Carl Sternheim Der entfesselte Zeitgenosse Ein Lustspiel   Deutschlands jungen Mädchen zugeeignet     1920 Kurt Wolff Verlag München     Personen         Klara Cassati Gräfin Ursula Wrocho Der Admiral Von Schmettow , Diplomat Pfeffer , Publizist Weinstein , Politiker Kothe , Tenor Der Professor Mayer , Kammerdiener Klette Braun , Bootsmann Schloß am See.     Der erste Aufzug Erste Szene Erleuchteter Salon. Die Herren außer Klette im Frack. Admiral in Uniform. Mayer schwarze Livree, Escarpins. Schmettow Das ist glorreicher Tag der Ereignisse! (Zu Pfeffer) Wie erfuhren Sie die Sensation? Pfeffer Wie ich weiß, Schmettow, was Sie sämtlich nicht und nie wissen. Geistige Rasse, Überlegenheit. Weinstein In sonst striktem Einerlei zwei Tatsachen auf einmal! Nicht nur platzt Herr Klette in unseren abgeriegelten Kreis – Klette Ich bitte um Entschuldigung. Weinstein Unnötig. Gegen Ihren brüsken Widerstand wurden Sie von der alles Entscheidenden zum Bleiben gezwungen. Kothe Sind glänzend beglaubigt. Schmettow Bekommen im Kavalierhaus das Staatszimmer als Logis, das Mayer Ihnen zeigen wird. Klette Wer ist Mayer? 8 Admiral Frage beweist, Sie warf wirklich Zufall in dies Zauberhaus, dessen Detail sonst jedermann durch Ruf längst vor seiner Ankunft kennt. Schmettow Voilà Mayer. Speziell wie alles an diesem Wunderort. Unwahrscheinlich altrassiger maître d'hôtel . Vollblutjude. Admiral Erstrangiges Pedigree. Pfeffer Stammt direkt vom König David ab. Weinstein Lassen Sie, Schmettow, antisemitische Redensarten. Schmettow Verrückt; abgesehen davon, daß Antisemitismus mauvais ton ist, radikale Unvoreingenommenheit im Weltall herrscht, liebe ich Ihr auserwähltes Volk, aß jahrelang koscher und vergöttere Mayer, der ein Gipfel ist. (Zu Mayer) Bezeugen Sie's! Mayer Herr Baron ist mein großer Gönner. (Zu Klette) . Darf ich das Zimmer zeigen? Admiral (zu Klette) Sie schlafen Wand an Wand mit mir. Schnarchen Sie, sind Sie mondsüchtig? Klette Nein. Admiral Von Beruf? Klette Ich war Jurist vorm Staatsexamen. 9 Admiral Das ist geräuschlose Angelegenheit. Schmettow Nachts besonders. Weinstein Was sind Sie jetzt? Klette Dabei, Handwerker, Tischler zu werden. Alle Tischler? Weinstein Interessant! Admiral Das hat wohl mit der modischen Sucht, sich coûte que coûte zu proletarisieren, zu tun. Bückling nach Moskau? Kothe Neuer Anpassungstrick? Konjunkturrevolution? Klette Ich erkläre das, wenn ich darf, ein anderes Mal. (Zu Mayer) Wollen Sie so gut sein? (Mit Verbeugung exit.) Mayer (exit)   Zweite Szene Schmettow Tag der Überraschungen! Kothe (kichert) Tischler! Pfeffer Krapüle! 10 Weinstein Warten Sie seine Gründe ab. Sie werden eminent zeitgenössisch sein. Solche Burschen brauchen wir heute. Schmettow Aber Wichtigeres! Warum schneit uns die ärztliche Kapazität herein? Admiral Ist die Angebetete krank? Kothe Das Urbild der Gesundheit! Weinstein Ausgeschlossen! Rotes Blut des Volks hat sie in sich. Pfeffer Ich werde den Grund wissen, wie ich die Sache wußte. Weinstein Wozu sind Sie König europäischer Publizistik? Schmettow Von Klette wußte ich zuerst. Admiral Dicht vorm Ziel der Jüngling etwa noch Nebenbuhler? Schmettow Unsinn! Unserer Herrin Tagebuch fand dieser Kandidat der Rechte und Tischler in spe heut von ungefähr, das sie auf dem Weg zum See verloren hatte. Ungelesen gab er's zurück! Tableau! Weinstein Das bestärkt mich in guter Meinung von ihm. Pfeffer Kann jeder sagen. 11 Schmettow So heißt's mit Respekt in den Kemenaten. Zum Dank wurde er, einige Tage zu bleiben, gebeten. Das ist alles. Bleibt als Chor und Komparserie untätig im Hintergrund. Zaungast. Pfeffer Die entscheidenden Tage! Kothe Toller Heiliger! Admiral Doch Bild von einem Kerl. Kothe Frech. Weinstein Aber unpolitisches Flußpferd! Unser aller Chancen hätte er in dem Heft aufgeschrieben gefunden, endlich hätten wir auf Grund seiner Aufklärungen strategisch handeln, die unmögliche Lage Tage früher enden können. Schmettow Daß das Buch aller Rätsel Lösung hält, wurde klar, als Klara bei Empfang wie Blutsturz errötete. Pfeffer Ich bat Sie schon einmal, Fräulein Cassati nicht bei Vornamen zu nennen. Auch längere Bekanntschaft gibt Ihnen ohne ihre Erlaubnis kein Recht dazu. Admiral Zudem ist auf Ehrenwort versichert, niemand wirkt aus der Front weg durch plumpe Vertraulichkeit. 12 Kothe Der Kampf um das Götterweib geht ohne Mätzchen offen vor aller Welt vor sich. Ich, mit meinem Tenor nicht beliebig blenden zu dürfen, verliere das meiste dabei. Nicht singen können, wann ich will: (singt) »Ach wie so trügerisch sind Weiberherzen.« Alle Schluß! Admiral Korpsgeist immer wieder, meine Herren! Schmettow Seien wir kristallklar: erst als feststand, keiner von uns vereint Eigenschaften in sich, die die Vergötterte und Vollkommene im Bewußtsein hoher Pflichten an den zukünftigen Gatten glaubt stellen zu müssen, entschlossen wir uns, unbeeinflußt soll sie aus unserem Verein das schließlich Überragende wählen. Weinstein Seien wir selbstbewußter; denn wir dürfen es: erst als aus Kämpfen Europas um ihre Hand feststand, entsprach keiner von uns der Vollkommenheit, blieben wir im schneidigen Endkampf unter hundert erstklassigen Bewerbern als Auslese der Tüchtigsten zurück etc. Admiral Wir schmissen Fürsten des Geists, der Feder und des Schwerts. Schmettow Auch wirkliche princes du sang . 13 Pfeffer Jeder verkörpert auf seine Art eine Fülle rassiger Vorzüge. Weinstein Ist als Prätendent Muster diverser Männertugenden. Hors de concurrence etc. Schmettow Vereint aber sind wir Summe des am Mann vom Weib zu Schätzenden. Pfeffer Kurz Klasse! Kothe So klingen wir noch ein paar Takte zusammen, bis aus unserer Melodie die Wählende die hinreißendste Nuance, das hohe C gewissermaßen wählt. Weinstein Trotzdem werde ich, wie auch die Würfel fallen, ein anderer Mensch nach der Entscheidung sein. Lieber Maschinengewehren hartnäckigster Reaktion als dieser kühlen Blonden ausgeliefert sein. Kothe Dürfte ich, wie ich wollte! Pfeffer Sie dürfen, ist die Reihe an Ihnen. Admiral Korpsgeist, Donnerwetter! Kothe Aber mein Kehlkopf will nicht immer, wenn er soll. Gerade jetzt könnte ich himmlisch: (singt) »Ach wie so trügerisch . . .« Alle Schluß! 14 Schmettow Viel mehr gibt der Professor zu denken. Admiral Frauenarzt? Pfeffer Innerer Kliniker von Weltruf. Kothe Hört! Hört! Weinstein (zu Schmettow) Was vermuten Sie? Pfeffer Da ihr nichts fehlt – Schmettow Er muß nicht ihretwegen gerufen sein. Pfeffer Für wen sonst? Weinstein Was meinen Sie? Schmettow Ich könnte mir denken – Admiral Wie? Kothe Was? Weinstein Doch nicht – Admiral Für uns? Schmettow Warum nicht? Admiral Ha! 15 Schmettow Nicht, daß er uns einzeln beim Wickel nimmt und wie auf einem Pferdemarkt abtastet – Kothe (kichert) Hihihi! Admiral Was fällt Ihnen ein? Weinstein Grotesk! Pfeffer Plebsmanieren! Schmettow Halte ich es für möglich, uns gesellschaftlich beäugend, verschafft er sich und ihr Begriff von jedes einzelnen Physik. Pfeffer Das wäre . . .! Schmettow Fänden Sie das dumm? Keiner von uns ist Jüngling mehr und hat vom Kampf ums Dasein und das andere Geschlecht nicht gepfefferte Narben. Weinstein Sie sind nicht bei Trost! etc. Kothe Das wäre ohne Einzeluntersuchung nicht festzustellen. Schmettow Schwere Defekte ohne weiteres. Pfeffer Empörend! Admiral Grund für mich, hier schleunigst vom Stapel abzulaufen. 16 Weinstein Mit leiblichem Makel kann man Führer zu neuen Erkenntnissen sein! Marx und Nietzsche waren keine Adonisse. Kothe Herr von Schmettow macht sich über uns lustig. Schmettow Nein! Diese Konsultation, hätte sie selbst solchen Zweck, halte ich für wichtiges Zugeständnis an uns. Es wird nicht länger gefackelt. Endlich bezeugt sie von sich aus die Dringlichkeit der Lage. Admiral Aber inwieweit sieht uns solch Pflasterkasten, ohne uns nahezukommen, ins Maschinenhaus? Schmettow Von sehr weit. Admiral Das ist perverse Wissenschaft? Da gehört ein Schnaps drauf. Weinstein Hätte sie das gewollt, auch körperlich standen ihr Herkulesse, Athleten, die abenteuerlichsten Bizepse zur Verfügung. Der Türke Prinz Ali, der zwei Meter hohe Schwede! Wie Wasser sind sie von ihr abgelaufen. Wir aber bestanden gerade ohne Rücksicht auf äußere Aufmachung. Schmettow Das möchte ich für mich nicht wahrhaben. Kothe Ich auch nicht. Pfeffer Fraglos betrifft sie der Arzt. Generalbeichte! Im 17 Zeitalter exakter Wissenschaften sagt uns der Arzt, was früher der Pfarrer wußte. Schmettow Jedenfalls stehen wir morgen früh vor bündigerer Wirklichkeit als bisher. Admiral Dann in Anbetracht der Entscheidung, die sich im Schoß der Nacht ballt, nimmt jeder über sich gründlich Flottenschau ab, damit er morgen früh klar zum Gefecht ist. Ich meinerseits dampfe ab! (Exit.) Kothe Ich inhaliere Kieferngeist! Mehr braucht's bei mir nicht. (Exit.)   Dritte Szene Weinstein Kann Klettes Tagebuch nicht Finte, Manöver sein? Der Mann sieht aus, als hat er Haare auf Zähnen und beabsichtigt hier großen Klamauk etc. Pfeffer Ich finde ihn einen Gipfel der Harmlosigkeit mit kleinbürgerlichen Manieren. Schmettow Ich auch! Und Fräulein Cassati gab noch nie Anlaß, an ihrer brutalen Gewalt zu zweifeln. Wollte sie etwas mit Klette, sagte sie's laut genug. Weinstein Immerhin war man unter sich. Ich hasse den Schatten einer Verwicklung im letzten Moment. 