Carl Spitteler Balladen Inhaltsangabe I. Kosmisch und mythologisch.                         Kronos und der Greis Das Sterbefest Die Weltpost Die drei Spinnerinnen Die tote Erde (Legende) II. Episch. Anaïta Die Titanen Parisade (Märchen) Der Venus Rundgang (Gemälde) III. Heldenballaden. Die Hochzeit des Theseus Cyrus' Ende Der falsche Bel Der Cid und die Fee Hildebrand Der besiegte Herzog IV. Heimat und Vaterland. Die drei Rekruten Die beiden Züge Die jodelnden Schildwachen Träume Jakobs des Auswanderers V. Balladen im engern Sinn. Der Wanderer Die Schneekönigin Der Flößer Das Postmaidlein Die Mittagsfrau Der Gotenknecht Der Zauberer und der Frosch Die Blütenfee Das Kummergespenst Walpurga Die Wila Die Falkenjagd Der Ketzer Das Dämchen Der Gymnasiast (Walzer) Der Jäger und das Wichtchen Das Heuhexchen VI. Spruch und Lied. Pan, der Richter Aurora Das Leuchtschiff Hausspruch Der Ostwind September Kronos' Wagen Fatime (Kantate) VII. Sinnbilder. Die drei Fliegen Kommissionsfriede Die sieben Rößlein Das Orakel Oktober Der Handwerksbursch Die Jurakönigin (Roman) Der Neubau VIII. Denkwürdigkeiten. Gülnahar Die Prophetenwahl Adamsruh Die Korrektur des Weibes Achmed, der unverbesserliche Menschenfreund Aus Klio's Notizbuch   Alphabetisch sortiert:                         Achmed der unverbesserliche Menschenfreund Adamsruh Anaïta Aurora Aus Klio's Notizbuch Cyrus' Ende Das Dämchen Das Heuhexchen Das Kummergespenst Das Leuchtschiff Das Orakel Das Postmaidlein Das Sterbefest Der besiegte Herzog Der Cid und die Fee Der falsche Bel Der Flößer Der Gotenknecht Der Gymnasiast Der Handwerksbursch Der Jäger und das Wichtchen Der Ketzer Der Neubau Der Ostwind Der Venus Rundgang Der Wanderer Der Zauberer und der Frosch Die beiden Züge Die Blütenfee Die drei Fliegen Die drei Rekruten Die drei Spinnerinnen Die Falkenjagd Die Hochzeit des Theseus Die jodelnden Schildwachen Die Jurakönigin Die Korrektur des Weibes Die Mittagsfrau Die Prophetenwahl Die Schneekönigin Die sieben Rößlein Die Titanen Die tote Erde Die Weltpost Die Wila Fatime Gülnahar Hausspruch Hildebrand Kommissionsfriede Kronos und der Greis Kronos' Wagen Oktober Pan, der Richter Parisade September Träume Jakobs des Auswanderers Walpurga I. Kosmisch und mythologisch. Kronos und der Greis.                 In finstrer Nacht, auf steilen Wolkenpfaden, Gefesselt, einem Uebelthäter gleich, Schied der verbannte Kronos grambeladen Aus seinem goldnen Himmelskönigreich, Die lichtumblaute Götterburg zu tauschen Mit des Cocytus Thränenwogenrauschen. Zwei stumme Häscher ritten vor dem Wagen, Zwei andre folgten lautlos hinterdrein. Ihr Ohr blieb taub auf alle bangen Fragen Und die geschloßnen Lippen schwiegen: nein. Und daß beim Jammer die Beschimpfung wohne, War er verhöhnt mit einer Flitterkrone. Als sie gen Morgen kamen auf die Erde, Wo sie an einem Brunnen pflogen Rast, Nahte des Wegs mit schwankender Gebärde Ein Greis, gebrochen von der Jahre Last. Trüb war sein Blick, der nach Erlösung lechzte, Und öfters hielt er still und stöhnt' und ächzte. »Willkommen mir, Gefährte meiner Leiden!« Seufzt' ihm entgegen der entthronte Gott. »Wen Macht verläßt und Kraft und Jugend meiden, Er fahre hin, sein Antlitz wird zum Spott. Getrost! ein jeder muß sein Dasein sühnen. Sprich frei! du darfst dir einen Wunsch erkühnen.« Unwillig hob der Greis die buschigen Brauen Und rümpfte mürrisch den entzahnten Mund. Dann, näher pilgernd, ohne aufzuschauen, Gab er verächtlich ihm die Antwort kund: »Wer du auch seist, behalte deine Gaben, Wen Durst nicht brennt, den kann der Quell nicht laben. »Willst du beglücken, willst du Segen spenden, Frag' an beim Jüngling, dem der Wunsch noch reift; Frag' an beim Kinde, das mit gierigen Händen Nach jedem bunten Gegenstande greift. Was diese Welt enthält, ich hab's genossen, Mein Maß ist voll, mein Kreis ist abgeschlossen. »Geschäh' das Wunder, daß vom Himmel stiege Allvater Kronos und mich wissen ließ' Die Ahnenleiter und Geschlechterriege Der Sippe, die mit meinem Namen hieß, Er würde köstlicher mein Herz ergetzen, Als Geld und Gut mit allen irdischen Schätzen.« Aus die gebundnen Dulderhände nieder Sah schweigend der Gefangene und sann. Dann schloß er dichtend die Prophetenlider, Erhob die Stimme singend und begann Vor dem erstaunten Hörer auszubreiten Die süße Sage der entschwundnen Zeiten. Rückwärts sich wendend mit Gedankenschritten, Zog er, was die Erinnerung verlor Und was dem blöden Menschenblick entglitten, Behutsam aus der Dunkelheit hervor, Sang ihm von seinen Eltern und Verwandten Und wob das Unbekannte zum Bekannten. Kein Name, kein begehrtes Antlitz fehlte, Der Liebeskette mangelte kein Glied. Freundschaft durchwärmte, was er auch erzählte, Und was er immer nannte, ward zum Lied. Mocht' er Erlebtes, mocht' er Fremdes schildern, Ein Heimatodem quoll aus allen Bildern. Die Not des Augenblickes war vergessen, Auf Geisterflügeln schaukelte der Greis. Mit offnem Munde horchend unterdessen Lagen die Wächter ringsherum im Kreis. Das Bächlein spann den Takt mit leisem Munde, Die Dämm'rung schwieg und staunend stand die Stunde. Da gellt ein Hahnenschrei, die Sonne weckend, Vom Gipfel steigt der Tag im Morgenrot. Die Wächter, jäh aus ihren Träumen schreckend, Erfassen wieder Auftrag und Gebot. Getümmel – Schelten – Streit – Befehle schallen – »Vorwärts!« Und weiter geht's mit Peitschenknallen. Sieh! welche Zauberkraft verjüngt den Alten? Das Auge flammt, der Nacken reckt sich auf. Das emsig fliehende Gespann zu halten, Stürzt er ihm keuchend nach in tollem Lauf. Jetzt humpelt er im Gleichschritt mit den Speichen, Klammert sich kläglich fest und will nicht weichen. »Ein letztes Wörtchen noch vergönnt zu fragen! Halt ein! So hört doch! Gnade! Gebt Erlaub!« Die Geißel pfiff, es rasselte der Wagen Und schüttelte den Alten in den Staub. Ferner und ferner klapperten die Hufe Und mutlos starben seine Schmeichelrufe. Das Sterbefest.                 Als noch Saturn der Herr der Erde war, Geschah das Sterben einmal nur im Jahr. Nicht einsam litt der Mensch die Todesnot, Es war ein feierlicher Völkertod. Auf einer Wiese standen sie vereint: Brüder und Unbekannte, Freund und Feind, Von Andacht hehr, von Sympathie gestärkt: Die Auserlesnen, die der Tod gemerkt. Der König brach das Schweigen und begann: »Kinder des Todes! schaut einander an! Weil man nun sterben muß und scheiden soll, So laßt hienieden Bitterkeit und Groll. Was du gelitten, was geduldet hast, Wirf's hinter dich, 's ist eitel Herzenslast! O folgt dem Ruf, der euch im Herzen tönt. Auf denn! es scheide keiner unversöhnt!« Ein Schauer schüttelte die Opferschar Und zaudernd maß sich manches Feindespaar. Der feuchte Blick, der ihm entgegenschmolz, Entwaffnete den eigensinnigen Stolz. Sie fühlten sich einander leidverwandt Und jeder bot dem andern treu die Hand. Zum zweiten redete die Königin: »Aus dem Verluste pflücket den Gewinn: Kein Schicksal ist auf Erden noch so graus, Die Liebe schöpft ein Körnchen Glück daraus. Ist einer, der im tiefsten Herzensgrund Denkt einer Jungfrau mit verschwiegnem Mund, Er trete vor sie hin und meld' es frei, Damit ihm Dankestrost und Antwort sei. Des Todes Allmacht sprengt der Sitte Zwang, Vor seinem Odem fallen Stand und Rang.« Jetzt, wie zur Quelle, die ihn labt und heilt, Der durst'ge Wanderer frohlockend eilt, So flog, vom Hoffnungssonnenstrahl beseelt, Jeder zu jener, die sein Herz erwählt. Ein Sehnsuchtsschrei, ein stammelnder Erguß – Und Scham und Jubel einten sich im Kuß. Horch! Harfenhauch und Psalterharmonie! Andächtig fällt die Menge auf die Knie. Ein Todesherold mit bekränztem Schwert Reitet heran auf schwarzumflortem Pferd. »Gegrüßt! ihr auserwählten Helden ihr! In Gottes Namen! Freunde! folget mir! Fest steht und unverrückt des Schicksals Schluß, Darum geschehe, was geschehen muß!« Da brandete das Abschiedsschmerzenmeer, Und tausend Namen schluchzten hin und her. Der Herold hielt sein Angesicht verhüllt, Bis daß der Schmerz sein billig Maß erfüllt. Dann winkt' er mit der Hand, die Trommel schlug: Von hinnen wankte der verlorne Zug. Die Brüder gaben eine Strecke weit Dem todgelobten Trüpplein das Geleit, Bis an die Landesgrenze, wo der Weg Berganschleicht über einen Brückensteg. Dort stellten sie sich längs dem Wasserlauf Hüben und drüben au den Ufern auf. Vom Weidendickicht, das den Bach besetzt, Brach jeder sich ein junges Zweiglein jetzt. Das reicht' er seinem Gegenüber dar, So daß von dieser und von jener Schar Kreuzweis verschlungen ein lebendig Band Von Grüngezweig die Trennung überwand. Dann sangen alle ohne Unterschied Im Doppelchor ein tausendstimmig Lied: »Getrost! ob auch uns trennt des Todes Schlund! Wir stammen allesamt aus einem Grund: Wir zielen allzumal nach einem Schluß, Der das Zerstreute wieder sammeln muß. Kein Hauch, kein Staub verliert sich aus der Welt, Kein Stein ist, der ins Bodenlose fällt. Ein Faden läuft im Irrwald der Natur: Wohin du stehst, du trittst auf eine Spur. Die Tröpflein rinnen unterm Fels daher: So blind sie sind, sie finden doch das Meer. Zuletzt ist Gott, zu oberst winkt ein Pol. Lebt wohl! ihr Herzgeliebten! lebet wohl!« In einem Gletscherwirrsal, oberhalb Dem Menschenland lag eine öde Alp. Man nannte sie die Alp zum bösen Weh, Denn dazumal auch that das Sterben weh. Drei Tag' und Nächte hörte man von dort Röcheln und Stöhnen, Schlachtgeschrei und Mord. Dazwischen, tröstlich wie ein Sonnenstrahl In finstrer Nacht, Lobpreisen und Choral. Doch wenn die blut'ge Arbeit war bestellt Und Schweigen schwebte überm Leichenfeld, Dann senkten sie die Toten all' hinab In ein gemeinsam Allerseelengrab. Ein einzig großgesinnt Erinnrungsmal Umarmte die Verblichnen allzumal. Für alle galt, für jeden war gemeint Die Thräne, die um einen ward geweint. War keiner so verachtet und gering, Der nicht ein kleines Tröpflein mitempfing. Die Weltpost.                   Auf einem Berg ein Posthaus steht, das keinem andern gleicht, Das nie ein Wandrer hat geschaut und nie ein Brief erreicht. Die Riesensäle gähnen leer, kein Wort, kein Ruf erschallt. Statt Menschengeist und Menschenhand wirkt eiserne Gewalt. Von selber läuft das Räderwerk und eilt der Pendel Takt. An allen Enden schafft es leis, prickelt und pocht und knackt. Beständig summt der Telegraph und saust Depeschenflug. Im Hofe vor dem Fenster fährt ein Doppelschienenzug. Die einen Wagen fahren her, die andern fahren hin, Viel tausend Seelen sitzen stumm und totenbleich darin. *           * * Nur einmal, wenn auf Mitternacht der Wanduhrzeiger steht, Juckt durch die Wand ein Glockenspiel, ein Hahn springt vor und kräht. Die heiligen Apostel zwölf marschieren langsam auf. Ein Herold hebt den Botenstab und eine Thür geht auf. Jetzt öffnet er den Stentormund und stampft mit Stab und Fuß: »Erhebet Euch, der Meister kommt, entbietet ihm den Gruß.« Da braust ein Aufruhr durch das Haus und hast'ger Stimmenhall, Urplötzlich stockt das Räderwerk und die Maschinen all: Im Hofe stemmt den Eisenfuß die Doppelschienenbahn, Alles pausiert erwartungsvoll und hält den Atem an. Durch schwarzes Schweigen tönen laut elf Glockenschläge nur – Doch wenn den zwölften Glockenschlag gethan die Wunderuhr, Da kichert's in der Gegenwand und lacht wie Teufelshohn, Ein Klingelruf, ein Judasschrei schrillt aus dem Telephon: »Den Meister heischet ihr umsonst, der Meister der ist krank.« Der Herold senkt den Botenstab und knarrend in den Schrank Verschwinden Hahn und Glockenspiel, die Wand verschlingt das Thor, Der Seelenzug hebt wieder an die Fahrt. Und wie zuvor Geht bei geschäft'gem Rädertakt und Telegraphensang Die wundersame Weltenpost den geisterhaften Gang. Die drei Spinnerinnen. 1.               Es sitzen drei alte Jungfern im Turm, Sie singen und spinnen bei Nacht und Sturm. Die Erste verwegen die Spindel dreht, Daß die Bänder flattern, die Kunkel weht.         »Der König will kriegen         Die Spindel muß fliegen.         Zieht aufwärts, zieht abwärts,         Springt hüben, springt drüben,         Der Regen aufs Dach,         Das Tröpflein zum Bach.         Ein jeder muß eilen,         Darf keiner weilen.«   2. Die Zweite , eh' sie den Faden streckt, Mit hängender Lippe den Daumen leckt. »Das Thor ist von Eisen, die Burg von Stein, Was kann fester als Himmel und Erde sein? Allvater Wodan im Himmel oben, Den alle guten Geister loben.         Jetzt über, jetzt unter,         Fallt alle herunter!         Ob Kaiser, ob Knab',         Es muß jeder herab.«   3. Doch die Dritte das Werg mit den Fingern rupft: »'s ist alles verknotet, 's ist alles verzupft.         Der Zwirn ist verzwickt,         Der Faden verstrickt,         Das Wupp ist verworren,         Die Arbeit verloren.         Verpfuscht was ich seh:         O Jammer, o jeh!« Die tote Erde. Legende.             Zwölf Engel hielten am Himmelsthor: »Ihr Türmer herunter, ihr Wächter hervor.« »»Was bringt ihr? ihr lieben Leute?«« »Wir kommen geritten vom Erdenrund, Gar frohe Botschaft bringt unser Mund, Stimm' an die Glocken und läute!« Und als das Pförtchen war aufgethan, Da setzten sie die Posaunen an Und bliesen aus vollen Wangen: »Juchhe, ihr Völker, juchhe haja! Herbei ihr alle, halleluja! Die frohe Post zu empfangen: Worum wir inbrünstig gebetet oft, Was jeder ersehnte, was keiner gehofft, Es hat sich in Gnaden begeben; Wir kommen geritten von Erden fern: Erloschen, verglommen der blutige Stern, Verhaucht das unselige Leben.« Da flogen die Thüren und Fenster auf Und alle die Seligen eilten zu Hauf Und zogen zu Fuß und zu Pferde, Mit Pfeifern und Trommlern und Saitenspiel Und fröhlichem Schwatzen und Lachen viel, Hinab auf die einsame Erde. Doch als sie im glitzernden Sternenreich Gewahrten die traurige Weltenleich', Verkohlt in den Wolken schwimmen, Da ging den Pfeifern der Atem aus, Und mancher wischt sich ein Thränlein aus Und thät ein Greinen anstimmen. Dann schlichen sie auf dem Riesengrab Mit heimlichem Flüstern thalauf und thalab Und erzählten mit Bangen und Zagen Von alter verschollener Menschenzeit, Von Krankheit und Sterben, von Zank und Streit Einander die schaurigen Sagen. Sie stifteten einen Sühnaltar, Drauf brachten die Priester die Messe dar Beim Klange der Trauerlieder. Ein Requiem aeternam lallt' ihr Mund, Weihwasser sprengten sie auf den Grund Und flehten den Segen hernieder. Der Segen, der schwebte wohl über die Welt, Das Weihwasser rann übers Ackerfeld, – Doch sieh! was will das bedeuten? Der Segen flog ängstlich im Kreis herum, Das Weihwasser wälzte sich um und um – Sagt an, was soll das bedeuten? Da sprach das Weihwasser: »Ich sehe, ich seh' Auf Erden kein Plätzchen, wohin ich auch späh', Das nie eine Thräne benetzt hat.« Und der Segen, der sprach: »Ich suche, ich such' Einen Fleck, einen kleinen, den nicht der Fluch, Den nicht der Mord schon besetzt hat.« II. Episch. Anaïta.                   Nach Albord, dem luftigen Bergschloß, früh beim ersten Tagesgrauen, Stiegen durch das Dämmerzwielicht sieben schwanenweiße Pfauen. Oben auf der Zinnenkrone, wo das Morgenrot sich sonnte, Bäumten sie. Und steifen Blickes spähend nach dem Horizonte Sträubten sie die Blumenhauben, lüfteten die Silberschwingen Und begannen stolzen Tanzes einen Jubelpsalm zu singen: »Auf! ihr Töchter von Airana! schmücket Euer Haupt mit Kränzen! Eine Sonne seh ich funkeln, einen Helden seh ich glänzen: Oromazes, unser König, der den Agraman geschlagen, Kehrt zurück im Siegeszuge hoch auf beuteschwerem Wagen. Fortan feiern Wehr und Waffen in des Todes blut'ger Schmiede. Nach dem Sturme, nach der Mordnacht blaut der sanftgemute Friede.« Feuerzeichen und Fanale flammten auf bei diesen Worten, Und Airanas Töchter schwärmten taubengleich aus allen Pforten. Sehnsucht in den feuchten Blicken, Freudenrosen auf den Wangen, Ihre Brüder, ihre Väter, ihre Gatten zu empfangen. Aber wie vom hehren Himmel, wenn des jungen Tages Strahlen Berg und Thal vom Dunst erlösen und mit heitern Farben malen, Schnellen Flugs der Ostwind segelt über die betauten Fluren, Lerchenjubel vor ihm schmetternd, Amselschlag auf seinen Spuren, Also flog im flinken Dreispann durch die Morgensonnenblitze Anaït, des Königs Gattin, feldwärts an des Volkes Spitze. Fürstlich war der Wagenlenker, der ihr dienend stand zur Seite. Sieben edle Jungfraun sprengten halbmondförmig im Geleite, Angethan mit rotem Purpur, fröhlich, gleich dem Regenbogen, Goldumgürtet, helmumflattert und bewehrt mit Schild und Bogen. Doch im weißen Herrscherkleide, das auf jeden Prunk verzichtet, Stand auf ihres Thrones Schemel Anaïta, glanzumlichtet. Rock und Schärpe: Mondscheinwolken. Ihre Glieder: Schnee im Firne. Eine Sternennebelsonne von der Sohle bis zur Stirne. Sahst Du je in eines Gartens duft'gen Blumenlabyrinthen Eine Lilie glühn im Feuer scharlachfarbner Hyacinthen? Also war die junge Fürstin unter ihren edlen Frauen: Eine lichte Himmelsbotin, eine Peri anzuschauen. Vorwärts nach dem Schlachtfeld wies sie, schwingend eine leichte Lanze, Und von ihrem Scheitel fegte ihr Gelock in lustigem Tanze. Schon vernahm ihr Ohr Triumphschrei und ihr Blick die ersten Leichen, Plötzlich sah man sie erbeben und ihr Angesicht erbleichen. Um den Hügel eines Weinbergs kam ein Kriegerharst gegangen. Einen Mann in ihrer Mitte führten sie einher gefangen: Agraman, des Feindes Häuptling, unterjocht und überwunden, Blutentstellt das wilde Antlitz und die Brust zerhackt von Wunden. In die Zügel griff die Fürstin und, entbrannt von jähem Hasse, Sprang sie auf den Rasen nieder, brach sich herrisch eine Gasse: »Heil der Stunde,« rief sie heftig, »die mir solche Gunst verschaffte.« Rief's und schlug sein blutig Antlitz schimpflich mit dem Lanzenschafte. »Weib!