Frau von Staël Deutschland Eine freie Auswahl aus dem Buch »De L'Allemagne« »Die Deutschen bilden gleichsam den Vortrab der Armee des menschlichen Geistes, sie schlagen neue Wege ein, versuchen unbekannte Mittel; wie sollte man nicht begierig sein zu erfahren, was sie bei ihrer Rückkehr von den Reisen in das Unendliche zu erzählen haben?« Frau von Staël Frau von Staël Anna Louise Germaine Necker, in Paris am 22. April 1766 geboren, kam, da ihr Vater, der Finanzminister des Königs von Frankreich, Ludwigs XVI., ihr die große Welt erschloß, schon früh mit den politischen, ästhetischen und moralischen Ideen und revolutionären Wandlungen ihres Zeitalters in Berührung; schon ihr erstes Werk, die »Briefe über die Schriften und über den Charakter J. J. Rousseaus«, das sie im Alter von 21 Jahren herausgab, zeigt sie als Anhängerin der liberalen Aufklärung. Sie hatte damals bereits den schwedischen Gesandten in Paris, Baron von Staël-Holstein, geheiratet. Als Frau von Staël ist sie die berühmte Schriftstellerin geworden, von der alle Welt sprach. Sie hat als politische Frau die französische Revolution aus nächster Nähe miterlebt, und ist als »Gemäßigte« beinahe ein Opfer des Robespierreschen Terrors geworden. Ihr dreibändiges Werk »Betrachtungen über die Hauptereignisse der französischen Revolution« ist erst nach ihrem Tode veröffentlicht worden. Frau von Staël galt ihren Zeitgenossen als eine der besten Prosaschriftstellerinnen. Ihre Romane, das in Briefform gestaltete Werk »Delphine« (1802) und »Corinne, ou L'Italie« (1807) sind glanzvolle Zeugnisse ihrer scharfen Beobachtungsgabe und ihres bedeutenden sprachlichen Stiltalentes. Napoleon machte aus seiner Abneigung gegen sie kein Hehl, und sie selbst wurde, von ihm aus Frankreich verbannt und selbst im Ausland durch seine Agenten überwacht, unter dem erniedrigenden Zwang seines Despotismus seine Todfeindin, wie sie überhaupt jede Knechtung der Freiheit der Person, der Gedanken und der Meinung als eine politische Todsünde bekämpfte. Der Flucht aus Frankreich verdankt die Nachwelt ihr prächtiges Reisebuch »Deutschland« (1814), das zum gegenseitigen Verstehen zwischen Franzosen und Deutschen wesentlich beigetragen hat. Frau von Staël mußte das Schicksal der Landflüchtigen tragen: ihr Landgut Coppet im Stich lassend, floh sie 1812 vor Napoleon nach Wien und von da nach Moskau, Petersburg und Schweden. Ihr Werk »Zehn Jahre Verbannung« (1821) enthält die Schilderungen der Ereignisse dieser Jahre. Erst nach dem Sturz Napoleons konnte sie noch ein paar Jahre der Furchtlosigkeit genießen. Unter ihren Schriften ist vor allem auch das Buch »Die Literatur unter Berücksichtigung der sozialen Einrichtungen« ein bedeutendes, von neuen Ideen durchpulstes Werk. Ein ungewöhnlich reiches, aber auch ruheloses Leben erlosch mit ihrem Tod am 14. Juli 1817. Sitten und Charakter der Deutschen Deutschland war ein aristokratischer Bundesstaat. Dem Reiche fehlte es an einem gemeinschaftlichen Mittelpunkt der Aufklärung und des Gemeingeistes. Es bildete keine zusammenhängende Nation; dem Bündel fehlte das Band. So nachteilig diese Verschiedenheit Deutschlands seiner politischen Kraft war, so vorteilhaft war sie allen Versuchen des Genies und der Phantasie. Es herrschte eine Art sanfter friedlicher Anarchie auf den Gebieten literarischer und metaphysischer Meinungen, wobei es jedermann freistand, seine individuelle Ansicht der Dinge ganz nach Gefallen zu entwickeln. Da es keine Hauptstadt gibt, die der Sammelplatz der guten Gesellschaft von ganz Deutschland ist, so kann der gesellige Geist seine Gewalt nur wenig geltend machen, so fehlt es dem herrschenden Geschmack an Einfluß und den Waffen des Spottes am Stachel. Ein großer Teil der Schriftsteller arbeitet in der Einsamkeit oder in dem engen Kreis kleiner Umgebungen, über die sie die Herrschaft führen. Sie geben sich, jeder besonders, allem hin, was eine ungezügelte Phantasie ihnen eingibt, und wenn sich in Deutschland eine Spur der Modegewalt blicken läßt, so besteht sie bloß darin, daß jeder versteht, sich von allen anderen zu unterscheiden. In Frankreich ist gerade das Gegenteil der Fall; da strebt alles nach dem Lob, das Montesquieu Voltaire erteilt, wenn er sagt: »Er hat mehr als irgend jemand den Verstand, den jedermann hat.« In der Literatur wie in der Politik haben überhaupt die Deutschen nicht genug Nationalvorurteile. Bei einzelnen ist die Verleugnung ihrer selbst und die Achtung des andern eine Tugend; nicht so beim Patriotismus der Nationen: dieser muß egoistisch sein. Der Stolz der Engländer trägt zu ihrer politischen Existenz mächtig bei. Die gute Meinung der Franzosen von sich hat von jeher ihr Übergewicht in Europa verstärken helfen. Der edle Stolz der Spanier machte sie einst zu Herren eines Erdteils des Erdkreises. Die Deutschen sind Sachsen, Preußen, Bayern, Österreicher, aber der Grundcharakter, der die Stärke aller übrigen begründen sollte, ist zerstückelt wie das Land selbst. Die Deutschen sind im allgemeinen aufrichtig und treu; fast immer ist ihr Wort ihnen heilig und der Betrug ihnen fremd. Sollte sich je die Falschheit in Deutschland einschleichen, so könnte es nur geschehen, um sich den Ausländern nachzubilden, um zu zeigen, daß sie ebenso gewandt sein können, wie jene; vor allem, um sich nicht von ihnen hinters Licht führen zu lassen. Bald aber würde der gesunde Verstand und das gute Herz die Deutschen zur Überzeugung bekehren, daß man nur durch seine eigene Natur stark sei, und daß die Gewohnheit des Rechtlichen uns ganz und gar unfähig zur Arglist mache, selbst dann, wenn wir sie gebrauchen möchten. Um aus der Immoralität Vorteil zu ziehen, muß man in jeder Hinsicht leicht gerüstet sein, nicht aber ein Gewissen im Herzen und Bedenklichkeiten im Kopfe führen, die uns auf halbem Wege aufhalten und es uns um so mehr bereuen lassen, vom alten Wege abgewichen zu sein, als es uns unmöglich wird, in der neuen Straße verwegen fortzuschreiten. Es wäre, dünkt mich, leicht zu beweisen, daß ohne Moral alles in der Welt Finsternis ist. Trotzdem ist man oft bei den Völkern lateinischen Ursprungs einer Politik begegnet, die mit seltener Gewandtheit die Kunst besaß und ausübte, sich von allen Pflichten zu befreien. Der deutschen Nation hingegen darf man es zum Ruhme nachsagen, daß es ihr beinahe an jener Fähigkeit fehlt, die es geschmeidig-dreist versteht, jede Wahrheit jedem Vorteil zugunsten zu beugen und die heiligen Verbindlichkeiten der kalten Berechnung zu opfern. Ihre Mängel sowohl wie ihre Eigenschaften unterwerfen diese Nation der ehrenvollen Notwendigkeit, gerecht zu sein. Der mächtige Trieb zur Arbeit und zum Nachdenken ist ebenfalls ein entscheidendes Charaktermerkmal der Deutschen. Sie sind von Natur literarisch und philosophisch; nur daß der Unterschied der Klassen, der in Deutschland hervorstechender als irgendwo ist, in mancher Hinsicht dem, was man unter Geist (Esprit) versteht, im Wege steht. Der Adel hat zu wenig Ideen, die Gelehrten zu wenig Kenntnis der Geschäfte. Der Geist ist ein Gemisch von der Kenntnis der Dinge und der Menschen; und die Gesellschaft, in der man ohne Zweck und doch mit Teilnahme handelt, ist gerade das, was die am meisten entgegenstehenden Fähigkeiten am besten entwickelt. Was die Deutschen charakterisiert, ist mehr die Einbildungskraft als der Geist . Jean Paul Richter, einer ihrer ausgezeichnetsten Schriftsteller, sagt irgendwo: »Das Gebiet des Meeres gehört den Engländern; das Gebiet der Erde den Franzosen; das Gebiet der geistigen Atmosphäre den Deutschen«. Und in der Tat wäre es angebracht, Deutschland jener hervorstechenden Denkkraft zu überlassen, die sich in den leeren Raum versteigt und verliert, in die Tiefe eindringt und verschwindet, die in ihrer zu großen Unparteilichkeit zu nichts, in ihrer zu feinen Analyse zum Chaos wird. Es kostet Mühe, wenn man soeben aus Frankreich kam, sich an die Langsamkeit, an die Ruhe des deutschen Volkes zu gewöhnen; es hat nie Eile, findet allenthalben Hindernisse. Das Wort unmöglich hört man hundertmal in Deutschland aussprechen gegen einmal in Frankreich. Muß gehandelt werden, so weiß der Deutsche nicht, was es heißt, den Hindernissen entgegenstreben; und seine Achtung vor der Gewalt rührt mehr davon, daß sie in seinen Augen dem Schicksale gleicht, als von irgendeinem eigennützigen Grund her. Sobald man sich etwas über die unterste Volksklasse in Deutschland erhoben hat, bemerkt man bald das innere Leben, die Seelenpoesie, die den Deutschen bezeichnet. Die Bewohner der Städte und Dörfer, Soldaten und Landleute, verstehen fast alle Musik. Es ist mir sehr oft begegnet, in kleine, von Tabaksdampf durchräucherte Häuser zu treten und nicht allein die Hausfrau, sondern auch ihren Mann auf dem Klavier phantasieren zu hören, wie man in Italien improvisiert. Überall verbreitet ist die Einrichtung, daß an Markttagen auf dem Altan des Rathauses mitten auf dem Platz Spielleute mit Blasinstrumenten sich versammeln, so daß die Bauern der benachbarten Dörfer ihren freudigen Anteil an der ersten aller Künste nehmen können. Sonntags singen Chorschüler auf den Straßen geistliche Lieder. Wie man erzählt, war Luther in seiner Jugend ein solcher Chorknabe. Ich befand mich einst zu Eisenach, einem Städtchen im Herzogtum Sachsen-Weimar, an einem überaus kalten Wintertage; auf den Straßen lag tiefer Schnee. Ich sah einen langen Zug von jungen Leuten in schwarzen Mänteln durch die Stadt ziehen und hörte sie mit lauter Stimme Lieder zum Lobe Gottes anstimmen. Außer ihnen befand sich niemand auf der Straße, so streng war die Kälte; und diese Stimmen, beinahe so harmonisch wie die südlichen, rührten desto mehr, als sie mitten aus der erstarrten Natur hervortönten. Bei der bitteren Kälte durften die Einwohner ihre Fenster nicht öffnen; doch sah man hinter den Scheiben traurige und heitere Gesichter, alte und junge, die mit Freuden die Tröstungen der Religion empfingen, die ihnen der sanfte Gesang zuhauchte. Die Instrumentalmusik ist in Deutschland ebenso allgemein eingeführt wie die Vokalmusik in Italien. Die Natur hat freilich in dieser Hinsicht wie in so mancher anderen mehr für Italien als für Deutschland getan. Es kostet Mühe und Anstrengung, um es in der Instrumentalmusik weit zu bringen, während der südliche Himmel allein hinreicht, schöne Stimmen zu bilden; gleichwohl würden nie Männer aus den arbeitenden Klassen auf die Erlernung der Musik die notwendige Zeit verwenden, wenn sie nicht natürliche Anlage dazu hätten. Die von Natur musikalischen Völker erhalten durch die Harmonie Gefühle und Ideen, zu denen sie infolge ihrer beschränkten Lage und ihrer alltäglichen Beschäftigungen auf andere Art nicht kommen könnten. In Deutschland ist nichts so auffallend als der Gegensatz zwischen den Empfindungen und den Gewohnheiten, zwischen den Talenten und dem Geschmack. Zivilisation und Natur scheinen hier noch nicht gehörig zusammengeschmolzen zu sein. Wahrheitliebende Männer erscheinen nicht selten im Ausdruck und im Anstande manieriert, als hätten sie etwas zu verbergen; nicht minder oft zeigt sich die sanfte Seele unter einer rauhen Außenseite. Ja, man geht noch weiter; die Schwäche des Charakters blickt hinter harten Worten und harten Formen hervor. Mit dem Enthusiasmus für Dichtkunst und schöne Künste verbinden sich vielfältige gesellschaftliche Sitten und Gewohnheiten. Es gibt kein Land, wo die Gelehrten oder junge Studierende auf hohen Schulen es weiter in den alten Sprachen und in der Kenntnis des Altertums gebracht hätten; und von der anderen Seite kein Land, wo altväterische Sitten und Gebräuche einheimischer wären als in Deutschland. Die Religion hat in Deutschland ihren Sitz im Innersten des Herzens; zugleich aber trägt sie gegenwärtig ein Gepräge der Träumerei und der Unabhängigkeit, das ausschließlichen Empfindungen nicht den gehörigen Nachdruck beilegt. Dieses Einzelnstehen von Meinungen, Individuen und Staaten, der Macht des deutschen Reichs so überaus nachteilig, findet sich auch in der Religion wieder; eine große Anzahl verschiedener Sekten teilt sich in Deutschland, und die katholische Religion selbst, die durch ihre innere Beschaffenheit einförmige, strenge Zucht hält, wird von den Deutschen nach eines jeden Weise und Gutdünken erklärt. Das politische und gesellschaftliche Gut der Völker, eine gleiche Regierung, ein gleicher Gottesdienst, gleiche Gesetze, gleiches Interesse, eine klassische Literatur, eine vorherrschende Meinung; nichts von allem diesem findet sich bei den Deutschen. Dadurch wird freilich jeder einzelne Staat unabhängiger, jede Wissenschaft besser kultiviert; aber die Nation im Ganzen zerfällt in solche Unterabteilungen, daß man nicht weiß, welchem Teile des Reichs man den Namen Nation beilegen soll. Die deutsche Nation ist ausdauernd und gerecht; ihr Gefühl für Billigkeit und Rechtlichkeit verhindert, daß eine sogar fehlerhafte Einrichtung zum Bösen führen könne. Als Ludwig der Bayer in den Krieg zog, überließ er die Verwaltung seiner Staaten Friedrich dem Schönen, seinem Gefangenen; und dieses Vertrauen, das damals für niemand befremdend war, betrog ihn nicht. Mit solchen Tugenden hatte man von den Mängeln der Schwachheit oder von der Verwicklung der Gesetze nichts zu befürchten; die Rechtschaffenheit der Menschen ersetzte alles. Die Unabhängigkeit selbst, die man beinahe in jeder Hinsicht in Deutschland genoß, machte die Deutschen gleichgültig gegen die Freiheit: die Unabhängigkeit ist ein Gut, die Freiheit eine Bürgschaft; und eben weil niemand in Deutschland weder in seinen Rechten, noch in seinen Genüssen gekränkt wurde, fühlte man nicht das Bedürfnis einer Ordnung der Dinge, durch die dieses Gut behauptet würde. Die alten Urkunden, die alten Privilegien der Städte, jene große Familiengeschichte, die das Glück und den Ruhm der kleinen Staaten ausmacht, war den Deutschen über alles teuer; sie vernachlässigten darüber die große Nationalmacht, die sie vor allen Dingen mitten unter den europäischen Kolossen hätten begrüßen sollen. Dem Deutschen fehlt es, mit wenigen Ausnahmen, an Fähigkeit zu allem, wozu Gewandtheit und Geschicklichkeit erfordert wird. Alles beunruhigt ihn, macht ihn verlegen; er bedarf eben so sehr der Methode im Handeln, als der Unabhängigkeit im Denken. Der Franzose hingegen betrachtet die Handlungen mit der Freiheit der Kunst und die Ideen mit der Knechtschaft der Gewohnheit. Die Deutschen, die sich dem Joch der Regeln in der Literatur nicht unterwerfen können, möchten, daß im Leben ihnen alles vorgezeichnet würde. Sie verstehen sich nicht darauf, mit den Menschen zu verhandeln, und je weniger man ihnen Gelegenheit gibt, sich bei sich selbst Rat zu holen, desto willkommener ist man ihnen. Politische Institutionen können den Charakter einer Nation begründen. Nun stand die Natur der Regierung in Deutschland mit der philosophischen Aufklärung der Deutschen beinahe im Gegensatz; daher kommt es, daß sie die größte Kühnheit im Denken mit dem folgsamsten Charakter verbinden. Der Vorzug, den der Soldatenstand hat, und die Verschiedenheit der Stände überhaupt, haben sie in allen Verhältnissen des geselligen Lebens an die genaueste Unterwürfigkeit gewöhnt; der Gehorsam ist bei ihnen nicht Knechtschaft, er ist Regelmäßigkeit. Sie sind in Erfüllung der an sie ergehenden Befehle so pünktlich, als ob jeder Befehl eine Pflicht wäre. Die aufgeklärten Köpfe in Deutschland streiten lebhaft miteinander um die Herrschaft im Gebiet der Spekulation; hier dulden sie keinen Widerspruch. Der Geist der Deutschen scheint mit ihrem Charakter in keiner Verbindung zu stehen. Jener leidet keine Schranken, dieser unterwirft sich jedem Joche; und das erklärt sich leicht. Die Vermehrung unserer Kenntnisse in neueren Zeiten dient nur dazu, den Charakter zu schwächen, wenn er nicht durch die Gewohnheit der Geschäfte und die Ausübung des Willens gestärkt wird. Eleganz und Grazie Seit Ludwig XIV. setzte die sogenannte schöne Welt des Kontinents in Europa, Italien und Spanien ausgenommen, ihre Ehre daran, sich den Franzosen nachzubilden. In England gibt es einen beständigen Gegenstand der Unterhaltung, nämlich das politische Problem, worin alle und jeder ihr besonderes Interesse suchen und finden. Im Süden von Europa gibt es keine Gesellschaften; die schöne Sonne, die schönen Künste, die Liebe füllen dort das Leben aus. In Paris unterhält man sich gewöhnlich über die Literatur, und das sich immer mit neuen Stücken bereichernde Schauspiel gibt zu witzigen, scharfsinnigen Bemerkungen Anlaß und Stoff. In allen übrigen großen Städten besteht der Hauptinhalt aller Unterhaltungen in Anekdoten, in täglichen Urteilen und Anmerkungen über diejenigen, die zur großen Welt gehören. Es ist ein gewöhnliches Gewäsch, nur, daß die Namen vornehmer klingen; im Grunde sind es Klatschereien, wie in den niedrigsten Volksklassen; denn bei aller Eleganz der Formen, bei aller Wahl der Ausdrücke, läuft doch alles auf die Chronik von der Nachbarschaft hinaus. Der wahrhaft liberale Stoff zur Unterhaltung besteht in Ideen und Tatsachen von allgemeinem Interesse. Die zur Gewohnheit gewordene Medisance, weil sie doch einmal die Gedankenleere und die Dürftigkeit des Verstandes in den Gesellschaften zum notwendigen Bedürfnisse gemacht hat, kann zwar mehr oder weniger durch Herzensgüte gemildert werden, doch nie so sehr, daß man mit jedem Schritt, mit jedem Wort kleine, ärgerliche Anekdoten hören sollte, deren Gesumme, wie das der Fliegen, selbst den Löwen auf die Dauer beunruhigen könnte. In Frankreich bedient man sich der Waffe des Lächerlichen, um sich gegenseitig zu bekämpfen und den Boden zu erobern, auf dem man den Sieg der Eigenliebe davonzutragen hofft. In anderen Ländern läßt man es bei einem harmlosen Geschwätz bewenden, das den Geist abnutzt und alle Spannkraft in jeder Gattung der Verstandesübungen hemmt. Eine leichte Unterhaltung, in der eigentlich von nichts die Rede ist, und alles auf den Reiz der Worte und Wendungen ankommt, kann großes Vergnügen gewähren, und man darf es ohne Anmaßung behaupten, Frankreich allein stelle diese Gattung von Unterhaltung auf. Man kann sie als eine gefährliche, aber einladende Übung ansehen, in der jeder kleine Gegenstand sozusagen zum Federball wird, den man einander zuwirft, und der im genau berechneten Augenblick aus einer Hand in die andere fliegen muß. Die Österreicher verbinden im allgemeinen zu viel Steifes mit zu viel Aufrichtigkeit, um sich fremdes Wesen anpassen zu wollen. Man hält es in Berlin für eine Sache des guten Geschmacks, französisch zu sprechen. Die Franzosen haben sich in Europa, und vor allem in Deutschland, durch ihre Kunst, Extravaganzen auffallen zu lassen, hervorgetan. In den Worten Eleganz und Grazie lag eine geheime magische Kraft, die für die Eigenliebe ein unwiderstehlicher Ansporn war. Es ist nicht anders, als wären die Gefühle, die Handlungen, als wäre das ganze Leben dieser überfeinen Gesetzgebung des Weltgebrauchs unterworfen, als sei diese Gesetzgebung ein Vertrag zwischen der Eigenliebe des Einzelnen und der Eigenliebe der bürgerlichen Gesellschaft, ein Vertrag, kraft dessen die Eitelkeiten eine republikanische Konstitution unter sich errichtet haben, wo die Strafe des Ostrazismus gegen alles verhängt wird, was scharf gezeichnet und stark ausgesprochen ist. Diese, dem Schein nach leichten, im Grund aber despotischen Formen und Verabredungen entscheiden über das ganze Wesen des Menschen; sie haben allmählich und stufenweise alles untergraben, die Liebe, den Enthusiasmus, die Religion: alles, außer dem Egoismus, den der Stachel der Ironie nicht erreichen kann, weil er sich zwar dem Tadel, nie aber dem Spotte bloßstellt. Der deutsche Geist verträgt sich weit weniger als jeder andere mit jener berechneten Kleingeistigkeit; er ist kaum auf der Oberfläche sichtbar, er muß tief eindringen, um zu begreifen. Er hascht nichts im Fluge. Vergebens würden die Deutschen es versuchen wollen, ihren natürlichen Eigenschaften und Gefühlen zu entsagen; an der Gründlichkeit würden sie verlieren, und in der leichten Form nicht gewinnen. Sie würden aufhören, Deutsche von Wert und Verdienst zu sein, ohne sich in liebenswürdige Franzosen umzuschaffen. Ich bin weit entfernt, ihnen die Grazie absprechen zu wollen; sobald sie sich nur ihrer natürlichen Stimmung hingeben, geht sie aus ihrer Einbildungskraft, aus ihrer Empfindung hervor. Ihre muntere Laune (und es fehlt ihnen, besonders den Österreichern, keineswegs daran) hat aber mit der französischen Lustigkeit nichts gemein. Die Tiroler Possen, an denen in Wien die Großen wie das Volk soviel Freude empfinden, haben weit mehr Ähnlichkeit mit dem italienischen als mit dem französischen komischen Spott. Sie bestehen in stark aufgetragenen Karikaturen, in denen die menschliche Natur zwar mit Wahrheit, aber die Gesellschaft nicht mit Feinheit dargestellt wird. Gleichwohl ziehe ich diese Lustigkeit mit ihrem gröberen Anstrich der Nachahmung einer fremden Grazie vor. Sobald man die Franzosen nachzuahmen sucht, tragen sie über alle und alles den Sieg davon. Sooft man im Auslande auf einen Nationalfranzosen stößt, freut man sich, mit ihm ein Gespräch über die französische Literatur anknüpfen zu können; man fühlt sich wie zu Hause, man unterhält sich sozusagen von häuslichen Geschäften. Nicht so mit einem französischen Ausländer; ein solcher erlaubt sich keine Meinung, keine Sprachwendung, die nicht den Stempel der Orthodoxie mit sich führte; und nicht selten ist es eine Orthodoxie von ehedem, die er für die Meinung des Tages ansieht. In manchen nordischen Ländern bleibt man noch immer bei den Anekdoten der Regierung Ludwigs XIV. stehen. Man hört Ausländer, die es den Franzosen gern nachtun möchten, und die Hofstreitigkeiten der Madame de Montespan und der Mademoiselle de Fontanges mit einer Weitläufigkeit und mit Umständen erzählen, die ermüden müßten, auch wenn von einem Ereignis von gestern die Rede wäre. Diese kleinliche Lesegelehrsamkeit, dieses eigensinnige Ankleben an einigen allgemein gangbaren Ideen, welches aus der Schwierigkeit entsteht, seinen Vorrat von Zeit zu Zeit zu ergänzen, bringt Langeweile hervor; die wahre Kraft eines Landes besteht in dessen natürlichem Charakter, und die Nachahmung des Auslandes, sei's worin es wolle, zeugt von einem Mangel an Patriotismus. Dem geistreichen Franzosen ist es auf Reisen nicht angenehm, bei fremden Nationen den französischen Geist zu finden. Er sieht es weit lieber, wenn er auf Männer trifft, die mit der individuellen die National-Originalität verbinden. Die Modehändlerinnen in Frankreich pflegen den Bodensatz ihres Warenlagers nach den Kolonien, nach Deutschland, nach dem Norden zu schicken. Gleichwohl suchen sie sich auf alle mögliche Weise die Nationaltrachten eben dieser Länder zu verschaffen, und stellen sie mit Recht als elegante Nachahmungsmuster auf. Was von der Naturverzierung gilt, gilt ebenfalls vom Geiste. Wir senden ganze Ladungen von Calembourgs, von Vaudevilles ins Ausland, wenn wir ihrer in Frankreich überdrüssig sind; aber in der fremden Literatur liebt der Franzose nur, was nicht französisch, was einheimische Schönheit ist. In der Nachahmung gibt es weder Leben noch Natur, und man könnte im allgemeinen auf alle diese Aftergeburten des Geistes, auf alle diese Werke französischer Nachahmung das Lob anwenden, welches im Ariost Roland dem Pferde beilegt, das er hinter sich schleppt: »Mein Pferd vereinigt alle möglichen guten Eigenschaften; es hat nur einen einzigen Fehler; den, daß es tot ist!« Vom Geist der Unterhaltung Wenn man im Morgenlande einander nichts zu sagen hat, so raucht man Tabak zusammen und begrüßt sich von Zeit zu Zeit mit verschränkten Armen, um sich ein Freundschaftszeichen zu geben; im Abendland hingegen hat man den ganzen Tag miteinander reden wollen. Es dürfte anerkannt sein, daß von allen Städten der Welt Paris die ist, wo der Geist und Geschmack der Unterhaltung am meisten verbreitet sind; und was man Heimweh nennt – diese unbestimmte Sehnsucht nach dem Vaterlande, die unabhängig ist selbst von den Freunden, die man dort zurückgelassen hat –, ist oft weiter nichts als das Vergnügen, miteinander zu schwatzen; ein Vergnügen, das die Franzosen nirgends in demselben Grade genießen, wie bei sich. Die Art der guten Stimmung, die eine belebte Unterhaltung gewährt, besteht nicht in dem Gegenstand dieser Unterhaltung; nicht die Ideen und die Kenntnisse, die man darin entwickeln kann, bilden das Hauptinteresse. Dies hängt zusammen mit einer gewissen Manier, aufeinander zu wirken, sich gegenseitig und rasch Vergnügen zu bereiten, so schnell zu sprechen, wie man denkt, sich selbst mit Wohlgefallen zu empfinden, Beifall ohne Anstrengung einzuernten, seinen Verstand in allen Abstufungen durch Ton und Gebärde und Blick zu offenbaren, und, nach Belieben, eine Art von Unruhe hervorzubringen, deren sprühende Funken die Lebhaftigkeit der einen mäßigt und die unangenehme Apathie der andern verbannt. Zu diesem Talent paßt nichts so wenig, wie der Charakter und die Geistesart der Deutschen. Sie wollen in allen Stücken ein ernstes Ergebnis. Bacon hat bemerkt: die Unterhaltung sei nicht ein Weg, der nach Hause führe, wohl aber ein Pfad, auf dem man sich auf gut Glück ergeht. In der Unterhaltung ist das Nötige die Belustigung. Der Ideen-Kurs ist seit einem Jahrhundert ganz durch die Unterhaltung bestimmt worden. Man dachte, um zu sprechen, man sprach, um Beifall einzuernten, und alles, was nicht gesagt werden konnte, schien in der Seele überflüssig zu sein. Der Wunsch zu gefallen ist unstreitig eine schätzbare Anlage; allein er unterscheidet sich doch sehr von dem Bedürfnis, geliebt zu werden. Der erstere macht abhängig von der Meinung; das letztere erhebt über dieselbe. Selbst denen, denen man großes Unrecht zufügt, kann man zu gefallen wünschen; und gerade dies ist die Gefallsucht, eine Eigenschaft, die nicht die Frauen allein besitzen, die sich vielmehr in all den Fällen äußert, wo man mehr Gefühl zur Schau trägt, als man wirklich in sich hat. Die Rechtlichkeit der Deutschen gestattet ihnen nichts dergleichen; sie nehmen die Anmut ganz buchstäblich; sie betrachten den Zauber des Ausdrucks als eine Verbindlichkeit für das gute Betragen. Daher ihre Empfindlichkeit; denn sie vernehmen kein Wort, ohne etwas daraus zu folgern, und noch weniger begreifen sie, wie man die Rede als eine freie Kunst behandeln könne, die keinen anderen Zweck hat, als das Vergnügen, das man darin findet. Der Unterhaltungsgeist hat bisweilen das Üble, daß er die Aufrichtigkeit des Charakters stört; eine durch den Verstand herbeigeführte, aber improvisierte Betrügerei, wenn man sich so ausdrücken darf. Die Franzosen haben in diese Gattung eine Fröhlichkeit gebracht, die sie höchst liebenswürdig macht; aber es ist deswegen nicht minder erwiesen, daß alles, was diese Welt Ehrwürdiges hat, durch diese Anmut erschüttert worden ist; wenigstens durch die, die nichts wichtig findet und alles ins Lächerliche zieht. Die witzigen Einfälle der Franzosen sind von dem einen Ende Europas bis zum andern angeführt worden. Zu allen Zeiten haben sie einer des anderen bedurft, wie abwechselnde Zuhörer, die sich wechselweise aufmuntern; zu allen Zeiten haben sie sich hervorgetan in der Kunst, das Nötige zu sagen, und selbst in der, zu schweigen, wenn ein großes Interesse ihre natürliche Lebhaftigkeit unterdrückte; zu allen Zeiten haben sie das Talent gehabt, schnell zu leben, lange Reden abzukürzen und denen Platz zu machen, die nun auch sprechen wollten; zu allen Zeiten haben sie sich darauf verstanden, von Gefühlen und Gedanken nur so viel zu geben, als zur Belebung der Unterhaltung diente, ohne das leichtfertige Interesse zu ermüden, das man gewöhnlich füreinander hat. Ich habe einen Mann gekannt, den das Lob so in Atem setzte, daß, wenn er dergleichen erhielt, er alles, was er gesagt hatte, übertrieb und, um den glücklichen Erfolg zu verstärken, immer damit aufhörte, daß er ihn einbüßte; ich wagte es nicht, ihm meinen Beifall zu geben, aus bloßer Furcht, er möchte zur Affektation übergehen und sich aus gutherziger Eigenliebe lächerlich machen. Ein anderer fürchtete so sehr den Schein, als wünschte er Eindruck zu machen, daß er seine Worte nachlässig fallen ließ. Wenn die Eitelkeit sich zeigt, so ist sie wohlwollend; verbirgt sie sich aber, so wird sie bitter durch die Furcht vor der Entdeckung und trägt die Gleichgültigkeit, die Sattheit, mit einem Worte, alles zur Schau, was andere glauben machen kann, sie bedürfe ihrer nicht. Diese verschiedenen Kombinationen sind höchst anmutig für den Beobachter, und man wundert sich, warum die Eigenliebe nicht den natürlichen Weg einschlägt: den Wunsch einzugestehen, daß man gefallen möchte. Der Takt, den der Umgang erfordert, das von ihm herbeigeführte Bedürfnis, sich der Fassungskraft der verschiedenen Geister anzupassen, die große Arbeit des Gedankens in seinen Beziehungen auf Menschen, dies alles würde den Deutschen in mehr als einer Hinsicht nützlich sein; es würde ihnen Maß und Feinheit und Gewandtheit geben. Aber in diesem Talent zu schwatzen, liegt immer eine gewisse Geschicklichkeit, die sich nicht mit einer unbiegsamen Moral verträgt; denn wenn man alles, was mit der Kunst, die Menschen glimpflich zu behandeln, in Verbindung steht, vernachlässigen dürfte, so würde der Charakter um so viel mehr Größe und Energie besitzen. Die Franzosen sind die geschicktesten Diplomaten Europas. Der Geist der Unterhaltung hat in den Franzosen auf eine ausgezeichnete Weise den ernsteren Geist politischer Unterhandlungen entwickelt. Kein auswärtiger Gesandter vermag in dieser Gattung mit ihnen zu ringen; es sei denn, daß er, alle Ansprüche auf Feinheit beiseite setzend, den Dingen gerade auf den Leib geht, ungefähr wie einer, der sich schlägt, ohne fechten gelernt zu haben. In Deutschland ist jeder in seinem Range, auf seinem Platze, wie auf einem Posten, und es bedarf am wenigsten geschickter Wendungen, Parenthesen und Halbwörter, um die Vorzüge auszudrücken, die man durch Geburt oder durch Titel seinem Nachbarn voraus hat. In Deutschland wird die gute Gesellschaft durch den Hof gebildet; in Frankreich waren es alle diejenigen, die sich mit ihm auf den Fuß der Gleichheit setzen konnten; und alle durften dies hoffen, und alle durften auch fürchten, nie dahin zu gelangen. Hieraus entstand, daß jeder die Manieren der Gesellschaft haben wollte. In Deutschland verschafft ein Diplom den Zutritt; in Frankreich verbannte ein Mangel an Geschmack vom Hofe, und man beeiferte sich weit mehr, den Weltleuten ähnlich zu werden, als sich in der Welt selbst durch Tapferkeit auszuzeichnen. Eine aristokratische Macht, der gute Ton und die Eleganz galten mehr, als Energie, Tiefe, Gefühl und Geist sogar. Diese sagten zur Energie : du legst zu viel Gewicht auf Personen und Dinge; zur Tiefe : du nimmst mir zu viel Zeit weg; zum Gefühl : du bist allzu ausschließend; zum Geiste endlich: du bist eine allzu individuelle Auszeichnung. Es bedurfte solcher Vorzüge, die mehr mit den Manieren, als mit den Ideen zusammenhingen; und es kam darauf an, in einem Menschen mehr die Klasse, zu welcher er gehörte, als sein eigentümliches Verdienst zu erkennen. Diese Art von Gleichheit in der Ungleichheit begünstigt mittelmäßige Menschen sehr, denn sie muß in der Art zu sehen und sich auszudrücken alle Eigentümlichkeiten zerstören. Das gewählte Modell ist edel, anmutig und nicht ohne Geschmack; aber es ist für alle dasselbe, es ist ein Einigungspunkt. Was sich ihm anpaßt, glaubt mit seinesgleichen umzugehen. Einem Franzosen würde es langweiliger sein, mit seiner Meinung, als auf seinem Zimmer allein zu sein. Man würde unrecht haben, wenn man den Franzosen beschuldigen wollte, er schmeichle der Macht durch die gewöhnlichen Berechnungen, die diese Schmeichelei einflößen. Sie gehen, wohin alle Welt geht; Ungnade oder Ansehen, gleichviel. Wenn Einzelne sich für die Menge ausgeben, so können sie darauf rechnen, daß sie wirklich kommen wird. Im Jahre 1789 hat man die Revolution in Frankreich dadurch gemacht, daß man einen Eilboten aussandte, der von einem Dorfe zum andern ausrief: bewaffnet euch, denn das benachbarte Dorf hat sich bewaffnet; alles stand gegen alle, eigentlich gegen niemand auf. Wenn man das Gerücht verbreiten wollte: die und die Manier zu sehen, sei allgemein angenommen, so würde man, selbst gegen das innere Gefühl eines jeden, Einhelligkeit erleben; man würde sich alsdann, um mich so auszudrücken, das Geheimnis der Komödie bewahren. Denn unter vier Augen würde jeder eingestehen, daß alle unrecht haben. Bei geheimen Umfragen hat man Deputierte ihre weiße oder schwarze Kugel gegen ihre Meinung geben gesehen, nur weil sie glaubten, die Mehrheit befinde sich auf der entgegengesetzten Bahn; sie wollten , wie sie sagten, ihre Stimme nicht verlieren . Aus diesem gesellschaftlichen Bedürfnis, wie alle Übrigen zu denken, kann man sich den Gegensatz des Muts im Kriege zur Feigheit in der bürgerlichen Laufbahn während der Revolution erklären, über den militärischen Mut gibt es nur eine Ansicht; aber in bezug auf das Betragen in politischen Angelegenheiten kann die öffentliche Meinung irregeleitet werden. Der Tadel unserer Umgebung, die Vereinzelung und die Verlassenheit bedrohen uns, wenn wir nicht der herrschenden Partei folgen, während man bei den Armeen nur die Wahl zwischen Tod und glücklichem Erfolg hat: eine herrliche Lage für Franzosen, die jenen nicht fürchten und diesen über alles lieben. Macht die Gefahr zur Mode, d.h. wendet ihr allen Beifall zu, und ihr werdet sehen, wie der Franzose ihr unter allen Gestalten trotzt. Der Geist der Gesellschaftlichkeit geht in Frankreich von dem höchsten Range bis zum niedrigsten; man muß vor allen Dingen die Billigungen seiner Umgebung haben; um keinen Preis will man sich dem Tadel oder dem Gelächter aussetzen. Denn in einem Lande, wo das Schwatzen so großen Einfluß hat, betäubt der Lärm der Worte oft die Stimme des Gewissens. Man kennt die Geschichte eines Mannes, der eine Schauspielerin, die er soeben gehört hatte, mit Entzücken zu loben begann. Als er auf den Lippen der Umstehenden ein Lächeln bemerkte, mäßigte er sein Lob. Das Lächeln dauerte fort, und die Furcht vor dem Spott nahm in ihm so zu, daß er mit den Worten endigte: bei Gott, die arme Frau hat getan, was in ihren Kräften stand . Die Triumphe der Spötterei erneuern sich unaufhörlich in Frankreich; bald muß man religiös sein; bald muß man seine Frau lieben, bald sich nicht an ihrer Seite sehen lassen. Es hat Augenblicke gegeben, wo man fürchtete, für einfältig zu gelten, wenn man menschlich gefühlt hätte; und diese tiefe Furcht vor dem Lächerlichen, die in den ersten Klassen sich in der Regel durch die Eitelkeit offenbart, hat sich in den untersten oft als Verwilderung ausgedrückt. Wieviel Schaden würde dieser Nachahmungsgeist den Deutschen zufügen! Ihre Überlegenheit besteht in der Unabhängigkeit des Geistes, in der Liebe zur Zurückgezogenheit, in einer eigentümlichen Originalität. Die Franzosen sind nur in Masse allmächtig, und selbst ihre Männer von Genie nehmen ihren Standpunkt immer in den hergebrachten Meinungen, wenn sie sich über dieselben hinausschwingen wollen. Die Ungeduld des französischen Charakters, die im Umgange so anziehend ist, würde den Deutschen den Hauptreiz ihrer natürlichen Einbildungskraft, dieses ruhige Grübeln, diesen tiefen Blick, rauben, der, um alles zu entdecken, nur der Zeit und der Beharrlichkeit bedarf. Gewisse Eigenschaften sind unverträglich mit Lebendigkeit des Geistes; und doch ist es diese Lebendigkeit, die in der Unterhaltung liebenswürdig macht. Wenn eine Erörterung schwerfällig wird, wenn eine Erzählung sich dehnt, so wird uns dabei ebenso zumute, als wenn ein Musiker den Takt der Gesangsweise zu sehr zurückhält. Man kann indessen durch Lebendigkeit ebenso ermüdend wirken, wie man es durch große Langsamkeit wird. Ich habe einen Mann mit viel Geist gekannt, der so ungeduldig war, daß er allen, die mit ihm sprachen, dieselbe Unruhe verursachte, die weitschweifige Menschen empfinden müssen, wenn sie bemerken, wie sehr sie ermüden. Während man mit ihm sprach, rückte er auf seinem Stuhl hin und her, vollendete die Phrasen anderer aus Furcht, daß sie sich zu sehr verlängern möchten, beunruhigte erst und ermüdete zuletzt, indem er betäubte; denn, wie man auch in der Unterhaltung sich beeilen mag, wenn man sich selbst auf das Notwendige beschränken muß, so quälen Gedanken und Empfindungen aus Mangel an Zeit, sie auszudrücken. Nicht alle Manieren, die Zeit abkürzen, ersparen Zeit, und man kann durch eine einzige leere Phrase langweilig werden; das Talent, seine Gedanken glänzend und schnell zu formen, gelingt am besten in der Gesellschaft; denn hier hat man keine Zeit zu verlieren. Keine Reflexion, keine Gefälligkeit kann etwas anmutig machen, das es in sich nicht ist. Da muß man den Geist der Eroberung und den Despotismus des glücklichen Erfolges anwenden. Das Talent zu erzählen, eines der größten Zaubermittel der Unterhaltung, ist in Deutschland höchst selten; die Zuhörer sind da allzu gefällig – sie langweilen sich nicht schnell genug –; und indem sich die Erzähler auf die Langmut der Zuhörer verlassen, machen sie es sich ein wenig zu bequem. In Frankreich ist der Erzähler ein Usurpator, der sich von eifersüchtigen Nebenbuhlern umgeben sieht und sich durch den Erfolg halten will; in Deutschland ist er ein rechtmäßiger Eigentümer, der seine anerkannten Rechte ruhig genießen kann. Den Deutschen gelingt die poetische Erzählung besser, als die epigrammatische. Wenn man zu der Phantasie spricht, können Einzelheiten gefallen; sie machen ja das Gemälde wahrer. Kommt es aber darauf an, einen witzigen Einfall vorzutragen, so kann man die Einzelheiten nicht genug vermeiden. Die Spötterei erleichtert die Last des Lebens für einen Augenblick. Gern sieht man seinesgleichen über die Last scherzen, die uns zu Boden drückt, und aufgemuntert durch ihn, heben wir ihn auch unsererseits auf; aber wenn man in dem, was belustigen sollte, Anstrengung entdeckt, so ermüdet einen dies noch mehr, als der Ernst selbst, der uns mindestens um seiner Resultate willen interessiert. Die Treuherzigkeit der Deutschen ist vielleicht ein Hindernis mehr für die Kunst zu erzählen. Die Deutschen besitzen nämlich weit mehr die Lustigkeit des Gemüts als die des Geistes. Sie sind fröhlich, wie sie ehrlich sind – um eines guten Gewissens willen – und lachen über das, was sie erzählen, weit eher, als sie daran gedacht haben, andere lachen zu machen. Nichts kommt dagegen dem Zauber einer Erzählung gleich, die von einem geistreichen und gebildeten Franzosen herrührt. Alles sieht er vorher, alles schont er, und doch opfert er nie auf, was Interesse erregen könnte; er hält inne, wenn es nötig ist, und erschöpft nie die Belustigung; er belebt sich und dennoch hält er die Zügel des Geistes, um ihn sicher und schnell zu führen. Die Deutschen würden nicht übel daran tun, in wesentlicher Beziehung einige von den Vorzügen des gesellschaftlichen Geistes in Frankreich zu benutzen; sie sollten von den Franzosen lernen, sich in Kleinigkeiten weniger reizbar zu zeigen, um ihre ganze Kraft für größere Dinge aufzusparen; sie sollten Starrsinn von Tatkraft, Rauheit von Festigkeit unterscheiden lernen; und da sie einmal so geneigt sind, ihr Leben an etwas zu setzen, so sollten sie es nicht im einzelnen durch eine Art kleinlicher Persönlichkeit wiederfinden, die sich die wahre Würde nicht erlaubt; kurz, sie sollten in der Kunst der Unterhaltung selbst die Gewohnheit pflegen, in ihren Büchern jene Klarheit, die sie allgemeiner verständlich macht, jenes Talent der Abkürzung, das man mehr bei Völkern, die sich belustigen, als bei solchen, die sich ernsthaft beschäftigen, antrifft, und jene Achtung vor gewissen geschickten Formen, die nicht zur Aufopferung des Natürlichen, wohl aber zur Schonung der Phantasie führt, verbreiten. Ihre Schreibart würden sie sich durch einige von den Beobachtungen, die das Talent zu sprechen erzeugt, vervollkommnen; aber sie würden das Falsche tun, wenn sie dies Talent in gleichem Maße mit den Franzosen besitzen wollten. Eine große Stadt, die zum Sammelpunkt diente, würde Deutschland nützlich sein, um Studienmittel zu vereinigen, die Hilfsmittel der Kunst zu vermehren und Nacheiferung zu erregen; aber wenn diese Hauptstadt bei den Deutschen den Geschmack an den Freuden des Umgangs in seiner ganzen Eleganz entwickelte, so würden sie ihre gewissenhafte Treuherzigkeit, die einsame Arbeit und die verwegene Unabhängigkeit einbüßen, die sie in der literarischen und philosophischen Bahn auszeichnet; kurz, sie würden ihre Gewohnheit gewordene Sammlung gegen ein neues Äußeres vertauschen, dem es doch immer an Anmut und Gewandtheit fehlen würde. Die Frauen Natur und Geselligkeit sind für die Frauen eine große Schule, wo sie leiden lernen; und es darf, dünkt mich, nicht geleugnet werden, daß sie in unsern Tagen, in der Regel, besser sind, als die Männer. Zu einer Zeit, wo der Egoismus das allgemeine Übel ist, müssen die Männer, im Besitz aller positiven Vorteile, weniger Edelmut, weniger Gefühl besitzen, als die Frauen. Diese hängen nur durch die Bande des Herzens mit dem Leben zusammen; und selbst, wenn sie sich auf Abwege verirren, sind diese Verirrungen eine Folge des Gefühls, das sie hinreißt. Ihre Persönlichkeit zählt immer zwei, während die des Mannes nur ihn zum Ziel hat. Man huldigt ihnen nur durch die Zuneigungen, die sie einflößen; die zuerst in ihnen entstanden, sind meistenteils dargebrachte Opfer. Die schönste aller Tugenden, die Hingebung, ist ihr Genuß und ihre Bestimmung; es kann kein Gefühl für sie geben, das nicht der Widerschein des Ruhms und des Wohls eines andern wäre; mit einem Wort, außer sich leben, sei es durch die Ideen, sei es durch Empfindung, sei es vor allem durch die Moralität, ist, was der Seele ein Gewohnheitsgefühl von Größe und Erhabenheit gibt. In den Ländern, wo die Männer durch politische Einrichtungen berufen sind, alle kriegerischen und bürgerlichen Tugenden auszuüben, zu denen die Vaterlandsliebe entflammt, nehmen sie die erste Stelle wieder ein, die ihnen gebührt; nur wo sie einigermaßen zur Untätigkeit oder zur Knechtschaft verdammt sind, sinken sie desto tiefer herab, je höher sie sich zu erheben bestimmt waren. Die Bestimmung der Frauen hingegen bleibt immer dieselbe; sie wird ihnen einzig von ihrem Gemüt vorgezeichnet, die politischen Umstände tragen nichts dazu bei. Die deutschen Frauen besitzen einen eigentümlichen Reiz; sie haben eine rührende Stimme, blondes Haar, eine blendende Haut, sie sind bescheiden; man sieht es ihnen an, daß sie seltener auf Männer gestoßen sind, die ihnen überlegen waren, und daß sie überdies von den strengen Urteilen des Publikums weniger zu befürchten haben. Sie suchen durch die Empfindsamkeit zu gefallen, durch die Phantasie zu interessieren. Die Sprache der Dichtkunst und der schönen Künste ist ihnen geläufig; sie kokettieren mit der Schwärmerei, wie man in Frankreich mit Witz und Scherz Koketterie treibt. Der hohe Grad der Rechtlichkeit, der dem Charakter der Deutschen zugrunde liegt, macht die Liebe für die Frauen und ihre Ruhe weit weniger gefährlich; vielleicht geben sie sich diesem Gefühl um so zutraulicher hin, da die Liebe in Deutschland die Farbe des Romans trägt, und Verachtung und Untreue hier seltener als irgendwo sind. In Deutschland ist die Liebe eine Religion, aber eine poetische Religion, die zu leicht duldet, was sich durch Empfindsamkeit des Herzens entschuldigen läßt. Man kann es nicht in Abrede stellen; der Leichtigkeit der Ehe geschieht durch die Leichtigkeit, womit sie getrennt werden kann, großer Abbruch. Die Frau nimmt sich einen anderen Gatten, wie der Dichter eine Nebenszene in seinem Drama abändert. Die Gutmütigkeit beider Geschlechter macht, daß die Scheidungen leicht und ohne Bitterkeit vor sich gehen; und da es unter den Deutschen mehr Phantasie als wahre Leidenschaft gibt, so ereignen sich bei ihnen die seltsamsten Begebenheiten mit einer seltenen Kaltblütigkeit. Dadurch aber verlieren Sitten und Charakter ihre Festigkeit; der Geist der Paradoxie erschüttert die heiligsten Institutionen, und zuletzt gibt es über nichts mehr feststehende Regeln. Man darf mit Recht über die Lächerlichkeit einiger deutscher Frauen spotten, die ihren Geist unaufhörlich bis zur Ziererei hinaufschrauben und durch süßlich gesetzte Worte alles verwischen, was ihren Verstand und ihr Gemüt glänzen lassen könnte; sie sind nicht falsch, aber auch nicht ohne Falsch; sie sehen und beurteilen nichts mit dem Lichte der Wahrheit, und die wirklichen Begebenheiten des Lebens tanzen vor ihren Augen vorüber wie phantasmagorische Bilder. Eine Deutsche sagte mit melancholischem Ernste: »Ich weiß nicht, wie es zugeht; aber die Entfernten schwinden mir gleich aus der Seele.