Ludwig Thoma Satiren Inhalt Assessor Karlchen Tja –! O Natur! Käsebiers Italienreise Der Postsekretär im Himmel Peter Spanningers Liebesabenteuer Der Star Das Kälbchen Der Krieg in China Die Halsen-Buben Agricola Solide Köpfe Monika Das Volkslied Der Biedermann Unser guater, alter Herzog Karl Der Hofbauer Eine psychologische Studie Assessor Karlchen Ich kenne Karlchen schon lange. Wir waren zusammen auf dem Gymnasium. Ich schmiss ihn einmal so an den Ofen, dass er einen Backenzahn verlor und ich wegen entsetzlicher Roheit zwei Stunden Karzer erhielt. Karlchen hatte nämlich schon damals eine Neigung zum Anzeigeerstatten und lief zum Rektor, welcher mir erklärte, dass auch bei den alten Griechen die Verbrecher ihre Laufbahn mit solchen Handlungen begonnen hätten. Man sieht, es sind keine angenehmen Erinnerungen, die Karlchens Name in mir wachruft, aber niemand soll glauben, dass ich deshalb diese Geschichte von ihm erzähle. Ich hatte ihm wirklich verziehen, weil er der Dümmste in unserer Klasse war. Später wurde er Assessor in München. Diese Bevorzugung flößte ihm eine hohe Meinung von seinen Fähigkeiten ein und er verschmähte es fortan, mich auf der Straße zu grüßen. Trotzdem werde ich ganz objektiv bleiben. Eines Tages also meldete sich bei Karlchen der Kriminalschutzmann Alois Schmuttermaier und erzählte, dass eine gewisse Baronin Werneck im nördlichen Stadtviertel seine Aufmerksamkeit erregt habe. »Dieses Frauenzimmer«, sagte er, »scheint einen unbändigen Lebenswandel zur Schande der Nachbarn zu führen.« »Wie sprechen Sie von den Spitzen der Gesellschaft? Was erlauben Sie sich eigentlich?«, fragte Karlchen und seine wasserblauen Augen sahen drohend über den Zwicker hinweg. »Entschuldigen, verzeihen, Herr Assessor, ich glaube gehorsamst, das Mensch ist gar keine Baronin, sondern aus Salzburg«. »Ah so! Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?« »Entschuldigen, verzeihen ...« »Schon gut! Merken Sie sich ein für alle Mal, ich liebe Klarheit, absolute Klarheit. Fahren Sie fort!« »Jawoll, Her Assessor! Ich habe eifrig recherchiert, weil mir Herr Assessor befahlen auf die Unzucht ein wachsames Auge zu werfen.« Karlchen nickte beifällig. »Ich habe«, fuhr Schmuttermaier fort, »verschiedene Verdachtsmomente gesammelt. Allein, wenn mir Herr Assessor erlauben zu bemerken, ich glaube, dass man diese Frauenzimmer in flagranti erwischen muss, weil man sonst nichts ganz Gewisses weiß.« »Allerdings, hm! Allerdings!« »Und wenn mir Herr Assessor erlauben, ich habe eine Idee.« »Nur heraus damit«, sagte Karlchen leutselig, »Sie wissen ja, ich liebe es, wenn die Vollzugsorgane Initiative zeigen.« »Jawoll, Herr Assessor!« »Nun also, was ist das mit Ihrer sogenannten Idee?« »Ich meinte gehorsamst, wenn ich ... wenn ich, hm!« Hier räusperte sich Schmuttermaier verlegen und nestelte mit der Hand an seinem Uniformkragen. »Etwas rascher!«, drängte Karlchen. »Zu Befehl, Herr Assessor ... wenn ich ... wenn ich das Frauenzimmer selbst auf die Probe stellen würde.« »Probe? Wie denn? Was denn?« »Als Don Schuang!« »Ach so! Hm! Ja, das ist wahr, das geht. Aber, Schmuttermaier, ich hoffe, dass Sie nur aus Pflichtgefühl auf diesen Gedanken gerieten?« »Jawoll, Herr Assessor!« »Schön! In diesem Falle haben Sie meine Billigung. Sie können gehen.« Schmuttermaier rührte sich nicht vom Platze. »Was wollen Sie noch?«, fragte Karlchen. »Zu Befehl, Herr Assessor! Ich habe kein Geld nicht.« »Hm! An der Kasse können Sie es nicht wohl erheben. Ich will Ihnen was sagen, Schmuttermaier, ich habe Sie als diensteifrigen Beamten kennen gelernt. Hier haben Sie zwanzig Mark, aber ich mache es Ihnen zur unabweislichen Pflicht, ich gebe Ihnen den dienstlichen Befehl, verstehen Sie wohl, den dienstlichen Befehl, dass kein anderes Gefühl in dieser heiklen Angelegenheit aufkommen darf als das der strengsten Pflichterfüllung.« »Jawoll, Herr Assessor!«, sagte Schmuttermaier so laut, knapp und militärisch, wie man es bei der Verwaltung liebt. Dann drehte er kurz um und begab sich auf seine Mission. Zwei Tage später kam in den Einlauf der Polizeidirektion eine sechs Seiten lange Anzeige des Schutzmannes Alois Schmuttermaier betreff Philippine Weizenbeck alias Baronin Werneck wegen überraschter Unzucht. Karlchen freute sich als Mensch und Beamter über diese prompte Entlarvung eines jener unseligen Geschöpfe, welche im Sumpfe der Großstadt gedeihen. Er ließ die Delinquentin sofort zitieren; Philippine erschien. Sie erfüllte den Korridor und das Verhörzimmer mit durchdringendem Patschuliduft und versuchte ganz vergeblich durch den Liebreiz ihrer Erscheinung auf Karlchen zu wirken. Sie wies mit Entrüstung die »ordanären« Verleumdungen zurück; allein, als sie im besten Zuge war, erschien unter der Türe der klassische Zeuge Alois Schmuttermaier in Uniform. Der Eindruck war fürchterlich; das treuherzige Geschöpf sah ein, dass sie dem überlegenen Polizeigeist zum Opfer gefallen war, und ließ alles mit sich geschehen; sie wurde acht Tage eingesperrt und sodann in ihre schöne Heimat verschubt. Karlchen verfehlte nicht, höheren Ortes darauf hinzuweisen, dass seinem Spürsinn die Entdeckung der Salzburger Bathseba gelungen war, und er konnte aus manchen Dingen schließen, dass ihm die Tat hoch angerechnet wurde. Eines Tages begab es sich sogar, dass ihn Exzellenz ansprachen, als sie sich gerade auf die Retirade begeben wollten. »Ah, da ist ja der Herr Assessor Maier! Schön, schön«, sagten Exzellenz und zogen sich dann zurück. Diese Äußerung wurde in der Beamtenwelt viel bemerkt und man prophezeite unserm Karlchen eine gute Zukunft. Kein Mensch dachte mehr an die Philippine Weizenbeck; selbst Schmuttermaier hatte sie vergessen, sie, die doch ganz anders war als die Kocherl seines Bezirkes. Da wurde er plötzlich an sie erinnert. Aus Salzburg kam ihm die Botschaft. Sie war auf jenem Papier geschrieben, welches die kaiserlich-königliche Regierung für amtliche Kundmachungen und zum Einwickeln des Tabakes benützt. In dem Schriftstück hieß es, dass eine sichere Weizenbeck ledigen Standes ein Kind geboren und hiezu als Vater das bayerische Sicherheitsorgan Schmuttermaier benannt habe. Ob sich der Genannte hierzu bekenne und diesfalls den Unterhalt mit sieben Gulden den Monat bestreiten wolle? Als sich der Adressat von der ersten Überraschung erholt hatte, ging er zu dem königlichen Assessor Karl Maier und berichtete ihm das Geschehnis. Karlchen war wütend. »Habe ich Ihnen nicht gesagt, dass Ihre Recherche von dem strengsten Pflichtgefühl getragen sein muss? Habe ich das gesagt?« »Jawoll, Herr Assessor!« »So? Und jetzt kommen Sie mir mit dieser ... mit dieser Schweinerei? Die Folgen haben Sie selbst zu tragen! Abtreten!« Alois Schmuttermaier war keineswegs gesonnen, seinen Gehalt um sieben Gulden oder zwölf Mark pro Monate zu kürzen. Er richtete ein längeres Schreiben an die Salzburger Behörde, in welchem er ausführlich darlegte: Erstens, dass er überhaupts kein Geld nicht habe, und zweitens, dass es sich hier nicht um die Frucht der unerlaubten Liebe, sondern einer dienstlichen Verrichtung handle. Indem in Bayern der Grundsatz gelte, dass der Staat für die amtlichen Handlungen seiner Beamten aufkomme und hier also die königliche Polizeidirektion das durch kriminelle Recherche zur Welt gekommene Kind bezahlen müsse. Indem es doch kein Gesetz gebe, welches den Beamten für seinen Gehorsam bestraft. »Einer jenseitigen kaiserlich-königlichen Bezirkshauptmannschaft ganz ergebenster Alois Schmuttermaier.« Die Österreicher verweigerten den rechtlichen Anschauungen des bayrischen Sicherheitsorganes ihre Anerkennung und ersuchten kurzerhand die Polizeidirektion selbst, die Sache in Ordnung zu bringen. Auf diese Weise musste Schmuttermaier vor das Angesicht des Herrn Präsidenten treten. Der Gedanke an die Schmälerung seiner Einkünfte verlieh ihm Kraft. Er blieb fest und berief sich darauf, dass er im Vollzuge eines dienstlichen Auftrages gehandelt habe. Nun wurde Karlchen herbeigeholt. Als er in längerer Rede dartun wollte, dass Schmuttermaier entgegen dem klaren Befehle offenbar nicht bloß das strengste Pflichtgefühl beim Vollzuge der Recherche habe walten lassen und so weiter, wurde er barsch unterbrochen. Exzellenz bedeuteten ihm, dass vor allem jeder Skandal vermieden werden müsse und dass es ohnehin höchst sonderbar sei, wenn ein Beamter die niedrigen Gelüste eines Gendarmen durch Darlehen von zwanzig Mark unterstütze, »höchst sonderbar, hö... höchst sonderbar, ze ze!« Was blieb meinem Karlchen übrig? Er musste retten, was noch zu retten war, und so kam es, dass er, der königlich bayerische Bezirksamtsassessor, die Alimente bezahlte für das illegitime Kind der Philippine Weizenbeck alias Baronin Werneck, welches zum Dank hierfür bei der Taufe den Namen Karl erhielt. Tja –! Eine bunte Gesellschaft, wie sie die Sommerfrische zusammenführt, saß im Postgarten zu Binswang und freute sich des schönen Abends und führte kluge Gespräche über dies und das. Alle Anwesenden vorzustellen wäre ermüdend, denn es waren zwei lange Tische, an denen in dichter Folge Männer und Frauen saßen, und es genügt hier zu sagen, dass ein Kommerzienrat Distelkamp aus Barmen wie auch ein Landgerichtsdirektor Höfler aus Fürth und ein pensionierter Hauptmann darunter waren und dem Kreise das Gepräge der besseren Gesellschaft verliehen. Auch das bedeutende oder interessante Element fehlte nicht, da am Vormittag der bekannte Schriftsteller Harry Mertens eingetroffen war, dessen lyrische Gedichte und Versdramen nicht erst hervorgehoben werden müssen. Er saß neben seiner Frau, die ihn an Stattlichkeit bei weitem übertraf, denn er war eine kleine, semmelblonde Erscheinung mit kreisrunden blauen Augen und einem merkwürdig entsagungsvollen Lächeln um den süßen Dichtermund, während die einen heftig arbeitenden Busen, pralle Arme und ein Doppelkinn hatte. Die Gesellschaft würdigte vollkommen die Ehre, mit einem gedruckten, besprochenen und aufgeführten Genius unseres Volkes an einem Tisch zu sitzen, und nicht nur waren es die Damen, welche mit leuchtenden Augen an ihm hingen, sondern auch die Herren Diestelkamp und Höfler legten eine mit Neugierde vermischter Ehrerbietung an den Tag. Man hatte unmittelbar nach Mertens' Ankunft nicht geahnt, mit wem man es zu tun hatte, und Frau Mertens hatte nicht früher als beim ersten Mittagmahl Gelegenheit gefunden solche Bemerkungen einzustreuen, welche allgemeine Aufklärung verschafften, indem sie laut nach einer Zeitung rief und den Semmelblonden fragte, ob nichts von ihm oder über ihn darin stünde. Sie wiederholte die Frage, schlug die stark rauschenden Blätter hastig um, überflog das Gedruckte und sagte, dass zu ihrer Verwunderung keine Notiz zu finden sei. Sie beruhigte sich erst, als die Pfeile saßen und von den Nebentischen forschende Blicke ihren Mann streiften, der seine Suppe aß und sich apathisch wie ein dem Publikum vorgezeigter Menagerielöwe verhielt. Frau Mertens warf zwischen Rindfleisch und Mehlspeise und zwischen Mehlspeise und Kaffee noch mehrmals die Angel aus, und als man sich erhob, biss Frau Direktor Höfler an und erhielt auf schüchterne Fragen eine erschöpfende Belehrung über das Stück Literaturgeschichte, welches der Zufall in ihren Kreis geworfen hatte. Am Abend war dann alle Welt so unterrichtet, dass sie dem Dichter Bewunderung zeigen und Kenntnis seiner Werke heucheln konnte. »Woher nehmen Sie Ihre Stoffe«, fragte Landgerichtsdirektor Höfler, der hier zum ersten Mal einen Genius verhören konnte und entschlossen war das Wesen der Schriftstellerei zu zerlegen. »Bietet sich Ihnen der Stoff, wenn ich so sagen darf, zufällig dar oder erfassen Sie durch einen Willensakt die Materie, der Sie dann poetische Form verleihen?« »Tja ...«, sagte der Dichter. »Ich meine, gehen Sie mit Überlegung und Absicht an das Objekt heran oder drängt es sich unabhängig und gewissermaßen fertig Ihrem subjektiven Empfinden auf oder ...« »Tja ...«, sagte der Dichter. »Oder«, wiederholte Höfler mit erhobener Stimme, denn er liebte es nicht, unterbrochen zu werden, »oder ist die Produktion in ihrem ersten Stadium ein von den den Willen bildenden Momenten unabhängiger Vorgang Ihrer Phantasie, welcher dann erst in seinem späteren Verlaufe in den Bereich Ihrer geistigen Machtsphäre gelangt und so Ihrem formenden Verstande unterworfen wird?« »Er macht alles mit der Phantasie«, warf Frau Mertens ein, »er sitzt oft den ganzen Tag da und hat bloß Phantasie im Kopf; und dann kann man mit ihm reden, was man will – er hört einen nicht.« »Das wäre also ein passiv empfangender Vorgang, der zeitlich dem aktiv gestaltenden vorausgeht«, bestätigte Direktor Höfler und sammelte zustimmendes Kopfnicken ein, indem er die Tafel entlangblickte. »Ich denke es mir furchtbar interessant«, sagte Frau Kommerzienrat Diestelkamp, »wie so eine Dichtung entsteht; das muss zu spannend sein! Was hat man da nun eigentlich für ein Gefühl dabei?« »Tja ...«, sagte der Dichter. »Das kann ich Ihnen ganz genau sagen, was wir da für ein Gefühl haben«, warf wiederum Frau Mertens ein. »Zuerst, wenn wir anfangen, ist es sehr nett, weil man sich darauf freut, und dann in der Mitte wird es traurig, weil es oft nicht geht, aber dann, wenn es heraußen ist, sind wir wieder froh.« »Ich kann mir das sehr gut vorstellen«, meinte Frau Diestelkamp, »zuerst und dann ...« »So dass wir gewissermaßen drei Momente der aktiven Gestaltung unterscheiden«, warf der Direktor in erklärender Weise ein, »der von Hoffnungen getragene Beginn, das behinderte Werden und die Erleichterung der Vollendung.« »Ja, ich bin immer erleichtert, wenn er es heraußen hat, denn Sie glauben nicht, was man als Frau dabei aussteht. Beim zweiten Akt ist es am ärgsten, weil man da immer stecken bleibt. Beim ersten hat er noch Appetit und schläft gut und hat auch seinen regelmäßigen Stuhlgang. Sie entschuldigen, wenn ich das erzähle ...« »Aber ich bitte Sie, es ist ja so interessant«, unterbrach hier Frau Diestelkamp die lebhafte Dichtersgattin, welche sogleich fortfuhr. »Ja, beim ersten Akt ist alles in Ordnung, aber sowie der zweite angeht, isst er weniger und wacht mitten in der Nacht auf und verliert seine Regelmäßigkeit und verändert sich überhaupt. Ich kenne es sofort, wenn der zweite Akt angeht, und ich sage dann zu meiner Köchin, dass sie leicht verdauliche Speisen kocht und dass mir immer Kompott auf den Tisch kommt, und ich lasse ihn dann auch fleißig Hunyadywasser trinken, bis wir den zweiten Akt heraußen haben, denn der dritte geht schon wieder viel leichter. Er kriegt dann eine bessere Gesichtsfarbe und schwitzt auch nicht mehr so stark in der Nacht.« »Also die Lösung des Knotens gestaltet sich weniger schwierig, Herr Mertens?«, wandte sich der Direktor an den Mann, der sich teilnahmslos erklären ließ. »Tja ...«, antwortete dieser und schnitt an seinem Rettich weiter. Seine Frau aber ließ den Faden nicht aus der Hand gleiten. »Der dritte Akt geht auch viel schneller. Wir haben höchstens vierzehn Tage Arbeit damit. Heuer beim ›Barbarossa‹ haben wir drei Wochen gebraucht, weil eine Szene vorkam, wo sich alles reimen musste. Ich habe es ihm gleich gesagt, dass wir stecken bleiben; aber es war eine Liebeserklärung und da hat er es so im Kopf gehabt. Ein paar Tage hat es gefährlich ausgesehen und meiner Köchin ist es auch aufgefallen. Sie hat mich gleich gefragt: ›Was hat denn der gnä' Herr? Es wird doch um Gottes willen nicht schon wieder einen zweiten Akt geben?‹ – ›Nein‹, sagte ich, ›Lina, den haben wir dieses Jahr glücklich hinter uns, aber es muss sich vier oder fünf Seiten voll reimen und Sie können ja für morgen eine Eierspeise mit Pflaumenmus richten, und wenn es dann noch nicht besser wird, wollen wir schon sehen.‹ Aber zum Glück waren dann am andern Tag die Verse heraußen und es ging wieder von selbst.« Die Frauen der Tafelrunde hatten mit großem Ernst zugehört und nickten nun verständnisvoll mit den Köpfen. »So lebt man doch eigentlich als Frau die Werke seines Mannes mit!«, unterbrach Frau Direktor Höfler das kurze Schweigen. »Ich kann es mir so gut vorstellen«, sagte Frau Kommerzienrat Diestelkamp. »Sie dürfen mir glauben, dass ich als Frau meinen Kopf beisammen haben muss, wenn er dichtet.« Frau Mertens zeigte bei diesen Worten auf ihren Gatten, der kindlich lächelnd seinen Rettich einsalzte. »Ich muss an alles denken und mich trifft es viel härter wie ihn. Er sitzt einfach in seinem Zimmer und schreibt, aber ich habe die Haushaltung und muss genau Acht geben, dass wir noch waschen und reinemachen, vor der zweite Akt angeht, denn dann ist keine Zeit mehr zu so was und es muss gut eingeteilt werden. Wie wir den ›Perikles‹ gedichtet haben, sind wir mit dem Stöbern gerade noch drei Tage in den zweiten Akt hineingekommen und ich kann Ihnen bloß sagen, ich möchte das nicht wieder erleben, und ich habe auch beim ›Theoderich‹ eine zweite Zugeherin genommen, dass wir nur ja schnell fertig geworden sind.« »Wie interessant!«, rief Frau Diestelkamp aus, »es wird einem alles so näher gebracht. Ich habe bis jetzt gar keine rechte Vorstellung gehabt, wie es wohl in Dichterfamilien ist, und nun verstehe ich manches.« »Sie müssen aber trotzdem sehr glücklich sein«, fügte Frau Höfler hinzu. »Als Gattin eines Dichters! Ich stelle mir das entzückend vor.« »Ich möchte mit niemand tauschen«, erwiderte Frau Viertens, »obschon manches vorkommt, was einem Sorgen macht. Denken Sie sich, wir haben fünfzehn Jahre lang romantisch gedichtet und jetzt geht das nicht mehr und wir müssen modern schreiben oder realistisch, wie man auch sagt. Das ist ein Schlag, kann ich Sie versichern! Mein Mann wollte noch immer nicht, aber was kann man gegen die Kritiker machen?« »Erlauben Sie mir die Bemerkung, gnädige Frau, dass ich da ganz auf Seite Ihres verehrten Gemahls stehe«, rief Herr Diestelkamp, »wir wollen gerade in unserer nüchternen Zeit die Romantik nicht missen und wir suchen bei unsern Dichtem die herrliche Quelle der ... den ... den Ritt in ... ich wollte sagen, wir wollen immer noch einen Trunk aus der romantischen Quelle schlürfen.« »Es geht nicht«, sagte Frau Mertens mit einer Schärfe, die erraten ließ, dass man hier auf ein eheliches Streitthema gekommen war. »Es geht durchaus nicht. Das nächste Stück muss er modern schreiben. Ich will nicht, dass die Zeitungen noch einmal von veralteter Manier schreiben oder dass die Frau Nathusius die Nase rümpft, wenn sie mir begegnet, weil ihr Mann schon dreimal hochmodern gedichtet hat.« »Aber die romantische Muse Ihres Mannes wird sich dagegen sträuben«, sagte Direktor Höfler. »Sie hat sich gesträubt«, rief die streitbare Frau und blickte dabei mit einiger Strenge auf ihren Mann, der den endlich weinenden Rettich aß; »sie hat sich allerdings gesträubt, aber das ist jetzt vorbei. Ich muss es auch aushalten, und wenn es noch schlimmer wird bei den zweiten Akten.« »So geben also auch Sie den Ritt ins alte romantische Land auf?«, fragte Diestelkamp, der sich nun auf das vorher gesuchte Zitat besonnen hatte, mit starkem Pathos. »Tja ...«, antwortete der Dichter. O Natur! Personen: Er – Sie – Ein Holzknecht. Ort: Im Gebirge. Er: Wie das hier schon ganz anders riecht, Lizzi! A-ah! Endlich aus der Stadt in die Natur geflohen! Sie: Himmlisch! Er: Stelle dir vor! Der Schnee in unseren Straßen, schwarz, schmutzig, nass. Und hier blinkt und glitzert er. Sie: Er ist direkt keusch, finde ich. Er: Man denkt an Weihnachten, Christabend, an irgendwas Poetisches. Sie: Karl, du Guter! Nein, wie bin ich dir dankbar, dass du mich aus dem schrecklichen Trubel in diesen Frieden gebracht hast! Er: Nicht wahr? Sie: Weißt du, als ganz kleines Mädchen bin ich auch einmal im Winter auf dem Lande gewesen. Bei Großmama. Da weiß ich noch, wie da auch die Bäume verschneit waren und so merkwürdig aussahen. Er: Du bekommst förmlich große Augen, wie du das sagst, Lizzi! Sie: Es muss die heimliche Sehnsucht nach der Natur sein, die in einem lebt. Trotz allem, weißt du, Karl? Er: Ja, ja. Trotz allem. Sie: Nein! Sieh mal dort die große Tanne! Wie ein Ungeheuer sieht so ein Zweig aus. Wie was Lebendiges. Er: Wie ein Märchen. Sie: Die Natur ist doch das einzig Wahre! Er: Man sollte hier immer leben! Sie: Das wäre herrlich! Ich ließe mir einen großen Pelz dazu machen; weißt du, grünen Samt, mit Zobel besetzt, und innen auch Zobel, oder Seal. Er: Das sollte man tun, hier leben. Sie: Oder Skunks, Karl, obwohl ich eigentlich Skunks nicht sehr liebe. Er: Das würde sich schon finden. Sie: Und weißt du, eine Pelzmütze sollte ich haben. Ich habe vorgestern bei Bachmann eine entzückende Mütze gesehen. Er: Dieser Friede ringsum! Sie: Ich glaube, sie war aus Otterfellen und hatte vorne eine Agraffe, in der eine Reiherfeder steckte. Er: Sieh dort, Lizzi, wie die Bergspitze noch von der Abendsonne beschienen ist. Sie: Wun–der–voll! Weißt du, man könnte statt Reiher auch eine andere Feder nehmen. Meinst du nicht? Er: Ja – ja. Ich könnte hier stundenlang in den Anblick versunken stehen. Sie: Und ich möchte am liebsten durch den Schnee waten. Wie ein Schulmädchen, und ganz rote Backen davon kriegen. Er: Und nasse Füße, Liebling! Sie (enttäuscht): Das ist wahr! Er: Man müsste eben andere Schuhe tragen. Und sich überhaupt daran gewöhnen. Oh! Hier muss ein Mensch gesund werden! Sie: Ich fühle mich jetzt schon ganz anders. Er: Ich meine körperlich und geistig gesund werden. A-ah! Diese Luft! Diese Luft! Sie: Wie die Sonne verglüht! Das sollte man jeden Abend haben. Er: Und sich von dem Zauber der Natur umfangen lassen. Sie: Ich möchte am liebsten gar nicht mehr weg. Er: Weißt du was? Wir bleiben einfach morgen noch hier. Sie: Ach ja – das wäre himmlisch! Aber es geht nicht, Schatz. Ich muss morgen zur Schneiderin und dann sollen wir bei Hofrats Besuch machen und abends ist der »Rosenkavalier« und ... Er: Richtig, ja! Na, denn nich! Eigentlich ist es schade! Sie: Mir blutet ja das Herz, dass man sich von hier losreißen soll. Er: Mir auch. Diese Farben! Nein, diese Farben! Sie: Du, dort kommt ein Mann. Er: Er hat so was wie 'ne Säge umhängen. Das ist sicher 'n Holzfäller. Sie: Wie stilvoll er aussieht! Er (seufzend): Ach, wenn man auch so einer wäre! He, guter Mann! Holzknecht: Han? Er: Sie leben wohl immer hier heraußen? Sie: In der Natur? Er: Und wissen vielleicht gar nicht, wie beneidenswert Sie sind! Holzknecht: Am – – –! (Entfernt sich.) Sie: Wie? Was hat er gesagt? Er: Ach, so was ... so was Bäuerliches, was die Leute hier oft sagen. Nun wollen wir aber umkehren. (Bleibt stehen und atmet tief auf.) Nein! Diese Natur! Käsebiers Italienreise Fabrikant Friedrich Wilhelm Käsebier aus Charlottenburg, seine Frau Mathilde und seine Tochter Lilly konnten endlich die längst ersehnte Reise nach dem sonnigen Süden antreten. Sie fuhren über München und Innsbruck nach Verona und wir wollen sie ihre tiefen Eindrücke von hier ab selbst schildern lassen. 1 Frau Mathilde Käsebier an Frau Kommerzienrat Wilhelmine Liekefett in Neukölln. Verona, 12 febbraio. My Darling! Italia! Fühlst du nicht auch den ganzen Zauber, den dieses Wort auf jeden Gebildeten ausübt? Ich kann dir nur sagen, dass ich es kaum erwarten konnte, bis sich endlich der ewig blaue Himmel über uns wölbte. Mein Mann, der doch gewiss nicht allzu sensibel ist, rief schon in Kufstein: »Kinder, ich rieche schon den Süden«. Und Lilly machte so große Augen wie ein Kind und ich konnte kaum einschlafen. Denke dir nur, vor Ala erwachte ich von einem melodischen Geräusch und ich weckte Fritz und wir glaubten beide, es sei eine Flöte. Ich sagte noch, es ist gewiss ein Hirte, der seine Ziegen zur Weide treibt und eine alte Weise dazu bläst. Und ich malte ihn mir aus mit einem spitzen Hut und roten Bändern, wie man es doch öfter auf Bildern sieht. Aber als Fritz den Vorhang hochzog, war es noch dunkel und der Ton kam von der Dachrinne auf unserem Waggon. Es regnete nämlich. Das war freilich eine Enttäuschung, aber es ist doch schön, wenn die Phantasie so frei zu schweifen vermag und wenn man sich eigentlich nur Poesievolles zu denken vermag. In Verona kamen wir ziemlich früh an und es war ein schrecklicher Lärm auf dem Bahnhof. Ich dachte gleich an deine Mahnung und gab sehr Acht, dass der facchino unsere Gepäcke auch richtig an den Wagen brachte. Aber Fritz bekam zwei falsche Lire, als ihm der facchino herausgab. Es ist doch zu traurig, dass ein so herrliches Land solche Zustände hat! Addio für heute, Darling! Ich küsse dich tausendmal als deine überglückliche Mathilde. P. S. Im Tearoom unseres Hotels sah ich gestern eine englische Lady in einer Abendtoilette von rosa-gold gemustertem Brokat mit rosa Liberty und hellgrüner Tüllspitze. Das Kleid gefiel mir entschieden besser als das von Frau Thiedemann. Du weißt doch, der doppelt drapierte Rock mit Frackjacke und Kimonoärmeln. Nochmals Grüße und Küsse! Evviva la bella Italia! 2 Ansichtskarte. Amphitheater in Verona. Fräulein Lilly Käsebier an Fräulein Lotti Jürgens, Berlin NW. 12 febbraio. Hier ist alles wahnsinnig italienisch! Ach, wenn du doch hier wärst!!! Warst du bei Moissi?? Bitte, bitte, schreib mir darüber!! 10 000 K. u. Gr. Sempre la tua Lilly. 3 Frau W. Käsebier an Frau Kommerzienrat W. Liekefett in Neukölln. Venezia, 14 febbraio. My Darling! Gestern noch in Verona und heute sind wir schon in der lagunenumrauschten Königin der Meere! Welch ungeheure Eindrücke ziehen hier doch in raschem Wechsel an uns vorüber! Hier spricht ja jeder Stein zu dem Gebildeten und man kommt aus der künstlerischen Erregung ja eigentlich nie heraus. In Verona hat mich am meisten das Grab von Romeo und Julia interessiert. Zu denken, dass man hier an der Ruhestätte dieser beiden Unglücklichen steht, deren Schicksal uns so sehr gerührt hat, und dass vielleicht ganz in der Nähe jener Palazzo ist, auf dessen Balkon das liebeglühende Mädchen sprach: It was the nightingale and not the lark! Gott, wie man hier diese Poesie erst so recht versteht! Eigentlich müsste man mit Moissi hier sein. Findest du nicht auch, dass er in der letzten Zeit schlanker geworden ist? Thiedemanns erzählen, dass er müllert, aber Silberstein hat mir versichert, dass er die Fletcher-Kur gebraucht. Jedenfalls, es wäre wundervoll, wenn er hier auf einer Strickleiter vom Balkon eines Palazzo herunterstiege. So bevölkert unsere Phantasie auch die toten Gebäude mit den Gestalten der Dichtung. Von Verona sind wir im direttissimo hierher gefahren. Meyer hat es uns zwar zur Pflicht gemacht, dass wir in Vicenza aussteigen um die dortige Architektur zu sehen, aber Fritz sagte, wir hätten genug zu tun, wenn wir die eigentlichen Clous kennen lernen wollten. Und Kunstgelehrte haben doch alle einen Vogel. Findest du nicht auch? In Venezia sind wir am Bahnhof sogleich in eine gondola gestiegen und nach dem Hotel gefahren. Gott, wie mir da zumute war! So romantisch! Ich müsste immer an ein Lied denken, das man früher oft hörte, mit dem Refrain: »So singt der Gondoliere« oder so ähnlich. Aber eigentlich war es eine Enttäuschung, die Gondel nämlich und der Gondoliere. Ich dachte mir die Leute viel pittoresker, als schlanke Jünglinge mit silberbestickten violetten Schuhen usw. So sahen sie nun nicht aus. Ach, Darling, unsere Phantasie spiegelt uns doch so manches viel malerischer vor! Für heute Schluss! Wir sollen noch eine serenata auf dem Canal Grande hören. Addio, carissima mia! Tanti saluti! Tausend Grüße und Küsse! Deine Mathilde. Was sagst du zu meinem Italienisch? Krauses haben uns geschrieben, dass der junge Silberstein allgemein als pervers gilt. Glaubst du es? Gott, wie schrecklich! 4 Friedrich Wilhelm Käsebier an Herrn Rentier Adolf Krickhan, Charlottenburg, Kantstraße. Venedig, oder Venezia, wie meine Olle zu sagen pflegt, 15. Februar. Oller Bouillonkopp! Meine fidele Karte aus München wirst du erhalten haben. Ich war nämlich mit dem jungen Krause noch auf einer Karnevalsbierreise, nachdem ich die Damenwelt ins Bett geschickt hatte. Junge, ich sage dir! Ein paar Nachtbetriebe mit Bier und Weißwürsten und Mädels! Hollolo juhu! Wir zogen noch mit 'n paar Dominos und einer Sennerin los in so eine Kutscherbude am Marienplatz. Fein mit Ei! Sie Sennerin hatte 'n Ausschnitt und Vorjebirge! Ei wei, Backe! Du kannst dir denken, wie ich da in meinem Element war, und die Kleine war direkt in mich verschossen. Nu lach nich so dreckig! Sie sagte fortwährend: »Sie sin oder sein aber schlimm«, und Augen machte sie! Na, Junge, ich sage dir, nich zu knapp! Eigentlich schade, dass man weg musste und nu hier sitzt. Bleibe im Lande und nähre dich redlich – vastehste? Die Reise war bis jetzt so lila. In Verona bekiekten wir eine olle Ruine, die früher mal ein Zirkus oder Theater war. Ich sagte, Theaterruinen haben wir nu auch in Berlin genug, wo jede Saison 'n paar verkrachen, aber da kriegte ich's nich schlecht ab. Bildung – Junge! Hierzulande sin die ollen Klamotten Heiligtümer und meine Mathilde sieht fortwährend den Geist der Geschichte herumschweben. Ich sage bloß, 'ne ordentliche Portlandzementfabrik her und rin mit die Ruinen. Dafor können se uns noch dienen, die ollen Ruinen. Aber sag das mal zu diese Jüngerinnen Baedekers, und dann ein Blick, vastehste, der durch Weste und Hemd geht. Am Grabe Romios bemühte sich die Gattin eine Träne rinnen zu lassen un natürlich hat sie's auch fertig gebracht. Dabei soll der Kerl schon über hundert Jahre tot sein! Haste Worte? Nu sind wir also glücklich hier in der Stadt, wo man in Gondeln gondelt. Du sollst mal sehen, wie verzückt die Damenwelt ins Wasser kiekt, bloß weil's Lagune heißt. Es spiegelt sich aber nischt darin, dazu ist es viel zu dreckig. Am Markusplatz erzählte uns der Fremdenführer, dass vor ein paar Jahren der Turm eingestürzt ist. Na, was ich sage! Die Trümmer haben sie wieder zusammengekleistert statt mal ordentlich mit Eisenbeton ranzugehen. Alles wegen die Fremden un damit Baedeker Recht hat. Sie leben hierzulande von der Vergangenheit un Jeschichte, damit sie nicht zu arbeiten brauchen. Das is die Jeschichte. Eine Gesellschaft, sage ich dir! Schieba! An der Grenze haben sie mir meine Kiste Bremer Zigarren gemaust oder konfisziert, wie man hier sagt. Und nu soll einer die Stinkadores italienos rauchen! Nee! Schön is anders. Nu lebe wohl! Ihr sitzt wohl bei Stahlmann und spielt den deutschen Dreimännerskat? Der vierte Mann schwimmt in Wonne und Renässanxe und freut sich, wenn er wieder mal 'n ordentlichen Grand mit vieren aus der Hand kriegt. Grüße Schmidtke und Krüger und sage ihnen, ich kann's nicht erwarten, dass ich wieder mal unter vernünftigen Menschen bin. Was soll mir der Molo? Ich spiel lieber 'n Solo! Au! Euer Fritze Käsebier. 5 Ansichtskarte. Markusplatz in Venedig. Fräulein Lilly Käsebier an stud. jur. Max Krüger, Berlin. Venezia, 15 febbraio. Venedig ist wahnsinnig echt. Lilly. 