« versetzte der Gefangene düster mit verhaltner Stimme, »Herrlich ist der Mann im Zorne, feig das Weib in seinem Grimme. Nimmer trifft die Hand des Edlen wen das Unglück hat geschlagen, Jedes Loos entspringt dem Würfel, jeder Kampf beruht im wagen. Deinetwegen, harte Feindin, Deinetwegen ward gestritten, Weil ich einen Andern lebend Dir zur Seite nicht gelitten. War's Verbrechen, daß die Sonne Deiner Schönheit mich geblendet? Hätte mir der Sieg gelächelt, mir sein Antlitz zugewendet, Müßtest jetzt mit Angst und Zittern mich als Deinen Herrn begrüßen Und ich legte Kron' und Scepter, Macht und Reichtum Dir zu Füßen. Anders durch des Schicksals Ratschluß, als ich hoffte, ist's gekommen. Möge Dir des Gatten Andacht, Deines Volkes Ehrfurcht frommen! Mögen neue, unerhörte Foltern mein Gebein durchwühlen! Mehr als eine einzige Hölle kann derselbe Mensch nicht fühlen. Hoffe nimmer froh zu werden, wem Du Deine Huld verschlossen. Aber wenn aus Deinem Schoße Dir die erste Frucht entsprossen, Wenn auf seligen Mutterarmen Du ein holdes Knäblein herzest, Süße Koselaute stammelst, traute Thorheit mit ihm scherzest, Laß durch meines Kerkers Gitter mich des Kindes Atem spüren, Laß mich seine Hände küssen, laß mich seine Stirn berühren, Daß ich, in die blauen Augen durstig meinen Blick versenkend, Deines Bildes heilig Abbild weinend segne, Dein gedenkend.« Zaudernd lauschte Anaïta des Verführers Schmeichelreden, Und sie spürt' in ihrem Herzen Haß und Mitleid sich befehden. Dann mit einem Blick des Abscheus aus den hochgespannten Brauen Stieg sie wiederum zu Wagen, fremd und unnahbar zu schauen. Und auf Schwalbensehnsuchtsflügeln, die zum Ziele blindlings pfeilen, Fuhr sie durch die Totengassen, ihren Gatten zu ereilen. Wand zum Kranz ihm um die Schläfen ihre marmorweißen Arme, Jauchzt' ihm von genes'nen Aengsten, seufzt' ihm von verwichnem Harme. Lehnt' ihr Haupt an seine Wange, gläubig, mit ergebner Miene, Ob ein Lächeln sie erschmeichle, eine Gnade sich verdiene. Seinen Königsmantel hatt' er um den Nacken ihr geschwungen, Schmiegte sie an seine Schulter, hielt den Leib ihr eng umschlungen, Und indem er seine Blicke tief in ihre Augen tauchte, Neigt' er sich zum holden Gruße, dem sie bebend Antwort hauchte. Schweigend stand herum der Krieger ungeheure Heerkolonne, Und es beugten sich die Kniee vor des Glückes heil'ger Sonne. Endlich, auf ein Herrscherzeichen, brachen auf die treuen Scharen, Banner wehten in den Lüften, und beim Klange der Fanfaren Lenkten heimwärts sie die tapfern, mutbeseelten Panzerrosse Nach Airana's blumigen Fluren und Albord, dem luftigen Schlosse. *           * * Nach Albord, dem luftigen Bergschloß, Mitternachts, beim Sturmesheulen, Huschten durch die falben Blitze sieben tigerfarbne Eulen, Flatterten gespensteräugig um die königlichen Zimmer, Und aus ihren heisern Hälsen ächzt' ein schauriges Gewimmer. »Wachet auf, betrogne Schläfer! Schüttelt ab die Traumgebilde! Jagt mit Falken und Geparden, jaget nach dem flüchtigen Wilde! Glück und Frieden seh ich trauernd von Airanas Fluren weichen. Anaïta, Anaïta sah ich aus dem Thor sich schleichen, Sah in eines Schleiers Falten sie das Angesicht verhehlen, Sah sie mit dem holden Knaben in die finstre Nacht sich stehlen.« Und sie riefen's durch die Fenster, und sie kreischten's von den Türmen, Doch ihr Warnungsruf verhallte ungehört im Donnerstürmen. So erfüllte sich das Schicksal und vollzog sich das Verderben. Anaït indessen eilte mit Sesiosch, dem Throneserben, Nach dem Kerker Sinewada überm Fluß, auf schlanker Brücke, Wo auf ihre Ankunft längst schon lauerte des Feindes Tücke. Hob erbarmend an das Gitter ihren erstgebornen Knaben, Wähnend, des Gefangnen Seele mit dem Anblick zu erlaben. Sahst Du je in eines Wolfes Augen Gier und Mordlust schimmern, Wenn, am Waldessaum sich duckend, er vernimmt des Lammes Wimmern? Also über des Gefangnen Antlitz flackerte die Rache Und aus seinem heißen Gaumen kichert' eine böse Lache. Nahm das Kind aus ihren Händen, drückt' es an die Kerkerstangen, Küßt' es innig auf die Lippen, biß es stürmisch in die Wangen. Plötzlich, mit behendem Schwunge, warf er's in des Stromes Schnellen, Und wie Teufelshohngelächter triumphierte jetzt sein Gellen: »Weib, mit Deinen blauen Augen, welche schwarzes Unheil stiften, Mußtest meinen Herzensjammer nicht mit Schimpf zumal vergiften. Mochtest weder selbst mich lieben, noch von mir Dich lieben lassen, Wohl, so blieb mir nur das Eine: Dich von Herzensgrund zu hassen. Eignes Glück mir zu erzwingen kann ich nun und nimmer hoffen, Doch das Deine zu vernichten, Thörin, stelltest Du mir offen. Bitter ist der Kelch des Unglücks, bittrer schmeckt's, den Feind beneiden. Welche Lust, geliebtes Unweib, mich an Deiner Qual zu weiden.« Also höhnte der Verruchte, doch sein Hohn verhallt' in's Leere, Denn schon kämpfte mit den Strudeln Anaït im Wogenmeere. Mit verzweifeltem Bemühen suchte sie ihr Kind zu haschen; Konnte doch den Strom nicht hemmen und die Flut nicht überraschen. *           * * Auf den moosbewachs'nen Trümmern von Albord, zur Mittagsstunde, Stöbern im Gestrüpp und Moder sieben rabenschwarze Hunde. Oefters heben sie die Schnauzen, um zu spüren und zu wittern, Während weithin durch die Wüste ihre Klagetöne zittern. »Wo ist König Oromazes? wo Airana's stolze Helden? Wer vermag uns Zeit und Stunde seiner Wiederkunft zu melden?« Schweigen kehrt zurück vom Berge und kein Echo hallt vom Thale, Aber winselnd aus der Wüste kläffen Antwort die Schakale: »Bei der Brücke Sinewada, wo die schnellen Wellen ziehen, Sah ich längs dem Weidenufer unsern König jammernd fliehen, Hört' ihn zwei geliebte Namen unaufhörlich lockend nennen, Sah ihn mit der Strömung jagen und den Strom vorüber rennen.« Also kläfften die Schakale. Horch! da donnerten die Rufe Eines Löwen aus dem Dickicht einer hohen Felsenstufe: »Wenn dereinst vom höchsten Himmel steigt der Tag, von dem die Zungen Gottbegeisterter Propheten und der Dichter Mund gesungen: Der gelobte Tag des Urteils, der Verdammnis und der Ehren, Da sich sammeln alle Völker und die Toten wiederkehren, Da vom fernsten Meeresgrunde Flüss' und Ströme heimwärts eilen, Da die Jahre rückwärts wenden und die flücht'gen Stunden weilen, Reitet an der Engel Spitze durch die Gräber von Airana Auf dem weißen Sonnenpferde Er: Zarvana Akharana. Honover, das Wort der Gnade und Erlösung wird er sprechen, Und mit seinem Siegelringe die Gewalt der Hölle brechen. Dann wird mit verjüngtem Glanze Oromazes wiederkommen, Seinen Feinden zum Entsetzen, seinen Gläubigen zum Frommen. Agraman, den finstern Fürsten wird mit starker Hand er töten Und im Blute der Verräter das Gefild Airana's röten. Aus den Trümmern, aus dem Schutte wird Albord er auferbauen, Und Sesiosch, den Erstgebornen mit der schönsten Peri trauen. Damajantis heißt ihr Name, Huld und Güte ist ihr Wesen; Wem ihr Himmelsantlitz lächelt, ist von Sündenschuld genesen. Saphir sind die blauen Augen, die wie Doppelsonnen blenden, Aber Segen und Versöhnung schatten von den sanften Händen. Tausend Jahr' und eine Stunde währt das Hochzeitsfestgelage, Saitenspiel und Cymbalrauschen, Glück und Jubel alle Tage. Siehe, durch die frohen Gäste zögert ein vergrämter Schatten: Furchtsam schiebt die kranken Schritte Anaït' vor ihren Gatten. Seine Heldenknie' umfangend, netzt sie seine Hand mit Thränen Und von der gewohnten Stimme Schluchzen überquillt sein Sehnen. Ihren langentbehrten Namen schreit er, öffnet weit die Arme, Legt sein Haupt an ihre Schläfe, fügt sein Leid zu ihrem Harme. Groll und Unmut sind geschmolzen und ein sonniges Verzeihen Wird verklungnes Weh verklären und gebüßten Irrtum weihen. Die Titanen.                   Eh' Zeus der Ordnungsspender ermaß Gesetz und Recht, Da herrschte der Titanen unbändiges Geschlecht. Sie spannten Erd' und Himmel in ihr gewaltig Joch, Denn kein Hiatus trennte die Schöpfung damals noch. Im tiefsten Hades fußend auf mächtigem Postament Wuchs trotzig in die Wolken ein einzig Firmament, Gestemmt durch wuchtige Pfeiler, von Säulen rings gestützt Und mit granitnen Mauern vor Blitz und Sturm geschützt. Doch die Titanen selber, geschart um Uranos, Behaupteten auf Erden ein kühn Tyrannenschloß. Mit jedem jungen Morgen, beim ersten Lerchenchor, Sprengten auf hundert Wagen sie sämtlich durch das Thor, Sausten zu Thal im Wettlauf, verwegen und gewandt, Drauf goß die wilde Sippe sich stürmisch über Land. Getümmel war die Losung und Ungestüm das Ziel, Sie schufen wenig Gutes und schafften Unheil viel. Was jedem sein Belieben eingab im Uebermut, Das nahm er für Erlaubnis, das dünkt ihn recht und gut. Für Klagen unempfindlich, für Scham und Sitte taub, Nannten sie Totschlag Kurzweil und Scherz den Jungfernraub. Endlich, nachdem sie sattsam gebuhlt, geschlemmt, getobt Und mit cyklopischen Spielen die Heldenkraft erprobt, Zogen am späten Abend einträchtig sie nach Haus Und lagerten gesellig bei Becherklang und Schmaus, Ergötzten mit Gesängen einander Herz und Ohr, Und nahmen für den Morgen sich neuen Unfug vor. Doch wenn vom Turm die Wächter meldeten Mitternacht, Dröhnt' ein gedämpfter Donner warnend vom Höllenschacht Und aus des Schlosses Keller im unterirdischen Gang Nahte von Frauenstimmen ein murmelnder Gesang. Viel feine Tritte rauschten, es that sich auf die Thür Und dreißig Priesterinnen wallten langsam herfür. Das Angesicht verschleiert, die Glieder spröd verhüllt, Das weltentrückte Auge mit fremdem Glanz erfüllt. Voran die Opferfürstin in keuscher Sittsamkeit, Demeters edle Tochter: Vesta, die reine Maid. Die Ampel mit dem heiligen Herdfeuer in der Hand, Begann sie jetzt zu beten, den Blick emporgewandt: »Zerknirschet Eure Herzen, entsagt dem wüsten Wahn, Die große Weltenmutter Demeter betet an, Himmel und Meer und Erde, so wohnlich und so traut, Sie wurzeln in der Hölle, ein Fluch hat sie erbaut. Viel tausend Feuer donnern im unterirdischen Schlot Und zu Demeters Füßen schlummert der arge Tod. Seht zu, daß Ihr die Drachen der Unterwelt nicht weckt Und Eures Frevels Größe nicht die Vergeltung heckt. Pocht nicht auf Eure Abkunft und Euer Regiment, Des Gottes wie des Wurmes spottet das Element.« Sie sprach's und alle stierten zu Boden schuldbewußt, In Frost und Unbehagen siechte des Festes Lust. Zum Flüstern starb die Rede, kein Sang gedieh noch Scherz, Demeters heiligen Namen sprach zagend jedes Herz. *           * * Doch längst schon hatte heimlich die freche Pandemos, Die schönste Titanide, die Tochter Uranos', Vesta's geweihtes Antlitz und ihres Wandels Zucht Mit giftigem Haß belauert und bitterer Eifersucht. Der strenge Blick der Unschuld that ihrer Geilheit leid Und Vesta's keusche Anmut erfüllte sie mit Neid. Und als nun eines Abends beim schwelgenden Gelag Der Wein die Thorheit stärkte und die Vernunft erlag, Schwang sie sich listigen Mutes empor von ihrem Pfühl Und die Begierden stachelnd mit Blicken wollustschwül, Entblößte sie die Schultern, schwenkte den Goldpokal Und warf mit heftiger Stimme das Höhnen durch den Saal: »Milch über Euch, Ihr Lämmlein! so sanft, so schlaff, so zahm! Kinder an frommem Glauben, Jungfern an züchtiger Scham! Sind das die Weltbeherrscher? Ist das Titanenblut? Wenn ein vermummtes Mägdlein kasteit den Wagemut? Ist niemand, der der Falschen, die eitel Unschuld gleißt, Von ihrem Heuchlerbusen den Lügengürtel reißt? Wohlan, krümmt Euren Rücken, kniet nieder, betet an! Ich meint', ich schaue Männer, es war ein blöder Wahn. Doch hoffe fortan keiner, daß er mich je berührt, Eh' jener widerfahren der Schimpf, der ihr gebührt.« Mit finsterm Murren straften die Zecher dieses Wort, Denn in den rohen Seelen glomm noch Besinnung fort. Nur Gyges, der Verruchte, bewährt in Missethat, Erwog im stillen Herzen den schändlichen Verrat. Von jedermann gemieden, von Pandemos verschmäht, Hatt' ihre Gunst er oftmals, doch stets umsonst erfleht. Und wie sie nun so lockend im duftigen Gewand, Das keinen Reiz verhüllte, vor seinen Augen stand, Die Wange huldreich lächelnd, der Blick von Zorn gereizt, Ein Engel der Verführung, mit Grausamkeit gebeizt, Das Auge Tod verheißend, die Lippe Liebeskuß, Entsprang aus Gier und Bosheit ein teuflischer Entschluß. Horch, Wächterruf vom Turme, verkündend Mitternacht, Gesang schlägt an von ferne, viel Schritte schlurfen sacht. Ueber die Schwelle wandelt ehrwürdig Vesta jetzt. Was schauen ihre Augen so starr und so entsetzt? Die Ampel klirrt zu Boden, sie flieht mit einem Schrei. Umsonst. Es schnellt der Unhold mit tückischem Sprung herbei. So überfällt die Wölfin, mißachtend die Gefahr, Das Lamm, das sie erkoren, im Kreis der Hirtenschar. Sie trauen nicht dem Auge, das solche That verbürgt. Da hat sie schon das Opfer mit grimmem Zahn erwürgt. – Eh einer sich's versehen und jemand ihm gewehrt, Hing sie in seinen Armen, entgürtet und entehrt. Schreck lähmte alle Zungen und jedes Herz gefror. Indessen wankte Vesta zum Söllerturm empor, Erklomm die Mauerzinne, hielt an, nahm einen Schwung Und that zur grausen Tiefe den schauerlichen Sprung. Jetzt platzen die Gemüter. Ein Aufruhr jach und wild Scheucht männiglich vom Lager. Man greift zu Schwert und Schild. Fürst Uranos fürs Erste, im Zorne schön und groß, Durchbohrt den Missethäter mit einem Lanzenstoß. Drauf heftige Widerrede, Verwünschung, Schimpf und Streit. Vom Schelten kommt's zum Schlagen, das Mord und Wunden speit. Während durch das Getümmel über den Kampfplatz hin Trillert der Siegespäan der kecken Buhlerin, Die mit Mänadenjauchzen zum Rand des Abgrunds hüpft, Von wo ihr Falkenauge mit heißer Mordlust schlüpft Durch des Geklüftes hohlen, gähnenden Klippenschlund Nach dem unseligen Leichnam, zuckend im Tannengrund. Plötzlich erscheint der Festsaal in Rauch und Qualm gehüllt. Das ist nicht mehr der Hader, das ist der Schmerz, der brüllt. Den Blick hemmt dickes Dunkel, den Atem Feuersglut, Vom Keller braust und prasselt's wie Hagelsturmeswut. Jetzt blitzt es aus den Fugen. Ein greller Schwefelschein Sticht blendend von der Treppe tief in den Saal hinein. Hell lodern rings die Wände: das Dach, den Boden leckt Die rote Flammenzunge und keine Rettung kleckt. Doch sieh, am Himmel drüben taucht durch das Strafgericht, Die greisen Locken schüttelnd, Demeters Angesicht. Ueber die Sterne reckt sie ihr Riesenhaupt empor Und mit Posaunenstimme Stößt sie den Spruch hervor: »Das Maß ist überlaufen, die Saat des Zorns ist reif. War je wie Euer Nacken ein Stein so hart und steif? Hatt' ich nicht jeden Frevel, langmütig, taub und blind, Der Euch gefiel, geduldet? Was mordet ihr mein Kind? Um ihrer Bitten willen hatt' Euer ich geschont, Und also wird die Gnade und Langmut mir belohnt? Hinunter in die Hölle, du Aftergötterbrut! Satt bis zum Hals von Sünde, trunken von Schmutz und Blut. Fluch über Dich, Du arge, du schamvergessene Welt! Laß sehen, wer da stehe und was da hält und fällt.« Und ihre Riesenarme schleudernd mit grimmem Ruck, Griff sie zwei Weltensäulen, that einen Zuck und Druck. Da taumelten die Berge, der Himmel drehte sich, Sonne und Mond erloschen, die Erde wankt' und wich. Von Schwindel schien die Schöpfung und Todesangst erfaßt. Verdrängt war jede Stütze, verschoben jede Last. Die Mauern stürzten einwärts, die Pfeiler nebenaus Und polternd brach zusammen das schwere Weltenhaus. Ein Schutt- und Aschenwirbel stob aus dem Riesenrumpf, Verkrochen im Gebirge, heulte das Echo dumpf. Und als aus der Ruine der Brodem sich verzog, Und mit dem Winde schwankend die Wolke seitwärts bog, Da zeigte sich verwandelt die Schöpfung rings umher. Um neue Grenzen wogte erstaunt das blaue Meer. Vom Erdengrund geschieden durch eine weite Kluft, Schwebte das Dach des Himmels hoch oben in der Luft. Versprengte Tiere suchten angstwinselnd ein Versteck Und Berg' auf Berge türmte in blinder Flucht der Schreck. Längst wieder war versunken Demeters Höllenhaupt, Gestein und Asche keimten, von frischem Grün belaubt, Und ein geschäftig Leben schwatzte von Busch und Baum, Doch oftmals noch durchbebte den jungen Weltenraum Ein plötzliches Erzittern, Nachschreck und Widerhall Vom Frevel der Titanen und ihrem jähen Fall. Parisade. Märchen.                     Im Palasthof von Damaskus, wo die Marmorlöwen schliefen, Tummelt' ihren weißen Renner Dschems, die Tochter des Kalifen. Warf die kalten Blicke spöttisch auf die jungen Janitscharen, Die am Palmengartengitter dort zum Spiel versammelt waren. Nahm drei Pfeile aus dem Köcher, legte sie auf ihren Bogen, Schoß sie aufwärts nach der Sonne, daß sie über's Hofthor flogen. »Wer die Pfeile mir zurückbringt, dem gestatt' ich jene Stunde, Wer er sei und wie er heiße, einen Kuß von meinem Munde.« Hitzig schwärmten aus die Knaben, stürmten durch den Hof in Eile, Kehrten wieder spät am Abend, kehrten wieder ohne Pfeile. *           * * Soliman, ein junger Sklave fürstlichen Geblüts, indessen Konnte nicht der Herrin Worte und ihr Lächeln nicht vergessen. Krank von ihren schwarzen Augen, dürstend nach dem süßen Preise Klettert' er in heit'rer Mondnacht über Dach und Mauer leise. Sieben Tage nach dem Pfande sucht' er bis zum Rand der Wüste, Wo auf einem Maultier reitend ihn ein Derwisch also grüßte: »Büblein, spare Deinen Eifer! Schone Deines zarten Lebens! Lügen sät der Mund der Frauen, und Du hoffst auf Lohn vergebens. Eine Närrin, eine Bübin ist sie, die die Pfeil' entsandte, Eine Zauberin die andre, die im Fluge sie entwandte. Parisade heißt ihr Name, Königin der finstern Feen, Deren unbarmherzig Antlitz nie ein Fröhlicher gesehen. Fern im Wald auf steilen Felsen liegt ihr Gartenschloß verborgen. Kummer hütet seine Schwelle, seinen Ausgang Gram und Sorgen.« »Sei sie Närrin! sei sie Bübin!« rief beherzt der mutige Sklave. »Werde jedes Weh und Unheil mir zur wohlverdienten Strafe. Kann doch nimmer sie vergessen, ihre Küsse nicht entbehren. Will den Tod ich für sie wagen, wer vermißt sich, mir's zu wehren?