Herrmann Stehr Droben Gnade Drunten Recht Roman einer deutschen Familie Erstes Buch Erstes Kapitel Am 16. Mai 1852 befand sich der Gerbergesell Nathanael Maechler in ruhiger Wanderung auf der Chaussee, die von Hohenelbe tiefer und tiefer in das Riesengebirge hineinführt. Für einen oberflächlichen Beobachter machte er den Eindruck eines Mannes, der, weit herumgekommen, sich nicht mehr an jede kleine Überraschung verliert, sondern in sich versunken, wie einer geheimen Musik lauschend, dahinging. Nur von Zeit zu Zeit riß es ihm förmlich den Kopf herauf, fast wie in einer Schleuderbewegung. Und jedesmal, ehe dies krampfhafte Heraufzucken des Kopfes ihn packte, geriet sein langausgreifender Gang in Unordnung. Die wandergewohnten Schritte verfielen in eine hastige, so merkwürdig es klingen mag, wirbelnde Unruhe, die den jungen Burschen immer etwas aus der Bahn brachte, bald nach der Mitte, bald gegen einen der Ränder der Straße hin, bis er sich aus dieser vorüberhuschenden Taumelei ärgerlich zusammenraffte und geruhig die Waldberge betrachtete, die rechts und links immer näher an den Weg herantraten, den er verfolgte, und je weiter er kam, immer höher wurden, so daß er sicher war, noch weit vor dem Abend in Spindelmühl im eigentlichen Herzen dieses großen Gebirges anzukommen. Als er die grauen Baudenhäuser von Pommerndorf auf der besonnten, großen Wiesenmatte über sich liegen sah, fiel ihm plötzlich ein, daß er heut morgen vor seinem Wanderaufbruch auf dem Markt von Hohenelbe nach dem Denkmal des Grafen von Sporck gefragt hatte, der, wie er sich aus den Erzählungen seiner frühen Kindheit erinnerte, in der Gebärde eines großen Zornes dargestellt war, die gefaustete Rechte drohend wider die gegenüberliegende Kirche erhoben. Niemand von den Leuten, die er fragte, wußte etwas von dem Standbilde. Merkwürdig, daß Maechler im Anblick der besonnten Baudenhäuser von Pommerndorf dieses von dem Standbild sinnen mußte, das gar nicht mehr vorhanden war, und noch merkwürdiger war es, was Maechler Ungereimtes an diese Erinnerung anschloß. Er sann nämlich, daß die Menschen dort oben in den Pommerndorfer Baudenhäusern vielleicht auch, genau so wie seine Vorfahren, auf der Flucht vor Bedrückung tiefer in das Gebirge gewandert seien, aber dann, von Mühsal und Müdigkeit überwältigt, hier haltgemacht, sich Hütten gebaut und langsam die Süchte ihrer Seele vergessen hätten. Vielleicht ist es so, sagte er vor sich hin und war schon im Begriff, im Graben des Brandlerbaches in die geringe Höhe hinaufzusteigen, um dort womöglich noch einen leisen, verwehten Klang der Erinnerung aus fremdem Munde zu erfahren, die sein ganzes Innere beherrschte und immer wie ein Glanz, ein hoher Schimmer in ihm blühte. Er sprang über den Graben und begann in dem kurzen Grase an dem Bache hinaufzuwandern. Als er aber auf dem schmalen Steige bis an den Wald herangedrungen war, sah er plötzlich vor sich die gleichgültigen, verwunderten Gesichter, die ihn in Leitomischl und dann in Tschermna angestarrt hatten, als er vorsichtig das Gespräch auf die Böhmischen Brüder gebracht hatte, die 1735 nach dem Ketzerprozeß gegen den Grafen von Sporck über das Riesengebirge in die Lausitz ausgewandert waren. Niemand wußte mehr etwas von ihnen als nur das eine, daß es eben verzwickte Sonderlinge gewesen seien mit Zwieselköpfen, und man wunderte sich, wieso ein wandernder Handwerksbursch auf solche alfanzerische Dinge verfallen könne, die, Gott sei Dank, für immer ausgestorben seien. Wie es ihm dort ergangen war, dasselbe und noch Schlimmeres würde er vielleicht dort oben in dem Nest erfahren, das sich kümmerlich inmitten der großen Wälder am Leben erhielt. Maechler nahm sein Felleisen auf die andere Achsel, rückte den darüberliegenden Kotzenmantel zurecht und kehrte in Gedanken versunken auf die Chaussee zurück. So kam er an Hackelsberg vorüber in einem Zustande, der dem Wachtraume nicht unähnlich war. Denn von den beiden Kräften, die ihn abwechselnd beherrschten, ein achtsames, ein kritisches In-die-Welt-Sehen und ein lauschendes Insichversinken, hatte das inbrünstige Vertauchen in sein Inneres jetzt ganz von ihm Besitz ergriffen, das er von seinen Vorfahren her, den Böhmischen Brüdern, als eine geheime Leidenschaft in den Grundwassern seines Wesens wirken fühlte. Von Zeit zu Zeit freilich brach diese ererbte Tiefenkraft gleich einem Schrei oder Stoß aus ihm hervor, wie das letztemal in der stürmischen Herbstnacht zu Bamberg, daß er Hals über Kopf seine gute Stelle aufgeben und als nahezu Achtundzwanzigjähriger sich auf diese Wanderung begeben mußte, auf der er weder Arbeit noch Glück, sondern eigentlich nur den rechten Weg in der Welt des Lebens suchte. Nun ja, von seinen Vorfahren trug er nur den altbiblischen Namen Nathanael an sich. Ihre Glaubensinbrunst hatte er nie besessen und doch spürte er sich im Blute mit ihnen auf geheimnisvolle Weise noch verbunden, mit diesen begeisterten, geraden Männern, die um ihres Glaubens willen Haus, Hof und Heimat verlassen hatten und, als Führer nur das Leuchten ihres Innern, mit Weib und Kind durch das unwegsame, schluchtenreiche Gebirge gewandert waren, um jenseits in einem unbekannten Lande dem Frieden, der hohen Andacht ihrer Seele und dem stillen und ernsten Rechttun eines tätigen Lebens zu dienen. Die wußten, was sie sollten und wollten. »Droben Gnade, drunten Recht«, murmelte Maechler vor sich hin. ›Aber das ist es ja‹, sann er weiter, ›kommt die Gnade durch das Recht oder schafft das Recht die Gnade?‹ Mit diesen Gedanken stand er wieder an dem Scheidewege, da war er wieder mitten in der Unruhe seiner Welt und auch mitten in den wilden Wirbeln seiner Zeit, denen er zu entrinnen gehofft hatte, wenn er als später Nachfahre denselben Weg ginge, den sie einst in größter Not und Daseinsmühe gepilgert waren. So schritt er fürbaß, des Schreitens nicht achtend, und bestand in einer traumhaften Hartnäckigkeit darauf, aus dem Grunde seines Wesens jenen Geist seiner Vorfahren sich heraufzuholen, der diese Männer so klar erfüllt und so zwingend deutlich geführt hatte. Aber wie in den vielen Tagen vorher, führte es auch heut zu nichts anderem, als daß alle Bemühung des Willens, alles achtsame Insichhineinspähen sich auflöste in den leeren Takt seiner Füße, in den Rhythmus des Ganges, der bald auch, wie die Schläge eines geheimnisvollen Metronoms durch ihn hinging. Eine Weile wogte er, man kann nicht anders sagen, so dahin wie auf stoßenden Flügeln getragen, bis seine Schritte von einer Melodie begleitet wurden, die er weder singen noch sagen konnte. Sie klang aus dem Herzen seiner eigenen Vergangenheit, aber es war auch das Brausen eines menschenvollen Platzes darin. Und plötzlich aus der Vision eines Traumes heraus sprach Maechler zum Takt seiner Schritte vor sich hin: »Herbei, herbei, ihr Völker all, Um euer Schlachtpanier! Die Freiheit ist jetzt Feldmarschall, Und Vorwärts heißen wir.« Da knallte es in seine Worte, so scharf, so nahe, daß der Gerbergesell erschreckt auffuhr, und er sah sich so dicht vor einem Ochsengespann mitten auf der Straße, daß der nächste Schritt ihm die Deichsel vor die Brust gerannt hätte. Mit einem jähen Hechtsatze sprang er zur Seite. »Hoho, du blinder Hesse«, brüllte der braunbärtige Bauer von seinem Brettwagen und fuhr unter dröhnendem Lachen vorüber. Maechler sah ihm leer nach und ging dann kopfschüttelnd seines Weges weiter. Allein es nutzte ihn nichts, der Mannheimer Taumel des Frühlings vor vier Jahren wirbelte, zum Greifen nahe, um ihn, und ehe er sich's versah, ging es schon wieder schwingend durch ihn: »Laß das Herz doch wieder schlagen In der Brust der kalten Welt.« Er blieb betroffen stehen, sah sich um, ob irgend jemand in der Nähe das gehört haben könnte, was vielleicht doch laut aus ihm gefahren war. Rechts und links von der Straße jäh aufsteigende Waldwände und sogar vor ihm die Welt grün zugemauert von einem steilen Berg. Das Elbwasser aber versuchte in ungeschwächter, jahrhundertealter Hartnäckigkeit, von seinem Tallauf abgezwängt, sich mitten durch die Berge zu bohren, strudelte ohnmächtig gegen die Wand, kreiste und schäumte und trieb dann seine Wellen in anderer Richtung weiter, eilig und glänzend, nicht, als ob es eben bezwungen worden, nein, als ob seine Niederlage ein Sieg sei. Maechler setzte sich auf einen Straßenstein, schob seinen Wanderranzen auf dem Rücken bequemer, hielt seinen Stecken gemächlich zwischen den gespreizten Beinen und sah gedankenvoll in das Flüßlein hinunter, das ihm so, ohne es zu wollen und zu wissen, den Lauf der Welt und sein eigenes Gehabe erzählte. Na ja, war das in dem hexentollen achtundvierziger Frühjahr in Mannheim nicht genau so gewesen? Das ganze Deutschland in einer Klemme zusammengepreßt wie hier, so sagten doch damals alle Leute. Die Fürsten peinigten und piesackten das Volk, dem sie kein anderes Recht ließen, als Steuern zu zahlen, und keine andere Stimme, als zu seufzen und im geheimen zu klagen. Ganz Deutschland war ein Zuchthaus, kein Staat, und es sollte anders, es sollte ein Paradies werden, in dem die Wahrheit frei und die Freiheit wahr war. Und Baden raffte sich zuerst auf, um den Stoß zu führen, den Todesstoß gegen die Brust der Tyrannei. In allen Schenken brodelte es. Niemand achtete seines Gewerbes. Zu allen Tageszeiten marschierten auf den Straßen die Kompanien der Bürgerwehr, Ansammlungen auf allen Plätzen, und wenn Hecker an der Spitze der Volkswehr auf seinem Schimmel vorüberzog, das Schwert an der Seite, den Federhut aus der Stirn gerückt, dann war ganz Mannheim ein einziger Jubel, als sei er des Volkes Heiland und Erlöser. – Freilich, wenn er in jenem feuermulmigen achtundvierziger Frühjahr von dem Zucken seiner verrückten Junggesellenfüße nicht immer weiter in das verbockte Süddeutschland getragen worden wäre, mitten in das tolle Mannheim hinein, nein, noch dazu in die vermaledeite Prungergasse mit ihrem Durchschlupf auf den Kapuzinerplatz: Ja freilich, so brauchte er jetzt nicht hier mitten im Gebirge auf einem Chausseestein zu sitzen und die Nase, wie ein verlaufener Hund, nach Witterung in die Luft zu halten, um dem richtigen Weg durch die Welt zu einem haltbaren Glück auf die Spur zu kommen. Aber, was hilft das nun, wo es ihn doch zwischen die Berge gerammt hat? Gar nichts! Und wenn er sich nachträglich selber ohrfeigen wollte, daß die Backen spiegelten, zu ändern ist an der Wirbelmühle doch nichts, in der es ihn damals gedreht hatte. Ihn und ganz Deutschland, das vielleicht auch wie er jetzt verdutzt mitten auf dem Wege sitzt und nicht ein noch aus weiß, weil mit dem altgewohnten Hott und Hü von oben eben nicht mehr von der Stelle zu kommen ist. Der andere Meister dort oben gerbt uns eben, die einen in der Weißgar-, die andern in der Lohtonne. Da ist nichts zu machen! Und umgedreht hat es auch ihn, den Nathanael Maechler, wahrhaftig, daß nur die Haare so geflogen sind. Allein alle Menschen kommen halt als Haut auf die Welt und müssen zu Leder gegerbt werden. Und wenn er sich hätte davor bewahren wollen, so durfte er damals beileibe nicht in die Prungergasse zu dem Meister Wiegand auf die Arbeitssuche gehen, sondern mußte, wie die andern Handwerksburschen, so gründlich in der Herberge randalieren, daß er schon anderntags polizeilich abgeschoben wurde. Nein, nein, es war notwendig. Der Meister Wiegand mit dem ewigen Schleimhusten und der leisen Stimme eines Sakristans hatte gewiß seine eigenen Augen, gesehen hat jemand anders mit ihnen, wenigstens was damals ihn anlangte, ihn, den Maechler, der, gut drei Handbreit größer, gut ausgestopft und zäh, wirklich mehr aussah wie ein blonder Draufgänger als ein sanfter Fellschaber. Genug, seine Papiere stimmten, seine Zeugnisse waren gut, und die Hauptsache, er stammte aus einer alten Gerberfamilie und war in der Lausitz im Osten von Deutschland geboren, das eigentlich schon mitten in Russisch-Polen liegt, wo man heimlich noch Tran trinkt und Fliegenpilze ißt ... Das alles flog nur so durch ihn hin. Denn die Erinnerung, dieser Wachtraum des Lebens, wenn er auf jungem Blut durch den Menschen hinfährt, bläst mit heißem Atem in die Vergangenheit, daß nicht der Schattenflug einer Staubwolke auf uns zuweht, nein, da schiebt sich prall und knallig wirkliches Leben durch wirkliche Häuser, und was längst vorüber ist, steht zum Greifen deutlich vor uns. Maechler, den sein Schicksal gegen eine entscheidende Wand trieb, wußte bei Gott nicht, daß er in der Elbklemme auf einem Chausseestein neben dem Wasser sitze, sondern stand in der Mannheimer Prungergasse neben der Wohnstubentür dem Meister Wiegand gegenüber, der in seinen Papieren gründlich Umschau hielt. Dann hob er seine wasserblauen Augen, musterte ihn scharf, und als er umständlich seinen Schleim zurechtgehustet hatte, stellte er ihn als Geselle mit der Bedingung ein, sich von dem politischen Treiben der Arbeiter fernzuhalten. Dies sagte er mit einer hohen, frommen Stimme, als bete er den Absatz einer Litanei. Darauf verschwand seine Gestalt wie ein Rauch. Nur seine Stiefel blieben vor dem Maechler auf der Hohenelber Chaussee so tatsächlich, greifbar, stehen, daß der Gerbergesell verwundert aufschaute, wie das möglich sei. Aber da war seine Erinnerung auch weggeblasen. Er saß auf dem Chausseestein in der Talenge, und ein fremder Mann stand vor ihm auf dem Wege und nickte ihm freundlich und ein wenig bekümmert zu. Ob er schwach geworden sei, fragte er den Maechler. Das nicht, antwortete der und musterte den Fremden erstaunt, der, gut weit über vierzig, wettergebräunt, mit etwas Weiß in dem Blond des Haares und des Bartes, leicht gebückt, doch fest vor ihm stand, wie es die Art der Gebirgler ist, die von Kindheit an schwer steigen und arbeiten müssen. Dabei hatte er Augen, die gleichsam über den Blick hinaus ins unbestimmt Weite sahen. Als Maechler dies festgestellt hatte, erhob er sich, vertrat sich ein wenig die Beine und stieß einen behaglichen Brummellaut aus, obwohl ihm gar nicht behaglich war. Der Fremde aber wich nicht von der Stelle, sondern folgte jeder Bewegung des Gerbergesellen, als sei das das Seltenste und Niegesehenste auf Erden. Wo er herkomme? fragte er dann sanft und bekümmert wie vorher, und als Maechler sich mit einem scharfen »Wie« herumwandte und spöttisch an ihm hinuntersah, nickte der Gebirgler nur zufrieden, als sei das die erhoffte Antwort und fragte dann noch, wo er denn hin wolle. »Herrgott noch mal, mein lieber Nachbar«, sagte jetzt Maechler, der glaubte, es mit einem Dummerjahn zu tun zu haben, »wissen Sie, ich komme aus der Welt und will durch das Gebirge in eine andere Welt. Verstehn Sie! In Mannheim wollte ich mit einem Haufen anderer Männer die alte versaute Erde in die Luft sprengen, um Platz für eine vernünftige neue zu kriegen. Ist Ihnen das genug? Aber damit Sie alles wissen. Eigentlich hatten wir vor, dem Herrgott das Fell zu gerben. Der aber ist eher aufgestanden als wir, schon vor Anfang der Welt, und hat uns wie Fliegen auseinandergeblasen.« »Ich verstehe schon«, sagte der Fremde, »und nun sind sie hinter Euch her.« »Niemand ist hinter mir her wie ich selber«, antwortete Maechler, »allein lassen wir das. Da geht's nach Spindelmühl, nicht wahr? Adje!« Damit schritt er energisch an ihm vorüber. Der andere aber meinte gleichmütig, daß er denselben Weg habe und hielt sich, wie ein alter Wanderkamerad, an seiner Seite. Und kaum, daß sie an dem vierten Chausseebaum vorüberwaren, fing der aufgedrungene Begleiter wieder zu reden an, sanft und bedrückt, ja stockend, wie einer, den großer Kummer plagt. Er heiße Großmann und wohne droben am Bärengrund, hinter Spindelmühl die breite Straße weiter, an der Mädelstegbaude vorbei, rechts hinauf den schmalen Weg, an der Eichlerbaude vorbei und auch noch hinter der Bärengrundbaude. Droben unterm Mädelkamm, in der untersten Bradlerbaude, da hause er. Maechler hörte kaum mehr auf das eintönige Reden Großmanns, sondern spann leidenschaftlich an seinem Mannheimer Erlebnis weiter, exerzierte in der vierten Kompanie des Sensenkorps unter Hauptmann Grabert und war gerade bei der tumultuösen Parade auf dem Kapuzinerplatz, da sich das Arbeiterkorps unter Leitung Sigels gegen die Regierung aufgelehnt hatte, das Auflösungsdekret zerrissen worden war und Hauptmann Grabert, auf die Schultern gehoben, begeistert das »Gebet« Herweghs in die stille Abendluft über die Hunderte von entblößten Häuptern hinschmetterte, jenes Gedicht, dessen Verse, hinterrücks wie ein Brandwurf, dem Maechler vor kaum einer Stunde die Erinnerung zu lodernden Flammen angezündet hatte. »Laß das Herz doch wieder schlagen in der Brust der kalten Welt«, murmelte Maechler wieder die Worte, die er so sehr liebte, wie ein Stoßgebet vor sich hin, achtete seines zugelaufenen Weggenossen gar nicht, sondern lief erregt wie zum Sturmangriff die Straßen hin. Plötzlich fühlte er sich am Arm zurückgerissen. Und als er ernüchtert sich umwandte, erstaunte, erschrak er fast vor seinem Begleiter. Kalkweißen, eingefallenen Gesichtes starrte Großmann ihn aus weiten, unbeweglich-lautlosen Augen an. Er bebte am ganzen Körper, und seine Hand, die Maechlers Arm krampfhaft umspannt hielt, zitterte wie geworfen. Dem Gerbergesellen wurde es fast unheimlich vor diesem Manne, der, eben noch rüstig, wenn auch merkwürdig, zwanzig Jahre älter erschien oder von einem Todesanfall überrascht worden oder unversehens übergeschnappt war. »Na, mein lieber Mann, was ist Ihnen denn auf einmal?« fragte Maechler. Großmann lächelte unglücklich, aber in Gegenwehr gegen ein Weinen, das sein Gesicht auseinanderzog, antwortete jedoch mit keinem Laut, sondern drehte Maechler unentrinnbaren Griffs zur Seite, daß er nun wirklich glaubte, es mit einem Wahnsinnigen zu tun zu haben. »Nein, nein, wieder nicht ... wieder ... nicht ...«, stotterte der Gebirgler endlich tonlos und sank abgetrieben in sich zusammen. Die Hand löste den Griff um Maechlers Arm und fiel hoffnungslos herab. Den Kopf schüttelnd, sah er hilfesuchend umher und schleppte sich dann zu einem Stein, auf dem er sich aufseufzend niederließ. Und während das geschah, redete er immerfort gramvoll in sich hinein: »... und dabei war mir's doch in dieser Nacht sicher, daß ich ihn heut treffen würde, wenn ich nach Hohenelbe hinunterginge.« Maechler war zu ihm getreten und sah betroffen auf den Zusammengekauerten nieder. Der Arme schwieg jetzt, atmete schwer und stocherte überlegend mit der Spitze seines Stockes im Wege. Unvermutet riß er den Kopf herauf und musterte mit zusammengekniffenen Brauen wieder das Gesicht Maechlers. Aber jetzt war ein Flackern in den Augen, ein fast fanatisches Bohren. Während er ihn so ansah, flüsterte er kaum hörbar: »... ja, aber alles stimmt doch, bis auf die Nase, die war doch gebogen, und die ist eingesunken.« Dann faßte er die Krücke mit beiden Händen, stieß den Stock entschlossen auf den Weg und fragte mit harter, lauter Stimme: »Heißen Sie also nicht Franz?« »Nein«, antwortete Maechler sanft, um ihn nicht zu reizen. »Und Großmann auch nicht?« »Nein.« »Kommen Sie aus Wien?« »Nein, aus Bamberg.« »Ich denk' aus Mannheim. Das stimmt also schon nicht. Nein, nein. Sie kommen doch aus Wien. Machen Sie mir nichts weis. Sie waren ein Revoluzzer wie mein Franz. Um Gottes willen, mir soll jemand mit dem Pürdel das Maul einschlagen, ehe ich ein Wort spreche und Sie verrate. Aber sagen Sie mir, haben sie meinen Franz im Herbst achtundvierzig wirklich erschossen? Oder steckt er im Kerker, oder läuft er in der Welt herum wie Sie?« Maechler erkannte, in welcher Gefahr er schwebte, wenn dieser Mann in grauenvoller Verzweiflung nach Spindelmühl rannte und in der Aufregung allen Leuten von seiner Begegnung mit ihm erzählte. Dann war die Polizei hinter ihm her, und eh' er über die Grenze war, hatten sie ihn gefaßt. Und wenn man ihm auch nichts anhaben konnte, da seine Papiere in Ordnung waren, vor Haft und wochenlangen Plackereien war er nicht sicher. Dies im Augenblick überlegend, neigte er sich zu dem Armen, der ihn immer noch gespannt ansah, legte ihm die Hand auf die Achsel und sagte leise: »Vor allem, mein Lieber, sprechen Sie leiser. Sie wissen, die Bäume haben Ohren, und in Österreich fischt man noch immer mit eisernen Netzen. So kriegen Sie Ihren Sohn nicht wieder, mich aber bringen Sie ins Unglück. Und das eine will ich Ihnen noch sagen, nicht allen, die mit Sturm gelaufen sind, ist es um den Kopf gegangen. Und wenn Ihr Franz vier Jahr nicht nach Haus gekommen ist, so trifft er vielleicht im fünften, sechsten ein, oder Sie bekommen eines schönen Tages einen Brief von ihm aus Amerika. Des Herrgotts Mühlen mahlen anders wie die der Menschen. Und nun trösten Sie sich. Ich muß weiter.« Großmann hatte ihm die Worte wie eine Offenbarung von den Lippen abgelesen. Seine Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Nun umklammerte er die dargereichte Rechte mit beiden Händen inbrünstig, dankte ihm erschöpft und wollte durchaus mit ihm. Er könne sich droben bei ihm ausruhen und dann sehen, wohin er sich wende. Maechler aber drückte ihn mit sanfter Gewalt auf den Stein, riß sich los, eilte fliegenden Schrittes auf der Straße weiter und sprang nach einer kurzen Strecke über den Graben, dem Walde entgegen. Ehe er in den Bäumen verschwand, hörte er Großmann rufen, er gehe falsch, und hinter Spindelmühl müsse er sich rechts hinauf halten. Da komme er in die Bradlerbauden am Bärengrund. Maechler winkte zurück und stieg dann auf einem schmalen Wurzelpfad fast laufend in den Wald hinauf. Je mehr er eilte, desto mehr mußte er sich beeilen, um so schnell wie möglich eine große Entfernung zwischen sich und dem Mann auf der Straße zu bringen, dessen Wesen von der wilden Zeit und dem Schmerz über den Verlust des Sohnes etwas verrückt geworden war. Immer fühlte er den lodernden, bohrenden Blick dieser fanatischen Hussitenaugen. Ja, einige Male glaubte er, diesen verzehrend leidenschaftlichen Blick von seinem eigenen Innern auf sich gerichtet zu sehen, daß er wie gejagt sprang. Endlich war er oben auf einer weiten, wiesigen Blöße, auf der eine Anzahl kleiner und größerer Holzhäuser zerstreut lagen, und sah einen gemächlichen Waldweg, auf und ab wogend, ungefähr in der Richtung der Chaussee hinziehen. Ehe er diesen Weg betrat, ließ er sich, zu verschnaufen, auf einen Baumstumpf nieder, trocknete sich den Schweiß von der Stirn und betrachtete das Gebirge, den Ziegenrücken, der scharf und jäh von dem Kamm hersägte, die dichtbewaldete Mädellehne, die dunkel herunterzog, den Anfang des schroffen Elbgehänges, das, droben noch schneegefleckt, allmählich in den vereisten langen Buckel des Krokonosch überging. Eine wilde Geschichte, sann Maechler mit einem langen, zusammenfassenden Blick auf das grandiose Panorama und war mit diesem Ausdruck schon wieder mitten in seinem Leben. Freilich hatte der Großmann Hussitenaugen, genau wie er, inwendig, zutiefst, von seinen seit Jahrhunderten versunkenen Urahnen her, die einst mit Sensen und Totenorgeln sich verwüstend über die Weit hergemacht hatten, um auf den Trümmern des Erden- und Menschenunrats das Gottesparadies zu errichten. Bis zur Erschöpfung hatten sie gewüstet, so lange, bis sie von der andern Seite, mit Kartaunen überschüttet, niedergeworfen, zermalmt und gerädert in die Erleuchtung eingegangen waren, daß man mit Hellebarden nicht die Sterne vom Himmel holen konnte und daß der Friede auf Erden nur aus dem tätigen Frieden und der Frömmigkeit des eigenen Herzens über die Erde komme. Da waren dann seine näheren Väter, um nicht Gewalt mit Gewalt zu bezahlen, vor ihren Bedrängern über dies Gebirge entwichen, vielleicht auf dem Wege da drüben, um hinter der Riesenmauer der Berge in Ruhe ihrer Seele durch ein rechtschaffenes Leben zu dienen. Wozu heiße ich Maechler? fragte er sich erregt. Doch nur deswegen, um das zu machen, wirklich auch zu machen, was jene erkannt haben und mich nicht mehr von diesem verscharrten Hussitengeist aus der Bahn werfen zu lassen. Entschlossen sprang er auf und schritt durch das kurze Gras hinüber auf den Weg in der Richtung gegen Spindelmühl weiter. Der Tag neigte sich schon zur Rüste, noch nicht mit dem blauen Dunst des Abends, sondern erst mit einem sonnigen Rauchen, einer verklärten, heiteren Melancholie, wie sie Frühlingstage beim ersten Ahnen ihres Hingangs überfällt. Alle Berge waren blaue Wunder, der Schnee des Krokonosch glänzte, die Wälder begannen leise zu rauschen, Amseln flöteten aus den Baumdunkelheiten, Goldammern schluchzten im durchsichtigen Grün der Sträucher und tausend Wässerchen und Rinnsale klinkerten und quirlten durchs Grün der geneigten Wiese. Durch, durch! Hinüber! Aus diesem geduckten schlaffen Österreich hinaus! Nach Preußen hinüber, wo das Leben heller und herber bläst. So jubelte und stürmte es in Nathanael Maechler. Nur noch in den Pfarrhof zu Spindelmühl wollte er gehen, um sich das Haus anzusehen, in dem sein Urahn jahrelang als Knabe zugebracht hatte. Denn in jener Auswanderung der Böhmischen Brüder zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts waren die Flüchtlinge mitten im Gebirge von einem Haufen fanatischer Spindelmühler Katholiken unter Anführung des damaligen Pfarrers überfallen worden. Nicht, daß man die Fortziehenden hätte zurückbringen wollen, nein, der zelotische Priester hatte in der Eile eine Rotte zusammengebracht, um die Pest der Ketzer noch schneller mit Knütteln und Prügeln aus dem Lande zu treiben und sich so seinen Gotteslohn zu verdienen. In dem Getümmel war der alte Maechler und seine Frau erschlagen worden. Ihr siebenjähriges Söhnchen hatte sich aus Schmerz und Grauen in den Wald geflüchtet, wo ihn nach Tagen, verschmachtet, fast am Sterben, Holzfäller fanden und dem Pfarrer zu Spindelmühl ablieferten. Der, in seinem Fanatismus abgekühlt, ja erschüttert, hielt den blonden, verschüchterten Knaben bei sich, war sorgsam und gütig wie ein Vater, führte ihn zum katholischen Glauben zurück und hatte vor, weil er gesammelten und aufgeweckten Geistes war, ihn zum Priester zu erziehen. Aber als Vierzehnjähriger, die Nacht vor seiner Übersiedlung ins Gymnasium zu Hohenelbe, entwich er heimlich durch die Wälder zu den Verwandten seiner Eltern hinüber in die Lausitz und kam nach drei Tagen in Gerlachsheim an, wo Vater und Mutter begraben lagen, deren Leichen von den Böhmischen Brüdern mitgenommen worden waren. Seit dieser Zeit waren die Maechler katholisch. Denn der aus der priesterlichen Umgarnung Entflohene, Jacobus mit Namen, fügte sich wohl ganz in die Lebensart der Verwandten und Genossen, ergriff auch, ohne je einen bedauernden oder überheblichen Blick zum priesterlichen Amt zurückzuwerfen, das Handwerk seiner Väter, verharrte jedoch in dem aufgedrungenen Bekenntnis, als fürchte er, mit der Trennung von ihm die geheimnisvolle Kostbarkeit des Märtyrertodes seiner Eltern zu versehren. Oder vielleicht wollte er auch, in seinem Innern leidend, sich das Leben mit Willen erschweren, um dadurch den Eltern nachzufolgen und in der Bitterkeit des Daseins ihnen immer nahe zu sein. Jaja, so konnte es sein; vielleicht war es auch noch anders. Jedenfalls, das eine war unleugbar sicher: Von der Vergewaltigung seines Urgroßvaters durch den fanatischen Priester von Spindelmühl rührte diese bis auf den Grund gehende Zerrissenheit seines Wesens, die ihn bald in die abseitigste Stille andächtig auf die Knie zwang, bald im Sturm unter aufgeregte Menschen jagte, bald alles demütig vom Himmel erwartete, bald mit geballter Faust fordernd selbst an die Brust Gottes trommelte. Das Irrtreiben seines Lebens, das Chaos halber Gedanken, dem er entrinnen wollte, wälzte sich wie ein Brand auf ihn, und da Maechler, an den Talbauden angekommen, Spindelmühl im ersten Abendrot unter sich liegen sah, packte ihn unversehens ein Zorn wie die Trunkenheit einer Krankheit. Eben begann auch die hohe Stimme eines kleinen Glöckchens in die verklärte Abendluft zu singen. Anstatt von diesem leisen Klang des Friedens ins Sanfte geleitet zu werden, wirkte der Laut jenseitiger Ruhe auf Maechler anstachelnd wie ein hämisches Gift. »Immer bimmelt, bimmelt«, schrie er, hinter die Häuser gewandert, laut vor sich hin, »wir kennen euch schon, ihr Hunde Gottes! Wer sich eurem Bellen nicht fügt, den zerfleischt ihr.« Noch anderes redete er kochend in sich hinein, und lachte auch dann und wann laut und höhnisch auf, während er den Abhang hinuntereilte, nicht wie ein Wanderer, sondern wie ein Amokläufer. Vor den ersten Häusern begegnete ihm ein kleines Mädchen, das vor seiner Wildheit erschreckt an den Straßenrand auswich. »Wo ist der Pfarrhof?« brüllte Maechler es an. Das Kind schrie entsetzt auf und lief davon. Männer riefen mißbilligend hinter dem Rasenden her. Maechler hörte auf nichts, sondern stürmte weiter, kreuz und quer, von nichts erfüllt als von dem sinnlosen Ausruf: »Ich muß ihn sehn!« Die Häuser rechts und links tauchten undeutlich und zerflossen auf wie in kochender Luft, die Menschen huschten vorüber wie graue Wische. Er fragte niemand mehr, sondern sah wild und stier geradeaus. In seinem Tiefsten aber war es unheimlich still, so still, daß es kaum zum Aushalten war. Dort lauschte er auf die Stimme seiner erschlagenen Ureltern, die ja doch das Haus kennen mußten, in dem einst ihr Mörder gewohnt hatte und der Glaubensräuber ihres unmündigen Söhnchens. Da, jetzt klang aus seiner inneren Lautlosigkeit eine leise, mehr jenseitige Stimme auf, ohnmächtig hoch wie der Ruf eines jungen, angstvollen Vogels. Sofort machte Maechler halt. Er stand vor einem größeren Hause. Nicht weit ragte die Kirche auf. Da also hatte der Mörder seiner Ureltern gewohnt. Es durchrieselte ihn kalt. Einen Augenblick war er wie gelähmt. Dann stieg er behutsam die drei Stufen empor, klinkte an der Tür, die verschlossen war, und klopfte vorsichtig an. Nichts rührte sich, und Maechler drehte sich nach den Menschen um, die ihm seines merkwürdigen Gebarens halber gefolgt waren, Mädchen, Knaben, Weiber und einige Männer. »Ich hab' gewußt, daß man mich nicht einläßt«, sagte er zu der Gruppe mit einer hohlen, tiefen Stimme und nickte ihnen gramvoll zu. »Zu wem wollen Sie denn?« fragte ein vorwitziger Junge. »Zu dem, der da drinnen wohnt, zum Pfarrer«, antwortete Maechler abgeschlagen im Anfall eines neuen Fieberschauers und sah ratlos auf das kleine Menschenhäuflein nieder, das nun in helles Gelächter ausbrach und durcheinander rief, das sei ja gar nicht des Pfarrers Haus. Maechler griff sich an den fieberheißen Kopf, schaute aufmerksam und lange seine Hand an und sagte dann mit leiser, fröstelnder Stimme: »Ich weiß schon, daß ihr's auch nicht wahrhaben wollt, denn ihr habt ja mitgeholfen, meine Ureltern totzuschlagen, dort droben im Walde.« Dann spie er gegen die Tür und kam langsam die paar Stufen herunter. Die Menschen wichen dem Unheimlichen aus, der, leise vor sich hinredend und lachend, langen, stillen Schrittes durch sie hinging, eine Weile abgeschlagen sich an die Wand eines Hauses lehnte und dann, ohne aufzusehen, wie im Traum den Ort in der Richtung der Mädelstegbaude verließ. Er war so wohl eine halbe Stunde in einer Betäubung gegangen, die auf ihm lastete und doch auch auf rätselhafte Weise ihn trug. Immerfort, während er mit langen, zusammengenommenen Schritten vorwärts strebte, stand er vor einer geschlossenen Tür, an die er anklopften mußte. Um ja den Augenblick nicht zu verpassen, wenn sich etwas hinter der Tür rührte, nahm er seinen Stock in die linke Hand und hielt die Rechte mit dem geknickten Zeigefinger vor sich hin. Indes die Tür wuchs und wuchs, daß sie bald die ganze Welt vor ihm versperrte, und dazu entstand in ihm wieder die unerträglich lautlose Stille, so peinigend, so würgend, daß er endlich, um nicht zu sterben, laut aufbrüllte, so laut, daß er taumelig wurde und einen Baum umfassen mußte, damit er nicht umfalle. Zugleich wurde sein ganzer Körper von einer solchen Eiseskälte durchrüttelt, daß die Zähne aufeinanderschlugen. Als der Anfall vorüber war, wußte er, daß er krank sei, wahrscheinlich schon gestern und den ganzen heutigen Tag. Die weltenweite Tür vor ihm war verschwunden, und er sah sich neugierig um, wo er sei. Rechts und links abendblauer Wald, der auf steilen Berghängen hoch hinaufstieg, sinkendes Dunkel, in das das Licht des frühen Mondes schimmerte, der aber noch nicht zu sehen war. Rechts drüben rauschte laut ein Fluß. Maechler erinnerte sich dunkel, an einem grauen Hause vorübergewandert zu sein. Als er sich aber anstrengte, herauszubekommen, ob es rechts oder links gestanden hätte, verwirrte sich wieder alles in ihm. Um Gottes willen, nur nicht hier in Österreich krank werden! Nein, koste es, was es wolle, noch diese Nacht mußte er über das Gebirge hinüber nach Preußen. Dort würde alles wieder gut und richtig in seinem Leben, dort war er gerettet. Er stieß sich von dem Baume ab, an dem er lehnte, und begann in einer Gangart auszuschreiten, die mit jeder Minute schneller wurde und bald fast in Laufen ausartete. Während er so hinlief, begann in Erinnerungsfetzen alles vor ihm aufzuhüpfen und zu verschwinden, was ihm heut geschehen war und was er gesonnen hatte. Ein lautloser, bunter Lärm fieberheißer Bilder tanzte um ihn, aus dem auf einmal zum Greifen scharf der Gebirgler Großmann mit seinem verzweifelt blassen Gesicht vor ihm stand und deutlich sagte: »Sie müssen rechts hinaufgehen.« Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, sprang Maechler über die Straße und drang in den Wald ein. Die Zweige peitschten ihm schmerzend ins Gesicht. Er fühlte keinen Weg unter den Füßen. Es ging steil bergan. Aber der Kranke ließ nicht nach. Steine mußten überklettert, Felsen umgangen werden. Er stürzte in Löcher, kroch auf Händen und Füßen durchs Dickicht. Je schwerer es wurde, desto glücklicher war Maechler, denn nun mußte er bald drüben in Preußen sein. Gottlob, nun hatte er die Höhe erreicht. Der volle Mond war über die Wipfel gestiegen und leuchtete bleich über eine Blöße, die sich über den Berg hinaufzog, und sich nach oben noch etwas verbreiterte. Nach einigen Schritten fühlte Maechler einen Weg unter sich, der aber nach links abzubiegen schien. Zudem, als der Kranke sich mißtrauisch umsah, war es ihm, als blinke in der Ferne das rötliche Fünkchen eines Lichtes auf. Auf dem Kamm gibt es doch keine Häuser, fuhr es ihm durch den Kopf. Also, er war zu weit nach links gekommen, und der Weg, auf dem er stand, führte ihn sicher noch mehr in die Irre. Die Beine zitterten ihm schon. Aber er biß mit verzweifelter Entschlossenheit die Zähne aufeinander, überschritt den Weg und drang wieder nach rechts oben in den Wald. Nach kurzer Zeit senkte sich das Terrain steiler und immer steiler, daß er sich nicht mehr zu halten vermochte. Taumelnd, von Baum zu Baum fallend, trieb es ihn tiefer und tiefer hinunter, bis es ihm gelang, am Rand eines kleinen Baches festen Fuß zu fassen. Dort setzte er sich auf einen Stein und fühlte an sich herum, ob ihm auch nichts von seinen Habseligkeiten abhanden gekommen war. Der Ranzen über seiner Achsel, der Kotzenmantel war noch da. Den Stock hielt er in der Hand. Befriedigt atmete er tief auf. Doch als er nur auf ein Handwenden die Augen schloß, versetzte ihm der Schlaf einen heißen Schlag durch den Kopf, daß es ihn taumelnd in ein Loch zu stoßen begann. Da riß sich Maechler mit übermenschlicher Anstrengung auf, und er fing wieder an, den Bach hin bergan zu steigen. Mit letzten Kräften arbeitete er. Nach seinem Dafürhalten verging Stunde um Stunde. Endlich konnte er nicht mehr weiter, taumelte noch ein paarmal von Baum zu Baum und sank dann kraftlos in die Knie. Das ist der Schluß, sann Maechler merkwürdig kühl und sachlich, fühlte mit den Händen den moosigen Grund ab, bis er eine trockene Stelle fand, kroch hin, hüllte sich in seinen dicken Mantel ein, schob den Ranzen unter den Kopf und wartete aufmerksam auf das, was sich nun mit ihm ereignen werde. Wenn er den Kopf etwas nach rechts drehte, konnte er zwischen den Stämmen in den Himmel schauen. Der war tiefblau und unendlich hoch, von einem Frieden, wie er ihn nur in der Kindheit gesehen hatte. Die Sterne flimmerten tröstlich still, und nun rückte auch der volle Mond in sein Blickfeld. Es war wie zu Hause in der Mutter Stube, ganz warm, ganz heimelig und sicher. Der Wind ging draußen, undeutlich brausend. Und nun hörte er die Mutter an sein Bett treten. Sie war in der Dunkelheit nur wie ein Schatten zu sehen, neigte sich über ihn und sagte liebreich: »Nun, Nattele, wollen wir beten, ehe du einschläfst: Laß mich, wenn ich hier geschlafen, Wieder gehen meine Straßen. Schicke mir durch meinen Fleiß, Was bei dir steht hoch im Preis. Guten Willens eine Tracht Lad mir auf in dieser Nacht. Stets mein Herr und stets dein Knecht, Droben Gnade, drunten Recht.« Das sagte Nathanael Maechler mit traummüder Zunge und hoher Stimme seiner Mutter nach, die sich als Schatten über ihn neigte und am Ende einen eigentümlich kühlen Kuß auf seine Stirn hauchte. Dann wurde sie mit einem hellen Pfeiflaut in die Höhe gerissen, von wo sie ihm noch einige Male rief. »Na ja, sie ist ja tot«, murmelte Maechler und verlor die Besinnung. Zweites Kapitel Großmann war kurz vor dem Abend in sein Baudenhaus zurückgekehrt, das nur eine halbe Stunde unterhalb des Mädelkamms, der sanften, langen Einsattelung zwischen der großen Sturmhaube und den Mädelsteinen, so nahe an dem steilen Abfall nach dem Bärengrund lag, daß man von den Fenstern des wettergrauen Holzhauses über die Wipfel der schon spärlichen, schneegedrückten Fichten schauen konnte, die den Lauf des kleinen unruhigen Baches begleiteten. Er führte noch das Schmelzwasser der alten Schneewächten aus den Mulden der Mädelwiesen zu Tal und polterte laut aus dem Grunde herauf. Großmann stand an dem geöffneten Fenster, hielt das Fensterkreuz mit der linken Hand krampfhaft umspannt, als müsse er sich in einem fahrenden Wagen aufrechterhalten, horchte auf das dumpfe Lärmen des Bärengrundwassers drunten und beugte sich von Zeit zu Zeit weit hinaus, um den Grund hinunter zu spähen, der schon in den Schatten der beginnenden Nacht verschwamm. Es war nichts zu sehen und zu hören. Er ließ enttäuscht die Hand vom Fensterkreuz fallen, schüttelte tiefaufatmend den Kopf und griff entschlossen nach den beiden Flügeln. Ehe er aber das Fenster schloß, beugte er sich noch einmal weit hinaus und schrie so verzweifelt in die Nacht hinaus, daß seine Stimme überschnappte. »Franz! ... Franz! ... Franz! ...«, rief er aus Leibeskräften wie um Hilfe in die Finsternis und wartete angehaltenen Atems auf einen Widerlaut von draußen. Es blieb still, und nur der Vogelstein wurde von dem Licht des Mondes bleich überschimmert. Großmann wirbelte das Fenster zu und setzte sich abgeschlagen auf das Ende der Tischbank. »Was soll ich denn hier, wenn er nicht kommt?« murmelte er dumpf und griff mit den Händen ineinander, daß die Finger knackten. Auf dem Tisch hinter ihm stand ein kleines Lämpchen, dessen rötlicher Lichtkreis kaum bis an die niedrige dunkle Balkendecke reichte. Die gegenüberliegende Tür der großen Stube war kaum zu erkennen, so daß sich Großmann wieder wie eingemauert vorkam. – Wirklich eingeschlossen, so daß er im Dunkel gefangen saß, auch wenn er hinauslief und im Gebirge herumkletterte. Nicht zu zerbrechen waren diese Wände, gegen die sein Leben ohnmächtig ankämpfte. Jaja, anfänglich waren das nur Schatten gewesen, würgende Befürchtungen, die ihn angefallen, aber wieder verlassen hatten. Allein nachdem die Sorge um den verschollenen Sohn seine Frau in einer Nacht umgebracht hatte, war er ringsum eingemauert worden. Richtig wie in einer Höhle lebte er seitdem, immer nach dem Spalt spähend, der von irgendwoher das Licht einer Hoffnung einließ, deren Ungewißheit ihn besonders quälte. Und wenn diese Hoffnung, seinen einzigen Sohn wiederzubekommen, ein Unsinn war, so hatte auch der Gram keinen Sinn, der ihn ritt, keinen anderen Sinn als den, gleich seinem Weib unter die Erde zu kriechen, um nichts mehr zu sehen und zu hören. Nein, nein, das stimmte nicht, deswegen konnte er nicht auf die Erde gekommen sein. Deswegen bestimmt nicht! Denn wenn es so enden sollte, wozu hatte es ihn heute nachmittag beim Heraufsteigen bei den Eichlerbauden wie eine grelle Erleuchtung überfallen, daß der Handwerksbursche, den er bei der Elbklemme auf der Hohenelber Straße getroffen hatte, doch sein Sohn Franz gewesen sei, trotzdem seine Nase anders geformt war und er allerhand durcheinander geredet hatte, was nicht stimmte. Das war doch immer ein Heimlicher gewesen, der wie hinter fernen Hügeln gelebt hatte, genau so nicht ganz zu fassen wie sein Weib. Und hatte der Handwerksbursche nicht vor dem Weggehen gesagt, daß er wiederkommen würde, und wenn's aus Amerika wäre?! Draußen wurde die Haustür aufgestoßen. Großmann sprang aus seinem Sinnen erwartungsvoll auf und tat einen Schritt auf die Stubentür zu, weil er meinte, daß es bald anklopfen würde. Es blieb still. Nach einer Weile hörte er nur seine Tochter mit harten, langen Schritten den engen Vorraum herkommen und die Tür laut zuschlagen. Jetzt war sie auf dem Rückwege wieder an der Stubentür. Großmann setzte sich schnell wieder und rief laut: »Paula!« Sie trat schroff ein und blieb unter der offenen Tür stehen. Großmann senkte den Kopf, als er ihre knochige, derbe Gestalt und die stechenden Augen unter der schmalen Stirn gesehen hatte. »Na?« fragte sie mit hoher unwirscher Stimme. Großmann hielt den Kopf zur Erde gekehrt und sagte dumpf: »Die Haustür ist gegangen.« »Nu freilich, weil sie der Wind aufgestoßen hat«, antwortete sie kurz. »Der Wind, bloß der Wind?« fragte Großmann zaghaft. »Wer denn sonst, he?« fragte sie ironisch wider, Großmann antwortete nichts, sondern versank wieder in Brüten. Als er hörte, wie sie sich wendete, um hinauszugehen, rief er wieder ihren Namen, erhob sich, tat einen Schritt auf sie zu, breitete die Arme aus, sah nach allen Seiten und sagte mit bebender, geheimnisvoller Stimme: »Paß gut auf, Paula, heute geht er ums Haus, heute kommt er gewiß. Ich bin ihm auf der Hohenelber Straße begegnet.« Das Mädchen entgegnete nichts, zog sich furchtsam vor ihrem Vater zurück und schloß leise die Tür. Als Großmann sich allein sah, ging er an den Tisch, blies das Lämpchen aus, trat in die Mitte der Stube und blieb dort regungslos stehen, um etwas von dem zu erhaschen, was leidenschaftlich in ihm arbeitete. Und weil er in der Finsternis noch die bleichen Vierecke der vom steigenden Mond schwach erhellten Fenster sah, schloß er sogar die Augen. Kaum war das geschehen, so vernahm er aus dem Raumlosen einen schwachen Schmerzenslaut. Sogleich raffte er die Mütze von der Bank und lief durch die Stube aus dem Hause. Daß er beim Zuschlagen der Haustür die Mütze aus der Hand fallen ließ, spürte Großmann nicht. Mit springenden Schritten rannte er ums Haus und stürzte sich ohne Besinnen den steilen Abhang hinunter, daß die Steine klirrten. Als er drunten am Bärenwasser angekommen war, fiel zu seinem Verwundern alle Erregung und Angst von ihm ab. Gesammelt, Schritt vor Schritt, ging er am Wasser hin zu Tal, bog die Fichten zur Seite, lugte unter ihre Schirme, sprang den Bach hinüber und herüber, wartete, wenn eine Wolke alles verdunkelte, und spürte im schwachen Licht dann weiter. Endlich kam er an den Ort, wo Nathanael Maechler hingesunken war. Er lag, den Kopf auf dem Ranzen, den Mantel bis ans Kinn heraufgezogen, lang und regungslos wie ein Toter. Die Augen geschlossen. Der Mund halb offen. Die Hände welk. Das Gesicht kühl. Großmann kniete neben ihm und tastete scheu an ihm herum. So, nun hatte er seinen Sohn wieder. Ein gramvolles Glück kam über den jahrelang Gepeinigten, daß er seine Hände zurückzog, weil er ihn nicht mehr zu berühren wagte. Die Tränen liefen ihm still übers Gesicht, indes er so lange regungslos neben dem Hingestreckten kauerte. Plötzlich überfiel es ihn, er dürfe nicht dulden, daß sein Sohn tot sei. Er packte, rüttelte ihn, strich ihm übers Gesicht, rief ihm seinen Namen ins Ohr, küßte ihn und hob seinen Oberkörper auf. Maechler gab keinen Laut von sich und fiel immer wieder wie ein Lebloser auf die Erde zurück. Großmann sah endlich ein, daß er allein nicht imstande sei, etwas auszurichten. Er legte den Verschobenen gerade, deckte sorgsam den Mantel wieder über ihn und lief in sein Haus hinauf. Nicht ohne Widerstreben vermochte der bis ins letzte Haar erschütterte Mann seine Tochter von der Wirklichkeit des Fundes drunten am Bärenwasser zu überzeugen. Paula vollendete die Stallarbeit achtsam und umsichtig, indes der Vater immer dringender, immer leidenschaftlicher hinter ihr her redete, denn sie war zu oft umsonst auf die Wahnpläne Großmanns eingegangen, viele Male mit ihm nach Hohenelbe gepilgert, ganze Nächte spähend wach geblieben, war diesem und jenem Fremden nachgeschlichen, hatte hundertmal den letzten Brief des Wiener Meerschaumpfeifenschneiders und Bernsteindrechslers Kotzar lesen müssen, der das Verschwinden ihres Bruders in dem blutigen Volkstumult gemeldet hatte. In den Jahren dieser steten Aufregung war sie nicht nur von der Verrücktheit ihres Vaters, sondern auch davon überzeugt worden, daß sie ihm eigentlich nichts bedeutete, während er mit immer fieberhafterem Herzen dem Schatten des Verschwundenen nachspürte und in jedem Frühjahre sich wochenlang richtig fast wie ein Irrer gebärdete. Nein, einmal mußte sie fest bleiben gegen diesen Unsinn. Sie stand verstockt im Gange und nestelte an dem Band, mit dem sie sich die Röcke heraufgeschürzt hatte, als Großmann, einen Bund Stricke über der Achsel, in der einen Hand die Laterne, in der andern ein Beil, die Stiege herabkam und so entschlossen und so drohend auf sie zutrat, daß sie eine Gewalttat des Verzweifelten fürchten mußte, wenn sie noch länger an seinen überstürzten Worten vorbeihörte. Mit einem Ruck zerriß sie das Band und sagte: »Gut. Es ist wieder ein Unsinn. Aber ich will mitgehen. Allein merk dir's, es ist das letztemal.« Sie schlug ein Tuch um den Kopf, zog sich eine Jacke an und folgte ihrem Vater, der mit der Laterne vorausging. Hinter dem Hause zog er ein Brett von dem Stoß, wand die Stricke darum, faßte das vordere Ende und hieß sie das hintere ergreifen. So stiegen die beiden den steilen Abhang hinunter. Als sie bei Nathanael Maechler ankamen, der wohl im einsetzenden Fieber den Mantel halb und halb von sich gestreift hatte, ließ das Mädchen das Brett fallen und packte mit dem Ausruf: »Vater!« vor Schreck in den Arm Großmanns. Der aber umschlang vor überströmender Erschütterung seine Tochter und stammelte mit stockender Stimme: »Jaja, nun siehst du's, daß ich kein Verrückter bin. Aber nun komm, daß wir ihn 'nauf ins warme Bett bringen.« Sie hoben Maechler auf das Brett, banden ihn mit den Stricken fest und trugen den noch immer Bewußtlosen unter großer Anstrengung den Berg hinauf. Es konnte nicht vermieden werden, daß beim Überwinden felsiger, besonders steiler Stellen, Großmann, der vorn am Kopfende trug, der Strick etwas in der Hand rutschte, oder Paula, die am hinteren Ende des Brettes ging, auf einem rollenden Stein ausglitt und so der Kranke manche Erschütterung erlitt, die ihm erst leise, kaum vernehmbare Laute entpreßten. Dann aber, je weiter sie kamen, brach Maechler bei jedem, auch dem schwächsten Stoß, in lautes Stöhnen aus. Als sie ihn durch die Stubentür trugen, wand er sich fiebernd schon in den Stricken, und Worte kamen brodelnd und heiß von seinen Lippen, die nicht zu verstehen waren. Indes Großmann ihn von dem Brett losband, richtete Paula das einzige Bett der Stube her, in dem sonst ihr Vater schlief. Bald lag Maechler entkleidet unter der Decke, eine kalte Kompresse um den Kopf gewunden und sah mit unnatürlich großen, forschenden Augen über sich ins Leere. Seine Kleider lagen auf der Bank. Der Ranzen und der Stecken hingen im Rechen neben der Tür. Großmann und seine Tochter standen vor dem Bett und betrachteten aufmerksam den Kranken, der sich nun in der Starre fieberischer Entrücktheit nicht rührte. Keines wagte das andere anzusehen, Paula, um den Vater nicht zu enttäuschen, Großmann, um der Tochter nicht recht zu geben in dem Zweifel, den er wieder in sich aufsteigen fühlte. Er schüttelte nur bekümmert den Kopf und legte vorsichtig den Finger auf die eingesattelte Nase Maechlers. »Man hat ihm die Nase eingeschlagen«, sagte er dumpf und wartete auf eine Entgegnung der Tochter. Die aber rührte sich nicht, sondern fuhr nur fort, den Kranken brennenden Auges zu betrachten. Als aber Maechler mit einem tiefen Stöhnen sich aus der Starre löste, beide furchtsam anstierte und dann gegen etwas zu kämpfen begann, indem er keuchend immerfort rief: »Auf, auf! Ich muß ihn sehen!«, umschlang ihn Paula, bemühte sich, seinen Oberkörper aufzurichten und stammelte dabei immerfort leise bittend: »Nicht doch, nicht doch!«, bis sich Maechler beruhigt hatte und wieder wie vorher still lag, mit wartenden, angelweiten Augen über sich schauend. »Er hat's!« sagte Großmann erschüttert. »Gott sei Dank, daß er nicht mehr drunten im Grunde liegt.« »Und wenn es auch mein Sohn nicht wäre«, setzte er nach einer Pause fast unhörbar hinzu. Dann aber reckte er sich auf und sagte zu seiner Tochter, die wieder regungslos und hingenommen auf den im Bett Liegenden starrte: »Du, Paula, geh jetzt schlafen. Es ist schon über Mitternacht. Ich will wachen, und wenn es notwendig ist, rufe ich dich.« Mit einigem Widerstreben führte er sie hinaus und schloß die Tür. Als Paula draußen im Gange war, sank sie erschöpft gegen die Wand, griff wortlos mit den Händen daran herum und stieg, an einem Schluchzen würgend, die Stiege hinauf in ihre Schlafkammer. Der Föhn tobte draußen, daß die ganze Welt brauste. Drittes Kapitel Dieser selbe Sturm, der in Paula das erstemal die dumpfe Einsamkeit eines Herzens zerriß, das sich noch nicht kennengelernt hatte, steigerte das Fieber Maechlers, daß es den Anschein hatte, sein Leben müsse noch diese Nacht enden. Fortwährend hörte das Mädchen sein Stöhnen und Irrereden durch die Decke. Dann und wann polterte es, wie von dem Ringen zweier Menschen. Darauf trat Stille ein, und die dunkle Stimme ihres Vaters klang in dem Ton einer Güte herauf, die sie seit Jahren an ihm nicht mehr wahrgenommen hatte, monoton, geduldig, ja inbrünstig, so als bete er. Das trieb sie aus dem Bett, warf sie auf den Boden und drückte ihr das Ohr fest an die Diele, weil sie glaubte, der Unglückliche ringe mit dem Tode und ihr Vater spreche die Sterbegebete. Allein die Worte waren nicht zu verstehen, sie wurden leiser und leiser und verliefen sich in einer Stille, die noch beklemmender war als der Schrecken, der das Mädchen bei den Fieberausbrüchen des Fremden angefallen hatte. Zitternd vor Kälte und einem Beben ihres Herzens, wie sie es noch nie empfunden hatte, tastete sie sich auf das Lager zurück, zog die Decke über ihren Kopf und stammelte immerfort: »Um Gott des Vaters und des Sohnes«, lautlos, ohne zu wissen, was sie sprach, in einem Bangen, als handle es sich um ihr eigenes Ich, bis sie endlich einschlief. Anderen Tages war an dem Betragen des Mädchens nicht das geringste von der schmerzlich-gütigen Aufgelöstheit des vorigen Abends und der Herzensangst um das Leben des Fremden zu merken, die sie zu Boden geworfen und dann in ein zitterndes Gebet getrieben hatte. Sie bewegte sich scheinbar wie an allen Tagen in einer Art drohender Stummheit umher und verbiß sich noch leidenschaftlicher in ihr Wirtschaftswirken so, als sei sie mit ihrem Vater allein im Hause, und fragte mit keinem Wort nach dem Ergehen dessen, den sie aus dem Bärengrund hatte herauftragen helfen. Dabei versäumte sie nichts im Dienst um den Kranken, den Großmann für seinen Sohn Franz gehalten hatte. Gleich nach dem Aufstehen, beim ersten Schein des beginnenden Tages, trat sie in die Wohnstube und fand ihren Vater neben dem Bett des Unglücklichen auf einem Stuhl schlafend, zusammengerutscht, blaß, wie ein Gefolterter. Ohne ein Wort zu sprechen, hob sie ihn, unter die Achsel greifend, auf die Füße, gängelte ihn durch den kleinen Flur die Stiege hinauf und legte ihn dort auf das Bett der anderen, der ihren benachbarten Kammer. Zu allen Ansätzen des übermüdeten, abgetriebenen Mannes, von dem zu sprechen, was sich zwischen ihm und dem Kranken diese Nacht ereignet hatte, schüttelte sie nur den Kopf, als wisse sie alles oder als interessiere sie nichts, daß Großmann im Taumel der Schlaftrunkenheit immer nach einigen Worten der Erzählung abbrach. Als er aber mit Hilfe Paulas sich der Stiefel entledigt hatte und angekleidet unter der Decke lag, riß er die zufallenden Augen weit auf und schrie schmerzvoll: »Paula, es ist nicht Franz.« Das Mädchen schloß ihm hastig mit der Hand den Mund und bedeutete ihm, still zu sein. Denn niemand dürfe von der Anwesenheit des Fremden in ihrem Hause wissen, weil ihm sonst allerlei Plackereien von den Grenzjägern drohten. Das alles sagte sie hart, fast lieblos, Großmann schloß die Augen, nickte stumm und schlief sofort ein. Paula aber mußte im Herabsteigen sich auf eine Stufe der Stiege setzen, hüllte auf einen Augenblick den Kopf in ihre Schürze und stieß ein tiefes, fast tierisch-schmerzliches Stöhnen aus. Dann aber biß sie die Zähne zusammen, packte mit beiden Händen ihre Knie, als wolle sie sich das Fleisch herunterreißen, schnellte sich auf und stieg finster-zusammengezogenen Gesichts hinunter zu dem Kranken, zog die Vorhänge an den Fenstern noch fester zusammen, rückte leise den Stuhl vor dem Bett zurecht und bohrte unausgesetzt ihre Augen auf den Kranken, leidenschaftlich und fessellos, als stürze sie sich kopfüber in einen Abgrund. Maechler lag kalkbleich, regungslos, fast ohne Atem, halbgeöffneten Auges, mehr ein Toter als ein Lebender, in den Kissen. Unter den bohrenden Blicken des Mädchens zerriß auf einen Augenblick seine Starre. Er holte tief Atem, ein Beben lief durch ihn hin, und hauchend sprach er nur das eine Wort »Mutter«. Dann war er wieder still wie ein Toter. Dem Mädchen zog es die Hand nach seiner Stirn. Aber sie riß sich zusammen, floh lautlos aus der Stube, trat vor die Haustür und versank flammenden Auges in das frühlingsbesonnte Waldwogen der Berge und Schluchten unter ihr. Dabei ging ihr Atem leidenschaftlich, inbrünstig, zum Brustzerspringen. Endlich packte sie eine hölzerne Kanne, die auf einem Bänkchen neben der Tür lag, und schleuderte sie so heftig zu Boden, daß die Dauben auseinandersprangen. Dann ging sie glänzenden Gesichts, befreit, an ihre Arbeit. Den Kranken folterte indes das Nervenfieber weiter und trieb ihn immerfort spukhaft durch die Wirrnisse, Gefahren und Nöte, mit denen sein Leben lange in dem Feuerkessel der Revolution um Gott, Freiheit und Menschenwürde gerungen hatte. Scheinbar gleichgültig ging Paula unter den Augen des Vaters an diesem Kampfe seines kranken Wahnes vorüber. Großmann aber riß sich immer wieder aus dem kurzen Schlaf der Übermüdung und saß tags und nachts an dem Lager Maechlers, weil er sich nicht von der Hoffnung ganz trennen wollte und konnte, dieser landfahrende Flüchtling, den er auf so wunderbare Weise ins Haus gerettet hatte, sei doch sein Sohn Franz. Denn wir wissen ja, wenn eine inbrünstige Hoffnung auch in dem unruhigen Geist zu erblassen beginnt, im Herzen lebt sie auf unbegreifliche, nicht zu verstehende Art weiter. So lauschte er aufmerksam auf alle wirren Fieberreden des Kranken, um ja kein Wort zu verlieren, durch das der leidende Flüchtling sich als der Mensch enthüllte, den er die ganzen Jahre ersehnt hatte. Allein niemals sprach er von Wien, nie von dem Riesengebirge, nie berührte er einen Ort, eine Begebenheit, die in die Jugend seines Sohnes eingebettet lagen. Bald lief er in Mannheim am Ufer des Rheines hin und schoß als Kanonier nach Ludwigshafen, bis es brannte, bald war er auf dem Bahnhof, wo man ihn gefangennehmen wollte, fluchte und wetterte gegen die hundsmiserablen Dragoner und schrie endlich keuchend: »... schnell, aber schnell rein!«, und brach darauf in gellendes Gelächter aus. Nach solch wilden Erschütterungen lag er still, sah mit weiten, übergedanklichen, abwesenden Augen über sich und sagte eine zusammenhanglose Reihe von Namen mit einer ergreifend stillen Stimme, daß Großmann sich nahe über seinen Mund beugen mußte, um zu verstehen, was Maechler sprach; es klang so, als spräche ein erschütterter Frommer seine Sterbegebete. Auch sein Gesicht hatte schon den Ausdruck jenseitiger Feierlichkeit. Aber, was er mühsam, wie mit dem letzten Atem, in großen Abständen redete, waren nicht Worte der Andacht, nein, abgetrieben flüsterte er Namen, aus denen Großmann nichts zu machen wußte: »Waghäusel ... Käfertal ... Corvin ... Neckargemünd ... Struve ... Heidelberg ... Bretten ... Sigel ...« Und als er damit fertig war, verzog sich sein Gesicht in qualvoller Enttäuschung. Mühsam hob er die Hand ein wenig und winkte verzweifelt lächelnd ab. Doch ehe er wieder in vollkommene Starre verfiel, schrie er überlaut: »Was ist? Was ist? – Ach so – ja, lieber Mann, Sie haben ganz recht. Es ist gut, ich danke Ihnen, Sie können gehen. – Und das mir? – mir? – mir? –« – Die letzten Worte wurden fast lautlos gesprochen. Dann röchelte es leise in seiner Brust, so wie starke Männer zu weinen beginnen. Aber Maechler weinte nicht, sondern lag bald wieder still wie ein Toter. Auf diese Weise verbrannte die Vergangenheit des Gerbers, und wie die Glut schwächer und schwächer wurde, verlor sich nach und nach das Beängstigende seiner leiblichen Krankheit. Nach vierzehn Tagen hörten die wilden Ausbrüche ganz auf, und Maechler lag erschöpft und wohlig in den Kissen, wie ein Bergsteiger nach einer gefährlichen Tour in tiefem, traumlosem Schlaf sich von tödlicher Überanstrengung erholt. So vollkommen war die Erschöpfung, so schwach der Feuerfunke, der von dem fieberflammenden Rasen zutiefst in ihm zurückgeblieben war, daß alle seine Sinne noch lange verschlossen, ja wie verfallen blieben. Er hörte kein Wort, empfand keine Berührung, verlangte nach nichts, öffnete nicht einmal die Augen und schluckte nur mechanisch hie und da einen Löffel voll Wasser oder Milch, der ihm in den willigen Mund eingeführt wurde. Er sah auch aus wie ein Büßer am Ende seiner Peinigungen: das eingefallene, elfenbeinfarbene Gesicht verklärt, der schmale Mund rein, wie im Wohllaut ruhend, die Augen in Frieden versunken und durch innere Schau geschlossen, die Stirn hell und klar von geheimnisvoller Sicherheit. So überwältigend war dieses Duldergesicht, daß Paula, wenn sie es hinter dem Rücken ihres Vaters eine Weile betrachtet hatte, fluchtartig das Zimmer verließ, weil sie sich sonst laut aufschreiend über den Unbeweglichen hätte stürzen müssen, der in einem rätselhaften Dasein ruhte, das über Tod und Leben hinausgetragen zu sein schien. Großmann verließ eines Morgens den Platz an dem Krankenbette und schlich sich heimlich aus dem Hause. Auf einem Umwege durch den Wald des Vogelsteines suchte er den Ort auf, wo er den zusammengebrochenen Flüchtling gefunden hatte. Dort verharrte er den ganzen Tag in Gedanken, die er nicht vollkommen begriff. Aber am Ende war er beruhigt und den Finsternissen entronnen, die ihn jahrelang in sich und auf der Welt ruhelos umhergetrieben hatten. Gegen Abend betrat er das Haus und rief Paula. »Wir wollen den Menschen«, sagte er ruhig, »hinauf in die andere Kammer betten. Denn die Krankheit ist wohl vorbei und droben hat er mehr Ruhe. Ich muß auch wieder in den Wald und kann mich nicht mehr so um ihn kümmern. Was dann werden soll, das wird sich ja zeigen.« Vorsichtig trugen die beiden Maechler in die stubenartige Kammer, die neben der Paulas lag. So war das Mädchen nachts bei der Hand, wenn Maechler eine Hilfe benötigte. Aber lange noch war er wie eine Pflanze, die wohl Regen und Sonnenschein braucht, Pflege und Güte, die Bedürfnisse jedoch nicht äußern kann. Wohin Paula seine Hand legte, wenn sie ihm am Morgen den Trank eingeflößt hatte, dort fand sie sie noch, stieg sie auf Augenblicke nach Stunden zu ihm herauf. Doch sein Atem ging ruhig und tief, sein Herz bewegte sich leise, aber sicher. Er schwand also nicht unmerklich in den Tod, sondern wurde langsam zurück ins Leben geschoben. In einer Nacht tauchte er einige Atemzüge lang ins Bewußtsein und fühlte sich mit zwei Körpern im Bett liegen, erschrak, zwei Leiber zu haben, wagte nicht, seinen anderen Körper anzufühlen, der an ihn gepreßt war und mit ihm verwachsen zu sein schien. Ein Duft wie von Thymian ging von diesem anderen Ich aus, und Maechler öffnete die Augen, um sich von diesem Alptraum zu erlösen. Doch es war finster um ihn, und als er die Hand nach dem anderen Wesen ausstrecken wollte, das er selbst und rätselhafterweise doch ein fremdes war, versank er wieder in Bewußtlosigkeit. Nacht um Nacht ereignete sich diese unerklärliche Heimsuchung, über die nachzudenken seine Kraft nicht hinreichte. Sein ganzes Bett duftete nach Thymian. Eines Morgens erwachte er aus dem Schlafe und zum klaren Bewußtsein. Er sah sich in einem kleinen, hölzernen Zimmer, und ein Mädchen mit schwarzen, flammenden Augen stand an seinem Bett, hielt ihm eine Tasse Milch hin und sagte mit harter Stimme: »Gott sei Dank, endlich! Nun aber zugelangt.« Dabei lächelte sie über ihr ganzes knochiges Gesicht, unbeholfen und unschön. Maechler schloß die Augen und drehte sich auf die Bretterwand zu, denn er meinte, bei offenen Augen zu träumen. Als er aber mit seinen Fingern über die Bretter gefahren war und wirklich Holz gefühlt hatte, erkannte er, in klarer Bewußtheit zu sein, kehrte sich wieder zu Paula und fragte: »Ja, sagen Sie, was ist denn das? Wo bin ich denn?« Da stürzten dem Mädchen die Tränen aus den Augen. Sie begann am ganzen Leibe zu beben, so daß sie die Tasse auf den Stuhl stellen mußte. Dann stand sie atemlos und verschlang ihn mit den Augen. Es trieb sie, ihn zu umarmen, sich in ihn zu wühlen. Aber die Kühle und Erschrockenheit in den Augen Maechlers riß sie aus dem Sturm ihres unberührten Blutes, daß sie mit einem Ruck ihres gewalttätigen Willens sich in die Hand bekam. Immer noch mit ihrem verschlagenen Atem ringend, erzählte sie nun stockend und ungelenk, wie ihr Vater jahrelang nach dem in der Wiener Revolution verschollenen Bruder gesucht, Maechler auf der Hohenelber Straße getroffen und für seinen Franz gehalten habe; wie durch ein Wunder beide ihn im Bärengrunde gefunden und vor dem sicheren Tode herauf ins Haus gerettet hätten. Als sie ans Ende gekommen war, machte sie eine kleine Pause. Dann wurde sie von innen her wieder überwältigt und sagte: »Und nun sind Sie da, und wir sind glücklich, daß wir Sie haben. Gelt, ja?« Doch diese liebreichen Worte sprach sie hart, kalt, fast feindselig. In ihr tobte so ein Taumel, daß sie am liebsten den Mann da vor sich erwürgt hätte, denn nun sah die Kühle in seinen so klaren, aber so erschöpften Augen gar wie Entsetzen aus. Um nicht von diesem Drang übermannt zu werden, lief sie aus der Kammer und sprang die Treppe hinunter. Dort stand sie lange in dem halbdunklen Flur und starrte finster zu Boden. Dann kehrte sie sich leidenschaftlich um, hämmerte mit geballter Faust auf den Treppenstufen und schwor sich dabei mit leiser Stimme: »Und doch! – Und doch!« Maechler aber, ins sichere Bewußtsein erwacht, wurde von der Brunstwolke Paulas nicht weiter beunruhigt, denn er war ein zu männlicher Mann, der wohl von dem andern Geschlecht zeitweise stark bewegt, jedoch nie unterjocht wurde. Als das Mädchen aus seiner Kammer geflüchtet war, roch er in der ganzen Stube den Duft des Thymian, der ihn bisher rätselhaft nur aus dem Bett beunruhigt hatte. Nun wußte er auch das Geheimnis seines zweiten Körpers. Er lächelte eine Weile schalkhaft darüber, strich sich aber bald diese Lustigkeit mit der Hand aus dem Gesicht und versuchte, sein Leben zu überdenken und ins klare zu stellen. Aus Schwäche geriet er bald ins Traumhafte, verwischt Ahnungsvolle; und ob er ermüdet dabei einschlief und beim Erwachen sich wieder darüber hermachte, in die Zusammenhänge aller Ereignisse einzudringen, er kam nicht weiter als zu der Erinnerung, über ein sonnendurchglühtes, vulkanisch wogendes Feld gelaufen, durch einen Abgrund gestürzt, aber nicht unten, sondern rätselhafterweise oben angelangt zu sein, so, als habe es ihn in die Höhe gerissen. Wenn er aber darauf bestand, in die Finsternis einzudringen, durch die er gesaust war, sah er immer nur in die schwarzen, flammenden Augen des unschönen Mädchens, das ihm nach dem Auftauchen aus der Bewußtlosigkeit die Tasse Milch gereicht hatte. Dann fielen ihm aus einer inneren Abgewandtheit abermals die Augen zu, und er stellte sich schlafend, als nach langer Zeit Paula wieder in die Stube trat, ihn zum Essen aufforderte, ja sogar an der Schulter rüttelte. Benommen lag er da und duldete alle Bemühungen ihrer robusten Liebenswürdigkeit, ohne die Augen zu öffnen, bis sie enttäuscht abließ und mit den zu sich selber gesprochenen Worten: »Nun ja, ich stell das Essen auf den Stuhl. Wenn er erwacht, wird er's wohl finden«, die Kammer verließ. Gegen den Abend erschien Großmann, aus dem Walde vom Holzschlag zurückgekehrt, an seinem Bett, begrüßte ihn in seiner gütigen Kargheit und betrachtete dann lange sein Gesicht, wohl um sich endlich zu vergewissern, ob dieser Mann da vor ihm im Bett sein Sohn Franz oder ein Fremder sei. Als er mit seiner Prüfung fertig war, schüttelte er mit einem schweren Atemzug den Kopf, erhob sich jäh von dem Stuhle und ging ein paarmal mit langen Schritten den engen Raum hin und her. Dann ließ er sich wieder auf den Stuhl nieder und sagte: »Nun jaja, es ist nicht anders. Also Maechler heißen Sie?« Der Gerbergeselle nickte bestätigend, ohne ein Wort zu sagen, und lag auch still und lautlos, während Großmann von seinem jahrelangen, schmerzvollen Warten auf seinen Sohn sprach, umständlich die Begegnung mit Maechler auf der Spindelmühler Straße und die Rettung des scheinbar Todgeweihten aus dem Bärengrunde erzählte und am Schluß vieles von dem berichtete, was Maechler in seinem Fiebertoben geredet und getan hatte und daß Großmann oft wie mit einem Feinde habe ringen müssen, richtig, als ginge es um die letzte Wurst, wie er sich ausdrückte, vor allem auch um ihn daran zu hindern, aus der Stube, aus dem Haus hinauszulaufen, um nach Preußen hinüberzukommen. Während der Erzählung Großmanns war Paula leise eingetreten, hatte sich hinter den Vater gestellt, bekräftigte seine Erzählung da und dort mit einem stummen Neigen des Kopfes und verwandte keinen Blick von Maechler, der mit horchenden, weit geöffneten Augen bald Großmann ansah, bald wieder sinnend sich ins Weite verlor und so, still und wortlos, alle Fragen überging, die Großmann an ihn über seine Familie und Herkunft richtete. Er faltete stumm seine Hände und blickte sie nachdenklich lange an. Dann sagte er mit der machtlosen klaren Stimme der Genesenden, indem er seine großen blauen Augen auf Großmann richtete: »Hm, hm. Ihr habt mich vom Tode errettet, und ich danke euch von Herzen. Ich hoffe, daß ich das kann.« Dann mußte er erschöpft innehalten. Er schloß die Augen wieder, und Paula sah, wie eine Träne unter den Lidern auf seine gelbe, eingefallene Wange trat. Das ergriff sie so, daß sie aus der Kammer huschte und draußen einen Balken dergestalt umklammerte, als wolle sie ihn zerdrücken. Kaum daß die Tür hinter dem Mädchen ins Schloß geschnappt hatte, erhob Maechler wieder seine Augen und sah, lange nach dem rechten Wort suchend, auf den Gebirgler, der bedrückt und fassungslos auf seinem Stuhle saß. »Herr Großmann«, sagte der Kranke endlich leise, »wenn ein Rad sich dreht, so glauben die Menschen, es wird etwas, was noch nie dagewesen ist. Aber das Rad dreht sich nur, weil es in seiner Art ist. Auch das ganz, ganz große Rad macht es so.« Dabei hob Maechler seinen rechten Arm etwas in die Höhe und wollte wohl damit auf den Himmel zeigen. Dann sank er in die Kissen zurück. Seine Augen fielen ihm zu, und im nächsten Moment schlief er schon. Diese Worte, die Maechler an das Ende der Unterredung gefügt hatte, erschienen dem einfachen Manne der Bradlerbauden nur aus der Verwirrung der Krankheit zu stammen, die noch immer, wenn auch ganz schwach, in ihm regierte, so unbegreiflich, so versprengt waren sie. Nachdem Großmann noch eine Weile in der Hoffnung auf dem Stuhle gesessen hatte, der Kranke werde bald erwachen und gekräftigt an die Erklärung seiner geheimnisvollen Worte herangehen, erhob er sich und verließ auf den Zehen die Kammer, denn Maechler war in so tiefen Schlaf entrückt, daß es eine Versündigung bedeutet hätte, ihn darin zu stören. Außerdem tröstete sich Großmann beim behutsamen Hinabgehen über die steile Stiege, daß sich ja noch vielerlei Anlässe bieten würden, den Fremden über den Sinn seiner rätselhaften Worte zu befragen, wenn er erst wieder sicher und gesund auf den Beinen stände. Darüber aber war er jetzt schon klar, daß Maechler nicht zu den vertrottelten Landfahrern und Diebesvögeln gehörte, die von Zeit zu Zeit in den Wäldern und Bauden des Riesengebirges vor der Polizei Schutz suchten. In einer ihm selbst unbegreiflichen Befreitheit durchschritt er den Flur und tat sich vor dem Hause mit allen Sinnen in der Welt um, als sei es wohl möglich, daß von irgendwoher, durch die Luft, wieder eine Radwer voll Glück unter sein Dach gefahren werde. Das ganze Gebirge, wohin er auch seinen Blick wenden mochte, lag in der letzten Klarheit des Abends, alle Züge, Rücken und Kuppeln in jungem Grün, so frisch, so lebendig, als ständen sie nicht seit Ewigkeit auf demselben Fleck, sondern seien bereit, unaufhaltsam und mächtig unter dem Himmel dahinzufahren, irgendwohin. Der Krokonosch drüben hob seinen langen Buckel, drauf und dran, seine riesige Last höher zu stemmen und fortzurücken, der Ziegenrücken schnellte sich keck von der anderen Seite durch glasklare Luft, als habe er es satt, seit Jahrhunderten vor dem Spindelmühler Kessel jäh zu erschrecken, sondern sei entschlossen, jetzt gleich den Sprung über die Tiefe zu wagen, mochte es dem alten, dösigen Krokonosch behagen oder nicht. Die Sturmhaube pfiff leise mit einer himmlischen Sirene. Aus dem Elbgrund orgelte es geheimnisvoll, im Bärengrund pinkte leise und verschwebend das Wasser hinunter, und die wenigen kleinen Wölkchen, die bisher still und verklärt am blauen Himmel gestanden hatten, erröteten über diese allgemeine glückliche Unruhe auf der Erde und zogen weiter. Großmann, in den das alles wie eine Offenbarung eindrang, die nicht zu fassen und auszudrücken ist, wandte sich endlich zurück, und auf einmal war jedes Erschrecken über die Verschollenheit seines Sohnes verschwunden, und der verwunderte Glaube näherte sich ihm, die Fügung habe diesen Fremden als Ersatz des Entschwundenen ins Haus gesandt. Erstaunt, betroffen, aber auch auf rätselhafte Weise erlöst, trat er ins Haus. Viertes Kapitel Nach weiteren vier Wochen stand Maechler schon auf ziemlich sicheren Beinen, die ihn da und dorthin in die nächste Umgebung der Baude trugen, und sah mit Augen in die Welt, aus denen alle Unruhe und jedes Flackern geschwunden war. Wenn Großmann aber erwartet hatte, daß mit dem Gast nun leicht jene Dinge besprochen werden könnten, von denen seine rätselhaften Worte mit dem Rade herrührten, so sah er sich in seiner Hoffnung enttäuscht. Die Welt der Vergangenheit schien in Maechler durch die langen Fieberfeuer vollkommen verbrannt zu sein, und wenn Großmann am Abend mit ihm auf der Bank vor dem Hause oder in der Stube hinter dem Tisch saß und mit unauffälligen Worten auf die Wirbel zusteuerte, durch die der Gerber lange Jahre getrieben worden war, so bewegte wohl Maechler gedankenvoll-zustimmend den Kopf, rührte aber nie mit einem Wort an jene Zeit, sondern verfiel mit seinen Augen in ein schweigendes Fernhinschauen, das er dann tiefaufatmend abschüttelte und bald so, bald anders, in vieldeutiger Weise beendete, indem er den Gebirgler auf die Achsel klopfte und sagte: »Jaja, Großmann, das Leben tanzt und die meisten Menschen tanzen und wissen nicht, wohin sie kommen.« Mehr war nicht aus ihm herauszubekommen, und fragte Großmann, wie er es nun mit dem Tanzen halten wolle, so erhob sich Maechler, dehnte seinen Körper aus der Versessenheit, ging ein paar überlegende Schritte hin und her und sagte dann zu Boden blickend, mehr zu sich wie zu dem aufmerksam horchenden Frager: »Wir werden ja sehen! Beim Tanzen dreht man sich im Kreise. Wer weiter will, muß Fuß vor Fuß setzen. Das Rad des Wagens, an den man gespannt ist, dreht sich dann von selber. Ist's nicht so, mein lieber Großmann?« Nichts mehr vom Kampf mit Gott, nichts mehr von Schwärmerei nach Menschheitsfreiheit, von begeistertem Umsturz im Namen der Menschenwürde blühte aus ihm. In die Achseln gereckt stand der ehemalige Flüchtling vor dem Gebirgler und schaute entschlossen und sicher auf ihn nieder, der betroffen und verwundert sein: »Jaja, nein, nein« sagte, weil sich der Sinn der Maechlerschen Worte seinem denkungeübten Kopf nicht aufschließen wollte. Nur das Vertrauen in die Zuverlässigkeit dieses Mannes verstärkte sich mehr und mehr durch solche Gespräche, daß er den Fremden nach wenigen Wochen immer mehr als alten Hausgenossen empfand. Und als Maechler bald darauf begann, sich im Hause nützlich zu machen und auf dem Felde wacker zugriff, mit dem Rechen die Wiesen fegte, Abzugsgräben reinigte und den Dünger aus dem Stall auf den Haufen karrte, wurde es Großmann richtig warm ums Herz. In einer Nacht, da er schlaflos in seinem Bett lag und verwundert die Reihe der letzten Ereignisse sinnend entlanglief, trat auf einmal aus der heimlichen Tür seines Innern der Gedanke auf den hellen Plan seines Bewußtseins, warum in aller Welt der Fremde nicht als Tochtermann für immer in der Baude bleiben könne. Mit einer Art verwunderter Überraschung betrachtete er diese mögliche Tatsache, auf die er, ohne sie zu wollen, dadurch hingearbeitet hatte, daß er seinen beiden Nachbarn in der oberen und unteren Bradlerbaude den Fremden als einen entfernten Verwandten aus der Braunauer Gegend angegeben hatte, der auf dem Wege zu ihm im Walde vom Fieber überfallen worden war, das ihn volle vierzehn Tage gepeinigt hatte. Kein Mensch konnte dabei etwas finden, wenn sich ein Verwandter in einen Liebhaber seiner Tochter verwandelte. Freilich, freilich, diese ganze Geschichte, sann Großmann weiter, muß eben von den beiden gemacht werden, die über ihm auf dem Boden schliefen. Die müssen halt nun sehen, wie sie zusammenkommen. Von mir, überlegte der schlaflose Gebirgler weiter, kann da nichts geschehen. Aber kaum, daß er mit seinem Sinnieren in diese Sache soweit hineingeraten war, schien es ihm, als würde über ihm auf dem Boden eine Tür leise bewegt. Und unmittelbar danach hörte er ein schwaches Stöhnen. Doch das klang nicht wie das Stöhnen eines Glücklichen, es war eher ein Laut, wie ihn der Fremde immer am Ende der Fieberfolterungen ausgestoßen hatte. Sollte sich der kaum Gekräftigte durch sein Zugreifen bei den Hausarbeiten einen Rückfall in die Krankheit zugezogen haben? Großmann lauschte angestrengt über sich. Es rührte sich nichts mehr. Aber merkwürdig, das beunruhigte ihn noch mehr. Er zündete das Licht an und stieg, nur die Hosen schnell übergezogen, lautlos die Bodentreppe hinauf. Beide Türen waren geschlossen. Aus der Kammer des Fremden tönten lange, tiefe Atemzüge. Hinter der Tür zu der Kammer seiner Tochter kauerte eine wilde, zornige, geladene Stille. Und als Großmann geräuschlos geöffnet hatte und zehenleise an das Bett Paulas herangekommen war, fand er seine Tochter starr und unbewegt daliegend, das Gesicht blaß, die schwarzen Augen starr und weit auf die Decke gerichtet. Auf seinen leisen Anruf rührte sie sich nicht, sondern schloß nur die eine Hand, die am langausgestreckten Arm auf der gewürfelten Decke ruhte, zur Faust. Und da er sich zu ihr niederbeugte und flüsternd fragte, ob der Gast etwa wieder einen Fieberanfall gehabt habe, spritzten ihr förmlich die Tränen aus den dunkel-bewegungslosen Augen. Sie schüttelte zornig den Kopf. Es ging wie ein Ruck wütender Empörung durch ihren Körper. Dann hauchte sie heiß vor sich hin: »Laß mich bloß mit dem fremden Kerl zufrieden!«, wandte ihr Gesicht von ihrem Vater ab, der Wand zu und schwieg. Großmann kannte diese Härte Paulas von Kindheit an. Ihre Entschlüsse waren immer, als ob sie Eisentüren zumache. Deswegen bemühte er sich nicht weiter, sondern stieg lautlos und bekümmert hinunter ins Bett. Als er am anderen Morgen beim ersten Tagesscheine aufstand, um sich zu seinem Gang in den Holzschlag zu rüsten, hörte er Maechler in der Bodenkammer über sich geschäftig hin und wieder treten, und da er sich kaum in der engen Küche zum Frühstück an den Tisch gesetzt hatte, trat sein Gast auch herein, begrüßte ihn scheinbar aufgeräumten und heiteren Gesichtes und eröffnete dem verwundert Aufschauenden den Entschluß, ihn in den Wald zu begleiten, nicht als Lustgänger, nein, wenn es sich irgend tun ließe, als richtiger Arbeiter. Großmann erhob wohl diese und jene Einwendungen wegen der Schwere der Arbeit, der vorherigen Anmeldung beim gräflichen Forstamt und anderes mehr, vermochte aber Maechler in seiner Absicht nicht wankend zu machen. Lachend, ja übermütig zerstreute er alle Bedenken und ließ sich von seinem Entschluß auch nicht durch Paula abbringen, die während des Widerstreits der beiden Männer abseits, verstockt aus und ein ging und hin und wieder bei den beteuernden Worten Maechlers verächtlich und spöttisch durch die Nase lachte. So ging das Gespräch plänkelnd eine Weile ab und zu, bis aus dem Gesicht Maechlers plötzlich jede Lustigkeit verschwand und er ernst erklärte, auf der Stelle, ohne das Frühstück zu vollenden, über den Kamm nach Preußen davonzugehen, wenn man ihm nicht erlaube, auf diese Weise seinen Dank für die empfangenen Guttaten abzustatten. Er habe nichts als die Kraft seiner Hände, und die seien Gott sei Dank schon wieder so weit, daß er es mit Beil und Säge, und wenn es sein müßte, mit noch anderem aufnehmen könne: »Das haben Sie, Paula, in den Tagen ja doch erfahren!« Mit diesen Worten wandte er sich an das Mädchen, die plötzlich von ihrem unruhigen Umherstreifen abgelassen hatte und neben ihn getreten war. Dort verharrte sie einen Augenblick in Schweigen, kerzengerade aufgerichtet, die Hände über die Hüften gestemmt. Dann setzte sie sich langsam auf den Stuhl ihm gegenüber, stützte die Arme breit auf den Tisch und musterte ihn mit einem so entschlossenen, verfinsterten Gesicht, daß der gute Großmann einen ihrer verheerenden Wutausbrüche fürchtete. Aber es kam anders. Mit unnatürlich leiser, wie traumwandlerischer Stimme sagte das Mädchen zu Maechler: »Ich bin nicht ›Sie‹ und auch nicht ›Fräulein‹, nicht einmal Großmann, sondern Paula. So. – Und nun mach' ich ihm die Schnitten zurecht, Vater, und er geht mit dir in den Wald.« Der Gerbergeselle war von den verzehrenden Flammen ihrer Augen, in die er wider Willen hineingerissen worden war, wie betäubt, bemühte sich zu lächeln und wandte sich in seiner Verlegenheit zu Großmann mit den Worten: »Da, Großmann, siehst du, Paula hat recht.« Das Mädchen erwiderte keinen Laut, strich sich mit beiden Händen die Haare zurück, erhob sich und ging, ohne die beiden zu beachten, an die Besorgung ihrer Tageszehrung. Schnell machten sich die Männer auf den schmalen Steig, der, an der oberen Bradlerbaude vorbei, im Bogen die letzte, schmale Ausmuldung des Bärengrundes überwindet und langsam bis zur halben Höhe des Vogelsteines ansteigt. Es war gerade kein grämlicher, aber ein grießlicher Morgen. Großmann ging voran, Maechler folgte in einer Entfernung, die sich mit jedem Schritt vergrößerte, weil er immer wieder stehenblieb und den Weg, der bisher fast ganz baumlos war, zurückspähte. Denn nach dem Verlassen der Großmannbaude hatte er bei einem halben Umwenden das Gesicht Paulas gesehen, das, an das Fenster der Küche gepreßt, blaß und gespannt, aus ihren schwarzen Augen ihm nachsah. »Tolle Augen«, fuhr es ihm immer wieder durch den Kopf. Dann drehte es ihn jedesmal um, und er schaute in einer Art Beklommenheit zurück, weil er glaubte, das Mädchen folge ihnen. Auf diese Weise war er von Großmann außer Rufweite geraten. Ja, er wußte gar nicht mehr, weshalb er hier oben durch die Bergeswiesen, an Felsen, Latschenplänen und verkrüppelten Wetterfichten vorbei hingehe. Das übersichtslose, wirre, verdämmerte Chaos, zu dem die Zeit seiner rebellischen Jahre durch sein wochenlanges Fieber verwüstet worden war, umgab ihn wie ein Wirbeltanz ferner, undeutlicher Schatten, und wenn er sich bemühte, aus dieser Hexenfahrt abgerissener Erinnerungsfetzen ein Bild klar herauszugreifen, so verwandelte es sich immer in das Küchenfenster der Bradlerbaude, aus der das blasse, leidenschaftliche Gesicht Paulas mit schwarzen Augen ihn ansah. »Tolle Augen«, murmelte Maechler wieder und wandte sich um. Da hörte er plötzlich einen gedankenleisen Ruf. Er tauchte aus dem inneren Trubel, sah sich verwundert und aufmerksam um und erblickte endlich Großmann auf einem steil abschießenden Nebensteige unter sich vor dem Walde stehen, wie er heftig gestikulierend ihn zu sich herunterwinkte. Und ebenso in das leidenschaftliche Gesicht und in die brennenden Augen Paulas wie in dies unsinnige Drehen seiner Rebellenwirbel sprechend, sagte er ablehnend vor sich hin: »Fällt mir gar nicht ein! Ich mag nicht der Platzhalter eines Toten sein.« Danach ging er zögernd einige Schritte auf Großmann zu, besann sich dann aber, stieg an einer freien Stelle auf einen Stein, schwenkte winkend die Mütze und schrie aus Leibeskräften: »Komm 'rauf, Großmann!« Als er nach einigen Bemühungen wahrnahm, daß der Gebirgler ihn verstanden habe und heraufzusteigen begann, sagte er, lachend von dem Stein herunterspringend: »Nein, nein. Diese Paula und der ganze Rebellenrummel ist ein und dasselbe.« Dann setzte er sich auf einen Stein und schippte mit der Stockspitze auf dem Wege hin und her. Als er Großmann herankommen hörte, erhob er sich, und seine eben gewonnene Überzeugung bekräftigend, legte er beteuernd die Hand auf die Achsel des Verblüfften und sagte, den Kopf schüttelnd: »Es geht nicht Großmann.« »Na ja, das freut mich, daß du das einsiehst, mein Lieber«, erwiderte der gutmütig und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. »Wenn du eben durchaus mit in den Wald gehen willst, ist's ja gut. Einmal mußt du schon anfangen, freilich, freilich. Aber jetzt bist du eben noch nicht ganz beieinander.« Maechler musterte ihn scharf, lächelte in sich hinein und erwiderte: »Schön, so meinst du!« Dann aber drehte er ihn so herum, daß das großartige Wogen der dunklen Wälder auf den zahllosen Bergen, Kuppen und Zügen vor ihnen lag. Sie drangen, immer niedriger werdend, in die Weite und verloren sich dort in einer Nebelwand, die sich langsam, aber unaufhaltsam heranschob. Sicher lag eine heimliche Grämlichkeit und Verdrossenheit über allem. Aber Maechler, ganz im Banne des in ihm eben aufgesprungenen Entschlusses, streckte den Arm aus und rief: »Na, sieh dir das an, Großmann! Keine halbe Stunde, und der Regen ist da. Habt Ihr auf der böhmischen Seite oft solches Sauwetter, was?« Großmann verstand ihn nicht, wohin Maechler hinaus wollte und antwortete ausweichend: »Nu ja, wohl, wohl. Ach nu, nee. Wie man's nimmt.« Allein in Maechler sprang das Lebenskochen auf, das ihn in die Rebellion und aus Bamberg auf diese Weltklärungsfahrt getrieben hatte, und so fuhr ihm die Erwiderung wie ein Zünden aus dem Munde: »Gar nicht, wie man's nimmt! Wir müssen's nehmen, Großmann«, und in Gedanken setzte er hinzu: Mag mich die Rebellerei getrieben haben. Die Paula, gibt's Gott, fängt mich nicht. Großmann plierte lächelnd den Erregten ein Weilchen an, fuhr sich mit dem Daumen und dem Zeigefinger überlegend an den Mundwinkel hin und sagte dann: »Ja, mein Lieber, mit Hacke und Schaufel kann man eben gegen Gewitter nichts ausrichten.« Maechler ließ sich von der Aufsässigkeit gegen das Schicksal nicht abbringen, das er auf sich zukommen fühlte und erwiderte: »Natürlich kann ich mit Hacke und Schaufel Gewitter und Wolken nicht vom Himmel herunterholen. Natürlich nicht. Aber darauf kommt's an, daß die Menschen Hacke und Schaufel in der Hand und im Kopf haben, damit uns das da droben nichts anhaben kann. Die Zeit ist vorbei, Großmann, daß man den Himmel einreißen und anders machen will, haha.« Damit drehte er sich ab und sah ingrimmig über das Waldgewoge der Berge, Kuppen und Züge, in die der Nebel sich immer tiefer einfraß. Dann kehrte er sich wieder zu Großmann und fragte ärgerlich: »Na, und wie ist's auf der anderen Seite, he?« »Auf welcher?« fragte Großmann wider. »Nun, auf der preußischen, meine ich. Über dem Kamm drüben, Wetter und Leben«, erklärte Maechler wie verbissen. »Das geht mich nichts an«, antwortete Großmann enttäuscht, weil er zu begreifen begann, worauf Maechler hinaus wollte, »da mag ich gar nicht 'nuntersehen, und wenn ich ja einmal muß und kann's nicht ändern, dann spuck' ich aus, weil das ein Land der Diebe und Räuber ist. Jawohl, nichts wie fleißige, aber erpichte Halunken.« »Nanu«, warf Maechler höhnisch ein. Aber Großmann ließ sich nicht beirren, er war im Zuge des ererbten Grolls und hoffte, auch Maechler die Gelüste nach drüben zu versalzen. »Nicht einen Funken ist's anders, wie ich gesagt habe«, fuhr er erregt fort. »Haben die verfluchten Preußen nicht dazumal unserer Maria Theresia, dem armen, guten Weibe, das Schlesien vom Leibe gerissen, möcht man sprechen, gestohlen, nein, geraubt?! Und wie der Tännling, so der Same. Das ist heute noch dasselbe. Keiner von uns hält's da drüben aus. Eh sie Atem holen, rasen sie und stochern sich mit dem Säbel die Zähne. Mich bringen keine zehn Pferde da 'nüber.« Maechler brach in ein tolles Gelächter aus und schlug sich immer wieder auf den Schenkel. Als er aber aufsah, stand Großmann blaß und erschöpft da und blickte den Gerber furchtsam, ja bekümmert mit Augen an, die fortwährend zwinkerten; denn er hatte begriffen, daß Maechler fort wolle. »Nimm mir's nicht übel«, sagte er dann sanft und legte die Hand auf seinen Arm. »«Weißt du, Maechler, nichts für ungut. Du mußt denken, ich bin ein Vater.