Friedrich Spielhagen Susi Eine Hofgeschichte 1895 Erster Band. Erstes Kapitel. Nach der Meinung der beiden aufwartenden Diener war die Tafel seit mindestens zehn Minuten zu Ende. Friedrich, der das Dessert herumgereicht hatte, stand mit müßigen Händen da; Johann spähte vergebens nach einem leeren Glase und wiegte sich in der Hoffnung, die kaum angeschänkte Flasche Röderer, die er am Henkel hielt, in die Küche retten zu können. »Wir sitzen Ihnen zu lange, gnädige Frau,« flüsterte der Kammerherr von Brenken, der zu Susis Rechten saß. »Ich sehe es Ihnen an.« »Ich mag die Leute nicht, die mir alles ansehen,« antwortete Susi in demselben leisen Ton. »Uebrigens haben Sie diesmal ausnahmsweise recht. Aber Astolf –« »Wenn Sie ihm einen Wink gäben!« »Als ob er auf Winke reagierte! Ich winke schon seit einer Viertelstunde. Und dabei hat er Ihren reizenden Toast noch nicht einmal erwidert!« »Sie beschämen mich, gnädige Frau! Reizenden Toast! Lieber Gott! nicht annähernd, nicht im entferntesten so reizend wie sie, der ich ihn brachte.« Susi errötete bis in die kleinen Ohren. »Sie müssen so nicht reden,« erwiderte sie mit einem Schmollen, das ihr allerliebst stand; »Sie wissen, ich mag das nicht. Aber Astolf ist wirklich unerträglich. Haben Sie einen Bleistift, Herr von Brenken?« Odo griff in die Brusttasche seines Fracks und produzierte ein Visitenkartentäschchen, dessen Silberstift er der Dame reichte. Sie schrieb hastig auf die Rückseite ihrer Tischkarte ein paar Worte und winkte Friedrich herbei. Im nächsten Moment war Friedrich hinter den Stuhl seines Herrn getreten. »Herr Baron –« »Was soll's?« Astolf warf einen Blick auf das Kärtchen, das der Diener neben seinen Dessertteller auf den Tisch gelegt hatte. Er schlug sich vor die Stirn, suchte vergebens die Augen Susis, die bereits wieder mit Brenken sprach, lachte ein kurzes verlegenes Lachen, räusperte sich verstohlen, hob seine große Gestalt vom Stuhl auf, klingte an das Glas und sagte: »Meine Damen und Herren! Sie haben es sich selber zuzuschreiben – insonderheit unsre verehrte Excellenz von Bartenstein zu meiner Rechten und unser liebes Fräulein von Merbach zu meiner Linken – wenn ihm, der das Glück hat, Sie an seiner Tafel zu sehen, eher das Gewissen als die Stunde schlägt; und ihm auch nicht einmal das Gewissen schlagen würde, wäre es ihm nicht durch sie geweckt worden, die ihm der liebe Gott eigens zu dem Zwecke zur Gesellin gab. Hier halte ich in meiner großen Faust ein Kärtchen, auf welchem auf dem Avers: ›Die Wirtin‹ und auf dem Revers von einer zierlichsten, kleinsten, weißesten Hand in kaum entzifferbaren Lettern, die mir trotzdem wie Flammenschrift in die Seele brennen, geschrieben steht: ›Willst du nicht endlich unsre Gäste leben lassen?‹ Meine Damen und Herren, wenn ich es recht bedenke: eine gar nicht aufzuwerfende Frage! Ob ich Sie leben lassen will? Ja, wie arm wäre mein eigen Leben, würde es nicht durch Ihr Mitleben so herrlich bereichert und verschönert? Wahrlich, ich bin nicht undankbar gegen die Segnungen, mit denen der Himmel mich begnadigt hat. Im Gegenteil! ich danke Gott täglich aus vollem Herzen dafür, daß er mich hier sitzen läßt auf einer Scholle, auf der meine Vorfahren schon vor dreihundert Jahren saßen; daß er mir gegen mein Verdienst und Würdigkeit ein solches Weib beschert und unsern Bund mit einem Töchterlein gesegnet hat, dessen ersten, heute wiederkehrenden Geburtstag Sie mit den glücklichen Eltern zu feiern gekommen sind. Dennoch verstehe ich Wallensteins schönes Wort: ›Ueber alles Glück geht doch der Freund, der's fühlend erst erschafft, der's teilend mehrt!‹ Meine Damen und Herren! Ich müßte Sie nun bitten, Ihre Gläser auf Ihr eigenes Wohl zu leeren. Das wäre kein Unglück. Warum sollte man – besonders wenn man ein Deutscher ist – nicht gelegentlich einmal auf seine eigene Gesundheit trinken! Aber ich weiß, mehr Freude macht es Ihnen doch, und fröhlicher werden die Gläser zusammenklingen, wenn ich meine Dankbarkeit gegen die Freunde zusammenfasse in dem Namen dessen, den Freund zu nennen mir die Ehrfurcht verbietet, und der es mir doch in der idealsten Bedeutung des Wortes Zeit meines Lebens gewesen ist. Und der auch heute, wie er selbst die Gnade gehabt hat, mir zu depeschieren, in unsrer Mitte sein würde, hätte er der Einladung an den benachbarten Hof nicht Folge leisten müssen. Meine verehrten Freunde, auf das Wohl seiner Hoheit, unsres gnädigen geliebten Herzogs und Herrn!« Bereits bei den Worten »im Namen dessen« hatte sich die verständnisvolle Gesellschaft von ihren Sitzen erhoben und stimmte nun diskret in das dreimalige Hoch ein, das Astolf mit seiner lauten Stimme in den Saal schmetterte. Er blickte ein wenig verwundert drein, als die Herrschaften nicht wieder Platz nahmen, sondern dem Beispiel der schönen Wirtin folgten, welche den Arm ihres Kavaliers, des Oberhofmarschalls, genommen hatte und von der Tafel zurückgetreten war. »Schade!« sagte Astolf, während er seine Dame aus dem Speisesaal in den Salon führte; »wir saßen noch so nett beisammen!« »Volle anderthalb Stunden, lieber Baron,« erwiderte Excellenz von Bartenstein. »Zu viel für ein so zartes Wesen, wie unsre liebe Susi. Ich habe es ihr angesehen.« Astolf teilte mit einer gewissen Hast rechts und links seine Händedrücke und sein »gesegnete Mahlzeit!« aus. Er hatte es so eilig zu Susi zu kommen. Endlich war er bei ihr und streckte ihr beide Hände weit entgegen: »Gesegnete Mahlzeit, liebste Susi!« »Aber Astolf!« flüsterte Susi errötend. Es hatte wirklich ausgesehen, als ob er sie vor der Gesellschaft umarmen wollte, und sie hatte das satirische Lächeln in den matten, immer halbverschleierten Augen von Brenkens, der nahe dabeistand, wohl bemerkt. »Freilich!« murmelte Astolf, die geliebte Hand, die er nur an den Spitzen der zarten Finger hatte ergreifen dürfen, wieder fallen lassend. Die alte Geschichte! Er war und blieb der plumpe Bär, der in dem Ausdruck seiner Empfindungen nicht Maß zu halten wußte, und damit anstieß, wie mit seinen großen Gliedmaßen, für die er selten den rechten Platz fand. »Ich gratuliere Ihnen zu Ihrem Speech ,« sagte von Brenken herantretend. »Hat er nicht brillant gesprochen, gnädige Frau?« »Spricht er denn jemals anders?« sagte Susi, die großen dunkelblauen Augen, wie in zärtlicher Bewunderung, zu ihrem Gatten erhebend. »O, du – du –« murmelte Astolf. Und nun hätte er wirklich die ungeheure Unschicklichkeit begangen und die holde Gestalt an seine Brust gezogen, wenn in diesem Augenblick nicht Friedrich mit dem Kaffeebrett und Johann mit den Likören auf der Tablette zwischen sie getreten wäre. Die Herrschaften schoben sich, die Tassen in den Händen, plaudernd durcheinander; wie immer war der Herzog das Hauptthema der Unterhaltung. Wie schade, daß er gestern abend zur Jagd hatte fahren müssen! Und er ging immer so ungern an den Nachbarhof, dessen steife Etikette ihm ein Greuel war! Ja, wenn es mit der Etikette gethan wäre! Aber die Geschichten, die da passieren! Jetzt wieder die Affaire mit der Komtesse – Gnädigste, ich schweige ja schon, obgleich ich es aus dem Munde unsres gnädigsten Herrn selber habe! Was ich sagen wollte: Hoheit mußten diesmal hinüber, weil Prinz August drüben ist und, wie die Dinge nun einmal liegen, es in Berlin sehr übel bemerkt wäre, hätte Hoheit sich entschuldigen lassen. – Und wie zartfühlend von ihm, den trip beinahe ohne Gefolge zu machen, bloß mit Breitenbach und Nöda, weil sie nicht zu den Intimen unsrer lieben Wirte gehören und also gewissermaßen bei einem Familienfeste abkömmlich waren. – Ja, Hoheit ist stets die Delikatesse selbst! – Und dann, gnädigste Gräfin, vergessen wir nicht: ein Jugendfreund, wie unser Vachta, hat bei Hoheit noch immer einen Stein im Brette vor uns voraus. – Den Sie ihm doch nicht mißgönnen werden, cher Baron ? – Ums Himmelswillen! den ich so begreiflich, so völlig in der Ordnung finde! – Ach! sieh da! Die Flügelthür nach dem Hausflur hatte sich aufgethan und unter dem Vortritt einer behäbigen Matrone in großer weißer Haube war eine hübsche junge Altenburger Bäuerin erschienen, die in ihren kräftigen nackten Armen eine große Wolke Spitzen trug, in welcher man, wenn man genau zusah, ein kleines blondes Kinderköpfchen entdecken mochte. Die Damen drängten sich herzu: Wie entzückend! – Nein, zu süß! – Der Mama wie aus den Augen geschnitten! Finden Sie nicht? – Ich meine, um das Mündchen herum hat es einen Zug von dem Papa. – Aber keine Spur! »Meine Damen, ich werde Ihnen die Vergleichung erleichtern,« rief Astolf, der Amme die Spitzenwolke abnehmend und sie in seinen eigenen mächtigen Armen triumphierend herumzeigend. »Um Gotteswillen, er wird es doch nicht fallen lassen,« sagte Fräulein Merbach angstvoll zu Susi. »Fürchten Sie sich wirklich nicht?« »Ich fürchte mich nie,« erwiderte Susi lächelnd. »Das ist wahr. So zart Sie sind. Sie haben erstaunlich starke Nerven. Ich muß Sie immer wieder deshalb bewundern.« »Aber Astolf, nun ist es genug!« Susi hatte Frau Poltrok einen Wink gegeben; Frau Poltrok das Baby Astolf, der eben mit ihm in dem Nebenraum verschwinden wollte, abgenommen, es der Amme wieder in die Arme gedrückt und verließ stolz, wie sie gekommen, mit dem ihrer Obhut anvertrauten Schatz den Salon. »Nun haben Sie das Beste versäumt,« sagte Astolf, zu dem Lieutenant von Rörlach und dem Maler Fritz Sommer tretend, die in dem Nebenraume die große Scene verplaudert hatten. »Ich wollte es Ihnen eben bringen, aber die Weiber haben es mir konfisziert – Baby nämlich.« »O, wie schade!« rief der Lieutenant. »Na, dann ein andermal!« sagte Astolf, und sich zu dem Künstler wendend: »Ich habe Sie noch gar nicht gefragt: fleckt's mit Ihrem Porträt von Hoheit?« »Das ist eine ver– eine schwierige Sache,« erwiderte der Maler. »Malen Sie mal jemand, den Sie nicht zum Sitzen kriegen!« »Hoheit ist so viel in Anspruch genommen,« meinte der Lieutenant entschuldigend. »I, er hätte schon Zeit,« sagte der Maler. »Er hat auch im Anfang zweimal wirklich jedesmal eine halbe Stunde ausgehalten. Dann hat er die Sache satt gehabt; und wenn ich ihn jetzt einmal auf zehn Minuten zum Sitzen bringe, kann ich von Glück sagen. Na, acht Tage will ich die Geschichte noch mit ansehen. Dann heißt es: sauve qui peut !« »Der Herzog läßt Sie nicht weg,« sagte der Lieutenant. »So brenne ich durch. In meinem Atelier in Karlsruhe stehen zwei angefangene Bilder, die ich für Wien fertig haben muß. Da beißt kein Mäuslein ein Fädlein ab.« »Haben Sie die Skizze meiner Frau von Lenbach schon gesehen?« fragte Astolf, dem die Wendung, die das Gespräch genommen hatte, peinlich war. »Von Lenbach?« rief Sommer erstaunt, »Der Tausend, wie kommen Sie denn dazu?« »Wir waren auf unsrer Hochzeitsreise in vorvorigem Herbst eine Woche in München, Ich kannte Lenbach von früher. Meine Frau sollte ihm durchaus sitzen.« »Das will ich glauben,« sagte der Maler lächelnd, »Na, lassen Sie doch einmal sehen!« »Darf ich mich anschließen?« fragte, herantretend, Fräulein von Merbach. »Sie kennen es ja bereits. Gnädigste,« »Das kann man nicht oft genug bewundern.« Ein paar andre Gäste hatten sich hinzugesellt. »Ich muß die Herrschaften dann aber die enge Hühnersteige in mein Arbeitszimmer hinaufführen,« sagte Astolf. »Eine große Ehre!« rief der Oberjägermeister von Feuchtleben. – »Sie müssen nämlich wissen, da hat er auch die reizenden Zeichnungen und Skizzen der gnädigen Frau aufgestellt; und die hütet er argwöhnisch vor jedermann, wie ein Drache seine Schätze.« »Das ist ja interessant,« sagte der Maler. »Sie werden anders denken, wenn Sie sie gesehen haben,« sagte Susi, die in der Thür erschienen war. »Was gilt die Wette, gnädige Frau?« »Ich wette nie, wenn ich sicher weiß, daß ich gewinnen muß. Astolf, konntest du unsre Gäste nicht damit verschonen?« »Aber Susi! Nicht wahr, Herr Sommer, Raphaels verlangen Sie von meiner Frau nicht?« »Wer verlangt jetzt noch nach Raphaels?« erwiderte der Maler, spöttisch lächelnd. »Ich hoffe, die gnädige Frau schwört zum plain air ,« »Na, versteht sich,« rief Astolf mit seinem breiten herzlichen Lachen, »Großartig, sage ich Ihnen! Komm doch mit, Susi! Kannst dann gleich hören, was Herr Sommer sagt,« »Ich denke, es ist besser, ich höre es weder gleich, noch später,« erwiderte Susi anmutig lächelnd und hinter der Portiere in dem Salon verschwindend, während Astolf die Gesellschaft in sein Arbeitszimmer hinaufführte, einen großen Kandelaber mit brennenden Kerzen in der Hand für den Fall, daß die Lampen, welche Friedrich auf sein Geheiß oben angezündet hatte, nicht die gebührende Helligkeit verbreiten sollten. Der Salon war ganz verlassen; nur Herr von Brenken lehnte mit übereinander geschlagenen Armen an einem Pfosten der offenen Balkonthür. Susi stellte sich an den andern. Brenken ließ die Arme sinken. »Nun, gnädige Frau, Sie wollen nicht Zeugin Ihres Triumphes sein?« »Der gute Astolf! Einem Kenner, wie Herrn Sommer, meine Stümpereien zu zeigen! Und bei künstlichem Licht sind die Sachen vollends unmöglich.« »Offen gestanden, gnädige Frau, ich ziehe auch das Mondlicht vor, wenigstens in diesem Augenblicke. Sehen Sie, wie träumerisch es da drüben auf dem Hügelrücken liegt! Und wie scharf die schwarzen Silhouetten der Bäume sich von dem hellen Hintergrunde abheben! Und dazu das dumpfe Rauschen des Baches! Es ist göttlich.« »Wissen Sie, Brenken, Sie sind niemals komischer als wenn Sie sentimental werden?« »Niemals komischer? Also bin ich es auch sonst manchmal in Ihren schönen Augen?« »Manchmal?« »Wollen Sie durchaus, daß ich mich hier vom Balkon herabstürze?« »Was hätten Sie davon?« »Freilich, ob ich lebe oder tot bin – für Sie ist es gleichgültig. Und das der Lohn für meine Anbetung!« »Sie haben mir gesagt: alle Männer beteten mich an.« »Die reine Wahrheit!« »Dann können Sie doch aber nicht verlangen, daß die Anbetung eines Einzelnen mir besonders imponiert.« »Es käme vielleicht nur darauf an, wer der betreffende Einzelne ist.« »Sie werden indiskret, lieber Brenken,« »Kann ich gar nicht, gnädige Frau; ich bin die Diskretion selbst.« »Das ist vielleicht zu viel behauptet. Immerhin kann ich Ihnen zugeben. Sie sind diskreter als die meisten. Sie hätten, glaube ich, einen vortrefflichen Ehemann abgegeben.« »Ja, ich habe meinen Beruf kläglich verfehlt. Wie Sie, gnädige Frau, den Ihren, als Sie heirateten.« »Jetzt werden Sie impertinent.« »Gnädige Frau, ich wiederhole nur die Worte, die ich – wann war es doch? richtig, vorgestern abend aus einem erlauchten Munde hörte.« »Und was glauben Sie, daß der erlauchte Mund damit hat sagen wollen?« »Ja, gnädige Frau, da fragen Sie mich zu viel. Vielleicht daß Sie viel, viel zu schön sind, um nicht in den Herzen aller, die in Ihre Nähe kommen, eine wilde Leidenschaft zu entflammen, und so für den einen, den Sie beglückt haben, tausend Unglückliche zu machen.« »Zu denen auch der – eh bien! der Herzog gehört?« »In allererster Linie.« »Und Ihre Diskretion, die ich noch eben rühmte?« »Geheimnisse, die sich selbst verraten, verrät man nicht.« »Herr von Brenken, Sie vergessen – scheinen wenigstens zu vergessen: ich bin eine tugendhafte Frau.« »Mein Gott, Gnädigste, was hat das mit der Tugend zu thun? Schlechterdings gar nichts. Alle Welt weiß, daß Sie Ihren Gemahl lieben, wie er es verdient. Er ist in diesem Reiche der Herr; wir andern alle sind nur Vasallen. Eine Königin muß viele haben, das bringt ihre Würde so mit sich. Wenn sich unter die Schar ein Herzog mischt – warum nicht? Vasall ist und bleibt Vasall.« »Wenn Sie es so nehmen!« »Wie sollte ich anders!« »Und der Herzog es so nimmt!« »Davon bin ich –« Brenken konnte den Satz nicht zu Ende bringen. Friedrich war vom Flur her in den Salon gestürzt gekommen, atemlos rufend: »Hoheit, der Herzog sind eben vorgefahren!« Brenken verfärbte sich; Susi sah mit einem Blick, daß er es nicht gewußt hatte. Auch sie war sehr rot und dann ebenso blaß geworden; aber ihre Stimme klang vollkommen ruhig: »Laufen Sie, Friedrich, und melden Sie es dem Herrn! Und Sie, lieber Brenken, bitte, gehen Sie ihm schnell entgegen und erklären Sie die Situation!« Friedrich und der Kavalier waren nach zwei Seiten davongerannt. Susis erste Bewegung, als sie sich ganz allein fand, war, nach dem Pfeilerspiegel in der Ecke des Salons zu eilen; aber dazu blieb keine Zeit: Brenken mußte dem Herzog bereits auf der Treppe begegnet sein; schon vernahm sie die wohlbekannte, laute, etwas schnarrende Stimme. So trat sie denn nur ein paar Schritte nach der Thür zu, weg von dem Kronleuchter, unter dem sie gestanden hatte: ein grelles Licht, das von oben fällt, wirft immer so häßliche Schatten über das Gesicht. Ihr Busen hob sich einmal hoch unter dem weißen Spitzenkleide. Dann stand sie ruhig da, die großen Augen mit ihrem glänzendsten Blick auf die Thür gerichtet, ein Lächeln auf den erwartungsvoll halbgeöffneten Lippen. So sollte er sie sehen. Zweites Kapitel. Und so sah er sie, als Brenken jetzt die Thür vor ihm aufgerissen hatte. Einen Moment zögerte er auf der Schwelle – ganz unwillkürlich: sie war so zauberhaft schön! tausendmal schöner noch als das Bild von ihr, das ihm seine Phantasie auf dem langen Wege hierher beständig vorgegaukelt! Dann kam er auf sie, die ihm langsam entgegenging, mit raschen Schritten zu, die Hand der sich tief Verbeugenden fast heftig ergreifend und an seine Lippen führend. »Verzeihen Sie, meine gnädigste Frau, daß ich wie Nikodemus in der Nacht komme! C'était plus fort que moi. Wollte Ihnen zu dem schönen Tage doch auch meine persönlichen Glückwünsche unterthänigst darbringen. Nehmen Sie, bitte, freundlich dies für die kleine Alix entgegen! Sie soll es tragen, wenn sie einmal die große Alix ist.« Er hatte bei den letzten Worten ein Etui produziert und geöffnet. Ein wundervolles Brillantkreuz an einem zarten goldnen Kettchen funkelte darin. »Hoheit,« begann Susi, das Etui entgegennehmend; aber der Herzog ließ sie nicht weiter sprechen. »Und diese bescheidene Blume für Sie,« fuhr er fort, eine blaßrosa prächtige Nelke aus dem Knopfloch seines Fracks lösend und ihr überreichend. »Ich habe sie selber drüben aus einem Gewächshaus abgeschnitten und sie den Weg hierher wie meinen Augapfel behütet. Na, und da sind ja denn auch die andern Herrschaften!« Sie hatten es, als Friedrich mit der aufregenden Meldung kam, eilig genug gehabt; aber die enge Treppe war nicht so schnell zu passieren gewesen, und die längere Flucht der Gemächer wollte auch durchschritten sein. Astolf, immer drei Stufen der Treppe auf einmal nehmend, war ihnen auf seinen langen Beinen um ein Beträchtliches vorausgeeilt. Sein gutes Gesicht strahlte vor Glück, als er jetzt auf seinen Herzog zustürzte, der ihm die Hand weit entgegenstreckte. »Nun, mein Alter, gelt, das ist eine Ueberraschung! – Sieh da, unsre verehrte Gräfin! Immer alert! Wahrhaftig, Sie beschämen unsre jungen Damen! – Na, lieber Feuchtleben, ein wahres Glück, daß Sie nicht mit drüben waren. Ein eingelapptes Treiben, wie ich es noch nie gesehen habe: lucus a non lucendo . Prinz August – Sie kennen ihn ja: er pflegt kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Dafür ist er denn heute nach dem Dejeuner abgedampft, anstatt bis morgen zu bleiben. Gott sei Dank, so durfte sich denn meine Wenigkeit auch eklipsieren. Ja, meine Herrschaften, Sie sehen mich hier, wie ich von der Frühstückstafel drüben aufgestanden, in den Extrazug gesprungen bin, aus dem Zug in den Wagen und me voilà – ohne Hexerei – pure Geschwindigkeit, beflügelt durch den Wunsch, unsrer lieben Wirtin persönlich zu sagen, welch herzlichen Anteil ich an ihrem Glücke nehme. Und nun bitte ich die Herrschaften, sich meinetwegen nicht weiter zu derangieren. Ich muß sonst annehmen, daß ich als Störenfried gekommen bin.« Der Herzog machte, sich leicht verneigend, eine Handbewegung gegen die Gesellschaft, die in einem Halbkreise um ihn herumgestanden hatte, und schritt auf den Kamin zu, in welchem – nur der Form wegen, denn der Oktoberabend war fast sommerwarm – ein Feuer aus Fichtenscheiten flackerte. Astolf, der ihm gefolgt war, rückte einen Fauteuil zurecht; Susi hatte Johann, der mit einem Theebrett an der Thür stand, eine Tasse abgenommen, die sie ihm nun darbot: »Danke, danke, meine gnädigste Frau! Unter der Bedingung, daß ich Sie für eine Minute der Gesellschaft entziehen darf, um Ihnen eine Bitte vortragen zu können. Du mußt hier bleiben, Astolf; die Sache geht dich auch an, und sogar sehr. Also hören Sie!« Susi hatte sich neben den Herzog in einen zweiten Fauteuil gesetzt; Astolf stand auf der andern Seite, seine große Gestalt herabbeugend, damit ihm keines von des Herren leise gesprochenen Worten entgehen möchte: »Die Sache ist die: Sie wissen, gnädigste Frau, ich lasse mich für die Herzogin zu ihrem Geburtstage am fünfzehnten nächsten Monats malen. Ganz unter uns: ich bin mit Sommers Bild sehr wenig zufrieden, die Herzogin noch weniger, obgleich ich gerade auf ihren Wunsch den jungen Mann habe kommen lassen. Er kann keine Männerköpfe malen; es gelingen ihm nur weibliche Porträts, – meint jetzt auch die Herzogin. Nun weiß ich, gnädigste Frau, daß sie sich schon lange gerade ein Bild von Ihnen wünscht. Wie wäre es, wenn wir ihr damit ein Geburtstagsgeschenk machten? Ich gebe Ihnen mein Wort: ein lieberes könnte ihr nicht gemacht werden.« Susi hatte mit gesenkten Augen dagesessen; jetzt hob sie die langen seidenen Wimpern und blickte an dem Herzog vorbei zu ihrem Gatten auf. »Nun, Astolf?« sagte der Herzog. »Aber, Hoheit,« murmelte Astolf, »wie könnte ich – wie könnten wir anders als für eine so hohe Gnade dankbar sein. Es ist nur –« »Astolf muß morgen auf vierzehn Tage verreisen,« fiel Susi ein. »Mein Papa hat ihn so dringend gebeten; Astolf hat nur noch Babys Geburtstag abgewartet. Und ich müßte doch wohl währenddessen in der Stadt sein. Und unser Stadthaus –« »Wir wollten erst nach meiner Rückkehr übersiedeln,« sekundierte Astolf. »Und –« »Nun ist guter Rat teuer,« sagte der Herzog lächelnd. »Aber liebe – Verzeihung, gnädige Frau! ich hätte beinahe: liebe Kinder gesagt – die Sache ist doch seltsam einfach. So ist die gnädige Frau währenddessen der werte Gast der Herzogin auf dem Schloß.« »Wenn die Frau Herzogin die Gnade haben wollte,« sagte Susi. »Also abgemacht!« rief der Herzog. »Und Baby?« schwebte auf Astolfs Zunge. Aber Susi hatte sich dieselbe Frage doch gewiß auch eben in dem Moment vorgelegt und, so oder so, eine befriedigende Antwort darauf gefunden. Es war Susis Ressort. Wenn sie fand, daß es sich machen ließ, durfte er doch nichts dagegen haben. Dennoch, leicht war es ihm nicht ums Herz, und da fiel ihm ein, was der Maler vorhin gesagt hatte: er wolle es höchstens nur noch acht Tage mit ansehen. »Wenn ich Herrn Sommer vorhin recht verstanden habe,« begann er, »ist seine Zeit so kurz bemessen, daß er eben nur noch mit dem Porträt von Hoheit fertig zu werden hoffen kann.« »Ei, das wäre!« sagte der Herzog, sich im Fauteuil aufrichtend. »Das wollen mir doch gleich mal in Ordnung bringen. Bitte, Astolf, schicke mir den jungen Mann her! Sie, gnädige Frau, müssen hier bleiben und mir den Durchgänger festhalten helfen.« In dem Moment, als Astolf sich gewandt hatte, Herrn Sommer herbeizuholen, den er in der fernsten Ecke des Salons mit Fräulein von Merbach sprechen sah, neigte sich der Herzog ein wenig zu Susi und flüsterte, während seine glühenden Blicke die holde Gestalt verzehren zu wollen schienen: »Wollen Sie mir wirklich meine Bitte gewähren?« »Von Herzen, Hoheit,« sagte Susi ebenso leise, die Wimpern langsam hebend und seinem Blick standhaltend. »Das ist ein liebes, liebes Wort, für das ich Ihnen tausendmal die kleinen Hände küsse. Ach, gnädige Frau, Sie wissen. Sie ahnen ja gar nicht, wie unsäglich –« Er konnte nicht weiter sprechen, da er die Kommenden unmittelbar hinter sich hörte. Langsam wandte er den Kopf. »Ah, sieh da unser großer Künstler, mit dem ich ein kleines Hühnchen zu pflücken habe! Bitte, lieber Sommer, setzen Sie sich! Und du, lieber Astolf, entschuldige mich noch für einen Augenblick bei deiner Gesellschaft.« Astolf war zurückgetreten, der Herzog wandte sich zu dem Maler, der in einer geringen Entfernung, dem Befehl folgend, auf einem Sessel Platz genommen hatte. »Also, lieber Sommer, ich höre. Sie wollen uns höchstens noch acht Tage schenken.« »Hoheit wissen, wie beschränkt ich in meiner Zeit bin.« »Davon sogleich. Haben Sie Lenbachs Porträt der gnädigen Frau gesehen?« »Es kann sich wohl kaum für ein Porträt ausgeben, Hoheit – eine Skizze, und die man sogar flüchtig nennen möchte, wenn es nicht eben Lenbach wäre, der sie gemacht hat.« »Das heißt?« »Das heißt, Hoheit, daß Lenbach auch in den flüchtigsten Strichen Lenbach bleibt. Er ist offenbar zur größten Eile gezwungen gewesen; sonst –« »Sonst?« »Hätte er sich einen so – sehr dankbaren Vorwurf gewiß nicht entgehen lassen.« Der Herzog blickte Susi an; Susi hatte die Augen niedergeschlagen; um ihre Lippen spielte die Andeutung eines Lächelns. »Gewiß nicht,« sagte der Herzog. »Es wäre eine sträfliche Undankbarkeit gewesen. Und wäre es das nicht für jeden Künstler, dem ein – wie sagten Sie doch? – ein so sehr dankbarer Vorwurf geboten würde?« »Zweifellos, Hoheit. Jeder Künstler würde sich glücklich schätzen.« »Und wenn Sie nun der Glückliche wären?« Die klaren, blauen Augen des Malers fixierten für einen Moment scharf Susi, die auf die Nelke herabblickte, welche sie in ihrem Schöße zwischen den zarten Fingern unbeweglich hielt. Das Licht des Kronleuchters hinter ihr schimmerte durch ihr reiches, leichtgelocktes, goldiges Haar – das schöne Haupt schien mit einer Aureole umgeben. Von dem dunkeln Hintergrunde der Tapetenwand zur Seite setzte sich in halb überschnittenem Profil das blasse Gesicht mit seinen zarten, klassisch reinen Zügen scharf ab, daß es anzusehen war wie die herrlichste griechische Kamee, Sie so zu malen! Gerade so! Der Künstler fühlte, wie sein Herz klopfte und seine Stirn heiß wurde. »Aber ich bin es nicht, Hoheit,« sagte er mit unsicherer Stimme. »Sie sind es!« rief der Herzog. »Die Herzogin wünscht dringend das Porträt der gnädigen Frau von Ihrer Hand. Die gnädige Frau will die Güte haben, Ihnen die nötigen Sitzungen zu gewähren – natürlich in Ihrem Atelier im Schloß, Wann können wir beginnen, gnädige Frau?« »Wenn ich Hoheit, der Frau Herzogin bereits morgen –« »Natürlich, morgen! Je eher, je besser! Also abgemacht! Abgemacht!« Der Herzog hatte sich erhoben, Susi und der Maler waren mit ihm aufgestanden. »Ich hätte nur noch eine Bitte, Hoheit,« sagte der Maler. »Ist im voraus gewährt,« rief der Herzog in dem Ueberschwang seiner glückseligen Stimmung. »Welche ist es?« »Daß ich das Porträt im nächsten Jahre – für dieses ist es zu spät – in München ausstellen darf.« Des Herzogs Augenbrauen zuckten in die Höhe. Das hatte er nicht erwartet! Das geliebte Bild – er sah es bereits in seinem Kabinett hängen – so lange – auf Monate – weggeben zu sollen! Es war eine grenzenlos unverschämte Forderung. Aber er hatte im voraus alles bewilligt! Ein blitzschneller Blick Susis, der ihn, Gewährung bittend, streifte, gab den Ausschlag. »Ich dachte es mir,« sagte er, »Ihr Künstler thut nun einmal nichts um Gottes willen. Und wenn die gnädige Frau nichts dagegen hat – nun gut, ich sehe schon. Sie haben einen Stein bei ihr im Brett. Enfin , wir sind d'accord . Aber, meine gnädige Frau, es ist für mich die höchste Zeit; die Herzogin erwartet mich zum Thee.« Er hatte es nicht so eilig. In der Gesellschaft, die sich wieder zu einem Halbkreis um ihn formiert hatte, waren noch einige Personen mit ein paar gnädigen Worten zu beglücken. Es blieb nicht dabei; einmal im Plaudern, schien er kein Ende finden zu können. Daß der hohe Herr, wenn er wollte, entzückend liebenswürdig war, wußten seine Getreuen, aber in einer so glänzenden Gebelaune hatten sie ihn selten gesehen. Er sagte den älteren Damen die verbindlichsten Dinge, neckte sich wie ein Schulknabe mit den jüngeren; hatte für den Oberhofmarschall die neueste bêtise von dem Hofe drüben; hänselte in liebenswürdigster Weise den Oberjägermeister, der nicht selten das Stichblatt seiner Scherze war; warf dann plötzlich einen Blick nach der Stutzuhr auf dem Kaminsims und rief: »Wahrhaftig, ich muß fort, oder ich bekomme zu Hause die schönsten Schelte. Ich habe der Herzogin vom Bahnhof aus sagen lassen, daß sie mich um neun Uhr erwarten darf. Aber, gnädige Frau, ehe Sie mich los werden, müssen Sie mir noch eine Bitte erfüllen.« Es war das erste Mal, seitdem er den Platz am Kamin verlassen, daß er sich wieder zu Susi wandte. »Hoheit befehlen?« sagte Susi. »Sehen Sie, gnädige Frau, ich habe gestern und heute drüben so viel trockenste Prosa schlucken müssen. Begnadigen Sie mich mit einem Stückchen Poesie! Singen Sie mir ein kleines Lied! Irgend eines! Von – ja, das wäre herrlich: von Brahms: ›Wie bist du meine Königin‹. Ich weiß, Sie haben es auf Ihrem Repertoir.« Susi verneigte sich und schritt auf den Flügel zu, den dienstfertige Hände bereits geöffnet. Noch ein paar Momente, bis die Lichter angezündet waren und Fräulein von Merbach mit raschem Auge das betreffende Heft in dem Notenpult entdeckt hatte. Der Herzog stand in der Nähe des Flügels am Kamin, den einen Ellbogen auf den Sims stützend, die Gesellschaft in gemessener Entfernung schicklich gruppiert. Susi hatte ein paar leise präludierende Takte angeschlagen, die in das Vorspiel des Liedes übergingen. Dann erhob sie ihre Stimme. Astolf hatte, als der Herzog sie zum Singen aufforderte, das Herz geklopft. Susi war den ganzen Tag etwas nervös gewesen und die Gesellschaft, die nun schon seit vier Uhr währte, mußte sie ja entsetzlich angegriffen haben. Sie würde sicher nicht gut singen! Und nun gar das schwierige Lied! Wenn es noch eines der Müllerlieder gewesen wäre! Astolf war ordentlich böse auf den Herzog. Er hatte sich umsonst geängstigt; nie hatte Susi besser gesungen. Ihre Stimme war nicht groß, aber was wußte sie aus ihr zu machen! Astolf schwamm in Entzücken. Ja, das konnte nur Susi! seine Susi! Der letzte Ton war verklungen. Astolfs Blick schweifte stolz über die Gesellschaft und blieb an dem Herzog haften. Der stand noch immer unbeweglich, mit gesenkten Augen, einem Träumenden gleich. Plötzlich ging ein Zucken durch seinen Körper; er hob den Kopf; starrte in die Gesellschaft, als müsse er sich erst wieder besinnen, wo er sich befand. Doch das war nur für einen Moment. Seine Miene hatte den gewohnten Ausdruck zurückgewonnen; er ließ den Arm vom Kamin sinken und trat raschen Schrittes auf Susi zu, die sich vom Sessel am Flügel erhoben hatte. »Verzeihung, gnädige Frau, wenn mir das banale nicht von den Lippen wollte! Ich gehöre zu den Menschen, die eine tiefe Erregung stumm macht. Sie haben mir eine wahre Wohlthat erwiesen.« Er hatte Susi die Hand geküßt und sich halb zur Gesellschaft gewandt: »Meine Damen und Herren, lassen Sie sich durch mein Verschwinden nicht stören, aber nehmen Sie auch die Kraft unsrer liebenswürdigen Wirtin nicht zu lange in Anspruch! Meine gnädige Frau, Sie zürnen mir nicht, wenn ich Ihnen den Brenken entführe! Damit ich auf der Rückfahrt doch auch eine Ansprache habe, wie mein verstorbener Freund Berthold Auerbach zu sagen pflegte. Unser guter Wirt läßt es sich ja doch nicht nehmen, mich hinabzubegleiten.« Eine leichte Verbeugung, in die sich alle teilen mochten, ein gnädiges Nicken des Kopfes, das Susi mit etikettemäßigem Knix beantwortete, und der Herzog war, begleitet von Astolf und Brenken, verschwunden. Vielstimmige und doch einhellige Bewunderung der Gesellschaft tönte ihm nach. Wie gnädig war er heute wieder gewesen! Und wie witzig! wie geistvoll! Und diese zarte Aufmerksamkeit! direkt von der Bahn! ohne auch nur am Schlosse vorzufahren! – Das kann er auch nur seinen erklärten Günstlingen gewähren! – Die seine Gnade freilich so vollauf verdienen! – Aber, Beste, wie haben Sie auch gesungen! – Magnifique! – Wir durften ja leider, da er schwieg, unsrer Bewunderung keinen Ausdruck geben! – Aber nun zeigen Sie uns das Cadeau für Alix, von dem Sie vorhin sprachen! – Nein, wie prächtig! – Und wie geschmackvoll! – Das muß er eigens von Paris haben kommen lassen! Selbst in Berlin findet man dergleichen nicht! – Drittes Kapitel. Wenn der Herzog Herrn von Brenken mitgenommen hatte, um eine Ansprache zu haben, so machte er vorläufig von der Gelegenheit keinen Gebrauch. Er saß in seiner Ecke des Coupés zurückgelehnt, von Zeit zu Zeit den Rauch der Cigarette, die er sich von Brenken hatte geben lassen, in einer dicken Wolke durch das offene Fenster blasend. Die herbstliche Nacht war zauberschön. Auf den bewaldeten Berghügeln zur Rechten träumte das Mondlicht, auf den Wiesen zur Linken, durch die der Bach von Schloß Bachta her seinen Lauf in die Ebene nahm, wallten leichte Nebelschleier. Der Herzog sah es und sah es auch wieder nicht. Vor seinen Augen stand die entzückende kleine blasse Frau mit dem goldenen Haar und den großen blauen Augen; in seinem Ohre klang die süße, weiche Stimme, und wieder und wieder ließ er die Melodie durch seine Seele ziehen und mit der Melodie die Worte: »Wie bist du, meine Königin, in deiner Güte wonnevoll«. Ja, wonnevoll, daß Worte es nicht aussprechen konnten! Wonnevoll, daß es alles Maß überstieg! daß er verrückt werden mußte, wenn er nicht bald seine Lippen auf die holden, weichen Lippen pressen durfte! Und da saß der Tropf von Brenken neben ihm, stumm wie ein Fisch, und wartete natürlich, bis er ihm Erlaubnis zum Sprechen gegeben haben würde! Als ob er ihn nicht mitgenommen hätte, damit er von ihr sprechen könnte! Brenken wußte das sehr wohl; aber er war ausnahmsweise nicht in der Laune, dem Herrn gewärtig zu sein. Die Sache hatte eine Wendung genommen, die ihm aus mehr als einem Grunde äußerst mißfiel. Das konnte eine gefährliche Geschichte werden. Er wollte nichts mehr damit zu thun haben. Wenn der Herzog, wie es schien, ohne ihn zum Ziel kommen zu können hoffte – nun wohl, so mochte er sehen, wie er allein fertig würde. Und das mit dem Diamantkreuz war wirklich ärgerlich. Aber einen andern durch seine Etourderieen in die grausamste Verlegenheit setzen – das sah dem gnädigen Herrn ähnlich! So hatten sie schweigend die Strecke Kommunalweg zurückgelegt und bogen in die Chaussee ein. Der Herzog richtete sich plötzlich aus seiner Ecke auf, schleuderte den Cigarettenrest hinaus und sagte in einem ärgerlichen Ton: »Verzeihung, lieber Brenken! Glauben Sie, daß ich Sie mitgenommen habe, damit Sie schweigsam Mondscheinstudien machen sollen?« »Ich hätte schon längst gesprochen, Hoheit,« erwiderte Brenken; »ich wußte nur nicht, ob, was ich etwa sagen möchte, Hoheit in der Stimmung, in der Sie sich befinden, gefallen würde.« »In der Stimmung, in der ich mich befinde! Was wissen Sie von meiner Stimmung?« »Mit Hoheit gnädigster Erlaubnis, ich müßte heute abend taub und blind gewesen sein, und Hoheit hätten mich nie mit Ihrem Vertrauen beehrt haben müssen, wenn ich nicht wenigstens ahnen sollte, was in Hoheits Seele in dieser Stunde vorgeht.« »Schön! Also was geht in meiner Seele vor?« »Hoheit setzen mich in bitterste Verlegenheit. Es ist so peinlich, einen gütigen Herrn kränken zu sollen; und ich bin überzeugt, es wird Hoheit kränken, wenn ich meine ehrliche Antwort sage.« »So sagen Sie sie immerhin in Kuckucks Namen!« »Hoheit wissen, daß an Ihrem Hofe – wie an jedem andern – die Gunstbezeigungen des gebietenden Herrn von den schärfsten Augen überwacht und auf den feinsten Wagschalen gewogen werden. Ich fürchte, man wird die eben den Vachtaschen Herrschaften bewiesene Gnade zu – zu –« »Extravagant?« »Da Hoheit es selber sagen! Bedenken Hoheit nur! Daß Prinz August heute vormittag nach dem Frühstück die Rückfahrt antreten würde, stand programmmäßig fest; dennoch hatten Hoheit Ihre Anwesenheit drüben auf zwei Tage zugesagt. Jetzt gehört kein besonderer Scharfsinn dazu, herauszufinden, warum und wem zu liebe Hoheit den Besuch abgebrochen haben.« »Mein Gott, habe ich denn nicht wie jeder Privatmann das Recht, mich aus einer Gesellschaft zu eklipsieren, in der ich mich langweile?« »Gewiß, Hoheit! Nur vielleicht nicht, aus der langweiligen Gesellschaft, so schnell Eisenbahn und ein Paar Rassepferde es möglich machen, in eine andre zu eilen, in der Hoheit sicher sind, sich nicht zu langweilen. Wenigstens dürfen Hoheit dann nicht erwarten, daß der Kausalnexus den Wißbegierigen verborgen bleibt. Sodann – aber ich weiß nicht, ob Hoheit mir erlauben, weiterzusprechen.« »Ich bitte darum!« »Sodann: diese ganz neue Idee, Frau von Vachta malen lassen zu wollen.« »Das ist keine neue Idee. Die Herzogin redet davon schon, solange der Sommer im Schloß ist.« »Hoheit äußerten noch vorgestern abend in Gegenwart Ihrer Hoheit Ihre höchste Unzufriedenheit mit Herrn Sommers Leistungen.« »Bitte sehr! Ich habe nur gesagt, daß er keine Männerköpfe malen könne. Mit seinen Frauenporträts steht es ganz anders. Im Karlsruher Schloß sind drei von ihm – eines immer brillanter als das andre. Die Herzogin selbst ließe sich unbedingt malen, wenn ihr Zustand es erlaubte. Aber wenn der Mann auch gar nichts könnte –« »So wäre doch Hoheits Wunsch und Absicht, Frau von Vachta auf ein paar Wochen in Ihrer unmittelbaren Nähe zu haben, immer erreicht. Verzeihen, Hoheit, das kühne Wort! Aber ich fürchte, man wird diese Absicht merken.« »Mag man sie merken!« »Dann habe ich freilich nichts mehr zu sagen.« Eine peinliche Pause in dem Gespräch entstand. Der Herzog war wütend. Wäre ihm in diesem Augenblick Brenkens Todesurteil vorgelegt worden, mit einem Federzuge hätte er es unterschrieben. Die Frechheit des Menschen überstieg ja jedes Maß! Dieses Menschen, den er erst vor acht Tagen aus den Händen seiner Gläubiger gerettet hatte! Dieses Baurien, der ohne ihn auf dem Pflaster lag? Aber welche Blöße mußte er sich gegeben haben, daß der Mensch es wagen durfte, so frech zu sein! Die Einladung! Nun, Vachta schien damit einverstanden, und ganz gewiß war es die kleine Frau selbst. Aber die Herzogin! Sie wußte von nichts; ahnte nichts; es würde ihr doch am Ende überraschend kommen. Und der Mensch da neben ihm war ihre rechte Hand; hatte so großen Einfluß auf sie! Ein Wort von ihm, so oder so gestellt, konnte Amalien verstimmen, stutzig machen oder sich für die Idee begeistern lassen! Der hohe Herr hatte beinahe laut aufgestöhnt. Die Pferde griffen mächtig aus; die Chausseebäume flogen nur so vorüber. Da war schon die Porzellanfabrik, mit der ihm der Esel von Kommerzienrat Müller die ganze schöne Villenvorstadt verschimpfiert hatte; in zehn Minuten würde der Wagen in den Schloßhof fahren, und er mußte Brenken zum Thee mit hinaufnehmen, wenn die Sache mit der Herzogin glatt gehen sollte. »Brenken!« sagte er. »Hoheit?« »Brenken, ich bin vielleicht vorhin ein wenig lebhaft geworden; aber mit Ihrem ewigen Einreden und Zweifeln können Sie auch wirklich die Geduld eines Heiligen erschöpfen. Ich denke. Sie werden damit wenigstens die Herzogin verschonen und ihr die Sache in dem richtigen unverfänglichen Licht zeigen. Ich kann doch den Sommer nicht haben kommen lassen, um das Geld reinweg zum Fenster hinauszuwerfen; ich will doch etwas davon profitieren. Nun, und ein gutes Porträt der Baronin, das ist etwas; das ist sogar sehr viel, wenn man es vom Standpunkt einer Freundin und Kennerin der Kunst sieht, die die Herzogin doch ganz unzweifelhaft ist. Und wenn der alte Herr da hinten in Ostpreußen seinen Schwiegersohn durchaus auf vierzehn Tage haben muß, braucht sich deshalb die arme kleine Frau draußen in dem einsamen Vachta zu Tode zu langweilen? Die Herzogin ist die erste, die das begreift. Meinen Sie nicht?« »Zweifellos, Hoheit.« »Nun, sehen Sie! Ich hatte mir schon den Kopf zerbrochen, wie ich es anfangen sollte, der Herzogin eine kleine Zerstreuung zu verschaffen, die sie gerade jetzt so nötig braucht. Hier hat sie die angenehmste, die sich denken laßt. Die Baronin ist so unterhaltend; es wird der Herzogin über manche langweilige Stunde hinweghelfen. Und die Sitzungen – Stellung, Toilette – das ist so was für Damen! Und wenn ich dann wirklich auch auf eine Minute oder so den Sitzungen beiwohne – nun, mein Gott, entweder ist die Herzogin selbst zugegen, oder Fräulein von Merbach, oder eine der andern Damen – das ist dann doch wahrhaftig unverfänglich genug, man mag die Augen so weit aufreißen wie man will. Ist es nicht wahr?« »Gewiß, Hoheit. Ich bin schon ganz zufrieden, wenn Hoheit mir nur darin beipflichten, daß man die Augen weit aufmachen wird. Offen gestanden: ich habe weniger an die in unmittelbarer Umgebung der Herrschaften als an ein paar andrer gedacht.« »Die der Reinerz? Ich habe sie satt und übersatt.« »Das weiß niemand besser als Fräulein Reinerz selbst. Und gerade deshalb möchte ich Hoheit dringend bitten, sich nach der Seite hin vorzusehen.« »Ich will Gott danken, wenn ich die langweilige Person endlich einmal los bin. Treibt sie es zum Bruch – tant mieux !« »Da verlangen Hoheit doch vielleicht zu viel. Sie es zum Bruch treiben? Sie wird sich hüten. Hoheit, behauptet sie, sind nun einmal ihre grande passion , hinter der freilich, wie ich einräumen muß, unmittelbar ihre andre grande passion für Brillanten kommt. Sie wird es schmerzlich empfinden, daß der Schmuck, den sie sich so sehnlichst wünscht und den Hoheit ihr auch zugesagt hatten, jetzt an eine andre Adresse gelangt ist. Eine unendlich würdigere, ich gebe es zu; aber doch eine andre.« »Das kommt von Ihrer Indiskretion,« rief der Herzog. »Weshalb mußten Sie ihr sagen, daß ich Sie deshalb nach Berlin geschickt habe? Die Sache konnte ja sekret bleiben, bis ich mich über die Verwendung des Schmucks entschieden hatte.« Kein Vorwurf konnte frivoler sein. Der Herzog selbst war es gewesen, der seiner Geliebten in Gegenwart Brenkens alles das gesagt hatte, was jetzt Brenken gesagt haben sollte. Die Ungerechtigkeit war zu flagrant. Brenken durfte deshalb schweigen und sich den gnädigen Herrn über die neue Dummheit, die er begangen, in der Stille weiter ärgern lassen. Der Herzog hörte das aus dem Schweigen so deutlich heraus, als ob Brenken es laut gesagt hätte. Er ärgerte sich fürchterlich und mußte nun natürlich in seinem Aerger sich noch tiefer in das Dummheitsnetz verstricken. »Ich will Ihnen was sagen, mon cher ,« rief er; »Sie selbst sind in die Baronin verliebt.« Brenken mochte sich in der Dunkelheit seiner Coupéecke ein höhnisches Lächeln erlauben. Da hatte der hohe Herr ausnahmsweise einmal ins Schwarze getroffen! Aber seine Stimme klang völlig gelassen, beinahe bieder, als er nach einer Pause von ein paar Sekunden erwiderte: »Ich würde mir nie verstatten, Hoheit, auf der Jagd nach einem Stück auch nur zu visieren, von dem ich sehe, daß es Hoheit schußgerecht kommen wird.« Der Herzog brach in ein Lachen aus, das nicht sehr natürlich klang. »Na, Brenken,« rief er; »geschmackvoll ist Ihr Vergleich gerade nicht, und falsch obendrein. Schußgerecht! Und das in Beziehung auf – es ist gut, daß es außer mir keiner gehört hat! Wahrhaftig, Brenken, Sie sind ein mauvais sujet . Haben Sie noch eine Cigarette bei sich?« »Zu Befehl.« »Und stecken Sie sich auch noch eine an! Sie können Sie oben bei mir ausrauchen. Hernach begleiten Sie mich zur Herzogin. Ich glaube, sie hat ein paar Leute zum Thee. Sie haben doch sonst nichts vor?« »Niemals, wenn ich Hoheit zu Dienst sein kann.