« Eine Französin würde dem Gedanken eine lachendere Endung gegeben haben; aber im Grunde wäre es derselbe gewesen. Diese kleinen Lächerlichkeiten sind als Ausnahmen anzusehen, und es gibt, von ihnen abgesehen, unter den deutschen Frauen viele, die mit Wahrheit empfinden und ihre Empfindungen mit Einfachheit ausdrücken. Ihre Erziehung und Bildung, ihre natürliche Reinheit der Seele, machen die Herrschaft, die sie ausüben, sanft und gleichförmig. Mit jedem Tage gewinnen sie uns mehr für alles, was groß und edel ist, geben uns mehr Zutrauen in jede Gattung von Hoffnungen und verstehen sich darauf, den dürren ironischen Spott fernzuhalten, der einen Hauch des Todes über alle Genüsse des Herzens verbreitet. Dennoch trifft man nur selten bei den deutschen Frauen jene Geistesschnelligkeit an, durch die eine Unterhaltung lebhaft und der Ideengang rasch bewegt wird; eine Art von Vergnügen, die sich höchstens noch in den witzigsten und geistvollsten Gesellschaften von Paris findet. Die Unterhaltung, oder vielmehr die Gabe der Unterhaltung, als Talent betrachtet, ist in Frankreich einheimisch; in allen übrigen Ländern unterhält man sich aus Höflichkeit, aus Erörterungsgeist, aus Freundschaft; in Frankreich ist die Konversation eine Kunst, wozu unstreitig Phantasie und Seele erforderlich sind, die aber auch, wenn man will, geheime Mittel besitzt, um den Mangel und das Fehlen dieser beiden Bestandteile zu ersetzen. Seitdem der Rittergeist in Frankreich ausgelöscht war; seitdem es in Frankreich keinen Gottfried von Bouillon, keinen Ludwig den Heiligen, keinen Bayard mehr gab, die der Schutz des Schwachen waren und sich durch ihr Wort wie durch unauflösliche Ketten gebunden glaubten, darf ich behaupten, daß von allen Ländern der Erde Frankreich vielleicht dasjenige gewesen ist, wo die Frauen, was sie betraf, am wenigsten glücklich waren. Man nannte Frankreich das Paradies der Frauen, weil sie in Frankreich eine große Freiheit genossen; aber eben diese Freiheit war eine Folge der Leichtigkeit, mit der man sich von ihnen löste. » Mein Engel «, läßt La Clos in einem Roman, der durch die ausgesuchteste Immoralität, die er zur Schau trägt, abstoßend wirkt, einen seiner Unschuldwürger sagen, mein Engel, man wird alles auf der Welt müde «. Zu eben der Zeit, als behauptet wurde, die Liebe habe in Frankreich ihren Thron, möchte ich im Gegenteil sagen: die Galanterie habe das schöne Geschlecht in den Bann getan; und sobald die Sanduhr ihrer Herrschaft abgelaufen ist, habe man für die Frauen weder Großmut noch Dankbarkeit noch Mitleid gehabt. Man ahmte die Töne der Liebe nach, um sie in die Falle zu locken, wie das Krokodil die Kinderstimme nachmacht, um die Mütter herbeizurufen. Zeigte sich Ludwig XIV., dessen Ritterweise und Artigkeit gegen das schöne Geschlecht bis in die Wolken erhoben wird, nicht hart und grausam gegen die, die ihn über alles geliebt hatte, gegen die Herzogin von la Valière? Was man davon in den Memoiren der Madame liest, geht über jeden Begriff. Ludwig brach der Unglücklichen das Herz, das nur für ihn geschlagen hatte. Zwanzig Jahre, in Tränen zugebracht, waren kaum hinreichend, um die Wunden verharschen zu lassen, die das grausame Benehmen Ludwigs der Liebenden, der Verstoßenen geschlagen hatte. Nichts ist so grausam wie die Eitelkeit, und nichts so sehr wie die Gesellschaft, der gute Ton, die Mode und Glück bei Frauen dazu dienen, die Eitelkeit aufzuregen, so gibt es kein Land, wo das Glück der Frauen größere Gefahr läuft, als Frankreich, weil dort alles von dem, was man Meinung heißt, abhängt, weil dort jeder von anderen lernt, was man fühlen muß, um zu den Leuten von gutem Geschmack gerechnet zu werden. Die Frauen haben endlich (leider muß ich's gestehen) den Entschluß gefaßt, Anteil an der Unmoralität zu nehmen, die ihren Thron umstieß. Seitdem sie an Wert verloren, haben sie weniger gelitten. Gleichwohl hängt, bis auf wenige Ausnahmen, die Tugend der Frauen von dem Benehmen der Männer ab. Der Leichtsinn, den man ihnen vorwirft, entsteht aus ihrer Furcht, verlassen zu werden. Sie stürzen sich in die Schande, um der Beleidigung zu entgehen. Die Liebe ist eine weit ernstere Leidenschaft in Deutschland als in Frankreich. Die Poesie, die schönen Künste, die Philosophie selbst und die Religion haben aus dieser Empfindung eine Art von irdischem Gottesdienst gemacht, der eine edle Stimmung über das Leben breitet. Es hat in Deutschland nicht, wie in Frankreich, sittenlose Schriften gegeben, die von allen Volksklassen gelesen wurden, und die in der feineren Welt das Gefühl der Liebe, im Volke den Sinn für die Moralität zerstörten. Dennoch besitzen die Deutschen mehr Phantasie als wahre Empfindsamkeit; ihre Rechtlichkeit allein bürgt für ihre Beständigkeit in der Liebe. Die Franzosen haben im allgemeinen Achtung vor positiven Pflichten; die Deutschen halten sich mehr durch ihre Herzensneigungen als durch ihre Pflichten gebunden. Was wir von der Leichtigkeit der Ehetrennungen gesagt haben, dient als Beweis; den Deutschen ist die Liebe heiliger als die Ehe. Ehrenvoll ist unstreitig für sie das Zartgefühl, das ihnen befiehlt, Versprechungen treu zu erfüllen, wozu das Gesetz sie nicht unverbrüchlich verpflichtet; für die bürgerliche Ordnung sind jedoch Gesetze wichtiger, in denen die Unauflöslichkeit der Ehen verbürgt wird. Noch waltet und herrscht, wenn ich es so nennen darf, der Rittergeist unter den Deutschen. Sie sind unfähig zu betrügen; ihre Biederkeit findet sich in allen engeren Verhältnissen wieder; aber jene Kraft, die von den Männern so große Opfer, von den Frauen so große Tugenden fordert und erhielt und das ganze Leben sozusagen zu einem heiligen Werk bildete, in dem immer nur ein Gedanke vorwaltete, jene Ritterkraft und Energie der alten Zeiten hat in Deutschland nur eine verwischte Spur zurückgelassen. Alles Große, was in Zukunft in diesem Lande vollbracht wird, kann nur eine Folge des liberalen Antriebs sein, der in Europa auf die Ritterzeiten gefolgt ist. Die deutsche Lese- und Studierfreude Aus der Zahl der Bücher, die in Leipzig verkauft werden, kann man leicht auf die Zahl ihrer Leser schließen; Arbeitsleute aller Klassen, Steinhauer sogar, ruhen sich aus mit einem Buche in der Hand. In Frankreich kann man sich schwerlich eine Vorstellung davon machen, bis zu welchem Grade die Erkenntnisse in Deutschland verbreitet sind. Ich habe Gasthofbesitzer kennengelernt, die die französische Literatur kannten. In Dörfern sogar findet man Leute, die im Griechischen und Lateinischen unterrichten könnten. Keine noch so kleine Stadt, die nicht eine beträchtliche Bibliothek hätte; und überall kann man einige Männer nennen, die wegen ihrer Talente und Kenntnisse empfohlen zu werden verdienen. Wollte man Frankreich und Deutschland in dieser Hinsicht miteinander vergleichen, so würde man zuletzt glauben müssen, beide Länder seien durch dreihundertjahrelange Entfernung voneinander geschieden. Indem Paris das Ausgesuchteste des Landes in seinem Schoß vereinigt, nimmt es dem übrigen das Interesse. Picard und Kotzebue haben zwei nette Stücke geschrieben, die »Die Kleinstädter« betitelt sind. Picard stellt die Bewohner der Provinz als Leute dar, die Paris unablässig nachahmen; Kotzebue die Bürger einer kleinen Stadt, bezaubert von ihrem Wohnort, den sie für unvergleichlich halten, und stolz auf ihn. Der Unterschied des Lächerlichen führt immer auf den Unterschied in den Sitten. In Deutschland ist jeder Wohnort für den, der sich darin aufhält, ein Reich; seine Einbildungskraft, seine Studien und seine Treuherzigkeit vergrößern ihn in seinen Augen. Jeder weiß ihn sich so vorteilhaft wie möglich zu machen. Die Wichtigkeit, die man auf alles legt, mag spaßhaft sein, aber diese Wichtigkeit gibt kleinen Hilfsquellen einen Wert. In Frankreich interessiert man sich nur für Paris; und man tut recht daran, denn Paris ist ganz Frankreich, und wer nur in der Provinz gelebt hätte, würde nicht die mindeste Vorstellung von dem haben, worin sich die Eigentümlichkeit dieses Landes ausdrückt. Da die ausgezeichnetsten Männer Deutschlands nicht in ein und derselben Stadt versammelt sind, so sehen sie sich beinahe gar nicht und stehen nur durch ihre Schriften miteinander in Verbindung; jeder tummelt sich in der eigenen Bahn und entdeckt in der großen Region des Altertums, der Metaphysik und Wissenschaft unaufhörlich neue Möglichkeiten. Was man in Deutschland Studieren nennt, ist etwas Bewundernswertes. Fünfzehn Stunden Einsamkeit und Arbeit täglich scheinen eine ganz natürliche Art der Existenz, selbst ganze Jahre hindurch. Die Langeweile des Umgangs macht die Zurückgezogenheit liebenswert. Die Universitäten Das ganze nördliche Deutschland ist mit den gelehrtesten Universitäten Europas übersät. In keinem Lande, selbst in England nicht, gibt es so viele Mittel zum Unterricht und zur Vervollkommnung seiner Geistesfähigkeiten. Woran liegt es denn, daß es der Nation an Vollkraft fehlt und daß sie im allgemeinen für schwerfällig und beschränkt gilt, obwohl sich in ihr eine kleine Anzahl von Männern befindet, die vielleicht die geistreichsten in ganz Europa sind? Nicht der Erziehung, sondern der Natur der Regierungen ist dieser seltsame Kontrast zuzuschreiben. Die intellektuelle Erziehung in Deutschland ist vortrefflich; aber sie wird in der Theorie vollendet. Die praktische Erziehung hängt lediglich von der Geschäftsführung ab; nur durch das Handeln gewinnt der Charakter die nötige Festigkeit, um sich in dem Lebenswandel zu leiten. In Deutschland reicht der philosophische Geist viel weiter, als in irgendeinem anderen Lande; nichts hält ihn auf, und selbst das Fehlen einer politischen Laufbahn, wie nachteilig sie auch der Masse ist, gibt den Denkern um so mehr Freiheit. Aber eine unermeßliche Kluft trennt die Geister der ersten und zweiten Ordnung, weil für die Menschen, die sich nicht zur Höhe der umfassenden Konzeptionen erheben, weder ein Interesse, noch ein Gegenstand der Tätigkeit vorhanden ist. Wer sich in Deutschland nicht mit dem Universum befaßt, hat nichts zu tun... Die deutschen Universitäten haben einen alten Ruf, der um mehrere Jahrhunderte über die Reformation hinausreicht. Seit dieser Epoche verdienen die protestantischen Universitäten den Vorzug vor den katholischen, und aller literarischer Ruhm hängt in Deutschland mit diesen Institutionen zusammen. Die englischen Universitäten haben auf eine ausgezeichnete Weise dazu beigetragen, jene Kenntnis der alten Sprachen und Literaturen zu verbreiten, die den Rednern und Staatsmännern in England eine so liberale und glänzende Erziehung gibt. Es gehört zum alten Geschmack, noch etwas mehr zu kennen als Geschäfte, wenn man diese einmal kennt; und außerdem schließt die Beredsamkeit freier Nationen sich an die Geschichte der Griechen und Römer an. Aber die deutschen Universitäten, obgleich in mancher Hinsicht den englischen sehr ähnlich, unterscheiden sich von diesen in vieler Hinsicht. Die Menge der Studierenden, die sich zu Göttingen, Halle, Jena usw. vereinigten, bildeten beinahe einen freien Körper im Staate; die Reichen und Armen unter ihnen unterschieden sich voneinander nur durch ihr persönliches Verdienst, und die Fremden, die aus allen Winkeln der Welt herbeiströmten, unterwarfen sich mit Freuden einer Gleichheit, die nur durch die natürliche Überlegenheit gestört werden konnte. Es gab in Deutschland unter den Studierenden Unabhängigkeitssinn; und wenn sie sich nach dem Austritt aus dem Universitätsleben den öffentlichen Angelegenheiten hätten widmen können, so würde ihre Erziehung der Energie des Charakters sehr vorteilhaft gewesen sein. Aber sie traten zurück in die eintönigen und häuslichen Gewohnheiten, die in Deutschland vorherrschen, und verloren allmählich den Schwung und die Entschlossenheit, die das Universitätsleben ihnen eingeflößt hatte, und nichts blieb übrig, als eine ausgebreitete Gelehrsamkeit. Auf jeder deutschen Universität konkurrierten mehrere Professoren für jeden Zweig des Unterrichts. Auf diese Weise waren die Lehrer selbst von Wetteifer erfüllt. Wer sich für die eine oder andere Laufbahn besonders vorbereitete, es sei die Medizin, das Recht oder was es sonst wollte, fühlte das natürliche Bedürfnis, sich über andere Gegenstände zu unterrichten; und daher rührt die Universalität der Kenntnisse, die man beinahe bei allen gebildeten Männern Deutschlands antrifft. Wie die Geistlichkeit, so hatten auch die Universitäten ihre eigentümliche Ausstattung; sie hatten sogar ihre eigene Gerichtsbarkeit, und es ist eine schöne Idee unserer Väter, daß sie die Erziehungsanstalten ganz unabhängig gemacht haben. Das reifere Alter mag sich den Umständen unterwerfen; aber beim Eintritt in das Leben soll der Jüngling seine Ideen aus einer ungetrübten Quelle schöpfen. Das Sprachstudium, das die Grundlage des Unterrichts in Deutschland ausmacht, ist in der Jugend der Entwicklung aller Fähigkeiten bei weitem günstiger, als das Studium der mathematischen und physischen Wissenschaften. Pascal, dieser große Geometer, dessen Gedanke über der Wissenschaft, womit er sich beschäftigte, wie über den übrigen allen schwebte – Pascal selbst hat die Mängel anerkannt, die von den Geistern, die sich ausschließlich durch das Studium der Mathematik bilden, unzertrennlich sind; denn dies Studium übt in einem früheren Alter nur den Mechanismus des Verstandes. Die Probleme des Lebens sind verwickelter. Keins ist positiv, keins abgeschlossen; man muß erraten, wählen, und zwar mit Hilfe von Ansichten und Voraussetzungen, die mit dem untrüglichen Gang der Berechnung nichts zu tun haben. Die erwiesenen Wahrheiten führen nicht zu den Wahrscheinlichkeiten, die in Geschäften wie in den Künsten und in dem Umgang uns allein zu Führern dienen. Es gibt unstreitig einen Punkt, wo auch die Mathematik jene strahlende Macht der Erfindung fordert, ohne die sie nicht in die Geheimnisse der Natur eindringen kann; auf dem Gipfel des Gedankens scheinen sich Homers und Newtons Imagination zu vereinigen. Aber wie viele Kinder ohne Genie für die Mathematik widmen derselben ihr ganzes Leben! Man übt in ihnen nur eine Fähigkeit, während man das ganze moralische Wesen in einer Epoche entwickeln sollte, wo man Seele und Körper durch die übermäßige Stärkung des einzelnen Teils so leicht verdirbt. Nichts ist weniger anwendbar auf das Leben als ein mathematisches Raisonnement. Ein Satz in Zahlen ist entweder entschieden falsch oder wahr; in allen übrigen Beziehungen vermischt sich das Wahre mit dem Falschen auf eine so wunderbare Weise, daß nur der Instinkt uns zwischen verschiedenen Beweggründen, die auf beiden Seiten bisweilen gleich mächtig sind, zur Entscheidung führen kann. Die Erziehung, die spielend geschieht, zerstreut den Gedanken. Die Mühe jeder Art ist eins von den großen Geheimnissen der Natur, und der Geist des Kindes muß sich zu den Anstrengungen des Studiums ebenso gewöhnen, wie unser Herz zum Leiden. Die Vervollkommnung der Jugend steht zu der Arbeit in eben dem Verhältnis, wie die Vervollkommnung des reiferen Alters zum Schmerz. Es ist unstreitig zu wünschen, daß Eltern und Schicksal dieses doppelte Geheimnis nicht allzusehr mißbrauchen; aber in allen Fächern des Lebens ist nur das von Wichtigkeit, was auf den Mittelpunkt der Existenz selbst hinwirkt. Die dem Geiste der Deutschen so natürliche Unparteilichkeit bestimmt ihn zum Studium ausländischer Literaturen, und beim Austritt aus den Schulen weiß man gemeiniglich schon Latein und sogar Griechisch. »Die Erziehung der deutschen Universitäten«, sagt ein französischer Schriftsteller, beginnt da, »wo die Erziehung mehrerer Nationen von Europa aufhört.« Nicht nur sind die Professoren Männer von erstaunlicher Gelehrsamkeit, sondern was sie besonders auszeichnet, ist ein sehr gewissenhafter Unterricht. In Deutschland betreibt man alles gewissenhaft; und wahrlich, so muß es sein. Wenn man den Lauf des menschlichen Schicksals untersucht, so wird man finden, daß der Leichtsinn zu allem Bösen führen kann. Nur in der Jugend schließt der Leichtsinn einen Zauber in sich; es scheint, als ob der Schöpfer das Kind noch an der Hand hält und es über die Wolken des Lebens sanft hinführt; aber wenn die Zeit den Menschen sich selbst überläßt, so findet er nur noch im Ernste seiner Seele Gedanken, Gefühle und Tugenden. Pestalozzi und der Geist der Erziehung Rousseau sagt mit Recht, daß die Kinder nicht fassen, was sie lernen; und daraus schließt er, daß sie nichts lernen sollen. Pestalozzi hat vortrefflich ergründet, warum die Kinder nicht fassen, und seine Methode vereinfacht die Ideen und stuft sie zugleich so ab, daß sie dem Fassungsvermögen der Kindheit entsprechen, und daß der Geist in diesem Alter, ohne zu ermüden, zu den tiefsten Resultaten gelangt. Indem Pestalozzi mit großer Genauigkeit alle Stufen des Nachdenkens durchschreitet, setzt er das Kind in den Stand, selbst zu entdecken, was man es lehren will. In Pestalozzis Methode gibt es kein beinahe; man versteht entweder gut, oder man versteht gar nicht; denn alle Sätze berühren sich so eng, daß das zweite Sichklarwerden immer eine unmittelbare Folge des ersteren ist. Rousseau hat gesagt: man ermüde den Kopf der Kinder durch die Studien, die man von ihnen fordere. Pestalozzi führt sie immer auf einem so leichten und so positiven Weg, daß das Vertrautwerden mit den abstraktesten Wissenschaften ihnen nicht mehr Beschwerde verursacht, als sie in den einfachsten Beschäftigungen finden; jeder Schritt in diesen Wissenschaften ist, vermöge des vorhergegangenen, ebenso leicht, wie die allernatürlichste Folgerung aus den allergewöhnlichsten Umständen. Was die Kinder ermüdet, ist, wenn man sie die Zwischensätze überspringen läßt, ist, wenn sie vorrücken, ohne daß sie wissen, was sie gelernt zu haben glauben. In ihrem Kopfe entsteht dann eine Verwirrung, die ihnen jede Untersuchung lästig macht und ihnen einen unüberwindlichen Ekel gegen die Arbeit einflößt. Von allen diesen Nachteilen findet sich keine Spur bei Pestalozzi. Die Kinder belustigen sich bei ihren Studien, nicht, daß man sie ihnen zum Spiel gibt, sondern weil sie von Kindesbeinen an das Vergnügen erwachsener Menschen genießen – nämlich zu begreifen und zu beendigen, was man ihnen aufgetragen hat. Pestalozzis Methode ist, wie alles wahrhaft Gute, nicht eine ganz neue Entdeckung, wohl aber eine einsichtsvolle und standhafte Anwendung bereits bekannter Wahrheiten. Geduld, Beobachtung und philosophisches Studium der Verfahren des menschlichen Geistes haben ihm gezeigt, was in den Gedanken elementar, in ihrer Entwicklung folgerecht ist; und weiter als jeder andere hat er die Theorie und Praxis der Abstufung des Unterrichts getrieben. Mit Erfolg hat man seine Methode auf die Grammatik, die Geographie, die Musik angewandt; aber es wäre sehr wünschenswert, wenn ausgezeichnete Lehrer, die seine Grundsätze angenommen haben, sie auf alle Arten von Kenntnissen anwendeten; die der Geschichte ist insbesondere noch nicht gehörig gefaßt. Noch hat man nicht die Abstufung der Eindrücke in der Literatur, wie die der Probleme in den Wissenschaften beobachtet. Mit einem Wort: es bleibt noch viel zu tun übrig, um die Erziehung auf den Gipfel zu bringen, d.h. die Kunst, sich hinter das, was man weiß, zu stellen, um es anderen begreiflich zu machen. Es ist ein anziehendes und einziges Schauspiel bei Pestalozzi, diese Kindergesichter zu sehen, deren abgerundete, unbestimmte und zarte Züge den Ausdruck des Nachdenkens annehmen. Sie sind aufmerksam durch sich selbst und betrachten ihre Studien, wie ein Mensch in gereiftem Alter sich mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigen würde. Es ist sehr merkwürdig, daß weder Strafen noch Belohnungen nötig sind. Vielleicht zum erstenmal existiert eine Schule von hundertfünfzig Kindern ohne die Triebfeder der Nacheiferung und der Furcht. Wie viele böse Empfindungen werden dem Menschen erspart, wenn er in seinen Gespielen keine Nebenbuhler, in seinen Lehrern keine Richter sieht! Rousseau wollte das Kind dem Gesetze des Schicksals unterwerfen; Pestalozzi schafft dieses Schicksal selbst in der Erziehung dieses Kindes und bezweckt durch seine Dekrete Glück und Vervollkommnung. Das Kind fühlt sich frei, weil es ihm in der allgemeinen Ordnung wohl zu Mut ist, von der es sich umgeben sieht, und deren vollkommene Gleichheit nicht einmal durch die mehr oder weniger ausgezeichneten Talente der einzelnen gestört wird. Die Schüler werden Lehrer, wenn sie mehr wissen, als ihre Kameraden; die Lehrer werden wieder zu Schülern, wenn sie in ihrer Methode einige Unvollkommenheiten finden, und beginnen ihre Erziehung aufs neue, um über die Schwierigkeiten des Unterrichts besser zu urteilen. Man würde sich in Frankreich sehr irren, wenn man glauben wollte, in Pestalozzis Schule sei außer seiner raschen Methode, im Rechnen zu unterrichten, nichts Gutes weiter zu finden. Pestalozzi selbst ist gar nicht Mathematiker; auch Sprachen hat er nicht studiert. Er besitzt nur das Genie und den Instinkt, die Intelligenz der Kinder zu entwickeln; er weiß, welchen Weg ihr Gedanke verfolgt, um zum Ziel zu gelangen. Jene Reinheit des Charakters, die eine edle Gelassenheit über die Affektionen des Herzens verbreitet, hat Pestalozzi für nötig erachtet, auf die Arbeiten zu übertragen. Er achtet darauf, daß in vollständigen Studien eine moralische Freude steckt. In der Tat bemerken wir unaufhörlich, daß oberflächliche Kenntnisse eine Art von Hochmut einflößen, der alles, was man nicht weiß, als unnütz oder gefährlich oder lächerlich zurückstößt. Auch sehen wir, daß diese oberflächlichen Kenntnisse die Pflicht auferlegen, das, was man nicht weiß, geschickt zu verbergen. Die Offenheit leidet unter den Mängeln des Unterrichts. Die Redlichkeit also, die Pestalozzi in den Kreis der Intelligenz eingeführt hat, und die mit Ideen ebenso gewissenhaft umgeht, wie mit Menschen – diese Redlichkeit ist das Hauptverdienst seiner Schule; und gerade durch sie versammelt er um sich her Männer, die sich dem Wohlergehen der Kinder auf eine vollkommen uneigennützige Weise widmen. Wenn in einer öffentlichen Anstalt von den persönlichen Berechnungen ihrer Vorsteher keine einzige befriedigt wird, so muß man die bewegende Kraft dieser Anstalt in der Liebe zur Tüchtigkeit suchen. Huldigen muß man Pestalozzi besonders wegen der Sorgfalt, die er angewandt hat, um sein Institut mit dem Vermögenszustand unbemittelter Personen ins Gleichgewicht zu bringen; er hat die Kosten so gering als möglich angesetzt. Mit großer Standhaftigkeit hat er sich der Armen angenommen, um ihnen die Wohltat reiner Aufklärung und gründlichen Unterrichts zu verschaffen. Pestalozzis Werke sind in dieser Hinsicht eine merkwürdige Lektüre. Er hat Romane geschrieben, in denen die Lage von Leuten aus dem Volke mit vollendetem Interesse, mit Wahrheit und Moralität dargestellt sind. Da man die Zeichenkunst unter die nützlichen Kenntnisse rechnen kann, so darf man sagen, daß unter allen Erholungskünsten, die in der Pestalozzischen Anstalt erlernt werden, die Tonkunst die einzige ist; eine Wahl, die man billigen muß. Es gibt eine ganze Ordnung von Gefühlen, ich möchte sagen, eine ganze Ordnung von Tugenden, die mit der Kenntnis oder wenigstens mit der Freude an der Musik in Verbindung stehen; es muß für wahrhaft grausam gelten, daß man einen großen Teil des Menschengeschlechtes von diesen Gefühlen ausschließt. Die Antike war der Meinung, die Völker seien durch Musik von der Barbarei befreit worden; in dieser Allegorie liegt ein tiefer Sinn; denn man kann nicht umhin zu glauben, das Band der Gesellschaft sei durch Sympathie oder durch Interesse geknüpft worden. Die deutsche Sprache Wenn man den Geist und den Charakter einer Sprache studiert, so lernt man die philosophische Geschichte der Meinungen, der Sitten und Nationalgewohnheiten; und die Umwandlungen der Sprache müssen über die Bahn des Gedankens notwendigerweise sehr viel Licht verbreiten. Allein solch eine Analyse würde ihrer Natur nach metaphysisch sein und die Masse von Kenntnissen erfordern, die uns in einer fremden Sprache fast immer, in der eigenen nicht selten fehlen. Man muß also bei dem Eindruck stehenbleiben, den das Idiom einer Nation in seinem gegenwärtigen Zustande auf uns macht. Da das Französische mehr als irgendein anderer europäischer Dialekt gesprochen wird, so ist es zugleich abgeglättet durch den Gebrauch und gestählt für den Zweck; keine Sprache ist klarer, keine kündigt leichter an, keine drückt netter aus, was man sagen will. Das Deutsche schmiegt sich der Bestimmtheit und der Schnelligkeit der Unterhaltung weit weniger an. Selbst vermöge der grammatikalischen Zusammensetzung wird der Sinn einer Phrase gewöhnlich erst am Schlusse derselben gefaßt. Das Vergnügen zu unterbrechen, das die Erörterung in Frankreich so sehr belebt, und das alles, was man zu sagen hat, in möglichst kürzester Zeit vorzutragen nötigt: – dies Vergnügen kann also in Deutschland gar nicht vorhanden sein; denn da die Anfänge der Phrasen ohne das Ende nichts bedeuten, so muß man jedem den Spielraum lassen, den er für nötig hält. Dies leistet viel für die Ergründung der Dinge, dies ist auch höflicher; aber es ist weniger anziehend. Die deutsche Liebenswürdigkeit ist herzlicher, aber weniger abgestuft als die französische; man hat in Frankreich mehr Achtung vor dem Rang und überhaupt mehr Behutsamkeit; man schmeichelt mehr, als man schont; so nähert man sich weit lieber selbst den zartesten Dingen. Das Deutsche ist eine herrliche Sprache für Poesie, höchst reichhaltig für metaphysische Untersuchungen, aber sehr positiv in der Unterhaltung. Die französische Sprache hingegen ist nur reich an Wendungen, welche die feinsten Beziehungen der Gesellschaft ausdrücken; sie ist arm und umgrenzt in allem, was die Phantasie und Philosophie angeht. Die Deutschen fürchten mehr, ein unangenehmes Gefühl zu erzeugen, als sie zu gefallen wünschen. Daher kommt es, daß sie die Höflichkeit, soweit es immer in ihrer Macht stand, Regeln unterworfen haben; und ihre Sprache, die in ihren Büchern so kühn ist, wird in der Unterhaltung durch alle die Formen eingezwängt, durch die sie überladen ist. Ich erinnere mich, in Sachsen an einem Unterricht in der Metaphysik teilgenommen zu haben; ein berühmter Philosoph gab ihn: aber, indem er den Baron von Leibniz zitierte, konnte selbst der Strom der Rede ihn nicht bewegen, den Baronstitel wegzulassen, der zu dem Namen eines großen, seit einem Jahrhundert verstorbenen Mannes durchaus nicht paßte. Das Deutsche paßt besser für die Poesie als für die Prosa, und mehr für die geschriebene Prosa, als für die gesprochene. Ein herrliches Werkzeug, wenn man alles malen, alles sagen will, aber dafür kann man im Deutschen nicht, wie im Französischen, über verschiedene Gegenstände, die sich darbieten, hingleiten. Wollte man deutsche Worte so galoppieren lassen, wie die französische Unterhaltung es erfordert, so würde man ihnen alle Anmut, alle Würde rauben. Das Verdienst der Deutschen liegt in der guten Ausfüllung der Zeit; das Talent der Franzosen besteht darin, daß sie die Zeit vergessen machen. Obgleich der Sinn der deutschen Satzperioden oft erst am Ende hervortritt, so gestattet doch die Zusammensetzung nicht immer, sie mit einer Pointe zu beenden; und doch ist dies eins der stärksten Mittel, um in der Unterhaltung Eindruck zu hinterlassen. Selten hört man unter Deutschen sogenannte Bonmots, die Gedanken selbst, nicht den Glanz, der ihnen gegeben wird, muß man bewundern. Die Deutschen finden in dem glänzenden Ausdruck eine Art von Marktschreierei und halten sich an den abstrakten Ausdruck, weil er gewissenhafter ist und dem Wesen des Wahren mehr entspricht: die Unterhaltung darf jedoch keine Mühe kosten, weder für das Verstehen, noch für das Sprechen. Sobald sich die Unterhaltung nicht mehr auf die allgemeinen Angelegenheiten des Lebens bezieht, und man in den Kreis der Ideen eintritt, wird die Unterhaltung in Deutschland allzu metaphysisch; es gibt kein Mittelgut zwischen dem Gemeinen und dem Erhabenen, und doch ist es gerade dies Mittelgut, worin sich die Kunst der Konversation zeigt. Die deutsche Sprache hat eine ihr eigentümliche Lustigkeit. Aber dies ist eine volkstümliche Lustigkeit, die alle Klassen begreifen. Die seltsamen Tönungen der Wörter, ihre altertümliche Einfalt, geben der Spötterei etwas Malerisches, womit sich das Volk ebensogut belustigen kann wie die Gebildeten. Die Deutschen sind in der Wahl ihrer Wörter weniger beschränkt als wir, weil ihre Sprache, die bei weitem weniger zur Unterhaltung der Vornehmen gebraucht worden ist, nicht, wie die unsrige, aus Wörtern besteht, die ein Zufall, eine Anwendung, eine Anspielung lächerlich machen; aus Wörtern, die, nachdem sie alle Abenteuer der Gesellschaft ausgehalten haben, vielleicht ungerechterweise verbannt sind, aber doch nicht länger gestattet werden können. Der Zorn hat sich im Deutschen sehr oft ausgedrückt; aber nie hat man daraus eine Waffe der Verspottung gemacht, und die Wörter, die man anwendet, haben noch ihre volle Wahrheit, ihre volle Kraft. Dies ist ein Vorteil mehr; dafür aber kann man im Französischen tausend feine Bemerkungen ausdrücken und tausend Kunstwendungen machen, deren die deutsche Sprache bis jetzt unfähig ist. Im Deutschen muß man sich mit den Ideen, im Französischen mit den Personen messen; mit Hilfe des Deutschen muß man grübeln, mit Hilfe des Französischen zum Ziel gelangen. Mit dem ersteren muß man die Natur, mit dem anderen die Gesellschaft malen. Goethe läßt in seinem Roman von Wilhelm Meister eine deutsche Frau sagen: daraus, daß ihr Liebhaber französisch an sie geschrieben, habe sie geschlossen, daß er sie verlassen wolle. Wirklich gibt es in unserer Sprache eine Menge Phrasen, etwas zugleich zu sagen und nicht zu sagen, etwas hoffen zu lassen, ohne es zu versprechen, und etwas zu versprechen, ohne sich zu binden. Das Deutsche ist weniger biegsam, und möge es immer so bleiben! Denn nichts verursacht soviel Abscheu als diese Sprache, wenn sie zu Gleisnereien verbraucht wird, wie geartet diese auch sein mögen! Ihre schleppende Zusammensetzung, ihre vervielfachten Zwischensätze, ihre gelehrte Grammatik erlauben ihr keine Anmut in der Kunst, sich anzupassen; und man möchte sagen, sie sperre sich von selbst gegen die Absicht dessen, der sie redet und in ihr zum Verräter an der Wahrheit werden will ... Vom Stil und der Verskunst in der deutschen Sprache Wenn man die Prosodie einer Sprache erlernt, so dringt man dadurch tiefer in den Geist der Nation, die sie spricht, als durch jegliches andere Studium. Daher kommt es, daß man Vergnügen findet, fremde Worte auszusprechen, man hört sich selbst, als hörte man einen dritten sprechen; nichts aber ist so zart, nichts so schwer zu ergreifen, als der Akzent, man lernt tausendmal leichter die verwickelteste Arie, als die Aussprache einer einzigen Silbe. Nur eine lange Reihe von Jahren, oder die ersten Eindrücke der Kindheit, geben die Fähigkeit, eine Aussprache zu erlernen, die mit dem Feinsten und Unerklärlichsten in der Einbildungskraft und im National-Charakter zusammenhängt. Die deutschen Dialekte haben ihren Ursprung in einer Muttersprache, aus der sie alle schöpfen. Diese gemeinschaftliche Quelle erneuert und vervielfältigt die Ausdrücke auf eine dem Genius der Völker stets angemessene Weise. Die Luft, die man atmet, hat großen Einfluß auf die Töne, die man hervorbringt; Verschiedenheit des Bodens und des Klimas erzeugen in derselben Sprache die verschiedensten Arten der Aussprache. Näher zum Meere hin werden die Worte sanfter, das Klima ist dort gemäßigter; vielleicht auch stimmt das fortwährende Schauspiel dieses Bildes der Unendlichkeit zur Schwärmerei und gibt der Aussprache mehr Weichheit und Langsamkeit. Erhebt man sich dagegen in die Gebirge, so wird der Akzent kräftiger, als ob die Bewohner dieser erhabenen Gegenden sich dem Rest der Welt von der Höhe ihrer natürlichen Rednerbühnen verständlich machen wollten. In den deutschen Dialekten findet man die Spuren der eben von mir angedeuteten Einflüsse. Das Deutsche ist an und für sich selbst eine eben so ursprüngliche Sprache, und hat fast einen eben so gelehrten Bau, wie das Griechische. Die Forscher, welche über die großen Völkerfamilien Untersuchungen angestellt haben, glaubten historische Gründe für diese Ähnlichkeit zu finden; wahr bleibt es immer, daß man im Deutschen eine grammatikalische Ähnlichkeit mit dem Griechischen findet, mit dem es die Schwierigkeit teilt, ohne dessen Reiz zu besitzen: da die Menge der Konsonanten, aus denen die Wörter dieser Sprache bestehen, sie mehr harttönend, als wohlklingend machen. Man möchte sagen, daß diese Wörter stärker sind, als das, was sie ausdrücken sollen, und dies gibt zuweilen dem Stil eine Eintönigkeit von Energie. Jean Jacques Rousseau sagt: die südlichen Sprachen seien Töchter der Freude, die des Nordens Töchter der Notwendigkeit. Das Italienische und das Spanische haben Modulationen wie ein harmonischer Gesang, das Französische ist zur Unterhaltung geeignet; das Deutsche dagegen ist eine Wissenschaft. Die deutsche Periode umspannt den Gedanken wie eine Schere, die sich bald öffnet und bald wieder schließt, um ihn zu fassen. Ein fast antiker Bau der Phrasen hat in dieser Sprache leichter Platz gefunden, als in irgendeiner anderen europäischen Sprache; aber Inversionen passen kaum für neuere Sprachen. Die auffallenden Endungen der griechischen und lateinischen Wörter ließen leicht erkennen, welche unter ihnen bestimmt waren, sich mit einander zu verbinden, selbst wenn sie getrennt dastanden: die Deklinationszeichen bei den Deutschen sind so dumpf, daß man unter diesen eintönigen Zeichen Mühe hat, diejenigen Wörter herauszufinden, die von einander abhängen. Wenn Ausländer sich über die Mühe beschweren, die ihnen das Studium der deutschen Sprache macht, so antwortet man ihnen gewöhnlich, daß es sehr leicht sei, in dieser Sprache mit der Einfachheit der französischen Grammatik zu schreiben, daß es dagegen im Französischen unmöglich wäre, den deutschen Periodenbau anzunehmen. Das Deutsche ist vielleicht die einzige Sprache, in welcher Verse leichter als Prosa zu verstehen sind, da die poetische Phrase, die notwendigerweise durch das Versmaß zerschnitten wird, über dasselbe hinaus nicht verlängert werden kann. Die Kunst des Übersetzens ist in Deutschland weiter gediehen, als in irgendeiner andern europäischen Sprache. Voß hat griechische und römische Dichter mit bewunderungswürdiger Treue, und August Wilhelm Schlegel englische, italienische und spanische mit einer Wahrheit des Kolorits in die deutsche Sprache übertragen, wovon es zuvor kein Beispiel gab. Bei Übersetzungen aus dem Englischen verliert das Deutsche seinen natürlichen Charakter nicht, weil diese Sprachen beide germanischen Ursprungs sind; aber wie verdienstlich auch Vossens Übersetzung des Homer sein möge, so macht sie doch aus der Ilias und der Odyssee nur Gedichte in griechischem Stil, wenn auch mit deutschen Worten. Die Altertumskunde gewinnt hierbei, aber die der Sprache einer jeden Nation eigene Eigentümlichkeit muß notwendigerweise dabei verlieren. Es scheint ein Widerspruch zu sein, wenn man die deutsche Sprache zu gleicher Zeit einer zu großen Biegsamkeit und Rauhigkeit beschuldigt; was sich aber im Charakter mit einander verträgt, das kann es auch in der Sprache: und häufig schützen die Unannehmlichkeiten der Rauhigkeit in einem und dem nämlichen Menschen nicht gegen die der zu großen Weichheit. Diese Fehler fallen viel seltener in Versen als in der Prosa, in Original-Werken viel weniger als in Übersetzungen auf; ich glaube mithin mit Wahrheit sagen zu dürfen, daß es heutzutage keine frappantere und mannigfaltigere Poesie gibt, als die deutsche. »Geniale Menschen aller Länder sind geeignet, einander zu verstehen« Eine für ein Instrument gesetzte Musik läßt sich auf einem Instrument anderer Gattung nicht mit Erfolg spielen. Außerdem besteht die deutsche Literatur in ihrer ganzen Eigentümlichkeit eigentlich nur seit vierzig bis fünfzig Jahren, und die Franzosen sind seit den letzten zwanzig so sehr durch politische Ereignisse beschlagnahmt worden, daß sie alles Studium der Literatur bei Seite gestellt haben. Man würde jedoch die Fragen nur höchst oberflächlich behandeln, wenn man bei der Behauptung stehen bliebe: die Franzosen seien darum ungerecht gegen die deutsche Literatur, weil sie sie nicht kennen. Sie haben allerdings Vorurteile gegen sie, aber diese Vorurteile gründen sich auf das dunkle Gefühl der entschiedenen Ungleichheit in der Art zu sehen und zu empfinden, die zwischen beiden Nationen vorhanden ist. In Deutschland gibt es über nichts feste Geschmacksregeln, alles ist da unabhängig, alles individuell. Man urteilt über ein Werk immer nur nach dem Eindruck, den es macht, niemals nach Regeln, weil es keine allgemein geltenden gibt; jedem Autor steht es frei, sich eine neue Welt zu bilden. In Frankreich wollen die meisten Leser nie auf Kosten ihres literarischen Gewissens gerührt, nicht einmal unterhalten sein, dort hat der Skrupel sein Reich. Ein deutscher Autor bildet sein Publikum, in Frankreich gebietet das Publikum den Autoren. Da in Frankreich die Zahl der Menschen von Geist (esprit) viel größer ist als in Deutschland, so imponiert dort auch das Publikum viel mehr, während deutsche Schriftsteller, unendlich hoch über ihren Richtern stehend, sie beherrschen, anstatt von ihnen Gesetze zu empfangen. Daher kommt es, daß diese Schriftsteller selten durch die Kritik vervollkommnet werden; keine Ungeduld von Lesern oder Zuschauern nötigt sie, schleppende Stellen aus ihren Werken zu streichen, und selten nur halten sie zur rechten Zeit inne. Franzosen denken und leben nur in andern, wenigstens was die Eigenliebe angeht, und man merkt es den meisten ihrer Werke an, daß ihr Hauptzweck nicht der Gegenstand ist, den sie behandeln, sondern die Wirkung, die sie hervorbringen. Der französische Schriftsteller sieht sich immer in der Gesellschaft, selbst wenn er schreibt, und verliert nie die Kritiken, die Spötteleien, den Modegeschmack, kurz die literarische Autorität aus den Augen, unter der er in der oder jener Epoche lebt. In Frankreich liest man selten ein Buch aus anderem Grunde, als um darüber zu sprechen; in Deutschland will man, daß das Werk Gesellschaft leiste. Der Mensch in der Einsamkeit bedarf der Anregung des Innern, um die äußere Bewegung zu ersetzen, die ihm fehlt. Klarheit gilt in Frankreich für eins der hauptsächlichsten schriftstellerischen Verdienste: es kommt vor allen Dingen darauf an, daß man bei einem Werke keine Mühe nötig hat und bei der Morgenlektüre aufhascht, womit man abends in der Gesellschaft glänzen kann. Die Deutschen sehen dagegen ein, daß Klarheit immer nur ein relatives Verdienst ist, und ein Buch bloß in Bezug auf seinen Inhalt und seine Leser klar genannt werden kann. Allerdings ist es notwendig, Licht in die Tiefe zu bringen; aber wer sich bloß an die Grazien des Verstandes oder an ein Spiel mit Worten hält, kann viel sicherer darauf rechnen, verstanden zu werden; wer keinem Mysterium nahetritt, wie könnte der dunkel sein? Die Deutschen gefallen sich in Dunkelheiten; oft hüllen sie, was klar am Tage lag, in Nacht, bloß um den geraden Weg zu meiden; sie haben einen solchen Widerwillen gegen gewöhnliche Gedanken, daß, wenn sie sich genötigt sehen, sie niederzuschreiben, sie ihnen den Mantel einer abstrakten Metaphysik umhängen, die sie neu scheinen läßt, bis man sie erkennt. Die deutschen Schriftsteller genieren sich nicht mit ihren Lesern; da ihre Werke wie Orakelsprüche aufgenommen und ausgelegt werden, so können sie sie in so viel Wolken hüllen, wie es ihnen gefällt. Die Geduld, dies Gewölk zu zerstreuen, fehlt niemals, aber am Ende muß sich dahinter doch eine Gottheit zeigen, denn, was die Deutschen am wenigsten dulden, ist getäuschte Erwartung: ihre Anstrengung und Ausdauer machen ihnen große Resultate zum Bedürfnis. Sind in einem deutschen Werk nicht starke und neue Gedanken, so wird es bald der Verachtung preisgegeben, und wenn das Talent auch alles verzeihlich macht, so haben in Deutschland doch die verschiedenartigen Künste, durch die man Talent zu ersetzen sucht, keinen Wert. Die dramatische Kunst bietet ein auffallendes Beispiel der bestimmten Eigenschaften beider Völker dar. Was Handlung, Intrige, Interesse der Begebenheiten betrifft, da verstehen die Franzosen tausendfach besser aufzufassen und zu verbinden. Die Entwicklung von Herzenseindrücken und die geheimen Stürme starker Leidenschaften werden dagegen von den Deutschen viel tiefer ergründet. Wenn die vorzüglichen Menschen beider Länder den höchsten Grad der Vollkommenheit erreichen sollten, müßten die Franzosen religiös, die Deutschen ein wenig weltlich werden. Die Frömmigkeit arbeitet der Seelenzerstreuung entgegen, die zugleich der Hauptfehler und das Angenehmste der Franzosen ist, und die Kenntnis der Menschen und der Gesellschaft würde den Deutschen in literarischer Hinsicht den Geschmack und die Gewandtheit, die ihnen fehlt, geben. Die Schriftsteller beider Länder sind ungerecht gegeneinander. Bei ausgebreiteten Kenntnissen läßt man so viel verschiedene Arten, die Dinge zu sehn, an sich vorübergehen, daß der Geist dadurch die Duldung gewinnt, die eine Frucht der Universalität ist. Die Franzosen würden indessen mehr dabei gewinnen, wenn sie das Genie der Deutschen begreifen lernten, als die Deutschen bei der Unterwerfung unter den französischen Geschmack. Alle neueren Versuche, die französische Regelmäßigkeit mit etwas fremder Würze zu versetzen, sind mit rauschendem Beifall aufgenommen worden. J. J. Rousseau, Bernardin de Saint Pierre, Chateaubriand sind in einigen ihrer Werke, selbst ohne es zu wissen, mit der deutschen Schule verwandt, das heißt, sie schöpfen ihr Talent nur aus der Tiefe ihrer Seele. Wollte man dagegen die deutschen Schriftsteller nach den französischen Verbotsgesetzen regeln, so würden sie nicht wissen, wie durch alle diese Klippen zu steuern sei, sich nach dem offenen Meer zurücksehnen und ihren Geist eher verwirrt als belehrt finden. Es folgt hieraus nicht, daß sie alles wagen sollen und zuweilen nicht wohl täten, sich Grenzen zu setzen, aber es kommt hier darauf an, daß man ihnen nach ihren eigenen Ansichten den Platz anweist. Man muß, um sie dahin zu bringen, gewisse Beschränkungen anzunehmen, auf den Grund dieser Beschränkungen zurückgehen, ohne sich jedoch der Autorität des Lächerlichen zu bedienen, gegen die sie durchaus rebellisch sind. Geniale Menschen aller Länder sind geeignet, sich zu verstehen und zu schätzen, aber die Mehrzahl der deutschen und französischen Schriftsteller und Leser erinnert an Lafontaines Fabel von dem Storch, der nicht aus der Schüssel, und dem Fuchs, der nicht aus der Flasche essen kann. Lessing und Winkelmann Die deutsche Literatur ist vielleicht die einzige, die mit der Kritik angefangen hat; in allen andern sind die Meisterwerke ihr vorangegangen, in Deutschland war sie es, die jene erzeugte. Verschiedene andere Nationen hatten sich seit mehreren Jahrhunderten in der schriftstellerischen Kunst ausgezeichnet, die Deutschen kamen später als alle anderen und glaubten eben nichts besseres zu tun zu haben, als auf der gebahnten Straße fortzuschreiten; die Kritik mußte daher zuerst die Nachahmung beseitigen und der Eigentümlichkeit Raum schaffen. Lessing schrieb eine Prosa, so rein und gedrungen, wie sie damals ganz unbekannt war: die Tiefe der Gedanken macht den Stil der Schriftsteller der neuen Schule oft etwas unsicher; Lessing bei nicht geringerer Tiefe hatte etwas Herbes in seinem Charakter, was ihn immer die schärfsten, beißendsten Ausdrücke finden ließ. Ihn beseelte in allen seinen Schriften ein feindseliges Gefühl gegen die Meinungen, die er bekämpfte, und der Zorn gibt den Ideen Schwung. Er beschäftigte sich nach der Reihe mit der Bühne, der Philosophie, der Antike und der Theologie, die Wahrheit stets verfolgend wie ein Jäger, dem das Jagen noch größere Lust gewährt als die Beute. Sein Stil hat einige Ähnlichkeit mit dem durch lebendige und glänzende Kürze ausgezeichneten der Franzosen; er strebt danach, das Deutsche zu einer klassischen Sprache zu erheben. Die Schriftsteller der neuen Schule umfassen mehr Gedanken auf einmal, Lessing jedoch verdient allgemeinere Bewunderung; sein Geist war neu und kühn, und dessen ungeachtet jedem Menschen faßlich; seine Art zu sehen, war deutsch, seine Art sich auszudrücken, europäisch. Ein geistreicher und in seinen Schlüssen beweiskräftiger Dialektiker, war er im Grund der Seele doch von Enthusiasmus für das Schöne erfüllt; eine Glut ohne Flamme war ihm eigentümlich und eine immer rege philosophische Heftigkeit, die durch wiederholte Schläge dauernde Wirkungen erzeugte. Lessing analysierte das französische Theater, das damals allein in seinem Vaterlande das Feld beherrschte, und stellte die Behauptung auf, daß die größere Verwandtschaft zwischen dem Englischen und dem Geist seiner Landsleute vorhanden sei. In seinen Beurteilungen der Merope, Zaïre, Semiramis und Rodogune hebt er nicht etwa die oder jene besondere Unwahrscheinlichkeit heraus, sondern greift geradezu die Wahrheit der Gefühle und Charaktere an, indem er die in diesen Dichtungen handelnden Personen als wirkliche Wesen vor den Richterstuhl fordert. Um die Urteile Lessings über das System der dramatischen Kunst im allgemeinen mit Gerechtigkeit würdigen zu können, muß man die Hauptverschiedenheiten prüfen, die in den Ansichten der Franzosen und der Deutschen über diesen Gegenstand vorhanden sind. Bedeutend bleibt es aber immer für die Geschichte der Literatur, daß ein Deutscher den Mut hatte, einen großen französischen Schriftsteller zu kritisieren und voll Geist mit dem Fürsten der Spötter, Voltaire, selbst einen Scherz zu treiben. Es war ein Großes für ein Volk, das unter dem Urteil, das ihm Geschmack und Anmut absprach, seufzte, zu hören, daß jedes Land einen Nationalgeschmack, eine natürliche Anmut besitzt, und der literarische Ruhm auf verschiedenen Wegen erworben werden kann. Lessings Schriften gaben einen neuen Anstoß; man fing an, Shakespeare zu lesen, man wagte in Deutschland, sich einen Deutschen zu nennen, und an die Stelle des Joches trat die Volkseigentümlichkeit in ihre Rechte. Lessing hat theatralische und philosophische Werke geschrieben, die beide besonders geprüft zu werden verdienen; man muß die deutschen Schriftsteller jederzeit unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachten. Da sie durch die Kraft des Denkens noch mehr glänzen als durch Talent, so widmen sie sich nicht ausschließlich einer Gattung, und das Nachdenken führt sie nach und nach auf verschiedene Bahnen. Unter Lessings Schriften ist Laokoon eine der merkwürdigsten; es werden darin die Gegenstände, die sich zu Vorwürfen der Poesie und der Malerei eignen, mit ebensoviel Philosophie in den Grundsätzen als Scharfsinn in der Wahl der Beispiele beleuchtet; doch bleibt Winkelmann immer derjenige, von dem in Deutschland eine wahre Revolution in der Art, die Kunst und durch die Kunst die Literatur zu betrachten, ausging. Dieser Mann, der anfänglich das Altertum nur aus Büchern kannte, wollte selbst hingehen, dessen hohe Überbleibsel zu schauen: eine innere Glut zog ihn nach dem Süden, wie man denn häufig in der Einbildungskraft der Deutschen Spuren jener Liebe zur Sonne findet, die aus den Beschwerlichkeiten des Nordens entspringt. Ein schöner Himmelsstrich erzeugt Gefühle, die der Vaterlandsliebe ähnlich sind. Als Winkelmann nach einem langen Aufenthalt in Italien von dort nach Deutschland zurückkam, erfüllte ihn der Anblick des Schnees, der spitzen Dächer, die