August Strindberg Meister Olaf   Schauspiel in fünf Aufzügen   Einzig autorisierte, vom Autor durchgesehene Übersetzung von E. Brausewetter Leipzig Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.   Alle Rechte vorbehalten. Den Bühnen und Vereinen gegenüber Manuskript. Das Aufführungsrecht ist von Herrn Kühling \& Güttner in Berlin W, Markgrafenstraße 53, zu erwerben.   E. Brausewetter. Personen Meister Olaf (Olaus Petri). Gert , Buchdrucker. Gustav Erikson Wasa , König von Schweden. Hans Brask , Bischof in Linköping. Mogens Sommar , Bischof in Strengnaes. Lars Siggeson , Reichsmarschall. Laurentius Andreae . Laurentius Petri , Olafs Bruder. Hans Windrank , Schiffer. Ein Smaaländer . Ein Deutscher . Ein Däne . Morten Nils Dominikaner. Der Sekretarius des Bischofs in Strengnaes. Ein Diakonus . Ein Schenkwirt . Ein Leichenträger . Erster Schüler . Zweiter Schüler . Der Balgentreter und Kirchenaufseher . Ein Diener . Ein Arbeitsaufseher . Knipperdollink . Frau Christina , Olafs Mutter. Ein Bürger . Ein Edelmann . Christina , Gerts Tochter. Eine öffentliche Dirne . Eine Bürgersfrau . Die Frau des Balgentreters . Nebenpersonen .   Der erste Aufzug spielt in Strengnaes, die folgenden in Stockholm. Zeit : Zwischen 1519–1540. Rechts und links vom Zuschauer aus angenommen. Erster Aufzug In Strengnaes. Ein Kreuzgang vor der Universität mit Baumanpflanzungen. Im Hintergrunde eine Mauer, über der blühende Fruchtbäume von hinten emporragen. Erster Auftritt. Olaf sitzt auf einer Steinbank; vor ihm zwei Schüler, die ihre Rollen zu »Tobiae Comödia« studieren. Dann Laurentius Petri. Erster Schüler. »In unsrer Feinde Macht wir nun stehn; Wie wird es doch Israels Kindern gehn!« Zweiter Schüler. »Ach lieber Bruder, was sollen wir klagen, Da mitten wir sind in des Jammers Tagen – Fort sind unsre Äcker und was wir ersparten, Jetzt haben nichts Gutes wir mehr zu erwarten. Schon lange hab' ich es gesagt und gefunden, Daß Abrahams Gelübd' dem Gedächtnis entschwunden!« Laurentius Petri (der inzwischen hinzugekommen ist, zu Olaf) . Was treibst du da? Olaf. Ich spiele! Laurentius Petri. Du spielst? Olaf. Ja, ich spiele eine kleine Comödia von den Kindern Israel und der babylonischen Gefangenschaft! Laurentius Petri. Hast du nichts Besseres zu tun? Größere Arbeit liegt dir ob. Olaf. Ich bin noch zu jung! Laurentius Petri. Sage nicht, ich bin zu jung! Olaf. Ja, denn es gibt noch viele andere, die dasselbe sagen! Laurentius Petri (entrollt ein Papier, das er hervorgezogen hat; blickt Olaf eine Weile an und liest dann vor): »Und des Herrn Wort geschah zu Jeremias und sprach: Ich kannte dich, ehe denn ich dich im Mutterleibe bereitete; und sonderte dich aus, ehe denn du von der Mutter geboren wurdest; und stellte dich zum Propheten unter die Völker. Jeremias aber sprach: Ach Herr, Herr, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. Der Herr aber sprach: Sage nicht, ich bin zu jung; sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen, was ich dir heiße. Denn ich will dich heute zur festen Stadt, zur eisernen Säule und zur ehernen Mauer machen im ganzen Lande wider die Könige Judas, wider ihre Fürsten, wider ihre Priester, wider das Volk im Lande, daß, wenn sie gleich wider dich streiten, dennoch nicht sollen wider dich siegen: denn ich bin bei dir, spricht der Herr, daß ich dich errette!« Olaf (springt auf) . Sagte das der Herr? Laurentius Petri (liest weiter) . »So begürte nun deine Lenden und mache dich auf; und predige ihnen alles, was ich dir heiße.« Olaf . Warum gehst du nicht selbst? Laurentius Petri. Ich bin zu alt! Olaf. Du bist feig! Laurentius Petri. Ja, denn mir fehlt die Kraft; aber du hast sie – verleihe Gott dir nun auch den Glauben. Olaf. O ja, ich besaß einmal die Lohe des Glaubens, und sie brannte herrlich, aber die Mönchssippschaft löschte sie aus mit ihrem Weihwasser, da sie den Teufel aus meinem Körper vertreiben wollten. Laurentius Petri. Es war Strohfeuer, welches erst verflackern mußte; aber nun wird der Herr in dir ein beständiges Feuer entzünden, das die Wohnstätten der Philister verzehren wird. Weißt du, was du willst, Olaf? Olaf. Nein, aber mir ist, als sollte ich ersticken, wenn ich an dies arme Volk denke, welches nach Erlösung seufzt. Sie rufen nach Wasser, nach dem Wasser des Lebens, aber es ist niemand da, der welches zu geben hätte. Laurentius Petri. Reiße erst das alte, morsche Haus nieder, das kannst du! Der Herr selbst wird ihnen dann ein neues bauen. Olaf. Aber dann bleiben sie eine Zeitlang ohne Dach über ihrem Haupte! Laurentius Petri. So bekommen sie wenigstens frische Luft! Olaf. Aber einem ganzen Volke seinen Glauben rauben! Sie werden verzweifeln! Laurentius Petri. Ja, sie werden verzweifeln! Olaf. Und man wird Weh über mich rufen und mich schelten und vor die Obersten schleppen. Laurentius Petri. Fürchtest du dich? Olaf. Nein – aber das Ärgernis – Laurentius Petri. Olaf! Du bist zum Ärgernis geboren; du bist geboren, um zu verwunden. Der Herr wird schon heilen. Olaf. Ich fühle, welche Richtung der Strom nimmt; noch halte ich mich am Bollwerk fest, lasse ich es aber los, dann reißt der Strom mich mit sich fort. Laurentius Petri. Laß nur los; es wird nicht an Leuten fehlen, die dich aufhalten! Olaf. Reich mir deine Hand, Laurentius, wenn ich zu tief in den Strudel hineingerate. Laurentius Petri. Das steht nicht in meiner Macht, und du mußt in den Strudel hinein, wenn du auch untergehen solltest. Olaf. Welchen Sturm hast du in meiner Seele erregt! Soeben noch saß ich im Schatten der Bäume und spielte, und es war Pfingstabend und Lenz und Frieden. Und nun – warum wanken nicht die Bäume, warum umdüstert sich nicht der Himmel? Leg deine Hand auf meine Stirn und fühle, wie das Blut darin zu wallen beginnt! Verlasse mich nicht, Laurentius; ich sehe einen Engel mir entgegenkommen mit einem Kelch; dort auf der Abendwolke wandelt er dahin, blutrot ist sein Weg, und in der Hand trägt er ein Kreuz. – Nein, ich vermag es nicht, ich kehre zurück zu dem stillen Tal; laß andere kämpfen; ich will zusehen! – Nein, das doch nicht, aber ich will nachfolgen und den Verwundeten Heilung bringen und den Sterbenden Frieden ins Ohr flüstern. Frieden! – Nein, nein, ich will mitkämpfen, aber in den letzten Reihen; warum soll ich vorangehen? Laurentius Petri. Weil du der Mutigste bist! Olaf. Nicht der Stärkste? Laurentius Petri. Die Starken folgen nach – und den Stärksten hast du an deiner Seite: das ist er, der dich zum Kampfe ruft! Olaf. Hilf mir, Gott! Nun gehe ich! Laurentius Petri. Amen! Olaf. Und du folgst mir? Laurentius Petri. Allein sollst du gehen mit Gott! Olaf. Warum ziehst du dich zurück? Laurentius Petri. Ich bin nicht zum Streiten geboren; nur dein Waffenschmied will ich sein! Gottes reines Wort soll deine Waffe werden, und du sollst sie dem Volke in die Hände geben; denn nun ist die Türe zur päpstlichen Rüstkammer eingeschlagen, und jeder, der den Namen Mensch trägt, soll selbst für die Freiheit seines Geistes kämpfen! Olaf. Aber wo sind meine Feinde? Ich brenne vor Kampfbegierde, aber ich sehe niemand, mit dem ich kämpfen könnte. Laurentius Petri. Du brauchst sie nicht zu rufen, sie kommen schon von selbst! Lebe wohl! Du kannst beginnen, wenn du willst! Gott sei mit dir! Olaf. Geh nicht von mir, ich muß noch länger mit dir reden! Laurentius Petri. Hier kommt der Vortrab – rüste dich nun. (Er geht ab.)   Zweiter Auftritt. Die Vorigen ohne Laurentius Petri. Gert. Bürger. Weiber. Kinder. Gert und eine Schar Bürger mit Weibern und Kindern kommen zur Kirchentür rechts. Dort bleiben sie stehen, entblößen die Häupter und machen das Zeichen des Kreuzes. Gert (in gewöhnlicher Bürgertracht) . Es ist heute am Pfingstabend nicht zur Abendmesse geläutet worden – das ist sehr sonderbar! Ein Bürger . Und die Kirchentür ist geschlossen! Vielleicht ist der Priester krank. Gert . Oder er ist noch nicht aufgestanden! Der Bürger . Was sagt Ihr? Gert . Ich meine, wenn er krank ist. Der Bürger . Aber in solchem Fall hat er doch Meßgehilfen, so daß einer von ihnen an seiner Stelle uns eine Messe lesen könnte. Gert . Sie sind wahrscheinlich zu sehr in Anspruch genommen! Bürger . Wodurch? Gert. Ja, das kann man nicht gut wissen! Bürger . Hütet Euch wohl, mein Lieber! Ihr scheint mir ein wenig zu den Lutherischen hinzuneigen! Bischof Hans Brask von Linköping ist hier in der Stadt und der König auch! Gert . Ist Brask hier in der Stadt? Bürger . Gewiß. Aber wir müssen doch erst an der Tür selbst versuchen, ob die Kirche wirklich verschlossen ist. Gert (springt auf die Treppe und schlägt an die Pforte) . Gottes Haus am Pfingstabend geschlossen! Die hochehrwürdige Geistlichkeit erteilt heilte bei Gott nicht Audienz, folglich muß die ehrsame Bürgerschaft nach Hause gehen und sich ohne Messe zu Bett legen. Seht her, gute Leute – hier ist eine Tür, die sicherlich nur von Holz ist, aber das macht nichts, denn sie ist mit Kupfer beschlagen – betrachtet nun einmal die Tür! Wenn ich nun sage, Gott wohnt hier drinnen, so ist es sein Haus, und wenn ich weiter sage, daß des Bischofs Diakonus oder Sekretarius oder Kanonikus oder irgendein anderer -us, denn nur die Männer des Geistes endigen auf us, wenn ich aber weiter sage, ein solcher Mann hat den Schlüssel zu dieser Tür an einem Nagel in seinem Schlafzimmer aufgehängt, dann sage ich damit nicht, daß er Gott für uns eingeschlossen und den Schlüssel auf einen Nagel in seinem Schlafzimmer aufgehängt hat, sondern ich sage nur, daß wir nicht hineinkommen können und heute abend Gottesdienst abhalten, wir, die wir die sechs Tage der Woche uns gemüht und geplagt haben, Schuhe und Wämser zu machen, und die wir gebraut und gebacken und geschlachtet haben die ganze Woche für die hochehrwürdige Geistlichkeit, auf daß sie sich herablassen möchte, am siebenten Tage für uns den Gottesdienst abzuhalten. Dies lege ich dem hochlöblichen Kapitel durchaus nicht zur Last, denn auch sie sind ja nur Menschen, und Gott allein ist imstande, sechs Tage zu arbeiten, und selbst er ruhte sich am siebenten. Bürger . Ihr lästert Gott, Meister! Gert . Wohl möglich, aber er kann es ja nicht hören, da die Türe verschlossen ist. Ein Weib . Jesus Maria! Das ist ein Antichrist! Gert (donnert an die Tür) . Hört ihr, wie leer das tönt! – Es steht in der Bibel, der Vorhang zum Allerheiligsten riß einmal entzwei, und das mag wahr sein, aber ob die Hochehrwürdigen ihn später wieder zusammengenäht haben, davon steht nichts in der Bibel, und darum braucht es keine Lüge zu sein. (Die Leute stürzen auf Gert zu, die Kinder schreien.) Der Bürger . Wehe dir, du Lutheraner, denn ein solcher bist du. Wir haben uns versündigt, darum hat der Herr sein Haus uns verschlossen. Hörst du nicht, wie selbst die Kinder bei deinem Anblick schreien, du unreiner Geist! Gert . Ja, weil ihr ihnen auf die Zehen tretet, lieben Freunde! Das Weib . Rührt ihn nicht an, er ist vom Teufel besessen! Der Bürger . Nieder mit ihm! Nieder mit ihm! Gert . Rührt mich nicht an, denn auf diesem Platz stehe ich in Gottes Schutz! Der Bürger . Gott schützt den abgefallenen Engel nicht! Gert . Wenn Gott es nicht tut, so tut es die heilige Kirche, und ich stehe hier innerhalb ihrer geweihten Mauern. Mehrere Bürger . Zieht ihn aus den Kirchenmauern heraus! Gert . Fürchtet ihr nicht Gott, so fürchtet zum mindesten den Fluch des heiligen Vaters! Das Weib . Schleppt ihn von der Türe fort; denn sein unreiner Geist ist es, der die Kirche behext hat! Der Bürger. Ja, ja! Gott öffnet seine Kirche nicht dem Teufel! (Sie stürzen auf Gert zu.) Des Bischofs Sekretarius tritt im selben Augenblick herein; vor ihn: geht ein Diakonus, der Stille gebietet .   Dritter Auftritt. Die Vorigen. Der Sekretarius, ein Diakonus. Sekretarius (liest) . »Alldieweil unsere Stiftsstadt ihre Abgabe für den Bischofsstuhl nicht berichtigt hat und also die Stadt noch weiterhin sich widerspenstig gegen selbige Entrichtung erweist, hat das Domkapitel es für gut befunden, mit Bezugnahme auf seine Gerechtsame und die Bestätigung der Kurie, die Tür der Kirche zu schließen und mit Opfern und Messe aufzuhören, bis obengenanntes Mißverhältnis geordnet worden, und drohen einem jeden, so sich hiernach nicht richtet, mit unserer höchsten Ungnade. Datum vigilia assumptionis Mariae. Kapitel zu Strengnaes.« (Er geht ab mit dem Diakonus.)   Vierter Auftritt. Die Vorigen ohne Sekretarius und Diakonus. Gert . Was sagt ihr nun, gute Leute? Der Bürger. Keine Messe am Pfingstabend! Das ist schändlich! Gert . Nehmt Euch in acht und sagt nichts Böses von den Priestern; es ist wohl nicht ihre Schuld. Der Bürger. Wessen denn? Gert . Der Kirche! Der unsichtbaren, allmächtigen Kirche! Es ist die Kirche, seht Ihr, die die Kirche geschlossen hat! (Das Volk äußert sein Mißfallen.) Olaf (ist vorgetreten und läutet die Vesperglocke mit Hilfe eines Strickes, der vom Turm herniederhängt) . Ist es euch Ernst mit eurem Gottesdienst, so werde ich euch eine Messe abhalten! Der Bürger . Dank, Meister Olaf, aber wißt Ihr nicht, welche Folge das haben kann? Olaf . Laßt uns Gott mehr fürchten als die Menschen. (Die Anwesenden fallen auf die Knie.) Olaf . Liebe Freunde, Brüder und Schwestern in Christo Jesu! Da wir nun versammelt sind – Der Bürger . Meister Olaf ... Olaf . Was gibt es? Der Bürger . Wir wollen unsere richtige Messe haben und keine neue Menschenerfindung. Gert . Lieber Meister Olaf, es muß natürlich auf Latein sein, sonst verstehen wir nicht, was Ihr sagt! Der Bürger . In der heiligen Sprache muß es sein, sonst kann ja jeder Beliebige die Messe lesen. Olaf . Ja, du, gerade so soll es werden. Jeder einzelne für sich und mit Gott! Volk. Ein Lutherischer! Ein Lutherischer! Ein Antichrist! Der Bürger . So! – Auch Ihr, Meister Olaf, der Ihr noch so jung seid und so voll Eifer, seid von dem deutschen Teufel angesteckt! Ich bin ein alter Mann und kenne die Welt, ich will Euer Wohl; kehret um, da Ihr noch so jung seid – fügt Euch uns und lest die alte Messe. Olaf . Nein, nun ist's vorbei mit diesem Narrenspiel! – Im Geist und in der Wahrheit sollt ihr beten, und nicht mit Worten, die ihr nicht versteht. Der Bürger . Glaubt Ihr nicht, mein junger Freund, daß Unser Herr Latein versteht? Gert. Aber Schwedisch kann er nicht einen Muck! Der Bürger . Meister Olaf, wollt Ihr das Volk von Euch gehen lassen ohne ein Wort der Erbauung – seht Ihr nicht, wie es sich nach seinem Gott sehnt? Bringt Euren eignen sündigen Willen zum Opfer und laßt das Volk nicht gehen, als wenn es keinen Hirten hätte! Olaf . Ihr nennt meinen Willen sündig? Der Bürger . Ihr seid ein harter Mann! Olaf . Sagt das nicht! Wißt Ihr, was dieses Glockenläuten mich kostet? Der Bürger . Eure Eitelkeit! Gert . Und Euren Frieden! Denn es ist die Sturmglocke, die zum Kampfe läutete! Hei, nun beginnt er! Bald werden Stockholms Glocken Antwort geben, und dann wird Hussens, Ziskas, dann wird Tausender Bürger Blut über die Fürsten und Päpstlichen kommen. Das Weib. Weh' uns, er rast! Der Bürger . Kennt Ihr den Mann, Meister Olaf? Olaf . Nein! Gert . Olaf! Du kennst mich! Verleugne mich nicht! Fürchtest du diese elenden Bedauernswürdigen, die ihr eigenes Bestes nicht wollen – die niemals das Wort Freiheit gehört haben! Olaf . Wie heißest du? Gert . Wenn ich es sagte, würdet ihr erbeben! Ja, es ist wahr, erbeben müßt ihr, auf daß ihr aus eurem Schlafe erwachet! Ich heiße der verworfene Engel, der tausend und aber tausendmal umgehen soll, ich heiße der Befreier, der zu früh kam, ich heiße der Satan, weil ich euch mehr liebte, als mein Leben, ich habe Luther geheißen, nun heiße ich Anabaptista! Volk (fährt zusammen und bekreuzigt sich) . Anabaptista! Gert (wirft die Verkleidung ab und erscheint nun bedeutend älter) . Kennst du mich nun, Olaf? Olaf . Vater Gert! Der Bürger . Er nennt ihn Vater! Volk (zieht sich zurück) . Anabaptista! Anabaptista! Das Weib. Seht ihr nicht, das ist der verfluchte – Der Bürger . Gert Bokprenter! Brasks Buchdrucker! Zweiter Bürger. Er, der den Luther gedruckt hat. Das Weib. Weh' uns und unserer Stadt! Weh' über unsere Priester, daß sie Umgang Pflegen mit dem Antichrist. Der Bürger. Er verleugnet die Taufe! Das Weib. Er verleugnet Gott! Alle (gehen ab bis auf Olaf und Gert) .   Fünfter Auftritt. Olaf. Gert. Olaf . Vater Gert, du führtest eine gefährliche Sprache! Gert . Glaubst du, sie war gefährlich, Olaf? Gott segne dich dafür! Olaf . Gefährlich für dich, meine ich! Gert . Nicht auch für einen andern? Olaf . Hoffen wir es! Gert . Du hast Luther gekannt? Olaf . Ja. Und nun will ich seine Tat in meinem Vaterland vollbringen. Gert . Weiter nichts? Olaf . Wie meinst du? Gert . Das ist zu wenig! Luther ist tot! Er hat den Anfang gemacht! Wir müssen das Begonnene weiterführen! Olaf . Wo willst du mich hinführen? Gert . Weit, weit fort, Olaf! Olaf . Ich fürchte mich vor dir, Vater Gert! Gert . Ja, ja! Du sollst dich auch fürchten, denn ich will dich auf einen hohen Berg hinaufführen, von dem du über die Welt hinausblicken sollst. Siehst du, Olaf, wir haben jetzt Pfingsten. Da war es, als der heilige Geist herniederstieg und sich über die Apostel, nein, über die ganze Menschheit ausgoß. Du kannst den heiligen Geist erhalten, ich habe den heiligen Geist erhalten, denn ich glaubte daran! Gottes Geist ist auf mich heruntergestiegen, das fühle ich, und darum hat man mich als einen Wahnsinnigen eingesperrt, aber nun bin ich frei, und nun werde ich reden, denn siehst du, Olaf, nun stehen wir auf dem Berge! Siehst du, wie das Volk auf seinen Knien zu den beiden Männern hinkriecht, die auf seinen Stühlen sitzen. Der größere von ihnen hat zwei Schlüssel in seiner einen Hand, einen Donnerkeil in der andern, das ist der Papst. Nun erhebt er den Donnerkeil, und Tausende von Seelen verfallen der Verdammnis, und die andern küssen seinen Fuß und singen Gloria Deo – und er auf dem andern Stuhle wendet sich um und lächelt. Betrachte nun den andern. Er hat ein Schwert und ein Zepter. Beuge dich vor dem Zepter, oder dich trifft das Schwert. Er runzelt seine Augenbraue, und alles Volk erbebt. Da wendet er sich an seinen Nachbar auf dem andern Stuhl, und beide lächeln. Das sind zwei Bilder Baals. Aber dann hört man ein Getöse in der Luft gleichwie das Murren des Volkes. Wer muckt da? ruft der Papst und schüttelt seinen Donnerkeil. Wer murrt? und der Kaiser schwingt sein Schwert. Niemand antwortet. Aber es tönt noch immer in der Luft, und es saust und ruft: »Denket!« Und der Papst fährt zusammen, und der Kaiser erbleicht und fragt: »Wer war es, der da rief: Denket? Ergreift ihn, und ich nehme ihm das Leben!« Und der Papst ruft: »Führt ihn hierher und ich nehme ihm die Seele!« Es war die Luft, welche rief, es war niemand, der rief; aber die Stimmen wachsen, und ein Sturmwind fährt über die Alpen daher und bricht über das Fichtelgebirge herein, und erweckt die Ostsee aus ihrem tiefen Schlaf, und es gibt einen Widerhall an den Küsten, und tausendfältig geht der Ruf über die Welt hinaus: Freiheit! Freiheit! Und der Papst wirft die Schlüssel ins Meer, und der Kaiser steckt sein Schwert in die Scheide, denn sie vermögen nichts wider den Ruf! – Olaf! Du willst den Papst treffen, aber du vergissest den Kaiser! Den Kaiser, der sein Volk in zahlloser Menge mordet, weil es zu seufzen wagt, wenn man ihm auf die Brust tritt. Du willst den Papst in Rom treffen, aber wie Luther ihnen einen neuen Papst in der Heiligen Schrift geben. Höre mich! Höre mein Wort! Binde die Geister mit keiner Fessel, welcher Art sie auch sei! Vergiß nicht den großen Pfingsttag, vergiß nicht das große Ziel: Geistiges Leben und geistige Freiheit. Gehorche nicht dem Rufe des Todes: »Siehe, alles ist sehr gut!« denn dann kommt nicht das tausendjährige Reich, das Reich der Freiheit, und das ist es gerade, was jetzt beginnt! Olaf (schweigt) . Gert . Erzitterst du? Olaf . Du gehst zu weit, Gert! Gert . Der Tag wird kommen, da man mich Papist nennen wird! Ziele nach dem Himmel und du triffst den Waldessaum! Olaf . Kehre um, Gert! Du bringst Unglück über dich selbst und das Reich! Siehst du nicht, wie das Land noch im Wundfieber seit den letzten Kriegen erbebt, und doch willst du Bruderkrieg säen – das ist gottlos! Gert . Nein, das Messer steckt nun einmal im Fleische – schneide zu, dann kann der Körper gerettet werden. Olaf . Ich gebe dich als Landesverräter an! Gert . Es frommt dir nicht, solches zu tun, du, der heute für ewig mit der Kirche gebrochen hat! Und übrigens – Olaf . Sprich aus, Gert! Du siehst in diesem Augenblicke wie der Satan aus. Gert . Du sollst mein Geheimnis erfahren; gebrauche es, wie du willst! Siehst du, der König reist heute nach Malmö; übermorgen ist Stockholm in Aufruhr. Olaf . Was sagst du? Gert . Kennst du Rink und Knipperdollink? Olaf (entsetzt) . Die Wiedertäufer? Gert . Ja! Warum so erschrocken? Das ist ja nichts weiter, als lumpiges Bürgerpack. Ein Kürschner und ein Krämer, die den Nutzen der Taufe an einem vernunftlosen Kinde leugnen und einfältig genug sind, sich einem vorsätzlichen Meineid zu widersetzen, der einem unvernünftigen Wesen abgezwungen wird. Olaf . O, es handelt sich um noch mehr! Gert . Was sollte das sein? Olaf . Sie sind besessen. Gert . Vom Geiste, ja! Es ist der Sturm, der durch sie ruft! Hüte dich, dazwischen zu treten! Olaf . Das muß verhindert werden! Ich gehe zum König. Gert . Olaf! Wir sollten Freunde sein! Deine Mutter wohnt doch in Stockholm? Olaf . Das weißt du ja. Gert . Weißt du, daß meine Tochter Christina bei deiner Mutter wohnt? Olaf . Christina? Gert . Ja, bis auf weiteres. Siegen wir, wird deine Mutter um meiner Tochter willen sicher sein, siegen die Katholischen, ja, dann ist meine Tochter um deiner Mutter willen sicher. Und du fürchtest ja für Christina? Olaf . Gert! Gert! Wo bist du so klug geworden? Gert . Im Irrenhause! Olaf . Verlaß mich! Du stürzest mich ins Unglück! Gert . Ja, wenn es ein Unglück ist, alles irdischen Glückes beraubt, ins Gefängnis geworfen zu werden, Armut zu erleiden, gehöhnt und verspottet zu werden – um der Wahrheit willen . Dann verdienst du ein so großes Unglück nicht. Ich glaubte, du würdest mich verstehen, ich baute auf deine Hilfe, denn du hast noch Feuer in dir, aber ich sehe, daß die Welt dich lockt; geh mit dem Strome und werde glücklich! Olaf . Ein Mann kann nicht seine Zeit umschaffen! Gert . Luther tat es doch! Olaf . Man kann sich nicht dem Strom entgegenstellen! Gert . Tor! Leite den Strom, denn der Strom – das sind wir; die Alten sind stillstehende Sumpflöcher, gegen sie brauchst du wahrlich nicht zu streiten; aber laß sie nicht in Fäulnis übergehen oder austrocknen; schaffe ihnen Abfluß, und auch sie werden mitströmen! Olaf . O, ich verstehe dich; du hast einen Gedanken in meiner Seele erzeugt, aber ich muß ihn bei der Geburt erwürgen, sonst tötet er mich! Gert . Glaube mir, du sollst ein Daniel werden, der den Fürsten die Wahrheit sagen soll, und sie werden dir nach dem Leben trachten, aber der Herr wird dich beschützen. Nun gehe ich ruhig von hinnen, denn ich sehe die Flamme in deinem Auge leuchten und die Feuerzunge über deinem Haupte sich regen. Frohe Pfingsten, Meister Olaf! (Im Abgehen.) Hier kommen die Fliegen des Königs; laß sie nicht deine reine Seele beschmutzen! Olaf . Jesus hilf mir! Bischof Hans Brask und Bischof Mogens Sommar (treten auf) .   