Königsidyllen von Alfred Tennyson.   Deutsch von Dr. H. A. Feldmann.     Berlin, A. Hofmann \& Co. 1882.   Inhalt. Widmung Enid Viviana Elaine. Ginevra   Widmung.               Dies Buch Idyllen, – zum Gedächtnis Ihm Will ich es weihn; Er hielt sie lieb und werth, Vielleicht, weil er in ihnen unbewußt Ein Bild erblickte, das Ihm ähnlich war; – Drum will ich Ihm es widmen, Ihm es weihn Mit Thränen.                       Wahrlich, vor mir steht er da Gleich meinem idealen Paladin, – »Dem sein Gewissen heilig, wie sein König, – »Deß Ruhm der Schutz bedrängter Unschuld war, – »Der weder Mund noch Ohr der Läst'rung lieh, – »Der Eine nur geliebt und treu gehegt,« – Sie, – deren Reiche bis zur fernsten Insel Sein Tod in schwarze Trauernacht gehüllt, Indeß die düstre Wolke droh'nden Kriegs Am Himmel hing, als ob die Sonne sich Der Welt entzöge. Jetzt erkennen wir Den uns Verlornen; kleinlich enger Neid Ist nun verstummt; wir sehn, wie er gewandelt, Wie maaßvoll, huldreich, hochgebildet, klug, Mit welch erhabner eigner Unterordnung, In welchen Schranken, und wie liebevoll; Nicht der Parthei, noch jener zugethan, Noch seinen Rang zur ungerechten Staffel Beschwingter Ehrsucht, noch zum Freibrief machend Leichtfert'ger Lust; wir sahn Ihn immerdar Als reinstes Muster tadellosen Wandels, V Von kleinen Seelen tausendfach umspäht Im grellen Licht, das einen Thron bescheint, Und jeden Fleck noch schwärzt, denn wer ersönne In Vaterliebe für den einz'gen Sohn Ein Leben, reiner, lieblicher, als Sein's? Wenn England hoffend Seiner Söhne denkt, Was wünscht es ihnen, als ein Erbtheil nur Von Seinem Wandel, Herzen, Sinn und Geist? Du Vater Seiner künft'gen Könige, Du für Sein Volk, für Seine Armen nie Ermüdender, – du, eines reichern Tags Verkündiger im goldnen Morgenroth; Du Seher, der die Welt von Krieg und Graus Zum friedlich segensreichen Wettstreit rief; Du Milder, von der Bildung Strahl verklärt, Der Künste Liebling und der Wissenschaft, Der eignen Heimath und der unsern theuer, Ein wahrer Fürst, an den kein Titel. ragt; Auf ewig wird Dein Name jedem Haus Geheilgt sein: Albert der Treffliche!   Brich nicht, o Frauenherz; halt aus, halt aus! Brich nicht, – denn Du bist königlich, – halt aus, Der vollen Schönheit jenes Sterns gedenkend, Der Dir so nahe strahlte, daß die Welt Ein Licht nur sah, doch unterging und Dich In Deiner Krone Glanz vereinsamt ließ.   Mög' all Sein Lieben, wenn auch unsichtbar, Doch tief empfunden, walten über Dir! All Deiner Söhne Liebe Dich umgeben, All Deiner Töchter Liebe Dich beglücken, Dich trösten Deines ganzen Volkes Liebe, Bis Gottes Liebe Dich ihm neu vereint. –     Enid.                     Der biedre Held Garin, an Artus' Hof Ein Ritter, und ein lehenspflicht'ger Fürst Von Devon, einer aus dem hehren Kreis Der Tafelrunde, hatte sich mit Enid, Dem einz'gen Kinde Yniol's vermählt Und liebte sie dem Licht des Himmels gleich. – Und wie der Himmel strahlt in anderm Licht, Wenn sich die Sonne hebt, und wenn sie sinkt, Und wieder, wenn der Mond die Nacht erhellt, Und Sterne flimmern, also war's die Lust Garins, daß ihre Schönheit Tag für Tag Mit Purpur, Carmosin und Perlenzier Abwechselte; doch nur um zu erfreu'n Des Gatten Blick, der sie zuerst gefunden Und sie geliebt im Stand der Dürftigkeit, Trat Enid alle Tage vor ihn hin, Mit irgend einem frischen Schmuck geziert. Und selbst die Königin, aus Dankbarkeit Für treuen Dienst, den ihr Garin gethan, War Enid hold und zog oft selbst sie an, Und schmückte sie mit eigner weißer Hand, Als lieblichste nächst ihr am ganzen Hof. – Und Enid war der Königin zugethan Und betete sie treuen Herzens an Als aller ird'schen Frauen Musterbild An Würde, Güte, Schönheit; – und Garin, Wenn er sie so vertraut und zärtlich sah, War ihrer Wechselliebe lange froh. – Doch als der Königin sünd'ge Leidenschaft Für Lancelot am Hofe ruchbar ward, – Obgleich noch kein Beweis vorhanden war, Und noch der Welt halblautes Flüstern nicht Zum Sturm geworden, – glaubte doch Garin Dem Leumund, und ihn überkam die Angst, Daß seines eignen sanften Weibes Ruf, Weil sie so zärtlich an Ginevra hing, Nicht makellos geblieben, oder doch Einst leiden könnte; – drum zum König ging Garin und schützte vor: sein Fürstenthum Läg' eines Landstrichs Grenzen allzunah, Wo Grafen Räuber, Ritter Strolche sei'n, Wo alle Flücht'gen vor dem Arm des Rechts, Und alles Volk, das die Gesetze haßt, Ihr Wesen trieben; so begehrt' er denn, Bis es dem König selbst gefallen würde, Die Auswurfsstätte seines ganzen Reichs Zu säubern, gnäd'gen Urlaub, fortzugehn, Um seinen Gränzen selbst ein Hort zu sein. – Der König stutzte zwar auf sein Gesuch Ein wenig, doch zuletzt gewährt' er es, Und Fürst Garin und Enid, im Geleit Von fünfzig Herren, ritten an den Strand Des Severn, über den sie weiter zogen Ins eigne Land. Dort dachte nun Garin: »War eine Gattin je dem Gatten treu, So soll getreu mir bleiben mein Gemahl«, Und wob um Enids Leben einen Kreis Von Ehrfurcht und von zartem Minnedienst, Verließ sie nimmer, und gedachte nicht Des Worts, das scheidend er dem König gab, Vergaß des Waidwerks und der Falkenjagd, 2 Vergaß Turnier und ritterlichen Kampf, Vergaß den Ruhm und seines Namens Glanz, Vergaß sein Fürstenthum und fürstlich Amt, – Und dies Vergessen wurmte Enid tief. Und nach und nach begann das Volk sogar In Zwiegesprächen oder öffentlich Zu schwatzen, höhnen, witzeln über ihn, Als einen Fürsten, dessen Mannheit fort Und hingeschmolzen in verliebtem Dienst Bei seiner Gattin. – Enid las dem Volk Dies aus den Augen, dies erzählten auch, Wenn sie das Haar ihr flochten, ihre Frau'n, Um ihr zu schmeicheln durch die Schilderung, Wie sonder Gränzen seine Liebe sei; Und machten nur noch schwerer ihr das Herz. – Und Tag für Tag beschloß sie, mit Garin Zu reden, doch befangnes Zartgefühl Schloß ihr den Mund, indeß ihm nicht entging, Wie sie bedrückt war, und sein Argwohn stieg, Es haft' ein Makel ihrem Wesen an. –   Zuletzt an einem Sommermorgen früh, Als Seit' an Seite sie der Schlaf umfing, Begab sich's, daß der jungen Sonne Schein Durch ihrer Fenster offne Laden drang. – Im Traume ward's dem tapfern Krieger heiß; Er rührte sich und stieß die Decke fort, Entblößend seiner Gurgel knot'ge Höh'n, Das wucht'ge Viereck seiner Heldenbrust, Und Arme, deren straffe Muskeln hoch Sich wölbten, wie des wilden Baches Fluth, Die sich im Bogen über Steine wälzt, Und ihren hast'gen Lauf nicht hemmen läßt. – Und Enid wurde wach und setzte sich Zur Seite seines Bettes neben ihn, Und ihn bewundernd dachte sie bei sich: »Er hat an Stärke seines Gleichen nicht.« Da, wie ein Schatten, zog des Volks Geschwätz Und Vorwurf der Verliebtheit in sein Weib Durch ihren Geist; sie bog sich über ihn, Und sprach zum eignen Herzen wehmuthsvoll:   »O edle Brust und allgewaltger Arm! Bin ich der Grund, der arme Grund, daß man Euch schmäht und sagt, all' eure Kraft sei hin? Ich bin der Grund, weil mir's an Muth gebricht, Zu reden und ihm Alles kundzuthun, Was mich erfüllt und was man von ihm spricht. – Doch haß' ich es, daß er hier müssig weilt; Ihn lieben, heißt auch lieben seinen Ruhm. Weit lieber legt' ich ihm den Harnisch an, Und ritte mit zum Streit, und wär' ihm nah, Und schaute zu, wie seine mächt'ge Hand Gewicht'ge Streiche schleudert' auf die Brut Der Schurken und der Schädiger der Welt. Weit besser wär's, ich läg' im dunkeln Grab, Und wär' für seine edle Stimme taub, Und würde nimmer von den theuren Armen Umfangen und entbehrte jeden Blick Aus diesen stolzen Augen, als daß Schmach Um meinetwillen meinen Gatten trifft! Bin ich so kühn und könnte bei ihm stehn, Und könnte schauen, wie mein theurer Herr Im Kampf verwundet und vielleicht durchbohrt, Tödlich durchbohrt vor meinen Augen würde, – Und wag' ich dennoch nicht, ihm zu vertrau'n, Was mich erfüllt, und wie man ihn beschimpft, Indem es heißt, daß alle seine Kraft Geschmolzen ist in eitel Weichlichkeit? Weh' mir, mir bangt, ich bin kein treues Weib!«   Halb dachte sie, halb hörbar sprach sie so, Und ächte Thränen ließ ihr Herzeleid Sie weinen, die hernieder träufelten Auf seine breite, noch entblößte Brust. Da ward er wach, und hörte leider nur Von ihren letzten Worten einen Theil: Daß ihr gebangt, sie sei kein treues Weib. – »Trotz aller meiner Liebe«, dacht' er da, »Für all' mein Mühn, ich Armer, all mein Mühn, Ist sie nicht treu, und weinen seh' ich sie Um einen muntern Fant an Artus' Hof.« – Denn wenn er gleich sie liebt', und viel zu hoch Sie hielt, um nur im Traum für schuldig sie Zu achten eines ehrvergess'nen Thuns, So schnitt doch durch sein tapfres Herz die Qual, Die Angesichts der Holden, die ein Mann Am meisten liebt, ihn arm und einsam macht. – Die mächt'gen Glieder schnellt' er aus dem Bett, Er schüttelte den trägen Diener wach, Und schrie: »mein Streitroß, ihren Zelter her!« Zu ihr dann: »in die Wildniß geht mein Ritt; Denn wenn ich scheinbar meine Sporen noch Gewinnen muß, bin ich doch nicht so tief Gesunken, wie mir Mancher wünschen mag. Und du, leg' deine schlechtsten Kleider an, Und reite mit mir.« – Enid bat bestürzt: 3 »Wenn Enid irrt, sag' ihr, was sie gefehlt!« Doch er: »Du sollst nicht fragen, merk' es dir: Gehorchen sollst Du«. – Da besann sie sich Auf ein verblichnes altes Seidenkleid Mit altem Mantel, altem Schleiertuch; Das hatte sie bisher als Heiligthum In einem Schrein aus Cedernholz verwahrt, Und zwischen jeder Falte lag ein Zweig Mit frischem Grün. Den Anzug nahm sie nun Und legt' ihn an, gedenkend, wie Garin Zum ersten Mal in diesem Kleid sie fand, Und sie, die Arme, dennoch liebgewann; Und ihrer kind'schen Angst um dieses Kleid, Und seiner ganzen Reise dachte sie, Von der er jeden Umstand ihr erzählt, Und ihres Kommens an des Königs Hof.   Denn Artus hielt um Pfingsten damals Hof Im alten Schloß Caerleon am Usk. Einst als er dort in hoher Halle saß, Da trat ein Förster vor ihn hin aus Dean, Vom Waldthau feucht; der einen Edelhirsch Groß wie noch keinen und wie Milch so weiß, Am heut'gen Tag zum ersten Mal gesehn, Wovon er gleich dem König Meldung that. – Da gab der gute König den Befehl, Am nächsten Morgen solle man zur Jagd Die Hörner blasen; und der Königin, Die um Erlaubniß bat, die Jagd zu sehn, Gewährt er frohen Muthes ihr Gesuch.   Früh aufgebrochen war der ganze Hof, Nur Frau Ginevra lag, der Jagd vergessen, In süßem Schlaf und träumte Liebesträume Von Lancelot, bis in den hellen Tag. Doch endlich stand sie auf und stieg zu Pferd Mit einem Fräulein, und durchritt den Usk, Und weiter, bis sie hart am Waldessaum Auf einem kleinen Hügel halten blieb, Des Lauts der Meute harrend, die nicht kam. – Doch plötzlich tönte Hufschlag ihr in's Ohr; Denn Fürst Garin, der auch verspätet war, Und weder Jagdgewand noch Waffen trug, Bis auf ein Schwerdt mit goldenem Gefäß, Kam munter durch die schmale Furt gesprengt, Und jagte rasch den sanften Hang hinauf. Die Purpurschärpe, die vom reinsten Gold An jedem Ende einen Apfel trug, Umwallte seine Brust, und als er nun Sich im Galopp den Frauen näherte, Kam ihm am Glanz nicht die Libelle gleich Im seidnen sommerlichen Festgewand. – Tief neigte sich der lehenspflicht'ge Fürst, Und sie, mit holdem würdevollen Gruß, Mit aller Anmuth edeln Frauenthums Und königlicher Hoheit, sprach ihn an: »Spät, spät, Herr Fürst, verspäteter als wir.« »Jawohl,« gab er zur Antwort, »edle Frau, So spät, daß ich, gleich Euch, die Jagd nur sehn, Nicht selber jagen will.« – »So leistet mir Gesellschaft,« sprach sie, »denn, wenn irgendwo, So werden wir auf diesem kleinen Berg Die Meute hören; oft schon brach sie hier Vor unsern Füßen aus dem Busch hervor.«   Und als sie lauschten nach der fernen Jagd, Besonders nach dem Anschlag des Cavall, Des tiefsten Bellers in des Königs Meute, Da ritten ganz gemach des Wegs daher Ein Ritter, eine Dame, und ein Zwerg, Der aber träg zurückgeblieben war. Der Ritter ritt mit offenem Visir Und ließ ein jugendliches Antlitz sehn, Gebietrisch, jeder Zug voll Uebermuth. Und Frau Ginevra konnte des Gesichts Sich nicht erinnern aus dem Königssaal; Begierig auf den Namen, sandte sie Ihr Fräulein auf Erkundigung bei dem Zwerg, Der, weil er boshaft, alt und gallicht war, Und in des Hochmuths Laster seinen Herrn Noch übertraf, ihr grob zur Antwort gab, Das gehe sie nichts an. – »So werd' ich ihn Denn selber fragen«, sagte sie. Da schrie Der Zwerg: »nein, meiner Treu, das wirst du nicht; Du bist nicht werth, daß du von ihm nur sprichst.« Wohl ritt sie dennoch auf den Ritter zu, Doch mit der Peitsche schlug der Zwerg nach ihr. Sie kam empört zur Königin zurück. Und mit dem Ruf: »Fürwahr, ich werde bald Den Namen wissen«, sprengte jetzt Garin Dem Unhold nach, und hieß ihn Rede stehn; Doch Jener gab ihm Antwort, wie zuvor; Und als der Fürst sein Roß nun wendete Zum Ritter hin, schlug mit der Peitsche auch Nach ihm der Zwerg und traf ihn in's Gesicht. Auf seine Schärpe sprang des Fürsten Blut, Sie dunkler färbend; unwillkührlich fuhr Die rasche Hand an seinen Degengriff, 4 Ihn zu erschlagen; doch ein Uebermaaß Von Männlichkeit und ächtem Edelmuth Ließ ihn die Strafe solchen Wurms verschmähn; Kein Wort verlor er, kam zurück und sprach:   »Bestrafen will ich, hohe Frau, die Schmach, Die Euch in Eurem Fräulein angethan; Aufspüren dies Gezücht in seinem Bau, Denn ritt ich ohne Rüstung auch vom Haus, So find ich ohne Zweifel irgendwo, Wohin ich komme, Waffen, sei's geliehn, Sei's gegen Unterpfand; dann will ich ihn Im Kampf bestehn, und brechen seinen Stolz; Am dritten Tage bin ich wieder hier, Wenn ich im Kampf nicht falle, – lebet wohl.«   »Lebt wohl denn, Edler Fürst,« erwiderte Die hohe Königin, »und auf dieser Fahrt Mög' Euch begleiten das gewohnte Glück. Und mögt Ihr Alles finden, was Ihr liebt, Und leben, um die Holdeste zu frei'n, Die Euer Herz erwählt; – doch eh Ihr freit, Bringt mir die Braut; und wär's ein Königskind, Und wär's des Bettlers Tochter hinterm Zaun, An ihrem Hochzeitstage kleid' ich sie, Daß nicht die Sonne heller strahlen soll.«   Und Fürst Garin ritt fort, da kam die Jagd; Er hörte noch den edeln Hirsch gestellt, Das ferne Horn; verdrießlich war es ihm, Daß er die Jagd verlor, verdrießlich auch Der schnöde Grund. – Er ritt bergauf, bergab, Durch manche grasige Lichtung, manches Thal, Die drei Beleid'ger unverwandten Blicks Verfolgend. Endlich traten sie heraus Aus dieser Welt von Waldung, um hinan Zu glimmen einen hohen glatten Berg, Und zeichneten sich scharf am Horizont, Eh abwärts sie versanken. Ihnen nach Kam Fürst Garin, und sah am Bergesfuß Ein Städtchen, dessen Straße langgestreckt Das Thal durchzog; an einer Seite hob Sich eine Burg, weiß, wie des Maurers Hand Sie kaum verlassen; gegenüber lag Ein Schloß in Trümmern jenseits einer Brücke, Die über eine trockne Schlucht gespannt. Und ein Geräusch erscholl aus Stadt und Thal, Wie wenn ein breiter Bach auf steinigem Bett Dahinrauscht, – wie der ferne Lärm der Kräh'n, Eh sie zur Ruhe kommen für die Nacht. –   Grad auf die Burg zu ritten jene drei, Und waren plötzlich hinter ihrem Thor Verschwunden. Zu sich selbst sprach Fürst Garin: »Den Bau des Schurken hab' ich ausgespürt.« – Die lange Straße ritt er müd' hinab, Fand jede Herberg voll, und überall Beschlug man Pferde, pfiff der Blasebalg, Und putzten an der Rüstung ihres Herrn Geschäft'ge Knappen, daß das Eisen knirschte. Von ihnen fragt' er Einen nach dem Grund Des Aufruhrs in der Stadt; der Knappe sprach Und putzte fort: »das macht der Sperlingsfalke.« Ein alter Bauer kam des Wegs daher, Der von der staubigen Deichsel seines Karrns Gestoßen, einen Sack Getreide zog, Im Schweiße seines Angesichts; an den Ritt er hinan und fragte wiederum, Was hier der Lärm bedeute. Mürrisch gab Der Bauer Antwort: »ach, der Sperlingsfalke!« Und weiter ritt Garin bis an ein Haus, Da saß, ihm abgewandt, ein Waffenschmied, Der auf sein Werk gebeugt an einem Helm Auf seinen Knieen emsig nietete. Dieselbe Frage that er, doch der Mann Sah sich nicht um, noch auf, und brummte nur: »Freund, wer zu thun hat für den Sperlingsfalken, Der hat für müß'ge Frager keine Zeit.« Worauf Garin ausbrach in heller Wuth: »Zehntausend Pipse krieg' Eu'r Sperlingsfalk'; Ich wollt', die ganze winz'ge Vogelwelt, Zaunkön'ge, Meisen, pickten ihn zu Tod! Ihr meint wohl, das Geschnatter Eures Dorfs Sei aller Welt Gespräch? Was schert es mich? Armsel'ge Sperlingsbande, Mann für Mann, Die Ihr von nichts als Sperlingsfalken pfeift! Sprich, wenn du nicht, wie Alle, falkentoll, Wo kann ich Herberg' finden für die Nacht, Und Waffen, Waffen, daß ich meinen Feind Bekämpfe, sprich?« da wandte sich bestürzt Der Waffenschmied, und als er Jemand sah In Purpurseide prächtig angethan, Trat er hinaus, den Helm noch in der Hand, Und sprach: »Verzeiht, o fremder Rittersmann; Wir halten ein Turnier hier morgen früh, Und haben zweimal mehr zu thun, als Zeit. Und Waffen? traun, da weiß ich keinen Rath; 5 Hier braucht man alle; Herberg'? traun, ich weiß Euch keine, höchstens bei Earl Yniol, Jenseits der Brücke dort.« – So sprach der Mann, Und ging schon wieder hämmernd an sein Werk.   Zur Brücke ritt, noch ärgerlich, Garin, Und hinter ihm lag bald die trockne Schlucht; Dort saß und sann der weißgelockte Earl, Sein ganzer Anzug abgetragne Pracht, Doch einst der höchsten Feste würd'ge Zier, Und fragte: »schöner Sohn, wohin?« – Garin Versetzte: »Herr, ich suche für die Nacht Ein Obdach.« – »Dann,« sprach Yniol, » tretet ein, Und theilet eines Hauses magre Kost, Das einstens reich, jetzt zwar ein armes Haus, Doch dessen Thüren immer offen stehn.« Worauf Garin: »ehrwürd'ger Freund, habt Dank; Tischt Ihr mir nur nicht Sperlingsfalken auf Zum Nachtmahl, tret' ich ein und esse mit; Zwölfstündig Fasten schärft die Lust dazu.« Da seufzt' und lächelte der greise Earl, Und gab zur Antwort: »tiefern Grund, als Ihr, Hab' ich, zu fluchen diesem Heckendieb, Dem Sperlingsfalken; aber kommt herein; Wir wollen ihn auch nicht einmal im Scherz Erwähnen, falls nicht Ihr es selber wünscht.«   Garin ritt in den Schloßhof, und sein Roß Trat mancher Distel auf den Stachelkopf, Die wuchernd wuchs im bröckelnden Gestein. Ruinenhaft war Alles, was er sah; Hier stand noch ein verfallner Bogengang Im Schmuck des Farrnkrauts; dort am Boden lag Ein halber Thurm, zwar umgestürzt, doch ganz Dem Felsstück gleich, das von der Klippe rollt, Und wie der Fels von wilden Blumen bunt. Dort wand ein Bruchstück Wendeltreppe sich, Von Füßen ausgetreten, die nicht mehr Auf Erden schritten, nackt zum Himmel auf; Und riesige Epheustämme klammerten, Die rauhbehaarten Arme weitgestreckt, Sich fest an die geschwärzten Mauern an, Und sogen sich in alle Fugen ein, Inwärts ein Schlangenknäu'l, nach außen Wald.   Und während er im Schloßhof wartend stand, Klang durch der Halle offnes Fenster hell Enid's Gesang, der Tochter Yniols. Sie sang, und wie wenn einen Landenden Auf einer Insel abgelegnem Strand Ein Vogel grüßt mit lieblichem Gesang, – Und jener sinnen muß, von welcher Art Der Vogel sei, der so bezaubernd singt, Und sich Gefieder vorstellt und Gestalt, – So rührte Enid's süßer Sang Garin; Ihm ward, wie Morgens einem Wandersmann, Wenn er zuerst die schmelzende Musik Des Lieblingssängers aller Menschen hört, Der über manche stürmische Woge hin Nach England zieht, und unversehns im Lenz Aus eines Dickichts bunter Mosaik Sich hören läßt, – der Wandrer steht und lauscht, Der Landmann läßt das Werk der Hände ruhn, Und Jeder denkt und spricht: »die Nachtigall!« So ward's Garin zu Sinn, er dachte laut: »Das ist die Stimme, beim allmächt'gen Gott, Der Einzigen, die mir gehören soll.« –   Nun war das Lied, das Enid sang, ein Lied Vom Glück und seinem Rad, und Enid sang:   »Glück, dreh' dein Rad, den Stolzen mache klein; Dreh' wild dein Rad bei Sturm und Sonnenschein; Dein Rad und du sind uns nicht lieb noch leid.   »Glück, dreh' dein Rad, und wechsle dein Gesicht; Dein tolles Rad, uns hebt und stürzt es nicht; Arm sind wir nur, doch unsre Herzen weit.   »Lach' uns, wir lächeln, Herrn von vielem Land; Zürn' uns, wir lächeln, Herrn durch eigne Hand; Ein Mann beherrscht sein Schicksal allezeit.   »Dreh', dreh' dein Rad, dir jauchzt nur Pöbel zu, Verschwomm'ne Schatten sind dein Rad und du; Dein Rad und du sind uns nicht lieb noch leid. –«   »Hört, und erkennet an des Vogels Sang Sein Nest,« sprach Yniol, »tretet herzhaft ein.« Und über einen Berg von neuerdings Gefall'nen Steinen ging es in den Saal, An düstern Sparr'n und Spinngeweben reich. Dort fand er eine Dame, schon bejahrt, In dunkelm Sammet; aber neben ihr Gleich einer Blume, deren Weiß und Roth Nur heller absticht vom verwelkten Beet, Saß Enid, ihre schöne Tochter, ganz In abgetragner Seide. – Nur ein Blick, Und ihm im Herzen sprach's: »bei Gottes Kreuz, Hier ist die einz'ge mir bestimmte Maid!« Doch stumm blieb Jeder, bis der greise Earl 6 Begann: »das Roß des guten Ritters steht Im Hofe, Tochter, bring' es in den Stall, Und gieb ihm Korn, und gehe dann zur Stadt, Und kauf' uns Fleisch und Wein; wir wollen heut' Einmal nach besten Kräften fröhlich sein; Arm sind wir nur, doch unsre Herzen weit.« – Sprach's, und der Fürst, als Enid sich erhob, That einen Schritt, als wär' er gern gefolgt; Allein nach seiner Purpurschärpe griff Jetzt Yniol, hielt ihn fest und sprach: »verweilt: Ein edles Haus, wenn auch verarmt, mein Sohn, Erträgt nicht, daß sein Gast sich selbst bedient.« Und den Gebrauch des Hauses ehrend stand Garin von weiterm Ritterdienste ab. –   Und Enid zog sein Streitroß in den Stall, Nahm dann vom Schloß hinunter ihren Weg Zur Stadt, und während noch der Fürst und Earl Zusammen sprachen, kam sie schon zurück; Und einen Korb trug ihr ein Knabe nach Mit guten Dingen, wie sie nöthig sind Zu herzlicher Bewirthung, Fleisch und Wein. Und Enid bracht' auch süße Kuchen mit, Daß sie sich gütlich thäten; und geknüpft In ihren Schleier feines Semmelbrod. Das Fleisch dann briet sie, weil ihr Saal zugleich Als Küche diente; breitete das Tuch, Und stand bedienend hinter ihrem Sitz. Und als Garin sie nun so willig sah, Und lieblich, ward in ihm ein Sehnen wach, Sich bückend ihren kleinen zarten Daum, Zu küssen, der das große Speisebrett Beim Niedersetzen gar zu reizend hielt. Doch nach dem Mahl, und als der edle Wein Garin wie Sommer durch die Adern floß, Da folgten seine Augen ihr entzückt, Und ruhten nur auf Enid, wie sie still Die Arbeit einer Magd verrichtete, Bald hier, bald dort im schlechterhellten Saal; Und plötzlich hob er an zum greisen Earl:   »Mein edler Wirth und Earl, ich wende mich An Eure Güte: dieser Sperlingsfalke, Wer ist er? gebt mir Auskunft über ihn. Sein Name? doch, den sagt mir lieber nicht; Denn meiner Treu', wenn es der Ritter ist, Den in die neue Burg vor Eurer Stadt, Aus der noch kaum der letzte Maurer fort, Ich reiten sah, so bindet mich ein Schwur, Daß er mir selbst ihn nennen soll: – ich bin Garin von Devon, – denn als heute früh Die Königin ihr Fräulein abgesandt, Den Namen zu erfragen, schlug sein Zwerg, Die niederträcht'ge Mißgeburt, nach ihr Mit seiner Peitsche, denkt! – sie kam empört Zur Königin zurück, worauf ich schwur, Der Spur des Schurken bis in seinen Bau Zu folgen, seinen Stolz im Kampf zu brechen, Und von ihm selbst zu hören, wie er heißt. Fort ritt ich unbewehrt: ich dachte mir, Ich fände Waffen wohl in Eurer Stadt; Doch hier, so scheint's, sind alle Leute toll, Und halten ihres Dorfbachs Murmelton Für Wogenbrausen, das die Welt durchhallt; Sie hörten mich nicht an; doch wenn Ihr wißt, Wo Waffen aufzutreiben, oder auch Selbst Waffen habt, so sagt es: denn Ihr seht, Ich hab' geschworen, daß ich seinen Stolz Zu nichte machen, daß ich hören will, Wie er sich nennt, und daß ich rächen will Den frechen Hohn, den er der Königin bot.«   Da rief Earl Yniol: »Seid Ihr in der That Garin, ein Name, weit und breit berühmt Um edle Thaten? Traun, mir ahnte schon, Als ich Euch auf der Brücke kommen sah, Ihr wärt was Großes; und ich schloß es gleich Aus Tracht und Haltung, Ihr gehörtet wohl Zu denen, die im Saal zu Camelot Mit Artus speisen. Und ich spreche, traun, Auch nicht aus lächerlicher Schmeichelei, Denn Eure Waffenthaten hab' ich oft Dem lieben Kind gerühmt, und wenn ich schwieg, Hat sie gefragt, und immer gern gehört; So großen Reiz hat edler Thaten Ruf Für edle Herzen, die nur Unthat sehn. – Kein Weib hat je solch Freierpaar gehabt, Wie dies mein Mädchen hier; zuerst Limours, Ein Mensch, mit Sinn für nichts, als Lärm und Wein; Er warb sogar im Rausch; ob er noch lebt, Ich weiß nicht, doch er ging in's wilde Land. Der zweite war Eu'r Feind, der Sperlingsfalke, Mein Fluch, mein Neffe; nie so lange mir Ein Wille bleibt, sprech' ich den Namen aus; Und weil ich ihn erkannt als wild und wüst, Wies ich ihn ab; da ward sein Hochmuth wach, Und weil ein stolzer oft ein schlechter Mann, 7 So träufelt' er Verläumdung in das Ohr Der Welt, behauptend, daß sein Vater Gold Ihm hinterlassen und mir anvertraut, Was ich veruntreut, – meine Dienerschaft Verführt er mir mit goldnen Hoffnungen, Und um so leichter, da mein Hab und Gut Durch Gastlichkeit und allzeit offne Thür Gemach erschöpft war: – wiegelte die Nacht Vor dem Geburtstag meiner Enid mir Die eigne Stadt auf, plünderte mein Haus, Beraubte schändlich meines Earlthums mich, Der Schurke, – baute jene neue Burg, Um meiner Freunde Muth zu brechen, auf, – Denn wirklich, Manche sind noch jetzt mir hold, – Und hält mich fest in diesem Trümmerschloß; Hier hätt' er längst den Tod mir angethan, Verachtete sein Stolz mich nicht zu tief. Und selbst veracht' ich hin und wieder mich; Denn wie sie wollte, ließ die Welt ich gehn, Und war zu gut; nie braucht' ich meine Macht; Auch weiß ich selbst nicht, ob ich memmenhaft, Ob äußerst tapfer bin, ob weise sehr, Ob äußerst närrisch; eines weiß ich nur: Was mir auch Uebles widerfahren mag, Es ficht mir weder Herz noch Glieder an, Und Alles kann ich tragen in Geduld.«   Drauf Jener: »Wohl gesprochen, biedres Herz, Doch Waffen! denn, wie ich vermuthe, ficht Eu'r Neffe selbst im morgenden Turnier; Dort brech' ich seinen Stolz.« – »Ich habe wohl,« War Yniols Antwort, »Waffen, aber alt Und rostig, alt und rostig, Fürst Garin; Euch stehn sie, wenn Ihr sie begehrt, zu Dienst; Doch Niemand kämpft in diesem Waffenspiel, Wenn nicht die Dame dort ist, die er liebt. Zwei hohe Gabeln trägt der Wiesengrund, Auf denen eine Silberstange ruht; Der Sperlingsfalke wird darauf gesetzt, Als Preis der Schönheit für die Schönste dort, Und jeder Ritter, der im Feld erscheint, Begehrt für seine Dame diesen Preis, Und kämpft um ihn mit meinem würd'gen Neffen, Der waffenkundig und von Knochen derb Ihn immer seiner Dame noch gewann, Und weil er jeden Gegner niederwarf, Den Namen »Sperlingsfalke« selbst bekam; Ihr aber, weil Ihr keine Dame habt, Dürft gar nicht kämpfen.« –                                           Ihm zur Antwort gab Garin mit Augen, die ihm leuchteten, Zu seinem Ohr sich beugend: »mit Verlaub! Laßt mich die lange Lanze brechen, edler Wirth, Für dieses theure Kind; denn hab' ich gleich Die schönsten Frauen unsrer Zeit gesehn, Nie sah ich doch, und nirgends find' ich sonst, Solch holdes Bild. Und wenn ich falle, bleibt So fleckenlos ihr Name, wie zuvor; Doch leb' ich, so wahrhaftig mach' ich dann Zu meinem angetrauten Weibe sie, So wahr mir Gott im Sterben gnädig sei.«   Da tanzte doch selbst Yniol's Dulderherz In seiner Brust; das Glück stand vor der Thür; Er sah sich um, doch sah er Enid nicht, Denn ihren Namen hörend, war sie still Hinaus geschlüpft; er sah die Mutter nur; Da nahm er zärtlich ihre welke Hand In seine beiden und sprach liebevoll: »Ein Mädchen, Mutter, ist ein zartes Ding, Auf das am besten sich das Weib versteht, Das sie gebar. Begieb du dich zur Ruh'; Sprich aber noch, eh du dich legst, mit ihr, Und prüf' ihr Herz, ob es den Fürsten liebt.«   So sprach der güt'ge Earl; sie lächelte Und nickte viel, brach auf, und fand ihr Kind Schon halb entkleidet, um zu Bett zu gehn. Ihr beide Wangen küssend legte sie Auf jede weiße Schulter eine Hand, Hielt so sie fest und sah ihr in's Gesicht; Und ihr der Männer ganzes Zwiegespräch Im Saal erzählend, prüfte sie ihr Herz. – Nie jagten sich auf offnem Felde so Der Wolken Schatten mit dem Sonnenlicht, Wie Roth und Blaß auf Enid's Angesicht Beim Hören. Langsam, wie die Waage sinkt, Wenn Gran auf Gran nur das Gewicht sich mehrt, Sank auf die zarte Brust ihr süßes Haupt; Kein Auge schlug sie auf, sie sprach kein Wort; Ihr war so bang; es war so wunderbar; Und ohne Antwort ging sie still zur Ruh'. Doch Schlummer fand sie nicht, noch sänftigte Die kühle Nacht das aufgeregte Blut; An ihren Unwerth denkend lag sie da; Und kaum begann der farblos bleiche Ost Sich zu beleben in der Sonne Strahl, 8 Erhob sie sich, und rief die Mutter wach; Sie schritten Hand in Hand zum Wiesengrund, Wo man die ritterlichen Kämpfe hielt, Und harrten dort auf Yniol und Garin.   Als Beide kamen, und Garin die Holde Zuerst im Feld, und ihn erwartend, sah, Da fühlt' er, wäre sie der Stärke Preis, Zum Wanken brächte seines Armes Ruck Die Idriskanzel. – Seinen Fürstenleib Bedeckten Yniol's rost'ge Waffen nur, Und doch schien fürstlich Haltung und Gestalt. Nun kamen Ritter an und edle Frau'n, Und nach und nach der Menschenstrom der Stadt, Der um die Schranken rings sich ordnete. Dort pflanzte man die Gabeln in den Grund, Die Silberstange ward darauf gelegt, Auf der ein goldner Sperlingsfalke saß. Trompetentusch, – und Yniol's Neffe rief Vor allem Volke seiner Dame zu: »Tritt vor, und als der Schönen Schönste nimm Der Schönheit Preis, den ich zwei Jahre lang Für dich erstritt.« – Laut rief der Fürst: »laßt ab, Denn hier steht Eine, seiner würdiger.« Mit Ueberraschung und noch dreimal mehr Verachtung wandte sich der Ritter um, Und sah die Vier; und wie die helle Gluth Am Jubelfest lodert, flammte sein Gesicht Vor Haß und Aerger; »kämpfe denn darum!