« Der Wagen hielt im Schloßhof vor der Nebenthür, durch die man, eine Treppe aufwärts, zu den Privatgemächern des Herzogs gelangte. Viertes Kapitel. Nachdem Serenissimus aufgebrochen, war die Gesellschaft, in Vachta nicht mehr lange beisammen geblieben. Den älteren Herrschaften hatte ein Teil der jüngeren notgedrungen folgen müssen, da Fräulein von Merbach in dem Wagen von Oberhofmarschalls, Lieutenant von Rörlach und Sommer mit Oberjägermeisters gekommen waren. So konnten zwei andre junge Leute, der Kammerjunker von Selbitz und der Assessor Graf Krügge, trotzdem sie ein eigenes Gefährt hatten, nicht wohl länger ausharren. Als die letzten hatte sich die Familie von Walschleben – Vater, Mutter und zwei Töchter, Astolfs nächste Nachbarn – verabschiedet, nicht ohne daß seine Damen einen gelinden Zwang auf den jovialen Herrn ausüben mußten, der aus einer fröhlichen Gesellschaft nicht leicht nach Haus finden konnte. Nun waren sie alle fort; Friedrich und Johann hatten die gewohnte Ordnung der Möbel wieder hergestellt, die letzten Tassen und Gläser abgeräumt, den Herrschaften eine wohlschlafende Nacht gewünscht; Astolf und Susi fanden sich allein zu Astolfs großer Genugthuung, während Susi den Moment noch gern hinausgeschoben gesehen hätte. Astolf ahnte ja nicht den tieferen Sinn der Zusage, die sie dem Herzog gemacht; aber sie hatte, als sie hernach – mit größter Unbefangenheit selbstverständlich – ihrer Gesellschaft den Wunsch der Herzogin mitgeteilt, die Oberhofmarschallin und Fräulein von Merbach ein paar Blicke wechseln sehen, bei denen sich nur ein ganz reines Gewissen nichts Arges hätte denken können. Sie hatte freilich eben, als ihr das Wort Gewissen in den Sinn kam, innerlich lachen müssen – mit dem atavistischen Spuk mochten sich andre graulich machen – aber die Welt, in der man lebte, wollte ernsthaft genommen sein; und wenn Fräulein von Merbach auch eine Gans und die alte Bartenstein eine Pute war – fangen Gänse und Puten an, Blicke auszutauschen, so ist es Zeit, sich vorzusehen. Susi saß vor dem Kamin, in dem die letzten Kohlen verglimmten; Astolf ging hinter ihr auf und ab, seine Cigarre rauchend. Seltsam, daß er nicht sprach! er war doch sonst so redselig, besonders nach einer Gesellschaft, in der er stets eine Flasche oder so zu viel trank. Sollte er wirklich Argwohn geschöpft haben? Der Herzog mit seiner sentimentalen Pose am Kamin, während sie sang – das war ja auch ridikül gewesen. Sie hätte dem Herzog die Geschmacklosigkeit nicht zugetraut. Hinter ihr hörte sie Astolf seine Cigarre in den Aschbecher schleudern und mit ein paar Schritten seiner langen Beine an ihren Stuhl kommen. Bei Gott, es würde eine Scene geben! Und da kniete der große Mensch links neben ihr, hatte mit beiden Händen eine der ihren ergriffen, wieder und wieder geküßt und rief: »Susi, geliebte Susi, ich muß, muß dir sagen, wie wahnsinnig schön du heute abend gewesen bist! und wie berauschend anmutig und zum Küssen liebenswürdig!« »So küsse mich doch, du großes Baby! Du thust ja gerade, als ob du meinen Mund nicht finden könntest!« Er brauchte sich nicht von den Knieen zu erheben, nur seine Arme um den schlanken Leib zu schlingen; und drückte so Kuß um Kuß auf die zarten, weichen Lippen, ohne zu merken, daß seine Leidenschaft nicht erwidert wurde. Aber an diesen, in ihren Augen verächtlichen Stumpfsinn war Susi gewöhnt. »Du toller Mensch!« flüsterte sie, sich wie erschöpft in den Fauteuil zurücklehnend, »man ist ja bei dir seines Lebens nicht sicher!« »Susi, ich liebe dich zu sehr!« »Ja, leider, Baby.« »Leider?« »Erst stehe einmal auf! Deine armen neuen Beinkleider, zu denen ich dir übrigens nachträglich mein Kompliment mache! So! setze dich da hin! Das heißt: erst hole mir mal, bitte, mein kleines Tuch! Es liegt nebenan auf dem Sofa.« Er hatte ihr das Tuch gebracht, das sie sich um die Schultern schlang. »Wollen wir nicht lieber zu Bett gehen?« sagte er. »Gleich. Bitte, setze dich doch! Dein Herumlaufen macht mich noch nervöser, als ich schon bin. So! Ach, Baby, mir ist das Herz so schwer!« »Dir?« »Als ob ich keins hätte! Baby, ich fürchte, wir haben eine große Dummheit begangen. Wir hätten dem Herzog nicht so ohne weiteres zu Willen sein sollen.« »Ja, aber –« »Laß mich aussprechen! Sieh, ich habe mir schon die größten Gewissensbisse gemacht, daß ich dich allein reisen lasse. Du sagst, Papa braucht nicht mich, sondern dich; ich könne ihm in der Sache gar nichts helfen. Das muß ich ja zugeben. Ihr habt über wirtschaftliche Dinge zu sprechen, von denen ich keine Spur verstehe, ich würde nur das fünfte Rad am Wagen sein; Papa hat mich auch nicht einmal eingeladen. Weiß denn übrigens der Herzog, warum Papa dich haben will?« »Ich habe es ihm auseinandergesetzt, während ich ihn hinunterbegleitete; und dann haben wir wohl noch fünf Minuten am Wagen darüber gesprochen. Er war ganz meiner Meinung, daß ich es dem Papa nicht verweigern konnte.« »Schade! Und ich wollte dich eben bitten, dem Papa abzuschreiben.« »Abzuschreiben?« »Abzutelegraphieren meinetwegen.« »Ja, aber, Susi, warum denn?« »Oder, wenn du durchaus hin mußt, so nimm mich wenigstens mit!« »Das ist doch jetzt rein unmöglich, nachdem wir dem Herzog –« »Das ist es eben! Ich will einen Vorwand haben, die Einladung abzulehnen. Oder meinst du, ich hätte es dir nicht angesehen, daß dir die Sache im Grunde genommen gar nicht recht ist?« »Ach, Susi, du mußt das nicht so tragisch nehmen! Nun ja, ich hätte im ersten Augenblick gern nein gesagt. Aber nur, weil ich dachte, du müßtest nun jeden Tag in die Stadt und wieder heraus, und so an alle möglichen Unbequemlichkeiten, die ich dir nicht zumuten wollte. Davon kann nun keine Rede mehr sein. Und was Baby betrifft – ich meine diesmal nicht mich, sondern das wirkliche –« »Das süße Geschöpf!« rief Susi. Sie hatte auch nicht mit einem Gedanken an die Kleine gedacht. Ein wahres Glück, daß Astolf sie daran erinnerte! »So brauchst du dir doch wahrhaftig deshalb keine Sorge zu machen. Auf die Poltrok kannst du dich verlassen – das sagst du selbst, und ich sage es auch. Und wenn du vielleicht einen Tag um den andern – meinetwegen, so oft du willst – eine Equipage steht dir im Schloß jeden Augenblick zur Verfügung. Oder besser noch: du behältst unsern Wagen – den Landauer natürlich – es könnte das Wetter doch umschlagen – den behältst du in der Stadt – August wird sich schon zu helfen wissen – und so bist du ganz unabhängig.« Susi hätte den guten Jungen ausnahmsweise küssen mögen. Er räumte ihr die Hindernisse so glatt aus dem Wege – es war eine richtige Freude; wirklich zum Lachen! Um so ernster war ihre Miene und um so nachdenklicher klang ihre Stimme, als sie jetzt, nachdem sie ein paar Sekunden starr vor sich hingeblickt, den Kopf hebend, mit einem leisen Seufzer sagte: »Das ist alles so weit ganz gut, oder klingt doch so, und jedenfalls ist es so lieb von dir; aber an die diplomatische Seite der Sache scheinst du gar nicht zu denken.« »Eine diplomatische?« rief Astolf, die Augen rollend; »was verstehst du darunter? Ach so! das bißchen Geklatsch und Cancan, den es geben wird! Du lieber Himmel, Susi, daran müßtest du dich doch mittlerweile gewöhnt haben. Das ist doch bei uns zu Lande, oder bei uns am Hofe – was übrigens so ziemlich auf dasselbe hinausläuft – ganz unvermeidlich, ganz selbstverständlich. Wenn man sich darüber graue Haare wollte wachsen lassen! Und wenn der Herzog dich und mich auszeichnet –« »Verzeihe, lieber Junge,« sagte Susi, den Eifrigen mit Lebhaftigkeit unterbrechend. »Du nennst da zweierlei in einem Atem, was sehr weit voneinander geschieden ist. Wenn der Herzog dich in jeder Weise auszeichnet, so ist das nur in der Ordnung. Du bist sein Jugendfreund. Ihr habt euch früher gegenseitig du genannt; er nennt dich noch so und läßt es sich eben gefallen, daß du ihn mit Hoheit und so weiter anredest, seitdem er zur Regierung gekommen ist, nur, weil du darauf bestanden hast. Und nicht einmal, sondern zehnmal wenigstens hat er zu mir gesagt: er ist der einzige Zähler unter all den Nullen. Und das ist mein großes Baby auch. Aber ich! Ja, Kind, da liegt die Sache ganz anders. Ich habe schlechterdings kein Verdienst, als deine Frau zu sein, was hier, wo zwanzig Mütter und vierzig Töchter – mäßig gezählt – auf dich spekuliert hatten, einfach ein Verbrechen ist. Nun kommt noch gar der Herzog und beehrt mich mit seiner Gnade! Ja, wenn ich nicht wäre, was die Engländer good looking nennen! Aber ich bin es doch nun einmal – bitte! sitzen bleiben! Ich spreche von etwas sehr Ernstem; von etwas, das mir schon lange im Kopf herumgeht und ich dir immer habe sagen wollen, nur daß ich fürchtete, du würdest mich auslachen. Aber nach heute abend – dieser überraschende Besuch, der doch wahrhaftig wie ein Schuljungenstreich aussieht, und von unsern lieben Freunden – kann ich dich versichern – so angesehen wird; dazu das mehr als fürstliche Geschenk für die Kleine, wenn er auch freilich ihr Pate ist; – jetzt nun gar diese Einladung – ja, Bester, hast du denn nie daran gedacht –« »Daß er sich in dich verlieben könnte!« rief Astolf mit einem herzlichen Lachen. »Ja, Susi, hältst du mich denn wirklich für ein Baby? Hunderttausendmal habe ich daran gedacht. Noch mehr – aber du mußt nicht böse werden, Schatz – ich bin überzeugt: er ist es – bis über die Ohren. Und ich muß sagen: ich halte es für ein großes Glück.« Susi blickte ihn starr an. Er mußte toll sein. Astolf war aufgesprungen, machte ein paar Schritte, dann wieder kehrt und sagte völlig ernst: »Sperre deine großen, schönen, unschuldigen Augen noch so weit auf, es ist nicht anders: ich halte es für ein großes Glück; für ihn persönlich und für das ganze Land. Nichts auf der Welt adelt den Menschen so, hebt ihn so machtvoll in eine höhere Sphäre, befreit ihn so gründlich von dem Erdenrest, den uns zu tragen peinlich bleibt, als eine wahre, edle Liebe. Ich habe es an mir erfahren, erfahre es täglich von neuem. Ich glaube nicht schlimmer gewesen zu sein, als andre junge Leute; eher noch ein bißchen besser. Aber ich möchte mich tausend Fuß unter die Erde schämen, wenn ich daran denke, was und wie ich gewesen bin. Und er! Na, Susi, ich will nicht aus der Schule schwatzen; und es ist auch weiter nicht nötig: wir wissen alle, wie er es treibt. Wie oft habe ich da an Opheliens Worte denken müssen: ›O, welch ein edler Geist ist hier gestört!‹ Nun, so weit ist es, Gott sei Dank, noch nicht, noch lange nicht. Er hat so viel gute, herrliche Eigenschaften, auf die er sich bloß zu besinnen brauchte! Nur, daß er nicht zur Besinnung kommt; nie zur Besinnung hat kommen können in diesem elenden Leben, das so ein Fürstensohn zu führen gezwungen ist, umgeben von Speichelleckern, Schweifwedlern, würdelosen Kreaturen, denen es eine Wollust ist, den Hang zum Laster, den schließlich jeder von uns in sich trägt, auf alle Weise zu pflegen und zu nähren. Und, so geknetet und zugerichtet, muß das Püppchen aus Staatsraison eine Ehe schließen, die ihm vollends den Rest gibt. Allen Respekt vor der Herzogin! Sie hat manche treffliche Eigenschaften; aber unter uns: sie kann nicht dafür, daß sie häßlich ist; auch nicht dafür, daß sie langweilig ist; aber sie ist doch nun einmal beides in eminentem Grade. Ein böses Ding selbst für einen einigermaßen anspruchsvollen Herrn Schulze oder Müller; nun gar für einen Herzog, und für diesen! Mein Gott, ich will ihn nicht weißbrennen. Es ist und bleibt nicht in der Ordnung; auch die Libertinage muß ihre Grenzen haben. Aber schließlich ist er doch mehr zu beklagen als zu tadeln. Ich denke es mir gräßlich, sich an eine Reinerz wegzuwerfen, eine Person, die durch so viele Hände – well! Er fühlt das auch selbst in seinen besseren Momenten. Und die kommen jetzt viel öfter als sonst. Das habe nicht bloß ich gemerkt. Noch vorhin bei Tisch – ich machte – in aller Diskretion, kannst du dir denken – eine dahin zielende Bemerkung zur alten Bartenstein. Ich glaube, ich kann dir so ziemlich wörtlich wiederholen, was sie erwiderte: ›Und wem haben wir das zu danken, lieber Freund? Ihnen, und noch mehr Ihrer kleinen Frau Sie hat ganz unleugbar einen großen Einfluß auf ihn, der zweifellos mit der Zeit immer größer werden wird.‹ Siehst du, das waren ihre Worte; bloß, daß sie nicht ›kleine Frau‹, sondern ›kleine herrliche Frau‹ gesagt hat, was ich, um der Wahrheit ganz die Ehre zu geben, doch auch berichten muß. So steht die Sache. Und wissen Sie, kleine herrliche Frau, so etwas nennt man eine Mission, die man nicht von sich weisen kann. Noblesse obligè! Hinüber und herüber. Ich meine: wenn wir unsre Pflichten gegen den Herzog haben, so hat er seine Pflichten gegen uns: gegen mich, seinen Freund, gegen dich, seines Freundes Frau. Sei unbesorgt: er wird diese Pflichten heilig halten, wenn er auch, Schmetterling, der er ist, seine Flügel ein wenig an deiner Flamme verbrennt. Das soll er sogar, denn das reinigt, das läutert; das wird ihm geben, woran es ihm bis jetzt fehlt: den Ernst der Lebensführung, die Kraft der Entsagung, den Ekel vor allem Gemeinen, die Anbetung von allem, was edel, schön und groß ist; das wird ihn zu einem Manne machen.« Astolf hatte sich immer mehr und mehr in Eifer gesprochen und immer größere, heftigere Schritte gemacht, von denen trotz des dicken Teppichs die Sevrestassen auf der Etagere klapperten und die Krystallbommeln an dem Kronleuchter klirrten. Dazu sein lautes Sprechen – es hatte Susi ganz nervös gemacht. Und während er sprach, hatte sie sich fortwährend gefragt: Ist es möglich? Ist es menschenmöglich, daß man so dumm sein kann? Den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen! Die alte Bartenstein ernsthaft zu nehmen! Ein Wort zu glauben, das durch ihre falschen Zähne geht! Aber seine gutmütige Dümmlichkeit, über die sie vorhin heimlich gelacht hatte, ärgerte sie jetzt. Wenn einer so leicht hinter 's Licht zu führen ist, wo bleibt denn da der Spaß? Und in der Dümmlichkeit steckte doch auch eine tüchtige Portion Selbstgefälligkeit: ich bin der Unübertreffliche, Unüberwindliche! Ich fürchte mich vor keiner Konkurrenz! Das mußte er wenigstens zu hören bekommen. »Gut!« sagte sie, sich in den Fauteuil zurücklehnend und die ersten Takte von ›Wie bist du meine Königin‹ auf den Armlehnen fingerierend; »für den Herzog hat es keine Gefahr, gar keine. Wenn es nun aber umgekehrt käme und ich mich in ihn verliebte – wie dann?« »Aber, Susi!« Er war jäh stehen geblieben. »Ja, liebes Kind, es ist eben alles möglich in der Welt.« »Nein, das ist nicht möglich!« Er hatte es so heftig gesagt, daß sie mitten in einem Takt abbrach und den Kopf halb über die Schulter wendend ihn zärtlich anlächelte. Es wäre nicht nötig gewesen, seine Heftigkeit hatte ihn sofort gereut. »Verzeihe,« sagte er in fast demütigem Ton. »Ich bin wirklich zu stupid. Ich verstehe gar keinen Scherz. Ich falle auf alles rein.« Susis Lächeln war noch zärtlicher geworden. »Ja, mein großes Baby, du bist furchtbar reingefallen. Zur Belohnung dafür darfst du mir einen Kuß geben.« Sie hatte sich erhoben; er war mit einem Sprunge bei ihr und hielt die zierliche Gestalt, sie fast vom Boden hebend, an seine Brust gepreßt. »Susi! Susi, liebst du mich?« »Du weißt es.« »Und willst mich immer lieben?« »Ja, Baby.« »Komme, was da wolle?« »Komme, was da wolle.« Sie war aus seinen Armen geglitten, nahm das Tuch, das sie auf der Fauteuillehne hatte liegen lassen, über den Arm und ergriff eines der beiden noch auf der Etagere brennenden Lichter. »Wollen wir zu Bett gehen?« fragte Astolf liebevoll. »Du kannst ja doch noch nicht schlafen.« »So plaudern mir ein wenig. Es plaudert sich so reizend im Dunkeln.« »Nein, Schatz, heute nicht mehr. Ich bin zum Umfallen müde und weiß wirklich kaum, was ich sage. Rauch du nur in aller Ruhe deine zweite Cigarre, und wenn du zu Bett gehst, vergiß nicht die Lichter auszumachen!« Ein holder Traum, in dem sich Astolf den ganzen Tag gewiegt hatte, war zerronnen. Aber freilich, wenn sie so müde war! Und sie sah so blaß aus! Es wäre unritterlich gewesen. »All right, dearest!« sagte er. Sie stand bereits an der Thür. »Wann mußt du morgen früh fort?« »Um halb acht von hier. Der Zug geht um viertel neun.« »Deine Sachen sind in Ordnung?« »Alles in Ordnung.« »Gute Nacht also!« Sie hatte ihm noch einmal mit müdem Lächeln zugenickt und die Thür hinter sich geschlossen, auf die Astolfs Blick starr gerichtet blieb. Dann atmete er tief auf und fuhr sich mit der Hand über die Augen. »Mein Gott,« murmelte er; »wie kann man so wahnsinnig verliebt sein!« Seine Blicke irrten durch das Zimmer. Wie war das plötzlich hier so öde, so leer! Und dunkel! als ob die Hälfte der Kerzen plötzlich erloschen wäre! »Und sie nun vierzehn Tage entbehren zu sollen! vierzehn volle Tage! Wie willst du denn das aushalten, Mensch! Na, das hilft nun nicht. Rauchen wir also eine Friedenscigarre!« Er hatte sich eine Cigarre angezündet. Dann fand er, daß er fürchterlich durstig war. So ging er denn nach nebenan in das Speisezimmer, wo auf dem Buffett ein halbes Dutzend angeschenkter Weinflaschen standen. »Kein Sekt! Sekt bleibt nie übrig. Na, Steinberger Kabinett. Auch gut! Und noch beinahe voll! Desto besser.« Er nahm ein Glas aus dem Schrank, hielt es an das Licht, das er in der Linken trug, steckte den Hals der Flasche zwischen zwei Finger der Rechten und begab sich mit seiner Beute in den Salon zurück. So ließ sich die Sache schon eher ansehen. Erst einmal mußte er das Gefühl der Beschämung hinunterspülen über den Unmut, den er vorhin empfunden, als sich Susi aus seinen Armen gelöst hatte. Mein Gott, wie blutsauer wird es doch einem Mann gemacht, ein Mensch zu werden, wenn er überhaupt jemals einer wird! Die Frau soll uns ums Paradies gebracht haben? Unsinn! Umgekehrt ist es gewesen, ist es bis auf den heutigen Tag. Eben noch! Richtige schwarze Ränder hatte sie um ihre süßen Augen. Und ich Barbar, ich Caliban – pah! Er stürzte ein zweites Glas hinunter und mußte lachen. Es ist doch auch lächerlich, daß so eine kleine weiße Hand dem Brummbär nur über das Fell zu streichen braucht und das zottige Ungetüm brummt vor Wonne und tanzt gehorsam nach der Pfeife! Und die Frauen haben gewiß den vollen Humor davon, obgleich sie natürlich zu klug sind, es uns merken zu lassen. Sie sind tausendmal klüger als wir. Der Herzog will das freilich nicht zugeben. Was weiß er von den Frauen? Rein gar nichts. Das soll er erst noch lernen. Seine Gedanken nahmen eine andre Richtung. Er hatte vorhin doch wohl den Mund etwas zu voll genommen. Wenn man so tief in die Libertinage hineingeraten ist wie der Herzog – das ist wie mit dem Trinken: man kann's nicht mehr lassen trotz aller guten Vorsätze und feierlichen Versicherungen, die man den Freunden gegeben hat. »Ich schwöre dir, Astolf, ich will ein andrer Mensch werden! – Ich gebe dir mein ritterliches Wort, Astolf, wenn der Teufel bei nächster Gelegenheit mich am Kragen nimmt, ich will ihm zeigen, mit wem er es zu thun hat.« – Und wenn die nächste Gelegenheit kam – und sie ließ niemals lange auf sich warten – waren die Schwüre und das ritterliche Wort zum Schornstein hinaus, und es blieb beim alten, wurde vielmehr nur schlimmer. »Eigentlich bin ihm dafür zu Dank verpflichtet. Hatte genug an dem abschreckenden Beispiel. Das freilich denn auch ich ihm wiedergab, wenn ich die Flaschen ausstach, bloß, damit er sich nicht betrank. Ach, Susi, Susi, es war ein tolles Leben dazumal in Bonn bei den Borussen, und meine einzige Entschuldigung ist, daß ich dich nicht kannte.« Und nun wogte eine Flut von Erinnerungen aus der tollen Bonner Zeit heran: die halsbrechenden Ritte; die Champagnerfrühstücke auf den Zimmern des Erbprinzen; die Mensuren, bei denen sich der Prinz zu seinem Jammer nicht aktiv beteiligen durfte; die heimliche nächtliche Wanderung nach Altenahr zu den beiden braunäugigen Wirtstöchterlein, die der vorsichtige Alte, der Wind davon bekommen haben mußte, auf vier Wochen zu der Tante nach Bingen geschickt hatte! Und die Fahrt nach Bingen, auf der sie dicht unter der Loreley im Nebel mit dem thalwärts fahrenden Dampfer zusammenstießen, und es an einem Haar hing, daß das Herzogtum an eine Seitenlinie gefallen wäre! Ja, es war eine tolle Zeit gewesen und hohe Zeit, daß eine andre kam, wo er – auf die Gefahr eines völligen Bruches mit dem prinzlichen Freunde – nach Berlin ging, seinen Doktor – cum egregia laude – machte; in den preußischen Staatsdienst trat; fleißig als Referendar und Assessor in Stettin und Potsdam arbeitete, bis sein Vater und der regierende Herzog, die alten geschworenen Freunde, beinahe an einem Tage starben und er nach Vachta zurück mußte, das der joviale Papa gründlich verwirtschaftet hatte; und der Erbprinz das herzogliche Thrönchen bestieg, das auf einem enormen Berg von Schulden aus der Hinterlassenschaft des hoch seligen Herrn nicht ganz sicher stabiliert war. »Astolf, du mußt bei mir bleiben! – Wolf, ich habe außer dir keinen Menschen, dem ich auch nur über den Weg traue!« Da war er denn an die Scholle geheftet. Seit dreihundert Jahren und darüber – seitdem die Vachtas aus dem benachbarten Franken in das Land gekommen waren – hatten sie mit dem herzoglichen Hause Freud und Leid geteilt; ein Vachta wurde geboren, um im Dienst seines Herzogs oder seiner Herzöge – wie es nun kam – das Leben hinzubringen; wenn es sein mußte – und der Fall war mehr als einmal eingetreten – zu lassen. Die alte angestammte Loyalität wollte ihr Recht haben und erhielt ihr Recht. »Für ein Amt bist du mir zu gut. Du kannst mir mehr nützen, wenn du hinter den Coulissen bleibst.« Er war hinter den Coulissen geblieben und sonderbare Blicke hatte er da gethan. So sonderbare, daß er hundertmal auf dem Sprung gestanden hatte, seinem Lehnsherrn den Dienst zu kündigen, nur, daß es ein Treubruch gewesen wäre, den er nicht über sein loyales Herz bringen konnte. Und als Lohn seiner Treue sicherlich und tausendfache Entschädigung so mancher Entbehrung und süßer Trost so manches bitteren heimlichen Kummers war sie gekommen, die er, ein achtzehnjähriger Jüngling, schon angebetet hatte, während sie, ein achtjähriges, märchenhaft schönes Kind, mit ihren, dem alten Herzog befreundeten Eltern ein paar Wochen am Hofe zu Besuch gewesen war. Und die er dann vor drei Jahren in Ostende wiederfand, um sie abermals, jetzt nur mit der Leidenschaft des gereiften Mannes, anzubeten und das traumhafte Glück zu haben, ihr und ihrer Eltern Jawort zu erhalten, als er die rasende Kühnheit hatte, die von allen Seiten umschwärmte, umworbene, wie eine Königin gefeierte reiche Komtesse zu fragen, ob sie dem armen Freiherrn von Vachta die kleine Hand reichen wolle? So zog Erinnerung an Erinnerung durch Astolfs Seele, der längst schon, die heiße Stirn zu kühlen, auf der Balustrade des Balkons lehnte, in die Nacht blickend, die in dieser Stunde alle ihre Zauber entfaltet hatte. Kaum ein Lüftchen regte sich; es war so still, daß er das Rieseln des Taus von Blatt zu Blatt hörte; weiter unten im Thal rauschte der Bach, den man während des Tages kaum vernahm, mit feierlicher Deutlichkeit sein altes ewiges Lied. Hoch am Himmel, den Glanz der Sterne rings um sich her verlöschend, stand der beinahe volle Mond; aus dem Garten zu seinen Füßen kam in wallenden Wolken der Duft der Reseda und Levkojen. »O, du heilige Nacht! o, du meine geliebte Susi! o, ich seliger, seliger Mensch! Was habe ich gethan, das ungeheure Glück zu verdienen? Was kann ich thun, es mir zu erhalten? Nichts, nichts, als auf den da droben über dem Sternenzelt vertrauen, der mir nicht wieder nehmen wird, was er mir aus seiner Gnadenfülle geschenkt hat!« Er hatte beide Arme hoch emporgehoben und ließ sie nun langsam sinken; schritt in den Salon zurück, die Thür hinter sich schließend; löschte die fast bis in den Sockel herabgebrannten Lichter; nahm das letzte und ging auf den Fußspitzen nach dem Schlafgemach, zu dem aus dem Speisesaal ein schmaler Korridor führte. Vor der Thür that er das Licht aus: Susi ließ immer die Nachtlampe brennen. Geräuschlos entkleidete er sich und schlüpfte in das Bett. Es krachte ein wenig, so daß er heftig erschrak. Susi war nicht aufgewacht. Sie lag, von ihm abgewandt; nur ein wenig von ihrem Kopf konnte er hinter dem aufgebauschten Spitzenkopfkissen sehen. Aber eine Strähne von dem goldenen Haar, das sie zur Nacht in zwei dicke Zöpfe flocht, hatte sich gelöst und war zum Teil über sein Kopfkissen geflossen. So daß er erst seine Wange und dann seine Lippen auf das goldige Gespinst drücken durfte, bevor er es mit behutsamem Finger zu ihr zurückschob. Dann lag er, ohne sich zu regen. Es hätte der Vorsicht nicht bedurft. Susi schlief nicht. Es gehörte nur zur Komödie, daß sie sich schlafend stellte. Fünftes Kapitel. Acht Tage war Susi nun bereits als Gast der Herzogin auf dem Schlosse, und eine Zeit der Herrlichkeit und Freude war es für sie gewesen. Mit allen ihren feinen Sinnen hatte sie eine Situation ausgekostet, die sie sich denn freilich reizvoller kaum vorstellen konnte. Von Kindheit auf war sie an eine Umgebung gewöhnt, wie sie solider Reichtum schaffen mochte; hier aber, wohin ihr Auge fiel, glänzte und gleißte ihr fürstliche Pracht entgegen. Noch war sie nicht einmal mit der Bewunderung und dem Studium der tausend schönen und kostbaren Dinge, die ihre Zimmer füllten, zu Ende gekommen. Die Zimmer lagen nicht in dem Kavalierflügel, sondern in dem Hauptschlosse und bildeten ein besonderes corps de logis , das sonst nur für den Besuch fürstlicher Herrschaften geöffnet wurde. Es waren ihrer vier: eine Antichambre, der eigentliche Empfangsraum, der Salon und das Schlafgemach – das letztere abgeschlossen, während die drei ersteren Thüren nach dem Korridor hatten, – alle in dem üppigsten Rokoko des ersten Anfangs des vorigen Jahrhunderts möbliert und dekoriert. Und Rokoko, das war nun Susis Schwärmerei. Sie hatte in ihrem alten Stadthause es verhältnismäßig leicht gehabt, sich aus antiquierten Möbeln, die sie vorfand, ein Zimmer in diesem Geschmack herzurichten, und auf Schloß Vachta, zu Astolfs Ergötzen, wenigstens den Anfang zu einem solchen gemacht. Aber das war freilich nur mesquiner Plunder im Vergleich zu den Wundern dieser Ausstattung, in der es von Samt und Seide strotzte; überall von Gold glänzte; ein Möbel das andre an phantastischen Formen überbot; die Wände mit Gobelins tapeziert waren; von den hohen Plafonds üppige Schildereien herabsahen; die Etageren von den entzückendsten Brimborien wimmelten und Spiegel in den kostbarsten Rahmen der Bewohnerin allüberall ihr reizendes Bild zeigten, selbst von der Hinterwand des tiefen Alkovens, in welchem das lächerlich breite Bett stand mit den schwellenden Spitzenkissen und rosaseidenen Plumeaux. Daß zu diesen Herrlichkeiten ein allerliebstes Kammerkätzchen gehörte, die sich mit einem zierlichen Knix als Lisette vorgestellt hatte, und eine Equipage, die der gnädigen Frau jederzeit zur Disposition stand, erschien selbstverständlich. Susi wenigstens hatte es nicht anders erwartet. Hinsichtlich der Aufnahme, die ihr seitens der Herzogin zu teil werden würde, war ihre Zuversicht keineswegs so groß gewesen. Aber die gutmütige Dame hatte genau das Gegenteil von dem gethan, was sie selbst an deren Stelle gethan haben würde: sie war ihr mit offenen Armen entgegengekommen, hatte sie schwesterlich geküßt, sie einmal über das andre versichert, daß der Herzog ihr keine größere Freude hätte machen können, als ihr in der Vereinsamung, zu der sie ja leider gezwungen sei, einen so lieben, so anmutigen Gast zuzuführen, dem sie das Opfer, das er ihr bringe, gar nicht hoch genug anzurechnen wisse. Das war nun sicher ganz erfreulich, und Susi ließ sich angelegen sein, so viel erwiesene Huld und Gnade mit der ganzen Liebenswürdigkeit, die ihr zu Gebote stand, zu erwidern. Nur die Selbstkosten dieser entente cordiale fand sie von Anfang an ein wenig zu hoch, und zwar mit jedem Tage mehr. Die gute Dame hatte die Naivität, anzunehmen, daß der Besuch ihr, ihr ausschließlich gelte, und sie folglich – mit Ausnahme etwa der Stunden, die Herr Sommer für sein Bild beanspruchte – im übrigen über Susis Zeit zu ihren Gunsten verfügen dürfe. Sie wollte sie zu jeder Stunde um sich haben; es plauderte sich mit niemand so reizend als mit ihrer lieben Susi! O, dieser endlosen Plauderstündchen! Während die hohe Frau in ihrer eintönigen Weise ihre Lieblingsthemata ableierte: Kinderstube, Ferienkolonieen, innere Mission, erziehliche Bedeutung der Suppenanstalten für das arme Volk, eventuell zwangsweise Wiedereinführung der alten lutherischen Hausandachten als einziges Mittel zur Bekämpfung der Sozialdemokratie – wußte Susi manchmal nicht, ob sie vor Wut lachen oder weinen sollte, und malte sich den Effekt aus, den es haben würde, wenn sie plötzlich anfinge wie eine Katze zu miauen, oder die Stickerei, an der sie par ordre arbeitete, in den Nähkorb würfe und eine Tarantella zu tanzen begönne. Es wäre zum Verzweifeln gewesen, hätte es ihr nicht so unglaublichen Spaß gemacht, die Wirkung des von der Herzogin beliebten Regimes auf den Herzog zu beobachten. Freilich gehörte ihr scharfes Auge dazu, die Symptome dieser Wirkung in ihren feinen Einzelnheiten zu erkennen. Noch nie war, wie allseitig anerkannt wurde, der Herzog von so ritterlicher Aufmerksamkeit gegen seine Gemahlin, gegen seine Umgebung von so großer Güte, bei der Frühstücks- und Mittagstafel, des Abends in der Theestunde in so prachtvoller Laune, so mitteilsam, so geistvoll, so konziliant gewesen. Und so häuslich! Einen Besuch, der von dem Nachbarhofe drohte, hatte er unter allen möglichen Vorwänden hinauszuzögern gewußt – er wolle doch endlich auch einmal wie andre Menschen en famille leben! Zwei bereits angesetzte Jagden hatte er abgesagt; von einer dritten, zu der er auf den dringenden Wunsch der Herzogin, die eine Motion für notwendig hielt, gegangen, war er nach zwei Stunden zurückgekehrt, trotzdem sie bis zum Abend hatte dauern sollen: die Sache mache ihm keinen Spaß mehr; er fange mit seinen zweiunddreißig Jahren offenbar an, alt zu werden! Diese Behauptung fand an der Abendtafel, bei welcher er sie zwischen der Birne und dem Käse zum besten gab, einen devoten, aber entschiedenen Widerspruch seitens der befohlenen Gäste; die Herzogin hatte über das schreckliche Wort beinahe geweint, und Susi mußte sich verstohlen auf die Lippen beißen, um nicht in lautes Lachen auszubrechen. Sie wußte besser, wie es mit ihm stand. Sie wußte es aus dem glühenden Blick, mit dem er sie verschlang, wenn er sich für einen Moment unbeobachtet glaubte; aus dem Vibrieren seiner Stimme, so oft er Gelegenheit fand, das Wort an sie zu richten; aus dem Druck seiner bald brennenden, bald eiskalten Hand, wenn er die ihre einmal ergreifen durfte; aus der Röte seiner Augenlider, die von durchmachten, durchjammerten Nächten erzählte; wußte, daß er vor wütender Leidenschaft für sie halb toll war. Und daß er eine Welt darum gegeben haben würde, hatte er ihr das wenigstens einmal sagen dürfen. Der Moment mußte einmal kommen, darüber war sie sich völlig klar. Aber herbeiführen durfte sie ihn nicht. Das hätte sie unweigerlich auf das Niveau der Frauen heruntergebracht, die bis dahin das Spielzeug seiner Sultanslaune gewesen waren. Sie war kein Spielzeug! Sie nicht! Wer von ihr gekostet hatte, der sollte sich ewige Sklaverei daran gegessen haben. Die, oder der Tod! Wozu ist man schön, als um herrschen zu können? Sie hatte von jeher alle um sich her unter diese Herrschaft gebeugt: ihren Vater, ihre verstorbene Mutter, ihren Bruder, die endlose Schar ihrer Anbeter, ihren Schlagododro von Mann; warum nicht jetzt den Herzog? Den erst recht, den in erster Linie, den vor allen! Eine Königin! Sie hatte es geträumt, als sie noch ein erst halberwachsenes Mädchen war; sie träumte es jetzt wieder, wenn sie zur Nacht Lisette weggeschickt hatte und nun, bereits halb entkleidet, vor dem riesigen Stellspiegel saß, beim Glanz der Kerzen ihrem Bilde in die Augen blickend, die Reize ihres Bildes Zug um Zug musternd. Eine Königin! Aber nicht nur im Liede! Warum nicht in Wirklichkeit? Der Mann war im stande, seine Herzogskrone für sie hinzugeben; weshalb nicht seine Herzogin, wenn er sie dafür gewann? Freilich eine Ehe dann nur zur linken Hand. Das ließ sich nicht ändern: der Zufall, der sie als Komtesse und nicht als Prinzeß geboren werden ließ, hatte sich wieder einmal als dumm und blind erwiesen! Jetzt hieß es: corriger la fortune! Es war am achten Tage ihres Besuches auf dem Schlosse in der Mittagsstunde. Durch das hohe, in seiner unteren Hälfte verhängte Fenster des weitläufigen Raumes, den man, so gut es ging, zu einem Atelier eingerichtet hatte, saß Susi in einem Fauteuil, der auf einer niedrigen Estrade stand, Sommer hatte gegen die Herzogin, die »ihre liebe Susi, ihr verständiges kleines Frauchen, in einem bescheidenen Hauskleide« zu haben wünschte, seinen Willen durchgesetzt und sie in dem weißen Spitzenkleide gemalt, die blaßrote Nelke im Schoß zwischen den weißen zierlichen Fingern – gerade so, wie er sie an jenem Gesellschaftsabend auf Vachta gesehen. Bloß daß die großen blauen Augen nicht auf die Blume herab, sondern geradeaus dem Beschauer in die Augen blickten, und durch das rötlich blonde, goldige, lockere Haar anstatt des matten Lichtes eines Kronleuchters der Glanz eines sonnigen Tages schimmerte. Da das angefangene Porträt des Herzogs bis zum nächsten Frühjahr, wo Sommer wiederkommen und es vollenden sollte, endgültig zurückgestellt war, hatte der junge Künstler seine ganze Zeit, Kraft und Begeisterung auf das neue Werk konzentrieren können, das denn auch in fast wundersamer Schnelle vorgeschritten war. Ein Laie würde es fertig genannt haben. »Aber,« sagte der Künstler, zu Fräulein von Merbach sprechend, die, ein paar Schritte entfernt, mit einer Häkelei beschäftigt, auf einem Taburett saß, »das kann uns nicht bestimmen. Unser einer weiß, daß gerade noch das Beste fehlt, wovon allerdings keiner, auch der Künstler nicht, sagen kann, was es ist, worin es besteht. Das läßt sich eben nicht aussprechen, nur fühlen. Und daß er es fühlt, sehen Sie, meine Damen, unterscheidet in letzter Instanz den Künstler vom –« Sommer brach plötzlich ab; seine Miene hatte sich verfinstert, er malte mit verhaltenem Ingrimm weiter, während ein rascher Schritt durch das angrenzende Zimmer bereits bis an die Thür gekommen war, die Thür geöffnet wurde und der Herzog schnell hereintrat, schon von weitem rufend: »Wenn sich die Herrschaften auch nur im mindesten stören lassen, gehe ich auf der Stelle wieder.« Trotz des herzoglichen Befehls hatten sich die beiden Damen von ihren Sitzen erhoben, Sommer Pinsel und Palette sinken lassen. »Aber ich flehe Sie an, meine Damen,« rief der Herzog; »ich bitte Sie, lieber Sommer, arbeiten Sie ruhig weiter! Die Minuten sind kostbar. Das weiß heute keiner besser als ich, der ich keine zu verlieren habe, wenn ich die angemeldeten Berliner Herrschaften rechtzeitig vom Bahnhofe abholen soll. Gnädige Frau, wie befinden Sie sich? Ein wenig bläßlich, deucht mir. Ja, ja, diese Sitzungen! Das greift an! Lieber drei Stunden zu Pferde, als eine halbe auf dem Verwunderungsstuhl. Aber die gar nicht süße Qual hat ja nun bald ein Ende. Der Tausend! Das hat gestern und heute gefleckt! Das ist ja großartig! Aber, lieber Sommer, wenn ich Ihnen raten darf – und ich glaube, ich verstehe ein bißchen von diesen Dingen – nun auch keinen Strich mehr! Jeder, den Sie jetzt noch thun, kann nur schaden.« Der Herzog hatte noch hastiger, als es sonst schon seine Weise, gesprochen. Auch in seinen Bewegungen war eine auffallende Unruhe, in seinem Blick, der Susi nur eben gestreift hatte, ein seltsames Flackern, wie eines Fieberkranken. Die Augenlider zeigten wieder jene eigentümliche Röte, für welche Susi die Erklärung zu haben glaubte. Zum erstenmal regte sich in ihr neben dem Triumphgefühl der befriedigten Eitelkeit etwas dem Mitleid Aehnliches. Das schnelle spöttische Lächeln, das Fräulein von Merbach und Sommer bei den letzten Worten des Herzogs ausgetauscht hatten, fand sie undelikat. Als ob die alberne Person ohne Sommers Erklärung von vorhin eine Ahnung davon gehabt hätte, ob das Bild fertig sei, oder nicht! Und dabei stand dem Herzog die Uniform, die er heute zu Ehren seiner Gäste angelegt hatte, so gut: der weiße Waffenrock, von dem sich der blaue Stern am Halse so prächtig abhob, die engen Beinkleider, die bis über die Kniee hinaufreichenden Reiterstiefel. Die Füße hätten kleiner sein können; aber Susi gab nichts auf kleine Füße bei Männern. Trotz seiner dem Künstler gegebenen Weisung, ruhig weiter zu arbeiten, hatte sich der Herzog, die Rechte auf den mächtigen Pallasch stützend, breit vor das Bild aufgepflanzt und schien es bei aller Eile, in der er zu sein behauptete, keineswegs sehr eilig zu haben. Hatte er doch, seitdem er gestern abend zum letztenmal in die geliebten Augen geblickt, die halb schlaflose Nacht hindurch, den verstörten Morgen hindurch, nach dieser Stunde geschmachtet, wie ein Schwerverwundeter nach Wasser! sich hundertmal gesagt: »Ein kleines Weilchen und du wirst sie wiedersehen; dann ist alles wieder gut!« Nein, es war nicht gut! Das löschte den brennenden Durst nicht. Den löschte es nur, wenn er sich einmal satt trinken durfte an den Lippen da, von deren Süßigkeit die hier auf dem Bilde doch kaum eine Ahnung gaben. Ebensowenig wie von der unergründlichen Tiefe der großen blauen Augen. Welch ein elender Stümper war der Mensch doch! Und er mußte dem Menschen noch Komplimente für seine Stümperei machen, um den Schein zu retten! »Wahrhaftig, lieber Sommer, ganz excellent! ganz magnifique! Sie übertreffen sich diesmal selbst. – Gnädige Frau, ich mache Ihnen mein Kompliment: Sie haben eine Engelsgeduld gehabt. Freilich: die Fornarina eines Titian geworden zu sein, das heißt: für die Ewigkeit der Kunstgeschichte gesessen zu haben! Das verlohnt sich der Mühe! Aber finden Sie nicht, lieber Sommer, daß diese Linie hier am rechten Mundwinkel – gnädige Frau, wenn Sie die Güte hätten, sich etwas weiter nach rechts zu wenden – nur einen Soupçon – danke unterthänigst! – sehen Sie, lieber Sommer, diese Linie, meine ich, mir kommt sie ein wenig zu hart vor – nicht in Harmonie mit der feenhaften Zartheit der übrigen Züge. Aber dann fürchte ich wieder, Sie verderben etwas, das Sie nicht wieder hineinkriegen. Also, es bleibt dabei: nichts ändern! keinen Strich! Und jetzt: marsch! marsch! oder meine viellieben Gäste müssen die Schönheiten des Fürstenzimmers auf dem Bahnhof ohne mich bewundern. Meine gnädige Frau, Ihr ergebenster Sklave! Liebe Merbach, auch Sie verdienen eine Bürgerkrone! Danke, danke, lieber Sommer! bleiben Sie nur bei Ihrer Staffelei! Aber nichts mehr ändern! hören Sie: nichts mehr ändern!« Er hatte Susi, die längst von ihrem Thron herabgestiegen war, wenn auch flüchtig, die Hand geküßt, der Hofdame und Sommer noch flüchtiger die seine gereicht und war gegangen. Matt hörte seinen jetzt wirklich recht eiligen schweren Schritt durch den ganzen Nebenraum. Sommer, der ihn bis zur Thür begleitet hatte, war nicht wieder an die Staffelei getreten. Er lief mit ungleichen Schritten in einiger Entfernung von den Damen auf und ab, grimmige Gesichter schneidend, in kurze höhnische Gelächter ausbrechend und respektwidrig laut durch die Zähne murmelnd: »Fornarina des Titian – des Titian! Göttlich! – Ewigkeit der Kunstgeschichte! Pfeife auf die Kunstgeschichte! – Linie am rechten Mundwinkel! Da soll der Teufel dreinschlagen!« Plötzlich machte er auf dem Hacken kehrt, legte hastig Pinsel und Palette, die er während der ganzen Zeit in der Hand gehalten hatte, auf einen nebenstehenden Tisch und sagte, auf die Damen zutretend, mit einem mißlungenen Versuch, seine Erregung zu verbergen: »Verzeihung, gnädige Frau! Verzeihung, gnädiges Fräulein – wir müssen die Sitzung für heute abbrechen.« Fräulein von Merbach hatte den jungen Mann während der letzten Minuten nur immer verwundert angestarrt; Susi wußte nur zu gut, was in ihm vorging. »Aber, Herr Sommer,« rief sie mit ihrem kindlich anmutigen Lächeln, »wer wird sich denn auch gleich so aus dem Text bringen lassen!« »Ja, das sagen Sie wohl, gnädige Frau!« rief Sommer, »aber ich bin aus dem Text – gründlich. Daß einer von Kunst nichts versteht, das ist nicht so schlimm, daran ist man gewöhnt. Aber dann soll er wenigstens das Dreinreden lassen und uns nicht mit seinem kuriosen Lob und seiner sonstigen Laienkritik die Stimmung verderben. Gerade jetzt, wo ich sie so notwendig brauche. Ich habe nur noch drei Tage für hier; ich muß und will fertig werden; es liegt mir alles daran. Aber wenn Hoheit hier alle Augenblicke hereinplatzt – ich bitte um Verzeihung – ich wollte sagen, wenn Hoheit uns nicht diese drei Tage in Ruhe läßt, – dann wird es nichts; dann ist die ganze schöne Arbeit verpfuscht.« Susi hatte, wahrend der Künstler so eiferte, still vor sich niedergeblickt. Nun hob sie die Augen und sagte lächelnd in ihrer gehaltenen Weise: »Ich soll also den Herzog bitten, uns diese letzten Tage nicht mit seiner Gegenwart zu beehren?« »Wenn Sie das wollten!« »Gewiß will ich es. Und wenn Sie wirklich heute nicht mehr arbeiten können –« »Beim besten Willen nicht. Es würde jetzt nur noch dummes Zeug werden.« Susi hatte sich zu Fräulein von Merbach gewandt: »Sie sehen, liebe Marie, wir sind entlassen. Auf morgen also! Um dieselbe Zeit?« »Wenn ich bitten darf. Wir haben dann das beste Licht.« »Also: au revoir! « Sie hatte Fräulein von Merbach untergefaßt; aber die Thür des Ateliers war von dem Künstler kaum hinter ihnen geschlossen, als diese ihren Arm losriß und im Flüstertone rief: »Um Gotteswillen, Sie werden das doch nicht thun! Es würde ihn außer sich bringen.« »Warum?« fragte Susi mit ihrer unschuldigsten Miene. »Erstens ist es ein unerhörter Affront von seiten dieses entsetzlichen Menschen, den er nie vergeben würde, nie! Zweitens –« Fräulein von Merbach brach plötzlich ab, Susi mit einem scheuen Blicke streifend. »Zweitens?« fragte Susi, ohne ihre Miene zu verändern. Die Damen waren durch den Vorraum auf den Korridor gelangt; Fräulein von Merbach blieb stehen, sah sich schnell nach allen Seiten um und sagte, Susi mit beiden Händen um die Taille fassend, eindringlich leise: »Liebste Susi, Sie glauben, daß ich Ihre Freundin bin?« »Ich habe keine bessere,« erwiderte Susi, die Hände, die sie umspannt hielten, mit ihren beiden Händen sanft drückend. »Dann folgen Sie meinem Rat: lassen Sie den Menschen sehen, wie er mit dem Bilde fertig wird; aber sagen Sie dem Herzog nichts! kein Wort! sondern –« »Sondern?« »Mein Gott, es wird mir so schwer, – wenn Sie denn wirklich es noch nicht bemerkt haben sollten – haben Sie wirklich, wirklich nichts bemerkt?« Susi hatte den zwischen der Merbach und der Oberhofmarschallin an jenem Abend in Vachta ausgetauschten Blick nicht vergessen; war während dieser Tage dergleichen Blicken zu wiederholtenmalen begegnet und hatte sich nur gewundert, daß die »guten Freundinnen« sie bis heute unbehelligt gelassen. Wie sie die Interpellation zu beantworten habe, darüber war sie längst mit sich im reinen. »Ich ahne, was Sie auf dem Herzen haben, liebste Marie,« erwiderte sie. »Aber sprechen Sie doch! ganz offen! Sie sollen dann auch eine ganz offene ehrliche Antwort bekommen.« Die Merbach benutzte ihre wieder freigewordenen Hände, um Susis Kopf zu nehmen, und, ihr einen Kuß auf die Stirn drückend, flüsterte sie: »Sie liebe Seele! Ich wußte es; ich habe noch gestern zu Excellenz Bartenstein – sie will Ihnen so wohl – das wollen wir alle hier – wir haben Sie alle so lieb – ich habe gesagt: sie sieht es natürlich so gut, wie wir; sie laßt es über sich ergehen, weil sie es nicht verhindern kann. Aber Sie können es verhindern, Liebe. Das ist meine feste Ueberzeugung, und Excellenz ist ganz derselben Ansicht. Sie müssen –« »Gute Marie, denken Sie, Sie sprächen zu einer Schwester!« Das Wort hatte Susi einen zweiten Kuß auf die Stirn eingetragen. Fräulein von Merbach, jetzt völlig beruhigt, fuhr eifrig fort: »Sie müssen fort von hier – unter irgend einem Vorwande – Sie sind so klug; Sie werden schon einen zu finden wissen. Womöglich heute noch, oder doch so bald als möglich. Er wird außer sich sein – natürlich! er ist ja gewohnt, daß ihm überall sein Wille geschieht. Das ist nun nicht zu ändern. Geschehen muß es jedenfalls. Sie sind es unsrer gütigen Herzogin, Sie sind es ihm und – verzeihen Sie, wenn ich es sage! – Sie sind es sich selber schuldig.