18 Schmettow Der Professor! Alles ist klipp und klar zum Gefecht. Weinstein Lieber nationalistischen Handgranatenschmeißern gegenüber als länger in der Situation. Schmettow Entscheidung ist angeschnitten. Halten Sie Flottenschau mit dem Admiral! Weinstein Das reaktionäre abgetakelte Wrack! Haben Sie seinen Zusammenbruch bei Erwähnung des Klinikers bemerkt? Tolle Schäden muß der unterm Waffenrock verbergen. Pfeffer Er ist von Familie und qualifiziert. Läge sonst nicht im finish . Weinstein Weiß der Teufel, warum! (Exit.) Pfeffer Wie ist Ihnen? Schmettow Bin ich Diplomat, Ihnen das zu sagen? Pfeffer Ich Publizist, es nicht zu wissen? Schmettow Stümper sind Sie, solange Sie als öffentliche Meinung noch eine Quelle brauchen, aus der Sie Wahrscheinlichkeit schöpfen. Saugen Sie sich, wie alles sonst, auch meine Verfassung so aus Fingern, wie es ihr Publikum, das Sie selbst sind, zu seinem Wohlsein braucht. 19 Pfeffer Ich bin im Publikum der einzige, der meinen Sensationen mißtraut. Ihre Ruhe in solchem Moment begreife ich nicht. Sie regt mich auf. Schmettow Was kann ich tun, als meinem Stern vertrauen? Pfeffer Was kann Ihr Stern eiskaltem Blick der Frau gegenüber? Schmettow Blenden. Pfeffer Ihre Zuversicht ist Schwäche! Schmettow Ihre Verzagtheit Kraft? Pfeffer Ich bin nicht verzagt. Verblödet! Haben wir alle den Verstand verloren? Ist das für Männer, die sich aus Gründen zu achten haben, Situation? Ohne Rest eigenen Willens einer Mädchenlaune ausgeliefert? Schmettow In einem Schloß mit wundervollen Betten, Autos, Segelschiffen, Küche immerhin. Denken Sie an die Reispunschtorte heute abend und die Zigarre! Pfeffer Was findet die Raffinierte, Vielerfahrne an diesem Rindvieh von Tenor? Schmettow Schmelz, Stimme, wahrscheinlich. (Imitiert) »Ach wie so trügerisch . . .« 20 Pfeffer An der wracken Wasserratte mit Maschinendefekt? Schmettow Mumienverehrung. Fragen Sie sie! Pfeffer An dieser fetten israelitischen Kröte mit O-Beinen und unmöglichen Umgangsformen? Schmettow Und an Ihnen? Pfeffer Beurteilen Sie mich wie Sie wollen, sehen wir vom Gesellschaftlichen und, daß mein Vater immerhin Regierungspräsident war, ab. Aber meine geistige Kapazität werden Sie nicht mit der der drei Kretins vergleichen. Offengestanden, in der Klasse sind wir zwei die Klasse für sich. Schmettow Wir kennen Maßstäbe der Richterin nicht. Pfeffer Gefrorne Vernunft. Letzter Zeitgeist, das steht fest. Schmettow Was heißt bei einem Weib Vernunft? Pfeffer Müßten wir beide kraft unserer Geistigkeit nicht zusammenstehen? Sie haben auf Gräfin Ursula Einfluß. Schmettow Die hat Rasse, Entschluß und kernige Weiblichkeit, die sollten auch das Schloß und die Moneten haben. Pfeffer Denn – nicht von Ihnen, aber einer dieser drei Überflüssigkeiten mit sicher unmöglichem 21 Stammbaum besiegt zu sein, gäbe mir fürs Ende meiner Tage den Rest. Schmettow Und Ihren Gläubigern dazu. Pfeffer Gemeinsam aber müssen wir, lassen wir Gespräche nicht unter ein gewisses geistiges Mittel fallen, Atmosphäre so heben, daß die Nebenbuhler schachmatt sind. Auslandspolitik, Erkenntnistheorie, Expressionismus und so. Ohne Flotte und Ozean kommt der Admiral überhaupt nicht in Betracht, Weinstein ohne Volksversammlung und Panzerauto ebensowenig. Das Rindvieh von tremolierendem Tenor decken wir mit Witz ganz zu. Schmettow Ich warne vor zu krasser Logik. Pfeffer Dieser vernunftschmachtenden Frau, lebendem Einmaleins gegenüber? Die wir in achtzehn Monaten auf keiner geistigen Inkonsequenz, nicht dem Schatten eines Gefühls ertappten? Ich für meinen Teil bin im Fall des Siegs, Ihnen gegenüber phantastisch großmütig zu sein, bereit. Wollen Sie Gleiches tun? Und da Ihnen anscheinend ebensoviel an hiesigem Komfort, Reispudding usw. wie an der Frau selbst liegt – Schmettow Da wir von vornherein über die einzuschlagende Taktik zweierlei Meinung sind, hätte unser Bündnis keinen Zweck, brächte uns Schlappen vor den anderen. Sie setzen auf Logik, ich auf Schicksal, Zufall. 22 Pfeffer Ich begreife Sie mit Ihrer Intelligenz nicht. Gemeinsam sind wir nicht zu schlagen, und das Riesenvermögen, ich weiß bis ins kleinste Bescheid, reicht für zwei. Schmettow Der Starke ist am mächtigsten allein. Pfeffer Das ist nicht Ihr letztes Wort. Schlafen Sie darüber, kommen Sie schnell zu Bett! Hoffentlich erleuchtet Sie der Herr im Traum. Schmettow Kaum. Von mindestens so guter Familie wie Sie, habe ich klotzige Grundsätze. (Exeunt.)   Vierte Szene Gräfin Ursula (vierzigjährig) und Mayer treten auf Gräfin Kalte Platte, ein Glas Burgunder dem Professor nach der Konsultation aufs Zimmer. Mayer Bereits bereit. Gräfin Gefiel Herrn Klette sein Sälchen? Mayer Er würdigte es kaum eines Blicks. Komfort liegt ihm nicht. Leiter und Werkzeug, das unser Bolschewik von Zimmermann beim Fortgehen hingeschmissen hatte, sah er aus dem Fenster und schwor, die fehlenden Sprossen selbst aufzusetzen. Jedenfalls 23 soll ich ihn morgen früh sechs Uhr wecken lassen, falls er heute nicht fertig wird. Gräfin Ein Original. Studierter, der zum Handwerk, soziale Stufenleiter hinabsteigen will! Mayer So etwas kommt jetzt vor, sich nachträglich in Zielen zu beschränken, die ehrgeizige Erzeuger mit Kindern gewollt haben. Gräfin Sie sprechen aus Erfahrung. Hörten Sie von Ihrem von der Medizin zur Bauernwirtschaft abgeschwenktem Sohn? Aber setzen Sie sich ein für allemal, wenn Sie mit mir sprechen. Mayer Danke! (Setzt sich.) Mittellos, blank mit Frau und Kind in Kanada landend, findet er von einer Fee bereitgestellt nicht nur alles zum Bau eines Häuschens und eigener Wirtschaft Nötige, sondern kleines Kapital dazu. Gräfin Wirklich? – Die Fee? Mayer Über Ozeane, andere dringende Sorge fort natürlich wieder sie! Und mit welcher Zartheit jede Spur verwischt war. Tausendundeine Nacht! Gräfin Daß Sie nichts merken lassen! Mayer Eher beiß ich mir die Zunge ab. Gräfin Jetzt, wo Sie mit Anlauf nur kraß vernünftig sein 24 will, würde sie erschrecken, erfährt sie, ein Mensch weiß um ihre neue Guttat. Mayer Stein bin ich. Man hat letzthin aus dem Zeitgeist so gründlich umgelernt, daß man noch begreifen wird, spontane Menschengüte, Wagemut der Seele wie Verbrechen totzuschweigen. Gräfin Wir beide haben uns am meisten, Zeitgenössisches aus Vorurteil falsch zu sehen, zu hüten. Wir, Sie besonders, sind von zu alter Rasse. In unserem Blut läuft glatt, was der Zeitgenossen Adern noch als Problem und Katastrophe durchtobt. Für uns würde auch alle Vision, alles mögliche Wunder schon erlebte Erfahrung. Im Traum selbst bewegen wir uns aus Erinnerung wie in Wirklichkeit, die kein Staunen, aber auch freilich wenig Reiz mehr hat. Sie vor allem haben der Erzväter Ekstasen gesiebt mit Prospekt und Kulissen wie Film im Blut, und keine Erscheinung bringt sie mehr außer sich und beraubt Sie Ihrer Wesentlichkeit. Mayer Man taucht vielmehr in sich, frommer in Urfluten und badet sich im eigenen Jordan klar. Gräfin Selbst ich mit kleiner preußischer Vergangenheit über ein paar Jahrhunderte weiß so viel mehr als das jäh aufgeschossene Zufallsblut, das wir nach seines verstorbenen Vaters Willen betreuen. Aber sind wir von ihr aus gerecht, muß uns ihre Angst, erstmals Erlebtes gewissenhaft und aus ihr selbst verantworten zu wollen, größeren Eindruck als aller 25 nie geschauten Weltwunder unbedenkliche Hinnahme durch den Plebejer machen. Mayer Darum liebt man sie auch, wie sehr man anders ist, zärtlich als Auserwählte. Gräfin Wir lieben sie so, Herr Mayer, alle anderen lieben ihre Reichtümer an ihr. Mayer Gehört sie erst einem der Mitgiftjäger, werden wir Einfluß auf sie verlieren. Gräfin Wir werden um diesen Einfluß erbittert weiterkämpfen, alter Makkabäer! Mayer (steht auf) Mit Schild und Tartsche! Das versteht sich. Preußen und Israel! Gräfin (gibt ihm die Hand) Ist eine Verbindung, die zu zerstören die radikalere Säure auch jetzt noch nicht erfunden ist. (Exit.)   Fünfte Szene Klara (tritt gleich darauf auf) Was macht Ihr Paul? Haben Sie endlich Nachricht? Mayer (nachdem er an sich gehalten, seine Bewegung versteckt hat, läuft auf sie zu und beugt sich, sie zu küssen, tief auf ihre Hand) Klara (in heller Wut) Sie sind verrückt! Ich verbitte mir Ihre grundlose 26 Albernheit! Was wissen Sie? Und wenn Sie wüßten, bilden Sie sich ein, ich täte das Geringste aus Barmherzigkeit, Güte womöglich? Weil Sie wegen des Jungen unerträglich, kopflos waren, Ihr Dienst unter Befangenheit litt, und ich leider von Ihrer Zuverlässigkeit abhänge, ließ ich mir meine Bequemlichkeit die paar Groschen kosten. Anmaßung, Taktlosigkeit ist Ihre hier bezeugte selbständige Auffassung der Sache, und ich verbitte mir für alle Zukunft Ähnliches. Erledigt! Mayer (exit und läßt sofort den Professor eintreten)   Sechste Szene Klara (auf ihn zu) Großen Dank, lieber Professor, mir trotz Ihrer Überlastung ein paar Tage widmen zu wollen. Professor Wäre Ihre Bitte nicht mit Urlaubsanfang zusammengefallen, hätte ich nicht kommen können. Klara Ich mir das Leben nehmen müssen. Nach vergeblichen Versuchen bei Ihren berühmten Kollegen sind Sie letzte Zuflucht. (Sie setzen sich.) Professor Nachdem Sie von diesen beklopft, behorcht sind, organisches Leiden nicht festgestellt wurde, muß ich Knie- und Pupillenreflex nicht prüfen. Geben Sie mir die Hand. Sie sind schön! Klug? Klara Man sagt's. Ich habe eines Philosophiestudenten Bildung und weiß nach vielen Seiten Theoretisches. 