« So brüllt' er laut; und dreimal prallten sie Nun auf einander, dreimal splitterten Die Lanzen; beide flogen sie vom Roß, Und tauschten nun, sich schleppend, Hieb auf Hieb, So dicht und wuchtig, daß das ganze Volk Ein Staunen war, und von entfernten Mauern Ein Klatschen, wie von Geisterhänden kam. So zweimal fochten und verschnauften sie; Der Schweiß des Ringens und der Blutverlust Der starken Glieder zehrte Beider Kraft; Doch gleich blieb Beider Kraft, bis Yniol's Ruf: »Gedenk' des Hohns, den er der Königin bot,« Den Ausschlag gab; die Klinge schwang Garin, Durchhieb den Helm, und hieb den Knochen an, Und fällte seinen Feind, und sprach, den Fuß Auf seine Brust gestemmt: »wie heißt du nun?« Zur Antwort stöhnte der gefallne Mann: »Edyrn, Sohn Nudd's; o Scham, daß ich nun doch Dir meinen Namen selber sagen muß; Mein Stolz ist hin; die Welt sah meinen Fall.« – »Edyrn, Sohn Nudd's, jetzt sollst du,« sprach Garin, »Wenn dir dein Leben lieb, zwei Dinge thun; Zuerst: mit deiner Dame reitest du, Und deinem Zwerg, an Artus' Hof, und dort Erflehst du Gnade von der Königin Für jene Frechheit, die du jüngst verübt, Und harrest ihres Richterspruchs; – sodann: Sein Earlthum giebst du deinem Ohm zurück; Des Todes bist du, thust du beides nicht.« Edyrn versetzte: »Beides will ich thun; Denn ich, der nimmer überwunden ward, Bin nun von dir besiegt; gebrochen ist Mein Stolz, denn Enid schaute meinen Fall.« Dann stand er auf und ritt an Artus' Hof; Und leicht verzieh ihm dort die Königin; Und weil er jung, so wurde noch aus ihm Ein neuer Mensch; er lernte mit der Zeit Die Sünde, die so sehr der seinen glich, An Modred hassen, Artus' Schwestersohn; Und fiel nach Jahren in der großen Schlacht Als Streiter seines königlichen Herrn.   Doch als der dritte Morgen nach der Jagd Am Horizont sein Dämmerlicht ergoß, Und es im Epheu an zu flattern fing, Ward Enid munter, denn ihr schönes Haupt Beschien ein falber Sonnenstrahl, und Schatten Der Vögel tanzten über ihr Gesicht. – Und sie besann sich des an Fürst Garin Erst gestern Abend spät gegebnen Worts, – So fest war sein Entschluß, am dritten Tag Zu reisen, daß er ihr nicht Ruhe ließ, Bis sie's ihm zugesagt, – am nächsten Morgen Mit ihm zu reiten an des Königs Hof, Um vorgestellt der hehren Königin, Und dann daselbst mit Prunk und Festlichkeit Vermählt zu werden. Plötzlich fiel ihr Blick Auf ihren Anzug, und sie meinte nun, Daß er noch nie so ärmlich ausgesehn. – Denn so, wie gegen des Octobers Laub Sich traurig ausnimmt ein Novemberblatt, So kam der Anzug, wie sie jetzt ihn sah, Ihr schlechter vor, als sonst er ausgesehn, Bevor Garin gekommen. Sie besah Ihn fort und fort, und Angst beschlich ihr Herz Vor etwas seltsam, prachtvoll Schrecklichem, Vor einem Hof, wo alle Leute sie 9 In ihrem abgetragnen Seidenkleid Anstarren würden; sie verzagte schier, Und ihres süßen Herzens Stimme sprach:   »O güt'ger Himmel, dieser edle Fürst, Der unser Earlthum uns zurückgewann, Und der in seinem Thun und seiner Tracht So herrlich ist, wie schad' ich seinem Ruhm! Wie möcht' ich gern, er könnte noch allhier Ein Weilchen bleiben! Aber da wir schon Dem Fürsten so verpflichtet, ziemt' es wohl Uns Allen schlecht, entschlossen, wie er schien, Heut', als am dritten Tage, fortzugehn, Wenn wir von ihm noch eine zweite Gunst Erbitten wollten. Dennoch, könnt' er nur Noch einen Tag verweilen oder zwei! – Viel lieber näht' ich mir die Augen blind, Die Finger lahm, als ihm ein Schimpf zu sein.«   Und Enid dachte sehnend an ein Kleid, Das ganz mit Gold durchwirkt war und verbrämt, Der guten Mutter köstliches Geschenk, Das am Geburtstagsabend sie bekam, Es war drei lange trübe Jahre her, Die Feuernacht, in welcher einst ihr Schloß Erstürmt von Edyrn, und ihr Hab und Gut Geplündert ward nach allen Winden hin. Die Mutter hatt' ihr grad' das Kleid gezeigt, Sie wandten es bewundernd hin und her, – So köstlich war die Arbeit, – da erscholl Geschrei, die Leute Edyrn's brächen ein. – Sie flohn, und außer dem Juwelenschmuck An ihrem Leibe, bargen sie nicht viel; Der Schmuck ward weggegeben, Stück für Stück, Um Brod zu kaufen. – Aber Edyrn ließ Die Flücht'gen greifen, und zum Aufenthalt Bestimmt' er ihnen dies verfallne Schloß. – Sie wünschte nur, es hätte sie der Fürst Gefunden noch in ihrem frühern Haus; Und ließ dann schweifen ihre Phantasie In alte Zeiten, und durchwanderte Die lieben Plätze, die sie einst gekannt. Zuletzt besann sie sich auf einen Teich Voll goldner Karpfen, die sie viel belauscht In ihrer alten Heimath, aber ach, Bei seinen blanken Brüdern in dem Teich War einer fleckig, glanzlos, und entstellt. Noch halb im Schlaf, kam ihr der Fischteich vor Als Gleichniß ihrer eignen Aermlichkeit Am prächt'gen Hof; so schlief sie wieder ein, Und träumte, daß sie selbst solch häßlich Ding Im Kreise goldner Teichgenossen sei. In eines Königs Garten war der Teich; Und ob sie gleich am tiefen Grunde lag, Sie wußte doch, daß Alles voller Pracht, Sah Vögel überall mit sonnigem Gefieder hinter goldnem Gitterwerk, Den Rasen reich an Beeten, die darauf Gleich bunten Edelsteinen schimmerten. Es kamen Herrn und Fraun des hohen Hofs, In Silberstoff, von Staatsgeschäften redend; Des Königs Kinder guckten aus der Thür, In goldnen Kleidern, oder tanzten froh Gang auf, Gang ab; und während Enid noch Sich tröstete: »sie werden mich nicht sehn,« Kam eine schöne Königin daher, Die hieß Ginevra; – und die Kinder all' In goldner Kleidung liefen hin und schrien: »Laß' unsre Fische lauter goldne sein, Und sag' dem Gärtner, daß er aus dem Teich Wegfange das verblichene Geschöpf, Und auf den Mist es werfe, daß es stirbt.« Und Einer kam und haschte schon nach ihr; Sie fuhr zurück und fand sich aufgewacht, Noch ganz verstört von ihrem dummen Traum. Doch sieh, die Mutter war's, die sie berührt, Sie ganz zu wecken; und in ihrer Hand Ein reichgeschmücktes Kleid; das legte sie Vor ihr auf's Bett, und sprach im Jubelton:   »Sieh nur, mein Kind, wie frisch die Farben sind! Wie ächt sie blieben! solche Farben hat Die Muschel nur, die sich der Welle Glanz Und Schönheit leiht. Was sollt' es nicht? Ich bin Gewiß, daß es noch nicht getragen ist; Betracht' es dir, und sag' mir, kennst du's noch?«   Und Enid sah noch ganz verwirrt es an, Und konnt' es erst von ihrem närr'schen Traum Kaum unterscheiden; dann mit einem Mal Erkannte sie's und sagte freudenvoll: »Ich kenn' es, ja, den gütiges Geschenk, Das mir so kläglich in der Unglücksnacht Verloren ging; dein gütiges Geschenk.« »Und das nun fröhlich«, sprach das Mütterchen, »Dir dieser sel'ge Morgen wiederschenkt. Als gestern das Turnier beendet war, Ging Yniol durch die Stadt und fand den Raub 10 Aus unsres Hauses Plündrung überall Durch alle Häuser in der Stadt zerstreut, Und gab Befehl, was unser Eigenthum Gewesen sei, das soll' es wieder sein: Da kam spät Abends gestern, als du noch Mit deinem Fürsten zärtlich plaudertest, Ein Mann, und gab das Kleid in meine Hand. Ich weiß nicht, ob es Furcht, ob Liebe war, Ob unsrer Gunst er sich empfehlen will, Da jetzt das Earlthum wieder unser ist. Und gestern Abend wollt' ich dir davon Nichts sagen, für den Morgen spart' ich mir's, Als freudige Ueberraschung; ja fürwahr, Bist du nicht freudig überrascht, mein Kind? Ich trug ja selbst mein fadenscheinig Kleid Mit Widerwillen, wie du deines trugst; Wie Yniol, wenn auch noch so duldsam, seins. Ach Schatz, er freite mich aus gutem Haus, Wo Prachtgeräth in Fülle, reiche Kost, Und Magd und Page, Knecht und Seneschall, Und Falk' und Hund zum Zeitvertreibe war, Und Alles, was für edeln Stand sich ziemt. Ja, und das Haus, in das er mich gebracht, War gleichfalls gut; doch dann verkehrte sich In Schatten unsres Glückes Sonnenschein, – Durch jenes Buben Tücke, – grausam lag Auf uns die Noth, doch nun kommt bessre Zeit; Drum leg' ein Kleid an, das sich besser schickt Für unser wiederhergestelltes Glück Und eines Fürsten Braut. Der Schönheit Preis Gewannst du zwar, und selbst hab' ich gehört, Daß er der Schönen Schönste dich genannt; Kein Mädchen aber, sei sie noch so schön, Darf jemals denken, daß sie schöner nicht In neuen, als in alten Kleidern ist. Und sagte gar ein stolzes Weib am Hof, Daß eine Kuckuksblume hinterm Zaun Der Fürst sich aufgelesen, und sie nun Als Hirnverrückter an den Hof gebracht, – Du wärst entehrt, und schlimmer, brächtest Schmach Dem Fürsten, dem wir tief verschuldet sind. Doch zieht mein liebes Kind sein Bestes an, So mag man suchen, wie vor alter Zeit Nach Königin Esther rings im ganzen Reich, – Wird Jeder doch, das weiß ich, eingestehn, Daß Hof und Land nicht ihres Gleichen hat.« –   Die güt'ge Mutter, außer Athem, schwieg, Und Enid lag und lauschte wonnevoll; Dann, wie das weiße glitzernde Gestirn Des Tags empor aus Schneegefilden steigt, Und nach und nach in goldne Wolken schlüpft, So stand vom jungfräulichen Lager nun Das Mädchen auf und legte das Gewand, Das schimmernde, sich ohne Spiegel an, Doch sorglich half der Mutter Hand und Blick, Die dann, die Tochter musternd, meinte, nie Hab' sie bis jetzt sie halb so schön gesehn. »Dem Mädchen aus der Sage gleichest du, Die Gwydion aus Blumenduft erschuf; Bist holder als die Braut Cassivelaun's, Als Flur, um die der Römercäsar warb, Um derentwillen er zum ersten Mal In England einfiel; – den verjagten wir, – So drang nun auch in unser Haus mit Sturm Dein edler Fürst, – den jagten wir nicht fort, Wir reichten ihm die Hand mit freud'gem Gruß. Ich reite schwerlich mit Euch an den Hof, Denn ich bin alt, der Weg ist rauh und wild; Doch Yniol geht, und oft werd' ich im Traum, Wie jetzt leibhaftig, meine Fürstin sehn, Wie sie das Kleid, das ich ihr schenkte, trägt, Und selber prunkt im Kreis der Prunkenden.« –   Indeß die Frau'n sich freuten, ward Garin Im hohen Saal, wo er geschlafen, wach, Und rief nach Enid, und als Yniol Der guten Mutter Thun berichtete, – Sie zier' ihr Kind, mit einem Kleid, so schön, Wie seiner Fürstin oder in der That Der hehren Königin selber würdig sei, – Gab er zur Antwort: »Earl, ersuchet sie Bei meiner Liebe, sagt ihr keinen Grund, Als meinen Wunsch, sie solle mit mir reiten In ihrem abgetragnen Seidenkleid.« Mit dieser harten Botschaft ging der Earl; Sie fiel, wie Hagelschlag im Sommer fällt, Und fröhliches Getreide niederlegt. Erstarrt vor Schreck hatt' Enid nicht den Muth, Der guten Mutter in's Gesicht zu sehn, Doch schweigend und ergeben löste sie Vom Leibe das gestickte Prachtgeschenk, – Die Mutter stand verstummt und half ihr nicht, – Dann legte sie den alten Anzug an, Und stieg hinab. Nichts kommt der Freude gleich, Mit der Garin sie grüßt' in dieser Tracht; 11 Doch trieb sein Blick, der also scharf sie traf, Wie wenn der Spatz des Pflügers Arbeit prüft, Ihr heiße Gluth in's Antlitz, und sie schlug Die Augen nieder; doch zufrieden war Garin mit ihrem lieblichen Gesicht. Und als er nun auf ihrer Mutter Stirn Noch Wolken wahrnahm, nahm er hastig sie Bei beiden Händen und sprach liebevoll:   »O meine neue Mutter, grämt Euch nicht, Und zürnt der Bitte nicht des neuen Sohns! Denn als ich jüngst Caerleon verließ, Versprach mir unsre große Königin Mit Worten, die so lieblich, daß ich noch Ihr Echo höre, welches Mädchen auch Als Braut ich brächte, selber wolle sie Sie kleiden, wie die Sonn' am Himmel strahlt. Als ich hernach dies Trümmerschloß erreicht, Und soviel Schönheit hier im Dunkel sah, Gelobt ich mir, könnt' Enid ich erringen, Daß Euer Kind, von keiner andern Hand, Als unsrer güt'gen Königin geführt, Die Wolken sonnengleich durchbrechen sollte. – Auch hab' ich mir vielleicht dabei gedacht, Daß ein so huldvoll ihr erwies'ner Dienst Die Beiden eine durch der Liebe Band; Denn, daß sie Freundschaft schließen, ist mein Wunsch; Ein edler Wesen findet Enid nie Zur Herzensfreundin. – Weiter dacht' ich noch: Ich trat hier unter Euch so plötzlich auf, Daß, wenn auch ihre holde Gegenwart Bei dem Turnier ein redend Zeugniß war, Sie liebe mich, – ich dennoch zweifelte, Ob sie nicht etwa nur aus Zärtlichkeit Für Euch, als Eltern, fügsam von Natur, Sich Euren Wünschen für ihr Wohl bequemt; Ob nicht verkehrte Lust an meinem Glanz, Dem ungewohnten, ihre Phantasie, Die stets in diesem düstern Schloß geweilt, Bestochen, und ein Sehnen nach dem Hof In ihr geweckt, und seinen mißlichen Und eiteln Freuden, und da dacht' ich nun: Fänd' ich in ihr durch Prüfung solche Kraft, Gepaart mit Liebe, die nicht zögerte, Ohn' andern Grund, als auf ein Wort von mir, Von sich zu werfen den für Weibersinn So theuren Schmuck, der durch die Neuheit ihr Nur um so theurer, oder, wenn nicht neu, Ihr dennoch zehnfach theurer durch die Macht, Die lang Entbehrtes, lieb Gewordnes übt, – Dann, fühlt' ich, könnte meine Zuversicht Auf ihre Treue stehn, dem Felsen gleich Im Wogendrang, – beruhigt bin ich nun, Und sprech' es aus als gläubiger Prophet, Daß auch kein Schatten eines Argwohns je Uns trennen wird. – Gewährt Vergebung mir Für meine Zweifel, und die Seltsamkeit Deß, was ich bat, und meine Sühnung soll Dereinst in einem Wonnetag bestehn, Wenn angethan mit Eurem Prachtgeschenk Eu'r schönes Kind an Eurem warmen Heerd An Eurer Seite sitzen wird, im Schooß Vielleicht, wer weiß, ein anderes Geschenk Des gnäd'gen Gottes haltend, das von uns Gelernt hat, Euch zu stammeln seinen Dank.« –   Er sprach's; die Mutter lächelte, noch halb In Thränen schwimmend, hüllte dann ihr Kind In einen Mantel und umarmte sie Mit vielen Küssen, und sie ritten ab. –   Zum dritten Mal an diesem Morgen klomm Ginevra jetzt den Riesenthurm hinan, Von dessen hoher Zinne, wie man sagt, Die schönen Hügel Somersets zu sehn, Und weißer Segel Flucht auf gelber See; Doch heute sah die hehre Königin Nach schönen Hügeln nicht und gelber See; Sie blickte nur in's flache Wiesenthal Des Usk so lang, bis sie sie kommen sah; Stieg dann hinab, und fand sie schon am Thor, Schloß Enid dann als Freundin an ihr Herz, Erwies ihr Ehren, als des Fürsten Braut, Und schmückte sie für ihren Hochzeitstag Der Sonne gleich; und eine Woche lang War Fest im alten Schloß Caerleon; Denn prunkvoll wurde dort dies Paar vermählt Durch Dubrio's Hand, des hohen Heiligen. –   Dies war um Pfingsten im vergangnen Jahr; Allein das abgetragne Seidenkleid Hielt Enid heilig, als Erinnerung, Wie er zum ersten Male vor ihr stand, Als sie noch diesen armen Anzug trug, Und wie Garin sie dennoch liebgewann; Und ihrer kind'schen Angst um dieses Kleid Und seiner ganzen Reise dachte sie, 12 Von der er jeden Umstand ihr erzählt, Und ihres Kommens an des Königs Hof. –   Und diesen Morgen, als er ihr gesagt: »Leg' an dein schlechtstes und geringstes Kleid,« Da ging sie hin, und nahm's und zog es an. –   O blöder Menschen klägliches Geschlecht! Wie viele nehmen, diese Stunde noch, Für Wahrheit Trug, und Trug für Wahrheit hin, Und schmieden selbst sich lebenslanges Leid, Und tappen blind im Zwielicht dieser Welt, Bis sich des Jenseits Pforten aufgethan, Wo Jeder schaut und Jeder wird durchschaut!   So stand es jenen Morgen mit Garin; Sie brachen auf und saßen bald zu Roß; Und er, vielleicht weil er so heiß und tief Sie liebend dennoch fühlte, daß er jetzt Nicht reden dürfe, solle nicht der Sturm, Der ihm im Herzen grollte, donnernd sich Auf ihr so theures Haupt entladen, sprach: »Nicht mir zur Seite, vor mir reitest du, Und bleibst mir stets ein gutes Stück voraus; Und dies befehl' ich dir bei deiner Pflicht Als Gattin: komme, was da kommen mag, Daß du kein Wort mit mir zu sprechen wagst.« Entsetzt war Enid, und sie ritten ab; Doch kaum drei Schritte weit, da rief Garin: »Ein Weichling, wie ich bin, erkämpf' ich mir Doch meinen Weg mit goldnen Waffen nicht; Nur Eisen brauch' ich;« und vom Wehrgehenk Die mächt'ge Börse lösend, warf er sie Dem Knappen nach, und Enid's letzter Blick Auf ihre Heimath sah den goldnen Regen, Der auf der Marmorschwelle funkelte, Und wie der Knappe sich die Schulter rieb. Auf's Neue rief er nun: »in's Räuberland!« Die Fährten, die er wies, schlug Enid ein, Ihm stets voraus; so überschritten sie Die Gränzen, und so ging der stumme Ritt An Burgen hin, von Räuberbrut bewohnt, Durch graues Moor, durch Bäche, Haideland Und Wildniß, stets auf Pfaden voll Gefahr. Im Anfang rasch, erlahmte bald ihr Schritt, Und hätt' ein Fremder sie so reiten sehn, So langsam und so bleich von Angesicht, Er hätte sicher still für sich gedacht, Daß Beiden Unerhörtes angethan. Denn immer wieder sagte sich Garin: »Ich Thor, der seine Zeit vergeudete, Nur ihr zu dienen, – der sie ganz umgab Mit zarter Ehrfurcht, schön sie kleidete, Und ihrer Treue Wächter war,« – hier brach Garin im Herzen den Gedanken ab, Wie wohl ein Mann den Lauf der Zunge hemmt, Wenn ihn die Leidenschaft bemeistern will. Und Enid's ganze Seele war Gebet Zum gnäd'gen Himmel, ihren theuern Herrn Vor Wunden zu bewahren unversehrt. Im Geiste sann und sann sie hin und her, Was sie denn Arges unbewußt gethan, Das ihn so kalt und finster blicken ließ; Bis, wenn der große Regenvogel pfiff, Fast menschengleich, das Herz ihr schauderte, Und ihre Furcht in jedem schwanken Busch Den Hinterhalt der Feinde lauern sah. Dann wieder sann sie: »hab' ich auch gefehlt, So könnt' ich mit des Himmels Beistand wohl Es besser machen, spräch' er nur mit mir, Und wollt' er mir nur sagen, was es ist.«   Doch als des Tages vierter Theil dahin, Sah Enid wirklich drei Berittene In voller Rüstung und von hohem Wuchs, Drei Schelme, die auf Enid und Garin Im Schatten eines Felsens lauerten; Und Einer rief, – sie hört' es, – »Bruder sieh, Hier kommt ein fauler Kerl und hängt den Kopf; Der wehrt sich nur, wie ein gepeitschter Hund; Wir wollen ihn erschlagen, komm'; sein Pferd Und seine Rüstung nehmen wir ihm ab, Und unser werden soll sein hübsches Weib!« –   Und Enid's Herz erwog es und beschloß: »Ich kehr' ein Weilchen um zu meinem Herrn, Und sag' ihm all' ihr schurkisches Gespräch; Denn, zürnt er auch, daß seine Hand mich schlägt, – Weit lieber Tod von seiner theuren Hand, Als daß mein Herr in Schimpf und Schaden kommt.«   Sie ritt zurück, doch wenig Schritte nur; Blieb schüchtern fest, als sie sein Zornblick traf, Und sprach: »mein theurer Herr, am Felsen dort Hab' ich drei Räuber auf Euch lauern sehn; Und hab' es angehört, wie sie geprahlt, 13 Sie wollten Euch ermorden, Eures Pferds Und Eurer Rüstung sich bemächtigen, Und Euer Weib soll' ihre Beute sein.« –   Er schnob sie zornig an. »hab' ich verlangt, Daß du mich warntest, oder daß du schwiegst? – Nur den Befehl, daß du nicht mit mir sprichst, Ertheilt' ich dir, und du befolgst ihn so? – Wohl, hüte dich, – du sollst jetzt selber sehn, – Magst du nun Sieg mir wünschen oder Schmach, Mag' es mein Leben sein, um das dir bangt, Mag' es mein Tod sein, den du heiß ersehnst, – Daß meine Kraft noch nicht verloren ist.«   Nun harrte Enid bleich und angstgepreßt, Und die drei Räuber stürmten auf ihn ein; Garin, ansprengend auf den Mittelsten, Trieb ihm durch Brust und Rücken seinen Speer, Und schwang auf seiner Spießgesellen Paar, Die jeder seine Lanze gegen ihn Gebrochen hatten, – doch sie splitterten Gleich Zapfen Eises, – sein gewicht'ges Schwert; Es sauste rechts, es sauste links herab; Da lagen sie, bewußtlos oder todt. Er stieg vom Pferd, und wie der Jägersmann Das Fell des Raubthiers nimmt, das er erlegt, So zog er die drei schönen Rüstungen Den drei vom Weib gebornen Wölfen ab, Ließ ihre Leiber liegen, aber band Die Rüstungen auf eines Jeden Pferd; Verknüpfte dann die Zügel aller drei, Und sprach zu Enid: »treib' sie vor dir her,« Und durch die Wildniß trieb sie sie dahin. –   Er folgte näher; Mitleid sänftigte Schon seinen Groll, wenn er das Wesen sah, Das auf der ganzen Welt sein Liebstes war, Wie mühsam sie mit milder Fügsamkeit Die Pferde trieb. Gesprochen hätt' er gern, Und sich durch Worte rascher Leidenschaft Vom Zorn und unterdrückten Schmerz befreit, Die ihm am Herzen nagten. Doch es schien Ihm leichter noch, erbarmungslos mit eins Sie todtzuschlagen, als zu rufen: »halt«, Und sie vor ihrem klaren Angesicht Der leisesten Unziemlichkeit zu zeihn. So stumm gemacht, erbost' es ihn noch mehr, Daß sie zu sprechen fähig, die gesagt: – Er hatt' es ja mit eignem Ohr gehört, – Sie wäre falsch, – und die Minuten wurden In dieser Qual für ihn zur Ewigkeit. Doch eh noch eine kaum so lange Frist Verstrichen war, wie zu Caerleon Der Usk sich Ruhe gönnt nach höchster Fluth, Bevor er wieder abwärts rinnt zum Meer, Sah Enid, deren Augen nichts entging, An einem dünnbestandnen Waldessaum, Von rauhen Eichenstämmen halb verdeckt Drei neue Reiter lauern, wohlbewehrt, Von denen Einer noch weit größer schien, Als ihr Gemahl; und ihr gerann das Blut, Als er den Andern zurief: »seht, ein Fang! Drei Pferde mit drei schönen Rüstungen; Und nur ein Mädchen hütet sie; greift an!« »Nein,« sprach der Zweite, »denn ein Ritter folgt.« Der Dritte meinte: »wie der Kopf ihm hängt! Er nimmt sich aus, wie ein geschlagner Hahn.« Der Riese lachte: »wirklich, Einer nur? Bleibt hier, und kommt er näher, fallt ihn an.«   Und Enid's Herz erwog es und beschloß: »Ich warte, bis mein Herr mir näher kommt, Und sag' ihm ihre ganze Schurkerei. – Mein Herr ist müde von dem Kampf vorhin, Und Jene griffen hinterrücks ihn an. Ich muß aus Noth ihm ungehorsam sein, Sein Heil verlangt es; wie vermöcht' ich wohl Ihm zu gehorchen, wenn's ihm Schaden bringt? Nothwendig muß ich sprechen; wenn er auch Dafür mich tödtet, nun, so rett' ich doch Ein Leben, das mir mehr als meines gilt.«   Sie harrte, bis er kam und fragte dann Mit banger Festigkeit: »ertheilt Ihr mir Erlaubniß, daß ich reden darf?« – Er sprach: »Du nahmst sie, da du sprichst.« – Da sagte sie:   »Drei Schurken lauern dort auf Euch im Wald, Mit voller Rüstung alle drei versehn; Und Einer ist noch viel gewaltiger, Als Ihr, von Gliedern; sie besprachen sich, Euch anzufallen, wenn Ihr näher kommt.«   Gar grimmig klang, was er zur Antwort gab: »Und wären ihrer Hundert dort im Wald, Und jeder stärkern Gliederbau's als ich, Und fielen Alle mich auf einmal an, Ich schwör's, nicht so verdrießen würd' es mich, 14 Als daß du nicht gehorchst. Zur Seite nun! Und fall' ich, wähl' dir einen bessern Mann.«   Und Enid trat zurück, und harrte still Des Ausgangs, doch dem Kampfe zuzusehn, War ihr nicht möglich; Stoßgebete nur, Bei jedem Streich ein neues, hauchte sie. Nun stürmte der ihr Schrecklichste zuerst Auf ihn heran, und zielte nach dem Helm; Fehl ging die Lanze, doch der Speer Garin's, Wiewohl im jüngsten Kampf beschädigt, drang Mit Macht dem Riesen durch das Panzerhemd; Dann brach er ab, doch war der Feind gefällt, Und lag nun da, wie der, der dies erzählt, Ein großes Bruchstück eines Vorgebirgs, – Darauf ein Bäumchen, – von dem luft'gen Wall Der Uferklippen niedergleiten sah, Bis in die See, – das Bäumchen grünte fort, – Gerade so lag der durchbohrte Mann. – Und seiner Spießgesellen feiges Paar, Das langsam nur dem Fürsten näher kam, Blieb stehn, als es sein Bollwerk fallen sah. – Allein der Sieger spornte schon sein Roß, Und noch zu mehren ihre bleiche Furcht, Erklang sein Schlachtruf, der entsetzliche; Denn wie an des Gebirges wildem Bach Der Wandrer, durch des nahen Wasserfalls Gebrause lauschend, des entfernteren Und höhern Falles, dumpfen Donner hört, So horchten seine Krieger in der Schlacht Dem Ruf Garin's, der sie begeisterte, Die Feinde scheuchend, wie dies Schurkenpaar, Das jetzt den Rücken wendete zur Flucht, Doch eingeholt des gleichen Todes starb, Den durch sie selbst so Mancher schuldlos litt.   Garin stieg ab und wählte sich den Speer, Der ihm gefiel; drei schöne Rüstungen Vom Leib der todten Wölfe zog er ab, Und band sie fest auf eines Jeden Pferd; Verknüpfte dann die Zügel aller drei Und sprach zu Enid: »treib' sie vor dir her!« Und Enid trieb sie vor sich durch den Wald.   Er folgte jetzt noch näher; ihre Noth, Die zweimal drei mit klirr'nden Rüstungen Beladnen Pferde stets in Reih und Glied Zu halten auf des Waldes wildem Pfad, Ward ihr zur Wohlthat, denn sie stumpfte doch Allmählich ab den Stachel ihres Wehs. Die Pferde selbst, entstammt aus edelm Blut, Und nur durch Zufall in so schlechte Hand Gefallen, und gemißbraucht lange Zeit Im Dienst von Räubern, spitzten frohen Muths Die schlanken Ohren und gehorchten gern Dem leisen Ruf der zarten Lenkerin.   Das grüne Waldesdunkel wurde licht, In's Freie traten sie hinaus und sahn Auf einem Felsen eine kleine Stadt, Mit Thürmen, und an ihrem Fuße lag Ein Wiesengrund, der wie ein Edelstein Vom Braun der Wildniß eingefaßt erschien. Dort mähten Schnitter, und hernieder kam Auf einem felsigen Fußpfad aus der Stadt Ein schöngelockter Jüngling, der die Kost Der Schnitter brachte. Da erbarmte sich Ob Enid's Blässe wiederum Garin; Er ritt hinunter in den Wiesengrund Und sprach den schöngelockten Jüngling an: »Freund, gieb zu essen dieser jungen Frau; Sie ist so schwach.« Des Jünglings Antwort war: »Von Herzen gern, mein edler Herr, und Ihr, Erquickt Euch selbst, so schmal die Kost auch ist, Für Schnitter nur berechnet.« – Seinen Korb Vom Arme nahm er; Beide stiegen ab, Und setzten auf den Rasen sich zum Mahl, Indeß die Pferde weideten. Verwöhnt Nahm Enid einen Bissen, nicht so sehr Weil sie Verlangen trug nach solcher Kost, Als weil sie dem Belieben ihres Herrn Sich gar zu gern gefügt; allein Garin Aß unversehns der Schnitter ganzes Mahl, Und war bestürzt, die Schüsseln leer zu sehn, Und sprach: »mein Sohn, ich aß Euch Alles auf, Doch nimm ein Pferd sammt Rüstung als Entgelt; Wähl' dir das beste.« – Roth im Uebermaaß Der Wonne sprach der Jüngling: »edler Herr, Ihr zahlt mir mehr als funfzigmal zu viel.« »Wohl, um so reicher bist du,« rief der Fürst. »So nehm' ich es als Gabe freier Huld, Nicht als Entgelt,« versetzte jener nun; »Denn während Eure liebe Dame ruht, Kann ich mit Leichtigkeit nach Hause gehn, Und frische Kost den Schnittern unsres Earls Besorgen, denn die Leute hier sind sein, Sein ist das Feld, sein eigen bin ich selbst. 15 Ich meld' ihm, welch ein großer Herr Ihr seid; Er weiß es gern, wenn Männer hohen Rangs In seinem Lande weilen. In sein Schloß Wird er Euch laden, und Euch köstlicher Daselbst bewirthen, als mit Schnitterkost.«   »Nicht beßrer Kost bedarf ich,« sprach Garin, »Noch nimmer hat es mir so gut geschmeckt, Als da ich Eure Schnitter hungern ließ; Und mich verlangt nach keines Earls Palast; Weiß Gott, zu viel Paläste kannt' ich schon; Und wenn er mein begehrt, komm' er zu mir. Ein gutes Obdach mieth' uns für die Nacht, Und Stallung für die Pferde; kehre dann Mit Speise für die Männer hier zurück, Und mit Bescheid für uns.« –                                             Der junge Mann In seiner Freude sprach: »es soll geschehn, Mein güt'ger Herr,« und ging und trug den Kopf Gar hoch, und kam sich selbst als Ritter vor; Sein Roß am Zügel, auf dem Felsenpfad Verschwand er, und sie waren nun allein.   Doch als der Fürst den Blick zurückgewandt Vom Felsen, und ihn seitwärts gleiten ließ Auf Enid, die sich kaum noch aufrecht hielt, Da fiel sein schlecht erfülltes Wort ihm ein: Nie sollte seinen Schatten zwischen sie Ein Argwohn werfen, – und er seufzte tief. Dann sah er mitleidsvoll und ärgerlich Die rüst'gen Schnitter ohne Mittagsbrod In voller Arbeit; sah dem Sonnenschein Auf den geschwungnen Sensen lange zu, Und nickte schläfrig bei der Hitze ein. – Und Enid dacht' an ihr verfall'nes Schloß, An das Gekrächz' der Dohlen in der Luft Am wüsten Thurm, und pflückte langes Gras, Das üppig in der Wiesenecke wuchs, Und knüpfte Ketten draus und löste sie, Bald vor, bald hinter ihrem Hochzeitsring, Tief in Gedanken, bis der Jüngling kam, Mit dem Bericht, ein Obdach sei bereit. Sie gingen hin, und auf das Wort Garin's: »Ruf' dir die Frau des Hauses, wenn du willst,« Gab sie zur Antwort: »nein, ich dank' Euch, Herr.« –. Und zwischen sich des weiten Saales Raum, Verharrten Beide stumm, zwei Wesen gleich, Die stumm geboren, oder wie ein Paar Gemalter Wilden, das ein Wappen stützt, In's Leere starrend, aber nimmermehr Einander anblickt, durch den Schild getrennt. –   Da störte plötzlich ihren halben Schlaf Vielstimmiger Lärm, der längs der Straße kam, Und Wiederhall von Tritten auf dem Stein. Sie sprangen auf; da fuhr die Thüre schon Durch einen Stoß von außen an die Wand; Inmitten einer Zechgesellenschaar Trat, weibisch hübsch und bleich von Schwelgerei, Limours, der tolle Häuptling dieses Orts, Ihr einst'ger Freier, vor Garin, herein, Und grüßte mit geschmeid'ger Artigkeit, Als säh' er weiter Niemand, als Garin. Allein so warm sein Händedruck und Gruß, Fand seines Auges Winkel heimlich doch Auch Enid, und erkannte sie und sah, Daß sie so traurig dort und einsam saß. Nun rief Garin nach Wein und leckerm Mahl, Wohl zu bewirthen seinen späten Gast, Und gab verschwend'risch, wie sein Rang gebot, Dem Wirth Befehl, er solle Jedermann, Der ihm befreundet, laden, und dem Earl Zu Ehren sich mit ihnen gütlich thun; »Und frag' nach Kosten nicht, denn die sind mein.«   Man brachte Wein und Mahl, und Earl Limours Trank, bis er ganz behaglich scherzhaft ward, Geschichten vortrug freister Art, das Wort Im Flug ergriff und ein beständig Spiel Von Doppelsinn und Witzen unterhielt; Denn wenn ihm Wein und lust'ge Kumpanei Zu Kopfe stiegen, pflegte sein Gespräch Zu sprüh'n und funkeln, wie ein Diamant Von funfzig Flächen; wiederholt erklang Garin's Gelächter, und in wüstem Chor Der Zecher Beifall. Heiter ward der Fürst; Da bat Limours: »erlaubt Ihr, edler Herr, Daß ich durch's Zimmer gehn und reden darf Mit Eurer Dame, die so fern von uns Und einsam sitzt?« Er sprach: »Das steht Euch frei, Vollkommen frei; bringt sie zum Sprechen nur: Mit mir spricht sie kein Wort.