« Da wurde Maechler im Umwenden ernst. »Freilich, freilich hast du recht, und ich versteh dich auch«, sprach er leise und stach sinnend mit dem Stock zwischen die Steine. Dann aber richtete er sich, eine Last abwerfend, auf, sah sich um und sagte entschlossen: »Du bist ein Vater, und ich bin ein Kerl, der so lange in der Welt umhergelaufen ist, daß er noch nicht hinter den Ofen kriechen kann. Nein«, und nun lächelte er übermütig, »so scheußlich wird das Preußen nicht sein, daß man doch nicht hinuntersehen darf. Außerdem, mein Lieber, ist es ja meine eigentliche Heimat. Denn wie du aus meinen Papieren gesehen hast, bin ich aus Gerlachsheim bei Lauban. Also mit meiner Waldarbeit wird es heute bestimmt nichts. Hier hast du mein Beil. Am Abend bin ich bei guter Zeit wieder in deinem Hause. Dann reden wir weiter.« Damit reichte er ihm das Beil, drückte ihm kräftig die Hand und ging ein Stück auf dem Wege zurück, dann aber bog er ab und stieg geradeaus gegen den Kamm hin. Großmann sah ihm nach und rief: »Links halten!« Maechler drehte sich um, winkte und stieg weiter. Fünftes Kapitel Als Großmann nicht lange vor dem abendlichen Eindunkeln von seinem Arbeitsplatze zurückkehrte und auf der Stelle des Wegleins angekommen war, wo sich am Morgen Maechler so jäh von ihm getrennt hatte und mit langen leidenschaftlichen Schritten durch die Mädelwiesen zum Kamme hinaufgestiegen war, blieb er einen Augenblick stehen und bemühte sich, hinter den Sinn dessen zu kommen, was der fremde Gast gesprochen hatte. Aber es gelang ihm jetzt so wenig wie den ganzen Tag über, da er bei Beilhieb und Sägenschwung sich zwischen den merkwürdigen Worten Maechlers umhergetrieben hatte und am Ende zu der Überzeugung gekommen war, es sei mit diesem fremden Freunde und ihm dasselbe, wie es sich zwischen den Menschen der ganzen Welt verhalte: sie hackten eben jeder an einem anderen Stamm. Großmann war versucht, sich auf denselben Stein zu setzen, auf den sich heut morgen Maechler niedergelassen hatte, um in Ruhe das Bild zu Ende zu denken. Aber er schob diesen schwachen Drang von sich und setzte seinen Heimweg fort. Droben aus den Mädelwiesen stiegen ein paar Nebelgarben und zogen geisterhaft über das junge Grün. In langsamen Schritten sah ihnen Großmann zu und dachte daran, daß Maechler versprochen hatte, am Abend wieder zu Haus zu sein. Vielleicht war er schon längst drunten, und wer weiß, hatte es sich zwischen ihm und Paula indessen zurechtgerückt. Maechler war zwar nicht mehr der Allerjüngste, aber wenn zwei allein im Hause sind, so kommen sie leichter zusammen. Er bemerkte, daß es aus der Esse seines Bäudleins schon rauchte und beschleunigte seine Schritte in der Hoffnung, Maechler drunten hinter dem Tisch sitzend zu treffen, während Paula geschäftig hin und her wirtschaftete. Allein als er leise in das Haus trat, überfiel ihn die atemlose Stille, die seit dem Verschwinden seines Sohnes und dem Tode seiner Frau darin aufgekommen war. Nur aus der Küche schwirrte und polterte es unwirsch und leidenschaftlich, so daß sich Großmann am liebsten wieder zum Hause hinausgestohlen hätte, weil er besorgte, Paula könnte ihn dafür verantwortlich machen, daß er ohne Maechler zurückkehre. Allein er war vom Leben müde getrieben, hängte vorsichtig Stricke und Sägen an den Hausrechen, lehnte die beiden Beile unten an die Wand, drückte sich geräuschlos in die große Stube und setzte sich hinter den Tisch. Ihm war es verwunderlich, wie ruhig er alles hinnahm, seit er Maechler in sein Haus geschafft hatte, so als habe er durch die Pflege des Todkranken seinen verschwundenen Sohn ins Leben begraben. Die Stube dunkelte tiefer und tiefer ein. Großmann sah es unbekümmert und staunte darüber, wohin die Angst gekommen sei, die ihn sonst seit Jahren überfallen hatte, wenn sein Haus in Schatten und Finsternis gesunken war. Eine Hoffnung hatte sich bei ihm eingefunden, die er nicht verstand, eine Sicherheit, für die er keinen Grund wußte, denn auch das preßte ihm nicht mehr die Brust wie heut morgen, wenn Maechler nun überhaupt nicht mehr zurückkäme und also wie ein Wind gewesen wäre, der eine Weile durch sein Haus geweht hatte. Doch da erschrak Großmann geradezu vor sich. War er in den besten Jahren schon so weit, daß ihn nichts mehr erregte? Nein, das konnte nicht sein! Mit einem tiefen Atemzuge und zusammengerissener Stirn erhob er sich, um an das Fenster zu treten. Da wurde die Tür aufgestoßen, und seine Tochter stand vor ihm. »Na, allein?« fragte sie höhnisch, nach einem Umschauen in der ganzen Stube. Wie ein böser Steinwurf traf ihn die Frage, so daß er erst einen Blick durchs Fenster tun mußte. Dann kehrte er zu ihr zurück und antwortete gelassen: »Ja, allein, Paula. Aber ich bin nicht schuld.« Dann erzählte er ruhig von dem, was sich am Morgen zwischen ihm und Maechler ereignet hatte. »Also das Wetter hat ihn auf den Kamm getrieben, meinst du?« fragte sie hart. »Nun ja. Wohl, wohl«, antwortete er behutsam. »Vielleicht war es das Wetter. Wer kann's wissen. Aber, Paula, das sag' ich dir, wenn du nicht so unwirsch mit ihm umgehen würdest, könnt's nicht schaden.« »Ich? Ich unwirsch?« fragte das Mädchen bestürzt tonlos, dann sah sie lange vor sich nieder, stumm, verschlossen, ohne zu atmen. Endlich riß sie sich in die Höhe und stieß wie kochend die Worte heraus: »Was soll ich denn noch tun? Ich unwirsch? Du weißt gar nichts.« Zornig und zugleich an den Tränen würgend, sprach sie, lachte schrill auf und war fort, wie aus der Stube gestoßen. Nicht lange danach rief sie ihren Vater in die Küche, wo das Abendbrot schon für ihn bereitstand, Schalkartoffeln, Weichkäse, Brot und ein Krug Milch. Mit zusammengezogenem Gesicht, bebenden Händen, unruhig entgleisten Augen saß sie dabei, ohne einen Bissen zu genießen, ohne ein Wort zu sprechen, wenn sich ihr Mund auch dann und wann aus der verkrampften Geschlossenheit öffnete, aber nicht um zu reden, sondern wie eine besessen Träumende stumm zu schreien. Jeder Laut, der von draußen hereindrang, riß ihr horchend den Kopf in die Höh. Sie sprang auf, lief in den Stall, verließ das Haus, kehrte jedoch bald zurück und setzte sich wieder in der gespannten, verzweifelten Leidenschaftlichkeit ihrem Vater gegenüber. Unvermutet, nachdem sie eine Weile auf ihre gefalteten Hände gestarrt hatte, sagte sie leise, nein kindhaft süß vor sich hin: »Der Mond wird bald aufgehen«, und als Großmann, über diese weiche Stimme fast erschrocken, sie ansah, merkte er, daß ihre Augen voll Tränen standen. Sowie das Mädchen aber den Blick des Vaters auf sich ruhen fühlte, sprang sie mit einer Verwünschung Maechlers vom Stuhl auf und lief hinaus. Schmunzelnd rückte Großmann an dem Kruge, nickte lächelnd ein paarmal mit dem Kopfe und murmelte vergnügt: »Da ist's ja gut.« Aber er konnte sich nicht weiter in diesen Gedanken verlieren, denn auf dem Wege drüben, der vom Kamm nach Spindelmühl führte, waren lange, eilige Schritte zu hören. Paula huschte herein und sagte atemlos: »Er kommt«, schüttete schnell neue Kartoffeln in die Schüssel, legte Messer, Teller und ein anderes Töpfchen zurecht und eilte wieder hinaus. Kaum hatte sich die Tür hinter ihr geschlossen, so trat Maechler herein. Alle bittere Jäheit von heut morgen war von ihm abgefallen. Er begrüßte heiter den Gebirgler, und während er sich hungrig über das einfache Mahl hermachte, erzählte er von den Streifereien über den Kamm, mit denen er den Tag zugebracht hatte, und wie er zuletzt, schon im tiefen Abend, sich an der Sturmhaube habe verleiten lassen, von dem Wege abzugehen, um geradezu durch Latschen und Felsen schneller hier zu sein. Aber das wäre ihm beinahe schlecht bekommen, und nur einem Zufall sei es zu danken, daß er sich zurückgefunden habe. »Wahrhaftig«, erzählte er, »wie ich so klettere und plumpse und plumpse und klettere und schon daran denke, wenn es eben nichts hilft, so rette ich mich ins hohe Holz, krieche unter eine Schirmfichte und warte den Morgen ab, da klingt der Ruf einer weiblichen Stimme, sicher nicht nach mir freilich. Aber es rief eben, noch einmal und noch einmal. Wo Stimmen klingen, müssen auch Menschen sein, denke ich, und wo Menschen sind, müssen auch Häuser nicht weit sein. Also drehe ich und halte auf diese Gegend zu, aus der die Stimme geklungen hatte, und kaum nach einer Viertelstunde trappeln meine Füße auf einem richtigen Wege.« »Ich habe dich nicht gerufen, Maechler«, sagte leise, aber bestimmt Paula, die unbemerkt in die Küche gekommen war und im Dunkel neben dem Fenster ruhte. Maechler drehte sich erstaunt um und lachte lustig auf: »Ach, du bist ja auch da, Paula! Nein, nein, das glaub' ich, daß du es nicht warst. Die Stimme klang anders, ganz, ganz anders.« »So, meinst du?« entgegnete das Mädchen beklommen und enttäuscht fragend, trat zögernd an den Tisch, legte sanft ihre Hand auf seinen Arm und sagte so leise und weich: »Da wird es eben jemand gewesen sein, den du noch nicht kennst«, daß Maechler den Kopf verwundert hob, weil der Laut von Paulas Stimme wirklich dem Klang jenes Rufes ähnlich war, der ihn auf den rechten Weg geführt hatte. Aber ehe er zu einem Worte kommen konnte, war Paula schon von seiner Seite verschwunden und zur Tür hinausgeschlüpft. Maechler sah der Davongegangenen verblüfft nach. Aber je länger er auf die Tür starrte, hinter der Paula verschwunden war, desto ernster wurde sein Gesicht. Zuletzt trug es den Ausdruck schmerzlicher Düsterkeit. Dann verfiel er in Sinnen, sah nach einer Weile den betroffenen Großmann an, als kämpfe er mit sich um eine wichtige Erklärung, stand aber langsam auf, durchmaß einige Male den Raum und sagte dann, vor Großmann stehenbleibend: »Weißt du, es ist draußen so schön, daß ich eigentlich versucht bin, mich die ganze Nacht im Mondschein herumzutreiben.« Großmann dachte bei sich, was soll das nun wieder sein und sah ihn groß an. »Nein, nein, ich mach's nicht«, erwiderte er auf das wortlose Verwundern, »hab keine Angst, ich kriech ins Bett, hahaha! Und morgen früh weckt mich, wenn ich's verschlafen sollte. Denn ich muß doch eben versuchen, ob ich mit dem Beil ebensogut wie mit dem Schermesser umzugehen weiß. Also, gute Nacht, Großmann.« Damit trennten sich die beiden, und Maechler stieg langsam die steile Bodentreppe hinauf. Er war mit der Örtlichkeit noch nicht ganz vertraut und mußte sich mit den Händen weiter tasten. Dabei stieß er, ohne es zu wollen, auf dem Boden angekommen, an die Tür zu Paulas Kammer. Sofort klang drinnen ein sanftes, bereites »Ja«. Maechler ging bei dem Klang dieser Stimme ein heißer Stoß durch die Brust. Ja, natürlich, niemand wie Paula hatte ihn diesen Abend gerufen. Auf den Zehen, lautlos kam er in seine Kammer. Dort machte er kein Licht, sondern blieb im Finstern eine Weile stehen. Draußen war der Nachtwind aufgewacht und fing an, mit den Fensterladen zu klappern und an den Türen zu rütteln, und wenn die Windstöße aussetzten, erklang das tiefe, leise Brausen unendlicher Wälder als Echo aus der Tiefe herauf. Das hörte sich ähnlich wie die Nachklänge der Kanonenschläge über dem Rhein an, als er unter dem Kommando von Corvin geholfen hatte, Ludwigshafen zu beschießen. Dazwischen aber geisterte in Maechler immer wieder der Laut der Stimme auf, deren Ruf ihn heut aus Felsen und Latschen auf den rechten Weg geführt hatte, und wie es zuging, verstand Maechler nicht: das erstemal spann diese Stimme sein Herz heiß ein. Er sah nicht mehr dies holzharte Mädchen mit den gestanzten Augen, dem unschönen Gesicht und den unliebenswürdigen, aufreizenden Worten vor sich, die er schon einmal aus der Kammer gewiesen hatte, als sie in der Nacht unter einem nichtigen Vorwand zu ihm gekommen war, sondern er roch Thymian um sich und fühlte etwas wie Bewegungen eines weichen Körpers neben sich, während er im Finstern stand und auf die Laute des Windes draußen zu lauschen glaubte. »Natele, Natele«, sagte er plötzlich mahnend zu sich, wie seine Mutter ihm als Kind immer warnend zugerufen hatte, wenn er im Zuge war, sich in ein gefährliches Unternehmen zu stürzen. »Natele, Natele«, wiederholte er lächelnd, langte den Stuhl her und begann sich die Schuhe von den Füßen zu lösen. Und während er sich so beugte, sah er das Bild der schlesischen Landschaft vor sich, das er Großmann bei der Erzählung von seinen Streifereien auf dem Kamm verschwiegen hatte, um ihn nicht in den alten dummen Groll über diese Siedelung der »Halunken, Diebe und Räuber« zu führen. So wie er jetzt über seinem Schuh kauerte, hatte er an einer einsamen Stelle des Schneegrubenrandes gesessen, unter sich das besonnte Land mit heiteren Dörfern und Städten, inmitten wohlbebauter Felder, ein unendlich buntes Tuch, das der Herrgott aus dem nimmermüden Fleiß der Menschen gewoben hatte und nun in Freude unter seiner Sonne bis in verdämmernde Fernen hinaus schwenkte. Das war es, wonach er verlangte, gesammeltes, rüstiges Schaffen, selber die Seligkeit bereiten, nach der es einem verlangt, im Dienst an sich selber und seinen Mitmenschen. So war er eigentlich durch schwere, aber wunderbare Fügung doch auf dem rechten Weg zu dem Ziel seiner Vorfahren gekommen, die vor mehr als hundert Jahren auf der Flucht vor dumpfen Bedrückungen in diesem Lande eine zweite, bessere Heimat gefunden und an dem Segen rüstig mitgearbeitet hatten, den er unter sich ausgebreitet gesehen hatte. Vergeblich hatte er Lauban und Gerlachsheim, wo er unter der Obhut seiner Mutter aufgewachsen war, gesucht. Das lag wohl weitab im Sonnendunste, wie die Erinnerung an seine Kinderzeit in ihm traumverwunschen lebte. Aller Lärm, alles wilde, und wie er deutlich fühlte, törichte Tosen seiner Rebellenjahre war versunken, und als er im Weiterwandern immer wieder das Blitzen und Locken der vielen Teiche hart am Fuße des Gebirges gesehen hatte, war es bei ihm zu festem Entschlusse gekommen, dorthin zuerst seine Wanderung zu lenken, sobald er sich hier freigemacht hätte. In diesen Bildern und Gedanken war Maechler befangen, während er sich langsam entkleidete, und als er schon im Bett lag, stand diese Schau noch lange über ihm, wie eine glückvolle Verheißung seiner Zukunft. Indessen war der Wind draußen zum Sturm angewachsen. Fern donnerten die Wälder, die Baude ächzte in allen Fugen, und die nahen Gipfel schrillten mit hohen, gellen Pfiffen in das unheimliche Nachtkonzert. Maechler wickelte sich fest in sein Bett und sann. Nur noch vierzehn Tage hier oben, dann in meine schöne Heimat hinunter! Dieses Wort, das er wie einen Zauber in sich fühlte, klang trotz des Tobens der Elemente in glückhaften, leisen Klängen um ihn, und während er in den Schlaf hinüberträumte, glaubte er wieder dieselbe sanfte, beklommene Stimme nach sich rufen zu hören, die ihm am Abend aus der Irre den rechten Weg gezeigt hatte. Mit einem verwunderten Lächeln schlief er ein. Da, wie lange er geschlafen hatte, wußte er nicht, fühlte er sich an der Schulter gerüttelt, und als er auffuhr, sah er Paula im Hemd vor seinem Bett stehen und hörte sie leise und schluchzend auf sich einreden. Er war so schlafbefangen, daß er anfangs nichts verstand als die eine immer wiederkehrende Bitte: »Maechler, geh nicht fort! Du darfst nicht fortgehen.« Es nutzte nichts, daß er nach vollem Erwachen das Mädchen an das Versprechen, noch hierzubleiben, erinnerte, das er ihrem Vater noch am Abend gegeben hatte. Sie glaubte ihm nicht, streichelte mit bebenden Händen sein Gesicht und beschwor ihn, sie nicht zu verlassen. Denn von ihrem Körper habe er sein Leben. Während er wie zu Tode erschöpft, wie ein welkes Blatt gewesen sei, habe sie sich zu ihm gelegt, um ihm von sich Wärme und Kraft zu geben. »Du darfst nicht fortgehen, Maechler! Etwas von mir ist in dir. Das wird dich zerreißen, wenn du nicht dableibst«, sagte sie, und er spürte, wie die alte, unbezähmbare Wildheit mehr und mehr über das Mädchen kam, als werde sie von dem Sturm gepackt, der draußen in unverminderter Heftigkeit tobte, daß die Baude zitterte. Als sie sich durch kein Zureden besänftigen ließ, sprang Maechler aus dem Bett, um sie in ihre Kammer zu führen. Kaum, daß er sie angefaßt hatte, umklammerte sie ihn mit der ganzen Kraft ihres gestählten, nun in allen Fibern bebenden Leibes, wie eine Mänade, über die der Dämon des Rausches gekommen ist. Sie ächzte, stöhnte und schrie, daß ihr alles gleich sei. Maechler rang mit der Aufbietung seiner ganzen Kraft mit ihr. Der Sturm heulte und schlug wie mit Stangen auf das Dach. Es plärrte und donnerte draußen, und endlich brach auch in Maechler die Raserei des Mannes aus, und die beiden schmolzen in Gluten zusammen, die, kaum gelöscht, sie immer wieder in neues Entflammen rissen, bis Maechler den Lärm des Sturmes nur noch wie ein undeutliches fernes, leises Lallen hörte. Als er aus dem erschöpften Schlafe erwachte, lag er allein in dem zerwühlten Bette. Der Sturm hatte auch draußen ausgetobt. Es war tropfenstill. Das Haus lag atemlos, wie erschlagen. Nichts rührte sich. Durchs Fenster schielte das erste Morgenlicht. Maechler stieg lautlos aus dem Bett, zog sich eilig an, untersuchte, ob in seinem Felleisen noch alles vorhanden sei, machte sich reisefertig und entwich ungehört aus dem Hause. Laufend sprang er durch die Mädelwiesen hinauf und wagte sich erst auf dem Kamme umzudrehen. Niemand zu sehen. Niemand zu hören. Er atmete erleichtert auf und stürmte dann weiter an den Mannsteinen vorbei. Sechstes Kapitel Nachdem Maechler so noch eine Weile in flüchtendem Schritt und dann langsamer und langsamer auf dem in jener Zeit noch sehr urzuständlichen, kaum den Namen Weg verdienenden Gebirgssteig ein gut Stück vorwärtsgekommen war, hatte sich hier oben der Morgen voll entfaltet. Die Sonne stand am Himmel, und da der Wanderer sie beglückt wie seine Retterin betrachtete, schien das große, überwältigende Kreisen noch nicht ganz aus ihr geschwunden zu sein, mit dem sie sich aus den Wolkenschluchten des Firmaments über die Erde heraufgearbeitet hatte. Das große Tagesgestirn war von dem vehementen Schleuderwurf noch nicht ganz zu der majestätischen Ruhe gekommen, mit der es immer seine Bahn durch den Himmel wandelt. Und da Maechler dieses leise Kreisen des strahlenden Balles wahrzunehmen glaubte, hatte er die Empfindung, daß auch die Erde, auf der er stand, unter ihm spürbar schwankte wie ein riesiges Schiff auf der Fahrt über den Ozean. Geblendet kehrte er den Blick in die Tiefe. Wirklich, wie ein Meer wogte der Morgennebel über dem Lande drunten, daß nichts wahrzunehmen war als das unruhige Durcheinanderbranden der Wolkenwellen, die im Licht da und dort aufblitzten. Etwas wie eine schwache Trunkenheit bemächtigte sich des Mannes, die ebenso von den Überreizungen der wilden Nacht wie von dem Anblick dieses erhabenen Naturschauspiels herrührte. Leicht fing ihn auch zu frösteln an. Er zog seinen dicken Kotzenmantel über, nahm das Felleisen bei dem Tragriemen in die Linke und stieg vorsichtig und langsam den beschwerlichen Pfad weiter. Aber schon nach wenigen Schritten kam ein dumpfer Traumzustand, ja geradezu eine Schlafbefangenheit über ihn. Stolpernd verließ er den Steig und suchte sich auf der preußischen Seite in den Latschen eine geschützte, bequeme Stelle, wo er sich, das Felleisen unter dem Kopfe, hinlegte und bald in tiefen Schlaf verfiel. Es mochten so etwa zwei Stunden vergangen sein, da knallte irgendwo ein Schuß auf, und das Echo rollte dumpf von Wand zu Wand. Maechlers Kopf fuhr bei geschlossenen Augen in die Höh. Er lauschte im Halbschlaf, bis der Widerhall in der Luft erloschen war, fiel dann wieder zurück und murmelte, in seinem unsagbaren Traum untertauchend: »Gott sei Dank, nun ist die Tür zugeschlagen.« Es war ein unsagbarer Traum, der in seiner Phantastik nur für seinen schlafentrückten Geist überschaubar war und nach dem gepreßten Ausruf zu urteilen wieder durch die von Fieberflammen zerfetzten und halbvernichteten Erinnerungsbilder seiner Rebellenjahre jagte. Sein wacher Geist hatte doch die Wirbel überwunden, in die er von dem Zeitgeist gerissen worden war. Der klare Weg in ein neues Dasein durch ein tätiges Leben hatte gestern im Anschaun des wohlgebauten schlesischen Landes zwingend und glückhaft vor ihm gelegen. Und nun war er abermals durch die tolle, gewalttätige Brunst des mänadischen Gebirgsmädchens wohl nicht wieder in die schwärmerische Hitze des zu allem entschlossenen Kampfes für Freiheit, aber doch in das Rasen der Leidenschaft gerissen worden. Der Traumgeist aber, dessen Augen ja tiefer und geheimnisspürender sehen als der Blick des wachen Bewußtseins, vermischte wohl nun den wilden Geschlechtskampf mit dem Ringen seiner politischen Aufsässigkeit. Aufs neue brachen die Flammen über sein Leben herein, und Maechler wälzte sich im Traum wieder durch die Nöte, die ihm sein Dasein so lange zerrissen hatten. Als er im halben Vormittag erwachte, waren alle Hexenbilder, die unter der Decke des Schlafes ihn gefoltert hatten, so erloschen, daß er sich an nichts mehr erinnern konnte. Ja, sogar die Höllenbrunst, in der er mit Paula gekocht hatte, gehörte jener Gaukelmühle an, durch die ihn der Traum gedreht hatte. Gleichwohl lag eine Befangenheit, ja Niedergeschlagenheit über ihm, als sei er aufs neue und tiefer schuldig geworden. Die Nebeldecke über der schlesischen Ebene war von der Sonne aufgesogen worden. Das Land lag in lachender, glückhaft lockender Buntheit unter ihm und schaute mit den vielen Teichen am Fuß des Gebirges wie mit tiefen Himmelsaugen zu ihm herauf. Aber in einer Art innerer Erloschenheit wurde er von nichts berührt, sah und bemerkte nichts, lebte und wußte nichts; noch empfand er etwas, so als habe ihn dieser Traum aus der Welt geschoben. Immerfort geisterte, mechanisch nur, der Ausruf durch sein Hirn: Die Tür ist doch zugeschlagen. Maechler stand auf, entledigte sich des Mantels, legte den Tragriemen des Felleisens über die Achsel, ergriff den Stock und begann, wach und doch schlafwandelnd, durch das Granitgeröll wieder hinaufzusteigen und den Weg zurückzuwandern, den er gekommen war, an dem Mannstein vorüber, der wie die Ruine einer alten Burg aussieht, über die Große Sturmhaube und das Hohe Rad. Er sah rechts und links und nahm nichts wahr, ja wurde nicht einmal berührt, als er auf dem Sattel, der Sturmhaube und Hohes Rad verbindet, an der Einmündung des Weges von den Bradlerbauden vorüberkam. In einem Zwang, dem er sich willenlos fügte, ging er mühelos, fast getragen weiter, spürte nicht, daß sein Atem keuchend wurde, daß Schweiß über sein Gesicht rann, und ruhte nicht, bis er an den Schneegruben angekommen war. Dort ließ er sich, ohne zu wissen warum, in einem entgeisterten Gefühl, am Ziel zu sein, hart am Rande des schroffen Abgrundes nieder, trocknete sich mit dem Taschentuch das schweißüberströmte Gesicht und murmelte das letztemal in einem seelentiefen Aufatmen: »Gott sei Dank, die Tür ist zugeschlagen.« Dann verlor er sich in ein halluzinatorisches, versunkenes Anschauen des Abgrundes. Und während er sich diesem Hingenommensein überließ, ereignete sich etwas Geheimnisvolles mit ihm. Er spürte auf einmal wieder den heißen Leib der Paula an seinem Körper, so brünstig, so umklammernd wie in der vorigen Nacht. Sie saugte sich tiefer und tiefer in ihn hinein, daß ihm der Atem stockte und das Herz in beklommener Angst förmlich stotterte. Aber es ließ nicht nach. Dieses fremde, höllenwilde Leben fraß sich mitleidslos tiefer und tiefer, daß er mit den Händen rechts und links in das Geröll fassen mußte, um nicht unter der rätselhaften Wucht, die ihn überwältigte, zu vergehen. Da, in der höchsten Not, begann er vorwärts zu rutschen, um sich in den Abgrund fallen zu lassen, und fühlte zugleich, wie sich das fremde Wesen aus seinem Innern löste. Ein Schatten mit den albhaften Umrissen eines Menschen, der ihm irgendwie ähnlich war, fuhr aus ihm heraus, schwebte einen Augenblick über dem grausigen Abgrunde und stürzte dann in die Tiefe, von der ein seelenleiser Schrei zu ihm heraufdrang, der ihn doch bis ins Mark so erschütterte, daß es ihm in Grauen dunkel vor den Augen wurde. Als Maechler wieder zu sich kam, fand er sich ganz nahe über dem Abgrunde, die Hände verzweifelt ins Geröll gegraben, erschreckt schob er sich zurück und sprang dann auf. Er wußte nicht, was sich eben mit ihm Geheimnisvolles ereignet hatte und sah sich forschend um. Die grauen Steine kochten in der Sonne, die gerade über ihm stand. Der Himmel flimmerte und zitterte blau. Steinschmätzer trillerten da und dort in die Höhe. Die Ebene drunten lag friedselig im Glück ihrer bunten Felder, blaugrüner Waldstreifen und Hügelschnüre, die geruhig und schön in die Dunstschleier der Ferne sich verloren. Diese kurze Umschau vertrieb in Maechler die letzte Berückung des Schicksalsschattens, die durch ihn hingehuscht war, so vollkommen, daß eine frohe, fast unbändige Befreitheit in ihm aufsprang, als sei jetzt wirklich und endgültig die Tür hinter seiner Lebensverwirrung zugeschlagen worden. Fliegenden Schrittes eilte er zum zweitenmal den Weg hin, den er am Morgen als beladener Flüchtling gegangen war, trennte unterwegs die drei Taler, seinen eisernen Bestand, aus dem Zipfel seiner Jacke, stärkte sich in der Peterbaude mit einem einfachen Essen und trank zur Feier der Erlösung sogar ein halbes Fläschchen österreichischen Weines dazu. Am Ende ließ er sich noch einige Brotschnitten und als Zubiß ein paar der kleinen Käschen zur Wegzehrung reichen, wußte er doch nicht, wie weit ihn heut noch seine Beine tragen und welche Marotten seinen launischen Magen plagen würden. Überdies, ein Mahl in der Tasche macht den Wanderer wendiger und unabhängiger. Mit einem frischen Gruß, den er sich selbst wie ein Kommando zum Abschied zurief, schritt er durch die große Stube unter der niedrigen Balkendecke mit langen, ungeduldigen Schritten, daß das Mädchen in der Theke, die ihn bedient hatte, ein wohlgefälliges, etwas verwundertes Lachen nicht nur nicht unterdrückte, sondern breit herausgehen ließ, so daß sich Maechler, schon am Ausgang angekommen und die Hand zum Türgriff erhoben, betroffen nach ihr umsah. »Na also, gute Reise«, rief ihm das Mädchen herzlich zu, dem das Stutzen in seinem Gesicht nicht entgangen war. »Schön, schön. Danke auch«, erwiderte Maechler und langte halb umgewendet weiter nach der Türklinke, fand sie aber nicht, und da er sich verwundert dem Ausgang zukehrte, sah er die Tür weit geöffnet, und Jener, der sie zwischen dem kurzen Grußwechsel zwischen ihm und dem Schankmädchen geräuschlos aufgezogen hatte, stand demütig an die Mauer gedrückt da und starrte ihn mit weiten, schwarzen Augen in einer Art unerschrockener unsicherer Ehrfurcht an. Es war kein Mann, eher ein Männchen, ein zierlicher Knabenjüngling mit einem gefurchten alten Gesicht, das gramvoll und ekstatisch zugleich war, wie ein Landfahrer in zusammengebettelte Sachen gekleidet, an denen überall Grashalme, Nadeln und die grauen Fäden und Knötchen der Waldspinnen hingen. Der seltsame Mensch wirkte komisch und ergreifend, und als er die Verblüffung in Maechlers Gesicht bemerkte, verneigte er sich in einer Art unterwürfiger Andacht, daß man nur das Fuder krauser, dunkler Haare seines unbedeckten Kopfes sah, und sagte mit wohllautend, feierlich psalmodierender Stimme: »Nein, bitte, nach Ihnen, hoher Herr.« In dieser Stellung verharrte er regungslos, bis Maechler, dem das Lachen in der Kehle steckenblieb, an ihm vorüber war. Als er sich nach einigen Schritten im dunklen Vorflur umdrehte, schlüpfte der unheimliche Kleine geräuschlos in die Stube, und das Mädchen rief fröhlich: »Mein Gott, Ignaz, seid Ihr auch wieder einmal da.« Schnell, fast fluchtartig sprang Maechler aus der Baude in den Sonnenschein des geräumigen Wiesenplanes hinaus, auf dem das große, graue Holzhaus stand, und vermochte seine Eile nicht zu zügeln, bis er tief in den Wald eingedrungen war. Siebtes Kapitel Nathanael mäßigte indes bald seine Gangart und strebte langsamen, gemächlichen Schrittes durch den Hochwald hinunter, der Ebene zu, die ihn mit den glitzernden Spiegeln ihrer vielen Teiche so bis ins Herz hinein gelockt hatte, als er gestern und heute morgen vom Kamm aus in den Anblick des weiten, bunten schlesischen Landes träumend versunken war. Dort, das hatte er in sich gespürt, mußte und würde sein Leben irgendwo dauernd Wurzel schlagen. Während er so durch das Dunkel des hochstämmigen Waldes ging, hörte er fortwährend das leise Brausen des Rotwassers in dem tiefen Grunde tönen, und dann und wann, von einem schrägen Sonnenstrich getroffen, blitzte der weiße Sturzschaum der Wellen zu ihm hinauf. Der Tausendlaut der Wasser klang wie ein tröstlicher Zuspruch, und das Heraufblitzen der Wellen empfand er gar einmal wie das Winken einer weißen Hand aus der Ferne. Denn die Menschen jener Zeit waren eine Mischung aus Tatkraft und romantischer Träumerei, so wie es wohl das Wesen der Deutschen aller Zeit ist, aber diese beiden Grundkräfte wogten in der Generation um achtundvierzig zur Siedehitze angefacht feurig durcheinander, so zwar, daß sie sich gegenseitig steigerten und zugleich verwirrten. Die Tatkraft wurde von dem hohen Flug der Träume zu den kühnsten Wagnissen getrieben und verlor sich, geblendet von den bunten Bildern weiter Menschenferne, in phantastischen Schimären, und die Träume stießen sich wund und wurden lahm an den harten Wänden starrer Tatsachen. Als Nathanael Maechler, von dem Wege geführt, immer weiter aus dem Bannkreis des Wildwassers geriet, wurde dies Durcheinanderwogen seines Innern immer geruhiger, und da er dann nach kaum einstündiger Wanderung aus dem Hochwald ins Freie trat und das Land deutlich in der schon geneigten klaren Sonne unter sich liegen sah, fühlte er sich sicher vor der Unruhe und den Schatten, die ihn wochenlang getrieben hatten. Auf bergigen Hügeln, die vielfältig und schön zu Tal wogten, lag weit zerstreut der Brän um ihn, der aus sauberen kleinen Wirtschaften bestand, jede inmitten ihrer engen Feldfluren liegend, so daß sich die Anwesen nirgends zu einer Gasse zusammenschlössen. Die Ordnung ging an jedem schmalen Rain entlang, der Fleiß blühte aus der Wohlbestelltheit all der kleinen Feldfluren, ein schönes Lebensbehagen strömte noch aus der Sauberkeit der kleinsten Hütte. Und drunten das Land, das ihm vom Kamm wie eine einzige Ebene, nur durch einen Wald begrenzt, erschienen war, offenbarte sich nun in der Nähe als eine große, geräumige Talmulde, in der, nur in Turmrufferne, sich Dörfer angesiedelt hatten, jedes von Bäumen beschattet, mit grauen und roten Dächern ins Grüne gekuschelt, so eigenartig und anders ein jedes und doch so von der Kraft einheitlichen Werkwillens verbunden, daß Maechler nach der jahrelangen Wolkenfahrerei, ergriffen und beglückt, die vielen Enttäuschungen seiner Träume und Sehnsüchte, ja sogar seinen Zusammenbruch auf dem Gebirge in unbegreifliche Finsternisse nicht mehr als aussichtsloses Irregehen, sondern als den kürzesten Weg zu einem Ziel erkannte, das sich hinter dem Wirbelspuk all seiner abenteuerlichen Empörungen verborgen hatte. Nathanael Maechler war so in den Anblick des Landes versunken, daß er nicht das Knacken und Rascheln der Zweige des Unterholzes hinter sich hörte und nicht wahrnahm, daß dasselbe närrische Männchen auf ihn zukam, das er droben in der Peterbaude getroffen hatte. Mit langen, ehrfürchtigen Schritten schlich es sich an den Versunkenen heran. Als sich Maechler umsah, verbeugte es sich wieder wie droben auf dem Kamm mit andächtiger Ehrfurcht und psalmodierte: »Ich grüße dich zum zweiten Male an diesem denkwürdigen Tage, hoher Herr, ich, dein Diener Ignaz Wildner! Siehe, die ganze Welt liegt vor deinem Angesicht ausgebreitet, und das Volk der Erde wartet sehnsüchtig auf deine Ankunft, daß du es erlösest von allen Übeln, die aus seinem Innern steigen und ihm an allen Straßen auflauern. Dort, Schwarzbach harret deiner im Kummer seiner schwarzen Seele, Grandorf drunten im Gram seiner Liebesgier, und dort Wilkau, mit dem stolzen Schloß des Grafen Schilling, der eigentlich Silberling heißen müßte, weil ihm wie Judas die Silberlinge der Erdenhoheit mehr gelten als sein ewiger Herr. Wende dich zur Seite und lasse deine Augen auf jenem Berge ruhen, wo als stolze Ruine der Ägster aus dem Walde ragt, die stolze Burg der stolzen Schillinge. Öffne deinen Mund, hoher Herr, und verwandle mit einem Stoß deines allmächtigen Atems die Bosheitsburgen der Menschen und alle Zwinghäuser der Bedrückung in Ruinen.« Diese lange Rede sprach der kleine Verrückte in einem einzigen begeisterten Schwung. Dann verstummte er und blickte, ohne ein Glied zu bewegen, auf seine zerrissenen Stiefel. Weder mit einer Silbe noch mit einer Gebärde beantwortete er Maechlers Fragen nach seiner Herkunft, seinem Wanderziel und seiner Absicht. Offenbar gehörte er zu jener Art Irrer, die in die ganze Welt die Zwangsgestalt ihrer Verrückung hineinsehen und kein anderes Menschenwort mehr hören als das ihres eigenen Wahnes. Deswegen gingen alle Fragen Maechlers spurlos an ihm vorüber. Er nahm mit einem dankbaren Neigen seines ausdrucksvollen Kopfes die Kupfermünze in Empfang, die ihm der Gerber reichte, verneigte sich ehrfurchtsvoll mit den feierlichen Worten: »Segen der Spur deiner Füße! Verzeih, daß ich dich verlasse. Ich will in einer dieser Hütten, die ich liebe von Anbeginn, die Milch der frommen Denkungsart trinken«, verließ ihn und ging quer durch eine Wiese, dann auf einem Rain weiter, ohne sich je einmal umzusehen, versunken und verloren in seinem Wahn. Maechler schaute ihm sinnend nach, bis die kleine, zerlumpte Gestalt in einer Hügelfalte verschwunden war. Dann stieg er in tiefe Gedanken versunken weiter hinab, der Ebene entgegen. Und weil er ein ungewöhnlicher Mensch war, jedenfalls eine Mischung aus Philistertum und weiter schwärmender Welt- und Lebensgespanntheit, geriet er wider Willen aus dem Sinnieren über das Begebnis mit diesem Irrgänger des Daseins in jenes allgemeine Wogen seines Innern, in eine Art von Denken, das ungelehrten Menschen eigen ist, das wohl von der Wahrnehmung zur Vorstellung fortschreitet, aber selten aus dem Bann solcher Denkbilder in die dünne Luft scharfer, reingeistiger Prägungen gelangt. Ihr Hinabdringen in die geheimnisvollen Zusammenhänge des Lebens ist sicher so tief wie das tiefer Denker, und wenn diese anschauliche Innenbewegtheit Maechlers auf dem Wege zur Ebene in die Sphäre reiner Geistigkeit gesetzt wird, so überlegte der Gerber das folgende: Im allgemeinen suchen die Menschen nicht, um zu finden, sondern um zu suchen. Das Ungenügen ist stärker als die Kraft des Festhaltens, und wer erst einmal dieses prickelnde Gift der Friedlosigkeit tief gekostet hat, dessen Herz geht nie mehr wie eine Uhr in sicherem Gehäuse, sondern drängt gleich einem gefangenen Vogel immer gegen die Stäbe seines Käfigs. All seine Ruhe stammt von der Unruhe, die es zwar besiegen, aber nie überwinden kann. Das ist nicht nur eine Auszeichnung geistiger Menschen und bevorrechtigter Stände, sondern das erfüllt und bewegt alle, auch diesen Irren. Das treibt das Leben rastlos in immer neuen Formwandel, daß es von der Erreichung keines Zieles gebunden, von keiner Erfüllung gesättigt und durch keine Enttäuschung ganz entmutigt werden kann. Aber Nathanael Maechler glaubte sich, wenn auch nicht am Ziel seines Lebens, so doch am Ziel des rechten Weges, den er so inbrünstig gesucht hatte. Als er nach kaum dreiviertelstündiger Wanderung eine Weile zwischen den vielen Grandorfer Teichen umhergegangen war, ließ er sich an einem dieser stillen Wasserspiegel nieder, an deren Rändern da und dort ein Strauchhaufen und hin und wieder ein Baum stand, und deren Zweige eben der erste Abendwind so leise zu streichen begann, daß das blanke Wasser auch nicht durch den kleinsten Schauer versehrt wurde und ungetrübt das Gebirge mit seinem Himmel von der Tiefe her widerspiegelte, aber so verklärt und entrückt, als sei das nicht der Widerschein einer nahen Wirklichkeit, sondern eine rätselhafte, geheimnisvolle Einbildung, ein Traum seiner eigenen Tiefe. Maechler breitete den Kotzenmantel auf dem durchsauerten Rasen aus und machte sich behaglich über den Genuß der kleinen Wegzehrung her, die er sich aus der Peterbaude mitgenommen hatte. Weit ab von ihm am gegenüberliegenden Rande des Teiches schwammen zwei Wasserhühner, tauchten von Zeit zu Zeit in der Flut geräuschlos unter und zogen dann wieder wie zwecklos auf dem glatten Spiegel hin, daß kaum eine dünne Spur in die blanke Wasserfläche geschnitten wurde. Maechler schaute ihnen lange in einer Ergriffenheit zu, die er nicht verstand. Endlich machte er sich aus der Versunkenheit mit tiefem Aufatmen los. »Die wissen von den Staaten nichts und nichts von der Kirche und auch von Gott nichts. Und die ganze Welt ist für sie in Ordnung, weil sie als Wasserhühner in Ordnung sind. Merkwürdig, Nathanael Maechler«, sagte der Gerber laut zu sich, »wär's nicht Zeit, daß du nun auch zu wasserhühneln anfingst und nebenher die andern Leute ebenfalls dahin brächtest?« Er strich sich die Brotkrumen von den Beinkleidern, schnallte das Felleisen zu und erhob sich, um aufzubrechen. Das Klappern eines leeren Bretterwagens rasselte in der Abendstille vorüber. Also mußte nicht weit entfernt die Straße nach Wilkau führen, wo er, wenn es paßte, übernachten wollte. Ehe er aber über einen schmalen Bohlensteg das löcherige Landsträßchen erreichen konnte, kam ihm noch einmal der kleine Verrückte, wenn auch von ferne, ins Gehege, dem er heut schon zweimal ins Garn gelaufen war. Denn er hörte plötzlich hinter sich in dem glasigen Abenddunkel ein hohes Stöhnen aufklingen, das ihn nötigte, stillezustehen. Nicht weit von ihm bemerkte er auf einem der Teichränder Ignaz Wildner, wie er, die ausgebreiteten Arme gegen den Himmel gestreckt, diesen inbrünstigen Ruf verzweifelter Menschennot ausstieß. Dann verstummte er jäh, kauerte sich zu Boden und verharrte so lautlos eine ganze Weile, daß Maechler schon glaubte, der Irre bereite sich in dem Grase ein Nachtlager. Aber unvermutet sah er ihn wieder aufspringen, die ausgebreiteten Arme in die Höhe werfen und hörte abermals das beschwörende Stöhnen die Abendstille durchschneiden. Vielleicht war das das Abendgebet des Irren. Mit einem langen Schritt riß sich Maechler in den Gang und strebte Wilkau zu, dessen zierlicher Kropfturm schwarz und scharf über die Baummassen des kleinen Wäldchens in den dumpfblauen Abendhimmel stach. »Warum sind die Menschen weniger in Ordnung als die Wasserhühner?« fragte sich in immer neuen Denkbildern beim rüstigen Weiterschreiten der Gerber. Jedenfalls, das war sicher, wenn er hier in Preußen von seiner badischen Rebellerei sprach oder gar von seiner Liebesschlacht mit der tollen Paula, dann steckte man ihn mir nichts dir nichts hinter die schwedischen Gardinen oder hielt ihn wenigstens für einen zigeunerischen Landfahrer. Da klapperten schon seine Stiefel auf dem Katzenkopfpflaster von Wilkau, und rechts und links blinzelte das Licht aus den Fenstern der Häuser, die in schummerigem Verfinstern lagen. Also stumm und in Ordnung sein wie ein Wässerhuhn, sann Nathanael Maechler noch einmal, und auf einer gut gegerbten Haut durchs Leben fahren. Diesen Vorsatz prägte er sich ein, indem er tiefer in das kleine Städtchen hineinschritt. Und da er von seinen jahrelangen Wanderfahrten die Art dieser winzigen Stadtgewese kannte, daß sie sich vor dem vollkommenen abendlichen Veröden einem kleinen Aufruhr gesteigerter Lebenslust überlassen, achtete er nur mit einer spöttischen Neugier auf die wenigen Fußgänger, die eilig durch das Dunkel an ihm vorübergetrieben wurden. Da und dort klang ein hastiges Mädchenlachen auf. Man rief sich erregt zu, daß nicht mehr viel Zeit sei. Hin und wieder wurde eine Haustür ungeduldig aufgerissen und hinter einem herausspringenden Menschen laut zugeschlagen. Einmal geriet er gar in etwas wie ein kleines Gedränge. Da merkte er, daß das Städtchen nicht bloß in dem gewohnten abendlichen Lebensanfall kochte, sondern wirklich einen großen Tag habe. So ließ er sich lächelnd von der Unruhe die dunkle Gasse, die er betreten hatte, hintreiben und gelangte nach Überwindung einiger unwahrscheinlich enger, vollkommen finsterer Winkelschlünde wohl auf die Hauptstraße von Wilkau, auf der sich ein großer Teil der Bewohnerschaft angesammelt hatte. Aus den Gassen, die in diese wichtige Verkehrsader des Städtchens mündeten, eilten immer neue Zuläufer, so daß die Menge fortwährend noch anwuchs. Er wurde von dem Gedränge weitergeschoben, bis er wie die anderen eingekeilt nicht mehr bewegt werden konnte. Er überragte die Menge gut um Kopfeslänge und hatte nun Muße, sich umzusehen. Die Straße war platzartig erweitert, und die Seite, nach der die Leute mit unausgesetzter Spannung hinsahen, wurde von der Front eines schönen zweistöckigen Barockschlosses eingenommen. In der Mitte des Baues reichten vier Bogenfenster bis nahe unter das Dach. Sie waren hell erleuchtet. Gedämpfte Musik erklang. Hin und wieder sah man hinter den Gardinen den Schatten von Gestalten vorübergleiten. Das große Tor war weit geöffnet. Lakaien in hellblauer Livree mit roten Aufschlägen und silbernen Knöpfen und Tressen eilten gravitätisch hin und her. Das Volk stand und bestaunte diese Pracht in fast andächtiger Ergriffenheit. Man wagte nur gedämpft, ja flüsternd sich auf diese und jene Bedeutsamkeit aufmerksam zu machen. Daraus entnahm Maechler, daß in dem Schlosse die Taufe des zweiten Grafensohnes festlich gefeiert werde. Alle Gesichter strahlten förmlich in hingebender Loyalität. Jeder erzählte jedem, was jeder schon wußte, von den zwanzig Kutschen, in denen die Taufgesellschaft in die Kirche gefahren sei, von der Mildtätigkeit des Grafen, der dreißig Arme zu Mittag gespeist und hundert Schulkindern neue Schuhe geschenkt hatte. Grafen aus aller Welt, ja sogar zwei Fürsten seien zu dem Fest angekommen. Maechlers geschärftem Ohr klangen viele dieser Lobhudeleien und Ergebenheitsbeteuerungen nicht ganz echt, und er glaubte in diesem und jenem Gesicht einen bitteren Zug wahrzunehmen. Besonders der feiste Mann, der neben ihm stand, gegen dessen erheblichen Bauch Maechlers Ellbogen immer wieder gedrückt wurde, so daß der Gemästete aus einem mißvergnügten Murmeln gar nicht herauskam und immerfort zornig an seinem verschobenen Hut rückte, schien von geheimer Aufsässigkeit geradezu geladen zu sein. Um ihn zu prüfen, fragte der Gerber nach dem Namen des Grafen, dem dieses Schloß gehöre. Da riß der Dicke den Kopf zu ihm herauf, maß ihn mit geradezu fassungsloser Empörung und antwortete dann mit höhnischem Lachen so laut, daß sich alle nach den beiden umdrehten: »Da seh mir einer den sauberen Musjöh an! Steht in Wilkau vor dem Schlosse des Grafen Schilling, unseres gnädigen Herrn, und fragt, wie er heißt. Sehn Sie sich vor, junger Mann. Jaja. Wir Wilkauer spaßen nicht.« Maechler beruhigte den Aufgeregten mit der gelassenen Erklärung, daß er eben zugereist und ohne sein Zutun in diese Versammlung geraten sei. Der Empörte senkte verstockt den Kopf und achtete auf die beherrschten Worte des Gerbers gar nicht. Aber als Nathanael geendet hatte, wurde von einer Hand lobend sein Bein getätschelt. Jedoch der Dicke stand regungslos da und starrte wie vorher verdrossen vor sich hin. »Wollten Sie noch etwas von mir?« fragte ihn Maechler leise, weil er annahm, die geheime Besänftigung stamme von ihm. »Lassen Sie mich jetzt in Ruhe«, schrie der Gefragte grob, daß die Köpfe der Umstehenden wieder herumflogen. Maechler lächelte und blickte unbewegt in die Gesichter, die sich betroffen nach ihm gewendet hatten. In allen war nichts als Neugier zu lesen. In allen, bis auf ein einziges. Es war, soviel konnte er in dem ungewissen Schein, der von den hellerleuchteten Bogenfenstern ausging, wahrnehmen, dem Gesicht eines kränklichen, abgehärmten Büßers ähnlich, von einem kurzgehaltenen, fast weißen Vollbart umrahmt, mit einer weit vorgebauten Stirn und dem halboffenen, dünnlippigen Mund Kurzatmiger. Das Merkwürdigste an diesem Duldergesicht aber waren die großen Augen, die mit einer wilden Leidenschaft im Blick, gleichsam auflauernd, auf ihn eindrangen. So blieb das Gesicht dieses hohen, knochigen, doch schon verfallenen Mannes ihm noch zugewendet, als die andern sich schon wieder den Vorgängen in dem Schloß zugekehrt hatten, bis es den Bemühungen eines blonden Mädchens an seiner Seite gelang, ihn zu beruhigen und gleich danach sanft aus dem Gedränge fortzuleiten. Obwohl man aus dem lebhaften Treiben hinter der Gardine eines der hellerleuchteten Fenster auf die Vorbereitung einer Überraschung durch den Grafen schließen konnte, die Menge deswegen in ein fast vollkommenes Verstummen verfiel und Maechler über das mißfällige Schnauben und ärgerliche Treten und Murmeln des fetten Mannes als Ausdruck seiner Ergebenheit belustigt wurde, begann er doch schonend und möglichst unauffällig sich aus dem Gedränge zu winden und atmete erleichtert auf, als er allein an einer Straßenecke stand und hinter dem hohen Dache des Schlosses den roten Lichtbrodem des aufgehenden Mondes in den Himmel steigen sah. Die Straßen waren totenstill, und die Häuserzeilen ruhten verwunschen und zufrieden im Finstern, während über ihre Firste der Schimmer des Mondes traumhaft zu geistern begann und unausgesetzt ganz hoch ein leises Flügeln wie der Vorüberzug großer unsichtbarer Vogelschwärme wehte. Vor und hinter ihm, scheinbar überall, tönte der leise Wellengang verschlafener Gewässer. Das war wohl kein Ort für ihn. Er kam sich wie aus einem hohen Gestänge abgestürzt vor und fand sich an einer Stelle der Erde, wo die Menschen geruhig vermoderten, mochten sie Feste feiern oder schlafen. Drüben auf dem Bürgersteig ging ein Paar dahin. Das weibliche Wesen in einem Sommerkleid. Der Mann in einem dunklen Anzug, daß man ihn kaum sah. Der weibliche Schritt war schwebend, fast unhörbar, der Gang des Mannes mühsam, nein, widerwillig. »Komm nur, komm! Laß gut sein«, hörte Maechler die wohllautende Stimme behutsam und dringend reden. »Jaja, hast recht«, hörte Maechler die Antwort des Mannes und vernahm, wie sein Schritt fester und länger wurde, ja auf einmal so ungestüm, daß das Mädchen, es konnte nur ein Mädchen sein, vergnügt auflachte, nicht hell und keck, sondern merkwürdig verschmitzt, kindlich und doch rätselhaft, und da auf dem nahen Schloßplatz eben ein lautes Schreien und Hochrufen losbrach, begann Maechler den beiden zu folgen, in denen er den Mann, der ihn beim Wortwechsel mit dem Fetten so leidenschaftlich lange angestarrt hatte, und das blonde Mädchen, deren Bemühen es gelungen war, ihn aus dem Gedränge zu führen, erkannte. Nach zehn, zwölf Häuserreihen, vor einer Brücke, sah er die beiden links um die Ecke in ein Sträßlein biegen, das nach dem kleinen Fluß frei war. Auf der anderen Seite standen durchweg nur einstockige Häuser hinter schmalen Gartenstreifen. In einem dieser Anwesen verschwanden die beiden. Das Gartentürchen schwirrte zu. Dann war es wieder nachtstill. Nur das Flüßlein gesprächelte ruhig zwischen den Steinen mit seinen Wellen und gluckste dann und wann in den Mauerwacken der Ufer schläfrig auf. Maechler trat auf die Brücke und sah ein Weilchen auf das Wasser hinunter, das im Mondlichte da und dort aufzuschimmern begann. Von einer Hintersinnigkeit benommen, die ihn bewegte und die er doch nicht überschaute, fing er an, durch das Städtchen zu schweifen. Ohne Ziel und nur mit der Absicht, irgendwo ein geeignetes Gasthaus zur Unterkunft zu finden, geriet er in ein Gewusel von Gassen, die, kaum begonnen, in immer neue Winkelzüglein sich verwirrten, bis drei, vier solcher winziger Versuche, erschöpft aufatmend, in ein Plätzchen mündeten, das oft nicht größer war, einen breitschattigen Baum zu beherbergen, einem Kreuz oder einer Mariensäule Raum zu gewähren. Da gab es enge Fluchtsteige zwischen den Gärten, die entweder gar keinen Ausgang hatten oder unvermutet vor ein großes langes Haus führten, das sich bemühte, fast ein Schloß darzustellen. Einmal geriet er durch einen Torwinkel in einen baumumstandenen Lauschwinkel, der wie der Vorhof eines Klosters wirkte, und als er einen anderen Ausweg suchte, stand er unversehens auf einem alten Kirchhof mit gemeißelten Grabsteinen in der Mauer. Er klinkte an der Tür der Kirche in einer Versuchung, sich eine Weile drinnen in eine Bank zu setzen, fand die Tür verschlossen und drückte sich eilig durch ein Pförtchen wieder auf die Straße, weil er Schritte nahen hörte. Er verwunderte sich über die vielen Brücken und Laufsteige, die er auf seinem nächtlichen Irrgange passierte, aber ebensosehr darüber, wie oft er sich unvermittelt auf freiem Feld befand, und gab es endlich auf, zu einer deutlichen Vorstellung von der Anlage des Städtchens zu kommen, denn dem Betreten des Schloßplatzes war er in einer Abneigung ausgewichen, die er nicht verstand. »Was weiß ich«, sann er spöttisch in sich hineinlächelnd, »ich bin eben in Preußen, wonach ich mich so gesehnt habe.« Damit machte er mit seinem trödelnden Umherstreifen ein Ende. Entschlossen ging er eine Straße jenseits des Flüßchens hinunter und steuerte auf eine Laterne zu, die an einem langen Arme ihr Lichtschleierchen in dem Dunkel wiegte. Es war der Gasthof »Zum grünen Baum«, ein einfaches Einkehrhaus ländlichen Zuschnittes, das er bald darauf betrat und darin er von dem Wirt, der allein hinter einem Tische vor dem einzigen Licht saß, mit höflicher Verlegenheit gemustert wurde, als er die Frage an ihn gerichtet hatte, ob er eine Schlafkammer für diese Nacht bekommen könnte. Seine Papiere wurden eingesehen; der Wirt fragte nach seinem Woher und Wohin, die herbeigerufene Wirtin, eine heitere, umfängliche Frau, beäugte ihn eingehend und lustig, indes sie eilig ihr Mundwerk laufen ließ, und als Maechler lachend beteuerte, er käme allein, ganz ohne heimliche Gäste, war seine Einquartierung unter allgemeinem Gelächter vollzogen. Er nahm an dem Tische des Wirtes Platz, und während er einen einfachen Imbiß verzehrte und dazu ein Glas dünnen Bieres trank, tröpfelte zwischen beiden ein karges Gespräch hin und wider, denn Nathanael vermochte eine enge Beklommenheit nicht ganz zu überwinden, in die ihn das Streifen durch das Winkelgewirr des Städtchens versetzt hatte, und der Wirt, ein magerer, hinterhältiger Mann, wußte aus dem späten Gast nichts Rechtes zu machen, der wie ein Handwerksbursch aussah und wie ein verkappter Herr wirkte. Doch erfuhr Maechler soviel von dem absichtlich Zugeknöpften, daß Wilkau kein Städtchen, sondern ein Zwitterwesen zwischen Dorf und Stadt, das weder leben noch sterben könne, überdies noch ein Bad sei, allein das nicht anders, als ein Katner sich auch Bauer nennen könne. Alles liege danieder, Handel, Wandel und Gewerbe, und da seit dem »Rummel«, so nannte der Wirt die Revolution, das ganze Preußen krank sei, kämen nur noch Halbtote hierher baden, an denen doch niemand etwas verdienen könne. Und weil Maechler den Mann in der Aufgeregtheit nicht noch unterstützte, sondern zustimmend, aber gleichmütig nickte, sprang der Wirt plötzlich reißend auf und lief leidenschaftlich in der Stube hin und her. Maechler trank sein Bier aus und bezahlte nicht nur das Genossene, sondern im voraus noch das Nachtquartier und begütigte den bitterlichen Mann mit dem Hinweis, daß gegenwärtig in der ganzen Welt nicht auf Himmelsgeigen gespielt werde. Damit bewegte er sich mit seinen zusammengerafften Sachen nach der Tür hin. Nun jaja, sagte der Wirt, böse auflachend, niemand habe es so gut wie ein reisender Handwerksbursch. Wenn's ihm nicht gefalle, wandere er weiter. Wer aber eine Kaluppe, damit meinte er sein Haus, auf dem Halse habe, der müsse die eigenen Finger zwischen die Zähne nehmen, wenn er Fleisch schmecken wolle. Jawohl, so sei es! Mit einem neuen ärgerlichen Lachstoß vor sich hin, aber nun über seinen eigenen Witz, verschwand der Mann in der Küche und erschien bald wieder mit einem brennenden Unschlittlichte, mit dem er Maechler zwei Treppen hinauf in seine Kammer leuchtete. Während sie die steilen Holzstiegen emporkletterten, spottete der Gallige über den Grafenfimmel der Wilkauer und machte sich lustig über die vielen Männer in Weiberröcken. Aber, Gott sei Dank, gäbe es noch eine andere Sorte, die aber freilich jetzt mit den Schafen bäh schreien müßte. Und wenn es heute nacht etwa ein bißchen laut zugehen sollte, so müßte er eben die Decke über die Ohren ziehen. Die letzten Worte, die wie alles andere von ihm leise gesprochen wurden, redete er schon in der Kammer, übergab dem Gerber mit der Mahnung zur Vorsicht das Licht und verschwand mit kurzem Gruß. Maechler untersuchte das Bett und fand es sauber und gut. Bald lag er in die Decke eingewickelt im Finstern und ließ den ganzen Tag an sich vorübergleiten, der eigentlich wie ein Spuk wirkte. Wo war eigentlich das Glück, das er von Preußen erwartet hatte? Jedenfalls in Wilkau würde er nicht baden. Damit drehte er sich lächelnd zum Schlaf auf die Seite. Bald fing es wieder an, hoch über ihm zu flügeln, und leichtes Wellengesause war rund um ihn in allen Weiten. Er selbst aber tappte in einem Häusergewirr und fand keinen Ausweg. Ein bösartiges Weib, das niemand anderes als Paula war, schleppte fortwährend Ballen Finsternis herbei, um ihn vollends einzumauern, trotzdem eine hohe Stimme unausgesetzt psalmodierte: »Das ganze Land wartet auf dich« und aus ganz weiter Ferne ein schönes Mädchenlachen tönte, aber so hauchleise, daß es nicht mit den Ohren, sondern nur mit seinen Brustwarzen zu hören war. Da fuhr es ihn schon mitten im Traum davon. Achtes Kapitel Mitten in der Nacht brach wohl der Lärm los, von dem der Wirt gesprochen hatte. Es polterte wie von umhergeworfenen Möbelstücken, dann und wann krachten die Türen. Stimmen schrien durcheinander, bald hatte eine meckernde den Vorrang, bald eine grobe, befehlende, die sich hin und wieder zu brutalen, kurzen Kommandos steigerte, und jedesmal, wenn sie sich in eine solche widerstandslose Wildheit aufgeschwungen hatte, trat eine Stille ein, in der wie aus einer halb zugeschaufelten Grube etwas wie ein langer Zeremoniengesang in der Kirche ertönte, von einer hohen bebenden Stimme getragen, die manchmal sich schluchzend überschlug und nach anfeuerndem Gepolter verschiedener Rufe sich wieder zu getragener, ergriffener Begeisterung steigerte, bis sie in einem ekstatischen Schrei erlosch, dem dann ein wahres Beifallsgebrüll folgte. Maechler hörte das alles und war doch so in seinem nicht abreißenden Traum gefangen, daß diese Vorgänge ihn nie ganz aus der schweren Schlafberückung zu reißen imstande waren, sondern alles wie in seinem Traum geschah, der sich immerfort wandelte und doch nie anders wurde. Die grobe Stimme donnerte aus den Häusern, an denen er rastlos vorübergehen mußte, es meckerte aus den Winkeln, in die er sich endlos verwirrte, das Türkrachen wurde zu den Finsterballen, mit denen ihn Paula Großmann immerfort einmauerte, und das hohe Singsagen stammte von der Stimme des kleinen Verrückten, die er von der Peterbaude, von Brän und den Grandorfer Teichen her kannte. Immer halb erwachend, wollte er sich erheben und versank doch immer in das endlose Traumwandern, bis doch der Lärm einmal so stark wurde, daß die Schatten- und Gespenstermauern zusammenfielen und er ins vollkommene Wachsein auftauchte. Drunten wurde die Tür aufgerissen. In einem Stoßen und Taumeln kämpften trunkene Rufe durcheinander, so als schlügen Männer aufeinander ein. Ein unförmiger Baß, in dem Maechler die Stimme des Groblings auf dem Schloßplatze erkannte, brüllte wie ein aufs höchste gereizter Stier: »Laßt mich, ich zerquetsche den jämmerlichen Hund!« Ein kindhaft hoher Verzweiflungsschrei, mehr ein schrilles Quieken, folgte. Dann flog die Haustüre auf und etwas wie ein Ballen wurde auf die Straße geworfen. Darauf trat Stille ein. Maechler öffnete das Fenster und schaute auf die finstere Straße hinunter. Erst konnte er nichts erkennen, dann, als sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah er, wie sich ein Mann aus dem Staube erhob, taumelte, einen und den anderen kleinen, furchtsamen Schritt auf die Tür zu tat, aus der er eben geworfen worden war, dann aber die Arme erhob und leise segnend die Worte sprach: »Auch dir, reicher Schlosser, der doch im Herzen ein Grab hat, voller Totengebein und voller Unrat, auch dir, Dicker, gemästeter Neefe, verzeihe ich im Namen Gottes, der den Morgen der Welt einmal heraufführen wird, wenn die Zeit erfüllt ist.« Leise weiterpsalmodierend, dann und wann aufschluchzend, ging Ignaz Wildner die Straße davon auf das Feld zu und war bald in der Finsternis untergetaucht. Am Morgen, später als Maechler es sich vorgenommen hatte, erwachte er und sprang mit dem Vorsatz aus dem Bette, sich sofort weiter auf die Wanderschaft zu machen, nicht nur weil seine Barschaft fast aufgezehrt war, sondern auch, weil aus seinem Traumtreiben wohl von den Finsterballen her, durch die ihn fortwährend Paula Großmann drohend eingemauert hatte, ein Gefühl in seinem Gemüte zurückgeblieben war, daß ihn hier in Wilkau eine unübersteigbare dunkle Wand bedrohe. Und als er gar durch das kleine Fenster seiner engen Schlafkammer über niedrigere Schindelfirste hinweg den wogenden Kamm des Riesengebirges in dem Schwarzblau nahender Wetterunheimlichkeit eine Weile betrachtet hatte, stand sein Entschluß fest, ohne Umschweife Wilkau den Rücken zu kehren. So packte er seine Sachen zusammen, ließ sie dann aber doch in einer unbegreiflichen Anwandlung auf dem Schemel neben seinem Bett liegen, ergriff den Stock und stieg die steilen Holztreppen hinunter in das Gastzimmer, das zu seinem nicht geringen Verwundern keine Spur des nächtlichen Tobens mehr trug. Der Fußboden war sauber gefegt, Tische und Stühle standen in gesitteten Reihen, die Gläser blinkten geordnet aus dem Schrank, die Fenster waren geöffnet, und in der Luft spürte man fast nichts mehr von der rauchigen Muffsäuerlichkeit, die ländlichen Wirtsstuben anhaftet. Das Zimmer war leer. Nur aus der Küche hörte er das heitere Gespräch zwischen dem Wirt und der Wirtin, das bald von einem tiefen Gelächter des Mannes, bald von dem lustigen Lachkollern des Weibes unterbrochen wurde. Maechler konnte nichts verstehen und legte endlich unter lautem Aufhusten seinen Eichenheister eben nicht sanft, auf einen Holzstuhl. Darauf erschien sofort der Wirt in der Stube und begrüßte ihn mit einer übermütigen Verschmitzheit im Gesicht, die wenig mehr von der gewohnten grämlichen Verstecktheit übrigließ. Dann leistete er Maechler bei dem einfachen Frühstück Gesellschaft und war nach der fröhlich-spöttischen Erkundigung über Maechlers Nachtruhe bald mitten in der Erzählung der nächtlichen Vorgänge, von denen er aber mit kaum verhehltem Prahlen sprach, als handele es sich nicht um eine wilde Ausschreitung, sondern um ein übermütiges Festlein. Maechler öffnete nicht ein Fältchen seines Innern und seiner Vergangenheit. Er brauchte nur da und dort mit verständnisvollem Gelächter oder einem etwas erstaunten Ausruf ein klein wenig nachzuhelfen, wenn der Erzähler an dieser oder jener gar zu bedenklichen Stelle ins Stocken geriet. Gestern, das war der Inhalt der Erzählung des Wirtes, hatte sich der Schlossermeister Neefe, einer der reichsten Männer des Ortes, zum Besuch angesagt, um, wie er sich ausgedrückt hatte, auf seine Weise die gräfliche Taufe zu begehen. Und wenn Neefe etwas feiere, dann stöben die Funken wie in seinem Handwerk. Feuer und Fröhlichkeit seien bei einem gesunden Mann eben immer beisammen, und daß der Schlosser Neefe, sein langjähriger Gast, wohl manchmal in allen Nähten das Platzen kriege, aber doch ein durchaus wohlgefügter Mann sei, dafür könne, er, Kammel, der Wirt vom Grünen Baum, seine Hand unbedenklich ins kochende Wasser stecken. Ja freilich, die zwei »G« könne er ja nicht loskriegen, grade und grob sei er schon. Aber eben deswegen hätten die heimlichen Dungmäuler und verborgenen Giftspritzer unrecht, ihn als Urheber der Explosion hinten am Grafenschloß im achtundvierziger Frühjahr zu bezeichnen. Ob das aber der Gerber Wennrich auf der Feldgasse gewesen sei, der deswegen vierzehn Tage im Rehberger Kreisgefängnis in Untersuchung gesessen habe, das wolle er nun keineswegs behaupten. Hier verlor sich Kammel in Weitschweifigkeiten und Beteuerungen seiner eigenen Redlichkeit, daß Maechler ihn geradezu auf den Weg zurückbringen mußte, indem er sagte: »Ja, das werde sicher so sein.« Also Neefe sei gestern abend auf dem Schloßplatz gewesen, um von außen etwas von dem Taufgepränge des Grafen Schilling mit abzubekommen. Kammel nickte sich nach dieser Bemerkung mit listiger Heiterkeit als einem geübten Pfiffikus zu, der den geheimsten Wurm herauszuziehen imstande sei, und sagte es Maechler auf den Kopf, daß er in dem Gedränge neben Neefe gestanden habe und etwas von seiner ungeschminkten Geradheit zu kosten bekommen habe, und da Maechler es lachend zugab, eilte Kammel schneller und zusammengefaßter in der Erzählung weiter. Der Graf sei ans Fenster getreten und habe an die versammelten Wilkauer eine liebreiche Ansprache des innigen Dankes gehalten. Kaum aber sei er hinter der geschlossenen Gardine verschwunden gewesen, als der kleine, verrückte Ignaz auf den Zweigen eines Baumes, den er katzenhaft schnell erkletterte, seine bekannte Predigt von dem nahen Menschheitssonntag gehalten habe, die aber diesmal mit einer an Beschimpfung grenzenden Verunglimpfung des Grafen endete, den er nicht Schilling, sondern Silberling geheißen und mit Judas verglichen habe. Hier ließ Kammel in seiner Erzählung abermals eine Pause eintreten, weil er offenbar wider Willen in ernste Besinnlichkeit gerissen wurde. Er trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte und pfiff leise durch die Zähne, wie ein einfacher Mensch sich benimmt, wenn er vor undurchdringliche Lebensgeheimnisse gerät. Maechler störte ihn mit der Frage: »Was ist nun mit dem verrückten Ignaz eigentlich los?« aus dieser Verfangenheit. Der Wirt riß sich auf und sagte: »Wissen Sie, eben kommt mir das in die Quere! Der Ignaz, er heißt eigentlich Wildner, ist offenbar guter Leute Sohn. Wo er zu Hause ist, weiß niemand sicher. Die Leute sagen, er habe auf Geistlich studiert und sei kurz vor der Priesterweihe gewesen. Da kam das tolle Frühjahr und riß ihn aus dem heiligen Hause. Unvermutet, wie durch die Luft gefahren, erschien er in der Grafschaft Glatz, zog in dem Neurodener Bergwerksbezirk umher und wiegelte die Dörfer auf, bis es in Hausdorf losging. Ja, und sie haben toll gewirtschaftet, wie man hört. Wildner immer unter ihnen, nein, geradezu vorneweg. Als das Hexenkochen vorüber war und jeder sein Mäuseloch zum Verkriechen suchte, erwischten ihn die Gendarmen und schlugen ihn, bis er halbtot liegenblieb. Man mußte den Zerbeulten statt ins Gefängnis ins Krankenhaus stecken, und als er wieder zusammengepflastert war, zeigte sich, daß sein Verstand vollkommen zerschlagen war, und man ließ ihn als einen ungefährlichen Trottel laufen, weil er von seinem früheren Leben nichts mehr wußte. Nun irrt er im Lande herum, redet jeden Mann, dem er begegnet, als hohen Herrn an und erscheint jedes Jahr im Sommer hier in der Gegend. Da steigt er aufs Gebirge, um Gott näher zu sein, verbringt eine und die andere Nacht in den Latschen auf dem Kamm, betet und beschwört Gott, endlich die Welt von aller Ungerechtigkeit zu erlösen. Sehen Sie, dieses kleine, verwirrte Männchen wetterte also gestern abend aus dem Baume gegen den Grafen, den er geradezu einen Fürsten der gleißenden Finsternis nannte, bis voreilige liebedienerische Hitzköpfe sich daran machten, ihn aus dem Baum zu holen und gehörig zu stäupen. Die meisten aber lachten über sein Wahngequassel, und Neefe, mein Freund, nahm sich des Armen an auf eine Weise, daß Wildner, aufgefordert oder nicht, dem davongehenden Schlosser wie ein dankbares Hündchen hierher in den Grünen Baum folgte. Dort hinten hat er lange am Tisch gesessen, ohne ein Wort zu sprechen, wie abwesend, fast ohne Atem. Wissen Sie, mit unheimlich großen Augen, die er nicht einmal rührte, sah er fortwährend auf den Schlosser, der hier an dem Tisch im Kreis seiner Freunde saß und sich's wohl sein ließ. Und wie es zu gehen pflegt, als Neefe sich den Kopf heiß geleckt hatte, fing er an, einen um den anderen in der Runde zu hänseln, sogar den Gemeindevorsteher, weil er sich im Schloß am Jägertisch hatte bewirten lassen. Der aber, wie es seine Gewohnheit ist, ließ ruhig dämmernd und lächelnd alles an sich vorübergehen, bis er dem Schlosser ein Wort versetzte, das ihn ins tiefste Gekröse getroffen haben muß. Ich war gerade draußen und hab's nicht gehört. Als ich aber hereinkam, schrien alle durcheinander mit Ausnahme des Gemeindevorstehers, der still seinen Hut vom Rechen langte und unversehens verschwand. Jetzt aber ging es erst recht los. Dem Schlosser steckte die Bemerkung des Gemeindevorstehers, ich glaube, er hat von dem Schuß hinterm Schloß gesprochen, wie ein vergifteter Span im Halse, der heraus mußte, koste es, was es wolle. Der verrückte Wildner wurde aus dem Dunkel an den Tisch geholt und so lange bearbeitet, daß er endlich, der nur Milch und Wasser zu trinken pflegt, einen Schnaps nach dem anderen hinuntergoß. Plötzlich kam es über den Kleinen. Er sprang in die Mitte der Stube und begann seine Menschheitspredigt. Die Arme in die Luft gebreitet, redete er, bis er vor Schluchzen nicht mehr konnte. Aber der Schlosser war halt aus dem Häuschen, und wenn sich Ignaz kaum erholt hatte, wurde er von neuem angestachelt. Neefe ließ Wein kommen, und Wildner geriet in eine wahre Rednerwut. Alles bog sich vor Lachen. Der Verrückte wurde aber von einer Art Verzweiflung gepackt, kniete nieder und küßte inbrünstig die Diele. Dann erhob er sich und ging, steif wie eine Fahnenstange, auf den Schlosser zu, machte vor ihm halt, maß ihn lange mit seinen weiten, unheimlichen Augen, daß keiner vor Betroffenheit ein Wort zu sprechen wagte, und redete darauf halberloschen und todestraurig vom Fluch, der auf den Menschen laste. Unvermutet überschüttete er den Schlosser mit Beschimpfungen, die nicht enden wollten, nannte ihn Beutelschneider, Ehrabschneider, Wucherer, ein übertünchtes Grab, einen heimlichen Wolf und hielt ihm zuletzt, in fassungsloses Weinen ausbrechend, die Faust vor die Stirn. Was dann kam, ist kaum zu beschreiben, so schnell ging alles. Neefe brüllte wie ein Stier. Der Kleine quiekte. Die Stubentür flog auf, die Haustür, und ehe man recht atmen konnte, lag Wildner auf der Straße.« Kammel war mit seiner Erzählung am Ende. Sein anfängliches Prahlen hatte sich ganz verloren. Aber er raffte sich von seiner Betretenheit schnell auf, fuhr mit der Hand über den Tisch, als wische er Belangloses fort und sagte lachend: »Ja, Geschäft ist Geschäft! Was will man da machen? Man muß die Feste feiern, wie sie kommen. Die Zeiten sind schlecht, und wegen eines Verrückten geht der Wind.« Maechler war bleich geworden, erhob sich und sah ernst zu Boden. Dann richtete er sich unter einem tiefen, abschüttelnden Atemzuge auf und bewegte bitter lächelnd den Kopf: »ja, die Welt ... und die Menschen! Sie sind noch lange keine Wasserhühner«, sagte er dabei, ließ sich dann die Papiere geben und versprach, in einigen Stunden seine Sachen zu holen. Mit kaum hörbarem Gruß ging er an dem Wirt vorüber, der ihm fassungslos nachschaute, und schloß leise die Tür hinter sich. Neuntes Kapitel Der Freiheitssturm, der ganz Deutschland und Österreich, von Frankreich her entzündet, so erschüttert hatte, als sei er wirklich der Anbruch eines Menschenfrühlings, war kläglich zusammengebrochen. Man hatte sich für die europäische Freiheit begeistert und war, ungeregelt, nur vom schwärmerischen Tumult des Innern getrieben, über die Staatsgewalt hergefallen, in der man sich befand, und hatte sich angeschickt, sie zu zerschlagen, nicht, weil man Verwaltung und Verfassung genau kannte, die an Stelle der in Trümmer gegangenen Ordnung zu setzen war, sondern nur berauscht von den utopischen Feuergedanken eines allgemeinen Weltumsturzes. So sicher es ist, daß alle Revolutionen mit der Explosion dieser Flatterminen beginnen, so unabwendbar die Staaten und, nach dem Zusammenschluß aller Völker zu einem einzigen Ganzen, die Menschheit sich immer wieder anschicken werden, die selbstgeschmiedeten Ketten der Ordnung zu zerreißen, so geheimnisvoll ist doch die Ursache, aus der diese ewige Erdenunruhe stammt. Es ist das Menschenwesen, das, bei aller irdischen Gebundenheit und Bestimmtheit, getragen wird von kosmischer Unendlichkeit. Es läutet die ruhelose Glocke des Menschenherzens, es entwertet die tiefsten Einsichten des Verstandes endlich zu wertlosen Hieroglyphen und Wortfetischen, es fühlt sich in den erleuchtetsten Systemen der Weltanschauung zuletzt wie in einem engen Gefängnis. Und obwohl im Frankfurter Parlament die tiefsten, zukunftsreichsten Gedanken Ausdruck fanden, ging die tatsächliche Entwicklung an der Glut der besten deutschen Geister wie an dem Phantasiespiel verstiegener Doktrinäre vorüber. Denn wie der Intuitionsrausch das Genie nur wenige Augenblicke sein erhabenes Wesen in die unendliche Weite seligen Alleinseins und Allwissens zu heben vermag, um es dann trauriger als vorher in den engen Pferch seines bewußten Geistes und die unwürdige Winkelstadt seiner irdischen Tage fallen zu lassen: so vermögen auch Völker nur eine kurze Zeit in der unwirklichen Traumwelt zu leben, die aus der Tiefe ihres Wesens als der Anspruch eines göttlichen Rechtes aufsteigt. Bald lag die gleichmachende Heckenschere aus Frankfurt zerbrochen am Boden, und die Flügel der Reaktion waren nicht schwächer geworden, nachdem man sie gestutzt hatte, sondern sie schatteten mächtiger als vorher von der Memel bis zum Donnersberge. Die Barrikaden in Berlin hatten nichts genutzt. Wie zwecklos war die Spukreihe der Ministerien Hansemann, Auerswald, von Pfuel, Brandenburg und von Radowitz vorübergegangen. Umsonst hatte es in kurzem Aufstoß in den kleinsten Städten dumpf gezittert. Vergeblich waren Landräte vertrieben, Bürgermeister geprügelt und Polizisten ins Wasser gestoßen worden. Unter Manteuffel war die Kammer zu einer lächerlichen Farce und die zugestandene Verfassung in den geschickten Händen der Konservativen zum brauchbaren gesetzlichen Mittel geworden, das Freiheitsfieber überall auszurotten. Nach der Niederwerfung des Aufstandes fischte jedes kleine Fürstchen sein Hermelinjäckchen wieder aus der Lache, zu dem der brausende Strom des Umsturzes geworden war. Ja, jedes Gräflein, wie der Graf Schilling zu Wilkau, gebärdete sich wieder als von Gott gesetzter Souverän, vor dem das enttäuschte und geängstete Volk sich bedingungslos beugte. Die heiligen Rechte, für die es sich erhoben hatte, schienen vergessen. Statt ihrer schnappte man würdelos nach den kümmerlichen Brocken willkürlicher Huld wie nach himmlischen Geschenken einer unverdienten Gnade. Mit dem politischen Eifer war auch der wahrhaft patriotische Eifer verschwunden, dessen schönste und wahrhafte Auswirkung die Menschenwürde ist. An ihre Stelle war der Schorf der Loyalität getreten, eine Knechtsseligkeit, eine Art Geisteskrankheit der Kleinen und Kleinsten, die man als Schutzmittel gegen Schikanen und Verfolgung überall zur Schau stellte. Als die Revolution vorüber war, blieb eine Jugend zurück, die alt und kalt lebte, und ein Alter, das sich hitzig aufs Geldverdienen stürzte. Diese Gedanken und Überlegungen, die in Maechlers Geist allerdings nur mit den Bildern der Erfahrungen des eigenen Lebens vorüberzogen, beschäftigten, ja bestürmten den Gerber, während er nach dem Verlassen des Gasthauses zum Grünen Baum durch Wilkau ging, um sich den Ort bei Tage anzusehen. Und obwohl nun das Leben in gemächlicher Geschäftigkeit durch die Gäßchen, Steige und Straßen rieselte, daß das Gewirr der vielen Winkelzüge den Zauber weltferner Verwunschenheit erhielt, so konnte doch Maechler wegen des bitterlichen Tumults in seinem Innern nicht zu einem reinen Genuß dieser seligen Lebenströdelei kommen, vor allem auch deswegen, weil sie ihm nur als trügerischer Schimmer erschien, unter dem die bösen, verwilderten Grundkräfte ihr Wesen trieben, deren brutale Auswirkung er in der Tobsuchtsszene des Grünen Baumes erlebt hatte. Vergebens stand er auf dem Schloßplatze vor dem herrlichen Barockhaus des Grafen, umsonst suchte er den Kirchhof auf und betrachtete die bildgeschmückten Grabsteine der verstorbenen Angehörigen des Grafen Schilling. Das Lange Haus, die Badehäuser, der kleine Park, die wenigen gutgekleideten Badegäste, nichts war imstande, den stiermäßigen Wutschrei des Schlossers Neefe und das schmerzlich-schluchzende Singreden des irren Ignaz Wildner zu verscheuchen, das sich durch die nachtfinstere Gasse ins Feld verloren hatte, und wenn er zu dem Gebirge aufschaute, das immer noch dunkel und wetterunheimlich sich hoch in einem angegrauten und doch grell drohenden Himmel fortschwang, so konnte er nicht verhindern, daß ihn auch noch die Erinnerung an den finsteren Liebeskampf mit der dämonischen Paula in der Bradlerbaude wieder überfiel. Wie im Traum heut nacht war es ihm, daß dieses hölzerne, mänadische Wesen mit den gestanzten Augen sein Leben mit Schatten ummauerte. Wie es geschah, wußte er nicht. Er fand sich nach einiger Zeit wieder am Ufer eines der Grandorfer Teiche sitzen und über den regungslosen Spiegel des Wassers blicken. Unvermutet brach die Sonne durch den grauen Wetterdunst, und auf Augenblicke leuchtete der Teich in einem strahlenden Blau, als sei er ein weites Tor, durch das der Himmel sich segnend in das Innere der Erde stürzte. Maechler sprang auf, schüttelte die Verfinsterungen ab und ging erleichtert nach Wilkau zurück, um sein Reiseränzlein aus dem Gasthaus zu holen und dann unverzüglich in der Richtung nach Lauban weiterzuwandern, in dessen Nähe Gerlachsheim, sein Heimatdorf, lag. Denn dieser Himmelseinbruch auf die Erde, den er eben in dem blauen Aufleuchten des Teiches erlebt hatte, wirkte sich in dem unruhigen, veränderlichen Gemüte Maechlers als immer klarere Überzeugung aus, nur auf dem Boden seiner engeren Heimat werde ihm ein fruchtbares Leben gelingen. Er wollte nur noch bei dem einzigen Gerber, den es in Wilkau gab, aufs Geschenk gehen, weil er den kleinen Zehrpfennig bei seiner geringen Barschaft wohl gebrauchen konnte. Maechler geriet bei seinem Rückweg in ein Steiggewirr, das ihn am Heidewasser hin auf einem kleinen Umweg durch eine Gasse Scherichsdorfs führte, mit der dieser Nachbarort Wilkaus fast in das kleine Wuselstädtchen hineingriff und da und dort sich so mit ihm verfilzte, daß die beiden Gemeindewesen kaum voneinander zu scheiden waren. Bald stand er auf der Sandbrücke, durch die Seherichsdorf und Wilkau verbunden waren, und erkannte in ihr den Bohlenübergang wieder, an dessen Geländer er gestern nacht gelehnt hatte, nachdem er zwecklos dem Manne und dem Mädchen ein Stückchen in müßiger Neugier gefolgt war. Ja, wirklich, und da strich ja die Zeile der einstöckigen Häuser mit den schmalen Vorgartenstreifen hin, worin die beiden verschwunden waren. Es mußte das dritte oder vierte sein, dessen Zauntürchen hinter ihnen klirrend in die Haspe geschnappt war. Im Einbiegen in die einzeilige Gasse las er an dem Eckhäuschen, einer kleinen Schenke, auf einem fast erloschenen Schildchen »Feldgasse«, den Namen dieses kurzen Gassenstrichs, und erinnerte sich aus der Erzählung des Wirtes zum Grünen Baum, daß hier der einzige Gerber Wilkaus wohne. Zugleich aber hörte er in sich das kindhafte und zugleich rätselhafte Lachen des Mädchens klingen, das der Grund gewesen war, ein paar Häuserbreiten hinter ihm herzugehen. Belustigt über diese Fügung trödelte Maechler das Gäßlein hin, und es dauerte auch nicht lange, so hatte er den Lohgeruch in der Nase, und noch ein paar Schritte weiter stand er auch schon in der Nähe eines Hauses, das weitläufiger und geräumiger als die anderen, an der Wand eines etwas vorgebauten Frontspießes ein Schild mit der Aufschrift: Paul Wennrich, Gerberei und Lederausschnitt, trug. Aber von Handwerksbetrieb war diesem fast übertrieben sauberen Hause mit Geranien und Fuchsien vor allen Fenstern nicht das geringste anzumerken. In der friedlichen Lautlosigkeit glich es eher der Wohnung eines kleinen Rentners. Maechler wollte eben über die Gasse gehen, um sich zu überzeugen, ob dort der Werkplatz angelegt sei, als er von dem Anruf einer männlichen Stimme getroffen wurde, die nach den ersten Worten schon in einem alten Husten unterging. So trat er vollends an das Zaunpförtchen heran und sah unter dem vorgebauten Frontspieß, der auf zwei Holzsäulen ruhte, den Mann sitzen, der ihn gestern bei dem kurzen Streit mit dem Schlosser Neefe auf dem Schloßplatz so verzehrend leidenschaftlich angestarrt hatte. Ja, es war dasselbe halbverfallene Gesicht mit der hohen, kastenartigen Stirn und dem fast ergrauten, kurzen Vollbart. Nur die Augen, die ihn gestern groß und flackernd angestarrt hatten, blickten jetzt müde, in einer Art mißvergnügter Güte, als seien sie durch eine gramvolle Nacht in beginnendes Erlöschen getaucht worden. Der Gruß Maechlers wurde von dem Manne gütig-leidend erwidert, mehr durch ein Kopfnicken als durch Worte und einen kleinen Versuch, sich von der Bank zu erheben, den er indes bald aufgab. Allein es war wohl zu bemerken, daß er mit Wohlgefallen die freie, feste Art betrachtete, in der Maechler durch das Vorgärtchen und die beiden Stufen sich zu ihm bewegte. Und nun stand er vor Wennrich, sagte die alte Begrüßung, die mit dem Segensspruch des Handwerks beginnt, und daran schloß sich die Bitte um ein Geschenk. Dann reichte er ihm seine Papiere. Wennrich nahm sie mit unsicherer Hand entgegen und prüfte sie eingehend. Nachdem er, ohne aufzusehen oder ein Wort zu sprechen, mit der Durchsicht zu Ende gekommen war, hielt er sie eine Weile in der herabgesunkenen Hand auf den Knien. »Hm, hm, weit herumgekommen«, sagte er dann sinnend zu sich und lächelte dabei, wie es Maechler schien, ein wenig abschätzig. Der aber betrachtete von oben her das schüttere, fast gebleichte Haar seines Kopfes, die beiden Muskelstränge des langen, mageren Halses, die ausgezehrten Arbeitshände und dachte im Anblick dieser Verfallszeichen, ob das wohl der Mann sei, von dem der Wirt des Grünen Baumes erzählt hatte, daß er vierzehn Tage wegen der Explosion hinterm Schloß im Gefängnis gehalten worden war, die heute noch viele dem Schlosser Neefe zuschrieben. Als sei Wennrich von diesem Gedanken getroffen worden, richtete er sich auf, und in seinen Augen glomm ein dunkler Glanz. So betrachtete er Maechler aufmerksam und wartete offenbar auf eine Antwort. Als diese ausblieb, sagte er, wieder in seine gütige Müdigkeit verfallend: »Jaja. Solange man wandert, geht die Hoffnung vor einem her und das Schlimme bleibt hinten und wird endlich vergessen. Wenn man sitzen muß, kommt es über uns. Was ist da zu machen?« Dann griff er in die Tasche, zog aber die Hand zurück, rückte auf der Bank hin und lud Maechler zum Sitzen ein. »Auch in Würzburg waren Sie? Eine schöne Stadt. Ich habe da ein Jahr in der Gerberei Mindner gearbeitet«, sagte er dann wieder mit dem zerdrückten Lächeln, das während der Unterhaltung, die nun begann, ihn immer überfiel und merkwürdigerweise gerade an Stellen, die Heiteres oder Erfreuliches streiften. Es ergab sich, daß es ihn ebenfalls durch Mitteldeutschland und einen Teil Süddeutschlands geführt hatte. Maechler verschwieg seine Teilnahme an der Revolution, und auch Wennrich berührte mit keinem Wort die Unruhen, von denen Deutschland jahrelang bis zu den Grundfesten erschüttert worden war. Die beiden reisten plaudernd in der Welt umher, und Maechler spürte wohl, wie er von dem kränklichen Meister klug und vorsichtig über Charakter und handwerkliche Tüchtigkeit ausgeholt wurde. Drinnen im Hause wurde dann und wann die eine oder andere Tür leise geöffnet und geschlossen. Schwebende, ruhige Schritte gingen auf und zu, und wenn sie sich der geschlossenen Haustür näherten, hob Wennrich den Kopf und unterbrach die Unterhaltung. Nachdem das einige Male sich ereignet hatte und doch nicht geschah, worauf Wennrich offenbar wartete, daß nämlich die Person in dem Hause zu ihm heraustrete, beendete der Meister die Unterhaltung und fragte Maechler geradezu nach den näheren Umständen seiner Herkunft, seinem Wanderziel und seinen Absichten. Maechler brachte es nicht über sich, seiner Abneigung gegen Wilkau Ausdruck zu geben, und sprach von dem Vorsatz, sein Heimatdorf aufzusuchen, wie von einem spielerischen Einfall. Allein bei einigen Wendungen, die ihm trotz besten Willens zur Mäßigung entfuhren, wurde Wennrich in einem Maße aufmerksam, das Maechler fast bestürzte, denn kaum hatte er davon gesprochen, im »Grünen Baum« über Nacht geblieben zu sein, legte er die Papiere, die während der ganzen Unterhaltung spielend von der einen in die andere Hand geglitten waren, mit einem Stoß neben sich, und seine Augen flackerten so starr auf wie gestern abend. Maechler erschrak über die Erbitterung, die den Mann plötzlich packte. Sein Gesicht bekam einen gelblichen Ton. Der Mund sog die Lippen ein, und der Atem ging in kleinen asthmatischen Stößen. »So, im ›Grünen Baum‹ haben Sie übernachtet?« fragte er, nachdem er sich mühsam, wie von einem unvermuteten Schlage, erholt hatte. Es sollte beiläufig klingen und war doch fast ein Aufschrei der Verachtung. Ehe Maechler zu einer Erklärung kommen konnte, wurde die Haustür geöffnet, und ein blondes, hochwüchsiges Mädchen stand auf der Schwelle. Ihr Busen wogte noch von der Eile, mit der sie herangesprungen war. Sie selbst aber stand gefaßt und schaute fragend und ruhig aus großen, graugrünen Augen von einem auf den anderen. »Gott sei Dank, daß du kommst, Lotte«, sagte Wennrich mit abgeschlagener Stimme. Das Mädchen trat herzu und legte begütigend die Hand auf die Schulter ihres Vaters, beugte sich ein wenig zu ihm und fragte begütigend: »Was gibt es denn nun wieder?« Anstatt zu antworten, nahm Wennrich ihre Hand unwirsch von seiner Achsel und fragte, auf Maechler deutend: »Ist das nicht derselbe Mann, der gestern abend dem, dem, dem ...« Vor offenbarem Ekel mußte er eine Pause machen ... »nein, dem lieben Neefe die Wahrheit gesagt hat?« Lotte musterte Maechler, der aufgestanden war, mit stillem, verschleiertem Blick, wandte sich dann lachend an den Alten und sagte fröhlich: »Ja, ich glaub' schon. Aber da ist doch weiter nichts dabei. Das heißt«, damit sah sie Maechler fragend an. »wenn der Herr nicht anderer Meinung ist.« Ehe Maechler etwas erwidern konnte, brach es aus Wennrich schon wieder bitter hervor: »Da liegt eben der Hund. Er ist – Gott, wir sind alle Menschen –, er ist bei dem sauberen Kammel über Nacht gewesen und ist doch ein honetter, braver Mann, Papiere über alles gut, aus einer uralten Gerberfamilie, kommt aufs Geschenk, und nun, da ich ihn einstellen will, ist er unter dem Dach eines Judas gewesen.« Das sagte der Gerbermeister immer leiser und leiser, immer verlorener in sich hinein, wie Verlaufene vor dem Einschlafen von der Unabwendbarkeit ihres Schicksals sprechen, und Lotte winkte Maechler, der sprechen wollte, bittend mit den Augen, den Gramvollen zu schonen. Er nickte verstehend, langte sich lautlos den Stock von der Bank, streckte dem vor sich hin schauenden Wennrich die Hand zum Abschied hin mit den ergriffenen Worten: »Nun, nichts für ungut, Herr Meister, Sie können mir glauben, daß ich Ihnen nicht wehtun wollte. Ich kann wirklich nicht dafür. Leben Sie wohl.« Aber Wennrich sah erst fassungslos auf die dargebotene Rechte, ohne sie zu ergreifen, und dann maß er ratlos und traurig den vor ihm Stehenden. »Das ist eine Welt!« sagte er darauf, zu seiner Tochter aufblickend. »Verstehst du das, Lotte? Ich nicht. Herrgott noch mal, Maechler, Sie gefallen mir. Ich hab' Ihnen das doch deutlich genug gesagt, und wenn es Ihnen paßt, sollen Sie bei mir bleiben und in dem Krempel kutschieren, der ein wenig drunter und drüber geraten ist. Meine Wut gegen den Schlosser und den Gastwirt, die mir Gott verzeihen möge, galt nicht Ihnen, meiner Seele, nein, hier haben Sie meine Hand drauf.« Er riß die Rechte Maechlers mit beiden Händen an sich und schüttelte sie ergriffen. »Soll ich, Lotte?« fragte er im Schwünge der Erschütterung seine Tochter. Das Mädchen bewegte ernst und verneinend den Kopf und fuhr beruhigend über sein Haar. »Na, dann später«, sagte Wennrich, »aber so viel sollen Sie, Maechler, wissen, daß mir die beiden – Herren – nein, Hunde nicht –, daß mir die beiden, pfui, einen Handel aufgeladen haben, eine Schweinerei, die mir fast den ganzen Nerben meines Lebensleders gekostet hat. Aber ich komme schon wieder herauf. Nein, nein, laßt gut sein. Und nun werden Sie mit uns zu Mittag essen. Da können wir in Ruhe das andere bereden.