Ludwig Thoma Die kleinen Verwandten Lustspiel in einem Aufzug Personen: Heinrich Häßler , Regierungsrat Mama Häßler Ida , beider Tochter Josef Bonholzer , Oberaufseher aus Dornstein Babette Bonholzer , seine Frau, Schwester des Regierungsrates Max Schmitt , Kaufmann, Inhaber von Hugo Schmitts sel. Erben Das Stück spielt in der Wohnung des Regierungsrates in der Kreisstadt Großheubach in Bayern . Zeit: Gegenwart . Erste Szene Das schöne Zimmer bei Regierungsrat Häßler. Die Möbel im Stile der 60er Jahre. Nußbaum. Im Hintergrund, etwas rechts von der Mitte, ein Erker mit Fenstern an allen Seiten. Im Erker steht auf einem Antritt ein kleiner Nähtisch, davor ein Stuhl. Links vom Erker , vor der Wand, ein geblümtes Sofa, dessen Rücklehne mit gehäkelten Decken geschmückt ist. Auf dem runden, polierten Tisch davor liegt ebenfalls eine Decke mit gehäkelten Spitzen. Die vier Stühle um den Tisch sind mit dem gleichen Stoff wie das Sofa überzogen. Über dem Sofa hängt an der Wand ein Spiegel in Goldrahmen, links und rechts davon Porträts der Eltern von Frau Häßler; wo sonst Platz ist, hängen an den tapezierten Wänden Heliogravüren von Bodmanns »Märchen«, Thumanns »Parzen« oder ähnliche. Rechts vom Erker Kommode, darauf eine Uhr unter Sturzglas. An der linken Seitenwand ein schmaler Glasschrank, an der rechten Seitenwand ein hoher Ofen aus bunten sächsischen Kacheln. Ein paar Lehnstühle. Einer in der Nähe des Erkers, daneben ein Rauchtisch. Regulator, Bücherstellage mit Konversationslexikon an der rechten Seitenwand. Tür links, die zu Wohnräumen, Tür rechts, die in den Gang führt. Ein Fenster an der Hinterwand rechts vom Erker. An diesem, wie an den Erkerfenstern, weiße Mullvorhänge. Ida nimmt die Schutzdecke von dem letzten Stuhl, der noch damit überzogen ist. Frau Häßler tritt von links ein und stellt ein Körbchen mit Handarbeit auf den Tisch. Mama memorierend: Ich werde mit einer Handarbeit beschäftigt sein. Heinrich muß im Lehnstuhl sitzen und in der Zeitung lesen... und... Sie besinnt sich etwas. Ida! Ida : Ja, Mama? Mama : Du sollst nicht im Zimmer sein, wenn er kommt... Ida schmollend: Warum? Mama : Es ist besser. Sonst sieht es so aus, als ob wir alle auf ihn gewartet hätten... Ida : Aber... Mama : Nun folg mir doch! Du bleibst in der Küche. Wenn er kommt, schaust du einen Augenblick heraus... Dabei kannst du lächeln und ein bißchen befangen sein. Verstehst du? Ida : Ja, Mama. Mama : Und binde dir eine Schürze vor! Das ist häuslich und lieb, und... ja, du mußt ein bißchen echauffiert aussehen, wie vom Herdfeuer. Ida geht fröhlich auf die Idee ein: Ich werde mir mit dem Frottierschwamm die Backen reiben. Mama mütterlich beifällig: Das tust du! Überhaupt, benimm dich nur so, wie ich dir sage, dann wird alles gut gehen... Sie ruft laut und etwas unwillig nach links: Heinrich! Häßler Unwirsch von drinnen: Was denn?! Mama rufend: Was machst du denn so lang? Es ist höchste Zeit! Zu Ida, die an das Fenster getreten ist: Geh vom Fenster zurück, Ida! Ida : Ich möchte ihn doch so gerne sehen, wenn er um die Ecke kommt. Mama ungeduldig: Wozu denn? Er könnte dich auch sehen. Ida : Dann hätte er vielleicht mehr Courage. Mama sehr bestimmt: Nein! Er darf nicht glauben, daß er beobachtet wird. Ida geht zögernd vom Fenster weg: Wenn er aber wirklich um mich anhalten will, Mama? Mama etwas nervös: Widersprich mir doch nicht immer! Apodiktisch: Jeder Mann schmeichelt sich mit der Idee, daß er vollkommen frei seinen Entschluß faßt. Jeder Mann schmeichelt sich mit der Idee, daß er im letzten Augenblick noch zurück kann. Diese Illusion darf man den Männern nicht rauben. Wenn sich Herr Schmitt beobachtet sieht, könnte er einen Zwang fühlen. Du kannst dich auf meine Erfahrung verlassen. Sie ruft sehr ungeduldig nach links: Aber Heinrich!! Zweite Szene Häßler tritt von links ein; er trägt Gehrock und schwarze Binde. Etwas mürrisch: Na also! Was ist denn? Mama entsetzt: Ja, wie siehst du denn aus? Häßler : Ich denke, respektabel genug für einen Herrn Schmitt! Was das für ein Getu ist! Mama : Ich habe dir doch gesagt: behaglich und als wenn nichts wäre! Also das geht einfach nicht. Zieh deinen Gehrock aus! Sie zwingt ihn, den Rock auszuziehen. Häßler in Hemdärmeln: Man könnte wirklich glauben... Mama : Ja, man könnte wirklich glauben, daß ein Vater Verständnis hätte für die Situation! Du wirst die Joppe anziehen. Häßler : So? Trägt man die in der Situation? Das hättest du ja auch vorher... Mama eilt mit dem Gehrock links ab: Häßler setzt sich seufzend auf einen Stuhl. Dritte Szene Häßler : Ida, tu mir den einzigen Gefallen und sieh, daß du mit dem jungen