« – Auf stand Limours, Und gab im Gehn auf seine Füße Acht, Gleich Einem, der die Brücke sucht, und bangt, Sie zu verfehlen; trat vor Enid hin, 16 Schlug, wie verzückt, die Augen dann empor, Und beugte sich und sprach im Flüsterton:   »Du meines öden Lebens Hoffnungsstern, Enid, mein erstes und mein einz'ges Lieb, Zum Wahnsinn hat mich dein Verlust gebracht! O, sag' mir, welch ein Glück dich hergeführt! Nun bist du doch zuletzt in meiner Macht, In meiner Macht; – nein, bange nicht vor mir; Ich nannte mich verwildert, doch den Sinn Für Anmuth und Gefühl hab' ich bewahrt Auch hier, wo nichts als Wildniß mich umgiebt. Einst meint' ich wohl, du sähst mich günstig an, Dein harter Vater nur hätt' uns getrennt; Und war es so, verhehl' es länger nicht; O gönne doch auch mir ein wenig Glück; Sag' selber, schuldest du mir nichts dafür, Daß ich an dich mein Leben halb verlor? Ja, ja; du Holde bist an Allem Schuld. Und, Enid, – du und er, – ich seh's entzückt, – Du sitzest einsam, redest nicht mit ihm, Kommst hülflos, ohne Pagen oder Magd, Dich zu bedienen, – liebt er dich, wie einst? Denn, – nenn' es Zank Verliebter, – weiß ich doch: Wohl zankt ein Mann mit Einer, die er liebt, Allein er macht sie nicht zum Spott der Welt, Wenn er sie liebt, – und dein armselig Kleid, Armsel'ger Hohn auf dich, besagt dein Loos Mit stummem Mund: der Mann liebt dich nicht mehr! Er findet deine Schönheit nicht mehr schön, Ihr Reiz ist hin; ja, ja, das alte Lied; Ich weiß, wie Männer sind; du wirst ihn nie Auf's Neue fesseln; denn des Mannes Liebe, Einmal verschwunden, kehret nimmermehr. Doch hier ist Einer, der dich liebt, wie einst, Dich liebt mit übermächtiger Leidenschaft; Geliebte, sprich das Wort, – er sitzt umringt Von meinen Freunden, unbewaffnet da; Den Finger heb' ich nur, und sie verstehn, – Nein, Blut ist nicht gemeint, – erbleiche nicht, – Du brauchst es nicht, – bei dem, was ich gesagt; Nicht tiefer als ein Graben, ist mein Haß, Ist stärker nicht, als des Verließes Wand; Er soll uns nur nicht stören; sprich das Wort; Und sprichst du's nicht, – bei Gott, der mich erschuf, Den einzgen Mann, der je dich wahr geliebt, – Dann will ich sehen, was Gewalt vermag. Doch nein, vergieb! der Wahnsinn jener Stunde, In der ich von dir schied, kam über mich!«   Hier wurden ihm der eignen Stimme Ton, Und wohlgespielte Selbstbejammerung Zu rührend; Thränen füllten seinen Blick; Doch seine Augen machten Enid Angst, Feucht wie sie waren, aber weinerhitzt Vom Zechen, und mit jener Weiberlist, Die, schuldig oder schuldlos, alle Frau'n Zu brauchen wissen, gegen drohende Gefahren sich zu waffnen, sagte sie:   »Earl, wenn Ihr mich noch wie vor Jahren liebt, Und mein nicht spottet, kommt in aller Frühe; Entführt mich ihm, als brauchtet Ihr Gewalt; Heut' Abend geht; denn ich bin todesmatt.« –   So tief beim Abschied, daß sein Federbusch Die Stelle fegte, die sein Fuß berührt, Verneigte sich der liebestrunkne Earl; Der wackre Fürst bot laut ihm gute Nacht, Und auf dem Heimweg lallte Jener noch Den Seinen vor, daß Enid keinen Mann, Als ihn, geliebt, und keine taube Nuß Um ihren Herrn Gemahl sich kümmere.   Und Enid blieb allein mit Fürst Garin, In bangem Kampf mit seinem Machtgebot, Zu schweigen; doch gezwungen war sie jetzt, Es zu verletzen; angstvoll hielt sie Rath, Und unterdeß entschlummerte Garin. Sie wagte nicht, zu stören seinen Schlaf, Sie beugte nur sich über ihn und war Ganz Glück und Dank, ihn unverwundet noch Zu finden nach den Kämpfen dieses Tags, Und tief und ruhig athmend neben ihr. Schnell stand sie auf, und häufte leisen Tritts Die Rüstung, Stück für Stück, an einem Platz, Daß er zur Hand sie habe, wenn es Noth; Dann schlummerte sie selbst ein Weilchen ein; Doch übermüdet von der Wanderung Und von dem Leid des Tages, sah sie sich Im Traum an eines grausen Abgrunds Rand, Und griff in wurzelloses Dorngestrüpp Nach einem Halt, und von der heftigen Bewegung ihrer Arme ward sie wach. 17 Ihr war, als hörte sie den tollen Earl Mit seiner wüsten Abenteurerschaar Vor ihrer Thür auf einer gräßlichen Trompete blasen, die sie kommen hieß. Doch grüßte nur der bunte Hahn den Tag, Weil graue Dämmrung die bethaute Welt Begann zu hellen, und in's Zimmer schon Auf seine Rüstung ihren Schimmer warf. Sie stand noch einmal auf, nach ihr zu sehn; Doch unversehns stieß sie daran; der Helm Fiel klirrend hin; da fuhr Garin empor, Auf Enid starrend. Nun erzählte sie, Die Pflicht des Schweigens brechend, Alles ihm, Was Earl Limours gesagt; nur Eines nicht, Das Wort, ihr Gatte liebe sie nicht mehr; Auch ihre List ließ sie nicht unerzählt, Und schloß mit reizender Entschuldigung, So leise, mit so wenig Worten nur, Und schien so sehr entschuldigt durch die Noth, Daß er zwar dachte: war's vielleicht um ihn, Wenn sie in Devon weinte? – aber nur Ein ärgerliches Knurren hören ließ: »Eu'r bischen Schönheit macht den bravsten Kerl Zum Narrn und Schurken. Rufe mir den Wirth, Und heiß' ihn, daß er Roß und Zelter bringt.« Sie glitt hinaus, und durch den schwülen Dunst Des Hauses, wie des Hauses guter Geist Hinschwebend, klopfte sie an jede Wand, Bis alle Schläfer wach, und kam zurück; That ungebeten ihrem strengen Herrn In tiefem Schweigen eines Knappen Dienst, Bis er gewaffnet aus der Thüre trat, Und fand den Wirth, und: »deine Rechnung, Freund,« Und ohne ihn zu hören, weiter rief: »Fünf Pferde nimm, mitsammt den Rüstungen!« Erstaunt und plötzlich ehrlich gab der Wirth Zur Antwort: »edler Herr, ich habe kaum Den Werth nur eines einz'gen ausgelegt.« »So wirst du viel reicher,« sprach der Fürst; Und nun zu Enid: »vorwärts, aber heut' Befehl' ich noch ausdrücklicher dir an: Was du auch hören, sehn und wähnen magst, – Obgleich ich überzeugt bin, mein Befehl Hilft doch nicht viel, – daß du gehorchst und schweigst.«   Und Enid's Antwort war: »ja, mein Gemahl, Ich weiß, du willst es, und gehorche gern; Doch vor dir reitend, hör' ich stets zuerst Die grausen Drohungen, die du nicht hörst; Ich sehe die Gefahr, die du nicht siehst; Dich dann nicht warnen dürfen, dünkt mich hart, Fast über meine Kraft; doch möcht' ich gern Gehorsam sein.«                           Er sprach: »so sei es denn Auch in der That, und sei nicht allzuklug; Du hast an keinen schläfrigen Hanswurst Dich weggeworfen, sondern bist vermählt, Du siehst es, einem Mann, der Waffen hat, Sein Haupt und dein's zu wahren, – Augen hat, Um dich zu finden, seist du noch so fern, Und dessen Ohr dich selbst im Traume hört.«   Er wandte sich und sah ihr in's Gesicht Mit jenem scharfen Blick, mit dem der Spatz Des Pflügers Arbeit aufmerksam beäugt. Und das in ihr, was nur ein blöder Thor, Ein übereilter Richter, ihre Schuld Zu nennen fähig, ließ ihr Angesicht Erglüh'n, und ihre Augen senkten sich; Das sah Garin, und es gefiel ihm nicht. –   Und vorwärts jetzt auf breitgebahntem Pfad Aus dem Gebiet des tückischen Limours In's wüste Earlthum eines andern Earls, – Doorm, – von den zitternden Vasallen nur »Der Stier« benannt, – ritt Enid; hinter ihr Der düstre Fürst. Sie sah sich einmal um Und als sie merkte, daß er lange nicht So weit entfernt von ihr, wie gestern, ritt, Ward ihr fast fröhlich, bis die Hand Garin's Ihr zornig winkend anzudeuten schien: »Du spielst den Wächter,« und ihr armes Herz Von neuem Kummer schwoll. Noch trocknete Manch thaugetränktes Blatt im Sonnenschein, Da traf der Schall des wüthenden Galopps Von vielen Rosseshufen dumpf ihr Ohr; Und um sich blickend ward sie Staub gewahr, In welchem Lanzenspitzen schimmerten. Sie wandte rasch, um ihres Herrn Verbot Nicht zu verletzen, und ihm Warnung doch Zu geben, – denn er ritt, als hört' er nichts, – Ihr Pferd, und hob den Finger, auf den Staub Hinweisend; und in seinem Eigensinn War unserm Helden jetzt genug gethan, Weil sie sich wörtlich hielt an sein Gebot. Er machte Kehrt, und hielt; da kam auch schon 18 Auf schwarzem Roß der rasende Limours, Nur halb noch Herr des Thieres, das er ritt, Gleich einer Donnerwolke, deren Schooß Des Sturmes Ausbruch öffnet, angesprengt, Und warf sich, einen heisern Schrei der Wuth Ausstoßend, auf Garin, der Stand ihm hielt, Und durch die Länge seines Speers und Arms Ihn über's Kreuz des Pferdes schleuderte, So liegen ließ, bewußtlos oder todt, Den, der zunächst ihm folgte, niederritt, Und blindlings einhieb auf die ganze Schaar, Die bleichen Schreckens, da der Held sie traf, Als träfe sie der Blitz, von dannen stob, Wie man im Sommer Morgens einen Schwarm Von pfeilgeschwinden Fischen gleiten sieht In den krystallnen Gräben Camelots, Daß auf dem Sande dunkle Schatten ziehn, – Allein sobald ein Mann am Uferrand Im Sonnenscheine nur die Hand erhebt, Ist zwischen all den grünen Inselchen Der Wasserrosen auch kein Schimmer mehr Von einer Flosse, – so verscheucht entflohn Die wackern Zechgenossen des Limours, Und ließen ihn auf offner Straße liegen; So endet Freundschaft, die der Wein gebar. –   Mit einem Lächeln, wie der Sonne Strahl Durch Wetterwolken, sagte nun Garin, Als er die Rosse der gefallnen Zwei Fortsprengen sah von ihren todten Herr'n, Und mit den andern fliehn in wilder Flucht: »Sie sind von einem Schlage, Mann und Roß, Recht biedre Freunde! Nicht ein Huf mehr hier! Ich aber war bis jetzt in meinem Sinn Ein Biedermann, der nur mit Rüstungen Und Rossen zahlte; stehlen kann ich nicht, Noch plündern, nein; auch betteln geht nicht an; Was meinst du also? Streifen wir ihn ab, Den Herrn Galan, und hat dein Zelter Kraft, Zu tragen seine Rüstung? sollen wir Heut fasten oder Mittag essen? nein? Dann bete nur in deiner Ehrlichkeit, Daß wir die Reiter treffen des Earl Doorm; Auch ich blieb' gern noch ehrenwerth.« – Er sprach's; Sie blickte traurig auf die Zügel nieder, Erwiderte kein Wort und ritt voran.   Doch wie ein Mann, verreist in fernes Land, Von einem schrecklichen Verlust daheim Betroffen, ahnungslos nach Hause kehrt, Nun Alles hört, und über den Verlust Sich grämt, daß er zum Tode fast erkrankt, – So stand es mit Garin, der von Limours' Gefährten im Gefecht gestochen war, Und unter seiner Rüstung unvermerkt Sein Blut verlor und also weiterritt, Auch, was ihm fehlte, seinem holden Weib Nicht sagte, denn er wußt' es selber kaum; Bis es ihm dunkel vor den Augen lag, Sein Helm zu schwanken hin und her begann, Und bis, als plötzlich sich die Straße bog, Ohn' einen Laut der Fürst von seinem Roß, Doch, glücklich noch, auf weichen Rasen sank. –   Enid vernahm das Rasseln seines Falls, Kam eilends, stieg vom Pferd, und schreckensbleich An seiner Seite knieend, löste sie Der Rüstung Schnallen, ließ die treue Hand Nicht zittern, ließ ihr blaues Auge nicht Sich feuchten, bis sie seine Wunde fand; Riß sich den alten Seidenschleier ab, Gab ihre Stirn dem Sonnenbrande Preis, Umwand die Wunde, der das Lebensblut Des theuren Manns entströmte, bis gethan, Was Menschenhand vermag; da hielt sie ein, Und Jammer überkam ihr armes Herz; Sie saß am Weg und weinte vor sich hin.   Vorbei kam Mancher, aber Niemand gab Auf Enid Acht; in dieser Region Gesetzlos wilden Faustrechts fragte man Nach eines Weibes Thränen um den Mord Des Gatten just so viel, wie Sommertags Nach einem Regenguß. Der Eine hielt Ihn für ein neues Opfer des Earl Doorm, Und wagte nicht, ihm hülfreich beizustehn, Weil Mitleid mit Gefahr verbunden war. Dann kam ein Kriegsknecht, wie der Sturm daher; Er ritt auf Botschaft für den Räuber-Earl; Halb pfiff, halb sang er ein gemeines Lied, Und trieb den Staub in Enid's Angesicht, Das schleierlose. Noch ein Andrer kam, Der vor dem Grimm Earl Doorm's sich flüchtete, Und in beständ'ger Angst vor einem Pfeil, Daß unter ihm der Boden dampfte, ritt. Da hob ihr Zelter wiehernd seinen Huf, Und fegte flüchtig durch das Unterholz, 19 Und war verloren; aber ruhig stand Sein edles Streitroß, wie ein Mensch betrübt. –   Und Mittag ward's, da ritt der Riese Doorm Mit hundert Lanzen hinter ihm, daher; Breit sein Gesicht und kraus sein rother Bart; Die Augen unstät spähend links und rechts Nach Beute, denn ein Raubzug war sein Ritt; Und brüllte schon, noch eh er bei ihr war, Wie man hinüber ruft nach einem Schiff, Mit rauher Stimme: »heda, ist er todt?« »Nein, nein, nicht todt,« rief hastig sie zurück, »Wenn nur ein Paar der guten Leute dort Ihn aufhebt, und an einen andern Platz Aus dieser grausam heißen Sonne trägt; Ich weiß es ganz gewiß: er ist nicht todt.«   Da sprach Earl Doorm: »nun wohl, wenn er nicht todt, Was heulst du denn, und stellst dich kindisch an? Und ist er todt, so muß ich dich erst recht Für närrisch halten; denn dein Heulen wird Ihn nicht erwecken; lebend oder todt, Verdirbst du nur ein niedliches Gesicht Mit dummen Thränen; aber dein Gesicht Ist wirklich hübsch; kommt, Einige von Euch, Hier, nehmt ihn auf, und tragt ihn in die Burg; Er tritt in unsre Bande, wenn er lebt; Und stirbt er, ist auf Erden Raum genug, Ihn einzuscharren. Fangt mir auch sein Roß; Das Thier ist schön.«                                 Er sprach's und ritt davon, Doch ließ er ihr zwei plumpe Reisige Zum Beistand, die sich knurrend näherten. So knurrt ein Hund, wenn ihn die Furcht erfaßt, Sein schöner Knochen könn' ihm noch entgehn, Weil ihn beim Fraß des Dorfes Jugend neckt, Als wär' es auf den Knochen abgesehn; Dann legt er beide Pfoten fest darauf, Und nagt und knurrt; so knurrten auch die zwei Strauchdiebe, fürchtend, daß ihr Beutetheil Von dieses Morgens Ritt verloren ging, Und Alles nur um einen todten Mann. – Doch hoben sie vom Boden seinen Leib Auf eine Matte, wie bei solchen Zügen Sie mit sich führten für Verwundete; Als Bahre diente dann sein hohles Schild, Und hastig ging's zur nackten Halle Doorm's; Sein edles Roß war ihm von selbst gefolgt. Dort warfen sie mitsammt der Matte ihn, Auf der er lag, auf eine Eichenbank, Und stürmten dann vor Eile glühend fort, Den glücklichern Gefährten ungesäumt Sich anzuschließen, knurrend wie zuvor, Zum Teufel wünschend die verlorne Zeit, Den todten Mann und ihren eignen Earl, Sich selbst und ihre Seelen, und das Weib. Doch Enid frug nach Fluch und Segen nicht; Taub war ihr Ohr für Segen oder Fluch, Der nicht aus eines Einz'gen Munde kam. –   So saß nun Enid lange Stunden da Im nackten Saale neben dem Gemahl, Rief ihn beim Namen, stützte seinen Kopf, Und rieb ihm seine bleichen Hände warm. Und aus der Ohnmacht ward er endlich wach, Und fand sich wieder, wie sein theures Weib Das Haupt ihm stützte, seine matten Hände In ihren wärmte, zärtlich bang ihn rief; Und fühlte warmer Thränen sanften Thau Auf seinen Wangen, und im Herzen sprach Ihm eine Stimme: »ja, sie weint um mich.« Doch lag er still und stellte sich, wie todt, Um sie zu prüfen auf das Aeußerste, Und dann zu sagen: »ja, sie weint um mich.«   Die Sonne sank; da kam der Riese Doorm Mit reicher Beute heim in seine Burg; Die wüsten Knechte lärmten hinterdrein; Zu Boden warf ein Jeder seinen Pack, Und auf dem Estrich klang es, wie Metall. Dann wurden rasch die Lanzen weggestellt, Der Kopf vom Helm befreit; und aufgeputzt In bunten Farben kam ein Weiberschwarm, Halb frech, halb ängstlich in den Saal gehuscht, Und riß die Augen auf und bildete Bald einen Haufen mit den Reisigen. Nun schlug Earl Doorm mit seines Dolches Schaft Laut auf den Tisch und rief nach Fleisch und Wein Für seiner Lanzenknechte späte Kost. Da wurden Fässer Weines angeschleppt Und Rinderviertel, daß der ganze Saal Verdunkelt wurde von des Fleisches Qualm. Und Keiner sprach ein Wort; sie drängten nur Sich an den Tisch und schmausten mit Begier Im nackten Saal, und anzuhören war Ihr Kau'n, wie wenn man Pferde fressen hört; Bis Enid, um dem wüsten Treiben nicht 20 Der zügellosen Rotte zuzusehn, Die Augen schloß und in sich selbst versank. Doch als Earl Doorm geschmaust nach Herzenslust, Da rollten seine Augen durch den Saal, Und sahn im Winkel ein bethräntes Weib. Da fiel ihm wieder ein, wer Enid war, Und wie sie jüngst geweint; doch bändigt' ihn Der Zauber, der in Enid's Schönheit lag; Und plötzlich sich erhebend sprach er: »iß! Solch bleich Geschöpf hab' ich noch nicht gesehn! Bei Gottes Fluch, es macht mich noch verrückt, Wenn ich dich weinen sehe; komm' und iß, Und sorge für dich selbst; dein guter Mann Hat Glück genug gehabt; denn, wär' ich todt, Um mich zu weinen, fiele Niemand ein. Du süßes Weib, so lang ich Leben hab', Erblickt' ich keine Lilie, die dir gleicht! – Nur etwas Farbe fehlt dir im Gesicht, Dann wäre keine meiner Damen werth, Als Handschuh anzulegen deinen Schuh! Doch hör' auf mich und folge meinem Rath, So werd' ich thun, was ich noch nicht gethan: Mein Earlthum theilen sollst du, Kind, mit mir; Zwei Vögel leben wir in einem Nest, Von allen Feldern hol' ich Futter dir, Denn zum Gehorsam zwing' ich alle Welt.« –   Er sprach's; den rohen Knechten blieb im Mund Der Bissen stecken, also staunten sie, Und starrten ihn mit vollen Backen an; Indessen Manche, deren Seelen schon Die alte Schlange längst vergiftete, – Wie das vergilbte Blatt der Wurm zernagt, Und es in Schmutz verwandelt, – in das Ohr Sich Dinge zischten, – ich verschweige sie, – Es waren Weiber, oder Wesen doch, Die auch des Weibes Anmuth einst geziert, Und lechzten jetzt nach der Erniedrigung Des besten Weibes, ja sie hätten wohl Dazu geholfen, denn sie haßten sie Mit einem Mal; doch Enid dachte nicht An diese Weiber, sondern leisen Tons, Noch tief gebeugt ihr demuthvolles Haupt, Versetzte sie: »bei Eurem Rittersinn Beschwör' ich Euch, habt Mitleid, da es ihm So traurig geht, – Ihr seht es, – quält mich nicht.«   Sie sprach so leise, daß er kaum vernahm, Daß sie gesprochen; doch er fühlte sich Als mächt'ger Gönner, und sein eignes Thun Schien ihm so huldreich, daß er stillvergnügt Vermuthete, sie hab' ihm nur gedankt, Und fortfuhr: »ja, nun sei vergnügt und iß, Denn als die Meine jetzt betracht' ich dich.«   Sie sagte sanft: »wie würd' ich wohl vergnügt Durch irgend etwas auf der ganzen Welt, Bis mein Gemahl ersteht und schaut mich an.«   Ob ihrer Rede schrie der riesige Earl, Das sei nur Hungerschwäche, Müdigkeit Und krankes Nichts; dann griff er rasch nach ihr, Trug sie mit rauher Faust zur Tafel hin, Und stieß den Tisch zurecht und schrie: »nun iß!«   Empört sprach Enid: »nein, ich esse nicht, Bis von der Bahre jener Mann ersteht, Und mit mir ißt.« – Da brüllte Doorm: »so trink;« Und füllt' ein Horn mit Wein, und hielt ihr's hin; »Sieh her, ich selbst, wenn ich vom Kampf erhitzt, Wenn, Gott verdamm', der Aerger in mir kocht, Kann oft kaum essen, eh ich weidlich trank, Drum trink', und andern Sinns macht dich der Wein.«   »Beim Himmel,« rief sie, »nein, ich trinke nicht, Bis daß mein theurer Gatte sich erhebt, Und mich es heißt, und selber mit mir trinkt; Und bis ich sterbe, will ich keinen Wein Je wieder ansehn, wenn er nicht ersteht.«   Da stieg die rothe Gluth ihm in's Gesicht; Mit großen Schritten ging er durch den Saal, Und biß im Zorn sich beide Lippen wund; Trat endlich dicht an sie heran und sprach: »Ich seh', du höhnest meine Gnade, Kind, Nimm Warnung an: der Mann ist sicher todt, Und zum Gehorsam zwing' ich, was da lebt. Nicht Trank, nicht Speise? Jammern nur um ihn, Der deine Schönheit diesem Spott und Hohn Aussetzend, dich in Lumpen kleidete? Ich fasse kaum, daß ich es dulden kann, Wenn ich dich trotzen sehe meinem Wunsch; Doch länger mache mir den Kopf nicht warm; Leg' wenigstens dies ärmliche Gewand, Die seidnen Lumpen, diesen Bettelrock Mir zu Gefallen ab; ich hab' es gern, 21 Daß Schönheit auch in schönen Kleidern geht. Denn siehst du meine Edeldamen nicht, Wie prächtig ihnen ihre Kleider stehn? Ganz wie sich ziemt für eines Mannes Haus, Der Schönheit gern im schönsten Schmucke sieht. Komm', zieh' dies Kleid dir an, gehorche mir.«   Er sprach's und eine seiner Edelfrau'n Entfaltete das prächtigste Gewand Von fremder Arbeit, dessen lieblich Blau In's Grüne spielte, wie die seichte See, Und vorn mit Perlen dichter noch besäet, Als Thau in Tropfen auf dem Rasen liegt, Wenn eine Wolke Nachts am Hügel hing, Sich mit der Dämmerung hebt, und läßt den Tag Hinscheinen auf die Stelle, wo sie hing; So schimmerten die Perlen auf dem Kleid.   Doch Enid's Sinn blieb unerschütterlich, Wie ein Tyrann am Tage seiner Macht, Der lebenslange, stumm ertragne Schmach Zu rächen hat, da seine Stunde kam; So gab sie denn zur Antwort ihm und sprach:   »In diesem armen Kleid hat mich zuerst Mein theurer Mann gefunden und geliebt, Als eine Magd in meines Vaters Saal. In diesem armen Kleid bin ich mit ihm Zu Hof geritten, und der Sonne gleich Hat mich am Hof die Königin geschmückt. Sein Wille war's, daß ich dies arme Kleid Jetzt angelegt auf diesem Unglückszug, Auf dem er Ruhm und Ehre da gesucht, Wo nichts von Ehre doch zu finden ist. Und dieses arme Kleid leg' ich nicht ab, Bis daß er aufsteht, ein lebend'ger Mann, Und mir befiehlt, ich soll es von mir thun. Seid, bitte, gut; ich habe Leids genug; O quält mich nicht, denn keinen Mann, als ihn, Hab' ich geliebt und kann ich lieben. – Ja, Um Gott, bei Eurem ritterlichen Sinn, Beschwör' ich Euch, habt Mitleid, da es ihm So traurig geht, – Ihr seht ja, – quält mich nicht.«   Der rohe Earl schritt auf und ab den Saal, Und kaute seinen fuchsig rothen Bart, Kam ihr zuletzt ganz nah und schrie voll Wuth: »Ich glaube, Dame, daß gerad' so viel Dabei herauskommt, gütig gegen Euch, Als ungalant zu sein; zum Abschied dies;« – Und gab unritterlich mit flacher Hand Ihr einen, wenn auch leichten, Backenstreich.   Da stand nun Enid aller Hülfe baar, Und dachte: nimmer hätt' er das gewagt, Wär' er nicht sicher, daß mein Gatte todt. Ein Angstschrei rang sich los aus ihrer Brust, So grell und schmerzlich schreit ein armes Wild, Das in der Falle sich gefangen fühlt, Und sieht den Jäger kommen durch den Wald.   Garin vernahm ihn, griff nach seinem Schwert, – Es lag im hohlen Schilde neben ihm, – That einen Sprung, und zischend fuhr sein Hieb Ihm durch den Stierhals; auf den Estrich flog Gleich einem Ball des plumpen Rothbarts Kopf. – So starb Earl Doorm durch eines Mannes Hand, Den er bereits den Todten zugezählt. – Und all' die Männer und die Frau'n im Saal, Als sie den Todten sich erheben sahn, Sie sprangen auf, und kreischten und entflohn, Als wär' er ein Gespenst. So blieb das Paar Allein beisammen, und Garin hob an:   »Ich habe schlechter, als der Todte dort, An dir gehandelt, Enid, habe mehr Und schlimmre Kränkung dir noch angethan. Doch unter einer Irrung standen wir, Die mich nun dreimal dir zu eigen giebt; Von nun an will ich lieber in den Tod, Als Zweifel hegen. Selber leg' ich mir Die Büßung auf: wenn auch mein eignes Ohr Dich gestern früh gehört, – du glaubtest mich Noch schlafend, doch ich hörte, – wie du sprachst, Ich hörte, wie du sprachst, du wärest mir Kein treues Weib; allein ich schwör's, ich will Dich nimmer fragen, was du da gemeint; Du klagst dich an, doch ich vertraue dir; Jetzt selber lieber Tod, als Argwohn gegen dich.«   Kein zärtlich Wort stand Enid zu Gebot, Ihr war's im Herzen so verstört und dumpf, Sie bat nur: »flieh', sie kommen sonst zurück, Und morden dich; dein Roß ist vor der Thür, Mein Zelter fort.« »Dann, Enid, setzest du Dich hinter mir.« »Ja,« sprach sie, »fort nur, fort!« 22 Und draußen fanden sie sein stolzes Roß, Das jetzt nicht mehr den Räubern dienstbar war; Es durfte wieder in gerechtem Streit Die Glieder recken; freudig schnoberte Das edle Thier sie leise wiehernd an, Und bog das Knie; da küßte sie gerührt Den weißen Stern auf seiner schönen Stirn. Auf saß Garin und bot ihr seine Hand; Auf seinen Fuß den ihren setzte sie, Und stieg empor; da wandt' er sein Gesicht, Und gab ihr noch im Klettern einen Kuß; Sie schlang die Hände fest um den Gemahl, Und ohne Zögern vorwärts ging der Ritt.   Und nimmer, seit der ersten Rosen Duft Die vier Gewässer Edens angehaucht, Ward rein're Wonne Sterblichen zu Theil, Als ihr in dieser Stunde der Gefahr. Denn als sich ihre Hände falteten, Schlug unter ihnen ihres Gatten Herz, Und jetzt, sie fühlt es, wiederum für sie. Sie weinte nicht; ein sel'ger Nebel war's, Der ihre sanften Augen überzog, Gleich dem, der Edens Blüthen frisch erhielt, Bevor des Regens läst'ge Wohlthat kam. – Doch war der sanften blauen Augen Blick Nicht so getrübt, um grad' im Ausgangsthor Der Räuberburg nicht einen Rittersmann Von Artus' Hof zu sehn, der ihren Weg Versperrend, und mit eingelegtem Speer, Zum Angriff auf Garin entschlossen schien. Ihr war das Herz von dem, was sie erlebt, So übervoll; mit Grausen dachte sie An seine Wunde, seinen Blutverlust, Und rief dem fremden Ritter flehend zu: »O mord' ihn nicht, er ist dem Tode nah!« Da rief der Ritter: »Enid's Stimme ist's,« Und vor sich sah sie Edyrn, Sohn des Nudd, Bei dessen Anblick ihr das Blut gerann, Und nochmals schrie sie: »Vetter, mord' ihn nicht, Der deines Lebens schonte.« – Würdevoll Ritt Edyrn näher an das Paar heran Und sprach: »mit aller Liebe, Herr Garin, Seid mir gegrüßt; ich hielt Euch nur zuerst Für einen von den Stegreifrittern Doorm's. Und Enid, fürchte nicht, daß ich ein Leid Ihm anthun will; ich, der Euch liebt, mein Fürst, Wie wir den Himmel, der uns züchtigt, lieben. Denn als ich einst, in meinem Stolz so hoch, Schon halben Wegs die glatte Höllenbahn Hinunter war, warft Ihr mich in den Staub, Und zogt mich dadurch wahrhaft erst empor. Jetzt bin ich Ritter von der Tafelrunde; Und weil ich diesen Earl dereinst gekannt, In meiner Zeit des wüsten Uebermuths, Als ich fast selbst ein halber Räuber war, So steh' ich jetzt, des Königs Herold, hier, – Der König selber folgt mir auf dem Fuß, – Doorm zu entbieten, daß er Frieden hält, Sich unterwirft und all sein Volk zerstreut, Und hört des Königs richterlichen Spruch.«   Da rief der bleiche Fürst: »er hört den Spruch Des Königs aller Könige; zerstreut Sind Doorm's Gewalten, seht!« er wies in's Feld; In wirren Haufen hatten Männer dort Und Weiber auf den Hügeln Schutz gesucht, Und starrten voll Entsetzen auf die Burg, Aus der noch immer Andre flüchteten. Und nun erklärt er, wie im eignen Saal Erschlagen läg' der ungeschlachte Schuft. Doch als der Ritter bat: »jetzt folget mir In's Lager, Fürst, und vor des Königs Ohr Erzählt, was sich begab; Ihr habt gewiß Hier Abenteuer wunderbarer Art Allein bestanden,« da ward plötzlich roth, Und hing den Kopf, und zögerte der Fürst Mit seiner Antwort; denn er fürchtete Des tadellosen Königs milden Blick, Und nach dem Wahnsinn, den er ausgeführt, Das Wort der Frage; bis der Ritter rief: »Wenn Ihr dem König nicht entgegengeht, So trifft Euch Artus hier.« Da sprach Garin: »Wohlan, ich folg' Euch.« Und sie brachen auf; Doch Enid ängsteten auf ihrem Ritt Nicht nur die Räuber, die sich noch zerstreut Im Felde zeigten; bange war ihr auch Vor Edyrn; lenkte dieser nur sein Roß An ihre Seite, fuhr sie bebend auf. Auf hohlem Boden, der vor alter Zeit Sein Feuer spie, kann Niemand sicher sein Vor neuen Flammen, neuem Untergang. Doch Edyrn, ihrer Angst gewahrend, sprach:   »O liebe, schöne Muhme, der ich einst Zur Furcht vor mir so vielen Anlaß gab, Jetzt fürchtet Euch nicht mehr, ich bin bekehrt. Ihr selbst wart erst die tadellose Schuld, 23 Daß meines Blutes angeborner Stolz Aus einem Funken wuchs zu heller Gluth; Denn Ihr und Yniol hattet mich verschmäht; Da macht' ich Plan auf Plan und ruhte nicht, Bis ich ihn ganz zu Grunde richtete. – Dann, einen Zweck im Herzen für und für, Verfiel ich auf mein trotziges Turnier, Und nahm ein Liebchen, das ich nur zum Schein Als aller Schönen Schönste feiern ließ. Und da ich jeden Gegner niederwarf, Nahm bis zum Wahnsinn fast mein Hochmuth zu, So daß ich mich für unbesiegbar hielt. Mit dem Turnier verfolgt' ich einen Plan, Sonst hätt' ich Euren Vater umgebracht, Euch selbst entführt; allein ich hoffte stets, Daß Ihr noch einst zu meinem Kampfspiel kämt, Mit dem, dem Ihr in Liebe zugethan; Dann, meine arme Muhme, solltet Ihr Mit Eurem sanften blauen Augenpaar, Das treu, wie keins, den Himmel wiederstrahlt, Mich ihn besiegen sehn, und meinen Fuß Auf seine Brust gesetzt; und hättet Ihr Geschrie'n, vor mir geknie't, mich angefleht, Ich hätt' ihn doch erschlagen. Und Ihr kamt, – Nur einmal kamt Ihr, um es anzusehn Mit Euren treuen Augen, wie der Mann, Den Ihr erwählet, meinen Hochmuth brach, – Als eine Wohlthat jetzt erkenn' ich es, – Den lang gehegten Plan vereitelte, Und seinen Fuß auf meine Brust gesetzt, Mein Leben schonte. Das zermalmte mich; Und nun war ich gerettet, wenn ich auch Von Scham vernichtet meiner Wege ritt, Ein Leben hassend, das er mir geschenkt, Als ich es schon verloren achtete. – Und alle Buße, die die Königin Mir auferlegte, war der Aufenthalt An ihrem Hof; dort war ich anfangs scheu, Gleich einem kürzlich eingesperrten Wild, Und weil ich wußte, kein Geheimniß sei, Was ich gethan, gewärtig, daß man mich Als einen Wolf behandle; doch ich traf Statt höhn'schen Mitleids, mitleidlosen Hohns Auf zarte Rücksicht, edles Schweigen nur; Auf freundlich würdevolle Lebensart, Und solche Anmuth feinster Höflichkeit, Daß auf mein frühres Leben ich zurück Zu schaun begann, und fand, daß in der That Es nur das Leben eines Wolfes war. Oft sprach ich Dubric auch, den heil'gen Mann, Deß milder Eifer und erhabnes Wort Zu jener Demuth meinen Sinn bezwang, Die, männlich kühnem Muthe beigesellt, In Wahrheit erst den Mann zum Manne macht. Auch Ihr wart oft im Kreis der Königin, Und saht mich, oder wolltet mich nicht sehn: Und ich, ich hatte weder Lust noch Muth, Euch anzureden, sondern hielt mich fern, Bis ich mich ganz bekehrt; und, Muhme, nun Seid ohne Furcht; gewiß, ich bin bekehrt.« –   Er sprach's und fand bei Enid leicht Gehör; Denn einfach edle Herzen glauben gern, Was gern sie hören; gegen Freund und Feind Gleich gütig, und am meisten gegen den, Der ihnen recht viel Böses angethan. Als sie dem Lager endlich sich genaht, Trat Artus, sie begrüßend, aus dem Zelt, Und merkte bald, daß Enid zwar so bleich Doch glücklich war; er fragte sie kein Wort; Er trat beiseit mit Edyrn, hielt mit ihm Ein rasches Zwiegespräch und kam zurück; Mit ernstem Lächeln hob er sie vom Pferd, Und gab ihr einen Bruderkuß, Und wies ihr ein für sie bestimmtes Zelt, Und blickte noch minutenlang ihr nach, Bis er im Eingang sie verschwinden sah; Zum Fürsten dann sich wendend hob er an:   »Fürst, als Ihr Urlaub jüngst von mir begehrt, In Euer eigenes Gebiet zu ziehn, Und Eurer Gränzen Schützer selbst zu sein, Hab' ich des Vorwurfs Stachel tief gefühlt, Daß ich verruchten Frevel wuchern ließ, Daß ich zu viel mit fremden Augen sah, Zu lange wirkte nur durch Diener Hand, Und meinen Arm nicht brauchte. Seht mich jetzt Mit Edyrn und mit Andern selber hier, Zu säubern diesen Schandfleck meines Reichs. Gabt Ihr auf Edyrn Acht? Bemerktet Ihr Den edeln Wandel seines ganzen Seins? Dies Werk von ihm ist groß und wundervoll; Verwandelt ist sogar sein Angesicht Mit seines Herzens Wandlung. Unsre Welt Will nie recht glauben, daß ein Mann bereut, Und unsre kluge Welt hat meistens Recht; Sehr selten in der That bereut ein Mann, Und strebt mit würd'gem Sinn und Willenskraft, 24 Sich völlig von dem bösen Queckengras Zu säubern der Gewöhnung und des Bluts, Den Grund des Herzens ganz zu reinigen, Und neue Saat zu streu'n; doch Edyrn that's; Er riß das Unkraut mit der Wurzel aus; So denk' auch ich im Lande hier zu thun Bevor ich scheide. Dafür nahm ich ihn Als Ritter auf in unsre Tafelrunde, – Nicht vorschnell; denn ich hab' in jeder Art Ihn als der Besten Einen unter uns An Ehre, Tapferkeit, verständ'gem Sinn Und Demuth erst erprobt. – Und in der That: Das Werk, das Edyrn an sich selbst vollbracht, Nach einem Leben der Gewaltthat, scheint Mir tausendmal so groß und wundervoll, Als wenn ein Ritter, der mein Unterthan Sammt meinen Unterthanen unter ihm, Sein Leben wagend, einzeln einen Sturm Auf ein Gebiet voll Räuber unternimmt, Auch wenn er Alle, Mann für Mann, erschlug, Und selbst fast auf den Tod verwundet ist.