glück. Alles war aus mir gebrannt, verschwunden. Ich war eine stumm gewordene Geige. Was ich sonst gefürchtet, ersehnt, wonach ich gebangt, wovon ich geträumt hatte, das lag so weit zurück, daß ich mich seiner kaum mehr erinnerte. Man kann erschlagen werden und dennoch weiterleben. Das habe ich damals das erstemal aufs tiefste erfahren. Auf einen Vorfall erinnere ich mich ganz genau, der für meinen damaligen Zustand bezeichnend ist. Nachdem ich aus dem Delirium und Fieber erwacht war, lag ich Tage um Tage, fragte nach nichts, sah kaum meine Mutter an, die mich pflegte, dachte nichts, fühlte nichts, sondern starrte nur immer auf die Bretterwand der Kammer, an der das Licht des Fensters nach den Tageszeiten auf und nieder rückte, kam und schwand, zählte die dunklen Astflecken und betrachtete die Maserung des altersgelben Holzes. Nach wieviel Tagen weiß ich nicht, hörte ich am Fenster hinter mir etwas leise rascheln. Als ich den Kopf zurückwandte, sah ich einen Schmetterling, ein spät ausgekrochenes Pfauenauge, leidenschaftlich gegen das Glas fliegen, um in das Herbstlicht zu kommen, das noch einmal warm und verklärt draußen aufgewacht war. Ich stand auf, fing das sehnsüchtige schöne Wesen, zerdrückte ihm den Kopf und warf es hinaus. Dann legte ich mich nieder. Es würgte mich im Halse. Die Augen wurden mir feucht. Aber ich lächelte, kehrte mich gegen die Wand und schloß die Augen. So zugerichtet, verließ ich endlich das Bett. Als ich die Treppe herabkam, sah ich meinen Vater vom Hofe her in die große Wohnstube gehen, wohin ich auch wollte, und wurde von einem solchen Widerwillen befallen, daß ich kehrtmachte und auf den oberen Flur zurückging. Meine Mutter aber rief dringend und herzlich nach mir. Ich überwand mich und stieg zögernden Schrittes die Treppe wieder hinunter. In der Stube redete die Mutter heftig auf den Vater ein, der mit schweren Stiefeln auf und nieder ging. Als ich die Tür öffnete, brach der Redestrom meiner Mutter ab, der Vater hielt im Gehen inne, drehte sich nach mir um, verfärbte sich bei meinem Anblick und sah dann zum Fenster hinaus. Mir war es, als sei ich in der Stube vollkommen fremder Leute, setzte mich an den Tisch und duldete es mit einem förmlichen Lächeln, daß mich meine Mutter bediente, mir ein Essen auftrug, mich zum Zulangen nötigte, kurz, alles tat, um durch Gesprächigkeit und liebevolles Wesen über dieses erste Zusammentreffen mit meinem Vater hinwegzukommen, der sich in der ganzen Zeit meines Krankseins nicht an meinem Bett hatte sehen lassen. Ich brachte kaum ein Wort hervor und kaum einen Bissen hinunter. Endlich überwand sich mein Vater, gab sich einen Ruck vom Fenster weg, trat mit zwei langen Schritten mitten in die Stube, spuckte laut aus und maß mich dann mit einem zornigen Blick. Aber ich duckte mich nicht, legte Messer und Gabel hin und sah ihm kalt, entschlossen, fast geringschätzig mitten in sein zuckendes, zusammengezogenes Gesicht, lachte sogar auf und langte dann wieder nach Gabel und Messer. Meiner Mutter wurden bei diesem stummen Zweikampf zwischen mir und meinem Vater die Knie schwach, sie mußte sich auf die Ofenbank setzen und wand, mich bittend, die Hände hinter dem Rücken meines Vaters, dessen Jähzorn jeden Augenblick von neuem losbrechen konnte. Mir schlug auch das Herz. Denn ich sah schon die beiden Wülste über der Nasenwurzel im Gesicht meines Vaters anschwellen und rot werden. Aber ich wäre eher gestorben, auf der Stelle, ehe ich nachgegeben hätte. Darum legte ich laut Messer und Gabel wieder hin, schob meine Haare über die Stirn und zeigte lächelnd die tiefe Kopfwunde, die ich mir beim Wurf gegen den Schrank geschlagen hatte, so, als sagte ich: Wenn du mir den Schädel vollends spalten willst, tu es immerhin. Das traf meinen Vater wie ein unerwarteter Hieb. Seine schon heraufschnarchende Wut blieb ihm im Halse stecken. Er deckte sich die Hand über die Augen, nickte gegen die Erde hin und brachte dann mühsam fast etwas wie eine Entschuldigung heraus: ›Na ja ... hast recht,‹; sagte er dumpf und bedrückt, ›freilich – – aber, na ... gut! ... Alle! ... Vorbei! – Sie is ja nich tot, wie das gratschlige Weib von drüben gegillt hat. Ein tummes Vornehmgetue war's bloß von dem Pack! – Haha! – Na, und dir schmeckt's ja auch schon wieder, Junge. Das is recht. Los, iß, iß! Und wegen dem anderen, da geht der Wind wieder!‹; Nachdem er sich so unrecht gegeben hatte, trat er erleichtert auf mich zu und legte mir herzlich lachend die Hand auf den Kopf, eine Liebkosung, die ich noch nie in meinem Leben erfahren hatte. Aber alle Feuer vom Herzen her waren in mir erloschen. Die Berührung meines Vaters wirkte unangenehm. Ich griff hinauf und zog seine Hand weg. Ich tat, wozu mich eine Art eisige Abneigung drängte, ohne zu bedenken, daß mich dieser wilde Mann dafür wahrscheinlich mit einem Hieb neben die Bank schmettern würde, auf der ich saß. Und es funkte auch richtig ein mordstolles Aufblitzen durch sein eisernes Gesicht. Allein er bezwang sich und fragte mit einem Beben in der dumpfen Stimme: ›So?‹; Ich neigte den Kopf und sagte ein entschlossenes, kaltes ›Ja‹;. Da kroch ein graues, stumpfes Häutchen über seine Augen. Es kam ihm wohl dumpf zum Bewußtsein, daß er nach Amalie ein zweites Kind verloren hatte, fuhr sich mit der Rechten an den Mund, murmelte etwas Unverständliches zwischen den Fingern heraus und ging dann langsam, überlegend der Tür zu. Vor dem Hinausgehen lachte er zwar in einem höhnischen Stoß auf, konnte aber damit nichts an der Tatsache ändern, daß er mir unterlegen war. Als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, stand selbst die Luft wie abgeschlagen, gleichsam vor Entsetzen erstarrt, in der Stube. Meine Mutter saß regungslos auf der Ofenbank. Mir war zumute wie nach einem halsbrecherischen Sprung, voll eines verzweifelten Siegergefühls und finsterlich betäubt in einem, und ich wagte eine Weile nicht, den Blick vom Boden loszureißen, wo er wie angenagelt hing. Das schluchzende Atmen einer alten Brust hob mir endlich den Kopf. Da sah ich meine Mutter, nicht eigentlich lebendig, sondern eher eine Steinfigur, gereckt und leblos, auf dem Bänklein am Ofen sitzen, die Hände im Schoß verkrampft gefaltet und ihr zu Tode erblaßtes Gesicht regungslos auf mich gerichtet, in einem solchen fassungslosen Grauen, als sei sie eben Zeugin des Furchtbarsten gewesen, was sich denken läßt, und das alte Haus knirschte schon in allen Fugen, deswegen einzustürzen und uns unter seinen Trümmern zu begraben. Denn die feindselige Auflehnung eines Kindes gegen seinen Vater ist ja auch eine widernatürliche Umkehrung der ganzen Welt. Freilich. Aber dieser Mann, der, ohne einen anderen Grund als den seines Jähzorns, mich in die Krankenkissen hineingeprügelt hatte, war wie eine endlose Folter auch über ihr gewesen, bis ihr Leben, aus allen Gelenken des Frohsinns gerissen, um alle gnadenvollen Träume der Güte gebracht, ausgedorrt, hoffnungslos, eine grämliche Arbeitsmaschine wie er geworden war. Wie ein giftiger Meltau auch hatte das Wesen dieses unseligen Mannes ihre Jahre verkümmert und zerfressen. Das alles lasen meine Blicke aus der Haltung ihres gereckten, abgearbeiteten Körpers, ihres fahlen, verblichenen Gesichtes und den weit geöffneten unbeweglichen Augen, aus denen fortwährend ein Strom stummer, zäher Tränen quoll, durch die Furchen ihrer Wangen rann und in dem rauhen Wollzeug der Jacke sich verlief. Und dennoch brach aus dieser mißhandelten Frau auf eine unaussprechliche Weise zugleich der Stolz der Mutter, daß einer es gewagt hatte, dem Peiniger aller das Knie auf die Brust zu drücken, und daß es gerade ich, ihr Jüngster, gewesen war, der sich aus der letzten erlöschenden Inbrunst ihres Herzens losgerungen hatte. Auf diese Weise hatte die Unterjochte doch noch gesiegt. Darum auch klang der Vorwurf, zu dem sie sich endlich aus dem Erstarren des Schreckens aufraffte, in seinem Beben fast wie furchtsamer Jubel: ›Peter, aber was hast du denn gemacht!?‹; In diesem Augenblick sprang alles fix und fertig in mein Hirn, was sich in den Tagen meiner Krankheit zusammengebraut hatte, während ich gedanken- und gefühlslos im Bett lag und auf das Holz meiner Kammerwand starrte. ›Jawohl,‹; sprach ich, plötzlich im Grellen und Klaren, ›ich muß fort, ich darf nicht mehr hier auf dem Hofe bleiben, sonst gehe ich zugrunde.‹; Und so schnellte ich in der Erschütterung von meinem Sitze auf. Meine Mutter war im Schreck auch aufgesprungen, kehrte aber mit abgeschlagenen Schritten wieder auf die Ofenbank zurück, ließ sich auf den Sitz fallen und brach in den ratlosen Ausruf aus: ›Aber, Junge, wie willst du denn das machen, das »Fort vom Hofe«? Das geht doch nicht.‹; Da setzte ich ihr kühl auseinander, daß ich beim Hemsterhuser Pfarrer und, wenn es nötig sein sollte, auch beim Kantor Pfeiffer den Winter über Stunden nehmen wolle, um zu Ostern in eine höhere Klasse des Gymnasiums zu kommen. Ich würde das schon machen, da könnten sie sich auf mich verlassen. Aber zu Ostern spätestens müsse ich aus dem Hause. Ich wolle studieren, ein Doktor werden, ein Gelehrter, irgend so was, was, wisse ich noch nicht. Das sei auch jetzt noch nicht nötig zu wissen. Denn bis dahin dauerte es doch noch Jahre. Diesen Entschluß solle sie dem Vater sagen und für seine Einwilligung sorgen. Wenn er sich weigere, dann liefe ich einfach bei Nacht und Nebel fort. Wohin, sei ganz egal. Ich müsse fort von hier, oder ich stürbe lieber auf dem Fleck, wo ich sitze. And wenn mich der Vater totschlagen wolle, gut, so solle er es machen. Aber zu ändern sei bei mir nichts mehr. Das alles hatte ich kurz, klar, lieblos, mit der ganzen Brindeisenerschen verwogenen Entschlossenheit gesprochen, und als ich jetzt, vor Erregung bebend, meinen Blick nach dem Ofen lenkte, um mich von dem Erfolg meiner Worte zu überzeugen, saß meine Mutter betäubt, eingesunken dort, als ob ich sie mit einem Hammer auf den Kopf geschlagen habe. Ihr Gesicht war verschrumpft wie das einer Siebzigjährigen. So sah sie unbeweglich mit weiten Augen nur immer auf einen Fleck der Diele. Zuletzt dauerte mir das zu lange. Ich räusperte mich und stand auf. Da kehrte ihr zersprengtes Bewußtsein zurück. ›Ja, ja‹;, sagte sie tonlos nach dem gleichen Fleck der Diele hin. Dann wandte sie mir ihr Gesicht zu und betrachtete mich verwundert, als sähe sie mich das erstemal im Leben. ›So, so‹;, sagte sie darauf. ›Na ja. Das is halt so mit den Menschen. Auch mit den Kindern. Wenn's fertig is, fällt's ein. Eins stirbt, eins will fort. Da is wohl nichts mehr zu machen. Du solltest eigentlich 's Gut kriegen. Nu rutscht's anders. Na, lieber Junge, eh du stirbst, gehst du eben. Und wehrt sich der Vater, gehn wir zusammen. Daß du's weißt, Peter ... du ...‹; Da versagte ihr die Stimme, sie schluchzte auf und breitete verlangend die Arme nach mir aus. Überwältigt, als wäre mein Herz jäh in die Sonnenglut hinaufgeworfen, sprang ich von der Bank in die Höh', um mich an ihre Brust zu stürzen. Allein es sollte zu dieser innigsten Vereinigung zwischen mir und meiner Mutter nicht kommen, die alle Schatten um sie weggeschmolzen hätte. Denn kaum, daß ich im Flug meiner Erschütterung mit ein paar springenden Schlitten in der Mitte der Stube angekommen war und die Mutter mir schon glücklich entgegensank, polterten des Vaters schwere Schritte vom Hofe herein in den Flur und waren so eilig an der Tür, daß ich nur die Spitzen ihrer Finger fassen konnte und dann so schnell dem Ausgange zuschreiten mußte, daß ich meinem Vater fast auf den Leib prellte, als er die Tür aufriß und mit mißtrauischen Augen die Stube überflog, als wittere er nach der Luft eines Komplotts. Aber meine Mutter war in die Nebenstube verschwunden und wirtschaftete dort auffallend laut mit hölzernem Gerät. Ich schlüpfte eilig an ihm vorüber in den Flur hinaus, und als ich die Tür hinter mir zugezogen hatte, stand ich mit hochatmender Brust und überlegte, ob ich nicht versuche, durch die Geschirrkammer in die Nebenstube zu meiner Mutter zu kommen, oder ob ich warte, bis es ihr gelinge, sich zu mir herauszuschleichen. Ich trat auf die Haustürschwelle und schaute mit zerflossenen Blicken über den Hof, ohne etwas zu sehen, noch ganz benommen von dem seligen Wirbel, in den mich der ungewöhnliche Liebesausbruch meiner Mutter hinaufgeschleudert hatte. Da unterlag ich einer geheimnisvollen Berückung. Es war mir auf einmal gewiß, daß sich jemand von draußen her unserem Hoftor nähere. Obwohl keine Schritte zu vernehmen waren, wendete ich doch meine Augen dorthin. Der Querbalken rührte sich nicht, das Tor blieb geschlossen, und dennoch auf eine unaussprechliche Weise tat es sich weit auf, und ein Unsichtbarer betrat unseren Hof, nicht wahrnehmbar, aber finster, Luft und doch unwiderstehlich, so geschah das Unbegreifliche, daß ich, wie benommen von einem schweren Traum, zusammenschauerte und in das Haus zurücktreten wollte, weil ich glaubte, mich dadurch vor dem Unheimlichen zu retten. Aber meine Füße waren schwer, wie an die Schwelle genagelt, ehe ich sie wenden konnte, streifte es kühl an mir vorüber, ein Schatten und doch kein Schatten, ein Wesen, wahrhaft ein Wesen und doch nicht wahrzunehmen, streifte an mir vorüber und verließ den Hof nach der entgegengesetzten Seite hin durch das Hintere Pförtchen, ohne es zu bewegen. Ich aber unterlag der Nötigung des traumhaften Zustandes, in den ich versetzt worden war, so vollkommen, daß ich ohne Widerstand, ohne zu denken oder etwas zu erwarten dem Rätselhaften folgte und durch eben das Beipförtchen aus dem Hofe trat, durch das es hinausgeschwunden war. Eine Magd und mein älterer Bruder waren damit beschäftigt, auf dem ersten Acker hinter dem Hofe Rüben einzumieten. Eben als ich geräuschlos das Türchen hinter mir hatte zusinken lassen, bückte sich die Magd, um das Grabscheit in den losen Boden zu stoßen, dabei schoben sich die heraufgewulsteten Röcke des Mädchens weit über die Kniekehlen hinauf. In diesem Augenblick warf mein Bruder seine Schaufel weg und geriet von hinten in geiler Weise über das nichtsahnende Mädchen. Er lachte brünstig auf, es entstand ein Wirbel, die Magd schlug und wehrte sich. In mir aber fiel der selige Schimmer von dem Liebesausbruch meiner Mutter jäh zusammen, wie wenn man mit Prügeln ein Feuer einhaut, und ich war wieder der zerstörte Knabe, der von seinem Vater aus seiner Jugend hinausgeprügelt worden war, kühl, voll Lebensgrauen, innerlich alles niedergetreten, mit Ausnahme der eisigen Raserei meiner Sehnsucht nach Flucht aus dem Elternhause. Durch den nahen Wald lief leise, wie äffend, das Echo des geilen Gelächters meines Bruders, gespenstisch forthuschend, als rühre es nicht von seiner, sondern von der Stimme des unsichtbar Finsteren, der mich aus meinem schönen Aufblühen hierhergelockt hatte, um es auszublasen. Ich fühlte plötzlich, daß es sehr kalt sei. Ich fror nicht nur bis ins Herz, nein, bis in die Knochen hinein und schlich auf den Zehen mit zitternden Knien die Treppen hinauf in meine Bodenkammer. Als ich ihre Tür aufgemacht hatte und in dem dämmerigen Licht des todeinsamen Raumes mit zwei Schritten bis an mein Lager getreten war, überkam mich eine solche Geborgenheit in meiner Lebensverzweiflung, daß ich die Kraft verlor, aufrecht stehenzubleiben, und auf mein Lager sank. Dort streckte ich mich steif, wie zum Sterben, aus, zog die Decke bis zum Halse herauf und hatte bald die grauenvolle, aber unendlich beglückende Empfindung, daß sich mein Körper in seiner Gestalt auflöse, bis auf ein einziges Bestreben, sich in die Länge auszudehnen. Er wuchs nach unten und oben. Mein Kopf rückte durch das Dach in die Luft hinaus, meine Beine streckten sich langsam bis zur Tür und dann weiter, unaufhaltsam in den finsteren Bodengang hinaus. Und während dieser Spuk an mir geschah, erhob sich lautlos aus dem leeren Bett meiner gestorbenen Schwester der Tod, trat an mein Bett und sah mit zufriedenem Grinsen diesem unhemmbaren Wachstum meiner Auflösung zu. Dabei strömte aus seinem Munde ein Sausen wie das Geräusch einer wolkenfernen Luftmaschine. Eh mein Bewußtsein völlig unterging, nahm ich meine ganze Kraft zusammen und schrie, so laut ich konnte: ›Ich bin Peter Brindeisener.‹; Dann fiel ich im Leeren vollkommen auseinander.« * Der Erzähler versank in Schweigen, das so plötzlich einsetzte, als sei er vor etwas erschrocken. Ich sah nach ihm hin, konnte ihn aber nicht erkennen. Denn es war vollkommen finster geworden, sicher schon tief in der Nacht. Der Orion stand als greller Lichtstrich in dem klaren Nachthimmel. Dann und wann zuckte es durch seine Sterne, und ich erhob mich, um zwischen den Baumstämmen hin das Zittern ihres Lichtes auf dem regungslosen Spiegel des schlafenden Tolketeiches zu erspähen. »Bleiben Sie sitzen!« rief ängstlich flüsternd der Buchhalter. »Um Gottes willen, rühren Sie sich nicht!« »Warum denn?« fragte ich leise. »Der Orion funkelt so unheimlich.« »Setzen Sie sich«, mahnte er leise und so gepreßt, daß ich beim Niedersitzen mich nach ihm hinbeugte und mit ausgestrecktem Arm ihn zu ertasten suchte. Ich traf auch glücklich seine Hände, die wohl wie immer aufeinanderlagen, aber sich kalt und welk anfühlten und so leise bebten, als zittere das Zucken der Sterne in ihnen nach. »Was ist Ihnen denn, Herr Brindeisener?« fragte ich besorgt. Statt zu antworten, umschloß er mit seinen riesigen, bebenden Händen die meine und preßte sie leidenschaftlich; dabei hörte ich, wie er mit versagendem Atem nach Worten rang. Indem begann die Uhr von Wirbnitz durch die sternklare Nacht zu schlagen, nicht wie eine Glocke tönt, sondern wie eine geisterhafte Stimme für sich etwas unnennbar Tiefes aus raumloser Ferne durch die Wipfel hereinsingt. Brindeisener hörte bei diesem Laut sofort auf, meine Hand zu drücken, und begann die singenden Schläge zu zählen, geradeso wie ich, aber geradeso in Gedanken, in sich hinein, und es ist sehr wohl möglich, daß er, ebenso wie ich, mit dem Hinterton seines aufgewühlten Wesens nach dem Rhythmus der Schläge traumhaft zugleich den letzten beschwörenden Ausruf wiederholte: »Ich – bin – Pe–ter Brind–ei–se–ner!«, bis mitten im letzten Wort, mit dem zwölften Schlage, das Getön aufhörte und eine Stille auf uns beide stürzte wie aus einem Riß durch die Welt, aus einer Schlucht heraus. Brindeisener riß seine Hand schreckhaft an sich, sprang auf und starrte regungslos ins Finstere. Ich erhob mich auch, um gewahr zu werden, was seine Aufmerksamkeit so leidenschaftlich erregt habe. Ehe ich aber fragen konnte, was er sehe, wendete er sich und stürmte fluchtartig an mir vorbei, den Weg hin, auf dem ich gekommen war. Ohne zu überlegen, folgte ich ihm. »Kommen Sie schnell!« rief er zurück. »Schnell! Ich ertrage seine Nähe nicht, trotz meiner grauen Haare.« Mit ein paar Sätzen war ich neben ihm. »Was ist Ihnen denn, Herr Brindeisener?« fragte ich besorgt wieder. »Schnell! Schnell!« antwortete er atemlos und drehte sich im Laufen immer wieder um. »Haben Sie ihn gesehn?« »Nein!« »Na gut. Da is ja gut. Freilich. Er hat keinen Fug an Sie. Freilich.« In höchster Aufregung stotterte er das vor sich hin. Vor ein paar Stunden, zu Anfang seiner Erzählung, hatte er das leise Stampfen ferner Kohlenschächte für die Schritte eines Menschen gehalten, der um den Tolkebusch ging und sich nicht zu uns hereinwagte. Vielleicht war diese halluzinatorische Täuschung wieder über ihn gekommen. »Wovon reden Sie denn? Was denn? Wer denn?« fragte ich etwas unwillig und hatte Mühe, mit ihm gleichen Schritt zu halten. Statt aller Antwort faßte er meine Hand und zog mich hinter sich her. Er kam von dem Wege ab und stürmte einen alten, abschüssigen Hohlweg hinunter, in dem überall große Steine lagen, stolperte fortwährend und drohte zu fallen, ließ aber meine Hand nicht fahren, sondern lief wie sinnlos hinunter in die Finsternis, die wie ein schwarzes Loch aussah. Wie leicht konnten wir in grubenunsicheres Terrain geraten und in einen der turmtiefen Spalte stürzen. Ich packte ihn endlich mit beiden Händen und riß ihn zurück. »Halt!« schrie ich aus Leibeskräften. »Sind Sie des Teufels. Brindeisener!« Da kam er zur Besinnung und blieb stehen. Und während er, den Atem sammelnd, sich den Schweiß aus dem Gesicht wischte, machte ich ihn auf die Gefahr aufmerksam, der wir uns durch diesen sinn- und ziellosen Lauf ausgesetzt hätten. Er entgegnete kein Wort. Auch als ich geendet hatte, stand er noch eine Weile mit grübelnd gesenktem Kopf da. Dann sagte er dumpf: »Na ja, ich weiß, wenn das Gestein in Bewegung ist, da nutzt das Einseilen nicht immer. Über Nacht reißt es von inwendig her auf. Und dann ist die Kutsche alle, wenn sie in so ein Loch gerät. Aber was wäre denn da auch weiter?« rief er höhnisch lachend und schlug die Hände zusammen. »Erlauben Sie mal, Herr Brindeisener!!« begann ich erschrocken. Doch er ließ mich nicht ausreden. »Nein, nein, es ist gut so. Sie haben recht«; sprach er gesammelt. »Nach der Suppe ist die Mahlzeit nicht alle. Und das Diner, das ich angefangen habe aufzutischen, muß zu Ende gegessen werden. Kommen Sie, wir steigen wieder hinauf. Ich denke, er wird vorbeigeschwunden sein.« Langsam und oft anhaltend, tappten wir uns den steilen Hohlweg wieder hinauf. Es war eine Luft um Brindeisener, als kehre er ungern zurück. Dennoch sprach er fortwährend, jetzt stehenbleibend, jetzt widerwillig einen Stein aus dem Wege stoßend und dann wieder vorsichtig, mit witternd erhobenem Gesicht bei langem, zaghaftem Ausschreiten. Er sprach wahllos, zwangsläufig, leise und hastig zu sich, zu mir, in die Nacht, zu niemand: »Ja, ja. – Trennungen muß es geben. Entweder ist die Seele der Schatten des Körpers oder umgekehrt, oder das Bewußtsein ist der Schatten meines Ichs ... oder ich bin der Schatten eines Dämons, der sich meines Leibes bemächtigt hat und mein Leben zu Handlungen mißbraucht, die kein Verstand ermessen kann. Oder, es wimmelt von Schatten um uns ... Ja, vielleicht spielen die Menschen immer auf zwei Bühnen zugleich, indem sie sich einbilden, einfach zu leben. Und auf der zweiten, unsichtbaren Bühne ereignet sich der eigentliche schicksalhafte Sinn ihres irdischen Tuns ... verborgen ... unterirdisch, wie die Menschen sagen ... und manchmal, in seltenen Augenblicken, reißt die unsichtbare Scheidewand zwischen Diesseits und Jenseits ... und der eigentliche Schicksalsakteur steht plötzlich vor uns, taucht auf und verschwindet, sieht uns an oder wandelt als Hauch vorüber, den nur unsere tiefste Seele erschauernd verspürt ... Ja, ja, mein junger Freund! ... so oder so ... Schatten! ... Schatten!! ... Weswegen geben wir uns Namen? Um uns nicht in diesem Wirbel abhanden zu kommen.« Während er so redete, waren wir wieder auf der Höhe angekommen, von der aus in sanftem Absinken das Gelände sich nach dem Tolketeich hinunterdehnte. Allerdings hatten wir den Rücken der kleinen Bodenwelle an einer anderen Stelle erreicht. Den tiefsinnigen Worten Brindeiseners lauschend, hatte ich es verabsäumt, zur rechten Zeit von dem alten Holzabfuhrwege abzubiegen, und nun standen wir, weit nach rechts abgekommen, so nahe an der Grenze des Tolkebusches, daß der rote Schein der fürstlichen Kokerei unruhig in das Baumdunkel hereindämmerte. Brindeisener schaute sich um, schüttelte mißbilligend den Kopf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Aber das ist ja egal,« begann er darauf murmelnd, »wo wir sind. Ich will ja überhaupt nicht mehr irgendwohin auf der Erde.« Dann bewegte er sich gegen den Ausgang des Wäldchens hin und lehnte sich mit dem Rücken gegen den Stamm einer alten Fichte. Vor uns dehnte sich die Mulde des nächtlichen Feldes, aus der auf einem Bodenknuppen ein einsamer Baum mit hohem Stamme und einer tellerflachen, breiten Krone stieg. Seine schwarze Silhouette zeichnete sich scharf gegen die eben grell auflohende Glut der Kokerei, und wir sahen deutlich, wie sich von dem Fuße des Baumes eine Gestalt erhob, einige Schritte von dem Stamme wegtat, als wolle sie ins Feld hinausschreiten, nach einigem Stutzen und Umherschauen aber wieder an den Baum zurückkehrte und sich dort niederkauerte, daß sie ganz in der Finsternis des Feldes verschwand. »War das nicht eine weibliche Person?« fragte ich von dem nahen Baum her, an den ich mich gelehnt hatte. »Ach, Sie Kind«, gab Brindeisener mit leichtem Auflachen zurück. »Wie sollte denn ein Weib oder ein Mädchen um Mitternacht hierherkommen? Das war er, verlassen Sie sich drauf, er, vor dem ich vorhin von der Bank am Teich geflohen bin. Derselbe Unheimliche, dessen Gesicht mich aus der Nacht des Heubodens in die Fäuste meines Vaters schreckte, der unsichtbar und doch zu fühlen, mir vorüberwehte, als ich unter der Wohnhaustür des väterlichen Hofes stand und mit aufgehendem Herzen nach der Liebe meiner Mutter verlangte. Ich kann das nicht zu Ende denken! Kommen Sie weg von da! Ich weiß, daß ich ihm nicht entrinnen kann. Aber wegwenden, dazu hab' ich die Kraft.« Brindeisener verließ wirklich wieder seinen Baum und schritt langsam in den Busch zurück. Ich folgte ihm nicht gleich, sondern starrte angespannt nach dem einsamen Baum vor der fernen Glut, denn irgend etwas war in der Haltung des unbekannten Menschen gewesen, als er die wenigen Schritte vom Baum weg und wieder zurücktrat, was mich bestimmte, ihn nicht nur für ein weibliches Wesen, sondern geradezu für Wanda Methner zu halten, zu der ich am Abend auf dem Markte von Wirbnitz aus meiner hintersinnigen Leidenschaft gesprochen hatte. Aber das war ja purer Wahnsinn, zu denken, das vornehme, spröde Mädchen könne die läppische Aufforderung eines ihr unbekannten Bankeleven, auf ihn zu warten, so ernst genommen haben, daß sie ihm nachgegangen sei und die ganze Nacht dort, nach ihm ausschauend, unter dem Baume lauere. Nach ihm, nach mir! Mit einem Hohngelächter lief ich dem Buchhalter nach und konnte es doch nicht verhindern, daß mich dieser Gedanke wie ein seliger, ferner Blitz leise umnebelte. »Lachen Sie nur, junger Freund,« sagte Brindeisener aus seinem Brüten heraus, als ich neben ihm angekommen war, »lachen Sie, wie über den Span eines alten Mannes. Ich weiß, was ich weiß, und vielleicht, wenn Sie meine Geschichte zu Ende gehört haben, vergeht auch Ihnen das Lachen.« Ich wagte nicht über die Liebestorheit meines jungen Herzens zu sprechen, sondern sagte irgendeine liebenswürdige Lüge, um ihn in seiner Täuschung nicht zu stören, mein Gelächter stehe in Beziehung zu seinem Schicksalswahn. Brindeisener hörte aber gar nicht auf meine gewundene, gedruckste Unwahrheit, denn er ging nicht darauf ein, sondern, von den Wirbeln seines Lebensschicksals angesogen, tastete er sich in die unterbrochene Erzählung zurück. Wie in einer leisen, trunkenen Benommenheit ging er, ohne auf Richtung und Weg zu merken, immer weiter in den Wald hinein, immer auf das tiefere Dunkel zu. Endlich, als auch der letzte Schimmer von der Glut der Koksöfen in der Finsternis der Hochstämme untergegangen war, griff er über dem Boden umher, bis er einen großen, alten Baumstumpf gefunden hatte, auf den er sich mit einem Seufzer der Erleichterung niederließ. Hatte er bisher vieldeutig und suchend, geradezu zusammenhanglos von Dingen geredet, die ich darum nicht behalten habe, so begann er nun nach einigem Sinnen mit gesenktem Kopf weiterzuerzählen. Freilich taumelte anfangs alles noch durcheinander. Ich hatte nicht weit von ihm auf einem anderen Baumstumpf Platz genommen. »Sehen Sie.« begann er mit dunkler, halblauter Stimme, »um das Dasein aller Menschen wölbt sich aus Träumen, Sehnsüchten, Ahnungen, seligen oder Laster-Versunkenheiten, aus lichten oder dunklen Hoffnungen, eine außerirdische Welt, ein Himmel oder eine Hölle, je nachdem, jedenfalls etwas wie eine magische Hohlkugel, die dem Tummelplatz unserer Erdenschicksale den eigentlichen tieferen Sinn gibt. Und alle Menschen brauchen diese außerirdische Unterkunft für ihr Leben. Ihr Wesen braucht ein Laster, eine Leidenschaft, einen Irrtum, eine Verzückung oder heiliges Außersichgeraten. Erst wenn sie irren, wissen sie, woran und wo und wer sie sind. Sehen Sie, mir ist diese magische Hohlkugel in meinem dreizehnten Jahre zertrümmert worden, als mich mein Vater nach dem Begegnis mit dem Heiligen-Lenlein am Begräbnistage meiner Schwester fast bis in den Tob hinein mißhandelt hat. Ich habe Ihnen vorhin gesagt, man kann erschlagen werden und dennoch weiterleben. Nur das eine war noch in mir: Fort aus dem Elternhause. Die Mutter hatte es fertiggebracht, meines Vaters Zustimmung zu erreichen. Es muß ihr leichter gelungen sein, als sie wohl selbst geglaubt hat. Vielleicht hat ihre weibliche Findigkeit sich seiner Feindseligkeit gegen die Sintlingerschen bedient, ihm die Aussicht auf einen studierenden Sohn als Gegentrumpf wider die Überheblichkeit der gehaßten Familie schmackhaft zu machen, vielleicht hat ihm auch meine böse, fast verächtliche Hartnäckigkeit eine gewisse, dumpfe Achtung, ja Furcht eingeflößt. Er bestand nur, zur Bemäntelung seiner Nachgiebigkeit, auf einer Prüfung meiner Kenntnisse durch den Kantor Liborius Pfeiffer, die der eitle, bigotte Schulmeister mit großem Pomp in Gegenwart meines Vaters vornahm. Ich kämpfte wie um mein Leben in dieser halben Stunde, weniger des Lehrers halber, der mich als seinen besten Schüler liebte, sondern wegen meines Vaters, der mit auseinander geworfenen Beinen, mit gewulsteter Stirn und einem höhnischen Grinsen in dem bartlosen Gesicht dieser Prüfung beiwohnte. Pfeiffer jagte mich durch alle Gebiete der beschränkten Gelehrsamkeit und stellte mir im Vertrauen auf meine Fähigkeit und nie versagende Gedächtniskraft allerhand verzwickte Fragen und Aufgaben, so daß mein Vater, der wenig von allem verstand, endlich mit der Faust bewundernd auf die Tischplatte hieb, verächtlich lachend aufstand und dem Kantor die Hand schüttelte. Ich stand blaß, bebend und mit zusammengezogenem Gesicht an der Tür und wartete auf die Entscheidung meines Vaters. Er kehrte sich mir zu, maß mich, enttäuscht und stolz zugleich, einige Augenblicke vom Kopf bis zu den Füßen und sagte dann zu Pfeiffer so, als gebe er ein mißratenes Stück Vieh weg: ›Na, Schulmeister, da nehmen Sie den Kerl und tun ihn hin, wo er hingehört.‹; Dann riß er die Fenster auf, als brauche er Luft zu seiner Beklemmung, und Pfeiffer winkte mir hinter seinem Rücken glücklich lächelnd zu, mich zu entfernen. Ich drückte geräuschlos die Tür hinter mir ein und lief an meiner Mutter vorbei, die gehorcht hatte. Hinter dem Hofe erwischte sie mich und streichelte mir mit zitternder Hand die Wange, und mir gedemütigten und entlassenen Knaben quoll auf eine Weile das verkrampfte Herz auf, daß sich meine Augen mit Tränen füllten. Wortlos fiel ich ihr um den Hals, schluchzte in einem Schrei auf und lief dann weiter den Berg hinauf in den Wald. Als ich am Abend wieder in den Hof zurückkehrte, hatte ich die Erlebnisse des Nachmittags, einschließlich meines Herzaufblühens gegen die Mutter, vergessen. Nein, vergessen ist ein falscher Ausdruck. Ja, wie soll ich Ihnen das eigentlich klarmachen, diesen Zustand? Vielleicht so: Man wirft einen Stein von sich und behält das Gefühl seiner Wirklichkeit noch lange in der Hand. Nein, das geht nicht. Man läuft aus einer finstern Kammer, doch bloß dem Körper nach. Mit seinem Wesen bleibt man in der Kammer, in dem Dunkel und weiß nichts von sich. Man wird gerufen, antwortet, zieht sich aus, legt sich schlafen, steht auf, arbeitet, ja lacht sogar, ist gescheit, fleißig, alles, vielleicht genial ... und weiß doch eigentlich von sich nichts. Nein, es ist nicht zu sagen. Gegen meinen Vater fühlte ich nichts, gegen meine Mutter nichts. Die himmlische Liebe zum Lenlein war aus mir geschwunden. Die Höllenhitze zur Mathinka Meixner hatte sich verloren. Ich war nicht mehr Peter Brindeisener, der kühle Knabe mit dem zuckenden Herzen. Alles in und an mir war verwandelt. Wie ein Mensch die Verschollenheit seiner selbst sein kann. Ich bereitete mich den Winter über durch Stunden beim Pfarrer und solche beim Kantor Pfeiffer von Hemsterhus auf die Untertertia des Gymnasiums vor und erregte durch meinen unheimlichen Fleiß und meine ungewöhnlichen Fähigkeiten geradezu die Besorgnis des Geistlichen, der hinter dieser vollkommenen Änderung meines Wesens vielleicht eine Krankheit witterte, eine unheilige Dämonie, eine Verirrung oder Besessenheit. Denn schon zu Ende des Februar war ich mit dem Pensum der Quarta fertig. Dabei machte mir nichts Schwierigkeit, aber auch nichts eigentliche Freude, und wenn er mich lobte, mußte ich nur lächeln. Pfeiffer mit seiner überspannten Verzückung kam mir wie ein Narr vor. Nur meinen Eltern, besonders meinem Vater gegenüber, genoß ich die Genugtuung über meine Fortschritte als Befriedigung einer verheimlichten Rachsucht. Je lauter mein Vater über mein ›Bücherfressen‹; mich verhöhnte, desto leidenschaftlicher gab ich mich meinem kalten Wissenshunger hin, und wenn ich überreizt, erschöpft, mit schwimmendem Hirn in meiner Kammer lag und vergeblich auf den Schlaf wartete, kam es wohl vor, daß ich unter der Qual dieses lasterhaften Fleißes aufstöhnte. Aber dann durfte ich nur an das besorgte Gesicht meiner Mutter, das mauloffene Staunen meines Bruders und die zornige Enttäuschung meines Vaters denken, und ich wühlte mich befriedigt in mein Kopfkissen, das freilich oft am Morgen feucht von Tränen war, die ich in trostlosen, vergessenen Träumen vergossen haben muß. So rückte mit dem steigenden Frühjahr der Zeitpunkt meiner Abreise und die Übersiedelung auf das Gymnasium immer näher. Zwischen dem Kantor Pfeiffer und dem Pfarrer war über die Wahl des Ortes eine Meinungsverschiedenheit entstanden, die bei der heimlichen Gegensätzlichkeit dieser äußerlich so gut zusammenstimmenden Männer sich jeden Tag klärlicher anließ und zugleich jeden Tag unentwirrbarer wurde. Der zelotisch heiße Schulmeister wollte mich durchaus nach Münster haben, der Pfarrer konnte sich keinen geeigneteren Ort für meine Ausbildung als Wesel denken, weil er, dessen Vater noch Protestant gewesen war, in dieser Stadt seine gymnasiale Ausbildung erhalten hatte. Jeder stellte für seinen Plan immer neue Vorzüge heraus, ließ zwar immer dem anderen in christlicher Duldung äußerlich seine Meinung, aber nur, um sie immer aufs neue zu untergraben. Im tiefsten war es nichts als ein Rangstreit der Rechtgläubigkeit, der dieser kleinen Angelegenheit zwischen den beiden Männern eine verborgene Schärfe verlieh. Der hitzige, fast flagellantische Katholizismus des Kantors setzte sich wider die lebensheiligere Güte des Pfarrers, als sei es ein beklagenswerter Rückstand aus dem Ketzerwesen seines lutherischen Vaters, und beiden lag nach ihren Beteuerungen nur mein Lebens- und Seelenwohl am Herzen. Nun, die Niederlage des Pfarrers in diesem Streit blieb nicht aus und war eigentlich der Beginn der Unterjochung des lieben, alten Geistlichen durch das Wundfieber der fanatischen Religiosität des Schulmeisters, das später den jähen Tod des Pfarrers und eine wilde Bewegung in unserer Gegend im Gefolge hatte, die fast einem Aufruhr glich. Doch das vorerst nebenhin gesagt. Die Hauptsache, wegen der ich diese Partie nicht mit einem Wort abtun durfte, besteht in der merkwürdigen Wendung, daß ich die Entscheidung des Streites dieser beiden Männer zugeschoben erhielt und damit gleichsam mitverantwortlich für eine Bewegung wurde, die lange Zeit Hemsterhus und die ganze Gegend umwühlte und mein Leben in die Bahnen zwang, die mich in das Dunkel dieses Tolkebusches vor Sie, mein junger Freund, führten. Die beiden Männer, da sie sich nicht einigen konnten und fürchten mußten, durch eine weitere Verzögerung der Entscheidung, meinem Vater einen willkommenen Anlaß zu bieten, seine Erlaubnis zu meinem Studium wieder zurückzuziehen, entschlossen sich, die Wahl des Ortes meinem Belieben anheimzustellen und sozusagen durch ein Gottesurteil die Schlichtung dieser Angelegenheit herbeizuführen. Denn sie hielten mich, trotz der Körperlänge und geistigen Entwicklung, für einen reinen, unverdorbenen Knaben. Also legte mir der Pfarrer nach einer geradezu glückhaft beendeten Lateinstunde die Frage vor, in welcher Stadt ich denn am liebsten die Schule besuchen möchte. Ich erinnere mich dieses frühjahrlichen Spätnachmittags so genau, als ob sich alles nicht vor Jahrzehnten, sondern gestern nachmittag ereignet hätte. Wir saßen am Gartenfenster des geistlichen Studio. Ich hatte eben meine lateinische Übersetzung so fließend und fehlerlos, als lese ich Deutsches, heruntergeschnurrt, und der gute Herr Ardelt, so hieß der Pfarrer, war aus glückhafter Bestürzung über meine Leistung aufgesprungen und lief die Stube hin und her, mich dann und wann mit ungläubigem, fast entsetztem Gesicht anstarrend. Ich aber sah hinaus in den Garten, durch dessen märzgrüne Baumkronen der Spätschnee in dichten, besonnten Flocken fiel, und lächelte nach meiner damaligen Art gleichgültig vor mich hin. ›Ja, Peter, ich versteh' dich nicht‹;, rief er, fassungslos über mein unbewegtes, melancholisches Wesen. ›Weißt du denn nicht, was das bedeutet, das dir eben gelungen ist?‹; Ich wendete mich herum und sah ihn mit großen, ruhigen Augen an. Da lief er von meinen Blicken weg, zog nach kurzem Wählen einen Band des Livius heraus, schlug auf und befahl mir, zu übersetzen, was mir noch nie zu Gesicht gekommen war. Es war im dritten Buche die Stelle, die von der Freveltat des Appius Claudius gegen die Tochter des Virginius handelt. Ich las, wohl da und dort stockend und mich manchmal im Ausdruck vergreifend, doch im ganzen so sicher, daß der Pfarrer mir das Buch endlich wegzog, es auf das kleine Rauchtischchen nebenan legte, die Hände richtig erschüttert über seinem ansehnlichen Bäuchlein faltete und mich, wie etwas Unbegreifliches, ansah und wieder ansah und dann wortlos den Kopf wie über ein Wunder schüttelte. Dann legte er in überquellender Hingerissenheit, mehr ein Vater als ein Lehrer, den Arm um meinen Nacken und bat mich förmlich um Entschuldigung, daß durch das Hin- und Herziehen zwischen ihm und Pfeiffer wegen der Wahl des Schulortes vielleicht eine Verdunkelung in mein Gemüt geworfen worden sei oder eine Störung meiner Geisteskräfte, die ganz so aussehen, daß ich von der Vorsehung zu etwas ganz Großem bestimmt sein könne, wenn ich auf dem Tisch meiner Seele nie ein unsauberes oder schlechtes Lebensgericht aufkommen lasse. Darum wolle er die Wahl der Schule ganz in mein Belieben stellen, und nachdem er sich doch nicht enthalten konnte, für sein geliebtes Wesel manches Glänzende in die Wagschale zu werfen, gab er mir auf, ohne Rücksicht auf seine Meinung, mit meinem Gott und mir in der Stille zu Rate zu gehen und ihm morgen die Entscheidung auf einem Zettel dort in das erste Fach seines Büchergestelles zu legen. Von der überquellenden Zärtlichkeit und Güte des verehrten alten Herrn war ich karger, liebessehnsüchtiger Knabe so ergriffen, daß mir das Herz fast zersprang vor heißer Betörung. Stammelnd, meiner kaum mächtig, erklärte ich, ihm mich fügen und Wesel wählen zu wollen. Er aber strich mir liebreich über die Haare und schob mich lachend von sich, indem er erklärte, so sei es nicht gemeint. Ich solle mich mit Gott beraten, nicht mit ihm, dem alten Hemsterhuser Manne, der es zwar von Herzen gut mit mir meine, aber darum noch lange nicht berechtigt sei, in das Geschäft des Höchsten zu pfuschen. So standen wir einander gegenüber, ich in der Nähe des Rauchtischchens, auf dem der aufgeschlagene Livius lag, er nicht weit von dem Bücherbrett, und während ich in meiner Hilflosigkeit nicht wußte, auf welche Art ich hinauskommen könne, hefteten sich meine Augen auf die Stelle des Buches, in deren Übersetzung ich durch das eilige, fast ängstliche Wegreißen unterbrochen worden war. Und was ich vorher im Überfliegen nur ahnungsweise begriffen hatte, das erfaßte ich jetzt mit einem unseligen, schicksalhaften Blick vollkommen, den Satz, den Virginius in seiner kurzen Rede dem Appius zornig entgegenschleuderte: ›Willst du wie das Vieh und das Wild zu Begattungen hinrennen?