er bedeckt, und der durchräucherten Häuser mit Traurigkeit. Es schien ihm, daß er den Geschmack an den Künsten verliere, sowie er die Luft nicht mehr einatmete, die ihnen das Dasein gab. Welch eine kontemplative Beredsamkeit ist in allem, was er über den Apoll von Belvedere, über den Laokoon sagt! Sein Stil ist ruhig und majestätisch wie die Gegenstände, denen er seine Betrachtung widmet. Er weiß seiner Kunst, sie zu schildern, die imposante Würde der Kunstdenkmäler selbst zu geben, und seine Beschreibungen machen denselben Eindruck wie die Statuen. Niemand hatte es vordem verstanden, genaue und tiefe Bemerkungen mit so lebendiger Bewunderung zu vereinigen, und doch ist dies die einzige Art, die Kunst zu ergründen. Die Achtung gegen sie muß aus der Liebe zu ihr fließen, und in den Meisterstücken des Talentes müssen, wie in den Zügen eines geliebten Wesens, sich tausend Reize enthüllen. Dichter hatten vor Winkelmann griechische Tragiker studiert, um ihre Werke unseren Bühnen anzupassen. Gelehrte gab es, die man wie Bücher zu Rate ziehen konnte; niemand aber hatte wie Winkelmann sich sozusagen selbst zum Heiden gemacht, um ganz in das Altertum einzudringen. Winkelmann hat die Fehler wie die Vorzüge eines kunstliebenden Griechen, und man fühlt in seinen Schriften eine Anbetung der Schönheit, wie sie sich bei einem Volke finden mußte, wo ihr so häufig die Ehre der Apotheose zuteil wurde. Einbildungskraft und Gelehrsamkeit gaben beide Winkelmann ihr Licht; von seiner Zeit hatte man die Überzeugung, daß sie einander ausschlössen. Er zeigte, daß, um die Antike zu enträtseln, das eine so nötig wie das andere sei. Gegenständen der Kunst kann man nur Leben geben durch die genaue Kenntnis des Landes und der Zeit, in denen sie vorhanden waren. Schwankende Züge fesseln das Interesse nicht. Sollen Erzählungen und Dichtungen, die in entfernten Jahrhunderten spielen, belebt erscheinen, so muß die Gelehrsamkeit selbst der Phantasie zu Hilfe kommen und sie, wenn es möglich ist, zum Zeugen dessen, was sie darstellt, zum Zeitgenossen dessen, was sie erzählt, machen. Winkelmanns Urteil über die Kunst geht den Weg genauer Menschenkenntnis. Er untersucht die Gesichtszüge einer Bildsäule wie die eines lebenden Wesens. Mit großer Genauigkeit faßt er die geringfügig erscheinenden Beobachtungen auf, um daraus höchst überraschende Schlüsse zu ziehen. Bald ist es eine Physiognomie, bald ein Attribut, bald ein Kleidungsstück, was plötzlich eine ganz unerwartete Helle über lang erforschte Gegenstände verbreitet. Ceres' Haare sind mit einer Zwanglosigkeit aufgesteckt, wie sie für Minerva nicht paßt; die Mutter Proserpinas zeigt auch im Äußeren den ewigen Schmerz über ihren Verlust. Minos, Sohn und Schüler Jupiters, trägt auf den alten Münzen die Züge seines Vaters; dennoch bezeichnet die ruhige Größe des einen und der strenge Ausdruck in dem Bild des anderen bei jenem den Fürsten der Götter, bei diesem den Richter der Menschen. Der Torso ist ein Fragment des gottgewordenen Herkules, wie er von Hebe den Becher der Unsterblichkeit empfängt, während der farnesische Herkules nur noch die Attribute eines Sterblichen trägt; die Umrisse des Torso, zwar ebenso kräftig, aber gerundeter als bei jenem, bezeichnen die Kraft des Helden, doch eines Helden, der, in den Himmel versetzt, nun losgesprochen ist von den schweren irdischen Arbeiten. Alles ist symbolisch in der Kunst, und die Natur erscheint unter tausendfältig verschiedenen Gestalten in jenen Statuen, Gemälden und Gedichten, in denen die Unbeweglichkeit die Bewegung andeuten, das Äußere der Seele Innerstes enthüllen, das Dasein des Augenblicks zu einer Ewigkeit werden soll. Winkelmann hat in Europa die Vermischung des antiken und des modernen Geschmacks in der Kunst beseitigt. In Deutschland zeigte sich sein Einfluß auf die Literatur noch deutlicher als auf die Kunst. Er zeigte, worin der antike Geschmack in der Kunst besteht; die Neueren mochten nun fühlen, was sie in dieser Hinsicht anzunehmen oder zu verwerfen hatten. Wenn ein Mann von Talent uns die Geheimnisse einer antiken oder fremden Natur enthüllt, so tut er das Seinige durch den gegebenen Anstoß; die dadurch hervorgebrachte Regung muß sich aber in uns selbst gestalten, und je wahrhafter sie ist, diese Anregung, desto weniger wird sie sklavische Nachahmung aufkommen lassen. Winkelmann verdankt man die Entwicklung der jetzt in die Kunstlehre aufgenommenen wahren Grundsätze über das Ideal, diese Vervollkommnung der Natur, dessen Urbild in unserer Phantasie liegt, nicht außer uns. Die Anwendung dieser Grundsätze auf die Literatur ist besonders ergiebig. Die Poetik aller Künste ist in Winkelmanns Schriften unter einen einzigen Gesichtspunkt gebracht, und zwar zum Vorteil aller. Man hat die Poesie durch die Skulptur, die Skulptur durch die Poesie besser verstehen gelernt und durch die Kunst der Griechen den Weg zu ihrer Philosophie gefunden. Die idealistische Metaphysik hat bei den Deutschen sowohl als bei den Griechen keinen anderen Ursprung als den Dienst des höchsten Schönen, das unsre Seele allein aufzufassen und zu erkennen vermag; dieses wundervolle Schöne ist eine Erinnerung des Himmels, unseres ursprünglichen Vaterlandes. Phidias' Meisterwerke, Sophokles Tragödien und Platons Lehre, alle vereinen sich, um uns davon denselben Begriff zu geben, wenn auch unter verschiedenen Formen. Lessings Schauspiele Lessing machte von der natürlichen Tätigkeit seines Charakters Gebrauch, um seine Landsleute mit einem Nationaltheater zu beschenken, und schrieb eine Zeitschrift unter dem Titel Dramaturgie, in der er aus dem Französischen übersetzte Stücke kritisch beleuchtet: die Richtigkeit seiner Rezensionen beweist, daß er noch mehr Philosoph als Theaterkenner war. Lessing dachte überhaupt wie Diderot über die dramatische Kunst nach. Er war der Meinung, die strenge Regelmäßigkeit der französischen Tragödie sei ein großes Hindernis zur Behandlung einfacher rührender Gegenstände; und um die Lücke auszufüllen, blieb nichts übrig als das Drama. Mit dem Unterschied, daß Diderot in seinen Stücken die Ziererei der Natürlichkeit an die Stelle des Redezwangs der Herkömmlichkeit setzte, und daß Lessings Talent wirklich einfach und natürlich ist. Er ist der erste, der den Deutschen den ehrenvollen Auftrag gab, mit eigenem Genie für das Theater zu schreiben. Die Originalität seines Gemütes zeigt sich in seinen Stücken. Minna von Barnhelm, Emilia Galotti und Nathan der Weise verdienen von allen Dramen Lessings eine nähere Auseinandersetzung. Ein edelmütiger, verabschiedeter Stabsoffizier, der im Kriege mehrere Wunden erhielt, wird zuletzt durch einen ungerechten Prozeß in seiner Ehre gekränkt und will seine Geliebte opfern, um sie nicht in sein Unglück zu ziehen. Dies ist der ganze Inhalt des Stücks » Minna von Barnhelm «. Mit so einfachen Mitteln hat Lessing das Interesse zu erwecken gewußt; der Dialog ist voller Geist und Reiz, der Stil überaus rein und alle Charaktere so entwickelt und klar, daß jede Schattierung ihrer Gefühle den Zuschauer so lebhaft anspricht wie das anvertraute Geheimnis eines Freundes. Die Rolle eines alten Wachtmeisters, der seinem unterdrückten Major mit Leib und Seele ergeben ist, enthält eine angenehme Mischung von Lustigkeit und Empfindsamkeit; eine Gattung, die auf allen Bühnen Glück macht, denn die Lustigkeit gefällt mehr, wenn man sie für keine Folge der Gefühllosigkeit hält, und die Empfindsamkeit scheint natürlicher, wenn sie nur von Zeit zu Zeit durchbricht. » Emilia Galotti « ist die römische Virginia, einer neueren ähnlichen Begebenheit angepaßt; nur sind die Gefühle für den Rahmen des Gemäldes zu stark; die Handlung ist an sich zu kraftvoll, um sie auf einen unbekannten Namen übertragen zu können. Lessing wollte ohne Zweifel seine republikanische üble Laune gegen die Klasse der Höflinge loslassen; er malt con amore und mit stark aufgetragenen Farben einen von ihnen, der seinem Herrn ein unschuldiges Mädchen verführen hilft; aber sein Marinelli ist beinahe zu schlecht und zu verworfen, um Wahrscheinlichkeit zu besitzen; seine Niederträchtigkeit ist nicht originell genug. Man sieht, daß Lessing ihn in feindseliger Absicht so darstellte, und nichts ist für die Schönheit einer Dichtung nachteiliger, als irgendeine fremde Absicht, die diese Schönheit selbst nicht zum Ziel hat. Der Charakter des Prinzen wird vom Verfasser mit größerer Feinheit durchgeführt; in seiner ganzen Lebensführung scheinen die heftigen Leidenschaften und der Leichtsinn des Gemüts durch, die, als Ganzes vereint, so gefährlich, so verderblich werden können. Ein alter Rat legt dem Prinzen Papiere zur Unterschrift vor; es befindet sich ein Todesurteil darunter; in seiner Ungeduld, die geliebte Emilia zu sehen, ist der Prinz im Begriff zu unterschreiben, ohne gelesen zu haben. Jetzt findet der alte Rat einen Vorwand, ihm das Papier vorzuenthalten, und schaudert bei dem Gedanken an den unüberlegten Mißbrauch einer solchen Macht. Die Rolle der Gräfin Orsina, die der Prinz vorher liebte und wegen Emilia verließ, ist mit dem größten Talent durchgeführt. Die Orsina ist ein Gemisch von Leichtsinn und Heftigkeit, ein Charakter, wie man ihn leicht bei einer Italienerin, die an einem Hof lebt, finden kann; man entdeckt zugleich in ihr, was die große Welt aus ihr gemacht hat, und was die große Welt in ihr nicht ersticken konnte. Die Natur des Südens mit der ganzen Künstlichkeit des Hoflebens verbunden, Stolz mit dem Laster, Eitelkeit mit Empfindelei; ein seltsames Gemisch! Der Auftritt, in dem die Gräfin Orsina Emilias Vater aufreizt, den Fürsten zu ermorden, um seine Tochter der Schande, die auf sie wartet, zu entreißen, ist außerordentlich schön. Das Laster gibt der Tugend die Waffen in die Hand; man hört die Leidenschaft alles sagen, was die strengste Moral sagen könnte, um die gekränkte Ehre eines alten Vaters zu entflammen. Man sieht das menschliche Herz in einer neuen Lage enthüllt; und eben in solchen Schöpfungen zeigt sich das wahre dramatische Genie. Der Vater empfängt den Dolch von der Gräfin; und da er den Prinzen nicht durchbohren kann, ersticht er die Tochter. Ohne es selbst zu wissen, ist die Orsina die Urheberin des Mordes: sie hat ihre vorübergehende Wut in ein tiefes Gemüt eingegraben; auf die unsinnigen Klagen ihrer strafbaren Liebe floß das unschuldige Blut. Man stößt in den Hauptrollen der Stücke Lessings auf gewisse Familienzüge, aus denen man den Schluß ziehen möchte, er selbst habe sich in diesen Rollen zeichnen wollen: der Major Tellheim in »Minna von Barnhelm«, Odoardo in »Emilia Galotti«, der Templer in »Nathan der Weise« treten alle drei mit einer stolzen Empfindlichkeit auf, über der ein Hauch von Menschenhaß liegt. * Lessings Meisterstück ist » Nathan der Weise «. Es ist unmöglich, die religiöse Toleranz mit mehr Natur und Würde handelnd darzustellen und auf die Bühne zu bringen. Ein Muselmann, ein Tempelherr und ein Jude sind die Hauptpersonen des Dramas, dessen erster Gedanke aus der Erzählung des Boccaccio von den drei Ringen entnommen ist: die ganze Anordnung stammt von Lessing. Der Muselmann ist der Sultan Saladin, den die Geschichte so groß schildert, der junge Tempelherr trägt im Herzen die ganze Strenge seines Ordens, der Jude ist ein Greis, der als Handelsherr reich geworden ist, aber durch Aufklärung und Wohltun sich ein edles Wesen zu eigen gemacht hat. Ihm ist alles, was im verschiedenen Glauben der Menschen aufrichtig ist, wahr; im Herzen jedes Tugendhaften sieht er das Bild der Gottheit. Dieser Charakter ist von bewunderungswürdiger Schlichtheit. Man wundert sich über die Rührung, die er hervorbringt, obschon er weder von lebhaften Leidenschaften, noch von hinreißenden Umständen bestimmt wird. Da man dem weisen Nathan ein Mädchen entreißen will, dem er Vater geworden ist, die er seit Kindheit mit Sorgfalt gepflegt hat, übermannt ihn der Schmerz, sich von ihr zu trennen; und, von dem Gefühl der Ungerechtigkeit überwältigt, erzählt er, wie er in den Besitz des Mädchens gekommen ist: In einer Nacht erschlugen die Christen alle Juden in Gaza; unter ihnen befand sich Nathans Frau mit sieben hoffnungsvollen Söhnen. Drei Tage und Nächte hatte Nathan in Staub und Asche vor Gott gelegen und der Christenheit unversöhnlichen Haß geschworen; doch nun kam die Vernunft allmählich wieder. Er rief aus: »Doch ist Gott! Doch war auch Gottes Ratschluß das!« – Inzwischen kam ein Klosterbruder, überreichte ihm ein christliches Waisenkind, bat ihn, sich desselben anzunehmen. Nathan nahm es und schluchzte: »Gott! Auf sieben doch nun schon eines wieder!« Nathans Rührung bei dieser Erzählung ist um so ergreifender, als er sich ihrer zu erwehren strebt und als Greis sich schämt, was in ihm vorgeht, zu verraten. Seine erhabene Geduld wird nicht müde; und obwohl man seinem Glauben und seinem Stolz tiefe Wunden schlägt, obwohl man es ihm vorwirft, seine Recha in der jüdischen Religion erzogen zu haben, so hat doch seine Rechtfertigung keinen andern Zweck, als ihm das Recht zu verschaffen, diesem angenommenen Kind fernerhin Gutes zu tun. Das Stück »Nathan der Weise« ist durch die Charakterschilderungen anziehender, als durch die Handlung. Der Tempelherr zeigt im Charakter Rauheit aus Furcht, zu viel Empfindung zu verraten. Die orientalische Verschwendung Saladins steht mit der edlen Sparsamkeit Nathans im Widerspruch. Als jenen sein Schatzmeister, ein alter strenger Derwisch, warnt, sein Schatz sei leer, gibt Saladin zur Antwort: »Nun schlägst du meine Freudigkeit auf einmal nieder. Mir, für mich, fehlt nichts: Ein Kleid, ein Schwert, ein Pferd und einen Gott! Was brauch' ich mehr. Aber dem Schatze fehlt's, und in ihm uns allen.« – Nathan ist ein Menschenfreund. Jeder Auftritt entwickelt mit Feinheit und Witz neue Schönheiten in diesen verschiedenen Charakteren; nur greifen sie nicht tief und lebhaft genug ineinander, um das Ganze zu einem großen, rührenden Gemälde zu machen. Ganz zuletzt zeigt es sich, daß der Tempelherr und Nathans an Kindes Statt angenommene Tochter, Bruder und Schwester und Saladins Bruderkinder sind. Die Absicht des Verfassers war zweifellos, in seiner dramatischen Familie das Beispiel einer ausgebreiteten Religionsverwandtschaft zu geben. Dieser philosophische Zweck, auf den das ganze Stück hindeutet, schwächt allerdings das theatralische Interesse. Ein Drama, dessen Ziel es ist, eine allgemeine Idee zu entwickeln, muß notwendigerweise, so schön und erhaben diese Idee an sich sein mag, kühl sein und verirrt sich in das Gebiet der Fabel. Es stellt seine Personen nicht um ihrer selbst willen auf, sondern bloß der Belehrung, der Aufklärung wegen. Freilich gibt es keine Dichtung, nicht einmal einen wirklichen Vorfall, aus dem sich nicht eine Idee entwickeln ließe; nur muß die Begebenheit der Sittenlehre, nicht die Sittenlehre der Begebenheit als Anlaß dienen. In den schönen Künsten gebührt der Phantasie der Vortritt. Lessing kann nicht in die erste Reihe der dramatischen Dichter gestellt werden; sein Geist hat sich mit zu vielen und verschiedenartigen Gegenständen beschäftigt, um in einem einzelnen Fach ein hervorstechendes Talent entwickeln zu können. Der Geist ist überall, ist universell; aber die natürliche Fähigkeit zu einer der schönen Künste ist notwendig auf ein Fach beschränkt. Lessing war vor allem ein starker Logiker; Logik ist ein Hindernis der dramatischen Beredsamkeit. Die Empfindung verschmäht die Übergänge, die Abstufungen, die Motive; sie ist eine ständige unwillkürliche Begeisterung, die sich keine Rechenschaft über sich ablegen kann. Lessing war nichts weniger als ein trockener Philosoph, hatte aber in seinem Charakter mehr Lebhaftigkeit als Tiefgefühl; das dramatische Genie ist unberechenbarer, als es ein Mann sein konnte, der den größten Teil seines Lebens der Betrachtung und dem Nachforschen gewidmet hatte. Weimar Von allen Fürstentümern Deutschlands zeigt keines in solchem Maß wie Weimar die Vorzüge eines kleinen Landes, wenn sein Fürst ein Mann von vielem Geist ist, und, ohne etwas vom Gehorsam einzubüßen, seinen Untertanen zu gefallen suchen kann. Ein solcher Staat bildet eine besondere Gesellschaft, in der man durch die innersten Beziehungen zueinander gehört. Die Herzogin Luise von Sachsen-Weimar ist das wahre Muster einer von der Natur zum höchsten Range bestimmten Frau. Ohne Anmaßung, ohne Schwachheit, erweckt sie zugleich und in gleichem Grade Vertrauen und Ehrfurcht; der Heldensinn der Ritterzeit ist in ihre Seele gedrungen, ohne ihr von der Sanftmut ihres Geschlechts das Geringste zu nehmen. Die militärischen Talente des Herzogs werden allgemein geschätzt. Seine geistreiche sinnige Unterhaltung erinnert in jedem Augenblick daran, daß er des großen Friedrichs Zögling gewesen ist; sein Geist und der Geist seiner Mutter hat Weimar zum Sammelplatz der hervorragendsten Geister gemacht. Zum erstenmal erhielt Deutschland eine gelehrte Hauptstadt; doch konnte diese Hauptstadt, da sie übrigens sehr klein ist, nur durch ihr literarisches Licht Aufsehen erregen, ohne zugleich die Mode der Schöngeisterei, die wie alle übrigen, Einförmigkeit hervorbringt, aus ihrem zu engen Kreise allgemein verbreiten zu können. Herder war gestorben, als ich in Weimar ankam; aber Wieland, Schiller und Goethe lebten noch. Der Aufenthalt in kleinen Städten ist mir von jeher über alle Maßen langweilig erschienen. Er engt den Geist der Männer ein und macht das Herz der Frauen zu Eis; man lebt einander so nahe, daß man von einander gedrängt und gedrückt wird. In großen Städten waltet eine öffentliche Meinung, die uns anreizt. In kleinen Städten ist man einer kleinlichen Prüfung aller seiner Handlungen unterworfen; jeder einzelne Zug unseres Lebens wird beobachtet und macht das Verständnis des Charakters im Ganzen unmöglich; und je mehr man der Unabhängigkeit, der Größe zustrebt, desto schwerer wird einem das Luftatmen hinter den Stäbchen eines – Vogelbauers. Dieser peinliche Zwang war in Weimar nicht vorhanden. Weimar war keine kleine Stadt; es war ein großes Schloß, wo eine ausgesuchte Gesellschaft sich mit Teilnahme über jedes neue Kunstprodukt unterhielt. Liebenswürdige Schülerinnen einiger höheren Köpfe beschäftigten sich mit literarischen Arbeiten, als wären es die wichtigsten Neuigkeiten der Zeit gewesen, zogen durch Lesen und Studieren die Welt zu sich heran und entrissen sich mit Hilfe des unermeßlichen Gedankenraumes den Zwangsformen der Umstände. Im gemeinschaftlichen Nachdenken über die großen Fragen, die das allgemeine Schicksal aufwirft, vergaß jeder die Privatanekdoten im Leben seines Nachbars. Hier fand man keinen erbärmlichen Kleinstädter, der so leicht das Aufgeblasene für Grazie und die Ziererei für Liebenswürdigkeit hält. In Weimar, wo die Phantasie durch den Verkehr mit Dichtern beständig genährt wurde, fühlte sie das Bedürfnis der äußeren Zerstreuung weniger; diese Zerstreuungen helfen zwar, die Bürde des Lebens tragen, helfen aber auch zugleich oft, die Lebenskräfte abnutzen. Man führte auf dem Landsitze, den man die Stadt Weimar nannte, ein regelmäßiges, geschäftevolles, ernsthaftes Leben; wohl konnte es bisweilen ermüden, aber nie setzte es den Geist durch kleinliches, gemeines Interesse herab; und wenn es hier und da am Reiz eines Vergnügens mangelte, so fühlte man doch nicht auf der anderen Seite seine Geisteskräfte abnehmen. Der einzige Prachtgeschmack des Fürsten bestand in einem entzückenden Garten. Man segnet ihn für diesen Volksgenuß, den er mit dem letzten Einwohner der Stadt teilte. Das Schauspiel wird von dem ersten Dichter Deutschlands, von Goethe, geleitet. Es findet eine so allgemeine Teilnahme, daß es die gesellschaftlichen Vereinigungen, in denen so manche geheime Langeweile zur Sprache kommt, entbehrlich macht. Man nannte Weimar längst Deutschlands Athen, und in der Tat war es die einzige Stadt, in der das Interesse für die schönen Künste einheimisch, national und ein brüderliches Band für alle Städte ist Ein liberaler Hof suchte aus Bedürfnis der Gewohnheit die Gesellschaft der Männer von Geist auf, und die Literatur gewann deutlich unter dem Einfluß des guten Geschmacks, der an diesem Hofe vorherrschte. Man konnte hier im Kleinen sich einen guten Begriff von der Wirkung machen, die solch eine wechselseitige Berührung, wenn sie allgemein würde, in Deutschland hervorbringen müßte. Wieland Von allen Deutschen, die im Geiste der französischen Schriftsteller geschrieben haben, ist Wieland der einzige, in dessen Werken man Genie findet, und obgleich er als Nachahmer fremder Literaturen aufgetreten ist, so lassen sich die großen Dienste doch nicht verkennen, die er der Sache seines Volkes geleistet hat, indem er die deutsche Sprache vervollkommnet und ihrem Versbau größere Leichtigkeit und Harmonie gegeben hat. Es gab in Deutschland eine große Zahl von Schriftstellern, die es versuchten, in die Fußtapfen der französischen Literatur aus dem Zeitalter Ludwigs des Vierzehnten zu treten. Wieland ist der erste, der mit Erfolg die des achtzehnten Jahrhunderts einführte. In seinen prosaischen Werken findet sich einige Ähnlichkeit mit Voltaire, in seinen poetischen mit Ariost. Aber durch diese willkürliche Ähnlichkeit blickt seine durchaus deutsche Natur überall hervor. Wieland ist unendlich unterrichteter als Voltaire und hat die Antike auf eine viel gelehrtere Weise studiert, als je ein französischer Dichter. Seine Fehler aber, wie seine Eigenschaften, sind derartig, daß man seinen Schriften nicht die französische Grazie und Leichtigkeit zugestehen kann. In seinen philosophischen Romanen Agathon und Peregrinus Proteus stößt man immer zugleich auf Zergliederungen, Erörterungen, Metaphysik; zwar macht er es sich dabei zur Pflicht, das häufig einzustreuen, was man Blumen nennt; aber man fühlt, daß sein natürlicher Gang ihn eigentlich zur tieferen Ergründung der Gegenstände hinzieht, die er behandelt. Ernst und Heiterkeit stehen in Wielands Romanen zu schroff einander gegenüber, um sich zu verschmelzen; wenn aber überall Kontraste anziehend sind, so ermüden Extreme im Gegensatz. Um Voltaire nachzuahmen, bedarf es einer spöttischen philosophischen Sorglosigkeit, die gleichgültig gegen alles macht, nur nicht gegen die anziehende Art, diese Sorglosigkeit auszusprechen. Nie wird ein Deutscher diese glänzende Freiheit im Scherz erreichen; die Wahrheit fesselt ihn zu sehr, er strebt, das Wesen der Dinge zu kennen, zu erklären und selbst, wenn er verwerfliche Meinungen annimmt, so hält ein geheimes Gefühl der Reue wider Willen seine Schritte auf. Die Epikureische Philosophie paßt nicht zum Geist der Deutschen: sie geben ihr einen dogmatischen Charakter, da sie doch nur verführerisch ist, wenn sie unter leichten Formen auftritt. Sobald man sie auf Grundsätze zurückführt, mißfällt sie allen in gleichem Maße. Wielands poetische Werke haben viel mehr Reiz und Eigentümlichkeit, als seine prosaischen: Oberon und andere Gedichte sind voll von Anmut. Doch hat man ihm zum Vorwurf gemacht, daß er die Liebe mit zu wenig Sittenstrenge behandle; und das ist bei den Deutschen wohl zu begreifen, denn ihnen ist in der Verehrung der Frauen noch ein Rest von dem Geiste ihrer Altvordern geblieben. Welcher Verirrungen der Phantasie man ihn indessen zeihen kann, nie wird man wahres Gefühl in ihm verkennen; er möge in gutem oder bösem Sinne über Liebe scherzen, so verhindert ihn seine ernste Natur, sich diesem Scherz dreist hinzugeben; gleich dem Propheten, der segnet, statt zu fluchen, hört er mit Rührung auf, wo er mit Ironie begann. Die Unterhaltung mit Wieland ist gerade darum sehr reizvoll, weil seine natürlichen Eigenschaften mit seiner Philosophie im Widerspruch stehen. Dieser Gegensatz kann ihm als Schriftsteller schaden, aber seine Gesellschaft wird dadurch höchst anziehend: er ist voll Leben, enthusiastisch und, wie alle Männer von Genie, noch jung im Alter; bei dem allem will er Skeptiker sein und kann ungeduldig werden, wenn man sich seiner eigenen schönen Phantasie bedient, um ihn zum Glauben zu bringen. Wohlwollend von Natur, ist er jedoch mitunter übelgelaunt, oft aus Unzufriedenheit über sich selbst, oft aus der über andere. Seine Unzufriedenheit über sich selbst entspringt daraus, daß er in der Art, seine Gedanken auszusprechen, nach einem Grade von Vervollkommenheit strebt, zu dem weder die Worte noch die Gegenstände passen; mit andern ist er zuweilen unzufrieden, weil seine etwas weiten Grundsätze mit seinem exaltierten Gefühl sich nicht recht vereinen. Es stecken in ihm ein deutscher Dichter und ein französischer Philosoph, die wechselweise miteinander zürnen; doch ist sein Unmut leicht genug zu tragen, und seine von Ideen und Kenntnissen ganz erfüllte Unterhaltung würde den Gesprächen vieler geistreicher Männer in den verschiedensten Gattungen zur Grundlage dienen können. Die neueren Schriftsteller, die von der deutschen Literatur jeden fremden Einfluß ausgeschlossen haben, sind oft ungerecht gegen Wieland gewesen. Seine Werke haben, selbst in Übersetzungen, das Interesse von ganz Europa erregt. Er ist es, der die Wissenschaft der Altertumskunde dem Reiz der Literatur dienstbar machte. Er ist es, der seiner fruchtbaren, aber rauhen Sprache eine musikalische und anmutige Geschmeidigkeit gab. Dramatische Kunst Die Verschiedenheit der französischen und der deutschen Bühne läßt sich zwar durch die Verschiedenheit im Charakter beider Nationen erklären; aber an diese natürliche Eigenschaft schließen sich noch systematische Scheidewände, deren Grund wir entdecken müssen. Die aus der Fabel geschöpften Tragödien sind ganz anderer Natur, als die historischen; die mythischen Gegenstände waren so bekannt, von so allgemeinem Interesse, daß man sie nur angeben durfte, um die Phantasie im voraus in Anspruch zu nehmen. Das ausgezeichnete Poetische in den griechischen Trauerspielen, die Dazwischenkunft der Götter, die Einwirkung des Fatums, macht ihren Gang leichter. Das Detail der Motive, die Entwicklung der Charaktere, die Verschiedenheit der Tatsachen ist weniger notwendig, wo das Ereignis sich durch eine übernatürliche Macht erklärt; ein Wunder kürzt alles ab. Eben deswegen ist auch die tragische Handlung bei den Griechen bewundernswürdig einfach; die darin vorkommenden Begebenheiten werden meistens in der ersten Szene vorausgesehen, ja vorher verkündigt. Eine griechische Tragödie ist eine religiöse Zeremonie. Das Schauspiel wurde den Göttern zu Ehren gegeben; Hymnen, vom Dialog und von Erzählungen unterbrochen, zeigten die Götter bald gnädig, bald strafend und das Schicksal beständig über dem Leben der Menschen waltend. Als aber diese Mythen auf die französische Bühne gebracht wurden, gaben unsere großen Dichter ihnen mehr Mannigfaltigkeit, vermehrten die Zwischenfälle, bereiteten die Überraschungen vor, schürzten den Knoten fester. Freilich mußte auf irgendeine Weise das religiöse Nationalinteresse ersetzt werden, das die Griechen an ihre Stücke fesselte, und wir mit ihnen nicht teilen konnten. Hierin gingen wir aber zu weit; damit nicht zufrieden, die griechischen Stücke lebendiger zu machen, liehen wir den Personen des Altertums unsere Sitten, unsere Gefühle, die neuere Politik, die neuere Liebeskunst. Eben deshalb können so viele Ausländer die Bewunderung nicht begreifen, die wir unsern tragischen Meisterwerken zollen. Und in der Tat, sobald man sie in einer fremden Sprache wiederholen hört, sobald sie von der magischen Schönheit des Stils entblößt sind, muß man sich wundern, wie wenig Rührung sie hervorbringen, und so manchen Übelstand tadeln, der in ihnen liegt; denn was sich weder mit den Sitten der laufenden Zeit, noch mit den Nationalsitten derer, die man darstellt, verträgt, gehört doch wohl zu den Übelständen? Die Trauerspiele griechischen Ursprungs verlieren nichts dabei, daß man sie der Strenge der französischen Regeln unterwirft. Wollten wir aber in Frankreich wie in England ein historisches Theater haben, wollten wir an unseren Erinnerungen Interesse, in unserer Region Rührung finden, wie wäre es dann noch möglich, sich einerseits streng an die drei Einheiten zu binden und andererseits den Prunk zu pflegen, den man sich in unseren Tragödien zum Gesetz gemacht hat? Die Frage der drei Einheiten ist so abgenutzt, daß man kaum noch ein Wort darüber verlieren darf; dennoch ist von diesen drei Einheiten nur die eine wesentlich, die der Handlung: die beiden andern sind ihr untergeordnet. Wenn aber die Wahrheit der Handlung unter der kindischen Notwendigkeit leidet, sich an den Ort und an die Zeit von vierundzwanzig Stunden zu binden, so heißt diese Notwendigkeit auferlegen nichts mehr und nichts weniger, als dem dramatischen Genie einen Zwang auflegen, demjenigen gleich, der den Dichter verdammen wird, alles in Akrostichen zu schreiben: ein Zwang, der in beiden Gattungen das Wesen der Kunst der Form opfert. Von unsern großen tragischen Dichtern ist Voltaire derjenige, der häufig moderne Stoffe bearbeitet hat. Um den Zuschauer zu rühren, nahm er seinen Stoff aus der Geschichte des Christentums und der Ritterzeit, und will man ehrlich sein, so wird man zugeben müssen, daß bei den Vorstellungen von Alzire, Tancred, Zaïre mehr geweint wird, als bei allen griechischen und römischen Meisterstücken unserer Bühne. Die Franzosen halten die Einheit des Orts und die Zeit für eine unerläßliche Bedingung der theatralischen Täuschung: die übrigen Nationen zerlegen diese Täuschung in die Schilderung der Charaktere, in die Wahrheit der Sprache, in die genaue Beobachtung der Sitten, der Zeit und des Landes, die sie darzustellen haben. Man muß vor allen Dingen das, was man Täuschung in den Künsten nennt, verstehen lernen, und da wir gefällig genug sind zu glauben, daß Schauspieler auf erhöhten Brettern in einiger Entfernung griechische Helden sind, die vor dreitausend Jahren lebten und starben, so ist wohl klar, daß man unter Täuschung sich nicht denken darf: was man sehe, sei wirklich da; eine Tragödie kann nur durch die Rührung, die sie in uns hervorbringt, Wahrheit erlangen. Wenn nun als Folge der dargestellten Umstände die Rührung durch die Veränderung des Orts, durch die Verlängerung der Zeiten gewinnt, so gewinnt ja auch die Täuschung an Stärke. In den Begebenheiten, die Nationen interessieren, ist alles Trauerspiel; und das unermeßliche Drama, das seit den ältesten Zeiten vom Menschengeschlecht aufgeführt wird, würde dem Theater unzählige reichhaltige Stoffe liefern, sobald der dramatischen Kunst mehr Freiheit erlaubt wäre. Die Regeln sind der bloße Wegweiser des Genies; sie sagen ihm bloß: hier sind Corneille, Racine, Voltaire durchgekommen. Wozu aber, wenn man nur das Ziel erreicht, über die Wege klügeln? Und ist dieses Ziel nicht die Rührung des Gemüts durch Veredelung? Die Neugier ist eines der großen Triebräder der Bühne. Dennoch bleibt das Interesse, das die Tiefe des Affekts hervorbringt, das einzig Unerschöpfliche. Man gewinnt Sinn für die Poesie, die den Menschen dem Menschen offenbart; man sieht mit Teilnahme, wie das Geschöpf nach unserem Bild gegen das Leiden ankämpft, unterliegt, den Sieg davonträgt, unter der Gewalt des Schicksals dahinsinkt und wieder emporsteigt. In einigen unserer Trauerspiele stößt man auf ebenso gewaltsame Lagen wie in englischen oder deutschen; nur sind diese Lagen nicht in ihrer ganzen Stärke dargestellt; oft hat man mit Bedacht, aus Affektion, die Wirkung einer Situation gemildert oder, besser zu sagen, vermischt. Höchst selten trennt man sich von der konventionellen Tendenz, die das Recht zu haben glaubt, die Sitten der Alten, wie die Sitten der Neueren mit denselben Farben auszumalen, das Verbrechen wie die Tugend, den Mord wie die Galanterie zu behandeln. Diese Tendenz wird am Ende zur Last; und das Bedürfnis, sich in tiefere Geheimnisse zu stürzen, muß das Genie unwiderstehlich ergreifen. Indem ich hier ein Theater bekannter mache, dessen Grundsätze von den unsrigen wesentlich abweichen, liegt es mir fern, behaupten zu wollen, diese Grundsätze seien die besseren, und noch weniger, man müsse sie in Frankreich befolgen; nur so viel ist ausgemacht: fremde Kombinationen können zu neuen Ideen Anlaß geben; und wenn man sieht, von welcher Dürre unsere Literatur bedroht wird, ist der Wunsch ziemlich natürlich, daß es unseren Literatoren gefallen möge, die Grenze ihrer Laufbahn etwas weiter abzustecken und auch ihrerseits in dem Gebiete der Phantasie Eroberungen zu machen. Sollte es den Franzosen schwer fallen, einem Rate, wie diesem, Gehör zu geben? Schiller Schiller war ein Mann von seltenem Genie und vollkommener Zuverlässigkeit; und beide Eigenschaften sollten, wenigstens in dem Gelehrten, unzertrennlich sein. Der Gedanke kann der Handlungsart nur dann gleichgestellt werden, wenn er in uns das Bild der Wahrheit erweckt; die Lüge ist in Schriften noch ekelhafter, als im Leben. Handlungen, selbst betrügerische, bleiben Handlungen, und man weiß, woran man ist, wenn es darauf ankommt, sie zu beurteilen oder sie zu hassen; Bücher aber sind eine langweilige Masse eitler Worte, wenn sie nicht aus aufrichtiger Überzeugung fließen. Es gibt keine schönere Laufbahn als die gelehrte, wenn man sie, wie Schiller, durchwandeln kann. In Deutschland herrscht in allen Dingen ein solcher Ernst und eine solche Treue, daß man nur in diesem Lande allein auf eine vollständige Weise den Charakter und die Pflichten jedes Berufes kennenlernen kann. Nichtsdestoweniger war Schiller bewunderungswürdig unter allen durch seine moralischen Vorzüge wie durch seine Talente. Das Gewissen war seine Muse, und eine solche darf nicht angerufen werden, man hört sie stets, wenn man ihr einmal horchte. Er liebte die Poesie, die dramatische Kunst, die Geschichte, die Literatur, um ihrer selbst willen; und hätte er auch nie daran gedacht, seine Werke herauszugeben, er würde sie doch mit gleicher Sorgfalt gepflegt haben. Nie wäre eine Rücksicht auf den Erfolg, auf Mode und Vorurteile, kurz auf alles, was von andern kommt, imstande gewesen, ihn dahin zu bringen, seine Schriften zu ändern; denn seine Schriften waren er selbst, sie sprachen seine Seele aus, und er begriff die Möglichkeit nicht, auch nur einen Ausdruck zu ändern, wenn das innere Gefühl, das ihn begeisterte, sich nicht verändert hatte. Allerdings konnte Schiller nicht von Eigenliebe frei sein. Wenn man deren bedarf, um den Ruhm zu lieben, so bedarf man ihrer auch, um irgendeiner Tätigkeit überhaupt fähig zu sein, über der Liebe zum Ruhm selbst gibt es aber noch ein anderes reineres Gefühl, die Liebe zur Wahrheit, die aus den Gelehrten gleichsam Priester macht, die für eine edle Sache streiten. Sie sind es auch, die das heilige Feuer hüten sollten; schwache Frauen können es nicht mehr als früher schützen. Welch eine herrliche Sache ist es um Unschuld beim Genie, um Milde bei der Kraft! Was gewöhnlich dem Begriff von Herzensgüte schadet, ist, daß man sie für Schwäche hält; aber findet man sie vereinigt mit dem höchsten Grade von Einsicht und Kraft, so lehrt sie uns die Wahrheit des biblischen Ausspruches, daß Gott den Menschen nach seinem Bilde geschaffen. Schiller hatte sich bei seinem Eintritt in die Welt durch Verirrungen der Phantasie geschadet, aber mit der Stärke des reiferen Alters kehrte er zu jener erhabenen Reinheit zurück, die eine Tochter großer Gedanken ist. Nie befreundete er sich mit schlechten Gefühlen; er lebte, sprach und handelte, als ob es keine bösen Menschen gäbe, und wenn er sie in seinen Werken darstellte, so bemerkte man dabei immer mehr Übertreibung und weniger Tiefe, als wenn er sie wirklich gekannt hätte. Sie erschienen seiner Phantasie wie ein moralisches Hindernis, wie eine physische Geisel; auch haben sie vielleicht wirklich in vielen Zügen keine geistige Natur, indem die Gewohnheit des Lasters ihr Seelenvermögen in einen bloß verkehrten Instinkt verwandelt. Schiller war der beste Freund, Vater und Gatte. Keine liebenswürdige Eigenschaft fehlte diesem sanften, ruhigen Charakter, den nur das Talent entflammte. Liebe zur Freiheit, Ehrfurcht vor den Frauen, Enthusiasmus für die schönen Künste und Anbetung der Gottheit belebten sein Genie, und bei der Analyse seiner Werke wird es leicht sein zu zeigen, zu welcher Tugend seine Meisterstücke in nächster Beziehung stehen. Man sagt häufig, daß der Verstand alles andere ersetze: ich gebe es zu bei Werken, in denen eine bloße Geschicklichkeit vorherrscht; wo es aber auf Schilderungen der menschlichen Natur in ihren Gewittern und in ihren Abgründen ankommt, macht es nicht einmal die Einbildungskraft aus, dazu wird eine Seele erfordert, die selbst der Sturm bewegte, aber in die sich dann der Himmel hinabsenkte, um ihr die Ruhe wieder zu schenken. Ich sah Schiller zuerst bei dem Herzog und der Herzogin von Weimar in einer ebenso verständigen wie imposanten Gesellschaft. Er las das Französische sehr gut, hatte es aber nie gesprochen. Ich verteidigte mit Wärme ihm gegenüber den Vorzug unseres dramatischen Systems vor allen andern; er ließ sich darauf ein, mich zu bekämpfen, und ohne sich durch die Schwierigkeit und die Langsamkeit, mit der er sich französisch nur ausdrücken konnte, beirren zu lassen, ohne Besorgnis vor der Meinung der Zuhörer, die der seinigen widersprach, drückte er seine Überzeugung aus. Ich bediente mich anfänglich, um ihn zu widerlegen, der französischen Waffen, der Lebhaftigkeit und des Scherzes, aber bald entdeckte ich trotz aller Hindernisse, die die Sprache ihm in den Weg legte, in dem, was Schiller sagte, viele Ideen; ich wurde von der Einfalt des Charakters, die einen Mann von solchem Genie dahin brachte, sich auf diese Weise in einen Streit einzulassen, wo seinen Gedanken die Worte fehlten, so überrascht und fand ihn so bescheiden und sorglos in allem, was nur den Erfolg seiner eigenen Werke betraf, und so stolz und lebendig in der Verteidigung dessen, was ihm als wahr erschien, daß ich ihm von diesem Augenblick an eine bewundernde Freundschaft gelobte. Jung noch von einer tödlichen Krankheit ergriffen, versüßten ihm seine Kinder und seine Gattin, die durch liebenswürdige Eigenschaften die Zärtlichkeit verdiente, die er für sie hegte, seine letzten Augenblicke. Frau von Wolzogen, eine Freundin, die es wert war, ihn zu verstehen, fragte ihn einige Stunden vor seinem Tode, wie er sich befinde. Immer ruhiger, war seine Antwort. Aber in der Tat, hatte er nicht auch Ursache, sich der Gottheit anzuvertrauen, deren Reich auf Erden er gefördert hatte? Ging er nicht ein in die Heimat der Gerechten? Ist er in diesem Augenblick nicht bei seinesgleichen, und hat er die Freunde nicht schon wiedergefunden, die unser harren? * Das Schauspiel » Don Carlos « ist eine Jugendarbeit Schillers, und dennoch achtet man dieses Werk als eines der vorzüglichsten. »Don Carlos« ist ein so dramatischer Stoff, wie ihn die Geschichte jemals darbieten konnte. Eine junge Prinzessin, Tochter Heinrichs II. von Frankreich, verläßt den glänzenden ritterlichen Hof ihres Vaters, um einem alten Tyrannen ihre Hand zu geben, dessen finstere, störrische Herzlosigkeit sogar das Gemüt der Spanier ergriff und der Nation während seiner Regierung und eine geraume Zeit nachher ihren Stempel aufdrückte. Don Carlos, früher mit Elisabeth verlobt, liebt sie noch, obgleich sie seine Stiefmutter geworden ist. Zwei große politische Ereignisse, die Reformation und der Aufstand in den Niederlanden, greifen in die tragische Katastrophe des Sohnes, den sein Vater zum Tode verdammt, ein. Das persönliche Interesse ist in diesem Trauerspiel mit dem öffentlichen Interesse in höchstem Grade vereint. Mehrere Dichter haben diesen Stoff in Frankreich bearbeitet; keiner von ihnen konnte es aber unter der alten Regierung durchsetzen, daß sein Stück aufgeführt wurde. Man glaubte es dem spanischen Throne schuldig zu sein, diesen Zug der spanischen Geschichte nicht auf die Bühne zu bringen. Als man einmal bei einem Grafen von Aranda, diesem durch die Unbiegsamkeit seines Willens und seinen beschränkten Verstand so berühmten Gesandten am französischen Hofe, um die Erlaubnis nachsuchte, Lemerciers Trauerspiel »Don Carlos« aufführen zu lassen, das soeben fertig geworden war, und von dem sich der Verfasser viel versprach, antwortete der Graf: »Warum wählt er kein anderes Sujet?