Sechster Auftritt. Olaf. Bischof Brask und Bischof Mogens. Mogens geht zu Olaf hin; Brask hält sich zurück und betrachtet die Umgebung. Mogens (zu Olaf) . Kanonikus! Wer hat zur Vesper geläutet? Olaf (sanftmütig, aber fest) . Das habe ich getan! Mogens . Kanntet Ihr nicht den Befehl? Olaf . Das Verbot kannte ich wohl! Mogens . Und Ihr habt es gewagt zu trotzen? Olaf . Ja! Als das Volk losgelassen wurde, wie das Schaf ohne Hirten, habe ich es sammeln wollen! Mogens . Ihr tadelt unsere Handlungen, glaube ich? Ihr seid in Wahrheit tollkühn. Olaf . Die Wahrheit ist stets tollkühn. Mogens . Ich glaube, der junge Mann möchte den Wahrheitszeugen spielen; dafür werdet Ihr keinen Dank erhalten! Olaf . Ich begehre nur Undank. Mogens . Geht mit Euren Wahrheiten sparsam um; sie sind nicht mehr im Handel. Olaf (heftig) . Ein Rat, des Vaters der Lüge würdig! – (Mild.) Vergebt mir! Mogens . Wißt Ihr, mit wem Ihr redet? Olaf (erregt) . Mit servus servi servorum Mogens Sommar! Brask (hinzukommend) . Wer ist der Mann? Mogens . Er gehört zu den Dienern der Kirche. Brask . Wie heißt er? Mogens . Olaf Pederson, alias Olaus Petri. Brask (blickt Olaf scharf an) . Bist du Meister Olaf? Olaf (verneigt sich und blickt Brask an) . Brask . Du gefällst mir. Willst du mein Sekretarius sein? Olaf . Ich danke Euer Gnaden, aber ich habe kein Zeugnis. Brask . Bischof Mogens! Was sagt Ihr? Mogens . Er soll von Doktor Luther sehr gerühmt worden sein. Brask . So habe ich gehört! Jugendlicher Übermut, weiter nichts! Wir werden ihn erziehen! Olaf . Ich fürchte, es ist zu spät dazu! Brask . Junge Weiden biegen sich! Mogens . Euer Gnaden werden doch nicht eine Schlange an Ihrem Busen nähren wollen. Unser Kanonikus neigt stark zur Ketzerei hin und hat heute gewagt, sich unserm Befehl zu widersetzen. Brask . So? Mogens . Wir proklamierten aus vollgesetzlichen Gründen Ausfall der Messe, und er hat sich vermessen, Messe abzuhalten, und was schlimmer ist: eine lutherische Messe, und dadurch das Volk erregt. Brask . Hüte dich, junger Mann! Weißt du, daß der Bann den trifft, der Luther verkündigt? Olaf . Das weiß ich! Aber ich fürchte keinen andern Gott, als Gott! Brask . Überlege deine Worte! Ich wollte dein Wohl, und du stößt mich zurück! Olaf . Ihr wolltet meine Kraft erkaufen, um eure sieche Sache zu erretten, und ich war frech genug, mich nicht verkaufen zu wollen. Brask . Ich glaube, beim heiligen Georg, du bist von Sinnen. Olaf . Wenn es so ist, so gebraucht nicht dieselbe Kur gegen mich, wie gegen Gert Bokprenter, den Ihr ins Irrenhaus einsperren ließt. Er wurde dort zu klug, fürchte ich. Brask (zu Mogens) . Kennt Ihr Gert? Mogens . Nein, Euer Gnaden! Brask . Das ist ein verrückter Mensch, der meine Druckpresse benutzte, um Luthers Schriften zu drucken, wenn ich ihm antilutherische zu setzen gab. Und dann schwärmte er von der Apokalypse und dem tausendjährigen Reiche. (Zu Olaf.) Hast du ihn gesehen? Olaf . Er war soeben hier, und von ihm habt Ihr wenig Gutes zu erwarten! Brask . Ist er freigekommen? Olaf . Er wird bald in Stockholm sein, und dann werdet Ihr schon von ihm hören! Hütet Euch, Herr Bischof! Brask . Oho, noch ist keine Gefahr! Olaf . Die Wiedertäufer sind in Stockholm! Brask . Was sagst du? Olaf . Die Wiedertäufer sind in Stockholm! Brask . Die Wiedertäufer? König Gustav Wasa (tritt schnell herein) .   Siebenter Auftritt. Die Vorigen. König Gustav Wasa. Gustav . Was geht hier vor? Die Stadt ist in Gärung! Volk zieht in den Gassen umher und fordert die Messe! Was bedeutet das? Brask . Entartung, Euer Gnaden! Gustav . Bischof Mogens! Mogens . Die Stadt hat ihre Abgaben nicht bezahlt – Gustav . Und darum weigert ihr euch Gottesdienst abzuhalten? Tod und Teufel! Brask . Euer Gnaden belieben zu bedenken – Gustav . Bischof Mogens! Antwort! Mogens . Euer Gnaden belieben zu bedenken, daß Angelegenheiten, wie diese, unter die Gerichtsbarkeit der Kirche gehören. Gustav . Ich befehle euch, euern Dienst wahrzunehmen. Brask . Die Bischöfe des Schwedischen Reiches empfangen Befehle nur von ihrer höchsten Obrigkeit, dem Papst und dem kanonischen Gesetze! Gustav (beherrscht) . Das weiß ich, aber wenn nun der Papst euch nicht immer im Auge haben kann? Brask . Das bleibt unsere Sache! Gustav (fährt auf, aber beherrscht sich) . Ihr habt recht, ehrwürdiger Bischof. Das soll eure Sache bleiben. Brask . Um von diesem Thema abzubrechen: Stockholm soll im Begriff stehen, Aufruhr zu machen. Gustav . Wer sagt das? Mogens . Unser Kanonikus. Gustav . Euer Schulmeister? Wo ist er? Bist du es? Wie heißt du? Olaf . Olaf Pederson. Gustav . Meister Olaf! Du bist ein Ketzer? Und nährst Pläne gegen die heilige Kirche? Das ist eine gefährliche Sache! Brask . Er hat heute die Maske abgeworfen und sich vermessen, offen das Verbot des Kapitels betreffs des Ausfalls der Messe zu übertreten, woher wir Euer Gnaden Zustimmung erbitten, ihn in gehöriger Weise bestrafen zu dürfen. Gustav . Das Strafen fällt nicht unter die Botmäßigkeit des Domkapitels, sondern geht mich an. Aber was ist das für ein Aufruhr in Stockholm, von dem du sprichst? Olaf . Die Wiedertäufer! Gustav . Weiter nichts! Brask . Wissen Euer Gnaden, was diese verrückten Menschen in Deutschland getrieben haben! Wir wollten vorschlagen, daß Euer Gnaden selbst mit Kriegsvolk dorthin zurückkehren möchten. Gustav . Die Sache untersteht meiner Begutachtung! Brask . Aber der Bürgerkrieg! Gustav . Das bleibt meine Sache! Olaf, ich ernenne dich zum Ratsschreiber in Stockholm. Du reisest sofort dorthin. Sprich zum Volke! Ich verlasse mich auf dich! Brask . Um der Wohlfahrt des Vaterlandes willen bitte ich Euer Gnaden, zu bedenken, wie töricht es ist, zu Toren zu reden. Gustav . Man kann die Geister nicht mit dem Schwerte unterdrücken! Bedenkt das, ihr Herren Bischöfe! Brask . Die Kirche hat niemals – Gustav . Ja, auch nicht mit Schlüsseln! Geh zu meinem Kanzler, dann bekommst du deine Vollmacht! Brask . Der Kanonikus ist so gut, einen Augenblick zu warten! Gustav . Unser Sekretarius gehorcht euerm Gebote nicht vor dem meinigen. Brask . Erst soll die Kirche ihr Recht haben. – Olaf Pederson! Gustav (verbessert ihn) . Sekretarius – Brask . Sekretarius Olaf Pederson verlaßt nicht die Stadt, bevor das Kapitel sein Urteil gefällt hat. Gustav . Das Kapitel fällt kein Urteil, bevor es untersucht hat. Brask . Das ist unsere Sache. Gustav . Das ist nicht Eure Sache, Herr Bischof Brask! Ein Kanonikus in Strengnaes wird nicht vom Bischof in Linköping verurteilt. Bischof Mogens, was habt Ihr zu sagen? Mogens . Nachdem, was geschehen ist – hm! Brask . – dürfte jede weitere Erklärung überflüssig sein. Gustav . Bischof Brask habe die Güte, zu schweigen oder sich zu entfernen; ich rede ausschließlich mit Bischof Mogens – ausschließlich! – Redet aus, Herr Bischof! Mogens . Ich kann nichts anderes sagen – als – nachdem seine Hochehrwürden Bischof Brask – Gustav . Jetzt ist von Meister Olaf die Rede. Ihr könnt die Untersuchung aufschieben. Seid so gut, uns zu verlassen. Die Bischöfe (gehen ab) .   Achter Auftritt. Gustav. Olaf. Gustav (zu Olaf) . Willst du mein Mann werden? Olaf . Euer Gnaden Sekretarius? Gustav . Nein, du sollst meine rechte Hand sein, unter der Bedingung, daß die linke bis auf weiteres nicht weiß, was die rechte tut. Reise nach Stockholm. Olaf . Das Kapitel wird mich reklamieren und in den Bann tun. Gustav . Sobald es soweit kommt, sollst du auf mich die Schuld schieben dürfen. Aber bis dahin mußt du dich selbst schützen, so gut du kannst. Olaf . Was wollen Euer Gnaden? Gustav . Du sollst zu den Schwärmern in Stockholm reden. Olaf . Und dann? Gustav . O, das genügt vorläufig! Ich wage es noch nicht, die Sache zu Ende zu denken. Laß sie nur predigen, es kann den Stumpfsinnigen nichts schaden, ein neues Wort zu hören, wenn es auch falsch ist; aber es dürfen keine Gewalttätigkeiten stattfinden, sonst kommt das Schwert und mischt sich ins Spiel. Lebe wohl, Olaf! (Er geht ab.) Olaf (allein) . Der Kaiser will nicht Frieden halten mit dem Papst! Die Schüler (die sich indessen in einer Allee im Hintergrunde aufgehalten haben, treten hervor) .   Neunter Auftritt. Die beiden Schüler. Dann Laurentius Petri. Erster Schüler . Sollen wir nun das Spiel fortsetzen, Meister Olaf? Olaf . Nun ist es mit dem Spiel zu Ende, Kinder! Erster Schüler . Wollt Ihr uns verlassen, Meister Olaf? Olaf . Ja, und wahrscheinlich für immer. Erster Schüler . Ihr könntet doch wenigstens noch die Pfingsten über hier bleiben, so daß wir unsere Komödie aufführen könnten. Zweiter Schüler . Und ich darf den Engel Gabriel spielen. Erster Schüler . Erfüllt unsere Bitte, Meister Olaf! Ihr wart der einzige, der gut gegen uns war und uns von den schrecklichen Fastentagen befreite. Zweiter Schüler . Ach Meister Olaf, zieht nicht von uns! Olaf . Kinder, ihr wißt nicht, was ihr verlangt. Der Tag wird kommen, wo ihr Gott danken werdet, daß ich von euch zog! Doch nein! Möchte der Tag niemals kommen! Laßt uns den Abschied kurz machen. Lebe wohl, Nils! Lebe wohl, Wilhelm! (Er umarmt sie.) Die Schüler (küssen ihm die Hand) . Laurentius Petri (ist hereingekommen und betrachtet sie aufmerksam). Erster Schüler . Kommt Ihr niemals wieder, Meister Olaf? Laurentius Petri (tritt hervor) . Bist du jetzt bereit zu reisen? Olaf (zu den Knaben) . Nein, ich komme niemals wieder. Die Schüler . Lebt wohl, Meister Olaf! Vergeßt uns nicht! (Sie gehen ab.) Olaf (sieht ihnen nach) .   Zehnter Auftritt. Olaf. Laurentius Petri. Dann Morten und Nils. Laurentius Petri . Ich habe den König getroffen. Olaf (zerstreut) . So? Laurentius Petri . Weißt du, was er sagte? Olaf . Nein. Laurentius Petri . »Ich habe einen flinken Jagdhund bekommen; nun werden wir sehen, ob er zurückkommt, wenn ich pfeife.« Olaf . Sieh, nun sitzen sie zwischen den Gräbern und spielen und pflücken Blumen und singen Pfingstgesänge. Laurentius Petri (faßt ihn am Arm) . Kind! Olaf (fährt zusammen) . Was sagst du? Laurentius Petri . Ich glaubte, du hättest heute einen so entschiedenen Schritt vorwärts getan, daß es zu spät ist, dich umzusehen! Olaf (winkt den Schülern) . Laurentius Petri . Du träumst noch? Olaf . Es war der letzte lichte Morgentraum, der nun entschwand; habe Nachsicht mit mir – nun bin ich erwacht! (Sie gehen nach rechts hinaus; ehe Olaf in den Kulissen verschwindet, wendet er sich noch einmal um, um den Schülern nachzusehen. Inzwischen sind aber dort, wo die Schüler abgingen, die beiden Dominikaner Marten und Nils hervorgetreten.) Olaf (stößt einen Schrei aus und fährt mit der Hand über die Stirn) . Laurentius Petri (zieht ihn mit sich) . Zweiter Aufzug Stockholm. Eine Bierschenke in der Mauer der großen Kirche. Im Hintergrunde ein Schenktisch mit Bierkrügen und Bechern usw. Rechts davor ein Tisch, hinter welchem man eine eiserne Tür erblickt. An diesem Tisch sitzen zwei vermummte Mönche (Marten und Nils) und trinken Bier. An den übrigen Tischen deutsche Kriegsleute, Bauern und Seemänner. Die Tür zur Gasse hinaus ist auf der rechten Seite. Ein Spielmann sitzt mit seiner Fiedel auf einer Tonne. Kriegsleute spielen Würfel. Alle sind betrunken und sehr laut. Hans Windrank, ein Smaaländer, ein deutscher Bürger und ein Däne sitzen zusammen an einem Tisch. Erster Auftritt. Morten. Nils. Deutsche Kriegsleute. Bauern. Seemänner. Spielmann; sein Mädchen. Windrank. Ein Smaaländer, ein Deutscher, ein Däne. Wirt. Bedienung. Der Deutsche (zu dem Dänen) . Na, so, Ihr verteidigt also den Bluthund Christian. Der Däne . Herrgott, er ist ja doch ein Mensch! Der Deutsche . Nein, er ist ein Untier! Ein feiger, falscher dänischer Bluthund! Der Däne . Ach, Ihr solltet nicht von Blut reden! Gedenket des Mordes auf Käppling, da die Deutschen – Windrank . Hört, liebe Leute, laßt uns nun friedlich beisammensitzen und guter Dinge sein, dann werde ich von Amerika erzählen! Der Deutsche . Wollt Ihr uns Lübeckern dafür die Schuld geben, was die Deutschen getan haben? Der Däne . Nein, behüte! Ich sage nur, die Deutschen – Windrank . Hört, nun solltet ihr aufhören, euch zu zanken! (Er ruft dem Wirt zu.) Vier Schoppen Branntwein! – Nun wollen wir gemütlich sein und Frieden halten miteinander, dann werde ich euch von Amerika erzählen – (Der Branntwein wird gebracht.) Der Deutsche (kostet ihn) . Ein herrlicher Trunk! Bedenkt doch einmal, wie die Aufklärung fortgeschritten ist! Heute wächst das Korn auf dem Felde – Windrank . – und morgen ist es verwandelt zu Wein! Ich möchte nur wissen, wer die Erfindung gemacht hat. Der Deutsche . Das ist eine deutsche Erfindung. – Ich sage ausdrücklich Erfindung – denn Amerika entdeckt man. Windrank . Und mit Entdeckungen geben sich die Deutschen nicht ab. Der Deutsche . Donnerwetter! Der Däne . Könnt Ihr mir wohl sagen, wer erfunden hat, daß es die Deutschen waren, welche Schweden seinen jetzigen König gaben? (Gelächter.) Der Deutsche . Es waren die Lübecker, die Schweden seinen Befreier gaben, als es am Rande des Abgrundes schwebte. Windrank . Der König lebe hoch! Der Däne . Lübeck lebe! Der Deutsche (geschmeichelt) . Ich weiß wirklich nicht, wie ich – Windrank . Ihr seid ja nicht der König! Der Deutsche . Nein, aber mein dänischer Bruder – Der Däne . Ihr seid ja kein Lübecker mehr, seitdem Ihr Bürger von Stockholm geworden. Windrank (zu dem Smaaländer) . Warum trinkt unser stummer Bruder nicht? Der Smaaländer . Euern Kornbranntwein werde ich trinken, aber in das Hoch stimme ich nicht mit ein. (Er drückt den Blechkrug zusammen und wirft ihn auf den Boden.) Windrank (faßt nach seinem Messer) . Was! Ihr wollt nicht auf des Königs Wohl trinken? Der Smaaländer . Ich habe so lange seinen bittern Kelch getrunken, daß ich jetzt keine Lust habe, auf sein Wohl zu trinken. Windrank . Kreuzdonnerwetter! Der Deutsche (lebhaft) . Still, still! Laßt uns den Mann anhören! Der Däne (ebenso) . Na, versteht sich! Der Smaaländer . Gott helfe nur, wenn ich heimkomme! Windrank (gerührt) . Was ist Euch, armer Mann? Ihr seht so verzagt aus, fehlt's Euch an Geld? Seht hier, seid so gut! (Er nimmt seine Börse vor.) Die halbe Heuer habe ich noch übrig! Was fehlt Euch? Der Smaaländer . Reden wir davon nicht! Mehr Branntwein! Branntwein! Ich habe auch Geld in der Tasche! Seht her – Gold! (Der Branntwein kommt.) Zwar gehört es nicht mir; aber, bei Gott, bis auf den letzten Heller gedenke ich es zu vertrinken! Und ihr sollt so gut sein, mir dabei zu helfen. Windrank . Das ist nicht Euer Geld, sagt Ihr – wie geht das zu? Der Deutsche . Wer hat Euch was getan, mein lieber Mann? Denn ich sehe wohl, daß Euch etwas fehlt! Der Smaaländer . Ich bin ein zugrunde gerichteter Mann! Seht, ich kaufte zweihundert Ochsen auf Borg, und als ich nach Stockholm kam, mischte der Vogt des Königs sich in die Sache und sagte, ich dürfte sie zu keinem höheren Preise verkaufen, als die seinigen. Der König bestimme die Preise für das Vieh; der König ist es also, der mich zugrunde gerichtet hat. Der Deutsche . Nein, was Ihr sagt! Der Smaaländer . Ach, ich weiß noch mehr als das! Man sagt, er wird uns bald die Mönche und die Priester rauben, nur um dem Adel gefällig zu sein. Der Däne . Dem Adel? Der Smaaländer . Ja, ja! König Christian könnte schon noch ein wenig dichter gemäht haben, Gott segne ihn! Windrank . Hilf Himmel, ist der König so? Ich glaubte, er hielte den Adel im Zaume. Der Smaaländer . Er? O nein, er füttert ihn mit der Gerechtsame, auf meinem Grund und Boden Bäume zu fällen, wenn ich übrigens noch welchen hätte; ja, denn seht, ich hatte einmal ein Stückchen Land, aber dann kam ein großer Herr und sagte, meines Großvaters Mutter hätte von dem Vater seines Großvaters Geld geliehen, und so wurde mir das Ganze weggenommen. Der Deutsche . Kann der König wirklich so sein? Das hätte ich doch nicht gedacht! Der Smaaländer . Ja, freilich ist er so! Und dann laufen die adligen Junker mit der Büchse in unsere Wälder und schießen die Rehe aus reinem Mutwillen, aber wenn wir Bauern vor Hunger auf den Tod lägen und dann so ein Tier niederknallten, ho, dann entgingen wir dem wohl, Hungers zu sterben – denn sie hängten uns – nicht an eine Eiche, Gott bewahre, das wäre eine Schande für den königlichen Baum – nein, an eine Föhre! Denn seht, die Föhre ist nicht mit der Krone geboren worden, und darum ist sie nicht königlich – und darum heißt es auch in dem Liede: Den Bauer hängten wir auf Am obersten Wipfel der Föhre. Dort steht nicht Krone, versteht Ihr wohl. Der Deutsche . Aber die Föhre streckt gleichwohl die Nase in die Höhe, und steht mit geradem Rücken da! Der Smaaländer . Prost, liebe Leute! Es ist gut gemeint! Das ist ein gesegneter Trunk! Wenn ich nur nicht Weib und Kinder daheim hätte! Ach ja, ja! Aber das macht nichts! Ach ja, ich weiß noch mehr, aber davon bin ich lieber hübsch still. Windrank . Was wißt Ihr denn? Der Deutsche . Vielleicht etwas Spaßhaftes? Der Smaaländer . Seht – wenn man nun alle Fichten in Smaaland zählte, dann glaube ich beinahe, es sind mehr, denn der Eichen! Der Deutsche . Glaubt Ihr das? Windrank . Ich kann es nicht dulden, daß man Übles vom Könige redet. Ich muß sagen, ich kenne sein Tun und Lassen nicht so genau, und es geht mich auch nichts an, aber das weiß ich, daß er sich der Seeleute annimmt! Ja, er ist es, der die Spanienfahrer ausgerüstet und mich zum Schiffer gemacht hat, und so kann ich mich auch wohl nicht über ihn beklagen. Der Deutsche . Aber das hat er nur aus Böswilligkeit getan, um den Handel der Lübecker zu schädigen, denen er soviel verdankt! Der Smaaländer. Er bekommt schon seinen Lohn dafür! Die Ochsen haben noch Hörner, wenn man sie ihnen auch beschnitten hat! Dank für gute Gesellschaft. Nun muß ich fort. Der Deutsche. Ach nein! Noch ein Gläschen, wir sind jetzt in so nettem Gespräch. Der Smaalander. Nein, danke schön, ich darf nicht mehr trinken, denn ich fürchte, daß es dann nicht gut abläuft. Ich habe Weib und Kind daheim, müßt Ihr wissen, und nun muß ich mich auf den Heimweg machen – und ihnen erzählen, daß wir zugrunde gerichtet sind – nein – das darf ich nicht. Ja, vielen Dank, deutscher Herr – noch einen Schluck allenfalls will ich nehmen! Der Deutsche. Na, das gefällt mir. (Sie trinken.) Der Smaalander (leert seinen Becher und springt auf) . Pfui Teufel, ist das bitter! (Er taumelt hinaus.) Der Deutsche (zu dem Dänen) . Ich möchte nicht an seiner Stelle sein, wenn er nüchtern wird. Der Däne (nickt zustimmend) . (Der Lärm hat zugenommen, der Spielmann spielt. – Man vernimmt aus dem Innern der Kirche Orgeltöne.) Windrank. Es ist doch sonderbar, daß der König ihnen erlaubt, in der Kirchenmauer eine Schenke einzurichten. Der Deutsche. Bekommt Ihr Skrupel, Schiffer? Davon weiß der König nichts. Windrank. Ja, aber es hört sich nicht gut an, die Orgelmusik zu dem Gesang hier. Ich meinesteils bin nun immer gottesfürchtig gewesen, müßt Ihr wissen; das habe ich von meinem Elternhause her. Der Deutsche (ironisch) . Glücklich derjenige, der eine gute Erziehung erhalten hat! Ihr habt eine Mutter gehabt – Windrank (gerührt) . Ja – ja! Der Deutsche. Die für Euch am Abend nähte und stopfte und Euch lehrte: »Es ging ein Engel um unser Haus!« Windrank . Ach ja! Der Deutsche. Es war ein herrliches Weib! Windrank (wird immer berauschter) . Ihr solltet nur wissen – Der Deutsche. Gott hat ihr Flehen erhört! Ihr weint? Ihr seid ein guter Mensch! Der Däne. Das ist er! Der Deutsche. Wenn Eure Mutter Euch jetzt sähe! Mit diesen Tränen in den Augen! Windrank. Ach, ich bin ein armer Sünder, das weiß ich, aber seht – Herz habe ich, hol' mich der Teufel! Kommt ein Armer zu mir und sagt, er sei hungrig, so ziehe ich mir das Hemde vom Leibe! Der Deutsche. Wollen wir nicht noch eins trinken? Windrank. Nein, das hat wohl keinen Zweck! (Man vernimmt einige Schläge gegen die eiserne Tür. Allgemeine Unruhe.) Windrank. O weh, o weh! Der Deutsche. Ihr braucht keine Angst zu haben! Das ist nicht die Pforte zum Himmelreich! Windrank. Ich werde niemals mehr trinken! Das gelobe ich! Der Deutsche (zum Dänen) . Ist der Branntwein nicht ein gesegneter Trank, daß er solch einen Schlingel in solche Rührung zu versetzen mag, daß er schwärmerisch wird und sogar Enthaltsamkeitsgedanken bekommt. Der Däne. Ja, Ihr habt recht; es gibt kein besseres Getränk. Der Deutsche. Er öffnet weit das Herz und schließt den Kopf zu, das heißt: er macht uns zu guten Menschen, denn gut ist man ja, wenn man ein großes Herz und einen kleinen Kopf hat. Der Däne. Ja, ich gehe noch weiter und sage, der Branntwein macht uns religiös, denn er tötet ja die Vernunft, und die Vernunft ist die Klippe, welche die Religion hindert, in unser Herz einzudringen. Der Deutsche. Der Branntwein ist ein heiliger Trank! Wunderlich genug, daß nicht – Der Däne. Laßt es genug sein! (Man vernimmt wieder Schläge gegen die Eisentür.) Windrank (der eingeschlafen war, fährt auf) . Hilfe, ich sterbe! Der Deutsche. Schade um eine so schöne Seele! (Die Tür wird aufgestoßen, wodurch der Tisch, an dem Morten und Nils sitzen, mit Kannen und Bechern umgeworfen wird.) Ein Weib (mit schwarz-rotem Kleide, der Kleidung der öffentlichen Dirnen, und Nonnenschleier um den Kopf stürzt herein) . Gert (zeigt sich einen Augenblick hinter ihr in der Tür, die sogleich wieder zugeschlagen wird) .   Zweiter Auftritt. Die Vorigen ohne den Smaaländer. Die Dirne. Die Dirne (sieht sich verwildert um) . Rettet mich! Man trachtet mir nach dem Leben! Ein deutscher Kriegsmann . Eine Dirne mit Nonnenschleier! Hahaha! (Gelächter.) Morten (bekreuzigt sich) . Eine Dirne! Wer führt sie in diese ehrwürdige Gesellschaft ein? Herr Wirt, werft sie hinaus, wenn Ihr nicht das Ansehen des Platzes schädigen und die Heiligkeit der Kirche verletzen wollt. Die Dirne . Will mich denn niemand erretten? Der Wirt (hat sie am Arm gepackt, um sie auf die Gasse hinauszusetzen) . Die Dirne . Wirf mich nicht zu den rasenden Menschen hinaus! Ich wollte mich in des Herrn Haus schleichen, um ein wenig seiner Gnade teilhaftig zu werden, ich wollte ein neues Leben beginnen – aber die Mönche trieben mich zurück und hetzten die Menge auf mich; dann kam Vater Gert und hieß mich hier Schutz suchen. Morten . Da hört ihr selbst! Sie hat das Heiligtum Gottes geschändet! Sie wollte das Gewand der Schande mit dem Schleier der Heiligkeit decken! Der Deutsche . Aber der Schleier war nicht lang genug! Morten (geht ihr entgegen, um ihr den Schleier abzureißen) . Fort mit der Maske, damit wir den Greuel zu sehen bekommen! (Er stutzt, als er ihr Gesicht sieht.) Die Dirne . Bist du es, Morten! Du Mörder! Der Deutsche . Alte Bekannte! Morten . Das ist eine schändliche Lüge! Ich habe sie niemals früher gesehen! Ich bin der Dominikaner Morten, und mein Bruder Nils ist mein Zeuge. Nils (betrunken) . Ich kann bezeugen – daß Bruder Morten das Weib niemals mit seinen Augen gesehen hat. Die Dirne . Und doch warst du es, Nils, der mir Mortens Ablaßbrief zeigte, als ich aus dem Kloster gejagt wurde, und er bleiben durfte. Nils . Ja, das ist wahr, das muß ich sagen. Morten (außer sich vor Wut, zerrt Nils am Arm) . Du lügst! Ihr seht ja, daß er betrunken ist! Der Deutsche . Liebe Leute, ich bezeuge, daß der heilige Bruder betrunken ist, und darum lügt er. Die Anwesenden (unwillig) . Ein betrunkener Priester! Der Deutsche . Na ja! Der Rausch erteilt Ablaß für die Lüge, nicht wahr, Vater Morten? Der Wirt . Ich möchte nur darauf aufmerksam machen, daß in meinem Hause kein Spektakel stattfinden darf; sonst kann ich leicht meine Kunden verlieren und vielleicht vor das Kapitel gefordert werden. Ihr müßt mir daher den Dienst leisten, das Weibsbild da, das an all dem Lärm schuld ist, hinauszujagen. Morten . Werft sie hinaus, oder ich werde veranlassen, daß Ihr in den Bann getan werdet! Wißt Ihr nicht, daß wir uns innerhalb der heiligen Kirchenmauern befinden, wenn das Kapitel auch dieses Nebengebäude zur leiblichen Erquickung der Reisenden eröffnet hat? Der Deutsche . Liebe Leute, hier ist eine heilige Stätte, und hier wohnt wahrlich Gott! Die Anwesenden (schleppen die Dirne nach der Tür hin) . Die Dirne . Jesus Christus, hilf mir!   