27 Professor Wie verwerten Sie's? Klara Klaren Weg fortzugehen. Professor Schönheit? Klara Wie weit sie verschönern konnte – das ist mit Anstand erreicht. Professor Ist es das, was Ihnen fehlt? Klara Komplett zu sein, müßte ich nicht mehr als nur klug und schön sein? Professor So sind Sie nicht gut? Klara Das sagte ich nicht. Aber während ich gern klug und schön bin, scheint es am Zeitgeist Sünde, scheint – Professor Unökonomisch? Klara Das ist's! Nur einen Augenblick von sich absehen, verstößt gegen höchstes heutiges Gesetz: Ökonomie. Güte aber ist, fort von ursächlichen Zusammenhängen, den Erscheinungen aus ihrem einmaligen Selbst gerecht werden. Professor Wirklich! Gut zu mir oder anderen zu sein, muß ich, aus vernünftigen Notwendigkeiten fort, die Lage aus des einzelnen mystischem Bedürfnis prüfen. Mich Einbildung, seelischer Kühnheit für ihn hingeben. 28 Klara Unpraktisch, unvernünftig sein und Zeitgesetz ins Gesicht schlagen. Professor Richtig gedacht! • Klara Und bin begeistert nur Zeitgenosse! Mein besonderes Sein wurzelt in der Epoche. Reichtum, den mein hochgekommener Vater nicht mit schwieliger Hand aber blitzschnell im Gemetzel europäischer Kriege zusammenwarf, Grundsätze, aus denen ich das auserwählte Leben führe, alles ist im kritischen sozialen Moment nur stark und von gewisser heutiger Schönheit, bleibt mein Bewußtsein einseitig darüber geschlossen und hängt nicht gestrigen Sehnsüchten nach. Professor Wesentlicher Zeitgenosse zu sein, soll man über vorführende Phrasen fort Sentiments und Ressentiments in sich ausschließen? Klara Im Haushalt heutigen Lebens ist kein Plätzchen dafür. Ich weise nicht auf Phänomene wie Krieg. Doch schon in des einzelnen täglichem, mörderischem Wirtschaftskampf ist zärtliches Rudiment, das Blößen gibt, gefährlich. Professor Sicher hat sich auch nach dem großen Bluten kein winzigstes Bedürfnis europäischer Massen, sich anders als rechnerisch zu vergewaltigen, gezeigt. Im Gegenteil scheint der Mensch mit der einzigen erfüllten Pflicht, vernünftig wie Natur zu sein, komplett. 29 Klara Normal ist heut der Nichts-als-vernünftige. Professor Da er in bester Anpassung an auch nur vernünftige Schöpfung stärkster Typ ist – ja! Wissen Sie, daß das so kraß herausgesagt unerhörte Entdeckung ist? Klara Und ich durch sie als Kranke gerechtfertigt. Die Gutes nicht hemmungslos will, die aber Drang nach ihm oft bis zu körperlichem Wundsein peinigt, und die ihn als Geschöpf ihrer und keiner anderen Zeit als Gift und Seuche spürt. Professor Sie verwirren mich. Immer vor solcher Patienten Zerrissenheit habe ich die als im Denken Verwirrte gesehen. Hier aber wird klar, sie waren denkerisch gesund, sogar die ersten wirklich Zeitgesunden, und höchstens Neigung, Unzeitgemäßem nachzudenken, machte sie zu Kranken. Klara Wäre Trieb der Entselbstung noch normal, wie könnte er den in allem Tun bestätigten Zeitmenschen wie mich so unerhört quälen. Professor Es ist so: Auch letzter Begriff wird umgestellt in dieser Zeit, und das ist ihr größerer als nur politischer und wirtschaftlicher Umsturz. Anders ist auch Kranksein und Gesundheit, und nicht Wissenschaft, der Kranke lehrt Krankheit und neue Genesung. Aber wie sollen wir Ärzte, selbst im Unterricht, helfen? 30 Klara Technik kennen Sie, meine wie alle anderen fixen Ideen zu besiegen. Nachdem wir feststellten, Nächstenliebe wo sie heut noch auftritt, hat schon des Unorganischen Charakter, ist, wo sie nicht wie von mir parasitär empfunden wird, höchstens reichen Manns Komfort – Professor Setzen wir hinzu: wie sie heut nicht elementar ist, gab es Zeiten, wo sie ebensowenig und weniger lebte. Nichts von ihr, nur Vernünftiges und Schönes wird aus dem Altertum der Ägypter, Griechen und Römer berichtet, und die älteren Juden selbst hatten zu Gott und Mitmensch das berechnete Verhalten mit der Gewißheit, waren sie mit Jehova verbündet, töten zu dürfen, wer ihnen im Weg war. Und erst späte Propheten, Christus schließlich – Klara Ein Kreis ist wieder geschlossen. Und meine Neigung, Pausen absichtslosen Guttuns ins Leben zu wünschen – Professor Da Sie der unzeitmäßige Trieb stört, ist wie alles Andere zu beseitigendes Gebrechen, und wir behandeln es mit gleichen Methoden. Sagen Sie Symptome. Klara Ich rufe jemand zu bestimmtem Zweck, habe das Kommando auf der Lippe, und in mir steht schon Nächstnotwendiges fest. Der Gerufene kommt, ich muß nur sagen – Professor Und? 31 Klara , Hilflosigkeit, Rätselhaftes hat der im Blick. Mein Bewußtsein überschlägt sich, Herz schlägt, Welt ist nicht mehr von mir aus, sondern blüht mit des anderen buntem Wunsch. Es ist die völlige Entgleisung, die mir für praktische Sicherheiten nur Visionen gibt. Ich merke, wie Eifer in meinem Gegenüber nachläßt, wichtiger Auftrag, vergessen zu werden, in Gefahr kommt, und wie das von schrecklichen Folgen begleitet sein kann. Professor Ist Ihnen aus solchem Zusammenbruch schon nachweisbarer Schaden entstanden? Klara Noch gelang es stets, zu mir zurückzufinden. Professor Bestand die Störung schon in Kinderjahren? Klara Als Kind flog ich strikt auf Ziele los. Professor Wann also? Klara Als ich mit der Eltern Tod in Besitz der Vermögen, Bildung in meine Einheit kam. Als ich Schiller mit Begeisterung las, mich an Luise Miller ansteckte, die, wo sie sein Weib sein soll, sittliche Fanfare ist. Als ich Philosophen las, vergangene Geschichte lernte, statt wie als Kind nur mächtig dazusein. Professor Durch Geist aus Büchern verbildet wurden? 32 Klara Der mir aus Zeitgenossen, denen es wie mir entgangen war, wie Echo aus heutiger Welt antwortete. Folgte ich einem noblesse oblige , ließ ich bedürftige Verwandte nicht verhungern, wurde ich als Engel gepriesen und mußte glauben, in meinen Umständen sei solch Verhalten auch jetzt noch für mich wichtig. Professor Blieb Ihr Versuch, Gutes zu tun, auf Geldzuwendungen beschränkt? Klara Nie wurde es unter anderer Form von mir verlangt. Und wie sollte ich mir einbilden, mit meiner ganzen Person Hingabe einem Mitmenschen Wesentlicheres als durch Geld zu tun, da ich bemerkte, über der riesigen Ziffer, die ich war, sah er mich selbst nicht mehr. Professor Nicht daß Welt auch Ihre Güte unter dem Aspekt des Reichtums sieht, sondern daß Sie sicher sein müssen, in Ihnen wirkt unter keinen Umständen naiv ein Nichtvorherzusehendes, ist Problem. Das an jemand Bezahlte können Sie immer abrechnen, wobei der andere, ein Gatte selbst, aus Verhältnissen Ihr Schuldner bleibt. Des Menschlichen Hingabe aber bände Sie tiefer und unursächlich vor allem. Klara Das ist der Kernpunkt! Professor Die wirklich wunde Stelle, Ihr besonderer Wille 33 zur Macht, daß Sie zum Nächsten kein anderes als ausgerechnetes Verhältnis wollen. Weil Ihre Einstellung zur Welt sonst heutigen Sinn verlöre, Sie selbst ohne gezählte Besonderheit gewöhnlich würden. Diese Aufrichtigkeit, die die Form so rührender Angst fand, entzückt mich als blendend zeitgemäß und, weil Sie an diesen Umständen nicht wehmütige Kritik, sondern demütigen Genuß haben. Und deshalb helfe ich. Klara Im letzten Moment. Neunundzwanzig Jahre alt, muß ich nach Lebensstürmen heiraten. Unübersehbare Interessen in meinen Händen kann ich nicht länger Fremden anvertraut lassen. Zudem haben sich soviel Männer an meiner Tür den Kopf eingerannt, daß die Übriggebliebenen, Zudringlichsten, Vorwände, mit denen ich mich der andern entledigte, durchschauen, und ich sie einfach nicht mehr los werde. Unter ihnen zu wählen, ist mein Frauenlos, und es heißt bei dieser Hauptaktion unter fünf Qualifizierten den zu erwischen, bei dem ich, meinem kranken Drang zu erliegen, am wenigsten gefährdet bin. Professor So ist's! Klara Sie sind der Erste, der das Verlangen nicht als Koketterie, Zynismus, sondern meines Lebens blutigen Ernst nimmt, meinen fast leiblichen Ekel vor – nennen Sie's, wie Sie wollen, Schwärmerei, Romantik, Visionen begreift. Und mit dieser Anerkennung des ernsthaften Manns bin ich, in 34 Heilung eingetreten, stark und entschlossen. Ich danke Ihnen sehr. (Gibt Hände.) Professor Ich danke, weil Sie eine wundervolle Kranke, wirklich im Primäraffekt konkretes Paradigma sind, das ich Studenten und der ärztlichen Welt mit Aufsehen zeigen werde. – Noch eins: auf Grund welchen Wettkampfs wollen Sie unter den Bewerbern wählen? Klara Das war bis heute schwarze Frage. Jetzt aber riß ein Chaos jäh am Horizont. Professor Haben Sie Plan? Klara Formel, Willen dazu! Und was Frau will, will Gott. Bald und gründlich! Professor Ich bleibe gespannt und zur Verfügung. (Draußen singt Kothe mit strahlender Stimme:) »Ach wie so trügerisch Sind Weiberherzen, Mögen sie klagen, Mögen sie scherzen« usw. Professor Ist das –? Klara Wie allabendlich, wenn die Nebenbuhler seitwärts schlafen: Numero Eins der Tenor. Professor Prachtvoll! Ein Blühen der Stimme! 35 Klara Hätte er mehr Begriff. Doch als lyrischer Tenor taumelt er am meisten in Himmelsblau. Professor Ich sage nach dem Genuß: gute Nacht! Ohne weiteres. Klara (mit ihm zur Tür) Gute Nacht! Professor (exit)   Siebente Szene Gräfin (tritt gleich darauf von der anderen Seite auf) Nach so gründlicher Aussprache müde, Liebling? Klara Aber auch zu höchstem Witz und Klugheit wach! Durch einen Wohltäter Gespenster auf einmal verjagt; ewig vorbei! (Sie winkt mit der Hand.) Gräfin Gott Lob und Dank! So lohnte die Aktion. Du weißt, dein Bild fehlt hier aus dem Rahmen! Klara Seit wann? Gräfin Heute mittag war es noch da. Klara Wer hat – wann – wer? Gräfin Wer sonst? Klara Unmöglich Klette! Er brachte das intimere Tagebuch zurück. 