« – Aber bedenken Ew. Exzellenz, daß sein Stück fertig ist, daß er drei Jahre darauf verwendet hat! – »Aber mein Gott«, gab der Botschafter zur Antwort, »gibt es denn in der Geschichte keine andere Begebenheit? Er darf ja nur ein anderes Sujet wählen«. Und vergebens suchte man ihn aus diesem engen Gedankenkreis zu bringen, in dem ein fester Wille ihn gebannt hielt. Die historischen Stoffe sind für das Talent eine Übung von ganz anderer Art, wie die reinen Erdichtungen; vielleicht erfordert es doch mehr Phantasie, die Geschichte in einer Tragödie darzustellen, als Lagen und Personen nach Gefallen zu schaffen. Tatsachen, die man auf die Bühne bringt, lassen sich nicht wesentlich verändern, ohne ein unangenehmes Gefühl zu erregen; man ist auf Wahrheit vorbereitet und wird peinlich berührt, wenn der Verfasser dem Erwarteten irgendeine Dichtung unterschiebt. Gleichwohl bedarf die Geschichte einer künstlichen Behandlung, um auf der Bühne zu wirken, und die Tragödie muß zugleich das doppelte Talent in sich schließen, die Wahrheit zu malen und sie poetisch darzustellen. In Deutschland gibt man den historischen Trauerspielen den Vorzug, wenn sich die Kunst, wenn sich ein rückwärts gekehrter Prophet (so nennt Friedrich Schlegel einen Historiker von durchdringendem Geiste) darin offenbart. Der Verfasser, der ein Werk dieser Art liefern will, muß sich ganz in das Jahrhundert und in die Sitten der Personen versetzen, die er darstellt; ein Anachronismus in den Gesinnungen und in der Sinnesart verdiente strengere Rüge, als einer in der Jahres- und Tageszahl. Nach diesen Grundsätzen haben einige Schiller getadelt, den Charakter des Marquis Posa, eines spanischen Grande, eines warmen Anhängers der Freiheit, der Toleranz, eines leidenschaftlichen Begünstigers der neuen Ideen, die zu seiner Zeit in Europa zu gären anfingen, gedichtet zu haben. Ich für meinen Teil würde es Schiller eher zum Vorwurf machen, daß er dem Marquis seine eigene Meinung in den Mund legte; doch muß man nicht hinzusetzen wollen, wie es manche getan, daß er den Geist des achtzehnten Jahrhunderts aus ihm sprechen ließ. Der Marquis Posa, wie ihn Schiller gezeichnet hat, ist ein deutscher Enthusiast; und dieser Charakter ist so, daß man ihn ebensowohl im sechzehnten Jahrhundert als im gegenwärtigen finden kann. Ein größerer Mißgriff ist vielleicht die Voraussetzung, daß ein König wie Philipp II. dem Marquis Posa so lange zuhören, ja ihm nur einen Augenblick sein Zutrauen schenken konnte. Mit Recht sagt Posa von Philipp: Den König geb' ich auf. Was kann ich auch dem König sein? In diesem starren Boden blüht keine meiner Rosen mehr. Aber ein Philipp II. würde nie mit einem jungen Mann wie Posa eine Unterhaltung geführt haben. Der alte Sohn Karls V. konnte in der Jugend und im Enthusiasmus nichts anderes sehen, als das Unrecht der Natur und das Verbrechen der Reformation; sich nur auf einen Tag einem edlen Charakter anvertrauen, hätte geheißen, seinen Charakter verleugnen und auf die Verzeihung der Jahrhunderte Anspruch erheben. Es gibt Inkonsequenzen im Charakter aller Menschen, selbst der Tyrannen; aber ihre Motive und Folgewidrigkeiten hängen durch unsichtbare Bande mit ihrer Natur zusammen. Im »Don Carlos« wird einer dieser Scheinwidersprüche auf eine sinnreiche Art aufgegriffen. Der Herzog von Medina-Sidonia, ein alter Admiral, der die unüberwindbare Flotte anführte, die von den Stürmen und den Engländern zerstreut wurde, kommt nach Madrid zurück, und alles glaubt, Philipps Zorn werde ihn vernichten. Die Hofleute drehen ihm den Rücken zu, keiner wagt es, ihn anzureden: er kniet vor dem König nieder mit gesenktem Haupte und spricht: Das , großer König, ist alles, was ich von der span'schen Jugend und der Armada wiederbringe. Der König (nach einem langen Stillschweigen): Gott ist über mir – Ich habe gegen Menschen, nicht gegen Stürm' und Klippen Sie gesendet. (Reicht ihm die Hand zum Kusse) Seid mir willkommen in Madrid. – Und Dank, daß Ihr in Euch mir einen würd'gen Diener erhalten habt! Hier ist wahre Geistesgröße; aber worin liegt sie? In einer Art von Achtung vor dem Alter, von Seiten eines Monarchen, der sich darüber wundert, daß die Natur ihn selbst alt werden ließ. Ferner in dem Stolze Philipps, der ihm nicht erlaubt, selbst die Unfälle zu verantworten, indem er sich einer schlechten Wahl anklagt; in der Nachsicht, die er für einen Mann empfindet, den das Geschick niederschlug, weil er es im Grunde gern sieht, daß jeder Stolz, nur nicht der seine, unter das Joch der Notwendigkeit gebeugt werde, endlich in dem Charakter eines Despoten selbst, den natürliche Hindernisse weniger empören, als der geringste absichtliche Widerstand. Dieser Auftritt wirft ein tief eindringendes Licht auf Philipps Charakter. Zweifellos läßt sich die Rolle des Marquis Posa als die Schöpfung eines jungen Dichters ansehen, der das Bedürfnis in sich fühlt, sein Gemüt der Lieblingsperson seines Stückes einzuhauchen. Inzwischen ist dieser überspannte Charakter an einem Hofe, wo die Grabesstille, das Schweigen und Zittern nur von dem unterirdischen Treiben der Ränkesucht unterbrochen wird, an sich eine große Schönheit des Stücks. Don Carlos kann kein großer Mann sein; seinem Vater mußte es gelingen, ihn schon in seiner Kindheit zu unterdrücken; der Marquis Posa ist ein notwendiger Vermittler zwischen Philipp und ihm. Don Carlos hat allen Enthusiasmus, der aus den Motiven des Herzens entspringt; Posa den, der aus den öffentlichen Tugenden fließt; er hätte einst der König, jener der Freund sein müssen. Und diese Versetzung der Charaktere ist eine der sinnreichsten Ideen; denn wie wäre es möglich, daß der Sohn eines finstern, grausamen Despoten je Held und Bürger sein könnte? Wo könnte er es gelernt haben, Menschen zu achten? Etwa von seinem Vater, der sie verachtet, oder von den Höflingen seines Vaters, die diese Verachtung verdienen? Don Carlos muß schwach sein, um gut zu sein, und die Stelle selbst, die seine Liebe in seinem Leben einnimmt, verbannt jeden Gedanken an Politik aus seiner Seele. Ich sage es noch einmal, die Dichtung des Marquis Posa scheint mir notwendig, um im Schillerschen Stück das große Interesse der Nationen und jene ritterliche Kraft anzudeuten, die sich plötzlich als Folge der damaligen Aufklärung in Freiheitsliebe verwandelte. Wenn man auch diese Gefühle und Triebe noch so stark modifiziert hätte, um sie dem Thronerben von Spanien anzupassen, so würden sie ihm doch nicht zu Gesicht gestanden haben; man hätte sie nur für gespielten Edelmut halten können. Und nie darf die Freiheit als ein Geschenk der Macht dargestellt werden. Der Marquis Posa hat sich in eine Menge spitzfindiger Umstände verwickelt. Er wollte den Anschein erwecken, Don Carlos der Wut seines Vaters preiszugeben, um ihn desto sicherer beschützen zu können. Es ist ihm mißlungen; der Prinz ist verhaftet. Der Marquis besucht ihn im Gefängnis, setzt die Gründe seines seltsamen Benehmens auseinander, aber während der Rechtfertigung trifft ihn der Schuß eines Meuchelmörders, den Philipp abgeschickt hat, und er fällt tot zu den Füßen seines Freundes nieder. Don Carlos' Schmerz ist unbeschreiblich. Von seinem Vater, der dazukommt, fordert er den Freund seiner Jugend zurück, als wenn es von dem Mörder abhinge, seinem Schlachtopfer neues Leben einzuhauchen. Die Blicke auf den Leichnam geheftet, den vor kurzem noch so viel rege Gedanken beseelten, liest Don Carlos, selbst zum Tode verurteilt, in den kalten Zügen seines Freundes alles, was der Tod bedeutet. Aber nichts in dem ganzen Stück kommt dem Originellen in der vorletzten Szene des fünften Aktes zwischen dem König und dem Großinquisitor nahe. Philipp, den Haß und Eifersucht wider seinen Sohn und Abscheu vor dem Verbrechen foltern, das er zu begehen im Begriff steht: Philipp beneidet die Edelknaben, die ruhig am Fuße seines Bettes schlafen, während die Hölle in seinem Herzen jede Ruhe von ihm scheucht. Er läßt den Großinquisitor rufen, um sich mit ihm über die Verdammung von Don Carlos zu beraten. Dieser Kardinal ist neunzig Jahre alt, noch älter, als es Karl V. sein würde, dessen Lehrer er war; er ist blind, lebt in gänzlicher Abgeschiedenheit. Späher der heiligen Inquisition allein hinterbringen ihm, was auf der Erde vorgeht; und er forscht bei ihnen nach nichts als nach Verbrechen, Fehlern, Gedanken, um sie zu bestrafen. In seinen Augen ist der sechzigjährige Philipp II. noch ein Knabe. Der finsterste, der behutsamste aller Despoten ist ihm ein unbedachter Regent, dessen Toleranz die Reformationslehre über Europa bringen wird. Der Greis ist ohne Arg, aber dergestalt durch das Alter eingeschrumpft, daß er wie ein lebendes Gespenst auftritt, das der Tod vergessen zu haben scheint, weil er es schon längst im Grabe vermutete. Er fordert von Philipp II. Rechenschaft über den Tod des Marquis Posa, wirft ihm diesen Tod vor, weil es der Inquisition zukomme, ihn zu töten, und wenn er das Opfer zu bedauern scheint, so ist es, weil man ihn des Vorrechts beraubte, es zu schlachten. Philipp befragt ihn über die Verdammung seines Sohnes: Kannst du mir einen neuen Glauben gründen, der eines Kindes blut'gen Mord verteidigt? Der Großinquisitor antwortet: Die ewige Gerechtigkeit zu sühnen, starb an dem Holze Gottes Sohn. Welche Worte! Welch blutdürstige Anwendung der rührendsten Lehre des Christentums! Mit diesem blinden Greis tritt ein ganzes Jahrhundert auf. Das erschütternde Entsetzen, das mit der Inquisition und mit dem Fanatismus der Zeit damals schwer auf Spanien lastete, malt der schnelle Auftritt; die Kunst des größten Redners bliebe, wenn sie eine solche Menge solcher Gedanken auszudrücken hätte, weit hinter der Geschicklichkeit zurück, mit der sie hier von Schiller in die Handlung verwoben sind. Ich bin mir bewußt, daß man in »Don Carlos« eine Menge Unschicklichkeiten und Übelstände aufdecken könnte: ich mag mich aber mit einer Sache nicht befassen, in der ich so viele Mitarbeiter haben würde. Ganz mittelmäßige Literatoren können bei Shakespeare, Goethe, Schiller Fehler rügen; solange man in Kunstwerken nur das Mangelhafte sucht, das Unpassende trennt, ist die Arbeit leicht: was aber die Kritik weder geben noch nehmen kann, ist Genie und Talent; diese muß man verehren, wo man sie findet, sollten auch ihre himmlischen Strahlen von einigen Wolken verdunkelt sein. Weit entfernt, über die Verirrungen des Genies zu frohlocken, sollte man schmerzhaft fühlen, daß sie das Erbteil des Menschengeschlechts und die Ansprüche auf Ruhm, die es stolz machen, vermindern. * Unter allen deutschen Trauerspielen ist, meinem Urteil nach, » Maria Stuart « das rührendste und planmäßigste. Das Schicksal dieser Königin, deren Leben so glänzend und herrlich aufblühte, die ihr Glück durch eigene Schuld verlor und nach neunzehnjährigem Gefängnis das Blutgerüst betrat, erregt ebensoviel Entsetzen und Mitleid wie das Schicksal des Oedipus, des Orest und der Niobe; aber die Schönheit selbst dieser Geschichte, die dem Genie so sehr zustatten kommt, würde ein mittelmäßiges Talent erdrücken. Das Stück beginnt in Fotheringaycastle, wo Maria in Haft gehalten wird. Neunzehn Jahre sind verflossen, seitdem sie ihrer Freiheit beraubt ward, und der von der Königin Elisabeth ernannte Gerichtshof ist in Begriff, das Urteil über die unglückliche Königin von Schottland zu fällen. Marias Amme beschwert sich bei dem Kommandanten des Schlosses über die harte Behandlung, unter der ihre Gebieterin seufzt. Dieser, seiner Monarchin mit Treue ergeben, spricht von Maria mit unbeugsamer Strenge. Er erscheint als ein Biedermann, urteilt aber über Maria wie ihre übrigen Feinde; er spricht von ihrem bevorstehenden Tod wie von einer verdienten Strafe, weil er sie im Verdacht hat, Mordanschläge auf Elisabeths Leben unternommen zu haben. Schon bei anderer Gelegenheit habe ich von dem großen Vorzug der Einleitungsszenen gesprochen, die sich durch Handlung entwickeln. Man hat alles Mögliche versucht, Vorspiele, Chöre, kurz alles, um einen Eingang zum Stück zu finden, der nicht abstoßend sein soll; gleichwohl dünkt mich's das Beste, gleich in die Handlung überzugehen und die Hauptperson durch die Wirkung bekanntzumachen, die sie auf ihre Umgebung ausübt. Auf diese Weise stellt man den Zuschauer an die richtige Stelle, von wo er den ganzen Vorgang überschauen soll; denn nur ein einziges Wort in einem Schauspiel, dem man es anhört, daß es dem Publikum galt, für das Publikum gesprochen wurde, stört und zerstört alle Täuschung. Wenn Maria Stuart auftritt, ist man schon gespannt und gerührt; man kennt sie nicht nach einem toten Gemälde, sondern durch den Einfluß, den sie bei Freunden und Feinden hat... Es ist eine kalte Erzählung, der man zuhört; es ist die Begebenheit selbst, deren Zeitgenosse man geworden ist. Der Charakter der Maria ist auf eine bewundernswürdige Weise gezeichnet und ruft ein immer steigendes Interesse wach. Man liebt und tadelt zugleich in ihr das schwache, leidenschaftliche, auf ihre Schönheit stolze, ihre Handlungsweise bereuende Weib. Man fühlt Mitleid mit ihrer Reue, wie mit ihren Fehlern. Überall scheint die Herrschaft durch, die ihre so allgemein gerühmte Schönheit unwiderstehlich ausübte. Ein Jüngling, der sie retten will, gesteht ihr, darf ihr gestehen, er opfere sich für sie, weil ihre Reize ihn entzückt haben. Elisabeth ist mehr ihre Nebenbuhlerin als ihre Feindin; Leicester, Elisabeths Günstling, ist Marias heimlicher Anbeter geworden und hat ihr seinen Beistand versprochen. Liebe und Eifersucht, die natürlichen Folgen des magischen Blicks der unglücklichen Maria, machen ihren Tod tausendmal ergreifender. Sie liebt Leicester. Die Unglückliche ist verdammt, noch einmal im Leben zu fühlen, was schon so oft Bitterkeit über ihr Leben ausgoß. Ihre beinah übernatürliche Schönheit scheint zugleich die Ursache und die Entschuldigung des bei ihr zur Gewohnheit gewordenen Herzenstaumels zu sein, der das Unglück und das Verhängnis ihres Lebens war. Elisabeth zieht ebenfalls viel Aufmerksamkeit auf sich; nur ist diese Aufmerksamkeit ebenso verschieden wie ihr Charakter. Dieser Charakter, ein weiblicher Tyrann auf der Bühne, ist eine ganz neue Erscheinung. In Elisabeth führt alles zum Despotismus, was bei anderen Frauen aus der Sklaverei und der Abhängigkeit stammt, wie z. B. der weibliche Kleinigkeitsgeist, die weibliche Eitelkeit, die weibliche Gefallsucht; in Elisabeth wird die Verstellungsgabe, das gewöhnliche Kind der Schwäche, zu einem Hauptwerkzeug ihrer unumschränkten Gewalt. Um die Männer zu unterjochen, muß man sie betrügen; eine höfliche Lüge ist das wenigste, was man ihnen in diesem Fall schuldig ist. Was aber Elisabeth charakterisiert, ist die Sucht zu gefallen, verbunden mit dem ganzen Willen des Despoten, und die feinste weibliche Eigenliebe, in den gewaltsamsten Handlungen der Oberherrschaft sich äußernd. Selbst die Höflinge verbergen, wo eine Königin das Zepter führt, ihre Kriecherei vor dem Thron hinter dem Schleier des Hofmachens; sie möchten sich gern einreden, daß sie's wagen, sie zu lieben, um in ihren Gehorsam mehr Edelsinn legen zu können. Elisabeth war ein Weib von seltenem Genie; dies bezeugt der Glanz ihrer Regierung; gleichwohl kann man in einem Trauerspiel, wo Maria stirbt, nichts anderes in ihr sehen als die Nebenbuhlerin, die ihre Gefangene ermorden läßt. Ihr Verbrechen ist zu schwarz, um nicht alles Gute auszulöschen, was sich über ihr politisches Genie sagen ließe. Es wäre vielleicht ein Verdienst mehr in Schillers Werk gewesen, wenn er Elisabeth weniger hassenswürdig gestaltet hätte, ohne Maria etwas zu nehmen; in leichtschattierten Kontrasten liegt oft mehr Kunst als in ausgesprochenen Extremen; die Hauptperson gewinnt dadurch, daß keine der Nebenfiguren des dramatischen Gemäldes ihr geopfert werden. Die Königin Maria, die Frankreich in ihrem Glanze und England so tief im Unglück sah, ist der Gegenstand von mehr als tausend Gedichten gewesen, die ihre Reize und ihre Leiden besangen. Die Geschichte hat sie als leichtsinnig geschildert. Schiller gibt ihrem Charakter einen Anstrich von Ernst, und der Augenblick, in dem er sie darstellt, rechtfertigt diese Veränderung zur Genüge. Eine zwanzigjährige Gefangenschaft, oder überhaupt nur zwanzig Lebensjahre, sie mögen verflossen sein, wie sie wollen, sind fast immer für den Menschen eine strenge Lehre. Der Abschied Marias vom Grafen Leicester ist in meinen Augen eine der schönsten Begegnungen auf der Bühne. Dieser Augenblick ist nicht ohne eine gewisse liebenswürdige Genugtuung für Maria; sie fühlt Mitleid mit dem Grafen, so strafbar er ist. Sie fühlt den Wert der Erinnerung, den sie in ihm zurückläßt, und diese Rache des Herzens ist erlaubt. Im Augenblick, wo sie stirbt, weil er sie nicht retten wollte, wiederholt sie ihm ihre Liebe. Kann uns in der furchtbaren Stunde der Trennung, die der Tod über uns verhängt, etwas trösten, so sind es die letzten feierlichen Worte des Sterbenden: denn in diese mischt sich keine Absicht, keine Täuschung: die reinste Wahrheit entflieht seiner Brust mit dem Leben. * Eine der schönsten Epochen der Geschichte, der Befreiung Frankreichs und Karls VII., vom fremden Joche, ist noch von keiner Feder beschrieben worden, die es verdiente, das Andenken an Voltaires faunisches Gedicht zu vertilgen; ein Ausländer ist es, der es versucht hat, den Ruhm einer französischen Heldin wiederherzustellen, einer Heldin, deren unglückliches Schicksal für sie einnehmen würde, wenn auch ihre Taten nicht zum gerechten Enthusiasmus für sie aufriefen. Shakespeare mußte Jeanne d'Arc mit Parteilichkeit beurteilen; dennoch stellt er sie in seinem historischen Stück »Heinrich VI.« als ein anfangs vom Himmel begeistertes, dann vom Dämon des Ehrgeizes verführtes Mädchen dar. Die » Jungfrau von Orleans « ist ein zugleich historischer und romantischer Stoff. Daher hat Schiller sein Stück mit lyrischen Fragmenten durchwoben, und diese Abwechslung ist beim Lesen und selbst in der Darstellung von großer Schönheit. Man denke sich ein junges, sechzehnjähriges Mädchen von majestätischem Wuchs, aber noch kindlichen Zügen, weiblich, zart und ohne andre Kraft, als die ihr von oben herabkommt; man denke sich eine Begeisterte im Glauben; einen Dichter, wenn sie im Namen des Geistes spricht, der in ihr waltet; in ihren Reden bald eine überirdische Intelligenz, bald eine Unwissenheit in allem verratend, was ihr der Himmel nicht offenbart hat. Also hat Schiller sich seine Jungfrau und ihre Rolle gedacht. Das Stück folgt der Geschichte Schritt für Schritt bis zum Krönungsfest in Reims. Der Charakter der Agnes Sorel ist mit Würde und Zartheit gezeichnet; er dient der Reinheit der Jungfrau zur Folie; denn alle Welttugenden müssen den religiösen weichen. Schiller hat einen dritten weiblichen Charakter in sein Stück gebracht: Isabeau von Baiern; er hätte besser getan, ihn zu streichen; er ist abstoßend, der Kontrast ist zu stark, die Züge zu grell, als daß er gut wirken könnte. Jeanne d'Arc muß Agnes Sorel gegenübergestellt, wie himmlische Liebe der irdischen entgegengesetzt wirken, aber Haß und Verkehrtheit in einem Weibe darzustellen, ist der Kunst unwürdig und setzt sie herab. Der einzige bedeutende Fehler, den man diesem lyrischen Drama vorwerfen kann, ist die Entwicklung. Anstatt der Geschichte treu zu bleiben, dichtet Schiller, daß die Jungfrau, von den Engländern in Ketten geschlagen, ihre Fesseln zerbricht, ins französische Lager zurückeilt, den Sieg für ihre Landsleute entscheidet, aber selbst tödlich verwundet wird. Das Wunderbare der Dichtung neben dem Wunderbaren der Geschichte benimmt dieser Tragödie etwas von ihrer ernsten Würde. Und überdies, konnte wohl etwas schöner sein, als das Benehmen und die Antworten der Johanna vor ihren Richtern, als sie von den englischen Großen und den normannischen Bischöfen zum Scheiterhaufen verdammt wurde? Die Geschichte erzählt, das Mädchen habe mit der rührendsten Sanftmut den unerschrockensten Mut verbunden; sie habe geweint wie ein Weib und gehandelt wie ein Held. Man beschuldigte sie, sich abergläubischer Kunstgriffe bedient zu haben; aber sie wies diese Beschuldigung mit Gründen von sich, die die aufgeklärteste Vernunft unserer Zeit vorbringen könnte, und verharrte fest bei der Erklärung, sie habe innere Offenbarungen gehabt, die sie bestimmt hätten, sich ihrem außerordentlichen Beruf zu widmen. Im Angesicht des Scheiterhaufens, den sie besteigen soll, von den Todesschrecken übermannt, die sie bedrohten, von den Ihrigen verlassen, ließ sie nicht vom Lob ihres kräftigen Volkes, ihres edlen Königs. Ihr Tod ist weder der Tod eines Kriegers, noch der eines Märtyrers; gleichwohl zeigte sie bei aller Sanftmut und Schüchternheit ihres Geschlechts in ihren letzten Augenblicken eine bewundernswürdige Kraft der Begeisterung, die fast der Zauberkraft glich, deren man sie beschuldigte. Wahr ist es, die einfache Erzählung ihres Todes rührt mehr als Schillers künstliche Dichtung. Sobald die Poesie den Glanz einer historischen Persönlichkeit erhöhen will, muß sie wenigstens darauf bedacht sein, ihr die charakteristischen Züge zu lassen, denn die Größe ist nur dann wirkungsvoll, wenn sie die Spuren der Natürlichkeit an sich trägt! In der Jungfrau von Orleans enthält die historische Wahrheit nicht nur mehr Natürliches, sondern auch mehr Großes, als die Dichtung. Der » Wallenstein « ist unter allen Nationaltragödien, die auf der deutschen Bühne aufgeführt worden sind, die vorzüglichste; die Schönheit der Verse, die Größe des Stoffes entzückte alle Zuschauer in Weimar, wo sie zuerst gegeben wurde, und Deutschland konnte sich rühmen, einen neuen Shakespeare zu besitzen. Durch Lessings Tadel des französischen Geschmacks in dramatischen Werken, durch seine Übereinstimmung mit Diderot in ihren dramatischen Einsichten, war von der deutschen Bühne die Poesie verdrängt worden; die Schauspiele waren dialogisierte Romane, fortgesetzte Auftritte des gewöhnlichen Lebens mit einer gewissen Zusammendrängung der Vorfälle und Begebenheiten, die gewöhnlich nicht so rasch aufeinander folgen. Schiller kam auf den Gedanken, ein wichtiges Ereignis aus dem Dreißigjährigen Krieg auf die Bühne zu bringen, aus jenem Religionskrieg, der ein mehr als hundertjähriges Gleichgewicht zwischen der katholischen und protestantischen Partei in Deutschland herbeiführte. Die deutsche Nation ist so unzusammenhängend, daß man nie weiß, ob die Großtaten der einen Hälfte dieser Nation ein Unglück oder ein Gegenstand des Ruhms für die andere Hälfte sind; nur Schillers »Wallenstein« hat den Enthusiasmus aller Teile erregt. Der ganze Stoff ist in drei besondere Stücke abgeteilt. Wallensteins Lager , das erste von den dreien, stellt die Wirkungen dar, die der Krieg auf die Masse des Volkes und des Heeres hervorbringt. Die Piccolomini , das zweite, gibt die politischen Ursachen an, die den Zwist der Herrschenden veranlaßten. Das dritte Stück, die Katastrophe, Wallensteins Tod , ist das Resultat des Enthusiasmus und des Neides, die der große Ruf dieses Feldherrn erregt hatte. Ich habe den Prolog »Wallensteins Lager« gesehen; man dünkt sich mitten in einem Heere, und zwar in einem Heere von Parteigängern, wo alles weit lebendiger, weit zuchtloser zugeht, als unter regelmäßigen Truppen. Bauern, Rekruten, Marketenderinnen, Soldaten, alles trug das seine zur Wirkung des Schauspiels bei. Es setzt in einem Stubengelehrten eine ungemeine Phantasie voraus, um sich das Leben und Weben in einem Feldlager, die Unabhängigkeit, die rauschende Freude mitten unter den Kriegsgefahren so lebhaft denken und vor Augen stellen zu können. Der entfesselte Krieger macht Jahre zum Tag, Tage zum Augenblick, setzt alles, was sein ist, auf eine Karte, gehorcht dem Zufall im Anführer und überläßt es dem immer gegenwärtigen Tod, ihn von den Sorgen des Lebens lachend zu befreien. Nichts ist origineller in Wallensteins Lager, als die Erscheinung eines Kapuziners mitten in dem geräuschvollen Haufen der Soldaten, die sich für Verfechter des katholischen Glaubens halten. Der Mönch predigt ihnen die Mäßigung, die Gerechtigkeit in einer Rede voller Wortspiele und Silbenstechereien, die sich von der gewöhnlichen Lagersprache durch nichts unterscheidet, als durch einige biblische Sprüche und lateinische Floskeln; die buntscheckige und soldatische Beredsamkeit des Kapuziners, die rohe, ungehobelte Religion seiner Zuhörer, stellt ein auffallendes Schauspiel der Verwirrung und des Widerspruchs auf. Der in Gärung geratene, gesellige Zustand zeigt den Menschen, was noch wild in ihm ist; es kommt wieder zum Vorschein, und die Spuren der besseren Bildung irren umher, wie die Trümmer eines Schiffes auf den sturmbewegten Wellen. »Wallensteins Lager« ist ein sinnreiches Vorspiel, eine Einleitung zu den beiden übrigen Stücken; es erregt Bewunderung für den Feldherrn, der in aller Soldaten Mund ist, bei ihren Spielen, wie bei ihren Gefahren; und wenn das Trauerspiel selbst anhebt, hat man den vorausgeschickten Prolog noch in so frischem Gedenken, als wäre man Zeuge gewesen von der Geschichte, deren Ausschmückung die Dichtkunst übernommen hat. Das zweite Stück, »Die Piccolomini«, enthält die Streitereien, die sich zwischen dem Kaiser, seinem Feldherrn und seinen Mitgeneralen erhoben haben, als dieser als Oberhaupt der Armee, dem Gewalthaber, den er vertritt, sowie der Sache, die er verficht, seinen persönlichen Ehrgeiz unterschieben will. Wallenstein kämpft im Namen Österreichs gegen die Nationen, die die Reformation in Deutschland einführen wollten; gelockt und verführt jedoch durch die Hoffnung, für sich selbst eine unabhängige Gewalt zu begründen, sucht er alle Mittel sich anzueignen, die er zum allgemeinen Besten anwenden sollte. Die übrigen Anführer widersetzen sich seinen Absichten, nicht aus reiner Moral, sondern aus Eifersucht; und in diesen gewaltsamen Kämpfen findet man alles, nur keine Menschen, die eigene Meinungen festhalten und sich für die Sache ihres Gewissens schlagen. Für wen sollte man sich hier denn interessieren? So wird man fragen. Für das Gemälde der Wahrheit. Vielleicht wird die Kunst verlangen, daß dieses Gemälde auf theatralische Wirkung berechnet sei; dennoch ist die Geschichte auf der Bühne immer etwas Sehenswertes. Schiller hat nebenbei Rollen eingeschoben und Namen erdichtet, die ein Romaninteresse erregen. Er hat Max Piccolomini und Thekla als zwei himmlische Schöpfungen aufgestellt, die alle Stürme der politischen Leidenschaften durchkreuzen, ohne in ihrem Gemüt Liebe und Wahrheit zu gefährden. Thekla ist Wallensteins Tochter, Max der Sohn des treulosen Freundes, der ihn verriet. Das Paar liebt, sucht und findet sich im Leben und im Tode wider den Willen der Eltern, des Schicksals, der Welt, nur nicht ihrer Herzen. Beide Wesen erscheinen wie Auserwählte mitten unter den Greueln des Ehrgeizes. Es sind rührende Opfer, die sich der Himmel erkor; ein schönes Abbild der reinsten Hingebung seiner selbst mit den Leidenschaften der Menschen, die sich um den Besitz dieser Welt wie um ihr einziges Los streiten! Goethe Was Klopstock mangelte, war eine schöpferische Phantasie. Er verstand es, große Gedanken und edle Gefühle in schönen Versen auszusprechen, aber einen Künstler im eigentlichen Sinne kann man ihn nicht nennen. Seine Erfindungen sind schwach, und die Farben, die er ihnen leiht, haben fast nie die Fülle von Kraft, die man so gern in der Poesie und in allen den Künsten wiederfinden möchte, deren Bestimmung es ist, der Dichtung die Energie und die Eigentümlichkeit der Natur zu geben. Klopstock verliert sich im Ideal; Goethe behält immer festen Boden, wenn er sich auch zu den höchsten Gipfeln erhebt. Sein Geist hat eine Stärke, die unter seinem Gefühl nie leidet. Goethe könnte für den Repräsentanten der ganzen deutschen Literatur gelten; nicht, als ob sie nicht in mancher Beziehung Schriftsteller zählte, die noch über ihm stehen, sondern weil er in sich alles vereinigt, was den Geist der Deutschen von andern unterscheidet, und weil keiner so ausgezeichnet ist durch eine Gattung der Phantasie, von der weder die Italiener, noch die Engländer, noch die Franzosen sich einen Teil aneignen dürfen. Goethe ist in der Unterhaltung ein Mann von bewunderungswürdigem Geiste, und man mag sagen, was man will, wer Geist hat, muß sprechen können. Es gibt wohl einzelne Beispiele von schweigsamen, hohen Naturen: Schüchternheit, Unglück, Verachtung und Langeweile sind oft davon die Ursache; im allgemeinen aber kann man behaupten, daß Fülle der Ideen und Wärme des Gemüts das Bedürfnis erzeugen müssen, sich andern mitzuteilen, und Menschen, die nicht nach dem beurteilt werden wollen, was sie sagen, dürften leicht kein größeres Interesse für das, was sie denken, verdienen. Wenn man die Kunst versteht, Goethe zum Sprechen zu bringen, ist er bewundernswert; seine Beredsamkeit wird von Gedanken erzeugt; sein Scherz ist zugleich voll Anmut und Philosophie, seine Phantasie durch äußere Gegenstände aufgeregt wie etwa die der Künstler im Altertum, und doch hat seine Vernunft nur zu sehr die Reife unserer Zeit. Nichts stört die Kraft seines Kopfes, und selbst die Inkonvenienzen seines Charakters, Launen, Verlegenheit, Zwang, ziehen wie Wolken hin am Fuße des Berges, auf dessen Gipfel sein Genie erhaben ruht. Was man von Diderots Unterhaltung erzählt, dürfte vielleicht eine Idee von der Goethes geben; wenn man jene aber nach Diderots Schriften beurteilt, so erscheint der Abstand zwischen diesen beiden Männern unendlich groß. Diderot stand unter dem Joch seines Witzes; Goethe herrscht selbst über sein Talent; Diderot wird geziert aus dem Bestreben, Effekt zu machen; in Goethe geht die Verachtung des Erfolgs seiner Schriften bis zu einem Grade, der immer gefällt, selbst wenn man über seine Nachlässigkeit ungeduldig werden muß: Diderot sah sich genötigt, durch Philanthropismus die religiösen Gefühle zu ersetzen, die ihm fehlten; Goethe würde es vorziehen, lieber bitter als süßlich zu sein; was er aber vor allen Dingen ist, er ist natürlich , und wahrlich, was ist ohne diese Eigenschaft wohl in einem Menschen, was einen andern interessieren könnte? Goethe besitzt nicht mehr diese hinreißende Glut, die ihm den Werther eingab, aber die Wärme seiner Gedanken reicht noch vollkommen hin, um alles zu beleben. Man möchte von ihm sagen, daß das Leben ihn selbst nicht berührt, und daß er es bloß darstellt, wie ein Maler; er setzt in die Gemälde, die er uns vor Augen bringt, einen höheren Wert, als in die Rührungen, die er empfindet; die Zeit hat ihn zum Zuschauer gebildet; als er noch eine tätige Rolle spielte auf der Bühne der Leidenschaften, als er selbst noch durch sein Herz litt, machten auch seine Schriften einen tieferen Eindruck. Da sich jeder Dichter eine Poetik nach seinem Talent bildet, so stellt Goethe jetzt die Behauptung auf, der Schriftsteller müsse ruhig sein, auch wenn er ein leidenschaftliches Werk erzeuge, und der Künstler sein kaltes Blut bewahren, um stärker auf die Phantasie der Leser zu wirken. Vielleicht hätte er in seiner früheren Jugend die gleiche Meinung nicht gehegt, vielleicht beherrschte ihn damals sein Genie, wie er jetzt dessen Meister ist, vielleicht endlich fühlte er damals, daß, da das Erhabene und Göttliche nur auf Augenblicke im Herzen des Menschen wohnen, der Dichter unter der Begeisterung steht, die ihn belebt, und nicht über sie urteilen kann, ohne sie einzubüßen. Im ersten Augenblicke staunt man, in dem Dichter Werthers Kälte, ja selbst eine Art von Steifheit zu finden; aber kann man es über ihn gewinnen, daß er es sich bequem macht, so verscheucht die Beweglichkeit seiner Phantasie bald gänzlich den früher empfundenen Zwang; er ist ein Mann von universellem Geiste, und unparteiisch, eben weil er universell ist: denn in seiner Unparteilichkeit liegt keine Gleichgültigkeit, es ist vielmehr ein doppeltes Dasein, eine Doppelkraft, ein Doppellicht, die bei allen Gegenständen zu gleicher Zeit beide Seiten einer Frage beleuchten. Sein Denken hält nichts in seinem Laufe auf, nicht sein Jahrhundert, nicht seine Gewohnheiten, nicht seine Verhältnisse; senkrecht trifft sein Adlerblick die Gegenstände, die er ins Auge faßt: hätte er eine politische Laufbahn gehabt, hätte sich seine Seele in Taten entwickelt, so wäre sein Charakter entschiedener, fester, patriotischer geworden, aber sein Geist würde nicht so frei über allen Gattungen von Ansichten schweben; Leidenschaften und Interesse zeichneten ihm dann einen positiven Weg vor. Goethe liebt es, in seinen Schriften wie in seinen Gesprächen Fäden zu zerreißen, die er selbst gewebt hat, mit Rührungen zu spielen, die er selbst erregt, Statuen umzustürzen, die er zur Bewunderung aufgestellt hat. Kaum hat er in seinen Dichtungen Interesse für einen Charakter erzeugt, so zeigt er in ihm Inkonsequenzen. Er schaltet mit der poetischen, wie ein Eroberer mit der reellen Welt und fühlt Kraft genug, wie die Natur Zerstörung in sein eigenes Werk zu bringen. Wäre er nicht ein achtenswerter Mann, man müßte vor dieser Art Superiorität Furcht bekommen, die über alles sich erhebt, die niederdrückt und aufrichtet, erweicht und darüber spottet, wechselweise in einem Glauben befestigt und wieder daran zweifeln macht, und alles immer mit demselben Glück. Ich habe gesagt, daß sich in Goethe alle Hauptzüge des deutschen Genius finden; ich setze hinzu, alle in einem ausgezeichneten Grade: eine große Tiefe der Ideen, eine Anmut, die in der Phantasie ihre Quelle hat und viel eigentümlicher ist als die durch den Geist des Umgangs gebildete, endlich eine zuweilen an das Phantastische streifende Empfindung, die aber eben aus diesem Grunde geeigneter ist, Leser zu interessieren, die sich zu den Büchern wenden, um Wechsel in ihr einförmiges Dasein zu bringen und von der Poesie fordern, daß sie ihnen die Stelle wahrer Ereignisse vertreten soll. Wäre Goethe ein Franzose, so ließe man ihn nur sprechen: alle schriftstellerischen Zeitgenossen Diderots gingen zu ihm, um Ideen aus seiner Unterredung zu schöpfen, und bereiteten ihm einen dauernden Genuß in der Bewunderung, die er einflößte. In Deutschland versteht man die Kunst nicht, sein Talent in der Unterhaltung auszugeben, und wenige Menschen, selbst unter den Ausgezeichnetsten, haben die Fertigkeit, zu fragen und zu antworten. Goethes Einfluß ist trotzdem nicht minder außerordentlich. Es gibt unter den Deutschen gewiß eine große Menge Menschen, die Genie unter der Aufschrift eines Briefes finden würden, wenn er sie geschrieben hätte. Die Bewunderung Goethes bildeten eine Art von Bruderschaft, deren Losungsworte die Eingeweihten einer dem andern kenntlich machen. Wenn Ausländer ihn auch bewundern wollen, aber einige Einschränkungen darauf hindeuten, daß sie sich erlaubt haben, seine Werke näher zu untersuchen, so werden sie mit Verachtung zurückgewiesen; und doch gewinnen diese Werke bei der Prüfung so sehr. Man kann einen solchen Fanatismus nicht erregen, ohne große Eigenschaften, im Guten oder Bösen, zu besitzen: denn nur die Macht wird, in welcher Gattung es auch sei, von den Menschen so gefürchtet, um sie auf diese Weise lieben zu können. Das Schauspiel » Götz von Berlichingen « ist eines der Lieblingsstücke in Deutschland; die Nationalsitten und das Gefühl der alten Ritterzeit sind darin auf das treueste und nach dem Leben dargestellt; und alles, was an jene Zeit erinnert, ist dem Herzen der Deutschen teuer. Goethe, überzeugt, daß er sein Publikum nach seinem Willen lenkt und regiert, hat sich nicht einmal die Mühe gegeben, sein Stück in Versen zu schreiben. Götz ist die Skizze eines großen Gemäldes, aber eine kaum vollendete Skizze. Der Verfasser hat eine solche Ungeduld des Genies, einen solchen Widerwillen gegen alles, was nach Künstelei aussieht, daß er sogar dasjenige verschmäht, was in der Kunst notwendig ist. Es gibt in seinem Drama eine Menge Züge und Blitze des Genies, wie die Pinselstriche in einem Gemälde von Michelangelo; aber das Ganze ist ein Werk, das noch viel zu erwarten oder vielmehr zu wünschen übrig läßt. Die Regierung Kaiser Maximilians, unter der die Begebenheit spielt, ist nicht hinlänglich charakterisiert. Goethe hat es allerdings nicht gewollt; es war Plan und System bei ihm, sein Drama sollte die Sache selbst sein. * Unter allen Trauerspielen Goethes scheint mir » Egmont « das schönste zu sein. Er schrieb es ohne Zweifel zur gleichen Zeit, als er seinen Werther schrieb; in beiden Werken liegt dasselbe Feuer, dieselbe Wärme. Das Stück beginnt mit der Sendung des Grafen Alba, um Margarete von Parma, deren Verwaltung Philipp II. zu sanft schien, in der Regierung der Niederlande zu ersetzen. Der König hat Argwohn wegen der Volksliebe geschöpft, die Oranien und Egmont zu gewinnen gewußt haben; er verdächtigt sie, geheime Anhänger der Reformation zu sein. Alles vereinigt sich in Egmont, ihn zum anziehendsten, unwiderstehlichsten Menschen zu machen. Seine Soldaten, die unter ihm so viele Siege erfochten, beten ihn an wie einen Gott. Die spanische Regentin baut auf seine Treue, obwohl sie weiß, wie sehr er die Strenge gegen die Protestanten mißbilligt. Die Einwohner von Brüssel sehen in ihm den Verfechter ihrer Freiheiten beim Thron; selbst der Prinz von Oranien, dessen tiefe Politik, dessen verschwiegene Klugheit ihn in der Geschichte so berühmt gemacht haben, und der ihn vergebens beschwört, vor Albas Ankunft mit ihm zu fliehen, hebt durch diesen Kontrast die edle, sichere Unbefangenheit des Grafen. Der Prinz von Oranien ist ein würdiger, ein weiser Charakter; nur eine heldenmütige, aber zugleich unbedachte Aufopferung seiner selbst kann seinem Rat Widerstand leisten. Der Graf Egmont will die Bürger von Brüssel nicht verlassen; er rechnet auf sein Glück, weil seine Siege ihn an die Begünstigungen der Glücksgöttin gewöhnt haben und er in die öffentlichen Geschäfte alles überträgt, was seine kriegerische Laufbahn so auszeichnete. Seine schönen, aber gefährlichen Geistesgaben nehmen für sein Schicksal ein; man fühlt für ihn Besorgnisse, die in seiner unerschrockenen Seele nie aufsteigen konnten. Das Ganze seines Charakters ist mit großer Kunst durch die Eindrücke gezeichnet, die die Gefahren, in denen er schwebt, auf seine Umgebung machen. Es ist nicht schwer, von den Helden eines Stückes ein geistreiches Gemälde zu entwerfen; weit schwerer und talentvoller ist's, ihn dieser Schilderung gemäß sprechen und handeln zu lassen; am schwersten, ihn durch die Bewunderung, die er den Soldaten, dem Volk, den Großen, kurz allen, die ihn umgeben und mit ihm in Verbindung stehen, einflößt, zu schildern. Das Ende des Trauerspiels »Egmont« steht mit dem Ganzen nicht in Harmonie; der Graf schläft einige Augenblicke vor seiner Abführung zum Schafott ein. Klärchen erscheint ihm nach ihrem Tode im Traum, verklärt, umgeben von himmlischem Glanz, und deutet ihm an, sein Tod werde den Provinzen die Freiheit verschaffen: doch dieses Wunderbare in der Entwicklung paßt nicht zu einem historischen Stück. Die Deutschen sind überhaupt verlegen, wann und wie sie schließen sollen; man könnte das chinesische Sprichwort auf sie anwenden: »Wenn man zehn Schritte zu machen hat, so sind neun die Hälfte des Weges«. Die erforderliche Geisteskraft, um, sei es, was es wolle, zu Ende zu bringen, erforderte eine gewisse Gewandtheit, ein gewisses Augenmaß, die sich nur selten mit der schwankenden und unbestimmten Phantasie vertragen, deren Spuren die deutschen Werke allgemein tragen. Überdies bedarf es der Kunst, und sehr großer Kunst, um eine gute Entwicklung zu finden. Die Kenntnis der Bühne allein lehrt, wie man die Grenzen der Hauptbegebenheit abstecken und die Nebenumstände zweckvoll mitwirken lassen soll. Allein, Wirkungen künstlich zusammenstellen, ist in den Augen der Deutschen beinahe eine Heuchelei, und die Berechnung im Bereich der Phantasie scheint ihnen unvereinbar mit der Begeisterung zu sein. Dennoch wäre Goethe unter allen ihren Schriftstellern gerade der, dem die meisten Mittel zu Gebote stehen würden, die Gewandtheit des Geistes mit kühnem Flug der Gedanken zu verbinden; aber Goethe hält es unter seiner Würde, die dramatischen Lagen so zu handhaben, daß er sie zu theatralischen macht. Wenn sie nur schön sind, so genügt ihm dies, und er kümmert sich nicht weiter um das andere. Das deutsche Publikum in Weimar ist sein Zuschauer, und dieses Publikum ist zufrieden, wenn es ihm nur entgegenkommen, ihn erraten kann; es ist ebenso geduldig, ebenso einsichtsvoll, wie der griechische Chor; anstatt es wie die Souveräne zu machen, sie mögen Fürsten oder Volk sein, anstatt zu verlangen, daß man es belustigt, trägt es selbst zu seinem Vergnügen dadurch bei, daß es erklärt und zergliedert, was ihm nicht gleich auffiel: ein solches Publikum ist in seinen Urteilen selbst Künstler. * Man gab in Deutschland bürgerliche Dramen, Melodramen, eigentliche Schauspiele, d.i. Spektakelstücke mit Pferden und Ritteraufzügen. Goethe nahm sich vor, die Literatur seiner Landsleute zur Strenge des Altertums zurückzuführen, und schrieb seine »Iphigenie auf Tauris«, das Meisterwerk der klassischen Poesie in Deutschland. Diese Tragödie erinnert an das Gefühl, das uns beim Anblick griechischer Statuen ergreift; die Handlung ist ehrwürdig und so ruhig, daß selbst bei veränderter Lage der Personen eine Beständigkeit der Würde bei ihnen zurückbleibt. Der Inhalt der »Iphigenie auf Tauris« war so bekannt, daß es unendlich schwer sein mußte, ihn auf eine neue Art zu behandeln; Goethe ist es besonders dadurch gelungen, daß er seiner Heldin einen wahrhaft bewundernswerten Charakter gegeben hat. Die Antigone des Sophokles ist eine Heilige, wie sie uns eine jüngere Religion als die der Alten zeigen würde. Goethes Iphigenie hat nicht weniger Ehrfurcht vor der Wahrheit, als die Antigone; sie verbindet aber die Ruhe des philosophischen Geistes mit der Inbrunst einer Priesterin; der keusche Dienst der Diana und die geweihte Schutzwehr eines Tempels füllen die träumende Existenz aus, die ihr die Sehnsucht nach ihrem fernen Vaterland übrig läßt. Kein neueres Werk schildert, dünkt mich, besser, als Goethes Iphigenie, das Schicksal, das auf Tantalus' Geschlecht lastet, und die Würde aller dieses Geschlecht verfolgenden und von einem unüberwindlichen Fatum herbeigeführten Leiden. Eine religiöse Furcht faßt den Zeugen bei dieser ganzen Geschichte, und die Personen selbst, die auftreten, scheinen eine prophetische Sprache zu führen und nur von der allmächtigen Hand der Götter geleitet zu handeln. Der Plan dieses Stücks kann nicht gediegener und edler sein, und es wäre zu wünschen, daß man es soweit brächte, die Zuschauer bloß durch die Darstellung einer zarten Bedenklichkeit zu rühren; allein von der Bühne läßt sich das schwer erwarten, und daher kommt es, daß man das Stück lieber liest, als aufführen sieht. In dieser Tragödie ist die Bewunderung, nicht der Affekt, die Triebfeder; man glaubt einen Gesang aus einem epischen Gedicht zu hören; die Ruhe, die im Ganzen vorwaltet, ist so ansteckend, daß sie beinahe auf Orests Gemüt wirkt. Die Erkennungsszene zwischen Bruder und Schwester ist vielleicht nicht so lebhaft, aber gewiß poetischer als jede ähnliche. Die Schicksale der Familie Agamemnons sind bewundernswürdig dargestellt, und man glaubt, eine Reihe von Gemälden vor Augen zu haben, mit denen Geschichte und Fabel das Altertum bereicherten. Eine so erhabene Poesie gibt der Seele eine edle Anschauung und macht ihr die Bewegung und Abwechslungen des dramatischen Lebens beinahe entbehrlich. Die Bewunderung, die man der »Iphigenie auf Tauris« unmöglich versagen kann, steht keineswegs im Widerspruch zu dem, was ich von dem lebhaften Interesse, von der innigeren Rührung gesagt habe, die man bei neueren Stoffen und Darstellungen empfinden kann. Die Sitten und Religionen, deren Spur Jahrhunderte verwischt haben, stellen den Menschen als ein Ideal auf, das die Erde, auf der es sich bewegt, kaum berührt; aber in Zeitabschnitten und historischen Begebenheiten, deren Einfluß sich bis zu uns erstreckt, fühlen wir die Wärme unserer eigenen Existenz und verlangen eben die Effekte von außen, die wir in uns empfinden. Es scheint mir aus diesem Grunde, als hätte Goethe in seinem »Torquato Tasso« nicht eben die Einfalt der Handlung, nicht eben die Ruhe der Rede ausdrücken wollen, die sich für seine Iphigenie schickte. In einem so modernen Stoff könnte diese Einfalt und Ruhe leicht für Kälte und Mangel an Natürlichkeit gehalten werden; denn daß der persönliche Charakter des Tasso und das Leben am Hofe zu Ferrara nicht in jeder Hinsicht zur neuen Geschichte gehören, wird man mir nicht einwenden wollen. * Goethe wollte in seinem » Torquato Tasso « den zwischen dem poetischen und dem geselligen Leben bestehenden Gegensatz malen; er wollte einen Dichter und einen Weltmann gegeneinanderstellen. Er hat den Nachteil bewiesen, der aus dem Schutz eines Fürsten für die zarte Einbildungskraft eines Dichters entsteht, selbst wenn dieser Fürst überzeugt ist, er liebe Wissenschaft und Kunst, oder wenigstens seinen Stolz darein setzt, sie zu bewundern. Die schwärmende, von der Poesie ausgebildete Natur im Gegensatz zu der von der Politik abgekühlten und gezügelten zu zeigen, ist eine Idee, aus der tausend Gedanken entstehen. Ein Genie, an den Hof berufen, muß sich anfangs glücklich schätzen, muß aber mit der Länge der Zeit manche der Widerwärtigkeiten empfinden, die Tassos Leben so ungemein verbitterten. Ein Talent, das sich durch das Hofleben bändigen und einschnüren ließe, würde aufhören, Talent zu sein. Dennoch ist es äußerst selten, daß Fürsten die Rechte der Phantasie anerkennen und sich zugleich darauf verstehen, diese Geistesgabe zu achten und schonend mit ihr umzugehen. Man konnte keinen glücklicheren Stoff wählen als Torquato Tasso in Ferrara, um zugleich die verschiedenen Charaktere eines Dichters, eines Hofmanns, einer Prinzessin, eines Prinzen in den Vordergrund zu stellen und in einen engen Rahmen zu bannen, wo jeder von ihnen mit eben der zähen Eigenliebe wirkt, mit der andere versuchen würden, die Welt aus den Angeln zu heben. Tassos kränkelnde Empfindlichkeit ist bekannt, ebenso wie die rauhe, abstoßende Höflichkeit seines Gönners Antonio, der bei allen Beteuerungen der hohen Bewunderung, die er für seine Schriften hegt, ihn dennoch ins Irrenhaus sperren ließ; als wenn das Genie, das aus der Seele stammt, wie ein mechanisches Talent behandelt werden könnte, aus dem man Nutzen zieht und das man schätzen kann, ohne den Besitzer zu achten! Goethe selbst sagt in seinem Tasso: die beiden Personen, die er kontrastieren lasse, der Politiker und der Dichter, seien die beiden Hälften des Menschen . Nur kann zwischen diesen beiden Hälften keine Sympathie bestehen, weil Tassos Charakter ohne Klugheit, wie der Antonios ohne Empfindung ist. Die krankhafte Empfindlichkeit, der gereizte Argwohn der Schriftsteller und Dichter hat sich in Rousseau, im Tasso gezeigt und zeigt sich noch häufiger in der deutschen Gelehrtenrepublik. Die französischen Autoren sind weniger empfänglich. Wer viel mit sich selbst und in der Einsamkeit lebt, verträgt die äußere Weltluft nicht gut. Die Gesellschaft schafft, wie die Luft, manches Rauhe für den, der an sie nicht von Jugend auf gewöhnt ist; Ironie und der Spott der Welt sind für einen talentvollen Mann verderblicher als für jeden andern; der Geistvolle allein weiß sich ihrer zur erwehren. Goethe hätte Rousseaus Leben zum Text oder Muster jenes Kampfes wählen können zwischen der Gesellschaft, wie sie ist, und der Gesellschaft, wie ein poetischer Kopf sie sucht oder wünscht; aber Rousseaus Situation hätte seiner Phantasie weit weniger Stoff dargeboten als Tassos Geschichte. Rousseau hat sich mit einem großen Genie durch niedere Verhältnisse bewegen und schleppen müssen. Tasso dagegen, brav wie seine Ritter, verliebt, geliebt, verfolgt, gekrönt, und noch jung am Vorabend seines Triumphes dahinsterbend – Tasso ist ein Beispiel des größten Glanzes und des größten Mißgeschicks, das dem Genie zuteil werden kann. Wie mich dünkt, sind die Farben des Südens in Torquato Tasso nicht ausgesprochen genug; vielleicht ist es schwer, mit deutschen Worten italienisch zu sprechen und italienische Gefühle auszudrücken. Gleichwohl sind es noch mehr die Charaktere, in denen sich die deutsche Natur stärker als die italienische entwickelt. Leonore von Este ist hier eine deutsche Fürstin. Die Entwicklung und Untersuchung ihres Charakters und ihrer Gefühle, mit denen sie sich unaufhörlich beschäftigt, liegt nicht in der Art des Südens. Im Süden zieht sich die Phantasie nicht auf sich selbst zurück; sie schreitet beständig vor, ohne rückwärts zu schauen; sie forscht der Quelle eines Ereignisses nicht nach; sie widersteht dem Geschehenen oder überläßt sich ihm, ohne nach dem Grund davon zu suchen. Die Person des Tasso ist ebenfalls die eines deutschen Dichters. Jene Unfähigkeit, mit der Goethe ihn gezeichnet hat, sich in den gewöhnlichsten Umständen des Alltagslebens aus der Sache zu ziehen, ist ein Charakterzug der Schriftsteller des Nordens und ihrer zurückgezogenen Lebensweise. Die südlichen Dichter haben diese Unbeholfenheit gewöhnlich nicht; sie haben mehr außer dem Hause und sozusagen auf öffentlichen Plätzen gelebt: sie sind mit den Dingen und noch mehr mit den Menschen vertrauter. Tassos Sprache ist in dem Goetheschen Stück oft zu metaphysisch. Seine Schwermut stammte keineswegs aus dem Mißbrauch philosophischer Betrachtungen oder aus dem tiefen Nachforschen über das, was in seinem Herzen vorging; sie war nur eine Folge des zu lebhaften Eindrucks der äußeren Dinge, des Rausches der Liebe und des Eigendünkels; er bediente sich der Sprache bloß als eines harmonischen Gesangs. Das Geheimnis seiner Seele lag nicht in seinen Reden, nicht in seinen Schriften; er hatte sich hie selbst beobachtet; wie hätte er sich andern offenbaren können? überdies war die Dichtung in seinen Augen eine glänzende Kunst, nicht ein leises Zulispeln der Empfindungen des Herzens. Es scheint mir aus seiner italienischen Natur, aus seinem Leben, aus seinen Briefen, aus den Gedichten selbst, die er während seiner Verhaftung schrieb, hervorzugehen, daß die Heftigkeit seiner Leidenschaften nicht in der Tiefe seiner Gedanken begründet war. In seinem Charakter lag nicht, wie in dem der deutschen Dichter, jenes gewohnte Gemisch von Nachdenken und Tätigkeit, von Nachforschung und Enthusiasmus. Die Eleganz und Würde des dichterischen Stils sind im »Torquato Tasso« über alles Lob erhaben; Goethe hat sich in diesem Stück als Deutschlands Racine gezeigt. Hat man aber Racine den Mangel an Interesse in Berenice zum Vorwurf gemacht, so könnte man mit größerem Recht Goethe die dramatische Kälte seines Tasso vorwerfen. Die Absicht des Verfassers war, die Charaktere tief zu begründen und die Lagen, in die er sie versetzt hat, nur leicht zu entwerfen; ist dies aber möglich? Die langen, sinnreichen Reden voller Phantasie, die er seine Personen abwechselnd halten läßt, sind sie aus der Natur geschöpft und aus welcher? Wer spricht so über sich selbst und über alles? Wer erschöpft bis auf diesen Punkt, was sich sagen läßt, ohne daß sich etwas tun läßt? Sobald sich das Stück nur einigermaßen bewegt, wird einem leicht zu Mut; man erholt sich von der beständigen Spannung, mit welcher man die Ideen verfolgen mußte. Die Duellszene zwischen dem Dichter und dem Hofmann interessiert lebhaft; des einen Aufwallung, des andern kalte Gewandtheit entwickeln das Verhältnis beider mit großer Lebendigkeit. Von den Lesern oder Zuschauern verlangen, daß sie dem Interesse an der Handlung entsagen, um sich bloß an die Gemälde und an die Ideen zu halten, hieße zu viel fordern. Faust Unter den gewöhnlichen Puppenspielen gibt es eines: » Doktor Faust « betitelt, das von jeher viel Glück in Deutschland gehabt hat. Vor Goethe hatte schon Lessing sich mit der Bearbeitung des Stoffes beschäftigt. Das Wundermärchen von Doktor Faust beruht auf einer allgemein bekannten Volkslegende. Einige englische Schriftsteller haben gelehrte Werke über den Doktor Faust und sein Leben herausgegeben; sie schreiben ihm die Erfindung der Buchdruckerkunst zu. Seine ausgebreitete Wissenschaft konnte ihn vor der Langeweile des Lebens nicht schützen; er versuchte (so erzählt die Legende), um diesem Seelenaussatz zu entgehen, einen Bund mit dem Teufel zu schließen, und