Dritter Auftritt. Die Vorigen. Olaf. Olaf (der an der Tür erscheint, drängt sich vor, faßt die Dirne bei der Hand und entreißt sie den betrunkenen Menschen) . Antwortet mir, wer ist das Weib? Morten . Das ist kein Weib! Olaf . Was sagt Ihr? Morten . Das ist auch kein Mann, obschon sie verkleidet ist. Olaf . Ihr sagt sie , ist sie denn kein Weib? Morten . Nein, es ist eine Dirne! Olaf (läßt erschreckt ihre Hand los) . Eine Dirne! Der Deutsche . Laß sie nicht los, Meister Olaf, sonst läuft sie davon. Olaf . Warum legt Ihr Hand an sie? Was hat sie begangen? Der Deutsche . Sie ist in die Kirche gegangen. Olaf . Nun verstehe ich! (Er sieht sich um.) Morten . Was sucht Ihr? Olaf (wird Morten gewahr) . Ein Priester! Morten . Ich bin ein Dominikaner! Olaf . Ja so! Das konnte ich mir denken. So seid Ihr es, der das Volk auf sie gehetzt hat? Morten . Ich bin es, der die Kirche gegen Unzucht schützt und sie vom Laster reinhalten will. Das ist ein exkommuniziertes Weib, das mit seinem Leibe Wucher treibt, der ein Tempel Gottes sein sollte! Die Dirne (fällt vor Olaf auf die Knie) . Olaf (ergreift ihre Hand) . Siehst du, Bruder Dominikaner! Ich wage es, ihre Hand zu fassen und sie dir Angesicht zu Angesicht gegenüberzustellen. Sie hat ihren Leib verkauft, sagst du, wie viele Seelen hast du gekauft? Auch ich bin ein Priester! Nein, ich bin ein Mensch, denn noch bin ich nicht so vermessen, daß ich Gottes Haus abschließen will, und als sündiger Mensch reiche ich meinem Mitmenschen die Hand, die nicht sündlos sein kann. Derjenige von euch trete hervor, der rein ist und den ersten Stein auf sie werfen will. Tritt hervor, Bruder Morten, du Engel des Lichtes, der du dich mit dem schwarzen Gewande der Unschuld angetan und dein Haar geschoren hast, auf daß niemand sehen kann, wie du in Sünden ergraut bist! Oder hast du vielleicht keinen Stein zur Stelle? Wehe dir, wo hast du sie alle gelassen, die du dem Volk reichen sollst, wenn es um Brot bittet? Hast du sie bereits alle fortgegeben? Tritt hervor, du ehrsamer Bürger, (zu Windrank, der auf dem Boden schläft) du, der den Schlaf eines Tieres schläft, warum erwachst du nicht, um dein Messer zu schleudern? Seht ihr, wie er errötet? Geschieht es vor Schamhaftigkeit über die schlechte Gesellschaft, in die ihr ihn geführt habt, oder aus Wollust? Die Umstehenden (murren unwillig) . Olaf . Ihr murrt? Tut ihr es aus Scham über meine Worte oder aus Scham über euch selbst? Warum werft ihr nicht mit Steinen? Es ist wahr, ihr habt keine. Nun wohl! Öffnet die Tür, ruft das Volk zu Hilfe und laßt das Weib hinaus. Glaubt ihr nicht, daß fünfzig Männer imstande sind, sie in Stücke zu reißen, dann seid überzeugt, daß fünfhundert Weiber es vermögen würden! Na! Ihr schweigt! Steh auf, Weib, du bist frei! Gehe fort und sündige nicht mehr; aber laß nicht die Priester dich sehen, denn sie würden dich den Weibern vorwerfen! Morten (der mehrmals versucht hat, Olaf zu unterbrechen, aber von dem Deutschen zurückgehalten ist, zieht ein Papier hervor) . Dieser Mann, dessen Worten ihr hier lauscht, ist ein Ketzer, wie ihr aus seiner Rede vernommen habt; aber er ist überdies auch verflucht. Seht her! Lest selbst! (Er nimmt von einem der Tische ein Licht und wirft es mitten auf die Bühne.) »Wie dieses Licht erlischt, welches wir hier zu Boden werfen, so möge für ihn alle Freude und aller Erfolg und alles erlöschen, was ihm von Gott noch Gutes zuteil werden möge!« Die Anwesenden (bekreuzigen sich und weichen zurück) . Olaf (bleibt mit der Dirne allein mitten im Raume stehen) . Die Anwesenden . Anathema! Morten (zu der Dirne) . Da hörst du, welche Kraft Meister Olafs Ablaß hat. Olaf (der verzagt dagestanden) . Weib! Wagst du noch auf meine Worte zu bauen? Fürchtest du mich nicht? Hörst du nicht die Bannstrahlen um unsere Häupter zischen? Warum gehst du nicht zu diesen zwanzig Gerechten hinüber, die noch innerhalb der Einfriedigung der heiligen Kirche übrig sind? – Antworte mir! Glaubst du, Gott hat mich verworfen, wie diese es getan haben? Die Dirne . Nein! Olaf (nimmt die Bannrolle an sich) . Nun wohl! Der große Bischof in der kleinen Stadt Linköping hat meine Seele dem Satan für Lebenszeit verkauft, denn weiter reicht seine Macht nicht, weil ich dem Volke zu ungelegener Zeit gebot, sich an Gott zu wenden: hier ist der Kontrakt: wie mich die Kirche dadurch an die Hölle gebunden hat, so löse ich mich selbst von ihr los (er zerreißt das Pergament) und von dem Fluch der Kirche! Gott helfe mir, Amen! Die Anwesenden (schreien) . Anathema! Morten . Schlagt ihn nieder! Tötet ihn! Er ist verflucht! Olaf (stellt sich vor die Dirne) . Hörst du, wie die Teufel nach ihrem Opfer schreien! Komm mir nicht nahe! Morten . Vorwärts! Nieder mit ihm! Ein Krieger (erhebt seine Waffe) . (Die eiserne Tür wird aufgeschlagen.) Die Wiedertäufer (von Knipperdollink angeführt, stürzen schreiend herein, mit zerschlagenen Kruzifixen, Heiligenbildern und zerrissenen Meßgewändern) . (Alle Anwesenden werden gegen den Ausgang hingedrängt.)   Vierter Auftritt. Die Vorigen. Knipperdollink. Wiedertäufer. Knipperdollink (der voranging, als die Tür geöffnet wurde) . Hierher, Leute! Hier ist noch ein heiliges Haus! Was bedeutet das? Eine Schenke im Tempel! Seht, seht: der Greuel ist so weit gekommen, daß man das Heiligtum schändet! Aber ich werde es mit Feuer reinigen! Legt Feuer an die Kirche, und die Heiligenbilder auf den Scheiterhaufen! Olaf (tritt vor) . Bedenkt, was Ihr tun wollt! Knipperdollink . Fürchtest du, daß die Bierfässer von der Hitze bersten könnten, du Belial? Bist du der päpstliche Schenkwirt, der es für keinen Raub hält, dem Laster in der Kirchenmauer eine Kapelle zu bauen? Olaf . Ich bin Ratssekretarius, und ich gebiete Euch im Namen des Königs, Ruhe zu halten. Knipperdollink. Ach so, du bist der Mann, den der König ausgeschickt hat, um unsere heilige Sache zu bekämpfen? Vorwärts, vorwärts, ihr Männer Gottes, und ergreift zuerst ihn, dann werden wir das Haus des Herrn von Abgötterei reinigen! Morten . Vorwärts, vorwärts, liebe Leute! Er ist ein Ketzer und verflucht! Knipperdollink . Ein Ketzer? So gehörst du nicht zu den Papisten? Olaf . Da ich in den Bann getan bin, gehöre ich nicht mehr der Kirche an. Knipperdollink . So stehst du auf unserer Seite! Olaf (schweigt) . Knipperdollink . Antwort! Bist du gegen uns oder für uns? Morten . Es ist Olaf Pederson, den der König ausgesandt hat. Knipperdollink . Bist du Olaf Pederson? Olaf . Ja. Knipperdollink . Aber du bist ein Ketzer? Olaf . Ich rühme mich, es zu sein! Knipperdollink . Und stehst im Dienste des Königs? Olaf . Ja. Die Wiedertäufer (schreien und umringen Olaf) . Gert (stürzt durch die eiserne Tür herein) .   Fünfter Auftritt. Gert. Olaf. Die Dirne. Windrank. Dann die Mutter. Christina. Morten. Gert . Haltet inne! Was tut ihr? Knipperdollink . Gert! Wer ist der Mann? Gert . Er ist einer der Unsern! Laßt ihn los, Freunde! Da stehen die Sendlinge des Teufels! (Er zeigt auf Morten und Nils, die hinauseilen.) Die Wiedertäufer (laufen ihnen mit Hieben und Schlägen nach) . Gert (wendet sich in der Tür gegen Olaf um) . Die Dirne (hat sich in einen Winkel zurückgezogen) . Windrank (schläft noch immer unter dem Tisch) . Olaf (steht gedankenvoll mitten auf der Bühne) . Gert (wirft sich ermattet auf eine Bank) . Das ist eine schwere Arbeit, Olaf? Olaf . Was habt Ihr getan? Gert . Wir haben eine Reinigung vorgenommen, für den Anfang. Olaf . Das wird euch teuer zu stehen kommen! Gert . Noch haben wir die Übermacht! Die ganze Stadt ist in Gärung. Rink arbeitet droben in der St. Georgs-Kapelle. Höre, hat dich der König gegen uns ausgesandt? Olaf . Ja! Gert . Das war sehr vernünftig. Olaf . Morgen werde ich von der neuen Kanzel herab predigen. Gert . So! Aber wie nimmst du den königlichen Auftrag wahr? Du stehst hier noch mit gekreuzten Armen! Olaf . Nimm deine Brüder morgen mit dir in die Kirche. Gert . Wird es eine hochpäpstliche Predigt? Olaf . Ich bin heute verflucht worden! Gert (fährt auf und umarmt Olaf) . Gott segne dich, Olaf! Das war die Taufe der Wiedergeburt. Olaf . Ich verstehe euch noch nicht. Warum gebärdet ihr euch wie wilde Tiere? Ihr schändet ja alles Heilige! Gert (nimmt ein zerschlagenes Heiligenbild auf) . Ist das hier vielleicht heilig? Ein St. Nikolaus, glaube ich. Hat denn Jesus Christus vergebens gelebt, daß man noch Holzklötze anbetet. Ist das ein Gott, was ich so zerschlagen kann? Sieh nur! Olaf . Aber es ist heilig für das Volk. Gert . Das war das goldene Kalb auch, das war Zeus auch, das waren Tor und Odin ebenfalls, und doch wurden sie zerschlagen! (Er erblickt die Dirne.) Wer ist das Weib da? Ach so, das ist die, welche ich zu dir einließ, um sie zu erretten. – Olaf! Sage mir das eine: hat der König dich erkauft? Olaf . Verlasse mich, Gert! Ich hasse dich! Gert . Was ist das für ein Schwein, das dort liegt und schläft? Olaf . Wenn ich mit dir Angesicht zu Angesicht stehe, schrumpfe ich zusammen. Geh von mir! Ich will meine Tat vollbringen und nicht die deine! Gert . Höre nun – Olaf . Du willst unser Schicksal zu einem gemeinsamen machen! Gert . Höre mich nun – Olaf . Du hast ein unsichtbares Netz über mich geworfen; du proklamierst mich als Wiedertäufer. Wie soll ich das vor dem Könige erklären? Gert . Welchem Könige? Olaf . König Gustav! Gert . Ach so! – Er! Lebe wohl, Olaf! – Du wirst morgen also predigen? – Warum geht das Weib nicht? – Lebe wohl. (Er geht ab.) Die Dirne (geht zu Olaf hin und fällt auf die Knie) . Laßt mich Euch danken! Olaf . Danke Gott allein, der deine Seele erlöst hat, und glaube nicht, daß, was du verbrochen hast, heute gesühnt ist. Verschaffe dir Kraft, den Fluch eines ganzen Lebens zu tragen! Gott hat dir vergeben – die Menschen tun es niemals! (Er ergreift ihre Hand und leitet sie zur Tür hinaus.) Morten (erscheint mit Olafs Mutter und Christina, Gerts Tochter, in der eisernen Tür) . Wir gehen sicher fehl! Die Mutter (erblickt Olaf und die Dirne, außer sich) . Olaf! Olaf! Christina . Wer ist das Weib? Sie sieht so unglücklich aus! Morten . Laßt uns diese unreine Höhle verlassen! Olaf (wendet sich um und eilt nach der Tür hin, die von Morten zugeworfen wird) . Mutter! Mutter! (Er eilt durch die andere Tür hinaus; es wird auf der Szene dunkel.)   Zwischenspiel. Die Tür zur Kirche öffnet sich wieder vorsichtig.   Sechster Auftritt. Der Balgentreter und seine Frau schleichen sich mit einer Laterne herein. Der Balgentreter . Halte die Laterne, Kathrinchen, während ich das Hängeschloß vorlege. Die Frau . Wir müssen uns wohl erst in all dem Elend ein wenig umsehen, Bengt! Das hätte ich mir doch niemals gedacht, daß es so nah bis zum Wirtshaus wäre. Das ist ja schrecklich! Siehst du die großen Tonnen mit Bier! Der Balgentreter . Und Branntwein; riechst du nicht, wie es stinkt; ich bekomme Kopfschmerzen, wenn ich noch länger hier bleiben soll. Die Frau . Gott erbarme sich, was für ein gottloses Leben hier herrscht! Der Balgentreter . Du, Kathrinchen! Die Frau . Ja, mein Freund! Der Balgentreter . Ich glaube, mir wird übel. Es ist hier drinnen so kalt und feucht. Die Frau . Wollen wir denn nicht lieber nach Hause gehen? Der Balgentreter . Ich glaube, ich muß mich ein wenig setzen und auf der Bank da ausruhen. Die Frau . Du sollst dich in der Feuchtigkeit und Kälte lieber nicht setzen; gehen wir wieder in die Kirche hinein. Der Balgentreter . Nein, weißt du was, ich glaube beinahe, dort drinnen war es noch kälter. Die Frau . Du hast doch nicht etwa Fieber? Der Balgentreter . Ja, ich glaube es fast. Mir ist so warm. Die Frau . Vielleicht willst du etwas zu trinken haben? Der Balgentreter . Ja, das wäre sicher nicht so übel. Die Frau . Ich werde nachsehen, ob etwas Wasser zu finden ist. Der Balgentreter . Das gibt's in solch einer Höhle kaum. Die Frau . Ja, Bier kannst du doch nicht trinken, wenn du Fieber hast. Der Balgentreter . Ich glaube beinahe, das Fieber hat ein wenig abgenommen; mich friert auch so sehr. Die Frau . Dann werde ich nach ein wenig schwachem Bier suchen. Der Balgentreter . Nein, soll es etwas nützen, dann muß es stark sein; sieh da – da liegt ein Faß Rostocker Nr. 4, gezeichnet A. W. Die Frau (sucht) . Das kann ich nicht finden. Aber hier liegt eins: »Amsterdamer Nr. 5.« Der Balgentreter . Kannst du es nicht dort auf dem vierten Brett von oben links sehen? Die Frau (sucht weiter) . Der Balgentreter . Der Hahn liegt links neben dem Trichter. Die Frau . Ich kann es wirklich nicht finden. Der Balgentreter . Ich weiß aber doch, daß es dort sein muß. Die Frau . Nun habe ich es. Der Balgentreter (steht auf, um ihr zu helfen, und tritt dabei Windrank) . Windrank (erwacht) . Ach Gott, ach Gott! Sankt Peter und Paul und Ferdinand und Isabella und Georg und der Drache und all die andern und hinein kam Domen in Dejom pote potentum aernumtaernum , Jesu Christ, der große Wagen ist versichert. Ein Engel ging um unser Haus. Gloria Doria , Amen! Amen! – Wer tritt mir da auf den Leib? Der Balgentreter (erschreckt) . Seid so gut und sagt, ob Ihr ein Geist seid oder ein Mensch! Windrank . Im Augenblick bin ich ein Schwein; sonst für gewöhnlich ein Seemann; aber darum braucht Ihr mir ja nicht auf den Balg zu treten. Der Balgentreter . Ihr müßt wissen, daß es gerade mein Amt ist, den Balg zu treten, nämlich bei der großen Orgel. Windrank . So habe ich also die Ehre, mit dem Balgentreter – Der Balgentreter . Eigentlich bin ich Aufseher bei der Kirche, aber außerdem habe ich noch ein kleines Geschäft mit alten Kleidern bei der Kirchenmauer. Windrank . Also Balgentreter und Kirchenaufseher und Kleiderhändler – Der Balgentreter . – in ein und derselben Person, ohne Vermischung oder Verwandlung – Windrank . Das wäre eine achtbare Dreieinigkeit! Der Balgentreter . Mit solchen Worten treibt man nicht seinen Scherz. Windrank . Uha! Ich ersaufe! Hilfe! Der Balgentreter . Was gibt es in des Herrn Namen? Windrank . Da kommt ein Strom – uha! Der Balgentreter . Kathrinchen! Wo bist du, mein Engel. (Er läuft umher.) I du allmächtiger Gott! Jetzt habt Ihr meiner Frau einen solchen Schreck eingejagt, daß sie vom Bierfaß fortgelaufen ist und den Hahn mitgenommen hat! Steht auf! Steht auf! Und laßt uns machen, daß wir aus dieser gottlosen Höhle herauskommen. Windrank . Lieber Freund, ich bin jetzt gerade in mein Element hineingekommen, und so ist es wohl am besten, ich bleibe da. Der Balgentreter . Um Gottes willen, die Uhr schlägt zwölf, nun beginnt die Gespensterstunde. Windrank (springt auf) . Das ist etwas andres! Der Balgentreter (führt Windrank) . Windrank . Hört einmal, Aufseher! Ich fange an, von starkem Zweifel an die Dreieinigkeit geplagt zu werden. Der Balgentreter . Ja, das sagte ich ja! Windrank . Nein, ich meine an Eure Dreieinigkeit! Der Balgentreter . Wie meint der Herr Kapitän – Windrank . Ihr seid eigentlich vier Personen – Der Balgentreter . Vier? Was sollten das für vier sein? Windrank . Natürlich noch Bierzapfer! Solltet Ihr das nicht auch sein? Der Balgentreter . Still, still! Das ist nur des Nachts! Beide (fallen über das zerschlagene Heiligenbild) . Windrank . Hu! Gespenster! Hilfe! Jungfrau Maria! Der Balgentreter (steht auf und hebt das Heiligenbild vom Boden auf) . Ja, sollten einem da nicht die Haare zu Berge stehen können? Hier liegt, Gott hilf mir, der heilige Nikolaus kurz und klein geschlagen und schwimmt im Bier herum! Das geht doch über den Spaß, daß das Göttliche so in den Kot gezogen wird. Die Welt steht sicher nicht mehr lange; geht es so dem trocknen Holz – Windrank (der sich gefaßt hat) . – dem nassen, meint Ihr! Der Balgentreter . Halt deinen Mund, du Gotteslästerer! Der heilige Nikolaus ist mein Schutzpatron. Ich bin an seinem Tage geboren. Windrank . Daher liebt ihr beide vermutlich so sehr das Bier. Der Balgentreter . Ja, es ist jetzt freilich Mode, Ketzer zu sein. Windrank . Das muß wohl in der Luft liegen, denn ich bin sonst ein sehr gottesfürchtiger Mensch. Na, seid nun nicht mehr verdrießlich, dann werde ich sehen, Euch den Sankt Niklas wieder zusammenzuleimen. Der Balgentreter (ruft in die Kirche hinein) . Kathrine! Windrank . Still, still! Ruft doch, zum Teufel, nicht die Gespenster herbei! Der Balgentreter . Ach, schämt Euch was! Beide (gehen ab) .   Verwandlung. Die Sakristei der Kirche. Im Hintergrunde eine Tür, seitwärts eine kleine Tür zur Kanzel hinauf. Chorröcke und Meßgewänder an den Wänden. Betschemel und einige kleinere Truhen. Die Sonne scheint durch ein Fenster hinein. Die Glocken läuten. Man hört von der linken Seite her ein ununterbrochenes Gemurmel.   Siebenter Auftritt. Der Balgentreter und seine Frau kommen herein, bleiben an der Tür stehen und verrichten ein stilles Gebet. Der Balgentreter . So; spute dich jetzt, abzustäuben, Kathrinchen! Die Frau . Ach, das kommt wohl nicht so darauf an, heute soll ja nur der Meister Olaf predigen. Ich begreife nicht, wie das Kapitel so etwas hat gestatten können. Der Balgentreter . Er hat die Erlaubnis vom Könige, mußt du wissen! Die Frau . Ja so! Der Balgentreter . Und dann hat er eine Kanzel, die einem Korbe gleicht, an der Wand aufstellen dürfen; stets neue Einfälle! Ja, der Luther, der Luther! Die Frau . Das wird heute wohl dieselbe Geschichte werden wie gestern! Ich glaubte wirklich, sie hätten die ganze Kirche niedergerissen. Der Balgentreter (trägt einen Becher Wasser auf die Kanzel hinauf) . Er kann heute wohl etwas brauchen, sich die Kehle anzufeuchten, der Arme. Die Frau . Ach, das wird den Kohl nicht fetter machen, meine ich. Der Balgentreter (oben auf der Kanzel) . Kathrine! Dort kommt der Magister! Die Frau . Das ist ja schrecklich, und sie haben noch nicht die Priesterglocke geläutet! Ja, für ihn wird wohl nicht einmal geläutet! Olaf (tritt ernst und feierlich herein, geht zu einem Betschemel hin und fällt auf die Knie) .   Achter Auftritt. Die Vorigen. Olaf. Der Balgentreter (kommt herunter und nimmt ein Meßgewand, das er Olaf hinhält) . Olaf (steht auf) . Gott zum Gruß! Die Frau (verneigt sich und geht) . Der Balgentreter (hält Olaf das Gewand hin) . Olaf . Laßt es hängen! Der Balgentreter . Will der Magister kein Ornat anlegen? Olaf . Nein. Der Balgentreter . Aber das pflegt man immer zu tun! Und die Stola? Olaf . Ist nicht nötig. Der Balgentreter . Na, das muß ich sagen! Olaf . Seid so gut, mich allein zu lassen, lieber Freund! Der Balgentreter . Soll ich fortgehen? Ich pflege sonst – Olaf . Tut mir den Gefallen. Der Balgentreter . Ja so! Na, aber ich muß doch erst den Magister wissen lassen, daß ich das Meßbuch rechts hingelegt habe, wenn man hinaufkommt, und dann habe ich ein Zeichen hineingelegt, wo der Magister aufhören soll, und daneben habe ich einen Becher Wasser hingestellt. Aber der Magister muß nicht vergessen, das Stundenglas umzukehren, sonst könnte es leicht geschehen, daß es zu lange währt – Olaf . Seid ohne Furcht, es werden schon genug Leute kommen, die sagen, wenn ich schließen soll. Der Balgentreter . Ja, Gott behüte, ich bitte um Vergebung! Wir haben hier nun so unsern Brauch. Olaf . Sagt mir, was ist das für ein dumpfes Murmeln, das ich hier nebenan höre? Der Balgentreter . Das ist ein frommer Bruder, der für eine arme Seele betet. (Er geht ab.) Olaf . »So begürte nun deine Lenden und mache dich auf und predige ihnen alles, was ich dir heiße.« – Gott hilf mir! (Er wirft sich auf einem Betschemel nieder, entdeckt ein Stück Papier und liest.) »Tritt heute nicht auf; man trachtet dir nach dem Leben!« – Das hat der Versucher geschrieben! (Er zerreißt das Papier.) Die Mutter Olafs (tritt herein) .   Neunter Auftritt. Olaf. Die Mutter Olafs. Die Mutter Olafs . Du bist auf Irrwegen, mein Sohn! Olaf . Wer weiß! Mutter . Ich weiß es! Aber als Mutter reiche ich dir die Hand. Kehre um! Olaf . Wo willst du mich hinführen? Mutter . Zu Gottesfurcht und Tugend! Olaf . Ist der Kanzleibeschluß des Papstes Gottesfurcht und Tugend, dann ist es zu spät. Mutter . Es handelt sich nicht um die Lehre allein, sondern um das Leben. Olaf . Ich weiß, du spielst auf die Gesellschaft an, in der ich mich gestern abend befand, aber ich bin zu stolz, um dir darauf Antwort zu geben. Es würde auch nichts nützen. Mutter . O, daß ich solchen Lohn für die Opfer erhalten sollte, die ich gebracht habe, damit du in die Welt hinauskommen konntest und etwas lernen! Olaf . Dein Opfer soll bei Gott nicht ohne Frucht bleiben! Dir, Mutter, habe ich für diesen Tag zu danken, da ich endlich mit offener Stirn hervortreten und Worte der Wahrheit sprechen darf. Mutter . Sprichst du von Wahrheit, du, der du dich zum Propheten der Lüge gemacht hast! Olaf . Das war ein hartes Wort, Mutter! Mutter . Habe etwa ich und alle Geschlechter vor mir im Glauben an eine Lüge gelebt? Olaf . Es war keine Lüge, aber es ist eine geworden. Als du jung warst, hattest du recht, Mutter; wenn ich alt werde – ja, dann habe ich vielleicht unrecht. Man wächst nicht mit der Zeit um die Wette. Mutter . Ich verstehe dich nicht. Olaf . Nein, und das ist mein einziger, meines Lebens größter Kummer! Alles, was ich in reinster Absicht tue oder unterlasse, muß dir als Verbrechen und Gottlosigkeit erscheinen. Mutter . Olaf! Ich kenne deinen Entschluß, ich kenne deine Verirrung – sie kann ich nicht erschüttern, denn du besitzest mehr Gelehrsamkeit als ich, und Gott wird dich schon auf den rechten Weg zurückführen, aber ich bitte dich, schone dein Leben, auf daß du nicht heute gerade in die Verdammnis hineinstürzest – verkürze nicht dein Leben! Olaf . Was meinst du damit? Man schlägt mich auf der Kanzel doch wohl nicht tot. Mutter . Hast du nicht gehört, daß Bischof Brask mit dem Papst wegen Einführung eines Gesetzes unterhandelt, das Ketzer zum Feuertode verdammt? Olaf . Die Inquisition? Mutter . Ja, so nennt man es. Olaf . Vergib mir, Mutter, ich muß jetzt auf die Kanzel hinauf und predigen! Mutter . Du sollst nicht! Olaf . Nichts wird mich daran hindern! Mutter . Ich habe zu Gott gebetet, er möchte dein Herz bekehren – ich will dir sagen, aber du mußt zu niemandem davon reden – ich war schwach von Alter, und meine Knie konnten mich nicht tragen, da suchte ich einen Diener des Herrn auf und bat ihn, der Gott so viel näher steht, für deine Seele Messen lesen zu lassen. Er verweigerte es, denn du wärest verflucht! O, es war entsetzlich! Gott vergebe mir die Sünde, ich bestach sein reines Gewissen mit Gold, mit teuflischem Golde, nur um dich zu erretten. Olaf . Was höre ich, Mutter! Das ist nicht möglich! Mutter (ergreift Olafs Hand und führt ihn an die linke Wand) . Hörst du? hörst du? Das ist er, der für dich dort drinnen in der Kapelle betet. Olaf . So, das war das Murmeln, welches ich vernahm! Wer ist es? Mutter . Du kennst ja den Dominikaner Morten – Olaf . Du läßt den Satan für mich Gebete lesen! Verzeihe, Mutter – für deine gute Meinung danke ich dir – aber – Mutter (weint; auf den Knien liegend) . Olaf! Olaf! Olaf . Bitte mich nicht! Einer Mutter Flehen kann Engel im Himmel zum Abfall verlocken. Nun ist der Psalm zu Ende, ich muß hinauf! Das Volk wartet! Mutter . Du bringst mich ins Grab, Olaf! Olaf (heftig) . Der Herr wird dich erwecken! (Er küßt ihre Hand.) Sprich nicht mehr zu mir, ich weiß selbst nicht, was ich rede! Mutter . Hörst du! Hörst du! Das Volk murrt! Olaf . Ich komme! Ich komme! Der Gott, der seine Hand über Daniel in der Löwengrube hielt, wird auch mich schirmen! (Er geht hinauf.) (Während der folgenden Szenen in der Sakristei hört man eine laute Stimme, ohne die Worte unterscheiden zu können. Wenn die Predigt eine Weile gewährt hat, vernimmt man ein Murren, welches nach und nach in Geschrei übergeht.)   