« Auf diese Wendung nicht gefaßt, griff Maechler fester um die Krücke des Stockes und sah fragend zu Lotte hinüber, die erblaßt war und mit den Tränen kämpfte. Auf seinen Blick schloß sie nur die Augen, und ein spärlicher Tropfen rann über ihre Wangen. Da flog ein leiser Nebel um Maechler. »Gut, ich danke Ihnen, Meister, es soll so sein«, sagte er entschlossen, und die drei gingen dann ins Haus. Zehntes Kapitel Auf diese ungewöhnliche Art vollzog sich die Einstellung Maechlers als Gesell bei dem Gerber, denn während des einfachen Mittagsmahles in der großen niedrigen, etwas schummerigen Stube, die zugleich Küche war, wurden alle Bedingungen besprochen, unter denen Maechler seine neue Stelle übernahm. Er erhielt einen Taler zehn Silbergroschen Wochenlohn und als Schlafraum eine Giebelkammer, die mit ihren Winden aus gespundeten Brettern wie eine Bodenstube wirkte, deren Behagen noch durch eine Kommode, einen kleinen primitiven Tisch und einen Holzschemel betont wurde und Maechler eine Unterkunft bot, wie er sie noch an keiner Arbeitsstelle gefunden hatte. Während des Essens saß der Meister noch lange wie in einer Wolke von Bekümmernis und Sorge, gegen die er sich durch gütige Worte und ein liebevolles Auftauchen seines Gemütes vergeblich wehrte, so daß Maechler mit Erzählungen aus der vielfältigen Geschichte seiner Familie über die taube Stille hinweghelfen mußte, die an dem Hause, trotz der behaglichen, wohlgeordneten Bürgerlichkeit, wie eine geheime, schleichende Krankheit zehrte. Als er an den Bericht über den Grünen Baum geriet, zuckte es wieder in dem Gesicht Wennrichs auf, und ein mahnender Blick aus den Augen der ihm gegenübersitzenden Lotte bestimmte ihn, von dem wilden Geschehen in dem Gasthaus als einer albernen, verrückten Sauferei zu sprechen, von der er in seiner Kammer nicht viel gespürt habe, bis auf den Singsang, mit dem ein Hinausgeworfener sich auf der Gasse verloren habe. Dann wurde er auf den Werkplatz am Zacken geführt, dessen kümmerliche Verwahrlosung ihn erschreckte, und zuletzt zeigte man ihm noch den ziemlich geräumigen Garten hinter dem Hause, der mit einigen wohlgepflegten Blumenbeeten begann, aber hinter einer verwichtelten Strauchwelle in einem Durcheinander von Obstbäumen endete, um die sich offenbar seit Jahren niemand gekümmert hatte. Gegen Abend verließ Maechler das Haus, um seine Sachen aus dem Gasthaus zu holen, wo er sich verabschiedete, ohne von seiner Einstellung in Wilkau zu sprechen. Das Felleisen mit dem Kotzenmantel über der Achsel, den Eichenheister in der Hand, trödelte er gaßauf und -ab durch Wilkau, aber jetzt mit dem Behagen eines Landfahrers, auf den ein sicheres Dach wartet. Der Himmel war wohl noch wetterverhangen, aber das Drohen, das nicht zur Entladung gekommen war, lag nun in erschöpften, unentschiedenen Wolken in der Höhe, und das Gebirge wurde von einem silberweißen Schleier vollkommen verhüllt. In diesem milchigen Dunkel wachte das Abendgeläut der beiden Kirchen auf und klang wie der Zwiegesang zweier Menschen, die mit zusammengebissenen Zähnen aufeinander einsummen. Da bog Maechler an der Sandbrücke von der Rehberger Straße in die Feldgasse ein und ging auf sein neues Heim zu, das er wider Willen gefunden hatte und dem er in einer Benommenheit sich verpflichtet hatte, die ihn noch jetzt wie der silberweiße Schleier erfüllte, hinter dem verborgen ein unsichtbares Gebirge wogte. Er lächelte unmerklich in sich hinein, während er durch das schmale Vorgärtlein schritt und über die drei Stufen das Plätzchen unter dem Vorbau betrat, weil das kunterbunte Leben ihn auf unbegreifliche Weise in dieses verwunschene Haus undurchsichtiger, verhängnisvoller Schatten geführt hatte, indes doch sein ernster Sinn auf die Errichtung eines klaren, übersichtlichen Daseins stand. Aber, wer weiß, wozu es gut ist, und für lange blieb er wohl nicht. Mit diesem Gedanken klinkte er die Haustür auf und stand bald darauf mit dem lachenden Ausruf in der großen Wohnküche: »So, da bin ich! Guten Abend!« Der Tisch war schon gedeckt. Wennrich bastelte an der Öllampe herum, um sie zu entzünden. Lotte ging in der Vorbereitung der Mahlzeit geschäftig auf und zu. Beide erwiderten seinen Gruß leise, ohne sich in ihren Hantierungen stören zu lassen, als sei er ein alter Bekannter. Er legte sein Felleisen neben den Uhrkasten an der Tür und stellte den Stock dazu. Sobald sie aber in dem stumpfrötlichen Lichtkreise der Öllampe saßen, wurde Maechler von dem Meister mit herzlichem Handschlag willkommen geheißen und gebeten, sich an seinem Gehabe nicht zu stoßen, denn er spüre, daß das dunkle Schattenreiten ihn am längsten gequält habe. Irgendwie sei mit Maechlers Eintritt von draußen, aus der Welt, eine Tür aufgestoßen worden, und der frische Wind, der nun hereindringe, werde wohl das Finstere aus allen Winkeln treiben. Was an ihm liege, solle getreulich geschehen, daß er sich nicht als Fremder, sondern, wenn Gott wolle, als Sohn fühle. »Denn, wissen Sie, Maechler, ich habe einen Sohn gehabt und eine Frau, und alles war Sonne und Wohlbehagen hier in diesem verdunkelten Hause, in dem nun Lotte das einzige Licht ist. Also noch mal gut Glück, guten Willen und Segen zum Anfang.« Er langte noch einmal herzlich nach Maechlers Hand, und auch Lotte war im Begriff, ihm die Rechte entgegenzustrecken, kam damit aber nicht weiter als bis in die Mitte des Tisches, errötete, rückte an dem Salznäpfchen und sagte einige befangene Worte. Darauf betete man nach katholischer Art und glitt in ein Gespräch über den handwerklichen Betrieb, aus dem Maechler erkannte, wie weit Wennrich von dem Unglück, das ihn getroffen hatte, beiseite geschoben worden war, und daß nicht er, sondern Lotte die Seele auch des kümmerlichen Betriebes bildete, der noch aus- und einsickerte. Er verwunderte sich über ihre klare und kluge Einsicht, der sie ohne Eitelkeit und Prahlerei Ausdruck gab, und fand ihre Zustimmung in der Überzeugung, daß unbedingt der Werkplatz von dem Ufer des Heidewassers wegverlegt werden müsse, daß auch an die Errichtung eines Trockenschuppens für Häute und Felle ehestens herangegangen werden müsse. Unaufdringlich wußte das Mädchen die Unterhaltung zu leiten und zu verhindern, daß ihr Vater sich an sein unterirdisches Minieren verlor, und Maechler unterstützte sie taktvoll und klug in diesem Bestreben. Als gegen das Ende hin der Disput sich an der Frage ein wenig erhitzte, wohin denn dann Werkplatz und Schuppen placiert werden müßten, geriet der Meister in einen immer heftigeren Unwillen über die Revolution, »diesen Unfug der dummen und prahlerischen Schreihälse und gottvergessenen Halunken«, die das ganze Leben unterwühlt hätten und auch schuld an dem Niedergang seines Betriebes wären, der vordem zu den besten und ertragreichsten des ganzen Kreises Rehberg gehört hätte. Noch ein Schritt, und er stürzte kopfüber in die alte Fallgrube des erbittertsten Grames. Da aber griff Maechler energisch ein und schob den entgleisenden Wagen des Gesprächs dadurch auf einen höheren, abseitigen Weg, daß er den Anklagen Wennrichs zwar vollkommen recht gab, den erloschenen Aufruhr aber doch nicht ganz verurteilte, sondern ihn aus dem ewig berechtigten Zorn der Menschen herleitete, sich gegen Willkür, Plackerei und Unterdrückung zu wehren. »Freiheit«, rief er, zuletzt selbst in Erregung geraten, aus, »Freiheit, jawohl; aber zuerst im Menschen selber. Recht, jawohl, aber zuerst Recht tun gegen uns und andere. Bessere Zeiten, jawohl, aber nicht anders als durch Tüchtigkeit und Redlichkeit. So soll es sein, Meister, und so will ich sein für Sie und für mich. Denn das wissen wir beide, wenn eine schlechte Haut besser werden soll, so zerschneidet man sie nicht, sondern macht behutsam das Aas heraus. Die Revolutionsesel aber haben die Haut kreuz und quer durchschnitten und sich um das Aas nicht gekümmert. Das wird in Wilkau so gewesen sein, wie es überall war. Kopf hoch, Meister, wir machen es anders, und es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn es nicht gelingen sollte. Und nun: Gute Nacht!« Er sprang auf, daß der Stuhl von seinen gestrafften Beinen polternd zurückgeschoben wurde. Lotte sah verwundert auf ihn, der so überraschend aus Wortkargheit und umsichtiger Zurückhaltung in solches Stürmen gerissen worden war. Ihre graugrünen Augen, auf deren Grunde ein unaussprechlicher Schleier flimmerte, betrachteten ihn in einer Art furchtsamen Staunens. »Sie haben recht, Maechler, ganz recht«, sagte sie in ergriffener Versunkenheit, nahm den Rock behutsam zusammen, indem sie sich vorsichtig erhob, und es schien, daß sie auf ihn zukommen wollte. Doch tat sie nur ein paar aufgelöste Schritte. Dann trat sie an die Uhr und zog sie auf. Wennrich achtete auf das rätselhafte Spiel zwischen den beiden nicht, sondern saß mit eingezogenem Kopf an seinem Platz und starrte weiten Auges vor sich hin. Beim Schnarren der Gewichtsketten fuhr er auf und sagte zu Maechler mit rauher Stimme, wie sie Abgetriebenen eigen ist: »Das ist klar, jawohl – jawohl.« Dann erhob er sich von seinem Stuhl und ging, immer wieder mit dem Kopfe nickend, in der Stube unentschlossen hin. Maechler stand betreten über die unbegreifliche Wirkung seiner kleinen Rede und wußte nicht, wie er aus dieser beladenen Wendung heraussteuern sollte. Auch Lotte bewegte sich nicht. Sie war an den Ofen getreten und sah aus dem Dunkel zu ihm hin. Da faßte er sich endlich, schob den Stuhl unter den Tisch und sagte: »Na ja, es ist Zeit, schlafen zu gehen.« Anstatt ihm beizustimmen, gab Wennrich seinen zwecklosen Stubenwandel auf, langte sich seine Mütze von der Kommode und rief in bitterer Heiterkeit: »Bei mir noch nicht, und Lotte hat auch Ihnen noch einiges zu sagen, was sie besser kann als ich. Ich geh' eine Weile auf die Bank hinaus und laß mir Ihre Worte durch den Kopf laufen. Also gute Nacht, wenn wir uns nicht mehr sehen sollten. Lotte zeigt Ihnen alles.« Damit war er draußen. Man hörte ihn vorsichtig durch den Flur tappen. Dann ging die Haustür und schnappte ein. Kaum war dies geschehen, so kam Lotte, nun wieder mit ihren ruhigen, langschwebenden Schritten, an den Tisch und räumte das Geschirr ab, ohne zu sprechen oder ihn anzusehen. Dann ließ sie sich auf ihren Stuhl nieder und lud Maechler ein, ihr gegenüber Platz zu nehmen. Sie war gefaßt, kühl und fern. Ohne an das eben Geschehene anzuknüpfen, sprach sie sachlich über die Ordnung und Gepflogenheit des Hauses, über die Arbeit der nächsten Tage, erkundigte sich, wie er es mit der Wäsche halten wolle und ob er noch mehr Sachen habe, als die in seinem Felleisen. Es war eine vollkommene Veränderung mit dem Mädchen vorgegangen, daß jenes Wesen, dessen aufreizendes Lachen in der Nacht ihn angezogen hatte, und jenes, das vor ein paar Minuten, von leichtem Taumel erfaßt, einige Schritte auf ihn zugegangen war, nicht derselbe Mensch zu sein scheint, der vor ihm saß, ein wenig herrisch in die Schulter gereckt, und ruhig auf ihre Hände sprach, die, bequem gefaltet, auf dem Tische lagen. Nur wenn sie von Zeit zu Zeit ihn voll ansah, flimmerte ein rätselhafter Schleier über die tiefen Augen, der ihren Blick gütig und grausam, furchtsam und verlockend zugleich machte. Maechler wurde immer unsicherer, gab karge Antworten und fühlte sich an die Wand der Bedienten gedrückt. Wozu dieses Weiberspiel? sann er, während er kurz dies und das bemerkte und sogar einige Male an die Tischkante griff, als wolle er sich erheben. Als Lotte das bemerkte, flog ein Lächeln über ihr Gesicht, das wie ein Schatten aussah. »Gewiß, Maechler«, sagte sie nach einem Stocken, »ich gebe Ihnen gleich das Licht; ich weiß auch oder kann mir vielmehr denken, daß Ihnen das Leben in unserem Hause nicht lange gefallen wird.« Maechler unterbrach sie, deren Stimme einen bittenden Klang angenommen hatte, mit dem Ausruf: »Aber Fräulein Lotte! Hätt' ich dann so sprechen können, wie ich es vorhin getan habe?« »Ach, Gott, ja«, erwiderte sie und strich sich bei geschlossenen Augen die welligen Blondhaare hinter die Ohren. So verharrte sie zögernd eine Weile und schüttelte jäh diesen neuen Überfall der Auflösung ab. »Nun gut, freilich. Ich will Ihnen glauben. Schön. Aber eben deswegen«, mit diesen hervorgestoßenen Worten rang sie um völlige Gefaßtheit und fuhr dann, wieder auf ihre gefalteten Hände blickend, fort: »Sie haben heut von Vater verschiedenes gehört und eher ja, wie nein, ist Ihnen im Grünen Baum dies und jenes ins Ohr geblasen worden, was meinen Vater betrifft.« Maechler blickte erstaunt auf. »Jaja«, sagte sie lächelnd, »ich weiß, daß es nicht nur eine verrückte Sauferei gewesen ist, wie Sie es, Gott sei Dank, dem Vater hingestellt haben. Seit heute morgen läuft es durch Wilkau, daß dieser entsetzliche Schlosser Neefe wieder eines seiner wilden Stücke gespielt hat. Der Gemeindevorsteher Schlicker war da, der verrückte Ignaz, aus Schweidnitz einer und der brave Kammel natürlich auch. Aber ich will nicht, daß Sie aus dem Gerede der Leute von dem Geschick erfahren, das meinen armen Vater fast zerstört hat. Ich habe alles miterlebt. Sie sind in unserem Hause und sollen von mir hören, wie es sich ereignet hat. Sie können mir glauben oder nicht. Das steht bei Ihnen, und wenn es notwendig ist, müssen Sie morgen früh eben wieder davongehen.« Jedoch unvermutet riß sie ihre Worte wieder abermals ab, stemmte sich mit steifen Armen vom Tisch, daß ihr Stuhl nur auf den hinteren Beinen stand und sah unverwandt vor sich hin, finster, erbittert, mit dunklen Augen und zusammengepreßtem Munde, offenbar, weil sie von der Scham wieder stärker gepackt wurde, vor einem Fremden Heimlichstes ihrer Familie preiszugeben. Aber, wie von einer Faust in den Rücken gestoßen, gab sie den Kampf auf, ließ sich mit einem Ruck an den Tisch gleiten und begann die Erzählung. Ihr Vater war vor dreißig Jahren als Handwerksbursch nach Wilkau gekommen und hatte hier in dem Hause des Großvaters Arbeit genommen. Wegen seiner thüringischen Heiterkeit wurde er bald ein beliebter Genosse der gleichaltrigen Männer des Ortes, und seine fröhliche, nie ermüdende Tüchtigkeit machte ihn nicht nur dem Meister, sondern dem ganzen Hause unentbehrlich. Das Geschäft des etwas schwer und lässig gewordenen Großvaters geriet in Schwung, und zwischen dem heiteren Gesellen und der einzigen Tochter wurde der Weg, auf dem die Herzen wandeln, kürzer und kürzer, so daß es den beiden und der Jugend von Wilkau nicht verborgen bleiben konnte, daß die Heiratsglocken zwar noch leise, ferne und undeutlich, aber doch vernehmlich über dem Hause auf der Feldgasse zu summen begonnen hatten. Manch einer der jungen Burschen; der vergeblich mit verliebten Augenrädern um das schöne, vermögende Mädchen gestrichen war, kaute nun an verbitterten Worten gegen den Begünstigten und schob ihm, wo es sich immer tun ließ, einen Kloben vor die Füße. Nur einer, der Sohn des Schlossers Neefe, machte eine Ausnahme. Hatte er sich vorher von ihrem Vater scheeläugig, ja direkt feindselig ferngehalten, so flog er ihm nun förmlich in die Arme. Ja, je inniger das Verhältnis der beiden Liebesleute wurde, desto brüderlicher hing sich der bisherige Hämling von Schlosser an ihren Vater, schmuggelte sich in das Gerberhaus, saß fast jeden Abend hier herum und troff von Liebenswürdigkeit und Hingabe, als werde er von der seligen Verwandlung der beiden immer weiter und tiefer selbst in eine Verklärung seines Wesens gehoben. Ihr Vater wandelte in der Sonne und merkte nicht, daß das treuherzige Mitglück des neugewonnenen Freundes nur die Maske eines heimlichen zu allem entschlossenen Rivalen sei, ja, er verwunderte sich über die zunehmende Kühle seiner Braut gegen den liebedienerischen Schlosser. Eines Abends fiel das Lügengebäude des Schleichers zusammen. Das schöne, stolze Mädchen war mit dem Schlosser zu den Blumenbeeten hinter dem Hause gegangen, weil ihr Vater noch eine Schreibarbeit zu beenden hatte. Großvater und Großmutter saßen mit am Tisch. Plötzlich stürzte das Mädchen bleich und zitternd ins Zimmer und warf voller Empörung die Tür hinter sich zu. Der Schlosser war in der heimlichen Stille des dunklen Gartens von seiner unterdrückten Liebesraserei gepackt worden, daß er sich zuletzt zu tätlichen Vertraulichkeiten hatte hinreißen lassen. Mit einem Schlag ins Gesicht hatte das Mädchen sich des eklen Brünstlings erwehrt und lag nun, mit großen, entsetzten Augen über sich starrend, auf dem Sofa, wohin sie die Großmutter geleitet hatte. Ihr Vater sprang auf, durchsuchte den Garten, lief die Feldgasse hin, rannte in halb Wilkau herum und kehrte endlich abgetrieben heim, ohne eine Spur des schurkischen Freundes gefunden zu haben. Er blieb auch lange Monate, über ein Jahr, verschwunden. Wie seine Eltern verbreiteten, war er von dem unvermuteten Tode seiner Tante nach Oberschlesien genötigt worden, wo er dann in einer dortigen Grubenschlosserei eine gut bezahlte Stelle erhalten hatte. Um das Mädchen nicht dem Anwurf böswilliger Lästermäuler auszusetzen, drang aus dem Gerberhause nicht eine Silbe über diese treulose Niedertracht in die Öffentlichkeit. Aber dieser Faustschlag ins Gesicht des Erbärmlichen war die Ursache der nie aussetzenden Ränke, mit denen Neefe dem Gerber aus dem Hinterhalt beschwerlich fiel. Diese verborgene Züchtigung hat den Schlosser letzten Endes auch zu der Schurkerei getrieben, die das Glück des Wennrichschen Hauses bis in die Grundfesten erschütterte. – Nicht lange nach dem Verschwinden Neefes heirateten ihre Eltern. Ein Jahr später erschien Neefe mit einem merkwürdigen Weibswesen am Arm, die er sich von dort unten aus dem Kreise Pleß als Frau mitgebracht hatte. Von Anfang an verbarg er sie richtig vor den Leuten, denn sie sollte unförmig, schiefhüftig und von einer Menschenscheu behaftet sein, die fast an Blödheit grenzt, sagte man. Aber mit dem Reichtum, den sie ihm mitgebracht hatte, hielt er nicht hinter dem Berge. Nicht, daß er sonderlich damit geprahlt hätte. Denn dazumal war er ein zäher, verschlossener Mann. Allein seine Sparsamkeit, die ihm von seinem armen Vater her im Blut steckte, artete bald in Geldgier und Geiz aus. Er begnügte sich nicht damit, sein Haus zu erweitern und sein Geschäft zu vergrößern, sondern begann bald, Geld auf Zinsen auszuleihen, die nahezu an Wucher grenzten. In dem Maße, wie die Zahl derer wuchs, deren Existenz von ihm abhing, nicht nur hier, sondern in der ganzen Umgebung, fing er an, sich in alles hineinzumischen und an allem herumzumäkeln, nicht offen, sondern seinem Wesen entsprechend böse und verschlagen, mit der Miene des Biedermannes und dem Herzen eines durchtriebenen Schurken. So zermürbte er seine ganze Umgebung und schuf sich ein Ansehen in Wilkau, über dessen Wert er sich vielleicht allein täuschte. Denn die Liebedienerei der Armen hielt er wohl für Verehrung, die Zurückhaltung der Besonnenen für Hochachtung, die Gegnerschaft der Rechtlichen für Neid und die Furcht der Schwachen für stille Anerkennung. Es konnte nicht fehlen, daß er zum Kirchenältesten der evangelischen Gemeinde und zum Schöffen der Ortsverwaltung berufen wurde. Nur den Grafen Schilling vermochte er nicht zu gewinnen. Sein Schloß blieb ihm verrammelt. Durch keine List und unterwürfige Schleicherei vermochte er sich einen Arbeitsauftrag der großen Verwaltung zu ergattern, nicht weil der Graf katholisch ist, sondern weil ihm der Charakter dieses heuchlerischen, gierigen Menschen verhaßt war. Wennrich kümmerte sich um dies versteckte, rastlose Treiben seiner Bosheit gar nicht. Er lebte in unbestechlicher Rechtlichkeit seinem Handwerk, in Liebe und Eintracht seiner Familie und widmete sich in reinem Ernst dem Dienst mancher Ehrenämter, die man ihm aufgedrungen hatte. Mochte es durch die Klatschgassen laufen, daß seine schöne Frau mit Kokettieren die Kunden ins Haus lockte, der Gerber wußte, aus welchem Stinkmaul dieses Gerücht stammte und lächelte es überlegen zu Tode. In den Schöffensitzungen behandelte er den Schlosser vorsichtig wie faules Wasser und begegnete den vielen giftigen Pfeilen, die er aus dem Hinterhalt gegen ihn abschoß, und den Schädigungen, die sein Haß geschickt anzettelte, in heiterer, gesunder Geradheit, daß auch seine bezahlten Mitläufer anfingen, sich von ihm abzuwenden. Da ging der verblendete Ränkeschmied zu offener Feindseligkeit über und beantragte in einer Gemeindesitzung wegen gesundheitlicher Schädigung die Verlegung des väterlichen Arbeitsplatzes vom Heidewasser. Es entstand ein aufregender Streit. Ein Teil der Wilkauer war dafür, ein Teil dagegen. Kommissionen erschienen und nahmen den Arbeitsplatz in Augenschein und untersuchten das Wasser. Eine Zeitlang schwebte Wennrich in Sorge und Kummer, bis das energische Eingreifen des Grafen Schilling diesem widerlichen Treiben ein Ende machte. Es war im Herbst des Jahres 1847. Der Schlosser schäumte in Wut, und da bald danach in Preußen die Unruhen begannen, versteckte er seinen Haß gegen den Grafen, der an seiner Niederlage schuld war, unter der emsigen Werbearbeit für die Rechte des Volkes gegen Bedrücker und Tyrannen. Heimlich kroch er in die Hütten der Armen, lief von Dorf zu Dorf und hetzte mit verstellter Menschenfreundlichkeit, während er öffentlich den Grafen als milden, gerechten, nur von Schmarotzern manchmal irregeleiteten Herrn pries. Herzugelaufene und landfremde Zundmäuler bliesen an dem heimlichen Schwelen der Unzufriedenheit und Aufsässigkeit, bis es in dem ganzen Rehberger Kreise wie in einem Hexenkessel dumpf zu brodeln begann. Der Graf erhielt Drohbriefe, Pasquille klebten an Bäumen und Häusern, und es kam zu kleinen Aufläufen und drohenden Ansammlungen auch in Wilkau, daß Graf Schilling sich genötigt sah, sein Schloß von Jägern heimlich bewachen zu lassen. Trotzdem explodierte an einem sonntäglichen Maiabend an der Hinterseite des Schlosses eine Bombe. Ihr Vater befand sich mit seiner Frau auf einem Spaziergange durch den Badepark und sah von der kleinen Brücke über den Wassergraben, der den Privatpark des Grafen von dem Badepark trennt, einen Mann mit einem Kästchen unterm Arm durchs Gebüsch schleichen und dann mit ein paar langen Sätzen bis an die Mauer des Schlosses heranspringen. Es war schon tiefe Dunkelheit, und die Jäger saßen im Dienstzimmer des Schlosses beim Abendbrot. Wennrich hieß seine Frau auf dem Brücklein warten und schlich, weil er nichts Gutes ahnte, durchs Gebüsch auch an das Schloß heran, um zu sehen, was der fremde Mann, der so vorsichtig herangepirscht war, mit dem Kästchen am Schloß vorhabe. Aber alles lag still und ruhig im Dunkel, kein Mann und kein Kästchen zu sehen. Ihr Vater ging, nach allen Seiten spähend, über den Rasenplatz auf das Gebüsch zu, aus dem der Verdächtige aufgetaucht war. Ehe er es indes erreichen konnte, ging am Schloß die Explosion mit ungeheurem Krachen los. Mauerstücke flogen und Glasstücke klirrten. Wennrich stand vor Schreck wie angewurzelt und sah einen Mann durchs Gebüsch kriechen und über den Zaun klettern, in dem er niemand anders als den Schlosser Neefe erkannte. Das lähmte ihn vollends vor Grauen und Entsetzen. Seine Frau schrie, lief auf den Regungslosen zu und rüttelte an ihm, indem sie fassungslos und bis in die Seele bestürzt auf ihn mit Ausrufen höchsten Entsetzens eindrang, die von den auch herbeigeeilten Jägern nicht anders als Beweis seiner Täterschaft gedeutet werden konnten. »Warum hast du das getan? Was bist du nicht bei mir geblieben? Bist du denn ganz von Sinnen gewesen?«, so redete die Bestürzte ganz verwirrt auf ihn ein. Es war vergeblich. Der Gerber erhielt sich, kalkbleich und zusammengebrochen, ganz einem ertappten Verbrecher ähnlich, kaum auf den Beinen und sah mit trauervollen, entgeisterten Augen seine Frau und der Reihe nach die Männer an, die um ihn standen. Man merkte, daß er reden wollte. Es glückte ihm aber nicht. Er bewegte verneinend den Kopf. Ein paar lautlose Tränen rannen ihm über die Wangen. Endlich riß er sich mit übermenschlicher Anstrengung auf, streckte den Jägern seine Hände hin und sagte: »Führen Sie mich ab. Das übrige wird sich finden.« Da setzte die Erzählung Lotte Wennrichs aus. Sie hatte die letzten Sätze mit Überwindung so leise gesprochen, daß sie kaum zu verstehen waren, und saß nun unwillkürlich aufgereckt, die steifen Arme an den Tisch gestemmt, dem erschütterten Maechler gegenüber. Mit weiten Augen des Grauens sah sie an ihm vorüber ins Leere. Die Wanduhr rückte aus und schlug die zwölfte Stunde. Lotte fuhr zusammen und erhob sich. »Ach Gott«, sagte sie, »ich habe den Vater vergessen. Der sitzt ja noch draußen auf der Bank.« Sie eilte hinaus und erschien bald darauf wieder in der Stube. »Ich bitte, helfen Sie mir«, sprach sie gezwungen lächelnd. »Er ist eingeschlafen und nicht wach zu kriegen.« Maechler trat zu dem Alten, der, halb umgesunken, in tiefem Schlafe lag. Nach vielen Bemühungen war er emporgerichtet, und die beiden gängelten ihn durch die Wohnstube an die Tür des Schlafzimmers. Dort entließ Lotte mit einem Nicken den Gesellen und sagte: »Ich bring' ihn schon allein ins Bett, danke. Warten Sie noch einen Augenblick.« Dann verschwand sie mit ihrem Vater, der jetzt halb wach geworden war und wie träumend vor sich hinsprach: »Gut, gut, du hast ihm alles erzählt, Lotte. Gut, gut.« Die Tür hatte sich geschlossen. Maechler war in die Mitte des Zimmers zurückgetreten und hörte die beiden leise miteinander reden. Er ging auf den Zehen zum Uhrkasten und hob sein Felleisen und seinen Stock auf, um sich allein in seine Kammer zu tasten. Als er im Begriff war, die Türklinke niederzudrücken, trat Lotte wieder geräuschlos ein und ging vor ihm her über den Flur, die Treppe hinauf. Droben stellte sie den Leuchter in eine Nische. »Es hat Vater nichts geschadet. Er schläft schon wieder, und ein großer Frieden ist in seinem Gesicht. Vielleicht wird noch alles gut«, sagte sie wieder gefaßt und mit dem Unterton der Fremdheit. »Ich muß noch zu Ende erzählen. Vater wurde zwar an diesem Sonntagabend nicht verhaftet, aber einige Tage später von den Gendarmen nach Rehberg in das Untersuchungsgefängnis abgeführt. Keine Macht der Erde konnte ihn dazu bringen, den Schlosser Neefe als Täter zu nennen, und als auf rätselhafte Weise seine Beschuldigung unter dem Volke aufkam und durch anonyme Anzeige das Kreisgericht in Kenntnis gesetzt wurde, meldete sich der Gastwirt Kammel freiwillig und sagte unter Eid aus, daß Neefe zur Zeit der Explosion im Hinterzimmer bei ihm gesessen habe. Es waren furchtbare Tage. Aber die Kette des Schrecklichen setzte noch Glied um Glied an. Meine Mutter hatte dieser unvermutete Überfall eines gemeinen Schicksals aus dem Hinterhalt aus allen Lebenslagern gehoben. Sie ging wie irr umher und stürzte eines Tages mit einem vollen Korb Wäsche über die steile Treppe auf den Flur so unglücklich, das sie einige Stunden darauf starb. Mein Bruder stand bei meinem Vater in der Lehre und liebte Mutter auf eine fast abgöttische Weise. Als sie die Augen geschlossen hatte, war er plötzlich verschwunden. Wie er ging und stand, ohne Mütze, in Hemdsärmeln, die braune Schürze vorgebunden, rannte er nach Rehberg hinein, um den Vater zu Hilfe zu rufen. Im richtigen Rausch der Verzweiflung legte er den Weg nach Rehberg, zu dem man gut dreiviertel Stunden braucht, in einer Viertelstunde zurück, brach auf dem Markt in Rehberg zusammen, wurde bewußtlos ins Spital gebracht und erlag dort in zwei Tagen einem mörderischen Fieber. Mein Vater wurde wegen Mangel an Beweisen entlassen und kehrte, bis ins Mark erschüttert, in das fast ausgeräumte Haus zurück. In seiner tiefen Gläubigkeit bemüht er sich, alles als Heimsuchung Gottes hinzunehmen, unterliegt aber immer wieder einem solch wilden Haß gegen den Schlosser, daß er an diesem unterirdischen Feuer fast vergeht, während der Schlosser nach dem gelungenen Schurkenstreich gegen meinen Vater, aus der versteckten Hinterhältigkeit gelockt, sich überall großmäulig breitmachte und in ein Schlemmen geriet, daß in kurzer Zeit aus dem dürren, hohläugigen Hämling dieser aufgeschwemmte, widerbellige Dickwanst geworden ist, den Sie auf dem Schloßplatz kennengelernt haben. Mir kommt er immer wie ein höllisch aufgeblasener Bovist vor. So, nun wissen Sie alles, Maechler. Ich habe der Wahrheit nach erzählt. Beschlafen Sie sich's. Dann werden Sie wissen, ob Sie wieder gehen müssen oder bleiben wollen. Gute Nacht!« Ohne Maechler die Hand zu reichen, stieg sie die Treppe hinunter und sah nicht einmal nach ihm zurück, der hinter ihr herleuchtete, bis sie den Flur erreicht hatte. Maechler verfiel nach dem Entkleiden sofort in tiefen, traumlosen Schlaf. Nur einige Male fuhr er auf und horchte. Es war ihm gewesen, als ob jemand in bloßen Füßen draußen um seine Tür schleiche, sich aber nicht hereintraue. Er stieg jedesmal auf und leuchtete den Flur ab, fand aber nie etwas. Dann störte ihn nichts mehr, und er schlief fest in den Morgen hinein. Elftes Kapitel Es gibt Nächte, in denen wir mit den geschlossenen Augen eines traumlosen Schlafes über Abgründe unseres Lebens und Verwicklungen unseres Innern wie kühne Springer setzen und beim Erwachen, ohne zu wissen, wie es zugeht, den fremdesten Verhältnissen mit einer solchen Geschlossenheit unseres Wesens, mit dem Gefühl einer solchen Erfülltheit gegenüberstehen, als wären die Ereignisse des ganzen früheren Daseins die sinnvolle Vorbereitung auf dieses Unerwartete gewesen, von dem gestern unser Bewußtsein noch nichts geahnt hat. So erging es Maechler, als er in seiner Kammer auf der Feldgasse erwachte. Ihm war, als sei er am Ziel seiner Wanderschaft angekommen, und zwar in einem Ort, von dem ihn in der Frühe des vorigen Tages alles fortgetrieben hatte. Er stand auf und trat, noch im Hemd, an das kleine Fenster, von dem aus er durch die Baumkronen das niedrige Schindeldach des Nachbarhauses sehen konnte, aus dem eine kurze, klobige Esse ragte und in den klaren Morgen gemächlich dicke Rauchschwaden qualmte. Diese drangen schwarz aus den Luken der gedeckten Esse und strebten in die Höh, als hätten sie vor, den blauen Himmel unter ihren mißfarbigen Dunst zu begraben. Aber kaum eine Manneslänge von ihrem Ursprungsort wurden sie von der kühlen Luft und dem Licht ins Nichts verflüchtigt. Alles blieb klar, und Maechler trat lächelnd von dem Fensterlein zurück. So ins Nichts verschwunden erschienen ihm alle Schatten und Verfinsterungen des Lebens. Heiter packte er sein Felleisen aus, hing seinen Wanderanzug an den Rechen und schlüpfte schnell in seine Arbeitskluft. Nun galt es, in das richtige Leben hineinzuspringen, denn diesem grundgütigen Meister Wennrich, dem aus dem Hinterhalt das ganze Leben fast zerschlagen worden war, wollte, nein mußte er auf die Beine helfen. Dann würde dieses merkwürdig stolze und ferne Mädchen auch durch ein lichteres Leben aus dem Dunkel wieder herausfinden, in das sie das Schicksal ihres Hauses schuldlos getrieben hatte. Das überdenkend, verließ Maechler seine Kammer und schritt der Treppe zu, hinabzusteigen. Aber schon nach den ersten paar Stufen machte er halt und kehrte eilig in seine Kammer zurück. In einer geheimen Tasche steckte der alte, abgegriffene Zettel, auf den ihm seine Mutter als himmlischen Reisepaß für die Wanderung das Abendgebet geschrieben hatte, von dem die Sage ging, daß es einst vor mehr als zwei Jahrhunderten der zu den Böhmischen Brüdern übergelaufene Mönch Weiß aus Neiße einem seiner Urahnen gedichtet hatte. Diese schlichten Verse waren seither von der Familie Maechler als ein himmlisches Vermächtnis betrachtet und in den vielen Peinigungen und Nöten der Verfolgung als ein richtiges Seelenlabsal erprobt worden. Wie oft hatte Maechler diesen Zettel auf den abenteuerlichen Kreuz- und Querfahrten seiner badischen Rebellenfahrt heimlich gelesen, um so der wirren Widersetzlichkeit gleichsam ein himmlisches Recht zu geben, bis nach dem kläglichen Zusammenbruch des herrlichen deutschen Freiheitsschwärmens die innigen Worte der Gottverbundenheit immer mehr zu undeutlichen Klängen aus dem Raumlosen geworden waren, die ihn mehr beunruhigt als beseligt hatten. Nur einmal noch, als er in der fieberigen Todesnot im Bärengrund zusammengebrochen war, hatte er sie mit trockenen Lippen über sich in die Nacht gesprochen. Aber von dieser Inbrunst seines Todeswahnes wußte er nichts mehr, da er den Zettel nun in der Hand hielt und überlas. »Gott kümmert sich um uns nicht«, murmelte er bitter, als er mit der Lesung ans Ende gekommen war, »und wenn wir immer in die Höhe über der Erde schauen, fahren wir allemal durch Wolken. Das Recht müssen wir Menschen, wir allein schaffen. Dann wird Gnade auf Erden sein.« Schon war er im Begriff, das Papierlein zu zerreißen, ließ aber doch in dunkler, ferner Ehrfurcht gegen seine Vorfahren davon ab, faltete es wieder zusammen, schob es in den hintersten Winkel des oberen Kommodenschubes, verschloß ihn und warf in weitem Bogen den Schlüssel aus dem Fenster in die Baumkronen des Nachbargartens. Dieser Vorgang, der für Maechler und sein Geschlecht so bedeutsam werden sollte, dauerte kaum zwei Minuten. Nun erst glaubte er, die Tür zur Vergangenheit seiner letzten Jahre endgültig geschlossen zu haben, so, daß alle diese Begebenheiten, die von seiner Krankheit wie Gerumpel durcheinandergeworfen worden waren, vor der Zeit in die Nacht des Vergessens zurückweichen mußten, immer ferner, undeutlicher würden und endlich ganz erloschen, wie die Bilder seiner frühesten Kindheit. Maechler reckte sich auf, sprang in ein paar Sätzen die Treppe hinunter und betrat strahlenden Gesichts die Stube, wo er Wennrich schon am gedeckten Frühstückstisch fand, während Lotte abseits am Herde hantierte. »Guten Morgen, Meister, guten Morgen, Fräulein Lotte«, begrüßte er die beiden in der Fröhlichkeit seines befreiten Wesens. Wennrich ergriff erhellten Gesichts die dargebotene Rechte und rückte ihm einen Stuhl zum Niedersitzen zurecht. »So ist ja alles gut«, sagte er, befriedigt Maechlers Arbeitsanzug musternd, »siehst du, Lotte, hab' ich's nicht gesagt?« Damit wandte er sich an seine Tochter, die mit einem Nicken den Gruß des Gesellen erwidert hatte. »Siehst du, ich hab's gewußt. Nun räum's weg. Nein, laß es stehen. Die guten Wünsche auf die Wanderschaft werden ihm auch bei uns nützen.« Er meinte die Schnitten Brot, die ihm Lotte in der Annahme seines Fortganges in Papier gewickelt und neben seinen Morgensuppenteller gelegt hatte. Maechler schaute verwundert auf das Mädchen, das seinen Blick furchtlos erwiderte und bestätigend den Kopf neigte. »Jaja, so ist's«, sagte sie tapfer und konnte doch nicht verhindern, daß sich ihr Gesicht leicht überrötete. Energisch wandte sie sich ab, als sie ihre Befangenheit spürte, und rückte zwecklos und, wie Maechler bemerkte, mit unsicherer Hand an den Töpfen. Davon überfiel Maechler wieder das ferne, unbeschreiblich selige Nebeln, wie es über ihn gekommen war, als er vorgestern in der nächtlichen Straße das erstemal ihr Lachen gehört hatte. Einen Augenblick war die Welt, wie sie noch nie gewesen war. In seiner Verwirrtheit wußte er sich nicht anders zu helfen, als daß er übermütig herauslachte, sich aufs Knie schlug und zu Wennrich gewendet sagte: »Nein, nein, Meister, ich bleibe da. Das Brot soll mir nicht zum Wandern, aber hier helfen. Wir zwei wollen schon die versaute Haut schaben, bis wir über den Berg hinaus sind.« »Gut, gut, Maechler, ich vertraue Ihnen«, erwiderte der Meister und drückte die Hand des Gesellen in einer Herzlichkeit, als sei er nicht ein Fremder, eben ins Haus Gewanderter, sondern sein Sohn, und das merkwürdige Nebeln, das Maechler eben von Lotte her überfallen hatte, verwandelte sich in ein fernes Glänzen. In dieses unbekannte Licht, das in ihm aufgegangen war, mußte sein Lachen hineingesteuert werden. Das Frühstück verlief in ziemlicher Schweigsamkeit, und das wenige, was gesprochen wurde, drehte sich um das Handwerk. Lotte, die Maechler wieder gegenüber saß, vermied, den Gesellen anzusehen, und wenn es sich doch nicht vermeiden ließ, schaute sie ihn mit ihren rätselhaft graugrünen Augen so an, als sei er nicht der, vor dem sie in der Nacht alle Schleier von dem Schicksal ihres Hauses und wohl auch manche von ihrem eigenen weggezogen hatte. Wie einen Gegenstand blickte sie ihn an, eine Uhr, einen Schrank, einen Ofen. Nur auf dem Grunde der großen ruhigen Augensterne schimmerte ein heimliches Feuer. Als Maechler hinter dem Meister zur Besichtigung des Betriebes die Stube verließ, schlüpfte das Mädchen unauffällig nahe an ihm vorbei und flüsterte ihm zu: »Aber seien Sie vorsichtig.« Was schon Maechler auf dem flüchtigen Gange aufgefallen war, das drängte sich ihm heut in allen Einzelheiten auf. Das Werklein Wennrichs mochte einst gut versehen gewesen sein; heut befand es sich in völligem Verfall, und was von der früheren Ordnung noch erhalten war, gehörte einem Verfahren an, das die Entwicklung des Handwerks schon als veraltet verlassen hatte. Nicht nur war alles nach der von den Urvätern geübten Methode der Vorsatzgerberei angelegt, die Wennrich einst von seinem Schwiegervater übernommen hatte. Die ganze Anlage war unzweckmäßig, unübersichtlich und unvollkommen. Seit Wennrich durch die Quertreibereien des Schlossers den Schuppen eingebüßt hatte, der auf gemietetem Terrain am Rande von Wilkau stand, mußten die Häute auf dem Boden des eigenen Hauses nach der Konservierung durch Karbolsäure und Salz zum Trocknen aufgehängt werden. Hier war außerdem noch die primitive Handwalke aufgestellt, so daß mehr als zehn bis zwölf Häute, nicht Platz hatten. Die Werkstatt selbst, die auf der rechten Seite des Flures lag, war von Wennrich durch einen Ausbau vergrößert worden und befand sich noch in ansehnlichem Zustande, machte aber mehr den Eindruck eines kleinen Museums. In reichhaltiger Auswahl hingen sauber geputzt Schabmesser und Firmeisen an den Wänden. Schabblöcke lehnten weiß gescheuert in den Ecken. Seit langem waren hier nicht mehr Arme mit aufgekrempeltem Hemde tätig gewesen. Es roch viel mehr nach einer guten Stube als nach einer Gerberwerkstatt. Die Loh- und Vorsatzgruben in dem Hofwinkel rechts von der Werkstatt waren leer und trocken, und auf die schmalen Räume zwischen den zugedeckten Löchern hatte Lotte winzige Blumenbeete gesetzt, wie um den Verfall unter bunten Kränzen zu verbergen. Von den vier großen Tonnen auf dem Werkplatz über der Feldgasse am Heidewasser waren nur zwei mit Häuten halb gefüllt, die einen im zweiten, die andern im dritten Satz. Maechler griff hinein und untersuchte die Beschaffenheit beider. Sie waren überfällig und mußten sofort herausgenommen und der letzten Bearbeitung auf dem Schabbaum unterworfen werden. Als Maechler sich am Nachmittage über die Arbeit hermachte, merkte, er, daß bei fast allen Fellen des Meisters Firmeisen nicht genau und achtsam genug verfahren war. An einigen waren noch Fleischteile hängengeblieben. Da und dort hatte das scharfe Eisen Löcher geschnitten. Maechler arbeitete bis in den späten Abend, ohne doch die entstandenen Schäden ganz entfernen zu können. Als er nach mehrmaligem Rufen Lottes zum Abendbrot erschien, traf er den Meister in mutloser Versunkenheit am Tisch. Ihm war durch die Augen Maechlers die ganze Vernachlässigung seines Betriebes das erstemal voll zum Bewußtsein gekommen, so daß er wie ein ertappter Schuldiger kaum von seinem Teller aufzublicken wagte, und wenn er redete, es furchtsam, fast demütig tat. Maechler hielt mit seiner Meinung nicht hinter dem Berge, wenn er die Vorschläge zur Umstellung und späteren Erweiterung des Betriebs auch schonend und mit humorigen Wendungen verziert vorbrachte, die sich Wennrich, ein wenig aus schiefen Augen zweifelnd, aber doch bedachtsam anhörte. Lotte folgte, ohne sich an dem Disput zu beteiligen, mit großen Augen, ruhigem Gesicht und einem Mund der Unterhaltung der beiden, dessen Lippen sich immer fester, strenger, ja, wie es Maechler schien, abweisender schlössen. Diese Gebärde, die ihm wie eine stumme Überheblichkeit vorkam, ätzte Maechler so ins Gemüt, daß seine Darlegungen schärfer und zupackender wurden. Aber damit vertrieb er nicht, sondern vertiefte er die skeptischen Schatten ihres ganzen Gehabens. Und als der erregte Gesell unter Berufung auf seine vielfältige Erfahrung auf der langen Wanderschaft geradezu den Übergang von der zeit- und geldraubenden fauligen Gärung zur Schnellgerberei und wenn es sein mußte, mit Knoppern oder Valonia statt mit Lohe sprach, die Errichtung eines Trockenschuppens in dem verwilderten Obstgarten als eine nicht zu umgehende Forderung aufstellte, die Oberlederfabrikation vor der Sohlenlederherstellung als rentabler pries und die Aufnahme der Alaungerberei für Pelzfelle als für die Wilkauer Waldgegend notwendig und gewinnbringend anregte, hielt sich Wennrich die Ohren zu und sah Maechler bestürzt ins Gesicht, genau wie ein Verschütteter zwinkernd und entsetzt aus einer halb zugeworfenen Grube aufschaute, so daß der Gesell stutzte, vor allem auch, weil er Lotte jetzt blaß und mit herabhängenden Armen auf dem Stuhle sah. Eine betretene Stille herrschte in der Stube, und Maechler biß sich auf die Lippen. Der alte Meister faßte sich zuerst, ließ die Hände von den Ohren sinken, legte seine Rechte liebreich und beteuernd auf Maechlers Arm und sagte, langsam die Worte suchend: »Sie haben recht. Die Fabrik marschiert auf uns zu, und wir müssen uns zur Wehr setzen. Gut. Ich seh's ein. Der Krempel muß aufgefrischt und reingemacht werden. Soweit wird auch mein zurückgelegtes Geld noch reichen. Hoffentlich. Mein Lieber, aber der Wille Gottes ist entscheidend. Der hat mir's genommen. Der wird mir's wiedergeben.« Lottes Augen wurden von diesen Worten durch heldenhaft bekämpfte Tränen verdunkelt. Maechler aber gedachte der tausend Sackgassen und Irrwege, in die er von solcher entnervender Wolkenfahrerei geraten war. Nicht umsonst hatte er den Schlüssel zu dem Gebet seiner Familie heut morgen von sich fortgeschleudert. Darum richtete er sich entschlossen auf und erwiderte ruhig: »Ihre Worte in Ehren, Meister. Ich bin auch Katholik. Allein hier sind die Hände und Arme Gottes«, damit erhob er seine Arme. »Und hier im Kopfe ist Gottes Verstand. Will's der Mensch besser haben, so muß er es selbst machen. Wenn wir dem Recht den Weg bauen, dann, aber nur dann kann die Gnade zu uns fahren.« Das hatte Maechler entschieden und ergriffen gesprochen. Als er zu Lotte hinüberschaute, sah er sie noch blasser und mit zugefallenen Augen aufrecht sitzen und sich dann lautlos erheben und still aus der Stube in den Hausflur schweben. Wennrich blickte seiner Tochter sinnend nach und nickte zustimmend mit dem Kopfe. Dann sprachen die Männer noch lange eingehend über alle zu treffenden Maßnahmen, und Maechler wußte dem Alten Mut zu den vorgeschlagenen Neuerungen zu machen, indem er betonte, daß nichts überstürzt und unüberlegt betrieben werden solle, vor allem auch, um nicht in unnötiger Weise in Wilkau in die Lästermäuler zu geraten. Im Einvernehmen schieden sie voneinander. Der Meister verschwand in der Schlafstube. Maechler betrat den finsteren Flur, um sich in seine Kammer zu begeben. Als er ein paar tastende Schritte in der völligen Dunkelheit nach der Treppe zu getan hatte, drang die Empfindung, jemand stehe mit dem Gesicht gegen die Wand in einem Winkel, so zwingend auf ihn ein, daß er im Schreiten innehielt und leise fragte: »Fräulein Lotte?« Keine Antwort erfolgte. Aber leise wehend, so wie ein Vogel abstreicht, huschte es an ihm vorbei. Verwundert stieg Maechler die Treppe hinauf. Als er oben angekommen war, fiel drunten leise eine Tür ins Schloß. Maechler lag lange wach, und während er den ganzen Tag an sich vorüberziehen ließ, horchte er unausgesetzt hinaus, ob sich das streichende Gehen um seine Tür wiederholen würde, das ihn gestern nacht mehrere Male aus dem Bett getrieben hatte. Aber alles blieb still. Nur ein traumleises Flügeln in der Luft war durch das offene Fenster zu hören. Das kam von hoch und weit her. Vielleicht, dachte Maechler schon schlafbefangen und auseinandergetragen, kommt das vom Gebirge her, das schwarz und fern, fern in der Nacht stand. Und da er das traumverwirrt sann, neigte es sich dunkel über ihn, daß er in die Welt des Schlafes gedrückt wurde. Zwölftes Kapitel Als Maechler am anderen Morgen in seine Kleider stieg, kam ihm vom vorigen Tage das eine sinnlich lebhaft zum Bewußtsein, daß er gestern abend im Dunkel unter sich eine Tür ins Schloß hatte fallen hören. Sicher war das Lotte gewesen, nachdem sie lange von dem Schicksal ihres Hauses in irgendeinem Winkel gegen die Wand gedrückt gestanden hatte. Daß er selber und seine scharf zupackende materialistische Art das empfindsame stolze Mädchen in den Flur getrieben haben könne, diese Erwägung rührte den doch sonst so intelligenten Menschen nicht an. Er war zu lange durch den Kampf mit den Widrigkeiten, ja Todesgefahren des Lebens gegangen, als daß er den weichen, blumenhaften Kräften, die etwa von einem jungfräulichen Mädchen ausgehen, eine sonderliche Gewalt über sich eingeräumt hätte. Er war ein zu männlicher Mann, für den weibliche Wesen Menschen aus einer anderen Welt bedeuten, die wohl rätselhaft, aber doch nicht ganz für voll genommen werden dürfen, will man nicht sich und ihnen schaden. Genug, Lotte hatte gestern die Tür drunten leise zugemacht, so wie durch die wilde Paula Großmann die Tür nach der Tollnacht zugeschlagen worden war. Das bedeutete für Maechler, daß ihm durch Lotte bestätigt wurde, was von Paula bis in die letzte Bewegung getrieben worden war: die vollkommene Trennung von seiner Vergangenheit, von der Welt der Rebellerei. Der Unterschied bestand nur darin, daß Paula jenseits der Tür lebte, den zertriebenen wirren Jahren als ihr letzter höllischer Feuerstoß angehörte, während dieses geheimnisvolle, schöne Mädchen diesseits der Tür in der neuen Welt eines tätigen Lebensaufbaues stand. Diese Erwägung huschte traumhaft schnell durch Maechler hin. Nicht anders war es, als streiche ihm jemand geisterhaft leise über die Stirn und wische den letzten Schatten fort. Als er drunten in die Stube trat, traf er Lotte allein, die geschäftig hin und her ging, den Tisch zu decken. »Guten Morgen, Fräulein Lotte«, grüßte er sie fröhlich. Das Mädchen nickte ihm zu und sah ihn verwundert an. »Jawohl«, sagte er lachend, »die Tür ist zu, richtig zugemacht, müssen Sie wissen, und nun geht's los.« »Ich weiß nicht, was Sie meinen, Maechler«, erwiderte sie gezwungen lächelnd, maß ihn beiläufig aus halben Augen und trat von ihm weg. »Glaub' ich schon, Fräulein Lotte! Aber Sie sollen es erfahren, daß der Wagen vorwärts geschoben wird«, rief er in unbeirrbarer Heiterkeit. In diesem Augenblick trat der alte Wennrich ein und sah fragend von einem zum anderen. »Ja, Meister, ich habe Fräulein Lotte eben gesagt, daß wir alles schon in einen neuen Schick bringen werden. Sie sind klug, und mich juckt es in allen Gliedern«, sprach er hellen Gesichts zu dem Alten, der wohl kümmerlich, aber bereitwillig erwiderte: »Ich hoffe es, Maechler. Es muß, muß, muß ja auch sein.« »Nein, nein! Da ist nichts zu besorgen, und was an mir liegt, soll geschehen«, rief er zuversichtlich und nahm dann mit den beiden am Tisch Platz. So sprang Maechler in sein neues Leben. An Stelle der alten Vorsatzgruben wurden große Lohtonnen angeschafft. Der Böttcher zu Schwarzbach, bei dem sie in Bestellung gegeben wurden, war der Schwager jenes Wilkauer Besitzers am Ende der Vogelsdorfer Straße, in dessen Garten der Wennrichsche Trockenschuppen lag. Dieser war von dem Gerber erbaut, der noch heute das vollkommene Eigentumsrecht darauf besaß. Nur war es zur Zeit der offenen Todfeindschaft zwischen dem Schlosser Neefe und Wennrich zu einer Meinungsverschiedenheit wegen des Bodenpachtzinses gekommen. Das kleine Bäuerlein, ein sonst gutmütiger, aber kurzhalsiger Mann, hatte von dem wucherlichen Schlosser ein Notdarlehn auf Schuldschein erhalten. Um den ungeduldigen Gläubiger zur Verlängerung der Zahlungsfrist geneigt zu machen, hatte sich der gedankenlose Bauer von dem Schlosser in eine bitterliche Hitze gegen den Gerber hetzen lassen, daß er von Wennrich eine ungebührliche Erhöhung der Bodenmiete forderte, und als diese nicht bewilligt wurde, den Abbruch des Trockenschuppens und Versetzung des Grundes in seinen früheren Zustand verlangte. Wennrich, der durch Zwischenträger erfahren hatte, von wem diese geradezu giftige Feindseligkeit des so gutmütigen lederweichen Mannes rührte, war in jener Zeit des Unglücks und der Empörung über die Gemeinheiten seines früheren Freundes schon so im Glauben an die Menschheit erschüttert worden, daß er aus Lebensekel es ablehnte, sich mit dem Bauern in Auseinandersetzungen und Streit einzulassen. Eines Tages ließ er kurzerhand alle Häute aus dem Trockenschuppen räumen und beantwortete von nun an alle Bemühungen des Bauern, zu einem Ausgleich zu kommen, mit undurchdringlichem Schweigen. Nicht lange danach aber war in dem geldgierigen Schlosser seine scheinbare Sorge um das Wohl des Bauern so verraucht, daß er mit aller Rücksichtslosigkeit und Härte die längst fällige Forderung gerichtlich eintrieb. Nun neigte sich das dumpfe gutmütige Herz des enttäuschten Bäuerleins wieder auf die Seite des Gerbers. Aber aus Scham und in der Hilflosigkeit seines armen Geistes fand er keinen Weg zu Wennrich, der alle Verbindungen zu der Welt abgeschnitten hatte und selbstgefangen in seinem Hause saß mit einem friedehungrigen Gemüt, das immer wieder von den Wunden seines unversöhnlichen Innern zu einer Rachsucht vergiftet wurde, vor der er erschrak und die er bekämpfte. Maechler überschaute bald die unglückliche Verknäulung. Mit Hilfe des wohldenkenden Böttchers aus Schwarzbach kam er bald mit dem Bauern in Verbindung, in dem er nicht, wie Wennrich es hingestellt hatte, den plumpen, blindwütigen Bullen, sondern einen einfältigen, von Grund aus rechtlichen Mann fand, der nur von der Hinterhältigkeit des Schlossers in diese böse Verwicklung geschoben worden war, die er, alles in allem, bedauerte und zur äußeren Markierung seines Rechtes bloß die Zahlung der aufgelaufenen, um ein geringes erhöhten Bodenmiete und eines kaum nennenswerten Schadenersatzes verlangte. Er war von der umsichtigen, unbeschwerten Weitläufigkeit Maechlers geradezu beglückt, sackte schmunzelnd den Betrag ein und trug von dem Hoftor aus dem Davongehenden mit dröhnendem Baß, der die ganze Straße erfüllte, seinem alten Freunde Wennrich die besten Grüße auf. Wohl nahm der Meister Maechlers Bericht über die Neusicherung des Trockenschuppens zweifelnd geneigten Kopfes und mit schiefen Augen auf und räumte bei der Erzählung der herzlichen Freundschaftsgeneigtheit des Bauern schon höhnisch den Speichel in seinem Munde zusammen, aber das Ausspucken unterließ er doch, als der Gesell eindringlich und greifbar die Sinnesveränderung des Bauern darstellte und dessen Zorn über den Schlosser ausmalte, weil er von ihm eigensüchtig in die Feindschaft zu Wennrich gehetzt und dann zum Lohne für seine gutmütige Dummheit mit dem härtesten Undank, ja ärgerlichsten Gerichtsplackereien gestraft worden war. Aber als Wennrich daraufhin seinen Ekel hinunterschluckte, von Maechler jedoch den offenen, rücksichtslosen Krieg gegen den Allerweltschurken Neefe verlangte, schüttelte der überlegene Gesell den Kopf. »Wer haut, kann nicht bauen, lieber Meister«, sagte er lächelnd. »Und wir wollen doch aufbauen. Nein, nein, vorderhand überlassen wir den Fuchs seinem eigenen Gestank. Daran wird er zugrunde gehen. Nicht heut und nicht morgen; aber wenn sein Maß voll ist, gewiß. Indes kann ruhig zugegossen werden, daß es schneller geht.« Diese Worte brachten über Wennrichs Gesicht ein dämonisches Glänzen. Er riß sich vom Stuhle auf und begann leidenschaftlich durch die Stube zu laufen, indes immer langsamer und gemäßigter. Am Ende aber trat er zu Maechler, legte ihm sanft die Hand auf die Achsel, und als der so Berührte den Kopf hob, sah er schon wieder die alte, trauervolle Güte in dem Gesicht des Meisters, der erschüttert und leise sagte: »Maechler, Sie haben recht. Immer vergeß ich die Heilandsworte: Mein ist die Rache, ich will vergelten, spricht der Herr. Es gibt noch einen Himmel über uns.« In dem Gesellen stieg die Erwiderung auf, daß der Himmel wohl über uns steht, wir aber damit nicht unsere Häuser bauen können. Aus Schonung unterdrückte er jedoch die Worte und begab sich an die Arbeit. Allein solcherlei Hemmungen, die bald aus einer Art religiöser Verdumpfung, bald aus seiner Verbitterung der ganzen Welt gegenüber, bald aus Schmerz über den Verlust von Frau und Sohn entsprangen, mußten von Maechler noch oft überwunden werden. So wollte er von den Verhandlungen mit dem Lohmüller in Trennsdorf unterm Ägster nichts wissen, weil er auch »diesen kugelrunden Wicht« unter der weitverzweigten Schar seiner Widersacher sah. Der Gesell beschwichtigte ihn, und als er mit dem Müller die Lohlieferung für das nächste Frühjahr unter den günstigsten Bedingungen abgeschlossen hatte und Wennrich berichtete, daß dieser etwas wirbelige, tätige Mann auch nicht von einem Hauch des Mißtrauens gegen ihn getroffen worden sei, nahm das der Meister schon mit erstaunter, aber ehrlicher Verwunderung auf, ohne daran mehr als mit einem Kopfschütteln zu mäkeln. Und um sein erstes freudiges Aufatmen zu verbergen, erzählte er die Sage von jenem unseligen Grafensohn, an die damals noch das ganze Volk glaubte. Im sechzehnten Jahrhundert wohnten die Grafen Schilling in der jetzt verfallenen Burg auf dem Ägster, dem Berg, an dessen Fuß das Dorf Trennsdorf liegt, und wohl in Saus und Braus, wie es Sitte bei dem Adel jener Zeit war. Am schlimmsten trieb es der zweite Sohn des damals regierenden Grafen, dem kein Humpen zu groß und kein Mädchenschleier zu zart war. Auf einem großen Fest verfiel der jähe Jüngling in eine so ungestüme Liebesbrunst zu der Tochter das Grafen von Schweinichen, die mit ihrem Vater anwesend war, daß er, vom Weine erhitzt, ihren Bräutigam, einen Ritter von Pannwitz, hinter die Burg an die Mauer lockte und nach kurzem Streit erstach. Er warf den Leichnam über die Mauer in den Höllengrund und floh, von der grausigen Tat plötzlich ernüchtert, noch in derselben Nacht. In dem wilden Getümmel jener Zeit blieb er verschwunden und soll im Türkenkriege umgekommen sein. Aber seitdem sah ihn der Wächter in manchen Nächten mit einem Dolch in der Brust unter Stöhnen und Wimmern ratlos an der Mauer hin und her irren und dann mit einem lauten Schrei in den Höllengrund springen. Noch heute, nachdem die Burg längst in Trümmer gegangen ist, hören die Trennsdorfer manchmal sein Stöhnen, sein wimmerndes Klagen und dann den schrillen Schrei. Maechler sah den Alten lächelnd an, der nach Beendigung seiner Erzählung fast glückvoll vor sich hinschaute. »Mein Lieber«, sagte er wieder zu Worten kommend, »gewiß, es mag Sage sein. Wahr aber bleibt in Ewigkeit, daß die Gerechtigkeit Gottes auf Erden nicht aufhört. Und auch ich fange an, wieder daran zu glauben. Und Sie, Maechler, sollten nicht darüber lächeln, denn Sie sind ein Werkzeug in seiner Hand.« Ehe Maechler sich zum Widerspruch aufraffen konnte, war Wennrich aufgesprungen und lief fluchtartig gegen die Schlafzimmertür. Dort drehte er sich noch einmal um und sagte unsicher zu dem verdutzten Gesellen: »Merken Sie sich's! Jawohl! Ich glaube an Sie.« Dann war er in dem Gemach verschwunden. Maechler ging langsam, kopfschüttelnd und erschüttert aus der Stube. Auf dem Flure wäre er fast mit Lotte zusammengestoßen, die eilig aus der gegenüberliegenden Lederschnittstube kam. »Na, was suchen Sie?« fragte sie beiseite tretend und sah ihn mit hochmütigen Augen an. Ohne eine Antwort abzuwarten, huschte sie mit spöttischem Auflachen in die Stube. Es blieb Maechler nichts übrig, als dem unbegreiflichen Mädchen in bitterlicher Verwunderung nachzuschauen und dann sich im Weitergehen wieder einmal in die Dunkelheiten der Frage führen zu lassen, was er um Gottes willen an sich habe, daß Lotte ihm gegenüber in eine solche nie ruhende Widerspelligkeit verfallen war, nachdem sie ihn doch anfangs als Mithelfer im Kampf gegen das Schicksal ihres Hauses behandelt hatte. Aber da boten sich so viel Ahnungstreppen, eine solche Menge, schon nach den ersten paar Schritten in undurchdringliches Dunkel mündende Überlegungsgäßchen an, daß Maechler auch heut bald wieder davon ablassen mußte, zur Klarheit über den Grund der Abneigung Lottes zu gelangen. Vielleicht war seinem Wesen von der tollen Brunstnacht in der Bradlerbaude etwas eingeprägt worden, was die Seele dieses unberührten Mädchens witterte, so also, daß der höllenheiße Schatten der Paula Großmann zwischen Lotte und ihm stand und wirklich die Worte dieser Gebirgsteufelin sich zu erfüllen schienen, die sie ihm, durch alle Glieder kochend, damals zugeschworen hatte, etwas von ihr sei in sein Wesen eingedrungen, woran er zugrunde gehen werde, wenn er nicht bei ihr bleibe. Ja, dieser widersinnige, alpische Gedanke überfiel Maechler plötzlich mit solch betäubend sinnlicher Grelle, daß er einen Augenblick wirklich in ein knabenhaft törichtes Grausen gekippt worden wäre, wenn er sich nicht mit lautem Gelächter von solch läppischen Schatten zu klarer Besinnung gerissen hätte. Kaum waren die ersten Laute seines Lachens aufgeklungen, denn Maechler stand noch immer grübelnd im Flur nicht weit von der Stelle, wo er mit Lotte fast zusammengestoßen wäre, als die Stubentür aufflog und das Mädchen erstaunt herausschaute. »Nein, nein, ich meine nicht Sie«, sagte Maechler sich auslachend und stieg die Treppe in seine Kammer hinauf. Von diesem Vorgang an gab sich Maechler erst recht mit aller Anspannung seiner Kraft der Arbeit für die Wiederaufrichtung der Wennrichschen Geschäfts- und Lebensehre hin und ging jeder inneren und äußeren Reibung mit Lotte aus dem Wege, obwohl er von der geheimen Lieblichkeit dieses Mädchens, die wie ein selig-sonniger Abgrund um sie stand, immer und immer wieder berührt und traumhaft gefangengenommen wurde. Es machte sich von selbst, daß er im Walde der bei der Besichtigung der von dem Trennsdorfer Lohmüller gekauften Rindenstapel mit dem gräflichen Wildmeister zusammentraf und von ihm erfuhr, wie sehr man im Schloß Wennrichs Zusammenbruch bedauere. Aber seitdem der Meister vor fünf Jahren die Abholung der Wilddecken recht unfreundlich abgelehnt hatte, sei natürlich die Verbindung mit einem auswärtigen Fellhändler gesucht und gefunden worden. Es bedürfe freilich nur eines guten Wortes, um dem Meister wieder die Lieferung zuzuwenden. Denn niemand bedauere das unverdiente Unglück des guten ehrenhaften Mannes mehr als der Graf, nicht zum wenigsten auch deswegen, weil nach seinem Rücktritt von allen Ämtern die Verhältnisse in der Gemeinde durch den Schlosser immer verfahrener und unterwühlter würden. Wennrich mußte freilich einer tagelangen Bearbeitung unterworfen werden, an der sich auch Lotte, freilich nicht in Maechlers Gegenwart, beteiligte, bis man dem lieben Mann den Festtagsrock zu dem Gange ins Schloß angeschwätzt hatte, und auch dann noch ging er zitternd, mit niedergeschlagenen Augen mehr wie ein Verurteilter, der um Gnade fleht, durch die paar Straßen aufs Schloß. Denn es war das erstemal seit seiner Entlassung aus dem Gefängnis, daß er sich bei Tage in Wilkau sehen ließ. Aber wie kehrte er zurück? Fast wie im Triumph. Vor der dem Gerber ganz unvermutet höchsten Liebenswürdigkeit des Grafen und der Gräfin war der wie aus der Nacht unversehens ans Licht geschleuderte Mann dermaßen ergriffen worden, daß er vor Schwäche in seinem Stuhl zusammengesunken war. Nach dem Wiedererwachen hatte man ihn in den gräflichen Wagen geführt, in dem er langsam, einen Strauß Blumen von der Gräfin auf den Knien, durch die zusammengelaufenen Wilkauer vor sein Haus in der Feldgasse gefahren wurde. Von Glück betäubt, ging der liebe Mann tagelang wie entgleist umher und vermied es sichtlich, mit Maechler allein zu sein. Aber wenn er sich unbeobachtet glaubte, ruhten seine Augen groß und verwundert auf dem Gesellen, durch den er und sein Geschäft so umsichtig und sicher ans Licht geführt worden war. Nur einmal übermannte ihn die glückhafte Erschütterung, die er vor Maechler zu verbergen suchte. Eines Abends waren die beiden hinter dem Hause mit der Aufschichtung der Häute in den neuen Lohtonnen beschäftigt, und Maechler wußte es klug einzurichten, dem wohl schon etwas erstarkten, doch noch immer unmächtigen Manne die entscheidenden Griffe in die Hand zu spielen, die schwere Arbeit aber auf sich zu nehmen, so daß zwischen dem Meister, der die hinterlistige Güte des andern bald merkte, und dem Gesellen ein stummer Rangstreit entstand, bei dem Wennrich doch immer den kürzeren zog. Denn, mochte er noch so verbissen mit seinem Haken den schwersten Teil der Haut anpacken, mit einigen wie ungeschickt aussehenden Wendungen drehte Maechler die größte Last der glitschigen Haut auf seinen Haken, daß dem Meister nur die leichte Bauchseite, oft nur die Beine zu bewältigen übrigblieben. Und doch, als die Tonnen geleert waren und große Häutehaufen daneben lagen, rann der Schweiß übers Gesicht des Meisters, und die Hakenstange, die er ausruhend auf den Boden gestemmt hatte, bebte in seiner ausgezehrten Hand. »Sie sind ein Teufelskerl, Maechler«, sagte er schweratmend. »Was hat's denn, Meister?« fragte der Gesell in gutgespielter Unwissenheit lachend. »Na, was es hat? Tun Sie doch nicht so! Ich fische, und Sie ziehen 'raus. Jetzt sind es die Häute, dann ist es der Lohmüller, dann der Böttcher und am Ende der Graf Schilling. Mensch ...!!« Das letzte Wort war ein Ausbruch. Die Kinnladen Wennrichs bebten vor nicht zu bezähmender Erschütterung. Er warf den Haken weg, und mit überströmten Augen kam er auf Maechler zu, als wollte er ihn in die Arme schließen. Aber im letzten Augenblick faßte er sich doch mit zusammengebissenen Zähnen, ergriff die Hände des Gesellen, drückte sie, als wolle er sie zerquetschen, stotterte: »Gott« und »danke« durcheinander und ging dann schnell und ein wenig taumelnd, als habe er schweren Schnaps getrunken, ins Haus. Unmittelbar danach schloß Maechler mit einer großen Häutefirma in Breslau einen Vertrag ab, durch den er die jährliche Lieferung von hundert Häuten übernahm, und sicherte sich die Abnahme der fertigen Ware durch einen bedeutenden Lederhändler in Rehberg, um sich der Abhängigkeit von Riemern, Sattlern und Schustern, die immer mäkelten und schlecht bezahlten, zu entziehen. Aber wie er an den Lohtonnen dem Meister die Leitung überlassen hatte, so bemühte er sich, alle anderen Unternehmungen als Ausfluß der Entscheidung Wennrichs zu behandeln, und genoß die Genugtuung, den vielenttäuschten Mann in einem immer mehr zunehmenden Selbstvertrauen richtig aufblühen zu sehen. Er besuchte wieder regelmäßig die Kirche, die er nach dem Unglück in der Furcht und Scheu eines Geächteten gemieden hatte, fing an, sich unter die Leute zu mischen, machte sonntägliche Spaziergänge und nahm sogar an diesem und jenem Vergnügen teil. Aber diese Welt der Friedsamkeit, des Vertrauens und ehrlicher Hochschätzung, die dem Meister bei den ersten Ausflügen aus der selbstgewählten Gefangenschaft entgegenkam, war ebenso wie das Aufblühen des Geschäftes Maechlers Werk. Nicht bloß das Interesse an seinem Handwerk befeuerte seine vielfältige rastlose Tätigkeit. Denn wenn er auch die Tür zu der Weltschwärmerei seiner Rebellenzeit vollkommen zugeschlagen hatte und sicher war, daß, nie mehr ein Funkenstoß ihn von daher erreichen könne, so hielt er doch an dem Glauben fest, daß alle Menschen in der Tiefe gut seien. Man müsse den Irregeleiteten nur schonend den rechten Weg weisen und den Schwachen helfen, so würde die Welt eher und wundenloser besser werden als durch überhastete und schnelle Gewalttat. Seinen offenen Augen entging nicht die Gärung und verborgene Unzufriedenheit der Menschen jener Zeit nach dem Erlöschen der glänzenden Schimäre, die die einen in maßlose Erwartungen, die anderen in übertriebene Furcht und Erbitterung getrieben hatte, so daß die ersten nun von heimlichem Groll verzehrt wurden, die zweiten in aufgeblähter Überheblichkeit nicht nur die alte wacklig gewordene Ordnung wiederherstellen, sondern sie auch sogar zurückschrauben wollten. Maechler, der die Phraseologie der ungegorenen Freiheitssucht beherrschte, verstand es, wo immer er auch auf seinen vielen Geschäftsgängen hinkam, die Bitterkeit der Zurückgedrängten zu dämpfen. Den anderen, die sich triumphierend in die rückläufige Zeitwelle warfen, gab er klug zu schmecken, daß man Schatten weder essen, noch sich in sie kleiden, noch aus ihnen neue Häuser bauen könne. Die tüchtige Zeit und der neue Staat falle nicht vom Himmel, sondern rühre vom guten und tüchtigen Menschen her. Dabei verfiel er nie in leidenschaftliche Schwätzerei. Ruhig und besonnen sagte er sein Ja und Nein, aber so, daß er es niemand aufdrängte. Wenn er die, mit denen er gesprochen, verlassen hatte, so kam es ihnen wie ein eigen gefundenes Wort von selbst auf die Lippen. Der katholische Pfarrer schrieb seinem Einfluß die Rückkehr Wennrichs zur Kirche zu. Dem evangelischen Pastor fiel es bald erfreulich auf, weil er, obwohl anderen Glaubens, überall überlegt die Partei des schwachen, trägen Gemeindevorstehers Schlicker ergriff, wenn dieser auf dem rechten Wege war, und ihn im stillen beriet, wenn er in der Widerwehr von seinen Gegnern einer falschen Richtung zugetrieben wurde. Denn wie es in jener Zeit lag, begann der Kampf der beiden Konfessionen wieder schlimme vergiftete Formen anzunehmen, und die beiden Geistlichen von Wilkau erhitzten sich in immer ärgerer Weise, der evangelische vom Staate protegiert, der katholische im Schatten des Grafen Schilling. Maechler neigte dem einen Teil zu, ließ dem anderen Teil volle Gerechtigkeit widerfahren und trug so manches zur Beruhigung der Gemüter bei. Alle wunderten sich darüber, wie es zugehe, daß dieser landfremde Gerbergesell überall einen solchen Einfluß ausübe. Aber der große, ruhige Mann durfte sich nur zeigen, so verstummten seine Widersacher, denn sein Verstand war klar, aber nicht verletzend, sein Wort einfach, aber treffend, seine Güte fest, sein Weg unbeirrbar und sein Charakter makellos. Was er angriff, gelang, was er wollte, das kam ihm entgegen, und es gab kaum einen, der nicht in ihm den Schwiegersohn des alten Wennrich sah. Fragte ihn aber der und jener, wann denn die Hochzeit mit Lotte sein werde, so sah er ihn erst verwundert an und antwortete dann lächelnd, daß er die Sprache, die zu so etwas notwendig sei, wohl nicht verstehe, oder speiste die müßige Neugier mit einem anderen launigen Spaß ab, daß kein Frager klüger davonging, als er zu Maechler getreten war. Denn zwischen ihm und Lotte stand noch dieselbe Luft, die sich aus unbegreiflichen Ursachen von dem schrankenlosen Bekenntnis des Mädchens beim Antritt seiner Stelle erzeugt hatte. Ja, in dem Maße, wie sich die glückhaften Unternehmungen Maechlers häuften, wurde Lotte noch kühler, ferner, abseitiger, oft geradezu schroff. Sie mochte wohl von dem Bangen befallen worden sein, Maechler könnte ihre bedenkenlose Offenheit in der Darstellung des Schicksals und der Not ihres Vaters als Anpreisung ihrer Person aufgefaßt haben. Deswegen begegnete sie ihm in der Folge sehr zurückhaltend, und da er offenbar gleichgültig an dieser Verdunkelung ihres Betragens vorüberging, ließ sie ihn sogar oft als Meisterstochter sein Gesellentum schmecken, und weil auch damit aus dem klugen und überlegenen Mann nicht mehr als ein langer, erstaunter Blick zu holen war, verbiß sich ihr verletzter Stolz noch mehr, noch bitterer. Nach und nach erschienen ihr Maechlers glückliche Unternehmungen als das Bestreben, umsichtig alles an sich zu bringen und damit von selbst auch sie in Besitz zu bringen, wie etwa eine Katze beim Hauskauf nicht besonders erwähnt wird. Deswegen wurde ihr sein unausgesetztes Pläneschmieden widerlich, und sobald die beiden Männer die Beratung einer neuen Unternehmung begannen, ging sie gleichgültig und abgeschmackten Gesichts davon. Was war dieser Maechler auch für ein Mensch, um den die Abenteuer einer jahrelangen Wanderschaft gewitterten, obwohl er nie davon sprach, und der offenbar dabei alles Gemüt, jede Frömmigkeit und allen Glauben verloren hatte, daß er alles nur mit dem Verstande angreift und mit den robusten Händen vollendet. Aber merkwürdig, die Verunglimpfungen, die sie so unersättlich sammelte, vermochten nicht in die Tiefe ihres Herzens zu dringen, in dem mit Eintritt Maechlers ein Gefühl erwacht war, das sie nicht verstand und nicht beherrschte. O nein, das war nicht Liebe, was sich da immer stürmischer sammelte! Das glaubte sie zu wissen, wenn sie ihre Schulkameradinnen beobachtete, die den Erwählten gefunden hatten und nun in Weichheit sich verloren, in fesselloses Schwärmen, in Brustwärme und im Schwelgen kleiner Hoffnungen, in dieses fade, lächerliche Getue, dieses Gehimmel und törichte, eitle Wortgeplätscher. Auf keinen Fall war das Liebe! Wenn sie Maechlers Schritt schwer und sicher über die Stiegen gehen hörte, so sprang ein Zorn in ihr auf, daß sie die Hand auf ihr empörtes Herz legen mußte, und wenn sie ihn gereizt oder verletzt hatte, verfiel sie in Finsternis, und ihre Augen, die noch in Triumph und Rachsucht funkelten, füllten sich, ohne daß sie es wollte und hindern konnte, mit Tränen. Immer wurde sie in Stolz getrieben, an dem sie litt, in Kälte, gegen die sich eine Süße empörte, die wie ein hungriges Feuer in ihr tobte. Einige Male versuchte Maechler sie zu einem Spaziergange über das Feld einzuladen. Sie ließ ihn ruhig ausreden, genoß seine Ungeschicklichkeit und Verlegenheit, sah ihn groß und herrisch an, daß er die Augen senkte, und lehnte dann mit höhnischem Kräuseln ihres schönen vollen Mundes ab. Ja, eines Tages drang der Vater in sie, sich doch nicht so in das Haus zu vergraben. Das brachte ihr Blut so in Wallung, daß sie richtig aufschrie: »Das verstehst du nicht, alter Mann!« Dann floh sie aus der Stube, lief über die Treppe hinauf und schloß sich in die Giebelstube ein. Durch kein Zureden und keine Güte war sie zu bewegen, herauszukommen. Als die beiden sich aus dem Hause entfernt hatten, kam sie hervor und ging mit einer solchen Schwermut durch alle Räume, als sei sie eine Betrogene und Verlassene. Dann setzte sie sich auf die Bank unter dem Giebelvorbau. Die Luft stand unbeweglich im Licht. Die Blüten auf den Beeten des Vorgärtchens sahen unwirklich aus, als gehörten sie einer anderen verklärten, verwunschenen Welt an. Das leise Rauschen des Heidewassers über die Feldgasse hinter der Ufermauer klang, als gehe es fern und hoch hinter dem Blau des Himmels vorüber, und Lotte geriet in einen Zustand der Verströmtheit, in ein traumartiges Verlorensein. In dieser unbeschreiblichen, seligen Bewußtlosigkeit erhob sie sich und suchte unter den Geranien an dem Fenster den schönsten Strauß aus, trug ihn in Maechlers Kammer hinauf und stellte ihn auf das Brett des kleinen Fensters. Als sie sich zurückbog, sah sie in dem winzigen Spiegel an der Wand ihr Gesicht, das lieblich weich wie das eines Kindes war, mit geröteten Wangen und verzauberten Augen. Da packte das Mädchen ein solches Erschrecken, daß sie den Geranienstrauß vom Fenster stieß. Als sie den dumpfen Laut hörte, mit dem der Topf drunten im Hof in Scherben ging, atmete sie befreit auf und verließ hochaufgerichtet die Kammer, deren Tür sie hinter sich zuwarf, ohne sich umzudrehen. Den Strauß stopfte sie in den Müllkasten und säuberte den Hof, daß nichts mehr, kein Krümchen Erde, kein Topfsplitter zurückblieb. Nach diesem Ausbruch überfiel sie aber ein noch grenzenloseres Einsamkeitsgefühl. Hatte sie vorher die Empfindung gehabt, im Vaterhause eine Entrechtete und Betrogene zu sein, so kam sie sich nun, nach diesem Vergehen an der unterdrückten Sehnsucht ihrer Süße, von der ganzen Welt ausgeschlossen vor. Um wieder in das Leben zurückzufinden, ging sie in das Nachbarhaus, wo die Jugendfreundinnen ihrer verstorbenen Mutter, die Schwestern Niedenführ, zwei alte Jungfrauen, wohnten, die sich durch Handarbeiten und vom Vermieten einiger Zimmer an bescheidene Badegäste ernährten. Immer, wenn Lotte durch solche Strudel des Innern in eine unbekannte Welt ihres Wesens gerissen wurde, suchte sie Zuflucht in der lautlosen Stube dieser alten Frauen, deren graues Haar schon stark ins Weiße zu spielen begann, wie ihre einsamen Seelen sich nur noch im Lichte der Vergangenheit sonnen konnten. Die Stricknadeln der einen pinkten, der Faden der anderen fuhr leise durch die in den Stickrahmen gespannte Gitterleinwand, und die längst versunkenen Tage ihrer Kindheit und Mädchenzeit wachten in Geschichten auf, die Lotte schon hundertmal gehört hatte. Heute aber sog sie den verblaßten, entrückten Schimmer der Erinnerung dieser alten Weiblein mit der Gier und dem Heißhunger einer fast Verzweifelten ein, weil durch jene verschollene Welt auch ihre Mutter gegangen war, jung wie sie und in einer Art, die ihrem Wesen in vielem glich. Denn auch sie war lebendig und fröhlich, aber still, in herber Scheu durchs Leben gegangen. Mitten im spielenden Plätschern am Heidewasser hatte sie schon als Kind ein Staunen erfaßt, daß sie mit großen, verwunderten Augen dem Glitzerspiel der Wellen zugeschaut und dann, auf einem Stein sitzend, verloren dem Rauschen des Wassers gelauscht hatte, als die anderen längst davongegangen waren. Sie war auf der Kummerharte heimlich von ihren beeren- und pilzsuchenden Freundinnen gegangen, um weitab, einsam nur für das Echo zu singen und hatte einst einen läppischen, zudringlichen Jungen mit Steinwürfen über den Berg hinabgetrieben. Denn bei aller Verschlossenheit wurde sie von Zeit zu Zeit von einer Leidenschaftlichkeit gepackt, die dann auch ihren so behüteten Mund in ein fesselloses Strömen und eine Beredsamkeit brachte, daß sich alle verwunderten, die sie hörten. Lotte lauschte den Geschichten der beiden Alten, bis das Abendrot in den Kronen der Bäume schon zu versiegen begann. Dann ging sie heim mit der wiederaufgefrischten Sicherheit, daß ihr Wesen von dem Geist der Mutter gelenkt, nicht von diesem Maechler verwirrt sei. Nicht für ihn, sondern für die Mutter hatte sie in traumhafter Ergriffenheit den Geranienstock auf das Fenster gestellt. Warum sie ihn aber dann heruntergestoßen hatte, an dieser Bedenklichkeit schlüpfte sie abgewandten Herzens vorbei. Zu Hause traf sie den Vater und Maechler schon am Tische sitzend. Wennrich empfing sie als Ausreißerin mit liebenswürdigen Vorwürfen, Maechler nickte nur zustimmend mit dem Kopf und krümelte ein erzwungenes Lächeln um den Mund zusammen. Dabei blieb sein Gesicht ernst, und seine Augen maßen sie so bekümmert, daß sie sich mit einem Ruck abwenden mußte, um die Röte zu verbergen, die ihr ins Gesicht schoß. Trotz dieses Kampfes mit der Leidenschaftlichkeit ihres verkehrten Herzens blühte Lotte geradezu auf: Ihr reiches Blondhaar wurde noch glänzender, ihre Augen strahlender, das Feuer auf dem Grunde der graugrünen Sterne berückender, ihr schwebender Gang sieghafter, und wenn sie lachte, oft ohne Grund, für sich allein, so packte das Maechler so schmerzend in der Brust, daß er die Augen schließen mußte. Dreizehntes Kapitel Das Wennrichsche Haus auf der Feldgasse trug mit seinem gepflegten Blumenvorgärtlein, seinen klaren Fenstern, seinen sauberen, gesandeten Gängen zwischen den Beeten noch immer den Stempel friedvoller, behüteter Beschaulichkeit. Aber wenn vorher hinter seinen weißen Wänden das Leben gegen Verfall und Verzweiflung gerungen hatte, so füllten sich nun, da aus dem Niedergang ein Aufschwung, aus müder Hoffnungslosigkeit rühriger, rüstiger Lebensglaube geworden war, alle Räume mit der Spannung zwischen Lotte und Maechler, die, ohne es selbst zu wissen oder zu glauben, mit verdeckten Karten um einen Einsatz spielten, gegen den sich das Mädchen wie besessen wehrte und auf den der Mann kaum zu hoffen wagte. Indessen ging das Leben weiter und führte die Entscheidung auf Wegen herbei, die niemand übersehen konnte. In jener Zeit entbrannte nicht nur in Wilkau, sondern in weiteren Umkreisen der Streit um eine Straße, durch den eine unglaubliche Erhitzung der Gemüter erzeugt wurde. Der alte Handelsweg, der an einem niedrigen Ausläufer des Isergebirges abseits gegen die Landesgrenze hinführte, war schadhaft geworden und sollte durch eine neue Kunststraße ersetzt werden. Man wollte sie von Rehberg durch volkreichere und zukunftsichere Orte bauen, unter denen Wilkau obenan stand. Wie es nicht anders sein konnte, platzten die aus den verrotteten Sturmjahren herrührenden Gegensätze hart aufeinander. Die einen prophezeiten Wilkau ein schnelles ungemeines Aufblühn, wenn es durch die neue Straße näher an Rehberg und die zu erwartende Gebirgsbahn gerückt würde, die anderen wehrten sich dagegen, den kleinen Badeort durch den erhöhten Lärm des Verkehrs aus seiner Stille und der für das Wohl der Kranken so notwendigen Beschaulichkeit zu reißen. Auf der Seite der Anhänger der alten Straße stand der Graf Schilling und der katholische Teil der Bevölkerung. Die Partei der Neuerer rekrutierte sich vornehmlich aus dem Kreise der Evangelischen, die eine Stütze in dem Pastor und einen geheimen Förderer in dem vorsichtigen, ein wenig hindämmernden Gemeindevorsteher Schlicker fand, der niemand wehe tun wollte und es um so mehr und mehr mit allen verdarb. Die Hetzereien zwischen Katholiken und Evangelischen, von den beiden Geistlichen immer mehr angefacht, zerrütteten die kaum erreichte Beruhigung. Die Gemeinde knurrte gegen den standesherrlichen Grafen. Die Geschäftsleute kämpften gegen die Fremdenheimbesitzer. Die Armen beschwerten sich, und die Besitzenden waren besorgt. Am leidenschaftlichsten gebärdete sich der Schlosser Neefe, der die Umstände benutzte, sein gesunkenes Ansehen wieder auf die alte Höhe zu bringen. Dieser geschwollene Trommelbauch tobte durch die Gassen, lärmte zum Maulreißen jedes Haus voll, stänkerte sich durch die Stuben, brüllte in Gaststätten und in jedem Marktwinkel. Immer zudringlicher und unverschämter stellte er sich als Helfer des gnädigen Herrn Grafen und zuletzt als dessen geschätzten Freund und beauftragten Bundesgenossen vor, obwohl es ihm nie gelang, im Schlosse empfangen zu werden. Oft ging er hinein, versteckte sich eine Zeit in einem Winkel des geräumigen Flures und trat dann breitbeinig und triumphierenden Gesichts auf den Schloßplatz heraus, als habe er eben wieder von dem Grafen eine schmeichelhafte Anerkennung seines Kampfes für das wahre Wohl Wilkaus geerntet. Maechler sah in dem lächerlichen wirren Wirbel, der alles in Wilkau durch- und gegeneinander drehte, die ruhige tätige Besonnenheit, für die er in den zwei Jahren seines Aufenthaltes überall gewirkt hatte, vollkommen in Frage gestellt. Sein Glaube an den guten Wesensgrund aller Menschen fing an zu wanken, und weil er nach so vielen fruchtlosen Versuchen auch sonst an der Hoffnung zu zweifeln begann, seine Tätigkeit im Wennrichschen Hause zu einem erfolgreichen Ende zu führen, bemächtigte sich seiner eine Müdigkeit, gegen die er nicht einmal ernstlich ankämpfte. Wohl tat er dem Schlosser auf offener Straße einmal so unerschrocken entgegen, daß er mit dem Erfolg wohl hätte zufrieden sein können, schmälerte aber damit sein sowieso geringes Glücksgut noch mehr. Dieser Aufwiegler und Unruhestifter Neefe fiel nämlich, wo es immer war, mit aufreizenden, beleidigenden Worten alle an, die auf der Seite der Verfechter der Straßenneuerung standen, und betrachtete sie als persönliche Feinde. Maechler, als umsichtiger Förderer des Wennrichschen Aufstiegs und mutiger Schildhalter von dessen Ehre, war ihm besonders verhaßt. Ihn machte er mit Recht verantwortlich für das Sinken seines Ansehens, das er nun durch rücksichtsloses Toben wieder auf die alte Höhe zu treiben versuchte, und war auch über ihn aufgebracht, daß er den, wie er sich ausdrückte, »rammdösigen« Gemeindevorsteher unterstützte und beriet. Darum arbeitete er auf eine Gelegenheit hin, ihn öffentlich herabzusetzen und lächerlich zu machen. Eines Tages stand er mit einem Haufen seiner Anhänger auf dem Schloßplatz und setzte mit lauter Stimme seine Ansichten über die beste Weise, für das allgemeine Wohl zu sorgen, auseinander. Müßige Neugierige, Geschäftsinhaber, die untätig an ihrer Ladentür lehnten, Weiber und Kinder traten herzu. Es bildete sich ein kleiner Auflauf. Denn man erwartete einen jener unterhaltsamen Skandale, in deren Anzettelung Neefe eine gefürchtete Meisterschaft besaß. Selbst der Graf Schilling trat hin und wieder an das geöffnete Fenster. Da kam Maechler mit einem bis über die Leitern mit nassen Häuten geladenen Handwagen, der von zwei Arbeitern in den Schuppen auf der Vogelsdorfer Straße zum Trocknen gezogen wurde, von der Feldgasse her die Rehberger Straße herauf. Kaum hatte der Schlosser den Gerber gesehen, der, eine Hand an dem Leiterbäumlein, aufrecht und ruhig einherging, so fing er unvermittelt über hergelaufene Straßentraber zu schimpfen an, die von irgendwem abstammten und mit dem Unrat, den sie in aller Welt gesammelt hätten, heimlich in dem guten Wilkau hausieren gingen, auf Erbschleicherei aus seien und die einfachen, arglosen Gemüter mit Redensarten um Freiheit und Selbständigkeit brächten. Alle sahen sich nach Maechler um, auf den die Worte gemünzt waren, und auch der Graf lehnte sich einen Augenblick aus dem Fenster. Der Gerber reckte sich noch mehr in seine breiten Schultern und ging, wenn auch einen Ton blasser, doch lächelnd seines Weges. Aber eben, als er dem Haufen gegenüber war, schrie der Schlosser mit erhöhter Stimme: »Jawohl, meine lieben Wilkauer, da auf dem Wagen liegen die Felle, die schon vielen über die Ohren gezogen worden sind.« Alles lachte. Maechler faßte die Leiter des Wagens fester und riß das Gefährtlein zurück, daß die Arbeiter stillstanden. Dann ging er mit so langen Schritten und einem so drohenden Ernst im Gesicht hinüber, daß der Haufen erschreckt zur Seite wich und ihm den Weg zu dem Schlosser frei machte, der jäh verstummt war und erschrocken zurückwich. Verächtlich maß ihn Maechler einen Augenblick. Dann hob er seine riesigen braunen Hände dem Ängstlichen unters Gesicht und machte sie greifend auf und zu. Dabei sagte er mit leiser, wegwerfender Stimme: »Das sind Hände, die Felle gerben und Aas herunterzuschneiden verstehen. Das Ohrfeigen überlasse ich den Weibern im Garten hinterm Hause, und das Hopsen über den Zaun mit dem Kästchen unterm Arm ist Sache der Lumpen. Und nun, Herr Neefe, es ist höchste Zeit, sich zu verkrümeln. Ihre Frau hat schon nach Ihnen gerufen.« Und da der Schlosser sich jetzt in die Brust zu werfen anfing und zitternd nach Atem zur Widerrede riß, schrie Maechler plötzlich so laut, daß es über den ganzen Schloßplatz dröhnte: »Sofort gehen Sie weg!