Herrn Schmitt heut ins reine kommst! Ida : Mach nur du deine Sache gut, Papa! Häßler . Sache gut! Du mußt auch mit solchen Redensarten kommen! Ida : Weißt du... Häßler : Es ist sonderbar, um nicht mehr zu sagen, wie mir da gewissermaßen eine Rolle eingedrillt wird. Ida : Das wollen wir doch gar nicht! Häßler : So? Aber jeder Satz wird mir förmlich vorgesprochen. Und dabei ist die Angelegenheit so einfach wie nur möglich. Ein gutsituierter junger Herr will die Tochter eines höheren Beamten heiraten. Schön! Warum nicht? Ida : Aber das ist es gerade mit den höheren Beamten! Häßler : Was ist? Ida : Mama fürchtet, daß du ihm zu sehr imponierst, und daß er sich dann nicht traut, weil er Kaufmann ist... Häßler : Hm... Am Ende dürft ihr mir doch zutrauen, daß ich den rechten Ton finde... Mama tritt von links ein mit einer Hausjoppe. Vierte Szene Mama : So, das ziehst du jetzt an... Sie hilft ihm die Joppe anziehen. Es ist merkwürdig, daß du selber nie das Richtige triffst. Ein Gehrock ist doch immer feierlich, und Feierlichkeit läßt keine familiäre Stimmung aufkommen. Häßler : Sehe ich dir jetzt jovial genug aus? Mama : Setz dich nur in den Lehnstuhl und lies in der Zeitung! Häßler : Jawohl... Er setzt sich und fragt etwas ironisch: Wie heißt mein Stichwort? Mama : Sag nicht Stichwort! Die Sache ist zu ernst für Witze... Häßler nimmt die Zeitung: Wenn ich schon eine Rolle spielen soll, muß ich sie auch können. Also... nicht wahr... wenn er kommt, habe ich aufzuspringen? Mama nervös: Aber nein! Ida : Du sollst doch ganz vertieft sein! Mama zu Ida: Sprich mir nicht drein! Zu Häßler: Du bist vertieft in deine Zeitung. Dann sage ich vorwurfsvoll: Heinrich! Du blickst auf und bist überrascht, daß Besuch da ist, stehst auf und hältst ihm lächelnd die Hand entgegen... oder nein... beide Hände... so... Sie macht es ihm vor. Häßler ironisch: Und lächle fortwährend? Mama spitz: Allerdings. Vielleicht begreifst du, daß es sein muß. Nervös zu Ida: Was stehst du noch herum? Zieh endlich deine Schürze an und geh auf deinen Posten! Ida geht: Ja, Mama. Unter der Tür. Wann darf ich hereinkommen? Mama : Genau zehn Minuten, nachdem er eingetreten ist Dann bleiben wir einige Zeit alle im Zimmer und ungeduldig na ja, ich hab dir's doch schon oft genug gesagt! Ida : Ja, Mama Ab. Fünfte Szene Mama seufzt: Ach Gott... wenn nur das schon in Richtigkeit wäre! Häßler : Das kommt auf euch an... Mama gereizt: Was kommt an? Häßler : Wenn ihr die Sache ordentlich arrangiert habt, warum soll's denn nicht gehen? Mama : Wie kann man so etwas Frivoles nur sagen? Arrangieren! Wir... du auch, nicht wahr... haben geduldet, daß er Ida die Cour machte. Häßler im amtlichen Ton: Ja... und? Mama : Und? Jetzt wird es sein, wie es immer ist. Wir müssen eben hoffen, daß er ernste Absichten hat. Häßler : Soo? Mama : Wir nehmen das an, und haben natürlich Grund dafür. Und weil er gestern beim Kränzchen Ida gefragt hat, ob er uns heute besuchen dürfe... na ja... Häßler ganz amtlich: Nur weiter, wenn ich bitten darf... Mama : Aus dem Ton... und allem... nicht?... weiß Ida, daß er sich heute erklären will. Häßler streitbar: Das heißt: sie glaubt es; sie nimmt es an. Und wir schweben einstweilen in Ungewißheit. Wir haben ganz einfach abzuwarten, ob man unserer Tochter das Schnupftuch zuwirft... Mama : Also... sei so gut... Häßler : Ist es anders? Ist es ein Atom anders?... Ich kann dir nur sagen, wenn ich Mutter wäre, dann wäre ich heute nicht im ungewissen... Mama energisch: Sprich nicht so daher und sieh nicht so rechthaberisch aus! Kein Mensch will dein Schwiegersohn werden, wenn du so aussiehst. Häßler sinkt in den Lehnstuhl zurück: Ja so! Mama : Es hängt alles davon ab, daß Herr Schmitt bei uns warm wird. Häßler : Kann er doch meinetwegen werden. Mama : Das ist sehr die Frage. Junge Männer haben überhaupt eine merkwürdige Scheu vor guten Familien. Häßler : Hm... Kleine Pause Mama : Hast du jemals darüber nachgedacht, warum so viele junge Männer unter ihrem Stand heiraten ? Häßler schlicht: Nein. Mama : Ich will es dir sagen. Weil die Männer selten den Mut haben, höher zu streben. Weil ihr jeder Schwierigkeit aus dem Wege geht. Häßler : Wir? Mama : Ja. Nur durch eure Neigung fürs Legere machen die sonderbarsten Mädchen gute Partien. Häßler : Schön! Aber ich vermisse wieder einmal die Logik. Der junge Herr Schmitt findet doch gar keine Schwierigkeiten bei uns! Mama : Er bildet sie sich ein. Alle bilden sich Schwierigkeiten ein, sobald ein Mädchen von anständiger Familie ist. Die unanständige Familie ist kein solches Hindernis. Häßler : Das können wir kaum mehr ändern. Mama : Aber den