6 Ansichtskarte. Venezianische Gondel. Fräulein Lilly Käsebier an Fräulein Lotti Jürgens, Berlin NW. Um unser Schiff die Welle schäumt, Der Gondoliere steht und träumt, La luna blickt herunter Und wir genießen's froh und munter. A rivederci!! Tanti saluti! Deine Lilly. Warum seid ihr nicht bei uns um all dies Schöne mit zu genießen??! Mama Käseb. Gruß F. W. K. 7 Frau W. Käsebier an Frau Kommerzienrat W. Liekefett in Neukölln. Firenze, 18 febbraio. My Darling! Was sagst du? Im Fluge von den blauen Wogen des Adriatischen Meeres hierher in das ewig schöne Firenze! Ich bin so voll von übermächtigen Eindrücken, dass ich mich kaum zu sammeln weiß. Von der herrlichen Lagunenstadt riss ich mich nur mit blutendem Herzen los, denn was hier das Auge des Gebildeten erblickt und wovon hier die Seele zu träumen vermag, das ist unbeschreiblich! Ja, du hast Recht in deinem lieben, herrlichen Brief, für den ich dir innigst danke, dass wir in Venezia gewissermaßen erst die Sehnsucht erkennen, die geheimnisvoll in uns schlummert. Wenn man so in einer Gondel sitzt und lautlos durch die Lagunen gleitet, kommt man sich selbst vor wie eine Katharina Cornaro und man möchte an den Dogen, der hinter uns sitzt, ein Wort der Bewunderung richten. Nur dass freilich mein husband die Illusion fortwährend durch seine Berliner Witze zerstörte. Aber trotzdem, dieses Plätschern der Wellen, diese Palazzi mit ihren kühnen byzantinischen Formen, diese Rufe der Gondolieri wiegen uns immer wieder in Träume von der Vergangenheit. Man denkt an den Kaufmann von Venedig und glaubt dem entsetzlichen Shylock begegnen zu müssen und man denkt an das entzückende Buch vom Tod in Venedig, von dem jetzt doch so viel geschrieben wird. Ach, Darling, wenn man mit Richard M. Meyer, der doch so unglaublich viel gelesen hat, über den Rialto wandeln dürfte und seinen Ausführungen lauschen könnte! Zwar findet man ja alles im Baedeker, aber dennoch, weisst du, vom Standpunkt der höchsten Kultur aus den Geist der Geschichte beleuchtet zu sehen, das wäre der höchste Genuss und nirgends sehnt man sich mehr nach einer gleich gestimmten Seele als gerade hier. Eigentlich sollte man glauben, dass die Leute, welche immer hier leben dürfen, von der alten Kultur vollkommen durchdrungen sein müssten, aber man erkennt nur zu bald, dass dieses Volk eigentlich so gar nichts weiß von dem hehren Geiste, der um diese Stadt gelagert ist, und dass es vollkommen stumpf im Schatten der wundervollen Palazzi seinem alltäglichen Leben frönt. Du solltest unsern Richard M. Meyer einmal fragen, woher es kommt, dass ein Volk so gänzlich ohne höhere geistige Interessen zu leben vermag, welches doch früher auf einer ähnlichen Kulturstufe stand wie wir jetzt. Es wäre doch sehr interessant, von ihm eine authentische Auskunft zu erlangen. Übrigens, Darling, sieht man hier sehr elegante Fremde und die neuen Frühjahrstoiletten sind direkt süß. Die neue hohe Form der Hüte ist entzückend; viele sind aus schwarzem Moire mit Phantasiegestecken. Und die Mäntel, Minchen! Weißt du, futterlos mit breiten Vorderteilen, innen mit Leinenanlage, große, untergesteppte Taschen, und der Rücken nahtlos, oben mit schmaler, unten mit breiter Naht aufgesteppt! Sie sind tipptopp und très, très chic! Am 17. musste ich mich von Venedig losreißen. Mit welchen Gefühlen, brauche ich dir nicht zu schildern. Es war ein Traum!!! Aber doch, wir gehen ja neuen Herrlichkeiten entgegen und hier in Firenze, in der Kapitale der Renaissance und Dantes, will ich erst recht in Kunst und Schönheit schwelgen. Inviando a Lei una cordiale stretta di mano! Was sagst du zu meinem Italienisch? Tausend Grüße und Küsse la tua, la tua! Mathilde. Der junge Silberstein soll doch ganz bestimmt pervers sein. Jürgens haben es nun auch geschrieben. Und denke dir nur, wen sahen wir hier in Firenze als ersten Menschen? Ihn!! Den jungen Silberstein! Und Fritz sagt, nun sei es richtig. Denn hier – Darling, man erzählt sich ganze Hardenbände von der deutlichen Kolonie, und wenn wir erst mal wieder zusammen sind, geb ich dir Aufschlüsse – shocking – very – shocking! 8 Ansichtskarte. Florenz von San Miniato aus. Lilly Käsebier an Jenny Krause, Berlin NW, Lessingstraße. Firenze, 18 febbraio. Florenz ist wahnsinnig italienisch. Man begreift hier erst, was es ist! Gr. u. K. deine felicissima Lilly. Nachschrift: Warum seid ihr nicht mit uns um all dies Schöne mit zu genießen?! Viele herzl. Grüße Mathilde K. 9 Frau M. Käsebier an Frau Auguste Krause, Berlin NW, Lessingstraße. Firenze, 19 febbraio. Dearest Auguste! Sweetheart! Schon längst wollte ich dir schreiben, aber die Flut dieser Eindrücke strömte so mächtig über mich herein, dass ich wirklich zu gar nichts kam. Was soll ich dir schreiben? Wie soll ich es dir schildern, was ich im amfiteatro in Verona, vor dem Palazzo ducale in Venezia, vor dem herrlichen Colleoni empfand?! Es ist unsagbar und Worte sind zu schwach um all das wiederzugeben, was sich angesichts solcher Wunder in uns vollzieht! Darüber einmal mündlich und ich werde dir dann mein Herz ausschütten. Wir sind alle gesund und überglücklich. Fritz natürlich in seiner Art. Du kennst ja deinen Bruder und weißt, dass er nun mal von einer gewissen Erdenschwere ist und wie er als echter Berliner keine Bewunderung nie zu erkennen gibt, sondern hinter schnoddrigen Bemerkungen versteckt. Manchmal verletzt es einen sogar, aber man muss ihn eben nehmen, wie er ist. Ich bin überzeugt, dass er doch auch gegen die Sprache, welche all diese Herrlichkeiten reden, nicht taub ist. Wie geht es deinem Karl, oder Carlo? So werde ich ihn von jetzt ab nennen, denn ich werde mich nie mehr von dem Wohllaute dieser Sprache losreißen. Grüße ihn und deine Kleine. Täglich sagen wir, wie schade es ist, dass ihr nicht mit uns sein könnt. Saluta i tuoi cari! Addio con tutta l'anima! Deine dich liebende Schwägerin Mathilde. Gestern waren wir im Palazzo Vecchio, im Palazzo degli Uffizi und im Palazzo Pitti. Schon diese Namen! Und eine Menge von Gemälden! Wenn man sie nur zählen wollte, würde man schon ermüden, und erst, wenn man sich in sie versenkt! Addio carissima! 10 Friedrich Wilhelm Käsebier an Herrn Rentier Adolf Krickhan, Charlottenburg, Kantstraße. Florenz, auch Firenze genannt, den 20. Februar. Oller Demelack! Deinen Brief habe ich hier im Hotel vorgefunden und es ist nur gut, dass ihn meine Lärmstange nicht in die Flossen kriegte, denn deine liebenswürdige Schilderung von mir und der kleinen Tirolerin war das Menschenmeechliche. Wer kann for de Liebe, Adolf? Und ich sage dir nur, du hättest deine Kulleroogen aufgerissen. In Venedig waren wir drei Tage und du kannst dir wohl vorstellen, wie miesepetrig mir war, immer neben der Ollen in Ekstase und immer Vortrag über schweigende Lagunen und tote Königin der Meere und was sich die Frauenzimmer so zusammenlesen. Ich sage bloß, was bietet mir als Mann von heute, der mitten im Leben steht und die Ellenbogen brauchen muss, so 'n Altertum? Alter Kese stinkt. Aber die Olle tat natürlich immer jerührt wie Appelmus und spielte mir Bildung vor. Da war auch so 'n Reiterdenkmal von Colleoni und du hättest mal hören sollen, was die Damenwelt da für einen Raptus kriegte oder wenigstens so tat, und die kleine Kröte fing mir zu himmeln an. Na, so blau! Ich sagte »Ferd is Ferd«, und ob es mal das linke Bein oder das rechte Bein hochhebt, das macht doch wirklich nicht den Unterschied, dass sie tun müssen, als wären sie von der Stadtbahn überjefahren. Na, da gab es wieder den Blick, als wenn sie Gott um Rechenschaft fragte, wie er so was wachsen lassen konnte. Tut mal nich so, sagte ich, ich sage bloß ehrlich meine Meinung und ihr spielt Theater und das Textbuch ist der Baedeker. Nu aber raus aus die Lagunen und rin ins Tschinquetschento! Du sollst mal Mathilden hören, wie sie Tschinquetschento sagt, so als wenn sie's erfunden und ganz alleine hätte, und auch wieder mit 'n Vorwurf gegen mich. Nu ja, ich sage doch nischt! Ich bin auf den Leim gekrochen und habe diese Reise in die gebildeten Länder gemacht und muss sie aushaken und bezahlen und ich schwöre dir, Adolf, einmal und nicht wieder! Hier ist nun ein ganzer Band Baedeker zu absolvieren und unter acht Tagen krieg ich die Olle nicht los, schon wegen die Briefe nicht, die sie schreiben muss, und weil man an ihrer Begeisterung zweifeln könnte, wenn sie zu kurz hier wäre, und so müssen wir eben unsere Zeit hier absitzen. Hier gibt's noch mehr olle Häuser und Monumente und Kirchen und Klamotten und Kinkerlitzken und Hurrjott, erst die Bilder! In den Restaurants sind wir nun schon ganz italienisch geworden und sie kommandiert die Ober herum, dass es ein Vergnügen is mit insalata verde und testina di vitello con salsa picante und tortellini al brodo , und sie sagt es so, als wenn sie mang die Renässanxe geboren wäre. Und täglich seufzen sie über mir, weil ich die verfluchten Sparghetti noch nicht wie 'n italienischer Lord um den Löffel wickeln kann und weil sie mir immer links und rechts aus der Futterluke bammeln, und denn helfe ich mir, wie's jeht. Jesus sprach zu seine Jünger, wer keen Löffel hat, esst mit de Finger. Was mit die holde Weiblichkeit los war, fragst du mich, kleiner Schäfer? Nischt. Und nischt is jut for de Dogen. Ich musste doch in Venedig Mondnacht mit Familie genießen und Stimmungen empfangen. Da hatte ich keine Gelegenheit, mir die Hexen näher zu betrachten, die einem mit ihren kohlschwarzen Augen das Herz versengen. Na, vielleicht können sie hier mal Renässanxe ohne Papa intus nehmen und denn zieh ich los und jebe meinem Herzen einen Stoß. Grüße die Brüder von euerm Fritze Käsebier. 11 Frau Mathilde Käsebier an Frau Kommerzienrat Wilhelmine Liekefett in Neukölln. Firenze, 21 febbraio. My Darling! Nun sind wir schon den vierten Tag hier und ich kann mich nicht erholen vor Bewunderung über diese unsagbare Kunst und Kultur, welche hier einmal geherrscht hat. Man fragt sich doch unwillkürlich, wie es möglich war, dass im finstern Mittelalter doch auch eine gewisse Bildung vorhanden war. Ich denke es mir so, dass sie damals natürlich selten war und nicht allgemein, wie jetzt unter uns, und dass sie dann aber sehr stark bei einzelnen Leuten war und sie zu solch herrlichen Leistungen befähigte. Du siehst, Darling, man wird hier ganz von selbst auf Schritt und Tritt zum Nachdenken angeregt und man befasst sich hier mit Problemen, zu denen man daheim im Hasten und Treiben des gesellschaftlichen Lebens leider nur allzu selten kommt. Freilich haben wir ja bei Schulte oder Caffierer häufig Anregung und wir können sogar, was mir hier sehr fehlt, durch Aussprache mit bedeutenden Geistern oder bekannten Kunstkritikern unser eigenes Fühlen und Denken ergänzen, aber ich fühle doch hier, dass uns auch die Vergangenheit unsagbar vieles zu bieten vermag. Oft wünsche ich mir hier eine starke Hand, die mich durch die Renaissance hindurchleitet wie unsere Kritiker zu Hause durch die moderne Kunst, aber das ist nun mal ein unerfüllbarer Wunsch. Ja, ich finde sogar für mein inneres Erleben so gar keine gleich gestimmte Seele, denn Lilly, so sehr sie sich bemüht, ist eben doch zu jung und mein Mann ... Dearest Wilhelmine, oft frage ich mich, wie eigentlich das Leben zwei so widerstrebende Naturen zusammenführen konnte und wie ich meine Ideale in einer solchen nüchternen Umgebung unberührt bewahren konnte. Zu Hause fühlte ich das ja nicht so sehr, wo ich dich und einen Kreis von Gebildeten habe, aber hier befällt mich doch oft die schreckliche Gewissheit, dass ich nie, nie verstanden worden bin!! Doch ich will nicht klagen, sondern dankbar sein, dass ich wenigstens all dieses Schöne und Interessante in mich aufnehmen kann. Wir haben schon gleich in den ersten zwei Tagen die Gemäldesammlungen Uffizien, Pitti und Accademia und das Barcello und auch die wichtigsten Kirchen erledigt, aber ich sehe aus Baedeker, dass wir noch sehr viel zu absolvieren haben. Da ist es doch auch wieder eine Erholung, dass ich mit Lilly zum Five o'clock gehe, wo wir entzückende Musik hören und die elegante Welt sehen können. Denke dir nur, ein sehr schicker Herr hat sich uns vorgestellt, ein Conte Bonciani, welcher dem italienischen Uradel angehört, so etwas ganz Vornehmes, weißt du, wie bei uns der schlesische Adel, den man in der Hedwigskirche sieht. Er verwechselte mich mit einer Gräfin Schlieffen, die er in der deutschen Gesandtschaft kennen gelernt hat und der ich außerordentlich ähnlich sehe, wie er sagt. Er war Attache in Wien und München und spricht sehr gut Deutsch, nur mit italienischem Akzent, was ganz entzückend ist. Er macht mir ein bisschen den Hof, aber ganz in den Grenzen eines Grandseigneur von der alten Schule, und hat so chevalereske Manieren, wie man sie eben doch nur bei so echten, alten Familien findet. Wenn er hier von einem Palazzo Strozzi oder so spricht und so ganz nonchalant sagt, dass er seinem Onkel gehört, fühlt man doch, welcher vornehmen Tradition man hier begegnet, und ich sagte ihm auch, wenn er je einmal nach Berlin kommt, muss er uns besuchen und ich gebe dann einen großen Abend. Morgen ist ein concours hippique in den Cascinen und Bonciani will mich und Lilly dorthin führen; Fritz wird uns nicht begleiten. Er hat hier ein Bierrestaurant gefunden und das, was er gemütlich nennt und er will sich in diesen Seligkeiten nicht stören lassen. Ich bin auch wirklich nicht unglücklich, wenn er wegbleibt, denn wenn wir voraussichtlich mit einigen ersten Familien von Florenz Bekanntschaft schließen – du verstehst mich. Aber nun addio, Darling! Addio! Tausend Grüße und Küsse von deiner dich liebenden Mathilde. Ich habe mir hier ein Kostüm bestellt, da wir nun doch öfter mit dem Conte die passeggiata in den Cascinen mitmachen und mit der first class bekannt werden sollen. Es ist ein französisches Jackenkostüm mit Hüftgürtel. Weißt du, futterloser Dreibahnenrock zu Sackrockfalten gelegt, die Jacke seidengefüttert, an den vorderen Rändern zusammenhängend mit dem Kragen, mit dem gleichen Stoff besetzt. Dazu ein Hütchen, Darling! Ein Gedicht! Schwarzen, gefalteten Samtkopf mit schwarzen Reihern. Er sieht fast so aus wie ein Samtbarett und man kann sich Michelangelo vorstellen, der, ein solches Barett keck aufgestülpt, durch die Straßen von Firenze wandelt. Der Conte findet das auch. Addio! Addio! 12 Lilly Käsebier an Lotti Jürgens, Berlin NW, Schleswiger Ufer. Firenze, 23 febbraio. Liebste, süße Lotti! Endlich kann ich dir den versprochenen Brief schreiben, aber du glaubst ja gar nicht, wie wahnsinnig man hier in Anspruch genommen ist von allem Neuen, was man sieht und hört. Vormittags muss man sich bilden und in Begeisterung schwelgen, aber nach Tisch, Lotti! Lotti! Du ahnst es nicht. Nein, die Italiener sind wirklich süß! Du, die können einen ansehen mit ihren runden schwarzen Augen, dass einem ganz schummerig wird, und frech wie Oskar! Und Leutnants sieht man hier, Li-La-Lotti, weißt du, mit himmelblauen Breeches und breiten, amarantfarbenen Streifen und kurzen, ganz, ganz engen Uniformröcken. Ich finde sie einfach süß. Der grässliche Professor Hänisch, den Papa hier in einer Pilsnerbierhalle getroffen hat, sagt, die italienischen Offiziere hätten nicht den wuchtigen, kriegerischen Ernst wie die preußischen, aber ich bin überzeugt, dass sie viel, viel besser flirten können. Ach, Süßing, warum spreche ich nicht Italienisch? Da sieht man doch erst, wie gut es ist, wenn man die Sprache eines Landes kennt, und ich habe mir auch fest vorgenommen, dass ich zu Hause italienische Stunden nehme. Und dann reisen wir aber auch ganz gewiss mitsammen hierher, Li-La-Lotti, und ich mache dir den Cicerone und übersetze dir, was so ein Gentiluomo – Gott, wie das klingt! – uns ins Ohr flüstert. Du!!! Denke dir, wir haben einen echten Conte kennen gelernt bei Donnay, einen wahnsinnig schicken Attaché, der in Wien bei Hof war und sehr gut Deutsch spricht! Conte Bonciani. Er hat sich uns beim Five o'clock vorgestellt und wir fuhren gestern mit ihm in einer Carozza zum Rennen. Mama ist ganz begeistert von ihm, weil er zur Crème de la crème gehört, und er hätte uns auch den besten Familien vorgestellt, aber Mama wollte nicht, weil sie ihr Kostüm noch nicht bekommen hatte, und da zeigte er uns nur die Strozzi, Ricci und Aldobrandini usw., mit denen er doch meistens verwandt ist. Ich finde ihn todschick, aber er flirtet auch kein bisschen mit mir und macht nur Mama respektvoll den Hof. Ich muss aber jetzt schließen, Süßing. Mama ruft mir schon ungeduldig, weil wir zum Five o'clock gehen. Tanti saluti e baci (Küsse!!) von deiner Lilly. Grüße auch Krügers vielmals und Mäuschen und Jenny und den verrückten Max und alle, alle Bekannte und sage ihnen, es ist noch schöner, als man sich das ausmalt. Du!! – Hast du Moissi nicht mehr gesehen? Ach erzähle doch, bitte! bitte! Wie war es denn in der Philharmonie? In Venedig haben wir immer von ihm geschwärmt und ich habe ihn mir vorgestellt im Romeokostüm in einer Gondel! Adieu! Adieu! Mama ruft schon wieder. Du! Etwas muss ich dir noch rasch erzählen. Man legt doch seine Visitenkarten auf das Grab von Romeo und Julia und ich habe auf ein Kärtchen »Moissi« geschrieben und habe es auf den Sarg der Liebenden gelegt. Was sagst du?? Addio, carissimia!! Du! Von dem jungen Silberstein habe ich was erfahren!! Du auch? Bitte, bitte, schreib mir! Ja?? 13 Friedrich Wilhelm Käsebier an Herrn Rentier Adolf Krickhan, Charlottenburg, Kantstraße. Florenz, 24. Februar. Olle Meppelnese! Uff! Mir jeht de Puste aus. Kinderkens, habt Ihr 'ne Ahnung, was ein Mensch für seine Bildung tun muss? Ihr habt sie nich! Ihr sitzt bei Mutter Böhme und spielt eine Ehrenrunde nach der andern und jießt immer noch 'ne Nullweiße uff de Lampe und – ich! Heiliger Bimbam! Ich muss uffziehn in den Uffizien, ich muss mit – i – in Palazzo Pitti – ich muss – o weh o! – ins Museo! Aber ihr Keseköppe kennt ja nich mal die Namen, und von dem, was es ist, habt ihr noch nich 'ne Ahnung jejessen! Stell dir mal vor eenen Korridor – vom Brandenburger Tor – ich bin heute poetisch, was, Adolfken? – also vom Brandenburger Tor bis zum Schloss, denn rechts um die Ecke rum een langer Korridor und denn links herum eener vom Schloss bis Brandenburger Tor. Das sind die Uffizien. Und pass mal Acht, ein Zimmer am andern und hinterm Zimmer wieder 'n Zimmer und daneben 'n Zimmer und allens voll Bilder und Jemälde und Jemälde und Bilder, und nu setz dich mal in Trab neben meiner Mathilde und schese mal durch Saal Nummer 1 bis 99 und denn kajole von 99 bis 222, immer mit 'n Lötkolben im Baedeker! Madonna mit 'n Kanarienvogel, Madonna mit dem Zeisich, Madonna mit was weiß ich und Lippo Lippi und Lippino Lippi und Botticelli und noch neunhunderneunundneunzig Tschelli und Tschello und Knaatsch und Kuddel und 'n steifes Jenick und de Hühnerkieke – siehste, Junge, das ist Kunst und muss jenossen werden. Hurrjott, wo sie nur alle die Bilder herhaben! Wir Berliner haben doch auch mächtig ville Maler, die en orntliches Ende wegschmieren, aber ganze Stadtteile mit verkleckster Leinewand, halt mal 'n Hut uf – ick will ausspucken. Un Mathilde!! Sie hat 'n runden Flunsch gekriegt mit lauter italienische Namens, und wenn sie so 'n Happenpappen mit Tschelli und Tschello hat, denn kaut sie 'n paar Stunden dran und en Augenaufschlag hat sie sich angewöhnt von wegen meinem Mangel an Kultur, mit dem kann sie sich für Jeld sehen lassen. Nee, Junge, nu hab ich genug vons Tschinquetschento. Ich habe der Damenwelt erklärt, dass ich nicht mehr mitspiele, und meinetwegen können sie die Baedekerkur so lange mitmachen, wie se wollen, mich kriegen sie an die Lippo und Lippi nicht mehr ran. Von die vielen Heilijen is mir schwach jeworden und ich werde mir jetzt mal ordentlich Pilsner in de Jacke schwenken. Menschenskind, was sagst du? Begegne ich nicht vorgestern dem Oberlehrer Hänisch, der hier auch noch was zulernen soll, und führt er miich nicht in die allergemütlichste Pilsnerbierstube? Stahlmann in Florenz! Nu glaube ich wieder, dass ich in Europa bin, und Bismarckheringe und Rollmops und 'n großes Pils, da fordere ich das Jahrhundert in die Schranken und Mathilden ihr fünfzehntes ooch. Nee, das is merkwürdig, Adolfken, hier ist jeder Schluck Bier eine vaterländische Festfeier und es singt in einem wie die Wacht am Rhein und Deutschland, Deutschland über alles, wenn man erst wieder mal das richtige Getränke hat. Hänisch ist ganz der richtige Mann für so was und det kannste glauben, es werden uns nich bloß de Dogen nass vor Vaterlandsliebe. Mathilde hat die Hoffnung aufgegeben, dass ich mir noch mal die Beene in Leib stehen werde vor ihre Baedekerbekanntschaften, und sie lässt mir auch alle Tage an ihrem Mitleid über meine Unbildung riechen. Aber ich glaube, der Tschinquetschento stoßt ihr selbst 'n bisschen sauer uff und sie begibt sich mit ihrem Wissensdurst mehr in die Ruhe. Sie hat's nun wieder mit Eleganz und Gegenwart und schlabbert Tee mit Musikbegleitung und vorgestern ist sie mit Lilly zum Rennen gefahren. Sie quasselt jetzt viel von Legationen und Gesandten und erste Florentiner Familien, weil sie janz was Vornehmes kennen gelernt hat, so 'n Windbeutel, der mal Attaché in Wien gewesen ist, sagt er. Ich habe auch schon die Ehre jenossen und ich muss sagen, der Kerl mit seinem gefärbten Schnurrbart sieht aus wie 'n Mausfallenhändler mit gepumpter Kledage und Jeld is bei dem det Wenigste. Der richtig gehende Nassauer. Er hat die große Klappe und is ein Herz und eine Seele mit allens, was adelig ist. Ich trau dem Kerl nicht über den Weg, aber die Damenwelt verliert den ganzen Glauben an mir, wenn ich davon anfange. Na, lange bleiben wir ja nich mehr und übermorjen oder in drei Tagen fahren wir nach Rom, wo es, wie Hänisch sagt, auch Pilsnerhallen gibt. Auf die Weise ertrage ich noch 'n paar Wochen Italien, aber hernach, Hurrjott, gibt's eine dolle Skatsitzung. Grüß die Brüder von euerm Rennässanxmenschen Fritze Käsebier. 14 Telegramm. Frau M. Käsebier an Frau Auguste Krause, Berlin NW, Lessingstr. Florenz, 24. Febr., 10 h vorm. Absendet sofort eingeschrieben meinen Schmuck nach hier. Brief unterwegs. Mathilde. 15 Frau M. Käsebier an Frau Auguste Krause, Berlin NW, Lessingstr. Firenze, 24 febbraio. Dearest Auguste! In aller Eile möchte ich dir auch brieflich mitteilen, dass und warum ich dich um sofortige Sendung meines Schmuckes ersuchen musste. Am 27 febbraio ist eine Gesellschaft beim Principe Orsini und ich soll durch Conte Bonciani dort eingeführt werden! Welch ein Glück, dass ich wenigstens eine Gesellschaftstoilette mitgenommen habe! Du hast hoffentlich den Schmuck sofort abgeschickt, damit er noch rechtzeitig eintrifft, denn Bonciani sagt, dass es florentinische Sitte ist, bei so einer Gesellschaft Schmuck zu tragen, und dass die Crème de la crème von Firenze an diesem Abend im höchsten Glänze erscheinen wird. Es ist die denkbar größte Ausnahme, wenn forestieri – Ausländer – zu solch intimem Abend eingeladen werden, und nur dem kolossalen Einfluss des Conte ist es gelungen, diese hohe Ehre für mich zu erreichen. Bonciani sagt, dass die großen Familien der Colonna und Orsini viel, viel exklusiver sind als die deutschen Fürstenhöfe und dass es viel leichter ist, in der Wiener Hofburg Eingang zu finden als bei der altissima nobiltà hierzulande. Verzeih, dass ich dir die Mühe machte, aber du verstehst doch, wie viel mir daran liegt, bei diesem Abend repräsentativ zu erscheinen! Viele, viele Grüße an dich und alle Lieben von eurer felicissima Mathilde. 16 Frau Mathilde Käsebier an Frau Kommerzienrat Wilhelmine Liekefett in Neukölln. Firenze, 25 febbraio. Sweet Darling! Heute schreibe ich dir, so beseligt und glücklich wie noch nie. Denke dir nur, Bonciani hat es durchgesetzt, dass ich zur Abendgesellschaft beim Principe Orsini eingeladen wurde, eine Ehre, nach der die vornehmsten Mitglieder der deutschen Kolonie vergeblich schmachten! Ach! Wie vollkommen wäre erst mein Glück, wenn ich mit dir an der Seite unseres Gentiluomo in den hohen Saal eintreten dürfte! Ich habe meine absinthfarbene Charmeuse mit Perlstickerei mitgenommen. Du kennst ja das Kleid und kannst dir denken, wie froh ich bin, dass ich diese Eingebung hatte, und meine Schwägerin wird mir auch meinen Schmuck schicken, den ich ihr zum Aufheben gab. Ich wollte ihn ja unbedingt mitnehmen, aber Fritz widersprach so heftig, dass ich nachgab. Nun muss ich ihn nachkommen lassen. Darling, ich kann dir gar nicht beschreiben, wie ich mich freue, dass ich durch eine Fügung des Himmels Eingang in diese exklusivsten Kreise gefunden habe. Wir bleiben nun auf jeden Fall noch länger hier, obwohl Fritz sehr drängt, dass wir so bald als möglich über Rom und Neapel nach Hause fahren; aber ich lasse mir unter keinen Umständen diese wundervolle Gelegenheit rauben, mit der altissima nobiltà Verbindungen anzuknüpfen, die doch nur ganz, ganz wenige Menschenkinder finden. Mit den Sehenswürdigkeiten bin ich ohnehin so ziemlich fertig und ich kann mich vollkommen dem gesellschaftlichen Leben hier widmen und Bonciani sagt, dass eine Einladung bei Orsini mir die Tore aller Palazzi öffnet und dass ich mich darauf gefasst machen muss, die begehrteste Persönlichkeit zu werden. Es sei nur schade, sagt er, dass die Saison bereits zu Ende geht. Aber die Gesellschaft bei Orsini gilt immer noch als Clou und jedenfalls lasse ich mir hier noch eine Gesellschaftstoilette anfertigen. Was sagst du zu schwarzem Samt und Goldbrokat? Mein französisches Jackenkostüm ist todschick geworden und hat gestern in den Cascinen Aufsehen erregt. Zwei Damen in einem eleganten offenen Wagen haben sich nach mir umgedreht und Bonciani sagte mir, es sei eine Principessa Colonna mit ihrer Schwester gewesen und er hätte mich sogleich vorgestellt, aber leider fuhren sie schon in die Stadt zurück und wir konnten doch auch nicht umkehren und sie einholen. Ach, Darling, das Leben ist doch schön! Wenn ich nun ein bisschen in den Strudel des Highlife untertauche, muss Lilly eben allein die Museen besuchen und ich finde es sogar sehr gut, wenn sie selbstständig an ihrer künstlerischen Bildung weiterarbeitet. Sie hat an meiner Seite alles Wesentliche gesehen und kann nun noch etwas mehr ins Detail gehen. Fritz nimmt mich – gottlob – gar nicht in Anspruch. Er sitzt Tag – und Nacht! – mit einem Berliner Professor zusammen und ist selig, dass er hier deutsche Kneiper gefunden hat. Nun – chacun à son goût! Übermorgen – Darling! Es klingt fast wie ein Märchen, dass man bei der uralten Familie Orsini zu Gast sein soll, in einem salone , in dem schon die berühmtesten Leute des Cinquecento mit ihren grandes dames geweilt haben. Der Principe Strozzi wird, wie Bonciani sagt, ganz bestimmt auch dort sein, und da er ein Vetter von ihm ist, werde ich mit ihn in nahe Fühlung kommen. Che combinazione grandiosa! Good by, sweet darling! Voglimi bene! Addio con tutta anima. La tua Mathilde. 17 Friedrich Wilhelm Käsebier an Frau Auguste Krause in Berlin NW, Lessingstraße. Florenz, 27. Februar. Liebe Juste! Du hast wohln Keber gehabt, dass du meiner Droomsuse ihre ganze Brillantinenausstattung geschickt hast, und wenn se dir auch telegrafisch darum gebeten hat, denn hättest du doch bei mir anfragen können, ob sie nich 'n bisschen schwach im Koppe jeworden ist. Und ich hätte dir dann schon uffgeklärt. Seit ein paar Tagen war sie reineweg voller Grandezza, ich war ihr schon zu jemischt und sie quasselte bloß mehr von Strozzi und Orsini und Einladungen und Gesellschaften und habte sich so und tat sich dicke, als wenn sie 'ne geborne Hohenzollern wäre und mal ein bisschen die italienischen Fürstens bemuttern müsste. Na, ich dachte mir, sie war ja immer nich janz unwohl und hat mal wieder 'n jroßen Traller, aber das dicke Ende kam nach und wäre nachgekommen, wenn nich gerade noch die Polizei Vorsehung gespielt hätte. Gestern ufn Abend geht in unserm Hotel ein Mordsradau los, denn im Zimmer von 'ner Amerikanerin war 'ne Tasche mit Schmuck un Jeld jemaust worden und er kam gerade dazu, wie der Kerl aus dem Zimmer flitzte, und nu scheste er los, ein, zwei Treppen runter, den Korridor lang und rin ins Klosett, aber mein Amerikaner immer hinterher, und wie er'n hatte im Doppelnull, schreit er nach Kellner und Hausknecht und denn is auch gleich das halbe Hotel vor dem Geheimkabinett, und wie sie die Türe aufbrechen wollen, kommt der Kerl heraus, als wenn nischt wäre, und wer is es? Der elegante, todschicke verflossene Attaché, Conte Bonciani! Hat sich aber was mit dem Conte weil ihn die Polizei schon kannte, und er is bloß von der serbischen Hautevolee, 'n geprüfter und approbierter Hoteldieb aus Belgrad, so 'n Petrowitsch Gregorowitsch Lumpowitsch. Er hatte doch die liebe Mathilde so schön betimpelt, und wenn er man bloß bis heute hätte warten wollen, denn konnte er mit Brillanten beladen abschwimmen und deine seelensgute Schwägerin hätte keinen Ton gesagt, weil se doch viel zu vornehm is und von wejen der hohen Verwandtschaft, die der Mussiö Lumpowitsch mit die Orsinis hat. Nee! Ich denke, der Affe laust mir, wie sie mir im ersten Schrecken das Geständnis machte, dass sie heute bei Fürstens Tee schlabbern wollte und sich den Schmuck bestellte, den ihr det Aas dann geklaut hätte. Ich habe ihr aber 'n Licht uffjesteckt. Mathilde, sagte ich, so Leute wie dein verewigter Conte sind Menschenkenner und nun kannst du dir an die Finger abklawieren, warum er gerade dir seine Vornehmigkeit präsentiert hat. Der kennt dem lieben Jott sein Reitpferd und weiß Bescheid und so was kommt immer von so was. Nun tu mir den einzigsten Gefallen, Auguste, und schicke uns nicht 'n ganzen Möbelwagen nach, wenn wir vielleicht noch näher mit dem italienischen Adel bekannt werden, und grüße mir deinen Karl, der sich 'n Ast lachen wird. Herzlich dein Bruder Fritze. 