« Susi hätte die Sprecherin, auf deren bleichen Wangen sich im Eifer der Rede zwei Härte rote Flecken entzündet hatten, mit Vergnügen geohrfeigt. Ein Diener, der den Korridor herabkam, ging grüßend an ihnen vorüber. Der Mann mußte sich erst entfernt haben, bevor sie antworten konnte: »Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, beste Marie; und glauben Sie, ich werde Ihnen Ihre treue Freundschaft nicht vergessen. Aber Sie müssen verzeihen, wenn ich den Fall von meinem Gesichtspunkt ansehe, und der ist ein etwas andrer als der Ihre. Der Vorwand, von dem Sie sprechen, müßte doch ein ganz plausibler sein, einer, dem man den Vorwand nicht ansähe. Hätte ich den, auf der Stelle würde ich Ihrem Rate folgen. Es wäre das freilich auch nur ein Palliativ und im Grunde nichts damit gebessert, nichts erreicht. Es bliebe alles beim alten, würde bei der ersten besten Gelegenheit, die gar nicht zu vermeiden ist, von neuem beginnen; und sehen Sie, Liebe, das will ich nicht; es zu verhindern, unmöglich zu machen – das ist es, was ich unsrer gnädigen Herzogin, dem Herzog, mir selber, meinem Gatten – meinem Gatten vor allen! – schuldig zu sein glaube.« Es war so treuherzig herausgekommen. Frau von Bartenstein hatte Susi doch wohl zu viel gethan, wenn sie sie gestern abend »eine kleine Schlange« nannte! Susi las in den starren, blaßblauen Augen der Hofdame ihren Erfolg, und, sie vertraulich unter dem Arm fassend und langsam den Korridor weiter mit ihr hinabschreitend, fuhr sie fort: »Sie sind ein kluges Mädchen, liebe Marie; aber Sie sind eben ein Mädchen. Die Männer lernt man erst in der Ehe kennen. Sie sind sich alle gleich. Macht man ihnen Avancen, schmeichelt man ihrer Eitelkeit, kann man sie alle haben. Läßt man merken, daß man sich vor ihnen fürchtet, triumphieren sie, und in neun Fällen unter zehn, ist das arme furchtsame Reh verloren. Wir haben nur ein Mittel, dem keine Kühnheit der Männer gewachsen ist, an dem ihre Eitelkeit erlahmt: wenn wir ihnen zeigen, daß ihre Oeilladen und Pfauenräder und sonstigen Künste keinen Eindruck auf uns machen; daß sie uns gleichgültig sind – sauve le respect, natürlich. Sehen Sie, liebe Freundin, das ist das Mittel, mit dem ich bis jetzt die – sprechen wir es aus! – Leidenschaft des Herzogs für mich bekämpft habe, weiter bekämpfen und – ich hoffe zu Gott – besiegen werde. Darum darf ich aber auch nicht – Sie werden mir das zugeben – von hier fort, bis die bestimmte Zeit abgelaufen ist. Und was Herrn Sommers Wunsch betrifft – nun, Beste, ich sagte Ihnen neulich abends bei mir: ich fürchte mich vor nichts. Ich werde den Wunsch des jungen Mannes übermitteln und hinzufügen, daß ich ihn ganz in der Ordnung fände. Sind Sie zufrieden?« »Sie sind ein Engel,« murmelte die Merbach. »Noch eines! Es liegt mir, wie Sie denken können, viel daran, vor den Augen unsrer lieben alten Excellenz in keinem falschen Lichte zu stehen. Wollen Sie ihr unsre Unterredung mitteilen?« »Auf jeden Fall.« In diesem Augenblick wurde auf der Schloßwache das Spiel gerührt. Der Herzog mußte mit seinen Gästen in den Hof gefahren sein. Es schien ein Wunder, daß er die Abholung noch fertig gebracht hatte, wenn der Bahnhof auch nur zwei Minuten vom Schloß entfernt war. »Das wird heute abend ein großer Zauber?« fragte Susi. »Einige vierzig Personen, die höchsten Herrschaften eingeschlossen. Nach der Tafel kleines Konzert. Die Reinerz und Hasse werden singen und Baum, glaube ich, etwas geigen. Die Tafel um sieben Uhr.« »Da behalte ich vollauf Zeit, nach Vachta hinauszufahren, um nach meiner kleinen Alix zu sehen. Au revoir heute abend also. Sie Liebste, Beste! Sorgen Sie nicht weiter um mich und auch sonst nicht! Ich verspreche Ihnen, ich bringe alles in Ordnung, bevor meine letzten acht Tage um sind.« Die Damen hatten sich noch einmal umarmt. Fräulein von Merbach, auf ihrem Weg zur Herzogin, stieg die Treppe hinab; Susi ging den Korridor, der nach manchen Windungen zu ihren Gemächern führte, weiter hinauf. Ein paarmal, während sie so, die Augen auf den Plüschläufer gesenkt, dahinschritt, lächelte sie ein nachdenkliches Lächeln. Nach ihrer Berechnung mußte es sich binnen vierundzwanzig Stunden entscheiden. Und die Entscheidung lag bei ihr – natürlich! Es galt nur die Bedingungen zu diktieren. Und in einem solchen Augenblick mutete man ihr zu, die Partie aufzugeben! Und glaubte, sie würde es thun! Es ist nicht zu sagen, wie dumm diese Frauenzimmer sind! Freilich, die Männer sind nicht klüger. Sechstes Kapitel. Zu Ehren der erlauchten Gäste hatte das Hoffest heute abend länger gewährt als wohl sonst. Es war beinahe elf Uhr geworden, bevor die Herrschaften sich zurückzogen, die übrige Gesellschaft, welche dann nur noch wenige Minuten beisammenblieb, sich ebenfalls trennte und Susi ihre Gemächer aufsuchen durfte. Sie empfand kein Bedürfnis des Schlafes, hatte sich von Lisette nur so weit entkleiden lassen, um in den seidenen Schlafrock schlüpfen zu können, und schritt nun in dem Dämmerschein der beiden Kerzen, welche die Zofe auf dem Schreibtisch hatte brennen lassen müssen, hin und her durch das weite Gemach, die Ereignisse des Abends überdenkend. Ein interessanter Abend war es gewesen; zu sehen und zu hören hatte es vollauf gegeben. Die königlichen Hoheiten hatten sie bei dem Cercle vor der Tafel durch längere Ansprache ausgezeichnet, besonders seine Hoheit, in dessen unmittelbarer Nähe sie auch bei der Tafel placiert war, die heute in dem ganzen prachtvollen Schmuck der herzoglichen Silberkammer prangte. Nach der Tafel, als man sich wieder in dem großen blauen Salon befand und das Band der Etikette sich gelockert hatte, war der Prinz sofort abermals zu ihr getreten und hatte mit ihr in seiner liebenswürdigen harmlosen Weise geplaudert: von ihrem Vater, den er seinen würdigen Freund nannte; von ihrer verstorbenen Mutter, deren auch noch im frauenhaften Alter entzückende Schönheit er in den wärmsten Ausdrücken pries; von Astolf, dessen Abwesenheit er höchlich bedauerte und dem er es nie vergeben werde, daß er sich aus dem Dienst seines Staates, dem es an unabhängigen, freisinnigen und doch loyalen Edelleuten so bitter fehle, nach den wenigen Jahren habe loslösen mögen. Und während seine königliche Hoheit kein Ende finden konnte, hatte sie die neidvollen Blicke aufgefangen, mit denen ein paar Dutzend Augen an der Stelle hafteten, auf der sie unter dem Kronleuchter mit dem Prinzen stand, und den Herzog beobachtet, der in einiger Entfernung mit ihrer königlichen Hoheit ein Gespräch führte, das nichts weniger als interessant schien, wenn sie aus seiner übertriebenen Munterkeit und der Ungeduld, mit der er sich bald auf einen, bald auf den andern Fuß stellte, einen Schluß ziehen durfte. Das hatte so lange gewährt, bis in dem Saale nebenan das Konzert begann, zu welchem der Prinz ihr seinen Arm bot, so daß sie unmittelbar neben den Fauteuils für die höchsten Herrschaften in der ersten Reihe der Stühle zu sitzen kam. Da die Herzogin nicht erschienen war, fehlte es freilich an einer fürstlichen Partnerin für den hohen Gast; aber in der Gesellschaft fanden sich mehrere Damen, die ihr, der jetzigen einfachen Freifrau, im Rang vorangingen. So war dies wiederum eine Auszeichnung, wie sie schmeichelhafter nicht gedacht werden konnte und die zur Erhöhung ihrer guten Laune nicht wenig beitrug. Dann hatte das Konzert selbst einen noch ganz besonders pikanten Reiz für sie gehabt. Diese große, bereits stark abgeblühte Person mit den über die Schönheitslinie hinaus üppigen Formen, dem dunklen, tief in die Stirn hineingewachsenen überreichen Haar, der Adlernase und den stechenden Augen unter den fast ineinanderlaufenden finstern Brauen, die da im schwarzen Atlaskleide am Flügel stand und mit einer Stimme sang, welche einst schön gewesen sein mußte, jetzt aber, besonders in dem höheren Register, einen für ein feineres Ohr beleidigend scharfen Klang hatte – das war also nun bereits seit drei Jahren seine Geliebte gewesen! Und er wußte, daß sie es wußte, wie die ganze Stadt, wie das ganze Land! Und mußte sie hier nun vor ihr produzieren, der, wenn noch nicht sein Mund, so doch seine Blicke, sein ganzes Betragen längst gesagt hatten, daß er sie liebe, anbete! Wenn das nicht pikant war! Und noch pikanter wurde durch die Wahl der vorgetragenen Piecen! Der gute Oberhofmarschall, ohne dessen Sanktion sie doch nicht getroffen sein konnte, hatte, da er vor dem Verdacht der Bouffonerie völlig sicher war, offenbar sein bißchen Verstand verloren. Die Jeremiade der Elvira aus dem Don Juan! Und wie die Person das »Mich verläßt der Undankbare« herausschmetterte! Wenn das sein Herz nicht rührte! Aber auch das Gesicht, das er dazu gemacht hatte! Ja, mein hoher Herr, wenn man den Unbefangenen spielen will, darf man nicht mit so nervösen Fingern an der Quaste des Fauteuils nesteln und alle paar Minuten die Oberlippe zwischen die Zähne klemmen! – schließlich so übertrieben eifrig applaudieren! Oder wartet wenigstens damit, bis Hasse die große Leporello-Arie singt. Da weiß man doch schon eher wo und wie: – »Schöne Donna, dieses kleine Register.« – Aber Hoheit, wenn man in einem Hause von Glas wohnt! – »Und dann jede preiszugeben!« – Aber Hoheit, das könnte doch wirklich eine tugendhafte junge Frau, die Sie mit Ihrer Huld beehren, stutzig machen! – »Er ist eures Zorns nicht wert!« – Ich versichere, Hoheit, ich bin gar nicht zornig. Tot könnte ich mich lachen – noch jetzt! Und Susi warf sich auf eine Chaiselongue und lachte hell auf, worüber sie sich selbst wunderte: sie pflegte, auch wenn sie allein war und sich unbelauscht wußte, nur zu lächeln. Sie hatte so selten schöne Gesichter gesehen, die beim Lachen schön blieben. Ihre Lustigkeit währte auch nur wenige Momente, dann lag sie, die Augen zum Plafond emporgerichtet, wo die rosenspendenden Horen Apollo auf seinem von den Sonnenrossen gezogenen goldenen Wagen vorausschwebten, mit unter den Kopf gelegten flachen Händen, ausgestreckt. Der Abend war mit dem Konzert nicht zu Ende gewesen. Es hatte sich noch einiges ereignet, über das ernsthaft nachzudenken sich der Mühe verlohnte. Hier kam es auf die Details, auf die einzelnen Worte an; den Ton, in dem sie gesagt, den Blick, mit dem sie begleitet waren. Sie würde es schon wieder zusammenbringen. Als man den Musiksaal verließ, hatte nicht der Prinz, der – offenbar seine Unschicklichkeit von vorhin gut zu machen – der alten Gräfin Bartenstein die Ehre erwies, sondern Hans von Rörlach sie in den blauen Salon zurückgeführt. Während Kuchen und der berühmte Punsch herumgereicht wurden, dessen Rezept das ausschließliche Geheimnis des Hofkonditors war, und Rörlach ihr Jagd- und Turfanekdoten erzählte, hatte sie, nur mit halbem Ohre hinhörend, Muße genug, was im Saal vorging, zu beobachten. Der Herzog war schnell auf den Oberhofmarschall zugetreten und hatte ihm leise ein paar Worte gesagt, die mehr als ungnädig sein mußten. Die Excellenz war förmlich zusammengezuckt mit einer Miene, als sähe er eben den Plafond auf sich und die höchsten Herrschaften herabstürzen. Aber der Herzog hatte dem alten Manne nicht einmal die Gnade der Möglichkeit einer Erwiderung gewährt, sondern sich auf den Hacken umgewandt und Brenken zu sich gewinkt. Jedenfalls die Fortsetzung der Kratereruption; nur daß Brenken nicht so leicht aus der Fassung zu bringen war – konnte den Mann überhaupt etwas aus der Fassung bringen? – darin hatte er doch eigentlich eine frappante Aehnlichkeit mit ihr – er wäre gewiß nicht so mit dem kleinen Finger zu lenken, wie Astolf, aber er böte einem doch eine Aufgabe, bei der sich noch etwas lernen ließe und vielleicht sogar sehr viel. Und zu genieren brauchte man sich gegenseitig auch nicht – Susis Gedanken waren abgeschweift; sie brachte sie wieder auf das Thema zurück. Brenken hatte Zeit zu einer Entgegnung gehabt oder sich, so oder so, verschafft und was er gesagt, konnte dem Herzog keine Freude bereitet haben, wenn er die kurze Unterredung auch mit einem Lachen, das etwas forciert klang, und einem scheinbar gnädigen Kopfnicken abgebrochen hatte. Denn als er jetzt, nachdem er sich mit einem Blick versichert, daß der Prinz und die Prinzessin sich an entfernteren Stellen des Salons eifrig unterhielten, raschen Schrittes auf sie zukam, lag auf seiner Stirn noch der Rest einer Zornesröte, der dann freilich bereits geschwunden war, noch ehe er vor ihr stand. Es war das erste Mal wahrend des ganzen Abends, daß er sie direkt angeredet hatte. Rörlach war, als der Herzog sich näherte, mit einer Verbeugung zurückgetreten; auch die wenigen, die noch in der Nähe standen, hatten diskret Raum gegeben; es war ein Tête-a-tête, wenigstens ohne Ohrenzeugen! War ihr von der wunderlichen Unterredung alles in Erinnerung geblieben? »Hoheit blicken nicht heiter.« »Freilich ein schweres Unrecht in dem ersten freundlichen Augenblick dieses miserablen Tages.« »Die höchsten Herrschaften sind die Liebenswürdigkeit selbst.« »Zweifellos; und Sie haben davon die Hülle und Fülle gehabt. Der Prinz konnte sich gar nicht von Ihnen trennen.« »Weshalb ich denn auch jetzt nicht mehr für ihn existiere.« »Mein Gott, gnädige Frau, andre Leute wollen auch leben! Und ich lebe nur, wenn –« Hier hatte er einem Diener, der mit einer Tablette Punschgläser herantrat, so unwillig abgewinkt, daß sie sich ein Lächeln verstatten mußte. Er hatte es natürlich falsch gedeutet. »Ja, gnädige Frau, lächeln Sie immerhin! Es ist die reine Wahrheit: ich lebe nur, wenn ich in Ihrer Nähe bin; lebe nur noch durch Sie!« »Was soll ich Hoheit darauf erwidern?« »Daß Sie die Qualen eines Mannes begreifen, der nach dem süßen Trank der Liebe verschmachtet –« »Wie der Graf Almaviva vorhin in dem Duett mit Susi – pardon: Susanne.« Der Herzog hatte sich verfärbt. Nun ja, die Anspielung war ein wenig sehr boshaft; aber es gehörte schlechterdings zu ihrer Aufgabe. Sie hätte sonst keinen Uebergang gehabt zu dem, was nun folgen mußte. »Hoheit, ich habe eine große Bitte.« Er hatte die Anspielung noch nicht verwunden; für jemand, der nur durch sie lebte, war sein Blick nichts weniger als zärtlich. »Wenn Hoheit die Gnade hätten, den letzten Sitzungen, die ich noch bei Herrn Sommer habe, nicht beiwohnen zu wollen!« Er biß sich auf die Unterlippe. Sie kannte das; der Sturm war im Anzüge. »Darf ich fragen, gnädige Frau, ob das von Ihnen kommt?« Sie hätte den Maler und die Merbach preisgeben können; aber das würde für ihren Zweck nichts genützt haben. »Ja, Hoheit.« »Und weiter fragen, was diese – dies Verbot zu bedeuten hat?« »Daß ich hier von Neidern und Spähern umgeben bin, die mir jede Gnade, durch welche Hoheit und Hoheit die Frau Herzogin mich auszeichnen, zum Verbrechen anrechnen. Als eine solche Gnade sieht man auch das lebhafte Interesse an, welches Hoheit für das Fortschreiten der Arbeit des Herrn Sommer an den Tag legen.« »Also Cancan – Altweibergeschwätz – man kennt das! Ueber solche Misere sollten wir beide doch erhaben sein.« »Hoheit – ja; – ich – nein.« »Ah bah! Das ist nur so eine hypochondrische Grille von Ihnen, die morgen schon verflogen ist.« »Ich muß Hoheit anheimstellen, ob Sie meine Bitte gewähren wollen.« »Ich habe große Lust, sie Ihnen nicht zu gewähren.« »Dann würde mir nur eines bleiben: mich morgen nach der Sitzung bei Hoheit, der Frau Herzogin, zu verabschieden.« »Das werden Sie nicht thun!« »Nur, wenn Hoheit mich dazu zwingen.« »Zwang auszuüben – vollends gegen eine Dame – widerstrebt meiner innersten Natur. Die gnädige Frau wird also in Zukunft von mir unbelästigt bleiben.« »Hoheit weiß recht gut, daß es mir keine Last gewesen ist; dennoch danke ich Eurer Hoheit.« Das war das letzte Wort gewesen; der Herzog hatte abbrechen müssen: die Prinzessin war, an der Reihe der Damen hin, von denen sie eine und die andre mit einem gnädigen Wort beehrte, in zu große Nähe gekommen. Eine Kraftprobe also, und sie war die Stärkere gewesen! Und dies das Ende vom Liede? Unmöglich war es nicht. Sein letzter Blick auf sie, bevor er sich zur Prinzessin wandte, ließ vielerlei Deutung zu. Hatte sie den Bogen zu straff gespannt? War es zu einem definitiven Bruch gekommen? Den hatte sie nicht gewollt. Der Spaß sollte ja jetzt erst angehen. Die alberne Gans von Merbach! Was hatte sie ihre spitze Nase dazwischen zu stecken gehabt! Und wenn es ein Bruch war, wie sollte man es Astolf beibringen, ohne sich als Gänschen von Buchenau in seinen Augen lächerlich zu machen, oder den Herzog bloßzustellen? Er würde natürlich alles aufbieten, die Sache wieder einzurenken. Das konnte dann, wenn es gelang, erst recht amüsant werden; man würde dann doppelt freies Spiel haben. Aber wenn es nicht gelang, der Herzog in seiner Eitelkeit zu tief verletzt war, die erlittene Niederlage nicht verschmerzte, weiter zürnte, und sie sich auf Vachta mit ihrem Astolf zu Tode langweilen mochte! Sie nahm die Hände hinter dem Kopfe hervor und drückte sie, sich aufrichtend und die Füße von dem Sitz herabgleiten lassend, in die Augen. O, der Langenweile auf dem einsamen Nest da draußen zwischen den dummen Bergen und den gähnenden Wäldern! O, der insipiden Ehe mit ihrem idealen Schlagododro! Mein Gott, ja, sie war achtzehn Jahr gewesen; aber das war doch für sie keine Entschuldigung! Was hatte sie sich eigentlich dabei gedacht? So große Eile hatte es doch nicht gehabt, und sie hatte doch zwanzigmal reichere haben können! Es mußte das Meer gewesen sein mit seiner gräßlichen Monotonie, das sie so gedankenlos gemacht hatte. Und dann die kindische Reminiscenz von damals, als sie mit den Eltern hier gewesen war – das alte romantische Schloß mit den weiten Sälen und all den Prunkgemächern! Und die schattigen Parks, durch die es sich so prächtig auf den federnden Equipagen fuhr, während die Kavaliere auf den Rassepferden nebenhersprengten! Und in dem lustigen tollen Treiben als junge Frau des besten Freundes von Serenissimus eine Rolle zu spielen, die erste Rolle, – die sie nun verscherzt hatte! Sie war aufgesprungen. So! Jetzt war sie in der rechten Laune, seinen sentimentalen Brief zu beantworten. Sie hatte sich an den Schreibtisch gesetzt, die Mappe aufgeschlagen, seinen letzten Brief – acht Briefe in acht Tagen! – herausgenommen, Papier zurechtgelegt und die Feder eingetaucht. Aber was hatte er denn eigentlich geschrieben? Er beklagte sich immer, daß sie seine Fragen nicht beantwortete. Als ob einer all die gleichgültigen Fragen beantworten könne! Diesmal mußte sie wohl ein übriges thun. Also, was war es? »Geliebte Susi! Dem Himmel sei Dank! Eine Woche ist beinahe herum! Ich zähle die Tage und die Stunden« – u.s.w.! u.s.w.! – »Der Papa übertrifft sich selbst in seiner Liebenswürdigkeit« – das hat er nun bereits dreimal geschrieben. Er muß furchtbar viel Zeit haben. Und dabei diese gräßliche Hand – kaum zu lesen! Wo war es doch? Ach, hier – »Es stellt sich jetzt mit Evidenz heraus, daß es ein eigentlicher Schlaganfall gewesen ist. Ein leichter nur – Gott sei Dank – aber es hat ihm doch die alte Sicherheit geraubt. Er fühlt sich seiner allerdings recht großen Aufgabe nicht mehr gewachsen. Nun weißt du, geliebtes Herz, wie die Dinge liegen. Dein Bruder ist kein Landmann, hat keine Spur von administrativem Talent. Es wäre eine thörichte Grausamkeit, ihm einen Beruf aufzwingen zu wollen, zu dem er schlechterdings sich nicht schickt, nachdem man ihn aus einem gerissen, für den er eigens geboren scheint. Offiziere habt ihr genug in der Familie gehabt, aber noch keinen Feldmarschall! Elimar schwört auf die Ehre eines Second« – wenn er nur seine Witze lassen wollte! Immer wie ein Bär, der tanzen will! – »Da bleibt denn freilich, faute d'un meilleur, nur ich. Der Papa trägt sich schon längst mit dem Gedanken; er hat ihn mir heute direkt ausgesprochen; ich kann dir nicht sagen, mit welcher Wärme, welcher Dringlichkeit! Es hätte dessen kaum bedurft. Ich habe, wie jeder ordentliche Mensch, das zwingende Verlangen, etwas Rechtschaffenes zu leisten. Mit dem preußischen Staatsdienst, in dem ich es wohl gekonnt hätte, habe ich es verschüttet. Und in unsern kleinlichen Verhältnissen finde ich keinen Ellbogenraum, um so weniger, als mich der Herzog nicht in der Verwaltung sehen will. Unsre paar Morgen Wald und Feld in Vachta – du lieber Himmel, daran ist nicht viel zu administrieren. Hier fände ich einen Wirkungskreis, den, würdig auszufüllen, einen ganzen Mann erfordert. Der Herzog würde es sehr ungnädig aufnehmen – gewiß. Indessen ich bliebe doch immer sein Landeskind und getreuer Vasall, und es hinderte uns nichts, jedes Jahr ein paar Wochen auf Vachta und in seiner Nähe zuzubringen. Du siehst, geliebte Seele, ich bin bereits mehr als halb für die Idee gewonnen und wäre es ganz, wüßte ich, daß sie Deinen Beifall hätte. Aber warum sollte sie es nicht? Du liebst Deinen Papa, wie er es so vollauf verdient, und wirst ihm gern den Abend seines Lebens verschönern wollen. Du liebst mich – nicht wahr, ganz unter uns darf ich das große Wort aussprechen? – und wirst mir treulich helfen, das trübselige Gefühl der Nutzlosigkeit, unter dem ich so schwer leide, endlich einmal los zu werden. Schließlich: Du kehrst in Deine alte Heimat zurück aus Verhältnissen, in die, Dich einzuleben, Du kaum Zeit gehabt hast und die Dir infolgedessen nicht viel geboten haben können, auch wenn sie in Wirklichkeit mehr zu bieten hätten. Selbstverständlich beschließe ich nichts ohne Dich. Das verlangt der Papa auch gar nicht. Dafür verlangt mich herzinnig nach einem recht, recht ausführlichen Brief, in dem mir meine geliebte, angebetete Susi ihre volle, aufrichtige Meinung über ›die große Wasserfrage‹ sagt und, wenn sie recht gut und lieb sein will, mir all die andern Fragen meiner früheren Briefe beantwortet, die klein scheinen mögen, aber es einem liebenden Gatten- und Vaterherzen doch nicht sind. P.S. Wie ein Kind auf Weihnachten freue ich mich auf die Stunde, die mir meine Susi wiedergibt.« Der letzte Teil des Briefes war so interessant für sie gewesen, daß sie ihn, ohne etwas zu überschlagen, bis zu Ende gelesen hatte, selbst die sentimentale Schlußphrase. Seltsam, sie erinnerte sich von dem allen keiner Silbe. Oder war sie heute morgen über die drei ersten Zeilen nicht hinausgekommen? Wahrscheinlich. Und das mutete er ihr zu? Sich lebendig begraben lassen zu sollen da hinten an der russischen Grenze zwischen den unendlichen versumpften Wäldern, in dem dumpfen Schlosse, wo es an hellem Tage spukte, nur daß sie keinen einzigen hellen Tag da erlebt hatte? Niemand zur Gesellschaft als den hypochondrischen Papa, der nicht den kleinsten Spaß verstand, und stupide Krautjunker, die nach dem Pferdestall rochen? Astolf mußte toll geworden sein. Morgen! Heut nacht wollte sie sich über den Unsinn den Kopf nicht weiter zerbrechen. Sie warf den Brief in die Mappe, die sie verschloß, und blickte nach der Stutzuhr vor ihr auf dem Schreibtisch: fünf Minuten vor zwölf. Hatte denn die Uhr immer da gestanden? Vermutlich. Uebrigens eine prachtvolle Arbeit in schneeweißem Alabaster, die Nachbildung en miniature irgend eines berühmten Werkes zweifellos. Richtig: der Perseus und Andromedagruppe des – wie hieß er doch noch gleich? – aus dem Louvre. Warum der Mann die Andromeda nur so puppenhaft klein gemacht hatte im Vergleich zu dem Gardegrenadier von Perseus? Es war ihr damals schon aufgefallen. Wahrscheinlich lieben große Männer kleine Frauen, hatte sie sich in ihrem vierzehnjährigen Kopfe die Sache zurechtgelegt. Würde wohl das Richtige gewesen sein. Der Herzog war ja auch ein ungewöhnlich großer Mann, nur in den Schultern nicht so breit wie Astolf. Sie gähnte ein wenig, löschte die Lichter auf dem Schreibtisch aus und begab sich in das Schlafgemach, wo vor dem großen Stellspiegel noch zwei Kerzen brannten und auf dem Nachttische vor dem Bett in ihrer Glocke aus rosa Glas die Lampe, ohne deren Schein sie nicht schlafen konnte. Vor dem Stellspiegel in dem weichen Fauteuil dehnte sie sich noch ein paar Minuten, lässig einige Mienen und Attitüden probierend, und wollte eben einen energischen Entschluß fassen, das lächerlich große Lager aufzusuchen, als sie plötzlich aus ihrem Halbschlummer jäh in die Höhe fuhr. Was war das gewesen? War jemand außer ihr im Zimmer? Mit klopfendem Herzen stand sie da, aufgerichtet, atemlos, lauschend. Da war es wieder, deutlicher als vorhin. Aber im Zimmer konnte es nicht sein. Es hatte keinen Eingang außer durch den Salon. Auch hinter ihrem Rücken, während sie am Schreibtisch saß, hatte sich niemand einschleichen können: sie hatte schon vorher die einzige Thür nach dem Korridor abgeschlossen und ebenso die aus dem Salon nach dem Empfangszimmer, Es klang auch nicht, als ob es in dem Gemache selbst sei, sondern wie aus einem Nebenraume, der dann allerdings nur durch eine dünne Bretterwand von diesem getrennt sein konnte, oder durch eine Thür. Aber dies waren dicke Steinwände, durch die sie noch nie einen Ton gehört hatte, und eine zweite Thür gab es nicht. Da zum drittenmal, wieder näher, wieder deutlicher! Es mußte an der Wand, dem Spiegel gegenüber, sein. Sie stand noch eine Weile – jetzt vollkommen ruhig – während sich das Geräusch abermals hören ließ: andauernd diesmal, nur mit jedem Moment schwächer werdend, als ob etwas eine Treppe hinabsteige. Dann war es fort. Sie mochte ruhig zu Bett gehen. Und ruhig schlafen. Eben als sie einschlafen wollte, kam ihr ein närrischer Einfall, daß sie lachen mußte. Sie wußte aber nicht, was es gewesen war. So legte sie sich auf die andre Seite, ballte das seidene Kopfkissen, ihrer Gewohnheit gemäß, zu einem weichen bequemen Knäuel und schlief ruhig bis in den andern Morgen. Siebentes Kapitel. Es wollte am andern Morgen nicht Tag werden. Aus den Bergwäldern waren die Nebel hervorgequollen und hatten sich, ein graues Leilach, über das flache Land gebreitet. Als Lisette gegen elf Uhr der gnädigen Frau die Schokolade an das Bett brachte und die seidenen Fenstervorhänge zurückschlug, wurde es in dem Schlafgemach kaum um ein weniges heller. Lisette war gleich mit einer Botschaft gekommen: Herr Sommer habe herübersagen lassen, die gnädige Frau möge heute nicht zu der Sitzung erscheinen; das Licht sei zu schlecht. Susi war es nicht recht. Es lag ihr daran, daß das Bild fertig wurde. Einmal versprach es wirklich sehr schön zu werden, und man mußte doch auch Astolf, wenn er zurückkam, zeigen, wie fleißig man inzwischen gewesen war. Auch wäre es interessant gewesen, zu sehen, ob man sich auf ein von dem Herzog gegebenes Wort verlassen konnte. Susi war, ihre Schokolade schlürfend, bis zu diesem Schluß gelangt, als Lisette wieder eintrat, die sich nebenan von dem Hoffourier das Programm des Tages hatte sagen lassen: Um zwölf Uhr Kavaliertafel; um vier Fahrt der höchsten Herrschaften und der Hofstaaten in sechs Wagen nach Burg Rosenstein zur Besichtigung der Sammlungen, Rückfahrt viertel sechs; um sechs Galatafel, zu der auch die benachbarten herzoglichen Hoheiten zugesagt hatten; viertel auf acht théâtre paré : das Glöcklein des Eremiten und Ballett; nach dem Theater Thee im blauen Salon. »Der Fourier wartet noch?« fragte Susi, sich auf dem Ellbogen halb aufrichtend. »Gewiß, gnädige Frau.« »Sagen Sie ihm, ich ließe die Herrschaften um Entschuldigung bitten: ich müßte unverzüglich – verstehen Sie! unverzüglich – nach Vachta hinaus und würde erst morgen zur Sitzung wieder hereinkommen.« »Aber, gnädige Frau – Verzeihung! – das ist doch ganz unmöglich.« »Melden Sie dem Herrn Fourier, was ich Ihnen gesagt habe – wörtlich! –« Und Susi ließ sich auf das Kissen zurücksinken. Der Einfall war ihr eben erst gekommen: sie mußte ihre Unabhängigkeit auf eine eklatante Weise demonstrieren, gleichviel, was dabei aus der Etikette wurde. Sodann: sie war auch gestern nicht in Vachta gewesen, hatte seit drei Tagen nicht nach dem Kinde gesehen. Das konnte von der Herzogin übel vermerkt sein. Auch würde es sich gut machen, wenn sie die Antwort auf Wolfs Brief nicht vom Schlosse, sondern von Vachta datierte. Lisette, die ihr beim Anziehen geholfen, war entlassen. Sie schloß hinter ihr ab; nahm eines von den Lichtern am Spiegel aus dem Sockel, entzündete es und ging damit nach der Wand im dämmerigen Hintergründe des Zimmers, von der in der Nacht das verdächtige Geräusch gekommen war. Es standen hier nur wenige Möbel, und sie brauchte, an den freien Stellen hin- und herleuchtend, nicht eben lange zu suchen. In dem Gobelingewebe, das eine Kampfscene darstellte – lotrecht durch den Leib eines sich bäumenden Schimmels, zwei oder drei Fuß rechts davon durch den Hals des Tiers, weiter abwärts durch einen gefallenen Krieger – liefen zwei parallele, scharf ausgeprägte Furchen; nur wenig höher als sie selbst – durch die Brust des Reiters – eine dritte, wagerecht. Und plötzlich besann sie sich auf den närrischen Einfall, der ihr in der Nacht vor dem Einschlafen gekommen war: daß hier hinten eine Thür sei, die sich öffnete, und – Der Mann war Wachs in ihrer Hand – wie sie alle. Um ihre Lippen spielte ein triumphierendes Lächeln, während sie zu dem Spiegel zurückging und die ausgelöschte Kerze an ihre Stelle steckte. Eine Stunde später war sie in Vachta nach einer melancholischen Fahrt auf der Chaussee, wo es zu tröpfeln begann; durch die Wiesen, über die der Regen sprühte; die Waldberge hinauf, in deren Schluchten es goß. Und melancholisch zum Verzweifeln war es auf dem verödeten Schlößchen in den dunkeln kalten Zimmern zwischen den verhängten Spiegeln und eingewickelten Möbeln. Wenn Frau Poltrok die Gnädige heute hätte erwarten können! Aber nachdem die Gnädige drei Tage lang – Es war keine Gnädige, welche die alte Getreue ersuchte, sich jeder Kritik über ihr Thun und Lassen zu enthalten, dafür nach dem Feuer im Kamin zu sehen, das demnächst wieder ausgehen werde, und für das Frühstück zu sorgen, während sie sich Baby in der Kinderstube zeigen lassen wolle. Ihr Aufenthalt in der Kinderstube hatte nicht lange gedauert: der säuerliche Geruch, der da herrschte, war ihrem Geruchssinn, ein bißchen Kinderwäsche, das an dem eisernen Ofen gewärmt wurde, ihren Augen ein Greuel. Und von Babies sieht eines aus wie das andre, schreit eines wie das andre. Sich Nase, Augen und Ohren beleidigen zu lassen, wenn man so schon übler Laune ist, kann man von keinem vernünftigen Menschen verlangen. Susi war in der übelsten Laune. Hatte sie doch am Ende nicht eine große Dummheit begangen, als sie der momentanen Eingebung folgte und sich einen ganzen Tag von Hof absentierte? Die Herzogin freilich würde leicht zu beschwichtigen sein, wenn sie ihr von der Erfüllung ihrer Mutterpflichten und sonstigen Sentimentalitäten das Nötige vorredete; der Herzog fühlte sich zweifellos aufs tiefste beleidigt; wie ihr jetzt scheinen wollte: mit Recht. Er hatte ihr gegenüber eine Fügsamkeit und doch auch Ritterlichkeit bewiesen, die man ihm sonst nicht zutraute, und sie selbst ihm nicht zugetraut hatte. Leute, wie er, wollen sich für ihre Tugenden belohnt sehen. Nun erntete er statt des Lohnes Undank. Und wenn er sie auch bis zur Raserei liebte – ein zu straff gespannter Bogen bricht. Und zu der ärgerlichen Stimmung das entsetzliche Wetter! Wie der Regen gegen die Fenster klatschte und der Wind mit den Jalousieen klapperte! Wie er draußen die Wipfel der Bäume zerzauste und die braunen Blätter in Wolken von den Zweigen fegte! Zu denken, daß man an einem solchen Tage da hinten in dem ostpreußischen Sibirien säße, hundert Meilen weit von einem Menschen, um den es sich des Anziehens verlohnte! ohne die entfernteste Möglichkeit auch nur der harmlosesten Flirtation, geschweige denn einer pikanten Scene wie heute nacht! Aber ums Himmelswillen davon in dem Briefe an Astolf nichts merken lassen! Und ebenso nicht zu weit auf seinen Unsinn eingehen! Also ein zärtlicher Brief mit dem obligaten »geliebtes Herz«, »einziger Schatz«, nach dessen Lektüre er so klug war wie vorher. Während sie in ihrer zierlichen Hand, jeden Ausdruck sorgfältig erwägend, das Schreiben abfaßte, hatte sich ihre Laune einigermaßen gehoben. Als sie es überlas, erschien es ihr als ein diplomatisches Meisterstück. Besonders einen Zug fand sie gelungen. Sie hatte sich, solange sie jetzt bei Hofe war, nicht ein einzigesmal nach ihrem Stadthause umgesehen. In dem Briefe aber stand: »Bei einem Besuche gestern in unsrer Wohnung kam mir unser liebes trautes Heim so verödet und verlassen vor, daß ich mich erst eine Viertelstunde hinsetzen und rechtschaffen ausweinen mußte. Und dann faßte ich den Entschluß, sofort ans Werk zu gehen und sie in Ordnung zu bringen, so daß, wenn Du zurückkommst, alles zu Deinem Empfang bereit ist. Sorge nicht, daß ich mir zu viel zumute: Deine kleine Frau ist kräftiger, als Du denkst. Und dann, Herz, es ist eine Zerstreuung, die Du mir gönnen kannst, bei der fürchterlichen Langenweile und Herzenseinsamkeit, in der ich trotz all dem Hoftrubel lebe, aus dem ich mich heute in unser stilles Vachta geflüchtet habe. Es regnet, was vom Himmel will; aber mit unsrer süßen Alix neben mir und einem gewissen Jemand, den ich nicht nennen will, im Herzen, fühle ich mich so wohl wie der Fisch im Wasser.« Mit dem in einer Ledertasche wohl verwahrten Briefe hatte sogleich ein Reitender in die Stadt gemußt. Dann hatte sie Frau Poltrok einige Möbel bezeichnet, die sie morgen hineingeschickt haben wollte; aber mit alledem war es erst drei Uhr geworden, und sie saß im Salon vor dem Kaminfeuer, fröstelnd, und dachte mit Schaudern an den unendlichen Abend, der nun hereindrohte. Daß man sich so selbst im Licht stehen kann, dem glänzenden Licht, das heute wieder in dem Blauen Zimmer auf so viele Herren in Uniform und Damen in großer Toilette fallen würde: Herren, die ihr trotz der anwesenden Fürstlichkeiten als Königin huldigten, Damen, von denen ihr jede, die Fürstlichkeiten eingeschlossen, ihren Triumph beneideten! Auch die Fahrt nach Rosenstein würde sicher sehr interessant werden. Es gab da so viel zu sehen, und der Herzog war ein so vortrefflicher Cicerone! Und in dem alten Gemäuer mit seinen mittelalterlich engen, von unten bis oben mit Sachen vollgestopften Räumen und den halsbrechenden steinernen Treppen hinauf und hinab fand sich so mancher lauschige Winkel, in dem sich ein vertraulich-zärtliches Wort sprechen, eine Aufklärung geben, eine Verständigung herbeiführen ließ, die doch endlich einmal stattfinden mußte, oder die ganze schöne unwiederbringliche Zeit war zwecklos verthan. Sollte sie anspannen lassen und hineinfahren? Sie kam dann noch eben recht zu dem Ausflüge nach dem Rosenstein. Um sich vom Herzog sagen zu lassen: ich wußte, daß Sie sich besinnen würden! Das durfte sie nicht. Lieber hier vor Langerweile sterben. War das nicht das Knirschen von Rädern in dem nassen Sande auf dem Vorplatz? Hielt da nicht ein Wagen vor dem Portale still? Ein nachbarlicher Besuch konnte es nicht sein. Also jemand aus der Stadt. Sollte er wirklich – Susi hatte sich in ihrer Aufregung erhoben, Friedrich entgegen, der angepocht hatte und auf ein Herein, das ihr halb in der Kehle stecken blieb, eingetreten war: »Herr von Brenken lasse fragen, ob er die gnädige Frau in einer wichtigen Angelegenheit auf eine Minute sprechen dürfe.« Also nicht er selbst; nur sein Abgesandter! »Bitten Sie den Herrn, sich heraufzubemühen!« Susi war wieder vollkommen ruhig. Herrn von Brenken gegenüber durfte man nicht nervös sein. »Was in aller Welt führt Sie, lieber Freund, zu mir einsamem Waldvogel heraus?« Brenken, der in kleiner Kammerherrnuniform war, hatte ihr die Hand geküßt und, ihrem Winke folgend, auf einem Sessel in ihrer Nähe Platz genommen. War es das fahle Licht, war es Aufregung, er sah noch blasser aus als gewöhnlich und mußte offenbar erst zu Atem kommen, um sprechen zu können. »Darf ich Ihnen eine Tasse Thee anbieten?« fragte Susi mit ihrer kühlen sanften Stimme. »Gnädige Frau –« »Mit Arak oder Rum? Es ist beides im Hause.« »Gnädige Frau – verzeihen Sie! – aber warum haben Sie das gethan?« »Was gethan?« »Der Herzog ist einfach außer sich.« »Weil eine Mutter einmal nach ihrem Kinde sehen wollte, das sie nur zu lange schon sträflich vernachlässigt hat?« »Ein sehr plausibler Grund und für den auch Hoheit heute bei der Frühstückstafel der höchsten Herrschaften auf das lebhafteste eingetreten ist. Aber das hindert nicht, daß er sich Ihre so plötzliche Entfernung anders deutet und – tranchons le mot, darin eine Flucht sieht.« »Vor wem?« »Gnädige Frau, weshalb mich aus einer Verlegenheit in die andre treiben? Wir sind doch unter uns!« »Die Flucht also zugegeben – sind Sie nicht der Ansicht, daß eine ehrbare Frau in gewissen Lagen dazu greifen muß?« »Zweifellos, nur daß die Betreffende auch dann noch immer den rechten Augenblick wählen sollte. Verzeihen Sie, gnädige Frau, wenn ich als Ihr wahrer Freund, der ich, bei Gott, bin, offen sage: Sie hätten keinen weniger passenden wählen können. Bedenken Sie: die Anwesenheit der königlichen Hoheiten, denen wir doch alle, die wir zum Hofe gehören –« »Ich gehöre nicht zum Hofe, Herr von Brenken; ich bin die freie Herrin über meine Entschlüsse und Handlungen.« »Niemand zweifelt daran. Aber Sie waren der Gast – der gefeierte Gast des Hofes, gestern noch von den königlichen Hoheiten auf das glänzendste ausgezeichnet. Man versteht es einfach nicht, daß Sie sich gerade in einem solchen Momente von uns entfernen. Es erscheint das – gnädige Frau müssen mir schon das Wort verzeihen! – als eine Rücksichtslosigkeit gegen die königlichen Hoheiten. Vielmehr, es würde so erscheinen, wenn man nicht wüßte, daß die Baronin von Vachta einer solchen unfähig ist, und man so dahin geführt wird, nach dem wahren Grund zu suchen und ihn dann natürlich auch zu finden – ein Etwas, das doch, gerade im Interesse der gnädigen Frau, um jeden Preis vermieden werden muß.« »Also was verlangt man von mir?« »Man verlangt nichts; man wünscht, man bittet Sie, fleht Sie nur an, zurückzukommen.« Susi schien in tiefes Nachdenken versunken. »Gut,« sagte sie, »ich habe gegen die königlichen Hoheiten nicht rücksichtslos sein wollen. Ich werde zur Tafel erscheinen.« Sie erhob sich zum Zeichen, daß die Unterredung zu Ende sein solle; Brenken war ebenfalls aufgestanden. »Dann thun die gnädige Frau ein Uebriges,« sagte er, jetzt in einem viel freieren Ton; »fahren Sie sofort mit mir nach dem Rosenstein!« »Mich vor aller Welt lächerlich zu machen?« »Vor niemand, am wenigsten vor den königlichen Hoheiten. Der Prinz war zugegen, als Hoheit mich mit meiner Mission betrauten. ›Aber daß Sie nicht, ohne unsern Verzug mitzubringen, in Rosenstein wieder antreten!‹ rief er mir nach, als ich schon halb zur Thür hinaus war.« Brenken sah nach der Uhr. »Viertel auf vier. Wenn gnädige Frau die Liebenswürdigkeit haben wollten, sich ein wenig mit der Toilette zu beeilen, kämen wir gerade noch zur rechten Zeit.« »Also in fünf Minuten.« »Sagen wir: zehn! Sie sind ein Engel, gnädige Frau.« Achtes Kapitel. Es hatte wirklich wenig über zehn Minuten gewährt, bis sie im Wagen saßen, demselben, in welchem Brenken gekommen war. Susi auf dem Rücksitz, Brenken ihr gegenüber, so weit zur Seite, wie es die Schicklichkeit verlangte. Die im Salon angefangene intime Unterredung mochte hier ungestört fortgesetzt werden, und die beiden hatten einander noch so viel zu sagen. Dennoch herrschte im Anfang ein fast verlegenes Schweigen, das erst, als man aus dem Walde heraus auf den Weg durch die Wiesen gelangte, von Brenken unterbrochen wurde: »Ich hätte noch eine private, aber große Bitte an Sie, gnädige Frau.« »Sie möchten eine Cigarette rauchen.« »Vielleicht hernach, wenn gnädige Frau es gestatten und der Regen nachläßt, daß wir ein Fenster öffnen können. Nein, eine wirklich große Bitte, durch deren Erfüllung Sie mir einen ungeheuren Dienst leisten würden, der auch Ihnen zu gute käme.« »Das war also die Vorrede. Nun zur Sache!« »Die Sache ist die. Gnädige Frau haben vielleicht bemerkt, wie Ihnen ja auch sonst nichts entgeht: ich hatte gestern abend unmittelbar nach dem Konzert eine kurze Unterredung mit dem Herzog, die ich wohl – sauf le respect – eine Dispüte nennen darf. Hoheit beliebten, das Programm abominabel und den Gesang der Reinerz einfach ridikül zu finden. Unter uns, gnädige Frau, ich konnte im stillen Hoheit nur beipflichten. Leider hatte es dabei nicht sein Bewenden: Hoheit verlangte nicht mehr und nicht weniger, als daß ich Pauli – Verzeihung: Fräulein Reinerz wegschicken solle. Wenn ich sage: ›ich‹, so wissen gnädige Frau, daß ich seit dem Heimgange unsres guten alten Hofrats mit der interimistischen Leitung der Intendantur betraut bin – will sagen, alles zu thun und zu besorgen habe, was dem Herzog, der sein eigener Intendant ist, aus diesem oder jenem Grunde lästig fällt. Entlassungen von Theatermitgliedern gehört zu diesen lästigen Dingen, besonders wenn ihr Kontrakt, wie hier der Fall, noch ein paar Jahre läuft. Dazu kommt: passée, wie die Reinerz ist, wir haben schlechterdings weder für den Augenblick, noch für die nächste Zukunft einen Ersatz für sie. Hoheit wollen einmal wieder nach ihrer leidigen Gewohnheit mit dem Kopf durch die Wand. Ein Wort von Ihnen, gnädige Frau, und er läßt Wand Wand sein.« »Sie sagten vorhin, der Herzog sei außer sich über mein abscheuliches Betragen. Leuten, die außer sich sind, ist schlecht Vernunft reden.« Brenken lächelte: »Ich wiederhole, gnädige Frau, es kostet Sie ein einziges Wort.« »Und wenn ich es gerade in Ihrem Interesse nicht sprechen möchte?« »In meinem Interesse?« »Allerdings. Aber um das zu erklären, müßte ich Dinge und Verhältnisse berühren, die etwas sehr delikater Natur sind.« »Ich glaube zu wissen, worauf die gnädige Frau hinauswollen.« »Es sollte mich nicht wundern. Offen gestanden, Herr von Brenken, ich habe über die Sache schon längst einmal mit Ihnen sprechen wollen; vielmehr, meinen Mann gebeten, es zu thun. Aber er sagt: zwischen Männern sei das so ein eigen Ding. Ich weiß nicht, warum, und was das Geschlecht damit zu thun hat, wenn es sich darum handelt, einen Freundschaftsdienst zu leisten. Und ich halte es für einen wahren Freundschaftsdienst, daß Ihnen einmal offen gesagt wird, wie man im Publikum über die Rolle denkt – Sie müssen schon das häßliche Wort verzeihen –, die Sie in dieser unglückseligen Affaire spielen.« »Sie meinen, daß ich vor den Augen der Leute als Liebhaber von Fräulein Reinerz gelte?« »Während doch alle Welt weiß, daß es der Herzog ist, und daß die Villa im Park, welche die – die Dame bewohnt, nicht Ihnen, sondern dem Herzog gehört.« Brenken antwortete nicht gleich. Er fand, in Anbetracht aller einschlägigen Verhältnisse, Susis Vorgehen reichlich unverschämt. Sie sich als Tugendspiegel aufspielen! Aber dann wieder: welchen Mut sie hatte! Es war bewunderungswürdig. »Ich danke Ihnen aufrichtig, gnädige Frau,« sagte er. »Sie haben recht: zwischen Freunden sollten solche Sachen nicht unbesprochen bleiben. Und auch darin haben Sie leider doppelt und dreifach recht: es ist eine unwürdige Rolle, zu der ich mich da hingebe. Aber, was soll ich thun? Sie kennen meine Verhältnisse; vielmehr Sie kennen sie nicht; wissen nicht, daß ich in einer kläglichen Weise von dem Herzog abhänge, ohne ihn sur le pavé bin und schlimmer als das: criblé de dettes . Sie haben mich nie besonders gedrückt; erst jetzt, wo ich nach dem Tode unsres Papas für meinen Bruder auf der Fähnrichspresse zu sorgen habe und für meine Schwester, die sich als Stütze in adeligen Häusern herumdrücken muß – das liebe Geschöpf! Ach, gnädige Frau, ihr reichen Leute, ihr wißt ja nicht, wie Armut thut und zu welchen schlimmen Dingen sie die zwingt, die sie in den Klauen hat!