« Dankte drauf mit Gruß und Handkuß kurz dem wohlgesinnten Greise Und zum Schloß der Parisade unternahm er jetzt die Reise. *           * * Mühsal und Entbehrung trotzend und Gefahren aller Arten Kam er eines Morgens endlich vor den Feenfelsengarten. Schritt gerade durch das Pförtchen, ohne links und rechts zu sehen. Sah an einem Brunnenschachte Parisade lauernd stehen. »Will Dir dienen!« rief er freudig. »Sprich! wofür willst Du mir dienen?« »Will die Pfeile, die Du raubtest, will mein Glück damit verdienen.« Und sie reicht' ihm einen Eimer, hieß ihn aus dem Grunde schöpfen Und die Schätze von dem Kehricht scheiden in besondern Töpfen. Den gewichtigen Eimer hob er baggernd aus dem schlammigen Bette, Auf und nieder in dem Schachte klirrte die geschäftige Kette. Wunderbare Zauberschätze blinkten aus dem dunklen Sode: Schmuck und Waffen, Königskronen, Gold und köstliche Kleinode. Welten rollten, Geister raunten in dem unterirdischen Flusse. Doch sein einziger Gedanke zielte nach der Herrin Kusse. Ob der harten Händearbeit schwanden unvermerkt die Stunden, Bis er unverhofft im Eimer die drei Pfeile vorgefunden. Urlaub bot ihm Parisade jetzt mit rätselhaften Blicken: »Möge, was hinfort sich eignet, sich nach Deinem Wunsche schicken.« Hastig, ohne zu bedenken, was der dunkle Spruch bedeute, Flog er jubelnd aus dem Garten mit der heißerrung'nen Beute. Als er durch die Wälder eilte, die den Zauberberg umranken, Hört' er seinen Atem keuchen, spürt' er seine Kniee wanken. Als er aus den grünen Schluchten eintrat in die Tageshelle, Wies mit grauem Bart und Haupthaar ihm sein Ebenbild die Quelle. Als er fern am Horizonte sah die trauten Heimatlande, Traf er wieder einen Derwisch reitend nach dem Wüstensande. »Hemme Deine Fahrt, o Derwisch,« bat er, »und ein Weilchen raste. Steh mir Red' und Antwort: melde, hast Du Kunde vom Palaste? Von Damaskus? Vom Kalifen? Von den stillen Marmorleuen?« »Groß ist Allah!« rief der Derwisch, »lehre seinen Ratschluß scheuen! Flammen sah ich aus Damaskus züngeln, blutige Glieder zucken! Im Palaste des Khalifen hausen grimmige Seldschukken. Thron und Treue, Recht und Satzung hat ihr krummes Schwert zersplittert, Und im Staub die Marmorlöwen ruhn zertrümmert und verwittert.« »Melde mir von meinen Brüdern von den muntern Janitscharen!« »Liegen draußen auf dem Schlachtfeld, modern dort seit zwanzig Jahren.« »Singe mir den Ruhm der schönen Dschems, der hehren, hoheitsvollen.« »Ist verzogen mit dem Feinde, ist verdorben und verschollen.« »O genug der bösen Botschaft! Will das Unheil nimmer enden?« Und die trügerischen Pfeile wägend in den welken Händen: »Dies für ein gestohlen Leben, das ich einsam durchgekostet: Ein paar scharfe Widerhaken, übergiftet und verrostet!« Auf den Boden warf er bitter die verräterischen Bolze. Sieh, da quollen ekle Würmer wimmelnd aus dem faulen Holze. Oede ward's in seiner Seele und vor seinen Augen wüste. Weder Freunde, weder Heimat, nichts, was ihm sein Leid versüßte. Eine Feder ließ er fliegen, welchen Wegs er sterben werde. Doch die Luft war matt und träge und die Feder sank zur Erde. So betrat er endlich traurig wiederum die alten Pfade Und erschien gebeugten Hauptes abermals vor Parisade. *           * * »Will Dir dienen,« seufzt' er trübe. »Sprich, wofür willst Du mir dienen?« »Will Dir nicht um Lohn und Vorteil, will Dir Deinetwegen dienen. Thöricht, wer um Menschenbeifall, wer um Weibesliebe handelt.« Sieh, da war der Felsengarten in ein Paradies verwandelt. Quellen sangen in den Büschen, in den Hainen Harfentöne Und mit gnadenreichem Lächeln, hold, in überirdischer Schöne Schlang um seinen müden Nacken ihre Arme Parisade. Führt ihn nach dem Feenschlosse, wusch im würzigen Zauberbade Ihn mit wunderthät'gem Balsam, der den Leib ihm jung verklärte. Friede hatt' er da gefunden und sein Herzeleid verjährte. Der Venus Rundgang. Gemälde.               Zwölf Stunden hatte schon des Aethers duftige Hand Den Himmel über den lazurnen See gespannt, Und ohne Unterlaß die goldnen Pfeile schoß In die krystallnen Wasserhöhlen Helios, Ob ihm vielleicht ein freundliches Geschick erlaubt Zu schaun der jungen Liebesgöttin Lockenhaupt, Des mädchenhaften Wuchses süße Harmonie, Der Glieder Ebenmaß, das mutbeseelte Knie, Der stolzen Lippen Zwillingspaar, von Geist verschönt, Und das herzinnige Auge, das die Schöpfung krönt – Da schwoll in einer waldesdüstern Inselbucht, Die selten nur ein Morgensonnenstrahl besucht, Die Woge, übergoß den Strand mit Perlenschaum. Ein Silberschimmer quirlte nach dem Küstensaum. Der Sprudel teilte sich und aus dem Quellenthor Taucht' Aphrodite hoch auf schwarzem Hengst empor. Schon hat, von ihrem linden Schenkeldruck geklemmt, Der Rappe seinen starken Huf an's Bord gestemmt, Da glitt sie auf den Rasen, klatscht' ihm auf's Genick, Erhaschte seinen Stirnbusch und, mit Wort und Blick Zum Sprung ihn reizend, zog mit leichter Kinderhand Sie den gewaltigen Renner polternd an den Strand. Kaum faßt' er Boden, gab sie seine Stirne frei Und durch die Steppe stob sein wieherndes Geschrei. Sie selbst, in leichtem Schwebegang, der Flügel spürt, Auf weichen Sohlen, die der Blumen Kuß berührt, Die Faust ins rote Lockenwogenhaar gepreßt, Das, noch vom Bade feucht, ihr Hals und Lenden näßt, Schritt aufrecht jetzt hinüber nach dem Buchenrain, Nackt wie der Demant, wie der Himmel hehr und rein. Und wo, von Laub bekränzt, von Veilchenblust bedeckt, Die grüne Rasenwelle längs dem Wald sich streckt, Dort dehnte sie, umspühlt vom heißen Mittagshauch, Die kühlen Glieder unter einen Eibenstrauch, Genoß der Ruhe Frieden, sog des Lebens Lust, Der Jugend froh und ihrer Göttlichkeit bewußt. Ob ihrem Haupte leuchtete der Sommertag, Der Tauben Flug, die Herde weidend überm Hag, Der Rappe schweifend durch das Uferklippenfeld Und fern am See die Stadt und die geschäftige Welt. Darüber wölbte sich der Himmel weit und groß Und aus dem Walde wuchs ein Wetterwolkenstoß. Geblendet starrt ihr Aug, das matt und matter blickt. Die trägen Lider suchen sich, die Wimper nickt. Ziellos lustwandelt der Gedanke und verirrt In einem Purpurchaos, das die Welt verwirrt. Jetzt sinkt ihr Haupt und ihres Mundes Odem streift Liebkosend ihren Arm, der in die Blumen greift. Die unbewachte Seele stiehlt sich durch den Raum Und die entschlafnen Sinne täuscht ein wonniger Traum. *           * * Da kreischt vom Seegestade Möven-Zank und Streit. Flink auf die Füße springt die Göttin fluchtbereit, Fliegt tanzend hinter ihrem flüchtigen Rappen her, Schwingt sich aufs Roß und sprengt landein ins Ungefähr. Durch schattige Nußbaumhalden, durch Gebüsch und Wald Kam sie auf eine freie Hügelschanze bald, Von wo die Völkerstraße, sonnenscheindurchblinkt, Durch Gartengründe sanft zur Stadt hinunter sinkt. Hier hemmte sie mit Wohlgefallen ihren Lauf, Ordnet' ihr Haar und schlug die schönen Augen auf. Zu ihren Häupten führte aufwärts nach dem Grat Des seligen Isthmus ein gestufter Weinbergpfad. Ein klotzig Gletscherstockgebirg, mit Schnee betaut, Mit Wolken übertürmt, von Finsternis umblaut, Schaute von drüben wetterleuchtend auf den Paß. Den Gletscher wählte sie zum Führer und Kompaß. Brach eine Blütenknospengerte, jung belaubt, Die spannte sie als Blumenbogen um ihr Haupt. Und während sie der unheilschweren Nebelwand Entgegenklomm, das Angesicht zurückgewandt, Die Blicke sendend nach dem häuserreichen Thal, Das, rotentflammt vom sturmesschwülen Abendstrahl, Zu ihren Füßen mehr und mehr im Dunst verschied, Erschloß sie ihren seinen Mund und sang ein Lied. »Wenn Ihr es wüßtet, was der Zufall Euch gewährt! Wenn Ihr es ahntet, wie so nah, was Ihr begehrt! Wenn Ihr erführet, daß den Traum, den jeder denkt, Im derben Tageslicht die Wirklichkeit Euch schenkt! Ihr klugen Thoren, stets vorsichtig, stets zu spät. Man kann das Glück nicht züchten, packt es, wann's gerät. Klagt nicht den Himmel an, daß er die Hoffnung neckt. Seid immer wach, so braucht Ihr keinen, der Euch weckt. Des Segens Fülle, durch Aeonen aufgespart, Auf einmal zu verschwenden, das ist Götterart. Unangemeldet kommt die gute Stunde nur, Mein Fuß ist flüchtig und unjagbar meine Spur.« So sang sie, kletternd auf dem steilen Weinbergsteg. Da kreuzt' ein blinder Schäfer tastend ihren Weg. Der Schönheit Sonne schien ihm strahlend ins Gesicht, Ihn traf ihr gnadenvoller Blick, er sah es nicht. Mitleidig lächelnd bot sie ihm die Hand zum Gruß, Und seine struppigen Locken streiften ihren Fuß. Dann stieg sie weiter bis zum luftigen Inselkamm, Der zwischen diesem See und jenem ragt als Damm. Daselbst, von heftigen Sturmeswirbeln jäh erfaßt, Genüber Fluh an Fluh in fahlem Wetterglast, Unten der finstere See, gepeitscht von zornigem Gischt, Der, auf den Wellen reitend, nach den Wänden zischt, Da warf sie lachend ihre keusche Knospenbrust Dem Wirbelsturm entgegen mit Mänadenlust, Schwang ihre Alabasterarme hoch empor Und stieß aus Herz und Mund den Jubelschrei hervor: »Hephaistos, mein Geliebter, Du mein Bräutigam! Du Sproß von Uranos, Du Reis vom Heldenstamm! Von dessen Riesenhammerschlag die Erde bebt, Von dessen Hand das Eisen blüht, der Marmor lebt, Aus dessen Flüstern donnert Antwort der Porphyr: Sperr' auf die Felsenriegel, öffne Thor und Thür! Sie schelten mich, sie spotten Deiner Mißgestalt. Ihr Thoren, lernet Eros' heil'ge Urgewalt. Ungläub'ge, wißt ihr nicht, daß Liebe Wunder zeugt? Und daß vor Geistesheldenkraft sich Schönheit beugt? Vernehmet, daß das Weib von süßen Rätseln strotzt, Daß Feindeswiderrede stählt, daß Treue trotzt. Was gilt es mir, daß Ihr mit glatten Wangen gleißt? 's Ist Einer nur auf Erden, der mein Buhle heißt.« Sie ruft's und lauscht, ob Antwort ihr entgegentönt. Da bebt die Erde. Aus des Berges Kellern dröhnt Ein Hammerschlag. Ein Feuerodem, blutigrot, Jagt Dampf- und Aschensäulen aus dem Gletscherschlot. Der Hengst begrüßt trompetend seines Herren Ruf, Bäumt sich empor und stampft die Erde mit dem Huf. Dann klimmen sie auf glatten Stufen Tritt um Tritt Jenseits die Schlucht hinab in schwindelhaftem Ritt. In Bälde hatten sie erreicht den wilden Strand, Wo giftig nach den Felsen spie der Wogenbrand. Von einer Platte, überdachend das Gestad, Sprangen sie mutig in das aufgeregte Bad. Tief in die Fluten tauchte sie der schwere Fall Und über ihre Häupter schlug der Wogenschwall. Dann ruderte, vom Wellenhügelwald bedeckt, Von tausend Wasserzungen ungestüm beleckt, Umringt, umbrüllt, von der Tritonen plumper Schar, Hephaistos' Haus entgegen das einmütige Paar. Ein Klippenturm von Erz begegnet ihrem Lauf. Der Hengst erhob den Huf, der Felsen that sich auf. Aus seinem Innern sprühte Hochzeitsfackelschein, Da tanzten sie mit hellem Siegesruf hinein. Verjauchzt, verglänzt, verschwunden war die Huldgestalt Und höhnisch schloß sich zu der neidische Felsenspalt. Doch Zeus, von Schmerz und Wut entbrannt und Eifersucht, Wog in der grimmen Faust der Donnerkeile Wucht. Stemmte die Ferse, hob sich zielend aus dem Sitz Und schleuderte dem Fels entgegen Blitz auf Blitz. Die Donner krachten Schuß auf Schuß und Knall um Knall, Da rauschten durchs Gebirg die Regenschauer all, Die Hagel platzten und vom höchsten Himmelsthron Fegte das Thal herab der rasende Cyklon. Ihm stürzte heulend sich entgegen der Orkan, Geschmolzne Felsen warf zum Himmel der Vulkan. Die Berge standen zitternd ob der grausen Schlacht Und um die Feuerschlünde flatterte die Nacht. Was eilt, was schreit, was wimmelt aus der Stadt daher? Siehe, von hastigem Volk ein unermeßlich Heer. Sie rennen längs dem Ufer suchend auf und ab: »Hier war's, von dieser Platte schwang sie sich hinab.« Sie starren in den See nach dem entsprung'nen Glück, Dann ziehen trüb und mutlos sie den Blick zurück. Vom Berge schleppen Schergen einen blinden Greis, Umringt, umdrängt von einem heftigen Fragerkreis: »Sag' an, sie grüßte Dich? Sie redete mit Dir? Dich streift' ihr Götterodem; auf, erzähle mir!« Und immer neue Haufen drängten sich heran, Zu schauen, zu betasten den beglückten Mann. Da plötzlich jauchzt' ein froher Ueberraschungsschrei. In wildem Knäuel wälzte sich das Volk herbei. Sieh, mit dem Winde wirbelte ein Lockenhaar, Das ihr im kühnen Ritt vom Sturm entrissen war. Und wie nun jeder es zu haschen war bereit, Erwuchs aus Neid und Mißgunst grimmiger Waffenstreit. Das Ungewitter donnerte den Schlachtakkord Und das Gestade rötete mit Blut der Mord. Doch drüben in dem weltentrückten Waldverließ Der blumigen Bucht, wo sie zuerst den See verließ, Im seligen Wasser, das den keuschen Leib benetzt, Geschah ein wundersamer Hochzeitstaumel jetzt. Hoch überschlugen in dem weichen Wasserpfühl Die brünstigen Wellen sich in buhlendem Gewühl. Linde Medusen, Quallen, Fische allerhand Vermischten wimmelnd sich in üppigem Liebestand. Die Luft durchblitzt mit kühnem Flossensprung der Salm Und in der Ferne orgelt der Gewitterpsalm. III. Heldenballaden. Die Hochzeit des Theseus.             Stolz bauschen sich die Segel, vom Morgenwind gebläht. Vom Bug der Atalante der junge Theseus späht Ueber den Meeresspiegel, der Frohsinn blitzt und blaut, Nach Minos' schöner Tochter, Ariadne, seiner Braut. Kein Wölklein trübt den Himmel, kein Felsen droht, noch Riff. Im Tanze durch die Wellen fliegt das beschwingte Schiff. Doch wie sie längs der Küste der äginetischen Bucht Streiften der Tempel-Haine schattige Gartenflucht, Da senkte sich verstohlen durch einen Eichenbaum Auf seinen Königsscheitel ein sonniger Heldentraum. Ihm war, als schwebte hernieder der Götter selige Schar Und Jeder böt' im Wettstreit ihm Hochzeitsspenden dar, So daß von goldenem Segen die Gondel überquoll Und übersät mit Früchten der blaue Pontus schwoll. »Auf, wähle Dir einen Pathen zum Fest aus unserer Zahl.« Da musterte der König die Götter allzumal: »Ich bin ein Aegeide, von fürstlichem Geblüt. Nach minderm Preis zu langen, hab' ich mich nie bemüht. Der wird sich nie erkühnen, der niemals sich erfrecht, Zeus selbst, der Weltbeherrscher, ist mir als Pate recht.« *           * * Und als am Hochzeitstage der Bund geschlossen war Und festlich Volk umjauchzte das junge Königspaar, Da schwebte vor dem Throne, der die Vermählten trug, In prächtigen Schraubenzügen ein Aar in stolzem Flug. Und durch die Menge schob sich in atemlosen Lauf Ein schweißbedeckter Bote, der hielt die Sänfte auf. »Kehr' um, erhab'ner König, erlauchter Heldensproß! Und wende Deine Schritte zum Hafen Phaleros. Ein Schifflein kommt geflohen, fern her vom Chersonnes. Es trägt den Knaben Hyllos, den Sohn des Herakles. Von Haus und Hof vertrieb ihn Eurystheus Eigennutz. Verfolgt von feigen Mördern, fleht er um Deinen Schutz. Horch, wie sein Hülfejammern vom Meer herüber dringt! Bald ist's um ihn geschehen, der Feind hat ihn umringt.« »Ein Schrei aus bangen Nöten ist Jovis heiliger Ruf. Dank Zeus, der mir zum Feste so edle Arbeit schuf. Erbarmen und Beschützen ist rechte Hochzeitslust. Wem jetzt mein Dienst gebühret, des bin ich mir bewußt.« Schnell sprang er von dem Throne, verlassend das Gemahl. Sammelt' in aller Eile von Kriegern eine Zahl, Bemannte sechs Trieren mit einer festen Macht Und fuhr mit raschen Rudern hinaus zur frommen Schlacht. Und als der Feind betroffen vor seinem Ansturm wich, Und mit zerfetzten Segeln blntrünstig heimwärts schlich, Geleitete der Sieger den gottgesandten Gast, Den edlen Herakliden zuvor in den Palast, Weckte mit Trostesreden und Zuspruch seinen Mut Und dient' ihm allerwegen mit Trank und Speise gut. Dann reinigt' er im Bade den blutbefleckten Leib Und flog auf Sehnsuchtsflügeln zu seinem jungen Weib. »Weh' mir, der Ungeliebten! bedeckt mit ewiger Schmach! Litt jemals Neuvermählte so schimpflich Ungemach? In Hymens heiliger Stunde, da Hermes selber weilt, Verschmäht mich mein Gebieter, der in die Ferne eilt. Statt sanfter Freundesworte, statt Kuß und Liebesschwur, Vernehm' ich Kampfgetöse und schaurig Morden nur. O, daß nach Ioniens Strande ich nie den Fuß gekehrt! In meines Vaters Hause da war ich baß geehrt.« »Genug der eitlen Thränen! Ist jetzt zum Weinen Zeit? Sieh' mich zu Deinen Füßen zur Buße froh bereit. Wenn Du Behagen suchtest und träges Wohlergeh'n So durftest Du nicht freien den König von Athen. Windstille herrscht im Sumpfe, der Blitz fegt um den Turm. Die Wipfel und die Kronen besucht zumeist der Sturm. Ein schwächlich Liebesfeuer hat einen ruhigen Docht, Allein im Heldenbusen da schäumt's und kocht und pocht. Schau, wie der gold'ne Morgen die trübe Nacht durchbricht, Er weiß, Ariadnens Schönheit erträgt das Tageslicht. Laß finstere Barbaren im Dunkeln selig sein, Doch des Hellenen Hochzeit begehrt den Sonnenschein. Sieh' mich von Wohlthun heiter, von hoher Arbeit groß, Und Jovis Huld und Segen leg' ich in Deinen Schoß.« Cyrus' Ende.                 Im engen Thal umgangen war Cyrus' stolzes Heer. Und grause Lieder sangen der Scythen Pfeil und Speer. Schon lag von seinen Streitern die Mehrzahl hingestreckt, Kaum daß von Panzerreitern ein Rest den König deckt. Da ritt vor den Perserhelden ein alter Offizier: »In meinem Namen melden sich Edle vierzig und vier. Betrachte unsre Wunden: sie sitzen sämtlich vorn, Drum red' ich unumwunden und trotze deinem Zorn. Wenn wir die Willkür hätten, kein Tod wär' uns zu scharf. Allein es gilt zu retten Dich, des die Welt bedarf. Der Sieg steht nicht mehr offen, verbraucht ist jede List. Auf Flucht kannst Du nur hoffen, wenn Du unkenntlich bist. Dein Antlitz ist gefürstet, es steht dem Haß im Licht; Nach Deinem Blute dürstet der Feind, nach minderm nicht. Sieh dies Gewölk von Pfeilen, das Deine Stirn umschwirrt; Laß die Gefahr uns teilen, die Dir verderblich wird. Entäußre Dich der Zeichen der königlichen Macht Und scheine unsresgleichen an Haltung, Blick und Tracht. Dem einen leih die Krone, dem andern das Diadem, Den Purpur mir zum Lohne, den Gürtel außerdem. Gib jedem von dem Glanze, der solcher Ehre wert. Behalte nur Schild und Lanze und Dein erprobtes Schwert. Dann auf mit Roß und Wagen aus dieser Todesschlucht; Gott mög' uns alle schlagen, gelingt nur Dir die Flucht.