18 Frau M. Käsebier an Frau Kommerzienrat Wilhelmine Liekefett in Neukölln, Firenze, l marzo. Darling! Gestern noch wollte ich dir auf deinen Brief antworten, in dem du mir Glück wünschtest zu meinen Erfolgen in der Florentiner Gesellschaft, aber deine Worte rührten aufs Neue meinen Schmerz auf und ich brachte es nicht über mich, dir das Schrecklichste mitzuteilen. Was ist das Leben? Was ist unser Glaube an alles Gute und Schöne? Ich bin so grausam enttäuscht, dass ich den Glauben an die Menschheit definitiv verloren habe, und nie, nie mehr werde ich jenes harmlose Vertrauen auf die edlen Seiten der menschlichen Natur zurückgewinnen. Denke dir – nein, die Feder sträubt sich es hinzuschreiben – dieser Bonciani – oder nein, er heißt ja nicht so, er ist aus Belgrad und soll sich Gregorowitsch nennen – jedenfalls ist er Dieb und Hochstapler in einer Person. Wie kann man sich so täuschen! Allerdings, er hatte Manieren, wie sie nur bei den upper ten thousand vorkommen, und er soll ja auch aus einer serbischen Adelsfamilie stammen, aber dennoch –! Er hatte es auf meinen Schmuck abgesehen, der ja nicht in seine Hände gefallen ist, aber das Erwachen aus diesem Traum war doch fürchterlich! Erlasse mir die ausführliche Schilderung, Darling, meine Seele ist wund und du kennst ja Fritz und weißt darum, dass er nicht das Zartgefühl hat meine Empfindungen zu schonen! Ach! Kurz und gut, am Tage vor der Gesellschaft bei Orsini, oder richtiger vor dem Feste, das der Nichtswürdige mir vorgetäuscht hatte, wurde er als Dieb entlarvt und festgenommen und ich muss noch froh sein, dass der Hotelier von der fälschlichen Einladung bei Orsini nichts sagte und dass er auf meine Bitte hin darüber Schweigen bewahren will, sonst würde ich – es ist fürchterlich auszudenken – als Zeugin vor Gericht kommen. Dieses Schrecklichste wenigstens scheint mir erspart zu bleiben. Es ist ja genug, dass Fritz mit einer wahren Freude in meiner Wunde wühlt und diese willkommene Gelegenheit benützt um seine wirklich niedrigen Ansichten triumphierend zu verkünden. Es soll uns nun einmal nicht beschieden sein, die Ideale hochzuhalten und alles Erhabene muss in den Kot gezogen werden. Lass mich schließen, Darling. Du verstehst mich und meinen Schmerz und das ist mir eine Beruhigung in diesen trüben Tagen. Wir reisen morgen nach Roma und vielleicht lässt mich der Anblick der Ewigen Stadt diese Erlebnisse vergessen. Die Kunst ist doch die einzige, nie versiegende Quelle der reinen Freuden und meine Begeisterung für sie wird trotz aller hämischen Bemerkungen erst recht wieder emporlodern. Ich nehme Abschied von Florenz, an das sich für mich eine so unsäglich bittere Erinnerung knüpft, und schicke dir tausend, tausend Grüße und Küsse. Deine tieftraurige Mathilde. Der Postsekretär im Himmel Zwei Tage vor Maria Lichtmess wurde der Postsekretär Martin Angermayer zu München von einem echt bayerischen Schlaganfall derartig getroffen, dass er schon nach einer halben Stunde den Geist aufgab. Seine Seele schickte sich jedoch nicht sogleich zur Reise an, sondern sie gab wohl Acht, ob den irdischen Resten auch alle übliche Ehre widerfahre, und zählte und prüfte die Kränze, welche von einigen Verwandten, auch vom Stammtisch im Franziskaner, dem Verkehrsbeamtenverein und seinem Kegelclub gespendet wurden. Sie bemerkte sodann noch mit Genugtuung, dass der Herr Postrat Leistl beim Begräbnis zugegen war, dass auch die Haushälterin Zenzi in Tränen zerfloss, und sie fuhr gen Himmel, indes ein Quartett des Männergesangsvereins eine erhebende Weise hören ließ. Da saß nun Sekretär Angermayer im Vorraum des Paradieses und fühlte sich keineswegs so glückselig, wie man es nach den Schilderungen frommer Bücher eigentlich glauben sollte. Schon dass er nackend war, benahm dem an Ordnung gewöhnten Beamten die Sicherheit und es wollte das Gefühl, ein respektabler Mensch zu sein und auch als solcher zu gelten, nicht recht in ihm aufkommen. Zudem fröstelte es den an überheizte Büroräume Gewöhnten in dem Luftreich und der Verdacht, dass es von irgendwoher ziehe, quälte ihn nicht minder wie die Unmöglichkeit, jemanden zum Schließen eines Fensters aufforden zu können. Denn dieser Vorhof des Paradieses war nach drei Seiten hin eigentlich offen, nur vom eigentlichen Himmel trennte ihn eine Wolkenwand und zwischen den wundervollen Säulen, die ihn rings umgaben, konnte freilich die balsamische Luft ungehindert einströmen, desgleichen von oben, da sie kein Dach abhielt. Angermayer schickte seine Blicke missmutig in das unendliche Blau, das sich über ihm wölbte, und in die rosigen Fernen, die sich zwischen den Säulen auftaten. Diese Unbegrenztheit war ihm fremd, und was ihm fremd war, das war ihm nun einmal zuwider. Dann stand, seine Unbehaglichkeit zu steigern, eine Menge von Leuten um ihn herum, die sichtlich nicht alle aus Bayern oder gar aus München gekommen waren. Er konnte im Gegenteil bemerken, dass es Menschen aus aller Herren Länder waren, gelbe, braune, schwarze, Leute mit langen Haaren, wie sie spinnerte Schwabinger tragen, Leute mit buschigem Wollhaar, Leute mit Zöpfen, kurzum zumeist fremdartige Wesen, denen er nie hold gewesen war, und die meisten verdrehten ihre Augen verzückt und selig und benahmen sich auffällig. Jedem einzelnen von ihnen hätte er in den Straßen seiner Heimatstadt verächtlich nachgeschaut unter bissigen Bemerkungen. Jedem hätte er aus seinem Schalter heraus Respekt beigebracht, aber hier, so mitten unter ihnen, war er hilflos und, was das Schlimmste war, er gehörte eigentlich zu ihnen oder schien wenigstens einer von ihnen zu sein. Dann: Zeit seines Lebens war er kein Freund von Kindern gewesen und ihre Unarten, die von nachsichtigen Eltern womöglich noch gepriesen wurden, fielen ihm stets unangenehm auf und er war nie geneigt, ihrer Unerfahrenheit oder ihrer Jugend etwas zugute zu halten. Hier trippelten sie nun scharenweise vor seinen Augen herum und jauchzten, und niemand war da, der sie mit Strenge zur Ruhe gewiesen hätte, ja, als er einen Bengel, der ihm zu nahe kam, einen ungezogenen Fratz nannte, schüttelte ein langhaariger, fader Kerl, der neben ihm stand, missbilligend den Kopf. Da drängte sich Angermayer unwirsch durch die Menge und stellte sich hinter eine Säule um nur das Getue nicht mehr mit ansehen zu müssen. Seine Gedanken kehrten sehnsüchtig nach der Erde zurück, wo gerade heute, an einem Donnerstag, der Kegelabend stattfinden musste, und er beneidete die Glücklichen um ihr harmloses Vergnügen. Die Kollegen redeten gewiss von der Überbürdung des Amtes, bekrittelten die Leistungen der Vorgesetzten und erzählten, wie sie diesem und jenem die Meinung gesagt hätten, und sicherlich war auf diese Art die allergemütlichste Unterhaltung im Gange. Vielleicht würden sie heute auch an ihn denken und wohl gar mit Bedauern seine Abwesenheit bemerken? Er hatte freilich nicht das meiste zur Fröhlichkeit beigetragen, aber er war immer pünktlich zur Stelle gewesen und hatte sich jederzeit als eifriges Mitglied gezeigt, und wenn auf Zeit und Zustände geschimpft wurde, hatte es nie an seinem Beifall und seiner kräftigen Mitwirkung gefehlt. Ach ja – München! Angermayer seufzte tief und der lästerliche Gedanke stieg in ihm auf, wie gerne er sich aus dem Elysium weg nach der bayerischen Hauptstadt versetzen ließe und wie bereit er wäre mit einem Kollegen zu tauschen. Aber er war schon ein Pechvogel. Auf Erden hatte man ihn oft übergangen, ihm nie die verdiente Beförderung zuteil werden lassen, und wie er sich dann schimpfend und nörgelnd und doch im Innern zufrieden mit seiner Sekretärstellung abgefunden hatte, musste er weg mitten unter die nackten, ekelhaften Schlawiner hinein ... »Angermayer!« Er fuhr aus seinen Gedanken auf, als er seinen Namen mit einiger Ungeduld rufen hörte, und sah einen großen Engel am Himmelsportal stehen, der ungefähr so aussah wie ein Genius vom Oberammergauer Passionsspiel und der jetzt die Hände vor den Mund hielt und wiederum den schallenden Ruf ertönen ließ: »Martin – Angermayer aus München!« »J – ja!«, antwortete missmutig der Sekretär, »was wollen S' denn?« »Vielleicht ist es Ihnen endlich gefällig, einzutreten?«, schrie der Engel. »I kumm scho«, knurrte Angermayer und er schob sich langsam durch die Gaffer hindurch, die erstaunt über sein Zögern die Köpfe nach ihm umdrehten und die noch überraschter waren, als sie der Genosse ihrer künftigen Freuden mit groben Ellenbogen beiseite schob. »Da bin i. Deswegn brauchen S' doch net so plärrn«, sagte der Sekretär zum Engel, der den merkwürdigen Gast mit leuchtenden, kugelrunden Augen maß. »Ich habe dich mindestens dreimal gerufen«, sprach er dann mit leisem Tadel. »Von mir aus sechsmal«, erwiderte Angermayer mit einer im langjährigen Schalterdienst erprobten Grobheit und er setzte beinahe feindselig hinzu: »Für die Arbeit werdn Sie wahrscheinlich zahlt werdn.« »Dein Ton ist ungehörig«, sagte der Engel. »Hier ist ganz und gar nicht der Ort für solche Äußerungen, mein lieber Angermayer.« »I bin net Eahna Liaber, verstengan Sie mich! Und d' Sau hamm ma aa not net mitanand' ghüat. Und drittens bin i der königlich bayrische Sekretär, des mirken S' Eahna!« »Das bist du gewesen! Und jetzt bist du eine Seele, und sonst nichts, und hast dich in die Hausordnung zu fügen.« »Wo is denn Eahna Hausordnung? Wenn Sie a Hausordnung habn, nacha schaugn S' z'erst, dass die Kinder net so umeinandrolzn und lassen S' die Schlawiner da d' Füaß waschn. Dös waar a Hausordnung, verstengan Sie mich, und denen können S' was vazähln von Eahnara Hausordnung, aber net an königlichn Sekretär, der wo seiner Lebtag gwisst hat, was sich ghört ...« »Ja, Michael!«, rief es ungeduldig von drinnen. »Gleich!«, erwiderte der Engel und schob mit einer im Himmel sonst nicht üblichen Energie den streitsüchtigen Sekretär in das Paradies hinein. Jeder andere wäre geblendet gewesen von dem schier undenkbaren Glanze, der hier strahlend ausgebreitet war, und jeder andere hätte verzückt dem unbeschreiblichen Wohllaut der in der Ferne singenden und musizierende Engel gelauscht. Allein Angermayer hatte sich schon von allem Anfang an vorgenommen hier nichts so übermäßig schön zu finden, und dann war er von Natur nicht überschwänglich, und dann war er noch verbittert durch seinen Streit mit dem Erzengel. Also blickte er mürrisch drein und schnitt ein Gesicht, das deutlich fragte: »Is dös alls?« Vor ihm saß inmitten von schön gelockten Engeln ein unglaublich gütig lächelnder Greis, der eine dunkelblaue Toga trug, in welche goldene Schlüssel eingestickt waren. Es war der heilige Petrus, der unserm Angermayer nunmehr freundlich zunickte und sagte: »Da bist du ja, mein Sohn! Sei willkommen in unserem Reiche! – Was sagst du?«, fügte er bei, da der Sekretär etwas vor sich hinmurmelte. »Mich hättn S' schon noch a Zeit lang drunt lassn können. Es hätt ma gar net pressiert«, wiederholte dieser und seine griesgrämige Miene wollte sich nicht aufhellen. »Aber, Martin!«, rief der Apostel, »du bist der Erste, der an dieser Stelle nicht vor Freude jauchzt.« »Mit'n Jauchzn hab i's überhaupt net und i waar froh, wenn i drunt mein' Grüabign hätt.« Petrus wandte sich lächelnd an die Engel, die neben ihm saßen. »Seht da, ein Münchner, der sich erst an den Himmel gewöhnen muss!« Und ernster sagte er zu Angermayer: »Nun geh und freue dich und bedenke, dass manches in deinem armseligen Leben Strafe verdient hätte. Aber es ist dir Mitleid erwiesen worden.« Der Sekretär merkte am Ton, dass der Heilige als Vorgesetzter gesprochen hatte, und er schwieg. Ein lebhafter Jüngling mit hüpfendem Gang, der genauso aussah wie einer aus der Schwabinger Stefan-George-Gemeinde, fasste ihn bei der Hand, indem er in singendem Tone sprach: »Komm, seltsamer Geist, ich will dich führen.« In dem Postsekretär regte sich wohl sogleich die grimmige Abneigung gegen die Art seines Begleiters, aber er war zu niedergedrückt um die rechten Worte zu finden und er schritt griesgrämig und schweigsam neben dem Engel einher. Der wurde nun gesprächig und erklärte dem Neuling die Grundidee des paradiesischen Lebens. »Du musst wissen«, sagte er, »dass hier alles auf unendliche Fröhlichkeit gestimmt ist. In den obersten Regionen, wohin wir ja nicht gelangen, befinden sich die erhabenen Geister, welche in fortlaufenden Gesprächen ihrer unbeschreiblichen Freude Ausdruck verleihen. Die Heiligen befinden sich in Verzückung, die Engel musizieren und du hörst ja die erhabenen Klänge des Konzertes, wir andern aber, zu denen du nun auch gehörst, bilden die Heerschar der Seligen und wir haben die Aufgabe, nach unsern bescheidenen Kräften den Eindruck des höchsten Glückes hervorzubringen. Zu diesem Zwecke erhält jeder eine Harfe. – Ich führe dich jetzt zu unserm Obersten, dem Engel Asrael, welcher sie dir verabreichen wird.« »Was tua denn i mit a Harpfen?«, unterbrach ihn Angermayer sehr unwirsch. »Du musst frohlocken«, sagte der Begleiter. »M–hm, ja! Is scho recht! Weil i gar so guat aufglegt bin, und überhaupts – i ko gar net Harfn spieln ...« »Du musst nur in die Saiten greifen – siehst du, so ...« Der lebhafte Jüngling nahm sein Instrument, das an einem rosaroten Band über seine Schulter hing, und klimperte ein wenig. Dabei hüpfte er im Takt abwechselnd einige Male auf dem rechten und linken Fuße nach vorne und sang mit näselnder Stimme: »H–a–a–lä–ä–lu–u–jäh ... Halalala – ha–lälälä–u–u–ha–ha! ...« Er hielt inne und blickte den Sekretär lächelnd an. Der machte ein Gesicht, als wenn er saures Bier getrunken hätte. »Wia hoaßt ma dös?« »Das ist das Frohlocken der Heerscharen«, antwortete der Jüngling. »Und Sie glaub'n«, sagte Angermayer und ein bitterer Hohn spielte um seine Mundwinkel, »Sie glaub'n, dass i bei so was mittua? I? Dös könna S' Eahna ja denkn, dass i umeinand hupf wiar'a spinneter Hanswurscht...« »Deine Sprache ist rau«, erwiderte der Jüngling, »und dein Antlitz zeigt weder Ruhe noch Glückseligkeit, aber bald wird Harmonie dein Wesen verklären ...« »Die Spruch' mag i«, antwortete der erbitterte Postsekretär und nach einer Weile fügte er hinzu: »Sie, passen S' auf, was sind denn Sie früher gwesn?« »Was ich ...?« »Ja, was Sie bei Lebzeitn gwen san?« »Ach so, als ich noch auf Erden wandelte?« Und als Angermayer nickte, überflog ein seliges Lächeln der Erinnerung die Züge des lang gelockten Jünglings und er flüsterte mehr als er sprach: »Ich war Lehrer für rhythmische Gymnastik und harmonische Exterikultur.« »Was is dös?«, brummte sein Begleiter, »dös versteh i net.« »Ich lehrte die Jugend sich rhythmisch bewegen und ...« »Jetzt!«, schrie der Sekretär, »i hab ma's do glei denkt! A Schlawiner, a Tanzmoasta! Und von Eahna soll i was lerna, frohlockn oder so an Schmarrn? Jetzt habn S' Zeit, dass S' Eahana verziahgn, sunst nimm i Eahna d' Harpfen und schlag Eahna umeinand damit...« Der Jüngling entfloh mit einem Schreckensruf und ließ Angermayer allein zurück, mitten in einer mit Lilien bestandenen Wiese, auf die er sich nun hinsetzte, voll innerlichen Zornes über das Schicksal, das einen königlichen Sekretär dazu brachte, nackend im Grünen zu weilen. Er starrte grimmig vor sich hin und überdachte die Möglichkeiten, von hier zu entrinnen. Da sich ihm keine zeigen wollte und da er sich immer mehr darüber klar wurde, dass seine Versetzung in diese Gegend eine definitive wäre, bestärkte er sich in dem Entschluss, jede Zumutung abzulehnen, die mit seinem Charakter, seinen Neigungen und vor allem mit seiner Beamteneigenschaft nicht in Einklang ... Er wurde in seinem Gedankengang unterbrochen. Zwei riesige Engel ergriffen ihn, jeder bei einem Arm, und entführten ihn so schnell und gewaltsam, dass seine Füße den Boden kaum mehr berührten. Aber seltsam! Angermayer empfand gegen diese Begleiter weit weniger Widerwillen als gegen jenen sanften Jüngling, und die Gestalten, die Gesichter, die Manieren dieser ungefügen Geister muteten ihm beinahe vertraut an, so dass er trotz der rasenden Schnelligkeit, mit der er vorwärts getrieben wurde, in höflichem Ton zu fragen versuchte: »Sie entschuldign ...« »Halt 's Mau!«, schrie der Engel zur Linken. »Jeggerl! A Landsmann!«, rief der Angermayer erfreut und machte einen Versuch, stehen zu bleiben, aber er wurde mit unwiderstehlicher Gewalt fortgerissen und so keuchte er atemlos: »Geh, sagn S' mir doch, wo S' her san?« »Wennst as schon wissn willst«, brüllte der Engel zur Rechten, »mir warn Klosterhausknecht' in Andechs ...« »Jessas, Andechs!«, jauchzte der Sekretär und wunderkühle Nachmittage hinter den Maßkrügen des Bräustüberls fielen ihm ein. Er schnalzte unwillkürlich mit der Zunge. »Und an Backsteiner und an Radi!«, setzte er die Reihe der seligen Erinnerungen fort. Mit wie wenig kann ein Mensch doch glücklich sein und zu was brauchte man ein solches Paradies, wenn man es auf Erden hatte! Sein Herz fühlte sich hingezogen zu diesen groben Geistern. »Was tuts denn mit mir, Leuteln?«, fragte er beinahe zärtlich. »Wir geb'n dir nacha scho d' Leuteln!«, sagte der Engel zur Linken. »Außischmeißn tean ma di«, rief der Engel zur Rechten. Und kaum waren ihm die Worte entfahren, so fühlte sich Angermaier von einem heftigen Wurf einige Stufen abwärts geschleudert mit dem Kopf in gefrorenen Schnee fahren und tausend Sterne flimmerten vor seinen Augen. Ein Tor fiel donnernd hinter ihm zu. – Er erwachte von dem Fall und der kühlen Luft, die um ihn strich. Er rieb sich die Augen und sah an sich hinunter mit entzücktem Erstaunen, denn er war bekleidet und er sah um sich und erkannte den lieben alten Rathausturm, dessen beleuchtete Uhr die dritte Morgenstunde zeigte. Da merkte er froh, dass er im Bräuhaus eingeschlafen war und alles nur geträumt hatte, bis auf den Hinauswurf. Der war erlebte Wirklichkeit. Peter Spanningers Liebesabenteuer Die oberbayrische Stadt Dürnbuch liegt keineswegs an der Eisenbahn. Vor etlichen fünfzig Jahren stand es der Regierung im Sinne, eine Hauptbahn an die Stadt zu legen. Aber der Brauereibesitzer Peter Spanninger, der Großvater des jetzigen Peter Spanninger, wehrte mit anderen Bürgern die Neuerung ab. Man sagte der Regierung mit klaren Worten, dass die Dürnbucher am Alten und Hergebrachten hingen. Sie wollten mitnichten das Fuhrwesen von der Landstraße bringen und alle Wirte und Lohnkutscher schädigen. Der Weitblickende möge bedenken, dass mit ihnen die Schmiede, Sattler und Wagner Einbuße litten, die Bräuer minderen Absatz fänden und die anderen Geschäftsleute in Gefahr schwebten. Denn alle Kundschaft könne mit der Bahn schnell und mühelos die große Stadt erreichen und dort Geld ausgeben, das besser in Dürnbuch bleibe. Die Regierung wollte die treue Bevölkerung nicht kränken und legte den Schienenstrang so weit entfernt von der Stadt, dass die Nachkommen des Peter Spanninger zwei Stunden mit dem Omnibus fahren müssen, wenn sie den Pfiff einer Lokomotive hören wollen. Heute noch rumpelt frühmorgens um sechs Uhr der Postwagen über den Stadtplatz und der Postillion Johann Glas lenkt die Pferde, wie es sein Vater tat. Zu Winterszeiten sitzt er verfroren auf dem Bock und schaut neidisch auf die dunklen Fenster, hinter denen die Bürger in warmen Betten liegen. Wenn es aber Frühling wird und ein feiner Morgen tagt, setzt er das Posthorn an und bläst sein altes Lied. Dann kommen Leute an die Fenster und prüfen mit verschlafenen Augen das Wetter. So hat sich in Dürnbuch das gute alte Wesen erhalten. Hierin wie überhaupt. Dürnbuch hat 3419 Einwohner. Darunter sind vier Protestanten und ein Israelit; die übrige Bevölkerung ist römisch-katholisch. Auch darf man nicht glauben, dass jene Andersgläubigen Eingeborene sind. Der Stadtschreiber Rellstab, der mit seiner Frau und zwei Kindern der evangelischen Konfession angehört, ist Mittelfranke. Der Israelit heißt Isidor Blumschein, stammt aus dem Schwäbischen und wurde durch den Produktenhandel in die Gegend geführt. Im Übrigen erlitt das katholische Bekenntnis keinerlei Schaden durch die Fremdlinge. Bei den jüngsten Wahlen fielen alle Stimmen auf den ultramontanen Kandidaten, Kaufmann J. B. Irzenberger. Der Stadtschreiber wollte die politische Überzeugung der Herren Bürger schonen und auch Blumschein heulte mit den Wölfen. Dürnbuch ist der Sitz ansehnlicher Behörden, nämlich eines königlichen Bezirksamtes, Amtsgerichtes, Rentamtes und Notariates; es hat eine Gendarmerie-, eine Post- und Telegrafenstation. Zu den Lehranstalten gehören außer der Volksschule eine Töchterschule der armen Schulschwestern und eine Realschule. Ferner befinden sich dort sechs Kirchen, acht Bräuhäuser, eine Kunstmühle und ein herrschaftliches Schloss, welches aber nicht mehr bewohnt wird. In früheren Zeiten gehörte es den Grafen Selz-Dürnbuch, einem alten Geschlecht. Der letzte Dürnbuch, Johann Anton, starb unverehelicht als kurfürstlich bayrischer Kämmerer im Jahre 1764. Der Besitz ging auf die Familie der Freiherren von Selz-Gögging über, deren letzter Spross um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts das Zeitliche segnete. Vor seinem Tod verkaufte er das Gut Dürnbuch an den Fiskus. Dieser bewirtschaftet noch heute den schönen Forst, lässt aber das Schloss verfallen, weil die Kosten der Instandhaltung zu hoch kommen. Die Säle zu ebener Erde hat Isidor Blumschein um geringen Preis gemietet; er benützt sie als Lagerräume für Landesprodukte. Handel und Industrie stehen in Dürnbuch in gedeihlicher Blüte. Die Landbevölkerung bringt ihre Erzeugnisse in die Stadt und deckt hier wiederum ihre Bedürfnisse. Die zwei größeren Warenhandlungen von J. B. Irzenberger und Gabriel Riedlechner haben erklecklichen Umsatz. Die Brauereien sind gut betrieben; die bedeutendste von Peter Spanninger »Zum Stern« siedet über achttausend Hektoliter Malz ein. Die Kunstmühle war bis vor wenigen Jahren im Besitz des Herrn Jakob Bonholzer, ist aber jetzt in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Der Handel mit Getreide und Vieh ist rege; auch mit Holz werden gute Geschäfte gemacht. Das ehrsame Handwerk gedeiht. So ist im Allgemeinen die Bevölkerung wohlhabend, auch wohllebig. Die Arbeit wird mit bedachtsamer Ruhe getan und alle Feste werden gewissenhaft begangen. Jeder Familienvater muss in pünktlicher Reihenfolge die Wirtschaften besuchen um die Beziehungen aufrecht zu erhalten. In der behäbigen Art der Bürger liegt es begründet, dass gerade diese Seite der geschäftlichen Tüchtigkeit am besten ausgebildet ist. Über Lage und Bau der Stadt lässt sich Rühmendes sagen. Dürnbuch liegt 480 Meter über dem Meer, in dem von Hügeln durchzogenen Alpenvorland. Die Höhen sind bewaldet; aber das dunkle Fichtenholz wechselt ab mit Wiesen und Getreidefeldern, was ein freundliches und mannigfaltiges Bild gewährt. Man erblickt in der Nähe zahlreiche Dörfer und Weiler; auch in größerer Ferne, wo sich die Häuser dem Auge verbergen, lugt da und dort ein spitzer Kirchturm über die Hügel hervor. Der Ort Dürnbuch ist um die Mitte des elften Jahrhunderts entstanden. An die alte Zeit erinnern einige Reste der Stadtmauer und ein gut erhaltenes Tor. Man gelangt durch dasselbe auf den mäßig großen Marktplatz, dessen Mitte ein Marienbrunnen ziert. Hier steht auch die schöne Pfarrkirche, welche im spätgotischen Stil erbaut ist. Auf der Südseite des Platzes erheben sich die drei stattlichen Brauereien »Zum Stern«, »Zum Rappen« und »Zum goldenen Lamm«. Sie strecken, wie einige Wirtschaften gegenüber, große schmiedeeiserne Schilder in die Luft hinaus. Die blinken freundlich in der Sonne und verheißen Eingeborenen wie Fremden behagliches Unterkommen. Die Gassen, welche in den Marktplatz einmünden, sind krumm, eng und uneben. Die Häuser sind mannigfaltig gebaut. Viele haben nach italienischem Muster breite Fassaden, welche in geraden Maueraufsätzen die Dächer überragen. Diese sind mit Schindeln gedeckt und stoßen hart aneinander. Nicht selten üben waghalsige Knaben auf der gefährlichen Höhe ihre Spiele, indem sie über alle Dächer klettern von einem Haus zum andern. Und die Kater haben hier oben ein weites Feld für ihre Liebesfahrten. Der Stolz der Stadt ist eine Lindenallee, welche am Schloss vorbei bis Holzhausen führt. Zum Mindesten einmal im Jahr beschreibt der quieszierte Lehrer Furtner ihre Reize im »Alzboten«, gewöhnlich in den Herbsttagen, weil er an die wundervolle Färbung der Bäume und an den wehmütigen Anblick der sterbenden Natur passende Gedanken über den Allerseelentag anzuknüpfen weiß. Dem Dürnbucher Bürger ist die Allee mit allen Erinnerungen des Lebens verwachsen. Hier hat er als Kind gescherzt, hier schlich er in dämmernden Abendstunden an der Seite eines weiblichen Wesens und hier schreitet er jetzt, wenn die Zeit der Torheiten vorüber ist, am hellen Tag neben seiner ehrbaren Frau und neben dem Kinderwagen her. Südlich der Allee fließt die Alz, ein stattlicher Fluss. In seinem klaren Wasser spiegeln sich die Rückseiten der Häuser, Weidenbüsche und Erlen und die Kühe, die den kleinen Leuten der Vorstadt gehören. Und manches Mal auch die Wäsche der Dürnbucher Damen, welche am Ufer zum Trocknen aufgehängt wird. Im Luftzug wiegen sich die blühweißen Geheimnisse hin und her und der Spaziergänger kann hier vieles erblicken, was er sonst nicht zu sehen kriegt. Man darf es als Tatsache feststellen, dass die Spanninger in vier Geschlechtern die reichsten und damit die angesehensten Leute von Dürnbuch waren; dass auch der jetzige Besitzer der Bierbrauerei »Zum Stern« auf dieser Höhe steht. Und daran knüpft man die Hoffnung, dass sich kein Spanninger in absteigender Linie bewegen wird. Die erblichen Eigenschaften wie die Stellung der Familie schließen Befürchtungen aus. Einem Spanninger ist der Weg geebnet und die Bahn zu allen Ehrenstellen offen. Ein Spanninger kann mit der Überzeugung ins Leben treten, dass er Distriktsrat wird und dass dermaleinst an seinem offenen Grab die sämtlichen Vereine Dürnbuchs mit umflorten Fahnen stehen werden. Diese Laufbahn ist ihm vorgezeichnet; die Achtung der Bürger hängt an seinem Besitz. Die Spanninger strebten nie darüber hinaus und sanken nie darunter hinab. Sie waren in vier Geschlechtern gutmütige Menschen; und jeder hatte mit fünfundzwanzig Jahren seinen Bauch, mit sechzig Jahren seinen Schlaganfall. Was dazwischen lag, war Durst, Fröhlichkeit und Verständnis dafür, dass auch die armen Teufel leben wollen. Die Bildung der Spanninger hielt zwar Schritt mit den Anforderungen der Zeit, aber sie blieb innerhalb der Grenzen des Notwendigen. Den älteren Geschlechtern hatten die Grundelemente, Lesen, Schreiben und Rechnen, genügt; die gewerbliche Kunst wurde daheim gelernt. Der jetzige Inhaber der Brauerei musste schon mehrere Jahre die neu gegründete städtische Realschule, oder, wie man sie damals hieß, Gewerbeschule, besuchen. Die Neuerung wandelte den Familiencharakter nicht um; sie blieb ohne einschneidende Wirkungen. Und das war gut. Denn mancher, der eine höhere Stufe der Erkenntnis erklimmen will, gewinnt nichts als eine Verachtung der tieferen, die ihm guten Halt gegeben hätte. Der Sternbräu geriet nicht in die Gefahren der Zwiespältigkeit von Beruf und Bildung. Er streifte die angeflogenen Kenntnisse ab und behielt als Rest nur eine Vorliebe für Fremdwörter. Durch ihren häufigen Gebrauch erhob er sich mit einiger Befriedigung über die große Menge. Noch ein anderes kam ihm zustatten. Sein Vater hatte ihn nach Straubing geschickt; er verbrachte hier ein volles Jahr als Volontär in der Koller'schen Brauerei und galt später den Dürnbuchern als ein Mann, der sich in der Welt umgetan hatte. Der Sternbräu zog daraus die Lehre, dass der bloße Anschein ungewöhnlicher Regsamkeit das Ansehen mehrt. Und diese Erfahrung leitete ihn wieder bei der Erziehung seines Sohnes. Er war nicht bekümmert, als der heranwachsende Peter in der Realschule sehr geringe Tüchtigkeit bewies. Es ist nicht einmal sicher, dass er die Semesterzeugnisse aufmerksam las; die Noten, welche hinter Algebra, Geschichte, Geographie, französischer Sprache standen, waren ihm herzlich gleichgültig. Das Wichtige, nicht für jetzt, sondern für alle Zeit, war, dass so bedeutend klingende Wissenschaften mit seinem Sohn überhaupt in Zusammenhang gebracht wurden. Dabei konnte er wohl die schulmeisterliche Ansicht über Fleiß und Talent eines Spanninger übersehen. Als Peter das achtzehnte Lebensjahr erreichte, schickte er ihn nach Weihenstephan. Darin lag ein Zugeständnis an die Forderungen des Zeitgeistes. Der Besuch der Brauerschule gewährt den allgemeinen Vorteil jeder akademischen Bildung; dazu den besonderen der scheinbaren Umwertung einer gewerblichen Tätigkeit in eine Wissenschaft. So verbrachte also der junge Sternbräu zwei Jahre unter den Jünglingen, die in Freising ungeschlachte Fröhlichkeit zeigen. Sie bildeten einen Verein »Gambrinia« und fanden ihre Freude in der Nachahmung studentischer Manieren. Die Berufsehre bedingte, dass sie noch trinkfester waren als die Jünger der Hochschulen. Peter tat rechtschaffen mit und glaubte an das Verdienstliche und an das Bedeutende dieses Treibens. Er war von der besonderen Ehre der drei Farben Rot, Gold und Blau überzeugt, schwur ihnen Treue und vermaß sich im Gesang, für Rot, Gold und Blau in Kampf und Tod zu gehen. Es war eigentlich nicht die Art der Spanninger, so große Dinge zu versprechen; noch weniger, sie zu erfüllen. Aber da sich Peter nicht viel dabei dachte, störte der fremde Zug den Grundton seines Wesens nicht allzu sehr. Die Flammen seiner Begeisterung schlugen nicht hoch. Und wenn er sie mit dunkeln und hellen Bieren löschte, geriet er wieder in Dürnbucher Fahrwasser. Nach zwei Jahren kehrte er in das Elternhaus zurück und passte sich ohne Mühe dem bürgerlichen Leben an. Die äußerlichen Spuren der Weihenstephaner Zeit verwischten sich freilich nicht. Peter war dick geworden und die Augen traten noch mehr aus dem stark geröteten Gesicht hervor. Das in der Mitte gescheitelte Haar kämmte er in die Stirne. Die Schultern zog er hoch um sie noch breiter erscheinen zu lassen. Er schloss gern den untersten Knopf seiner Jacke, damit sich die Brust bauschig wölbe. Beim Gehen ballte er die Hände zu Fäusten und hielt sie mit dem Daumen an den Hosentaschen fest. Die Dürnbucher bemerkten das studentische Gebaren sehr wohl und waren geneigt darin die Kennzeichen eines reizvollen Lebenswandels zu erblicken. Denn weil sie keine Erfahrung in akademischen Dingen besaßen, bildeten sie ihre Meinung darüber aus den abenteuerlichen Vorstellungen ihrer geheimen Sehnsucht. Sie wollten es nicht anders gelten lassen, als dass der Sohn ihres reichsten Mitbürgers zwei Jahre mit seltsamen Liebeshändeln hinter sich gebracht habe. Wer in solchem Ruf steht, ist gut dran, wenn ihn das bürgerliche Gewissen im Besitz der nötigen Mittel glaubt. Und darum zog Peter ohne sein Zutun Nutzen aus dem, was eigentlich ein Vorwurf war. Nun lebte damals in der Kreuzgasse ein Mann, der vielen unheimlich war, weil die Art seines Erwerbes nicht klar zutage lag. Er hieß Korbinian Fröschl und trieb weder Handel noch Handwerk. Er hatte aber nicht etwa die Mittel, welche ihm das Leben eines Privatmannes möglich machten, sondern er stand in offenkundiger Dürftigkeit. Seinen Unterhalt verdiente er durch leichte Geschicklichkeiten, die auf geheimes Wissen begründet waren und schon darum den Verdacht der sesshaften Bürger erregten. So war er ein Quellenfinder. Wenn er mit einem Gabelzweig in der Hand über die Hügel schritt, konnte er mit untrüglicher Sicherheit bestimmen, wo man nach Wasser graben könne. Überdies besaß er gute Mittel gegen landestypische Krankheiten, so dass er den Bauern als schätzbarer Heilkünstler galt. Weil er aber viele Kenntnisse nur mit Heimlichkeit verwerten durfte, hatte er ein schweigsames Wesen angenommen, welches das Vertrauen verscheuchte. Überdies war er nach seinem Äußeren eine düstere Erscheinung und manche seltsame Nachrede hängte sich an seinen Namen. Dieser Korbinian Fröschl besaß eine zwanzigjährige Tochter mit Namen Anna; sie war eine schön gewachsene Person, von angenehmen Zügen, jedoch ohne rechte weibliche Tugend. Ihre Kindheit war nicht behütet gewesen. Die Mutter war früh dem Tod verfallen und der Vater, den seine Geschäfte oft vom Hause fernhielten, kümmerte sich wenig um die Erziehung. So gewöhnte sich Anna nicht an Pflichterfüllung und entbehrte der tröstlichen Grundsätze, dass Arbeit das Leben versüßt und Armut nicht schändet. Vielmehr hängte sie ihr Herz an vergängliche Dinge und hegte den Wunsch, ihre Schönheit, die