36 Gräfin Wer von den anderen, die es seit Monaten täglich sehen, hätte sonst plötzlich –? Romantiker vielleicht. Klara (mit kleinem Schrei) Das wäre schrecklich, empörend! Gräfin War nicht vorauszusehen. Klara Lauf zu ihm! Gräfin Auf Geradewohl und mitten in der Nacht? Klara Aber – das wirft mich aus Sicherheit in Qualen zurück. Tiefer, schlimmer als je! (Wirft sich an der Gräfin Brust.) Das ist wieder – das Gespenst! Vorhang . 37   Der zweite Aufzug Erste Szene Parklichtung mit Ruheplätzen am Rand eines Sees. (Kleinere Bühnen spielen diesen Aufzug in Dekorationen des ersten, in welchem Fall der Salon nach hinten auf eine breite Veranda geöffnet ist, über die eine Marquise (Sonnensegel) herabgelassen ist, von der eine Treppe zum nicht sichtbaren See führt.) Mayer Als ich morgens dem Aufräumenden nachsah, war das Bild wie sonst am Platz. Unmöglich, jemand kam vor den Dienern ins Zimmer. Gräfin Ebenso sicher aber, daß es gestern fehlte. Mayer Vom Kavalierhaus muß man am Pförtner vorbei ins Haus. Er wird bestätigen, niemand kam heute noch herüber. Gräfin Und die Leiter? Mayer Durchs offene Fenster? Gräfin Wäre das möglich? Mayer Hat er Sprossen aufgesetzt, reicht es, dort einzusteigen. Gräfin Das ist die Lösung! 38 Mayer Aber warum, hatte er's sich angeeignet, am gleichen Abend zurück? Gräfin Mit warum und darum als Antwort, an die wir uns letzthin gewöhnten, kommen wir bei diesem Neuling nicht aus. Warum steigt der Studierte zum Volk hinab, da ihm das tägliche Brot nicht fehlt? Mayer Er soll von wohlhabenden Eltern sein und ihre Mittel nicht annähernd ausnützen. Gräfin Warum bringt er das geheimnisstrotzende Tagebuch wieder und nimmt das Bild, das er zurückträgt? Mayer Der Mensch weiß noch nicht, was er hier will. Gräfin Er experimentiert. Wie wohltuend neben fünfen, die es zu gut wissen. Mayer Wird er nach alldem bleiben dürfen? Gräfin Alles ist wieder all right ! Ihm nichts bewiesen. Und ist er, der er scheint, hängt er von keinem Verbot und Erlaubnis ab. Mayer Neugierig bin ich auf ihn. Gräfin So sah ich Sie nie. Mayer Ich mich auch nicht unter Menschen, deren 39 Uhrwerk abschnurrt. Aber seit gestern halte ich vor Offenbarungen, und in der Luft hängt, was selbst die Erzväter verblüfft hätte. Weiß ich auch nicht, wozu er bestimmt ist, habe ich von ihm doch mächtige Witterung. Gräfin Der ich unbedingt vertraue. Sie sehen ihn im Bild? Mayer Mitten. Gräfin Allein oder mit anderen verbündet? Mayer So selbständig, daß er eine ganz fremde Welt vertritt. Er kommt hoch aus Wolken. Gräfin Planmäßig? Mayer Naiv. Mir scheint, der verabredete Geist, in den der Unberührte bei uns fiel, brachte Elementares in ihm zur Entzündung, davon der Bilderraub nur erste Rakete war. Als schwebten statt eines einzigen Gottes plötzlich tausend Elohim wieder. Gräfin Wäre er des Zimmermanns Parteikamerad? Mayer Nichts Politisches, aber menschliches Blitzlicht, das Abenteuer und Bewegung bringt. Gräfin Sie machen mir Angst. Mayer Keine Angst. Hoffnung auf entwölkendes Gewitter. Spüren Sie es nicht so? 40 Gräfin Ich habe an Ihnen gemessen zu kurzen, mystischen Atem in Vergangenheit und Zukunft. Müssen wir Vorkehrungen treffen? Mayer Nicht für unsern Schützling. Doch mit offenen Sinnen dabei sein. Gräfin Wir selbst? Mayer Für uns habe ich Meinung und wittere Morgenrot.   Zweite Szene Klara (tritt auf) Gräfin Dein Bild fand Mayer morgens am gewohnten Platz. Das ist erledigt! Klara Ich sah's schon. War vorher beruhigt, weil ich köstlich schlief und rund in mir wie nie erwachte. (Zu Mayer) Was sagen Sie voraus? Gräfin Er ist ganz Ahnung, Prophet und fast schon hohes Lied. Sprudelt Psalter und Harfe. Mayer (strahlt) So ist's! Klara Gut. Lassen Sie in einer Stunde spätestens die große Segeljacht hier anlegen. Zu großen Entscheidungen fliege ich hinaus. Mayer (exit) 41 Klara Erlöst bin ich! Das macht in der Faust Gewißheit, ich treffe in die Kerbe meines Lebens, heut fällt der Streich in den Zapfen. Gräfin Ich liebe dich, Kleines; kann dir's dabei nützen? (Küßt sie) . Klara Es gehört ohne weiteres dazu. Gräfin Und schön wie nie bist du! Dir kann's, weiß Gott, nicht mißlingen. Klara Es müßte, Urschel, mit dem Teufel zugehen. (Springt mit Kußhänden in den Garten fort.)   Dritte Szene Professor (tritt auf) Wie steht's mit der Patientin? Gräfin Schon beim Golf. Himmlisch trotz eines Zwischenfalls, der vorbeiflog. Professor Für ihre Zukunft bin ich besten Muts. Gräfin Wirklich krank? Professor Doch mit stählernem Willen, gesund zu sein. Gräfin Sitz des Übels? Professor Nichts Sexuelles, aber eine letzte zu fällende begriffliche Hemmung. 42 Gräfin Kann nicht dieser halbe Zustand –? Professor Zu historisch gedacht, Gräfin. Unsere jungen Menschen sind einseitig geistig orientiert. Wollen mit eigener Idee sich ins Leben durchsetzen. Ob Mädchen oder Mann, wissend bedeuten, nicht unbewußt genommen sein. Gräfin Gott erlöse mich von meinen anderen Voraussetzungen! Professor Uns alle! Damit wir Gegenwart, Unkompromittiertes leben. Gräfin Nach welchem Rezept, zu welchem Ziel? Professor Unbefangen des Werdens stets höhere Vernünftigkeit. Gräfin Das sagt mir wenig. Professor Mit wenig müssen wir im Zeitalter vielfachen Mangels zu allem auskommen. Gräfin Es scheint leider so. Professor Ich denke mir ökonomische Besessenheit herrlicher als jede andere Gewesene. Ist's zum Golfplatz weit? Gräfin Ein paar Schritt nach links. Ich zeige. Beide (exeunt) 43   Vierte Szene Klette und von Schmettow (treten auf) Schmettow Nicht erstaunlich, daß Sie nicht schliefen. Mir ging's ebenso. (Setzt sich und reckt sich gähnend.) Klette Wände spien Wasser die ganze Nacht. Plafonds dröhnten von Gestampf. Zischen, Sprudeln, Knallen von überall. Schmettow Hausputz vor Parade. Großreinmachen. Fünf Starter bügelten sich zum Endspurt. Klette Mein Zimmernachbar links tobte wie ein Walroß. Schmettow Der Admiral – Exzellenz! Klette Wozu das Ganze? Schmettow In historische Handlung platzten Sie jählings, Jüngling. Hochzeit steht vor der Tür. Klette Wessen? Schmettow Der Schloßherrin. Klette Wen? Schmettow Wer das wüßte! Bestimmt einen der fünf sich heut nacht Ankurbelnden, mich inbegriffen. Lustig, nicht wahr? Keiner von uns erfüllt ganz ihr Ideal, obwohl natürlich – 44 Klette Welches? Schmettow Mysterium! Ein gletscherhaft steiles, bilderbuchhaftes jedenfalls. Nur Sie aus dem Tagebuch hatten Chance, es zu wissen, und zu verraten. Klette Ich bin darauf nicht neugierig. Schmettow Nicht auf solches einmal im Jahrhundert auftretenden Weibs-Geheimnisse? Was sind Sie denn, mon cher ? Klette Bloß Zeitkind. Schmettow Das sind wir alle. Klette Kaum in meinem Sinn. Schmettow Der ist? Horazisch? Carpe diem ? Dann haben Sie mich. Einen Festtag mit Marmorbadewanne und einem Reispudding, auf den ich Sie stoße, schlürfe ich hier nach den anderen und denke so wenig als möglich an den nächsten. Klette Das ist römisch. Kurz vor Christus vielmehr. Schmettow Sind Sie sentimental? Klette Keine Spur. Schmettow Trocken wie Kompaß und Einmaleins? Klette Das überwand ich mit meiner Jugend und 45 Wilhelms II. Zeitalter, als ich Bürgerliches Gesetzbuch, Kritik der reinen Vernunft und sich gleichbleibende Weise studierte, meine Bewußtseinsinhalte voraus zu wissen. Als Leben täglich wie Eisenbahn ankam, und ich plötzlich vor dem Wahnsinn stand. Schmettow Ah! Klette Als ich wußte, was zu allem Geschehen nicht nur zu denken und tun, sondern fühlend zu erleben war und wie geölter Blitz die Bahn ablief. Schmettow Das tun zu möglichst spätem Tod wir alle. Klette Ich aber muß innerhalb so banalen Zwangs einmal wenigstens der vernünftigen Vorsehung ein riesiges Schnippchen selbständig von mir aus schlagen. Hast du nicht gesehen! Schmettow Und darum Zeitkind, darum Tischler gar? Klette Darum ein anderes als Beamter, Gelehrter oder Mann von Welt mit Monokel! Schmettow Ihre Auffassung wird Fräulein Cassati interessieren. Klette Mich kaum die ihre und schaffte mir auch keine Offenbarungen. Schmettow Sie ist unmenschlich reich. Klette Was kaufe ich mir dafür? 46 Schmettow Ist blendend schön und so weiter. Klette So schien's beim ersten Blick. Nicht schön genug, daß Besonderes für mich folgte. Schmettow Sie sind ein Original! Klette Das eben ist mir noch nicht ganz bewiesen.   Fünfte Szene Admiral , Weinstein und Pfeffer (treten mit Golfschlägern auf) Schmettow Herr Klette ist komplettes Unikum; wohltemperierte Anpassung, unsere etwa, paßt ihm nicht; er glaubt, vorzüglich Zeitgenosse zu sein, weil er auf Vorposten eine Extrawurst für sich will. Pfeffer Was heißt das? Klette Nicht Zeit genosse , Zeit kind sagte ich zweimal, weil dem Kind mögliche Zukunft, nicht ausgemachte Gegenwart gehört. Schmettow Ah – jetzt verstehe ich! Admiral Ich nichts. Weinstein Nicht Sozialist – eher Bolschewik oder das Genre? 