der Teufel holte ihn am Ende. Diese wenigen Umstände haben Goethe den Stoff zu dem seltsamen Werk gegeben. Man darf in diesem weder den Geschmack, noch die Regelmäßigkeit, noch die Kunst suchen, die auswählt und vollendet; wenn sich aber die Phantasie ein geistiges Chaos ebenso denken könnte, wie man oft das materielle Chaos beschrieben hat, so hätte Goethes »Faust« das Werk dieses geistigen Chaos sein müssen. Es ist unmöglich, die Kühnheit der Gedanken weiterzutreiben, und nach dem Lesen des »Faust«, oder wenn man auch nur daran denkt, ergreift uns immer eine Art von Schwindel. Der Teufel selbst ist der Held des Stückes; der Verfasser denkt sich ihn aber nicht als ein scheußliches Schreckbild, wie man es den Kindern gewöhnlich vormalt; er hat ihn, wenn ich so sagen darf, zur Quintessenz des Bösen gemacht. Goethe hat sich in diesem zugleich wirklichen und phantastischen Wesen den bittersten Spott erlaubt, dem der Hohn je Worte lieh, und zugleich eine ergötzliche Keckheit von guter Laune. Es herrscht in den Reden des Mephistopheles eine höllische Ironie, die die gesamte Schöpfung und die Welt als ein schlechtes Buch angreift, zu dessen Rezensenten sich der Teufel macht. Mephistopheles spottet über den Verstand selbst und sucht, ihn lächerlich zu machen, sobald er uns auffordert, an irgendetwas ernsthaften Anteil zu nehmen, besonders aber, wenn er uns Vertrauen in unsere eigenen Kräfte einflößt. Es ist sonderbar, daß gerade die größte Bosheit und die göttliche Weisheit in diesem Punkt zusammentreffen, daß beide die Leere und die Schwächen von allem, was auf Erden ist, anerkennen. Wenn aber jene diese Wahrheit nur deswegen aufstellt, um uns das Gute zu verleiden, so tut es diese nur, um uns über das Böse zu erheben. Fände sich im »Faust« nichts weiter als stechender philosophischer Spott, so würde man diese Gattung von Witz mit dem vergleichen können, der in mehreren Schriften Voltaires zu Hause ist; so aber liegt diesem Werk eine Phantasie ganz anderer Art zu Grunde. Nicht allein die moralische Welt, wie sie ist, wird darin vernichtet, die Hölle selbst tritt an ihre Stelle. Es ist eine Kraft der Zauberei, eine Poesie des bösen Prinzips, ein Rausch der Verführung, eine Verirrung der Gedanken, über die man zugleich schaudern, lachen und weinen muß. Man sollte einen Augenblick glauben, die Regierung der Welt sei den Händen des Teufels anvertraut. Man schaudert, weil er unerbittlich ist; man lacht, weil er jede befriedigte Selbstliebe erniedrigt und lächerlich macht; man weint, weil die menschliche Natur ein schmerzhaftes Mitleid hervorruft. Goethes Mephistopheles ist ein ausgebildeter, gesitteter Teufel. Er läßt ihn mit Kunst den anscheinend leichten Spott handhaben, der sich so gut mit einer tiefen Bosheit verträgt, läßt ihn alles Albernheit oder Ziererei nennen, was Empfindung ist. Seine Gesichtszüge sind boshaft, falsch, niedrig-gemein; er ist linkisch, aber nicht blöde, herrisch ohne Stolz, süßlich bei Frauen, weil er hier allein nötig hat zu betrügen, um zu verführen; unter Verführen versteht er bloß, der Leidenschaft eines andern behilflich zu sein, denn er selbst kann sich nicht einmal stellen, als liebe er. Faust vereinigt in seinem Charakter alle Schwachheiten der menschlichen Natur, das Streben nach Wissenschaft und die Ermüdung bei der Arbeit, die Notwendigkeit des Erfolges und die Sättigung im Vergnügen. Faust ist ein vollkommenes Vorbild des veränderlichen beweglichen Wesens, dessen Gefühle noch ephemerer sind als das kurze Leben, über das er sich beschwert. Faust hat mehr Ehrgeiz als Kraft; die Bewegung in seinem Innern reizt ihn gegen die Natur, läßt ihn zu Zaubereien greifen, um den harten, aber notwendigen Bedingungen zu entgehen, die dem sterblichen Menschen auferlegt sind. Man sieht ihn, wenn der Vorhang aufgerollt wird, mitten unter seinen Büchern und einer Menge physikalischer Instrumente und chemischer Gläser und Flaschen sitzen. Faust studiert unablässig die Natur und vor allem die schwarze Kunst, in der er es schon ziemlich weit gebracht hat. In Goethes »Faust« verändert sich der Rhythmus beständig nach der Lage, und die daraus entstehende glänzende Mannigfaltigkeit ist bewundernswürdig. Die deutsche Sprache versteht sich auf Zusammensetzungen besser als die französische. Goethe scheint sie insgesamt benutzt zu haben, um mit Tönen wie mit Bildern die seltene Überspannung von Ironie und Schwärmerei, von Traurigkeit und guter Laune auszudrücken, die ihm in diesem Werk zur Seite standen. Es hieße in der Tat, zu viel Naivität verraten, wenn man voraussetzen wollte, ein Mann wie Goethe wisse und fühle nicht die Fehler wider den guten Geschmack, die man seinem Stück vorwerfen kann; aber es verlohnt sich der Mühe, die Beweggründe zu finden, die ihn veranlaßten, diese Fehler, ich will nicht sagen, stehenzulassen, sondern vorsätzlich hineinzuarbeiten. Goethe hat sich in diesem Spiel keiner bisherigen Gattung unterworfen; es ist weder eine Tragödie, noch ein Roman. Er hat sich vorgenommen, in seinem Werk jeden nüchternen Gang im Denken zu meiden; man würde Ähnlichkeit mit dem Geist des Aristophanes finden, wenn Shakespeares Pathos nicht Schönheiten ganz anderer Art hineinwebte. Faust erregt Staunen, Rührung, sogar Tränen; er läßt aber kein sanftes Gefühl in der Seele zurück. Zwar werden der Eigendünkel und das Laster schreckensvoll bestraft; dennoch fühlt man in dieser Strafe nicht die wohltätige Hand des Zuchtmeisters. Man sollte vielmehr glauben, das böse Prinzip selbst richte die Rache gegen das Verbrechen, das es begehen hieß; und die Gewissensqual, wie sie hier geschildert wird, scheint ebenso wie das Vergehen, auf das sie folgt, aus der Hölle zu stammen. Der Glaube an böse Geister findet sich in vielen Dichtungen der Deutschen; die Natur des Nordens stimmt ganz zu dieser Gemütsart. Es ist in Deutschland bei weitem nicht so lächerlich, wie es in Frankreich sein würde, sich des Teufels in Dichtungen zu bedienen. Insofern wir dergleichen Ideen unter literarischen Gesichtspunkten betrachten, steht es fest, daß unsere Phantasie sich etwas bildlich darstellt, was dem Begriff eines bösen Geistes entweder im menschlichen Herzen oder in der Natur ähnlich sieht. Der Mensch tut oft das Böse auf eine sozusagen uneigennützige Weise ohne Zweck, ja selbst in zweckwidriger Hinsicht, nur um eine gewisse innere Bitterkeit zu befriedigen, die das Bedürfnis, zu schaden, in ihm hervorruft. Neben den Gottheiten des Heidentums gab es andere Gottheiten aus dem Titanengeschlecht; diese stellten die empörten Kräfte der Natur dar. Ebenso sollte man glauben, daß die bösen Neigungen der Seele in der Gestalt der bösen Geister personifiziert werden. Es ist unmöglich, »Faust« zu lesen, ohne daß er das Denken auf tausenderlei Weise anregt. Man streitet sich mit dem Verfasser herum, man klagt ihn an, man spricht ihn los; er veranlaßt uns, über alles nachzudenken, läßt uns – um den Ausdruck eines naiven Gelehrten des Mittelalters zu gebrauchen – nachdenken über alles und über noch etwas mehr. Übrigens ist »Faust« keineswegs ein gutes Muster. Man mag das Werk als das Resultat der Verirrung des Verstandes oder der Befriedigung der Vernunft ansehen, soviel ist gewiß: es ist zu wünschen, daß sich dergleichen Erscheinungen nicht vervielfältigen; wenn aber ein Genie, wie Goethe, alle Fesseln von sich wirft, drängen sich ihm die Gedanken in solcher Fülle auf, daß sie von allen Seiten die Grenzsteine der Kunst überschreiten und umstürzen. Deutsche Romankunst Die große Menge der in Deutschland erschienenen Liebesromane hat den Mondschein, die Harfen, die des Abends im Tale ertönen, und alle die Mittel, durch die man das Gemüt sonst noch einwiegt, ein wenig lächerlich gemacht; bei dem allen ist in uns eine natürliche Anlage, die bei dieser leichten Lektüre ihre Rechnung findet, und die Sache des Genies ist es, sich dieser Anlage zu bemächtigen. Es ist so schön, zu lieben und geliebt zu werden, daß dieser Hymnus des Lebens bis ins Unendliche moduliert werden kann, ohne daß das Herz darüber müde wird. Auf gleiche Weise kommt man immer auf einen Gesang zurück, der durch glänzende Noten verschönert ist. Ich mag indes nicht leugnen, daß selbst die allerreinsten Romane einem schlecht bekommen können; sie haben uns von den innersten Geheimnissen unseres Herzens allzu viel aufgedeckt. Man kann zuletzt nichts mehr fühlen, ohne sich zu erinnern, daß man es bereits gelesen hat, und alle Schleier des Herzens sind zerrissen. Von den auf unsere Gefühle und unsere Sitten gegründeten Romanen könnten mehrere angeführt werden; allein keiner reicht an den Werther, der in der Tat nicht seinesgleichen hat. Man sieht, was Goethes Genie hervorbringen konnte, als er noch von Leidenschaft voll war. Es heißt, daß er auf dieses Werk seiner Jugend wenig Wert lege; jene Glut der Phantasie, die ihn für den Selbstmord beinahe begeistert hatte, mag ihm jetzt tadelnswert scheinen. Die philosophischen Romane haben seit einiger Zeit bei den Deutschen allen übrigen den Rang abgelaufen. Sie haben indes keine Ähnlichkeit mit den französischen in dieser Gattung. Das heißt: sie sind nicht eine allgemeine Idee, die man durch ein Faktum in Form eines Apologs ausspricht, sondern ein ganz unparteiisches Gemälde des menschlichen Lebens; ein Gemälde, in dem kein leidenschaftliches Interesse vorherrscht. Verschiedene Situationen folgen sich in allen Rangordnungen, in allen Ständen und in allen Umständen, und der Schriftsteller ist da, um sie zu erzählen. So hat Goethe seinen Wilhelm Meister gedacht; ein Werk, das in Deutschland sehr geschätzt wird, sonst aber wenig bekannt ist. Wilhelm Meister ist voll von scharfsinnigen und geistreichen Erörterungen; man könnte daraus ein philosophisches Werk ersten Ranges machen, wenn sich nicht eine Roman-Intrige einmischte, deren Anziehungskraft nicht aufwiegt, was darüber verloren geht. Man findet darin sehr feine und sehr umständliche Schilderungen einer gewissen Klasse der Gesellschaft, die in Deutschland weit zahlreicher ist als in allen andern Ländern; eine Klasse, in der sich Künstler, Schauspieler und Abenteurer mit Bürgern, die ein unabhängiges Leben lieben, und mit großen Herren, welche die Künste zu beschützen glauben, vermischen. Besonders betrachtet, ist jedes dieser Gemälde bezaubernd; aber in dem Ganzen des Werks gibt es kein anderes Interesse als das, die Meinung Goethes über jeden Gegenstand zu erfahren. Eine reizende Episode windet sich mitten durch diese Personen hindurch, die geistreicher sind als bedeutend, diese Situationen, die weniger hervorstechend als natürlich sind, und vereinigt in sich, öfter im Buche wiederkehrend, alles Interesse, das nur Goethes Talent durch Wärme und Eigentümlichkeit hervorzubringen vermag. Ein junges, italienisches Mädchen ist ein Kind der Liebe. Seiltänzer entführen sie, die von ihrer Geburt an schutzlos war, und unterweisen sie bis ins zehnte Jahr in den elenden Spielen, womit sie ihre Nahrung erwerben. Gerührt von den Mißhandlungen, die das Mädchen erduldet, nimmt sie Wilhelm in den Knabenkleidern, die sie immer getragen hat, in seinen Dienst, und nun entfaltet sich in diesem außerordentlichen Wesen eine wundersame Mischung von Kindlichkeit und Tiefe, von Ernst und Phantasie. Leidenschaftlich, wie die Italienerinnen, schweigsam und ausharrend wie nachdenkliche Charaktere, scheint das Wort nicht ihre Sprache zu sein. Die wenigen Worte, die sie dennoch redet, sind feierlich und entsprechen Gefühlen, die viel gewaltiger sind als ihr Alter, und deren Geheimnis sie selber nicht besitzt. Sie hängt an Wilhelm mit Liebe und Ehrfurcht, sie dient ihm wie ein treuer Knecht, und liebt ihn, wie ein leidenschaftliches Weib. Es scheint, daß sie, in ihrem stets unglücklichen Leben, die Kindheit nie gekannt hat, und daß ihre Leiden im natürlichen Alter der Freude ihr Dasein einem einzigen Gefühl widmen, in welchem das Schlagen ihres Herzens anhebt und aufhört. Mignon ist geheimnisvoll wie ein Traum, sie ergießt ihre Sehnsucht nach Italien in entzückende Verse, die jedermann in Deutschland auswendig weiß. »Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?« Endlich zerbricht die Eifersucht, ein für dies so zarte Wesen zu gewaltiges Gefühl, das arme Kind. Man müßte jeglichen Zug dieses unvergleichlichen Bildes wiedergeben, um den ganzen Eindruck, den es hervorbringt, verständlich zu machen. Man kann sich nicht ohne Rührung die geringsten Bewegungen dieses jungen Mädchens denken. In ihr liegt, ich weiß nicht, welcher Zauber der Einfalt, der Abgründe des Gedankens und des Gefühls ahnen läßt. Es ist, als höre man in der Tiefe ihrer Seele den Sturm erbrausen, selbst da, wo kein Wort, kein Wink, der unaussprechlichen Bangigkeit, die wir um sie fühlen, Grund zu geben scheint. Tieck – Claudius – Jean Paul Tieck ist Verfasser eines Romans, der für den Leser bezaubernd ist. Die Ereignisse sind im »Sternbald« in geringer Anzahl und nicht einmal bis zur Auflösung gestaltet, doch kann man wohl nirgends eine reizendere Schilderung des Künstlerlebens finden. Der Dichter versetzt seinen Helden in die schöne Zeit der Künste und macht ihn zum Schüler Albrecht Dürers und Zeitgenossen Raphaels. Er läßt ihn durch verschiedene Länder Europas reisen. Dieses wandelnde und zugleich träumerische Leben kann nur in Deutschland ganz empfunden werden. Wir beschreiben immer in unseren Romanen die Sitten und geselligen Verhältnisse; aber in dieser Phantasie, die über die Erde, die sie durchstreift, erhaben hinschwebt, liegt ein großes Geheimnis des Glücks. Fast immer verweigert das Schicksal den armen Sterblichen ein glückliches Los und Verhältnisse und Umstände, die sich nach ihren Wünschen fügen; doch ist ihnen meistenteils der Augenblick hold, und die Gegenwart ist immer noch die beste Zeit des Menschen. In diesem Genuß des Augenblickes, der das Leben des Künstlers ausmacht, liegt also eine sehr weise, poetische Philosophie. Mehrere der Gedichte, die der Verfasser in die Geschichte eingeflochten hat, sind wahre Meisterwerke. Verse, einem französischen Roman beigemischt, unterbrechen in der Regel das Interesse und zerstören die Harmonie des Ganzen. Nicht im Sternbald. Es ist an sich eine so poetische Dichtung, daß die Prosa darin wie ein Rezitativ erscheint, das dem Gesang folgt oder ihn vorbereitet. Ein Gedicht über die Rückkehr des Frühlings ist berauschend, wie die Natur selbst in dieser Jahreszeit. Tausendgestaltig wird die Kindheit dargestellt. – Der Mensch, die Pflanzen, die Erde, der Himmel, alles so jung, so reich an Hoffnung; – man sollte meinen, daß der Dichter die ersten schönen Tage und die ersten Blumen besingt, welche die neuerschaffene Erde schmückten. Er weiß mit einer anscheinend einfachen Schreibart durch Aufrichtigkeit des Gefühls bis ins tiefste Herz zu dringen. Er reizt zu Tränen, wie zum Lachen, weil er Mitgefühl erregt und uns in dem, was er selbst empfindet, einen Bruder und Freund zu erkennen gibt. Von Claudius' Schriften läßt sich kein Auszug geben, sein Talent wirkt unmittelbar wie Gefühl, und man muß ihn selbst empfunden haben, um darüber sprechen zu können. Er gleicht den Malern der flamländischen Schule, die sich manchmal bis zur Darstellung des Höchsten in der Natur erheben, oder dem Spanier Murillo, der Bettler und Zigeuner mit einer vollkommenen Wahrheit malt, aber ihnen oft, ohne es selbst zu wissen, Züge von edlem und tiefem Ausdruck beimischt. Um mit Glück das Komische mit dem Pathetischen zu vermischen, muß man sich in beidem mit gleich außerordentlicher Natürlichkeit bewegen können. Sobald das Erzwungene durchscheint, zerfällt ieder Gegensatz in seine feindlichen Bestandteile. Aber ein ausgezeichnetes, reich mit Gutmütigkeit ausgestattetes Talent kann glücklich verbinden, was nur auf den Zügen des Kindes reizend ist: Lächeln und Tränen. Ein anderer Schriftsteller, neuer und berühmter als Claudius, hat sich durch Schriften; die man Romane nennen würde, wenn überhaupt eine bekannte Benennung so seltsamen Geistesprodukten beizulegen wäre, einen großen Ruf in Deutschland erworben. Jean Paul Richter besitzt unstreitig mehr Geist, als nötig ist, ein Werk zu schreiben, das Ausländer und Deutsche in gleichem Grad ergreifen könnte, und dennoch vermag nichts von dem, was er geliefert, die Grenzen der deutschen Zunge zu überschreiten. Seine Bewunderer werden dies der Eigentümlichkeit seines Genius selbst zuschreiben; mir scheint es sowohl von seinen Mängeln wie von seinen Vorzügen herzurühren. Man muß sich in unsern neueren Zeiten auf einen europäischen Standpunkt erheben. Die Deutschen begünstigen zu sehr in ihren Schriftstellern jene ausschweifende Kühnheit, die, wie verwegen sie auch scheinen mag, nicht immer ungesucht und ungekünstelt ist. Man findet in Jean Pauls Schriften bewundernswerte Schönheiten, der Entwurf aber und der Rahmen seiner Gemälde sind so fehlerhaft, daß die lichtesten Strahlen des Genies sich darin wie in einem Chaos verlieren. Jean Pauls Werke müssen unter dem doppelten Gesichtspunkt des Ernstes und des Scherzes betrachtet werden, denn er vermengt fortwährend beide. Er legt mit Scharfsinn und Laune seine Beobachtungen des menschlichen Herzens dar, doch kennt er es meistens nur, wie es sich aus dem Standpunkt der kleinen Städte Deutschlands beurteilen läßt, und seine Sittengemälde zeigen oft zu viel Unschuld. Äußerst feine, ja fast kleinliche Bemerkungen über die moralischen Regungen, erinnern etwas an jene Feenmärchen, deren Ohr das Gras wachsen hörte. Man könnte aus Jean Pauls Schriften eine merkwürdige Sammlung von Gedanken ausziehen. Wenn man ihn aber liest, fällt seine wunderliche Gewohnheit auf, aus allerlei alten, vergessenen und wissenschaftlichen Büchern Bilder und Anspielungen zu entlehnen; was er auf die Weise zusammenstellt, ist gewöhnlich sehr sinnreich, wo aber, um in einen Scherz einzugehen, Aufmerksamkeit und Nachdenken erfordert wird, da möchten weniger andere als die Deutschen geneigt sein, auf dem Weg des Studiums zum Lachen zu gelangen und sich mit gleicher Anstrengung belustigen als belehren zu lassen. Bei alledem liegt in diesen Schriften ein Schatz von neuen Ansichten und Gedanken, der den, dem es gelingt, ihn herauszugraben, ungemein bereichert. Jean Paul hat öfter Ähnlichkeit mit Montaigne. Er besitzt große Erhabenheit im ernsten Teile seiner Werke, doch erschüttert uns auch manchmal die fortwährende Schwermut seiner Schreibart bis zur Ermattung. In Jean Pauls Romanen scheint die Hauptgeschichte nur ein schwacher Vorwand zu sein, Episoden aneinander zu reihen. Herder In Deutschland sind die Gelehrten in vieler Hinsicht die respektabelste Vereinigung der aufgeklärten Welt, und unter diesen Männern verdient Herder noch einen besonderen Platz. Sein Gemüt, sein Genie und seine Sittlichkeit haben sein Leben verherrlicht. Seine Schriften können unter drei Gesichtspunkten betrachtet werden: Geschichte, Literatur und Theologie. Er hatte sich mit dem Altertum im allgemeinen, und mit den orientalischen Sprachen insbesondere beschäftigt. Seine Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit sind von allen deutschen Büchern vielleicht dasjenige, was mit dem meisten Zauber geschrieben ist. Man findet darin nicht dieselbe Tiefe politischer Bemerkungen, die Montesquieus Werke über die Ursachen der Größe und des Verfalls der Römer auszeichnet; allein da Herder darauf ausging, den Genius der entferntesten Jahrhunderte zu ergründen, so diente seine Phantasie – eine Eigenschaft, die er im höchsten Grade besaß – vielleicht mehr, als jede andere, dazu, ihn damit bekannt zu machen. Es bedarf einer solchen Fackel, um durch die Dunkelheit zu wandeln, und die verschiedenen Kapitel Herders über Persepolis und Babylon, über die Hebräer und Ägypter, sind eine köstliche Lektüre. Man glaubt, an der Seite eines historischen Dichters durch die alte Welt zu gehen; eines Zauberers, der die Trümmer mit seinem Stab berührt und eingesunkene Gebäude vor unsern Augen wieder errichtet. Selbst an Männer mit größtem Talent stellt man in Deutschland die Forderung, daß sie eine umfangreiche Gelehrsamkeit besitzen sollen, und Kritiker haben diese bei Herder wenigstens insofern vermißt, als sie ihm die Gründlichkeit abgesprochen haben. Doch was uns auffallen könnte, ist die große Mannigfaltigkeit seiner Kenntnisse. Er kannte alle Sprachen, und sein Versuch über die hebräische Poesie ist unter allen seinen Werken dasjenige, in dem man am besten erkennt, wieweit sein Takt über fremde Nationen reichte. Niemals hat man den Genius eines prophetischen Volks, für das die poetische Begeisterung eine innige Beziehung mit der Gottheit bildete, glücklicher ausgedrückt. Die Irrsale dieses Volks, seine Sitten, die Gedanken, deren es fähig war, die Bilder, die ihm geläufig waren, sind von Herder mit erstaunlichem Scharfsinn angedeutet. Mit Hilfe der gelungensten Vergleiche sucht er uns eine Idee von der Symmetrie des hebräischen Verses zu machen – von der Wiederkehr desselben Gefühls oder desselben Bildes in verschiedenen Ausdrücken, wovon jede Stanze ein Beispiel gibt. Bisweilen vergleicht er diese glänzende Regelmäßigkeit mit zwei Perlenschnüren, die den Haarwuchs einer schönen Frau umwinden. »Die Kunst und die Natur«, sagt er, »behalten immer eine gebietende Gleichförmigkeit mitten im Überfluß.« Liest man die Psalmen der Hebräer nicht in der Ursprache, so ist es unmöglich, ihren Zauber noch stärker zu empfinden, als in dem, was Herder darüber sagt. Seine Einbildungskraft fühlte sich in der abendländischen Welt beengt; mit Lust atmet er die Düfte Asiens, mit gleicher Lust verbreitete er durch seine Schriften den Weihrauch, den sein Gemüt dort gesammelt hatte. Er zuerst machte die spanischen und portugiesischen Poesien in Deutschland bekannt, die seitdem durch A. Wilh. Schlegels Übersetzungen dahin verpflanzt worden sind. Herder hat eine Sammlung, »Volkslieder« betitelt, herausgegeben; und diese Sammlung enthält die Romanzen und vereinzelten Poesien, in denen sich der Nationalcharakter und die Einbildungskraft der Völker abgebildet hat. Hierin kann man die natürliche Poesie studieren; ich meine die, die der Aufklärung vorangeht. Die angebaute Literatur wird in so kurzer Zeit eine gemachte, künstliche, daß es gut ist, bisweilen zu dem Ursprung aller Poesie, d.h. zu dem Eindruck der Natur auf den Menschen, ehe er das Universum und sich selbst zergliedert hatte, zurückzukehren. Die Biegsamkeit der deutschen Sprache verträgt sich vielleicht allein mit einer Übersetzung dieser Naivitäten aus den Sprachen aller Länder, ohne die man keinen Eindruck von den Volkspoesien erhält. In diesen Poesien haben die Wörter durch sich selbst eine gewisse Anmut, die uns rührt wie eine Blume, die wir in unserer Kindheit gesehen, oder wie eine Gesangsweise, die wir in früheren Jahren gehört haben. Und diese seltsamen Eindrücke enthalten nicht nur die Geheimnisse der Kunst, sondern selbst die der Seele, aus der die Kunst sie geschöpft hat. Die Deutschen zergliedern in ihrer Literatur selbst die zarten Abstufungen, die sich dem Worte versagen-, und man könnte ihnen den Vorwurf machen, daß sie es in allen Dingen darauf anlegen, das Unaussprechliche begreiflich zu machen. Ein Mann von Genie, der so aufrichtig war wie Herder, mußte die Religion allen Gedanken, und alle Gedanken der Religion beimischen. Man hat gesagt: seine Schriften hätten große Ähnlichkeit mit einer belebten Unterhaltung. Wahr ist, daß er seinen Werken nicht die methodische Form gegeben hat, die man den Büchern in der Regel gibt. In den Säulengängen und in den Gärten der Akademie erklärte Plato seinen Schülern das System der intellektuellen Welt; und in Herder findet man jene edle Nachlässigkeit des Talents, die mit Ungeduld zu neuen Ideen übergeht. Ein gut konstruiertes Buch ist eine moderne Erfindung. Die Entdeckung der Buchdruckerei hat die Abteilungen, die Rekapitulationen und das ganze Gepränge der Logik notwendig gemacht; die meisten philosophischen Werke der Alten sind Abhandlungen oder Gespräche, die man sich als geschriebene Unterhaltungen denkt. Auch Montaigne überließ sich einem natürlichen Gedankenlauf. Es ist wahr, zu einem solchen Sichgehenlassen gehört eine entschiedene Überlegenheit; die Ordnung ergänzt den Reichtum, und wenn die Mittelmäßigkeit sich dem Zufall überlassen wollte, so würde sie gewöhnlich uns auf denselben Punkt zurückbringen, so daß die Mühe umsonst wäre. Aber ein Mann von Genie interessiert am meisten, wenn er zeigt, wie er ist, und wenn seine Bücher mehr improvisiert als komponiert scheinen. Herders Unterhaltung war, wie man sagt, bewundernswert; und in seinen Werken fühlt man, daß dem so sein mußte. Auch das fühlt man darin, daß es, wie alle seine Freunde bezeugen, keinen besseren Mann gab. Wenn das literarische Talent denen, die uns noch nicht kennen, Zuneigung für uns einflößen kann, so ist es von allen Geschenken des Himmels das, von dem wir die süßesten Früchte auf Erden einsammeln. Ideen und Kenntnisse Ich habe in diesem Gemälde der deutschen Literatur die vorzüglichsten Werke zu bezeichnen mich bemüht; allein ich habe darauf Verzicht leisten müssen, eine große Zahl von Männern zu nennen, deren minder bekannte Schriften bei weitem mehr zur Belehrung derer, die sie lesen, als zum Ruhme ihrer Verfasser dienen. Die Abhandlungen über die schönen Künste, die Werke über Gelehrsamkeit und Philosophie gehören zwar nicht unmittelbar zur Literatur, müssen aber gleichwohl zu ihren Reichtümern gerechnet werden. Es gibt in Deutschland Schätze von Ideen und Kenntnissen, welche die übrigen Nationen Europas in sehr langer Zeit nicht erschöpfen werden. Auch das poetische Genie, wenn der Himmel es uns zurückgibt, könnte einen glücklichen Antrieb aus der Liebe für die Natur für die Künste und die Philosophie erhalten. Zum mindesten aber wage ich die Behauptung, daß jeder von uns, der sich einer ernsten Arbeit, sie bestehe worin sie wolle, widmen will, hinsichtlich der Geschichte, der Philosophie und des Altertums die Bekanntschaft der deutschen Schriftsteller, die sich damit beschäftigt haben, nicht entbehren kann. Frankreich kann sich einer sehr großen Zahl von Gelehrten ersten Ranges rühmen; allein selten sind in ihnen Kenntnisse mit philosophischem Scharfsinn verbunden gewesen, während beide in Deutschland gegenwärtig beinahe unzertrennlich sind. Als ich das Studium des Deutschen begann, kam es mir vor, als ob ich in eine ganz neue Sphäre träte, in der sich das auffallendste Licht über alles verbreitete, was ich bis dahin auf eine verworrene Weise empfunden hatte. Seit einiger Zeit liest man in Frankreich nur Denkwürdigkeiten oder Romane. Der Grund liegt darin, daß die Begebenheiten der Revolution die Franzosen gewöhnt haben, nur auf die Kenntnis der Tatsachen und der Personen Wert zu legen, In den deutschen Büchern über die abstraktesten Gegenstände findet man die Art von Interesse, die nach guten Romanen lüstern macht, d.h. nach dem, was sie uns über unser eigenes Herz sagen. Der Charakter der deutschen Literatur besteht darin, daß alles auf das innere Dasein bezogen wird; und da dies das Geheimnis der Geheimnisse ist, so knüpft sich daran eine grenzenlose Neugierde. Ehe ich zur Philosophie übergehe, die in allen Ländern, wo die Literatur frei und mächtig ist, einen Teil derselben ausmacht, werde ich noch einige Worte über das sagen, was man als die Gesetzgebung dieses Reiches betrachten kann; ich meine die Kritik . Kein Zweig der deutschen Literatur ist weiter ausgebildet worden; und wie man in gewissen Städten mehr Ärzte als Kranke antrifft, so gibt es auch in Deutschland bisweilen mehr Kritiker als Autoren. Indessen sind die Zergliederungen Lessings, des Schöpfers der deutschen Prosa, so beschaffen, daß sie als Werke betrachtet werden können. Kant, Goethe, Johann von Müller haben in die Zeitungen sogenannte Rezensionen von verschiedenen, soeben bekannt gewordenen Schriften eingerückt, und diese Rezensionen enthalten die tiefsten philosophischen Theorien und die positiven Erkenntnisse. Unter den jüngeren Schriftstellern haben sich Schiller und die beiden Schlegel vor allen übrigen Kunstrichtern ausgezeichnet. Von Kants Schülern ist Schiller der erste, der seine Philosophie auf die Literatur angewandt hat; und in Wahrheit ist es ein Unterschied, ob man von der Seele ausgeht, um über die äußeren Gegenstände zu urteilen, oder ob man von den äußeren Gegenständen über das, was in der Seele vorgeht, urteilt, daß alles davon abhängt. Schiller hat zwei Abhandlungen über das Naive und Sentimentale geschrieben, in denen das sich verkennende und das sich beobachtende Talent mit erstaunlichem Scharfsinn entwickelt worden sind; aber in seinem Versuch über die Anmut und Würde und in seinen Briefen über die Ästhetik, d.h. die Theorie des Schönen, ist allzuviel Metaphysik. Will man von dem Kunstgenuß reden, für welchen alle Menschen empfänglich sind, so muß man sich immer auf die Eindrücke stützen, die sie erhalten haben, und sich nicht abstrakte Formen erlauben, über denen die Spur dieser Eindrücke verlorengeht. Schiller hing an der Literatur durch sein Genie und an der Philosophie durch seine Neigung für das Nachsinnen. Seine prosaischen Schriften halten sich innerhalb der Grenzen beider Regionen, indessen versteigt er sich nicht selten in die höchste, und indem er unaufhörlich auf das zurückkommt, was in der Theorie am meisten abstrakt ist, verschmäht er die Anwendung als eine unnütze Folge der Prinzipien, die er festgestellt hat. Eine lebendige Beschreibung der Meisterstücke macht die Kritik interessanter als allgemeine Ideen, die über den Gegenständen schweben, ohne irgendeinen zu charakterisieren. Die Metaphysik ist, sozusagen, die Wissenschaft des Unbeweglichen; alles aber, was der Zeitfolge unterworfen ist, erklärt sich nur aus einer Vermischung von Tatsachen und Reflexionen. Die Deutschen möchten über alle Gegenstände zu vollständigen und von den Umständen durchaus unabhängigen Theorien gelangen: da dies aber unmöglich ist, so muß man nicht auf Tatsachen verzichten, aus bloßer Furcht, daß sie die Ideen in allzu enge Grenzen einschließen. Die Quintessenz von Gedanken, welche gewisse deutsche Werke darbieten, konzentriert nicht, wie die der Blumen, die stärksten Wohlgerüche; man könnte im Gegenteil sagen: sie sei ein kalter Überrest von lebensvollen Bewegungen. Bei dem allen könnte man aus diesen Werken eine Menge höchst interessanter Bemerkungen ziehen, nur, daß sie sich ineinander verwirren würden. Seinen Geist immer vorwärts treibend, führt der Autor seine Leser bis zu einem Punkt, wo die Ideen allzu zart sind, als daß man versuchen könnte, sie anderswohin zu verpflanzen. Aug. Wilh. Schlegels Schriften sind minder abstrakt als Schillers. Da er im Fach der Literatur seltene Kenntnisse besitzt, so wird er durch das Vergnügen, das er in der Vergleichung verschiedener Sprachen und verschiedener Dichtungen findet, unaufhörlich zur Anwendung getrieben. Ein so universeller Gesichtspunkt müßte beinahe als unfehlbar betrachtet werden, wenn die Parteilichkeit ihn nicht bisweilen verrückte. A. W. Schlegel hat in Wien Vorlesungen über die dramatische Literatur gehalten, die alles, was seit den Griechen bis auf unsere Zeiten Merkwürdiges für das Theater geschrieben worden ist, umfassen. Keine trockene Nomenklatur von den Arbeiten der verschiedenen Autoren! Der Geist jeder Literatur ist in diesen Vorlesungen mit der Phantasie eines Dichters gedeutet, und man fühlt, daß es, um solche Resultate zu erzielen, außerordentlicher Studien bedarf, obwohl die Gelehrsamkeit sich in diesem Werke nur in der vollendeten Kenntnis der Meisterwerke bemerkbar macht. Auf wenigen Seiten genießt man die Arbeit eines ganzen Lebens; jedes über einen Autor ausgesprochene Urteil, jedes den Schriftstellern, von denen die Rede ist, beigelegte Epitheton ist schön und gerecht, genau und belebt. A. W. Schlegel hat die Kunst gefunden, die Meisterwerke der Dichtung wie die Wunder der Natur zu behandeln und sie mit lebhaften Farben, die der Wahrheit der Zeichnung keineswegs schaden, auszumalen. Denn, man kann es nicht genug wiederholen, die Phantasie, weit entfernt, eine Feindin der Wahrheit zu sein, hebt dieselbe mehr hervor als irgendeine andere Kraft unseres Geistes, und alle die , die sich auf sie stützen, um übertriebene oder unbestimmte Ausdrücke zu entschuldigen, sind zum wenigsten ebensosehr von Poesie wie von Vernunft verlassen. Die Zergliederung der Prinzipien, auf die Tragödie und Komödie sich gründen, ist in A. W. Schlegels Vorlesungen mit großer philosophischer Tiefe behandelt worden. Dergleichen Verdienst findet sich oft unter deutschen Schriftstellern; allein in der Kunst, Enthusiasmus zu wecken für die großen Köpfe, die er selbst bewundert, hat Schlegel seinesgleichen nicht. Im allgemeinen zeigt er sich als einen Anhänger des einfachen Geschmacks, bisweilen sogar des rohen. Er verabscheut das Manierierte, das aus dem Geiste der Gesellschaft erwächst, dagegen gefällt ihm das, was von dem Luxus der Phantasie herrührt, wie Verschwendung der Farben und der Wohlgerüche in der Natur. Nachdem sich Schlegel durch seine Übersetzung des Shakespeare einen großen Ruf erworben hatte, hat er für Calderon eine ebenso lebhafte Liebe gefaßt, obwohl sie immer von der verschieden ist, die Shakespeare einflößen kann. Denn wie der englische Schriftsteller tief und düster in der Kenntnis des Menschenherzens ist, so überläßt sich der spanische Dichter mit Sanftheit und Zauber der Schönheit des Lebens, der Aufrichtigkeit des Glaubens und dem vollen Glanz der Tugenden, der die Sonne des Gemüts verherrlicht. Ich befand mich in Wien, als Schlegel dort seine Vorlesungen hielt. Nur Geist und Belehrung erwartete ich von Vorlesungen, die den Unterricht bezweckten; ich war erstaunt, einen Kunstrichter zu hören, der beredt war wie ein Redner, und, weit davon entfernt, sich bei Mängeln aufzuhalten, die uns eine Nahrung für die eifersüchtige Mittelmäßigkeit sind, es nur darauf anlegte, das schöpferische Genie wieder zu beleben. Die spanische Literatur ist wenig bekannt. Gerade sie war der Gegenstand einer der schönsten Vorlesungen, denen ich beiwohnte. A. W. Schlegel malte uns diese ritterliche Nation, deren Dichter Krieger, und deren Krieger Dichter waren. Cervantes wurde in der Schlacht von Lepanto schwer verwundet; Lopez de Vega entrann, wie durch ein Wunder, dem Untergang der unüberwindlichen Armada, und Calderon diente als unerschrockener Soldat in den Kriegen von Flandern und Italien. Religion und Krieg vermischten sich bei den Spaniern mehr als bei jeder anderen Nation. Durch fortgesetzte Kämpfe vertrieben sie die Mauren; und man konnte sie als die Vorhut der europäischen Christenheit betrachten. Von den Arabern eroberten sie ihre Kirchen; ein Akt ihrer Gottesverehrung war eine Trophäe für ihre Waffen, und ihr triumphierender Glaube, bisweilen bis zum Fanatismus gesteigert, vermischte sich mit dem Gefühl der Ehre und gab ihrem Charakter eine ausgezeichnete Würde. Dieser Ernst, mit Phantasie gemischt, diese Fröhlichkeit sogar, die dem Ernsthaften nichts von seinen tieferen Empfindungen raubt, offenbart sich in der spanischen Literatur, die aus lauter Dichtungen besteht, in denen Religion, Liebe und kriegerische Taten der Gegenstand sind. Man könnte sagen, daß um die Zeit, wo die neue Welt entdeckt wurde, die Schätze einer anderen Halbkugel den Reichtümern der Einbildungskraft ebenso zustatten kamen wie denen des Staates, und daß im Gebiete der Poesie, wie in dem Gebiete Karls V., die Sonne gar nicht aufhörte, den Horizont zu erhellen. A. W. Schlegels Zuhörer waren von diesem Gemälde tief ergriffen, und die deutsche Sprache, deren er sich mit Zierlichkeit bediente, umgab die volltönenden Namen des Spanischen mit tiefen Gedanken und rührenden Ausdrücken: diese Namen, die nicht ausgesprochen werden können, ohne daß die Einbildungskraft die Pomeranzenhaine des Königreichs Granada und die Paläste der maurischen Könige zu sehen glaubt. Man kann A. W. Schlegels Manier, wenn er von Poesie spricht, mit Winkelmanns Manier in seinen Beschreibungen alter Denkmäler vergleichen; und nur so ist man Kunstrichter auf eine würdige Weise. Alle Menschen vom Fach genügen, solange es nur darauf ankommt, die Fehler oder Nachlässigkeiten nachzuweisen, die man zu vermeiden hat; aber nach dem Genie gibt es nichts, das ihm so ähnlich wäre, als die Kraft, es zu erkennen und zu bewundern. Da Friedrich Schlegel sich mit der Philosophie beschäftigt hat, so hat er sich der Literatur minder ausschließend gewidmet, wie sein Bruder. Inzwischen vereinigt die Abhandlung, die er über die intellektuelle Kultur der Griechen und Römer geschrieben hat, in einem engen Raume Ansichten und Resultate der ersten Ordnung. Friedrich Schlegel ist einer von den berühmten Männern Deutschlands, dessen Geist sehr viel Eigentümlichkeit hat; allein weit entfernt, sich dieser Eigentümlichkeit zu vertrauen, hat er sie durch unermeßliche Studien unterstützen wollen. Es ist ein starker Beweis von Achtung für das menschliche Geschlecht, wenn man zu ihm nicht allein aus sich selbst, und ohne sich gewissenhaft um das von unseren Vorgängern hinterlassene Erbteil bekümmert zu haben, spricht. Hinsichtlich der Reichtümer des menschlichen Geistes sind die Deutschen die wahren Eigentümer. * Jetzt, nachdem ich den seltenen Talenten der beiden Schlegel Gerechtigkeit habe widerfahren lassen, muß untersucht werden, worin die Parteilichkeit besteht, die man ihnen zum Vorwurf macht, und von der mehrere ihrer Schriften nicht freigesprochen werden können. Sie neigen sichtbar zum Mittelalter und zu den Meinungen hin, die dieser Epoche eigen waren. Das Rittertum ohne Flecken, der Glaube ohne Grenzen und die Poesie ohne Reflexion scheinen ihnen unzertrennlich, und sie möchten die Geister und Gemüter gern in diese alte Bahn zurückführen. A. Wilh. Schlegel drückt seine Bewunderung für das Mittelalter in mehreren seiner Schriften aus, besonders aber in den beiden folgenden Stanzen: Eins war Europa in den großen Zeiten, Ein Vaterland, deß' Boden hehr entsprossen, Was Edle kann in Tod und Leben leiten. Ein Rittertum schuf Kämpfer zu Genossen, Für einen Glauben wollten alle streiten, Die Herzen waren einer Lieb' erschlossen; Da war auch eine Poesie erklungen, In einem Sinn, nur in verschiednen Zungen! Nun ist der Vorzeit hohe Kraft zerronnen, Man wagt es, sie der Barbarei zu zeihen. Sie haben enge Weisheit sich ersonnen: Was Ohnmacht nicht begreift, sind Träumereien. Doch, mit unheiligem Gemüt begonnen, Will nichts, was göttlich ist von Art, gedeihen. Ach, diese Zeit hat Glauben nicht, noch Liebe: Wo wäre denn die Hoffnung, die ihr bliebe? Meinungen, deren Tendenz so bestimmt angegeben ist, müssen notwendig die Unparteilichkeit der Urteile über Werke der Kunst erschüttern. Ohne allen Zweifel – und ich habe es im Laufe dieser Schrift unaufhörlich wiederholt – ohne allen Zweifel ist sehr zu wünschen, daß die moderne Literatur auf unsere Geschichte und unseren Glauben gegründet werde. Daraus folgt aber nicht, daß die literarischen Produkte des Mittelalters als wirklich gute Produkte betrachtet werden können. Ihre kräftige Einfalt, der reine und gesetzliche Charakter, der sich darin offenbart, erregen ein lebhaftes Interesse; aber die Kenntnis des Altertums und die Fortschritte der Zivilisation haben uns Vorteile verschafft, die keineswegs zu verachten sind. Es kommt nicht darauf an, wie man die Kunst rückgängig macht, sondern, wie man, soweit es möglich ist, die verschiedenen Eigenschaften vereinigt, die in verschiedenen Epochen im menschlichen Geist entwickelt worden sind. Man hat die beiden Schlegel der Ungerechtigkeit gegen die französische Literatur beschuldigt. Trotzdem hat es niemals Schriftsteller gegeben, die mit mehr Enthusiasmus von dem Genie der Troubadours und von dem französischen Rittertum gesprochen haben, das in der Tat in Europa nicht seinesgleichen hatte, als es im höchsten Grad Geist und Rechtlichkeit, Anmut und Offenheit, Mut und Fröhlichkeit, die rührendste Einfachheit und die geistreichste Naivität verband. Allein die deutschen Kunstrichter haben freilich behauptet, daß die unterscheidenden Züge des französischen Charakters sich während der Regierung Ludwigs des Vierzehnten verwischt haben. In den sogenannten klassischen Jahrhunderten, sagen sie, verliert die Literatur an Originalität, was sie an Korrektheit gewinnt; und so haben sie besonders unsere Dichter mit sehr kräftigen Argumenten und Mitteln angegriffen. Der allgemeine Geist dieser Kunstrichter ist derselbe, den Rousseau in seinem Brief gegen die französische Musik an den Tag gelegt hat. Sie glauben in vielen von unseren Tragödien die Art von pomphafter Ziererei zu finden, die Rousseau einem Lully und Rameau zum Vorwurf macht, und sie behaupten, daß derselbe Geschmack, der einem Coypel und Boucher in der Malerei und einem Ritter Bernin in der Bildhauerei den Vorzug verschaffte, der Poesie den Aufschwung verbietet, der allein einen göttlichen Genuß daraus macht. Endlich fühlen sie sich versucht, auf unsere Manier die schönen Künste aufzufassen und zu lieben, Corneille's so oft angeführten Verse anzuwenden: Othon à la princesse a fait un compliment Plus en homme d'esprit qu'en veritable amant. A. W. Schlegel huldigt indessen den meisten von unseren großen Autoren. Das einzige, was er beweisen möchte, ist, daß seit der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts die manierierte Gattung in ganz Europa vorgeherrscht hat, und daß darüber der kühne Geist verloren gegangen ist, der die Schriftsteller und Künstler beim Wiederaufleben der Wissenschaften beseelte. In den Gemälden und Basreliefs, wo Ludwig der Vierzehnte bald als Jupiter, bald als Herkules dargestellt ist, erscheint er nackt, oder auch mit einer Löwenhaut umgeben, aber nie fehlt seine große Perücke. Die Schriftsteller der neuen Schule behaupten, man könne diese große Perücke auf die Physiognomie der schönen Künste im siebzehnten Jahrhundert anwenden. Es mischte sich immer eine gezwungene Artigkeit ein, deren Ursache eine erkünstelte Größe war. Es ist interessant, diese Ansicht zu untersuchen, trotz der zahllosen Einwände, die sich dagegen erheben lassen. Ausgemacht ist wenigstens, daß diese deutschen Aristarchen ins Ziel getroffen haben, weil sie von allen Schriftstellern seit Lessing diejenigen sind, die das meiste dazu beigetragen haben, die Nachahmung der französischen Literatur in Deutschland aus der Mode zu bringen. Aber aus Furcht vor dem französischen Geschmack haben sie den deutschen nicht vervollkommnet, und nicht selten haben sie sehr richtige Bemerkungen bloß deshalb verworfen, weil sie von französischen Schriftstellern herrührten. In den deutschen Poesien sind die Erdichtungen nicht in den festen und abgemessenen Umrissen entworfen, die ihre Wirkung sichern, und das Unbestimmte der Einbildungskraft entspricht der Dunkelheit des Gedankens. Ich mache mich lebhaft , sagte ein Deutscher, indem er zum Fenster hinaussprang. Wenn man sich zu etwas macht , so ist man nichts. Man muß zu dem guten französischen Geschmack zurückkehren, um das Gegenmittel gegen die kräftige Übertreibung einiger Deutscher zu finden, so wie man sich vor der dogmatischen Frivolität einiger Franzosen nur durch den Tiefsinn der Deutschen retten kann. Nationen müssen einander als Führer dienen, und alle würden unrecht haben, wenn sie sich der Erkenntnisse beraubten, die sie sich gegenseitig gewähren können. Es ist etwas ganz Besonderes in dem Unterschiede des einen Volkes von dem anderen: das Klima, der Anblick der Natur, die Sprache, die Regierung, besonders aber die Begebenheiten der Geschichte – eine Macht, welche noch außerordentlicher ist, als die übrigen alle – tragen zu diesen Verschiedenheiten bei, und kein Mensch, wie groß auch seine Einsicht sein möge, vermag zu erraten, was sich auf eine natürliche Weise in dem Geiste eines anderen entwickelt, der auf einem anderen Boden lebt, und eine andere Luft atmet. Man wird sich also in jedem Lande wohl dabei befinden, fremde Gedanken aufzunehmen; denn, was diesen Punkt betrifft: so wird die Gastfreundschaft zum Glück des Empfängers. Die schönen Künste Im allgemeinen haben die Deutschen mehr Empfänglichkeit für die Kunst, als sie Geschicklichkeit besitzen, diese Kunst auszuüben. Kaum haben sie einen Eindruck erhalten, so ziehen sie daraus eine Menge Ideen. Sie sprechen viel von Geheimnis, aber nur um es zu offenbaren, und man kann keine Art von Eigentümlichkeit in Deutschland aufweisen, ohne daß jeder erklären will, wie man dazu gekommen ist. Dies ist ein wesentlicher Nachteil; besonders für die Künste, wo alles Sensation ist. Sie werden zergliedert, ehe man sie gefühlt hat, und wenn man hinterher auch sagt, daß die Zergliederung überflüssig sei: so hat man doch die Frucht von dem Baum der Erkenntnis genossen, und die Unschuld des Talents ist dahin. Nicht, daß ich in Beziehung auf die Künste jene Unwissenheit empfehlen möchte, die ich in Fragen der Literatur zu tadeln nicht aufgehört habe. Allein man muß unterscheiden zwischen den Studien, die sich auf die Ausübung der Kunst beziehen, und zwischen denen, in denen die Theorie des Schaffens sich ausdrückt. Diese, wenn sie allzuweit getrieben werden, ersticken die Erfindung. Man wird verwirrt durch die Erinnerung an alles, was über ein Meisterwerk gesagt worden ist; man fühlt zwischen sich und dem Gegenstande, den man malen will, eine Menge von Abhandlungen über Malerei und Bildhauerei, über das Ideale und das Reale; und der Künstler ist nicht mehr allein mit der Natur. Zweifellos ist die Aufmunterung der Geist aller dieser Handlungen; allein durch allzu viel Aufmunterung ermüdet man das Genie, wie man es durch allzuviel Zwang erstickt, und in Dingen, die von der Einbildungskraft abhängen, bedarf es einer so glücklichen Mischung von Hindernissen und Erleichterungen, daß Jahrhunderte vergehen können, ohne daß man den rechten Punkt erreicht, wo die Blüte des menschlichen Geistes in ihrer ganzen Kraft hervorbricht. Vor der Reformation hatten die Deutschen eine Schule der Malerei, die die italienische Schule nicht ablehnte. Albrecht Dürer, Lucas Cranach, Holbein haben in ihrer Manier zu malen, Ähnlichkeit mit den Vorgängern Raphaels, Perugino, Andreas Mantegna usw. Holbein nähert sich dem Leonardo da Vinci. Im Ganzen zeigt sich indessen in der deutschen Schule mehr Härte, als in der italienischen, obwohl nicht weniger Ausdruck und Andacht in den Physiognomien. Die Maler des fünfzehnten Jahrhunderts besaßen wenig Kenntnis von den Mitteln der Kunst; dafür bricht aus ihren Werken eine rührende Treuherzigkeit und Bescheidenheit hervor. Man entdeckt keine Ansprüche auf ehrgeizige Wirkungen, man fühlt nur jene innige Bewegung, für die alle Menschen von Talent eine Sprache suchen. In den Gemälden des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts sind die Falten der Gewänder ganz gerade, die Kopfbekleidung ein wenig starr und die Stellungen höchst einfach; aber in dem Ausdruck der Figuren ist etwas, das man zu betrachten nicht müde wird. Gemälde, welche die christliche Religion eingegeben hat, bewirken einen Eindruck, der mit dem der Psalmen große Ähnlichkeit hat, die die Poesie mit der Frömmigkeit so bezaubernd vermischen. Die zweite und schönere Epoche der Malerei war die , wo die Maler die Wahrheit des Mittelalters beibehielten, indem sie ihr den vollen echten Glanz der Kunst beigesellten. Bei den Deutschen entspricht nichts dem Jahrhundert Leos des Zehnten. Gegen das Ende des siebzehnten bis zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts gerieten die schönen Künste beinahe überall in einen sonderbaren Verfall. Der Geschmack artete in Affektation aus. Jetzt offenbarte sich der große Einfluß Winkelmanns nicht nur auf sein Vaterland, sondern auch auf das übrige Europa. Seine Schriften gaben jeder künstlerischen Einbildungskraft die Richtung nach dem Studium und der Bewunderung der Denkmäler des Altertums. Er verstand sich aber besser auf Bildhauerei, als auf Malerei; auch bestimmte er die Maler, in ihre Werke mehr kolorierte Statuen aufzunehmen, als überall die lebendige Natur fühlbar zu machen. Indessen verliert die Malerei durch Annäherung an die Bildhauerei den besten Teil ihres Zaubers; denn die Täuschung, die der einen notwendig ist, steht den unbeweglichen und ausgesprochenen Formen der anderen entgegen. Nehmen die Maler ausschließend die antike Schönheit zum Modell, die sie nur aus Statuen kennen: so geschieht ihnen, was man der klassischen Literatur der Modernen zum Vorwurf macht, nämlich, daß sie die Wirkungen der Kunst nicht in ihrer eigenen Begeisterung schöpfen. Mengs, ein deutscher Maler, hat sich in seinen Schriften über die Kunst als ein philosophischer Denker gezeigt. Als Winkelmanns Freund teilte er dessen Bewunderung für die Antike. Trotzdem hat er sehr oft die Fehler vermieden, die man den durch Winkelmanns Schriften gebildeten Malern zum Vorwurf machen kann: Künstlern, die sich größtenteils auf die Nachbildung der alten Meisterstücke beschränken. Mengs hatte sich auch den Correggio zum Muster genommen, d.h. einen Meister, der sich in seinen Gemälden von der Gattung der Bildhauerei entfernt und in seinem Helldunkel die unbestimmten und köstlichen Eindrücke der Melodie wachruft. Bis zu dem Augenblick, wo die neue Schule ihren Einfluß auch auf die schönen Künste erstreckte, hatten die deutschen Künstler beinahe ohne Ausnahme Winkelmanns Meinungen übernommen. Goethe, dessen universellen Geist wir überall wiederfinden, hat in seinen Werken gezeigt, daß er den wahren Genius der Malerei weit besser begriff, als Winkelmann. Doch, wie dieser, überzeugt, daß die Gegenstände der christlichen Welt die Kunst nicht begünstigen, sucht er den Enthusiasmus für die Mythologie der Alten wieder zu erwecken; und dies ist ein Versuch, der nie gelingen kann. Vielleicht sind wir gleich unfähig, Christen oder Heiden zu sein; doch wenn die schöpferische Einbildungskraft zu irgendeiner Zeit im Menschen wieder aufleben sollte, so wird sie sich nicht durch Nachahmung der Alten fühlbar machen. Die neue Schule folgt in den schönen Künsten demselben System wie in der Literatur: sie erklärt nämlich das Christentum ganz laut für die Quelle des Genies der Modernen. Die Schriftsteller dieser Schule charakterisieren auch auf eine ganz neue Weise das, was in der gotischen Baukunst zu den religiösen Gefühlen der Christen paßt. Daraus folgt nun freilich nicht, daß die Modernen nur gotische Kirchen bauen können und dürfen; weder Kunst noch Natur wiederholen sich. Das einzige, worauf es ankommt bei dem gegenwärtigen Schweigen des Talents ist, die Verachtung zu beseitigen, mit der man alle Schöpfungen des Mittelalters behandeln wollte. Unbestritten brauchen wir sie nicht anzunehmen: aber nichts schadet der Entwicklung des Genies mehr, als alles Originelle als barbarisch zu betrachten. Ich habe, als ich von Deutschland redete, bereits die Bemerkung gemacht, daß es dort wenig merkwürdige moderne Gebäude gebe. Im Norden von Deutschland sieht man im ganzen nur gotische Denkmäler und die Natur und die Poesie unterstützen die Stimmungen des Gemüts, die diese Denkmäler hervorrufen. Ein deutscher Schriftsteller, namens Görres, hat eine interessante Beschreibung einer alten Kirche geliefert. Man sieht; sagt er, Figuren von Rittern, die mit gefalteten Händen auf einem Grabmal knien. Oben sind einige wunderbare Seltenheiten Asiens angebracht, die nur da zu sein scheinen, um als stumme Zeugen die Reise des Verstorbenen nach dem gelobten Lande zu bestätigen. Die dunklen Bogengänge der Kirche bedecken die Entschlafenen mit ihren Schatten; und man könnte glauben, man befinde sich in einem Walde, dessen Zweige und Blätter der Tod dermaßen durchdrungen hat, daß sie sich nicht wiegen und bewegen können, wenn die Jahrhunderte, gleich den Nachtwinden, sich fangen in ihren verlängerten Gewölben. Die Orgel läßt in der Kirche ihre majestätischen Töne hören; bronzene Inschriften, halb zerstört von dem feuchten Hauch der Zeit, deuten verworren die Großtaten an, die, nachdem sie lange glänzende Wahrheit gewesen sind, nun wieder zur Fabel werden. Wenn man sich in Deutschland mit den Künsten beschäftigt, so möchte man immer lieber von den Schriftstellern, als von den Künstlern reden. In jeder Beziehung sind die Deutschen stärker in der Theorie, als in der Praxis, und der Norden in den Künsten, die das Auge treffen, so wenig günstig, daß man sagen möchte, es sei ihm nur der Geist des Nachdenkens gegeben worden, um dem Süden zum Zuschauer zu dienen. Man findet in Deutschland eine Menge Bildergalerien und Sammlungen von Zeichnungen, die die Liebe zu den Künsten in allen Klassen der Gesellschaft beweisen. Bei großen Herren und bei Gelehrten trifft man Kopien der Meisterstücke des Altertums. Goethes Haus ist in dieser Hinsicht besonders merkwürdig. Er liebt nicht bloß das Vergnügen, das der Anblick von Statuen und Gemälden großer Meister gewähren kann; er glaubt sogar, daß Genie und Gemüt dadurch gewinnen. »Ich würde vollkommener werden«, sagt er, »wenn ich den Kopf des olympischen Jupiter, den die Alten so sehr bewundert haben, vor Augen hätte.