ihr wohl bekannt war, mit nichtigem Putz zu heben. Dieses Frauenzimmer lernte der junge Spanninger durch einen gewöhnlichen Zufall kennen. Es war gegen Ende April und die Dürnbucher Welt hatte ein frühlinghaftes Aussehen. Die Stare pfiffen in allen Gärten, die Schlehdornhecken waren mit weißen Blüten bedeckt und Gabriel Riedlechner und J. B. Irzenberger hatten ihre Neuheiten in Frühlingsstoffen ausgelegt. Da ging Anna Fröschl über den Stadtplatz und blieb vor den Ladenfenstern stehen. Sie betrachtete Zephir und blau gemusterte Baumwollstoffe, Musselin und Mull. Sie fertigte sich in Gedanken von jedem Zeug eine Bluse an und suchte sich bunte Gürtel aus, die dazu passen konnten, und drehte sich vor den Spiegelscheiben, als hätte sie nun die ganze Pracht zu probieren. Peter, der vor seinem Haus stand, sah die gefällige Person von weitem und ging wie von ungefähr über den Platz. Er spazierte einige Male mit hochgezogenen Schultern an dem Laden vorüber und bemerkte unterweilen die Vorzüge des Frauenzimmers. Auch dieses übersah seine Aufmerksamkeit nicht, und als es sich zum Gehen schickte, warf es ihm einen brennenden Blick zu. Peter überlegte, ob er darin eine Aufmunterung erblicken dürfe, aber da trat Kaufmann Irzenberger aus dem Laden und begann ein Gespräch mit ihm. Peter fragte gleichgültig und nebenher, wer die Person gewesen sei, die so lange die Auslage betrachtet habe. Irzenberger gab genauere Auskunft und so erfuhr der junge Spanninger, dass die Tochter des anrüchigen Fröschl seine Beachtung gefunden hatte. Das kühlte ihn ab. Die natürliche Scheu, welche gut situierte Leute von zweifelhaften Elementen ferne hält, war in ihm stark entwickelt. Nicht weniger das dunkle Gefühl, dass arme Leute immer bestrebt sind, die Wohlhäbigkeit auszunützen. So war er abgeneigt sich in ein unrühmliches Abenteuer einzulassen und schon wenige Tage später bestärkte ihm eine zufällige Begegnung diesen Vorsatz. Er ging um die Mittagszeit das Alzufer entlang und sah nahe der Brücke einen Menschen, der mit nackten Beinen im Fluss stand und ein Netz aus dem Wasser hob. Zwei kleine Fische zappelten darin. Der Mann fasste sie mit der Hand und warf sie in eine rostige Gießkanne. Es war Korbinian Fröschl. Peter erkannte ihn und sah auch, dass er ein schmutziges Hemd auf dem Leib trug und eine Hose, die an vielen Stellen nicht geflickt war. Da fühlte Peter mit Macht, wie gut er getan hatte solche Leute selbst auf verbotenen Wegen zu meiden. Allein Anna hatte die Blicke des jungen Spanninger nicht vergessen. Im Gegenteil dachte sie häufig daran und brachte sie in Zusammenhang mit ihren heimlichen Wünschen nach hellen Blusen und gelben Ledergürteln. Sie ging jetzt häufig auf den Stadtplatz, und immer so, dass sie an der Brauerei »Zum Stern« vorüberkam. Doch traf es sich nie mehr, dass sie dem Peter in die Hände laufen konnte. Ein oder das andere Mal stand er im Kreis der Honoratioren, welche sich allabendlich auf dem Bürgersteig vor Sonnenuntergang zusammenfanden. Aber er war durch die dicken Bäuche und breiten Rücken so versteckt, dass sie ihm keine Blicke zuwerfen konnte. Da fasste sie einen raschen Entschluss und schrieb einen Brief an den Jüngling, der sein Glück nicht verstand. Sie wählte ein überaus zierliches Papier, das mit Spitzen umrändert und auf der ersten Seite mit einem schnäbelnden Taubenpaar geschmückt war. Darunter setzte sie den Vers: Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß Wie heimliche Liebe, von der niemand nichts weiß. Und weil sie die Anrede nicht zu kalt und nicht zu warm wählen mochte, half sie sich, indem sie ein Fragezeichen und zwei Ausrufezeichen über den Text schrieb. Dann sagte sie, es sei vielleicht ein gewisser Jemand, dem man kürzlich begegnete, erstaunt über diese Kühnheit und vielleicht denke er sich gar etwas Schlechtes. Sie habe lange gezweifelt, ob es sich schicke, einem fremden und doch nicht fremden jungen Herrn zu schreiben, und sie wisse, es schicke sich eigentlich nicht. Denn besonders in Dürnbuch seien die Leute gleich bereit ein Mädchen schlecht zu machen, aber sie hoffe, dass ein gewisser Jemand nicht so sei. Und wenn sie das nicht dächte und wenn sie glauben müsste, er könne etwas Schlechtes meinen, dann würde sie überhaupt nicht schreiben. Aber sie müsse doch schreiben, weil sie ihm sagen wolle, dass sie gerne den gewissen Jemand wiedersehen möchte, und wenn er deswegen nichts Schlechtes denke, dann solle er am Mittwochabend in die Kreuzgasse kommen, weil ihr Vater nicht daheim sei. Jedoch, wenn er etwas Schlechtes denke, dann solle er um Gottes willen nur ja nicht kommen. Und er solle nicht vor der Dunkelheit kommen, weil neidische Augen wachten. Darunter schrieb sie: »Ungenannt und doch bekannt – A. F.« Und sie setzte wiederum ein Fragezeichen und zwei Ausrufezeichen hinter die Buchstaben. Der Brief stürzte Peter in Ratlosigkeit. Er sah das frische Mädchen vor sich mit allen runden Heimlichkeiten, die sein Blick begehrlich gestreift hatte, aber als Spanninger konnte er nicht blind in den Strudel der Leidenschaft tauchen. Denn, wie gesagt, er war von Kind auf mit großem Misstrauen gegen das andere und ärmliche Menschentum angefüllt worden. Und dachte er auch zu manchen Stunden, dass er wohl verstohlen in den Liebesgarten schleichen könne, so überlegte er baldigst wieder, dass solche Leute wie Fröschl Geheimnisse gern zu Geld machen. Stündlich wechselte er mit seinem Entschluss seine Stimmung. Jedes Mal, wenn er sich vornahm zu entsagen, wurde sein Gemüt leicht und froh und jedes Mal, wenn er der Lockung folgen wollte, fühlte er sich bedrückt. Die helle Stube, der sauber gedeckte Tisch, alle Behäbigkeiten des Elternhauses mahnten ihn die bürgerliche Ehrsamkeit zu wahren, aber wieder winkten ihm die lebhaften Gedanken an beachtenswerte Reize. Denn trotz aller Meinungen, die in Dürnbuch feststanden, war es sein erstes Abenteuer. Und weil sich seine Tugend nicht auf gefestigte Grundsätze, sondern auf äußerliche Bedenken stützte, musste sie immer wieder ins Wanken geraten. Am Tage des Stelldicheins spazierte Peter gleich nach dem Mittagessen durch die Kreuzgasse. Er wollte unauffällig die Örtlichkeit erkunden und darum hatte er sich zur Jagd gerüstet. Vielleicht dachte er nebenbei, dass er so das Wohlgefallen an seinem Äußeren heben könne, denn er war mit Joppe und Gewehr gewalttätig anzusehen. Überdem hatte er seine Waden mit ledernen Gamaschen umkleidet, obschon die Sonne leuchtend am Himmel stand und alle Wege in Trockenheit lagen. So stieg er mit langen Schritten durch die Gasse. Die Häuser waren unbehaglich anzuschauen; es fehlte ihnen die rechte Breite. Sie standen eng aneinander gepresst und ragten steil in die Höhe, damit sie oben Luft schöpfen konnten. Kleine Fenster saßen unregelmäßig neben- und übereinander, die Scheiben waren trüb und viele gähnten schmucklos in die Gasse herunter. Nur wenige waren mit dunkel gefärbten Vorhängen geschmückt. Was Peter sah, wirkte erkältend auf seine Gefühle und er wünschte jetzt unbemerkt zu entkommen. Aber die stille Gasse war an hallende Tritte und knarrendes Leder so wenig gewohnt, dass sie erwachen musste. Der Flickschneider Söllbeck, der mit untergeschlagenen Beinen in seiner Werkstätte saß, erhob sich rasch um dem jungen Manne mit den prall sitzenden Beinkleidern nachzusehen. Gegenüber trat die Frau Buchbinder Gnadl unter die Türe und schüttete schmutzige Brühe auf das Pflaster. So hatte sie ein Recht, im Freien zu weilen und zu ergründen, was den Sohn des Sternbräu in die Gegend führen könnte. Nebenan trug die Schusterin Brummer ihr Knäblein auf dem Arm heraus und dieses begann sogleich zu schreien. Da öffneten sich herüben und drüben die Fenster und alle neugierigen Augen folgten dem blanken Jägersmann. Peter trachtete vorwärts, aber in der Mitte der Gasse stutzte er, denn er sah Anna Fröschl, die freundlich auf ihn herablächelte. Weil ihr Jäckchen nicht völlig geschlossen war, sah man den Ansatz der runden Brust. Peter fasste sich ein Herz und grüßte. Er merkte, dass das Mädchen zweimal nickte. Das gab ihm und den andern zu denken. Dem Flickschneider Söllbeck blieb es für den Nachmittag ein Gegenstand innerlicher Betrachtung und die Gnadlin erschien von da ab bis zum Abend jede halbe Stunde vor ihrem Haus um Spülwasser auszuschütten und Rundschau zu halten. Peter verließ die Stadt und schritt über Felder und Wiesen. Er hatte Gefahr und Glück des Abenteuers dicht beieinander gesehen und war in neue Zweifel verstrickt. Aber als nun die Bäume lange Schatten warfen, hatte die Tugend einen großen Sieg errungen und die Schar der Guten war um einen vermehrt. Der junge Spanninger war entschlossen auf Liebe und schlimme Nachrede zu verzichten. Und er machte sich auf den Heimweg. In Dürnbuch läutete man den Englischen Gruß. Die hellen und tiefen Töne der Glocken klangen mit gemessener Feierlichkeit in den Abend, und wäre Peter eine stimmungsvolle Natur gewesen, so hätte er empfinden mögen, dass seine reinliche Seele sich in diesem Augenblick aufwärts erhob, bis zu den rosaroten Wolken des Frühlingshimmels. Jedoch auch sein gröberes Gemüt kam in Schwingung, freundliche Heimatsgefühle fassten ihn an. Er sah im Geiste ungestörte Behaglichkeit, reichlich gedeckte Tische und Ordnung. Und so sicher wusste er sich, dass er den Rückweg wiederum durch die Kreuzgasse wählte. Sie lag schon im Dunkeln, als er sie betrat. Am Eingang brannte ein trübes Licht; der Schein der Laterne reichte kaum bis zum zweiten Haus. Peter wollte seinen Gang beschleunigen, als eine vermummte Gestalt ihm entgegentrat. »Herr Spanninger!« Er blieb stehen und erkannte Anna, die sich in ein Tuch gehüllt hatte. Sie sagte mit leiser Stimme, dass sie an sein Kommen nicht mehr geglaubt habe, und bei diesen Worten zog sie ihn sanft in den Schatten der Mauer. Peter folgte mit halbem Widerstreben und antwortete, dass er gleich wieder gehen müsse, weil man ihn daheim erwarte. Er horchte dabei ängstlich in die Gasse hinaus. Es war tiefe Stille und nichts zu vernehmen als die Atemzüge des Mädchens. Das flüsterte, der Herr Spanninger könne doch ein wenig verweilen. Ein anderes Mal gerne, sagte Peter, aber nur heute gehe es nicht, weil er Besuch habe von einem Freisinger Freund. Der würde sicherlich warten, meinte Anna, und der Herr Spanninger könne sagen, dass er sich auf der Jagd verspätet habe. Und der Herr Spanninger dürfe nicht glauben, dass sie ihn lange aufhalten wolle, denn sie wisse wohl, dass es für sie nicht schicklich sei, bei einem Herrn zu stehen, obgleich sie gewiss niemand erblicken könne. Peter wurde allmählich sicher und fragte, warum ihm das Fräulein geschrieben habe. Nur so und überhaupt, erwiderte Anna, und dann habe sie sich gedacht, dass der Herr Spanninger sie vielleicht noch kenne, denn sie sei ihm in früheren Jahren öfter begegnet. Daran könne er sich nicht erinnern, sagte Peter. Sie glaube es wohl, antwortete Anna, denn ein so vornehmer Mann gebe kaum Acht auf ihresgleichen. Das Gespräch stockte, indem Peter nichts zu erwidern wusste. Anna knüpfte den Faden auf ein Neues an. Sie habe gemeint, der Herr Spanninger kenne sie noch, denn er habe ihr neulich nachgeschaut. Das sei nicht darum gewesen, sagte Peter, sondern weil ihm das hübsche Fräulein aufgefallen sei. Das könne sie aber gewiss nicht glauben, erwiderte Anna, und sie sehe deutlich, dass der Herr Spanninger sie verspotte. Denn es gebe schönere als sie in Dürnbuch. Es sei keine so hübsch, versicherte Peter. O, da müsse sie lachen, sagte Anna, denn er sei ein galanter Herr, der solche Dinge allen Mädchen sage. Aber sie wisse recht gut, dass vornehme Leute gerne ihren Scherz trieben. Peter schwieg und horchte mit Unbehagen auf Schritte, die vom untern Ende der Gasse her klangen. Das sei der Schuhmacher Brummer, flüsterte Anna, und Herr Spanninger möge in das Haus eintreten. Sie nahm ihn bei der Hand und schlich auf den Zehenspitzen voran. Peter konnte nicht widerstreben, da die Schritte näher kamen. Es war ihm jedoch in dem engen Hausgang keineswegs wohl zumute und er beschloss baldigst Abschied zu nehmen. Anna lehnte die Türe zu und lugte durch die Spalte hinaus. Der nächtliche Spaziergänger kam vorbei und es war wiederum still. Jetzt gab Peter kund, dass er nicht mehr länger bleiben könne; aber das Mädchen ließ ihn nicht ziehen. Er müsse noch warten, denn der Schuhmacher Brummer könne umkehren. Bei den Worten schmiegte es sich an den jungen Mann; er fühlte ihre Schulter und roch den Duft ihrer Haare, aber er rührte sich nicht. Anna seufzte. Was sich der Herr Spanninger denken müsse, dass sie jetzt so mutterseelenallein im Dunkeln bei ihm stehe? Peter sagte, sie könne nichts dafür, dass sie sich verbergen müssten, und es dauere nicht mehr lange. Nein, nein!, erwiderte Anna, so leicht sei es nicht zu nehmen, alle Welt sei dabei, von einem Mädchen immer das Schlechteste zu denken, und der Herr Spanninger habe gewiss eine schlimme Meinung von ihr. Er habe eine gute Meinung von ihr, sagte Peter. Anna seufzte wieder. Das hoffe sie fest. Denn sonst müsse es sie bitter gereuen, dass sie den Brief geschrieben habe. Und eigentlich, sie könne es nicht begreifen, wie sie den Mut gefunden habe. Es sei nichts weiter dabei, sagte Peter. Für ihn nicht, erwiderte Anna. Aber was würden die Leute von ihr sagen, wenn sie es erführen? Sie könnte sich nicht mehr auf der Straße blicken lassen, so würden alle über sie herfallen. Das erfahre niemand, sagte Peter. Ja, das müsse der Herr Spanninger versprechen, das Geheimnis müsse er wahren. Er dürfe nicht sagen, dass sie ihm geschrieben habe, und er dürfe nicht sagen, dass er in ihrem Hause gewesen sei in der stockfinsteren Nacht und ganz allein. Er werde nie davon sprechen, sagte Peter. Sie habe jedoch davon gehört, erwiderte Anna, dass die Vornehmen sich darüber lustig machen, wenn sie einem Mädchen den Kopf verdrehen. Und der Herr Spanninger habe gewiss viele Abenteuer gehabt und lache über die Mädchen, die ihm Glauben schenkten. Er werde gewiss nichts verraten, versicherte Peter, und überdem, jetzt wolle er gehen. Anna öffnete zögernd die Tür und schloss sie hastig wieder. Denn auf ein Neues klangen Schritte in der engen Gasse. Es waren feste, grob aufgesetzte Tritte. Eilige Tritte. Das Mädchen fuhr erschrocken zusammen. »Jesus! Der Vater!«, flüsterte sie. Peter fühlte sein Herz stillstehen. Er wollte hinaus in das Freie. »Um Gottes willen, nicht!«, flüsterte das aufgeregte Mädchen. »Es ist zu spät! Da hinein! Sie müssen da hinein!« Hastig zog sie ihren Besucher in den Gang zurück, bis sie an eine Türe kam, die sie aufriss. Ein dumpfer Kellergeruch schlug Peter entgegen, aber Anna ließ ihm keine Zeit zur Besinnung. Sie gab ihm einen heftigen Ruck, so dass er stolpernd nachfolgen musste. Dann stand er schwer atmend in einem moderigen Gewölbe und horchte. Die Haustüre wurde geöffnet. Eine raue Stimme fluchte über die Nachlässigkeit, dass um diese Stunde nicht abgesperrt sei. Dann rief die Stimme Anna beim Namen, mehrmals und mit jedem Mal lauter. Dann klangen schwer genagelte Stiefel gegen die Treppenstufen. Fröschl wollte über die Stiege hinaufgehen um seine faule Tochter zu wecken. In diesem Augenblicke machte Peter in seiner Angst eine Bewegung und schlug mit dem Gewehrkolben heftig gegen die Gießkanne, die hinter ihm stand. Der Schlag tönte laut durch den Gang und Fröschl schrie, was das sei? Hallo, was das sei? Anna kam hervor und sagte, dass sie es wäre, und was der Vater wolle. Fröschl herrschte sie an, was sie in der Kammer um diese Zeit zu tun habe, und das wolle er gleich sehen. Peter hörte, wie der grimmige Mensch mit einer Zündholzschachtel hantierte, und dann sah er Licht aufblitzen. Schreckliche Gedanken bestürmten ihn. Erinnerungen an teuflische Geschichten von Menschen, die in verborgenen Kellern umgebracht wurden, von Totengerippen, die erst nach vielen Jahren bei baulichen Veränderungen gefunden wurden; von jungen Männern, die spurlos verschwanden. Er warf sein Gewehr von sich, denn er dachte, dass der Anblick der Waffe die Rohheit seines Feindes steigern würde. Und er schrie mit heiserer Stimme: »Schonen Sie mich! Ich bin der Sohn achtbarer Bürgersleute!« »Was und wie?«, grollte Fröschl. Und Peter wiederholte es: »Halten Sie ein! Hier steht der Sohn ehrbarer Leute!« »So, so, der Herr Spanninger!«, höhnte Fröschl, indem er den todbleichen Jüngling beleuchtete. Dann wandte er sich um gegen seine Tochter, und als er merkte, dass sie über die Stiege eilte, folgte er ihr mit schrecklichen Worten. Peter tastete sich die Mauer entlang bis zur Haustüre. Er riss sie auf, stürmte hinaus und lief mit tollen Sprüngen durch die Kreuzgasse. Er lief bis in die Mitte des Stadtplatzes und machte erst am Marienbrunnen Halt um Atem zu schöpfen. Als er wieder zu sich kam, hielt er Umschau. Von drüben, wenige Schritte entfernt, blinkte das Licht über dem goldenen Stern, dem ehrenvollen Wahrzeichen seines Hauses. Nie hatte es ihm freundlicher gelacht. Es überkam ihn wie Dankbarkeit gegen den Schöpfer, der es nicht zugelassen hatte, dass ein Spanninger sein junges Leben verlor in den schmutzigen Kellern des Fröschlhauses. Dann ging Peter heim. Er wartete die Gelegenheit ab, dass er unbemerkt auf sein Zimmer schleichen konnte, und kleidete sich um. Seine Joppe und den Hut mit der verwegenen Feder warf er beiseite, und als er gleich darauf in der väterlichen Wirtsstube saß, fühlte er kräftiges Wohlbehagen und herzliche Freude an der bürgerlichen Ehrbarkeit. Er hoffte zuversichtlich, dass sein Abenteuer geheim bleiben würde. Fröschl hatte guten Grund über seine Mordpläne zu schweigen, und das Mädchen nicht weniger. Denn sicherlich war das ein abgemachtes Spiel gewesen. Die Nacht schlief Peter unruhig. Arge Träume quälten ihn. Er sah einen wilden Menschen und eine üppige Weibsperson in einem Keller schwere Verbrechen begehen. Sie pökelten einen Leichnam in das riesige Krautfass ein; und der Tote trug die Züge des Peter Spanninger. Schweißtriefend erwachte er. Es pochte heftig an die Türe; der Hausknecht trat ein und brachte ein Gewehr. Der Fröschl habe es abgegeben, sagte er und drückte sein linkes Auge bedeutsam zu und lächelte. Und dieses Gehaben musste Peter durch mehrere Wochen sehen. Alle Bräuburschen nämlich und alle Dienstboten und die Kellnerinnen und die Gäste und der alte Sternbräu selber hatten es angenommen, mit den Augen zu blinzeln, wenn sie Peter sahen. Und noch viele Jahre später, als Herr Spanninger senior schon längst von sämtlichen Vereinen zu Grabe geleitet war und Herr Spanninger junior hinwiederum einen Sohn und künftigen Sternbräu erzeugt hatte, erzählten sich die Dürnbucher, dass Peter gar seltsam hinter den schönen Mädchen her gewesen sei. Und auch dieses mehrte sein Ansehen. Der Star Ich legte meiner Nachbarin noch ein Stückchen Kapaun auf den Teller. Sie dankte und sagte: »Es ist zu ungeschickt, dass er immer so spät kommt.« Ich nickte ihr beifällig zu und versicherte ihr, dass ich gleichfalls einen gut gebratenen Kapaunen dem besten Fisch vorziehe. Da sah sie mich verwundert an und brach in ein silberhelles Lachen aus. »Das ist köstlich! Das ist reizend! Dieses Missverständnis! Ich meinte ›ihn‹ und Sie denken an gebratene Hühner. Das muss ich Peter Paul erzählen.« »Verzeihung, gnädiges Fräulein, ich wusste nicht, dass Sie verlobt sind.« »Verlobt? Ich spreche doch von Peter Paul!« Diesmal klang es vorwurfsvoll; und als ich ihr treuherzig versicherte, dass ich niemanden dieses Namens kenne, rückte sie von mir weg. Sie sprach leise einige Worte mit dem Herrn zu ihrer Rechten; nach kurzer Zeit entstand ringsherum ein Tuscheln und Flüstern; man hörte auf zu essen, und als ich mir eben noch ein Stückchen Geflügel ausbitten wollte, sah ich, dass die Augen aller Anwesenden auf mich gerichtet waren. Ich fuhr mit der Hand nach der Krawatte. Sie saß auf dem rechten Fleck und auch sonst war nichts in Unordnung. ›Vielleicht habe ich den Salat mit dem Messer in den Mund geschoben; ich werde mich etwas mehr zusammennehmen, dachte ich und nahm mir mit möglichster Unbefangenheit einen fetten Schlegel von der Platte. Ich sollte ihn nicht mit Ruhe verzehren. Es quälte mich, dass so viele Lorgnons und Zwicker durchbohrend auf mich gerichtet waren. Ich wurde unsicher und stach mit der Gabel daneben. Das Bratenstück wurde förmlich lebendig, ich jagte es auf dem ganzen Teller herum, und als ich es endlich zu fassen kriegte, rutschte ich mit dem Messer so heftig ab, dass die Sauce in die Höhe und meiner Nachbarin auf das Kleid spritzte. Ich entschuldigte mich und begann den Kampf von neuem. Diesmal gedachte ich es besser zu machen und spießte in verhaltener Wut den widerspenstigen Schlegel fest auf das Porzellan. Eben hatte ich ihn und schnitt mit einer energischen Bewegung tief in das Fleisch, als mein Vis-a-vis, ein blonder Herr mit melancholischen Gesichtszügen, das allgemeine Schweigen unterbrach und mich mit vibrierender Bassstimme fragte: »Sie kennen also Peter Paul nicht?« Ich verspürte einen elektrischen Schlag in der linken Hand und fuhr mit dem durchbohrten Kapaunen gicksend über den Teller hinaus. Da lag er jetzt auf dem weißen Tischtuch und ich sah, dass er für mich verloren war. Zornig wollte ich dem unangenehmen Fragesteller erklären, dass ich auf alle Peter Pauls der Welt pfeife, als die Tafelrunde in große Bewegung geriet. Alle erhoben sich von den Stühlen und mehrere Damen eilten auf die Türe zu, in deren Rahmen ein mittelgroßer, fetter Herr erschien. Man nahm ihm Hut und Überzieher ab; nach geraumer Zeit löste sich der Kreis, welcher sich um ihn gebildet hatte, und er schritt an der Seite unserer Gastgeberin auf seinen Platz zu. Ich sah, wie alle Anwesenden heftig bemüht waren durch Kopfnicken und Verbeugungen dem neu Angekommenen sich bemerklich zu machen, und ich sah, wie sich die Gesichter derjenigen verklärten, welche einen vertraulichen Gegengruß erhielten. Ich wurde in meinen Betrachtungen plötzlich gestört. Ein Herr hatte sich hinter mich geschlichen und flüsterte mir erregt ins Ohr: »Blamieren Sie sich nicht länger! Das ist Peter Paul!« Ich sah ihn so verständnislos an, dass er sich meiner erbarmte und nochmals hervorstieß: »Peter Paul Huber!« Dabei zog er die Brauen in die Höhe und verdrehte die Augen so, dass man nur mehr das Weiße sah. Ich begriff, dass ich wohl oder übel verstanden haben musste, und ließ über meine Züge ein Lächeln der Erhellung gleiten. »Ach, pardon! Natürlich! Wie man nur ... pardon!« Dann setzte ich mich und nahm mir vor an diesem Abend den Mund nur mehr zum Essen aufzutun. Die Verwirklichung dieses Vorsatzes wurde mir sehr leicht, da die Aufmerksamkeit der sämtlichen Tischgäste auf Peter Paul gerichtet war. Er hatte den dicken Kopf auf die linke Hand gestützt und blickte träumerisch über die Tafel hinweg. Der Diener, welcher mit der Platte hinter ihm stand, hob bald das eine Bein, bald das andere in die Höhe und verzog sein Gesicht zu einer schmerzlichen Grimasse, da er sich die Finger verbrannte. Endlich schreckte Peter Paul auf, sah den Servierkellner geistesabwesend an und nahm sich ein Stück Wildpastete. Während des Tranchierens legte er plötzlich Messer und Gabel zur Seite, verschränkte die Arme wie Napoleon in der Madame sans gêne und sagte: »Der Stolz des Weibes ist die Demut vor dem Schicksale.« Dann erst aß er weiter. Die Wirkung des Satzes war eine großartige. »Haben Sie gehört? Der Stolz des Weibes ... ah, kolossal! Welche Tiefe! Und dabei diese Einfachheit!« Die Herren sahen nachdenklich auf das Tischtuch und wiegten in tiefem Sinnen die Häupter, die Damen wetteiferten um das bekannte »Aufleuchten« in die Augen zu bekommen. Die Hausfrau sah triumphierend im Kreis herum und eine bejahrte Matrone ließ sich von ihrem Nachbarn den Satz durch das Hörrohr sagen. Dann schüttelte auch sie begeistert den Kopf und öffnete den zahnlosen Mund. »Ach wie schön! Das ist ja entzückend! Die Demut des Weibes ... ja, ja ... ist das Schicksal des Stolzes ... äh ... äh ... Wundervoll! Ganz wundervoll!« Peter Paul aß inzwischen zwei Pasteten und dann noch eine. Als er mit der dritten fertig war, versank er wieder in Nachdenken. Ich hoffte, dass er beim nächsten Gang wieder etwas sagen werde, da ich mir bei der allgemeinen Aufregung öfter servieren lassen konnte. Meine Erwartung wurde nicht getäuscht. Als er sah, dass die Gesellschaft sich hinreichend gesammelt hatte um einen neuen Stoß zu erleiden, strich er seine Haare in die Stirn, und indem er die Hausfrau durchbohrend anblickte, sagte er langsam, jedes Wort betonend: »Die Renaissance ist die Patina der Antike.« Diesmal waren die Folgen Besorgnis erregend. Herren und Damen drehten sich auf ihren Sitzen herum und sahen sich minutenlang in die starr geöffneten Augen. Dann brach es los. »Also das ist ... das ist einfach fabelhaft! Das ist ja ... ach Gott ... das ist eben Peter Paul!« Der Gefeierte nahm sich drei Filetstücke heraus; ich beobachtete ihn genau und nahm mir vor ihn um eines zu schlagen. Ich tat dies auch und war schon lange fertig, als die Matrone sich noch immer den Ausspruch durch das Hörrohr trompeten ließ. Sie konnte nicht damit zurechtkommen und sagte endlich verdrießlich: »Aber das verstehe ich ja nicht.« Zum Glück für sie erhob sich in diesem Augenblicke Peter Paul und eröffnete den schmerzlich überraschten Gästen, dass er noch eine Wohltätigkeitsvorstellung besuchen müsse. Als die ganze Schar seiner Verehrer sich zum Abschied um ihn drängte, ließ er sich erweichen und sagte noch: »Eine Wohltätigkeitsvorstellung ist gut, wenn die Wohltätigkeit keine Vorstellung und die Vorstellung eine Wohltätigkeit ist.« Nun konnte er gehen. So lernte ich den berühmten Schriftsteller Peter Paul kennen. Das Kälbchen Der Gutsbesitzer Karl Eugen Hilgermoser in Weidering erlebte zu Pfingsten eine freudige Überraschung und eine angenehme Unterbrechung seines einsamen Landlebens durch den Besuch von fünf Mitgliedern des Thaliatheaters der Hauptstadt. Gott! Wenn man als Sohn vermöglicher Eltern, um irgendetwas zu tun, oder wenigstens um irgendetwas zu sein, auf ein Landgut gesetzt wird, hat man viele langweilige Stunden auszuhalten. Von einer Reise nach der Hauptstadt bis zur andern vergeht oft eine Woche und nun möge man sich vorstellen, was ein gebildeter Mensch von fünfunddreißig Jahren, der Sehnsucht nach feineren Genüssen hat, während langer acht Tage in Weidering anfängt. Arbeiten? Leicht gesagt – aber was? Landwirte werden geboren, selten erzogen, niemals ernannt. Die so oft beneideten Besitzer schöner Güter werden verständnisinnig lächeln, wenn ich den Neidern zurufe: Glaubt nicht an dieses Glück! Es gehört viel Duldermut dazu, immerdar und immerzu zwischen Feldern und Wiesen, zwischen Pferden und Kühen herumzugehen und zu stehen und ein interessiertes Gesicht zu schneiden. Man hat einen Verwalter. Auch gut! Entweder dieser Mensch ist treu und eifrig, dann plagt er einen mit Fragen und Anliegen und Ermahnungen. Oder er ist genauso gleichgültig – na, dann ist die Schweinerei fertig und die Unordnung wird so groß, dass man sie selber merkt, sich von Zeit zu Zeit aufrafft, und das Sichaufraffen ist auch etwas recht Mühevolles. Man wechselt die Verwalter und braucht häufig sehr lange, bis man endlich den Treuen und Eifrigen findet, der einen dann mit Fragen, Anliegen und Ermahnungen quält. Und dann die Dienstboten! Es ist ein fortwährendes falsches Spiel, das sie mit einem und das einer mit ihnen treibt. Man muss vor ihnen so tun, als ob man sachverständig wäre, sie müssen so tun, als ob sie an das Sachverständnis glaubten, und doch bemerkt man recht wohl ihre Zweifel, ihr Lächeln, die Blicke, die sie miteinander wechseln. Die Unsicherheit macht den Herrn ungerecht und grob, die Zweifel machen die Dienstboten unehrlich. Herüben und drüben verliert man an Charakter. Allerdings, man könnte ja den Versuch machen, wirklich etwas zu lernen. Der Einwurf ist nur scheinbar berechtigt. Nur der Lehrling lernt, der Herr lernt nie, und nur der Meister und Herr lehrt, die Dienstboten lehren nicht. Sie wollen, dass der, der ihnen als Herr vorgesetzt ist, alles versteht oder dass er sich wenigstens den Schein gibt, alles zu verstehen. Und da sind wir wieder beim Alten und haben den Circulus vitiosus. So sagt man doch? Und da wäre noch ein Kapitel, und zwar ein verfängliches. Die weiblichen Dienstboten. Glaube nur ja niemand, dass sie nicht kokettieren! Und dann? Entweder man versteht sie und dann ist selbst die scheinbare Autorität futsch – oder man versteht sie nicht, dann ist das Landleben noch langweiliger während der endlosen Wochen zwischen den Reisen nach der Hauptstadt. Davon aber wird nicht die Rede sein, obwohl sich die Abenteuer in Heustädeln, auf Waldwiesen und sonstwo recht angenehm schildern ließen, allein wir haben es mit der Nachricht zu tun, die Karl Eugen Hilgermoser von seinem Freunde Kurt Dellmar erhielt. »Wir werden dich am Samstag überfallen. Wir: nämlich ich, Heinz, Karl Otto, Hermine und – denke dir nur, unsere reizende kleine Anneliese. Für Unterkunft und alles andere bist du verantwortlich und so wird es herrlich werden, Alterchen! Auf Wiedersehen, dein Kurt!« Karl Eugen faltete das Briefblatt zusammen, zog an seiner Zigarette und blies durch Mund und Nase blaue Rauchwolken, dann lächelte er in seliger Erinnerung oder Erwartung und drückte auf den Klingelknopf. Marie, die Köchin und Haushälterin, kam; ein robustes Mädchen, das an die dreißig Jahre alt sein mochte und schöne Rundungen zeigte, wie man sie in altbayrischen Küchen zu sehen gewohnt ist. »Was wünschen der gnä' Herr?«, fragte sie. »Marie«, sagte Hilgermoser, »wir bekommen morgen Besuch.« Das freundliche Gesicht der Haushälterin verzog sich mürrisch. »Bsuach? Wahr–scheinli –« »Damen. Jawohl! Ich hoffe, dass Sie nichts dagegen haben. Übrigens Damen vom Theater ...« »De Ziefern solln in da Stadt bleibn ...« »Was fällt Ihnen denn ein?«, brauste Hilgermoser auf. »Sie erlauben sich in der letzten Zeit Äußerungen ...« »Is ja wahr!«, grollte Marie. »Fahren S' a so alle Wocha nei in d' Stadt und jetzt ziahgn S' de Frauenzimma aa no raus ...« »Also ...« »Dös werdn scho de Rechtn sei, wenn sie sich net schama, dass s' an Herrn bsuachn!« »Marie!« Hilgermoser bemühte sich streng aufzutreten, aber es gelang ihm nicht völlig, er zeigte vielmehr einen sehr auffälligen Mangel an Herrentum. »Marie«, sagte er, »die Damen kommen in Begleitung von Herren. Es ist sehr überflüssig, Bemerkungen darüber zu machen; es ist ganz und gar unangebracht, irgendetwas Dummes zu glauben oder zu meinen oder daherzuschwätzen. Übrigens handelt es sich um berühmte Schauspielerinnen ...« »M – hm – ja –« »Um die berühmtesten Schauspielerinnen der Stadt – gar nichts ›m – hm –‹, verstanden! Ich verbitte mir jede ... jedes ...« Hilgermoser suchte vergeblich nach einem passenden, das heißt nicht zu schroffen Wort. »Ich verbitte mir jedenfalls, dass man den Herrschaften unanständig gegenübertritt!« »I ko ja geh ...