« Mit finstrer Miene hörte Cyrus den tapfern Mann. Den Rat, der ihn empörte, nahm er gezwungen an. Stieg nieder auf die Erde, entkrönt, des Schmuckes bar, Und sprengt' auf schlechtem Pferde recht in der Feinde Schar. Um ihn die Kameraden schlossen den Waffenkeil; Sie kämpften Heldenthaten, erkämpften nicht sein Heil. Wie mutig sie auch rangen, der Feinde waren zu viel, Ein Dutzend ward gefangen, das andre Häuflein fiel. *           * * Im Kreml der Tomyris der Scythenkönigin, Erschien Orest der Feldherr: »Triumph Dir, Siegerin! Im engen Paß erschlagen liegt Cyrus' prahlend Heer. Ein winz'ger Rest gefangen und Feinde sind nicht mehr.« »Gelobt sei Zeus der Rächer, der mir den Sieg erlaubt. Allein,« begann sie drohend, »wo hast Du Cyrus' Haupt?« »Er weilt,« versetzte jener, »in der Gefangnen Zahl.« »So wartet er einstweilen auf mich am Marterpfahl?« »Verzeih, o Herrin,« wagte der Feldherr schreckensbleich: »Ein Dutzend Perserfürsten, an Tracht und Haltung gleich, Verwechselten mit Cyrus die Waffen und das Kleid. Für ihren Herrn zu sterben ist ihrer aller Neid. Was hilft's, daß wir vermuten, der König ist dabei: 's ist keiner, der verriete, welcher der König sei.« »Sie waren sämtlich sterblich, weswegen leben sie?« Da fiel zu ihren Füßen Orestes auf die Knie. »Wir Krieger, ob verwegen, ehren die Götter auch. Gefangene zu morden, das ist nicht Mannesbrauch. Zum blut'gen Handgemenge siehst Du uns stets vereint. Doch ein beherzter Sieger schont den besiegten Feind.« Da lächelte verstohlen Tomyris' ältster Sohn, Der Scythen künft'ger König, und stellte sich vor den Thron: »Dem Zorn, o Mutter, wehre, der Dein Gemüt erbost. Den König zu entlarven, des fühl' ich mich getrost.« Hierauf, mit Scythentücke, bereitet' er ein Mahl Zu Ehren der gefangnen Kriegsobersten zumal. Zwölf Jungfraun hold und minnig, zwölf Knaben zart und fein Bekränzten ihre Häupter, kredenzten ihnen Wein. Und als nun gegen Morgen, erhöht durch Speis und Trank, Die Freude wuchs zum Jubel und jeder Argwohn sank, Da stellte der schlaue Scythe mit hinterlist'gem Sinn Einen gebundnen Perser vor seine Gäste hin: »Zum Zeichen meiner Gnade,« rief er, »und meiner Huld, Sollt Ihr die Strafe messen an dieses Frevlers Schuld. Flink und gewandt im Schmeicheln, im Kampfe feig und faul, Hat, meine Gunst zu stehlen, dies feile Lügenmaul Des Cyrus Heldennamen, den selbst der Feind verehrt, Mit eklem Wort geschändet. Was ist der Schurke wert?« Da scholl mit wilder Stimme das grimmige Gebot Aus Dutzend rauhen Kehlen: »Was zweifelst Du? den Tod.« Ein einz'ger war, der ruhig und groß und herrlich blieb. Der zuckte mit den Schultern und lächelte: »Vergib.« Da neigte sich zur Erde der Scythe: »Majestät, Den großen Helden preis' ich, Cyrus, der vor mir steht. Ein Unterthan zu scheinen wird Königen nie gedeihn, Stets kennt man unsereinen am gnädigen Verzeihn. Die Rettung Deines Leibes steht leider nicht bei mir. Du weißt, der Haß des Weibes beschämt das Tigertier. Dich hat in Dein Verderben Dein Ehrgeiz hergeführt. Doch sollst mit Pomp Du sterben, wie's Deinem Ruhm gebührt.« Der falsche Bel.                 Der König sprach zu Ben Hadad dem Herrn von Niniveh: »Zweihunderttausend Memmen sind's vom Wirbel bis zu Zeh! Ans Dir ruht meine Zuversicht, Du wagst's, Du wirst im Sturm Die Fahne mit beherzter Faust pflanzen auf Tyrus' Thurm.« Mit diesen Worten reicht' er ihm den goldnen Götzen Bel. »O König, Deine Zuversicht, sie geht bei mir nicht fehl.« Es sprach's der tapfere Ben Hadad, erhob das Götterbild, Und hitzig stürmten hinter ihm die Syrer durchs Gefild. Kleiner und immer kleiner wird der Streiter Zwischenkluft, Von Schlachtgeschrei und Rossehuf erbebt die bange Luft. Zum wirren Knoten mischen sich die beiden Heere kraus, In dem lebendigen Knäuel pflügt des Todes Hippe graus. Vorwärts und rückwärts setzt den Tritt der wilde Schlachtentanz. Fernleuchtend strahlt darüber her der Bel im Sonnenglanz. Schau, wie der Syrer Uebermacht sich auf die Mauer türmt! Am Abend war der Feind zerschellt, die trotzige Burg erstürmt. *           * * Doch als beim letzten Dämmerschein im Siegtrompetenchor Durch eine Leichendoppelwand der König ritt durchs Thor, Da lag der brave Fähnderich todwund im Mauerbruch Und sterbend spie er seinem Herrn ins Angesicht den Fluch: »Wer in des Todes Auge blickt, scheut Menschen nimmermehr. Die Fahne, die Du mir geliehn zum Heldenkampf, schau her: Gefälscht der Purpur, hohl das Holz, von Blech der goldne Bel! Betrug grinst aus dem Götterbild und aus dem Schaft rinnt Mehl! Nicht, daß mich mein geliebtes Weib oder mein Leben reut. Hab' ich die Feinde je gezählt? Gefahren je gescheut? Der bleiche Tod im blutigen Feld geschieht dem Krieger recht. Doch sei der Ruhm von gutem Gold und sei die Ehre echt.« Sprach's, wühlte durch den Leichenpfuhl nach einem Speer und schoß Mit seiner letzten Lebenskraft den König tot vom Roß. Der Cid und die Fee.                     Als durch Cartagena's Pforten siegreich ritt der greise Cid, Nahte Theodat, der fromme Bischof von Valladolid. »Schön ist, wessen Stirn die Ehre, wessen Haupt der Lorbeer schmückt. Schöner, wer in sanfter Demut sich vor Christi Kreuze bückt. Im Spital der Johanniter liegt ein sterbenskranker Mann, Der, bevor er Dich gesehen, nicht in Frieden scheiden kann. Seine sündige Seele foltern Reue und Gewissensnot. Ein Geständnis Dir zu beichten, heischt er vor dem nahen Tod.« Seine Ritter, seine Edlen ließ der Feldherr allzumal Und begab sich nach dem Kloster St. Johann ins Hospital. Mühsam hob der Sterbenskranke sein vergrämtes Angesicht: »Herr, erkennt Ihr Don Alonzo, Euren ältsten Bruder, nicht? Unwert des erlauchten Namens, der von Heldennamen stammt, Meid' ich zitternd Euer Antlitz, dessen Adel mich verdammt. Sechzig Jahre sind verflossen – eine lange Bußezeit – Seit ein schändliches Verbrechen mich der Sünde hat geweiht. In der Wiege lagt Ihr schlummernd, wie ein Engel schön und rein. Leis auf Silberflügeln schwebte eine gute Fee herein. Legt' ein Dutzend Zauberzweiglein neben Eure Lagerstatt, Fügte zu dem vollen Dutzend noch ein überschüssig Blatt. Euren Lebensweg zu segnen, hatte gnädig sie geglaubt. Weh! von meinen Schurkenhänden ward die Spende Euch geraubt. Trug doch weder Glück noch Segen, weder Ehr' und Ruhm davon, Eitel Reu und Seelenfolter und Verachtung war mein Lohn. Glaube Keiner, daß erschlichne Himmelsgabe ihm gedeiht. Redet nun, erhabner Bruder, redet, ob Ihr mir verzeiht.« Schweigend durch das Fenster blickte jener in die Gartenflur. Fernhin mit bewegtem Herzen folgend der Erinn'rung Spur. Endlich öffnet er die Lippen: »Bruder,« hub er an gedämpft, »Hab' im Leben viel gelitten, viel entbehrt und viel gekämpft, Hab' als Mann es ausgefochten und geduldet als ein Christ. Die gestohl'nen Wunderzweiglein hab' ich wahrlich nie vermißt. Doch das kleine Zusatzblättlein, das im Gnadenübermaß Zu dem anderen Wünschelsegen mir die gütige Patin maß, Der Johannissonnenzucker, der mir zugesprochen ward, Diesen auch mir zu entwenden, das, mein Bruder, das war hart. Haben's übrigens verwunden, wollen's drum zufrieden sein. Jeder Bach verliert ein Tröpflein, jede Spinne läßt ein Bein. Stirb drum selig, Don Alonzo, fliege fröhlich himmelan, Hab' auch ohne Feenbeistand manches Tüchtige gethan.« Hildebrand.         Der Domprobst von Palermo, mit Namen Benedikt, Führt' ins Gebirg spazieren das geistliche Konvikt. Wie sie mit frommem Murmeln erklommen einen Wald, Zeigte der Probst ehrfürchtig auf eine Mönchsgestalt, Die, eine Holzaxt schwingend mit angestrengter Kraft, Poliert' und schnitzt' und spitzte einen bäumigen Eschenschaft. »Hosianna!« rief der Domprobst, »seht diesen Zimmermann, Merkt wohl auf seine Arbeit und nehmt ein Gleichnis dran. Ihr schaut den heiligen Vater, den Fürsten Hildebrand, Der, schnöd aus Rom vertrieben, den Fuß hiehergewandt. Ein Saracene hätte die Frevelthat gerächt, Eheu! der Zorn ist heidnisch, dem Christen ziemt er schlecht. Ecce! schaut ihn, den Dulder, wie er, in Gott gebückt, Dem Feinde sanft vergebend, Rebstecken friedlich stückt.« Der Heil'ge holte Atem und wischte sich die Stirn: »Freund, was Du da gepredigt, hat weder Schwanz noch Hirn. Zwar hab' ich manchen Becher vor Zeiten gern geleert, Doch mit der Kunst des Winzens den Kopf mir nie beschwert. Schmeck! das gibt eine Lanze, zwar etwas plump geschnitzt. Gott gebe, daß sie nächstens dem Feind im Nacken sitzt. Ein Jebusiter, welcher, wenn man sein Recht ihm stiehlt, Statt wacker sich zu wehren, nach Davids Schoße schielt. Die Kirche ruht auf Christo, der Satan ist besiegt; Dem Feind will ich vergeben, wenn er am Boden liegt.« Der besiegte Herzog.               Der Herr von Neustrien, Ludowieg, Hatt' in der Feldschlacht Mißgeschick. Die Feinde machten Beute, Drob meuterten die Leute. Ingrimmig eilt' er nach dem Thron, Drauf saß sein Schwager Chilperich schon. Flugs sammelt' er die braven Pfalz- Mark- und Vicegrafen. Sie konnten itzt nicht kommen: Sie husteten, die Frommen. Im Reichsrat stracks erschienen, Traf er verwünschte Mienen: Die Reden reservieret, Die Blicke ungenieret. Sie sagten weder ja noch nein, Doch keiner mocht' ihm Folge leihn. Da sprach zu seinem Mareschall Gaston von Tours dem Seneschall Seigneur von Brie und Armagnac Der Herzog: »Riech, welch Hundepack! 's ist einer wie die andern gleich; Fort aus dem schnöden Neusterreich! 's ist einer wie die andern, Laß uns von hinnen wandern.« Und wie sie sich in finstrer Nacht Selbander schweigend aufgemacht Von Heimat und Allodien Mit wenigen Kleinodien, Da schwur in seinem bittern Groll Der Herzog Ludwig unmutvoll: »Eh daß ich bitt' und demandier' Von jenen Schranzen Nachtquartier, Eh will ich bei den Säuen Des Schlummers mich erfreuen. Verglichen mit der Christenheit, Schätz' ich des Schweines Sauberkeit. Stürz' in des Unglücks Falle: Verleugnen sie Dich alle.« Sprach's und zu einer Mayorie Konduiert' er jetzt den Herrn von Brie: »Von diesem biedern Meyersmann Nehm' ich allein ein Obdach an. Er ist nicht fein von ferne, Allein er thut es gerne. Hei, welch solenner Augenblick, Wenn ich, salviert von Mißgeschick, Vereinst in meinem festen Schloß Dem schamvergess'nen Adelstroß Mit bissigem Pläsiere Den Meyer präsentiere! Zwar seine Hütte troff von Schmutz, Doch bot sie mir im Unglück Schutz. Ihn will ich adoptieren, Euch soll mein Schwert punieren.« Hierauf mit gnadenvollem Blick Pocht an das Pförtchen Ludowieg. Den Meyer hat's verdrossen, Das Pförtchen blieb geschlossen. Der Herzog lacht' in seinen Bart: 's ist eine wie die andre Art. Den Meyersmann in Ehren, Er kann uns etwas lehren: Schilt keines Schurken Glattgesicht, Der Grind macht Biedermänner nicht, Auch bei den räudigen Hunden Wird Niedertracht gefunden. Nur eins steht fest auf jeden Fall: 's ist einer wie die andern all, 's sind alle gleich wie einer, Besiegten Herrn kennt keiner. Nur Du, o Seneschall von Tours, Bist treu und edel von Natur; Gold kann ich Dir nicht geben, Nimm meinen Dank fürs Leben.« Er sah sich um bei diesem Wort. Da war kein Seneschall mehr dort. Verschwunden war mit Sack und Pack Seigneur von Brie und Armagnac. IV. Heimat und Vaterland. Die drei Rekruten.                   Bei strömendem Regen im Bivouac Kampierten drei müde Rekruten. Sie legten den Kopf auf den Mantelsack Und zogen den Hals in die Kutten. Der Regen rauschte, sie merkten's kaum, Und sachte, vom Wunsch zum Gedanken Begann in Bälde ein tröstlicher Traum Vor ihren Augen zu schwanken. Sie meinten in ihrer Phantasei, Als wären sie schon Generäle. Im Schlachtgetümmel und Feldgeschrei Diktierend die barschen Befehle. Gemeinsam dünkte den Dreien vereint, Man wolle sie überflügeln Und unerschöpflich flute der Feind Herab von den mörd'rischen Hügeln. Und Adjutanten kämen gesprengt, Bleichwangig, umblitzt von Granaten: »Wir sind umzingelt und eingezwängt. Man meutert. Man wähnt sich verraten.« *           * * Da sprach der Erste: »Ich hab' einen Kern Von Jägern und von Husaren. Der Teufel ist ledig und Hülfe ist fern, Jetzt gilt es, die Ehre zu wahren.« Ingrimmig faßt' er den Säbelknauf, Ermahnte zur Pflicht und zur Ehre, Dann vorwärts ging es in rasendem Lauf, Als ob es der Sturmwind wäre. Ans tausend Schlünden zischte der Tod, Sie grüßten ihn ohne Bangen; Die Meisten färbten den Boden rot, Er fiel und wurde gefangen. Bewundernd pflegt' ihn der edle Feind Und schenkt' ihm den rühmlichen Degen. Er hatte seit Jahren nie geweint, Jetzt spürt' er im Auge sich's regen. Der Zweite sprach: »Ich habe zur Hand Ein Häuflein von Veteranen, Ergeben Gott und dem Vaterland, Gehorsam dem Winke der Fahnen.« Rasch formt' er das Viereck zum letzten Stoß. »Brüder,« begann er begeistert, »Gott ist uns dawider, der Feind ist zu groß, Der Tod nur wird niemals bemeistert. Heut heißt es bekunden, was Einer wert, Und ob den Vätern wir gleichen. Wir kämpfen, so lange der Atem währt, Und hemmen den Durchpaß als Leichen.« »Hurrah!« erscholl es wie Donnergebraus. Dann rückten sie mit Gesange Langsam aus dem schirmenden Hohlweg hinaus Zum heiligen Todesgange. Und als am Abend nach bitterem Streit Man sah nach den Toten und Wunden, Da ward von dem Samaritergeleit Ein schaurig Schauspiel gefunden. Zu Bergen starrte die tapfere Schar, Leichnam auf Leichnam geschichtet, Im Tode noch boten Trotz sie dar, Das Antlitz feindwärts gerichtet. Und Freund und Gegner entblößten sich stumm Vor des Anblicks grausiger Schöne Und flüsternd ging's in den Reihen um: »Hier schaut mau Heldensöhne.« Doch der Dritte schweigend die Karte las Auf der Brüstung der Kirchhofmauer. Mitunter hob er das Augenglas Und nahm den Feind auf die Lauer. Er spähte nach rechts und spähte nach links, Die Augen funkelnd vor Tücke. Wahrhaftig entdeckt' er plötzlicherdings Im Ring die erlösende Lücke. Und eh' Einer wußte, wie das geschah, Hatt' er flugs in die Bresche geschmissen Die Reserven alle von fern und nah Und dem Feinde die Wahlstatt entrissen. *   *   * Der Regen plätscherte nach wie vor. Da stieg auf verborgenen Stegen Gewappnet ein riesiger Geist empor Und schwebte heran durch den Regen. Er nickte dem Letzten: »Herr General, Wir lernen uns näher kennen. Ob früher, ob später, es wird einmal Der Ruhm Deinen Namen nennen. Ihr andern beide, merkt Euch den Satz: Entschlagt Euch das Oberbefehlen. In jeglichen Regimente ist Platz Für mutige Fähndrichsseelen. Pflicht, Ehre, Begeisterung geb' ich Euch feil, Sich bescheidend im Unterliegen. Generäle brauch' ich im Gegenteil, Die nicht vergessen zu siegen.« Die beiden Züge.         Horch, welch' ein Jubel, welch' ein Glockenhall! Die Straße braust von Menschenwogenschwall. Das ist ein Drängen, Wimmeln und Gewühl, Begeist'rungshungrig und erwartungsschwül. Da jauchzt der Aufruhr: »Platz, der Festzug naht.« Musik bricht an. – Wie ich ans Fenster trat, Sah ich beim Bannergruß und Flaggenwinken Halbarden glänzen, Morgensterne blinken. Von Sammt und Seide lachte Farbenlust Und frohe Andacht schwellte jede Brust. Plötzlich durch die geputzte Sonntagswelt Ertönt ein: Halt! Ein ferner Hornstoß gellt. Die Menge weicht, das Lebehoch verstummt, Mit dumpfen Schlägen eine Trommel brummt. Ueber die Brücke stampft, bestaubt, bepackt Ein schweigend Bataillon in festem Takt. Die Fahne hoch, der Oberst an der Spitze, Und aller Augen sprühen Mutesblitze. »Im Zug zu Vieren!« herrscht Kommandoschall Und durch die Reihen klirrt der Widerhall. Jeder gehorchte ohne Wort und Wank Und keiner hofft' auf Beifall oder Dank. Die Züge schwenkten links und rechter Hand – Sagt an, mit welchem zog das Vaterland? Die jodelnden Schildwachen.         Am Uetliberg im Züribiet Da steht ein Pulverturm im Riet; Herr Cavaluzzi, der Major, Pflanzte drei Mann als Wacht davor. »Hier bleibt Ihr stehn, Ihr Sakerlott! Und daß sich keiner muckst und rod't! Sonst – Strahl und Hagel – gibt's etwas! Verstanden? – Also: merkt Euch das!« Draus bog er um den Albisrank, Wo er ein Tröpflein Roten trank. Ein Schöpplein schöpft' er oder zwei, Da weckt' ihn eine Melodei. Dreistimmig wie ein Engelchor Scholl's hinterm Pulverturm hervor. Da half kein Zweifeln: das ist klar! Die Schildwach jodelte fürwahr. Wer galoppiert jetzt ventre à terre Wie Blitz und Strahl vom Albis her? »Vor allem haltet dieses fest: Drei Tage jeder in Arrest! Ja wohl! das kam' mir just noch recht! Um eines aber bitt' ich, sprecht, Wie diese Frechheit euch gelingt, Daß einer auf dem Posten singt?« *           * * Da sprach der Erste: »Kommandant! Dort unten liegt mein Heimatland. Ich schütz' es mit der Flinte mein. Wie sollt' ich da nicht lustig sein?« Der Zweite sprach: »Herr Cavaluzz! Seht Ihr das Rathaus dort am Stutz? Dort wähl' ich meine sieben Herrn. Drum dien' ich froh; drum leist' ich gern.« Der Dritte sprach: »Ich halt' als Norm: 's ist eine Freud', die Uniform. 's ist eine mutige Mannespflicht. Da muß man jauchzen. – Oder nicht?« Der Junker schrie: »Zum Teufel hin! Die erste Pflicht heißt Disziplin! – Ihr Lauser! wart'! Euch krieg' ich schon! Glaubt mir's!«                         Und wetterte davon. *           * * Am selbigen Abend spät indes Meint' Oberst Lafont in der Mess': »Was Kuckucks hat nur der Major? Er kommt mir heut ganz närrisch vor! Singt, pfeift und möggt in seinen Bart. Das ist doch sonst nicht seine Art.« Der Cavaluzzi hörte das, Sprang auf den Stuhl und hob sein Glas: »Mein lieber Vetter Ferdinand, Stadtrat und Oberst zubenannt! Wenn einer kommt und hat die Ehr' Und dient in solchem Militär Von wetterfestem Bürgerholz – Gesteift von Trotz, gestählt von Stolz – Lausketzer, die man büßen muß, Weil ihnen schildern ein Genuß – Mannschaften, wo der letzte Hund Hat ein Ideal im Hintergrund – Komm her beim Styx! stoß an beim Eid! – Wer da nicht mitmöggt, thut mir leid.« Träume Jakobs des Auswanderers. Die Engel.         