‹; Allein kaum, daß ich das gelesen, kaum, daß der Pfarrer das gemerkt hatte, so klappte er unauffällig das Büchlein zu und schob mich gegen die Tür hin. Ich aber stand durch den Sinn des Satzes plötzlich in dem dunklen Feuertaumel junger Sinnlichkeit, hörte das röchelnde, geile Lachen der Mägde, die mein Bruder ins Dunkel des Heubodens geworfen hatte, sah ihn von hinten her über sie geraten, und während ich mich wie trunken über die finstere Treppe des Pfarrhauses hinuntertastete, spürte ich wieder die Schoßhaare des Mathinkleins zwischen meinen Fingern und sah ihre weißen, schönen Beine vor meinen geschlossenen Augen gleißen. Abgeschlagen, mit donnernden Pulsen im ganzen Leibe, mit fast versagenden Knien kam ich aus dem Hause, über den kleinen Vorgarten, und war so ratlos wie ein Halbverurteilter, daß ich immerfort mechanisch vor mich hinfragte: ›Was soll ich tun? Was soll ich tun?‹; So öffnete ich das Gartentürchen und sah die gelbe, zermahlene Straße vor meinen niedergeschlagenen Augen, wagte mich aber nicht hinaus, auf sie zu treten, denn dann war es entschieden und ich verloren. Wie ich unschlüssig stehe und zage, nähert sich mir von links eine Dunkelheit, wie der vorauseilende Schatten einer sich herannähernden Person, ohne daß Schritte zu vernehmen waren. Und da ich betroffen die Augen hebe, ist die Straße menschenleer, ausgestorben. Nur ein unbegreiflicher Schatten schwebt mir gegenüber in der Luft, ohne Umrisse, mit einem saugenden, verführerischen Locken, blüht in mich hinein, daß alles in mir sich brunstvoll aufbäumt, und weht dann langsam zögernd, mit aller Macht mich hinter sich herziehend, den Weg nach Brederode hin und zergeht mit einem singenden Getön in der Luft. Nach Brederode zu lag Wesel, wo Mathinka Meixner das Lyzeum besuchte. Folgte ich dem Schatten rechts hin, so geriet ich in ihre Gewalt. Links hin, durch den Bocholter Wald, gelangte man nach Münster, und da ich die Augen hob und sie dorthin schweifen ließ, sah ich den Sintlinger Heiligenhof von der Abendsonne verklärt auf dem Hügel glänzen. Da fiel der Spuk in mir zusammen, ich machte kehrt, schlug das Gartenpförtchen hinter mir zu und rannte ins Pfarrhaus zurück, sprang die dunkle Treppe polternd hinauf, riß ohne anzuklopfen die Tür zu des Pfarrers Zimmer auf und rief dem von seinem Brevier betroffen auffahrenden Herrn zu: ›Ich will nicht nach Wesel. Ich muß nach Münster.‹; Und ehe der liebe Ardelt zu etwas anderem kommen konnte, als erschrocken über meinen jähen Gesinnungswechsel und mein zerstörtes Aussehen aufzuspringen und einen Schritt nach mir hinzutun, bat ich inbrünstig, mich nie darum zu fragen und war im nächsten Augenblicke über die Treppe hinunter und zum Pfarrhof hinaus. Dieses wilde Heraufstoßen meiner Sinnlichkeit hatte, wenigstens vor der Hand, weiter keine anderen Folgen, als mich für Tage in eine regellose Unruhe und lastvolle Bedrängnis zu stoßen. Ich deutete es nach der Auffassung jener durchaus gläubigen Jahre meines Lebens als eine Berückung des Teufels, nahm den rätselhaften Schatten, der mich am Gartenpförtchen des Pfarrhauses so spukhaft angefallen, für eine der tausend Luftgestalten dieses ewigen Erzfeindes aller Menschen und wandte meine ganze Energie nur dazu an, dies aufregende Ereignis aus meinem Bewußtsein zu entfernen und niemand aus meiner Umgebung etwas von dem geheimnisvollen Erlebnis merken zu lassen. Der Trubel der Abreisevorbereitungen unterstützte meine Bemühungen, und so nahm man meine zerstreute, dunkle Unruhe, mein plötzlich jähes Schreien und dann wieder meine scheue Angst mit den immer zum Überlaufen tränenvollen Augen für die beginnenden Abschiedsnöte des Knabenherzens, soweit man sich eben überhaupt um mich kümmerte, und meine Mutter schüttete die Betten, bleichte meine Wäsche auf dem jungen, besonnten Grase, mein Vater maß mich mit höhnischen Blicken von der Seite, und als er einst meinem versunkenen Stehen und Zur-Erde-Blicken in einem Scheunenwinkel lange zugesehen hatte, schrie er laut über den Hof, daß die Tauben erschreckt vom Dach aufflogen: ›Bücheraffe, wach' auf!‹; Niemand merkte etwas von meiner Seelennot, am wenigsten der Kantor Pfeiffer, der vor Glück über seinen glänzenden Sieg sich kaum zu fassen wußte und den sonntäglichen Gottesdienst durch ein Präludium mit allen Registern wie an hohen Feiertagen einleitete, daß die ganze Kirche dröhnte, weil er mich ›ausbündigen Geist‹;, wie er sich ausdrückte, von der Vorsehung zum großen Kämpfer für den heiligen Glauben ausgewählt sah. Nur der Pfarrer war von dem Ausbruch meiner unterirdischen Dämonie, wenn auch nur ahnungsweise, berührt worden, denn er liebte und leitete mich wohl weiter, doch aus einem verkühlten, ferneren Herzen heraus. Ich aber setzte mit zusammengerissener Stirn die Räder meines Lerneifers wieder in Schwung, und als der Tag meines Abschieds herannahte, lag alles Lenleinglück, die Mathinkabrunst, ja meine ganze vergangene Kinderverwunschenheit vergessen und zerschlagen in mir, und ich war wieder die Hirnmaschine, als die ich aus der Mißhandlung durch meinen Vater hervorgegangen war. Selbst als meine Mutter mich am Abend vor der Abfahrt in die Fremdenstube an den wohlgefüllten Kleiderkoffer rief und mir mit Stolz die heimlich zusammengebrachte Ausstattung zeigte, änderte sich nichts in mir. Ja, im Anblick des Bettes, auf dem ich einst meinen Vater mit der Mutter getroffen hatte, stieg sogar etwas wie eine bitterliche Abneigung in mir auf, daß die bewegten Worte, die meine Mutter immer dringender, zuletzt zuckenden Mundes zu mir redete, machtlos an mir abprallten. Zuletzt, da ich trotz abgerungener äußerlicher Dankesbezeugungen stets tiefer in meine gleichgültige Melancholie verfiel, geriet sie gar in kummervolle Ratlosigkeit und fragte, ob ich denn meinen Vater und meine Mutter und meine Heimat gar nicht mehr liebe. Ich werde wohl darauf nichts geantwortet, sondern nur leeren Auges, wie es meine Gewohnheit geworden war, weiter zum Fenster hinausgestarrt haben. Denn meine Mutter wischte sich mit dem Schürzenzipfel über die Äugen und meinte nach einem tief-resignierten Atemzug, es sei schon so, ich arte ihrem Vater nach, der seine Jugend hindurch auch von der Schwermut geplagt worden sei, bis ihm sein bester Freund eine Flöte geschenkt und ihn darauf blasen gelehrt habe. Damit bückte sie sich zu dem Kommodenschube, kramte das in ein rotes Seidentüchlein eingewickelte Instrumentlein aus dem hintersten Winkel und grub es unter all meine Sachen auf den Boden des Koffers. ›Ich hoffe ja immer noch, du brauchst es nicht. Aber sollt' es dich doch zum Herzabdrücken einmal überfinstern, da grab sie heraus und mach's wie dein Großvater, der auch damit zu einem fröhlichen Manne geworden ist.‹; Das sprach meine Mutter, während sie aus- und einräumte, gepreßt und mühevoll, ebenso wegen ihrer gebückten Haltung als auch ihres gedrückten Herzens halber. Aber da ich immer noch unbewegt stand und gleichgültig vor mich hinsah, schrie sie plötzlich in Angst auf, rüttelte mich wie einen Sterbenden, streichelte mir liebevoll Haar und Wange und warf sich nach kurzem Kampf gegen ihre Scham an meine Brust, drückte einen Kuß auf meinen Mund und ging, leise schluchzend, aus dem Zimmer. Als ich aus meiner Benommenheit zu mir kam und mich allein im Zimmer fand, ging ich ihr nach und hörte sie hinter der Tür der benachbarten Stube verhalten fortweinen. Ich drückte vorsichtig die Klinke nieder. Aber sie hatte sich eingeschlossen. Nach einigem Warten ging ich hinunter, aus dem Hofe, über den Berg hinauf, setzte mich an den Wald und sah mit leeren Augen zum Sintlingerhofe hinüber, bis es Nacht wurde und das erloschene Traumbild meiner Seele in der Finsternis der Welt erloschen war. So habe ich mich von dem besten und treuesten Menschen, von meiner Mutter, losgelöst. Mein Bruder fuhr mich andern Tags davon und goß sich gleich in der Hemsterhuser Schenke halb voll Schnaps, daß er unausgesetzt auf der Fahrt durch den langen Wald zu dem flotten Trab unserer guten Pferde mit seiner unförmlichen Stimme sang und auch wohl schrie, je nach der Größe der Blasen, die seine Trunkenheit in ihm auswarf. Auf dem halben Wege nach Bocholt, der Bahnstation, in der Mitte des großen Forstes, stand dazumal eine mächtige Kiefer mit einer riesigen zweigeteilten Schirmkrone, die in der ganzen Gegend unter dem Namen der Zwieselkiefer bekannt war. Von ihrem erhöhten Standort aus vermag man durch den ›Schlund‹;, ein tiefes Tälchen, entlang die höher gelegenen Häuser von Querhoven und die Lehne zu sehen, die Zwischen unserem Hofhügel und diesem Dörfchen liegt. Meine Mutter hatte sich zur Feier meines Abschiedes ein hell geblümtes Kopftuch umgebunden. Als wir nun wegen der Steigung des Weges im langsamsten Schritt an der Zwieselkiefer vorüberfuhren, drehte ich mich um und sah durch den Schlund in die Gegend unseres Hofes zurück. Da stand eine große Frau mit einem leuchtenden Kopftuch in der Frühsonne, unbeweglich wie ein entästeter Baum, und starrte, wie es mir schien, in die Richtung meiner Davonfahrt. Es war wohl meine Mutter. Ich riß meinen Hut vom Kopfe und schwenkte ihn. Davon sprangen die Pferde erschreckt in die Stränge und rissen mich davon. Das war der letzte Anblick meiner Mutter. Denn ich habe sie im Leben nicht wiedergesehen – ja – und im Tod auch nicht. In Münster lief alles wie am Schnürchen, ja noch besser. Als ich in der Aufnahmeprüfung meine schriftliche Lateinarbeit abgegeben hatte, entstand unter den Lehrern eine Aufregung. Ich wurde in das Konferenzzimmer gerufen und gefragt, ob ich anstatt in die Unter- nicht lieber in die Obertertia geprüft sein wolle. ›Wenn es ihnen nichts mache, mir mache es nichts‹;, antwortete ich zum Erstaunen der Lehrer kühl, ging in das Zimmer zurück und schrieb die nächste Arbeit, ich glaube, es war Griechisch. Der Lehrer sah mir wie ein Luchs auf die Finger, ob ich vielleicht irgendwelche Unredlichkeiten anwende. Nach zwei Stunden war ich Obertertianer und ging unter Führung meines Pensionswirtes, eines Volksschullehrers und Freundes von Kantor Pfeiffer, in mein Quartier durch die große, düstere Stadt zurück. Aber merkwürdig, so scharf wittert die Seele durch alle Truggestalten des Lebens unser Schicksal: Als ich am Fenster meines Dachzimmerchens saß und über ein kleines Höfchen mit einem kränkelnden Apfelbaum hin auf die durcheinandergeschobenen Dächer der Stadt tiefer und tiefer den Abend eindunkeln sah, erfaßte mich wegen des glücklichen Ausfalles meiner Prüfung eine solche tiefe, undurchdringliche Niedergeschlagenheit, fast so, als sei mir ein Unglück widerfahren, daß ich aufstand und mich halb ausgekleidet ins Bett wühlte. Das Fenster hatte ich angelweit offen gelassen, und der Lärm der Stadt drang als leises Brausen zu mir herein, daß ich in meiner Gemütsbetäubung die Empfindung hatte, von Wogen unaufhaltsam fortgerissen zu werden. Es wurde dunkler, und mein Herz schlug stärker, bis ich in unendlicher Ferne ganz schwache, sanfte Flötentöne vernahm. Da glaubte ich meinen Großvater aus dem Jenseits blasen zu hören und schlief ein. Diese traumhaft sichere Hoffnung auf einen endlich glücklichen Ausgang meines Lebens, die schlafverhüllt in jener Nacht sich meinem Wesen durch die Töne des geheimnisvollen Flötenspiels eingeprägt hat, ist mir durch mein ganzes wildumgetriebenes, sooft untergepflügtes Leben erhalten geblieben, und sie auch bildet eigentlich den tiefsten Grund für die seltsame Tatsache, daß ich wettergrauer Mann vor einem Jüngling in dieser österlichen Frühlingsnacht rücksichtslos mein Leben beichte. Denn ich weiß es so sicher, wie meine linke über der rechten Hand liegt, daß ich noch heute, in ein paar Stunden schon, den Ausgang aus den Schluchten meines Daseins gefunden haben werde. Wissen Sie, Jungmann, das ist so und bleibt so bestehen, trotzdem ich schon einige Tage später wieder das sanfte, nächtliche Flötenspiel in meinem Dachzimmer zu Münster zu hören bekam und erfuhr, daß nicht mein Großvater aus dem Jenseits, sondern aus dem Nachbarhofe ein junger Sattlergeselle blies, der auf diese Weise seiner heimlichen Trunkenheit einen melancholischen Ausgang verschaffte. Ich grub dennoch am anderen Morgen die Flöte meines Großvaters vom Boden meines Kleiderkoffers herauf, wickelte sie aus der verblichenen Seidenumhüllung, betrachtete mir das gelbe, abgenutzte Röhrlein ergriffen von allen Seiten und legte es, wieder sorgsam eingehüllt, an seinen verborgenen Ort, als besitze ich nun einen Talisman gegen letzte Daseinsnot. Dann habe ich die Flöte in der ganzen Münsterschen Zeit nicht mehr angerührt. Denn diese Gemütsbewegung in jenen ersten Tagen meiner Gymnasialzeit war der letzte Hauch aus meiner zerschlagenen Kindheit, der über mich hinstrich. Die mancherlei Lücken meines immerhin etwas autodidaktisch schnell zusammengerafften Wissens, diese und jene kritische Bemerkung eines Lehrers über den kläglichen Ausgang der sogenannten Wunderkinder, die Scheu, der Neid, ja die Abneigung meiner Mitschüler gegen mich außergewöhnlichen Eindringling vom Dorfe: alles das stachelte durch Stolz und Trotz meinen Fleiß so an, daß jeder bunte Seelenschimmer meiner Kinder- und Knabenzeit sich bald ganz verlor und alle Gegner mir als Verbündete meines Vaters erschienen, die mich mit allen Mitteln wieder in den sonnenlosen, bösen Hof auf den Hügel zu Hemsterhus treiben wollten. Wo ich ging und stand, arbeitete ich, saß bis in die späte Nacht über den Büchern und war oft vor Tag schon wieder an dem Arbeitstisch. Nur manchmal überkam mich wie der Heißhunger eines Abgetriebenen die Sehnsucht nach dem freien Felde, nach Wald, Rainsträuchern, einsamen Bäumen und dem hohen, unbegrenzten Himmel. Dann sprang ich die steilen Holztreppen hinunter zum Hause hinaus und lief wie ein Besessener durch die Straßen. Nicht eher ruhte ich in dem Lauf, der dem eines entsprungenen Häftlings glich, bis ich so weit im Felde war, daß die Stadt nur noch mit dem Laurentiusturme zu mir herlugen konnte. Dann legte ich mich rücklings ins Gras, die Schwingel schlugen über meinem Gesicht zusammen, und durch ihr grünes Geflecht sah ich die weißen Wolken lautlos über den hohen Himmel ziehen. Oder ich saß im Walde und genoß das tiefe Brausen der Kronen, und ein anderes Mal suchte ich mir wieder einen einsamen Wassergraben, warf Steine hinein wie zu Hause nach dem Tode meiner Schwester Amalie und betrachtete wie damals die Wellenkreise, die vom Grunde aufstiegen und im langsamen Forttreiben verschwanden. Da wachte auch einmal das nächtliche Herumschlurfen meiner Eltern und ihr Zank in meiner Erinnerung auf, und ich lag mit meiner Schwester Amalie in der finsteren Kammer und schwor, wenn ich einst groß wäre, wollte ich aus dem Hofe meines Vaters gehen, auf dem Rhein hinunterfahren und nie, nie mehr zurückkehren. Und ich überließ mich in einer Art schmerzlicher Wollust, die dieser Lebenszeit ja eigen ist, dem dunklen Gewölk der Vergangenheit. Als ich aber an dem Aufwogen meines Herzens das Heranziehen anderer heißerer und finsterer Erinnerungsbilder fühlte, sprang ich auf und schüttelte alles von mir. In langen Schritten strebte ich der Stadt zu, denn es begann schon die abendliche Röte um ihre Dächer zu rauchen. Und während ich mich so dem dunklen Häuserungetüm Münster näherte, wurde es lichter in meinem Gemüt, weil ich erkannte, daß ja eigentlich der eine Teil des Wunsches aus meiner Kinderzeit schon in Erfüllung gegangen sei. Denn wenn auch nicht auf dem Rheine, so fuhr ich doch wahrhaftig in alle Welt hinein. Sei aber diese Hoffnung wahr geworden, so müsse ich auch mit dem Schwur jener Zeit Ernst machen und dürfe nie mehr nach Hause zurückkehren, nicht eher wenigstens, bis ich etwas ganz Großes geworden und den Finsternissen unseres Hofes für immer entrückt sei. Die Gestalten, die uns führen, und die immer in uns sind, bemächtigen sich der Erscheinungen des Lebens und verleihen ihnen den für uns entscheidenden Schicksalssinn. Während ich so eilig der Stadt zustrebte und mit Inbrunst diesen rettenden Entschluß in mir zurechthämmerte, wurde ich von fröhlicher Musik, die durch das Gesträuch der Vorgärten auf mich zu kam, aus meinen angestrengten Gedanken gerissen. An der nächsten Biegung des schmalen Fußweges marschierte ein kleiner Hochzeitszug unter überhängenden Pfeifensträuchern mir entgegen, ein alter Geiger, in jungem, fast tanzendem Gange voran, die Mütze in die Seitentasche seines Jacketts gestopft, das Instrument energisch unters Kinn geklemmt und den Bogen in so leidenschaftlichen Schwüngen über die Saiten streichend, daß davon seine weißen, vollen Lockenhaare ihm rhythmisch um das weingerötete Gesicht tanzten. Dahinter schritt das Brautpaar, ein schlanker, sehniger Arbeitsmann, in kärglichem Festgewand, mit einem langen, ernsten Blondgesicht, aufgereckt, still und würdig, und an seiner Seite handverschlungen mit ihm, wie sich Kinder führen, die Braut, ein schüchtern-seliges, braunes Mädchen, mit halb offenem, glücklichem Munde und lachenden, kecken Augen. Dahinter quirlte die kleine Woge der Hochzeitsgäste, alle schon etwas weinbeschwingt, lachend, singend, schäkernd und dann und wann einen lauten Juchzer ausstoßend. Durch sie hin, bald zurück, bald sich vordrängend, fuhr ein kleiner, verwachsener Kerl, unordentlich, wie von der Straße aufgelesen, frech und wild, und stachelte die offenbar lustungewohnte Gesellschaft mit tollen Späßen und Grimassen in immer neue Ausbrüche der Ausgelassenheit hinein. Ich war auf die Seite getreten, um dem kleinen Freudenzug mit den etwas unsicheren Männern ungehinderten Vorüberzug zu lassen, und stand in dem seichten Gräblein. Als sie bei mir angekommen waren, raste der Geiger plötzlich wie toll geworden in sein Instrument hinein, daß aus der Musik ein Gekreisch wurde, und die ganze Gesellschaft brach in wildes Lustgeschrei aus, daß ich, aus meinem Luftfahren gerissen, nicht wußte, geschehe das aus Übermut oder Hohn. And da ich ratlosen Gesichtes in den Tumult sehe, der eine Weile schnackisch um mich wirbelt, springt der verwachsene Trottel auf mich zu, grinst mich mit seinem lächelnden Fratzengesicht an, und indem er mir geschickt etwas in die Seitentasche meines Jacketts schiebt, schreit er: ›Da hast du was fürs Warten‹;, und springt in das kleine Gedränge zurück, das mit übermütigstem Gelächter aufwiehert und in gespielter, komischer Flucht davonstiebt. Hinter der nächsten Krümme hörte ich sie noch einmal glücklich auflachen über den gelungenen Spaß, dann ordnete sich das Durcheinandertrappeln ihrer Füße zum rhythmisch gefaßten Gange und verlor sich unter dem wieder wohllautend gewordenen Klange der Geige in dem Grün der Gärten. So lieblich verklang es in der roten Abendluft, daß mir der verzerrte Tumult wie ein eingebildeter Spuk vorkam, und als ich von einer Erhöhung zurückschaute und die Gesellschaft still und bunt in den fernen Wiesen gegen den Nuppenberg zu untertauchen sah, war auch der widrige, verwachsene Kobold aus ihren Reihen verschwunden. Voll Ekel schubste ich das aus der Tasche, was mir der Trottel hineingeschoben hatte, was es war, wollte ich nicht wissen, vielleicht war es überhaupt nichts, und ging, zwiespältig bewegt, abgestoßen und beglückt, weiter in die Stadt. Aber so sind die verwirrenden, bunten Blasen, die das Leben auf der Oberfläche unseres Schicksalsstromes, vor allem in der Jugend, treibt: Nach einigen Tagen erschien mir dies Begegnis mit dem Hochzeitszug in dem Licht einer bestimmten Bedeutung für meine Zukunft. Wenn ich dem Vorsatz treu blieb, nicht mehr in den Hof meiner Eltern zurückzukehren, so würde mein Leben verlaufen wie der klingende Freudenzug in den roten Abend hinein. Im anderen Falle verfiele ich der Gewalt dieses unschönen, verwachsenen Gnomen, der sich in meiner Einbildung mit dem unbegreiflichen Schatten vermengte, den ich vor der Tür des Pfarrhauses in Hemsterhus und auf dem Hofe meiner Eltern erlebt hatte. Ja, mein lieber Jungmann, lachen Sie darüber. Wahn über Wahn, Schatten über Schatten! Ich weiß alles. Zu deuten ist das ja nicht. Freilich. Aber was hilft das? Ich handelte eben danach. Die kurzen Pfingstferien verlebte ich in der Familie meines Pensionswirtes, des Volksschullehrers. In der großen Vakanz ging ich auf den Wunsch meiner Mutter auf den Hof einer ihrer Brüder, einige Meilen nördlich von Münster. Ich war laut meines Zeugnisses zum Primus der Klasse aufgerückt und wurde von meinen Lehrern und fast allen Mitschülern mit einer aus Scheu und Herzlichkeit gemischten Auszeichnung behandelt. Den einen muß ich durch meinen Fleiß, der ebenso gleichgültig wie nie versagend war, den anderen durch eine unbeirrbare Lebenskühle unheimlich und anziehend zugleich erschienen sein, daß ich von den Lehrern fast wie ein Gleichaltriger behandelt, von den Schülern aber als Retter und Wegweiser in allen Lebens- und Schulnöten heimgesucht wurde. So kam es, daß ich auf der Fahrt zu meinem Onkel von einem Obersekundaner, dem Sohn eines Barons von Rätern, meinem Ziel abtrünnig gemacht wurde. Er hatte mir tagelang vor der Abreise mit Bitten in den Ohren gelegen und schwatzte vom Augenblicke des Einsteigens in den Zug so dringend und herzlich von dem Leben auf dem Gutshof seines Vaters, den vielen Zerstreuungen und dem innigen Wunsche seiner Eltern, mich kennenzulernen, daß ich schon etwas schwankend in meinem Entschluß geworden war, noch ehe wir in die kleine Station einfuhren, von wo aus der Weg auf den Hof seines Vaters abzweigte. Dort erwartete ihn seine Mutter, ich sehe es heute noch deutlich, mit einem Falbengespann vor einem grünen Korbwagen. Und als der liebe Horst hinausgestürzt und mit seiner Mutter einige Worte gewechselt hatte, stieg die blonde, walkürenhafte Dame resolut vom Wagen und drang mit solcher geradezu bestrickenden Liebenswürdigkeit auf mich ein, dem sehnlichen Wunsch ihres einzigen Sohnes und damit ihrem eigenen Wunsch zu willfahren, daß ich in einem kleinen Taumel aus Betretenheit und geschmeichelter Eitelkeit willenlos mit mir nach dem Gutdünken dieser lieben Menschen verfahren ließ. Horst besorgte die Absendung des Telegramms an meinen Onkel, daß ich acht Tage später eintreffen würde, und eine Viertelstunde später rollte ich durch besonnte gilbende Felder dem drei Stunden entfernten Schlößlein zu, das schon lange vor unserer Ankunft mit seinem einzigen bauchigen Türmchen über Eichenwipfeln uns im Abendlicht zu sich heranwinkte. Ich verlebte schönste Tage mit Reiten, Fischen und auf Pürschgängen, in einem wohligen und bunten Behagen, und wurde nur fortwährend von geheimer Schwermut beschattet, wenn ich den gesunden, heiteren Frieden dieses Hauses mit dem finsterlichen, zanksüchtigen Gepolter verglich, das auf unserm Hofe tagaus, tagein wirtschaftete. An einem Donnerstag war ich angekommen. Drei Tage später, als wir, Horst und ich, nach dem Abendbrot plaudernd an dem großen Teiche hinter dem Park saßen und in die rote Glut hineinsahen, die die untergehende Sonne auf dem regungslosen Spiegel des Teiches entzündet hatte, überfiel mich diese Wehmut des Herzens so stark, daß ich fühlte, wie mir das Schluchzen würgend in die Kehle stieg. Deswegen sprang ich plötzlich auf und begann wie rasend in das Feld hineinzulaufen. Je mehr ich rannte, desto stärker wurde dies drückende Gefühl und steigerte sich endlich zur richtigen Angst. Atemlos mußte ich schließlich stehenbleiben, und als mich der bestürzte Freund eingeholt hatte, traf er mich bleich, am ganzen Leibe bebend, aber mit einem tapferen Lächeln auf dem Gesicht. Ich gab vor, aus einer verrückten Laune heraus gehandelt zu haben, und kehrte gemächlich in das Schloß zurück. Der Abend war indessen schon nebelblöde geworden. Leises Baumbrausen lag auf den Feldern, und das Amselgeflöt klang durch das beginnende Dunkel. Mir aber war es, als höre ich den Sattlergesellen aus dem Münsterschen Höfchen trunken auf der Flöte blasen. An demselben Abend, just zur selben Stunde, ist auf dem Hübelhofe zu Hemsterhus meine Mutter gestorben. Als ich vier Tage später auf dem Hofe meines Onkels ankam, war sie schon begraben. Man hatte mir keine Nachricht geben können, weil mein Freund in der Eile vergessen hatte, meinen Aufenthaltsort auf dem Telegramm zu nennen. Meine Mutter hatte, ohne jedes Krankenlager oder erkennbare Leiden vorher, einen schnellen Tod gefunden. Nach der abendlichen Melkzeit war sie auf dem Wege vom Kuhstall in den Hof, unter der Tür, vom Schlage getroffen, zusammengesunken. Soviel galliges, bitteres Zanken und Schmälen ihr durch eine verfehlte Ehewahl während des ganzen Lebens auch erpreßt worden war, das Todesleiden hatte sie ohne Laut hingenommen. Ja, noch im letzten Augenblick war hausmütterliches Pflichtgefühl stärker als die Sorge um ihr Leben gewesen, denn, schon taumelnd, hatte sie mit übermenschlicher Beherrschung erst die beiden vollen Milchkannen, die sie trug, sorgsam hingestellt und war dann nach einem springenden Schritt lautlos vornüber auf das Pflaster des Hofes geschlagen. Mein Onkel, ein rundlicher, freundlich bewegter Mann, meine Tante, eine wortkarge, lang aufgeschossene Frau, und deren Bruder, ein alter Junggeselle, den alle nur Christoph hießen, mit stillen, spürenden Augen und einer vorn platt gedrückten, beim Sprechen immer zitternden Nase, behandelten den überraschend schnellen Todesfall ohne Schonung als die notwendige Folge ihres immerwährenden Martyriums durch meinen Vater. Im Verlauf der erregten Aussprache, die zum größten Teil von meinem Onkel mit der leidenschaftlichen Liebe eines ins Herz gekränkten Bruders geführt wurde, erwähnte man auch so, als ob ich alles wüßte, des Briefes, in dem meine Mutter, vielleicht in der Ahnung ihres nahen Endes, meinen Onkel gebeten hatte, sich meiner anzunehmen wie des eigenen Sohnes. Wieviel Reibereien, wieviel finsteren Kampf hatte ihr Herz ertragen müssen, ehe sie zu dieser Trennung von mir reif geworden war, die die einzige Form darstellte, ihre Liebe zu mir zu retten und die meine zu erringen, wenn auch erst hinter ihrem Grabe. Die Frage, ob es notwendig oder geraten sei, nachträglich an ihren frischen Kirchhofshügel nach Hemsterhus zu reisen, wurde nur kurz gestreift und energisch verneint, noch ehe sie eigentlich gestellt worden war. Meine Tante nahm dann mich Betäubten, der während der langen Unterredung nur stumm gesessen und mit aufmerksamen Augen von einem zum andern geblickt hatte, liebreich bei der Hand und führte mich in das kleine Dachzimmer, das sie mir bereitet hatte. ›Da bist du nun zu Hause, Peter. Es wäre schön, wenn es dir bei uns gefallen könnte‹;, sagte sie, strich mir leise über den Scheitel und verließ dann, wie mir schien, auf den Zehen, das kleine Gemach. Um mich arbeiteten unsichtbare Räder in der Luft mit einem Sausen, das die ganze Welt erfüllte, und ich blieb lange in der Mitte des kleinen Zimmers stehen, weil ich nicht wagte, aus mir heraus, in dies Räderbrausen des Lebens zu treten. Bis ein Schmetterling an den kleinen Scheiben zu flattern begann. Das leise, ängstliche Flügelgeräusch weckte mich aus der Starre. Mit verwundert schmerzlichem Lächeln sah ich dem nach Freiheit ringenden Tierchen zu. Aber nun war ich ein anderer geworden als im vorigen Herbst, da ich nach der Züchtigung durch meinen Vater dem Schmetterling an meiner Kammerluke den Kopf zerdrückt hatte. Ich öffnete das Fensterchen und strich das Tierchen behutsam ins Freie. Blitzartig fuhr dabei die Erinnerung an jenes Begegnis in mir auf, und als das bunte, trunkene Geflatter über dem Scheunendach in dem rötlichen Abendlicht unsichtbar geworden war, atmete ich erleichtert auf und ging vom Hofe fort, ins Feld hinaus. Die Tante sah mich die Treppe herabkommen, der Onkel traf mich an der Hintertür. Sie sahen mich groß an und gingen wortlos ihren Weg. In einem kleinen Eichenkamp, wohl an der Grenze der Wirtschaft, setzte ich mich nieder und ließ die aufgestauten Fluten von Schmerz, Kummer und Vorwurf, die ganze unübersehbare Dunkelheit des beladenen Herzens aus mir herausrinnen. Nicht in Tränen, nicht in Worten, weder in Anklagen noch in Selbstpeinigungen schwand ein langer Strom von Schatten lautlos von mir. Und als alle Finsternis aus mir geflossen war, warf ich mich mit der Brust lang hin ins Gras, griff mit beiden Händen inbrünstig in die Erde und schrie, so laut ich konnte: ›Nein! Nein! Nie wieder nach Hause!‹; Tief im Abend, es war schon fast Nacht, fand mich der alte Junggeselle nach langem Suchen im Kamp. Ich saß unter einer Eiche und pfiff das Lied: ›Schön ist die Jugend‹; für mich hin, ohne zu wissen, daß ich es tat, und ohne zu wissen, daß ich weine, strömten mir ohne Aufhören die Tränen über die Wangen. Als mich der ältliche Mann so erbarmungswürdig traf, wurden seine Augen noch spürender, zitterte seine Nase noch mehr als sonst, wahrhaftig, das bemerkte ich. Er faßte mich unter den Arm und geleitete mich, der eine Weile wie trunken taumelte, in den Hof zurück. Gesprochen haben wir beide kein Wort. Aber von dem Augenblick an waren wir Freunde. In meinem Leben wiederholten sich oft und öfters scheinbar gleiche Vorgänge. Aber wie grundverschieden ist ihr Sinn in jedem Falle. Der Schmetterling am Kammerfenster des halbtotgeprügelten Jungen in Hemsterhus und der am Fenster des Heimatflüchtlings zu Scheddebrok, das war der Name des Dorfes, in dem ich auf dem Hofe meines Onkels die Nachricht von dem Tode meiner Mutter erhielt, wie verschieden sind sie! Wie Nacht und Tag, wie Tod und Geburt. Mein Gott, ich sage Geburt! Sie müssen mir glauben, Jungmann, heut sag' ich nicht mehr Geburt. Aber dazumal empfand ich den durch den Tod meiner Mutter endgültig besiegelten Entschluß, nicht mehr ins Vaterhaus zurückzukehren, wirklich als einen Aufstieg ins Licht, und jahrelang sah ich mein Leben von diesem Entschluß an im Bilde des Schmetterlings, der über das Scheunendach hin sich wie eine fliegende bunte Blume verlor. Ja, ja! Es ging mir auch wunderbar, fast ohne Schatten. Mein Vater war's zufrieden, daß mein Onkel die Kosten für mein Studium eigentlich allein deckte. Denn die Summen, die er dann und wann sandte, waren so gering, daß ihrer kaum Erwähnung zu geschehen brauchte, und Sehnsucht nach mir hatten weder Vater noch Bruder. So geschah es, daß monatelang nicht ein Heimathauch mein Inneres berührte und ich, wie von etwas Fremdem ergriffen, zuckte, wenn zufällig der Name Hemsterhus in meiner Gegenwart genannt wurde. Aber damit ist nicht gesagt, daß nun Scheddebrok meine neue Lebensheimat, mein Onkel Heptner, der kleine lustige Mann, mein Vater und die gute, schweigsame Tante meine Mutter geworden wäre. Leider nein, wenn sie auch alles an mir getan haben, was ein Menschenherz nur immer Gutes dem andern erweisen kann. Ihre Liebe war doch wie Licht auf fremden Wiesen. Ganz gewiß, so war es. Sie bemühten sich, an Stelle meiner schmerzhaften Vergangenheit ein lichteres, heiteres Leben zu setzen. Sie unternahmen es, mich innerlich vertauschen zu wollen. Aber ich wollte dies weiche Überfluten, dies wohlige Beiseitestehlen nicht. Ich wollte die Finsternisse meiner Vergangenheit durch Stumm- und Blindwerden in mir gleichsam gewalttätig erwürgen, tottreten. Es sollte überhaupt nichts gewesen sein, gar nichts. Aber immerfort stolpere ich von Begründungen in Begründungen, wie in Löcher. Die eine widerspricht der anderen, und wie ich es heut beim Erzählen treibe, so habe ich es wohl die Jahre vorher und damals getrieben, als mir all das blutwarm geschah, was nun alte, vernarbte, aber doch nicht geheilte Wunde ist. Doch indes wir so die Wirklichkeit des Geschehens an uns mit den Gazeschleiern unseres Denkens maskieren nach dem Triebbedürfnis unserer jeweiligen Lage, glauben wir verrückterweise, über unser Schicksal Gewalt zu gewinnen. Aber der Sinn unseres Fatums streitet mit uns nicht, er bedient sich der Finten unseres Scharfsinns, unserer Siege über ihn, uns zu besiegen. Wir unterliegen im Leben durch Triumphe öfter als durch Niederlagen, und Erfüllung ist nicht selten der vollkommenste Verlust. Sehen Sie, Jungmann, und wenn ich mich in Scheddebrok aus den herzensmummeligen Abenden fortstahl, die mein Onkel Heptner und meine Tante meinetwegen arrangierten, so glaubte ich damals im Sinne meines hohen Zieles zu handeln. Ich baute mir aus den Erkenntnissen des Gelernten und der Lektüre Lebensprinzipien und Welt- und Menscheneinsichten zusammen, nach denen ich mich richtete. Aber ich lernte und begriff nie mit dem Herzen, sondern nur mit dem Intellekt. Deswegen blieb mein tiefstes Wesen von allen meinen Maximen unbeeinflußt, die mein Scharfsinn zusammentrug. Ich wurde als Musterschüler von allen Lehrern verhätschelt, von allen Schülern umdrängt, von deren Eltern umworben und von meiner weiten Verwandtschaft als eine Bestätigung ihrer eigenen Bedeutung geliebt. So fühlte ich die Kluft nicht, in die ich tiefer und tiefer sank. Und wenn nicht der innige Anschluß an den Bruder meiner Tante gewesen wäre, vielleicht hätte ich die glänzende Kulissenstadt, vor der mein Dasein sich erstaunlich bewegte, schon damals in irgendeinem wilden Ausbruch zusammengeschlagen. Ohne mein bewußtes Hinzutun wurden durch diesen alten Christoph mit den stillen, spürenden Augen und der zitternden Plattnase meine verborgenen Dunkelheiten unschädlich am Leben erhalten. Dieser merkwürdige Mann war seit Jahrzehnten auf der leidenschaftlichen Jagd nach den Torheiten, Verkehrtheiten, der Ruchlosigkeit und Gemeinheit seiner Mitmenschen. Er war ein stiller, emsiger Chronist aller öffentlichen oder geheimen Skandale der näheren und weiteren Umgebung, und vielleicht stammte die herzliche Anteilnahme an mir anfangs nur aus dieser Untiefe seines Wesens. Alles Anrüchige, Verwegene, Wilde, Schurkische, aber auch Tölpisches und Trotteliges, kurz, die unendliche Stufenleiter menschlicher Dummheit und Schlechtigkeit trug er in einer zwar ungelenken, aber flüssigen Schrift in blaue Schulhefte ein, die er in seiner Kleiderlade wohl verwahrte. Mir zeigte er sie erst, als er durch Monate vergeblich alle erprobte Schlauheit versucht hatte, ganz genau hinter alle schicksalhafte Verwickelung unserer Familienverhältnisse zu kommen und damit den Schlüssel zum Verständnis meiner von allen Bekannten so abweichenden Wesensart zu finden. Denn mein Freisein von jeder Unart, von jedem dunklen Hang, ohne Spur zelotischer Pfaffenhaftigkeit, mein immer gebändigtes Wesen ohne Dünkel, mein Fleiß ohne Prahlerei und so vieles andere mußten ihm ebenso ein Rätsel sein, wie sie allen unbegreiflich erschienen. Aber er bohrte vergeblich an mir herum. Wie ich mir meine Vergangenheit verschwieg, so fand auch er keinen Weg zu dem Wesen, das unterirdisch in mir ruhte, und sah endlich in mir das, als was ich allen erschien, nämlich einen Ausbund menschlicher Vorzüglichkeit. Das brachte ihn zu dem rückhaltlosen Vertrauen mir gegenüber, daß er mich ganz in den Geheimniskram seiner absonderlichen Liebhaberei einweihte und mich Verirrungen wissen ließ, die für mein Alter gefährlich waren. Allein ich fing an den Ausschreitungen wilder Sinnlichkeit weder verborgen Feuer, noch vermochte er mich in das hämische Schwelgen mit fortzureißen, in dem er blühte, wenn es ihm gelungen war, wieder einer zur Schau getragenen Ehrwürdigkeit hinter die Maske zu lugen. Ich hörte und las alles mit einem Interesse, das er sich wohl nicht erklären konnte, und das ich damals auch nicht ganz verstand. Das eine aber weiß ich heut noch ganz deutlich, daß mir meine Jugenderlebnisse mit meinem Bruder, meinen Eltern und mein gefährliches Auflodern mit Mathinka Meixner an der Querhovener Teufe nicht mehr als ein Höllenriß durchs ganze Weltall erschienen, der noch keinem Menschen außer mir auf der Erde widerfahren war. Meine Erfahrungen und Erlebnisse sah ich nun eingeordnet in das große Gebiet der Anfechtung und Verführung, denen eben alle Menschen ausgesetzt sind. Und war ich früher aus Furcht und Schrecken schweigsam gewesen, so war ich es nunmehr aus Überlegenheit, ja Gleichgültigkeit. Nachdem ich mehrere Ferien lang so mit dem alten Junggesellen auf der Jagd nach den Motten zugebracht hatte, die um die Dunggruben und Abfallhaufen des menschlichen Daseins in Zwielicht und der Nacht schwärmen, wurde ich dieses Geschäftes mehr und mehr überdrüssig; denn ich habe es von Obertertia bis über die ganze Unterprima getrieben. Der Aufenthalt auf dem Hofe meiner Pflegeeltern war mir dadurch verleidet. Als ich zu Ostern mit aller Auszeichnung in die Oberprima versetzt worden war, übergab mir Onkel Heptner die ganze Summe, die mein Vater geschickt hatte, und legte aus freien Stücken noch einen namhaften Betrag dazu, damit ich die schönen Frühlingstage zu einer Rundreise auf die in der ganzen Provinz zerstreuten Höfe unserer weiten Verwandtschaft benutzen konnte. Glücklich packte ich meine Sachen. Denn nun ging's das erstemal in die weite Welt, von der ich seit jeher als einer Errettung für mich geträumt hatte. Der alte Christoph, den ich auch als Onkel bezeichnete, half mir bei den Zurüstungen zur Abfahrt, sprang ab und zu oder saß mir gegenüber und sah meiner emsigen Schafferei mit Augen zu, in denen das Spüren und Bohren vor einer Wolke von Melancholie kaum mehr wahrzunehmen war, sprach nach langem Schweigen Belangloses mit einer solchen Ergriffenheit, daß er abbrechen mußte und das übrige nur durch das heftige Zittern seiner Nase auszudrücken wagte. Beim Abendbrot fehlte er und war weder zu finden noch zu errufen. Und als ich von meiner besorgten Tante dann ausgeschickt wurde, mich nach ihm umzusehen, fand ich ihn nach langem vergeblichen Suchen schon tief im Abend weit vom Hofe mit in den Händen vergrabenem Gesicht unter Bäumen an einem stillen Tümpel sitzen. Er blieb auf meinen Zuruf unbeweglich, antwortete auf keine Frage, auf keinen Zuspruch, rührte sich nicht, als ich besänftigend seinen Rücken entlang strich, und preßte mit aller Gewalt die Hände auf sein Gesicht, daß ich trotz aller Anstrengung sie lange nicht zu lösen vermochte, sondern nur fühlte, wie sie von Tränen naß waren, unvermutet, nach einem Stöhnen, das auch wie ein wilder brünstiger Schrei klang, riß er die Hände vom Gesicht und stürzte sich mit einer Umarmung auf mich, als wolle er mich erwürgen. Unter Röcheln, Flehen, Bitten, Keuchen und Ächzen immer nur das eine ›Lieber, lieber Peter!