47 Admiral Ich danke! Und sowas schlief neben mir. Schmettow Das Bedauern war eher auf Herrn Klettes Seite. Gerade erzählte er, vor Katarakten, Wasserfällen, heut nacht aus Hähnen entfesselt, Euer Exzellenz geräuschvoller Transsubstantion hat er kein Auge geschlossen. Admiral Lächerlich! Klette Ich bin hier stiller Gast und bitte die Herren, mir nicht länger Aufmerksamkeit zu schenken. Weinstein Die Bescheidenheit ist allmählich verdächtig, erklärt sie sich nicht schnell. Pfeffer . Hat was vom Zusehen des Kiebitz beim Kartenspiel. Admiral (brüsk zu Klette) Was wollen Sie endlich hier, Herr? Antwort! Schmettow Überraschung will er. Pfeffer Auf unsere Kosten? Admiral Wie der Doktor Pflasterkasten? Spionage auf anderem Weg vielleicht? Schmettow Auf wessen Kosten gilt ihm gleich. Admiral Herr, wie kommen Sie dazu? 48 Pfeffer Das ist Anmaßung und üble Kinderstube. Weinstein Wie stellen Sie sich das vor? Machen Sie keine Klassenunterschiede zwischen uns, wir sind über den Parteien. Ohne Umschweif heraus mit Ihrem Programm etc. Klette Herr von Schmettow hetzt uns zu seinem Vergnügen aneinander, während ich außerhalb hiesiger Zusammenhänge stehe. Schmettow Sie bilden den eigenmächtigen Kontrapunkt zu ihnen, behaupten Sie; dem Sinn gegenüber, den alles von uns hier Veranstaltete nur haben kann, erwarten Sie klotzigen Blödsinn. Klette Ich sagte, gerade hier bezweifle ich seine Möglichkeit. Weinstein Aber drücken Sie das zeitgenössisch politisch aus. Lüpfen Sie Parteifarbe. Aus verschiedensten Lagern leben wir hier vorurteilslos beieinander. Pfeffer Hier herrscht Freiheit sans gêne bis zum Exzeß. Schmettow Überzeugungsfreiheit, nicht Freiheit der Manieren, meint Herr Pfeffer. Pfeffer Gott sei Dank! Admiral Was ist das für Kauderwelsch! (Zu Klette) Antworten Sie rund einem Soldaten! 49 Klette Ich denke nicht daran, Exzellenz. Pfeffer Was? Admiral Das ist Beleidigung, Herr! Klette Das ist Nötigung, Exzellenz! Admiral Sie schweigen zu viel verdächtiges Zeug zusammen. Weinstein Auch vor dem radikalsten Bekenntnis soll man sich heut nicht mehr drücken, im Zeitalter der Götzendämmerungen etc. p. p. Pfeffer Heraus damit! Admiral Ich will Sie, ehe Sie sich unter Vorwänden hier einfilzen, zu Ihrem Katechismus zwingen! Sonst rufe ich Polizei und mache kurzen Prozeß. Schmettow Aber meine Herren!   Sechste Szene Klara , Gräfin , Kothe (treten auf) Klara Aufruhr? Terror? Verschwörung? (Die Herren fahren auseinander.) Schmettow (zeigt auf Klette) Da steht der Schuldige! 50 Gräfin (zu Klara) Schon wieder. Klara Wessen? Schmettow Perverser Weltanschauung. Weinstein Politischer Intrigue aus dem Ff! Klara Welcher? Admiral (zu Klette) Verteidigen Sie sich vor unserem höchsten Richter! (Küßt Klara die Hand.) Weinstein Dekuvrieren Sie endlich den Bombenschmeißer oder Schlappschwanz. Hier weht Höhenluft etc. Klette Ich kenne die Anklage nicht. Klara (zu Schmettow) Sie heißt? Schmettow In diesem eisernen Zeitalter – Kothe (kichert) Eisern? Schmettow Im Zeitalter ökonomischer Vernunft. (Zu allen) Präzis genug? Alle (außer Ursula und Klette) Ja! Schmettow Proklamiert Herr Klette als oberste Forderung ans Leben – 51 Klara Was? Schmettow Die unursächliche Erscheinung; Zusammenhang- und Voraussetzungsloses, dessen Manifestation ihn auch hier nur blenden würde. Pfeffer Unerhört im endlich erreichten Zeitalter der Vernunft! Kothe (kichert) Klara (mit Blick zum Professor zu Klette) Erklären Sie das, bitte! Klette Ich lehnte den Herren die Beantwortung ab. Auf Ihre Bitte stehe ich Rede. Klara (setzt sich; die übrigen so im Kreis, daß der Professor bei Klara, Klette ihr diametral entgegensitzt) Klette Vorausgesetzt, alle heutige Allgemeinheit, was sich mit Stolz und Bewußtsein Zeitgenosse nennt – Gräfin Juste milieu! Professor (mit Blick auf Klara) Aha! Klette Betet als Lebens Inbegriff Vernünftigkeit an. Jedermann nach des einzelnen Begabung ist lauer oder fanatischer Gläubiger, anonymer oder politisch hervorragender Zeitgenosse, aber niemand kennt andere Götter neben ihr. Gräfin Wer sollte das nach Ihrer Meinung sein? 52 Klara Güte zum Beispiel? Klette Was nicht Vernunft ist – nennen Sie's Güte –, kann nur, was Vernunft ausschließt, Unvernunft sein. Klara Ja. Auch Güte ist schließlich unvernünftig! Professor Richtig! Pfeffer Hört, hört! Kothe Fabelhaft fesselnd! (Kichert.) Klette Ich sagte zu Herrn von Schmettow nichts als, da meine Natur mit stereotypem Genuß, vernünftig zu sein, nicht auskommt, da ich buchstäblich damit krepieren müßte, ich sei kein echter Zeitgenosse, Zeitkind höchstens, gehöre schon späterer Generation, die andere Ansprüche haben wird, an. Weinstein Radikalere auf gleicher Bahn! Sehen Sie Sowjetrußland, Lunacharski. Gehen Sie nach Moskau, Knabe, wie ich! Professor Welch Widerspruch! Sie geben diesen ausschließlichen Trieb aller Natur zu und schließen Ihre ohne logisches Bedenken aus? Admiral Gehört sie nicht dazu? 53 Klette Natur als Ganzes fasse ich nicht wie meine, von der das Behauptete stimmt. Weinstein Welch Unsinn! Schade um den Mann. Ich dachte politischer Ultra etc. Klara Und was verlangt Ihre mehr? Klette Den Unsinn , den der Herr so freundlich war, einzuwerfen. Kothe (kichert) Schmettow Glatt, was ich sagte. Klara Und Sie wehren sich nicht stürmisch gegen diesen rudimentären Trieb in Ihnen? Professor Empfinden ihn nicht als entwicklungsgeschichtlich tot und überwunden? Klara Machten nicht alle Mittel der Erziehung und besseren Wissens gegen ihn mobil? Klette (heftig) Mit allem, was ich bin, empöre ich mich nur gegen erstarrte Vernunft und ihre Fallen auf Schritt und Tritt. Will nichts, als ihr ein einziges Mal entschlüpfen. Kothe (kichert) Kolossal! Pfeffer Deutlich Dementia! 54 Klara (ist aufgestanden) Professor (leise zu ihr) Nehmen Sie's sich doch nicht zu Herzen! (Zu Klette) Sie verloren Richtung, Kontrolle, Herr! Klette Befinde mich wohl dabei! Gräfin (zu Klara) Was hast du? Faß dich, Klara! Klara (tritt brüsk von der Gräfin fort, vor Klette hin) In einem Zeitmoment, der kein Atom verschwendeter Energie zu wagen hat, da alle Einzelheit zu einem Ziel gezählt ist, vergeuden Sie sündhaft Kräfte vom gemeinsamen Wirken fort. Klette Meine Sache, ob ich mit mir geize oder verschwenderisch bin. Schmettow Der entfesselte Zeitgenosse mit einem Wort! Klara Kein Recht am Mitmenschen haben wir als seine Sparsamkeit. Ich mache die Herren zu Richtern über uns. Wer steht zu Herrn Klette? Professor In solcher Form ist das von ihm Ausgesprochene nicht diskutierbar. Weinstein Politisch nichts damit anzufangen. Es ist Gewäsch und gefährlich dazu etc. Gräfin Er meint, was auch ich als meines Lebens anderes 55 Bedürfnis empfinde. (Zu Klara) Du kennst es seit langem. Admiral (hitzig) Ich aber sage, er lästert! Macht sich wichtig. Das ist die verfluchte Insubordination, das Ausderfrontweglaufen. Geist des Aufruhrs, der wie Wurm an allem Erreichten frißt und Entwicklungen durchlöchert. Das große Minus! Pfeffer In jeder Weltanschauung, die Respekt will, heißt's, einer für alle und alle für einen! Basta! Kothe Bravissimo! Weinstein Bolschewismus sogar, mein Lieber, Anarchismus hängt von strengster Diktatur ab. Das lassen Sie sich von einem, der die Faust am Puls der Weltgeschichte hat, gesagt sein! Pfeffer So spricht ein radikaler Volkstribun. Kothe Kunst sogar, die himmlische, schwebt nur zwischen Regeln und Gesetzen frei. Professor Sie spielen Blindekuh – das sagt mit Überzeugung Wissenschaft. Schmettow Er markiert Romantik mit einem Wort. Klette Ich brauche von niemand Urteil. Verlange aber, an meinem Ernst nicht zu zweifeln, wie ich den Ihren akzeptiere. 56 Klara Niemand zweifelt an ihm. Um so schrecklicher wirkt er. Jeder sieht aber auch Ihre krasse Jugend. Und die ist's, die mich Sie bekehren, treibt. Klette Ich mag nicht in Sicherheiten und Stillstand gerettet sein! Admiral (zu Pfeffer) Frechheit! Pfeffer (zum Admiral) Prolet! Klara (hilflos zum Professor) Professor! Professor (zu ihr) Reagieren Sie nicht! Gräfin . Sei stark! Klara Wie soll ich? Professor (zu Klette) Fort von Eitelkeit, originell mit etwas, das alt wie Methusalem ist, sein zu wollen, endlich an höhere Erkenntnis heran! Klette Das ist Bekenntnis-, nicht Erkenntnissache! Admiral Aber nicht jeder, Donnerwetter, darf privaten Blödsinn bekennen. Wir leben nicht im Irrenhaus! Weinstein Das wäre noch schöner. Pfeffer Solidarität in Ewigkeit! 57 Klara (zu Klette) Reden Sie nicht länger; bekennen Sie durch Tat. Professor Hic Rhodus, hic salta! Klette Hinge die von mir und bestimmter Stunde ab, wäre sie wie Ihr fataler Rest auch ausgerechnet. Ich warte und bleibe bereit. Klara Für welche Notwendigkeit? Klette (langsam und fest, indem er sie mit Blicken mißt) Für alles Mögliche . Schmettow Ich schlage den Herrschaften vor – Gräfin Wolltest du nicht aufs Wasser fort? Admiral (zu Schmettow) Der Lümmel verdirbt uns den Tag. Jagen wir den Hund davon. Schmettow Das Schiff! Irene, die Jacht. Jetzt aber hinaus! ( Admiral , Schmettow , Pfeffer , Kothe und die Gräfin eilen zum Schiff. Klette folgt langsam. Sie sind mit dem Schiff, das mit Braun bemannt ist, beschäftigt.) Professor Sein Hochmut ist Impuls aus Büchern. Aus Hilflosigkeit verweigert er mitmenschlich Positives. Klara Wir aber stellen ihn jetzt für seine unmenschliche 58 Herausforderung, reißen ihm das Kainszeichen frecher Vereinzelung von der Stirn. Professor Statuieren Sie auch für die anderen das Exempel. Richten Sie aus seiner Niederlage Ihren endgültigen Sieg auf. Klara Ich will! Und spüre, der Bursche war mir dazu wahrhaftig noch notwendig. Professor Sie brennen! (Ein Windstoß fegt über die Szene.) Klara Entscheidung bläst mit Wind in meine Nüstern. Ich merke – endlich kann ich's. Auf Wasser hinaus! Pfeffer (ihr entgegen) Landwind macht auf. Warten wir besser? Klara Endlich mag mit uns Natur ein Äußerstes tun. Fort mit mir, wer Kräfte fühlt. (Sie springt ins Schiff.) Admiral , Schmettow , Weinstein , Pfeffer , Kothe (folgen) Klara (aus dem Schiff) Nicht mit von der Partie, Herr Klette? Klette Gern. (Springt hinein.) Kothe (singt malerisch an den Mast gelehnt aus dem Fliegenden Holländer) »Über sturmhohe Flut, durch Meer und Wind« usw. 59   Siebente Szene Professor Und Sie allein, Gräfin, verwerfen nicht des Heißsporns Manifest? Gräfin Unbedingt als fixe Idee, wie er es herausschreit. Zu so viel entfesseltem Schicksalswillen wünschte ich ihm dem Unentrinnbaren gegenüber ein Teil Demut, wie ich unserer Patientin eine Dosis seiner Visionslust in blinden Unterwerfungstrieb herabflehe. Beide vereint erst könnten vollkommen funktionieren. Professor Mit solcher Harmonie, die ein Böswilliger Apathie nennen könnte, wären sie keine Exponenten eines Fortschritts mehr, doch zeitlos anonymer Niederschlag. Gräfin Und wäre das nicht menschlich? Professor Banal und uneuropäisch. Ohne Konstruktion und Gotik des Abendlands. Gräfin Ah! Mayer (tritt auf) Schneller, als man denkt, ist das Wetter da. Soll man die Herrschaften nicht zurückrufen? Noch ist es Zeit. Gräfin Braun ist im Schiff. Kennt Wind und Wetter am besten und ist vorsichtig. (Ein Windstoß.) 