« Brenken zog das Batisttuch mit dem großen eingestickten Monogramm aus der Brusttasche seines Paletots und tupfte damit, sich zum Fenster wendend, als wolle er nach dem Wetter sehen, flüchtig auf Augen und Mund. Es war natürlich Komödie; aber er spielte sie so allerliebst. Susi war entzückt. Wenn er sie jetzt um einen Kuß gebeten hätte, er würde ihn bekommen haben. Brenken hatte sich wieder zu ihr gekehrt. Seinem schnellen Blick war der eigentümliche Ausdruck in dem Gesicht der jungen Frau aufgefallen. Sollte es doch noch möglich sein? eine Hoffnung sich realisieren lassen, die er im stillen immer genährt? die schöne Beute dem Herzog in der elften Stunde abgejagt werden können? »Gnädige Frau, ich erlaubte mir vorhin zu bemerken, daß Ihre freundliche Intervention in der Angelegenheit auch Ihnen zum Vorteil ausschlagen würde. Darf ich mir verstatten, freimütig zu sagen, wie ich das verstehe?« »Sie machen mich unendlich neugierig,« sagte Susi. Um ihren Mund spielte ein erwartungsvolles Lächeln, die großen blauen Augen blickten unschuldig wie eines Kindes Augen. »Nun denn!« Brenken rückte ein ganz klein wenig näher und sagte, die Unschuldsaugen scharf fixierend: »Sie wissen, der Herzog liebt Sie.« Susi errötete bis in die Schläfen; ihre Brauen zogen sich drohend zusammen. Brenken ließ sie nicht zu Worte kommen. »Verzeihen Sie,« sagte er schnell, »es kam ein wenig brüsk heraus; aber es hat keinen Sinn, eine Thatsache zu verschleiern, die leider nicht nur mir bekannt ist. Oder es würde mich sehr wundern, wenn man Sie bei Hofe mit zarten Anspielungen auf ein so überaus interessantes und ergiebiges Thema verschont hätte. Man hat es nicht gethan; ich sehe es Ihnen an. Was ich darunter leide, will und kann ich Ihnen nicht sagen. Was Sie selbst dabei leiden, können wiederum Sie mir nicht sagen. Ich habe nicht das Glück, Ihr Gatte zu sein; und auch einem Gatten gegenüber hält eine kluge Frau mit dergleichen Enthüllungen zurück. Ich hoffe zu Gott, Sie werden aus dieser Katastrophe hervorgehen, ich sage nicht: rein und unschuldig – das versteht sich von selbst, sondern: ohne daß es zu für Sie unliebsamen Scenen kommt. Dafür bürgt mir Ihre Klugheit. Das wahrhaft Aergerliche und bis zu einem nicht geringen Grade positiv Gefährliche ist der Cancan, der sich an dergleichen pikante Leckerbissen herumsetzt wie Fliegen um den Zucker; das Getuschle und Gezischle, das jetzt schon im besten Gange ist, und sich hundertfach verstärken wird, wenn der Herzog die Reinerz – Sie wissen, was ich meine. Das würde selbst die Unbefangenen stutzig machen. Alle Welt weiß: der Herzog kann nicht ohne eine Leidenschaft leben; alle Welt wird sagen: wer ist es nun? Und, gnädige Frau, ich bin außer mir; aber es ist nicht anders: Sie werden das schuldlose Opfer des schändlichen Geredes werden.« »Und das würde vermieden, wenn Fräulein Reinerz bleibt?« »Es würde Ihnen wenigstens die Rückzugslinie decken.« »Dann verstauen Sie mir eine Frage: wie ist es möglich, daß Sie, der Sie für Deckung dieser Rückzugslinie so freundschaftlich besorgt sind, vorhin Ihre ganze Beredsamkeit aufgeboten haben, mich in das Lager des Feindes – um im Bilde zu bleiben – zurückzulocken?« Brenken empfing die zerschmetternde Wucht der Frage, ohne mit einer Wimper zu zucken. »Ja, mein Gott, gnädige Frau,« rief er, »darf ich denn, kann ich denn in meiner sklavischen Abhängigkeit von dem Herzog der Thäter meiner Thaten sein? Habe ich denn nur verhindern können, daß er die – die – ich finde den Ausdruck nicht – daß er sich den Mangel an Delikatesse zu schulden kommen ließ. Ihnen die Gemächer anzuweisen, die sein hochseliger Herr Urgroßvater für seine Geliebte, das schöne Hoffräulein Gabriele von Linden, einrichten ließ? Alte, längst vergessene Geschichten, werden Sie sagen. Freilich! Aber doch nicht so völlig vergessen, daß man ungestraft daran rühren dürfte. Ich versichere Sie: ich bin empört gewesen und bin es noch. Wenn eine so flagrante Indiskretion – verzeihen Sie meiner Aufregung das respektwidrige Wort! – die hämischen Zungen nicht in Bewegung setzt, so weiß ich nicht, was da noch geschehen soll.« Susi war tief erschrocken. Womit ihre Phantasie heute morgen nur eben gespielt, trat plötzlich als Wirklichkeit vor sie hin. Hatte der Herzog ihr die von der Geliebten seines Vorfahrs bewohnten Gemächer anweisen lassen, war es sicher nicht ohne eine bestimmte Absicht geschehen; gab es auch zweifellos einen Weg, der von seinen Gemächern zu jenen führte – schwerlich über die offenen Korridore. Dieser geheime Weg mündete an der Wand ihres Schlafzimmers, wo sie heute morgen gesucht und etwas gefunden hatte, was einer nur von außen zu öffnenden porte derobée verdächtig ähnlich sah. Kein Zweifel mehr: da war eine Thür! Bis zu dieser Thür hatte sich heute nacht – wahrscheinlich nicht zum erstenmal – der Herzog gewagt! Wer anders als er sollte es gewesen sein? Das ging mit Blitzesschnelle durch Susis Kopf. Aber ihr Erschrecken hatte einen andern Grund. Sie hatte es ja halb und halb geahnt; das schnelle Eintreffen ihrer Ahnung war eigentlich sehr spaßhaft und schmeichelhaft für ihren Scharfsinn, ganz abgesehen von den interessanten Folgerungen, welche sich an die Entdeckung knüpften. Nur der Mann da ihr gegenüber! Kannte er das Geheimnis des Weges und der Thür? Hatte der Herzog ihn bis zu diesem Grade zum Vertrauten seiner Leidenschaft gemacht? War, was er da eben gesagt, eine Anspielung gewesen? ein Versuch, zu erfahren, wie weit er auch ihr Vertrauen habe? eine Hindeutung auf seine Mitwissenschaft? eine indirekte Aufforderung, ohne Scheu gegen ihn mit der Sprache herauszugehen? Darüber mußte sie unter allen Umständen Gewißheit haben. »Wahrhaftig, lieber Freund,« rief sie lachend, »Sie können einem angst und bange machen. Wie wollen Sie es verantworten, wenn mir heute nacht der hochselige Herr erscheint mit Haarbeutel und Jabot, an seiner Hand die schöne Gabriele in Reifrock und Stelzenschuhen? Oder drohen mir noch andre Gefahren? Wenn Sie sie kennen, so wahr Sie ein Ritter sind. Sie müssen sie mir nennen!« »Wer spricht von Gefahren?« rief Brenken; »mir ist es Gefahr genug, wenn auch nur die Möglichkeit vorhanden ist, daß Ihr guter Ruf unter derartigen herzoglichen Indiskretionen leidet.« Ihre Lustigkeit hatte ihn sichtlich verletzt. Susi atmete innerlich auf: offenbar wußte er nicht, daß es in dem alten Schloß nächtlich umging. »Seien Sie mir nicht böse,« sagte sie, ihm mit ihrem süßen Lächeln die Hand reichend. »Ich weiß. Sie meinen es aufrichtig gut mit mir. Aber ich bin eine trotzige kleine Person, und es fängt gleich in mir zu zucken an, wenn ich sehe oder zu sehen glaube, es zweifelt jemand daran, daß ich mich unter allen Umständen selbst zu schützen weiß. Sagen Sie mir, daß Sie nicht daran zweifeln!« »Müßte ich daran zweifeln, ich wäre der unglücklichste Mensch unter der Sonne,« rief Brenken, Susis kleine Hand, die sie ihm gelassen, mit Küssen bedeckend. »Aber Brenken!« sagte Susi. Da schlugen die Hufe der Pferde auf die Zugbrücke zum Rosenstein; der Wagen donnerte durch das enge gotische Thor und hielt auf dem Schloßhof, wo er eben noch Platz neben den sechs Wagen fand, aus denen die Herrschaften mit ihrem Gefolge vor fünf Minuten ausgestiegen waren. Neuntes Kapitel. Die auf dem Rosenstein seit Generationen aufgespeicherten antiquarischen Schätze seinen hohen Gästen persönlich zu zeigen und zu erklären, gehörte zu den mancherlei Liebhabereien des Herzogs. Die Hofleute seufzten, wenn sich dazu wieder einmal eine Gelegenheit bot. Unter anderthalb Stunden pflegte die Sache nicht abgethan zu sein, und die Aussicht, das ein dutzendmal Gehörte mit der schuldigen Andacht noch einmal – schwerlich zum letztenmal – hören zu sollen, erfüllte selbst ausdauernde Gemüter mit Schauder. Dafür zirkulierten unter ihnen Glossen zu des Herzogs Erklärungsweise, die nicht immer von Respekt zeugten. Man behauptete, daß er es mit Namen und Daten keineswegs genau nähme; diesen Harnisch bald von Otto Eberhard im Turnier von Worms 1462, bald von Heinrich Eberhard in der Schlacht von Mühlberg 1527 getragen sein lasse, und in Fällen, wo sein Gedächtnis völlig pausiere, die Laküne mit einer Ingenuität ausfülle, die etwas geradezu Verblüffendes habe. Auch ging man Wetten darauf ein, ob der hohe Herr diesmal, wenn man an die Gemäldegalerie gelangte, wiederum einen Hustenanfall bekommen, oder irgend eine Veranlassung herbeizaubern werde, um Brenken heranzuwinken und zu bitten, den Herrschaften die paar, übrigens ganz sehenswerten Lukas Kranach, Albrecht Dürer, Hans Holbein e tutti quanti vorzuführen. Daß seit dem Tode des alten Hofrats Nebeling, seines früheren Intendanten und Kunstorakels im allgemeinen, die Münzensammlung regelmäßig überschlagen wurde, war eine Thatsache. Desto länger hatte man dann in den Kammern der prähistorischen Altertümer und Funde zu verweilen, bei welchen der Herzog eine Kenntnis der einschlägigen Wissenschaften und eine Phantasie entwickelte, die zum Erstaunen waren. Trotz alledem hatte man dem diesmaligen Besuch auf Rosenstein mit geringerer Sorge entgegengesehen, ja sich von ihm eine erquickliche Unterhaltung versprochen, die man sogar von zwei Seiten erwartete. Einmal von der des Prinzen. Er war längst nicht zum erstenmal der Gast seines Vetters und Freundes, hatte infolgedessen die Rosensteinexpedition wiederholt mitgemacht, kannte die kleinen Schwächen des erlauchten Wirtes genau so gut wie die geprüftesten Hofleute, und war in der glücklichen Lage, nicht schweigend dulden zu müssen wie sie, sondern humoristischen Anwandlungen, wenn sie ihm kamen – und sie pflegten ihm häufig zu kommen – souveräne Freiheit lassen zu dürfen. Das war denn erfahrungsmäßig Veranlassung ergötzlichster Scenen, an deren Erinnerung man sich baß weidete: wie der hohe Herr, nachdenklich den mächtigen blonden Bart streichelnd, ruhig dagestanden sei, während der Herzog, den er durch eine verfängliche Frage in die bitterste Verlegenheit gebracht, sich bald auf diesen, bald auf jenen Fuß gestellt und die größte Mühe gehabt habe, die nötige Höflichkeit zu bewahren, ja, nicht einfach grob zu werden. Indessen der Spaß, den man sich von diesen allerhöchsten Reibereien versprechen durfte, war schließlich nicht neu. Von ganz anders einschneidender Wichtigkeit war die Frage: Wird sie kommen oder nicht? Die Unterhaltung, welche die Herrschaften bei der Frühstückstafel über das Thema geführt, war schon nach einer Stunde durch sämtliche Hofkreise durchgesickert, und die Kunde von der Entsendung Brenkens nach Vachta zu dem schönen Flüchtling hatte sich mit Blitzesschnelle durch das ganze Schloß verbreitet. Selbst in den Kastellansräumen wurde die große Frage ventiliert; die Diener in den Vorzimmern und Korridoren tuschelten sie sich einander in die Ohren, von den Kavalieren und Hofdamen gar nicht zu reden, die sich zur bevorstehenden Fahrt mit fieberhafter Hast zurecht machten, nur, um ein paar Minuten früher wieder zusammenzukommen und den Austausch ihrer Ansichten über die Chancen für und wider fortsetzen zu können. Darüber war man sich so ziemlich einig, daß die plötzliche Entfernung der Baronin weniger einer Flucht gleiche, als vielmehr eine in optima forma sei. Besonders Fräulein von Merbach trat mit aller Schärfe für diese Auffassung ein. Eine andre sei gar nicht möglich; und sie rechne es sich zum Verdienst an, die Baronin zu einem Schritt gedrängt zu haben, der, wie die Dinge zuletzt lagen, von ihr nicht einen Tag länger hinausgeschoben werden konnte. Sie glaube über den Verdacht der Prüderie erhaben zu sein; aber alles habe seine Grenzen, und die junge unbedachtsame Frau sei in der Art und Weise, wie sie den Avancen des Herzogs mit offenen Armen sozusagen entgegengekommen, weit, viel zu weit über die Grenzen hinausgegangen. Das habe sie ihr denn gestern nach der Sitzung frank und frei gesagt. Und, wie die Thatsachen bewiesen, mit der gewünschten Wirkung. Sie wisse mit voller Bestimmtheit: nicht Herr Sommer habe die Sitzung heute morgen abgesagt, sondern nehme die Absage nur auf sich, die in Wirklichkeit von der Baronin ausgegangen sei, als erster Beweis ihres erwachten, wenn man wolle: erweckten Gewissens. Zweiter und entscheidender, endgültiger Beweis: ihre Abreise nach Vachta, von wo sie auch nicht wieder zurückkommen werde, und wenn Hoheit zehn Brenkens hinsandte. Sie für ihr Teil sei bereit, darauf jede Wette einzugehen. Es hatte niemand die Dame beim Wort nehmen wollen, was indes keineswegs verhinderte, daß der Herzog bei der Erklärung seiner geliebten Waffensammlung bereits zu der Rüstung Otto Eberhards (alias Heinrich Eberhards) gelangt war, ohne die pflichtschuldige Aufmerksamkeit auch nur eines Mitgliedes seines Gefolges im mindesten fesseln zu können. Wieder und wieder richteten sich die verstohlenen Blicke von den Harnischen, Schildern, Schwertern und Lanzen weg nach der Saalthür, durch die doch nun Brenken jeden Augenblick eintreten mußte. Ob allein oder mit ihr? Man erwartete es in atemloser Spannung. Es hatte für das Paar bei ihrer Ankunft einen Aufenthalt gegeben. Auf dem engen Hofe hatte ihr Wagen, von den andern behindert, nicht sofort an dem Portal vorfahren können. Dann war Susi, als man endlich aussteigen durfte, mit der Schleppe ihres Kleides am Tritt hängen geblieben und hatte ein viertel Meter Saum abgerissen, worauf sie natürlich in der Kastellanstube auf zehn Minuten verschwinden mußte, die Brenken, der draußen wartete, eine Ewigkeit dünkten. Nicht, daß er es so eilig gehabt hätte, vor dem Herzog als der glückliche Vollstrecker seiner allerhöchsten Befehle zu erscheinen! Von der lästigen Gepflogenheit, sich moralische Vorwürfe zu machen, war er für gewöhnlich nicht geplagt; in diesem Augenblick kam er sich sehr erbärmlich vor, nannte sich einen ganz gemeinen Schuft. Was anders war er denn, als ein Kuppler? Und er war es nicht bloß in seinen Augen, er war es auch in ihren – sie hatte es ihm ja ganz deutlich gesagt! In ihren Augen! Himmel und Hölle! In ihren wundersamen Augen, in die er eben noch so tief geblickt hatte – einen unermeßlichen Abgrund von Wonne und Seligkeit! Und diese Wonne und Seligkeit, im Vergleich zu der alles, was er bis jetzt an Lust gekostet, ein erbärmliches Nichts erschien, ihm lassen sollen, der so schon jeden Schaum von dem Champagner des Lebens abschlürfte, und den er haßte – haßte, daß es nur die aufeinander knirschenden Zähne sagen konnten! Warum hatte er nicht schon in Vachta im Salon den Mut gehabt, der ihm in der letzten Minute der Fahrt gekommen war! Aber er war und blieb der elende Feigling, mit dem courage d'escalier, während andre das Glück bei der Stirnlocke fassen und in die Arme pressen und küssen, küssen – küssen! Pah, schließlich ist eine wie die andre! Susi tauchte aus der Kastellansloge auf. »Da bin ich wieder. Seien Sie froh, wir haben so hoffentlich einen Akt der Tragikomödie geschwänzt.« Sie hätten es beinahe. Als sie eintraten, war der Herzog mit seiner Gesellschaft bereits an das andre Ende des vierfensterigen Saales gelangt und demonstrierte eben, wie es durchaus falsch sei, die Gestalten unsrer Altvordern als über das Maß der Menschen von heute hinausgehend anzunehmen. Von sämtlichen Rüstungen im Saale hätte er nur höchstens zwei tragen können, während für Seine Königliche Hoheit erst eine angefertigt werden müßte. Worauf Seine Königliche Hoheit erwiderte: man möge das hübsch bleiben lassen; er habe an dem Kürassier- oder Garde-du-Corps-Panzer, wenn er ihn einmal anlegen müsse, gerade genug; um dann mit seinem trockenen Humor, der das Gaudium der Hofleute war, hinzuzufügen: »Indessen überrascht mich die Sache nicht. Ich bin gewohnt, hinter alles, was mir vom Mittelalter erzählt wird, ein großes Fragezeichen zu machen.« Der Herzog wollte, sichtlich pikiert, etwas erwidern, als er Susi, die mit ihrem Begleiter schon ganz nahe gekommen war, bemerkte. Das Wort blieb ihm in der Kehle, und mehr als ein spähendes Auge bemerkte, daß er sich jäh verfärbte. Der königliche Prinz, der so viel Blicke plötzlich in dieselbe Richtung gewandt sah, hatte sich auf den Hacken umgedreht und kam nun, aus dem Knäuel der um ihn gescharten Herren und Damen heraus, mit ein paar langen Schritten auf Susi zu, ihr schon von weitem die mächtige Hand entgegenstreckend, lustig rufend: »Na, endlich! Darf man wissen, wie sich Baby befindet?« »Sehr gut, Königliche Hoheit,« erwiderte Susi, mit Decenz in den munteren Ton einstimmend; »ich hätte auch sonst nicht vom Hause fortgekonnt.« Der große Moment war so vorübergegangen, ohne daß die Späheraugen – bis auf das plötzliche Erblassen des Herzogs – etwas Verdächtiges hätten wahrnehmen können. Die beiden fürstlichen Damen waren, wie gestern abend, sehr gnädig gegen Susi, ebenso der benachbarte Herzog; die Herren vom Hofe grüßten verbindlich; die Oberhofmarschallin lächelte ihr gütig zu, und Fräulein von Merbach benutzte die nächste Gelegenheit, die ihr ein ungeheurer Eichenschrank aus dem fünfzehnten Jahrhundert bot, um sie heimlich zu umarmen und ihr ins Ohr zu flüstern: »Sie böses, böses Kind! Ich habe mich ja so gräßlich um Sie geängstigt! Gott sei Dank, daß Sie wieder bei uns sind!« Der Rundgang durch die Sammlungen hätte jetzt ohne weitere Störung fortgesetzt werden können, aber der Besitzer selbst schien heute an seinen Schätzen kein rechtes Wohlgefallen zu haben. Je länger die Besichtigung dauerte, desto merklicher trat bei dem sonst Unermüdlichen eine Abspannung hervor; er erklärte, infolge einer leichten Migräne sich heute auf sein Gedächtnis nicht unbedingt verlassen zu können; und während er es noch stets sehr ungnädig bemerkte, wenn der um ihn versammelte Kreis nicht dicht geschart blieb, hatte er für die Nachzügler kein Stirnrunzeln, sogar für Voraneilende nicht sein stereotypes: »Bitte unterthänigst, sich noch einen Augenblick gedulden zu wollen.« So war denn keine halbe Stunde vergangen, als sich ziemlich jede Ordnung gelöst hatte und nur ein kleinerer, hauptsächlich aus den beiden Fürstinnen und den Damen bestehender Teil um Brenken, den ständigen Vertreter des Herzogs in der Bildergalerie, versammelt war. Der Herzog war anfangs dem Prinzen und dem andern Fürsten zur Seite geblieben; dann, als die beiden Herren in der Bewunderung eines Kunstschrankes aus der besten Nürnberger Zeit kein Ende finden konnten, erst langsam und bald schneller vorausgegangen; endlich, als er sah, daß niemand ihm folgte, in einen schmalen Seitengang abgebogen, der in ein nach dem unteren Stockwerk führendes Wendeltreppchen auslief. Er glaubte sich zu erinnern, daß Susi nicht mit den andern Damen in den oberen Stock hinaufgekommen war und er sie zuletzt mit dem Kammerjunker von Selbitz in dem Fayencenzimmer gesehen hatte. Das Glück begünstigte ihn: er konnte, ohne daß ihm jemand begegnet wäre, das Zimmer erreichen. Sie war nicht mehr da; aber in einem Nachbarraum, der eigentlich nur ein Erker war, in welchem einige ältere, besonders merkwürdige Thongefäße standen, hörte er sprechen: die laute, näselnde Stimme des Junkers, dann eine leise, weibliche – ihre Stimme. Das Herz schlug ihm bis in die Kehle. Vor den Augen wurde es ihm dunkel; er fühlte sich einer Ohnmacht nahe und mußte sich, um nicht zu fallen, an einen Schrank lehnen. Aber das währte nur Momente; dann hatte er die Schwäche überwunden, richtete sich strack in den Hüften auf und betrat den Erker, nachdem er den kleinen Zwischenraum mit schnellen Schritten durchmessen hatte. »Sie hier, gnädige Frau?« rief er mit einem Erstaunen, dessen Ausdruck ihm in seiner Erregung nur übel gelang; »wollen Sie sich auch von den Strapazen dieses Kunstgenusses erholen, den einem die Leute, die keine Ahnung von Kunst haben, so gründlich verleiden? Ich meine Sie nicht damit, lieber Selbitz. Bleiben Sie in Gottes Namen hier: ich habe keine Geheimnisse mit der gnädigen Frau. Oder wenn Sie mir einen Gefallen thun wollen, lassen Sie durch meinen Jäger den Kutschern sagen, daß sie die Wagen in einer Viertelstunde bereit halten.« Der junge Mann, für den es eines so direkten Winkes gar nicht einmal bedurft hätte, war davongeeilt. Der Herzog wandte sich zu Susi, die an einer der beiden schmalen Fensternischen stand. Sie wußte, der entscheidende Augenblick war da. Aber keine Spur von Erregung auf ihrem seinen, blassen Gesicht. Die großen blauen Augen blickten ruhig dem Herzog entgegen. Nur ein seines, kaum bemerkbares Lächeln um den kleinen reizenden Mund schien andeuten zu sollen, daß sie sich in seiner Gesellschaft fühlte. Vor dieser souveränen Sicherheit war dem Manne aller Mut entsunken. Ja, er wünschte, er hätte sie nicht aufgesucht. Nun war er einmal hier; er wollte wenigstens, wenn er den Liebhaber fallen lassen mußte, den Herzog retten. »Ich hoffe, die gnädige Frau haben zu Hause alles nach Wunsch gefunden.« »Ganz nach Wunsch, Hoheit.« »Die Fahrt hat Sie nicht angegriffen?« »Nicht im mindesten, Hoheit.« »Sie werden uns doch auch den Abend schenken?« »Ganz, wie Hoheit befehlen.« »Das Wort klingt nicht hübsch in Ihrem Munde; Sie wissen, daß ich Ihnen nichts zu befehlen habe.« »Ich bitte Hoheit um Verzeihung. Ich habe mir sagen lassen, in Rom solle man wie die Römer sprechen.« Der Herzog lächelte verächtlich. »Römer! Diese Bedientenseelen! Diese ausgepreßten Zitronen! Wie können Sie die und sich in einem Atem nennen? Was ich immer zumeist an Ihnen bewunderte, war der freie Mut, mit dem Sie jederzeit furchtlos Ihre Meinung sagten. Wo ist denn der geblieben?« »Ich glaube, ich habe ihn seit gestern abend verloren.« Der Herzog zuckte zusammen. »Seit gestern abend?« rief er mit bebenden Lippen. »Was ist denn gestern abend geschehen?« »Nichts von Belang, Hoheit. Ich war nur zum Papagei geworden, der, zu Hoheits Verdruß, gehorsam nachplappern mußte, was Fräulein von Merbach mir vorgesagt hatte.« Der Herzog, der etwas ganz andres, viel Schlimmeres erwartet hatte, fühlte eine große Erleichterung. »Ach, die alberne Sitzungsgeschichte!« sagte er lachend. »Die Merbach ist wirklich eine alte Schulmamsell. Mit jedem Jahre wird sie unleidlicher.« »Hoheit werden sie doch nicht wegschicken können, wie die Reinerz.« Der Herzog stutzte. »Was soll das nun wieder?« fragte er verstimmt. »O, Herr von Brenken sprach mit mir nur davon. Er ist in Verzweiflung. Er behauptet, die Dame sei unersetzlich.« »Unersetzlich?« rief der Herzog, verlegen und trotzig wie ein Schulknabe. »Unersetzlich? Brenken ist ein Narr. Sie kann gar nichts mehr, hat nie etwas gekonnt; sie gehört in ein Café chantant .« Er fühlte, daß er unfürstlich heftig geworden war und sagte, einlenkend, in ruhigerem Ton: »Mag sein, ich bin gegen die Dame nicht ganz gerecht. Die Sache ist, seitdem ich Sie jetzt wiederholt habe singen hören – besonders seit dem letzten Abend in Vachta – ist mir jede andre Stimme verleidet.« Susi lächelte. »Das ist sehr schmeichelhaft für mich, Hoheit,« erwiderte sie, »und auch sehr traurig. Ich lebe gern den Menschen zu Gefallen und finde nun, ich thue nichts weiter, als auf Personen, die sich sonst Eurer Hoheit Gnade erfreuten, die allerhöchste Ungnade herabziehen. Ja, Hoheit, da ist es doch meine Pflicht, das Feld zu räumen. Ich hatte gestern einen Brief von meinem Gatten. Der Papa will uns durchaus bei sich haben, nicht vorübergehend – nein, für immer. Ich fand den Gedanken absurd. Jetzt muß ich gestehen: er scheint mir sehr plausibel, sehr vernünftig; als das, was ich Eurer Hoheit und mir selbst schuldig bin.« Der Herzog war bei ihren in nachdenklichem Ton mit niedergeschlagenen Augen gesprochenen Worten erblaßt, dann schoß ihm eine jähe Röte in Wangen und Stirn. »Unmöglich!« rief er. »Das darf nicht sein! Das wäre unerhört! Ein Vachta gehört hierher, ist hier festgewurzelt. Ich werde das niemals zugeben! Niemals! Ich –« Er konnte vor Erregung nicht weiter sprechen. Die zornige Röte auf seinem Gesicht war wieder der Blässe gewichen. Und als er jetzt von neuem zu reden anhub, erkannte Susi seine Stimme kaum wieder, so leise und stockend kamen die heiseren Worte: »Die Sache ist: Sie wollen fort. Mein Gott, mein Gott, wird Ihnen das wirklich so leicht? Denken Sie denn dabei gar nicht an – mich? Regt sich denn wirklich in Ihrem Herzen nichts, gar nichts für – Susi, ich liebe Sie! Ich bete sie an! Ich kann nicht mehr leben ohne Sie! Ich werde wahnsinnig, wenn Sie mich verlassen! Ich bin es schon. Ich –« Er war ganz nahe an sie herangetreten und flüsterte hastig, kaum noch verständlich: »Heute nacht – ich habe vor Ihrer Thür gestanden – erschrecken Sie nicht! Bei allem, was mir heilig ist, niemand außer mir weiß von dieser Thür – nicht erst heute nacht – alle diese Nächte – weinend, betend, verzweifelt. Seit sieben Nächten ist kein Schlaf in meine Augen gekommen – ich bin mit meiner Kraft zu Ende.« Susi sah es: er sprach die volle Wahrheit. Und mit der Kraft, sagte sie sich, endet auch die Leidenschaft. Sie hob langsam die Augen zu den seinen auf, die sie anstarrten wie eines Angeklagten, der den Richterspruch erwartet; und langsam und leise sagte sie: »Ich kenne die Thür, sie ist sehr dünn: man kann durch sie jemand, der an der andern Seite steht, atmen hören. Wenn diese Thür vergangene Nacht und die andern Nächte nicht geschlossen geblieben wäre, was wäre ich dann heute in Eurer Hoheit Augen?« »Was Ihr stolzes Lächeln sagt,« flüsterte der Herzog; »mein Alles. Meine gütige, wonnevolle, angebetete Königin! Susi, zweifeln Sie daran?« »Nein,« sagte Susi. Sein heißer Atem streifte ihre Wange; die flüsternde Stimme war dicht an ihrem Ohr. Er hauchte ein paar Worte, auf die keine Antwort kam. Erschrocken bog er den Kopf zurück. Ihre Blicke ruhten ineinander. Ihre lächelnden Augen sagten, was ihr lächelnder Mund verschwieg. Er hatte einen langen, glühenden Kuß auf ihren Mund gedrückt und war davongestürzt. Langsam folgte Susi. Zwischen ihren Brauen stand ein seines Fältchen. Es schien ihr, als habe sie eben ihre Rolle um eine Nuance zu viel auf die ingénue hinausgespielt. Doch das ließ sich wieder gutmachen. Zehntes Kapitel. Seit dem Besuch auf Burg Rosenstein waren zweimal vierundzwanzig Stunden vergangen. Jahre, bevor sie lange Kleider getragen, war Susis ständiger Traum gewesen, daß dereinst ein Prinz kommen und sie zur Prinzessin machen werde. Der Prinz war gekommen; aber zur Prinzessin hatte er sie vorläufig noch nicht gemacht. Das war ein böser Fleck auf dem glänzenden Bilde. Ihn zu tilgen würde nicht leicht sein. Die erste Bedingung dazu war, sich der Liebe ihres Liebhabers versichert zu halten, und nach dieser Seite durfte sie sich vorläufig aller Sorge entschlagen. Seine Liebe grenzte an Raserei, war Raserei. Er weinte Thränen der Wonne in ihren Armen, was ihr einigermaßen lächerlich dünkte. Als sie ihn auf seine flehentlichen Bitten zum erstenmal Du genannt und seinen stolzen Namen Heinrich in ein kosendes Heinz umgewandelt hatte, war er vor Freude außer sich gewesen und hatte ihr in stürmischer Dankbarkeit die Füße geküßt. Er war ihr Sklave, rühmte sich dessen, wollte nichts andres sein. Er schwur, daß mit der Liebe zu ihr sein Leben begannen habe, um in dieser Liebe auch seinen Abschluß zu finden; ihm eine Zukunft ohne sie als Chaos erscheine, Trennung von ihr und Tod dasselbe bedeute. Und dann der ewige Refrain: »Ich beanspruche nicht, Engel, daß du mich liebst, wie ich dich liebe. Es wäre unmöglich. Sage mir nur noch ein einziges Mal, daß du mich ein ganz klein wenig liebst!« Susi sagte es ihm. Und daß sie, bevor sie ihn gekannt, nicht gewußt habe, was Liebe sei. Auch schlechterdings nicht wisse, warum sie ihn liebe, wenn sie denn doch wirklich das närrische Gefühl, das sich da in ihrem Herzen für ihn rege, als Liebe deuten müsse. Worauf sie ihn dann von den Knieen, auf denen er vor ihr lag, an ihren Busen zog und, die Augen schließend, ihr lächelndes Gesicht von seinen Küssen bedecken ließ. Reue empfand sie nicht. Weshalb sollte sie? Wie sie darüber dachte, war ihre Ehe – die ersten sechs Wochen vielleicht ausgenommen, die sie mit Astolf auf der Hochzeitsreise in der Schweiz und Italien zugebracht hatte – eine Wüste manchmal kaum erträglicher Langweiligkeit gewesen. Tausendmal hatte sie sich gefragt, warum sie von all den Männern, die sie hätte heiraten können, sich gerade diesen ausgesucht habe, der mit seinem Primanerenthusiasmus, seinen absurden Schwärmereien für alle möglichen idealen Luftschlösser so gar nicht für sie passe, und dessen brüske Manieren sie tagtäglich beleidigten. Dazu seine stürmische Zärtlichkeit! Und seine Stupidität, niemals zu merken, daß sie nicht erwidert wurde! Liebe war ja überhaupt Unsinn! Aber die für einen solchen Mann wäre der Unsinn des Unsinns gewesen. Dafür hatte sie in ihrem Verhältnis zum Herzog eine unerschöpfliche Quelle von Amüsement gefunden! Es hatte anfänglich das Aussehen einer Flirtation gehabt, wie sie sie während ihrer wenigen Mädchenjahre schon einige Dutzendmal durchgemacht. Aber die Physiognomie war bald eine andre geworden. Durch die Höhlen der höflich lächelnden Maske hatte sie in ein Paar heiße, verlangende Augen geblickt, und sie hatte den Blick gelegentlich so weit erwidert, als ihr nötig schien, um die Flamme nur noch heißer, noch verlangender auflodern zu machen. Die Vorsicht, die hier geboten war, die Heimlichkeit, in der es getrieben werden mußte, hatten das reizende Spiel nur noch reizender gemacht. Und sie war auch nicht einen Augenblick darüber in Zweifel gewesen, daß dies des Spieles Ende sein würde. Weshalb also darüber Reue empfinden? Es wäre ihr das ebenso kindisch erschienen, als sich darüber zu grämen, daß sie, nach der Versicherung der Männer, von allen Frauen der Welt die schönsten Augen besäße, und daß ihrem Lächeln keiner widerstehen könne. Für sie handelte es sich jetzt nur um eines: war das Geheimnis vor aller Welt sicher? Für den Moment unbedingt, darüber hatte sie der Herzog beruhigt. Es verhielt sich buchstäblich, wie er ihr bei allem, was ihm heilig, geschworen: niemand wußte um den Weg aus seinem Zimmer zu ihrem Schlafgemach als er allein. Die Anlage rührte in der That von seinem Urgroßvater Heinrich Eberhard III. her, der sich so den Genuß der Liebe seiner schönen Gabriele gesichert hatte, und bestand im wesentlichen aus einer engen, schräg geführten Wendeltreppe, die, von seinem Schlafkabinett in dem unteren Stock ausgehend, oben in einem kleinen, zwischen Susis Gemach und einem daranstoßenden ausgesparten Raum endete, der kein Licht und keinen zweiten Ausgang bot, als die für jedes uneingeweihte Auge von innen nicht entdeckbare Tapetenthür. Dem ehrbaren Nachfolger des galanten Herrn war die Sache ein solcher Greuel gewesen, daß er, ohne die schmachvolle Treppe jemals bestiegen oder einen Fuß in die anrüchigen Zimmer oben gesetzt zu haben, die untere Thür einfach hatte zumauern lassen. Der ihm succedierende Regent kannte noch die Sage von der Treppe, während bereits bei der Generation nach ihm jede Spur einer Erinnerung daran verloren war. Und verloren geblieben wäre, hätte nicht ein uralter pensionierter Kastellan, der in einem stillen Winkel des Schlosses sein Gnadenbrot aß und an dessen Geschichten der Herzog als Knabe und Jüngling großes Ergötzen fand, eines Tages dem Hochaufhorchenden die Aventüren seines vergnüglichen Vorfahren und der mitleidigen Gabriele erzählt, genau so, wie er sie, als er selbst noch ein junger Mensch war, von seinem Vorgänger im Amt gehört. Susis Liebhaber schwur, daß er aus keinem andern Grunde als purer Neugier bald nach seinem Regierungsantritt vor vier Jahren eine Untersuchung angestellt habe, die dann auch mühelos zu dem erwarteten Resultate führte. Die Untersuchung hatte ein junger Architekt geleitet, den er zum unbedingten Schweigen verpflichtet hatte und der überdies inzwischen gestorben war. Die zum Durchbrechen der vermauerten Thür und für die sonstigen geringfügigen Arbeiten erforderlichen wenigen Handwerker – lauter fremde Leute, von denen keiner auch nur eine Ahnung davon hatte, um was es sich hier handelte. Der Schlüssel zu der Thür unten kam nie aus seinen Händen; und selbst wer an die obere Thür gelangt wäre, ohne eine gewisse verborgene Feder zu kennen, die nur auf einen dreimaligen Druck reagierte, hätte sie nicht zu öffnen gewußt. Susi hatte sich von ihrem Liebhaber alle Details der ingeniösen Erfindung nicht bloß erklären, sondern zeigen lassen, wobei sie denn zu beiderseitigem größten Ergötzen sogar die enge Wendeltreppe hinabgeklettert waren, um die Expedition in dem Schlafkabinett des Herzogs zu enden. Sie mußten lachen, so oft sie an das nächtliche allerliebste Abenteuer dachten. Das waren Stunden, für die der Herzog seine ewige Seligkeit verkauft hätte; aber auch für ihn war die Sonne, in deren Glanz er schwelgte, nicht fleckenlos. Seltsamerweise kam ihm die Verdunkelung seines Glückes von einer Seite, an die seine Geliebte kaum dachte. Für sie war ihre Liebschaft mit dem Herzog eine Art Rache für den Ueberdruß, den sie in ihrer Ehe empfand, mit einer persönlichen Spitze gegen Astolf; für den Herzog war die Erinnerung an den Freund seiner Jugend bis zur Peinlichkeit unbehaglich. Er hatte ihn in seiner Weise lieb gehabt, hatte ihn noch lieb; und was viel schlimmer war, Astolf war der einzige Mensch, vor dem er innerlich Respekt empfand. Der Genosse seiner Knaben- und Jünglingsjahre war nie ein Pedant, ein Kopfhänger gewesen, nie ein Spielverderber, mochte der Streich, der ausgeführt werden sollte, noch so toll sein. Aber ein schlechter Streich, einer, der nur an einen solchen grenzte, hatte es nicht sein dürfen. Dann hatten keine Schmeicheleien und kein Aufbrausen seinerseits genützt – mit ruhiger Festigkeit hatte der andre nein gesagt: er, der sie alle, wie sie da waren, wenn es darauf ankam, unter den Tisch trank; mit dem die famosesten Schläger und ärgsten Raufbolde nicht mehr anzubinden wagten, weil er jeden mit ein paar Blutigen abführte; und der ein wildes Pferd zwischen den Schenkeln zusammendrücken konnte, daß es stöhnend seinen Meister in ihm erkannte. Dann hatte er den gutmütigsten aller Menschen einmal – ein einziges Mal – im Zorn gesehen. Das war furchtbar gewesen. Als hätte sie gestern stattgefunden, stand die Scene vor seiner Seele: auf einer Inkognitofußwanderung durch die Berge. Ein Mensch auf der Landstraße hatte einen Ziehhund mißhandelt, Astolf ihm die Ungebühr verboten, der Mensch höhnend geantwortet, seine Mißhandlungen des unglücklichen Tieres in nur noch schändlicherer Weise fortsetzend. Da war Astolf auf ihn eingesprungen; »Willst du es lassen, oder nicht?« Zur Antwort hatte der Mensch sein Messer gezogen. Es war ein baumstarker Kerl gewesen. Im nächsten Moment hatte er im Chausseestaub gelegen; Astolf hatte auf seiner Brust gekniet, und um das Leben des Elenden war es geschehen, wenn er selbst nicht dazwischen gesprungen wäre, um für seine Intervention beinahe so schlimm zu fahren wie der Missethäter selbst. Von solchen unerfreulichen Erinnerungen blieb er wohl in Susis bestrickender Nähe verschont; aber sie kamen ihm nur zu oft, sobald er sich von ihr trennen mußte. Dann beschloß er mit dem Mut der Feigheit, daß er die Zauberin, koste es ihn, was es wolle, zum letztenmal gesehen haben müsse, um die Stunden und Minuten zu zählen, bis er sie wieder hatte, wieder zu ihren Füßen liegen und betteln durfte: »Sag mir nur noch ein einziges Mal, daß du mich ein ganz klein wenig liebst!« Er nannte sie oft seine Königin, und es war für ihn mehr als ein Kosewort. Die tiefe Kluft, die er sonst zwischen sich und allen nicht fürstlichen Menschen aufgethan sah, sie war nicht mehr vorhanden, wenn er in ihre Augen blickte, auf ihre kleine weiße Hand seine huldigenden Küsse drückte. Er schämte sich allen Ernstes seiner früheren Liebschaften. Wie war es möglich gewesen, daß er sich an diese Kreaturen hatte wegwerfen können? Hier war endlich eine seiner würdige Liebe: die Liebe zu einer wahrhaften Dame, für die kein Thron der Erde zu stolz und hoch gewesen wäre. Und zu der er doch in stiller Nacht auf einer Hintertreppe schleichen mußte! Und deren Gatte nach vier Tagen heimkehrte, um als sein Eigentum zurückzufordern, wofür er freudig sein Herzblut hingegeben haben würde! So wenigstens sagte und klagte er ihr. Und sie berieten stundenlang, was in dieser Not zu thun sei. Jenem letzten Briefe, in welchem Astolf zum erstenmal von dem Wunsche des Grafen, die Kinder bei sich zu haben, gesprochen hatte, war schnell ein zweiter gefolgt, der das Projekt beinahe schon als eine beschlossene Sache hinstellte. Das Drängen des Vaters sei rührend lebhaft. Auch halte er es für seine Pflicht, Susi zu gestehen, daß nach Aussage des Arztes, der die schmerzliche Mitteilung wiederum für seine Pflicht gehalten, das Leben des Vaters an einem Faden hänge, der bei einem zweiten Schlaganfall reißen könne, und so weit die Wissenschaft vorauszusehen vermöge, reißen werde. Gott wolle geben, die Wissenschaft irre sich in diesem Falle, wie in so vielen andern. Immerhin hätten unter solchen Umständen ausgesprochene Wünsche etwas besonders Feierliches, das er für seine Person aufs tiefste empfinde, und ganz gewiß nicht minder tief das zarte Gemüt seiner Susi. Der Herzog gestand seine Ratlosigkeit gegenüber dem hereindrohenden Schlage. Susi strich ihm sanft das Haar aus der sorgenvollen Stirn und sagte lächelnd: »Und wann wüßtet ihr Männer euch denn zu raten und zu helfen! Die Sache ist nicht annähernd so schlimm, geliebter Heinz, wie du sie ansiehst mit deinen prächtigen Augen, die ich notwendig erst einmal küssen muß, bevor ich sie dir öffne. Sie ist nämlich einfach die: Ich fahre morgen nach Vachta hinaus und finde, daß Baby sehr schlecht aussieht; übermorgen dito, nur daß ich die Notwendigkeit, sie aus dem feuchten Hause in die warme Stadtwohnung zu nehmen, konstatiere. In diesen Tagen hierher überzusiedeln, war, wie du weißt, so wie so meine Absicht. Es sollte nur eine Aufmerksamkeit für Astolf sein; jetzt bekommt es einen andern Anstrich: es war um Babys willen geboten. Unser alter Geheimrat wird auf meinen Wunsch plötzlich entdecken – besonders wenn du die Güte haben wolltest, ihm einen darauf bezüglichen Wink zu geben, – daß Babys Lungen zu wünschen lassen, und von einer Reise mit ihr hundert Meilen weit bei diesem rauhen Wetter in ein so gefährliches Klima gar nicht die Rede sein könne. Ich muß natürlich bleiben, wo Baby ist. Das heißt hier – bei dir. Quod erat – wie sagt ihr Männer doch gleich in solchem Falle?« »Demonstrandum!« rief der Herzog, die auf seinen Knieen Sitzende leidenschaftlich an sich pressend. »O, du Kluge! Du Einzige! Ja, so geht's! geht's vortrefflich. – Aber,« fügte er traurig hinzu, »ich verliere dich so womöglich noch einen Tag früher.« »Wenn du mich dafür mindestens den ganzen Winter behältst?« »Wie soll es nur werden? Wie soll es nur werden?« klagte der Herzog. Es war der ewige Refrain ihrer Liebesgespräche: wie sollte es werden, wenn Susi wieder bei ihrem Manne war und den Liebenden, sich zu sehen, keine andre Gelegenheit blieb, als die, welche das gesellschaftliche Leben ihnen bieten würde – die flüchtige, banale Gelegenheit, die jetzt nach so vielen, im trautesten Beieinander hingebrachten entzückenden Stunden der bare Hohn schien? Hier war auch Susi um Rat verlegen, oder hielt es doch für zweckmäßiger, mit ihrer Erfindsamkeit zurückzuhalten und den geängsteten Liebhaber sich selber helfen zu lassen. »Ich komme immer wieder darauf zurück,« sagte der Herzog. »Aber es ist mir ein schrecklicher Gedanke, Heinz,« erwiderte Susi, das schöne Köpfchen mißmutig schüttelnd. »Glaubst du denn, geliebte Seele, daß ich dir das nicht nachfühle? und mir selber dabei etwa wohl zu Mute wäre? Nur ich finde nichts andres und gewiß nichts Praktischeres und Sichereres. Du kannst in zehn, in sieben Minuten dort sein; auf den einsamen Parkwegen begegnet dir kein Mensch, nicht einmal bei Tage, geschweige denn an einem Winterabend. Die Person – es ist gräßlich, daß ich von ihr sprechen muß; aber du hast es mir verziehen, hast mir ja alles verziehen – sie muß natürlich fort. Sämtliche Möbel werden verändert – das versteht sich von selbst. Neue Leute kommen hinein; sagen wir: deine Lisette hier, die dir so ergeben ist, und ihre Mutter, eine alte, halbblinde Frau; und ein junger Förster vom Walde, auf den ich mich unbedingt verlassen kann.« »Und die Klotilde, oder Pauline, oder wie sie heißt, wolltest du wirklich wegschicken?« »Das geht freilich nicht,« erwiderte der Herzog verlegen; »wenigstens für den Augenblick nicht. Es würde ein widerwärtiges Gerede geben. Auch ließe sich in der That in absehbarer Zeit gerade jetzt, wo alle diese Personen ihr festes Engagement mindestens für die Wintersaison haben, kaum ein Ersatz für sie finden. Ich müßte beinahe die Oper schließen, worüber denn meine guten Spießbürger – ich kenne das Gesindel – Zeter und Mordio schreien würden. Darin muß ich Brenken recht geben.« »Und Brenken?« »Wie so: Brenken?« »Ihm sollte auch nur vierundzwanzig Stunden verborgen bleiben, weshalb dies alles geschieht? Ach, Heinz, geliebter Mann, heute ist unsre Liebe unser süßes Geheimnis. Weiß Brenken darum, kennt es in acht Tagen die ganze Stadt.« »Brenken ist ein Kavalier und mein Freund, will sagen: mir auf Tod und Leben ergeben.« »Bist du dessen so ganz gewiß?« Sie wußte, daß er sich nur den Anschein gab, Brenken völlig zu vertrauen. Von den sehr gewichtigen Gründen, die sie selbst hatte, am allerletzten den Mann zum Mitwisser des Geheimnisses zu machen, wollte sie lieber nicht sprechen. »Ja, Susi, weißt du denn etwas Besseres?« sagte der Herzog ungeduldig. »Ich wüßte schon etwas Besseres,« erwiderte Susi; »etwas viel, viel Besseres. Aber das kann uns nur die Zukunft bringen.« Ihre Blicke waren sich begegnet, um sich schon im nächsten Moment voneinander abzuwenden. Sie thaten es jedesmal, wenn die Unterredung bis zu diesem Punkte gelangt war. Beide erwogen in der Heimlichkeit ihres Herzens eine gewisse Eventualität, die bei der notorischen Kränklichkeit der Herzogin schon in wenigen Wochen eintreten konnte, und freilich, trat sie ein, den verbrecherischen Weg von dem Haupthindernis mit einem Schlage frei gemacht hätte; aber ein Rest von Scham verbot dem Herzog und Susi die Klugheit, offen davon zu sprechen. Dafür entwickelte sie in der Ausführung des so weit zwischen ihnen festgestellten Programmes eine Leistungsfähigkeit, die niemand der zarten Gestalt zugetraut hatte. Während der Herzog zwischen dem Frühstück und der Mittagstafel sich zu einem bleiernen Schlaf auf Stunden zurückzog, die in dem täglichen Bulletin der offiziellen Zeitung unter der Rubrik »Seine Hoheit arbeiteten dann in Ihrem Kabinett allein« registriert wurden, kutschierte sie nach Vachta hinaus, traf dort die zur Uebersiedelung nötigen Anordnungen; fuhr wieder in die Stadt, inspizierte sämtliche Räume des Hauses; befahl diese oder jene wünschenswerte Veränderung; legte beim Arrangement der Nippes und Kunstgegenstände, das ihr keiner zu Dank machte, selbst die letzte Hand an. Dann erschien sie an der Mittagstafel, einer weißen Rose gleich, über die ein sanftrötlicher Schimmer gehaucht ist, munter, gesprächig, witzig, geistreich, der Neid und das Entzücken der befohlenen Damen und Herren, das Staunen des Herzogs, der nur mit Hilfe gegen seine sonstige Gewohnheit reichlich genossenen Weines den Anschein seines sprichwörtlichen lebhaften Naturells eben aufrecht zu erhalten vermochte. Vor der Tafel aber hatte sie sicher bereits ein Plauderstündchen mit der Herzogin gehabt, die auf Wunsch der Aerzte ihre Zimmer jetzt nicht mehr verließ und für den Besuch ihres »Lieblings« jedesmal eine Dankbarkeit an den Tag legte, die beweglichere Herzen gerührt haben würde. Eine Folge dieser Dankbarkeit im besonderen und der unerschöpflichen Herzensgüte der hohen Frau im allgemeinen war es, daß etwas geschah, was Susi – durfte sie es sich auch nicht merken lassen – ungeheuer spaßhaft fand, während es den Zorn des Herzogs in hellen Flammen auflodern ließ. Susis Porträt war in drei schließlichen Sitzungen fertiggestellt worden, nicht ohne daß der junge Künstler dabei mehr oder weniger deutlich vernehmbare Lamentationen und Verwünschungen unter dem modisch aufgekämmten Schnurrbart gemurmelt hätte. ›Die gnädige Frau habe sich während der letzten Tage im Ausdruck so seltsam verändert; erst sei es ein Carlo Dolce- Gesicht gewesen, nun der reine Tizian – himmlische oder irdische Liebe, oder so was. Da möge ein andrer durchfinden.