«   Der König sprach's, tief neigte sich der Fürst, In der Erkenntniß, daß nicht wundervoll Noch groß das Werk, das er gethan, und ging In Enid's Zelt, wo seine Wunde dann Des Königs eigner Leibarzt ihm verband. – Dort war nun Enid stets als Pflegerin Um ihn geschäftig, und der milde Hauch So süßer Pflege, wachend über ihm, Erfüllte jeden Pulsschlag seines Bluts Mit immer tiefrer Liebesinnigkeit, Wie der Südwest, der über Balas See Hinwehend, den geweihten Deestrom schwellt. So rann die Zeit.                           Doch während Fürst Garin An seiner Wunde noch in Heilung lag, Brach Artus auf, der König tadellos, Zu mustern Alle, die vor langer Zeit Sein Vater Uther mit der Pflicht betraut, Wohl zu versehn des Königs Richteramt. Da fand er manchen ungetreuen Mann; Und wie man jetzt das weiße Kreideroß Der Berkshire-Hügel gätet, um es rein Und glänzend zu bewahren, wie zuvor, So rottete der König schonungslos Die trägen oder schuld'gen Diener aus, Die um Gewinn dem Unrecht nachgesehn, Und setzte Männer ein von strengrer Zucht, Mit treuen Herzen und mit fester Hand; Ließ Wüstenei'n durch Tausende bebau'n; Da war kein Ort, wohin er selbst nicht kam; Er zog an's Licht, was nicht geheuer war, Er schaffte Recht und brach die Räuberburgen, Und säuberte das ganze Räuberland. –   Sie zogen dann, als Fürst Garin geheilt, Mit Artus nach Caerleon am Usk, Und nochmals schloß die große Königin Die Freundin dort an's Herz, und schmückte sie Mit Prachtgewändern gleich dem lichten Tag. Und wenn ob ihres Umgangs auch Garin Nie wieder jenes frohe Glück empfand, Das ihn erfüllt, bevor der Königin Erhabner Ruf sich trübte, war er doch Zufriednen Muthes, daß nun Alles gut. Doch als am Hof sie lange Zeit geweilt, Da ritten sie mit stattlichem Geleit Von funfzig Rittern an des Severn Strand, Und zogen weiter in ihr eignes Land. Dort übte nun des Königs Richteramt Garin so kräftig und zugleich so mild, Daß alle Herzen Beifall spendeten, Und das Gemurr des Trotzes stille ward. – Und weil er stets voran war auf der Jagd, Und Sieger stets im Kampfspiel und Turnier, So nannte man den »großen Fürsten« ihn, Den »Held der Helden«. – Enid nannten gern »Die schöne Enid« ihres Hofes Frau'n; »Enid die gute« nannte dankbar sie Ihr Volk; und Kinderstimmen wurden laut In ihren Hallen, Enid's und Garin's Zukünft'ger Zeit; – und nie mehr zweifelte Der Fürst an ihr; er blieb ihr hold und treu, Und krönte spät durch ritterlichen Tod Ein reichbeglücktes Leben; denn er fiel Im Kampfe mit des Nordmeers Heidenvolk, Als Streiter für den tadellosen König. –     Viviana.                   Ein Wetter drohte, doch es schwieg der Sturm Im wilden Walde von Broceliand; Und unter einer Eiche, riesig, alt Und hohl, gleich einem halbzerfallnen Thurm, Lag Viviane, das verschmitzte Weib, Zu Merlins Füßen.                             Das verschmitzte Weib, Viviana, war entschlüpft von Artus' Hof; Sie haßte die gesammte Ritterschaft, Und hört' im Geist ihr nimmer endendes Gespött, sobald ihr Name nur genannt. Denn jüngst, als Artus, einsam und verstimmt Durch ein die Königin schmähendes Gerücht, Vivianen traf und artigen Gruß ihr bot, Da hätt' sie gerne sein verdüstert Herz, Scheinheilig treu, mit ehrfurchtvollem Blick, Mit einer Stimme, die so zitternd klang, Und mit verschämter Huldigung umstrickt; Und gab zuletzt ihm dunkeln süßen Wink Von Einer, die ihn besser würdigte, Als die, die ihn am höchsten schätzen sollte. Der König sah sie nur verwundert an Und ließ sie stehn. Allein sie war belauscht Von Einem, der das Schweigen nicht verstand; Und Viviane, die Versucherin Des tadellosen Königs, unterhielt Die Lacher einen ganzen Nachmittag. Und zu gewinnen war hernach ihr Plan Merlin, den Größten jener Zeit an Ruf, Der alle Künste kannte, der erbaut Die Schiffe, Häfen, Hallen seines Herrn, Der auch ein Barde, der zu Hause war Am Sternenhimmel, und bei Jedermann Ein Zaubrer hieß. Dem nahte tändelnd sie, Zuerst mit losem, schelmischen Gespräch, Mit munterm Lächeln, witzigem Bericht, Leicht angehaucht von der Verläumdung Gift, Und kargte nicht mit Seitenblick und Hieb. Und der Prophet, aus Herzensgüte, nahm In seinen Schutz ihr ausgelassen Spiel, Selbst wenn es ihm nicht liebenswerth erschien; Und lachte, wie des Kätzchens Hüter lacht. – So ließ er sich gefallen, was ihm halb Verächtlich war; doch sie, sie merkte wohl, Sie sei nur halb verschmäht und unterbrach Durch ernstre Pausen wechselnd jetzt ihr Spiel, Ward roth und blaß, und seufzte manchmal tief, Wenn sie sich trafen, oder blickte stumm Mit hingegebner Andacht auf zu ihm. Und wenngleich zweifelnd, fühlte sich der Greis Geschmeichelt, und zu Zeiten schmeichelt' er Dem eignen Wunsch nach Lieb' im Alter wohl, Und glaubte halb und halb, sie wäre wahr. So blieb er lange schwankend, aber sie, Entschlossnen Willens, ließ nicht ab von ihm, Und also flohn die Jahreszeiten hin. Da kam ein tiefer Trübsinn über ihn; Er schritt von Artus' Hof hinab zur Bucht, Fand dort ein kleines Boot und stieg hinein; Und Viviane folgt' ihm unbemerkt, Sie steuernd, er am Segel; und das Boot, Vom Wind erfaßt, glitt auf den Tiefen hin, 26 Und führte sie zum Strande der Bretagne. Dort ging sie Merlin nach auf Weg und Steg, Zum wilden Walde von Broceliand. Denn Merlin hatt' ihr früher einst erzählt Von einem Zauberbann, der ihm bewußt; Wenn irgend Einer den auf irgendwen Durch buntverschlungnen Reih'n und Händewink Herniederzöge, läge jener Mann, Als wär' er festgebannt in eines Thurms Vier nackten Mauern, ohne Thor und Thür, Aus dem auf ewig kein Entrinnen sei; Und finden könn' ihn Niemand, und er selbst, Er könne Niemand geh'n und kommen seh'n, Als den, der diesen Zauber ausgeübt, Und läge scheintodt und der Welt entrückt, Vergessen, thatlos, ruhmlos, namenlos. – Und immer war Viviane nun bedacht, Am mächtigsten Beschwörer jener Zeit Des Zaubers Kraft zu prüfen, in dem Wahn, Je größer der, den frevelnd sie bestrickt, Um so viel größer werd' ihr eigner Ruhm. –   Und also lag sie hingegossen da, Und küßte seine Füße, wie verzückt In Lieb' und Ehrfurcht; goldenes Geflecht Umwand das Haar ihr, und ein Seidenkleid, An Werth unschätzbar, legte reizend sich An ihre schmeid'gen Glieder und verrieth Mehr, als es barg, und war an Farbe gleich Der Weide schimmernd heller Blüthenzier, Wenn sie der Wind im Strahl des Lenzes wiegt. Und unter Küssen rief sie: »tretet mich, Ihr theuren Füße, daß ich durch die Welt Gefolgt euch bin, und ich will euch dafür Verehrung zollen: werft mich in den Staub, Ich küss' euch dennoch!« aber er war stumm. – Denn düstrer Argwohn wühlt' in seinem Hirn, Wie tief in einem lichtberaubten Schlund Des Oceans die stumme Woge rings Der weiten Meereshalle Wand bespült..– Und ob sie gleich betrübt und vorwurfsvoll Ihr Angesicht erhob, und fragend sprach: »O, Merlin, liebst du mich?« und wiederum: »O, Merlin, liebst du mich?« und abermals: »O, großer Meister, liebst du mich?«.– er schwieg. – An seinen Fuß geklammert wand sich nun Geschmeidig Viviane hin zu ihm, Glitt auf sein Knie, und saß auf seinem Schooß, Und hinter seinen Knöcheln suchten sich Die lockern Füßchen, die sie fest verschlang; Um seinen Nacken einen Arm gelegt, Gleich einer Schlange schmiegte sie sich an; Indeß die Linke matt herunter hing Von seiner mächt'gen Schulter, wie ein Blatt. Mit ihrer Rechten, einem Perlenkamm, Sanft theilte sie die Locken seines Barts, Den die verschwundne Jugend aschengleich Gefärbt; – da sprach er, noch gesenkten Blicks: »Wer weise liebt, liebt innig, spricht nicht viel.« Und Vivianen's flinke Antwort war: »Blind sah ich ihn, den kleinen Elfengott, In Artus' Teppichsaal zu Camelot; Doch augenlos und stumm! – einfältig Kind! Allein du Weiser sagst es, also laß Mich denken, daß das Schweigen Weisheit ist; Drum bin ich stumm und fordre keinen Kuß.« Doch plötzlich fing sie wieder an und sprach: »Nun sieh, in Weisheit kleid' ich mich!« und zog Als Mantel seinen langen Silberbart Sich über Hals und Busen bis zum Knie: »Die goldne Frühlingsfliege bin ich nun, Vom großen alten Spinnen-Wütherich Im Netz verstrickt, der ohne weitres Wort Im wilden Walde mich zu fressen denkt.« So nannte Viviane selber sich, Doch glich sie mehr noch einem lieblichen In grauen Dunst gehüllten Unglücksstern; Bis er mit schwermuthsvollem Lächeln frug: »Für welch' Begehr, welch' seltsam große Gunst Sind diese feinen Kniff' und Schelmerein Das Vorspiel, Viviane? Dank indeß, Denn meinen Trübsinn haben sie zerstreut.«   Und Viviane trotzig lächelnd sprach: »Du fandst die Stimme wieder, hoher Herr? Willkommen sei der Fremdling. Endlich Dank! Denn gestern hast du deine Lippen nicht, Als einmal nur zum Trinken aufgethan. Ein Becher fehlt' uns, und ich schöpfte dir Mit meiner eignen Damenhand das Naß, Das aus dem Spalt in Tropfen langsam rann. Aus meinen beiden Händen macht' ich dir Den schönsten Kelch, und bot ihn knieend dar; Getrunken hast du wohl, doch nichts gewußt Zu sagen, nicht ein einz'ges armes Wort; Nicht so viel Dank, als eine Geiß uns giebt, Die nichts Ehrwürd'ges hat, als ihren Bart. 27 Und als wir ruhten an dem andern Bach, Und bis zur Ohnmacht fast erschöpft ich war, Und du, die Füße von dem Blüthenstaub Der tiefen Wiesen, die du mich geführt, Vergoldet lagst, o Merlin, weißt du wohl, Daß Viviane deine Füße wusch Vor ihren eignen? Aber keinen Dank, Den ganzen Weg durch diesen wilden Wald, Den ganzen Morgen, als ich dich gekost; – Gunst? – allerdings, es gäb' wohl eine Gunst, So seltsam nicht, – was that ich dir zu Leid? – Gewiß, du bist ein Weiser, doch es ist Mehr weis' als liebreich solche Schweigsamkeit.«   Und Merlin schloß die Hand, die sie gefaßt, Und sprach: »o lagst du nie am Strand, und sahst Der nah'nden Woge weißes Lockenhaupt Im glatten Sand sich spiegeln, eh sie brach? Solch' dunkle Woge, nur so reizend nicht, Hatt' ich im Spiegel ahnungsvollen Sinn's Drei Tage lang mir näherkommen sehn. Da brach ich auf, den Trübsinn abzuthun, Und floh von Artus' Hof. Du folgtest mir Unaufgefordert; – als ich's inne ward, Und sah, wie du mir nachgingst unverwandt, Da wob mein Geist als nächsten Gegenstand In seine Nebelbilder dich hinein; Denn, soll ich Wahrheit sprechen, du, du warst Die Woge, die mich überfluthen wollte, Von meinem Platz mich reißen in die Welt, Mir Namen rauben, Thatkraft, Ruf und Ruhm. Vergieb mir, Kind, deß süße Tändelei Mir Alles, wie mit heiterm Licht erhellt; Nenn' dein Begehr; ich schuld' es dreifach dir; Zuerst, indem ich Unrecht dir gethan In meinem Trübsinn, zweitens, weil ich noch Bisher, so scheint es, nicht an Dank gedacht, Und endlich für dein artig Gaukelspiel; Drum fordre nur, und nenn' sie, diese Gunst, Die seltsam klingt, doch nicht so seltsam ist.«   Und Viviane schmerzlich lächelnd sprach: »O nicht so seltsam, als um diese Gunst Mein langes Bitten; nicht so sonderbar, Wie doch du selbst; nicht halb so wunderlich, Wie jene schwarze Laune, die dich plagt. – Stets bangte mir, du wärst nicht völlig mein, Und, selbst gestandst du's, Unrecht thatst du mir. Dich nennt das Volk Prophet; – du magst es sein, Doch nicht von denen, die sich selbst verstehn. – Nimm Vivianen zur Erklärerin; Sie nennt den Trübsinn, der dich ahnungsgleich Drei Tage quälte, nicht ein Vorgefühl; – Ihr ist er nur der argwohnsvolle Hang, Der minder edel dich erscheinen läßt, Als du doch bist, – so oft ich dich noch bat Um eben diese jetzt erbetne Gunst. Begreifst du nicht, du heißgeliebter Mann, Je mehr du mich mit jenen Grillen plagst, Die dich umdüstern, als ich dir gefolgt, So schwerer bangt mir, daß du doch nicht mein, So heißer brenn' ich, ganz dich mein zu sehn, So minder rast' ich, bis von jenem Zauber, Vom Bann des Reigens und vom Wink der Hand, Mir das Geheimniß kund ward, zum Beweis, Daß du mir traust. O Merlin, lehr' es mich, O lehr' es mich; uns Beiden wird der Spruch Ein Zauber werden der Beruhigung; Denn wenn du mir die kleine Macht verliehst Auf dein Geschick, so würd' ich im Gefühl, Daß du mich würdig hieltest, mir zu traun, Uns Beiden Ruhe gönnen, dir und mir, Weil dann ich wüßte, daß du wirklich mein. – Und deshalb sei so groß, wie man dich nennt, Und hüll' dich nicht in selbstisch Schweigen ein. O wie so hart du, so versagend blickst! Meinst du vielleicht, ich wäre so verrucht, An dir ihn zu versuchen unverseh'ns, Daß du verlörest Namen, Thatkraft, Ruhm! Empörender Gedanke! Besser dann, Wär' unser Bund auf immerdar gelöst! Doch denk' es oder nicht; beim Himmel, der Mich hört, die reine Wahrheit sag' ich dir, So rein, wie Säuglingsblut, wie Milch so weiß: Die Erde soll, o Merlin, wenn ich je, Wenn je mein unbedachter Flattersinn, Auch nur im tollen Wirrwarr eines Traums Auf solchen Frevels Möglichkeit verfiel, – Aufklaffen soll der Erde fester Grund Bis zu den Tiefen, wo die Hölle gähnt, Und soll sich schließen, um mich zu zermalmen, Bin ich so ruchlos. Thu' den Willen mir, Kaum könnt' ich sonst dir ganz zu Willen sein; Gewähre meinen stets erneuten Wunsch; Daran erkenn' ich erst, ob du mich liebst; Sonst muß ich denken: magst du noch so sehr Ein Weiser sein, mich hast du schlecht gekannt.« – 28   Doch Merlin jetzt entzog ihr seine Hand Und sprach: »Trotz meiner Weisheit war ich nie So wenig weise, wie den Augenblick, Als ich von solchem Zauber dir erzählt, Neugierig Kind, das von Vertrauen spricht! Ja, sprichst du von Vertrau'n, so sag' ich dir: Zu sehr vertraut' ich, als ich ihn erwähnt, Und reizt' in dir die Sünde, die den Mann, Den kaum erschaffnen, durch das Weib verdarb. Wenn schön bei Kindern große Wißbegier, Die noch sich selber und die ganze Welt Erkennen sollen, nenn' ich sie bei dir, Die nicht mehr Kind, – denn wenn ich lesen will In deinen Zügen, find' ich dein Gesicht Erfahrungsreich, – nun, Sünde sag' ich nicht; Doch weil du selbst dich Frühlingsfliege nennst, So wünscht' ich wohl, ein Spinngeweb zu sein Für diese Fliege, die sich setzen will, Verjagt wird, und verjagt sich wieder setzt, Bis eins dem andern aus Ermüdung weicht. Doch hast du längst mein Wort: ich weiche nicht, Geb' über Leben, Thatkraft, Namen, Ruhm Dir nie Gewalt; warum denn willst du nicht Dir andre Gunst erbitten, was es sei? Bei Gottes Kreuz, ich traute dir zu viel.«   Empfindsam wie nur je ein Mädchen war, Das nach der Dorfuhr giebt ein Stelldichein, Sprach Viviane, beide Lider feucht Von Thränen: »mein Geliebter, schelt' nicht so Dein armes Liebchen; zärtlich kose sie, Und laß sie fühlen, daß du ihr verzeihst, Wenn keine Lust nach anderm Lohn sie spürt. Ich glaub', du kennst wohl kaum das süße Lied: »Vertrau' mir nirgends, oder überall?« Ich hört' es einst, als Lancelot es sang, Der große Ritter. Antwort soll es dir Statt meiner geben. Hör' es achtsam an:   »Die Liebe glaubt; das wäre nicht die rechte, In der Vertrau'n und Argwohn gleiche Mächte; Ein Zweifel hier, ist Zweifel überall.   Er gleicht dem Riß der Laute, dem geringen; Sie wird nicht mehr in holden Tönen klingen, Der Sänger spielte sie zum letzten Mal.   Er gleicht dem Riß der Laute, gleicht der Narbe, Der kleinen, brand'gen in der vollen Garbe; Sie fault nach innen, und bald überall.   Sie lohnt nicht des Bewahrens, laß sie fahren; Doch sag', mein Lieb, du willst den Glauben wahren: Vertrau' mir nirgends, oder überall.« Mein zärtlich Lied gefällt es, Meister, dir?«   Und Merlin sah sie an und glaubte fast, Sie wäre wahr; so zärtlich klang ihr Ton, So hold war ihr Gesicht; ihr Augenstrahl So lieblich unter Thränen, wie der Blick Der Sonne nach dem Regen; doch er gab Noch halb erzürnt zur Antwort ihr und sprach:   »Ganz anders klang das Lied, das ich dereinst An dieser Eiche Riesenstamm gehört; Gesungen ward's ganz nah' bei diesem Sitz: Denn zehn bis zwölf der Unsern trafen sich Allhier zum Jagen auf ein edles Thier, Den Hirsch mit Goldgeweih, der damals noch In diesen wilden Wäldern heimisch war. Es war zur Zeit, als man zuerst und viel Von Gründung einer Tafelrunde sprach, Bestimmt zur höchsten Zier der ganzen Welt Durch Menschenliebe, Gottesfurcht und Ruhm; Und Jeder spornte Jeden immerdar Zu würd'gen Thaten. Und Begeist'rung kam, Indeß wir wartend saßen, über den, Der unter uns der Jüngste; mächtig scholl, – Kein Wehren half, – aus voller Brust sein Lied, Ein Lied voll heißen Drangs nach Heldenruhm, So schmetternd, wie Trompeten; und der Schluß, Zu dem es kam, so ernst wie Eisenklang. Er schwieg, da war es uns, als müßten wir Den Chor anstimmen mit gezognem Schwert, Und hätten es gethan, doch aufgescheucht Durch das Geräusch, aufsprang das prächt'ge Wild Vor unsern Füßen; auf dem dunkeln Grund Ein silberheller Schatten schlüpft' es hin; Wir ritten durch das dunkelnde Revier Den ganzen Tag und gegen scharfen Wind, Aus dem der Nachklang jenes Heldensangs In's Ohr uns rauschte: so verfolgten wir Des Goldgeweihes Schimmer fort und fort, Doch er verschwand uns dicht am Zauberborn, Der, unsern Kriegern gleich, – das Eisen anlacht; In welchen Kinder manchen Eisenstift Und Nagel werfen, rufend: »Brünnlein lach'!« Allein berührt man ihn mit einem Schwert, 29 So wallt und braust er seltsam, – also hier Verschwand der Hirsch; – das war ein edler Sang. Doch während du dein zärtliches Gedicht, Viviane, sangst, war mir's, als kenntest du Den Zauber, den verfluchten, und du wärst An mir ihn zu erproben im Begriff; Mir war's, als läg' ich schon im Zauberbann Und fühlte, wie mein Namen und mein Ruhm Gleich Wasser auf dem Sande sich verlor.«   Und Viviane, schmerzlich lächelnd, sprach: »Mein Ruf, mein Name sind auf ewig hin; Seitdem ich dir in diesen wilden Wald Gefolgt, um deiner Schwermuth Trost zu sein. Nun sieh', so sind der Männer Herzen! Nie Erhebt der Mann so hoch sich, wie das Weib; Ihr Sinn ist selbstlos. Und des Weibes Ruf – Wenn du mein Lied auch höhnst, so höre doch Noch einen Vers, – die Dame spricht ihn, – so:   »Mein Ruf, einst mein, jetzt dein, ist recht erst mein; Denn hätt' ich Ruhm, und wäre Schande dein, Mein Ruhm wär' dein, und deine Schande mein; Drum trau' mir nirgends, oder überall.«   Spricht sie nicht wahr? Und mehr enthält dies Lied: »Dem Perlenhalsband gleicht's der Königin, Dem schönen, das ihr einst beim Tanz zerriß; Die Perlen rollten fort und sind zerstreut, Verloren manche, manche ward entwandt Und manche wird als Heiligthum verwahrt. Doch nimmer wieder glitt auf seidner Schnur Die Schwesterperle zu der Schwester hin, Um sich am weißen Hals der hohen Frau Zu küssen; also geht's mit diesem Lied; Es lebt zerstreut in vieler Menschen Mund, Und jeder Minstrel singt's mit anderm Text; Zwei Zeilen aber giebt's, die wirklich ächt, Und aller Perlen Perle, höre nur: »In Träumen ist der Mann auf Ruhm bedacht, Indeß das Weib für seine Liebe wacht.« Ja, Liebe, selbst die größte Liebe beut Ein Stück der zuverläss'gen Gegenwart, Genießt und nutzt es, sorglos um den Rest; Doch Ruhm? Ruhm nach dem Tode nützt uns nichts; Und was ist Ruhm im Leben anders wohl, Als halbe Schmähung, die man eingetauscht Für stilles Dunkel? Du, du weißt es selbst, Daß dich der Neid den Sohn des Teufels nennt, Und weil du offenbar der Meister bist Im Reich des Wissens, machte Mancher gern Zum Meister auch im Reich der Bösen dich.«   Und Merlin schloß die Hand, die sie gefaßt, Und sprach: »ich sucht' einmal ein Zauberkraut; Da traf ich einen schönen Junker an, Der einen Ritterschild aus Holz geschnitzt, Und einsam saß, und malt' ein Wappen drauf, Ein selbsterdachtes: auf azurnem Grund Ein goldner Aar im Aufflug; rechts im Feld Die Sonne, mit dem Spruch: »mich führt der Ruhm.« Ich sagte nichts, ich bog mich über ihn, Ergriff den Pinsel, überstrich den Aar, Und malt' ihm einen Gärtnersmann dafür, Ein Bäumchen pfropfend, und als Motto dies: »Vor Ruhm geht Segen.« – Denke dir den Grimm, Von dem er glühte; doch es ward aus ihm Ein biedrer Ritter. Viviane, du, So glaub' ich, meinst, du liebst mich inniglich; Was mich betrifft, ich halte viel von dir; So laß es gut sein; deine Liebe dann Wird in sich selber finden Ruh' und Glück, Wird zu erpicht nicht sein auf einen Lohn, Und frei vom Kitzel, auf den Herzensgrund Des Mann's zu schaun, den, wie du sagst, du liebst. Der Ruhm dagegen, der dem Manne nur Die Kräfte schwellt, der Menschheit sich zu weihn, Fänd' in sich selber wenig Ruh' und Glück. Sein Werk ist in der weitern Liebe Dienst, Vor der die dürft'ge Liebe, welche nur Zwei Wesen bindet, einem Zwerge gleicht. Mein hülfreich Walten gab zuerst mir Ruhm, Und wie mein Ruhm, so wuchs mein Wirkungskreis; Das war mein Lohn; was bracht' es sonst mir ein? Verschrie'n als ruchlos ward ich für den Wunsch, Den blöden Sinn der Menschen zu erziehn, Und Sohn des Teufels nannte mich der Neid. Dies kraftlos kranke Scheusal fiel im Wahn Vermeinter Nothwehr mich, den Bessern, an, Doch prallten seine Krallen machtlos ab, Und schlugen Wunden in sein eignes Herz. Schön war die Zeit, als ich noch unbekannt; 30 Doch als mein Ruf gefeiert, traf der Sturm Auf einen Felsen; toben ließ ich ihn. Wohl weiß ich, halb Verruf ist unser Ruhm, Doch treibt mich innrer Drang, mein Werk zu thun; Denn jeder andre Ruhm ist wesenlos Für den gewiß, der keine Kinder hat; Und der noch ungebornen Welt Geschwätz Auf meinem Grab, es hat mich nie gereizt. Durch Nebel blickt ein Stern, der zweite ist's In jenem Sternbild, das dem Schwerte gleicht An einem Gürtel, der aus drei besteht. Bei seinem Anblick träumt' ich jedesmal, Daß sich in diesem Stern ein Zauber birgt, Der übermächtig jeden Ruhm zerstört. Und bangt mir nun, du spieltest, wenn ich dir Durch jenen Spruch Macht über mich verliehn, In dieser Macht mit mir ein falsches Spiel, – So sehr du jetzt mich auch zu lieben glaubst, – Wie Königssöhne, die als Knaben mild, Tyrannen werden im Besitz der Macht, – So fürcht' ich minder meines Ruhms Verlust, Als daß ich nicht mehr hülfreich walten könnte, Wenn du vielleicht – aus Bosheit nicht so sehr, Als einem jähen Anfall wilden Grolls, Wohl auch aus krankhaft überspannter Lust, Mich ganz allein zu haben, oder sonst Im raschen Ausbruch weib'scher Eifersucht, Den Zauber wirken ließest gegen den, Von dem du sagst, daß ihm dein Herz gehört.«   Doch Viviane lachte wuthentbrannt, Und gab zur Antwort: »schwur ich nicht? und doch Wird mir mißtraut. Nun wohl verhehl' ihn mir, Verhehl' ihn nur, ich find' ihn dennoch aus, Doch dann vor Vivianen hüte dich! Ein Weib, – und so beargwohnt, – allerdings In Wuth gerathen könnt' ich unversehns Durch deinen Argwohn. Und bezeichnend ist Dein feines Beiwort, denn ein volles Herz, Wie meins, dem nicht ein volles Herz vergilt, Verdient fürwahr den Namen: überspannt. Mein täglich Wunder ist's, das überhaupt Ich, so behandelt, doch noch lieben kann. Und was die weib'sche Eifersucht betrifft, Warum denn nicht? Zu welchem andern Zweck, Als mich zu reizen, eifersüchtig mich, Die Liebende, zu machen, sannst du dir Den saubern Zauber aus? Ich glaub' es wohl, Daß du, soweit die Welt reicht, hier und dort Manch üppig Liebchen dir gefangen hältst Im Schluß der Mauern eines dumpfen Thurms, Aus dem auf ewig kein Entrinnen ist.«   Da sprach der große Meister lust'gen Muths: »Mir ward vollauf der Frauen Gunst zu Theil In meiner lieberfüllten Jugendzeit; Sie mir zu sichern, that kein Zauber noth, Als Lieb' und Jugend; und dein volles Herz, Das vielgerühmte, giebt mir Sicherheit, Daß du mein eigen ohne Zauber bleibst. Was die betrifft, die ihn zuerst geübt, So ist die Hand, die der Beschwörer hob, Aus ihrer Wurzel, ist der Fuß gelöst Aus seinen Knöcheln, der den Reigen schritt, Vor Menschenaltern. Die Legende magst Du hören als Belohnung für dein Lied.   »Im fernsten Osten lebt' ein König einst, Noch nicht so alt, als ich, und älter doch; Denn in sich trägt mein Blut die Anwartschaft Auf manchen Frühling, der noch kommen soll. Dort ankert' ein gelbhäutiger Pirat, Deß Barke zwanzig Inseln, Gott weiß, wo? Geplündert. Grad' an einer fuhr er hin, Und sah im Graun der Morgendämmerung, Wie sich zwei Städte, wohl in tausend Böten Auf offner See bekämpften um ein Weib. Sein schwarzes Fahrzeug steuernd in's Gewühl Der Böte, die nach allen Seiten flohn, Erbeutet' er das Mädchen, mit Verlust Der pfeildurchbohrten Hälfte seines Volks. Sie war so lieblich, weiß und wundervoll, Man sagte, Strahlen gingen aus von ihr Auf ihren Wegen. Weil im Guten nicht Der Räuber sie dem König überließ, So ließ ihn dieser pfählen als Pirat, Und machte sie zu seiner Königin. Allein die Augen dieses Inselkinds Bekämpften arglos, doch mit solcher Macht, Die junge Welt, daß Alles liebeskrank, Kein Mensch im Rath, aus war es mit dem Heer. Sie zog die Panzer, auch die rostigsten, Magnetengleich von alter Fechter Brust; Ihr huldigten selbst Thiere; das Kameel Kniet' ungeheißen, und das Ungethüm, Das, ein lebend'ger Hügel, Thürme trägt Für Kön'ge, bog vor ihr die schwarzen Kniee 31 In Ehrerbietung, mit der Schlangenhand Die goldnen Schellen, seiner Fersen Schmuck, Erklingen lassend, daß sie lächeln sollte. Was Wunder nun, daß eifersücht'gen Sinns Der König einen Ausruf blasen ließ Durch alle hundert Reiche, denen er Als Herr gebot: es werd' ein weiser Mann Gesucht, dem König einen Zauberspruch Zu lehren, der ihm seiner Königin Besitz auf immer sichere; solchem Mann Versprach er mehr als königlichen Lohn: Ein Stück Gebirges, eine Meile lang, Voll Minen Gold's, ein Vicekönigreich Mit hundert Meilen Küste; Prachtpalast Und fürstliche Gemahlin gäb' er ihm. – Doch über Jeden, der nicht ausgeführt, Was er versucht, erging ein böser Spruch, Wodurch der König der Bewerber Zahl Zu mindern, und sich selbst nach Königsart Zu sichern meinte gegen loses Spiel: Sein Kopf sollt' an der Hauptstadt Thor verfaulen. – Und Mancher unternahm's und unterlag, Weil ihres Wesens Zauber seine Kunst Zu Schanden machte; Weiser Schädel sah Man viele bleichen auf der Mauern Rand, Und viele Wochen schwebten wolkengleich Die gier'gen Raben über Thurm und Thor.«   Und Viviane fiel ihm rasch in's Wort: »Ich sitz' und schlürfe Honig, doch mir däucht, Daß deine Zung' ein wenig sich verrannt; Frag' dich nur selbst: die Dame führte doch Mit ihren schönen Augen diesen Krieg Nicht wider Willen; Freude fand sie dran, Und gab dem guten König guten Grund Zur Eifersucht. Und lebte keine Frau, Kein Fräulein dort, um eines Buhlers Raub An ihr zu rächen? Waren sie so zahm, So edel mein' ich, wie die Kön'gin schön, Und Keine spritzt' in diese Augen Gift, Goß einen Todessaft in ihren Trank, Und machte sie durch eine Rose bleich, Die Gift enthielt? Nun, damals war es wohl Nicht so wie jetzt. Doch ward der weise Mann Gefunden? sag' mir, sah er aus, wie du?«   Sie schwieg und fester seinen Hals umschlang Ihr schmeid'ger Arm, dann bog sie sich zurück; Der Augen Gluthblick sprach an ihrer Statt; So sieht die Braut den jungen Gatten an, Den ihren jetzt, der Männer Herrlichsten. –   Da sprach er lachend: »nein mir glich er nicht; Denn von den Zaubersuchern ward zuletzt Ein kleiner Mann mit haarlos glattem Kopf Entdeckt, der in der Wildniß Einsamkeit Von Kräutern lebt', und las ein einzig Buch; Und, immer lesend, war er abgezehrt Durch vieles Denken, so verschrumpft und dürr, Daß seine Augen unnatürlich groß, Indeß die Haut ihm nur noch, wie ein Fell Den leeren Korb, die Rippen überzog. Und weil sein Geist auf einen Punkt gebannt, Und weil er nie den hitz'gen Wein berührt, Noch Fleisch geschmeckt, noch sinnliche Begier Empfunden, ward die Mauer, die das Reich Der Menschen trennt, der Schatten werfenden, Von dem der Geister, ein Krystall für ihn. Er sah sie wandeln hinter jener Wand, Sie sprechen hört' er; ihre dunkle Macht Und Wissenschaft, die zum Gehorsam zwingt Die Elemente, ward ihm offenbar. Oft zog er vor der Sonne hellen Blick Den Riesenschleier schwarzer Wolkennacht, Und rief den Sturm, der peitschend sie zerriß; Oft wenn vor Nebel man den Tag nicht sah, Der Regen troff, der See vom Schaume weiß, Die Fichten rauschten, und ein Schatten nur Der Riesenbau der Pyramiden war, Gab er der Welt auf's Neue Sonnenschein Und Lust. Das war der Mann; ihn brachten sie Zum König mit Gewalt. Da lehrt' er ihn, Die Königin verzaubern, dergestalt, Daß sie nur ihm, dem König, sichtbar blieb, Und daß sie selber Niemand kommen sah Und gehn, als ihn, und lag, als wär' sie todt, Und wußt' auch nichts vom Leben. Als jedoch Der König ihm die Minen Goldes bot, Das Land mit hundertmeil'gem Küstenstrich, Das Prachtschloß, die Prinzessin, – ging der Greis Zurück in seine Wildniß, nährte sich Von Kräutern, starb, und mein ist jetzt sein Buch.«   Und Viviane trotzig lächelnd sprach: »Du hast das Buch, der Zauber steht darin; Wohl, laß dir rathen, zeig' ihn mir alsbald; Denn, berg' es, mich zu äffen, Schrein in Schrein, 32 Mit dreißig Schlössern jeden Schrein verwahrt, Grab' Alles ein, thürm' einen Hügel drauf, Wie er die Leichen deckt nach grauser Schlacht Auf wüster Dün' an sturmbewegter See, – Ausfindig macht' ich doch ein Mittel bald, Ich hackt' und grübe, fänd' und öffnete Und läs' den Zauber. Wenn ich ihn alsdann Versuchen wollte, wer verargt' es mir?