60 Professor Es weht beträchtlich. Gräfin Sie ahnten Sturm und blieben zurück? Professor Ich bin Nichtschwimmer, und mir bekommt das Geschaukel nicht. Gräfin Herr Mayer und ich auch, scheuen den tückischen See wie die Pest. Mayer (vom See her) Herr Klette auch. Aus Befangenheit hat er sich geopfert. (Plötzlich) Braun will zurück, dreht. Nein, er muß weiter hinaus. Sie rufen! Gräfin (läuft mit Professor zum See) Braun ruft. Mayer Braun schreit! Professor Fräulein Cassati ist aufrecht am Mast. Kommandiert! Gräfin Hören Sie, was? (Windstoß, der dem Professor den Hut fortweht. Man hört Klaras Schrei.) Mayer (Hände an Ohren) Mir nach! ruft sie Wer wohin ihr nach? Gräfin (stößt einen Schrei aus) Professor (läuft zu ihr zurück) Gräfin (schreit lauter zum zweitenmal) Professor Sie springt! 61 Mayer Springt, Gott Israels ins Wasser verschwunden! Professor Da! Schmettow hinterher Gräfin Nein, Kothe nein Professor Klette Klette ihr nach! Mayer Er schwimmt nicht! Gräfin Braun hinein! Mayer (hat seinen Rock abgeworfen) Professor (schreit) Aber Sie schwimmen auch nicht (Hält ihn.) Gräfin Herr im Himmel! Professor Braun da! Gräfin Mit ihr! Professor Wie er stützt, drängt, vorwärts schiebt! Ha! Gleich sind sie an Land. Da! Mayer Da endlich! Gräfin Gerettet! (Schüttelt stürmisch Mayers Hände.) Professor Braun ins Wasser zurück! Mayer Nach Klette. 62 Gräfin Wasche, Wärme, Alkohol! (Eilt davon.) Professor Was tun die anderen? Der Admiral? Mayer Händeringend, schreiend sämtlich trocken in Hemdsärmeln an Bord. (Riesige Windstöße.) Schmach und Schande! Professor Da Braun! Ich laufe! (Exit.) Mayer Und Klette Klette Klette ! (Jetzt tobt Sturm, Donner und Blitz.) Mayer (im Gebet) Daß ihn die Flut nicht überschwemme, Der Abgrund ihn nicht schlinge, Die Gruft nicht über ihn sich schließe! Erhöre mich, Gott. Denn Deine Güte ist tröstlich!« (Schreit) Braun da! Mit Klette! Rudert, hält ihn hebt ihn ans Land Gerettet! (Läuft davon.) Vorhang . 63   Der dritte Aufzug Erste Szene Anderer Teil des Parks. Die Fassade deckt einen Teil des Hintergrunds. Links springt in der ersten Etage ein breiter Balkon so vor, daß er, von seiner Schmalseite dem Zuschauer sichtbar, des Hauses Seitenfront andeutet. Links vorn ein Stück des Parkgitters mit Tor. Schmettow (taucht vor dem geschlossenen Tor im Autodreß und Brille auf) Sind Sie allein? Mayer Wer ist das? Schmettow (lüpft die Brille und setzt sie sofort wieder auf) Mayer Herr von Schmettow wieder! Schmettow Noch einmal im Flug vorbeibrausend. Streng inkognito. Mein Schatten gleichsam. Mayer Wie es hier schließlich ablief, wollen Sie wissen? Schmettow Aus höherer Schickung peinlich für mich und die andern. Das steht leider fest. Mayer Aber Schmettow Was verschlägt's? Das ist Vergangenheit. Aber 64 Zukunft bleibt, die trotzdem gelebt sein will. Die Gräfin bei leider überstürztem Abschied Mayer Die Herren waren wirklich Hals über Kopf verschwunden! Schmettow Nur zu begreiflich aus Umständen. In die Versenkung. Flucht in der Tat. Die Gräfin gab trotzdem auf ferneren Lebensweg mir einige Rezepte mit. Mayer Wie? Schmettow Darunter das für die unvergeßliche, geradezu königliche Reispunschtorte. Leider sehen Sie hier blieb mir ein Hauptingredienz völlig unverständlich. Hören Sie (er liest) : Man kocht Reis mit Schlagrahm und Zucker dick und weich, mischt ihn mit einem Eßlöffel Punsch und streicht das Ganze in kleine Formen Butterteig, gibt auf diese ein wenig Marillensalse Mayer Marillensalse? Schmettow Marillen sind Aprikosen, gelang mir festzustellen. Aber Salse was ist Salse? Und ich bin überzeugt, von dieser Salse hängt des Ganzen Gelingen ab. Mayer Das ist mir auch vollständig fremd. Schmettow Kurz, ich will von Ihnen nichts, als Sie kundschaften unbedingt, und ohne daß ich als Frager genannt werde, von der Gräfin aus, was Salse bedeutet, und 65 geben mir, am besten telegraphisch, Bescheid. Hier Adresse und Kostenvorschuß. Mayer Danke, Herr von Schmettow. Wird besorgt. Und keine Bestellung sonst der Herrschaft? Schmettow Um Gottes willen. Hin ist hin. Es kostete mich Überwindung genug, hier im Flug noch einmal aufzutauchen. Aber Mayer Marillensalse! Wird besorgt. Schmettow Zu Gegendiensten stets bereit, und damit hollah! (Verschwindet.) Mayer (durchs Tor ihm nach)   Zweite Szene Es treten auf Klara , die Gräfin , Professor Professor Nach Ausflug in unmittelbare Todesnähe, so mühsamer Genesung müßte er Wochen wenigstens in neue Kräfte hinein erst ausruhen. Gräfin Mit keinen Gründen ist er mehr zu halten, will heut noch fort. Schon locken ihn neue größere Horizonte. Professor Was will er arbeitsunfähig draußen? Gräfin Wieder erlebensfähig muß er hinaus. 66 Professor Dann soll er! Uns aber trifft bei einer Katastrophe kein Vorwurf. Was stört ihn hier im Eldorado? Klara Meine nicht verheimlichte Dankbarkeit vielleicht. Professor Die sich doch wirklich aufdringlicher Manifestation enthielt. Mein Gott, der Mann mit voller Gewißheit, ersaufen zu müssen, springt im Impuls für Sie ins Wasser. Jede andere wäre ihm dafür erschüttert und gleich um den Hals gefallen, hätte aus Gefühlsfülle ihn nicht wieder losgelassen. Sie mit günstigen Voraussetzungen in Ihnen nahmen auch dies menschliche Wunder verhältnismäßig gefaßt auf, sodaß ich als Arzt stolz auf Ihre zeitgenössische Enthaltsamkeit bin, und jetzt soll trotzdem? Gräfin Kleinste Sorgfalt, die er nötig hat, ist ihm Greuel. Klara . Ein paar Worte kühlen Danks, die ich ihm gestern endlich sagte, brachten ihn aus Rand und Band. Unhöflich ich sage besser die Wahrheit unverschämt lehnte er ab. Professor Sie selbst dürfen sich nicht sehr beklagen. Ihnen kommt er zu eigenen Wünschen zu Hilfe, sich Ihrem in dem Fall ausnahmsweise berechtigten Drang erwiderter Nächstenliebe dennoch zu entziehen. Nachdem er Sie von fünf über Ermessen schmählichen Freiern schon befreit hat. 67 Gräfin Von vier brillanten Schwimmern, die im gegebenen Augenblick restlos versagten und einem Admiral, der, Nonsens, überhaupt nicht schwimmen konnte. Professor Das war der Gipfel! Welch schimpfliche Bande, die noch dazu Europas Auslese schon in die Flucht geschlagen hatte. Gräfin Ihr jähes Verschwinden zur gleichen Stunde war das Peinlichste in meinem mit Peinlichkeiten gesegneten Leben und wird nur von Briefen Weinsteins und Pfeffers übertroffen, die heute ankamen, und die ich vorlese. (Liest) Pfeffers! »Sie, als einzig korrekt erzogene Frau von Stand in diesem fadenscheinigen Haus, begreifen ohne weiteres meine plötzliche indignierte Flucht aus Exzessen, die mir für keine Qualität der betreffenden Dame das Wort in Anführungsstrichen! Klara (lacht) Ich Dame in Anführungsstrichen! Gräfin (liest) Mehr Gewähr boten.« Klara Reizend! Und Weinstein? Gräfin (liest) »Ich halte es für selbstverständlich, entschlösse Fräulein Cassati sich, mich für in ihrem Haus zwecks Erziehung zu Zeitidealen nutzlos vergeudete Zeit und Arbeit, über die ich der Epoche 68 und den von mir Geführten Abrechnung schulde, angemessen zu entschädigen, wobei ich annehme, daß in Anbetracht der Höhe des von mir mit meinem Leben angestrebten Ziels die Summe nicht zu niedrig gesetzt wird.« Professor Bravo! Klara Das ist stark. Gräfin Während Kothe nur blöde kicherte, würdigte mich Schmettow, der bei weitem Wertvollste, mündlichen Abschieds und nahm nur unseres Reispunschpuddings Rezept auf fernere Reisen mit. Schnalzte vor Wollust mit der Zunge. Professor Sie sollten, liebe Freundin, Europa für ein Weilchen verlassen und jenseits der Meere neue Ausschau halten. Klara Ich finde, ich selbst blieb nicht bei der Stange, und (zum Professor) auch Sie sind letzthin nicht mehr konsequent mit mir. Was hätte ich nach unserer Theorie Besseres als meiner sämtlichen Verehrer glattes Versagen wünschen können, das mir Sicherheit und Freiheit des Gefühls ließ, die ich glühend verlangte? Sondern schon vor meiner Tat war im Plan selbst aus Klettes Worten im letzten Augenblick ein Bruch, der sich in mir noch nicht wieder gefügt hat. Professor Aber gerade nach den Ereignissen Ihre Haltung 69 bis zu diesem Augenblick beweist, daß selbst überraschendstes Phänomen Sie nicht irr machte, Sie sogar Elementarem gegenüber fest im Entschluß blieben. Ekelte Sie neben des Jünglings Ekstase der Liebhaber Erbärmlichkeit, ist das naives Ressentiment, das Sie für Zukunft nur sicherer macht. Nach dem Ereignis sehe ich in dem von Ihnen früher gefürchteten Sinn überhaupt keine Gefahr mehr für Sie. Gräfin Keinen Moment gingst du ihm gegenüber aus Grenzen überlegten Danks. Professor Der berechtigt ist und zum Teil der Genugtuung über seine eigene Rettung entspringt. Gräfin Denn seine Opferung für dich war ganz. Theoretisch sein Leben hin. Professor Von einem Allüberschauenden könnte ich mir, was wir an Sensationen erlebten, nicht besser angelegt und gelöst denken. Als ich kam, war Ihre Angst und Hoffnung Theorie, kaum Aussicht, sie in kurzer Frist zu verwirklichen. Heute haben Sie aus Tatsachen für Künftiges eigenes Maß, sind sicher wie ein Feldherr nach gewonnener Schlacht und entlassen wirklich besser schon jetzt seinem Wunsch gemäß den Helden eines gewesenen und begriffenen Stücks, dem wir Beifall klatschen. Gräfin Herzensbeifall, da, was er wollte, er sich aus Zusammenhang mit dir auch noch erfüllte. 