‹ Er habe die größte Lust, ›die Sache schießen zu lassen.‹ Das hatte er nun freilich nicht gethan, vielmehr mit brennendem Eifer weiter gemalt, um schließlich zu erklären: ›wenn die Herrschaften die Stümperei als Bild gelten lassen wollten – er sei mit seinem Latein zu Ende.‹ Dann war er abgereist, nachdem er Susi feierlich gebeten, ›nie wieder einem Maler sitzen zu wollen. Nachdem er – Fritz Sommer – sich vergeblich an ihrem Engelsangesicht abgequält, sei der Fall hoffnungslos.‹ Das Bild hatte ein Geburtstagsgeschenk für die Herzogin sein sollen. Aber die hohe Frau sagte: »Der liebe Gott allein wisse, ob sie den Fünfzehnten noch erleben werde.« Ihre Bitte, ihr das Werk zu zeigen, war so dringend gewesen; man hatte sie erfüllen müssen, wie schwer es dem Herzog ankam, der nicht daran dachte, das Konterfei der Geliebten in den Händen der Gemahlin zu lassen, sondern es bereits in seinem Kabinett über dem Schreibtisch hängen sah. Da nun war das Entsetzliche geschehen. Die hohe Frau hatte das in einem prachtvollen Rahmen vor ihr aufgebaute Kunstwerk mit gefalteten Händen lange andächtig angeschaut, war dann plötzlich in Thränen ausgebrochen und hatte, Susi zu sich winkend und sie umarmend, unter Schluchzen gerufen: »Nein, mein Kind, das ist viel zu gut, viel zu schön für mich. Das gehört dem, der Ihnen, nächst Gott, das Liebste in der Welt ist. Das gehört Ihrem lieben Mann.« Hätte die Scene nur in seiner und Susis Gegenwart stattgefunden, sie und er würden alles daran gesetzt haben, der Herzogin den lächerlichen Gedanken auszureden, und dann voraussichtlich mit Erfolg. Aber die Uebergabe hatte nicht ohne eine gewisse Feierlichkeit geschehen sollen: der halbe Hofstaat – die beiden Excellenzen Bartenstein an der Spitze – war Zeuge der rührenden Scene. Das schuldige Paar sah sich nach ein paar schwächlichen Remonstrationen des Herzogs dazu verurteilt, das Unabwendbare schweigend über sich ergehen lassen zu müssen. Hier lebhaft, bis zur Weigerung, widersprechen, wäre einer Preisgebung ihres Geheimnisses fast gleichgekommen. So sollte er denn mit der Geliebten selbst auch noch ihr holdes Bildnis, den einzigen schwachen Trost in seiner Verzweiflung, dem Menschen ausliefern, den er am liebsten vom Angesicht der Erde hätte vertilgen mögen. Aber die Zeiten, wo man in einem solchen Falle dem heimkehrenden Gatten an dem einsamen Orte, den er passieren mußte, einen Hinterhalt gelegt und so mit ihm aufgeräumt hätte, waren leider nicht mehr. Hier erlahmte die fürstliche Macht; der Herr über Leben und Tod – hier war er hilflos wie der letzte seiner Unterthanen. Und die mitleidlosen Stunden rollten dahin. Morgen abend sollte Astolf kommen; morgen vormittag spätestens mußte Susi aus dem Schloß in ihr Haus übersiedeln. Es war eine furchtbare Nacht, die ihr Geliebter fast nur mit Weinen verbrachte, Susi in den Bemühungen, dem völlig Verzweifelten Trost einzusprechen. Aber woher angesichts des Entsetzlichen, das hereindrohte, den nehmen, wenn der Herzog für ihre heiligsten Versicherungen, daß sie ihm treu bleiben werde mit Seele und Leib, nur ein trauriges Kopfschütteln hatte, und ihre zärtlichsten Liebkosungen mit neuen Thränenergüssen beantwortete! Ein paarmal regte sich dabei in ihr etwas, das sie für Mitleid zu halten geneigt war; den Gesamteindruck seines Betragens faßte sie dahin zusammen, daß er doch ein gut Teil langweiliger sei als sie irgend gedacht. Auf alle Fälle dankte sie dem Himmel, als endlich der letzte Abschiedskuß gegeben und erwidert war, seinerseits mit dem ihm abgeschmeichelten Versprechen, um neun Uhr nach einem entfernten Revier auf die Jagd zu fahren und vor übermorgen nicht zurückzukommen. So hatte sie ihn wenigstens für den bevorstehenden Empfang Astolfs aus dem Wege. Das dünkte ihr eine große Erleichterung und ließ sie die noch nötigen Vorbereitungen mit Heiterkeit treffen. Es blieb wenig mehr zu thun. Das Haus war in völliger Ordnung, zum Willkommen des heimkehrenden Gatten aufs beste geschmückt. Als pièce de résistance thronte in seinem Arbeitszimmer auf einer bekränzten Staffelei ihr Bild, für dessen günstige Beleuchtung am Abend sie peinliche Sorge getragen hatte. Baby mit Frau Poltrok waren schon am Tage vorher installiert; der geheime Hof- und Sanitätsrat von Vogelein hatte bereits die traurige Entdeckung gemacht, daß für Babys nicht eigentlich kranke, aber überzarte Lungen die äußerste Vorsicht in diätetischer und jeder sonstigen Beziehung geboten sei. Sonst war nur noch eine Abschiedsaudienz bei der Herzogin auszustehen, Fräulein von Merbach unter vielen Danksagungen und Austausch von Versicherungen ewiger unveränderlicher Freundschaft zu umarmen, bei der Oberhofmarschallin und einigen andern Damen des Hofes, die nicht im Schloß wohnten, vorzufahren, schließlich um neun Uhr Astolf vom Bahnhof abzuholen. Da gab es denn einen überaus herzlichen Empfang, dem zuzusehen selbst den Bahnhofsbeamten, die alle den langen Herrn Baron kannten und gern hatten, wohlthat. Es war vielleicht etwas Neufundländermäßiges in dem Ausdruck von Astolfs Wiedersehensfreude; aber Susi, die sonst streng auf Etikette hielt, hatte heute für seine Ueberschwenglichkeiten nicht die kleinste Reprimande. Sie ließ sich herzhaft vor allen Leuten abküssen und hing sich, als sie die Halle verließen, vertraulich in den Arm des Riesen, seine sich überstürzenden zärtlichen Fragen mit zu ihm aufgeschlagenen glänzenden Augen in ihrer sanften Sprechweise freundlich beantwortend. Das auf allen Fluren, Treppen und Korridoren, in allen Zimmern festlich erleuchtete Haus lachte dem Heimkehrenden entgegen. Von der großen Ueberraschung hatte Susi nichts gesagt. Als sie Astolf vor das Bild geführt hatte, das von dem Glanzlicht einer großen Reverbèrelampe überstrahlt war, stand er starr vor entzücktem Staunen; brach dann, als er hörte, daß es sein eigen sein und bleiben solle, in einen Jubelruf aus; hob seine kleine Frau, seine geliebte Susi vom Boden auf, tanzte mit ihr im Zimmer herum; setzte sie auf ihr flehentliches Bitten endlich nieder und sagte, mehr vor Freude als vor Anstrengung keuchend: »Susi, wenn mir jetzt nicht auf das Wohl der besten aller Herzoginnen eine Flasche Sekt trinken, sind wir nicht wert, daß uns die Erde trägt!« Die Flasche Sekt wurde bei dem kleinen ausgesuchten Abendessen, das Susi in ihrem lauschigen Boudoir hatte servieren lassen, getrunken – wirklich nur eine. Astolf erklärte, daß er so schon vor Freude wirbelig sei. Einem, der vor Freude wirbelig ist, muß man manche Freiheiten gewähren. Susi war dieser Ansicht. Und daß man gewisse vor vierundzwanzig Stunden gegebene feierliche Versprechungen unter Umständen nicht zu halten brauche. Ende des ersten Bandes. Zweiter Band. Elftes Kapitel. Der Gegenstand der ersten ernsthaften Unterredung, zu welcher die wiedervereinigten Gatten nicht vor dem Frühstück des nächsten Morgens gelangten, war natürlich das väterliche Projekt. Astolf war höchlichst erstaunt und wollte es anfangs gar nicht glauben, daß Baby, die ihn noch eben so vergnügt aus den blauen Augen angelacht und ihm, vor Vergnügen krähend, die Aermchen entgegengestreckt hatte, »mit den Lungen nicht ganz in Ordnung sei«. »Was die Aerzte nicht alles redeten! Er habe eine Lunge wie ein Bär; sein Vater habe eine für zwei Bären gehabt; nun solle Baby plötzlich nur eine halbe haben? Unsinn!« Aber sein Vertrauen zu der Bärenhaftigkeit der Vachtaschen Lungen hielt vor Susis mütterlicher Beredsamkeit nicht stand. Nach fünf Minuten gab er kleinlaut zu, daß mit dem verflixten Dinge, dem Stethoskop, nicht zu spaßen und, wenn die Sachen so lägen, wenigstens an eine Winterreise zum Großpapa mit Baby nicht zu denken sei. Womit dann selbstverständlich auch der ganze Plan einer Übersiedelung nach Ostpreußen vorläufig fallen gelassen wurde. Baby gehe vor – das werde er dem Papa klar machen, notabene mündlich! Brieflich schicke sich das nicht; dazu habe sich die Idee bei dem Papa schon zu fest gesetzt. Er werde also in vierzehn Tagen wieder hinrasseln müssen, um so mehr, als dann da oben ein Termin stattfände, bei dem es sich um den Ankauf eines Nachbargutes handle, auf welches der Papa seit Jahren spekuliert habe – ein hochwichtiges, voraussichtlich sehr lukratives Geschäft, das nur er zu einem günstigen Abschluß bringen könne. Susi war mit diesem Resultat ganz zufrieden. Sie umarmte ihr großes Baby, das immer Vernunft mit sich reden lasse. Übrigens werde sich keiner über diese Lösung aufrichtiger freuen, als der Herzog. Sie habe ihm, um ihn doch auf die Eventualität vorzubereiten, das Projekt mitteilen zu sollen geglaubt und sich damit seine allerhöchste, für ihr großes Baby allerdings mehr als schmeichelhafte Ungnade zugezogen. So suchte denn Astolf am folgenden Tage halb leichten, halb schweren Herzens um eine Audienz bei seinem fürstlichen Freunde nach, die ihm sofort bewilligt wurde. Er war über das Aussehen des Mannes erschrocken: die sonst so frische Gesichtsfarbe fahl und grau; mit eingesunkenen, glanzlosen Augen; schlaffen, nervös zuckenden Lippen; richtige Falten von den Nasenflügeln zu den Mundwinkeln herab – als wären nicht vierzehn Tage, sondern ebensoviele Jahre hingegangen, seitdem er ihn zum letztenmal gesehen. Aber der Herzog wollte nichts von Kranksein hören. Er sei nicht krank, nicht einmal unwohl, nur verärgert, schwer verärgert! Da möge der Kuckuck sich nicht ärgern! Dieser Landtag! Dieser Nagel zu seinem Sarge! In der letzten Session sei es schon schlimm gewesen, in dieser werde es noch schlimmer werden; bei dem schändlichen Ausfall der drei Nachwahlen habe die biedere Opposition vollends Wasser auf ihrer Mühle. Und wenn er, wie jetzt mit Sicherheit vorauszusehen, in der Domänenfrage abermals nicht zu seinem guten Recht komme, so sei er positiv ein ruinierter Mann und könne bei den Residenzspießern und den Bauern auf dem Walde betteln gehen. Und zu dem landesväterlichen Ärger nun noch der private! Der Haupttrumpf der Opposition sei bekanntlich von Anfang an gewesen, daß er mit dem Gelde nicht umzugehen wisse, es zum Fenster hinauswerfe für seine Jagden, seine Maitressen! Seine Jagden! Ja, wolle man ihm nun auch noch das Jägerhandwerk legen, ihm, dem Herrn des Waldes, dem Nachkommen so und so vieler Generationen von Herren des Waldes? Und seine Maitressen! Daß Gott erbarm! Dies eine armselige Verhältnis! Gut! Er habe der biederen Opposition auch dies Opfer bringen wollen; der Reinerz einen Wink zukommen lassen, sie möge sich in Zukunft schlechterdings nur als Hofopernsängerin betrachten und eine Privatwohnung in der Stadt nehmen, wie sie sich für ihre Verhältnisse schicke. Er müsse lügen, wolle er sagen, diese gründliche Operation habe ihm Schmerzen gemacht. Aber das sei eine Sache für sich und gehe die öden Spießer nichts an. Was sei der Dank dieser überaus braven, tugendsamen Leute für seine Kondescenz? ›Ob man jemals von solcher Undankbarkeit gehört habe? Ein Wesen, das einem alles geopfert‹ – bei Gott, Astolf, ›alles geopfert!‹ Die Reinerz! ist es nicht zum Todlachen? ›aufs Pflaster zu setzen? aufs nackte Pflaster!‹ – So der Bericht Brenkens, der es ja natürlich wissen müsse! Astolf hatte den Lavastrom sich ergießen lassen, im stillen erwägend, wie überaus seltsam dies doch sei. Derselbe, der die Domänenfrage stets auf die leichteste Achsel genommen, plötzlich unter ihrer Wucht zusammenbrechend! sich von der Geliebten, die ihn noch vor wenigen Wochen völlig zu beherrschen schien, Knall und Fall trennend! Er mußte krank sein; es gab keine andre Erklärung. Und doch sollte es noch seltsamer kommen. Er hatte kaum angefangen, die Klagen des Herzogs in vorsichtiger Weise auf ein vernünftiges Maß zurückzuführen, als dieser, der mit ungleichen Schritten vor ihm in dem Kabinett auf und ab ging, sich auf den Hacken wendend, stehen blieb und rief: »Ich weiß alles, was du sagen willst. Nur eines wirst du nicht sagen: daß du im Grunde an der ganzen Kalamität schuld bist. Es ist wahr, ich wollte anfänglich nichts davon wissen, daß du in den Staatsdienst tratst; wollte wenigstens einen freien Menschen um mich haben, auf den ich mich verlassen konnte; hatte dich auch zu lieb, dir eine solche Kette ans Bein zu hängen. Aber du bist ein Jahr älter als ich; warst immer mein Mentor; du durftest deinen Telemach nicht wild laufen lassen, hättest ihn eines Besseren belehren sollen. Warum hast du als Student gebüffelt, rite deine Examina gemacht, an dem preußischen Staatskarren, obgleich sie da doch wahrhaftig Leute genug haben, nach Kräften mitgezogen? Das war doch, mit deiner gütigen Erlaubnis, die reine Felonie, der offenbare Verrat an mir, deinem Freunde und Landesherrn. Der sich unterdessen mit einem solchen Esel von Minister, wie unser guter Rörlach ist, begnügen mußte! Wer hat mich denn in diese miserable Domänenfrage so tief hineingeritten? Er! nur er! Wer kann mich aus dem Sumpf wieder aufs Trockne bringen? Du! nur du! Ja, reiße nur die Augen auf! Ich habe mir während dieser Tage alles überlegt, alles überdacht. Ich brauche durchaus einen Mann, der Kenntnisse hat, nicht bloß allgemeine, theoretische, am grünen Tisch vom Nachbar rechts, vom Nachbar links zusammengeborgte – die kann jeder haben; die sind so billig wie Brombeeren – nein, wirkliche, individuelle, wie du sie hast, der Land und Leute und die Verhältnisse hier so gründlich aus praktischer Erfahrung kennt. Und einen, der nicht zu allem ja sagt wie dieses knickerige Rohr von Rörlach – Rohr von Rörlach ist gut! ich werde ihn unter diesem Namen in den Grafenstand erheben – sondern der steifnackig ist, wie du, und den Spießern, Ackerbürgern und dem Advokaten- und Winkelkonsulentengesindel im Landtag die Zähne zeigen kann. Das ist mein fester Entschluß. Und wäre er es noch nicht gewesen, was mir deine Frau da neulich erzählt hat von dem famosen ostpreußischen Projekt – du hast ja vorhin freilich angedeutet, die Sache sei wenigstens aufgeschoben. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Ich wette Kopf und Kragen: nach ein paar Monaten fängt die Litanei von neuem an. Das kann ich und will ich nicht dulden. Ich kann und will dich nicht missen. Du bleibst mein Freund – das versteht sich von selbst – aber mein Minister mußt du ebenfalls werden. Du hast dich immer beklagt, daß du hier brach liegst. Es ist auch wahr, und ich bin überzeugt, was dich mehr als alles nach dem Barbarenland zieht, ist, daß du da einen Wirkungskreis en gros zu finden hoffst. Nun, groß ist mein Herzogtum leider Gottes nicht; aber eine ostpreußische Grafschaft wiegt es am Ende doch noch auf. Sage ja, Alter, und die Sache ist abgemacht!« Astolf wußte nicht, was er ihm, der bei den letzten Worten seine beiden Schultern wie krampfhaft gefaßt hatte, unter andern Umständen geantwortet haben würde; aber dem so dringenden Wunsche des aufgeregten Mannes, der doch auch sein Fürst war, durfte er kein schroffes Nein entgegensetzen. Er sprach in bewegten Worten, die ihm aus dem Herzen kamen, seinen Dank aus für einen so großartigen Beweis des Vertrauens, und fügte nur die Bitte hinzu, Hoheit möge verstatten, daß sie zu einer Stunde, wo sie wohl beide ruhiger sein würden, als in diesem Augenblick, das Projekt noch einmal ausführlich besprächen. Davon wollte der Herzog anfänglich nichts hören. Aber, da Astolf fest blieb, mußte er schließlich nachgeben, und Astolf eilte zu seiner Susi, ihr die große Neuigkeit mitzuteilen. »Du hast recht gethan,« sagte Susi, »nicht sofort zuzugreifen. Die Sache will überlegt sein.« Sie überlegte die Sache mit ihrem Astolf an diesem und an den folgenden Tagen, wobei es zu der Entscheidung kam, daß der Herzog die Konzession machen müsse, die Sache bis zu Astolfs Rückkehr von seiner zweiten Reise nach Ostpreußen in suspenso zu lassen. Erweise sich der demnächst zusammentretende Landtag in der Domänenfrage gefügig – und dafür spräche doch so manches – sei Astolfs Ministerium im Grunde gegenstandslos, und der Herzog könne in Gottes Namen mit dem alten Rörlach ruhig weiter regieren. Dazu erfordere die Rücksicht auf den Papa, daß man ihm nicht mit einem fait accompli entgegenträte, welches die Hoffnungen, in denen er sich wiege, so grausam zerstöre und nicht, wie die Rücksicht auf Babys Zustand, sich selbst rechtfertige, vielmehr Astolf von dem Enttäuschten als purer Ehrgeiz ausgelegt werden würde. Susi hatte ihre sehr gewichtigen Gründe, der Angelegenheit diese Wendung zu geben. Der Herzog mußte durchaus in der Furcht, sie auch wieder verlieren zu können, erhalten, immer daran erinnert werden, daß trotz alledem zwischen Lipp' und Kelchesrand ein Abgrund schwebe, den sie, und sie allein auszufüllen vermöge, wenn sie wolle, und der – wiederum, wenn sie wolle, – unüberbrückbar sei. Andrerseits durfte Astolf nicht ahnen, daß sie gern hier bliebe, irgend etwas andres sie halte, als die mütterliche Sorge für Baby. Es bedeutete eine Sicherung ihrer Position nach zwei Seiten; dafür mußte sie freilich eine dritte freigeben, für die sie von Anfang an gefürchtet hatte: Herr von Brenken war offizieller Mitwisser des Geheimnisses geworden. Es hatte sich nicht anders machen lassen. Sollte der Verkehr des Paares nicht auf die Begegnungen beschränkt bleiben, welche größere und kleinere Hoffestlichkeiten vermittelten, und den von hundert Späheraugen und -Ohren überwachten Austausch verstohlener Blicke und in der Hast geflüsterten Worte; sollte der Herzog sich nicht in ungestillter wilder Leidenschaft vollends verzehren, mußte ein sicherer Ort für ungestörte Zusammenkünfte ausfindig gemacht werden. Es gab nur einen, auf den der Herzog auch sofort verfallen war, und den Susi aus einem sehr triftigen Grunde refüsiert hatte: es dünkte ihr ein böses Omen, ihren fürstlichen Geliebten da zu empfangen, wo sich die Erinnerung von Geschehnissen nicht abweisen ließ, an die sie nicht erinnert sein wollte, an die er sich nicht erinnern durfte, wenn er »seine Königin« anbetete. Der Weg zu einem goldenen Sessel neben dem Herzogsstuhl führte nicht über die Schwelle, welche der Fuß einer Pauline Reinerz so oft betreten hatte. Aber wie sehr sie auch ihre feinen Sinne vor einem Schritte warnten, der nicht in die Höhe, sondern entschieden abwärts führte, – hier stand alles auf dem Spiel. Es war eine schlimme Stunde für Susi, als sie wenige Tage nach Astolfs Heimkehr, während dieser nach Vachta hinausgefahren war, Brenken zum erstenmal in der Angelegenheit empfangen mußte. Aber sie fand – heut mit ganz besonderer Genugthuung –, daß kein Spiel so bös war, für das der Mann nicht eine gute Miene gehabt, und keine Sache so uneben, die er nicht glatt gemacht hätte. ›Die Moral sei eine Erfindung von Spießbürgern für Spießbürger, und in diesem Falle würde selbst das tugendsamste Spießbürgerauge keine Unmoralität entdecken können. Auch nicht die Spur davon. Daß ein geistvoller Mann, wie der Herzog, sich zu einer nicht minder geistvollen Frau hingezogen fühle; dieser Zug – nicht der Sinne, auch nicht einmal des Herzens – wer denke denn daran! – sondern eben nur des nach seiner legitimen Nahrung hungrigen Geistes, der, wie alles in der Welt, auf Gegenseitigkeit beruhe – das sei ein Naturgesetz, von Goethe in den Wahlverwandtschaften sanktioniert. In den Wahlverwandtschaften erleichtere das gleiche gesellschaftliche Niveau, auf welchem die Herrschaften verkehrten, den Austausch der gleichgestimmten Seelen, dem sich an einem Hofe allerlei lästige Hindernisse entgegentürmten, die aus dem Wege zu räumen, ebenso notwendig wie legitim sei. Nun biete sich die nahe und doch abgelegene Villa im Park wie von selbst zu einem ungestörten behaglichen Plauderstündchen, das er wahrlich dem von Geschäften überbürdeten, verärgerten Herzog herzlich gönne, und nicht minder der gnädigen Frau, die gewiß auch ihre hausmütterlichen Sorgen die Hülle und Fülle habe. Er höre, daß Astolf übermorgen zu einem Termin nach Schwanfelde fahre, von dem er erst am nächsten Tage zurückkommen werde. Wenn die gnädige Frau, den langweiligen einsamen Abend zu kürzen – vielleicht um neun Uhr – eine Tasse Thee bei einem einfachen Junggesellen, wie er, in der Villa annehmen wolle, und zu der möglicherweise auch der Herzog auf ein halbes Stündchen erscheinen würde, glaube er, Hoheit durch ihre Zusage eine angenehme Ueberraschung bereiten zu können. Apropos! die gnädige Frau wisse doch, daß der Herzog die große Gnade gehabt habe, ihm die Villa zu schenken, die er freilich erst im Frühjahr beziehen könne, da ihn die Intendanturgeschäfte während des Winters leider in seiner schrecklichen Stadtwohnung festgebannt hielten.‹ Susi hatte noch einige Einwendungen und Bedenken, die Herr von Brenken sehr zart, aber – mit ihrer gütigen Erlaubnis – ebenso thöricht fand, worauf er sich mit einem respektvollen Handkuß verabschiedete, der durchaus nicht an die heißen Küsse mahnte, welche er in der letzten Minute der Fahrt nach dem Rosenstein auf dieselbe kleine Hand gedrückt hatte. War Susi mit der diplomatischen Haltung des Mannes in der delikaten Sache hoch zufrieden – er selbst war es in einem noch viel höheren Grade. Wenn er auch die Liebe zu den andern Vorurteilen zählte, die er längst über Bord geworfen, gerieten seine Nerven in Zittern, so oft er nur in die Nähe des reizendes Weibes kam; und er hatte die erstaunliche Großmut, sie dem Herzog zuzuführen! Aber wenn man etwas, das man gern haben möchte, aus der ersten Hand nicht haben soll – was kann ein kluger Mann thun, als geduldig seine Stunde abwarten, sicher, daß sie einmal kommen wird! Und nun diese Scene mit Pauline, als er ihr ankündigte, daß sie die Villa binnen vierundzwanzig Stunden räumen müsse! Ihm klangen noch die Ohren davon! Paulines üble Gewohnheit, leicht in Zorn zu geraten, und, wenn sie in Zorn geriet, im Ausdruck und auch sonst keine Schranke zu respektieren! Auf den Herzog pfeife sie! Sie habe längst gewußt, daß er sich just so viel aus ihr mache, wie sie sich immer aus ihm gemacht habe. Aber weshalb deshalb aus der Villa? Und noch einmal weshalb, wenn es denn wirklich wahr sei, daß sie jetzt ihm gehöre? Dann habe sie doch doppelt und dreifach das Recht, wohnen zu bleiben, da sie schon einmal offiziell für seine Geliebte gelte, und er doch nicht werde in Abrede stellen wollen, daß sie nicht erst seit heute und gestern seine Geliebte sei. Ob der Herr Intendant – sie gratuliere übrigens zum Avancement – mehr Rücksicht auf die Dehors zu nehmen habe, als der mit der Führung der Intendanturgeschäfte interimistisch betraute Kammerherr, müsse sie bezweifeln. Uebrigens wisse sie – auch nicht erst seit heute und gestern –, daß er lüge wie gedruckt. Mit dem Intendanten werde es wohl seine Richtigkeit haben, denn es sei im Theater angeschlagen, abgesehen davon, daß es in der Landeszeitung stehe. Aber an die geschenkte Villa glaube sie nicht. Oder aber die Villa und der Intendant seien ihm geschenkt für gewisse Dienste, die er in bekannter Weise einem gewissen Herrn zu leisten, freilich der Rechte sei. Und sie werde schon herausbringen, was, vielmehr wer dahinter stecke. Sie habe schon genug munkeln hören, um auf die rechte Fährte zu kommen. Von dem Panzer der Menschen- und Selbstverachtung, den Brenken längst Sommer und Winter, Tag und Nacht trug, waren schon schärfere Pfeile machtlos abgeprallt; und so hatte die Wütende wohl die Genugthuung, ihrem Chef und Liebhaber gründlich die Wahrheit gesagt zu haben; aber die Villa mußte sie in der vorgeschriebenen Zeit mit einer nicht einmal besondern komfortablen Stadtwohnung vertauschen. Daß es sich in dieser komplizierten Angelegenheit einfach um eine neue Liebschaft des Herzogs handle, darüber war die vielerfahrene Dame nicht einen Augenblick in Zweifel gewesen. Schon die nächsten Tage bestätigten ihre Voraussetzung. Binnen vierundzwanzig Stunden war das alte Mobiliar der Villa mit einem neuen, höchst kostbaren vertauscht worden, das ein ihr bekannter Tapezierer und Dekorateur der Stadt geliefert hatte. Solchen Luxus konnte sich nur der Herzog verstatten, und nur auf seinen Befehl so schnell gearbeitet werden. Ebenso wenig durfte das frühere Dienstpersonal bleiben: ein andres, selbstverständlich in Eid und Pflicht tieffster Verschwiegenheit genommenes, war eingezogen. Wiederum vierundzwanzig Stunden später wußte Pauline, daß sie nicht minder in der hauptsächlichen: der Personenfrage ahnenden Gemütes das Rechte und die Rechte getroffen. Die Bestätigung wurde ihr durch den Sohn des Hofgärtners, der seine Wohnung zweihundert Schritte von der Villa tiefer im Park hatte: einem hübschen, drallen, intelligenten Burschen von neunzehn Jahren, ihr aus mancherlei Gründen mit Leib und Seele zugethan. Bernhard hatte den Auftrag von seiner Gebieterin, die Villa Tag und Nacht zu überwachen und ihr sofort von allem, was da etwa Verdächtiges passiere, Nachricht zu geben. Am dritten Tage, als sie bereits zur Ruhe gehen wollte – sie hatte am Abend wieder einmal die Elvira im Don Juan gesungen, und die Hofloge war leer gewesen – wurde an der Thür ihrer Wohnung geschellt und das Mädchen fragte herein, ob das gnädige Fräulein für Bernhard Müller noch einen Augenblick zu sprechen sei? Pauline war freilich schon in etwas tiefem Negligé; aber vor dem lieben Jungen brauchte sie sich nicht zu genieren. Der liebe atemlose Junge, nachdem sie ihn durch ein Glas Madeira gestärkt hatte, berichtete: Er sei heute abend wieder – unter dem Vorwand, im großen Gewächshaus nach der Feuerung sehen zu müssen – zur Villa geschlichen und habe sich in einem Boskett, von dem er sowohl die Hauptthür als auch das Seitenpförtchen gut beobachten konnte, auf die Lauer gelegt, sicher, daß heute abend etwas passieren werde, denn durch die roten Vorhänge des großen Salons eine Treppe hoch nach vorn habe zum erstenmal Licht geschimmert. Es sei bitter kalt gewesen, woraus er sich nichts gemacht habe; aber mit jeder Minute sei es dunkler geworden und zuletzt habe es sogar angefangen zu schneien. Gott sei Dank seien seine Augen scharf, und so habe er denn kurz vor neun die in Mäntel gehüllten Gestalten von zwei Herren gesehen, von denen der eine der Größe und dem Gange nach unbedingt Hoheit gewesen. Die Herren seien durch die vordere Thür eingetreten. Er habe sich nun – warum wisse er eigentlich nicht – vorsichtig weiter nach der Seitenpforte geschlichen, und richtig, nach etwa zehn Minuten sei plötzlich aus der Allee zur Stadt eine ganz schwarz gekleidete, nicht große Dame aufgetaucht und sehr schnell auf das Pförtchen zugeschritten, das sich, noch als sie mehrere Meter davon entfernt gewesen, vor ihr geöffnet habe, und in dem sie dann auch verschwunden sei. Wieder nach etwa zehn Minuten habe er die Hauptthür gehen hören und einer von den beiden Herren sei an ihm vorübergekommen – diesmal so nahe, daß er Herrn von Brenken deutlich erkannt habe. »Ich blieb nun ruhig jetzt abermals der Hauptthür gegenüber sitzen,« fuhr Bernhard fort, »und würde die ganze Nacht da gehockt haben, mochte Vater hinterher noch so bös schelten. Es sollte nicht lange dauern – höchstens eine Stunde. Dann kamen Hoheit und die Dame. Sie gingen keine fünf Schritt an mir vorbei; aber das half mir nichts: die Dame war dick verschleiert. Dann bin ich hinter ihnen her gewesen – immer von Baum zu Baum, gnädiges Fräulein – die halbe Allee, bis wo der Seitenweg nach dem Schloß führt. Da ist Hoheit rechts – denn Hoheit ist es gewesen – gnädiges Fräulein, das will ich beschwören – ja, da ist Hoheit rechts abgebogen und die Dame geradeaus weiter nach der Stadt gegangen. Na, gnädiges Fräulein, von da bis zur Stadt ist nimmer weit; ich konnte mich auch jetzt, besonders als wir erst richtig zwischen den Häusern waren, näher an sie machen, was auch ganz gut war, weil uns doch manchmal Leute begegneten, hinter denen sie mir vielleicht aus den Augen gekommen wäre.« »Aber schließlich,« rief Pauline ungeduldig, »es war die Baronin Vachta?« »Wird es wohl gewesen sein,« sagte Bernhard; »sie ging wenigstens in das Vachtasche Haus.« »Es ist gut,« sagte Pauline; »und nun gute Nacht, lieber Junge, du wirst müde sein.« »Gar nicht,« sagte der Bursch mit blitzenden Augen, während die weißen Zähne zwischen den roten Lippen schimmerten. »So magst du noch ein halbes Stündchen bleiben,« sagte Pauline; »aber ich bitte mir aus, daß du heute artig bist.« – Als Astolf am Morgen nach der Rückkehr von Schwanfelde die inzwischen eingelaufenen Briefe öffnete, traf er auf einen in offenbar verstellter Hand ohne Unterschrift. Dergleichen war in der Stadt, wo man jahraus jahrein an Klatsch und Verleumdung Unglaubliches selbst in der sogenannten besten Gesellschaft leistete, nichts Ungewöhnliches. Er wußte nicht, weshalb er von seiner Gepflogenheit, solche Schandbriefe nicht zu lesen, diesmal abging. Der Brief lautete: »Ein guter Hirt läßt sein Leben für seine Schafe. Wie kommt es denn, daß Sie das einzige, das Sie haben – noch dazu ein so goldiges – wild laufen lassen? Oder meinen Sie, es gibt hier zu Lande keine Wölfe? Das sollten Sie, als Landeskind, doch besser wissen. Ich rate Ihnen: machen Sie Ihre Augen auf, und Sie werden einiges entdecken, was für den Ehemann gerade nicht erfreulich, immerhin recht lehrreich ist! Goethe sagt: ›das Schweigen ziemt allen Geweihten genau‹. Da Sie nun einmal zu dieser illusteren Gesellschaft gehören, so schweigen Sie, aber – handeln Sie! Den Schauplatz dazu finden Sie in einer gewissen Villa im Park, in welcher der Landesvater nur seine besonders geliebten Kinder zu empfangen pflegt.« Astolf zerriß gelassen den Brief von oben bis unten und warf die Fetzen in das gerade morgendlich hell brennende Ofenfeuer. Zwei Tage später kam er abends aus dem adeligen Kasino, in welchem er gelegentlich eine Partie Whist zu spielen pflegte. Obgleich es bereits stark auf zehn ging, war die Hauptstraße noch ziemlich belebt. Ein schneidend scharfer Wind wehte ihm entgegen; er hatte sich dicht in seinen Pelz gehüllt. Plötzlich war eine hochgewachsene Dame neben ihm, deren Gesicht mit einem schwarzen Schleier verhüllt war. Er machte noch ein paar Schritte, blieb dann stehen und fragte höflich: »Kann ich mit etwas dienen, Madame?« – »Ja,« erwiderte die Verschleierte mit dumpfer Stimme, »aber nicht mir, sondern Ihnen selbst, wenn Sie dies hier nehmen und benutzen.« – Damit hatte sie ihm einen Schlüssel in die Hand gedrückt und war mit langen Schritten in dem Seitengäßchen, aus dem sie aufgetaucht war, verschwunden. Astolf besah im Licht der nächsten Laterne das sonderbare Geschenk: offenbar ein, übrigens auffallend sauber gearbeiteter Hausschlüssel. Er wollte eben das Ding wegwerfen, als er Schritte hinter sich hörte und, sich wendend, zwei Bekannte erblickte, die, ebenso wie er, aus dem Kasino kamen. Wenn sie die Scene mit der Dame auch nicht beobachtet hatten, in ihrer Gegenwart konnte er den Schlüssel nicht auf das Trottoir klirren lassen. So ließ er ihn in die Tasche seines Pelzes gleiten. Zwölftes Kapitel. Susi bereute es fast, dem Drängen ihres Liebhabers nachgegeben und die Villa im Park betreten zu haben. Sie hatte zu viele französische Romane gelesen, um nicht zu wissen, mit welchen Augen ein Mann auf eine Frau blickt, die er in einem eigens zu diesem Zweck eingerichteten »kleinen Hause« empfängt. Der Luxus der Einrichtung, für den der Herzog auf ein freundliches Wort der Anerkennung gerechnet haben mochte, war ihr als eine Beleidigung erschienen. Wo war das Geheimnis hingeschwunden, das ihre nächtlichen Zusammenkünfte in den historischen Schloßgemächern so poetisch umdämmert hatte? In Brenkens Gegenwart gab es kein Geheimnis und keine Poesie. Diese widerwärtige Empfindung war so stark gewesen – zu des Herzogs maßlosem Erstaunen hatte sie seinen Kavalier ernstlich zum Dableiben aufgefordert. Dann, als der geschmeidige Mann, unaufschiebbare Geschäfte vorschützend, sich nach einigen Anstandsminuten doch entfernte, war es zwischen dem Paar zu einer förmlichen Scene gekommen. Susi hatte mehr als angedeutet, daß eine derartige Situation für eine Dame unmöglich sei; worauf der Herzog replizierte, daß die wahre Liebe keine Unmöglichkeiten kenne, er folglich aus ihren Aeußerungen schließen müsse: sie empfinde diese Liebe nicht. Susi wünschte zu wissen, welche größeren Beweise, als sie gegeben, eine Frau für ihre Liebe geben könne? Er habe diese Beweise entgegengenommen – freilich! Aber damit sei nichts bewiesen. Das thue selbstverständlich jeder Mann, der nach einer Frau begehre. Aber welches Opfer, welches kleinste, habe er ihr gebracht? ihr, die ihm alles geopfert: ihren guten Ruf, der verloren war in dem Augenblick, da Brenken in das Geheimnis gezogen wurde, und was ihr mehr als ihr guter Ruf gelte – die Ruhe ihrer Seele! Das war so pathetisch herausgekommen, sie hatte sich selbst darüber gewundert, am meisten über die lächerliche Thräne, die ihr bei den tragischen letzten Worten plötzlich in der Wimper hing. Und die von dem Herzog mit einem Thränenstrom beantwortet wurde und den auf den Knieen unter Schluchzen gestammelten Worten: »Ich schwöre dir, ich bin bereit, jedes Opfer zu bringen, jedes! Ich werde meinen Schwur einlösen. Nur Unmögliches darfst du nicht verlangen! Nur Zeit mußt du mir lassen! O, sei so gut, wie du klug! wie du die erste deines Geschlechts, wie du die Einzige bist, ohne die ich nicht mehr leben kann! Wenn du wüßtest, in welchem namenlosen Jammer ich alle diese Tage verbrachte, du würdest Erbarmen mit mir haben!« Sie hatte sich des Reuigen erbarmt; aber in dem süßen Kelch der Versöhnung, den sie geschlürft, war ein bitterer Tropfen geblieben. Bitter für Susi; bitterer für den Herzog. Nicht, daß seine Leidenschaft eine Einbuße erlitten hätte – er verlangte nun, da es so viele Hindernisse zu überwinden gab und das Beisammensein mit der Geliebten von dem Minutenzeiger abgemessen wurde, heißer nach ihr als je. Für ihn, den sonst seine Liebespfade so leicht zum nahen Ziele führten, umwitterte den steilen, dunklen Weg, den er jetzt emporzuklimmen hatte, ein dämonischer Zauber. Ein Zauber, der ihn anzog, reizte, bestrickte, gefangen hielt, und vor dem er doch in der Tiefe seiner Seele ein Grauen empfand, das von Tag zu Tag zunahm. Er, der gebietende Herr und Herzog, hatte mit der landläufigen Phrase sich ihren Sklaven genannt; er sah zu seinem wachsenden Erstaunen, bald zu seinem Entsetzen, daß er es war. Daß er weiches Wachs war in dieser kleinen starken Hand, seine bisherigen Anschauungen nach den ihren ummodeln mußte, nur noch mit ihren Gedanken dachte, Welt und Menschen nur noch mit ihren Augen sah. Die Herzogin war ihm immer gleichgültig gewesen; jetzt haßte er sie, ja, es kamen ihm verzweifelte Momente, wo er ihren Tod wünschte. Es hatte ihm Kummer bereitet, daß das erstgeborene Kind ein Mädchen war, dem jetzt möglicherweise abermals ein Mädchen folgte, welches dann vielleicht das letzte Kind blieb, wovon die legitime Konsequenz die Succession der Nebenlinie auf den durch seinen Tod ledig gewordenen Herzogsstuhl. Die Vorstellung dieser Eventualität, ihm früher ein Greuel, jetzt ließ sie ihn kalt; Herzogtum, und gesicherte Thronfolge und alles, was damit zusammenhing – mit Freuden hätte er es hingegeben für die Idylle eines privaten Lebens an der Seite der Geliebten. Nur daß darauf ihr Sinn nicht stand; nur daß sie sich mit ganz andern Hoffnungen trug, und er sich mit heiligen Eiden verschworen hatte, diese Hoffnungen zu Wirklichkeiten zu machen. Wie sollte er das gegebene Wort einlösen? Jeder nüchterne Moment sagte ihm, daß es unmöglich sei. Und nun fehlte ihm der, zu dem er bei allen kleinen und großen Aergernissen und Schwierigkeiten bisher seine Zuflucht genommen: der Freund, der jetzt sein Todfeind war, sein würde, in dem Augenblick; wo er erfuhr, welch ungeheuren Verrat man an ihm begangen hatte. Konnte der Augenblick jemals kommen? Ja, was konnte denn nicht kommen? Welches Geheimnis war denn sicher in dieser Welt vor Gebärdenspähern und Geschichtenträgern? Brenken? Er war seine Kreatur; aber er hatte ihn schon wiederholt in Verdacht gehabt, daß er in dieser Angelegenheit ein doppeltes Spiel spiele, und während er sich den Anschein gab, im Dienst seines Herrn aufzugehen, im stillen für sich selber arbeitete. Pauline? Er hatte das Weib tödlich beleidigt und kannte ihre vor nichts zurückschreckende Bosheit und ihren das Verborgenste ausspürenden Scharfblick. Brenken oder sie, oder ein andrer von dem Gesindel, oder ein barer plumper Zufall, und der gräßliche Augenblick war da. Vor ihm stand Astolf, wie er ihn damals auf der Landstraße oben im Walde gesehen, als er, die Augen lodernd in Berserkerzorn, mit den eisernen Händen den Karrenführer an der Gurgel packte, ihn zu Boden schmetternd, daß der Chausseestaub hoch aufwirbelte. Und es hatte sich um einen Hund gehandelt! einen elenden Hund! Aber er hatte ja noch einen Freund: den Prinzen. Es war doch am Ende gut, wenn er in der Domänensache, über die er schon wiederholt mit ihm konferiert hatte, seinen Rat einholte, bevor er einen definitiven Entschluß faßte. Dabei ließen sich dann vielleicht gewisse andre Dinge zur Sprache bringen. Man würde eben sehen. Der Prinz und die Prinzessin waren zu Hause; er erschien ihnen immer, auch unangemeldet, ein willkommener Gast. Am nächsten Morgen wurde der Hof durch die Nachricht überrascht, Hoheit sei gestern abend spät mittels Extrazug nach Berlin gefahren. Er hatte gegen niemand aus seiner Umgebung von seiner Absicht ein Wort fallen lassen. Nur der Kammerjunker von Selbitz war im letzten Augenblick zur Eskorte befohlen worden. Indessen konnte keiner mit größerem Recht erstaunt sein als Astolf. Der Antrag, den ihm der Herzog gemacht, ging ihm sehr im Kopf herum; tagsüber, halbe Nächte hindurch wälzte er ihn in seiner Seele. Galt es hier doch eine Entscheidung, die so tief in sein Leben eingriff, auf Jahre hinaus, vielleicht für immer seinem Leben eine andre Wendung geben würde! Seinem Leben und Susis, die seltsamerweise in einer Sache, die sie doch so nahe anging, eine Zurückhaltung beobachtete, welche sie in geschäftlichen Dingen sonst nicht zeigte; weder ja, noch nein sagte; alles in seine Hand legte. Und handelte es sich hier doch nicht allein um sein und Susis Wohl und Wehe! So klein das Herzogtum war und welche geringe Rolle es in der neuen deutschen Staatsordnung spielte – Tausenden mußte sein Regiment zu gute kommen, Tausende mußte es schädigen, je nachdem er das Richtige traf oder es verfehlte. Das war eine große Verantwortung, um so größer, als er vom Herzog nichts zu erwarten hatte, als ein jäh aufflackerndes und ebenso schnell wieder verlöschendes Interesse an den öffentlichen Dingen. Und der Herzog war abgereist, ohne sein Versprechen einer nochmaligen eingehenden gemeinschaftlichen Verhandlung über die Ministerfrage gehalten zu haben! In drei Tagen aber – am Sonnabend – mußte er selber seine Reise nach Ostpreußen antreten. Der Termin, der seine Anwesenheit dort notwendig machte, war auf den folgenden Montag festgesetzt. Würde der Herzog binnen dieser drei noch restierenden Tage zurückkehren? Nur eines war ihm bei der Lage der Dinge tröstlich: er glaubte zu wissen, was den Herzog Hals über Kopf nach Berlin getrieben hatte. Der Prinz war sein politisches Orakel, das er bei allen wichtigen Angelegenheiten zu Rate zog, freilich, um meist das Gegenteil zu thun von dem, was ihm geraten wurde. So war es erklärlich genug, daß er diesmal, wo die Dinge ungewöhnlich ernst lagen, zu der alten Gewohnheit zurückgegriffen hatte. Blieb nur zu wünschen – und Astolf wünschte es von ganzem Herzen –, er möchte diesmal ausnahmsweise sich gesagt sein lassen, was ihm der ebenso treuherzige als verständige prinzliche Freund sagen würde. Susi gehörte nicht zu den Erstaunten; sie war nur auf etwas neugierig. Sie hatte sich entschieden geweigert, bevor Astolf abgereist sei, dem Herzog ein zweites Rendezvous in der Villa zu geben; aber auf sein Bitten und Flehen versprochen, ihm noch an dem Abend der Abreise, die um neun Uhr stattfand, eine Stunde zu schenken. Würde er bis dahin zurück sein? War diese Berliner Eskapade nur ein Vorwand, von dem Stelldichein wegbleiben zu können? Das Wegbleiben nur das Vorspiel zu einer allmählichen Lockerung des Verhältnisses, bis man den Mut fand, definitiv zu brechen? Denn ihr fürstlicher Held war ein Feigling – das stand bei ihr fest, und sie hatte ihm neulich mit ihren Zukunftsplänen bange gemacht. Es that ihr das nachträglich leid; aber schließlich mußte man doch wissen, ob diese Liebschaft als eine Episode ihres Lebens zu andern früheren und späteren Episoden rubriziert werden sollte oder dazu bestimmt war, sich zu einem regelrechten Drama mit dem glänzenden Schlußtableau eines herzoglichen Hochzeitsfestes aufzugipfeln. Es gab Stunden, in denen sie sich das Schlußtableau mit allen Einzelheiten ausmalte; es kamen aber auch solche, in denen sie der Episode den entschiedenen Vorzug gab. Inzwischen hatte der Herzog in Berlin keine leichten Tage, trotzdem er diesmal von dem ihm höchst widerwärtigen Zwange, am allerhöchsten Hofe erscheinen zu müssen, befreit war. Er hatte allerdings noch von der ersten Station aus an den Prinzen telegraphiert, aber um die Erlaubnis gebeten, nicht im Schlosse Quartier nehmen, sondern im Kaiserhofe, unter Wahrung des strengsten Inkognitos, als einfacher Herr von Schwanburg (dem Namen eines seiner Jagdschlösser) absteigen zu dürfen. Der gutmütige Prinz, der selbst der Etikette, wo es irgend anging, ein Schnippchen schlug, war es zufrieden und empfing den ihm persönlich sehr sympathischen Freund und Vetter mit offenen Armen; zeigte sich auch, trotz mancher trüber Erfahrungen, die er mit seinen Ratschlägen gemacht, sehr bereit zu einer eingehenden Diskussion der Maßregeln, welche der Herzog bei dieser Lage der Dinge in seinem Ländchen zu treffen habe. Dabei bekam denn der Ratsuchende einige, ihm wenig erfreuliche Dinge zu hören. Die Unzufriedenheit, die notorisch bei ihm zu Hause herrsche, sei nicht ohne triftigen Grund. Besonders in der Domänenfrage habe er, wenn nicht gerade unfair, so doch keineswegs eigentlich fair gehandelt: wichtige Aktenstücke seien sekretiert, verbriefte Rechte der Landschaft offen mißachtet worden. Einen kleineren Teil der Schuld an diesen Unregelmäßigkeiten trage sicher auch der Herzog; den weitaus größeren freilich sein Minister, ein völlig unfähiger und noch dazu nicht einmal zweifellos integrer Mensch, vor dem er ihn immer gewarnt habe. Der Herzog mußte das einräumen, räumte es wenigstens ein. Er habe dem Mann längst einen Nachfolger geben wollen; aber woher nehmen, ohne zu stehlen? Bis er denn endlich auf einen naheliegenden und, wie er glaube, vortrefflichen Gedanken gekommen sei. Und er teilte dem Prinzen die Verhandlungen mit, die er mit Astolf gepflogen hatte, wobei er aus der einen kurzen Unterredung, die er mit dem Freunde über das Thema gehabt, drei lange Konferenzen machte. Der Prinz war entzückt. »Das ist der rechte Mann,« rief er, »der, oder keiner, wie die Ingenues in der Komödie sagen. Er ist ein echter deutscher Mann vom Scheitel bis zur Sohle und der Grütze im Kopf hat, was man bekanntlich nicht von allen unsern Edelleuten weder diesseits noch jenseits des Mains behaupten kann. Und wenn er mit seinem Latein zu Ende kommen sollte, braucht er nur bei seiner kleinen Frau anzufragen. Daß sie just viel Latein versteht, mag man mit Fug bezweifeln. Aber daß sie eine der gescheitesten und liebenswürdigsten Damen ist, die man nicht bloß bei uns zu Lande, sondern in allen Landen an einem langen Sommertage finden kann, das will ich gegen eine Welt in Waffen verteidigen, meinetwegen in einer deiner berühmten Rüstungen, wenn ich sie auch erst zum Schneider schicken und weiter machen lassen muß.