Eindruck können wir abschwächen. Häßler : Daß wir eine anständige Familie sind? Mama : Du weißt recht gut, was ich sagen will, und wir haben wirklich keine Ursache, Witze zu machen. Seufzt tief auf. Heinrich, von deinem Benehmen hängt so viel ab! Häßler unwirsch: Ja... ja! Ich werde fortwährend lächeln... ich werde ihm die Hand entgegenstrecken... Mama korrigiert: Beide Hände... Es läutet zweimal, lang und heftig. Häßler : Der junge Mann scheint ja ganz beherzt zu sein. Mama greift hastig nach ihrer Handarbeit. Nervös: Zünde dir eine Zigarre an! Und nimm die Zeitung und schlag die Beine übereinander! Häßler zündet sich eine Zigarre an und liest in der Zeitung und rekelt sich gemütlich im Lehnstuhl. Mama arbeitet. Stille. Die Tür rechts wird langsam geöffnet, und im Rahmen erscheint Frau Babette Bonholzer. Sie ist nach der letzten Dornsteiner Mode aufgedonnert. Von ihrem zugeklappten Regenschirm rinnt ein Bach auf den Boden. Sechste Szene Babette mit sehr lauter, durchdringender Stimme: Da seid's ja! Grüß Gott! Mama sprachlos und tief erschüttert: Ba... Häßler auch fassungslos: Ba-bett! Du? Babette : Gelt, da schaut's? Ich hab mein Mann mitbracht, damit's euch doch endlich amal kenna lernt's! Zu ihrem Mann, der zögernd unter der Tür erscheint: Geh halt rei! Bonholzer tritt ins Zimmer. Er trägt altmodischen, ihm etwas zu weiten Gehrock. Die Hose ist etwas kurz, und man sieht, daß Bonholzer Schaftstiefel trägt. Sein ganzes Äußere verrät den ehemaligen Feldwebel, besonders der starke, durch eine Anleihe seitlich des glattrasierten Kinns buschig gemachte Schnurrbart und das gerötete Gesicht. In der rechten Hand hält Bonholzer einen altmodischen Zylinder, in der linken einen Regenschirm, von dem auch ein Bach ins Zimmer läuft. Babette mit Stolz: Das is mein Josef! Bonholzer macht zwei Schritte gegen Häßler und verbeugt sich: Ich habe die Ehre, den Herrn Schwager zu begrüßen. Mit Verbeugung gegen Mama: Ich habe die Ehre, die Frau Schwägerin zu begrüßen. Babette : Ich hab zu ihm g'sagt, es is höchste Zeit, daß i 'n herbring, daß er doch endlich amal seine nächst'n Verwandt'n siecht. Bonholzer : Natürlicherweise, den Trieb hat der Mensch gewissermaßen, daß es ihn zu seiner Familli hinziehagt... so zu sag'n. Häßler gibt Bonholzer die Hand und bemüht sich jovial zu sein: Da habe ich also den Mann vor mir, den sich meine Schwester erwählt hat? Bonholzer : Jawohl. Indem daß ich in den nämlichen Haus gewohnt hab, wo die Babett befindlich war, wo sie ihren Laden g'habt hat, als Marschad Mod. Babette : Ich hab euch doch alles g'schrieb'n... Häßler : Freilich, du hast uns geschrieben... Babette : Wie er Oberaufseher worn is, hat er sich erklärt... Z'erscht hat er si net traut... Bonholzer : Als pragmatisch geht ma halt leichter in den Hafen der Ehe... gewissermaßen. Häßler gezwungen und verlegen: Natürlich, man wünscht Sicherheit. Bonholzer reibt den Daumen am Zeigefinger: Und der Draht, das Gerstl, der Diridari spielt halt doch sozusag'n auch eine Rolle in der Poesie des Ehelebens. Häßler : Ja... und jedenfalls freue ich mich, den Mann vor mir zu sehen, dem sich meine Schwester für das Leben anvertraut hat. Mama wirft, unbemerkt von Babette und Bonholzer, ihrem Mann beschwörende Blicke zu: Heinrich... verzeihe... Häßler beschwichtigend: Gewiß, Mama... Mit Herzlichkeit zu Babette: Es ist wirklich lieb von dir, daß du uns... äh... dein Eheglück vor Augen führst... Babette : Geh, red doch net gar so g'schwoll'n! Ma hat scho zu euch komma müss'n... denn ihr kommt's ja doch net zu ei'm! Häßler : Du weißt, wie das ist... Zu Bonholzer ... der Dienst! Babette : Net amal bei der Hochzeit habt's euch sehen lass'n! Mama : Das war uns sehr arg, Heinrich und mir. Babette : No!? Mama : Ich hatte schon den Koffer gepackt... Häßler einfallend: Und da wurde ich telegraphisch zu einer Inspektion abgerufen. Babette : Es waar halt weg'n die Leut g'wes'n! Net? Mama : Aber... Babette : Weil seine Verwandten halt auch da war'n. Da weiß ma scho, was da g'redt werd. Da heißt's gleich, mir sin euch vielleicht net fein g'nug. Steigert die Stimme. An Herrn Regierungsrat! Bonholzer : No ja! I hab's zu der Babett g'sagt, und hab's zu meine Verwandten g'sagt. Babett, hab i g'sagt, du bist quasi von einer andern Kategorie und hast, sag i, in eine unterne Kategorie nei'g'heirat... Babette : Geh, hör amal auf mit deiner Kategorie! Ma heirat halt, wen ma kriagt. Bonholzer : Is all's recht. Aber d'Hauptsach is, daß da Mensch sei Kategorie kennt... Häßler : Es ist mir nicht eingefallen, absichtlich von der Hochzeit wegzubleiben... Babette . Dös hab ich auch g'sagt zu de Leut. Das