Zehnter Auftritt. Die Mutter. Christina, Gerts Tochter. Christina (kommt herein) . Sahst du ihn, Mutter? Mutter . Du hier, Kind? Ich bat dich doch, zu Hause zu bleiben. Christina . Warum soll ich nicht in das Haus des Herrn? Du verbirgst mir etwas! Mutter . Geh heim, Christina! Christina . Darf ich Olaf nicht predigen hören? Es ist doch Gottes Wort, nicht wahr, Mutter? Mutter (schweigt) . Christina . Du antwortest nicht. Was bedeutet das? Hat Olaf nicht Erlaubnis, die Kanzel zu besteigen? Warum sehen alle Leute so geheimnisvoll aus? Sie murrten, als ich kam. Mutter . Frage mich nicht! Geh heim und danke Gott für deine Unwissenheit. Christina . Bin ich denn ein Kind, dem man nichts erzählen darf? Mutter . Deine Seele ist noch rein, sie darf nicht besudelt werden. Was hast du im Kampfe zu schaffen! Christina . Kampf? Ich ahnte so etwas! Mutter . Ja, hier gibt es Kampf, ziehe dich darum zurück. Du weißt, was unser Los ist, wenn die Männer Krieg führen. Christina . Laß mich nur wissen, worum sich der Kampf dreht! Die Unwissenheit macht mich unglücklich. Ich sehe ein entsetzliches Dunkel und Schatten, die sich darin bewegen. Gib mir Licht, auf daß ich Gewißheit bekomme! Vielleicht kenne ich diese Gespenster. Mutter . Du wirst erbeben, wenn du siehst, was es für welche sind. Christina . So laß mich denn erbeben, das ist mir weit lieber, als unter dieser entsetzlichen Ruhe zu leiden. Mutter . Rufe nicht den Blitz aus den Wolken hernieder – er zerschmettert dich! Christina . Du erschreckst mich! Aber sage mir die Wahrheit, ich muß sie wissen, sonst wende ich mich an jemand anders. Mutter . Ist es dein fester Entschluß, in die heiligen Mauern des Klosters einzugehen? Christina . Es war der Wille meines Vaters! Mutter . Du schwankst? Christina (schweigt) . Mutter . Es gibt ein Band, das dich zurückhält? Christina . Du weißt es! Mutter . Ich weiß es – aber du mußt es zerreißen. Christina . Das ist fast unmöglich. Mutter . Ich werde dich befreien, Kind, denn noch kannst du befreit werden; ich will dem Herrn mein größtes Opfer bringen, wenn nur eine Seele von der Verdammnis errettet werden kann! Mein Sohn – Christina . Olaf – Mutter . Olaf ist verloren – hörst du – und ich, seine Mutter, muß es dir sagen! Christina . Verloren? Mutter . Er ist ein Prophet der Lüge! Der Teufel hat sich seiner Seele bemächtigt! Christina (heftig) . Das ist nicht wahr! Mutter . Wollte Gott, es wäre so! Christina . Warum – warum sagst du mir das erst jetzt? – Aber es ist nicht wahr, es ist ja eine Lüge! (Sie geht zur Tür und öffnet sie ein wenig.) Sieh ihn, Mutter, wie er da steht! Ist das der böse Geist, der aus seinem Munde spricht, ist das eine Lohe der Hölle, die in seinen Augen brennt, verkündet man Lüge mit bebenden Lippen, kann das Dunkel Licht ausstrahlen, siehst du nicht die Glorie um sein Haupt? Du hast unrecht, das fühle ich! Ich weiß nicht, welche Lehre er verkündet, ich weiß nicht, was er verleugnet, aber er hat recht! Er hat recht, und Gott ist mit ihm! Mutter . Du kennst nicht die Welt, Kind! Du kennst nicht die Ränke des Teufels – hüte dich! (Sie zieht Christina von der Tür fort.) Du darfst ihn nicht hören, deine Seele ist schwach, er ist der Apostel des Antichrist! Christina . Wer ist der Antichrist? Mutter . Er ist lutherisch! Christina . Du hast mir niemals gesagt, wer Luther ist, aber ist Olaf sein Apostel, dann ist Luther groß! Mutter . Luther ist vom Teufel besessen! Christina . Warum hat man mir das nicht früher gesagt? Jetzt glaube ich es nicht. Mutter . Ich sage dir es jetzt – weh mir! Ich wollte dich von der Welt des Bösen fernhalten, darum hielt ich dich in Unwissenheit – Christina . Ich glaube dir nicht! Laß mich los, ich muß ihn sehen, ich muß ihn hören, denn er spricht nicht wie die andern! Mutter . Jesus, mein Erlöser! Auch du bist vom unreinen Geiste besessen! Christina (an der Tür) . »Ihr sollt die Seelen nicht fesseln,« sagte er – höre nur! »Ihr seid frei, denn Gott hat euch frei gemacht!« Siehst du, das Volk erbebt bei seinem Wort – nun stehen sie auf, sie murren. »Ihr wollt die Freiheit nicht haben, wehe euch, das ist Sünde gegen den heiligen Geist.« Der Balgentreter (kommt herein) .   Elfter Auftritt. Die Vorigen. Der Balgentreter. Der Balgentreter . Ich glaube nicht, daß es rätlich ist, daß die Frauen hier bleiben, denn die Menge fängt an, unruhig zu werden. Das nimmt sicher kein gutes Ende für Meister Olaf! Mutter . Jesus Maria! Was sagt Ihr? Christina . Fürchte nichts – Gottes Geist ist mit ihm! Der Balgentreter . Ja, das ist wohl möglich, predigen tat er wie ein Meister; ich bin ein alter Sünder, aber ich konnte es nicht unterlassen zu weinen, als ich dort oben auf dem Orgelchor saß. Ich kann gar nicht begreifen, wie ein Ketzer und Antichrist so reden kann! Ja, der Luther, der Luther! (Geschrei in der Kirche.) So, nun wird hier wieder großer Lärm entstehen, und der König muß gerade fort sein! Mutter . Laß uns gehen! Ist Gott mit ihm, können sie ihm nichts Böses antun! Und ist es der Teufel – dann geschehe dein Wille, Herr, aber vergib ihm! (Geschrei von draußen.) Alle drei (gehen ab) ( (Die Szene ist einen Augenblick leer, man hört nur Olafs Stimme deutlicher, unterbrochen von Rufen und Steinwürfen.) Christina (kommt allein zurück und schließt die Tür von innen; sie kniet auf einem Betschemel nieder. Man hört starke Schläge gegen die Tür; Tumult in der Kirche, der nach und nach abnimmt) . Olaf (kommt mit blutiger Stirn und verstörtem Aussehen zurück) .   Zwölfter Auftritt. Olaf. Christina. Olaf (ohne Christina zu sehen, wirft sich auf einen Stuhl) . Vergebens! Sie wollen nicht! Ich löse die Fesseln des Gefangenen, und er schlägt mich; ich sage: »Du bist frei!« und er glaubt mir nicht! Ist das Wort denn so groß, daß es in einem Menschenhirn nicht Platz finden kann? O, daß es nur einen gäbe, der glaubt – aber nun, so einsam – ein törichter Mensch, den niemand versteht – Christina (tritt hervor) . Olaf! Ich glaube an dich! Olaf . Christina! Christina . Du hast recht! Olaf . Wie weißt du das? Christina . Ich weiß es nicht, aber ich glaube es! Ich hörte dich soeben reden! Olaf . Und du fluchst mir nicht? Christina . Was du predigst, ist es nicht Gottes Wort? Olaf . Ja! Christina . Warum hat man uns das nicht früher gesagt, oder warum spricht man eine Sprache, die wir nicht verstehen? Olaf . Wer hat dir die Worte in den Mund gelegt, Mädchen? Christina . Wer? Darüber habe ich nicht nachgedacht. Olaf . Dein Vater? Christina . Er will, daß ich ins Kloster gehen soll. Olaf . Ist es so weit gekommen? Und was willst du selbst? Christina (sieht Olafs verwundete Stirn) . Olaf! Man hat dich getroffen; um Gottes willen, laß mich die Wunde verbinden! Olaf (setzt sich) . Christina, habe ich deinen Glauben erschüttert? Christina (nimmt die Stola, reißt sie entzwei und verbindet Olaf während des Folgenden) . Meinen Glauben? Ich verstehe dich nicht! – – Sage mir, wer ist Luther? Olaf . Das darf ich nicht sagen. Christina . Immer dieselbe Antwort! So sagt mein Vater, so sagt deine Mutter, und so sagst du. Darf man mir denn nicht die Wahrheit sagen, oder ist die Wahrheit gefährlich? Olaf . Die Wahrheit ist gefährlich! Das siehst du ja! (Er zeigt auf seine Stirn.) Christina . So willst du also, ich soll in eine Klosterzelle eingesperrt werden, um ein lebloses Leben in Unwissenheit zu verbringen? Olaf (schweigt) . Christina . Du willst, ich soll mein Leben, meine Jugend hinweinen und die langen, ewigen Gebete hermurmeln, bis meine Seele eingeschlafen ist. Nein – das will ich nicht, denn nun bin ich erwacht, man kämpft um mich herum, man leidet und verzweifelt; ich sehe es, aber ich darf nicht mit dabei, nicht einmal Zuschauer sein, nicht einmal wissen, wofür man kämpft. Ihr haltet mich in tierischem Schlaf, glaubt ihr denn nicht, daß auch ich eine Seele habe, die nicht von Brot oder trockenen Gebeten, die man mir in den Mund gelegt hat, satt wird. »Fesselt nicht die Geister,« sagtest du. O, wenn du wüßtest, wie dieses Wort mich traf – es wurde Tag, und das wilde Schreien dort drinnen klang wie der Vögel Morgengesang – Olaf . Christina, du bist ein Weib, du bist nicht geboren, um zu streiten. Christina . Aber so laß mich denn in Gottes Namen leiden, wenn ich nur nicht mehr zu schlafen brauche! Seht ihr, Gott erweckte mich doch! Ihr hattet niemals gewagt mir zu sagen, wer der Antichrist sei, ihr hattet mich niemals wissen lassen, wer Luther sei, aber als deine Mutter mich damit erschreckte, daß du ein Anhänger Luthers wärest, da segnete ich Luther. Ist er ein Ketzer oder ein Rechtgläubiger? Das weiß ich nicht, und ich mache mir auch nichts daraus, es zu wissen, denn weder Luther, noch der Papst, noch der Antichrist kann meine unsterbliche Seele zufriedenstellen, wenn ich nicht den Glauben an den ewigen Gott habe. Olaf . Christina! Willst du mir in dem Kampf folgen? Du kannst mich stützen, denn du bist die einzige! Christina . Nun kann ich dir ein offenes Ja antworten, denn ich weiß, was ich will, und ohne meinen Vater um Erlaubnis zu fragen, denn ich bin frei! O, ich bin frei! Olaf . Weißt du auch, was für ein Leben dich erwartet? Christina . Nun kenne ich es! Und du sollst nicht nötig haben, erst falsche Traumbilder zu zerstören, denn sie sind entschwunden; aber wissen sollst du, daß auch ich von dem Ritter geträumt habe, der kommen sollte und mir ein Königreich bieten, und der von Blumen und Liebe sprach. – Olaf, ich will dein Weib werden, hier meine Hand! Und doch sage ich dir: du warst niemals der Ritter meiner Träume, und ich danke Gott, daß er niemals kam, denn dann wäre er wieder entschwunden wie ein Traum. Olaf . Du willst die Meine werden, Christina, und du sollst glücklich werden, denn du warst es, die mir in ihren Gedanken folgte, als ich traurig war und in Versuchung, und nun sollst du mir zur Seite stehen! Du warst die Maid meiner Träume, die im Turm bei dem gestrengen Burgherrn gefangen saß, und nun bist du mein! Christina . Hüte dich vor Träumen, Olaf! (Es ertönen Schläge gegen die Tür.) Olaf . Wer ist da? Gerts Stimme (von außen) . Gert! Olaf . Was wird er sagen? Mein Versprechen! Christina . Fürchtest du dich? Soll ich öffnen? Olaf (schließt auf) . Gert (tritt herein) .   Dreizehnter Auftritt. Die Vorigen. Gert. Gert (stutzt) . Christina? – Olaf! Du hast dein Versprechen gebrochen! Olaf . Nein! Gert . Du lügst! Du hast mir mein Kind, meinen einzigen Trost gestohlen. Christina . Olaf lügt nicht! Gert . Du bist in der Kirche gewesen, Christina? Christina . Ich habe gehört, was du nicht wolltest, daß ich hören sollte. Gert . Herr, du vergönntest mir nicht meine einzige Freude! Olaf . Der Strom, den du loslassen wolltest, fordert seine Opfer, wo er sie trifft. Gert . Du hast sie geraubt, mein Kind! Olaf . Gib sie mir, Vater Gert! Gert . Niemals! Olaf . Ist sie nicht frei? Gert . Sie ist mein Kind! Olaf . Predigst du nicht Freiheit? Sie ist mein! Gott hat sie mir gegeben, und du kannst sie mir nicht nehmen. Gert . Du bist, Gott sei gelobt – ein Priester! Olaf und Christina . Ein Priester! Gert . Und darfst also keine Ehe eingehen. Olaf . Aber wenn ich es nun doch täte? Gert . Wagst du das? Olaf . Ja! Gert . Willst du einen Mann haben, Christina, auf dem der Bann ruht? Christina . Ich weiß nicht, was das ist. Olaf . Siehst du, Gert! Siehst du! Gert . Du strafst mich hart, mein Gott! Olaf . Die Wahrheit ist für alle! Gert . Eure Liebe ist größer als die meine! Sie bestand nur in Selbstsucht. Gott segne euch! Nun stehe ich allein! (Er umarmt sie.) So, geh nun heim, Christina, und beruhige die Mutter. Ich will mit Olaf reden. Christina (geht ab) .   Vierzehnter Auftritt. Gert. Olaf. Gert (zu Olaf) . Nun bist du mein! Olaf . Was sagst du? Gert . Mein Verwandter! – Bekamst du meinen Brief? Olaf . Warst du es, der mir riet, nicht zu predigen? Gert . Im Gegenteil, obschon ich mich ein wenig sonderbar ausdrückte. Olaf . Ich verstehe dich nicht. Gert . Nein, du bist noch zu jung dazu – darum bedarfst du eines Leiters! Zu einem Menschen wie du sagt man: »Laß das sein,« wenn man etwas getan haben will. Olaf . Warum warst du mit deinen Freunden nicht in der Kirche? Gert . Nur die Kranken bedürfen des Arztes – wir arbeiteten auf unserer Seite. Du hast heute ein gutes Stück Arbeit vollbracht, und ich sehe, du hast deinen Lohn bekommen! Ich habe dich heute befreit, Olaf! Olaf . Du? Gert . Der König befahl dir, die Aufrührer zur Ruhe zu bringen, und was hast du getan? Olaf . Nun fange ich an, dich zu verstehen, Vater Gert! Gert . Das freut mich! – Ja, du hast die Ruhigen in Aufruhr versetzt! Olaf . Ja, das habe ich. Gert . Was, glaubst du, wird der König dazu sagen? Olaf . Das nehme ich auf mich! Gert . Gut! Olaf . Der König wird meinem Tun beistimmen, denn er will eine Reformation, wagt es aber selbst noch nicht. Gert . Tor! Olaf . Ich sehe, du willst mich gegen meinen gesetzmäßigen König aufwiegeln. Gert . Sage mir: wieviel Herren, glaubst du, kannst du dienen? Olaf (schweigt) . Gert . Der König ist hier! Olaf . Was sagst du? Gert . Der König kehrte jetzt gerade zurück. Olaf . Und die Wiedertäufer? Gert . Sind natürlich gefangen. Olaf . Und du stehst hier ganz ruhig? Gert . Ich bin jetzt alt, ich habe auch ebenso wie du getobt, aber ich wurde nur müde. Rink und Knipperdollink sind mein Vortrab gewesen. Sie mußten fallen, das war klar; nun beginnt meine Arbeit. (Trommelschlag draußen auf der Straße.) Olaf . Was ist das? Gert . Das sind die königlichen Trommler, welche den Gefangenen auf dem Wege zum Gefängnis Gesellschaft leisten! Komm, dann wirst du sehen! Olaf (steigt auf eine Bank und sieht durch das Fenster hinaus) . Was sehe ich! Weiber und Kinder werden von den Trabanten fortgeschleppt. Gert . Nun ja, sie haben die Wache des Königs mit Steinen beworfen, das geht doch nicht an. Olaf . Soll man denn kranke und verrückte Menschen ins Gefängnis werfen? Gert . Es gibt zwei Arten Verrückter. Die einen bringt man ins Hospital und gibt ihnen Pillen und kalte Bäder, der andern Art haut man den Kopf ab; das ist eine radikale Kur, aber das ist auch eine gefährliche Art Verrücktheit. Olaf . Ich gehe zum König; er kann zu diesen Schändlichkeiten nicht seine Zustimmung gegeben haben. Gert . Hüte deinen Kopf, Olaf! Olaf . Hüte dich selbst, Vater Gert! Gert . Mit mir hat es keine Gefahr; ich bin auf dem Hospital eingeschrieben. Olaf . Ich kann es nicht ertragen, das anzusehen; ich gehe zum König, und sollte es mein Leben kosten! (Er geht nach der Tür.) Gert . Das ist eine Sache, die der König nicht entscheidet! Du mußt dich ans Gesetz wenden. Olaf . Der König ist das Gesetz! Gert . Ja, leider! – Wenn das Pferd seine Kraft kennen würde, dann wäre es nicht so verrückt, wie es ist, unterm Joch zu gehen – wird es einen Augenblick klug und läuft seinen Unterdrückern davon – dann nennt man es verrückt. – Laß uns für den Verstand dieser Armen zu Gott beten! Dritter Aufzug Ein Saal im Schlosse zu Stockholm. Im Hintergrunde eine Galerie, die später durch einen Vorhang geschlossen wird. Ein älterer Diener geht in der Galerie wartend auf und ab. Erster Auftritt. Olaf. Ein Diener. Olaf (tritt herein) . Ist der König heute zu sprechen? Diener . Ja. Olaf . Kannst du mir sagen, warum man mich vier Tage hintereinander vergebens hat herkommen lassen? Diener . Nein, das weiß ich nicht. Olaf . Es kommt mir sonderbar vor, daß ich nicht vorgelassen wurde. Diener . Worum handelt es sich? Olaf . Das geht dich nichts an. Diener . Nein, das ist schon wahr. Aber ich glaubte, ich könnte vielleicht einige Aufklärungen geben. Olaf . Pflegst du die Audienzen des Königs zu erledigen? Diener . Nein, Gott behüte! Aber wenn man soviel hört, wie ich, weiß man doch immer mit diesem und jenem Bescheid. (Pause.) Olaf . Dauert es noch lange? Diener (tut, als wenn er nicht hört) . Olaf . Weißt du, ob der König bald kommt? Diener (Olaf den Rücken wendend) . Was? Olaf . Weißt du nicht, mit wem du sprichst? Diener . Nein, das weiß ich nicht. Olaf . Ich bin des Königs Sekretarius. Diener . Nein, heiliges Kreuz, seid Ihr der Meister Olaf! Dann habe ich ja Euern Vater gekannt, den Schmied Peder, denn ich bin auch aus Örebro, müßt Ihr wissen. Olaf . Kannst du nicht trotzdem höflich sein? Diener . Ja, ja, so geht es, wenn man hier in der Welt vorwärts kommt; dann vergißt man seine armen Eltern. Olaf . Daß mein Vater dich wirklich mit seiner Bekanntschaft beehrt hat, will ich nicht bestreiten; aber daß er bei seinem Tode dich zu meinem Vater eingesetzt haben sollte, glaube ich nicht. Diener . Ja, ja, da kann man sehen! Die arme Frau Christina! (Er geht links hinaus. Pause.) Reichsmarschall Lars Siggeson (kommt von rechts) .   Zweiter Auftritt. Die Vorigen. Reichsmarschall Lars Siggeson. Der Marschall (ohne Olaf anzusehen, wirft ihm den Mantel zu) . Kommt der König bald? Olaf (nimmt den Mantel und wirft ihn auf den Boden) . Das weiß ich nicht. Marschall . Verschaffe mir einen Stuhl. Olaf . Das ist nicht mein Amt. Marschall . Ja, ich kenne nicht die Instruktionen des Türwächters. Olaf . Ich bin nicht Türwächter. Marschall . Es ist mir gleichgültig, was du bist oder nicht bist; ich trage keine Liste der Dienerschaft bei mir. Aber höflich sollst du sein. Olaf (schweigt) . Marschall . Na, wird's bald? Ich glaube, du bist vom Teufel besessen! Olaf . Um Vergebung, aber es gehört nicht zu meinen Amtsgeschäften als Sekretarius aufzuwarten. Marschall . Was? Meister Olaf! Ja so; es macht Euch Spaß an der Tür zu sitzen und den Diener zu spielen, um Euch später als Gott zu entpuppen! Ich glaubte, Ihr wäret ein stolzer Mann! (Er hebt den Mantel auf und legt ihn auf die Bank.) Olaf . Herr Marschall! Marschall . Nein, Ihr seid also ein eitler Emporkömmling! Seid so gut, tretet näher und setzt Euch, Herr Sekretarius! (Er weist ihm einen Platz an und geht in ein Nebenzimmer hinein.) Olaf (setzt sich) . Ein junger Edelmann (grüßt Olaf von der Galerie her) .   Dritter Auftritt. Olaf. Edelmann. Edelmann . Guten Morgen, Herr Sekretarius! Kommt noch niemand? Na, wie steht's hier zu Hause in Stockholm? Ich komme direkt von Malmö. Olaf . Hier sieht es sehr traurig aus. Edelmann . Ja, ich habe davon reden gehört. Das Pack setzt sich auf die Hinterbeine, sobald der König nur den Rücken wendet. Und dann diese dummen Priester! Ja, entschuldigt, aber Ihr seid ja Freidenker, Herr Sekretarius? Olaf . Ich verstehe Euch nicht. Edelmann . Macht nur keine Umschweife! Seht, ich habe meine Ausbildung in Paris erhalten. Franz der Erste, o Saint Sauveur! das ist ein vorgeschrittener Mann! Wißt Ihr, was er auf einem bal masqué , jetzt beim letzten Karneval, zu mir sagte? Olaf (schweigt) . Edelmann . » Monsieur ,« sagte er, » la religion est morte, est morte, « sagte er; aber darum geht er doch in die Messe! Olaf . So? Edelmann . Und wißt Ihr, was er antwortete, als ich ihn fragte, warum er das täte? – »Poesie! Poesie!« sagte er; o, er ist göttlich? Olaf . Was sagtet Ihr darauf? Edelmann . Euer Majestät, sagte ich – natürlich auf Französisch – glücklich das Land, welches einen König hat, der seinen Blick so über den engen Kreis der Zeit hinausrichten kann, daß er die Forderung des Zeitgeistes erkennt, aber gleichwohl nicht mit Gewalt die schlafenden Massen zwingen will, sich eine höhere Anschauung anzueignen, zu der heranzureifen ihnen Jahrhunderte nötig sind! War das nicht gut gesagt? Olaf . O ja! Aber es ging wohl viel durch die Übersetzung verloren! So etwas muß auf Französisch gesagt werden! Edelmann (zerstreut) . Darin habt Ihr vollkommen recht! – Sagt mir einmal – Ihr dürftet fortune machen! Ihr seid Eurer Zeit ja weit voraus! Olaf . Nicht so weit wie Ihr glaubt, fürchte ich. Leider ist meine Ausbildung vernachlässigt worden. Ich habe sie, wie Ihr wißt, in Deutschland erhalten, und die Deutschen sind noch nicht über die Religion hinausgekommen. Edelmann . Nicht wahr? Aber hört einmal: könnt Ihr mir all' das Geschwätz von der Reformation in Deutschland erklären? Luther ist ein aufgeklärter Mann, das weiß ich, ich glaube es in jedem Fall, aber das kann er ja für sich behalten oder wenigstens sollte er nicht Funken in die rohen Massen hinausschleudern, wo sie doch immer Perlen unter Säuen bleiben müssen. Erhebt man den Blick über die Zeit hinaus und geht mit den großen Gedankenströmungen ein wenig mit, dann wird man leicht die Ursachen des Mißverhältnisses im Gleichgewicht gewahr werden, welches sich nun in den großen Kulturländern bemerkbar macht – ich spreche nicht von Schweden, denn das ist kein Kulturland. Wißt Ihr, was der Schwerpunkt ist, der Schwerpunkt, bei dessen Verrückung alles aus dem Leim geht und ohne dessen feste Beibehaltung alles umstürzt? Das ist der Adel! Der Adel ist die Intelligenz! Die Feudalmacht ist in Auflösung – das heißt die Welt, die Bildung ist in Auflösung, die Kultur stirbt hin. Ihr glaubt es nicht? Der kleinste historische Überblick wird es Euch zeigen. Es war der Adel, der die Kreuzzüge machte, der Adel machte dies und der Adel machte das ! Warum ist Deutschland zersplittert? Weil die Bauern, welche sich gegen den Adel erheben, ihren eigenen Kopf abhauen. Warum ist in Frankreich Einigkeit, la France ? Weil Frankreich der Adel ist, und der Adel Frankreich, das sind identische Begriffe, sie sind geradezu solidarisch! Warum, frage ich wieder, ist Schweden zurzeit in seinen Grundfesten erschüttert? Weil der Adel niedergebrochen ist. Christian der Zweite war ein schlauer Mann, er wußte, wie man ein Land erobern muß, er sägte nicht einen Arm oder ein Bein ab, nein er haute den Kopf herunter! Nun wohl, Schweden soll befreit werden, und der König weiß die Art und Weise: der Adel soll sich wieder erheben und die Kirche unterdrückt werden! – Wie meintet Ihr? Olaf (steht auf) . Ich sagte nichts. (Pause.) Ihr seid Freidenker? Edelmann . Natürlich. Olaf . So glaubt Ihr nicht, daß Bileams Esel reden konnte? Edelmann . Nein, freilich nicht! Olaf . Aber ich tue es. Edelmann . Wirklich? Laurentius Andreae (kommt herein) .   Vierter Auftritt. Die Vorigen. Laurentius Andreae und andere Hofleute. Laurentius Andreae . Grüß dich Gott, Olaf. Olaf (umarmt ihn) . Willkommen, Laurentius. Edelmann (geht) . Populace ! Laurentius Andreae . Wie geht's dir hier? Olaf . Hier ist es so eng. Laurentius Andreae . Ja, ja! Olaf . Und dann so bedrückt! Laurentius Andreae . Daher fällt es ihnen auch so schwer, gerade einherzugehen. Olaf . Ich bin innerhalb zehn Minuten in dem Grade Hofmann geworden, daß ich gelernt habe, meinen Mund zu halten, wenn ein Esel redet. Laurentius Andreae . Ja, das schadet nichts. Olaf . Worauf sinnt der König? Laurentius Andreae . Davon spricht er nicht. (Es versammeln sich indessen immer mehr Hofleute.) Olaf . Wie sieht er aus? Laurentius Andreae . Wie ein Fragezeichen mit verschiedenen Ausrufungszeichen dahinter. Bischof Brask (tritt herein) . Alle (weichen zur Seite) . Der Marschall (der indessen zurückgekommen ist, geht ihm entgegen und begrüßt ihn) . Olaf (grüßt ihn auch) .   