‹; sprechend, drang er mit seinem ganzen Leibe förmlich in den meinen hinein, daß mir der Atem auszugehen drohte. Da packte mich Furcht und Schrecken vor diesem sinnlos und wahnsinnig Gewordenen, und zuletzt kam ein unbezwinglicher Ekel über mich, daß ich mit übermenschlicher Anstrengung mich losriß und ihm mit einem empörten Fluch einen solchen Stoß vor die Brust versetzte, daß er zu Boden taumelte. Am anderen Morgen war er bei meinem Abschiede nicht zugegen. Er, der sonst vor allen andern auf den Beinen und in der Arbeit war, lag in seiner verriegelten Stube und wünschte mir mit einer machtlosen, fast ausgeweint klingenden Stimme eine glückliche Reise, daß meiner Tante, die neben mir stand, über diese Liebeserschütterung ihres Bruders die hellen Tränen über die Wangen liefen. Ich ließ die Gute bei ihrer Meinung, weil ich im Anblick dieser reinen weiblichen Rührung wirklich in meinem gestrigen Gefühl wankend wurde und diesen wilden, fast tierischen Lossprung auf mich doch für den Zärtlichkeitsausbruch eines bäuerlich dumpfen Herzens hielt. Aber als ich eine halbe Stunde auf der Droschke durch die frühlingsfrühe Ebene kutschiert war, sank dieses erzwungene Glänzen um das abendliche Begegnis mit Christoph, und die beiden Jahre im Hause meines Onkels erschienen mir überschattet, mißduftig, wie ein Weg an einem trüben Wasser hin. Die Kette klirrte wieder um meine Füße, in die mich das Fatum verstrickt hatte. Doch ehe ich in Ruttorp bei meinen ersten neuen Gastfreunden ankam, hatte sich der tonlose Laut meiner Schicksalsfessel in mir wieder verloren, und ich trat als der über die Jahre gefestigte, tadellose Jüngling auf, dessen Heiterkeit aus dem Kopf stammte, der sich durch gelernte Prinzipien in der Welt orientierte und aus dem Verkehr mit dem Schurkenriecher Christoph sich eine unheimliche Neigung und Gewandtheit in der Witterung und Erkenntnis der Bruchstellen und Schatten angeeignet hatte, mit denen nun schon alle Menschen behaftet sind. Es waren vier Töchter von vier bis vierzehn Jahren da, mein neuer Onkel, ein schwerer, eigentlich vollkommen wortloser Mann, und meine Tante, eine jähe, furiose Person, mit Augen wie glänzend schwarze Schleuderkugeln. Keine drei Tage vergingen, und sie funkte mich durch und durch und ließ sich von dem ›Studenten‹; bei diesen und jenen Handreichungen helfen, daß ich meine ganze Beherrschung in der Bekämpfung der heißen und kalten Schauer zusammennehmen mußte, die ihre Nähe über mich jagte. Aber in dieser steten Gefahr lag doch eine solche Verlockung, daß ich dem Drängen nachgab und beschloß, die ganzen Ferien in Ruttorp zu bleiben. Mein Zimmerchen lag neben der Schlafstube der Eheleute. In einer Nacht erwachte ich von heißen Händen, die sanft und bebend über mein Gesicht tasteten. Als ich mich endlich schlaftrunken aufrichtete, sah ich in der Dunkelheit eine weiße Gestalt zurückweichen, auf meinen Ruf, wer da sei, wie leblos verharren und dann lautlos aus der Tür schwinden. Am anderen Tage fragte mich die Tante, wie ich geschlafen habe, und äugte dabei so keck und schelmisch in mich hinein, daß ich es für geraten fand, von dem nächtlichen Besuche eines Geistes in meinem Zimmer nichts zu sagen. Deswegen erblaßte sie, sah mich einen Augenblick fassungslos an und kehrte mir dann mit einem schrillen Auflachen den Rücken. Da wußte ich, was die Uhr geschlagen hatte, und reiste einen Tag früher ab, nicht nach Scheddebrok, sondern direkt nach Münster. Ich benutzte den leeren Tag nicht zur Vorbereitung auf den Unterrichtsanfang, sondern gab einer bänglichen Beschattung Macht in mir, die über meinem Gemüt ruhte, und lag in dem Fenster meines Zimmerchens in geduldigem, energielosem Warten, meinen Augen, die über das enge Höfchen mit dem kränkelnden Apfelbaum und die übereinandergeschobenen Hinterhausdächer schweiften, müsse etwas Heiteres begegnen, das diese Niedergebundenheit meines Lebens löste. Dazwischen schrieb ich einen Brief an den Onkel Christoph nach Scheddebrok mit der Bitte, die unterlassene Rückkehr auf den Hof bei seiner Schwester und dem lieben Heptner zu entschuldigen, indem ich unaufschiebbare dringende Schulvorbereitungsarbeiten vorschützte. Allein auch dieses leise Abrücken aus jenem Kreise nützte mir nichts. Ich blieb unlustig, bedrückt, dunkel, und wie der Abend sich in dem Höfchen einzunisten begann, wuchs in mir die Sehnsucht nach einem Glück im Weltall. Ich muß diesen verstiegenen Ausdruck schon gebrauchen. Wirklich, ich wartete, ein Himmelsfenster möge sich auftun, und eine Stimme solle mich in sündlose, selige Weiten rufen. Ich wartete vergebens. Die Fenster der gegenüberliegenden Häuser waren schon nur noch verschwommene Schattenflecken in der Dämmerung und die Dächer schmutzige Wolken. Da hoffte ich zuletzt bloß noch auf das Flötenspiel des trunkenen Sattlergesellen. Allein es wurde finster, und im Nebenhöfchen klang nichts auf. Deswegen ging ich zu dem Meister nebenan, bei dem er in Arbeit stand, und wünschte den Musikanten zu sprechen. Er war wegen Liederlichkeit entlassen worden und seit vierzehn Tagen fortgewandert, um, wie die entrüsteten Meistersleute sagten, das zu werden, was er eigentlich immer gewesen war, ein Tagedieb, Bummler und Säufer. Sie verwunderten sich nicht nur, daß irgend jemand an dem Tunichtgut überhaupt ein Interesse nehmen könne, sondern am meisten, daß gerade ich es tue, dem er vor Zeit einen solchen Schabernack als Spaßmacher eines Hochzeitszuges gespielt habe, dessen er sich dann gegen alle, die es hören wollten, noch höhnisch gerühmt habe. Ich stand eine Weile fassungslos den beiden einfachen Menschen in der verdunkelten Stube gegenüber und ging dann, beladener als ich gekommen war, in meine Dachstube zurück. Lange konnte ich mich zu nichts entschließen, sondern verharrte in der Mitte meines Zimmers und sah die Helle der Fensteröffnung immer mehr verschwinden, bis ich vollkommen in der Nacht stand. Daß ich den fratzenhaften Spaßmacher mit meinem rätselhaften Schicksalsschatten vermischt hatte, war also eine Torheit gewesen. Aber aus welchem Grunde mußte dieser trunkfällige Flötenspieler überhaupt zu einer solchen Bedeutsamkeit in meinem Leben gelangen? An dieser Frage, die ich mir stellte, und auf die es doch keine Antwort geben konnte, mühte ich mich herum, bis ich ganz erschöpft war, mich halb entkleidet ins Bett warf und bald einschlief. Nach wieviel Zeit, weiß ich nicht, wachte ich von einem Schlag gegen mein Fenster auf, der wie mit einem Kissen gegen die Scheibe geführt wurde, so daß sie noch leise schwirrte, als ich schon vollkommen klar war. Ich fuhr in die Höh' und wartete, ob er sich wiederhole. Es blieb still. Ich legte mich wieder um und sagte ergeben: ›Das ist der dunkle, fratzenhafte Flötenspieler, der mich daran erinnern will, daß er noch immer hinter mir her ist.‹; Lächelnd und erschrocken zugleich starrte ich noch eine Weile in diese sinnlose, traumhafte Verbindung meiner Lebensvorgänge, dann erlosch ich aufs neue im Schlaf. Trotzdem blieb die Verdunkelung aus diesem Abende eine lange Zeit des letzten Jahres in Münster heimlich um mich. Sie auch bildete den Grund, weswegen ich nicht mehr auf den Hof zu Scheddebrok zurückkehrte, weil ich auch den Onkel Christoph mit ihr verflochten sah. Ich trieb mich die Ferien über bei anderen Verwandten umher, war einige Zeit wieder auf dem Schlößlein des Herrn von Rätern und kam gar einmal, ich weiß nicht mehr auf welche Weise, bis hinauf ins Schleswig-Holsteinsche zu einem reichen Windmüller, der auch mit mir verwandt sein wollte, und zwar von väterlicher Seite her. Er trug den gleichen Vor- und Zunamen wie ich und war glücklich über die Fügung des Zufalls, die mich ihm in die Arme lieferte. Alles von diesem Aufenthalt ist aus meiner Erinnerung gewischt, alles, bis auf ein einziges Bild. Es müssen wohl die Herbstferien gewesen sein, die ich da oben zugebracht habe, denn nur in dieser Zeit herrscht die silbrig vernebelte Helle, in der jenes Erlebnis unverwischbar in meiner Erinnerung steht. Ach Gott, es ist ja gar kein Erlebnis, es ist nur ein Bild, ein Klang, aber doch eines meiner köstlichsten Erlebnisse. Wissen Sie, das meiste, das uns begegnet, wird so leicht schal in der Erinnerung, weil es sich durch den Ablauf fast restlos gibt und damit erledigt. Hier aber strich ein unnennbarer Hauch aus einer Welt meines Wesens an mir vorüber, die fast das gerade Gegenteil von der war, in der ich damals und leider den größten Teil meines ganzen Lebens zubrachte. Es war sicher im sehr frühen Morgen. Ich stand auf der halben Höhe des Mühlhügels und sah über die weite, wenig gewellte Ebene, deren Wiesen, von Herbstskabiosen übersät, wie riesige, taubenblaue Tücher zwischen dem betauten Grün der frischen Saatfelder und den braunen Ackerbreiten lagen. Da und dort lief vergilbendes Gartengebüsch um eine Herde Dorfhäuser mit einem Kirchturm als Weisel in der Ferne hin, die unmerklich abfiel, immer mehr in dem rauchigen Silber der allgemeinen Helle verdämmerte und, ehe sie ganz in einem magischen Schwelen endete, von einem breiten Buchenwald golden eingemauert wurde, daß sie sich selbst nicht enteilen konnte, und daß mein Blick an dieser leuchtenden Barre sich gleichsam selig aufbäumte. Dahinter spielten die Türme einer Stadt nur wie die Lanzenspitzen einer davonreitenden Schwadron in die Luft, und noch weiterhin, gleichsam von der Erde in den Himmel gehoben, mehr eine Luftspiegelung als Wirklichkeit, ein blauer verdämmernder Streifen: die Ostsee. Unmittelbar vor mir der flachsblonde Scheitel eines kleinen Mädchens, wohl der Tochter des Müllers, hinter und über mir das Sausen der Windmühlenflügel, und all dieser Zauber eingesungen in dem Netz dieser silbernen Helle, ich mitten inne, alles gleichsam davongeführt wie durch traumhafte Unendlichkeit. Lieber Jungmann, die Zeiten der Seele werden nicht von den Tagen der Menschenuhren herausgeführt und gemessen. In diesem Bilde hat mein tiefstes Wesen seine Augen zu mir aufgeschlagen, und ich kehrte in einer Verzückung nach Münster zurück, die, wenn auch mehr und mehr verblaßt, die ganze Zeit der Vorbereitung auf mein Abitur angehalten hat. Vor dem Licht aus diesem Bilde weiß ich nichts mehr von dem Büffeln aufs Examen, das sich zu einem wahren Siegesfest für mich gestaltete. Wie ein Triumphator verließ ich im nächsten Frühjahr Münster und kehrte das erstemal nach Hemsterhus auf den Hof meines Vaters zurück. Ich war zwar noch nichts ganz Großes, wie ich mir geschworen hatte, stand aber nach der Versicherung meiner Lehrer am Anfange einer Laufbahn, die mich in ganz Großes hinaufführen mußte, wenn ich nur meinem Wesen, wie sie es kennengelernt hatten, treu blieb. Ich weiß nicht, ob es mir durch meine Erzählung gelungen ist, den Zustand meines inneren Wesens ganz deutlich zu machen, in dem ich mich bei der Rückkehr auf den Hof meines Vaters zu Hemsterhus befand. Unterirdisch wogten noch ungebrochen die heißen, dunkeln Kräfte, die mich einst wie aus finsterem Hinterhalt als Knaben an Mathinka Meixner geschleudert hatten, über mir blühten die Himmel einer traumhaften Sehnsuchtsliebe zu Helene Sintlinger. In beiden zugleich war der lebendige Inhalt meines Wesens enthalten. Meine tätige Persönlichkeit aber war ein Homunkulus, den ich mit allen Mitteln meiner reichen Geisteskräfte großgezogen hatte, der Jahre hindurch, zur Bewunderung aller, verblüffende wissenschaftliche und Moralkunststücke aufgeführt hatte. In diesen Münsterschen Gymnasialjahren war ich wie ein Mönch, der durch die Brutalität des Lebens zu Anfang seiner Sündenblüte ins Kloster geschreckt worden ist, seine Leidenschaft in sich nicht ausrottet, sondern nur mundtot macht und indessen durch Befolgung aller Klosterregeln so sehr in den Ruf eines heilig-mäßigen Menschen kommt, daß er schließlich den Glauben der anderen an ihn selber glaubt. Schließlich muß ich auch dem Bilde recht geben, das ich mir in der Rückschau von der damaligen Beschaffenheit meiner Wesensart gebildet habe. Ich war wie ein Vogel, der mit ausgebreiteten Schwingen von der verdunkelten Erde in die Höhe steigt, den Schattengürtel, der über der Tiefe liegt, überwunden hat und am Rande seiner Flügel bereits das Licht der Sonne glühend spürt. Zu der ihn sein Drang emporträgt. Inwiefern dieses Steigen ins Licht seine Nichtigkeit hat, werden Sie ja bald sehen. Allein es scheint für alle Menschen das schmerzhafte Daseinsgesetz zu gelten, daß sie nur durch Fallen zu steigen vermögen und nur durch das Gift leicht erlangter Erfüllung sich das Auge klar beizen für den Mut zur Erkenntnis ihrer wahren Sehnsucht. Mit dem Schattengürtel, der die Erde verhüllt, hat es aber seine vollkommene Nichtigkeit. Denn in den fünf Jahren, die ich von Hemsterhus abwesend war, ist kaum ein deutlicher Ton der Ereignisse bis zu mir gedrungen, die in der Zeit die wildesten Verhältnisse geschaffen hatten. Die Luft in meinem väterlichen Hofe war dieselbe geblieben, die mich einst davongejagt hatte. Ich merkte nach kaum einer Stunde, die ich unter dem heimischen Dach zugebracht hatte, daß sich Vater und Bruder eher tiefer in der Finsternis verloren hatten. Aber nach dem Tode meiner Mutter vollzog sich dies langsame Versinken reibungsloser. Beide waren wie früher die unzerstörbaren Arbeitstiere, denen Verdrossenheit und Widerwille den Fleiß würzte, so, daß sie alle Tage bis ins schweißrauchende Hemd arbeiteten, nur um am Abend das Recht zu haben, desto wilder und aus Herzensgrunde fluchen zu dürfen. Für meinen Bruder war diese Beschäftigung eigentlich mehr ein Vergnügen, wie für einen besonnten Menschen das abendliche Lied auf der Hausbank. Im übrigen hatte ich bald heraus, daß er geruhig in dem alten Morast geschlechtlicher Zuchtlosigkeit und des Trunkes weiterwatete. Nein Vater lebte in der gleichen Feindseligkeit und überheblichem Mißtrauen gegen alle Welt, und nachdem er sich in dem Spott und Hohn über meine Gelehrsamkeit und das ›Bücheralben‹;, wie er das Lernen und Studieren nannte, genuggetan hatte, las er mein glänzendes Zeugnis, ging mit seinem schweren, donnernden Schritt und einem glückhaft – schwelenden Lachen in dem Zimmer auf und nieder und fragte dann, wozu das alles, die ganze Tagedieberei, die ich seitdem getrieben, eigentlich gut sei. Auf meinen Entschluß. Jura zu studieren, sah er mich erst mit gewulsteter Stirn drohend an, verfiel aber nach meiner Erklärung, dies bedeute, daß ich Richter werden wolle oder Rechtsanwalt, in Nachdenken, aus dem er endlich mit einem bösen, verstehenden Augenblinzeln auftauchte. So so, meinte er, nun begreife er alles. Das sei gut so, und das solle und werde gemacht werden. Denn da habe ich recht, nur auf diese Weise könne dem in allen Schurkenwassern dreimal gekochten Sintlinger der Garaus gemacht werden. Dann solle diesem Erzlumpen ein Prozeß gemacht werden, an dem er und sein ganzes Gezücht zugrunde gehen müsse. Denn eher gäbe es für ihn und für die ganze Gegend keine Ruhe. Richtig wie ein heimlicher Satan wüte er in allen Dörfern. Die Querhovener habe er von dem alten Glauben abgewendet, durch verrücktes Höllengewäsch, das er ihnen in die Ohren blase, daß das ganze Dorf in der Auflehnung gegen die Kirche und den Pfarrer begriffen sei. Den großen Meixnerbauern habe er so lange gereizt, daß er vom Trunk in ein wahres Teufelssaufen geraten sei und alles in Grund und Boden verludert habe, bis sein Weib in einer Nacht in die Querhofener Teufe gesprungen und dort zu Tode gekommen sei. Alles wühle er auf. Das Gut des Meixner sei versteigert und von der Arenbergschen Herrschaft für ein Lumpengeld erworben worden. Und nun sitze der große Meixnerbauer in einer erbärmlichen Hundehütte von Haus und gehe wie ein abgemagerter Wolf umher, den die stille Tollwut plage. Seine Tochter, das Mathinklein, habe aus Wesel zurückgenommen werden müssen und spiele nun bei den Verwandten in dem Hemsterhuser Gasthaus die Schenkmagd, sie, die Großbauerntochter. Es sei eine Schande, die zum Himmel stinke. Und alles das rühre von niemand als dem dreimal vermaledeiten Sintlinger her, der heuchlerisch wie ein Heiliger umhergehe, seinen Hof zu einer Herberge für Straßenvögel gemacht habe und allen Leuten die Köpfe verdrehe mit seinem Wortkram, er wie seine blinde Milchpuppe, dies verdrehte und verschraubte Gemächte, das die blöden Allfanzer der Gegend das Heiligenlenlein nennen. Es sei zum Kotzen und Kränkelriegen, und seitdem dieser Himmelhund den Bau der neuen Straße durchgesetzt habe, sei es überhaupt nicht mehr auszuhalten mit ihm. So tobte mein Vater fast die halbe Nacht und leerte den Kübel seiner giftigen Finsternis vor mir aus. Er legte mein gelegentliches Nicken, daß ich verstehe, was er meine, als Zustimmung aus und steigerte sich immer wilder in seinen ererbten Familienhaß hinein, bis er sich ausgepumpt hatte, mit eingesunkenem, verzerrtem Gesicht im Stuhl zurücksank und in der Erschöpfung eine Weile geschlossenen Auges ausruhte. Dann kam ein glückliches, fast triumphierendes Leuchten über sein gefurchtes Gesicht und in seine Augen. Er griff nach meiner Hand herüber und drückte sie inbrünstig zum Zerbrechen. So, das sei richtig von mir, sagte er erschüttert, ich solle alles lernen, alle Finten der Gesetze und alle Rechtsschliche, dann könnten wir dem Gezücht da drüben an die Gurgel. Alles möge dann geschehen und vergessen sein, was ich getan habe, daß die Mutter an mir gestorben sei und ich mich jahrelang nicht um ihn gekümmert habe, ob er sterbe oder lebe. Dann ging er hinaus, und ich hörte ihn von meiner Stube aus noch lange um den Hof wirtschaften und schimpfen. Obwohl ich wußte, daß in dem haßerfüllten Herzen meines Vaters die Vorgänge verzerrt bis ins Gegenteil sich spiegelten, ja gerade deswegen, brachte ich es nicht über mich, durch Umfragen und Erkundungen mir eine richtige Einsicht in die veränderten Verhältnisse der Gegend zu verschaffen und vor allem zu erforschen, ob tatsächlich, wie es mein Vater dargestellt hatte, der Sintlinger und seine blinde Tochter die einzig Schuldigen an dem Verfall und der Zersetzung der Ordnung seien. Der schwache Schatten des Argwohnes gegen diese beiden Menschen, der in einem solchen Beginnen lag, hinderte mich an jedem Versuch der Aufklärung der verworrenen Finsternis, die über Hemsterhus, Querhoven, Brederode und einigen anderen Dörfern lastete. Ich war aus dem Heiligtum meiner himmlischen Verehrung für den Sintlingerbauern, vor allem aber seiner entrückten Tochter, durch meinen Vater hinausgepeitscht worden. Es war wohl nicht zerstört, aber in mir gleichsam ins unerreichbare gerückt, vermauert worden, und ich wollte mir wenigstens diese selige Verschollenheit meiner Tiefe unversehrt bewahren, weil ja letzten Endes mein Streben darauf gerichtet war, mir ein ähnlich hohes, reines Leben zu erringen, wie es diese beiden Menschen fühlten. Der Haß meines Vaters gegen sie hatte wenigstens das eine Gute für mich, daß er mir den Weg zum Studium der Rechte ebnete, zu dem ich mich, aus einem anderen Grunde allerdings, gedrängt fühlte. So beschloß ich meiner gewohnten Abseitigkeit von allem, gleichsam als Fremder, bis zu meiner Immatrikulation in Münster auf dem Hofe meines Vaters zu bleiben. Ich machte weder dem Pfarrer noch dem Kantor einen Besuch, brachte es über mich, den Sintlingerhof wie ein unbekanntes, mir völlig gleichgültiges Anwesen zu betrachten, saß die meiste Zeit über den Büchern und gönnte mir die einzige Erholung, täglich stundenlang in den weiten Wäldern umherzustreifen. Nur nach Eintritt der Nacht spazierte ich ab und zu, in meinen Mantel gehüllt, den Hut tief in die Stirn gezogen, durch die stillen Gassen von Querhoven, Hemsterhus und Brederode und wich jedem Gespräch mit den Leuten aus. Trotz dieser ängstlich gewahrten Abgeschiedenheit erfuhr ich doch einiges von der leidenschaftlichen Aufgewühltheit, in der alles fieberte. Der Vater des Mathinkleins war wirklich nach dem gewaltsamen Tode seiner Frau in der Querhovener Teufe durch sein Luderleben von dem Hofe vertrieben worden und lebte als Speilhobler in einem kleinen Hause. Seine Trunksucht hatte er sich mit einem gewalttätigen Griff aus dem Leibe gerissen und war als ein Mensch, der sich nur durch Ausschreitungen am Leben erhalten kann, auf eine Religiosität verfallen, die wie die Ausdünstungen seiner unterdrückten Trunkfälligkeit in ihm tobten. Er saß ganze Nächte über der Bibel und war in jener Zeit drauf und dran, seine Dorfgenossen, die Querhovener, die alle eigentlich geheime Wiedertäufer waren, lammfromme, sanftmütige Wesen, zu seiner neuen Lehre herüberzureißen. Er wollte die gewaltsame Zerstörung der katholischen Kirche oder, genauer gesagt, den offenen Aufruhr gegen den Pfarrer Ardelt und den Kantor Liborius Pfeiffer. Der alte geistliche Herr war nämlich im Laufe der Jahre von dem zelotisch frommen Schulmeister ganz von seinem gütigen, toleranten Christentum in einen fanatischen Glaubenseifer abgedrängt worden und bedrückte die Querhovener durch allerlei Schikanen wegen ihrer geheimen Hinneigung zum Wiedertäufertum, dem sie als Gesinnungserben ihrer Ahnen verborgen anhingen. Der Kantor hudelte ihre Kinder in der Schule auf alle niederträchtige Weise, der Pfarrer donnerte in der Kirche gegen sie, hatte schon einem Gestorbenen aus dieser Gemeinde das kirchliche Begräbnis und die Ruhe in geweihter Erde versagt und war in seiner verblendeten Erbitterung bei der Fürstlich Arenbergschen Güterverwaltung durchgedrungen, daß den armen Querhovenern die kleinen Pachtackerstreifen entzogen worden waren, auf denen sie einen Teil ihres kargen Lebensunterhaltes bauten. Dadurch steckten sie alle in der härtesten wirtschaftlichen Bedrängnis und hatten eigentlich nur die Wahl, ihre Anwesen im Stich zu lassen oder ihr heimliches, ketzerliches Glaubensschwärmen feierlich abzuschwören. Das erfuhr ich ungefähr auf meinen Nachtgängen in den Dörfern, begegnete einmal selbst dem Meixnerbauern, wie er in einem Rudel ängstlicher Männer finster dahinging, dann stehenblieb, wild fuchtelnd sprach und zuletzt mit seiner kleinen Schar auf einem Rain gegen den Wald hin in der Dunkelheit verschwand. Denn dem wilden Mann war es gelungen, einen Teil der unzufriedenen, bedrückten Querhovener zu sich herüberzureißen, und sein Anhang wuchs von Tag zu Tag. Mathinka Meixner erblickte ich einigemal durch das unverhangene Fenster des Gastzimmers, wie sie, modisch aufgesteckten Haars, städtisch herausgeputzt, lachend zwischen den Tischen hin und wieder ging und die Gäste bediente. Hoch gewachsen, voll und schön, ohne eine andere Spur von Bedrücktheit als einer fast frechen, überheblichen Lustigkeit, bewegte sie sich unter den Bauern. Einmal hörte ich sogar ihr Lachen durch die geschlossenen Fenster zu mir herausdringen, da ich einen Augenblick auf der Straße stehengeblieben war. Es hatte noch denselben sinnlich aufreizenden Klang wie früher. Aber es zuckte mir weder ins Blut, noch umnebelte es mir heiß das Herz wie ehedem. Ich ging kühl weiter und schüttelte nur den Kopf in einem, ich möchte sagen intellektuellen Mitleid, das heißt einem, das nur aus dem Hirn zu stammen schien. In welcher Weise aber der Sintlinger und seine Tochter mit all dem in Verbindung stehen sollte, wie mein Vater behauptete, davon erfuhr ich nichts, und ich vergrub mich noch tiefer in meine selbstgewählte Einsamkeit. Ein leises Minieren arbeitete freilich in mir, als dränge Verschollenes ins Leben, als ringe Unterdrücktes gegen seine Fesseln, ein Zehren, eine Unruhe bewegte trotz aller sicheren Beherrschtheit mein Herz, und wie nach überstandener Nacht auf fernen, noch traumdunklen Bergen die verborgene Sonne als ersten Morgengruß ein schwaches Glänzen haucht, so schwebte aus der selig-verwunschenen Zeit meiner Kinder- und Knabenjahre eine erlösende Helle heran. Ich habe weder dies Dunkle noch dieses Helle in mir ermessen, denn zu allen Zeiten des Daseins, nicht bloß in der Jugend, sondern auch im Alter stellt das Bewußtsein nur einen kleinen Teil unseres Wesenssinnes ins Licht der Erkenntnis, der wichtigste und tiefste Teil kann nur durch das Erlebnis erfahren werden. So geschah es auch hier. Die Vorgänge überstürzten sich. Meine Tage bis zur Übersiedlung nach Münster waren nur noch karg bemessen, und meine Aufmerksamkeit hatte sich von diesem unterirdischen Rumoren in der Gegend noch mehr abgekehrt und war fast ganz von den Plänen für meinen Lebenszuschnitt auf der Universität in Anspruch genommen. Deswegen erregte mich die Nachricht von den neuen Verwicklungen in dem Verhältnis der Querhovener zu dem Pfarrer Ardelt nicht mehr als etwa die Feindseligkeit eines Indianerstammes gegen die Weißen im wilden Westen Amerikas. Ein armer Speilhobler aus diesem Dorfe war ohne den Empfang der Sakramente gestorben, und der Pfarrer hatte ihm das kirchliche Begräbnis verweigert. Daraufhin hatten ihm die Aufsässigen dieses Ortes, unter Vorantritt ihres wilden Anführers, des Meixnerbauern, an dem Waldrande der Querhovener Lehne ein Grab bereitet und, wie die Leute sagten, einen häusergroßen Stein darauf gewälzt, um seine polizeiliche Exhumierung zu verhindern. In den Nächten hörte ich den dumpfen Gesang der Männer, die an dem Grabe ihres Genossen Wache hielten, bis zu mir herüberschallen. Das dauerte drei, vier Nächte lang. Gendarmen gingen und ritten hin und wider, tauchten auf und verschwanden, weil sie, wie die meisten, glaubten, diese Auflehnung werde endlich an sich selbst zugrunde gehen. Aber am fünften Tage nach dem Tode des armen Speilhoblers, es war, wie ich mich noch genau erinnere, an einem Donnerstag, am Morgen, um die Zeit des Frühstücks, begannen sämtliche Glocken der Kirche zu Hemsterhus Sturm zu läuten, und das Glöckchen zu Brederode fing auch bald an, in dieses Brausen mit seiner Stimme zu wimmern, als schreie ein erschrecktes Kind um Hilfe. Wir eilten alle vor den Hof und hielten Ausschau nach dem Tale hin, das Gesinde bestürzt, mein Bruder mit einer stumpfen, geilen Neugier im Gesicht, mein Vater, voll eines glückhaft bösen Triumphes. Denn diese Rebellion, von dem Sintlinger angezettelt, mußte ihn vernichten. Und schon sahen wir eine lange Prozession von Männern, die sich langsam durch das Tälchen aus Querhoven herauswand und auf Hemsterhus zu marschierte. Sie bestand aus zwei deutlich unterscheidbaren Teilen, ein dunkler Klumpen voran, dahinter, zu Paaren geordnet, ein langer, sittsamer Zug. Von dem hin und wieder schwankenden Winde wurden dann und wann die Töne eines sanften Kirchengesanges zu uns hergetragen. Das konnte doch kein Aufruhr sein, obwohl die riesige Gestalt des Meixnerbauern unter der dunklen Masse, die an der Spitze ging, zu erkennen war. Mein Vater verbot den Leuten, denen es in allen Gliedern juckte, einen Fuß vom Fleck zu rühren, und hing mit wahrer Andacht an der Entwicklung des Schauspiels drunten. Ich schlich mich weg und eilte durch den Wald, gestreckten Laufes, hinunter nach Hemsterhus. Atemlos kam ich auf dem Schenkenplan an, wo sich die Chaussee nach Bocholt abzweigte. Die Aufrührer waren schon nach der Kirche zu vorüber und alles wie ausgestorben. Wegen meiner früheren Beziehungen zu Pfarrer und Kantor wollte ich ihnen nicht nachgehen und trat unter die Tür des Gasthauses, das auch totenstill, wie von allen verlassen lag. Nur hin und wieder tönte schwaches Wimmern einer Frauenstimme aus einem verschlossenen Zimmer im oberen Teil des Hauses. Da wurde ich von hinten vorsichtig an der Achsel berührt, und als ich mich umdrehte, schaute ich in das leichenblasse, verängstete Gesicht der Wirtin, der Schwester der ertränkten Meixnerbäuerin, der sogleich die Tränen aus den Augen stürzten. ›Ach Gott,‹; sagte sie schluchzend, ›daß man so etwas erleben muß! Am meisten tut mir das Mathinklein leid. Sie liegt droben in der verschlossenen Stube, weint zum Gotterbarmen und macht auf alles Bitten nicht auf. Wenn sie sich nur nicht was antut.‹; In diesem Augenblicke brach von der Kirche her, die Glocken hatten zu läuten aufgehört, ein ohrenbetäubendes Geschrei von Männerstimmen los. Daraufhin steigerte sich das Wimmern des armen Mathinkleins zu schrillem Gellen, daß die Wirtin sich jäh abwandte und im Fluge die Treppe hinauf zu Hilfe eilte. Mir wandte es auch instinktiv die Füße. Aber ein Blick nach dem Wege von den Friedhöfen her hielt mich zurück. Dort raste ein leichter Halbgedeckter in einem Galopp, der schon mehr Karriere war, auf Hemsterhus zu. An dem Rotfuchs erkannte ich es als das Gefährt des Sintlingerbauern, der dann und wann, wenn das Pferd in langsamere Gangart verfallen wollte, wie toll auf das Tier einhieb. Im Sprung kam es näher. Der Sintlinger saß, die Leine um die Hand geschlungen, mit zusammengezogenem bleichen Gesicht, wie im Stoß vorgebeugt, darin. Und neben ihm lehnte das Lenlein in einem himmelblauen Kleide so ruhig, so selig, als liege es träumend zwischen den besonnten, weißen Wölkchen, zu denen ihre blinden Augen groß und klar emporgerichtet waren, als höre es nicht das Gebrüll wilder Männerstimmen, sondern die Musik von Engeln. Dem Rotfuchs schnob der Schaum aus den aufgerissenen Nüstern, die Glocken begannen aufs neue im Kirchturm zu toben, als wollten sie aus den Schallöchern springen. So wurde das Gefährt an mir vorübergerissen. Ich bekam von dem Anblick dieses himmlisch entrückten Mädchens einen Stoß, wie von einer gläsernen Lanze, vor die Brust, einen Stoß, der durch und durch ging, so furchtbar und zugleich so über alle Begriffe glückhaft schmerzlich, als habe ich die fünf Jahre nur auf diese selige Verwundung gewartet. Was kümmerte mich nun der ganze Zimt dieser verrückten, toll gewordenen Querhovener! Ich hörte das Wimmern des entehrten Mädchens im Zimmer droben nicht mehr, sprang über die Straße, drückte mich zwischen den Gehöften aufs Feld hinaus und ging über Brederode, durch den Buchengrund im großen Bogen, an dem Sintlingerhofe vorbei, nach Hause. Ich ging auf der Erde und doch wie in der Luft. Diese Helene Sintlinger war kein Menschenwesen, sondern ein göttliches Geschöpf, wie ich mir als Kind die Engel oder die Mutter Gottes selbst vorgestellt hatte. Wie trunken, geistesabwesend kam ich auf unserm Hofe an, verstand die Fragen meines Vaters, mit denen er auf mich eindrang, nicht und schloß mich in mein Zimmer ein, wo ich mich an das Fenster stellte und unverwandt auf den Sintlingerhof hinüberschaute, versunken und entrückt wie ein Frommer im Anblick des Allerheiligsten. Den ganzen Tag machten die Engel Musik an Himmelstüren, die in mir offen standen. Was von dem Verlauf und Ausgang des Aufruhrs auf unsern Hof getragen wurde, hörte und hörte ich nicht. Die Aufrührer waren in den Pfarrhof gedrungen und hatten die Beisetzung ihres Genossen in geweihter Erde unter kirchlichen Ehren verlangt, und da der Pfarrer Ardelt sich in sein Haus eingeschlossen hatte und nicht zur Verhandlung mit ihnen erschien, hatten die empörten Männer schon die mitgebrachten Äxte gelockert, um unter Anführung des wilden Meixner die Tür einzuschlagen. In diesem gefährlichen Augenblicke war der Sintlinger erschienen und hatte durch überlegene Besonnenheit und Güte die verführten armen Speilhobler von ihrem tobenden Propheten abgewendet und zum Einlenken gebracht. Sie hatten sich seine Vermittlung gefallen lassen. Die Tür war ihm von der Beschließerin geöffnet worden, leider zu spät. Denn beim Eintritt hatte er den Pfarrer Ardelt als Toten gefunden. Er lag, vom Schlage getroffen, auf der Diele seines Zimmers zwischen Tisch und Tür, noch warm, aber entseelt. Beim Wiedererscheinen des Sintlingers unter den Aufrührern hatte sich der Meixnerbauer von hinten auf ihn stürzen wollen. Allein sein wilder Hieb mit einem Baumast sei neben dem Heiligenbauern ins Leere geschmettert, weil seine blinde Tochter ihn zur Seite gerissen hatte. Alle, bis auf meinen Vater, sahen darin ein Wunder und fanden das Ende, das sich der enttäuschte und von seinen Anhängern verlassene Meixnerbauer selbst bereitet hatte, wohl furchtbar, aber gerecht. Er war nach dem mißglückten Überfall auf den Sintlinger von seinem eigenen Neffen zu Boden gerissen worden, und der riesige, bullenstarke Mann hatte sich von dem kleinen, schwächlichen Burschen ohne Gegenwehr blau und blutig prügeln lassen. Dann war er aufgestanden, hatte alle im Kreise groß und traurig angesehen, zustimmend und unter einem unsäglichen Lächeln genickt und war dann durch die Menge hin zum Dorfe hinausgegangen und im Bocholter Walde verschwunden. Zwei Stunden später fanden ihn die Landjäger in einer Fichtenschonung kniend und erhängt. Für meinen Vater hatte bei dem ganzen Handel der Satan die Hand im Spiele, der alles auf das Geheiß des Sintlingers hin so gelenkt habe. Denn eigentlich gehörte, wie er meinte, der kleine Teufel von drüben in die Hanfschlinge unter den Fichten. Ich verließ vor diesem lästerlichen Gerede den Hof und lief den ganzen Nachmittag auf unsern Feldern umher. All die finstern Ereignisse erhöhten noch den Glanz um das Bild des Sintlingerlenleins, so daß ich nur noch tiefer in die Verehrung aus meiner Knabenzeit für sie geriet. Zu einem ernsten Entschluß kam es nicht. Ich schwärmte nur, blühend, aber energielos. Gegen Abend war ich wohl so weit, daß ich in mir erwog, ob ich nicht hinüber auf den Sintlingerhof gehe und mich nach dem Befinden Helenens erkundige. Aber ich erinnere mich noch deutlich, wie lahm, wenn auch noch so verlockend, dieser Vorsatz in mir aufkam, denn ich war sicher, daß seine Ausführung meinen Vater in die blindeste Wut versetzen mußte und schließlich mein ganzes Studium gefährden konnte. In seiner Erbitterung war er zu allem fähig, sein Versprechen zurückzunehmen und mich ohne Mittel vom Hofe zu jagen. Die Nacht sank herein, aber mein Wille stand noch immer zögernd vor diesem Weg ins Helle. Ich saß unter einem Baum unseres Obstgartens und starrte durch das zunehmende Dunkel nach dem Sintlingerhofe hinüber, wo in dem Wohnhause das Licht angezündet wurde. Fenster um Fenster flammte rötlich auf. Es wirkte wie eine Aufforderung, meine Bedenken abzuschütteln, wie ein Signal zum Handeln. Ich erhob mich, ordnete meinen Anzug und räusperte mich laut und anfeuernd. Aber da ich durch das Dunkel nach dem Steige zu dem Grenzwege ausschaute, sah ich jemand dort herangeschlichen kommen. Es war schon so finster, daß ich die Umrisse nicht mehr genau wahrnehmen konnte. Manchmal sah es aus, als ginge da unten ein Mann, dem ein Hund nachfolgte, ein riesiges, schwarzes Tier, und manchmal auch glaubte ich, nur einen Mann zu erblicken, der sich im Fortbewegen bald aufrichtete, um zu horchen, und dann wieder geduckt vorwärts sprang. Die Zauberhelle, das inbrünstige Feuer um das göttliche Bild des Sintlingerlenleins, war in mir ausgeblasen. Ich war ganz Spannung, Horchen und Augenbohren in die Nacht, tat einige behutsame Schritte nach dem Steige, der von unserm Hof nach dem Grenzwege drunten führte, und hielt selbst den Atem an, um besser beobachten zu können. Die rätselhafte Gestalt war jetzt bis zu der Stelle gekommen, wo unser Steig in den Grenzweg mündete, und schien von der Erde verschwunden. Eben wollte ich, aufgebracht über meine törichte Erregung und die Äfferei vor mir, hinunterschreien, wer da unten herumkrieche, da rief es behutsam, dringend, mit atemschwacher, ausgelaufener Stimme meinen Namen. Es rief ihn, wie ein Vertrauter, mir Bekannter, der gekommen war, mich an eine heimliche Verabredung zu erinnern. Sogleich hielt ich in meinem lautlosen Vorwärtsschreiten inne und wartete, ob sich der Ruf wiederholen würde, oder ob es nur eine Einbildung sei. Aber nein, da rief es wieder, eher leiser, noch dringender als vorher, als habe mich der Allbekannte endlich erblickt. Nun gab es für mich kein Halten mehr. Mit dem Ruf: ›Zum Teufel noch mal, was wollen Sie denn von mir!‹; stürzte ich in langen Sätzen über den Abhang hinunter, dem Grenzwege zu. In demselben Augenblick sprang der Unbekannte hinter der dicken Weide hervor, wo er sich verborgen hatte, und lief lautlos und pfeilschnell wie ein Wiesel auf dem Grenzwege nach Hemsterhus zurück. Ich war dazumal schon so groß wie heut, und Sie können sich denken, wie ich hinter ihm her war. Noch nie in meinem Leben bin ich so gelaufen wie damals. Aber der Unbekannte war wie ein Hexenmeister. Spielend sprang er wie durch die Luft. Wenn ich ihm auf zwanzig Schritt nahe gekommen war, schlug er lachend einen Haken und rief im nächsten Augenblick, weit vor mir auf der Straße, äffend und lockend meinen Namen: ›Peter! Peter!!‹; Doch nun klang seine Stimme blechern, leer, fast so wie die Stimme des trunksüchtigen Sattlergesellen, dessen Flötenspiel aus dem Höfchen zu Münster ich sooft gelauscht hatte, und der mir einst auf meinem abendlichen Rückgang vom Ruppenberg in der weinfröhlichen Hochzeitsgesellschaft den dummen Schabernack gespielt hatte. Aber wie kam der Kerl hierher? und was wollte er von mir? Das fragte ich mich und verdoppelte meine Anstrengung, seiner habhaft zu werden. Es war umsonst. Er flog vor mir her, grotesk wie ein Irrwisch und wie ein geständerter Vogel, jetzt zum Greifen nahe, im nächsten Moment schon wieder weit vor mir, und immer, wenn er mich so genarrt hatte, brach er in sein höhnisches Trottellachen aus und rief meinen Namen. Schon tauchten die Lichter von Hemsterhus auf. Grell stachen vor allem die hell erleuchteten Fenster der Schenke durch die Nacht. Ein halber Schein davon geisterte noch über die Wiesen. Da sprang unvermutet der Verfolgte, dem ich auf ein paar Sätze nahe gekommen war, so daß ich schon deutlich seinen Atem pfeifend gehen hörte, mit einem verzweifelten Schwung über den Graben, die Hände wie lange, gerupfte Flügelstummel ausgebreitet, und war in der tieferen Wiese verschwunden. Ich stutzte einen Augenblick über diesen gnomenhaften Sprung und hörte ihn bald darauf wieder lachen und höhnisch meinen Namen rufen. Nein, das war nicht die Stimme des Sattlergesellen. Die klang anders, frecher, gemeiner, aber zusammengeraffter. Vielleicht war das der Niemandalb, schoß es mir durch den Kopf, während ich die Jagd wieder aufnahm. Das war ein Halbsinniger, der in Hemsterhus sein Wesen trieb und, wenn ein Wirbel seinen verdrehten Kopf packte, den Leuten mit verrückten Einfällen und schnakischen Alfanzereien beschwerlich fiel. Was hatte ich davon, mich mit einem Trottel in der Nacht auf dem Felde herumzujagen? Wenn die Leute davon erführen, würde mich jedermann mit Recht auslachen. Aber ich hatte mich in eine solche Erregung hineingeprescht, daß ich wie ein Jagdhund an allen Gliedern bebte und den Pfiff meiner Vernunft überhörte. Ich schoß hinter dem Verrückten her, denn nun glaubte ich fest, es sei der Niemandalb. Wir waren beide im Ermüden. Die Hatz ging langsamer, aber die Jagd dauerte an. Da waren wir in Hemsterhus. Er hopste über den Graben auf die Bocholter Chaussee, lief auf die Schenke zu und verschwand im Garten hinter dem Gebäude. Ohne zu zögern, folgte ich ihm, wie der Jäger etwa einem weidwunden Tier nachspürt, um ihm Zeit zu lassen, sich im Krankenlager niederzutun. Denn daß der Niemandalb nach dieser wilden Jagd, auch abgeschlagen, irgendwo, und zwar nicht weit, sich verschnaufen mußte, war mir sicher. Nun, und war es der trunkene Sattlergeselle aus Münster, so galt für ihn dasselbe! Ich ging also gemächlich um den hellen Schein herum, den die erleuchtete Schenke in die Nacht warf, und zwängte mich durch den lebendigen Fichtenzaun in den Garten. In der Gaststube herrschte ein Lärm, der mich ins Herz hinein betroffen machte. Es tobte drinnen, daß sogar das Licht zu zittern schien, das sich aus den unverhangenen Fenstern ergoß, und dabei fühlte ich, wie durch diesen Lärm gerade eine beklemmende, leichenhafte Stille erzeugt wurde. Wir, der ich vom Garten aus einen Augenblick in diesen Tumult schaute, ging es ja geradeso. Mir brausten die Adern, mir tobte es in den Ohren, meine Gedanken wirbelten, und dennoch, im tiefsten, gleichsam noch unterm Herzen, herrschte die Spannung einer so ungeheuerlichen Stille, daß ich versucht wurde, laut mit den Füßen zu trampeln, zum Halsblähen zu schreien oder schrill zu pfeifen und dabei laut in die Hände zu klatschen. Alles, um mich von diesem unerträglichen lautlosen Lasten in mir zu befreien. Da raschelte irgendwo ein Fenster, und bald darauf hörte ich einen dumpfen Fall, dem ein schwaches, unterdrücktes Aufseufzen folgte. Törichterweise dachte ich an den Sattlergesellen, der möglicherweise versucht hatte, in ein Fenster einzusteigen, um zu stehlen, und der dabei das Gleichgewicht verloren hatte und abgestürzt war. Ehe ich mich abermals auf die Suche begab, warf ich noch einen dringenden Blick in die Gaststube, und als ich Mathinka Meixner nicht erblickte, wuchs diese Leichenstille unterhalb meines Herzens noch. Nun begann ich den ganzen Garten abzusuchen, wendete jeden Strauch herauf, guckte hinter jeden Baum, drückte mich, als ich nichts und niemand fand, an der anderen Gartenseite durch den Zaun und gelangte auf eine Wiese, die sich bis zur Bocholter Chaussee erstreckte, deren fahles Band ich in der Nacht undeutlich gewahrte. Ich stand und bemühte mich, mit meinen Blicken das tiefe Dunkel zu durchdringen. Lange blieb alles ein schwarzes Wogen, bis es mir endlich war, als schleiche jemand vorsichtig durchs Gras. Ich stellte mein gespanntes Auge in die Richtung, aus der das streichende Schleichen zu hören war, und dachte: Kujon, nun habe ich dich, nun entkommst du mir nicht! Und da gewahrte ich auch wirklich eine Gestalt. Sie ließ eben die Vorsicht außer acht und begann geduckt über die Wiese zu laufen. Vor dem fahlen Band der Bocholter Chaussee stutzte sie und richtete sich erschöpft und ringend auf. Da erkannte ich an den weichen Bewegungen, daß es kein Wann, sondern ein weibliches Wesen sei. Mein Herz wurde von einem geradezu dröhnenden Stoß erschüttert, daß sich alles einen Moment um mich drehte. Als ich wieder zu mir kam, sah ich sie mühsam über den Graben springen und auf der Chaussee dem Walde zueilen, der zwei, drei Felder hin begann. Das war niemand als Mathinka Meixner auf der nächtlichen Flucht vor der Schande. Ich bezwang mich, laut zu rufen. Während ich auf den Fußspitzen ihr rasend schnell nachsetzte, sprach ich fortwährend lautlos ihren Namen in mich hinein und wurde davon voll eines solchen Mitleids mit der Unglücklichen, daß mir die Tränen würgend in der Kehle saßen. Auf diese Weise kam ich ihr immer näher. Trotz meiner Vorsicht mußte sie meine Schritte gehört haben, denn sie begann plötzlich wie entsetzt zu laufen. Da ließ ich alle Überlegung fahren, rief laut und beschwörend ihren Namen und sprang in langen Sätzen ihr nach. Ehe sie in den finstern Wald untertauchen konnte, hatte ich sie erreicht. Gerade stahl sich der späte Mond über den dürren Berg hinter Querhoven in den Himmel hinauf, und ich konnte gut die unwillige Verzweiflung von ihrem Gesicht ablesen, das sie mir zuwandte. Ohne einen anderen Laut als den eines unterdrückten Aufschreis entsetzter Qual, riß es ihr Gesicht herum. Sie maß mich einen Augenblick verächtlich und sprang dann unter dem Ausruf: ›Was willst du von mir? Geh deiner Wege!