«   Doch lächelnd, wie ein Weiser dessen lacht, Der seiner nicht und keiner Schule folgt, Als der, wo nackter blinder Unverstand Den ganzen Tag und über jedes Ding Geräuschvoll abspricht, und sich nimmer schämt, Gab er zur Antwort:                               »Du, mein artig Kind, Du meinst dies Buch zu lesen? allerdings, Es ist nur seine zwanzig Seiten lang, Doch jedes Blatt hat einen breiten Rand, Und jeder Rand umschließt im Mittelraum Ein Viereck Text, es scheint ein Fleckchen nur; Die Schrift ist kaum so groß, wie Gliederchen Von Flöh'n, doch ist ein jedes Stückchen Text Ein furchtbar mächt'ger Zauber, abgefaßt In einer Sprache, die verschwunden ist So lange schon, daß Berge seit der Zeit Emporgetaucht, und Städte tragen. – Du Dies Büchlein lesen? Alle Ränder sind Bekritzelt kreuz und quer und überfüllt Mit Glossen, in den engsten Raum gedrängt, Daß dir's im Kopf und vor den Augen flirrt; Doch weil ich schlaflos manche lange Nacht In meinem langen Leben sie studirt, Ward mir ihr Sinn geläufig. Zwar den Text Vermag kein Mensch, auch ich nicht, zu verstehn; Und ich allein versteh' den Commentar, Und fand im Commentar den Zauberbann. – Die Wirkung ist unfehlbar; jedes Kind Könnt' Jedem leicht mit ihm ein Leides thun Unwiderruflich. – Bitte mich nicht mehr; Denn braucht'st du ihn auch nimmer gegen mich, Und hielt'st den Eid, den du geschworen hast, Du prüftest doch vielleicht an irgend Wem Von Artus' Tafelrunde seine Kraft, Blos weil du träumst, sie schwatzten über dich.«   Und Viviane zog in wahrer Wuth Die Brau'n zusammen, und erwidert' ihm: »Die wohlgenährten Lügner wagen noch Von mir zu sprechen! Sie, zu Felde ziehn Zum Schutz der Unschuld! Tafeln woll'n sie nur, Im Fleisch ihr Messer und ihr Horn voll Wein! Und sie der Keuschheit frommer Pflicht geweiht! Wär' ich kein Weib, wohl wüßt' ich eine Mähr; Doch du bist Mann, und hörst die Schmach heraus, Die sich vor Scham nicht deutlich sagen läßt. Mir dürfte Keiner aus der ganzen Zucht Zu nahe kommen, Schlemmer, die sie sind!«   Doch ihre Worte ließen Merlin kalt Und er versetzte: »weit und unbestimmt Ist die Beschuldigung, der du Athem giebst. Mir däucht, daß nur der Aerger aus dir spricht; Beweise fehlen. Wenn du deren weißt, So bring' in aller Form die Klage vor, Ob sie begründet oder eitel ist.«   Und Viviane sprach mit finsterm Blick: »Laß hören, was du zu Sir Valence sagst: Sein Vetter ließ als Hüter ihn zurück Bei seiner Frau und prächt'ger Kinder zwei, Verreist' in ferne Lande, blieb ein Jahr Von Haus und fand bei seiner Wiederkehr Statt zwei nun drei; da lag der arme Wurm, Und war erst eine einz'ge Stunde alt. Was sagte der beglückte Vater nun? Ein mir geschenktes Siebenmonatskind Wär' regelrechter. – Daß das Dutzend voll, War seinem Vaterherzen räthselhaft.«   Doch Merlin sprach: »ich weiß, wie sich's verhielt. Sir Valence hatt' im Ausland sich vermählt, Und blieb aus Gründen fern von seinem Weib. Ein Kind war bei der Mutter; diese starb; Und weil in eigner Angelegenheit Sein Vetter reiste, gab Sir Valence ihm Den Auftrag, ihm sein Kind in's Vaterhaus Zu holen. Demnach bracht' er nur das Kind, Und fand es nicht; die Wahrheit weißt du nun.«   Sie sprach: »gewiß, und mehr als Wahrheit noch. Was sagst du denn zum holden Sagramore, Dem heißen Blut? »wer zeitig Blüthen bricht,« Belehrt das Lied uns, »traun, der sündigt nicht.« Doch »übereifrig«, Meister, werden wir 33 Vielleicht ihn nennen, weil er allzufrüh Die ihm bestimmte süße Rose brach.«   Und Merlin sagte: »nur du selber raffst Die schmutz'ge Feder übereifrig auf, Die aus des ekeln Geiers Flügel fiel, Der von zerfleischten guten Namen lebt. Sir Sagramore hat nimmer Schmach verübt An seiner Braut; ich weiß, wie sich's verhielt. Ein neck'scher Zugwind blies die Fackel ihm Urplötzlich aus in jenem Labyrinth Von Gängen und verschlungnen Zimmerreih'n Der Artusburg; da fand er eine Thür, Und fühlt' im Dunkeln den geschnitzten Schmuck Um ihren Rand; es schien ihm sein Gemach; Auszog er sein Gewand; das Lager nahm Den Müden auf, er schlief, und neben ihm, Dem reinen Mann, lag eine reine Maid; Und Beide schliefen, nicht die Gegenwart Des Andern ahnend, bis das Morgenlicht Die königliche Rose leuchten ließ In Artus' Fenster, und die Schläfer keusch Bescheinend, ihre Wangen röthete. Da wacht' er auf und fuhr erschreckt empor, Und schlich sich lautlos fort, und ließ sie ruhn. Doch als am Hof der Vorfall ruchbar ward, Da zwang in Fesseln sie das Zeterschrein Der rohen Welt; doch glücklich schlug es aus, Und glücklich sind sie, weil sie makellos.«   Sie sprach: »gewiß, sehr glaubhaft war auch dies. Was sagst du denn zum edeln Percival, Und zu dem Unzuchtsgräu'l, den er verübt, Der heil'ge Jüngling, Christi reines Lamm, – Der räud'ge Bock vielmehr aus Satans Pferch. Was? im Bereich des Kirchhofs, unter all' Der Gräber ritterlichem Eisenschmuck, Und trotz der Mahnung jedes Leichensteins!«   Doch Merlin, unbeirrt, entgegnet' ihr: »Des Trunkes Feind und keusch ist Percival; Ein einz'ges Mal berauscht in jungem Wein Zur Kühlung auf dem Kirchhof wandelt' er; Und eine Schäferin des Satans war Auf seinen Fang bedacht, und meint' ihn jetzt Zu stempeln mit dem Zeichen ihres Herrn. Nicht glaublich ist's, daß er gesündigt hat, Denn, schau' ihm in's Gesicht; doch wenn er fiel, Wird nur die Sünde, die Gewöhnung uns In's Blut geimpft hat, aber nimmermehr Ein dunkler tiefbereuter Augenblick Uns zeichnen für den Pferch, der uns gebührt. Sonst wär' von Allen der Verworfenste Der heil'ge König, er, deß Psalmen man Im Münster singt. Hat deine Gallsucht jetzt Sich ausgeschäumt, sag', oder weißt du mehr?«   Sie sprach, und zorniger glühte noch ihr Blick: »Ja Freund, was sagst du zu Sir Lancelot? Schelm oder Ehrenmann? ich frage dich, Ob seine Buhlschaft mit der Königin Die Kinder ausschrein, oder man davon Im Winkel flüstert? Weißt du nichts von ihr?«   Er sprach betrübt: »o ja, ich weiß davon. Als Lancelot sie heimzuführen kam In Artus' Auftrag, hielt sie ihn zuerst Für Artus selbst, und hing ihr Herz an ihn. Genug davon; doch hast du nicht ein Wort Aufricht'gen Lobs für König Artus, der Als Fürst untadlig, fleckenlos als Mann?«   Zur Antwort gab sie leise kichernd: »der? Ist der noch Mann, der Alles weiß und schweigt? Der sieht, was seine schöne Gattin ist, Sieht, was sie thut, und drückt die Augen zu? So meint der gute König, nichts zu sehn, Macht sich und seine Tafelrunde blind Für ihr verbuhltes Treiben. Wenn ich nicht Als Weib mich schämte, sagt' ich selber ihm Den feinen Namen, den in Volkes Mund Derart'ge Mannheit ärntet, sagt' ihm auch Den Hauptgrund ihrer ganzen Niedertracht; Ja, wenn er nicht gekrönter König wär', Ich hieß' ihn einen Narr'n und feigen Wicht!«   Mit dem Gefühl des Ekels richtete Jetzt Merlin an sein eignes Herz das Wort: »Du Treuer, Milder! o mein Fürst und Herr! Selbstloser Mann, und Ritter ohne Fehl! Der gern zum Trotz dem eignen Augenschein Für wahr und redlich alle Männer hielte, Und alle Frau'n für keusch! So deuten nun Verruchte Lästrer dein erhabnes Herz; Denn dies Gezücht, in allen Adern falsch Und schmutzig, wie der Gossen flüss'ger Koth, 34 Begreift dich nicht, und will nur Schande sehn In deiner reinen Tadellosigkeit!«   Doch Viviane, Merlin durch Beweis Geschlagen wähnend, fing von Neuem an; Und ihre Zunge, wie das Feuer rast, Fiel über edle Namen wüthend her, Besudelnd, schändend, ihr entartet Selbst Auf Andre bürdend, bis sie Lancelot Nicht tapfer ließ, und Galahad nicht rein.   Doch ihre Worte wirkten nicht auf ihn, Wie sie gewollt; er zog die busch'gen Brau'n Zusammen als ein schneeweiß Wetterdach Der hohlen Augen, um im Selbstgespräch Zu murmeln: »ich den Zauber ihr vertrau'n! Mich ebenso verlästern würde sie Und dann vernichten; lästern wird sie mich In jedem Fall. Was, sprach die Dirne? »Nie Erhebt der Mann so hoch sich, wie das Weib«; Doch schwerlich jemals sinken wir so tief, Denn Männer unterscheiden höchstens sich Wie Erd' und Himmel; doch wie Höll' und Himmel Die Frau'n, die besten und verworfensten. Die Tafelrunde kenn' ich; langvertraut Sind Alle mir, und Alle sind sie brav, Hochherzig Manche, keusch sind Einzelne. Mir däucht, sie deckt die Blößen ihres Rufs Mit Lügen; ward von denen wohl verschmäht, Die sie versucht; daher nun ihre Wuth; Denn schlaue Pläne fehlen oft ihr Ziel, Ob auch der Metzen Lockwort mit dem Schein Der Wahrheit gleiße, die ihr Antlitz schminkt. Nichts sag' ich ihr, denn Schmeichler in's Gesicht Sind Afterredner neunmal oder zehn. Wer Jedem Sünde beimißt, Gott erbarm', Ist ihr vertraut, und bürdet Andern nur Die Laster auf des eigenen Gemüths. Und, vor sich selbst am tiefsten nicht zu stehn, Verneint Gemeinheit jeden Unterschied, Ja, machte Berge gern dem Boden gleich, Damit nur nichts Erhabnes; und darin Sind Dirnen wie der Pöbel, daß sie nicht Bei der Entdeckung eines Flecks und Fehls An einem Ruf, der aus der Menge ragt, Bedauern, wie die Größten doch so klein, – Vielmehr sich aufblähn in wahnsinn'ger Lust, Und nach dem Thon der Füße die Natur Des Ganzen schätzend, es verschmäh'n, empor Zu blicken auf das göttergleiche Haupt, Das von des Geistes Strahlen wie verklärt, In höhere Welten ragt. – Ich hab' sie satt!«   Er sprach kaum hörbar, meist im Flüsterton, Der noch erstickt durch seinen greisen Bart, Das winterreiche Fließ um Hals und Kinn. Doch Viviane merkte seinen Groll, Denn »Dirne« klang es, einmal, wiederum; Da sprang sie stöhnend auf von ihrem Sitz Auf seinen Schooß, und steifte sich vor ihm, Gleich einem frosterstarrten Schlangenleib: Und, – ekler Anblick, – aus den Rosenlippen Voll Lieb' und Leben grinst' ihn das Gespenst Des Todes plötzlich zähnefletschend an. Weiß war ihr Antlitz, und von Grimm geschwellt Die stolzen Nüstern; keuchend flog die Brust, Die Hand glitt zitternd, halb zum Griff geballt, An ihren Gürtel, suchte tastend dort Nach einem Dolch, und hätt' ihn gern durchbohrt, – Denn falsche Liebe wird im Nu zu Haß, – Doch fand sie keinen. Merlin's Blick blieb kalt; Da brach sie rasch in bittres Weinen aus, Wie ein bestraftes Kind, so bitterlich, Untröstlich, unaufhaltsam. Schluchzend dann Rang ihre falsche Stimme sich hervor:   »Grausamer, wie die Sage keinen kennt, Kein Lied noch sang! O mein vergeudet Herz! Was war der armen Viviane je Zu seltsam, toll, und schamlos vor der Welt, – Denn weiß von Scham die Liebe, wenn sie wahr, Und nicht wie deine? – was sie nicht gethan, Daß der ihr traue, der sie so benennt; Und ihre Schuld, – nichts, – nichts, – die Sehnsucht nur Nach dem Beweis, daß er ihr ganz gehört!«   Sie sann ein Weilchen, schlug die Hände dann Zusammen, schrie verzweifelt auf und sprach: »Erdolcht von ihm, zu dem mein Herz mich zieht! Gebrüht dem Lamm gleich in der Mutter Milch! Gemordet durch ein Wort, ein schlimmeres Als tausend Wunden! Mein Gedanke war: Er, der so groß ist, muß auch liebreich sein; Gott! wäre minder groß, den ich geliebt, Ein größres Herz geboten hätt' er mir! O! schmeichelnd meiner treuen Leidenschaft, 35 Erblickt' ich Ritter, Hof und König nur Als dunkle Schatten neben deinem Licht, Macht' Andre gern noch schwärzer, als sie sind, In stolzer Wonne, wenn ich dich allein Auf meiner Huldigung Altar erhöht! Mir ward vergolten! und von nun an wird Mein Lebensweg, der mir so blumig schien Mit dir als Herrn und Führer, dir allein, Zum Klippenpfad, auf dem ein Abgrund gähnt, Aus Felsentrümmern. Alles, Alles hin! Nichts bleibt mir, als ein niedrig Höhlenloch, Mich zu verkriechen; wenn der Wolf mich schont, Verwein' ich dort mein Leben; Grausamkeit, Unsägliche, verschuldet meinen Tod.« –   Sie wandte stumm sich ab, und hing das Haupt; Die goldne Schlange glitt aus ihrem Haar, Und ihre Flechten fielen aufgelöst. Sie weinte weiter, und der dunkle Wald Ward dunkler, wie das Wetter näher zog In schwüler Stille; während nach und nach Sein Zorn dahinstarb, und der Weisheit Stimme Vor seines Herzens Wohlgefallen schwieg, Bis er sie halb und halb für ehrlich hielt. »Zur hohlen Eiche komm', und schütze dich; Der Sturm bricht los!« Er sah sie an, sie schwieg, Die Schultern fliegend, ihr Gesicht versteckt In beiden Händen, wie im Uebermaaß Von Schmerz und Scham. Mit rührend zartem Wort Versucht' er dreimal, ihr erregtes Herz Zur Ruh' zu sprechen, doch umsonst. Zuletzt Ließ halb und halb sie sich beschwichtigen; Und wie des Käfigs Flüchtling wiederkehrt, So nahm das scheinbar schwer mißhandelte Schlichtherz'ge Wesen auf dem alten Sitz Von Neuem Platz. Und wie sie dort nun saß, Halb ihm vom Schooße gleitend, halb im Nest An seiner Brust, und er die Thränen sah, Die langsam vom geschloßnen Augenlied Herniedertropften, schlang, aus Mitleid mehr, Als Zärtlichkeit, der milde Zaubergreis Beschirmend einen Arm um ihren Leib. Doch riß sie jäh sich los, und sprang empor, Und trat, die Arme vor die Brust gekreuzt, Ein tugendreiches, tief verletztes Weib, Stolz und erglühend vor ihn hin und sprach:   »Nein, Liebeständelei darf zwischen uns Von nun an und auf ewig nimmer sein. Denn bin ich, wie du gröblich mich genannt, Was könnt' ich geben, das dein fühllos Herz Als nehmenswerth betrachtet'! Ich will gehn. In Wahrheit, – eins nur, –wär' ich dreimal doch Gestorben, eh ich einmal darum bat, – Könnt' mich noch halten, – das so oft umsonst Verlangte Zeichen, daß du mir vertraust. Wie wohlverdient nach jenem schnöden Wort, Das tief mich schmerzt! Dann könnt' ich dir, wer weiß, Noch einmal glauben. O, was anfangs nur Der Laune Spiel, geworden ist es jetzt Zur allumfassenden Nothwendigkeit, An der mein Herz, an der mein Leben hängt. Leb' wohl! denk' freundlich mein, denn ach, mir bangt, Mein Schicksal ist es oder meine Schuld, Dich noch zu lieben, ich, die nichts gefragt Um dich, den Greis, nach muntrern Jünglingen. Doch eh' ich geh', hör' nochmals meinen Schwur, Wenn ich auf Arges gegen dich gedacht, Dann, du gerechter Himmel über mir, Aus jenem Dunkel schleudre deinen Strahl! Nichts sonst versehrend, wandl' er einzig nur Mein bübisch Hirn in Kohlen, wenn ich log!«   Noch schwieg sie kaum, da fuhr ein Blitz herab, (Denn das Gewitter stand jetzt im Zenith) Und grub in einer Eiche Riesenstamm Gewalt'ge Furchen, und die Splitter flogen In scharfen Stücken durch die Finsterniß Zu Boden rings. Er hob den Blick und sah Den Baum durch's Dunkel schimmern weißgestreift; Doch Viviane fuhr entsetzt zurück, Als ob der Himmel ihren Schwur gehört, Und schrie, geblendet von dem fahlen Licht Des grellen Strahls, vom stoßweis prasselnden Gekrach des Donners hinterher betäubt: »O wenn auch nicht aus Liebe, rette mich! – Nur Rettung, Merlin!« hing an seiner Brust, Umschlang ihn fest, und rief in ihrer Angst: »Mein theurer Schutzherr!« aber ihrer List Vergaß sie selbst in ihren Aengsten nicht, Und seinen Sinn zu wandeln hoffte sie, Indem sie fest und fester ihn umschloß. Und höher färbte sich das blasse Blut 36 Des greisen Zaubrers unter ihrem Druck, Gleich dem Opal von warmer Hand berührt. Sie schalt sich selbst, daß sie Geklätsch erzählt, Sie flog vor Angst, beweinte bitterlich Den bösen Leichtsinn, nannte Merlin Herrn Und Meister, Seher, Barden, Silberstern Des Abends, ihren Merlin, ihren Gott, Und ihres Lebens einz'ge Leidenschaft. Und über ihnen heulte der Orkan, Und brachen morsche Zweige vor der Wucht Der Regenfluthen; wechselnd zeigten sich Im grellen Licht, und schwanden dann in Nacht Des Busens Schimmer und der Augen Glanz; Bis jetzt der Sturm, da seine Wuth erschöpft, Nur fern noch grollend, dem verwüsteten Gebiet des Walds auch diesmal Frieden gab. Da war geschehn, was nimmermehr gesollt, Denn Merlin, überredet und verführt, War schwach gewesen, hatte wirklich ihr Den ganzen Zauber offenbart, und schlief.   Im Nu vollzog sie dann das Werk des Banns Durch buntverschlungnen Reih'n und Händewink; Und in der hohlen Eiche lag er starr, Todt für die Welt, lahm, ruhmlos, namenlos. –   »Mein ist sein Ruhm jetzt,« schrie die Buhlerin, Und huschte durch den Wald, und kreischte: »Thor, O Thor!« – das Dickicht schloß sich hinter ihr, Des Forstes Echo hallte nach: »o Thor!« –     Elaine.                   Elaine die schöne; lieblich holde Maid, Elaine, die Lilie von Astolat, Bewahrt' in ihrer Kammer, hoch im Thurm Gen Osten, Lancelot's geweihten Schild, Den sie zuerst an einen Platz gestellt, Wo ihn der erste Strahl des Morgens traf, Und sie sein Funkeln weckte; doch besorgt Vor Staub und Flecken, hatte sie für ihn Aus Seiden einen Ueberwurf gewirkt, Drauf aus des Schildes Wappen jeder Spruch Gestickt in Farben prangte, rings umfaßt Von Laub und Blumen eigner Phantasie, Und Nestern mit gelbschnäblig junger Brut. Und ruhelos verließ sie Tag für Tag Den guten Vater und ihr häuslich Amt, Erklomm den Ostthurm, schloß die Kammerthür, Entfernte rasch des Schildes Ueberzug, Und fand betrachtend bald verborgnen Sinn In seinem Wappen, bald erzählte sie Sich selbsterdachte wundersame Mähr Von jeder Beule, die ein Schwert ihm schlug, Von jeder Schramme, die ein Speer ihm riß, Muthmaßend, wann und wo; » der Hieb ist frisch, Der zehn Jahr alt; der traf ihn zu Caerlyle, Der zu Caerleon, der zu Camelot; Und hier, o Gott der Gnade, welch ein Hieb! Und hier ein Stoß, – getödtet hätt' er ihn, Doch Gott zerbrach die starke Lanze, ließ Den Gegner stürzen, und errettet' ihn;« – In solchen Träumen lebte sie dahin. –   Wie kam zum guten Schilde Lancelot's Die Lilienmaid, der selbst sein Name fremd? Er ließ ihn ihr, als er von dannen ritt, Zu kämpfen um den großen Diamanten Im Diamant-Turnier, dem Waffenspiel, Das Artus eingesetzt, und so benannt Vom Diamanten, der der Kampfpreis war. –   Denn als noch Artus' Herkunft unbekannt, – Lang' eh das Volk zum König ihn erwählt, – Durchstreift' er einst den pfadlos wüsten Grund Von Lyonesse, und fand in einer Schlucht Voll grauer Kiesel einen schwarzen Pfuhl. Ein Grausen wohnt' um diesen Pfuhl, und hing In seinen Nebeln an der Berge Wand; Weil hier ein König und sein Bruder einst, – Doch ihre Namen wußte Niemand mehr, – Im Zweikampf ihren wilden Haß gebüßt. Und Beider Hand vergoß des Bruders Blut, Und nieder stürzten Beide todeswund; Ein Ort des Grauens war die Schlucht fortan. Dort lagen sie, bis ihr Gebein gebleicht, Und mit dem Felsen gleich von Farbe war. Der Eine, der einst König, hatte noch Die Krone mit den Diamanten auf, Vorn einem, acht ringsum. – Auf steilem Paß Brach Artus in des Mond's umflortem Schein Sich mühsam Bahn. Da stieß er unversehns Auf das gekrönte Beingeripp, und trat 38 Den Schädel vom Genick; vom Schädel fiel Der Krone Reif, und rollt', im Mondenlicht Gleich einem Bächlein glitzernd, in den Pfuhl. Durch Schlamm und Steine sprang ihr Artus nach, Ergriff sie rasch, und setzte sie sich auf, Und tief im Herzen hört' er ahnungsvoll Ein Flüstern: »sieh, auch du wirst König sein.«   Und aus der Krone hatt' er das Gestein Gebrochen, als er später König war: Da zeigt' er seinen Rittern es und sprach: »Hier die Juwelen, die mich Gottes Hand Einst finden ließ, sie sind des Königsreichs, Des Königs nicht; – drum laßt zum Heil des Staats Von nun an, und alljährlich, ein Turnier, Und stets um einen dieser Steine sein. Durch diese Probe, die neun Jahre währt, Erfahren wir, wer unser stärkster Held, Und werden all' in Waffentüchtigkeit Und Mannheit wachsen, bis die Heiden wir Verjagen, die, wie Mancher sagt, allhier Einst herrschen werden; – das verhüte Gott!« Er sprach's; acht Jahre schwanden; achtmal fand Das Kampfspiel statt; und Lancelot gewann Bisher den Diamanten jedes Jahr. Im Geiste weiht' er sie der Königin, – Wenn alle sein, – doch dacht' er, unverhofft Zu blenden ihren königlichen Sinn Mit einer Gabe, werth ihr halbes Reich, Und hatte nichts bisher davon gesagt.   Am Fluß, dem Platze nah, der dazumal Der riesigste der Welt, hielt Artus Hof, Und ließ nun um den letzten, mittelsten Und größten Diamanten ein Turnier Zu Camelot verkünden. Als der Tag Bevorstand, sprach er zu Ginevra so: – Denn sie war krank gewesen, – »Königin, Seid Ihr so krank, daß Ihr zum Festturnier Nicht reisen könnt?« Und sie: »ja, mein Gemahl, Ihr wißt es.« Und der König: »dann entgehn Euch alle Ritterthaten Lancelot's, Und seine Heldenkühnheit beim Turnier, Ein Schauspiel, das Ihr liebt.« – Ginevra schlug Die Augen auf und ließ sie schmachtend ruhn Auf Lancelot, der neben Artus stand. Und er, im Wahn, daß ihr Gedanke sei: »O bleibe bei mir, ich bin krank, und mehr Ist meine Lieb' als Edelsteine werth,« – Er fügte sich, und sein treuliebend Herz, Dem jeder Wink der Herrin ein Befehl, Bezwang den Wunsch, der Diamanten Zahl Voll zu besitzen, um sie ihr zu weih'n, Und ließ ihn an der Wahrheit sündigen, Indem er sprach: »Herr König, kaum vernarbt, Ist meine letzte Wunde noch; ich bin Nicht sattelfest.« – Der König sah zuerst Ihm in's Gesicht, dann ihr, und ging des Wegs. Kaum war er fort, als hastig sie begann:   »Verkehrt, Herr Lancelot, o, ganz verkehrt! Warum nicht gehn zum edeln Waffenspiel? Der Ritter Hälfte haßt Euch, und das Volk Wird flüstern: »seht das schamvergeßne Paar Treibt seine Kurzweil, wenn vertrauensvoll Der König ging.« – Da wurmt' es Lancelot, Daß er umsonst gelogen, und er sprach: »Seid Ihr so klug? einst wart Ihr nicht so klug, Nicht jenen Sommer, meine Königin, Als Ihr zuerst mich liebtet. Damals nahmt Ihr auf den Pöbel größre Rücksicht nicht, Als auf der Grillen Legion im Gras; An jedem Halm hängt ein Insekt und zirpt; – Was will das sagen? Und die Ritter, glaubt, Zum Schweigen brächt' ich sie mit Leichtigkeit; Doch meine treue Huldigung für Euch, Sie findet Gnade jetzt vor aller Welt. Wer denkt an Arges, wenn des Sängers Lied Den Namen Lancelot, den Tapfersten Der Tapfern von Ginevra nimmer trennt, Der Schönheit Perle? So verbunden trank Auf unser Wohl beim Mahl die Ritterschaft, Und lächelnd hat's der König angehört. Was bangt Ihr denn? hat Artus mir ein Wort Entgegnet? oder wolltet Ihr fortan Aus Ueberdruß an meinem Ritterdienst Dem fehlerlosen Gatten treuer sein?«   Sie schlug ein leises Hohngelächter auf. »Mein frommer Mann, der König ohne Fehl, Der Tugendschwärmer Artus, mein Gemahl, – Doch wer kann in die Sonn' am Himmel sehn? Kein Wort des Vorwurfs sprach er je zu mir, Nie ging ein Licht ihm auf, daß ich nicht treu; Er macht sich keine Sorgen meinethalb. Nur heute lag ein Schimmer von Verdacht In seinem Blick; – ein unberufner Wicht 39 – Es ist nicht anders, – hat ihn aufgehetzt, Der sonst nur für die Tafelrunde schwärmt, Für diesen Unsinn, und Gelübde fordert Die gar nicht haltbar; alle Welt soll ihm An Tugend gleichen; – doch für mich, mein Freund, Ist ganz verfehlt, wer ganz von Fehlern rein; Und wer mich liebt, hab' irdisches Gefühl. Der Schatten hebt die Farben. Euch allein Gehör' ich an; an Artus knüpft mich nur Der Zwang, Ihr wißt es. Also hört mein Wort: Geht zum Turnier; der Mücke Summen kann Ein Ende machen unserm schönsten Traum; Und das Geschmeiß hier summt schon überlaut; Wir mögen es verachten, – doch es sticht.«   Und Lancelot, der Ritter Vorbild, sprach: »Mit welchem Antlitz könnt' ich, Königin, Nach meiner Weigrung wohl zu Camelot Vor einen König treten, der sein Wort In Ehren hält, als wär' es Gottes Wort?«   Sie sprach: »o doch; er ist ein Kind an Geist, An Sinn kein Fürst, sonst hätt' ich nimmer mich Ihm abgewandt; – doch wenn ich meinen Witz Euch leihen muß, so gebt nun Acht: man sagt, Daß Eurer Lanze Stoß die Stärksten fällt, Bloß weil sie wissen, Ihr seid Lancelot; Der stolze Name kämpft für Euch. Wohlan: Verbergt ihn, streitet unerkannt, und siegt; Bei diesem Kuß, mein Ritter, ja, Ihr siegt; Und dann wird unser biedrer König gern Die List verzeihn, die Ehrgeiz nur erfand; Denn Wahrheit ist's: der stets so sanfte Mann, Ihr wißt es wohl, hat auf der Ruhmesjagd Als rüst'ger Jäger seines Gleichen nicht; Ihm ist sein Höchstes seiner Ritter Ruhm, Weil er in ihm sein eignes Werk erblickt; So geht denn hin, und kehrt als Sieger heim.«   Sich selber zürnend stieg Herr Lancelot In Hast zu Roß; es sollt' ihn Niemand sehn, Und also schlug er einen grünen Pfad, Den selten nur, man sah's, ein Fuß betrat, Statt des zu Staub gestampften Heerwegs ein. Doch in der Dünenwildniß fehlt' er nun, Verloren in Gedanken, seinen Weg, Und eine Spur, die nur als dunkler Strich In wirren Krümmen durch die Thäler lief, Verfolgt' er, bis er fern auf einer Höh' Im Feuerschein des Sonnenuntergangs Schloß Astolat mit seinen Thürmen sah. Er ritt hinan, und stieß am Thor in's Horn, Und schweigend ließ ein alter Mann ihn ein, Mit Myriaden Runzeln im Gesicht, Und nahm ihm im Gemach die Rüstung ab. Und Lancelot, verwundert, daß der Mann So sprachlos blieb, ging aus der Thür und traf Den Lord von Astolat, begleitet von Zwei starken Söhnen, Sir Lavaine , Sir Torre , Die ihn bereits im Schloßhof aufgesucht. Dicht hinter ihnen seine Tochter schritt, Elaine, die Lilienmaid, – der Mutter Platz Im Haus war leer, – sie plauderten vergnügt, Gelächter scholl; allein ihr Lachen schwieg, Als auf sie zu der hohe Ritter trat. Da sprach der Lord von Astolat: »mein Gast, Woher des Weg's, und welcher Name schwebt Auf deinen Lippen? denn nach deiner Tracht Und Haltung ahnt mir fast, du bist das Haupt, Zunächst dem König, jener Heldenschaar, Die Tafel hält in Artus' Rittersaal. Ihn kenn' ich, doch die Tafelrunde sonst, Trotz ihres Rufes, ist mir unbekannt.«   Und Lancelot, der Ritter Vorbild, sprach: »Ich bin bekannt und bin aus Artus' Saal, Und, den ich leider mitgebracht, mein Schild Ist auch bekannt; ich will nach Camelot, Dort um den Diamanten unerkannt Zu kämpfen; also fragt nicht, wer ich bin. Ihr sollt's hernach erfahren. Doch der Schild, – Ich bitt' Euch, leiht mir einen, wenn Ihr könnt, Der gar kein Wappen, oder mindestens Ein andres Wappen, als das meine, trägt.«   »Hier ist Torre's Schild,« sprach Lord von Astolat, »Im ersten Kampf ward hart verletzt mein Sohn Und so, Gott weiß, ist glatt genug sein Schild; Den könnt Ihr haben.« Torre bestätigte In schlichter Einfalt: »ja, bedient Euch sein, Weil ich ihn doch nicht selbst benutzen kann.« Der Vater lachte: »pfui, Sir Grobian, Heißt das erwidern einem edlen Herrn? Verzeiht ihm! doch Lavaine, mein Jüngster hier, 40 Ist ein gar muntrer Schalk, und will zu Roß, Will siegreich kämpfen um den Edelstein; Er bringt ihn mit, wenn er nach Hause kehrt,. Und steckt ihn dieser Maid in's goldne Haar, Daß sie noch dreimal eigenwill'ger wird.«   »Nein, guter Vater, nein,« bat jung Lavaine, »Beschämt mich vor dem edeln Ritter nicht, Ganz ohne Grund. Gewiß, ich habe nur Mit Torre gespaßt, weil er so ärgerlich Und so betrübt, nicht fortzukönnen, schien. Es war nur Scherz, Herr Ritter, weiter nichts; Es hatte nämlich dieser Maid geträumt, Daß Jemand in die Hand den Diamanten Ihr steckte; doch, zu glatt, entschlüpft' er ihr, Und fiel in einen Graben oder Bach, – Des Schlosses Brunnen wird's gewesen sein. Da sagt' ich: wenn ich ging' und föchte mit, Und wenn ich siegte, – doch wir spaßten nur Und neckten uns, – dann müßte sie den Stein Viel fester halten. Alles war ein Scherz. Doch Vater, ist's dem edeln Ritter recht, So gebt Erlaubniß mir, nach Camelot Mit ihm zu reiten; siegen werd' ich nicht; Allein ich will mein Bestes thun zum Sieg; So jung ich bin, mein Bestes will ich thun.«   »Wenn Ihr,« versetzte lächelnd Lancelot, »Mir der Begleitung Gunst erweisen wollt Durch jener öden Dünen Wüstenei, Wo ich schon einmal meinen Weg verlor, So seid Ihr mir als Freund und Führer lieb. Und könnt Ihr, so gewinnt den Edelstein; Ein großer schöner Demant, hör' ich, ist's; Und wollt Ihr dann, so schenkt ihn dieser Maid.« »Ein schöner großer Demant,« sprach Sir Torre In seiner Einfalt, »Königinnen nur, Nicht schlichten Mädchen, ziemt solch Prachtjuwel.« Doch Schön Elaine, die vor sich nieder sah, Und das Gespräch, das sie betraf, vernahm, Ward ob der thörichten Erniedrigung, In Gegenwart des fremden Ritters, roth, Der, sie betrachtend, fein und höflich zwar, Doch ohne Falschheit, ihm erwiderte: »Gesellt das Schöne sich dem Schönen nur, Und sollen schön nur Königinnen sein, Wär' schnell mein Urtheil fertig, denn nach mir, Trüg' diese Maid das köstlichste Juwel Der ganzen Welt, in Einklang mit dem Satz, Daß Gleiches nur zu Gleichem sich gesellt.«   Er sprach's und schwieg. Noch eh sie ihn gesehn, Bezaubert von der sanften Stimme Ton, Erhob Elaine, die Lilienmaid, den Blick, Und las in seinen Zügen. – Die Gewalt Der sündigen Liebe zu der Königin, In stetem Kampf mit der zu seinem Herrn, Hatt' vor der Zeit gealtert sein Gesicht Und abgehärmt. Ein Andrer, sündigend Auf solchen Höh'n mit Einer, die die Zier Des ganzen Westens und der ganzen Welt, Würd' um so glatter nur gewesen sein. Allein in ihm ward oft ein Dämon wach, Und trieb in Wüsten ihn und Einsamkeit, Wo Todesqual sein lebend Herz zerriß. Doch blaß und hager, wie sein Antlitz war, Erschien er dem verschämten Blick Elaines So hehr und edel, wie nur je ein Mann Mit edeln Frau'n im Saale tafelnd saß. Wohl war er bleich und hager, und gefurcht Von einem alten Schwerthieb sein Gesicht, Wohl hatt' er doppelt ihrer Jahre Zahl, Sie hob den Blick, und liebte diesen Mann, Den tiefgebräunten, narbenvollen Mann, Mit jener Liebe, die ihr Schicksal war. –   Den schlichten Saal betrat der edle Held, Des Hofes Liebling und der schönsten Frau'n, Mit aller Huld, mit der ein biedrer Mann Als Gleicher unter Gleichen sich bewegt, Und nicht mit jenem unter Freundlichkeit Versteckten Hochmuth, der der Noth sich fügt. Sie labten ihn mit Speisen und mit Wein Vom besten Jahrgang, und ergötzten ihn Mit muntern Reden und mit Minnesang, Und fragten nach der Tafelrunde viel Und nach dem Hof, und er gab gern Bescheid; Doch als sie auf Ginevra angespielt, Begann er plötzlich von dem stummen Mann. Da sprach der Lord: »die Heiden haben ihn Gefangen vor zehn Jahren, und die Zunge Ihm ausgerissen. – Denn er warnte mich, Vor ihrem blut'gen Anschlag auf mein Schloß, Den er entdeckt; das rächten sie an ihm. Doch ich, die Knaben, und mein Töchterlein, Wir floh'n vor Tod und Fesseln in den Wald. In eines Schiffers Hütte hausten wir 41 Am großen Fluß und litten herbe Noth, Bis unser tapfrer Artus abermals Der Heiden Macht am Badon-Hügel brach.«   Da rief, im Drang der schönen Jugendgluth Für älterer Männer Heldenwerth, Lavaine: »Dort, edler Ritter, habt Ihr mitgekämpft, So viel ist sicher; o erzählt, erzählt, – Denn wir sind abgetrennt von aller Welt, – Was Ihr von Artus' Heldenkriegen wißt.