« Der Herzog ließ ein Thema nicht fallen, das ihm so gelegen kam. Er brauchte darüber nicht warm zu werden; er glühte innerlich, obgleich er sich anfänglich Mühe gab, ruhig und gelassen zu erscheinen. Aber mit dieser Ruhe, dieser Gelassenheit, war es bald zu Ende. In immer wärmeren, zuletzt von Leidenschaft bebenden Worten pries er Susis Reize: die Zierlichkeit ihrer sylphenhaften Gestalt, ihrer weißen kleinen Hände; die Schönheit ihrer regelmäßigen Züge; den matten Glanz ihrer Farbe, zu der das üppige blondrötliche Haar und das himmliche Blau der großen Augen so köstlich stimme; die Anmut ihrer Bewegungen; den unsäglichen Zauber, der ihr holdes Wesen wie eine Morgenwolke umschwebe. Daß er sich zuerst gegen diesen Zauber gewehrt habe, um zu erkennen, daß hier jeder Widerstand vergeblich sei. Und er nun in diesen Banden schmachte ohne Hoffnung, ja, ohne den Wunsch, sich jemals wieder aus ihnen lösen zu können. So ging es noch eine Zeit lang fort, während eine Ueberschwenglichkeit die andre jagte. Als er endlich, mehr vor Erschöpfung, als weil ihm der Stoff zu seiner Rhapsodie ausgegangen wäre, schwieg, wäre er der letzte gewesen, anzugeben, was er nun eigentlich gesagt habe. Der ganz ehrliche Enthusiasmus, mit dem der Prinz sich vorhin über Susi geäußert, war die Schlinge gewesen, in die er blindlings gerannt war. Hätte er in seinem Uebereifer den Wandel beobachten können, der, während er sprach, in der Miene seines Zuhörers stattfand: wie einer ersten freundlichen Zustimmung bald ein ironisches Lächeln folgte, dieses in Erstaunen überging, das Erstaunen in ernsten Unwillen – er würde die Hälfte von dem, was er gesagt, verschwiegen haben. So war er denn zuerst nicht wenig erstaunt und bald bestürzt, als der Prinz, nachdem er eine halbe Minute still vor sich hin geraucht, plötzlich den Kopf hob und mit Nachdruck sagte: »Du mußt schon erlauben, dir nicht zu verhehlen, daß mir alles, oder doch so ziemlich alles, was ich da eben von dir gehört habe, recht unerfreulich gewesen ist. Einiges, was deine speziellen Familienangelegenheiten betraf, will ich sogar nicht einmal gehört haben, weil ich überzeugt bin: Du hast dir nichts Reelles dabei gedacht, und es war nur eben eine façon de parler, mit der hochgradig verliebte Leute es nicht so genau nehmen. Es bleibt ohne das genug übrig, das ich dir nicht ins Verdienstkonto schreiben kann. Und wohlbemerkt: dabei supponiere ich noch immer das beste: daß deine famose Phantasie dir wieder einmal einen ihrer gewöhnlichen Streiche spielt und dir deine Wünsche als Wirklichkeiten vorgaukelt. Ich meine aber, es sollen sich alle Menschen vor gewissen Wünschen in acht nehmen, und wir auf einem Thron oder in der Nähe eines Thrones Geborenen noch ganz besonders. Es ist unser trauriges Privilegium, daß uns die Erfüllung unsrer Wünsche so leicht gemacht wird, und was bei andern Gedankensünde bleibt, bei uns sich in nackter Thatsächlichkeit prostituiert. Unter diesem Fluch haben du und ich, haben wir alle gelitten. Manchen hat er zu Grunde gerichtet. Exempla odiosa lägen, meine ich, nahe genug. Und wenn die Fürsten in letzter Zeit, wenigstens in den Augen der Verständigen, einigermaßen im Wert gestiegen sind, ist es in erster Linie, weil sie ihre Begierden zu zügeln gelernt haben. Du wirst von der schönen Regel keine Ausnahme machen wollen, die noch dazu eine qualifiziert häßliche wäre. Der Mann, nach dessen Weibe du begehrst, ist dein Freund; du hast auf Erden keinen besseren. Du stehst im Begriff, einen großen Dienst von ihm zu fordern, den er dir von ganzem Herzen mit Aufbietung aller seiner Kräfte leisten wird. Und zum Dank für seine Freundschaft, seine Treue, seinen Opfermut könntest du – bei Gott, Heinrich, es will mir nicht über die Lippen; ich mag nicht daran denken. Und nun gib mir die Hand darauf als ein ehrlicher Mann und Fürst, daß der Hausfrieden deines Freundes von dir nicht getrübt, geschweige denn verwüstet werden soll!« Der Prinz hatte, vorbei an dem Champagnerkühler, der zwischen ihnen auf dem kleinen Tisch stand, seine mächtige Hand herübergereicht. Der Herzog schlug ein. Man kam an dem Abend wohlweislich nicht wieder auf das Thema zurück, auch nicht am folgenden Tage. Nun war der letzte Tag in der Woche da, der für Astolfs Abreise nach Ostpreußen bestimmte, und für den er selbst sich in der Villa des Parkes das Rendezvous mit der Geliebten gegeben hatte. Der Morgen weckte ihn nach einer halb schlaflos verbrachten Nacht. Seine Unruhe wuchs von Stunde zu Stunde. Zehnmal wollte er den Befehl geben, den Extrazug für ihn zu bestellen; zehnmal schreckte er davor zurück. Er hatte anfänglich sein dem Prinzen gegebenes Versprechen nichts weniger als tragisch genommen und sich gesagt: Was sollte ich thun? Ich war in einer Zwangslage. Eine Weigerung hätte soviel bedeutet als: was du für eine bloße Möglichkeit hältst, ist bereits fait accompli ; das heißt, ich würde, ganz abgesehen von mir, Susi preisgegeben haben. Wozu eine, noch dazu ganz nutzlose Barbarei? Heute dachte er anders. Sonderbar! Die Rede des Prinzen, auf die er nur mit halbem Ohre hingehört, die er am nächsten Morgen schier vergessen hatte – jetzt kam sie ihm wieder Wort für Wort. Im Leben hatte er den jovialen Mann so ernst nicht sprechen hören. Und, wenn man es recht betrachtete: ernst genug war die Sache. Er würde so weit nie gegangen sein, wäre die Gelegenheit nicht so verteufelt günstig gewesen. Und sie hatte denn auch redlich das ihre dazu gethan, die verführerische kleine Hexe! Warum mußte sie an dem Abend auf Rosenstein ja sagen? Wer zwang sie dazu! Ich nicht. Ich hatte ihr eine Liebeserklärung gemacht. Wenn man das nicht mehr darf, so hört eben alles auf; aller Spaß hätte ein Ende; da thäte man doch besser, gleich in ein Kloster zu gehen. Bei Licht besehen, hat sie zehnmal mehr Schuld als ich, zehnmal mehr. Sie hatte einen Mann, den sie respektieren mußte, schon um meinethalben, den sie so in die schiefste Lage brachte. Das ist es. Sie hat bei dem allen immer nur an sich gedacht; nie an mich. Und ihre exorbitanten Ansprüche! Das ist denn doch einfach lächerlich. Ich kann es doch darum nicht mit allen Fürsten Deutschlands und Europas verschütten, mich vor aller Welt als Blaubart und ich weiß nicht was ausschreien lassen. Der Prinz hat Fischblut in den Adern. Für immer wäre das nicht mein Geschmack. Nur manchmal sollte man allerdings sich eine Dosis davon anschaffen, oder man gerät in Situationen, die man seinem ärgsten Feind nicht wünschen möchte. Und dann trat wieder Susis reizendes Bild vor seine Augen; der Gedanke, daß er heute abend das entzückende Geschöpf in seinen Armen halten könnte, machte ihm das Herz schlagen und die Adern in den Schläfen pochen – er mußte bereits die Minuten berechnen, oder es wurde selbst mit dem schnellsten Extrazug zu spät – da ließ sich der Prinz melden, trat dann auch sofort in das Zimmer, schon von der Schwelle her rufend: »Bei Gott, Heinrich, es ist nicht meine Schuld! Meine Frau und ich haben uns die erdenklichste Mühe gegeben, dein Inkognito aufrecht zu erhalten. Es ist uns nicht gelungen. Man hat allerhöchsten Ortes erfahren, daß du hier bist; findet es mehr als seltsam, daß du dich nicht präsentiert hast – enfin: du mußt heute noch bleiben und zum Thee antreten. Es geht wahrhaftig nicht anders. Was ist denn auch an dem einen Tag gelegen? Um mit Vachta weiter zu konferieren, kommst du heute doch schon zu spät. Telegraphiere an ihn, daß ich vollständig einverstanden bin, und ihr, sobald er zurück ist, ans Werk gehen wollt. Er wird dann beruhigt reisen. Also: abgemacht!« »Wenn es denn sein muß,« sagte der Herzog. Er schickte zwei Telegramme ab: das eine an Astolf, ganz im Sinne des Prinzen; das andre an Brenken: »Schwerwiegende politische Gründe zwingen mich, heute noch hier zu bleiben. Seien Sie der Ueberbringer meines unterthänigsten Grußes und meiner Verzweiflung, eine Stunde hinausgeschoben zu sehen, nach der meine Seele schmachtet. Heinrich .« Dreizehntes Kapitel. Brenken hatte seine Depesche um vier Uhr nachmittags erhalten. Nachdem er sie sorgfältig zweimal durchgelesen, zuckte ein höhnisches Lächeln um seine schlaffen Lippen. Wenn ihn nicht alles täuschte: dies war der Anfang des Endes, vielleicht das Ende selbst. Er kannte seinen Herzog: in diesem Augenblick Feuer und Flamme, im nächsten war das Stroh verbrannt und auf dem Boden glimmte höchstens noch ein bißchen Asche. Schon bei der letzten Zusammenkunft in der Villa hatte er auf den Mienen des liebenden Paares Wolken beobachtet, die ein heraufziehendes Gewitter verkündigten. Susi war so trotzig und hochfahrend gewesen – das konnte der Herzog nun schon gar nicht vertragen. Natürlich hatte es dann eine Versöhnung gegeben – man kennt das – aber der Keim zum Zwiespalt war gelegt und während der Berliner Tage in der stets geteilten Seele des Herzogs herrlich ins Kraut geschossen. Was da vorgegangen – er sah es, hörte es, als wäre er dabei gewesen: der Herzog hatte nicht reinen Mund halten können, sich nach seiner Gewohnheit in Worten übernommen, der Prinz ihm gehörig ins Gewissen geredet. Dann die obligate Spiegelfechterei zwischen Hölle und Himmel, dem Wüstling und dem braven Mann, zwischen Gier und Feigheit, und das Ende vom Liede – diese Depesche! Wenn das nicht zum Lachen war! Aber was mit der Botschaft beginnen? Sie der schönen Adressatin überbringen? Die Pflicht gegen den gnädigen Herrn gebot es, und unausführbar war die Sache nicht. Er hatte während der letzten Wochen von den Launen des Herzogs so viel zu leiden, mit der ihm über Nacht aufgehalsten Theaterintendantur so viele Scherereien, so viele Unannehmlichkeiten gehabt, war des tröstenden Zuspruchs treuer Freunde so bedürftig gewesen! Wo sollte er den finden als bei seinen lieben Vachtas? Astolf hatte jetzt freilich ungebührlich viel zu thun, fast vom Morgen bis in die Nacht hinein vergraben in diesen langweiligen Regierungsakten – der Himmel mochte wissen, zu welchem für sterbliche Augen unfindbaren Zweck – nun, so war doch noch die gütige gnädige Frau da, die gern dem armen, in der Wüste des Hoflebens verschmachtenden Wanderer den Labetrunk eines ermutigenden Wortes gönnte! Astolf hatte ja nichts dagegen, ihm vielmehr in Susis Gegenwart gesagt: »Kommen Sie, so oft Sie wollen, lieber Freund! Meine Frau ist vor Langerweile schon ganz melancholisch geworden – gelt, Susi? – Plaudern Sie ihr die Grillen weg, Sie verstehen das meisterlich. Wenn ich irgend kann, erscheine ich hernach und wir machen eine Partie Whist mit dem Strohmann, das heißt: mit zwei Strohmännern, von denen der eine ich unter allen Umständen bin. Gelt, Susi?« Er hatte es sich nicht zweimal sagen lassen: George Dandin wollte es ja! Er war gekommen und hatte manches intime Plauderstündchen mit der reizenden Frau gehabt, ohne daß des Herzogs Erwähnung geschah, oder doch höchstens einmal im Vorübergehen. Ein galanter Mann berührt gewisse heikle Dinge im vertraulichsten Gespräch so wenig wie eine Fledermaus im tiefsten Dunkel die aufgespannten Fäden. So wäre er auch heute sicher gewesen, Susi entweder allein sprechen und ihr das Telegramm des Herzogs vorlesen, oder, hätte die Begegnung ausnahmsweise in Astolfs Gegenwart stattgefunden, ihr einen Wink geben zu können, der ihr heute abend den zwecklosen Weg zur Villa ersparte. Konnte man sich doch mit ihr durch ein Augenzwinkern verständigen! Aber er wollte ihr den Weg nicht ersparen – im Gegenteil! Sie sollte kommen und ihn allein finden. Das Eintreffen des Telegramms ließ sich ja auf ein paar Stunden später verlegen, als es völlig unmöglich geworden war, sie zu benachrichtigen. Oder wenn er bei dieser Lüge zu viel riskierte – mon dieu, um eine Ausrede, die einem wirklichen Grunde aufs Haar glich, war er doch noch nie verlegen gewesen! Und wenn es einer solchen Ausrede gar nicht einmal bedurfte, die schöne Frau mit dem Quiproquo ganz zufrieden war, Humor genug hatte – und sie hatte Humor, die kleine süße Hexe – den Spaß zu goutieren – er fühlte ein Rieseln durch den ganzen Leib bei dem Gedanken. Eins war freilich möglich, sogar wahrscheinlich: der Herzog hatte an Astolf ebenfalls depeschiert, vielleicht gar geschrieben. In dem Verhältnisse, in welchem jetzt die beiden standen – Susi hatte darüber einige, von ihm jedenfalls richtig interpretierte Andeutungen gemacht – wäre es von seiten des Herzogs nur schicklich gewesen. Indessen, das stand nun nicht zu ändern. Darauf mußte er es ankommen lassen. Auch Astolf hatte seit vier Uhr sein Telegramm in Händen. Er war damit sofort zu Susi gestürzt. »Habe ich es nicht gesagt, Susi, er läßt mich nicht ohne irgend eine Nachricht reisen. Da, lies! Genau das, was ich zu hören wünschte, wenn ich doch einmal diese gräßliche Last auf meine Schultern nehmen soll. Na, was sagt Ihre Excellenz? Der Prinz ist vollständig einverstanden – sobald ich zurück bin, wollen wir ans Werk gehen! Weiß Gott, Susi, hätte ich es dem Papa nicht so fest versprochen und wäre ich da oben nicht wirklich notwendig, ich bliebe hier. Aber da der Herzog gegen meine Reise kein Veto einlegt – er hat freilich keine Ahnung davon, wie dick der Berg von Hirsebrei ist, durch den ich mich in das ministerielle Schlaraffenland essen muß. Na, wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er ja auch den Verstand. Ich will nur mein Memoire noch fertig schreiben, das der Herzog vorfinden soll, wenn er zurückkommt – so eine Art Programm, weißt du, mit dem ich vor den Landtag treten will. In einer Stunde, höchstens zwei bin ich fertig. Wir können dann noch immer ein rechtschaffenes Stück plauschen. Adieu so lange, lieber Schatz!« Er hatte Susi geküßt und war davongestürmt mit langen Schlitten, die ein paar Gläser auf dem Buffett im Speisezimmer klirren machten. Susi hielt sich die empfindlichen Ohren zu. »Er ist schrecklich,« murmelte sie. Sie war in ihrem Salon auf der Chaiselongue geblieben und saß da, zusammengekauert, den Kopf in die Hand gestützt, geraume Zeit, die Situation überdenkend. Er konnte nicht kommen. Unsinn! Warum sollte er nicht können, wenn er wollte? Also er wollte nicht kommen. Erster Punkt. Zweiter: warum wollte er nicht kommen? War er ihrer überdrüssig? Es hatte das letzte Mal, als sie beisammen waren, diesen Anschein wahrlich nicht gehabt. Im Gegenteil: er war kindischer gewesen als je. Wollte er ihr nur nach der Scene von neulich zeigen, daß er auch schmollen und trotzen könne? Das ist so die Art ungezogener Kinder; aber sie laufen auch wieder nach dem Zuckerbrot. Er sollte es ja haben, und er wußte recht gut, daß er es haben würde. Sodann, lag wirklich ein unüberwindliches Hindernis vor – er war doch zu sehr Kavalier, sie in dieser saloppen Weise abzufertigen: mit einem Telegramm an ihren Mann, aus dem sie sich das Nötige herauslesen mochte. Er würde sicherlich Brenken avisiert, durch Brenken sich haben entschuldigen lassen. Brenken konnte jeden Augenblick kommen. Aber kein Brenken kam. Ihre Unruhe wuchs mit jeder Minute. Stand sie wirklich vor einer Thatsache, gegen die sich nicht ihr Herz empörte – das, wußte sie, bereitete ihr keine Emotionen – aber ihr Stolz und ihre Eitelkeit sich desto heftiger sträubten. Auf einmal schlug sie sich an die Stirn. Gott, wie dumm sie war! das Ganze war ja nichts weiter als eine Finte! Sand in die Augen des guten Astolf, obgleich es dessen für ihn gar nicht bedurfte, er in seiner Vertrauensseligkeit ruhig abgereist wäre, und wenn er auch zehn Herzöge hinter sich gelassen hätte! Susi war von der Chaiselongue in die Höhe gefahren und ging, die Melodie von »Wie bist du, meine Königin« summend, in dem Salon auf und ab. Plötzlich bekam sie Migräne. Sie mußte durchaus Migräne bekommen, vielmehr schon beim Aufstehen heute morgen gehabt und nur nichts gesagt haben. Daß sie nicht früher darauf verfallen war! Wie sollte sie denn, wenn sie Astolf auf die Bahn begleitete, zur rechten Zeit auf der Villa sein, abgesehen davon, daß es schwer halten würde, einen Grund zu finden, weshalb sie Wagen und Leute nach Hause schickte? Bei der Villa vorfahren konnte sie doch nicht. Also das Migränegesicht! Sie hatte es ganz in ihrer Gewalt. Eine flüchtige Probe vor dem Spiegel genügte. Astolf erschrak, als er, in Begriff, seine Akten definitiv zuzuklappen, Susi bei sich eintreten sah. Das arme Kind! Warum hatte sie es denn nicht früher gesagt! Sich um seinetwillen so zu quälen! Natürlich mußte sie sich sofort zu Bett legen. Es war ja das Einzige, was ihr half oder doch Linderung schaffte. Um ihn brauchte sie sich nicht zu sorgen. Er würde schon allein auf die Bahn kommen. Mitgenommen hätte er sie bei dem greulichen Wetter so wie so nicht. Soll ich dich zu Bett bringen? Nein? Nun, dann geh, meine süße Seele! Ich sage dir natürlich noch adieu. Susi ging, die Hand auf die linke Schläfe pressend. Hätte sie gewußt, daß er ohne sie auf die Bahn fahren wollte! Aber sicherer war es doch so. Als Astolf um dreiviertel auf neun am Bahnhofsgebäude vorfuhr, war sein Zug seit einer Viertelstunde fort. Er hatte geglaubt, die Abfahrtszeit ganz sicher im Kopf zu haben, und nur nicht bedacht, daß es die des Sommerfahrplanes war und das Kursbuch bereits seit Oktober andre Zahlen aufwies; wenigstens für diesen Zug. Das Unglück war nicht groß: um halb zwölf kam der Kurierzug Rom-München-Berlin durch, der den Neunuhrschnellzug bereits in Berlin einholte. So belehrte ihn der Bahnhofsinspektor, ein alter Bekannter, der, wenn er sich recht erinnerte, in den unteren Klassen des Gymnasiums dieselbe Bank mit ihm gedrückt hatte. Mit den paar Stunden würde er schon fertig werden. Die Hauptsache war, daß Susi nichts von der Kalamität erfuhr. Von nach Hause zurückkehren konnte deshalb keine Rede sein. Das arme Kind aus ihrem ersten, mühsam errungenen erquickenden Schlaf aufstören, das hätte noch gerade gefehlt! »Macht möglichst wenig Lärm und sagt auch den Mädchen und Frau Poltrok nichts! Morgen früh meinetwegen; und ich ließe die gnädige Frau nochmals schönstens grüßen! Aber heute abend kein Wort! Hört ihr!« Der Wagen war weggeschickt. Astolf saß in der Bahnhofsrestauration, neben sich den Inspektor, den er zu einer Flasche Wein eingeladen hatte. Der Mann berichtete, als Hoheit am Mittwoch abends abfuhr, habe er zu ihm gesagt, er werde jedenfalls am Sonnabend abends zurück sein. Bis jetzt sei noch keine Depesche da, daß man in Berlin einen Extrazug abgelassen habe. Er erwarte aber jede Minute eine. Astolf verriet kein Staatsgeheimnis, wenn er dem Inspektor sagte, daß er sich deshalb keine Sorge zu machen brauche: Hoheit habe ihm telegraphiert, daß er frühestens erst morgen komme. »Nun ja,« sagte der Inspektor, »Hoheit und der Herr Baron, das sind gar gute Freunde. Es ist nur Jammer und Schade, daß der Herr Baron nicht mehr zu sagen haben, das heißt: nicht mehr zu sagen haben wollen. Daß Sie's könnten, wenn Sie nur ein Wort sprächen, wissen wir alle. Und Herr Baron, einer, der den Karren – mit Respekt zu sagen – na, Sie wissen, was ich meine – der thut uns schon lange not. Und dem Herzog auch. Er ist ja ein guter Herr – will sagen: er meint es nicht bös – Gott soll mich bewahren, daß ich so was sagte! – aber er hat so viel andre Dinge im Kopf: seine Jagden und – na ja! so ein junger Herr will doch auch leben. Und was die alte Excellenz ist – na ja, alte Leute sind eben wunderlich, um nicht mehr zu sagen. Und wenn erst der Tanz mit dem Landtag wieder losgeht –« Der Inspektor wurde zu einer Dienstangelegenheit abgerufen. Astolf war sitzen geblieben; der Mann, mit dem er das Gespräch gern weiter geführt hätte, kam nicht wieder; er fand, daß er anfange, sich zu langweilen. Dazu war die Luft in dem großen, verödeten, halbdunkeln Raum nichts weniger als erfreulich – er ging auf den überdachten Perron hinaus, dort ein paarmal auf und ab, sah nach dem Wetter, das ganz leidlich geworden war, und beschloß, da er Zeit die Fülle hatte, einen richtigen Spaziergang zu machen. Waren ihm doch von dem vielen ungewohnten Stubenhocken in diesen letzten Tagen die Glieder ganz steif geworden. Und bis morgen abend würde er aus dem Sitzen auch nicht herauskommen. Also einen ordentlichen Giro: die Promenade bis zum Park, dann durch den großen Parkweg, der immer noch am gangbarsten war, durch das Thor bei der Fasanerie zurück auf die Promenade und zum Bahnhof. Erst verglich er noch seine Uhr mit der Bahnhofsuhr. Merkwürdig! Er hatte gemeint, es sei mindestens eine Stunde her, daß er hier war; es war knapp eine halbe vergangen. Er wollte lieber gleich den Giro etwas größer machen. Mit seinen langen Beinen kam er so wie so immer früher zum Ziel als andre Leute. Vierzehntes Kapitel. Das neben der Fahrstraße zum Bahnhof hinlaufende Stück Promenade war bald durchschritten. Er stand an dem Punkt, wo die Fahrstraße in den Villenweg überging, in dessen Mitte ungefähr sein Haus lag, und zugleich die breite Allee mündete, die den herzoglichen Park – hier in seiner geringeren Ausdehnung – durchschnitt. Drei Minuten hätten ihn zu seinem Hause gebracht. Aber das Schlafzimmer lag an der Hinterseite nach dem Garten – nicht einmal den schwächsten Schimmer von ihrer Nachtlampe hätte er sehen können, in deren mattem Schein sie nun wohl sanft schlummerte, seine süße Susi, sein geliebtes Weib, sein größter Schatz, sein alles. Acht Tage sollte die Trennung dauern, dann kehrte er heim als erster Minister des Herzogtums! Und Astolf lachte sein behagliches Lachen bei dem Gedanken, welche Miene seine Susi wohl machen würde, wenn sie zum erstenmal Excellenz angeredet würde. Seine kleine Susi mit den weichen blauen Kinderaugen und ihrem holden schämigen Erröten bei jeder möglichen Gelegenheit – Excellenz! Wenn das nicht zum Lachen war! Und er selbst! Na ja – wie der Inspektor sagte – er wollte den Leuten zeigen, daß er sich den Adler nicht für nichts und wieder nichts hatte schenken lassen! ihnen zeigen, was ein Mann leisten kann, der den guten Willen hat, und mit dem der Prinz »vollständig einverstanden« war! Beim Himmel, der Herzog wußte recht gut, was er that, als er ihm telegraphierte, was ihm der schärfste Ansporn zur wackern Initiative und zum mutigen Ausharren sein mußte; aber lieb von ihm war es doch, daß er es that. Es war wieder einmal ein Beweis von seinem edeln Herzen, wenn er auch so viel andre Dinge im Kopf hatte: seine Jagden – seine – na ja! sagte der Inspektor. Am Ende läuft sich doch so ein verwöhnter fürstlicher Herr die Hörner ab. Und wenn es bei diesem so schnell ging, wie es augenscheinlich der Fall war – Kopf und Kragen wollte er darum wetten, daß es zum nicht geringsten Teil auf Susis Konto kam. Er hatte es ihr prophezeit: eine edle Liebe! Ja, die macht einen Mann zu etwas; macht ihn überhaupt erst zum Mann. Er war jetzt einer, auf dem besten Wege, einer zu werden. Das möge Gott walten! Mit ihm, für meinen Herzog und meine Susi! da will ich die Welt in die Schranken fordern. So stand er ein paar Minuten, in ernstes Sinnen verloren. Das aber nichts Trübes hatte! Ganz und gar nicht. Ihm war so leicht und frei zu Mut. Fliegen hätte er mögen, wenn er auch merkte, daß ihm von dem Stillstehen auf dem gefrorenen Erdboden die Füße kalt wurden und es novemberrauh durch die große Allee aus dem Park herauswehte. Er knöpfte, sich in den Park wendend, noch einen oberen Knopf an seinem Pelz zu und fuhr mit den Händen tief in die Taschen. Was war denn das da in der rechten? Habe ich den Hausschlüssel mitgenommen? Nun, sie haben noch einen. Dumm ist es doch. Er wollte, etwas ärgerlich, den Schlüssel wieder in die Tasche stecken, als ihm einfiel: Himmel, das ist ja der Schlüssel, den mir das Frauenzimmer neulich abends in die Hand gedrückt hat, als ich aus dem Kasino kam! Richtig! Ich habe seitdem den Pelz nicht wieder angehabt; mit keinem Gedanken wieder an die kuriose Geschichte gedacht. Hatte wirklich Besseres zu thun. Aber nun hatte er nichts Besseres zu thun und dachte an die kuriose Geschichte, während er, fest in seinen Pelz gehüllt, langsam – er hatte so viel Zeit! – die Allee hinaufschritt, durch deren kahle Riesenbäume oben der Wind pfiff, manchmal von den Aesten und Zweigen Stücke Glatteis ablösend, die klirrend auf den harten Boden fielen. Unter dem hoch am Himmel stehenden halben Mond jagten nach Westen dunkle Wollen. Doch wurde es niemals so völlig schwarze Nacht, daß es Astolf im Vorwärtsschreiten auf dem völlig ebenen, ihm so wohlbekannten Wege hätte behindern können. Eine kuriose Geschichte wirklich! Und, wenn er es recht bedachte, doch auch wieder gar nicht: eine, wie sie in dem Klatschnest, wer weiß wie oft, schon gespielt hatte und noch spielen würde. Den identischen Brief hatte die Person – die jedenfalls keine andre als die Reinerz war – zweifellos mindestens an ein halbes Dutzend Gatten hochgestellter Damen der Stadt geschrieben. Nach ihrer gemeinen Denkungsart mußte doch eine die Nachfolgerin geworden sein; vielleicht traf sie die rechte. Und wenn nicht, und sie ganz sicher in diesem Kreise vergeblich ihre Beute suchte, und die Person das auch sehr wohl wußte – was that es ihr? Rederei und Skandal gab es immer. Weiter hatte es keinen Zweck. Und war gar einer der belästigten Männer dumm genug, auf den Unsinn hineinzufallen – so hatte sie vollends ihr Mütchen gekühlt. Und daß sie ihn mit in ihre Kollektion genommen – er stand dem Herzog so nahe – er durfte nicht fortbleiben. Und der Herzog verkehrte in seinem Hause so viel, wie in keinem andern – das mußte verwertet werden – das gab der Sache ein Relief in den Augen eines Publikums, dessen Grundsatz: credo quia absurdum. Wie sagt doch Hamlet zur Ophelia: »Sei so keusch wie Eis, du wirst der Verleumdung nicht entgehen.« Und daß die Person ihn und Susi besonders aufs Korn genommen, bewies ja der Schlüssel, der doch sicherlich von ihr kam – der Schlüssel zur Villa, auf die sie in ihrem Uriasbrief so deutlich hingewiesen, und den keine andre haben konnte, als sie, die aus der Villa allerdings etwas brüsk an die Luft gesetzte. Für wie albern aber mußte ihn die Person halten! Die Absicht war so klar: er sollte auf den Hamen anbeißen, mit Hilfe des Schlüssels in der Villa herumspionieren, dabei womöglich sich abfassen lassen und – unsterblich blamieren! Das wäre so ein Fressen für die Bierphilister und Kaffeeschwestern. Gelt, Madame? Er war zu dem Quergang gelangt, der zu dem vom Park ausgesparten freien Platz führte, auf welchem die Villa stand. Ein Stück der Fronte war in der Oeffnung zwischen den Bäumen sichtbar. Eben glitt ein Streifen des wechselnden Mondlichts darüber weg. Dann der schwarze Schatten einer dunklen Wolke, der sie dem Blick völlig entzogen haben würde, wäre nicht durch die Vorhänge der Fenster des Salons ein rötlicher Dämmerschein gefallen. So hatte also Brenken nicht geprahlt: der Herzog hatte ihm wirklich die Villa geschenkt, sie ihm wenigstens zum Bewohnen überlassen. Das wäre doch ein Hauptspaß, wenn er den edlen Junggesellen in seinem Buen retiro überraschte und für einen armen, sitzen gebliebenen Reisenden um das Almosen eines Curaçao oder so was bäte, den frierenden Magen zu wärmen! Sollte das Haus verschlossen sein, um so besser – den Schlüssel hatte er ja. Ueberdies, der Giro durch den dunklen Park war doch ungemütlicher, als er ihn sich gedacht hatte. Hernach konnte ihn Brenken zum Bahnhof zurückbegleiten – so hatte er zugleich noch Gesellschaft. Er war bereits – als gälte es, sich an ein Wild heranzupirschen, – immer dicht an den Baumstämmen des Weges hin an das Ende des Ganges, der Villa schräg gegenüber, gelangt, als er, in sich hineinlachend, stehen blieb: Dieser Unsinn! Schäme dich, Excellenz! Wenn Susi dich hier sähe! Wer weiß auch, ob man dem galanten Herrn nicht mehr als ungelegen käme? am Ende gar in genau die Falle ginge, die mir die Person gestellt hat! Er soll ja mehr als intim mit ihr sein. Und ich träfe das edle Paar im tête-à-tête! Dann hätte ich die Bescherung. Schon wollte er sich wenden, als er die Gestalt eines Menschen erblickte, der eben aus dem Schatten, welchen die Villa nach links warf, herausgetreten sein mußte, und nun mit raschen Schritten gerade auf ihn zukam. Vermutlich ein Parkwächter, der ihn hatte stehen sehen und zu wissen wünschte, was er hier so spät am Abend zu suchen habe. Aber der Mensch wollte entschieden nichts von ihm, hatte ihn auch nicht gesehen: als er nur noch kaum ein Dutzend Schritte von ihm war, machte er eine Wendung nach rechts und stellte sich an den Waldrand, fast in ein Gebüsch hinein, das da ein wenig vorsprang. »Das ist doch seltsam,« dachte Astolf. Der Mensch, der so nahe bei ihm stand, daß er ihn beinahe mit der ausgestreckten Hand hätte berühren können, regte sich nicht. Das Gesicht hatte er starr nach der Villa gewandt, auf die seine ganze Aufmerksamkeit gerichtet schien – offenbar der Grund, weshalb er seinen Nachbar auch jetzt noch nicht bemerkte. »Entweder ein Dieb,« dachte Astolf, »oder ein Verliebter, der sich hier mit der Küchennymphe aus der Villa ein Stelldichein gegeben hat. Wahrscheinlich das letztere. Er könnte sonst nicht so blind sein.« Und plötzlich schoß ihm ein andrer wunderlicher Gedanke durch den Kopf: Wenn dies doch ihm galt? Die Reinerz, die ja keine Ahnung davon haben konnte, daß er seit einer Stunde unterwegs sein sollte, ihm auflauern ließ, schon alle diese Abende hatte auflauern lassen, ob er in die mit dem Schlüssel gestellte Falle gehen würde? Das wäre doch interessant, zu wissen. Das mußte er wissen. Mit einem langen Schritte war er bei dem Menschen und hatte ihm die Hand auf die Schulter gelegt: »Was treiben Sie hier?« Der Mensch war so erschrocken, daß er fast zusammenknickte. Als er sich dann aufraffte und fliehen wollte, war es zu spät: Astolf hatte ihn jetzt auch am Handgelenk gepackt mit einem Griff, aus dem es kein Entrinnen gab. »Werden Sie antworten!« »Ach, Herr Baron, thun Sie mir nichts. Ich habe ja keine Schuld daran.« »Kennen Sie mich?« »Ja, Herr Baron.« »Und Sie sind?« »Der Sohn von dem Hofgärtner Müller – Bernhard Müller.« »So, Herr Bernhard Müller; und wollen Sie mir nun gefälligst sagen, woran Sie keine Schuld haben?« »Ach, bitte, bitte, Herr Baron, lassen Sie mich gehen! Ich will es auch gewiß nicht wieder thun.« »Was nicht wieder thun?« »Hier aufpassen.« »Auf wen? Auf mich?« »Ach, nein.« »Auf wen denn?« »Wenn ich es sagen muß – und der Herr Baron wissen es ja auch schon: auf die Frau Baronin.« »Die Baronin Vachta?« Der Mensch antwortete nicht. Er mußte toll sein. »Wie soll denn die Baronin Vachta hierher kommen?« »Sie ist schon einmal hier gewesen.« »Wirklich! Wann denn?« »Heute vor acht Tagen – um diese Stunde.« »Allein?« »Mit –« »Nun?« »Herrn von Brenken,« stammelte Bernhard. Ohne einen Namen zu nennen, kam er nicht weg. Das war ihm klar. Aber sich an Hoheit vergreifen, durfte er doch nicht. Und Herr von Brenken war ja auch dabei gewesen. »Sie sind Ihrer Sache ganz sicher?« »Ja, Herr Baron.« »So nimm das für deine Sicherheit!« Er hatte die Faust erhoben, um sie auf den Burschen niederschmettern zu lassen, als er auf dem Wege von der großen Allee her, den er selbst gekommen war und an dessen Ausgang er unter den Bäumen mit dem Burschen stand, ein Knistern bereits aus der Nähe vernahm, wie wenn ein flüchtiger Fuß eine der dünnen, von den Aesten herabgewehten Eisscherben zertreten hätte. Unmittelbar darauf, jetzt ganz nahe, dasselbe Geräusch, in seiner Eigenheit sonderbar deutlich trotz des Windesbrausens durch die Wipfel, das der Kommenden sein mit dem jungen Menschen im unterdrückten Tone geführtes Gespräch verdeckt haben mochte. Aus dem leichten, kurzen Schritt hatte Astolf schon herausgehört, daß, wer da kam, eine Frau sein mußte. Jetzt trat sie in das hellere Licht des freien Platzes, ging eilends auf die Villa zu und verschwand in der Seitenpforte so schnell, daß diese vorher schon für sie geöffnet sein mußte, wenn sie jetzt auch klirrend ins Schloß fiel. »Das war die Frau Baronin,« flüsterte aufatmend Bernhard. »Sie sind heil verrückt, mein Freund,« sagte Astolf; »und nun machen Sie, daß Sie von hier fort und nach Hause kommen!« Der junge Mensch hatte sich das nicht zweimal sagen lassen; raschen Ganges, fast laufend, hatte er sich entfernt und war hinter der Villa verschwunden. Astolf lehnte an dem Stamm desselben Baumes, unter dem sie gestanden, unfähig, ein Glied zu rühren, als habe ihn ein Blitzstrahl getroffen. Nur die Brust arbeitete unter schweren, leise stöhnenden Atemzügen. Es war Susi gewesen. Sie hatte, wohl um in der Dunkelheit des Waldes besser sehen zu können, den schwarzen Schleier zurückgeschlagen gehabt. Ueberdies war die Entfernung, in der sie an ihm vorübergeschritten, so gering gewesen. Er hatte sie vollkommen deutlich erkannt. Vollkommen deutlich. Und doch war alles ein böser Traum; mußte ein Traum sein – eine Hallucination – das Wahnbild eines Verrückten. Aber er war doch nicht verrückt. Er hatte doch noch eben mit dem Bernhard Müller soweit ganz vernünftig gesprochen. Und wußte, wie er hierher gekommen, und der Baum, an dem er stand, eine Buche, und was er da mit der Hand in der Tasche seines Pelzes berührte, ein Schlüssel war. Der Schlüssel zu dem Hause da drüben, in dem er mit dem Herzog, als er noch Erbprinz war, so manche Maibowle geleert, und das der Herzog Brenken geschenkt hatte, und in das eben seine Susi geschlüpft war, um mit Brenken – Das eben noch stagnierende Blut pulste ihm in den Adern, als wollte es seine Schranken sprengen, die schlaffen Glieder spannten sich; mit den Sprüngen eines Löwen, der auf seine Beute stürzt, war er von dem Baum weg über die Lichtung vor dem Seitenpförtchen. War es nicht verschlossen, kam er so am schnellsten in das Haus. Es war verschlossen. Die starke eiserne Thür hätte selbst seiner Kraft gespottet. Er rannte um das Haus herum nach der Hauptthür, die vier Stufen, die zu ihr hinaufführten, mit einem mächtigen Schritte nehmend. Auch sie verschlossen. Nun mußte der Schlüssel sein Werk thun. Er that es leicht, geräuschlos; geräuschlos schlug der Flügel zurück, den wieder anzudrücken er sich keine Zeit ließ. In dem Flur eine dämmerige Helle, die von einer Lampe an der Decke ausging; dann, von Wandlampen kräftiger beleuchtet, die breite, teppichbelegte Treppe, welche in einer starken Windung auf den oberen Vorraum führte, wo ihm aufdringlicher noch als unten und auf der Treppe der süßliche, ihm widerliche Duft entgegenkam, mit dem die herzoglichen Gemächer parfümiert waren. Er zuckte zusammen, als er plötzlich die in Pelz gehüllten Gestalten von drei oder vier Männern um sich sah. Aber es war nur seine eigene, von den großen Spiegeln über den Wandsofas in hellem Lichte der zwischen ihnen brennenden Kandelaber reflektierte Gestalt. Er ließ den Pelz von den Schultern auf den Teppich gleiten; er wollte seine Arme frei haben. Dann trat er – der dicke Teppich machte seine Schritte unhörbar – an die Fensterthür zum Salon. Die Portiere drinnen war zugezogen, aber nicht so sorgfältig, daß nicht ein Spalt zwischen den beiden Teilen geblieben wäre. Zum erstenmal in seinem Leben wurde er zum Späher und Lauscher. In der Mitte des Salons, voll bestrahlt von dem Licht des Kronleuchters über ihr, an einem goldenen Rokokotisch in einem üppigen Fauteuil, noch im Mantel, den sie aufgeknöpft hatte, aber ohne Hut und Schleier, die neben ihr auf dem Tisch lagen, den Kopf zurückgelehnt, die Füße auf einen Puff so weit vorgestreckt, daß sie völlig unter dem Kleidsaum sichtbar waren, spielte sie mit einer roten Blume, die sie aus einem großen Bouquet in einer Schale neben ihr genommen haben mochte. Ueber die Blume, die sie wiederholt an die Nase führte, lachten ihre großen glänzenden Augen zu dem Manne herüber, der, beide Ellbogen auf die Kniee gestützt, von einem niedrigeren Sessel zu ihr emporstierte. Er sprach sehr eifrig, und, was er sagte, mußte sehr interessant sein. Sie hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu und lächelte wiederholt so amüsiert, daß ihre weißen Zähne zwischen den feinen Lippen hervorblitzten. Plötzlich ließ er sich von dem Sessel herabgleiten auf die Kniee, ihre Hände, die sie gerade mit der Blume im Schoß hielt, ergreifend und sein Gesicht darauf drückend. Astolfs Hand faßte nach dem Thürgriff; der Griff gab nach, nicht so die Thür. Er rüttelte daran; dann einen Schritt zurücktretend, hatte er sie mit einem Fußtritt aufgesprengt, daß beide Flügel gegen die Portiere flogen, von der die zersplitterten Scheiben herunterklirrten. Hereinstürzend, sah er nur noch eben, wie sich eine Tapetenthür hinter Susi schloß, Brenken hatte ihr offenbar folgen wollen, war aber nur bis in die Nähe der Thür gelangt, von der er sich, da er seinen Fluchtversuch vereitelt sah, umwandte, ein klägliches Lächeln auf den bleichen Lippen, das jäh erstarb, als sein furchtbarer Gegner jetzt mit vor Zorn glühenden Augen und gespreizten Händen vor ihm stand. »Lieber Vachta!« stammelte er. Er kam nicht weiter. Im nächsten Moment hatte ihn eine der mächtigen Hände an der Brust, die andre an der Kehle gepackt. Mit der Kraft eines Verzweifelten sich wehrend, konnte er sich noch ein paar Augenblicke auf den Beinen halten. Dann war er in die Kniee gedrückt und wieder emporgerissen und auf den Boden geschmettert, daß sein Kopf mit dumpfem Dröhnen auf den Teppich schlug, während die entsetzlichen Hände sich wie Eisenringe um seine Kehle schlossen. Vor seinen Ohren brauste es wie von einem Wasserfall, vor seinen Augen tanzten große rote Kugeln. Da ließen die Eisenklammern um seinen Hals los; seine Brust, die das Knie des Gegners so entsetzlich zusammengepreßt hatte, war wieder frei. Es gelang ihm, sich auf den Ellbogen aufzurichten; er glaubte zu sehen, daß Astolf den Diener eben durch die Portiere der zertrümmerten Thür hinausschob, hinter dem Manne ein paar Worte herrufend, die er mit seinen noch halb betäubten Ohren nicht verstand. Dann sah er Astolf an der andern Seite des Salons hinter dem Tische in der Mitte mit langen Schritten auf und ab gehen. Die wirkliche, die Todesgefahr war vorüber. Der da konnte wohl in der ersten Wut zum Mörder werden, jetzt nicht mehr. Nein, jetzt gewiß nicht mehr, wenn er das erst gelesen. Astolf hatte auf dem Tisch neben Susis Schleier ein Blatt liegen sehen – ein Telegramm – wahrscheinlich das, mit dem der Mensch sie oder sie den Menschen zum Rendezvous bestellt hatte. »Aufgegeben Berlin, drei Uhr zwanzig nachmittags.« Was war das? »Schwerwiegende politische Gründe ... Seien Sie der Ueberbringer ... eine Stunde hinausgeschoben zu sehen, nach der meine Seele ... Heinrich.« War denn heute die ganze Hölle los? Aber das war doch ganz unmöglich! Er! – er! – Und der Bursch vorhin hatte ja gesagt, daß sie schon einmal hier war – mit Brenken! »Was heißt das?« fragte er, das Blatt in der Hand, um den Tisch herum auf Brenken zugehend, der jetzt, obgleich an allen Gliedern zitternd, wieder auf den Beinen stand. Brenken war von dem Moment, als er Astolf das Telegramm zur Hand nehmen sah, entschlossen gewesen, den Herzog preiszugeben. Am Ende ist sich doch jeder selbst der nächste, besonders wenn man es mit einem Verrückten zu thun hat. »Das heißt,« sagte er mit einer seltsam rauhen Stimme, die ihm gar nicht wie die eigene klang, »daß Sie um ein Haar das Leben eines Unschuldigen auf dem Gewissen hätten.« »Sie sind unschuldig?« »Bis auf den Kniefall, den Sie vermutlich vorhin durch die Thür gesehen haben, und der andern Menschen, die sich um diese Stunde mit einer schönen Frau allein befunden hätten, wahrscheinlich auch passiert wäre – ja.« »Sie können das auf Kavalierehre beschwören?« »Auf Kavalierehre!« »Sie waren also nicht heute vor acht Tagen ungefähr um diese Stunde – mit der Baronin Vachta hier?« »Ich war hier mit der Frau Baronin; aber nur auf vielleicht zehn Minuten; nur so lange, als ich brauchte, um mich mit Anstand zurückziehen zu können.« »Während –« »Während Hoheit, der Herzog, blieb.« »Das geht alles noch auf Ihre Kavalierparole?« »Jedes Wort, das ich sage, gesagt habe oder noch sagen werde.« »Wissen Sie von andern Zusammenkünften, die die Baronin mit dem Herzog gehabt hat?« »Bestimmte Angaben kann ich nicht machen; aber ich habe sehr gewichtige Gründe anzunehmen, daß deren bereits mehrere und sehr intime wahrend des Besuches der Frau Baronin im Schloß stattgefunden haben.« Astolf ging wieder auf und ab, Brenken, der sich nicht mehr halten konnte und eine Ohnmacht herannahen fühlte, hatte sich in einen Sessel fallen lassen. Plötzlich schnellte er wieder in die Höhe; Astolf hatte die Portiere gefaßt, augenscheinlich im Begriff, zu gehen. Daß er gegangen sein möchte, wünschte Brenken von ganzem Herzen; aber vorher mußte ein sehr dunkler Punkt aufgeklärt sein. »Vachta! lieber, bester Vachta!« »Was beliebt?« »Sie haben mich auf Kavalierehre befragt; ich habe auf Kavalierehre antworten müssen, so schwer es mir, bei Gott, angekommen ist. Aber Vachta, Sie haben mich einst Ihren Freund genannt. Ich bin es auch, bin es in dieser ganzen unglückseligen Affaire gewesen. Gott ist mein Zeuge: ich habe zum Guten zugeredet – es hat nichts geholfen. Ich hätte ebenso gut ein Rudel Hirsche, das durch die Lappen bricht, mit meinen nackten Händen aufhalten können. Was ich Ihnen gesagt habe, ich habe es gesagt, nicht aus Furcht, sondern weil Sie es waren, vor dem mir eine Lüge nicht über die Lippen wollte. Gut! Ich habe es gesagt, und Sie haben mich in den Händen. Sie können mich morgen, wann er zurückkommt, oder wann Sie wollen, ihm ausliefern; das heißt mich und meinen Bruder und meine unschuldige Schwester zu Bettlern machen. Sie kennen meine Situation und wissen, daß ich, wenn der Herzog die Hand von mir zieht, auf dem Pflaster liege. Werden Sie mir das anthun?« Er war dicht an Astolf herangetreten mit ausgestreckter Hand. Astolf verschränkte die Arme auf dem Rücken. »Ich werde meine Angelegenheit mit dem Herzog ordnen, ohne seine Helfershelfer ins Spiel zu bringen.« »Das wollten Sie? wollten Sie wirklich?« »Ich pflege mein Wort zu halten.« Er war fort. Brenken starrte auf die Portiere, die hinter dem Riesen zusammengefallen war. »Das war ja eine verfluchte Geschichte! Welcher Satan hatte ihn nur hierher geführt? Er sollte doch seit zwei Stunden unterwegs sein! Ob er jetzt wohl hingeht und der kleinen Hexe die weiße Kehle eindrückt? Verdient hätte sie's. Schade wär's aber doch. Und Serenissimus! Der wird schöne Augen machen, wenn er die Bescherung erfährt! Ich gönne es ihm. Wie ich es ihm gönne! Und ich bleibe aus dem Spiel! Ich habe kein Wässerchen getrübt! Ich nicht! Er pflegt sein Wort zu halten! Dumm genug ist er dazu!« Er drückte auf den Knopf der elektrischen Leitung, Es dauerte nicht lange, bis der Diener kam mit einer sehr verstörten Miene. »Der Herr Baron ist fort?« »Ja, gnädiger Herr. Ich habe ihm noch den Pelz angeholfen.« »Sie haben also auf dem Flur gehorcht?« »Ich dachte, die Herren könnten mich noch brauchen.« »So! brauchen! Brauchen ist gut. Und die Dame, die hier war?« »Sie ist unten auf dem Flur an mir vorbeigelaufen – zum Hause hinaus. Die Thür stand weit auf. Weiß nicht, gnädiger Herr, wie das möglich ist. Ich habe sie, wie der gnädige Herr befohlen haben, immer verschlossen gehalten.« »Darauf kommt es nicht an. Sie kennen die Dame nicht?« »Ei, wie werde ich, gnädiger Herr!« »Es war eine andre, als die neulich mit Hoheit hier Thee getrunken hat?« »Na ob! gnädiger Herr! Die war ja einen Kopf größer!