‹; über die Chaussee an den anderen Graben in den Schatten. Sie trug ein großes Umschlagetuch, das ihre ganze Gestalt vom Kopf bis fast zu den Füßen verhüllte. Und als sie so ungeschickt und abgeschlagen wie einer, der den ganzen Tag über die Gewalt gelaufen ist, von mir wegsprang, bemerkte ich, daß sie unter dem Tuch eine große Bürde in der Rechten trug. Diese setzte sie erschöpft zu Boden, als sie drüben angekommen war, und während sie sich die Haare aus dem Gesicht strich und das Tuch eilig zusammenraffte, das sich vom gelöst und halb über die Schultern geglitten war, drohte sie wild, sofort in den Wald hineinzulaufen, wenn ich wage, zu ihr herüberzukommen. Fast wie wahnsinnig sprach die Bejammernswerte, raffte und zog an ihrem Tuch, um sich wieder ganz darin einzuhüllen – und brachte es lange nicht fertig. Ich sah, daß sie nur mit dem Hemd und einem kurzen Unterröckchen bekleidet war, ja sogar weder Schuhe noch Strümpfe anhatte. Deswegen wagte ich mich nicht zu ihr, bis sie, wieder vollkommen vermummt, sich beugte, um die Bürde aufzunehmen und weiterzugehen. Dann lief ich hinüber und griff nach der Bürde. Wie eine Eisenklammer saß ihre Hand um den Knoten des Tuches, in dem allerhand Kleidungsstücke eingeschlagen waren. Sie rang mit Aufbietung aller Kräfte darum, weil sie glaubte, ich wolle die Sachen an mich bringen, um sie wieder nach Hemsterhus zurückzunötigen. Endlich glaubte sie meinen Versicherungen doch, daß ich ihr nicht wehe tun, sondern nur helfen wolle, überließ mir die Bürde, hüllte sich in ihr Tuch und begann, eilig und in sich gekehrt, ihren Weg fortzusetzen, so, als sei sie ganz allein im Walde. Ich war von dem Brausen vor meinen Ohren, von dem Rasen meines Herzens benebelt und ging eine lange Strecke des Weges stumm neben ihr, sie unbemerkt mit meinen Blicken überfliegend, wenn an einer lichten Stelle ihre Gestalt im Scheine des immer höher steigenden Mondes deutlicher zu sehen war. Das Tuch reichte ihr wenig über die Knie. Aber ohne Rücksicht auf die Nachtkühle und den feuchten Weg schritt sie lang aus. Dann und wann schauerte sie wohl zusammen, zog das Tuch fester um sich, griff aber im Schreiten noch weiter aus, als seien uns die Verfolger auf den Fersen. Rücksichtslos ging sie durch Pfützen, die ihr in den Weg kamen, daß der Kot ihr an den weißen Beinen emporspritzte und sich in dunkeln Flecken dort festsetzte. ›Sie geht wie durch Blut. Durch ihr eigenes Blut!‹; Dieser Gedanke schoß mir auf einmal aus dem Herzen, und nach einigen dringend-liebevollen Anrufen, mir doch endlich Gehör zu schenken, fing ich am, von den Vorgängen zu sprechen, die mich von unserm Hofe nach Hemsterhus heruntergeführt hatten. Ehe ich mich versah, wurden meine Worte so durch mein Herz verwandelt, daß meine Erzählung von dem Unbekannten, dessen Ruf mich auf dem Abhang getroffen hatte, zur inbrünstigen Liebesklärung eines Menschen wurde, der durch göttliche Fügung zur rechten Zeit an die Seite jener geführt worden sei, die er in all den Jahren leidenschaftlich ersehnt habe. Matkinka hatte erst schweigend, mit oft abgewendetem Gesicht zugehört. Dann begann sie leise zu weinen. Alls ich meine Erzählung mit der Frage beendet hatte, ob sie nach all dem noch immer glauben könne, daß ich nicht wert sei, ihr beizustehen, verwandelte sich ihr Weinen in lautes Schluchzen. Ich überließ sie eine Weile dem Ausströmen ihres Schmerzes. Dann fragte ich, ob sie wisse, wer der Mann gewesen sei, der mich zur Schenke, zu ihr geführt habe, ob sie ihn vielleicht gar geschickt habe. Da hörte ihr Weinen mit einem Ruck auf. Ihre Weichheit verwandelte sich jäh in Wildheit, und sie brach in ein bitteres Gelächter aus. Wie könne ich so etwas von ihr glauben? rief sie voll Wut. Obwohl sie das Kind von Selbstmördern sei und in Schande sozusagen als Ausgestoßene im Schmutz der Gasse liege, so viel Stolz besitze sie denn doch noch, sich nicht einem Menschen an den Hals zu werfen, der gewiß schöne Worte auf der Schule gelernt habe, aber in Wahrheit nichts von ihr wissen wolle. Sie habe von ihrer Tante wohl gehört, daß ich am Vormittag bei der Rebellion unten in der Schenke gewesen sei. Ich müsse sie weinen gehört haben. Aber ich sei nicht gekommen, ihr beizustehen, sondern habe unten das Vorbeifahren der Helene Sintlinger gesehen und sei dann weggeschwunden, ohne mich mit einem Wort um sie zu kümmern. Über diesem Gespräch war mehr als eine Stunde vergangen, und wir betraten die Wegkreuzung, auf der inmitten einer Lichtung die Zwieselkiefer steht, von der ich Ihnen schon gesprochen habe. Mathinka war nach dem Ausbruch ihrer Leidenschaft wieder verstummt und ging in sich versunken auf den großen Baum zu. Ich, um den sie sich nicht kümmerte, folgte ihr richtig zusammengedonnert, im Gefühl des Verrates und der Schlechtigkeit lautlos mit meiner Bürde. Sie ließ sich am Stamme der Kiefer wie stumpf vor Schmerz nieder, stellte die Beine gleichgültig auseinander und zog auch das Tuch nicht zusammen, das ihr beim Niedersitzen auseinandergeglitten war, daß ein Teil der Schultern und des göttlichsten Busens vor meinen Blicken entblößt war. Mir begann das Hirn Zu tanzen. Sie achtete nicht darauf, daß ich mich neben sie setzte, rührte sich auch nicht, als ich näher an sie heranrückte, sondern saß, den Kopf in die Hände vergraben, die Arme auf die Knie gestützt, und starrte vor sich zu Boden. ›Jawohl.‹; fing sie nach einer Weile, dumpf, wie zu sich sprechend, an zu reden, ›ich bin aus dem Bett gestiegen. Als es Nacht war, habe ich die Tür meiner Stube von innen verriegelt, daß niemand von draußen herein konnte, habe meine besten Kleider und alles, was ich brauchte, zusammengepackt, die Bürde aus dem Fenster geworfen und bin nachgesprungen. Und nun mag es gehen, wie es wolle. Zurück bringt mich niemand mehr. Eine Weile reicht mein Geld, bis ich eine Stelle gefunden habe. Aus der großen Tür hat mich die Welt hinausgeworfen. Durch eine Hinterpforte muß ich wieder in sie zurückschlüpfen, namenlos, geschändet, erniedrigt, oh, oh ...‹; Nach diesem Selbstgespräch begann sie aufs neue leise zu weinen. Mir flog der Körper wie im Fieber. Ich drückte mich an sie, umfaßte ihren Leib und redete lodernde, süße, berauschte Worte, bis ein Schauer durch sie rann, daß sie wie vor Frost zitterte. So zitterte sie, daß mich davon ein Taumel packte. Dann schleuderte sie sich aus der gebückten Haltung auf, sah mich verzehrend und drohend an und brachte endlich nur leise, kochende Worte über ihre Lippen, die ich nicht verstand. Danach sprang sie auf, verließ den Platz und begann in die Lichtung einzudringen. Immer tiefer hinein. Einmal wandte sie sich um und fragte, ob ich die Bürde mithabe. Auf meine Bejahung ging sie weiter. Wohl eine Viertelstunde gingen wir schweigend, ohne Weg, immer tiefer in die Schonung hinein. Als der Hochwald vor uns auftauchte, inmitten einer freien Rodung, blieb sie stehen, sah wie suchend umher, legte dann die Hände hinter dem Kopf zusammen und sah lange zum Himmel auf, wo der Mond gerade über uns stand. Das Tuch glitt an ihr nieder. Sie atmete flutend zum Brustsprengen. Mir sank die Bürde aus der Hand. Alles flimmerte um mich. Noch einmal hauchte sie fast lautlos meinen Namen. Dann umschlangen wir uns, sogen uns mit glühenden Küssen aneinander und fielen in der Raserei von einer Umarmung in die andere. Ich wußte, daß ich mein Leben um ihretwillen zertrat und ihr doch nicht gehörte. Sie fühlte ihre Verlorenheit und meine Lebensferne, und dennoch schmolzen wir immer wieder flammend ineinander. Mit jedem Opfer, durch das unsere unerschöpfliche Leidenschaftlichkeit um Liebe warb, wurden wir glückloser und wilder. Wie zwei, die sich zerstörten, um zu leben, waren wir, bis keine Ader mehr bebte, tobte es in uns. Mitten im Rausch, als wir Amokläufer der Brunst erschöpft nach einem neuen Liebestod rangen, erloschen wir zusammengeknäult wie Ertrinkende im Schlaf. Ich sah den Mond fahl aus dem Himmel fallen, wollte erschreckt aufschreien, brachte aber nichts als ein machtloses Stöhnen auf. ›Der Mond ... Der Mond ...‹; lallte ich und spürte, wie Mathinka sich mühte, es hauchend nachzusprechen und doch nicht fertigbrachte. Dann war alles vorbei. Die Nachtkühle weckte uns, nach wieviel Zeit, weiß ich nicht. Mir waren die Kleider abhanden gekommen, und auch Mathinka war vollkommen nackt. Wir wickelten uns in das große Umschlagetuch und schliefen, bis der Morgen aufging. Dann war ich ihr beim Ankleiden behilflich, überließ ihr meine Barschaft, nannte ihr den Namen einer Frau in Münster, wo sie leicht ein Zimmerchen bekommen würde, versprach, in einigen Tagen sie dort aufzusuchen und brachte sie dann auf die Straße zurück. Sonst vermochten wir kein Wort zu sprechen. Am Ausgange des Waldes sagte sie welk und sachlich: ›So, nun geh zurück.‹; Wir drückten uns die Hände und trennten uns. Ungesehen kam ich noch vor dem Aufstehen der anderen in mein Zimmer, durchs Fenster sah ich den Sintlingerhof im Morgenlicht. Da stürzten mir die Tränen aus den Augen. Ich wandte mich ab, schloß meinen Koffer auf und suchte nach der Flöte meines Großvaters. Denn als mein Ahn sich auch keinen Rat mehr wußte, hatte ihn der Ton der Flöte gerettet. Mit kalten Händen grub ich nach ihr. ›Es wird noch alles gut werden, Mutter‹;, murmelte ich hilflos und schwach zum Umsinken. Aber als ich in das alte, abgegriffene Röhrchen hineinblies, gab die Flöte einen schrillen, angstvollen Ton von sich. ›Nun, so ist alles vorbei‹;, sagte ich finster, legte die Flöte vorsichtig auf den Tisch und kroch auf mein Lager. In den Stunden dieses Schlafs, bei den ganzen Tag und die ganze Nacht dauerte, vollzog sich die folgenschwerste Wendung meines Lebens. Als ich am nächsten Abend erwachte und an das Fenster meines Zimmers trat, sah ich den Sintlinger-Hof in einem Abendlicht liegen, das hell, klar und unvernutzt war wie die Morgenhelle, nicht wie der Abend, der klar ist von den tausend Enttäuschungen des Tages, wie der Morgen, dessen Verklärtheit seiner Welt von den ausgeruhten, verzückten Träumen der Nacht herrührt, an deren Erfüllbarkeit er noch glaubt. In mir herrschte das erstemal jene unbarmherzige Kühle nach einem Genuß, der bis auf den Grund geschöpft hat, die mir neu war und wegen der Fähigkeit zu scharfer Lebenseinstellung ungeheuer kostbar vorkam. Ich genoß den Anblick des abendlich-morgenhell schimmelnden Sintlingergehöfts mit wahrhaft ergriffener Freude wie das schöne, fleckenlose Bild einer seligen Inselburg, und wäre in dem Augenblicke dieser aufgeschlossenen Versunkenheit auch noch das Lenlein vors Tor unter die Linden getreten, ich wäre nicht zurückgeschreckt wie ein ertappter, schuldbewußter Sünder, sondern mein Glück, meine Ergriffenheit wären nur inbrünstiger geworden. Ich hatte diesem heiligen Mädchen ja nichts versprochen, also konnte ich ihr auch nicht untreu geworden sein. And wenn ich jetzt von hier fortging, so wußte ich, daß ich wiederkommen würde, nein, wiederkommen mußte. Wann, war ungewiß, mir auch egal. Wie? Das konnte nur auf eine Weise sein, wenn die Wirbel siegreich überwunden waren, die mich schicksalhaft von meinem Blut her abermals gepackt hatten. Zwischen mir und der seligen Insel da drüben rauschte der breite, tiefe Strom meiner Lebens- und Sinnenlust. Zu umgehen war der unmöglich, wie mich das vergebliche Ringen meiner fünf aszetischen Jahre gelehrt hatte. Nun, so mußte er eben durchschwommen werden. Reiner, klarer, gefestigt sprang ich einst an das helle Ufer drüben und nahm in Besitz, was mir im tiefsten gehörte. Die Melanesen haben ein Märchen von einer alten Frau gedichtet, die gestorben ist und sich selbst das Grab gräbt. Nach einiger Zeit, als sie sich in die Erde zur Ruhe gelegt hat, erwacht sie von der Grabeskälte und bittet ein vorübergehendes Kind, ihr Feuer zu holen, damit sie sich erwärme und ins Leben zurückkehren könne. Aber vor Schrecken lief jenes Kind fort und lehrte nicht mehr zurück. Seitdem, sagen die Melanesen, müssen die Menschen sterben. Ich, der ich an jenem Abend im Anblick des Sintlingerhofes in Meditationen verfiel, erinnerte mich dieses Märchens, das ich irgendwo gelesen hatte, und im Strömen meiner neuen Daseinsrichtung nahm es nicht eine schmerzliche, sondern eine glückhafte Bedeutung für mich an. Irgendeinmal, wenn ich mich, tief zum Sterben, in diese Erde gewühlt hatte, würbe das heilige Kind von drüben an mir vorübergehen und mir von seinem heiligen Feuer schenken, daß ich zu seinem hohen und schönen Leben aus der Grube heraussteige. Herr Gott, und hatte ich nicht die Flöte meines Großvaters! Einmal freilich hatte sie nicht geholfen, aber damit war nicht gesagt, daß sie immer versagen mußte. Ich weiß auch ganz genau, wie sehr mich Luthers Ausspruch über den Nutzen der großen, kräftigen Sünde in meiner rabulistischen Befestigung bestärkte. Kurz, alles häufte ich in mir auf, was der phantastische Besen meiner achtzehn Jahre an Gründen zusammenkehren konnte, um meiner jungen, ausgeruhten, wiedererwachten Wildheit den Weg frei zu machen. Haha, ich Betrüger meiner selbst, und wenn der Verstand, dieser käufliche Zuhälter jeder Menschengier, mir an jenem Abend auch nicht so bereitwillig beigestanden hätte, ich glaube, es wäre auf eins hinausgekommen. Die Wildheit war schon auf mein Lebenspferd gesprungen, hatte die Zügel in der Faust zusammengerafft und dem Gaul die Sporen eingesetzt. Nein lieber Jungmann, das ist ein Ritt geworden, zu dem ich mich an jenem Abende entschloß! Noch in derselben Nacht zechte ich mit meinem älteren Bruder bis zum morgendlichen Hähnekrähen. Als wir armverschlungen unsern Hofhügel hinauftaumelten, ging das Morgenrot über der Welt auf, und die Fenster des Sintlingerhofes glühten davon wie Feuer. Da riß ich mich von dem Dumpfen los, daß er lallend zu Boden sank, und begann leidenschaftlich das Lied zu singen, das mit den Worten beginnt: ›Wie gerne dir zu Füßen säng' ich mein tiefstes Lied, indes das heil'ge Abendrot durchs Bogenfenster sieht.‹; In der Trunkenheit kam ich über diese Zeilen nicht hinweg, steigerte mich aber in eine solche Leidenschaft hinein, daß ich, durcheinander lachend und weinend, endlich aufhören mußte. Mein Vater, der von diesem Lärm aufgewacht war und den Ausbruch meines zerstörten Gemütes mit angehört hatte, glaubte, dies sei der Beginn meiner gelehrten Rache an dem verhaßten Nachbarn, und war höchlichst erfreut über meinen Einfall. Reichlich mit Geld versehen, kam ich einige Tage später in Münster an und wohnte bei demselben Volksschullehrer, in demselben Dachstübchen als Student, in dem ich fünf Jahre als Pennäler gehaust hatte. Die Laufereien, die mit meiner Immatrikulation verbunden waren, die Vorstellungen bei den Professoren meiner Fakultät, ich war stud. jur., die ersten Kneip- und Lusttänze bis in den Morgen, der Genuß ungehemmter Freiheit, der Zauber des mir neuen studentischen Bummels, alles das nahm mich so in Anspruch, daß ich nicht bald dazu kam, mich nach Mathinka umzusehen. Als ich nach reichlich acht Tagen bei der Frau erschien, zu der ich sie gewiesen hatte, war sie schon wieder fort, und zwar, ohne ihre neue Adresse zu hinterlassen. Zögernd, von vieldeutigem Gelächter oft unterbrochen, gab die Frau Auskunft, als handle es sich um die delikate Angelegenheit einer unsicheren Kantonistin. Mathinka war überhaupt nur einige Tage hier gewesen. Während der Zeit habe sie eine Stelle als Kindergärtnerin in reichem Hause gesucht. Vor fünf Tagen sei sie abends weggegangen, und seitdem habe sie nichts mehr von sich hören und sehen lassen. Andern Tages sei ein Dienstmann gekommen, habe in ihrem Namen alles bezahlt und sei mit den wenigen Sachen davongegangen. Ob sie bei dem Zigarettenfabrikanten Feinsilber als Kinderfräulein untergekommen sei, von dem sie vor ihrem Weggange gesprochen habe, wisse sie nicht. Jedenfalls scheine es ihr, Fräulein Meixner sei mehr ein Fräulein für etwas anderes als für Kinder gewesen. Kaum hatte die Frau das gesagt, so hieb ich ihr ohne umstände eine schallende Ohrfeige und tröstete sie dann mit zehn Mark, und als sie dennoch weiterschrie, mit noch zwanzig Mark. In bester Freundschaft schieden wir darauf. Sie rief mir die herzlichsten Glückwünsche über die Treppe nach, die ich, aus vollem Halse lachend, hinunterstieg. Zigarettenhändler Moritz Feinsilber war seit fünf Tagen nach Süddeutschland gereist. Von einem Kinderfräulein Mathinka Meixner wußte die zarte Frau des Zigarettenfabrikanten nichts, die mir, immer mehr erbleichend und erschreckt, aber doch tapfer lächelnd, Auskunft gab. Ich feierte diese erste Enttäuschung mit einer Kneiperei, die volle acht Tage anhielt und die ganze Studentenschaft in Aufregung versetzte. Im Morgengrauen kehrte ich, mein Ständchen von Strachwitz singend, in meine Bude zurück. Das ging so acht, auch zehn, auch vierzehn Tage, bis mich Professor – ich weiß nicht mehr den Namen – Nieber oder Weber zu sich kommen ließ, sich in seiner sarkastisch-liebenswürdigen Weise erst nach meinem Befinden erkundigte und, weil ich rauh antwortete, sich steigerte und mich auf die sittliche Pflicht meinen großen Gaben gegenüber aufmerksam machte. Aber weder gute Gründe noch Lob erreichten mich, der in den ersten grünen Schossen der Verwilderung stand. Am Ende seiner langen, eindringlichen Rede saß ich eine ganze Weile in parodistischer Geknicktheit, fuhr mir mit dem Taschentuch über die Augen, als weine ich Tränen der Zerknirschung, und sprang dann unter tollem Gelächter und einem schnoddrigen Ausruf vom Stuhl auf, daß der gute Nieber oder Weber erst nicht wußte, was er mit soviel ungenierter Zügellosigkeit anfangen sollte. Dann aber raffte er sich zu einem Verweis zusammen, der, ich glaube, das Wort grüner Junge enthielt. And nun passierte das unerhörte, daß ich ihn auf Säbel forderte, ich, der eben erst in die Universität gerochen und noch nie einen Schläger in der Hand gehabt hatte. Die Folge davon war, daß er mich lachend aus dem Zimmer wies, daß ich vom Dekan eine handfeste Rüge erhielt und noch vor Ablauf des ersten Semesters Münster verließ und nach Göttingen zog. Meinem Vater machte ich weis, daß in Münster nichts mehr zu lernen sei. Er gab seine Einwilligung und schickte Geld. Die Kunde von meinem Handel mit dem Professor war mir vorausgeeilt und hatte sich unterwegs von Übertreibungen so vollgefressen, daß ich von einem Teil der Studentenschaft wie ein Heros empfangen wurde und trotz meiner guten Vorsätze in nicht zu langer Zeit wieder in ein wildes Leben geriet. Trotzdem ging mein Göttinger Studium gnädiger aus, da ich einen Teil der Professoren mir geneigt machte. Ich hatte mich bei dem Nationalökonomen einschreiben lassen und arbeitete mich binnen kurzem so in dieses abstrakte und abstruse Wissenschaftsgebiet ein, daß mir mein Lehrer riet, den Gedanken an das juristische Studium ganz aufzugeben, weil ich der geborene Nationalökonom sei. Daraufhin hörte ich mit dem Besuch seiner Vorlesungen auf, trat in eine paukende Verbindung ein, trieb mich auf den Fechtböden und in den Kneipen umher, löste fleißig die Schürzenbänder und ging geräuschlos von dannen, als ich auf einer Ausfahrt von einem Kaufmann bei schäferlichem Vergnügen mit seiner Frau überrascht worden war. Sein Mut reichte gerade hin, sich vor mir und seiner Ehehälfte lächerlich zu machen, und seine Feigheit, seine Angst vor einem öffentlichen Skandal sicherten mir einen friedlichen Abgang. Von der Frau mit aller Gunst überhäuft, fuhr ich nach Marburg. Wir war gottsjämmerlich zumute, als mich der Zug in die neue Musenstadt rüttelte. Draußen zuckten die schneebehangenen Berge vorüber. Ich saß in meiner Ecke, biß an den Lippen und fühlte die Lider meiner Augen brennend heiß werden. Aber ich ermannte mich und begann zum Gaudium meiner Mitreisenden mit dröhnendem Baß zu singen: ›Der Sang ist verschollen, der Wein ist verraucht, stumm irr' ich und trauernd umher.‹; Zuletzt hatte ich mich zum offenen Fenster hinausgelehnt. So fuhr ich singend in den Marburger Bahnhof ein und wurde mit Hallo von den Freunden empfangen, die mich erwarteten. * Dumm! Dumm! Dumm! Das ging drei Jahre so, immer anders, immer derselbe. Erst war ich ein Spieler, der des Geldes halber spielt. Zuletzt spielte ich nur des Spieles wegen. Lieber Jungmann, wir wollen von da weggehen und zum Teich zurückkehren. Es spricht sich dort besser. Und außerdem bin ich müde und möchte ein wenig auf der Bank liegen und ausruhen. Es geht dem Ende entgegen. Kommen Sie, wir wollen an den Waldrand gehen, um zu sehen, wie weit es noch bis zum Morgen ist.« Wir erhoben uns und drangen durch den Wald, von dem Feuer der Kokerei geführt, dessen Schein heller und heller zwischen den Stämmen zu sehen war. Als wir ungefähr an derselben Stelle des Waldrandes anlangten, an der wir vorher gestanden hatten, lag die Wiese noch in unberührter Nacht, und der Baum mit der Schirmkrone auf dem Bodenstoß war schwarz und schlafversunken wie vorher. Niemand an seinem Stamm war zu sehen. Mich fröstelte ein wenig. Ich war müde und überreizt zugleich. Wenn ich zu lange auf die nachtschwarzen Berge sah, fingen ihre spitzen Kegel leise zu wanken an, und die Sterne schwirrten durcheinander. Wanda Methner kauerte auch nicht mehr am Stamme des schwarzen Baumes. Aber das verschlafene Getöse der vielen Schächte kreiste wie eine leise Windsbraut um diesen schwarzen Baum über der finsteren Wiese. Es kreiste so leise in der Luft, daß ich bald nicht mehr unterscheiden konnte, sei es Traum oder Wirklichkeit. Plötzlich fühlte ich mich an der Schulter gepackt und heraufgezogen. »Nein, mein lieber Jungmann, mit dem Schlafen müssen wir warten, bis wir auf der Bank am Teich sind«, rief der Buchhalter. Ich war im Stehen eingeschlafen und unversehens in mich zusammengerutscht. Nun schüttelte ich die Müdigkeit gewaltsam von mir, und während ich Brindeisener folgte, der schweigend vor mir her dem Teich zu ging, fühlte ich mich auf einmal heiß und übergrell wach werden. Mir fingen die Hände an zu brennen, daß ich im Vorbeigehen mit Behagen nach jedem kühlen Baumast griff. Wenn es aber doch Wanda Methner gewesen ist, die da draußen unter dem Baume auf mich gewartet hat, zuckte es mir immerfort wie fiebernd durch den Kopf, und ich ließ mich von diesem Gedanken, der töricht und mir doch unendlich kostbar war, wie von einem lautlosen Karussell drehen, daß ich mich vergaß, die Nacht, den Wald, den Buchhalter und überhaupt alles. Und hinter dem zuckenden Gedanken floß wie ein buntes Kaleidoskop von Gestalten ruckartig im Rhythmus dieses verliebten Fieberns die Geschichte vorüber, die mir Brindeisener erzählt hatte. Ja noch mehr. Als das letzte Bild vorbei war, das mir seine Erzählung eingeprägt hatte, seine singende Einfahrt in dem Marburger Bahnhofe, schufen sich in mir eine Reihe von Bildern, die vieldeutig wie Träume und doch scharf wie Wirklichkeit in mir auftauchten und auf eine so geheimnisvolle Weise die Lebensbeichte des alten Buchhalters fortsetzten, daß ich heut noch nicht weiß, ob mir Brindeisener auf dem Wege zum Teich damals wirklich weitererzählt hat, oder ob diese Bilder, die sich meinem Gedächtnis unverlierbar eingeprägt haben, nur die Ausgeburt meiner überreizten Phantasie waren. Allein das kann doch wohl nicht gut sein. Denn wäre dies Traumspiel nur aus meinem Herzen gestiegen, das begonnen hatte, noch inniger als die Zeit vorher sein Liebesschicksal durch das Lebensschicksal Brindeiseners zu erleiden, so könnte doch nicht alles um die Gestalt Brindeiseners sich gruppieren, und mein Wesen und meine Art müßten doch in diesem und jenem Zug deutlich hervortreten. Allein nichts von alledem war der Fall, und es kann nur so gewesen sein, daß der vor mir hingehende Buchhalter in der Erzählung fortgefahren ist, deren Worte wegen meines Zustandes mir nicht zum Bewußtsein kamen, sondern von meinen fiebernden Sinnen sofort in farbige Bilder umgesetzt wurden. Also ich sah Brindeisener in einer einfachen Mansardenwohnung vor einer Kinderwiege sitzen, die er unermüdlich singend schaukelte. Das kümmerliche Licht einer Petroleumhängelampe rötete sein trunkerhitztes Gesicht noch mehr. Er taumelte auf dem Stuhle und mußte sich immer wieder die rote Studentenkappe aus der Stirn schieben. Da ging die Tür auf, und eine bildschöne Frau schleifte fast ihren total betrunkenen Mann in die Stube. Im Erstaunen, einen ihr vollkommen Unbekannten vor der Wiege ihres Kindes zu finden, ließ sie den Mann auf sein Bett gleiten, wo er sofort einschlief, und dann begann ein allerliebstes Spiel zwischen dem Studenten und der Frau, das wohl mit ihrer Entrüstung, ja Empörung begann, sich aber bald in Heiterkeit verwandelte und von Brindeisener so geschickt nach der heißen Herzensseite dirigiert wurde, daß nicht lange danach die Feindlichen sich in die Arme sanken und neben dem schlafenden Wanne die reifsten Früchte der Liebe pflückten. Das Bild zerfloß in einem heißen, grauen Zittern, wie es im Hochsommer zur Gewitterzeit über dem Lande liegt. Es verblaßte so, als stiege es in seinen eigenen Hintergrund, immer weiter eilte es in sich hinaus, bis nichts mehr von ihm vorhanden war als ein bebendes Grau, in dem durch einen kleinen Unterschied der Helligkeit bald ein Unten und Oben sich geltend machte. Die Durchsichtigkeit der oberen Schicht nahm dergestalt zu, daß ich erkannte, dies sei ein frühester Morgenhimmel, und die finsterlich graue, unruhig wogende Fläche darunter mußte das Meer sein. Kaum hatte ich, der ich noch nie das Meer gesehen habe, mich so zurechtgefunden, als im Hintergrund eine Stadt auftauchte mit Türmen und altersschwarzen Ziegeldächern. Sie trieb langsam, wie tiefverschlafen, in das Meer hinein und schob einen Strand vor sich her. Der verbreiterte sich schnell so, daß die Stadt bald nur noch als undeutliches Schattenbild im Hintergrunde zu sehen war. In diesem Augenblicke rasten auf der Straße, die im Schutze kümmerlicher Bäume hart am Meer hinlief, drei offene Wagen heran, die zum Brechen mit wild gestikulierenden Studenten vollgestopft waren. Auf dem vordersten Wagen stand in fast berserkerhafter Tollheit Brindeisener aufrecht. Im Anblick des Meeres geriet er in bacchantische Verzückung, warf den Kutscher vom Bock, ergriff die Zügel und jagte mit dem Gefährt lachend ins Meer hinein, bis alles im Wagen zu schwimmen begann, und lenkte dann wieder dem Strande zu. Und nun folgten sich die Bilder im Fluge, fiebergrell. Brindeisener wandelte mit einer überreifen, eleganten Frau am Arme durch das einsame Feld, das, von Gruben unterbrochen, mit kümmerlichem Gesträuch durchsetzt, aussah, als liege es am Auslauf des Vorortes einer Großstadt. Im Schutze einer kleinen Buschgruppe sprang ihm die Frau an den Hals und riß ihn zu sich herab. Das Bild löste sich in ein Lodern auf, und dann sah ich ihn mit halbnackten Weibern durch lange, hell erleuchtete Säle tanzen, über dunkle Stiegen tappen, mit den Stiefeln zwischen den Zähnen aus Fenstern steigen. Dazwischen tauchte er immer und immer wieder bald mit dem Schläger, bald mit dem Säbel in der Hand auf, stürzte kämpfend auf seinen Gegner und schlug ihn blutend nieder. Seine Augen loderten, seine Zähne leuchteten weiß wie die eines fröhlichen Raubtieres. Endlich erwachte ich aus diesem Taumel der Bilder und fand mich auf dem äußersten Ende der Lattenbank oberhalb des Tolketeiches sitzen, den ich durch die Stämme hindurch weiß übernebelt unter mir liegen sah. Ich war aus diesem Fieberflug der Bilder aufgeschreckt. Denn nach dem letzten Bilde war nicht ein neues aus dem wilden Lotterleben Brindeiseners aufgetaucht. Nein, aus der Nacht sprang das Gesicht Wanda Methners so deutlich vor mir auf, als stehe sie in leibhaftiger Gestalt einen Schritt vor mir. Ihre grauen Augen waren groß, überwach und voll einer ängstlichen Trauer fragend auf mich gerichtet. Um ihren zusammengepreßten Mund zuckte es, und die aschblonden Locken hingen ihr wirr in die Stirn. Ich seufzte tief auf und rang mich vollkommen aus der Umnebelung meiner Phantasie los. Auf meinen Oberschenkeln ruhte der Kopf des Buchhalters, der mit eingezogenen Beinen auf der Bank lag und mit leiser Stimme zu mir heraufsprach. »Sehen Sie, durch solch ein Leben bin ich drei Jahre getobt«, sagte er im Fortlauf der Erzählung, die er wahrscheinlich nie unterbrochen hatte und nichts davon wußte, daß ich mit worttotem Ohr allem gelauscht und nichts als Bilder behalten hatte, die zudem auf geheimnisvolle Weise von dem merkwürdigen Liebeszustande meines Herzens zitterten, so daß ich sie wie Träume meines eigenen Innern erlebte. »Ich habe Ihnen und mir nichts erspart, denn das Leben erspart uns Menschen nichts. Warum sollte ich die Nacht lila und das Blut rosenrot färben? Die Hämmer, die ich auf mich niederfahren machte, waren ja auch nicht wattiert. Ich bin durch Schluchten gepilgert, habe im Fieber meine Ruhe, in Ausschreitungen mein Maß, in der Fessellosigkeit meine Gestalt und in der Grundsatzlosigkeit mein Ziel gesucht. Mit den Jahren rückte ich immer weiter vom Westen nach dem Osten Deutschlands, um aus den Banden meiner Jugenderinnerungen in immer neue Umgebung zu kommen, die mich zu nichts verpflichtete, als mich zu behaupten. Das fiel mir nirgends schwer, denn ich war als verbummeltes Genie überall bekannt, wo ich hinkam, und meine Aufgabe bestand eigentlich nur darin, meinen Ruf als wilder Jäger durch eine neue verblüffende Ausschreitung zu demonstrieren. Ich war ausgezogen, meine Schwächen und Leidenschaften aufzufressen, allein sie wuchsen, wie ich sie entfesselte, so daß ich ein Prinz Heinz war, dessen Königtum ins Wesenlose hinausrückte. Ich wollte mich eine Nacht austoben, und die Nacht dauerte schon drei Jahre. Zuletzt gab es schon Zeiten, in denen ich an keinen Morgen mehr glaubte und die Tragödie meines Lebens manchem meiner Kumpane renommistisch zum besten gab, natürlich umgelogen aus einem Rest von Scham und Stolz; je nach den Veranlagungen, die mich redselig machten, anders frisiert. So erinnere ich mich noch heut einer Kneipnacht in einem Nachtcafé in Breslau, wo ich einem jungen Studenten, der mich als ausgemachtes Grabbesches Genie anhimmelte, von meinem Abenteuer mit Mathinka Meixner erzählte, als sei ich ins Lebensschlingern geraten, nicht weil ich sie genossen , sondern in Jungenblödheit verschmäht hatte. Kurzum Zusammenbruch auf der ganzen Linie. Leiden verwandelte mein Zynismus in Marotten, moralische Bedenklichkeiten in Idiotien. Aber immer wieder tauchte die Erinnerung an das wilde Mathinklein wie eine flammende Rakete auf. Ich fieberte in der Seligkeit meiner ersten Wollustnacht oft tagelang, daß ich dann das schöne schwarzhaarige Mädchen auf der Straße, im Theater, in Tingeltangels und in den Orgien der Lebewelt zu sehen glaubte, völlig Fremde ansprach, mich für sie einsetzte oder auch wohl ihnen meine letzte Barschaft opferte. Allein, wie wir uns auch zerstören mögen, die frühen Fernen in uns können nicht sterben. Es gibt Hellen, an denen die Explosionen geballter Nächte zuschanden werden, leise Töne, die durch den Lebenslärm, der sie vernichten soll, immer eindringlicher zum Klingen gebracht werden. So erging es auch mir. Je tiefer ich sank, desto unzerreißbarer fühlte ich Sonnenfesseln, an die ich doch nicht mehr zu glauben wagte. Meine Hoffnung auf das Sintlinger-Lenlein hatte sich so tief in mir verkrochen, daß sie nur noch mit den gläsernen Augen letzter Trunkenheit und von Träumen der Nacht erspäht werden konnte, die so leise und furchtsam waren, daß sie nie klar ins Wachsein hinüberreichten, sondern nur durch rätselhafte Ergriffenheiten mich anrührten, so, daß mich mitten in der Wildheit etwa der Anblick einer Blume zu Tränen rührte oder der Klang einer weiblichen Stimme in der Nacht mir das Herz zu Eis erstarren ließ. Einst aber griff ein solch traumhafter Ausbruch meines tiefsten Wesens mit deutlichen Erinnerungsbildern in meine Wachheit hinein, daß ich mich mit einem Ruck aus den Strudeln riß. Ich stand nach Mitternacht mit einer Dirne, die ich wieder mal für Mathinka Meixner gehalten hatte, auf der Universitätsbrücke zu Breslau und stierte mißmutig hinunter auf die Oder, die im Scheine des hellen, roten Mondes schwarz und unhörbar vorüberzog. Ein großes Holzfloß lag eine Strecke flußaufwärts unter den Ufersträuchern verankert, und in der Wohnhütte der Flößer zitterte ein kleines Pünktchen Licht. Beim Anblick dieses machtlosen Zitterflämmchens über dem leisen, unerbittlichen Wasser, in der unendlichen Nacht, mitten in der schlafenden großen Stadt, überkam mich das Gefühl grenzenloser Welteinsamkeit. Zum Grausen aber steigerte sich diese Empfindung, als aus der Flößerhütte die schwache, seelenvolle Stimme einer Frau ertönte, die wohl ihren Säugling einsang. Da packte mich die erschütternde Erkenntnis, daß ich wie ein Verbrecher durch die wilde Liebesnacht mit dem Mathinklein an dem einzigen Licht meines Lebens, an dem Heiligen-Lenlein, gesündigt hatte und im Begriff stehe, denselben Frevel mit der neben mir am Geländer lehnenden Dirne zu wiederholen. Diese Überzeugung packte mich so unwiderstehlich, daß vor meinen starrenden Augen das Gesicht des Sintlinger-Lenleins aus dem lautlosen, schwarzen Wasser auftauchte: blaß, himmlisch verklärt, aber aus einer Stirnwunde blutend, so wie ich sie an dem furchtbarsten Tage meines Lebens gesehen hatte, an dem Tage der Beerdigung meiner Schwester Amalie, als sie durch meine Schuld auf den Stein im Grase gefallen war und ich glaubte, an ihrem Tode schuld zu sein. Wie ein Abgrund fiel mich das Bild an, und in meiner Verzweiflung ging ich so weit, die nachfolgende furchtbare Mißhandlung meines Vaters als ein gerechtes, vorgreifendes Strafgericht meines Schicksals zu betrachten, das mich von der geheimen unterirdischen Gier nach dem Mathinklein hatte zurückschrecken wollen. Entlastet erhob ich mich aus der gebückten Haltung von dem Geländer der Brücke, brachte das Mädchen nach Hause und entlohnte die Enttäuschte an der Tür unten so reichlich, als hätte sie mir die Freuden einer üppigen Nacht beschert. Von dieser entscheidenden Nacht an berührte ich jahrelang kein Weib mehr, weil es mir war, ich schlüge damit das heilige Mädchen abermals ins Gesicht, daß ihre Stirnwunde aufs neue zu bluten anfange. Am Ende des Semesters fuhr ich nach Münster zurück und begann mich auf das ernsteste auf das Referendarexamen vorzubereiten. Den Volksschullehrer, bei dem ich jahrelang als Pennäler und dann, allerdings nur einige Monate, als Student gewohnt hatte, fand ich nicht mehr in dem alten Hause, sondern draußen am Rande der Stadt in einem modernen vornehmtuerischen Gebäude, das so kalt und baukastenförmlich dastand, wie sich der Mann benahm. So sehr hatten die drei Monate meiner ersten Studententeufeleien mein Ansehen bei ihm ruiniert, daß er mich als Wohnungssucher mit einer düsteren Miene schon abwies, noch ehe ich ihn um Unterkunft gebeten hatte. Mich zog es nur in jene alte, winkelige Gegend um den Romberger Hof, weil ich an meine Gymnasiastenzeit anknüpfen wollte, indem ich mein Wesen formelhafter Reinheit jener Zeit nun blutvoll und ernst zu leben gedachte. Denn die häufigsten Anleihen machen wir bei uns selbst und wissen nicht, daß wir auch sie einst bezahlen müssen. Das ahnte ich aber nicht, sondern addierte ebenso logisch, wie wohl die meisten Menschen in derlei Lagen tun. Nicht weit von dem Hofe, aus dem mir das Flötenspiel des trunkenen Sattlers einst geschenkt worden war, erhielt ich eine reizende Hinterstube bei einer Weißnäherin, die zum Verwechseln der alten Dame, der Frau Hermine Wengen, glich, bei der ich hier in Wirbnitz jahrelang gewohnt habe. Und als ich mit dem Auspacken und Ordnen meiner Sachen fertig war und der Abend mit seinem dunkeln Gesicht auf das Dächergewirr der alten Häuser sah, kramte ich die Flöte meines Großvaters aus dem Koffer herauf, um zu erforschen, was für ein Ton nun aus ihr wohl klingen werde, nachdem diese Finsterzeit meines Lebens vorüber war, an deren Anfang sie vor drei Jahren einen so schrillen Schrei ausgestoßen hatte, daß ich sie seitdem nicht wieder berühren mochte. Mit einem ironischen Lächeln über meinen romantischen Knabeneinfall und doch auch mit einem heimlich bebenden Herzen setzte ich die Flöte an meine Lippen und war erfreut über die klaren Töne sanfter Seligkeit, mit denen sie aus ihrem jahrelangen Schlaf erwachte. Freilich kickste sie bald, so wie einem Menschen, der fröhlich sein will, vor unterdrücktem Schluchzen die Stimme überschlägt. Ich nahm dennoch das Gesetzlein, das mir die Flöte vorgesungen hatte, als ein Orakel meiner Mutter und meines Großvaters gläubig hin, und mit einem spöttischen Lachen, das doch meinen ernsten Aberglauben nicht zuschanden machen konnte, legte ich das gelbe Holzröhrchen, in das uralte Seidentuch gewickelt, wieder an seinen verborgenen Kofferplatz zurück. Freilich sagte ich mir, die Flöte hat schon recht, so rein und ernst auch mein Vorsatz zu einem neuen Leben ist, so treu ich auch an ihm festhalten mag, schwere, schmerzliche Zeiten werden nicht ausbleiben. Aber in Schluchzen sollte das Lied doch nicht enden, das zu singen ich mich entschlossen hatte, dafür wollte ich meinen harten Brindeisenerkopf und mein begeistertes Peterherz einsetzen. So kindlich, fast kindisch diese Handlungsweise und Gemütsverfassung eines Menschen auch scheinen mag, der, durch unzählbare Schlammexplosionen in immer neue übelriechende Finsternisse hinaufgeschleudert, sich plötzlich wie ein Knabe benimmt, der einen Marienkäfer von dem Finger fliegen läßt, ich war doch in keinem sentimentalen Selbstbetrug befangen, als ich so den Sonnenwind einer frühen Zeit traumhaften, erdentrückten Liebes- und Lebensglaubens in mein Dasein rief. Ich war nicht betäubt durch den Lärm meiner Wüstheiten und den Ekel über meine Ausschreitungen, noch war ich etwa am Ende meiner physischen Kraft: o nein, trotzdem mir der Fraß aus den vollen Schüsseln meiner Sünden bis zum Halse heraufstand, ich lag nicht auf ausgeleierten Knien und jappte heuchlerisch mein Schicksal um sanftes Licht an, das ich nicht verdient hatte. Ich hatte meinen vollen Sack Nacht ausgefressen und atmete auf, daß nun alles glücklich vorüber sei. In dieser Verfassung reiste ich zu Ostern wieder einmal auf den Hof meines Vaters. So verstiegen war ich aber keineswegs, meine Heimat jetzt als ein bukolisches Paradies zu erwarten, mit eben begrünten, sonnenhellen Hügeln, die Menschen mit Blumen im Haar und auf Schalmeien blasend. Ich hatte mich schon auf einen derben Stoß eingerichtet. Nun, den erhielt ich auch prompt. Es ist unnötig für Sie und für mich, die Situation bis ins kleine auszumalen, die ich im Hause meines Vaters vorfand. Die Menschen waren dieselben geblieben. Wie hätten die Dinge und Verhältnisse anders, gnädiger, lichter sein sollen, da sie doch nur die Schatten jener sind? Ich mußte zu Fuß nach Hause laufen, denn der versprochene Wagen war nicht auf dem Bocholter Bahnhof, und ich kam, schon in der Nacht, auf dem Hügel an, der sich zwischen unsern Hof und die Gemeinde Querhoven schiebt. Ein vollkommen ausgestirnter Frühlingshimmel wölbte sich über mir, und doch lag das Gehöft meines Vaters nicht von diesem leisen Lichtschleier überhaucht da, sondern als ein unförmlicher Schattenhaufen, der fortwährend die Finsternis selbst auszuströmen schien, die ihn vom Lichte schied. Ein kümmerliches Fünkchen Licht, in der Gegend, wo die Kammer neben der großen, gemeinsamen Wohnstube lag, war das einzige Zeichen, daß in diesen Gebäuden noch Leben herrschte, die mir wie schon in Trümmern liegend vorkamen. Das soll zur Zeichnung der Situation genügen. Denn wenn ich den Grund auseinandersetzen wollte, weswegen mein Bruder am Nachmittag den eingespannten Wagen, der mich von der Bahn holen sollte, mitten auf dem Hofe hatte stehenlassen: so müßte ich eben in das Teufelswerk des ewigen Zankes steigen, das zwischen diesen beiden Männern eine Art herzlicher Lebensbeziehung herstellte, und das an diesem Tage in einen so wilden Schwung seiner Räder geraten war, daß mein Bruder von ihm erst auf den Heuboden und dann nach Stunden über den Hügel hinunter in eine der Schenken geschleudert worden war, die er nach solchen Zerwürfnissen im Hause aufzusuchen pflegte. Mein Vater saß versunken und finster in seiner Kammer allein und starrte unverwandt in das Fünkchen Licht, das vor ihm auf dem Tisch mehr rauchte als brannte. Er war so einsilbig, so teilnahmslos, so ganz den Gespenstern seiner Daseinsbitterkeit verfallen, daß ich nur von ungefähr den Grund ihres heutigen Haders erfahren konnte, der sich von dem Drängen meines Bruders nach Übernahme des Hofes an der Seite unserer Großmagd als Bäuerin herschrieb. Dann brach mein Vater in die alten Verwünschungen über mich und mein aussichtsloses Studium aus und endete spät in der Nacht das Gespräch, wie es nicht anders sein konnte, mit einer Wut- und Haßlitanei gegen den Sintlingerbauern, den er mit einem neugeprägten Ausdruck einen vermaledeiten Heiligenbrüter nannte. Das merkwürdige aber war, daß er durch dies stundenlange Wühlen in den Finsternissen seines Innern immer mehr und mehr in eine fast aufgeräumte Stimmung geriet. Denn er hatte eine Waldparzelle an der neuerbauten Chaussee nach dem Rheine so günstig verkauft, daß er sich materiell dem reichen Sintlingerbauer ebenbürtig, wo nicht gar überlegen fühlte. Dieses günstige Geschäft, das doch mehr die Folge der neu angelegten Straße war, buchte er sich auf das Konto seiner geistigen Überlegenheit gegen den verhaßten Hügelnachbarn und schwelgte fast in der Sicherheit, in ein paar Wochen, bei der feierlichen Einweihung der neuen Chaussee durch den Landrat, über seinen Erbfeind einen geradezu vernichtenden Triumph feiern zu können. Gegen Mitternacht nötigte er mich noch, mit ihm hinauszugehen und von dem Obstgarten aus die neue Chaussee zu betrachten, die wir in dem ungewissen Sternenlichte an Stelle des alten Grenzweges drunten in dem Tälchen breit und gewichtig ziehen und gegen den Wald in einer großen Kurve verschwinden sahen. Mir, in meiner neuen Lebenslage, war es qualvoll, die Prahlereien meines verfinsterten Vaters ohne Widerspruch anhören zu müssen. Denn bei dem geringsten Zweifel an seinen überheblichen Hoffnungen oder einer Andeutung über meine Sehnsucht nach Helene Sintlinger hätte sich seine bittere Wut gegen mich gekehrt und ausgetobt. Schon meine Fragen nach dem Alter des verehrten Mädchens, ihrem Aussehen und ihrem Verhältnis zu der Umgebung, so beiläufig ich sie auch in seinen eintönigen Deklamationen angebracht hatte, dampften seinen Zorn in einen solchen Gischt, daß er behauptete, Helene sei gar kein Mensch, sondern nur ›ein blindes Gerecke‹;. Als diese stundenlange Folter endlich zu Ende war und ich in meinem Bett lag, wurden mir wohl die Augen heiß, und es legte sich wie eiserne Reifen um meine Brust, aber die helle Hoffnung wich doch nicht von mir, meine Finsternisse, das Erbteil des väterlichen Blutes überwunden zu haben und sicher an der Wegwende in ein lichtes, gesegnetes Leben zu stehen, das ich mir ohne das heilige Lenlein von drüben nicht denken konnte.