« Da trottete der Gezüchtigte, fahl bis in die Haarwurzeln, davon. Ehe er in eine Nebengasse einbog, drohte er mit der Faust und rief etwas von »Gericht« zu Maechler zurück, der die Umstehenden um Verzeihung bat und dann ruhig hinter dem Wagen, der sich wieder in Bewegung gesetzt hatte, weiterging. Der Graf erwiderte mit einer beglückwünschenden Handbewegung seinen Gruß, und mancher Beifallsruf klang ihm nach; aber nichts von Triumph kam in seinem Gesicht auf, das eher einen leidenden Zug trug. Es erheiterte ihn auch nicht, als er erfuhr, daß der Schlosser seitdem stumpf wie ein Raubtier mit eingeschlagenem Kreuz zu Hause saß und der ganze Ort aufatmete. Ja, er konnte sogar ein bitteres Lächeln nicht unterdrücken, da ihn der alte Wennrich auf die Kunde von der Züchtigung des Schlossers dankbarer Rührung voll in die Arme schloß. In sich gekehrt arbeitete er, lautlos saß er umher, grübelnd lag er des Nachts im Bett und horchte hinaus, ob sich nicht wieder die schleichenden Schritte um seine Kammertür hören ließen, die seine erste Nacht im Wennrichschen Hause beunruhigt hatten. Denn er betrachtete dieses gewalttätige Losfahren gegen den Schlosser als einen Rückfall in seine alte Rebellenwildheit, und je länger er diesem Schattenwühlen nachhing, desto näher kam er wieder der alpischen Dunkelheit des Gedankens, das wilde Wesen der Paula Großmann, das ihn vor zwei Jahren an sich gerissen hatte, ziehe noch immer seine Kreise um ihn. Denn die Menschen jener Zeit nach den verunglückten achtundvierziger Unruhen litten tiefer an der Zwiespältigkeit, die in der Natur des Menschenwesens überhaupt liegt. Ernüchtert rissen sie sich in einen Kampf um ein greifbares Glück auf der Erde. Sie begannen die göttliche Führung des Schicksals zu leugnen. Der Sozialismus rührte sich, religiöse Bindungen fingen an, Fragen der Wirtschaft und Wissenschaft zu werden, und zugleich wurde dieses Geschlecht, das mit freier, ja oft frecher Stirn der Alleinherrschaft des Verstandes in der Welt der Menschen leidenschaftlich zustrebte, von den Gemüts- und Glaubenskräften ihrer Vorfahren beunruhigt, die bei den einen in dumpfen Aberglauben, bei den andern in sentimentale Schwärmerei entarteten. Vergeblich nannte Maechler seine Spintisierereien Unsinn, umsonst versuchte er das Gelächter wieder aufzubringen, mit dem er vor langen Monaten den ersten Anfall dieser schicksalhaften Ahnung abgeschüttelt hatte. Es schien sich wirklich der uralte Glauben an die Wirkung des bösen Blickes an ihm zu bestätigen. Wenn er in der Nacht lag und über sich schaute, war es ihm oft, als bemerke er in der Finsternis zwei schwarze Augen, die unausgesetzt sich auf ihn einbohrten. So sog wahrhaftig dieses Wesen noch immer an seinem Leben. Ja, sogar über Lotte schien seine Verdunkelung mehr und mehr Macht zu gewinnen. Ihre Überheblichkeit sprühte nur noch selten auf. Nie lachte sie über seine Einsilbigkeit. Nie mehr fuhr ihn ihr Blick verwirrend an, wenn er notgedrungen das Wort an sie richten mußte. Ihr Stolz verlor die Schärfe. Aber auch das Schwebende ihres Ganges war nicht mehr so leicht, das Schillern ihres Auges verwandelte sich oft in Überwölkung. Mit einem Wort, es lag ein geheimer Kummer über ihr, den sie wohl vor Maechler bezwang, aber doch nicht ganz unterdrücken konnte. Und doch hatte diese unleugbare Veränderung im Wesen und Verhalten Lottes dieses Mal noch einen Grund, der sich nicht ganz mit den Befürchtungen Maechlers deckte. Während eines Besuches bei den Schwestern Niedenführ war am Ende durch Lottes Drängen das Gespräch wieder auf ihre Mutter geführt worden, und eine der alten Jungfern erinnerte sich, daß irgendwo noch ein Zettel sein müsse, auf den Lottes Mutter mit ungelenker Kinderhand einen Spielvers geschrieben hatte. Man kramte in Schüben und Schränken, wühlte Kasten und Truhen durch und fand nichts. Zuletzt, von dem hartnäckigen Eifer des Mädchens belustigt und zugleich etwas unwirsch gemacht, griff die eine der weißgrauen Jungfrauen in ein Körbchen und hielt Lotte einen Schlüssel vors Gesicht. Da der Zettel offenbar verwunschen und entrückt sei, könne vielleicht dieser fremde Schlüssel, der einst vom Himmel in ihren Garten gefallen war, das Zauberschloß lösen, das den Zettel gefangen hatte. Lotte erkannte in dem alten, angerosteten Ding sofort den Schlüssel für die Kommode der Maechlerschen Kammer, ließ sich aber nichts anmerken, sondern stimmte herzlich in das Gelächter der beiden ein, nahm den Schlüssel an sich und meinte launig, man könnte ja immerhin den Zauber versuchen. Nachdem sie einen und den anderen Tag den Schlüssel unversucht in der Tasche umhergetragen hatte, ohne jemand ein Wort davon zu verraten, siegte doch die weibliche Neugier. Sie überwand endlich die Scheu, in die Geheimnisse Maechlers einzudringen und öffnete den verschlossenen oberen Schub der Kommode. Zu ihrer Enttäuschung war er leer. Nach manchem vergeblichen Umhergreifen geriet ihr, in eine hintere Ecke geschoben, das zusammengefaltete Papier unter die vor Aufregung zitternden Hände, auf dem das Abendgebet der Maechler stand. Sie hatte Mühe, die halb erloschenen, veralteten Schriftzüge zu entziffern. Als es ihr gelungen war, las sie immer und immer wieder diese schmucklosen Verse tiefer, inniger Gläubigkeit und war ergriffen, daß ihr Herz klopfte. Bebend legte sie das zusammengefaltete, zerlesene Papier an den alten Ort zurück, verschloß den Schub wieder und war einen Augenblick im Zweifel, ob sie den Schlüssel stecken lasse. Aber nein, Maechler durfte nicht wissen, daß sie hinter das Geheimnis seines Wesens gekommen sei. Mit eins erschien er ihr in einem Lichte, das sie nicht für möglich gehalten hatte. Er war also nicht der verstandeskalte, robuste Mensch, sondern hatte nur auf eine Zeit seine tiefe Gläubigkeit von sich geschoben, um von Herzensweichheit nicht im Kampf für das Wohl ihres Hauses behindert zu werden, der nur mit kalter Klugheit und gelegentlicher Härte geführt werden konnte. Nur so war es möglich gewesen, ihren Vater aus der religiösen Kleinmut und dem verzagten Menschenhaß herauszuleiten und das Gedeihen ihres Hauses wieder zu beflügeln. Welches geheime Märtyrertum hatte er um ihres Wohles halber auf sich genommen! Ihr Herz krampfte sich zusammen vor Scham, wie sie diesen seltenen, großen und guten Mann behandelt hatte. Aber in ihrem Stolz fand sie keinen Ausweg, das Unrecht wiedergutzumachen. Sich vor ihm zu demütigen oder in Weichheit zu zerschmelzen, erschien ihr so, als solle sie sich nackt vor ihm zeigen. Ihr Herz, das danach schrie, empörte sich zugleich dagegen. So verfiel sie immer tiefer in den Kummer und einer Verfinsterung, in der Maechler die böse Fernwirkung der Paula Großmann erblickte, der er einmal wider Willen so höllisch verfallen war. Während er in seiner Kammer die Nächte zergrübelte, wie diesem Unsegen zu entrinnen sei, wälzte sich drunten Lotte ruhelos auf ihrem Lager und stöhnte oft laut. Da Maechler wohl ein tief gebundener und bewegter, aber zugleich tätig getriebener Mensch war, ertrug er diese Last nicht länger, die sich aus undurchdringlichen Dämmerbezirken des Daseins auf ihn gewälzt hatte. Geht mir dieser Schatten und offenbare Unsegen nicht aus dem Wege, sann er, so muß ich ihm eben ausweichen, und er faßte den Entschluß, seinen Eichenheister wieder hinter dem Schrank hervorzuholen, Wilkau den Rücken zu kehren und anderswo das Heil seines Lebens zu versuchen. Allein, still wie ein lahmgewürgter Hund wollte er aus diesem Ort nicht gehen, für den er so viel an Tat und gutem Willen aufgebracht hatte. Durch die Kreisverwaltung war endlich die Entscheidung in der Straßenführung gefallen und dem Gemeindevorsteher Schlicker in einem Schreiben mitgeteilt worden: Die neue Kunststraße solle über Scherichsdorf und Wilkau an die Landesgrenze gebaut werden, und Schlicker gedachte, eine allgemeine Versammlung der Gemeindemitglieder einzuberufen. Dort wollte er im Anschluß an die amtliche Verfügung vor allem noch einmal die Gründe und Vorteile der neuen Straßenführung durch den Kreisbaumeister vorlegen lassen, um sich so von dem Verdacht seiner Gegner öffentlich zu reinigen, daß er im geheimen besonders für das manchen so verhaßte Projekt gewirkt habe. Auch einen Vertreter des Grafen, der indessen seinen Widerstand aufgegeben hatte, wollte man für die Teilnahme an der Versammlung gewinnen. Maechler sollte aus der Mitte der Teilnehmer auf Zuruf zur vollkommenen Beruhigung in Vertretung seines Meisters einige kluge, abgewogene Worte sprechen und dem Vertrauen des Volkes in die Maßnahmen der Behörde Ausdruck verleihen. Es kostete den Gemeindevorsteher nicht allzuviel Mühe, Maechler zu dieser für einen Gesellen immerhin etwas gewagten Mission zu bewegen. Nach einigem Zögern sagte er zu, weil er bei dieser Gelegenheit noch einmal vor allen von dem Sinn des wahren Bürgers, dem Wohl des Menschen und der Bedeutung der richtig verstandenen Freiheit das sprechen wollte, was er vielen einzelnen in Unterhaltungen nahezubringen versucht hatte. In einer verzeihlichen Überheblichkeit sollte diese Rede des Antritts zugleich die seines Abschieds von Wilkau sein. Der Tag der Versammlung, der 12. August, rückte heran. Maechler hatte Wennrichs Einwilligung unter der Bedingung erhalten, mit dem Schlosser, wenn er etwa auch erscheinen und in die Verhandlung eingreifen sollte, endgültig abzurechnen. Der alte Mann wurde von unbezwinglicher Aufregung durch das Haus, in das Hintergärtlein, auf den Boden getrieben und stand oft versunken auf dem Werkplatz über der Straße an der Ufermauer des Heidewassers und schaute lange auf die kleinen Wellen des Flüßleins, die, von langer Dürre abgezehrt, mühsam zwischen den Steinen hinschlüpften. Bald war er in der Erinnerung an die vielen Schicksalsschläge seines Daseins verdüstert, bald glühte er in der Aussicht auf Erfüllung seiner Rachsucht am Schlosser, bald riegelte er sich in die Schlafkammer ein und rang im Gebet zu Gott um Befreiung von dieser Bosheit seines Herzens, bald war sein Gesicht glückhaft übersonnt in der Erwartung der vollkommenen Wiederherstellung seiner Ehre. Die Unruhe des umgetriebenen Mannes nahm zu, wie die Hitze in der Natur zur Unerträglichkeit stieg. Die Bäume standen erschöpft, ihr Laub hing ausgesogen und fahlgrün. Das Gras raschelte dürr unter den Füßen wie Heu. Das Blau des Himmels war grau gekocht. Maechler ging ruhig umher und lächelte nur nickend zu den vielen Ausbrüchen Wennrichs über dies unerträgliche Wetter. »Lassen Sie's gut sein, Meister«, sagte er, »wenn erst der Sturm im ›Braunen Hirschen‹ vorbei ist (im Saal dieses Gasthauses sollte die Versammlung sein), dann ändert sich auch das Wetter. Verlassen Sie sich auf mich. Ich, als alter Wanderbursch, habe eine Nase dafür. Und was an mir liegt, soll geschehen.« Unauffällig regelte er alles Schwebende im Geschäft und ordnete seine Sachen, denn er hatte vor, unmittelbar nach der Versammlung, vielleicht noch in derselben Nacht, ohne Abschied davonzugehen, wie er es in der Bradlerbaude getan hatte und wie es die Art seines gesammelten Wesens war, aus dem das entscheidende Handeln unwiderstehlich wie ein Feuer hervorbrach. Lotte beobachtete mit Beklemmung seine geladene Ruhe und zuckte oft innerlich zusammen, wenn sie von seinem spürenden Blick getroffen wurde. Was soll bloß werden? fragte sie sich oft im stillen und bebte vor dem, was bevorstand, in einer Furcht, die sie nicht abzuschütteln vermochte, weil dieses Zittern, das nun und nun ihren Körper wie ein heimlicher, kalter Fieberschauer überfiel, aus der süßesten Sucht des Weibes nach völliger Hingabe stammte. Bis zu dieser unerträglichen Spannung hatte sich das Leben in dem Wennrichschen Hause auf der Feldgasse an dem Tage der Versammlung verknäult. Die drei Personen standen von dem Abendbrot auf, das gedrückt, fast wortlos, verlaufen war, in einer fahrigen Stille, die nur manchmal von einem herausfordernd übermütigen Ausruf Maechlers unterbrochen wurde, den der alte Gerber mit einem frommen Spruch bekräftigte. Lotte und ihr Vater traten mit dem Davongehenden in den Flur. Dort richtete sich Maechler auf und sagte nach einem schneidenden Auflachen: »So, nun sind wir soweit! Leben Sie wohl! Das ist das Letzte, was noch zu tun ist. Dann ist hoffentlich Schluß. Jawohl, Meister, Schluß mit allem. Und vielleicht, Fräulein Lotte, geht es Ihnen dann auch besser.« »Gott mit Ihnen, lieber Maechler«, rief der erschütterte Meister, der den Sinn der Worte des Entschlossenen nicht verstand, und preßte kräftig seine Hand. Lotte lächelte gezwungen und sah ihn, mechanisch mit dem Kopfe nickend, ratlos an. Wennrich eilte in die Schlafstube und riegelte sich zum Gebet ein. Als der Gesell noch einmal zurückkehrte, um etwas Vergessenes aus seiner Kammer zu holen, sah er Lotte noch an derselben Stelle stehen und versunken auf den Boden starren, wo sie etwas, was nicht zu sehen war, immerfort mit dem Fuß zur Seite schob. Bei seinem unvermuteten Wiedereintritt fuhr sie erschrocken auf, floh in die Lederausschnittsstube, deren Tür sie hinter sich halb offen ließ, und stöhnte laut auf. Maechler sprang sofort von den ersten Stufen der Treppe zurück und trat mit der erschrockenen Frage auf die Schwelle: »Was ist mit Ihnen, Fräulein Lotte?« »Maechler!« schrie das Mädchen gequält auf, wurde kalkweiß, schloß die Augen und mußte sich krampfhaft am Tisch festhalten, um nicht wankend gegen Maechler hin zu Boden zu fallen. Jetzt war der Augenblick gekommen, da er das stolze überwundene Mädchen sich hätte an die Brust reißen können. Aber er sah nicht das aufgeangelte Tor der Liebe, sondern war von der nahen Ohnmacht dieses schönen Mädchens so erschüttert, daß er, in Bereitschaft, die Sinkende aufzufangen, stotternd und in großer Angst nur wieder fragte: »Gott, Fräulein Lotte, was hat's denn?« Aber da hatte sich das Mädchen schon wieder gefaßt, lachte gell auf und führte bei geschlossenen Augen einen Fauststoß gegen Maechler hin in die Luft. Dann sagte sie schneidend, mit Verachtung: »Nein! Sie haben recht. Gehen Sie fort von hier. Machen Sie Schluß.« Maechler hörte aus ihrer Stimme nicht den Schrei gekränkter Inbrunst, sondern nur den wilden Zorn ihrer Demütigung. »Jaja. Ich weiß das schon lange«, sagte er dumpf. Dann ging er aus dem Hause, denn es war die höchste Zeit. Vierzehntes Kapitel Die Hitze, die seit Wochen das Rehberger Tal ausgedörrt hatte, war zu einer unerträglichen, drohenden Schwüle angewachsen. Die Gassen Wilkaus wurden von ihr mit einer Glut angefüllt, die in dem dumpfen Licht der dunstig untergehenden Sonne flimmerte und kaum zu atmen war. Auf den Dächern lag sie wie eine Last. Das Riesengebirge stand fast schwarz und reckte seine Gipfel wie in verbissener Wucht in die regungslose Luft. Die Schneekoppe schien in ihr zu zittern, und hinter dem Kamm schob sich eine mächtige Wand, die schwefelgelb kochte, in den schiefergrauen Himmel, der sich vor Erschöpfung kaum mehr in der Höhe erhalten konnte. Leute standen in unruhigen Gruppen vor den Häusern und sprachen lebhaft und sorgenvoll gestikulierend aufeinander ein. Da und dort rief man Maechler zu, lieber wieder nach Hause zu gehen, denn heute gebe es ein ordentliches Wetter. Aber die Stimmen, die ihn trafen, waren gespenstisch klanglos, wie ausgesogen, so daß er kaum verstand, was ihm zugerufen wurde. Mit erzwungenem Lächeln winkte er ab, achtete kaum auf etwas anderes und eilte weiter. Immerfort klangen die zornbebenden Worte Lottes in ihm: Machen Sie Schluß! Das wollte er schon machen. Allein, aus sich selber sollte das kommen, jetzt gleich; aber ordentlich, daß es die Wilkauer nicht vergessen würden. Als er über den Schloßplatz ging, schlug es von den beiden Kirchtürmen die achte Stunde. Die Töne klangen undeutlich, als würden sie mit Klöpfeln von Watte aus den Glocken gehämmert. Dieser Klang der Türme, der auch von weitem her, gleichsam aus einer außerweltlichen Gespensterstube zu kommen schien, machte Maechler unsicher, daß er nicht sofort in den Saal hinaufging, sondern nicht weit von dem Eingang zum »Braunen Hirschen« stehenblieb, weil es ihm plötzlich zwingend war, daß er jemand erwarten müsse. Wen, wußte er nicht. Da fiel es ihm ein. Als er vorhin am Hotel »Preußische Krone« vorüberging, war es ihm doch gewesen, als klopfe jemand an die Scheiben, und als er hinübersah, erschien ein großes, blau angelaufenes Männergesicht und nickte ihm zu. Das war doch das Gesicht des Kreisbaumeisters Mulvert gewesen, mit dem er einst bei dem Gemeindevorsteher Schlicker in der Straßenbauangelegenheit zusammengetroffen war. Allein, da er jetzt, unruhig auf und ab gehend, sich das Gesicht vorstellte, das hinter der Fensterscheibe des Hotels nach ihm hingesehen hatte, glaubte er sich zu erinnern, daß dies gar nicht Mulvert gewesen sein konnte, obwohl bekannt war, daß der Kreisbaumeister alle seine auswärtigen Geschäfte mit einer ordentlichen Ladung Rotwein einzuleiten pflegte. Nein, dieses blauüberlaufene Gesicht hatte die Züge Wennrichs getragen, und ehe es sich wieder vom Fenster in die Stube zurückgezogen hatte, war es totenähnlich erstarrt. Gerade als in Maechler die Erwägung aufstieg, der Sicherheit halber schnell noch einmal auf die Feldgasse zu laufen und nach dem Rechten zu sehen, wurde über ihm im »Braunen Hirschen« ein Fenster geöffnet, und Schlickers verquollene Stimme rief dringend seinen Namen. Zögernd stieg Maechler die alte, gewundene Holztreppe hinauf. In dem schon ziemlich eingedunkelten Saale saßen höchstens dreißig bis vierzig Männer mit gesenkten Köpfen ganz still und hörten auf den Gemeindevorsteher Schlicker, der den Fenstern gegenüber an der Hinterwand saß und beim Licht von zwei Kerzen mit seiner fetten, undeutlichen Stimme die Verfügung der Kreisverwaltung vorlas. Maechler war leise eingetreten. Trotzdem unterbrach sich Schlicker und winkte den Gerber energisch in seine Nähe. Beim Hinzutreten sah Maechler auf einem der letzten Stühle, nahe an der Tür, abgesondert von allen, den Schlosser Neefe sitzen. Also doch, fuhr es Maechler durch den Kopf, aber ohne jeden Groll. Beim Vorübergehen hob Neefe, der wie ein umgefallenes Fuder auf dem Stuhle saß, den Kopf zu ihm empor, daß sein Gesicht deutlich zu sehen war, das in den vier Wochen eine schreckliche Wandlung durchgemacht hatte. Nichts mehr von der alten triumphierenden, strotzenden Brutalität war in ihm vorhanden. Die Backen hingen in gelben schwammigen Säcken, die sonst so eiligen schwarzen Marderaugen schauten müde und furchtsam zu ihm auf, und nur um den Mund lagen noch die Züge des alten Hämlings, als er die Lippen zu einem lautlosen, freundlichen Gruß auseinanderzog. Dann saß Maechler in der ersten Reihe, nicht weit von dem Tisch Schlickers, der mit der Verlesung des amtlichen Schriftstückes ans Ende gekommen war, unentschlossen am Tintenfaß und Federhalter rückte, ein paarmal sehnsüchtig in den Saal schaute und dann fragend in Maechlers Gesicht blickte. Dieser nickte unauffällig, aber energisch mit dem Kopfe. Da erhob sich der feiste, träge Mann schwerfällig und begann: »Liebe Mitbürger von Wilkau! Sie haben den Wortlaut der Verfügung der hochwohllöblichen Kreisverwaltung, die ich eben vorzulesen, hm, hm ... na, es war eben, hm, hm, für mich eine Ehre. Damit ist der erste Punkt der Tagesordnung sozusagen, hm, hm, fertig oder erledigt, wie man zu sprechen pflegt. Wir kommen zum zweiten Punkt. Herr Kreisbaumeister Mulvert wollte den Standpunkt, den Korpus sozusagen, die Gründe der hochwohllöblichen Behörde richtigstellen, das heißt, hm, hm, nun, Sie verstehen ja, was ich meine. Leider ist er nicht erschienen. Das Wetter hat ihn wohl abgehalten. Denn, wer weiß es? Die Hitze verheißt nichts Gutes.« Hier unterbrach sich der Redner und lüftete seinen Kragen am schwitzenden Halse. »Ich glaube, wir öffnen ein Fenster da hinten«, rief er prustend, und als das unter Zustimmung aller geschehen war, begann er in einem stolpernden Durcheinander an Stelle Mulverts von allen Gründen zu sprechen, die ihm einst durch den Kreisbaumeister für die neue Straßenführung dargelegt worden waren. Es war ein einschläferndes und auch aufreizendes Gebrummel, aus dem mit erhobener Stimme immer wieder »die hochwohllöbliche Kreisverwaltung« und einige Male »der gnädige Herr Graf« auftauchte. »Richtig«, ertönte es aus der Versammlung, da und dort lachte es auf. Aber nie war die Stimme Neefes darunter. Offenbar achtete kaum einer auf das, was sich Schlicker abquälte. Alle wehrten sich nur gegen die Schwüle, die durch die Fenster hereindrang. In der Ferne ertönte ein dumpfes Rollen. Es begann in den Baumkronen des gegenüberliegenden Badeparkes schneidend zu pfeifen. Der Gemeindevorsteher beendete schnell seine Wortwurstelei, ermahnte die Versammlung zur Ruhe und erteilte dem Vertreter des Grafen Schilling das Wort. Neben Maechler sprang ein jugendlicher, sehniger Mann auf und begann mit lauter, herausfordernder Stimme loszuschnarren von gewichtigen, schwerwiegenden Bedenken, ruhig-sachlichen Erwägungen und schloß mit der Lobeshymne auf die Einsicht und wahrhaft väterliche Fürsorge des Grafen, der zwar unter Widerstreben, aber ohne Bitterkeit mit dem Bau der neuen Straße einverstanden sei. Während er sprach, wuchs das unheimliche Rollen draußen an. Es sauste wie von tausend geschwungenen Sensen in der Luft, so daß der Redner seine Stimme oft schneidend erhöhen mußte, um sich verständlich zu machen. Als er geendet hatte, war der sich heranwälzende Wetterlärm plötzlich wie abgeschnitten, und eine merkwürdige Stille trat ein. Nicht die drohende, atembeklemmende Ruhe wälzte sich auf alle, die dem Losbruch immer vorauszugehen pflegt, nein, ein sanftes friedvolles Entschlummertsein der ganzen Welt schnitt mit eins das Brausen ab, als habe ein unheimlicher, lautloser Riesenhieb die Wetterbestie vor dem Aufsprung niedergestreckt. Alles atmete befreit auf. In dieser Stille erhob sich Maechler, aus dem auch alle Unruhe geschwunden war, alle geheime, bittere Spannung des Herzens, aller Widerwille, alles zornige Aufbäumen. Mit einfachen Worten stellte er sich als Vertreter seines Meisters vor und bat um gütige Nachsicht. Er sprach von dem Nutzen des Kampfes, der, mit Wohldenken und ohne Arglist geführt, notwendig sei zum Gedeihen jeder Gemeinschaft. Das Beil brauche man zum Holzspalten, aber nicht zum Schädeleinschlagen; die Füße zum Gehen, nicht zum Stoßen und Treten des anderen. Viel Schreien sei nicht viel recht haben, und die bloß immer sich selbst und den eigenen Vorteil meinten, sollten bedenken, daß sie den närrischen Menschen glichen, die in laufende Schränke hineinarbeiten. Sie müßten höllisch aufpassen und könnten's doch nicht verhindern, daß ihre Schränke eines Nachts sich mit allen ergatterten Kleidern in des anderen Haus davonstehlen. Und während so einer am anderen Morgen im Hemd oder gar nackt vor der Tür säße und verzweifelt nach dem Besitz ausschaue, gehe der Nachbar in dem Sonntagsstaat vorüber, der gestern noch sein war, grüßt nicht einmal und verschwindet stolz und gebläht. Geld sei nicht Geltung, Schreien kein Ruhm und Verleumdung keine Ehre. »Mein verehrter Meister hat sich den Frieden errungen und wünscht allen Wilkauern Frieden, und ich, sein Geselle, tu von ganzem Herzen das gleiche.« So endete Maechler, hoch und ruhig im tiefen Dunkel stehend, die Worte, die wider Willen zu einem ergreifenden Ausbruch seines erkämpften Lebensglaubens geworden waren, daß nach dem Verklingen seiner Stimme ein lautloses Schweigen in dem verfinsterten Saale herrschte. In dieser Stille schrie plötzlich der Schlosser Neefe schmerzlich-gemartert auf, nicht wie ein Mensch, eher wie ein Tier, das den Todesstoß erhalten hat, sprang vom Stuhl in die Höh, stürzte aus dem Saal und lief polternd die Treppe hinunter. Und als seien die beruhigten Furien der Natur draußen von den jäh erwachten Furien der Reue dieses verwilderten Männerherzens aufs neue aufgepeitscht worden, brach jetzt das Wetter mit einem Blitz, der den Saal in grelle Lohe tauchte, und einem Donnerkrachen los, als reiße die ganze Welt auseinander. Der Sturm drückte die Fenster der anderen Wand ein. Die Lichter löschten aus. Es jagte, plärrte und pfiff durch das Brausen der Wassermassen, die vom Himmel stürzten, als solle die Erde ersäuft werden. Im Nu war der Saal geleert. Die Männer stoben durch die Finsternis nach allen Richtungen auseinander. Maechler sprang mit den letzten auf die Straße. Im Schein der Blitze, die schnell wie die Schwerthiebe wahnsinnig gewordener Fechter die Nacht durchschnitten, sah er, daß das Wasser schon knöcheltief übers Pflaster lief. Vom Gebirge her rollten die Donner wie eine dauernde, nie absetzende Kanonade. Er rannte in langen Sätzen den Schloßplatz hinunter, daß das Wasser um ihn aufspritzte. Als er in die Nähe des Hotels »Preußische Krone« gekommen war, wurde die Tür aufgerissen, und der Kreisbaumeister Mulvert sprang als Anführer einiger Männer torkelnd auf die Straße. Beim Anblick Maechlers, den er natürlich nicht erkennen konnte, weil er wie ein Schattenwisch vorüberjagte, schrie er wie ein Berserker: »Sie, heda, zu den Brücken!« »Nein, ich muß auf die Feldgasse!« rief Maechler durch das Toben zurück und verschwand zischend und klatschend in der Rehberger Straße. Als er in die Feldgasse einbog, fackelte ein besonders greller Blitz auf. In seinem Schein sah er am anderen Ende der Gasse einen unförmlichen Mann, den Kopf in die Schultern gezogen, ruhig und versunken wie ein grübelnder, schweigender Mönch, daherkommen. Das war niemand anderes als der Schlosser Neefe. Warum schlich er in diesem Teufelswetter hier herum? Maechler sprang, daß das Wasser um ihn sauste, und erreichte vor ihm den Eingang zu dem Wennrichschen Hause. Er schlug das Gartenpförtchen hinter sich zu und wartete unter dem Giebelvorbau. Langsam, als trüge er eine Riesenlast, kam der Schlosser heran, blieb vor dem Pförtchen ratlos stehen, schaute die Giebelwand hinauf und begann dann mit der Faust seine Brust zu bearbeiten. Dabei sprach er stöhnend wie ein Stoßgebet immerzu: »Wennrich, verzeih mir, verzeih mir alles.« Dann ermannte er sich und ging weiter. Maechler trat mit dem Vorsatz ins Haus, dem Meister von dem eben Vorgefallenen nichts zu sagen. Weil das Wasser nur so von ihm lief, blieb er auf der Schwelle der Wohnküche stehen und rief lachend: »Guten Abend! Was? Eine schöne Bescherung.« Wennrich saß am Tisch und las aus einem Gebetbuch. Bei Maechlers Erscheinen fuhr er auf und kam mit dem erleichterten Ausruf: »Gott sei Dank, Maechler, daß Sie da sind«, auf ihn zu. Er hatte die bis über die Knie reichenden Gerberstiefel an. Eine dicke Mütze und eine alte Flauschjacke lagen neben einer brennenden Laterne auf einem anderen Stuhle. Der Gesell sah seinen Meister zum Kampf gegen das Wetter gerüstet und sagte: »Wie ich sehe, trauen Sie der Geschichte nicht.« »Trauen, mein Lieber! Haha, da kennen Sie das kleine Heidewasser schlecht! Vor zehn Jahren hat es mir die Ufermauer eingerissen, und da war das Unwetter halb so schlimm wie heute. Es kann sein, daß wir uns um die Tonnen drüben auf dem Werkplatz kümmern müssen. Das beste ...« Da krachte ein neuer ohrenbetäubender Donner, daß das ganze Haus klirrte, und riß Wennrich das Wort vom Munde. Er bekreuzigte sich und murmelte: »Gott sei uns gnädig.« Dann wandte er sich eilig um, und indem er nach Jacke und Mütze griff, rief er Maechler zu, auch schnell die Stiefel anzuziehen, sich wenigstens mit einer anderen Jacke zu bekleiden und die beiden Haken bereitzustellen. Seine Worte wurden im Sprechen immer überstürzter. Er fand vor Aufregung nicht in die Ärmel, und Lotte, die bisher zusammengesunken, schweigend auf der Herdbank gesessen hatte, sprang herzu. Ihr Gesicht war bleich und todernst. »Nein, du gehst nicht hinaus, Vater«, sagte sie drohend und strengte sich an, ihm die Jacke mit Gewalt zu entwinden. Maechler unterstützte Lotte in ihrer Befürchtung, das Wetter könne Wennrich übel mitspielen. Aber da wurde der Alte geradezu wütend. »Bin ich denn krank oder ein Narr?« rief er. »Laßt mich! Weg, Lotte! Schnell, Maechler! Hört Ihr nicht? Das Hochwasser kommt. Schnell! Es reißt mir die Häute weg.« Es war nicht gegen ihn aufzukommen. Maechler sprang davon, um sich fertigzumachen. Als er in wenigen Augenblicken in Langschäftern und einer alten Jacke mit den beiden Haken in der Hand wieder erschien, stand Wennrich fix und fertig in höchster Ungeduld auf dem Flur. »Los!« kommandierte er. »Wir reißen die Häute auf die Straße herüber an den Zaun. Bis dahin kommt das Wasser sicher nicht.« Lotte stand regungslos, starr, aufrecht, wie eine Steinfigur auf der Schwelle der offenen Stubentür. Auch ihr Gesicht schien wie versteinert in regungsloser Melancholie, und ihre Arme hingen wie leblos. Maechler stahl sich mit einem erschrockenen Blick zu der Regungslosen hinüber. Nur dies letzte Mal will ich euch noch helfen, dann geh' ich davon, daß du von mir erlöst bist, sann er und trat hinter dem Alten ins Wetter hinaus. »Vater, komm zurück!« hörte er Lotte in den hereinschlagenden Lärm ein letztes Mal rufen. Dann riß Maechler gegen den andringenden Sturm und peitschenden Regen die Tür gewaltsam hinter sich zu. Unter dem Giebelvorsprung hielt Wennrich einen Augenblick an und sah sich prüfend um. Der Donner hatte aufgehört. Mit eins war auch der Sturm wie abgeschnitten aus der Luft gefallen. Nur der Regen raste wie das Schwirren eherner Tropfen in dämonischer Ruhe weiter, und von fern wälzte sich ein knirschendes Rollen heran, als habe sich der Donner der Luft an der Erde festgekrallt und fresse sich unaufhaltsam weiter. »Das Gepolter der Wassersteine! Hören Sie's, Maechler! Das Hochwasser bricht aus dem Gebirge. In einer Viertelstunde ist's da. Schnell hinüber«, rief Wennrich und sprang über die Stufen hinunter durch das Vorgärtchen davon. Maechler mit den Haken in der Hand folgte ihm im Schein der Laterne auf dem Fuße, verfing sich aber mit den Stangen in den Staketen des Pförtchens. Als er sich zurückdrehte, um sie loszureißen, sah er nicht weit eine Gestalt regungslos wie eine Bildsäule am Zaun lehnen. Es war der Schlosser Neefe. »Donnerwetter, was soll das sein?« schrie Maechler unwillig, brach die Stange aus der Verklemmung und sprang Wennrich nach, der die Laterne an eine Trockenstange gehangen hatte und schon ächzend an dem verquollenen Deckel einer Tonne arbeitete. Der Werkplatz war bereits wadentief mit Wasser gefüllt. Das Heidewasser brauste, zu einem rasenden Flußtier angeschwollen, vorbei und knallte bald mit Felsbrocken, bald mit Baumstämmen gegen die Ufermauer, daß die Erde bebte. Droben auf der Sandbrücke rannten Männer, Säcke über den Kopf gezogen, im Schein von Fackeln, schwer arbeitend nach dem Kommando Mulverts auf und zu, dessen Stimme, nun nüchtern geworden, manchmal das Toben überschrie. Die mitgeführten Holzstämme hatten sich verkeilt, und die Brücke begann schon zu knirschen und zu wippen. Wennrich und Maechler hatten den Deckel der einen Tonne aufgebrochen und zogen mit den Haken unter Aufbietung aller Kräfte die halbgaren Häute heraus, die Maechler laufend über die Straße an den Zaun trug. Wennrich arbeitete, daß sein Atem pfiff und keuchte. Er taumelte schon manchmal und angelte mit dem Haken unsicher herum. Maechler gewahrte das und verlangte, er solle ins Haus gehen und ihm die Arbeit allein überlassen, stieß aber auf den hartnäckigsten Widerstand. Als er wieder daran war, mit einer Häutelast davonzugehen, gab er ihm auf, während seiner Abwesenheit nicht weiterzuarbeiten. Schwerbeladen schritt er durchs Wasser über die Straße. Als er an den Zaun kam, sah er, daß Neefe nicht mehr dort lehnte. Nichts Gutes ahnend, warf er die Felle hin und eilte zurück. Dort traf er Wennrich, der entkräftet zusammengebrochen war, und der Schlosser bemühte sich, ihn unter lauten Beteuerungen, Bitten und Verwünschungen aufzureißen, daß es Maechler eher erschien, der Wahnsinnige wollte sich an seinem alten Todfeind vergreifen. »Gehen Sie weg! Was wollen Sie?« schrie Maechler empört, packte und riß den schweren Mann herauf. Da brach droben die Sandbrücke zusammen, und die Flut wälzte die ungeheure Last der Balken, Stämme und Steine heran. Maechler gab Neefe, der sich nun mit einem Fluch auf ihn stürzen wollte, einen Stoß vor die Brust, daß er gegen die Ufermauer taumelte, raffte seinen Meister vom Boden auf und rettete ihn vor der nahen Vernichtung. Als er sich am Gartenpförtchen umdrehte, hatte der Trümmerberg, der alles niederbrach, was sich ihm in den Weg stellte, den Wennrichschen Werkplatz erreicht. Die Ufermauer stürzte unter seinem Anprall zusammen und riß Neefe mit hinunter in die Flut, die ihn malmend verschlang. Maechler ging, von dem Gericht bis in die letzte Fiber erschüttert, weiter. Als er mit Wennrich, der regungslos in seinen Armen lag, vorsichtig den Flur betrat – er hatte sich mit einem Finger die Haustür aufgeklinkt –, stand Lotte noch starr, aufrecht, blaß, ein Steinbild, auf der Schwelle der offenen Stubentür, als habe sie sich die ganze Zeit über nicht gerührt. Beim Anblick ihres verunglückten Vaters sagte sie dumpf: »Ich hab's geahnt«, und wurde von einem Taumel gepackt, daß sie sich an den Türpfosten lehnen mußte, um nicht niederzusinken. Doch sie riß sich zusammen, schloß schnell die Haustür und half Wennrich in das Schlafzimmer tragen. »Ist er tot?« fragte sie unterwegs. »O nein, er hat ja die Augen offen«, antwortete Maechler, »aber der Schlosser Neefe ist im Heidewasser umgekommen.« »Was nutzt das«, sagte sie bitter. Bald lag Wennrich entkleidet im Bett, wohl starr wie ein Toter, aber doch schlug sein Herz, das Gesicht blau überlaufen, wie es Maechler hinter dem Hotelfenster erschienen war, die Augen weit geöffnet, in fieberischem Glanz auf etwas gerichtet, das außerhalb der Welt lag, entsetzt und verwundert; der Mund in Gram und Grauen fest geschlossen. Maechler rieb den nassen, kalten Leib ab. Lotte machte Wärmflaschen zurecht und legte sie um den Kranken, den alles das dieser starren, grauenvollen Entrücktheit nicht entreißen konnte. Sie rief seinen Namen, streichelte sein Gesicht, rüttelte an ihm. Er sah, hörte und fühlte nichts, trotzdem er atmete und lebte. Da deckte Lotte ein zweites Bett auf ihn, rückte sich einen Stuhl an sein Lager und sagte: »Nun, Herr Maechler, gehen Sie hinauf. Sie sind naß. Ich wache hier, und wenn es notwendig ist, werde ich rufen. Haben Sie vielen Dank.« »Herr Maechler?« fragte der Gesell erstaunt. »Ja«, antwortete Lotte einfach, »und nun gehen Sie hinauf, bitte.« Nicht einmal der nahe Tod vermochte den Stolz dieses unheimlichen Mädchens zu überwinden. Maechler drückte sich leise zur Tür hinaus und leuchtete droben jeden Winkel seines Schlafraumes ab, als wimmle er von Spuk wie das ganze Haus. Er öffnete den Schrank, sah unters Bett, griff in sein Felleisen, zog jeden Schub aus der Kommode und fand in Bestätigung seiner Beklemmung im Schloß des oberen Schubes den Schlüssel stecken, den er doch vor zwei Jahren zum Fenster hinausgeworfen hatte. Seine Nerven bebten vor Überreizung, so daß er den Schub nicht herausziehen mochte, um sich nicht vollkommen dieser Hexenweise auszuliefern. Er zog sich eilig um und setzte sich wartend aufs Bett. Im nächsten Moment stieß ihn der Schlaf um und löschte ihn aus. Als er erwachte, plierte das erste Morgengrauen durch das kleine Fenster. Lotte stand mit einem Licht vor seinem Bett und sagte: »Verzeihen Sie! Der Vater verlangt nach Ihnen. Es geht mit ihm zu Ende.« Aufrecht ging sie vor Maechler her, der sofort überwach war. Auf dem Flur begegneten sie einem jungen Kaplan und dem Küster, die eben im Begriff waren, das Haus zu verlassen. Der Geistliche sprach Lotte mit herzlicher Güte noch einmal Trost zu und verabschiedete sich von Maechler mit einem Neigen des Hauptes. In der Wohnküche saßen leise schluchzend die beiden Schwestern Niedenführ. Wennrich lehnte in vielen Kissen halb aufrecht im Bett. Als Maechler und Lotte eintraten, öffneten sich die Augen seines fahlen, todverfallenen Gesichtes, über das ein glückhaftes, friedevolles Glänzen ging. Das Folgende sprach er leise, wohl mit großer Anstrengung und oft unterbrochen, aber klar. »Lieber Maechler, komm her. Ich kann nicht mehr Sie sagen. Ich habe dir viel zu danken. Gott wird dir alles lohnen. Meine Ehre war ausgebrannter Zunder ... mein Geschäft ein Moderhaufen ... trotz meiner lieben, lieben Lotte ... ach, was hast du gelitten ... ach – ach – aber Gott hat mich gesegnet – dich hat er mir geschickt ... dich, Maechler ... und den Neefe hat er umgewandelt ... den Neefe ... Gott, verzeihe mir allen Zorn ... alle Rachsucht ... Ich muß fort ... ich spür's ... Lieber Maechler, verlaß mein Geschäft nicht ... das bitte ich dich inständig ...« Da gingen dem Sterbenden die Sinne aus. Aber durch sein Gesicht arbeitete ein verzweifeltes Ringen, und er griff ängstlich in die Kissen, als suche er einen Halt, sich noch einmal aufzurichten. Lotte sank vor dem Bett in die Knie, und auch Maechler zwang es zu Boden. Da schlug Wennrich noch einmal die Augen auf, die sich schon zu umschleiern begannen. Er sah die beiden Knienden und wurde überirdisch selig ... »Gott, warum quält ihr euch ... gebt euch die Hände ... liebt euch ... Kinder ... Lotte ... du ...« Da rasselte der Tod in Wennrichs Kehle. Das Mädchen schrie auf und sank, gegen Maechler hinfallend, in Ohnmacht. Der Gesell hob Lotte auf und legte sie den herbeigeeilten Schwestern Niedenführ in die Arme. Dann bekreuzigte er den Gestorbenen und drückte ihm die Augen zu. Fünfzehntes Kapitel Der wilde Wettereinbruch, der über den Rehberger Kessel niedergegangen war, hatte das Land schwerer, verderblicher getroffen als alle früheren Verwüstungen, die seit unvordenklichen Zeiten, wie eine feststehende Schicksalsentladung, ungefähr jedes Jahrzehnt, diese Gegend heimsuchten. Das war kein Ungewitter, das war ein höllisches Rasen gewesen. Alle Teufel der Luft schienen sich verbündet zu haben, dem südlichen Teile des Kreises den Untergang zu bereiten. Durch den Sturm war der Hochwald zwischen der Tumpsahütte und der Bösen Pfütze hoch im Gebirge richtig umgerodet worden, und nach diesem Toben hatten sich die Wettermassen, als stürze ein großer See aus dem Himmel, auf die Erde gegossen, daß jedes Tropfenfädlein zu einer Springflut, jeder Bach zum donnernden Fluß, und das Heidewasser, in dem sich all diese Flutenwildnis gesammelt hatte, zu einem verheerenden Wogenuntier geworden war. Am schlimmsten hatte das Wetter in Grandorf gehaust. Ganze Gehöfte waren verschwunden, Häuser mitten durchgerissen, die Felder weithin verschlammt, die Gärten in Steinhalden verwandelt. Ja, von dem Vernichtungstumult angefeuert, waren hundertzentnerschwere Felsblöcke, aus ihrer weltalten Lethargie aufgerüttelt, in ein bacchantisches Sintfluttanzen gekommen und hatten sich beim Dranggesang der Flut hüpfend zu Tal gewälzt. Wilkau war wohl auch arg mitgenommen worden, da und dort ein Haus eingestürzt, Ufer waren unterwaschen und fortgespült, Gärten in der Flut verschwunden, Brücken und Stege davongetragen; aber weil der Zacken, der breitere Fluß, mit seinem Zulaufgeflecht nicht im Gebiet des Wolkenbruches gelegen hatte, war der größte Teil dieser dörflichen Stadt von der Katastrophe verschont geblieben. In Grandorf lagen acht Leichen in der Kirche, die blau angelaufenen Gesichter mit branntweingetränkten Leinentüchern bedeckt. In Wilkau hatte das Wasser, außer dem Schlosser Neefe, kein Menschenopfer gefordert. Aber seine Leiche war nicht aufzufinden. In Unterscherichsdorf fischte man nach Tagen einen abgerissenen Männerarm aus einer Uferhöhle und scharrte ihn in den dortigen Friedhof ein. Die Witwe des Umgekommenen saß wie entgeistert in ihrer Küche, noch mehr zusammengeschrumpft, noch schiefer, noch weltverscheuchter. Als man ihr die Nachricht von dem aufgefundenen Männerarm überbrachte und in sie drang, sich durch den Augenschein zu überzeugen, ob es nicht doch das Glied ihres Mannes sei, schüttelte sie erst stumm den Kopf und sah die Sprecher lange aus großen tränenlosen Augen an, deren Verzweiflung auch etwas wie kalten Triumph enthielt. Dann, nach einer unheimlichen Versunkenheit, schüttelte sie den Kopf und antwortete gegen die Diele hin: »Nein, nein! Was soll ich mich einmischen? Gott hat ihn genommen. Da wird es wohl recht sein.« Die Leute waren erschüttert von der Härte ihres Herzens, erinnerten sich aber der lebenslangen Demütigung und Unterjochung, die sie von ihrem Manne erduldet hatte, und als sie erfuhren, daß der Schlosser sich noch an dem todgeweihten Wennrich vergriffen hatte, erblickten die meisten in dem grauenvollen Ende Neefes die gerechte Richterhand Gottes, der seinen Körper in der donnernden Steinhöhle der Unwetterflut so zerrieben hatte, wie von ihm selbst bei Lebzeiten unendlich viel Verwüstung in die Welt getragen worden war. Und weil ein großes allgemeines Ungemach den Scheelsuchtspanzer um die Menschenherzen aufreißt, wurde ganz Wilkau von dem schmerzlich-schönen Ende des Gerbers Wennrich ergriffen, der unschuldig den Fluch seines Todfeindes gebüßt hatte, ohne je die Hand zur Wiedervergeltung zu erheben, trotzdem sein Herz so unbändig immer nach Rache verlangt hatte. Ja, gerade diese Empörung seines Innern, gegen die er nie zu ringen aufgehört hatte, hob das Bild des so lange vereinsamten Mannes fast in die Höhe eines Märtyrers christlicher Liebe, und die schrankenlose Rechtfertigung, nach der der Schrei seines Herzens jahrelang verlangt hatte, wurde ihm nach dem Tode wohl zu spät, aber desto reicher zuteil, daß sein Begräbnis fast einem Triumphzuge glich. Ganz Wilkau war auf den Beinen. Die Hacken und Schaufeln bei den Aufräumungsarbeiten ruhten, die Stuben der Handwerker leerten sich für ein paar Stunden, in den Geschäften war es eine Zeitlang still, die vielen Ackerbürger zogen ihr Vieh nicht aus dem Stall, und selbst aus den umliegenden Dörfern eilten viele herbei, um dem so lange verkannten, ehrverschütteten Meister das letzte Geleit zu geben. Aller Streit und Aufruhr schien verschwunden, denn das Ahnen vereinigte und erfaßte alle, daß in der Teilnahme an dem Ende dieses unscheinbaren, stets lauteren Mannes Zeugnis abgelegt werde für den Glauben an den hohen Wert eines reinen Herzens, eines untadeligen Wesens und schuldlosen Dulders. Kaum einer von den Hunderten, die drei Tage nach dem Ableben Wennrichs die Kleine Feldgasse zum Erdrücken füllten, war ganz frei von einem Giftlein, einem hämischen Gedanken oder einem verdächtigenden Zunderwort gegen den Entseelten und fühlte sich gedrängt, sein heimliches oder offenes Unrecht wiedergutzumachen. Die Höhe schimmerte, von keinem Wölkchen versehrt, wie blaue Seide. Die reine Luft bebte in leisem Wind, die Bäume bewegten wie glückvoll ihre Kronen, das Heidewasser trudelte wieder versonnenen Lautes seine geruhigen Wellen in dem zerwühlten Bett: als habe sich auch Himmel und Erde vereinigt, den letzten Gang des so lange schwer und dunkel Umdrängten mit Licht und Schönheit zu segnen. Maechler hatte ein einfaches Begräbnis bestellt und erschrak ebenso wie Lotte, als er den katholischen Pfarrer Kelvel im großen Ornat zwischen den beiden Kaplänen ins Haus treten sah, denn er wußte nicht, daß Graf Schilling diese Feier auf seine Kosten verlangt hatte. Die Singschule und der ganze Kirchenchor waren erschienen, und durch das stille Haus auf der Feldgasse brauste der volle, ehrwürdige Trauerpomp, als handele es sich um die Ehrung eines großen Herrn, nicht um den Tod eines kleinen Gerbers. Lotte, die keine Verwandten hatte, ging zwischen den beiden Schwestern Niedenführ hinter dem Sarg, blaß, gebeugt, aber nicht gebrochen, noch im Schmerz anmutig, noch in der Trauer aufrecht. Allgemein hatte man erwartet, daß Maechler das erstemal an ihrer Seite erscheinen werde, weil er von dem Sterbenden als Schwiegersohn bezeichnet worden war. Aber der Gesell wie Lotte hatten, ohne sich erst mit den Augen zu fragen, diesem Drängen kein Gehör geliehen. Und so schritt Maechler, wenn auch in der ersten Reihe, unter den Männern hoch und ernst hinter der Leiche, an seiner rechten Seite der dämmerig-feiste Gemeindevorsteher Schlicker, an seiner linken der erste Schöffe. Als der Trauerzug in den Schloßplatz einbog, fiel in das volle Geläut der katholischen Glocken das Gedröhn vom Turme der evangelischen Kirche, und aus dem Tor des Schlosses fuhr der Wagen des Grafen, der mit seiner Gemahlin sich dem Trauerzug anschloß. Auf dem Kirchhof hub dann der Pfarrer Kelvel zu einer gewaltigen Rede an. Er war ein Eiferer und großer Dröhner, und die unerhörte Anmaßung entzündete das Feuer seiner Rechtgläubigkeit zu Flammen, daß die Ketzerglocken der evangelischen Kirche es gewagt hatten, sich mit dem Trauergeläut des alleinseligmachenden Glaubens zu vermischen. Aber zwischen den Gräbern sah er so viele Angehörige der lutherischen Aberchristen stehen, daß er nur in der Einleitung einige Redewendungen von dem einzig wahren Weg des Menschen durch das »Sündengetümmel dieser Erde zu der dreimal seligen Pforte des ewigen Jerusalem« riskierte. Diese stichelnden minierenden Worte sprach er mit abgeschlagener Stimme, in abgezwungener Sanftmut und Güte. Dann wandte er sich bei der Schilderung des Lebensganges des Entschlafenen erst der »minniglich gesegneten Liebe« zu, die mit magisch-heiliger-Gewalt ihn aus dem fernen Thüringen in dieses Tal gezogen, zu dem wahren himmlischen Dienst am Leben in einer vorbildlich christkatholischen Ehe, an der nur Böswilligkeit einen Makel habe finden können. »Aber, wen Gott liebhat, den züchtigt er«, mit diesen wie aus den Schauern inbrünstigen Glaubens herausgedonnerten Worten sprang der Redner in die Ausmalung der Finsternisse, mit denen die Vorsehung nach dem unerforschlichen Ratschluß Gottes das Leben des Gerbers bedrängte bis zu seinem Tode. Er nannte ihn einen zweiten Hiob und zeigte in allen Phasen die Ähnlichkeit seines Lebens mit dem Schicksale des alttestamentlichen Dulders. Er verglich ihn mit Stephanus und machte aus ihm einen Blutzeugen christlicher Liebe. Seine Halsadern schwollen an, seine Augen sprühten, sein Gesicht wurde blaß und geriet in Zuckungen. Der Fanatismus packte ihn, an dem er immer wie an einer heiligen Krankheit litt. Er blieb aber beherrscht und kraftvoll in der Bildhaftigkeit seiner Ausdrucksweise. So wurde der Kampf des Gerbers gegen sein Schicksal in seinem Munde wirklich zum Ringen des Menschen mit der Bosheit der Welt und dermaßen ergreifend, ja erschütternd, daß die Hunderte, von der Gewalt dieses stürmenden Geistes erfaßt, wie gebannt waren. Lotte, die ihm gegenüberstand, hielt sich wie mit immer angehaltenem Atem aufrecht, fast gereckt. Ihr Gesicht war sehr blaß und trug für genaue Beobachter eine Falte des Unwillens über der Stirn. Während die meisten Frauen und Mädchen sich der Wohltat ungehemmten Weinens überließen, flossen nur stumme Tränen über ihre Wangen, und die Schultern zuckten nur unmerklich von verhaltenem Schluchzen. Vielleicht war der Pfarrer Kelvel ergriffen von dem Kampf des Mädchens gegen ihren Schmerz und wollte auch ihr zur Erlösung in dem allgemeinen Trauerrausch verhelfen, oder er empfand Lottes Beherrschung als nicht ganz christlichen Menschenstolz. Er ließ ein Weilchen seine grauen durchdringenden Augen auf ihrer hochgewachsenen Gestalt ruhen, die in einer rätselhaften Einsamkeit an dem offenen Grabe stand, und begann dann von den Helfern zu sprechen, die dem geduldigen Lebensringer von Gott zum Beistand gesandt worden seien, von Lotte, dieser starken, klugen und sehr guten Tochter, die bereiten, liebenden Herzens alle Nöte des Verkannten mit auf sich genommen und überwunden habe, und von dem Manne, der wie ein Sohn für seinen Vater mit allen seinen Kräften eingetreten sei zum Segen des Hauses und zum Besten von ganz Wilkau. Diese Worte rüttelten wohl stärker an Lotte, überwanden sie aber nicht, sondern gruben die Falte über ihrer Nasenwurzel noch ein wenig tiefer. Maechler senkte den Kopf und verdeckte mit seiner großen Hand das etwas erschrockene Gesicht. Als Lotte das kleine Holzschäuflein aus der Hand des Pfarrers nahm, um die geweihte Erde auf den Sarg ihres Vaters zu werfen, ruckte es Maechler, einen halben unauffälligen Schritt neben sie zu treten, aber sein sichernder Blick fing einen Ausdruck ihres Auges auf, in dem Hingabe und Abweisung so verwirrend gemischt waren, daß er seine Absicht aufgab. In der Nacht, die diesem Tage folgte, lag er in seiner Kammer und übersann alles, was wie ein undurchdringlicher Wirbel über ihn hergefallen war. Durch das Unwetter, das die ganze Umgebung umrodet hatte, waren auch für ihn alle Straßen verrammelt worden, die ihn vor Tagen noch aus Wilkau gelockt hatten. An Fortgehen war nun nicht mehr zu denken. Die leise, sterbensmatte Stimme des lieben Meisters verpflichtete ihn, an der Stelle zu bleiben, wohin ein unbegreifliches Geschick ihn gestellt hatte. Nein, nicht um Lottes willen wollte er ausharren. Die Mahnung des Verscheidenden an die beiden, sich zu lieben, durfte ihm nicht das Recht auf sie geben. Das lag allein bei ihrem Herzen, das sich allein nach seiner Willkür entscheiden solle. Und wenn ihr undurchsichtiges, geheimnisvolles Wesen auf einen Weg gelockt würde, der ihn nötigte, davonzugehen, so nahm er neben dem Geschmack eines wundersamen Glaubens, den ihm ihre Art geschenkt hatte, die Sicherheit mit, auch in Wilkau nicht umsonst gelebt und gewirkt zu haben. Und als Maechler in seinem Sinnen bis hierher gekommen war, hörte er ganz deutlich die Stimme Kelvels die Worte sprechen, die ihn auf dem Kirchhofe genötigt hatten, sein Gesicht mit der Hand zu bedecken: »Hier, verehrte Leidtragende, offenbart sich das rechte Christen- und Menschentum, das Beste seines Wesens und Lebens im Dienst für das Beste des anderen zu suchen.« Diesen Ausruf des Pfarrers, der niemand als ihm gegolten hatte, brachte er nicht aus den Ohren. Es erregte ihn so, daß er aus dem Bett springen und in der Kammer hin und her gehen mußte. Als alles wieder still um den merkwürdigen Gerbergesellen und nichts zu hören und zu sehen war als das Brausen der Baumkronen in dem Gärtlein der Schwestern Niedenführ und das stille Licht aus den beiden Fenstern ihres kleinen Hauses, blieb eine stille Sicherheit, aber auch ein nicht ganz genügsamer Friede in dem Manne zurück, daß er das Fenster öffnete, um durch die Nachtluft vollkommen aus der Berückung, die er an sich kannte, in das besonnene Leben zurückgeführt zu werden. Aber die Bäume brausten eben nur schwach in dem leisen Nachtwind, und das rötliche Licht stand noch immer still und gewöhnlich hinter den Fenstern des Hauses der alten Jungfrauen. Dort saßen die beiden guten eisgrauen Wesen und beruhigten Lotte, die zu ihnen geeilt war, mit der Güte und Kraft ihrer greisen, immer aufgeschlossenen Herzen. Maechler beugte sich weit hinaus, als könne es seiner Überhörigkeit gelingen, einen Ton, vielleicht gar einen Klang der Stimme Lottes zu erlauschen, und wie er so angestrengten Ohres in die Nacht hinausspähte, fing er wirklich Laute auf, die aber nicht wie aus einem Gespräch, sondern wie leises, fernes Singreden klangen, das bald stärker einsetzte, bald vollkommen verhauchte, daß nichts als das leise Traumbrausen der Bäume und das erschöpfte Wellenspiel des Heidewassers zu vernehmen war. Vielleicht, sann Maechler, stehen die beiden Niedenführ mit Lotte noch einen Augenblick vor der Tür ihres Hauses und reden dem trauernden Mädchen vor ihrer Rückkehr in das einsame Haus Mut zu. Nein, was er da hörte, dieses leise Auf- und Abschwellen einer monotonen Singstimme rührte nicht von einem Gespräch her. Maechler schloß das Fensterchen, zog sich schnell einige Sachen über und stieg bloßfüßig in den Flur hinunter. Die Haustür war unverschlossen, und der Schlüssel steckte innen. Er drückte die Tür auf und ging durch das Vorgärtchen, immer in die Nacht horchend, bis an das Pförtchen. Die Sterne in der Höhe blitzten und flimmerten, wie grell gefeilt von erdfernem Sturm, indes der leise Wind der Erde sanft in den Bäumen wühlte, daß es war, als rühre sich ein Schlafender in seinem Bett, und das Heidewasser murmelte fast unhörbar zwischen den Steinen. Nach langem Spähen und Lauschen glaubte Maechler auf dem Werkplatz an dem Rande des Unwettereinbruchs einen kleinen Schatten wahrzunehmen. Er war niedriger als ein winziger Strauch, obwohl Maechler wußte, daß dort, wo die Mauer eingerissen worden war, nichts stehen konnte. Im Begriff, das Pförtchen aufzuklinken, sah er wie der kleine Schatten jetzt hin und her pendelte, und nach einigem Auf- und Abschwenken hub dieses Singreden wieder an, erst leise, daß nichts zu verstehen war. Als es aber dann stärker und stärker anschwoll, war für Maechler kein Zweifel mehr möglich, daß die Stimme des wahnsinnigen Ignaz Wildner von da drüben klang, der sich seit der Züchtigung durch den Schlosser Neefe vor zwei Jahren nicht mehr hatte in Wilkau sehen lassen. Nun aber, von dem Tode seines Feindes angelockt, stand er im Finstern da drüben an der Stelle, wo der Unhold das Ende gefunden hatte, und sang ihm eine grauenvolle Totenmesse: »Verfluchter, Verfluchter, dreimal Verfluchter, hundertmal Verfluchter! Der sandige Schoß der Erde hat dich einstmals ins Leben gespien«, psalmodierte er lauter und lauter, »und, angeschwollen von Gemeinheit und Missetat bist du von den Fluten Gottes hinabgerissen worden in die Hölle, Verfluchter, dreimal Verfluchter!« Maechler packte ein Grauen bei dem Haßgesang des Verrückten. Er schrie ein empörtes »Hallo!« und riß das Pförtlein auf, um sich hinüberzustürzen. Aber da warf Wildner die Arme in die Höhe und huschte wie ein Schattenwisch am Heidewasser gegen die Rehberger Straße zu hinauf, wo er verschwand. Im Nebenhaus ging die Tür, und er hörte die Stimmen der Schwestern erregt und ängstlich durcheinandersprechen, die Lotte von der Rückkehr in ihr Haus abhalten wollten. Da eilte Maechler durch die lautlos bewegte Haustür in sein Bett zurück. Nach einer Weile hörte er drunten das große Schloß einschnappen. Lottes schwebende Schritte gingen über den Flur. Die Wohnstubentür wurde bewegt und dann die Schlafstubentür. ›Jetzt legt sie sich nieder bei dem Schatten des Toten‹, sann Maechler, und eine mitleidsvolle Trauer überfiel ihn. So lag er lange in einer Wolke der Schwermut und wehrte sich gegen den Schlaf, damit Lotte nicht schutzlos sei. Aber obwohl er sich aufsetzte, um wach zu bleiben, die leere Lautlosigkeit, die dem Schlaf vorauszugehen pflegt, breitete sich mehr und mehr in ihm aus. In dieser weltweiten Stille hörte er federleichte Schritte die Stiege heraufkommen und den kleinen Flur herschleichen, deutlich und doch traumhaft. Dann wurde die Tür zu dem Giebelstübchen neben seiner Kammer vorsichtig geöffnet und geschlossen. Lotte hatte sich in dem Fremdenstübchen schlafen gelegt, sie war in seinen Schutz geflüchtet. In Maechlers Brust begann bei diesem Gedanken eine solch heiße, glückhafte Gewalt zu arbeiten, daß er, um nicht aufschreien zu müssen, das Bettkissen sich so fest um den Kopf wickelte, als wolle er sich ersticken. Sechzehntes Kapitel Dieses beredtsam verborgene, einsam-eindringliche Hinaufgehobensein der vom Schicksal füreinander bestimmten Herzen erblaßte nicht mehr lähmend nach dieser Nacht des schweigenden Füreinanderseins, und wenn auch die Trauerdunkelheit in dem Hause auf der Feldgasse noch lange, lange umging und über Lotte herfiel, daß sie für Maechler wieder und wieder in die alte rätselhafte, verhüllte Ferne gerückt wurde, ganz erlosch der Schimmer nicht mehr, der sich unsichtbar zwischen den beiden hin und her wob. Wie in der ersten Nacht stahl sich Lotte jedesmal spät und lautlos in das Giebelstübchen neben der Kammer Maechlers und huschte vor Tag hinunter zu ihrem Hausgewese. Der Gesell rührte mit keinem Schmunzeln, mit keinem Augenlicht, noch viel weniger mit einem Wort an ihr geheimes Vertrauen, sondern ging fleißig wirkend als von dem Toten berufener Pfleger und Verwalter aus und ein und saß über Rechnungen gebeugt am Tisch, um die Angelegenheiten des Gewerkes und Geschäftes gründlich mit Lotte zu beraten. Bei diesen vielfältigen Besprechungen nützte Maechler seine Überlegenheit nie aus, sondern trat immer hinter seinen Gründen zurück, daß Lotte zwar keine andere wie die von ihm erstrebte Entschließung übrigblieb, aber die letzte Entscheidung doch von ihrem Ermessen getroffen schien. Die eingestürzte Ufermauer am Heidewasser wurde ausgebessert und erhöht. Man beriet den Abbruch des Trockenschuppens an der Vogelsdorfer Straße und seine Neuaufrichtung in dem verwilderten Obstgarten hinter dem Hause. Der Lederausschnitt wurde ganz aufgegeben und die Stube zu einem gemächlichen Zimmer hergerichtet, in das man das Bett des gestorbenen Meisters schaffte. Umsichtig und schonend verwandelte Maechler den Zuschnitt des Hauses, so daß der Verlust des Meisters zwar noch fühlbar blieb, aber der Schmerz nicht mehr so eindringlich auf Lotte lastete. So spielte sich das Leben der beiden immer mehr aufeinander ein, und in keinem konnte ein Bedenken aufkommen, daß das Licht, das in ihnen wirkte, der Trauer um den Toten irgendeinen Abbruch tue, denn die beiden traten aus ihrem alten Wesen scheinbar mit keinem Schrittchen heraus, Maechler nicht aus seiner Geschäftsbesessenheit und seiner Richtung auf die Umwelt, Lotte nicht aus ihrer rätselhaften Wesenferne und stolzen Herzenskühle. Trotzdem kam es oft vor, daß bei ihren Beratungen jedes zu gleicher Zeit nach einem Schriftstück griff und die Hände sich berührten. Jedes fuhr dann zurück, als habe es heißes Eisen angefaßt und ließ das Papier wie eine geladene Gefahr liegen, indes ihre Augen gleichzeitig sich irgendwohin verloren und belanglose Worte aus der ersehnten Nähe ins Lebensgewöhnliche führten. Aus der Liebesfeindseligkeit war Liebesheimlichkeit geworden. Aber je mehr eines vor dem anderen sich verbarg, desto mehr verriet es sich. Alles, was Maechler vorschlug, wurde gemacht, nicht so, daß Lotte die Dinge schweigend hinnahm: Aber ihre Entgegnungen waren Abschweifungen und ihr Widerstand war Verwirrung, bis sie endlich nach langem Luftlauf schnell, wortlos gewährte, was sie eigentlich gar nicht bekämpft hatte und das, je öfter sich dieses Spiel wiederholte, mit einem immer deutlicheren Aufzucken jenes geheimnisvollen Flimmerns ihrer großen, graugrünen Augen, das Maechler wehrlos machte und in ihm den Verdacht aufsteigen ließ, das Mädchen belustige sich nur über ihn. Dann, um ihr zu beweisen, wie bedeutsam und folgenschwer die Entscheidung sei, holte Maechler erst recht mit Gründen und tüchtigen Beweisen aus, ohne jedoch mehr zu erreichen, als daß Lottes Augen unter dem krankhaften Ernst ihrer Stirn noch mehr flimmerten, denn er wußte nichts von der Sehnsucht des Weibes, deren Herz aufgeblüht ist und von ihrer Natur getrieben wird, den Mann von der Welt zu lösen und an sich zu binden. Lottes Wesen schwang um Maechler in den immer engeren Kreisen eines Vogels, ehe er sich auf dem Baume seiner Wahl niederläßt. Ein Abend im tiefen Herbste brachte endlich diesem langen Liebesspiel vorläufig ein glückhaftes Ende. Die beiden hatten beschlossen, den Werkplatz über der Straße am Heidewasser hinter das Haus zu verlegen. Die Einwilligung zu dieser Änderung war Lotte nicht leicht geworden. Sie erinnerte sich wohl ihres Einverständnisses mit dem Plan, den Maechler am zweiten Tage nach seinem Eintritt in das Haus als unbedingte Notwendigkeit ihrem Vater gegenüber ausgesprochen und verfochten hatte. Da aber nun seine Ausführung ernstlich in Angriff genommen werden sollte, scheute sie in ihrem Herzen lange davor zurück. Denn dieser Platz war doppelt geheiligt, einmal durch den schweren Kampf, den ihr Vater um seine Behauptung gegen seinen Todfeind Neefe und zeitweilig sogar gegen den größten Teil der Gemeinde hatte führen müssen, und dann durch seinen Tod, der dort in der Wetternacht eigentlich seinen Anfang genommen hatte. Diesen Fleck seiner alten Bestimmung zu entreißen, das empfand Lotte schmerzlich als ein Vergehen gegen ihren Vater. Außerdem kämpfte sie um die Blumenbeete hinter dem Hause, zwischen denen sie so oft in den schweren Jahren der Gemüts- und Lebensverdunklung ihres Vaters grübelnd hin und her gegangen war, wie aus den Sorgen und Kümmernissen ein Ausweg ins Licht gefunden werden könne. So vieles hatte im Hause sein Gesicht verwandelt, nun sollte auch dieser abgeschiedene Platz zu innerer Einkehr verschwinden und dem unaufhaltsam wachsenden Geschäftsbetriebe geopfert werden. Da die weiblichen Wesen aus ihrem Herzen leben, daß der tiefste und letzte Sinn ihres Geistes aus diesem ewigen Feuerquell des Daseins steigt und wieder in ihn zurückmündet, sind sie auf eine geheimnisvoll tiefere Weise mit dem Leben verbunden, werden wohl von seinem Wandelfluß getragen und stehen doch gewissermaßen in der Raum- und Zeitlosigkeit viel unbedingter als der Mann, der zeitig von seinem Werk und Zweckwillen in das Getriebe der Umwelt geschmiedet wird. Aber während er unbeirrten Auges die nächsten Verkettungen überschaut, werden der Frau von ihren vielverbundenen Ahnungen durch ein rätselhaftes Gesicht die Schatten der letzten Folgen zugetragen. Aus einem solchen Grunde wehrte sich Lotte gegen die Verlegung des Werkplatzes von dem Heidewasser hinter das Haus, nicht aus Gegnerschaft gegen den lebendigeren, reicheren Fluß des Betriebes, sondern aus der instinktiven Furcht heraus, daß Maechler von der Vielgeschäftigkeit in tausend Unternehmungen abgetrieben werde, wo das Glück innigen Zusammenlebens nicht gedeihen konnte. Aber von diesen Befürchtungen kam nie ein Wort über ihre Lippen. Sie schwieg, weil sie die geheime Liebessicherheit ihres Herzens nicht verraten durfte und sprach nur von den gefühlsmäßigen Widerständen ihres Gemütes, die von Maechler zwar nicht als belanglose Schatten niedergetreten, aber doch mit immer entschiedenerer Hand beiseite geschoben wurden. Der erste Schritt der Wiederaufrichtung des Betriebes erfordere notwendig den zweiten und dritten, wolle man nicht wieder in die alte Verödung der Existenz zurückfallen. Leidenschaftlich malte er ihr die Zukunftsmöglichkeiten der immer weiteren Ausbreitung des Betriebes aus und verstieg sich sogar zu Andeutungen über die Verwandlung des kleinen Handgewerkes in eine Fabrik. Indes er so kämpfte, kamen sich ihre Herzen immer näher. Dasjenige, dem Lotte mit ihren Lippen widersprach, fühlte er in ihrem Inneren widerklingen, nicht so ganz als Annahme seiner Gründe, sondern als immer reineren Wohllaut des ihm zugewandten Wesens. Während dieses heimlichen Ringens schwand der Sommer, und es ging in einen Herbst hinein, der das Laub der Bäume zu einem wahren Feuerbrand entzündete. Der Himmel lag tagaus, tagein in wolkenloser Verklärung über den Bergen, die nicht anders wie dunkle Wunder in der Höhe hinwogten. Der Oktober schien ein anderer Mai zu sein, und der November sah aus, als sei er nicht der Beginn des Winters, sondern der Anfang des Frühlings. Diese glückhafte, ungewöhnliche Verschiebung der Natur rettete Wilkau und die Umgegend aus den Schrecken des Unwettergrauens, sie verwirrte auch Lotte aus den Schatten ihrer Befürchtungen in bunte, oft ungeduldige Erwartungen, daß sie, wenn auch nicht zustimmend, aber lächelnd alle Arbeiten geschehen ließ, die mit der Umwandlung des Werkplatzes verbunden waren. Maechler aber schaffte in einer wahren Raserei, um vor Eintritt des Winters noch alles zu vollenden. An einem Abend, als er mühselig die letzte und größte Lohtonne auf Rollen über die Feldgasse bugsiert hatte, stand er, hochaufatmend und den Schweiß aus der Stirn streichend, und überlegte, wo er das hölzerne Ungetüm am zweckmäßigsten unterbringe. Lotte war leisen Schrittes aus der Hintertür getreten und stand, ohne daß es der Grübelnde gewahrte, schon ein Weilchen hinter ihm. Als er ihre Nähe gewahr wurde, drehte er sich wie ertappt um und sah sie überrascht an, die erst eine kurze, aber tiefe Weile mit sprechenden Blicken in seine Augen sank und dann entschlossen und energisch über ihre Stirn fuhr, als wische sie da endgültig etwas weg. »Ist's gut so, Fräulein Lotte?« fragte sie Maechler, der das wohl beobachtet hatte und wie eine letzte, sanfte Mißbilligung deutete. »Warum soll es das nicht sein?« fragte sie wider und bekam bei einem kleinen Auflachen ein aufreizendes Schmollen um den schönen vollen Mund. »Es geschieht eben, was sich nicht ändern läßt. Man verfrachtet mich eben mir nichts, dir nichts vom Heidewasser hinters Haus.« »Sie?« fragte Maechler ratlos. »Ja, ja, ja. Mich und niemand anders«, antwortete das Mädchen mit einem überfluteten Gesicht, dessen Röte bis unter die Nackenhaare ging, und aus ihren Augen brach ein Feuer, das den armen Gesellen in sich hineinriß. Der aber deutete sich die Erregung Lottes auf die bittere Seite eines gut weiblich geschmierten Vorwurfes und packte, ohne ein Wort zu erwidern, um seine Verlegenheit nicht merken zu lassen, die Tonne wieder an, aber nun grimmig wie seinen Feind. Allein noch ehe er sich auf das hölzerne Ungetüm stürzen konnte, war auch Lotte herzugesprungen und hatte zugegriffen. Ja, da der Gesell seine Finger fest an den Rand der Tonne krallte, packte er die Hand Lottes, und rückte er weg, erwischte er sie wieder. Indes rumpelt die Tonne über das Gärtlein, und da Maechler denkt: »Zum Schinder, was soll das sein?« und sieht der Jungfer forschend ins Gesicht, lacht sie ihn aus, und während ihre Brust vor Anstrengung arbeitet, daß das Mieder knackt, sagt sie in kuriosem Übermut: »Jaja, ich bin bei allem dabei, und wenn's in die Sträucher geht.« Da merkte Maechler, woher der Wind bei Lotte wirklich pfiff, schrie ein rasendes, beglücktes »Hoho!«, gab dem Faß mit dem Fuß einen Riesenstoß, daß es polternd samt der Jungfer Lotte, die nicht schnell genug loslassen konnte, in die Sträucher rumpelte, und erhaschte sich die Geliebte, ehe sie zu Falle kam; dann riß er sie sich an den Mund herauf und trank und trank sie mit seinen Lippen wie ein zum Umsinken Verdursteter. Lotte aber schmiegte und saugte sich so in den Mann hinein, daß er in dem abendrotem Himmel tausend Feuerräder kreisen sah und mit dem Mädchen nicht auf der Erde unter den Sträuchern stand, sondern durch die hohe Luft zu fliegen meinte. Und wie es nicht anders sein konnte, schloß sich an diese abendrote Verlobung ein kleiner Schmaus der beiden verstohlen Glücklichen in der altväterlichen Stube auf der Feldgasse. Das Licht war über ihnen und in ihnen. Es glänzte aus dem verzauberten Maechler und strahlte aus den großen, unergründlichen Augen Lottes mit einem Fragen und so ferner Unruhe, daß der Gesell endlich in sie drang, ihm doch das zu sagen, was sie noch auf dem Herzen habe. »Gut, es soll so sein«, antwortete das Mädchen, räumte den Tisch ab, ergriff mit der einen Hand das Licht, mit der anderen die Rechte des Mannes und führte ihn hinauf in die Kammer Maechlers. Dort stellte Lotte das Licht auf die Kommode, öffnete deren oberen Schub, langte den abgegriffenen Zettel mit dem Gebet der Maechler hervor und bat Nathanael, ihr die Verse laut vorzulesen. Der Gesell, verwundert und bestürzt, sperrte sich ein wenig, traf aber in die immer tiefer aufleuchtenden Augen des Mädchens und in ein Gesicht, dessen Züge mehr und mehr aus dem seligsten Liebesschwung in schmerzlich-bange Entschlossenheit glitten, so daß Maechler endlich merkte, daß das liebe, unbegreifliche Wesen nicht von bunter Laune, sondern von der unabänderlichen Macht eines festen Entschlusses zu diesem Verlangen getrieben werde. Sicher, das sah er ein, da war kein Ausweichen möglich, und so las Maechler die ehrwürdigen Verse, mit denen er so oft in seinen wilden Rebellenjahren nach dem Himmel gegriffen hatte, und die das letztemal aus der Todesnot im Bärengrunde von seinen fiebertrockenen Lippen geglitten waren: »Laß mich, wenn ich hier geschlafen, Wieder wandern meine Straßen. Schicke mir durch meinen Fleiß, Was bei dir steht hoch im Preis. Guten Willens eine Tracht Lad mir auf in dieser Nacht. Stets mein Herr und stets dein Knecht, Droben Gnade, drunten Recht.« In Maechler wachte alle alte, in die Höhe stürmende Sehnsucht, alles Seelendrängen aus dem Blute seiner Vorfahren wieder auf, während er befangen und von dem Mädchen berückt die bekannten Worte unsicher, stockend, aber so ergreifend sprach, daß Lotte das Überglänzen ihrer Augen aus bezwungenen Tränen nicht verhindern konnte. Als er zu Ende gekommen war und schwieg, fragte ihn Lotte mit einer dunkel gewordenen Stimme: »Glaubst du das, Maechler? Wahrhaftig aus tiefster Seele?« »Ja, gewiß, liebe Lotte«, antwortete Maechler und langte nach ihr, sie an sich zu ziehen. »Weißt du aber ...« »Kein Aber und kein Wenn«, sagte sie lächelnd und mit einem tiefen Aufatmen. »Es ist der einzige Weg, auf dem wir beide zufrieden und glücklich gehen können.« Dann gestand sie ihm alles, wie sie, von seiner harten, rücksichtslosen Weitläufigkeit zurückgestoßen, ihn förmlich gehaßt habe, wie sie von diesem Widerwillen aber in ihrem verfallenen Herzen gepeinigt worden sei und endlich auf dem Wege wunderlicher Zufälle in den Besitz des Schlüssels gekommen sei, der ihr das Geheimnis dieser verschlossenen Schublade und damit den Einblick in sein tiefstes Wesen geöffnet habe. So, auf diese Weise sei sie ganz sein, weil sie glaube, daß sie ihm dergestalt auch alles sei. Denn anders und mit wenigerem könne sie sich, und sollte es ihr Leben kosten, nie und nimmer zufrieden geben. Dies wurde alles nun nicht wie ein flammender Monolog von der in die Höhe gerissenen Lotte auf Maechler abgeschossen, sondern war das Ergebnis eines leidenschaftlich verliebten Gesprächs zwischen beiden, das mit dem Ergebnis schloß, daß Nathanael ihr nicht nur das Vermächtnis seiner Vorfahren, sondern auch die Sorge um die Aufrechterhaltung des Geistes in Verwahrung gab, der sie in dieser Stunde erst wahrhaft vereinigt hatte. Bei allem Ernst dieser beiden sonderbar schweren Menschen jubelte ihr Herz immer stürmischer und sang das Blut immer lautere und heißere Lieder, daß sie sich, wie von dem Traum entführt, aus der Bodenkammer in Lottes Zimmer zu einer hochzeitlichen Nacht zusammenfanden, in der sich alle Liebessterne entzündeten, die der Herrgott für zwei aus der Ewigkeit Zusammengefundene bereit hält. Und in dem Augenblicke, als die zwei, von dem Glutherzen des Weltalls aufgelöst, ineinanderschmolzen, sah Lotte den Himmel um sich, über, unter sich angefüllt mit lauter dickbauchigen, glänzenden Gerbertonnen, und auf jeder saß ein klein-winziger Engel, mit Blondhaaren wie ihr Nathanael, der das hölzerne Untier voll himmlischen Ernstes einem Feuer zukutschierte, in das Lotte erst mit seligem Lachen, dann in vollkommenem Erlöschen durch die Liebesverzückung versank. Siebzehntes Kapitel Höher als in dieser Nacht stiegen Maechler und Lotte nie mehr, das ganze Leben nicht. Die Heirat der beiden ein Jahr später, nicht weit von dem Todestage des alten Wennrich, ging einfach und schmucklos vorüber, wie die beglückte Nachfeier eines vergangenen Festes. Das stete Licht über den zwei Menschen nahm auch nicht zu, sondern erfüllte sich nur mit einem neuen, unbekannten Schimmer, als das eintrat, was Lotte in ihrer ersten Liebesverzückung gesehen hatte, als wirklich einer jener kleinen, winzigen, blondhaarigen Engel aus dem glänzenden Himmel durch ihren Schoß in ihre Lebensstube sprang. Allein, als er diese rätselhafte Fahrt aus dem ewig Unbekannten hinter sich hatte, lag er als ein fester, strunkiger Kerl in einer dumpfen, geschlossenen Ruhe in seinem Bettchen, daß man wohl merken konnte, er trage des Vaters vielfältigen Geist, aber in einer engen Tonne, die, wohl gut gedübelt aus eigenem Holz wie das Wesen seiner Mutter, doch nur einen Ton gab, wenn fest daran gepocht wurde. Still und pflichtgetreu, ohne Schreien und Unruhe hauste er in seinem Bettchen und kehrte sich lange nicht daran, wenn man ihn bei seinem Namen »Jochen« rief, war zu keinen Listen und Spielereien aufgelegt, sondern verharrte meistens dämmernd in einer Art schrulliger Verdrossenheit, die sehr komisch wirkte. Nur wenn er ganz allein, vollkommen unbeobachtet lag, öffnete er seine großen Augen, die er von der Mutter geerbt hatte, allerdings ohne den flimmernden Glanz und das Spiel des grünlichen Feuers. Mit stillem, etwas enttäuschtem Staunen maß er die unbegreifliche, seltsame Umgebung, wie einer, der weit gewandert, sich an einem Ort findet, den er eigentlich nicht begehrt hat. Dann kam es oft vor, daß Lotte unter seinen geschlossenen Augen ein kleines Tränenbächlein fand, das er lautlos nach einer solch geheimen Rundfahrt mit den Blicken geweint hatte. Es war ein winziger Philosoph ohne Gedanken, trug Dunkelheiten ohne Schmerzen und eine Melancholie, bei der ihm durchaus wohl war. Durch keine Liebkosungen und Spielereien vermochte man dem komischen Ernst seines Gesichtes ein Lächeln abzugewinnen, ob sich Lotte und Maechler noch so sehr bemühten; höchstens kam der Ausdruck einer Art von verwunderter Ironie in seinen Zügen auf, wenn sie ihm zu eindringlich das laute, helle Kinderlachen abnötigen wollten, nach dem sie sich so sehnten. Dieses merkwürdige Wesen ihres kleinen Jochen nahm die beiden ganz gefangen, und es hatte den Anschein, als sei Maechler durch das Glück der Liebe ganz von seinen alten innersten Süchten abgedrängt worden, die sein Leben so lange und unter so schweren Erfahrungen in den Dienst und die Sorge für die anderen Menschen gedrängt hatten, daß er an seinem eigenen Wohl nicht besser als durch die Beförderung des Wohlergehens eines weiten Kreises zu arbeiten fähig war. Doch an dem Stunden- und Tagesanzeiger seines Daseins rückte nicht bloß die kleine Hand seines Jochen, nicht bloß das mütterlich erfüllte Herz seiner Lotte, er mußte es gelten lassen, daß nach und nach wieder von draußen her in das Gangwerk seines Lebens gegriffen wurde. Wegen des Neubaues der Sandbrücke kam es zwischen Wilkau und dem benachbarten Scherichsdorf zu einem erbitterten Streit, der die Errichtung dieser unumgänglich notwendigen Überbrückung des Heidewassers bei der Hartnäckigkeit der gegensätzlichen Parteien ganz verhindert hätte, wäre nicht der Gemeindevorsteher Schlicker auf den Gedanken verfallen, den Gerbermeister Maechler um Rat anzugehen, wie am besten aus diesem vergifteten Wirrwarr ein Ausweg gefunden werden könne. Notgedrungen mußte sich der so Angegangene mit der Sache befassen und brachte es nach einigen Besprechungen dahin, daß die streitigen Parteien den einstweiligen Bau der Brücke durch die Kreisverwaltung mit der Maßgabe erreichten, daß durch die Behörde dann die Verteilung der Kosten erfolgen solle. Die Scherichsdorfer beruhigten sich gerne bei diesem Vermittlungsvorschlage, weil ihnen durch den umsichtigen und weltgewandten Gerber in Aussicht gestellt worden war, daß er es auf seine Kappe nehmen wolle, die Verhandlungen der beiden Gemeinden gegen die Behörde zu führen und die Baukosten vollkommen auf die Provinz abzuwälzen. Dies war die eine Verlockung, der Maechler erlag, sich in das Getriebe der öffentlichen Angelegenheiten wieder verwickeln zu lassen. Die Unstimmigkeiten zwischen Wilkau und dem Grafen, die eine Zeit geruht hatten, nun jedoch durch den neuernannten Generaldirektor abermals energisch aufgegriffen wurden, waren der andere Anlaß, warum der Gerber aus der Hut seines häuslich engen Behagens trat. Graf Schilling nahm, gestützt auf eine alte Urkunde, durch seinen höchsten Beamten das Recht für sich in Anspruch, nach eigenem Gutdünken alle Verbesserungen seines Bades, auch solche, die in das Wohl und Wehe der Gemeinde eingriffen, auszuführen und dem Ort einfach den von ihm festzusetzenden Teil der Aufwendungen aufzuerlegen. Maechler, wieder von Schlicker zu Hilfe gerufen, stöberte einen verschollenen Vertrag zwischen dem gräflichen Geschlecht der Schillinge und der Gemeinde »Willikaw« aus dem Jahre 1532 auf, nach dem die Gesundquellen zwar dem Grafen für alle Zeit überlassen wurden, aber den »preßthaften« Bewohnern vollkommen freie Benützung der Badegelegenheit und dem Ort ein Teil der Nutznießung und des Erlöses aus dem Bädlein zugestanden war. Mit einemmal rückte Maechler von dem doch etwas bemäkelten Lebenszustand eines landfremden Mannes zum beliebten Helden von Wilkau empor, und weil zu der Zeit gerade der erste Schöffe der Gemeinde mit Tode abging, wurde Maechler an seine Stelle gesetzt. Nun trieb es ihn wieder wie in den heißesten Kampfzeiten um die Wiederaufrichtung des Wennrichschen Geschäftes von Verhandlung zu Verhandlung bald nach Trennsdorf unterm Ägster, bald nach Rehberg, und sogar einige Male nach Breslau, und überall gelang es seinem klaren unaufdringlichen Verstande und seinem unbeirrbaren Gerechtigkeitssinn, der mit wahrer Liebe gepaart war, ebenso die Überheblichkeiten behördlicher Unfehlbarkeitssucht wie die selbstsüchtige Anmaßung der Untergebenen in das Maß erträglicher Forderungen abzubiegen. Dabei tummelte er sich noch immer wacker in seinem Geschäft und Handwerk, sah den beiden eingestellten Gesellen scharf auf die Finger und stand rührig selbst am Schabbaum, an der neuen Walkmaschine, vergrößerte den Werkraum durch einen Anbau, der bis an das Grundstück der Jungfern Niedenführ reichte, kurz, war ein Mann, der hundert Räder in Gang setzte, doch nie, von Geschäftstaumel erfaßt, um seinen ruhigen Atem kam. Immer noch behielt er genügend Zeit, seine Hand in dem seidenweichen Blondhaar Jochens und sein Gemüt in der kindlichen Verwunschenheit des Kleinen ruhen zu lassen und mit Lotte die vielfältigen Tatfahrten seines Lebens zu besprechen, trotzdem er mehr und mehr fühlte, wie unähnlich und unzugänglich ihm das Wesen des Söhnchens war und wie Lotte an seinen vielfältigen Erfolgen nicht mit der herzlichen Freude teilnahm, die sie ihm im geheimen doch bereiteten, ja, daß sie manchmal gar mit leerem Gesicht und gleichgültigen Augen an seinen Erzählungen und Darlegungen seiner Pläne vorüberhörte. Wenn er sie dann fragte, was sie bewege oder bedrücke, so tauchte wohl ein Abglanz des alten Schimmers in ihren beredten Augen auf, und er fühlte ihr Wesen wie einen lieblichen, verlockend heißen Abgrund sich erschließen, daß ihn der selige Taumel des Verlangens erfaßte. Aber dann entfloh sie ihm entweder mit dem neckisch aufreizenden Lachen, das ihn schon vollkommen betört hatte, als er ihr das erstemal in der nächtlichen Straße Wilkaus nachgeschlichen war; oder sie war gegen seine Liebkosungen so spröde, daß er sich ihre Gunst förmlich erkämpfen mußte. Freilich, wenn Maechler sie dann mit fast unerschöpflicher Kraft überschüttet hatte, lag sie mit weit offenen, aus der Welt gedrehten Augen, deren Sterne so erweitert waren wie bei Katzen im Dunkeln, und das Feuer, das sonst nur als Flimmern, ein Schimmer auf ihrem Grunde, ein verlockendes Spiel trieb, lohte und flackerte nun gleich einer unersättlichen Flamme aus ihnen. Lange strahlte Lotte nach solchen Siegen eine Wärme und Fülle aus, die Maechler so beseligten, daß er mit noch rüstigerer, weil entlasteter Kraft sich in die Vielfältigkeit seiner tausend Verpflichtungen stürzte, vollkommen von ihnen in Anspruch genommen wurde und wochenlang an Frau und Kind vorüberlebte. Dieses Ringen zwischen der männlichen Ungenügsamkeit des Lebens und der Ungenügsamkeit des liebehungrigen weiblichen Herzens warf Maechler und Lotte ständig auf und ab, trieb den Mann immer tiefer in die Welt hinein und verdoppelte die Inbrunst des Weibes nach schrankenloser Vereinigung, damit jedoch auch die Furcht vor einer Dämonie, aus der sie sich nicht anders retten konnte als hinter die Schutzwand der Scheu. Aber aus diesem Versteck, das mit den Jahren immer tiefer, immer unauffindbarer wurde, sehnte sie sich doch nach Überfällen, nach Leidenschaft und Liebesausbrüchen, vor denen sie sich in Stolz und weiblicher Scham so in acht nahm. Vergeblich suchte Lotte dieser Not zu entrinnen, indem sie öfters und öfters in die Kirche flüchtete, nicht in die Menschenfülle und das Musikbrausen des großen Gottesdienstes, sondern in das milde Säuseln früher Messen und die umdunkelte Stille abendlicher Andachten. Aus dieser Unräumlichkeit und unirdischen Gemütshingabe, in die sie dadurch gehoben wurde, stürzte sie immer wieder in das nie ruhende Liebesbegehren ihres Herzens nach Zärtlichkeit, nach sinnlicher Warme, nach einem stillen Glück im Winkel und empfand Maechlers Hingabe an die weiten Kreise gemeinnützigen Lebens als eine Treulosigkeit gegen sie selbst. Wie ihr Ziel in allem nur Nathanael war, sollte all sein Trachten zuletzt nur in sie münden. Wohl empörte sich Lotte gegen diese Wirbel, die von woandersher als aus ihrem Wesen immer wieder über sie herfielen, drängte mit der Aufwendung all ihrer ehrlichen Kraft gegen diese heißen Schatten und flüchtete sich in die mütterliche Liebe zu ihrem kleinen Jochen, der nun schon zu einem richtigen handfesten Hosenmatz geworden war und überall unauffällig und stetig mit seinem merkwürdig abseitigen Wachsein auf Entdeckungen ausging, deren Erwartungen und Erfüllungen er aber ganz für sich behielt. So lag er stundenlang auf der Steifmauer des früheren Werkplatzes und wurde nicht müde, die Wellen des Heidewassers zu betrachten, versank in das Anschauen von Blumen, grub neben dem Trockenhause in dem früheren verwilderten Obstgarten Grube um Grube in die Erde und saß dann verwundert und überrascht vor seinem Werk mit einem Gesicht tiefen, schrullenhaften Ernstes, trat zu plaudernden Menschen auf der Gasse, sah neugierig an ihnen hinauf und lauschte aufmerksam auf ihre Gespräche, als könne er aus ihnen etwas von dem Rätsel und verborgenen Sinn der geheimnisvollen Welt erfahren, in die er geraten war, oder er sang nach einer unbekannten, nie endenden monotonen Melodie Worte vor sich hin, die für alle, die es hörten, ohne Sinn, für ihn selbst aber wohl von einer seligen Bedeutung waren, so sehr bezauberten und entrückten sie ihn. Wenn Lotte den Kleinen aus diesem Engelspiel oder der Verwunschenheit anderer unbegreiflicher Unternehmungen mit der Frage herausriß, was das sei, was er da mache, dann schrak er aus seinem Traume auf, sah sie ratlos, ja ein wenig erschreckt an, flüchtete sich zwischen ihre Knie und vergrub erschüttert und leidenschaftlich seinen Kopf in ihren Schoß. Aber nie vermochte er ein Wort zu sagen über das ferne, ungewöhnliche Unfaßbare, das ihn bewegte und bedrängte, das aber oft so stark wurde, daß er mitten im Spiel alles aus den Händen fallen ließ und in schmerzvolles Weinen ausbrach, das nicht enden wollte. Wo es immer war, kam diese jähe Verdunkelung von Zeit zu Zeit über das Kind. Sogar wenn die kleine Familie behaglich am Tisch saß, fiel der Knabe plötzlich auf seine Arme und begann ein fesselloses Weinen. Ja, manchmal mitten in der Nacht wurde Jochen in diese Verwirrung seines Wesens gerissen, kroch unters Bett und schluchzte leise in sich hinein, um Vater und Mutter nicht zu stören. Mit Hingabe und Liebe bemühte sich Lotte um ihren einzigen Knaben und rettete sich so aus ihren eigenen geheimen Bedrängnissen und Schatten, indem sie gegen die unbegreiflichen Erschütterungen seines Wesens ankämpfte, bis es ihr in einer Nacht gelang, den Schleier von der Angst wegzuziehen, die sich immer wieder verderblich auf das gute Herz ihres Kindes wälzte. Die beiden lagen allein in dem Schlafzimmer; denn Maechler war für zwei Tage verreist. Die Nacht stand windstill draußen, und durch das halbgeöffnete Fenster klang das sommerlich leise Wellengesprudel des Heidewassers herein. Jochen drehte sich in seinem Bettchen unruhig von der einen auf die andere Seite, lag dann lange still, mümmelte singend dem Laut des Wassers ein paar Töne nach und fragte dann, als Lotte glaubte, er sei schon längst eingeschlafen, woher das Heidewasser eigentlich komme. Da erzählte Lotte eine selbsterfundene Geschichte vom Rübezahl, der droben auf dem Riesengebirge hause und über hundert und mehr winzig-kleine Zwerge gebiete, die allerhand Arbeiten zu verrichten hätten. Die einen müßten die Felsen untermauern, daß sie nicht herunterfielen, die anderen die Anemonen und das Habmichlieb bewachen und die Leute irreführen, die sie unsinnig abreißen. Manche müßten die Nester der Steinschmätzer betreuen, und wieder andere, die Wasserzwerge, hätten die Aufgabe, auf die Quellen aufzupassen, daß es ihnen nicht zu schwer werde, aus dem Gestein zu finden. Wenn ihnen das mit Spitzhaue und Schaufel gelungen sei und zarte Wässerchen wieder munter über den Berg herunterrieselten, dann säßen die Zwerge dabei und sängen den Wasserfäden ihre schönsten Lieder, Lieder so unglaublich zauberhaft, wie sie noch nie ein Mensch gehört habe, daß die Wellen diese Laute nie vergessen können und sie immerfort singen müßten, solange sie laufen. »Und sie laufen Tag und Nacht ohne Aufhören wie das Heidewasser draußen und singen dabei die Zwergenlieder, die sie gelernt haben, immerzu, immerzu, immerzu ...« Lotte sagte das Wort, mit dem sie die Geschichte endete, leiser und leiser, in stets längeren Abständen, bis Jochen auf langen, festen Atemzügen sicher in den Schlaf fuhr. Auch die Mutter wurde von dem Märchenglanz ihrer Geschichte gnädig in die selige Wunschlosigkeit der eigenen Kindheit zurückgetragen, bis jenes friedevolle Erlöschen aller Lebensunruhe begann, das zu den lautlos sich öffnenden Toren des Schlafes hinführt. Ihre Augen hatten sich geschlossen, ihre Glieder waren gelöst, und nur das Gehör lag als letzter Lebenswächter noch auf seinem Lauscherposten im Ohr. Dadurch wurde sie plötzlich aus ihrem Traumschlummer ins Wache gerissen. Denn vom Bett Jochens kamen wieder die leisen, verhaltenen Schluchzlaute herüber, die sie zu genau kannte. Ein Griff hinüber überzeugte sie davon, daß der Knabe, unters Bett verkrochen, wieder im Kampf gegen den Überfall einer namenlosen Traurigkeit lag. Lottes herzlich liebevollen Fragen, ihr doch um Himmels willen zu sagen, ob und wo er Schmerzen habe, hatten keinen anderen Erfolg, als daß sich der Arme fessellos seiner Erschütterung überließ und so laut zu weinen begann, daß es ihn in der Brust stieß. Da nahm ihn Lotte zu sich ins Bett, kuschelte ihn innig an ihre Brust und setzte ihm mit Liebkosungen, Schmeicheleien und herzlichem Eindrängen so lange zu, bis die Wand seines Geheimnisses weggeschmolzen war. Er zog seine Knie an den Leib, krümmte sich zusammen und vergrub den Kopf zwischen ihre Brüste, als wollte er in ihren Leib zurückkriechen, aus dem er gekommen war. Sein Weinen setzte aus, und einen Augenblick war es atemstill, daß Lotte nichts wahrnahm als das Pochen ihres bangen Herzens. Endlich hörte sie des Kindes stockende Worte: »Ich fürchte mich so vor dem Leben und in der Welt.« So, als klängen sie aus ihrem eigenen Leibe an ihr Ohr. Bis in die letzte Fiber erschüttert von dem Bekenntnis ihres Kindes, das von der Angst bedrückt wurde, die auf der ganzen Menschheit lastet, riß sie den Knaben empor, überschüttete ihn mit Küssen, pries die Schönheit der Welt, den blauen Himmel, die tausend Blumen, die Vögel, die so schön singen, den Vater, der ihn so liebe, versicherte ihn unter stetem Kosen ihrer eigenen unendlichen Liebe und versprach ihm tausendundein herrliche Dinge, die sie ihm kaufen wolle, sobald es wieder Tag geworden sei, bis der Knabe auf das Schwärmen ihrer bunten Verheißungen aus den rätselhaften Umklammerungen der Daseinsfurcht ganz herausgelockt und fest eingeschlafen war. Sie trug ihn vorsichtig in sein Bett und deckte ihn sorgsam zu. Aber als sie wieder allein lag, rannen ihr die lautlosen Tränen des Erbarmens und Schreckens über die furchtbaren unerklärlichen Heimsuchungen ihres lieben, schuldlosen Knaben unaufhaltsam aus den Augen, die weit und groß in die Nacht starrten. Von woher kam diese Welt- und Lebensverfinsterung immer wieder über ihr Kind? Von seinem Großvater, der so lange unter Menschenhaß gelitten? Von seiner Großmutter, die durch Gram und Grauen zerbrochen war? Aus den Wänden des Hauses, das keine Stube, keinen Winkel enthielt, wo nicht Schmerz, Kummer und aussichtslose Bitterkeit gehockt hatte? So lag und bohrte Lotte und grub lange die Zeit um nach der unseligen Quelle, aus der die Finsterwasser ihren Jochen stets aufs neue überfluteten. Lotte sann eindringlich und leidenschaftlich Stunde um Stunde und fühlte doch, daß ihr machtloses Suchen nichts als die Flucht vor einem Wissen war, das in ihr selber lag. Endlich gab sie dieses Kulissenschieben auf. Aus ihrem Herzen, aus ihrem Blut hatte sich das Kind das Grauen getrunken, in dem es immer wieder zittern mußte. Die ganze Rat- und Hilflosigkeit ihres Lebens wälzte sich mit solch niederdrückender Gewalt auf das arme Weib, daß sie es liegend nicht mehr aushielt. Sie richtete sich auf und vergrub, vornübersinkend, ihr Gesicht in das Deckbett. So kauerte Lotte im Brausen ihres Blutes, in einer Art Lähmung, bis sie ganz ohne Macht des Widerstandes und des Ertragens in die Bewußtlosigkeit hinüberzuschwinden begann, und eine dünne, übersichtig klare Luft wie in einer außerirdischen Jenseitigkeit ihres Innern aufkam, in dem all ihre Pein, Ungenügsamkeit ihres Herzens nicht mehr war, nichts von Dämonie und Dunkelheit. Sie liebte ihren Maechler wahrhaft und hatte ihr Kind, den Jochen, in der höchsten Glückseligkeit empfangen, die es auf Erden geben kann. Wie also konnte sie schuldig sein an den Nöten ihres Jungen? Sie? Aber wenn nicht sie, wer dann? Lotte machte verzweifelte Anstrengungen, sich wehrhaft aufzurichten und brachte es doch nicht weiter, als den Kopf zwei, drei Handbreiten zu heben und einen Blick nach der Seite in die Stube zu werfen. Da sah sie einen Schatten nicht weit von ihr vorbeigleiten, der noch schwärzer als die Nacht war. Dann verlor sie das Bewußtsein. Achtzehntes Kapitel Einen Tag später, als er vorausgesagt, traf Maechler in seinem Hause ein und fand Lotte bekümmerter und wortkarger wieder, als er sie verlassen hatte, weil sie das schmerzliche Erlebnis mit ihrem Jochen nicht übers Herz bringen konnte. Ihre Stirn erheiterte sich auch nicht sonderlich, da Nathanael von dem glücklichen Ausfall seiner Reise genauen und lebendigen Bericht erstattete, daß er den Vertrag mit der großen Breslauer Häutehandlung nicht nur erweitert, sondern zu viel günstigeren Lieferungsbedingungen neu abgeschlossen hatte, die ihm einen so hohen Gewinn abwerfen mußten, daß am Ende, wenn es sie und ihn gelüstete, die ganze Gerberei so nebenher betrieben werden könne, weil der Handel mit Häuten, richtig aufgezogen, ein reichlicheres, bequemeres Auskommen ermögliche, ja ihnen die Zeit zu dieser und jener Ausspannung und Lustfahrt übrigließe. Maechler trug in der Ausmalung einer günstigen Zukunft mit Absicht etwas stärker auf, nicht im eigenen Drang großspuriger Projektmacherei, sondern im Bestreben, seinem lieben Weibe durch bunte Lebenshoffnungen über die Beladenheit des Gemütes hinwegzuhelfen, unter der sie offenbar schwerer als je zuvor litt. Sie nickte wohl hie und da bei seinem Bericht, machte diesen und jenen klugen Einwurf zum Beweis, daß sie seinen Darlegungen ernst folge, ja wurde sogar von seiner Sorge um ihr Wohl freudig überglänzt. Aber am Ende saß sie still und sah lange sinnend vor sich nieder. Dann hob sie ihr Gesicht voll, bleich, in ernster Entschlossenheit zu ihm auf, legte eine Hand auf die seine und sagte: »Schön, mein lieber Maechler, alles schön. Aber es wird nichts nützen, fürchte ich.