Das Schiff ging seinen stäten Gang. Das Meer war weit, der Tag war lang. Ich lag im dumpfen Kämmerlein, Da kam ein Traum zu mir herein. *           * * Mir war, ich stände ohne Zweck Und Absicht auf dem Achterdeck. Da flog ein Engel, wohlbekannt, Aus meinem teuren Mutterland, Schwebt' auf den Wellen, glitt und schliff Im Wettstreit mit dem schnellen Schiff. Die Flügel schwang er durch die Luft, Da quoll's wie Heimatbergesduft. Dann sang er einen starren Ton. Da leuchtete die Welt davon. Ein zweiter Engel nach ihm sang Denselben starren schönen Klang, Und kaum erschloß er seinen Mund, So grünte rings die Welt im Rund. Und immer neue Engel mehr Erschienen durch die Luft daher. Mit rosigem Farbentaumeltanz Umringten sie das Schiff im Kranz. Jetzt hoben sie sich plötzlich auf Und flatterten zum Deck hinauf. Die einen setzten sich aufs Bord, Die andern auf die Segelraa, Wohin mein trunk'nes Auge sah, Ein liebes Antlitz grüßte dort. Sie wechselten den Platz im Flug. Die Schwingen blitzten Zug auf Zug. Vom Bugspriet bis zum Mastenspitz Zuckte der Silberflügel Blitz. Mir ward so wohl, mir ward so weich, Ich schrie: »O Gott, wie bin ich reich.« *           * * Doch als ich wiederum erwacht', Umfing mich kalte Regennacht. Schnöde Gesichter um mich her, Und um und um das öde Meer. Ich leg' den Kopf auf meinen Arm: »Wie war ich reich, wie bin ich arm.«   Der Polyp.         Mir war, ich triebe durch den Ocean, Allein in einem schlecht gebauten Kahn. Da schwamm von Osten wimmelnd übers Meer Ein tausendfüßiger Polyp daher. Und jeder seiner Füße, seiner Tasten Trug ein Gesicht, mit Augen die mich haßten. »Ihr Mörder,« schrie ich, »war es nicht genug, Daß Euer Lästerzahn mir Wunden schlug, Die täglich bluten, unaufhörlich schwären? Soll die Verfolgung über's Weltmeer währen?« Umsonst. Schon wälzt' er sich ins Boot. Im Nu Das Ruder schwingend, schlug ich blindlings zu. Da zitterte das fürchterliche Thier, Als wie zum Tode wund und ließ von mir. Schnellfüßig floh es übers Meer zurück. Die losen Glieder fielen Stück um Stück. Der Mantel starb. Und aus dem eklen Leib Erhob sich unversehens ein blühend Weib, Umstrahlt von wundersamem Farbenglanz. Sie lächelte und drehte sich zum Tanz. Die Arme wagrecht wie am Kreuz gehalten, Schlug sie ihr Kleid in prächtigen Flügelfalten. Je ferner, desto holder ihre Mienen Und desto wonniger die Serpentinen. Mit meinen Blicken folgt' ich unverwandt Dem Zauberspiel, von süßem Schreck gebannt. Und als es endlich meinem Aug' entschwand – »Triumph« dacht ich zu rufen siegbewußt –, Da quoll ein Seufzer tief mir aus der Brust.   Die Sängerin.         Im Traume war's. Ein Pilgerschwarm Von Männern und von Frauen zog Durch meine Heimat Hand in Hand, Lobsingend einen süßen Psalm. Im letzten Gliede schreitend folgt' Ich selig der Verwandten Schar. Da schwang durch den harmonischen Chor, Vom Haupt des Zuges, unsichtbar Sich eine Stimme jung und frisch Und klar, weithin Gebirg und Thal Vergoldend mit dem sonnigen Sang. Allein die Stimme jauchzte falsch, Im Tone hinkend und im Takt. Und ob dem wundersamen Sang, So schön, so innig und so falsch, Warf ich mich schluchzend auf den Weg, Die Zähne klemmend in die Faust, Die Stirn im heimatlichen Staub.   Das Gastmahl.               Mir träumt', ich säß' an einem langen Tisch In meiner Heimat, oben unterm Nußbaum. Vor meinen Augen wuchsen auf dem Anger Traute Gestalten, reichten mir die Hand Zum Gruß und setzten fröhlich sich zum Mahl. Ich sprach: »Die Zahl ist voll, laßt uns beginnen.« Da kam verspätet eine schöne Frau. Sie suchte, zählte und errötete. »Ist hier für mich kein Plätzchen?« »Nein,« verbot ich Da senkte sie die Stirn und lief geschwind Dem Tisch entlang hinüber nach dem Nußbaum. Dort, auf dem Acker kauernd, streute sie Mit vollen Händen Erde auf ihr Haupt. Und ich ging hin zu ihr und hob sie auf Und küßt' ihr weinend das entsühnte Haupt.   Das Begräbnis.         Mir war im Traum, sie thäten Dich begraben, An einem Sonntag, draußen unterm Wald, Mit Singen und mit Beten. Leisen Trittes Durch eine Seitenpforte naht' ich traurig, Entblößten Haupts von hinten der Versammlung. Da stockte plötzlich der Gesang. Erstaunt, Mit scheuen Blicken starrten sie nach mir. Die Meßner zischelten. Ein Gärtnerjunge Schob mir mit dienstbefliss'nem Grinsen heimlich Durch meine Finger einen Kranz von Dornen. Aber die Menge teilend trat der Pfarrer Mir feierlich entgegen, schrieb das Kreuz Auf meine Stirn, legte die heilige Schrift Mir auf die Brust und las mit lauter Stimme: »Vergib, auf daß man Dir vergebe,« las er. Da regte sich's im Dornenkranz, und wuchs Und quoll wie Blust im Frühling. Rote, samt'ne, Großmächt'ge Königsrosen fraßen wuchernd Die lichte Luft, den leiderfüllten Kirchhof. Blieb nichts mehr übrig als ein stilles Antlitz, Von Schmerz verschönt, die Heimataugen Wehmütigen Blicks mich grüßend durch die Rosen.   Das Geschenk.         Mir träumt', ich schlummert' unterm Weidenbusch Am Bachesufer, auf der Himmelswiese. Und mit dem Wasser käm' ein schöner Mann Im Boot dahergefahren. Längs der Fahrt Bog er die Büsche auseinander, spähte In das Versteck und reichte links und rechts Geschenke, welche er dem Boot enthob. Wo er vorbeizog, scholl ein Dankesschluchzen. Und aus den Wellen sang's wie Orgelstimme; »Kleingläubige Zweifler, habt Ihr's nicht gespürt? Ihr mußtet leiden, daß ihr lerntet wünschen. Ihr mußtet wünschen, daß ich Euch's gewähre. Was jeder im verschwiegnen Seelengrund Ersehnt, die Träume, die dem eignen Herzen Er nicht verriet, ich habe sie gebucht. Nehmt hin, ich kenne jedes Menschenherz! Nehmt hin, ich kenne jeder Seele Sehnsucht!« Allmählich kam er auch zu mir. Neugierig Schärft' ich den Blick, denn keines Wunsches war Ich mir geständig. Da entstieg dem Nachen Ein strahlend Frauenbild, vertraulich winkend, Eilt' auf mich zu und lachte mir ins Auge: »Kleingläubiger Zweifler, hast Du's nicht gespürt?« Dann nahm sie meine Hand und führte mich Durch blumige Triften nach den blauen Bergen. Viel Fenster lugten auf den Weg, dahinter Gesichter, deren Grüße uns vermählten. Wir aber zogen mit einander weiter Und immer weiter über Berg und Thal, Ohne Verdruß und ohne Müdigkeit, Bis wir verschwanden in gottinniger Ferne.   Der Vater.         Mit einem Trupp entschlossener Gesellen Entwich im Traum ich heimlich übers Weltmeer. In finst'rer Nacht erreichten wir die Heimat. Die Einen hielten mit gespannter Büchse Am Thor der Kirchhofmauer Wacht. Der Rest Versah die Pferde. Nach dem Grab des Vaters Schlich ich hinüber, und mit banger Hast, Verhalt'nen Atems fing ich an zu schaufeln. Ich grub und grub. In bodenlose Tiefen Tauchte der Spaten. Doch vergebens. »Vater,« Rief ich, am Boden hingestreckt, »ich bin's! Die Pferde stehn bereit! Auf! laß uns fliehn!« Da stand er plötzlich neben mir; leibhaftig Und wahr, als wär' er niemals tot gewesen. Nur etwas müde. Mit den Händen faßt' Er meinen Arm; sein Auge blieb geschlossen Und wie im Traume lallte seine Zunge. Ich hob ihn rasch aufs Pferd. Und während wir Mit hoffnungsfrohem Mut von dannen sprengten, Begann ich ihm von Völkerkrieg und Frieden Und was sich andres seither zugetragen, Zu melden und zu schildern. Muntrer wurde Sein Angesicht und öfters nickt' er lächelnd. Allmählich aber schlottert' er im Sattel. Der Körper sank, die Hände suchten Stütze. Unruhig schüttelt' er den weißen Bart. Dann flüstert' er mit tonverlass'ner Stimme: »Es wird mir doch zu schwer. Ich möchte ruh'n.« Und während ich ihn aus dem Sattel hob, Entdeckt' ich plötzlich, daß ihm eine Wunde, Vom Hemd verdeckt, die mächtige Brust zerfraß. War alles hohl inwendig, gleich als wenn er Unter der Haut nicht Fleisch und Bein mehr hatte. Und ich begriff, daß ich ihn nie mehr rette.   Der Sturm.                     Mir war, als schlichen sie, die alten Kameraden, Am Abend aus dem Urwald insgeheim, Machten mir Zeichen durch die Palissaden Und zischelten: »Komm heim.« Mit Weib und Kindern trat ich auf die Schwelle: »Da wo ein Baum gewurzelt, da ist seine Stelle. Die Gärtner, die ihn pflanzten, unvergessen. Hab's selber oft erwogen und ermessen. Doch jetzt steht's fest in mir: Ich bleibe hier.« »Komm heim!« begehrten sie mit zornigem Befehle Und rüttelten am Thor die Pfähle. Da griff ein rasender Orkan Mein schwaches Blockhaus an. Als wie mit tausend Händen Pakt' er's zugleich an allen Enden. Den aufgewühlten Wellen gleich Im sturmgepeitschten Meer, Schwankte der Boden brüllend hin und her. Ich aber, stumm und schreckensbleich, Die Kinder an der Hand, mein Weib an meine Brust gepreßt, Stand fest. Und als das Ungewitter endlich sich verzogen Und lagernd um den Herd am trauten Feuer Wir grausend die bestandene Gefahr erwogen: »Das war ein schlimmer Sturm. Nun bin ich Euer.« V. Balladen im engern Sinn. Der Wanderer.                     Flaumflocken flüstern vom Himmel leis. Ein Wandrer steigt über Firn und Eis. Die Schneefrau folgt' ihm mit tückischem Schritt: »Halt stille, mein Lieber, und nimm mich mit! Der Abend ist nah und der Gipfel ist fern. »Ich spiel' dir zur Kurzweil ein Liedchen gern.« Sie setzt' an die Lippe die grüne Schalmei, Die jauchzte von Blumen und Lenz und Mai. Er lauschte, die Wangen von Thränen naß, Dann schlug er ein Kreuzchen und zog fürbaß. Und finstrer wölkt sich der dämmernde Schnee. Sie schlich ihm zur Seite auf listiger Zeh': »Halt! daß ich Dir leuchte, Du wandelst irr! Ein freundliches Märchen erzähl' ich Dir.« Eine Ampel zog sie aus ihrem Gewand: Da glänzt' ihm vor Augen der Heimat Land, Der Hügel, der Garten, die Eltern sein Im seligen goldigen Jugendschein. Er schwankte. Schon kürzt' er der Schritte Maß, Dann schlug er ein Kreuzchen und zog fürbaß. Und es stümt und es stöbert mit Sturmesmacht, Vom heulenden Felsen gähnt weiße Nacht. Sein Wille versagte, sein Knie versank. Da saß sie auf einer steinernen Bank. »Hier ist es behaglich, komm, setze Dich! Ich weiß zu kosen gar minniglich. Und lockt Dich der Schlummer und lacht Dir ein Traum. An meinem warmen Busen ist Raum.« Sie blickte so lieblich, sie nickte so hold Als ob sich der Himmel ihm öffnen wollt'. Er wankt' ihr entgegen in taumelndem Lauf Und fiel ihr zu Füßen – stand nie mehr auf. Die Schneekönigin.             Es kam einmal vom Himmel her ein Schlitten rot und weiß, Vom Christkind unverhofft gebracht zum Lohn für Gerdas Fleiß. Sie zählte schon das Einmaleins und schrieb das ABC. Und jeden Morgen spähte sie nach dem ersehnten Schnee. Heut' stürmt sie nach dem Tannenrain, in Pelze eingehüllt, Das Ohr mit weisem Mahnungswort, das Herz mit Glück gefüllt. Schon sitzt sie, schaut sich trotzig um: »Achtung! Hurra! aus Weg!« O weh, das steife Fuhrwerk bockt im Zickzack krumm und schräg. Mit offnem Mund keucht sie bergan, versucht's zum andern Mal. Der Schlitten stolpert links und rechts, doch gleitet nie zu Thal. Inzwischen dunkelt's im Zenith. Ein flaumig Flockenheer Flüstert vom Himmel leis herab; und einsam wird's umher. Ihr wird so bang, ihr wird so kalt; das Weinen steht ihr nah. Und müder stets und matter tönt ihr klägliches Hurrah. Sieh da, was blinkt und schimmert dort im Tannendickicht? Schau, Auf einem moosbewachs'nen Strunk sitzt eine hehre Frau, Ein Königsmantel blank und rein, mit Hermelin bestickt. »Soll ich Dir helfen, gutes Kind?« versetzt sie. Gerda nickt. Sie nimmt das Mädchen auf den Schoß, fein sanft und warm gewiegt. Juch, wie mit lust'gem Federschwung der Schlitten thalwärts fliegt! Verschwunden ist die Müdigkeit, das Auge jauchzt und strahlt. Und unversehns erglänzt die Welt mit Märchenschein bemalt. Es lebt der Wald, es singt die Luft, so hold, man glaubt es kaum. Diamanten sprüht das Gletscherfeld und Sterne sprießt der Baum. »Gerda!« erscholl der Mutter Ruf. Sie hört es mit Verdruß; Die Frau erschrickt, erhebt sich, flieht nach einem kurzen Kuß. – Nach sieben Tagen blies der Föhn vom Berge lau und lind. Was weinen und was wimmern so die Glocken durch den Wind? Schulmädchen folgen einem Sarg, den Wagen lenkt der Tod. Verlassen steht im Kämmerlein der Schlitten weiß und rot. Ein grünes Kränzlein liegt darauf mit einem Bibelspruch. Und ewig klafft im Einmaleins ein ungelöster Bruch. Der Flößer.             Ein Flößerjunge trieb zur Stadt flußabwärts mit dem Floß, Das Floß zog durch den finstern Wald mit Tannen schlank und groß. In einer stillen Seitenbucht sah er der Fräulein viel Vor einem Inselgartenkiosk jagen im Pfänderspiel. Vorübergleiten wollte da der kluge Ferge sacht. Da hatte sich die kecke Schar zum Angriff aufgemacht. Sie stürmten schreiend an den Strand und enterten das Boot Und führten ihn gefangen fort. Das litt er ohne Not. Man band mit einem roten Tuch ihm fest die Augen zu. »Nun fange Dir ein Schätzelein, Du frecher Bube Du!« Husch! tappt' er blindlings hin und her, reckte den schnellen Arm, Fischte mit krummen Fingern flink unter dem Mädchenschwarm. Jetzt faßt' er etwas Zappliges am Schopf und Lockenbund, Das hielt er mit den Armen fest und küßt' es auf den Mund, Sie aber riß ihm zornentbrannt die Binde vom Gesicht: »Hätt'st du erraten, wen du fingst, so küßtest du mich nicht.« Der Flößer sah sie blinzelnd an und lächelte ein klein: »Du bist,« versetzt' er, »Wildubrand, des Kaisers Töchterlein.« »Ich bin's,« bejahte Wildubrand, »und weil, was Du gethan, Du ohne Arglist hast verübt, biet' ich Dir Gnade an. Doch wenn Dein schnöder Bauernmund, von Eitelkeit gebläht, Auch nur mit einem einzigen Wort und Zeichen je verrät, Wes du Dich unterfangen, dann – dann Büblein, gnad' Dir Gott! Man heilt der Fürstenkinder Ruf mit Henker und Schafott.« Er schwur zu schweigen immerdar, er schwur es ohne Trug! Das Glück im stillen Herzensgrund es schien ihm Glück genug. Drauf setzt' er weiter mit dem Floß die unterbroch'ne Fahrt, Platt auf den Rücken hingestreckt, wie das so seine Art. Und als nun durch den kühlen Bühl die warme Sonne schien, Da kam allmählich unvermerkt der Schlummer über ihn. Das Floß ging seinen stillen Gang, gleitend von Baum zu Baum, Den Flößerjungen schaukelte ein wonniglicher Traum. Jetzt flüstert' er und lallt' im Schlaf: »Ihr lieben Leute, wißt: Ich hab' des Kaisers Töchterlein, die Wildubrand geküßt.« Ein Wiedehopf im Weidenbusch vernahm das frevle Wort, Das bracht' er mit gesträubtem Schopf entsetzt zur Elster fort. Die Elster trug's zum Papagei, der Papagei zum Star. Nach einer Stunde wußt' es schon die ganze Spatzenschar. Und als am Abend vor der Stadt er landete beim Zoll, Da war der ganze Hafenplatz von lautem Aufruhr voll. Die Menge schrie ihm ins Gesicht, und heimlich seinen Arm Erfaßte mit behendem Griff ein grimmiger Gendarm; Der führt' ihn stracks zum Henker hin, der Henker aufs Schafott. Da nahte mit dem Kruzifix ein Mönch, gesandt von Gott: »Bekenne, beichte mir ins Ohr die Sünden alle Dein.« »Ich hab' geküßt die Wildubrand, des Kaisers Töchterlein.« Der Henker schor die Locken ihm und zog ihm auf den Rock, Dann legt' er ihm das junge Haupt behutsam auf den Block: »Sprich einen frommen Abschiedsspruch zum Volke klar und laut, Damit an Deiner Reue sich der Gläubige erbaut.« Der Flößer hob den feuchten Blick zum fernen Tannenwald, Dann schickt' er über Stadt und Land die Stimme mit Gewalt: »O lieber Henker, ziele gut mit Deinem scharfen Beil, Ich spüre keine Reue nicht und hab' auch keine feil. Mein' Seel gehört dem lieben Gott, dem Kaiser ist mein Blut, Doch, daß ich Wildubrand geküßt, des bin ich frohgemut. Ich jauchz' es durch die weite Welt und will's im Himmel schrein: Ich hab' geküßt die Wildubrand, des Kaisers Töchterlein.« Das Postmaidlein.         Stapft' ein Maidlein auf die Lützelalp, Flink und frei und sauber allenthalb. Bar der Scheitel, Fuß' und Waden nackt Und die Aermchen mit der Post bepackt. Senngehöfte lehnten ihrer drei An der Halde in derselben Reih'. Furchtsam hielt sie an der ersten Thür, Kramt' ein Brieflein ordentlich herfür. Schritt zum zweiten Gaden alsodann, Bracht' ein sattes Päckchen an den Mann. Endlich drüben bei dem dritten Haus Langte sie ein Telegramm heraus. Hüpfte dann und jauchzt' ein dutzendmal, Lief mit lust'gen Sprüngen heim zu Thal. Gab den Beutel ab im Postkontor, Schloff zu Bett und legte sich aufs Ohr. Aber oben in der Alpennacht Ward bei Licht die ganze Nacht gewacht. Aus dem hintersten der Weiler drei Klagte Jammerruf und Wehgeschrei. In dem mittlern war Mordio im Schwang. Aus dem ersten becherte Gesang. Maidlein mit dem Kinderangesicht! Sag, was hast dort oben angericht't? Säh' man's auch den nichtigen Händlein an, Daß Dir Fluch und Segen klebt daran? Die Mittagsfrau.               Wenn die Mittagsfrau durch das Kornfeld schleicht, Leis und geschwind, Wie die Schlange so rasch, wie der Iltis so leicht, Hüte Dich, Kind! In der Schürze trägt sie die Buben fort Halbdutzendweis, Und versteckt sie an einem heimlichen Ort, Den niemand weiß. Eine Salbe kocht sie im Suppentopf, Thut Mohnsamen drein. Damit wäscht sie Dir Deinen Krauselkopf Bis an das Bein. Dann bist Du verwunschen, Du armer Schneck, Denk' doch einmal! Herz weg, Verstand weg, Erinnerung weg, Alles aufs mal. Kennst nicht mehr Eltern und Heimathaus, Du Schandgesicht! Und lugst nach den luftigen Maidlein aus. Das darfst Du nicht. Der Gotenknecht.         Ein Gotenknecht im Apfelbaum Träumt' einen jungen Wandertraum. Er hält das Bild der Kaiserin Und schaut zum Waldgebirge hin. Dort wo am duft'gen Horizont Die Frühlingssonne wärmer sonnt, Wo blauer strahlt des Himmels Blau, Dort liegt der benedeite Gau, Dort thront die wunderbare Stadt, Die Ruhm und üppige Frauen hat. Sein Auge netzt ein Thränenstrom Und seine Lippen lallen »Rom«. In einer grauen Regennacht Hat er sich heimlich aufgemacht Und unaufhaltsam weiter flieht Sein Fuß, wohin das Herz ihn zieht. Er leidet Hunger, Durst und Not, Gefahr aus allen Büschen droht; Er nimmt es alles für Gewinn Und küßt das Bild der Kaiserin. In Ravensburg von ungefähr Lag stationiert ein römisch Heer, Sie peitschten ihn zum Anbeginn Und schenkten ihn der Kaiserin. Die hörte staunend und gerührt Den Eros, der ihn hergeführt. Sie hat ihn huldvoll angeblickt Und zu den Bestien hingeschickt. Am Kreuze hing der Gotenknecht. Warum nicht? Das ist römisch Recht. Ein Bär zerfleischte seine Brust. Da hast Du römische Sinnenlust. Der Zauberer und der Frosch.         