« Mehrere ausgezeichnete Maler haben sich in Dresden niedergelassen; die Meisterwerke der dortigen Galerie wecken Talent und Nacheiferung. Jene Jungfrau Raphaels, die zwei Kinder betrachtet, ist für sich allein ein Schatz; in dieser Figur ist eine Erhebung und eine Reinheit, die das Ideal der Religion und der inneren Stärke des Gemüts ist. Die Vollkommenheit der Züge ist in diesem Gemälde nur ein Symbol; die langen Gewänder, ein Ausdruck der Scham, wenden alles Interesse auf das Gesicht hin, und die Physiognomie, noch bewundernswürdiger als die Züge, ist gewissermaßen die himmlische Schönheit, die sich durch die irdische offenbart. Das Christuskind, das die Mutter in ihren Armen hält, ist höchstens zwei Jahre alt; aber der Maler hat die mächtige Kraft des himmlischen Wesens in dem kaum gebildeten Gesicht auf wunderbare Weise auszudrücken gewußt. Der Blick der kindlichen Engel, die unten angebracht sind, ist entzückend; nur die Unschuld dieses Alters hat noch Zauber neben der himmlischen Reinheit. Ihr Erstaunen beim Anblick der strahlenden Jungfrau gleicht der Überraschung, die Menschen empfinden könnten; ihre Miene sagt, daß sie mit Vertrauen anbeten, weil sie in ihr eine Bewohnerin desselben Himmels erkennen, den sie vor kurzem verlassen haben. Correggios Nacht ist, nach Raphaels Jungfrau, das schönste Meisterwerk der Dresdner Galerie. Man hat die Anbetung der Hirten sehr oft dargestellt; aber da die Neuheit des Gegenstandes nichts bedeutet gegenüber dem Vergnügen, das die Malerei verursacht, so reicht die Art und Weise, wie das Gemälde Correggios gedacht ist, für die Bewunderung desselben aus. In der Mitte der Nacht erhält das Kind auf dem Schoße seiner Mutter die Huldigungen der Hirten. Das Licht, das von dem Heiligenschein, der sein Haupt umgibt, ausgeht, hat etwas Erhabenes. Die Personen, die fern von dem göttlichen Kinde in den Hintergrund des Gemäldes gestellt sind, befinden sich noch in der Dunkelheit, und man möchte sagen, diese Dunkelheit sei das Sinnbild des menschlichen Lebens, ehe die Offenbarung es aufgehellt hatte. Unter den verschiedenen Gemälden moderner Künstler zu Dresden erinnere ich mich eines Kopfes von Dante, der ein wenig den Charakter der Figur Ossians in dem schönen Gemälde von Gerard hatte. Diese Analogie ist glücklich. Dante und Fingals Sohn können sich über Jahrhunderte und Wolken hin die Hände reichen. Ein Gemälde von Hartmann stellt den Besuch der Magdalena und der beiden Frauen, Maria genannt, am Grabe Christi vor. Ihnen erscheint der Engel, um ihnen anzukündigen, daß Christus auferstanden ist. Der geöffnete Sarg, der keine sterblichen Überreste mehr enthält, die Frauen, von bewundernswürdiger Schönheit, die ihre Blicke gegen den Himmel wenden, um dort denjenigen wiederzusehen, den sie in den Schatten des Grabes gesucht hatten, bilden ein Gemälde, das zugleich malerisch und dramatisch ist. Schick, ein anderer deutscher Künstler, der sich jetzt zu Rom niedergelassen hat, ist Urheber eines Gemäldes, das das erste Opfer Noahs nach der Sintflut darstellt. Die Natur, durch die Gewässer verjüngt, scheint eine neue Frische erhalten zu haben; die Tiere zeigen Vertraulichkeit mit dem Patriarchen und dessen Kindern, weil sie gemeinschaftlich der allgemeinen Flut entgangen sind. Das Grün, die Blumen und der Himmel sind gemalt mit lebhaften und natürlichen Farben, die die Sensation orientalischer Landschaften zurückrufen. Mehrere andere Künstler bemühen sich, wie Schick, dem neuen System, das in der literarischen Poesie eingeführt, oder vielmehr erneuert ist, zu folgen; aber die Künste bedürfen des Reichtums, und große Glücksgüter sind in den verschiedenen Städten Deutschlands zerstreut. Außerdem besteht in Deutschland der wirkliche Fortschritt, den man gemacht hat, darin, daß man die alten Meister ihrem Geiste nach fühlt und kopiert. Das ursprüngliche Genie hat sich noch nicht stark ausgesprochen. Die Bildhauerei ist in Deutschland mit keinem sonderlichen Erfolg geübt worden, teils weil es an Marmor fehlt, der die Meisterwerke unsterblich macht, teils weil die Deutschen weder den Takt noch die Anmut der Stellungen und Gesten haben, die nur die Gymnastik oder der Tanz schaffen können. Dabei rivalisiert ein Däne, namens Thorwaldsen, der sich in Deutschland gebildet hat, gegenwärtig zu Rom mit Canova, und sein Jason gleicht dem, den Pindar als den schönsten Mann beschreibt; ein Vließ liegt um seinen linken Arm, eine Lanze trägt er in der Hand, und die Ruhe der Kraft charakterisiert den Helden. Ich habe bereits gesagt, daß die Bildhauerei im allgemeinen dabei verliert, daß der Tanz so ganz vernachlässigt wird. Das einzige Phänomen, welches es in dieser Kunst in Deutschland gibt, ist Ida Brun, ein junges Mädchen, das durch sein gesellschaftliches Dasein von dem Künstlerleben geschieden ist. Die Deutschen zeichnen sich in der Instrumentalmusik aus. Die Kenntnisse, die sie erfordert, und die Geduld, deren es zu ihrer Ausführung bedarf, sind ihnen ganz natürlich; sie besitzen auch Komponisten von sehr mannigfaltiger und sehr fruchtbarer Einbildungskraft. Nur eine Einwendung möchte ich gegen ihr Genie als Musiker machen: sie bringen zu viel Geist in ihre Werke, sie denken zu viel über das, was sie machen. In den schönen Künsten steht der Instinkt über dem Gedanken. Die deutschen Komponisten folgen dem Sinn der Worte allzu genau; freilich ein großes Verdienst für die, welche die Worte höher achten, als die Musik, wobei sich auch nicht leugnen läßt, daß der Mangel an Übereinstimmung zwischen dem Sinn der einen und dem Ausdruck der anderen sehr unangenehm sein kann. Die Italiener, welche die wahren Natur-Musiker sind, passen die Gesangsweisen den Worten nur auf sehr allgemeine Weise an. Da in Romanzen, in Gassenliedern wenig Musik ist, so mag man dies Wenige den Worten unterwerfen; aber in den großen Wirkungen der Melodie muß man das Gemüt durch eine unmittelbare Sensation bestürmen. Wer die Malerei an und für sich wenig liebt, legt doch einen hohen Wert auf die Gegenstände der Gemälde; denn er möchte darin die Eindrücke dramatischer Szenen wiederfinden. Ebenso geht es in der Musik. Empfindet man sie nur schwach, so verlangt man, daß sie sich selbst den geringsten Abstufungen der Worte mit Treue anschmiege; allein, wenn sie das Innerste des Gemüts aufregt, so ist jede Aufmerksamkeit, die ihr nicht ausschließlich gewidmet wird, nur eine lästige Zerstreuung, und vorausgesetzt, daß zwischen dem Gedicht und der Musik kein Gegensatz vorhanden ist, überläßt man sich der Kunst, die den Sieg über alle davon tragen muß. Denn die süße Träumerei, in die sie uns versenkt, vernichtet die Gedanken, die die Worte ausdrücken können, und indem die Musik das Gefühl des Unendlichen in uns weckt, muß alles, was darauf hinzielt, den Gegenstand der Melodie hervorzuheben, ihre Wirkung vermindern. Gluck, den die Deutschen mit Recht zu ihren genialen Männern rechnen, hat auf wunderbare Weise den Gesang den Worten anzupassen verstanden, und in mehreren seiner Opern durch den Ausdruck der Musik mit dem Dichter gewetteifert. Als Alceste für Admet zu sterben beschließt, und dieses ganz im stillen den Göttern dargebrachte Opfer ihrem Gemahl das Leben wiedergibt, ist der Kontrast der fröhlichen Gesangsweisen, welche die Wiedergenesung des Königs feiern, und der unterdrückten Seufzer der Königin, die ihn zu verlassen verurteilt ist, von wahrhaft tragischer Wirkung. In der Iphigenie auf Tauris sagt Orest: Die Ruhe kehrt zurück in mein Gemüt , – und die Arie, die er singt, drückt dieses Gefühl aus; allein die Begleitung dieser Arie ist düster und bewegt. Erstaunt über diesen Kontrast, wollten die Musiker bei der Aufführung diese Begleitung mäßigen; aber Gluck ward böse und rief ihnen zu: »Kehrt euch nicht an den Orest; er sagt zwar, er sei ruhig, aber er lügt.« Indem Poussin die Tänze der Schäferinnen malt, setzt er in die Landschaft den Grabstein eines junges Mädchens mit der Inschrift: Auch ich war in Arkadien ; In dieser Manier, die Künste aufzufassen, ist, wie in Glucks scharfsinnigen Kombinationen, etwas Gedachtes. Aber die Künste sind über den Gedanken erhaben; ihre Sprache sind die Farben, oder die Formen, oder die Töne. Könnte man sich die Eindrücke vorstellen, deren unsere Seele vor ihrer Bekanntschaft mit dem Worte empfänglich sein muß, so würde man die Wirkung der Malerei und der Musik besser begreifen. Von allen Musikern hat vielleicht Mozart in dem Talent, die Musik mit Worten zu vermählen, den größten Verstand gezeigt. In seinen Opern, und besonders in »Don Juan« hat er alle Abstufungen dramatischer Szenen fühlbar gemacht; der Gesang ist voll Fröhlichkeit, während die buntscheckige und starke Begleitung den phantastischen und düsteren Gegenstand des Stücks anzudeuten scheint. Zwar gewährt auch diese geistige Vermählung des Musikers mit dem Dichter ein Vergnügen; allein es erwächst aus der Reflexion und gehört nicht in den Zauberkreis der Künste. Ich habe in Wien die »Schöpfung« von Haydn gehört. Vierhundert Musiker führten sie zusammen auf: ein würdiges Fest zur Ehre des Werks, das dadurch gefeiert wurde. Aber auch Haydn schadete bisweilen seinem Talent durch seinen Verstand. Bei den Worten des Textes: Gott sprach, es werde Licht, und es ward Licht , spielten die Instrumente anfangs leise, so daß sie kaum vernehmbar waren, dann aber brachen sie plötzlich mit einem fürchterlichen Lärm los, der den Glanz des Tages anzeigen sollte. Auch sagte ein Mann von Geist: »Bei der Erscheinung des Lichts muß man sich die Ohren zuhalten.« Nachahmung und Ausdruck sind in den schönen Künsten von einander verschieden. Darüber ist man, glaub' ich, einer Meinung, daß die nachahmende Musik verbannt werden müsse. Aber über die Ausdrucks-Musik bleiben noch zwei Ansichten übrig. Einige wollen in ihr die Übersetzung der Worte finden; andere, und zwar die Italiener, begnügen sich mit einem allgemeinen Verhältnis zwischen den Lagen des Stücks und der Absicht der Arien, und suchen das Vergnügen der Kunst einzig in ihr selbst. Die Musik der Deutschen ist mannigfaltiger, als die der Italiener. Aber die Künste, wie die Gefühle, haben eine bewundernswürdige Eintönigkeit, die nämlich, aus der man einen ewigen Augenblick machen möchte. Die Kirchenmusik ist in Deutschland minder schön als in Italien, weil die Instrumente in ihr vorherrschen. Wenn man zu Rom das Miserere, von Menschenstimmen gesungen, gehört hat, so erscheint alle Instrumentalmusik, selbst die der Dresdner Kapelle, als irdisch. Die Violinen und Trompeten machen einen Bestandteil des Dresdener Orchesters während des Gottesdienstes aus, und die Musik ist mehr kriegerisch als religiös. Der Kontrast der lebhaften Eindrücke, die sie bewirkt, mit der kirchlichen Andacht, ist nicht angenehm. Man muß das Leben nicht in der Nähe von Gräbern beseelen. Die Kriegsmusik treibt zur Aufopferung des Daseins. Auch die Musik der Wiener Kapelle verdient gerühmt zu werden. Von allen Künsten, welche die Wiener schätzen, ist die Musik die erste. Ich habe zu Wien das Requiem gehört, das Mozart einige Tage vor seinem Tode komponiert hatte, und das in der Kirche am Tage seines Leichenbegängnisses gesungen wurde. Was ist rührender, als ein Mann von überwiegendem Talent, der auf diese Weise sein eigenes Leichenbegängnis feiert, und zugleich von dem Gefühl seines Todes und seiner Unsterblichkeit begeistert ist! »Man muss sich in unseren neueren Zeiten auf einen europäischen Standpunkt erheben.« Frau von Staël. Das Rätsel der Welt Das Rätsel der Welt ist der Gegenstand vieles vergeblichen Nachsinnens für eine große Zahl von Männern gewesen, die der Bewunderung nicht unwert waren, weil sie sich zu etwas Besserem berufen fühlten, als diese Welt ist; Geister höherer Art schwärmen unaufhörlich um den Abgrund endloser Gedanken. Dennoch muß man sich davon wegwenden; denn der Geist ermüdet vergeblich in diesen Anstrengungen zur Bestürmung des Himmels. Der Ursprung des Gedankens hat alle wahre Philosophen beschäftigt. Gibt es zwei Naturen im Menschen? Und wenn es nur eine gibt; ist es der Geist oder die Materie? Gibt es deren zwei, stammen die Ideen von den Sinnen her, oder entspringen sie aus unserer Seele, oder sind sie das zusammengesetzte Produkt der Tätigkeit äußerer Gegenstände auf uns hin, und der inneren Fähigkeiten, die wir besitzen? An diese Fragen, die zu allen Zeiten die philosophische Welt entzweit haben, ist die Forschung gebunden, welche die Tugend unmittelbar berührt, ob Verhängnis oder freier Wille die Beschlüsse des Menschen bestimmen. In der Antike rührte das Verhängnis von dem Willen der Götter her; die Neueren schreiben es dem Lauf der Dinge zu. Bei den Alten weitete das Verhängnis den freien Willen; denn der Wille des Menschen kämpfte an gegen die Schickung und der moralische Widerstand war unüberwindlich. Das Verhängnis der Neueren hingegen zerstört den Glauben an den freien Willen; denn wenn die Umstände uns zu dem machen, was wir sind: so können wir uns ihrem Übergewicht nicht entgegenstemmen; wenn die äußerlichen Gegenstände die Ursache alles dessen sind, was in unserer Seele vorgeht – welcher unabhängige Gedanke sollte uns dann von ihrem Einfluß befreien? Das vom Himmel kommende Verhängnis erfüllte die Seele mit einem heiligen Schrecken, während das Verhängnis, das uns an die Erde knüpft, uns nur herabwürdigt. »Aber wozu alle diese Fragen?« wird man sagen. Wozu alles andere, was diese Gegenstände nicht angeht? – könnte man antworten. Denn was ist wichtiger für den Menschen, als zu wissen, ob er wirklich die Verantwortlichkeit für seine Handlungen trägt, und in welchem Verhältnisse die Macht seines Willens zu der Herrschaft steht, welche die Umstände ausüben? Was würde das Gewissen sein, wenn es seine Entstehung unseren Gewohnheiten verdankte, wenn es in sich selbst nichts weiter wäre, als das Erzeugnis der Farben, der Töne, der Düfte, kurz aller der Umstände, womit wir von Kindesbeinen an umgeben gewesen sind? Die Metaphysik, die darauf ausgeht, die Quelle unserer Ideen zu entdecken, hat in ihren Folgen den mächtigsten Einfluß auf die Natur und die Stärke unseres Willens. Sie ist zugleich die höchste und die notwendigste unserer Erkenntnisse, und die Anhänger der höchsten Nützlichkeit, der moralischen Nützlichkeit, dürfen sie nicht verschmähen. Vom Charakter der deutschen Philosophie Soviel ist gewiß, daß die Geistigkeit der Seele und alle daraus stammenden Gedanken bei den nordischen Nationen leicht einheimisch geworden sind, und daß unter diesen Nationen die Deutschen sich mehr als jedes andere Volk zur spekulativen Philosophie geneigt gezeigt haben. Leibniz ist ihr Bacon und Descartes. In diesem herrlichen Manne findet man alle Eigenschaften vereinigt, denen sich die deutschen Philosophen im allgemeinen zu nähern rühmen: unermeßliche Gelehrsamkeit, vollkommene Treuherzigkeit und ein unter strengen Formen verborgener Enthusiasmus. Gründlich hatte er die Theologie, die Rechtsgelehrsamkeit, die Geschichte, die Sprachen, die Mathematik, die Physik, die Chemie studiert; denn er war überzeugt, daß die Allgemeinheit der Kenntnisse notwendig sei, um in irgendeinem Fach hervorzuragen. Kurz, alles an ihm beurkundete diejenigen Tugenden, die mit den erhabensten Gedanken in Verbindung stehen und zugleich Bewunderung und Achtung verdienen. Unter den Schriften Leibnizens nehmen die, welche man theologische nennen könnte, die erste Klasse ein. In der zweiten Klasse ist die Theorie des menschlichen Geistes enthalten. In jener handelt es sich um den Ursprung des Guten und Bösen und die göttliche Vorsehung, kurz um jene ursprünglichen Fragen, die über die menschliche Intelligenz hinausgehen. Ich mag, indem ich mich so ausdrücke, keineswegs die großen Männer tadeln, die von Pythagoras und Platon bis auf uns sich zu diesen hohen philosophischen Spekulationen hingezogen gefühlt haben. Das Genie setzt sich selbst erst dann Grenzen, wenn es lange gegen die harte Notwendigkeit gekämpft hat. Wer kann die Fähigkeit zu denken haben und sich nicht versucht fühlen, den Ursprung und Zweck der Dinge dieser Welt kennen zu lernen? Alles, was auf Erden Leben hat, den Menschen allein ausgenommen, scheint sich selbst nicht zu kennen. Er allein weiß, dass er sterben wird, und diese furchtbare Wahrheit weckt sein Interesse für alle große Gedanken, die sich hieran knüpfen. Sobald man des Nachdenkens fähig ist, löst man, oder glaubt man wenigstens alle die philosophischen Fragen zu lösen, die das menschliche Geschick erklären; allein keinem ist es gestattet, es in seinem ganzen Umfange zu fassen. Jeder faßt davon eine andere Seite; jeder hat seine Philosophie, wie seine Poetik, wie seine Liebe. Diese Philosophie steht in Harmonie mit der besonderen Richtung seines Charakters und Geistes. Erhebt man sich bis zum Unendlichen, so können tausend Erklärungen gleich wahr sein, wie verschieden sie auch sind, weil grenzenlose Fragen Tausende von Ansichten darbieten, von denen eine einzige die ganze Dauer des Daseins ausfüllen kann. Mit der Metaphysik geht es wie mit der Alchimie; indem man den Stein der Weisen sucht, indem man es auf Entdeckung des Unmöglichen anlegt, findet man auf seiner Bahn Wahrheiten, die sonst unbekannt geblieben wären. Außerdem kann man ein nachdenkliches Wesen nicht verhindern, sich eine Zeitlang mit übersinnlicher Philosophie zu beschäftigen; dieser Aufschwung der geistigen Natur kann nur dadurch bekämpft werden, daß man sie herabwürdigt. Mit Erfolg hat man die vorher festgestellte Harmonie Leibnizens widerlegt, die er selbst für eine große Entdeckung hielt; er schmeichelte sich, das Verhältnis der Seele zu der Materie zu erklären, indem er beide als vorher gestimmte Instrumente betrachtete, die sich wiederholen, sich entsprechen, sich gegenseitig nachahmen. Seine Monaden, aus denen er einfache Elemente des Universums macht, sind eine ebenso unfruchtbare Hypothese, wie alle die, deren man sich zur Erklärung des Ursprungs der Dinge bedient hat. Bei dem allen befindet sich der menschliche Geist in einer seltsamen Verlegenheit. Unaufhörlich zu dem Geheimnis seines Wesens hingezogen, fühlt er, daß es ihm ebenso unmöglich ist, es zu entdecken und nicht immer daran zu denken. Nach einer persischen Überlieferung fragte Zoroaster die Gottheit: wie die Welt angefangen habe, wann sie aufhören werde, und was der Ursprung des Guten und des Bösen sei? Und die Gottheit antwortete auf alle diese Fragen: Tue das Gute und gewinne die Unsterblichkeit! Was diese Antwort am meisten bewundernswürdig macht, ist, daß sie den Menschen nicht abschreckt von den erhabensten Grübeleien; sie lehrt ihn nur, daß er sich allein auf dem Wege des Gewissens und des Gefühls zu den tiefsten Konzeptionen der Philosophie erheben könne. Leibniz war ein Idealist, der sein System nur auf Raisonnement gründete. Daher kommt es, daß er seine Abstraktionen zu weit getrieben und seine Theorie nicht genug auf innere Überzeugung gestützt hat, da diese doch die einzige wahre Grundlage für alles ist, was über den Verstand hinausgeht. In der Tat, man braucht nur über die Freiheit des Menschen zu raisonnieren, um nicht mehr daran zu glauben; und wiederum braucht man nur die Hand aufs Herz zu legen, um nicht länger daran zu zweifeln. Folgerung und Widerspruch, in dem Sinne, den wir mit beiden verbinden, gibt es gar nicht in der Sphäre der großen Fragen über die Freiheit des Menschen, über den Ursprung des Guten und des Bösen, über die göttliche Vorsehung usw. Bei diesen Fragen steht das Gefühl beinahe immer in Opposition gegen das Klügeln, damit der Mensch einsehen lernt, daß alles, was er in der Ordnung irdischer Dinge unglaublich nennt, vielleicht die höchste Wahrheit unter allgemeinen Beziehungen ist. Die Theodizee Leibnizens handelt von der göttlichen Vorsehung und von der Ursache des Guten und des Bösen; eins von den gründlichsten und scharfsinnigsten Werken über die Theorie des Unendlichen. Bei dem allen wendet der Verfasser allzu oft auf das Grenzenlose eine Logik an, für die nur begrenzte Gegenstände empfänglich sind. Leibniz war ein höchst religiöser Mann, aber eben deswegen hielt er sich für berufen, die Glaubenswahrheiten auf mathematische Raisonnements zu gründen, um ihnen eine Grundlage zu verschaffen, die in dem Gebiete der Erfahrung zugelassen wird. In der Region intellektueller und religiöser Wahrheiten, wie Leibniz sie behandelt hat, muß man sich des Gewissens wie einer Demonstration bedienen. Indem Leibniz sich an abstrakte Raisonnements halten wollte, verlangt er von den Geistern eine Spannkraft, deren die wenigsten fähig sind. Metaphysische Werke, die weder auf die Erfahrung, noch auf das Gefühl gegründet sind, ermüden den Gedanken ungemein, und man kann sich dabei physisch und moralisch so übel befinden, daß man, um diese Empfindung zu besiegen, die Organe der Vernunft in seinem Köpfe zersprengen könnte. Die Einwände, die ich mir über diejenigen Werke Leibnizens erlaubt habe, deren Gegenstand unauflösbare Fragen sind, finden keine Anwendung auf seine Schriften über die Bildung der Ideen im menschlichen Geiste. Diese haben eine glänzende Klarheit. Sie beziehen sich auf ein Geheimnis, das der Mensch bis auf einen gewissen Punkt ergründen kann; denn er weiß über sich selbst mehr, als über das Universum. Leibnizens Meinungen in dieser Hinsicht bezwecken moralische Vervollkommnung, wenn, wie einige deutsche Philosophen zu beweisen versucht haben, es ausgemacht ist, daß der freie Wille auf der Lehre beruht, die die Seele von den äußeren Gegenständen losreißt, und daß die Tugend nicht ohne die vollkommenste Unabhängigkeit des Wollens existieren kann. Mit bewundernswürdiger Dialektik hat Leibniz das Lockesche System bekämpft, das alle unsere Ideen unseren Sinnen zuschreibt. Man hatte das bekannte Axiom aufgestellt, »daß in dem Verstande nichts sei, was nicht vorher in den Sinnen dagewesen«; und Leibniz fügte die erhabene Einschränkung hinzu: wofern es nicht der Verstand selbst ist . Aus diesem Prinzip ist die ganze neue Philosophie entstanden, die auf die Geister in Deutschland einen so beträchtlichen Einfluß hat. Diese Philosophie ist auch Erfahrungsphilosophie; denn sie geht darauf aus zu erkennen, was in uns vorgeht; sie bringt nur die Beobachtung des innersten Gefühls an die Stelle der Beobachtung äußerlicher Eindrücke. Lockes Lehre hatte in Deutschland Anhänger, die, wie Bonnet und mehrere andere Philosophen in England, darauf ausgingen, diese Lehre mit den religiösen Gefühlen zu vereinbaren, zu denen sich Locke selbst standhaft bekannt hat. Leibnizens Genie sah alle Folgerungen dieser Metaphysik vorher; und was seinen Ruhm für immer begründet, ist, daß er in Deutschland die Philosophie der moralischen Freiheit gegen die des sensuellen Fatalismus aufrechtzuhalten verstand. Während das übrige Europa jene Prinzipien annahm, die die Seele als ein rein passives Wesen darstellen, war Leibniz der aufgeklärte Verteidiger der idealistischen Philosophie, wie sein Genie sie aufgefaßt hatte. Nicht die mindeste Ähnlichkeit hätte sie weder mit Berkeleys System, noch mit den Träumereien der griechischen Skeptiker über das Nicht-Dasein der Materie; allein sie verteidigte das moralische Sein in seiner Unabhängigkeit und in seinen Rechten. Immanuel Kant Kant hat ein sehr hohes Alter erreicht, und ist nie aus Königsberg herausgekommen. Unter den Eisschollen des Nordens hat er sein ganzes Leben damit zugebracht, über die Gesetze des menschlichen Geistes zu denken. Vermöge eines unermüdlichen Eifers hat er Kenntnisse aller Art erworben. Die Wissenschaften, die Sprachen, die Literatur, alles war ihm geläufig; und ohne den Ruhm zu suchen, den er erst sehr spät genoß – denn erst im hohen Alter vernahm er den Widerhall seines berühmten Namens –, begnügte er sich mit dem stillen Vergnügen des Nachgrübelns. In seiner Einsamkeit betrachtete er seine Seele mit Andacht. Die Erforschung des Gedankens gab ihm neue Kräfte zur Unterstützung der Tugend; und obgleich er mit den glühenden Leidenschaften der Menschen nie etwas zu schaffen hatte: so hat er doch Waffen für die geschmiedet, die zur Bekämpfung derselben berufen sein können. Kant schrieb anfangs über die physischen Wissenschaften, und zeigte in dieser Art von Studien einen solchen Scharfsinn, daß er das Dasein des Planeten Uranus zuerst vorhersah. Herschel selbst hat nach der Entdeckung anerkannt, daß Kant diesen Planeten zuerst angekündigt hat. Seine Abhandlung über den menschlichen Verstand, betitelt: » Kritik der reinen Vernunft «, blieb eine Zeitlang unbekannt; als man aber endlich den Schatz von Ideen entdeckte, der darin enthalten war, machte sie in Deutschland eine solche Sensation, daß alles, was seitdem zum Vorschein gekommen ist, von dem Antrieb herrührt, den jenes Werk gegeben hat. Auf diese Abhandlung über den menschlichen Verstand folgte die Kritik der praktischen Vernunft , die auf die Moral ging, und die Kritik der Urteilskraft , welche die Natur des Schönen behandelte. Dieselbe Theorie liegt den drei Abhandlungen zugrunde, welche die Gesetze der Intelligenz, die Prinzipien der Tugend und die Betrachtung aller Schönheiten der Natur und der Künste umfassen. Um die Zeit, als die Kritik der reinen Vernunft erschien, gab es unter den Denkern nur zwei Systeme über den menschlichen Verstand: das Lockesche, welches alle unsere Ideen unseren Sinnen zuschrieb, und das Descartische und Leibnizische, die darauf ausgingen, die ursprüngliche Tätigkeit der Seele, den freien Willen, kurz die idealistische Lehre zu beweisen, obwohl Descartes und Leibniz ihre Lehre auf rein spekulative Beweise gründeten. In dem vorhergehenden Kapitel habe ich von den Nachteilen gesprochen, die das Resultat jener angestrengten Abstraktion sind, die, um mich so auszudrücken, den Umlauf des Blutes hemmt, damit die intellektuellen Kräfte desto unumschränkter in uns herrschen mögen. Beschränkt sich nun der von solchen Anstrengungen ermüdete Leser darauf, daß er nichts anerkennen will, was nicht von den Sinnen herrührt: so wird für ihn alles zu Schmerz werden. Wird er die Idee der Unsterblichkeit haben, wenn die Vorläufer der Zerstörung auf dem Antlitz der Sterblichen so tief eingegraben sind, und die lebende Natur unablässig in Staub zerfällt? Welche schwache Hoffnung würden wir vom Wiederaufleben haben, wenn alle Sinne vom Sterben sprächen? Und welche Idee könnten wir von der höchsten Güte haben, wenn wir nur unsere Sinne um Rat fragten! So viele Schmerzen streiten sich um unser Leben, so viele abscheuliche Gegenstände entehren die Natur, daß die unglückliche Kreatur das Dasein hundertmal verflucht, ehe es ihr durch einen letzten Krampf entrissen wird. Verwirft im Gegenteil der Mensch das Zeugnis der Sinne, woran soll er sich auf dieser Erde halten? Und wenn er nur ihnen glaubt, welcher Enthusiasmus, welche Moral, welche Religion würden den wiederholten Anfällen widerstehen, welche Schmerz und Vergnügen abwechselnd auf sie machen würden? Das Nachdenken schwankte in dieser unermeßlichen Ungewißheit, als Kant den Versuch machte, die Grenzen der beiden Gebiete, der Sinne und der Seele, der intellektuellen Natur zu ziehen. Die Macht des Nachdenkens und die Weisheit, womit er diese Grenzen festsetzte, sind durch ihn vielleicht singulär geworden. Er verirrte sich nicht in neue Systeme über die Schöpfung der Welt; er erkannte die Schranken, die die ewigen Geheimnisse dem menschlichen Geiste setzen; und was für diejenigen, die von Kant nur reden gehört haben, vielleicht ganz neu sein wird, ist, daß es nie einen Philosophen gegeben hat, der ein entschiedenerer Gegner der Metaphysik gewesen wäre. Wirklich ist er in diese Wissenschaft nur so tief eingedrungen, um die Mittel, die sie gewährt, zum Nachweis ihrer Unzulänglichkeit zu gebrauchen; man möchte sagen, er habe sich als ein zweiter Curtius in diesen Schlund gestürzt, um ihn auszufüllen. Locke hatte die Lehre von den angeborenen Ideen siegreich bekämpft, weil er die Ideen immer als einen Teil der Erfahrungs-Erkenntnisse dargestellt hat; die Erforschung der reinen Vernunft, d.h. der Unvermögen, aus welchen die Intelligenz besteht, beschäftigte seine Aufmerksamkeit nicht. Leibniz, wie wir oben angeführt haben, sprach das erhabene Axiom aus: »Es ist nichts in dem Verstande, was nicht von den Sinnen herrührt, sofern es nicht der Verstand selbst ist.« Kant hat, wie Locke erkannt, daß es keine angeborenen Ideen gebe; aber er hat sich vorgenommen, in den Sinn des Leibnizischen Axioms einzudringen, indem er untersucht, welches die Gesetze und die Gefühle sind, die das Wesen der menschlichen Seele unabhängig von aller Erfahrung bilden. Die Kritik, der reinen Vernunft legt es darauf an zu zeigen, worin diese Gesetze bestehen und welches die Gegenstände sind, an denen sie ausgeübt werden können. Der Skeptizismus, zu welchem der Materialismus in der Regel führt, war so weit getrieben worden, daß Hume sogar die Grundfeste des Nachdenkens erschüttert hatte; dadurch nämlich, daß er Beweise gegen das Axiom aufstellte: Keine Wirkung ohne Ursache. So groß ist die Unruhe der menschlichen Natur, wenn man das Prinzip aller Überzeugung nicht in den Mittelpunkt der Seele stellt, daß der Unglaube, der immer mit Angriffen auf das Dasein der moralischen Welt beginnt, zuletzt dahin gelangt, auch die materielle Welt zu zerstören, deren er sich anfangs nur zum Umsturz der ersteren bedient hatte. Kant wollte wissen, ob die absolute Gewißheit dem menschlichen Geist möglich wäre, und er hat sie nur in den notwendigen Begriffen gefunden, d.h. in allen den Gesetzen unseres Verstandes, die so beschaffen sind, daß wir nur dasjenige fassen können, was diese Gesetze uns gestatten. Zu den ersten gebietenden Formen unseres Geistes gehören Raum und Zeit; und Kant beweist, daß alle unsere Perzeptionen diesen beiden Formen unterworfen sind. Er schließt daraus, daß sie in uns selbst, nicht in den Gegenständen enthalten sind, und daß in dieser Hinsicht unser Verstand der äußerlichen Natur Gesetze vorschreibt, anstatt sie von ihr zu empfangen. Die Geometrie, die den Raum mißt, und die Arithmetik, welche die Zeit teilt, sind Wissenschaften von vollendeter Evidenz, weil sie auf den notwendigen Begriffen unseres Geistes beruhen. Die durch Erfahrung erworbenen Wahrheiten führen diese absolute Gewißheit nicht mit sich. Wenn man sagt: die Sonne geht alle Tage auf, alle Menschen sind sterblich usw., so könnte die Einbildungskraft eine Ausnahme in Hinsicht dieser Wahrheiten gestatten, die die Erfahrung allein außer Zweifel stellt: aber die Einbildungskraft selbst kann nichts voraussetzen, was außer dem Raum und der Zeit liegt; und man kann folglich diese Formen unseres Gedankens, die wir den Dingen aufdrücken, durchaus nicht als das Resultat der Gewohnheit, d. h. der Wiederholung derselben Phänomene betrachten. Die Sinne können zweifelhaft sein, aber das Prisma, durch das wir sie erhalten, ist unveränderlich. Dieser ursprünglichen Anschauung des Raumes und der Zeit muß man die Prinzipien des Denkens, ohne die wir nichts begreifen können, und die daher die Gesetze unserer Intelligenz sind, hinzufügen oder vielmehr zur Grundlage geben: den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung, die Einheit, die Vielheit, die Ganzheit, die Möglichkeit, die Wirklichkeit, die Notwendigkeit usw. Kant gibt den verschiedenen notwendigen Begriffen des Verstandes, deren Gemälde er entwirft, die Benennung der Kategorie. Auch diese betrachtet Kant als notwendige Begriffe, und zum Range der Wissenschaften erhebt er nur die, die unmittelbar auf diese Notionen gegründet sind, weil die Gewißheit nur in ihnen vorhanden sein kann. Die Formen des Denkens geben erst dann ein Resultat, wenn man sie auf das Urteil äußerer Gegenstände anwendet, und in dieser Anwendung sind sie dem Irrtum unterworfen. Allein sie sind deshalb nicht minder notwendig in sich selbst, d.h. wir können uns in keinem unserer Gedanken von ihnen losmachen; es ist uns unmöglich, uns irgend etwas vorzustellen außerhalb der Beziehungen von Ursache und Wirkung, von Möglichkeit, von Quantität usw., und diese Merkmale inhärieren unseren Begriffen eben so sehr, als Raum und Zeit. Nur vermittels der unveränderlichen Gesetze unserer Art zu denken nehmen wir etwas wahr. Folglich sind auch diese Gesetze in uns selbst, nicht außer uns. In der deutschen Philosophie nennt man subjektive Ideen diejenigen, welche aus der Natur unserer Intelligenz und der Vermögen derselben entstehen; objektive hingegen alle diejenigen, die durch äußere Gegenstände angeregt sind. Welche Benennung man auch in dieser Hinsicht annehmen möge, mir scheint, daß die Erforschung unseres Geistes mit dem Hauptgedanken Kants übereinstimmt, d.h. mit dem Unterschied, den er feststellt zwischen den Formen unseres Verstandes und den Gegenständen, die wir nach diesen Formen erkennen; und es sei nun, daß er sich halte an abstrakte Konzeptionen, oder daß er, in der Religion und Moral, an die Gefühle appelliere, die er gleichfalls als unabhängig von der Erfahrung betrachtet: so ist nichts so lichtvoll, als diese Grenzlinie, die er zwischen dem, was aus den Sinnen, und dem, was aus der freien Tätigkeit unserer Seele herrührt, zieht. Indem einige Ausdrücke der Kantischen Lehre falsch gedeutet worden sind, hat man behauptet, er glaube an Erkenntnisse a priori, d.h. an solche, die unserem Geiste eingegraben sind, ehe wir sie erlernt haben. Andere deutsche Philosophen, die sich dem platonischen System mehr nähern, haben in der Tat gedacht: der Typus der Welt sei in dem menschlichen Geiste enthalten, und der Mensch könne das Universum nur insofern in sich aufnehmen, als er das angeborene Bild desselben in sich trage. Allein von dieser Lehre ist bei Kant gar nicht die Rede. Er führt die intellektuellen Wissenschaften auf drei zurück, auf die Logik, die Metaphysik und die Mathematik. Die Logik lehrt nichts durch sich selbst; da sie aber auf den Gesetzen unseres Verstandes beruht, so ist sie in ihren Prinzipien, wenn sie abstrakt betrachtet werden, unwidersprechlich; nur in ihrer Anwendung auf Ideen und Dinge kann diese Wissenschaft zur Wahrheit führen; ihre Prinzipien sind angeboren; ihre Anwendung ist Sache der Erfahrung. Nur die mathematischen Wissenschaften scheinen unmittelbar von den Begriffen des Raumes und der Zeit, d.h. von den Gesetzen unseres Verstandes abzuhängen, und folglich aller Erfahrung voranzugehen; und Kant beweist, daß die Mathematik nicht eine bloße Analysis, sondern eine synthetische, positive, schöpferische und in sich selbst zuverlässige Wissenschaft ist, so daß man, um sich ihre Wahrheit zu sichern, gar nicht nötig hat, auf die Erfahrung zurückzugehen. In Kants Werken kann man die Beweise lesen, auf die er diese Ansicht stützt; aber wahr ist wenigstens, daß niemand mehr als er ein Feind der Philosophie ist, die man die Philosophie der Träumer nennt, und daß er bei weitem mehr zu einer trockenen und didaktischen Art zu denken hinneigt, obgleich seine Lehre darauf hinzielt, das durch den Materialismus herabgewürdigte Menschengeschlecht emporzuheben. Weit davon entfernt, die Erfahrung zu verwerfen, betrachtet Kant das ganze Leben nur als die Wirkung unserer angeborenen Kräfte auf die uns von außen her kommenden Erkenntnisse. Er glaubt, die Erfahrung würde ohne die Gesetze des Verstandes nur ein Chaos sein, daß aber diese Gesetze nur die durch die Erfahrung gegebenen Elemente betreffen. Hieraus folgt, daß die Metaphysik jenseits ihrer Grenzen uns nichts lehren kann, und daß man dem Gefühl das Vorherwissen und die Überzeugung alles dessen, was zur unsichtbaren Welt gehört, zuschreiben muß. Will man sich bloß des Nachdenkens bedienen, um die religiösen Wahrheiten festzustellen, so ist dies ein Werkzeug, das sich nach allen Seiten biegt, weil sich in der Erfahrung kein Stützpunkt finden läßt. Kant stellt die Argumente für und wider die Freiheit des Menschen, die Unsterblichkeit der Seele, die vergängliche und ewige Dauer der Welt in zwei Parallellinien, und appelliert dann an das Gefühl, um den Ausschlag zu geben; denn die metaphysischen Beweise scheinen ihm auf beiden Seiten von gleicher Stärke. In der Kritik der reinen Vernunft werden diese entgegengesetzten Argumente über die großen metaphysischen Fragen Antinomien genannt. Vielleicht hat er Unrecht daran getan, den Skeptizismus so weit zu treiben; allein am sichersten vernichtet man den Skeptizismus, indem man aus gewissen Fragen die abstrakten Erörterungen entfernt, die ihn ins Leben gerufen haben. Es würde ungerecht sein, die aufrichtige Frömmigkeit Kants in Zweifel zu ziehen, weil er behauptet hat, es bestehe in den Untersuchungen für und wider die großen Fragen der übersinnlichen Metaphysik vollkommene Gleichheit. Mir kommt es sogar vor, als liege in diesem Geständnis Herzensreinheit. Nur eine sehr geringe Zahl von Geistern ist imstande, dergleichen Untersuchungen zu fassen, und die, welche diese Fähigkeit haben, sind so geneigt, einander zu bekämpfen, daß man dem religiösen Glauben einen großen Dienst erweist, wenn man die Metaphysik aus allen den Fragen verbannt, die sich auf das Dasein Gottes, auf den freien Willen, auf den Ursprung des Guten und Bösen beziehen. Einige bedeutende Persönlichkeiten haben zwar gesagt: man müsse keine Waffe verschmähen, und auch die metaphysischen Argumente müssen benutzt werden, um diejenigen zu überführen, die sich ihrer Herrschaft unterworfen haben; allein diese Argumente führen zur Diskussion, und diese zum Zweifel. Die schönen Epochen der Menschheit sind immer die gewesen, wo Wahrheiten einer gewissen Ordnung weder durch Schriften noch durch Reden bestritten wurden. Die Leidenschaften konnten zu Freveltaten hinreißen; aber niemand zog die Religion in Zweifel, der er nicht gehorchte. Sophismen aller Art (Mißbräuche einer gewissen Philosophie) haben in verschiedenen Ländern und Jahrhunderten jene edle Festigkeit des Glaubens, die Quelle heroischer Aufopferung, zerstört. Ist es also nicht für einen Philosophen eine sehr schöne Idee, der Wissenschaft, zu der er sich bekennt, das Betreten des Heiligtums zu verbieten und die ganze Stärke der Abstraktion auf den Beweis zu verwenden, daß es Regionen gibt, aus denen sie verbannt werden muß? Despoten und Fanatiker haben versucht, der menschlichen Vernunft die Erforschung gewisser Materien zu untersagen, und immer hat sich die Vernunft von diesen ungerechten Hemmungen befreit. Aber die Grenzen, die sie sich selbst vorschreibt, unterjochen sie nicht nur nicht, sondern geben ihr sogar eine neue Stärke, nämlich die, welche aus der Autorität solcher Gesetze hervorgeht, in welche diejenigen, die sich ihnen unterwerfen, mit Freiheit eingewilligt haben. Ein Taubstummer könnte, auch ehe er von dem Abbé Sicard erzogen worden ist, eine innere Gewißheit von dem Dasein Gottes haben. Sehr viele Menschen stehen zu den tiefen Denkern in demselben Verhältnis, in dem die Taubstummen zu den übrigen Menschen stehen, dennoch sind sie nicht minder fähig, die ursprünglichen Wahrheiten an sich selbst zu erkennen, weil diese Wahrheiten in das Gebiet des Gefühls gehören. Beim physischen Studium des Menschen erkennen die Ärzte das Prinzip, das ihn beseelt, und doch weiß keiner zu sagen, was das Leben ist; und wenn man darüber nachzudenken begänne, so könnte man, wie einige griechische Philosophen es wirklich getan haben, den Menschen beweisen, daß sie nicht leben. Ebenso verhält es sich mit Gott, dem Gewissen, dem freien Willen. Man muß daran glauben, weil man sie fühlt. Jedes Argument ordnet