Fünfter Auftritt. Die Vorigen. Bischof Brask. Der Marschall. Dann Diener. Brask (sieht erstaunt aus; zum Marschall) . Ist dies der Platz des Schreibers? Marschall . Er sollte es nicht sein, aber unser König ist so außerordentlich gnädig. Brask . Herablassend, meint Ihr! Marschall . Gewiß! Brask . Heute ist große Audienz. Marschall . Hauptsächlich Glückwunschbesuch, wegen der glücklichen Rückkehr seiner Gnaden. Brask . Es ist eine wahre Freude, Herr Marschall, unserm König unsre ungemischte Teilnahme gelegentlich der glücklichen Lösung der Frage zu beweisen. Marschall . Ihr seid allzu artig, Herr Bischof, daß Ihr Euch einen so weiten Weg herbemüht habt, obendrein in Eurem Alter. Brask . Ja, und mit der Gesundheit will es nicht immer ganz nach Wunsch gehen. Marschall . Ist Eure Gesundheit, Herr Bischof, nicht so gut, wie Ihr es wünschtet? Es ist immer traurig, wenn die Kräfte nicht mehr ganz ausreichen wollen, namentlich wenn man ein so hohes und verantwortungsvolles Amt bekleidet. Brask . Der Herr Marschall sehn sehr wohl aus! Marschall . Ja, Gott sei Lob! (Pause.) Brask (setzt sich) . Finden der Herr Marschall nicht, daß es hier zieht? Marschall . O ja, daran fehlt es nicht. Sollen wir vielleicht sagen, daß man die Tür schließen möchte? Brask . O nein, ich danke, ich glaube nicht, daß es nötig ist. (Pause.) Marschall . Der König läßt lange auf sich warten. Brask . Ja. Marschall . Es lohnt vielleicht nicht, sein Kommen abzuwarten? Brask . Das ist schon möglich. Marschall . Wenn Ihr erlaubt, Herr Bischof, werde ich Eure Leute rufen lassen. Brask . Nein, habe ich so lange gewartet, so glaube ich doch, ich bleibe noch ein wenig hier. (Pause.) Der Diener . Seine Gnaden! König Gustav (kommt herein) .   Sechster Auftritt. Die Vorigen. König Gustav. Gustav . Willkommen, meine Herren! (Er setzt sich an den Tisch.) Wenn die Herren ins Vorgemach hinaustreten wollen, so werde ich einen nach dem andern empfangen. Alle (mit Ausnahme von Brask, ziehen sich zurück) . Gustav . Unser Marschall bleibt hier! Brask . Euer Gnaden! Gustav (mit lauterer Stimme) . Herr Siggeson! Brask (geht) . Marschall (bleibt) . (Pause.)   Siebenter Auftritt. Gustav. Marschall. Gustav . Sprecht, was soll ich tun? Marschall . Euer Gnaden! Der Staat hat seine Stütze verloren, darum wankt er; der Staat hat einen Feind, der übermächtig geworden ist. Richtet die Stütze, den Adel, wieder auf und vernichtet den Feind, die Kirche! Gustav . Ich wag' es nicht! Marschall . Euer Gnaden müssen! Gustav . Was sagst du? Marschall . Fürs erste: Brask steht in Unterhandlung mit dem Papst behufs Einführung der Inquisition; Lübeck pocht auf seine unverschämte Forderung und droht mit Krieg; die Schatzkammer ist leer, Aufruhr an allen Enden des Landes – Gustav . Genug! – Aber ich habe das Volk auf meiner Seite. Marschall . Vergebt, daß ich es leugnen muß! Die Dalekarlier zum Beispiel, ein verzogenes Volk, das sich mit den Lübeckern um die Ehre streitet, Schweden einen König gegeben zu haben, sind bereit, Aufruhr zu machen bei der ersten besten Gelegenheit und mit Forderungen hervorzutreten, wie die, »daß keine fremden Moden von buntfarbigen und faltenreichen Gewändern eingeführt werden dürften, wie es neulich am Hofe des Königs geschehen sei.« Gustav . Tod und Teufel! Marschall . »Jeder, der am Freitag oder Sonnabend Fleisch ißt, soll verbrannt oder auf andere Weise vom Leben zum Tode gebracht werden.« Ferner: »Es darf kein neuer Glaube oder lutherische Lehre eingeführt werden.« Gustav . Welche treulose, unverschämte Bevölkerung! Sie haben sich doch früher als brave Kerle gezeigt! Marschall . Ja, als ihr eigenes Haus in Flammen stand, war es wohl nichts Besonderes, daß sie Wasser herbeitrugen! Und wie oft haben sie nicht Gesetz und Treue gebrochen! Nein, sie haben ihr Lob so oft singen hören, daß sie ihre rohe Unverschämtheit für alte schwedische Ehrlichkeit ausgeben. Gustav . Du bist Edelmann. Marschall . Ja, und meine Überzeugung ist, daß der Bauer seine Rolle zu Ende gespielt hat: die der rohen Kraft, die den Feind mit der Stärke des Armes vertreibt. Euer Gnaden! Vernichtet die Kirche, denn sie hält das Volk in Fesseln, nehmt das Gold der Kirche und bezahlt die Schulden des Reiches – und gebt dem gesunkenen Adel wieder, worum die Kirche ihn geprellt hat. Gustav . Ruft Brask herein! Marschall . Euer Gnaden! Gustav . Bischof Brask! Marschall (geht) . Brask (kommt herein) .   Achter Auftritt. Gustav. Brask. Gustav . Seid so gut, Herr Bischof, das Wort zu nehmen. Brask . Ich wollte meinen Glückwunsch darbringen gelegentlich – Gustav . Danke, Herr Bischof! Weiter! Brask . Es sind leider von verschiedenen Teilen des Reichs Klagen eingelaufen betreffs der unbezahlten Silberanleihe, welche Euer Gnaden bei der Kirche aufgenommen hat. Gustav . Und welche Ihr nun zurückfordert! Werden wirklich all die Kelche bei der Kommunion gebraucht? Brask . Ja. Gustav . Laßt sie denn aus Zinnbechern trinken! Brask . Euer Gnaden! Gustav . Gibt es sonst noch etwas? Brask . Das Schlimmste von allem – Ketzerei! Gustav . Das geht mich nichts an, ich bin nicht der Papst. Brask . Ich muß Euer Gnaden wissen lassen, daß die Kirche sich selbst Recht verschaffen wird, selbst wenn sie dabei in Streit geraten sollte – Gustav . Mit wem? Brask . Mit dem Staate! Gustav . Der Teufel möge Eure Kirche holen! So, nun ist es heraus! Brask . Das weiß ich! Gustav . Und Ihr wartetet nur darauf, es aus meinem eigenen Munde zu hören? Brask . Ja! Gustav . Hütet Euch! Ihr reist mit zweihundert Mann Gefolge und speist auf Silber, während das Volk Rindenbrot ißt. Brask . Euer Gnaden fassen die Sache gar zu kleinlich auf. Gustav . Kennt Ihr denn Luther? Ihr seid ein aufgeklärter Mann! Was ist das für eine seltsame Erscheinung? Was sagt Ihr von der Bewegung, die ganz Europa durchdringt? Brask . Ein rückwärtiger Fortschritt! Luthers Rolle ist nur die, als Fegefeuer zu dienen für das Alte, in Jahrhunderten Gewonnene und Erprobte, in dem es gereinigt werden und siegreich aus dem Streite hervorgehen muß. Gustav . Ich kümmere mich nicht um eure gelehrten Disputationen. Brask . Aber Euer Gnaden beschützen die Verbrecher und greifen in das Recht der Kirche hinein. Meister Olaf hat die Kirche gröblich gekränkt. Gustav . So verflucht ihn! Brask . Ist bereits geschehen, aber er ist gleichwohl in Euer Gnaden Diensten. Gustav . Was wollt Ihr ihm weiter tun? Sagt! (Pause.) Brask . Ferner soll er so weit gegangen sein, daß er sich heimlich gegen das kanonische Gesetz verheiratet hat. Gustav . So? Das ist schnell gegangen! Brask . Darum kümmern sich Euer Gnaden auch nicht – sehr wohl; aber wenn er nun das Volk aufwiegelt? Gustav . Dann werde ich mich der Sache schon annehmen! Was weiter? Brask (nach kurzem Zögern) . Ich bitte Euch um des Himmels willen, stürzt das Land nicht von neuem ins Verderben! Es ist noch nicht reif für die neue Lehre! Wir sind schwache Binsen, die gebeugt werden können, aber der Glaube, die Kirche – niemals! Gustav (reicht ihm die Hand) . Ihr habt vielleicht recht! Laß uns Feinde sein, alter Bischof Hans, lieber als falsche Freunde! Brask . Wohl! Aber tut niemals etwas, was Ihr später bereuen könntet! Jeden Stein, den Ihr von der Kirche abreißt, wird das Volk Euch nachwerfen! Gustav . Treibt mich nicht zum Äußersten, Bischof, denn dann bekommen wir hier dasselbe furchtbare Schauspiel zu sehen, wie in Deutschland! Zum letztenmal: wollt Ihr nachgeben, wenn die Wohlfahrt des Reiches auf dem Spiele steht? Brask . Die Kirche – Gustav . Die Kirche natürlich zuerst! Lebt wohl! Brask (geht) . Marschall (kommt herein) .   Neunter Auftritt. Gustav. Marschall. Gustav . Der Bischof hat Eure Aussage bestätigt. Ja, das war der Sinn. Schafft mir nun Maurer, welche das Niederreißen verstehen! Die Wände sollen stehen, die Kreuze auf den Dächern sitzen bleiben und die Glocken in den Türmen hängen, aber die Keller sollen zugeworfen werden. Man beginnt von unten, seht Ihr! Marschall . Aber das Volk wird meinen, ihm solle der Glaube geraubt werden; es muß aufgeklärt werden. Gustav . Wir werden Meister Olaf hinaussenden, um zu predigen. Marschall . Meister Olaf ist ein gefährlicher Mann. Gustav . Er ist just der, dessen wir bedürfen. Marschall . Er ist wie ein Wiedertäufer vorgegangen, anstatt sie zu bekämpfen. Gustav . Ich weiß es. Darauf kommen wir später zurück. Schickt ihn herein! Marschall . Laurentius Andreae ist besser. Gustav . Schickt sie beide herein! Marschall . Oder Olafs Bruder, Laurentius Pederson. Gustav . Taugt noch nicht! Er ist zu weichherzig, um geschlagen zu werden. Seine Zeit kommt noch. Marschall (führt Olaf und Laurentius Andreae ein) .   Zehnter Auftritt Die Vorigen. Olaf. Laurentius Andreae. Gustav (zu Laurentius Andreae) . Willst du mir helfen, Laurentius? Laurentius Andreae . Es gilt der Kirche? Gustav . Ja, sie soll niedergebrochen werden! Laurentius Andreae . Dazu bin ich nicht der Mann. Aber wenn Euer Gnaden sich an Meister Olaf wenden wollten! Gustav . Du willst also nicht? Laurentius Andreae . Ich kann nicht! Aber eine Waffe kann ich Euch überlassen. (Er überreicht ihm die neue Bibelübersetzung.) Gustav . Die Heilige Schrift! Das war eine gute Waffe! Willst du sie führen, Olaf? Olaf . Ja, mit Gottes Hilfe! Gustav (gibt Laurentius Andreae einen Wink, sich zu entfernen) . Laurentius Andreae (geht ab) .   Elfter Auftritt Gustav. Olaf. Gustav . Bist du noch ruhig, Olaf? Olaf (schweigt) . Gustav . Ich gab dir vier Tage Bedenkzeit! Wie hast du deinen Auftrag wahrgenommen? Olaf (heftig) . Ich habe zum Volke gesprochen – Gustav . So, daß du noch jetzt Fieber hast! Du beabsichtigst die verrückten Menschen, die man Wiedertäufer nennt, zu verteidigen? Olaf (schroff) . Ja! Gustav . Ruhig! Du hast dich in großer Eile vermählt? Olaf . Ja! Gustav . Du bist verflucht? Olaf . Ja! Gustav . Und doch bist du gleich keck? Wenn du nun als Aufruhrstifter mit den andern zum Galgen wandern müßtest, was würdest du dann sagen? Olaf . Ich würde beklagen, daß ich meine Tat nicht vollenden konnte, aber Gott für das danken, was ich ausrichten durfte. Gustav . Es ist gut! Wagst du es mit dem alten Eulennest Upsala aufzunehmen und den Gelehrten zu erzählen, daß der Papst nicht Gott sei, und daß er nichts mit Schweden zu schaffen hätte? Olaf . Weiter nichts? Gustav . Willst du ihnen beweisen, daß einzig und allein die Bibel Gottes Wort ist? Olaf . Weiter nichts? Gustav . Luthers Namen darfst du aber nicht nennen! Olaf (nach einigem Bedenken) . Nein, dazu will ich mich nicht verpflichten! Gustav . Willst du lieber sterben? Olaf . Nein, mein König bedarf meiner. Gustav . Es ist nicht edelmütig von dir, Olaf, mein Unglück dir zunutze zu machen! So sage denn, was du willst; aber du mußt mir vergeben, wenn ich später etwas davon zurücknehme. Olaf . Man feilscht nicht mit der Wahrheit! Gustav . Donnerwetter! (Er beherrscht sich.) Tu, was du willst. Olaf (auf den Knien) . So darf ich denn alles sagen? Gustav . Ja! Olaf . So ist mein Leben nicht umsonst gewesen, wenn es mir nur gelingt, einen Funken von Zweifel in des schlafenden Volkes Seele hineinzuschleudern! Es wird also eine Reformation! Gustav (nach einer Pause) . Ja! (Pause.) Olaf (ängstlich) . Und was soll mit den Wiedertäufern werden? Gustav . Wie kannst du fragen? Sterben sollen sie! Olaf . Gestatten Euer Gnaden eine Frage? Gustav . Erkläre mir, was diese verrückten Menschen wollen? Olaf . Das Unglück ist, daß sie es selbst nicht recht wissen. Und sollte ich es sagen – – Gustav . Sprich aus! Gert (kommt schnell hinein, den Wahnsinnigen spielend) .   Zwölfter Auftritt. Die Vorigen. Gert. Gustav . Wer bist du, der es wagt sich hier hereinzudrängen? Gert . Ich ersuche Euer Gnaden alleruntertänigst um Bestätigung der Nichtigkeit dieser Erklärung. Gustav . Warte, bis du hereingerufen wirst! Gert . Ja, das würde ich gern tun, aber die Wache will nicht auf mich warten. Ich bin aus dem Gefängnis entflohen, müßt Ihr wissen, denn dort war nicht mein Platz. Gustav . Gehörst du zu den Wiedertäufern? Gert . Ja, ich wurde durch Zufall mit in die Sache verwickelt, aber hier habe ich ein Attest, daß ich ins Hospital, dritte Abteilung für Unheilbare, Zelle Nr. 7, hingehöre. Gustav (zu Olaf) . Rufe die Wache! Gert . Nein, das ist nicht nötig; ich fordere nur Gerechtigkeit, und darum kümmert sich die Wache nicht. Gustav (blickt Gert scharf an) . Bist du nicht bei den schändlichen Taten in den Kirchen der Stadt dabeigewesen? Gert . Ja, natürlich, denn so verrückt kann sich ein kluger Mensch doch nicht gebärden! Wir wollten nur einige kleine Veränderungen im Stil vornehmen; wir fanden es zu niedrig bis zur Decke. Gustav . Was wollt ihr eigentlich? Gert . Ach, wir wollen mancherlei, obschon wir noch nicht die Hälfte haben ausführen können; ja wir wollen so vieles, und es soll so schnell gehen, daß der Gedanke gar nicht folgen kann, und daher kommt es, daß er ein wenig zurückbleibt! Ja, und dann hätten wir gern einiges an den Tapeten in der Kirche geändert und die Fenster herausgenommen, denn es roch moderig darin. Ja, wir wollten noch vieles andere, aber das hat noch Zeit. Gustav (zu Olaf) . Das ist eine gefährliche Krankheit, denn weiter kann es nichts sein. Olaf . Wer weiß? Gustav . Nun bin ich müde. Vierzehn Tage hast du Zeit, dich vorzubereiten. Deine Hand darauf, daß du mir helfen willst! Olaf . Ich werde das Meinige tun! Gustav . Sorge dafür, daß Rink und Knipperdollink nach Malmö geführt werden. Olaf . Und dann? Gustav . Können sie ihres Weges gehen! Den verrückten Menschen da kannst du ins Hospital bringen lassen. Lebe wohl. (Er geht ab.)   Dreizehnter Auftritt. Gert. Olaf. Dann Diener. Gert (ballt hinter Gustav die Faust) . Sollen wir denn gehen? Olaf . Wohin? Gert . Nach Hause! Olaf (schweigt) . Gert . Willst du deinen Schwiegervater ins Narrenhaus einsperren, Olaf? Olaf . Wollen? Es ist meine Pflicht! Gert . Gibt es keine höheren Pflichten, als einen Befehl? Olaf . Fängst du schon wieder an? Gert . Was, glaubst du, wird Christina sagen, wenn du ihren Vater unter die Verrückten einsperrst? Olaf . Führe mich nicht in Versuchung! Gert . Da siehst du, wie schwer es ist, dem Könige zu dienen. Olaf (schweigt) . Gert . Na, ich werde dir keine Sorge machen, armer Junge, Hier hast du Absolution für dein Gewissen. (Zeigt ein Schriftstück.) Olaf . Was ist das? Gert . Ein Entlassungsattest! Siehst du, man muß verrückt sein unter den Klugen, und klug unter den Verrückten! Olaf . Wo hast du das herbekommen? Gert . Findest du nicht, daß ich es verdiene? Olaf . Ich weiß nicht! Gert . Es ist wahr, du wagst es noch nicht. Der Diener (kommt herein) . Seid so gut hinauszugehen, hier soll gefegt werden! Gert . Vielleicht soll auch gelüftet werden? Diener . Gewiß! Gert . Dann vergeßt nur nicht die Fenster aufzumachen! Diener . Nein, das kann nach einer solchen Gesellschaft wohl nötig sein. Gert . Höre einmal, Freundchen, ich soll dich von deinem Vater grüßen. Diener . So? Gert . Du kennst ihn vielleicht nicht? Diener . Ja, freilich! Gert . Weißt du, was er sagte? Diener . Nein! Gert . Du möchtest den Besen naß machen, sonst machst du dich noch schmutzig. Diener . Das verstehe ich nicht. Gert . Nein – das ist deine Entschuldigung. (Er geht ab.) Diener . Pack!   Verwandlung. Olafs Arbeitszimmer. Fenster im Hintergrunde, durch welche die Sonne hineinscheint; Bäume außerhalb.   Vierzehnter Auftritt. Christina steht an einem der Fenster und begießt die Blumen; hie und da plaudert sie mit den Vögeln in einem Bauer. Olaf sitzt und schreibt; mit ungeduldiger Miene sieht er vom Papier auf und nach Christina hin, als wenn er sie zum Schweigen bringen wollte. Dieses wiederholt sich einigemal, bis Christina einen Blumentopf umwirft. Olaf (stampft auf den Boden) . Christina . Ach, meine arme Blume! Sieh nur, Olaf, vier Knospen sind abgebrochen! Olaf . Ja, das sehe ich! Christina . Nein, du tust es nicht; du sollst herkommen. Olaf . Liebes Kind, ich habe keine Zeit. Christina . Du hast auch meine Stieglitze noch nicht gesehen, die ich heut morgen für dich kaufte. Singen sie nicht hübsch? Olaf . O ja! Christina . O ja? Olaf . Es stört mich in meiner Arbeit, wenn sie schreien. Christina . Sie schreien wirklich nicht, Olaf, aber du scheinst einen schreienden Nachtvogel lieber zu mögen. Sage mir, was bedeutet die Eule, die du in deinem Siegelring trägst? Olaf . Die Eule ist ein altes Symbol der Weisheit. Christina . Das, finde ich, ist ein dummes Symbol – der Weise liebt doch nicht das Dunkel. Olaf . Der Weise haßt das Dunkel und die Nacht, aber er macht mit seinem scharfen Blick die Nacht zum Tage. Christina . Warum hast du immer recht, Olaf? Kannst du mir das sagen? Olaf . Weil ich weiß, mein Kind, daß es dir Spaß macht, mir recht zu geben. Christina . Sieh, nun hast du wieder recht! – Was schreibst du da? Olaf . Ich übersetzte! Christina . Lies mir ein wenig davon vor! Olaf . Ich glaube nicht, daß du es verstehen würdest. Christina . Es verstehen? Ist es denn nicht Schwedisch? Olaf . Ja, aber es ist zu immateriell für dich. Christina . Immateriell? Was ist das? Olaf . Du würdest mich nicht verstehen können, wenn ich es dir auch erklärte, aber wenn du nicht verstehst, was ich dir vorlese, dann verstehst du, was man immateriell nennt. Christina (nimmt ein halbfertiges Strickzeug) . Lies denn, während ich stricke. Olaf . Höre aber gut zu; es ist jedoch nicht meine Schuld, wenn du dich dabei langweilst. Christina . Ich werde es schon verstehen; ich will es verstehen. Olaf (liest) . »Die Materie, gedacht in ihrer Abstraktion von der Form, ist das vollkommen Prädikatlose, Unbestimmte, Unterschiedslose. Denn nicht aus dem reinen Nichtsein, sondern nur aus dem Nichtsein der Wirklichkeit, das heißt aus dem Sein als Möglichkeit, kann etwas entstehen. Das mögliche Sein ist ebensowenig das Nichtsein wie die Wirklichkeit. Jede Existenz ist darum ein wirklichgemachtes Mögliches. Die Materie ist bei Aristoteles also ein weit positiveres Substrat als bei Plato, welcher sie für ein reines Nichtsein erklärt. Hieraus sieht man, wie Aristoteles die Materie im Gegensatz zur Form als eine positive Negativität ausfassen konnte.« Christina (wirft ihre Arbeit fort) . Hör auf! Warum muß ich das nun nicht verstehen können? Habe ich denn nicht dieselben seelischen Fähigkeiten wie du? Ich schäme mich vor dir, Olaf, daß du ein so elendes Wesen zur Frau haben mußt, das nicht versteht, was du sagst. Nein, ich werde mich an mein Strickzeug halten, ich werde in deinem Arbeitszimmer Ordnung machen und Staub wischen, ich werde wenigstens lernen, dir deine Wünsche an den Augen abzulesen, ich werde deine Sklavin sein, aber niemals, niemals werde ich dahin gelangen, dich zu verstehen! Ach, Olaf, ich bin deiner nicht wert, warum nahmst du mich zur Gattin? Du überschätztest mich in einem Augenblicke des Rausches. Es wird die Zeit kommen, da du es bereust, und dann werden wir beide unglücklich werden! Olaf . Christina! Fasse dich, mein Kind! Setz dich her zu mir. (Er nimmt das Strickzeug auf.) Glaubst du mir, wenn ich dir sage, es ist mir unmöglich, eine solche Arbeit zu machen? Nie im Leben würde ich es fertig bringen. Bist du dann nicht geschickter als ich, und ich unbedeutender als du? Christina . Warum kannst du es nicht? Olaf . Aus demselben Grunde, aus dem du mich soeben nicht verstandst; ich habe es nicht gelernt. Aber wirst du nun wieder froh werden, wenn ich dir sage, daß du lernen kannst, dieses Buch zu verstehen, welches du genau von mir trennen darfst, während ich dagegen niemals deine Arbeit lernen kann. Christina . Aber warum nicht? Olaf . Weil ich nicht so beschaffen bin, und weil ich nicht will. Christina . Aber wenn du nun wolltest? Olaf . Siehst du, mein Kind, das ist gerade meine Schwachheit, daß ich es niemals wollen kann. Glaube mir, du bist stärker als ich, denn du gebietest über deinen Willen, was ich nicht tue. Christina . Glaubst du, ich kann lernen, das Buch da zu verstehen? Olaf . Davon bin ich überzeugt. Aber du mußt es nicht. Christina . Soll ich denn beständig in Unwissenheit gehalten werden? Olaf . Nein, nein, verstehe mich recht! In dem Augenblick, da du verständest, was ich verstehe, würdest du aufhören mich zu achten – Christina . – wie einen Gott – Olaf . Wie du willst! Aber glaube mir, du würdest das verlieren, was dich größer macht als mich; die Kraft, deinen Willen zu beherrschen, und dann würdest du geringer als ich, und dann würde ich dich nicht achten! Versteh mich recht: unsere Freude besteht darin, einander zu überschätzen, laß uns diesen Irrtum bewahren! Christina . Jetzt verstehe ich dich nicht; aber ich möchte dir glauben, Olaf. Du hast recht! Olaf . Laß mich allein, Christina, ich bitte dich! Christina . Störe ich dich? Olaf . Mich nehmen ernste Gedanken in Anspruch. Du weißt, ich erwarte heute die Entscheidung. Der König hat der Regierung entsagt, weil man auf seinen Willen nicht eingehen wollte. Heute stehe ich entweder am Ziel oder muß den Kampf von vorn beginnen. Christina . Darf ich heut nicht froh sein, Olaf, es ist Johannisabend? Olaf . Warum ist deine Freude heute so groß? Christina . Sollte ich nicht froh sein, daß ich der Knechtschaft entronnen und deine Gattin geworden bin? Olaf . Du mußt mir verzeihen, wenn meine Freude ernster ist, denn mein Glück hat mich – eine Mutter gekostet! Christina . Das weiß ich und fühle es tief. Deine Mutter wird, wenn sie unsere Verheiratung erfährt, dir vergeben, aber mir fluchen. Wer bekommt also die schwerere Bürde? Aber das ist gleich, denn es geschieht um deinetwillen! Ich weiß das, ich weiß, daß deiner schwere Kämpfe harren, daß kühne Gedanken in deinem Haupte entstehen, und daß ich niemals an dem Kampfe teilnehmen kann, niemals dir mit Rat zur Seite stehen, niemals dich gegen Verleumder verteidigen kann; ich muß Zuschauer sein und während all diesem in meiner kleinen Welt leben, mich mit Kleinlichkeiten beschäftigen, von denen ich nicht glaube, daß du ihnen einen Wert beimißt, aber welche du doch vermissen würdest. Olaf, ich kann nicht mit dir weinen, also tue du das Deinige dazu, mit mir lächeln zu können, steige herab von deiner Höhe, die ich nicht erreichen kann, kehre bisweilen einmal von den Kämpfen heim, die ihr droben aus den Bergen besteht; ich kann nicht zu dir hinaufsteigen, komme also zu mir einen Augenblick herunter. Olaf, vergib mir, wenn ich kindlich rede. Du bist ein Mann, von Gott gesandt, das weiß ich, und ich habe Segen von deinen Worten empfangen, aber du bist noch mehr: du bist Mensch und mein Ehegemahl, oder wenigstens solltest du es sein! Du sinkst von deiner Höhe nicht herab, weil du einmal deine feierliche Rede ablegst und die Wolke auf deiner Stirn sich zerstreuen läßt. Bist du zu groß, um eine Blume anzusehen oder einen Vogel zu hören? Olaf, ich stellte die Blumen auf deinen Tisch, damit du dein Auge auf ihnen ruhen lassen solltest, aber du ließest sie durch das Mädchen hinaustragen, denn du bekämst davon Kopfschmerzen; ich wollte die einsame Stille deiner Arbeit unterbrechen und gab dir Vogelgesang, aber du nennst es Schreien; ich bat dich bereits vor einer Weile zum Mittagessen, aber du hattest keine Zeit; ich will mit dir reden – du hast keine Zeit; du verachtest diese kleine Wirklichkeit, und doch hast du sie mir angewiesen, mich darin zu bewegen. Du willst mir nicht emporhelfen – so tritt mich denn wenigstens ganz nieder! Ich werde alles entfernen, was deine Gedanken stören kann. Du sollst vor mir – und meinen unnützen Dingen Frieden haben! (Sie wirft die Blumen zum Fenster hinaus, nimmt den Vogelbauer und will gehen.) Olaf . Christina, liebes Kind, vergib mir! Du verstehst mich nicht! Christina . Immer dasselbe: du verstehst mich nicht! O, nun weiß ich es! Ich alterte in dem Augenblick in der Sakristei so schnell, daß ich wieder Kind wurde. Olaf . Liebes Kind, ich werde nach deinen Vögeln sehen und mit deinen Blumen plaudern. Christina (trägt das Bauer fort) . Ach nein – mit allem Plaudern ist es jetzt vorbei – Ernst soll es werden. Habe keine Furcht vor meiner lärmenden Freude, sie war nur um deinetwillen da, aber wenn sie nicht für dich und deinen ernsten Beruf paßt, so – (Sie bricht in Tränen aus.) Olaf (nimmt sie in seine Arme und küßt sie) . Christina! Christina! Jetzt hast du recht! Vergib mir! Christina . Olaf, du schenktest mir eine verhängnisvolle Gabe, als du mir die Freiheit gabst, ich kann sie nicht brauchen! Ich muß jemand haben, dem ich gehorche! Olaf . Das sollst du auch; aber sprechen wir nicht mehr davon. Jetzt gehen wir zu Tisch. Ich habe wirklich Hunger! Christina (froh) . Kannst du wirklich Hunger haben? (Sie sieht durch das Fenster und macht eine Gebärde des Schreckens.) Geh, Olaf, ich werde sogleich nachkommen, ich will hier nur erst ein wenig Ordnung machen. Olaf (geht) . Laß mich nicht so lange warten, wie du auf mich gewartet hast. Christina (streckt die Hände wie bittend aus und stellt sich hin, um jemand zu erwarten, der zur Tür von der Straße hereinkommen soll). (Pause.) Olafs Mutter (tritt herein und geht an Christina vorüber, ohne sich umzuwenden) .   