wär noch schöner, hab ich g'sagt, wenn mei einziger Bruder an Protzen raushänga möcht, hab ich g'sagt... Häßler : Wer denkt denn an so was? Babette : Eben! Das hab i auch g'sagt. Z'erscht dös ganze Geld von der Familli verstudiern, hab ich g'sagt, und nacha die leibliche Schwester nicht mehr kennen, das wär doch zu gemein, hab ich g'sagt... Häßler : Also, liebe Babette... Babette : Ma redt bloß davon, net? Unser Mutter hat dich halt studieren lassen, und da is halt nix mehr übrig bliebn für unsereins, denn bald in einer Familli einer studiert, da weiß ma scho, was für d' Schwestern übrig bleibt... Häßler : Ich glaube, wir könnten das Thema verlassen... Babette : I sag bloß, weil er allaweil mit seiner Kategorie daherkommt. Bonholzer : Babett, de muaß der Mensch kennen... Babette : Ja, is schon recht... und jetzt tu amal an Zylinder weg und an Schirm, und den mein aa, und tu net so, als wennst bei fremde Leut wärst! Mama hat sich auf die Lippen gebissen und verzweifelte Blicke nach oben geschickt und deutet mit Kopfschütteln und Augenverdrehen an, daß sie die Langmut ihres Mannes nicht mehr versteht. Ihre Stimme vibriert etwas: Aber Heinrich, ich verstehe dich nicht... Babette hat das Mienenspiel ihrer Schwägerin bemerkt und blickt nun mit äußerstem Argwohn ihren Bruder an, der sich die Weste stramm zieht und in einen salbungsvollen Ton verfällt. Häßler zu Mama, beschwichtigend: Ich weiß, Mama... Zu Bonholzer und Babette: Alles in allem, liebe Schwester... und lieber Schwager... Ihr habt uns durch euern Besuch jedenfalls eine herzliche Freude bereitet... Babette schlägt die Arme untereinander und sieht ihren Bruder beim Predigen mit einer sehr süffisanten Miene an. Gewiß, eine herzliche Freude! Ihr dürft überzeugt sein, daß meine Frau und ich, daß ich und meine Frau schon immer den Mann kennenlernen wollten, mit dem du den Bund für das Leben geschlossen hast, liebe Schwester... Babette mit höhnischer Betonung: So? Häßler feierlich: Ja, Babett, es war für mich als Bruder immerhin von schwerwiegender Bedeutung, es war für mich als Bruder eine Gewissensfrage, ob du zu deinem Glücke gewählt hast. Und die Gewißheit, die ich gewonnen habe, durch Ihre persönliche Bekanntschaft gewonnen habe, lieber Bonholzer, die gibt mir, die gibt uns eine absolute Beruhigung. Mama sehr nervös: Gott! Heinrich... Häßler zieht sich nochmals die Weste stramm: Kurz und gut, meine Lieben, ich hoffe, daß wir uns recht, recht bald wieder sehen werden, und ich bedaure nur, daß ich euch heute nicht einladen kann... Mama fällt ein: Wir hätten euch so gerne zu Mittag dabehalten, aber es trifft sich so unglücklich, unser Herd wird repariert, wir sind selbst eingeladen... Babette höhnisch: So! Stemmt die Arme in die Seite. Für wen halt's ihr ein denn eigentlich? Ihr müßt's ein scho für ausgemacht dumm halt'n. Mama indigniert: Was hast du denn? Babette ihre Stimme steigernd: Frage möcht i no! Mir soll'n dös wahrscheinli net merk'n, wie's ihr ein' nausschmeißts! Häßler würdig: Ich muß aber doch bitten... Babette : Meint's denn ihr, ich hab keine Aug'n?... Bonholzer beschwichtigend: Der Empfang war aber durchaus ehrenvoll... Babette sehr zornig: Geh, sei doch du staad! Zu Häßlers: Ich hab's scho gesehgn, wie's euch anblinzelt habts, i hab's scho gemerkt, wie's von oan Fuß auf den andern g'stand'n seids vor lauter Pressiern, daß 's oan naus bringts... Bonholzer würdig: Halt di zruck, Babett! Zu Häßlers: Die Frau is nämlich a bissel leidenschaftlich... Mama : Wenn ich dir erkläre, daß unser Herd repariert wird... Babette : Der is vielleicht z'sammg'falln aus lauter Freud über unser Ankunft. So was muß ma von sein eigenen Bruder erleb'n! Aber d' Steigenberger Juli hat mir's ja g'sagt! Geh no hin, hat s' g'sagt, dös ander wirst nacha scho sehgn! Häßler auch erzürnt, doch maßvoll: Gut! Was hast du gesehen? Ich bitte mir das einmal zu erklären, was du gesehen hast! Bonholzer : Babett, halt di zruck! Du kummst in deine Leidenschäftlichkeit! Babette wütend: Gar net halt i mi zruck! Zu Häßler: Was i g'sehgn hab? Deine brüderliche Liebe hab i g'sehgn. Und gnua hab i davo! Mama : Aber so mäßige dich doch! Babette : Ich bin net so fein erzogn worn wie gewisse Damen, de hinterrucks mit die Augn blinzeln. I war in koana höhern Töchtaschul, da hat 's Geld net g'langt, weil der Herr Bruada alls braucht hat... Häßler ernst: Das geht wirklich nicht... Babette : Is vielleicht net wahr? Wie oft hat d' Mutter g'sagt, der Heinrich, der dankt's euch Mädeln scho amal, weil's ihr jetzt zu kurz komma seids... Da hat ma'n an Dank! Häßler in voller Höhe: Alles was recht ist, Babett! Jetzt ist