sich immer dieser Tatsache unter. An einem lebendigen Körper kann die Anatomie sich nicht üben, ohne ihn zu zerstören; und indem die Analyse sich an unteilbaren Wahrheiten versucht, verändert sie ihr Wesen schon dadurch, daß sie ihre Einheit beeinträchtigt. Wenn die eine Hälfte unserer Seele die andere beobachten soll, so muß unsere Seele sich teilen; und auf welche Weise diese Teilung auch stattfindet: sie raubt unserem Wesen die erhabene Identität, ohne die wir nicht die erforderliche Kraft haben, das zu glauben, was das Gewissen allein bestätigen kann. Man vereinige eine große Menschenzahl im Theater oder auf einem öffentlichen Platz und trage ihr vor, welche gedankliche Wahrheit oder welche allgemeine Idee man wolle – und man wird beinahe ebensoviele verschiedene Meinungen sich offenbaren sehen, wie es versammelte Individuen gibt. Dagegen, wenn einige Züge von Seelengröße erzählt werden, oder einige Töne von Großmut sich zeigen: so beweist ein einstimmiges Entzücken, daß man jenen Instinkt der Seele berührt hat, der in unserem Wesen ebenso lebhaft, ebenso mächtig ist, wie der das Leben erhaltende Instinkt. Indem Kant die Kenntnis übersinnlicher Wahrheiten auf ein Gefühl bezieht, das keinen Zweifel gestattet, indem er zu beweisen sucht, daß das Nachdenken nur in der Sphäre der Sinne Gültigkeit besitzt, ist er weit davon entfernt, die Macht des Gefühls für eine Täuschung zu halten; er weist ihm vielmehr den ersten Rang in der menschlichen Natur zu; er macht aus dem Gewissen das angeborne Prinzip unserer moralischen Existenz, und das Gefühl des Gerechten und des Ungerechten ist in seiner Ansicht ebenso das ursprüngliche Gesetz des Herzens, wie Raum und Zeit das des Verstandes. Hat der Mensch nicht mit Hilfe des kritischen Nachdenkens den freien Willen geleugnet? Und doch ist er von dem Dasein desselben so überzeugt, daß er zu seinem eigenen Erstaunen Achtung oder Verachtung selbst gegen die Tiere in sich wahrnimmt; so sehr glaubt er an eine freie Wahl des Guten und des Bösen in allen Wesen. Nur unser Gefühl gibt uns Gewißheit von unserer Freiheit, und diese Freiheit ist die Grundlage der Lehre von der Pflicht; denn wenn der Mensch frei ist, so muß er sich selbst Bewegungsgründe schaffen, die die Wirkung der äußerlichen Gegenstände bekämpfen und den Willen von dem Egoismus losreißen. Die Pflicht ist zugleich der Beweis und die Garantie der metaphysischen Unabhängigkeit des Menschen. In den folgenden Kapiteln werden wir Kants Argumente gegen die auf den persönlichen Eigennutz gegründete Moral und die erhabene Theorie untersuchen, die er an die Stelle dieses heuchlerischen Sophisma, oder dieser verkehrten Lehre setzt. Im Hinblick auf die Kritik der reinen Vernunft kann es zweierlei Ansichten geben; gerade weil er selbst das kritische Nachdenken für unzureichend und kontradiktatorisch erkannt hat, mußte er sich darauf gefaßt machen, daß man es gegen ihn richten könnte. Allein, es scheint mir unmöglich, seine Kritik der praktischen Vernunft und die verschiedenen Schriften, deren Gegenstand die Moral ist, nicht mit Hochachtung zu lesen. Kants Moralprinzipien sind nicht bloß streng und rein, wie man sie von der philosophischen Unbeugsamkeit erwarten darf, sondern er versöhnt auch ständig die Evidenz des Herzens mit der des Verstandes und findet ein besonderes Wohlgefallen daran, seine abstrakte Theorie über die Natur der Intelligenz zur Unterstützung der einfachsten und stärksten Gefühle zu benutzen. Ein durch die Sinne erworbenes Gewissen würde von Sinnen erstickt werden können, und man setzt die Würde der Pflicht herab, wenn man sie abhängig macht von äußeren Dingen. Kant kommt also immer wieder darauf zurück, daß das tiefe Gefühl dieser Würde die notwendige Bedingung unseres moralischen Wesens und das Gesetz sei, wodurch dieses existiert. Die Herrschaft der Sinne und die schlechten Handlungen, zu denen sie verführen, können in uns den Begriff des Guten und des Bösen ebensowenig zerstören, wie der Begriff von Raum und Zeit durch die Fehlgriffe verändert wird, die wir uns in der Anwendung zuschulden kommen lassen. In welcher Lage man sich auch befinden möge: es gibt immer eine Gegenwirkung gegen die Umstände, die aus dem Innersten des Gemüts hervorgeht; und man fühlt sehr wohl, daß weder die Gesetze des Verstandes, noch die moralische Freiheit, noch das Gewissen in uns von der Erfahrung herrühren. In seiner Abhandlung über das Erhabene und Schöne, betitelt Kritik der Urteilskraft , wendet Kant dasselbe System, aus dem er für die Sphäre der Intelligenz und des Gefühls so fruchtbare Folgerungen gezogen hat, auf die Freuden der Phantasie an, oder vielmehr, es ist dasselbe Gemüt, das er untersucht, und das sich in den Wissenschaften, in der Moral und den schönen Künsten offenbart. Kant behauptet, daß es in der Poesie und in den Künsten, die, wie jene, die Gefühle durch Bilder zu malen wert sind, zwei Arten von Schönheit gibt, von denen sich die eine auf die Zeit und auf dies Leben, die andere auf das Ewige und Unendliche bezieht. Man sage doch nicht, daß das Unendliche und Ewige unbegreiflich sei; gerade das Endliche und Flüchtige konnte man sich bisweilen versucht fühlen, für einen Traum zu halten; denn der Gedanke entdeckt nirgends das Ziel, und das Nichts kann nicht von dem Sein begriffen werden. Man kann die strengen Wissenschaften selbst nicht ergründen, ohne das Unendliche und Ewige in ihnen anzutreffen; die positivsten Dinge gehören in gewissen Beziehungen ebensosehr zu diesem Unendlichen und diesem Ewigen, als das Gefühl und die Phantasie. Aus dieser Anwendung des Gefühls des Unendlichen auf die schönen, Künste muß das schöne Ideal hervorgehen, d. h. das Schöne, nicht als die Vereinigung und Nachbildung dessen, was in der Natur das Beste ist, sondern als das realisierte Bild dessen, was unser Gemüt sich vorstellt. Die materialistischen Philosophen beurteilen das Schöne nach dem angenehmen Eindruck, den es verursacht, und setzen es folglich in das Gebiet der Sinne. Die spiritualistischen Philosophen, die alles auf die Vernunft beziehen, sehen in dem Schönen das Vollkommene, und finden darin eine Analogie mit dem Nützlichen und dem Guten, das die ersten Grade des Vollkommenen darstellt. Kant hat beide Erklärungsarten verworfen. Bloß als angenehm betrachtet, würde das Schöne in der Sphäre der Sinne liegen und folglich der Verschiedenheit des Geschmacks unterliegen; es könnte nicht jene allgemeine Charakteristik verdienen, die den wahren Charakter der Schönheit bezeichnet. Das Schöne, als Vollkommenheit genommen, würde eine Art von Urteil erfordern, das dem ähnlich wäre, das die Hochachtung begründet. Der Enthusiasmus, den es in sich schließen muß, steht weder mit den Sinnen, noch mit dem Urteil in Verbindung; es ist eine angeborene Anlage, wie das Gefühl der Pflicht und die notwendigen Verstandesbegriffe, und wir erkennen das Schöne, sobald wir es sehen, weil es das äußere Bild des Ideals ist, dessen Typus sich in unserer Intelligenz befindet. Die Verschiedenheit des Geschmacks bezieht sich nur auf das Angenehme; denn die Sinne sind die Quelle dieser Art des Vergnügens. Dagegen müssen alle Menschen das Schöne bewundern, es mag zur Natur oder zu den Künsten gehören; denn sie tragen in ihrem Gemüt die Gefühle göttlichen Ursprungs, die das Schöne weckt. Von der Theorie des Schönen geht Kant zur Theorie des Erhabenen über, und dieser zweite Teil seiner Kritik der Urteilskraft ist noch merkwürdiger, als der erste. Er begreift nämlich das Erhabene in der moralischen Freiheit, im Kampf mit dem Geschick oder mit der Natur. Macht ohne Grenze erschreckt uns; Größe drückt uns zu Boden. Gleichwohl entrinnen wir dem Gefühl unserer physischen Schwäche durch die Stärke des Willens. Die Gewalt des Schicksals und die Unermeßlichkeit der Natur stehen in einem unendlichen Gegensatze zu der jammervollen Abhängigkeit der Kreatur auf Erden. Allein ein Funke himmlischen Feuers in unserem Busen triumphiert über das Universum, weil dieser Funken ausreicht zum Widerstand gegen alles, was die Kräfte der Welt von uns fordern können. Die erste Wirkung des Erhabenen ist, den Menschen niederzudrücken; die zweite, ihn zu erheben. Beim Anblick des Sturms, der die Wellen des Meeres aufwühlt und Himmel und Erde zu bedrohen scheint, überfällt uns zuerst das Entsetzen, selbst wenn keine persönliche Gefahr uns erreichen kann: allein, wenn die Wolken sich türmen, wenn die ganze Wut der Natur losbricht, so fühlt der Mensch eine innere Stärke, die ihn von allein Befürchtungen befreien kann, entweder durch den Willen, oder durch die Ergebung, entweder durch die Ausübung oder durch die Entsagung der moralischen Freiheit; und dieses Bewußtsein seiner selbst belebt ihn von neuem und flößt ihm Mut ein. Erzählt man uns eine großmütige Handlung, sagt man uns, daß Menschen unerhörte Martern gelitten haben, um ihrer Meinung treu zu bleiben, malt man uns dies recht vollständig aus: so verwirrt das Bild der Peinigungen, die sie ausgestanden haben, anfangs unsere Gedanken, aber allmählich gewinnen wir unsere Kräfte wieder, und die Sympathie, die wir für Seelengröße empfinden, läßt uns hoffen, daß auch wir über die elenden Sensationen des Lebens triumphieren können, um wahr und edel und stolz zu bleiben bis ans Ende unserer Tage. Übrigens vermag uns niemand zu definieren, was, sozusagen, den Gipfel unseres Daseins bildet. »Wir sind«, sagt Augustin, »im Hinblick auf uns selbst, viel zu hoch gestellt, um uns zu begreifen«. Der würde sehr arm an Phantasie sein, der da glauben könnte, er sei imstande, die Betrachtung der einfachsten Blume zu erschöpfen. Wie sollte man also dahin gelangen, alles zu kennen, was die Idee des Erhabenen in sich schließt? Gewiß schmeichle ich mir nicht, auf wenigen Seiten Rechenschaft abgelegt zu haben von einem System, das seit zwanzig Jahren alle denkenden Köpfe Deutschlands beschäftigt hat; aber ich glaube darüber genug gesagt zu haben, um den allgemeinen Geist der Kantischen Philosophie anzudeuten und um den Einfluß zu erklären, den sie auf die Literatur, die Wissenschaften und die Moral ausübt. Um die Erfahrungs-Philosophie mit der idealistischen gerecht zu versöhnen, hat Kant nicht die eine der anderen unterworfen; allein er hat beiden einen neuen Grad von Stärke zu geben gewußt. Deutschland war von der dürftigen Lehre bedroht, die in jedem Enthusiasmus eine Verirrung sah und die beruhigenden Gefühle des Lebens mit den Vorurteilen in einen Topf warf. Für Menschen, die zugleich so philosophisch und so poetisch, so empfänglich für Studium und Begeisterung waren, war es eine große Genugtuung, die schönsten Erhebungen des Gemüts durch die Strenge der abstraktesten Untersuchung verteidigt zu sehen. Die Kraft des Geistes kann niemals lang negativ sein, d. h. nicht in dem bestehen, was man nicht glaubt, nicht begreift, und eben deswegen herabwürdigt. Es bedarf einer Philosophie des Glaubens, des Enthusiasmus, einer Philosophie, die durch die Vernunft bekräftigt, was das Gefühl uns offenbart. Kants Gegner haben den Philosophen von Königsberg beschuldigt, er habe die Argumente der alten Idealisten nur wiederholt; sie haben behauptet, seine Lehre sei nur das alte System in einem neuen Gewande. Dieser Vorwurf ist unbegründet. Nicht bloß neue Ideen, sondern selbst ein eigentümlicher Charakter ist in der Lehre Kants enthalten. Obgleich im Wesentlichen dazu bestimmt, die Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts zu widerlegen, ist ihr doch das eine und das andere mit derselben gemeinsam; denn die Natur des Menschen bringt es mit sich, sich dem Geiste seiner Zeit anzupassen, selbst dann, wenn er auf seine Bekämpfung ausgeht. Platons Philosophie ist poetischer, als die Kantische, und Mallebranche's Philosophie ist religiöser; jedoch das große Verdienst des deutschen Philosophen besteht darin, daß er die moralische Würde gehoben hat; dadurch nämlich, daß er allem Schönen des Herzens eine in der Vernunft verankerte Theorie zur Grundlage gegeben hat. Der Gegensatz, den man zwischen Vernunft und Gefühl zu schaffen gesucht hat, führt die Vernunft zum Egoismus, und das Gefühl ebenso notwendig zur Albernheit: aber Kant, der berufen schien, alle großen intellektuellen Bündnisse zu schließen, hat aus dem Gemüt einen Sammelpunkt gemacht, wo alle Kräfte unter sich einig sind. Der polemische Geist von Kants Werken, d. h. der, in dem er die materialistische Philosophie angreift, würde an und für sich ein Meisterstück sein. Diese Philosophie hatte in den Geistern so tiefe Wurzeln geschlagen, und es war aus ihr so viel Irreligion und Egoismus hervorgegangen, daß man allen Grund hatte, diejenigen als Wohltäter ihres Landes zu betrachten, die sie auch nur bestritten und die Gedanken eines Platon, Descartes und Leibniz von neuem belebten: aber die Philosophie der neuen deutschen Schule enthält eine Menge ganz eigentümlicher Ideen; sie ist auf unermeßliche Erkenntnisse gegründet, die sich mit jedem Tage vermehrt haben, und auf eine Methode der Untersuchung, die auf eine ausgezeichnete Weise abstrakt und logisch ist. Denn obgleich Kant die Anwendung dieser Untersuchung auf Wahrheiten, die außerhalb des Kreises der Erfahrung liegen, tadelt: so zeigt er doch in seinen Schriften eine Denkstärke im Fache der Metaphysik, die ihn in diesem Bereich den ersten Denkern gleichsetzt. Man kann nicht leugnen, daß Kants Stil in der Kritik der reinen Vernunft alle die Vorwürfe verdient, die seine Gegner ihm gemacht haben. Er hat sich einer schwierigen Terminologie und des ermüdendsten Neologismus bedient; aber er lebte einsam mit seinen Gedanken und war überzeugt, daß man für neue Ideen neue Wörter brauche, obwohl es für alles Worte gibt. Bei Gegenständen, die durch sich selbst ganz klar sind, nimmt Kant bisweilen eine sehr dunkle Metaphysik zur Führerin, und nur bei den Dunkelheiten des Gedankens schwingt er eine strahlende Fackel, erinnernd an die Israeliten, die des Nachts eine Flammensäule, bei Tag eine Wolkensäule zur Führerin hatten. In Frankreich würde sich niemand bemüht haben, so von Schwierigkeiten strotzende Werke zu studieren, wie Kants Werke sind; aber er hatte es mit geduldigen und ausharrenden Lesern zu tun. Zweifellos war dies kein Grund, sie zu mißbrauchen; vielleicht aber würde er in der Wissenschaft des menschlichen Verstandes nicht so tiefe Forschungen unternommen haben, wenn er auf die Ausdrücke, deren er sich bediente, größeres Gewicht gelegt hätte. Die alten Philosophen haben ihre Lehre immer in zwei wesentlich verschiedene Teile gesondert, nämlich in den, der für die Eingeweihten, und in den, der für das Publikum bestimmt war. Kants Schreibart ist durchaus verschieden, wenn es auf seine Theorie, oder wenn es auf die Anwendung dieser Theorie ankommt. In seinen metaphysischen Abhandlungen benutzt er die Wörter als Chiffren und gibt ihnen einen beliebigen Wert, ohne sich um denjenigen zu bekümmern, den sie durch den Gebrauch haben. Dies ist, dünkt mich, ein großer Irrtum; denn die Aufmerksamkeit des Lesers erschöpft sich im Begreifen des Sprachgebrauchs, ehe er zu den Ideen gelangt, und das Bekannte dient nie zur Stufenleiter, um das Unbekannte zu erfassen. Bei dem allen muß man Kant die Gerechtigkeit widerfahren lassen, die er selbst als Schriftsteller verdient, wenn er seinem wissenschaftlichen Sprachgebrauch entsagt. Spricht er von den Künsten, besonders aber von der Moral, so ist sein Stil beinahe immer vollkommen klar, nachdrücklich und einfach. Wie bewundernswürdig erscheint alsdann seine Lehre! Wie herrlich drückt er das Gefühl des Schönen und die Liebe zur Pflicht aus! Mit welcher Stärke sondert er beides von aller Berechnung des Eigennutzes oder der Nützlichkeit! Wie veredelt er die Handlungen durch ihren Anlaß und nicht durch ihren Erfolg! Kurz, welche moralische Größe versteht er dem Menschen zu geben, er mag ihn an und für sich oder in seinen äußeren Beziehungen erforschen; den Menschen, diesen Verbannten des Himmels, so groß als Verbannter, so elend als Gefangener! Aus Kants Schriften könnte man eine Menge glänzender Ideen über alle Gegenstände entnehmen, und vielleicht liegt es an der Lehre, daß sich scharfsinnige und neue Ansichten nur aus ihr schöpfen lassen; denn der materialistische Gesichtspunkt bietet in keiner Hinsicht noch etwas Anziehendes und Originelles dar. Abgenutzt ist das Stechende des Witzes gegen das Ernste, Edle, Göttliche; und man wird künftig der Menschheit nur dadurch Jugendkraft wiedergeben, daß man durch die Philosophie zur Religion, und durch die Vernunft zum Gefühl zurückkehrt. Andere Deutsche Philosophen Der philosophische Geist kann, seiner Natur nach, nicht in irgendeinem Lande allgemein verbreitet sein. Indes gibt es in Deutschland eine solche Hinneigung zum Grübeln, daß die deutsche Nation in besonders starkem Maß als eine metaphysische Nation betrachtet werden kann. Sie hat einen solchen Überfluß an Menschen, die imstande sind, abstrakte Fragen zu begreifen, daß das Publikum selbst teilnimmt an den Argumenten, die in Erörterungen dieser Art angewandt werden. Jeder Mensch von Verstand hat seine eigene Ansicht über philosophische Fragen. Schriftsteller der zweiten und dritten Ordnung haben in Deutschland noch Kenntnisse, die gründlich genug sind, daß sie anderwärts an die Spitze treten könnten. Die Rivalen hassen sich in diesem Lande, wie in jedem anderen; aber niemand würde in die Schranken zu treten wagen, ohne durch gründliche Studien seine aufrichtige Liebe für die Wissenschaft, die ihn beschäftigt, beurkundet zu haben. Es ist nicht genug, daß man den glücklichen Erfolg liebe; man muß ihn auch verdienen, um nur als Mitstreiter um denselben zugelassen zu werden. Wie nachsichtig die Deutschen auch sein mögen; wenn bloß von dem möglichen Mangel an Form hinsichtlich eines Werkes die Rede ist: so sind sie doch unerbittlich bezüglich des reellen Werts desselben, und wenn sie bemerken, daß im Verstand, im Gemüt, oder in dem Wissen eines Schriftstellers etwas oberflächlich ist, so nehmen sie sogar den französischen Spott an, um das Leichtfertige lächerlich zu machen. Leibnizens Gedanken waren groß; aber seine Schüler, und Wolf an ihrer Spitze, kommentierten sie mit logischen und metaphysischen Formen. Leibniz hatte behauptet, die Begriffe, die uns durch die Sinne zuteil würden, seien verworren und nur diejenigen, die den unmittelbaren Perzeptionen des Gemüts angehörten, allein klar. Unstreitig wollte er dadurch beweisen, daß die unsichtbaren Wahrheiten gewisser sind, und mit unserem moralischen Sein mehr übereinstimmen, als alles, was wir durch das Zeugnis der Sinne in uns aufnehmen. Hieraus zogen Wolf und dessen Schüler die Folgerung, daß alles, was unseren Geist beschäftigen kann, auf abstrakte Ideen zurückgeführt werden müsse. In diesen Idealismus ohne Leben brachte Kant Interesse und Wärme; er gab der Erfahrung ihren gerechten Teil, wie den angeborenen Ideen, und die Kunst, womit er seine Theorie auf alles anwandte, was den Menschen interessiert, ich meine die Moral, die Poesie und die schönen Künste, vermehrte seinen Einfluß. In der Religion war Lessing nicht orthodox. Als Gefühl war das Christentum ihm nicht notwendig; dennoch wußte er es philosophisch zu bewundern. Er begriff seine Verhältnisse zu den menschlichen Herzen, und alle Arten von Ansichten betrachtete er immer aus einem universalen Gesichtspunkte. In seinen Schriften findet man nichts Ausschließendes, nichts Unduldsames. Stellt man sich in den Mittelpunkt der Ideen: so hat man immer Redlichkeit, Tiefe und Umfang; denn das Ungerechte, Eitle und Begrenzte rührt immer von dem Bedürfnis her, alles auf einige partielle Ansichten zu beziehen, die man sich angeeignet hat, und aus denen man einen Gegenstand der Selbstliebe macht. Mit einem schneidenden und positiven Stil drückt Lessing Meinungen voll Wärme aus. Jacobi hat sich als ein Gegner Kants gezeigt; aber er greift die Kantische Philosophie nicht als Verfechter der empirischen Philosophie an. Im Gegenteil macht er dem Königsberger Philosophen den Vorwurf, sich nicht genug auf die Religion zu stützen, die in allen übersinnlichen Wahrheiten als die einzig mögliche Philosophie gedacht werden muß. Man möchte sagen, es käme in unseren Tagen darauf an, über die moralische Natur des Menschen ins Reine zu kommen, und die Rechnung ein für allemal abzuschließen, damit hinterher nicht mehr davon gesprochen zu werden braucht. In der Metaphysik vor allem hat man so entschieden, daß man seit Condillacs Zeiten keinen Schritt vorwärts tun könne, ohne sich zu verirren. Nur den Naturwissenschaften gestattet man noch einige Fortschritte, weil man sie nicht ableugnen kann, jedoch in der philosophischen und literarischen Bahn möchte man den menschlichen Geist zwingen, immer in demselben Zirkel in den Ring der Eitelkeit zu treten. Wahrlich, dadurch vereinfacht man das System des Universums nicht, daß man an jener Erfahrungs-Philosophie klebt, die eine Art von Evidenz gibt, die in dem Prinzip falsch, wenn auch in der Form scheinbar richtig ist. Wenn man alles, was über die Kenntnis der Sinnenberührungen hinausgeht, als nicht vorhanden betrachtet: so ist nichts leichter, als Klarheit in ein System zu bringen, dessen Umkreis die Willkür gezogen hat. Aber ist denn das, was über diese Grenzen hinausreicht, minder vorhanden, weil man es nicht rechnet? Die nicht vollendete Wahrheit der spekulativen Philosophie nähert sich dem Wesen der Dinge unendlich mehr, als jene scheinbare Klarheit, die in der Kunst besteht, gewisse Schwierigkeiten zu beseitigen. Fichte konstruiert das ganze Universum aus der Tätigkeit der Seele. Von ihr rührt alles her, was gedacht, alles, was ersonnen werden kann. Um dieses Systemes willen ist er des Unglaubens bezichtigt worden. Man hörte ihn sagen: in der folgenden Vorlesung wolle er Gott konstruieren, und mit Recht stieß man sich an diesem Ausdruck. Im Grunde wollte er nur sagen, daß er zeigen werde, wie die Idee der Gottheit entstünde und sich in der Seele des Menschen entwickelte. Das Hauptverdienst der Fichteschen Philosophie ist – die unglaubliche Kraft der Aufmerksamkeit, die sie voraussetzt. Denn er begnügt sich nicht damit, alles auf die innere Natur des Menschen zu beziehen – auf das Ich , das die Grundlage aller Dinge ausmacht; sondern er unterscheidet in dem Ich auch noch das Vorübergehende und das Dauerhafte. Die äußere Welt betrachtet Fichte nur als einen Markstein unseres Daseins, auf dem unser Gedanke arbeitet. In seinem System ist dieser Markstein von der Seele selbst geschaffen, deren fortdauernde Tätigkeit sich an dem von ihr gebildeten Gewebe übt. Was Fichte über das metaphysische Ich schreibt, gleicht ein wenig dem Erwachen der Bildsäule Pygmalions, die, indem sie abwechselnd sich selbst und den Stein befühlt, auf dem sie aufgestellt ist, ausruft: das bin ich, das bin ich nicht. Aber, als sie, Pygmalions Hand fassend, ausruft: auch das bin ich! da kommt es schon auf ein Gefühl an, das über den Kreis abstrakter Ideen hinausgeht. Auch vom Gefühl entkleidet, hat der Idealismus den Vorzug, die Tätigkeit des Geistes im höchstem Grade anzuregen; aber Natur und Liebe verlieren durch dies System ihren ganzen Zauber. Denn wenn die Gegenstände, die wir sehen, und die Wesen, die wir lieben, nichts weiter sind als das Werk unserer Ideen: so muß der Mensch selbst als der große Ehelose der Welt betrachtet werden. Anerkennen muß man gleichwohl zwei große Vorzüge der Fichteschen Lehre. Der eine ist seine stoische Moral, die keine Entschuldigung zuläßt; denn da alles vom Ich herrührt, so muß auch dies Ich den Gebrauch verantworten, den es von seinem Willen macht. Der andere ist die Übung des Denkens, die so stark und so fein ist, daß der, welcher dies System begriffen hat, selbst dann, wenn er es nicht zu dem seinigen machen sollte, eine solche Schärfe der Zergliederung erworben haben würde, daß er beide hinterher spielend auf jedes andere Studium anwenden könnte. Was wahrhaft bewundernswert in der deutschen Philosophie ist, besteht in der Erforschung, die sie an uns selbst vollziehen läßt. Sie steigt auf. bis zum Ursprung des Willens, bis zur unbekannten Quelle des Stromes unseres Lebens; und hier, die innersten Geheimnisse des Schmerzes und des Glaubens ergründend, klärt sie uns auf und kräftigt uns. In Deutschland beschränken sich vorzügliche Köpfe selten auf eine Bahn. Goethe macht Entdeckungen in den Wissenschaften, Schelling ist ein vortrefflicher Kenner der Literaturen, Friedrich Schlegel ein Dichter voll Originalität. Man kann vielleicht nicht viele verschiedene Talente in sich vereinigen; aber der Verstandesblick muß alles umfassen. Die neueste deutsche Philosophie ist der Erweiterung des Geistesumfanges notwendig günstiger als jede andere; denn indem sie alles auf den Brennpunkt der Seele bezieht und die Welt selbst von Gesetzen regiert betrachtet, deren Typus in uns ist: so kann und darf sie nicht das Vorurteil zulassen, das jeden Menschen ausschließlich zu dem und dem Zweige der Studien bestimmt. Die idealistischen Philosophen glauben, daß eine Kunst, eine Wissenschaft, irgendein besonderer Teil, nicht begriffen werden kann ohne allgemeine Kenntnisse, und daß von dem geringsten Phänomen bis zum größten nichts gründlich untersucht oder poetisch dargestellt wird ohne jene Höhe des Geistes, die das Ganze überschaut, indem sie das Einzelne beschreibt. Diese Philosophie schafft für alle Arten von Studien einen besonderen Anreiz. Die Entdeckungen, die man in sich selbst macht, sind immer interessant; jedoch, wenn es wahr ist, daß sie uns selbst über die Geheimnisse der nach unserem Bilde geschaffenen Welt Aufschlüsse geben müssen: welche Neugier erregen sie dann nicht! Die Unterhaltung mit deutschen Philosophen, wie die ich genannt habe, erinnert an Platons Gespräche; und wenn man einen von diesen Männern über irgendeinen Gegenstand befragt, so verbreitet er darüber soviel Licht, daß man zum ersten Male zu denken glaubt, wenn denken, wie Spinoza sagt, soviel ist, als sich durch den Verstand mit der Natur identifizieren und mit ihr eins werden. Die Fehler, die man den Deutschen in der Unterhaltung gewöhnlich zum Vorwurf macht – Langsamkeit und Pedanterie – sind den Zöglingen der neuen Schule am wenigsten eigen. Erstrangige Personen haben sich in Deutschland meistenteils nach den guten französischen Manieren gebildet; aber zur Zeit zeigt sich unter den Philosophen, die zugleich Schriftsteller sind, eine Erziehung, die, obgleich in einer ganz anderen Art, sehr geschmackvoll ist. Man betrachtet in ihr die wahre Eleganz als unzertrennlich von der poetischen Einbildungskraft und dem Reiz der schönen Künste und die Höflichkeit als gegründet auf die Kenntnis und Würdigung der Talente und des Verdienstes. Die Philosophie lehrt den Menschen, nicht die Menschen kennen. Die Gewohnheit des Umgangs gibt uns allein Aufschlüsse über das Verhältnis unseres Geistes zu dem Geiste anderer. Erst veranlaßt die Aufrichtigkeit, dann der Stolz ernste und treuherzige Philosophen zum Unwillen gegen die, welche nicht eben so denken und empfinden, wie sie. Gewissenhaft erforschen die Deutschen das Wahre; aber es steckt in ihnen ein glühender Sektengeist für die Lehre, zu der sie sich einmal bekennen. Denn in dem Herzen des Menschen verwandelt sich alles in Leidenschaft. Indessen, trotz der Verschiedenheit in den Meinungen, die in Deutschland mehrere, einander entgegengesetzte Schulen bilden, zielen doch alle darauf ab, die Tätigkeit der Seele zu entwickeln. Auch gibt es kein Land, wo jeder sich selbst höher bringt, wenigstens in Beziehung auf intellektuelle Arbeiten. Literarische Theorie Die neue Philosophie flößt das Bedürfnis ein, sich zu Gedanken und Gefühlen zu erheben, die keine Grenzen haben. Dieser Antrieb kann dem Genie günstig sein; aber er ist auch nur ihm günstig, und oft veranlaßt er den Genielosen zu höchst lächerlichen Aussprüchen. In Frankreich spottet die Mittelmäßigkeit über den Enthusiasmus; in Deutschland verschmäht sie eine gewisse Art von Vernunft. Ein Schriftsteller kann sich nicht genug anstrengen, um deutschen Lesern die Überzeugung beizubringen, daß er nicht oberflächlich sei, und daß er sich vor allen Dingen mit dem Unsterblichen und Ewigen beschäftige. Aber da die Fähigkeiten des Geistes nicht immer so ungemessenen Forderungen entsprechen: so geschieht es nicht selten, daß gigantische Anstrengungen nur zu gewöhnlichen Resultaten führen. Nichtsdestoweniger ist diese allgemeine Anlage des Geistes günstig, und es ist in literarischen Dingen leichter, Grenzen zu setzen, als Nacheiferung zu wecken. Die Deutschen betrachten nicht, wie es in der Regel geschieht, die Nachahmung der Natur als den Hauptgegenstand der Kunst; nur die ideale Schönheit erscheint ihnen als das Prinzip aller Meisterwerke, und ihre poetische Theorie stimmt in dieser Hinsicht vollkommen mit ihrer Philosophie überein. Der Eindruck, den die schönen Künste machen, hat nichts gemein mit dem Vergnügen, das eine gelungene Nachahmung gewährt; der Mensch hat in seiner Seele angeborene Gefühle, die reale Gegenstände nie befriedigen werden, und gerade diesen Gefühlen gibt die Einbildungskraft der Maler und Dichter Gestalt und Leben. Die Musik, diese erste von allen Künsten, was ahmt sie denn nach? Und doch ist sie von allen göttlichen Gaben die köstlichste, denn sie scheint, sozusagen, überflüssig. Die Sonne erleuchtet uns, wir atmen die Luft eines reinen Himmels, alle Schönheiten der Natur dienen auf irgendeine Weise dem Menschen; die Musik allein ist von einer edlen Unnützlichkeit und gerade deshalb bewegt sie uns so tief. Je weiter sie von jedem Zwecke entfernt ist, desto mehr nähert sie sich der verborgensten Quelle unserer Gedanken. Die literarische Theorie der Deutschen unterscheidet sich von allen anderen dadurch, daß sie die Schriftsteller nicht tyrannischen Gebräuchen und Beschränkungen unterwirft. Es ist eine durchaus schöpferische Theorie , eine Philosophie der schönen Künste, die, weit entfernt von allem Zwang, wie Prometheus, das himmlische Feuer zu entwenden sucht, um den Dichtern ein Geschenk damit zu machen. Homer, Dante, Shakespeare – wird man sagen – wußten nichts davon, brauchten sie die Metaphysik, um große Schriftsteller zu werden? Zweifellos hat die Natur die Philosophie nicht erwartet, was eben soviel sagen will, als daß die Tatsache der Beobachtung ihr vorangegangen ist; nachdem wir aber einmal in die Epoche der Theorien geraten sind – müssen wir uns nun nicht wenigstens vor solchen in acht nehmen, die das Talent ersticken können? Bekennen muß man dennoch, daß aus diesen, auf die schönen Künste angewendeten philosophischen Systemen einige wesentliche Nachteile hervorgehen. Die deutschen Leser, die gewohnt sind, Kant, Fichte usw. zu lesen, betrachten einen geringeren Grad von Dunkelheit als die Klarheit selbst, und die Schriftsteller geben den Kunstwerken nicht immer die auffallende Lichthelle, die ihnen notwendig ist. Man kann, man darf sogar eine gleichmäßig angestrengte Aufmerksamkeit fordern, wenn es auf abstrakte Ideen ankommt; aber die Bewegungen des Herzens sind unwillkürlich. Der philosophische Geist kann die Erforschung in Anspruch nehmen, aber das poetische Talent muß mitreißen. Bei dem allen ist es, wie es mir scheint, viel besser für die Literatur eines Landes, daß seine Poetik auf philosophische Ideen, selbst wenn sie ein wenig abstrakt sein sollten, gegründet ist, als auf bloße äußerliche Regeln; denn diese Regeln sind immer nur Leitbänder, um die Kinder am Fallen zu verhindern. Die Nachahmung der Antike hat bei den Deutschen eine ganz andere Richtung genommen als im übrigen Europa. Der gewissenhafte Charakter, von dem sie sich niemals trennen, hat sie dahin geführt, en modernen Genius nicht mit dem antiken zu vermengen; sie behandeln manchmal die Fiktionen als Wahrheit, denn sie finden das Mittel, den Gewissenszweifel einzumischen, sie wenden auch dieselbe Methode auf die genaue und tiefe Kenntnis der Denkmäler an, die uns von längst vergangenen Zeiten übriggeblieben sind. In Deutschland vereinigt das Studium des Altertums, wie das der Wissenschaften und der Philosophie, die geteilten Zweige des menschlichen Geistes. Über die auf persönlichen Eigennutz gegründete Moral Man kann das folgende Kapitel »Über die auf persönlichen Eigennutz gegründete Moral« nicht ohne tiefe Bewunderung lesen. Mit einer niederwerfenden Bündigkeit in den Schlußfolgen, mit einer gefühlvollen Beredsamkeit, die nur sie besitzt, zermalmt hier Frau von Staël die Lehre, die uns die Aufopferung unser selbst im Rahmen unseres eigenen Nutzens auferlegen will; die dem Feinde, dem Egoismus, die Bewachung der belagerten Festung anvertraut, und indem sie die letzte eigennützige Berechnung für die Triebfeder aller Handlungen ausgibt, das Laster ebenso sehr rechtfertigt, wie sie die Tugend herabwürdigt. Vergebens würde man alle Spitzfindigkeiten aufbieten, um ein solches Licht zu verdunkeln; man kann die Lesung dieses Abschnittes nicht genug empfehlen, der allein hinreicht, der Verfasserin einen Rang unter den ersten Moralisten zu sichern. (Frau Necker-Saussure in ihren Erinnerungen an Frau von Staël). * Die französischen Schriftsteller haben vollkommen recht gehabt, wenn sie die auf den Vorteil gegründete Moral als eine Folge derjenigen Metaphysik betrachteten, die alle Ideen den Sinnen-Eindrücken zuschreibt. Denn, wenn in der Seele nichts weiter enthalten ist, als was Sinnen-Eindrücke darin niedergelegt haben: so muß das Angenehme und das Unangenehme die einzige Triebfeder unseres Willens sein. Da der Wunsch der Menschen nach Wohlbefinden der allgemeinste und tätigste von allen ist: so hat man die Moral am besten zu begründen geglaubt, wenn man von ihr sagte: sie bestehe in dem wohlverstandenen persönlichen Vorteil. Diese Idee hat treuherzige Menschen verführt, und andere haben sich vorgenommen, sie zu mißbrauchen, ohne daß es ihnen damit gelungen wäre. Jenen Argumenten, die dem Glück des Lasters und den Unfällen der Tugend entnommen sind, entgeht man dadurch, daß man das Wohlbefinden in die Zufriedenheit des Gewissens setzt; jedoch diese Zufriedenheit gehört einer durchaus religiösen Ordnung an und hat mit dem, was hienieden durch das Wort »Wohlsein« bezeichnet wird, nichts gemein. Aufopferung oder Selbstsucht, Laster oder Tugend, ein gut oder schlecht verstandenes persönliches Interesse nennen, heißt, die Kluft ausfüllen wollen, die den Schuldigen von dem Rechtschaffenen trennt, heißt, die Achtung zerstören, heißt den Unwillen schwächen; denn wenn die Moral nur ein guter Kalkül ist: so darf derjenige, der dagegen sündigt, nur des verbildeten Verstandes beschuldigt werden. Man könnte gegen den einen, weil er gut kalkuliert, nicht das edle Gefühl der Hochachtung, noch gegen den andern, weil er schlecht kalkuliert, eine kräftige Verachtung empfinden. Durch dieses System ist man also zu dem Hauptzweck aller schlechten Menschen gelangt, die das Gerechte und das Ungerechte auf die gleiche Waage bringen, wenigstens das eine wie das andere als eine schlecht gespielte Rolle betrachtet wissen wollen. Unbegreiflich würden in einem solchen System die Gewissensbisse sein. Das Verhalten eines Menschen ist nur dann moralisch, wenn er die glücklichen oder unglücklichen Folgen seiner Handlungen, sobald diese von der Pflicht diktiert sind, für nichts achtet. Bei der Leitung der Angelegenheiten dieser Welt muß man zwar die Verkettung der Ursachen und Wirkungen, der Mittel und des Zwecks, stets vor Augen haben; aber diese Klugheit verhält sich zur Tugend, wie der gesunde Menschenverstand zum Genie: alles, was wahrhaft schön ist, ist eingegeben, so wie alles Uneigennützige religiös ist. Die Berechnung ist der Handarbeiter des Genies, der Diener der Seele; wird sie aber der Herr, dann ist nichts Großes und Edles mehr im Menschen. Als Führer ist die Berechnung im Leben zulässig, aber nie als Triebfeder unserer Handlungen. Sie ist ein gutes Vollziehungsmittel; allein die Quelle des Wollens muß von einer erhabenen Beschaffenheit sein; man muß ein inneres Gefühl in sich tragen, das uns zur Aufopferung unserer persönlichen Vorteile nötigt. Als man den hlg. Vincenz von Paula verhindern wollte, sich den größten Gefahren auszusetzen, um den Unglücklichen beizustehen, antwortete er: »Glaubt ihr, daß ich so niederträchtig bin, mein Leben mir selbst vorzuziehen?« Wenn die Anhänger der auf Eigennutz gegründeten Moral von diesem Eigennutz alles trennen wollen, was das irdische Dasein angeht, dann werden sie mit den religiösesten Menschen einverstanden sein; und selbst dann noch müßte man ihnen die schlechten Ausdrücke, derer sie sich bedienen, zum Vorwurf machen. In der Tat, wird man sagen, es dreht sich hier alles um einen Wortstreit: was wir nützlich nennen, das nennt ihr tugendhaft, aber, wie ihr, sehen wir das wohlverstandene Interesse darin, daß man seine Leidenschaften seinen Pflichten zum Opfer bringt. – Wortstreite sind immer Sachstreite; denn alle aufrichtigen Menschen werden eingestehen, daß sie an dem und dem Worte nur aus Vorliebe für die und die Idee hängen. Wie könnten Worte, die in den ordinärsten Beziehungen gebraucht werden, edle Gefühle erwecken? Wenn man die Wörter: Eigennutz und Nützlichkeit ausspricht, wird man dann in dem Herzen dieselben Gedanken wecken, wie bei einer Beschwörung im Namen der Aufopferung und Tugend? Als Thomas Morus lieber auf dem Schafott sterben, als den Gipfel menschlicher Größe mit Aufopferung eines Gewissensskrupels ersteigen wollte; als er, nach einem einjährigen Aufenthalt im Kerker von Leiden abgeschwächt, sich weigerte, seine Frau und seine Kinder wiederzusehen und sich von neuem den Beschäftigungen des Geistes zu überlassen, die dem Dasein zugleich Ruhe und Tätigkeit gewähren; als die bloße Ehre, diese weltliche Religion, einen alten König von Frankreich in die Kerker von England zurückführte, weil sein Sohn nicht das Versprechen gehalten hatte, dessen Folge seine Freiheit war; als die Christen in den Katakomben lebten, auf das Tageslicht verzichteten, und den Himmel nur in ihrer Seele fühlten: wenn damals jemand gesagt hätte, sie verstünden sich auf ihren Vorteil, um wie viel besser hätte ein gerührter Blick uns enthüllt, was in solchen Menschen erhaben ist! Wahrlich, das Leben ist nicht so unfruchtbar, wie die Selbstsucht es uns gemacht hat. Nicht alles darin ist Klugheit, nicht alles Berechnung; und wenn eine erhabene Handlung alle Kräfte unseres Wesens erschüttert: so denken wir nicht, der sich selbst aufopfernde Mensch habe seinen persönlichen Vorteil gut verstanden. Wir denken vielmehr, er opfere zwar alle seine Freuden, alle Vorzüge dieser Welt, aber ein göttlicher Strahl sei in sein Herz gefallen, um ihm eine Art von Glückseligkeit zu gewähren, die sich zu allem, was wir so zu benennen pflegen, verhält, wie die Unsterblichkeit zum Leben. Und doch gibt man sich nicht ohne Ursache so viel Mühe, die Moral auf den persönlichen Eigennutz zu gründen. Es sieht so aus, als verteidige man nur eine Theorie. Keiner, wie verderbt er auch sein möge, wird behaupten, daß es keiner Moral bedürfe; denn selbst derjenige, der die meiste Entschlossenheit hatte, sich darüber hinwegzusetzen, möchte noch mit Betrogenen zu tun haben, die sie beibehalten. Aber welche Geschicklichkeit, der Moral die Klugheit zur Grundlage gegeben zu halben! Welch ein Übermut ist dem Übergewicht der Macht, der Abfindung mit dem Gewissen und den beweglichen Ratschlägen der Ereignisse an die Hand gegeben! Soll die Berechnung in allem den Vorsitz führen: so müssen die Handlungen der Menschen nach dem Erfolg beurteilt werden, so wird man den, dessen gute Gefühle ein Unglück verursacht haben, tadeln, und den Verkehrten, aber Gewandten, mit Lob überschütten; und da die einzelnen sich untereinander nur als Hindernisse oder als Werkzeuge betrachten: so werden sie sich als Hindernisse hassen und sich nur noch als Werkzeuge schätzen. Das Verbrechen selbst hat mehr Größe, wenn es aus der Unordnung entflammter Leidenschaften herrührt, als wenn es den persönlichen Vorteil zum Ziel hat. Wie kann man doch der Tugend etwas zum Prinzip geben, das selbst das Laster entehren würde! Wetteifer der Empfindsamkeit Die englischen Philosophen haben die Tugend auf das Gefühl, oder vielmehr auf den moralischen Sinn gegründet. Aber dieses System hat nichts zu schaffen mit der sentimentalen Moral, von der hier die Rede ist; eine Moral, deren Benennung und Idee nur in Deutschland anzutreffen ist und nichts Philosophisches in sich schließt. Sie macht nur die Empfindsamkeit zur Pflicht und führt zur Mißachtung derer, die sie nicht haben. Zweifellos ist die Fähigkeit zu lieben der Moral und der Religion sehr nah verwandt; und so ist es möglich, daß unsere Abneigung gegen kalte und harte Gemüter ein erhabener Instinkt ist, der uns vorhersagt, daß Wesen dieser Art, selbst wenn ihr Verhalten achtungswert ist, nur mechanisch und aus Berechnung handeln, ohne daß zwischen ihnen und uns jemals irgendeine Sympathie vorhanden sein könne. In Deutschland nun, wo man alle Eindrücke auf Vorschriften zurückführen will, hat man als unmoralisch betrachtet, was nicht empfindsam und sogar romanhaft war. Werther hatte die exaltierten Gefühle so sehr in Mode gebracht, daß beinahe niemand gewagt hätte, sich trocken und kalt zu zeigen, selbst wenn dies sein natürlicher Charakter gewesen wäre. Daher der erzwungene Enthusiasmus für den Mond, die Wälder, die Fluren und die Einsamkeit; daher die Nervenverstimmungen, die erkünstelten Töne der Stimme, die Blicke, die gesehen sein wollen, und mit einem Wort, die ganze Rüstkammer von Empfindsamkeit, die starke und aufrichtige Seelen verschmähen. Der Schöpfer von Werthers Leiden hat zuerst über diese Affektationen gespottet. Freilich, da es einmal in allen Ländern Lächerlichkeiten geben muß, ist es vielleicht besser, daß sie in einer etwas einfältigen Übertreibung dessen, was gut ist, als in einer eleganten Bevorzugung des Bösen bestehen. Der Wunsch nach glücklichem Erfolg ist unüberwindlich in Männern, er ist es noch mehr in Frauen; und deshalb sind die Ansprüche der Mittelmäßigkeit ein zuverlässiges Kennzeichen des zu gewissen Zeiten und in gewissen Gesellschaften herrschenden Geschmacks. Dieselben Personen, die in Deutschland für empfindsam gelten wollten, würden sich anderwärts leichtsinnig und hochmütig gezeigt haben. Die ungemeine Empfindlichkeit des Charakters der Deutschen ist eine der großen Ursachen der Wichtigkeit, die sie auf die unbedeutendsten Abstufungen des Gefühls legen; und diese Empfindlichkeit steht oft mit der Wahrheit der Erregungen in genauer Verbindung. Es ist nicht schwer, fest zu sein, wenn man nicht gefühlvoll ist; die einzige Eigenschaft, deren es alsdann bedarf, ist der Mut; denn die wohlgeordnete Strenge muß bei sich selbst anfangen. Man tut Unrecht, wenn man die positiven Ideen, die wir vom Guten und vom Bösen haben, auf die Zartheiten der Empfindsamkeit anwendet. Einem Charakter einen Vorwurf daraus machen, daß ihm in dieser Hinsicht etwas fehlt, ist gerade so, als wenn man jemand verklagen wollte, daß er kein Dichter ist. Die natürliche Empfindsamkeit derer, die mehr denken als handeln, kann sie ungerecht machen gegen Personen von einem anderen Schlag. Es bedarf der Phantasie, um zu erraten, welche Leiden das Herz zufügen kann, und die besten Menschen von der Welt sind in dieser Hinsicht oft plump und einfältig; sie gehen über Empfindungen weg, als ob sie über Blumen gingen, sich wundernd, daß sie sie welken lassen. Gibt es nicht Menschen, die den Raphael nicht bewundern, die die Musik ohne Rührung hören, denen der Ozean und die Himmel nur eintönig scheinen? Wie sollten doch sie die Stürme der Seele begreifen? Werden selbst die allergefühlvollsten Charaktere in ihren Hoffnungen nicht mutlos gemacht? Können sie nicht von einer Art innerer Dürre ergriffen werden, als ob die Gottheit sich von ihnen zurückgezogen hätte? Sie bleiben ihren Gefühlen deshalb nicht minder treu; aber es gibt keinen Weihrauch mehr in dem Tempel, keine Musik mehr im Heiligtum, keine Rührung mehr im Herzen. Bisweilen gebietet auch das Unglück, die Stimme des Gefühls in sich zum Schweigen zu bringen; diese Stimme, die, je nachdem sie zum Verhängnis paßt oder nicht paßt, harmonisch oder dissonant ist. Es ist also unmöglich, aus der Empfindsamkeit eine Pflicht zu machen; denn die, welche sie haben, leiden daran genug, um nicht sehr oft das Recht und den Wunsch zu haben, sie zu beschränken. Glühende Nationen sprechen von der Empfindsamkeit nur mit Schrecken; friedliche und sinnige Nationen hingegen glauben sie ohne Furcht empfehlen zu können. Übrigens ist dies ein Gegenstand, über den nie mit voller Wahrheit geschrieben worden ist. Die Frauen machen daraus einen Roman und die Männer eine Geschichte; aber das menschliche Herz ist noch weit davon entfernt, in seinen innigsten Beziehungen ergründet zu sein. Einmal wird vielleicht jemand alles aufrichtig sagen, was er gefühlt hat, und dann wird man darüber erstaunen, daß die meisten Maximen und Beobachtungen irrig sind, und daß im Innern der Seele, die man beschreibt, noch eine unbekannte Seele ist. In der Ehe ist die Empfindsamkeit eine Pflicht. In jedem anderen Verhältnis mag die Tugend ausreichen; jedoch in diesem, wo die Schicksale ineinander verflochten sind, wo ein und derselbe Antrieb sozusagen zwei Herzen schlagen macht, scheint ein tiefes Gefühl beinahe ein notwendiges Band zu sein. Ein Freund, an dessen Seite man leben und sterben soll; ein Freund, dessen sämtliche Angelegenheiten die unsrigen sind, dessen Aussichten ohne Ausnahme (so daß selbst das Grab darin inbegriffen ist) auf uns übergehen: dies ist das Gefühl, das das ganze Schicksal enthält. Es ist wahr, bisweilen werden unsere Kinder, noch öfter unsere Eltern, unsere Gefährten durchs Leben; aber dieser seltene und erhabene Genuß wird von den Gesetzen der Natur bekämpft, während die Verbindung durch die Ehe mit dem ganzen menschlichen Dasein übereinstimmt. Woher kommt es denn, daß diese so heilige Verbindung so oft verunheiligt wird? Ich will den Mut haben, es zu sagen. Von der seltsamen Ungleichheit kommt es, die die Meinung der Gesellschaft in die Pflichten der beiden Gatten hineinträgt; und an diese muß man sich halten. Das Christentum hat die Frauen aus einem Zustande gerissen, der der Sklaverei glich. Da die Gleichheit vor Gott die Grundlage dieser bewundernswürdigen Religion ist: so strebt sie auch dahin, die Gleichheit der Rechte auf Erden beizubehalten; die göttliche Gerechtigkeit, die allein vollkommen ist, gestattet keine Art von Privilegium, am wenigsten das der Stärke. Wie ungerecht ist der Tausch, den sich die Lebensgefährtin nach dem Willen des Mannes gefallen lassen soll! »Ich werde dich«, sagt er, »zwei oder drei Jahre mit Leidenschaft lieben, und nach Verlauf dieser Zeit vernünftig mit dir reden.