Fünfzehnter Auftritt. Christina. Olafs Mutter. Mutter . Ist Meister Olaf zu Hause? Christina (die ihr freundlich entgegengegangen ist, bleibt erschreckt stehen, schlägt dann aber denselben Ton wie die Mutter an) . Nein! Habt die Güte Platz zu nehmen, er kommt bald. Mutter . Danke! (Sie setzt sich. Pause.) Gebt mir einen Schluck Wasser! Christina (bringt es) . Mutter . Laßt mich allein! Christina . Als Herrin des Hauses ist es meine Pflicht, Euch Gesellschaft zu leisten. Mutter . Ich wüßte nicht, daß die Haushälterin eines Priesters sich Hausherrin nennt! Christina . Meister Olafs Gattin bin ich vor Gott! Wißt Ihr nicht, daß wir getraut sind? Mutter . Eine Metze seid Ihr, das weiß ich! Christina . Ich verstehe das Wort nicht. Mutter . Ihr seid ein Weib derselben Art, wie das, mit dein Meister Olaf jenen Abend in der Bierschenke sprach. Christina . Sie, die so unglücklich aussah? Ja, glücklich bin ich nicht! Mutter . Das glaub' ich gern. Fort mit Euch, aus meinem Angesicht, Eure Gesellschaft bereitet mir Schande! Christina (kniend) . Um Eures Sohnes willen schmäht mich nicht! Mutter . Kraft meines Ansehens als Mutter weise ich Euch aus meines Sohnes Haus, dessen Schwelle Ihr entehrt habt. Christina . Als Herrin des Hauses öffne ich meine Tür, wem es mir gefällt. Ich hätte sie vor Euch verschlossen, wenn ich Eure Sprache geahnt hätte! Mutter . Große Worte fürwahr! Ich befehle Euch zu gehen! Christina . Mit welchem Recht wagt Ihr, mich in meinem eigenen Hause zu überfallen und mich von meinem Heim fortzuweisen? Ihr habt einen Sohn geboren und ihn erzogen, das war Eure Pflicht, Eure Bestimmung, und Ihr könnt Gott danken, daß Ihr sie so gut erfüllen durftet, denn so glücklich sind nicht alle. Nun steht Ihr am Rande des Grabes; tretet darum zurück, ehe es vorbei ist. Oder habt Ihr Euren Sohn so schlecht erzogen, daß er noch ein Kind ist und Eurer Leitung bedarf? Wollt Ihr Dank haben, so sucht ihn, aber in anderer Art; glaubt Ihr, es ist des Kindes Bestimmung, sein Leben zu opfern, nur um Euch Dankbarkeit zu erweisen? Sein Beruf sagt: »Gehe dorthin!« Ihr ruft: »Undankbarer, komme hierher!« Soll er in die Irre gehen, soll er seine Kräfte opfern, die der Gesellschaft, der Menschheit gehören, nur um Eure persönliche kleinliche Selbstsucht zufriedenzustellen, oder meint Ihr, daß es überhaupt Dank verdient, daß Ihr ihm das Leben gegeben und ihn erzogen habt? War das nicht die Aufgabe und Bestimmung Eures Lebens, dürft Ihr nicht Gott danken, daß Ihr einen so hohen Beruf erhalten habt, oder tatet Ihr es nur, um hernach ein halbes Leben hindurch auf Dankbarkeit Anspruch machen zu können? Wißt Ihr nicht, daß Ihr mit dem Wort Dankbarkeit niederreißt, was Ihr einmal aufgebaut habt? Und welches Recht maßt Ihr Euch über mich an? Soll die Ehe eine Pfandverschreibung meines freien Willens an diejenigen sein, welche die Natur meinem Gatten zur Mutter oder zum Vater gegeben hat? Ihr seid nicht meine Mutter, ich schwor Euch nicht Treue, da ich Olaf zum Manne nahm, und ich habe genug Achtung für meinen Mann, daß ich niemand gestatte, ihn zu kränken, wenn es auch seine eigene Mutter wäre! Darum habe ich gesprochen! Mutter . Nun sehe ich die Frucht der Lehren, welche mein Sohn verbreitet. Christina . Wollt Ihr Euern Sohn schmähen, so muß es in seiner Gegenwart geschehen. (Sie geht zur Tür und ruft.) Olaf! Mutter . Seid Ihr bereits so schlau! Christina . Bereits? Das bin ich sicher immer gewesen, obwohl ich es nicht früher wußte, als ich dessen bedurfte. Olaf (kommt herein) .   Sechzehnter Auftritt. Die Vorigen. Olaf. Olaf . Willkommen, Mutter! Mutter . Danke, mein Sohn! Lebe wohl! Olaf . Gehst du? Was soll das heißen? Ich wünsche mit dir zu reden. Mutter . Dessen bedarf es nicht. Sie hat alles gesagt. Du hast nicht nötig, mir die Tür zu weisen! Olaf . Mutter! Was in Gottes Namen redest du da! Christina! Was soll das heißen? Mutter (will gehen) . Lebe wohl, Olaf! Das vergebe ich dir niemals! Olaf (will sie zurückhalten) . Bleib und erkläre dich zum wenigsten! Mutter . Das ist meiner unwürdig! Du schickst sie aus, um mir zu sagen, daß du mir nichts schuldig bist und mich nicht mehr brauchst! O, das ist hart! (Sie geht ab.)   Siebzehnter Auftritt. Olaf. Christina. Dann Bote. Olaf . Was hast du gesagt, Christina? Christina . Ich entsinne mich dessen nicht mehr, denn es war eine ganze Menge, was ich niemals gewagt hätte zu denken, was ich aber geträumt haben muß, während mein Vater mich in Sklaverei hielt. Olaf . Ich kenne dich nicht wieder, Christina! Christina . Ich fange fast selbst an mich ein wenig verändert zu finden. Olaf . Du warst unfreundlich gegen meine Mutter! Christina . Ja, das mag ich wohl gewesen sein! Findest du nicht, daß ich hart geworden bin, Olaf? Olaf . Wiesest du ihr die Tür? Christina . Vergib mir, Olaf, ich war nicht artig gegen sie. Olaf . Um meinetwillen hättest du in deiner Rede wohl ein wenig milder sein können. Warum riefst du mich nicht sofort? Christina . Ich wollte sehen, ob ich meine Sache nicht selbst verfechten könnte. Olaf, willst du mich deiner Mutter opfern, wenn sie dich darum bittet? Olaf . Eine solche Frage beantworte ich nicht so im Augenblick. Christina . Ich werde sie beantworten. Es macht dir Freude, dich aus eigenem Antrieb unter Wunsch und Willen deiner Mutter zu beugen, weil du stark bist; mich kränkt es dagegen, es zu tun, denn ich bin schwach; ich tue es niemals! Olaf . Wenn ich dich nun darum bitte! Christina . Das kannst du nicht verlangen! Oder willst du, daß ich sie hassen soll? – Sage mir, Olaf, was verstehst du unter einer Metze? Olaf . Du kommst mit so wunderbaren Fragen! Christina . Willst du mich einer Antwort würdigen? Olaf . Vergib mir, wenn ich schweige! Christina . Immer dasselbe Schweigen! Darf man mir denn noch immer nicht alles sagen? Soll ich denn stets ein Kind bleiben? So setze mich in die Kinderstube und spiele mit mir! Olaf . Es ist ein unglückliches Weib! Christina . Nein, es ist etwas anderes! Olaf . Hat jemand gewagt, dir diesen Namen zu geben? Christina (nach einer Pause) . Nein! Olaf . Jetzt sprichst du nicht die Wahrheit, Christina! Christina . Ich lüge, ich weiß es; o ich bin seit gestern so schlecht geworden. Olaf . Gestern ist etwas geschehen, was du mir verbirgst! Christina . Ja! Ich glaubte, ich würde es alles allein tragen können, aber nun vermag ich es nicht mehr. Olaf . Sprich, ich bitte dich! Christina . Aber du mußt mich nicht schwach nennen! Ein Volkshaufe verfolgte mich bis hier zur Tür und rief mir dies entsetzliche Wort nach, welches ich nicht verstehe! Über ein unglückliches Weib lacht man nicht! Olaf . Ja, mein Kind, das tut man doch! Christina . Ich verstand nicht ihre Worte, aber ihre Gebärden verstand ich zur Genüge, um verwirrt und böse zu werden! Olaf . Und doch bist du so freundlich gegen mich gewesen! Vergib mir, wenn ich hart gegen dich war! – Das ist der Name, den die rohe Kraft ihren Opfern gegeben hat! Du wirst bald genug mehr hiervon erfahren, aber verteidige niemals ein solches »unglückliches Weib«, denn dann wird man dich mit Schmutz bewerfen! – Ein Bote (kommt mit einem Brief) . Olaf . Endlich! (Er liest schnell.) Lies, Christina, denn von deinen Lippen will ich die frohe Botschaft hören. Christina (liest) . »Du hast gesiegt, junger Mann! Ich, Dein Feind, bin der erste, welcher Dir es sagt, und der sich an Dich ohne Demütigung wendet, denn Du führtest die Waffe des Geistes, als Du für den neuen Glauben sprachst! Ob Du recht hast, weiß ich nicht, aber ich glaube, Du verdienst einen Rat von einem alten Manne: bleibe hier, denn Deine Feinde sind fort. Schlage Dich nicht mit Luftgebilden herum, denn das wird Deinen Arm lähmen, so daß Du Dir selbst den Tod bereitest. Setze Dein Vertrauen nicht auf Fürsten, das rät Dir ein ehemals mächtiger Mann, der nun zurücktritt und in des Herrn Hand legt, was mit seiner geschlagenen Kirche geschehen soll. Johannes Brask. « Christina . Du hast gesiegt! Olaf (freudig) . Gott, ich danke dir für diesen Augenblick. (Pause.) Nein, ich fürchte mich, Christina! Dieses Glück ist zu groß. Ich bin zu jung, um schon am Ziel zu stehen! Nichts mehr zu vollbringen haben! O, das ist ein furchtbarer Gedanke! Kein Kampf mehr, das ist der Tod! Christina . Ruhe dich einen Augenblick und sei froh, daß er zu Ende ist. Olaf . Kann es hier ein Ende geben. Ein Ende an diesem Anfang! Nein, nein! O, ich wollte gern wieder von vorn anfangen! Was ich wollte, war nicht der Sieg, sondern der Kampf! Christina . Versuche nicht Gott, Olaf! Ich fühle, daß hier noch viel, viel übrigbleibt. Der Edelmann (tritt herein) .   Achtzehnter Auftritt. Die Vorigen. Der Edelmann. Edelmann . Guten Tag, Herr Sekretarius! Angenehme Nachrichten! Christina (geht ab) . Olaf . Willkommen! Ich habe bereits etwas gehört! Edelmann . Dank für Eure ausgezeichnete Verteidigung gegenüber diesem dummen Galle; Ihr zerschmettertet ihn wie ein Mann, Ihr machtet nur ein wenig zuviel daraus. Nicht soviel Feuer, ein wenig Gift ist auch gut! Olaf . Ihr habt Mitteilungen vom Könige? Edelmann . Ja! Ihr sollt nun die Beschlüsse in aller Kürze hören. Erstens: gegenseitige Verpflichtung, gegen allen Aufruhr Widerstand zu leisten und ihn zu bestrafen. Olaf . Bitte weiter! Edelmann . Zweitens: der König hat das Recht, die Schlösser und befestigten Plätze der Bischöfe einzuziehen, ihre Einkünfte zu bestimmen – Olaf . Drittens? Edelmann . Nun kommt das Beste, der Kernpunkt der ganzen Sache. Drittens: Recht des Adels zurückzuerhalten, was von seinem Erbe und Eigentum seit Karl Knutsons Untersuchung im Jahre 1454 den Kirchen und Klöstern überwiesen ist – Olaf . Viertens – Edelmann . Sofern der Erbe sein Anspruchsrecht darauf auf dem Thing mit dem Eide von zwölf Männern erhärten kann. (Er legt das Papier zusammen.) Olaf . Ist das alles? Edelmann . Ja! Ist das nicht ausgezeichnet? Olaf . Und weiter nichts? Edelmann . Ja, danach kommen einige Kleinigkeiten, aber sie sind ohne weitere Bedeutung. Olaf . Laßt mich sie hören! Edelmann . Dort steht unter Nr. 5 von dem Recht für die Priester, Gottes Wort zu verkündigen, aber das hatten sie ja auch bereits vorher. Olaf . Und weiter nichts? Edelmann . Ja, dann kommt die Verordnung: es sollen Register über die Einkünfte aller Bischöfe, der Domkirchen und Domherren ausgearbeitet werden, und der König behält sich vor – Olaf . Das gehört ja nicht hierher. Edelmann . – zu bestimmen, wieviel sie davon behalten und wieviel sie ihm für die Bedürfnisse der Krone abgeben sollen; daß die geistlichen Ämter – ja, das wird Euch interessieren – daß die geistlichen Ämter, nicht nur die höheren, sondern auch die niederen, hiernach einzig und allein mit Zustimmung des Königs besetzt werden sollen, so daß – Olaf . Seid so gut den Punkt vorzulesen, der vom Glauben handelt – Edelmann . Vom Glauben – davon ist nichts erwähnt. Ja, laßt mich sehen – »das Evangelium soll vom heutigen Tage an in allen Schulen gelesen werden.« Olaf . Ist das alles? Edelmann . Alles? Nein, es ist wahr! Ich habe einen besondern Befehl vom König an Euch, welcher sehr vernünftigerweise gebietet, daß, alldieweil das Volk über die neuen Einrichtungen aufgebracht ist, Ihr in keiner Weise das Alte erschüttern dürft, nicht Messen, Weihwasser oder andere Gebräuche abschaffen und überhaupt keine neuen Willkürlichkeiten vornehmen, denn der König will Euren Übergriffen fernerhin durchaus nicht mehr so durch die Finger sehen wie bisher, da er nicht die Macht hatte, anders zu verfahren! Olaf . Ach so! Und der neue Glaube, den er mich hat verkünden lassen! Edelmann . Soll langsam reifen! Er kommt! Er kommt! Olaf . Steht da sonst noch etwas? Edelmann (steht auf) . Nein! Verhaltet Euch jetzt nur ruhig, dann werdet Ihr es noch weit bringen! Ach, beinahe hätte ich das Beste vergessen! Herr Pfarrer, ich habe die Ehre, Ihnen Glück zu wünschen! Hier ist die Ernennung: Pfarrer an der Stadtkirche mit dreitausend Talern Gehalt in einem so jugendlichen Alter! Ja, nun könnt Ihr Euch zur Ruhe setzen und Euer Leben genießen, wenn Ihr auch niemals weiter kämet. Es ist herrlich, sein Ziel in so jugendlichem Alter erreicht zu haben! Ich gratuliere! (Er geht ab.) Olaf (wirft die Ernennung auf den Boden) . So, das War alles, wofür ich gekämpft und gelitten! Eine Ernennung! Eine königliche Ernennung! Ich habe Belial gedient, anstatt Gott! Wehe dir, falscher König! der du deinen Herrn und Gott verkauft hast! Wehe mir, der ich mein Leben und meine Arbeit für Mammon verkaufte! Gott im Himmel, vergib mir! (Er wirft sich auf eine Bank und weint.) Christina und Gert (kommen herein. Christina geht auf ihn zu, Gert bleibt im Hintergrunde stehen) .   Neunzehnter Auftritt. Olaf. Christina. Gert. Christina (nimmt die Ernennung auf und liest sie, geht dann froh zu Olaf hin) . Olaf! Nun will ich dir von ganzem Herzen Glück wünschen! (Sie will Olaf liebkosen.) Olaf (springt auf und stößt sie zurück) . Fort von mir! Du auch! Gert (tritt hervor) . Na, Olaf – der Glaube – Olaf . Der Unglaube, meinst du! Gert . Der Papst ist ja geschlagen. Werden wir nun bald mit dem Kaiser den Kampf aufnehmen? Olaf . Wir haben am verkehrten Ende angefangen! Gert . Na – endlich! Olaf . Du hattest recht, Gert! Hier hast du mich! Kampf! Aber offen und ehrlich! Gert . Du hast geträumt wie ein Kind bis zum heutigen Tage. Olaf . Das fühle ich. Nun kommt der Strom. Aber laß ihn nur kommen! Weh ihnen und uns! Christina . Olaf, um des Himmels willen, halt ein! Olaf . Geh deines Wegs, Kind! Hier ertrinkst du oder ziehst mich hinab! Gert . Mein Kind! Was hast du draußen im Sturm zu tun? Christina (geht ab) . (Glockenläuten, Jubel, Musik und Trommler draußen.) Olaf (tritt ans Fenster) . Warum jubelt das Volk? Gert . Weil der König draußen vor Norrport einen Maibaum mit Musik errichtet. Olaf . Und sie wissen nicht, daß er ihnen das Schwert statt der Rute gegeben hat. Gert . Wissen? Wenn sie nur wüßten! Olaf . Arme Kinder! Sie tanzen nach seinen Flöten und gehn in den Tod nach seinen Trommeln – sollen denn alle sterben, damit einer leben kann? Gert . Einer soll sterben, damit alle leben können! Olaf (macht eine Bewegung des Unwillens und Abscheus) . Vierter Aufzug Ein Zimmer bei Olafs Mutter. Rechts ein Himmelbett, in welchem die Mutter krank liegt. Erster Auftritt. Die Mutter. Christina sitzt auf einem Stuhl und schläft. Laurentius Petri gießt Öl auf die Nachtlampe und kehrt das Stundenglas um. Laurentius Petri (für sich) . Mitternacht! Nun naht die Entscheidung. (Er geht zum Bett der Mutter und lauscht.) Christina (stöhnt im Schlaf) . Laurentius Petri (geht zu Christina hin und weckt sie) . Christina! Christina (fährt in die Höhe) . Laurentius Petri . Geh und leg dich zu Bett, Kind, ich werde schon wachen. Christina . Nein, ich will warten! Ich muß mit ihr reden, bevor sie stirbt – Olaf wird wohl bald hier sein. Laurentius Petri . Du wachst um Olafs willen! Christina . Ja. Du mußt nicht sagen, daß ich geschlafen habe! Hörst du! Laurentius Petri . Armes Kind! – Du bist nicht glücklich! Christina . Wer hat gesagt, daß man glücklich sein soll? Laurentius Petri . Weiß Olaf, daß du hier bist? Christina . Nein, das würde er niemals gestattet haben. Er will mich wie ein Heiligenbild auf dem Gesimse stehen haben. Je geringer und schwächer er mich findet, desto größer ist seine Freude, mir seine Stärke zu Füßen zu legen – Mutter (erwacht) . Laurentius! Christina (hält Laurentius zurück und tritt vor) . Mutter . Wer ist das? Christina . Eine Krankenpflegerin! Mutter . Christina – Christina . Wollt Ihr etwas? Mutter . Von dir – nichts! Christina . Frau Christina! Mutter . Verbittere nicht meine letzte Stunde. Geht fort! Laurentius Petri (tritt hervor) . Was willst du, Mutter? Mutter . Bring dieses Weib fort! Schaff mir meinen Beichtvater her, denn ich sterbe bald. Laurentius Petri . Ist dein Sohn nicht würdig, dein letztes Bekenntnis zu empfangen? Mutter . Er hat sich dessen nicht verdient gemacht. Ist Morten noch nicht gekommen? Laurentius Petri . Morten ist ein schlechter Mensch. Mutter . Gott, du strafst mich hart. Meine Kinder stellen sich zwischen mich und dich. Will man mir den Trost der Religion in meinem letzten Augenblick verweigern? Mein Leben habt ihr genommen, wollt ihr nun auch noch meine Seele dem Verderben preisgeben – eurer Mutter Seele? (Sie fällt in Ohnmacht.) Laurentius Petri . Du hörst es selbst, Christma! Was sollen wir tun? Soll sie sterben, von einem Elenden wie Morten betrogen und uns vielleicht danken, oder soll ihr letztes Gebet ein Fluch über uns werden? Nein, sie mögen kommen. Was meinst du, Christina? Christina . Ich darf gar nichts meinen! Laurentius Petri (geht und kommt sogleich wieder zurück) . O, es ist entsetzlich! Sie sind bei den Würfeln und Gläsern eingeschlafen! Und von ihnen soll meine Mutter zum Tode vorbereitet werden! Christina . Aber sage ihr doch die Wahrheit! Laurentius Petri . Sie glaubt sie ja nicht; sie wird wie eine Lüge auf uns zurückfallen. Mutter . Sohn! Höre die letzte Bitte deiner Mutter! Laurentius Petri (geht ab) . Gott vergib mir! Christina . Das hätte Olaf nie getan! Laurentius Petri (kommt mit Morten und Nils herein und geht dann wieder mit Christina hinaus) .   Zweiter Auftritt. Mutter. Morten. Nils. Morten (geht zum Bett hin) . Sie schläft! Nils (setzt einen Kasten auf den Boden nieder und öffnet ihn, nimmt einen Weihkessel, ein Rauchfaß, Salbhorn, Palmen und Lichter heraus) . So können wir mit der Arbeit also noch nicht anfangen? Morten . Haben wir solange gewartet, können wir auch noch ein wenig warten; wenn nur nicht der Teufelspriester kommt! Nils . Meister Olaf, meinst du! – Glaubst du, er sah draußen etwas? Morten . Daraus mache ich mir herzlich wenig; wenn die Alte nur mit dem Gelde herausrücken möchte, dann bin ich schon froh! Nils . Du bist doch eigentlich ein großer Schurke! Morten . Ja, aber ich fange jetzt an, dessen müde zu werden. Ich sehne mich gleichsam, zur Ruhe zu kommen. Weißt du, was das Leben ist? Nils . Nein. Morten . Genießen! Das Fleisch ist Gott! Steht nicht irgendwo etwas der Art geschrieben? Nils . Das Wort wurde Fleisch, meinst du! Morten . Na so! Jawohl. Nils . Aus dir hätte was Tüchtiges werden können, du mit deinem Kopf! Morten . Ja, das glaube ich auch! Das war es auch, was sie fürchteten, und darum peitschten sie mir im Kloster den Geist aus dem Körper heraus; denn damals hatte ich noch Geist, aber nun bin ich weiter nichts, als Körper, und dieser soll jetzt zum Entgelt gute Tage haben. Nils . Na, sie peitschten wohl auch gleich das Gewissen mit heraus? Morten . Ja, beinahe! – Aber wie war das Rezept von dem würzigen Rochelle, von dem wir draußen einschliefen? Nils . Sagte ich Rochelle? Ich meinte Claret! Das heißt, man kann es nennen, wie man will. Ja, siehst du, zu einer Kanne Wein nimmt man ein halbes Pfund Kardamom, gut gereinigtes – Morten . Still, zum Teufel! Sie rührt sich! Hervor mit dem Buche! Nils (liest halblaut während des Folgenden) . Aufer immensam, Deus aufer iram; et cruentatum cohibe flagellum: nec scelus nostrum proferas ad aequam pendere lanceam. Mutter . Bist du es, Morten? Morten . Es ist mein Bruder Nils, der die heilige Jungfrau anruft. Nils (zündet im Lesen das Rauchfaß an) . Mutter . Welch' seliger Trost, des Herrn Wort in der heiligen Sprache zu hören! Morten . Kein besseres Opfer kennt der Herr, als das Gebet frommer Seelen! Mutter . Wie das Räucherwerk wird mein Herz entflammt von heiliger Andacht. Morten (besprengt sie mit Weihwasser) . Vom Schmutz der Sünde wäscht dein Gott dich rein! Mutter . Amen! – Morten, ich soll nun von hinnen, und unsers Königs Gottlosigkeit verbietet mir, durch irdische Güter die Macht der heiligen Kirche zur Erlösung der Seelen zu befestigen. So nimm du, frommer Mann, mein Besitztum und bete für mich und meine Kinder. Bitte den Allmächtigen, ihre Herzen von der Lüge abzuwenden, auf daß wir uns dereinst im Himmel wiedersehen können. Morten (empfängt einen Beutel mit Geld) . Euer Opfer, fromme Frau, ist dem Herrn angenehm, und um Euretwillen wird der Herr mein Flehen erhören. Mutter . Nun will ich eine Weile schlafen, um Kräfte zu sammeln zum Empfange des heiligen Sakramentes. Morten . Niemand soll Eure letzten Augenblicke stören; nicht einmal diejenigen, welche ehemals Eure Kinder waren. Mutter . Das ist traurig, Vater Morten, aber es ist also Gottes Wille! Morten (öffnet den Geldbeutel und küßt das Goldgeld) . Welcher Schatz von Wollust liegt nicht in diesen harten Goldstücken verborgen! O! Nils . Wollen wir nun gehen? Morten . Das könnte ich nach verrichtetem Geschäfte gut tun, aber es ist schade um die Frau, sie so unselig sterben zu lassen. Nils . Unselig? Morten . Ja! Nils . Glaubst du denn daran? Morten . Man weiß wahrlich nicht recht, was man so in der Eile glauben soll. Der eine stirbt selig auf die Art, der andere auf eine andere. Und alle behaupten, sie hätten die Wahrheit gefunden. Nils . Wenn du jetzt nun sterben solltest, Morten! Morten . Das ist unmöglich! Nils . Ja, aber wenn? Morten . Dann ging ich wohl wie alle andern zur Seligkeit ein. Ich hätte nur gern erst ein klein wenig mit Meister Olaf abgerechnet! Siehst du, es gibt eine Wollust, die größer ist als alle andern, das ist die Rache! Nils . Was hat er dir denn Böses getan? Morten . Er hat gewagt, mich zu durchschauen, er hat mich entschleiert, er sieht, was ich denke. Nils . Und darum hassest du ihn? Morten . Ist das nicht genug? (Es klopft an die Außentür.) Da kommt jemand! Lies, zum Teufel! Nils (plappert den vorherstehenden Vers noch einmal her) . (Die Tür wird von außen geöffnet, nachdem man gehört hat, wie ein Schlüssel in das Schlüsselloch hineingesteckt wurde.) Olaf (tritt verwirrten Aussehens herein) .   Dritter Auftritt. Die Vorigen. Olaf. Mutter (erwacht) . Vater Morten! Olaf (geht zum Bett hin) . Hier ist dein Sohn, Mutter! Du hast mich nicht wissen lassen, daß du krank seist. Mutter . Lebe wohl, Olaf! Ich vergebe dir, was du mir Böses getan hast, wenn du mir den Augenblick Ruhe gönnen willst, da ich mich für den Himmel vorbereite! Vater Morten! Gib mir die heilige Ölung, auf daß ich in Frieden sterben kann! Olaf . Darum also ließest du mich nicht rufen! (Er erblickt den Geldbeutel, den Morten vergessen hat zu verbergen; entreißt ihm denselben.) Man handelt hier mit Seelen! Und das der Preis! Verlaßt dies Gemach und dies Totenbett; hier ist mein Platz und nicht der eure! Morten . Wollt Ihr uns in unserer Amtsausführung hindern? Olaf . Ich weise euch die Tür! Morten . Wir sind hier nicht mit päpstlicher Autorität, sondern mit königlicher im Amt, solange wir nicht suspendiert sind! Olaf . Ich werde des Herrn Kirche reinigen, und sollte es auch weder der Papst noch der König wollen! Mutter . Olaf! Du willst meine Seele der Verdammnis preisgeben. Du willst mich mit einem Fluche sterben lassen! Olaf . Sei ruhig, Mutter! Von einer Lüge befangen sollst du nicht sterben; suche selbst deinen Gott im Gebet! Er ist nicht so weit fort, wie du meinst. Morten . Man muß ein Prophet des Teufels sein, wenn man seiner eigenen Mutter nicht die Qual des Fegefeuers ersparen will. Mutter . Jesus Christus, hilf meiner Seele! Olaf . Hinaus aus diesem Zimmer, oder ich gebrauche Gewalt. Fort mit diesem Narrenzeug! (Er stößt die Apparate mit dem Fuß weiter.) Morten . Wenn Ihr das Geld ausliefern wollt, welches Frau Christina der Kirche gegeben hat, werde ich gehen! Mutter . Darum kamst du, Olaf! Du willst mein Gold haben? Gib es ihm, Morten! Olaf, du sollst es bekommen, wenn du mir Ruhe gönnen willst – du sollst noch mehr bekommen! Du sollst alles haben! Olaf (verzweifelt) . In des Herrn Namen, nehmt das Geld und geht, ich bitte Euch! Morten (reißt den Geldbeutel an sich und rüstet sich mit Nils zum Gehen) . Frau Christina! Wo der Teufel hinkommt, hat unsere Macht ein Ende! Als Ketzer seid Ihr schon für die Ewigkeit verdammt, als Übertreter des Gesetzes erreicht Euch Eure Strafe bereits auf Erden! Hütet Euch vor dem Könige! Beide (gehen ab) .   