« »Sie sind ein verständiger Mensch, Adolf. So heißen Sie ja wohl? Adolf Ritter – ganz recht! Wenn Sie von dieser Sache Ungelegenheiten mit Seiner Hoheit haben sollten – möglich wäre es doch, obgleich Sie nichts gesehen und gehört haben – verstehen Sie? nichts, schlechterdings nichts! – so kann ich für Leute, die zu schweigen wissen, immer etwas thun. Sie kapieren das? Und nun holen Sie mir aus dem Speisezimmer unten eine Flasche Wein! oder Cognac! Oder was es ist!« Fünfzehntes Kapitel. Freilich war es nur eine kurze, aber für beide Teile desto interessantere Unterhaltung gewesen, in der Susi und Brenken durch Astolfs Hereinstürmen unterbrochen wurden. Brenken hatte Susi an dem Pförtchen in Empfang genommen – man behalf sich in der Villa bei solchen Gelegenheiten so viel als möglich ohne Dienerschaft – und ihr erst oben im Salon das Telegramm des Herzogs zu lesen gegeben. Der Aerger und der Unwille, die sich auf Susis Gesicht malten, waren zu deutlich, als daß er nicht hätte versuchen sollen, eine Stimmung auszubeuten, die seinen Absichten so günstig schien. Er bat die gnädige Frau, doch wenigstens für einen Augenblick Platz zu nehmen, damit er ihr erklären könne, wie es komme, daß sie von dem Inhalt der Depesche, trotzdem sie bereits seit vier Uhr in seinen Händen sei, erst jetzt und hier Kunde erhalte. Und hatte Susi dann – immer in seinem ruhigblasierten Ton, der in so pikantem Widerspruch mit dem Inhalt seiner Worte stand – gefragt: ob sie sich etwas Unwürdigeres denken könne, als diese Handlungsweise eines Mannes, dem sie, unbesonnen genug, ihre Gunst geschenkt habe? und die Wut eines andern, der sie bis zur Raserei liebe, über eine solche Handlungsweise? Weiter: ob man diesem andern hätte zumuten dürfen, der angebeteten Frau in ihrem eigenen Hause mit der beleidigenden Botschaft unter die schönen Augen zu treten? Schließlich: ob in der Liebe, wie im Kriege nicht alle Mittel gälten, und er folglich nicht ein großer Dummkopf gewesen sein würde, hätte er diese Gelegenheit nicht benutzt, ihr endlich einmal in der Sicherheit vor jeder unliebsamen Störung sein übervolles Herz auszuschütten und die Wahrhaftigkeit jedes Wortes, das er gesagt, auf den Knieen zu beschwören? Und nun die greuliche Katastrophe, Susis Flucht aus dem verwünschten Hause, so eilig, daß, als sie wieder in ihrem Schlafzimmer stand und sich von dem Kammermädchen den Mantel abnehmen ließ – Hut und Schleier hatte ihr auf dem Rückwege von der kranken Frau von Palzow der Wind vom Kopfe geweht – ihr alles wie ein grotesker Traum erschien. Leider nur, daß der Traum ein wenig sehr deutlich gewesen und seine bedenklichen Folgen in der Person Astolfs jeden Augenblick ins Zimmer treten konnten. Sollte sie Laura unter irgend einem Vorwande da behalten? Aber das erste würde doch sein, daß er das Mädchen wegschickte. Und ihre persönliche Sicherheit war ja nicht gefährdet: niemals würde er sich an einem hilflosen Weibe vergreifen. Brenken? Der mochte schlimm gefahren sein. Und das geschähe ihm recht. Weshalb hatte er die Frechheit gehabt, sie ganz unnötigerweise da hinauszulocken? Und ihr zu Füßen zu fallen? Warum nur diese Männer immer vor einem auf den Knieen herumrutschen müssen? Seltsam, daß Astolf noch nicht da war! Was sollte sie ihm sagen, wenn er kam? Sich als das verzweifelte Opfer einer raffinierten Verführung gebärden? Ihm die Schuld zurückschieben, der sie in diese Versuchung führte, als er ihr dem Herzog gegenüber die Mission gab, in seine verdunkelte Seele das Licht des ewig Weiblichen zu gießen? Und sich nun nicht wundern dürfe, wenn sie der Versuchung erlegen sei? Aber dergleichen ausgeklügelte Programme und dazugehörige Reden machen Fiasko in der Wirklichkeit, wo immer alles anders kommt, als man es sich gedacht hat. Sie wollte sich diesmal, wie sonst in kritischen Fällen, auf ihren Mutterwitz verlassen. Dabei war sie noch stets am besten gefahren. Es wurde elf, halb zwölf, zwölf – es wurde ein Uhr – noch immer kein als Othello maskierter Astolf. Im Hause längst alles totenstill. Es war sehr kindisch, aber Susi wurde trotz ihrer Prahlerei, sich niemals zu fürchten, unheimlich zu Mut. Sie schellte abermals nach Laura: sie wisse nicht, was es sei; aber sie könne nicht schlafen; sie habe die Empfindung, als sei ihrem Manne ein Unglück zugestoßen. Das Mädchen lachte: »Na, gnädige Frau, jetzt kann ich es ja sagen. Der Herr Baron hatte es Johann für gestern abend streng verboten. Aber nun haben wir bereits heute.« Und sie erzählte, was ihr Johann noch gestern abend unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitgeteilt: daß der Herr Baron eine halbe Stunde zu spät auf die Bahn gekommen sei und beschlossen habe, ohne nach Hause zurückzukommen und die gnädige Frau zu stören, den um elf Uhr oder da herum eintreffenden Kurierzug abzuwarten. »Das ist am Ende kein so großes Unglück, gnädige Frau.« Susi lächelte und entließ das Mädchen mit noch ganz besonderer Freundlichkeit, trotzdem es auch sonst ihr Prinzip war, sich stets mit ihren Leuten gut zu stellen. Auch fühlte sie sich wesentlich beruhigt: es war also nicht, wie sie gefürchtet, ein wohlüberlegter Plan und heimtückischer Ueberfall gewesen, sondern irgend ein schändlicher Zufall hatte seine Hand im Spiel gehabt und Astolf eine Entdeckung machen lassen, von der seine Seele noch eine Minute vorher nichts ahnte. So lag die Sache für sie viel besser, wenn auch freilich noch immer schlimm genug. Aber Zeit gewonnen, viel gewonnen; und Astolf war, trotz alledem und alledem, um elf Uhr, »oder da herum« abgereist! Sie konnte ohne Furcht vor einer antiquierten Tragödienscene zu Bett gehen. Susi ging zu Bett und schlief ruhig bis spät in den Vormittag hinein. So spät, daß, als Laura ihr die Schokolade brachte, Herr von Brenken bereits vergeblich angefragt hatte, ob er die gnädige Frau in einer wichtigen Angelegenheit sprechen könne. – Brenkens Nacht war noch gestörter gewesen als Susis. Er fühlte fortwährend einen unheimlichen Kitzel in der Kehle; sämtliche Glieder thaten ihm weh und der Kopf schmerzte ihn, er wußte nicht, ob von dem Aufschlagen auf den Teppich oder von dem nachher genossenen reichlichen Wein, oder von beiden. Dabei ging ihm so viel durch den schmerzenden Kopf, obgleich er sich, ganz wie Susi, sagte, daß man sich in der Nacht viel überlegen könne, wovon am nächsten Morgen meistens nichts zu brauchen sei. Schließlich war das Gesamtresultat seiner Erwägungen im ganzen kein ungünstiges. Zunächst mit dem Verhältnis zwischen dem Herzog und Susi war es vorbei, selbst in dem Falle, daß die erhaltene Beleidigung der so überaus verständigen Dame so gar tief nicht gegangen sein sollte. Hoheit hatten das Hasenpanier zu deutlich blicken lassen. Auf dem Wege des mutigen Rückschrittes gab es kein Stehenbleiben. Ebenso war es gründlich zu Ende mit der widerwärtigen entente cordiale zwischen Hoheit und Astolf. Auf der Lava, die der Berg geschieden, läßt sich keine Hütte bauen, geschweige denn ein Ministerhotel. Drittens: Wenn Astolfs lammherzige Gutmütigkeit auch über alles für einen vernünftigen Menschen Faßbare ging und Susi die verführerischste kleine Hexe war, die einem Menschen die Erstgeburt und die ewige Seligkeit abschmeicheln konnte – es war schlechterdings unmöglich, daß sie, die einmal die Geliebte des Herzogs gewesen war, die Gattin Astolfs von Vachta blieb. Waren diese Items aber richtig – und er konnte in seinem Kalkül keinen Fehler entdecken –, so durfte er nach den Gesetzen der Logik schließen, daß er noch nie auch nur annähernd so viel Chancen gehabt habe, der Besitzer einer gewissen Perle zu werden, die, wenn sie gleich schon einen und den andern Schatz geziert, in seinen Augen wenigstens, an Wert nicht das mindeste eingebüßt hatte. Schließlich: seine persönliche Sicherheit war garantiert, wenn er auch für die seines gnädigsten Herrn von Stund an keinen Pfifferling gab. Ueber die Sicherheit andrer Leute, auch wenn sie eine Krone auf dem Kopfe trugen, hatte sich Odo von Brenken noch niemals graue Haare wachsen lassen. So konnte denn auch er gegen Morgen getrost einschlafen mit dem schließlichen Gedanken, daß er demnächst suchen müsse, in Erfahrung zu bringen, was denn nun eigentlich aus dem betrogenen Gatten und seiner holden Gemahlin geworden sei. Als er aber nach einigen Stunden mit nun wieder völlig hellem Kopf erwachte, fand er, man müsse sich vorerst nach Hoheit umthun, der möglicherweise in der Nacht zurückgekehrt war und ihn dann sicherlich sofort zu sprechen wünschte. Er schickte, während er sich ankleidete, seinen Diener nach dem Schloß: Hoheit waren noch nicht zurück; es sei auch keinerlei Nachricht von Hoheit da. Vielleicht war man auf dem Bahnhof besser unterrichtet. Er ließ sich eine Droschke holen und fuhr nach dem Bahnhof. Der Inspektor – auch ihm ein alter Bekannter – hatte eine offene Depesche in der Hand: Hoheit würden mit dem fahrplanmäßigen Zuge zwei Uhr fünfundzwanzig eintreffen. Brenken sah nach der Uhr: es war eins. Also noch eine gute Stunde, Indem er überlegte, wie wohl eine Frage nach Astolf am vorsichtigsten zu stellen sei, hatte er die große heimliche Freude, daß ihm der andre zuvorkam und ausführlich erzählte, welch kuriose Sache gestern abend dem Baron Vachta passiert sei, und welche Sorge er – der Inspektor – gehabt habe, der Herr Baron würde auch den Kurierzug verpassen, was dann aber glücklicherweise doch nicht der Fall gewesen: der Herr Baron sei von einem langen Spaziergange, den er in der Zwischenzeit gemacht, rechtzeitig zurückgekehrt; habe eine schon vorher angefangene Flasche unter allerlei politischen Gesprächen vollends mit ihm ausgetrunken, bis der Kurierzug kam, in dem ausnahmsweise – denn er sei immer sehr besetzt – ein Coupé erster Klasse für den Herrn Baron frei gewesen sei. »Und in dem ist er wirklich abgefahren?« fragte Brenken. »Na, sollte er etwa zum zweitenmal das Nachsehen haben?« rief der Inspektor lachend. Brenken fuhr in die Stadt zurück, bei Susi vor; von dort, da die Frau Baronin noch schliefen, nach dem Kasino, wo er mit vielem Appetit ein Kotelett aß und dazu eine halbe Flasche Burgunder trank; wieder zurück zu Susi, die mittlerweile aufgestanden war und ihn sofort empfing. Noch im Schlafrock. Aber das bauschige, mit Bändern reich gezierte seidene Gewand stand ihr vortrefflich, und unter guten Freunden geniert man sich nicht. Die Ereignisse gestern abend hatten den Verkehr zwischen den beiden wundersam vereinfacht und erleichtert. Weshalb miteinander Versteckens spielen, wenn es keine Winkel mehr gab, in denen sich einer vor dem andern verbergen konnte? So waren ihre Blicke hinüber und herüber so ungeniert, wie zweier sich begegnender Auguren. Susi hatte selbst die Großmut, ihm den Verrat mit der herzoglichen Depesche – die eigentliche Ursache von allem, was später geschehen – nicht weiter zum Vorwurf zu machen, woraus Brenken den erfreulichen Schluß zog, daß er sich von Stund an als ihren Liebhaber betrachten dürfe. Oder wie könnte man es anders nehmen, wenn eine Frau für einen Mann, der ihr ein brillantes Verhältnis gründlich zerstört hat, keine Vorwürfe hat? vielmehr eifrig zu wissen wünscht, wie er sich denn nun dem verratenen gnädigen Herrn gegenüber herauszureden gedenke? »Es ist nur möglich, liebe Freundin,« erwiderte Brenken, »wenn Sie mir verstatten, von einer kleinen – oder auch großen – ganz, wie Sie wollen – Unwahrheit Gebrauch zu machen; der nämlich, daß mich Ihr Herr Gemahl bereits diese ganze letzte Zeit mit seiner Eifersucht beehrt, mir den Zutritt zu Ihnen, einen freieren Verkehr mit Ihnen auf jede Weise erschwert hat, so daß der Versuch, in jenen Nachmittagsstunden vor seiner Abreise ohne die Spur eines irgend haltbaren Vorwandes zu Ihnen zu gelangen, völlig aussichtslos gewesen sei.« »Eifersucht,« entgegnete Susi, »pflegt einen Grund zu haben, und dieser Grund von dem betreffenden Ehemann weniger in dem Betragen der Courmacher seiner Frau gesucht zu werden – das immer dasselbe bleibt –, sondern in dem Betragen der Frau gegen die oder den Courmacher. Wie, werden Sie sagen, daß ich mich gegen Sie betragen habe?« Brenken lächelte; Susi konnte nicht anders: sie mußte ebenfalls lächeln. »Wissen Sie, lieber Brenken,« fuhr sie fort, »daß Sie herzlich unverschämt sind? Der unglückselige Herzog, der sich in der Illusion gewiegt hat, daß ich ihn liebe! Und wissen Sie, was Sie nun weiter thun werden?« »Ich bin aufs äußerste gespannt.« »Sie werden ihm weis machen, daß Sie Astolf gestern abend eingeredet haben, ich sei um Ihrethalben in die Villa gekommen.« »Das wäre!« rief Brenken. »Nur steht zu fürchten, die Seifenblase zerplatzt bei dem ersten Wort, das zwischen dem Herzog und Ihrem Herrn Gemahl gewechselt wird. Ich sagte Ihnen, er hat in dem Moment, als er sich wie ein Wahnsinniger auf mich stürzen wollte, die Depesche auf dem Tisch erblickt; ist nun, anstatt auf mich, auf sie zugefahren, hat sie gelesen, in die Tasche gesteckt; und wir sind so – nach einer Verzweiflungsscene seinerseits, mit deren Schilderung ich Sie nicht habe behelligen wollen, – als leidliche Freunde geschieden.« »Was alles nicht verhindern wird, daß meine Prophezeiung in Erfüllung geht,« erwiderte Susi. »Spielen Sie nicht weiter den Ungläubigen; es ist wirklich peine perdue . Sie denken sich die Sache nämlich so: Ich kann dem Herzog das ganz ungestraft vorflunkern, einfach weil es niemals zu einer Auseinandersetzung zwischen ihm und Astolf kommen wird. Die Auseinandersetzung in einem solchen Falle kann nur mit den Waffen in der Hand erfolgen. Das ist hier unmöglich: Astolf kann den Herzog nicht fordern. Sich auf ein Wortgefecht mit ihm einzulassen, das auf eine Lamentation über Treubruch, verratene Freundschaft und dergleichen Sentimentalitäten hinausliefe – dazu ist Astolf nicht der Mann; vielmehr: dazu ist er zu sehr Mann. Er wird also schweigen und schweigend handeln. Er wird mir ein Scheidungsarrangement vorschlagen, bei dem Baby ihm verbleibt, und auf das ich natürlich eingehe. Wir werden in aller Stille geschieden werden. Ich gehe wieder zu meinem Papa, der keine Ahnung davon hat und niemals haben wird, wie und warum denn das alles so gekommen ist. Astolf bleibt selbstverständlich nicht hier, sondern verkauft Vachta; tritt abermals in den preußischen Staatsdienst; läßt sich nach Ost- oder Westafrika schicken und womöglich da, par dépit, von den Wilden totschießen.« »Wenn er das nicht selbst bereits in Europa besorgt.« »Ah bah!« »Jedenfalls dürfte sich der Herzog wundern, daß er mich nicht vorher totgeschossen hat.« »So binden Sie ihm ein neues Märchen auf, weshalb Astolf keine Revanche an Ihnen nimmt: irgend einen unermeßlichen Freundschaftsdienst, den Sie ihm vorher einmal geleistet haben, und durch den Sie mit ihm quitt sind, oder dergleichen. Sie werden es schon zu finden wissen.« »O, Sie schönste, klügste Frau, die die Erde trägt!« rief Brenken, Susis kleine Hand ergreifend und an die Lippen drückend. »Wissen Sie denn, daß Sie meine Gedanken Wort für Wort ausgesprochen haben!« »Die große Neuigkeit!« sagte Susi. »Ich hoffe nur. Sie ziehen sich eine Lehre daraus und versuchen nie wieder, mir ein X für ein U zu machen. Es rentiert wirklich nicht.« Ein paar weniger wichtige Details wurden noch besprochen: wie er sich ihr gegenüber weiter zu betragen habe? ob in Uebereinstimmung mit dem Märchen, das er dem Herzog aufbinden wollte? oder wie sonst? Man konnte sich darüber nicht einigen. Es würde ganz davon abhängen, wie der Herzog das Märchen aufnähme. Weiter: was, vielmehr wer Astolf gestern abend auf die Spur gebracht habe? Es gab nur eine Möglichkeit: der Streich war von der Reinerz ausgegangen. Nur sie konnte ihm den Hausschlüssel, mittels dessen er in die Villa eingedrungen war, ausgeliefert haben. Auf demselben dunklen Wege lagen sicher noch einige Fallen und Schlingen, vor denen man sich würde hüten müssen. Indessen das erklärte man für nachträgliche Sorgen, und für Brenken war es die höchste Zeit, sich zum Herzog zu begeben, der inzwischen angekommen sein mußte und gewiß schon seinen Vertrauten citiert hatte. Ein nochmaliger Kuß auf die kleine weiße Hand, den Susi, da er zu lange währte, mit einem leichten Streich auf die Wange des Missethäters lächelnd bestrafte, und Brenken fuhr, eine Arie aus dem Trovatore, seiner Lieblingsoper, durch die Zähne summend, zum Herzog. Sechzehntes Kapitel. Eine lange Unterredung, aus welcher der Herzog mit sehr gemischten Empfindungen hervorging, von denen selbst die weniger bittern noch nach Wermut schmeckten. Zwar daß Brenken sich geopfert und die fatale Affaire auf sich genommen, war löblich; aber doch nicht so sehr. In der Domänenfrage und auch sonst bei jeder, die ihn in Konflikt mit seinen Landständen brachte, citierte er mit Vorliebe, was Schiller in der Jungfrau von Orleans aus Dünois' Munde dem Volke seinem König gegenüber zur Pflicht macht; und wenn Brenken, der seit Jahren nur von seiner Gnade lebte, sein Leben für ihn ließ, was war Großes daran? Von der Baronin – er nannte sie seit Berlin in seinen Gedanken nicht mehr Susi – schien es freilich wirklich großmütig, wenn sie, nach Brenkens Versicherung, entschlossen war, sich vor ihrem Manne mit einem gewöhnlichen adeligen Hungerleider zu kompromittieren, also gänzlich verzichtend auf den Schimmer, welcher aus dem Verhältnis mit einem Fürsten auf eine Frau zurückfällt. Aber verhielt es sich in der That so? Stak dahinter nicht etwas andres, für ihn unsäglich Beleidigendes? Er und Brenken! Sich mit dem Menschen in einem Atem zu nennen, war eine Blasphemie. Und nun denken zu sollen, daß sie sich von ihm zu dem gewandt habe – wie Hamlets Mutter von dem Mann, dessengleichen man nicht wieder sehen würde, dem Apoll, zu dem geflickten Lumpenkönige, dem Satyr – es sprach von einer Verwilderung, einer Perversität des Geschmacks, die er nie für möglich gehalten hatte! Und doch, je länger er über die Ungeheuerlichkeit grübelte, desto mehr gewann sie an Glaubwürdigkeit. Er erinnerte sich jetzt, daß sie sich immer mit Brenken etwas zu schaffen gemacht hatte: Herr von Brenken, möchten Sie mir zu einem Glas Wasser verhelfen! – Herr von Brenken, möchten Sie mir meinen Fächer holen! – Und hinterher jedesmal das Getuschel von einer Minute! – Sodann: wie verdächtig war das Benehmen des Menschen auf der Rückfahrt von Vachta gewesen! wie tugendhaft hatte er sich gespreizt! Für die Heiligkeit der Ehe eines Freundes plaidiert! Wie auffallend weiter das Gethue der Baronin bei der letzten Zusammenkunft! Als ob es eine reine Gnadensache ihrerseits wäre, wenn sie ihrem Landesherrn eine Schäferstunde schenkte! Dennoch von ihm zu dem! Eine Pauline – nun, von solchen Komödiantinnen stand ja Besseres nicht zu erwarten: es war ihr Metier. Aber diese mit den Unschuldsaugen, mit dem Erröten bei jedem nur einigermaßen kecken Wort! Sie waren sich eben alle gleich, alle! mit Ausnahme vielleicht dieser oder jener Fürstin – der Herzogin zum Beispiel, die so etwas niemals thun würde, und die er bis heute lange nicht genug geschätzt hatte, obgleich ihm ja ihre vortrefflichen Eigenschaften immer ein Gegenstand der Bewunderung und Verehrung gewesen waren! Man lernte wirklich die Tugend seiner Frau erst richtig würdigen, wenn man die Lasterhaftigkeit der andern Weiber dagegen hielt! Die einem feinfühligen Manne nur Ekel einflößen konnte – positiven Ekel. Das alles hinderte nun freilich nicht, daß dem Reumütigen, in seiner Selbstliebe und seinem fürstlichen Bewußtsein so schwer Gekränkten, Stunden kamen, in welchen die Erinnerung an sie, die er einst Susi, seine Susi, seine wonnevolle Königin, sein Alles genannt hatte, sich wie mit Geierkraft auf ihn stürzte, sein Herz zerfleischend, daß er stöhnend und händeringend durch seine Gemächer rannte und sich vor der Versuchung, zu ihr zurückzukehren und gnadeflehend ihre Kniee zu umklammern, nur retten konnte, wenn er an die Heiligkeit seines Fürstenwortes dachte, das er dem Prinzen gegeben; an die Möglichkeit einer Zurückweisung und an die Wucht der Schuld, die er gegen Astolf auf dem Gewissen hatte, und die doch wahrlich schon genug drückte, als daß ihn danach hätte gelüsten sollen, sie zu vergrößern. Denn wenn er sich auch über alles andre wegsetzen wollte – was er an Astolf gethan, lag vor ihm wie ein Berg, dessen Felsenschroffen des Besteigers spotten. Mochte er sich hundertmal einzureden versuchen, daß er Astolf nicht mehr zu verdanken habe und keine größere Achtung schuldig sei, als einem andern Menschen – es wollte ihm nicht gelingen: der Freund seiner Jugend, der treue Gefährte, dessen edler Gesellschaft er die reinsten Stunden seines Lebens, die einzig reinen Stunden verdankte, war nicht, wie die andern Menschen; war ein Wesen für sich. Und wenn er der Don Juan seines ganzen Herzogtums sein durfte, dieses Mannes Herd und Haus hätte er heilig halten müssen. Aber wer war denn schuld, daß er diese Schuld auf sich geladen? Sie, die Verführerin, die ihn mit ihren vermaledeiten Künsten behext hatte, um an ihm denselben schändlichen Verrat zu üben wie an ihrem edlen Gatten! Dieser Gedanke hatte etwas seltsam Tröstliches für ihn, und es währte nur wenige Tage, bis bei ihm feststand, er sei nicht sowohl der Beleidiger von Astolfs Ehre, als sein Leidensgefährte; in brüderlicher Gemeinschaft mit ihm von demselben Blitzstrahl getroffen. Also daß auch ohne Brenkens spitzbübische Intervention von einer Rache, die Astolf an ihm auszuüben hätte, gar nicht die Rede sein konnte; sie vielmehr gemeinschaftlich sich daran geben mochten, ein und dieselbe, jedem gleicherweise angethane Schmach zu rächen, als gute Gesellen, die sie immer gewesen waren. Schade, daß die Zeiten so zahm geworden! Er hätte sonst mit Wonne durch ein paar Reitende das blutige Haupt des Verräters dem Freunde in seine ostpreußische Verlassenheit geschickt! Was that Astolf da? Womit trug er sich? Das Grübeln über diese Fragen, an die sich so manche andre reihte, ging dem Herzog tagsüber beständig im Kopfe herum und bereitete ihm nächtliche schlaflose Stunden. Wie kam es vor allem, daß Brenken noch nicht totgeschossen war? Es war positiv unheimlich, einen Menschen zu sehen, mit einem Menschen zu sprechen, der, nach dem natürlichen Verlauf der Dinge, gar nicht mehr leben konnte. Und er mußte Brenken sehen und sprechen. Wenn der Mensch auch insofern ernsten Tadel verdiente, als er noch immer nicht für ihn gestorben war, so bestand sein Vorsatz, für ihn jeden Tag sterben zu wollen, doch fort; und eine solche Gesinnung verdiente Anerkennung und Aufmunterung. Sodann: der Mensch war der einzige, durch den er in Erfahrung bringen konnte, was in dem Vachtaschen Hause vor sich ging, und der auch der erste sein würde, der von Astolfs Entschlüssen Kunde erhielt. Aber Brenken wußte wenig zu melden: die Baronin verließ niemals das Haus, empfing unter dem Vorwand, krank zu sein, niemand; selbst er – Brenken – mußte sich mit Erkundigungen begnügen, die er bei der Dienerschaft nach dem Befinden der gnädigen Frau anstellte. Das letztere war in den Augen des Herzogs eine Lüge, die auf das übrige Konto der Frechheit des Menschen kam; aber wenn er versicherte, daß von dem Baron bis jetzt auch nicht die mindeste Nachricht weder an die Baronin, noch an ihn gelangt sei, so mußte er es wohl glauben. Trieb doch Astolf die – in diesem Falle – grobe Unschicklichkeit so weit, ihn auf sein gnädiges Telegramm aus Berlin bis zur Stunde ohne Nachricht zu lassen, so daß er dem Prinzen gegenüber, der schon wiederholt brieflich nach dem Stand der Dinge gefragt hatte, in die größte Verlegenheit geraten war. Wollte Astolf ein für allemal von dem Schauplatz verschwinden? Das beste wäre es schon gewesen; aber darüber mußte doch vorher eine Verständigung zwischen ihm und seinem Landesherrn stattgefunden haben. Der Mann wurde ihm täglich mehr ein unheimliches Rätsel. Unter solchen für einen regierenden Herrn geradezu unleidlichen Sorgen und Kümmernissen war der Herzog sehr häuslich geworden. Die befohlenen Jagden wurden abgesagt; Hoffestlichkeiten fanden nicht statt, weder kleine, noch große. Der schickliche Vorwand zu einem Regime, das den lustigen Hof in ein »La Trappe« verwandelte, war die der Herzogin bevorstehende schwere Stunde. Und sie war näher, als der Geheime Hof- und Medizinalrat von Vogelein und seine Kollegen ausgerechnet hatten. Eine Woche vor der wissenschaftlich stipulierten Zeit, sechs Uhr morgens an einem Novembertage, der mit einem wuchtigen Schneesturm einsetzte, verkündeten das Geläut sämtlicher Glocken und die Kanonenschläge von der Bastion des Rosenstein der Residenz und dem Lande die freudige Botschaft eines neuen Reises, das ihrer angestammten herzoglichen Eiche entsproßt war. Dann erfuhr man, was man eigentlich bereits aus der Zahl der Kanonenschläge hätte entnehmen können, wäre die Luft nicht zu dick und die Entfernung zu groß gewesen: man hatte einen Erbprinzen. Der Jubel war unermeßlich. Herzogliche Depeschen gingen an alle befreundete Fürstenhöfe Europas. Auch in das einsame ostpreußische Grafenhaus kam eine an den Baron Vachta. Sie lautete: »Hurra, ein Erbprinz! Freue Dich mit uns. Ausführlicher Brief folgt. Heinrich.« Siebzehntes Kapitel. Für Astolf lag die Welt in Trümmern. Er hatte so völlig nichts von dem Unheil geahnt, das über ihn hereinbrechen sollte, der furchtbare Schlag ihn so jäh getroffen – die Wut, die ihn gepackt und dem Elenden, den er für den Angreifer hielt, an die Kehle springen ließ – es war nur eine erste instinktive Reaktion gewesen. Aus der Betäubung, die im übrigen, wie eine schwere Narkose, auf sein Denken, Empfinden, auf seine äußeren Sinne selbst gefallen war, sollte er erst allmählich zum Bewußtsein des Entsetzlichen, das man ihm angethan, erwachen. Aber zu fassen war es ja auch dann nicht. Da war sie, die er schon geliebt, als er noch ein halber Knabe war; an die er seitdem immer gedacht hatte, wie an einen goldigen Morgentraum, bis der Traum Wirklichkeit und sie sein Weib wurde, sein geliebtes, angebetetes Weib; – die Heilige, vor der er kniete; der Tempel der Reinheit und Unschuld, dem er sich immer nur in banger Ehrfurcht nahte in dem demütigen Gefühl, daß sein Fuß nicht wert sei, die heilige Schwelle zu berühren; die Jungfrau, die makellose, die ihn dennoch ihrer Liebe gewürdigt hatte, und daß sie die Mutter seines Kindes wurde – sie, der Inbegriff für ihn von allem, was schön und gut und göttlich war auf dieser Erden – eine Dirne! Eine Dirne, die ihr Wesen nicht einmal mit naiver Schamlosigkeit offen trieb – nein: mit allem Brimborium der raffiniertesten Heuchelei, der ausgefeimtesten Lüge, wie eine Schlange lautlos im Verborgenen sich an ihr Opfer heranwindend, bis sie ihm die Giftzähne ins Fleisch hacken konnte! Gab es einen Gott, der das zuließ? Wo blieb dann der Glaube an seine Güte, seine Gerechtigkeit? Welcher irdische Künstler brächte es über das Herz, sein schönstes Werk in eine Fratze umzuwandeln? Und der Schaffer aller Kreatur sollte ihm dazu das Beispiel geben? Auf dem Wege lag Wahnsinn. Aber lag er auf dem andern nicht? – auf dem Wege zu dem Rätsel, wie es sich reimte, daß jemand einen Freund verriet, mit dem er in feierlicher Stunde Blutsbruderschaft getrunken; ein Fürst sein konnte, der sich von seinen Unterthanen Treue schwören ließ und selber keine hielt; und keine Peers anerkannte als solche, in deren Adern Fürstenblut rollte, und trotz alledem und alledem in der untersten Plebs nach seinesgleichen in der Schlechtigkeit lange vergeblich suchen mochte? Des alten mißhandelten Königs: »O, schützt vor Wahnsinn mich, vor Wahnsinn, Götter!« war Astolfs tägliches, stündliches schmerzliches Gebet. Und über die Trümmer, in die sein Glaube an die Menschheit zerfallen war, gelangte er erst allmählich zur Empfindung der Schmach, die man ihm persönlich zugefügt, des Schmutzes, mit dem man ihn besudelt hatte. Hier konnte, hier mußte abgerechnet werden. Nicht mit ihr! Sie war ein Weib. Sie fiel aus der Rechnung aus. Eine Frau, die ihrem Gatten das gethan, kann er nur verachten. Vermutlich ist es keine Strafe für sie; aber eine andre hat er nicht. Mit ihrem Buhlen geht man ins Gericht. Aber dieser Buhle ist ein Fürst. Die Person eines Fürsten ist unverletzlich. Die des Landesherrn doppelt und dreifach. Von seinem Landesherrn kann man keine Satisfaktion fordern. Er könnte sie nicht geben, selbst wenn er wollte. Dem Mann gegenüber war er machtlos. Das erdrückende Gefühl seiner Ohnmacht, die Schmach zu rächen, die man auf ihn gehäuft, senkte sich schwerer und schwerer auf Astolfs Seele, so daß er, ihm zu entrinnen, keinen andern Ausweg sah, als den Tod. Einen unverfänglichen Tod, der keine Spur zurückließ, welche die Geschichtenträger deuten konnten. Das war die unumgängliche Bedingung. Kein Mensch sollte auftreten und sagen dürfen: er hat sich das Leben genommen, weil er vor der Welt nicht als ein Entehrter dastehen wollte, der verdammt ist, die Hände in der Tasche zu ballen; ja, nicht einmal die Dirne, die er sich aufgehalst, wieder los werden konnte, ohne ihrem Vater das Herz zu brechen. Das würde dem Grafen das Herz gebrochen haben. Gab es einen Edelmann, des Namens würdig – er war es: der wahre Ritter ohne Furcht und Tadel. Ein Mann, aus dessen Munde kein unwahres Wort kam; der lieber seine rechte Hand ins Feuer gelegt, als etwas gethan hätte, das den strikten Geboten der Ehre auch nur im geringsten zuwiderlief. Der die höchsten politischen Stellungen ausgeschlagen hatte, weil er kein Kompromiß schließen mochte zwischen der Ehrlichkeit eines, dessen Wort »Ja, ja« und »Nein, nein« ist, und der elastischen Weite eines diplomatischen Gewissens; und ihm der Schacher verächtlich war, sei es um alte Kleider und silberne Löffel oder um Provinzen und Kronen. Und dieser kindlich fromme Mann liebte seine Tochter, liebte sie abgöttisch. Sein hoher Geist, seine tiefe Bildung waren nicht im stande gewesen, das ganz gemeine böhmische Glas von dem unschätzbaren Diamanten zu unterscheiden. Gegen eine Welt in Waffen würde er behauptet haben, daß sie rein sei, wie das Herz der Wasser! Vor diesen Mann sollte er hintreten und ihm sagen: Du und ich, wir haben unsre Herzen in eine Pfütze geworfen! Das wäre dann das Pendant zu der Scene vor zwei Jahren, als der Mann ihre kleine weiße Hand in seine große braune Hand legte mit den Worten: »Sehen Sie, lieber Vachta, wäre ich ein altbiblischer Patriarch und nicht ein moderner ostpreußischer Krautjunker, müßte ich jetzt rufen: Nun darf ich in Frieden zur Grube fahren. So kann ich nur sagen: Es ist der schönste Tag meines Lebens, der, an dem ich mein Herzenskind, mein Liebstes in dieser Welt, dem Einzigen gebe, den ich wert gefunden habe, es sein eigen zu nennen. Und, Vachta, wenn ich etwas gebe, so gebe ich es ohne Rückhalt und Reservation. Sie ist nun dein und nur dein. Mein Glück an ihr habe ich in reichen Zügen genossen. Wißt ihr aber, was ich für sehr möglich halte, mit eurem Glück nicht zu bleiben, nun, so tragt, was ihr nicht konsumieren könnt, hierher – ich will schon mit den paar Brosamen fertig werden.« O, der gräßlichen Ironie! Und der Qual, gegen den Einzigen, der seinen Jammer verstanden haben würde, stumm sein zu müssen, wie das Grab! Sehen zu müssen, wie der beste aller Väter ihn, den Verstummten, Verstörten, von Tag zu Tag mit sorgenvollerer Miene beobachtete! Nicht zu fragen wagte und endlich doch mit bebender Stimme: »Astolf, ist es – ist es etwas – mit Susi?« Und dann mit dem Kopf schütteln und Unbestimmtes von gewissen politischen Plänen murmeln zu müssen, mit denen sich sein Herzog trage, und die er ihm als Ueberfracht in sein Reisegepäck gelegt habe! Sein Herzog! Aber doch des Grafen nicht, der ebenso grauenhaft beleidigt war, wie er, und dessen geschändete Ehre er rächen mußte, wenn er die seine nicht rächen durfte! Ja, Rache! Rache! Rache, wie man sie eben fand, wie man sie eben haben konnte, wenn nicht im ehrlichen Zweikampfe, der hier durch einen Zufall ausgeschlossen war und den die Gesetze verboten, so denn nach einem Gesetze, das die ewige Natur sanktionierte, und das da lautete: Auge um Auge, Zahn um Zahn! Um mein Leben, das, so wie so, dem Tode verfallen ist, obgleich ich schuldlos bin, dein schuldiges Leben! An dies Gesetz hatten früher und später Menschen appelliert, denen die geschriebenen Satzungen ihr Recht vorenthielten; früher und später hatten selbst Kaiser und Kaisersöhne erfahren müssen, daß auch sie nicht ungestraft die Dämonen wecken durften, welche, wie tief immer, unter den darüber gebreiteten Schichten der Civilisation und Sitte in der Nacht der Menschenbrust wesenlos – wesenmächtig hausen. Kain und Abel! Nein und tausendmal nein! Abel war schuldlos, hatte Kain nie beleidigt! Seine Schuld lebte nirgends, als in Kains finsterer, neidischer Seele! Und dieser hatte ihm sein Teuerstes geraubt, ihn ehrlos gemacht vor den Menschen, mit seinem Gotte selbst entzweit. Und doch wieder Kain und Abel! Sie waren ja gewesen wie Brüder; er hatte ihn so sehr geliebt, den schönen, schlanken Jüngling mit der hinreißenden Anmut, der übersprudelnden Laune, der vornehmen Sicherstelligkeit! Hatte ihn geliebt, just wie ein älterer Bruder den jüngeren, körperlich und seelisch reicher begabten, neidlos liebt, bis in seine offenbaren Schwächen hinein, die er ihm kaum abgewöhnen möchte, weil sie so graziös sind! Die Erinnerung daran sollte ihm nicht die Hand lähmen, wenn er sie aufhob zum tödlichen Streiche? Und ein andres noch. Wie er es sich auch vorstellte – es konnte doch kein Tellschuß aus dem Hinterhalte sein; keine Schlinge, dem ahnungslosen Opfer über den Hals geworfen; kein Stoß mit plötzlich gezücktem Dolch. Und wär's mit den Waffen, welche die Natur dem Menschen gab: Aug in Aug mußte es geschehen – er mußte um sein verwirktes Leben kämpfen können. Dennoch kein ehrlicher Kampf. Das ist keiner, in dem die Chancen von vornherein wie drei zu eins stehen, der Ausgang gar nicht zweifelhaft sein kann, weil der eine Gegner dem andern an Körperkraft dreifach überlegen ist. Also auch hier die Rache abgeschnitten, kein Ausweg aus diesem Irrsal als der eigene selbstgewählte Tod. Er ist nicht so leicht zu haben, wenn kein leisester Verdacht des Selbstmords auf den Toten fallen darf. Man verwundert sich, wenn ein notorisch ausgezeichneter Reiter, renommierter Jäger so kopflos das Pferd führt, so unvorsichtig die Büchse handhabt, daß es ihm das Leben kostet; man pflegt nicht blindlings in ein Loch zu rennen, das die Fischer in das Eis des großen Gutssees gehauen haben – die Leute stehen herum und schütteln verwundert die Köpfe: Wie ist das möglich gewesen? Das kann nicht mit rechten Dingen zugegangen sein! Und die Sache war auch schon zu weit herum: Brenken wußte davon, die Reinerz, der junge Gärtner, der Diener, der auf den Lärm im Salon herbeigelaufen kam, und mit ihm die ganze Dienerschaft in der Villa. Wer mochte nicht noch sonst davon wissen, der, wenn er starb, die Achseln zucken und sagen würde: Der arme Tropf! Es blieb ihm ja nichts andres übrig! Je mehr der Unglückliche sich bestrebte, abmühte, qualvoll rang, Licht in dies Chaos zu bringen, desto dunkler wurde es um ihn, wie um den Schwimmer, der nach oben strebt, während er doch rettungslos in die purpurne Tiefe sinkt. Dann konnte es wieder geschehen, daß er nachts erwachte in völliger Vergessenheit des Geschehenen, ganz in dem Bann des ungetrübten Glücks von einst, und die Hand ausstreckte, ob es ihm gelänge, die geliebte Hand zu fassen, ein wenig nur ihres seidenen Haares zu berühren, das sich zu ihm herüber verirrt hatte, um jäh aus dem holden Traum emporzuschrecken und, die Hände in die Augen drückend, in der Stille um ihn her leise zu weinen und zu schluchzen wie ein verlassenes Kind. Einmal, nur einmal noch sie in seinen Armen zu halten und dann sterben! Nachdem er vorher sie getötet! Und so für sein Teil die Katastrophe in dem Romane der affaire Clémenceau nachgeäfft hatte, dem widerlichen, von dem raffiniertesten Pinsel gemalten Schandbild der Wollust, die mit der Grausamkeit die gräßliche Ehe eingeht; dem Produkt der Fäulnis einer bis in das innerste Mark angefressenen Hyperkultur, von dem es ihm stets ein unlösbares Rätsel gewesen war, wie man es aus dem Buch noch hatte auf die Bühne zerren mögen, um die nackte Gemeinheit im Lichte der Lampen spazieren zu führen, vor einem Publikum, für das, wenn es dies goutierte, die elendeste Karikatur der Poesie gerade gut genug war. Nein, was auch geschah – sie durfte, sie wollte er nicht wiedersehen. Und sein Kind? Seine großen blauen Unschuldsaugen würden ihn an die ihren erinnert haben. Das durfte nicht sein; das mochte ihn in seinen Entschlüssen wankend machen. Es sterben ja auch andern Kindern ihre Väter früh; und daß dies bei der Mutter nicht verderbe, dafür würde sie schon selber sorgen. Sie würde es sobald als möglich dem Großvater bringen; der mochte dann sehen, wie er mit ihm fertig wurde. Es war das schlechteste Los nicht, das es treffen konnte. Und wenn seine Mutter auch eine herzlose Dirne ist, ein weibliches Herz, das sich seiner in Liebe erbarmt, läßt Gott ein so armes verwaistes Geschöpf doch immer wohl finden. – Die Woche, welche Astolf bei dem Schwiegervater hatte verweilen wollen, war vergangen, ohne daß er einem festen Entschluß um ein Haarbreit näher gekommen wäre, als in der Stunde, nachdem er die entsetzliche Entdeckung gemacht hatte. Da brachte ihm ein expresser Bote aus dem benachbarten Städtchen das Telegramm des Herzogs, am folgenden Tage den im Telegramm versprochenen Brief: »Mein lieber Astolf! Ich kann wirklich nicht dafür, daß der elektrische Draht noch immer keine Briefe befördert; sonst würdest Du diesen bereits seit achtzehn Stunden in Händen haben, anstatt Dich ebenso lange mit einer dürren Depesche begnügen zu müssen, wie sie freilich für meine fürstlichen Vettern und Lieben in Nord und Süd, West und Ost tausendmal gut war. Bin ich doch gewohnt, mit Dir, meinem ältesten, meinem einzigen wahrhaften Freunde, so Freud wie Leid zu teilen – das letztere mit Schmerzen, das erstere von Herzen, und Du weißt, daß mir keine größere Freude werden konnte, als die Geburt eines Erbprinzen, der, wenn Gott ihn am Leben erhält, sollte mir meine Frau auch weiter keine Kinder schenken, meine Nachfolge sichert und mir den Kummer erspart, das Erbe meiner Väter an eine Seitenlinie übergehen zu sehen, die ich mir die Freiheit nehme, für sehr viel minderwertiger zu halten. Jetzt können wir auch mit freierem Mut die Schulter ans Rad stemmen, um den Staatskarren – ›Racker‹ nannte ihn des hochseligen Königs von Preußen Majestät – aus dem – sit venia verbo! – Dreck zu ziehen, in dem ihn meine lieben getreuen Landstände so gründlich festgefahren haben. Aber, mein lieber alter Freund, wirst Du es noch wollen? Wird Pylades noch zu seinem Orest stehen wollen, das Bild der Göttin aus den Wäldern der Barbaren in das sonnige Land der Griechen zu retten? Du weißt, Astolf, ich habe mir von Anfang an zum Prinzip gemacht, von dem, was an meinem Hofe um mich herum geschieht, nichts zu sehen und zu hören, als was ich unbedingt sehen und hören muß. Nur so ist es möglich, sich den Gleichmut der Seele zu bewahren, den Horaz – oder ist es Properz? – als den kostbarsten Besitz des Lebens preist, und ohne den ein Fürst schon gar nicht auskommen kann. Nun aber, was habe ich sehen und hören müssen! Wie ist mir dieser schöne Gleichmut so arg erschüttert worden! Wie gern legte ich hier die Feder nieder! Ich darf es nicht. Und Du darfst mir nicht zürnen: Hast Du Freud und Leid mit mir getragen, ist es mein Recht, mein Teil zu fordern von dem, das Du zu befahren hast, sei es in Freud, sei es in Leid. Mein armer Freund, ein größeres konnte Dir nicht werden, wenn Dein ärgster Feind es Dir ausgesucht hätte! Und den Elenden, der es Dir angethan, hast Du Freund genannt! Hundertmal hat er sich die Kniee an Deinem gastlichen Herde gewärmt, dessen heiliges Feuer er nun auseinandergezerrt, um Dir das Haus Deines Glückes über dem Kopf anzuzünden! Ich weiß alles – aus dem Munde des Elenden selbst. Er hat zu lange an einem Hofe gelebt, um die Intensivität der dort herrschenden Akustik nicht zu kennen. Wie durfte er auch annehmen, daß die Leute in der Villa – mochte er sie durch Versprechungen und Drohungen zur Verschwiegenheit noch so dringend verpflichten – reinen Mund halten würden! – Auch scheint die Reinerz – ich weiß nicht wie – in die unglückselige Affaire eingeweiht zu sein – genug, er hat es vorgezogen, mir, seinem Herrn, ein volles, und glaube ich, reuiges Geständnis abzulegen. Du magst Dir mein Entsetzen vorstellen! Der Untergang der Welt würde mich nicht mehr überrascht, nicht so erschüttert haben! Eine Frau, die Tochter eines solchen Vaters, die Gattin eines solchen Mannes – ja, mein Gott, was auf Erden steht, wenn das möglich war, noch fest? an welches Heilige soll man dann noch glauben! Es fehlte nur ein Geringes und ich hätte meine Hand mit dem Blut des Elenden besudelt. Ich muß aus dem Schweigen, in das Du Dich hüllst, aus Deiner Inaktivität, die Dir so gar nicht ähnlich sieht, schließen, daß Du entweder noch keinen Beschluß gefaßt, oder beschlossen hast, einer Beleidigung gegenüber, die so ungeheuer ist und für die gerade deshalb eine wirkliche Genugthuung nicht existiert, Dich in Deinen Stolz zu hüllen, die Schuldigen der Strafe ihres eigenen Gewissens überlassend und der Verachtung der Welt, in der Deine Position zu fest ist, um durch irgend etwas erschüttert werden zu können. Nichtsdestoweniger kann ich den trüben Gedanken nicht los werden: ich habe nicht den Freund – das wäre ja unmöglich, – aber den treuen Berater und Helfer in meinen politischen und ökonomischen Nöten verloren. Du wirst die Orte nicht wieder betreten wollen, die für Dich so schmerzliche Erinnerungen bergen. Freilich sähe und spräche ich Dich gern, bevor Du Dich definitiv in Deine ostpreußische Einsamkeit versenkst. Es wäre zu einer möglichst ungenierten Aussprache, nach der doch wohl uns beide gleich verlangt, gerade in diesen Tagen – am Mittwoch – eine günstige Gelegenheit. Ich mußte der Herzogin den Gefallen thun, wieder einmal auf die Jagd zu gehen, und habe an dem genannten Tage ein Treibjagen auf Schwarzwild im Nödaer Revier befohlen. Da es nur eine halbe Stunde Fahrt von da nach Vachta ist, könnte ich Dir dort ganz inkognito auf dem Wege nach Hause einen Besuch abstatten; oder aber, was vielleicht noch besser wäre, Du kommst zur Jagd selbst, zu der ich nur wenige Herren eingeladen habe, und bei der wir uns nötigenfalls, ohne daß es auffiele, auf eine halbe Stunde, oder so, absentieren könnten. Ich brauche Dir nicht zu sagen, daß Dir der Anblick des Verräters erspart bleiben wird. Gib mir telegraphisch Nachricht und bleibe, was Du auch beschließest, unter allen Umständen meiner innigen Teilnahme und treuen Freundschaft versichert! Heinrich.« Als Astolf den Brief gelesen hatte, stand sein Entschluß fest: Der Mensch, der nicht einmal den Mut seiner Schlechtigkeit hatte, der feig genug war, seine Schuld einem seiner Sklaven aufzuwälzen, dessen schnöde Pflicht es unter anderm mit sich brachte, das bißchen Ehre und Leben für den Gebieter in die Schanze zu schlagen, der verdient nicht zu leben, den durfte man totschlagen wie einen tollen Hund. Er telegraphierte an den Herzog: »Ich werde mich an dem genannten Tage rechtzeitig auf dem Jagdrevier einfinden und danke Hoheit für die mir gewährte Gelegenheit zu einer gegenseitigen Aussprache.