« Und nun erzählte sie ihm das Erlebnis mit Jochen in der ersten Nacht während seiner Abwesenheit in allen Einzelheiten Wort für Wort, mit einer Leidenschaft und Ergriffenheit, als könne sie durch die Wiederbelebung jedes Hauchs und jeder Gebärde jenes erschütternden Vorganges vor ihrem Mann die Last ihres Herzens loswerden. Das Vorübergleiten des unheimlichen Schattens, dessen Anblick sie fast aus den Angeln des Lebens gehoben hatte, konnte sie nicht erzählen, weil dieses über alle Worte hinausgehende Grauen sie schon in der halben Bewußtlosigkeit gepackt und dann in die ganze Ohnmacht gestürzt hatte. Als Lotte mit ihrer Erzählung zu Ende gekommen war, saß Maechler eine Weile mit so finsterem Gesicht, mit so starren, unheimlich spürenden Augen, ohne ein Wort zu sprechen, da, wie sie ihn noch nicht gesehen hatte. Aus diesem Stutzen gegen das Tiefste hin riß er den Kopf gewalttätig empor, blinzte einen Augenblick irgendwohin, sprang dann mit einem herausfordernden Pfiff vom Stuhle auf und trat ans Fenster, wo er lange abgewandt in den Hof hinausschaute. Denn in ihm war der Verdacht wieder aufgetaucht, die merkwürdige Veränderung im Wesen Lottes und die unbegreiflichen Verfinsterungen, die von Zeit zu Zeit seinen Jungen heimsuchten, seien doch auf den Einfluß jenes wilden Wesens zurückzuführen, das er schon zu Anfang seines Liebeswerbens um Lotte zu spüren vermeint hatte. Entweder war das ein Wahn, der von der abergläubischen Wundersucht seiner Ahnen noch dumpf in ihm dünstete, oder es gab eben die hexenhafte Drudenwirkung eines haßbesessenen bösen Menschen aus der Ferne, und die Paula Großmann, das dämonisch wilde Wesen in der Bradlerbaude, deren gieriger Raserei er in einer Nacht erlegen war, verfolgte ihn in der Wut der Verlassenen noch heut mit der Inbrunst teuflischer Rachsucht. In jedem Falle war er entschlossen, sich dagegen zur Wehr zu setzen, sowohl gegen den Gemütsplunder des Aberglaubens als auch, wenn es so etwas wirklich geben sollte, gegen die alpischen Kräfte solcher Fernwirkung. Gut, mochte die Drude immerhin ihre Wut gegen ihn aussenden! Er war auch einer und wollte dieses hexenhafte Andringen schon erdrosseln. Langsamen, ruhigen Schrittes kehrte Maechler von dem Fenster zu der vollkommen zusammengesunkenen Lotte zurück und legte seine Hand auf ihre niedergebeugte Schulter. Sie richtete sich auf und sah ihn mit einem so gespannten Ausdruck ihres leidenden Gesichtes an, als hänge von ihm die Entscheidung über Leben und Tod ab. Er beugte sich nieder, nahm herzlich ihren Kopf in seine riesigen Hände, hob sie zu sich herauf und sagte in lächelnder Überlegenheit: »Ach nein, liebste Lotte, du bist doch sonst so tapfer. Wie kannst du dich vor Schatten fürchten? Jochen hat diese gelegentlichen Angstzustände weder von seinen Großeltern noch von mir oder dir. Er ist doch ein kräftiger, gesunder Junge. Das sind nur Auswüchse seiner etwas hintergründigen, kindlichen Phantasie. Und vielleicht ist deine Erzählung von dem Rübezahl und den tausend Zwergen der Grund gewesen, daß ihn die Gespensterfurcht überfallen hat, die alle Kinder so lieben, und du liebe, gute, feine Seele bist selbst davon angesteckt worden.« Während er die letzten Worte sprach, wurde die Haustür aufgestoßen, und man hörte den fröhlichen Lärm Jochens, der mit »Hott« und »Hü« irgend etwas gegen die Wohnstube zu dirigierte, in der die beiden standen. Maechler sprang hinzu und öffnete dem kleinen Tober die Tür, über deren Schwelle er bald mit dem Pferd und Leiterwagen hereinzog, die ihm der Vater von der Reise mitgebracht hatte. Er trabte glücklich an den beiden vorbei und begann, den Tisch zu umkreisen: »Da hast du den Angsthasen und Vererbungskrüppel«, rief Maechler fröhlich lachend seinem Weibe zu, die betroffen und glückhaft erstaunt die Antwort hinnahm, die das Leben ihrem Kummer gab und damit den Trost ihres Mannes bekräftigte. * Freilich zeigte es sich, daß in Lotte die Unruhe noch immer fortwirkte. Denn sie weigerte sich, in dem Zimmer zu schlafen, in dem sie den erschütternden Zusammenbruch Jochens erlebt hatte, und räumte noch am selben Tage die Ehebetten in das kleine Giebelstübchen, während sie Jochen in die nebenanliegende Stubenkammer quartierte, wo Maechler früher als Gesell gehaust hatte. Maechler begriff nicht, welche Umwölkung nach der Erhellung durch seinen Zuspruch und die fröhliche Spielfahrt des Knaben noch in seinem Weibe nistete, setzte sich gegen die Umschichtung ein wenig zur Wehr, ließ aber Lotte dann mit einem Lächeln gewähren, weil er von seinem Handwerk her wußte, daß eben an der besten Haut Wülste vorhanden sind, gegen die man nicht mit dem voreiligen Schermesser losziehen darf, weil es dann statt des Knorpels leicht ein Loch geben kann. Da wird das Stück einige Zeit länger in der Tonne gelassen, bis die Haut so gar geworden ist, daß sich die Wulst leicht und spielend ablösen läßt, und weil Lotte erklärte, in dem alten Schlafzimmer würde sie fort und fort die ängstliche Stimme ihres Jochen hören, die sie in der vorletzten Nacht bis zur Bewußtlosigkeit erschreckt habe, so glaubte Maechler wirklich, es handele sich bei Lotte nur um eine Überempfindlichkeit des mütterlichen Herzens, die nach kurzer Zeit wieder verschwinden würde. Allein so einfach lagen die Dinge doch nicht. In Lotte war von dem Vorübergang des Schattens während der Übersichtigkeit ihrer halben Ohnmacht ein unvorstellbares Grauen zurückgeblieben, das in den rätselhaften Schichten des Unterbewußtseins kauerte und sie auch wie ein Drohen bedrängte. Deswegen, als das bisherige Schlafzimmer ausgeräumt war, sprengte sie überall Weihwasser und vergaß auch nicht das Giebelstübchen und die Ruhekammer Jochens mit dem heiligen Naß zu segnen, um sich gegen den Einbruch neuer Berückungen zu schützen. Ja, als nach diesem umstürzlerischen Tanze die beiden endlich in den Betten lagen, sprach Lotte nach langem Schweigen in die Nacht mit ergriffener, fast beschwörender Stimme das alte Abendgebet der Maechler: »Laß mich, wenn ich hier geschlafen ...« bis zu Ende. Nathanael folgte in Gedanken jedem Wort und schlief spät mit Bekümmernis ein, weil er merkte, daß die Erschütterung seines lieben Weibes doch tiefer saß, als er angenommen hatte. Deshalb auch beruhigte er sich in der Folge nicht mit untätigem Zuwarten und gelassener Hoffnung auf die Wehrhaftigkeit von Lottes Wesen, und konnte es auch nicht, weil er immer wieder beobachtete, daß sie von inneren Fesseln beengt und von Störungen aus dem täglichen Gleichmaß geworfen wurde. Er ließ darum den alten Werkplatz über der Straße in ein liebliches Gärtchen verwandeln und längs des Weges halbhohe, sehr dicht gestellte Fichten pflanzen, um den Streifen gegen die neugierigen Blicke der Passanten zu schützen, damit Lotte in den Stunden dunkler Bedrängtheit sich dorthin zurückziehen könne. Ja, nachdem die alten Jungfern Niedenführ schnell hintereinander gestorben waren, erwarb er ihr Besitztum, riß den Zaun nieder und vereinigte die beiden Grundstücke zu einem mit der weit ausgreifenden Idee, das alte Wennrichsche Haus, wenn das Wachstum seines Betriebes sich weiterhin so günstig entwickelte, ganz als Werkgebäude einzurichten und das Häuslein der alten Jungfern als behagliches Wohnhaus auszubauen, um nicht immer unter dem Trubel des geräuschvollen Gewerbes zu leiden. Aber Lotte, die mit froher Dankbarkeit den umgewandelten Werkplatz als Ersatz des verlorenen Hintergärtleins angenommen hatte und manche Stunde dort in der Wartung ihrer geliebten Blumen verbrachte, wehrte sich leidenschaftlich gegen den beabsichtigten Umzug in das neuerworbene Niedenführsche Haus, weil sie dadurch nicht bloß von dem Boden ihrer geheiligten Familienverbindung vertrieben wurde, sondern auch der zarten Seelenverwobenheit mit dem verklärten Geiste der lieben, alten Schwestern verlustig ging, deren Klang von der längst gestorbenen Mutter her nur ein schwebendes Gemüts- und Herzensspielen ertrug, das durch diesen gewalttätigen Einbruch der ganzen Familie mit Sack und Pack vollkommen zerstört werden mußte. Maechler drängte trotzdem stärker und stärker aus geschäftlichen Rücksichten und Betriebskosten auf den Umzug hin. Doch Lotte gab nicht nach, versteifte sich hartnäckig, ja sogar bitterlich in ihren Widerstand und ging zuletzt mit verengten, dunkel gestanzten Augen, zusammengeschraubtem Mund und bösartig gewulsteter Stirn zu offener Auflehnung über. »Vermaledeit«, schrie sie in höchstem Zorn mit einer harten, vollkommen fremden Stimme, »ich bin doch auch ein Mensch, nicht bloß ein Kasten, eine Fußbank oder so etwas! Wirble meinetwegen die ganze Welt durcheinander. Hier in diesem Hause habe ich auch ein Recht und lasse mich daraus nicht vertreiben, mag es gehen, wohin es will.« So unterblieb der Umzug. Aufs tiefste erschrocken und etwas an Lotte irregeworden unterließ Maechler von nun an jeden Versuch, sie seiner Ansicht geneigt zu machen. Lange mußte er mit Aufmerksamkeit, Liebenswürdigkeit und Zärtlichkeit wie ein Liebhaber um sie dienen, ehe die feindselige Kälte ganz aus ihr geschwunden schien. Die letzte Gunst mußte er ihr richtig abkämpfen. Aber die Seligkeit des vereinten, glücklichen Hinströmens blieb auch da aus. In fessellosem, mänadischem Sturm fraß sie sich in seinen Leib und lag dann nicht in lieblicher, friedevoll gelöster Erschöpftheit, sondern in einer unheimlichen Starre, totenstill, mit maskenhaft starrem Gesicht und unbeweglich großen Augen, in denen nichts spielte und flimmerte, sondern nur schreckhaftes, fast entseeltes Erstaunen war. Indes Maechler so in seinem Hause einen Kampf zu bestehen hatte, in dem er nie Sieger und nie auch ganz Unterlegener war, fügte sich auf seinem Wege in der öffentlichen Geltung Stufe an Stufe. In der Konfliktszeit der sechziger Jahre wußte er, der eine untrügliche Witterung für die unabwendbare Notwendigkeit besaß, seinen weitreichenden Einfluß für den Ausbau der preußischen Wehrmacht einzusetzen, daß er sogar in Gefahr geriet, von dem politischen Wirbel erfaßt zu werden. Aber nie unterlag er den Verlockungen zu einer uferlosen Demagogie, der sich sogar Staatsmänner von Rang zur Durchsetzung ihrer Idee bei der Masse oft bedienen müssen und nicht davor zurückschrecken dürfen, durch die Schein- und Trugmünzen der Phrasen das allgemeine Interesse für sich zu gewinnen. Von seinem festen Prinzip, daß der Staat nur der Diener, nicht der unumschränkte Herr des Bürgers sei, brachte ihn nichts ab, und so kämpfte er nur in Rücksicht auf das Allgemeine für die Bewilligung der Heeresforderungen, nicht der Sklave einer rüstungshungrigen Partei, die sich für die Roonschen Forderungen nur einsetzte, um Schritt für Schritt die Macht zur Erreichung ihrer Sonderinteressen in die Hand zu bekommen und langsam das letzte Fünklein auszutreten, das von dem achtundvierziger Feuerstoß übriggeblieben war. Er setzte sich im Gegensatz zu der liberalen Partei energisch für die dreijährige Dienstzeit des Militärs ein, nahm aber doch 1857 an dem Begräbnis Robert Schlehans in Breslau teil, der von 1850 an sieben Jahre auf der Festung Silberberg für seine Teilnahme an der Revolution mißhandelt worden war. Mit Absicht wohnte Maechler, schon damals als weithin bemerkter Mann, der Trauerkundgebung für diesen unerschrockenen Kämpfer durch die mit Menschenmassen dicht besetzten Straßen Breslaus bei, um gegen die ungezügelte Bojarenwirtschaft, unter dem Schirm konstituioneller Formen zu demonstrieren. Er verwickelte sich damit in einige Plackereien mit den reaktionären, behördlichen Heißspornen und sah sich vor die Frage gestellt, dem nützlichen Wirken in seiner nächsten Umgebung zu entsagen und in den Reihen der in der 1863 neugewählten Kammer übermächtigen Opposition mit Haut und Haaren unterzugehen. In seinen häuslichen Verhältnissen lag wohl der Drang, sich den Wolken und Bedrängnissen durch eine weiter gespannte Tätigkeit auf dem politischen Kampffeld zu entziehen, weil in jener Zeit die dunkle Wesensänderung Lottes, seines Weibes, drohendere Formen annahm. Aber Maechler riß sich doch in seine engen, heimatlichen Kreise zurück und beharrte vor dem dänischen wie vor dem sechsundsechziger Kriege fest und bestimmt, gleichsam als Ausklang seiner politischen Tätigkeit, in dem Kampf gegen die Budgetverweigerer. Nicht, wie seine Gegner verbreiteten, in streberischer Absicht oder in närrischblinder Feindseligkeit gegen alles österreichische, auch nicht aus knechtischer Beglückung über alle Maßnahmen Bismarcks verharrte er tapfer in der Verteidigung der Politik dieses damals so viel verlästerten Mannes, sondern weil seine schmerzvollen Revolutionserfahrungen ihm die Gewißheit eingehämmert hatten, daß nur durch ein kraftvolles Preußen Deutschland aus unwürdigen und jämmerlichen Nöten jeder Art gerettet werden könne. Vor dem sicher heraufziehenden Kriegsgewitter lief durch das besonders bedrohte Schlesien ein Bangen und Zagen, das in den Grenzorten ebenso lächerliche wie bedrohliche Angstzustände auslöste. Auch in Wilkau und dem ganzen Rehberger Kessel trommelten genug Angsthasen, die schon im Mai ihre Kostbarkeiten mehr ins Innere des Landes retteten, in die Erde gruben, in die Wände mauerten und heimlich sich zur Flucht vor den Österreichern vorbereiteten. Zu denen, die den Kopf verloren, den sie nie besessen hatten, gehörte auch der Wilkauer Gemeindevorsteher, der sich eine Woche ins Bett legte und dann wegen Krankheit sein Amt sofort und gründlich niederlegte. Sein Nachfolger konnte niemand anders als Maechler sein, der nun umsichtig und rastlos und mit durchdringenderem Erfolg als vorher gegen alle unwürdige Angst und übertriebene Furcht zu Felde zog. Die Rede des Abgeordneten Ziegler in Breslau und die Adresse der Bürgerschaft dieser Stadt an den König von Preußen, die dem Monarchen die treuliche Bereitschaft aussprach, zur Macht und Ehre Preußens alle Nöte und Gefahren wie 1813 auf sich zu nehmen, wurde von Maechler überall verbreitet und in Versammlungen mit kraftvollen, treffenden Worten kommentiert, daß die Spötter behaupteten, Maechler bemühe sich deswegen so leidenschaftlich für den Krieg zwischen Österreich und Preußen, weil er hoffe, daß dabei das Riesengebirge vollkommen kaputtgeschossen werde. Denn solange Maechler in Wilkau lebte, war er noch nie auf dem Gebirge gewesen und hatte bisher alle Versuche zur Teilnahme an einer Wanderung dorthin mit der Begründung abgelehnt, daß er das Gebirge einmal in seinem Leben kennengelernt habe und seitdem sich nicht mehr nach einem zweiten Male sehne. Das sagte Maechler lachend und launig allen Hänslern, und keiner von denen, die ihn wegen dieser närrischen Schrulle aufzogen, sah den Ernst auf dem Grunde seiner Augen bei der heiteren Abfertigung solch spaßiger Spötter. Keinem gelang auch nur ein halber Blick in das Innere Maechlers, wo die Erinnerung an sein Erlebnis auf dem Gebirge als ein Schatten hauste, von dem er geglaubt hatte, daß er sich mit der Zeit verlieren würde, bis die Veränderungen im Wesen seines Weibes ihn eines anderen belehrten. Seitdem, bei aller Nüchternheit und überlegenen Kühle des Geistes, wurde sein Blick wieder und wieder in diese Gegend seiner Vergangenheit gezogen. Er wehrte sich dagegen, stieß sie mit seinem mächtigen Willen von sich, erniedrigte sie ais Bodenrest abergläubiger Verwirrung seiner Ahnen zum Spuk, der mit der Hand von der Tafel wacher Bewußtheit gewischt werden könne, und mußte ihr klareres Auftauchen gerade in der Zeit erleben, die wegen der Unruhe, der sich überstürzenden Ereignisse doch am wenigsten geeignet war für den Hereinschwund von Fratzen aus einer aberwitzigen Flatterwelt. Es waren die letzten Wochen vor dem Ausbruch des Krieges, daß in dem Zustand Lottes eine weitere Verschlimmerung eintrat, die eher noch geheimnisvoller, unerklärlicher war als die Veränderungen, die ihr Wesen bisher heimgesucht hatten. Sie lag nächtelang vollkommen bewegungslos mit offenen Augen wach, hörte auf keinen Zuruf, rührte nicht einmal den Blick, wenn Maechler hebevoll auf sie einredete, und schien empfindungslos und geistig aus sich entrückt zu sein wie eine Besprochene oder, wie wir heute sagen würden, Hypnotisierte. Nathanael mochte hinübergreifen, sooft er wollte, sie umfassen, sie streicheln, keine Fiber bewegte sich an ihr. Dabei war ihr Atem ruhig, ihr Herzschlag regelmäßig, wenn auch kaum fühlbar. So lag Lotte stumm und beunruhigte ihn mit nichts als mit dieser unheimlichen Totenstille, in der sie verharrte. Am anderen Tage ging sie, als sei nichts vorgefallen, ihrer gewohnten Arbeit nach, nur etwas benommen, etwas dumpf, und als Maechler sie fragte, was ihr denn Schweres diese Nacht geträumt habe, sah sie ihn verständnislos an, wieso man solch eine müßige, unnütze Frage tun könne. Sie habe eben geschlafen wie alle Nächte, gut und traumlos. Aber vielleicht liege das an der Unruhe, die wegen des nahen Krieges alles erfülle, sie, die dreißigjährige Frau, werde vor dem Einschlafen von närrischen Fratzen gepeinigt, als sei sie noch ein Kind. Damals sei sie fast alle Abende vor dem Einschlafen von einem zwergenhaften, kaum handlangen, grauen Männchen bedrängt worden, das auf Rädern aus der grauen Unendlichkeit in rasender Schnelligkeit auf sie zugeschnurrt sei. Jetzt beuge sieh aus derselben unendlichen Grauschicht mit unbeweglich finsteren Augen, fest geschlossenem, strengem Mund und drohendem Ausdruck ein Gesicht immer näher auf sie nieder, ein Gesicht, von dem sich nicht entscheiden ließe, ob es weiblich oder männlich sei, aber jedenfalls ein Gesicht, das sie in ihrem Leben noch niemals gesehen habe. Das sauge an ihr wie das graue Männchen ihrer Kindheit, bis sie in Angst einschlafe. Eines Morgens, als gerade das allererste Licht das Fenster ihres Schlafstübchens wie ein graues Tuch aus der Finsternis hob, hielt es Maechler nicht mehr aus, der die ganze Nacht wieder von der unheimlichen Totenstille Lottes gepeinigt worden war. Er überzeugte sich, daß ihr vor Erschöpfung doch die Augen zugefallen waren und sie mit kräftigen Atemzügen schlief, stand lautlos auf, schlich sich aus dem Hause und ging unter dem Zwange eines dumpfen, traumhaften Entschlusses, daß es auf jeden Fall anders werden müsse, ohne auf- und umzublicken, durch Gassen des schlafenden Wilkau hinaus aufs Feld. An einem der vielen Grandorfer Teiche machte es mit ihm halt. Er sah sich in der ihm bekannten und vertrauten Gegend um, die doch vollkommen fremd, noch nie gesehen, ja geradezu unirdisch, wie eine Einbildung wirkte, und als er verwundert in der grauroten Farbe der ersten Frühe seine Augen auf das Riesengebirge heftete, fiel ihm eine einzig dunkle Wolke auf, die regungslos, wie festgenietet, an dem haarscharf abgezeichneten Kamme klebte. Und da er erstaunt denkt, jetzt und jetzt muß sie sich doch bewegen, sieht er, daß es gar keine Wolke, sondern eine Frau ist, die dort kniet und in beschwörendem Drohen die Arme mit herausgewendeten Handflächen herüberstreckt. »Soso, bist du es wirklich?« entfuhr es ihm grimmig-erschrocken, ohne daß er wußte, was er sprach, und einen Augenblick lang, indes er stockenden Herzens das Gesicht zu Boden senkte, sah er sein Weib Lotte von der Gewalt dieses spukhaften Wesens blaß, totenhaft ausgestreckt vor sich, wie sie mit schreckhaft weiten Augen gebannt einen Fluch in sich aufnahm, gegen den sie vollkommen wehrlos war. Einen Augenblick lang nur tauchte er sehenden Blickes in die Welt des Schicksals hinter den irdischen Dingen, dann raffte er sich männlich aus dieser Traumbetäubung auf und richtete seinen Blick wehrhaft gegen den Luftalp auf dem Kamm des Gebirges. Aber da war nichts mehr zu sehen. Die blaue, riesenhafte Wand wuchs verklärt vor ihm auf und schwang sich in schönen Linien durch den morgenklaren Himmel. Ein kleines Wölkchen, schmal, gewunden wie ein spielend hingeworfenes Band, bebte glänzend über die Stelle, wo das drudische Schattenbild gekauert hatte, rückte immer höher in den blassen Frühlingshimmel hinauf, wurde immer durchsichtiger und war bald vollkommen verschwunden. Da brach Maechler in höhnisches Gelächter aus und versetzte sich mit der flachen Hand einen klatschenden Schlag auf den Schenkel, um sich aus diesem verwichtelten Hexenanwurf zu reißen. Dann sprang er auf und ging mit langen, fressenden Schritten um den Teich herum nach Wilkau zurück. »Barer verfluchter Unsinn«, murmelte er immer wieder im Schreiten empört vor sich hin. Das wäre ja noch schöner, wenn solches Hexentrudeln wahr sein könnte!« Er erregte sich so, daß ihm das Blut im Schädel donnerte. In dieser Verfassung konnte er unmöglich nach Hause gehen und seinem Weibe gegenübertreten, die sowieso nach jeder dieser totenstillen Nächte, die sie zu erleiden hatte, ihn zweifelnden und spürenden Blickes maß, wenn sie sich nicht beobachtet glaubte. Also bog er vor Wilkau auf einem Feldweg, dann auf Rainen nach Süden zu ab und betrat hinter dem Ort die Straße nach Trennsdorf unterm Ägster. Sowie er den festen, breiten Weg unter den Füßen hatte, wurde das laute, leidenschaftliche Toben in ihm ruhiger, und die Welt stand wieder sicher um ihn. Wilkau lag noch schlafend hinter ihm. Nur da und dort sah er einen einzelnen Mann auf dem Felde, der mähend in der Wiese weiterruckte. Der Ägster stieg morgendunkel in die klare Luft; Wildenten quarrten von den Teichen her, und um die verfallene Burg schwirrte ein Schwarm Dohlen. Jetzt auch begann das Glöckchen der Wilkauer Kirche den Frühsegen zu singen, und bald danach erhob der Trennsdorfer Turm sein blechern klingendes Morgengeläut, das als ein hauchschwaches Sirren aus den vielen Waldschluchten widerklang. »Na also, da ist ja alles in Ordnung«, sagte Maechler lächelnd zu sich und horchte, stehenbleibend, ein Weilchen in das friedliche Getön. Dann wendete er seine Füße und begann gemächlich auf dem Wege nach Wilkau zurückzuwandern in einer sich immer mehr erheiternden Verwunderung über die Tatsache, daß er, ein wohlgegorener Mann, von der allgemeinen Kriegsbeklemmung so überrumpelt werden konnte. Denn diese Wolkenfratze vorhin auf dem Kamm rührte doch nur von seiner Einbildung her und war nichts als die Folge des tausendfachen Gemummels von Angst und Lebensfurcht, das geheim durch das ganze Volk lief. So setzte er gedankenvoll Fuß vor Fuß und kam, an Baum und Stein vorbei, weiter nach Wilkau hin. Von seiner Aufregung war nichts als das leise Schwirren des Trennsdorfer Morgenglöckchens in seinem Ohr zurückgeblieben. Das klang manchmal stärker auf, brach ab und setzte dann wieder ein. Manchmal klang es auch wie Poltern, aber dann nicht in, sondern hinter ihm. Er sah schon die ersten Dächer Wilkaus aus den Baumkronen auftauchen. Da mußte er stehenbleiben. Denn das leise Schwirren, das er für den traumhaften Nachklang des Trennsdorfer Frühglöckchens gehalten hatte, hörte sich nun wie Radplärren und Wagengerassel an. Menschengeschrei war auch darunter, und nun unterschied er gar das Geklapper jagender Pferdehufe, das auf ihn zupreschte, und wie er sich mit dem ironischen Gedanken umdrehte, ob denn heute alles in der Welt aus den Fugen geraten sei, sah er aus der Trennsdorfer Häuserzeile einen mit Gerumpel hochgeladenen Leiterwagen in rasendem Tempo hervorbrechen. Die Mähnen der springenden Gäule wehten, und der Kutscher schrie und peitschte wie besessen auf sie ein. Hinter ihm erschien ein zweiter und dritter Wagen in derselben wahnsinnigen Eile. Aus den Häusern sah Maechler Menschen auf die Straße stürzen, die Hände in die Höh werfen, einen Augenblick erstarrt stehenbleiben und dann wie geworfen in den Türen verschwinden. Wievielmal hatte Maechler auf seinen Revolutionszügen den überstürzten Auszug von angstvollen Bauern aus Dörfern erlebt, gegen die ein feindlicher Heereshaufen heranzog. Das, was sich da schreiend und wild im Staub der Straße heranwälzte, war Flucht. Wie ein Zündfeuer des Schreckens rasselte es heran, und wenn ihm nicht Einhalt geboten wurde, flammte die sinnlose Angst durch alle Ortschaften an der Grenze, und die unheilvollen Folgen waren unübersehbar. Maechler, dies denken, war mit eins aus seinen eigenen Lebensnöten gerissen, sprang mit ein paar Sätzen dem ersten Fuhrwerk entgegen und stellte sich breitbeinig, die Arme zur Seite geworfen, mitten auf die Straße. Dazu brüllte er, was die Lunge halten wollte, sein »Halt! Halt!« Der Bauer riß vor dieser waghalsigen Entschlossenheit wohl mit voller Gewalt die Pferde zurück, konnte die aufgeregten Tiere aber nicht auf dem Fleck zum Stehen bringen und sah mit Schrecken, daß die Gäule im Begriff waren, den Mann zu überrennen. Maechler aber wich nicht aus, sondern sprang den Pferden in die Zäume, wurde von ihnen wohl in die Höhe gerissen, brachte sie aber nach einem Aufbäumen zum Stehen. Dann beruhigte er die zitternden Tiere, die in Schweiß gebadet waren, und trat darauf, weiß im Gesicht, schweratmend, aber ruhig mit der Frage zu dem Bauern, was es gebe. Er fragte kalt und mit einem spöttischen Lächeln den Bauern, der, aus den Wirbeln seiner Aufregung gerissen, blöde auf einer Lade saß und ihn sprachlos anstarrte. Er sei der Gemeindevorsteher und Polizeiverwalter von Wilkau und dulde solch wahnsinniges Fahren nicht, redete er auf den abgeschlagenen Mann ein, der den Rock aufknöpfte und in der Seitentasche wühlte, ohne ein Wort hervorzubringen. Endlich hatte er sich gefaßt. »Gehn Sie weg, Herr Vorsteher«, sagte er mit dumpfer Stimme, »setzen Sie sich mit auf den Wagen. Wir müssen sehen, daß wir fortkommen. Das ist meine Frau mit den Kindern. Die Betten und das Gerümpel, mehr haben wir nicht retten können. Sie kommen, sage ich Ihnen, sie kommen!« Wieder in Angst verfallend, brüllte er die letzten Worte, griff nach den Zügeln und hob die Peitsche. Da packte ihn der riesige Maechler an der Brust und hob ihn kurzerhand von seinem Sitz. Als der Bauer neben ihm auf der Straße stand, fuhr er ein paarmal in Verlegenheit mit den flachen Händen säubernd über seine Hosenbeine und hustete dazu in ein paar unentschlossenen Plauzern. Sowie er aber, hochgekommen, durch einige verstohlene Blicke sich von dem sicheren Frieden des Tages rundum überzeugt hatte, lüftete er seine Mütze und strich sich die verklebten Haare aus der Stirn. »Man sollt's nich glauben!« sagte er kopfschüttelnd und richtete dann seine Augen fragend auf Maechler, der ihm geruhig Zeit gelassen hatte, vollkommen zu sich zu kommen. Nun aber verlangte er von ihm eine Erklärung der Ursache der überstürzten Flucht. Ja, das könne er gut und gerne machen, sagte der Mann. Er sei Laubner aus dem Weißbachtal in Schreiberhau, Christoph Laubner. Sein Nachbar und noch einige andere Männer seien Holzfäller in dem Schlag am Kobelwasserzwiesel. Und wie sie heut vor Tag auf der alten Zollstraße nach ihrer Arbeitsstelle gewandert seien, dünkte es sie schon hinterm Branntweinsteinweg nicht ganz geheuer. Aber als beherzte Männer hatten sie sich von dem Knacken, Knallen und Rumpeln in der Ferne nicht bange machen lassen. Allein unterm Goldgrubenhübel, als sie gerade linker Hand auf ihren Arbeitsplatz hätten abbiegen wollen, sei im Lämmergrund drunten ein Brausen und Getöse losgegangen, daß die Männer nicht mehr im Zweifel sein konnten, was die Glocke geschlagen habe. Hott und Hü, Kommando, Gewehrknallen, Trompeten, Pferdegewieher, alles durcheinander habe sich heraufgewälzt. Hunderte und aber Hunderte hätten sich durch den Wald gearbeitet. Da seien dann die Männer beim Blitzen der ersten Gewehrläufe in der Überzeugung, daß sie mit ihren Beilen gegen so viele nichts ausrichten könnten, umgekehrt und davongerannt. Die Österreicher hätten wohl hinter ihnen hergeschossen, aber zum Glück niemand getroffen. Eine Stunde später seien sie mit dem Ruf: »Rette sich, wer kann, die Österreicher kommen!« ins Dorf zurückgestürzt. Ob das alles sei, fragte Maechler lächelnd den Mann, der über den vollkommenen Mißerfolg seiner Schilderung erst verdutzt war, sich aber gleich darauf in Grobheit rettete, indem er höhnisch fragte, ob denn nun hätte gewartet werden sollen, bis sie von den Österreichern krumm und lahm geschlagen worden waren, daß keiner in einen Sarg gepaßt hätte. Maechler ließ ihn heiteren Gesichts seine Hitze ausschütten und fragte, ob es richtig geknallt hätte. Und das ordentlich, war die Antwort. »Ja schön, alles gut«, lautete Maechlers Bescheid. »Ich aber sage Euch, daß es nirgends als in den Köpfen der Männer geknallt hat. Das will ich Euch selber zeigen.« Von den nahen Häusern Wilkaus her hatte sich ein kleiner Zulauf gebildet. Maechler winkte einen ihm bekannten Burschen heran, warf einige Worte auf das herausgerissene Blatt seines Notizbuches und schickte das mit schönen Grüßen an seine Frau. Dann kommandierte er in einer Art, die keinen Widerspruch zuließ, daß die Gefährte der Flüchtlinge gewendet werden sollten, griff lachend selber zu, stopfte dann den Bauern auf seine Lade, schwang sich zu ihm, ergriff die Zügel und kutschierte zurück. Das alte Rebellenfeuer loderte in ihm auf, von dem er geglaubt hatte, daß es in dem Fieber zu Asche geworden sei. Die Mütze in den Nacken geschoben, trieb er die Wagen vor sich her und drohte, jeden sofort einzusperren, der sich ihm widersetze. Das Häuflein Wilkauer sah mit unverhohlenem Stolz dem Davonfahrenden nach. Sie schüttelten verwundert ihre Köpfe über den Mann, der als Muster gemessener umsichtiger Güte bekannt war und nun wie ein Brand losloderte. Neunzehntes Kapitel Maechler führte die vier Flüchtlingswagen auf einem anderen Wege nach Schreiberhau zurück, einmal aus Schonung der Scham dieser armen Angstüberrumpelten, zum andern, die Bewohner von Keterstein, das die Furchtsamen der ganzen Länge nach durchrast hatten, nicht wieder aufs neue zu erregen. Deswegen bog er in Trennsdorf links ab und erreichte nach einer Stunde über ein kleines Gebirgsdorf den großen Wald. Das Laubner-Bäuerlein neben ihm auf der Lade hatte niedergeschlagenen Kopfes in grämlicher Bitterkeit gesessen wie ein Verhafteter und hatte nur dann und wann gewagt, verächtlich neben sich auf den Weg zu spucken. Als sie aber auf dem Leiterweg immer tiefer in den Wald eindrangen und immer näher an Schreiberhau herankamen, ohne etwas von Kriegsgetümmel und Weltverwirrung zu gewahren, atmete er immer mehr auf, und die letzten Schatten der Besorgnis fielen von ihm ab. An den drei Urlen ließ Maechler halten. Den Pferden wurde das schnell mitgeraffte Futter vorgeworfen, und die ganze Gesellschaft setzte sich an den Straßenrand, um sich von der überstandenen Angst etwas zu erholen, die man mehr und mehr als eine unbegreifliche Verrücktheit ansah. Und da die Flüchtlinge übereinkamen, daß eigentlich an der Verwirrung nicht sie schuld seien, sondern der großmäulige Wendel Donth von den Holzschlägern, der sich rein wie ein Rasender gebärdet hatte, kam von den Weibern her sogar das erste Gelächter auf, und Maechler hatte leichtes Spiel, sie vollkommen zu beruhigen. Nicht wie furchtsame Flüchtlinge fuhren sie nach einer guten Raststunde weiter, sondern mehr wie Sieger, die von einer glücklich überstandenen Gefahr zurückkehrten. Und hatte Maechler anfangs seine ganze Überlegenheit gegen ihre dumpfe Widerwilligkeit aufwenden müssen, so behandelte man ihn nun fast wie einen Retter. Freilich, als man mit den überjächten Gäulen langsam durch Schreiberhau ins Weißbachtal hinauftrottete, hatten die Selbstverzagten manchen Spott zu schlucken, und das meistens von jenen, die auf diese Art die Furcht loswurden, die im geheimen ihnen selbst schon die Füße zur Flucht gerückt hatte. Über den verstreuten Höflein und Häusern des Weißbachtales kochte noch immer leiser Schauer und kaum verhehlte Sorge, so daß Maechler, von Behausung zu Behausung gehend, Mühe genug hatte, alle Zweifel zu entkräften und alle Bedenklichkeiten in Sicherheit zu wiegen. Wendel Donth, der Haupträdelsführer der Kopflosen, der Trompeter dieses Angstwahnsinns, war nirgends zu finden. Als er die vier Wagen in die Flucht getrieben hatte, war er laufend in dem Wald des Hochsteins verschwunden, und sein Weib saß zwischen Ballen und Säcken in der verschlossenen Stube und betete, lautlos weinend, den Rosenkranz. Bei einsinkender Nacht machte sich Maechler auf den Heimweg. Die ersten Lichter pinkten schon aus den Häusern, als er Schreiberhau verließ und von der gewohnten breiten Straße über Keterstein, in einen Waldweg einbiegend, rüstig in das schweigende Dunkel schritt. Er brauchte die Stille, das geheimnisvolle Knacken, Knistern und Rascheln, mit dem weite Wälder in der Nacht leben. Er brauchte Wildnis, Unsicherheit, Fessellosigkeit. Die aufregenden Ereignisse des Tages flogen durch ihn hin, als er die Kochel überschritt und über den Buchenhübel stieg. Aber alle die Auflösung, gegen die er gerungen, die Verwirrtheit, der er sich entgegengeworfen, der verwegen heiße Impuls, dem er sich überlassen hatte, bedrückte ihn nicht. Nein, er schmeckte es wie eine Kostbarkeit, sich aus der Sicherheit herausgerissen zu fühlen, und das alte Lebensungenügen erwachte in ihm. Ehe er sich's versah, glitt er aus dem Nacherleben der heutigen Ereignisse in die Vergangenheit zurück. Geräuschlos flog die Tür in ihm auf, die er vor den Brandjahren seiner wilden Revolutionszeit sorgfältig auch vor sich selber geschlossen gehalten hatte. Mit eins ging er nicht durch den nächtlichen Wald nach Wilkau, sondern war auf dem Wege von Mannheim nach der Mühlau. Er marschierte in dem Bataillon, das der Oberst von Corvin mitten in der Nacht dorthin abgesandt hatte, weil dort der Zugang zur Stadt geschützt werden sollte. Denn Kleingewehrfeuer war unvermutet von irgendwoher, wahrscheinlich von den Preußen, losgebrochen und hatte eine Bestürzung hervorgerufen, die von einem Boten bis vor das Bett des schlafenden Obersten im Gasthaus Rheinfelden getragen worden war. »Die Preußen kommen!« hatte der Nachrichtenläufer in das dunkle Zimmer geschrien und war, über die Treppe polternd und immerfort das gleiche brüllend, in der Nacht verschwunden, und nun befand sich das Bataillon auf dem nächtlichen Marsch nach der Mühlau. Um Maechler war das Geklapper der taktmäßigen Schritte, das Knacken und Klirren der Gewehre, das erregte Atmen und das Gemummel unterdrückter Unterhaltung. Alles das drang auf Maechler aus dem Walde ein, während er hinter dem Fleischerweg erneut über die Lehne des Breiten Berges durch den Hochwald hinaufstieg. Die Erschöpfung und fast wollüstige Überreizung eines langen aufreibenden Kampftages arbeitete in ihm, und jetzt marschierte er schon durch die hohe Allee. Das Brausen der mächtigen Kronen war über ihm und begleitete ihn, bis er in Kiesewald aus dem Walde heraustrat und die Lichter des großen Dorfes Keterstein und des weiten Kessels unter sich sah. Aber die Berückung des von der Vergangenheit abgetriebenen Blickes verließ ihn auch da noch nicht. Denn das, was da unten vor ihm lag, war das Gartenland der Mühlau, und das leise, dumpfe, geheimnisvoll drohende Brausen waren die Laute des Rheines, mit denen der große Strom durch die Nacht wanderte. Maechler aber schritt nun vorsichtig im Weitergehen als Patrouille am Rhein aufwärts, um zu erspähen, ob nicht von drüben, von Ludwigshafen her, Ruderschläge das Herannahen feindlich bemannter Boote anzeigten. So, herzklopfend und aufs gespannteste innerlich zusammengerissen, verfolgte er spürend den Weg nach Wilkau und schlich sich hellhörig am Rhein hin. Jedes Geräusch, das um ihn aufklang, deutete er als Laut aus jener Nacht, jeder Schatten schreckte ihn gefahrdrohend, und nach Stunden stand er an dem kleinen Quirlfluß so benommen von seinem Gesicht, das ihn aus der weit zurückliegenden Zeit vergewaltigt hatte, daß er das schwache Glänzen des schmalen Wässerchens für die Fluten des Rheines hielt und in der Berückung seines Wesens sich das ereignete, was damals geschehen war. Die Fluten teilten sich, und zu Tode erschöpft sog sich ein vollkommen nackter Mann ans Land, sah ihn entsetzt an und sagte mit erschöpfter Stimme: »Nix deitsch, ich Ungar.« Da zerriß der Erinnerungsspuk vor Maechlers Augen. Er blickte aufatmend und verwirrt um sich, wo er sei. Es war ihm unmöglich, sich zurechtzufinden. Deshalb überließ er seine Führung dem Instinkt und ging durch das taufeuchte Gras dem Lauf des Wässerchens nach. Indessen spielte er die damaligen Ereignisse, die ihn sinnlich vollkommen überrumpelt hatten, ruhig und beherrscht zu Ende. Damals, als Patrouillengänger am Rhein, war wirklich ein nackter Ungar nicht weit von ihm aus dem Fluß aufgetaucht. In der Annahme, es sei ein preußischer Spion, hatte er dem vollkommen Erschöpften wohl ans Land geholfen, ihm aber dann aufs härteste zugesetzt. Nichts als die Beteuerung: »Nix deitsch, ich Ungar«, war aus dem zitternden, verschmachteten Mann herauszubringen, der mit nichts als mit einer Mütze bekleidet gewesen war, die er immer sorgsam und fest auf dem Kopf zurechtstülpte. Dem Oberst von Corvin und seinem ungarisch sprechenden Begleiter war es dann gelungen, die rätselhafte Angelegenheit zu enthüllen. Aus einem Zettel, den der Mann hinter dem Schweißleder der Mütze hervorzog und seiner Erzählung war hervorgegangen, daß er der Besatzung eines Schiffes angehörte, das von der in Brand geschossenen Schiffsbrücke übriggeblieben, im Rhein verankert lag, tagelang von der Volkswehr und den Preußen bedroht, ohne Nahrung und dem Verhungern nahe war. Der brave Mann hatte zu ihrer Rettung sein Leben gewagt und wurde nun bekleidet und aufs reichlichste bewirtet. Dieses Ereignis spann Maechler in besonnener Erinnerung zu Ende, indes er am Quirlfluß hingehend endlich auf die Straße nach Trennsdorf unterm Ägster kam. Aber wie er so eine Weile auf dem sicheren Wege hingegangen war, merkte er an der flutenden heißen Unruhe, die seinen Körper durchwogte, daß die Aufregung dieses alpischen Erinnerungserlebens noch nicht vollkommen aus ihm geschwunden war. Denn wenn er die Hände schloß, fühlte er den nackten Körper des Mannes in seinem Griff, und nachdem er mit den Fingern das kühle, muskulöse Fleisch gekostet hatte, wurde es wärmer und wärmer und fühlte sich weich und verlockend an, daß er die Hände öffnete und in der kühlen Luft schüttelte, um diese letzte Berückung von sich zu schleudern. Aber die schwarzen Augen des Ungarn, die saugend auf ihn gerichtet waren, sah er vor sich in der Nacht, wohin er auch blicken mochte. Weit nach Mitternacht langte er in seinem Haus auf der Feldgasse an. Sein Weib lag wieder mit großen Augen in ihrer entrückten Totenstille im Bett, und er konnte sie lange nicht diesem geheimnisvollen Bann entreißen, der sie gefangenhielt. So kleidete er sich aus. Aber vor dem Lichtauslöschen, schon im Hemd, beugte er sich noch einmal über sie und rief liebkosend und dringend ihren Namen: »Lotte, du, liebste Lotte!« Da auf einmal kehrte Leben in ihre entrückten Augen, glühendes, dunkles, wildes Leben. Mit einem glückhaften Schrei riß sie sich aus der unheimlichen Starre, schnellte wie ein Fisch auf und riß ihn mit inbrünstiger Umarmung zu sich ins Bett. Als dann das Licht gelöscht war, lag Maechler noch lange wach und wälzte sich in seinem Bett. Ein Geruch von Thymian erfüllte das kleine Zimmer, der auch nicht wich, als er das Fenster einen Spalt öffnete. Aber der Ausbruch des Krieges zwischen Preußen und Österreich, der von beiden Seiten die Heermassen gegen die schlesische Südwestgrenze heranwälzte, verhinderte Maechler, dem unheimlichen Geflecht nachzuspüren, mit dem das Schicksal ihn aus dem Undurchdringlichen umgarnte. Als die Würfel der Kriegserklärung gefallen waren, verwandelte sich die Furcht und Beklemmung der Bevölkerung in begeisterte Hingabe und Aufopferung. Bis ins einfältigste Herz und dumpfste Hirn schien ein Strahl des grellen Lichtes gefallen zu sein, daß dieses Ringen zwischen den beiden Reichen, wenigstens was Preußen anlangte, ein Existenzkampf war. Man fühlte, es ging um Schlesien. Österreich wollte diese Provinz, die es vor hundert Jahren an Friedrich den Großen verloren hatte, wieder an sich reißen und den verhaßten, vielgedemütigten nördlichen Bruderstaat für immer in die Vasallenstellung zurückdrängen, aus der er sich zäh und zielbewußt unter Bismarcks Führung herausarbeitete. Die Heeressäulen der kronprinzlichen Armee rückten in Gewaltmärschen durch die Grafschaft Glatz und gegen den Landeshuter Paß, und wenn auch der Rehberger Kessel mit Wilkau nicht im Anmarschgebiet lagen, so wurden sie doch von einigen durchziehenden Kolonnen, die zur Sicherung der Grenze sich auf dem Kamm des Gebirges verbreiteten, in lebhafteste Unruhe und Spannung versetzt. Wie ein Sommergewitter, jäh, heiß, atembeklemmend, in mörderischer Ungeduld raste der Krieg auf. Der alte Kämpferinstinkt, der ihn waghalsig gegen die flüchtenden Bauern auf der Trennsdorfer Straße geworfen hatte, wachte in Maechler immer unwiderstehlicher auf. Denn nicht nur für Preußen, auf das er seit langem all seine Hoffnung gesetzt hatte, war er begeistert, dunkel wogte in ihm der Vernichtungswille gegen die alpische Gewalt, die von dem Gebirge her ihn und die Seinigen bedrängte aus einem Dunkel, von dem er schweigen mußte, auf eine Weise, die ebenso unbegreiflich wie beklemmend war. Wenn die losgebrochene Lawine preußischer Kampfkraft sich siegreich-zermalmend über die Grenze wälzte, so vernichtete das ungeheure Geschehen auch den unsinnigen Wahn des Verderbens, der hin und wieder in ihm aufstand. Nie aber duldete der besonnene, willensstarke Mann, daß diese Unruhe und Beklemmung in den Grundwassern seines Lebens als Gischt der Verwirrung Gewalt über ihn bekam. Die sich überstürzenden Ereignisse ließen ihm auch keine Zeit zu solch heimlichem Verkehr mit den Schatten seiner Unterwelt, denn kaum daß das Schwirren der ersten Flintenkugeln hellhörige Fürchtler erschreckt hatte, trommelten leise und traumhaft die Kanonen der Schlacht von Trautenau über den Landshuter Kamm herüber, so leise, daß den Bangen noch unheimlicher wurde, weil die erhitzte Phantasie fessellos mit dem Schrecklichsten zu spielen das Recht hatte. Verborgen ging ein Ruck zur Flucht durch Wilkau, weil sich am Abend das Gerücht durch die Häuser stahl, die Preußen seien geschlagen worden und befänden sich auf dem Rückzug, von dem nachdringenden Feinde ruhelos verfolgt. Es kostete Maechler alle Mühe, die Wankenden zur Ruhe, die Kopflosen zur Besinnung zu bringen. Seit er die Ausreißer vom Weißbachtal aufgefangen hatte, war er nämlich von dem Landrat wegen seiner umsichtigen Tatkraft höchlich belobt und mit außerordentlichen Befugnissen ausgestattet worden, daß er fast wie ein Ortskommandant in Wilkau herrschte, weil man den Grafen Schilling einer heimlichen Hinneigung zu Österreich verdächtigte. So hatte Maechler die Gewalt, die Wirbel anspringender Angst zu unterdrücken, wenn er auch nicht verhindern konnte, daß da und dort in den Häusern heimlich zur Flucht gerüstet wurde. Aber schon am anderen Tage verbreitete sich die Nachricht von dem Siege der Preußen nicht nur bei Trautenau, sondern auch bei Nachod. Da ließ er von beiden Türmen die Glocken läuten und hielt auf dem Schloßplatz eine kräftig packende Ansprache. Alle, auch die Hasengemüter, kamen sich nun wie Helden vor, man sang tapfer »Heil dir im Siegerkranz« und dankte Gott in den Kirchen für den Segen, den er den preußischen Waffen verliehen hatte. In diese Beglückung, die den dumpfen Druck von vielen zaghaften, unsicheren Seelen nahm, fuhren wie ein giftiges Gebläse Gerüchte von Untaten, deren sich die erbitterte Bevölkerung Böhmens gegen die durchziehenden preußischen Soldaten schuldig gemacht hätte. Man habe Brunnen vergiftet und den von den Gewaltmärschen ermatteten Kriegern Speisen gereicht, deren Genuß schwere Krankheiten hervorgerufen hätte. In dem Städtchen Tinist liege ein halber Zug preußischer Infanterie an Cholera im Lazarett, weil die Soldaten sich an der Graupenwurst mit Meerrettichtunke gütlich getan hätten, ein Gericht, das unweigerlich diese Todeskrankheit im Gefolge habe. Solche und ähnliche irrsinnige Hiobsposten schwirrten durch die Luft, und als die Nachricht von der wilden Bosheit des Bürgermeisters von Gaabel sich überall verbreitete und geglaubt wurde, wirkte sie wie ein Aufruf zur Rache. Dieser verblendete Unmensch sollte den Befehl gegeben haben, auf die durchmarschierenden Soldaten aus den Fenstern siedendes öl und kochendes Wasser zu gießen, nicht nur den Befehl, sondern er hatte darauf gedrungen, daß er auch buchstäblich ausgeführt wurde. Besonders megärische Weiber stellten sich an die geöffneten Fenster, winkten in verstellter Freundlichkeit den vorüberziehenden Preußen und schütteten unversehens den brodelnden Inhalt aus Töpfen und Krügen in die heraufgewandten Gesichter. Jede Stunde jagte ein neues Gerücht, das die anderen an Wildheit übertraf, durch die aufs höchste empörte Bevölkerung. Aber während die meisten sich über diese Abscheulichkeiten nur entsetzten, reifte über Nacht in einigen verbohrten, haßwilligen Männern der Plan, auf eigene Faust für diese Verbrechen Rache zu nehmen. Denn von einem hoch im Gebirge wohnenden Förster hatte man erfahren, daß dieser wilde Haß unter den Bewohnern der böhmischen Seite des Riesengebirges, also in nächster Nähe, auch um sich greife. Da sei ein Baudenweib, noch in den besten Jahren, das wüte auf eine besonders infernalische, fast unbeschreibliche Weise, daß man es vor reinen Ohren und unbeschädigten Gemütern gar nicht aussprechen könne. Sie sei in früher Jugend von einem durchreisenden Handwerksburschen zur Mutter gemacht worden, und seitdem regiere sie ein geradezu tiermäßiger Haß gegen alles, was preußisch sei. An dieser Wildheit habe ihr Vater den Verstand verloren, sei eines Tages von den Wirbeln der Verrückung in die Wälder getrieben worden und seitdem verschollen. Die Tochter aber habe sich von diesem grausen Schatten nicht aus ihrem geradezu satanischen Taumel in eine geruhiges Leben zurückschrecken lassen und treibe es seitdem eher noch schlimmer als vorher. Verbittert, wortkarg, fast stumm gehe sie der Bestellung der kleinen Baudenwirtschaft nach. Sobald sie aber eines preußischen Mannes ansichtig werde, erwache ein solch wildes Geschlechtsrasen in ihr, daß keiner, der in ihre Nähe komme, dieser Glut widerstehen könne. Nicht eher ruhe sie, bis er ausgesogen und entwürdigt, wie eine leere Schale von ihr abfalle. Bei Ausbruch des Krieges aber habe sie ihren gefräßigen Schoß in den Dienst des Vaterlandes gestellt, streife an der Grenze umher und locke mit schamlosen Künsten die Wachtsoldaten zu sich herüber, von denen dieser und jener aus purer Lust an Abenteuern und wohl auch aus Brunst ihr ins Garn geraten und seitdem verschwunden sei. Bei diesem unglaublichen Geschäft helfe, von ihr abgerichtet, der Sohn, ein Knabe von zwölf, dreizehn Jahren, das Kind jener Vermischung mit dem Handwerksburschen, dessen Namen noch niemand erfahren habe, entweder weil sie ihn selbst nicht wisse oder nicht nennen wolle. Das Gerücht, das von jedem verständigen Menschen für die Ausgeburt erregter, verschrobener Einbildung gehalten wurde, tuschelte sich doch allenthalben umher. Man hielt es nicht nur für möglich, sondern für wahr, und jener kleine Kreis von Männern, die entschlossen waren, für die Untaten und Verbrechen an den preußischen Soldaten auf eigene Faust Vergeltung zu üben und Rache zu nehmen, es waren nicht die besten, sondern irgendwie brüchige oder von unsauberen Schwaden umnebelte Menschen, versammelte sich heimlich in dem Gasthaus zum »Grünen Baum«, dessen Wirt jener Kammel war, bei dem Maechler die erste Nacht in Wilkau zugebracht hatte. Als der Gerber von dem Plan dieser abschüssigen, fast unsinnigen Männer hörte, ging er, ohne erst lange zu erwägen, geradenwegs in den »Grünen Baum«, um Kammel wegen der heimlichen Treibereien zur Rede zu stellen, die, wenn auch nicht durch ihn hervorgerufen, aber doch von ihm geduldet würden. Es war am frühen Morgen, als Maechler in die Gaststube eintrat, in der sich seit den zehn Jahren nicht das geringste geändert hatte, da er das erstemal an dem Abend seines Eintreffens in Wilkau hier geweilt hatte, und wie dazumal saß Kammel allein an dem Tisch neben dem Schenkhause und starrte vor sich hin. So als habe er die ganzen zehn Jahre sich mit nichts als mit seiner Ratlosigkeit beschäftigt. Aber kaum, daß Maechler nach einem geruhigen Gruß bis in die Mitte der Stube getreten war, sprang Kammel mit der mechanischen Gelenkigkeit seines Gewerbes auf und erkundigte sich, womit er dem »Herrn Vorsteher« dienen könne, und sprach, ehe er Maechler zu Wort kommen ließ, eine kleine Suade von der Veränderlichkeit der Zeiten, daß aus dem damaligen Handwerksburschen das Gemeindeoberhaupt von Wilkau geworden sei. Das redete er mit einem süßlichen, aber schiefen Lächeln und konnte nicht verhindern, daß ein hämischer Blitz über sein mageres, zergrübeltes Gesicht ging. Mit breitem Lachen schnitt Maechler den Redefluß Kammels ab, nicht nur, weil ihn der versteckte Hohn der Worte wurmte, sondern weil ihm der Mann zuwider war, der alle bösen und vergifteten Schliche des Schlossers Neefe einst heimlich unterstützt hatte, und sogar noch heut, nachdem der in Verblendung erwürgte Mann längst grablos verschwunden war, ihm die dunkle Treue hielt. Ja, diese Hörigkeit ging so weit, daß er das Gerücht aufgebracht hatte, der arme Schlosser sei nicht aus Versehen in das rasende Heidewasser gestürzt, sondern von seinem erbittertsten Feinde absichtlich hineingestoßen worden. Diese Gedanken schossen Maechler durch den Kopf, während er breit und in gutmütiger Ironie lachte. Dann aber legte er dem kleinen, mageren Mann die Hand auf die Schulter, rüttelte ihn lustig ein wenig und sagte fast übermütig, mit dem merkwürdigen Wandel der Zeit habe der Kammel nicht so ganz recht, denn letzten Endes bleibe jeder, was er sei. Denn wenn jemand als Schubiak auf die Welt komme, so werde wohl kaum ein Engel aus ihm. Da helfe kein Regenschirm dagegen. Damit müsse man sich schon abfinden. Aber deswegen sei er auch nicht hergekommen, sondern er wolle wissen, was gestern abend hier im »Grünen Baum« gebraut worden sei. Wie ihm zu Ohren gekommen sei, hätten Männer, deren Namen ihm nicht unbekannt geblieben seien, an dem Plan geheckt, als Freibeuter über die Grenze zu gehen und damit Verwicklungen herbeizuführen, für die nicht nur er als Gemeindevorsteher, sondern auch Kammel verantwortlich gemacht werden würde, weil das in seinem Hause geschehen sei. Kammel wollte von nichts wissen, begann, wie es seine Art war, in der Stube umherzulaufen, wand sich durch allerhand Ausreden, die immer durchsichtiger wurden, rief nach seiner Frau, damit sie bezeuge, daß er die Wahrheit spreche, und erzählte dann die Geschichte von dem wilden Weibe an der Grenze, das in ihrer tollen Brunst schon so manchen braven Soldaten der Grenzwache hinübergelockt und in Gefangenschaft und vielleicht den Tod gebracht habe, daß man schon verstehen könne, wenn unerschrockene Männer entschlossen seien, diesem verfluchten Wüten ein Ende zu machen. Kammel schüttete alle Einzelheiten des unglaublichen Gerüchtes aus, von dem preußischen Handwerksburschen, der sie in ihrer Jugend überfallen und zur Mutter gemacht, von ihrem Vater, der sich wegen ihrer Schande im Walde erhängt, von dem armen Jungen, den sie zum Helfer bei ihrem zuchtlosen Geschäft abgerichtet habe. Und als er Maechler vor Grauen die Augen schließen und erbleichen sah, verließ ihn jede Beherrschung, und er bekannte sich frei zu der Unterstützung jener beherzten Männer, die dieser himmelschreienden Gemeinheit ein Ende machen wollten. »Jaja, Herr Gemeindevorsteher«, rief er zum Schluß und ließ seinem Groll gegen Maechler die Zügel schießen, »so ist es und nicht anders. Mit Ihrem Gerede von Ruhe und Besonnenheit kommen wir nicht weiter. Hier muß zugegriffen werden, aber nicht zu knapp, sonst rasen eines schönen Tages die Böhmaken über den Kamm und machen uns den Garaus.« Maechler richtete sich, tief Atem holend; daß sich seine Brust zum Zerspringen hob, zu seiner ganzen riesigen Größe auf und maß den kleinen Mann mit großen, verwundert entgleisten Augen eine Weile. Dann aber brach er in ein dröhnendes Gelächter aus, das die ganze Stube füllte, so lachte er, daß er sich verschluckte und setzen mußte. Sein Körper wurde von einem Krampf durchgeschüttelt, und immer von neuem dröhnte das Lachen aus ihm. Plötzlich aber riß er es mit einem Ruck in sich hinein, schaute den erschrockenen Wirt verächtlich an und fragte erschöpft und tonlos: »Und diesen Blödsinn glaubt Ihr?« – »Diesen ausgemachten Blödsinn?« wiederholte er nach einer Pause und setzte den Finger gegen seine Stirn, war aber nicht imstande, das Zittern der Hand zu unterdrücken. Als Kammel aber nicht antwortete, sondern ratlos auf Maechler starrte, fragte dieser in einer Gleichgültigkeit, die beiläufig und belanglos klingen sollte und doch noch immer erschöpft und tonlos war, ob »diese verrückten Kerle« schon fort seien. »Ja, ich glaube, diese Nacht sind sie hinaufgegangen«, antwortete Kammel furchtsam, weil er das abgründige Drohen in Maechlers leiser Stimme hörte. Da erhob sich Maechler, griff nach seiner Mütze, murmelte »Narretei, dumme Narretei« vor sich hin und ging trockenen Grußes zur Tür hinaus, die er fast verfehlt hätte. Zwanzigstes Kapitel Aber die Tage jener kurzen, rasend bewegten Sommerzeit waren mit großen Ereignissen so zum Überlaufen angefüllt, daß Maechler den Schlag nicht voll ermaß, unter dem ihn das Schicksal immer fester, immer unentrinnbarer festnietete. Wohl trieb es ihn nach dem Verlassen des Kammelschen Gasthauses ein Stück die Vogelsdorfer Straße hinauf bis an die ersten Häuser von Trennsdorf, schwenkte ihn dann von der Straße herunter ins Feld hinein, führte ihn zwischen den Teichen hin und her, als sei er nicht von ratlosem Unruhirren gepackt, sondern lüfte sich auf einem abgestohlenen Luftgänglein etwas die fast unerträglich gewordene Last tausendfacher Verantwortung; wohl saß er endlich an einem Teichende in einer Erschöpfung nieder, die der tapfere Mann wohliges Verschnaufen nannte, und schob mit gutgespieler Gleichmütigkeit diese wilde, höllisch-brennende Geschichte von dem satanisch besessenen Weibe, die aus der Erzählung des Gastwirts das Herz seines Lebens bedroht hatte, unter die unzähligen anderen grotesken Lappalien, mit denen die müßige Menge sich die geheime Furcht bunt und erträglich machte. Ja, es gelang ihm sogar, lustig aufzulachen, als er sich den kleinen Kammel vorstellte, wie ihn das Grauen manchmal geduckt und sein Gesicht verzerrt hatte. »So ein Hanswurst«, rief Maechler verächtlich aus und erhob sich unter einem neuen Lachstoß. Dann ging er mit weitausgreifenden Schritten nach Wilkau zurück, als gelte es, widerliches, dummes Geschmeiß auf dem Wege zu zertreten. »Was denn? So ein Unsinn«, fragte er plötzlich stehenbleibend, »zum Teufel noch mal, ich hab' sie doch nicht vergewaltigt!« Er fragte es so laut, daß er, durch den Klang seiner Stimme aus dem unterirdischen Kreise gerissen, erschrocken zu sich kam und furchtsam um sich schaute, ob jemand in der Nähe sei, der es gehört haben könne. Aber das Feld wogte seine jungen Ähren in einem heißen, leisen Wind, und der Spiegel der Teiche glitzerte wie eine silberne Haut. Die Dächer Wilkaus tauchten rot und grau aus den Baumkronen, die beiden Kirchtürme stießen ihre durchbrochenen Kropfenden wie immer in den Himmel. »Unsinn«, murmelte Maechler vor sich hin und blies höhnisch ein halbes Lachen durch die Nase. Dieser kleine Schubiak von Kammel hatte sich nur wichtig machen wollen, um ihm als verbohrter Nachläufer des Schlossers beschwerlich zu fallen. Aus diesem Grunde auch waren die Männer von ihm zu dem unsinnigen Freibeutergange auf das Gebirge beredet worden. Als er den Schloßplatz betrat, sah er den kleinen Drogen- und Farbenhändler Lemke mit dem blassen Kriechergesicht und dem spärlichen Kalmückenbärtchen unter der Ladentür stehen. Weil das Männchen irgendwie dem Gastwirt Kammel ähnlich war, wurde Maechler von einem Widerwillen erfaßt. Und als der Kleine bei seinem Herankommen schon von weitem ein paarmal devot zusammenklappte, juckte es den Gerber, auf ihn zuzugehen, ihn mit einem Griff vom Boden zu heben und zu fragen: »So, und Sie Jammerlappen glauben also auch an diese Gebirgsweibergeschichte?« Aber bei dem Gruße Lemkes: »Guten Morgen, Herr Gemeindevorsteher. Was machen die Österreicher?« verflog der bittere Nebel um Maechler, er versetzte im verlangsamten Weiterschreiten dem Magerling ein freundliches Schläglein auf die Schulter und antwortete lustig auflachend: »Was werden sie machen? Keile kriegen sie.« Dann reckte er sich auf und nahm den weitausgreifenden sieghaften Schritt an, den die Wilkauer an ihm liebten. Lemke trat auf die Mitte des Bürgersteigs und sah dem Davongehenden bewundernd nach. »Ja, das ist ein Mann, wie wir ihn brauchen«, sagte er zu sich und kehrte schmunzelnd in den Laden zurück. Als Maechler von der Rehberger Straße in die Feldgasse einbog, begann auf beiden Türmen das Mittagsgeläut. Friedevoll und sicher schwang sich der Zwiegesang der Glocken hoch über der Mittagsschwüle über den Dächern durch die Luft, wie ein entrückter ferner Segen, der beladene Herzen ihrem verschwiegenen Kummer entrückt. Der Gerber betrat den kleinen Ziergarten, zu dem er für sein Weib den alten Werkplatz verwandelt hatte, schritt die paar Gänge zwischen den Blumenbeeten hin und wider und setzte sich auf die Bank, um das unruhige, dunkle Wogen in sich ganz loszuwerden. Aber immerfort sog das Düstere, Drohende an ihm, das durch die Erzählung Kammels über ihn gekommen war und das er doch abwehrte, in den hellen Kreis seines Denkens zu treten. Aliein es flatterte schattenhaft in seiner Tiefe, und eine unheimliche Hand streckte sich von hinten aus dem Unnennbaren nach ihm aus. Da verstummte das Geläut. Maechler sprang von der Bank auf und ging in sein Haus hinüber. Es war schon zum Mittagessen gedeckt. Jochen saß am Tisch und pinkte mit dem Löffel an seinem Teller. Als Maechler groß, breit und mit einer Art gewaltsamer Entschlossenheit in der Tür erschien, senkte der Junge nach einem Blick in sein ernstes Gesicht den Kopf, hörte sofort mit dem Geklapper auf und sah betreten vor sich hin. Maechler fuhr ihm zur Begrüßung über den Scheitel und sagte: »Na, Jochen«, trat zu seiner Frau, die, am Herd stehend, die Suppe in die Schüssel füllte, begrüßte auch sie mit gewalttätiger Leichtigkeit und fragte, was es Neues gebe. Lotte lachte ironisch auf und antwortete: »Neues? Das Neue, das du von draußen bringst, Maechler.« Der aber überhörte ihre gespitzten Worte, schritt unruhig in der Stube auf und ab, trat von Fenster zu Fenster und schlang dann das Essen hastig und achtlos hinunter. Dabei redete er ingrimmig und in allgemeinen Ausdrücken von dem »Unsinn und Gequatsch« der Leute, das er sich zum Übelwerden anhören müsse, und wenn nicht mit dem Kriege was Entscheidendes passiere, so würden die Menschen tatsächlich noch verrückt. Während Maechler das belanglos und doch erhitzt herausstrahlte, vernichtend an seinem Essen schlang, vermied er es, Lotte voll anzusehen, stahl sich aber immer mit einem gierigen Blick in ihr Gesicht, wenn sie den Kopf seitlich wandte, um zu erkunden, ob und welche Veränderung mit ihr vorgegangen sei. Auf Jochen achtete er gar nicht. Nach diesem gejagten Essen schob er den Teller von sich, erhob sich mit jähem Ruck vom Stuhl und trat so leidenschaftlich auf Lotte zu, die auch aufgestanden war, daß sie betroffen einen Schritt zurückwich. Aber er ließ sie nicht entrinnen und faßte ihre beiden Hände so fest, als wolle er sie zu Mus zerdrücken. Sein Gesicht wurde blaß und zuckend. Seine Augen flackerten groß und erschreckt und bohrten sich so in sie ein, als gälte es, die letzten, heimlichsten Schleier von ihrem Wesen zu zerreißen. »Du liebste Lotte! Ja?« stotterte er dabei hauchend. Aber die Frau, die nicht wissen konnte, daß ein Schuldbeladener besorgt auf sie zugetrieben werde, sondern glaubte, irgendwelche Verwicklungen von draußen aus der Welt seien über ihm, bog sich zurück und fragte kühl: »Ja, was ist dir denn, Maechler?« Da ließ der Mann ihre Hände fahren und antwortete in einer Beglückung, die sie sich nicht erklären konnte: »O gar, gar nichts«, und lief zur Tür hinaus. Lotte sah ihm enttäuscht nach. »Aha, wieder ... und ich?« sprach sie bitter vor sich hin und trat langsam an den Tisch, um abzuräumen. Jochen hatte den Vorgang zwischen Vater und Mutter vom Fenster her beobachtet, wohin er bei dem unvermuteten Aufspringen Maechlers geflüchtet war, und wußte nicht, um was es sich handelte. Als er seine Mutter blaß und mit einer tiefen Furche in die Stirn hinauf an den Tisch treten sah, kam er auf sie zu und fragte schüchtern, ob sie auch auf ihn böse sei wie Vater vorhin. Da nahm Lotte seinen Blondkopf herzlich zwischen ihre Hände und sagte liebreich: »Wo denkst du denn hin, lieber Junge. Vater ist nicht böse auf dich. Der dumme Krieg jagt ihn nur auf allen Gassen umher. Ach, und ich bin schon lange nicht böse auf dich. Du dummer Jochen, du bist doch das einzige, was ich auf dieser Welt habe.« Sie küßte ihn wieder und wieder leidenschaftlich, bis ihr die Augen feucht wurden. Als sie das spürte, riß sie sich hastig auf, gab ihm einen kleinen Schub und sagte: »Und nun troll dich.« Maechler lief indessen durch das ganze Haus, als müsse er sich überzeugen, daß alles noch an seinem alten Flecke stehe. Dann stürzte er sich wie ein Berserker in die Arbeit. Seine beiden Gesellen waren zu den Soldaten eingezogen worden. So mußte mit einem alten, klapprigen Gehilfen, den er auf gut Glück von der Landstraße aufgelesen hatte, der Betrieb notdürftig aufrechterhalten werden. Bald war er auf dem Boden und zählte die gewalkten Leder durch, bald schichtete er die Häute in den Tonnen um, bald untersuchte er die im Trockenschuppen aufgehängten Häute und sah nach, ob die Spreithölzer noch überall fest saßen. Er lief, als habe er vier Beine und arbeitete wie mit sechs Händen, und der grauköpfige, gerberische Sonnenbruder wurde in einen Fleiß getrieben, daß er Gott und die ganze Welt verwünschte und sich schwor, auf Nimmerwiedersehen auszurücken, sobald es irgend möglich sei. Denn wenn dieser Meister, in den offenbar der Teufel gefahren war, noch zwei Tage so unmenschlich fortrase, dann tat man besser, in den Krieg zu gehen und sich totschießen zu lassen. Maechler aber gönnte sich kaum einen Augenblick Ruhe. Diese Schatten, die in ihm umgingen und an die er sich mit seinem Denken nicht heranwagte, so undurchdringlich und unheimlich waren sie, glaubte er totlaufen und mit seinen Händen erwürgen zu können. Immer wieder trat er auf ein Zeitstrichlein vor das Haus oder auf die Feldgasse und horchte in die Höhe, weil er sehnsüchtig war nach einem Klang entrückten Friedens, wie er im Geläut der Glocken am Mittag über ihn hingefahren war. Aber, obwohl er den von der ungestümen Arbeit hochgehenden Atem gewaltsam zurückhielt, in der stillen, stehenden Julihitze war nichts von dem seligen Tönen zu vernehmen, das er in einer Art jenseitiger Inbrunst ersehnte. Statt dessen vernahm er ein traumleises Donnern, das so schwach war, daß er glaubte, das Rollen seines eigenen Blutes zu hören. Diesen hauchschwachen Laut, der nichts war als der Nachhall des Geschützkampfes der Königgrätzer Schlacht, die an jenem Nachmittage ihre ehernen Würfel zu Ende spielen ließ, hielt Maechler für das Brausen seines Blutes und die dunkle, seelenferne Unruhe seines Gewissens, und kopfschüttelnd und noch mehr belastet von dieser geheimnisvollen Berückung stürzte er sich wieder in seine mörderische Arbeit. Am Abend lag er vollkommen ausgepumpt und erschöpft in einer Übermüdung im Bett, die seine innere Reizbarkeit nicht geschwächt, sondern noch gesteigert hatte. Mit großen, trockenen Augen sah er unverwandt zur Decke des kleinen Schlafzimmers und kam zu der Überzeugung, seinem Weibe alles rückhaltlos sagen zu müssen, was sich einst vor langen Jahren zwischen ihm und der Paula Großmann abgespielt habe, um endlich die Pein loszuwerden, die ihn im tiefsten immer beunruhigt hatte und nun zu dieser unerträglichen Last geworden war. Endlich hörte er Lotte drunten die Haustür schließen. Sie kam leise die Treppe herauf, ging noch einmal in Jochens Kammer und betrat vorsichtig die Schlafstube, die indessen ganz finster geworden war. Maechlers Pulse begannen zu fliegen. Er sah sich vor einem Abgrund stehen, im Begriff, sein reich gediehenes Leben und das Dasein seines Weibes und Jungen in diesen verjährten, nun weit aufgerissenen Schlund zu stürzen. Aber es mußte sein. »Droben Gnade, drunten Recht«, flog es ihm durch den Kopf. Lotte hatte sich entkleidet und mit einem leisen Gute-Nacht-Wunsch zu Bett gelegt, den Maechler nicht zu erwidern wagte. In einem letzten Ringen mit seiner Furcht lauschte er begierig auf die Atemzüge seines Weibes, die bald lang und tief einsetzten. Unter Überwindung eines Schwächeanfalls, der ihn wie ein Schwindel drehte, fragte er mit ausgehendem Atem: »Lotte, schläfst du schon?« »Nein. Warum fragst du? Ich glaubte, du schläfst schon.« »Ach, ich liege und kann keine Ruhe finden.« »Was treibt dich denn wieder von draußen her?« »Nun, weißt du, da hat mir heut morgen der kleine, eklige Kammel eine Sache erzählt, die mich den ganzen Tag verfolgt. Du hast's wohl zum Mittag gemerkt, daß ich ganz verstört war. Aber ich wollte dich damit verschonen und glaubte, es mit Arbeit unter mich zu kriegen. Allein, es hat mich nichts genutzt, und nun liege ich, und es geht wie ein Mühlrad in mir um. Da soll da drüben auf der böhmischen Seite des Kammes ein Weib rein wie eine Besessene hausen. Wen sie an Männern erwischt, den packt sie und rast ihn fast zu Tode, und jetzt im Kriege hat sie es besonders auf die Soldaten der Grenzwache abgesehen, lockt sie schamlos hinüber, tut sich in unersättlicher Brunst an ihnen gütlich und liefert sie dann den Feinden aus. Denn sie hat eine Wut, einen Haß auf alles, was preußisch ist, die sich keiner erklären kann ... und es geht die Sage ... man spricht ... es ist rätselhaft ... allein, was passiert nicht mit den Menschen.« Da verließ den Bekenner der Mut. Es wurde schwarz in ihm. Er stotterte noch einige unverständliche Worte, die wie Schreie eines Ertrinkenden klangen, und verfiel dann in einen totenähnlichen Schlaf. Lotte sprang erschreckt aus dem Bett, rief ihn an, rüttelte an ihm, machte Licht, streichelte seine Wangen, die blaß waren, küßte ihn auf die Stirn, die voll Schweiß stand. Es nutzte sie nichts. Er kam nicht zu sich. Sie bemühte sich, ihn aufzurichten. Endlich schlug er die Augen auf, sah erschreckt um sich, murmelte: »... ganz fern klingt ein Donner ...«, drehte sich auf die Seite und versank mit tiefem Ausschnaufen wieder in den totenähnlichen Schlaf, in dem er alles sich von dem Gewissen raste, was er Lotte wach bekennen wollte, seine Schuld, seine Not, seine Vaterschaft an dem Sohne dieses wilden Weibes. Lotte sah, wie sich seine Lippen fortwährend bewegten, wie er einmal an den Händen hob, als wolle er damit sein Gesicht bedecken. Enttäuscht und bitter sah sie noch eine Weile diesem Schlafkampf ihres Mannes zu, aus dem sie die Bestätigung dessen aufs neue las, was seit langem ihr Herz bedrückte, daß sie Liebe gegeben hatte für etwas, was sie für Liebe gehalten hatte, und das es vielleicht auch gewesen war von Seiten ihres Mannes, dessen Herz im tiefsten nicht eigentlich zu ihr, sondern in die Sorge für die Menschen getrieben wurde. Sie löschte das Licht aus und kroch vorsichtig und umständlichachtsam auf ihr Lager. Regungslos schaute sie lange mit großen Augen in die Nacht, um vollkommen über sich klarzuwerden. O nein, da war nichts in ihrem Leben und in ihr, dessen sie sich geschämt hätte und das sie innerlich doch nicht ganz verwinden konnte, trotzdem sie äußerlich stolz daran vorüberging. Durch nichts war dieser in tausend Gegenden des Lebens bewegte Mann vollkommen an sie zu fesseln. Selbst die rasende Leidenschaft, mit der sie ihn in dieser blinden Eifersucht auf die Welt oft an sich riß, vermochte ihn nicht dauernd an sie zu binden. Und das schlimme war, daß Maechler selbst, wie sie eben erfahren hatte, in seiner Hingabe an die Welt auf schwankem, unterhöhltem Boden stand. Bei Gott, sie konnte nichts dafür. Was sie quälte, war das beleidigte Unschuldsgefühl derer, die durch keine Lüge befleckt sind. Das und ähnliches sann das bedrängte Weib, bis sie spürte, wie das unheimliche Wesen mit den starren, schwarzen Augen aus der Luft wieder auf sie zukam. Sie fühlte noch, wie Maechlers heiße, bebende Hand einmal zart über ihr Gesicht strich, dann verfiel sie wieder in diese unnatürliche Schlafstarrheit bei offenen Augen. * Der andere Tag, der dieser schweren Nacht in dem Gerberhaus auf der Feldgasse folgte, war anfangs nicht dazu angetan, die dunklen, schicksalhaften Töne drohender und tiefer in das Leben der beiden Ehegatten zu führen. Im Laufe des Vormittags verbreitete sich die Kunde von einer großen Entscheidungsschlacht, die gestern in Böhmen geschlagen worden sei. Die Häuser leerten sich. Die Männer ließen ihre Arbeit im Stich. Die Frauen liefen von ihren Kochtöpfen weg. Auf allen Gassen und Plätzen sammelten sich Gruppen, die das folgenschwere Ereignis besprachen. Die einen behaupteten, die österreichischen Kanoniere hätten die Preußen in Grund und Boden geschossen. König Wilhelm und Moltke seien gefangengenommen worden, und nur Bismarck habe sich retten können. Andere wollten wissen, daß die Österreicher vollkommen geschlagen seien. Zehntausend, zwanzigtausend habe man gefangengenommen, unübersehbares Heeresgut sei erbeutet worden. Benedek mit seinem ganzen Heere befinde sich auf der Flucht, die Preußen hinter ihm her. Franz Josef, der Kaiser, habe abgedankt. Verzagtheit und Glück wogten durcheinander. Niemand wußte, woher die Nachricht gekommen war. Jeder glaubte, was seinem Wesen entsprach, bis gegen Mittag die Extrablätter des »Boten aus dem Riesengebirge« an allen Ecken klebten, die den vollkommenen Sieg der Preußen bei Königgrätz und den fluchtartigen Rückzug des österreichischen Heeres meldeten. Von den beiden Kirchtürmen donnerte das Geläut aller Glocken. Vom Dach des Schlosses wehten drei große schwarz-weiße Fahnen. Kaum ein Haus war ohne Flaggenschmuck. Gegen Abend sammelten sich Hunderte auf dem Schloßplatz. Maechler, der den ganzen Tag umhergewirbelt worden war, betrat von dem Langen Hause her, einem großen Barockbau, den des Grafen Schillings Vater für die kurgebrauchende Geistlichkeit hatte erbauen lassen, den Schloßplatz, von dem lauten Durcheinanderwogen der Menschen angelockt, die in der Begeisterung zusammengelaufen waren, die jeden trug und die keiner ganz beherrschte. Man rief zu den Fenstern des Schlosses hinauf; aber der Graf erschien nicht, weil er, durch den Verdacht der Behörde verletzt, die Teilnahme an einer öffentlichen Kundgebung mit seiner Würde nicht vereinigen konnte. Als man die hohe Gestalt des Gerbers auftauchen sah, wie er mit seinen langen, entschiedenen Schritten herannahte, wandte sich aller Aufmerksamkeit ihm zu. »Der Vorsteher kommt, dort, Herr Maechler kommt.« »Bravo!« schrie es durcheinander. Der letzte schräge Abendsonnenstrahl ruhte über den Menschen. Er leuchtete dem Meister, der alle überragte, ins Gesicht, daß es aussah, als glänze es in Freude. Aber es war zergrübelt, wie übernächtigt, voll einer kaum verborgenen Schwermut, die ergreifend wirkte. Man streckte ihm die Hände entgegen und schüttelte sie herzlich. Er konnte sich kaum der beglückten Aufregung und freudigen Achtung seiner Mitbürger erwehren. Betroffen und ein wenig schüchtern sah er von einem zum andern, schüttelte ratlos den Kopf und schrie endlich: »Kinder, seid bloß ruhig.« »Nein, Maechler soll reden«, krähte von irgendwoher die Stimme des kleinen Drogenhändlers Lemke, und im Nu war es die brausende Forderung der ganzen zusammengelaufenen Versammlung, der nicht zu widerstehen war. In der Nähe stand der Brettwagen eines Bauern, der in der Menschenmenge nicht weiter konnte. Der Besitzer des Gefährts war abgestiegen und hielt die alten frommen Tiere am Zaume, die mit großen verwunderten Augen umhersahen, unwillig schnoben und dann und wann mißbilligend die Ohren bewegten. Als Maechler einsah, daß an ein Entrinnen nicht zu denken sei, sprang er auf den Brettwagen und rief mit seiner tiefen, weittragenden Stimme: »Wilkauer! Meine lieben Mitbürger!« Sofort trat lautlose Stille ein. Erst sprach Maechler von der glorreichen Waffentat der Preußen, die zwar schwer errungen, aber hoffentlich endgültig sei, nannte ihren beispiellos schnellen Vormarsch einen Blitzzug und schilderte an der Hand der inzwischen eingelaufenen Nachrichten den Verlauf der Königgrätzer Schlacht. Dann ließ er eine kleine Pause eintreten und sah einen Augenblick sinnend vor sich hin. Als er wieder zu sprechen begann, hatte seine Stimme einen anderen, tiefinneren Klang. »Wir Wilkauer und alle Bewohner dieses Kessels wissen es«, fuhr er fort, »das Wasser reißt Wälle, Dämme und Ufer ein. Aber die Hindernisse, die dem Fortschritt und der Höherentwicklung der Völker und Staaten entgegenstehen, sie können nur, Gott sei's geklagt, mit Menschenblut niedergebrochen werden. Wir danken von ganzem Herzen den Helden von Nachod, Trautenau, Skalitz, Schweinschädel und Königgrätz, den lebendigen und toten. In Zukunft wird Preußens Wille nicht mehr Österreichs Gnade sein. Daß aber die Früchte dieser Siege uns in Zukunft gedeihen, das, meine lieben Wilkauer, hängt nicht mehr von der Arbeit des Schwertes ab. Das muß in jedem einzelnen Bürger errungen werden. Ich wiederhole hier in diesem hohen, ereignisreichen Augenblick, was ihr alle tausendmal von mir gehört habt: Das Volk ist der Staat. »Wie ihr seid, so wird der Staat sein im Guten und im Bösen. Seid treu in der Pflicht eurer Tage, so schafft ihr dem Vaterlande gute Jahre. Soll es licht in der Zeit sein, so muß es erst licht in unserm Innern sein, licht von der Wahrhaftigkeit, gegenseitiger Duldung und Wertschätzung her, licht von der Hilfe für den schwachen Nebenmenschen her, aber auch und vor allem licht von dem ernsten Willen zur Reinheit in uns selber. Denn wer mit Schatten haust, dem wäre es besser, er läge unter den Toten von Königgrätz. Wisset, ein Held sein zum Tode ist schwer und herrlich. Schwerer und herrlicher ist ein Held sein im Leben.« Während Maechler die letzten Sätze laut und hinreißend, wie ein Bekenntnis seines eigenen Willens, von dessen tieferer Bedeutung niemand etwas ahnte, über den Platz rief, näherte sich ein singendes Grölen betrunkener Männer, so daß Maechler schnell die siegreichen Krieger, den König und das Vaterland hochleben ließ und die Nationalhymne »Heil dir im Siegerkranz« anstimmte, die alle begeistert mitsangen. Auch die Gröler wurden mit fortgerissen. Es waren die drei Männer, die von dem Gastwirt Kammel angestiftet, als Freibeuter auf das Gebirge gegangen waren, um für die Ruchlosigkeiten des wilden böhmischen Weibes Rache zu nehmen. Allein ihr Heldengang hatte ein klägliches Ende genommen. Sie waren nach Überwindung von vielen Gasthäusern, und zwar erst gegen Abend, in der Peterbaude angekommen. Dort hatten sie die angefangene Berauschung bis zur völligen Trunkenheit fortgesetzt und waren nun, immer noch nicht nüchtern, in Wilkau wieder eingerückt als Männer, die das Bewußtsein erfüllte, die Schlacht von Königgrätz mitgewonnen zu haben. Von dem wilden Weibe sprachen sie so, als sei sie von ihnen für immer unschädlich gemacht worden. Als das Lied verklungen war und die Menge sich nach allen Richtungen zerstreute, hörte man die Stimmen der trunkenen Helden das Gespräch der Heimkehrenden übertönen. »Jawohl, Großmann heißt das Luder«, schrie immer wieder die blecherne Stimme des Barbiers Raschke, und die beiden anderen bestätigten laut die Behauptung ihres Genossen. Dann blieben sie stehen und sangen nach der Melodie der Nationalhymne: »Heil dir im Großmannskranz« mißtönend und grölend über den Platz. Maechler stand im Gespräch mit einigen Bekannten. Das Geplärr traf wie ein eisiger Schlag sein Herz. Sofort brach er die Unterhaltung ab. »Das ist ja eine Verhöhnung. Den Rüpeln muß das Handwerk gelegt werden!« rief er entrüstet und begann, sich durch die Menge zu arbeiten. Ehe er aber in die Nähe der Sänger kommen konnte, hatten sie ihr Lied geendet, brachen in lautes Gelächter aus und trennten sich nach drei verschiedenen Richtungen. In der Ferne stimmte jeder den schönen Vers wieder für sich an, daß es Maechler vorkam, als werde seine verjährte Schande durch ganz Wilkau getragen. Ratlos und abgeschlagen ließ er sich von der Menge weiterschieben. Dann kehrte er, dumpf in sich hineinbohrend, auf den Schloßplatz zurück, der wieder öde und menschenleer dalag. Langsam, zögernd schritt er der Rehberger Straße zu und rang mit einem Taumel, der ihn immer stärker überfiel. Auf der Sandbrücke, die er absichtslos betreten hatte, lehnte er sich über das Geländer und starrte auf das Heidewasser hinunter, das leise plaudernd in der Finsternis dahinzog. Es war gut, daß er die Rüpel nicht gestellt hatte, denn dann wäre die Aufmerksamkeit aller erst recht erregt worden. Morgen, wenn die drei erwachten, war mit dem Rausch auch das meiste in ihnen verraucht. Außerdem nahm er sich vor, mit den beiden Geistlichen die Abhaltung eines Dankgottesdienstes zu besprechen, mit klingendem Aufzug des Militärvereins und einer Ansprache seines Vorsitzenden. Außerdem würden die Ereignisse auf dem Kriegsschauplatz diese Geschichte bald vollkommen begraben, die für die anderen doch nur den Wert eines abenteuerlichen Gerüchtes hatte, wenn er sich nicht selbst verriet. Diese Überlegungen brachten Maechler wieder zu ruhigerer Besinnung. Trotzdem hatte er fortwährend die Empfindung, es stehe jemand hinter ihm und sehe ihn höhnisch an. Aber wenn er sich umdrehte, war die Nacht leer. Endlich stieß er sich gewaltsam vom Geländer ab, kehrte über die Brücke zurück und bog in die Feldgasse ein. Als er das Gartenpförtchen zu öffnen im Begriff stand, kam Lotte die Stufen vom Vorplätzchen herunter, um, was sie schon vorher einigemal getan hatte, nach ihm Ausschau zu halten. Als er ihre Hand in der seinen fühlte und ihre ruhige, klare Stimme hörte, war es ihm plötzlich sicher, er habe ihr vorige Nacht alles gestanden. Er umarmte sie in glückhaftem Frohgefühl und sagte ergriffen: »Nicht wahr, liebste Lotte, du bist nicht böse auf mich! Nein, es ist alles gut!« Sie war beglückt über seine Zärtlichkeit, und armverschlungen gingen die beiden ins Haus. Als Lotte vor dem Zubettgehen ihn schmeichelnd umfing, entzog er sich ihrem Liebesverlangen mit einem Kuß, denn es war ihm unmöglich, heut in ihren Armen zu ruhen. Einundzwanzigstes Kapitel Was Maechler erwartet hatte, geschah. Die Ereignisse der Zeit verschütteten vollkommen das Andenken an alle gruseligen, abenteuerlichen Geschichten, die in der Siedehitze von Kriegsfurcht und Kriegsbegeisterung wuchernd aus der erregten Phantasie des Volkes hervorgebrochen waren. Die Friedensfeiern rauschten über das Land, und auch in Wilkau sang und tanzte man nach der schweren Beklemmung in ein neues, hoffnungsfreudiges Leben. Maechler wurde zum besoldeten Gemeinde- und Amtsvorsteher ernannt und in den Kreistag berufen. Sein grades und unerschrockenes Wesen, seine strenge Redlichkeit und vielgewandte Klugheit öffneten seinem gemeinnützigen Wirken immer weitere Kreise. In Wilkau selbst verstummte fast jeder Widerspruch, und als auf sein Betreiben dem Gastwirt Kammel, seinem hartnäckigsten Lästerer, ein Ämtchen in der Gemeindeverwaltung übertragen wurde, regte sich zwar bei manchen der Unwille, alle aber bewunderten seine große Güte und Menschenklugheit, diesem geheimen Schleicher und intriganten Widerling durch ein Ehrenpflästerchen das giftige Mundwerk zu versiegeln. Keiner aber ahnte den wahren Beweggrund, aus dem Maechler den unangenehmen Hämling so auszeichnete, und die Antworten, die er dem und jenem besorgten Neugierigen unter seinen Vertrauten gab, führten weit von der geheimen Veranlassung ab, weswegen er dem Gastwirt zu diesem kleinen Würdeschein verholfen hatte. Er redete vom Flügelstutzen einer diebischen Dohle, von einem Streifen Kuchen, der, klatschsüchtigen Weibern in den Mund gestopft, ihr Schwätzen beende, und stimmte heiter in das Gelächter ein, das er mit solch spaßhaften Vergleichen seiner Handlungsweise erregte. In Wahrheit hegte er die dunkle Hoffnung, sich Kammel so zu verpflichten, daß er nie wieder die Geschichte von dem brünstigen Weibe auf dem Gebirge aufrühre und vielleicht gar von dem Erschrecken erzähle, das er als einziger Mensch an ihm damals in der Gaststube des »Grünen Baumes« erlebt hatte. Diese törichte und zugleich beklemmende Erwartung nötigte ihn, den unverträglichen Mann gütig zu behandeln, seine ewigen Verletzlichkeiten gelassen auszugleichen und oft sogar ihm gegenüber zuvorkommend zu sein. Denn das Bewußtsein der ungesühnten Schuldverfallenheit an Paula Großmann seit der abgerungenen wilden Nacht in der Bradlerbaude verließ ihn nie, minierte weiter, ja stieg höher und höher, breitete sich wie eine geheime, schleichende Krankheit aus, die durch alles Stillschweigen verstärkt wurde, durch alle Unterdrückung an Spannkraft zunahm. Es nutzte Maechler nichts, daß sein äußeres Leben von Erfolg zu Erfolg schritt, daß es ihm gelang, die leidenschaftliche Feindseligkeit zwischen dem katholischen und evangelischen Geistlichen des Ortes auszugleichen, zum Obermeister der Gerberinnung erwählt und als Sprecher einer Handwerkerdeputation zum Minister des Innern nach Berlin gesandt zu werden. Dieser klare, verstandesscharfe, überlegene Mann war hilflos gegen die andere Seite unseres Daseins, welche nicht der Intelligenz, sondern dem Glauben, nicht der Klarheit der äußeren Sinne, sondern dem unklaren Gefühl der Sympathie und Antipathie, nicht der Entscheidung des Verstandes, sondern dem unbewußten Treiben des Instinktes, nicht dem Leben des sonnenhellen Tages, sondern dem vieldeutigen Schattenwogen der Nacht entspricht. Wieviel Siege darüber er sich in seinem kämpfereichen Leben auch ertrotzt und abgerungen hatte, in diesem Falle versagte seine angespannte Wachsamkeit, sein immer angestachelter Wille zur Überwindung alpischer Dunkelheiten vollkommen. Die jahrhundertealten Gemütsgründe, die er mit dem Blute seiner Ahnen, der Böhmischen Brüder, geerbt und gegen die er sein ganzes bewußtes Leben lang angekämpft hatte, brachen als seelenleiser Wirbel in ihm auf, daß er zeitweise dem Dämonenglauben verfiel und an die verderbliche Macht jener Gebirgsdrude über ihn und die Seinigen glaubte, der er einst in der abgerungenen Wildheit einer rasenden Liebesnacht zum Opfer gefallen war. Dann klang das Echo ihres Namens, den die drei trunkenen Freibeuter nach der abendlichen Siegesfeier ausgerufen hatten, leise in den nächtlichen Gassen Wilkaus auf, und er fürchtete das Wiedererscheinen der Wolkenfratze auf dem Kamm, die er einst im ersten Morgenlicht gesehen, wie sie in unheimlichem Beschwören ihre ausgebreiteten Schattenarme herübergestreckt hatte. Immer entraffte er sich diesen rätselhaften Überflutungen und schalt sich einen kindhaften Narren, denn wenn eine solche Fernwirkung überhaupt möglich war, so begann ihr Einfluß offenbar nachzulassen. Jedenfalls an seinem Jochen hatte sich die verderbliche Macht schon erschöpft, so daß er fast, nie mehr unter der Berückung seelischer Verdunkelungen litt. Er ging der Vollendung des vierzehnten Jahres entgegen und war ein wohlgeordneter, umsichtiger, wenn auch nicht von sonderlichem Geiste beflügelter Junge geworden, dem überall, wo man ihn an einen Scheideweg praktischer Tätigkeit stellte, der unfehlbar sichere Griff in der Hand lag. Und seine liebe Lotte wurde nie mehr von der rätselhaften nächtlichen Schlafstarre bei offenen Augen heimgesucht, weil das unheimliche Wesen seine Besuche aus dem Unraum eingestellt hatte. Sie war wie verwandelt. Aus ihrer Kühle wurde eine ferne Lieblichkeit des Herzens. Das gefährliche Glimmen auf dem Grunde ihrer grau-grünen Augen verlor sich und machte einem stillen Schimmer Platz, der wie mütterliche Güte bezaubernd und manchmal wie überlichtete Resignation ergreifend wirkte. Von den jähen Überfällen der Leidenschafts- und Liebesausbrüche, unter denen sie so oft gelitten hatte, war sie erlöst. Aber damit war ihr auch das berückende Schweben des Schrittes, das wogende Spiel ihres Ganges abhanden gekommen. Sicher, ja schon etwas matronenhaft bewegte sie sich in dem Hause umher, in einem aufopferungsvollen Fleiß, der sie schon manchmal ermüdete, daß sie auf den Treppen stehenbleiben und nach Atem ringen mußte. An einem Tage, kurz nach der Entlassung Jochens aus der Schule, im Frühjahr 1868, rief sie ihren Sohn und ging, einen Arm auf seine Schulter gelegt, in den kleinen Lustgarten, zu dem Maechler den früheren Werkplatz umgewandelt hatte, und sprach, die wenigen Gänge hin und her wandelnd, so recht mütterlich von der entscheidenden Wendung, die nach dem Verlassen der Schule in seinem Leben eingetreten sei, von der behüteten Traumzeit, die hinter ihm, und dem ersten Tummeln und Schaffen, das vor ihm liege. »Du warst ein guter Junge und hast uns nie Schmerzen und Enttäuschungen bereitet«, sagte sie zum Schluß, »jetzt aber betrittst du den Weg, auf dem du ein guter Mann werden sollst, tapfer, treu, gewissenhaft, und niemals werde du dem Glauben abtrünnig, in dem du erzogen worden bist.