« Und Lancelot sprach, und gab getreu Bericht; Denn neben Artus war sein Platz im Kampf, Der bis zum Sonnenuntergang getost, Wo schäumend sich der wilde Glen ergießt; Und von der vierfach wiederholten Schlacht Am Duglasstrand, und der von Bassa; dann Vom Kriege, der gedonnert ein und aus Am dunkeln Saum des Forsts von Celidon; Und weiter, wie beim Schlosse Gurnion Der Heldenkönig einen Panzer trug, Auf dem, aus einem einzigen Smaragd Geschnitzt, das Haupt der Himmelskönigin In einer Silbersonne Mittelpunkt, Das Strahlen warf, wenn seine Brust sich hob. Und zu Caerleon hatt' er seinem Herrn Geholfen, als das wilde »Weiße Roß« Hell wieherte, daß jede blutig roth Gefärbte Brustwehr bebte; dann hinauf Nach Agned Cathregonion, und hinab Die wüsten Sandgestade Trath Treroits, Wo mancher Heide fiel. – »Und auf dem Berg Von Badon hab' ich Artus selbst gesehn Der ganzen Tafelrunde hoch voran Zum Angriff sprengen; »Gott und Artus« war Der Schaaren Feldruf, und die Heiden flohn. Und als der Kampf beendet, sah ich ihn Auf einem Haufen von Erschlagnen stehn, Vom Sporn zum Helmbusch von der Heiden Blut Geröthet, wie ein feurig Meteor; Und mich erblickend rief er laut: »sie sind Versprengt, verjagt, vernichtet!« denn so mild Zu Haus der König scheint, so wenig auch Ein Sieg in unserm Scheinkrieg, dem Turnier, Ihn reizen kann, – denn lachend sagt er wohl, Wenn ihn sein eigner Ritter niederwarf, Daß seine Ritter tapfrer sind, als er, – So glüht' er doch in diesem Heidenkrieg Von heil'gem Feuer, – seines Gleichen hab' Ich nie gesehn; kein größrer Feldherr lebt.«   »Bis auf dich selbst, du hoher, edler Lord,« So sprach's im Herzen leis der Lilienmaid Bei diesen Worten. Als nun Lancelot Vom Kriegsgespräch zu Scherzen überging, – Sein Herz war fröhlich, doch in würd'ger Art, – Da nahm sie wahr, daß wenn um seinen Mund Ein heitres Lächeln eben noch gespielt, Ihn eine Wolke düstern Grams umzog. Doch wich die Wolke, wenn die Lilienmaid Mit holdem Wort an ihn herangeschwebt, Dem raschen Aufblitz einer Innigkeit, Die Wahrheit halb, und halb Gewöhnung war; Und ach, sie glaubte, daß er jedes Wort Im Herzen, und vielleicht für sie, gefühlt. – Die ganze Nacht umschwebte sie sein Bild, Wie wenn des Malers gottbegabter Blick In den geheimsten Zügen des Gesichts Den Mann erkennt, und malt ein Bild von ihm, Daß sein Gesicht für seine Kinder lebt, Als Form und Spiegel seines Geists und Seins In ihrer besten Art und vollsten Kraft; So stand in düstrer Schönheit, stumm beredt, In jedem Zug voll Adel, sein Gesicht Lebendig vor ihr, scheuchend ihren Schlaf. Früh stand sie auf, und mit dem Selbstbetrug: »Ich muß durchaus noch Abschied von Lavaine, Dem süßen, nehmen,« stahl sie schüchtern sich Die steilen Treppen ihres Thurms hinab, Auf jeder Stufe zögernd, und vernahm, Wie laut Herr Lancelot im Hofe rief: »Der Schild, mein Freund, wo bleibt er?« und Lavaine Ging ihr vorbei; da trat sie aus dem Thurm. Bei seinem stolzen Roß stand Lancelot, Und klopfte trällernd ihm den glatten Hals. »Du glücklich Thier, gekost von dieser Hand!« So denkend trat sie näher. Mehr bestürzt, Als überfielen sieben Männer ihn, Sah er die Maid im feuchten Zwielicht stehn. Daß sie so schön sei, hatt' er nicht geträumt, Und über ihn kam eine heil'ge Scheu, Denn stumm bei seinem Gruße stand sie da, Und sah ihm nur verklärt in's Angesicht, Gleich einem Gott. Auf einmal ward in ihr Unwiderstehlich ein Verlangen wach, Daß er ihr Zeichen trage beim Turnier. Sie zwang ihr klopfend Herz, und bat ihn drum. »Nicht weiß ich Euren Namen, hoher Herr, Doch daß er edel, wie kein andrer ist, 42 Vertrau' ich fest: beliebt's Euch, beim Turnier Mein Pfand zu tragen?« – »Schönes Fräulein, nein; Denn niemals trug ich in den Schranken noch Ein Damenpfand; so war's von je mein Brauch, Und Alle, die mich kennen, kennen ihn.« »Dann, wenn Ihr meins,« gab sie zur Antwort, »tragt, So habt Ihr fast Gewißheit hoher Herr, Daß Niemand Euch erkennt, dem Ihr bekannt.« Und hin und her erwog er ihren Rath, Und fand ihn wahr und sagte: »wahr, mein Kind; Nun wohl, ich will es tragen, holt es mir, Was ist es denn?« Sie sprach: »ein rothes Band, Gestickt mit Perlen.« Und sie bracht' es ihm; Da schmückt' er mit dem Zeichen seinen Helm, Und sagte lächelnd: »keinem Mädchen noch Hab' zu Gefallen ich soviel gethan.« Und ihre Wangen glühten roth wie Blut Vor Wonne, doch wie wurden sie so bleich, Als mit des Bruders wappenlosem Schild Lavaine erschien! er gab ihn Lancelot, Der seinen eignen Schön Elainen ließ. »Verwahrt, bis ich zurück bin, diesen Schild; Erweist, mein Kind, mir diese Gunst.« »Für mich Ist's eine Gunst; die zweite heut'. Ich bin Eu'r Knappe.« »Lilienmaid«, so rief Lavaine Und lachte, »fast besorg' ich, daß man dich Noch ernstlich eine Lilie nennen wird; Zum Besten deiner Farben rath' ich dir, Geh' jetzt hinein, und eins, zwei, drei zu Bett.« Den Mund ihr küßt' er, Lancelot ihre Hand, Und Beide ritten ab. Sie zögerte Noch einen Augenblick, dann sprang sie rasch An's Thor und blieb, ihr ernst Gesicht umwallt Vom goldnen Haar, noch rosig angehaucht Von ihres Bruders Kuß, im Ausgangsthor Beim Schilde stehn, und folgte weithinaus Dem Funkeln ihrer blanken Rüstungen, Bis sie verschwanden hinter Dünenhöh'n; Auf ihren Thurm, dann stieg sie mit dem Schild, Und hütet' ihn, und lebt' in Träumen hin. –   Indessen zog das neugesellte Paar Auf kahlen Dünen weit und weiter fort, Nach einem Ort, nicht fern von Camelot; Dort lebte, wie Herrn Lancelot bekannt, Seit vierzig Jahren schon ein Rittersmann, Als Eremit, in Arbeit und Gebet, Der fromm und fleißig, in dem weißen Fels Ein Kirchlein sich gehöhlt, altargeschmückt, Auf plumpen Säulen, einer Grotte gleich Am Klippenstrand; auch Zellen fehlten nicht Und Zimmer, alle trocken und bequem. Die Wiesen unten spiegelten ihr Grün Auf der Gewölbe milchig weißem Stein, Und Zitterespen rauschten untermischt Mit schwanken Pappeln tief im Wiesengrund, Wie sanfter Regen. Dorthin ging ihr Weg; In jener Grotte blieben sie die Nacht.   Doch als der junge Tag sein feurig Licht Vom Thal her durch der Grotte Dämmer goß, Erwachten sie; die Messe ward gehört, Gefrühstückt, und von dannen ging der Ritt. Nach einer Weile sagte Lancelot: »Hört, doch verrathet meinen Namen nicht; Ihr reitet neben Lancelot vom See.« Den Ruhm bewundern freut den reinen Sinn Der Jugend mehr, als eignes Lob; Lavaine Vermochte nur zu stammeln: »in der That?« – Er rang nach Luft – »der große Lancelot?« Und sprach zuletzt sich sammelnd: »Einen nun, Den Einen sah ich; – und der andre Held Ist unser Lehnsherr, ist der Könige König Im Brittenland, der hehre Pendragon, Von dem das Volk geheimnißvoll erzählt, – Dort wird er sein, – und schlüge Blindheit mich Im Augenblick, – ich hätt' ihn doch gesehn.«   So sprach Lavaine, und als zu Camelot Den Schranken auf der Wiese sie genaht, Durchflog sein Blick das volle Schaugerüst, Deß bunter Halbkreis einem auf das Gras Gesenkten Regenbogen ähnlich sah, Bis er des Königs lichtes Antlitz fand. Der König saß in Purpurseide da, An seiner Krone goldnem Drachen leicht Erkennbar, und des Drachens Windungen Auf seines Mantels goldner Stickerei; Und aus dem Schnitzwerk an der hintern Wand Herunter krochen goldner Drachen zwei, Und bildeten das Wappen seines Throns; Indeß sich ihre Leiber, wunderbar Verschlungen und geringelt, fort und fort Durch's Holzwerk zogen, um, – man merkte kaum Den Uebergang, so kunstreich war das Werk, – 43 Zuletzt in andre Muster aufzugehn. Und über ihm ein prächt'ger Baldachin, Als dessen Schmuck der letzte Diamant Des namenlosen Königs funkelte. Da sprach zu jung Lavaine Herr Lancelot: »Mich nennt Ihr groß, weil also fest mein Sitz, So sicher meine Lanze, doch heran Wächst mancher Jüngling, der, was ich vermag, Erreichen einst und übertreffen wird. Nichts Großes ist an mir, wofern es nicht Von Größe schon ein schwacher Anflug ist, Wenn man sich sagt: ich bin nicht groß. Doch dort, Das ist der Mann.« – Ihn starrte noch Lavaine Als Wunder an, da scholl Trompetenklang, Und beide Schaaren, die Vertheid'ger hier, Die Stürmer drüben, legten augenblicks Die Lanzen ein, und sprengten spornstreichs an, Und prallten halben Wegs mit solcher Wuth Zusammen, daß der Boden zitterte, Und man den Schall der Waffen weit hinaus Vernommen hätt' als fernen Donners Ton, – Wenn Einer heute fern geblieben wär'. Nur kurze Zeit noch säumte Lancelot, Bis er erkannte, wer die Schwächern waren; Dann drang er mächtig auf die Stärkern ein; Was braucht es viel zum Preise Lancelot's In seiner Glorie? König, Herzog, Earl, Baron und Graf, – er fällte, wen er traf.   Allein auf Seiten der Vertheidiger, Der Tafelrunde, standen mit im Feld Die tapfern Freund' und Vettern Lancelot's, Und grollten, daß ein fremder Rittersmann So viel und mehr, als Lancelot, gethan. Und Einer sprach zum Andern: »aufgepaßt; Wer ist der Mann, der nicht an Stärke nur, Der ihm an Anmuth und Gewandtheit gleicht? »Wär's Lancelot?« – »Wann trug wohl Lancelot Das Zeichen einer Dame beim Turnier? Sein Brauch ist anders; Alle wissen wir's, Die wir ihn kennen.« – »Aber dann, wer ist's?« Und eine Wuth kam plötzlich über sie, Und glühende Familieneifersucht Für Lancelot's Namen und für einen Ruhm, Der theuer jedem, wie der eigne sei. Den Speer gefällt, die Sporen eingesetzt, So sprengte gegen ihn die ganze Schaar, Und einer wilden Nordseewoge gleich, Die grünlich schillernd, ihren Schaum im Sturm Gen Himmel schleudernd, einer Barke naht, Das Schiff verschlingend sammt dem Steuermann, – So überritt der Schwarm Herrn Lancelot Und seinen Gaul; ein Speerstoß traf das Pferd, Und macht' es lahm; scharf drang ein zweiter Speer Ihm durch den Harnisch in die Seite tief, Wo seine Spitze brach und stecken blieb.   Nun that Lavaine, was brav und würdig war; Zu Boden streckt' er einen Rittersmann Bewährten Rufs, und brachte dessen Roß Herrn Lancelot, der von der Erde schon, Mit Todesschweiß beronnen sich erhob, Doch kämpfen wollt', so lang ihm Athem blieb. Und da die Andern wackern Beistand liehn, So trieb er noch, – obgleich's dem Widerpart, Mit dem er kämpfte, fast ein Wunder schien, – Die Freund' und Vettern und die ganze Schaar Der Tafelrunde, die Vertheidiger Der Schranken, rückwärts bis an's Ausgangsthor. – Da blies der Herold, und verkündigte, Der Preis sei dessen, der das Scharlachband Mit Perlen trüg', und jeder Rittersmann Auf seiner Seite rief: »tritt vor, und nimm Den Diamanten, deines Sieges Preis!« Doch er: »mit Diamanten quält mich nicht; Um Gottes willen, laßt mich durch! verschont Mit Preisen mich; mein Kampfpreis ist der Tod! Fort will ich, und ich sag' Euch, folgt mir nicht.«   Er sprach's und rasch verschwand er aus dem Feld, Und ritt mit jung Lavaine zum Pappelwald, Glitt dort vom Roß, und saß, und bat Lavaine Mit Aechzen: »zieh das Eisen mir heraus!« »Ach theurer Lord, Sir Lancelot,« sprach Lavaine, »Ich fürchte mich, Ihr sterbt, wenn ich es thu'.« Doch er: »auch so bin ich des Todes, zieh! – Zieh nur!« da zog er. Einen grausen Schrei Stieß Lancelot und gräßlich Stöhnen aus, Ein Blutstrom schoß, und rücklings sank er hin; Und lag vor Schmerz in tiefster Ohnmacht da. Nun kam der Klausner, trug ihn unter Dach, Und stillte dort die Blutung: doch er rang Noch manche Woche täglich mit dem Tod, 44 Der weiten Welt und ihrem Lärm entrückt, Und nur wie Regen rauschten neben ihm Die Zitterespen und der Pappelhain.   Doch noch den Tag, als er vom Schrankenplatz So rasch entwichen, traten Lancelot's Mitkämpfer – Ritter aus dem fernsten Nord Und West, entlegner Inseln Könige, Und Lords mit reichen Marken, – vor den Thron Des mächt'gen Königs, und so sprachen sie: »Der Ritter, Sire, der uns den Tag gewann, Verließ den Platz, doch ist er todeswund; Den Kampfpreis hat er unberührt verschmäht; Er rief uns zu, sein Kampfpreis sei der Tod.« »Davor sei Gott,« sprach Artus, »daß ein Mann, Der also tapfer, wie wir heut gesehn, – Er schien mir fast ein zweiter Lancelot, – Ja, daß er's wäre, dacht' ich zwanzigmal, – Wir müssen für ihn sorgen. Auf, Gawain, Zu Roß, mein Neffe, such' den Ritter mir; Er muß uns nah sein, also matt und wund; Dir trag' ich's auf; setz' dich sofort zu Pferd; Und unter Euch, Ihr Herrn und Könige Wird keiner denken, daß wir mit dem Preis Uns übereilt, denn allzu wundervoll Erschien sein Heldenstück. Drum wollen wir Ihm Ehr' erweisen wider sonst'gen Brauch; Weil er nicht kam, um seinen Dank von uns Zu heischen, sei der Dank ihm nachgesandt. So nimm, und bring' ihm diesen Edelstein; Dann kehr' zurück und meld' uns, wer er ist, Wie's um ihn steht, und laß vom Suchen nicht, Bis du nach unserm Willen ihn entdeckt.« Des Baldachins geschnitzte Rose trug Als ruheloses Herz den Edelstein, Und Artus nahm und hielt ihn in der Hand: Da sprang ein Jüngling lächelnden Gesichts Von seinem Sitz zur Rechten Artus' auf, Im Antlitz Lächeln und im Herzen Groll; Ein Prinz in seines Lenzes vollster Kraft Und Blüthe, schön und tapfer, Herr Gawain, Benannt der Feine, wohl als Ritter brav Nächst Lancelot, Tristan, Lamoral, Garin, Doch Modred's Bruder, aus verschlagnem Blut, Nicht allzuhäufig seinem Worte treu, Und jetzt empört, daß seines Herrn Befehl, Sich aufzumachen, um sich umzusehn Nach Gott weiß wem, ihn vom Gelage trieb, Dem Sammelplatz von Herr'n und Königen.   So stieg er grollend auf sein Roß und ritt; Und Artus ging voll Trübsinn zum Bankett, Und dachte: »wär' es wirklich Lancelot, Der trotz der Wunde, deren er erwähnt, Aus lauterm Ehrgeiz doch sich eingestellt, Zur alten Wunde neue sich geholt, Und nun zu sterben, fortgeritten ist?« In solcher Sorge blieb der König nur Zwei Tage dort, und kehrte wieder heim, Umarmte seine Königin und frug: »Seid Ihr noch krank, Geliebte?« – »Nein, Gemahl.« »Und wo ist Lancelot?« – Verwundert sprach Die Königin: »wo sonst, als beim Turnier? Gewann er Euren Preis nicht?« – »Nein, es war Ein Andrer, der ihm glich.« – »Sein Ebenbild, Er war es selbst.« Und als der König frug, Wie sie das wüßte, sprach sie: »mein Gemahl, Kaum wart Ihr abgereist, als Lancelot Von dem Geschwätz im Volke mit mir sprach: Es hielte Niemand seiner Lanze Stand, Der ihn erkannt als Lancelot, und nur Sein großer Ruf verhülf' ihm stets zum Sieg. Drum wollt' er seinen Namen aller Welt, Dem König selbst, verbergen und gab vor, Daß seine Wunde noch nicht ganz geheilt; So kenne Niemand in den Schranken ihn; So zeige sich, ob seine alte Kraft Noch nicht vermindert. Weiter sprach er noch: »Und unser biedrer Artus wird die List Mir gern verzeihn, sobald er eingesehn, Daß ich mit ihr nur reinern Ruhm erstrebt.«   Der König drauf: »bei weitem löblicher Gewesen wär's von unserm Lancelot, Auch mir zu trauen, wie er Euch vertraut; Denn mit der Wahrheit war's ein eitel Spiel; Und sein Geheimniß hätt' ich sicher ihm Als König und als Busenfreund bewahrt. Es hätte traun, obgleich ich schon gewöhnt An solche Grillen meiner Paladine, So zarte Furcht des Kämpen Lancelot Nur meine Lachlust mächtig angeregt; Jetzt aber bleibt zum Lachen wenig Grund; Die eignen Vettern, – schlimme Neuigkeit 45 Für Alle, die ihn lieben, Königin, – Die eignen Freund' und Vettern griffen ihn Nichts ahnend an, so daß er todeswund Vom Kampfplatz schied; – doch auch ein Gutes hört: Denn feste Hoffnung hab' ich, daß das Herz Herrn Lancelots nicht länger einsam bleibt; Er trug, – wie sonst noch nie, ein Scharlachband, Mit Perlen reich gestickt, an seinem Helm, Als Pfand von schöner Hand.«                                               »Ja, mein Gemahl, Ich theile,« sprach sie, »diese Hoffnungen;« Doch fast erstickend wandte sie sich kurz, Um ihm ihr Antlitz zu verbergen, ab, Und ging zur Kammer. Auf das Lager dort Des großen Königs warf sie sich; in Qual Sich windend und die Hände ringend, bis Die Finger blutig: schrie der tauben Wand »Verräther« zu, und brach in Thränen aus, In wilde Thränen. Endlich stand sie auf Und ging im Schlosse stolz und bleich umher.   Gawain indeß durchritt die Gegend rings, Des Suchens müde, mit dem Edelstein, Und nur zum Pappelwäldchen kam er nicht, Und endlich, doch ganz spät, nach Astolat. Und als die Maid den Ritter funkeln sah In buntgeschuppter Rüstung, rief sie laut: »Was bringt Ihr Neues, Herr, von Camelot, Und von dem Ritter mit dem rothen Band?« »Er hat gesiegt.« – »Ich wußt' es,« sagte sie. »Und schied vom Kampfplatz mit durchbohrter Brust.« Sie rang nach Luft; als fühlte sie den Stich Der Lanz' in eigner Brust, und preßte bleich Die Hand auf's Herz und war der Ohnmacht nah. Und als Gawain verwundert staunte, kam Der Schloßherr, dem der Prinz berichtete, Er sei Gawain, und wem er nachgeschickt, – Daß er den Kampfpreis bei sich trage, doch Den Sieger nirgends finden, kreuz und quer Geritten und des Suchens müde sei. Da sprach der Lord: »so bleibet, edler Prinz; Nicht länger reitet kreuz und quer durch's Land; Hier war, hier ließ der Ritter einen Schild; Drum kommt er wieder, oder schickt nach ihm; Noch mehr, mein Sohn ist mit ihm; Nachricht wird Uns bald; es kann nicht fehlen, daß sie kommt, Es kann nicht fehlen.« – Und der feine Prinz Willfahrte mit gewohnter Höflichkeit, Mit Höflichkeit und stiller Schurkerei, Und blieb, und warf sein Aug' auf Schön Elaine; Wo fänd' er auch ein reizender Gesicht! Dazu der Wuchs, vom Kopfe bis zum Fuß Vollkommen, und vom Fuße bis zum Kopf Die Glieder, wie von Meisterhand geformt. »Wohl, bleib' ich, wird dies wilde Blümchen mein.« Und oft im Taxusgarten traf er sie, Und dort begann er gegen sie sein Spiel Mit sprüh'ndem Geist und ungezwungnem Witz, Fast über ihr Verständniß; mit des Hofs Anmuth'gen Sitten, Seufzern, Liebessang Und schmeichelnder Verliebtheit; bis die Maid Darob empört ward, und ihm sagte: »Prinz, Ihr treuer Neffe unsres edlen Königs, Warum verlangt Ihr nicht, den Schild zu sehn, Den hier gelaßnen, wenn Euch doch der Schild Den Namen kund thut? Was mißachtet Ihr Den König, und vergeßt der Sendung Ziel; Nicht zuverlässiger, als mein Falke jüngst, Den ich auf einen Reiher steigen ließ, Und der des Wilds nicht achtend, feig entflog?« Er gab zur Antwort: »Ja, bei meinem Haupt, Wer sieht die Lerche noch in Aethers Höh'n? Ich hab' um Eurer blauen Augen Glanz Vergessen, Fräulein, meiner Sendung Ziel. Doch wenn Ihr wollt, so laßt den Schild mich sehn.« Und als der Schild gebracht war, und Gawain Herrn Lancelot's azurne Löwen sah, – Die goldgekrönten, hoch sich bäumenden, – Auf seinen Schenkel spottend schlug er da: »Der König war im Recht; 's ist Lancelot, Der biedre Mann.« Sie sagte froh: »und ich, Ich war im Recht, als mir es gleich geahnt, Mein Ritter sei der Ritter edelster.« »Und wenn mir ahnte,« sprach Gawein, »daß Ihr Im Herzen diesen edeln Ritter liebt, So müßt Ihr mir, Ihr wißt es wohl, verzeihn; Drum sprecht, ob ich vergebens schmachten soll?« »Was weiß ich?« war ihr einfach offnes Wort, »Mein einz'ger Umgang war mein Brüderpaar, Und oft, wenn sie von Liebe sich erzählt, Hatt' ich den Wunsch, mein Mütterchen zu sein, Weil sie, wovon sie sprachen, selber nicht Verstanden, noch auch ich. Ob ich es weiß, Was eigentlich die Liebe, weiß ich nicht; 46 Doch wenn ich's weiß, dann ja, dann lieb' ich ihn; Sonst glaub' ich, daß ich nimmer lieben kann.« Er sprach: »bei Gottes Tod, wohl liebt Ihr ihn, Doch wehe, wüßtet Ihr, was Jeder weiß, Und wen er liebt.« – »Nun wohl denn,« rief Elaine, Erhob ihr schönes Haupt, und wollte gehn. Allein ihr folgend rief er: »o verweilt, Schenkt mir noch einen goldnen Augenblick: Mit Eurer Schleife war sein Helm geziert; Drum glaub' ich nicht, daß er die Treu' Euch brach, Um jene Dame, die mein Mund nicht nennt. Sollt' er die Farbe wechseln, wie das Laub, Der treue Mann? ist's denkbar? nun wohlan, Fern sei's von mir, den tapfern Lancelot Zu kreuzen, wo er liebt. Und weil ich doch Der Meinung, Fräulein, daß Euch wohl bekannt, Wo Euer hoher Ritter sich versteckt, So leg' ich jetzt mein Amt in Eure Hand, Und diesen Stein hier; liebt Ihr Lancelot, So ist es süß, Ihr gebt ihn; liebt er Euch, So ist es süß, aus Eurer eignen Hand Ihn hinzunehmen; ob er liebt, ob nicht, Ein Diamant ist stets ein Diamant. Lebt wohl nun tausend und noch tausend Mal; Doch liebt er Euch, und hält die Liebe vor, So dürften wir am Hof uns später sehn; Und wenn Ihr Lebensart des Hofes lernt, So werden wir, ich hoff' es, Freunde sein.«   Dann gab und küßt' er flüchtig ihr die Hand, Reicht' ihr den Stein, und schwang sich auf sein Pferd; Des Suchens müde, stimmt er hellen Tons Ein altes Lied von treuer Liebe an, Und so gemächlich ritt er seines Wegs.   Er kam zu Hof, berichtend, was bereits Der König wußte, daß Herr Lancelot Der Ritter sei; dann fuhr er also fort: »Mein König-Lehnsherr, dies entdeckt ich wohl: Allein ich ritt umsonst durch's ganze Land: Ihn selbst zu finden ist mir nicht geglückt. Das Mädchen aber sah ich, dessen Band Er trug; sie liebt ihn, drum vertraut' ich ihr Den Edelstein, im Glauben, keine Pflicht Sei heiliger, als die der Courtoisie; Sie wird ihn überreichen, denn sie kennt, Bei meinem Haupt, den Ort, der ihn verbirgt.«   Der sonst so milde König war erzürnt: »Bei Gott, zu höflich: nimmer werdet Ihr Mit meinem Dienst betraut, denn offenbar Habt Ihr vergessen, daß die Höflichkeit, Die Königen gebührt, Gehorsam heißt.«   Er sprach's und ging. – Ergrimmt, doch furchtgelähmt, Stand Herr Gawain wohl bis man zwanzig zählt; Und starrt' ihm lautlos und verlegen nach, Dann ging er seine Locken schüttelnd ab, Und schwatzte draußen von der schönen Maid Von Astolat und ihrer Liebschaft. Gleich Die Ohren spitzend raunte man sich zu: »Die Maid von Astolat liebt Herrn Lancelot, Herr Lancelot liebt die Maid von Astolat.« Ob wohl dem König etwas anzusehn? Der Königin? Und wer das Mädchen war, Kein Mensch begriff's; die Meisten waren rasch Der Meinung, würdig sei sie seiner nicht. Ein altes Fräulein lief in aller Hast Zur Königin mit der bittern Neuigkeit; Doch sie, die das Gerücht bereits gehört, Empfand nur Lancelot's Erniedrigung, Der Freundin Stich verbeißend bleich und kalt. Auf dürrer Stoppel läuft die Flamme nicht So raschen Laufs, wie jetzt die Mähr' am Hof, Der wochenlang nicht aus dem Staunen kam, Bis manchmal selbst die Ritter beim Bankett Des Trunks vergaßen auf die Königin Und Lancelot, um lächelnd sich Bescheid Zu thun auf Lancelot und die Lilienmaid. Dann saß mit schmerzlich mildem Angesicht Die Königin und würgt' an ihrem Gram, Der ihr erstickend in die Kehle stieg; Und Niemand sah, wie sie vor Wuth und Weh Den Estrich knirschend mit den Füßen trat, Wie ihr zu Wermuth jeder Bissen ward, Und bittrer Haß die lust'gen Zecher traf.   Doch ihre holde Nebenbuhlerin Im fernen Astolat, die reine Maid, Sie, die nur einmal Lancelot gesehn, Und nun auf ewig ihn im Herzen trug, Sie schlich zum Vater, als er einsam sann, Und streichelt' ihm, auf seinem Schooß geschmiegt, Die greisen Wangen. »Vater,« sprach sie dann, »Ich bin, du sagst es oft, ein Eigensinn; Bist selber schuld, weil du mich stets verzogst; 47 Und willst du nun, mein Herzensvater, sprich, Daß ich vielleicht von Sinnen kommen soll?« »Gewiß nicht,« sprach er. »Nun, so laß mich fort, Lavaine zu suchen, unsern Liebling.« – »Nein, Um unsern lieben Jungen kommst du nicht Von Sinnen,« war die Antwort, »wart' es ab; Wir müssen jedenfalls nun bald von ihm Und jenem Andern hören.« – Und sie sprach: »Ja, von dem Andern; denn ich muß durchaus Den Andern finden, wo er immer weilt, Und diesen Edelstein mit eigner Hand Ihm geben, um so treulos meiner Pflicht Nicht dazustehn, wie jener stolze Prinz, Der seine Pflicht in meine Hand gelegt. Im Traum, mein süßer Vater, sah ich ihn, Zum Schatten abgemagert, todesbleich, Weil keiner edeln Jungfrau Hand ihn pflegt. Je bessern Bluts, um so verpflichteter Ist eine Maid, so hast du mich gelehrt, Dem edeln Ritter, der ihr Zeichen trug, Zu milder Pflege, wenn er wund und krank. O bitte, laß mich fort.« – Der Vater sprach, Und nickte: »Ja, der Stein, – ja, weißt du Kind, Recht gern erführ' ich, ob der Ritter schon Genesen, denn kein Andrer kommt ihm gleich, – Ja wohl, und geben mußt du ihm den Stein, – Auch hängt, so denk' ich, diese Frucht zu hoch; Nach ihr schnappt nur ein königlicher Mund, – O nein, ich meinte nichts, – mach' dich nur auf; Wenn du so festen Willens, mußt du gehn.«   Sie schlüpfte fort, als ihr Gesuch gewährt, Und während sie zum Ritt sich rüstete, Summt' ihr des Vaters letztes Wort im Ohr: »Wenn du so festen Willens, mußt du gehn,« Und ihr im Herzen klang's, und rief und rief: »Mußt sterben, wenn du festen Willens bist.« Doch war sie froh, und schlug sich's aus dem Sinn, Wie man die Biene scheucht, die summende; Und sprach als Antwort leise vor sich hin: »Was thut's, errett' ich ihn nur, daß er lebt.« Und im Geleit des guten Junkers Torre Auf buschlos kahlen Dünen ritt sie weit Nach Camelot, und vor dem Thor der Stadt Kam wohlgemuth ihr Bruder angesprengt Auf einem Schecken, den er schier vor Lust Auf einem Blumenanger tanzen ließ. Ihn kaum erblickend rief sie schon: »Lavaine, Wie geht's dem Ritter Lancelot?« Er rief Bestürzt: »Elaine und Torre, Euch treff' ich hier? Wie wißt Ihr, daß sein Name Lancelot?« Als nun die Maid erzählte, wandte sich Sir Torre verstimmt, und ritt allein in's Thor; Da standen wunderbare Marmorsäulen, Und stellten bildlich Artus' Kriege dar. Und Torre durchritt die düstre reiche Stadt, Entfernte Vettern suchend seines Bluts Zu Camelot, Lavaine geleitete Die Maid zur Grotte durch den Pappelhain. Sie sah zuerst den Helm Herrn Lancelot's, Befestigt an der Wand; ihr Scharlachband, Zerfetzt, zerhackt, der Perlen Hälfte fort, Hing noch daran; da lachte froh ihr Herz: Er hatt' es treu bewahrt, und dachte wohl, Noch einmal es zu tragen im Turnier. Sie kam zur Zelle, wo der Ritter schlief; Auf einem Wolfsfell lagen kampfgelähmt Sein nackter Arm und seine mächt'ge Hand, Im Traume zuckend, wenn er seinen Feind Zu Boden warf. Nun fiel ihr Blick auf ihn; Mit wirrem Haar und Barte lag er da, Gespenstisch mager, und der Maid entfuhr Ein leiser Schrei voll Schmerz und Zärtlichkeit, Ein fremder Ton an diesem stillen Ort. – Der kranke Ritter wurde plötzlich wach, Und sah noch schlafumflorten Blicks sich um. Sie trat ihm näher, flüsternd: »Euer Preis, Der Diamant; der König schickt ihn Euch.« Sein Auge strahlte. »Strahlt es wohl für mich?« War all ihr Denken. Nun erzählte sie Vom Prinzen, den der König abgesandt, Um ihm den Stein zu bringen; diese Pflicht, Ihr, der Unwürd'gen sei sie nun vertraut; Und dann am Haupt des Bettes kniete sie, Und legte demuthsvoll den Diamanten In seine Hand. Ihr Antlitz kam ihm nah; Und wie man wohl für treuerfüllte Pflicht Ein Kindlein küßt, so küßt' er ihre Stirn. Zusammensank sie, wie des Springborns Strahl; Und er: »ach, Euer Ritt hat Euch erschöpft; Ihr müßt jetzt ruh'n.« – »Ich brauche nicht zu ruh'n; Denn, hoher Herr, bei Euch sein, ist mein Ruh'n.« Was meinte sie? Sein Auge, schwarz und groß, Noch größer durch der Wangen Magerkeit, Sah fest sie an, bis der geheime Gram Des armen Herzens mit dem dunkeln Roth 48 Des Herzbluts in ihr offnes Antlitz trat. Und Lancelot ersah's, und war bestürzt, Allein zu schwach zu sprechen, blieb er stumm; Doch dies Erröthen war ihm nimmer lieb; Er fragte nur nach eines Weibes Huld, Und also wandt' er seufzend sein Gesicht, Und that, als schlief' er, bis er wirklich schlief.   Nun brach sie auf, ritt flüchtig durch die Flur Und durch das wunderbare Säulenthor Zum Blutsfreund in der düstern reichen Stadt; Blieb dort die Nacht, ward mit der Dämmrung wach, Schlich durch die finstre reiche Stadt zu Thal, Und dann durch Wald und Flur zur Grotte hin; Und also schwebte sie von Tag zu Tag Gleich einem Geist im Zwielicht hin und her, Und pflegt' ihn Tags, und pflegt' ihn manche Nacht. – Zwar hätte Lancelot seine Wunde gern Für einen Ritz erklärt, der bald genug Vernarben werde, doch im Fieberwahn Und Todesschmerz erschien er manches Mal Sich selbst nicht ähnlich, rauh und rücksichtslos. Und immer freundlich trug's die sanfte Maid; Sanft, wie kein Kind der rauhen Magd sich fügt, Mild, wie die Mutter pflegt ihr krankes Kind; Und nimmer seit der armen Menschheit Fall Vollbracht' ein Weib ein größres Liebeswerk, Doch tiefe Liebe gab ihr Kraft dazu, Bis ihm der Klausner, als erfahrner Mann In Kräutern und der Heilkunst jener Zeit, Gestand, daß ihre zarte Sorge nur Am Leben ihn erhalten. Da vergaß Der Kranke ganz der schlichten Maid Erglüh'n, Und Schwester, Freundin, Liebchen nannt' er sie; Nun lauscht' er, wenn sie kam, und härmte sich Ob ihres Gehn's, und hielt sie zärtlich fest, Und liebte sie mit aller Liebe, nur Der Liebe nicht, mit welcher Mann und Weib Einander lieben, innig, fest und süß; – Und wäre jeden ritterlichen Tod Für sie gestorben. Hätte sein Geschick Gewollt, daß er Elaine zuerst gesehn, Sie hätte wohl des Kranken Erdenglück Begründet, und sein Seelenheil bewahrt; Jetzt banden alter Liebe Ketten ihn, Und Ehre, deren Wurzel Schande war, Und Treue, die der ächten Treue log.   Manch reinen Vorsatz faßte Lancelot, Manch fromm Gelübde that er, aber nur So lang er krank; dann waren sie verweht. Denn als sein Blut mit frischem Leben rann, Erschien ihm oft ein heißgeliebtes Bild, Und lullte trügrisch sein Gewissen ein, Daß einer Wolke gleich sein Vorsatz schwand. Und sprach die Maid, indeß vor seinem Geist Der holde Zauber schwebte, gab er ihr Nicht Antwort, oder kurz und kalt; und sie, Die seiner Krankheit Launen jüngst verstand, Was dies bedeute, sie begriff es nicht; Und ihre Augen trübte stummer Gram, Und trieb sie vor der Zeit durch Wald und Flur Hinweg zur reichen Stadt, und einsam dort Zu flüstern: »ach umsonst, es kann nicht sein; Nie liebt er mich; was bleibt mir? nur der Tod.« Dann gleich dem armen lieben Vögelchen, Das nur ein Paar ganz schlichte Töne singt, Und einen ganzen Morgen im April Sie singt, und immer wieder, bis das Ohr Es kaum erträgt, so sprach die schlichte Maid Die halbe Nacht nur leise vor sich hin: »Muß ich denn sterben?« Und sie warf sich rechts, Und warf sich links auf ihrer Lagerstatt, Und fand nicht Ruh', und lag und flüsterte, Als wär' es der Refrain von einem Lied: »Tod oder ihn,« und »ihn nur oder Tod.