« (Und was sie Vernunft nennen, ist die Entzauberung des Lebens.) »Ich werde in meinem Hause Kälte und Langeweile gelten lassen; ich werde anderweitig zu gefallen suchen. Aber du, die du in der Regel mehr Einbildungskraft und Empfindsamkeit hast, als ich; du, für die es weder eine Laufbahn, noch Zerstreuung gibt, während die Welt mir von allen Seiten dergleichen darbietet; du, die du nur für mich vorhanden bist, während ich tausend andere Gedanken habe – du sollst dich begnügen mit der untergeordneten, erkalteten und geteilten Zuneigung, die ich für gut befinden werde, dir zuzuwenden, und dabei sollst du alle die Huldigungen verschmähen, die stärkere und zärtlichere Gefühle ausdrücken würden.« Welch ein ungerechter Vertrag! Alle menschlichen Gefühle fehlen ihm. Es existiert ein seltsamer Kontrast zwischen den Formen der Hochachtung, die der Geist des Rittertums in Beziehung auf die Frauen in Europa eingeführt hat, und der tyrannischen Freiheit, die die Männer sich zugesprochen haben. Dieser Kontrast schafft alle Verirrungen der Gefühle: die unerlaubten Zuneigungen, den Meineid, die Verlassenheit, die Verzweiflung. Wenn die Schätze unserer jungen Jahre vergeblich geopfert sind, wenn wir für das Ende unseres Lebens keinen Widerschein der ersten Strahlen mehr hoffen, wenn die Abenddämmerung nichts in sich trägt, was an die Morgenröte erinnert und bleich und farblos ist, wie ein Gespenst, das die Nacht verkündet – dann empört sich unser Herz, dann kommt es uns vor, als seien wir der Gaben Gottes hienieden beraubt worden; und wenn wir noch immer denjenigen lieben, der uns wie eine Sklavin behandelt, weil er uns nicht angehört und doch über uns verfügt: so bemächtigt sich die Verzweiflung aller unserer Fähigkeiten, und das Gewissen selbst verwirrt sich in Kraft des Unglücks. Die Frauen könnten dem Gatten, der ihre Bestimmung leichtsinnig behandelt, die beiden Verse aus einer Fabel zurufen: Ja wohl, ein Spiel für dich; Doch ach! der Tod für mich. Und so lange in diesen Ideen nicht eine Umwälzung entsteht, die die Meinung der Männer über die Beständigkeit der Ehe verändert, wird zwischen den beiden Geschlechtern immer Krieg sein – ein geheimer, ewiger, listiger, meineidiger Krieg, bei welchem die Moral beider leidet. Die Reinheit der Liebe und der Moral ist die erste Glorie des Weibes. Welch ein entwürdigtes Wesen wäre sie ohne die eine und die andere! Allein das allgemeine Glück und die Würde des menschlichen Geschlechts würden nichtsdestoweniger durch die eheliche Treue der Männer gewinnen. Den Frauen wird die Treue durch tausend verschiedene Betrachtungen geboten: sie können die Gefahren und Demütigungen fürchten, die die unvermeidlichen Folgen einer Verirrung sind. Dagegen ist die Stimme des Gewissens die einzige, die sich für den Mann vernehmen läßt: er weiß, welche Leiden er verursacht; er weiß, daß er durch die Unbeständigkeit ein Gefühl zum Welken bringt, das bis zum Tode vorhalten soll. Freuden und Leiden des Lebens Die meisten Weltmenschen geben keinen besseren Rat als der Fuchs; wenn sie gefühlvolle Seelen von den Qualen des Herzens gefoltert sehen: so schlagen sie ihnen immer vor, aus der Luft, wo der Sturm herrscht, in die Leere zu treten, die tötet. Ich kenne eine Stelle des »Messias«, wo der Dichter auf einem entfernten Planeten, dessen Bewohner unsterblich sind, einen Engel vorstellt, der die Nachricht bringt, daß es eine Erde gibt, wo die menschlichen Geschöpfe dem Tode unterworfen sind. Klopstock entwirft ein bewundernswertes Gemälde vom Erstaunen dieser Wesen, denen der Schmerz über den Verlust geliebter Gegenstände unbekannt ist. Würde es elterliche und kindliche Zuneigungen geben, wenn das Dasein der Menschen nicht zugleich dauerhaft und flüchtig, festgehalten vom Gefühl und fortgerissen von der Zeit, wäre? Wenn es in der Welt keinen Verfall gäbe: so würde es auch keine Fortschritte geben. Wie sollte man also Furcht und Hoffnung empfinden? Kurz, in jeder Handlung, in jedem Gefühl, in jedem Gedanken ist ein Teil vom Tod. Und nicht bloß in der Tat, sondern selbst in der Einbildung sind die Freuden und Leiden, die von der Unbeständigkeit des Lebens herrühren, unzertrennlich. Das ganze Dasein besteht in jenen Empfindungen des Vertrauens und der Angst, die die zwischen Himmel und Erde schwebende Seite erfüllen, und das Leben hat keine andere Triebfeder, als das Sterben. Es gibt keinen Zweifel, daß das, was vor zweitausend Jahren in moralischen Dingen wahr war, es auch jetzt ist; seit zwei Jahrtausenden jedoch haben sich die Überlegungen der Niederträchtigkeit und Verderbtheit so vermehrt, daß ein rechtschaffener Philosoph seine Bestrebungen nach diesem traurigen Fortschritt beurteilen muß. Die gewöhnlichen Ideen können nicht gegen die systematische Immoralität kämpfen; man muß den Schacht weitertreiben, wenn die äußeren Adern kostbarer Metalle erschöpft sind. In unseren Tagen hat man die Schwäche so oft mit der Tugend vereinigt gesehen, daß man sich gewöhnt hat zu glauben, in der Immoralität sei Tatkraft. Die deutschen Philosophen – und Dank und Ruhm werde ihnen dafür zuteil! – sind im achtzehnten Jahrhundert die ersten gewesen, die den Verstand zum Glauben, das Genie zur Moral und den Charakter zur Pflicht gemacht haben. Die, welche die Vervollkommnungsfähigkeit des menschlichen Geistes leugnen, behaupten, in allen Dingen lösen Fortschritte und Verfall einander ab, und wie das Glücksrad, ebenso drehe sich auch das Gedankenrad. Welch ein trauriges Schauspiel würden Generationen sein, die sich, wie Sisyphus in der Unterwelt, auf Erden mit ewig unnützen Arbeiten beschäftigten! Und was würde denn die Bestimmung der Menschheit sein, wenn sie der grausamsten Folter gliche, welche die Phantasie der Dichter hat erdenken können! Dem ist jedoch nicht so, und in der Geschichte der Menschheit läßt sich ein Plan wahrnehmen, der immer derselbe bleibt, nie aufgegeben wird, und beständig fortschreitet. Der Kampf zwischen den Angelegenheiten dieser Welt und den erhabenen Gefühlen hat zu allen Zeiten, wie bei Individuen, so bei Nationen fortgedauert. Der Aberglaube verführt oft aufgeklärte Menschen zur Ungläubigkeit, und im Gegenteil wecken bisweilen die Einsichten selbst den Glauben des Herzens. Gegenwärtig flüchten sich die Philosophen in die Religion, um in ihr die Quelle hoher Gedanken und uneigennütziger Gefühle zu finden; in dieser Epoche, von Jahrhunderten vorbereitet, kann das Bündnis zwischen Philosophie und Religion innig und aufrichtig sein. Nicht, wie ehemals, sind die Unwissenden Feinde des Zweifels, die entschlossen wären, alles, was ihre religiösen Hoffnungen und ihre ritterliche Hingebung stören könnte, von sich zu stoßen; die Unwissenden unserer Zeit sind ungläubig, leichtsinnig, oberflächlich; sie wissen, was der Selbstsucht zu wissen nottut, und ihre Unwissenheit erstreckt sich nur auf jene erhabenen Studien, die in der Seele ein Gefühl der Bewunderung für die Natur und die Gottheit entzünden. Die Gewohnheit, sich geistig zu beschäftigen, erweckt ein aufgeklärtes Wohlwollen für Menschen und Dinge. Man klebt alsdann nicht an sich selbst, wie an einem privilegierten Wesen. Weiß man viel über die menschliche Bestimmung, so wird man nicht von jedem Umstände wie von etwas Beispiellosem gereizt; und da die Gerechtigkeit nichts anderes ist, als die Gewohnheit, die Verhältnisse der Wesen untereinander aus einem allgemeinen Gesichtspunkte zu betrachten: so trägt der Umfang des Geistes nicht wenig dazu bei, daß wir uns von persönlichen Berechnungen losmachen. Man hat über seinem Dasein wie über dem Dasein anderer geschwebt, wenn man sich der Betrachtung des Universums hingegeben hat. Und dann bleibt noch etwas sehr Schönes und Moralisches übrig, was Unwissenheit und Leichtfertigkeit nie genießen können; dies ist die Vereinigung aller denkenden Menschen von dem einen Ende Europas bis zum andern . Bisweilen stehen sie in keiner persönlichen Beziehung miteinander; oft sind sie durch große Zwischenräume voneinander getrennt: aber begegnen sie sich, so reicht ein einziges Wort hin, sich zu erkennen. Nicht die oder jene Religion, nicht die eine oder die andere Meinung, nicht die gleiche Art der Studien vereinigt sie; wohl aber die Kultur der Wahrheit . Bald dringen sie, gleich Bergleuten, in die Tiefe der Erde, um im Schoß der ewigen Nacht die Mysterien der verhüllten Welt zu ergründen; bald erheben sie sich zum Gipfel des Chimborasso, um auf dem erhabensten Punkte des Erdballs neue Erscheinungen zu entdecken; bald studieren sie die Sprache des Orients, um darin die Urgeschichte des Menschen zu finden; bald wandern sie nach Jerusalem, um aus heiligen Ruinen einen Funken zu schlagen, der Religion und Poesie belebt. Kurz, das wahre Volk Gottes sind diese Männer, welche nicht an der Menschheit verzweifeln und ihm die Herrschaft des Gedankens bewahren wollen . Die Deutschen verdienen in dieser Hinsicht eine besondere Dankbarkeit. Unwissenheit und Fahrlässigkeit in Hinsicht dessen, was mit der Literatur und den schönen Künsten in Verbindung steht, ist bei ihnen eine Schande, und ihr Beispiel beweist, daß auch in unseren Tagen die Kultur des Geistes Gefühle und Grundsätze bewahrt. Entweder ist alles Zufall in dieser Welt, oder es gibt gar keinen; und wenn es keinen gibt, so besteht das religiöse Gefühl darin, daß wir mit der allgemeinen Ordnung übereinstimmen, trotz des Geistes der Rebellion und der Verheerung, den der Egoismus jedem von uns besonders einflößt. Alle Dogmen und alle Gottesverehrung sind die verschiedenen Formen, die dieses religiöse Gefühl je nach den Zeiten und den Ländern gestaltet hat; es kann durch den Schrecken zerstört werden, wie sehr es auch auf das Vertrauen gegründet ist: aber immer besteht es in der Überzeugung, daß in den Ereignissen kein Zufall ist und daß die einzige Art, wie wir auf das Schicksal einwirken können, in der Arbeit an uns selbst besteht. Die Vernunft regiert deswegen nicht minder in allem, was mit der Führung des Lebens zusammenhängt; aber wenn diese Haushälterin des Daseins dasselbe nach ihrer besten Einsicht geordnet hat, so gehört das Innere unseres Herzens immer der Liebe, und was man Mystizismus nennt, ist diese Liebe in ihrer vollkommensten Reinheit. Die Erhebung des Gemüts zu seinem Schöpfer ist der höchste Gottesdienst der mystischen Christen; aber nie wenden sie sich nach Gott, um die eine oder die andere Glückseligkeit des Lebens zu erhalten. Ein französischer Schriftsteller, der erhabene Ansichten hat, von Saint Martin, hat gesagt: das Gebet sei ein Atemholen des Gemüts . Die Mystiker sind meistens überzeugt, daß es auf dieses Gebet eine Antwort gibt, und daß die große Offenbarung des Christentums sich gewissermaßen in der Seele erneuert, sooft es sich mit Inbrunst zum Himmel erhebt. Glaubt man, daß es keine unmittelbare Mitteilung zwischen dem höchsten Wesen und dem Menschen gibt, so ist das Gebet, sozusagen, ein Selbstgespräch; aber es wird zu einer weit fruchtbareren Handlung, wenn man überzeugt ist, die Gottheit mache sich fühlbar im Inneren unseres Herzens. In Wahrheit, es läßt sich nicht leugnen, daß Bewegungen in uns vorgehen, die von nichts Äußerlichem herrühren, und die uns beruhigen und aufrechterhalten, ohne daß man sie dem gewöhnlichen Zusammenhange der Ereignisse des Lebens zuschreiben könnte. Wir verfügen weder über unsere Geburt, noch über unsern Tod, und Zweidrittel unseres Geschicks werden durch diese beiden Ereignisse bestimmt. Niemand vermag zu ändern, was in seiner Geburt, in seinem Lande, in seinem Jahrhundert ursprünglich gegeben ist. Niemand kann eine Gestalt, niemand einen Geistesreichtum erwerben, die die Natur ihm versagt hat. Und aus wieviel andern gebieterischen Umständen ist das Leben nicht zusammengesetzt! Wenn unser Schicksal aus hundert Losen besteht, so sind neunundneunzig davon nicht in unserer Gewalt; und die ganze Leidenschaft unseres Willens ergießt sich noch über den kleinen schwachen Anteil, der in unserer Gewalt steht. Die Einwirkung des Willens auf diesen schwachen Anteil ist also unvollständig. Die einzige freie Tat des Menschen, die immer zum Ziele gelangt, ist die Erfüllung der Pflicht; der Ausgang aller übrigen Beschlüsse hängt gänzlich von Zufälligkeiten ab, über die die Klugheit selbst nicht herrscht. Die meisten Menschen erhalten nicht, was sie heftig wollen; und die Glückseligkeit selbst, wenn sie ihnen zuteil wird, kommt auf eine unerwartete Weise. In der physischen Ordnung haben Unfälle und Unglück etwas so Schnelles, so Unerbittliches, so Unerwartetes, daß sie an das Wunderbare grenzen; die Krankheit ist wie ein böses Leben, das sich plötzlich des friedlichen Lebens bemächtigt. Die liebenden Gefühle des Herzens machen uns die Barbarei jener Natur, die man uns sanft darstellen möchte, nur allzu fühlbar. Wie viel Gefahren bedrohen nicht ein geliebtes Haupt! Unter wie vielen Gestaltungen verkleidet sich nicht der Tod um uns her. Es gibt keinen schönen Tag, der nicht den Blitz verbirgt, keine Blüte, deren Säfte nicht vergiftet sind; keinen Lufthauch, der nicht eine tödliche Ansteckung mit sich führen könnte; die Natur scheint eine eifersüchtige Liebende zu sein, die bereit ist, die Brust des Menschen zu durchstoßen in dem Augenblick, wo er in ihren Gaben schwelgt. Wie den Zweck aller dieser Erscheinungen begreifen, wenn man sich an die gewöhnliche Verkettung unserer Arten zu urteilen hält? Wie kann man die Tiere betrachten, ohne sich in das Erstaunen zu versenken, das ihr geheimnisvolles Dasein erzeugt? Ein Dichter hat von ihnen gesagt: sie seien die Träume der Natur, deren Erwachen der Mensch sei . Zu welchem Zweck sind sie geschaffen? Was bedeuten diese Blicke, die mit einer dunkeln Wolke bedeckt scheinen, hinter der ein Gedanke hervorbrechen möchte? In welchem Verhältnis stehen sie zu uns? Was hat es auf sich mit dem Teil des Lebens, den sie genießen? Ein Vogel überlebt den Mann von Genie, und ich weiß nicht, welche seltsame Verzweiflung das Herz ergreift, wenn man den Gegenstand seiner Liebe verloren hat, und man den Hauch des Daseins noch ein Insekt beleben sieht, das sich auf eben der Erde bewegt, von der das Edelste verschwunden ist. Die fortdauernde Reihenfolge von Tod und Entstehung, wovon die physische Welt die Schaubühne ist, würde den allerschmerzlichsten Eindruck verursachen, wenn man hierin nicht die Spur der Wiederauferstehung aller Dinge zu sehen glaubte; und diese Art, die Natur zu betrachten, ist der wahrhaft religiöse Gesichtspunkt, aus dem sie betrachtet sein will. Man würde zuletzt vor lauter Mitleid sterben, wenn man sich auf die furchtbare Idee des Unersetzlichen beschränken müßte: kein Tier stirbt, ohne daß man es bedauern könnte, kein Baum sinkt, ohne daß der Gedanke, man werde ihn in seiner Schönheit nicht wiedersehen, in uns nicht ein schmerzliches Gefühl anregte. Selbst die unbelebten Gegenstände tun weh, wenn ihr Verfall zu einer Trennung von ihnen nötigt: das Haus, die Gerätschaften, die Personen, die wir liebten, gedient haben, finden unsere Teilnahme, und diese Gegenstände selbst erregen in uns eine Art von Sympathie, die ganz unabhängig ist von den Erinnerungen, die sie erwecken. Wenn die Zeit nicht die Ewigkeit zum Gegengift hätte, so würde man sich anklammern an jeden Augenblick, um ihn festzuhalten, an jeden Ton, um ihn zu binden, an jeden Blick, um seinen Glanz zu verlängern; und die Genüsse würden nur in dem Augenblick da sein, der nötig ist, um ihr Vorüberrauschen zu fühlen und ihre Spuren mit Tränen zu benetzen, die der Abgrund der Tage ebenso verschlingen würde. Die wahren Endursachen der Natur sind ihre Verhältnisse zu unserer Seele, zu unserem unsterblichen Schicksal. Die physischen Gegenstände selbst haben eine Bestimmung, die sich nicht auf das kurze Dasein des Menschen hienieder beschränkt; sie sind da, um zur Entwickelung unseres Gedankens, zum Werk unseres sittlichen Lebens beizutragen. Die Erscheinungen der Natur sollen nicht bloß nach den Gesetzen der Materie begriffen werden, wie gut kombiniert diese Gesetze auch sein mögen; sie haben einen philosophischen Sinn und einen religiösen Zweck, dessen Umfang selbst die aufmerksamste Betrachtung nie ganz erkennen wird. Vom Enthusiasmus Viele Menschen sind gegen den Enthusiasmus eingenommen; sie vermengen ihn mit dem Fanatismus, und dies ist ein schwerwiegender Irrtum. Der Fanatismus ist eine ausschließliche Leidenschaft, deren Gegenstand eine Meinung ist; der Enthusiasmus schließt sich an die allgemeine Harmonie an; er ist die Liebe zum Schönen, die Erhebung des Gemüts, die Freude an der Aufopferung, vereinigt in einem Gefühl, das zugleich Größe und Ruhe in sich trägt. Die edelste Definition ist der wörtliche Sinn bei den Griechen. Enthusiasmus bedeutet: Gott in uns . Wirklich, wenn die Existenz des Menschen ausgedehnt ist, so hat sie etwas Göttliches. Alles, was uns zur Aufopferung unseres eigenen Wohlbefindens oder unseres Lebens treibt, rührt beinahe immer vom Enthusiasmus her; denn der gerade Weg der egoistischen Vernunft muß sein, sich selbst für das Ziel aller Anstrengungen zu halten, und von dieser Welt kein anderes gut zu schätzen, als Gesundheit, Geld und Macht. Zweifellos reicht das Gewissen aus, um den allerfrostigsten Charakter auf die Bahn der Tugend zu leiten; aber der Enthusiasmus verhält sich zum Gewissen, wie die Ehre zur Pflicht. Es gibt in uns eine Fülle des Gemüts, die man dem, was schön ist, mit Freuden weiht, wenn die Forderungen des Guten erfüllt sind. Genie und Phantasie bedürfen auch einiger Sorge für ihr Glück in dieser Welt; und das Gesetz der Pflicht reicht nicht aus, um alle Wunder des Herzens und des Gedankens zu genießen. Es läßt sich nicht leugnen, daß die Angelegenheiten der Persönlichkeit den Menschen von allen Seiten bedrängen; selbst in dem, was gemein ist, liegt ein gewisser Genuß, für den viele große Empfänglichkeit zeigen, und man findet die Spuren unedler Neigungen oft unter dem Schein der ausgezeichnetsten Manieren wieder. Die größten Talente schützen nicht immer gegen diese unedle Natur, welche ganz leise über das Dasein der Menschen gebietet und sie ihr Glück in Dingen finden läßt, die unter ihrer Würde sind. Nur der Enthusiasmus kann die Neigung zur Selbstsucht aufwiegen, und gerade an diesem Zeichen soll man die unsterblichen Geschöpfe erkennen. Spricht man mit jemand über Dinge, die einer heiligen Achtung würdig sind, so bemerkt man sofort, ob er eine edle Bewegung empfindet, ob sein Herz für erhabene Gesinnungen schlägt, ob er mit dem anderen Leben ein Bündnis geschlossen hat, oder ob er nur das bißchen Verstand besitzt, das zur Leitung des Mechanismus seines Daseins dient. Und was ist denn das menschliche Wesen, wenn man in ihm nichts weiter erkennt, als eine Klugheit, die auf den eigenen Vorteil abzielt? Noch besser ist der Instinkt der Tiere; denn er ist bisweilen großmütig und stolz. Gerade die Berechnung, die das Attribut der Vernunft zu sein scheint, macht zuletzt unfähig zur ersten aller Tugenden, zur Aufopferung. Man beschuldigt oft den aufrichtigen Enthusiasmus dessen, was nur dem affektierten zum Vorwurf gemacht werden kann; je schöner ein Gefühl, desto verhaßter wird die falsche Nachahmung. Das größte Verbrechen ist, sich die Bewunderung der Menschen ungerechterweise zu verschaffen; denn man vertrocknet in ihnen die Quelle der guten Regungen, indem man sie nötigt, darüber zu erröten, daß sie dergleichen empfunden haben. Außerdem ist nichts peinlicher, als die falschen Töne, die aus dem Heiligtum des Gemüts selbst hervorzugehen scheinen. Mag sich die Eitelkeit alles das aneignen, was äußerlich ist; es wird daraus kein anderes Übel entstehen, als das der Anmaßung und des Häßlichen. Wenn sie sich aber herausnimmt, die innigsten Gefühle nachzumachen: so scheint es, als verletze sie den letzten Zufluchtsort, wo man ihr zu entkommen glaubte. Es ist indessen nicht schwer, die Aufrichtigkeit im Enthusiasmus zu erkennen. Dies ist eine so reine Melodie, daß der geringste Mißton ihren ganzen Zauber zerstört; ein Wort, ein Ton, ein Blick drücken die konzentrierte Bewegung aus, die einem ganzen Leben entspricht. Menschen, die man in der Welt streng nennt, haben sehr oft etwas Exaltiertes an sich. Die Kraft, die andere unterwirft, kann nur eine kalte Berechnung sein; die Kraft hingegen, die über sich selbst triumphiert, ist immer durch ein großmütiges Gefühl inspiriert. Wenn man auch nicht das Übermaß des Enthusiasmus zu fürchten hat, so trägt er vielleicht im allgemeinen zur Kontemplation bei, die der Tatkraft schadet. Die Deutschen sind ein Beweis dafür. Keine Nation ist fähiger zu fühlen und zu denken; aber wenn der Augenblick eintritt, wo gehandelt werden muß, so schadet der Umfang der Begriffe der Entschiedenheit des Charakters. Enthusiasmus und Charakter unterscheiden sich stark. Wählen muß man sein Ziel aus Enthusiasmus; darauf losgehen aber aus Charakter. Der Gedanke ist nichts ohne Enthusiasmus; nichts die Handlung ohne Charakter. Für die literarischen Nationen ist der Enthusiasmus alles; der Charakter aber für die handelnden. Freie Nationen bedürfen des einen und des anderen. Die Selbstsucht spricht unaufhörlich und mit Wohlgefallen über die Gefahren des Enthusiasmus, und diese angebliche Furcht ist ein wahres Gespött. Denn wenn die wendigen Leute dieser Welt aufrichtig sein wollten, so würden sie eingestehen, daß ihnen nichts lieber ist, als mit Personen zu tun zu haben, für die so manche Mittel ganz unmöglich sind, und die so gern auf das verzichten, was die meisten Menschen beschäftigt. Diese Stimmung der Seele besitzt bei aller Sanftheit Stärke, und wer sie empfindet, schafft edle Standhaftigkeit. Die Stürme der Leidenschaften schweigen, die Freuden der Eigenliebe welken dahin; nur der Enthusiasmus ist unerschütterlich. Das Gemüt selbst würde unter der Last des physischen Daseins erliegen, wenn nicht etwas Stolzes und Beseeltes das vulgäre Übergewicht der Selbstsucht schwächte. Diese moralische Würde, der nichts beikommen kann, ist in dem Geschenk des Daseins das Bewundernswerteste. Um ihretwillen ist es, selbst unter den herbsten Schmerzen, noch immer schön, gelebt zu haben, wie es schön sein würde zu sterben. Enthusiasmus und Aufklärung Dies Kapitel ist in mancher Hinsicht das Hauptkapitel meines ganzen Werks; denn da der Enthusiasmus die unterscheidende Eigenschaft der deutschen Nation ist, so kann man aus dem Einfluß, den er auf die Aufklärung ausübt, über die Fortschritte des menschlichen Geistes in Deutschland ein Urteil gewinnen. Der Enthusiasmus gibt dem Unsichtbaren Leben, und dem, was nicht unmittelbar auf unser Wohlsein in dieser Welt hinzielt, Interesse. Es gibt also kein Gefühl, das zur Auffindung abstrakter Wahrheiten geeigneter wäre. Auch werden diese in Deutschland mit bemerkenswerter Liebe und Rechtlichkeit kultiviert. Die Philosophen, die der Enthusiasmus begeistert, sind vielleicht von allen die, welche in ihren Arbeiten die meiste Genauigkeit und Geduld zeigen; zu gleicher Zeit die, die am wenigsten glänzen wollen. Um ihrer selbst willen lieben sie die Wissenschaft und rechnen sich für nichts, sobald von der Materie ihrer Verehrung die Rede ist. Die physische Natur verfolgt auf unveränderliche Weise ihre Bahn durch die Zerstörung der Individuen; der Gedanke des Menschen nimmt einen erhabenen Charakter an, wenn er dahin gelangt, sich selbst aus einem universellen Gesichtspunkte zu betrachten. Schweigend dient dann der Mensch den Triumphen der Wahrheit, und die Wahrheit ist wie die Natur: eine Kraft, die nur in fortschreitender und regelmäßiger Entwickelung wirkt. Mit Recht kann man sagen, daß der Enthusiasmus zum System-Geiste führt. Hängt man sehr an seinen Ideen, so möchte man alles an sie anknüpfen; aber im allgemeinen ist es leichter, mit aufrichtigen Meinungen, als mit solchen zu tun zu haben, die von Eitelkeit angenommen wurden. Hätte man in den gesellschaftlichen Verhältnissen immer nur mit dem zu schaffen was die Menschen wirklich denken, so würde man sich leicht verstehen können. Nur das, was sie zu denken vorgeben, führt die Zwietracht herbei. Oft hat man den Enthusiasmus beschuldigt, daß er zum Irrtum führe. Aber ein oberflächliches Interesse betrügt weit mehr; denn zum Eindringen in das Wesen der Dinge bedarf es eines Antriebs, der uns anregt, uns eifrig damit zu beschäftigen. Faßt man außerdem das menschliche Geschick allgemeiner auf, so glaube ich behaupten zu können, daß wir dem Wahren nur durch Erhebung der Seele begegnen. Alles, was darauf hinzielt, uns herabzusetzen, ist Lüge, und, was man auch dagegen sagen möge, nur auf Seiten vulgärer Gesinnung ist der Irrtum. Der Enthusiasmus – ich wiederhole es – hat mit dem Fanatismus nichts gemein und kann nicht, wie dieser, in die Irre führen. Der Enthusiasmus ist duldsam, nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil er dazu führt, daß wir das Anziehende und Schöne in allen Dingen fühlen. Die Vernunft gewährt kein Glück an der Stelle dessen, was sie nimmt; der Enthusiasmus findet in der Träumerei des Herzens und in dem Umfang des Gedankens, was Fanatismus und Leidenschaft in eine einzige Idee oder in einen einzigen Gegenstand einschließen. Durch seine Allgemeinheit ist dies Gefühl dem Gedanken und der Phantasie höchst günstig. Die Gesellschaft entwickelt den Verstand, aber nur die Beschaulichkeit bildet das Genie. Die Eigenliebe ist die Triebfeder der Länder, wo die Gesellschaft herrscht und der Egoismus führt notwendigerweise zu der Spötterei, die allen Enthusiasmus zerstört. Leugnen läßt sich nicht, daß es sehr ergötzlich ist, das Lächerliche zu registrieren und mit Anmut und Fröhlichkeit zu malen. Vielleicht würde man besser daran tun, sich dieses Vergnügen zu versagen; indessen ist diese Art von Spötterei nicht die , deren Folgen am meisten zu fürchten sind: die, welche sich an Ideen und Gefühle hängt, ist die schädlichste von allen; denn sie schleicht sich in die Quelle starker und hochherziger Gesinnungen. Der Mensch übt eine große Herrschaft über den Menschen, und von allen Übeln, die er seinem Nächsten zufügen kann, ist das größte vielleicht, wenn er das Phantom des Lächerlichen zwischen großmütige Bewegungen und die Handlungen stellt, welche jene inspirieren. Die Liebe, das Genie, das Talent, der Schmerz sogar – alle diese heiligen Dinge sind der Ironie ausgesetzt, und es läßt sich nie berechnen, wie weit die Herrschaft der Ironie sich erstrecken kann. In der Bosheit liegt etwas Reizendes; so wie in der Güte etwas Schwaches liegt. Die Bewunderung für das Große kann durch die Spötterei außer Fassung gebracht werden, und wer nichts wichtig nimmt, gerät in den Verdacht, als sei er über alles erhaben. Verteidigt also der Enthusiasmus weder unser Herz noch unseren Geist, so lassen sie sich durch diese Anschwärzung des Schönen einnehmen, welche die Unverschämtheit mit der Fröhlichkeit vereinigt. Der Gesellschaftsgeist ist so geartet, daß man sich bisweilen zum Lachen zwingt, und daß man sich noch weit öfter schämt zu weinen. Woher das? Daher, daß die Eigenliebe sich weit mehr in der Spötterei als in der Rührung gesichert glaubt. Man muß schon sehr auf seinen Geist rechnen, wenn man gegen einen Spott ernsthaft zu bleiben wagen will; es gehört viel Kraft dazu, um Gefühle zu zeigen, die ins Lächerliche gezogen werden können. Fontenelle sagte: »Ich bin achtzig Jahre alt, ich bin Franzose, aber mein ganzes Leben hindurch habe ich nie die unbedeutendste Tugend auf irgendeine Weise lächerlich gemacht.« Fontenelle war kein gefühlvoller Mann, aber er hatte viel Verstand; und sooft man mit irgendeiner Überlegenheit ausgerüstet ist, fühlt man das Bedürfnis des Ernstes in der menschlichen Natur. Nur die Mittelmäßigen möchten, daß der Grund von allem Sand wäre, damit niemand auf Erden eine dauerhaftere Spur zurücklassen möge, als die ihre ist. Bei sich selbst haben die Deutschen nicht mit den Feinden des Enthusiasmus zu kämpfen; und dies ist ein Hindernis weniger für ausgezeichnete Männer. Der Geist wird schärfer im Kampf; aber das Talent bedarf des Vertrauens. Glauben muß man an Bewunderung, an Ruhm, an Unsterblichkeit, um die Eingebung des Genies zu erfahren; und was den Unterschied der Jahrhunderte bildet, ist nicht sowohl die Natur, die immer gleich verschwenderisch mit ihren Gaben ist, als vielmehr die herrschende Meinung in den Zeiten, in denen man lebt. Geht die Tendenz dieser Meinung auf Enthusiasmus, so erheben sich große Männer von allen Seiten; wird hingegen die Mutlosigkeit proklamiert, wie man sonst zu edlen Anstrengungen anregte, so bleibt von der Literatur nichts weiter übrig, als Urteile über Vergangenheit. Die furchtbaren Begebenheiten, deren Zeugen wir gewesen sind, haben die Seelen zugrunde gerichtet, und alles, was Gedanke heißt, ist verwittert und verbleicht neben der Allmacht des Handelns. Die verschiedensten Umstände haben die Geister bestimmt, alle Seiten derselben Fragen zu verteidigen, und das Ergebnis war, daß man nicht mehr an Ideen glaubte, oder daß man sie höchstens als Mittel zum Zweck betrachtet. Die Überzeugung scheint nicht mit ein Zeichen unserer Zeit zu sein, und wenn jemand sagt, er sei der oder der Meinung, so deutet man dies so, als gebe er auf eine zarte Weise an, daß er dies oder das Interesse habe. Die ehrlichsten Menschen schaffen sich dann ein System, das ihre Trägheit in Würde verwandelt; sie sagen, daß man gegen nichts nichts ausrichten kann; sie wiederholen mit dem Einsiedler von Prag im Shakespeare, daß das, was ist, ist , und daß die Theorien keinen Einfluß auf die Welt besitzen. Zuletzt machen sie wahr, was sie sagen; denn mit einer solchen Denkweise kann man nicht auf andere wirken, und wenn der Verstand allein darin bestünde, das Für und Wider von allem zu sehen, so würden die Gegenstände um uns her uns bald so umtanzen, daß es unmöglich wäre, sicheren Schritts auf einem wankenden Boden zu gehen. Man tut zweifellos denjenigen, die von edlen Wünschen erfüllt sind, sehr weh, wenn man ihnen unablässig alle die Argumente entgegenstellt, die selbst die vertrauensvollste Hoffnung verwirren möchten. Indessen der gute Glaube läßt sich nicht ermüden, denn er beschäftigt sich nicht mit dem, was die Dinge scheinen, sondern mit dem, was sie sind. Von welcher Atmosphäre man auch umgeben sei, nie ist ein aufrichtiges Wort verlorengegangen, und wenn es für den glücklichen Erfolg nur einen Tag gibt, so gibt es Jahrhunderte für das Gute, das die Wahrheit wirken kann. Die Einwohner von Mexiko tragen, indem sie die Landstraße entlang gehen, jeder einen kleinen Stein zu der großen Pyramide, die sie mitten in ihrer Gegend errichten. Keiner wird ihr seinen Namen geben; aber alle werden zu diesem Denkmal beigetragen haben, das sie alle überleben soll. Einflüsse des Enthusiasmus auf das Glück Es ist Zeit, von der Glückseligkeit zu reden! Ich habe dies Wort mit großer Besorgnis zurückgehalten, weil man besonders seit einem Jahrhundert die Glückseligkeit in so grobe Freuden, in ein so selbstisches Leben, in so beengte Berechnungen plaziert hat, daß selbst ihr Bild entweiht worden ist. Aber man kann dennoch mit Vertrauen sagen, von allen Gefühlen sei der Enthusiasmus dasjenige, was die meiste Glückseligkeit gewährt, das einzige, das sie wahrhaft gewährt, das einzige, das uns befähigt, das menschliche Geschick in allen Lagen zu ertragen, in die uns das Schicksal versetzen kann. Vergebens will man sich auf materielle Genüsse beschränken; die Seele bricht allenthalben hervor. Stolz, Ehrgeiz, Eigenliebe, dies alles rührt noch von der Seele her, obwohl ein Gifthauch darin weht. Welches jammervolle Dasein, das diejenigen haben, die sich selbst beinahe ebensosehr, wie andere, belügend, alle großmütigen Bewegungen, die in ihrem Herzen aufkeimen, wie eine Krankheit der Einbildungskraft betrachten, die man in der freien Luft zerstreuen muß! Welche armselige Existenz, die so viele andere führen, die sich damit begnügen, nichts Böses zu tun, und die Quelle, aus der alle schönen Handlungen und alle großen Gedanken herstammen, als Narrheit behandeln! Aus Eitelkeit ziehen sie sich in eine träge Mittelmäßigkeit zurück, die sie dem Licht von außen hätten zugänglich machen können; sie verurteilen sich selbst zu jener Eintönigkeit der Ideen, zu einer Kälte des Gefühls, in der die Tage dahinschwinden, ohne Früchte, ohne Fortschritte, ohne Erinnerungen; und wenn die Zeit nicht ihre Züge furchte, welche Spuren würden ihnen von ihrem Vorüberwandeln geblieben sein? Müßte man nicht alt werden und sterben, welcher ernste Gedanke würde jemals durch ihren Kopf gehen? Gewisse Schwätzer sagen, der Enthusiasmus mache das Alltagsleben unschmackhaft; und da man sich nicht immer in dieser Stimmung befinde, so sei es besser, sie niemals kennenzulernen. Wohlan, warum haben sie sich denn gefallen lassen, jung zu sein und selbst zu leben, da dies doch nicht immer dauern kann? Warum haben sie – wofern ihnen jemals dergleichen begegnet sein sollte – geliebt, da der Tod sie trennen konnte von den Gegenständen ihres Wohlwollens? Welche traurige Wirtschaft, die man mit der Seele treibt! Sie ist uns gegeben worden, damit sie entwickelt, vervollkommnet und zu einem edlen Zweck sogar verschwendet wird. Je mehr man das Leben betäubt, je mehr man sich dem nur materiellen Dasein nähert, desto mehr, sagt man, werde die Macht zu leiden vermindert. Dies Argument verführt sehr viele Menschen. Eigentlich besteht die Kunst darin, so wenig als möglich zu leben. Indessen liegt selbst in der Herabsetzung ein Schmerz, über den man sich keine Rechenschaft ablegt und der unablässig im geheimen verfolgt. Die Langeweile, die Scham und selbst die Beschwerde, die er verursacht, werden durch die Eitelkeit in Frechheit und Verachtung verwandelt; aber sehr selten befindet man sich in dieser dürftigen und bornierten Lebensweise wohl, die alle Hilfsquellen abschneidet, wenn wir vom äußeren Glück verlassen werden. Der Mensch hat ein Bewußtsein für das Schöne wie für das Gute, und wenn die Abweichung von dem letztern ihm Gewissensbisse verursacht, so gibt der Verlust des erstem ihm das Gefühl der Leere. Man beschuldigt den Enthusiasmus der Flüchtigkeit. Das Dasein würde freilich allzu viel Glückseligkeit in sich tragen, wenn man so schöne Rührungen festhalten könnte; aber weil sie sich leicht zerstreuen, so muß man sie zu erhalten suchen. Poesie und schöne Künste dienen im Menschen zur Entwickelung dieser Glückseligkeit edlen Ursprunges, die matte Herzen auffrischt und an die Stelle einer unruhigen Lebenssattheit das habituelle Gefühl der göttlichen Harmonie bringt, von der die Natur und wir einen Teil ausmachen. Jede Pflicht, jede Freude, jedes Gefühl erhält von dem Enthusiasmus, ich weiß nicht welchen Schein der Obereinstimmung mit dem reinen Zauber der Wahrheit. Vielen Schriftstellern erscheinen die Arbeiten des Geistes als eine beinahe mechanische Beschäftigung, die ihr Leben ungefähr ebenso ausfüllt, wie jeder andere Beruf es ausfüllen würde; ja, der letztere hat wohl gar in ihren Augen den einen oder den andern Vorzug. Aber haben dergleichen Menschen eine Idee von dem erhabenen Glück des Gedankens, wenn der Enthusiasmus ihn belebt? Wissen sie, von welcher Hoffnung man sich durchdrungen fühlt, wenn man durch die Gabe der Beredsamkeit eine tiefe Wahrheit zu offenbaren glaubt, eine Wahrheit, die ein edles Band zwischen uns und allen den Seelen stiftet, die mit der unsrigen gleich empfinden? Schriftsteller ohne Enthusiasmus kennen auf der literarischen Bahn nur Kritiken, Nebenbuhlereien, Eifersüchtelei, kurz alles, was die Ruhe bedroht, wenn man sich in die Leidenschaften der Menschen mischt. Dergleichen Angriffe und Ungerechtigkeiten tun bisweilen weh; aber wie könnte der wahre innige Genuß des Talents dadurch gestört werden? Wenn ein Buch erscheint – wie viel glückliche Augenblicke hat es dann schon demjenigen gewährt, der es nach seinem Herzen und als eine Handlung seines Gottesdienstes schrieb? Wie viel sanfte Tränen hat er nicht in der Einsamkeit über die Wunder des Lebens vergossen: über die Liebe, den Ruhm, die Religion? Und hat er nicht in seinen Träumereien die Luft genossen, wie der Vogel, die Wellen, wie ein lechzender Jäger, die Blüten, wie ein Liebender, der die Düfte einzusaugen glaubt, von denen seine Geliebte umgeben ist? In der Welt fühlt man sich oft niedergedrückt durch seine Fähigkeiten; man leidet durch den Gedanken, der einzige seiner Gattung unter so vielen zu sein, die so wohlfeil leben. Allein das schöpferische Talent reicht, wenigstens auf Augenblicke, für alle unsere Wünsche aus; es hat seine Reichtümer und seine Kronen; es bietet unseren Blicken die lichten und reinen Bilder der idealen Welt dar, und seine Macht reicht bisweilen so weit, daß es in unserem Herzen die Stimme eines geliebten Gegenstandes zum Erklingen bringt. Glauben diejenigen, die nicht mit einer enthusiastischen Phantasie begabt sind, die Erde zu kennen? Glauben sie gereist zu sein? – Schlägt ihr Herz für das Echo der Berge? Hat die Luft des Südens sie mit ihrer holden Abspannung berauscht? Begreifen sie die Verschiedenheit der Länder, den Akzent und Charakter der fremden Sprachen? Enthüllen ihnen Volksgesänge und Nationaltänze die Sitten und den Genius der Gegend? Reicht eine einzige Sensation hin, um in ihnen eine Menge Erinnerungen zu wecken? Kann die Natur von Menschen ohne Enthusiasmus gefühlt werden? – Haben sie jemals mit ihr von ihren frostigen Angelegenheiten, ihren elenden Wünschen reden können? Was würden Meer und Sterne den kleinlichen Eitelkeiten jenes Menschen für jeden Tag antworten? Aber wenn unsere Seele bewegt ist, wenn sie einen Gott im Universum sucht, wenn sie sogar noch Ruhm und Liebe will – dann sprechen die Wolken zu ihr, dann lassen reißende Wellen sich befragen, und das Gesäusel im Dornenstrauch teilt uns etwas von dem Objekt unserer Liebe mit. Die Menschen ohne Enthusiasmus glauben die Freuden zu fühlen, welche die Künste gewähren. Sie lieben die Eleganz des Luxus; sie wollen Musik und Malerei verstehen, um darüber mit Anmut, mit Geschmack und selbst mit dem Ton der Überlegenheit zu sprechen, die dem Weltmann zukommt, wenn von der Phantasie oder der Natur die Rede ist. Allein was bedeuten alle diese dürftigen Freuden neben dem wahren Enthusiasmus? Betrachtet man den Blick der Niobe, dieses ruhigen und fürchterlichen Schmerzes, der die Götter der Eifersucht über das Glück einer Mutter anzuklagen scheint – welche Bewegung erhebt sich in unserer Brust! Welchen Trost läßt nicht der Anblick der Schönheit empfinden; denn auch Schönheit ist Gemüt, und die Bewunderung, die sie einflößt, ist edel und rein! Bedarf es, um den Apollo zu bewundern, nicht des Gefühls eines Stolzes, der alle Schlangen der Erde unter die Füße tritt? Muß man nicht Christ sein, um die Gesichtsbildung der Jungfrauen Raphaels und des H. Hieronymus von Dominichino zu durchdringen? Um denselben Ausdruck in der bezaubernden Anmut und in einem niedergeschlagenen Gesicht, in der strahlenden Jugend und in den entstellten Zügen wiederzufinden? Denselben Ausdruck, der von der Seele ausgeht und gleich einem himmlischen Strahl die Morgenröte des Lebens und die Finsternisse des vorgeschrittenen Alters durchläuft? Gibt es Musik für die, die des Enthusiasmus unfähig sind? Eine gewisse Gewohnheit macht ihnen die harmonischen Töne notwendig, und sie genießen sie, wie den Saft der Früchte und die Ausschmückung der Farben. Aber erklang ihr ganzes Wesen, wie eine Leier, wenn in der Mitternacht das Schweigen plötzlich durch Gesänge, oder durch jene Instrumente unterbrochen wird, die der menschlichen Stimme gleichen? Haben sie das Geheimnis unseres Daseins empfunden in jener Rührung, die unsere beiden Naturen vereinigt, und die Sinne und das Gemüt in dieselbe Freude verschmilzt? Haben ihre Herzensschläge den Rhythmus der Musik begleitet? Hat eine zaubervolle Bewegung sie jene Tränen gelehrt, die nichts Persönliches haben, die kein Mitleid fordern, wohl aber uns befreien von dem unruhigen Schmerz, den das Bedürfnis, zu bewundern und zu lieben, in uns anregt? Die Freude an Schauspielen ist allgemein; denn die meisten Menschen haben mehr Einbildungskraft, als sie glauben, und was sie als reizendes Vergnügen betrachten, – als eine Art von Schwachheit, die mit der Kindlichkeit in Verbindung steht – ist oft das Beste in ihnen; in Gegenwart der Dichtungen sind sie wahr, natürlich, gerührt, während sie in der Welt von Verstellung, Berechnung und Eitelkeit in Worten, Gefühlen und Handlungen geleitet werden. Aber glauben denn diese Menschen, für die die Darstellung der tiefsten Gefühle nichts weiter ist, als eine belustigende Zerstreuung – glauben denn diese alles, was eine wahrhaft schöne Tragödie einflößt, empfunden zu haben? Haben sie auch nur eine Ahnung von der köstlichen Unruhe, in die Leidenschaften führen, die durch die Poesie geläutert sind? Ach, wie viel Freuden gewähren uns Dichtungen! Sie ziehen uns an, ohne in uns weder Gewissensbisse noch Furcht anzuregen, und die Empfindsamkeit, die sie entwickeln, hat nicht jene schmerzhafte Herbheit, die von allen wahren Empfindungen beinahe unzertrennlich ist! Welche Magie borgt nicht die Sprache der Liebe von der Poesie und den schönen Künsten? Wie schön ist es, mit dem Herzen und mit dem Gedanken zu lieben und so auf tausendfache Art ein Gefühl zu verändern, das sich durch ein Wort ausdrücken läßt, und gegen das alle Worte der Welt doch nur eine Erbärmlichkeit sind! Sie zu durchdringen mit den Meisterstücken der Einbildungskraft, die sämtlich die Liebe loben, und in den Wundern der Natur und des Genies einige Ausdrücke mehr zur Offenbarung des eigenen Herzens zu finden! Was können die Männer empfunden haben, die die Frau, die sie liebten, nicht zugleich bewunderten, deren Gefühl nicht ein Hymnus des Herzens war, für die Anmut und Schönheit nicht das himmlische Bild der rührendsten Zuneigungen waren? Was das Weib, das in dem Gegenstand ihrer Wahl nicht einen überlegenen Beschützer, einen starken und sanften Führer, erkannte, dessen Blick zugleich gebietet und fleht, und der auf seinen Knien das Recht empfängt, über unser Schicksal zu verfügen? Welch unsägliche Entzückungen mischen nicht ernste Gedanken in die allerlebhaftesten Eindrücke! Die Zärtlichkeit des Freundes, dem unser Glück anvertraut ist, soll uns am Rande des Grabes wie in den schönen Tagen der Jugend beseligen; und alles, was das Dasein Feierliches hat, verwandelt sich in köstliche Rührung, wenn die Liebe, wie bei den Vorfahren, die Flamme des Lebens anzuzünden und auszulöschen berufen ist. Wenn der Enthusiasmus die Seele mit Seligkeit berauscht, so stärkt er durch eigentümliche Wunderkraft auch im Unglück; er läßt, ich weiß nicht welche lichte und tiefe Spur zurück, die selbst der Trennung nicht gestattet, uns aus dem Herzen unserer Freunde zu reißen. Uns selbst dient er zum Zufluchtsort gegen die bittersten Leiden, und von allen Gefühlen ist er das einzige, das beruhigt, ohne zu erkälten. Die einfachsten Neigungen, die, welche die Herzen empfinden zu können glauben, die mütterliche Liebe, die kindliche Liebe – kann man sich wohl einbilden, sie in ihrer ganzen Fülle erkannt zu haben, wenn sie ohne einen Zusatz von Enthusiasmus geblieben sind? Wie kann man den Sohn lieben, ohne zu denken, er werde edel und stolz sein, ohne ihm den Ruhm zu wünschen, der sein Leben vervielfältigen, der denselben Namen, den unser Herz wiederholt, von allen Seiten her ertönen lassen wird? Warum sollte man nicht die Talente eines Sohnes, den Zauber einer Tochter, mit Entzücken genießen? Welche auffallende Undankbarkeit gegen die Gottheit würde in der Gleichgültigkeit gegen ihre Gaben liegen! Stammen sie denn nicht vom Himmel, da sie es uns leichter machen, dem von uns geliebten Gegenstande zu gefallen? Und wenn irgendein Unglück unserem Kinde solche Vorzüge raubte, so würde dasselbe Gefühl eine andere Gestalt annehmen; es würde in uns das Mitleid, die Sympathie, das Glück, notwendig zu sein, erhöhen. Unter allen Umständen beseelt und tröstet der Enthusiasmus; und selbst dann, wenn der grausamste Streich uns trifft, wenn wir den verlieren, den uns das Leben gegeben hat, den, den wir als unseren Schutzengel liebten und der uns zugleich Achtung ohne Furcht und ein grenzenloses Vertrauen einflößte – selbst dann kommt uns der Enthusiasmus zu Hilfe; er sammelt in unserer Brust einige Feuer der Seele, die zum Himmel entflohen ist; wir leben in ihrer Gegenwart und nehmen uns vor, einst die Geschichte seines Lebens zu schreiben. Niemals, glauben wir, niemals werde uns seine väterliche Hand ganz in dieser Welt verlassen. Endlich, wenn der große Kampf sich einstellt, wenn nun auch wir mit dem Tode ringen müssen: dann schmerzt ohne Zweifel die Kraftlosigkeit unserer Fähigkeiten, der Verlust unserer Hoffnungen, dies sich verfinsternde, bisher so stark gefühlte Leben, diese Menge von Gefühlen und Ideen, die in unserem Herzen wohnten, und die nun das dunkle Grab umschließen soll, diese Angelegenheiten, die Zuneigungen, diese Existenz, die sich vor ihrem Verschwinden in ein Phantom verändert – alles das, sag' ich, schmerzt, und der gewöhnliche Sterbliche scheint beim letzten Atemzuge weniger zu sterben. Aber Gott sei gelobt für die Hilfe, die er uns auch in diesem Augenblick angedeihen läßt! Unsere Worte werden ungewiß sein, unsere Augen nicht mehr das Licht schauen, unsere Gedanken, sonst in Klarheit verbunden, vereinzelt auf verworrenen Spuren umherirren: aber der Enthusiasmus wird uns nicht verlassen; seine glänzenden Fittiche werden über unserem Sterbebette schweben, er selbst wird uns des Todes Schleier lüften, und uns die Augenblicke zurückrufen, wo wir, voll Lebenskraft, gefühlt haben, daß unser Herz unvergänglich sei, und unsere letzten Seufzer werden vielleicht wie ein edler Gedanke sein, der zum Himmel aufsteigt.