« Bis hierher hatte der Erzähler, so gut es ging auf der Bank ausgestreckt, mit dem Kopf auf meinen Oberschenkeln liegend, gesprochen. Nun schleuderte er sich in einem jähen Impuls so leidenschaftlich auf, daß ich in meiner Überreiztheit erschrak und fürchtete, über den armen Mann könne wieder einer seiner wilden Ausbrüche kommen, und ich traute mir nicht mehr die Kraft zu, ihm beizustehen. Aber er traf gar keine Anstalten, wie vorhin vor einem eingebildeten Schatten auf und davon zu laufen, sondern, nachdem er sich so reißend erhoben hatte, setzte er sich, gesammelt, zurecht, visierte scharf vor sich in die Nacht und wiederholte halblaut seine zuletzt gesprochenen Worte, als habe er den Faden seiner Erzählung verloren. Dann brach er in ein Gelächter bitteren Hohnes aus. »Ja, hahaha, Sie, hahaha! ... Wahrhaftig, es war wirklich so, trotz allem, was sich später ereignet hat, es war so und nicht anders. Ich konnte mir das neue, lichte und gesegnete Leben, das ich mir vorgenommen hatte, ohne Helene Sintlinger nicht mehr denken. Aber, wie es mit ihr sein könnte, das wußte ich ebensowenig. Gott, das ist ja eigentlich im Leben immer so. Gedanken über den Sinn unserer Handlungen haben durchaus nur symptomatischen Wert und rufen nicht eine bestimmte Richtung in unserm Dasein hervor, sondern sind gleichsam bloß Begleiter, die sich prompt einstellen, wenn die Lebenskutsche zu fahren beginnt. Na, und die Hengste trabten, sag' ich Ihnen, Jungmann! Ich hatte doch, kaum daß ich auf dem väterlichen Hofe erschienen war, einen Stoß verabreicht erhalten, der mich hoffnungslos machen und in die alte jämmerliche Gierhopserei zurückwerfen mußte, wenn sich eben nicht meine sämtlichen Lebenskräfte auf die Sonnenseite meines Wesens geworfen hätten. Mein Vater hatte nach einem Peter Brindeisener geschlagen, der nicht mehr da war. Alle Schatten, die mit Verlockungen zu dem alten Bummelleben bei mir anklopften, weil doch alles nutzlos sei, mein Vater nie die Einwilligung zu einer Verbindung mit der Tochter seines Todfeindes geben würde, daß es wahnsinnig war, wenn ich einundzwanzigjähriger Student mich mit einem Gemütsaufwand zum Liebesdienst um ein kaum den Kinderschuhen entwachsenes, blind geborenes Mädchen rüstete, einer Scheu, einer fast atemversetzenden Spannung, als gelte es, mich auf den Empfang eines heiligen Sakraments vorzubereiten, alle diese Schatten der Verlockungen fanden verschlossene Türen. Ich war wie ein Haus, das nur von seinem inneren Feuer lebt, und meine ganze Wachsamkeit richtete sich nicht eigentlich darauf, eine Begegnung mit dem Lenlein zu ermöglichen, sondern meine Leidenschaft unter einem gleichgültigen Wesen zu verbergen, um mich vor den Menschen nicht lächerlich zu machen. Zudem scheute ich mich, eines der tausend Mittel anzuwenden, die einem Mann zu Gebote stehen, der sich einem geliebten Wesen nähern will, und durch meine unzähligen Liebesaffären hatte ich es darin zur anerkannten Meisterschaft gebracht. Aber wie gesagt, ich scheute mich, diese Geschicklichkeit meiner genußjägerischen Zeit bei Helene Sintlinger in Bewegung zu setzen, weil ich sie dann auf eine Stufe mit jenen weiblichen Wesen setzte, deren Körper ich nur begehrt hatte. Nein, wenn ich vor dieser, aus Brunnen der Kindheit strömenden reinen Inbrunst wirklich Gnade gefunden hatte, so konnte, nein, mußte ich mich all dieser Liebesmittel entschlagen. Dann wuchs mir das Lenlein wie eine Blume in die Hand. Wissen Sie, Jungmann, die Guten gesellen sich aus Wahlverwandtschaft zu den Guten. Das Gute in der Welt ist das allein Wirkliche. Das Schlechte, das Böse existiert nur als Negation. Es ist eigentlich nur ein Kranksein, Sterben, der Tod des Guten, an sich aber nichts. Nur der gute Wille ist real, absolut. So viel guten Willen ein Mensch hat, so viel Leben besitzt er. In jenen Tagen bin ich mündig geworden. Sehen Sie, Jungmann, dieses Wesen erwachte in mir nach meiner Rückkehr auf den väterlichen Hof, und wie in meinem ganzen zurückliegenden Leben alles Reine, Hohe, Tiefe und Schöne in dem Lenlein des Sintlingerhofes seine Verkörperung gefunden hatte, so trat diese Wiedergeburt abermals in ihrer Gestalt vor meine Seele. Ich bitte, das alles festzuhalten, denn nun beginnt das Rasen meines Schicksals. Es waren wohl drei Wochen seit meiner Ankunft in Hemsterhus vergangen, und der Tag der Einweihung der neuen Straße zum Rhein stand vor der Tür. Mein Vater ging öfter zu abendlichen Sitzungen der Gemeindevertretung ins Dorf und kam mit gewichtigen Schritten, breit und bedeutsam schnaubend, wieder den Hügel herauf, lachte dann und wann donnernd zum Sintlingerhof hinüber und betrat dann mit einem Gesicht die Stube, als habe er nun alles in der Welt geordnet. Nie aber ließ er ein Wörtlein fallen von dem, was im Dorfe beschlossen wurde. Ich wußte natürlich, daß sein ganzes Gehaben nur die Verstellung eines vollkommen Hoffnungslosen sei, der aus Scham vor den anderen den Erwartungsvollen spielt. Und was ich befürchtet hatte, trat etwa acht Tage vor der Einweihung ein. Der Landrat hatte dem Schulzen in einem Schreiben die Richtlinien für die Feier vorgeschlagen, deren Mittelpunkt eigentlich der Sintlingerbauer und sein Hof war, denn dort wollte der Landrat absteigen, von dort sollte der Festzug beginnen. Meines Vaters war nicht mit einem Hauch gedacht. Er schlich an diesem Abend spät, vollkommen lautlos auf den Hof. Am anderen Morgen aber, in großer Frühe, wachte ich von einem wüsten Getöse auf, und als ich ans Fenster fuhr, sah ich ihn im Garten stehen und unter wilden Gebärden gegen den Sintlinger, der vor seinem Hoftor stand, hinüberschimpfen. Seine Stimme hatte wirklich mehr den Klang vom Gebrüll eines Tieres. Der kleine, zierliche Sintlingerbauer hörte eine Weile die Unflätigkeiten an, machte, weil er nicht zu Worte kommen konnte, gütige, besänftigende Gebärden und zog sich endlich unter bedauerndem Achselzucken in seinen Hof zurück, meinen Vater seinem Toben überlassend. Der stürzte, sobald er sich vollkommen ausgeleert hatte, in den Hof und ließ die zwei Fuder Tannenreisig, die zur Ausschmückung des Ortes und für die Errichtung einer Ehrenpforte angefahren worden waren, von den Knechten kurz und klein hacken und an der hinteren Scheunenwand aufstapeln. Die Dorfleute aber, die nach Reisig auf unsern Hof kamen, wurden unter Schimpf und Schande fast über den Hügel hinuntergetrieben. Der Sintlingerhof aber klang von Freude und Gesang und stand eines Tages bekränzt, mit Papierblumen und Fähnchen besteckt, wie ein geschmückter Freudentempel in der Sonne. Obwohl mich diese Vorgänge nicht ins Innere treffen konnten, so lasteten sie doch gleich einer Wolke auf meinem Gemüt, und es kostete mich den Aufwand meiner ganzen Lebenszuversicht, trotzdem an der Hoffnung auf Verwirklichung meiner Liebe zu Helene nicht irre zu werden, ja, sogar an der waghalsigen Sicherheit geheim festzuhalten, daß dieses bevorstehende Fest, so oder so, für mich eine günstige Entscheidung herbeiführen mußte. Daß alles dagegen sprach, empfand ich merkwürdigerweise in manchen Augenblicken als günstige Vorbedeutung. Denn der Katechismus des Schicksals und der Liebe ist nun schon auf Dogmen aufgebaut, die dem Verstand nicht zugänglich sind. Und ich fuhr fort, diesem Wahlspruch gemäß zu glauben, auch das Mädchen von drüben, das von meiner Seele seit immer begehrt wurde, auch sie werde von dem geheimen Feuer erfüllt und strebe mit ihrem Herzen auf mich zu. Ich konnte einfach nicht anders, als an dieses Wunder zu glauben. Am Nachmittag vor dem Fest war ich dieser glückhaften Ahnung so voll, daß ich in den Wald entwich und an einer verborgenen Stelle in einer Art bewußtloser Entrückung bis in den tiefen Abend hinein verharrte, denn ich ertrug weder das Leben unseres noch den Anblick des Sintlingerhofes. Mich störte die Welt, mein eigenes Denken und das Gesicht irgendeines Menschen. So, innen ausgelöscht, aufgelöst, bis auf die bild- und gestaltlose Seligkeit eines Zustandes, der unbeschreiblich ist, sah ich bis in den sinkenden Abend an der verschollensten Stelle des Waldes und wartete in meinem Liebesfatalismus auf etwas, was verzückte Fromme den Ruf nennen. Allein die erwartete gnadenvolle Fügung blieb an diesem Tage aus. Ich traf Helene, nur über den niedrigen Zaun des Blumengartens lehnend, als ich schon beim Anheben der Nacht an dem Sintlingerhof vorüberging. Ihr blondes Haar schimmerte in dem letzten grünen Tageslicht, und sie stand in so unbeweglichem Horchen nach dem Walde hin, daß sie meinen scheuen Gruß in ihrer Versunkenheit wohl nicht hörte. Obgleich ich am anderen Tage, dem Tage der Straßeneinweihung, schon vom frühen Morgen an ungesehen von meinem Zimmer aus nach allem ausspähte, was um den Hof drüben vorging, die Ausbeute für mein erwartungsvolles Herz war recht gering. Ich sah sie in einem rosa Tüllkleide durch das frühlingsjunge Laub der alten Lindenkronen eine Weile unbeweglich am Fenster, und dann ging sie in Begleitung einer jungen Magd in den Blumengarten, wo sie einen Strauß auswählte, nicht wie eine Blinde, sondern wie eine mit höchster, ich möchte sagen intuitiver Sehkraft Ausgerüstete. Dann gegen neun begannen die Glocken von Hemsterhus zu läuten. Der Festzug mit Musik, Fahnen und weißen Ehrenjungfrauen kam vom Dorfe her, na, eben die gewohnte Feierlichkeit. Der landrätliche Landauer sauste vom Walde auf der neuen Chaussee herunter, fuhr langsam durch das Spalier der Wartenden und hielt am Zufahrtsweg zu dem Sintlingerhof, wo der kleine Heiligenbauer den Landrat unter der Ehrenpforte begrüßte. Ich muß Ihnen diesen kurzen Abriß des Festbeginns geben, um eines Vorgangs willen, der mich mit Recht aufs höchste beunruhigte. Nämlich der Landrat stieg mit dem Heiligenbauern langsam den Hügel hinan und wurde da oben unter den Torlinden von Helene begrüßt, die ihm den Strauß überreichte, den sie eben im Garten gepflückt hatte. Ich sah sie in dem merkwürdig unirdischen Gange der Blinden die paar Schritte heranschweben, mit einem zierlichen Knicks, der jeder Prinzessin Ehre gemacht hätte, dem Landrat die Blumen überreichen und würgte gerade an der ehrlichen Zornwallung, daß ich mit meinem übersüchtigen Herzen verborgen hinter dem Fenster stehen müsse, während dieser vertrocknete Regierungsschimmel von meiner Angebeteten mit Blumen geehrt wurde ... ich überließ mich einen Augenblick diesem leidenschaftlichen Ansturm des Neides und hatte nicht auf alle Vorgänge drüben genau acht. Ich weiß wirklich nicht, was dieser Kerl, dieser Landrat, der übrigens nicht lange nachher wegen sehr anrüchiger Dinge verduften mußte, was dieser Bursche eigentlich gemacht hat. Ich sah ihn die Hand nach der Brust Helenes ausstrecken. Da ertönte in die Kirchenstille der hundert wartenden Menschen drunten ein leiser, hoher Schrei. Das liebe Mädchen taumelte, wie von einer Viper gestochen, zurück und wäre zu Fall gekommen, wenn sie nicht von der hinter ihr stehenden Magd in den Armen aufgefangen worden wäre. Auch ihr Vater, der Heiligenbauer, sprang hinzu und half sie aufrichten. Sowie aber der Landrat hinzutrat, riß sich das Mädchen los und verschwand mit ein paar leidenschaftlichen Sätzen so sicher, als sei sie eine Sehende, im Hofe. Ich zermarterte mir den Kopf, was eigentlich geschehen sei. Der ganze übrige Festrummel ging wie ein leerer Karussellärm vorüber und verlor sich im Walde. Am Nachmittag so gegen vier hinterbrachte mir unsere Kleinmagd die Nachricht, Helene habe plötzlich einen Anfall bekommen. Sie liege krank in ihrem Zimmer, habe die Tür von innen zugeriegelt und lasse niemand zu sich herein, selber die eigene Mutter nicht. Sie können sich denken, wie das auf mich wirkte. Ich gab der Magd ein gutes Trinkgeld und schickte sie abermals auf Erkundigungen aus. Obwohl ich merkte, daß sie darauf brannte, so schnell wie möglich hinunter nach Hemsterhus zum Festtanz zu kommen, ließ ich nicht nach, mit guten Worten und noch mehr Geld auf sie einzudringen, und sah sie bald nachher auf einem Umwege sich dem Sintlingerhof nähern und bei den Scheunen verschwinden. Aber dann blieb sie auch verschwunden. Sie mußte den Verlockungen der Musik erlegen sein, die dann und wann in der sonnigen Maistille vom Dorfe her schwach aufklang. Während ich erst am Fenster, dann neben dem Hofe und dann vom Walde her nach ihr Ausschau hielt, tanzte sie schon fest drunten in der Hemsterschenke. Die Fenster in Helenes Zimmer blieben geschlossen, und alle die Stunden, während deren ich sie im Auge behielt, zeigte sich niemand an ihnen. Der Sintlingerhof lag verlassen in der Sonne, und ich rückte im Grase von Platz zu Platz, hielt meine Augen wie zwei Fernbohrer unausgesetzt hinüber auf den Hof gerichtet und plagte mich dazwischen mit Grübeleien, von was für einem Anfall das geliebte Mädchen könne heimgesucht worden sein. Denn sie war wohl zart wie ein Hauch, aber niemals krank gewesen. Es ereignete sich nichts, und mein Grübeln blieb ein Greifen in die leere Luft. Auf diese Weise verging der ganze Nachmittag, und über dem Querhofener Walde fingen die weißen, tagmüden Wolken schon an, im ersten schwachen Abendfeuer zu glühen. Da sah ich den Sintlingerbauern drüben auf der anderen Seite der Gegend aus dem Walde treten, als stoße ihn jemand aufs Feld, und dann begann er, den hohen Hut in der Hand, so verzweifelt schnell, fast springend, über die lange Lehne hinunter auf seinen Hof zuzulaufen, als gelte es, einen Sterbenden noch am Leben zu treffen. Sobald er im Hofe verschwunden war, verließ ich schnell meinen Beobachtungsposten am Walde und eilte hinauf in mein Zimmer, um näher zu sein. Da drüben mußte sich was Schlimmes ereignet haben. Aber auf welche Weise konnte der Bauer, der mit dem Festzuge in das eine Stunde entfernte Gasthaus am Buchteich zu dem Festessen gewandert war, davon Kunde erhalten haben? Das Gesinde des Hofes war auch drunten im Dorfe zum Tanz und die Bäuerin mit Helene allein im Hause. Während ich so am Fenster stand und mich mühte, hinter das Geheimnis zu kommen, war es tiefer Abend geworden, und die Kronen der Linden glühten in einem wahren Feuer von Rot. Da trat der Sintlinger, noch im langen schwarzen Rock so wie er vor einer Viertelstunde herangeprescht war, durch das kleine Beipförtchen vor den Hof, warf einen Blick auf die geschlossenen Fenster Helenes, stöberte dann aufmerksam mit den Augen die Gegend ab, musterte vor allem scharf unsern Hof und verschwand dann auf der anderen Seite hinter dem Wohnhause, von wo er nach einer kurzen Weile mit einer langen Leiter auf den Achseln erschien, sie unter einem der Fenster anlehnte, eilig hinaufstieg und in dem Zimmer verschwand. Wahrscheinlich hatte auch er umsonst versucht, durch die Tür ins Zimmer seiner Tochter zu kommen, und mußte nun auf diese gewaltsame Weise sich den Weg zu ihr bahnen. Sobald er in dem Zimmer verschwunden war, dessen Fenster er hinter sich offen gelassen hatte, lehnte ich mich weit aus dem Fenster und strengte mein Gehör auf das äußerste an, um womöglich einen Laut zu vernehmen, der mich auf eine Spur zum Verständnis der Ereignisse brachte, die über das Leben drüben hereingebrochen waren. Allein nicht ein Hauch drang zu mir. Der Sintlinger ließ sich nicht wieder blicken. Das Fenster blieb offen. Die Leiter lehnte noch, als alles von der Nacht weggewischt wurde. Die ganze Nacht brachte ich in dieser Unruhe zu, die ich doch nicht als Hoffnungslosigkeit empfand. Im Gegenteil erschienen mir all diese beklemmenden Vorgänge wie Gewalten, die auf geheimnisvolle Weise mit meiner Sehnsucht im Bunde waren, Mauern niederzureißen, die mich von Helene trennten. Allein wie das möglich sei, und auf welche Weise es enden könne, das entzog sich meinem Spüren. Am Morgen war ich nicht weiter als in der Mitternacht, und am Abend des folgenden Tages stand ich genau auf demselben Fleck wie am Morgen. Ich wußte nur das eine, daß meine Lebensuhr zum entscheidenden Schlage ausgeholt hatte. Daran hielt ich fest, obwohl das Leben auf dem Sintlingerhof drüben in seinen alten friedsamen Geleisen ging und nicht das mindeste von Schicksalswirren zu entdecken war. Am Morgen hatte ich den Bauern mit drei hohen Kastenwagen voll Getreide auf der neuen Chaussee nach dem Walde zu, also wohl in die Kreisstadt, fahren sehen. Den Tag über werkelte der Hof vollkommen ruhig und heiter in der Sonne, wie es seine Art war. Keine Verstörung wie nach einem Unglück, keine ängstliche Behutsamkeit, als sei eine Kranke im Hause. Die Mägde schafften lachend ums Gehöft, die Bäuerin rief sie mit einem lustigen Scherzwort zum Essen. Nicht ein Schatten stand über den Dächern. Die Leiter zu Helenes Zimmer war verschwunden. Die unverhangenen Fenster glänzten im Licht des hellsten Maitages. Tief am Abend kehrten die drei Wagen auf den Hof zurück, auf jedem ein Knecht, auf dem vordersten außerdem der alte Zenker, der Wirtschafter. Der Sintlinger fehlte. Obwohl das doch nichts Merkwürdiges war, griff ich, der hartnäckig auf Verwickelungen bestand, das als eine Bestätigung der Befürchtungen auf, die sich mein Herz nicht rauben ließ. Ich schlich mich auf den Sintlingerhügel hinüber, horchte am Tor, an den Scheunen, belauschte das Gespräch der Knechte in der Siedekammer und klomm gar zu den Fenstern der Wohnstube empor, um einen Blick ins Innere des Hauses zu erhaschen. Alles ging geruhig, gemächlich, heiter seinen Gang. And doch, je öfter ich den Hof umkreiste, desto beklemmender schlug mein Herz in dem Lodern einer schicksalhaften Unruhe, von der das ganze Gehöft erfüllt schien. Umsonst wehrte ich mich gegen diese Empfindung als einen Wahn meiner Überreizung, als einen Grundfehler meines unterirdischen Temperamentes, das so schwer von Exaltationen loskam, in die es sich verrannte. Es nützte mir nichts, ja wurde immer schlimmer. Als ich zum vielleicht zehntenmal den Steig an dem Blumengarten hinging, wo ich am Abend vor der Einweihung Helene im grünen Licht der anbrechenden Nacht über den Zaun lehnend getroffen und gegrüßt hatte, wurde dieses Begegnis so spukhaft wirklich vor mir, daß ich ihre Haare im Dunkel schimmern sah und meine Stimme durch die Nacht klingen hörte, ja, mir war es, als breite das geliebte Mädchen die Arme nach mir davongehenden aus, als flehe und ringe sie nach meiner Hilfe in tiefer, einsamer Not. ›Wahrhaftig! Wahrhaftig!‹; murmelte ich erschüttert vor mich hin, drehte mich an der Ecke des Gartens um und sah lange den Zaun entlang, als könne es doch möglich sein, daß Helene dort stehe und mir nachsehe. Es dauerte lange, ehe ich aus diesem Wahnsinn der Liebe erwachte und alles um mich sah und hörte, wie es war, den ungewissen Schein der gekiesten Chaussee drunten, den nachtverwischten Hof meines Vaters drüben, das Rauschen der Sintlingerschen Torlinden seithin, die einsamen Sterne über mir, den ersten Hahnruf vom Dorfe her. Eben wollte ich mich auf den Heimweg machen, da hörte ich auf dem Sintlingerschen Wirtschaftsweg so eiliges Laufen, daß die Steine hinter den springenden Schritten kollerten. Ich merkte, daß der Unbekannte auf mich zu jagte, trat etwas zurück und war neugierig, wer das sein könnte. Da tauchte er auch schon auf. Ein Gehetzter, keuchend, das Gesicht fast am Boden, so schoß er an mir vorüber und verschwand stoßend und polternd im Hofe ... Der Sintlinger, der heilige Vater meines heiligen Lenleins. Ich erschrak wahrhaftig bis ins Mark, als habe ich ein Gespenst, einen Höllenspuk, nicht Wirklichkeit gesehen, und stieg wie betäubt zu unserm Hof hinüber. Diese Betäubung war noch ungebrochen über mir, als ich am anderen Morgen erwachte. Nachdem ich noch eine Weile das Lauern nach dem Sintlingerhofe, wie die Tage und Nächte vorher, betrieben und nichts mehr wahrgenommen hatte als das Fortgehen des Bauern nach der anderen Seite hin, auf den Buchengrund nach Brederode zu, entschloß ich mich, durch eine lange Streife in den Wald dieses heiße Sieden in mir zu beruhigen, das mich um jede klare, ruhige Überlegung brachte. Ich stieg also hinter unserm Hof hügelan in den Wald über dem Hornwassergrund und verlor mich dann, von meinen durcheinanderflutenden Empfindungen, Bildern, Befürchtungen und Erwartungen getrieben, bald in unwegsame Schonungen, einsamste Blößen, verstohlene Winkel, bis ich nicht mehr wußte, wo ich war, beim Emporheben des Kopfes es hell durch den Hochwald schimmern sah und mit dem festen Entschluß, ein Ende zu machen, auf den Sonnenstreifen zuging, der sich durch das Dunkel des hohen Bestandes zog. Bald befand ich mich auf der neu angelegten Chaussee, überrascht, wie das zugegangen sei, und in einer gehobenen Empfindung, daß nun alle dunkle Verwirrung und Heimsuchung hinter mir liege. Das Glück leidenschaftlich Verliebter besteht ja überhaupt aus solchen Ausschreitungen ihres schrankenlos gewordenen Herzens. Meine Füße trugen mich wie im Fluge, die neue Straße erschien mir wie ein goldener Weg, die alten Fichten und Tannen standen wie verklärt, der ganze Wald war ein jubelndes Vogelsingen, und wenn sich ein Baum in dem Sonnenwind rührte, staubte es förmlich von gelben, grünen, blauen und roten Flügeln um ihn. Meine jahrelange Strauchelfahrt durch Dunkelheiten kam mir vor wie ein kurzes, aufgedrungenes Warten, die bedrückenden Vorgänge der letzten Tage und Nächte wie das Knarren sich öffnender Torflügel. So stürmte ich förmlich die Steigung der Straße zur letzten großen Kurve hinauf, mit der sie sich aus dem Walde ins Freie schwang. Wenn ich dort an den beiden großen Fichten angekommen war, die rechts und links von der Straße standen und mit ihren weit ausladenden Ästen sich in der Mitte des Fahrdammes fast berührten, mußte Helene vor mir stehen. Mir donnerte das Herz in dieser waghalsig verrückten Erwartung. Aber ich ließ mir gar keine Zeit zu Zweifeln, ich rannte sie eilenden Ganges über den Haufen. Und als noch gar bei meinem Heranstürmen ein Flug von Blaumeisen aus den Fichten schwirrte und ich einen Augenblick wie in einer Wolke singender, lebendiger Blumen ging, stieg meine Erregung so, daß ich betroffen einen Ruck stehenblieb und überlegte, was ich tue, wenn nun das Unmögliche doch Wirklichkeit würde. ›Kräftig sich zeigen, führet die Arme der Götter herbei‹;, sagte ich enthusiastisch zu mir und ging weiter. Sie müssen das Seltsame zu verstehen suchen, das, indem es mir nun tatsächlich begegnete, von mir doch nicht erfaßt werden konnte. Als ich aus dem Schatten der beiden großen Fichten trat, sah ich Helene wahrhaftig, kaum hundert Meter vor mir, ohne jede Begleitung, ganz allein so eilig herankommen, wie ich ihr entgegengetrieben worden war. Sie hatte Augen, die nicht zum Sehen, sondern nur zum Glänzen da waren. Mit dieser anderen jenseitigen Kraft des Blickes, der unmittelbar aus der Seele stammte, schaute sie hoch vor sich hin. In einem Gange bewegte sie sich, der nicht Schreiten, sondern Schweben und Tanz war. Die Zierlichkeit und vollkommene Abgewogenheit ihrer Gestalt, die in ein duftiges blaues Kleid gehüllt war, vermehrte das Unwirkliche ihrer Erscheinung, als sei dieses Wesen, das, von mir ersehnt, nun wie durch ein Wunder auf mich zukam, aus dem Schoß eines Traumes, nicht aus dem einer Mutter geboren. Die blonden Haare, die um ihre zauberhaft reine Stirn wogten, waren nicht Substanz, sondern nur goldiges Licht. Für die höchsten Daseinsverzückungen erweist sich das Bewußtsein des Menschen als zu eng und unzureichend. Man weiß nicht genau, was man tut, noch was geschieht. Daß sie gegen den Willen ihrer Eltern sich aufgemacht und davongegangen war, darüber konnte kein Zweifel sein, denn ihr fehlte jede Begleitung. Das war das einzige, was ich in der Aufregung klar dachte. Außerdem beherrschte mich die Sorge um sie. Denn wie sie näher kam, erkannte ich, daß sie schon übermüdet sei. Da blieb sie auf einen Antrieb, den ich mir nicht erklären konnte, stehen und sah lange aufmerksam und horchend über sich in die Höhe. Ich ging indessen weiter und zwang jedes Wort nieder, um sie nicht zu erschrecken. Als ich ihr so nahe gekommen war, daß ich das blaue Traumfeuer ihrer aufwärts gerichteten Augen deutlich sehen konnte, wurde sie wohl von meinen gedämpften Schritten aus dieser rätselhaften Hingenommenheit nicht geschreckt, sondern gehoben, und als gehöre mein Herannahen in die Welt ihrer Berückung, breitete sie die Arme aus, aber nicht eigentlich nach mir, der ihr auf der Straße nahte, sondern nach einem, der wie aus dem Himmel auf sie zukam. Sie breitete die Arme nach der Höhe aus, tat im Rausch einer ekstatischen Hingabe einige selig unsichere Schritte und ließ sich dann mit einem hohen Schrei der Erlösung in die Luft sinken. Sie wäre langhin auf die Straße geschlagen, wenn ich nicht hinzugesprungen und die Fallende in meinen Armen aufgefangen hätte. Sie atmete in unruhigen Stößen, wie eine hochgradig Fiebernde. Ihr Gesicht glühte, und bei geschlossenen Augen stammelte sie fortwährend: ›O Gott! – O Gott!‹; und drängte sich, Schutz suchend, inniger in meine Arme. Plötzlich kam ein Ruck des Schreckens in die Aufgelöste. Sie drückte ihre Hände frei und begann mit zitternden Fingern mein über sie geneigtes Gesicht abzutasten. Und als sie fliegend mit diesem Geschäft ihres Sehens fertig war, riß sie in entsetztem Glück ihre schönen Augen weit auf und starrte mich in einer Art glückhafter Todeserschütterung an, dann fühlte ich, wie ihr Körper sich löste und schlaff wurde, als sinke er in die Agonie. Trotz meines gütigen, inbrünstigen Zuspruchs, daß sie sich nicht fürchten solle, denn ich, der sie so unendlich liebe, immer geliebt habe, ich, Peter Brindeisener, sei es. Nichts half, sie begann machtlos, aber heftig zu weinen, verfärbte sich wie eine Sterbende und hing bald vollkommen ausgelöscht in meinen Armen. Auf meinen unsinnigen Schreckensschrei: ›Helene!‹; schlug sie noch einmal matt die Augen auf, sah mich mit einem ungewissen, glanzlosen Blick an, und dann sanken die schönen Sterne wie für immer in die Höhlen. Da riß ich sie in meine Arme herauf und begann, verzweifelt, fast wie wahnsinnig nach dem Sintlinger-Hofe hinzulaufen. Als ich schweißüberströmt durch das Tor stürzte, trat gerade die Sintlingerbäuerin unter die Haustür und setzte, als sie mich sah, was sie unter dem Arme trug, ich glaube, es war eine hölzerne Backschwinge, zu Boden, bekam einen Ausdruck verfinsterten, feindseligen Schreckens ins Gesicht, und als sie meinen abgerissenen Bericht mit Abneigung angehört hatte, nickte sie kurz dankend und nahm mir dann ihre wie leblos hängende Tochter aus den Armen, und während ich ihr behilflich war, Helene zurechtzurücken, fuhr die Bäuerin fort, so ergeben zu nicken, als sei eingetreten, was sie lange befürchtet hatte. Dabei murmelte sie ein paarmal bitter: ›Also doch. Also doch!‹; Dann drehte sie sich mit einem förmlichen Gruß um, ließ mich stehen und verschwand im Hause. Einige Stunden später fuhr der Arzt aus der Kreisstadt mit schweißbedeckten Pferden auf den Hof. Als er sich nach kurzer Zeit, nach einer halben Stunde, wieder entfernte, trat die Bäuerin, neben dem Gefährt hergehend, mit aus dem Hofe und plauderte mit einer so hellen, glücklichen Stimme zu dem launig herausgeneigten Arzt, als sei dies Unglück, das ich auf den Hof getragen, wirklich das, als was es mein Herz trotz allem empfand, das höchste Glück, nicht nur für mich, auch für sie und Helene. Allerdings erlitt diese Hoffnung einige Stunden später einen argen Stoß, denn plötzlich begann die Glocke auf dem Sintlingerschen Haustürmchen stotternd, nein wie schreiend, zu läuten. Seit Jahrzehnten, solange ich lebte, hatte das Glöckchen wie tot in dem kleinen Holztürmchen über dem First gehangen. Unter den Leuten ging die Sage, der Vater des Sintlingerbauern habe den Strick abgerissen, weil ihr Geläut über den Hof Unglück bringe. Jetzt, da die Glocke ertönte, verbreitete sich die Nachricht, Helene sei gestorben, und den Heiligenbauern, der in das Türmchen geklettert sei, um sie zur Ruhe zu bringen, habe der Wahnsinn gepackt. Nein Vater glänzte förmlich vor Freude über dies Unglück des feindlichen Hofes und machte Anstalten, mich im Überschwang befriedigter Rachgier zu umarmen, weil er in mir den Urheber dieses gerechten Strafgerichtes sah. Ich befand mich in einer furchtbaren Lage, die drei Tage währte. Wohl trat schon am zweiten Tage eine Erleichterung ein, da es hieß, Helene lebe nicht nur, sondern es gehe ihr besser. Am vierten Tage ließ mich die Bäuerin bitten, auf einen Augenblick hinüberzukommen, denn Helene verlange nach mir. Mit Tränen in den Augen empfing mich die Bäuerin, zog mich in die kleine Nebenstube und bat mir die Unfreundlichkeit ab, mit der sie mich, den Retter ihres lieben Lenleins, den offenbar der Himmel geschickt, empfangen und abgelohnt habe. Denn Gott habe ihr durch meine Hilfe das Augenlicht wiedergeschenkt. Der Sintlinger sei von diesem Wunder aus allen Angeln gehoben, und ich solle es nicht übelnehmen, daß er sich nicht sehen lasse. Die gute, liebe Frau war ganz aufgelöst vor Glück, entschuldigte sich ein übers andere Mal, daß sie dem schlechten Gerede der Leute über mein wildes Leben geglaubt, und fand es ganz in der Ordnung, daß ich in meiner grenzenlosen Erschütterung über diese wunderbare Fügung sie umarmte und küßte. Dann führte sie mich hinauf in das verhangene Zimmer Helenes. Die Kranke lag weiß und still im Bett und rührte sich weder bei unserem leisen Eintritt, noch als wir auf den Zehen an ihr Lager getreten waren. Ihr Gesicht glänzte nur in überirdisch glücklichem Lächeln. Bei geschlossenen Augen reichte sie mir ihre Hand heraus und bewegte dabei, ohne sprechen zu können, die Lippen. Auch ich fand vor Ergriffenheit keine Worte. Die Mutter aber überwältigte unser Verstummen so, daß sie, von Schluchzen geschüttelt, das Zimmer verlassen mußte. Als sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, richtete sich Helene empor, öffnete die Augen und betrachtete mich lange in grenzenlosem Erstaunen. Dann breitete sie die Arme nach mir aus. ›Ich habe mich so nach dir gesehnt, Peter. Ich weiß es jetzt, jahrelang, und nun hab' ich dich – – nun hab' ich dich ... Peter ... oh, mein Himmel ...‹;, so hauchte sie stotternd vor Glück. Ich schloß sie in meine Arme und versengte fast ihr Gesicht mit meinen Küssen. Wir lachten, weinten und redeten sinnlose Worte, bis die Mutter am Bett stand und sagte: ›Nun ist's aber gut, Kinder.‹; Dann taumelte ich trunken hinaus. Selten gingen die Erwartungen eines Liebenden in einer solchen Brandfackel von Glück in Erfüllung, wie sie endlich mein Schicksal mir schenkte, dessen Güte ich jetzt so wenig begriff, wie ich früher die Notwendigkeit seiner Verfolgungen eingesehen hatte. Das Sintlingerlenlein, das für mich immer wie jenseits der Erde geschwebt hatte, war mir ans Herz gesunken. Ich hatte sie auf diese Welt herübergerissen, zu mir, und dabei waren wie von selbst die Todesschatten der Blindheit von ihr abgefallen, und ich besaß sie nun noch inniger, wie ich sie seit je begehrt hatte. Die Verfehlungen meiner wilden Jahre wogen nicht mehr schwer, weil sie der offenbar notwendige Zugang zu diesem Glück gewesen waren. Mathinka Meixner war aus meinem Leben verschollen. Wie einem Hexenspuk entrückt, kam ich mir vor. Ich lächelte über den düstern Wahn von einst, mein Leben sei der Macht höllischer Geister verfallen, und ich wußte nicht, wie es zugegangen war, daß ich diese Einbildungen zuzeiten hatte in Gestalt wahrnehmen können. Helene hatte durch mich ein neues Leben erhalten, und ich war durch sie neu geboren worden. Nur das eine bedrückte mich, daß mein Vater in meinem Glück nur die gut gespielte Heuchelei eines Infamen sah, dem sein raffiniert eingefädelter Anschlag vortrefflich gelungen ist. Er tröstete mich ziemlich unverstellt über die Wiedergenesung Helenes und redete mir zu, mich zu beruhigen, da dem Heiligenbauern von meinem Höllenschreck offenbar das Kreuz zu Brei geschossen worden sei. Das war die einzige Nachgeburt meiner Verirrungen, die ich nicht loswerden konnte, trotzdem ich meinem Vater den Unsinn seines Glaubens energisch ausredete und mich offen für meine ehrliche Liebe zu Helene einsetzte. Er lächelte nur hämisch, nickte mir zwinkernd zu und sagte: Ja, ja. Ich solle doch nicht soviel Worte machen. Er sei doch auch ein Brindeisener, und wenn ein Brindeisener jemand von drüben liebe, so bedeute das immer, daß er ihm den Daumen ins Auge drücke, bis das Hirn aus dem Ohr tropfe. Dann schüttelte er sich in einer tollen Lache, gab mir einen herzlichen Schlag auf die Schulter und schob mich in den Wagen, denn ich hatte mir diese reinigende Aussprache bis auf die Augenblicke vor meiner Rückreise nach Münster aufgespart, teils um sie eindringlicher für meinen Vater zu machen, teils um auch nicht den Hauch eines unreinen Schattens in meiner Liebe zu dulden. Über das merkwürdige Betragen des Sintlingerbauern machte ich mir keine dunklen Gedanken. Wenn es wahrhaftig zutraf, was ich unter der Hand erfahren hatte, daß er das Sehendwerden seines einzigen Kindes als ein großes Unglück ansah, von dem gleicherweise Helene wie er und der ganze Hof betroffen worden sei, so konnte ich das nur als den Ausfluß einer vorübergehenden Verwirrung ansehen. Unter diesen und ähnlichen Gedanken verging die Rückreise nach Münster. Hätte ich nur einen Tropfen Ironie und Skepsis in den brausenden Wein meiner Liebe fallen lassen, oder hätte ich in die Gründlichkeit meiner Wesenswandlung von Anfang an einige Zweifel gesetzt, es wäre besser für Helene, mich und alle ausgegangen. Allein, ich war felsenfest überzeugt, in den drei tollen Jahren alle Schlacken meines Wesens über Bord geworfen zu haben, daß ich mit keinem andern Blick in mein vergangenes Leben zurücktauchte als jenem dankbaren Staunens über die Gnade und Kraft des hohen Sternes, der mich offenbar in all diesen Bulgen einer unteren Welt keinen Augenblick verlassen hatte. Mit solcher Umdeutung meiner oft anrüchigen Abenteuer und lästerlichen Ausschweifungen in sinnvolle Vorbereitungen auf die höchste Mannesreinheit brachte ich die Stunden der Muße zu, welche ich zwischen die Stunden und an das Tagesende meines ernstesten Fleißes legte. Münster hatte nur eine Gegend, die, in der Hemsterhus mit dem Heiligenhof lag. Der klarste und tiefste Himmel blieb hinter dem Blau der Augen meines Lenleins weit zurück, kein Stern entzückte mich so, als ihr Blick mich ergriffen hatte, und wenn ich im Traume ihre Stimme gehört hatte, war ich den ganzen Tag von zartem Gesang umgeben. Nein, das Glück, in dem ich lebte, ist unbeschreiblich. Ich brauchte meine Liebe nicht zu übertreiben, meine Liebe übertrieb mich. Am Tage vor Semesterschluß rief mich mein Professor zu sich und eröffnete mir, daß ich soweit sei, am Ende des nächsten Semesters den Referendar zu machen. ›Und nun gehen Sie nach Hause, und ruhen Sie sich aus, lieber Brindeisener. Verdient haben Sie sich's redlich‹;, sagte der alte Gelehrte und drückte mir herzlich die Hand. Ich flog ja nun mit den weißen Flügeln meiner engelhaften Geliebten über die Erde, und alles, was mir das Streben hatte oft so lächerlich erscheinen lassen, der Prototollschemel des Referendars, das Türsteheramt des Assessors, der schwarze Papphelm des Amtsrichters und der juristische Drogenladen des Rechtsanwalts, das alles sah ich nicht mehr, oder vielmehr ich sah es wie eine Allee geschmückter Maibäume. Das Glück des Lebens blüht ja immer, wie außerhalb des Lebens, in unserer Illusion. Ich konnte es auf meiner Heimfahrt kaum erwarten, Helene wiederzusehen, und war begierig, wie dies aus dem Himmel gefallene Wesen sich auf der Eide ausnehmen würde. Denn Sie müssen wissen, daß die Bewohnerschaft der Umgegend in ihr nicht bloß figürlich eine Heilige sah. Man schrieb ihr überirdische Kräfte zu. Sie hatte eine Trunksüchtige zu einem verwunschen seligen Leben errettet, eine Querhovener Mutter, die aus Schmerz über den plötzlichen Tod ihres Kindes sich schon im Wahnsinn umzutreiben begann, dem tätigen klaren Dasein wiedergeschenkt, Zerrütteten den Seelenfrieden gegeben und noch vieles andere, und alles das nicht anders, als daß sie mit ihnen redete, sie mit ihren blinden, hintersichtigen Augen ansah oder ihnen nur die Hand reichte, nicht anders, wie etwa eine Blume am Ufer einen Selbstmörder von seinem Vorhaben abbringt, daß er hinterher nicht weiß, wie das geschehen ist, und die Blume weiß noch weniger von ihrer Kraft. Das größte Wunder aber hatte ihre Geburt an dem eigenen Vater gewirkt, der durch ihr Erscheinen in der Welt zwischen Tag und Nacht aus einem wilden Schenken- und Weibertoller ein gesammelter, besonnter Mann geworden war, das Gewissen der Gegend, ein Vorbild an Klugheit und Lebensweisheit. Wer irgend etwas auf sich hielt, flickte, wo es sich tun ließ, in seine Rede einen Ausspruch aus seinem Munde. Aber so merkwürdig war sein Wesen, daß sich Fromme ebenso häufig wie Freigeister und Ordnungssüchtige ebenso leidenschaftlich wie Lebensunruhige auf ihn beriefen. Auf mich wirkte mancher seiner Aussprüche mehr wie tiefsinnig drapierte Querköpfigkeit. Aber das kann ebenso an mir, an meiner Unfähigkeit zu Lebens- und Religionsspekulationen liegen. Jedenfalls, von meiner Kindheit an stand mir der Sintlingerbauer als das makellose Bild eines Ehrenmannes der Menschengüte und höchsten Vaterliebe mit seiner Tochter gleichsam in einem Schrein über der Erde, obwohl doch in meinem Vaterhause und in der Umgegend an Verunglimpfungen genug geleistet wurde. Ja, manche behaupteten, er sei mit dem Teufel im Bunde, der ihm bald in Gestalt eines schwarzen Huhnes, bald als verzerrter Schatten folge. Ohne diese Dinge wortwörtlich zu glauben, muß ich doch davon sprechen, weil das Betragen des Sintlingerbauern im Verlauf meiner Liebe zu Helene Formen annahm, als gebe es wirklich übersinnliche, albische Fesseln, gegen die Menschen vergeblich ringen, und es scheint, daß diese aus einer anderen Dimension herübergreifenden Wesen an die einen mehr Fug haben als an die anderen. Aber ich will bei der Stange bleiben. Sie werden ja an meinem Ende sehen, ob ich nur ein Narr oder ein Schicksalverhafteter in meinem Leben war. Ich will nichts hinzutun zu den Schatten und nichts verdunkeln von dem Licht, in dem ich gewandert bin. Als ich im halben Nachmittag auf der neuen Straße in das enge Tälchen zwischen unsern Hofhübeln einbog, stand Helene vor den Torlinden und winkte mir zu. Ich ergriff den Hut und schwenkte ihn glücklich hinauf. Da riß sie das bunte Tuch ab, das sie nach Art der Landmädchen um den Kopf geschlungen trug, ließ es wie eine Freudenfahne in der Luft schwirren und wirbelte dann so stürmisch den Abhang herunter, daß ich ihr beängstigt zurief. Sie hörte nicht, wie in einem Sturz flog sie auf mich zu. Aber da sie hochaufatmend vor mir stand und die stumpfen Augen meines Bruders auf sich gerichtet sah, der sich auf dem Bock nach ihr umgewendet hatte, tauchte sie in die ferne Scheu aus der blinden Zeit zurück und reichte mir zierlich ihre beiden Hände zum Willkommen, so überwältigt, daß sie nur mit dem Leuchten ihrer Augen zu sprechen vermochte. Zu meinen Vorwürfen über ihre Waghalsigkeit beim Lauf schüttelte sie nur lächelnd den Kopf, und da ich darauf beharrte, daß sie vorsichtig sein solle, rief sie in wiederkehrendem Übermut: Das sei nicht mehr nötig, da sie doch nun auf der Welt sei. Leise überbräunt stand sie vor mir, nicht mehr in einem duftigen Ziergewande wie sonst, sondern in eng anliegendem Mieder, kurzem Röckchen mit vorgebundener Schürze, das Haar in Flechten um den Kopf geschlungen, noch zerbrechlich, aber schon fester in den Formen. In den Augen war das traumhafte Schweben vor der Schärfe des sicheren Blickes im Zurücktreten, und nur bei genauem Hinhören vernahm man noch als Unterton den entrückten Klang ihrer Stimme, von dem so viele Menschen wie von dem Tiefsinn eines außerweltlichen Sinnes bezaubert worden waren. Ihre Worte zückten keck und schnell wie ein Wirbel aus einer kleinen silbernen Trommel. Dieses Heraustreten ihres Wesens aus einem rätselhaften Jenseits in diese Welt erlebte ich nun in langen glücksunruhigen Wochen. Mein Vater hatte verborgen meinem Empfang durch Helene zugeschaut und war in hämischem, drohendem Erstaunen erfreut, daß ich sie, wie er sich ausdrückte, schon so kirre gemacht habe. Den Sintlinger hatte ich bei unserer Begrüßung vor das Tor treten und erschreckt zurückfahren sehen, als er uns erblickte. Aber weder der heimliche Rachedurst des einen noch die unbegreifliche Abwendigkeit des anderen vermochte etwas über das Licht meines beseligten Zustandes. Nein, das ist zuviel gesagt. Sie vermochten schon dies und das. Am ersten Abend, den ich auf dem Sintlingerhofe zubrachte, saß ich mit der Bäuerin und Helene allein in der großen Wohnstube und mußte es mir gefallen lassen, mit einem fast festlichen Abendbrot bewirtet zu werden. Der Sintlinger war in Geschäften abwesend, und sein Fehlen wurde, wie es den Anschein hatte, von Mutter und Tochter mit einer Art Erleichterung aufgenommen. Wir waren aufgeräumt und redeten von alltäglichen Dingen wie Menschen, denen die Freude an des andern Gegenwart alles ausmacht. Schon als die Stubenmagd den Tisch abgeräumt hatte, trat unvermutet der Sintlinger ein, blieb unter der Tür einen Augenblick stehen, musterte uns mit einem scharfen, nicht unfreundlichen Blick und kam dann mit seinem raschen, entschiedenen Schritt aus mich, der ich mich erhoben hatte, zu und reichte mir die Hand: ›Ah, 'n Abend, Herr Studiosus – Brindeisener. Ja, ja, hm, hm. Und das andere natürlich in allen Ehren. Gewiß. Sie studieren die Rechte?