«   Doch als Herrn Lancelot's Todeswunde heil, Da ritten alle drei nach Astolat; Dort trat die süße Maid vor Lancelot Allmorgens hin, gekleidet mit dem Kleid, Worin sie selbst am besten sich gefiel. »Denn,« dachte sie, »bin ich geliebt, so sind Es Festgewänder; bin ich ungeliebt, Des todgeweihten Opfers Blumenschmuck.« Und täglich drängte Lancelot die Maid, Von ihm zu fordern einen wackern Dank Für sich und für die Ihren: »scheut Euch nicht, Und sagt des treuen Herzens liebsten Wunsch; Ihr selber habt an mir ein Werk gethan, Das meinen Willen Euch zu eigen giebt; Ich bin ein Fürst und Herr im eignen Land, Und was ich will, das kann ich.« Und sie sah, Gleich einem Geist, erhobnen Haupts ihn an; Doch keines Wortes fähig, wie ein Geist, Und Lancelot sah, daß sie mit ihrem Wunsch Zurückhielt, und beschloß, noch kurze Zeit 49 Im Schloß zu weilen, bis er ihn gehört. Und eines Morgens traf sich's, daß er sie Im Taxusgarten fand. Er nahm das Wort: »Nun säumt nicht länger, sagt mir Euren Wunsch; Denn heut noch muß ich gehn.« Da brach sie aus: »Ihr geht; wir werden Euch nicht wiedersehn; Und ich muß sterben, weil ein kühnes Wort Sich mir versagt.« – »O sprecht,« rief Lancelot, »Denn daß ich leb' und höre, schuld' ich Euch.« Da sagte sie mit Hast und Leidenschaft: »Mein Kopf ist wirr; ich lieb' Euch; laßt mich sterben.« Drauf er: »ach Schwesterchen, was fällt Euch ein?« Und unschuldsvoll die weißen Arme weit Ihm öffnend, sprach Elaine: »ob Ihr mich liebt, Mich liebt, zum Weib mich wollt.« Und Lancelot Gab ihr zur Antwort: »hätt' ich frein gewollt, So wär' ich längst vermählt, mein süßes Kind; Jetzt aber nehm' ich nimmermehr ein Weib.« »Nein,« rief sie, »nein, ich frage nichts danach, Ob ich dein Weib; nur nah will ich dir sein, Dein Antlitz sehn, dir dienen, durch die Welt Dir folgen.« – Da versetzte Lancelot: »O Gott, die Welt, die Welt, ganz Aug' und Ohr, Die dumm und herzlos, was sie sieht und hört, Mißdeutet, und mit allen Zungen nur Die falsche Deutung emsig weiter trägt, – Nein; Eures Bruders Liebe lohnt' ich schlecht, Und Eures Vaters Freundschaft.« – Und sie sprach. »Nicht bei dir sein, dein Antlitz nicht mehr sehn, – Dann wehe mir, dann ist mein Glück dahin!« »Nein, edle Maid,« versetzt' er, »zehnmal nein: Dies ist nicht Liebe; nur der erste Strahl Des jungen Herzens; häufig kommt es vor; Ich hab's an mir erlebt. Ihr werdet einst Euch selbst belächeln; wenn Ihr Euren Lenz Und Euer Leben einem Manne weiht, Der besser für Euch paßt, der dreimal nicht So alt, als Ihr. Und dann beschenk' ich Euch, – Denn wahr und herzlich seid Ihr, wie bisher Ich nimmer einem Weibe zugetraut, – Besonders wenn Eu'r wackrer Ritter arm, Mit reichem Gut und Land; mein halb Gebiet Jenseits der Seen wär' mir nicht zu viel Für Euer Glück; auch will ich bis zum Tod, Als wäret Ihr von meinem eignen Blut, In jedem Hader Euer Ritter sein; Dies, edles Fräulein, will ich für Euch thun, Mehr kann ich nicht.«                                 Er sprach's; sie bebte nicht, Sie glühte nicht; sie stand nur todesbleich, Und griff nach dem, was ihr am nächsten war; Und mit dem Hauch: »dies Alles will ich nicht,« Sank sie zurück, und also trug man sie In tiefer Ohnmacht heim in ihren Thurm.   Da sprach ihr Vater, welcher jedes Wort Vernommen durch die dunkle Taxuswand: »Weh mir, ich fürchte, dieser Wetterstrahl Ist meiner Blume Tod. Ihr seid zu zart; Ich bitt' Euch, Lancelot, mein edler Herr, Versucht's, und thut ihr rauhe Kränkung an; Das dämpft und bricht wohl ihre Leidenschaft.« Drauf Lancelot: »das widerstritte mir; Thun will ich, was ich kann.« – Nun blieb er noch Den ganzen Tag: erst Abends ließ er sie Um seinen Schild ersuchen. Demuthsvoll Aus seiner Hülle nahm die Maid den Schild, Und gab ihn hin. Horch! stampfte da nicht schon Im Hof sein Roß? An's Fenster stürzte sie, Und riß es auf, und warf noch einen Blick Nach seinem Helm: ihr Scharlachband war fort! Das leise Klirr'n vernahm Herr Lancelot; Und sie, – so scharf sieht Liebe, – ward gewahr, Daß ihm bewußt, sie schaue noch nach ihm. Er sah nicht auf, er schwenkte keine Hand Zum Abschiedsgruß; fort ritt er trüben Muths; Unfreundlich war's, – es war sein Aeußerstes.   Nun saß die Maid allein in ihrem Thurm; Fort war der Schild, und nur der Ueberzug, Ihr armes Werk, verlorne Mühe, blieb. Doch hörte sie die Stimme Lancelot's, Und zwischen ihr und der bemalten Wand Erhob sich deutlich sein geliebtes Bild. Dann kam ihr Vater; leise sprach er wohl: »Getrost mein Kind,« und ruhig nickte sie; Die Brüder kamen: »Friede sei mit dir, Du süße Schwester,« und sie dankte stets Gefaßt und still; doch war sie kaum allein, So rief der Tod; es war wie Freundesgruß, Der ihr von fern durch's Dunkel näher kam; Ihr galt der Eulen Wehruf, glaubte sie, Und blickte schwärmend auf den bleichen Schein 50 Der Weiden in des Abends Dämmerlicht, Und hört' im Wind ihr eignes Todtenlied.   Sie dachte selbst ein kleines Lied sich aus, Und sang's: es hieß das Lied von Lieb' und Tod; Sie reimte lieblich, wie sie lieblich sang.   »Süß ist's, zu lieben, wenn auch ungeliebt; Süß ist der Tod, der uns Erlösung giebt; Weiß nicht, ob Liebe süßer, oder Tod.   Wenn Liebe Glück, muß Sterben bittre Pein, Wenn Liebe Leid, muß Sterben Wonne sein; Ich sterbe gern, dann endet meine Noth.   O Glück der Liebe, das uns ewig scheint, O milder Tod, der kaltem Staub uns eint! Weiß nicht, ob Liebe süßer oder Tod.   Ich folgte gern der Liebe, könnt' es sein, Doch muß ich in den Tod; schon harrt er mein; Laßt sterben mich, dann endet meine Noth.«   Hoch stieg beim Schlußreim ihrer Stimme Ton, Fast war's ein Schrei; die Brüder hörten ihn Mit Grausen; denn die Morgendämmrung kam In rother Gluth, und heulend rüttelte Der Wind am Thurm; sie dachten: »das Gespenst Der Ahnfrau kreischt; uns steht ein Tod bevor; O Vater, komm.« So stürmten alle Drei In Angst und Hast hinauf zu ihr, und sieh: Das Licht der Dämmrung spielte blutigroth Auf ihren Wangen; gellend sang sie noch: »Laßt sterben mich, dann endet meine Noth!«   Gleich Einem, der ein wohlbekanntes Wort Stets wiederholt, bis – er begreift nicht, wie, – Das wohlbekannte Wort ganz seltsam klingt, So starrte sie der Vater zweifelnd an: »Ist dies Elaine?« bis sie zusammensank, Und, ihnen Allen eine matte Hand Entgegenstreckend, lag, und ohne Wort Nur mit den Augen guten Morgen bot. Doch endlich sprach sie: »gestern träumte mir, Ihr süßen Brüder, daß ich wiederum Ein kleines neubegier'ges Mädchen war; So froh wie einst, als unser Heim der Wald, Wenn Ihr mich mitnahmt auf den großen Fluß, Und mit der Fluth im Kahn des Schiffers triebt. Nur fuhrt am Vorberg, den die Pappel krönt, Ihr nie vorüber: hier war Euer Ziel, Und mit der Ebbe ging es stets zurück. Ich aber schrie, weil Ihr nicht weithinauf Noch wolltet auf der spiegelglatten Fluth, Bis wir gelangten an des Königs Schloß. Ihr gabt nicht nach; doch heute träumte mir, Daß ich allein den Fluß befuhr, und sprach: »Nun hab' ich endlich meinen Willen doch.« Da wacht' ich auf; doch meine Sehnsucht blieb. Drum laßt mich fort, und fahrt mich noch zuletzt Jenseits der Pappel weit hinauf den Fluß, Bis wir gelangen an des Königs Schloß. Dort tret' ich mitten unter Alle hin, Und keiner wagt's und spottet über mich; Doch wundert sich der listige Gawain, Und Lancelot, der Große, staunt mich an, Gawain, der tausend Abschiedsgrüße sprach, Und Lancelot, der mich kalt und stumm verließ; Dann soll der König hören, wer ich bin, Und meine Liebe will ich kund ihm thun; Bedauern wird mich selbst die Königin, Mir freundlich sein der ganze seine Hof, Und von der langen Reise werd' ich ruhn.«   »Still,« sprach der Vater, »Kind, besinne dich; Wie hättest du, die Kranke, wohl die Kraft, So weit zu reisen, und was wolltest du Den Stolzen wiedersehn, der uns verlacht?«   Nun fing auch Torre, der Tölpel, mächtig an Zu schluchzen und zu poltern und zu schrei'n: »Ich liebt' ihn nie, und treff' ich ihn einmal, So frag' ich nichts nach seinem hohen Rang; Ich greif' ihn an, zu Boden schlag' ich ihn; Laßt Glück mich haben, und ich schlag ihn todt, Weil er in's Haus uns solches Leid gebracht.«   »Nein, lieber Bruder,« sprach die sanfte Maid, »Thu' dir nicht selbst zu nah durch deinen Zorn; Kein Vorwurf, siehst du, trifft Herrn Lancelot, Mich nicht zu lieben; mein ist alle Schuld, Daß ich von allen Männern ihn allein, Für mich der Männer Höchsten, lieben muß.«   »Den Höchsten?« frug der Vater lang gedehnt, – Zu dämpfen meint' er ihre Leidenschaft, – »Nein Kind, ich weiß nicht, was dich hochbedünkt; Eins aber weiß ich und die ganze Welt: Er liebt die Königin in offner Schmach, 51 Und wird von ihr in offner Schmach geliebt; Nennt man das hoch, was soll dann niedrig sein?«   Da sprach die Lilienmaid von Astolat: »Mein theurer Vater, allzu schwach und krank Bin ich zum Zorn; doch dies ist Lästerung. Kein edler Mann, den nicht Gemeinheit schmäht; Wer keine Feinde, hat auch keinen Freund. Mein Stolz noch ist's, daß ich den Mann geliebt, Der unvergleichlich ist und makellos. So, Vater, laß mich sterben; was ich dir Auch scheinen mag, ganz glücklos bin ich nicht; Denn Gottes Besten, Größten liebt' ich ja, Wenn meine Lieb' auch nicht vergolten ward. Ich weiß es, du behieltst noch gern dein Kind, Und dank' es dir, obgleich du deinem Wunsch Dich feindlich zeigst; denn glaubt' ich, was du sagst, Nur schneller stürb' ich; drum hör' auf, und laß Den Priester kommen; beichten will ich ihm, Damit ich reinen Herzens sterben kann.«   So kam und ging der Priester. Strahlenden Gesichts, als wären Sünden ihr verziehn, Bat sie Lavaine: »nun schreib' mir einen Brief, Ich hab' ihn Wort für Wort mir ausgedacht.« Und als er meinte: »wohl für Lancelot, Für meinen theuren Ritter? gerne dann Bestell' ich ihn;« erwidert' ihm die Maid: »Für Lancelot und für die Königin Und alle Welt ist dieser Brief bestimmt; Allein bestellen muß ich selber ihn.« Da schrieb Lavaine den Brief, den sie erdacht, Und faltet' ihn, als er geschrieben war. Nun sprach sie: »Herzensvater, zärtlicher Und treuer, keine Laune hast du mir Jemals versagt; auch diesen letzten Wunsch, – Er mag dir seltsam scheinen, – weigre nicht. Leg' kurz bevor ich sterbe, diesen Brief In meine Hand, und drück' ihn fest hinein; Denn noch im Tode hüten will ich ihn. Und wenn es kalt und still in meiner Brust, So nehmt das kleine Bett, auf dem ich starb, Aus Liebe starb für Lancelot, und schmückt Es herrlich, wie das Bett der Königin; Und schmückt mich selber gleich der Königin; Das Reichste, was ich habe, legt mir an, Auf meinem Lager. Fahrt mich dann hinab Auf schwarzem Trauerwagen an den Fluß, Und auf dem Fluß erwarte mich ein Boot, Schwarz ausgeschlagen. Denn zur Königin Im Ehrenschmucke zieh' ich, an den Hof, Und dort, das glaubt mir, sprech' ich selbst für mich, Und Eurer Keiner könnt' es besser thun. Drum laßt auch Niemand anders mit mir gehn, Als unsern stummen Alten; er versteht Zu steuern und zu rudern ganz allein, Und wird mich bringen bis an's Thor der Burg.« –   Sie schwieg, und als der Vater ihr sein Wort Darauf gegeben, ward sie freudenvoll, Daß Alle meinten, nur in ihrem Wahn, Und nicht in ihren Adern sei der Tod. Zehn Morgen aber schlichen langsam hin; Am elften nahm der Vater still den Brief, Und drückt' ihn in die Hand ihr, und sie starb; Es war ein Tag des Grams in Astolat.   Die nächste Sonne stieg am Himmel auf; Da schlich der düstre Trauerwagen schon, Dem mit verbißnem Schmerz im Angesicht Die Brüder langsam folgten, schattengleich Durch die vom Sommerglanz erfüllte Flur, Zum Strom hinab, wo wartend schon das Boot, Mit schwarzem Seidenstoff bekleidet, lag. Dort saß der alte vielgetreue Knecht, Seit er geboren ward, ein Stück vom Haus, Der stumme Greis, verwitterten Gesichts, Und mit den Augen zwinkernd, auf dem Deck. Vom Wagen trugen sie die Brüder nun Mit ihrem Lager in den schwarzen Kahn; Der Todten Hand hielt einen Lilienzweig, Und ihr zu Häupten hing die seidene Schilddecke mit den Wappenstickerei'n. Sie küßten noch die kalte Stirn: »leb' wohl, Du süße Schwester, leb' auf ewig wohl;« Und schieden weinend. Nun begann sein Werk Der stumme Greis; und von des Stummen Hand Gesteuert trieb stromauf das Trauerschiff; Der Todten Rechte hielt den Lilienzweig, Den Brief die Linke; wallend nieder floß, Ihr goldnes Haar; den Körper bis zur Brust Bedeckte Goldstoff, und ein weißes Kleid Ließ nur ihr Antlitz frei, doch lieblich war Mit seinen reinen Zügen dies Gesicht; Sie schien nicht todt; fest schlafend schien sie nur, Denn also freundlich lächelnd lag sie da. 52   Denselben Tag war's, daß Herr Lancelot Im Schloß Gehör bei Frau Ginevra bat,. Ihr endlich eines halben Reiches Werth, Sein hart erkämpftes Prachtgeschenk zu weihn: Die Diamanten, den im neunten Jahr, Mit Blut und Beulen, den mit Andrer Tod Und seinem Leben fast, bezahlten Preis. So sandt' er Einen ihrer Dienerschaft, Der Königin zu melden seinen Wunsch; Und sie gewährt' ihn, aber sah dabei In ihrer regungslosen Majestät So marmorn, wie ihr eignes Steinbild aus. Nur ward der Diener, als er ehrfurchtsvoll So tief sich bückte, daß er ihr beinah Die Füße küßte, raschen Seitenblicks Der Königin Schatten an der Wand gewahr: Des Spitzentuches Schatten zitterte; – Ein rechter Kitzel für sein Höflingsherz. –   Des Artusschlosses hoher Erker ging Umrankt von Wein gen Süden auf den Fluß; Dort vor Ginevra kniete Lancelot, Und sprach: »Gebietrin mein und Königin, Ihr meine Wonne, nehmt aus meiner Hand, Was ich für Euch, durch Euch beseelt, gewann, Die Diamanten; tragt sie mir zur Lust Als Armband an dem rundsten Arm der Welt; Als Schmuck des Halses, gegen den ein Schwan Nicht weißer ist, als seine dunkle Brut. Allein an Eure Schönheit reicht kein Bild; Und jedes Wort, ein Frevel ist's an ihr; Doch wie dem Gram erlaubt ist, daß er weint, So gönnet Worte meiner Huldigung. Mit solcher Sünd' in Worten haben wir Wohl Beide Nachsicht; aber Königin, Gerüchte, hör' ich, gehn an Eurem Hof; Und unser Bund, vom Priester nicht geweiht, Bedarf zum Ausgleich unerschütterten Vertrau'ns; drum kehrt Euch an Gerüchte nicht; Wann gab es die nicht? daß Ihr diesen glaubt, Ich mag's nicht glauben, ich getröste mich, Daß Ihr, selbst edel, fest auf mich vertraut.«   Ginevra hatte halb sich abgewandt, Indeß er sprach, und pflückte Blatt auf Blatt Von ihres Erkers dicht verschlungnem Wein, Zerriß', und warf sie von sich, Blatt für Blatt, Bis grün der ganze Platz war, wo sie stand. Dann, als er schwieg, mit duldend kalter Hand Die Diamanten nehmend, warf sie sie Gleichgültig auf ein Tischchen, und begann:   »Vielleicht bin ich im Glauben rascher doch, Als Ihr mir zutraut, Lancelot vom See! Nicht Priesterhand hat unsern Bund geweiht; Das ist sein Gutes; taugt er sonst auch nicht, Er läßt sich leichter lösen. Jahrelang Um Euretwillen hab' ich Trotz und Schmach An Dem geübt, der, wie mein tiefstes Herz Sich eingestand, doch edler ist, als Ihr. Was sollen diese Diamanten mir? Von Euch geschenkt, wär' dreifach hoch ihr Werth, Wenn Ihr nicht Euren eignen eingebüßt. Ein treues Herz schätzt jegliches Geschenk Nur nach dem Geber. Also nicht für mich! Für sie, Eu'r neues Liebchen! Mir gewährt Nur eins, ich bitt' Euch; haltet Euer Glück Mir immer fern. Denn so viel Schicklichkeit, Wie sehr Ihr auch verändert, habt Ihr noch, Ich zweifle nicht; und ungern trät' ich selbst Aus jenen Gränzen feinster Artigkeit, In denen ich als Artus' Königin Das Scepter führend, mich beherrschen muß. Ein Ende denn! ein wundersames! doch Ich nehm' es an mit Amen. Bitte, legt Die Diamanten zu dem Perlenband; Schmückt sie damit; erzählt ihr, daß sie mich Zu Boden strahlt! – Das Armband einem Arm, Mit dem verglichen der der Königin Ein Stecken scheint; den Halsschmuck einem Hals, O so viel schöner, – wie dereinst ein Herz Voll wahrer Treue reicher war, als hier Die Diamanten, – ihre, – meine nicht, – Ja doch, bei unsers Heilands Mutter, doch; Ob mein' ob ihre, – mein, damit zu thun, Was mir gefällt; – nein, sie bekommt sie nicht!«   Auf stand das Fenster, denn der Tag war schwül; Und aus dem Fenster nieder fuhr ein Blitz; Die Diamanten flogen in den Strom; Und Diamanten spritzten grüßend auf, Und wieder eben ward der tiefe Strom. Ein Ekel fast beschlich Herrn Lancelot An Leben, Lieb' und Allem, während er Am Fenster lehnte. Da, dicht unter ihm, Grad' auf der Stelle, wo die Steine kaum Versunken, langsam fuhr das Schiff daher, Auf dem die Lilienmaid von Astolat, Ein Stern im schwarzen Dunkel, lächelnd lag. 53   Allein die wild erregte Königin, Die nichts bemerkte, stürmte fort und ging, Zu jammern und zu klagen ungestört. – An's Thor des Schlosses glitt der Kahn, und hielt. Zwei Reisige standen Schildwach an der Thür, Und auf den Marmorstufen reihten sich Die Gaffer schon, und jedes Auge frug: »Was mag das sein?« und Alle wurden bleich Vor dieses Bootsmanns hagerm Angesicht, So streng und schweigsam, wie das Antlitz ist, Das aus dem schroffen Fels am Klippenhang Hervortritt vor dem Blick der Phantasie. Und flüsternd ging's: »ein Zauber liegt auf ihm; Er kann nicht sprechen; – aber seht die Maid, – Sie schläft, die schöne Feenkönigin, – Ja, doch wie bleich! – wer sind sie? – Fleisch und Blut? Sind's etwa Boten aus dem Feenland, Die Artus holen? Man behauptet ja, Daß unser Artus nimmer sterben wird, Und nur hinübergehn in's Feenland.«   Indeß sie so vom König schwatzten, stand Halb abgewandt der zungenlose Mann, Bis Artus selbst, umringt von Rittern, kam. Da blickt' er voll dem König in's Gesicht, Hindeutend auf die Maid und auf die Thür. Und Artus' Wink gebot Herrn Percival, Dem milden, und dem keuschen Galahad, Die Maid zu tragen; und sie trugen sie Voll Ehrfurcht in den hohen Königssaal. Da kam bestürzt der listige Gawain: Dann stumm betrachtend kam Herr Lancelot; Zuletzt voll Mitleid selbst die Königin. Doch Artus' scharfer Blick ersah den Brief In ihrer Hand; sich bückend nahm er ihn, Erbrach ihn, las, und also stand darin:   »Viel edler Lord, Herr Lancelot vom See, Ich, einst genannt die Maid von Astolat, Des letzten Abschieds wegen komm' ich her, Denn ihr verließt mich ohne Lebewohl. Ich liebt' Euch, aber Ihr habt mich verschmäht, Und meine treue Liebe ward mein Tod; Drum vor Ginevra, unsrer hohen Frau, Und allen andern Frauen ruf' ich Weh. Für meine Seele sprechet ein Gebet, Und gönnet ein Begräbniß meinem Leib; Für meine Seele, Lancelot, bet' auch du, Als Ritter ohne Gleichen, der du bist.«   So las er, und es weinten, wie er las, Die Lords und Frau'n, und blickten oft von ihm, Der las, auf sie, die dort so schweigend lag. Und mehr als einmal glaubten sie zu sehn, Die tief Ergriffnen, daß die Lippen sich Noch regten, die das Brieflein vorgesagt. –   Da schaute frei Herr Lancelot und sprach: »Mein Lehnsherr Artus, und Ihr Alle, hört, Und wißt, daß dieses holden Mädchens Tod Mich tief betrübt; sie war so rein als treu, Und hat mit einer Liebe mich geliebt, Wie noch kein Weib geliebt, das ich gekannt. Doch Liebe zwingt zur Gegenliebe nicht In meinen Jahren; mag's auch anders sein In warmer Jugend. Und bei Ritterthum Und Wahrheit schwör' ich: nimmer gab ich ihr Zu solcher Liebe Grund; mit Absicht nicht. Zu Zeugen ruf' ich ihre Brüder an, Die mir befreundet; ihren Vater selbst, Der barsch und rauh mit ihr zu sein mich bat, Und irgend eine Kränkung ihr zu thun, Als Todesstoß für ihre Leidenschaft. Das widerstritt mir. Was ich konnte, that ich, Und ohne Lebewohl verließ ich sie. Hätt' ich geahnt, daß es das Herz ihr brach, So hätt' ich sonst ein Mittel schlecht und recht, Der Aermsten Wahn zu heilen, mir erdacht.«   Da sprach Ginevra, deren Zorn der See, Der nach dem Sturm noch aufgewühlten, glich: »Ihr hättet mindestens soviel Liebes ihr Erwiesen, edler Ritter, vor dem Tod Sie zu bewahren.« – Er erhob das Haupt, Und ihre Blicke trafen sich: sie schlug Die Augen nieder. Lancelot fuhr fort:   »Nur eins, o Herrin, hätte sie beglückt: Mein Weib zu werden, was nicht möglich war. Dann mir zu folgen durch die ganze Welt, War ihr Begehr: auch dies versagt' ich ihr, Denn ihre Liebe, meint' ich, sei der Aufblitz Der Jugend nur, und würde rasch verglüh'n, Um einst mit mildrer Flamme zu erstehn Für einen Würd'gern; diesen wollt' ich dann, Besonders wenn in Armuth sie gefreit, 54 Mit reichem Gut ausstatten und mit Land In meinem Reiche drüben an den Seen: Ihr Glück begründen wollt' ich, aber mehr Vermöcht' ich nicht; sie schlug es aus, und starb.«   Er schwieg, und Artus nahm das Wort und sprach: »Mein Ritter, dir als Ritter steht es an, Und mir, als unsrer Tafelrunde Haupt, Ein würdevoll Begräbniß ihr zu weih'n.«   Und zur Kapelle, die zu jener Zeit Die reichste war im ganzen Königreich, Schritt feierlich, von Artus angeführt, Im Trauerzug der Tafelrunde Bund, Und trüber noch, als sonst, Herr Lancelot. – Nicht ärmlich, nicht als unbekannte Maid, Mit Pracht und Ehren trug man sie zu Grab, Mit Gottesdienst und dumpfem Orgelklang, Gleich einer Fürstin. Als ihr lieblich Haupt Von Ritterhänden sanft gebettet war Im Moder halb vergeßner Könige, Sprach Artus: »kostbar soll ihr Grabmal sein, Und auf dem Sarg ihr Bild gemeißelt ruh'n: Der Schild Herrn Lancelot's zu Füßen ihr, In ihrer Hand die Lilie. Laßt den Sarg An alle treuen Herzen den Bericht Verkünden ihrer wehmuthsvollen Fahrt, In Lettern blau und golden.« – Also ward's Hernach vollführt; doch jetzt, als Lords und Frau'n Und Volk der hohen Pforte buntgemischt Entströmten, – Jeder wollte gern nach Haus, – Ersah die Königin Herrn Lancelot. – Er schritt allein; sie nahte sich und sprach Mit einem Seufzer, im Vorübergehn: »Vergebt mir, Lancelot; voll Eifersucht Ist meine Liebe.« Mit gesenktem Blick Erwidert er: »das ist der Liebe Fluch; Euch ist verziehn; geht weiter, Königin.« Doch Artus, der die Wolken seiner Stirn Bemerkte, kam, und schlang voll Herzlichkeit Um seine Schultern einen Arm, und sprach:   »O Lancelot, mein Lancelot, für den Ich ganz Vertrau'n und Liebe, denn ich weiß, Was in der Schlacht du, mir zur Seite, warst; Und oft ersah ich, wie du beim Turnier Die altbewährten, rüst'gen Ritter schlugst, Und ließest ungeübte, jüngre, gehn, Sich Ehre zu gewinnen erst und Ruhm; Drum liebt' ich deinen Edelsinn, und dich Als einen Mann, den Jeder lieben muß. Und dennoch hätt' ich jetzt zu Gott gewollt, – Denn Arges spricht von dir die böse Welt, – Daß du zu lieben diese Maid vermocht, Die nur für dich, so scheint es, Gott erschuf. Und wenn man von der Todten schließen darf Auf die Lebend'ge, war sie zart und rein, Und wunderlieblich war ihr Angesicht. Und bist du jetzt vereinsamt, kinderlos Und unvermählt, so wär' aus ihr vielleicht Ein edler Stamm von Söhnen dir erblüht, Geziert mit deines Ruhms und Namens Glanz, Mein edler Ritter, Lancelot vom See.«   Drauf Lancelot: »mein König, sie war schön; Und rein, wie Ihr Euch Eure Ritter wünscht. An ihrer Schönheit zweifeln, Blindheit wär's, Und herzlos wär' es, ihre Reinheit schmähn. Ja, müßt' ein Wesen, weil es liebenswerth, Zur Liebe zwingen, hätt' ich sie geliebt; Doch freie Neigung duldet keinen Zwang.«   »In solchen Fesseln wär' ein freies Herz Am freisten,« sprach der König. »Liebesglück Aus freier Neigung bleibt das Beste doch; Was, nächst dem Himmel, wär' im öden Bann Des Diesseits Glück, wenn solche Liebe nicht, So rein, im Kleide solcher Lieblichkeit? Doch dich zu fesseln, war ihr nicht bestimmt, Obgleich du keine andern Fesseln trägst, Und, wie ich weiß, im Herzen edel bist.«   Kein Wort erwidernd ging Herr Lancelot, Und an der Mündung eines kleinen Bachs In einer Grotte saß er lang' am Fluß, Und sah dem Wogen zu des hohen Schilfs, Und hob den Blick; da sah er, wie der Kahn, Der sie gebracht, in weiter Ferne schon Als dunkler Punkt den Fluß hinunter trieb. Und in ihm sprach's: »du schlichtes, süßes Herz, Du Maid hast mich weit zärtlicher geliebt, Das weiß ich wohl, als meine Königin. Für deine Seele beten? ja, ich will's; Und nun fahr wohl, du schöne Lilie mein; Jetzt mind'stens nehm' ich Abschied. Eifersucht Aus Liebe? nicht vielmehr der herbe Rest 55 Erstorbner Neigung: eifersücht'ger Stolz? Und ließ ich, Herrin, deine Eifersucht Aus Liebe gelten, muß die Sorge nicht, Die du für Ruf und Namen wachsend hegst, Mir sagen, daß dein Herz erkaltet ist? – Was war's, daß Artus meinen Namen so Bedeutsam sprach? Vor Scham muß ich erglüh'n, Mein eigner Name klingt wie Vorwurf mir, Dem Lancelot, den, wie die Sage geht, Die Fee der Seen seiner Mutter stahl; Sie sang mir Strophen dunkler Lieder vor, Gesang der Wellen; küßte morgens mich Und abends, und dann sprach sie: »du bist schön, Bist schön, mein Kind, gleich eines Königs Sohn,« Und trug mich oft auf ihrem Arm, und schritt Am düstern Wasser auf und ab mit mir; O, wollt' ich doch, sie hätte mich ertränkt! Was leb' ich noch? was nützt mir all mein Ruhm Als größter Ritter? schwer erkämpft' ich ihn, Und Freude, daß er mein ist, hab' ich nicht; Doch könnt' ich ihn nicht missen ohne Leid, Denn meines Wesens ward er jetzt ein Theil. Doch wozu dient er? soll verderbter noch Die Menschheit werden, weil ein Jeder hört Von meiner Sünde? soll verzeihlicher Die Sünde scheinen durch des Sünders Ruhm? Weh mir, daß Artus' größter Ritter nicht Zugleich ein Mann nach Artus' Herzen ist! Ich muß die Fesseln brechen, die mich so Entehren, aber wollen muß auch sie; Doch würd' ich wollen, wenn sie wollte? weh, Wer weiß? doch wollt' ich's nicht, dann möge Gott, – Das bet' ich, – einen Engel unverweilt Herniedersenden, an den Haaren mich Zu packen, und zu schleppen weit von hier, Und mich zu schleudern tief in jenen Pfuhl, Den längst vergeßnen, zu dem Trümmergraus Zermalmter Felsen.« –                                   So in Reu' und Leid Aufstöhnte Lancelot, und ahnte nicht, Daß er noch sterben sollt' als Heiliger. 56     Ginevra.                 Vom Hofe flüchtig saß die Königin Ginevra weinend in dem heil'gen Haus Zu Almesbury; bei ihr ein Mägdlein nur, Die noch Novize war, und fast noch Kind. Und zwischen ihnen brannt' ein ärmlich Licht, Vom Nebel, der hereindrang, trüb umflort; Denn draußen war vom Vollmond nichts zu sehn, Und gleich dem Schleier, der ein Antlitz hüllt, So schmiegte fest sich an die todte Flur Der weiße Nebel, und das Land war stumm.   Dorthin war sie geflohn; es war das Werk Herrn Modred's, der, des Königs Schwestersohn Und nächster Blutsfreund, mit des Tigers List Den Thron im Aug', und immer sprungbereit, Nur die Gelegenheit erlauernd, lag. Drum schmälert' er im Volk des Königs Lob, Mit stummem Lächeln, leisem Lästerwort, Verstand sich mit den Lords vom »Weißen Roß«, Den Heiden, Hengist's Brut, und ließ nicht ab, Des Königs Tafelrunde zu entzwei'n, Um ihren Zwist für sein verräthrisch Ziel Zu nutzen; und ein Sporn auf dieser Bahn War ihm sein grimmer Haß auf Lancelot.   Denn eines Morgens als der ganze Hof, In Grün gekleidet, doch mit Federn, die Den Mai beschämten, nach gewohntem Brauch Vom Frühlingsfest des Blumenpflückens kam, Erklomm Herr Modred, noch in grüner Tracht, Der Gartenmauer Rand, ganz Aug' und Ohr, Um nach geheimem Aergerniß zu spähn; Und sah die Königin sitzen zwischen Enid, Dem besten, und der Schlange Viviana, Dem listigsten und schlimmsten Weib am Hof. Mehr sah er nicht; denn Lancelot kam des Wegs, Entdeckt' ihn dort, und wie des Gärtners Hand Vom Kohlbeet eine grüne Raupe reißt, So zog ihn bei der Ferse Lancelot Herunter aus der Gräser blüh'ndem Wald, Und warf ihn, einem Wurm gleich, auf den Weg, Dann aber in dem arg bestaubten Mann Des Königs Blut erkennend, und im Schurken Den Prinzen ehrend, bat er ritterlich Und ehrlich um Verzeihung, ohne Spott; – Spott kannten Artus' Paladine nicht, Die edeln Ritter; nur dem Buckligen Und Lahmen ward von denen, welche Gott Starkgliedrig schuf und schlank, der Spott erlaubt, Als Erbtheil des Gebrechens; – und ihm ward Vom König und der ganzen Tafel sanft Erwidert. Also half Herr Lancelot Dem Prinzen auf, der zwei bis dreimal rasch Die Knie sich klopfend dann mit Lächeln ging. Doch fraß fortan die kleine Züchtigung Am Herzen ihm, und gönnt' ihm keine Ruh', Wie wenn ein scharfer Wind den ganzen Tag Den kleinen salz'gen Pfuhl um einen Stein Am kahlen Strande peitscht.                                           Erst lachte zwar, Als Lancelot ihr erzählte, was geschehn, 57 Die Königin; denn Modred's staub'ger Fall Erschien ihr lustig; doch dann graust' es ihr, Der Bäurin gleich, die ruft: »mich überläuft's; Es trat so eben Einer auf mein Grab.« Dann wieder lachte sie, doch nicht so hell; Denn in der That, ihr ahnte damals schon, Daß dieser list'ge Tiger ihrer Schuld Nachspüren werde, bis er sie entlarvt, Und daß ihr Name dann auf immerdar Der Schmach verfalle. Selten wagte sie Hinfort im Saal, noch wo sie sonst ihn traf, Zu trotzen Modred's schmalem Fuchsgesicht; Unheimlich war sein Heuchlerlächeln ihr, Und seines grauen Auges Späherblick. Und selbst die Macht, die für die Seelen sorgt, Die Helferin in Tod und Ewigkeit, Der Menschen Trost im Sterben, ward ihr jetzt Zur Pein und Qual. Oft zogen stundenlang Gestalten ihr vorüber, grausige, In stiller Nacht, wenn ruhig neben ihr Der König schlief, und eine Geisterfurcht Erhielt sie wach, gleich dem unheimlichen Geräusch von knarr'nden Thüren, das den Schlaf In einem Hause scheucht, in dem es spukt, Und Rost des Mordes an den Wänden klebt. – Und schlief sie ein, so war voll Angst ihr Traum: Auf weiter Ebne meinte sie zu stehn; Die Sonne sank, und aus der Sonne kam Ein furchtbar Wesen auf sie zugeschwebt, Und düster zog sein Schatten vor ihm her, Bis er sie traf. Sie wandte sich zur Flucht, Doch sieh: ihr eigner Schatten dehnte sich Vor ihren Füßen, und verschlang in Nacht Das ganze Land, und Städte brannten fern: Mit einem Angstschrei ward sie wach. Es nahm Die Qual kein Ende, sondern wuchs, bis selbst Der milde Blick des Königs ohne Arg, Sein freundlich Wesen, so vertrauensvoll In Allem, was sein häuslich Glück betraf, Zu Gift ihr wurde, und sie endlich sprach: »O Lancelot, scheide! geh in's eigne Land! Wir sehn und sehn uns wieder, wenn du bleibst; Doch kann ein böser Zufall jedesmal Das Aergerniß, das jetzt schon glimmt und raucht, Zur hellen Gluth entfachen, Angesichts Des Volkes und des Königs unsres Herrn.