«, sagte Marie. »Sie können gehen ... vielmehr ... Sie werden nicht gehen, solange Sie verpflichtet sind zu bleiben ... Außerdem, dieses Gerede hat keinen Wert, hat nicht den geringsten Wert! Nein! Das wäre noch schöner, wenn ich mich auf jemand verlasse, wenn ich jemanden das Hauswesen anvertraue, und es kommt einmal im Jahre Besuch, dann soll ich mir drohen lassen ...« »Dös is gar koa Drohung ...« »Fertig! Sie bleiben ... und ... übrigens ... Marie, stellen Sie sich doch nicht so kindisch! Sie sind doch diejenige, nicht wahr? Auf Sie muss ich mich doch verlassen können – Also!« Die Haushälterin lenkte ein. »Wie viel sind's nacha?« »Fünf. Drei Herren, zwei Damen ...« »O du liaba Gott! Dös gibt wieder an Arbet ... Fünfi! Ja ...« »Sie werden es schon machen. Ich weiß, dass ich mich auf Sie verlassen kann. Und machen Sie's nur so, dass die Leute hinterher in der Stadt erzählen, wie schön ich's habe, nicht wahr? Obwohl ich Junggeselle bin, nicht wahr? Sonst heißt es immer: Natürlich! Wo keine Frau ist, und so weiter. Also, wie gesagt, Sie legen Ehre ein ... und jetzt Zimmer richten und so weiter.« Marie seufzte und ging. Hilgermoser sah ihr nach, blies Rauchwolken durch Mund und Nase, schüttelte den Kopf und nickte etliche Male. »M – hm – ja ... ja. Das ist schon so. Landleben, Alleinsein, Dummheiten machen. Finger geben, ganze Hand nehmen. Vertraulich werden, frech werden, Unterschiede vergessen. Distanz nie mehr einhalten – m – hm. Ja ... ja. Jawohl!« Der Samstag war nun da. Hinter dem Bahnhofsgebäude von Oberweidering hielt Hilgermosers Jagdwagen. Zwei kräftige Schimmel waren vorgespannt; sie hoben und senkten die Köpfe und stampften auf den Boden. Manchmal schnalzte der Kutscher mit der Zunge, und wenn sie stürmisch anzogen, bändigte er sie mit sicherer Ruhe und fuhr mit ihnen im Schritt den Bahnhof entlang und wieder zurück. Es sah vornehm, herrschaftlich aus und einige kleine Leute bewunderten die Pferde, das Fuhrwerk und den Kutscher. Auch den Herrn Hilgermoser und sein schönes Leben. Er merkte aber nichts davon, weil er auf dem Bahnsteig auf und ab ging und den Zug erwartete. Er war elegant gekleidet, mit einem Stich ins Ländliche, das heißt Landjunkerliche. Heller Anzug, heller Sommerüberzieher, neue Glacehandschuhe; dazu einen Steyrerhut mit Gemsbart auf dem Haupt. Er dachte nach. Wer würde also kommen? Zunächst Kurt. Auf den konnte man sich freuen. Netter Kerl, immer fröhlich und ein Meister im Bowlebrauen. Und daran würde es wohl die nächsten Abende nicht fehlen. Halt! ... Doch nein, es war alles in Ordnung! Moselwein, Sekt, mehr als nötig. Tja ... dann Heinz Bolten ... natürlich mit Hermine Waiden. Vorerst unzertrennlich. Heiße Liebe, genährt durch die Aussicht auf viele Rollen, auf sämtliche Rollen, die der einflussreiche Regisseur Bolten verteilen konnte. Eigentlich schade, dass Hermine so ganz in dieser neuen Geschichte aufging, aber der Ehrgeiz! Was übrigens Karl Otto Holmers auf dem Land suchte? Und wie er das über sich brachte, einen oder zwei Nachmittage nicht unter einer Kastanie im Hofgarten zu sitzen, nicht seine Tasse Kaffee mit bedeutender Düsterkeit im Antlitz zu trinken, nicht das Haupt stolz zurückzuwerfen und ins Weite zu schauen, wenn üppige Lederfabrikantinnen, feurige Damen aus der Textilbranche ihm sengende Blicke zuwarfen? Sollte ...? Ach nein, die kleine Anneliese hing leidenschaftlich an ihrem Karl Eugen! Sie, die Naive auf der Bühne und im Leben, das Kind! »Obacht!« Karl Eugen sprang zur Seite, fast hätte ihn der Stationsdiener mit dem Karren angestoßen. Und da fuhr schon der Zug ein. Aus einem Fenster flatterte ein weißes Tuch ... Sicher Anneliese! Er nahm den Hut ab und schwenkte ihn. »Hallo! Karl Eugen! Junge! Hallo!« Im Nu war eine Kupeetüre geöffnet, im Nu hing ein zartes weibliches Wesen am Hals Karl Eugens und im Nu hallte der Bahnhof wider von den Rufen fröhlicher Menschen, die mit Bewusstsein fröhlich und ausgelassen waren, herzlich lachten und melodisch lachten und vielleicht ein klein wenig Acht gaben, ob ihre Glückseligkeit von den Passagieren des noch haltenden Zuges gebührend bemerkt würde. Heinz schüttelte immer wieder derb die Hand des Freundes und klopfte ihm auf die Schulter und schüttelte ihm die Hand. Hermine warf ihm einen Blick von früher zu und lachte dabei eine ganze Skala hinauf, lieblich klingend wie Nachtigallenschlag; Heinz rief in einem fort: »Hallo! Das ist schön, hallo!« Und Anneliese machte runde, glückselige Kinderaugen. Immer runder, immer glückseliger. Karl Otto ... wer konnte übrigens fragen, was er auf dem Lande suche? Wie er dastand, war er das Bild eines pommerschen Gutsbesitzers, allerdings mit etwas südlichem Einschlag, aber sonst wirklich bodenständig, im nagelneuen Lodenanzug mit knallgelben Ledergamaschen, und übrigens auch mit gemsbartgeschmücktem Steyrerhut. Den hatte er abgenommen um die Fülle der schwarzen Locken zu zeigen, solange noch der Zug hielt. Er fasste mit der Rechten nach der Hand Karl Eugens, legte ihm die Linke auf den Oberarm, trat einen halben Schritt zurück und sah den lange Entbehrten mit einem tiefen Blicke an. »Hallo!«, rief Heinz. »Die Luft! Kinder, die Luft!«, schrie Hermine jubelnd ins All hinaus und warf Karl Eugen wieder einen Blick von damals zu. »Karl Eugen! Karl Eugen!«, jauchzte Anneliese und hüpfte an dem Freund hoch. Endlich setzte sich der Zug in Bewegung und man konnte sich einigermaßen beruhigen und sich um die Gepäckstücke kümmern. Als das erledigt war, ging man zum Wagen. Karl Eugen hatte wirklich seinen großen Tag als Mittelpunkt von Zärtlichkeiten bemerkenswerter Damen. Links Hermine eingehängt, rechts Anneliese, beschossen mit Blicken, umworben mit melodischem Lachen, so schritt er am Bahnhofsvorstand vorbei, der ihn mit Hochachtung grüßte und beneidete. Eng zusammengepresst saß nun die Gesellschaft auf dem Jagdwagen und fuhr in den Frühling hinein. Karl Otto saß auf dem Bock, neben dem Kutscher. Er hatte es sich nicht nehmen lassen. »Karl Eugen«, bat er, »ich werde mir vorkommen wie damals, als ich, ein glückseliger Junge, auf Vaters Wagen durch unsere pommerschen Felder fuhr«. Karl Eugen willigte ein und wunderte sich im Stillen, wie rasch sich der Held in das Pommersche eingelebt hatte. Das machte der Lodenanzug und die schnell sich anschmiegende Phantasie des Bühnemenschen, der, wie so viele seinesgleichen, schon als Sohn eines Pastors und eines Oberförsters brilliert hatte und der sich nun in der Lodenjoppe zurückträumte in junge Jahre, die er auf dem Gut des Vaters herumtollend auf ungesattelten Pferden hätte verlebt haben können, wenn er nicht in Tarnopol im Laden ... doch wer denkt daran und vor allem, wer spricht davon? Sie fuhren in den Frühling hinein; Anneliese aber fuhr in das Märchenland und das war an ihren Augen zu erkennen, die sich zusehends vergrößerten. Die andern sprachen noch und Heinz grüßte in überschäumender Fröhlichkeit jeden Menschen am Wege, Hermine stammelte etwas von tiefen Dankgefühlen für diesen herrlichen Tag, für diese Erholung vom mühevollen Leben in der Stadt und auf den Brettern, Kurt begann schon von einer Bowle zu schwärmen, doch Anneliese schwieg. Sie fuhr als gläubiges Kind in das Märchenland. Da! Mit einem Aufschrei packte sie den Arm Karl Eugens. »Dort! Dort!«, rief sie. »Was ist?«, fragte Karl Eugen erschrocken und starrte in den Wald, nach dem sie wies. »Die Bäume! Seht doch die grünen Bäume!« »Wundervoll!«, sagten die andern, aber Klein-Anneliese konnte sich nicht beruhigen. »Karl Eugen! Du musst es mir sagen! Was sind das für Bäume? Die dort, die zartgrünen?« »Das sind Buchen.« »Buchen – wirkliche, echte Buchen? Wenn ich von ihnen las, stellte ich sie mir eigentlich ganz, ganz anders vor. Und nun sehe ich sie ... und ihr zartes Grün ... und es ist eigentlich noch viel, viel schöner, als ich mir's gedacht hatte«, lispelte träumend das Kind. »Es gibt doch so wunderschöne Verse von den Buchen?«, fragte es dann. Niemand kannte die Verse. »Du denkst vielleicht an Eichen, kleine Kröte«, sagte Kurt. »Nein! Nein! Ich weiß es bestimmt. Es handelt von Buchen und Nixen im Mondschein und einem Elfenkönig mit einer kleinen goldenen Krone auf dem Haupte und ... und ... weiß es denn niemand?« Sie war unglücklich, aber niemand konnte ihr Auskunft geben. Doch Karl Otto wandte sich auf dem Kutschbock um. »Bei uns in Pommern«, sagte er, »wo die großen, mächtigen Buchenwälder sich im Meer spiegeln, weiß man geheimnisvolle Sagen, die um die Buchen weben. Unsere alte Amme, eine richtige pommersche Bäuerin, erzählte uns Kleinen, wenn wir aufhorchend bei ihr saßen, Geschichten von Unholden, die in den Buchenstämmen hausen, und von lichten Alben. Ich erzähle dir das mal, Anneliese«. »Ja! Ja! Bitte, Karl Otto, du musst mir das erzählen!«, bat sie und versank wieder in Schweigen und Träume und lehnte sich näher an Karl Eugen. Ein Ochsenfuhrwerk kam ihnen entgegen. Auf dem Wagen saßen zwei kleine Mädchen und ein Junge, ein alter Bauer ging daneben her und rauchte behaglich eine Pfeife. »Hallo!«, rief Heinz, »wo aus, Landsmann?« »Klee –«, rief der Alte; mehr verstand man nicht. »Er holt Klee«, erklärte Karl Eugen. »Wo?«, fragte Anneliese. »Von seinem Feld, wahrscheinlich dort wo herum.« Karl Eugen deutete in die Landschaft hinaus. »Findet man den ... so ...« »Nein.« Der Landwirt lächelte gütig über diese glückliche Unwissenheit eines Kindes, das sein Leben nur der Kunst geweiht hatte. »Nein; er mäht ihn jetzt, dann lädt er ihn auf den Wagen und fährt ihn heim und dann bekommen ihn die Kühe.« »Ach, die Kühe!«, frohlockte Anneliese, »wie werden sie sich freuen! Sag mal ...« Sie wollte irgendetwas wissen oder sie wollte nichts wissen, sie wollte nur fragen und reden, glückselig ins Blaue hinein. Nun nahm aber doch Hermine das Wort. Die kleine Naive hatte wirklich lange genug die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. »Die glücklichen Kinder!«, sagte sie. »Wie die hier leben! So wunderschön und ahnen es vielleicht nicht. Sie genießen unbewusst das alles, wie etwas Selbstverständliches ... die Luft ... den Frühling ... die Freiheit. Da sitzen sie auf dem Wagen und baumeln mit den Beinchen und meinen wohl gar, das müsste so sein und könnte nie anders werden.« »Das möchtest du wohl auch?«, fragte Heinz. »Du hast verklärte Augen, Hermine ... nein, seht nur! Sie hat wirklich rote Backen vor Aufregung ... Du sehnst dich wohl danach, im Heu Purzelbäume zu schlagen?« »Wer das könnte!«, seufzte sie. »Purzelbäume schlagen, von nichts wissen, mit nackten Füßen über die Felder laufen ... ach!« »Und abends mit den Zähnchen in ein Stück Schwarzbrot beißen – was?«, sagte Kurt. »Ja! Ja!«, rief Anneliese. »Wir müssen heute Schwarzbrot essen, und Butter darauf, dicke, gelbe Butter. Du musst uns Schwarzbrot geben, Karl Eugen!« »Schwarzbrot und ein bisschen was dazu«, versprach der Landwirt. »Bei uns in Pommern«, erzählte Karl Otto, der sich nun wieder umwandte, »bei uns in Pommern hatten wir so ganz derbes Roggenbrot. Mutter buk es selbst und das war für uns immer ein Festtag, wenn die großen, schönen Laibe aus dem Ofen kamen. Ach! Und der Geruch! Ich kann kein Schwarzbrot essen ohne mich an die selige Zeit zu erinnern. Und Butter gab es! Wenn Butter so mitten unter uns Kleinen stand und feste drauflosstrich, da tollten wir um sie herum, und wer das erste Brot bekam – na ... ich sage euch ...« Er drehte sich wieder um und versank in die schönen Phantasiegebilde, die aus der Lodenjoppe aufstiegen. In einem kühnen Bogen fuhr Peter, der Kutscher, am Herrenhaus Weidering vor. Vielleicht der innere Drang, vielleicht eine Vereinbarung mit dem Herrn hatte Marie bewogen vor dem Portal Stellung zu nehmen und sich zum Empfang der Herrschaften eine blendend weiße Schürze vorzubinden. Fröhliche Rufe begrüßten sie und das Haus. »Oh, wie schön!« »Donnerwetter, Junge!« »Seht nur Karl Eugens Schloss!« »Junge, Junge!« »Na, hör mal, der reine Edelsitz!« So tönte es durcheinander, in tiefem, überzeugungsvollem Bass und in zwitschernder Freude. Hermine verstand es sogleich, das Herz der Köchin Marie für sich zu gewinnen. »Ah!«, rief sie, »das ist der gute Geist des Hauses! Das sieht man auf den ersten Blick, und so blendend rein und appetitlich, wie alles hier! Herzlich grüß Gott!« Und sie schüttelte der Köchin kräftig die Hand und Anneliese machte vor ihr einen reizenden Knicks und lächelte sie holdselig an. Marie wurde rot, aus Freude, und ein bisschen Beschämung war dabei. Wie hatte sie nur so grob daherreden können von Ziefern oder so und wie dumm hatte sie sich angestellt und wie war doch in der Wirklichkeit alles so ganz anders, als sie es sich eingebildet hatte! Die schöne, große Dame, die so freundlich war, und das nette Fräuleinchen, die konnten ihr schon gefallen, und wenn man sich das noch überlegte, dass sie auf dem Theater spielten und dass in der Zeitung so oft von ihnen die Rede war! Wirklich, Marie schämte sich und sie fasste auf der Stelle den Entschluss, durch die außerordentlichsten Kochkünste ihre hässlichen Zweifel gutzumachen. Vorerst führte sie die Damen in den oberen Stock, wies jeder ein behagliches, blitzsauberes Zimmer an und hatte wiederum ihre Freude an der Begeisterung dieser wirklich feinen Damen. Die Herren wurden von Karl Eugen untergebracht, auch sehr komfortabel, und Karl Otto, der sich in seinem hübschen, mit Biedermeiermöbeln eingerichteten und mit alten Stichen geschmückten Zimmer umsah, legte dem Hausherrn wiederum die Hand auf die Schulter, und schaute ihn lange und tief an. »Glücklicher!«, sagte er, nicht mehr, aber er sagte es so, dass reichstes Verstehen und Fühlen in dem einen Wort zum Ausdruck kam. In Kurts Zimmer blieb Karl Eugen noch ein wenig und setzte sich auf das Sofa, indes sich der Freund wusch und die Haare bürstete und sich mit wohlriechendem Wasser besprengte. »Na, was sagst du dazu, Alter, dass wir dir so ins Haus gefallen sind?« »Froh bin ich, Herrgott, glaubst du, das ist immer so amüsant hier? Oder meinst du, ich schwärme jeden Tag nur für Natur, so wie unsere Damen? Übrigens, hör mal ...« »Was, mein Junge?« »Sag mal ... hm ... hm ... natürlich ist es sehr nett, dass du den Holmers mitgebracht hast, ist ja auch ein ganz interessanter Mensch, und was seine pommersche Vergangenheit anlangt, na ja ... ich verkehre lange genug mit euch um das vollauf zu würdigen ... aber ... sag mal, ganz aufrichtig, Kurt ... hat sich da was mit Anneliese?« »Mensch! Junge!«, brach Kurt los und bog sich vor Vergnügen über diesen unsäglich komischen Einfall seines Freundes. »Haste Töne! Anneliese und ... nee! So was auch nur zu denken! Du bist wohl nich janz unwohl? Was?« »Na, so ganz unmotiviert ist der Verdacht nicht ...« »Wieso?« »Erstens, sie sind beide an eurem Theater und spielen vermutlich oft genug zusammen, zweitens ...« »Du, hör mal, Karl Eugen, du bist doch so 'n alter Theaterkenner, dass du das wissen könntest. Kollegen und Kolleginnen ... nee ... und gerade, wenn man zusammen spielt ...« »Na, na, na!« »Wenn ich dir sage. Das Erste, was der Anfänger lernt, pfui Has ...« »Zum Beispiel«, beharrte Karl Eugen hartnäckig, »Heinz und Hermine. Willst du das auch bestreiten?« »Hm ...«, machte Kurt, »die Möglichkeit zugegeben ...« »Möglichkeit ist gut. Erlaub du mir, wofür hältst du mich eigentlich?« »Also gut! Wenn schon, mein Junge, Ausnahmen beweisen die Regel und am Ende ist nicht jeder so von Illusionen abhängig wie ich, aber das sage ich dir – Anneliese! Das ist Unsinn ...« »Ich dachte nur, weil er mitkam und so ... weißt du ... man hat so den Riecher ...« »Aber 'n falschen, goldiger Junge! Ich kenne Anneliese wie mich selbst und ich weiß, wie sie an dir hängt. Ich fürchte nur, allzu sehr!« Karl Eugen lächelte, antwortete aber in gleichgültigem Ton: »Na ja ... möglich, dass ich mich täusche. Bist du fertig?« »Im Moment ...« »Apropos, du sprichst natürlich nicht darüber?« »Über was, mein Junge?« »Na, was ich dir da sagte, über meinen Verdacht.« »Keinen Ton, Liebster! Wie kannst du denken! Wir wollen doch rasend vergnügt sein – und dann, Othello, du kannst ja 'n bisschen Acht geben und dich selber davon überzeugen, wie grotesk dein Verdacht war – nee, so was! Anneliese und Karl Otto!« »Dann sprechen wir nicht mehr darüber. Komm!« Sie gingen vor das Haus und warteten auf die anderen Gäste. Heinz und Karl Otto kamen bald, die Damen ließen auf sich warten. Karl Eugen warf Steinchen nach den Fenstern ihrer Zimmer, einen kurzen Augenblick tauchten Herminens stattliche und Anneliesens reizende Schultern in Spitzenhemdchen auf, lustige Schreie ertönten und dann hieß es wieder warten. »Hallo!«, rief Heinz, »kommt doch, wie ihr seid!« Die Damen erschienen erst nach einer weiteren Viertelstunde, dann aber frisch und rosig, ein bisschen mit Puder bestäubt und ein bisschen mit Lippenrot bemalt. Nett anzusehen in den weißen Blusen und den fußfreien Röcken. »Meine Damen!«, sprach Karl Eugen mit einer ritterlichen Verbeugung, »entweder Spaziergang nach dem Wäldchen oder Besichtigung der Ställe. Sie haben zu entscheiden.« »Wä...«, wollte Anneliese rufen, doch Hermine sagte: »Selbstverständlich müssen wir Karl Eugens Gut sehen.« Und da rief Anneliese mit gleicher Begeisterung: »Ja! Ja! Wir müssen das Gut sehen! Die Ställe, bitte! Bitte! Die Ställe!« Karl Eugen entschied: »Also zuerst die Pferde!« Die Gesellschaft schritt hinter ihm über den mit Kies bestreuten Hof; die Damen trippelten auf den Zehenspitzen und rafften die kurzen Röcke zusammen und hoben sie ein klein wenig empor, obwohl rundum alles trocken war, aber es sah niedlich aus und passte zu der Vorstellung, die man vom Landleben und von Gutshöfen hat. Heinz ging breitbeinig und burschikos einher und reizte alle zum Lachen durch die Art, wie er den Hut schief aufsetzte und auch sonst einen urechten Bauersmann spielte. Karl Otto allerdings lachte nicht. Karl Otto blieb alle paar Schritte stehen, warf Blicke rund um den Hof herum und schüttelte das Haupt. »Merkwürdig!«, rief er aus, »merkwürdig! Jede Einzelheit erinnert mich an unser Gut zu Hause. Hier« – er deutete nach rechts – »hier war das Gestüte mit den Laufstallungen, dort« – er deutete nach links – »waren die Schweineställe und in der Mitte, lang gestreckt, war der Kuhstall. Merkwürdig, wie das alles wieder zu einem spricht und die Erinnerungen weckt. Und der Geruch« – er schnupperte in die Luft – »ach! Das ist echter, rechter Stallgeruch. Das heimelt mich an ... ich bin wieder zu Hause, ich bin wieder jung!« »Seht Karl Otto an!«, rief Hermine, »er ist so ganz anders als in der Stadt! Man merkt ordentlich, wie er auflebt!« Karl Otto reckte sich hoch und machte feurige Augen und zeigte auf jede Weise, wie Recht die scharf beobachtende Hermine mit dem Wiederaufleben hatte. Nun trat man in den Stall ein. Es standen acht Pferde darin; die zwei Schimmel und noch zwei schlanke Braune, dann vier robuste Ökonomiepferde. »Die beiden«, sagte Karl Eugen und wies auf die Braunen, »die beiden sind ungarische Jucker. Ich werde sie morgen einspannen, wenn wir nach Mering hinüberfahren, und ihr sollt mal sehen, wie sie laufen ...« »Echte Ungarn?«, staunte Anneliese. »Gott! Müssen die feurig sein!« »O ja, es sind gute Pferde; nicht Vollblut, aber ...« »Kaltblut«, ergänzte Karl Otto mit sachverständigster Bestimmtheit. »Hu! Kaltblut!«, machte Anneliese und fröstelte, aber der Gutsherr beruhigte sie und sagte ihr, das sei nur so eine Bezeichnung für Pferde, die nicht ganz edel wären. Da staunte das Kind über die Kenntnisse Karl Ottos. Man bewunderte noch einige Zeit die Tiere, die so ungemein kluge Augen haben und einen Ausdruck darin, einen Ausdruck! Hermine vermochte deutlich zu bemerken, wie sich das eine dicke Pferd zärtlich nach Karl Eugen umsah und wie es die Ohren spitzte, als es seine Stimme vernahm. »Ich bringe ihnen hie und da Zucker«, erzählte der Gutsherr. »Ach! Siehst du!«, triumphierte Hermine, »ich kannte es sofort, dass es etwas suchte. Aber wie schade, dass wir keinen Zucker mithaben! Was wird sich das arme Tier denken! Es konnte doch erwarten, wenn so viele Leute in den Stall kamen, dass man ihm etwas schenken werde. – Seht ihr! Nun blickt es ganz enttäuscht weg! Ich werde zurücklaufen und Zucker holen ...« »Ja, bitte, tu das!«, flehte Anneliese, aber Hermine blieb, weil Heinz gehen wollte, und Heinz blieb, weil Kurt gehen wollte, und der ließ sich dann auch von seinem Vorhaben abbringen. Und eigentlich war es besser, dass Hermine nicht zurückeilte, denn mag man auch groß denken, aber es ist nie gut, ein konkurrierendes weibliches Wesen allein auf der Bühne zu lassen. So musste das Pferdchen enttäuscht bleiben und die Gesellschaft verließ den Stall um zu den Kühen hinüberzugehen. Unterwegs besichtigte man den Geflügelhof. Herrje! Was waren da für Hühner! Schwarze, gelbe, weiße, gesprenkelte. Orpington hießen sie und Silber- Wyandottes, Minorka und Ramelsloher, und Karl Eugen nannte sie alle mit diesen Namen und erklärte, dass die Wyandottes mehr Eier legten als die Orpington, dass aber die Orpington mehr Fleisch hätten und besser zu essen seien. Ach ja! Wer so glücklich ist und immer auf dem Land leben darf, weiß doch viele Dinge, von denen die Städter wenig oder nichts erfahren. »Wir zu Hause«, erzählte Karl Otto, »bevorzugten die westfälischen Totleger und dann, ja, wie heißen doch die ... die ... die Campiner, ja, die aus Belgien stammen. Und als Masthühner hatten wir die Hittfelder. Meine Mutter verstand sich großartig darauf und unsere Hühner waren direkt berühmt wegen ihrer Zartheit ...« »Donnerschlag!«, sagte Heinz heimlich zu Kurt, »ich habe den Kerl im Verdacht, dass er sich 'n paar Tage lang mit dem Konversationslexikon auf diese Landtour präpariert hat. Was?« Kurt lächelte viel sagend. »Alter Vorzug von Karl Otto! Er lernt seine Rolle und kommt fix und fertig auf die Probe.« Sie wurden durch das laute Geschrei der Damen unterbrochen. Da war ja eine Bruthenne mit zehn Küken! »Anneliese!« »Hermine!« »Ach sieh nur, wie sie die Jungen unter den Flügeln hat und wie böse sie uns ansieht ...!« »Da!« Hermine hatte das grobe Tier streicheln wollen und es hatte wütend und ganz brutal nach ihrer Hand gehackt und hatte sie auch getroffen. Und das blutete nun ein bisschen. Heinz stürzte hinzu. Er war bestürzt und Hermine fand, dass er einen Augenblick leichenblass geworden sei. Jedenfalls riss er sein Taschentuch heraus und brüllte: »Wasser! Wasser!« Aber es stellte sich zum Glück heraus, dass die kleine Wunde überhaupt nicht mehr blutete, nachdem Heinz die Lippen in wahnsinniger Hast darauf gedrückt hatte. Die Aufregung legte sich. »Du böses, garstiges Tier!«, sagte Anneliese strafend. »Wie kannst du Hermine picken, die dich bloß ein bisschen streicheln wollte?« Es war zu reizend, wie die niedliche Kleine vor dem Korb stand und mit aufgehobenem Finger dem Huhn eine Strafpredigt hielt. Alle bemerkten es und Kurt rief: »Entzückend – Anneliese!« Da hob die Kleine noch einmal den Finger auf und begann auf ein Neues die Strafpredigt. »Du böses, eifersüchtiges Tier! Kennst du Hermine nicht? Merkst du nicht, dass sie deine Mutterliebe bewundert hat? Und du hackst nach ihr! Pfui! Schäme dich!« Alle blickten beifällig auf Anneliese, nur Hermine nicht, weil sie mit der Wunde beschäftigt schien, und das Huhn nicht, weil es ernstlich böse war und ganz so aussah, als wenn es auch dem reizenden Kind was Ordentliches versetzen möchte. Karl Eugen zog Anneliese vorsichtig zurück und zeigte dann seinen Gästen einen neuen Brutapparat. Darin konnten ein paar hundert Eier ausgebrütet werden und die Küken wurden dann in einem Wärmekasten großgezogen. »Aber wirkliche, lebendige kleine Hühner?«, fragte Anneliese, die das nicht fassen konnte. »Gewiss«, sagte Karl Eugen, »genauso lebendig wie die von der Henne da.« »Aber ohne Mutter! Kann man denn ohne Mutter ...? Nein, das verstehe ich nicht!« »Nanu, Anneliese!«, rief Hermine etwas spitz. »So von gestern bist du doch auch nicht, dass du noch nichts von Brutapparaten gehört hast!« »Ja, den Namen. Natürlich! Aber ich stellte mir darunter – oder eigentlich, ich stellte mir gar nichts darunter vor. Und ich versichere dir, Hermine ... nein! Ohne Mutter, das ist mir unfasslich!« »An der Mutter fehlt's ja nich, Kindchen!«, sagte Kurt. »Die hat doch die Eier gelegt.« »Ach so! Sie hat die Eier gelegt«, wiederholte Anneliese und blickte sinnend vor sich hin. Dann schüttelte sie eigensinnig das Köpfchen und sagte energisch: »Nein! Ich werde es nie verstehen. Ohne Mutter!« »Vielleicht kann dir Karl Otto diese Mysterien erklären.« Hermine sagte das sehr anzüglich und in Karl Eugen, der ihr einen raschen Blick zuwarf, regte sich der Verdacht aufs Neue. Er nahm sich vor, der Freundin von ehedem einige Fragen vorzulegen. Zu dumm, dass er nicht gleich daran gedacht hatte! Von Kolleginnen erfährt man so was immer, und wenn sie sich auch anfangs sträuben, sie ringen sich doch immer den bitter schweren Entschluss ab, alles zu sagen. Auch Anneliese verstand die Anspielung der Freundin. Einen Augenblick lang kam ein fremder Ausdruck in ihre Kinderaugen, ein recht böser, aber er verschwand sogleich wieder. Das kluge Mädchen sah, dass ihre liebste Kollegin gereizt war, dass sie sich vermutlich in den Schatten gestellt fühlte, und sie verstand, dass diese Empfindung geschont werden musste. Es bot sich gleich Gelegenheit, die Verstimmung zu beheben. Als man den Geflügelhof verließ, hängte sich Anneliese in Herminens Arm ein und zeigte froh erregt auf einen Star, der auf einem Baum saß und eifrig schwätzte, anscheinend mit seinem Weibchen, das neben ihm hockte. Die feinfühlige Hermine merkte, dass die Kleine die Hand zum Frieden bot, und sie ging darauf ein. Man wollte sich doch amüsieren und nicht verzanken. Sie lächelte süß und rief: »Ach, der hübsche Star! Wie er mit dem ändern spricht! Ich bin überzeugt, dass das seine Gattin ist. Wahrscheinlich war sie eifersüchtig und er muss ihr sagen, wo er sich den Tag über herumgetrieben hat. Jetzt schlägt er mit den Flügeln! Das ist eine Beteuerung. Er sagt ihr, dass er die Nachbarin nur ganz zufällig getroffen hat. Siehst du, nun fängt sie an! Sie sagt, dass die Nachbarin, wenn sie eine ordentliche Starenfrau wäre, auch Eier haben müsste und dass sie dann keine Zeit hätte herumzustreunen. Aber natürlich, wenn man keine Pflichten kennt und keine Eier hat, dann gibt man sich mit allen möglichen Staren ab und möchte sie zum Leichtsinn verführen ...« »Gott! Hermine! Wie du das erzählst! Kinder, hört doch, wie Hermine die Starensprache versteht! Bitte! Bitte! Du musst es noch mal erzählen! Hört doch! Karl Eugen, hör doch zu!« Und Anneliese bat so dringend, dass Hermine nicht anders konnte. Sie erzählte noch einmal und mit mehr Ausschmückungen, was der verlegene Herr Star und was die eifersüchtige Frau Starin einander sagten, und sie hatte einen durchschlagenden Erfolg, den stärksten bei Karl Otto, der stürmisch wurde und sich gar nicht beruhigen konnte und im vorwurfsvollsten Tone fragte: »Aber Liebste! Warum schreibst du das nicht? Das ist doch ein reizendes Feuilleton! Hör mal, ich werde mit Johann Ludwig sprechen: Er wird sich dafür interessieren! Du gibst mir doch die Erlaubnis? Kinder, das muss in die Zeitung! Versprich es mir, Hermine!« Sie wehrte lächelnd ab. Gott, so was sagt man aus der Stimmung heraus, aber schreiben! Nein, dazu ist es zu anspruchslos. Wirklich! Und dann küsste sie Anneliese, die von der Begeisterung heisse Backen bekommen hatte. Karl Eugen sah seine Unternehmung vereitelt, jedenfalls auf lange Zeit verschoben. O, die Weiber! Sie führen den stummen Krieg mit ungesprochenen Worten, greifen an, schlagen zurück und schließen Frieden. Tja! Nichts zu machen. Er fügte sich in die Tatsachen und schritt den Gästen voran in den Kuhstall. Da standen in zwei langen Reihen die Kühe, einige Ochsen und ein Stier und all dieses Rindvieh wühlte im Grünfutter, kaute und verdaute und benahm sich so wie immer, ohne jede Rücksicht auf die Besucher. Die Damen wollten hier streicheln und dort streicheln, aber keine Kuh ließ sich auf Liebenswürdigkeiten ein, jede schüttelte unwillig den Kopf und fuhr mit neuer Begierde in den duftenden Klee. In einer gesonderten Abteilung standen fünf Kälber. Sie ließen sich hinter den Ohren kraulen und waren überhaupt entzückende Geschöpfe. »Wie süß! Sieh nur, Hermine!« »Und da! Das kleinste! Sieh nur, Anneliese!« Eine Kuh wandte den Kopf nach den Kälbern und brüllte. »Das ist die Mutter von dem Kleinen«, sagte Karl Eugen. »Ach nein!«, rief Hermine, »sie hat wohl Angst, dass wir ihrem Kind etwas zuleide tun?« »Und das Kälbchen hört ihre Stimme«, sagte Anneliese. »Seht nur, wie es am Strick zerrt und weg möchte! Zur Mama, um ihr zu sagen, dass es noch da ist und dass ihm nichts fehlt. Ach Gott! Du Gutes! Nein, wir tun dir nichts, und Mamachen kann ganz beruhigt sein. Wir tun ihm nichts ...« »Es möchte bei der Alten saufen«, sagte Karl Eugen etwas landwirtlich derb. »Ja? Dann führen wir es hin«, sagte Hermine. »Es ist noch zu früh.« »Schade! Der Anblick ist immer so rührend.« »Könntest du nicht doch?« »Nein, Kinder!«, sagte der Hausherr bestimmt, »dem Melker darf ich nicht ins Handwerk pfuschen.« »Was geschieht nun eigentlich mit so einem Kälbchen?«, fragte Anneliese. »M ... hm ... entweder – oder – entweder man zieht es auf ... oder man gibt es dem Metzger.« »Dem – nein!«, schrie die Kleine. »Um Gottes willen! Du wirst doch nicht, Karl Eugen? Bitte, sag, dass du es aufziehen willst!« Er zog die Achseln hoch. »Tja ... Das lässt sich heute noch nicht entscheiden, Anneliese. Das kommt ganz darauf an.« »Auf was?«, stieß sie hervor. »Na ... ob es sich gut auswächst ... ob es stark wird ... ob es eine tüchtige Kuh zu werden verspricht.« »Es wird! Ganz bestimmt, Karl Eugen, es wird!« Der erfahrene Landwirt lächelte. »Hoffen wir ...«, sagte er. »Ich gehe nicht vom Kälbchen weg, bevor du mir nicht versprochen hast, dass es am Leben bleiben darf. Karl Eugen, du musst mir das feierliche Versprechen geben.« »Ich sage dir ja ...« »Nein! Kein Entweder – oder, keine Ungewissheit! Schwöre mir, dass du es nicht dem Metzger geben wirst! Du darfst mir das nicht abschlagen. Karlchen! Karl Eugen! Warum lässt du mich überhaupt so lange bitten?« Es klang wahrhaftig echt, es war ein Unterton darin, der beinahe echt war ... Und Hilgermoser hörte ihn heraus, bezog ihn auf die stumme Szene, die vorausgegangen war, und willigte ein. »Also gut! Dir zuliebe soll es am Leben bleiben. Eigentlich« – er lächelte – »war es schon für den Metzger bestimmt.« »Dann habe ich ... Du Guter!« Anneliese flog ihm an den Hals und gab ihm einen herzhaften Kuss. Warum nicht? Welcher feinfühlige Mensch und Künstler hätte diesen schönen Ausbruch unschicklich finden können? Alle wünschten Anneliese Glück zu dem Erfolg, und Hermine, die auch überquellen wollte, umarmte die Freundin und dankte ihr dafür, dass sie den Alpdruck von ihrem Herzen genommen habe. »Ich hätte nicht schlafen können«, versicherte sie, »immer hätte ich die arme Kuh vor Augen gehabt, wie sie sich umwendet und das Kälbchen sucht. Ich danke auch dir, Karl Eugen. Wirklich!