70 Professor Wofür er Ihnen nicht kleineren Dank schuldet als Sie ihm. Gräfin Womit eure Beziehungen ausgeglichen sein könnten. Professor Ich sagte, ein Allüberschauender hätte es nicht besser vollendet. Und wenn ich eins bedauere, ist's, daß der Arzt so wenig wirken konnte. Klara Ich vergesse nicht, was Sie für mich taten. Professor Leider nichts. Sie mehr für mich, und Sie werden sehen, wie Sie in meinem Werk über zeitgenössische Gebrechen anonym, doch im Strahlenkranz wirklich neuzeitlich überwundener Krankheit auftreten werden. Sehr bereichert gehe ich von Ihnen. Klara Im falschesten Moment gingen Sie jetzt. Denn der Fall Cassati ist nicht abgeschlossen. Gräfin Er scheint doch mit Voraussetzung und Beweis. Professor Aus nur allgemeiner Meinung lehnten Sie ursprünglich gefühlvolles Verhältnis zu Mann und Welt ab. Heute dürfen Sie es aus persönlicher Erfahrung. Klara Nein. Zu meiner Voraussetzung gehörte: Tat wie Klettes war nur in Bilderbüchern oder Chroniken ehrwürdigen Alters; zeitgenössisches Wissen aber leugne sie wie mein eigenes erlebtes radikal. Und 71 so war meine Angst vor Exzessen jenseits der Grenzen der Epoche korrekt, mein stärkeres Liebäugeln mit ihnen wirklich die von mir erkannte Zeitkrankheit. Im Augenblick, da Klettes Aufstand auch zur Wirklichkeit gehört Professor Ausnahme! Gräfin Nur zu seiner vielleicht. Klara Das gibt's nicht. Wie wir an der Mitmenschen massenhaftem Elend teilhaben, so natürlich an ihrem selteneren Mut und Glück. Und das spüre ich über noch Ungeklärtes deutlicher von Minute zu Minute. Auch mich hat Tat dieses Manns bereichert! Und ich dulde nicht, sie schwindet aus meinem Gedächtnis. Denn wie unwahrscheinlich ihre Nachahmung, wie ausgeschlossen ein zweites Wunder nach diesem auf Erden ist, ihm allein gegenüber ist mein bisheriger Standpunkt jetzt falsch. Auch ungehemmtestes Gutsein zu ihm bliebe mir ungefährlich, da ohne Ursache er schon viel gütiger zu mir war. Sicherer als mit Selbstzwang wäre ich, wie ursprünglich geboren, bei ihm, und billige ich noch nicht im Prinzip seine menschliche Verschwendung, in meinem besonderen Fall, fühle ich, bin ich in sie vernarrt. Gräfin O weh! Professor Das ist nicht wahr! Ist nur Ansteckung von ihm her, von der ich Sie leicht und unter allen 72 Umständen heile. Erst jetzt fängt also meine ärztliche Aufgabe an. Klara Ist nicht mehr wie nur Gedachtes in mir umzudenken. Weil über Skepsis und eindringlicher Warnung Gewißheit einer Wirklichkeit steht, der ich mich nur zu gern beuge. Professor Wollen Sie dicht am Ziel erhaben angelegtes Krankheitsbild zu banaler, verzeihen Sie den Ausdruck kitschiger Lösung bringen? Gräfin Verleugnest du für neue Wirklichkeit hunderttausend gewesene, muß dir die einzige wertvoller als alle anderen sein. Klara So scheint es. Professor Aber ich beschwöre Sie! Sie verpatzen ein glänzendes Paradigma, drohen aus logischer Folge ins Chaos fortzubrechen. Klara Ich fühle mich urtümlich auf sicherer Spur. Professor Und ich beweise Ihnen schriftlich Ihre Irrtümer. Meine minutiöse Beschreibung des Falls ist bis zum letzten Schluß gediehen, ein Nichts fehlt in unvergleichlicher Darstellung. Lassen Sie mir ein paar Stunden, bis morgen früh noch Zeit; und ich erleuchte Sie bis in Ihres Wesens Kern. 73 Gräfin Tu's! Klara Aber mein letzter Punkt scheint gesetzt. Professor Aus Ahnung und Instinkt unmöglich! Formeln, Absolutes bringe ich, geben Sie der Wissenschaft Zeit bis morgen früh. Sie müssen's auf Grund unserer Abreden. Ich bestehe darauf! Klara Gut. Ist's nicht zu spät, höre ich morgen früh noch ihre besseren Gründe. Professor Tausend Dank! (Wischt sich die Stirn.) Ich muß fort, stürze zur Arbeit. Jetzt packten Sie auch mich am Kern. Eigene Notwendigkeit mit der meiner wissenschaftlichen Behauptung muß ich, koste es, was es wolle, beweisen. Aber ich schaff's noch. (Exit.)   Dritte Szene Klara Er begreift mich nicht, hilft mir nicht mehr. Gräfin Warum? Klara Er urteilt, nicht über mich allein, über Welt summarisch. Schließlich ist aber letztes Begreifen kein Einmaleins, kein Logarithmus, den man vom Blatt liest, doch Gleichung mit Unbekannten. Daß wir einst wissen können, ist kein Grund zu tun, als wüßten wir immer schon. 74 Gräfin Du tust ihm Unrecht. Denn diese deine andere Einstellung ist neu bei dir und hat Gründe, die er nicht kennt. Klara Welche? Gräfin Ist das unter uns Frauen nach dem Auftritt eben nicht klar? Früher, als alles glatt und geradezu war, wehrte das Weib sich nicht gegen Gefühle, die durch weniger freche Welt allerdings weniger bloßgestellt waren. Was du von Kindheit an in deinen Kreisen an Liebe und ihrer mesquinen gesellschaftlichen Aufmachung sahst, mußte dich mißtrauisch machen. Klara Ursula! Gräfin (legt beide Hände auf Klaras Schultern und sieht sie bedeutend an) Ich wette, Klärchen, du bist ganz einfach in Klette verliebt. (Küßt sie.) Und das ist mir, die ich nicht logisch lebe, ganz natürlich. Wem, der so wenig an es glaubte, geschah drastischeres Wunder vom Mann? Endlich ist durch sein Heldentum in dir ursprüngliches Weib berührt, das für ekstatische Möglichkeiten Ursache und Quelle wurde, und die sie unter allen Umständen bleiben will. Klara Aber Gräfin Du bist stolz. Ich weiß, wie sehr und aus geistigen Vorwänden weit vom Geständnis entfernt. Aber 75 diesmal wird dir auch überlegtestes Geflunker nichts nützen, weil Blutanschluß geschah, du weiter nach ihm verlangst, und wieder eine andere Widerspenstige zahm wird. Klara Du sagst es. Gräfin Du fühlst es vor! Warum willst du weinen? Umweg! Freu dich geradeheraus. Ich freue mich auch, und Mayer, der zuerst und erhabener ahnte, wird vollends selig sein. Klara Wie kann ich? Gräfin Wenig bleibt dir zu tun, da alles Schicksal weiter in seinen Händen liegt. Vielleicht kann ich helfen, obwohl, wie sicher ich dir deine Wahrheit auf den Kopf zusagte, ich nicht weiß, was von ihm zu erwarten ist. Auch das könnte höchstens wieder Mayer prophezeien! Da kommt er, wie gerufen.   Vierte Szene Mayer (tritt auf) Gräfin Sie holen uns zum Nachttee. Wir danken und wollen von Ihnen wissen, was unser steinerner Gast vorhat, und was aus ihm wird? Mayer Er geht in der Minute. Stellte gerade in der Halle sein Bündel zurecht und nahm den Hut; wird gleich zum Abschiednehmen hier sein. 76 Klara Und? Mayer Strudelnder Teig. Wieder geladen und bald von neuem entfesselt. Nicht daran rühren! Ruhe des Bewußtseins seiner Großtat scheint nachzulassen. Er verliert Überlegenheit, und Folgen zeigen sich von weitem an. Klara Aber welche? Mayer Wer das wüßte! Doch ist mit ihm jetzt nicht zu spaßen. Gräfin Wir kommen gleich. Mayer (exit nach links im Augenblick, da Klette auftritt im Rucksack, Hut in der Hand von rechts)   Fünfte Szene Klette (der sich verneigt) Gräfin Der Professor wird über Ihre plötzliche Flucht empört sein. Klette All die Zeit über ich empörter über mein endloses Ihnenzurlastfallen. Gräfin Man ließ es Sie nicht merken? Klette Für aufopferndste Pflege habe ich zu danken und weiß nicht, wie ich lohnen soll. 77 Klara Lassen wir das. Gilt Ihnen der Versuch meiner Rettung schon nichts, vermeiden Sie, sich als Beschenkten hinzustellen. Immerhin wagten Sie Ihr einmaliges bißchen Leben für mich. Stellen wir das ruhig an unseren Abschied und sehen Wahrheit wahrhaftig. Klette Ich wagte mein Leben nicht für Sie. Es zu wagen, hätte ich Umstände, Aussichten wägen und entscheiden müssen. Aber ich war im Gegenteil gar nicht im Bild, hatte keine Absicht mit Ihnen; sondern es geschah nur, daß in dieser Situation, an die ich allein nicht angeschlossen war, auch ich auf meine Weise lebte. Gräfin Eine reizende Weise! Klara (sieht ihm fest ins Auge) Sie wahren mächtig Distanz zu mir. Klette Ich vermeide, Beziehungen zu kombinieren . Gräfin (ist in den Hintergrund verschwunden) Klara Was führte Sie ursprünglich zu mir? Klette Ein verlorenes, rotseidenes Taschenbuch mit Bändern. Klara Lasen Sie es? Klette Es interessierte mich von einer Fremden nicht. 