Nachdenklich schritt ein Zaub'rer auf und ab: »Was nützt denn sonst ein Zauberstab? Es gilt ja bloß zu wünschen, nur zu handeln; In einen Engel will ich diesen Frosch verwandeln.« Er schwang den Stock, rief »Abrada« Und fertig stand der Engel da. Himmlisch und hehr, beschwingt mit Flügeln, Und länger konnt' er seine Leidenschaft nicht zügeln. Er baut' ihr einen Tempel und Altar Und bot ihr knieend Weihrauch dar. Den Weihrauch ließ sie liegen – Und schnappte Fliegen. Der Zaub'rer lachte: »So war's nicht gemeint. Ein Lurch gibt keine Lerche, wie es scheint. Wir wollen uns beeilen, Den Frosch zu heilen.« Zum Zauberstocke griff er unverwandt. O weh, den hatte sie verbrannt! Was blieb ihm nun von seinen Zauberschnaken? Als mitzuquaken! Die Blütenfee.           Maien auf den Bäumen, Sträußchen in dem Hag. Nach der Schmiede reitet Janko früh am Tag. Blütenschneegestöber segnet seine Fahrt, Lilien trägt des Rößleins Mähne, Schweif und Bart. Lacht der muntre Knabe: »Sag' mir, Rößlein traut: Bist bekränzt zur Hochzeit, doch wo bleibt die Braut?« Horch, ein Pferdchen trippelt hinter ihm geschwind, Auf dem Pferdchen schaukelt ein holdselig Kind. Solche kleine Fante nimmt man auf den Schoß, Auf die Schulter wirft er's spielend: Ei! wie groß! Zappelnd schreit die Kleine: »Böser Bube Du! Weh! ich hab' verloren meinen Lilienschuh.« Rückwärts sprengt' er suchend ein geraumes Stück. Wie er mit dem Schuhe eilends kam zurück, An des Kindes Stelle saß die schönste Maid. Da geschah dem Jungen süßes Herzeleid. Flüsterte die Schöne: »Liebster Janko mein, Hab' ein kostbar Ringlein, strahlt wie Sonnenschein. Bin Dir hold gewogen, schenk' es Dir zum Pfand. Weh! ich hab's vergessen, badend an dem Strand.« Wie er mit dem Ringlein wiederkehrte: schau! Hing gebückt im Sattel eine welke Frau. Ihre Zunge stöhnte: »Janko! Du mein Sohn, Weh! ein Tröpfchen Wasser! Schnell! um Gotteslohn.« Wie er mit dem Wasser kam zum selben Ort, War zu Staub und Asche Weib und Pferd verdorrt. Das Kummergespenst.             Durch die Pappeln glänzte der Vollmond schon. Mit der Geißel zeigte der Postillon: »Meine Herren, dort oben im Mondenschein Die Mauer, die nennt man den Kummerstein. Es geht eine Sage schaurig und graus Darüber im Lande bei uns zu Haus. Vor alten Zeiten, entschwunden längst, Saß dort an der Straße ein stummes Gespenst. Wer einmal demselben ins Auge gesehn, Mußt' selbigen Jahres zu Grunde gehn. Schlich traurig umher und härmte sich Und weinte zuweilen bitterlich. Warum? Ja, was weiß ich, es steht nicht im Buch. Es heißt, man behauptet, es war ein Fluch. Die einen glauben's, die andern nicht. 's ist halt so ein Märchen, 's ist halt ein Gedicht.« Die Herrchen verlachten die alberne Mär, Doch als nun die Mauer kam näher daher, Da lief ob dem alten verspotteten Wahn Ein heimliches Frösteln im Rücken sie an, Indessen der Kutscher vor Angst und Not Gespäßlein und Mätzlein zum besten bot. Da sprang in den Acker der Sattelhengst – Wahrhaftig dort sitzt es, das Kummergespenst! Was schaukelt es auf den Knieen sein? Des Kutschers lebendiges Töchterlein. Das lachte gar lustig und wohlgemut. Dem Vater gefror im Herzen das Blut. Doch tröstlich der Geist jetzt zu reden begann: »Habt Frieden! gelöst ist der böse Bann. Der Kummer in meinem tödlichen Blick, Er sang von verschollener Welten Geschick. Weh jenem, der fühlend die Vorzeit begreift: Sein Geist über Ströme von Thränen schweift. Mit Blut bis zum Hals ist die Erde gedüngt, Durch Kinder und Thoren wird sie verjüngt. Weißt, wie man dem Fluche den Dorn entreißt? Schaff' einen, der von dem Fluche nichts weißt. Man darf, was verschmerzt ist, nicht schmerzen lan, Ich aber will jetzo zur Rüste gahn.« Er sprach's und das Kindlein Gott empfahl, Stieg nieder und seufzte zum letztenmal. Walpurga.         Sprengt' ein Knappe durch den Heidenwald, Stieß den Schild an jeden harten Felsen, Schlug das Schwert an jeden roten Baumstamm, Rief und jauchzte gellend durch den Eichwald: »Auf, ihr Elfen! Stellet Euch zum Strauße! Hab' geschworen einen mächtigen Eidschwur, Daß ich, Eurer eitlen Rache trotzend, Meine Arme schlinge um Walpurga, Eures Königs blondgelockte Tochter, Mir zum Scherz und minniglicher Kurzweil.« Zischend aus dem Busche fuhr Walpurga, Sprang zum Angriff, schwang sich in den Bügel, Packt' ihm an der Stirn die Scheitellocke, Biß ihn kreischend in die roten Lippen. Weh und Siechtum sehrte da den Knaben Und sein Zelter floh mit Schreck und Grausen. Als nach sieben Monden er genesen, War ihm weiß entfärbt die Scheitellocke, Gähnten seine Augen hohl wie Sünde, Bebten seine Lippen schwach und klanglos. Aber als die Herzogin im Maimond Sammelte die Knappen von Burgundien, Sich zu küren einen eignen Pagen: »Keinen andern,« rief sie, »keinen andern, Einen einzigen will ich um mich leiden: Jenen mit der kühnen Hühnenlocke, Jenen mit dem wilden Wodansblicke, Jenen mit dem süßen Büßermunde.« Die Wila.           Kam zum Abt von Bjelovar die Kunde: »Ueber Nishnygrad im Föhrenwalde Liegt die Wila schlafend unterm Felsen. Mit dem Kopfe ruht sie auf dem Bergklee, Mit den Füßen zwischen Purpurnelken, Lacht im Traum und murmelt böse Worte.« Seine Mönche sammelte der Abt jetzt, Daß sie holten vom Altar das Weihfaß Und des heiligen Condratius Asche Aus der Silbertruhe in der Krypta. Alsdann zogen sie zum Föhrenwalde, Gruben einen Graben um die Wila, Sprengten in das Grab geweihtes Wasser, Auf des Grabens Bord die heilige Asche. Durch den Balkan lief die frohe Botschaft Und in Nishnygrad geschah ein Jubel: »Glück und Heil! Gefangen liegt die Wila, In den Föhrenwald gebannt auf immer. Künftig wird nicht Sturm und Ungewitter Uns die Saat zerstören, und die Herden Länger nicht der grimme Wolf zerfleischen.« Rüsteten darauf ein Festgelage Auf dem grünen Hügel vor dem Stadtthor. *           * * Aber blinzelnd mit dem linken Auge Hatte alles wohl bemerkt die Wila. Als sie jetzt vom Hügel vor dem Stadtthor Hörte das Getös und Festgelage, Lachte sie und rief die höhnischen Worte: »Ei, Ihr Thoren! Daß Euch Gott behüte! Daß Ihr meint, die freigeborne Wila Zu bewältigen mit Zauberkünsten!« Winkte dann gebieterisch zum Himmel, Dreimal hebend ihre weißen Arme. Und von Wrana fuhr daher der Sturmwind Und von Karabazarlik der Hagel Und von Serajewo Blitz und Donner. Blies der Sturmwind fort die heilige Asche Und der Hagel schwemmte weg den Segen. Aber aus dem Bergwald stieg der Donner Thalwärts nieder auf die Festversammlung, Blitze schmetternd in das Trinkgelage, Daß sie schreiend auseinanderstoben, Und zum Heulen wurde das Frohlocken. Doch auf Bjelovar mit seinen Mönchen Betete der Abt und sprach mit Grauen: »Gott sei Preis und Dank, Ihr lieben Mönche! Losgekommen ist die böse Wila Ueber Nishnygrad, daß Gott es schütze, Und bewahr' uns vor dem schwarzen Unhold.« Sieh, da kam ein Bär vom Klosterwalde, Trug ein feurig Lamm im roten Maule. Von dem Feuer ward vertilgt das Kloster Und der Abt zerrissen von dem Bären. Die Falkenjagd.                 Der Morgen munkelt, der Osten tagt. Schön Hilmgard reitet zur Falkenjagd Durchs Burgthor auf schnaubendem Pferde. Krank lag sie drei Monden im mürrischen Schloß, Heut schwingt sie sich wieder auf mutigem Roß Wie der Frühling hinab auf die Erde. O heiliger Tag! Du Genesungstag! Gepriesen, was keimen und kommen mag, Gesegnet, was ist und was werde! Ihr Auge durchfliegt die strahlende Luft, Ihr Odem weidet den Waldesduft, Es wiehert und bäumt sich der Rappe. Ein Reiher rauschend den Busch durchsaust, Schnell löst sie den Falken von ihrer Faust Und lüpft ihm die sammtene Kappe. Hoch kreist in den Lüften das kämpfende Paar, Da wirft sich von oben der zornige Aar. »Hallo!« verkündet der Knappe. Schon jagt er zur Strecke, erbeutet den Schopf, Dann füllt er dem fauchenden Falken den Kropf Und fesselt den Fuß ihm aufs Leder. Zur Herrin sprengt er zurück in Eil Und reicht' ihr mit freudigem Waidmannsheil Die schwankende Reiherfeder. Sie dankt seinem Eifer, sie lobt sein Geschick, Doch innig verkündet sein Liebesblick: Was thäte für Hilmgard nicht jeder? Drauf pirschen sie weiter den Forst hinan. »Mein Knappe, was blickst mich so seltsam an, Als wolltest mir etwas klagen?« »Mein Herz ist so voll, mein Herz ist so schwer, Doch sagen kann ich es nimmermehr.« »Ich will's, Du mußt es mir sagen! Du schuldest der Herrin der Wahrheit Zoll: Weß Leides ist Dir das Herz so voll?« »Wohlan, so will ich es wagen: Es blüht auf Erden ein Blümlein mild, Der himmlischen Jungfrau ähnlich an Bild, Das sah ich welken, erblassen. Nun, da es erstanden aus Todesgraun, Muß ewig das liebliche Wunder ich schaun Und kann es nicht glauben, nicht fassen. O Du himmlische Blume, Du minnige Maid, O dürft' ich Dir dienen in Ewigkeit Dich halten und nimmer Dich lassen!« Der Mittag dämmert so süß und lind. Was flüstern die Schatten, was säuselt der Wind? Was zwitschern der Fink und die Meise? Die Sonne jauchzt es durchs Blätterdach, Die Bienlein summen's am kühlen Bach, Die Quelle, sie lispelt es leise: »Ein Tischlein für jeden rüstet Natur, Allüberall triffst Du der Liebe Spur, Entsagen ist grausam, nicht weise.« Eine Laube winkt aus dem grünen Grund. Drin saßen die beiden manch' selige Stund, Sich herzend in minnigem Tande. Die Sonne ging nieder, die Nacht brach an, Da war verflogen der thörichte Wahn, Da sprangen die lähmenden Bande. »Du schnöder Bube, was hast Du gethan? Verwegner Räuber, rühr' mich nicht an! O wehe der ewigen Schande! Fluch mir, der eitlen, der unnützen Magd! Wer hieß mich reiten zur Falkenjagd? O wäre sie nimmer gewesen! Jüngst lag ich in Aengsten und Todesqual, O wär' ich gestorben viel tausendmal, Eh daß ich zum Unheil genesen. Nie wag' ich mich fürder ans Tageslicht, Des Vaters Antlitz ertrag' ich nicht. Im Auge, da würd' er es lesen.« »Dein Auge, Feinsliebchen, ist blau und rein, Das Glück ist unser, mein Herz ist Dein. Nichts kann uns fortan entzweien. Uns festigt gemeinsamer Sünde Kitt, Und gilt es zu sterben, so sterb' ich mit. Man kann auch sterben zu Zweien. Was ist da nun weiter für große Not? Die schönsten Blümlein schneidet der Tod Im knospenden, blühenden Maien.« Zwei Rößlein steigen die Burg hinauf, Kein Knappe führt sie, kein Reiter sitzt drauf Und haben den Weg doch gefunden. Sie schleichen gar traurig einher und gebückt, Mit Blumen sind Mähne und Schweif geschmückt, Die Zügel verschlungen, verbunden. Und als man die Kränzlein vom Sattel wand, Da ward von schön Hilmgards eigener Hand Ein zierliches Schreiben gefunden. »Wenn Ihr dies leset, dann leb' ich nicht. Herzliebste Eltern, verdammt mich nicht! Ich weiß nicht, es ist so gekommen. Der heiligen Jungfrau ich mich befehl'. Laßt Messen lesen der sündigen Seel', Es wird im Jenseits mir frommen. O Hochzeitstag! O du seliger Tag! Und führ' ich zur Hölle mit Einem Schlag, Die Minne, die hab' ich vernommen!« Der Ketzer.                       Als der Bischof Leo seinen Imbiß nahm, Da geschah es, daß ein Schuster zu ihm kam: »Hab' mich je und je der Frömmigkeit beflissen, Keine Beichte, keine Messe mocht' ich missen. Aber heute muß ich Trost im Zweifel haben: Nämlich letzthin, als den Vater wir begraben, Und ich meditierend folgte seinem Sarge, Neckte mich mit einem Lügenbild der Arge. Mag nun noch so tief in Gott den Geist versenken, Immer muß ich jenes Truggesichtes denken. »Meinen Vater sah ich in dem Lügenbild, Wie er leibt' und lebte, lieb und gut und mild. Doch nicht eins und fertig, sondern vielgespalt, Trug drei Häupter über dreierlei Gestalt: Erstens, wie wir alle ihn zuletzt gekannt, Krank und bresthaft und des Intellekts entmannt; Zweitens, wie ich, folgend der Erinnerung Spur, Ihn zuweilen schaute in Memoria nur, Rüstig schreitend abends nach der Schusterzunft, Was er that, war recht, und was er sprach, Vernunft. Endlich als ein muntres Knäblein flink und frei, Wie er überm Bette hängt im Konterfei. Jetzo find' ich keinen gläubigen Christenschluß, Was ich denken, was ich schaun und halten muß. Etwas, das sich stetsfort ändert, ist nicht Ein Und Verschiednes kann das nämliche nicht sein, Vielheit aber widerstreitet der Person. Nun begreift Ihr meinen bangen Zweifel schon. Kann's nicht fassen, kann's nicht übereinbekommen, Daß der Mensch wie Wind und Wasser sei verschwommen. Müßt mich lehren, laß mich gerne ja bekehren, Welches Antlitz soll als seines ich verehren?« »Laß das Grübeln,« sprach der Bischof ärgerlich, »Bet' ein Vaterunser und bekreuze Dich.« *           * * Als der Bischof Leo aß sein Vesperbrot, Stand der Schuster wieder da in seiner Not. »Hab' die ganze Nacht gebetet heiß und tief, Daß der Angstschweiß mir von Stirn und Wange lief. Bleibt doch alles unversöhnt und unvergessen, Kann's nicht lösen, kann ihm keinen Schluß entpressen.« »Laß die frommen Fratres Dein Geständnis hören, Werden hurtig Dir den Belzebub beschwören.« *           * * Als der Bischof Leo saß beim Mittagsmahl Kam derselbe Schustersmann zum drittenmal. »Zwanzig fromme Fratres sprengten Guß auf Guß Mir aufs sündige Haupt den heiligen Weihefluß. Viele Stunden ohne Unterlaß und Ruh Setzten sie dem Teufel auf Lateinisch zu. Ist doch alles gleich, als wär' es nicht gewesen, Kann nicht heilen, kann vom Zweifel nicht genesen.« »Schalk, Du bist fürwahr ein Ketzer, weißt Du das? Fahr' zur Hölle und gehab Dich Satanas!« »Also,« schrie der Schuster, »das ist der Bescheid Auf mein bänglich Fragen, auf mein Herzeleid? Wollt als Ketzer meinen Namen Ihr verfehmen, Wohl, so sollt ihr eine Ketzerei vernehmen: Ei, Ihr Gaukler, ei, Ihr Belialspfaffen Ihr! 's ist ein Trost von Stroh, ein Glaube von Papier. Hat die Kirche keine Arzenei vorhanden, Wozu ist denn Christus schließlich auferstanden? Eine Instituz, die nicht auf Wahrheit zielt, Die sich vor den Rätseln feig beiseite stiehlt Und sich vor dem Denken duckt ins Symbolum, Ist ein Kinderplappart, ein Ridiculum. Nennt Euch Priester oder nennt Euch Theologen, Eure Botschaft, Eure Weisheit ist erlogen.« *           * * Als der Bischof Leo schmauste die Collaz, Da verbrannten sie den Schuster auf dem Platz. Seufzend faltete der Bischof seine Hände: »Friede seiner Asche, selig sei sein Ende.« Munkelte alsdann von Christi Blut und Wunden, Aß mit Appetit und ließ den Fisch sich munden. Das Dämchen.     Ein Dämchen aus der großen Stadt, Das nirgends Rast und Ruhe hat, Mit Nervenleiden scherzte, Fuhr nach Ostende jeden Lenz, Im Herbst nach Nizza und Florenz, Mißhandelnd Möps' und Aerzte. Da kam ein Schreiben vom Notar, Das sprach von Saldo sonderbar, Von Rubeln, Mark und Gulden. Ihr Bankkassier war durchgebrannt, Ihr blieb ein magres Hüflein Land Und eine Handvoll Schulden. O weh, du schöne Nervenzeit! Zum Kuckuck ist die Herrlichkeit, Die Badekur beendet. Um neun Uhr fährt der nächste Zug, Ein Koffer ist gepackt im Flug, Der andere gepfändet. Nun läuft sie, wie es hinkt und geht, Von Morgen früh bis Abends spät Nach Kunden und nach Stunden. Doch kaum im Bett mit Einem Bein, So schläft sie mammutsmüde ein, Hat Ruhe jetzt gefunden. Der Gymnasiast. Walzer.         Geigen und Pfeifenschall Alles beim Maskenball Ich bin zu jung. Mir bleibt als Hochgenuß Titus', ach! Livius' Lederner Schwung. Kratzt etwas an der Thür. Schieb' ich den Riegel für? Laß ich es dar? Hupft eine Römerin, Duckt sich zum Büblein hin, Zupft' ihn am Haar. »Weißt auch, o Gymnasiast, Was Du für Augen hast? Schau mich nicht an! Gott! wenn er wüßte, daß Ich bei Dir sitze, was Sagte mein Mann. Schande Dir, Herzensdieb! Hast mich ein wenig lieb? Rede, bekenn'! Guck' nicht so stumm und dumm Mir im Gesicht herum! Küsse mich denn!« Geigen und Pfeifenschall, Alles beim Maskenball. Wir sind allein. Ri-ra-ro-Römerin! O welchen süßen Sinn, Hat Dein Latein! Der Jäger und das Wichtchen.                     »Was huschelt im Garten, was raschelt im Baum? Es ist doch kein' Katz' nicht und a' Wiesel kaum. No wart' nur, du Lecker, du Kirschendieb! Du nimmst wohl fürs Erste mit 'nem Schrotschuß vorlieb.« Der Jäger raffte die Büchs von der Wand. Schon hatt' er den knackenden Hahnen gespannt, Da flattert' ein Röckchen, da zappelt' ein Sprung, Hops! wischt' aus dem Kirschbaum ein Wichtel jung. Der Flug durch die Luft hin geriet ihm wohl: Es lag auf vier Beinen im Schwarzrübenkohl. Dort flennt' es gar kläglich zum Jäger hinauf: »Lieber Jager, lieber Jager, no so hören's doch auf! No so sein's net so fuxig, no so sein's doch net bös, Ich thu's ja net wieder, dös schwör' i Enk gwöß.« Der Jäger verübte ein Spitzbubeng'sicht: »Auf solch eine Häsin schießt unser Einer nicht. Und wenn's mer a d' Wurzeln glei mitg'fressen hätt', Verpusseln thät ich's, aber derschießen net.« Er stöhnte gar elend die folgende Nacht, Hat nimmer g'schlafen, nur auf Wichterl gedacht. Am andern Frühmorgen um fünf Uhr schon Da baumelt' im Kirschbaum zum Schelmenlohn Ein seidenes Banderl mit 'nem Gulden von Gold, Damit ihm das Wichterl noch mehr mausen sollt'. Vergebens pirscht' er den langen Tag, Da fuhr gegen Abend ihr Strubel durch den Hag: »Adjes, lieber Jager, auf Nimmerwiedersehn! Das Gold und das Bandel wär'n besser net g'schehn. Wir Wichterln sind knorrig wie Weixelbuxholz, Zum Stehlen freiwillig, zum Nehmen zu stolz.« Das Heuhexchen.                                       