Vierter Auftritt. Olaf. Die Mutter. Olaf (fällt an der Mutter Bett auf die Knie) . Mutter, höre mich, ehe du stirbst! Mutter (ist wieder in Ohnmacht gefallen) . Olaf . Mutter, Mutter! Lebst du, so sprich mit deinem Sohn! Vergib mir, aber ich kann nicht anders! Ich weiß, du hast ein ganzes Leben hindurch um meinetwillen gelitten, du hast zu Gott gebetet, ich möchte seine Wege wandeln, und der Herr hat dein Flehen erhört; willst du nun jetzt, daß ich dein ganzes Leben zunichte machen soll, willst du, daß ich dadurch, daß ich dir gehorche, das Gebäude niederreißen soll, dessen Aufbau dich so viele ernste Stunden und so viele Tränen gekostet hat? Nein – vergib mir! Mutter . Olaf! Meine Seele hat kein Heim mehr in dieser Welt, ich rede zu dir aus dem jenseitigen Leben – kehre um! Zerreiße diesen unreinen Bund, den dein Körper eingegangen ist, nimm wieder den Glauben an, den ich dir gegeben habe – und ich vergebe dir! Olaf (mit Tränen der Verzweiflung) . Mutter! Mutter! Mutter . Schwöre mir, daß du es tun willst! Olaf (nach einer Pause) . Nein! Mutter . Gottes Fluch ruht über dir! Ich sehe ihn, ich sehe Gott mit dem Blicke des Zorns, hilf mir, heilige Jungfrau! Olaf . Das ist nicht der Gott, der die Liebe ist! Mutter . Es ist der Gott des Zornes! – Du bist es, der ihn erzürnt hat, du bist es, der mich in das Feuer seines Zornes hineinschleudert – verflucht sei die Stunde, da ich dich gebar! (Sie stirbt.) Olaf . Mutter! Mutter! (Er ergreift ihre Hand.) Sie ist tot! Ohne Vergebung! – O, wenn deine Seele noch in diesem Räume weilt, sieh auf deinen Sohn hernieder, ich will deinen Willen erfüllen; was dir heilig ist, soll es auch mir sein! (Er zündet die großen Wachslichter an, welche die Mönche zurückgelassen haben, und stellt sie um das Bett herum.) Du sollst die geweihten Lichter erhalten, auf daß sie dir auf deinem Pfade leuchten mögen, (er gibt ihr eine Palme in die Hand) und mit der Palme des Friedens sollst du den letzten Kampf mit dem Irdischen vergessen! O Mutter, siehst du mich, dann mußt du mir vergeben! (Die Sonne ist indessen aufgegangen und beleuchtet mit rötlichem Strahl die Gardinen.) Olaf (steht auf) . Morgensonne, vor dir erbleichen meine Lichter! Du bist reicher an Liebe denn ich! (Er geht ans Fenster und öffnet es.) Laurentius Petri (tritt leise herein) .   Fünfter Auftritt. Olaf. Laurentius Petri. Laurentius Petri (erstaunt) . Olaf! Olaf (umarmt ihn) . Bruder! Es ist vorbei! Laurentius Petri (geht zum Bett hin, fällt auf die Knie und steht dann wieder auf) . Sie ist tot! (Er betet im stillen.) Warst du allein hier? Olaf . Du warst es, der die Mönche einließ! Laurentius Petri . Du jagtest sie hinaus? Olaf . Ja, das hättest du schon tun sollen! Laurentius Petri . Vergab sie dir? Olaf . Sie starb mit einem Fluch! (Pause.) Laurentius Petri (zeigt auf die Lichter) . Wer hat diese Zeremonien angeordnet? (Pause.) Olaf (gereizt und verschämt) . Ich war einen Augenblick schwach. Laurentius Petri . So bist du doch noch ein Mensch! Habe Dank dafür! Olaf . Höhnst du meine Schwäche? Laurentius Petri . Ich preise sie! Olaf . Ich fluche ihr! Gott im Himmel, habe ich nicht recht? Laurentius Petri . Du hast unrecht! Christina (tritt herein) .   Sechster Auftritt. Die Vorigen. Christina. Christina . Du hast nur zu sehr recht! Olaf . Christina! Was hattest du hier zu schaffen? Christina . Es war so einsam und still daheim. Olaf . Ich habe dich nicht gebeten, hierher zu gehen! Christina . Ich glaubte, ich könnte etwas nützen, aber nun sehe ich ... Ich werde ein andermal zu Hause bleiben! Olaf . Du hast die ganze Nacht gewacht? Christina . Das ist nicht so schwer. Nun werde ich gehen, wenn du es befiehlst. Olaf . Geh hinein und ruhe dich, während wir zusammen sprechen. Christina (geht in Gedanken hin und löscht die Lichter aus) . Olaf . Was tust du da, mein Kind? Christina . Es ist ja heller Tag! Laurentius Petri (wirft Olaf einen Blick zu) . Olaf . Meine Mutter ist tot, Christina! Christina (geht Olaf mit milder, aber kalter Teilnahme entgegen, um einen Kuß auf die Stirn zu empfangen) . Ich beklage deinen Kummer. (Sie geht ab.) (Pause.) Laurentius Petri und Olaf (sehen erst Christina nach, dann blicken sie einander an) .   Siebenter Auftritt. Olaf. Laurentius Petri. Laurentius Petri . Als Bruder und Freund bitte ich dich, Olaf, geh nicht weiter auf der Bahn, die du jetzt eingeschlagen hast! Olaf . Deine alte Sprache! Wer einmal die Axt an die Wurzel des Baumes gelegt hat, läßt nicht nach, bis er fällt. Der König hat unsere Sache im Stiche gelassen, nun muß ich mich derselben annehmen. Laurentius Petri . Der König ist klug! Olaf . Er ist ein Geizhals, ein Verräter und Freund des Adels. Erst benützt er mich wie einen Hund, und dann stößt er mich wieder mit dem Fuße fort. Laurentius Petri . Er sieht weiter als du! Wenn du zu den drei Millionen Menschen treten würdest und sagen: Euer Glaube ist falsch, meinen Worten sollt ihr glauben – hältst du es dann für möglich, daß sie in einem Augenblick ihre ganze innerste durchlebte Überzeugung fortwerfen, die ihnen in Freude und Kummer geholfen hat? Nein, übel würde es mit dem Seelenleben stehen, wenn es so leicht wäre, das Alte über Bord zu werfen. Olaf . So ist es nicht! Das ganze Volk zweifelt, unter den Priestern ist kaum einer, der weiß, was er glauben soll, wenn er überhaupt etwas glaubt; alles ist bereit für das Neue, aber an euch liegt die Schuld, ihr Schwachen, die ihr es nicht auf euer Gewissen zu nehmen wagt, Zweifel zu säen, wo sich nur ein schwacher Glaube findet. Laurentius Petri . Hüte dich, Olaf! Du willst Gott spielen! Olaf . Ja, das muß man, denn er selbst scheint nicht mehr zu uns herabzusteigen. Laurentius Petri . Du reißest nieder und reißest immer nur nieder, Olaf, so daß es bald leer sein wird, aber wenn man fragt, was willst du an dessen Stelle setzen, antwortest du: »das nicht« und »das nicht«, aber du antwortest niemals »das«! Olaf . Vermessener! Meinst du denn, jemand kann einen neuen Glauben schaffen? Hat Luther etwas Neues geschaffen? Nein, er hat nur die Mauern umgestürzt, die dem Lichte im Wege standen. Das Neue, was ich will, ist der Zweifel an dem Alten, nicht weil es alt, sondern weil es morsch ist! Laurentius Petri (weist auf die Mutter hin) . Olaf . Ich weiß, was du meinst! Sie war zu alt, und ich danke Gott, daß sie starb. O, nun bin ich frei, nun erst; es war so Gottes Wille. Laurentius Petri . Du bist von Sinnen, oder auch du bist ein schlechter Mensch. Olaf . Du kannst dir deine Vorwürfe sparen! Ich ehre das Gedächtnis meiner Mutter ebenso wie du, aber wäre sie jetzt nicht von hinnen gegangen, so weiß ich nicht, wie weit ich in meinen Opfern gegangen wäre. Bruder, hast du gesehen, wie im Frühling die abgefallene Laubmasse des entschwundenen Jahres die Erde bedeckt und die jungen Pflanzen ersticken will, die hervorwollen? Was tun sie dann? Sie schieben entweder das dürre Laub beiseite oder sie gehen mitten hindurch, denn hervor müssen sie! Laurentius Petri . Du hast zum Teil recht – Olaf, du hast die Gesetze der Kirche in einer Zeit der Gesetzlosigkeit und Unruhe gebrochen; was damals geduldet werden konnte, muß jetzt bestraft werden; zwinge nicht den König sich schlimmer zu zeigen, als er ist; nötige ihn nicht durch deine Gesetzesübertretungen und deine Eigenwilligkeit, einen Mann zu bestrafen, dem er einräumt, Dank schuldig zu sein! Olaf . Seine ganze Regierung ist Eigenwilligkeit; er muß lernen sie auch bei andern zu ertragen! Du trittst wohl in des Königs Dienst? Beabsichtigst du mir entgegenzuarbeiten? Laurentius Petri . Ja! Olaf . Wir sind also Feinde! Ihrer bedarf ich, denn die alten sind fort. Laurentius Petri . Olaf, das Blut – Olaf . Das fühle ich nicht, außer an seiner Quelle, dem Herzen! Laurentius Petri . Und doch beweintest du deine Mutter? Olaf . Schwachheit, vielleicht auch alte Hingebung und Dankbarkeit, aber nicht das Blut. Was ist das überhaupt? Laurentius Petri . Du bist müde, Olaf! Olaf . Ja, ich bin matt! Ich habe die ganze Nacht gewacht. Laurentius Petri . Du kamst so spät. Olaf . Ja, ich war draußen. Laurentius Petri . Deine Arbeit scheut das Licht des Tages! Olaf . Das Licht des Tages scheut meine Arbeit. Laurentius Petri . Hüte dich vor den falschen Freiheitsaposteln! Olaf (mit Schlaf und Müdigkeit kämpfend) . Das widerspricht sich selbst! Aber sprich nicht mehr zu mir, ich kann jetzt nicht. Ich habe soviel bei der Zusammenkunft gesprochen. – Na, es ist wahr, du weißt ja nichts von unserer Vereinigung. – Concordia res parvae crescunt – Wir wollen die Reformation zu Ende führen – Gert ist ein weitschauender Mann – ich bin so unbedeutend neben ihm. Gute Nacht, Laurentius! (Er schläft auf einem Stuhle ein.) Laurentius Petri (betrachtet ihn mit Teilnahme) . Armer Bruder! Gott schütze dich! (Man hört Schläge gegen die Haustür.) Was ist das? (Er geht ans Fenster.) Gert (draußen) . Öffne, um Gottes willen! Laurentius Petri (geht hinaus) . Na, es gilt doch wohl nicht das Leben, Vater Gert! Gert (draußen) . Laßt mich hinein, in des Herrn Namen! Christina (kommt mit einer Decke herein) .   Achter Auftritt. Olaf. Christina. Christina . Olaf! Warum klopft man? Er schläft. (Sie hüllt ihn in die Decke ein.) Warum bin ich nicht der Schlaf, daß du zu mir fliehen möchtest, wenn du vom Kampf müde bist! (Man hört das Rasseln eines schweren Karrens, welcher vor dem Hause stehen bleibt.) Olaf (fährt auf) . Ist die Uhr bereits fünf? Christina . Es ist erst drei. Olaf . Hörte ich nicht einen Bäckerkarren? Christina . Ich weiß nicht! Aber ein solcher dröhnt nicht so schwer! (Er geht ans Fenster.) Sieh einmal, Olaf! Was ist das? Olaf (geht ans Fenster) . Der Henkerkarren! – Nein, das ist nicht der Henkerkarren. Christina . Ein Leichenwagen! Laurentius Petri und Gert (treten ein) .   Neunter Auftritt. Die Vorigen. Gert. Laurentius Petri. Laurentius Petri . Die Pest! Alle . Die Pest! Gert . Die Pest ist ausgebrochen! Christina, mein Kind, verlaß dieses Haus, der Todesengel hat sein Zeichen auf die Tür gesetzt. Olaf . Wer hat den Karren hergesandt? Gert . Derselbe, der das schwarze Kreuz auf die Tür gezeichnet hat! Die Leiche darf nicht einen Augenblick mehr im Hause bleiben. Olaf . Morten ist der Todesengel! Das ist ja alles Lüge. Gert . Sieh zum Fenster hinaus; dann wirst du sehen, daß der Wagen voll ist. (Schläge an die Tür.) Hörst du, man wartet! Olaf . Ohne Begräbnis! Das darf nicht geschehen! Laurentius Petri . Ohne Zeremonien, Olaf! Gert . Christina, komm mit mir aus diesem entsetzlichen Hause, ich werde dich aus der Stadt hinaus an einen gesünderen Ort bringen. Christina . Nein, jetzt folge ich Olaf! Hättest du mich etwas weniger geliebt, Vater, dann hättest du weniger böse gehandelt. Gert . Olaf, du hast die Macht, befiehl ihr, mir zu folgen. Olaf . Einmal habe ich sie aus deiner Gewalt befreit, du Selbstsüchtling; dorthin kommt sie niemals mehr. Gert . Christina, verlasse wenigstens dieses Haus! Christina . Nicht einen Schritt tue ich, bevor es Olaf mir befiehlt! Olaf . Ich befehle dir nichts, Christina, denke daran! Die Leichenträger (kommen herein) .   Zehnter Auftritt. Die Vorigen. Die Leichenträger. Ein Leichenträger . Ich sollte eine Leiche holen! Na, schnell! Olaf . Geh deines Wegs! Leichenträger . Dank, das war ja ein sonderbarer Befehl! Laurentius Petri . Olaf! Bedenke dich! Das Gesetz fordert es! Gert » Hier hat es keinen Zweck zu zögern! Das Volk ist wie rasend in seiner Wut gegen dich, Olaf! Dieses Haus war das erste, welches bezeichnet wurde! »Gottes Strafe über den Ketzer!« ruft man. Olaf (fällt am Bett auf die Knie) . Vergib mir, Mutter! (Er steht auf.) Tut, was eures Dienstes! Die Leichenträger (gehen hin und fangen an, die Seile zurechtzulegen) . Gert (beiseite zu Olaf) . Gottes Strafe über den König! rufen wir. Fünfter Aufzug Kirchhof des Klosters Santa Klara. Im Hintergrunde ein halbniedergerissenes Klostergebäude, von welchem Arbeiter Bauholz und Schutt forttragen. Links eine Totenkapelle; durch die Fenster schimmert Licht; wenn die Tür später geöffnet wird, sieht man in der Kapelle ein Christusbild in heller Beleuchtung über einem Sarkophag. Hier und dort sind offene Gräber. Der Mond geht allmählich hinter der Klosterruine auf. Windrank sitzt am Eingang der Kapelle und hält Wache. Man hört Gesang von innen. Erster Auftritt. Windrank. Nils. Arbeiter. Nils (kommt herein und geht auf Windrank zu) . Guten Abend, Windrank! Windrank . Redet nicht zu mir! Nils . Was soll das heißen? Windrank . Hört Ihr nicht, was ich sage? Nils . Na so! Spukt Euch der schimpfliche Abschied, den Ihr vom Schiffe bekamt, jetzt so im Kopfe herum, daß Ihr daran denkt, ins Kloster zu gehen. Windrank . 52, 53, 54, 55, 56, 57. Nils . Seid Ihr verrückt geworden? Windrank . 58, 59, 60. Geht Eures Wegs in Jesu Namen! Nils . Trinkt einen kleinen Hechttrunk mit mir! Windrank . 64, 65. Dacht ich es doch! Gehe von mir, Versucher! Ich trinke niemals mehr – vor übermorgen. Nils . Es ist Medizin gegen die Pest. Nehmt Euch in acht vor der Leichenluft hier! Windrank . 70. Ist es wirklich gut gegen die Pest? Nils . Ausgezeichnet! Windrank (trinkt) . Aber nur ganz wenig! Nils . Nur ganz wenig. Aber sagt mir einmal, seid Ihr toll, daß Ihr bis 100 zählt? Windrank . Still, still! Das wird ein Ereignis werden! Nils . Ein Ereignis? Windrank . Ja, übermorgen! Nils . Und darum zählt Ihr? Windrank . Nein, das geschieht nur, weil es mir so schwer fällt den Mund offen zu halten! Still zum Teufel! So geht nun Eures Wegs, sonst werde ich unglücklich! 71, 72, 73. Nils . Wer ist dort drinnen? Windrank . 74, 75. Nils . Ist da Begräbnis? Windrank . 76, 77. Fahrt zur Hölle! Nils . Noch einen kleinen Schluck, dann geht es leichter mit dem Zählen. Windrank . Noch einen kleinen Schluck meinethalben. (Er trinkt.) (Man hört Gesang.) Nils . Jetzt kommen die Nonnen des Klaraklosters, um zum letztenmal das Gedächtnis ihrer Schutzheiligen zu feiern. Windrank . Was sollen solche Komödien in unseren erleuchteten Zeiten! Nils . Sie haben die Erlaubnis des Königs! Seht Ihr, die Pest brach in der Klaragemeinde aus, und man glaubt, es geschah infolge der gottlosen Tat, daß sie das Kloster der heiligen Klara niederrissen. Windrank . Und nun sollen sie die Pest wieder fortsingen. Das Schreckgespenst müßte dann ein Musikfeind sein! Aber ich würde mich nicht wundern, wenn es vor ihrem heisern Gekrächze die Flucht ergreift. Nils . Wollt Ihr mir sagen, wer dieses letzte Heiligtum mit Beschlag belegt hat? Denn hier sollen die Gebeine der Heiligen niedergesetzt werden, bevor es niedergerissen wird. Windrank . Dann wird es wohl Schlägerei geben. (Der Gesang ist näher gekommen.) Dominikanermönche und Franziskanernonnen von Morten angeführt, treten in einer Prozession auf. Sie bleiben stehen und singen, während die Arbeiter im Hintergrunde Lärm machen.   Zweiter Auftritt. Die Vorigen. Morten. Äbtissin. Mönche. Nonnen. Mönche . Cur super vermes luteos furorem Sumis, o magni fabricator orbis. Quid sumus, quam fex, putris, umbra, pulvis Glebaque terrae! Morten (zur Äbtissin) . Du siehst, meine Schwester, wie man des Herrn Wohnungen verwüstet hat. Äbtissin . Der Herr, der uns in die Hand der Ägypter gegeben hat, wird uns erlösen, wenn die Zeit erfüllt ist! Morten (zu den Arbeitern) . Hört auf mit der Arbeit und stört nicht unser frommes Vorhaben! Arbeitsaufseher . Unser Befehl lautet, Tag und Nacht zu arbeiten, bis dies Nest niedergerissen ist. Äbtissin . Weh uns, daß der Wahnglaube so tief ins Volk hinuntergedrungen. Morten . Wir feiern dieses Fest mit Genehmigung des Königs. Arbeitsaufseher . Ja, nur immer zu! Morten . Infolgedessen befehle ich Euch, mit Euerm Gepolter aufzuhören! Ich werde mich an Euere Arbeiter wenden, die Ihr zu diesem schändlichen Werke gezwungen habt, und sie aufs Gewissen fragen, ob sie noch einige Ehrfurcht vor den Heiligen haben – Arbeitsaufseher . Das dürft Ihr nicht tun, denn ich bin es, der hier befiehlt, übrigens kann ich Euch wissen lassen, daß sie sehr zufrieden sind, diese alten Wespennester niederreißen zu dürfen, die sie selbst haben bezahlen müssen, und überdies sind sie dankbar dafür, daß sie während der Hungersnot etwas verdienen können. (Er geht fort.) Morten . Laßt uns die Schlechtigkeit dieser Welt und den Lärm vergessen und in das Heiligtum eintreten, um für sie zu beten. Äbtissin . Herr! Herr! Die Stätten deiner Heiligtümer sind zerstört; Zion ist verwüstet! Jerusalem liegt in Trümmern! Windrank . 100. – Hier kommt niemand hinein! Die Verschworenen (w der Kapelle) . Wir schwören! Morten . Wer hat sich in die Kapelle eingedrängt? Windrank . Es ist keine Kapelle mehr, seitdem es ein königliches Magazin geworden. Äbtissin . Darum gestattete der Gottlose unser Fest! (Die Tür zur Kapelle öffnet sich.) Die Verschworenen, Olaf, Laurentius Ändreae, Gert, der Deutsche, der Dane, der Smaalander und andere Verschworene (erscheinen) .   Dritter Auftritt. Die Vorigen. Olaf. Laurentius Andreae. Gert. Der Deutsche. Der Däne. Der Smaalander. Andere Verschworene. Olaf (erregt) . Was ist das für ein Aufzug? Morten . Platz den Dienerinnen der heiligen Klara! Olaf . Glaubt ihr, eure Abgötter können die Pest abwehren, die der alleinige Gott euch zur Strafe gesandt hat? Glaubt ihr, der Herr findet so viel Wohlgefallen an den Knochenstücken, die ihr da in dem Schrein tragt, daß er euch um ihretwillen eure greulichen Sünden vergibt? Fort mit dem Greuel! (Er entreißt den Schrein der Äbtissin und wirft ihn in ein Grab.) Von Erde bist du gekommen, zu Erde sollst du werden, selbst wenn du Santa Clara da Spoleto heißest und des Nachts bei den Schweinen geschlafen hast. Die Nonnen (schreien auf) . Morten . Wenn du auch nicht das Heilige fürchtest, so fürchte deinen irdischen König! Sieh hier, noch hat er so viel Ehrfurcht übrig vor dem Göttlichen, daß er den Zorn der Heiligen fürchtet. (Er zeigt Olaf ein Papier.) Olaf . Weißt du, was der Herr mit dem Könige Assyriens tat, da er Abgötterei zuließ? Er schlug ihn und sein Volk, darum muß der Gerechte leiden mit dem Ungerechten! Im Namen des einen allmächtigen Gottes hebe ich diesen Baalsdienst auf, wenn auch alle Könige der Erde ihn gestatten; der Papst wollte meine Seele dem Satan verkaufen, aber ich zerriß den Pakt, besinnst du dich? Sollte ich jetzt einen König fürchten, der sein Volk dem Baal verkaufen will? (Er zerreißt das Papier.) Morten (zu seiner Umgebung) . Ihr seid meine Zeugen, daß er den König höhnt! Olaf (zu seinen Anhängern) . Ihr seid meine Zeugen vor Gott, daß ich sein Volk von einem gottlosen König abgewendet habe! Morten . Hört mich, ihr Gläubigen! Um dieses Ketzers willen hat der Herr uns mit der Pest geschlagen; das war Gottes Strafe, die zuerst seine Mutter traf! Olaf . Hört mich, ihr Wahngläubigen des Papstes! Es war die Strafe des Herrn über mich, weil ich Sanherib gegen Juda diente! Ich werde mein Verbrechen sühnen, ich werde Juda gegen Assyriens und Ägyptens Könige führen. (Der Mond geht rot auf und wirft einen roten Schimmer über die Szene. Das Volk entsetzt sich.) Olaf (steht oben auf einem Grabe) . Der Himmel weint Blut über eure Sünden und eure Abgötterei, hier wird die Strafe groß werden, denn die Obrigkeit hat sich versündigt! Seht ihr nicht, wie die Gräber ihren Schlund nach Beute öffnen – Gert (nimmt Olaf beim Arm, flüstert ihm etwas zu und führt ihn hinunter) . (Allgemeines Entsetzen.) Äbtissin . Gib uns unsern Schrein wieder, damit wir diesen Ort der Vernichtung verlassen können. Morten . Lieber mögen die Gebeine der Heiligen in dieser heiligen Erde ruhen, als den schändlichen Händen der Ketzer preisgegeben werden. Olaf . Ihr fürchtet die Pest, ihr Feiglinge. Ist euer Glaube an die heiligen Gebeine nicht stärker als so? Gert (flüstert Olaf wieder zu) . (Die Prozession hat sich zerstreut, so daß nur noch ein Teil derselben auf der Bühne zurückbleibt.) Olaf (zu Morten ) . Du kannst nun zufrieden sein, du Heuchler! Geh und sage ihm, dem du dienest, daß man im Begriff ist, einen Silberschrein zu vergraben, und er wird ihn mit seinen Nägeln aus der Erde herausgraben; sage ihm, daß der Mond, der sonst von Silber ist, sich zu Gold verwandelt hat, nur damit dein Herr einmal seine Augen zum Himmel erheben soll; sage ihm, daß du mit deinem gotteslästerlichen Aufzug es erreicht hast, eines würdigen Mannes Verdruß zu erregen – Morten (hat sich mit der Prozession entfernt) . Gert . Genug, Olaf! (Zu den Verschworenen, außer Olaf und Laurentius Andreas.) Verlaßt uns! Die Verschworenen (flüstern untereinander und gehen ab) .   