« Achtzehntes Kapitel. Es war gegen sechs Uhr morgens, als Astolf auf Vachta anlangte. Erst von einer der letzten Stationen hatte er, sein Kommen möglichst geheim zu halten, an seinen Verwalter telegraphiert; der Bote mit der Depesche war ihm nur eine halbe Stunde voraus gewesen. Der Verwalter, ein älterer treuer Mann, der bereits seinem Vater gedient hatte, fand nichts und konnte nichts Auffallendes in seiner plötzlichen Ankunft finden: war er doch bereits mehrere Tage über die festgesetzte Zeit ausgeblieben, und erwartete ihn schon seit gestern abend ein Zettel des Oberförsters, auf dessen Revier die Jagd stattfinden sollte, mit der Notiz, daß das Rendezvous um neun Uhr am Nödaer Loch bei der großen Eiche sei. Vom Bahnhofe hatte er sich einen Wagen genommen, die dort haltende, offenbar für ihn bestimmte herzogliche Equipage geflissentlich übersehend. Der Inspektor führte ihn nach oben in den Salon, als das in dem verlassenen Hause noch wohnlichste Gemach, das er tüchtig hatte durchwärmen lassen und wo auf dem Tisch vor dem Sofa ein aus mancherlei guten Sachen bestehendes Frühstück sauber serviert war. Von der Frau Baronin habe er zu seiner Verwunderung seit über acht Tagen keinerlei Kunde. Er sei einmal in der Stadt gewesen und habe sich pflichtschuldig gemeldet, sei aber nicht empfangen worden. Friedrich habe ihm gesagt: die gnädige Frau empfange niemand außer Herrn von Brenken, der täglich komme, sich nach dem Befinden zu erkundigen und darüber im Schloß Rapport zu erstatten. Dem gnädigen kleinen Fräulein gehe es gut. Ob der Herr Baron noch sonst Befehle für ihn habe? Astolf bat nur, daß der Jagdwagen pünktlich viertel neun Uhr bereit gehalten werde. Er wolle, wenn er gefrühstückt habe, nach seinem Jagdzeug sehen und sich dann aufs Sofa legen, womöglich noch eine Stunde zu schlafen. Der Schneesturm, der die Nacht hindurch gewütet, habe die Fahrt zu einer recht bösen gemacht. »Der Herr Baron sehen auch gar nicht gut aus,« sagte der Verwalter. »Na, der Herr Baron haben ja, Gott sei Dank, eine kräftige Natur. Eine Stunde Schlaf, und alles ist wieder in der besten Ordnung. Wünsche also wohl zu ruhen, Herr Baron!« Der Verwalter war gegangen; Astolf hätte ihn gern länger behalten. Während der Mann im Zimmer war und in seinem treuherzigen Dialekt zu ihm sprach, war ihm leichter gewesen: als sei nichts geschehen, alles beim alten; als sei er ohne Aufenthalt durch die Stadt gefahren, um Susi nicht zu wecken, sie heute mittag desto gründlicher zu überraschen; als sei er nur hier, um mit dem Herzog auf ein paar Stunden auf die Saujagd zu gehen. Niemand war im Zimmer gewesen – nur er und der Verwalter. Nun strichen sie wieder, nun hockten sie wieder um ihn her, wie sie alle diese Tage um ihn her gestrichen und gehockt: die Rachegespenster, und glotzten ihn an mit bluttriefenden gierigen Augen. Du hast doch nicht gar den Mut verloren, jetzt, wo es gilt? jetzt, wo die Stunde da ist – die Stunde, in der du es thun mußt? Hörst du? Ja, ja! Ich weiß es so gut wie ihr. Ich will nicht von euch gehetzt sein. Du hast uns nicht heraufbeschworen. Er hat es gethan, der dich in diese bodenlose Schmach gestürzt. Und jetzt kommen wird, deine Hand zu drücken, dich seinen besten Freund zu nennen – den einzigen, den er auf Erden besitzt – und zu fragen: was du nun mit dem bösen Buben, dem Verräter, zu thun gedenkst? Totschlagen! Was sonst! Nicht seinen Popanz! Ihn selber, den doppelten Verräter! Totschlagen wie einen tollen Hund! Er hatte es laut gerufen und blickte, vom Ton der eigenen Stimme erschreckt, scheu um sich her. Was ihn da aus dem Spiegel über dem Kamin anstarrte – der Mensch mit dem verwilderten Bart, den eingefallenen Wangen, den grassen, glotzenden Augen – war er das? War's eins der Gespenster? Oder wenn sie sich zusammenthaten, sahen sie so aus? Wie ein Tollhäusler, den man in die Zwangsjacke stecken muß? Sonst läuft er hin und schlägt einen Menschen tot wie einen tollen Hund! Ein eiskalter Schauder rieselte ihm den Rücken hinab, daß seine Glieder sich schüttelten. Er trat an den Frühstückstisch. Seit gestern mittag hatte er so gut wie nichts genossen. Er versuchte ein paar Bissen zu essen; sie würgten ihm in der Kehle. Neben der Kaffeekanne stand eine Flasche Cognac. Er schenkte sich ein großes Glas voll und trank es auf einen Zug aus. Das that ihm gut; der schüttelnde Frost war weg, in dem verwüsteten Kopfe wurde es wieder klar. Er trat an das Balkonfenster. Die Dämmerung war angebrochen – spät für diese Jahreszeit. Aber am Himmel wälzten sich nach Osten zu dicke, schwärzliche graue Wolken so tief, daß sie die beschneiten Wipfel der Bäume in dem Bergwald drüben zu streifen schienen. Der Bach, der am Hange, jenseits des Parkgeländes, thalwärts lief, brauste stark. Wenn jetzt, wie es schien, Tauwetter eintrat, mochte es seinen Wiesen weiter unten schlimm ergehen. Was konnten ihm seine Wiesen jetzt noch sein? sein Wald drüben? dies sein Haus? Bevor drei Stunden vergingen, war er ein toter Mann. Zu dem andern Toten. Er wandte sich wieder ins Zimmer. Da, an dem Tage von Babys Taufe hatte sie gesessen, als die Gesellschaft fort und sie allein waren. Sie hatten von dem Herzog gesprochen, und sie hatte gefragt, ob er nie daran gedacht, daß sie sich in ihn verlieben könne? So zischen die Schlangen doch, bevor sie stechen! Oder war damals schon die Buhlschaft in vollem Gange gewesen? Sehr wahrscheinlich! Er nahm eine von den beiden Lampen auf dem Frühstückstisch und ging durch den zweiten Salon, die eiserne Wendeltreppe hinauf in sein Arbeitszimmer, wo sein Gewehrschrank stand. Gut, daß er diesmal alles hier gelassen hatte! Freilich, er that es auch sonst, da die hauptsächlichen herzoglichen Jagden, die seiner Nachbarn, seine eigene alle nach dieser Seite lagen, und er so, selbst von der Stadt aus, fast immer über Vachta mußte. Dennoch sah er darin ein Zeichen: es sollte eben sein! Hier hing, was not that. Er hatte die Wahl. Während er in den Waffen herumkramte, bald die Lefaucheuxbüchse in die Hand nahm und aufklappte, jetzt das Zentralfeuergewehr und den Mechanismus prüfte, kam ihm ein plötzlicher Gedanke, der ihn regungslos machte: Er hatte sich den Kopf darüber zerbrochen, wie er es anfangen könne, aus dem Leben zu gehen, ohne daß jemand sagen durfte: er hat es gewollt! Er glaubte, das ganze Register der Todesarten erschöpft zu haben – an diese, die doch so nahe zu liegen schien, hatte er nicht gedacht. Wohl, weil er während der Zeit nicht vor einem Gewehrschrank gestanden und die Gewehre untersucht, ob alles an ihnen in Ordnung, ob sie vorschriftsmäßig geputzt, ob noch eine Patrone von der letzten Jagd her im Rohr? Da ist man denn mit dem Zeug ein bißchen unvorsichtig umgegangen, bei schlechter Beleuchtung, nach einer Nacht in der Eisenbahn, von der es einem im Kopf wüst war und die Finger klamm und ungeschickt – na, und dabei hatte man den Schuß in die Brust gekriegt – oder in den Kopf? – nein! Brust ist besser. In den Kopf trifft man sich nicht so leicht, daß es sofort tödlich ist. Und sich noch ein paar Tage herumquälen mit zerschmetterten Kinnbacken, das ist die Geschichte nicht wert. Ist sie's überhaupt wert, daß einer sich deshalb das Leben nimmt, nachdem er vorher einen andern totgeschlagen? Was ist es denn? Ein ehrlicher dummer Kerl hat in seiner Blindheit eine Dirne geheiratet. Ein guter Freund, der gar nicht dumm und blind ist, kommt natürlich bald dahinter und führt ihm den praktischen Beweis ihrer wirklichen Qualität. Alles in allem ein Freundschaftsdienst, zu dem man sich freilich nicht gern bekennt und lieber thut, als sei er von einem andern ausgegangen. So was begreift sich. Und für den Skandal, den solche Affairen immer aufrühren, und die Blamage, die dabei für den dummen Kerl von Ehegatten abfällt – dafür kann der Freund doch nicht; das ließ sich doch gar nicht vermeiden. Also reichen mir uns die Hände und – soyons amis! Lieber mit dem Teufel Brüderschaft trinken! Er hatte starr dagestanden, auf die Zentralfeuerbüchse in seiner Hand stierend. Die hing er wieder in den Schrank und nahm den Lefaucheux. Er schoß nicht ganz so weit und sicher wie das andre Gewehr; aber lag ihm bequemer, und auf den Ruhm, die größte Stückzahl zur Strecke geliefert zu haben, wollte er heute ja wohl verzichten. Ein schwerer Schritt polterte die Treppe herauf; es war der Verwalter. Er hatte den Herrn Baron nicht mehr unten gefunden und wollte sehen, ob er ihm hier oben helfen könne? »Ich nehme nur den Lefaucheux, Baumann. Wenn Sie nach der Munition da in der Ledertasche sehen wollten?« »Alles ist in bester Ordnung. Aber der Herr Baron werden sich doch nicht mit dem Hirschfänger schleppen?« »Der Herzog trägt auf diesen Jagden immer einen, und ist sehr ungnädig, wenn man den Scherz nicht mitmacht.« »Na denn! Der Fall, daß ein Schwein oder meinetwegen auch ein Hirsch den Jäger annimmt, kann doch wohl gar nicht dabei vorkommen?« »Warum nicht?« »Na, bei den Kanzeln, von denen die Herren herunterschießen!« »Man bleibt nicht immer auf den Kanzeln.« »Der Herr Baron müssen das freilich besser wissen. Und was ich noch sagen wollte: der Herr Baron fahren vielleicht doch schon um acht. Die Wege sind miserabel und vor Schneeverwehungen ist man auch nicht sicher.« Neunzehntes Kapitel. Der Verwalter hatte recht gehabt: die Wege waren jämmerlich; in den Schluchten, die passiert werden mußten, lag der Schnee an einigen Stellen mehrere Fuß hoch. Seine beiden besten Ackerpferde, die Herr Naumann hatte einspannen lassen – die Kutschpferde waren bei der Frau Baronin in der Stadt – mußten ihre ganze Kraft hergeben, den leichten Jagdwagen durch die schwierigen Passagen zu bringen. Mehr als einmal waren Knecht und Herr herabgestiegen und hatten die Schultern an die Räder gestemmt. Etwas besser ging es in dem verhältnismäßig ebenen Terrain, das man nach Durchquerung der Waldhügelkette erreichte, nur daß sich hier der Wind entgegenlegte, der im Walde durch das kahle Gezweig der Buchen und die Wipfel der Tannen gesaust war. Und trotz aller Anstrengungen war man noch zwanzig Minuten von dem Rendezvous am Nödaer Loch, als Astolfs Uhr auf neun wies. Der Herzog war, von einer andern Seite kommend, fünf Minuten nach neun erschienen und hatte den Oberförster, die Förster, die Piqueure mit der Meute und die drei befohlenen Herren: Rittmeister von Helmsdorf, Kabinettsrat von Thiele, Kammerjunker von Rörlach zur Stelle gefunden. Er sah, ganz gegen seine Gewohnheit, wenn es zur Jagd ging, sehr ernst aus. Auf des Kabinettsrats Frage nach dem Befinden von Hoheit, der Frau Herzogin, erwiderte er: »Es geht heute leider gar nicht gut. Seit gestern abend hat sich ein Fieber eingestellt, das heute morgen noch neununddreißig Grad hatte. Vogelein sagt: es hat nichts zu bedeuten; aber wer kann sich denn auf die Herren Aerzte verlassen! Ich stand schon im Begriff, die Jagd abzusagen und hätte es gethan, wäre es nicht um Baron Vachta, der auch kommen wird, und den ich notwendig zu sprechen habe.« Er hatte sich zum Oberförster gewandt, der seinen Rapport abstattete. Die drei Herren blickten einander verwundert an. Kein Mensch hatte von des Barons Rückkehr gehört. Dafür cirkulierte bereits seit mehreren Tagen ein immer dreister auftretendes Gerücht: zwischen ihm und dem Herzog habe, nachdem ihre Entente den denkbar höchsten Grad erstiegen und des Barons Ernennung zum Minister schon ausgefertigt im Kabinett gelegen, ein plötzlicher irreparabel schroffer Bruch stattgefunden. Einige meinten: gelegentlich des politischen Programms, das Vachta gemäßigt liberal, Hoheit streng konservativ gewünscht habe; andre wollten von persönlichen Mißhelligkeiten wissen, deren letzter Grund natürlich bei den Damen zu suchen sei. Für letztere Ansicht war besonders hartnäckig Herr von Brenken eingetreten, der immer mehr wußte als andre Leute, und schien der Umstand zu sprechen, daß die Baronin sich völlig zurückgezogen hielt, während die Herzogin, nach Fräulein von Merbachs Versicherung, während aller dieser Tage nicht ein einziges Mal nach ihr sich erkundigt hatte. »Wir haben uns doch geirrt,« flüsterte der Kabinettsrat. »Scheint so,« flüsterte der Rittmeister zurück. »Es ist noch nicht aller Tage Abend,« murmelte der Kammerjunker, sich bückend und die langen Ohren eines der Schweißhunde durch seine Finger ziehend. Der Herzog, nachdem er noch kurz die Meute gemustert und einer Lieblingsbracke, die an ihn heransprang, den Kopf getätschelt hatte, war wieder zu den Herren getreten. »Was ist die Uhr?« »Zehn Minuten über neun, Hoheit.« »Vachta pflegt sonst die Pünktlichkeit selbst zu sein.« Der Oberförster erlaubte sich, aus respektvoller Entfernung zu bemerken: »Der Weg ist sehr schlecht, Hoheit.« »So?« »Ich habe ihn gestern selbst gemacht. Er war da kaum schon passierbar.« »So glauben Sie, daß der Baron gar nicht kommen wird?« Der Herzog, der zu dem Oberförster über die Schulter gesprochen hatte, wandte sich schnell. »Das möchte ich nicht gesagt haben, Hoheit.« »Es ist verdrießlich,« sagte der Herzog. Sein Gesicht, das sich für einen Moment aufgehellt hatte, war wieder finster geworden. »Da kommt der Herr Baron!« rief einer von den Förstern. Astolfs Wagen war aus dem Walde aufgetaucht und kam auf hier ziemlich ebenem Wege schnell heran. Die ganze Jagdgesellschaft geriet in Bewegung: die Herren, die Förster, die Forstläufer sahen nach ihren Büchsen; die Hunde winselten und heulten leise; der Herzog sprach bald zu diesem, bald zu jenem Herrn, ohne eine Antwort abzuwarten; rief dem Oberförster Befehle zu, die dieser nicht verstand; schalt die Piqueure, welche die Meute wieder einmal miserabel gekoppelt hatten – seine Nervosität vor und oft genug auch während der Jagd war berüchtigt – so seltsam aufgeregt hatte man ihn noch niemals gesehen. »Das wird heute schlimm,« raunte der Kabinettsrat dem Rittmeister zu. »Scheint so,« murmelte der Rittmeister. »Schönstens willkommen!« rief der Herzog, auf Astolf, der aus dem Wagen gesprungen war, mit ausgestreckter Hand zugehend. Bevor Astolf die dargebotene Hand hätte ergreifen können, stolperte Hoheit und wäre gefallen, wäre nicht einer der Förster herzugesprungen. »Die verdammten Wurzeln!« rief der Herzog. »Na, Siebel, lassen Sie nur! Das bißchen Schnee wird mir nichts schaden. Wie geht's, Astolf? Was macht – na, wir sprechen uns noch hernach. Wollen jetzt machen, daß wir zu Holze kommen. Es weht hier ein verdammt scharfer Wind. Also was werden Sie zuerst vornehmen, Giesebrecht?« »Wie Hoheit befohlen haben,« erwiderte der Oberförster. »Zuerst ein offenes Treiben durch die Gründe vom Hexenstein bis zur großen Schneise.« »Gut! Gut! Die Treiber sind auf ihren Posten?« »Alles in Ordnung, Hoheit.« »Die Stände für die Herren haben Sie ausgesucht?« »Zu Befehl, Hoheit.« »Dann also vorwärts! vorwärts, meine Herren!« Er hatte den Pelz abgeworfen, die Herren waren seinem Beispiele gefolgt. Die Wagen mit den Dienern fuhren auf einem andern Wege in den Wald nach einer vorausbezeichneten Stelle, wo die Herren wieder einsteigen sollten. Der Herzog, mit dem Oberförster zur Seite, hatte die Spitze genommen. Er ging mit raschen Schritten, eifrig sprechend und dabei heftig gestikulierend. Der Oberförster schien etwas versehen zu haben. Die Herren hinter ihm hatten schier Mühe, nicht zu weit zurückzubleiben, kamen auch auf dem schlimmen, von gefrorenen Geleisen der Holzwagen arg verwüsteten Wege bald auseinander. »Haben Sie den sonderbaren Empfang des Barons beobachtet?« sagte der Kabinettsrat zu dem Rittmeister. »War kurios,« erwiderte der Rittmeister. »Nicht wahr? Es sah beinahe so aus, als ob Hoheit absichtlich stolperte, um ihm nicht die Hand geben zu müssen. Wozu hat er ihn dann aber eingeladen?« »Wenn ich das wüßte!« »Glauben Sie mir, da liegt etwas in der Luft.« »Scheint so.« Es war eine langgestreckte, mehrfach gewundene, von Buschwerk und plötzlichen Versenkungen coupierte Mulde, in welcher die Schützen von dem Oberförster ihre Aufstellung erhielten: mit dem Rücken nach dem Hochwald, an dessen Lisière sie postiert waren; den Blick frei eine Strecke die Mulde hinauf und hinab; sich gegenüber ein niedriges Gehölz, durch das man hie und da in das flachere Land sah. Nicht eben weit. Die Luft war grau und dick. Der Frost schien in Tauwetter umsetzen zu wollen. Vereinzelte wunderlich große Schneeflocken wirbelten umher und zerrannen, wenn sie am Boden auf eine freie Stelle trafen. Aus dem Walde heraus, die Mulde hinab strich der Wind in langgezogenen klagenden Tönen; über den Häuptern der Schützen in den kahlen Kronen der Buchen und Eichen knackten und knarrten die Aeste. Sonst tiefe Stille; dann aus dem Walde, noch aus der Ferne, dumpfer Lärm der Treiber, langsam näher kommend; dann der erste Schuß. Natürlich von links her, vom ersten Stande: dem seiner Hoheit! Hoheit hatten wieder einmal kein Jagdglück: das Stück, auf das er geschossen, ein junger Keiler, kam in vollem Lauf die Mulde herab und wurde erst am dritten Stande, vom Rittmeister von Helmsdorf, erlegt. Bald war das Treiben in prächtigem Gange. Die Tiere kamen zu zweien, dreien, zu vieren angeprescht; Schuß folgte auf Schuß von Stand eins bis vier. Der Kabinettsrat auf Stand vier bemerkte zu seiner Verwunderung, daß auf Stand fünf, dem des Baron Vachta, kein einziges Mal geschossen wurde, trotzdem die Durchgänger, deren eine beträchtliche Zahl war, an ihm vorbei mußten. Nach einer halben Stunde wurde das Treiben abgeblasen; es tauchten auch schon hie und da Treiber aus dem Walde hervor, denen bald mehr und mehr folgten; die Schützen, die nach dem Stand des Herzogs eilten, mußten sich hie und da ordentlich durch die Leute drängen. Der Herzog kam ihnen entgegen; schon von weitem sah man an seinen heftigen Gebärden, daß er in der schlechtesten Laune war. Kein Wunder! die Förster meldeten nur vierzehn Stück zur Strecke! Vierzehn Stück bei einem solchen kapitalen Treiben! Und kein Hauptschwein darunter! Nun, das eine, ein alter Eber, könne höchstens noch fünfhundert Schritt in den Wald zurückgelaufen sein. Er habe es zu gründlich gezeichnet. Die Meute solle sofort gelöst und auf die Spur gesetzt werden. Zwischen ihm und dem Herrn Rittmeister sei es durchgegangen. Der Herr Rittmeister müsse es doch gesehen haben! »Gewiß, Hoheit!« versicherte der Rittmeister. »Ein prachtvoller Kerl. Ich wollte noch hinterherschießen, aber ich meinte, er hätte genug.« »Sehen Sie! Sehen Sie!« rief der Herzog eifrig. »Nun, Giesebrecht, werden wir endlich die Hunde los haben.« Das Tier hatte stark geschweißt; in einer Minute war die Meute auf die Fährte gebracht und stürzte sich, dem führenden Schweißhund nach, kläffend, bellend, heulend in den Wald. Das aufregende Schauspiel, das zu erwarten stand, wollten selbst die Treiber mitansehen. Alles rannte hinterher. Die Herren zögerten noch um den Herzog, der mit Baron Vachta, welcher eben erst herangetreten war, leise sprach und, sich dann zu ihnen wendend, rief: »Bitte die Herren vorauszugehen! Ich habe noch mit Baron Vachta ein paar Worte zu sprechen. Wir folgen Ihnen gleich!« Die Herren entfernten sich eilig. Sie waren außer Hoheit und dem Baron die letzten auf dem Platz gewesen. Die beiden waren allein. Eine Minute standen sie sich schweigend gegenüber, bis ein paar Leute, die noch in der Nahe herumlungerten, auf ein »Macht, daß ihr fortkommt!« des Herzogs in dem Wald verschwunden waren. »Astolf!« sagte er jetzt mit dumpfer Stimme. Und als keine Antwort kam: »Astolf, als du aus dem Wagen stiegst, bei dem ersten Blick habe ich es gesehen: Du weißt alles – durch Brenken – du schüttelst den Kopf – also nicht durch Brenken – es wäre auch zu schändlich, nachdem ich ihn – Astolf, ich wollte dir wenigstens das eine ersparen, weil ich wußte, daß es dich fürchterlich schmerzen würde – wir waren immer so gute Freunde, so treue Kameraden gewesen, und ich – ich schwöre dir, Astolf, – geschehen ist nun einmal doch geschehen – ich kann's nicht mehr ändern, und wenn ich mein Herzogtum drum gäbe – ich will ja alles thun, was nur irgend in meinen Kräften steht, daß du über die Geschichte wegkommst –« Er hatte alles atemlos herausgestoßen, kaum wissend, was er sagte. Das Gesicht des Mannes ihm gegenüber, in das er von Zeit zu Zeit einen scheuen Blick warf, war so furchtbar in seiner ehernen Ruhe, und bei seinen letzten Worten das entsetzliche Lächeln in dem ehernen Gesicht! Das Lächeln war, blitzschnell, wie es gekommen, verschwunden. »Ueber die Geschichte bin ich soweit weg. Es fehlt nur noch eines: daß ich an dem, der sie mir bereitet und mich zu einem Menschen gemacht hat, der den elendesten Bettler beneidet, – daß ich an dem die Strafe vollziehe, die ihm zukommt.« Er hatte seine Hand an den Griff des Hirschfängers gelegt. Der Herzog taumelte einen Schritt zurück. Sein Gesicht war erdfahl geworden. »Du bist wahnsinnig,« stammelte er; »du kannst doch unmöglich wollen, daß ich mich mit dir schlage?« »Willst du lieber einfach erschlagen sein? Ein Drittes gibt es nicht – bei dem ewigen Gott über uns!« Er hatte den Hirschfänger herausgerissen. Der Herzog stand da, leichenblaß, mit starren, glasigen Augen. »Wehre dich, Memme! oder, beim Himmel, ich –« In ihrer fürchterlichen Aufregung waren sie beide taub gewesen gegen das wütende Geheul und Gebell der Hunde gar nicht weit von ihnen im Walde und das Geschrei, das die Jäger und Treiber erhoben, als der angeschossene Eber, den die Meute verbellt hatte, rechts und links seine Angreifer mit zerfetzten Leibern von sich schleudernd, flüchtig wurde, mit ungeheurer Schnelle durch Gestrüpp und Büsche brechend, nach dem Saume des Waldes zu. Gerade auf den Herzog zu. Astolf sah das Tier zuerst, keine dreißig Schritte mehr entfernt. Der Herzog rührte sich nicht. Hatte ihn, was vorausgegangen und der Schrecken jetzt paralysiert – er war ein verlorener Mann. Mit der Schnelligkeit des Blitzes hatte sich Astolf zwischen ihn und das heranstürmende Tier geworfen, auf die Kniee, den Hirschfänger weidmannsgerecht vorgestemmt. Aber hatte er nicht seine scharfen Sinne, seine mächtige Kraft, seine Kaltblütigkeit von sonst beisammen gehabt: der Stoß hatte das wütende Tier nur gestreift; den struppigen Riesenkopf gesenkt, stürmte es über ihn weg, die Thalmulde durcheilend, drüben im Stangenholz verschwindend; hinter ihm her die heulende Meute, die schreienden Männer. Die meisten stürzten wie toll und blind vorüber. Einige hatten es doch gesehen und waren entsetzt stehen geblieben: den Herzog an der Seite eines Mannes knieend, der lang hingestreckt auf dem Boden lag und aus dessen breiter Brust, von der der Herzog mit krampfhaften Händen die Kleider riß, das Blut strömte. »Mein Gott, kommt mir denn keiner zu Hilfe!« schrie der Herzog. Wer sollte da helfen? Der Oberförster, einer der Jäger, der im Kriege von siebzig Krankenträger oft genug gewesen, versuchten es wohl, vom ersten Moment, als sie die entsetzliche Wunde sahen, überzeugt, daß hier kein geschicktester Arzt mehr Rettung bringen könne. Die halbe Brust war herausgerissen; das Blut ergoß sich in Bächen; der Tod mußte in kürzester Frist eintreten. Der Herzog kniete noch immer an der Seite, Mit beiden Händen hatte er den Kopf des Sterbenden gefaßt; unverwandt starrten seine Augen auf die bleichen Züge, durch die plötzlich ein schauerliches Zucken ging. Der Herzog konnte es nicht länger ertragen. Den Kopf loslassend, wandte er sich auf den Knieen um, die Hände in das Gesicht drückend. Der Oberförster trat an ihn heran. »Hoheit – Hoheit! Es ist vorbei!« Der Herzog schwankte von den Knieen empor, einen scheuen Blick hinter sich werfend auf die mächtige ausgestreckte Gestalt, welche die Förster mit Tannenzweigen zuzudecken begannen. Seine starren Augen irrten über den dichten Kreis von Menschen, der herumstand: Herren, Jäger, Treiber, alle durcheinander, alle auf ihn blickend. Er besann sich, daß er der Herzog sei, irgend etwas thun, etwas sagen müsse, was sich für den Moment schickte. Der Kabinettsrat war zunächst bei ihm. Er breitete gegen ihn die Arme aus, zog ihn an sich, lehnte den Kopf schluchzend auf seine Schulter; stand so eine Weile, während der Kabinettsrat ein sehr gerührtes Gesicht machte; hob dann das Gesicht wieder und rief laut genug, daß es alle Umstehenden vernehmen konnten: »Lieber Thiele! Meine Herren! Weinen Sie mit mir! Er ist für mich gestorben!« Dann hatte er das Gesicht wieder auf die Schulter des Kabinettsrats gesenkt. Zwanzigstes Kapitel. Das kümmerliche Licht, als welches nach der Geburt des Erbprinzen das Leben der Herzogin noch geflackert hatte, war am Abend des Jagdtages um zehn ein halb Uhr still erloschen. Der Tod der hohen Frau erregte überall aufrichtige Teilnahme. Zwar war ihres Weilens im Lande nur so kurze Zeit gewesen, und ein gewinnendes Wesen, persönliche Liebenswürdigkeit konnte man ihr nicht nachrühmen; aber sie hatte auch niemand gekränkt, in aller Stille manches Gute gethan; und wenn eine Frau in der Ehe unglücklich ist, darf man es ihr verdenken, wenn sie sich mit dem lieben Gott in ein desto besseres Einvernehmen zu setzen sucht? So wurde denn das Geläute der Trauerglocken, die durch das ganze Ländchen ertönten, mit Andacht vernommen; auch hörte man mit Genugthuung, daß die Beisetzung in der Fürstengruft ganz besonders imposant werden würde, und eine ungewöhnlich große Zahl ausländischer Fürstlichkeiten ihr persönliches Erscheinen an dem Trauerfest zugesagt habe. Aber wie lebhaft auch ein Ereignis, welches das ganze Land anging, das öffentliche Interesse in Anspruch nahm, noch viel eifriger wurde ein andres fast gleichzeitiges kommentiert: der Tod des Barons von Vachta. Wäre Astolf, seine Familie am Sterbelager, umgeben von Verwandten und Freunden, in seinem Bette verschieden, es hätte den Leuten zu reden gegeben. Die Vachtas gehörten, wenn nicht zu den reichsten, so doch unbedingt zu den vornehmsten Geschlechtern des Landes; jedes Schulkind im letzten Dorf auf dem Walde kannte einen Namen, der in der Geschichte des Herzogtums mit dem der regierenden Familie unauflöslich verknüpft war. Und was das Ansehen, in welchem sein Haus stand, etwa noch nicht that, hatte Astolfs Persönlichkeit mehr als ersetzt. Im ganzen Duodezstaat gab es keinen populäreren Mann als Astolf Vachta; seine Bravheit, Ritterlichkeit, sein gegen Hoch und Niedrig immer gleiches vornehm-freundliches Wesen waren sprichwörtlich. Seine Heirat mit der reichen ostpreußischen Grafentochter hatte wohl noch sein Ansehen, aber nicht die Liebe steigern können, die man ihm entgegentrug; seine notorische Freundschaft mit dem regierenden Fürsten schuf ihm keine Neider; man rechnete sie ihm eher als eine Last an, die er wohl oder übel so mitschleppen mußte. Als das Gerücht, der Herzog wolle ihn an die Spitze der Regierung stellen, in der letzten Zeit immer bestimmter aufgetreten war, hatte man nur gezweifelt, um, sollte es doch nicht Wahrheit werden, sich nicht umsonst vorher so gefreut zu haben. Und nun dieser Mann weggerafft in der Blüte seiner Jahre, in der Fülle seiner stolzen Kraft, von einem jähen Tode, der ihm zum letzten und höchsten Ruhmestitel wurde: in der Aufopferung seines Lebens für ein andres: das seines herzoglichen Freundes, seines Landesherrn! Darüber konnte kein Zweifel obwalten: der Herzog selbst, der es doch am besten wissen mußte, hatte es unmittelbar nach der Katastrophe durch sein fürstliches Wort bestätigt; die einstimmigen Berichte der Herren, die zugegen, der vielen andern, die nicht minder Augen- und Ohrenzeugen gewesen waren, erhärteten es; die Landeszeitung feierte die Heldenthat in einem langen schwungreichen Artikel, in welchem Stallmeister von Froben und andre, die für ihren Fürsten in den Tod gegangen waren, paradierten, und der, wenn nicht von dem Herzog selbst geschrieben, so doch von ihm inspiriert sein sollte. Nein! an der Thatsache selbst konnte niemand zweifeln, zweifelte niemand. Offenbar auch nicht der Verfasser eines nicht minder langen, nur weniger schwungvollen Aufsatzes, der am folgenden Tage in dem oppositionellen »Boten für Stadt und Land« erschien unter dem Titel: »Man sagt, er wolle sterben« offenbar in Bezug auf den des offiziellen Panegyrikums, der »Er ist für ihn gestorben« gelautet hatte. Ein niederträchtiges Pamphlet, das an den Schandpfahl genagelt zu werden verdient, versicherten die Offiziellen und die Offiziösen; ein Schriftstück, das zu denken gibt, sagten die Unbefangenen; eine Mannesthat, die endlich einmal der Lüge die Maske abreißt und der Heuchelei ihr wahres Antlitz zeigt, jubelten die, denen nichts heilig ist. Allgemein aber war die Verwunderung, daß die Polizei die betreffende Nummer des »Boten« passieren ließ und der Staatsanwalt nicht zugriff. »Hoheit machen es wie Friedrich der Große, der das auf ihn gemünzte Pasquill niedriger zu hängen befahl,« sagten die einen. »Und er thut sehr recht daran,« sagten die andern; »der Skandal würde sonst noch viel größer werden.« Polizei und Staatsanwalt wußten es besser; wußten, daß dem Verfasser, der mit höchster stilistischer Kunst für die verfänglichsten Dinge den unverfänglichsten Ausdruck gefunden, sich für jede seiner kecken, ja tollkühnen Behauptungen eine Hinterthür gelassen hatte, mit keinem Paragraphen des Strafgesetzbuches beizukommen war. Desto fürchterlicher war der Schlag, waren die Schläge, die nach allen Seiten geführt wurden. Man konnte darüber zweifeln, wen sie am härtesten trafen: den macchiavellistischen Fürsten, an dessen Hofe die mit dem Witz eines Boccaccio erzählte Intrigue spielte, oder sie, welche die Phryne, die sie war, so geschickt mit dem Prunkkleid der vornehmen Dame zu drapieren wußte. »Serenissimus auf dem rocher de bronze seiner legitimen Souveränität wird natürlich den Sturm überdauern,« sagten die Spötter; »aber sein Prügeljunge ist schon geflogen, und Madame wird auch gut thun, das Land zu räumen, wenn nicht die Weiber auf der Gasse mit den Fingern auf sie zeigen sollen.« Das alles hatte die Leute nicht abgehalten, vielmehr angetrieben, massenhaft in das Vachtasche Haus zu strömen, wo in dem großen Saal der Bel-Etage der Sarg aufgebahrt stand: zu den Häupten des Toten das umflorte Bild der trauernden Witwe, die nicht auf die Blume in ihrem Schoß, sondern auf den geliebten, ihr nun für immer Entrissenen hinabzusehen schien; der Sarg selbst überdeckt mit den schönsten und kostbarsten Kränzen, von denen keiner schöner und kostbarer war als der an das Fußende gelehnte riesengroße, welcher auf breitester weißer Atlasschleife die herzogliche Krone in Gold gestickt und in goldgestickten Lettern die Inschrift trug: »Treu bis in den Tod seinem Herzog und Freunde!« An dem Sarkophag in dem Saale, der beim Eintreten der Dunkelheit von dem Licht zahlreicher Kerzen auf Kandelabern und Wandleuchtern magisch erleuchtet war, hatten der Verwalter Baumann, die Hausdiener Johann und Friedrich abwechselnd Wache gehalten. Die trauernde Witwe, auf deren Anblick die naiven Leute sich besonders gespannt hatten, war selbstverständlich unsichtbar geblieben. – Es war am Abend des vierten Tages nach der Katastrophe im Walde. Bereits gestern war die einbalsamierte Leiche in ihrem Zinksarg, begleitet von dem Diener Johann, nach Ostpreußen unterwegs, wo auf den dringenden Wunsch des Grafen die Beisetzung in der Ahnengruft unter der Schloßkapelle von Lötzenau stattfinden sollte. Heute morgen mit dem Frühschnellzuge hatte Baby, eskortiert von Frau Poltrok, der Amme und Friedrich, die lange Reise angetreten. Für Susi war nur ihr Kammermädchen Laura zurückgeblieben. Der Wagen, der sie zur Bahn bringen sollte, hielt bereits vor dem Hause. Sie saß in ihrem Boudoir, das bis zur Stunde unverändert geblieben war, völlig zur Reise fertig – nur Hut und Handschuhe lagen noch neben ihr auf einem Tischchen – an dem Kamin, in dem das Feuer ausgehen wollte; vor ihr Herr von Brenken. »Und wie denken Sie sich nun eigentlich die Sache, Brenken?« fragte Susi. »Mir deucht, liebe Freundin, die Sache ist sehr einfach,« erwiderte Brenken. »Ich glaube nicht, daß Sie jemals wieder zurückkehren werden: der Boden ist hier ein wenig zu heiß unter Ihren schönen Füßen. Es müßte denn sein, daß die unqualifizierbare Behandlung, die Hoheit Ihnen hat zu teil werden lassen –« »Ich dächte, das Kapitel wäre erledigt,« sagte Susi ungeduldig. »Mein Gott, on revient toujours ,« fuhr Brenken achselzuckend fort. »Unser biederer Herzog ist bekanntlich in dem Wechsel seiner Neigungen ein Chamäleon; dazu hat er jetzt, nach dem Tode der Herzogin, die Politik der freien Hand –« »Ich bitte, Brenken, lassen Sie Ihre schlechten Witze!« »Gut, rühren wir nicht an eine frische Wunde! Also: Sie kehren hierher nicht wieder zurück; Sie verkaufen das Gerümpel da oben im Walde und das Stadthaus hier, was gar keine Umstände machen wird, da nach den Bestimmungen Ihres Ehekontraktes der überlebende Teil Universalerbe ist, und der Graf, Ihr Herr Vater, glauben wird, Ihre Gefühle zu schonen, wenn er die Erinnerung an eine so schmerzensvolle Zeit Ihres Lebens möglichst verwischt. Bon! Sie leben also vorläufig ruhig bei Ihrem Herrn Vater, fern von Madrid. Madrid freilich wird sich nicht sobald beruhigen; der von dem »Boten« ausgestreute Same wird herrlich aufgehen, steht vielmehr schon jetzt in üppigster Blüte. Das kann für Ihre Zukunft mehr als gefährlich werden. Eine so hochgestellte, dazu so schöne, junge Frau, wie Sie, ist überall, wo sie erscheint, der Gegenstand der Neugier, des Interesses. Da wird nach den Antecedenzien gespürt mit feinsten Schnüffelnasen, die in diesem Falle leichte Arbeit haben, die Spur bis hierher zurückzuverfolgen: bis in diese Metropole des Skandals und Cancans, bis in das herzogliche Schloß, bis in die Villa selbst im Park. Nun verzeiht die Welt einer reichen und schönen jungen Frau bekanntlich vieles, aber doch nicht alles. Sie kann einen Geliebten gehabt haben, oder auch mehrere, nur es darf kein regierender Herr darunter gewesen sein. Das ist mauvais goût; das können sich Kunstreiterinnen, Komödiantinnen und so weiter verstatten, eine Dame, eine wirkliche Dame nicht. Darin sind wir entweder d'accord , oder werden es zweifellos noch werden: einem Rufe, der für Sie mit Verbannung aus der guten Gesellschaft identisch ist, müssen Sie vorbeugen. Sie können es nur durch eins.« »Dadurch, daß ich Sie heirate,« sagte Susi, nach einem ihrer Handschuhe neben dem Hute auf dem Tisch greifend. » Parfaitement, madame! Dadurch, daß Sie mich heiraten, der von Anfang an in dieser Tragikomödie mit dem Träger der Hauptrolle so beständig zusammen genannt ist, daß von den schärfsten Beobachtern im Parterre keiner auf seinen Eid nehmen würde, zu sagen, wer sie denn nun in Wirklichkeit gespielt hat. Wenn Sie Odo von Brenken heiraten, erklären Sie dadurch ebenso einfach, wie überzeugend: er ist es gewesen.« »Und Sie glauben, bei meinem Papa zu reüssieren?« »Ich wüßte nicht, was der Herr Graf gegen mich haben sollte. Meine Familie führt drei Mohrenköpfe im Wappen; so weit haben es weder die Vachtas noch die Lötzenaus gebracht. Das Schicksal, arm zu sein wie eine Kirchenmaus, teile ich mit einer stattlichen Legion meines Standes. Ich habe sogar außerdem nicht ganz unbeträchtliche Schulden; ich werde sie dem Grafen gewissenhaft beichten; er wird sie gern bezahlen, und so wäre auch das im reinen. Hier hält mich nichts. Der Herzog hat sich zum Dank dafür, daß ich mich für ihn habe totschießen lassen wollen, in Zukunft meine Dienste verbeten. Was ist begreiflicher, als daß mich, in Ermanglung eines Herrn, herzinnig nach einer Herrin verlangt – nach Ihnen verlangt, meine angebetete Susi!« »Bleiben Sie sitzen,« sagte Susi, die jetzt behandschuhte Hand vorstreckend. »Sie glauben nicht, wie lächerlich mir knieende Männer sind.« Sie langte nach dem zweiten Handschuh. »Und wenn meinem Papa die Nummer des ›Volksboten‹ zu Gesicht gekommen sein sollte?« Brenken zuckte die Achseln. »Freilich,« sagte er; »weshalb hätte man denn seine guten Freunde! Andrerseits: weshalb hätte man einen so beneidenswerten Papa, der zweifelsohne das Schandblatt nachdem er es gelesen – wenn er es bis zu Ende gelesen –, ins Feuer geworfen hat! Und seine rechte Hand in dasselbe Feuer legen würde, zu beschwören: es sei alles Lug und Trug, was da gedruckt steht. Apropos, Teuerste, wissen Sie, daß bereits neben dem gedruckten ein ungedruckter Cancan im Schwange ist? Einer der Treiber, der irgendwie in unziemliche Nähe kam, behauptet steif und fest: er habe gehört, wie die Herren sich fürchterlich gezankt hätten, bis zuletzt der Baron dem Herzog den Hirschfänger auf die Brust setzte.« »Schade, daß es dabei geblieben ist,« sagte Susi, an dem zweiten Handschuh knöpfend. »In gewissem Sinne jammerschade,« erwiderte Brenken. »Aber, hätte er Serenissimus verdientermaßen über den Haufen gestoßen, um sich dann selbstverständlich einen Moment später eine Kugel durch den Kopf zu jagen – ja, liebe Freundin, dann freilich wäre meine – oder darf ich sagen: unsre? – Situation ziemlich aussichtslos. So schwebt, trotz ›Volksboten‹ und allem Gerede, über dem Ereignisse ein Non liquet: die Sache bleibt dunkel. Und in diesem Dunkel werden wir den rechten, ich meine: den uns genehmen und bequemen Weg zu finden wissen.« »Den für uns frei zu machen, ihm nicht weniger gekostet hat als sein Leben,« sagte Susi, den letzten Knopf am Handschuh schließend. »Aber Beste, Teuerste, Einzige,« rief Brenken, »glauben Sie denn wirklich an das alberne Märchen des ›Volksboten‹ von dem ›Er wollte sterben‹? Ich bin überzeugt, er ist, als er seinen Herzog bedroht sah, nur ganz instinktiv seinem Edelmut gefolgt und hat sich dem wütenden Tier entgegengeworfen, wie er in einem Kampf auf Tod und Leben seinen Gegner mit Aufopferung des eigenen Lebens vor einer heranbrausenden Lokomotive von den Schienen zu reißen versucht haben würde. Für seinen Herzog ist er gestorben, nicht für uns. Darin hat das offizielle Blatt ganz richtig gesehen.« »Und Sie, Brenken, haben ein sonderbar richtiges Verständnis für die Handlungsweise von Leuten, die besser sind als Sie.« »Unter andrem ward uns auch dazu der Verstand.« »Wissen Sie, Brenken, Sie sind doch entre nous ein furchtbares mauvais sujet .« »Sehr schmeichelhaft,« erwiderte Brenken. »Ich nehme an, daß Sie unter einem mauvais sujet einen Mann verstehen, der absolut kein Vorurteil hat; dem schlechterdings nichts imponiert; der entschlossen ist, sich das Leben, soweit es geht, ganz nach seinem Geschmack einzurichten – enfin : einen Menschen, der genau so ist, wie er sein muß, wenn Sie ihn heiraten sollen.« Er hatte ihr die Hand geküßt; sie war aufgestanden, setzte sich den Hut auf und steckte die Nadel fest. »Wie entzückend Sie schwarz kleidet,« sagte Brenken, die kleine graziöse Gestalt mit den Augen verschlingend. »Es steht mir gut,« sagte Susi. »Ich werde also meinen Papa auf Ihren Besuch vorbereiten. In einigen Monaten natürlich.« »Natürlich in einigen Monaten.« »Und wo werden Sie inzwischen bleiben?« Brenken lachte: »Wenn ich das selber wüßte!« »Gleichviel! Sie werden es mir schreiben, wenn Sie es wissen.« »Ich darf Sie nicht auf die Bahn bringen?« »Ich wüßte nicht, was Sie davon abhalten sollte. Wir beide haben hier nichts mehr zu verlieren.« »Ganz meine Ansicht. Sie dürfen es nur nicht tragisch nehmen.« Susi, die, während sie der Thür zuschritten, ein wenig voraus war, wandte sich um. Das Licht der beiden Lampen auf dem Kaminsims fiel hell in ihr reizendes, von dem schwarzen Flor des Schleiers umrahmtes Gesicht. Um den kleinen Mund mit den zarten Lippen spielte die Andeutung eines Lächelns, die großen durchsichtigen blauen Augen lachten verräterisch offen. »Sehe ich so aus?« sagte sie. Als sie auf dem Bahnhof ankamen, fanden sie eine lange Reihe herzoglicher Equipagen vor dem Portal aufgefahren und den Perron abgesperrt. Der Prinz und die Prinzessin waren eben zu der Trauerfeier der Beisetzung der Herzogin morgen von Berlin gekommen; sie hatten, sparsam, wie immer, den fahrplanmäßigen Schnellzug für sich und ihr Gefolge benutzt. Susi und Brenken mußten in der Vorhalle bleiben, die man dem Publikum überlassen hatte mit Ausnahme einer breiten, von Schutzleuten freigehaltenen Gasse, die von dem Fürstensalon zu dem Ausgange führte. Brenken, der es doch nicht vergessen konnte, daß er bei solchen Gelegenheiten im Zuge der Herrschaften geschritten war, hatte zurückbleiben wollen; aber Susi mit den Worten: »Das müssen wir uns doch ansehen!« nach vorn gedrängt, so daß sie unmittelbar am Spalier zu stehen gekommen waren. Sie brauchten nicht lange zu warten. Die Flügelthüren zum Salon sprangen auf: erst der Oberhofmarschall von Bartenstein; dann der Herzog, am Arm der Prinzessin; hinter ihnen der Prinz, der die benachbarte Herzogin führte; hinter diesen der benachbarte Herzog mit der Gräfin Bartenstein; dann die herzoglichen Hofchargen mit dem prinzlichen Gefolge. Es war unmöglich, daß der Herzog Susi nicht sah: ihre Stellung in unmittelbarer Nähe, ihre elegante Trauerkleidung, die Distinktion ihrer ganzen Erscheinung schlossen es aus. Und der Herzog hatte falkenscharfe Augen. Die er, als er an ihr vorüberkam, über sie weggleiten ließ, als wäre da Luft gewesen, um gleich darauf einer knixenden Bürgerfrau gnädig zuzuwinken. Dem vom Herzog und der Prinzessin – es schien, als hätte ihr der Herzog vorher ein Wort zugeflüstert – gegebenen Beispiel folgten die übrigen Herrschaften, folgten die Hofstaaten, selbst die Gräfin von Bartenstein und Fräulein von Merbach: sie hatten der Dame bereits heute vormittag eine glückliche Reise wünschen lassen. Nur über des Prinzen männlich schöne Züge war, als er Susis ansichtig wurde, ein Zucken gegangen. Der Artikel des »Boten« hatte auch ihm bereits vorgelegen und sein naiver Rechtssinn sofort herausgefunden, daß den Herzog keine mindere Schuld treffe als Susi. Aber von der Prinzessin war ihm erklärt worden, daß die Solidarität der fürstlichen Interessen es zur heiligen Pflicht mache, diese Ueberzeugung für sich zu behalten; unter keinen Umständen ihr einen öffentlichen Ausdruck zu geben, der keinen andern Erfolg haben werde, als den destruktiven Tendenzen einer ohnehin schon zügellosen Presse Vorschub zu leisten. So that er denn wie die andern. Der Zug war vorüber; die Eingänge zum Perron standen frei, doch strömte der größte Teil des Publikums, den nur das Schauspiel herbeigelockt hatte, hinter den Herrschaften her dem Ausgange zu; nur einige wenige hasteten nun nach dem inzwischen vorgefahrenen Zuge. Brenken hatte Susi wieder den Arm gegeben. »Konnten Sie uns das nicht ersparen?« fragte er. »Nein,« erwiderte Susi; »ich wollte meine Nerven auf die Probe stellen.« »Und?« »Sie haben sie vortrefflich bestanden. Ihre nicht?« » Passablement. Sie sind hier, wie in allem, meine Meisterin und mein Vorbild.« Er hatte sie in dem Schlafwagen installiert, war dann noch einigemal ab- und zugelaufen: der gnädigen Frau eine Reiselektüre für morgen zu kaufen; zu sehen, ob Laura in ihrem Coupé zweiter Klasse ordentlich untergebracht war. Dann stand Susi an einem der Fenster des Schlafwagens, winkend; er mit dem Hut in der Hand, auf dem Perron, ebenfalls winkend, während der Zug langsam aus der taghellen Glashalle des Bahnhofs in die dunkle Novembernacht hineinrollte. Brenken hatte den Hut wieder aufgesetzt. Sich wendend, sah er in geringerer Entfernung den Bahnhofsinspektor, der augenscheinlich die Abschiedsscene beobachtet hatte. Der Inspektor und er hatten sich als Jungen du genannt. Der Mann hatte es übelnehmen können, wenn er ohne ein leutseliges Wort an ihm vorübergeschritten wäre. Er trat auf ihn zu: »Nun, lieber Wiegand, das geht in diesen Tagen hier wohl heiß her?« Der stattliche Mann richtete sich straff in den Hüften auf: »Mit wem habe ich die Ehre?« »Ah so!« sagte Brenken, sich auf den Hacken wendend. Er bat einen Herrn in der Nähe um Feuer für seine Cigarette, dankte höflich und schritt langsam den Perron weiter hinab. »Das war stark!« murmelte er. »Hoheit vorhin in seiner Pracht; jetzt ich, geschnitten von einem obskuren Bahnhofsbeamten! Illustration zu: die kleinen Diebe hängt man! Pah! Man darf es eben nicht tragisch nehmen. Die Welt ist rund. Und hat ein Gedächtnis wie ein Sieb. Mit einer Susi und ihrer Million – das müßte doch wunderlich zugehen, wenn man in zwei Jahren oder so nicht wieder obenauf wäre!« Ende.