meine Geduld zu Ende... Babette :... Die meinige auch! Das hat ma von sein Bruder ! Net amal an Stuhl habt's ein' anbotn! Förmlich nausg'schmissen wird ma... Die Wohnungsglocke läutet vernehmlich. Mama sehr aufgeregt, in tödlicher Unruhe: Um Gottes willen! Das ist er! Babette fährt unbeirrt weiter: Jetzt kennt ma si wenigstens aus mit euch! Jetzt brauchts euch nimmer verstellen... Mama aufgeregt, sich zur Güte zwingend: Ich beschwöre dich, Babett, beruhige dich doch! So beruhige dich doch! Häßler ebenso beschwörend: Kein Mensch hat dir etwas getan! Babette schreiend: So? Is dös vielleicht nix, wenn ma nausg'schmissen wird... Bonholzer : Halt di zruck, Babett! Babette : Sei doch du staad! Du siechst as freili net, wie ma da behandelt werd... Mama tritt dicht vor Babette hin, halb drohend, halb bittend: Verstehst du denn nicht? Es kommt Besuch! Babette läßt die Stimme fallen: Is für den der Herd net brocha...? Siebente Szene Von rechts tritt Herr Max Schmitt ein. Ein junger Herr, so an fünfundzwanzig Jahre alt, mit Großheubacher Eleganz für feierlichen Besuch angezogen. Schwarze Beinkleider zum Gehrock, Glacéhandschuhe, die er, auf Anstand bedacht, nicht auszieht. Sein Haar ist in der Mitte gescheitelt. Der kleine Schnurrbart ist nach Haby behandelt, ein Spitzbärtchen mildert aber das martialische Aussehen. Ein goldener Zwicker, dessen Schnur sorgfältig über das Ohr gelegt ist, zeugt von Bildung; um den Stehkragen, der den Adamsapfel frei läßt, ist eine Lavallièrekrawatte geknöpft. Lackstiefel verraten Sinn für Eleganz. Er tritt schüchtern ein und ist sichtlich betroffen von der Anwesenheit des Ehepaares Bonholzer. Mama Häßler eilt mit überströmender Herzlichkeit, die infolge ihrer Aufregung noch gesteigert ist, auf Schmitt zu und streckt ihm beide Hände entgegen. Mama : Wie das lieb ist von Ihnen, Herr Schmitt, daß Sie nun kommen! Das Kind hat mir ja gesagt... Häßler auch ungemein herzlich: Sehr erfreut, lieber Herr Schmitt, Sie bei uns zu sehen... Ida hat uns davon gesagt... Schmitt der verlegene Blicke nach Bonholzer geworfen hat: Ja... Jawohl... Fräulein Ida... Ihr Fräulein Tochter sagte, daß ich mir erlauben dürfe... Mama : Ach Gott! Ich sage Ihnen, wie das Kind von dem gestrigen Abend entzückt war! Sie konnte sich zu Hause noch lange nicht beruhigen... Schmitt : Ja... jawohl. Er wirft wieder einen verlegenen Blick nach Bonholzer. Zwischen dem Ehepaar hat sich ein stummes Gebärdenspiel entwickelt. Bonholzer bedeutet seiner Frau, daß es schicklich sei, zu gehen. Babette bedeutet ihrem Mann, daß sie erst recht bleibe. Häßler rettet die Situation: Ach, Verzeihung, Herr Schmitt, meine Schwester und ihr Mann aus Dornstein... haben uns heute mit ihrem Besuche überrascht... Herr Großkaufmann Schmitt von hier... tja... Verlegen und mit gemachter Freundlichkeit zu Babette: Wollt ihr noch... äh... einen Augenblick bleiben... oder? Babette anzüglich: No... wenn ihr ein schon gar nicht fortlaßt, was kann man machen? Zu Bonholzer: Bleiben ma halt, Josef! Mama tritt zu dem Ehepaar, gezwungen höflich: So gebt doch eure Schirme! Sie nimmt die Schirme, wobei sie Babette mit Hoheit und doch vorwurfsvoll ansieht und stellt die Schirme hinaus, ohne das Zimmer zu verlassen. Häßler zu Schmitt: Ihren Zylinder, lieber Herr Schmitt... Er nimmt ihn ab und legt ihn auf den nächsten Stuhl. Schmitt : Ich würde es bedauern, wenn ich die Herrschaften stören würde... Mama rasch einfallend: Wie können Sie denken!... Und meine Schwägerin will ja ohnehin Gänge machen... Babette : Dös könna ma auch verschieb'n... Mama : Wie ihr wollt... aber jedenfalls, Herr Schmitt, mit Betonung , Ihren lieben Besuch haben wir ja erwartet... und jetzt wollen wir uns setzen... Sie setzt sich an den runden Tisch und weist Herrn Schmitt einen Platz neben sich an. Häßler zu den Bonholzers, indem er auf Stühle deutet: Wenn Ihr wollt? Babette : So eine seltene Ehre darf man nicht ausschlag'n. Häßler gezwungen lächelnd: Du bist komisch, Babette. Babette sehr anzüglich: Ich? Sie setzt sich neben Bonholzer, der seinen Zylinder neben sich auf den Boden stellt. Mama zu Häßler, indem sie auf den Stuhl neben Herrn Schmitt weist: Papa, den Stuhl mußt du für Idchen freilassen. Häßler tut es. Schmitt : Darf ich fragen, wie sich Ihr Fräulein Tochter befindet? Mama : O sehr gut... Sie ist heute noch wie verklärt. Schmitt Sieht sich etwas hilflos um.: Und... Mama lieblich: Ida wird gleich kommen; sie ist noch in der Küche beschäftigt. Babette auflachend: Beim brochenen Herd! Mama freundlichst: Wie? Babette : Ich frag bloß, ob s' den brochenen Herd flicken muß? Mama milde lächelnd: Es gibt ja