In meiner Heuscheuer Ist's nicht geheuer. Jüngst als ich vor Wochen, Auf's Tenn gekrochen, Da hockt meiner Treu Ein Hexerl im Heu, Rund und gesund, Ein Kleeblatt im Mund. Den Buckel gebuckt, Geguckt und geguckt, Und das Kleeblatt mir einfach angespuckt. Ich, wie ich bin, Zur Wahrsagerin. Die hat mich geheißen, Selb Kräutlein zu beißen, In welches vordies Das Hexerl drein biß. Nun such' einer das In dem Schochen Gras! Ich hab' halt gebissen Im Ungewissen, Einen Arm voll gewogen, Durch den Mund gezogen, Geseufzt und gesogen. Da spickt mich von fern Ein Haselnußkern. »Herr Doktor! Ei, schauen's, Was wiederkauen's? No, so singen's doch Muh! Ich jodl' Enk dazu.« No so wos, aber so wos, no wos sogen's dozu? VI. Spruch und Lied. Pan, der Richter.         Pan, der schöne Götterjüngling, steigt herab die Welt zu richten, Nymphen küssen ihm die Lippen, ehe sie das Urteil dichten. Brünstig beten Tier' und Menschen vor dem strengen Göttersohne, Tod bedeutet seine Strafe, Hochzeit spendet er zum Lohne. Sieh, da nah'n erhobnen Hauptes die Gerechten und die Weisen, Bringen dar Verdienst und Werke, ihre Tugend zu beweisen. Doch der heil'ge Knabe spottet: »Was ist Weisheit? Was ist Tugend? Schönheit ist das Ziel der Erde und der Wert des Lebens Jugend. Alle Sünden sind erläßlich im Gesetzbuch der Natur Dem, der in Gestalt und Antlitz trägt der Gottheit edle Spur. Aber wenn der Quell nicht flutet, der den Spruch des Lebens spricht, Wenn der Mut nicht übermutet, diese Schuld vergeb' ich nicht.« Sprach's und winkte seinem Schergen Thanatos, dem Weltenhenker, Ueberliefert' ihm zum Tode das verwelkte Volk der Denker. Führte dann zum Dorn die Knaben und die Mägdlein zu den Rosen, Lehrte sie das süße Urteil: Liebeslust und Kuß und Kosen. Aurora.         Wenn der Tau vom Himmel fällt, Zieht Aurora leis' durchs Feld, Steigt beim Morgensternenschein Auf den düstern Sonnenrain. Nimmt drei Rosen von der Brust, Streut die Blätter in die Luft. Winkt mit ihren weißen Händen Viermal nach den Himmelsenden: »Winde, kommt die Locken schütteln! Alles Leben muß man rütteln. Jede Wurzel darf man loben Und was tüchtig ist, erproben.« Sausend nahen sie, die raschen, Und im Sturm die Rosen haschen. Führen ihre Beute schnelle Durch die frische Morgenhelle, Rütteln Wurzeln, Stämm' und Mauern, Ob sie halten, ob sie dauern. Stürzen um die morschen Schäfte, Blasen Jugend in die Säfte. Doch Aurora hebt die Hand, Spricht den Segen übers Land: »Was vergangen, sei vergeben. Wer da glaubt und hofft, wird leben. Was da faul ist, das muß fallen. Gruß von Gott den Mutigen allen.« Das Leuchtschiff.               Ttrübes Morgengraun umher Und kein Schlummer nahte mehr. Ueber mir des Tages Last, Nirgends Friede, nimmer Rast. Horch, da rauscht ein weiches Rad, Wie die Sense mäht die Mahd. Fleißig schnaubt und stampft der Schlot Und ein Wille lenkt das Boot. Sieh' jetzt wendet es den Spitz. Von der Koje zuckt ein Blitz. Und jetzt lodert's, flammt und glüht, Feuergischt die Woge sprüht. Einen Sonnenstern am Bug Eilt das Schiff in stolzem Flug. Vor ihm tanzen Licht und Strahl; Hei, welch' mutiges Fanal! Hausspruch.         Dies ist mein Haus, Der Frohsinn schaut draus. Was ist denn darin? Was Liebes ist drin. Ihr bösen Geister lobet den Herrn! Mit Krankheit bleibt fern. Alle guten Gaben, Besuch will ich haben. Der Frauen Schmunzeln, der Männer Witz Macht die Seele rund und die Zunge spitz. Ihr lieben Leute, worum ich bitt', Bringt Eure Kinder mit. Ich kann sie erwarten, Ich hab' einen Garten. Ach, heiliger Sebastian im Himmel mein! Könnt Ihr denn nicht schrein? Jodidel, jodudel, so laut als es gellt, So lang als es hält. 's gibt wichtige Leute im Lande genug, Sie dünken sich weise und sind noch klug. Bedient denn, o Gott, Mich niemand mit Spott? Nichts thut der Leber so wohl und lieb Wie ein geschliffener Schnabelhieb. Der Ostwind.             Der Ost vom Sonnenberg Schwingt Banner und Flamberg. Flugs sammeln sich zum Ball Die Wolken all'. Und meuternd schwenkt der grimme Hauf Den Wetterberg hinauf. Ein schwarzer Turm, Drin Blitz und Sturm. Der Oster mißt den finstern Feind: »Man will mir trotzen, wie mir scheint.« Er greift zu Bogen, Schild und Speer, Da fährt ein Schrecken in das Heer: Die Vorhut setzt mit wildem Graus Ueber das letzte Glied hinaus. Die Mitte steht, die Nachhut drückt, Und schief gebogen, krummgebückt Hängt schräg die Hagelbucht, Bereit zur Flucht. Nun kommen Speer um Speer geschwirrt Und keiner, der im Ziel sich irrt. Zersprengt, zerschlissen und zerschellt Humpeln die Wölklein aus dem Feld. Der Oster wendet stolz sich um: »Nun, Sonne, nimm Dein Eigentum!« Sie naht mit ruhigem Herrschertritt Und Lust und Frohsinn kehren mit. September.                   Es riß entzwei der Nebel, durchbohrt vom Sonnenstrahl – Sieh da: des Herbstes Herold, der mutige Admiral Der Nebelmeereswogen, ankernd im Gartengrund, That mit den roten Wimpeln die Tagesordnung kund: »Die Wespen an den Honig, die Amseln ans Spalier! Von Pfirsichen und Trauben ist süße Fülle hier. Aber die Menschenkinder, die freien Herrn der Welt, Zu Fuß, zu Roß, zu Wagen über Gebirg und Feld!« Auf einer Laube stehend, vernahm ich diesen Gruß. Den Berg hinauf zu klimmen träumte bereits mein Fuß. Da – trau ich meinen Ohren? Hab' ich mich nicht geirrt? Ein Rößlein hör' ich schnauben, ein neckisch Lachen girrt. Ja, das ist ihre Stimme, den Kobold kenn' ich drin. Willkommen und gefangen, verwegne Reiterin! Gefangen und gebändigt mit Willensübermacht. Ei, blicke nicht so finster aus Deiner Wimpern Nacht! Wie hart Du mir auch drohest mit Deiner Augen Joch, Meinst Du, ich spür's nicht deutlich? Weißt Du, Du liebst mich doch. Hörst Du die Herden läuten? Merkst Du den Taubenflug? Und um die goldnen Reben den Silberschleierzug? Aus! laß uns jauchzen und jagen! Schnell sattelt mir mein Pferd! Die Welt an diesem Tage ist Deiner Schönheit wert. Dein Haupt zu krönen funkelt der blaue Edelstein, Doch ich an Deiner Seite will schauen Dich allein. Und wenn wir heimwärts kehren abends beim Sternenschein, Mit Bildern reich beladen, die Glieder müd' und schwer, Jubel und Sang im Herzen und Schweigen um uns her, Zufrieden mit uns selber und mit einander rein, Dann wird Dir's Lust gewesen und Glück geworden sein. Kronos' Wagen. Aus einem Festspiel.               Langsam, doch stetig wandelt Kronos' Wagen. Wohin er steuert, wer vermag's zu sagen? Nebel verhüllt die heimlichen Geleise; Kein Führer lenkt die rätselhafte Reise. Er rollt, getrieben von verborgner Macht; Und hinter seinen Rädern dämmert Nacht. Wer zählt die Schritte? kann die Straße messen? Und was bedeutet »kurz« und »lang« auf Erden? Es ist ein ewiges Vergehn und Werden, Und was dahinten liegt, es ist vergessen. Die Stunden zögern und die Jahre fliegen; Das Zifferblatt der Weltuhr bleibt verschwiegen. Inzwischen leiht der Schmerz uns Maß und Zahl: Kurz ist das Glück und endlos scheint die Qual. »Ein Jahr«, dem Einen ist's ein flücht'ger Traum, Verhaucht, verraucht in eitler Thaten Schaum. Doch mancher, wenn vom Herbst zum Herbst die Brücke Das Jahr geschlagen, spürt in seiner Brust Verschwärte Wunden, eine ewige Lücke Und einen unersetzlichen Verlust. Fatime. Kantate. Fatime Kayser von Zug, als sie während eines Gewittersturmes ihre Blumenstöcke bergen wollte, fiel in den Garten zu Tode. In acht Tagen sollte ihre Hochzeit sein.                   Es sprach der Tod zu seinen fahlen Pferden: »Ich wittere Glück, es gibt noch Glück auf Erden! Wieviel auch Haß und Hader herrscht hienieden, Ich spüre Herzlichkeit, ich rieche Frieden.« Ein Daumenschlag, ein Pfiff aus seinem Munde: Und beutegierig gröhlten seine Hunde. Unwirsch erklettert' er den Sichelwagen, Packte die Zügel und mit tollem Sprung Ließ er den ungestümen Sechsspann jagen Vom Wildspitz nieder in die Dämmerung. Der Sturm erschien auf seinen Geierruf, Der Föhn erfaßte heulend seine Schürze. Und wo den Boden schlug der Rosse Huf, Rollten Lawinen, schäumten Wasserstürze. In Goldau hemmt' er schnuppernd seine Fahrt, Spähte gen Brunnen, horchte gegen Arth. Dann plötzlich lenkt' er steifen Blicks den Flug In weitem Bogen um den See nach Zug. Ich weiß ein Haus in Lilien und Levkojen, Wo Kummer Thränen, Scherz Verständnis findet, Wo Geisteswert mit Güte sich verbindet, Helvetische Kraft mit Wohllaut von Savoyen. Ein Herd der Poesie, ein Heim der Kunst Und alles Ungemeine steht in Gunst. Kennst Du, von keinem Stachel auszumerzen, Den Spruch am Thor?: »Hier wohnen große Herzen.« Hier spannt' er aus, warf sich aufs Sattelroß, Ritt durch den Garten um das Erdgeschoß: »Mutter, wo ist die liebste Tochter Dein?« Sie lallt' im Schlaf: »Oben im Kämmerlein.« »Schwestern, wie thu' ich Euch am meisten weh?« Sie stammelten: »Verschone Fatime!« Jetzt klemmt' er seine Knie, verhielt die Zügel, Stemmte die Fersen, bäumte sich im Bügel, Und während unterm Kies im Gartenflur Die Rüden kratzten eine blutige Spur Und geifernd im Spalier mit giftigem Schnauben Der Hengst die Nüstern wühlte durch die Trauben, Schob er, sich türmend auf dem Sattelknopf, Durchs Blumenfenster seinen Raubtierkopf. Und siehe da, im Winkel der Kemnate Das fromme Kind im bräutlichen Ornate; Auf ihrer weißen Stirn der Jungfernkranz, Das Angesicht beseelt von Hochzeitsglanz. Sie sah den Unhold das Gemach verdüstern Und betend hub sie an im Traum zu flüstern: »Gott weiß, ich habe Pflicht und Recht geübt, Mit Vorsatz keinen Menschen je betrübt. Ein wenig Leben unterm Sonnenschein, Soll das zu viel verlangt gewesen sein? Doch murr' ich nicht, steht's anders mir geschrieben. Gott spend' Euch Kraft und Trost! Lebt wohl, Ihr Lieben!« Schnell malt' er auf den Sims mit schwarzem Stift Grinsend ein Zeichen in verruchter Schrift; Dann taucht' er unter. Und verschwunden kaum, Krähte der Hahn. Es wisperte der Morgen. Lichtnebel huschten leise durch den Raum Auf bunten Socken. Hinterm Fries verborgen Nickte das Tages goldner Lockenschmuck, Und alles schien ein wesenloser Spuk. Und so geschah es. Nie werd' ich vergessen Den schauerlichen Chor der Totenmessen, Das heiße Schluchzen, den Verzweiflungsschrei Und höhnisch lachten Berg und See dabei. Ich sah die Sonne der Natur sich schämen Und Welt und Himmel schienen Trug und Schemen. VII. Sinnbilder. Die drei Fliegen.                 Rollt ein Wagen durch die schwüle Hardt, Fern nach Welschland auf der Hochzeitsfahrt. Mittagsschlummer drückt auf Tann' und Laub; Bloß drei Fliegen tanzen mit dem Staub. Während sie so hinterm Wagen reiten, Wispern sie und tauschen Heimlichkeiten Raunt die Erste: »Um der Rosse Nüstern Flog ich heute Morgen neuheitslüstern. Hab' vernommen, was sie sich erzählten Von der jungen Frau, der Neuvermählten: Fürstlich ist ihr Hochzeitsangebinde. Schloß und Garten, Diener und Gesinde Stehn bereit, als Herrin sie zu grüßen. Glanz und Reichtum legt er ihr zu Füßen.« Summt die Zweite: »Auf dem Wagenschlag Saß ich still den langen Vormittag, Blickend auf das Paar mit Wohlgefallen. Denn ich sah des Glückes farbiges Schweigen Durch den grünen Wald zum Himmel steigen. Sah sie seufzen, hört' ihn Liebe lallen, Sah errötend sie dem kühnen Gatten Hand und Mund und Kuß um Kuß gestatten.« Doch die Dritte zischelt: »Ich erkor Mir zum Kundschaftsplatz ihr feines Ohr, Wo der Frühlingshauch die Locke kräuselt, Wo zum Herzen der Gedanke säuselt. Und ich sah im Traum sie heimwärts wandern. Wenn sie schweigt, so schweigt sie von dem andern. Wenn sie ihres Gatten Küsse duldet, Seufzt sie, weil sie's dem Verhaßten schuldet. Wenn sein Stammeln ihr die Wangen rötet, So geschieht's vor Scham, daß Schmach nicht tötet.« Kommissionsfriede.             Zum vaterländischen Werk der Ausschuß tagt Im gotischen Saal, der Neustadt überragt. Der Stoff heißt interessant: er langweilt jeden; Niemand mag hören, alle wollen reden. Die Mehrheit gähnt, es schläft die Minderheit, Denn jeder hat sein Votum längst bereit. Auf Nagelsohlen schleicht die Polizei Und durch die Bogenfenster lacht der Mai. Tiefseufzend lauscht der junge Sekretär Dem Orgelprobespiel vom Dome her, Wo des Sonatenstromes Purpurwogen Durchs Münsterschiff mit mächtigem Flutenschwall Vereint das rote Sonnenmeer durchzogen. Geschmolz'nes Tongold auf den Dächern all, Und in den Gärten buhlt die Nachtigall. Finkengezwitscher hüpft am Chorherrnplatz Zu eines Ringelreigens Tanz und Satz. Der Schreiber spürt des Lenzes Schöpferruf, Und während männiglich Statuten schuf, Malt' er, verborgen hinterm Protokoll, Ein Blatt Papier mit Schnörkeln zierlich voll. Erst sind's Majuskeln, kunstgerecht geschwungen, Endzipfel, krause Arabeskenketten, Mit kühner Hand in einem Wurf gezwungen; Dazwischen Initialen und Vignetten, Namen in Rundschrift, Steilschrift und Fraktur; Dann, wie ihm das so überaus gelungen, Allmählich übergehend zur Natur, Vergönnt er sich zum wohlverdienten Lohne Der Schöpfung holdes Ziel: des Mannes Krone. Das nämliche Gesichtchen immer neu In einem struppigen Wald von Lockenheu. Gesichter können in der Luft nicht schweben, Der Busen gibt dem Antlitz Leib und Leben. Ein Südwind, sein Gewissen zu behüten, Stäubt' ihm aus Mund und Nase Fliederblüten. Also an seinen Amtseid zart gemahnt, Hat er den Rückzug reuig angebahnt. Doch wie er auch den Patriotismus weckt, Umsonst: die Liebe zupft, der Frühling neckt. Fremd in die wesenlose Politik Glast sein verträumter Sinnenbilderblick. Die sieben Rößlein.                     Sieben junge Rößlein hüpften aus dem Stall. Morgen war's und Lerchen jauchzten überall. Als sie durchs Gehölz das grüne Blachfeld sah'n, Fingen sie vor Uebermut zu niesen an. Jenseits hinterm Holze ritten sie zu Hauf, Wer der erste wäre im verwegnen Lauf. Sultan knirschte: »Meine Heimat ist Byzanz. Flug ist meine Lust und meine Kraft ist Tanz.« Auf dem Rasen schnuppert' er bei diesem Wort, Hob das leichte Kreuz und flog verächtlich fort. Schnob der Berber: »Schmach, wer sich der Eltern schämt! Adlig bin ich nicht, doch frei und unbezähmt.« Stampfte, bäumte sich und jagt', ein trotzig Wild, Mit gefletschten Nüstern stürmisch durchs Gefild. »Maß ist Stärke,« meinte weise der Wallach, Trabte mit den übrigen gelassen nach. Doch Handschik, der kleine Hengst von Erzerum, Mit dem Hufe scharrend, sah sich blinzelnd um. Sieh, vom Hügel, wo die Hirtenlager sind, Nahte Derjadar, das braune Türkenkind. Bloß die staubigen Füße, hochgeschürzt das Kleid, Los das Haar, die Peitsche in der Faust bereit. Hui, wie flink sie auf den Hengst im Sprung sich setzt! Und mit Hieb und Stoß und Kniff ihn schreiend hetzt! Bei Mostir, am Gartenzaun der Meierei Saust' er wiehernd an der Brüderschar vorbei. »Tschok!« Ein Zungenschlag, ein Schenkelgegendruck: Stille hielt er schäumend mit gespanntem Ruck. Auf den Boden glitt die Türkin: »Wohlgethan! Sollst zum Siegespreis ein lustig Kränzlein han.« Mit behendem Griffe fing sie ihn beim Ohr, Führt' ihn durch den kühlen Bach zum Waldesthor. Knieen ließ ihn die gestrenge Derjadar, Flocht ihm singend einen Palmenbusch ins Haar. Dann vom Rock die rote Schärpe löste sie, Band sie ihm als Ehrenschleife übers Knie. »Also,« sang sie, »Täuberich, gefällst Du mir. Wer in Stambul, jupp, ist herrlicher als wir?« Das Orakel.         Saß am Goldfischweiher das Prinzeßchen, Schaut' ihr lachend Ebenbild im Spiegel, Warf ein Ringlein in den Teich und summte: »Holla! Wasserspiegel, Zauberspiegel, Thu' ein Zeichen, deute mir die Zukunft.« Sieh da, aus dem blauen Wasserhimmel Taucht' ein Rosenwölklein auf zur Linken; Doch von rechts her kam ein schwarz Gewitter, Wuchs und schwoll und fraß das Rosenwölklein. Auf die Füße sprang das kleine Fräulein, Rührt' ein Stöckchen zornig durch das Wasser, Daß den Spiegel heftige Wellen trübten, Hüpft' alsdann und tanzte durch den Garten: »Ist doch alles Trug und Teufelsblendwerk! Ich bin jung und schön, das ist die Wahrheit.« Oktober.               In Mailand. Laue Luft, von Süden streichend, Entzündete mit Flammenrosenglut Den Mondenschein des Doms. Im blanken Spiegel Krystallener Scheiben schwamm von Glanz und Farben, Von Licht und Lust ein jauchzender Akkord Wimmelnd vorbei. Aus Blumen lachten Lippen Und durch Diamanten blitzten schwarze Augen. Vor einem Globus stehend schlürft' ich gierig Den Frühlingsodem, bald zum blauen Süd Das durstige Auge hebend, bald den Blick Versenkend in den länderkundigen Globus. Da sauste durch die schimmernden Arkaden Ein rauher Nord, den nassen Mantel schüttelnd. Der Glanz erlosch. Von kaltem Schweiß getrübt, Dampften die Scheiben und verfilzten sich Mit pelzigen Nebelschleiern. In dem Nebel Erschienen Sternchen, grüßten mich Pupillen. Freundschaft darin, und außen auf den Sternchen Der Wiederschein von Herbst und Heimat: Herden Auf grüner Alp und Rauch zum Himmel kräuselnd. Jetzt gab mich frei der Globus und nach Norden Sandt' ich den Blick und lenkte meine Reise. Der Handwerksbursch.                   