« Dann griff sie in das Mieder und übergab ihm als Vermächtnis und zu steter Mahnung den abgegriffenen uralten Zettel, auf dem das Gebet der Maechler geschrieben war. »Solange du diese Worte in Ehren hältst, wirst du auch dein Leben in Ehren halten«, sprach sie. »Verwahre ihn gut, und nun komm, ich habe dir noch etwas zu sagen.« »Aber, Mutter, was ist denn das ... warum sprichst du so«, stotterte der Junge erschüttert und mit überströmten Augen. »Weil es Frühling ist und heute so schöne Sonne«, sagte sie heiter und strich ihm zärtlich über den blonden Scheitel. Dann faßte sie seine Hand, überschritt die Feldgasse, ging durchs Haus und machte an den Tonnen halt. Dort nahm sie Jochen das feierliche Versprechen ab, nie anders als auf einer solchen Tonne durch die Welt zu kutschieren, so – aber das sagte sie nur zu sich – wie sie ihn einst als kleines engelhaftes Wesen im Augenblick der feuerroten Liebesempfängnis gesehen hatte. Mit einer schnellen, leidenschaftlichen Umarmung trennte sie sich von Jochen, der lange dastand und mit dem benommenen Tiefsinn umhersah, der ihm noch immer eigen war. * Nachdem so Mutter und Kind noch einmal von dem Engel tief zusammengeführt worden waren, vor dessen schlaflos-himmlischen Augen die verborgensten Wege der Menschenschicksale offen wie am hellen Tage daliegen, brach das Unheil, von dem kein Mensch etwas ahnte, auf das Gerberhaus in der Feldgasse zu Wilkau nieder. An diesem Tage hatte Maechler den gesamten Gemeindevorstand zu einer Abendsitzung in dem Gemeindehaus zusammengerufen. Es sollte, wenn irgend möglich, nach den vielfältigsten Vorberatungen die Beschlußfassung über eine neue Wasserversorgung Wilkaus herbeigeführt werden. Bisher war das Grundwasser durch ein Pumpwerk in einen Turm gehoben und durch hölzerne Röhren in große Steinbütten geleitet worden, die an drei Stellen des Ortes errichtet waren. Aus dem fließenden Wasser dieser primitiven Brunnen deckten die Häuser ihren Bedarf. Die am Zacken liegenden Gebäude schöpften aus dem Fluß ihr Koch- und Trinkwasser. Mit dieser urväterlichen Einrichtung sollte gebrochen werden. Graf Schilling hatte sich bereit erklärt, ein Drittel der Aufwendungen für eine neue, den gesundheitlichen Anforderungen entsprechende Wasserversorgung Wilkaus zu übernehmen. Außerdem war von ihm die Anregung ausgegangen, die Anlage einer Hochquellwasserleitung ins Auge zu fassen, wodurch alle Schäden mit einem Schlage beseitigt würden. Ein Sturm des Unwillens und dann der Entrüstung hatten daraufhin die Wilkauer gepackt, und man kämpfte gegen diese Neuerung mit den abgegriffenen Gründen, daß eine Anlage, die so lange bestehe und sich doch bewährt habe, nicht so mir nichts dir nichts auf einen Wink abgebrochen werden dürfe, als ständen die Tausendtalersäcke in Wilkau auf der Straße offen herum. Außerdem führte man ins Feld, wieviel der Ort mit dem Verschwinden der Rohrbütten an lauschiger, biedermeierlicher Schönheit verlieren würde. Mit zäher Ruhe und gelassener Gemächlichkeit hatte Maechler auf einen Umschwung der Stimmung hingearbeitet und so langsam die Verständigen mit der unumgänglichen Notwendigkeit einer Änderung anzufreunden gewußt, indem er auch rechnerisch nachwies, daß nach einer langfristigen Anleihe bei der Provinz die Kosten in zwanzig Jahren, kaum merklich, von den Bürgern gedeckt werden könnten. Dem Widerwillen gegen eine Hochquellwasserleitung begegnete er mit dem Hinweis, daß sie erheblich billiger sein werde als jede andere Art der Wasserversorgung, weil dann alle Hebe- oder Druckwerk- und Filteranlagen von selbst in Wegfall kämen. Die überzeugende Darlegung des sicher zu erwartenden Aufschwunges des Bades, an dessen Gedeihen der ganze Ort interessiert sei, tat das übrige, den wankenden Kleinmut zu beseitigen und die Scheu zu entkräften. Nur einige wenige nörgelten unbeirrt weiter und erhitzten sich im Gefühl der Nutzlosigkeit ihres Widerstandes nur immer giftiger und bösartiger. Unter ihnen war zum Leidwesen Maechlers der Gastwirt Kammel der rührigste, und wenn auch nicht der gefährlichste, so doch unbequemste Gegner. Als darum heut bei Beginn der Beratung der Platz Kammels unbesetzt blieb und bald darauf die Nachricht von ihm einlief, daß er geschäftlich verhindert sei, aber wenn irgend möglich noch erscheinen werde, atmeten Maechler und mit ihm die meisten Gemeinderatsmitglieder erleichtert auf, denn nun war die Aussicht auf ungestörte und sachliche Verhandlung frei, und bei gutem Willen konnte die Entscheidung vor dem Eintreffen des spitzfindigen Querläufers gefallen sein. Nach der Eröffnung der Sitzung stellte Maechler den Wasserbaudirektor Milch aus Waidenburg vor, der gern dem Ruf gefolgt sei, die ganze Summe der Fragen fachmännisch und auf Grund langjähriger Erfahrung und wissenschaftlicher Einsicht erschöpfend zu beantworten. Der Herr, ein Mann unter Mittelgröße, mit einem blassen, fetten Gesicht, in dem zwei kleine Augen starr, unbeweglich und schwarz wie Nagelköpfe standen, erhob sich, machte mit etwas linkischer Bedeutsamkeit eine Verbeugung, sprach einiges von Dank und bereitwilliger Freude und setzte sich wieder. Während der nun folgenden Rede Maechlers über die Ursache, die Entwicklung und vielen Schwierigkeiten der ganzen Angelegenheit machte sich der fremde Wasserbaumeister eifrig Notizen. Als der Gerber geendet hatte und fragte, ob jemand noch irgend was zur Ergänzung oder Berichtigung seiner Darlegungen hinzuzufügen habe, schwiegen alle, weil sie diese Rede Maechlers schon oft gehört und an seinen Gründen genugsam ihren Scharfsinn umsonst erprobt hatten. Sie stimmten seinen Ausführungen zu und gaben damit dem fremden Direktor die Bahn zu einer Rede frei, von der alle überrascht waren. Denn dieser subaltern und hölzern aussehende Mann besaß die so seltene Gabe des frischen, ungezwungenen, aber treffenden Wortes. Leicht und gefällig, oft sogar witzig, floß seine Rede dahin, nie seicht und phrasenhaft, sondern immer kernig und sachlich, und als er auf die Scheu der meisten Menschen jener Zeit vor Hochquellwasserleitungen zu sprechen kam, ließ er seinen Humor die Zügel schießen, der merkwürdigerweise in einem so fetten Kopf und hinter diesen starren Knopfaugen wohnte, wo doch sonst gewöhnliche Langweiligkeit und gereizte Säuerlichkeit hausen. Seine Rede unterrichtete gründlich und war zugleich spannend wie eine amüsante Erzählung. So sprach er eine Stunde, und als er endete, brach ein Beifall los, der bei diesen kleinbürgerlich verknorrten Männern ungewöhnlich und in diesem kahlen Amtsstall unerhört war. Herr Milch dankte kurz, und kaum hatte er sich gesetzt, so war er wieder der eingekapselte bürokratische Mann wie vorher. Nach einigen Fragen aus der Versammlung, die der Wasserbaudirektor sitzend, also ausführlich, amtlich und stilecht beantwortete, schritt man zur Abstimmung. »Einstimmig wurde dem Antrag des Herrn Vorstehers Maechler stattgegeben, den Bau einer Hochquellwasserleitung für Wilkau bald in Angriff zu nehmen.« Das Protokoll wurde verlesen, genehmigt und zur Unterschrift herumgereicht. Es ging fröhlich zu, und man legte der Befriedigung keine Zügel an, ohne Kammel ausgekommen zu sein. Der Bogen war bei dem Maurermeister Wohlseck angelangt, als eilige und etwas polternde Schritte die Treppe heraufkamen. Der Maurermeister unterschrieb schnell und schob das Schriftstück dem nächsten mit den Worten zu: »Der Laps in der Fabel. Aber nu fix.« Da ging auch schon die Tür auf, und der kleine Mann stürmte ein wenig diagonal herein. Er war ziemlich angetrunken und wurde mit allgemeinem Gelächter empfangen, raffte sich aber zusammen und nahm gewichtig seinen Platz ein, den ihm Maechler sich gegenüber angewiesen hatte, um den Unruhigen mehr in der Hand zu haben. Während er sich nochmals entschuldigte, durch das Geschäft so lange abgehalten worden zu sein, ging das Unterschreiben weiter, und plötzlich sah er, immer noch sprudelnd, das Protokoll vor sich liegen. Da verstummte er und sah verblüfft rundum in die Gesichter, die kaum das Lachen verbeißen konnten. »Was soll das?« fragte er leise und mit drohendem Erstaunen. »Nun, Sie sollen unterschreiben«, sagte Wohlseck munter. »Das heißt, wenn Sie wollen.« »Wie denn? Ich verstehe nicht«, fragte er abermals und schnappte ein paarmal mit Daumen und Zeigefinger von der Nase, eine Gebärde, die alle an ihm vor dem Ausbruch der Erregung kannten. Maechler sah ihn groß und gelassen an. Dann sagte er gütig: »Lieber Herr Kammel, wir haben auf Sie schmerzlich gewartet und mußten dann doch in Rücksicht auf den verehrten Direktor Milch, dessen Zeit kostbar ist, mit der Beratung der heutigen Tagesordnung über die Anlage der Hochquellwasserleitung beginnen. Der Herr Direktor hat durch seine, ich muß sagen, hervorragenden Darlegungen alle Bedenken so gründlich zerstreut, daß der Gemeinderat einstimmig die Ausführung des Projekts beschlossen hat. Ich meine nun, es würde uns allen eine Freude bereiten, wenn auch Sie mit Ihrer Unterschrift den Beschluß nachträglich gutheißen, trotzdem die heutige Sitzung schon aufgehoben ist.« Während Maechler sprach, hatte er fortwährend gütig und dringend den Gastwirt im Auge behalten. Aber es nutzte nichts. »Ich denke gar nicht dran«, brauste er los. »Ich beantrage, nein, ich verlange, den Beschluß aufzuheben und eine neue Sitzung anzuberaumen. Das wäre noch schöner, über einen Geschäftsmann hinwegzugehen, der sich redlich um sein Durchkommen müht! Ich protestiere gegen diesen wahnsinnigen Bau, der Wilkau an den Bettelstab bringen muß.« Von allen Seiten drang man auf den Gastwirt ein, doch Vernunft anzunehmen. Er war im Schäumen und rief: »Ich habe Vernunft, und gerade deswegen widerspreche ich. Ich bin übertölpelt, ich bin beiseite geschoben, hinters Licht geführt worden. Alles ist abgekartetes Spiel.« Maechler verlor die Ruhe nicht, und wenn der Tumult, der entstanden war, sich ein wenig legte, redete er weiter gelassen und beherrscht auf den Erbosten ein, freilich mit dem Erfolg, daß sich Kammels Zorn zuletzt ausschließlich gegen ihn, als den Drahtzieher des Komplotts, wendete. »Mit Ihrer Ruhe, Herr Vorsteher, geht's nicht, es muß durchgegriffen werden«, schrie er. Die Anwesenden erhoben sich, denn sie sahen, daß der Gastwirt in einem Zustand angekommen war, der jede Verständigung unmöglich machte. »Bleiben Sie sitzen, meine Herren«, sprach er gemäßigter. »Die Sitzung ist geschlossen, gut! Das andere wird sich finden. Vorbei, einverstanden! Einen Augenblick Gehör. Ich will Ihnen etwas erzählen, was heute auf dem Gebirge passiert ist, und das Sie, Herr Maechler, nach der Unterredung bei mir vor zwei Jahren, Sie werden sich erinnern, besonders interessieren dürfte.« Der Gerber erbleichte leicht und fuhr sich über die Haare. Man nahm wieder halbwegs auf den aus der Ordnung geratenen Stühlen Platz, weil jeder der Meinung war, daß Kammel sich auf diese Weise aus der Verwicklung ziehen wollte, in die er durch seine blinde Wut geraten war. Allein dem Gastwirt war nichts von Geducktheit anzumerken. Mit verkniffenen Lippen und bohrenden Augen starrte er bösartiglauernd auf den ihm gegenübersitzenden Maechler und verharrte in diesem drohenden Schweigen auch noch, nachdem sich alle niedergelassen hatten. Endlich riß dem rundlichen Wohlseck die Geduld. Er wischte sich den überhängenden Schnurrbart vom Munde und rief: »Also losgeschossen, Kammel. Wir können doch nicht hier auf den Stühlen über Nacht bleiben.« »Nein, nein, Gott bewahre«, sagte Kammel ironisch, aus seiner Zornbenebelung erwachend. »Aber es wird Ihnen anders werden, wenn Sie die Geschichte gehört haben. Jawohl, anders. Vor allem Ihnen Herr Vorsteher, verstehen Sie mich. Na, aber gut. Vielleicht kennen einige den alten Lauschner von drüben aus den Leierbauden. Er sitzt noch bei mir im ›Grünen Baum‹, jawohl. Ich hab mir die Geschichte nicht aus den Fingern gesogen. Lauschner ist sozusagen Augenzeuge gewesen. Geht da heute vormittag das achtjährige Mädchen des Holzschlägers Mader aus dem Brän in den Wald hinauf, um Beeren zu sammeln. Auf einer Blöße kommt plötzlich aus dem Walde ein junger Bursche auf sie zu, fragt, was sie da mache, und sieht es doch, das Aas, bittet sie um ein paar Beeren, fängt an schön zu tun. Nun, wie es solche Hunde eben machen, und wie das Kind Angst kriegt und davonlaufen will, packt sie der Kerl, hält ihr den Mund zu, schleppt sie in den Wald, fällt über sie her, mißbraucht sie auf viehische Weise und ist gerade darüber her gewesen, ihr vollends den Garaus zu machen. Waldarbeiter hören ihr leises Stöhnen, laufen darauf zu und sehen den Unhold noch wie der Satan bergauf rasen und verschwinden, wie von der Erde verschluckt, ratzekahl weg, keine Spur. Aber soviel haben sie doch gesehen, daß es ein Kerl von drüben war, die kennt man doch auf hundert Meter, diese Schlurkse! Wie sie dann zurückkommen, finden sie das arme Mädchen schrecklich zugerichtet, nicht zu sagen. Es schlägt noch einmal die Augen auf, verliert das Bewußtsein und ist dann schon auf dem Transport in das Haus ihrer Eltern gestorben. Was sagen Sie zu einer solchen Scheußlichkeit? Aber den Kerl hat man schon, allerdings nicht lebendig. Am Nachmittag, so zwischen vier und fünfe, kommt ein junger Mensch vom hohen Rade heruntergeprescht, daß die Steine fliegen, mit glasigen Augen und verzerrtem Gesicht, schießt auf die Gruben zu und stürzt sich hinunter, ehe es die Leute verhindern konnten. Als man den Zerschmetterten mühsam heraufzieht, der alte Lauschner hat mitgeholfen, erkennt man in ihm den ungefähr sechzehnjährigen Sohn der ledigen Großmann, die einsam und wild in der kleinen Bradlerbaude am Bärengrunde haust. Und das ist wahr, wie Amen in der Kirche. Kein Wort hab ich dazugemacht.« Die Männer waren erschüttert und brachten vor Ergriffenheit erst kein Wort hervor. Dann aber ging es durcheinander mit Fragen, Mutmaßungen und Zweifeln, da es doch nicht bewiesen sei, daß der Sittlichkeitsverbrecher im Bräner Walde und der Selbstmörder der Schneegrube ein und dieselbe Person sei. Kammel verteidigte leidenschaftlich, fast triumphierend seine Erzählung. Maechler saß schweigend, die Hände vor sein gelähmtes Gesicht geschlagen, da und sagte lautlos in sich hinein: »Mein Sohn ... ein Verbrecher ... ein Selbstmörder ... mein Sohn.« Der Gastwirt beobachtete mit Genugtuung den niederschmetternden Eindruck seiner Erzählung auf Maechler, während er eifrig mit den andern um seine Meinung kämpfte. Sein Gesicht glänzte förmlich auf. Unversehens brach er den Streit mit den andern ab und wandte sich an Maechler. »Nun, wer hatte recht damals vor zwei Jahren, Herr Vorsteher?« fragte er lieblos, giftig. »Hätten Sie eher zu mir gefunden, so konnte dem verfluchten Weibe das Handwerk gelegt werden. Ich habe Ihnen damals gesagt, fest zugreifen. Aber Sie wollten ja nicht. Jetzt ist das Unglück da, an dem Sie, machen Sie, was Sie wollen, mitschuldig sind.« Ein Schrei der Entrüstung ging durch die Versammlung. Maechler fühlte seine Beine stumpf werden. Aber er ließ die Hände sinken, erhob sich kerzengrade und sagte mit einem Lächeln in dem entgeisteten Gesicht: »Lieber Kammel, Sie wissen nicht, was Sie sprechen, weil Sie nicht in Ordnung sind. Ich bitte, meine Herren, führen Sie den Mann hinaus. Gute Nacht. Ich kann leider nicht mitgehen, da ich noch zu tun habe.« Dann wandte er sich an den Direktor Milch: »Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Mühe, und seien Sie nicht zu ungehalten über die Störung.« Der verdatterte Wasserbaumeister gab ihm die Hand und wurde von Maechler bis zur Tür geleitet, durch die man den schimpfenden Gastwirt gestopft hatte. Maechler blieb, als er allein war, an der Tür stehen, bis die Schritte der Davongelaufenen verhallt waren. Dann ging er zum Ofen und sah lange eindringlich, angestrengt in den Winkel, als ob er von dorther eine Rettung erwarte. Darauf trat er an den Tisch, löschte die Lampen aus, setzte sich, legte die Arme über die Platte und vergrub sein Gesicht darein. Während er so lag, dachte und grübelte er nicht. Denn das Tiefste in uns erdenken wir nicht. Es ringt sich durch die tausend Schichten der Erlebnisse, die in ruhigen Zeiten undurchdringliche Wände, unübersteigliche Wälle sind und nun zu transparenten Schleiern werden, in den entscheidenden Stunden des Schicksals unwidersprechbar zu uns herauf, daß wir keine andere Wahl haben, an diesem hellen Licht zu verzweifeln oder demütig uns zu neigen. Wohl hatte Maechler Grauen und Schauer zu überwinden, aber Hadern war in diesem starken Mann nicht einen Augenblick. Als es von dem nahen Turme zwölf schlug, erhob er sich. »Ich habe ein Grab der Unehre zu überschreiten, an dem ich schuld bin«, sagte er entschlossen, »und will es tun.« Dann suchte er, ohne Licht zu machen, seine Sachen zusammen. Während des Hinundhergreifens murmelte er fortwährend: »Und ich will es tun, nein, muß es tun, mag kommen, was wolle, will es tun.« Als er alles zusammengesucht hatte, verließ er das Gemeindehaus mit dem Vorsatze, nunmehr reinen Tisch in sich zu machen und seinem Weibe alles zu sagen, zwar jetzt nicht, da sie anfällig war; aber alles bis ins letzte, von seiner Rebellenzeit angefangen. Dies überlegend, ging er auf dem schmalen Steg am Zacken in sein Haus. Beim Aufglucken einer Welle fuhr er zusammen, und da er auf den Spiegel des Wassers sah, geschah an ihm dasselbe, was sich ereignet hatte, als er vor siebzehn Jahren nach der wilden Liebesnacht mit Paula Großmann am Rande der Schneegrube erlebt hatte. Wie damals fühlte er ein Wesen aus sich herausstürzen, das ihm glich und das er doch nicht war, und mit einem Schrei in der Tiefe verschwinden. »Schon gut, heute sehe ich's ein«, sagte er erschüttert, »aber wie sollte ich es damals wissen?« Dann setzte er seinen Weg fort. Allein die Gerechtigkeit, die in der ganzen Welt herrscht, hatte dem tapferen Manne noch Schwereres auferlegt. Als Maechler, zu Hause angekommen, auf den Zehen die Treppe zu dem gemeinsamen Schlafzimmer hinaufsteigen wollte, lehnte im Finstern an dem Geländer eine noch dunklere Gestalt. Es war ein schwarzer Schatten, der, ohne sieh zu rühren, eine feindselig-fordernde Macht auf ihn eindringen ließ, so, als wolle es ihn mit aller Gewalt nötigen, nicht nur die angefangene Treppe wieder hinunterzugehen, sondern aus seinem Hause hinaus, in alle Welt zu entweichen. Doch Nathanael Maechler griff nach einem Stutzen mit bösem Lächeln aus dem Hosensack seine Schwefelhölzer und strich eines auf der Holzstufe an, um den Dunkelwisch zu beleuchten, der noch immer über das Treppengeländer lehnte. »Was kann mir denn noch geschehen?« sann er, während seine Hand die Phosphorkuppe über das Stufenbrett riß und dann erst im blauen Lichtrauch hob, um sich zu überzeugen, ob da vor ihm eine wesenlose Einbildung seines überreizten Hirnes, also ein Nichts oder irgendwer lehnte. Aber kaum hatte sein Auge einen huschend-scharfen Blick durch den blakenden Lichtrauch getan, entfiel der entsetzten Hand das Hölzchen. Maechler mußte das Treppengeländer fassen, um einen Halt in dem Wirbel zu finden beim Anblick dessen, was er da in der finsteren Nacht vor sich sah. Das beinblasse Gesicht der Paula aus der Bradlerbaude starrte aus verzehrend schwarzen Augen, wild zusammengeschraubten Mundes und einer Entschlossenheit zu tödlichem Haß auf ihn. Nathanael schüttelte es vor Grauen, und in einem Schwanken der Furcht trat er das glimmende Holz aus. Dann aber packte ihn der Mut der Verzweiflung. »Verfluchtes Tier«, zischte er und griff mit beiden Händen in die Gegend der Nacht, wo das Gesicht aufgetaucht war, um es zu zerdrücken. Aber die Nägel der Finger gruben sich nur in die eigenen Handteller, und von dem Schmerz zerriß der Taumel, der ihn gedreht hatte. Mit zwei Sätzen war er auf dem oberen engen Flur. Am ganzen Körper bebend, mit kaltem Schweiß auf der Stirn, fing er sich von dem Sprunge auf und brach in ein Gelächter aus, das schrill wie das eines Irrsinnigen klang. Aus dem Schlafzimmer tönte darauf die helle Stimme Lottes, die fragte, was es gebe, ein wenig schalkhaft und spöttisch, so, als glaube sie, sein Haarbeutel sei nicht ganz in Ordnung. Maechler konnte nicht antworten. Er reckte sich tief atmend auf und sagte dumpf: »So, nun muß es geschehein! Keine Gnade mehr, nur Recht.« Dann schritt er entschlossen ins Zimmer, drückte die Tür hinter sich zu und blieb stehen, ohne sich zu rühren. »Was hat's denn mit dir, Maechler?« rief Lotte lachend, nachdem sie einen Augenblick gewartet hatte. Nathanael rang mit sich, vermochte aber nicht zu reden. »Aber so sprich doch, was gibt's denn? Mach doch wenigstens Licht«, sagte sie, nun schon ängstlich, und er hörte, wie sie nach den Streichhölzern griff. »Um Gottes willen, mach kein Licht«, bat er jetzt mit furchtsamer Stimme, und nach einer Weile setzte er hinzu: »Dann vielleicht, nachher, wenn's vorbei ist.« »Komm doch her. Ich versteh dich nicht!« rief sie jetzt wirklich erschreckt, sprang auf und wollte ihn zu sich ins Bett ziehen. Aber er widerstand, drückte sie aufs Lager, setzte sich auf den Bettrand und fragte nach einigem Stocken: »Lotte, ich bitte dich um alles in der Welt, sag mir, ob du mich wahrhaftig liebst. Ob du mir verzeihen könntest, was immer auch ...« Er konnte nicht weitersprechen. Lotte hatte sich mit einem Ruck erhoben, umarmte und küßte ihn, daß er verstummen mußte. »Ich danke dir, liebstes Weib. Ich danke dir von Herzen«, sagte er dann in schmerzlicher Beglückung. »Und nun leg dich wieder, gib mir die Hand und hör zu. Es ist viel, was ich dir zu sagen habe.« Darauf breitete er sein ganzes Leben vor ihr aus, seine Teilnahme an der Revolution, seine ruhelose Umhergetriebenheit im Kampf um das wahre Glück der Menschen, sein Ringen um den Glauben, seine Wanderung von Bamberg und seine Erkrankung in der Bradlerbaude. »Gott, was ist denn da weiter, du armer Mann«, rief sie aus, als er verlegen eine Pause machte. »Was glaubst du denn? Das hab ich schon lange, von Anfang an eigentlich gewußt, daß es dich anders getrieben hat wie die Wilkauer Schlafmützen. Ha, und wenn du noch Schlimmeres getan hättest.« »Eben, eben«, fuhr er fort, »das kommt jetzt«, und dann erzählte er ihr von seinem Leben in der Baude, von Paula Großmann und der rasenden, abgerungenen Vermischung mit ihr in der letzten Nacht, seiner Flucht, dem rätselhaften Erlebnis am Rand der Schneegrube, dem Verbrechen und schrecklichen Tode des Menschen, der sicher sein Sohn sei. Lotte hatte ihre Hand aus der seinen gezogen und lag nun ohne Atem da. Er fühlte das Zittern ihres Leibes. »Furchtbar. Schrecklich ... schrecklich ...«, sagte sie tonlos vor sich hin. »Was mußt du gelitten haben, armer Mann.« Dabei streichelte sie seine kalte Hand immer wieder aufs herzlichste. »Nun aber geh und schlaf. Ich bitte dich. Ich bin dir gut. Ich liebe dich.« Sie umarmte, küßte ihn und drängte ihn dann vom Bett. Er fühlte, wie ihr ganzer Körper flog und brachte es deswegen nicht über sich, noch von dem Kampf mit der Erscheinung auf der Treppe zu sprechen. Leise zog er sich aus, horchte auf die Atemzüge Lottes, und als er sie vernahm, überließ er sich seiner Erschöpfung, die aus Gram, Erleichterung und schmerzlichem Glück bestand. Ketten waren von ihm gefallen, Nächte ausgelöscht. O Gott, wenn es nur Lotte überwände! Ehe er sich's versah, hauchte er das Gebet der Maechler über sich in die Nacht, in die schon das erste Morgenlicht tauchte. Und der Schlaf begann wie ein lindes, dünnes Schleierweben über sein Bewußtsein zu rinnen. Plötzlich gab es einen Ruck in Lottes Bett, und ein Schrei klang auf, schrill, hoch, voll einer verzweifelt inbrünstigen Sehnsucht. Maechler hörte wohl diesen Laut höchster Menschennot, aber der Schlaf sog so stark an ihm, daß es eine Zeit brauchte, bis er sich dem Traumtaumel entrissen hatte und wußte, wo er war. Mit einem Satz des Schreckens sprang er an das Bett Lottes. Aber die lag schon friedlich, gesammelt, abgeklärt, tot. Er drückte ihr die Augen zu und küßte sie ehrfurchtsvoll wie eine Heilige auf die Stirn. »Gestorben ... gestorben ... liebste Lotte ... gestorben an mir«, murmelte er dumpf. Als er sich aber aufrichten wollte, brach er bewußtlos zusammen. Zweiundzwanzigstes Kapitel Nathanael Maechler lebte nach dem Tode seiner Frau, dessen wahre Ursache niemand in Wilkau erfuhr und die auch dem einzigen Sohn immer verborgen blieb, noch zwanzig Jahre. In einer Grambetäubung, die wie ein rätselhaftes Irresein ihn gefangenhielt, ging die Beerdigung Lottes an ihm vorüber. Er stand am Grabe, mehr einer leblosen Steinfigur als einem lebendigen Menschen ähnlich. So verstört war er, daß es den Anschein hatte, er begreife von allem nichts. Als ihm der alte Pfarrer Kelvel das Holzschaufelchen reichte, damit er die drei Krumen Erde zur ewigen Ruhe auf den Sarg seines Weibes schütte, erhob er verneinend die Hand, sah ratlos die Grabbegleitung an, die fast den ganzen Kirchhof füllte, und ging dann durch die Menschen, die ihm erschrocken auswichen, weil sie glaubten, er habe vor Schmerz den Verstand verloren. Er ging leicht taumelnd dahin und schob ohne ein Wort alle zur Seite, die liebenswürdig auf ihn eindrangen. Eine entfernte Verwandte seiner Frau, die aus Hohenfriedeberg herbeigeeilt war, wo sie verwitwet lebte, ahnte den Zustand des aus den Angeln gehobenen Mannes, folgte ihm stillschweigend, und als Maechler nach dem Verlassen des Kirchhofes einen Weg ins Feld hinaus einschlagen wollte, schob sie schonend ihren Arm unter den seinen. »Nein, nein, Herr Maechler«, sagte sie einfach, »dahinaus geht's nicht. Kommen Sie nur. Ich weiß das besser.« Der Gerber lächelte leer und ließ sich gehorsam wie ein Kind in sein Haus auf der Feldgasse führen. Dort saß er versunken auf der Bank und mühte sich, die Fingerspitzen seiner Hände genau aufeinanderzupassen, und da sie immer wieder abgeglitten, legte er die weit auseinandergebreiteten Finger der Hände auf die beiden Oberschenkel und musterte sie mit einer Aufmerksamkeit, die sich durch nichts stören ließ. Da sah die liebe, einfache Ferntante aus Hohenfriedeberg ein, daß sie den Mann, der entweder für eine Zeit oder immer ein Verschollener seines zusammengestürzten Inneren sei, nicht verlassen dürfe, und nahm entschlossen die Leitung des Haushaltes in die Hand. Maechler kümmerte sich um nichts, saß herum, legte sich, wo man ihn hinbettete, und war auch, wenn er nicht das kindhafte Händespiel betrieb, von dem unbegreiflichen angestrengtesten Lauschen in sich hinein gebunden. Dieser Zustand dauerte vierzehn Tage. Da verließ er an einem Vormittag das erstemal das Haus, ging über die Feldgasse in das schmale Ziergärtlein, das er für Lotte an Stelle des alten Werkplatzes errichtet hatte, trug die Bank an den Ufersturz des Heidewassers und versank nach dem Niedersitzen in den Anblick der unter ihm vorüberspielenden Wellen. Nachdem er wohl eine Stunde und länger das endlose Vorbeiwandern des Wassers betrachtet hatte, begann er, Blätter und Zweiglein von den Sträuchern zu zupfen, die er in den kleinen Fluß warf und beobachtete, wie sie von den Wellen auf Nimmerwiedersehen fortgeführt wurden. Dann trug er die Bank an ihre alte Stelle unter den Fichten, brach von den kleinen Blumenbeeten einen Strauß der schönsten Blüten, kehrte in sein Haus zurück und traf die gute Frau im Flur, die mit einem Topf in die Wohnküche wollte und vor seiner aufrechten Haltung und dem entschlossenen, fast drohenden Ausdruck des Gesichtes erschrak. »Nein, nein, fürchten Sie sich nicht«, sagte er ruhig, »ich habe nur eine Frage an Sie zu richten, wegen der ich um Verzeihung bitten muß. Denken Sie, liebe Tante, ich weiß noch nicht einmal Ihren Namen.« »Nu, Herr Maechler ...« »Nein, nicht Herr, um Gottes willen nicht! Wer unter allen Menschen ist Herr?« unterbrach er sie. »Nu, ich bin halt die Kusine der verstorbenen Frau Wennrich und heiße Hollmann.« »Ja, Frau Hollmann, wenn es sich irgend machen läßt, so bitte ich Sie, für immer bei mir zu bleiben. Das Schlimmste ist, denke ich, nun bei mir vorüber. Haben Sie also weder Sorge noch Furcht. Ich habe nun noch notwendig in unserem Niedenführhause zu tun. Vielleicht nimmt mich das lange in Anspruch. Rufen Sie mich aber nicht. Wenn ich fertig bin, komme ich von selbst.« Dann ließ er sich eine Vase mit Wasser geben, steckte die Blumen hinein und entfernte sich in das Haus der verstorbenen Jungfrauen, wo Lotte so oft den Glanz ihrer Kindheit genossen hatte. Als Maechler am anderen Morgen wieder im Hause erschien, war sein Gesicht von der langen Schmerzkasteiung wohl noch bleich und gefurcht, aber gesammelt und entspannt. Er nahm ruhig mit Frau Hollmann und Jochen das Frühstück ein und erkundigte sich bei dem Jungen, der ängstlich und bekümmert war, liebreich nach dem Stand der Arbeit in der Gerberei, brachte es aber nicht fertig, ihm ins Gesicht zu sehen. Nachdem er mit dem alten Gesellen, aus dem das Schicksal des Hauses die sonnenbrüderliche Trottelei über Nacht vertrieben hatte, den ganzen Betrieb durchgegangen, begab er sich in das Gemeindehaus und übernahm von seinem Vertreter, dem Maurermeister Wohlseck, wieder die Verwaltung. Einige Tage später reiste er nach Görlitz zu einem ihm befreundeten Gerbermeister, auch einem Nachkommen der vertriebenen Böhmischen Brüder, und brachte Jochen dort als Lehrling unter, denn der Anblick seines Jungen riß ihn immer wieder in die Finsternisse des Schicksals, von dem er heimgesucht worden war. Vor seiner Übersiedlung nahm er seinen Sohn beiseite und sagte zu ihm: »Siehst du, lieber Jochen, unser Betrieb ist in Unordnung geraten und stark zurückgegangen, und ich weiß nicht, ob er so bald wieder in die Höhe gebracht werden kann. Deswegen mußt du in das große, blühende Geschäft meines Freundes, um nicht Zeit zu verlieren. Außerdem, mein lieber Junge, der Tod, der Tod ist noch zu dunkel über mir, und ich wäre für dein zartes Gemüt nicht der rechte Vater und Meister.« Da überwältigte es den starken Mann. Er riß den Jungen an sich und umarmte ihn so leidenschaftlich, daß dem armen Jochen fast die Sinne vergingen. Plötzlich ließ er ihn fallen und ging flüchtend aus der Stube, in der dieser erschütternde Abschied vor sich ging, denn Maechler fühlte, wie sein Gesicht von Tränen überströmt wurde. Nach dem Fortgang Jochens ließ er die Kammer, die er zu Anfang als eingewanderter Gesell bewohnt hatte, zu einer Stube ausbauen und richtete sich dort nach der Art eines Junggesellen ein. Dann drängte er sich immer stärker und ausschließlicher aus der Enge des mehr und mehr versickernden Handwerksbetriebes in die gemeinnützige Wirksamkeit für den Ort. Der Bau der neuen Wasserleitung wurde von ihm mit aller umsichtigen Energie betrieben, aus der aber nun jede Härte, jede Leidenschaft geschwunden war. Seine Kraft war Güte und seine Güte gelassener Ernst. Obwohl sich der Anlage manche unvorhergesehene Schwierigkeiten entgegenstellten, die ihre Vollendung verzögerten, ging der Bau ohne Reibung weiter, seit der Gastwirt Kammel freiwillig aus dem Gemeinderat ausgeschieden war und sein giftiges Mundwerk nur noch im eigenen Hause in der Gesellschaft ihm ergebener Tischdrücker gehen ließ. Kurz nach Beendigung der neuen Wasserversorgung brach in jener Gegend eine Typhusepidemie aus, die in den am Zacken gelegenen Ortschaften, besonders in Trennsdorf unterm Ägster und in Scherichsdorf, viele Opfer forderte. Wilkau blieb fast ganz verschont. Nur Kammel und seine Frau erlagen der Krankheit. Denn der Gastwirt hatte den Anschluß seines Hauses an die Leitung verweigert und in verblendeter Gegnerschaft das Verbot Maechlers lachend in den Wind geschlagen, das verseuchte Wasser des Zacken zu Trink- und Kochzwecken zu verwenden. »Ich werd's den Gemeindeeseln beweisen, daß das Wasser, das Gott laufen läßt, so gut ist wie jenes, das man verrückterweise in Rohre einsperrt«, prahlte er im Kreise seiner Kumpane. »Verseucht, sagt der hergelaufene Gerber. Sein Schädel ist verseucht, sonst nichts.« Danach verfuhr der von Feindseligkeit Umnebelte auch und schöpfte nach wie vor großsprecherisch und spottend das Wasser des Zackens, bis ihn und seine Frau die Krankheit anfiel, niederwarf und in kaum einer Woche auslöschte. Maechler war unter der geringen Grabbegleitung, die bei der Beerdigung seines unversöhnlichen Feindes hinter dem Sarg herschritt. Nachdem die Schollen in die Grube gefallen waren, kehrte der Gerber nicht in sein Haus zurück, sondern ging hinaus auf das Feld, wandelte lange zwischen den Teichen umher und betrachtete das Riesengebirge, das ihn nicht mehr bedrohte und erschreckte wie früher, da die Dunkelheiten seines Lebens noch ungesühnt auf ihm gelastet hatten. Nun war es ihm ein tiefsinniger, ergreifender Wegweiser aus seiner immer noch verborgenen umwölkten Einsamkeit in eine Höhe über aller Welt geworden, und er rang und sehnte sich danach, daß jenes Lichtreich, jenseits aller Berge und Nöte der Erde, das er einst durch den Glauben seiner Kindheit besessen hatte, wieder in ihn einkehre. Wohl erhoben und gestärkt, aber noch nicht befreit, kehrte er wie immer in stiller Versunkenheit in sein Haus auf der Feldgasse zurück. Als die Epidemie ganz erloschen war, beging man die verschobene Einweihung des neuen Wasserwerks auf das feierlichste durch einen Dankgottesdienst in beiden Kirchen und einen festlichen Umzug. Maechler sprach wenige, einfache Worte des Dankes an alle, die an der Vollendung des Werkes treu mitgeholfen hatten, das zum Segen des Ortes und dem Gedeihen seiner Bewohner nach mancherlei Mühen glücklich vollendet sei. Er trat vollkommen zurück und wehrte mit wehem Lächeln die einmütigen Lobeserhebungen ab, die man auf ihn, als den eigentlichen Schöpfer des Baues, häufte. Und als am Ende der Feier der Maurermeister Wohlseck ihm die Urkunde überreichte, durch die die Gemeinde ihm und seinen Nachkommen zu immerwährendem Nießbrauch ein Gartengrundstück mit dem Blick auf das Gebirge schenkte, traten dem erblaßten Maechler die Tränen in die Augen, und er konnte vor Ergriffenheit nur einige Worte des Dankes stammeln. Freilich überzeugte er sich nach einiger Zeit, daß die guten Leute in der Aufregung vergessen hatten, die Bodenparzelle im Grundbuch als Gemeindeeigentum löschen und auf ihn übertragen zu lassen. Er tat aber keinen Schritt, diese Unterlassung zu beheben, um dem Verdacht der Habsucht zu entgehen, und weil er in jener Zeit schon in die lächelnde Gleichgültigkeit irdischen Dingein gegenüber einmündete. Der Deutsch-Französische Krieg von 1870 und 1871 brauste als ein fernes Gewitter an ihm vorüber, das ihn wohl bewegte, aber nicht mehr in neue Hoffnungen hinaufriß. Er hatte mit seiner leidenschaftlichen Hingabe an den Glauben der Höherzüchtung des Menschenwesens durch günstige Umgestaltung der Daseinsbedingungen zu oft in seinem Leben Schiffbruch nicht nur an anderen, sondern sogar an sich gelitten, daß er die Freude und Begeisterung des Volkes über den herrlichen Waffensieg und die machtvolle Einigung Deutschlands wohl nicht ablehnte, aber auch nicht mehr von ihr fortgerissen wurde. In seiner Rede bei der Siegesfeier warnte er sogar vor einem Überschwang der Hoffnungen und vor übertriebenen Erwartungen. Dieser Sieg, sagte er, sei nur zu einem Teil die Erfüllung eines jahrhundertealten Traumes der Deutschen. Im tiefsten sei er die eindringliche Mahnung an jeden einzelnen, in sich selbst einig, rein und stark zu werden nach den Forderungen des göttlichen Urgrundes unserer Natur, weil sonst die Macht des geeinten Reiches einem Haus gleiche, das auf fließendem Wasser oder mahlendem Sand stehe. Die Wilkauer hatten zu oft Maechlers Appell an die Selbstverantwortung der Persönlichkeit vernommen und wurden davon nicht sonderlich berührt, da sie diese immer wiederholte Mahnung für eine fixe Idee des früh alternden Mannes hielten. Aber sie überhörten die tiefe Wandlung der Überzeugung, die nach seinen Worten in ihm vorgegangen war. Früher hatte er vom Wohlsinn und der unbedingten Redlichkeit des Bürgers als der Grundlage für sein und des Staates Glück gesprochen. Nun war ihm durch die Schicksale seines Lebens die Einsicht aufgedrängt worden, daß alles äußere Glück Wind und Gefahr sei, wenn es nicht aus der Verbundenheit mit dem unaussprechbar göttlichen Sinn seines tiefsten Inneren steige und in ihn zurückmünde. Nach dem lahmen Beifall, den seine Rede bei der Siegesfeier gefunden hatte, verließ er leise lächelnd den Festtrubel, begab sich auf das ihm geschenkte Grundstück, das er »Berggarten« getauft hatte, und ließ sich, auf einem verborgenen Bänklein sitzend, von dem himmelssüchtigen Gebirge weiter einem, außerweltlichen Reich entgegenführen, das aus seiner Seele in sein Leben drängte. So pilgerte er in stillen Stunden jahrelang der Gnade entgegen und erlahmte dabei nicht in der Sorge für das Wohl des Ortes, ein untadeliger Mann, der in allem dem rechten Recht zustrebte, mußte es aber trotzdem erdulden, daß die Schatten seiner dunklen, schicksalsschweren Vergangenheit in ihm nicht zur Ruhe kamen und sein Gemüt immer wieder verdüsterten. Sein Geschäft verfiel mehr und mehr, und endlich stand es ganz still, da der weißhaarige Gesell eines Tages ohne Abschied verschwand, weil ihn die Sucht nach der Landstraße und dem freien, unbehüteten Schweifen unwiderstehlich gepackt hatte. Maechler lächelte wohl auch hier, aber schmerzlich und trauervoll. Der Herr haut weiter, sann er, und der alte Wennrich regt sich rächend wider mich aus dem Grabe, weil seine Tochter an mir gestorben ist, und die Finsternis wird noch mein Haus und mich fressen, wenn es mir nicht gelingt, sie aus mir herauszuschaffen. Denn einen neuen Gesellen einzustellen hatte auch keinen Zweck, weil es ja nichts mehr zu tun gab. So blieb für ihn nur der innere Weg zur Rettung aus dieser geheimen Pein übrig, gegen die er vergeblich ankämpfte, weil jedes neue Mittel gegen die Schatten sie wieder in neuer Gestalt vor ihm aufleben ließ. Jeder Hieb rief sie; jedes Ringen mit diesen Lemuren verstrickte den völlig ratlos gewordenen Maechler nur tiefer mit ihnen. Nach einem letzten Kampf im »Berggarten«, der vom Morgen bis an den Abend dauerte und mit völliger Ohnmacht endete, ging er doch den Weg, den sein Mannesstolz bisher zurückgewiesen hatte. Im Schutze der Dunkelheit trat er in das Zimmer des Pfarrers Kelvel, der an seinem Schreibtisch saß und im Schein der Lampe eifrig arbeitete. Beim Erscheinen Maechlers drehte sich der inzwischen zum Greise gewordene Geistliche um und schob die Brille in die Stirn hinauf, um besser sehen zu können. Denn der Besucher war nach dem leisen Gruß im Dunkel an der Tür stehengeblieben. »Bitte, treten Sie näher«, sagte Kelvel gütig dringend, wartete aber die Ausführung seiner Aufforderung nicht ab, sondern ergriff die Lampe und ging mit ihr nach dem Tisch in der Mitte der Stube. Da erkannte er den Eingetretenen. »Ah, Herr Maechler, das ist mir ja eine besondere Freude, Sie einmal bei mir zu sehen«, rief er glückhaft aufgeräumt, zog einen Stuhl unter dem Tisch hervor und lud ihn zum Sitzen ein. Maechler nahm unentschlossen und zögernd Platz. »Also, was bringen Sie, Herr Gemeindevorsteher, oder womit kann ich Ihnen dienen?« sagte er nach schneller Prüfung des vergrübelten, schwermütigen Maechlergesichtes etwas betroffen. Aber der Besucher antwortete auch jetzt nicht gleich, sondern saß mit zugefallenen Augen eine Weile da. Dann reckte er sich auf, sah den Pfarrer gerade und entschlossen an und fragte: »Ich bringe etwas und will mir etwas von Ihnen holen, Hochwürden, aber nicht als Gemeindevorsteher und nicht als Mann, nein, nichts von alledem, sondern als Katholik.« Ober das Gesicht des Pfarrers, den die Jahre aus der starren Unduldsamkeit und der konfessionellen Stößerei herausgeführt hatten, ging ein Glänzen. »Soso«, sagte er liebreich, »nun, was ist es denn?« »Kann ich beichten?« fragte Maechler ohne Umschweife. »Jetzt?« »Gleich.« »Haben Sie das Gewissen erforscht?« »Jahrzehntelang.« Kelvel saß einen Augenblick sinnend. Dann erhob er sich rasch und sagte: »Gut. Verzeihen Sie, ich bin gleich wieder da.« Damit verließ er das Zimmer. Als er bald darauf im Chorhemd und der übergelegten Stola wieder erschien, riegelte er die Tür ab, um vor Störungen sicher zu sein, und Maechler, der sich mehr als dreißig Jahre von allen Gnadenmitteln ferngehalten hatte, riß alle Furchen seines Lebens auf, von dem Tage an, da es ihn in die tollen Wirbel der Revolution gerissen hatte, bis zu der Nacht, da Lotte von den Finsternissen aus der Welt geschlagen worden war. Nichts verhehlte und beschönigte er, keine Falte seines durchwühlten Innern ließ er in Verborgenheit. Und als er zwei Stunden später nach empfangener Absolution in einem Zustand seliger Erschöpfung sich erhob, begleitete ihn der Pfarrer wie ein beglückter Vater bis an die Treppe. Am andern Morgen empfing Maechler in der Frühmesse die Kommunion. Seit dieser Zeit hatten die Schatten seiner schwerein Vergangenheit keinen Fug mehr über ihn. Sie waren wie von einer außerweltlichen Sonne aufgesogen. Ja, er konnte sogar seinen Sohn Jochen wiedersehen, ohne von Selbstvorwürfen und Gram bedrängt zu werden. Der kam nun öfter zu seinem Vater von Görlitz herunter, wo er noch in derselben Gerberei, jetzt als Leiter des ganzen Betriebes, arbeitete. Obwohl er im Laufe der Jahre sah, wie sein Vater immer mehr und mehr zerfiel, zögerte er doch noch, nach Hause zu kommen, weil er seiner Geliebten, der Tochter eines reichen Sattlers und Riemers, noch nicht ganz sicher zu sein glaubte. Eines Tages fand er den alten Vater bei seinem Eintritt am Tisch sitzen. Statt, wie es seine Art war, ihm entgegenzugehen, verharrte er, erschüttert lächelnd, auf seinem Platz, und als ihn Jochen bekümmert fragte, was ihm sei, antwortete er, daß er gestern sein Amt niedergelegt habe, da er fühle, daß er den Anforderungen nicht mehr gewachsen. Da sah Jochen, daß seinem Säumen ein Ende gemacht werden müsse und drang in sein Mädchen, nun mit ihrem Versprechen ernst zu machen. Noch im Sommer desselben Jahres führte er sie in das Gerberhaus auf der Feldgasse. Nathanael Maechler lebte als Ausgedinger in dem Hause, in dem jetzt der andere Geist seines nun werktüchtigen Sohnes herrschte, betreut von der Schwiegertochter, einer kernigen, festen, immer heiteren Frau, zu der der Alte oft zu einem besinnlichen Plausch aus seinem Dachstübchen herunterkam. Wie bei allen Greisen, sank auch in dem früh gealterten Maechler alle vergangene Wirklichkeit mehr und mehr in Traumfernen hinaus, und es gab sogar Stunden, in denen ihm sein ganzes Leben wie ein Irregehen erschien. Dann saß er länger als sonst auf dem Bänklein, das er sich eigenhändig in dem kleinen Hinterhöfchen neben ein winziges Blumenbeet gebaut hatte, oder strich, vor sich hinmummelnd, um die Lohtonnen, bis es ihm gelang, dem Schattenhauch zu überwinden. Dann blühte das abendrote Glück in seinem Herzen auf, da er Lotte mit den flimmernd großen Augen unter dem Strauch das erstemal an sich gerissen hatte. Oder er ging, wenn das Lebenszwittern, wie er es nannte, über ihn kam, in den »Berggarten« und erheiterte und erhob seinen Geist durch den Anblick des nun entsühnten Riesengebirges und die Schau über den Spiegel der himmelssüchtigen Teiche zu der alten, weitgeschwungenen Altersgüte. Eines Tages blieb er länger als sonst draußen. Das Mittagessen war längst überfällig, und die junge Frau hatte schon einigemal die Feldgasse hinauf Ausschau nach ihm gehalten, aber immer vergebens. Als sie schon beunruhigt mit Jochen in der Stube beriet, was zu machen sei, hörten sie jemand das Vorgartenpförtchen aufklinken und eilig zuschlagen und meinten, es sei Maechler, der so ungewohnt zurückkehre. Aber da stürzte ein fremdes, greisenhaft zusammengeschrumpftes Männchen in die Stube, weißköpfig und abgemagert, ließ die Tür, durch die er gestürmt war, angelweit offenstehen, sah sich mit entgleisten Augen ratlos in der Stube um und schrie dann mit ausgemergelter Stimme keuchend: »Wo ist der Herr? Ich sah einen großen Vogel in der Luft sterben und doch weiterschweben, ein Licht erlöschen und weiterschimmern. Wo ist der Herr?« Nachdem er diese Worte in Absätzen hervorgestoßen hatte, sah er sich wieder ratlos in der Stube um und begann dann schluchzend zu weinen. Die beiden sahen, daß sie es mit einem Irren zu tun hatten, kannten aber Ignaz Wildner, der es war, nicht, weil er sich jahrzehntelang von Wilkau ferngehalten hatte. Die Frau schob ihm einen Stuhl hin, weil er vor Müdigkeit taumelte, und bot ihm einen Teller Essen an. Er achtete ihrer nicht, schluchzte weiter und ging dann ohne Gruß fort. Man sah ihn auf der Sandbrücke stehenbleiben. Nachdem er lange in Sinnen versunken über das Geländer gelehnt hatte, spuckte er ins Wasser und verlor sich dann in den Häusern von Scherichsdorf. Jochen Maechler eilte, von dem Vorfall in ahnungsvolle Angst getrieben, wie er ging und stand, fliegenden Schrittes in den »Berggarten« hinaus, kam aber schon zu spät. Sein Vater kniete zusammengerutscht vor der Bank, das Gesicht in die gefalteten Hände gedrückt. Der Tod hatte ihn beim Gebet überrascht. Zweites Buch Erstes Kapitel Die Hand des Todes bringt Sterben und Werden. Je nachdem die Menschen sind, vor denen er sich an einem Nahverbundenen ereignet, klingt entweder das Dunkle in ihrem Wesen auf, oder die Welt und der Sinn um das Dasein des Hingenommenen blüht, geheimnisvoll verwandelt, in einem noch nie gesehenen Licht, daß wir uns tiefer und den Verstorbenen reicher verstehen. Jochen Maechler aber wurde nach dem Tode seines Vaters weder tiefer in die Schatten getrieben, die aus jedem frischen Grabe in das Dasein der Hinterbliebenen steigen, noch war es ihm seinem ganzen Wesen nach beschieden, das hochgeschwungene Leben seines Vaters sich vielfältiger und ins Lichte verklärt anzueignen. Wie ein dumpfer Schlag war der Tod Nathanael Maechlers gegen das Gerberhaus auf der Feldgasse gefahren, daß das Gewese von dem Geisterstoß aus der Nacht in allen Räumen, bis in die Sparren des Daches hinauf, bebte, und auch das kleine Wuselstädtchen hatte eine Weile an verschlagenem Atem gelitten, als der große Gerber am Schloß vorbei über die Gansertbrücke zu Grabe getragen worden war. Von beiden Kirchtürmen hatte es dem Manne auf seinem letzten Wege alle Glocken singen lassen, der so lange sein Berater, Führer und Meister gewesen war. Bald aber hatte jedes Fenster wieder nach seinem Licht geschnappt, jedes Rad seine Last gedreht und jede Zunge die eigne Sorge gebeutelt. Die letzten Jahre der Zurückgezogenheit, ja vollkommenen Verborgenseins, durch die sich Nathanael Maechler schweigsam an den Todesfrieden herangerungen hatte, waren wie ein immer dichter werdender Schleier gewesen, der das Andenken an die Taten seines weithin wirkenden Lebens verhüllt hatte. Da er sich vor den Wilkauern selbst immer tiefer ins Vergessen gedrückt hatte, war er von ihnen schon zu Lebzeiten vergössen worden, und sein Begräbnis löste für eine kurze Weile nur dieses und jenes Ereignis aus seinem Leben in das Licht einer schnell schwindenden Erinnerung, nicht die ganze Fülle dieses Mannesdaseins, das alle Sorge und alle Kraft für das Gedeihen des kleinen Städtchens und des großen Vaterlandes eingesetzt hatte. Man rührte ohne tiefere Anteilnahme bald mit reinem, bald mit schmutzigem Zungenstecken das Leben dieses durch den Tod wehrlos gewordenen Mannes um und rettete sich aus dem Wust solchen Widersinns, indem man die Gründe der wirren Nachrede aus seinem undurchsichtigen Charakter erklärte, daß er ein von irgendwoher zugelaufener Rebeller gewesen sei, dem Besserwissen, Klugraden und Allesmachen im Blute gelegen habe, der wohl vieles Gute gewirkt und Rechtes ins Lot gerückt, aber von der starren Hartnäckigkeit, immer und immer nur seinen Willen durchzusetzen, endlich dazu verführt worden sei, das Leben der Menschen in die Wolken und in fixen Traum hinaufzubauen. Das, so meinten die Wilkauer, habe sich zuerst an seinem eigenen Leben gerächt. Seine großen Geschäftspläne seien als Plunder zerstoben, sein Handwerk verödet, sein Geist verfallen und er selbst in seinem Berggarten zwischen dem Gesträuch vom Tode wie eine verflogene Motte aus dem Leben geblasen worden. Von dem geheimen Ringen Nathanael Maechlers gegen die Schicksalsverkettung seines Lebens und um das Glück mit Lotte, seiner Frau, wußte keiner von den Maulschwärmern etwas, die wahllos Schatten und Schimmer hinter dem Erdverschwundenen herbliesen. Ja, selbst Jochen, sein Sohn, hatte nicht mehr als eine unbestimmte Ahnung von den geheimen Strömen, die das Leben seiner Eltern getragen und verschluckt hatten. Nicht mehr kam ihm bis in die frühe Kindheit zum Bewußtsein, als daß in seinem Vaterhause von jeher ein anderes Leben geherrscht hatte als unter allen Wilkauer Dächern, tiefer, gefährlicher, glücklicher, drohender, weiter und unterwühlter als je in einer der Familien, in die er später Einsicht erhalten hatte. Was das aber war, was Vater und Mutter strahlend umwoben, dunkel auseinandergedrängt, sieghaft beflügelt und drückend belastet hatte, das blieb ihm verborgen. Nur daß es in früher Zeit etwas Rätselhaftes gegeben hatte, von dem lange Jahre Furcht, Angst, ja Grauen in seinem Leben zurückgeblieben war, dessen erinnerte sich Jochen Maechler heute noch ganz genau. In diese Verdunkelung aus der unerkennbaren Tiefe seines Wesens fielen auch die Schwaden der heimlichen Tücke und des getuschelten Lästerns, das man nun hinter dem Tode seines Vaters herschickte. Nicht, daß er der bösen Arbeit dieser in Essig gekochten Zungen recht gegeben hätte, o nein, Jochen Maechler wußte, daß sein Vater eine lautere Glocke gewesen war. Aber warum hatte es ihn immer gepiekt, sie vor jedem dreckigen Ohr zu läuten? Wäre es nicht klüger gewesen, mit ihrem Klange sein Haus, sein Leben und das seiner Familie zu erfüllen und sich nicht in großspurige Unternehmungen, wie den Straßenbau, die Wasserleitung und in nie abreißendes politisches Treiben zu stürzen, ganz zu schweigen von hundert unerfüllbaren Plänen und Ideen, die eigentlich nur auf das Glück der anderen gezielt hatten. Was hatte er damit erreicht? Eine Enttäuschung, die seine Altersjahre mit tiefer Melancholie umdüstert und ihm an der Berggartenbank das Leben verzweifelt ausgepreßt hatte, jetzt aber sein Andenken durch die Straßenpfützen übler Nachrede schleifte. Doch weder ein jäh wildes Aufbäumen und Losfahren gegen diese Ehrabschneider kam in dem Gerber Jochen Maechler hoch, noch brachte er es fertig, sich durch Menschenhaß, durch Stolz und Spott innerlich von der Welt loszubeißen, nein, seine Erkenntnis der Vergeblichkeit der väterlichen Hingabe zum Wohle anderer glich nur dem kühlen Licht der Sterne, deren Schein bis in die fernste Ferne auf dem Grundwasser seines Wesens bunkerte, ohne sie jedoch vollkommen zu erhellen. »Jaja – nein, nein!«, mit dieser echt schlesischen Sentenz endete er jede heimliche Betrachtung über den Undank der Welt und die zwecklose Vieltuerei der Menschen; denn »wer zwei Beine hat, soll nicht mit sechsen laufen wollen«. Auf diese unheldische Weise druckste er sich durch die dicke Luft nach dem Tode seines Vaters, kaute Unverständliches aus den Stockzähnen vor allen, die ihn zur Rache an den Verleumdern aufreizen wollten, und spielte sogar seiner Frau Christine gegenüber den tiefsinnigen Weisen, der sich über »das Gemuffel des Packs« nicht aufregen mochte. Aber die flinken, scharfen Augen des dunklen, rührigen Weibes sahen wohl die Wülste ärgerlichen Unmuts auf seiner breiten, schweren Stirn, und sie hörte ihn dumpf mit sich selber murmeln, wenn er am Schabebaum mit dem zweigriffigen Messer in der Werkstelle über den Häuten her war. Allein, sie hütete sich, in dieses verborgene Gedankenrühren ihres Mannes einzugreifen, weil sie wußte, daß er damit nichts Schlimmes ausrichtete und am Ende doch wieder in den stillen, steten Trott seines nie versagenden Fleißes fiel, mit dem er das vollkommen zusammengebrochene Handwerk des alten Nathanael wieder heraufgebracht hatte. Nur einmal, als er in gar zu komischem Ernst am Tisch saß und mit dem Daumennagel tüftelnd genau die Jahresrillen der ausgewaschenen Platte entlangfuhr, zupfte sie ihn unversehens am Ohr und rief spaßhaft: »Holla, Jochen, laß den Holzwürmern auch etwas zu tun übrig!« Und da er aus seinem Versinken auffuhr und sie fassungslos ansah, lachte sie ihm einen solch derben Spritzer übermütigster Lustigkeit ins verblüffte Gesicht, daß er ratlos fragte, was es denn eigentlich gebe. »Windbeutel und Wolkenkuchen mit Nebelstreusel oben drauf. Das gibt es, lieber Jochen«, antwortete sie in fröhlichem Spott und war damit schon aus der Stube gewirbelt. Das ereignete sich in jener Zeit, lange Wochen nach der Beerdigung des alten Maechler, als die Stimmung in Wilkau schon umzuschlagen begann, daß die Giftspritzer anfingen, sich vorsichtig zurückzuziehen und mit Achselzucken zugaben, daß der Verstorbene immerhin ein ganz honetter Mann gewesen sei, obwohl er als Landfremder einen ganz gehörigen Rucksack voll Fehler durch sein Leben geschleppt habe. Denn daß er den Schlosser Neefe in die Überschwemmung des Heidewassers nicht gestoßen, nein, aber getrieben habe, dessen wüßten sich die alten Leute noch wohl zu erinnern, und der Tod des Gastwirts Kammel und seiner Frau müsse auch auf die Kosten seiner Wasserleitung geschrieben werden. Sie mußten so ihre Verunglimpfungen von immer weiter herholen und immer mühseliger eindampfen, daß die Rechtlichdenkenden, und deren gab es auch in Wilkau eine ganze Menge, endlich von diesem Schandgebläse deutlich abrückten, nachdem sie allerdings wochenlang in geheimer Schadenfreude es geduldet, ja genossen hatten. Dem böswilligen Kesseltreiben um das Grab Nathanael Maechlers und das Gerberhaus wurde aber merkwürdigerweise gerade durch den einzigen Sohn jenes Schlossers Neefe ein Ende bereitet, der von dem alten Maechler verbrecherischerweise sollte in das Heidewasser gestoßen worden sein. Als siebenjähriger Junge war er damals nach dem Tode seines Vaters im Unwetter des 54er Jahres mit seiner weltverscheuchten Mutter nach Oberschlesien verschwunden, nachdem Haus und Geschäft des Vaters überstürzt an den ältesten Gesellen, mit Namen Witschel, verkauft worden waren. Nun, nach fast vierzig Jahren, tauchte er plötzlich in seiner Vaterstadt wieder auf, lief unauffällig mit entschlossen ausgreifenden Schritten und ein wenig geduckter Haltung durch die Gassen von Wilkau, ohne irgend etwas anderes zu verraten, als daß er gekommen sei, einige Hypotheken einzutreiben, die auf dem verkauften väterlichen Grundstück lagen. Er mietete sich in dem früher Kammelschen Gasthof »Zum grünen Baum« ein, trug sich als Grubeninspektor a. D. aus Lipine ins Fremdenbuch und benahm sich so, daß niemand ganz klar wurde, ob er nur zu kurzer Erholung oder wegen Schlichtung des Rechtshandels nach Wilkau gekommen sei, so beiläufig und überlegen lächelnd sprach er von seiner Geldgeschichte mit dem Schlosser Witschel, dem jetzigen Besitzer des väterlichen Anwesens, einem schwerfälligen, trägen Manne, aus dem auch niemand über den Handel mit Neefe einen bündigen Aufschluß herausbohren konnte. Freilich gab er zu, mit den Zinsen seit langem im Rückstand zu sein; »aber deswegen lasse er sich noch lange nicht alle Nieten aus dem Leibe ziehen.« So erhitzte sich der Streit der beiden Männer langsam. Neefe schob noch eiliger als sonst in Wilkau hin und her, verlor aber nichts von seiner Heiterkeit, sondern lachte eher noch lauter über den »lieben, armen Witschel« in einer gutmütigen Herzlichkeit, in der jedoch ein gefährliches Drohen mitklang. Allein eines Tages, nach etwa dreiwöchigem Aufenthalt, reiste der Grubeninspektor so unvermutet und unauffällig ab, wie er aufgetaucht war. Darauf tat sich der berannte Schuldner wieder gemächlich auf den Bierbänken nieder, als sei alles zu seiner Zufriedenheit erledigt, schmunzelte pfiffig vor sich hin und meinte sarkastisch, daß die oberschlesischen Zeisige auch kein anderes Gesetzlein aufbrächten als die riesengebirgischen, wenn sie auch einen breiteren Schnabel hätten. Damit meinte er den Mund Alexander Neefes, der wirklich über das gewöhnliche Maß, fast bis in die Mitte der beiden Wangen, geschnitten war. Und da es sich nach diesem geschwinden Abflug Neefes herausstellte, daß er während der kurzen Anwesenheit in Wilkau zu einer großen Anzahl wesentlicher Männer unaufdringlich und angenehm in Beziehung getreten war, blieb von ihm in dem kleinen Städtchen allenthalben ein wohltuender Nachklang zurück. Der alte Pfarrer Kelvel nannte ihn eine gute Seele, der Gemeindevorsteher einen gewiegten Kopf. Der bärbeißige Arzt Fohl zuckte wohl etwas ironisch die Achseln, brummte aber doch sein seltenes »brav« hinter ihm her. Nur ein Teil des gewöhnlichen Volkes verhielt sich kritisch gegen den Abgereisten und stimmte lachend in das Urteil eines Mannes aus ihrer Mitte ein, der Neefe mit einer Uhr verglich, die anders geht als sie zeigt. So trudelten noch eine ganze Weile Munkelgeschichten in das Zwielicht hinein, das der abgereiste Alexander Neefe in Wilkau hinterlassen hatte, und eben war man in die Untersuchung der Frage eingetreten, ob der Grubeninspektor entlassen oder pensioniert worden sei, als Neefe wieder in dem kleinen Städtchen erschien, und zwar diesmal nicht mit dem Überzieher, sondern mit seiner Frau am Arm, und nicht mit einem kleinen Köfferchen, sondern mit Sack und Pack. In lauter Fröhlichkeit dirigierte er seine beiden Möbelfuhren in das Schlosser Witschelsche Haus und machte es dem verdutzten dicken Meister mit beißendem Lachen klar, daß die Zeisige, die in Oberschlesien singen gelernt hätten, das Gesetzlein doch besser kennten als die riesengebirgischen, und wenn er ihm nicht den ganzen zweiten Stock als Wohnung einräume, so wäre das nicht sein, sondern Witschels Nachteil. Denn er wisse wohl, daß übermorgen der Geldlegungstermin für die gekündigten Hypotheken sei. Wenn ihm aber Platz gemacht würde, so könne sich alles in Ruhe und Frieden abwickeln, wie es unter wohldenkenden Christenmenschen Sitte sei. Witschel betrank sich nach dieser Unterredung bis ins Augenstieren, prügelte seine Frau und zog andern Tages in das kleine Hinterhaus. Denn er hatte auf seiner lässigen Suche nach einem Geldgeber keinen Erfolg gehabt. Da er nicht zahlen konnte, blieb ihm eben keine andere Wahl, entweder in seinem eigenen Hause als zusammengequetschter Aftermieter zu wohnen oder vom Gericht als Habenichts auf die Straße getrieben zu werden. Freilich wurde dieser Entschluß dem aus allen Kleidern quellenden Witschel nicht leicht und quälte ihn, auch nachdem er ausgeführt worden war. Er hieb in seiner Werkstelle, mehr mit der Wut als dem Hammer, Funken aus dem glühenden Eisen, geriet nach einigen Tagen sogar in einen Zustand fast irrer Aufgeregtheit, daß er nichts mehr als große Nägel schmiedete, mit denen unser Herr Jesus Christus ans Kreuz geschlagen worden sei. Die bot er in allen Gasthäusern zum Kauf an, fluchte sich die Kehle trocken und wankte dann, vor sich hinweinend, in sein »Bettelhaus« auf der Vogelsdorfer Straße zurück. Aber da Neefe die wilden Ausbrüche und Verwünschungen, die Witschel hinter ihm herkochte, nicht mit zorniger Münze zurückzahlte, sondern überall voll Güte und Bedauern von dem armen Schlosser sprach, ja ihn einmal in seiner Stube besuchte und seine Besorgnis wegen der Schuldsumme vorsorglich zerstreute, glaubte der dicke Schlosser dem Grubeninspektor alle seine Versprechungen und ließ sich von dem liebenswürdigen Wortschwall Neefes in die alte träge Unbekümmertheit treiben. Verwundert schaute das Städtchen Alexander Neefe auf der Straße nach, weil es ihm gelungen war, den aus Feindschaft verrückt gewordenen Schlosser fast im Handwenden in den gewohnten trödeligen Fleiß zurückzudrehen. Doch diese friedsame Luft um die beiden Männer dauerte nur einige Tage und wurde durch einen Umschwung vertrieben, als sei ihr Licht nur eine arglistige Spiegelung gewesen. Witschel geriet nämlich in seinen belanglosen Bierpalavern auch in den schon erkaltenden Tratsch, der noch immer um den begrabenen alten Maechler seine Blasen trieb. Als Wirt des Alexander Neefe spielte er sich eines Abends in dümmlicher Wichtigtuerei als einer auf, der nicht vom Sagenhören wie die meisten, sondern als ein Eingeweihter rede. Der alte Neefe, der Vater des Grubeninspektors, sei nicht von ungefähr im 54er Jahr in dem wilden Heidewasser umgekommen, sondern wirklich und wahrhaftig mit Absicht von dem Gerber hineingestoßen worden. Der Herr Grubeninspektor habe es ihm sozusagen selber anvertraut, und der müsse es als Sohn des Verunglückten doch wissen. Ja, und nun werde man auch verstehen, warum er, Witschel, in dem Streit mit Neefe ein X für ein U gemacht habe. Solle man mit einem Menschen nicht Mitleid empfinden, der als siebenjähriges. Kind durch einen Verbrecher um seinen Vater gekommen sei? Drum möge der Herr Inspektor so lange in seinem Hause wohnen, wie's ihm gefalle. Anderen Tages wieselte diese Erzählung des Schlossers durch alle Lästermäuler, und das Giftjauchen um das Gerberhaus in der Feldgasse fing wieder an, lebhafter zu brodeln. Aber merkwürdig, Alexander Neefe, dessen Name aus diesem aufgewärmten Schandgerücht doch höchst ehrenvoll duftete, nahm das Geschwätz des halb trunkenen Schlossers nicht lächelnd hin wie vieles andere, das ihm Witschel schon angehängt hatte, sondern er ging jetzt mit einer Leidenschaft gegen ihn vor, die niemand dem umgänglich heiteren Manne zugetraut hätte. Zunächst rief er den Schlosser in seine Wohnung, schickte vorher seine eigene Frau fort und begann dann ein Gericht über den verdatterten Witschel, daß er am Ende, von Neefe zur Tür hinausgeschubst, grau im Gesicht, am ganzen Körper bebend, kaum über die Stiege hinunterfand. Der Grubeninspektor aber stand auf dem oberen Flur und sah dem Davonstolpernden mit einem solchen Lächeln brutalen Triumphes nach, daß sein breiter Mund das Gesicht fast von Ohr zu Ohr spaltete. Und als der gezüchtigte Witschel auf der halben Treppe angekommen war, rief ihm Neefe ein »Halt, noch eins!« zu, daß der Schlosser, wie von einem unvermuteten grausamen Peitschenhieb getroffen, zusammenzuckend herumfuhr und voll ängstlicher Bereitwilligkeit hinaufsah. »Also, Witschel, ich habe Ihre Unterschrift«, sagte Alexander Neefe, nun wieder verbindlich und freundlich, »überall wird die Lüge ausgetreten, verstanden!« »Jawohl, Herr Inspektor«, antwortete Witschel gehorsam. »Und das sage ich Ihnen noch ...« Neefe wurde wieder von der Wut überfallen. In diesem Augenblick trat Witschels Frau durch die hintere Tür auf den unteren Flur, und der Inspektor endete den angefangenen Satz anders. »Nicht wahr, lieber Witschel, so machen wir's. Viel Glück«, sprach Neefe nun voll herzlicher Liebenswürdigkeit und zog sich eilig in seine Wohnung zurück. »Nu, Heinrich, wo bist'n a so lange?« fragte Frau Witschel ihren verstörten Mann, der so eilig die letzten Stufen zu ihr hinunter stolperte, daß er fast gefallen wäre und sich nur mit ihrer Hilfe aufrecht erhalten konnte. »Verflucht, Minna«, stotterte Witschel, »verfluchte Welt! Komm och schnell 'naus.« * Und nun begann Neefe jenen Vernichtungsfeldzug gegen die lästerlichen Gerüchte um das Leben des verstorbenen Nathanael Maechler, der dem verrufenen Haus auf der Feldgasse wieder zu einem lichten Schein verhalf. Der scheinbar allen aufgeschlossene, jeder Gesinnung gefällige Mann war mit einem Male, fast über Nacht, wie umgewandelt. Es gab kein Gespräch, keine Unternehmung, daß er nicht in Entrüstung über die Lügen geriet, die sich nach Nathanael Maechlers Tode in Wilkau noch immer breitmachten und nun gar den Versuch unternahmen, auch seine Person in diese Stinkluft zu ziehen. Hier höre seine Menschenfreundlichkeit auf. Duldung einer Schändlichkeit sei selbst schändlich. Wenn er bislang die Hinterhältigkeiten und das Schleichgift des albernen Schlossers lächelnd übersehen habe, so sei das jetzt ohne jede Schonung vorüber. Er lehne es ab, Witschels Vertrauter zu sein. Lüge, von Hunderten wiederholt, werde nicht Wahrheit. Und Lüge sei die Erzählung des Schlossers, sein seliger Vater sei das Opfer einer Untat des verstorbenen Maechler geworden, dieses Mannes, dem Wilkau seinen langen Glanz verdanke. Nein, als Ehrenmann, als Christ und Wilkauer dulde er das nicht, und jeder, dem Ehre, Christenpflicht und Bürgersinn noch etwas gelte, müsse ihm recht geben. Aus Krankheit sei sein Vater damals ins Heidewasser geraten, von niemand getrieben und gestoßen. Und Krankheit sei keine Schande. Alle das trug er mit eindringenden Schlagworten vor, daß niemand an seinem Reden und Tun zu mäkeln wagte, und vor dem Pfarrer Kelvel traten ihm sogar Tränen in die Augen aus Schmerz über den Zwang, im Kampf um die Wahrheit das Andenken seines unvergeßlichen Vaters zu versehren. Aber der geistliche Herr tröstete ihn und versprach, in einer der kommenden Predigten die Gläubigen über das rechte Maß aufzuklären, mit dem ein Christ den anderen schätzen müsse. Graf Eberhard Schilling belobte ihn wegen seines ehrenhaften Verhaltens – der Umschwung in Wilkau war vollkommen. Der Schlosser Witschel wagte sich kaum mehr aus dem Hause. Wenn jemand in seiner Gegenwart nur den Namen Neefe erwähnte, wehrte er entsetzt ab und lief davon. Er muckste auch gegen niemand, als ihm unauffällig von Neefe der Hals abgedreht wurde. Stillschweigend vollzog er die gerichtliche Überschreibung seines Hauses auf den Namen des gewesenen Grubeninspektors, saß einige Tage wie erschlagen in seiner engen Hinterhauswohnung und fing dann ein dumpfes Trudeln in die Schenken der umliegenden Dörfer an, weil er sich in Wilkau nicht mehr zu zeigen wagte. Zweites Kapitel Die hellhörige, dem Leben vielfältiger aufgeschlossene Frau Jochen Maechlers, Christine, war von dem Umschwung in der öffentlichen Meinung Wilkaus über den alten Maechler und das Gerberhaus viel früher und im Verlauf tiefer berührt, als ihr Mann, der nichts von dem Licht wahrnahm oder wahrnehmen wollte, das neuerdings um sein Dach und das Leben seines hingegangenen Vaters spielte. Aber ganz genau wußte das auch die liebe Christine nicht, denn Jochen Maechler war ein Mann, der sozusagen nur eine kleine Lebensoberfläche und fast allein Untergründe hatte. Sie sah ihn in jenen Herbsttagen öfter hart am Rande der neu gebauten Ufermauern in dem Ziergärtlein über der Feldgasse am Heidewasser stehen und so tief versunken auf das besonnte Vorüberspielen des Wassers schauen, als habe er es sich vorgenommen, die Wellen zu zählen. Und als sie ihm einmal spöttisch über die Gasse hinüber zurief, sich nicht zu versehen, wandte er sich wie erschreckt herum, hatte große, verlorene Augen, nickte mit einem gemächlichen Lächeln ihr zu und kam zögernd herüber, als trenne er sich gezwungen von einem kostbaren Gedankengespinst. Dann überschritt er gemächlich die Feldgasse und trat zu ihr unter das Fenster, aus dem sie ihm zugerufen hatte. Eigentlich wollte ihn Christine weiter frozzeln wegen seiner kurzen Beine, die in Ausgleichung des mächtigen Oberkörpers in so komischer Würde lang auszuschreiten pflegten. Aber weil er nur schwieg und sie aus einem fremden Grübeln forschend anschaute, überkam sie wieder einmal Betretenheit vor der heimlichen Unerforschbarkeit ihres Mannes, und sie redete aufs Geratewohl und kunterbunt über die Schönheit dieses langen Herbstes, über das mohnblaue Gebirge, die Silbertalerwölkchen im Blauen, das Wanderkonzert der Vögel in den bunten Gesträuchen, und wollte doch eigentlich mit dieser lustigen Wortfuhre mitten in das gnädige Wetter hineinsteuern, das durch den tapferen Neefe über ihrem Dach heraufgezogen war. Allein sie kam nicht so weit. Jochen lächelte gütig und sagte: »Jawohl, Christel, alles gut und schön, aber nun komm heraus. Ich will dir was sagen und zeigen.« Und als die Frau aus der Tür trat, sah sie Jochen schon vorsichtig an dem schmalen Blumenbeetchen hin auf die großen Lohtonnen zugehen, neben denen das Bänkchen stand, darauf der alte Nathanael in vielen Sinnstunden mit den Jahren seiner bunten Vergangenheit Zwiesprache gehalten hatte. Da blieb der Meister stehen und ließ Christel zu sich herkommen. »Sieh, liebe Christel«, sagte er feierlich, als sein Weib vor ihm stand, »da, genau da, wo wir beide stehen, ist unsichtbar mein Wegzeiger eingerammt, nach dem sich mein Leben bisher gerichtet hat und dem ich folge, solange meine Füße noch warm sind. Hörst du, Christel, und nichts und niemand auf der Welt bringt mich von diesem Wege herunter.« Dann ließ er eine Pause eintreten, während der er sein Weib groß ansah. Sie gab Jochen den forschenden Blick ebenso dringend zurück, wie er ihn auf sie gerichtet hatte, und sagte ein wenig unsicher: »Soso, aber ich weiß nicht, was du da meinst.« Er sah zu Boden und kämpfte offenbar, ob er darüber weiter sprechen solle, wozu es ihn drängte. Aber er überwand sich. »Weißt du, Christel, da, wo du stehst, hat sie damals gestanden, meine Mutter nämlich. Ja, und sie war noch jung, nicht mehr so jung wie du, nein, aber schön, ja schön war sie, Christel, schön, und alle Büsche blühten um sie, ja, und ernst war sie, weißt du, wie ein Brunnen. Verzeihe, Christel, ich kann nicht erzählen.« Jochen Maechlers Gesicht war strahlend und zugleich wie verstört, und an seiner großen knolligen Nase zuckten die Falten, als kämpfte er gegen die Tränen. »Nun, Jochen, sag's nur.« Christine kam ihm zu Hilfe und ergriff liebreich seine Hand. »Nein, nein, es ist ganz gut. Wie war's da weiter?« »Eben, eben, weißt du«, sprach er, sich erraffend, weiter, »ich war damals aus der Schule gekommen und mußte doch in die Lehre. Meine Mutter sagte ›ins Leben‹, doch ich verstand nicht, was sie meinte mit dem ›ins Leben‹. Da strich sie mir zärtlich über die Haare und sagte: ›Heute ist Frühling und schöne Sonne.‹ Jawohl, genau das sagte sie. Dann nahm sie mich an der Hand und führte mich hierher zu den Tonnen. Da mußte ich ihr feierlich in die Hand versprechen, nie anders als auf einer solchen Tonne durchs Leben zu kutschieren. Dabei wurde sie rot wie ein junges Mädchen und hatte ganz helle Lichter in den großen Augen. Hörst du, Christel, ich hab's meiner Mutter in die Hand versprochen. Ich will nicht mehr. Ich reit' auf meiner Gerbertonne. Dabei bleibt's. Und du, Christel, laß die Leute reden.« Jochen Maechler war blaß geworden, machte kehrt und ging aus dem Vorgärtchen, nickte Christine noch einmal freundlich zu und achtete dann auf nichts, was sie hinter ihm drein redete. Als sie ihm nachsah, bog er gerade von der Feldgasse in die Rehberger Straße ein. Gott, wie lächerlich war seine Geheimnistuerei. Heute nach siebenjähriger Ehe erst erfuhr sie von seinem Jungenerlebnis mit seiner Mutter an den Lohtonnen. Warum hatte er ihr das bisher verheimlicht? – Vielleicht wie Jungen ihre schönsten Murmeln vor den andern im Hosensack verbergen. Vielleicht auch ... Christine hatte sich auf das Bänkchen unter den Vorbau gesetzt und strich sinnend ihre blaue Hausschürze zurecht ... vielleicht auch ... ach, der liebe Mann! was für ein Kind war das doch! Erzählt mir mit verschluckter Stimme die schöne Geschichte mit seiner Mutter und will mir vielleicht nur sagen, daß er mit dem Grubeninspektor Neefe nichts zu tun haben will. Vielleicht ..., genau wußte sie es natürlich auch nicht, vermochte aber ein behagliches Lächeln nicht aus ihren Gesicht zu vertreiben, während sie dies Vermutungsspiel über ihren Jochen weiter durch sich kreiseln ließ, der alles, aber auch alles viel zu gewichtig nahm und über einen Stein einen Schritt machte wie über einen Haufen. Währenddem stand Jochen Maechler lange draußen im Berggarten und betrachtete sich das Riesengebirge, zu dessen Besteigung sein Vater nie zu bringen gewesen war. Es lag mohnblau im Sonnenstaub des nahenden Abends, entrückt und verklärt. Warum hatte sich sein Vater nicht auf den Kamm getraut, da er doch sein ganzes Leben an allerlei Fernspiele verloren hatte. Dieser Gedanke überfiel ihn wider Willen. Er war genötigt, sein Leben anders aufzubauen, ganz anders als sein Vater. Mochten sie ihn lästern, mochten sie ihn loben. Das durfte ihn nicht irremachen. Nein, er wollte ein anderes Ende haben als auf einer einsamen Bank im Tode zusammenzurutschen. Eigentlich war er ja auch mehr das Kind seiner Mutter als seines Vaters. Von jeher, solange er denken konnte, hatte ihn eine unerklärliche Scheu von ihm zurückgehalten, und manchmal war es ihm gewesen, als stamme der Schattenwisch, der ihm den größten Teil seiner Kindheit getrübt hatte, von dem Vater her. Freilich, durch nichts konnte er das Recht auf diese Vermutung beweisen. Es war ein Wahn. Sicher nur ein Wahn. Aber er, Jochen, hatte ihn doch ebensowenig geschaffen wie das Schattengespenst, das in der Nacht ihn so oft gepeinigt hatte. Wie von einer geheimnisvollen Dunkelmühle wurde Jochen Maechlers Inneres bewegt. Instinkte stritten wider Instinkte, und dieses schattenhafte inbrünstige Wogen nannte er Denken. Versunken hatte er sich währenddessen durch den langgestreckten Berggarten bis auf das untere Ende bewegt, das durch einen Zaun gegen das Feld abgeschlossen war, in dem die Grandorfer und Trennsdorfer Teiche lagen. Und es verlangte den Gerber, an ihren abendgoldenen Spiegeln hinzugehen und in ihre regungslosen Wasser zu sehen. Er öffnete die Lattentürchen und warf vor dem Hinaustreten noch einen unwirschen Blick auf die Totenbank seines Vaters. Da war es ihm, als erhebe sich wer von dem Sitze, strecke sich in die Länge und komme mit langsamen, lautlosen Wolkenschritten direkt auf ihn zu, daß er bestürzt am offenen Pförtchen zur Seite trat, um Platz zu machen. Aber das Etwas strich, ohne auf ihn zu achten, ja in einer gewissen, ablehnenden Gleichgültigkeit, an Jochen Maechler vorüber und verschwand in der Richtung auf die Teiche. Der Gerber wartete, bis sein beklommener Atem wieder in Ordnung gekommen war, schüttelte den Kopf und begab sich auf den Heimweg. Denn an die Teiche konnte er doch nun nicht mehr gehen. Es hatte heute wieder alles Fug an ihn, und was war dann noch möglich, wenn er dem Unbegreiflichen am Wasser begegnete! Als er, schon im tiefen Abend, heimkehrte und in die Nähe des Maechlerhauses auf der Feldgasse kam, schloß sich automatisch die Tür zu seiner weiträumigen Tiefenwelt, und er befand sich wieder in der engen drangvollen Welt seines wachen Bewußtseins, warf kaum einen Blick auf die Umgebung seines Hauses, als er das Vorgärtlein durchschritt, dachte nicht mit einem Gemütshauchen an seine Frau, sondern eilte in die Wohnstube an den Schreibschrank und machte sich über seinen Geldvorrat her, eifrig und so ängstlich verbissen, daß er vergaß, seine Mütze abzunehmen. Jeden Tag fast machte Jochen Maechler einen »Überschlag« seines Besitzes und geriet dann immer in eine Art leidenschaftlicher Besessenheit, zählte seine Barschaft im ganzen durch, teilte die Summe nach einem schnell entworfenen Schema in verschiedene Posten, überdachte alles sorgenvoll, strich das Ganze wohl wieder zusammen, änderte das Schema der Verteilung und begann abermals die Scheidung der Summe nach verschiedenen Positionen. Das alles ging nicht so einfach und friedlich vonstatten, nein, bald lachte Jochen Maechler sich höhnisch aus, bald fluchte er unterdrückt, bald warf er das Silbergeld ärgerlich durcheinander, daß es schwirrte, rückte seine Mütze auf dem Kopfe hin und her und lehnte sich zuletzt, erschöpft und ratlos, in dem Stuhle zurück, wie einer, dem sein Leben ganz durcheinandergeraten ist. Heute war es besonders schlimm, da er darauf bestand, die voraussichtliche Forderung der Kirche für die Beerdigung seines Vaters einzukalkulieren, die nach seiner Schätzung wahrscheinlich alle geschäftlichen Überschüsse verschlingen würde. Aber er fand nichts als die vage, schon so oft zurückgewiesene Hoffnung, der alte Pfarrer Kelvel werde in Rücksicht auf die enge Freundschaft mit seinem Vater auf jede Forderung verzichten ... »Nun ja«, sann Jochen Maechler, »warum könnte es nicht sein? Über ein halbes Jahr ist mein Vater begraben, und noch immer hat mir das Pfarramt keine Rechnung geschickt.« Doch indem er diese Überlegung überdachte, stellte sich hinterrücks die andere Deutung ein, der Pfarrer säume so lange mit der Überreichung seiner Forderung aus purem Mitleid, weil die Beerdigungskosten wegen der ungewöhnlichen Feierlichkeit auch ungewöhnlich hoch seien. Am liebsten hätte der Meister jetzt den Schlüssel in eine Ecke gefeuert. Aber er bezwang sich, steckte ihn seufzend in die innere Westentasche, löschte das Licht aus und griff sich im Finstern in die Schlafstube. Christine, die das Geldrumoren ihres Mannes vom Bett aus mitangehört hatte, stellte sich beim Eintritt Jochens schlafend und wartete, bis er unters Deckbett gekrochen, mit einem langen Atemstoß sich auf sein Lager ausstreckte, daß die Bettstatt krachte. Da stieß Christine, wie aus tiefem Schlaf erweckt, ein gut gemachtes Gähnen aus und fragte mit traumschwerer Zunge: »Was hat's denn, Jochen?« »Nichts wird's haben.« »Wie denn?« »Wenn alles bezahlt sein wird.« »Aber Jochen, schlaf! Wir haben doch keine Schulden.« Der Gerber gab erst darauf keine Antwort, sondern lag stockstill und ließ den Atem wieder lang und beladen ausgehen. Dann aber reckte er unwirsch seinen Oberkörper halb auf und bohrte ärgerlich seinen Blick durch die finstere Stube nach der gegenüberliegenden Wand, wo das Bett seiner Frau stand. »So, das sagst du so daher«, polterte er erregt. »Ist der Vater nicht wie ein Graf begraben worden? Siehst du! Und wie ein Graf werd' ich bezahlen müssen. Wie ein Graf, bis ich keinen Pfennig, sondern nur noch Haut zwischen Daumen und Zeigefinger fühle. – Das kommt, ich fühl's, das kommt, jetzt eher als früher, ja, wo es nun durch alle Gassen läuft, mein Vater sei so was wie ein König von Wilkau gewesen.« Dann lachte er höhnisch heraus, denn er glaubte seine Frau damit niedergeschmettert zu haben. Die aber zog das Deckbett über den Mund, um die Fröhlichkeit zu unterdrücken, daß Jochen nun selber auf den Weg gestolpert war, auf den sie ihn hinhaben wollte, und dann fragte sie naiv wie ein Kind: »Ach so, da meinst du, der Inspektor Neefe könnte dir schaden?« Jochen erwiderte nichts darauf und gab so ihrer Vermutung durch sein Schweigen recht. Sie kannte diese Art ihres Mannes, in wortloser Heimlichkeit alles in sich zurechtzulegen, an einer anderen Stelle sich seiner Spannung zu entledigen und, war er dann ertappt, abermals in Schweigen zu verfallen. Sonst hatte sich Christine mit diesem heimlichen Zugeständnis ihres Mannes zufrieden gegeben, heute aber wurde die entschiedene Frau von der Überzeugung gepackt, diese vielschielende Dunkelheit müsse zum Besten ihres Mannes aus der Welt geschafft werden. Deswegen wartete sie noch ein Weilchen auf die Entgegnung Jochens. Als sie aber ausblieb, schlug Christine mit dem Ausruf: »Nein, Jochen, so geht das nicht!« resolut das Deckbett zurück, schlüpfte zu ihm auf sein Lager und begann nun dem Verstockten klarzumachen, daß er mit dieser für sie vollkommen unverständlichen Abneigung gegen den tapferen Inspektor Neefe sich, seinem Geschäft und Ruf den größten Schaden zufüge und stillschweigend den Ehrabschneidern am Ruf seiner Familie recht gebe. Dann könne er alle Lohtonnen ausschütten und mit den zweigriffigen Messern Luft schaben. Dem Meister blieb gar keine Gelegenheit, in den leidenschaftlichen Redestrom seines Weibes einzugreifen. Er konnte nur da und dort ein widersprechendes Knurren anbringen. Aber je mehr sie sich erregte, je näher sie an ihn heranrückte, je eindringender und zärtlich beschwörender ihre Worte wurden, desto mehr schwand jeder heimliche Widerspruch des Mannes, und als am Ende gar in ihrer Stimme das Zittern unterdrückter Tränen zu spüren war, schloß er sein »liebes gutes, kluges Christel« in die Arme und sagte zu allem ja und amen. Dann sanken die beiden in den Liebesspiegel, der glückhaft und heiß wie je durch sie hindurchzog, und keinem kam der Gedanke, daß aus dieser seligen Verschmelzung die lautlosen Hämmer der Notwendigkeit ein neues Glied der Schicksalskette zu schmieden begannen, an der das Geschlecht der Maechler über die Erde geführt wurde. Drittes Kapitel Am anderen Morgen verfiel Jochen Maechler jedoch gleich nach dem Aufwachen aufs neue der instinktiven Abneigung gegen diesen Alexander Neefe und versank während des Ankleidens so lange in den lebendigen tiefen Brunnen seiner Vergangenheit, bis aus dem zeitverschwommenen Grunde die Erinnerung an Worte heraufklang, die sein Vater einst im Gespräch mit der Mutter über den alten Schlosser Neefe, den Vater des Inspektors, gebraucht hatte. Einen luderhaften Hämling, einen grundschlechten, gemeinen Menschen hatte er ihn damals genannt. Mit der Erinnerung an diese Worte seines Vaters stieg etwas von dem Abscheu, den er damals als Junge empfunden hatte, wieder in das gealterte Herz Jochen Maechlers, so daß er mit dem Anziehen seiner Kleider nicht zurechtkommen konnte, sondern fortfuhr, die Hosenträger immerfort an- und loszuknöpfen ... na ja, vielleicht ... wahrscheinlich hat mein Vater den Kerl ... den alten Hund ... ja, ins Wasser gestoßen ... wer weiß ... So trieb es der Gerber vor dem Fenster stehend, hörte seine Frau am Herd hantieren, mit dem Geschirr wirtschaften, nach ihm rufen, und kam doch aus dem Brunnen der Vergangenheit nicht ganz herauf in das Licht der Bewußtheit, bis Christine die Tür aufstieß und in heiterem Unwillen rief: »Heda, Jochen, los! Ziehst du wieder mal mit den Hosen die halbe Welt an? Komm Kaffeetrinken und laß das Kegelschieben im Kopf.« Dabei nahm ihn die handfeste Frau lachend unter den Arm und bugsierte ihn in die Wohnküche an den Frühstückstisch. Dort rückte er sich auf dem Stuhl zurecht und arbeitete versunken seine Portion in sich hinein. Christine aber langte mit keinem Finger nach der geheimen Innentür Jochens, die, das fühlte sie, noch immer offenstand. Als der Gerber mit seiner Mahlzeit ans Ende gekommen war, schob er Töpfchen und Schneidebrett von sich, stützte die Ellenbogen auf die Tischkante und sah nach einigem Sinnen sein Weib hell an. »Weißt du, Christel, was du die Nacht von dem Inspektor gesagt hast, mag alles seine Richtigkeit haben. Aber das ist sicher, zwischen meinem und seinem Vater, dem alten Schlosser Neefe, müssen verfaulte Häute gelegen haben. Und wie ich vorhin am Fenster gestanden habe, ist mir von da sozusagen der Gestank in die Nase gestiegen.« »Du meinst, es hat zwischen den beiden Krach gegeben.« »Sicher. Aber genau weiß ich das nicht. Denn als ich auf die Welt gekommen bin, war der alte Neefe längst vom Heidewasser verschluckt und seine Frau mit dem Jungen, eben dem Inspektor, über alle Berge.« Christine schloß nach den Darlegungen ihres Mannes einen Augenblick überlegend die Augen, schüttelte dann mit beiden Händen ihren eigenen Kopf und fragte dabei auflachend: »Jochen, Jochen! Ha! und deswegen stinkt es in dir, wenn du an den Inspektor denkst?« Maechler ließ seine Frau auslachen, erwiderte vorderhand nichts, erhob sich und ging wie suchend in der Stube umher, während Christine hinter ihm drein alles Lobenswerte wiederholte, was sie gestern abend von dem Inspektor gesprochen hatte. Ihre leidenschaftliche Einrede endete mit der Frage: »Und wenn dein und sein Vater, ehe du geboren warst, feindselig gegeneinandergerannt sind, was könnt ihr beiden dafür, du und er?« Maechler ließ darauf die Türklinke fahren, die er schon erfaßt hatte, um hinaus an die Arbeit zu gehen, wandte sich zu seiner Frau herum, sah eine Weile unschlüssig zu Boden, zuckte die Achseln und sagte dann fast wie entschuldigend: »Na ja, Christel, ich tret' ihm ja auch nicht auf die Stiefel. Fällt mir nicht ein. Aber was kann ich dafür, wenn es von weit her in mich hineinstinkt? Von einem dreckigen Dache kommt halt kein reines Wasser. – Christel, Christel! Und wie der Inspektor dem dicken Witschel das Haus abgeluchst hat, das ist meiner Seele auch keine Honiglecke. Nein!« Damit ging der Gerber energisch durch die Tür. Trotzdem nahm sich Frau Maechler fest vor, von ihrem Friedenstiften nicht abzulassen. Während ihr Jochen an den Loh- und Weißgartonnen fleißig werkte, betrieb sie die sonnabendliche Generalreinigung des ganzen Hauses, und ihre braunen Augen glänzten dabei vor lauter Entschlossenheit noch blanker. Wahrend sie schrubberte, wischte und rückte, trällerte und summte sie Lieder durcheinander, hielt aber in ihrem jagenden Fleiß dann und wann plötzlich inne und horchte in das Haus hinein nach ihrem Jochen, der in der Walkkammer droben polternd werkte. Und jedesmal, wenn sie so seiner habhaft geworden war, lachte sie hellauf. »Jaja, mein Lieber«, sagte sie dann übermütig vor sich hin, »immer rumor'. Raus mußt du doch in die Welt, ins Helle. Nein, Jocherlein, das hilft dir alles nichts.« Als der Meister nach dem Walken über die Bodentreppe herabkam und die Tür öffnete, fand er alle Stuben blank und festlich geordnet, aber von seinem lieben Weibe war keine Spur zu entdecken. Na ja, der Vogel war ausgeflogen, wohl in den Ort zum Einholen. Merkwürdig, daß alle Frauen der Erde den Sonnabend um des Sonntags willen erwürgen. Jeder Tag muß übrigens des nächsten halber umgebracht werden. So bleibt die Welt bestehen. Solches einen Augenblick bedenkend, begab sich der Meister in die Werkstatt zurück, von einer Hoffnung licht übernebelt, für die er keinen Grund wußte. Zur gleichen Zeit ging Christine, den Einkaufskorb am Arm, die Rehberger Straße hinauf und ließ ihre flinken, dunkelbraunen Augen fleißig umhergehen, teils nach den besten Einkaufsmöglichkeiten zu spähen, teils unauffällig das Betragen der Leute zu beobachten. Kein bedrücktes Vorübergehen, kein Scheelsehen, kein Zurückweichen ins Haus bei ihrem Nahen war mehr wahrzunehmen. Die dicke Frau Kaufmann Stiller rief ihr über die Straße einen neckischen Gruß zu, der Wirt der »Preußischen Krone« machte hinter dem Fenster einen ergebenen Diener, dem Photographen Anders, der eben aus dem Hause trat, als sie auf dem Bürgersteig federnd und frisch herankam, flog helle Bewunderung über das bartlose Gesicht. Geschmeichelt und etwas verwirrt eilte sie weiter, der engen Hospitalgasse zu, die vom Gemeindeamt auf den Schloßplatz führt. »Das ist ja wie sonnenverhext«, dachte Christine, als sie plötzlich den ganzen Schloßplatz im Lichte zittern sah. »Jaja, mein lieber Jochen«, sinnt sie, »in Wilkau gibt es auch anderes als stinkende Häute zwischen den Menschen. – Nun fehlt bloß noch, daß mir Neefe in den Weg läuft«, spinnt sie den Gedanken zu Ende und lacht sich verspottend aus. Und wirklich, die geheimnisvolle Führung gebraucht manchmal so scheinbar absichtslos zur Förderung ihrer Ziele das Maskenspiel des Daseins, kaum hatte Christine ein paar Schritte auf der engen Hospitalgasse getan, sah sie den Inspektor auf sich zukommen. Er kam in seiner gewohnten Stößigkeit, mit gefurchter Stirn vor sich hinsinnend, die Gasse herauf und lenkte, ohne aufzusehen, nach der linken Seite, um an ihr vorbeizuhasten, als er wie berührt aufsah und Christine erkannte. Mit eins war sein Sinnen fortgeblasen, und seine wasserblauen Augen strahlten in einer tieferen Wärme als jene gutmütige Heiterkeit war, durch die sich die meisten Wilkauer von ihm gewinnen ließen. »Schön, daß ich Ihnen begegne, liebe Frau Maechler«, sagte er, ihre freie Hand ergreifend, »wirklich schön. Sie sehen so glücklich aus. Da geht's zu Hause auch gut. Wie?