auch noch andres zu tun. Wendet sich von Babette ab zu Schmitt: Das Kind ist so häuslich und kaum wegzubringen von ihrer Arbeit! Häßler zu Schmitt: Wir alle sind Ihnen noch Dank schuldig für den schönen Abend in der Harmonie. Schmitt sich vorbeugend: Ich hoffe, Herr Regierungsrat haben sich gut unterhalten... Häßler . Aber glänzend... Schmitt : Es ist für uns eine Ehre, auch in hohen Beamtenkreisen Anklang zu finden. Häßler strömt eine ungemeine Jovialität aus: Lieber Herr Schmitt... ich kann Ihnen nur eines sagen: ich habe mich nie wohler gefühlt, und ich fühle mich nie wohler als in den kernigen echten Bürgerkreisen. Babette : Dös muß aber neuerer Zeit sein! Häßler milde, verweisend: Wie meinst du, Babette? Babette : Ich mein, daß d' früher allaweil über die Bürger g'schimpft hast... Häßler lächelnd: Ich? Babette kommt in Eifer: No, wie oft hat unser Mutter g'sagt, du sollst dich in acht nehma mit deine Äußerungen! Weilst du's nie anderst g'heißen hast als wie ungebildete Protzen... Häßler muß milde bleiben: Vielleicht habe ich in meiner Jugend noch mehr Dummheiten gesagt... und ich fürchte fast, du hast dir alles gemerkt... Babette : Was ma so oft hört, kann ma sich scho merk'n. Häßler bricht ab: Tja... ja... Zu Schmitt Ich erinnere mich schon lange nicht mehr an einen so hübschen, ich möchte sagen, gemütvollen Abend... Schmitt : Und hat Ihr Fräulein Tochter... Mama schelmisch: Oh! Ich darf Ihnen nicht verraten, wie sie auf der Heimfahrt geschwärmt hat... Häßler : Sind Sie noch lange geblieben? Schmitt lebhafter: Nein! Nachdem die Herrschaften sich entfernt hatten, mochte ich nicht länger bleiben... Mama geht reizvoll auf den wärmeren Ton ein: Ei! Was für ein Kompliment! Wollen Sie uns als den Magnet bezeichnen? Schmitt lächelt glücklich : Ja... ich wollte nur sagen... Mama droht mit dem Finger, sehr schelmisch: Gilt das für uns alle... oder...? Schmitt lächelt noch glücklicher und würde vielleicht etwas Verfängliches sagen, wenn nicht Bonholzer, der sichtlich unruhig auf seinem Sessel geworden ist, nunmehr einfiele. Er wendet sich an Häßler. Bonholzer : Herr Schwager, Sie entschuldigen betreff den Punkt, den wo da voring die Babett berührt hat, net wahr, da möcht ich mir diesbezüglich eine Bemerkung erlaub'n... Häßler runzelt die Stirn, ungnädig: Was ist? Bonholzer : Passens auf, i bin da ganz Ihrer Meinigung. Betreff, was de Babett sagt, daß Sie g'sagt hamm, net? Daß also der Bürger im Gegensatz zum Beamten – net? – also dös is dann gleich, von welchener Kategorie – daß also der Bürger betreff sein er reibt den Daumen am Zeigefinger Diridari, sein Gerstl sozusag'n... scho a bissel an Wahn hat... Häßler noch ungnädiger: Ich weiß nicht, guter Herr Bonholzer, von was Sie sprechen. Babette sehr unwirsch: Laß 'n halt ausred'n! Bonholzer ahnungslos: Na, passen S' auf, Herr Schwager, i bin ja ganz Ihrer Meinigung; betreff diese Einbildung gewisser Elemente der Bürgerschaft... daß ma also da scho gewissermaßen von Protzen red'n darf. Da hamm Sie durchaus recht. Häßler : Sie irren sich... Bonholzer erklärend: Was d' Babett sagt, net wahr, betreff dieses... daß also früherszeit Ihre Äußerung... Häßler sehr diktatorisch: Sie irren sich, und ich erkläre Ihnen das ein andermal... Zu Schmitt: Wie geht es Ihrer verehrten Frau Mutter, Herr Schmitt? Bonholzer führt mit Babette eine stumme Gebärdensprache. Er deutet an, man werde schon noch ins klare kommen. Schmitt : Ich danke der Nachfrage. Sie läßt sich den Herrschaften bestens empfehlen. Mama bekümmert: Sie ist leider nicht ganz wohl? Schmitt : Sie hat etwas Gicht... Mama : Ida sagte mir's... sie war ja neulich bei Ihrer Frau Mutter... Schmitt lebhaft: Ja, am Donnerstag... Mama : Sie erzählte uns, wie lieb Ihre Mutter zu ihr war... Schmitt kommt in Eifer: Wir arrangierten gerade in unserer Auslage die Frühjahrsneuheiten, und da kam Fräulein Ida, korrigiert sich, und da kam Ihre Fräulein Tochter und half gleich mit... Mama : Sie hat viel praktischen Sinn... Schmitt : Das sagte meine Mutter auch... und sie hat sich gewundert, weil doch Fräulein aus Beamtenkreisen... Mama schlicht: Wir haben sie zur Einfachheit und zur Arbeit erzogen... Häßler : Und nur nichts von Beamtenkreisen... diese Art Hochmut... hat es in meinem Hause nie gegeben... Babette : Geh, hör auf! Da kunnt oan' glei schlecht wern... Sie schaut zur Decke hinauf, als ob sie deren Einsturz erwarte. Aber vor sie ihrer Bitterkeit neuen Ausfluß verschaffen kann, fällt Mama hindernd ein. Mama : Und da hat das Kind einfach mitgeholfen? Schmitt lebhaft: Ja! Fräulein Ida nahm Rosa Liberty und drapierte es in malerischen Falten er