Unendlich windet sich durch kahles Waldgerippe, Im Nebel dampfend, aufwärts die verschneite Straße. Gespenstisch unterleuchtet, brütet Sturmgewölk, Und Krähenschwärme fallen auf die weißen Aecker. Ein Handwerksbursche schleppt die wunden Füße ächzend Die Hardt hinan. Durch seines Wamses Löcher beißt Der Frost und aus den hohlen Wangen fletscht der Jammer. Sein fieberhaftes Auge aber starrt fanatisch Nach den Gesichten, die, vom heißen Herzenshunger Gezeugt, ihn stets verfolgen auf der weiten Reise: Goldstrotzende Gemächer, leckrer Speisebrodem Und üppige Frauen, die sich liebreich zu ihm neigen. Er schaut's und glaubt's, indessen Glockensymphonien Und Engelchorgesang sein durstig Ohr bethören. Im roten Buchentobel auf dem Waldeskamm, Wo sich die Straße teilt, lehnt er den müden Rücken Au einen Meilenzeiger, stiert vor seine Füße Und ruht. Dann rüstet er zum Imbiß Brot und Messer, Umschrien von einem Kranz von Krähen, denen er Von Zeit zu Zeit ein Krümchen gönnt. Allmählich kehrt, Vom Speisesaft belebt, ihm Mut und Wille wieder. Er fragt den Meilenzeiger, prüft die beiden Wege: Zur Linken liegt das Ziel. Mit klarer Stimme mahnen Dorthin Verstand und Pflicht und die gebahnte Straße, Die frei von Hemmniß und Gefahren in die leere, Gleichgültige, bleierne Natur sich fern verliert. Zur Rechten, wo der Kirchturm aus dem Felde ragt, Schreckt ihn Gebell und protziger Bauern rohes Schelten. Ihm bangt, ihn ekelt. Schnöd mit grobem Wort empfangen, Sieht er im Geiste sich von Thür zu Thür verstoßen. Er schaut den Bauern, der ihm stumm den Rücken kehrt, Die Bäuerin, die ihn mit einem geizigen Rappen Und einem giftigen Blick beleidigt, Knechtsgesinde, Welches, zur Mitleidslosigkeit den Haß gesellend, Mit Fäusten ihn bedroht. Dazwischen Polizei, Verhör, Verwarnung, Wanderschriftenplackerei – Und trotzig schlägt er sich zur Linken. Wenige Schritte, So zaudern seine Füße. Dächer sieht er schimmern Und Rauch zum Himmel steigen. Durch den Rauch erscheint ihm Ein enges Stübchen, eine harte Bank, ein Glas, Lagernder Männer Wechselwort von Krieg und Frieden, Vielleicht ein Dirnchen auch, das mit erkaufter Huld Zum sauren Wein ein falsches Lächeln ihm kredenzt Und deren Atem seine Wange streift. Jetzt wendet Er sich. Und aus dem Weltverließ, das ihn umstarrt, Flieht er hinüber in die heimatliche, traute Menschliche Schlechtigkeit und lebenswarme Bosheit. Die Jurakönigin. Roman.                   »Stille! Weck' nicht die Jurakönigin; Hier starrt ihr Zackenschloß. Von dieser Rotfluh, Erzählt man, wirft sie sich in schwüler Herbstnacht, Wenn Stürme fegen durch den lockern Neuschnee, Auf ihrem Schlitten jauchzend in den Wildbach Und fährt zu Thal auf den entsetzten Wogen. Ein Fels dient ihr zum Boot, ein Stamm zum Steuer; An welchem Dorf sie rüttelt, das zerschellt; Wo Friede träumt und Unschuld betet, würgt sie. – Ja, diese Schlucht ist schlimm! – Siehst Du die Otter Dort schleichen unterm Schierling? Und überm Thymian Die falsche Kupferwolke? – Still! mir graut. Komm, laß uns leise fliehn; hier schläft ein Schrecknis.« Sie sprach's. – Er aber schlang um ihre Hüfte Hemmend den Arm. – Da zuckte sie und stand, Vor Wonne schauernd, schwach und schutzlos, gleich Als wie von einem süßen Gift versehrt. Das Antlitz sank, die Kniee wankten. – Horch! Vom Bach das Rauschen, wie es braust und tobt! Das Ohr betäubend und den Geist verwirrend. Nun schwillt's zum Heulen, nun zum zornigen Brüllen; Als ob, von schwarzer Riesenfaust gestaut, Die Wasser, rückwärts brandend, hinterm Wald Sich sammelten, den Klippenwall zu stürmen. Doch über all dem Tosen schmetterte Ein Siegtrompetenton, ein Jubelschrei: »Was zauderst Du? Triumph! Ich bin erlegen.« Schon streiften ihre Locken seine Stirn, Kosend wie Kindeskuß und lind wie Sünde – Da sieh: auf einem Rasenband am Sims Der Rotfluh lag im Grase langgestreckt Die Jurakönigin. Die Schilleraugen, Im Glimmerglanze spielend, lauerten; Und kriechend durch die halbgeschloss'nen Lider Kamen und gingen böse Schlangenblicke. Verstohlen dehnte sie das Kreuz und schob Heimlich den Fuß hinüber in den Abgrund, An einem Quarzblock fingernd mit den Zehen. Der Block bewegte sich. Aufstäubend stürzt' er, Mit ungeschlachter Wucht die Luft durchsausend, Hart auf die Straßenmauer, Feuer schmetternd; Von dort in prallen Bogen in die Bachkluft. Ein kurzer Aufruhr: schütterndes Geschiefer – Insektenschnurren – einer Elster Schrei – Und durch den hohlen Wald der Wiederhall Im dumpfen Donner – dann Ruh und Schweigen. Sie starrten in den Schachen; ernst, ergriffen. Dann löst' er widerstrebend seinen Arm Zögernd von ihrer Hüfte; ehrerbietig. »Ja, diese Schlucht ist schlimm. – Und Du bist heilig.« In stummem Wandel schritten sie, den Kopf Gesenkt, durch die verwunschne Höllenhochburg. Bis daß mit einem Freudensprung die Angeln Sich öffneten und durch das blaue Thor Das gastliche Gelände tauchte: Triften Und Weiler, obenher die klaren Gletscher. Jetzt hielt sie plötzlich an, zu ihm gekehrt. Aus ihren Augen strahlt' in Himmelsschöne Der Unschuld Sieg. Und einen Dankesblick Aus ihrem wärmsten Herzen schöpfend, hauchte Ihr reiner Mund: »Ja, Du bist groß und gut.« Der Neubau.           Mit dem Willen hob ich einst ein Werk. Einsam durch die leere Vorstadt streifend Schuf ich Bilder, die ich bange maß, Ob sie fügten, ob sie mir genügten. Draußen, wo die Ulmen von den Schanzen Steigen, wölbten sie ein Fundament. Hier, von trotzigem Willenszorn geschüttelt, Schwur ich diese Wette: Eh vom Giebel Prunkt der Fichtenbaum und prahlt der Wimpel, Will ich meines Werkes Schluß und Endstrich Stolzen Mutes ziehn mit festem Handschwung. Täglich kehrt' ich alsdann wieder, meine Willenskraft zu wetzen an dem Neubau. Siehe, Tag für Tag in sicherm Fortschritt Wuchsen in die Luft die schlanken Mauern. War kein Hammer, der ins Leere schlug, War kein Nagel, der nicht nietete. Müh' und Not und Schweiß, sie nannten's Arbeit. Längst schon atmete ein gastlich Wölklein Durch den Schlot des Giebels. Blumen grüßten Aus den Fenstern, Menschen lachten drinnen, Während Nacht für Nacht mein schwach Gerüste Kläglich scheiterte vor meinem Urteil. Faul das Fundament und morsch die Balken, Rost im Eisen und der Wurm im Herzen. Aber wie ich neuerdings durch Zufall Jenes Wegs an jenem Haus vorbeikam, Schief die Front, die Wände grau und mürrisch, Kalt und käuflich der verlassene Herd, Hab' ich abermals den einen Neubau Mit dem andern mögen sinnend messen, Hab's gemocht und hab' es auch gedurft. VIII. Denkwürdigkeiten. Gülnahar.               Gülnahar, die sanfte Peri, flog von Eden, Mitleidsthränenströme netzten ihre Reden: »Höre mich, Allvater Ormuzd, Gott der Güte, Daß vor Schuld und Reue Dich mein Wort behüte: Menschen sah ich sterben, Menschen sah ich werden, Aber keinen Fröhlichen gedeihn auf Erden; Denn vom grünen Heimatgrund, der ihn geschaffen, Sieht ein jeder schon das Thor des Todes klaffen, Dem er widerstrebend, trüb und todesbang Näher rückt mit jedem neuen Stundenklang. Mögest ihnen mit den gnädigen Vaterhänden Ewiges Leben oder ewiges Nichtsein spenden.« Ormuzd lächelte: »Das läßt sich leichter wenden.« Einen Schleier spannt' er vor das Gräberthor, Daß der Lebensschluß im Dunkel sich verlor. Bog zur Seite den geraden Lebensweg, Durch die Büsche um die Ecken, krumm und schräg. Kaum vollzogen, so geschah ein lustig Hüpfen Munt'rer Menschen, die zum Grabe blindlings schlüpfen. Die Prophetenwahl.         Einen Propheten für sein Volk zu wählen, Trat vor die Burg der ungeborenen Seelen Jehova. Oeffnete das Geisterhaus Und gierig schwärmten die Gespenster aus. »Folgt mir,« versetzt' er, und mit festem Schritt Führt er sie sämtlich vor ein Alpthal mit. »Seht zu, daß Ihr den Gipfel nicht verfehlt, Dort unten gähnt die Hölle. Also wählt!« Die Mehrzahl taumelte den Todespfad, Ein Häuflein stieg zum Himmel schnurgerad, Ein andres tappte blindlings hin und her Und fand den rechten Weg von ungefähr. Doch einer strich, von Satanas versucht, Hart an der Grenze längs der Lasterschlucht, Beroch den Pfuhl, sog die verdorb'ne Luft, Trank lüstern jeden giftigen Moderduft. Kein Teufelsbrünnlein war so wenig rein, Er tauchte jedenfalls den Daumen drein. Bis endlich ihn sein kluger Witz bewog, Daß er im Winkel plötzlich aufwärts bog. »Der ist's,« sprach Gott zum Engel Raphael, »Die stärksten Seelen gehn am längsten fehl.« Adamsruh.         Nachdem umsonst an Edens Thor mit grimmer Hand Adam gerüttelt, floh er unstät über Land. Nicht seines Weibes Thränen, nicht der Kinder Klagen Vermochten, daß an einem Ort er dauernd raste. Nur immer vorwärts stürmen, immer weiter jagen. Es war, als ob er jeden festen Wohnsitz haßte. Da opfert' eines Mittags, während Adam schlief, Eva dem Herrn der Berge, betete und rief: »Sieh meines Opfers Brodem himmelswärts sich winden. Wann werd' ich Unglückselige eine Heimat finden? Ist denn im Hause des Allmächtigen keine Kette, Die meinen flüchtigen Gatten fesselt an die Stätte?« Der Herr vernahm das Wort, erhob die Feuerhand Und schlug den Erstgebornen ihr mit Fieberbrand. Kein Priester konnt' ihn heilen und kein Tränklein laben. Nach sieben Tagen ward er auf dem Feld begraben. Und als nun Adam trauernd weitertrieb die Reise, Da bog sich heimlich seiner Füße Spur im Kreise. Näher und näher kehrt' er zu dem Grabe wieder, Stach einen Graben, steckt' ein Haus und ließ sich nieder. Die Korrektur des Weibes.               Nachdem der erste Liebeswonnesturm verrauscht Und Kuß und Kosen karger ward getauscht, Nicht konnte Adam leider länger sich's verhehlen: An seinem Weibe schien ihm allerlei zu fehlen. Dies war zu viel und jenes fand er nicht darin, Und nicht begriff er seinen Rausch zu Anbeginn. Im Aerger rief der Herr: »So mag er drauf verzichten. Das holde Werk, das er nicht schätzt, ich will's vernichten.« Da lief ein Schrei des Schmerzes durch die Cherubim Und Ariel sprach, der findigste der Seraphim: »O Herr, die Schöpfung kann des Weibes nicht entbehren. Gestatt' es mir, den Nörgler will ich schnell bekehren.« Bei diesen Worten bückte Ariel sich und las Vom Himmelsboden ein gefärbtes Stäubchen Glas. Das fügt' er heimlich hinter Eva's Augen ein, So daß das Stäubchen glänzte durch die Fensterlein. Und kaum daß Adam den geborgten Schimmer sah, So jauchzt' er: »Haschamajim! Jah! Hallelujah!« Achmed der unverbesserliche Menschenfreund.         »Achmed, ich sage Dir: vom ersten angefangen Sind alle Männer Vipern, alle Frauen Schlangen.« Der Sultan rief's und des Triumphes vorbewußt Hing er dem Bruder eine Tafel um die Brust, darauf das kleine Wörtlein »Ungunst« war zu lesen. Aus allem Volke ist kein einziger gewesen, Der nicht, erschüttert bis ins Knochenmark hinein, Dem Prinzen schmiß ins Antlitz einen Plasterstein. Ein schlichtes Mädchen aber, das Erbarmen hatte, Umwickelte mit mut'ger Hand den Stein in Watte. Der Sultan höhnte: »Nun, wie ist es Dir ergangen?« Der Bruder trocknete die blutbefleckten Wangen: »O was für feine Vipern! was für schlanke Schlangen!« Aus Klio's Notizbuch. Die Rechtfertigung des Eroberers.                         Auch ihn, den Grimmen mit der Eisenstirn, Den Kriegsgewaltigen und Völkerwürger Nebukadnezar fand zuletzt der Tod. Und als nun durch die unterirdischen Hallen Sein Schatten wankte, stürzten Tausende Und aber Tausende von bleichen Seelen, Die Fäuste ballend, fluchend ihm entgegen Und schleppten Rache heischend ihn zum Richter. Auf hohem Throne saß der strenge Baal, Von zwanzig Engeln mit gezücktem Schwert Umringt. Zu seinen Füßen lagen Löwen. »Kannst Du den tausendfältigen Mord bestreiten?« »Ich kann es nicht,« erwiderte der Feldherr. »Kannst Du entschuldigen, was Du gethan?« »Ich kann's.« »Womit?« »Das Meer von Blut und Jammer, Das auf der Erde quillt von Ewigkeit, Hab' ich gegossen in Kanäle. Zwar Durch die Kanäle wälzte sich der Jammer, Doch längs den Ufern blühten Recht und Ordnung.« »Steh' auf und setze Dich zu meiner Rechten.«   Asiatischer Trost.           Im Schoß der göttlichen Semiramis Rief Moloch: »Fordre, es ist Dein.« »Gebieter,« Erwiderte sie schmeichelnd: »Leihe mir Auf einen einzigen Tag des Weltreichs Scepter.« Dann sprang sie auf und, eine weiße Taube Zum Orkus sendend, schrieb sie den Befehl: »Bindet den Tod und werft ihn in den Kerker.« Da tobt' ein Aufruhr schäumend gegen Himmel: »Was raubst Du uns den Trost, den einzigen, Der der gequetschten Ohnmacht bleibt: den Trost, Mit haßerfülltem Blick mit anzusehen, Wie auch in Pharaoneneingeweiden Der Tod mit unbarmherzigen Fäusten wühlt, Den Trost, zu wissen, daß die Würger wechseln.« »Herr, nimm zurück das Scepter,« seufzte sie.   Gläubige Frivolität.             Ein traulich Abschiedsfest gab Delphi's Priesterschaft Dem edlen Spender Kleisthenes. Die Pythia selbst Kredenzt' ihm huldreich lächelnd den geschenkten Becher. Dankend verneigte sich der Spötter: »Heilige Jungfrau, Leih' mir aus Deinem schönen Mund der Götter Segen.« Pythia errötete. Dann rollte sie die Augen: »Die Götter segnen jenen, der da glaubt.« »Ich glaube,« Rief Kleisthenes und, in der Heimat angelangt, Ergriff er einen Stock und rührte zukunftsgläubig Zu frechem Gas und Most die altehrwürdige Satzung. Die Götter segneten's. Der Rühricht ward Athen.   Europäisches Signalement.                 Die beiden Flotten ankerten vor Salamis. Nachts durch die Reihen schlich, die Wage in der Hand, Der Götterfürst, begleitet von den stummen Moiren. Mit scharfen Richteraugen prüften sie und wogen Der Völker Wert und ihrer Führer Wucht und Größe. Da sprang aus eines Feldherrnzeltes Fackelschein Ein Riesenschatten, weithin durch die Mondnacht schwankend. Kühn war der Schattenriß, doch spöttisch die Bewegung. »Wes Namens ist das Bild?« frug Zeus. »Themistokles.« Die Thür der Zeltwand mit verstohl'nem Finger rückend, Belauerte der Götterfürst des Bildes Urbild. Dann wandt' er sich zurück: »'s ist eine neue Art, Das ist Europens, der Geliebten, edles Merkmal: Verstand, der scherzt, und Größe, welche lächelt.« Sprach's Und in die Schale der Hellenen hüpfte Nike.   Der Mechaneus.         Dem reichen Krösus Ziegenmilch zu spenden, Beeilte ehrerbietig sich Arkadien. Und als nun nach empfangenem Gastgeschenk Die Abgesandten in des Königs Sänften Durchschaukelten die Stadt und Burg von Sardes, Die Bauten musternd, den Gewerbefleiß Und all' die Wunderwerke der Gesittung, »Großmütiger König,« riefen sie begeistert, »Wer ist der Mechaneus, der dies erschaffen?« An eine Straßenmauer führte sie Der König. »Pocht an diese Wand!« Sie thaten's. »Nun horchet!« Sie gehorchten. »Was vernehmt Ihr?« »Wimmern und Seufzen von Myriaden Stimmen.« »Begreift Ihr?« »Wehe, wir begreifen nicht.« »Das war der Mechaneus,« erklärte Krösus.   Historischer Adelsklub.               Zu seinem Bruder Pluto sandte Zeus: »Entbiete mir zu meinem Namensfest Auf den Olymp die großen Toten sämtlich; Unsterbliches Verdienst ist auch ein Adel.« Klein war der Saal, erlesen die Gesellschaft. Als Schibboleth anstatt der Wappenschilder Diente das Antlitz. Nämlich alle wiesen, Ob noch so uneins an Profil und Ausdruck, Doch ein gemeinsam Muttermal im Antlitz, Das Muttermal des Mutes und der Wahrheit. Da that sich auf die Thür und feierlich Mit hohepriesterlichem Schritt, die Toga In wichtigen Falten um die Brust geworfen, Die Stirn bekränzt, das Lockenhaar gescheitelt, Erschien ein Gast, den hohen Göttern ähnlich. Befremden lähmte die Versammlung. Hera, Die Brauen zuckend, biß sich auf die Lippen. Zeus aber, freundlich vor den Fremdling tretend: »Fürwahr, es thut mir leid, ein Mißverständnis –« Dann wettert' er zu Pluto: »Ohne Spaß, Mein lieber Bruder, ernstlich, solche Possen Verbitt' ich mir.« Wieso? »Das war der große –« Mit heftiger Stimme unterbrach ihn Zeus: »Ein feierlicher Kerl ist niemals groß. Behalte das und merk' Dir's für die Zukunft.«   Berufung.             Es rauschte durch die Luft wie Adlerflug Und wetterleuchtend stieß herab der Engel: »Nimm dieses Bußgewand und folge mir!« »Wohin?« – »Mit Ruten weis' ich Dir den Weg.« »Um welchen Lohn?« – »Ein Biß von Odins Rappen Oben am Kreuzweg, wo der Erdenpaß Die Götterstraße schneidet.« »Und das Ende?« »Ein Sturz vom Gipfel jenseits in den Abgrund.« »Dein Wort ist Hohn, empfange Spott zur Antwort!« Doch um den Waldsprung schlich er unbemerkt Zurück zum Engel, zupfte seinen Mantel: »Ist's Wahrheit, werd' ich spüren Odins Rappen?«   Camera obscura und bengalische Beleuchtung.               Ein Name klang aus aller Munde. Redeströme Flossen zu seinem Preis. Gewichtige Magistrate Und Generäle saßen neben stolzen Fraun Andächtig schweigend auf der sammtbeschlag'nen Bühne. Und als nun unter Hörnerruf und Trommelwirbel Des Denkmals Hülle fiel, da schwoll ein Jubelbrausen Durch die gewaltige Menge, und dem fernsten Thal Verkündet' es der Ruhm mit Glocken und Kanonen. Ein gläubig Büblein floh mit glanzerfülltem Blick Auf einen Hügel ob der Stadt und fingerte An einem Lebenswerk mit seinem zarten Willen. Da tippt' ihm jemand auf die Schulter: »Büblein, guck'!« Und hielt ein Glas ihm vor die Augen. Durch das Glas Gewahrt' er einen Pilger, welcher müd' und krank Am Straßenrande saß, das greise Antlitz stützend. Viel Volk zog jene Straße, denn es war ein Festtag. Zahlreiche Wagen rollten ab und zu. Darinnen Geputzte Herrn und Fräulein, die den schnippischen Mund Verächtlich vor ihm rümpften. Redliche Soldaten Versagten ihm den Gruß. Der scheele Blick des Landvolks Versprach ihm Haß. Jetzt trat ein ehrenfester Bauer Ingrimmig vor den Pilger, faßt' ihn an der Brust Und stieß den Todesmatten auf die Straße, wo Verwünschung ihn empfing und Haß und Fluch ihm folgten. »Behagt Dir dieses Bild?« Da schauderte das Büblein: »Wer ist der Dulder?« Jetzt das Glas dem Aug' entrückend: »Hörst Du den Namen, den sie heute schrein? Der war's.« Da schämte sich und schlich verstört nach Haus das Büblein.   Schlechte Gesellschaft.                             Kam eines Mannes Seele jüngst gegangen, Der Erde Licht und Leben zu empfangen. Im Thale Josaphat am Brückensteg Vertrat ein Abgeschiedner ihm den Weg. »Halt ein! Wohin?« Der Neuling sprach verwundert: »Wieso? Warum? In's währende Jahrhundert.« »Du könntest, darf ich meinen Rat empfehlen, Dir eine bessere Gesellschaft wählen. Es ist kein Mannesmark, es ist ein Teig, Mit Fäusten tapfer, an Charakter feig. Es fehlt der Mut, der im Gewissen sitzt, Der freie Geist, der frisch die Wahrheit blitzt. Duckmäuser, hinter die Moral versteckt, Blinzelt ein jeder pfiffig nach Respekt. Mit Anstand ist ihr Muckerherz befrackt; Heucheln, das Wort klingt schlecht, drum nennt man's Takt. Mit Oel und Andacht salben sie ihr Haupt Vor einem Gott, an welchen keiner glaubt. Prüd bis zur Zehe, bis zum Molekül, Entbehren sie das erste Schamgefühl, Das Schamgefühl, den Spiegel vorzunehmen, Um vor der Weltgeschichte sich zu schämen. Denn, was erstritten unsrer Väter Thaten, Das haben sie verschachert und verraten. Ich würd' mir's doch noch einmal überdenken Und in ein redlicher Jahrhundert schwenken.