« Blinkte nicht ganz verstohlen eine Träne in ihren Augen? O ja! Sie blinkte. Und dann kam eine ganz entzückende Szene. Anneliese beugte sich zu dem Kälbchen nieder und rief ihm in das eine Ohr: »Du wirst nicht dem garstigen Metzger ausgeliefert, du wirst nicht getötet werden! Du wirst hier bleiben bei der Mama und wirst groß und stark werden und dann, weißt du, wirst du selbst einmal ein Kälbchen kriegen und wir werden es besuchen und werden es ebenso streicheln wie dich, du Gutes!« Die Stimmung aller war gehoben. Man war Zeuge eines edlen Vorkommnisses geworden und Heinz schlug Karl Eugen auf die Schulter, so wie ein Oberst auf der Bühne einem wackeren Soldaten auf die Schulter schlägt. »Brav, mein Junge, ich bin mit dir zufrieden. Mach nur so weiter!« Das lag darin und war gut herausgebracht. Man schenkte den übrigen Rindern keine rechte Aufmerksamkeit mehr. Doch erregte es Heiterkeit, als Anneliese durchaus wissen wollte, warum das eine Tier in der Ecke: ein Ochse und das gebenüber ein Stier sei, was da für ein Unterschied sei und wieso und warum. An dem unbändigen Gelächter der Herren und an ihren viel sagenden Blicken ließ sich's merken, dass Verfängliches berührt war, und Anneliese musste rot werden und Hermine musste ihr etwas ins Ohr flüstern und dann mussten die Damen noch lauter lachen und konnten nicht aufhören zu lachen, und wenn sie sich ansahen, brachen sie wieder los und nahmen die Taschentücher und trockneten sich die Augen. O Anneliese! Du törichtes Kind! Nein! Denkt euch nur, sie stellt sich hin und will nun partout wissen, was den Ochsen fehle – nein! Das hat sie nicht gefragt – sondern was der Unterschied sei und wieso und warum. Kurt stellte sich breitbeinig hin und lachte eine Skala im Basse herunter: »Ha – ha – ha – ho – ho – ho! Wie sag' ich's meinem Kinde? Ho ... ho ... ho!« Vom Haus herüber tönte die Glocke. »Meine Herrschaften, wir werden zu Tisch gerufen«, sagte Karl Eugen und so ging man kichernd und wieder hell hinauslachend über den Hof. In der Gartenveranda war der Tisch freundlich gedeckt; Vasen, gefüllt mit frischen Feldblumen, standen darauf und man konnte sich sehr behaglich fühlen in der Erwartung reicher Genüsse, mit dem Blick hinaus auf den gepflegten Garten. Die Damen hatten einiges an sich zu richten und holten aus den Täschchen, die sie wie immer bei sich trugen, Puderdöschen und Puderquasten und Kämme und Haarnadeln und Fläschchen mit Lippenrot. Sie tupften und strichen an sich herum, und als sie fertig waren, bewunderte Anneliese die frisch aussehende Hermine und Hermine die entzückende Anneliese. Was schon der kurze Aufenthalt in der Landluft ausmacht! Die Haut wirkt frischer, man fühlt sich wohler und ist elastischer. Hermine streckte sich vor dem Spiegel und strich sich prüfend über die Taille. »Ich glaube«, sagte sie, »ich habe heute zwei Pfund abgenommen. Ich habe auch das Gefühl, dass ich nicht voll bin.« »Überhaupt, wie du schlank geworden bist!« »Ich fletchere, weißt du. Seit Januar fletchere ich. Olly hat in vier Monaten über sechzehn Pfund abgenommen und da entschloss ich mich auch dazu. Ich finde, man ist sich das schuldig.« »Dick warst du aber nie, Hermine.« »Nicht gerade dick, aber doch so ... so ... wie soll ich sagen? Ich hatte immer und ewig das Gefühl...« »Zu Tische! Die Krebse werden kalt!«, rief der Hausherr und klatschte in die Hände. »Oh, Krebse!« Hermine gab hastig der Freundin einen Kuss und beide stürmten in die Veranda. »Oh, Krebse! Das ist ja himmlisch!« Sie waren rot und schmeckten gut und machten den Schmausenden viel Arbeit. Sie nett zu bewältigen ist eine Kunst, die auf guter Erziehung beruht. Bei Karl Otto fehlte sie gänzlich. Die andern aßen wohl auch zu hastig und verrieten zu sehr den Genuss, den sie empfanden. Aber Karl Otto schmatzte, sprach mit vollem Mund, riss und zerrte an den Schalentieren mit beiden Händen, bohrte gewalttätig an ihnen herum, saugte sie aus und beschmierte Finger, Mund und Nase und sogar den vordersten Lockenbüschel, der nach vorwärts fiel und bei der furchtbaren Anstrengung in den Teller hing. »Kinder!« schrie er, indes er an einer Schere kaute, »großartig! Sind die alle hier gefangen?« »Sie sind aus meinem Fischwasser.« »Landleben und Natur!«, rief Karl Otto und bohrte seine Zunge in den Brustkorb eines Krebses. »Was kann sich der Mensch Idealeres denken? Durch die Felder schweifen, das Wild erlegen, die Krebse fangen – das ist doch ureigentliches – urechtes Leben –« »Na... sie essen ist auch nicht übel«, warf Kurt ein. »Gewiss nicht«, gab Karl Otto zu, »aber so aus dem Eigenen zu leben, unabhängig von der Welt, das ist das Schönste. Ich habe es in meiner Jugend genossen und bringe die Sehnsucht danach nicht los. Ich werde meine Tage auf dem Lande beschließen, ich werde in die Natur zurückfliehen und nichts mehr wissen von dem hohlen Flittertand.« Nach den Krebsen gab es Suppe und Braten und frischen Spargel und... Doch es ist nicht nötig, alle Gerichte aufzuzählen. Jedes einzelne erregte Begeisterung und immer aufs Neue wurde die Tatsache staunend hervorgehoben, dass dies und jenes bei Karl Eugen gewachsen sei, von Karl Eugen selbst gezogen, von Karl Eugen gepflanzt und gepflückt worden sei. Man trug Hymnen auf das Landleben, Hymnen auf den kernigen Mann vor, der so mitten in seinem Eigenen wirke und lebe. »Nein, wirklich!«, sprach Hermine, »mein Ideal eines Mannes war immer das ...« »Welches?«, fragte Kurt. »Ein freier Herrscher auf seinem Eigentum, eingewurzelt ... ja ... ein ... ach Gott! Nun lach mich doch nicht aus, Kurt!« »Aber nein, Liebste, wie kannst du nur denken? Ich freue mich über deinen Enthusiasmus, den ich teile. Sieh mal an, und dann finde ich, dass du eigentlich den besten Trinkspruch auf unsern herrlichen Karl Eugen gehalten hast.« Alle stimmten begeistert zu und Kurt hob sein Glas: »Also der Herr auf seinem eigenen Boden, der liebenswürdigste Gastgeber, das Ideal von Hermine und – jawohl – und von uns allen – er sei bedankt, er lebe hoch!« Man jubelte, die Gläser klangen und man küsste sich. Und dann kam die Bowle, die Riesenbowle. Man musste beachten, wie Karl an die Mischung heranging, wie er mit unnachahmlicher Meisterschaft die Vorbereitungen traf, auch das kleinste nicht übersah, und wie er dann den großen Moment der eigentlichen Bereitung brachte, mit feierlicher Miene Flasche auf Flasche in den Behälter goss, versuchte, mischte, sorgenvoll und gespannt aussah, bis endlich das Letzte geschehen war und ein triumphierendes Lachen sein Antlitz verschönte. Nun sollt ihr fragen, ob ihr je eine bessere Bowle getrunken habt und ob dazu je der Mond so silbern und Schauer des Entzückens erregend geschienen hat. Ein seliges Künstlervölkchen genoss hier die schönsten Stunden. Die Männer blickten ernst und bedeutend, jeder in eine herrliche Rolle sich versenkend, an große Erfolge sich erinnernd, von größeren träumend, die Damen zerflossen in Wonne und stilles Glück und traten rechts und traten links auf geliebte Füße, duldeten hier zärtlich einen leisen Druck und übten ihn dort nicht minder zärtlich aus. Und alle schwelgten in Bowle, Maiennacht und Zufriedenheit. Man ließ noch immer kein Licht brennen, es saß sich so traulich im Mondenschein. Da – plötzlich – stieß Anneliese einen Schrei aus. »Was ist?« »Kindchen!« Karl Eugen drehte das elektrische Licht an und alle Blicke richteten sich auf die Kleine, die traurig das Köpfchen hängen ließ. »Anneliese, was ist nur?« Da sagte sie mit klagender Stimme: »Das Kälbchen!« »Was? Welches? Wieso?« »Das Kälbchen im Stall! Ich sah es jetzt plötzlich vor mir; mit todtraurigen Augen schaute es mich an und ich dachte, wenn es der Metzger fortführt und nimmt das Messer und sticht es tot! Nein, bitte! bitte! Karl Eugen, nicht wahr, du hältst dein Versprechen? Das Kälbchen bleibt am Leben?« Sie fiel dem etwas überraschten Hausherrn um den Hals und begann zu schluchzen. Alle beschwichtigten das Kind. »Sie ist müde«, sagte Hermine gütig und verstehend, »und dann die Bowle! Ich meine, es ist Zeit, dass wir zu Bett gehen.« »Ja – schlafen!«, bat Anneliese. Und die Damen zogen sich zurück. Die Männer blieben noch lange, tranken und vergaßen Natur und Landleben, sogar Pommern mit seinen Reizen und Jugenderinnerungen, über den Zuständen auf allen deutschen Bühnen und über der merkwürdigen Berühmtheit, derer sich schlechte Schauspieler erfreuen. Endlich gingen auch sie und stille war es im Hause. Nur manchmal war es, als ob ein Dielenbrett knarrte, als ob etwas über den Gang huschte. Doch es war wohl Täuschung, denn am andern Morgen rühmten sich alle, wie herrlich tief sie geschlafen hatten. Und Anneliese erzählte, dass sie vom Kälbchen geträumt habe. Das Kälbchen war zu ihr ans Bett gekommen und hatte dankbar und zutraulich das Köpfchen an sie gedrückt. Der Krieg in China Ich ging mit Paula Rohrdommel zum Bahnhof. Ein Bataillon Freiwilliger war marschbereit zur Fahrt nach China und sie wünschte sehnlich die Abziehenden noch einmal zu sehen. »Es ist so furchtbar interessant, sterbende Krieger zu beobachten«, sagte sie mit schwärmerischem Aufschlag ihrer wasserblauen Augen, »und ich bin überzeugt, dass ich Stoff finden werde für einen größeren Roman. Glauben Sie nicht?« »O ja, Fräulein Paula, gewiss; ich bin bereit Ihnen mehr zu zeigen, als Sie in zehn Romangeschichten verwursten können.« »Aber Herr Doktor! Wie komisch Sie sich ausdrücken!« »Ganz und gar nicht, meine Teure. Das Bild ist glücklich gewählt. Die Schriftstellerei hat gewisse Ähnlichkeit mit dem Selcherberufe.« »Oh!« »Ja, ja, Fräulein! Sehen Sie, man greift sich die Stücke heraus, haut sie zu einem Brei, tut Pfeffer und Salz, die Würze, den Esprit, hinzu und drückt sie durch die Form, welche stets dieselbe bleibt. Der Geschmack ist verschieden, je nach Ingredienzien, aber das Ganze ist doch ein Roman, eine Novelle, eine Wurst!« »Doktor, Sie sind wirklich geistreich!« »Hm – ja! Ziemlich! Aber da sind wir ja schon. Sehen Sie, das Bataillon ist bereits aufgestellt.« »Wirklich! Gott, wie himmlisch! Wie sie alle dastehen, als wehten die Fittiche des Ruhms um sie!« »Ganz richtig! Aber sehen Sie den Offizier dort, der sich so melancholisch den Schnurrbart streicht!« »Der mit den todestraurigen Augen?« »Ja. Seine Geschichte ist so interessant als rührend.« »Wirklich? Bitte, bitte, erzählen Sie!« »Gerne. Er liebte und wurde geliebt. Der Vater des Mädchens ist Kommerzienrat und so waren alle Bedingungen zum Glücke gegeben. Das junge Brautpaar schwamm in einem Meer von Wonne und zählte die Tage, welche sie von dem letzten Zeitpunkte trennten. Da – wie macht man das gleich bei Kommerzienräten? – Ja, eines Tages brannte der Kassierer durch und gleichzeitig verlor der Alte den Rest seines Vermögens an der Börse. Der Traum war zu Ende, die Blüte geknickt.« »Gott, wie traurig!« »Herzbrechend! Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht, Fräulein Paula! Er wird sich nie mehr erholen von dem Schlage und ich fürchte, ich fürchte zu wissen, was der Ärmste am Ufer des Pei-Ho sucht.« »Was denn? Sprechen Sie doch!« »Den Tod«, murmelte ich dumpf, »Vergessen seiner Leiden.« »Nein, das ist interessant! Und ich habe gar keinen Bleistift bei mir!« »Warten Sie nur, es kommt noch mehr. Betrachten Sie dort den Unteroffizier! Bemerken Sie nichts an ihm?« »Welchen meinen Sie? Der so vergnügt lacht?« »Vergnügt? Das heißen Sie vergnügt? Es ist das erbitterte Lachen eines Verzweifelnden! Und wahrlich, der Mann hat Grund dazu!« »Sie spannen mich auf die Folter, Herr Doktor!« »Nicht lange. Hören Sie! Er war Tischlergeselle und erhob die Augen zur Tochter seines Meisters. Sie schien Gefallen zu finden an dem fröhlichen Burschen und erweckte in ihm kühne Hoffnungen. Er sollte nicht lange in diesen schwelgen, sein Fall war jäh und tief. Als er seiner Sache gewiss zu sein glaubte, trat er vor den Meister und bat ihn mit schlichten Worten um die Hand des Töchterleins. Da ließ der Alte das Mädchen kommen und vor der Geliebten sagte er dem treuen Gehilfen Dinge, welche sich nicht drucken lassen; ja, er lud ihn zu einer Handlung ein, welche Ihnen unbekannt ist und bleiben muss.« »Bitte, sagen Sie es mir! Eine Schriftstellerin kann viel ertragen.« »Es geht nicht, Fräulein Paula; auch war es nur eine Redensart. Die Hauptsache ist, dass unser Held schnöde abgewiesen, in seinen heiligsten Gefühlen verletzt wurde. Ich bin überzeugt, dass wir auch ihn nicht mehr sehen werden.« »Doktor, es ist doch etwas Eigenes um die Liebe!« »Tja! Fräulein Paula, leider! Und sie verschont keinen Stand. Auch die Gemeinen sind nicht frei von ihr. Der rechte Flügelmann dort könnte ein Lied davon singen.« »Woher Sie nur alles wissen?« »Ich bin vertraut mit den menschlichen Verhältnissen. Aber wollen Sie die Geschichte des armen Mannes vernehmen?« »Wie mögen Sie fragen? Ich werde nicht müde Ihnen zu lauschen und dann ist es auch so belehrend.« »Sehr schmeichelhaft. Vielleicht bemächtigt sich Ihre Feder des Stoffes. Der Soldat dachte vor einem Jahre auch nicht daran, dass er die Kriegsfackel nach China tragen würde. Er ist der Sohn eines reichen Bauern im Gebirge und verbrachte wie alle Kinder der Alpen seine Tage mit Singen und Schuhplattltanzen, bis die Vroni auf den Hof kam. Seitdem war es aus. Er verliebte sich wahnsinnig in die dralle Dirne, aber die Eltern blieben hart und verweigerten den Segen. Der Ärmste floh aus der Heimat, wurde Soldat – und dort steht er. Vor den Wällen Pekings wird er das Leben, aber nicht die Treue lassen. Möge ihm die fremde Erde leicht sein!« In den Augen meiner Begleiterin schimmerte es feucht. »Das Leben ist doch selbst ein Roman«, flüsterte sie, »man braucht ihn bloß zu schreiben. Ich werde gleich heimgehen«. »Tun Sie das, mein Fräulein! Wenn Sie meine schlichten Erzählungen verwerten wollen, beeilen Sie sich, sonst kommen Ihnen tausend Kolleginnen zuvor.« »Wie wäre das möglich?« »Sehr einfach! Merkten Sie nicht, es ist immer dasselbe? Er und sie, der Inhalt des Lebens. Den Unterschied bildet bloß die Uniform. Diesmal tragen die Helden Kakhi. Aber sonst, wie gesagt, geht es durch die gleiche Wurstspritze. Eilen Sie!« Die Halsen-Buben »Beim Halsen« heißt ein schöner Hof in Lenggries. In den sechziger Jahren hauste darauf der Quirinus Gerold mit seiner Frau und zwei Söhnen. Er war ein wohlhabender Mann, dem bares Geld im Kasten lag und der wohl an die vierzig Stück Jungvieh zu Almen trieb. Seine Söhne, der Halsen-Toni und der Blasi, waren im ganzen Isartal bekannt wegen ihrer Kraft und Verwegenheit. Sie waren von gutem Schlag, hoch gewachsene und breitbrustige Burschen. Und flink und lustig dazu. Es hätte ihnen jeder eine vergnügliche Zukunft voraussagen mögen; sie ist ihnen aber nicht geworden. Denn alle zwei sind in jungen Jahren gefallen von Jägershand und sie starben im grünen Wald. Zuerst der Blasi. Das war im Jahre 1869 gegen den Herbst zu. Da ist den Jägern in der Vorderriß eine Botschaft zugekommen, dass zur Nachtzeit ein Floß mit Wilderern und ihrer Beute die Isar herunterkommen werde. Wie es auf den Abend zuging, sind die Jagdgehilfen von ihren Reviergängen heimgekommen und haben sich recht auffällig in der Wirtsstube des Forsthauses bei Essen und Trinken gütlich getan. Denn es waren, wie immer, Flößer und Holzknechte als Gäste da und vielleicht die meisten von ihnen waren Spießgesellen der Wilddiebe. Darum haben sich die Jäger nichts anmerken lassen. Nach ein paar Stunden sind sie einzeln aufgebrochen und haben sich freundlich gute Nacht gewunschen, als wollte sich jeder friedlich aufs Ohr legen. Auch die Flößer und Holzknechte haben sich entfernt; sie gingen in die Sägmühle, wo sie auf dem Heu übernachten wollten. Die Lichter in der Wirtsstube sind ausgelöscht worden und das Forsthaus lag still und verschlafen in der finsteren Nacht. Hinter einem Fenster des oberen Stockes brannte noch ein kleines Licht. Denn die Frau Oberförster lag gerade um dieselbige Zeit in den Wehen und die Tölzer Hebamme wachte bei ihr. Hie und da steckte der lange Herr Oberförster seinen Kopf zur Türe herein und fragte mit leiser Stimme, wie es um die Frau stünde. Er machte ein ernstes Gesicht, denn diese Nacht quälten ihn manche Sorgen. Wenn ihn die Hebamme beruhigte, ging er mit langen Schritten an das Gangfenster und lugte scharf in die Nacht hinaus. Er sah etwas Dunkles auf der abschüssigen Wiese, die gegen die Isar hinunterführt. Das bewegte sich rasch und verschwand. Einer von den Jagdgehilfen, die sich vorsichtig an den Fluss pirschten. Eine Stunde und mehr verstrich. Es war eine feierliche Stille, wie immer in dieser Einsamkeit. Man hörte nichts als das Rauschen des Wassers. Da blitzte auf einmal in der Sägemühle ein Licht auf und verschwand wieder, kam noch zweimal und erlosch. Das war ein Zeichen und alle scharfen Jägeraugen, die an der Isar wachten, erkannten es. Einen Büchsenschuss oder zwei flussaufwärts liegt ein einsamer Bauernhof. Man heißt es beim Ochsensitzer. Da wurde jetzt auch ein Fenster hell, dreimal in gleichen Abständen. »Bande, verfluchte!«, brummte der Jagdgehilfe Glasl, der keine hundert Schritte davon entfernt hinter einer Fichte stand. »I hab's wohl gwisst, dass die wieder dabei sind.« Und er horchte angestrengt in die Nacht hinaus. Es war nichts zu hören und lange war auch nichts zu sehen. Da kam der Mond über die Berge herüber. Sein flimmerndes Licht fiel auf den Fluss, immer länger dehnte sich der glitzernde Streifen aus und er ging in die Breite, bis zuletzt das ganze Tal angefüllt war von seinem Glanz. Und jetzt konnte man einen Schatten sehen, der in der Mitte des Flusses mit Schnelligkeit dahinglitt. Das waren sie. Glasl fasste sein Gewehr fester und zog den Hahn über. Das Floß kam näher. Man hörte das Eintauchen des großen Steuerruders und eine verhaltende Stimme rief: »Besser rechts haltn, Dammerl! Besser rechts! Wir treibn z' nah zuawi.« Glasl ließ das Floß vorbeigleiten und stellte sich so, dass er gegen den Mond sah. Die Umrisse der an den Rudern Stehenden hoben sich vom lichten Hintergrund ab und der Jagdgehilfe konnte mit einiger Genauigkeit das Visier nehmen. Er zielte kurz und feuerte. Knapp und scharf antwortete das Echo auf den Schuss, dann brach sich der Hall und grollte das Tal entlang. Und weckte den schlafenden Wald. Wildtauben flogen auf und Krähen schimpften. Vom Wasser her kam ein unterdrückter Schrei und ein kräftiger Fluch. »'s werd eppa'r oan grissen hamm«, brummte der Glasl und schaute dem Floß nach. Das fuhr mit unverminderter Schnelligkeit weiter. Aber jetzt, ein, zwei, vier Schüsse; und wieder einer und wieder ein paar. Da blitzte es auf, dort brach ein Feuerstrahl aus dem Wald. Ein paar Kugeln schlugen klatschend ins Wasser, aber andere trafen das Ziel. »Warts, Lumpen!«, lachte der Glasl. »Heunt habts a schlechts Wetter dawischt.« Und er schoss den zweiten Lauf ab. Die Wilderer antworteten auch mit Pulver und Blei. Aber sie schossen nur aufs Geratewohl, während sie selber ein gutes Ziel boten. Dazu mussten sie Acht haben auf die starke Strömung und die Felsblöcke, welche hier zahlreich aus dem Wasser ragen. Sie hielten stark an das rechte Ufer hin und glitten unter der Brücke durch. Wie das Floß nun in einer Linie mit der Sägmühle war, stellten die Jäger das Feuern ein. Der Glasl Thomas hatte sein Gewehr wieder geladen und schlich von Baum zu Baum das Ufer abwärts. Er gab wohl Acht, dass er nicht in das Mondlicht hinaustrat, damit ihn kein spähendes Auge erblicken konnte. Nach einiger Zeit machte er halt und ahnte den Ruf der Eule nach. Ein ähnlicher Laut antwortete ihm und bald stand er in guter Deckung neben dem Jagdgehilfen Florian Heiß. »Kreuz Teufi«, sagte Glasl und lachte still in sich hinein. »Flori, dösmal is was ganga.« »Net z' weni«, erwiderte Heiß. »Bei dein' erstn Schuss hat's oan gnumma.« »I hätt's aa gmoant.« »Ganz gwiss. Ich hab's gsehgn. Den Lackl am Ruader hint' hast 'naufbelzt.« »Auf den hon i aa gschossen«, sagte Glasl; »aber es wern no mehra troffen sei'.« »Was lasst si sag'n? De Lumpn hamm viel Wildprat am Floß ghabt und da wern sie si fleißi dahinter einiduckt hamm.« »Mein' zwoatn Schuss hab i eahna da Längs nach einipfiffa. Vielleicht hat der aa no a bissei was to.« »Recht waar's scho«, gab Heiß zurück. »Was tean mir jetzt?« »Steh' bleibn a Zeit lang, nacha pürschn mir uns hinterm Ochsensitzer umi und gengan übern Steg. An der Bruckn obn derfn mir uns net sehgn lassen.« Sie blieben schweigend stehen. Nach einer Weile stieß Glasl seinen Kameraden an. »Da schaug abi!« In der Sägmühle flammte ein Licht auf und erschien bald an dem einen, bald an dem anderen Fenster. »In der Sag sans' wach wordn«, flüsterte Heiß. »De hamm heut no net gschlafa, de Tropfn«, erwiderte Glasl. »Jetzt gengan mir.« Sie pirschten leise weg in den Hochwald. Im Forsthaus war große Aufregung. Die Schüsse hatten das Haus geweckt; die Dienstboten waren aufgestanden und hinausgeeilt. In der Schlafkammer stellte sich die Hebamme erschrocken ans Fenster und horchte furchtsam auf den Lärm. Die Frau Oberförster richtete sich unruhig im Bett auf. »Was is? Was gibt's?« »Nix, nix.« »Hat's net geschossen?« »Na, Frau Oberförster, da hamm S' Ihnen täuscht.« Die werdende Mutter ließ sich beschwichtigen; die müden Augen fielen ihr zu. Da tönte wieder vom Fluss herauf ein scharfer Knall und Schuss auf Schuss. »Um Gottes willen!« Die Oberförsterin fuhr auf. »Wo is mein Mann?« »Regen S' Ihnen net auf, Frau Oberförster! Er is' daheim. Er is' halt im Bett.« »Er is' drunten!« »Wo?« »An der Isar. Ganz gwiss, er is drunten!« »Geh, geh! Was is denn?«, sagte eine tiefe Stimme und der Oberförster trat in das Zimmer. »Bist da, Max? Gott sei Lob und Dank!« Die Frau streckte ihm ihre Hand entgegen und ihre Augen leuchteten. »Weil nur du da bist!« »Aber was hast denn, Mamale?« »Ich hab so Angst ghabt. So Angst. Gelt, du gehst net weg?« »I bleib scho bei dir.« »Wer schießt denn da?« »Ah, deswegn brauchst dich net kümmern. Der Ochsensitzer hat sich beschwert, dass die Hirschn alle Nacht in seiner Wiesen sind. Jetzt hab i s' heut ver- treibn lassen.« »Max!« »Was?« »Warum bist du heut noch ganz anzogn?« »Der Kontrolleur von der Hinterriß war da. Mir sind a bissei länger sitzen bliebn.« »Jetzt gehst aber ins Bett? Gelt?« »Ja, ich hab Schlaf. Aber hast du kein Angst mehr?« »Nein.« »Wegn dem dummen Schießen?« »Nein!« »Ich hab gmeint, sie vertreibn de Hirsch' a so. Ich hab net denkt, dass gschossen werdn soll.« »Das macht nix. Ich bin schon wieder ruhig.« »Dann gut Nacht, Mamale!« »Gut Nacht, Max!« Der Oberförster zog die Türe leise hinter sich zu und blieb horchend stehen. Er schlich auf den Fußspitzen die Stiege hinunter und gab Acht, dass keine Stufe knarrte. An der Haustüre kam ihm ein Bursche entgegen. »Herr Oberförster!« »Red staad, Kerl!« »Sie möchtn in d' Sag abi kemma. Es is an Unglück gschehgn.« »Wem?« »A so halt.« »Dös erzählst mir im 'nuntergehn. Komm no glei mit!« »I möcht gern ...« »Nix. Du gehst mit mir! Mit meine Dienstbotn hast du net z' reden!« Sie schritten in die Nacht hinaus und gingen zur Säge hinunter. Der Bursche voran. »Also, was is?«, fragte der Oberförster. »I hab mir denkt, Sie wissen's scho.« »Was soll ich wissen?« »No ja. A so halt.« »Wennsd' net redn magst, lass' bleibn. Hat di der Müller gschickt?« »Ja.« Sie waren vor der Säge angekommen. Die Haustüre stand offen und aus einem Zimmer drang matter Lichtschein in den Gang hinaus. Man hörte flüstern, dann setzten zwei weibliche Stimmen mit Beten ein. Der Oberförster trat näher. In der Mitte der Stube war auf zwei Stühlen die Leiche eines jungen Mannes aufgebahrt, der Kopf lag auf einem mit Heu gefüllten Sack gebettet. Die erkalteten Hände hatte man zusammengelegt und darein ein kleines Kreuz gesteckt. Es war ein unheimlicher Anblick in dem halbdunklen Raum. Der Oberförster sah auf das wachsgelbe Gesicht des Toten; es mochte hübsch und männlich gewesen sein; jetzt trug es die entstellenden Spuren eines gewaltsamen Endes und war schmerzlich verzogen. »Wer is das, Mutter?«, fragte der Oberförster. »Der Halsen-Blasi, dem Halsen von Lenggries sein Ältester.« »Wie kommt der zu euch?« »Seine Kameradn hamm an abgliefert.« »Wann?« »Voring. Mit'n Floß san s' kemma.« »San s' no da?« »Na, na! Sie san glei weitergfahrn.« »Warum hast du mich holen lassen?« »Es is no oaner bei mir. Der brauchat a Hilf.« Die Mutter deutete mit dem Daumen auf die Nebenstube. Der Oberförster ging hinein. Da lag ein Mann auf dem Boden, in eine grobe Kotze gehüllt; unter den Kopf hatte man ihm ein Kissen geschoben. Er wandte sein blasses, von einem starken Bart umrahmtes Gesicht dem Eintretenden zu. »Wo fehlt's?«, fragte der Oberförster. »Er is schwar gschossen oberm rechtn Knia«, sagte der Müller. Und der Verwundete nickte zur Bestätigung. »Is er verbund'n?« »Sell wohl. Und an Einschuss hamm ma mit Pulver eigriebn, dass 's Bluatn aufghört hat.« »Ja, der muss zum Doktor; so schnell wie möglich. I schick glei nach Lenggries.« Der Verwundete schüttelte abwehrend den Kopf. Dann sagte er mit schwacher Stimme: »Vergelt's Gott, aber mir waar's liaba, wann S' mi selber auf Lenggries bringet'n. Na waar i dahoam.« »Ja, haltst de Fahrt aus? Tuat's dir net z' weh?« »Na; i halt's scho aus. I möcht hoam.« »Er is jung verheiret«, sagte der Müller. »Ich leih ihm mein Wag'n. Recht gern; ihr müaßts 'n halt mit der Tragbahr zum Weg 'naufbringen«. »Jawohl, Herr Oberförster. Und vergelt's Gott dafür.« »Wer is denn der arme Teufel?« »Der Hagn-Anderl von Lenggries.« »Er werd hoffentli wieder gsund wern«, sagte der lange Forstmann und nickte dem Verwundeten zu. Der schaute ihm verwundert und dankbar nach. So menschlich geht es nicht immer zu unter Todfeinden.   Ein paar Stunden später fuhr der Hagn-Anderl in weiche Betten gehüllt und gegen die Kälte geschützt auf Lenggries zu. Die Pferde gingen im Schritt und der Knecht gab Obacht, dass der Wagen nicht über grobe Steine fuhr. Hinterdrein kam ein anderes Fuhrwerk; ein Leiterwagen und darauf in Säcke eingenäht der Halsen-Blasi. Und der hat kein Schütteln und Rütteln mehr gespürt. Er ist mit vielen Ehren in Lenggries begraben worden; von weit her sind die Leute zum Leichenbegängnis gekommen. Es ist ihm nachgerühmt worden, dass er so oft auf freier Pirsch war und seine Büchse in allen Revieren ringsherum krachen ließ; und dass er nun starb wie ein rechter Wildschütz. Die Burschen schworen, sie wollten es den Jägern heimzahlen; und der Bruder des Gefallenen, der Halsen-Toni, sagte, mehr wie ein Grüner müsse dafür hingelegt werden. Er ist aber selber ein paar Jahre später von einer Kugel getroffen worden. Das erzähle ich ein anderes Mal. Agricola Frei nach Tacitus, »Germania« Vor beinahe 1800 Jahren hat der berühmteste aller Geschichtsschreiber mit vielem Wohlwollen und ehrlicher Bewunderung unsere Vorfahren geschildert. Da es eine schöne und für die Nachwelt so wertvolle Aufgabe ist situs gentium describere, Land und Leute zu beschreiben, so will ich versuchen Sitten und Gebräuche der Nachkommen zu zeichnen. Aber nicht derer, welche untreu germanischer Sitte Städte bewohnen, sondern derer, welche ferne von ihnen die Felder bebauen. Daher auch der Titel der Schrift. Die Ebene Germaniens vom Donaustrom bis zu den Alpen bewohnen die Bajuwaren. Ich halte sie für Ureinwohner dieses Landes, für »selbst gezügelte«, wie sie in ihrer Sprache sich heißen. Fremden Einwanderern ist es schwer, sich mit ihnen zu vermischen. Gewiss ist, dass sie nie mit den Autochthonen verwechselt werden können. Da sich dieses germanische Volk nicht durch Eheverbindungen mit fremden Nationen vermischt, bildet es einen eigenen, sich selbst gleichen Stamm. Daher auch der nämliche Körperbau bei dieser zahlreichen Menschenmasse, dieselben ungewöhnlich ausgebildeten Hände und Füße, dieselbe harte, widerstandsfähige Kopfbildung. Wie die Vorfahren sind sie zu stürmischem Angriff tauglich und gerne bereit. Für Strapazen und Mühseligkeiten haben sie große Ausdauer, nur Durst können sie nicht ertragen. Das Land ist verschieden gestaltet. Wälder wechseln mit Getreidefeldern, Höhenzüge mit großen Ebenen. In der Nähe der größten Ansiedlung erstreckt sich ein großes Moos; hier hat sich der Stamm am reinsten erhalten. Die Bajuwaren haben viel Getreide und Vieh; doch herrscht über den Wert dieser Dinge jetzt großer Streit. Das Geld haben sie schätzen gelernt. Sie lieben nicht nur die alten, längst bekannten Sorten, sondern auch sämtliche neue. Das Hausgerät ist einfach. Besonders an den Gefäßen schätzen sie den Umfang höher als kunstfertige Arbeit. Waffen. Kriegswesen. Waffen hat dieses Volk vielerlei; doch wird auch hierin mehr auf Tauglichkeit als auf Schönheit gesehen. Sehr verbreitet ist die kurze Stoßwaffe, welche jeder Mannbare in einer Falte der Kleidung trägt; ihr Gebrauch ist aber nicht freigegeben, vielmehr sucht die herrschende Obrigkeit in den Besitz derselben zu gelangen. In diesem Falle ersetzt sie der Volksgenosse stets durch eine neue. Als Wurfgeschoss dient ein irdener Krug mit Henkel, der ihn auch zum Hiebe tauglich erscheinen lässt. An ihren Zusammenkunftsorten sucht bei ausbrechendem Kampfe jeder möglichst viele dieser Gefäße zu ergreifen und schleudert sie dann ungemein weit. Die meisten Bajuwaren führen eine Art Speere oder, in ihrer Sprache, Heimtreiber aus dem heimischen Haselnussholze, ohne Spitze, biegsam und für den Gebrauch sehr handlich. Wo diese Waffen fehlen, sucht jeder solche, die ihm der Zufall bietet. Ja, es werden zu diesem Zwecke sogar die Hausgeräte, wie Tische und Bänke, ihrer Stützen beraubt. Beliebt sind auch die Bestandteile der Gartenumfriedung. Vor dem Beginne des Kampfes wird der Schlachtgesang erhoben. Es ist nicht, als ob Menschenkehlen, sondern der Kriegsgeist also sänge. Sie suchen hauptsächlich wilde Töne zu erzielen und schließen die Augen, als ob sie dadurch den Schall verstärken könnten. Sie kämpfen ohne überlegten Schlachtenplan; jeder an dem Platze, welchen er einnimmt. Der Schilde bedienen sie sich nicht. Als natürlicher Schutz gilt das Haupt, welches dem Angriffe des Feindes widersteht und den übrigen Körper schirmt. Manche bedienen sich desselben sogar zum Angriffe, wenn die übrigen Waffen versagen. Der vornehmste Sporn zur Tapferkeit ist häufig die Anwesenheit der Familien und Sippschaften. Diese weilen in nächster Nähe ihrer Teuern und feuern sie mit ermunterndem Zurufe an. Die Schlacht beendet meist der Besitzer des Kampfplatzes, der hierzu eine auserlesene Schar befehligt. Lebensweise im Frieden. Wenn sie nicht in den Krieg ziehen, kommen sie zu geselligen Trinkgelagen zusammen. Auch hier pflegen sie des Gesanges, der sich aber von dem Schlachtgeschrei wenig unterscheidet. Tag und Nacht durchzuzechen gilt keinem als Schande. Versöhnung von Feinden, Abschluss von Eheverbindungen, der beliebte Tauschhandel mit Vieh und sogar die Wahl der Häuptlinge wird meist beim Becher beraten. Selten spricht einer allein, häufig alle zusammen. Jeder legt ohne Rückhalt seine Meinung dar und hält daran fest. Bei Verschiedenheit der Meinung obsiegt der mächtige Schall der Stimme, nicht die Kraft der Gründe. Am meisten liebt dieses einfache Volk die unbefangenen Scherze. Auch den anderen ist es nicht abgeneigt. Der männlichen Jugend gilt als das höchste Fest die Wehrhaftmachung. Diese findet in den größeren Ansiedelungen statt, wo die Jünglinge in die Liste der Krieger eingetragen werden. Zu diesem Feste schmückte jeder die Kopfbedeckung mit wildem Gefieder. Die Gefolgschaft eines jeden Dorfes zieht dann mit furchterregendem Geschrei in die Stadt ein. Eine eigenartige Musik begleitet sie. Das Fest endet mit größeren Kämpfen. Denn ein stilles Leben liebt diese Nation nicht. Das Getränke der Bajuwaren ist ein brauner Saft aus Gerste und Hopfen. Häufig beklagen sie den schlechten Geschmack, niemals enthalten sie sich des Genusses. Ihre Kost ist einfach. Aus Mehl zubereitete Speisen nehmen sie in runder Form zu sich; die geringe Nährkraft ersetzen sie durch die große Menge. An einigen Tagen des Jahres essen sie geräuchertes Fleisch von Schweinen und beweisen hierbei geringe Mäßigkeit. Prunkvolle Kleider tragen sie nicht. Auch sehen sie nicht darauf, dass diese die Formen schöner erscheinen lassen. Das Oberkleid des Mannes ist kurz und mit Münzen geziert. Das Unterkleid dagegen ist sehr lang, eng anliegend und reicht bis an die Mitte der Brust. Meist ist es aus Leder gefertigt, schützt gegen Hitze und Kälte und ist dem Luftzuge unzugänglich. Das Kleid des Weibes besteht in übereinander gelegten Säcken und lässt über die Schönheit der Körperbildung im Unklaren. So wenig wie auf die äußere Schmückung legt dieses Volk auf die sonstige Pflege des Körpers übergroßes Gewicht. Bäder werden als weichlich verachtet. Die Seife ist selten. Der Gebrauch der Zahnbürste unbekannt. Das Weib. Unähnlich hierin den Vorfahren achtet dieses Volk den Rat der Weiber nicht und glaubt nicht an deren göttliches Wesen. Ihren Aussprüchen horchen sie nur ungern. Doch fehlt nicht alle Verehrung des Weibes. Zu den geselligen Zusammenkünften haben die Weiber Zutritt; ja, sie dürfen sogar mit den Männern aus einem Gefäße trinken. In dieser Gastfreundschaft herrscht eifriger Wettstreit. Auch tanzen die Jünglinge, welchen dies eine Lustbarkeit ist, mit ihnen umher. Bei dieser Übung beweisen sie mehr Fertigkeit als Anmut. Eigentümlich ist die Art, wie sie sich zum Tanze paaren, sie beweist die Oberherrschaft des Mannes. Der Jüngling, welcher eine Stammesjungfrau gewählt hat, stößt einen grellen Pfiff aus und winkt ihr befehlend mit der Hand. Häufig hört man auch bei diesen Lustbarkeiten plötzlich den Kriegsruf ertönen. Den Weibern gilt es als ehrenvoll, wenn um ihretwillen der Kampf entbrennt. So ist auch die Werbung um sie oft mit Gefahren verknüpft. Hass der anderen, nächtlicher Überfall und Heimscheitelung bedrohen den Jüngling, welcher einer Volksgenossin zuliebe die Gehöfte aufsucht und Mauern erklettert. Das ist's, was ich im Allgemeinen von dieses Germanenvolkes Sitten erfahren habe. Solide Köpfe Im Hausflur des Amtsgerichtes hängt an der Wand eine große schwarze Tafel und auf derselben ist ein Bogen Papier mit roten Oblaten angepappt. Wir können im Augenblick nicht lesen, was darauf geschrieben steht, denn so ein Stücker fünfzehn Bauernburschen stehen davor und probieren, ob sie das Hakelwerk nicht herausbuchstabieren können. Der Vitus vom Lenzbauern in Huglfing bringt es fertig, und wie er mit dem Stecken Zeile für Zeile nachfährt, tut er uns und seinen Freunden den Gefallen und liest es mit lauter und sehr vernehmlicher Stimme vor. »Sützung – halt a wengl – des Schäfengerüchtes – druckts net so eina – vom 8. Januari. Vitus Kreuzpointner – aha! – und, und – dös kann i net lesen – Gä – Gä ... – Gänossen hoaßt's – wägen Körperverletzung ... Auweh Zwick! Dös bin i und die Genossen seids ös! Passts auf, Buam, heunt derlebn wir was, und nix Guats. Heunt geht der schlecht Wind!