macht entsprechende Handbewegungen über weißem Seidenmusselin, und unten hin breitete sie türkisblauen Taft, und oben auf die Rosa Liberty legte Fräulein Ida ein paar künstliche Blumen, wie hingehaucht, er illustriert es mit sehr zierlichen Bewegungen der Finger, und es sah prachtvoll aus... Mama : Und das machte sie so ganz selbstverständlich...? Schmitt : Ja... wir sahen bloß zu... und meine Mutter sagte, es ist wirklich schade, daß Fräulein Ida nicht öfter... meine Mutter sagte, es wäre zu schön, wenn Fräulein Ida immer... Er stockt verlegen. Spannung. Mama überfließend: Was sagte Ihre liebe Mutter? Hier greift Bonholzer ein, was eine vernichtende Wirkung auf Papa und Mama ausübt, die Herrn Schmitt so nahe an das erlösende Wort hingedrängt hatten. Mama wirft auf Papa einen Blick der tödlichsten Verzweiflung. Papa wird nur durch die Angst vor einem Skandal von einer fürchterlichen Entladung abgehalten. Bonholzer : Sie entschuldingen, Herr Schwager, ich glaub, daß mir betreff unsern voringen Dischkurs uns gewissermaßen in einem Irrtum befindlich san. Nämlich, weil ich dös nämliche sag, was Sie ja auch sag'n – net –, daß ma also grad in der Bürgerschaft eine Kategorie von Protzen trifft, die wo... Häßler sehr unmutig: Es fällt mir nicht ein, so etwas Törichtes zu sagen. Bonholzer eifrig, ahnungslos: Na, na, Herr Schwager. Ich glaube, daß Eahna Sie irr'n, durch dös nemlich, weil Sie quasi der Ansicht san, daß ich Ihnen widersprech'n will. Aba ich behaupte durchaus, daß Sie recht hamm. Verstengen Sie mich gut! Und das behaupte ich durch meine Erfahrung, wo ich natürlich auch schon oft mit solchene großkopfete Geldprotzen gemacht habe... Häßler : Vielleicht verstehen Sie endlich, daß ich davon nichts mehr hören will... Babette empört und streitbar: No, red'n werd er do no derf'n, wenn mir aa bloß die kleinen Verwandten san! Bonholzer gutmütig: Paß auf, Babett, dei Herr Bruada und i, mir san bloß no net beinanda... aha... mir komma scho no z'samm... Mama lächelt mit dem Aufgebote ihrer letzten Kraft Babette freundlich und beschwichtigend an und wendet sich dann an Schmitt: Und was sagte Ihre liebe Mutter? Schmitt ist zu rauh aus seinem Gedankengange gerissen worden und findet sich nicht mehr zurecht: Meine Mutter? Mama : Sie erzählten, daß Ida so tüchtig mithalf, und daß dann Ihre Frau Mutter sich sehr anerkennend... darüber äußerte...? Schmitt : Ja... jawohl sehr anerkennend Er sieht hilflos nach der Tür und macht Anstalten, sich zu erheben ... aber ich störe heute die Herrschaften. Mama flehend: Nein! Herr Schmitt! Achte Szene Ida kommt lächelnd zur Tür rechts herein mit vorgebundner Schürze, geröteten Wangen. Sie wirft einen erschrockenen Blick auf die Bonholzerischen, faßt sich aber sogleich und geht wieder lächelnd auf die Mama und Herrn Schmitt zu, der aufgestanden ist und mehrere Verbeugungen macht. Mama erlöst und gerührt: Da bist du ja, Kind! Ida : Ich mußte ja noch in der Küche helfen... Sie reicht mit einem schelmischen Augenaufschlag Herrn Schmitt die Hand. Guten Morgen, Herr Schmitt! Das ist aber eine Überraschung! Schmitt bestürzt: Ich dachte... Fräulein Ida sagten doch... ich sagte doch... daß ich mir erlauben würde... Ida neckisch: Ich glaubte, Sie würden am Ende verschlafen... Schmitt lebhaft: Aber wie können Sie glauben... ich... ich habe überhaupt... nicht geschlafen... Ida : Hat es so lange gedauert? Schmitt : Nein... ich... im Gegenteil... ich bin gleich nach den Herrschaften heimgegangen... Mama : Sieh mal, was Herr Schmitt für Komplimente machen kann... Schmitt : ... Ich mochte nicht mehr... ich war nicht mehr disponiert. Ida : Aber der Abend war himmlisch... ich werde ihn nie... nie vergessen. Sie gibt wieder mit sehr hübschem Augenaufschlag Herrn Schmitt die Hand, der sie liebevoll schüttelt und nicht ausläßt. Schmitt glücklich lächelnd: Ja... jawohl... ich auch nicht... Babette hat mit steigendem Unwillen bis jetzt ihre Ausschaltung geduldet. Nunmehr spricht sie laut und feindselig zu Ida. Babette : No weißt d', Grüß Gott derfst eigentlich zu deiner Tant schon noch sag'n! Ida reißt sich vom Anblick des Herrn Schmitt los, ihre Hand langsam zurückziehend, und wendet sich sehr verlegen zu Babette: Ach verzeih, ich wußte nicht gleich... Sie reicht ihr die Hand. Babette : Wer mir sin! No ja, Kleinigkeit'n vergißt ma leicht... Ida : Nein... aber... Sie blickt hilfesuchend auf Mama ... ich... hatte so gar keine Ahnung. Mama : Wir waren ja alle auf die Überraschung nicht gefaßt Babette : Mit der Zeit werd's euch ja erhol'n... Ida freundlich: Wie geht's dir immer? Babette : Ich danke der Nachfrag, bescheiden... Wie's