« Und stets versprach es Lancelot, doch er blieb; Und heimlich trafen sie sich fort und fort. Da sagte sie noch einmal: »Lancelot, Wenn du mich liebst, so reiß' dich los von hier.« Und nun ward ausgemacht, in einer Nacht, In der der gute König nicht daheim, Sich noch zu treffen, und auf ewig dann Zu scheiden. Und es kam die Abschiedsnacht; Und schmerzensbleich begrüßte sich das Paar, Und saß dann Aug' in Auge, Hand in Hand, Auf ihres Lagers Rand, mit starrem Blick Und stammelnd; ihre letzte Stunde war's, Ein Abschiedstaumel. Modred hatt' indeß Die Spießgesellen in das Erdgeschoß Des Thurms gebracht; sie sollten Zeugen sein; Und brüllte laut: »nun bist du doch ertappt; Heraus, Verräther!« – Auf fuhr Lancelot, Und stürmt' hinaus, und sprang, dem Löwen gleich Auf Modred ein, und warf ihn wuchtig hin; Sein Kopf schlug auf; betäubt lag Modred da; Doch schnell zur Hand war seiner Helfer Troß, Und trug ihn fort, und Alles wurde still. – Da sagte sie: »nun ist das Ende da; Ich bin entehrt auf ewig.« – Und er sprach: »Mein sei die Schmach; mein war die Schuld; doch auf Zur Flucht nach meinem festen Schloß am See; Dort berg' ich dich, so lang ich Leben hab'; Dort gegen eine Welt behaupt' ich dich Mit meinem Leben.« – Sie drauf: »Lancelot, Denkst du mich so zu halten? Nein, mein Freund, Wir nahmen Abschied. Aber wollte Gott, Daß du mich bergen könntest vor mir selbst! Mein ist die Schmach; denn ich war Gattin; du Warst nie vermählt. Doch auf jetzt, laß uns fliehn; Zur Freistatt will ich, meines Urtheils dort Zu harr'n.« Nun holte Lancelot ihr Pferd, Hob sie hinauf, und stieg dann selbst zu Roß; Selbander ritten sie zum Scheideweg, Und küßten sich, und schieden thränenvoll. Denn er, der liebend den geringsten Wunsch Der Herrin ehrte, ritt in's eigne Land; Sie floh gen Almesbury durch Nacht und Wind; In bleichem Schein lag Wald und Wildniß da; Und wie sie floh, war ihr's, als riefe Weh Die Geisterwelt des Waldes und der Flur; Wie banges Stöhnen klang es ihr in's Ohr; Und stöhnend sprach sie nach: »zu spät, zu spät!« Und als, ein Punkt am Himmel über ihr, Im kalten Wind, der vor dem Morgen herweht, 58 Ein Rabe krächzend hoch und höher flog, »Nach einer Wahlstatt späht er,« dachte sie, »Denn jetzt beginnt des Nordmeers Heidenvolk, Gelockt durch Schuld und Eitelkeit am Hof, Zu morden und zu plündern Volk und Land.«   Und als sie kam nach Almesbury, beschwor Sie dort die Nonnen: »meine Feinde sind Auf meiner Spur; doch, milde Schwesterschaft, Nehmt Ihr mich auf, und gönnet Freistatt mir, Und fragt nach Eures Schützlings Namen nicht, Bevor es Zeit für sie zum Reden ist.« Und ihre Schönheit, Anmuth, Majestät, Sie wirkten auf die Nonnen zaubergleich, Daß sie nicht fragten.                                 Manche Woche nun Blieb ungekannt die stolze Königin Im Kloster. Ihren Namen sagte sie Den Nonnen nicht; sie mied sie; saß gehüllt In ihren Gram, und frug nach Beichte nicht Noch Abendmahl; mit jenem Mägdlein nur Verkehrend, die mit sorglos plaudernder Natürlichkeit ihr wohlthat, und sie oft Sich selbst entrückte. Doch heut' Abend ging Ein sich unheimlich steigerndes Gerücht, Daß Modred mit den Heiden einen Bund Geschlossen, und des Reichs sich angemaßt, Indeß der König gegen Lancelot In's Feld gezogen. Traurig dachte sie: »Mit welchem Haß der König und das Volk Mich hassen müssen!« und verbarg ihr Haupt In beide Hände. Doch das Mägdlein hielt Kein Schweigen aus, und meinte: »spät, so spät! Soll mich doch wundern, welche Zeit es ist.« Und als es still blieb, da begann das Kind Ein von den Nonnen ihr gelehrtes Lied Zu summen, drin es hieß: »so spät, so spät.« – Bei diesen Tönen sah die Königin Empor und sprach: »Kind, wenn du wirklich Lust Zum Singen hast, sing' und erleichtre mir Mein starres Herz, damit ich weinen kann.« Und gern und willig sang die kleine Maid:   »Spät, spät, so spät, und schwarz und kalt die Nacht. Spät, spät, so spät, doch wird wohl aufgemacht; Zu spät, zu spät; man läßt Euch nicht mehr ein.   Wir bringen, ach, kein Licht, doch Reu' und Gram; Vielleicht verzeiht uns drum der Bräutigam; Zu spät, zu spät; Ihr dürft nicht mehr hinein.   Kein Licht, – so kalt, – die Finsterniß so dicht! O laßt uns ein; wir finden drinnen Licht; Zu spät, zu spät; Ihr dürft nicht mehr hinein.   Der Bräut'gam ist so mild; wir hoffen drauf; Daß wir den Fuß ihm küssen, macht uns auf; Zu spät, zu spät! Ihr dürft nicht mehr hinein.«   So sang die Maid, die Königin aber saß Gestützten Haupts, und weinte bitterlich; Denn aus dem Liede klang es auch: »zu spät,« Das Wort, das sie gedacht auf ihrer Flucht; Doch plaudernd sprach die kleine Maid ihr zu:   »O bitte, weint nicht länger, edle Frau; Nein, laßt mein Lied, des armen Kindes Lied, – Das, sonst unwissend, nur Gehorsam kennt, Und das man straft, sobald es nicht gehorcht, – Im Leid Euch trösten. Eure Traurigkeit Hat ihren Grund in keiner bösen That; Deß bin ich sicher, wenn ich Euch so hold In Anmuth und in Hoheit vor mir seh'. Vergleicht mit unsres Herrn und Königs Leid Das Eure nur, und leichter findet Ihr's; Der König ging, und kämpft mit Lancelot Auf Tod und Leben und das feste Schloß, In welchem er die Königin verwahrt; Und Modred, dem er Alles anvertraut, – Der Schurke, – theure Frau, des Königs Schmerz Um sich, und seine Königin, und sein Reich, Muß dreimal größer sein, als jedes Leid Von Unsereinem. Dank den Heiligen, Ich bin nicht vornehm. Wenn ich Kummer habe, So wein' ich still mich aus, und damit gut; Kein Mensch erfährt's, und Thränen trösten mich. Doch wäre selbst der Kleinen Leid so groß, Wie das der Großen, dennoch hat das Leid, Das diese tragen, einen Stachel mehr: Wie sehr sie trachten nach Verborgenheit, Nicht hinter Wolken weinen können sie; So spricht man hier in Almesbury sogar Vom guten König und der bösen Frau, Der Königin; – und wenn ich König wär', Mit solcher Königin, wohl möcht' ich dann, 59 Wie schlecht sie ist, verschleiern vor der Welt; Doch als ein solcher König könnt' ich's nicht.«   Ginevra dachte gramvoll: »will das Kind Mich durch das Plaudern seiner Unschuld tödten?« Dann gab sie laut zur Antwort: »muß ich nicht, Wenn dieser Bube seinen Herrn entthront, Mittrauern in dem Schmerz des ganzen Reichs?«   »Ja,« sprach die Maid, »'s ist aller Frauen Gram, Daß sie ein Weib ist, deren ehrlos Thun Die Tafelrund' in Hader aufgelöst. Ach, Zeichen sind und Wunder wohl geschehn, Als sie vor Jahren dort zu Camelot Der gute König Artus stiftete, Noch vor der Ankunft dieser Königin.«   Ginevra dachte wieder: »will das Kind Mich tödten mit dem thörichten Geschwätz?« Laut aber sprach und sagte sie zu ihr: »Was kannst du wissen, arme kleine Maid, Die man in Klostermauern eingesperrt, Von Tafelrunden und von Königen, Von Zeichen und von Wundern andrer Art, Als deines Klosters schlichte Wunder sind?«   Geschwätzig aber fuhr die Kleine fort: »Ja wohl, ich weiß es doch; voll Zeichen war Das Land und Wundern, eh die Königin Gekommen war; mein Vater hat's gesagt, Der selbst der hohen Tafel Paladin Seit ihrer Gründung, und von Lyonesse Zur Stiftung kam; er hat erzählt: er ritt, – Es war 'ne Stunde, war vielleicht auch zwei, Nach Sonnenuntergang – am Strand entlang, Und hörte plötzlich wunderbaren Klang, Fast wie Musik, – er hielt, und sah sich um; Und sah, soweit der Strand von Lyonesse Sich einsam dehnt, die Vorgebirge glühn; Auf jedem Gipfel flammt' ein Feuerstern, Und in der Tiefe flackernd helles Licht, Bis in des Westens reiche Fernen hin. Und in dem Licht die weiße Nixe schwamm; Und mächt'ge Wesen tauchten aus der See Mit menschengleich geformtem Oberleib, Und brüllten mit des tiefen Meeres Ton In's Land hinein, worauf aus Schlucht und Spalt Der kleinen Elfen Schaar erwiderte, Daß es beinah wie ferne Hörner klang. So hat mein Vater es erzählt, – und mehr: Als er Tags drauf durch Waldesdämmer ritt, Gewahrt' er selbst drei Elfen, die wie toll Vor Lust sich haschten, und am Wegesrand Auf eine schlanke Blume taumelten. Der Stengel bebte, wie die Distel bebt, Um deren Samen grauer Finken drei Sich beißen; – und der Elfen Reigen schwang Sich Abends schimmernd, und zerstob in Flucht Vor seinem Pferd; und wieder schloß er sich, Und kreiste schimmernd, und zerstob in Flucht; Denn voll von Leben war das ganze Land. Und als er endlich kam nach Camelot, Da kreisten flinke Tänzer Hand in Hand Im hellen Lampenschein des hohen Saals; Und solch ein Gastmahl war im ganzen Schloß, Wie noch kein Mensch, selbst nicht im Traume, sah; Denn jedem Ritter wurde das Gericht, Das er begehrt, von unsichtbarer Hand Gleich vorgesetzt; und in den Kellern ritt Auf jedem Faß ein luft'ger dicker Gnom, Den Zapfhahn schulternd, und es floß der Wein. – So waren Menschen, waren Geister froh, Bevor die sündenvolle Königin kam.«   Da sprach, und bitter klang's, die Königin: »War man so froh? dann waren's traurige Propheten sammt und sonders, Mensch und Geist. Vermochte Keiner, selbst dein Vater nicht, Der doch vor Klugheit nichts als Wunder sah, Zu ahnen, was das Reich betroffen hat?«   Und die Novize fuhr geschwätzig fort: »Ein Barde that's, von dem mein Vater sprach, Er hätte manchen hehren Schlachtgesang Der Feinde Flotten kühn in's Angesicht Geschleudert, zwischen steilem Klippenhang Und Wogenschwall. Er sang auf wolkigen Höh'n Von Tod und Leben bilderreichen Sang, Indeß der Hügel Geister huldigend Sich neigten, und ihr thaubenetztes Haar Im Winde flog, und strahlte Flammen gleich. So sprach mein Vater; – und der Barde sang In jener Nacht von Artus' Heldenkriegen; Er sang vom König: daß er fast zu groß, Um Mensch zu sein, und spottete des Wahns, Der ihn den Bastard Gorlois' genannt; – 60 Denn ein Geheimniß war, woher er kam; Nach einem Sturm, wo donnernd an's Gestad Von Bude und Boß die lange Woge schlug, Erschien ein Tag, so still wie Himmelsruh'; Da fand man auf Dundagils ödem Sand Am Strand der See von Wales ein nacktes Kind; Und das war Artus; dort erzog man ihn, Bis Wunder ihn als König offenbart. – Und weiter sang er: gleich geheimnißvoll Werd' einst sein Grab, wie seine Herkunft sein; Und fänd' er ein in ihrer Weiblichkeit Der eignen Mannheit ebenbürt'ges Weib, Die Welt verwandeln könnten dann die Zwei. – So tönte hohen Flugs des Sängers Lied; Doch plötzlich stockend ward er todesbleich, Und ließ die Harfe stöhnend seiner Hand Entgleiten, selbst hinsinkend, hätte man Ihn nicht gehalten. Was sein Geist geschaut, Er sprach's nicht aus; doch wer bezweifelte, Daß er, voll Ahnung das verruchte Thun Der Königin und Lancelot's geschaut?«   »Um mich zu höhnen, haben sie das Kind Mir zugesellt, die fromme Frau Aebtissin Und ihre Nonnen,« also dachte nun Die Königin, und beugte sich, und schwieg. Doch händeringend und geschwätzig schalt Sich die Novize jetzt als Schwätzerin; Die guten Nonnen müßten oft genug Ihr keckes Zünglein, sprach sie, bändigen; »Und, liebe süße Dame, schickt sich's nicht, Daß ich ein Ohr, zu traurig, um auf mich Zu hören, mit Geschwätz belästige Von meines guten Vaters Abenteuern, Verweist es mir, daß nicht mein Vater sich Im Grabe schämt, er, der ein Muster war Von edler Sitte; sagt' er selbst auch immer, Die feinsten Sitten hab' Herr Lancelot. – Ach, er ist todt, erschlagen beim Turnier, Fünf Sommer bald, – ach, ich verwaistes Kind! Doch von den Andern, die noch übrig sind, Von den an Hochsinn zwei Gepriesensten, – Ach bitte, heißt mich schweigen, frag' ich dumm, – Doch bitte, sagt: als Ihr sie täglich saht, Wer war an Sitt' und Art der Edelste, Herr Lancelot oder unser Herr, der König?«   Da sah die bleiche Königin auf, und sprach: »Herr Lancelot, wie dem Paladin geziemt, War fein und huldreich gegen alle Frau'n, Und war in offner Schlacht und beim Turnier Die Großmuth selbst; und auch der König war In offner Feldschlacht und beim Waffenspiel Die Großmuth selbst; und Beide leuchteten An Würd' und Anmuth allen Männern vor; Denn Sitten sind nichts Eitles, sind vielmehr Des Biedersinns und Edelmuthes Frucht.«   »Ja,« sprach das Kind, »sind Sitten eine Frucht So hohen Sinn's? dann müssen tausendmal Herrn Lancelot's Sitten minder edel sein; Er ist ja, das bestätigt jeder Mund, Der ungetreuste Freund in aller Welt.«   Da sagte wehmuthsvoll die Königin: »O Maid in enger Klostermauern Haft, Kennst du die Welt mit allem ihren Licht Und Schatten, allem Glück und allem Weh? Wenn Lancelot, der hochgesinnte Mann, Sich selbst in schwacher Stunde untreu ward, So bete du, daß ihn der Flammenspruch Des Richters schont; und weine, wein' um sie, Um derentwillen er dem Spruch verfiel.«   »Für Beide bet' ich,« sprach die Kleine, »ja; Doch daß Herrn Lancelot's Sitten edel sind, Wie die des Königs, könnt' ich grad' so gut Mir denken, süße Herrin, als daß Ihr So gut und lieblich wärt, wie Ihr doch seid, Wenn ihr die Königin wärt, die Sünderin.«   So ging es ihr, wie manchem Schwätzer noch; Sie wollte schmeicheln, und beleidigte, Sie wollte heilen, und verletzte nur. Denn nunmehr färbte dunkle Zornesgluth Ginevra's bleiche Wangen, und sie rief: »Nie geb' es eine Zweite, so wie du! Du bist ihr Werkzeug, bist nur angestellt, Daß du mich quälst und marterst und verhöhnst, Du Schlange! du erbärmlicher Spion!« Erschrocken sprang, als dieser Sturm von Wuth Zum Ausbruch kam, das Mädchen auf, und stand Weiß, wie ihr Schleier, vor der Königin; Wie Schaum am Strand im Winde zitternd steht, Gewärtig sich zu lösen und zu fliehn. Und als die Königin ausrief: »fort mit dir!« 61 Entfloh sie bebend. Jene blieb allein, Und seufzte tief, und faßte wieder Muth, Und sprach für sich: »sie dachte nichts dabei, Das offenherz'ge, furchtgequälte Kind; Nur meine eigne zu besorgte Schuld Verräth sich selbst, einfält'ger als ein Kind. Doch hilf mir Himmel, ich bereue ja; Denn was ist wahre Reu', als nimmermehr, Auch mit dem leisesten Gedanken nicht, Die Sünden wollen, die so reizend uns Das Leben machten in vergangner Zeit? Und hab' ich nicht geschworen, daß ich ihn Nicht wiedersehn will, nimmer wiedersehn?«   Noch sprach sie so, da schwebte schmeichelnd schon Vor ihrem Geist das alte traute Bild Der goldnen Zeit, als sie zuerst ihn sah; Da Lancelot, den man pries als schönsten Mann Und besten Ritter, als Gesandter kam, Sie zuzuführen Artus, seinem Herrn, Und mit ihr aufbrach, und sie, weit voraus Dem Dienertroß, so wonnevoll geschwelgt, In zartem Plaudern oder munterm Scherz Von Liebe, Spiel, Turnier und Lebenslust. So ritten sie dahin zur Maienzeit, Und dachten noch im Traum an Sünde nicht; Und über ihnen wölbten Wälder sich Im Schmuck der Blüthen, Edens Hainen gleich; Mit Hyacinthen war der Pfad besä't, Als blauten Himmel aus dem Grund hervor. Von Hügel so zu Hügel zog das Paar, Und sah an jedem Tag zur Mittagszeit Des Königs Artus' seidne Zelte stehn In irgend einem wundervollen Thal Zu kurzem Mahl und stiller Mittagsruh; Denn Boten eilten stets vor ihnen her; Und weiter ging's, bis, eh' die Sonne sank, Sie wiederum die Drachen schimmern sahn, Die fünf verschlungnen, die das Prachtgezelt Des Königs krönten, das bereitet stand Am raschen Gießbach oder stillen Quell.   So, selbst vergessen, sann die Königin Vertieft in Träume der Vergangenheit, Und immer weiter, bis zum Augenblick, Wo sie zum ersten Mal den König sah, Der von der Stadt her ihr entgegen ritt. Sie merkte seufzend, daß die Reise nun Zu Ende war, und blickte hin nach ihm; Er schien ihr kalt, gemessen, lieblos, stolz, »Nicht so wie er ; nicht wie mein Lancelot.« –   So saß sie brütend, in Gedanken fast Schon wieder schuldig, als am äußern Thor, Geharnischt, hoch zu Roß, ein Ritter hielt. Durch's Kloster lief ein leises Flüstern erst; Dann plötzlich ward ein Ruf: »der König,« laut. Starr vor Entsetzen, horchend, saß sie da; Schon klirrte stahlbewehrter Füße Tritt Vom Thor her durch den langen Zellengang. Vorüber warf sie sich von ihrem Sitz, Und streifte kriechend mit der Stirn die Flur; Ihr Arm wie Marmor zog ihr dunkles Haar Vor ihr Gesicht, als solle Finsterniß Sie schützend bergen vor des Königs Blick. Doch hörte sie durch's Dunkel, wie sein Fuß, Der stahlbewehrte, stillstand neben ihr; Und Alles schwieg; bis eine Stimme, dumpf Und tonlos, wie die Stimme des Gerichts Aus Geistermund, – doch, ob verändert, war's Des Königs Stimme, – diese Worte sprach:   »Liegst du so elend, Tochter eines Mannes, Den ich geehrt? Er starb, der Glückliche, Vor deiner Schmach. Gut ist es, daß dein Schooß Kein Kind gebar. Die Kinder, die du trägst, Sind Schwert und Feuer, Trümmer sind's und Blut, Gesetzesbruch, Verrath an der Natur, Und gottlos Bündniß mit dem Heidenvolk, Das jetzt in Schaaren auf dem Nordmeer schwärmt. So lang Herr Lancelot, mein rechter Arm, Und meiner Ritter stärkster, zu mir hielt, Allüberall in diesem Christenland, Zwölfmal in offner Feldschlacht schlug ich sie, Daß sie verdarben. Und von wannen ich Jetzt komme, weißt du's? Aus ergrimmtem Kampf, – Kampf gegen ihn, – und er, der in die Bahn Des Unheils mich zu schleudern nicht gebebt, So viel von Ritterehre blieb ihm doch: Nicht gegen seinen König, der ihn einst Zum Ritter schlug, erhob sich seine Hand. Doch mancher Ritter liegt entseelt im Feld, Und noch viel mehr aus Freund- und Vetterschaft Mit Lancelot, verließen mich um ihn; Und noch viel mehr, vergessend ihrer Treu', 62 Und Lehenspflicht, gesellten sich zu Modred; Ein Rest nur steht zu mir. Von diesem Rest Ein Häuflein send' ich: – treue Männer sind's, Und lieben mich, der nur für sich noch lebt. So schütz' ich dich, wenn jene Stunde naht, Die Grauses bringt, und lasse dir kein Haar Versehren deines tief gesunknen Haupts. Hab' keine Furcht; du stehst in sicherm Schutz, So lang' ich lebe. Zwar, ich weiß es wohl, Wenn alte Prophezeihung nicht geirrt, So geh' ich, zu erfüllen mein Geschick. Nicht hast du so das Leben mir versüßt, Daß ich, der König, sehr am Leben hinge: Vernichtet hast du meines Lebens Zweck. Zum letzten Mal jetzt schenke mir Geduld; Um deinetwillen zeigt' ich dir noch gern, Was du gesündigt. – Als die Römer uns Verließen, und die Fessel ihres Rechts Uns nicht mehr band, und Raub auf Weg und Steg Sein Wesen trieb, glich tapfre Mannesthat Vereinzelt, hier und da, das Unrecht aus. Ich aber bin der König, der zuerst Aus dieses Reiches irr'nder Ritterschaft, Und aller Reiche, deren Haupt ich war, Den Ehrenbund der Tafelrunde schuf. Ein hehrer Kreis, der Menschheit Blüthe war's, Ein Spiegel für die Mächtigen der Welt, Ein schöner Anfang einer neuen Zeit. In meine Hände schwuren Alle mir, Zu fürchten ihren König, gleich als wär' Er ihr Gewissen; ihr Gewissen gleich Als wär's ihr König, – Christus zu erhöhn, Die Heiden zu vernichten, auszuziehn Zum Schutz der Unschuld gegen Frevelthat, Der Lästrung weder Mund noch Ohr zu leihn, In reiner Keuschheit züchtig vor der Welt Und Gott zu leben, eine Jungfrau nur Unwandelbar zu lieben, jahrelang Durch edle Thaten ihr zu huldigen, Bis sie gewonnen, – denn der Leidenschaft, Der ersten, keuschen für ein edles Weib, Kommt keine Weisheit dieser Erde gleich, Nicht das Gemeine nur zu bändigen, Nein: auch zum Edlen uns emporzuziehn, Uns Worte, deren Klang zum Herzen dringt, Und Wahrheitssinn und Anmuth zu verleihn, Und Alles, was den Mann zum Manne macht. Und wohl gedieh mir's, bis ich dich gefreit. Sieh, dacht' ich, die Gefährtin meines Werks, Ein Weib, das auch für meine Zwecke fühlt, Und die sich freut an dem, was mich erfreut. Da kam mit Lancelot deine sünd'ge Schmach, Und Tristan's und Isolden's Sünde kam; Und vom verruchten Beispiel angesteckt Der stolzen Namen dieser Mächtigsten Von meinen Rittern, fielen Andre noch In Sünde, bis das ekle Gegentheil All dessen herrschte, was mein Herz ersehnt. Das war dein Werk; und wenig frag' ich nun Nach meinem Leben. Zwar behüt' ich es Als Gottes gnäd'ge Gabe vor Verrath Und Schaden; aber denken muß ich oft, Was Artus litte, wenn er unversehrt Einst wieder säß' in seinem öden Saal; Und mißte seiner Ritter trauten Kreis, Und mißte das begeisterte Gespräch Von Ruhm und Tugend, das in alter Zeit, Bevor du fielst, mir goldne Tage schuf. Denn wer von uns, der etwa übrig wär', Wer spräch' es aus, das Wort: »ein reines Herz,« Und zielte scheinbar nicht auf dich dabei? Und deinen Schatten würd' ich immer noch Im Schloß zu Camelot und im Schloß am Usk Durch der Gemächer Reihen gleiten sehn; Ein Kleid am Rechen, ein vergeßner Schmuck, Sie riefen quälend stets dich mir zurück; Das Echo von den Stiegen schreckte mich, Als hört' ich deinen geisterhaften Schritt: Denn denke nicht, weil du ihn nie geliebt, Daß deines Gatten Liebe ganz erlosch; So wandelbaren Stoffes bin ich nicht. Doch deiner Schande überlaß ich dich, Ich muß es, Weib! denn ich erkläre Den Für des Gemeinwohls allerschlimmsten Feind, Der eine Gattin, die er falsch erfand, Aus träger Selbstsucht, oder weil ihm bangt, Sonst treffe Schmach die Kinder seines Bluts, Als Herrin noch im Hause schalten läßt. Denn seine Feigheit sichert ihren Platz; Für rein gehalten wird sie vor der Welt, Und schleicht sich ein gleich einer neuen Pest, Die Niemand kennt, vor der sich Niemand wahrt. Aus ihren Augen sprüht verruchte Lust, Und untergräbt die Treue deines Freunds; Zu Teufelssprüngen stachelt sie sein Blut; Die halbe Jugend krankt an ihrem Gift. 63 O Schmach und Schande, wär' der König selbst Solch schnöder Feigling! Besser, daß sein Heerd Verödet steht, und daß das Herz ihm bricht, Als daß du wieder thronst in Glanz und Licht, Von meinem Volk verspottet und verflucht!«   Er schwieg, und näher kroch sie auf den Knie'n, Und suchte seine Füße zu umfahn. Von fern herüber klang ein einsam Horn. Das Schlachtroß draußen hörte Freundesruf, Und grüßte wiehernd, aber er fuhr fort:   »Doch denke nicht, ich käme, deine Schuld Dir vorzuhalten. Nein Ginevra, nein; Nicht Fluch auf meinen Lippen kam ich her; In ungeheurem Mitleid schmelz' ich hin, Dein Goldhaar, meiner Glückszeit Stolz und Lust, Im Staub zu meinen Füßen hier zu sehn. Der Zorn, der mir den grimmen Spruch entrang Des Flammentodes für Verrath und Schmach, Als ich erfuhr, daß du dich hier verbargst, – Er ist vorüber. Meine Thränen brannten, Wenn ich dein Herz dem meinigen verglich, Das, selbst ganz Treue, nicht im Traum geahnt, Du könntest trügen. Doch auch dieser Schmerz Ist abgethan, – beinahe! – Was geschehn, Das ist geschehn; begangen ist die Schuld; Und sieh: wie Gott, der Ewige, verzeiht, Verzeih' ich dir. Thu' du das Uebrige Für deine Seele. Doch wie soll ich nun Von Allem scheiden, was mir theuer war! O goldnes Haar, mit dem ich ahnungslos So oft gespielt! o wonnige Gestalt Und Schönheit, wie noch nie ein Weib besaß, Bis sie zum Fluch des Reichs in dir erschien! Berühren deine Lippen kann ich nicht; Sie sind nicht mein; du gabst sie Lancelot, Nicht deinem König. Fassen deine Hand, Ich kann es nicht; auch sie ist Fleisch; im Fleisch Hast du gesündigt: und das meine schreit, Wenn es auf dich, Entweihte, niederblickt: Mir graut vor dir! und doch, Ginevra, doch, – Denn außer dir berührt' ich nie ein Weib – Drang meine Liebe durch das Fleisch so tief In's Leben mir, daß mein Verhängniß ist: Noch immer lieb' ich dich! Der irrte sehr, Der wähnen wollt', ich liebte dich nicht mehr. Und so du deine Seele läutern willst, Und bau'st auf Christus, unsern Gnadenhort, Begegnen wir vielleicht in jener Welt, Wo Alle rein, uns einst vor Gottes Thron. – Und dann vielleicht entgegen eilst du mir, Und nennst mich dein; und ja, dann sollst du sehn, Daß ich dein Gatte bin, – kein kleinres Herz, – Nicht Lancelot, noch ein Andrer. – Laß mir dies, Mein letztes Hoffen, laß mir's. Ich muß fort; Durch's nächt'ge Dunkel hör' ich Hörnerschall; Es ist der Ruf, der mir getreuen Schaar, Nach ihrem König, der sie weit von hier Zur großen Schlacht im Westen führen soll. Dort muß ich kämpfen mit der Schwester Sohn Und seinem Bund, den Lords vom weißen Roß, Und den empörten Rittern, – muß ihn todt Hinstrecken, und vielleicht selbst in den Tod; Vielleicht, ich weiß nicht welch', geheimnißvoll Geschick erfüllen. Die Entscheidung wirst Du hier erfahren, denn du bleibst; doch ich Ich kehre nie zurück an diesen Ort; An deiner Seite ruh' ich nimmermehr, Und seh' dich nimmer wieder. Lebewohl!«   Da fühlte sie, die sich im Staube wand, Des Königs Hauch auf ihrem Nacken wehn; Und merkte mit verhüllten Augen doch, Daß über ihrem hingesunknen Haupt Sich seine Hände segnend breiteten. –   Still lauschend lag die bleiche Königin, Bis ganz verhallt sein eisenschwerer Schritt, Und wankte dann in ihrer Herzensangst Zum Fenster hin: »vielleicht erblick' ich noch Sein Angesicht, und er bemerkt mich nicht.« Und sieh: er hielt am Thore hoch zu Roß, Und vor ihm stand der Nonnen ernste Schaar, Mit Lichtern in den Händen; und er gab Den Nonnen Auftrag, Schutz und Unterhalt Ginevra zu gewähren immerdar. Allein geschlossen blieb, so lang er sprach, Sein Helm, auf dem der goldne Drache saß Brittaniens; so konnte sie nicht sehn, Wie sehr sein Antlitz einem Engel glich. Doch Pendragon's gewalt'gen Drachen, feucht Vom Nebel, von den Lichtern angestrahlt, Sie sah ihn glühn; er wandelte die Nacht In Feuerdampf; und eben wandte sich 64 Der König scheidend, und der Nebel wob, Gleich Dünsten, die den hellen Mond umziehn, Stets dicht und dichtre Schleier um ihn her. Dem Schemen eines Riesen sah er gleich, Und grauer ward der Nebel hinter ihm, Bis er zuletzt ein Nebel selber ward, Und wie ein Geist in sein Verhängniß zog.   Da griff sie mit den Armen in die Luft, Und schrie: »o Artus!« ihre Stimme brach; Dann gleich dem Bach, der von der Klippe schäumt, Im Fall zerstiebt, und, sich im tiefen Grund Auf's Neue sammelnd, hinrauscht durch das Thal, Erklang sie lauter, leidenschaftlicher:   »Dahin, – mein Gatte! – fort, durch meine Schuld, In Kampf und Tod! – verziehen hat er mir, Und ich blieb sprachlos. Lebewohl? – das Wort Hätt' ich erwidern sollen. Mich ergriff Zu tief sein Mitleid. Fort mein König, mein Gemahl der Treu', der Meine! – Wag' ich noch, Ihn mein zu nennen? haftet nicht an mir Der Schatten eines Andern, und entweiht Mir Seel' und Leib? – Der König sprach es aus: Ich bin entweiht. – Geb' ich mir selbst den Tod? Was hilft der Tod mir? meine Sünde kann Ich nimmer tödten, wenn die Seele lebt. Auch meine Schande tödten kann ich nicht, Noch kann ich leben, bis sie vor mir stirbt. Zu Wochen, Monden, wächst der Tage Zahl, Zu Jahren reiht sich wechselnd Mond an Mond, Der Jahre Lauf wird zu Jahrhunderten, An meinem Namen bleibt die Schmach geknüpft. So fahr' denn hin, verwirkter Ruf, fahr' hin! Fahr' hin mit Allem, was der Welt gehört! Was dann? was hoff' ich? eine Hoffnung war Vorhanden, mein' ich, – wenn er nicht vielleicht Mich nur verhöhnt, als er von Hoffnung sprach, Von seiner Hoffnung; – doch er spottet nie Denn Spott ist kleiner Seelen Ausgeburt. Gesegnet aber soll der König sein, Der meine Bosheit gegen ihn verzieh, Und mir den Trost ließ, daß ich sühnen kann Durch Herzensreue meine schwere Schuld, Und daß ich wieder seine Gattin bin Im Himmel einst vor Gott dem Ewigen! O großer, güt'ger Mann und König du! Was das Gewissen eines Heiligen Im Aufruhr seiner Sinne, das warst du Für deine Ritter; und mein üpp'ger Stolz Sah nicht empor zu dir; – er spottete Der Höhe, weil mir Muth und Kraft gebrach, Sie zu erklimmen! – hegt' ich doch den Wahn, Nicht athmen könn' ich in der Aetherluft, Im kalten Glanz des ungetrübten Lichts! Ich brauchte Wärme, Farben, die ich fand In Lancelot; – erst jetzt erkenn' ich dich, Als Höchsten und zugleich als Menschlichsten Vor allen Andern, auch vor Lancelot. Ist keiner hier, der es dem König sagt, Bevor er aufbricht in die große Schlacht, Daß ich ihn liebe, wenn auch erst so spät? Kein Mensch, – ich muß es selbst ihm einst gestehn In einem reinern Leben; – aber jetzt Wär' es zu kühn. Was hätt' ich nicht, o Gott, Vielleicht gemacht aus deiner schönen Welt, Hätt' ich geliebt dein edelstes Geschöpf? Den Besten lieben, hieß mich meine Pflicht; Es war mein Segen, hätt' ich ihn erkannt; Und hätt' ich nur gesehn, auch meine Lust. Wenn wir das Höchste sehn, so müssen wir's Nothwendig lieben, und nicht Lancelot, Noch einen Andern.«                                 Hier ward ihre Hand Erfaßt; sie schlug die Augen auf, und sah Demüthig weinend die Novize stehn; Und sprach zu ihr: »ja liebes Mägdlein, ja; Ward nicht auch mir vergeben?« und ihr Blick Fiel auf die frommen Nonnen rings umher; Sie weinten. Leichter ward Ginevra's Herz; Sie weinte mit den Nonnen jetzt, und sprach:   »Ihr kennt mich nun, kennt die Verruchte, die Des Königs groß gedachtes Werk zerstört. In enge Klostermauern schließt mich ein, Barmherz'ge Jungfrau'n, daß die Stimmen mir Nicht folgen können, die da Schande schrein. Ich darf mich nicht verachten, denn ich weiß: Er liebt mich noch. Verbannt den eitlen Wahn, Daß er mich nicht mehr liebte. Grau't Euch nicht Vor mir, und dem Gedanken, Schwester mich Zu nennen, laßt mich bleiben, eingehüllt In Schwarz und Weiß, und laßt mich Nonne sein, 65 Gleich Euch. An Euren Fasten fast' ich gern; An Euren Festen nehm' ich keinen Theil; Bin mit Euch traurig, wenn Ihr traurig seid, Wenn Ihr Euch freut, nicht traurig und nicht froh, Laßt mich gleich Euch erfüllen jeden Brauch; Mich mit Euch beten; – betet auch für mich. Vor Euren Andachtsstätten will ich knie'n, Des heil'gen Hauses niedre Pflichten thun, Den düstern Kreuzgang schreiten auf und ab, Almosen spenden Kranken, Dürftigen, Die vor den Augen Des, der uns erlöst, Wohl reicher und gesunder sind, als ich. Ob noch so widrig ihre Wunden sind, Verbind' ich sie zu meiner Seelen Heil, Und büß' in Liebeswerken und Gebet Am trüben Abend für den üpp'gen Tag, Der meines Herrn und Königs Fall gebracht.«   Sie sprach's, und ihre Bitte ward gewährt, Und bei den Nonnen lebte sie fortan In Furcht und Hoffnung: »ist es wohl zu spät?« Bis die Aebtissin mit der Zeit verstarb. Und wegen alles Guten, das sie that, Und wegen ihres Wandels keusch und rein, Und wegen ihres Eifers im Gebet, Auch weil ihr Rang einst so erhaben war, Ward sie nun zur Aebtissin auserwählt. So lebte sie drei kurze Jahre noch, Und ging dann als Aebtissin dorthin heim, Wo Frieden ist, und ird'sche Stimmen schweigen. –