‹; – ›Ja, das Recht. Herr Nachbar!‹; – ›Und erst das Rechte? Bitte, behalten Sie Platz.‹; So redete er mich an, scheinbar wirr, aber von Bedeutsamkeiten unterhöhlt. Er wandte sich darauf, ohne auf meine Worte mit etwas anderem als einem Kopfnicken und freundlichen Lächeln Zu reagieren, zu seiner Frau, küßte sie langsam auf die Stirn und tauchte erst aus seiner gedankenvollen Benommenheit, als er sich zu Helene kehrte. Ein richtiges Zünden ging jetzt durch den kleinen Wann. Fast wie ein glückhafter Schrei klangen die Worte, mit denen er sie anredete. ›Und du, mein Lenlein!‹; rief er und umarmte sie so stürmisch, als habe er sie jahrelang nicht gesehn. Aber mitten in der Zärtlichkeit erschrak er, ließ sie los und sah sie lange und betroffen an, als habe er in der Aufregung eine Fremde umarmt und merke erst jetzt den Irrtum. Er schüttelte stumm den Kopf, setzte sich uns gegenüber und begann, uns forschend anzusehen. Mutter und Tochter wechselten einen verständigen Blick, und ich wußte mit Geschick über die bedenkliche Situation hinwegzuhelfen, so daß die Unterhaltung bald wieder in den alten herzlich bewegten Fluß kam. Der Sintlinger beteiligte sich nur mit seinen stillen, aufmerksamen Augen daran. Um ihn zu schonen, versuchte niemand, ihn seiner Abseitigkeit zu entreißen. So saß er stumm, aber offenbar innerlich auf das leidenschaftlichste bewegt. Denn immer, wenn ich das Wort nahm, heftete er seine Augen so auf mich, als sollten mir seine Blicke durch und durch gehen. Zuerst verwirrte mich auch ein paarmal diese lautlose Unheimlichkeit. Dann aber weckte er mit dem merkwürdig drohenden Minieren seiner Augen in mir eine heitere Laune, und ich betrachtete es als närrische Marotte eines sonst klugen Mannes. Plötzlich hob er den Arm und zeigte mit ausgestrecktem Finger hinter mich auf die Wand, und ehe wir begriffen hatten, was er mit seinem seltsamen Gebaren meinte, rief er entsetzt: ›Sein Kopf ist eine schwarze Flamme!‹; Das Lenlein merkte zuerst, daß der Sintlinger von dem Schatten meines Kopfes an der Wand spreche, und erschrak zum Weißwerden, raffte sich aber bald zusammen und brach in lustiges Gelächter aus, wie über einen unvermuteten Spaß. Wir beiden anderen stimmten ein, und auch der Sintlinger war zuletzt gezwungen, über die Seltsamkeit seiner eigenen Einbildung zu lachen. In diesem kleinen Tumult brach ich auf. Offenbar nur um Helene abzuhalten, mit mir wenige Schritte bis vors Tor zu gehen, begleitete mich der Bauer, schritt aber, ohne ein Wort zu sprechen, neben mir langsam und säumig, und doch war in seinem Schweigen unvermindert dasselbe Drohen wie vorher in seinen forschenden Augen. Das verdroß mich innerlich doch, und ich begann mit merkbarem ironischen Unterton von den sektiererischen Anrüchigkeiten der Querhovener zu sprechen. Ich tat das mit Absicht, denn allgemein bezeichnete man den Sintlinger als ihren geistigen Vater. So waren wir vor die Torlinden an den Hügelrand gekommen. Ich glaubte, der Sintlinger wolle mich bis hinunter an die Straße bringen, und hatte schon einige Schritte auf dem steil abfallenden Weg getan. Allein der Bauer blieb oben stehen, und als ich mich umdrehte, stand mir sein Gesicht gerade gegenüber. Ich weiß heute noch nicht, ob es so war, oder ob ich einer Einbildung unterlegen bin. Das sonst so ruhige, gesammelte Gesicht des Sintlingers schien sich in Wut zu verzerren, wurde nicht nur weiß, nein phosphoreszierend, und seine Augen leuchteten grün. Und in mir sprang ein sinnloser Haß auf, und ich nannte die Querhovener, von denen ich fortwährend sprach, geradezu ›wirre Trottel‹;. Ja, ich schrie es förmlich in die Nacht. Da atmete der Sintlinger schwer und keuchend, hob langsam die Arme nach mir und legte seine Hände um meinen Hals. Mein Herz stand still. Drückt er zu, so schlag' ich ihn nieder, sagte ich zu mir und rührte mich nicht unter seinen Händen. Aber da war auch schon alles vorüber. Der Sintlinger brach in heiteres Lachen aus, klopfte mich mit beiden Händen herzlich auf die Schultern und sagte launig: ›Ja, ja, Peter Brindeisener, und nun gehn Sie weiter hinunter. Wo wollen Sie auch anders hin? Gute Nacht.‹; Ich weiß heute noch nicht, ob es so gewesen ist. Aber diese Worte hat der Sintlinger damals gesprochen. Ich höre heute noch den Klang seiner Stimme und sehe ihn energisch sich abwenden und nach dem Tor zu verschwinden. Niemand hat von diesem Zusammenstoß mit dem Sintlingerbauern etwas erfahren, weil ich seiner nicht sicher war. Auch gegen ihn selbst ließ ich mir nichts anmerken. Meine abendlichen Besuche auf dem Hofe drüben erlitten keine Unterbrechung, und ich saß mit wenigen Ausnahmen Tag um Tag neben der Frau und Helene unter der Lampe und lebte mich immer tiefer in das Dasein dieser reinen, lieben Menschen ein. Sogar der Sintlinger blieb oft an dem Tisch sitzen, wenn ich allerhand lustige und komische Sachen aus meiner tollen Studentenzeit erzählte. Ich habe doch allerhand drollige, zierliche Geschichten erlebt, denn ich bin ja nicht alle Zeit der wilde Grabbesche Donnerbesen gewesen, der immer nur schmutzige Kübel ausgekehrt hat, und geriet ich je einmal in den Kreis einer bedenklichen Begebenheit, so nahm sie in der Gegenwart dieser einfachen, guten Seelen von selbst harmlose Formen an, daß ich oft erstaunte, wie verklärt und heiter im Grunde doch vieles in der Erinnerung erschien, was einst wie ein dämonischer Ausbruch gewirkt hatte. Helenes Augen leuchteten dann. Ihr Lachen war ein Jubel der Verwunderung und des Stolzes. Die Mutter versank ganz in ein gütevolles Glänzen ihres Herzens. Der Sintlingerbauer aber spürte wohl die Finsternisse, über die ich mit leichtem, witzigem Geplauder hinwegspielte. Denn während die beiden anderen sich der heitersten Laune überließen, wurde sein Gesicht ernst, ja schwermütig, und ein paarmal merkte ich, wie er Miene machte, mit einer verfänglichen Frage dazwischenzufahren. Dann hielt ich inne und musterte ihn mit durchdringendem Blick. Nach solchen Momenten, die ich im fröhlichen Fluß meiner Erzählung schnell zu ertränken wußte, saß er verloren, mit entgleisten Augen da, ohne weiter auf mich zu hören, und verschwand dann aus dem Zimmer, ohne daß es jemand merkte. Zuletzt blieb er ganz aus. Auch sonst vermied er es, mit mir zusammenzutreffen. Dennoch war er, bald näher, bald ferner, immer um mich. Besonders, wenn ich und Helene einsame Orte aufsuchten, um ungestört in den Verzückungen unseres verliebten Wesens zu schwelgen, tauchte er auf rätselhafte Weise in der Nähe auf, ohne uns zu stören, ohne Mißbilligung, sondern schweigsam, kummervoll, ratlos. Einmal saßen wir in der Laube des Blumengartens und redeten von dem merkwürdigen Schicksalswege unserer Liebe, die schon mit unserer Geburt auf die Welt gekommen schien und gerade durch das Unglück, das sich ihr entgegenstellte, die Feindschaft der Väter, die Blindheit Helenes und manches andere zur Erfüllung gelangt war, und während ich im geheimen auch noch meiner Leidenschaft zu Mathinka Meixner gedachte, ließ sich in der Ecke schweres, kummervolles Atmen vernehmen, eine kalte Hand legte sich mit erschrecktem Griff auf die meine, und ehe ich mich in meiner Betroffenheit ganz gesammelt hatte, huschte der Sintlinger mit leisen, flüchtenden Schritten an uns vorüber und verschwand durch die Tür in der Nacht, ohne Gruß, ohne ein Wort, wie ein Gespenst. Oder wir saßen in der Sonne am Waldrand und sahen in das bunte Hügelwogen unserer Heimat, handverschlungen, schweigend, ganz aufgelöst in den Zauber unserer Liebe. Aber wenn wir aus dieser Trunkenheit erwachten und uns betroffen umsahen, erblickten wir den Sintlinger auf einer entfernten Kuppe sitzen und regungslos nach uns Ausschau halten. Oder er kreuzte unsern Weg wie ein landfremder, verirrter Wanderer, so, als kenne er uns nicht. Höchstens nickte er uns zu, und über sein ernstes Gesicht huschte ein verlegenes Lächeln. Bei diesem Auftauchen ihres verwandelten Vaters packte Helene wohl erschreckt meinen Arm und sah mich ratlos und fragend an, oder sie ließ meine Hand fahren, kehrte sich schnell ab und weinte lautlos vor sich hin. Aber durch dieses unbegreifliche Verhalten des Sintlingers wurde unsere Liebe doch nie in ihrer Tiefe dunkel berührt. Im Gegenteil, ihre Leidenschaft wuchs, ihre Zuversicht ließ die Scheu hinter sich. Die kurzen Beklommenheiten trieben uns sogar oft in Gelächter und Übermut. Trotzdem schien es mir manchmal, der unheimliche Geist einer außerirdischen Welt, der mein Leben sooft ins Finstere verwirrt hatte, sei in den Sintlinger gefahren, und mir stehe durch die Erfüllung meiner höchsten Lebens- und Liebeshoffnung die tiefste Zerstörung bevor. Diese geheime Furcht weckte mich einigemal mitten in der Nacht aus dem Schlafe, so, als habe mir jemand aus Sternenweite gerufen, und ich stand auf, horchte lange aus dem offenen Fenster, als müsse von irgendwoher das Flötenspiel des Sattlergesellen ertönen, ein Schatten sich vor mir durch die Nacht kugeln, oder ich blieb nach dem Verklingen dieses Rufes regungslos, überwach im Bett liegen und heftete meine weit offenen Augen starr auf die Gegend, wo die Tür zu meinem Zimmer lag, weil ich glaubte, der rätselhafte Unheimliche werde zu mir herein ans Bett treten. Nichts hörte, nichts sah ich und lächelte endlich darüber, als einer Jugendtorheit, die an so vielen Entgleisungen meines Lebens schuld war. Zu dieser Unterhöhlung floß außerdem eine stärkere Verdunkelung des Lebens auf unserm Hofe. Wegen zu ärgerlichen Intimitäten zwischen meinem Bruder und der Großmagd war diese Knall und Fall entlassen worden. Jakob nahm das als Beleidigung und einen Eingriff in seine Rechte auf, saß erst dumpf und drohend umher und begann dann fast Nacht um Nacht ein Liebespilgern zu der Entfernten, die drei Stunden weit in der kleinen Kate ihrer Eltern Unterschlupf gefunden hatte. Dort wartete sie auf eine glückhafte Wendung der Umstände, als Bäuerin auf den Hof zurückzukehren, von dem man sie als Dirne gejagt hatte. Daß bei diesen nächtlichen Liebesfahrten meines Bruders Eier, Butter, Mehl, Getreide und noch vieles andere mit auswanderten, merkte mein Vater bald, und weil von der Arbeitskraft und dem Arbeitswillen des Brunstumnebelten nach solchen Liebesanstrengungen wenig übrigblieb, tobte der Zank stärker als je in unserm Hofe, und es kostete mich alle Umsicht, einen brutalen Skandal zu vermeiden. Ich griff erst ordnend und schlichtend und dann tätig in die Wirtschaft ein und hatte mich zu Beginn der Ernte so eingearbeitet, daß der Betrieb fast reibungslos lief und mein Bruder eigentlich nur noch als ein überflüssiges, verdrossenes Anhängsel herumtrödelte. Dieses rücksichtslose Einsetzen meiner Kraft zum Wohl und zur Ehre unseres Hofes befreite meinen Vater mehr und mehr von der Geringschätzung und heimlichen Widersacherschaft gegen mich. Er ging schmunzelnd umher, und als es meiner Energie an einem drohenden Tage gelungen war, ein ganzes Gewanne klingdürren Weizens vor dem Gewitter in die Scheune zu retten, war er so begeistert, daß er in der Nebenstube für uns beide ein kleines Festessen herrichten ließ, den Tisch reichlich mit Schnaps und Bier beschickte und mir im aufsteigenden Rausch gestand, ich sei doch eigentlich zum Bauern geboren, und wenn ich wollte, so könne ich mich eher heute als morgen aus der Stadt und von den Büchern davonmachen und hier auf den Hof kommen. Denn der Bauer sei nun schon der wahre König, alle andern nur jämmerliche Beutelschneider, und mit dem Jakob wirtschafte es mehr und mehr auf den Moderhaufen zu. Aber ich opferte meine Kraft und Hingabe weder meines Vaters oder Bruders noch unseres Hofes halber auf, sosehr es auch diesen Anschein ihnen gegenüber und überhaupt nach außen hin hatte. Ich sah ein, wenn jetzt unser Wohlstand und Ansehen durch die Lasterliebe meines Bruders einer schnellen Vernichtung anheimfiel, dann wurde auch die Liebe Helenes von diesem häßlichen Strudel verschlungen. Deswegen sprang ich vor Tag aus dem Bett, arbeitete, solange die Sonne am Himmel stand, schonungslos und gönnte mir erst im tiefen Abend ein Ausspannen drüben unter der Lampe im Sintlingerhofe oder auf dem Torbänklein unter den Linden oder auf einem kurzen Sternengang in den Feldern. Wie es sich eben schickte, vielmehr wie es die Sintlingerbäuerin einzurichten wußte, die mich seit meinem tätigen Eingreifen in unsere verfallende Wirtschaft wie einen leiblichen Sohn zu lieben begann. Wo es sich nur tun ließ, leistete sie uns Vorschub zu einem Stelldichein und verließ oft auf wenige Augenblicke die Stube, wenn sie in unseren Blicken die Sehnsucht nach Liebkosungen zu brennend schimmern sah. Um Helene Sintlinger war, obwohl sie nun schon ein halbes Jahr in der sichtbaren Welt lebte, immer noch eine Atmosphäre ihrer Blindenzeit, wie ein Schimmer von jenseits der Erde und allen Menschen. Diese Scheu, dieses Blickloswerden des Auges, dies Auflösen der Züge ihres Gesichts ergriff sie besonders stark, wenn wir allein waren. Denn wenn ich sie in den Arm nahm, entschwand sie mir förmlich, schloß die Augen, und mir war es oft, als berührte sie mit Ausschaltung des Körpers, wie von hinterwärts, meine Seele mit der ihren. Schickte ich mich aber an, mit feurigen Liebkosungen sie diesem Seelenversinken zu entreißen, so öffnete sie die Augen und sah mich mit einem fragenden Schrecken an. Ein Beben lief durch ihren Leib, und sie wand sich schonend aus meinem Umfangen. Allein ich ließ nicht nach in meiner sehnsüchtigen Liebesleidenschaft. Ich unterrichtete sie förmlich in der Zärtlichkeit, nach der ich dürstete, und leitete sie an, aus ihrer Scheu herauszutreten. Alles natürlich, ich schwöre es, ohne jeden sinnlichen Hintergedanken. Ich war wie einer, der auf Mondstrahlen in den Himmel kletterte, um mir jene, die ich zur Erde erlöst hatte, nun auch auf die Erde heranzuholen und die Liebe, die ich durch wildeste Tierbrunst sooft entweiht hatte, für immer zu segnen. Gott; vielleicht lag schon darin ein Verfehlen, daß ich mein Wesen durch das ihre zu entsühnen trachtete. Allein wie hätte ich in meiner damaligen inbrünstigen Befangenheit so etwas denken können. Ich freute mich nur, wenn ich wahrnahm, daß Helene, sobald sie aus meiner Nähe entrückt, ihrem eigenen Herzen sich überließ, ihre Scheu ablegte und in jenes Schweigen und bunte Schäumen geriet, das mich beglückte. Sie half, wie ich auf dem Hofe meines Vaters, fleißig in der Ernte des Sintlingerhofes, und nach Abenden, wenn sie durch Kühle und Ferne mein Herz besonders beschwert und traurig gemacht hatte, bemühte sie sich, mich aus der Ferne durch Zeichen ihrer Liebe zu trösten: sang, auf dem hohen Erntefuder stehend, glückhaft zu mir herüber, schmückte die Köpfe der Pferde mit roten Tüchern und veranlaßte die Knechte und Mägde zu lauten Beifallsrufen, wenn ich den kipphoch geladenen Wagen geschickt und umsichtig den holprigen Weg dem Hofe zu lenkte. So ging die Ernte dem Ende entgegen. Die Luft wurde heiß von ihrer zurückgehaltenen Liebe, sie selbst aber umgab sich noch immer mit dieser kindhaften Furchtsamkeit. Und wenn ich sie fragte, warum ihre Küsse so zaghaft und ihre Umarmung so gezwungen seien, lehnte sie sich vollends zurück, seufzte schwer und sagte, daß sie das nicht wisse, bat mich aber immer dringender, nicht mehr danach zu fragen. Dabei bebte ihr ganzer Körper wie in Schauer, daß in mir der Verdacht rege wurde, ihre Scham könne einst von einem wüsten Manne verletzt worden sein. Sie aber direkt zu fragen, warum sie bei der Straßeneinweihung unter der Berührung des Landrats umgesunken sei, diesen Mut fand ich nicht, versteifte mich aber heimlich auf diese Auslegung ihrer furchtsamen Zurückhaltung. Indessen strafte das Betragen Helenes diese Zweifel an ihrer Herzensunschuld Lügen. Ja, eines Abends sprang sie vom hohen Fuder herab mir geradezu in die Arme. Das kurze Röckchen flatterte bei diesem Schwung aus der Höhe so weit zurück, daß die Sintlingerbäuerin, die hinter mir stand, schreckhaft aufschrie und ich im Anblick der enthüllten Schöne betroffen mein Herz stillstehen fühlte. Helene aber lachte, unten angekommen, frei und heiter, verstand die Bedenklichkeit ihrer Mutter ganz und gar nicht, sondern versicherte, wenn ich unten stände, spränge sie, wenn es sein müßte, gar von einem Kirchturm, so wenig Furcht habe sie. An jenem Abend, zwischen dem Anprall, mit dem Helene aus der Höhe mir in die Arme flog, und dem Schwung, mit dem ich sie wieder auf die Füße neben mich stellte, riß, wenn ich so sagen soll, ein Traumhäutchen über meinen Augen. Ich erstaunte über die Fülle, zu der ihr Busen herangereift war, über die Nackenlinie, die sich üppig im Mieder verlor, über die Rundung ihrer Schultern und Hüften, über die Keckheit, mit der sie vor mir her über die paar Stufen ins Haus hineinsprang und vor dem Verschwinden um die Ecke noch einmal den Kopf wandte und mich mit einem wagehalsigen, lockenden Lächeln ansah. In mir stieg eine betörende Woge auf, und weil ich in Anwesenheit des Gesindes nicht, wie es mich drängte, ihr nachstürzen und sie umarmen durfte, warf ich ihr leidenschaftliche Kußhände nach, was die Knechte und Mägde mit höhnischem Grinsen aufnahmen. Der Sintlingerbauer, der in diesem Augenblick mit einer Getreidegabel aus der Geschirrkammer trat und wohl auch von dorther unbeachteter Zuschauer bei dem Sprung Helenes in meine Arme gewesen war, erblaßte bei meiner stürmischen Liebkosung durch die Luft, warf die Gabel, daß es klirrte, auf die Erde und rief dem Ochsenjungen gereizt zu, sie aufzuheben und in die Scheune zu tragen. Er selbst verschwand durch das Hinterpförtchen vom Hofe. Seit diesem Abend begann Helene, sich immer stürmischer in die Genußfreuden des Lebens zu drängen. Mit der Ernte ging es auf die letzten Garben zu, und in den Dörfern wurden die Mädchen und Burschen schon von den Gedanken auf das Erntefest beunruhigt. Obwohl dies doch eigentlich mehr eine Freudenveranstaltung für die Dienstleute, für Knechte und Mägde war, blühte Helene sich in leidenschaftliche Erwartungen hinein. Für sie, die dergleichen weder gesehen noch erlebt hatte, schmückte sich dies ländliche Fest mit allen bunten Schönheiten ihrer unverbrauchten, reichen Phantasie und Leidenschaftlichkeit. Das Lächeln ihrer Mutter war vergeblich, die Bedenklichkeiten machten sie nicht stutzig, und selbst aus meinem kühlen und ironischen Mäkeln an derlei derben Lustbarkeiten erhitzte sie sich nur mehr und mehr in ihrem Verlangen danach. Wo es immer war, auf der Tenne, in der Küche, auf dem breiten Flur des Hauses griff sie eine vorübergehende Magd um die Taille und begann sich mit ihr auf ein paar Schwünge im Tanz zu drehen. Und da die Sintlingerin schließlich meinte, daß Zucker das beste Mittel gegen Zucker sei, ließ sie Helene gewähren und hatte sogar nichts dawider, daß nach getanem Tagewerk der breite Hausflur in eine Tanzdiele umgewandelt wurde. Aber nun begnügten sich die Tanzenden nicht mit den Melodien, die sie selbst sangen, sondern es gab richtige Musik. Der Neffe des alten Sintlingerschen Wirtschafters, fast etwas wie ein dörfliches Musikgenie, saß mit seiner Harmonika auf der Treppe und werkte voller Hingabe aus seinem Kästchen, was von ihm verlangt wurde, und wie die erhitzten Tänzerinnen kannte er kein Ermüden. Ich sah ein, da gab es kein Entrinnen. Helene war Rhythmus, Flug und Schönheit in jeder Bewegung, und ich merkte, wie sie sich mühte, ihre schwerfälligere Partnerin mit in den Wohllaut ihres Schwebens zu reißen. Allein wie oft erlahmte sie an der bloß mechanischen Drehsucht der jungen Magd. Dann ließ auch sie sich genug sein an der Sättigung ihres Körperrausches und verfiel in die ortsübliche Unmanier der Bewegung und Haltung. Deswegen ließ ich nur kurze Zeit dieser Art primitiven Tanzkursus seinen Lauf. Spürte ich doch auch, wie leidenschaftlich Helene nach mir verlangte. Eines Tages hatte ich sie im Arm und fegte mit ihr den Flur hin. Sie war Feuerflamme und Sylphe in einem, Glut und Undine. Immer wenn wir gegen das unerleuchtete Ende des Flures schwebten, schien es mir, ich flöge mit Helene aus der Welt, und kehrten wir in den Lichtkreis der Deckenlampe zurück, empfand ich das Ineinanderspielen unserer Körper als ein Glühen um mich. Helene tanzte mit vollendeter, natürlicher Grazie. Die Augen geschlossen, das blonde Köpfchen zurückgesunken, flog sie selbstvergessen wie ein Vogel in der Luft. Die Knechte und Mägde drückten sich bewundernd an die Wand. Der Harmonikaspieler entzündete sich an unserm Tanz zur wildesten Leidenschaftlichkeit. Die Sintlingerin schrie erschreckt über unseren berauschten Wirbel auf, weil sie ein Unglück fürchtete. Plötzlich aber sah ich sie erbleichen und uns und dem Musikanten beschwörend winken, aufzuhören. Aber es gelang mir nicht gleich, das Jagen abzubrechen. Wir drehten uns noch langsamer bis gegen das dunkle Flurende hin, und der Knecht spielte zögernder und leiser. In dieses Verebben aber tönte von dem oberen Flur ein schweres Stöhnen. Als ich mit der Bäuerin den Flur hingeeilt und über die Treppe hinaufgedrungen war, sahen wir den Sintlinger verstörten, blassen Gesichts an dem Treppengeländer lehnen und mit weit geöffneten Äugen ins Leere starren. Auf die Frage seiner Frau, was ihm zugestoßen sei, lächelte er nur gütig und glücklos, schüttelte den Kopf und drückte der Sintlingerin herzlich die Hand. ›Es ist nichts, nein, nein!‹; sagte er dann leise. ›Seid nur lustig und tanzt weiter. Ich bin nur ein seltsamer Mensch. Nicht wahr. Herr Brindeisener? Nein, nein, tanzt und seid lustig.‹; Damit wandte er sich ab, ging den Flur hin und verschwand in seinem Zimmer. Helene war nicht mit heraufgekommen. Ich traf sie unten im Flur an der Wand lehnen, rot wie eine Flamme glühend. Mit schwimmend ekstatischen Augen und verklärtem Gesicht hörte sie meinen Bericht und fuhr fort, selig zu lächeln, als verstehe sie kein Wort von dem, was ich ihr von ihrem Vater erzählte. Am Vormittag des nächsten Tages sah ich Helene und den Sintlinger in heiterem Einvernehmen den Wirtschaftsweg nach dem Walde hingehen. Ihr helles Lachen tönte dann und wann in der sonnendurstigen Luft auf, und der Sintlinger strich ihr immer wieder liebkosend über den blonden, gewellten Scheitel. Da verflüchtigten sich meine Befürchtungen über das Vorkommnis des vergangenen Abends, und die Tanzübungen im Flur nahmen ihren Fortgang. Sie wurden durch nichts mehr gestört. Ja, die Sintlingerin selber wurde am Ende von der allgemeinen Lustigkeit angesteckt und willigte dann und wann ohne allzu großes Widerstreben in einen Tanz mit mir. Sogar der Sintlinger wohnte hin und wieder, wenn auch nur auf kurze Augenblicke, so im Vorübergehen, als Zuschauer der Freude bei, konnte aber eines zehrenden Ernstes in seinem Gesicht nie ganz Herr werden und entfernte sich immer nach kargem Säumen mit einem hastigen Aufreißen, als ertappe er sich über einer Ungehörigkeit. Die letzten Abende fanden auf der sorgfältig gelehrten Tenne einer Scheuer statt und hatten etwas den Zuschnitt eines dörflichen Balles. Der Knecht mit seiner Harmonika war ausgeschaltet. An seiner Statt stand in der hinteren Ecke ein Leiermann von weither, der auf die Kunde vom Sehendwerden Helenes herbeigeeilt war, weil sie einst in ihrer heiligen Kinderzeit ihn aus großem Eheunglück errettet hatte. So spielte er strahlenden Gesichts und kam aus dem Verwundern über die glückhafte Verwandlung seiner Lebensretterin von einem blassen Wolkenwesen in ein freudenfestes, ja übermütiges Dirnlein nicht heraus. Die drei Wagenlaternen, an einem Seil in der Höhe aufgehangen, dunsteten einen schwefelgelben Schein auf die Tänzer. Zwei Tischlampen streiften mit weißem Licht seitlich über die erhitzten Gesichter. Die erntevolle Scheuer kochte aus sonnenwarmem Getreide unbewegliche Glut über uns. Draußen stand die Sommernacht wie ein schwarze, himmelhohe Wand. Und wir tummelten uns in diesem schwelenden Dämmerschacht, rundum von Finsternis eingemauert. Es war unwirklich, traumhaft, ja geradezu manchmal gespenstisch. Und wenn ich dann und wann Helene dem Harmonikaspieler, dem Neffen des Sintlingerschen Wirtschafters, überließ, der mit begeisterten Augen an meiner bunt geschmückten Geliebten hing, so packte mich ein richtig unterirdisches Erschüttern. Helene kreiste nicht wie ein Menschenwesen, sondern wie ein bunter Falter in der schwefelgelben Dämmerung, blitzte im Schein des weißen Lampenlichts auf und erlosch im Schatten der Ecken, als sei sie von der Nacht aufgesogen. Dann sprang ich, von einer rätselhaften Angst ergriffen, durch die wirbelnden Paare und nahm sie mitten im Schwung dem Knechte aus dem Arme, der dann mit strahlend überglasten Blicken aus seiner Verzückung aufwachte und zur Seite taumelte. So löste sich der Tanz mehr und mehr aus der sinnlich beherrschten Freude in ein rauschartiges Schwelgen. Der Leiermann stellte fast nur noch den Dessauer Marsch ein und raste ihn herunter, daß die Paare wie von einer Windsbraut gepackt im Galopp über die Tenne flogen. Da schrillte vom Wohnhaus drüben ein schneidender langer Pfiff auf, und die Sintlingerin stand in der Toröffnung mit einem hellblauen Überwurf auf dem Arme. Helene sank der Mutter mit dem seligen Lachen erschöpften Glückes an den Hals. Die Sintlingerin strich ihr die Haare aus dem glühenden Gesicht und hüllte sie sorgsam in den warmen Mantel. Helene schien plötzlich abgeblüht, in die Verwunschenheit zurückgesunken, sah mich mit undinenhaften fernen Augen an und erwiderte meinen Gutenachtkuß mit kühler Scheu. Sie nickte meinen Beteuerungen des Glückes über den Abend mit zerstreutem wehen Lächeln zu, und ihr ›Ja, Ja‹; klang, als kämpfe es gegen aufsteigende Tränen. Dann rief sie dem Leiermann ›Gute Nacht und schönen Dank zu und ließ sich von der Mutter über den finstern Hof ins Haus führen. Ich stand und sah ihr nach. Sie bewegte sich mit dem hohen, schwebenden Gang, als sei sie wieder blind. Seit diesem Abend ist sie nur noch einmal in ihrem Leben in diese außerirdische Verklärung zurückgesunken, allerdings dann so vollkommen, daß eine Rückkehr unmöglich war. Daß ich daran schuld sein mußte, und daß diese Tat mir von der Liebe zu ihr unweigerlich auferlegt wurde, gehört zu den unentwirrbaren Daseinsverwickelungen, die über Menschen verhängt werden, gegen die er sich wehren mag, und denen doch nicht zu entrinnen ist. Aber ich will mich nicht mehr unterbrechen! Dort über dem Hochwald fängt es an, schwach rot zu rauchen. Die Nacht erblaßt; die Sterne werden bleicher; der Morgen kommt. Wenn es Tag ist, muß ich fertig, muß ich bereit sein. Jawohl, bereit! Denn, bin ich nicht damals bereit gewesen, als der Lebenstaumel über Helene unaufhaltsam hereinbrach? Oh, wohl, wohl, Peter Brindeisener, das warst du! Weil mein Bruder eingesehen hatte, daß mit seiner hartnäckigen Arbeitsausschaltung gar nichts erreicht würde, als sich selbst, vollkommen überflüssig, ja schädlich, vom väterlichen Hofe zu vertreiben, begann er wieder, wie sonst, fest zuzupacken, stellte seine nächtlichen Liebesgänge ganz ein und verwandelte sich mir gegenüber in einen liebenswürdigen Menschen, soweit das bei der plumpen Dumpfheit seines Wesens eben möglich war. Auf diese Weise war es möglich, daß ich ungestört und ungeteilt das ganze bunte Schwelgen und Schäumen mitzumachen imstande war, in das Helene von ihrem Lebenshunger gerissen wurde. Oh, es waren herrliche Wochen mit einem unvergeßlichen Himmel und Stimmen von überallher, die auf den Zauber dieses unschuldigen Mädchenherzens für mich laut wurden. Gleich unsere erste Fahrt an den Rhein war voll dieses Schimmers. Der hier schon fast unübersehbar breite Strom lag in silberigem Spätsommerlichte, daß er noch breiter erschien und die Gesträuche des anderen Ufers mehr wie undeutliches grünes Gewölk aussahen. Helene stand das erstemal vor einem großen Fluß, und er kam ihr nicht erdhaft, sondern wie eine aus der Höh' gefallene silberblitzende Straße vor. Sie ließ nicht nach, bis wir uns auf einem Schiff befanden und eine kleine Strecke stromabwärts auf diesem irdischen Wolkenwege fuhren, wie sie den Strom in ihrer Begeisterung auch nannte. Wie gebannt starrte sie auf unsere beiden Spiegelbilder in dem ruhigen Strom und war auf eine rätselhafte Weise ergriffen, uns beide da unten zu erblicken und zugleich oben zu wissen und ›Wenn wir hinunterstiegen, vielleicht, wer kann es wissen, dann sind wir solche Spiegelbilder oben am Himmel‹;, sagte sie und neigte sich so sehnsüchtig über den Rand des Schiffes, daß ich sie endlich davon abhalten mußte, um zu verhindern, daß sie bei einem Ruck des Schiffes ins Wasser falle. Dieser, bis in die Nähe der Selbstvernichtung getriebenen Hingabe an die Leidenschaftlichkeit jeder Empfindung verfiel sie immer. Fuhren wir schnell, so wollte sie rasen. Eine Rose weckte die Sehnsucht nach einem Strauß, und hätte ich ihr einen Arm voll gebracht, so würde sie von dem Glück geschwärmt haben, einmal ganz in Rosen eingehüllt zu liegen. Auf der Fahrt nach Münster mußten wir durch den Bocholter Wald. An dessen Ende war sie sehr enttäuscht. Denn, was nutzte ein Wald, der aufhöre, gerade wenn er anfange, am schönsten zu sein, meinte sie. Auf dieser Reise, die wir in Begleitung ihrer Mutter machten, lebte sie überhaupt nur in solchen überhöhten Schwärmereien. In einem Rausch der Verwunderung ging sie durch die belebten Straßen der großen Stadt, die ihr wie eine Versammlung aller Menschen der Welt erschien. Am liebsten wäre sie in jedes Geschäft gegangen, um sich alle schönen Waren zu kaufen, die sie sah, hätte gern hinter jeder der Spiegelscheiben der großen Cafés gesessen, wie die eleganten Leute, die von dorther müßig und geschmückt auf die Straße herausschauten. Die Sucht, alles Leben in sich aufzusaugen, das ihr begegnete, war unbezwinglich. Sie verlangte in das kleine Stübchen geführt zu werden, von wo ich das Flötenspiel des trunkenen Sattlergesellen aus dem Nebenhof gehört hatte, und versteifte sich eine Weile, ich solle ihr den kleinen Hochzeitszug zeigen, dem ich einst in dem Vorort Münsters begegnet war. Die liebe Frau Sintlinger und ich befanden uns die ganze Zeit mit ihr auf einer förmlichen Jagd nach Neuem, nie Gesehenem, und immer war sie unersättlich. Gegen den Abend des zweiten Tages bestiegen wir den Laurentiusturm, um von da aus den Überblick über die Stadt zu genießen. Es war schon so spät, daß wir als die einzigen Besucher von Turmluke zu Turmluke gingen und auf das Gewirr der Dächer sahen, die in dem Dämmern drunten lagen, da und dort von einem frühen Licht durchblitzt. Der Himmel über uns rüstete sich in erbleichender Durchsichtigkeit zur Nacht. Helene war geradezu erschüttert, ob sie in das Dunkel drunten oder in den Himmel über uns sah. Ihre Äugen waren visionär weit geöffnet und glänzten übernatürlich. Sie atmete hastig, als kämpfe sie gegen die Beklemmung des Erstickens, und ihr Körper bebte, daß ich sie umfangen und wegführen wollte. Aber da erhaschte sie meine Hand und verlangte von mir stotternd, in die Luke hinausgehoben zu werden, damit sie ohne die störende Mauer in den Abgrund unter und den Abgrund über sich sehen könne. Wir verstanden beide nicht den Grund ihres waghalsigen Verlangens und suchten sie davon abzubringen, ich in lächelnder Eindringlichkeit, die Sintlingerin in Angst und endlich in Entrüstung. Sie schüttelte zu allem den Kopf, strebte immer nach der Luke hinauf und warf sich endlich abwechselnd der Mutter und mir in die Arme, drückte uns stürmisch an sich und gestand weinend und lachend zugleich, daß sie nicht wisse, was sie regiere. So begannen Helene und ich durch alle Erntefeste der Umgegend zu wirbeln. Jedes dieser ländlichen Vergnügungen wurde zu einer Huldigungsfeier für uns. Alles drängte sich herbei, Helene zu sehen, die durch ihre Blindheit und die vielen legendarischen Erzählungen ihrer überirdischen Kräfte in den Ruf einer Wundertäterin gekommen, zu einem Mirakel der ganzen Gegend geworden war. Die Errettung aus ihrer Augennacht durch mich, die Versöhnung unserer seit Generationen verfeindeten Familien durch unsere Liebe hob unser Verhältnis in die Region einer himmlischen Sendung, und die Leute schmückten ihr alltägliches, graues Dasein durch unsere märchenhafte Liebe mit einem tiefen abenteuerlichen Sinn. Als wir in Dingden in den geschmückten Saal traten, die Sintlingerin, Helene und ich, bliesen die Musikanten einen Tusch. Alle Gäste erhoben sich, brachen in Hochrufe aus, und bald war der Ehrentisch, den man für uns schnell hergestellt hatte, so mit Blumensträußen überladen, daß wir einander kaum sahen. Helene schwebte richtig wie im Himmel. Sie tanzte hinreißend wie eine Flamme im Loderbrande, und ich merkte, wie sie sich mit aller Gewalt halten mußte, im Rausch des Glückes aufzuschreien. Die Sintlingerin, von soviel Ehre verwirrt und betreten, war durch keine Bitten Helenes zu bewegen, den Kehraus abzuwarten. Im Wagen erklärte sie feierlich, eine solche Ehrenqual ein zweites Mal nicht wieder mitzumachen, und wenn wir die anderen Feste nicht auslassen könnten, so müßten wir eben allein hingehen. Helene, die, an mich geschmiegt, neben mir saß, drückte bei diesen Worten begeistert meine Hand, dann ließ sie das Fenster herunter und sang in die Nacht hinaus. Wenn ich ihre Hand ergriff, so fühlte ich ihr Blut brausen, sie saß wie in einer zitternden, magnetischen Atmosphäre, und ein paarmal stieß es mein Herz heiß und brünstig an, daß auch ich in einer glühenden Wolke saß, erfüllt von einem Fluid, daß mich das Flüstern Helenes benebelte. Als ich den Hügel hinan auf unsern Hof zu stieg, packte mich der Zorn über mich, und ich begann einen Pfingstrosenstrauch neben dem Steige wütend mit dem Stock zu bearbeiten, bis von Stock und Strauch nur kümmerliche Reste übrigblieben. Mein Bruder Jakob erwartete mich mit einem Schinken, mit Butter und Brot. Als ich in die Stube trat und sehr erstaunt über diese Zurichtung war, lächelte er vieldeutig, rückte mir den Stuhl zurecht und meinte, er wisse, daß man nach einem solchen Vergnügen immer Hunger habe. ›Da räum' nur alles wieder weg,‹; erwiderte ich mit beleidigendem Spott, ›bei mir ist das anders wie bei dir.