halt unserein geht. Aber was fehlt denn dir? Ida findet die Frage komisch: Mir? Babette : Du kommst ma so blaß vor! No ja, du warst ja allaweil a schwach's Kind! Mama : Unsere Ida? Häßler : Der Wildfang! Mama : Die die Gesundheit selbst ist! Babette : Freßts mi no net auf! Mich freut's ja, wenn s' gesünder worn is, als ma glaubt hat, damals, wie s' die Masern g'habt hat... Häßler : Dein Gedächtnis ist außerordentlich, Babette... Zu Ida, indem er auf den leeren Stuhl deutet, der zwischen ihm und Herrn Schmitt ist: Nun, nimm doch Platz... Ida will um den Tisch gehen, wird aber von Babette aufgehalten. Babette : Vielleicht schenkst dei'm Onk'l auch die Ehr? Ida nach einem hilfesuchenden Blick zu Schmitt Herrn Bonholzer die Hand reichend: Ach so... dein... Babette : Mein Gemahl, ja! Vielleicht hast d' flüchtig davon g'hört, daß ich g'heirat hab... Ida zu Bonholzer: Freut mich sehr... Reicht ihm die Hand, die Bonholzer festhält. Bonholzer jovial und mit der Galanterie des alten Feldwebels: Ganz meinerseits die Freude. Das is schon quasi ein Glücksfall, wenn ma so a saubers Fräulein Nichterl daheirat... Babette : Jetzt sag gar Fräulein! Und i hab s' no im Kinderwagl g'fahrn. Bonholzer jovial galant: Dös is tausend Woch'n her, und seit dera Zeit hat si dös Kind ausg'wachs'n, und net schlecht ausg'wachs'n... Ida blickt hilfesuchend um, verlegen: Ja, aber... Bonholzer sie noch immer festhaltend: ... Sie san der Glanzpunkt des heutigen Freudentages... und jetzt bin ich erst froh, daß mir blieben san, weil mir das Schicksal Ihre Bekanntschaft... ah... wia sagt ma... vermittelt hat... net? Schmitt steht auf: Wenn die Herrschaften gestatten, ich möchte nun doch gehen... Nachdem Sie Familienbesuch haben... Ida macht ihre Hand hastig frei und bricht in den Schmerzensruf aus: Aber Mama! Sie preßt die Hand vor die Augen und eilt schluchzend rechts ab. Mama ist aufgesprungen und ein paar Schritte nachgeeilt: Ida! Kind! Schmitt stürzt der Mama nach, fassungslos: Was ist? Was hat... Fräulein Ida...? Mama die mit Schmitt bis zur Tür gekommen ist: Vielleicht sehen Sie... lieber... guter Herr Schmitt... Schmitt : Ja... jawohl... Schnell rechts ab. Neunte Szene Babette ist ebenfalls aufgestanden: Na! Also so was g'schupftes! Mama stürzt mit flammenden Blicken auf sie los.: Ich verbitte mir deine ordinären Ausdrücke... Babette will loslegen: Wer ordanär? Was ordanär?... Aber Mama tritt dicht vor sie hin und donnert sie an. Mama : Du schweigst! Bonholzer : Sie entschuldinga... Herr Schwager... Häßler brüllt ihn an: Sie schweigen auch! Babette : Ihr spinnt's ja im höchsten Grad... Mama bei der nun alle verhaltenen Empörungen ausbrechen: Ich kenne dich, Babette! Ich kenne deine böse Zunge und weiß... daß dir nichts heilig ist! Babette : Was is... Mama sie überschreiend: Jetzt rede ich! Ich weiß, was du für eine bist; ich habe immer geschwiegen, aber jetzt ist meine Geduld zu Ende. Das Glück meines Kindes lasse ich von dir nicht zerstören... Babette ringt nach Luft: Jessas! Jessas! Mama wird immer rhetorischer und geht vor Babette wie eine zürnende Löwin auf und ab: Jawohl zerstören! Oh! Du mußt nicht glauben, daß ich es nicht bemerkt habe, wie du Jahr um Jahr dein Gift gegen unser Familienglück gespritzt hast... und jetzt bist du gekommen, um das Lebensglück unseres Kindes zu vernichten, um ihre Hoffnungen mit Füßen zu treten... Babette : Jessas! Jessas! Mama : Aber wenn du glaubst, daß ich das auch noch ertrage, wenn du glaubst, daß du alles mit Schmutz bewerfen darfst, dann will ich dir sagen, daß ich mich als Mutter vor mein Kind stelle, daß ich es schütze gegen dich und deinesgleichen... Babette : Jessas! Jessas! Bonholzer zupft Häßler am Ärmel und will mit ihm diesen Weibertumult beschwichtigen.: Herr Schwager... Häßler brüllt ihn an: Schweigen Sie! Bonholzer : Sie entschuldingen... Häßler brüllt: Ich entschuldige gar nichts... ich entschuldige nicht das mindeste... ich habe schon viel zu viel entschuldigt... Herr, was erlauben Sie sich denn eigentlich? Seit einer halben Stunde sitze ich wie auf Kohlen... wer sind Sie denn, daß Sie sich das in meinem Hause erlauben dürfen... dieses Attentat auf das Glück unseres Kindes... Babette schreit, da sie nun endlich Luft hat: Josef! Mir san ja in an Narrenhaus!... In diesem Augenblick öffnet sich die Tür rechts, und Ida kommt glückstrahlend Arm in Arm mit dem ebenso seligen Schmitt herein. Pause. Zehnte Szene Ida jubelt: Mama! Papa! Max hat... Mama schreit auf: Kinder! Umarmt Ida, dann Schmitt. Nun ist ja alles gut geworden... Babette bitter und höhnisch: O mei! Als ob ma dös net glei g'merkt hätt! Vorhang