« »Mir gfallt's aa scho lang nimmer«, sagt der Oberknecht Hansgirgl, »sitter, dass ich woaß, dass dö Kraglfinger Zeugen macha därfen. Dö werden an abscheuliches Zeugnis ablegn.« »Ja, und die Ersten san mer aa«, ruft der »Genösse« Anderl, »dös is allamol schlecht. Da ist der Herr Landrichter no frisch gladen.« »Der Letzte hat no net gschoben«, meint jetzt bedächtig dem Hofbauern sein Ältester; »dös woll ma segn, ob s' uns was macha kinnen; mir san in einer offenbarigen Notwehr befunden gewesen; mei Vata kennt dö Gschicht von frühender her und hat gsagt: Solang mir nix bestehen, is' überhaupt nix bestanden und dö Zeugen werdn ganz oafach verworfa, denen werd nix glabt und außerdem werdn s' überhaupts meineidig gemacht.« Diese rechtlichen Ausführungen des Hofbauern-Peterl machen viel Eindruck auf die Umstehenden; sie schreiten tapfer in den Sitzungssaal, umgeben von einer dicht gedrängten Schar getreuer Anhänger. Die Nachhut bildet ein buntscheckiger Haufen Frauen; sie schreiten mit zu Boden gesenkten Köpfen hinter den Burschen in den Gerichtssaal und schieben sich in dem übervollen Zuschauerraum möglichst weit vor. Geduldig stehen sie auf ihren Plätzen und schauen verwundert aus ihren Kopftücheln heraus auf die ungewohnte Umgebung. Ihre Gesichter verraten so eine gruselige Neugierde; aber man sieht jeder an, dass sie viel lieber wieder draußen wäre, recht weit weg von dieser unheimlichen Feierlichkeit und den bärbeißigen Gendarmen. Sie halten jedoch tapfer aus und das ist recht, denn Freud und Leid soll ein liebendes Paar gemeinsam haben; wenn er heute dem gestrengen Herrn Landrichter Red und Antwort geben muss, so ist es billig, dass sie in seiner Nähe weilt und den Anblick genießt, wie der Geliebte vorne beim Gerichtstische steht und verwegen schaut, eingedenk seiner Heldentaten. Der geneigte Leser weiß wohl bereits, woran er ist und dass er einer von den vielen Gerichtsverhandlungen beiwohnen kann, die sich allwöchentlich als Nachspiele der sonntäglichen Vergnügungen abwickeln. Ich will aber nicht nach bekannten Mustern Bericht erstatten, was der Vitus, der Anderl, der Peterl und die sämtlichen Hintersassen auf die vielen unangenehmen Fragen geantwortet haben; ich will keine Musterkarte der unzähligen und mannigfaltigen Ausdrücke geben, welche durch ständige Übung und uraltes Herkommen die Sprache bereicherten und die alle miteinander nur den an sich so einfachen Vorgang des Prügelns und Geprügeltwerdens bezeichnen wollen. Ich verzichte darauf, den wundervollen Bilderreichtum, welchen hierin unsere Sprache besitzt, zu schildern und darzutun, woher es denn eigentlich kommt, dass meine Landsleute für jeden Teil des menschlichen Körpers ebenso wohl eine eigene Art der Verletzung als eine drastische Bezeichnung hierfür kennen. Also davon will ich nicht reden, sondern von etwas anderem, was gewiss erwähnenswerter ist und was von Rechts wegen schon längst in der Naturgeschichte mit Auszeichnung hätte erwähnt werden müssen. Ich meine die merkwürdige Beschaffenheit der Köpfe unserer Dorfjugend. Es gibt heute noch viele gescheite Leute, zum Beispiel Professoren, welche glauben, dass Holz oder Eisen widerstandsfähiger, härter ist als die menschliche Schädeldecke. Das ist nicht richtig. Wenigstens nicht in den gesegneten Gefilden Ober- und Niederbayerns. Für einen, der hieran zweifeln wollte, ist diese Verhandlung lehrreich; er wird zugeben, dass er hier den stärksten Köpfen unseres Jahrhunderts begegnet ist. Der Vorsitzende hat soeben den Schöffen erklärt, dass die zu bestrafenden Körperverletzungen mit »gefährlichen Werkzeugen« verübt wurden, und befiehlt dem Gerichtsdiener diese Werkzeuge herbeizuschaffen. Jetzt beginnt im Hausgang ein Poltern und Klirren und Rasseln, dass man meinen könnte, nebenan würde eine Folterkammer oder ein alter Eisenladen ausgeräumt. Schweren Schrittes erscheint hoch bepackt der Gerichtsdiener und hinter ihm schleift und zerrt sein Gehilfe noch verschiedene Gegenstände, die offenbar einer Ökonomie-Einrichtung angehören und so ziemlich die gesamte »Baumannsfahrnis« eines mäßig begüterten Häuslers darstellen. Die Dinger werden schön gruppiert vor dem Gerichtstisch niedergelegt, und wenn vielleicht jemand im Zuhörerraum der Meinung war, dass eine Versteigerung oder so etwas erfolgen werde, so befand er sich in einem Irrtum. Dies sind nämlich die »Werkzeuge«, welche unser Vitus, Peterl, Anderl und so weiter in ihrer offenbaren Notwehr benützten um sich nur einigermaßen gegen unvorhergesehene Angriffe zu schützen. Es verlohnt sich wirklich, dieselben näher zu betrachten. Da ist zunächst der Hälfteteil eines Schubkarrengestells, nebendran liegen zwei oder drei Wagscheiteln, ein Hemmschuh mit Sperrkette und Holzteile, die ersichtlich vor nicht langer Zeit zu den Bestandteilen eines Leiterwagens gehörten. An Stalleinrichtung bemerken wir: einen Melkstuhl, den Stiel einer Mistgabel und vier oder fünf Ketten, die sonst zum Anhängen des Rindviehes dienen; daran reihen sich Schwartlinge, Latten, Peitschenstiele und ein abgebrochener Brunnendengel. Alle diese Gegenstände tragen die Spuren fleißigen Gebrauches. Die Eisenteile haben Beulen und Dellen, was darauf schließen lässt, dass sie mit sehr harten Körpern in Berührung kamen; die Holzteile sind fast alle zerfetzt, an den oberen Enden weich geschlagen und zerquetscht, in Schiefern zerspalten. Angesichts dieser Waffen hören wir mit wachsender Bewunderung die Anklageschrift verlesen; sie hört sich an wie ein neues Nibelungenlied. Mit diesen eichenen, buchenen und eisernen Wehren haben die grimmigen Huglfinger Helden gestritten gegen die Mannen von Kraglfing und Hiebe ausgeteilt, dass der weite Saal des Unterbräu erdröhnte von ihrem Schall. Und alles um sie herum ging zugrunde, nichts blieb ganz, kein Krug, keine Bank, kein Stuhl; nur die Köpfe hielten es aus. Denn, lieber Leser, schau nur hin, wie dort die Kraglfinger Zeugen aufmarschieren; nach dem Gehörten hast du vielleicht gemeint, dass die ganze männliche Jugend von Kraglfing auf das Krankenlager geworfen sei oder sich nur mehr mit Hilfe von Krückstöcken jämmerlich fortbewegen könne. Nichts von alledem ist richtig. Es ist eine wirkliche Freude, ihnen zuzuhören, mit welcher Gleichgültigkeit sie das Ereignis behandeln. Die meisten von ihnen erzählen, dass sie nur ein gewisses Brummen im Schädel verspürten, versichern aber treuherzig, dass sie darauf kein Gewicht legten. Nur zwei oder drei Burschen bestehen darauf, dass sie nach der Affäre beschränkt waren, das heißt arbeitsbeschränkt, denn für das andere wird ja kein Schmerzensgeld bezahlt. Ihre Wehleidigkeit erregt im Zuhörerraum Entrüstung; es ist nicht recht und wirft ein schiefes Licht auf die Glaubwürdigkeit der Zeugen, dass sie wegen dem bissel »Sonntagsgaudi« ein solches Getu haben. Das ist eine Schande für die Gemeinde und der Bürgermeister von Kraglfing nimmt sich fest vor den Burschen ernstlich ins Gewissen zu reden. Zum Glück sind es bloß ein paar, die sich auf diese Weise blamieren; und so fällt auch die Strafe gegen die Huglfinger Heldenschaft recht gelinde aus – zur großen Zufriedenheit aller Anwesenden. Die gutmütigen Burschen von Kraglfing hegen nicht den geringsten Groll; sie trösten sich mit dem Zeugengeld und dem fröhlichen Bewusstsein, dass in den heimatlichen Brunnentrögen gar mancher Haselnussstecken im Wasser liegt um hart zu werden für den demnächstigen Revanchekrieg. Und du, freundlicher Leser? Gibst du nicht dem alten Gerichtsdiener Schneckel Recht, der beim Wegräumen der Okonomiegeräte brummt: »Dös hoaßt ma jetzt ›gfährliches Werkzeug‹! Derweil is das ganze Glump hin worden. Schad für das schöne Sach! A ganze Hauseinrichtung und Brautsteuer kunnt ma mit der größten Leichtigkeit auf dö gußeisernen Köpf z'sammschlagen! – Es geht nix über a guate G'sundheit.« Monika Neulich lese ich einmal eine so rührsame Feuilletongeschichte, wie zwei Leutein zusammenkommen und nach allen möglichen Hindernissen und Schwulitäten auf zuletzt doch noch kopuliert werden. Hm!, denk ich mir und zünd mir eine frische Zigarre an, das ist schon wirklich nett von so einem Romanschreiber, wie er die Mädeln unter die Hauben bringt! Wie wär's, wann du's auch einmal probieren tätst? Ein bissel galant sein könnte nachgerad nicht schaden und vielleicht macht es einen guten Eindruck bei den Damen. Ich geh also ans Werk und zermarter vierzehn Tag' lang meinen armen Kopf, wie ich es angehen möcht, eine rechtschaffene Liebesgeschicht zu schreiben. Ich werd den Nazi mit einer Ehhalten verheiraten müssen, überleg ich mir; vielleicht mit der Ochsendirn? Sie hat nichts und ist bildsauber, er will sie partout haben, zerkriegt sich mit seinem Alten, wird sterbenskrank und müsst elendig zugrund gehen, wenn nicht im letzten Augenblick noch der alte Hofbauer ein Einsehen kriegen tat. Das Einsehen mach ich so, dass die Ochsendirn dem widerhaarigen Vater das Leben rettet, indem sie den Saubären, der ihn schon auf dem Boden unter sich hat, mit der Mistgabel versticht. In seiner Dankbarkeit bricht der Hofbauer in Tränen aus und segnet den Bund zwischen der Ochsendirn und seinem Nazi. – Zwei Tag' lang hat mich das »Motiv« gefreut. Es war nicht ganz neu, aber sehr geeignet für die Damenwelt, die sich allemal freut, wenn in einem Roman ein armes Mädel zum Heiraten kommt; in der Wirklichkeit sind ja die Fäll' rar geworden. Aber wie es so geht, kaum hab ich mich hingesetzt zum Schreiben, sind schon die Bedenken gekommen. Ich stell mir den Nazi vor, wie er einer armen Dirn die Heirat antragt, und besinn mich hin und her, was oder wie er da reden tat. Und ich stell ihn mir vor, wie er dann todkrank im Bett liegt, nicht, weil er seinen Kirchweihrausch ausschlafen muss, sondern weil er aus unglücklicher Liebe sterben will ... Da hört mit einem Schlag die ganze Phantasie auf und ich hab das Gefühl, als tat mein Verstand Karussell fahren. Aber wenn unsereiner wirklich einmal eine Idee hat, dann trennt er sich halt doch schwer davon und deswegen hab ich jeden Tag darüber nachdenken müssen, ob ich denn gar keine romantische Dorfgeschichte zusammenleimen könnt. Da kommt vor ein paar Tagen die Seilerbäuerin von Huglfing zu mir in meine Anwaltskanzlei herein und macht ein Gesicht, dass ich ihr gleich ankenn, es müsst ihr ein Prozess oder so was Ähnliches Not sein. »Seilerin«, sag ich, »wo fehlt's?« »O mei, Herr Dokta, bei mir feit's weit. Dös hoaßt, nöt bei mir, sondern bei ihr ...« »So? Wer ist denn nachher die ›ihr‹?« »Ja, d' Monika, a meinige Tochter. Jetzt lassen S' Eahna verzähln, i tät um an Auskunft bitten. Sehgn S', er hat ihr 's Heiraten vasprocha, nachher hamm ma's notarisch gmacht und jetzt mog er nimmer.« »Jetzt mag er nimmer? So, so, hm. Und warum mog er denn nimmer?« »Ja, weil sie oanauget is.« Einäugig? Fft! Das klingt ja ganz romantisch; sollte ich hier den Stoff zu einer Novelle gefunden haben? Famos! »Seilerin, sag ich, die Gschicht musst mir gnau verzählen, du woaßt scho, de Ehesachen müssen akkurat aufgnommen werdn, sunst is' nix. Sag mir nur alles haarscharf und wie's gwesen is.« Na, die Seilerin hätt keinen liebern Auftrag kriegen können; sie setzt sich recht breitlings auf den Stuhl, als wollt sie mir andeuten, dass sie so schnell nicht mehr aufstehen tat, dann streicht sie ein paar Mal über die Schürze und fangt an. »Ja, am Antlasspfinsta is sie ums Brautringel gfahren; na, halt, da is' net ganga, da is' a Kuah krank worn, am Mittwoch is' 'nuntergfahren und da ham s' ausgmacht, dass s' miteinand nach Pfaffahofen zum Ringlkaafen gengan. Aba da hat er auf oamal gsagt, dös braucht's net, mi hamm ja no von der ersten Frau oan; er is nemli Wittiber und hat sechs Kinda; ja, und nachher hat er gsagt, du kannst dös alte Ringel hamm und ihre Riegelhauben kriagst aa glei. – No, wia'r er ihr dö Riegelhauben gibt, sagt er: Du bist ja gar oanauget? – Freili, sagt sie, indem dass mi vor drei Jahr da Ranner Michel mit der Heugabel gstochen hat. Hast du dös net ehender gneißt? – Wia soll denn i dös wissen, sagt er, da hamm de Heiratsmacher koa Wort net davo g'sagt. Und jetzt mog i di nimma! – Wennst mi nimma magst, sagt sie, nacha brauch i dei Riegelhauben aa net, hat s' gsagt: und hat die Riegelhauben an Tisch hinglegt. Und nacha is sie hoam. Ja, und nach zwoa Tag is er kemma durch dös, dass mi eahm gschrieben hamm, weil's do scho notarisch gmacht gwesen is. Wia 'r er bei der Tür rei is, hat er gsagt: No, was tea ma jetzt? Heiret mi oda heiret mi nöt? – Dös solltst jetzt do scho wissen, hat der Bauer g'sagt, indem dass d' Musi scho bstellt is und da Kammerwagen schon hergricht is. – Ja, hat er gmoant, dös hättn halt mi glei sagn sollen, dass sie oanauget is, nachher hätt's dös alles net braucht, und jetzt wisset er nicht, was er toa soll. – No, mi hamm eahm zuagredt, dass ihr sonst nie nix gfehlt hat, und es san do scho viele do gwesn, de wo wengen Heiraten gfragt hamm, und koana hat was vom Oanaugetsei gsagt; bloß dass 's Geld z' weni gwest is'. Und er als Wittiber mit sechs Kinda brauchet scho gar net so gschleckig sei. Auf z'letzt hat er si wieda bsunna und sagt: Jetzt waar's eahm gnetta gleich, weil er do scho mit ihr verkündt waar, und am Montag tat er s'heiratn. – Mi san ganz fidel gwesn, da is am andern Tag a Schreiben kemma, wo dringstanden is, dös waar koa Ehestand net, wo sie oanauget is und er nix woaß, und er möcht absolut durchaus gar nimma; mi solln zum Notari fahrn, zum Z'ruckprotokolliern. Ja, und jetzt taat i um Auskunft bitten, ob mi dös leiden müassen, Herr Dokta?« »Mei liebe Seilerin«, sag i, »Sie haben die Gschicht zwar recht ausführlich erzählt, aber ich versteh, aufrichtig gsagt, die Sach noch lang net. Da müssen S' mir schon a paar Fragen erlauben. Zu allererst, wer is denn eigentli ›er‹?« »Er? Wissen S', dös is da Schuastabauer vo Watschenbach, 's ganz Häusel voller Schulden und ...« »Halt, halt! Nur langsam! Passen S' auf, jetzt komm ich zu dem dunkelsten Punkt der Anklage, wia meine Herren Kollegen sagen, nämli, sagen S' mir einmal aufrichtig: Hat denn der Schusterbauer Ihre Tochter net früher angschaut? Hat er s' net angschaut, vor er anghalten hat?« »Na, da hat er s' net gsegn. Wissen S', Herr Dokta, de Gschicht is a so gwesn. Vor a Monat a zwoa kimmt er zu mir in d' Kuchel und fragt, wo der Bauer is. Der is im Stall d'außt, sag i, warum, hast a Gschäft mit eahm? – Na, sagt er, aber reden muaß i mit eahm. – No, nachher is er in Stall naus und i hinter eahm drei. Bauer, sagt er, wie is'? I muaß heirat'n, wia viel kriagt enker Monika? – Zwoatausad, sagt da Bauer, und 's Protokollieren zahl i aa. – Zwoatausad, sagt er, gelt scho. – No, nachher is er wieda ganga. I hab'n no g'fragt aa, ob er mit da Monika net sprachen will. – Zu wos, sagt er, braucht's ja net, i bi scho z'frieden, beim Protokollieren kemma ma a so z'samm. No, uns is' recht gwesn und ihr is' recht gwesn und acht Tag drauf san ma zun Notari. Schaun S', Herr Dokta, gar nixen hätt's braucht, so schö waar's ganga, und jetzt kimmt er mit dera Dummheit. Er muaß eahm an anderne aufganga hamm ...« »Das mag sein, Seilerin, aber sagen S' mir doch um Gottes willen, hat er sie denn beim Protokollieren auch net angschaut?« »I glaab net, oder er hat eahm so gnau net aufpasst. Er is nach'm Protokollieren gschwind fürt, weil er no mehra Gschäfter ghabt hat, und is nimma kemma aa. Erscht acht Tag vor der Hozet hat er sagen lassen, sie soll abiroasen z'weng an Ringlkaafa. Ums Verkünden und ums Ausmacha von da Hozet hat er si überhaupts gar net kümmert, dös hat alles a seiniger Freund to, der wo eahm die Monika verraten hat.« »Soo? Hm! Die Sachlage hätten wir also, Seilerin; jetzt brauch ich bloß noch zu wissen, was Sie eigentlich vom Schusterbauern wollen.« »Ja, an Entschädigung will i. Und überhaupts möchtn mi wissen, ob er no z'rucksteh ko. Der Bauer sagt, dös gibt's net, weil dös koa ›gsetzlicher Fehler‹ net is.« »Was is kein gsetzlicher Fehler?« »'s Oanaugetsei! Der Landrichter vo Pfaffahofa hat's aa gsagt, wia'n da Bauer gfragt hat. Seiler, hat er gsagt, da hast schon Recht, sagt er. Ein gsetzlicher Fehler, sagt er, ist das ganz und gar durchaus nicht. Feit Eahna was, Herr Dokta?« »Na, na, i hab bloß ein bissel Gsichtreißen, Seilerin«, sag ich und dreh mich um. »Ja«, fahrt sie fort, »aba mi mögen gar nimma; dreihundert March muss er zahln und nacha is' aus. So viel Schaden ham ma ghabt mit der Aussteuer, dö muaß er zahln. San S' so guat und schreiben S' eahm an Briaf, und wann er net guatwillig mag, nacha klagn ma.« »Is recht, Seilerin, ich will ihm schreiben, eine Entschädigung muss er auf alle Fäll' zahlen. Wir werden vorläufig schon sehen, was er sagt.« »Ja, Herr Dokta, jetzt hätt i no a Frag. Wia is' denn, wann er wieda mog? Er hat zu sein' Spezi gsagt, wann er die Kosten alle zahlen müaßt, nacha heirat er s' liaba. Wie is denn dös?« »Mei liebe Seilerin, da bin i überfragt. Das müssen S' mit der Monika ausmachen.« »Moanen S'? No, mi werdn's nacha scho sehgn. Jetzt schreim S' eahm amol. 's Good, Herr Dokta!« Ich werd das Romanschreiben doch lieber nicht anfangen. Das Volkslied Es erwachte damals die Freude am Volkstum und man konnte überall recht wohl den Drang bemerken, sich von echten, kleinsten Zügen der Volksseele zu überzeugen und sie in gehaltvollen und gewundenen Sätzen wiederum zu schildern. Neben Wortprägungen, die mit Heimat, Scholle, Erde, Erdgeruch wackere Zusammenhänge fanden, begegnete man herzig schlichten Romanen, die, als Aufgüsse über den würzigen Bodensatz Gottfried Keller'scher Getränke, Farbe und Geschmack annahmen. Man begegnete auch heimatliebenden, von jeder peinlichen Tendenz abgekehrten Schulaufsätzen, welche man ehedem Feuilletons genannt hatte. In dieser wonnigen, schollenseligen Zeit bemühten sich auch Berufsmenschen Perlen im Aktenschutt zu finden, und so nahm sich ein Rechtsanwalt namens Dr. jur. Anton Habergais vor seine mitten in Land und Leute verschlagene Existenz folkloristisch zu verwerten und seltene Lieder zu sammeln. Er glaubte, dass sich ungehobene Schätze genug unter niederen Dächern befinden könnten, und er wollte sie ans Licht ziehen und mit ihrer Naivität ein heimatfrohes Publikum entzücken. Der Gedanke war kaum gefasst und im Vorhinein lieblich verbrämt, als Herr Habergais auch an seine Verwirklichung schritt und sich ein in Leder gebundenes Heft von schönem Büttenpapier kaufte. Er stellte sich freudig vor, wie er wohl an stillen Winterabenden hier hinein Lied für Lied mit Beibehaltung der ursprünglichen Schreibweise eintragen wollte nebst Anmerkungen unter einem mit roter Tinte zu ziehenden Strich. Nach etlichen fleißigen Monaten ließ sich dann wohl ein Büchlein daraus formen, welches den Forschern zur Erquickung, anderen aber zur Belehrung dienen musste. Wie war nun aber das Material herbeizuschaffen? Der ehedem solchen Zwecken gerne dienstbare Volksschullehrer hatte sich leider im Laufe der Zeiten daran gewöhnt, seine Entdeckungen selbst zu Aufsätzen, zu Heften und Büchlein zu verwerten, und war als selbstloser, höchstens im Vorwort erwähnter Mitarbeiter kaum mehr zu haben. Darum blieb nichts übrig als unter Umgehung dieses Sammelbeckens sich geradewegs an die Quellen zu begeben, was ja einem Rechtsanwalt immerhin möglich war. So kam also Herr Doktor Habergais mit sich überein von rechtsuchenden Bauern selbst Beiträge zu erbitten. Ein in seiner Gemeinde Weidach wohl angesehener Ökonom, Jakob Hirtner, genannt Matheiser, kam in seiner Angelegenheit zu Habergais, als dessen Entschluss gerade gereift war. Nach dem Geschäftlichen ging der Rechtsanwalt zu einem jovialen Ton über, klopfte dem Matheiser auf die Schulter und begann zu fragen. »Hirtner, nicht wahr, bei Ihnen in Weidach wird doch häufig gesungen?« »Gsunga?« »Ich meine die jungen Mädchen, die zum Brunnen gehen, die Burschen auf der Landstraße –« »Brunna?« »Ja, die Mädchen, die vom Dorfbrunnen Wasser holen –« »Mir hamm ja gar koan Dorfbrunna net!« »Nu also, bei einer anderen Gelegenheit, nach der Arbeit, wenn der Abend sinkt –« »Bei ins hat a jeda selm sein Brunna!« »Ich sage Ihnen ja, die Gelegenheit, bei der es geschieht, ist ganz Nebensache. Ich denke überhaupt an den Feierabend, wenn Alt und Jung vor den Türen steht –« »Beim Schuastahansl waar scho a Brunna bei da Straß hiebei, aba dersell hat koa Wassa it.« »Ja ... ja ... lassen wir diese Brunnenfrage endgültig fallen. Ich möchte nur in Erfahrung bringen, was diese jungen Mädchen, verstehen Sie, Matheiser, welche Lieder sie singen.« »Han?« »Und Sie sollen mir dabei helfen, Matheiser. Sie sollen mir die Texte verschaffen.« »Han?« »Sie müssen mir aufschreiben oder aufschreiben lassen, Wort für Wort, was eure jungen Mädchen singen.« »I?« »Jawohl, und ich will Ihnen genau sagen, wie Sie das machen müssen ...« »Ja, was woaß denn i?« »Also, passen Sie auf! Nicht wahr, zum Beispiel, Sie hören die Anna oder die Liesel singen ...« »Was für a Liesel?« »Irgendeine; ich meine irgendein Mädchen, das nächstbeste Mädchen hören Sie singen ...« »Bal i aba koane hör?« Herr Doktor Habergais sah mit einem gramvollen Zug im Gesicht sein Gegenüber an und er fühlte, wie eine nervöse Abspannung, ein prickelndes Gefühl den Rücken entlang seinen Eifer vermindern wollte; aber er gab sich einen Ruck, er lächelte, er klopfte Herrn Hirtner mit der flachen Hand auf die Schulter, obwohl sich ihm die Finger krümmten, obwohl sich ihm die Hand ballen wollte. »Verstehen Sie mich wohl, Matheiser, Sie hören schon eine oder Ihr Nachbar hört eine oder Ihre Frau hört eine ...« Habergais sprach jedes Wort scharf und gereizt aus. »Gut also, irgend jemand hört irgendeine« – es klang wie ein Befehl – »verstanden, dann gehen Sie zu ihr hin und sagen: Meine liebe Liesel ...« Hier wollte nun Hirtner doch nicht länger schweigen. »Was für a Liesel?« »Herrgott, Mensch! Matheiser, will ich sagen, Liesel, Anna, Marie, ganz Wurscht, wie sie heißt; Sie sagen zu ihr: Mein liebes Mädchen« – Habergais machte hinter jedem Wort eine Pause und schrie das Nachfolgende umso lauter – »mein liebes Mädchen, du hast soeben ein Lied gesungen. Welches ist der Inhalt desselben? Sprich mir die Worte vor oder, noch besser, schreibe sie mir auf! Das sagen Sie zu ihr! Haben Sie mich jetzt verstanden, Matheiser?« »Na!« Der Rechtsanwalt setzte sich und blickte zu Boden, während eine fliegende Hitzwelle von seinem Nacken über die Ohrlappen hinzog, während seine Stirnhaut pelzig wurde, bis dann ein erlösender Schweiß ausbrach. »Sie haben mich nicht verstanden?« Die Frage klang heiser. »Weil Sie sagn von an Brunna und weil mi do koan Brunna durchaus gar it hamm ...« »Ja, wer redet denn noch von einem Brunnen? Ja, wer redet denn noch von einem blöden Himmelherrgottsakramentsbrunnen?« »Net?« »Nein! Aber ich will von vorne anfangen. Setzen Sie sich einmal, Matheiser! Da, mir gegenüber – so! Also lassen wir in drei Teufels ... also lassen wir die Mädchen! Nicht wahr, Ihre Burschen singen doch auch?« »Bai s' bsuffa san, scho ...« »Nüchtern oder betrunken, das ist mir jetzt ganz egal ... Matheiser, jetzt schweifen Sie nicht mehr ab! Belauschen Sie Ihre Burschen ...« »Wia?« »Hö-ren Sie ihnen zu! Hö-ren Sie den jung-en Bur-schen zu!« »Bal s' bsuffa san?« »Wenn sie sing-en! Nicht wahr?« »De plärrn scho a so, dass ma's hört ...« »Ja – also, dann können Sie umso leichter tun, was ich meine. Hören Sie ihnen zu und schreiben Sie auf, was die Burschen singen ...« »Schreibn? Allssammete?« »Jawohl! Ich will die Lieder sammeln. Ich will genau wissen, was für Lieder sie singen ...« »Ja – aba ...« »Nichts aber. Sie können doch schreiben, nicht wahr? Es braucht nicht schön zu sein ... Sie schreiben einfach Wort für Wort auf, und damit Sie es lieber tun, will ich Ihnen für jedes Lied was bezahlen. Verstehen Sie mich jetzt?« »Ja, guat! I vasteh Eahna ganz guat.« »Na, endlich? Und dann sind wir einig?« »Was kriag i nacha, bal i schreib?« »Hm ... sagen wir ... für jedes Lied ... hm ... sagen wir fünfzig Pfennige ...« »A Fufzgerl?« »Für jedes Lied; wenn Sie mir zum Beispiel sechs bringen, bekommen Sie drei Mark, einen Taler, Matheiser.« »Aha, an Taler! Na bring i halt sechsi« »So viel Sie eben hören, nicht wahr? Es können mehr sein, es können weniger sein ...« »Ja ... ja ... sechsi werdn's leicht ...« »Gut, und damit adieu, Matheiser!« »'s Good, Herr Dokta!« Habergais blickte dem Ökonomen nach, lange und sinnend. Denn hier drängte sich nun auch ein Allgemeines und ein Besonderes der Betrachtung auf. Die schlichte, geradeaus zielende Art zu denken, welche dem Volk eignet, dieses Festhalten an einer Vorstellung und diese gewisse Unbiegsamkeit der Folgerungen, welche in einer Linie auf einen Punkt hinstreben und nie nach den Seiten hin ausladen. Dieses schien ein Problem zu sein, und zwar ein beachtenswertes.   Übrigens waren seitdem etwa drei Wochen ins Land gegangen und Doktor Habergais gedachte wohl öfter seines Vorhabens und malte sich nicht ohne Behaglichkeit die literarischen Aufgaben aus, welche ihm die Wintermonate verkürzen könnten. Er blätterte in dem Heft aus schönem Büttenpapier und sah im Geiste die Seiten mit reinlicher Schrift gefüllt, die Titel der Lieder in zierlicher Rundschrift in die Mitte gesetzt, dann den roten Strich und kluge landeskundliche Anmerkungen und Erläuterungen darunter geschrieben. Es konnten sehr lange begleitende Kommentare werden, wenn man etwas Dialektforschung trieb, über Wortwerte, Wertunterschiede einzelner Dialektformen sich verbreitete, Belegstellen anführte und überhaupt wissenschaftlich verfuhr. Ob sich der Matheiser noch an sein Versprechen erinnerte? Es deuchte Herrn Doktor Habergais manches Mal zweifelhaft, aber dann glaubte er doch wieder, dass die Freude am leichten Verdienst den Mann anspornen könnte. Und wirklich kam eines Vormittags Jakob Hirtner zur Türe herein und holte ein in Zeitungen gewickeltes verknittertes Schulheft aus der Tasche. »Ha! da ist ja mein Mitarbeiter ... Da ist ja der Matheiser! Na, also, haben Sie Lieder gefunden?« »Herr Dokta, i sag's glei, wia's is', schö hab i net gschriebn ...« »Macht doch nichts!« »Und ... an Arbeit is dös! Dessell taat i fei nimma! A Markl derfatn S' no extra zahln, a so hab i mi scho plagt.« »Darüber lässt sich reden!« »D' Bäurin hat aa gsagt, dass dös koa Macha net is, sagts', und weil ma mit da Tintn a so umanand schmiert, sagts' ...« »Wie viele Lieder haben Sie denn, Matheiser?« »Sechsi, wia ma's ausgmacht ham.« »Sechs? Bravo! Das ist schon ein Anfang!« »Ja, san drei Markl und oane derfatn S' no spitzn, weil d' Bäurin aa sagt, dössell derfat ihr nimma fürkemma ...« »Na – gut, Matheiser! Ich gebe Ihnen vier Mark, aber Sie versprechen mir, dass Sie auch weiter für mich sammeln, das heißt gelegentlich ein Lied aufschreiben ...« »Na – na! Herr Dokta, dössell konn i durchaus gar it vasprecha und mitn Schreibn hon i's überhaupts it. I tua ma scho so bluati hart, dass 's höcha nimma geht.« »Na, na, Matheiser, so schlimm ist das nicht. Später haben Sie vielleicht selber Freude daran ...« »Dös glaab i gar it.« »Da haben Sie vier Mark und nun geben Sie mir Ihre Aufschreibungen!