78 Klara Nahmen Sie am gleichen Abend mein Bild (sie zeigt) oben vom Schreibtisch? Klette Ja! Klara Stahlen es? Klette Ja! Klara Brachten es gleiche Nacht über eine Leiter (sie zeigt auf die, die neben dem Balkon am Haus lehnt) die da! zurück? Klette Ja! Klara Warum geschah das? Klette Das Bild fand ich schön. Klara Ich bin achtzehn Jahr darauf. Klette Das Bild sollte mich trösten. Das Mädchen hätte mich hingerissen. Als ich den Unterschied zur Wirklichkeit besehen hatte, brachte ich's zurück, Klara Das ist nicht schmeichelhaft. Klette Nein. Es ist Wahrheit. Klara Lieben Sie sie? Klette Sehr. Und bekenne sie, wo ich kann. 79 Klara Was nennen Sie so? Klette Was ohne Rücksicht auf uns, vor Urteil in allen Dingen ist. Klara Eigentümlich manifestiert? Klette Und immer anders! Dem ich mich gläubig unterwerfe. Klara Etwa? Klette Kein Europa. Nicht Ziffer, Rechnung und Kapital. Aber Zufälliges, bunt Mannigfaltiges. Imponderabilien überall. Klara Das heißt auf Sie bezogen? Klette Imponderabilien. Klara Auf mich? Klette Ebenso. Während Ihr Gold, Vermögen und wäre es krösushaft Nummer und Marke ist, an der man Ihr Leben abliest. Klara Keine Überraschung möglich, kein Wunder, Rest Freiheit in mir? Klette Nichts, soweit ich sehe. Aber bis zu Ihrem jüngsten Tag Addition, Subtraktion aus Banknoten, Scheckverkehr, Spekulation auch mit Menschen; das 80 Langweiligste, das es gibt. An dem, auch nur einen Augenblick teilzunehmen, mich vernichten würde. Klara Schade um mich. Klette Warum in Ihrer Welt? Ohne mein Erscheinen hätten Sie es nie erfahren und werden es schnell wieder vergessen. Klara Hoffen wir's. Wohin gehen Sie von hier? Klette Überall außer in Europa ist Platz für mich. Millionen Quadratkilometer blieben in Australien, Asien unbewohnt. In Afrika, Südamerika starrt belebende Einöde. Es ist zu tausend Aufbrüchen hohe Zeit! Man muß nicht an elektrischen Ofen, an Straßenbahnen angeschlossen sein. Klara Glauben Sie? Klette Ich verabscheue Hauswirte, Huren, Polizei und Heimatscheine. Auch Diktatur des Proletariats ist mir zu bewußter Ausdruck und Kommando. Klara Auch das hat Reize. Klette Ich reagiere nicht. Klara Aber die Achtzehnjährige hätte Ihnen gefallen? Klette O die (Geste) Vollkommen! Klara Warum? Überraschungsmöglichkeiten? 81 Klette Imponderabilien. (Pause.) Klara Sonst haben Sie mir beim Abschied nichts zu sagen? Klette Nichts, was daneben gälte. Klara Nichts? Klette Garnichts! Klara Leben Sie wohl! (In den Hintergrund.) Leben Sie wohl (sie winkt) . Zeitkind! (Verschwindet schnell.) Klette Uff! (Setzt seinen Hut auf.) Erledigt! Fort!   Sechste Szene Gräfin (erscheint wieder) Ist sie fort? Der Abschied ging flink. Hatten Sie sich nichts Wichtiges zu sagen? Klette Nichts. Abgründe von Mensch zu Mensch. Gräfin Von Ihnen zu ihr. Ich wüßte nicht, was Ihnen an ihr gefallen sollte, da äußere Vorzüge an Ihnen versagen. Dagegen glaube ich, Sie paßten ihr besser. Klette Kaum. 82 6 Sternheim, Der entfesselte Zeitgenosse Gräfin Das sehen Sie falsch. Kurz, doch nachdrücklich traten Sie als Held auf. Wie wenig Sie es wahrhaben wollen, von außen schien die Sache schneidig und auch für die blasierteste Mädchenerwartung prachtvoll. Klette Wirklich? Ich glaube, Sie irren. Gräfin Das nicht. Klara Cassati kenne ich besonders gut und glaube versichern zu können, Sie wirkten auf Sie. Wie Sie, die Wahrheit zu sagen, auch mir gefielen. Klette Ohne Absicht. Gräfin Das war das Vortreffliche, sonst wäre es nicht geglückt. Das gerade bedeutete Ihre selbständige Freiheit in aller Tat, aber auch unsere Unterwerfung unter sie. Es gibt eben auch da Beziehungen von Mensch zu Mensch, die Resultate des Anlasses sind. Klette Schon wieder logische Folge? Gräfin Nicht logische. Elementare. Klette Elementares Tun ja! Doch ebensolche Folge? Gräfin Was ist da wunderbar? Auch im Empfinden sind wir Mitmenschen . Klette Gut, nehmen wir an, mein Tun gefiel Ihnen. Ich 83 will keinen Dank oder tausche meinen großen gegen Ihren. Wir sind quitt! Gräfin Es scheint, sie profitierte von Ihrer Bekanntschaft über heutigen Abschied hinaus und bleibt für lange die Beschenkte. Klette (heftig) Ich will nicht weiteren Zusammenhang. Keinen, von keiner Seite! Gräfin Das ist, Ihrem Willen entzogen, über Ihre Macht. Klette Sie behaupten, was Sie nicht wissen! Gräfin Aber wüßte ich doch? Klette (schroff) Wollte ich trotzdem nicht, was mich mit nichts als Zeitlichem bände! Gräfin Sie haben zu dürftigen Begriff von ihr. Ich, die sie von Kindheit auf kenne Klette Hätten Sie sie besser erzogen und bewacht! Gräfin Gegen heutige Welt stand ich allein. Ich beschwöre Sie aber, vergewissern Sie sich! Da ist für meine Worte der Zeuge.   Siebente Szene Mayer (tritt auf) Klette Der wertvollste Mensch im Umkreis. 84 Gräfin Er soll bestätigen, was ich behaupte. (Zu Mayer) Wer ist Klara Cassati? Mayer Mag er sie immer noch nicht? Mangelnder Kontakt? (Zu Klette) Gehen Sie nicht ohne Gerechtigkeit. Oder verbietet Ihr Entfesseltsein Gerechtigkeit? Klette Ich urteile nichts, als von ihr zu mir ist wie von ihr zu aller Welt alles bis in Ewigkeit vernünftig ausgerechnet. Mayer Oho! Klette Wieso? Mayer Nicht, daß ich das gleich erklärte, doch setzt Ihre Sicherheit einen alten Mann in Erstaunen, der sich den Erscheinungen noch stets mit Bedacht näherte. Sie sprachen sie wieviel Stunden im ganzen? Klette Nicht bei durchschnittlichen Anlässen. Mayer In denen Sie sich oder die andere sich offenbarte? Klette Aber sie ist Klischee heutiger Gültigkeiten, die ich kenne! Mayer Freund, dann fehlt Ihnen doch ein Sinn. Ich selbst, seit der Geburt um sie, habe sie nicht entziffert, und mir fehlt es weder an Spekulation noch Ahnungsvermögen. Noch mehr: auf der ganzen Welt 85 interessiert mich Sie eingeschlossen auch heute kein Mensch wie die junge Dame, der ich diene. Auch Gräfin Wrochot, kein Durchschnitt, wie Sie bemerkten, ist durch freiwillige Zuneigung unlöslich und geheimnisvoll an sie gefesselt. (Da Klette ungeduldig wird) Bleiben Sie noch einen Augenblick. Wir erledigen ein Herzensbedürfnis, sagen wir Ihnen ein für allemal über unsere Herrin Bescheid. Wie war das mit dem Bild? Kommen Sie hierher! (Er zieht ihn bis zur Leiter, die er seitwärts an den Balkon setzt und auf die er einen Fuß stellt.) He? Hätten Sie das unter Schwierigkeiten auf sich genommen, wäre kein Eindruck auf Sie erfolgt? Ihnen gefiel das Mädchen doch außerordentlich, sonst hätten Sie seinetwegen nicht soviel gewagt. Gräfin Sehr wahr! Mayer Und dann durch Ihre allerdings bildschöne Tat wurden Sie größenwahnsinnig und meinten, was Sie vollbracht, sei keinem anderen sonst mehr möglich. Gräfin Erhöhten sich über Gebühr von aller Wirklichkeit fort. Mayer Vor allem aber: sind Sie sicher, die andere könnte das nicht? Jede Erwartung von Ihnen weit übertreffen? Klette Ich wüßte nicht einmal, was ich ihr zutrauen sollte. Mayer Was aber trauen Sie dem Mädchen nicht zu? 86 Gräfin Leise! Sie geht zu Bett. (Man sieht sich das Fenster neben dem Balkon im ersten Stock erleuchten.) Klette (flüsternd) Ich gehe. Es ist spät. Gräfin (die Klette in den Vordergrund der Szene vor eine Buschgruppe gezogen) Sagen Sie das eine noch: was Sie dem Mädchen nicht zutrauen? Klette Schon nicht sein Mädchentum! (Man sieht, wie oben die Türen des Balkons aufspringen, ahnt Klaras Schatten und sieht Licht im Zimmer erlöschen.) Mayer Sie öffnet das Fenster. Und nun Schläft. (Pause. Stille.) Klette (flüsternd) He? Habe ich nicht recht? Gräfin Das ist . . . ist . . .! Klette Nicht zu erwarten, zu verlangen. Aus tausend Situationen ihr nicht zuzutrauen. Aber wer fordert denn außer Ihnen von ihr das ganz Unwahrscheinliche? Gräfin Ihre exponierte Stellung seit Jahren in der Welt! Immer von allen Seiten angegriffen Klette Natürlich! Plausibel! Wer sagt das Gegenteil? 87 Mayer Oho! Klette Wieso? Mayer Wäre es nicht der Erwartung so völlig ausgeschlossen, könnte es nicht das allenfallsige Wunder sein. Wer hielt das Ihre Sekunden, bevor es geschah, für möglich? Aber ich glaubte daran. Gräfin Und es muß auch nicht ihre einzige Überraschungsmöglichkeit sein. Klette Aus dieser die Einzige! Gräfin Warum? Nein! Klette Die Einzige! Gräfin Pfui! Sie sind ein Teufel! (Exit.)   Achte Szene Klette Hörten Sie? Ein Teufel bin ich, weil ich versuchte Täuschung kurz abschnitt. Gute Nacht. Mayer Wohin? Klette Asien vielleicht. Mayer Dort das Wunder beim Weib zu suchen? Da ist auch nichts los. 88 Klette Alles vielleicht. Mayer Unsinn! Wir Juden kommen von da. Ich setze noch immer Europa. Setze (zeigt auf Klaras Fenster) da! Aus Instinkt und weil Klette Aber selbst die Gräfin! Mayer Frauenkleinmut. Wo bleibt ihr Heldentum? Denn das wäre doch etwas? Höhere Frage an Ihre Glaubenskraft. Klette Das Das wäre das Unbegreiflichste! Mayer Aha! Klette Das wie wird mir? Ich will muß! Mayer Aha! Klette Ihr Blick, Mayer, Ihre Ahnung was vermuten Sie?! Sagen Sie's! (Er gibt ihm die Hand. Eine Sekunde verweilen die Männer Auge in Auge.) Mayer (flüstert) Dazu liebt Sie sie. Sucht Sie mit der Seele in jedem Augenblick überall. Man braucht keinen einzigen Ahnen, das zu erkennen. Klette (springt plötzlich an die Leiter) Pst! Mayer Was wollen Sie? Tun Sie? 89 Klette (mit höchstem Entschluß) Pst!! (Ist die Leiter halb hinan und macht in die Welt eine blendende Geste.) Lassen Sie mich! Sie wissen doch, was für mich auf dem Spiel steht. Himmelsleiter vielleicht! Mayer (der an den Fuß der Leiter gelaufen ist) Aber ich aber Sie sind nicht so schnell! Klette (mit einem Satz über das Balkongitter zum Zimmer hinein) Mayer (Hände über den Kopf zusammenschlagend) Gott der Gerechte! Der Entfesselte! Und ich bin mitschuldig! Was tu ich tut er jetzt, was sie? Wird er wird er nicht was ereignet sich? Pause. Kein Laut, kein Ton – noch immer nichts? Was ahne ich? Was muß ich glauben? Er kommt nicht wieder? Immer noch nicht? Wie klopft mein Herz rauscht Natur. (Durch die Nacht wehen die Akkorde einer Äolsharfe.) (Er jubelt) Harfen, Posaunen und Zymbeln. Es ist!! Überlaufen der Liebesfülle! Mystischen Reichtums volle Bejahung! Lobt Gott in seinen Wundertaten Nach seiner großen Herrlichkeit!   Vorhang .