‹; Und als er unter höhnischem Auflachen sich anschickte, das Aufgetischte wegzutragen, packte ich drohend seine Schulter und verbat mir eine Wiederholung dieser Dummheit. Da wäre ihm der Teller mit dem Schinken fast aus der Hand gefallen, so ehrlich bestürzt war er wegen meiner Aufgebrachtheit über diesen seinen harmlosen Spaß. Ich hielt mich während der Woche etwas von Helene zurück und stürzte mich wie ein Berserker über die Feldarbeit, versuchte auch, sie von dem Besuch des nächsten Festes abzubringen. Natürlich umsonst. In Brederode wiederholte sich der Triumph unserer Liebe, besonders Helenes halber, die durch ihre Mutter aus diesem Dorfe stammte. In Querhoven gaben die sektiererischen Speilhobler, denen es die Weisheitssprüche des Sintlingerbauers besonders angetan hatten, der Erntefeier einen fast religiösen Anstrich. Aber Helene konnte weder von den Veranstaltungen der Verwandtschaftseitelkeit an dem einen noch von dem Gepränge schnurriger Frömmelei an dem anderen Orte gefangengenommen werden, sondern überließ sich überall so leidenschaftlich dem Vergnügungsrausch, daß ihr früheres himmlisch entrücktes Wesen ganz aus ihr verschwunden schien. Sie hing mit so inbrünstigen Augen an mir, schmiegte sich so eng in meine Arme, stammelte während des Tanzes so verliebte Beteuerungen, daß ich fühlte, wie in mir der sinnliche Drang immer mehr erwachte. In Querhoven war es, daß wir in einer Tanzpause auf dem Wege hin und her gingen und sahen, wie andere Paare, die gleich uns sich in der Nachtkühle erfrischten, bald eng aneinandergeschmiegt auf den Rainen sich in die Nacht verloren, bis wir zuletzt allein zwischen den Häusern standen. Da drängte Helene, die nicht wußte, was das zu bedeuten hatte, von ihrer erwachten Natur getrieben, in die Finsternis. So erregte sie ihr unbekanntes Verlangen, daß ich alle Geistesgegenwart zusammenreißen mußte, sie davon abzubringen, obwohl mir das Herz stockte, der Schlund brannte und meine Hände zitterten und kalt wurden. Da habe ich erkannt, daß die reinsten Mädchen die gefährlichsten Verführerinnen sein können und in der Unschuld eine fast unwiderstehliche Verlockung liegen kann. An den letzten Häusern von Querhoven nahm ich endlich meine Zuflucht zu einer List, schlüpfte im neckischen Spiel von ihrer Seite, sprang katzenleise über den Graben und begann, um meine Leidenschaft zu ermatten, wild den Rain hinauszujagen. Helene, die nicht wußte, weswegen ich sie verlassen hatte, rief nach einigem Warten leise hinter mir her. Ich antwortete mit verstellter Stimme bald von da, bald von daher, und als ich, erschöpft und wieder ganz meiner Herr, zurückkehrte, fand ich sie weinend fast auf derselben Stelle stehen. Auf ihre Frage, warum ich das getan habe, konnte ich nur ehrlich antworten, weil ich sie liebe. So fachte sie die Glut in mir an, die ich floh, und die sie nicht kannte, und drängte unwissend nach einem Verlangen, vor dem ich gerade in ihren Armen Schutz gesucht hatte. Aber indem ich mit der ganzen Willensstärke, die mir zu Gebote stand, gegen mich rang, konnte ich es doch nicht verhindern, daß die erwachten sinnlichen Strudel sich tiefer und tiefer gruben und immer wilder zu kreisen begannen. Da nahm ich törichterweise die Zuflucht zu der Erinnerung an meine Zeit der Ausschweifungen. Ich stellte mir die wildesten erotischen Exzesse mit Dirnen vor, um den alten Ekel in mir zu erwecken. Aber statt des Widerwillens entzündete sich das klare Verlangen nach ihrem Genuß, und ich ertappte mich schon oft, wie ich mit gierigem Tasten an ihren vollen Armen hinfuhr, wie ich meine Küsse wie glühende Saugnäpfe immer tiefer in den Nacken und Rücken hinuntersetzte, und fühlte, wie jenes schrankenlose Auflösen und Versinken immer bestrickender sich aus Helene in mich ergoß, das die Männer um die letzte Besinnung bringt. Wie auf einem schwanken Seil gingen wir über den Feuern eines Abgrundes, und bei dem letzten Vergnügen, das wir vor meiner Rückkehr nach Münster mitmachten, hätte ich doch fast das Gleichgewicht verloren. In dem großen Wald nach dem Rheine zu, an der Grenze unseres und des Sintlingerschen Bestandes, lag der Buchteich, ein ziemlich umfängliches stehendes Wasser, schwarz, mürrisch, unheimlich, nach der Meinung der Leute in seiner Mitte bodenlos tief, das von einem ziemlich kräftigen Bach gespeist wurde, ohne daß es ihn wieder hergab. In früheren Zeiten hatte eine Mühle an dem Bach gestanden. Seit langem war sie verfallen oder vielmehr in ein großes Vergnügungslokal verwandelt worden mit Garten, offenen und überdachten Veranden und dem größten Saal der ganzen Gegend, der beliebteste Ausflugsort für die Bewohner der Kreisstadt. An jenem Tage war ein Konzert der Militärkapelle mit nachfolgendem Balle. Helene drängte, die erlangte Tanzfertigkeit, ihre Manieren und ihr neues Kleid einem größeren kritischen Kreis von Menschen vorzuführen, und ich willigte mit Freuden ein, weil durch die größere Förmlichkeit, die wir uns auferlegen mußten, leichter alle Gefahren zu vermeiden waren. Auf alle Fälle hatte ich mir vorgenommen, Helene und mich direkt schachmatt, totzutanzen, um dann sicher, übermüdet und stumpf im Wagen nach Hause zu kommen. Denn der feste Wille, mich keinen Augenblick aus der Kandare zu lassen, stand wohl unverrückbar fest, wog aber nicht schwerer als die heimliche Furcht, daß ich doch erliegen würde. Diese Entschlossenheit und unterdrückte Gier bewegten sich in mir durcheinander. Helene hatte ein Kleid aus rosa Foulardseide, das ziemlich tief ausgeschnitten war und bis zum Halse herauf in gefälteltem, spinnwebdünnem Tüll sich fortsetzte, der auf der Achsel geschlossen war. Sie hatte es durchgesetzt, die reichen, goldblonden Haare offen zu tragen, und fiel deswegen schon allgemein auf. Als es sich aber herumgesprochen hatte, daß sie die Tochter des weit und breit bekannten Sintlingerbauern, die blinde, nun sehend gewordene Heilige sei, waren wir zwei der Gegenstand fortgesetzter Aufmerksamkeit und, wenn auch nicht so zudringlich, wiederholte sich der Triumph, den wir auf den verschiedenen Erntefesten genossen hatten. Helene war schon in der Mitte des Konzerts aus einer gewissen Befangenheit wieder in den alten glückhaften Daseinsjubel hinaufgehoben und begann sich auf dem Sitz zu wiegen. Im Tanz schwebte sie leicht wie eine Feder in meinen Armen. Die besten und vornehmsten Tänzer kämpften förmlich um ihre Gunst. Das erhitzte meine Leidenschaftlichkeit, daß ich mich oft ertappte, wie ich auf das Wogen ihres vollen Busens durch den Tüll starrte, wie es mich trieb, sie in ein leeres Zimmer oder auf eine im Gebüsch versteckte Bank des Gartens zu führen. Aber immer bezwang ich mich, sei es durch gewaltsame Kühle gegen sie oder dadurch, daß ich sie verließ und drunten in der Gaststube schnell einige Glas Bier hinunterstürzte, um mich abzustumpfen. Immer, wenn ich wiederkam, musterte sie mich mit fragenden, ratlosen Augen und hing dann beim Tanz schwerer in meinen Armen. Das wiederholte sich drei-, viermal. So ging es bis gegen Mitternacht, und der Mondschein lag auf der Mühle und über dem Walde rundum. Als ich wieder von einem Löschtrunk in den Saal zurückkehrte, war Helene nirgends zu entdecken. Ich suchte sie in der Garderobe, in einigen anstoßenden Zimmern und endlich im Garten, ohne sie zu finden. Zuletzt lief ich auf gut Glück an dem Ufer des Teiches hin und begann, als ich aus dem Lichtkreis der Gartenlampen heraus war, gedämpft nach ihr zu rufen. Mein Herz fing an, in Besorgnis und Angst vor den Folgen heftig und heftiger zu schlagen, wenn ich sie hier in der Nacht fände. Der Pfad hörte im Walde auf. Helene war nicht da. Als ich denselben Weg zurückging und auf den mondbeglänzten Teich hinausspähte, sah ich sie regungslos unter einer Erle kauern, den Kopf auf die Brust gesenkt, als schlafe sie. Auch auf meinen Ruf rührte sie sich nicht. So sprang ich hinzu und berührte hastig ihre Schulter. Da wandte sie den Kopf herum, sah mich forschend an wie einer, der aus einem Starrkrampf erwacht und nicht weiß, wer vor ihm steht, noch wo er sich befindet. Aber wie ich auch auf sie eindrang, sie gab auf nichts Antwort, richtete sich nur langsam empor, schüttelte den Kopf und sagte dann mit einer vollkommen fremden Stimme: ›Mich friert. Komm von da weg. Wir müssen heimfahren.‹; Dann ging sie schweigend neben mir zurück und stieg sofort in den geschlossenen Wagen. Als ich alles besorgt hatte, traf ich sie im umgeworfenen Mantel regungslos wie tief schlafend in der Ecke. Kaum aber waren die Pferde zweihundert Meter weit getrabt, als sie jäh auffuhr, den Mantel abstreifte und leidenschaftlich die Haare aus dem Gesicht schüttelte. Dann verfiel sie in einen wahren Feuertaumel von Liebkosungen. Ich hielt mit aller Macht an mir und fragte, warum sie am Teich eine andere Stimme gehabt und offenbar mit Entsetzen gesagt habe: ›Komm da weg.‹; Sie gab auf alles Drängen keine Erklärung ihres seltsamen Zustandes, sondern umarmte mich zum Ersticken und bat, sie feuriger und feuriger zu küssen. Ich hatte alles Wundervolle in den Händen. Mir begannen die Sinne zu schwinden, und ich war eben daran, sie und mich in das letzte Lodern zu reißen, als der Wagen aus dem Walde in den vollen Mondschein hinausfuhr. Da löste Helene ihre Arme von meinem Halse, glitt von meinen Knien, setzte sich in die Ecke, prüfte ihr Kleid, ordnete mit ein paar Griffen ihr Haar und rief dann dem Kutscher, zu halten. Zu mir sagte sie mit fliegender Stimme: ›Wir wollen die paar Schritte zu Fuß gehen‹; und stieg, ohne meine Zustimmung abzuwarten, aus. Unter uns lag der weiße Sintlingerhof im weißen Mondlicht. Sie war noch immer in dem Liebestaumel, und als der Wagen einen Steinwurf weit sich entfernt hatte, ließ sie sich an dem Grabenrand nieder und begann hoch und glücklich, nein wie singend, zu lachen. Dann bat sie mich, ihr das Kleid zu schließen, das auf der Achsel aufgegangen war. Ich sah, daß es für uns kein Entrinnen gab, und mit geworfenen Händen machte ich mich an das Geschäft. Sie legte sich zur Seite, auf den Ellenbogen gestützt, und ich nestelte mit zitternden Fingern. Allein statt die Knöpfe zu schließen, gingen die anderen vollends auf. Schon lag der halbe Busen entblößt. Da schrillte des Sintlingers Pfiff vom Hofe herauf, und er schrie den Namen seiner Tochter in die Nacht, als rufe er in Todesangst um Hilfe. Auf diesen Laut fuhr das Lenlein auf, hatte mit ein paar Griffen das Kleid geschlossen, knöpfte den Mantel zu und stieg heiter und unschuldig plaudernd hinunter, dem Vater entgegen. Der wahren Unschuld ist die Nacktheit des eigenen Körpers verborgen. Und wenn sie liebt, kennt sie auch die Scham vor der Entblößung nicht, mit der die Keuschheit sich schützt, die nur eine Tugend ist, also etwas Minderes. Wir können uns von Unschuld keine Vorstellung machen, denn sie ist ein göttlicher Zustand. Die unschuldig Liebende ist nur Hingabe und empfängt die Freude an der Schönheit ihres Leibes doppelt durch das Glück zurück, das dem Geliebten ihre Entblößung bereitet. Aber was ich hier sage, das sind die mühselig zurechtgekochten Klugheiten eines alten Mannes, verjährt, abgestanden, tausendmal beschnüffelt, immer verworfen, immer wieder hervorgesucht. Dazumal aber, als ich von dieser Nacht nach Münster zurückgekehrt war, stand es anders um mich. Im Fieber war ich abgereist, im Fieber kam ich an, in Unruhe und Zerrissenheit lebte ich hin. Bald überfielen mich die Erinnerungen an unzählige Liebesgenüsse so verlockend, daß ich die Blicke der Geschminkten auffing, die Frauen mit den Augen entkleidete, ja sogar mich durch verrufene Lokale stahl; bald wieder war ich das Opfer bitterster Selbstanklagen, daß ich mit meiner unbezähmten Gier das reinste Leben vergiftet habe, daß ich ein seelischer Mörder sei, den nur die rätselhafte Wachsamkeit des Vaters vor dem vollendeten Verbrechen bewahrt habe, und dann, Gott sei's geklagt, erschien mir Helene manchmal von der Reihe ihrer wilden Väter erblich belastet, unschuldig, aber schamlos von Geburt, heilig, aber verworfen. Und während ich Gedanken sann, vor denen ich mich entsetzte, die die Würde meiner letzten Selbstachtung erniedrigten, lief ich wie ein Wahnsinniger aus der Stadt nach jener Gegend ins Feld hinaus, in der Hemsterhus und der Heiligenhof lag, und starrte lange ins Abendrot, bis es beim Aufgehen der Sterne stiller in mir wurde und meine zermürbte, inbrünstige Sehnsucht ihre reine Stimme traumhaft in mir aufklingen ließ. Nach solchen Streifen wagte ich, in meine Stube zurückgekehrt, nicht Licht zu machen, und saß in dem finstern Zimmer, an dessen Decke der schwache Widerschein von der erleuchteten Straße hin und her schwankte. Ich saß und rang so lange hartnäckig um meinen reinen Glauben an Helene, bis ich sie in einem blauen Kleide, wie leibhaftig, aus der Wand treten sah, die Arme nach mir erhoben, die blinden, himmelssichtigen Augen weit geöffnet, mit einem kindhaft knospenden Busen. Daß diese Umhergeworfenheit des Herzens und die fortwuchernde Auflösung meines sittlichen und Willenswesens auch auf mein Studium übergriff, konnte nicht ausbleiben. Nicht etwa verfiel ich in den alten Schlendrian leichtfertiger Faulheit, nein, aber das tiefe, gesammelte Interesse mußte ich bald durch Streberei um Anerkennung bei den Professoren und prahlerisches Brillieren mit meinem Scharfsinn bei meinen Kommilitonen ersetzen. Mit Hilfe dieser vergifteten Pumpwerke erhielt sich mein Fleiß künstlich am Leben. Die Professoren steigerten sogar ihre Auszeichnung oft zur Bewunderung, die Studenten begannen, mich aus ihrem unverfälschten Instinkt heraus zu mißachten und zu fürchten. Ich kämpfte wie ein Ertrinkender und lag ganze Nächte überreizt, schlaflos und leer an einem Abgrund. Wenn nicht dann und wann mich das Bild des Heiligen-Lenleins verklärt in meinen Nächten heimgesucht und meine Hoffnung am Leben erhalten hätte, so wäre ich schon damals in Münster zusammengebrochen. Aber das Schicksal hatte mich zu einem Leidens- und Läuterungsweg ausersehen, der vieles überstieg, was sich das Grauen von der Daseinsqual eines Menschen ausmalen kann. Ich biß die Zähne zusammen und kämpfte um meinen Beruf als Jurist, um, wenn ich schon mit meinen heiligsten Süchten Schiffbruch erleiden sollte, wenigstens als nützlicher, ob auch ausgebrannter Standesmensch, meine äußere Ehre zu retten. Hin und wieder kamen Briefe von Helene in unbeholfener Schrift und einer fürchterlichen Orthographie, aber voll der alten Glut. Sie reizten und quälten mich zugleich, beruhigten und machten mich unglücklich. Ich verbarg sie aufs ängstlichste vor allen, und als einst ein Freund doch einen aufgestöbert hatte und mit der merkwürdigen Liebesepistel unter höhnischem Gelächter um den Tisch meiner Bude hopste, packte mich eine solche Wut, daß es zwischen ihm und mir in der Folge zu einer Schlägerei kam, die auf Tage die ganze Universität in Aufregung versetzte. Durch das Wohlwollen der Lehrer endete dieser Zusammenstoß ohne nachteilige Folgen für mich, obwohl ich meinen Gegner so übel zugerichtet hatte, daß ihn die Pflasterkasten nur mühselig zusammenflicken konnten. Trotz dringenden Abratens meines hervorragendsten Gönners, des Professors, der über das Bürgerliche Gesetzbuch las, begann ich die Vorbereitungen auf mein Referendariatsexamen mit der schriftlichen Arbeit über das Anerbenrecht. Die ganze Materie war mir bis auf den letzten Faden klar und geläufig. Sowie ich aber begann, sie zu Papier zu bringen, stiegen die Dünste meines friedlosen Herzens in die sauberen Gedankenreihen, und die Verwicklungen meines Lebens störten und verwirrten die haarscharfen Konklusionen meiner Beweisführung. Partien, die ich als zu dürr und schülerhaft ausmerzte und durch gedrungen beseelte Ausführungen ersetzte, erwiesen sich im Fortschreiten ungleich bedeutsamer als ihre Verbesserungen, die nur wie schönrednerische Phrasen erschienen, in denen dunkel der Zustand meines verworrenen Wesens aufklang. Mitten in diesem Ringen erhielt ich einen Brief meines Vaters, unbeholfen, voll Kummer, Groll und Menschenfeindseligkeit, aus dem zu ersehen war, daß nicht nur die Feindschaft zwischen ihm und meinem Bruder wieder einmal ins Unerträgliche wie sooft vorher gewachsen war, sondern die Vermögenslage unserer Wirtschaft das Schlimmste befürchten ließ. Jedenfalls verlangte mein Vater zum Schluß, daß ich bis Ostern mein Studium beendet haben müsse, da er sonst genötigt sei, den Bankerott anzumelden. Auf die Rückseite des Briefumschlages aber hatte mein Bruder mit seinen plumpen Kinderbuchstaben ohne Namensunterschrift geschrieben: ›der alte Hund‹;. Dieser kurze Ausbruch seiner Wut war unzähligemal unterstrichen. Obwohl ich den Zank der beiden schon oft, bis zum Todeshaß gesteigert, erlebt hatte, drängte sich mir aus den häuslichen Verhältnissen, wie ich sie im Herbst verlassen, vor allem aber aus instinktiver Witterung die gewisse Furcht auf, die Lage auf dem väterlichen Hof sei nun wirklich so weit gediehen, daß der Zusammenbruch aller als einziger Ausweg übrigbleibe. Acht Tage später erhielt ich statt des ganzen Wechsels nur den halben Betrag. Nun biß ich die Zähne erst recht zusammen, setzte mich nach Tilgung meiner drückendsten Schulden auf halbe Ration, vernichtete meine verfehlte Arbeit und machte mich daran, dem Problem nach einer neuen Disposition zu Leibe zu gehen. Fleisch konnte ich mir nur des Sonntags leisten. Meine Mahlzeiten bestanden aus Tee und trockenem Brot. Jeden Genuß, jede Zerstreuung strich ich aus meinem Leben. Ich vermauerte mich vor allen Sorgen in einen Fleiß, der schon mehr Besessenheit war, und schrieb und verwarf, verwarf und schrieb Nacht um Nacht bis zum Morgengrauen. Gegen Ende des Semesters war ich fertig und gab die Arbeit ab. Vierzehn Tage später reichte sie mir der Professor zurück, sah mich abgemagerten, überwachten Menschen kopfschüttelnd an und sagte nach einigem schmerzlichen Nachsinnen, daß er mich nicht wiedererkenne. Die Arbeit sei wohl überreich an Wissen und Scharfsinn, aber merkwürdig direktionslos, und er rate mir, nach Monaten sommerlicher Ruhe von neuem, gesammelter und mit mehr Aussicht auf Erfolg das Rennen wieder aufzunehmen. Als sei ich im Dunkeln mit dem Kopf an einen eisernen Pfahl gerannt, so war mir. Ich lief vor die Stadt und sah nach Hemsterhus hinüber. Nichts blühte aus dem Himmel. Ich wartete stundenlang im finsteren Zimmer auf Helenes Erscheinung. Die Mauer öffnete sich dem Bilde nicht, nach dem ich mich wie einer sehnte, der von langer Entbehrung schon so matt ist, daß ihn gar nicht mehr so sehr hungert. Mein Leben war nicht in Nacht, aber es war eingenebelt, daß ich nicht wußte, was mit mir los sei, so, als wenn man im Traum in den fürchterlichen Zustand gerät, seine Gestalt zu verlieren. Absichtlich hatte ich zur Rückkehr nach Hemsterhus den Zug gewählt, der mich erst am Abend nach Bocholt brachte. Meine Befürchtung hatte mich recht beraten. Ich fand einen vollkommen vertrottelten Wagen, zwei verwahrloste Pferde, mehr schon Mähren, in einem da und dort mit Bindfaden und Stricken geflickten Geschirr vor, mit denen ich mich bei Tage unter keinen Umständen hätte sehen lassen mögen. Mein Bruder empfing mich zur Belustigung der wenigen Leute mit dem glücklichen Gröhlen fast völliger Trunkenheit und verfiel, als ich ihn zurechtwies, erst in bockiges, verstocktes Schweigen und dann in ein so verworrenes Durcheinandergedalber von Erzählungen über seinen Streit mit dem Vater, über sich und die Welt, daß ich bald nicht mehr nach ihm hinhörte, sondern mich nur tiefer in die leere, nebelhafte Lebensbetäubung sinken ließ, an der ich die ganzen Tage vorher gelitten hatte. So fuhren wir durch den Bocholter Wald, an der Zwieselkiefer vorüber. Sie stand in der Dunkelheit, daß ihre Umrisse mehr in meinem Innern als eine Gewißheit hervortraten, mit der Lyraform ihres geteilten Stammes und den mannsdicken Wurzeln. Und in dem Augenblick, da das in mir geschah, sah ich eine Gestalt unter ihr sitzen, den verhüllten Kopf in die Hände gewühlt und die gespreizten Beine herangezogen. Und kaum, daß vor meinen Augen sich malte, was innerlich erschien, fiel ich meinem halb eingedösten Bruder in die Zügel, brachte das Gefährt zum Stehen, stieg fliegend aus und setzte mich neben die geheimnisvolle Gestalt. Da ich aber neben mich sehe, die genau zu erblicken, durch die mir diese geheimnisvolle Wandlung geschehen war, konnte ich niemand wahrnehmen, weder rechts noch links von mir, weder hinter noch vor mir, ging zu meinem Bruder zurück, der um Pferd und Wagen herumbruttelte, und brachte ihn schweigend und seltsam benommen wieder auf den Wagen hinauf. Ohne daß er es merkte, spedierte ich ihn auf den Rücksitz, und ich nahm auf dem Kutschbock Platz. Ich wußte, wen ich gesehen hatte, wies aber den Namen mit aller brünstigen Kraft innerlich ab. Doch das Schicksal fährt ja auf Wegen und bindet mit Seilen, über die nur ganz reine, heilige Menschen Gewalt haben. Ich aber war weder heilig noch rein, trotz all meiner äußerlichen Willenshantierungen, und kaum, daß ich auf der weichen Seite der Chaussee vier, fünf Bäume leise und säumig hingefahren war, fing mein Bruder an, von der zu erzählen, die ich eben gesehen hatte und mir durchaus verhehlen wollte, von Mathinka Meixner. Mit vorgeneigtem Kopf und zurückgewendetem Gehör, widerwillig und gierig zugleich, hörte ich, was er im Dusel fast mehr sich selber als mir erzählte, daß nach dem Tode der Hemsterhuser Schenkwirtin Mathinka Meixner wieder hier aufgetaucht sei und dem Witwer die Wirtschaft führe, so zwar, daß die Stuben zu enge würden und die Nächte nicht mehr lang genug seien wegen der vielen Gäste, die von weit und breit her nach Hemsterhus strömten, nur um die Mathinka zu sehen, zu begreifen, zu ... nun erbrach er sich in Unflätigkeiten, begann auf die Weiber zu lästern, fing an einzuschlafen und fuhr nur noch einigemal mit bewundernden Ausrufen über Mathinka Meixners Schönheit und das tolle, vornehme Leben in der Hemsterhuser Schenke auf. Zuletzt band er mir's auf die Seele, an der Schenke zu halten, um mit ihm ein richtiges Wiedersehen zu feiern und Mathinkas Busen zu bewundern, der wie ein Polsterstuhl sei. Dann schlief er endgültig ein. Nicht lange danach kamen wir aus dem Walde, und die Hemsterhuser Schenke tauchte hell erleuchtet, als sei sie illuminiert, aus der Nacht auf. Ich vergewisserte mich, daß mein Bruder fest schlafe, faßte die Zügel straff, ließ die Peitsche tanzen und fuhr in gestrecktem Galopp vorüber. Als ich, noch immer jagend, den Hübel zu unserem Hofe emporpreschte, wachte mein Bruder mit einer Verwünschung auf, sprang aus dem Wagen und lief nach Hemsterhus zurück. Ich verbrachte mit meinem Vater eine lange, entscheidende Nacht. Er erwartete mich seltsam ruhig, ja sogar, etwas noch nie Wahrgenommenes an meinem Vater, in einer Art milder Sammlung. Ein Stoß Papiere lag vor ihm auf dem Tisch. Mit einem schmerzlich-freundlichen Lächeln erwiderte er meinen Gruß, streckte mir die große Hand über den Tisch und drückte mich auf einen Stuhl an seiner Seite. Ohne Umschweife begann er mit der Darlegung unserer fast verzweifelten Vermögensverhältnisse. Mit Ausnahme der Erntevorräte, des Viehes, der Maschinen und des Waldes war die ganze Wirtschaft verschuldet. Die letzten Barmittel waren ihm durch meinen Bruder geraubt worden, der es bei seiner Großmagd, wenn auch nicht ohne andere Hilfe, zum Vater gebracht hatte. Nun war zwar das Schlimmste, eine Heirat, abgewendet und mit Hilfe eines Rechtsanwaltes die Bereitwilligkeit der Frauensperson erreicht worden, sich mit einer reichlichen Abfindungssumme zu begnügen. Aber wie sollte diese beschafft werden? Der Verkauf von zehn Hektar schlagreifen Waldes war wohl mit einem Händler eingeleitet. Doch wenn der unsere verzweifelte Lage erfuhr, bestand die Gefahr, daß er den Preis drückte oder von dem Verkauf zurücktrat, um durch einen Strohmann unter den schlimmsten Bedingungen die Verhandlungen wieder zu beginnen. Die Hähne fingen schon an zu krähen, als mein Bruder polternd, fallend und fluchend heimkehrte, eine Weile im Hofe umhertorkelte und dann durch die quietschende Tür im Pferdestall verschwand. Wir hatten unsere Besprechung unterbrochen. Mein Vater verfolgte, erbleichten Gesichtes und mit zusammengezogenen Brauen, den Lärm. Als alles wieder ruhig geworden war, erhob er sich lächelnd, und mein Erstaunen über seine Beherrschtheit bemerkend, sagte er: ›Du wunderst dich wohl, daß ich über so was nicht einmal ausspucke. Ja, wenn ich mein ganzes vergiftetes Eingeweide mit ausspeien könnte! Aber so hat das ja keinen Zweck.‹; Merkwürdig, und nachdem er diese Worte gelassener Verachtung gesprochen, glomm aus seinem Gesicht deutlicher ein verheimlichter Triumph, durch den seine Brutalität zu dieser ungewöhnlichen Ruhe abgedämpft worden war. Morgen zu gelegener Zeit wollte er weiter mit mir sprechen. Denn alles hänge nun allein von mir ab. Zwei Tage später eröffnete er mir seinen Plan. Ich sollte mein Studium aufgeben, den Hof übernehmen, Helene Sintlinger heiraten, die beiden Wirtschaften vereinigen und so mit eins allen Nöten ein Ende bereiten. Damit würde den Sintlingern für immer der Garaus gemacht. Jakob samt dem Heiligenbauern, der neuerdings wieder ein Schnapsriecher geworden sei, sollten, wenn es nicht anders ginge, nach Amerika abgeschoben werden. Nach der Meinung meines Vaters war der Sintlinger halb verrückt, halb kindisch und ganz wahnsinnig. Jetzt oder nie sei die Zeit günstig zum vollen Triumph der Brindeisener über die Sintlinger. Das also war der Schimmer, der meinen Vater in seiner Not zu dieser Gelassenheit und Verklärung gebracht hatte. Meine Liebe zu Helene sollte zum Instrument der Rachsucht unserer Familie gemacht werden, unsere Not zu einer Gemeinheit durch mich benutzt werden. In mir sprang der alte Haß gegen meinen Vater auf. Ich bezwang mich aber, meinte, daß seine Idee verflucht gescheit, aber mehr verflucht als gescheit sei und daher sorgfältig überlegt werden müsse, lachte laut und höhnisch heraus und ließ ihn stehen. Mein Vater war von seiner infamen Idee so geblendet, daß er mein Gelächter als Einverständnis mit diesen Machinationen ansah und gleich nachher auf einige Tage in die Kreisstadt verreiste, wo er das Geschäft mit dem Agenten des Holzhändlers so weit förderte, daß er erleichtert, hellen Gesichtes und mit einer erheblichen Anzahlung zurückkehrte. Jakobs Magd wurde nun abgefunden, und mir schob er vielsagend lächelnd einige Tausender in die Seitentasche, damit meine Angelegenheit, mit Hochdruck betrieben, noch vor dem Winter ins Gleis käme, denn zum Heiraten gehöre Geld. Mit diesen Worten schloß er sein Vermögen in das kleine Stehpult, ließ den Schlüssel in seine Hosentasche gleiten und kümmerte sich weiter nicht mehr um mich. Gleichgültig warf er mir den Strick um den Hals, zog die Schlinge immer fester und begann, mich hinter sich herzuschleifen. In der Nacht hatte ich folgenden Traum: Ich sah Helene, wieder blind, wieder als Heilige, wieder ganz himmlisch verklärt, im weißen Brautkleid, den Myrtenkranz in den langen Schleier gedrückt, mit einem Koppelseil über der Achsel an einen schmutzigen Karren gespannt, in dem mein Bruder und mein Vater saßen. Der erste, vor Betrunkenheit taumelnd, übergab sich fortwährend in die Pfützen des kotigen Weges, den sie hinfuhren, der andere lachte mit gelben Zähnen übermütig und hielt eine Peitsche in den Händen. Sobald Helene, von der Last bis zum Umsinken erschöpft, Miene machte, sich ein wenig auszuruhen, ließ mein Vater die Peitsche auf ihren Rücken sausen und schrie mit seiner ungeschlachten Stimme: ›Hü, hü, du Molkendieb! Wir müssen 'raus aus der Jauche.‹; Und während dieser Peinigung und Erniedrigung weinte Helene nicht, sondern sang fortwährend mit leiser, himmlisch süßer Stimme ein Lied, das ich kannte und nicht wußte, verstand und nicht begriff. Der Zwiespalt zwischen den tierischen Lauten des brutalen Greises und der Engelsstimme des gefolterten Mädchens war so furchtbar, daß ich erwachte und noch lange das schauerliche Duett durch das geöffnete Fenster in aller Welt klingen hörte. Als es endlich erloschen war, setzte ich mich jäh im Bett auf. Denn, was als stumme Sicherheit die Tage über sich in mir gebildet hatte, stand nun schonungslos und grell als unausweichliche Notwendigkeit vor mir. Nicht nur durfte aus meiner Heirat mit Helene nichts werden, sondern auch dem Liebesverhältnis zwischen uns mußte ein Ende gemacht werden, sofern noch ein einziger Ehrenfaden in mir und meinem zerfallenen und zerstörten Leben gesund war. Dies sollte das letzte Gute, Große und Reine sein, an das ich meine sittliche Kraft setzen wollte, gut, groß und rein zu scheiden, was der Himmel gesonnen und die Erde vernichtet hatte. Nachdem ich mich in diesem Vorsatz genügend gefestigt hatte, ging ich auf den Sintlingerhof, um die Tür zu meinem Daseinshimmel, die sich von selber in mir geschlossen hatte, nun auch äußerlich so zuzumachen, daß sie für Helene und mich nie, nie mehr aufging. Ich hatte mich nicht vorher angemeldet, um die Feierlichkeit unmöglich zu machen, die von den Frauen aufgewendet worden wäre und meinen Besuch als Fortsetzung des alten, ungetrübt innigen Verhältnisses gestempelt hätte. Wenn ich auch nicht gedachte, mit einem Schlage unsere Herzen auseinanderzuhauen, so war ich doch entschlossen, ohne Zögern, mit aller Deutlichkeit den Bruch schon heute mindestens vorzubereiten. Diesem Gedanken hing ich noch nach, schon als ich den, merkwürdig, fast atemstillen Sintlingerhof überschritt, und ließ ihn auch nicht fahren beim Eintritt ins Wohnhaus. Auch das Gebäude lag lautlos, als hielte alles bei meinem Nahen vor Spannung den Atem an. Mich bespöttelnd, schloß ich ein Weilchen die Augen, um zu erfahren, wieweit es meine Einbildung treiben würde. So kam ich die paar Schritte, an der Treppe in den oberen Flur vorüber, um die Ecke und merkte bald an dem Hall der Schritte, daß ich den hohen Flur betreten hatte. Als ich jetzt die Augen wieder aufhob, erblickte ich ein mageres, abgezehrtes Männchen mit eiligen Schritten den Flur hinlaufen. Zu meinem Erstaunen erkannte ich in ihm den Sintlingerbauern. Sowie er meiner ansichtig wurde, verfärbte sich sein eingefallenes Gesicht und nahm den Zug ratloser Angst an. Zugleich lächelte er schmerzlich und wehrlos, und ich merkte, wie er schwankte, auf welche Weise er entfliehen könnte. Mein Vater hatte ihn als halb kindisch, halb verrückt und ganz wahnsinnig bezeichnet. Ich ließ ihn von meiner Betroffenheit nichts merken, sondern zog den Hut und grüßte ihn in der alten Weise. Aber da rief er laut den Namen seiner Tochter: ›Helene!‹; und rannte springend so an mir vorbei, daß der Kalk von der Mauer rauchte. Im Nu hatte er die Treppe erreicht. Dort beugte er sich über das Geländer und entschuldigte höflich und verlegen seine unziemliche Eile, da er notwendig oben zu tun habe, und als er dann leise und abgetrieben die Stiege weiter emporschritt, hörte ich ihn hastig mit sich selber sprechen: ›Ach Gott, ach Gott, nun ist keine Rettung mehr.‹; Dies stammelte er, je weiter er sich von mir entfernte, um so lauter vor sich hin. Ich sah ihm verblüfft nach und war im Begriff, das Haus wieder zu verlassen. Doch da fühlte ich, wie jemandes Augen auf mir ruhten. Als ich mich umdrehte, stand die Sintlingerbäuerin, erblaßten, verlegenen Gesichtes, neben der Tür und bat mit umflorten Augen um Entschuldigung. Dann schritt sie auf mich zu, streckte mir herzlich beide Hände entgegen und zog mich, erschüttert und wortlos, ins Zimmer. Offenbar war sie von der Zerstörung ihres Mannes und von den Ereignissen, die unsern Hof halb aufgefressen hatten, gleicherweise bedrückt. Beim Eintritt in das Zimmer erhob sich Helene von ihrem Platz am Fenster und kam mir ebenso verlegen, mit demselben Ausdruck herzlichen Mitleids, bis in die Mitte der Stube entgegen, daß ich jäh einschnappte und ihre Hand förmlich küßte. Sie erbleichte, ließ ihre Hand welk aus der meinen sinken und begab sich leicht schwankend wieder an ihren Platz zurück. Und nun begann eine gequälte Unterhaltung über den Verlauf meiner Reise von Münster, über das schöne Wetter und andere nebensächliche Dinge in herzlichen Worten ohne Freiheit, nach Heiterkeit angelnd und bedrückt. Wie Menschen im Oberstock eines Hauses sich bemühen, lustig zu plaudern, während sie unter sich schon das Feuer knistern hören, so redeten wir miteinander und spähten indessen verstohlen bei dem andern nach Zeichen der Beklommenheit, die jeder tapfer bei sich bekämpfte. Am wenigsten vermochte sich Helene zu beherrschen. Sie war so erschüttert, daß ihre Augen fortwährend von zurückgehaltenen Tränen blank waren und ihre Stimme oft brüchig wurde und leise zitterte. Sie war schlanker geworden. Ihre Fülle hatte sich fast verloren. Ebenso war aus ihren Bewegungen die heiße Berauschtheit geschwunden. Sozusagen lautlos, wie von dem unirdischen Traum ihrer Blindenzeit wieder berührt, saß sie, erhob sich und ging ab und zu. Nur in ihren vertieften, reinen Augen zuckte es flammend auf, wenn mich ihr Blick unbemerkt inbrünstig hingebend umfing. Ich mußte mein Herz in die eiserne Hand nehmen, damit es nicht ausbrach, ihr entgegen. Als es abendgrau wurde, erhob ich mich, und Helene ging mit mir bis vors Tor unter die Linden. Dort standen wir nebeneinander und sahen schweigend in das verdunkelnde Tälchen hinunter. Da stahl sich leise ihre zitternde, kalte Hand in die meine, und im nächsten Augenblick hing sie an meinem Halse, bedeckte mein herabgeneigtes Gesicht mit Küssen und stammelte beschwörend meinen Namen, so, als hätte ich sie schon von mir gestoßen. Ihr Körper flog in Schluchzen und Leidenschaft, in Beben und Ringen um mich. Da tröstete ich sie, strich ihr liebreich die Haare aus der schönen Stirn und sprach in schonenden Worten von meinem Entschluß, so lange von Hemsterhus fortzugehen, bis alle Schwierigkeiten überwunden seien. ›Und ich?‹; fragte sie tonlos. ›Du bleibst mein heiliges Lenlein, wie immer‹;, antwortete ich und stieg den Hügel hinunter. Als ich mich, unter unserm Hoftor angekommen, umdrehte, sah ich sie noch immer unbeweglich, grau im Grauen, unter den Linden stehen. Der Bann meiner magischen, heiligen Lebensverflechtung mit dem Wesen, mit dem Herzen Helenes war gebrochen, mußte gebrochen sein, und dieser eiserne Zwang aus den Verhältnissen enthob mich der Ehrenverpflichtung gegen mich selbst und riß mehr und mehr die Hemmungen meines guten Willens gegen die immer heftiger kreisenden Strudel meines sinnlichen Naturells nieder. Je öfter ich mein Herz stürmisch und verlangend gehen fühlte, wenn ich an Helene dachte, je verlockender mir die Szene erschien, da ich ihr in der Mondnacht den Busen entblößt hatte, desto entschiedener richtete ich in mir den Vorsatz auf, mit Helene nicht mehr allein zusammen zu sein. Denn immer deutlicher, immer unausweichlicher fühlte ich, daß ich dann, von meiner aufspringenden Gier betäubt, sie im Genuß entweiht hätte. Es gibt Mädchen, die ihre Liebe durch das Leben, und solche, die ihr Leben durch Liebe bezahlen, himmlische und irdische Frauen oder, wie die Kirche sagt, göttliche und teuflische. Helene gehörte zu der ersten Art, und wenn ich das von ihrer Unschuld unbewachte Paradies ihrer himmlischen Liebe vernichtete, daß ich sie in die Höllen meiner Gier hineinriß, dann zerstörte ich unweigerlich ihr Leben. Dazu aber sollte mich keine Macht der Erde bringen. Mochte ich schon ein vom Schicksal verfolgter Mensch sein, zum Mörder an ihr durfte ich nicht werden. Deshalb hielt ich mich ängstlich von ihr fern, und je mehr ich so vor meiner Sinnlichkeit um ihretwillen floh, um so heftiger entbrannte in mir zwar nicht das Verlangen nach ihr, aber der Drang nach dem lange unterdrückten Genuß. So steigerte er sich, daß ich, wie in meinen Pubertätsjahren, wieder Halluzinationen verfiel, und einst beim Eintritt in mein nächtliches Zimmer ein nacktes Mädchen auf meinem Bettrand sitzen sah, das ihr langes schwarzes Haar kämmte. In diesem erbitterten Kampf um Helenes Unversehrtheit kam mir scheinbar ein neues Unglück zu Hilfe, das unseren Hof traf. Jakob vergewaltigte im Walde unsere jüngste Kleinmagd, ein noch nicht sechzehn Jahre altes Mädchen, die Tochter eines allgemein geachteten Kätners aus Querhoven, der dem dortigen bibelfrommen Kreise der heimlichen Wiedertäufer angehörte. Mit eins stand die ganze Gegend im Feuer der Empörung. Der unglückliche Vater setzte sofort den Staatsanwalt und die Polizei in Bewegung, und mein Bruder entfloh. Durch diesen Schlag, der unsern Ruf und zugleich meine Aussicht auf ein juristisches Amt vollkommen vernichtete, durch diesen Schlag mußte auch Helene endgültig von mir gerissen sein. Mein Landrichter lag abgeschossen auf der Straße. Trotz aller Verdüsterung atmete ich aber erleichtert auf, daß mir das Schicksal in diesem Kampf um das Leben und die Ehre Lenleins zu Hilfe gekommen war. Ich selbst war mir vollkommen gleichgültig. Aber es sollte sich anders wenden. Am Tage nach Jakobs Flucht erhielt ich durch das Stubenmädchen des Sintlingerhofes einen Brief Helenes, in dem sie mich mit so stürmischen Worten um eine abendliche Zusammenkunft am Waldrand der Langen Lehne ersuchte, nein, richtig anflehte, daß sie, die verzweifelt um ihre Liebe zu mir kämpfte, meine Weigerung in den sicheren Tod getrieben hätte. Darum sagte ich zu, mit dem festen Entschluß, sie von der Unmöglichkeit einer Verbindung zwischen uns zu überzeugen. Schon im Eindunkeln sah ich Helene in Begleitung des Stubenmädchens, das sie wohl ins Vertrauen gezogen hatte, den Hof nach Brederode zu verlassen. Ich stieg hinter unserm Hof den Abhang hinauf in den Wald und näherte mich im entgegengesetzten Bogen dem Ort unserer Verabredung. Als ich die neue Chaussee vom Rheine her heranschritt, sah ich sie in einem rosa Kleide mit ihrer Begleiterin am Waldrande an einer eingemuldeten, abgelegenen Stelle hin und her gehen. Auf meinen verabredeten Pfiff wandte sie den Kopf nach mir und entließ das Mädchen, das eilig, ohne Umsehen über die Felder ging und in dem Buchengrund unter den Bäumen verschwand. Als ich an den Ort kam, saß sie am Rain und zerzupfte gedankenversunken einen Grashalm. Auf meinen Gruß hob sie den Kopf, nickte mir mit einem gramvoll-glücklichen Lächeln zu und rückte etwas auf dem Rain hin, damit ich mich neben ihr niederlasse. Der Fichtenwald hinter uns mummelte im Einschlafen. Auf dem jungen Laub der alten Buchen im Grunde zitterte das letzte vielfarbige Licht, als nestle sich im Auffliegen ein glitzernder Schleier los. Die Amseln sangen von überallher schon abgebrochen und leise. Über dem erbleichten Himmel lagen lange, graublau verquollene Wolkenstreifen. Helene zupfte an ihrem Halm weiter. Ihre Hände zitterten dabei. Aber sie atmete kaum. Sie wußte wohl nicht, wie das Unsagbare gesagt werden solle, und auch ich rang um behutsame Worte für den Bruch, für die Trennung, die sein mußte. Endlich war Helene mit ihrem ratlosen Geschäft fertig, ließ die letzten grünen Halmkrümelchen aus den Fingern fallen, breitete die leeren Handflächen herauf und sah mich dann mit großen, tränenüberströmten Augen gramvoll-fragend an. Das sollte wohl heißen, muß es so mit uns sein, mit unserer Liebe, zerzupft wie dieser junge grüne Halm, und sollen wir denn mit leeren Händen dasitzen ein ganzes langes Leben? ›Ja,‹; antwortete ich auf diese stumme Frage, ›Lenlein, nicht wir haben unsern Frühling zerrissen, wie du den Halm zerzupft hast. Aber wenn auch der Frühling vernichtet, vorüber ist, die Erde steht noch.‹; Aber ich weiß nicht mehr die bunten, vieldeutigen Worte, mit denen ich auf das Grause zustrebte, das ich zu sprechen mir vorgenommen hatte, und die schwärmerischen Beteuerungen ihrer Liebe, die Beschwörungen ihres verängsteten Herzens, die Trauer und Sorge um mich weiß ich auch nicht mehr. Die Nacht war schon hereingebrochen, und wir waren eher auf dem Punkte, unsere verzweifelten Herzen noch fester, unentwirrbarer in schmerzhafter Liebe ineinander zu verstricken. Sie hatte meine Rechte mit beiden Händen umklammert und hielt sie auf ihrem Schoße, als sei sie entschlossen, sich nie, nie von mir zu trennen, was auch eintreten möge. Da aber gab ich mir einen harten Ruck und begann, sie schonungslos in die tragische Finsternis einzuweihen, von der unser Hof bis unter die letzte Scheunenschindel erfüllt war, und daß mich die verbrecherische Handlung meines Bruders mit einem Makel beschmutzt habe, der mich für immer von dem Amt eines Richters ausschloß, das ich anstrebte, und weil sie, in die Enge getrieben, sogar auf den Gedanken meines Vaters verfiel, daß ich die Juristerei an den Nagel hängen und als Landwirt die beiden Höfe in ein großes Gut vereinigen solle, erinnerte ich sie auch an das Schicksal ihres Vaters, der schon durch unser Liebesverhältnis bis zur Unkenntlichkeit seiner selbst zerstört sei, weil ihn der Wahn gepackt, diese Liebe führe sie und alle sicher in den Abgrund. Und dann fragte ich sie, ob sie die Verantwortung übernehmen wolle, ihres und meines Glückes halber ihren Vater vollkommen in Wahnsinn zu zerstören oder ihn vielleicht gar in Tod und Grab zu treiben. ›Nein, Lenlein, dazu ist dein Herz zu weich und deine Liebe zu deinem Vater zu heilig und zu tief. Ich aber darf nicht und will nicht über das zertrümmerte Leben eines so allgemein verehrten Mannes, wie dein Vater ist, zu meinem Glück gelangen.