« Neefe sprudelte alles ungeduldig heraus, rückte den Kragen am Hals herunter, als kämpfe er gegen ein Würgen, und plauzte ein glückliches Auflachen aus seinem breiten Munde. Und ehe sie antworten konnte, jächten seine Worte schon weiter: »Na, und wie geht's Ihrem Herrn Gemahl? Er soll doch mal 'rauskriechen aus seiner Feldgasse. Das Wetter wird mit jedem Tage besser für ihn. Aber Mühe macht's, das können Sie mir glauben, liebe Frau Christine. Ja ...« Er mußte sich unterbrechen, denn ein Brettwagen bog in die enge Gasse, und Neefe zog mit einem festeren Griff um den vollen Oberarm, als es nötig war, die Frau an die Hauswand, und im Rattern des vorbeifahrenden Wagens redete er weiter von Widerständen, die er eben für Maechler im Gemeindeamt überwunden habe und sog bei dem überhasteten Sprechen mit leisem Schlürfen den Speichel herauf, der ihm aus den Mundwinkeln zu treten drohte. Endlich kam Christine doch dazu, ihm zu sagen, daß das Mißtrauen Jochens gegen den glücklichen Umschwung in Wilkau nun ganz geschwunden sei, und daß es jetzt an der Zeit sei, an den Besuch zu denken, von dem Neefe das vorige Mal mit ihr gesprochen habe. »Gut, gut«, erwiderte Neefe immer noch im Galopp. »Ja, ich komme, heute, Sonnabend, da wird's gehen, gegen Abend. Ja, es hat außerdem noch was Wichtiges, sozusagen Weites zu reden. Ich will noch nicht sagen was. Aber ich komme eben vom Gemeindevorsteher und gehe direkt zum Grafen.« Christine konnte ein Lächeln über diese, wie ihr vorkam, unechte Ekstase Neefes nicht unterdrücken und fragte: »So etwas Wichtiges ist es?« Neefe sah sie groß an, strich ernst mit ausgestrecktem Arm alle Luft weg und sagte dann: »So was. Ganz Deutschland geht es an, die ganze Welt. Und Maechler muß mit, jawohl, muß.« »Freilich, freilich«, sagte bereitwillig Frau Christine. »Aber vorderhand machen meinem Mann die Begräbniskosten noch Sorge.« Neefe kniff die Augen ein und schüttelte lächelnd überlegen den Kopf. »Ach, der liebe, gute Kelvel! Lassen Sie gut sein, wenn ich bloß mit dem kleinen Finger bei ihm antippe, daß der Sohn seines Freundes sich deswegen Kopfzerbrechen macht, wird aus der ganzen Geschichte ein Pappenstiel.« Er hob den Kopf und platzte ein geringschätzig fröhliches Lachen heraus, verstummte aber plötzlich, trat einen Schritt zur Seite und verbeugte sich in ehrerbietiger Devotion fast bis zur Erde, wobei er Christine scheu zuflüsterte: »Der Herr Graf ... auf dem Balkon.« Frau Maechler, die mit dem Rücken gegen das Schloß gestanden hatte, wandte sich um und grüßte auch durch Kopfneigen, denn wirklich, Graf Schilling stand droben und nickte mit jovialem Lächeln zu den beiden herunter, während ein anderer fremder Herr neben ihm, breitschultrig, mächtig, mit kahlem Vorderhaupt und einem grauen Vollbart, der die ganze Brust bedeckte, von dem Vorgang keine Notiz nahm, sondern ernsten Gesichtes auf den Schloßplatz niedersah. Neefe flüsterte: »Das ist der Graf Harrach«, und setzte laut fort: »Nun muß ich aber gehen, ich werde erwartet. Leben Sie wohl, grüßen Sie Maechler, heute nachmittag komme ich also.« Er drückte ihr die Hand zum Schreien und stob, daß die Absätze auf dem Katzenkopfpflaster klapperten, eilig davon. Viertes Kapitel Dieser Sonnabend war einer jener späten überklaren Herbsttage, an denen der Sommer noch einmal auf der Erde zur Herrschaft gekommen zu sein scheint, nicht wirklich, sondern wie ein verklärter, geisterhafter Traum. Der Himmel hing unwirklich hoch, in durchsichtiger, glasklarer Bläue. Das Licht spielte wie sonnenverloren um alle Dinge, so daß sie von innen leuchteten, und das Licht war auch zugleich ein mildes Hauchen der Luft, das aus keiner bestimmten Gegend kam, sondern gleichsam sich nur deswegen schwebend bewegte, um die letzten goldenen Blätter traumhaft von den Bäumen zu lösen. Das Heidewasser zählte singend seine Wellen, und dann und wann stümperte ein Vogel selig an seinem vergessenen Liede. Das Riesengebirge aber wogte in versunkenem Selbstbestaunen über dem wuseligen Wilkau noch tiefer in den verklärten Himmel hinauf als je, und auch das Gerberhaus auf der Feldgasse wurde auf solche beschwingte Art weiter durch den Tag getragen. Beim Mittagessen, das diesmal mehr als eine Stunde später auf den Tisch rückte und, schnell durch die Töpfe gejagt, einfacher als sonst geraten war, gelang Jochen beim besten Willen kein Mäkelwort, denn Christine war von so glückhafter Spannung erfüllt, als sei ihr langer Kauf gang durch den Ort eine Reise durch eine weite bunte Welt gewesen, und wenn sie von Bäcker, Fleischer, Gemüsefrauen und Kolonialwarenhandlungen erzählte, glänzten ihre Worte im Licht eines unsagbaren Erlebnisses, so daß der schwere Gerber sie mit großen Augen bestaunte und von einem zum anderen begieriger auf die Auslösung des beseligten Klanges wartete, von dem all ihre Worte getragen waren. Allein es ging von der Rehberger Straße auf den Schloßplatz, am Langen Haus vorbei, über die Gansertbrücke, die Ziethenstraße und so weiter, und wurde nicht mehr, aber das ganze Wilkau lag plötzlich in einem noch nie erfahrenen Schimmer vor Jochen Maechler, daß er verwundert einen Blick durchs Fenster tat und dann dankbar seine Hand auf die Christines legte, durch die ihm diese Verwandlung des Ortes geschenkt wurde, der monatelang sein Dasein so niedergedrückt hatte. »Jaja, mein lieber Jochen«, sagte Christine beglückt, »wenn man die Tür aufmacht, da geht auch das Herz auf.« Und da der Gerber dann doch den Kopf senkte und von den Begräbniskosten zu reden anfing, stand die heitere Frau resolut auf. »Nein, nein, davon reden wir jetzt nicht, jetzt bestimmt nicht. Vielleicht heute abend, wenn's Zeit ist.« Dabei fuhr sie ihm liebkosend über den Kopf und begann den Tisch abzuräumen. Jochen aber begab sich wieder hinüber in die Werkstatt und sann unterwegs über das Geheimnis der Ehe nach, daß der Mann im Weibe einen Vogel nimmt und einen ganzen Schwärm kriegt. Christine aber spielte in spitzbübischer Heimlichkeit mit einem Glück, von dem sie ihrem Mann nur den Klang zu kosten gegeben hatte. Es war ihr gelungen, durch die heitere Erzählung ihrer Einkaufsfahrt in Wilkau Jochen die Unterredung mit Inspektor Neefe über seinen heutigen Besuch im Gerberhaus zu verschweigen, und was sie sonst noch so lange im Städtchen aufgehalten hatte. Eine richtige Überrumpelung des lieben Mannes sollte das werden, bei der auch dem alten Pfarrer Kelvel und später der Frau Neefes eine Rolle zugedacht war. Heimlich bereitete Christine einen kleinen Abendimbiß und verbarg ihn in dem Topfschrank, legte eine neue Decke über den Tisch, machte sich etwas netter zurecht als an anderen Wochentagen und brachte es dann auch mit heiterer Tücke fertig, Jochen eher als sonst aus seiner Arbeitskluft in ein paar andere Hosen zu schwatzen und ihn zeitig genug auf die Bank unter den Frontspieß des Hauses zu dirigieren. Natürlich hatte sie nicht verhindern können, daß ihr Mann trotz seiner gelassenen Gutmütigkeit hinter ihrer Vielgeschäftigkeit eine Überraschung ahnte, die sich auf ihn zu bewegte. Aber er lächelte vor sich hin und spielte den Arglosen so vollendet, daß Frau Christine an dem Gelingen der geplanten Unternehmung nicht zweifelte. Gegen fünf Uhr, der Gerber saß schon eine halbe Stunde und war eben im Begriff, sich zu erheben und Christine auf den merkwürdig rotgoldenen Lichtdunst aufmerksam zu machen, den die untergehende Sonne hinter dem Walde des Scholzenberges herauftrieb, als er den Inspektor Neefe, den Kopf gesenkt, als zähle er die Pflastersteine, stößig, wie es seine Art war, die Feldgasse hin am Gerberhaus vorbeitraben sah. Am Ende des Maechlerschen Gartens riß es ihm den Kopf herauf wie einem, dem Vergessenes plötzlich durch den Sinn fährt. Er drehte sich um und schob dabei etwas überlegend seine blaue Schildmütze aus der Stirn. ›Na, na!‹ sann Jochen Maechler, der ihn beobachtete, ›was ist denn dem in die Krone gefahren?‹, und ließ sich neugierig wieder auf die feste Bank nieder. Aber da erblickte ihn auch Neefe, nickte auf das freudigste grüßend und kam in jähem Entschluß wieder zurück, durch das Gartenpförtchen gerade auf ihn zu. Obwohl der Gerber bei seinen seltenen Gängen durch Wilkau ihn immer nur von ferne gesehen und noch keinmal mit ihm gesprochen hatte, benahm sich Neefe wie ein alter Bekannter, schlug sich beim Herankommen mit glücklichem Auflachen auf den Oberschenkel und streckte Maechler die Hand entgegen, indem er beteuerte, wie unendlich es ihn freue, seiner doch einmal habhaft zu werden. Mit guter Miene ergriff der Gerber die dargebotene Rechte, murmelte höflich einige Worte der Genugtuung und rückte zögernd etwas auf der Bank hin, um ihm Platz zu machen. Ja, da gebe es keinen Pardon, sprudelte Neefe ohne Anhalten auf den Gerber ein, indem er sich auf der Bank zurechtsetzte. Man werde, ob man wolle oder nicht, durch den Tag getrieben, bald vor der eigenen Karre, bald als Zugtier fremder Wagen. Eben sei er auf dem Wege zur Glaeserschen Gärtnerei gewesen, um dort die Saalausschmückung zu dem Gründungsfest zu besprechen und so weiter. Denn wirklich, es scheint, daß, wo in Wilkau etwas im öffentlichen Interesse gemacht werden soll, der Pack nur auf einem Rücken abgeladen werden könne, nämlich auf seinem. Dann lachte er in gutmütiger Heiterkeit laut hinaus und fing mit Daumen und Zeigefinger das Speicheln in seinen Mundwinkeln auf. Jochen sah ihn mit kritischem Verwundern von der Seite an und fragte sich, worauf das hinauswolle und ob das vielleicht der Anfang des Treibens sei, das von seiner Christel eingefädelt worden war. Darum bekräftigte er in leerer Gefälligkeit Neefes Redestrom mit den belanglosesten Worten: »Jaja, so wird's auch sein. Einer muß es eben machen.« Neefe lächelte heiter ironisch dazu und holte wieder zu langen Auseinandersetzungen aus, die wie wirr überall umherwirtschafteten und doch spürbar auf einen Punkt zusteuerten: »Das sagen Sie so, Herr Maechler, wie alle Wilkauer. Aber ich bin anderer Meinung: Hinz und Hans machen Halbes ganz. Jeder an seiner Stelle muß mithelfen. Nur so kann das Leben seinen Schick kriegen.« Dann schweifte er ohne Übergang auf die großartigen oberschlesischen Gruben- und Hüttenverhältnisse ab, die aber doch die Menschen in einem solchen Lastenwirbel drehen, daß kaum an Atemholen zu denken sei, weswegen er rechtzeitig von da Reißaus genommen habe. »Schöne Gegend, das muß man schon sagen!« begann er wieder nach einer Pause, mit der er Maechler, aber vergeblich, aufs neue zum Sprechen bringen wollte, und drehte dann behaglich seine Beine. »Wirklich mit die schönste fast in ganz Deutschland«, vollendete er und schaute über Baumwipfel und Häuserdächer in den Himmel. Maechler nickte nur. »Na, und im Grunde meine eigentliche Heimat. – Ja, wie lange ist das her, daß ich von Wilkau fort bin! Gut, nein netto 43 Jahr. Es ist zum Lachen. Also 50 Jahr ist man. Wie die Zeit geht! Und wie alt sind Sie, Herr Maechler?« Dem Gerber fuhr es durch den Kopf, wie leicht es ein Mann habe, der so daherschwatzen könne wie dieser Neefe. Deswegen mußte er sich wie aus einem Nebel aufraffen und fragte gleichgültig wieder: »Wie alt ich bin? Ä, das ist doch egal. Aber ich denk', so sieben Jahre jünger als Sie, Herr Neefe.« Der Inspektor spürte wohl, wie ihn der Gerber von sich schob. Allein, nun hatte er es satt. Man mußte doch vom Flecke kommen, darum faßte er Maechlers Knie, rüttelte es und sagte heiter: »Herrgott nochmal, immerfort ›Herr Neefe‹ und ›Herr Maechler‹ hin und her. Das ist, als wenn zwei Fremde um ein Loch laufen. Und wir zwei gehören doch zusammen.« Maechler sah ihn fragend an. »Jawohl zusammen«, beteuerte Neefe noch entschiedener. »Ich lauf mir die Beine ab auf den Wilkauer Katzenköpfen und red' mir den Mund fußlig, um den Dreck wegzuräumen, den man um das Haus hier zusammengeschwatzt hat. Doch nicht um meinetwillen, bei Gott nicht! Nein, mir läuft eben immer noch die Galle über, wenn ich sehe, daß irgendwo Unrecht geschieht. Jawohl, ich trete die Schaben tot, wo ich sie finde. Mein lieber Maechler, verlassen Sie sich auf mich. Sie brauchen sich vor dem Gezücht nicht mehr ins Haus zu verkriechen. Wir zwei werden die Geschichte hier in Wilkau schmeißen. Da gibt's kein ›Herr Maechler‹ und ›Herr Neefe‹ mehr. Wir sind Freunde. Hier meine Hand.« Wie von Trommelwirbel betäubt und benommen, schlug Jochen Maechler in des Inspektors dargebotene Rechte. Was blieb ihm anderes übrig? Er wußte nicht, wie ihm geschah. Zudem erschien, wohl von der lauten Stimme Neefes angelockt, Christine auf der Haustürschwelle und trat zu den beiden Männern. Neefe ließ Maechlers Hand sofort fahren, sprang wendig auf und machte eine übertriebene, kavalierähnliche Verbeugung. »Das ist doch deine liebe Frau, Maechler?« fragte er den fassungslosen Gerber, der nicht wußte, ob er nur nicke oder ja sage, und hörte dann Neefe wie aus einer Kugelspritze reden, von seiner Freude, auch sie persönlich kennenzulernen, die er sonst immer von weitem habe hinhuschen sehen, und wie glücklich er sei, daß sie im rechten Augenblick herausgekommen wäre, da es ihm gelungen sei, ihren Mann von seiner ehrlichen Freundschaft zu überzeugen. »Nein, lieber Maechler«, endete Neefe seine Ansprache und dämpfte seine Stimme herzlich, »bei so einer exzellenten Frau gibt's kein Hinter-der-Tür-Sitzen. Liebe Frau Christine, Sie glauben nicht, wie glücklich ich bin! Hehehe, dieses Haus soll eine Art Räuberhöhle sein!« Seine wasserblauen Augen hingen fasziniert an ihrer appetitlichen Fülle, und zugleich war ein fragendes Fordern in ihnen. Freudig bejahend ließ Christine ihre oberen Lider über die Augen sinken. Nach dieser Zwiesprache, die den Bruchteil einer Sekunde dauerte, brach Neefe noch übermütiger-höhnisch in eine Wiederholung des Ausrufes von der Räuberhöhle abermals in Lachen aus und ersuchte dann allen Ernstes, ihm die Folterkammern und Falltüren des Hauses zu zeigen, um die Wilkauer Welt doch mal ordentlich in alles einzuweihen. »Jaja, es ist ja bekannt«, so endete er verächtlich persiflierend sein Ersuchen, »da drüben ist doch die Mauer, von der dein Vater meinen Vater ins Heidewasser gestoßen haben soll. Hehehe, alles stimmt ganz genau. Der alte Maechler ein Mörder, der alte Neefe ein schlechter Kerl. – Ä, Mistnasen riechen eben Jauche! Das ist halt nu so in dieser Welt«, fügte er widerwillig hinzu, zog dann seine Uhr und sah suchend nach der Feldgasse, auf der der greise Pfarrer Kelvel, unsicher schwebenden Schrittes, eben auftauchte. Darauf griff Neefe schnell den Gerber herzlich unter den Arm und rief aus: »Nu aber los, Maechler, ich will doch dein Haus sehen.« Und während er an dem Meister zog, der sich wie ausgeschert vorkam, ruckte es ihm den Kopf nach der Gasse, wo Kelvel indes das Gartenpförtchen erreicht hatte. Höchste Freudenüberraschung heuchelnd, ließ er Maechlers Arm plötzlich fahren und grüßte: »Gelobt sei Jesus Christus, Herr Pfarrer! Wollen Sie nicht einen Augenblick heraufkommen?« Da der alte Herr aber lächelnd den Kopf schüttelte, tuschelte Neefe Maechler zu, daß er mitgehen müsse, faßte ihn unter und schritt so eilig auf den Pfarrer zu. Nachdem die Begrüßung vorüber war und auch der Gerber etwas betreten, aber in gesammelter Würde seine Einladung zu einem kurzen Sitzlein angebracht hatte, sah der Greis die beiden Männer wohlgefällig an, schüttelte abermals den Kopf, entschuldigte sich seines Alters halber und da er doch noch für die morgige Predigt arbeiten müsse. »Nein, nein, ich kann nicht, lieber Herr Maechler. Aber glücklich bin ich, da ich den Frieden gesehen habe. An dem guten Neefe haben Sie, Herr Meister, den uneigennützigsten, besten Freund. Gottes Segen euch beiden. Und hier, Herr Neefe, das Versprochene.« Damit reichte er dem' Inspektor einen Brief, begrüßte auf das herzlichste auch die herzugetretene Christine und entfernte sich dann, auf den Stock gestützt, mit den schwebend unsicheren Schrittchen hohen Alters. Jochen Maechler sackte tief versonnen ein, wandte sich mit einem Ruck um und ging, als sei er allein, auf das Haus zu. Neefe und Christine folgten plaudernd. Der Inspektor tippte bedeutsam auf die Seitentasche, wo er des Pfarrers Brief untergebracht hatte, nickte übermütig in die fragenden Augen der Frau und genoß die Bewunderung, mit der sie ihn anschaute. Als sie die drei Stufen zum Hauseingang emporstiegen, faßte Neefe den vollen Arm Christines mit leidenschaftlichem Griff und stieß einen ringenden Atemzug aus, so daß die Frau sich schnell mit einem verweisenden Schritt nach vorn von ihm entfernte, denn sie hatte eher als die blutumnebelten Augen des Inspektors in dem dämmerigen Hausflur ihren Jochen gesehen, der wartend an der Tür zum Wohnzimmer stand und beim Eintritt der beiden so nach ihnen zurückschaute, daß das Weiße seiner Augen verzehrend aufleuchtete. Es war etwas Erschreckendes in diesem Blick und zugleich eine so verächtliche Entschlossenheit in seinem Gesicht, daß Christine auf ihn zueilte, innig seine herabhängende Hand ergriff und ihm schalkhaft liebenswürdige Vorwürfe über sein »unsinniges Rennen« machte. Jochen aber berührte zart ihre erglühende Wange und sagte leise: »Laß gut sein, Christel, ich weiß alles.« Dann schob er sie energisch zur Seite und rief dem zögernd herantretenden Inspektor mit schneidendem Lachen zu: »Na, 'ran, aber dalli, mein bester Freund!« Es war eine beladene Situation, da der sonst so gutmütige Gerber diese Beteuerung des priesterlichen Greises offenbar mit heiterer Ironie wiederholte. Aber Neefe wäre nicht Neefe gewesen, wenn er durch diesen unvermutet hervorbrechenden Sarkasmus sich hätte an die Wand drücken lassen. Mit dröhnendem Lachen erfüllte er den Flur. »Da hast du recht, lieber Maechler. Der hochwürdige Herr kennt mich lange genug; denn meine Frau ist seine Nichte brüderlicherseits, und wegen ihm bin ich in dieses schöne Wilkau zurückgekehrt. Lieber Maechler, ja, Wilkau ist doch schön! Nicht wahr, Frau Christine, schön, schön, was?« Die Gerberin, die in seinen Worten den unbezähmbaren Ausbruch seines Blutes hörte, erblaßte und sah zur Seite. Neefe aber griente belustigt, holte aus der Seitentasche den Brief, den er von Pfarrer Kelvel empfangen hatte, wog ihn ein Weilchen überlegend in der Hand und überreichte ihn dann Maechler. »Hier nimm, er ist für dich bestimmt. Aber aufmachen darfst du ihn erst, wenn ich wieder um die Ecke bin. Ich verlaß mich auf Sie, Frau Christine, versprechen Sie mir's in die Hand.« Seine Stimme war jetzt einfach und herzlich, sein Wesen gar nicht mehr erlogen aufgemutzt, der Griff seiner Hand ohne gieriges Zupacken. »Ihr seid zwei merkwürdige, gute Menschen«, sagte er noch leise ergriffen, sah beide erstaunt, wie etwas Weltseltenes an und wiegte verwundert den Kopf dazu. Nach diesem Abwege in echtes Gefühl aber sprang er unvermittelt wieder in seine leere Aktivität und trieb, ehe es vollkommen finster würde, zu der versprochenen Besichtigung des Hauses. Von der Wohnstube aus warf man einen Blick in die Schlafstube, die Neefe als nette Liebeswerkstatt bezeichnete, ging über den Flur in das geräumige Zimmer, das, nach dem kurzen Dasein als gute Stube unter dem alten Maechler, wieder zum Laden des Lederausschnitts geworden war und nahm die beiden Mansardenzimmerchen des Frontspießes in Augenschein. Mühsam tappend, denn es war indessen fast vollkommen Nacht geworden, stieg man über die steile Bodentreppe hinunter, Neefe hinter Frau Christine, die es unwillig dulden mußte, daß der Inspektor einigemal, wohl mit »Holla!« und »Verzeihung«, stützend nach ihrer vollen Schulter langte und genießerisch zugriff. Im Hausflur angekommen, schritten die drei, von Maechler unauffällig geführt, durch die Haustür und traten auf die kleine Rampe unter dem Frontspieß. Christine spürte wohl die Absicht ihres Mannes deutlich, den Inspektor nun loszuwerden, aber wenn auch ihre Vorliebe für Neefe durch seine plumpen Vertraulichkeiten erschüttert worden war, so erschien es ihr nicht nur unklug und undankbar, sondern gefährlich, Neefe jetzt schnell auf die Feldstraße zu leiten. Das Eintreffen Agnetes, der Frau des Inspektors, stand nach den Abmachungen zudem noch auf dem Programm. Deswegen beteiligte sie sich an der spaßig geführten Scheinunterhaltung fast nicht, sondern lugte heimlich wieder und wieder nach dem in der Dunkelheit kaum mehr zu unterscheidenden Gartenpförtchen. Frau Neefe erschien nicht. Da platzte Christine kurz entschlossen in das unnötige Gerede der beiden Männer mit der Einladung an Neefe zu einem Schnittchen, verschwand, ohne auf des Inspektors gut gespielte Weigerung zu hören, schnell im Hause, wo bald das Licht der Petroleumlampe aufflammte. Und während sie drin eilig hin und wider ging, begann Neefe scheinbar absichtslos von dem zu sprechen, was das eigentliche Ziel seines Unternehmens im Gerberhause war, worüber er Christine allerdings nichts gesagt hatte. Sie war im Glauben gelassen worden, daß der Anschlag zum Wohle ihres Mannes mit einem gemütlichen Zusammensein der beiden kinderlosen Ehepaare enden solle. Die Nacht war fast sommerwarm, und Neefe schlug dem Gerber vor, die Zeit, bis sie von Christine gerufen würden, im Freien auf der Bank zuzubringen. Jochen ergab sich wortlos dem Vorschlag, und schon steuerte der Inspektor auf die politischen Ereignisse der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart zu, indem er den Gerber fragte, ob ihm nicht die Aufregung aufgefallen, von der seit ein paar Wochen Wilkau und die ganze Umgebung erfüllt sei. Maechler hatte nichts gemerkt, und wenn das auch der Fall gewesen wäre, so hätte er aus purer Widerspruchslust es nicht zugegeben. Neefe ließ sich durch die Gleichgültigkeit des Gerbers nicht beirren, sondern begann von der Pflicht jedes wahren Deutschen zu reden, mit Ernst und Hingabe die Aktion der großen Politik zu verfolgen. Deutschland liege wohl in Europa und beginne doch bald über die ganze Erde zu reichen. Und wenn die Kanonen in fernen Weltteilen losgingen, so müßten wir Deutschen um das Dach unseres Staates besorgt sein. Denn gegen wen anders als gegen die Sicherheit Deutschlands sei der Vernichtungskrieg Englands gegen die Buren gerichtet gewesen? Das hätten alle guten und wahren Deutschen gespürt. Daher rühre die Begeisterung, mit der die menschengroße, weit ausschauende Depesche Kaiser Wilhelms des Zweiten an den Präsidenten Krüger aufgenommen worden sei. »Siehst du nicht, Maechler, daß unser herrlicher Kaiser in die rechte Kerbe gehauen hat? England erniedrigt uns vor der ganzen Welt. Seine Königin Viktoria lehnte den Besuch Wilhelms zu ihrem Regierungsjubiläum in verächtlicher Weise ab und hat sich damit einverstanden erklärt mit allen hundsgemeinen Machinationen des Prinzen von Wales, die auf nichts als eine Demütigung unseres herrlichen Kaisers und den Ausschluß Deutschlands als Weltmacht abzielen. England ist unser gefährlichster Feind, und wir können uns nicht anders wie durch den Bau einer Kriegsflotte gegen ihn wehren, sonst sind wir verloren, alle ohne Ausnahme, auch wir in Wilkau. Man frißt uns wie Buren und Kaffern.« Neefe holte tief Atem nach diesem leidenschaftlichen Ausbruch zusammengelesener Schlagwörter, von denen ein großer Teil des deutschen Volkes damals auf das Wasser gelockt wurde. Maechler aber saß mit auf die mächtige Brust gesenktem Kopfe da und sagte kein Wort. Der Inspektor sah ihn ärgerlich von der Seite an und wollte eben wieder beginnen, als die Haspe des Gartenpförtchens klinkte, und mit vorsichtigen Schritten jemand den Weg heraufkam. Auch Maechler hob sichernd den Kopf. Nun trat die Person in den Lichtschein, der aus dem Fenster fiel. Da sprang Neefe mit dem Ausruf auf: »Da schlag doch einer lang hin! Agnete, wo kommst du denn her?« Noch ehe die Frau mit dem Einkaufskorb am Arm antworten konnte, sagte Maechler mit beißendem Lachen: »Na also!« Dann stand er auf und begrüßte sie mit einer unversehens in ihm aufquellenden Herzlichkeit, gegen die er sich ebenso vergeblich wehrte, wie die Frau, von ihr bewegt, sie genoß und noch schüchterner und betretener jenes Gesetzlein zu ihrem Mann sprach, das ihr eingeprägt worden war. Sie habe auf ihrem Einkaufsgange die alte Therese, des Pfarrers Köchin, getroffen und von ihr erfahren, daß der Onkel Kelvel auf einem Spaziergang durch die Feldgasse gegangen sei. Bis hierher ging die abgekartete Lüge ganz gut; aber nun versagte ihr vor Verlegenheit plötzlich der Atem. »Na, und weiter«, drängte Neefe rauh und stützte die Arme in die Seite, wie ein ungeduldiger Schulmeister ein Pensum abhört. Seine Frau sah ihn ratlos an. »Ach, quäl sie doch nicht so«, damit mischte sich Maechler ein, »das andere ist ja selbstverständlich. Der Herr Pfarrer hat dich bei mir getroffen. Da ist sie hergekommen, um dich abzuholen, nicht wahr, liebe Frau Agnete?« In diesem Augenblick klopfte Christine an das Fenster, und Maechler sagte darauf launig: »Also kommt herein und eßt einen Bissen mit uns. Kommen Sie, liebe Frau Neefe.« Christine empfing Agnete mit ganz echter, glückhafter Überraschtheit und half ihr über die Schüchternheit hinweg, indem sie dankbar ihre Hilfe bei Besorgung der letzten Handgriffe für den Tisch annahm. Die beiden Männer standen derweil am Fenster, und Neefe bemühte sich, das unterbrochene hochpolitische Thema wieder in Gang zu bringen. Da aber Maechler in seiner vorherigen Gleichgültigkeit verharrte, brach Neefe seine Darlegungen plötzlich ab. »Da woll'n mir doch amal sehn, was meine Frau eingekauft hat«, rief er lustig und ging auf den Korb zu, den sie auf die Bank gestellt hatte. Und während er über die Stube steuerte, sagte er bei sich: ›Du, Maechlerhundel, dich krieg' ich doch noch!‹ Beim Korb angekommen aber griff er eine Flasche mit Stonsdorfer, dem beliebten Likör des Riesengebirges, heraus und hielt sie triumphierend Maechler hin. »Was sagst du nun, lieber Freund?« rief er dem Gerber zu. »Hab' ich nicht eine famose Frau? Jaja, die Weiber wissen schon, was den Männern fehlt. Eigentlich ist sie bloß für mich bestimmt. Ich meine natürlich die Flasche, bei meiner Frau versteht sich das von selbst. Aber ich stifte sie für heute abend. Ich meine die Flasche, nicht meine Frau, nicht wahr, Agnete? Das könnte dir so passen, alter Schwede!« Damit gab er Maechler einen herzlich brüderlichen Schlag auf die Schulter. In Maechler stieg nun doch etwas wie richtiger Grimm über diese geschmacklose Anschmeißerei des Eindringlings auf, und er wandte mit eine energischen Ruck Neefe sein ärgerlich fragendes Gesicht zu. Dabei holte er tief Atem. Aber ehe er zu einem höhnischen Wort der Abwehr kommen konnte, klirrte eine Tasse zu Boden. Sie war der erschrockenen Frau Agnete wegen der lüsternen Worte ihres Mannes aus der Hand gefallen, als sie im Begriff war, sie auf den Tisch zu stellen. »Aber, Alex, so was?« sagte sie vorwurfsvoll und sah ihn errötend an, daß ihr fades anmutsloses Gesicht eine Augenblick mädchenschön war. »Ich kann nicht dafür. Da bist du schuld.« »Jawohl, ich bin schuld«, rief Neefe ausgelassen, »ich bin überhaupt an allem schuld. Kinder, ist das nicht herrlich! Scherben bringen Glück, liebe Agnete, vielleicht auch uns.« Das sagte er, indem er sich bückend bemühte, die Tassenscherben vom Boden aufzulesen. Seine Frau, die mit erweichten Knien auf einen Stuhl gesunken war, beteiligte sich am Aufsammeln der Reste, und Christine stürzte hinzu und vertrieb die beiden mit lustiger Grobheit von dieser Arbeit, die ihr allein als Flausfrau zukomme. Es entstand so etwas wie eine fröhliche Balgerei, und doch war alles verlogen. Ja, als die kleine Gesellschaft endlich am Tisch saß, wirkte sich dieser Zwang zu lauter Gemütlichkeit noch weiter aus, unter der der Gerber und Frau Agnete offenbar am meisten litten, während Christine ihre Verlegenheit unter rastlosem Hin und Her zwischen Herd und Tisch verbarg. Neefe hatte ohne weiteres neben Maechler Platz genommen, der die ihm gegenübersitzende Agnete mit ausgesuchter Freundlichkeit bediente und jedesmal verdunkelte Augen und ein ablehnendes Gesicht bekam, wenn der Inspektor besonders heftig auf ihn einsprach oder wieder mit gefülltem Glas ihm zuprostete. Maechler war zwar versucht, mit einem Schlag auf den Tisch sich von dem steten Andringen Neefes zu befreien, aber angestachelt von einigen Gläsern des wohlschmeckenden Schnapses kehrte er sich doch lebhaft dem Inspektor zu, um ihm bei der ersten Gelegenheit gründlich in die Parade zu fahren. Christine sah, wie sich die beiden Falten von der Nase zu den Mundwinkeln in seinem Gesicht vertieften, wie seine Stirn sich immer unheilvoller wulstete und die sonst so gutmütigen Augen starrer und starrer wurden. Darum gab sie ihm unbeobachtet einen Wink. Aber er schüttelte energisch den Kopf und bohrte sich förmlich in die Aufmerksamkeit hinein, mit der er den Darlegungen Neefes folgte. Der war nach vielen Abschweifungen endlich bei der Enthüllung des Planes angekommen, zu dessen Gelingen er unbedingt des Gerbers Hilfe brauche. Noch sei alles geheim und in Vorbereitung; allein in acht bis zehn Tagen müsse die Geschichte steigen. Es handle sich um die Gründung eines Flottenvereins, wie er in hunderten Städten des deutschen Reiches von guten, entschlossenen Vaterlandsfreunden ins Leben gerufen worden sei, um Deutschland den gebührenden, nein, ausschlaggebenden Platz in der Welt zu sichern. »Viel Schiffe, viel Geltung«, das müsse die Losung des deutschen Volkes sein, das hinter dem Kaiser und dem Admiral Tirpitz stehe. Hier lachte der Gerber laut heraus. Und als Neefe erregt fragte, was es da zu lachen gebe, sagte der Gerber ruhig: »Na schön. Weiter.« Der Inspektor kippte sich einen neuen Stonsdorfer hinter die Zunge und sprach mit noch verbissenerer Hartnäckigkeit nun von seinen eigenen Bemühungen um das Zustandekommen eines solchen Vereins in Wilkau. Der alte Kapitän von Machitzki in Scherichsdorf hatte versprochen, den Vorsitz des neu zu gründenden Vereins zu übernehmen und Anhänger zu werben in den Kreisen des verarmten Adels, der seit langem in Wilkau wie in einer Rumpelkammer seinen verblichenen Glanz kümmerlich hochhielt. Diese despektierlichen Worte kamen natürlich nicht über Neefes Lippen, sondern er sprach, um Maechler zu imponieren, nur von dem Grafen von Plettenstoß, dem einstigen Regimentskommandeur der Königshusaren, dem berühmten Gesandten von Radschoff und anderen großen Herren, deren Titel und Namen er genießerisch in die stille Gerberstube rollen ließ, so daß die beiden Frauen durch seine laute Stimme von ihrem haushälterischen Gespräch in erzwungenes Zuhören gescheucht wurden. Das Essen war beendet, und auch Maechler saß nun scheinbar andächtig, während er mit dem Zeigefinger aufmerksam eine Brotkugel hin- und herrollte. Den Inspektor aber litt es nicht mehr auf dem Stuhle. Er sprang auf und begann leidenschaftlich durch die Stube zu laufen, während er dem Gerber jetzt ruhig ohne Umschweife auf den Leib rückte. Er habe es übernommen, das ganze eingeduselte Wilkau auf die Beine zu bringen und es aus der verklatschten Pfahlbürgerenge ins Weite zu treiben. Dem deutschen Michel müsse bis ins letzte Dorf die Zipfelmütze vom Schopf gerissen werden. Deswegen habe er dem versoffenen Witschelschlosser das Schandmaul gestopft und ihn wieder mit dem Hammer an den Amboß gezwungen, deswegen auch habe er nicht geruht, bis das Lügennetz um ihn, den Gerber, zerrissen worden sei. Von der Liebe, die er seit seiner Jugend für Maechler hege, wolle er nicht sprechen. Aber es sei eine Schande, daß der Sohn eines so großen Vaters in der Stube versauere. Bei diesen Worten riß es dem Gerber den mächtigen Oberkörper hoch, aber er bezwang sich und zerrieb nur das Brotkügelchen, mit dem er bis jetzt nachdenklich gespielt hatte, zwischen Daumen und Zeigefinger zu Krümelchen. Und als er sich auf diese Weise gemäßigt hatte, fragte er Neefe, dessen Worte schon wieder zu galoppieren begannen, mit beißender Ruhe: »Halt mal, Neefe! Deswegen also bist du umhergetrabt und hast die Klatschmäuler ausgetreten?« Der Inspektor unterbrach sich etwas betroffen und antwortete dann hell begeistert: »Ja, deswegen, Freund Maechler!« »Verflucht noch mal!« sagte der Gerber dumpf, indem er das Gesicht bei geschlossenen Augen zur Zimmerdecke kehrte. »Jawohl, deswegen!« wiederholte Neefe mit lustigem Herauslachen, »weil ich dich schätze und besser kenne als du selber, und magst du fluchen, soviel du willst. Zwei-, dreihundert habe ich für die Sache auf die Beine gebracht. Die ganze Gemeindevertretung macht mit. Sogar unser gnädiger Herr Graf ist der Bewegung zugeneigt und hat einen großen Globus gestiftet. Du weißt doch, daß er als Katholik und Zentrumsmann vom Kulturkampf her sich noch zurückhält, und weil er als österreichischer Reichsgraf noch starke Verbindungen nach drüben hat. – Übrigens ein herrlicher Mann! – Und da willst du dich ausschließen, Maechler, du, der, ich behaupte es, den Schritt des großen Nathanael im Leibe hat!? Das gibt's nicht! Wir zwei werden ganz Wilkau umkrempeln.« Die beiden Frauen saßen sprachlos, ja atemlos da, Agnete furchtsam, verschüchtert, geduckt, wie in der Angst vor einem drohenden Schlage. Sie hielt den Kopf gesenkt und fältelte mit bebenden Händen das Kleid auf ihrem Schoße. Christine hatte sich in die Schultern gereckt und schaute mit gespannter Brust aus Augen voll verwunderter Erwartung auf ihren Mann, von dem die Entscheidung dieses aufs höchste geladenen Augenblicks kommen mußte. Maechler saß schwer da, aber nicht in der gewohnten, schwammigen Gutmütigkeit – eher wie ein großes Tier vor dem Aufspringen, sah mit großen und schicksalstiefen Augen eine Weile ins Leere, als sammle er sich an einer Erscheinung, die nur für ihn aufgetaucht war, hob dann den Arm und wischte herrschend das Bild aus der Luft, das er erblickte, und das niemand anderes als die Gestalt seiner gestorbenen Mutter war. »Schon gut«, redete er sie versunken an, »hab Dank! Ich weiß, was ich zu tun hab'.« Dann streckte er den mächtigen Oberkörper zu seiner ganzen Länge, daß der Inspektor, der verblüfft auf dem Stuhl an seiner Seite wieder Platz genommen hatte, neben ihm dürftig und kümmerlich wirkte. »Ich versteh' dich nicht, Maechler«, stotterte er fassungslos. Der Gerber sah ihn forschend durch und durch, dann sagte er mit schneidender Schärfe, gegen die ein Widerspruch unmöglich war: »Ihr reitet auf Pferden, die vorderhand bloß in Eurem Kopf traben. Da kann ich nicht, da darf ich nicht und da mag ich nicht mitmachen. Ich lauf auf Beinen, die vor meiner Geburt gewachsen sind. Ich bin ein anderer wie mein Vater, und mich gelüstet es nicht ins Gemeindehaus, weder auf den Schöppenstuhl noch gar in die Vorsteherwürde. Kehrt ihr die Welt rein, soviel ihr wollt. Ich halte mein Haus sicher und licht, und wenn mir's gelingt, bin ich zufrieden mit mir, und der Kaiser und Deutschland und die Welt kann's auch sein. Neefe, was geht mich der Weg zwischen Berlin und Hamburg an, wenn ich von Wilkau nach Rehberg zu wandern habe?« Der Inspektor war von Maechlers Worten, die wie Hammerschläge niedersausten, immer kleiner geworden. Bei dem letzten Satz, der sich an ihn selbst richtete, fuhr er doch auf, um zu antworten, aber es war nur ein rechthaberisches Aufmucken, kein entschiedener Selbsteinsatz, so daß ihn der Gerber gar nicht erst zu Worte kommen ließ, sondern seinen Arm packte und ihn unsanft rüttelte. »Du hast stundenlang auf mich eingeredet, und ich hab's geschehen lassen«, sagte er mit drohendem, fast geringschätzigem Abschütteln, »nun laß auch du mich sprechen. Neefe, nach deiner Meinung sitzt man nur sicher auf einem Stuhl aus fließendem Wasser und geht am besten auf die Glücksjagd aus wie einer, der im Drahtkäfig den Wind fangen will. Nein und noch dreimal nein! Macht Türen und Fenster eures Hauses zu, denn wenn ihr alles offenstehen laßt, dann seid nicht ihr Herr im Hause, sondern das Windpack der Straße, und der Staub von allen dreckigen Stiefelsohlen ist's. Mein armer Vater hat auf dieses Los sein ganzes Leben gesetzt. Laß dir's gesagt sein, Neefe: Ich spiel' in einer anderen Lotterie.« Das erstemal in seinem Leben brach die Welt der geheimen Untergründe seines Wesens los. Der Dämon seiner Familie kämpfte empört gegen das Andringen jener schicksalhaft feindlichen Sippe, die in der Gestalt Neefes neben ihm saß. Jochen Maechler, der scheue, gutmütige Gerber von der Feldgasse, sah plötzlich aus wie ein verwegen kühner Landsknecht, so arbeitete seine Brust, so schnob sein Atem, so wild funkelten seine Augen, so empört stemmte er seinen riesigen Oberkörper mit steifen Armen vom Tisch zurück, daß jeden Augenblick sein Stuhl nach hinten umkippen konnte. Christine hatte mit Erschrecken die Verwandlung Maechlers angesehen. Nun, in diesem höchsten Ausbruch seines Zornes schlug ihre Furcht in Bewunderung um. Sie sprang auf und eilte zu ihrem Mann, der in Gefahr war, mit dem Stuhl nach hinten überzuschlagen, umschlang ihn und zog ihn mit dem triumphierenden Ruf: »Jochen! Mein lieber Jochen!« zu sich herauf. Aber noch ehe er fest auf seine Beine gekommen war, hieb er auf den Tisch, daß alle Gläser klirrten, und schrie: »So, mein lieber Neefe, ist es bei mir.« Dann umarmte er seine Frau und flüsterte ihr ins Ohr: »Liebe Christel.« Was an diesem Abende noch geschah, blieb nur sehr undeutlich in ihrem Gedächtnis haften. Denn alles schwankte in verzaubertem Licht, in dem ganz fern der Inspektor wie ein kümmerliches Häufchen Unrat und seine Frau als verschüchterter plattgedrückter Schatten wirkte. Erst an der Gartenpforte, als ihr Mann und sie von Neefe und seiner Frau Abschied nahmen, erwachte sie etwas aus ihrem rauschähnlichen Zustand. Sie hörte den Inspektor auf ihren Jochen einsprechen: »Also, lieber Maechler, du weißt alle Vorteile, wenn du mitmachst. Deswegen sei kein Bock!«, und vernahm die Antwort ihres Mannes. »Jaja! Ich will mir alles über die Leber laufen lassen. Aber wenn du ein Bock bist, wozu soll ich einer sein. Also schlaf wohl!« Dann lachte er in wilder Lustigkeit auf und versetzte Neefe einen fröhlichen Abschiedsstoß, daß er bis auf die Hälfte der Feldgasse taumelte, nahm sein Weib um den Leib und ging mit reißenden Schritten in sein Haus zurück. Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, noch im finstern Hausflur, kam der ganze Widerwille abermals über ihn. Er ließ sein Weib fahren und sprach voll Ekel: »Alles unecht ... alles erlogen ... vom gutgespielten Stehenbleiben auf der Gasse, über die Freude des Bekanntwerdens mit mir ... das verfluchte ›Gelobt sei Jesus Christus‹ zum Pfarrer ... sein Eintreten für mich eine verzuckerte Schweinerei, um mich in einen Sack zu stecken ... Himmel, Teufel noch mal!« Dann stand er lange wie erstarrt und spuckte immer wieder wortlos aus. Darauf richtete er sich auf, tat einen tiefen, erleichternden Atemzug, und Christine fühlte im Finstern, wie er sich ihr zukehrte. »Ja«, sagte er versonnen mit verwandelter Stimme, »die Agnete, das arme liebe Schäflein tut mir im Herzen leid. Das ist keine Ehe, das ist ein Martyrium. Siehst du, er hat dich auch beschwatzt, der Hund«, und plötzlich brach es wieder los. »Aber es hat ihm nichts genutzt«, rief er. Doch nun war kein Rasseln des Zornes in der Stimme, sondern es strahlte glücklich aus seiner Brust, »gar nichts hat's ihm genutzt. Gelt, du bist und bleibst mein liebes, teures, tapferes Christel.« Damit packte er sie mit solch inbrünstiger Gewalt und riß sie an sich, als wolle er sie erdrücken, daß ihr vor Seligkeit fast die Sinne vergingen. Und dann erlosch das Licht, und die Nacht schweißte die beiden in. einer Liebesglut zusammen, wie sie sie noch nie erlebt hatten. Fünftes Kapitel Am andern Morgen sprang Christine ins Erwachen, wie ein gefangener Vogel aus der Hand in die freie Luft geworfen wird. Sie lächelte glücklich und verwundert über dieses plötzliche Losfahren ins Leben, blieb aber liegen, schloß die Augen und dehnte die Arme über den Kopf, um das etwas nachzuschmecken, was ihr geträumt hatte. Doch es gelang ihr nicht, in den Traum zurückzufinden. Sie kam da nur in ein unermeßliches Lichtwogen hinein, in dem allerhand Wunderliches mit ihr geschehen war, so Wunderliches, als hätte sie mit ihrem ganzen Leibe glücklich gesungen. Ja, er bebte jetzt noch davon, daß sie versucht war, dieses geheimnisvolle Traumlied, das sie noch durch ihren Körper fast unerträglich wollustvoll vibrieren fühlte, mit wacher Stimme hinauszusingen. Allein, es wurde nur eine Art inbrünstiger Jubelschrei, daß Christine über ihre unbegreifliche Verrücktheit erschrak, die Arme herunterriß und sich mit einem Ruck im Bett aufsetzte. Mein Gott, da war sie ja in ihrer Stube, die schon von dem hellsten Sonnenschein ganz erfüllt war, und drüben, das Bett ihres Mannes war leer. So mußte sie ihn doch irgendwo im Hause werkeln hören. Es war ganz still. Nur draußen vor den Fenstern sang der Wind in den entlaubten Bäumen, gemächlich und in sich versunken. Da erinnerte sie sich, daß ja gestern Sonnabend gewesen war und also heute Sonntag sei, sprang aus dem Bett und lief, wie sie war, in die Wohnküche, wo sie an dem auf dem Tisch stehenden Krug, der Tasse und dem Brot erkannte, daß Jochen sich das Frühstück selbst bereitet hatte, wohl weil der Gute sie aus dem tiefen Schlaf nicht hatte wecken wollen. Sonst hätte sie wohl über den komischen Mann ein wenig weiblich überheblich gelächelt, der stockstill sich selber hausfraulich bedient und dann irgendwohin verschwunden war. Aber nach dem Ereignis des gestrigen Abends fand sie sich in diese Überheblichkeit nicht mehr zurück. Denn dieser gutmütige, pflaumenweich wehrlose, geheimnisvoll verschlungene Jochen hatte sich in dem Kampf mit dem Inspektor als ein kluger, wehrhafter Mann erwiesen, vor dem der plärrende, von Hinterhältigkeit geschwollene Neefe fast aller Vorzüge entkleidet schien, die sie ihm in einer Verblendung zugesprochen hatte, die sie jetzt nicht mehr begriff. Und während Christine emsig durch das Haus wirtschaftete, um die vertrödelten Schlafstunden wieder einzubringen und allem den schuldigen Sonntagsglanz zu geben, sann sie über das merkwürdige unbegreifliche Rätsel nach, wieso sie von einem noch nie gefühlten sicheren Glück erfüllt sei, obwohl der ganze mit Neefe ausgeheckte Plan fast vollkommen gescheitert war. Am Ende wurde sie an die Ahnung geführt, sie habe die ganzen sieben Jahre ihrer bisherigen Ehe nur so mit Jochen wie mit einem vertrauten Fremden hingelebt, seit gestern aber sei ihr Wesen von der Tiefe her richtig mit ihm verbunden und in der Nacht Hochzeit gefeiert worden. Als Christine von diesem Gedanken berührt wurde, erschrak sie anfangs bis ins Herz. Sie mußte sich setzen, die Augen schließen, und die Stube, ja ihr ganzes Leben taumelte um sie. Denn das Leben spielt in abgründiger Härte mit uns, auch wenn wir schuldlos sind. Dann aber rettete sie ihr singend wogender Leib wieder in den Glanz, aus dem sie am Morgen so jäh ins Erwachen gerissen worden war, und mit einemmal wußte sie, daß der Traum sie die ganze Nacht fliegend durch eine unendliche Lichtwelt geführt habe und vielerlei mit ihr geschehen sei, an das sie sich aber nicht mehr erinnern konnte. * Der Mittag war längst vorüber, da erblickte Christine, die wegen ihres gefährdeten Mittagessens schon unzähligemal nach Jochen Ausschau gehalten hatte, ihren Mann, von der Heidewasserbrücke herkommend, auf der Feldgasse, den Kopf sinnend geneigt, auf nichts um ihn her, nicht einmal auf seine eigenen Schritte achtend, fast wie ein Lebensverirrter dahingehend, dem es gleich ist, wo er sich in der Welt befindet. Kaum daß er vor den Augen der ungeduldig Wartenden aufgetaucht war, machte sich Christine eilig an den Herd, fachte das Feuer frisch an und rückte den verkühlenden Sonntagsbraten an die heißeste Stelle. Ihr Jochen, der indes das Gartenpförtchen umständlich öffnete und wieder schloß und dann bedrückt sich übern Zaun lehnte und Ausschau in die Welt hielt, in der für ihn Nabe und Rad sich voneinander gelöst hatten, ihr Jochen schlug sich ganz wie sie mit den Folgen des gestrigen Abends. Aber während sie durch eine traumweiße Nacht in ein neues Lebensglänzen gehoben worden war, hatten die verjährten Schattengewalten aus der Reihe seines Vatergeschlechtes wieder Gewalt über ihn bekommen, daß sein Sieg über den scheinheiligen Inspektor gestern abend und die Glut der verspäteten, wahren Hochzeitsnacht scheinbar spurlos an ihm vorübergegangen waren. Und während er das Vorgärtchen langsam hinschritt, immer wieder stehenblieb und die Stockzwinge tiefsinnig in den Sand bohrte, wurde es ihm zur quälenden Sicherheit, daß sein stundenlanges Schweifen um die Grandorfer Teiche bis an den Schwarzhofer Wald wenig, ja fast gar nichts genützt habe. In dieser Woge bitteren Mißmutes stand Jochen endlich unter der Wohnküchentür. Christine, die eben den Braten begoß, rief: »Endlich!« und nickte ihm glühenden glücklichen Gesichtes zu, weil sie alle Hände voll zu tun hatte. Dem beschatteten Jochen fuhr davon ein Schein übers Herz, er trat zu ihr an die Herdglut, legte streichelnd seine große braune Gerberhand auf ihren Scheitel und wollte ihr eigentlich etwas Zärtliches sagen. Beim besten Willen wurde aber nichts daraus. »Jaja, Christel«, sagte er nach einem Stocken mit tiefer, zäher Stimme, »es hat lange gedauert«, nichts weiter, so daß sein Weib betroffen den Kopf wendete und prüfend in sein Gesicht sah, in dem gar nichts von Sieg und Segen, sondern die alte ratlose Gutmütigkeit zu lesen war, nur um den Mund und im Licht der eingekniffenen Augen etwas bitter gewürzt. Frau Christine schob schnell die Pfanne an ihre alte Stelle und legte den Löffel auf den Braten, um durch eine herzliche Umarmung den umschatteten Mann in ihr Glück zu reißen. Als sie sich aber umdrehte, war Jochen schon leise von ihr getreten, lehnte den Stock in die Ecke und hing sein Jackett sorgsam und umständlich an den Kleiderrechen neben der Schlafstubentür, versunken, abseitig, verschollen wie immer. Christine tat wohl einen Schritt zu ihm hin, ließ aber lächelnd von dem beabsichtigten Zärtlichkeitsüberfall ab, ›denn ich kann mich doch nicht auf seinen Rücken hocken‹, sann sie ein wenig schmollend, wendete sich um und fuhr fort, den Tisch zu beschicken. Nicht anders ging es während des Essens zu. Mit Behagen widmete sich der Gerber der sonntäglichen Mahlzeit, trat aber aus seiner unnahbaren Versunkenheit nicht heraus, mochte das Zünglein der Frau auch auf allen Registern spielen. Nur als sie ihn mit seiner Frühflucht aus dem Bett und seiner hinterhältigen Kocherei neckte, blickte er sie aufleuchtenden Auges an and sagte lächelnd: »Jaja, liebe Frau, ich weiß, was sich gehört.« »Nach einer solchen Nacht«, hätte er, nach dem Gefühl der erfüllten Frau, hinzusetzen müssen. Statt dessen glitt nur ein glückhafter Widerschein über sein großes Gesicht, der auch wie von fern noch lange darin hängenblieb, daß das Herz der lieben Frau wieder ganz hochzeitlich aufblühte und sie mit ihrer Hand innig die seine umschloß. »Du lieber, lieber Jochen«, sagte sie dabei verschämt und errötete bis in ihre schwarzen Haare hinauf. Vielleicht wäre dieser Abglanz den ganzen Sonntag in dem Gerberhaus auf der Feldgasse zu Wilkau geblieben, wenn Christine nicht am Ende der Mahlzeit von dem gestrigen Streit zwischen Maechler und Neefe zu reden angefangen hätte. Sie tat es in dem Bestreben, die glückhafte Erhellung ihres Mannes zu befestigen und zu vertiefen. Allein, kaum hatte sie von der Überlegenheit Jochens angefangen, mit der er des Inspektors Wichtigtuerei abgefertigt hatte, als aus Maechlers Gesicht jeder Schimmer verschwand. »Wie denn Wichtigtuerei?« sagte er bitter auflachend. »Für dich war er doch wochenlang der wahre Heiland. He, ist es nicht so?« »Gut, mag sein, Lieber!« entgegnete sie mit freier Stirn. »Ist dir nicht auch schon eine Mücke ins Auge geflogen, Jocherlein, Hand aufs Herz? Aber seit gestern, wo du ihn vollkommen zugedeckt hast, ist er es nicht mehr, kann es nicht sein.« »Na, na, Christel! Zugedeckt sagst du?« »Nicht bloß das, liebster Mann, total erledigt, der schamlose Mensch.« »Falsch, falsch, sag' ich, Christel!« erwiderte er erregt, riß sich von dem Stuhle, trat an das Fenster und, leer hinaussehend, atmete er schwer wie unter einer Last. Dann drehte er sich um, lachte ihr grell ins betroffene Gesicht und sagte spöttisch: »Vielleicht willst du gar noch sagen Sieg, haha! He?« Ein Nachklang von dem leidenschaftlichen Aufbrausen des gestrigen Abends war in seiner Stimme, aber nun nicht triumphierend, sondern messerscharf, höhnisch, daß Christine bedrückt war. »Jawohl, gesiegt hast du, Jochen. Das mußt du doch selbst zugeben«, antwortete sie unsicher, weil sie nicht wußte, was in ihren Mann gefahren war. Jochen lachte abermals, aber nun sehr verbissen. »Nennt sich das Sieg, Weib, wenn es mich auf meinem stundenlangen Gang um die Teiche immer wieder wie ein Wolf anfiel, über die Wiesen geradenwegs nach Wilkau hineinzurennen und vor allen Leuten dem hinterläufigen Kerl, dem ... dem Neefe, die Larve vom Gesicht zu reißen, und so einer zu werden, wie mein unglücklicher Vater war, einer, der erst mit der Linken, zuletzt mit beiden Händen die Straßenmaschine dreht. Nennst du das Sieg, Christel? Nein, eher hat mir der Inspektor mit seinem Giftwühlen und großtuerischen Bellen Schaden gebracht, daß ich an meiner lieben Mutter vorbei wirklich in dieses Klugreden verfallen bin, das meinen Vater endlich im Berggarten um den letzten Atem gebracht hat. Mach doch die Augen auf, Christel! Hat er nicht selber gesagt, ich habe den Schritt des großen Nathanael an mir? – Ihr Weiber, ihr lieben Weiber, fliegt wie die Vögel durch die Luft. Eines richtigen Mannes Wagen aber kutschiert es in der Tiefe. Jawohl, mit Gedanken beladen, mit einfachem Tun, aber nicht mit Worten.« Christine saß mit gesenktem Kopfe da und hörte erstaunt und ergriffen ihrem Manne zu. Als sie aufschaute, war sein Platz am Fenster leer. Er hatte immer ruhiger und leiser gesprochen und war dann lautlos aus der Stube geschlichen. Die Tür stand noch auf, und sie hörte ihn schwer über die Stiege gehen, brachte es aber nicht fertig, ihn zurückzurufen oder ihm nachzufolgen. Sechstes Kapitel Jochen, nachdem er die letzte Stiege hinter sich gebracht hatte, ging in dem Wogen seiner Tiefenbewegung, die er mit dem leidenschaftlichen Ausbruch gegen Christine wieder über sich gebracht hatte, wahllos und benommen auf dem weitläufigen, vielverwinkelten Boden seines Hauses umher, öffnete Kammer um Kammer, musterte jeden Raum aufmerksam, als suche er etwas, und stand dann in einem langen, völlig finsteren Bodenschlitz still, der anscheinend ganz leer war und zu dem doch eine richtige Tür wie zu jeder anderen Kammer führte. Jochen wurde von einer Art Schrecken überfallen, daß es so etwas in seinem Hause gebe, von dem weder er noch irgend jemand etwas gewußt hatte. Vielleicht, sann er, treibe ich mich in einer Schicht meines Lebens umher, die ebenso sinnlos wie diese Kammer ist. Das ergriff ihn dergestalt, daß er so schnell wie möglich aus diesem toten, unheimlichen Räume hinausverlangte. Dabei stolperte er unterwegs über irgend etwas und erkannte es als einen maladen, lehnenlosen Stuhl, den er aufnahm. Draußen, in dem ungewissen Dämmerlicht des schmalen Bodenflures musterte er den Stuhl, sein durchgesessenes Rohrgeflecht, seine geschwungenen, zierlichen Beine aus edlem Holz, und erkannte, daß er uralt, von einer längst verwehten Generation, wohl aus Pietät in diesen toten Bodenwinkel wie in einem Grabe untergebracht und vergessen worden sei. Aus seiner, Maechlers Vaterreihe konnte er nicht herrühren. Denn der verstorbene Nathanael war als Jungmann von drüben aus dem Böhmischen eingewandert und hatte Jochens Mutter, die letzte des erschöpften Wennrichschen Geschlechts, geheiratet, das seit undenklichen Zeiten in diesem Hause gewerkt hatte. Und als der schwerblütige Jochen dies gesonnen hatte, kamen ihm die Reste dieses Stuhles ehrwürdig vor, fast wie ein Vermächtnis seiner Mutter. Vorsichtig trug er ihn das Bodengänglein hin bis zu der kleinen Luke an dessen Ende, setzte sich behutsam darauf und verlor sich, hinausschauend, weiter und weiter in das eben begonnene Traumsinnen. Warum hatte es ihn in die tote Kammer zu dem Stuhl aus Urväterzeiten geführt? fragte er überlegend. Denn nichts, aber auch gar nichts, was uns im Leben widerfährt, ist sinnlos. Mußte er das nicht als eine Mahnung aus der Tiefe, und zwar von der Mutterseite her, auffassen, unter allen Umständen fest bei seinem Handwerk, in den vier Pfählen des Versprechens zu bleiben, das er in jenem denkwürdigen Jungenfrühling einst seiner Mutter gegeben hatte, und nie mehr, durch keinen Zorn und Widerkampf sich ins Leutetreiben oder gar in Welthändel zu mischen? Nie mehr, und mochten zwanzig Neefes kommen, würde er sich wieder in ein Wortstechen wie gestern abend verleiten lassen. Gejächte Worte führen aufgeblasene Taten am Strick hinter sich her. So bohrte er in sich hinein, bis sein Gegrübel zu einem immer verschleierteren Auf- und Niederwogen bloßen Gefühls wurde. Drunten in der Wohnküche räumte indessen Christine den Tisch ab, wusch das Geschirr und gab dann dem Zimmer den gehörigen sonntäglichen Glanz, nicht ohne dann und wann ins Haus hinauf nach einem Laut von Jochen zu lauschen und vorsichtig aus der Tür nach ihm zu spähen. Aber nichts war zu hören, nichts zu sehen. So setzte sie sich feiertäglich hergerichtet mit dem Strickstrumpf ans Fenster, und wie ihr Mann droben an der Bodenluke über sein Leben nachsann, kreisten all ihre Gedanken um das Rätsel seines Wesens, aber nicht mehr ein wenig spöttisch und überheblich, sondern in ernst-liebevollem Bemühen. Der gutmütige, verschollene Jochen war nicht der ganze Jochen; aber der wild auffahrende, hart zuschlagende war es auch nicht. Vielleicht in der unbegreiflichen Leidenschaftlichkeit war er es mehr als er wußte und ihm lieb war. Am Ende beruhigte sie sich in einem Bilde, von dem sie nachher nicht wußte, ob es das Ergebnis ihres Nachsinnens über das Wesen ihres Jochen gewesen sei oder von dem Traum in der vorigen Nacht herrühre, der sie nach dem Liebesfest durch die abenteuerlichsten Gegenden einer Lichtwelt getragen hatte. Sie sah ein Haus mit einem niedrigen, aber festen Dach, dessen eintönige Mauer sich an einer Straße lang hindehnte, und das nur mit wenigen kleinen Fenstern auf das Leben sah, das auf der Straße an ihm vorübertrieb, so daß es mit seiner schmalen Tür als Einlaßpforte mehr einer verwunschenen Einsiedelei glich. Aber trotz der kargen, fast abwehrenden Art seiner Vorderseite hatte man die Überzeugung, daß es sich nach hinten in ein Gewirr von vielen baumbestandenen Höfen ausbreitete; denn einige Laubkronen stiegen über den niedrigen First, die im Licht einer unsichtbaren Sonne wogten, für sie, für sie alleine wogten. Befangen und hingenommen von diesem Bild ließ Christine den Strickstrumpf auf ihren Schoß sinken. Jawohl, ich weiß es, sann sie beglückt, mit seinem Höchsten und Besten gehört der liebe Jochen nur mir. So stark wurde Christine von dieser Beseligung ergriffen, daß ihr ganzer Leib wieder von dem singenden Wogen erfüllt war, in dem sie der Traum der Nacht durch die unsagbare Lichtwelt fliegend geführt hatte. Eine leidenschaftliche Zärtlichkeit überkam sie, ein inbrünstiges Verlangen, ihren Mann zu umarmen, nein, in sich hineinzureißen, daß sie das Strickzeug auf das Fensterbrett warf, aufsprang und ratlos in der Stube hinging. »Ja, was soll denn das sein?« fragte sie sich ratlos. »Christine, bist du denn ganz verrückt geworden?« Und am Topfschrank angekommen, begann sie mit fliegenden Händen die Töpfe zu rücken, bis ein großer Hafen ihren bebenden Fingern entglitt und mit lautem Krach am Boden zerschellte. Da kam sie zu sich und stand wie erstarrt still. Und in der Lautlosigkeit, die diesem Mißgeschick folgte, hörte ihr gespanntes Ohr Jochens Schritt auf dem Boden gehen. Erschrocken bückte sie sich und räumte schnell die Scherben weg, denn was sollte sie ihrem Mann sagen, wenn er sie fragte, was mit ihr geschehen sei? Wirklich war Jochen von dem scheppernden Fall aus seinem bohrenden Gefühlssinnen an der Bodenluke gerissen worden. Er horchte hinunter, was sich noch etwa ereignen werde. Als er nichts vernahm, erhob er sich langsam und streckte seinen von dem langen Sitzen verklammerten Körper. »So bleibt's«, sprach er leise, aber mit drohend zusammengezogener Stirn gegen die Bodenluke, wie zu einem dahinter schwebenden Menschen. »So bleibt's, und reiner Tisch wird gemacht«, wiederholte er noch innerlicher. Dann nahm er behutsam den Stuhl auf und trug ihn in die finstere Schlitzkammer. Obwohl er in dem Raum nichts sehen konnte, musterte er ihn mit großen Augen und nickte befriedigt. Denn nun hatte er einen Ort gefunden, den niemand auf der Welt kannte und wo er, wenn's notwendig war, ungestört mit seinem Allergeheimsten allein sein konnte. Er machte die Tür zu, drückte die Haspe fest über die Öse und vollführte mit der Hand eine Bewegung, als drehe er einen Schlüssel im Schloß. Es war ganz dunkel geworden. Nur eine schüchterne Helle von dem aufgehenden halben Mond gloste im Verfinstern. Während Jochen vorsichtig die Stufen der Treppe hinunterstieg, hatte er die wohlige Empfindung, er komme von einem beglückenden Besuch. Denn war es nicht möglich, daß seine Mutter als junges Mädchen auf dem Stuhle gesessen hatte? Aber von diesen seinen geheimen Traumverbindungen durfte niemand etwas wissen. Selbst Christine mußte das verborgen bleiben. Darum, als er den Flur unter den Füßen fühlte, ging er leise an der Tür zur Wohnküche vorüber zum Hause hinaus, weil er so, von diesem heimlichen Weben noch lebhaft durchspielt, seinem Weibe nicht gegenübertreten mochte, um sich nicht zu verraten. Christine saß in der unerleuchteten Stube am Fenster und wartete auf seinen Eintritt. Sie zählte seine vorsichtigen Schritte auf der Stiege, um aufzuspringen, ihm entgegenzueilen und ihn zu umfangen. Aber Jochens leise Schritte gingen vorüber und verloren sich aus dem Hause. Sie sah ihn das Vorgärtchen hin durch die Pforte über die Straße gehen und in dem Ziergarten am Heidewasser verschwinden. ›Was soll das sein?‹ fragte sie sich betroffen. Aber da stieg das Bild in ihr auf, das sie vom Traum der Nacht her über Jochens Wesen unterrichtet hatte. ›Na ja‹, sann sie beruhigt, ›er ist noch nicht fertig mit dem Gang durch die hinteren Höfe‹, erhob sich und machte Licht. Als Jochen endlich in der Stube erschien, war er aus den Untergründen seines Wesens ganz aufgetaucht in den engen Umkreis seines tätigen Lebens und trug wieder das Gesicht der alten philiströsen Gutmütigkeit, daß Christine nicht mehr zu dem Zärtlichkeitsausbruch versucht wurde, nach dem sie vorhin so stürmisch verlangt hatte. Sie begann mit den Vorbereitungen zum Abendbrot, ging in gemächlicher Beschäftigung hin und wider, während Jochen sich unter die Lampe an den Tisch setzte, die Zeitung, ohne zu lesen, hin und her schob, sich am Rechen mit seinen Kleidern zu schaffen machte und dazwischen von der Arbeit am morgigen Werktag und der Einteilung der Woche zufrieden redete, so wie er an unzähligen Abenden während ihrer siebenjährigen Ehe gesprochen hatte. Die aufgehängten Häute auf dem Boden seien schon trocken genug, davon habe er sich heute nachmittag gründlich überzeugt, daß er morgen früh gleich mit dem Walken beginnen könne. »Heute nachmittag?« fragte Christine, in sich hineinlächelnd. »Ja«, antwortete er unsicher, »du weißt doch, wer den Sonntag verschläft, wird die ganze Woche nicht wach.« »Na freilich, lieber Jochen, weiß ich schon. Und während du droben allerhand rumort hast, bin ich mit meinem Strumpf bis zur Ferse gekommen«, sagte sie und setzte in Gedanken hinzu:›In den hinteren Höfen hast du dich herumgetrieben‹, lachte belustigt auf und vollendete: »Aber nun wollen wir essen.« Wohl bohrte sie mit vorsichtigen, listigen Worten weiter, aber von seinen nachmittäglichen Bodenstunden erfuhr sie nichts. Da streute Christine zwischen ihre Worte etwas mehr Pfeffer, um ihn zu reizen, doch er goß über ihre scharf gewürzten Worte die abgestandene Milch gutmütiger Entgegnungen, um dann immer wieder in das Insichhineinhorchen zu versinken, bis das liebe Weib endlich abließ, ihn weiter zu bedrängen. Mein Gott, der gute Jochen war eben eine lange Hausmauer mit wenigen kleinen Fenstern; aber seine höchsten Baumkronen wogten über dem niedrigen First doch nur für sie in ihrer Sonne. Das beruhigte sie so, daß sie am Ende der langen Zwiesprache über den Tisch nach seiner großen Hand griff und sie zärtlich drückte. »Gewiß, mein lieber Jochen, ich rede so, wie eben Weiber reden. Laß gut sein, es wird sich alles machen«, sagte sie herzlich und stand auf, um den Tisch abzuräumen. Auch Jochen erhob sich und nach einigen Umgängen landete er auf dem Stuhl am Fenster, faltete die Hände im Schoß und sann schweigend vor sich hin. In Christines Leib aber begann die unaussprechlich glückliche Unruhe wieder heftiger zu wallen, daß sie zeitig im Schlafzimmer verschwand, um mit sich allein zu sein. Sie hatte noch nicht lange gelegen, da begann diese beseligende Unruhe sich zu etwas Rätselhaftem, wie in den seelenhaften Anhauch des zweiten Lebens in ihr zu verwandeln, so daß sie sich willenlos diesem Erlebnis als dem Nahen des Schlafes hingab. Siebtes Kapitel Nachdem der letzte Laut in der Schlafstube erloschen war, erhob sich Jochen Maechler von seinem Stuhl am Fenster, trat unter die Lampe und zog den Brief des Pfarrers Kelvel, der ihm von Neefe übergeben worden war, den er aber in unbegreiflicher Geheimnistuerei sogar vor sich selbst noch nicht geöffnet hatte, aus der Brusttasche. Mit zittriger Greisenhand stand folgendes geschrieben: »Ich, Martin Kelvel, der Diener Gottes, habe meinen lieben Freund Nathanael Maechler mit meinem Herzen begraben helfen und verlange keinen Lohn dafür. Wenn sein Sohn, Herr Jochen Maechler, aber freiwillig etwas tun will, so möge er der Kirche für ihre Arbeit hundert Mark schenken. Gott sei uns allen gnädig! Martin Kelvel, Pfarrer an der katholischen Kirche zu Wilkau.« Erschüttert sank dem Gerber die Hand mit dem Brief auf den Tisch. Nach langem Hinsinnen raffte sich der Meister mit tiefem Atem auf und kehrte sich zu seinem Schreibschrank. Während er aufschloß und die Schreibfläche herunterließ, streiften seine Gedanken zu Neefe hin, dem er doch eigentlich diesen Nachlaß der Begräbniskosten zu verdanken hatte, die sonst in die Hunderte gegangen wären. Ja, aber warum hatte er das getan? Nur, um ihn als Mitläufer zu seinen selbstsüchtigen Machenschaften zu gewinnen und ihm seine Ehre und heiligsten Grundsätze abzukaufen. O nein, Neefe, ich bin nicht mein eigener Judas! Daß ich den Vorteil annehme, Inspektorlein, das ist mein Dank an dich und zugleich die Rache an deiner Verschlagenheit. Mit dieser Entschlossenheit zog Maechler einen Stuhl heran und begann mit der Musterung seiner aufgelaufenen Barschaft. Am Ende stellte es sich heraus, daß ihm hundertundfünfzig Mark übrigblieben, die durch nichts belastet waren. Er las sieben der schönsten goldenen Zwanzigmarkstücke und ein Zehnmarkstück aus dem Geldhaufen, versenkte die Summe in seine Hosentasche, verschloß alles vorsichtig, entzündete eine Kerze und verließ auf den Zehen die Wohnküche, nachdem er die Hängelampe ausgeblasen hatte. Alles geschah nach einem Plan, der sich instinktiv heute nachmittag in seinem Innern zurechtgeschoben hatte. Denn der Verstand war in Jochen Maechler nicht der Gesetzgeber, sondern Diener blutsmäßig bedingter Tiefenkräfte. Sicher und doch wie im Zwang einer Vorherbestimmung stieg er vorsichtig die Treppe bis zum Vorraum des Frontspießes hinauf und trat dort in das erste der beiden Mansardenzimmerchen, das ehedem die Schlafstube seiner Eltern gewesen war, und in dem zuletzt sein Vater fast eremitenhaft gewohnt hatte. Ein Bett, ein Stuhl, ein kleiner Tisch und ein uraltes Haubenschränkchen mit einem verglasten Aufsatz oben und drei Kommodenschüben unten, darin bestand die ganze Einrichtung. Im Anblick des alten Frauenmöbels, das noch die bunte schlesische Tischlermalerei trug, erinnerte sich Jochen Maechler an seine Kinderseligkeit, in den Kramschüben nach Herzenslust zu wühlen, und obwohl ihn heute nicht ein Hauch kindhaften Schatzgräbergelüstes anwehte, stellte er doch den Leuchter mit einer gewissen Bewegtheit auf den Kommodenvorstoß des Schränkchens und begann, den alten Kram durchzuwühlen, aber nicht, um eine Kostbarkeit, sondern um ein Säckchen zu finden, in dem er seinen Schatz verwahren konnte. Denn das Geld in einer Bank zu hinterlegen oder auf Zins auszuleihen, kam, nach seiner merkwürdigen Lebenseinstellung, gar nicht in Frage. Davon hielt ihn das Weltmißtrauen seines Wesens und der Stolz ab, im geheimen bedeutender zu sein als er den Leuten erschien. Der abgelegte Frauenkram des ersten Schubes: alte Barthauben, verblichene Seidenbänder, Mieder, Spitzentüchlein und anderes, auch Strümpfe und Handschuhe, glitten durch seine suchenden Finger. Was er begehrte, fand er nicht. Im zweiten Schub fing dasselbe Spiel an, und nach einigen erfolglosen Griffen durch die wahllos zusammengestopften Sachen langte er ungeduldig in die hintersten Winkel des Schubes. Endlich kam ihm in der rechten Ecke des Schubes, ganz unten, wie absichtlich versteckt, ein kleines, vielverschnürtes Pappkästchen unter die Finger, und als er es in den Schein der Kerze hervorzog, rückte mit eins die Wand von zwei Jahrzehnten auseinander. Das war ja das Kästchen, in dem er vor seinem Wegzuge aus dem Vaterhause nach Görlitz alle ihm damals teuren Erinnerungsstücke verwahrt und in den langen Jahren vollkommen vergessen hatte. Hastig schnitt er den vielverknoteten Bindfaden durch und hob den Deckel. Da lag wohlgeordnet der verschollene Reichtum seiner versunkenen Jugendzeit vor ihm, ein Stück roten Bandes, ein wohlgeformter, runder Stein von lederbrauner Farbe, vertrocknete Blumen, jede sorgfältig in Papier gewickelt, eine gut eingeschlagene Taschenmesserklinge, eine aufgeplatzte Weidenpfeife mit herausgefallenem Kern und noch anderes. Aber es gelang Jochen nicht, durch die vernebelte Traummauer in das verschollene Land seiner Kindheit vorzudringen. Ganz zu unterst, auf dem Boden des Kästchens, entdeckte er zuletzt einen abgegriffenen, altersgrauen, beschriebenen Papierstreifen. Aber kaum, daß er den vergilbten Zettel, der nicht größer war als eine ausgewachsene starke Männerhand, auseinandergefaltet und einen Blick auf die altväterlichen Schriftzüge geworfen hatte, zerriß der dichte Zeitnebel über seiner Jugend, und er sah das Erlebnis greifbar deutlich vor sich, mit dem dieser zerfaltete, mißfarbene Zettel in Verbindung stand. Seine Mutter, im Sonnenlicht des frühlingsgrünen Ziergartens stehend, und er, vierzehnjährig, vor ihr, sieht, wie ihr schönes, ernstes Gesicht noch ernster wird in einem kurzen Zögern, das sie schnell überwindet. Mit entschlossenem Griff, die oberen zwei Knöpfe lösend, holt sie unter dem Mieder das vergilbte Papier hervor, das er auf dem Schub sitzend jetzt betrachtet, und legt es ihm in die Hand. Aber er ist nicht imstande zuzufassen. Eine Art Lähmung liegt in seinem Körper, weil er einen Teil von Mutters weißer Brust gesehen hat und an dem Zettel noch die Wärme spürt, die das Papier von ihrem Herzen empfangen, hat. »Na, faß nur zu, Jochen!« hört er ihre wohlklingende Stimme sagen. »Solange du diese Worte in Ehren hältst, wirst du auch dein Leben in Ehren halten. Verwahre ihn gut.« Er versteht nicht ganz genau ihre Worte und vermag die ungewohnten Schriftzüge nicht zu entziffern, weil er zu verwirrt ist, steht noch eine Weile und starrt hilflos auf den Zettel. Die Mutter ist verschwunden. Damit reißt die Erinnerung ab, nein, reißt nicht ab, sondern alles, der Garten, seine Mutter und er selbst wird vom Lichte aufgesogen. Und jetzt, nach mehr als zwei Jahrzehnten, da er in dem Mansardenzimmerchen seines Vaters auf den engbeschriebenen Zettel starrt, ist die Verwirrung von damals wieder über ihm, die Furcht vor etwas Ungeheurem, das auf diesem Zettel steht, und eine grenzenlose Verehrung seiner Mutter, alles, was ihn in jener Zeit dazu gebracht hat, das Papier ungelesen so zu verstecken, daß niemand es findet. Aber nun überwindet sich Jochen doch und entziffert mühsam im Schein der Kerze die Worte: Laß mich, wenn ich hier geschlafen, Wieder gehen meine Straßen. Schicke mir durch meinen Fleiß, Was bei dir steht hoch im Preis. Guten Willens eine Tracht Lad mir auf in dieser Nacht. Stets mein Herr und stets dein Knecht. Droben Gnade, drunten Recht. Den Gerber Jochen Maechler überfiel ein Sinnen, als stürze er in einen Brunnen, so daß ihm der Atem stehenblieb. Das war ja ein geformter Ruf seiner Mutter, nein, von noch weiter her, vielleicht jahrhundertetief, direkt an ihn. »Drunten Recht«, hieß es nicht so? Jawohl, genau das wollte er doch: Das Recht, sein Leben sicherzustellen. Er sprang von dem Schube auf, räumte das Erinnerungspäckchen bis auf den Zettel schnell ein, versenkte es wieder in den Schubwinkel und stopfte Kram darüber, den er so festdrückte, als maure er das Kästchen ein. Dann hielt er den Zettel bei geschlossenen Augen in bebender Hand, damit dessen Zauber ganz in ihn eingehe. Denn das war ein Talisman, ihm von der Fügung in die Hände gespielt, zum Gelingen dessen, was unausgesprochen in seinem Inneren gewartet hatte und nun jäh in ihm aufsprang. Ohne einem Überlegen auch nur Haaresbreite Raum zu geben, griff er einen Strumpf auf und überzeugte sich, daß er noch ganz heil sei. Dann steckte er das Gebet in die Fußspitze und schüttete die Goldmünzen hinterher. So war er sicher, daß seiner Sparsamkeit von der Mutter und den Ahnen her Glück und Segen beschieden sei. Das folgende vollführte er wieder wie unter dem Zwang unausweichlicher Vorausbestimmung. Er stieg auf den Zehen in den obersten Boden hinauf und hängte seinen Schatz an den herausstehenden Nagel eines Sparrens. »Wenn mehr wird, kann ja ein Strick gespannt werden«, murmelte er versunken in sich hinein, drückte die Tür der totenheimlichen Kammer fest zu und legte ein Vorhängeschloß vor, dessen Schlüssel er vorläufig in die innere Westentasche steckte. Dann verlöschte er das Licht und stand eine Weile in der Finsternis, erschöpft wie nach einem langen gefährlichen, schicksalhaften Lauf. Nun war sein Vater ganz überwunden. Die Gewalt über sein Leben hatte er jetzt allein in den Händen, und niemand sollte ihn mehr darin stören. Diese Sicherheit erfüllte Jochen mit wahrer Seligkeit. Dann schlich er leise, wie einer, der jemandem etwas gestohlen hat, die gewohnten Stufen hinunter, bis er an den Absatz kam, wo die Treppe eine Kehre machte. Da wurde der Gerber lächerlicherweise unsicher, und obwohl es doch ganz finster war, suchte er mit den Augen die Stelle, wohin er den ausschreitenden Fuß zu setzen habe. Als er den Kopf wieder hob, stutzte er. Denn vor ihm in der Nacht stand unbeweglich ein Unsichtbares ihm gegenüber und musterte ihn drohend und ein wenig traurig. »Wer bist du?« lispelte Jochen erschrocken, aber wie alle diese Wische, gab auch dieser keine Antwort. Um ihn loszuwerden, machte er sich fest, stieg vollends in den Hausflur nieder und ging lautlos aus dem Hause. Allein das Unheimliche wich nicht von seiner Seite. Die Drude aus der Kindheit war es nicht, das spürte der Gerber deutlich. Aber wer sonst? Um eine klare Entscheidung herbeizuführen, lenkte er seine Schritte zu dem schmalen Beet an den Lohtonnen, wo das Bänkchen stand, auf dem sein Vater so viele hundert Stunden gesessen und sich träumend in den Irrgärten seines durchmessenen Lebens verloren hatte. Und wirklich, je mehr sich Jochen dem Bänkchen näherte, desto leidenschaftlicher wurde das Andringen des Unsichtbaren. »Also du bist es?« rief er empört. »Ich hab' an der Luke geschworen, reinen Tisch zu machen, und halt es, und wenn ich dabei zugrunde gehe.« Wie ein Wilder stürzte er sich auf das Bänkchen und riß es, in sich hineinfluchend, auseinander, trat die Löcher zu, in denen die vier Pflöcke gesteckt hatten, und schaffte alles, Latten und Hölzer, über die Straße an das Heidewasser, das sie klatschend auffing und davontrug. Von dem untergehenden Monde gloste der letzte schwache Schimmerstreifen in die Nacht, als Jochen den letzten Knüppel in das Wasser warf. »Ein Augenzwinkern Gottes war das!« sann Jochen Maechler jubelnd, beglückt und befreit, als er in das Haus zurückkehrte, nicht ruhig schreitend, nein, stürmend. Und mit jedem Schritte wuchs seine Leidenschaftlichkeit. In der Schlafstube angekommen, stoben die Kleider von ihm, und er stürzte sich auf seine Christel, die von dem Gepolter erwacht war und ihn mit verlangenden Armen auffing. »Nun ist alles gut, liebstes Christel, alles, alles gemacht«, stotterte er atemlos, fast schluchzend, daß das gesegnete Weib ihm immer wieder die herüberfallenden Haare aus der Stirn strich, beglückt von dem Strom der Erfüllung, der sie überflutete. Durch das Ineinanderfließen dieser beiden Kreise auf dem Meere des Schicksals tauchte aus dessen Tiefe immer deutlicher das Antlitz eines neuen Menschen. Achtes Kapitel In den frühen, noch blinden Morgenstunden, die dieser ereignisreichen Nacht in dem Gerberhaus folgten, schlug das Wetter, wie es riesengebirgische Art ist, im Handwenden von sommerlicher Herbstwärme zu winterlicher Kälte um, und es begann sicher, großflockig und still zu schneien, als sei Weihnachten in unmittelbarer Nähe. Beim Aufstehen waren die Tonnenbeete, das Vorgärtchen, die Gasse und der Ziergarten am Heidewasser schon von einer handhohen weißen Flaumdecke eingehüllt, und der Schnee fiel noch unausgesetzt weiter. Das ruhige Zeit- und Lebenstreiben schien sich mit ein paar sonnigen Herbsttagen für immer davongemacht zu haben, und Jochen und Christine saßen in der wohldurchwärmten Wohnküche voll eines Behagens am Frühstückstisch, als seien sie sicher heimgeführt worden. Christine sah lächelnd in das schneevermummte Gärtchen hinaus. »Sieh doch bloß, wie es schneit«, sagte sie, sich zurückwendend, zu Jochen, »Gott sei Dank, nun sind wir beide allein. Nicht?« »Jaja, ganz recht, Christel«, bestätigte der Gerber zufrieden den Ausruf seiner Frau, weil sie das Verschwinden des väterlichen Ruhebänkchens an den Tonnen nicht bemerkt hatte. »Ganz recht hast du. Nun hockt dir nur das Haus auf und mir mein Handwerk. Und wir wer'ns schon machen, daß du nicht in Nadeln greifst und ich nicht in Messer.« Nach diesen besinnlichen Worten sah er noch ein Weilchen vor sich nieder, als ständen sie auf der Diele geschrieben, erhob sich dann, steuerte ruhig gegen die Tür hin, nickte freundlich seiner Frau zu und ging hinüber in die Werkstatt. Unterwegs trat er, dort, wo des Vaters Bank gestanden hatte, unauffällig den Schnee fest, um die Spuren ihres einstmaligen Vorhandenseins gründlich zu verwischen. Aber die Sorge des Meisters war ganz unnötig; denn Christine, von hausmütterlicher Emsigkeit durch die Stuben, treppauf und -ab durch das Haus getrieben, geriet über die Schübe und Schränke mit Kleidern und Wäsche, als müsse alles zu einem neuen Leben nachgesehen und geordnet werden. Und immer wieder wurde sie in eine solch glückhafte Spannung gerissen, daß sie sich nicht anders als durch Singen zu helfen wußte. Jochen aber öffnete von Zeit zu Zeit die Werkstattür und horchte schmunzelnd in sein Haus hinüber. So fuhr das Lebenswäglein des Maechlerhauses, auf neu geschweißten Achsen ruhend, sicher durch die Tage, getrieben von der tätigen Daseinseinmut von Mann und Frau, und jeder hatte seinen geheimen Wunsch- und Hoffnungsballen zwischen die Bretter geladen, Jochen das Vertrauen in das gesegnete Wachstum seines Kammerschatzes, Christine die unnennbare Erwartung eines neuen Lebensglaubens, der rätselhaft durch ihren Körper pulste. So waren die zwei auch wie Kameraden, die im Gleichschritt, aber nach verschiedener Melodie marschierten, wie es eben in jeder rechten Ehe sein muß. Diese seit je vorhandene, nun neu errungene tiefe Verbundenheit geriet auch nicht ins Wanken, als abermals Verwirrungen an sie herangeführt wurden, und zwar von derselben Seite, gegen die sie eben erst gekämpft hatten. Nach einigen Tagen stand Christine vor dem Gartenpförtchen in dem Matsch, zu dem der voreilige Schnee geworden war, und sah nach ihrem Jochen aus, der in der Scherichsdorfer Fleischerei das Geschäft um einige Ochsenhäute abzumachen hatte, da ging das Dienstmädchen aus der Glaeserschen Gärtnerei vorüber; ein liebenswürdiges, aber ungedübeltes Pumpelchen, grüßte die Meistersfrau, als sei sie ihre Milchschwester, und war dabei doch so verlegen, daß sie mitten in eine große Pfütze trat und das Wasser bis herüber auf den Gehsteig, Christine an den Rock spritzte. Vielleicht war das auch nur eine plumpe Finte des bäuerlichen Packerchens, denn kaum, daß sie die verderblichen Folgen ihres Fehltrittes gesehen hatte, stürzte sie sich auf Christine und begann unter einem Wortsturz von Entschuldigungen deren Rock zu bearbeiten, und zwar so, als sei er eine Diele, die rein geschrubbert werden müsse. Keine Gegenwehr Christines half. Erst als sie den Rock vollkommen zugerichtet hatte, ließ sie ab und trat befriedigt zurück. »So«, sagte sie, von dem Bücken außer Atem geraten, »nein, wissen Sie, Frau Maechler, Sie wer'n entschuldigen, da stehn Sie so ruhig vorm Hause, und in Wilkau ist ein solches Unglück geschehn! Da hab' ich den Brief von dem Inspektor Neefe, der doch die Blumen bei uns bestellt hat zu dem großen Feste. Mein Gott, und nun liegt er, ma weeß nich, was er alles gebrochen hat über die Stiegen nunter ...« Ehe sie weiterschwuderte, sah sie sichernd nach dem Glaeserschen Grundstück zurück, wo eben der Gärtner hinter dem eisernen Zaun auftauchte. Deswegen verschluckte sie schnell den Tratsch und trat springend auf den Weg hinüber. »Nicht für ungut, Frau Meestern! Na, Sie wern's ja hören. So eene Gemeinheit«, rief sie über die Achsel und spritzte davon. Auch Jochen brachte aus der Scherichsdorfer Fleischerei einen Munkelfetzen des Geschehens, das in dem Neefeschen Hause auf der Vogelsdorfer Straße sich ereignet haben sollte, nur anders zugeschnitten und anders aufgeputzt. Danach war der Inspektor, der im Nachtdunkel noch etwas im Hofe hatte nachsehen wollen, an der oberen Treppenstufe mit dem Absatz hängengeblieben, rücklings die ganze steile Stiege hinuntergestürzt und mit angebrochenem Rückgrat bewußtlos auf den Steinfliesen des unteren Flures angekommen. Frau Christine dagegen brachte in den nächsten Tagen von ihren Einkaufsgängen noch eine Reihe von anderen Erzählungen des Falles, eine immer abenteuerlicher als die andere. Einige brachten den Schlosser Witschel mit dem Unfall in Verbindung, der von seinem gewohnten Trunkvergnügen, wie immer wirblig im Kopfe, in dem Augenblick durch die Haustür auf dem unteren Flur angekommen sei, in dem es Neefe über die Stiege geschleudert habe. Da, als sein Feind, der ihn auf so schandbare Weise um den Besitz des Hauses gebracht hatte, das erstemal wehrlos vor ihm gelegen habe, sei in dem Halbberauschten der anfängliche Schreck über das Unglück in eine solche Wut umgeschlagen, daß er mit Füßen und Fäusten über den Bewußtlosen hergefallen sei und ihn auf das unmenschlichste bearbeitet habe. Der Rückgratbruch und die Beckenverletzung müsse dem Säufer Witschel zur Last gelegt werden, weil der Inspektor, wohl betäubt und vielfältig beschunden, aber ohne wesentliche Verletzung den Fall überstanden habe. Wieder andere konstruierten einen richtiggehenden Mordanschlag Witschels auf Neefe. Sie behaupteten, das Ausgleiten des Inspektors auf der oberen Treppenstufe sei nur eine Erfindung des lieben Mannes und seiner lammguten Frau, um nicht in ein Gerichtsverfahren verwickelt, genötigt zu sein, den Schlosser mit ihrer Aussage zu belasten und ins Unglück zu bringen. In Wahrheit sei an dem Abend der betrunkene Schlosser ohne vorherigen Streit in Neefes Wohnung gedrungen, habe den Inspektor, der friedlich plaudernd mit seiner Frau am Tisch gesessen, nach wenigen fläzigen Worten aus der Stube gerissen, den mageren Mann wie ein Päckchen in die Höh gehoben und mit einem Fluch über die Treppe hinuntergeschmettert. Kaum aber war dieses Gerücht zweimal durch die Tratschmühlen Wilkaus gelaufen, als es ganz im geheimen durch Züge berichtigt und ergänzt wurde, die für besonders Eingeweihte den Stempel der Wahrheit an sich trugen. Neefe, so lautete die gerüchtweise Auskunft, hatte nach wochenlanger Mahnung zur Zahlung des rückständigen Halbjahrs das Handwerkszeug, die Maschinen und die Vorräte Witschels mit Beschlag belegt. Diese Härte, die doch nur als ein Druckmittel zur Zahlung gedacht war, hätte den Schlosser zunächst von Schenke zu Schenke getrieben. Als er seine Wut so lange beim Bier gebeichtet hatte, bis die Feuerräder in seinem Kopf zu rasen anfingen, war er in die Wohnung Neefes hinaufgeklommen, um mit ihm abzurechnen. Die verächtlich-schimpfliche Behandlung, die dem etwas deppen Schlosser von dem Inspektor angetan wurde, brachte den gutmütigen Bierwanst in einen fast tiermäßigen Zorn, daß er wirklich seinen Peiniger berserkerhaft durchwalkte und über die Treppe auf den Steinflur warf. Diese Geschichte stammte von einem Schmuggler, der den Schlosser in Witkowitz, also schon weit in Böhmen, getroffen haben wollte. Tatsächlich war Witschel seitdem spurlos verschwunden, und wenn seine Frau nach ihm befragt wurde, pflegte sie vor der Antwort erst einige Hantierungen an sich vorzunehmen: das Schürzenband zu lösen und dann fester zu knüpfen, den Halsverschluß der Taille zu lüften, als fehle es ihr an Luft, oder die Hände aneinanderzureihen, als wasche sie sich rein. Nach solcherlei unverständlichen Einleitungen pflegte sie den Frager eine Weile in weinerlicher Betroffenheit groß anzustarren, daß er ein furchtbares Geständnis erwartete. Aber dann brach sie in ein irrsinnig-lustiges Gelächter aus und schwätzte dergestalt durcheinander von dem Hungergeschäft in diesem ludermäßigen Wilkau, von der Reise ihres Mannes nach einer Werkmeisterstelle, von der Schlechtigkeit der Menschen und der ganzen Welt, daß kein Neugieriger lange standhielt, sondern sich aus dem Staube machte, während die gequälte Frau noch ihr unglückliches Lachen und wirres Reden weiter vollführte. Sowie der Besucher aber das Höfchen überschritten hatte und in dem Vorderhaus untergetaucht war, trat Frau Witschel an das Fenster und schaute dem Verschwundenen mit erblaßtem, vollkommen verzweifeltem Gesicht nach. Stundenlang stand sie so wie leblos. Dann zog sie sich in die hinterste Ecke des Zimmers zurück, setzte sich auf einen Stuhl, wickelte ihre Hände in die Schürze und verharrte so regungslos, aber aufgeweckt und mit großen Augen geradeaus starrend. Allein mit keinem Worte berührte sie das Gerücht über den Streit zwischen dem Inspektor und ihrem Mann und dessen mörderische Gewalttat. Eines Tages war auch sie verschwunden, und ihr Vater, ein Bauer aus Kammerswaldau, holte mit zwei Gespannen den sämtlichen Hausrat. Finster und schweigsam erschien er, lautlos wurde alles aufgeladen, drohenden Auges, mit zusammengebissenen Lippen fuhr er davon. Als er aus Wilkau heraus war und das freie Feld erreicht hatte, knallte er wie toll mit der Peitsche und spuckte dann in einem großen Fladen alles Gift in den Straßengraben, das er in sich gefressen hatte. Neuntes Kapitel Diese Tatsachen, die offen in Wilkau herumliefen oder als Gerüchte sich geheim weitertuschelten, erfüllten das kleine Badestädtchen ganz, das sich nach dem völligen Abwelken der Saison die Winterschlafmütze tiefer über die Ohren zu ziehen begann und behaglich die Neuigkeiten nach allen Regeln der Kunst ausschrotete, die um das Neefesche Haus auf der Vogelsdorfer Straße wirbelten. Besonders tief wurde das Gerberhaus von dieser Unruhe ergriffen. Aber hier wie überall war die Wirkung zwiefältig. Nachdem das Knäuel der Gerüchte abgehaspelt war, stellte sich der Meister Jochen anders dazu wie seine Frau Christine. Der Schrecken über den unvermuteten Schicksalsschlag, von dem der Inspektor so übel zugerichtet auf das Siechenbett geworfen worden war, daß er wohl dauernd beschädigt bleiben mußte, verwandelte sich in Maechler schon nach einigen Tagen zu einem Staunen über die Treffsicherheit der Fügung. Sie erschien ihm als die unbeirrbare Sachwalterin eines Gerichtes, dem alle und alles unterworfen sind. Schleierlose Augen, denen nichts verborgen blieb, wachten über den Menschen und brachten bald Glanz, bald Dunkel über ihr Leben, je nach ihrer Beschaffenheit. Und Maechler litt von den weiträumigen Untergründen seines Wesens eher an einer Furcht vor den Folgen der eigenen und der ererbten Unvollkommenheit, bis er die Zuflucht in die totenheimliche Schlitzkammer genommen und in ihrer vollkommenen Finsternis stundenlang auf dem Stuhl seiner Mutter gesessen und sich in ihr Wesen versenkt hatte. Damit war er auch von der Furcht des Staunens erlöst, und Christine, die von all dem nichts wußte, verwunderte sich über die plötzliche Verwandlung, die mit ihrem Jochen vor sich ging. Denn er betrieb mit zuversichtlicher Entschlossenheit sein Handwerk, walkte, daß die Dachsparren knackten, schabte maschinenfleißig in der Werkstatt, schichtete die Häute in den Loh- und Weißgartonnen um, als gelte es, die verwirrte Weltordnung wiederherzustellen, und ging wohlgelaunt und gelenkig seinem Häutehandel nach, den er noch ausdehnte, während er ihn früher nur mit abschätziger Gutmütigkeit betrieben hatte. Seine Stirn war entwulstet, sein Blick klar und entwölkt, er vermied jede gefühlsmäßige Betrachtung des Unglücks, das Neefe betroffen hatte, und ließ Christine nicht im unklaren, daß er es in die Reihe der Mißgeschicke stellte, denen die Menschen nun mal im Leben unterworfen seien nach einer Ordnung, die wir eben hinnehmen müßten, so daß die Frau seine unverminderte Abneigung gegen den Inspektor wohl heraushörte, sich aber in acht nahm, ihn davon abzubringen und seinen Blick auf das Geschick der armen wehrlosen Frau Agnete, der Frau Neefes, zu lenken. Was mußte diese kindhafte Dulderin leiden, die gewohnt war, sich von dem rücksichtslosen Neefe hier- und dorthin schieben zu lassen. Und in der Schwermut, die nach der Empfängnis sie hin und wieder heimsuchte, stellte sich Christine ihren Zustand in immer dunkleren Bildern vor und fühlte sich mehr und mehr gedrängt, zu ihr zu eilen und ihr zu helfen, sei es auch nur mit Worten guten herzlichen Zuspruchs. Doch wagte sie nicht, Jochen davon zu sprechen, und fand auch nicht den Mut zu einem heimlichen Besuch der geplagten Agnete. In diesem Hangen und Bangen, das immer bedrängender wurde, traf sie die Erzählung von der verzweifelten Erschütterung Agnetes bald nach dem Unglücksfall ihres Mannes. Sie stammte aus jener Partei der Wilkauer Tuschler, die dem Inspektor feindlich gesinnt war und in dem Sturz über die Treppe die verdiente Rache des gepeinigten Schlossers Witschels sah. Als man den blutenden, bewußtlosen Mann mühselig in die Stube getragen und aufs Bett gelegt hatte, sei der Arzt Fohl geholt worden, der ihn untersucht und notdürftig verbunden habe. Gefaßt, steif, kalkbleich, aber vollkommen stumm habe Frau Agnete dem Arzt alle Handreichungen geleistet, so daß Doktor Fohl über die Seelenstärke des armen Weibes in Erstaunen und Bewunderung geraten sei. Als aber der Arzt gegangen sei und Agnete das Einschnappen der Haustür drunten gehört habe, sei es mit ihrer Beherrschung vorbei gewesen. Noch habe sie zwar die Gewalt gehabt, aufrecht und gefaßt an das Bett ihres Mannes zurückzukehren und den Unglücklichen einen Augenblick zu betrachten. Sowie aber Neefe unter einem greulichen Fluch die blutunterlaufenen Augen geöffnet und auf sie gerichtet habe, sei ein gelles, fast unmenschlich klingendes Schreien über sie gekommen und habe sie aus dem Hause, die Vogelsdorfer Straße hin, über den Zackensteg in den Pfarrhof getrieben. Wieder stumm geworden, aber windschnell wie ein Gespenst, sei sie zu ihrem Onkel, dem Pfarrer Kelvel, geeilt und vor dem' erschrockenen Greis zusammengebrochen, der eben darüber her war, sich zur Ruhe zu begeben. Agnete schüttete alles aus, was an Angst und Verzweiflung in ihrem Herzen zitterte, den ganzen Abscheu vor dem Schlosser Witschel, den sie einen Mörder nannte, stockte erschrocken, umfaßte die Knie des Hochbetagten, der sich vor Schwäche auf einen Sessel niedergelassen hatte, und raste dann wieder los in Anklagen gegen Gott und gegen alle Welt. Das arme Weib wurde von Wirbeln geschüttelt, so daß der bekümmerte Greis nicht zu Worte kommen, sondern nur mit zitternder Hand ihr über den Kopf streicheln konnte, wie einem unsinnig gewordenen Kinde. Als sie aber fessellos sich gar zu Anklagen gegen ihren Mann fortreißen ließ, ging ein Stoß durch den alten Kelvel. Er hob mit unsanftem Ruck ihren vergrabenen Kopf, sah strafend in ihre überströmten Augen und fragte verweisend: »Wie, du liebst Alexander nicht?