Vierter Auftritt. Gert. Laurentius Andreae. Olaf. Gert (zu Olaf und Laurentius Andreae) . Nun ist es zu spät zurückzuweichen! Olaf . Was willst du, Gert, sprich es offen aus! Gert (nimmt ein Buch vor) . Zu euch beiden, den Dienern Gottes, tritt ein Volk, um zu beichten. Erkennt ihr euern Eid an? Olaf und Laurentius Andreae . Wir haben geschworen! Gert . Dieses Buch ist die Frucht meiner stillen Arbeit. Ihr werdet auf jedem Blatte einen Klageschrei lesen, einen Seufzer von Tausenden, welche blind genug gewesen sind, zu glauben, es sei Gottes Wille, daß sie Unterdrückung erleiden sollten, die es für ihre Pflicht angesehen haben, nicht einmal an Befreiung zu glauben zu wagen. Olaf (liest) . Gert . Ihr werdet Klagestimmen vernehmen von des Nordlandes äußersten Grenzen, bis zum Sund herab – von den Ruinen der Kirchen erbaut der Adel neue Schlösser und neue Gefängnisse für das Volk – ihr werdet lesen, wie der König Recht und Gesetz verkauft, da er Mörder der Strafe entgehen läßt, wenn sie eine genügende Buße zahlen. Ihr werdet lesen, wie er das Laster besteuert, da er die Dirnen dafür Steuer zahlen läßt, daß sie ihrem Gewerbe nachgehen dürfen; ja selbst die Fische in den Flüssen, selbst das Meerwasser hat er sich zugeeignet, aber nun hat das ein Ende, man hat dem Volke die Augen geöffnet, es gärt und siedet, bald wird der Unterdrücker zerschmettert, und die Unterdrückten werden frei sein! Olaf . Wer hat dieses Buch gedichtet? Gert . Das Volk! Es sind Volkslieder, siehst du, die man hier singt, wenn man im Joch geht. Ich bin in den Städten und Dörfern umhergereist, ich habe sie gefragt: seid ihr glücklich? und hier ist die Antwort! Ich habe Thing abgehalten! Hier ist der Beschluß eingetragen! Glaubt ihr, daß der Wille von Millionen von einem abhängig sei! Meint ihr, Gott hat dieses Land mit Menschenseelen und Eigentum einem einzigen geschenkt, auf daß derselbe damit nach Gutdünken verfahren sollte, oder meint ihr nicht vielmehr, daß er ausführen soll, was alle wollen! Ihr antwortet nein! Nun wohl, ihr erbebt bei dem Gedanken, daß das ein Ende nehmen kann! Hört nun meine Beichte, und ihr alle seid frei! Olaf und Laurentius Andreae . Was sagst du? Gert . Ihr begriffet nicht, was ich bei unsern Zusammenkünften sprach. Olaf . Du hast uns betrogen! Gert . Keineswegs! Ihr seid frei! Zwei Stimmen weniger machen nichts aus! Alles ist bereit! Laurentius Andreae . Hast du die Folgen bedacht? Gert . Tor, es war doch wohl der Folgen willen, daß ich dieses tat. Olaf . Wenn du recht hättest, Gert? Was sagst du, Laurentius? Laurentius Andreae . Ich bin nicht dazu geboren, an der Spitze zu gehen! Olaf . Alle sind geboren an der Spitze zu gehen, aber nicht alle wollen ihr Fleisch opfern. Gert . Nur der geht voran, der den Mut hat auszuharren, wenn er verlacht und verhöhnt wird. Was ist ihr Haß gegenüber dem tödlichen Spott! Olaf . Wenn es mißglückte – Gert . Waget auch das! Ihr wißt nicht, daß Thomas Münzer ein neues geistiges Reich in Mühlhausen errichtet hat, ihr wißt nicht, daß ganz Europa in Aufruhr ist. Was war Dake anders, als ein Verteidiger der Unterdrückten. Was haben die Darlekarlier bei ihrem Aufruhr andres getan, als ihre Freiheit gegen denjenigen verteidigt, der Glauben und Gesetze brach. Das tut er ungestraft, aber wenn sie sich verteidigen wollen, dann schreit man Verräterei und Empörung! Olaf . Dahin wolltest du mich also führen, Gert? Gert . Hat dich der Strom nicht dahin geführt! Du willst wohl, aber du wagst es nicht; morgen in der Hauptkirche wird die Mine springen; das wird das Signal für das Volk werden, sich zu erheben und einen Fürsten nach seinem Gefallen zu wählen. Olaf (schlägt das Buch zu) . Ist es der Wille aller, so kann ihn niemand hindern! Gert, laß mich zum Könige gehen mit diesem Buch und ihm zeigen, was sein Volk will, und er wird ihnen Recht widerfahren lassen! Gert . Kind! Er wird einen Augenblick bange werden, vielleicht einer Kirche einen silbernen Becher zurückgeben; alsdann wird er gen Himmel weisen und sagen: es ist nicht mein Wille, welcher bestimmt, daß ich hier sitze und euch unrecht tue, es ist der Wille Gottes. Olaf . So geschehe denn Gottes Wille! Gert . Wie? Olaf . Er muß sterben, auf daß alle leben mögen! Mörder, Undankbarer, Verräter werde ich heißen, sei es so! Ich opfere alles, selbst Ehre, Gewissen und Glauben – wenn ich diesen Armen helfen kann, die nach Erlösung schreien. Laß uns gehen, ehe ich es bereue! Gert . Wenn du es auch tätest, es ist zu spät, du weißt nicht, daß Morten ein Spion ist, das Urteil über den Aufruhrstifter ist vielleicht schon gefällt. Olaf . Nun wohl, ich werde nicht bereuen; und warum sollte ich auch eine Tat bereuen, die zu vollführen Gottes Ratschluß ist. Vorwärts im Namen des Herrn! Alle (gehen ab) . Die Dirne (tritt auf und ist bei einem Grabhügel, den sie mit Blumen bestreut, auf die Knie gefallen) .   Fünfter Auftritt. Die Dirne. Dann Christina. Dirne . Hast du mich nun genug gestraft, Herr, so daß du mir vergeben kannst? Christina (kommt eilig) . Sagt mir, Frau, habt Ihr Meister Olaf gesehen? Dirne . Seid Ihr seine Freundin oder Feindin? Christina . Ihr beleidigt mich. Dirne . Vergebt mir! Ich habe ihn nicht gesehen, seitdem ich das letztemal betete. Christina . Ihr seht so traurig aus! Nun erkenne ich Euch wieder. Ihr wart es, mit welcher Olaf eines Abends bei der Hauptkirche sprach. Dirne . Ihr dürft nicht mit mir reden, daß es jemand sieht; Ihr wißt nicht, wer ich bin? Christina . Ja, das weiß ich! Dirne . Ihr wißt es? Wer hat es Euch gesagt? Christina . Olaf hat es mir gesagt! Dirne . O mein Gott, und Ihr verachtet mich nicht? Christina . Ihr seid ein unglückliches, verfolgtes Weib, hat Olaf mir gesagt, und warum sollte ich eine Unglückliche verachten? Dirne . So seid Ihr selbst nicht glücklich? Christina . Nein, wir haben ein und dasselbe Schicksal. Dirne . So bin ich also nicht die einzige. Welchem Unwürdigen schenktet Ihr Eure Liebe? Christina . Einem Unwürdigen? Dirne . Vergebt mir, keiner ist unwürdig, den Ihr liebt! Wem habt Ihr Eure Liebe geschenkt? Christina . Ihr kennt Meister Olaf? Dirne . Nein, das müßt Ihr mir nicht sagen; raubt mir nicht auch noch den Glauben an ihn, es ist der letzte, den ich noch übrig habe, seit mir Gott mein Kind nahm. Christina . Habt Ihr ein Kind gehabt? So seid Ihr also doch einmal glücklich gewesen! Dirne . Ich danke Gott, daß er meinen Sohn niemals hat erfahren lassen, was für eine Unwürdige seine Mutter war. Christina . Habt Ihr denn ein Verbrechen begangen, daß Ihr so redet! Dirne . Ganz vor kurzem habe ich es begraben! Christina . Euer Kind? Was sagt Ihr? Und ich bitte Gott jeden Tag, er möge nur ein Wesen schenken, ein einziges, das ich lieben kann! Dirne . Armes Kind! Betet zu Gott, Euch davor zu bewahren? Christina . Ich verstehe Euch nicht, liebe Frau! Dirne . Nennt mich nicht so; Ihr wißt ja wer ich bin! Christina . Betet man nicht in den Kirchen für diejenigen, die in guter Hoffnung sind? Dirne . Nicht für uns. Christina . Uns? Dirne . Für die andern betet man, uns flucht man! Christina . Was meint Ihr mit den andern! Ich verstehe Euch nicht! Dirne . Kennt Ihr Meister Olafs Gattin? Christina . Das bin ich ja selbst! Dirne . Ihr! Warum sah ich es nicht? Könnt Ihr mir den Zweifel eines Augenblicks vergeben? Konnte die Schuld so aussehen, wie Ihr und er? O weh! Verlaßt mich, Ihr seid ein Kind, das noch nichts vom Bösen weiß! Ihr dürft nicht länger mit mir reden! Gott segne Euch, lebt wohl! (Sie will gehen.) Christina . Geht nicht von mir! Wer Ihr auch seid, bleibt um Gottes willen; man ist in unser Haus eingebrochen, und mein Mann ist nirgends zu finden. Geleitet mich von hier fort, heim zu Euch, oder wohin Ihr sonst wollt. Ihr seid so gut, Ihr könnt keine Verbrecherin sein – Dirne (unterbricht sie) . Wenn ich Euch nun sage, daß die Roheiten des Pöbels Euch nicht halb so viel schaden können, als meine Gesellschaft; darum verzeiht Ihr mir wohl, daß ich gehe – Christina . Wer seid Ihr? Dirne . Ich bin eine Verworfene, an der der Fluch, welchen Gott bei dem Sündenfall gegen das Weib schleuderte, in Erfüllung gegangen ist! Fragt mich nicht mehr, denn wenn ich Euch mehr sagte, würde Eure Verwerfung mich zur Selbstverteidigung verlocken, welche noch verwerflicher wäre. Hier kommt jemand, der vielleicht edelmütig genug sein wird, Euch zu geleiten, wenn Ihr ihm Ruhm und Ehre und ewige Seligkeit für die Mühe gelobt, denn mit weniger wird er sich zu so später Stunde kaum genügen lassen. Vergebt mir, meine Bitterkeit ist nicht gegen Euch gerichtet. Windrank (tritt berauscht auf) .   Sechster Auftritt. Die Vorigen. Windrank. Windrank . Da soll mich doch gleich der Teufel holen, daß man nicht allein sein kann. Nicht einmal hier unter Leichen. Hört nun, ihr Frauenzimmer, seid so gut und fragt mich nichts, denn jetzt stehe ich nicht dafür ein, daß ich euch nicht schließlich doch Antwort gebe. Übermorgen werde ich von allem reden, denn dann ist es zu spät. Ihr seid vielleicht obdachlose Nonnen! Ja! ja! Obschon Frauenzimmer nur Frauenzimmer sind, so glaube ich doch das Recht zu haben, unhöflich zu sein, wenn auch die Sonne untergegangen ist, es gibt freilich eine alte Verordnung, daß niemand nach Sonnenuntergang festgenommen werden darf; aber das Gesetz ist ein Schreckgespenst, welches aus Artigkeit sich Frauenzimmer gegenüber nicht geltend machen will. Still! still! Meine Zunge läuft ja wie ein Spinnrocken; daran hat nur der verdammte Branntwein schuld! Aber warum muß man mich auch in solche Geschichten hinein ziehen! Es ist ja wohl mehr, daß ich es gut bezahlt bekomme und ein gemachter Mann bin, aber ihr sollt deshalb nicht glauben, daß ich es nur des Geldes wegen tue. Freilich, nun ist es ja entschieden. Aber ich will nicht, ich will nicht! Ich will des Nachts ruhig schlafen und nicht von Gespenstern beunruhigt werden. Ob ich hingehen und alles erzählen soll? Nein, dann faßt man mich. Wenn jemand anders hingehen und es erzählen möchte! Vielleicht will eine der Nonnen so gut sein und es tun. Christina (die sich mit der Dirne beraten hat) . Habt Ihr etwas auf dem Gewissen, was Euch beunruhigt, so redet nur! Windrank . Soll ich es erzählen? Das ist es gerade, was ich vermeiden möchte! Aber es ist schrecklich, ich halte es nicht länger aus! Und ich soll es tun! Warum gerade ich? Ich will nicht! Christina . Mein Freund, Ihr beabsichtigt einen – Windrank . – Mord zu begehen? Wer hat Euch das gesagt? Gott sei Lob, daß Ihr es wißt? Geht, um alles in der Welt und meldet es – sogleich, sonst kriege ich keine Ruhe; in alle Ewigkeit keine Ruhe mehr! Christina (erschreckt, faßt sich aber sogleich) . Warum sollt Ihr ihn ermorden? Windrank . Ach, da ist so vielerlei, seht nur, wie er Eure Klöster niederreißt! Christina . Der König! Windrank . Ja, gerade er, der Befreier und Vater des Landes; allerdings drückt und plagt er uns, aber deswegen braucht er doch nicht gleich ermordet zu werden! Christina . Wann soll es geschehen? Windrank . Morgen, soviel ich weiß, in der Hauptkirche. Ja in der Kirche selbst! Dirne (geht auf Christinas stummen Wink ab) . Christina . Wie konnte man Euch wählen, eine solche Tat zu vollbringen? Windrank . Ja seht, ich habe meine kleinen Verbindungen unter den Kirchenbediensteten, und dann war ich arm! Aber die Sache bleibt ja übrigens dieselbe, wer auch die Pistole abfeuert, wenn nur ein gescheiter Mann zielt, und außerdem haben wir manche Unternehmungen noch im Hinterhalt, wenn ich auch das Feuer eröffnen soll. Aber warum geht Ihr nicht und meldet es? Christina . Das ist bereits geschehen! Windrank . Na Gott sei Lob und Dank! Adieu mein Geld! Christina . Sagt mir, wer die Verschwornen sind? Windrank . Ja seht Ihr, das sage ich eben nicht. Nils, Kriegsknechte, Volk (ziehen über die Szene) .   Siebenter Auftritt. Die Vorigen. Nils. Kriegsknechte. Volk. Dann Olaf. Christina . Seht Ihr, man ist ihnen bereits auf der Spur! Windrank . Ich wasche meine Hände in Unschuld! Nils (tritt auf Windrank zu, ohne Christina zu sehen) . Habt Ihr Olaus Petri gesehen? Windrank . Wieso? Nils . Man sucht ihn. Windrank . Nein, ich habe ihn nicht gesehen! Sucht Ihr noch andere? Nils . O ja, verschiedene! Windrank . Nein, ich habe durchaus niemand gesehen. Nils . Wir kommen sogleich zu Euch zurück. (Er geht ab.) Christina . Sind es die Verschwornen, die man sucht? Windrank . Ja, gewiß! Nun mache ich mich aber ans dem Staube! Lebt wohl! Christina . Sagt mir, bevor Ihr geht – Windrank . Habe keine Zeit. Christina . Ist Meister Olaf mit dabei? Windrank . Ja, gewiß! Christina (fällt ohnmächtig auf einem Grabe nieder) . Windrank (wird nüchtern und wirklich gerührt) . Herr Gott im Himmel, das ist sicher seine Frau! (Er geht zu Christina hin.) Ich glaube, ich habe sie getötet! Hans! Hans! Nun kannst du hingehen und dich aufhängen! Was hattest du unter den Großen zu schaffen! Herbei! und helft einem armen Weibe! Olaf (wird inzwischen von Kriegsknechten mit Fackeln vorübergeführt, er erblickt Christina, reißt sich los und fällt neben ihr auf die Knie) . Christina! Christina . Olaf! Du lebst! Laß uns fortgehen von hier, heim zu uns! Olaf (zerknirscht) . Es ist zu spät!   Verwandlung. Ein Teil der Hauptkirche.   Achter Auftritt. Olaf und Gert in Gefangenenkleidung auf Prangern bei der Tür. Die Orgel spielt. Die Glocken läuten. Der Gottesdienst ist zu Ende, und das Volk kommt aus der Kirche heraus. Der Balgentreter und seine Frau stehen in einiger Entfernung vorn auf der Szene. Balgentreter . Kanzler Lars wurde begnadigt, aber Meister Olaf nicht. Die Frau . Der Kanzler ist immer ein friedlicher Mann gewesen, der kein Aufhebens von sich gemacht hat, und ich verstehe nicht, daß er sich an so schrecklichen Geschichten hat beteiligen wollen. Balgentreter . Der Kanzler ist immer ein Sonderling gewesen, obgleich er nicht viel gesagt hat. Begnadigt wurde er freilich, aber es kostete ihn sein ganzes Vermögen. Ich kann mir nicht helfen, Meister Olaf tut mir leid. Ich habe ihn doch immer gern gehabt, wenn auch schwer mit ihm umzugehen war. Die Frau . Wie kann man auch einen so jungen Menschen zum Pfarrer machen. Balgentreter . Ja, er war furchtbar jung, das war allerdings ein Fehler von ihm, aber der verliert sich ja im Laufe der Zeit. Die Frau . Wie du schwatzest! Er soll doch heute noch zum Tode gehen! Balgentreter . Ja, Herr Gott, das hätte ich beinahe vergessen, aber es kommt mir auch ganz unglaublich vor. Die Frau . Weißt du, ob er bereut hat? Balgentreter . Das glaube ich nicht, denn er ist immer ein eigensinniger Kopf gewesen und wird es bleiben. Die Frau . Aber er wird schon mürbe werden, wenn er jetzt seine Schüler zu sehen bekommt, die er nicht mehr einsegnen sollte. Balgentreter . Ich darf wohl sagen, daß der König gradezu gemein verfährt, wenn er erst einmal angreift. Nun läßt er den Pfarrer just an dem Tage öffentliche Buße tun, da seine Schulkinder eingesegnet werden sollen. Das ist beinahe ebenso grausam, als wenn er den Dompropst Göran mit dem Henker Brüderschaft trinken, oder wenn er die Prälaten mit Birkenrindenkörbchen auf dem Kopf durch die Stadt reiten läßt. Die Frau . Und dann soll sein Bruder Laurentius ihn zum Tode bereiten. Balgentreter . Siehst du, hier kommen die Kinder; sie sehen betrübt aus, das kann man ihnen nicht verdenken. Ich glaube, ich muß nach Hause gehen und weinen.   Neunter Auftritt. Die Konfirmanden, Mädchen und Knaben, ziehen an Olaf mit Blumensträußen vorüber. Sie sind betrübt und gehen mit niedergeschlagenen Augen. Volk folgt ihnen. Neugierige zeigen mit Fingern auf Olaf, andere weisen diese zurecht. Wilhelm, der erste Schüler, geht als der Letzte in der Prozession, er bleibt schüchtern vor Olaf stehen, fällt auf die Knie und legt seinen Blumenstrauß zu Olafs Füßen nieder, ohne daß dieser etwas merkt, da er die Kapuze über das Gesicht gezogen hat. Ein Teil des Volkes murrt, andere murmeln beifällig. Morten tritt vor, um die Blumen zu entfernen, wird aber vom Volke zurückgedrängt. Kriegsknechte bahnen Laurentius Petri, der im Ornat daherschreitet, den Weg. Das Volk verschwindet in der Kirche. Laurentius Petri, Olaf, Gert bleiben allein. (Die Orgel verstummt. Die Glocken läuten aber weiter.)   Zehnter Auftritt. Laurentius Petri. Olaf. Gert. Laurentius Petri (zu Olaf) . Olaf! Der König hat das Gnadengesuch der Bürgerschaft abgeschlagen. Bist du bereit zu sterben? Olaf . Ich kann so weit nicht in die Zukunft denken. Laurentius Petri . Es ist mir übertragen worden, dich zum Tode zu bereiten! Olaf . Es muß schnell gehen. Noch rollt das Blut in meinen Adern! Laurentius Petri . Bereust du deine Tat? Olaf . Nein! Laurentius Petri . Willst du unversöhnlichen Sinnes in die Ewigkeit eingehen? Olaf . Lege das Formular fort, wenn du willst, daß ich dich anhören soll! Ich glaube nicht, daß ich jetzt sterben kann, ich habe noch allzuviel Lebenskraft übrig. Laurentius Petri . Ich will dir sagen, ich glaube es auch, und darum bereite ich dich zu einem neuen Leben in dieser Welt. Olaf . Ich darf also leben? Laurentius Petri . Wenn du anerkennen willst, daß das Bisherige eine Verirrung war, und wenn du deine Äußerungen widerrufst. Olaf . Wie sollte ich das können? Das hieße ja sterben! Laurentius Petri . Das war es, was ich dir zu sagen hatte! Entschließe dich nun selbst. Olaf . Man unterhandelt nicht um Überzeugungen. Laurentius Petri . Auch ein Irrtum kann zur Überzeugung werden. Ich überlasse es dir, die Sache zu überlegen. (Er geht ab.) Gert . Unsere Ernte war noch nicht reif. Es muß viel Schnee fallen, wenn die Herbstsaat gedeihen soll, ja, Jahrhunderte werden vergehen, bevor man einen einzigen Keim erblicken wird! Die Verschworenen sind ergriffen, sagt man, und so hält man Dankgebete ab, man täuscht sich: hier mitten unter uns gehen die Verschworenen umher, in den königlichen Gemächern, in den Kirchen und auf dem Markte, aber sie wagen nicht, was wir gewagt – allein das kommt schon noch einmal. Lebe wohl, Olaf! Du darfst länger leben, denn du bist jung, ich werde mit großer Freude sterben; der Name jedes neuen Märtyrers wird ein neuer Feldruf für eine neue Schar. Glaube niemals, daß eine Lüge eine Menschenseele entflammt, mißtraue niemals den Regungen, die dein Innerstes erschüttert, wenn du jemand geistige oder körperliche Gewalt hast erleiden seyen; wenn auch die ganze Welt sagt, du hast unrecht, so glaube doch deinem Herzen, wenn du den Mut dazu hast. An dem Tage, da du dich selbst verleugnest, bist du tot, und ewige Verdammnis wird eine Gnade sein für denjenigen, der Sünde gegen den heiligen Geist begangen hat! Olaf . Du sprichst mit Gewißheit von meiner Befreiung? Gert . Die Bürgerschaft hat 500 Dukaten Lösegeld für dich geboten. Wenn es nur 2000 kostete, die Brigitta zur Heiligen zu erklären, so werden 500 doch wohl genügen, dich schuldlos erscheinen zu lassen. Der König wagt es nicht, dir das Leben zu nehmen. Lars Siggeson (der Reichsmarschall, kommt mit dem Henker und Kriegsknechten) .   Elfter Auftritt. Olaf. Gert. Lars Siggeson. Henker. Kriegsknechte. Marschall . Führt Gert Boekprenter fort! Gert (wird fortgeführt) . Lebe wohl, Olaf! Nimm dich meiner Tochter an und vergiß niemals den großen Pfingsttag! Marschall . Meister Olaf! Ihr seid ein junger Mann, der auf Irrwege geleitet wurde! Der König verzeiht Euch Eurer Jugend wegen, fordert aber als Sicherheit eine Abbitte, in der Ihr widerruft, was Ihr gegen oder über die Befehle des Königs hinaus getan habt. Olaf . Der König braucht mich also auch fernerhin? Marschall . Es gibt viele, die Euch brauchen. Aber bauet nicht auf Gnade, bevor Ihr die Bedingung erfüllt. Hier ist die Vollmacht des Königs, im nächsten Augenblick können Eure Ketten gelöst sein, wenn Ihr wollt, aber auch dies Papier kann zerrissen sein! Olaf . Wer mit 500 Dukaten zufrieden ist, macht sich nichts aus einem Widerruf. Marschall . Das ist eine Lüge! Der Henker wartet bereits auf Euch! Aber ich bitte Euch, einige Worte eines alten Mannes anzuhören: Ich bin auch jung gewesen und von mächtigen Leidenschaften bewegt worden; das gehört zur Jugend, aber diese Leidenschaften müssen ertötet werden. Ich machte es wie Ihr, ich ging umher und streute Wahrheiten aus, aber ich erntete nur Undank dafür, im besten Falle ein Lächeln; ich wollte auch ein kleines Himmelreich errichten, (mit Nachdruck) natürlich auf anderen Grundlagen als Ihr, aber ich kam bald zur Vernunft und scheuchte die Hirngespinste fort. Ich will sicher nicht behaupten, daß Ihr ein Mann seid, der dadurch zur Berühmtheit gelangen will, daß er viel Aufhebens von sich macht, das glaube ich selbst nicht. Ihr tut alles in der besten Absicht, aber diese Absicht ist es, die viel Böses anrichtet. Ihr habt heißes Blut, das Euch verblendet, weil Ihr Euch nicht im Zaume haltet; Ihr predigt Freiheit und stürzt Tausende in die Sklaverei der Zügellosigkeit. Kehret um, junger Mann, und sühnet, was Ihr verbrochen, stellt wieder her, was Ihr niedergerissen, und die Menschen werden Euch segnen. Olaf (verzweifelt und erschüttert) . Ihr redet die Wahrheit, das höre ich, aber wer hat Euch diese Rede gelehrt? Marschall . Die Erfahrung! Und diese fehlt Euch! Olaf . Sollte ich gelebt und gestritten haben für eine Lüge: soll ich gezwungen werden, meine ganze Jugend und meine besten Mannesjahre für verloren, verschwendet und verspielt zu erklären? Laßt mich lieber mit meinem Irrtum sterben. Marschall . Ihr solltet auf Eure Träume etwas früher verzichtet haben. Aber seid ruhig. Ihr habt noch das Leben vor Euch, das verflossene ist eine Schule gewesen, zwar hart, aber desto gesünder. Ihr habt bis heute für Grillen und Torheiten gelebt. Ihr habt verschiedenes versäumt, was die Wirklichkeit von Euch fordert. Vor dieser Tür stehen Eure Gläubiger mit ihren Forderungen. Hier sind ihre Schuldscheine! Die Priesterschaft der neuen Kirche fordert, daß Ihr leben sollt, um zu vollführen, was Ihr so schön begonnen habt. Die Bürgerschaft der Stadt fordert ihren Sekretarius in der Ratsstube, die Gemeinde ihren Hirten, die Konfirmanden fordern ihren Lehrer. Dies sind diejenigen, die mit gesetzlichem Recht ihre Forderungen stellen. Aber es steht noch jemand draußen, dem Ihr vielleicht am meisten schuldig seid, und der doch nichts fordert, und das ist Euere junge Gattin. Ihr habt sie ihrem Vater entrissen und in den Sturm hinausgetrieben, Ihr habt ihren Kinderglauben niedergerissen und Unruhe in ihr Herz geschleudert; Eure Torheiten haben eine rohe Volksmenge erregt, sie aus ihrem Heim zu vertreiben, und sie fordert auch keine Liebe von Euch, sie bittet nur, ihr Leben unter Leiden an Eurer Seite hinschleppen zu dürfen; Ihr seht, daß auch wir uns mit andern beschäftigen, obgleich Ihr uns selbstsüchtig nennt. Laßt mich diese Tür öffnen, die Euch wieder in die Welt hinausführen soll, beuget Euren Sinn, solange er noch weich ist, und danket Gott, daß er Euch noch Zeit gibt, für die Menschheit zu wirken! Olaf (weint) . Ich bin verloren! Marschall (gibt dem Henker ein Zeichen, worauf derselbe Olaf die Fesseln und die Gefangenenkleidung abnimmt. Alsdann öffnet der Marschall die Tür zur Sakristei) . Deputierte des Rats, der Priester- und Bürgerschaft (treten ein).   Zwölfter Auftritt. Marschall. Olaf. Deputierte des Rats. Priester. Bürger. Laurentius Petri. Christina. Volk. Marschall . Olaus Petri, früher Pfarrer an der Hauptkirche zu Stockholm, leistet Ihr hiermit Abbitte für das, was Ihr verbrochen, widerruft Ihr, was Ihr gegen und über die Befehle des Königs gesagt habt, und erklärt Ihr Euch bereit, Euren Eid dem Könige Schwedens zu halten und ihm treu zu dienen? Olaf (schweigt) . Laurentius Petri und Christina (gehen auf ihn zu) . Volk (macht bittende Gebärden) . Olaf (kalt und bestimmt) . Ja! Marschall . Im Namen des Königs, Ihr seid frei! Olaf und Christina (umarmen einander) . Volk (ergreift Olafs Hand und wünscht ihm Glück) . Olaf (kalt) . Bevor ich diesen Raum verlasse, laßt mich einen Augenblick mit meinem Gott allein, ich bedarf dessen! Hier schlug ich einst meine erste Schlacht und hier – Laurentius Petri . Hier gewannst du heut den größten Sieg. Alle (gehen ab, außer Olaf) . Olaf (fällt auf die Knie) . Wilhelm (kommt vorsichtig herein und ist erstaunt, als er Olaf allein und frei sieht) .   Dreizehnter Auftritt. Olaf. Wilhelm. Wilhelm . Meister Olaf, ich komme, Euch Lebewohl zu sagen, bevor Ihr in ein anderes Leben eingeht. Olaf (steht auf) . Wilhelm, du verließest mich nicht, laß mich weinen bei dir, bei der Erinnerung an die frohen Stunden meiner Jugend. Wilhelm . Bevor Ihr sterbt, wollte ich Euch für das Gute danken, was Ihr uns erwiesen habt. Ich war es, der Euch diese Blumen gab, aber Ihr habt sie nicht gesehen. – Sie sind zertreten, wie ich sehe. – Ich wollte Euch ein Erinnerungszeichen an die Zeit geben, da wir unter den Linden auf dem Klosterhofe zu Strengnaes spielten; ich glaubte, es würde Euch wohltun, zu sehen, daß wir Gott nicht dafür dankten, daß Ihr nicht wiederkamt, wie Ihr damals sagtet. Niemals vergaßen wir Euch, denn Ihr befreitet uns von den grausamen Strafen, und Ihr wart es, der die düstern Klostertüren öffnete und uns die Freiheit, den blauen Himmel und das frohe Leben wiedergab. Warum Ihr sterben sollt, wissen wir nicht, aber niemals konntet Ihr etwas tun, was nicht recht ist, und sterbt Ihr, weil Ihr einige unterdrückte Menschen unterstütztet, wie man sagt, so darf es Euch nicht schmerzen, wenn es uns auch viel, viel Weh bereiten wird. Ihr spracht einmal davon, wie man Huß verbrannte, weil er es gewagt hatte, den Mächtigen die Wahrheit zu sagen. Ihr schildertet, wie er den Scheiterhaufen bestieg und sich freudig in Gottes Hand empfahl, indem er von dem Schwan weissagte, der dereinst kommen würde und neue Weisen singen zum Preise der erwachten Freiheit. So, habe ich mir gedacht, würdet Ihr dem Tode entgegengehen mit freier Stirn, den Blick gen Himmel gerichtet, unter dem Zuruf des Volkes: »So stirbt ein Wahrheitszeuge!« Olaf (lehnt sich zerknirscht an den Pranger) . Gerts Stimme (in weiter Ferne in der Kirche) . Abtrünniger! Olaf (fällt vernichtet auf dem Pranger nieder) .   Ende.