‹; So etwa redete ich als mein eigener Gegner zu dem Lenlein, die immer seltener einen Einwurf wagte, immer mehr erschüttert wurde und zuletzt meine eindringlichen Worte schweigend, den Kopf auf die unruhige Brust gesenkt, hörte, dabei aber immer inbrünstiger mit beiden Händen meine Rechte auf ihrem Schoß umklammerte. Und ich, ich?! Was tat ich? Gott verfluche mich! Wahrend ich mich in forensische Rhetoreneitelkeit steigerte und sie immer unentrinnbarer in diesen furchtbaren Konflikt verstrickte, glitt ich mehr und mehr aus dem Wesen meiner Worte und entzündete mich durch den Anblick ihrer ergreifenden Schmerzauflösung so in begehrliche Sinnenglut, daß ich von den Zuckungen und Schauern ihres angeschmiegten Leibes in giervolle Betäubung geriet, wie ein sadistischer Lüstling seine Wollust durch Geißelhiebe zur Siedehitze peitscht. Ich hatte aufgehört zu sprechen und wartete gespannt auf den Erfolg. Da löste Helene ihre Hände von meiner Rechten im Schoß, richtete sich auf und strich die herabgesunkenen Haare aus ihrer Stirn. Auf einen Augenblick war das genau die Geste des nackten Mädchens, die ich halluzinatorisch in der Nacht auf dem Rand meines Bettes erblickt hatte. Und hingerissen, atemlos, meiner selbst kaum mehr mächtig, mit zitternden Kiefern, sagte ich noch leise: ›Lenlein, wohl, ich mag schlecht sein. Aber so schlecht, so verworfen darf ich um deinetwillen nicht sein, die mir das Höchste auf Erden ist.‹; Jetzt brach das Übermaß ihres Seelenschmerzes los. Sie lehnte sich nochmals zurück und rief als Antwort auf all meine Gründe für die Notwendigkeit unserer Trennung: ›Schrecklich, schrecklich! Sprich nicht weiter. Nein. Peter, ich will es nicht, nein, nicht doch!‹; Dabei schloß sie die Augen, wie in beginnender Ohnmacht, sank aufgelöst vollends zur Erde, wahrhaftig, daß sie aussah wie eine, die sich hingibt, und suchte mit der Hand liebkosend nach meinem Gesicht. Als sie es nicht fand, streichelte sie meine Hand liebevoll und so inbrünstig, daß meine Rechte gegen den tiefsten Feuerpunkt des Weibes gedrückt wurde. Da traf mich der höchste Leidenschaftsblitz des Mannes. Aber mit übermenschlicher Willenskraft riß ich mich zurück, schrie entsetzt ihren Namen, sprang auf und lief davon. Als ich mich nach einigen Sprüngen umdrehte, lag sie noch immer wie bewußtlos. Ich aber wagte nicht, zurückzukehren, sondern setzte meine Flucht fort, durch Saaten, über Gräben und Sturzacker gerade auf unsern Hof zu. Wie ein brennender Mensch stürmte ich davon, eine Feuergarbe. Mir war, als loderten selbst die Kleider auf meinem Leibe. So jagte ich auch den Hügel zu unserm Hofe empor. Als ich das kleine Beipförtchen aufmachte, tauchten die schwarzen Umrisse eines Mannes aus dem dunkeln Hofe auf. Lautlos, geneigten Gesichtes kam er auf mich zu, schweigend, unentrinnbar. Es war der unheimliche Schatten, der Geist, der Teufel, was weiß ich, der sich jahrelang nicht hatte sehen lassen. Entsetzt prallte ich zurück und trat zur Seite. Er ging an mir vorbei. Und weil ich erschüttert stand und ihm nachsah, wandte er sich nach einigen Schritten nach mir um. Da folgte ich ihm. Und wie ich hinter ihm den Hügel hinunterging, öffnete mein Vater das Fenster und rief meinen Namen. Und jedesmal, wenn die Stimme meines Vaters ertönte, verschwand der Schatten vor mir und erschien wieder, sobald sie verklungen war. Als ich auf dem Wege um den Sintlingerhügel bog, war er weggewischt, und die Hemsterhuser Schenke leuchtete wie illuminiert durch die Nacht zu mir herüber. Dorthin ging ich und wurde den Brand meines Leibes in den Armen des Mathinkleins los. Ich war der vollkommenen moralischen Auflösung verfallen. Daß ich das Lenlein nicht in meinen Untergang mit hineingerissen und ihre Ohnmacht mißbraucht hatte, schimmerte als letzter Rest von Stolz und Selbstachtung in mir. Als ich am anderen Abend erwachte, nachdem ich von den Ausschweifungen der wilden Nacht den ganzen Tag über in Schlaf geworfen worden war, war es das erste, was ich tat, daß ich mir meine Rechte aufmerksam betrachtete, die von Helene gestreichelt und gegen ihren Schoß gedrückt worden war. Ich tat es deswegen, weil ich deutlich auf ihrem Rücken noch den Druck von Fingern spürte, und mir war, ich sei in Träumen, die ich vergessen hatte, von jemand, den ich nicht kannte, an der Hand herumgeführt worden. Alles war in mir erloschen, nur diesen Druck lebendiger Finger fühlte ich, als habe sich die Hand, von der er herrührte, soeben erst zurückgezogen, und ich war so idiotisch, zur Seite zu sehen, ob derjenige, dem sie gehörte, vielleicht noch neben mir stehe. Natürlich war da niemand vorhanden, und ich lachte mich zynisch wegen dieses Fimmels der Überreizung aus. Dann erhob ich mich und ging, ohne mich um meinen Vater zu kümmern, pfeifend vom Hofe in die Hemsterhuser Schenke zu Mathinka Meixner, um mit ihr den Plan weiter zu besprechen, wie unser gemeinsames Leben einzurichten sei. Denn daß wir füreinander geschaffen waren, das schien uns nach der gestrigen Wiedersehensnacht unumstößlich festzustehen. So saßen wir auch diesen Abend und spannen eifrig Zukunftspläne. Ich hatte alle Schiffe hinter mir verbrannt und war von einer geradezu verzehrenden Leidenschaft für das Mädchen erfüllt, die sich, es ist nicht zuviel gesagt, zu einer sinnlichen Schönheit hohen Ranges entwickelt hatte. Was sie während der Jahre getrieben, wo sie gewesen, darüber erzählte sie ein langes und breites, in dem es von Kommerzienräten, Adligen und so weiter schillerte. Ich glaubte ihr natürlich nichts, bewunderte die Gabe ihrer Erzählung und befand mich in ihrer Nähe in einem fortwährenden Taumel der Verliebtheit. Aber auch sie stand durch meine Hingerissenheit in einer dauernden Entzündung. Trotzdem ertappte ich mich dabei, daß ich es vermied, meine Rechte von ihrer Hand berühren zu lassen. Wenn sie aber doch herüberlangte, um zärtlich meine Rechte zu streicheln, so zuckte ich wie unter einem Schmerz zusammen. Ich sagte, daß die Reizbarkeit meines Handrückens von einem Duell herrühre, und beruhigte sie und merkwürdigerweise auch mich dabei. Von meinem Bruch mit Helene sagte ich ihr nur das Nötigste und begründete dessen Notwendigkeit durch das Vorkommnis mit Jakob und der philiströsen Sittenüberheblichkeit der Familie Sintlinger, und als ich merkte, wie Mathinka unter diesem meinem lügenhaften Schmälen glückhaft blühte, verschonte ich auch das Lenlein nicht mit allerhand herabsetzenden Bemerkungen, wenn ich meine Niedertracht auch nicht bis zu Verunglimpfungen und Schmähungen trieb. So schmolzen wir in zwei Tagen zu einem Leib und einer Seele zusammen. Unser Plan gedieh auch zu einer gewissen Klarheit. Ich wollte mir von meinem Vater Geld besorgen. Mathinka sprach von einem größeren Bankguthaben in Münster und von einer Summe, die ihr der Schwager, der Hemsterhuser Wirt, schulde. Damit wollten wir in einer Großstadt eine Bar für die Lebewelt eröffnen und hofften so in kurzer Zeit zu einer glänzenden Existenz zu gelangen. Erst mußte das Terrain ausgekundschaftet werden, und wir entschlossen uns, in den nächsten Tagen unauffällig aus Hemsterhus zu einer Reise, zunächst den Rhein aufwärts, zu verschwinden. Wir haben diesen besprochenen Plan auch auszuführen begonnen, wenn auch von der überlegenen Freiheit, von der waghalsigen, lumpenhaften Souveränität, mit der wir alles zu schmeißen gedachten, nichts, aber auch rein nichts übrigblieb. Am anderen Tag, also dem dritten nach meinem Bruch, überbrachte mir das bekannte Stubenmädchen abermals einen Brief von Helene. Mit einem finstern Gesicht trat das hübsche, frische Wesen in meine Stube. Ohne mich anzusehen, möglichst unfreundlich, schnurrte sie die Bestellung herunter, und als ich zögerte, ihr den dargebotenen Brief abzunehmen, stürzten ihr die Tränen in die Augen, und sie verfärbte sich vor Haß. So warf sie den Brief auf den Tisch und verließ ohne Gruß das Zimmer. Helene mußte sich also in einem schlimmen Zustand befinden, wenn dies vertraute Mädchen mich mit einer solchen Verachtung behandelte. Ich war schon entschlossen, den Brief uneröffnet wieder zurückzuschicken; denn was für einen Sinn sollte es haben, nochmals mit Helene zusammenzukommen, ihr nach dem Vorgang am Waldrand in einer peinlichen, beschämenden Verfassung gegenüberzustehen und mich Verlorenen schließlich aus Mitleid wieder äußerlich an sie zu ketten? Aber als ich zur Tür schritt, mich nach einem geeigneten Boten auf den Sintlingerhof umzusehen, fühlte ich auf dem Rücken meiner Rechten den von der letzten Berührung Helenes zurückgebliebenen Druck so stark, daß er mich fast schmerzte. Ich empfand den Schmerz nicht auf der Hand, sondern in meinem Innern, im Hirn und Herzen zugleich, einen Schmerz, der uns anfällt, wenn wir sehen, daß sich ein anderer verwundet. Deswegen ging ich zurück, riß den Umschlag herunter und las. Der Brief enthielt ohne Überschrift nur einen Satz: ›Ich fahre heut abend um sechs an der Zwieselkiefer vorüber‹;, und ihren Namen als Unterschrift. Sonst nichts. Ich hatte die Empfindung, als stürze ich in einen Abgrund, und zugleich hörte ich mit meinem Knabenherzen und dem Ohr eines Zehnjährigen ihre heilige, weltenferne silberne Kinderstimme wieder singen. Wie betäubt mußte ich mich auf einen Stuhl niederlassen und verfiel in eine dunkle Benommenheit. Ich dachte nichts, ich fühlte nichts, ich war innerlich ausgelöscht, sah von Zeit zu Zeit auf, starrte die Gegenstände meiner Stube an, den Schrank, das Bett, den Tisch, und verstand nicht, was das sei. Nur meine Rechte hielt ich mit der linken Hand sorgsam und schützend, wie eine Kostbarkeit umschlossen. So ging der Mittag vorüber. Die Sonne stahl sich von meinem Fenster fort. Ich saß ausgelöscht und wartete. Da fühlte ich ein leises Streicheln über meine Rechte gleiten. Ich erhob mich, zog meine Uhr, sah, daß sie gegen die fünfte Stunde zuging, und sagte mir, daß ich mich beeilen müsse, wenn ich zur angegebenen Zeit an der Zwieselkiefer sein wolle. Mit großen Schritten trabte ich über Querhoven durch den Schlund auf die Stelle zu. Und während ich in dem Walde hinlief, erinnerte ich mich, auf der ersten Fahrt nach Münster von der Zwieselkiefer aus über die Waldwipfel des Schlundes hin meine Mutter das letztemal, umschimmert vom Morgenlicht, gesehen zu haben, und die wilde Nacht mit der Mathinka auf der Schonung hinter der Zwieselkiefer tauchte auch in meinem Gedächtnis aus. Ja, ja. Mein Knabentrotz hatte die Mutter ins Grab gestoßen. Schon als ich Helene nur begehrte, hatte ich sie verraten. In der Maske begeisterter Jugend war ich ein Verbrecher gewesen, und nun mich eine unbegreifliche Gnade zum Erlöser des heiligen Lenleins gemacht hatte, war sie durch mich bis nahe an den Abgrund der Zerstörung gelockt worden, der ich selbst unrettbar verfallen war. Diese rücksichtslose Gewissensdurchforschung raste in mir, als ich, hinter dem Stamm der Zwieselkiefer verborgen, auf Helene wartete. Nun gab es für mich nur noch eines zu tun. Ich war verpflichtet, mich ihr in meiner ganzen erbärmlichen Verlogenheit, Schwäche und Wertlosigkeit zu zeigen, um sie von dem letzten Rest einer unglücklichen Liebe zu heilen, wenn ja so etwas für mich noch in ihr vorhanden war. Da hörte ich von Bocholt her einen Wagen nahen und sprang in ein paar Sätzen in die Fichtenschonung zurück. Dort, vom Grün gedeckt, wartete ich, bis das Gefährt auf das freie Plänlein einbog. Dann trat ich, anscheinend in größter Eile, als komme ich eben an, aus dem jungen Bestand heraus auf den Wagen zu, in dem Helene allein sah. Der Kutscher auf dem Bocke blickte, auf Helenes Bitte zu halten, verdrossen zu mir her und gab sich den Anschein, als gelänge es ihm nicht, das Pferd zum Stehen zu bringen. So glückte es mir, geschickt an ihrer Hand vorbeizugreifen und trotz ihrer Aufforderung neben dem Wagen einherzugehen, anstatt zu ihr hineinzusteigen. Obwohl ich mit allerhand witzigen Gesprächen diese Weigerung begründete, daß der Knecht auf dem Bock in lautes Gelächter ausbrach, krümmte kaum ein erzwungenes Lächeln ihren Mund. Das leichte Rot, das bei meinem Auftauchen über ihr Gesicht geflogen war, verging in Blässe, und mit schreckhaft großen Augen verfolgte sie die burschikosen Zügellosigkeiten, denen ich mich bald überließ. Ich sang Gassenhauer und tolle Studentenlieder durcheinander, als sei ich trunken, überstürzte mich in lachenden Zynismen über Gott, Welt und Menschen, kurz, spielte den Gestrandeten, den Gemeinen, der sich in seiner hereingebrochenen Verlumpung wohlfühlt, so überzeugend, so drastisch, daß Helene sich im Wagen zurücklehnte, die Hände auf den Knien zusammenkrampfte und blassen Gesichtes ratlos und unglücklich in den Himmel blickte, über den schon das Grau der tiefen Dämmerung zog. Mir zitterte das Herz bei den Roheiten, die ich mir abrang, im Anblick von Helenes Schmerz und verzweifelter Ratlosigkeit. Aber ich riß mich in immer neues geschmackloses Toben hinein, um Helene endlich dazu zu bringen, mich entrüstet davonzujagen. Ich geriet in solch unbeherrschtes Wogen der Gemütsverstörtheit, daß ich jede Gewalt über mich verlor und aus dem finstern Unglück heraus ein schwermütiges Lied zu singen begann. Da schrie das Lenlein qualvoll auf: ›Um Gottes willen, Peter, hör' auf! Ich muß sonst sterben.‹; Auf diesen Auf zerriß der wüste Taumel, durch den ich mich gefühllos machen wollte, und ich trat an den Wagen heran, fuhr ihr liebkosend über die blasse Wange und sagte: ›Armes, liebstes Lenlein. Ich kann nicht dafür.‹; Dann ging ich schweigend, in leeres Grübeln versunken, wieder neben dem Wagen, bis wir aus dem Walde herauskamen und die ersten Dächer von Hemsterhus zu sehen waren. Als ich aufblickte und von dem Fenster der Schenke Mathinka Meixner zurücktreten sah, schoß es mir durch den Kopf: ›Nun, also, Schluß!‹; und ich wollte mich hart von ihr reißen, da sie es nicht tat. Aber als ich das Lenlein bleich, wie geistesabwesend, im Wagen sitzen sah, wie sie, von meinem brüsken Herantreten aufgescheucht, mich kümmerlich anlächelte, brachte ich es nicht über mich, ihr noch diesen Stoß zu versetzen, und ich bat um Entschuldigung: ›Sei mir nicht böse,‹; sagte ich, ›aber das Leben wirtschaftet mit mir nicht gut.‹; Nun, und dann nötigte ich sie eben noch in die Schenke, zu dem Mädchen, das sie als Rivalin haßte, zu Mathinka Meixner hinein, mit der ich sie betrogen, der ich mich verschworen hatte. Das war mehr als gemein, das war schlecht. Ich sah wohl die Geringschätzung, mit der Mathinka das betreten und schüchtern gewordene heilige Mädchen musterte, mich machte die aufreizende Keckheit wohl schamrot, die Mathinka als meine Erwählte vor Helene zur Schau trug: aber ich konnte mich aus meiner lumpenhaften Indolenz nicht aufraffen, schüttete ein Glas Bier ums andere in mich hinein, lachte bald leise, bald grell auf wie ein ertappter, halb vertrottelter Zuhälter und begann dann, das arme Lenlein mit brutalen Worten zu bearbeiten. Ich weiß, ich nannte alles puren Unsinn und gab ihr den Rat, so wie ich dem gemeinen Leben mit festem Auge in die Visage zu blicken. Ich weiß ganz genau, das Wort Visage gesprochen zu haben, so laut, daß Mathinka Meißner im Schenkhaus triumphierend auflachte. Daraufhin sah ich das Lenlein geradezu einsinken, ratlos, käsig-blaß werden, und über die Augen kroch eine stumpfe Schicht, als erblinde sie wieder. Als Mathinka ihr den bestellten Kaffee brachte, schloß sie bei ihrem Herannahen die Augen und öffnete sie erst wieder, als ihre Feindin sich entfernt hatte. Ich erkannte, daß Helene von der Schande getroffen worden war, in die Mathinka und ich sie gebracht hatten. Aber sie bezwang sich mit übermenschlicher Anstrengung. Wohl zitterte der Löffel, mit dem sie den Kaffee umrührte, wohl vergaß sie Zucker und Sahne hineinzutun, doch trank sie das bittere und schwarze Getränk langsam und lehnte sich dann schweigend, entspannt und überwunden, zurück. Nach dieser stillen Einkehr, nach einigen Augenblicken nur, war sie vollkommen verwandelt. Aus ihren Augen war jede Angst und Unruhe geschwunden. Sie waren klar, heiter, unbewegt wie Wasserspiegel, ohne Blick, nur sanfter Schimmer. Das Gesicht war in einem Zustand entrückter unirdischer Kindlichkeit, und als sie darauf mich lange ansah, lächelte sie gütig und liebevoll. Ehe ich es verhindern konnte, legte sie ihre Hand still auf die meine und sagte: ›Du, lieber Peter, gelt, das ist das Mathinklein aus Querhoven. Mir tut das Mädchen leid. Die Leute reden viel Schlimmes über sie. Aber es wird wohl nicht wahr sein. Sei nicht hart zu ihr, lieber Peter, versprich mir's. Und nun darf ich auf nichts mehr warten, ich muß gehn.‹; Sie nahm ihr Täschchen an sich und ging leise und kühl davon. Ich blieb und begann zu trinken, als gelte es, eine brennende Stadt zu löschen. Nun war das Tor endgültig zugeschlagen, und ich stand mit Mathinka allein in der dunklen Welt. Jetzt galt es, zu wandern. Vor meinem Weggange sagte ich ihr, daß wir unter allen Umständen morgen früh wegreisen müßten. Sie solle sich noch vor Tag fertigmachen. So schritt ich hinaus. Der Sintlingerhof lag friedevoll im hellen Mondschein auf dem Hügel. Im Dorf schlug es elf. Das letzte mal wollte ich so tun, als sei ich noch in dem verzauberten Leben meiner Kindheit, ging den Hügel hinauf und setzte mich auf das Torbänklein unter Helenes Fenster. Nicht lange, und es wurde leise geöffnet. Ich hob den Kopf und sah das Lenlein sich weit herausbeugen. Sie war angezogen und trug ein rotes Seidentuch um ihren Kopf geschlungen. Regungslos verharrte sie wohl eine halbe Stunde. Nur einigemal hörte ich sie ringend und beklommen atmen. Dann begann sie leise, wie im Traume, mit ihrer Blindenstimme zu singen: ›Schön ist die Jugend bei frohen Zeiten, schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr. Drum sag' ich's noch einmal: Schön sind die Jugendjahr', schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr.‹; So sang sie das ganze Lied, klar, beseligt, ohne Schmerz, ohne Schatten. Dann zog sie sich zurück und schloß ruhig das Fenster. Ich aber floh wie ein Verurteilter auf unseren Hof hinüber. Dort begann ich, auf den Zehen gehend, die notwendigsten Sachen zu meiner morgigen Abreise zusammenzutragen, und vergaß auch nicht die Flöte auf den Boden des kleinen Koffers zu legen. Denn von diesem Talisman trennte ich mich nicht mehr. Von dem genossenen Alkohol und der Gemütsaufregung hämmerten mir die Schläfen. Die Luft im Zimmer wirkte schwül und dick wie in den Hundstagen. Deswegen ging ich, öffnete vorsichtig das Fenster und lehnte mich hinaus in die Nachtkühle. Der Sintlingerhof lag zum Greifen nahe in dem vollen Mondlicht der klaren Mainacht. Da hörte ich irgendwo in dem Gehöft drüben die Haspe einer Tür klirren. Ich suchte mit den Augen die Umgebung ab, um zu sehen, wer in dieser späten Nachtstunde noch wach sein könne, und erwartete, den Sintlinger heraustreten zu sehen, den seine Unruhe oftmals mitten in der Nacht auf das Feld zu treiben pflegte. Das Pförtchen vorn heraus, nach den Linden zu, blieb geschlossen. Da konnte nur das andere kleine Türchen nach dem Blumengarten, auf die Lange Lehne zu, bewegt worden sein. Wenn jemand dort herausgetreten war, so mußte er sich bald auf den ansteigenden Feldern der Langen Lehne zeigen. Ich patrouillierte mit meinen Blicken immer den Wirtschaftsweg entlang. Nichts ließ sich sehen. Da bestrich ich mit meinen Augen die Felder nach Brederode zu und bemerkte richtig jemand in rasendem Lauf querfeldein, gerade nach dem Walde zu eilen. Die Gestalt war nicht groß und rannte offenbar gebückt, und nun sah ich es gar im grellen Mondlicht ein paarmal rot aufleuchten. Dies bemerken und wissen, wer es sei, und was das zu bedeuten habe, war eins. Ohne zu überlegen, sprang ich aus dem Fenster, kam glücklich unten an und nahm sofort die Verfolgung Helenes auf. Als ich in die Mitte der Langen Lehne gekommen war, sah ich sie die Böschung der neuen Chaussee erklimmen und im Walde verschwinden. Ich atmete auf. Denn wenn sie auf der neuen Chaussee blieb, mußte ich sie einholen, ehe das Schlimmste geschehen war. Blitzartig erinnerte ich mich des Augenblickes, als ich sie während des Vergnügens in der Waldmühle zusammengekauert, wie hypnotisiert, unter der Erle am Buchteich getroffen hatte. Wahrscheinlich hatte sie damals das grause Dunkel berührt, in dessen Fänge sie jetzt geraten war. Als ich endlich die Böschung der Chaussee erklettert hatte und verschnaufend oben stand, hörte ich schon weit entfernt und schwach ihre Schritte auf dem harten Weg klappen. Auf der Chaussee war sie nicht mehr einzuholen. Also rannte ich geradezu durch den Wald, der mir von meinen Knabenstreifereien genau bekannt war. Die Zweige peitschten mir ins Gesicht, ich achtete es nicht, sprang über Gräben, strauchelte, fiel, raffte mich auf und sah endlich das Dach der Waldmühle durch die Zweige. »Helene!« rief ich atemlos. Als ich aus dem Walde heraussprang, stand sie richtig kerzengerade, wie leblos unter der alten Erle. Auf meinen nochmaligen Ruf verschwand sie mit einem leisen hohen Schrei. Das Wasser rauschte auf. Als ich hinkam, schwankte der Spiegel nur noch leise, und ihr rotes Tuch lag darauf und fing an, sich in der Nässe auszubreiten. Ich sank betäubt unter dem Baum zusammen. Als ich zu mir kam, war es zur Rettung zu spät. Rief ich Leute zusammen, so wäre ich bei der Feindseligkeit unserer Familien und nach dem Bruch unseres Liebesverhältnisses sicher in einen Prozeß verwickelt und womöglich des Mordes angeklagt worden. Genug, daß ich es vor meinem Gewissen war. Jetzt galt es nur, so schnell wie möglich, noch ehe jemand wach wurde, nach Hause eilen und mit Mathinka spurlos zu verschwinden. Wie geworfen eilte ich auf den Hof zurück, erbrach des Vaters Schreibpult, nahm sein ganzes Vermögen an mich, klopfte Mathinka heraus, und ehe die Sonne aufging, schritten wir schon aus dem Bocholter Walde heraus, dem Bahnhof zu. Mit dem ersten Zuge dampften wir davon.« * Der alte Buchhalter schwieg erschöpft und erschüttert von der langen Beichte seines schweren Lebens, nahm den Hut ab, trocknete sich den Schweiß von der Stirn und hob doch, während er all dies tat, den Kopf nicht, sondern starrte zur Erde, als gelte es, eine schwer entzifferbare Schrift zu lesen, die nur für seine Augen dort vorhanden war. Und während dieses Mühens um den Sinn eines Unerforschlichen bewegte er wieder und wieder, bald verneinend, bald bejahend den Kopf. Indessen zog der beginnende Tag mit seinem lichten Schleppnetz über die Wipfel des Tolkebusches und fing die letzten Dämmerungen und Schatten der Nacht ein, daß die fast schwarzblaue Kuppel des Hochwaldes mit dem Aussichtsturm morgenklar in der Höhe hervortrat. Peter Brindeisener achtete auf all das nicht, sondern fuhr fort, über den geheimnisvollen Hieroglyphen zu grübeln, die auf der Erde für ihn geschrieben standen. »So war es«, sagte er dann leise, ohne aufzusehen. »Ich wollte Helene von mir erretten und habe sie in den Tod getrieben. Ein Mörder wider Willen, aber doch ein Mörder. Trotz alledem ein Mörder, du, Peter Brindeisener! Jawohl. Wie sie im Teiche untergegangen war, so verschwand auch ihr Bild in mir. Und ich warf mich noch mit diesem wilden Dämon Mathinka Meixner auf die Gestorbene in mir, daß nichts von ihr in meinem Gedächtnis zurückbleibe, nicht einmal ein schwacher Schimmer des roten Schleiertuches, das ich auf dem Wasser hatte schwimmen sehen. Und ich brachte es durch ruheloses Reisen von Köln nach Wiesbaden, München, Nürnberg, Würzburg, ah, eben überallhin, und durch unsinniges Prassen und Prahlen fertig, daß alles und jedes von ihr in mir erlosch. Alles, alles, bis auf den Druck ihrer Geisterhand auf meiner Rechten. Der stellte sich unangemeldet ein. Auf stillen Spaziergängen, während der Eisenbahnfahrt, im Theater, in ausgelassener Gesellschaft, wo es immer sein mochte, fühlte ich meine Hand plötzlich auf diese geheimnisvolle, unaussprechliche Weise ergriffen, daß ich vor Schreck erstarrte und für eine Zeit sprachlos, entfärbt dasaß und die Menschen um mich furchtsam musterte. Mathinka wurde über meine Seltsamkeiten unwillig, und als ich mein Schweigen brach und sie über die spukhafte Gewalt unterrichtete, die das tote Lenlein von jenseits des Grabes über mich noch immer ausübe, nannte sie mich verächtlich einen Narren. Dann wurde sie scheu, fing an, sich von mir zurückzuziehen und ließ sich von anderen den Hof machen. Ich spürte, es ging bergab mit ihrer Liebe, und weil mein Geld bei der sinnlosen Schwelgerei, die wir trieben, nur noch wenige tausend Mark betrug, sah ich den Bruch voraus. Schneller als ich fürchtete, trat er ein. Es war in Eisenach. Wir hatten bis tief in die Nacht gezecht. Und als wir auf unserm Zimmer angelangt waren, kam es zu einem erregten Zerwürfnis wegen eines dunkellockigen, gelbhäutigen Menschen, der sich für einen ungarischen Grafen ausgab. Voll Bitterkeit schliefen wir endlich ein. Plötzlich erwachte ich von einem unerträglichen Schmerz, der von der Rechten mein Hirn und Herz wie der Schnitt eines Rasiermessers traf, und kaum, daß ich ganz bei mir bin, fühlte ich mich durch den geheimnisvollen, unaussprechlichen Griff aus dem Bett gezogen. Er wirkte, bis ich neben dem Bett stand. Sooft ich aber Miene machte, mich wieder hinzulegen, überfiel mich dieser unerträgliche Schmerz durch mein Inneres. So stand ich mäuschenstill, um Mathinka und ihren Hohn nicht zu wecken, bis es grau vor den Fenstern wurde. Da erst konnte ich mich niederlegen, und es gelang mir auch, einzuschlafen. Als ich spät erwachte, war Mathinkas Bett schon leer und fast kalt. Ich fand natürlich nicht das geringste dabei, zog die Vorhänge herum, daß das volle Licht hereinströmte, und trat ans Fenster, um in aller Ruhe eine Untersuchung meiner rechten Hand anzustellen, ob nicht doch eine tief liegende Entzündung der Grund dieses unerträglichen Schmerzes sei, der mich in der Nacht überfallen hatte und nur durch meine Schlaftrunkenheit mit diesen spukhaften Begleiterscheinungen beladen worden war. Als ich meine Rechte an die Augen hob, sah ich tatsächlich auf ihrem Rücken einen schwachblauen Fleck. Und wie ich ihn mir genauer betrachtete, sah er aus wie die Spitzen zweier toten Finger mit blauunterlaufenen Nägeln. Ich wusch mich immer aufs neue, allein anstatt zu verschwinden, trat das Bild der toten Finger immer deutlicher unter der Haut auf. Ich war so erregt, daß mir das Herz raste. Drunten traf ich Mathinka im Garten, mit dem Frühstück längst fertig, Zigarette rauchend und mit der Zeitung beschäftigt. Sie sah mich forschend an und fragte, warum ich so blaß sei. Da weihte ich sie in alles ein und hielt, während ich fliegend erzählte, meine Rechte mit der Linken bedeckt. Doch sie lachte mich wieder scheu und verächtlich aus. Da zog ich die linke Hand weg und enthüllte das Totenmal auf der Rechten. Angstvoll aufatmend, nahm sie meine Hand in Augenschein. Dann ließ sie sie mit Abneigung fahren, musterte mich mit zusammengezogenen Brauen und sagte dann mit Überwindung: ›So weiß wie die andere. Hier ist der blaue Fleck, Peter!‹; Dabei tippte sie mit dem Zeigefinger gegen ihre Stirn. Höhnisch auflachend verließ sie mich. Am andern Tag war sie mit dem sogenannten ungarischen Grafen verschwunden. Nun begann ich in Würdelosigkeit zu versinken. Anstatt hinter der Wertlosen laut aufzulachen und mich unverzüglich an das Reinigungswerk meiner Entsühnung und Entschuldung zu machen, verfolgte ich die Spur der beiden Flüchtigen, als besäße ich ein göttlich verbrieftes Recht auf den Alleinbesitz Mathinkas. Erst wandte ich mich nach München zurück. Dann wurde ich über das Allgäu an den Bodensee gezogen. Und während ich, oft nur auf die Auskunft eines Portiers hin, alle Kombinationen verwarf und eine neue Route einschlug, geriet ich immer tiefer in die Gewalt und die Verstrickungen der Toten, wiederholten sich öfter und öfter die Schmerzanfälle von der Hand her, sah ich das Kainsmal der blauen Totenfinger immer deutlicher auf meiner Hand hervortreten und wagte nicht mehr, unter den Menschen ohne Handschuhe auszugehen, nahm allein und an abseitigen Tischen meine Mahlzeit ein und gewöhnte es mir an, die eine Hand mit der anderen zu verdecken, weil ich fürchtete, von den Menschen als Mörder entlarvt zu werden. Fast bis zum Irrsinn steigerte sich der Zustand steter Angst und Furcht vor diesen geheimnisvollen Besuchen der Toten und die leidenschaftliche Sehnsucht nach Mathinka, deren hohnvoller, spöttischer Unglaube mir als die einzige Rettung aus dieser qualvollen Folter erschien. Zuletzt reiste ich wie ein geistig Entgleister völlig planlos durch Deutschland, mußte schon in Gasthäusern dritten Ranges Unterschlupf suchen und trug in meinem Köfferchen außer einigen alten Schlipsen, Kragen und Strümpfen nur noch meinen Talisman, die Flöte meines Großvaters, mit mir umher, dessen Kraft ich doch nicht zu erproben wagte, nur um nicht die letzte schwache Hoffnung noch zu verlieren. Endlich nach monatelanger Jagd, schon heruntergekommen, zermergelt, mit ausgefransten Hosen und klebriger Wäsche, begegnete ich Mathinka und dem ungarischen Grafen auf der Prager Straße in Dresden, schlich ihnen nach und sah sie, von dem Portier als alte Gäste begrüßt, im Hotel Royal, nicht weit vom Postplatz, verschwinden. In der Nacht schlich ich mich ein. Sie wohnten Nummer sieben im ersten Stock. Als ich, wie mir Wahnsinnigen schien, Mathinka in meiner Gewalt sah, überfiel mich eine solche freudevolle Verzweiflung, daß mein Körper wie im Fieber zitterte und ich, zuletzt nur keuchend, auf den Knien und mit Hilfe der Hände die Stiege zu ihrem Zimmer mich emporarbeiten konnte. Auf den letzten Stufen angekommen, packte zu allem der Geist der Toten so heftig meine Hand, und der alte Schmerz befiel mich in einer solchen Furchtbarkeit, als würde ich mitten durchschnitten. Ich stöhnte, arbeitete mich aber trotzdem vollends auf den Flur hinauf. Da sah ich vor mir neben den hohen Lackstiefeln des Mannes ihre kleinen tief ausgeschnittenen Halbschuhe an der Tür stehen. In dem Augenblicke, als ich mit einem unterdrückten Freudenschrei mich auf die Schuhe stürzte, erschien am Ende des Ganges ein Zimmerkellner mit einem vollbeladenen Tablett. Ich riß einen Schuh an mich, sprang die Treppe hinab und gelangte mit ein paar wahnsinnigen Sätzen durch den dichtgefüllten Restaurationsraum ins Freie und entkam über die Elbbrücke, während hinter mir die Rufe nach dem Diebe immer schwächer wurden und sich endlich ganz verloren. Am anderen Morgen machte ich mich zu Fuß nach Schlesien auf. Unterwegs wurde ich öfter und häufiger, fast jeden Tag, von dem Besuch der Toten und den gräßlichen Schmerzen angefallen, bis ich den Schuh Mathinkas in Görlitz am hellichten Tag, vor den Menschen, von einer Brücke in die Neiße warf. Von diesem Tage an besserte sich mein Zustand zusehends. In Breslau hatte ich den letzten Schmerzanfall. Ich stand in der Nacht auf der Universitätsbrücke an derselben Stelle, wo ich vor langen Jahren das blutige Gesicht des Heiligen-Lenleins in dem stillen Wasserspiegel der Oder hatte auftauchen sehen, und wo ich aus der Wohnhütte eines Floßes, in dem Wiegenlied einer Schiffersfrau, den Klang ihrer Stimme gehört hatte. Ich stand und sah sehnsüchtig auf den Fluß und lauschte gespannt über den schwarzen Spiegel der Oder. Da streichelte es lind meine Hand, die auf der Brüstung der Brücke lag, und der Schmerz begann in meinem Innern aufzustehen, aber nun nicht so reißend und unerträglich wie sonst, sondern als ein unergründliches Wehegefühl wie durch mein ganzes Dasein hin. Unsichtbar, aber deutlich, doch jenseits meines Wesens, gnadenvoll mir zugewandt, stand die Tote auf, und so, unerreichbar, nicht hörbar, nur mit dem Gefühl zu erahnen, merkte ich ihr letztes Lied durch den Weltraum schweben. Hier in Wirbnitz fand ich endlich, dank der Menschengüte Herrn Methners, eine Unterkunft. Nun begann ich heimlich und einsam mit der Flöte meines Großvaters als zerbrochener und gescheiterter Mann um die Stimme derjenigen zu kämpfen, die ich einst in den Tod getrieben habe, daß sie an diesem klingenden Seil sichtbar und verzeihend zu mir heraufsteige in mein abgegrastes Dasein. Wie habe ich gerungen. Aber meine Inbrunst, mit der ich alle Jahre an ihrem Todestage in der Osternacht nach ihr langte, reichte gerade hin, mein Herz nicht ganz in Verzweiflung verkommen zu lassen und meine Sehnsucht zu reinigen und zu steigern. Allein, nie glückte es mir, sie zu sehen und ihre Stimme zu hören, wenn auch der Schmerz nie mehr mich heimsuchte und das Totenmal auf meiner Hand fast ganz verschwand. So, nun wissen Sie alles, warum ich immer in der Osternacht bis an den Morgen auf der Flöte geblasen habe und warum ich den Anblick ganz junger Mädchen, solcher mit keimenden, kindhaften Busen, nicht ertragen habe. Denn diese blumenhaften Wesen erinnerten mich immer an den Mord, den ich an ihrer himmlischsten, engelhaften Schwester begangen habe. Und nun werden Sie auch verstehen, warum ich die Gesellschaft von Jünglingen gesucht habe, um die noch, körperlich oder vom Gemüt her, der Knabenduft schwebte. Denn ich hoffte, durch ihre Traumseele könne ich mich doch wieder in die Schönheit meines frühesten Kindwesens zurückfinden. Aber ich wagte mir nie die Larve rücksichtslos von dem Gesicht zu reißen. Ich glaubte immer noch recht gehandelt zu haben, konnte die Eitelkeit nie ganz abtun und log und verhüllte die Wahrheit, indem ich sie stückweise preisgab. Angeekelt von mir, zerbrach ich mich zuletzt und versank vollkommen. Aber was all dies Ringen mir immer verheißen und nie erfüllt hat, das ist mir durch diese Bekenntnisnacht geschenkt worden, in der ich mich weder verhüllt noch geschont habe.« * Leise und immer leiser hatte der alte Buchhalter Peter Brindeisener die letzten Worte gesprochen, wie etwa einer sich in der Nacht vom Schlaf aufrichtet und halb furchtsam, halb im Glück die Worte eines grausen Traumes wiederholt, aus dem ihn das Erwachen errettet hat. Dann sah er an sich hinunter, wie um zu erkunden, ob er noch dieselbe Person oder nicht mehr zum Wiedererkennen verwandelt sei. Danach hob er seine rechte Hand nahe vor sein Gesicht und betrachtete genau ihren Rücken. Er betrachtete ihn mißtrauisch und lange, spreizte die Hand und schloß sie zur Faust. Zuletzt betastete er sie umständlich mit den Fingern der Linken. Als offenbar keine Täuschung mehr möglich war, kehrte er mir, dem einzigen Zeugen und jungen Genossen seiner nächtlichen Bußfahrt, mir, Albert Jungmann, sein bis in die letzte Falte glückhaft strahlendes Gesicht zu und sagte herzergriffen: »Ich danke Ihnen, lieber, junger Freund. Sie haben doch gehalten, was ich von Ihnen immer geglaubt habe. Nun ist's vorbei!« Damit riß er den Hut vom Kopfe, sprang von der Lattenbank auf, dehnte seinen Körper in die Höh' und rief triumphierend: »Befreit! Erlöst! Gesühnt!« Dann breitete er im Überschwang der Freude die Arme gegen den sich sieghaft rötenden Himmel, als wolle er die ganze glänzende Höhe an sich reißen. Mich packte die Rührung dergestalt, daß ich ein Schlucken nicht unterdrücken konnte. Da ließ er die Arme sinken und sah lange, wie ertappt, zur Erde. »Nein, nein, es ist wahr,« murmelte er darauf, sich wieder dem Strome seines Glückes überlassend, »es ist alles wahr. Das Lenlein ist wieder rein in mir und vor mir, und ich sehe alles, und ich sehe mit ihren schleierlosen Augen mein Leben und das Leben aller Menschen, und was ich von Teufeln, Dämonen und Schatten gesonnen und gelebt habe, das waren nur graue, trostlose, verwirrende Spinnweben vor meinen Blicken. Wir Menschen, die Tausende und Millionen, arbeiten in den Werkstätten Gottes. Die einen schmieden in einer hohen, lichten Halle, die anderen in finsteren Höhlen, je nachdem sie sind, die einen in der Not des Guten, die anderen in der Not des Bösen. Am Ende aber, im Tode, wenn das Dasein abgelaufen ist, sinken alle die Belichteten wie die Finsteren in die eigene Tiefe hinauf, in diesen unaussprechlichen Abgrund unseres Wesens, den die Menschen draußen Gott, in sich Seele nennen. Das ist das Geheimnis, mein lieber Jungmann, das ist es. Kein anderes. Aber wenn die Menschen recht von Grund aus wollen , vermag das Leben nichts über sie. Ich war ein Schwacher, ein unbeständiger und bin immer vom Hellen ins Finstere, vom Licht in den Schatten gesprungen. Nun ist's vorbei. Nun überwand ich alles, indem ich mich überwand. Kommen Sie. Jungmann, wir wollen ins Leben gehen!« Er ergriff den Hut und begann, gedankenvoll und langsam, sich nach dem Tolketeich hinunter zu bewegen. Der war von einer mannshohen Nebelschicht bedeckt, die sich in stillen, durchsichtigen Schleiern in die Höh' langsam verflüchtigte. Aber den Wipfeln des Waldes aber trieb jetzt die steigende Sonne eine solche sieghafte Goldglut über die Welt der Wipfel in den Grund herein, daß es aussah, als fange der Nebel des Tolketeiches an zu brennen. Schwalben schnellten darüber hin, wie Leuchtkugeln in der Nöte funkelnd, tauchten in die Nebel, die über dem stillen Wasser lagen, und erlöschten darin, auch wie lebendige, rote Blumen sahen sie aus, die aus dem Morgenhimmel hineinfielen. Es war ein solch wundervoller, märchenhafter Anblick, daß ich, ergriffen und von den Ereignissen der Nacht bis in die Seele hinein betäubt, mich nicht von der Bank zu erheben vermochte. Ich sah den alten Buchhalter aufrecht und wie einen sieghaften Helden den Abhang zwischen den Stämmen hinabschreiten und war voller Bewunderung für ihn. Auf einmal rief Brindeisener: »Sie, Jungmann, sehen Sie, da ist eben ein Vogel ins Wasser gefallen, rot wie eine seidene Schleierkugel!«, fängt an, springend zu laufen und schreit noch fortwährend: »Wir können ihn doch nicht ertrinken lassen!« So stürzte er gegen den Teich hin in der Liebe des Geretteten zum Leben, um den Vogel dem Untergange zu entreißen. Ich sah seinen Hut über den Nebeln, das Wasser plätscherte auf. »Ah, ah, da ist der Schleier, da ist er. Da! Da!« So rief der Buchhalter, und seine Rufe klangen wie junger, jubelnder Gesang des Entsühnten, der glücklich ist, sein Leben zur Rettung eines andern einsetzen zu können. Der Hut verschwand, die Stimme erlosch. In wenigen Minuten war der Nebel verflogen. Das Wasser lag leise schwankend da und wiegte den alten, abgegriffenen Hut des Buchhalters. Peter Brindeisener war untergetaucht. Ich saß wie gelähmt, starrte auf den wankenden Teichspiegel und wartete auf sein Wiedererscheinen. Er blieb verschwunden. Da überkam mich Überreizten eine namenlose Angst. Ich fühlte einen reißenden Schmerz durch mich hinschneiden, meinte, nun habe das tote Lenlein auch mich gepackt, sprang auf und lief nach dem Ausgang des Waldes hin. Dabei schrie ich bald um Hilfe, bald rief ich den Namen Wanda Methners. Dann weiß ich nichts mehr. * Am frühen Vormittag fanden mich Spaziergänger bewußtlos im Walde. Ich wurde ins Krankenhaus geschafft und lag dort wochenlang zwischen Tod und Leben an einem schweren Nervenfieber darnieder. Als ich das erstemal klar die Augen aufschlug, saß Wanda Methner an meinem Bette und nickte mir lächelnd und glücklich zu. Nur einen Husch lang erkannte ich sie. Dann verwandelte sie sich wieder in Helene Sintlinger, und ich schloß vor Grauen die Augen. Auch als ich über alle Gefahr hinweg war und aufstehen durfte, lebte ich nicht in meinem eigenen, sondern in dem Leben des ertrunkenen Buchhalters, den ich immerfort in mir erzählen hörte. Das dauerte bis in meine vollkommene Genesung hinein, bis ich auf den Rat eines klugen Arztes begann, mein ganzes Erlebnis mit Peter Brindeisener aufzuschreiben. Als ich damit fertig war, hatte sich alles aus mir verflüchtigt. Nur das zauberhafte Bild Helenes blieb wie eine Himmelserscheinung in mir. Nach und nach nahm es die Züge Wanda Methners an. Dann konnte ich beide Wesen nicht mehr voneinander unterscheiden. Da war ich in tiefer Liebe ganz genesen.