« Hirtner nahm das Geld und wickelte das fettige Zeitungspapier auseinander. »I ho's in a Heft von mein' Deandl einigschriebn«, bemerkte er, »müassen S' scho entschuldinga, bal's it scho gschriebn is ...« »Das ist ganz nebensächlich – nur her damit!« Doktor Habergais nahm nicht ohne Hast das verschmierte, öl-, tinten- und fettfleckige Heft an sich und öffnete es. Es war wirklich auf den ersten Blick zu erkennen, dass hier eine ungeübte, schwere Hand gewaltet hatte, aber das gerade verlieh dem Ganzen einen gewissen Reiz. Wie die Buchstaben bald schief, bald gerade standen, wie die Zeilen bergauf und talab liefen, wie hier die Feder sich gesträubt und dort festgehakt hatte, wie sie hier ausgeglitten war und dort sich mühsam in das Papier eingebohrt hatte, wie unter verwischten, aufgeschleckten länglichen und runden Klecksen Buchstaben, halbe Wörter, ganze Wörter versteckt lagen, alles das war unvergleichlich anziehender als etwa eine glatte, charakterlose Schrift. Eben weil es echt war, von unleugbar schwielenbedeckter Hand oder – nein! – Faust mühsam hingesetzt. Habergais lächelte befriedigt und begann zu lesen. »Äs ... p ... brr ... prraußt ... ein ... r ... rh ... ruhf ... wie t ... tohner ... hal ... wie s ... ß ... schwärth ... ke ... geklirr un ... wa ... wah ... gen ... bral – Was ist das? Was soll das sein, Matheiser?« »Han?« »Was das sein soll, frage ich.« »A Liad ...« »Das ist doch ›Die Wacht am Rhein‹!« »Ko scho sei, dass' a so hoaßt.« »Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie sollen mir Lieder aufschreiben, die Ihre Burschen singen –« »Ja, dös singan s'.« »Das??« »Dös singan s' fei gern!« »Also, Matheiser!« Habergais überflog die anderen Seiten, die aus Bruchstücken erkenntlichen Lieder. Ein sehr langes. »Heul unsern König ... heul!« Ein kurzes. »... im gruhnen walth is holzauxion ...« Und wieder »O du liber augastien«, »Ich hath einen Kahmeraten « und das letzte noch »Das schöne land, wo meine wihge stand.« Der Rechtsgelehrte blickte den Ökonomen durchdringend an. »Also das sind ...??« »Dös singan s' allssammete«, sagte Hirtner treuherzig und ohne Arg. »Und derfan S' gwiss glaabn, Herr Dokta, dass i mi schö plagt hab, und d' Bäurin sagt aa, mit dem Glump derfst ma nimma komma, sagt s' ...« »Es ist recht, Matheiser, Sie haben Ihre vier Mark, gehen Sie!« »Und, sagt d' Bäurin, a so a spinnate Arbet, sagt s', muaß's net glei wieda gebn ...« »Gehen Sie, sage ich!« »Und, Herr Dokta ... bal's grad gang, soll i Eahna nomal a sechsi aufschreibn?« Habergais wollte heftig werden, besann sich eines Besseren und sagte mild: »Nein Matheiser, es genügt ...« »Aba wenn S' moanen?« »Es genügt. Adieu!« »'s Good, Herr Dokta!« Der Biedermann Der alte Buchberger Hans saß auf der Hausbank und ließ sich so behaglich wie die Katze neben ihm die warme Märzensonne auf den Pelz brennen. Auf dem Dach zerging der letzte Schnee und eintönig plätscherte es von der Rinne auf die Rieselsteine. Drüben am Waldrand lag schon ein grüner Schimmer über den Sträuchern und dem Hans kamen fröhliche Gedanken von schönen Tagen und Wiederaufwachen aus langem Schlaf. Zufrieden patschte er sich auf das linke Knie und rieb ein wenig daran. Das war auch wieder gut geworden; viel besser, als er geglaubt hatte nach dem bösen Fall im vorigen Jahr. Hätte leicht steif bleiben können. Das wäre ihm hart gefallen in seinen alten Tagen und weil er ja auch noch arbeiten wollte neben den Jungen in dem kleinen Haushalt, der jede Beihilfe brauchen konnte. Aber so war es nun wieder recht geworden. Die Versicherung zahlte ihm fünfzehn Mark alle Monate und weiß Gott, wie wohl ihnen das Bargeld tat, wenn es noch so wenig war, und faulenzen brauchte er deswegen doch nicht. Er schlenkerte mit dem Fuß und streckte ihn wieder geradeaus. Es ging schon, jawohl, und vor ein paar Tagen war er mit dem Jungen auch auf der Bergwiese droben gewesen und war rechtschaffen müd geworden. Aber es ging und wurde alleweil besser. Alleweil besser. Da schau her! Den sonnigen Hang herauf kam ein Spaziergänger, ein städtischer Herr, der oft stehen blieb und ausschnaufte. Tat halt einem jeden wohl, Wärme und Sonnenschein. Jetzt nahm der Herr den Hut ab und trocknete sich die Stirne. Der sah beinahe aus wie der Bezirksarzt mit seinem langen Vollbart. Und so groß und breitschultrig war er auch. Richtig, da fiel dem Buchberger ein, dass die Leitnerbäuerin krank war und vielleicht ging jetzt der Doktor zu ihr ... Und war schon so. Von weitem schon lachte der Bezirksarzt freundlich, wie er den Alten erkannte, und der Hans stand auf und grüßte höflich. »Das ist ja der Buchberger? Grüß Gott! Darf ich mich a bissel hersetzen?« »Ja freili, Herr Bezirksarzt! Oder soll i an Sessel außaholn?« »Na! I sitz gut gnug.« »Gengan S' gwiss zum Leitner aufi?« »Ja ... mhm ... no, wie geht's Ihnen?« »Guat ... Herr Bezirksarzt ... Bin wohl z'friedn ...« »Das hört man gern ... Ja! So ein alter Veteran lasst nicht aus!« Der leutselige Bezirksarzt klopfte dem Hans auf die Schulter und schaute ihm mit herzlichem Wohlwollen in die Augen. »Sie sind ja noch einer von anno siebzig?«, fragte er. »Siebazgi und sechsasechzgi.« »Und Sechsundsechzig! Allen Respekt! Da haben Sie was durchgmacht im Leben!« »Ja, dös ko ma wohl sagn.« »Fürs deutsche Vaterland!« Und der freundliche Mann tätschelte wieder den braven alten Soldaten auf die Achsel. »No, von sechsasechzgi kann i net viel prahln«, sagte der Hans. »Da san ma de mehra Zeit retariert, weil si koa Mensch net auskennt hot und überhaupts ...« »Ja, ja ... der Bruderkrieg!«, sagte der Arzt lächelnd. »Aba siebazgi! Sakera Hosenzwickl! Da hamm s' as ins dafür ei'kocht! I bin bei Wörth dabeigwesn und bei Sedan ... und nacha bei Orleanß hinten! Bei Kulmirs hamm s' an Major Gruaba neben meiner aufigschossn und i und da Hage Pauli, mir hamm an im größtn Feuer z'ruckbracht ... und hab aa 's Eiserne Kreuz kriagt für dös und bin belobigt wordn vorn ganzn Regament ...« »Ja, was Sie sagen!« Der Bezirksarzt streckte dem eifrigen Alten seine Hand hin. »Respekt, Buchberger! Ein deutscher Ritter des Eisernen Kreuzes! Da müssen wir Jüngeren den Hut ziehen!« »No ja! Es hätten's eigentli alle vadeant, denn was mir selbigs Mal durchgmacht hamm, dös war a wengl hart ... Und i sag's oft, de junga Leut achten's nimmer a so, aba es hat scho was braucht!« »Ja, die jungen Leute! Die werden von den sozialdemokratischen Zeitungen vergiftet. Das findet man nicht mehr wie früher, diese ... diese Einfachheit und ... ah ... diese ... diese Vaterlandsliebe ...« »Gell? I sag's aa'r alleweil! De Patriotn san nimmer gar so viel! Und wenn ma was sagt, werd ma glei ausglacht von de Grasteufl!« »Es ist schlimm, Buchberger! Schlimm! Aber ein alter Soldat, wie Sie, der lasst sich nicht irr machen ...« »Ja, was waar denn net dös? I lass net aus.« »Einer von der alten Garde! Han?« »Und de Erinnerung gaab i net her! Dös derfen S' gwiss glaabn, Herr Dokta ... Sakera Hosenzwickl, wia mir einmarschiert san ...« »In Paris? Was?« »In Paris net; da bin i net dabei gwesn, weil inser Regament heraußd bleibn hat müassn. Aba in Münkn – do bin i nobl mit...« »Vor dem Kronprinzn?« »Und an Kini; vor der Feldherrnhalle san ma an eahm vorbei.« »Parademarsch ?« »Dös glaab i! Neighaut, dass d' Stoa gwackelt hamm!« »Eins, zwei! Eins, zwei! Ob's heut noch ging, Buchberger?« »Probier ma's!«, lachte der Alte und sprang von der Bank auf und nahm die Hände an die Hosennaht. Augen links! – nach dem Bezirksarzt, und eins und zwei, eins und zwei ... und es ging noch. Freilich nicht mehr so stramm, dass die Steine wackelten, aber ganz passabel, dass der joviale Arzt in die Hände klatschte und herzhaft lachte. »Bravo, Buchberger!«, rief er, als sich der Hans wieder setzte, und patschte ihm urkräftig auf das Knie. »Ja, ihr alten Veteranen, ihr seid aus einem ändern Stahl als wir!« »Woaß net«, sagte der Hans, »i gspüret's glei im Haxn ...« »I wo! Sie sind ja marschiert wie ein Gardeleutnant! Also, jetzt muss ich aber gehen ... es hat mich recht gfreut ... »Mi scho aa, Herr Bezirksarzt, und kehren S' wieder amal zua! Adjes!« »Dös is a liaba Mo!«, sagte er noch vor sich hin, als sich der Doktor langsam entfernte. »A ganz a gführiger Mo!«   Eine Woche später, es war schlechtes Wetter, es regnete und schneite durcheinander, brachte der Postbote dem Buchberger ein Schreiben, das sich der Länge und Breite nach amtlich ausnahm und auch einen Stempel trug. »Geh, Alte, hol mir mei Brilln!« Als er sie bedächtig aufgesetzt und das Schreiben geöffnet hatte, las der Buchberger langsam die Mitteilung, »dass ihm die monatliche Unterstützung von fünfzehn Mark entzogen werde ... entzogen werde ... indem dass der Königliche Bezirksarzt Dr. Stierlinger sich persönlich davon überzeugt habe ... dass genannter Buchberger von den Folgen des Unfalls gänzlich geheilt sei und nicht die geringsten Beschwerden ... Beschwerden am Fuße mehr verspüre ... Ah! Ja ... Himmel ... Herrgott ...« Unser guater, alter Herzog Karl Das neue Jahr soll uns eine andere Behandlung der Majestätsbeleidigung bringen. Ich will es nicht entscheiden, ob die Neuerung viel verbessern wird in der deutschen Welt. Aber eines weiß ich und eines bedauere ich. Mein alter Freund Simon Lackner wird sich nicht mehr so leicht ein billiges Winterquartier verschaffen können. Und das ist hart. Denn Simon Lackner ist neunundsechzig Jahre alt; ein herzensguter Kerl. Jetzt soll er als Greis eine neue Methode ersinnen, nachdem er sechzehn lange Jahre hindurch mit der alten so schöne Erfolge erzielt hat. Ihr lieben Mitmenschen, denkt euch in seine Lage! Von Jugend auf war er ein stellenloser Schreinergehilfe; ein fahrender Handwerksbursche. Das ist wohl ein schönes Metier, wenn der Apfelbaum am Straßenrand blüht und wenn ein Mensch, der auf dem Rücken im Grünen liegt, mit blinzelnden Augen der Lerche hoch hinauf in die blaue Luft nachschaut. Das ist wohl ein schönes Metier, wenn die Kornähren sich über dem müden Haupt wiegen und am heißesten Sommertag einen erquickenden Schatten spenden. Auch ist es fröhlich und freudenvoll, wenn noch eine mildtätige Herbstsonne auf den Buckel brennt und wenn die zerrissenen Schuhe durchs gelbe Buchenlaub rascheln. Aber wenn die kalten Novemberwinde pfeifen und alte Felber in die Gräben rollen? Wenn die Landstraßen aus dem Leim gehen und pfundschwerer Brei an den Sohlen hängen bleibt? Wenn der kalte Regen mit tausend Nadeln sticht oder die Schneeflocken wirbeln? Wenn alle warmen Ofenbänke von hartherzigen Bauern besetzt sind, die für einen armen Handwerksburschen nicht zusammenrücken? Da wird's dem abgehärteten Landstreicher wehmütig ums Herz und er sehnt sich nach einem trockenen Platz, nach einem Dach, unter dem es nicht tropft. Simon Lackner widerstand lange, aber endlich kriegte er das Reißen in seinen Gliedern und er fand ein Mittel, sich zu helfen. – Im Herzogtum Neuburg regierte Karl III., ein gemütlicher, braver Landesfürst. Natürlich, Simon Lackner kannte ihn nicht, aber er stand doch in gewissen Beziehungen zu ihm. Denn wo er in einem Bauernwirtshaus um Gotteslohn eine Halbe Bier trank, sah er von der Wand das dicke Gesicht Karls III. herunterlächeln. Und er begriff die Gutherzigkeit, welche sich in dem breiten Mund, in den hängenden Backen des Landesherrn ausdrückte. Er sah mit Liebe in die kleinen, hinter Fettpolstern verschwimmenden Schweinsäuglein und dachte sich, wie bürgerlich und selchermäßig doch oft der liebe Gott die von seinen Gnaden regierenden Häupter ausgestaltet. Kein kleinstes Restchen Feindseligkeit haftete im Herzen des Simon Lackner. Er liebte den Fürsten auf seine bescheidene Weise und nahm es ihm nicht übel, wenn seine Gendarmen grob und rauhändig waren. Denn nicht einmal der allmächtige Gott hat alle seine Geschöpfe liebenswürdig geschaffen. Warum sollte man's von einem irdischen Fürsten verlangen? Trotz seiner Hinneigung war aber Simon Lackner gezwungen alle Jahre einmal dem Herzog Karl III. eine Despekttierlichkeit zu zeigen, die ihm nicht innewohn- te. Aber es war eben seine Methode und es war notwendig um unter ein schützendes Dach zu kommen. Wenn zu Ende Oktober die kalten Winde anhüben, ging Simon Lackner zum herzoglich neuburgischen Gefängnis, welches auf freiem Felde lag, hinaus. Dort versteckte er sich in einem Holzschupfen, welcher gegenüber dem Eingang der Anstalt lag, und wartete. Wenn dann einige Gendarmen kamen, trat er allsogleich hervor und schrie mit lauter Stimme: »Unser guater, alter Herzog Karl is a Rindviech!« Das erste Mal und das zweite Mal stürzten die Gendarmen gierig auf den frevelhaften Menschen und glaubten, dass sie einen wichtigen Fang gemacht hätten. Aber schon im dritten Jahr erlahmte ihr Eifer, denn sie wussten jetzt, dass Simon Lackner sich nur auf diese harmlose Weise ein Winterquartier verschaffen wollte. Simon Lackner musste oft und oft schreien, bis sie ihn gefangen nahmen. Und das wiederholte sich sechzehn Jahre lang mit schöner Regelmäßigkeit. Man wusste es nicht mehr anders. Wenn gegen Ende Oktober schwere Wolken am Himmel aufzogen, schaute der Gefängnisinspektor in die herbstliche Natur hinaus und sagte: »Jetzt wird der Lackner bald wieder schreien.« Und richtig: Den andern Tag zogen sich nasse Bindfäden vom Himmel zur Erde herunter und vom Holzschupfen herüber brüllte es: »Unser guater, alter Herzog Karl is a Rindviech.« Die Gendarmen lächelten; Simon Lackner lächelte und betrat freudig die Halle des Gefängnisses, wo ihm der Inspektor wohlwollend entgegentrat. Lackner wiederholte zur Sicherheit: »Unser guater, alter Herzog Karl is a ...« »Weiß schon, weiß schon«, sagte der Inspektor, »Sie kriegen schon Ihre fünf Monat'.« Wenn die Amseln pfiffen, kam Simon wieder heraus und walzte fröhlich durch das Herzogtum Neuburg. Und wo er in einem Wirtshaus das Konterfei seines lieben Karls III. sah, lächelte er ihm verständnisinnig zu. Er hatte ja nie vergessen ihn den guten, alten Herzog zu nennen und das mit dem Rindvieh war nicht ernst gemeint. Jetzt wollen sie den schönen Paragraphen ändern, mit dem mein Freund Simon Lackner seit sechzehn Jahren sich recht und schlecht über die Wintersnot hinweggeholfen hat. Ist das nicht hart? Der Hofbauer »Wenn Sie ein beliebter Anwalt werden wollen, so müssen Sie vor allem bestrebt sein aus den umständlichen Erzählungen der kleinen Leute das Wesentliche herauszufinden; dies werden Sie am besten durch ruhiges Zuhören erreichen. Als Gewissensrat müssen Sie es hinnehmen, wenn Ihnen jemand sein ganzes Herz ausschüttet. Ungeduld würde nur schaden und Sie werden diese auch nicht aufkommen lassen, wenn Sie daran denken, welch hohes Vertrauen Ihnen jeder entgegenbringt, der Ihren Rat als Richtschnur für eine wichtige Handlung erhalten will. Ich habe nie begriffen, wie ein Anwalt es über sich bringen kann, grob zu sein.« Diese schönen Grundsätze stehen in einem Brief meines Freundes, der es nicht unterlassen kann, mir gute Lehren zu geben. Sehr gut gesagt, mein Bester! Wollen wir weiterlesen. »Der Beruf des Anwaltes hat noch etwas an sich von dem edlen Verhältnisse des römischen Patronus zum hilfsbedürftigen Klienten ...« In diesem Augenblick haut jemand mit dem Stecken an meine Gangtüre und poltert mit den Stiefeln dagegen. Die Haushälterin kennt sich gleich aus; das ist wieder einer aus der Moosgegend, wo sie die elektrischen Klingeln noch nicht kennen. Sie öffnet also. Ein paar unartikulierte Laute, dann erscheint im Türrahmen ein Bauer, der aussieht wie alle und nach feuchtem Leder riecht, ebenfalls wie alle. Zuerst wickelt er sich vom Halse ein drei Meter langes wollenes Tuch, legt es auf ein paar frisch beschriebene Bogen Papier, sucht für seinen Gehstock eine passende Zimmerecke und entfernt dann von seinem Hut allen Schnee, welcher darauf lag, indem er ihn heftig gegen meinen Schreibtisch hin schwingt. »'s Good, Herr Dokta! Ich hätt a Frag.« »So? Setzen Sie sich nieder und sagen S' mir einmal zuerst, wer Sie sind.« »Ja, der Hofbauer waar i.« »Waren Sie? Und wer sind S' denn jetzt?« »Ja, i waar's no.« »Aha, Sie sind's noch?« Nach einigem Frage- und Antwortspiel sind wir so weit, dass ich weiß: Er heißt Pius Reidel, ist der Hofhauer in Zeidlfing, verheiratet und katholisch. »So, Hofbauer, was für einen Schmerzen haben wir denn?« Ja, indem dass er wegen Körperverletzung angeklagt ist, unschuldig und von lauter meineidigen Zeugen. »Hm! Sind S' schon einmal bestraft worden?« »Na! Dös hoaßt, bloß dreimal, aber auch unschuldig ... Wie's halt oft geht; die Leut sind schon einmal so schlecht heutzutag.« »Hm! Hm! Nun erzählen S' mir einmal kurz, was Ihnen passiert ist.« Kurz! Ja freilich! Das geht nicht so geschwind. Das geht alles der Reihe nach; Ordnung muss sein, und für was is denn der Advokat da? Und so fängt er denn an. Wie er in der Früh aufgestanden ist und an nichts gedacht hat; wie er dann schön langsam zum Wirt hinuntergegangen ist; wer ihm begegnet ist und was sie geredet haben; wer beim Wirt schon da war und wie er eine Maß getrunken hat und dann noch eine und hernach wieder eine. Und wie er immer noch an nichts gedacht hat. Dass dann am anderen Tisch der Pfeifergütler von Huglfing gesessen ist, der miserabelste Mensch, seitdem das Schlechtsein erfunden worden ist. Mit dem er schon vor fünf Jahren einen Prozess gehabt hat; wissen S', wegen dem Kirchenweg, der eigentlich kein Kirchenweg gar nicht war, weil er über seinen Grund geführt hat. Jetzt kommt der alte Prozess in die Erzählung. »Hofbauer, geht es gar nicht ein bissel kürzer?« »Na! I muaß's Eahna gnau verzählen, damit S' Eahna auskennan ...« Also hü! Ja, der alte Prozess, und wie er ihn verloren hat durch den Meineid vom Pfeifer. Wie er ihm das am kritischen Tag hernach hingerieben hat und wie sie ins Streiten gekommen sind. Dann ist der Pfeifer aufgestanden und hat gesagt: Hofbauer, hat er gesagt, jetzt kann ich nimmer anders, und dabei hat er ihm zwei auf den rechten Backen hingehauen. »So hat er's gemacht« – die Erzählung bringt der Hofbauer jetzt hochdeutlich und sehr dramatisch – »so hat er's gemacht.« Er wischt sich mit der Hand über das Gesicht um mir seine Watschn recht zu veranschaulichen. Und dann hat ihm der Pfeifer links zwei hingehauen – so ... Und dann hat er ihm dreimal unter das Kinn gestoßen – der Hofbauer macht es so deutlich, dass ihm die Zähne klappern – ja, und dann hat er ihn bei den Haaren genommen und hat ihm den Kopf an die Türe hingedruckt und ist auf- und abgefahren damit, nämlich mit dem Kopf ... »Ah? Merkwürdig! Und das hat sich der Hofbauer alles ruhig gefallen lassen?« »Freilich! Was willst denn machen mit solchene wüsten Leut?« »Dann möcht ich aber doch schon wissen, Hofbauer, warum Sie wegen Körperverletzung angeklagt worden sind? Da sollten Sie doch eher eine Extrabelobigung kriegen wegen Ihrer Friedfertigkeit?« Ja, das ist aber die Schlechtigkeit! Der Pfeifer be- haupt' jetzt, dass ihm der Hofbauer einen Maßkrug; am Schädel zerschlagen hat, und hat drei elendige Lumpen gefunden, die es beschwören wollen. Es ist kein Wort davon wahr; er hat bloß einen Maßkrug in der Hand gehabt, der ist aber selber zerbrochen; es wird schon wer daran hingekommen sein. Der Hofbauer kennt vier Leute, die bestätigen werden, dass sie nichts gesehen haben ... Ich glaubte nun annehmen zu dürfen, dass er mit seiner Erzählung fertig sei, und erkläre ihm, dass ich ihn verteidigen wolle. Allein er geht noch nicht. Jedes Mal, wenn ich Abschied nehmen will und sagte: Also, ist schon recht, Hofbauer, jetzt sind wir fertig, oder: Bhüt Gott, Hofbauer, schauen S', dass S' gut heimkommen, fangt er wieder an: Ja, »Esel, verdächtiger«, hat der Pfeifer gesagt, und »du ganz schlechter Kerl«, und dann hat er gesagt: Hofbauer, hat er gesagt, jetzt kann ich nimmer anders, und hat ihm zwei hingehauen. Zwei auf den rechten Backen und zwei auf den linken. Ob das in Bayern erlaubt ist? Ich bekomme allmählich das Gefühl, als ob mir einer die Haare einzeln ausrisse oder Zähne ausziehe. »Nein, das ist in Bayern nicht erlaubt, Hofbauer; aber ich habe jetzt keine Zeit mehr Ihnen das zu erklären. Kommen Sie vor der Verhandlung meinetwegen noch einmal her. Für heute sind wir fertig. Adieu!« Das versteht er endlich und macht sich zum Aufbruch fertig. Aber es hat noch nie jemand so lange gebraucht um drei Meter Tuch um den Hals zu wickeln, wie der Hofbauer, und noch nie hat jemand seinen Stock so lange von allen Seiten betrachtet wie er. Gott sei Dank! Jetzt ist er draußen und ich lehne mich erschöpft im Lehnsessel zurück. Aber was ist denn das? Es klopft jemand? Richtig! Es ist der Hofbauer. »Herr Dokta, i hab no was vergessen. Moana S', dass mir dös beim Gricht 'glaubt werd?« »Was denn?« »Ja, dös mit dem Maßkrug? Dass er von selm z'brochen is? »Nein, das wird Ihnen nicht geglaubt. Aber Sie kön- nen's ja probieren.« »Ja, i werd mir's überlegen. Adies, Herr Dokta, i kimm bald wieda.« Diesmal geht er wirklich und ich denke zwei Tage weder an Pius Reidel noch an Kastulus Pfeifer. Am dritten Tag, so in der Frühe gegen sechs Uhr, bei stockfinsterer Nacht, läutet es. Ich höre schwere Fußtritte und dann klopft es. »Herr Doktor, Sie möchten aufstehen, ein Bauer ist da, der Sie sprechen muss.« »Na, wenn schon, denn schon!« Raus aus dem Bett, angekleidet und in die Kanzlei. »Himmel, Herr ..., der Pius Reidel aus Zeidlfing!« »'s Good, Herr Dokta, i bin a bissl fruah dran; aber i hab mir denkt, i muaß Eahna glei aufsucha, dass Eahna net umasunst plagen. Wissen S', i hab mir dö Gschicht überlegt; i lass mi halt in Gotts Namen strafa und tua net lang rum. Sie brauchen mi net verteidingen. Die Bäuerin hat aa gsagt, es kost grad mehra ...« »Soo? Pius Reidel!«, schrei ich, »Pius Reidel! Wie viel Watschen hat Ihnen der Pfeifer hingehauen?« »Ja, zwoa auf den rechten Backen und nacha zwoa auf den linken Backen und nacha ...« »Halt! Macht bloß vier. Wenn Sie den Kastulus Pfeifer wieder sehen, dann sagen Sie ihm in meinem Auftrag, er sei ein Ehrenmann, aber eine Watschen auf jeden Backen ist er Ihnen noch schuldig. Alle guten Dinge sind drei. Verstehen Sie mich? Und jetzt marsch, 'naus!« Es wurde mir gleich wieder besser zumute, als ich meinem Zorne auf diese Weise Luft verschafft hatte. Ich konnte sogar eine halbe Stunde später beim Kaffee die Rede eines Abgeordneten lesen, und zwar bis zu Ende, welcher für die Errichtung eines Volksbüros plädierte. Denn, sagte er, meine Herren! Man findet es heute nur zu häufig, dass die Anwälte sich nicht die Zeit nehmen, oder ich will sagen, nicht nehmen können, um dem Hilfe suchenden Publikum diejenige Aufmerksamkeit zu widmen, welche es beanspruchen kann, darf und muss, und so weiter. Ja, wohl! Eine psychologische Studie Ich heiratete also meine nunmehrige Ehegattin Marie am 4. Mai 1903. Ich hatte mich zu diesem Schritte nach reiflicher Überlegung entschlossen. Was man auch immer gegen die Gründung des eigenen Hausstandes einwendet, so ist doch schwerlich zu leugnen, dass sie den Vollwert des Mannes bestimmt und seine Beziehungen zum Staate und zur menschlichen Gesellschaft richtiger gestaltet. Erblickte ich schon hierin ausreichende Gründe zur Verehelichung, so kam noch hinzu, dass ich an Marie die Ansätze einer hübschen Bildung bemerkte, welche mich neben ihren häuslichen Tugenden zur Annäherung bewogen. Mein Antrag wurde mit sichtlicher Freude angenommen, da ich teils durch mein nicht unbeträchtliches Vermögen, teils durch meine staatliche Stellung dem Mädchen eine sichere Zukunft bieten konnte. Die vorbereitenden Schritte waren bald getroffen und, wie gesagt, am 4. Mai trat ich in den Stand der Ehe. Ich muss hier eines Ereignisses gedenken, welches zwar nicht so sehr für die Öffentlichkeit bestimmt sein dürfte, immerhin aber seiner Eigenartigkeit wegen der Erwähnung nicht unwert ist. Ich befand mich nämlich am Vorabende meiner Hochzeit in einer sonderbaren Lage. Strenge Erziehung und tüchtige Grundsätze hatten mich keusch erhalten. Ich durfte von mir sagen, was Tacitus an unsern Voreltern rühmt, dass ich als Jüngling kein Weib berühte. Nun konnte ich mir aber nicht verhehlen, dass ich den Anforderungen der Ehe immerhin so viele Kenntnisse entgegenbringen musste, dass ich nicht in dem Nötigsten unerfahren schien. Es stand zu erwarten, dass meine Braut mütterliche Lehren erhalten hatte, die sie befähigt hätten meinen gänzlichen Mangel an Wissen zu erkennen. Und das wäre vielleicht geeignet gewesen die natürliche Ehrfurcht des Weibes vor dem Manne zu verringern, wenn nicht zu ersticken. Diese Erwägungen waren stark genug meine schamhafte Zurückhaltung zum Schweigen zu bringen und ich beschloss meinen Jugendfreund, den Neuphilologen Dr. Ernst König, zu befragen. Man erzählte nämlich von ihm, dass er als Student mit der Tochter seines Hauswirtes Unerlaubtes getrieben habe. Auch war er schon einige Male in Paris gewesen und es stand deshalb anzunehmen, dass er in dieser verbuhlten Stadt nicht ohne Anfechtung geblieben war. An ihn wandte ich mich also um Rat. Es fiel mir keineswegs leicht, da ich seinen Spott fürchtete und da überdies eine klare Fragestellung durch die Natur des Gegenstandes ausgeschlossen erschien. Ich begab mich in seine Wohnung und sagte ihm, dass eine ungewohnte Lage mir den Mut gebe das Außergewöhnliche zu tun. Ich sagte, dass ich Vertrauen hätte zu seiner Erfahrung, und bat ihn mich in. die Grundprinzipien einzuweihen. Wie erstaunte ich aber, als er mir sagte, dass ihm die Sache nicht weniger fremd sei als mir und dass alle Gerüchte über sein ausschweifendes Leben der Wahrheit entbehrten. Oft hatte ich ihn des Verdachtes halber in meinem Innern getadelt; jetzt aber regte sich in mir der Wunsch, er hätte lieber die Verfehlung begangen. »Lieber Freund!«, rief ich aus, »was soll ich beginnen? An wen mich wenden? Ich fürchte fast, diese Unerfahrenheit wird mir zum Schaden gereichen!« »Wie sollte sie das?«, antwortete er. »Ist die Keuschheit eine Tugend, so wird sie als solche und durch sich selbst niemals Übles wirken.« »Zugegeben«, sagte ich, »aber in der Ehe gilt ihr Gegenteil als Pflicht. Zu ihrer Erfüllung ist jedoch nicht allein der Wille, sondern auch Kenntnis vonnöten.« Dieses Argument überzeugte ihn und er gab mir weiterhin Recht, dass es auch in diesen Dingen dem Manne zukomme, der Lehrer, nicht aber der Lernende zu sein. Wir schwiegen eine Weile. Endlich reichte er mir die Hand und sagte: »Mut, Adolf! Vielleicht lehrt es dich die Natur. Sie, die so viele zum Laster treibt, kann nicht schweigen, wenn ihre Hilfe der Tugend zukommen soll.« Das war gut gemeint, aber ich fühlte, dass ich mich nicht auf das Ungewisse verlassen durfte, und ich fragte Ernst, ob er keinen wisse, der sichere Auskunft geben könne und dabei des Vertrauens würdig sei. Er nannte diesen und jenen; doch gegen jeden hatte ich etwas einzuwenden. Plötzlich lächelte er freudig und rief: »Warum dachte ich nicht gleich an ihn? Niemayer ist ein Mann von echtem Schrot und Korn. Überdies ist er Professor der Zoologie und sohin auch wissenschaftlich mit der Sache völlig vertraut.« Der Name bedeutete für mich eine Offenbarung. Auch ich kannte den angesehenen Gelehrten und wusste, dass er von gefasstem und ernstem Wesen war. Ich begab mich sogleich zu ihm und hatte das Glück, ihn in seiner Wohnung zu treffen. Er hörte mich aufmerksam an. Als ich geendet hatte, blickte er längere Zeit sinnend zur Decke des Zimmers empor und sagte dann: »Junger Mann, Sie hatten Recht, das Paarungsgeschäft als ein eminent wichtiges zu betrachten und theoretisch zu untersuchen. Ich bin soeben in einer großen Arbeit über die Fortpflanzung gewisser Kerbtiere begriffen und ich sage Ihnen, dass ich ganz überraschende Neuheiten, ganz merkwürdige Neuheiten entdeckt habe. Da ist ja der Kollege Meinhold in Tübingen, welcher mich eines Irrtums zieh. Ha! ha! ha! Und dabei klebt dieser Mensch an längst überholten Ansichten und basiert auf Voraussetzungen, die ich genau vor zwanzig Jahren in meiner Habilitationsschrift widerlegt habe. Was sagen Sie dazu?« Ich sagte, dass ich gegenwärtig mich nicht so sehr um die Fortpflanzung der Kerbtiere zu kümmern vermöge, wenn schon mir diese Materie äußerst wissenswert erscheine, allein in Anbetracht meiner nahe stehenden Vermählung sei ich um anderes besorgt. Und ich wiederholte mein Anliegen. Der würdige Gelehrte antwortete, dass ihn dieses in Erstaunen setze. Ich beruhigte ihn und versicherte der Wahrheit gemäß, dass ich bei ihm nur die theoretische Kenntnis vorausgesetzt hätte, dass aber in meinen Fragen kein unziemlicher Zweifel über seinen Lebenswandel enthalten sei. Meine Worte trugen den Stempel der Aufrichtigkeit und hatten auch den Erfolg, dass Dr. Niemayer seinen aufsteigenden Unwillen vergaß. Ja, er wurde gegen den Schluss unserer Unterredung sichtlich freundlicher und schien geneigt mein Vertrauen als Beweis der Achtung aufzunehmen. Er bedauerte jetzt mir keine Aufschlüsse geben zu können und sagte: »Ich habe nie über diese Sache nachgedacht. Sie schien mir zu vulgär, zu allgemein bekannt. Es ließe sich gewiss ein Analogen mit den Säugetieren finden, aber Sie verstehen, wenn man zwanzig Jahre die Paarung der Kerbtiere wissenschaftlich beleuchtet, so findet man kaum Zeit anderes zu beachten. Ich werde aber darüber nachdenken, und sollte ich Geeignetes finden, so werde ich nicht verfehlen, Ihnen darüber Mitteilung zu machen. Allerdings müsste ich erst mit meiner Arbeit fertig sein.« Ich dankte und ging. Und ich gestehe, dass ich in übler Stimmung war, als ich mich wieder auf der Straße befand. Früher schien mir häufig die Versuchung so nahe zu liegen, dass ich ihr aus dem Wege ging, jetzt aber war sogar die Kenntnis dieser Dinge so weit entrückt, dass ich sie nicht erlangen konnte. Meine Seele geriet in einen ganz erheblichen Zwiespalt und ich war fast geneigt für einen Fehler zu halten, was ich lange Jahre als Tugend empfunden und geübt hatte. In solchen Zweifeln begab ich mich nach Hause und ging mit mir selbst zu Rate. Ich war entschlossen niemanden mehr in das Vertrauen zu ziehen, da mir ein wiederholtes Fehlschlagen allzu peinlich erschienen wäre. Und schon dachte ich, gemäß den Worten meines Freundes König, die Stimme der Natur walten zu lassen, als mein Blick zufällig auf die Bände des Konversationslexikons fiel. Es war ein rettender Gedanke. Zwar fand ich nicht alles, was ich suchte, und ich musste bemerken, dass gerade das Wesentliche als bekannt vorausgesetzt war. Immerhin aber konnte ich mir eine Fülle technischer Ausdrücke aneignen, die mich sicherlich in den Stand setzen würden, meiner Frau eine umfassende theoretische Kenntnis zu zeigen. Und dies konnte ja für den Anfang genügen, wenigstens zur Wahrung des Scheines. Ich schrieb die Worte auf ein Blatt Papier und ruhte nicht, bis ich alle meinem Gedächtnisse einverleibt hatte. Dieses Verfahren erwies sich als richtig, denn ich konnte den folgenden Abend, als ich mit Marie zum ersten Male allein war, meine natürliche Unruhe bemänteln und kam über gewisse Schwierigkeiten glücklich hinweg. Übrigens schenkte ich in jenen Tagen dem deutschen Vaterlande einen Sohn.