« Darauf drückte Agnete ihren Kopf aus seinen Händen und beteuerte unter Wimmern und Beben die Liebe zu ihrem Manne, klagte sich mit gehauchten Worten der Unklarheit an und bat zum zehnten Male ihren Onkel um Rettung. Da half ihr der gefaßte Greis auf die Füße, stand eine Weile mit zugefallenen Augen überlegend vor ihr und gebot ihr dann mit gütig-klaren Worten, das Unglück als eine Heimsuchung Gottes anzusehen, von dem Streit zwischen Neefe und Witschel zu niemand auch nur mit einer Andeutung zu reden, alles Gott anheimzustellen und nun nach Hause an ihre Pflicht zu gehen. Dann machte er segnend das Kreuz über sie und versprach, ihr immer beizustehen. Betend verließ Agnete den Pfarrhof, betend kehrte sie zu ihrem Mann zurück. Dieses Gerücht, das unverkennbar die Merkmale vielfältiger Erfindung an sich trug, erschütterte Frau Christine in ihrer erwachenden Mütterlichkeit doch dermaßen, daß sie alle Bedenklichkeiten überwand und nach Erzählung des Gehörten ihren Jochen dringend zum gemeinsamen Besuch Neefes aufforderte. Denn es waren indessen drei Wochen vergangen, die Kunst des geschickten Arztes hatte den Kranken aus jeder Lebensgefahr gebracht und Agnete, das erfand die gute Christine dazu, hatte durch die Pfarrer-Theresel um einen Besuch bitten lassen. Der Gerber hörte sich alles ruhig an, bewegte gedankenvoll den Kopf, halb verneinend, halb bejahend, und sah darauf lange zum Fenster hinaus. »Ja, mein liebes Christel!« sagte er dann aus schwerer Brust und verließ die Stube. Nach einer Viertelstunde kehrte er zurück, legte die Hand auf ihre Achsel und sprach: »Nun. Gefallen oder geschmissen, das ist nicht unsere Sache. Da hast du ganz recht. Also, morgen nachmittag gehen wir beide hin.« Noch am Abend desselben Tages, an dem diese Unterredung zwischen Jochen und Christine stattfand, lief die Nachricht über den Zustand des alten Kelvel in das Gerberhaus, daß der ehrwürdige Greis seit dem Unglück Neefes immer hinfälliger geworden sei und in den letzten Tagen das Bett nur mehr auf kurze Stunden verlasse, ohne aber an einer ausgesprochenen Krankheit zu leiden. Als die beiden am anderen Tage nach der Vesper durch stillere Gassen dem Hause Neefes zustrebten, überschlug der Gerber noch einmal seine innere Einstellung zu dem Inspektor. Christine aber war ganz erfüllt von der Sorge, wie sie die niedergebeugte Frau Neefe antreffen und ob es ihr gelingen werde, der Heimgesuchten wirklich seelenhaft zu helfen. Denn sie selbst war in den paar Wochen aus ihrer zuversichtlichen Lebensrührigkeit in ein ganz anderes Wesen gedreht worden, in eine gesteigerte Empfindsamkeit und ein Auf-der-Hut-Sein vor allerhand Gefahren. Deswegen erklärte sie Jochen, vor Neefes Haus angekommen, daß es ihr unmöglich sei, den Verunglückten zu sehen. Vorsichtig öffnete sie die Haustür, spähte mit furchtsamer Neugier durch die offene Hoftür auf das völlig menschenleere Hinterhaus mit der Werkstatt des Schlossers Witschel und stieg dann achtsam, als müsse sie fortwährend Blutspuren ausweichen, die Unglückstreppe hinauf. Kopfschüttelnd folgte ihr der Gerber und bemühte sich auch wie sie, lautlos aufzutreten. Ehe sie anklopfte, hustete sie aus Erregung und Betretenheit leise. Da öffnete sich die Tür, und Agnete stand ihnen gegenüber, reckte betroffen ihren noch mehr abgefallenen schlanken Körper, Freude und Schreck malten sich auf ihrem blassen Gesicht, ihre schmalen Lippen lispelten irgend etwas, und im nächsten Augenblick lagen sich die beiden Frauen schluchzend in den Armen. »Liebste Frau Maechler!« – »Liebe, liebe Agnete«, flüsterte sie immer wieder, während der Meister dastand und nicht wußte, was er machen sollte. Indessen hatten die beiden Frauen sich aus der Umarmung gelöst, und der Meister ergriff die Gelegenheit, nun auch in seiner Art von dem Schrecken zu sprechen, in den er und seine Christel durch die Nachricht über den Unfall Neefes versetzt worden seien. Er tat das mit seiner tiefen, rumpelnden Stimme, daß das Treppenhaus leise dröhnte und Agnete unter vielen Entschuldigungen ihn ängstlich bat, leiser zu reden, weil der Kranke eben ein wenig eingeschlafen sei. »Nehmen Sie mir's um Gottes willen nicht übel«, wisperte sie furchtsam und ergriff seinen Arm, »lieber Herr Maechler, der gute Alex ist oft nicht wiederzuerkennen. Er konnte doch sonst keiner Fliege was antun. Der Onkel Pfarrer sagt's auch. Nein, es ist nicht wahr, was die Leute sagen.« Sie war, ohne zu wissen, selber etwas lauter geworden, und ehe Maechler sie gütig trösten konnte, schrie aus einem der inneren Zimmer der Inspektor mißklingend und zornig: »Agnete! – Agnete!! – Zum' Donnerwetter«, daß die arme Frau zusammenfuhr, aber sich sofort faßte, die Tränen aus den Augen riß und liebevoll antwortete: »Jaja, Alex, gleich.« »Verzeihen Sie, ich komme gleich wieder«, sprach sie fliegend zu den beiden und verschwand hinter der vorderen Tür, die sie sorgfältig zumachte. »Da ist die Wohnstube, und dahinter liegt das Schlafzimmer«, erklärte Christine. Jochen nickte und sagte: »Na ja. Ich geh allein zu ihm. Du kommst auf keinen Fall mit, sondern bleibst bei der Frau und tröstest sie. Am besten, wir könnten beide gleich abschieben.« »Aber Jochen!« »Ja, natürlich!« antwortete der Gerber finster auf den Vorwurf seiner Frau und suchte nach neuen Worten. Ehe er aber zum Sprechen kam, hörten sie drin etwas polternd umfallen. Dem Geräusch folgte eine atembeklemmende Stille, daß die beiden lauschend den Kopf hoben. Aber es ereignete sich nichts mehr. Weiter drinnen ging vorsichtig eine Tür. Schwebende Schritte folgten, und im nächsten Augenblick stand Agnete vor ihnen mit einem tapferen Lächeln im verhärmten Gesicht. »Jaja, 's ist alles gut«, sagte sie behutsam in ringender Güte. »Er ist merkwürdig frisch nach der Prise Schlaf und freut sich so über Ihren Besuch. Bitte!« Damit öffnete sie die Tür zum Wohnzimmer weit und trat zur Seite. »Ich geh' natürlich allein hinein. Christine bleibt indessen bei Ihnen, bis ich wiederkomme«, sagte Jochen leise und setzte sich in Bewegung. »Aber nichts übelnehmen«, flüsterte Agnete ihm bittend zu. Der Meister schüttelte beruhigend den Kopf und öffnete entschlossen die Tür zum Schlafzimmer. Der Kranke lag gekrümmt im zerwühlten Bett, das Gesicht halb im Kopfkissen vergraben, und hob es auch nicht auf den gütigen Gruß Maechlers, sondern lachte leise und höhnisch dazu, so daß der Meister betroffen an der Tür stehenblieb. »Na, immer komm. Komm ruhig näher. Ich bin nicht giftig«, sagte Neefe bitter und drückte das Kopfkissen nieder, daß sein eingefallenes, fahles Gesicht mit den verzehrend weiten Augen und dem breiten Mund ganz zu sehen war. Die schmalen Lippen bebten fortwährend wie von unterdrückten zornigen Worten, daß Maechler ihn sprachlos voll tiefer Ergriffenheit anstarrte. »Jaja! Hahaha!« lachte der Inspektor in höllischer Lustigkeit. »So seh ich aus! Seid ihr nun zufrieden? Der Rücken zerschlagen. Das Becken verrenkt. Nun könnt ihr ungestört weitermudeln und euch wieder gegenseitig in die Hosen pissen. Prost Mahlzeit, hahaha!«, dabei hob er den rechten Arm, um ihn bekräftigend auf das Deckbett zu schlagen. Aber Jochen sprang erschüttert ans Bett, fing die abgezehrte Hand auf und drückte sie herzlich. »Lieber Neefe, sei nicht ungerecht«, sagte er in tiefer Bewegtheit, »du hast ein Unglück gehabt und mußt's halt tragen. Gegen das Schicksal gibt's eben nur dies eine Kraut. Böse und wütend sein hilft sicher nicht. Du bist doch auf gutem Wege. Niemand gönnt dir das Unglück. Ich sicher nicht. Neefe, du, und noch eins: du hast eine so gute, liebe Frau. Nimm dich um ihretwillen zusammen. Sie ist ja bloß noch ein Schatten, und wenn sie vollends zusammenklappt, hast du's dann besser?« Jochen hatte sich auf den Bettrand gesetzt und streichelte seine kalte Hand, während er ihm mit geheimer Überwindung gütig zuredete. Neefe lag lange unbeweglich und sah starr gegen die Decke, dann fing er an, erst weichmütig und fast unhörbar leise zu sprechen: »Freilich, freilich ... du hast recht... und die liebe Agnete auch ... jaja ... was kann der Mensch? – Aber«, damit riß er seine Hand jäh unter der Maechlers weg ... »aber das Aas, das verfluchte Aas«, schrie er wild, »die Treppe ... ich mein' natürlich nur die Treppe ... das Luder!« Maechler faßte seine beiden Hände, denn der Kranke zitterte am ganzen Leibe. »Lieber, Lieber!« sagte er beschwörend. »Gar nichts Lieber ... ein Hund ist es... ich mein' die Treppe ... geh weg, Maechler, auch du. – Ich weiß, daß es alle ist mit mir. Denn als Krüppel mag ich nicht leben ... Alles muß 'runter ... reiner Tisch! reiner Tisch!! Ich habe gelogen vor aller Welt: dein Vater hat meinen doch ins Wasser gestoßen, und du hast hinter dem Schlosser Witschel gesteckt ... 'raus, 'raus!« Jochen sprang auf und sah entsetzt den Tobenden an, dessen Gesicht eine bläuliche Färbung annahm. Dann ging er rücklings aus der Tür, während Neefe die Augen wie zum Schlaf schloß. Im Wohnzimmer traf er auf Agnete, die auf Neefes Geschrei herbeigestürzt war. Er stützte die Verzweifelte, die am Umsinken war, und führte sie gewaltsam auf den Flur. »Nein, jetzt dürfen Sie nicht hinein, liebe Frau. Er kennt sich nicht. Mein Gott, das hätte ich nicht geglaubt.« Agnete versuchte immerfort, sich loszumachen und zu ihrem Mann zu gehen. Endlich gab sie das Ringen auf und lehnte sich erschöpft an die Wand. Nach einigem Starren vor sich hin sank sie, die einen halben Kopf größer war, auf Christines Schulter, umfing Schutz suchend ihren Leib und begann ganz leise, fast wohllautend zu weinen wie ein Kind vor dem Einschlafen. Frau Maechler sah auf und gab Jochen mit den Augen ein Zeichen. Der Gerber nickte und sagte barmherzig leise: »So ist es gut, liebe Frau Agnete. Um Neefe brauchen Sie keine Angst zu haben. Als ich 'rausging, hatte er schon die Augen geschlossen und schläft jetzt sicher nach der Anstrengung. Ich geh' jetzt in den Pfarrhof 'nüber, wo ich zu tun habe ...« Agnete fuhr auf: »Aber nichts meinem Onkel sagen! Versprechen Sie mir's in die Seele hinein. Sonst stirbt er vor Gram.« »Da haben Sie keine Sorge, ihm nicht, keinem Wilkauer, niemandem auf der Welt. Am besten ist's, Sie gehen mit Christel in die Küche. Ich komm' dann und hol' sie ab.« Vorsichtig stieg er die Treppe hinunter. Agnete sah ihm großäugig nach, als bedeute sein Fortgehen eine Entscheidung über ihr Leben. Als drunten die Haustür ins Schloß fiel, fuhr sie erschreckt auf und umklammerte Christine aufs neue. »Ach Liebe, Liebste«, stammelte sie, »du glaubst nicht, wie gut mein Mann ist. Nein, es ist nicht zu sagen! So wie er nach unserm Besuch bei euch war, ist er selten gewesen. Und nun, nach so einem Glück! – Wenn er stirbt und der Onkel, bin ich ganz allein auf der Welt – und mein Kind auch.« Damit vergrub sie in Scham ihr Gesicht aufs neue an Christines Brust und bebte am ganzen Leibe. »Du auch?« fragte flüsternd Frau Maechler. Agnete nickte. »Da dürfen wir uns nicht aufregen. Das schadet dem Kinde«, sagte Christine. Dann umarmten sich die beiden Frauen innig, als schlössen sie einen Bund fürs Leben, und gingen vorsichtig in die Küche. Jochen hatte indessen den Pfarrhof erreicht und klingelte an der Eingangstür. Die alte Therese erschien kummervollen Gesichts und fragte, ohne aufzusehen, was er wünsche. Als Maechler sein Begehren kundtat, den Herrn Pfarrer zu sprechen, hob sie das Gesicht und erkannte den Gerber. »Ach Sie sind's, Herr Maechler! Nehmen Sie mir's nicht übel. – Ach Gott, Hochwürden geht es gar nicht gut. Da ist man selbst nicht beisammen. Was wollen Sie denn?« »Es ist wegen des Briefes, den er mir vor vier Wochen durch den Herrn Inspektor Neefe gegeben hat.« »Aha!« rief sie ärgerlich und fügte böse hinzu: »Der Herr Inspektor Neefe! Lassen Sie mich in Ruh!« faßte sich aber und sagte liebenswürdig, sie wolle den hochwürdigen Herrn fragen. Er sah sie den Flur hineilen. Dann erschien sie wieder und winkte ihm erhellten Gesichtes. »Jaja, kommen Sie, Herr Maechler«, flüsterte sie glücklich. »Wie er Ihren Namen gehört hat, ist er richtig aufgelebt. Kommen Sie schnell. Er sagt, es sei was Wichtiges.« Der Gerber faßte nach dem Brief Kelvels in der Brusttasche und folgte der eilig voranschreitenden Alten. Doch schon nach wenigen Schritten ertönte vom Ende des Flures her ein Klingelzeichen, und man hörte den Pfarrer schwach rufen. »Jesus Maria, was hat's bloß wieder!« stotterte Therese und griff nach ihrem Herzen. »Bleiben Sie hier stehen. Ich komme gleich wieder.« Wie ein gestandener Vogel strich die Alte ab. Es dauerte lange, ehe sie wieder erschien. Jochen Maechler griff den Brief des Pfarrers immer wieder durch, steckte ihn ein und zog ihn abermals aus der Tasche. »Da geht ja alles durcheinander«, murmelte er dabei. Endlich ging leise die Tür zu Kelvels Zimmer, und Therese drückte sich heraus, die Schürze vor den Augen. »Ach, du gütiger Himmel, Herr Maechler«, flüsterte sie unter Schluchzen: »'s war bloß gut, daß ich gleich bei der Hand war. Wie ich 'reinkomm', hatte Hochwürden schon wieder die Schwäche, lag wachsbleich mit blauen Lippen und kriegte kaum Atem. Da hab' ich ihn hochgerissen, Betten untergestopft, Hoffmannstropfen gegeben, die Füße gerieben und was man so macht. Deswegen hat's so lange gedauert, Herr Meister. Jetzt ist er wieder bei sich. Gott sei Dank! Nee, Herr Maechler, es reißt einen noch mitten durch: das erste, was Hochwürden machte, wie er wieder zu sich kam, war, daß er lächelte, ich sag' Ihnen, rein wie ein Heiliger. Und an allem ist dieser verfluchte ... man wird sich noch versündigen ... nee, ich darf nicht! Ja so ... und er läßt Ihnen sagen, leider kann er Sie nicht empfangen. Er läßt Sie mit Gott von Herzen grüßen und Ihnen alles Gute fürs Leben wünschen. Er kann nicht dafür, und mit dem Geld sollen Sie zum Herrn Rendanten gehen.« Therese war erschöpft und ging mühsam mit Maechler einige Schritte zurück. »So!« sagte sie abgeschlagen stehenbleibend. »Gelobt sei Jesus Christus! Dort unten, die letzte Tür links. Da ist's – Grüßen Sie Ihre Frau!« Maechler erhielt die ordnungsmäßige amtliche Quittung und mußte nur des Pfarrers Brief zur Abschrift für die Akten dalassen. Als Jochen Maechler wieder auf die Straße trat, war es schon Abend geworden, noch nicht ganz dunkel und auch nicht mehr hell, die reine Zwischenzeit zwischen Tag und Nacht, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, auch vielleicht ähnlich der Zeit zwischen Lebensaltern, in der das Schwanken aller Sicherheit unsere Sinne zu schärfster Anspannung bringt. Die Trennsdorfer Straße, die er hinabsah, kam ihm ganz unwirklich vor, verklärt und drohend in einem, und erinnerte sich der Erzählung, daß sein Vater an derselben Straße zu Anfang des 66er Krieges sich den in Karriere flüchtenden Schreiberhauer Bauern entgegengestellt und mit ungeheurer Kühnheit das erste Paar Pferde ins Stehen gerissen hatte. Wozu kam ihm dieser Gedanke, und das ausgerechnet in diesem Augenblicke, da er der Überzeugung war, unter einen wichtigen Abschnitt seines Lebens den Schlußstrich gezogen zu haben? Neefe war für immer abgetan, nun sollte ihn nichts, nichts mehr von dem Wege abbringen, den er seiner Mutter gelobt hatte und der nicht im Tode eines zermürbten Einsamen auf einer Gartenbank enden sollte. Warum überfiel ihn gerade jetzt der Gedanke an eine sagenhaft gewordene Siegtat des Vaters? Hatte er ihn innerlich noch nicht ganz überwunden? Jochen war wieder in den weiträumigen Untergründen seines Wesens und wußte gar nicht, daß er die Trennsdorfer Straße hingegangen, rechts abgebogen und in der Richtung der Vogelsdorfer Straße auf dem Steg über dem Zacken angekommen sei. Auf der Mitte des schmalen Steges wachte er aus seinem Traumsinnen auf und erinnerte sich, seiner Frau das Versprechen gegeben zu haben, sie nach seinem Geschäft auf dem Pfarrhofe im Hause Neefes abzuholen. Das war unmöglich. Der Aufenthalt im Pfarrhof hatte zu lange gedauert. Christine war sicher schon nach Hause zurückgekehrt, und er schüttelte sich bei der Vorstellung, das Haus Neefes noch einmal zu betreten. So überließ er sich wieder seinem inneren Treiben, kehrte auf dem Zackensteg um, geriet abermals auf die Trennsdorfer Straße, bog bald links, bald rechts ab und ging großäugig, alles sehend und nichts bemerkend, richtig wie ein Nachtwandler oder ein Tier mit geheimnisvollem Orientierungssinn weiter, bis er sich erstaunt im Berggarten fand, stehenblieb, die indes eingetretene Finsternis rundum musterte und angestrengt grübelte, wozu es ihn eigentlich hierher geführt habe. Tastend ging er weiter und fühlte bald einen halb verrasten Weg unter den Füßen, den er verfolgte, bis er an die Bank stieß, auf der sein Vater den einsamen, abseitigen Tod eines Vergessenen gefunden hatte. Kaum war er mit dem Knie gegen die Bank gefahren, als die Willens- und Vorstellungskräfte, die ihn unterirdisch geführt hatten, eruptiv den fertigen Entschluß in sein Bewußtsein entluden. »Aha!« rief er erleichtert, wie von einer letzten Last befreit, und führte ohne Besinnen den Befehl seines geheimen Wesens sofort aus, trat und riß die morsche Totenbank seines Vaters auseinander und verstreute die einzelnen Teile weitum in dem Felde. Dieses Hin- und Wiedergehen mit den Pflöcken, Latten und Brettern nahm lange Zeit in Anspruch. Aber Maechler war so im Banne der unterirdischen Mächte, daß er die Dauer seiner Tätigkeit nicht merkte und nur von der Furcht bedrängt wurde, sein gestorbener Vater könne auf irgendeine gespensterhafte Weise der Vernichtung seines letzten Ruheplatzes auf Erden widerstehen. Aber es geschah nichts, kein Aufwachen seiner unsichtbaren Gestalt vor seinen Füßen, kein fühlbares Wandeln neben ihm, kein Unlaut des Widerstrebens oder machtlosen Schmerzes um ihn. Als Jochen Maechler den letzten Pflock unter das dichte Gesträuch eines Grabens geschoben hatte, atmete er erlöst auf und verweilte lange im Anschauen des Riesengebirges, dessen schöner Kammzug sich beim Scheine des aufgehenden Halbmondes klar durch die Nacht bewegte, und als gar ein weißes Wölkchen heraufkam und wie ein seliger Himmelswanderer über Kuppen und Joche hinschwebte, stieg in dem Gerber ein inbrünstig dankbares Gefühl gegen die geheimnisvollen Mächte auf, die ihn hierher geführt hatten und überhaupt so sicher durch das Leben leiteten. Und während er befreit nach Hause ging, sah er in der Erinnerung immerfort das weiße Wölkchen geruhig den Kamm hinschweben wie eine schöne, verklärte Frau, und verglich die Erscheinung mit der schrecklichen Drude, von der seine Kindheit jahrelang gepeinigt worden war. Denn er stand in der Zwischenzeit zweier Lebensalter, in der die halbverwehten Schatten der Familienvergangenheit und traumhafte Weiser der Zukunft vor unserm zwiegesichtigen Geiste aufsteigen. Als er in seinem Hause anlangte, war Christine im Begriff zu Bett zu gehen. Sie erkannte an dem frei gesammelten Gesicht und der ungezwungenen aufrechten Haltung, daß er die schlimme Szene mit Neefe sieghaft überwunden habe und fragte nicht, wo er so lange gewesen sei, weil sie wußte, daß er sich durch sein gewohntes Feldschweifen wieder zurechtgerückt habe. * Einige Tage später sank der greise Kelvel, durch einen stillen Schlag angerührt, im Lehnstuhl sitzend, friedevoll lächelnd in den Tod, nach dem er sich seit Neefes häßlichem Unglück geheim gesehnt hatte. Ganz Wilkau, Evangelische und Katholische, folgten seinem Sarge auf den Friedhof. Nach der Rede des Rehberger Erzpriesters sprach auch der vor kurzem aus Berlin nach Wilkau versetzte evangelische Geistliche, Kutzner, ergreifende Worte der Verehrung, des Dankens und Segens über das offene Grab. Denn der Verstorbene, der als fanatischer Kirchenstößer sein Amt in Wilkau angetreten hatte, war durch ein unruhiges, kampfreiches Leben in seinem Herzen und Geiste immer reiner und höher, bis in die Weihe abgeklärten Menschenwesens gegärt worden. Seine Nichte Agnete Neefe fehlte unter der Grabbegleitung, weil sie wegen einer plötzlich eingetretenen ungünstigen Wendung in der Krankheit ihres Mannes genötigt war, ihn sofort in der Klinik eines berühmten Breslauer Chirurgen unterzubringen. Ihre Trauer und Lebenssorge wurde ihr aber etwas erleichtert, weil Kelvel ihr die Nutznießung seines nicht unbeträchtlichen Vermögens testamentarisch auf Lebenszeit vermacht hatte, das nach ihrem Tode der Kirche zufiel. So konnte sie entlasteter ihrem Mann dienen und sich um ihn sorgen. Im Frühling des nächsten Jahres wurde Neefe aus der Klinik entlassen, zwar mit verrenkter Hüfte und gekrümmtem Rücken, aber doch soweit geheilt, daß bei vernünftigem Verhalten keine Lebensgefahr mehr bestand. Zu Pfingsten fand die Gründungsfeier des Flottenvereins statt, für die Neefe so leidenschaftlich geworben hatte. Aber nun saß er als ein anderer an dem Vorstandstisch, nicht als der Allrührige, mit Bedeutsamkeit Bewegliche und Wohlredende, sondern als ein zusammengehüfteltes, scheues und schüchternes Männchen, das mit verzehrenden Augen alles von unten her musterte und devot mit den nun immer bebenden Lippen seines breiten Mundes sprach. Jochen Maechler, der auch eine Einladung zu der Versammlung erhalten hatte, überwand sich, traf kurz vor Schluß der Feier im Saale ein und drückte sich unauffällig in eine Ecke, weil alle Stuhlreihen besetzt waren. Aber das bitter spähende Auge Neefes hatte ihn doch wahrgenommen. Ein böses Knittern lief über seine kastenhohe Stirn, und er senkte den Kopf auf ein Blatt Papier, das vor ihm auf dem Tische lag. Ja, als nach den Schluß Worten des Kapitäns von Maschitzky das Flottenlied stehend angestimmt wurde, sang der Krumme abgekehrt auf die Wand zu, weil er den Anblick des gesunden, mächtigen Gerbers nicht ertragen konnte. Jochen Maechler gab sich auch keine Mühe, mit Neefe nachher zusammenzukommen, verließ mit den ersten den Saal, ohne sich in die Mitgliederliste einschreiben zu lassen, und ging gedankenvoll nach Hause. Dieser Mann, den die Macht des schicksalhaften Blutsstromes von den Ahnen her in sein Leben gespielt hatte, war endgültig aus dem Kreis seines Daseins geschleudert worden, auf Nimmerwiedersehen. Für immer war der Einfluß dieses minderwertigen Geschlechtes auf sein Haus gebrochen, und nie mehr sollte es die Lebenskreise seiner Familie stören. Zehntes Kapitel Als Jochen Maechler in die Feldgasse einbog, schüttete der schöne Frühlingstag gerade die letzte Woge seines abendlichen Lichtes in das junge Grün der Bäume, und von der katholischen Kirche her sang die Kinderstimme einer kleinen Glocke zum Segen der Maiandacht. Jochen schwang beglückt die kurzen Beine seines mächtigen Körpers wie zur Melodie eines himmlischen Freudenmarsches, und da ihm Christine, die im sechsten Monat ging, am Gartenpförtchen entgegenkam und neckisch fragte, ob er nun Admiral geworden sei, flog sein Siegergefühl in fast jungenhafte Verrücktheit, daß er sie mit einem mörderischen Umarmen fast erdrückte. »Jochen, der Junge!« hauchte das Christel fast beschwörend, stieß sich gewaltsam frei und gab ihm eine glückhafte Ohrfeige, indem sie sagte: »Wahrhaftig, wie ein richtiger Seeräuber, der seine eigenen Kinder nicht schont!« Der so Gemaßregelte nahm lachend ihren Arm und führte sie, von der Flottenversammlung und Neefe erzählend, auf das Hausbänkchen unter dem Frontspieß, wo sie plauderten, bis der Abend grau in die Baumkronen hauchte. So stiegen Zeiten richtiger Erfüllung über das Gerberhaus in der kleinen Feldgasse. Die Schatten Jochen Maechlers aus dem Leben und Blut seiner Eltern waren wie von der Wand seines Daseins weggestrichen. Auch das Gespenst der Drude grauselte nicht mehr auf, das Jochens Kindheit so mit Finsternis und Angst gepeinigt hatte, und in dem er lange die spukhafte Ursache des leise fressenden Unsegens vermutet hatte, dem endlich das Glück und der Wohlstand des Vaterhauses zum Opfer gefallen war. Denn nicht nur die eigene Kindheit, sondern auch das vorgeburtliche Blut- und Wesenserbe der Eltern bis in die Ahnen hinauf regiert unterirdisch und überbewußt das Leben der Menschen, sogar dann noch, wenn es zur halbverklungenen Sage geworden oder ganz aus dem Gedächtnis geschwunden ist und nur noch in der Beschaffenheit und dem Rhythmus des Blutstromes wirkt, der im kosmischen Antrieb durch unser Herz pulst. Der tätige Sehkreis Jochen Maechlers war von dunklen Erinnerungen und alphaften Berückungen nun frei, und er ging kurzbeinig, aber unbeirrbar den Weg, der ihm von seiner Erfahrung aufgedrungen worden war, als ein sicherer Mann, den es jedoch nie gelüstete, in Flößerstiefeln über die Daseinsgebirge zu wandern, die Sterne des Himmels vom Firmament in seinen Habersack zu streichen und vor das Weltentor zu schütten. Wohl von dem Schicksal seines viel talentierten, hochgeschwungenen Vaters her war das Mißtrauen des Gerbers in den Bestand aller Menscheneinrichtungen entstanden, mögen sie Staat, Provinz oder Gemeinde, ja, wenn er sich's genau überlegte, sogar Familie sein. Ihm war zuwider, was er »Katzenlicht« nannte, jede gespreizte Lebensaufmutzerei, jedes öffentliche Klugkochen und jedes Bedeutungsrennen. »Wer über seinen Zaun brüllt, kriegt erst Streit mit dem Nachbar und verfängt sich bald in Händel mit der ganzen Welt«, das war seine Lebensmaxime, nach der er handelte. Er war für sich nicht ohne höhere Lebensansichten, räumte ihnen aber keine weiteren Wirkungen auf sein Tun ein, als die Kraft seiner Arme reichte und die Wahrung seines bürgerlichen Wohlergehens zuließ. Kurz, er war ein idealistischer Philister, der auch von seiner geliebten Christel, der reichen Sattlerstochter aus Görlitz, nicht aus solcher engen Daseinsbemessung herausmanövriert werden konnte. Jeder praktisch-tüchtige Mann aber, der seinen Besitz ehrenhaft, fleißig und nüchtern förderte, war seiner Hochachtung sicher. Das Reich stand in jener Zeit auf einer Höhe des Glanzes, durch den das ganze Volk wie von einer Betäubung ergriffen wurde. Die Flottenvorlage war genehmigt. Immer neue Schlachtschiffe liefen vom Stapel. Der Handel und die Industrie brachten immer neue Goldströme in das Land. Die genialische, großangelegte Persönlichkeit des Kaisers schwebte mit seiner absolut beanspruchten Souveränität im Schimmer des Gottesgnadentums. Seine Reden brachen bei jeder erdenklichen Gelegenheit immer wieder hochtönend hervor und vermehrten die Zahl der Liebediener und Unterwürfigen bis in die höchsten Stellen hinauf. Jedes selbständige Denken im Dienst des vaterländischen Verantwortungsgefühls war verpönt und wurde als hochverräterische Auflehnung verfolgt. Natürlich pflanzten sich diese Verhältnisse im verstärkten Maße nach unten fort und erzeugten eine böse, bedenkliche Streberei, die je nach der Art der Menschen ausbrach: als prahlerisch-protzige Erbpacht des einzig wahren Patriotismus mit hochgeschwollenen Reden bei allen möglichen und unmöglichen Anlässen mit Fahnen, Musik und Hurramärschen, als duckmäuserische Kriecherei, scheelsüchtiges Aufpasserwesen, wendig-gaukelndes Konjunkturbandentum im Geschäft, und die als Geltungshunger unter den Beamten grassierte. Allen gemein aber war die rein materialistische Lebenseinstellung als Sinn des Menschendaseins überhaupt. Denn die Zeit spielt auf den Menschen, die Melodie kommt aus dem Wesen des einzelnen. Jochen Maechler, der allem Politisieren, das er als »Mundkrätze« bezeichnete, aus dem Wege ging und um jede Parteiklappermühle einen großen Bogen machte, spürte, sozusagen mit den Poren, aus den weiten Untergründen seines Wesens alle Daseinsflunkerei, alles Prahlfahren, alles Jämmerliche und Mißduftige, das aus den Verhältnissen und Zuständen jener deutschen Epoche auch in das Leben des kleinen Wilkau griff; aber es rückte ihn nicht eine Handbreit aus seiner heimlichen Sicherheit und verborgenen Abgewogenheit seines Wesens, die er nur spontan ausübte, ohne sie von anderen zu verlangen. Auf Grund seines Mißtrauens in alle Menscheneinrichtungen nahm er alle Schwächen der Menschen hin, ohne sie darum zu verachten. Wenn Jochen Maechler, von einem späten Geschäftsgange heimkehrend, am »Goldenen Greif«, dem hell erleuchteten Weinlokal, vorüberschritt und die laute Fröhlichkeit der alten Kammerherren, ausgescherten Obersten und Kapitäne hörte, die dort, von Regiments-, Manöver- und Fürstenerinnerungen schwärmend, bei einem improvisierten Festlein saßen, schwoll ihm nicht die tiefe Furche des Grimmes in die wulstige Stirn, sondern er schüttelte nur lächelnd den Kopf und griff im Gange weiter aus, um schneller vorüberzukommen. Höchstens schloß er unwillig die Augen und bespeichelte seine Lippen mit der Zunge; aber zum Ausspucken ließ er es nicht kommen. Er hielt sich zu allen ehrlich-tätigen, besonnen-ruhigen Männern, welchen Standes sie immer sein mochten, wenn er auch mit niemand, aus seiner unheilbaren Einsamkeit heraus, in ein neues Freundschaftsverhältnis trat. Nur wenn auf der Straße der verbogene Inspektor Neefe vor ihm auftauchte, mußte er einen bitterkalten Hauch bezwingen, der seine Brust zum Spannen brachte. Vielleicht gewitterte das gleiche ahnende Empfinden durch den zerwürgten Inspektor, wenn es sich auch ganz anders äußerte. Denn sowie er auf der anderen Straßenseite dem Gerber grußweit nahekam, ruckte es ihn noch grimmiger in seine Schiefheit, und dabei riß er devot seinen Hut mit gefausteter Hand von dem Kastenkopfe, daß die erzwungene Unterwürfigkeit eher aussah, als schicke er sich an, einen Stein nach dem Meister zu werfen. Der aber reckte sich in sieghafter Güte aus seinem Widerwillen auf, erwiderte freundlich den Gruß und ging in großschrittiger Wurde seines Weges, ohne neugieriges Umsehen, wohin es den Unseligen wieder treibe. Denn nachdem Neefe durch die Fäuste Witschels vom Tode zwar berührt, aber als verpfuschtes Werkstück beiseite geschleudert worden war, hatte er sich nach der Niederlage wieder so weit erholt, daß er begann, seine alten Lebensgewohnheiten wieder aufzunehmen. Aber während er früher stößig mit großsprecherischer, lärmender Heiterkeit durch die Straßen Wilkaus geeilt war und sich zur Erreichung seiner ehrgeizigen Ziele an die verschiedensten Personen angeworfen hatte, ging er jetzt vorsichtig die alten Wege als ein vom Unglück Verfolgter, der mühselig mit Gottes Hilfe bereit sei, den Rest seiner Kraft dem Wohl der Allgemeinheit zu widmen, nistete sich in Stuben ein, nahm Ratlosen die Führung gefährlicher Geschäfte ab und arbeitete so unter der Decke, im Halbdunkel, an der Sucht nach Geltung weiter, deren verheimlichte Glut, wenn er allein war oder sich unbeobachtet glaubte, als verzehrendes Feuer aus seinen Augen brach und in sein unschönes Gesicht die Züge rachsüchtigen Neides grub. Jochen Maechler dagegen, den er von allen Wilkauern am meisten haßte, ließ ihn ungestört auf seinen Schleichwegen bei Hexenlicht und diente mit gelassener Umsicht seinem Geschäft und Leben, das an immer längerem Seil sich bergauf tummelte. Von allen Seiten aus den umliegenden Dörfern brachten die Bauern die Häute in die Lohgerberei auf der Feldgasse; denn Jochen Maechler hatte sich von dem neumodischen, chemischen Schnellverfahren zum Garwerden des Leders abgewendet und war zu der bewährten Behandlung und der guten handwerklichen Art zurückgekehrt, wie sie sein Großvater mütterlicherseits, der alte Wennrich, geübt hatte, dessen Ruf aus halbvergessenen Zeiten wieder aufklang und Maechlers Tüchtigkeit ein immer wachsendes Vertrauen erwarb, obwohl der Entgelt für sein langwieriges, genaues Verfahren höher war als anderwärts. Dafür aber hielten die Zugblätter und Riemen, die Flegelkappen und Schürzen aus Maechlerschem Leder doppelt so lange. Die Fleischer luden ihre Häutefuhren am liebsten bei ihm ab, weil die Abwicklung eines Geschäftes mit dem gütig-bestimmten Meister fast ein Vergnügen bedeutete, obwohl Maechler bei Bemessung des Preises immer hart am Daumennagel herunterschnitt. Die kollerigen Fleischer sahen sich in ihren Handelskapriolen durchschaut und nahmen doch dem Gerber seine sanfte Schlauheit nicht übel, sondern bewunderten ihn sogar, wenn er mit unauffälliger Wendigkeit ihrer dreimal gesiebten Pfiffigkeit doch überlegen gewesen war. Ohne je einen übers Ohr zu hauen, verstand er es, seinen Vorteil zu wahren. Er wußte, daß die eine Hand die andere wasche, aber er verwandte nie schmutziges Wasser dazu. Die heisere Klingel der Lederausschnittsstube pinkte den ganzen Tag, denn die Schuhmacher, Riemer und Sattler der nahen und weiteren Umgebung fanden den Weg auf die Feldgasse, wo sie meist von Christine, der hübschen, drallen Frau, heiter und klug bedient wurden. Daß sie, als Tochter eines Sattlers, gleichsam vom Bau war, erhöhte das Vertrauen der Kunden in die sachgemäße Behandlung ihrer Wünsche. Man pries Jochen Maechler als einen seltenen Mann, der auf den Füßen einfacher handwerklicher Tüchtigkeit vorwärtskam, als würde sein Lebenswagen von zwei Rappen gezogen. Das Arbeitsfeld des Meisters wuchs von Monat zu Monat, und er war genötigt, einen und noch einen Gesellen einzustellen, die aber auswärts sich behausen und beköstigen mußten, weil Jochen als geborener Einzelgänger das enge, familiäre Zusammenleben mit Fremden nicht ertrug, und sein Christel ließ ihm darin den Willen, obwohl sie es von ihrem Vaterhause anders gewohnt war und im stillen ausgerechnet hatte, wieviel durch Einwohnen und Hausbeköstigung der Gesellen an Lohn gespart werden könnte. Sie rechnete diese Einstellung ihres Jochen einfach zu den vielen Marotten, die dem lieben Mann aus dem Blute seiner Ahnen, den Böhmischen Brüdern, anhingen. In der Ehe mit dem schwerblütigen Jochen hatte sich die gelegentliche Heftigkeit ihres Wesens in weibliche List verwandelt, die ihren Widerspruch schlau einzufädeln und unauffällig durchzusetzen verstand, und ihr unterhöriger Mann, der meistens dieses Spiel hinter der Wand durchschaute, gab sich in seiner Liebe den Anschein, als merke er von allem nichts. Deswegen gedieh alles in dem Maechlerhause ohne Reibung und Unfrieden, und der Meister konnte ungehindert an der Ausbreitung seines Geschäftes arbeiten, und wie sein Christel sich immer voller in die reifende Mütterlichkeit dehnte, wurde der Fleiß des Gerbers fast zur beseligten Hingabe, weil ihn nicht mehr allein der Eigennutz wach hielt, sondern die väterliche Sorge um das Wohlergehen seines Geschlechts in die weite Zukunft leitete. Mit Behagen sah er sein Weib in allen freien Augenblicken am Fenster oder auf der Bank unterm Frontspieß über die Näharbeit an kleinen Sachen gebückt, ging schmunzelnd vorüber oder versuchte wohl gar, hinzutretend mit seinen braunen, bärenmäßigen Tatzen die zierlichen Jäckchen, Hemdchen oder Bettchen anzugreifen. Und als er einmal mit verhaltenem Prusten fragte, was für Schleifen auf das Taufbettchen kämen, rote oder blaue, weil rote für Mädchen und blaue für Knaben gewählt wurden, senkte das Christel erst bloß stumm den Kopf, und da er, nun herauslachend, die Frage wiederholte, riß sie sich endlich ärgerlich auf. »Natürlich blaue, du Alb«, rief sie in komischem Zorn, »und nun faß Boden!« Nach solch heiterem Geplänkel saß der Gerber in der Nacht noch länger an seinem Schreibschrank, und Christel hörte vom Bett aus das bekannte Geldschwirren, aber nicht mehr so leidenschaftlich und wirbelig wie sonst, und einmal fing Maechler nach dem Zuschließen sogar etwas wie Gesang an, das heißt, er brummelte leise wie ein ungeschmiertes Scheunentor und verlor sich dann unhörbar aus der Stube irgendwohin. Christel meinte, in sich hineinlachend, er gehe hinaus und zähle die Sterntaler am Himmel. Über dem schlief sie ein. Jochen aber schlich sich in die Schlitzkammer zu seinem Schatz und füllte mit seinem sicher errechneten Überschuß einen neuen Strumpf auf. Dann saß er noch im Traumsinnen eine Weile auf dem wackeligen Stuhl, der nach seiner Einbildung auch von seiner Mutter benutzt worden war, und dankte ihr für den Lebensweg, auf den sie ihn verpflichtet hatte, und für den Segen, der ihm aus dem Maechlergebet erwuchs. In tiefen Gedanken verschloß er die Schlitzkammer, und in verstohlenem Hinabschreiten über die Stiege gingen rhythmisch die letzten Worte des Gebetes durch ihn hin: »Droben Gnade, drunten Recht.« Elftes Kapitel So floß die Zeit hin, und wie Christine immer schwerer wurde, konnte sie den Dienst in der Lederausschnittstube nicht mehr versehen, entzog sich der Verbindung mit der Außenwelt immer mehr, saß in bänglicher Einsamkeit viel in der Schlafstube und lebte erst auf, wenn Agnete, Neefes Frau, heimlich zu ihr hineinschlüpfte. Eigentlich waren die beiden merkwürdigerweise gerade durch die Kluft zusammengeführt worden, die ihre Männer weiter und weiter auseinander brachte: Ihre ganz verschiedene Wesenheit band sie immer freundschaftlicher zusammen, und weil sie wahrscheinlich in der gleichen Nacht empfangen hatten, waren sie durch das Glück, das sie erwarteten, und die Not, der sie entgegengingen, in engste, fast geschwisterliche Nähe gerückt worden. Jochen Maechler war machtlos gegen die Gemütsverdunkelungen, von denen sein Christel dann und wann befallen wurde, keine Zärtlichkeit, keine Liebe, keine ausgeklügelte Überraschung vermochte die Schatten zu vertreiben, durch die sie von Zeit zu Zeit eingemauert wurde, höchstens, daß sie mit einem müden, seligen Lächeln dankte, indes ihr die Augen voll Tränen liefen. Deswegen atmete der Gerber jedesmal erleichtert auf, wenn er die Haspe des Gartenpförtchens leise gehen hörte und an den schüchternen, langen Schritten über den Flur hin die Ankunft Agnetes erkannte, für die er vom ersten Augenblick eine lebhafte Sympathie empfand. Aus natürlichem Takt hielt er sich freilich sehr zurück, um sie ihrem scheelsüchtig-feindlichen Mann gegenüber nicht in einen Gewissenskonflikt zu bringen. Denn er hatte wohl beobachtet, daß sie in aller Heimlichkeit das Haus auf der Feldgasse aufsuchte. Nie kam sie von der breiten Rehberger Straße her, sondern auf Schrimsteigen und kleinen Gartengäßlein betrat sie von hinten das Grundstück der Glaeserschen Gärtnerei und verließ es, immer mit einem Blumenstrauß in der Hand, durch das vordere schmiedeeiserne Tor, um schnell die paar Schritte hin ungesehen durch das Maechlersche Pförtchen zu schlüpfen. Sobald sich die Schlafstubentür zu Christine, von Agnetes Hand achtsam bewegt, öffnete, klangen die Stimmen der Frauen beglückt ineinander. Aber bald wurde das Gespräch der beiden leiser und leiser, ja sank bis zum Flüstern herab, wie etwa nahe Sträucher ihr Laub ineinandertuscheln. Dann machte Jochen sich davon und schüttelte den Kopf, was für seltsam wunderliche Geschöpfe doch Frauen seien, vor allem, wenn sie auf ihre Stunde zugingen. Allein, so ist es eben, die Männer, die im tiefsten von einem anderen Stern als die Frauen stammen, vermögen das Wesen des verliebten Geschlechts nicht zu begreifen, vor allem in der krisenhaftesten Zeit ihres Daseins nicht, wo sie in zwei Leben gespalten, in Liebe und Sorge mehr von jenem anderen regiert werden, das sich in ihnen bildet, als von ihrem eigenen. Christine und Agnete tauschten die Beobachtungen über den Wechsel ihrer Zustände aus, berieten sich über die Vorbereitungen zur Niederkunft und versanken dann im Ahnen jenes unausdenkbaren Glückes, das ihnen nach der Überwindung der Finsternis in den Armen liegen werde. Dann kam es vor, daß das Kind in Agnetes Leib, auch den Augen Christines bemerkbar, zu hüpfen begann und die eigene Mutter in verhaltenem Schmerz und doch auch seligem Lächeln das Ungebärdige beruhigen mußte. Dabei stieg in Frau Maechler jedesmal ein geheimer Neid auf, denn ihr Kind lag still in seinem Gefängnis, und wenn es sich rührte, waren seine Bewegungen schwach und sanft, ja wie machtlos, daß die arme Christine an seiner Lebensfähigkeit zweifelte und in eine Bangnis versank, aus der sie keinen Ausweg wußte. Auf diese Weise wurden die beiden werdenden Menschen schon vor ihrer Geburt durch die Mütter verbunden, und das Merkwürdige dabei war, daß Agnete, die früher Schüchterne und Gedrückte, die verzagte Freundin nun mit ihrer sicheren Hoffnung aufrichtete, wie die sonst so fade, unschöne Eckige in Fülle aufgeblüht war, manchmal sogar in Glanz und Strahlen. Dieses Wunder des Wandels, der mit Agnete vorgegangen war, konnte Christine durchaus nicht fassen, weil sie aus ihren beiläufigen Bemerkungen und schonenden Worten wußte, daß der krumm geschlagene Inspektor sie noch mehr als in gesunden Tagen unterjochte, an ihr herumnörgelte und ihr sogar die Hilfe aus dem hinterlassenen Vermögen des Pfarrers Kelvel als ausgeklügelte Entrechtung seiner Person hämisch vorwarf. Alles das aber ertrug Agnete in ihrem felsenfesten Gottesglauben mit fast heiterer Geduld und bat sich aus dem mitgebrachten Strauß jedesmal einige Blumen für ihren Mann aus, der, von Natur beladen und von dem Unfall geschlagen, ein wohl bemitleidenswerter, aber im tiefsten Grunde lieber Mensch sei. Allein auf ihrem heimlichen Nachhauseweg verfärbte sich ihr Gesicht doch in Trauer, vor allem wenn sie, etwa beim Durchschreiten des Vorgärtchens, zufällig den friedevoll sicheren, gütigen Meister Maechler traf, der das schlau so eingerichtet hatte, und sich an seiner herzlichen Liebenswürdigkeit erfreute. Dann fielen sogar einige Tränen in die Blumen, die sie ihrem Alexander mitbrachte, während sie geneigten Kopfes in ihr Haus zurückkehrte. Die Besuche Agnetes wurden indes seltener und hörten endlich ganz auf, weil die beiden Frauen Fruchtbäume waren, an denen der Herbstwind immer stärker zu rütteln begann und man keine Stunde sicher war, daß der Sturm losbrach. Die Wehmutter Christines war bestimmt, und Jochen machte mit der Uhr in der Hand zweimal zur Probe den Weg auf die Zackenau, wo sie wohnte, um im Ernstfalle keinen Augenblick zu verlieren. Kurzbeinig und langschrittig eilte der Meister im Schutz der Dunkelheit vor die Haustür der weisen Frau und trieb seine Vorsorge so weit, sogar die drei Stufen hinaufzusteigen und den Zeigefinger auf den elektrischen Klingelknopf zu legen. Dies alles tat er mit einer unbestimmten Bedrängnis in der Brust, aber auch mit einem Gefühl beginnenden Aufatmens, am Ende der wochenlangen, drohenden Unsicherheit angelangt zu sein. Denn die letzte Unstimmigkeit mit Christine war, wenn auch nicht nach seinem Willen, aber doch Gott sei Dank überwunden. Der Taufname des Jungen, ein solcher war es nach der Überzeugung beider selbstverständlich, stand fest. Er, Jochen, hätte ihn für sein Leben gern Dietrich geheißen. Christine bestand auf dem Namen Damian. Im zweiten Ehejahr, also noch zu Lebzeiten des alten Nathanael, war sie nämlich in andere Umstände gekommen und hatte auf den Rat ihres verehrten Schwiegervaters für den zu erwartenden Stammhalter den Namen Damian schön gefunden. Aus Liebe zu dem Verstorbenen faßte sie diese Wahl als ein Versprechen auf, dem sie über das Grab hinaus die Treue halten mußte. Damals hatte sie ein Übergang um die Erfüllung und nach dem Urteil des Arztes sogar wahrscheinlich überhaupt um die Aussicht auf Mutterschaft gebracht. Und Jochen, der sich dagegen wehrte, den Erwarteten in die Wesensnähe seines glücklosen Vaters zu bringen, bemühte sich vergeblich, Christine davon zu überzeugen, daß es gefährlich sei, dem Kinde den Namen jenes Wesens zu geben, von dem das Schicksal durch seinen vorgeburtlichen Tod zu erkennen gegeben habe, es nicht im Leben zu dulden. Der wohlbegründete Einspruch nützte dem Gerber nichts. Er belud die arme Mutter nur mit neuen Ängsten. Sie brach endlich in ein schreiendes Weinen aus und schwor, lieber auf der Stelle zu sterben, als von dem Namen zu lassen, der ihrem Söhnchen von dem Verewigten, also gleichsam vom Himmel selbst, zugedacht sei. Darum gab ihr Mann endlich nach, beruhigte sie auf das liebreichste und schmeichelte ihr noch die Einwilligung ab, dem Ankömmling außerdem den Namen Erdmann zu geben und damit jede Todesgefahr von ihm fernzuhalten. Dann ging er aus der Stube. Als er aber drüben in der Werkstatt angekommen war, ergriff er ein zweihändiges Schermesser, hieb es wild in den Schabbaum und schwor hoch und heilig, den Jungen heimlich doch Dietrich zu heißen, weil er aus ihm einen Menschen zu machen gedachte, dem es gelinge, alle Schlösser zum Glück dieser Erde zu öffnen. Während auf diese Weise im Maechlerhause um das Wohl des Nachkommen gekämpft wurde, noch ehe er geboren war, mühte sich der Inspektor Neefe um das gleiche Ziel; aber der Unterwendige, Schleichfüßige tat das auf seine besondere Manier, von der er natürlich niemandem auch nur mit dem leisesten Zungenwetzen etwas zu kosten gab, da er es sich in den Kopf gesetzt hatte, den Grafen Schilling selbst als Paten für seinen heranrückenden Sohn zu gewinnen. Also speichelte und schleimte er sich auf den ausgeklügelten Wegen an den alten Grafen heran und hatte es endlich so weit gebracht, daß der milde Schloßherr bekümmert äußerte, dem armen, vom Mißgeschick verfolgten Neefe könne wohl nur auf christlich-seelische Weise wieder in das alte rührige Lebensvertrauen geholfen werden. Als der Inspektor so alles ins Lot geschoben hatte, kam es einzig und allein auf seine Frau Agnete an, daß sie ihrerseits fest bei der Stange bleibe und es sich nicht in heimlicher Widersetzlichkeit etwa in den Kopf setze, ein Mädchen zu gebären; denn in solch unsinnige Verranntheiten geraten nicht nur dumme, sondern sogar weltsichtige, zynische Männer, wenn sie durch eine instinktive Leidenschaft, wie Neefe von seinem Haß, blind gemacht werden. In einer stürmischen Neumondnacht der letzten Augusttage, in der das Riesengebirge bis ins Tal herunter von Wolken zugemauert war und ein Regen auf die Bäume peitschte, als wolle er die Erde ersäufen, klingelte es ängstlich bei der alten Wehmutter auf der Zackenau, die angezogen auf dem Lehnstuhl eingeschlummert war, und als sie eilig mit ihrer Tasche an der Tür erschien, stand der massige Gerber da, keuchte ohne zu grüßen: »Schnell, Frau Mirander, sofort auf der Stelle! Meine Christine stirbt sonst!« und lief im nächsten Augenblick schon wieder zurück, daß das Pfützenwasser nur so um ihn klatschte. Während die Alte sorgsam die Haustür verschloß, lächelte sie hinter dem Davonstiebenden her. »Jaja, die Männer! Erst können sie nicht genug kriegen, dann kocht ihnen die Angst die Hosen voll. Alte Geschichte!« knurrte sie und steuerte vorsichtig um die Lachen dem Gerber nach. Aber es war wirklich höchste Zeit und schlimm dazu. Christine lag blaß, wie entseelt, und stieß dann wieder einen schrillen, messerscharfen Schrei aus. Der Mann aber stand steif da wie ein erfrorener Baum, mit Augen wie starre Steine. Die Wehmutter wies ihn barsch aus der Stube und hieß ihn draußen warten, bis sie ihn rufe. Jochen Maechler stand lange regungslos mitten im finsteren Hausflur. Als ihm die Beine vor Müdigkeit einzuknicken drohten, setzte er sich auf die unterste Treppenstufe. Jedesmal, wenn die Kreißende aufschrie, packte Jochen voll Wut das Treppengeländer und rüttelte es wild zum Zerbrechen. So ging es stundenlang. Endlich, der Morgen brach schon mit unwirscher Helle durchs Fenster, stand Frau Mirander unvermutet vor dem Zusammengesunkenen, nahm seine Hand und sagte leise: »Na, nu können Sie 'reinkommen, Meister. Es ist zwar ein Junge; aber viel ist nicht dran.« Christine lag wie tot und schlief mit unhörbarem Atem. Das Knäblein, ein kümmerliches Bündel, lag in Watte verpackt im erwärmten Ofenrohr. Als die Wehmutter es herausnahm, war es sterbensblau. Deswegen gab ihm die Hebamme, in Übereinstimmung mit dem Vater, die Nottaufe und nannte ihn nach Jochens Weisung: Damian Erdmann. Einige Tage nachher wurde auch Agnete unter das Deckbett getrieben. Ein Wirbel beutelte sie; aber noch unter dem Schmerzensgriff der Wehen verschwand nicht ganz die selige Verklärung aus ihrem Gesicht. Noch ehe die Hebamme recht zugreifen konnte, feuerte es das Neugeborene wie mit einem Schuß aus dem mütterlichen Schoß, daß die Hände der verblüfften Wehhelferin zurückgestoßen wurden. Ein kräftiger Junge saß im nächsten Augenblick stracks und aufrecht auf dem Laken, blinzelte mißtrauisch und schnobernd in die Welt und brach dann in ein Zäken aus, das wie ärgerliche Enttäuschung klang. Neefe schlug sich lachend auf die Oberschenkel. Denn diesen beispiellosen Triumph über Maechler hatte er sich, auch im Traume nicht einfallen lassen. Bei ihm ein solch sieghafter Einmarsch! Im Gerberhaus so ein Menschenbröcklein, das gleichsam auf dem Leichenbrett in die Welt geschoben worden war! Schon am nächsten Tage zeigte er die Geburt eines gesunden, kräftigen Knaben im »Wilkauer Kurier« an und schickte die Nummer der Zeitung an den Gerbermeister Joachim Maechler auf der Feldgasse. Und wenn auch nicht alles nach Neefes Willen ging, da seine kühnste Erwartung, die gräfliche Patenschaft sich nicht erfüllte, weil der Schloßherr zur Rebhühnerjagd auf seine österreichischen Güter verreist war, ganz gnadenleer ging der Inspektor auch in dieser Hinsicht nicht aus, denn acht Tage darauf erhielt er vom Kameralamt zweihundert Mark ausgezahlt. So kam sich Neefe wenigstens im Vestibül des Schlosses angesiedelt vor und war entschlossen, daraus für die Zukunft seines Söhnchens, das er auf den Namen Reinhard taufen ließ, allerhand Erfreuliches zu erlangen. Jochen Maechler aber ging lange in einem Zustand halber Niedergeschlagenheit und furchtsam-bedrückter Freude umher, und auch Christine konnte sich der Tränen nicht enthalten, wenn sie mit ihrem zerbrechlichen Knäblein allein war. In Gegenwart ihres Mannes jedoch würgte sie jeden Gram hinunter, und als sie erst einmal von dem Kinde aus seinen großen, blauen Augen tief und klar, noch wie himmelsichtig, angeschaut worden war, entschwand alle Furcht aus ihr. Die unergründliche Mutterseligkeit schlug ganz über ihr zusammen, und sie fand in ihre alte Tapferkeit zurück. Nach diesem Umschwung fing auch das lebenszaghafte Damianlein an zu gedeihen, weil es aus der Brust seiner Mutter nicht mehr Gram und Angst, sondern freudige Zuversicht und Hoffnung zu trinken bekam. Als Mutter und Kind so in immer zunehmenderen Schimmer gerückt wurden, bekam auch Jochen seinen alten Lebensplan wieder fest in die Hand und ergriff beherzter als je die Zügel des Geschäftes, die er wochenlang in halber Benommenheit hatte am Boden schleifen lassen. Denn da es offensichtlich mit seinem lieben Damian länger dauern würde, bis er in selbständiger Kraft sich dem Leben stellen konnte, mußte er als Vater ihm den Lebensgrund noch fester und breiter bauen. Darum bemühte sich Jochen, den Kreis seiner Kunden noch weiter zu ziehen, grub noch zwei neue Tonnenungetüme neben die alten, stellte abermals einen Gehilfen ein und war hinter seinem Rechnen noch schärfer und umsichtiger her. Nie legte er seine Ersparnisse auf Zinsen an. Nie vertraute er einer Bank auch nur einen Pfennig an, entging so der Steuer und schien nie flüssiges Vermögen zu besitzen, obwohl im Gerberhaus das Leben gemächlich, wenn auch nicht prahlerisch hinlief. Aber seitdem Maechler durch die Notgeburt Damians einen solch schweren Stoß erhalten hatte, war das Lebensmißtrauen des Meisters doch etwas gemildert worden, daß er sich anfangs spärlich und zögernd, später öfter der Not der Mitmenschen annahm und diesem und jenem mit einem Sümmchen unter die Arme griff. Allein, auch auf diesem Wege ging der Gerber merkwürdig, ja richtig unbegreiflich vor. War er nämlich nach genauem Überlegen innerlich unabweislich genötigt, jemand eine Summe Geldes zu borgen, so geschah das ohne Schuldschein und Zinsen, nur auf Handschlag für eine ausgemachte Zeit. Für sich schrieb Jochen den Betrag in seinen Büchern auf das Verlustkonto. Zahlte der Schuldner die Summe zurück, so strich der merkwürdige Mann den Betrag in der Verlustreihe und verzeichnete ihn buchmäßig als Eingang eines Geschenks. Auf diese komische Weise, deren Sinn nicht einmal Jochen selbst durchschaute, kam er mit der Zeit in den Ruf einem weisen Menschenfreundes, der, nur stiller und unauffälliger, die Bahn verfolgte, auf der einst sein Vater in den Jahren des Glanzes durchs Leben gegangen war. Denn nie ereignete es sich, daß ein Redlicher, der aus unverschuldeter Not seine Hilfe anrief, unerhört wieder nach der Türklinke greifen mußte. Aber auch kein gerissener Hallodri brachte es vor Maechlers unbestechlichen, ein wenig überglasten Augensternen fertig, mit Erfolg das bedauernswerte Opfer hinterhältiger Schicksalstücke oder der Gemeinheit böser Nebenmenschen zu spielen. Mit solchen Geldsuchern machte der Gerber höflichen, aber kurzen Prozeß, mochten sie immerhin beim Davongehen dann wütend über das Gartenpförtchen zurückspucken. So konnte es nicht ausbleiben, daß man sich erst von ungefähr an Jochen Maechler heranfühlte, ob er nicht in den Gemeindevorstand eintreten wolle und, weil er nur lächelnd an solcherlei ungelegten Eiern vorbeiging, dann in sozusagen amtlicher Aufmachung ihm einen Schöffensitz antrug. Da schüttelte er energisch diese ihm zugedachte Würde ab. »Was soll ich mich mit ander Leut's Lasten beladen«, fragte er, »da ich an meinen eigenen schwer genug zu tragen habe? Wenn jeder den Platz vor seinem Hause rein hält, wird die ganze Straße sauber sein. Und kutschiert jeder seinen Wagen besonnen und umsichtig, kommt es nie zu Zusammenstößen oder Unglücken. Ich hab' es nie fertiggebracht, andere zu kratzen, wenn es mich selber juckte.« Ohne Geltungssucht und Ehrgeiz, weder nach rechts noch nach links hörend oder gar eifernd, verfolgte er den Weg seiner Überzeugung, pflegte seinen eigenen Nutzen und bemühte sich, niemand zu schaden. Darum gedieh sein Leben wie ein gut gehaltener Baum, der genug Goldfrüchte abwarf, daß an dem Strick in der Schlitzkammer die Reihe der gefüllten Strümpfe stetig wuchs. Im Frühjahr begegneten sich Christine und Agnete öfters mit den Kinderwagen und merkten gegenseitig an dem warmen Strom, der aus ihrem Herzen aufstieg, daß das Seil freundschaftlicher Verbundenheit keinen Schaden erlitten hatte, obwohl sie sich lange Monate nicht nahegekommen waren. Sie zeigten sich ihre Knaben, lobten ihre Schönheit und ihr Gedeihen und gerieten immer wieder in einen lieblichen Streit, weil jede an dem anderen Kinde Vorzüge entdeckte, die dem eigenen fehlten. Ja, die mütterlich gütigen Frauenherzen hielten sogar nach dem Auseinandergehen an ihrer Meinung fest, Agnete, daß der zarte Damian schönere, seelentiefere Augen habe, und Christine, daß Reinhard ein wilderer, festerer Kerl, mit einem Wort, ein rechter Junge sei. Neefes Frau war bald wieder ein stets gern gesehener Besuch im Gerberhaus, und mit den Jahren wurden auch die beiden verschiedenartigen Knaben Gespielen. Jochen Maechler und Neefe, die beiden Männer, blieben getrennt, wie durch einen luftleeren Raum voneinander geschieden. Der Inspektor ritt mit Gewinn und Nutzen weiter seine schlau ergatterten Geschäfts- und Ehrenamtspferdchen. Der Gerber bereicherte sich an den Geschenken, die ihm Hilfsbereitschaft und Wohltun einbrachten. Zwölftes Kapitel Aber das ist ja das Eigentümliche im Aufbau und der Weiterentwicklung der Familien, daß die Töchter nicht oft die Wesensart ihrer Mutter erben und die Söhne von Grund aus ihren Vätern unähnlich sind. Jochen Maechler griff das Leben anders an wie sein Vater Nathanael. Und soviel sich jener Mühe gab, seinen Damian sozusagen vom ersten Tag an nach seinen Grundsätzen zu bilden und aus ihm auch einen einfachen, tätigen Erben und Nachfolger in seinem Handwerk zu machen, es gelang ganz und gar nicht. Von Kind auf hing das Herz Damians an tausend bunten Träumen. Den großen, blauen Augen des zarten Knaben, die bei aller Klarheit in der letzten Tiefe der Iris wie von einem weltfremden Rausch erfüllt waren, malte sich das Leben offenbar ganz anders wie den übrigen Menschen. So geschah es, daß er eines Morgens sein Frühstück in einer noch verzauberteren Verschollenheit, mit einem noch ferner hinzielenden Blick zu sich nahm und von seiner Mutter durch keine munteren Anregungen aus der unerklärlichen Entrücktheit gelockt werden konnte, so daß Christine endlich von ihren Bemühungen abließ und dem eigenartigen kleinen Menschlein mit verwundertem Lächeln und doch auch mütterlichem Stolze nachschaute, wie es versonnen und mit feierlichem Beinheben über die Haustürschwelle dem Vorgärtchen zustrebte, das Weglein, gleichsam meditierend, hinging und dann vor einer roten Mohnblüte stehenblieb, die in der stillen Sonnenluft regungslos über dem Beet hing. In einem solchen wunschlosbeglückten Verzaubertsein, wie es nur Pflanzen können, war die Blüte gebannt – als schlafe sie. Und nachdem der kleine Damian in der ersten Verblüffung über solch vollkommene Ruhe einen Augenblick stutzend stehengeblieben war, näherte er sich behutsam auf den Zehenspitzen der Mohnblüte, als schleiche er an ein träumendes Wesen heran, und rief dann, die Arme ausbreitend, »Husch!«, so wie man etwa Tauben aufscheucht. Als aber die Mohnblüte nicht wie ein erschreckter Vogel aufflog und bunt davongaukelte, sondern regungslos dahing wie vorher, bückte sich das Gerberjunglein zu der Blume und liebkoste sie mit dem zartesten Streicheln, als bitte er um Verzeihung, sie erschreckt zu haben. Solcherlei unbegreifliche Merkwürdigkeiten blühten aus dem kleinen Damian immer wieder, und der erstaunten Mutter erschienen sie wie ein Wunder so, als spiele er noch mit Engeln, oder der Himmel, aus dem doch alle Kinder kommen, überschimmere ihn von Zeit zu Zeit wieder, weil er das Knäblein besonders liebte. Auf diese Weise wurde es ihr auch klar, warum Damians Geburt so schwer gewesen und beinahe in den Tod übergegangen war. Weil eben der Himmel ihn der Erde nicht gegönnt hatte. Darum hätschelte Christine den Kleinen noch inniger und störte, wenn es nur immer ging, nie seine versonnenen Spiele, die sich oft in ein Traumland verloren, zu dem die Erwachsenen nun einmal keinen Zutritt haben. Er sollte möglichst lange in dem Paradiese der Kindheit hausen, weil sie der Überzeugung war, daß sich das Leben der Menschen bis ins höchste Alter hinein aus den Quellen jener versunkenen Zeit immer wieder Verklärung aller Not und überirdische Sicherheit in dunklen Wirbeln trinke. Jochen Maechler sah wohl auch lange Zeit diesen bunten Traum- und Wolkenfahrten seines Damian schmunzelnd zu, als er aber merkte, daß der Kleine ohne jedes Interesse an allem vorüberging, was nach praktischer Nützlichkeit aussah, wurde er nachdenklich und machte sein Christel darauf aufmerksam, daß man nun beginnen müsse, Damian auf der Erde anzusiedeln, da das Leben der Menschen doch nicht ein Spielen mit himmlischen Schäfchen, sondern ein verteufelt ernster Kampf sei, und wenn man nicht früh lerne, seinen Wagen zu kutschieren, so kriege man ihn nie sicher in die Hand und ende früher oder später mit zerbrochenem Gefährt in irgendeinem Graben. Christel gab der Besorgnis ihres Mannes recht, wenn sie ihr auch nicht das schmerzliche Gewicht einräumte wie der lebensmißtrauische Jochen. Vorerst kamen die beiden überein, den gleichaltrigen Reinhard Neefe öfter in das Gerberhaus zu ziehen, damit ihr Damian in Gesellschaft dieses turbulenten, wuschelhaarigen Kerlchens sozusagen eine festere Haut und härtere Hände bekomme. Dieser Gedanke ging eigentlich von Christine aus, die damit zu Agnete wieder in lebhaftere Verbindung zu kommen hoffte. Jochen willigte in den Vorschlag seiner Frau ein, trotzdem er fühlte, durch dieses läßliche Gewähren gegen den felsenfesten Vorsatz zu verstoßen, das Gerberhaus für immer gegen die Neefesche Sippe zu verschließen. Aber er beruhigte sich doch; denn was konnte so ein Junge schon groß machen, den man nur wie einen bunten Papierfetzen hereinließ, damit sein verstübelter Damian sich die versessenen Beine etwas gelenkiger springe. Und es ging auch alles nach Wunsch, die Blumenbeete wurden zertreten, Küchentöpfe gingen in Scherben, das Handwerkszeug wanderte aus, das Gartenpförtchen riß sich aus den Angeln und fiel auf die Straße, die beiden Abenteurer verschwanden auf Stunden irgendwohin, und Damian erschien allein mit zerrissenen Hosen und zerschundenen Händen. Aber wenn alles vorüber und wieder eingerichtet war, merkte man an Damian nichts von dem Flackern seines Gespielen, keine Ungebärdigkeit, keinen Trotz, nicht einmal versteckte Frechheit. Er sammelte wieder wie sonst still und vergrübelt merkwürdige Hölzchen, Steine, Blumen in besonderen Schächtelchen und Kästchen und sang leise dabei. Kam in solchen Stunden, da er in seinen geheimen Wassern untergetaucht war, Reinhard zu ihm, so hörte er wohl seinen unruhigen und krausen Schwätzereien und Verlockungen geduldig eine Weile zu, sagte aber dann sein leises unwiderrufliches »Ich mag nicht« und sah dem enttäuscht und ärgerlich Davongehenden mit abwesendem Lächeln nach. Das beglückte den Gerber wohl im innersten Wesen, weil er sah, daß die beiden Jungen wie von einem Ableger der luftleeren Schicht auseinandergehalten wurden, durch die er und der Inspektor für immer getrennt waren, und daß kein Flämmchen von den unruhigen und versteckten Flugfeuern Reinhards in seinen Damian übersprang. Trotzdem konnten er und Christine sich dabei nicht beruhigen, denn das abseitige Träumen und gemütische Verschollensein hielt an, und so beschloß man, ihn durch Übertragung von kleinen Hilfeleistungen und leichten Arbeiten in das Leben einzuführen, wie es alle Menschen treiben. Er mußte Unkraut jäten, das Brennholz in die Küche tragen, den Weg rechen, dem Vater beim Werken zur Hand gehen, indem er dies und jenes zu- und abtragen mußte. Nach seiner sanften Art wehrte er sich nicht dagegen, verfiel aber nach kurzer Zeit in rastlose Trauer und brach oft, mir nichts, dir nichts, in fesselloses Weinen aus, das die Mutter bis ins Herz erschütterte, so unglücklich klang es, so erloschen und glanzlos war das Blau seiner großen Augen. Und überließ man ihn wieder seinen versunkenen Spielen, die er mit gesammelter Hingabe wie ein wichtiges Gewerbe trieb, so kehrte bald die alte schleierschöne Heiterkeit und die wohllautende Lebendigkeit in ihn zurück. Am unzufriedensten über dieses aussichtslose Gewese seines Jungen war natürlich Jochen Maechler. Manchmal packte ihn richtiger ärgerlicher Unwille. Denn er brauchte einen einfachen, derben Gerber, nicht einen Vogel, einen Bastler oder Haftelmacher. Mit dem Schuleintritt Damians wurde es auch nicht anders. Denn nun gab es für ihn nur noch seine Schularbeiten. Sogar seine rätselhaft bedeutsamen Spiele versanken schnell um ihn. Die Kästchen, Schachteln und Päckchen mit ausgeschnittenen Bildern unter seinem Bette waren vergessen, und er saß achtsam wie ein fleißiger Mönch über der Schreibtafel, blätterte erstaunt in der Fibel, drängte jeden Morgen lange vor der Zeit ängstlich auf den Schulgang und hatte keine andere Sorge und Freude mehr wie die ihm vom Lehrer aufgetragenen Arbeiten, dessen Liebling er vorn ersten Tage an war. So rückte Damian vom ersten in das zweite Schuljahr, immer am vordersten Platz, immer wach, gesammelt und voll eines lieblichen Ernstes. Mit seinem Kindheitsfreund, Reinhard Neefe, verkehrte er fast nur gleichsam amtlich, das heißt über die gemeinsamen Schulaufgaben hin, vor allem auch, seitdem er sich mit Leidenschaft einer neuen Liebhaberei hinzugeben angefangen hatte. Der Lehrer der neuen Klasse war ein geschickter, handfertiger Zeichner, der es liebte, den Unterricht mit hingeworfenen Skizzen an der Wandtafel amüsanter, faßlicher und einprägsamer zu machen. Diese Zeichnungen von Pflanzen, Tieren, Gerätschaften oder Menschen bei besonderen Verrichtungen, beim Säen, Fahren oder Pflügen, machten auf Damian einen so tiefen Eindruck, daß er dem frisch draufloszeichnenden jungen Lehrer mit atemlosem Erstaunen zusah, ihn rückhaltlos bewunderte und begann, ganz im geheimen ihn nachzuahmen. Niemand, selbst nicht seiner Mutter zeigte er je etwas von dem, was er verborgen auf die Schiefertafel malte. Näherte sich die neugierige Christine dem versunken Strichelnden, so schrak er auf, wischte alles schnell aus und lief beschämt davon, nicht ohne nachher wegen seiner Ungezogenheit um Verzeihung zu bitten. Und da sie bei sich selber schon geraume Zeit zu der Überzeugung gekommen war, daß der Junge seinem innersten Wesen nach doch zu etwas anderem ausersehen sei, als in Tonnen nach Häuten zu fischen, kaufte sie ihm heimlich Papier und Buntstifte, allerdings mit dem Versprechen, sich nie und nimmer von dem Vater erwischen zu lassen. Ihrem Manne gegenüber spielte sie freilich die bekümmerte Mutter, weil sie merkte, mit welch drohendem Ernst Jochen an der Überzeugung festhielt, daß Damian, reiße es wohin immer, Gerber werden müsse, dies eine, sonst nichts anderes auf der Welt. Möge er sich jetzt noch eine Weile, na und wenn es sein müsse, bis zur Schulentlassung, mit dem Lern- und Schreibkram abgeben, was ihm natürlich nicht schade, dann aber pfeife er, das solle sie erleben, über die Schneide des zweigriffigen Messers, daß die Haare fliegen. Er, Jochen, habe seiner Mutter versprochen, auf der Tonne durchs Leben zu reiten, und er komme nicht, nach allem Überlegen, darum herum, daß dies Versprechen auch für Damian, seinen Jungen, gelte, der doch nichts anderes wie er selber, der Vater, sei, nur eben mit jungen Beinen. Christel antwortete nichts darauf, sondern legte ihre Frage nur in das überlegene Lächeln, mit dem sie ihn forschend von der Seite ansah, daß über den Gerber plötzlich die jähe Wut herfiel. »So«, rief er zornig, »du lachst noch dazu?« Damit hieb er seine riesige Faust wie einen Stein auf den Tisch, daß es krachte. Und als die erschreckte Christine ihn ratlos anstarrte, was das denn zu bedeuten habe, sagte er noch immer kochend: »Jawohl, hier liegt meine Faust auf dem Tisch, und merk dir's Christel, sie öffnet sich nicht von selber. Nie, nie! So wahr mir Gott und meine Mutter helfe!« Seine Stirn war eine einzige Wulst, seine Lippen waren blutleer und zitterten. Mit gesenktem Kopf saß er nach diesem Ausbruch der sprachlosen Christine gegenüber. Dann setzte er, ohne das Gesicht zu erheben, mit abgeschlagener Stimme hinzu: »Wenn nicht ein Stärkerer über mich kommt, als ich selber bin.« Und wartete auf seines Weibes Antwort. Als diese ausblieb, erhob er sich, sagte karg: »Gute Nacht, Christel«, und verschwand im Schlafzimmer. Frau Maechler ging ihrem Manne nicht nach, sondern betrachtete ernst und großäugig die Jahre der gescheuerten Tischplatte, die vor langer, langer Zeit Jochen mit dem Daumennagel nachgefahren war. Danach nestelte sich aus ihrem Gesicht ein tiefes, unendlich gütiges Frauen- und Mutterlächeln. Sie erhob sich und stieg leise zu ihrem Damian hinauf in das kleine Mansardenstübchen, da er seit einem Jahre nicht mehr bei seinen Eltern schlafen konnte. Das Junglein schlief fest und hatte ein seliges Lächeln auf dem Gesicht. Christine hauchte einen Kuß auf seine Lippen und stieg dann leise in das eheliche Schlafzimmer hinunter. Dreizehntes Kapitel Was Jochen Maechler ein beklommenes Vorausgefühl als dunkle Möglichkeit nahegebracht hatte, daß die Faust eines unabänderlichen Entschlusses doch von einem Stärkeren aufgebrochen werden könne, als er selber war, das traf nun wirklich ein, wenn auch derjenige, durch den diese Niederlage des Gerbers eingeleitet wurde, nicht der Stärkere, sondern nur der Gewalttätigere war, ja, daß gar nicht eigentlich dieser Mann, sondern sein Kind, ein kleines Mädchen, eine Wendung über das Maechlerhaus brachte, die sogar das Leben des Meisters und seiner Frau überdauerte. Es ist der Besuch des Freiherrn Franz von Schillingkhoff, genannt Korff, und seines Töchterchens Susanne gemeint, die allgemein Sessi gerufen wurde. Sieht man genauer zu, so war das gar kein Besuch, sondern eigentlich der Einbruch des Herrn von Schillingkhoff in das Gerberhaus auf der Feldgasse. Diesen ehemaligen Hauptmann im Großen Generalstab, der durch einen schicksalhaften Zusammenprall seines leidenschaftlichen Rechtsbewußtseins mit staatlichen Gewalten aus einer glänzenden Laufbahn geschleudert worden war, hatte es mit seiner Familie nach Wilkau verschlagen, wo er verbittert und tief verschuldet in einer Etagenwohnung des Fremdenheims »Bazar« lebte. Nur mühsam hielt er sich durch eine seiner Frau Eleonore von deren Eltern ausgesetzte Monatsrente über Wasser, die pünktlich einging und auf Bitten Eleonorens dann und wann um einige Hundert erhöht wurde. An solchen Glückstagen goß er sich im »Goldenen Greif« den Hals bis zum Drosselknoten voll Wein. Auf Stunden vermochte er so wohl durch verzweifelte Tollheit der Not zu entrinnen, die aber nach überstandenem Rausch um so fahler in sein Fenster sah. Da hörte seine geängstigte Frau durch ihr Dienstmädchen von dem Wilkauer Gerber, einem einfachen, gütigen Mann, der im Rufe großen Reichtums stehe und schon vielen in der Not geholfen habe. Kurz entschlossen warf sich Baron Korff, um zu imponieren, in einen gewissen Staat, steckte eine kostbare Halskette seiner Frau in die Tasche und machte sich auf den Weg zu Maechler, dessen Wohnung er von dem Mädchen ganz unverdächtig und beiläufig erkundet hatte. Beim Überschreiten des Kurplatzes traf er sein kleines Töchterchen Sessi im Spiel mit ihren Freundinnen und nahm das Kind zu diesem ärgerlichen Gang mit, weil er hoffte, der Anblick des lieblichen Wesens könne den »Manichäer«, wie er den braven Maechler nannte, seinem Anliegen gegenüber günstiger stimmen. Korff befand sich im Zustand gereizten Mißvergnügens, daß er genötigt war, mit solch kläglichen Manövern um die Gunst eines »bürgerlichen Lausekerls« zu werben, und ging aufgereckt, drohenden Gesichts wie zum Sturm durch den nahenden Abend die Rehberger Straße hin und bog, der Weisung gemäß, vor der Sandbrücke in die Feldgasse ab. Jochen Maechler hatte einige Eintragungen in die Geschäftsbücher besorgt und war darüber her, die Klappe des Schreibschranks zu schließen, als er auf dem Pflaster starke, wie marschierende Männerschritte hörte, daß ihn die kleinstädtische Neugier schnell ans Fenster trieb. Da sah er eben einen hochgewachsenen, vornehm gekleideten Herrn mit einem etwa sechsjährigen Mädchen an der Hand in sein Gartenpförtchen einbiegen. Deswegen ging der Gerber an den Tisch, setzte sich auf einen Stuhl und nahm eine behagliche Haltung ein. Kaum war das geschehen, so knallte das Klopfen an die Tür, und, ohne das »Herein« abzuwarten, trat der Besucher, sein Töchterchen vor sich herschiebend, herrisch über die Schwelle, dem Gerber entgegen, der sich höflich erhoben hatte. »Bleiben Sie ruhig sitzen«, schnarrte Korff, »Meister, äh, ja, wie ist doch Ihr Name?« »Maechler«, ergänzte der Gerber ruhig. »Ganz recht, Maechler, ja. Sie haben's ja fabelhaft gemütlich. Wirklich, Sessi, sieh dir's alles genau an. Na, so geh doch. Guck bloß die schönen Pelargonien am Fenster.« Aber das betretene Kind wich nicht von der Seite des Vaters. »Na gut, denn nicht«, setzte Korff hinzu und brach in Gelächter aus. Dann stellte er sich überheblich vor: »Freiherr von Schillingkhoff.« Jochen Maechler schloß überlegend die Augen. »Soso, danke«, sagte er dann langsam mit seinem tiefen Baß. »Ich bitte, nehmen Sie Platz. Womit kann ich Ihnen dienen?« Korff folgte umständlich der Einladung, zog sinnend die Handschuhe aus und legte sie auf den Hut, den er über den Tisch geschoben hatte. »Hm, hm«, machte er dann, weil er nicht wußte, wie er den Angriff einleiten sollte, denn die ruhige Sicherheit des Gerbers, der ihn ungescheut von Kopf bis zu Fuß musterte, hatte ihn aus dem Geleise gebracht. Jochen Maechler aber wandte sich, um die beladene Pause auszufüllen, an das Mädchen, fragte sie nach ihrem Namen und Alter, und Sessi gab auf diese und andere Anregungen überlegt und besonnen Antwort, daß der Gerber ganz beglückt wurde und Korff sie mit beifälligem Kopfnicken zu weiterer Aufgeschlossenheit ermunterte. Sowie die etwas dunkle, aber weiche, wohlklingende Sopranstimme des Mädchens in der Stube aufzutönen begonnen hatte, war die Schlafstubentür lautlos aufgegangen, und Damian, der nebenan über seinem Schul- und Traumkramen hergewesen war, steckte neugierig den Kopf herein, immer weiter und weiter, hingenommen, daß er endlich, ohne es zu wissen, ganz in der Stube stand. Den schlanken Körper staunend aufgerichtet, die blauen, großen Augen voll bewundernden Glanzes, so stand er an der Tür und horchte gespannt auf Sessis Stimme, die ihm in der Unterhaltung mit seinem Vater den Rücken zukehrte. Korff nahm den Knaben zuerst wahr. »Ist das Ihr Junge, Herr Maechler?« fragte er schroff. Der Gerber glaubte aus Korffs Stimme Unwillen herauszuhören, bejahte die krasse Frage des Besuchers etwas zögernd und forderte Damian auf, dem Herrn guten Tag zu sagen. Und während der kleine Maechler das sehr manierlich, sogar mit einer Art Verbeugung, fertigbrachte, entschuldigte der Gerber die Zudringlichkeit seines Jungen, der doch sonst sehr zurückhaltend, ja sogar etwas scheu sei. Korff lachte auf. »Nein, nein, Herr Meister! Das find' ich im Gegenteil richtig. Recht gemacht hast du das, Junge. Immer 'rein, wenn dich's piekt. Und nun, Sessi, wenn du den kleinen Maechler magst, geh mit ihm einen Augenblick nebenan, während wir Männer sprechen.« Das dunkle Mädchen legte gern ihre Hand in die des blonden, schlanken Knaben, und die beiden verschwanden hinter der Schlafstubentür. Dort zeigte der ehrfürchtig bewegte Knabe dem schönen Mädchen all seine heimlichen Schätze, erst mit zitternden Händen und mit manchem Versagen seiner sanften Stimme. Als er aber das Interesse Sessis wahrnahm, glühte der verborgene Rausch in der Tiefe seiner durchsichtigen Augen auf, und die Erklärungen seiner Bilder gerieten so begeistert, daß Sessi ganz hingenommen wurde und nicht wußte, solle sie nur auf den Gesang dieses Knabenredens hören, in dieses zarte Jungengesicht mit den unwirklichen blauen Augen oder auf die vielen bunten, selbstgemalten Bilder sehen. Indes die beiden Kinder, der achtjährige Damian und die sechsjährige Sessi so engelhaft ihre Wesen austauschten, rückte das Geschäft der Männer in der Wohnküche laut und ungestört weiter, weil Frau Christine auf ihrem Einkaufsgange abwesend war. Korff sprach leidenschaftlich auf Jochen Maechler ein und erzählte ihm prunkend von seinem Leben, prahlend, um den Gerber zu ducken und sturmreif zu machen. Seine großen, grauen Augen, die von den Lidern wie von glühenden Deckeln gefangengehalten wurden, waren selbst trocken vor innerer Hitze und gingen in den tiefen Höhlen beim überstürzten Sprechen immer unruhig hin und her, wie eingesperrte, wilde, aber edle Tiere. Der Gerber hörte dem merkwürdigen Manne zu, dessen exaltiertes Wesen ihn verblüffte und zugleich abstieß, denn noch während Korff ihm den Honig seines Selbstlobes mit den ersten einleitenden Sätzen zu reichen angefangen hatte, wußte Jochen Maechler Bescheid, daß er einen Pumpversuch vor sich habe und daß das ein zwar gut angezogener, vornehmer, aber eben ein Hallodri war, wie so viele andere, die er zum Zurückspucken abgewiesen hatte. Er streckte sich nach dieser Einsicht unauffällig auf dem Stuhl, holte den Atem etwas tiefer aus seiner breiten Brust und horchte mit entschlossenem Blick auf die hinpolternden Darlegungen Korffs. Dieser las in der veränderten Haltung des Gerbers, die er beobachtete, daß er von ihm überzeugt worden sei und daß nun die Feuervorbereitung abgebrochen werden müsse. Also los! kommandierte er sich innerlich, holte aus der Tasche die Halskette seiner Frau, ein altes, schwergoldenes Familienstück erlesenster Goldschmiedearbeit mit Brillanten und Saphiren und breitete sie vor Jochen Maechler auf dem weißgescheuerten Tisch aus, der sie mit eingekniffenen Augen, aber gleichgültig musterte und nur da und dort mit seinem lohbraunen Zeigefinger darauf tippte. »Nun, was sagen Sie nun«, rief triumphierend, aber mit unterdrücktem Zorn über so viel blöde Unkenntnis der Freiherr. »Zehntausend Mark hat diese wunderbare Kette gekostet. Ich aber verlange von Ihnen auf sechs Wochen tausend Mark, verzinse die Summe, wenn Sie wollen, mit zehn Prozent und lasse die Kette als Pfand in Ihren Händen.« Seine Stimme war rauh und unschön geworden, klang wie Bellhusten, gereizt und überheblich. Mißtönig, wegwerfend und abgerissen stieß er die kurzen Sätze wie Kommandos heraus, daß die ganze Stube von seiner Stimme erfüllt wurde. Aber die beiden Kinder nebenan hörten bei ihrem lieblichen Spielhandel nichts von diesem Lärm. Sessi war in eines der Damianschen Bildchen ganz verliebt, das einen in ein rotes und blaues Gewand gekleideten Propheten darstellte, mit einem Heiligenschein um das blonde Haupt, der in seinen erhobenen Händen eine rote und eine lila Blume hielt, und Damian bat überglücklich die erglühende Sessi, das Bild als Geschenk anzunehmen. Während das Mädchen noch bestürzt zögerte, wuchs der Lärm in der Stube der Männer zum Geschrei, denn der Gerber hatte den Geldhandel verletzend abgelehnt und die Kette verächtlich über den Tisch geschoben. Korffs Stimme zischte in höchstem Zorn. Er sprang auf, daß der Stuhl polternd umfiel, raffte die Kette an sich, riß die Schlafstubentür auf und schrie in Wut: »Sessi, aber schnell aus dieser Lausekaschemme. Schnell, sage ich!« packte wild den Arm des aus allen Himmeln gefallenen Mädchens, und während er mit großen Schritten über die Stube schritt und das Kind rücksichtslos mitzerne, schrie er dem Gerber, der fassungslos am Tisch stand, zu: »Wie, Sie gerben auch Hundefelle? Da rate ich Ihnen, auch mal die eigene Haut unters Messer zu nehmen.« Damit hieb er die Tür zu und war draußen. Auf dem Vorgärtchen schnauzte er sein Mädchen an: »Sessi, was hast du in der Hand? Wirf das sofort weg!« Sessi steckte, da es schon dunkel geworden war, das Bild des geliebten Heiligen schnell unter ihr Miederchen und zeigte dem Vater die leeren Hände. »So, gut, mein liebes Kind. Nun aber im Galopp fort«, sagte Korff befriedigt und strich Sessi über das gelockte Haar. Vierzehntes Kapitel Christel hatte auf dem, Rückwege von ihrem Einkaufsgange an der Ecke der Rehberger Straße und der Feldgasse einen vornehmen Herrn, wie sie vermutete, den tollen Baron, getroffen, von dessen Verrücktheiten Wilkau doch zum Brechen voll war. Er sei wie ein Pferd bei Musik marschiert, daß das schöne braune Mädchen, wohl sein Kind, nicht nachgekonnt und verstohlen geweint habe. Jochen erzählte seiner Frau nun ausführlich den wilden Auftritt mit dem Freiherrn von Schillingkhoff, und daß er am Ende sogar sein Kind, das schöne Mädchen, noch roh behandelt habe, das doch an der Verweigerung des Pumpes nicht schuld gewesen sei. Der Gerber schüttelte sich in Abneigung vor so einem protzigen Kerl, der ihn wie ein Räuber überfallen hatte. Sein Zorn kochte dermaßen in ihm auf, daß er sogar ins Schimpfen geriet, was doch bei seiner gütigen Gesamtart zu den großen Seltenheiten gehörte. Sogar vor dem kleinen Damian behandelte man den Vorfall, als sich die Aufregung etwas verlaufen hatte. Der Junge ging den anderen und den folgenden Tag mit kummervollem Gesicht umher, und eines Abends, als das Gespräch der Eltern wieder um den Einfall von Schillingkhoffs kreiste, fragte der Junge, ob der wilde, große Mann das Mädchen getötet habe. Beide lachten über die schreckhafte Einbildung des Knaben und beruhigten ihn, daß der fremde Mann wohl schlimm, dagegen noch lange kein Mörder sei. Damian hörte sich alles mit sorgenvollem, erblaßtem Gesicht an, und Tränen rollten aus seinen Augen. Christel streichelte ihm liebkosend die Wange. »Nein, nein, wo denkst du hin. Das schöne Kind war doch sein Töchterchen.« Damian nickte, und dabei flössen seine Tränen stärker. »Wie heißt sie eigentlich?« fragte sie liebreich weiter. Da aber senkte der Junge den Kopf, und sein Gesicht wurde über und über rot. Dann sprang er ohne zu antworten auf, lief hinaus, jagte über die Treppe hinauf in sein Stübchen und kam den ganzen Abend nicht, nicht einmal zum Gutenachtsagen herunter. Und als Christine zu ihm hinaufging, fand sie ihn schon schlafend. Alle seine Bilder lagen auf dem Deckbett, und sein Gesicht trug einen seligen Ausdruck. In den nächsten Tagen fiel Damian gleich nach dem Nachhausekommen wie gierig über seine Schularbeiten her, mit denen er sonst genießerisch fast den ganzen Nachmittag zugebracht hatte, und verschwand dann zeitig aus dem Hause. Er war über Sessis Schicksal beunruhigt, trug die schönsten seiner Bilder in der Seitentasche der Jacke und brannte darauf, das Mädchen zu treffen, dessen Namen er wie ein Heiligtum in seiner Seele trug. Wenn er ihr alle die schönen Bilder schenkte, sann er beglückt, so hätte ihr mörderischer Vater keine Gewalt mehr über sie. So umlauerte er alle Tage ihr Haus. Lange war sein Bemühen vergeblich. Endlich erblickte er sie von fern allein in dem Schwarzbuchengange des Kurparks, schrie beglückt nur immer: »Du! – Du! – Du!« – weil er ihren Namen vor den Leuten nicht auszusprechen wagte, riß die Bilder aus der Tasche und trabte auf sie zu. Sessi drehte sich um. Aber als sie ihn erkannte, lief sie mit allen Zeichen furchtvollen Schreckens davon, denn ihr Vater hatte ihr verboten, je wieder mit dem Gerberjungen zu sprechen. Damian sah sie verschwinden und kehrte ratlos nach Hause zurück. Niemand erfuhr von seiner Niederlage. Seine nachmittäglichen Ausgänge wiederholten sich mit Unterbrechungen noch ein paarmal, und immer kam er abgeschlagener zurück. Die sonst so beglückenden Schularbeiten mißrieten ihm mehr und mehr, daß er furchtsam und unglücklich zur Schule ging und dem Unterricht nur mit Mühe folgen konnte. An einem Tage fiel er ohnmächtig in den Gang und mußte nach Hause getragen werden. Der herbeigerufene Arzt konnte keine Krankheit an ihm entdecken, nur fand er seinen Herzschlag klein und unregelmäßig und forderte wochenlange Aussetzung des Schulbesuches und kräftigende, neutrale Diät. Damian ließ alles sanft mit; sich geschehen, antwortete aber kaum etwas auf die Fragen des Arztes. Seine Augen waren meistens geschlossen, und wenn er sie öffnete, ging ihr Blick an allem vorüber in eine grenzenlose Weite. Es war, als verstehe er die Sprache der Erwachsenen nicht mehr vor Klängen und Dingen, die unausdrückbar in ihm umgingen, und denen er ganz hingegeben war, wenn er mit rätselhaft innerlichem Horchen regungslos dalag. Beschwor ihn die Mutter mit aller fast verzweifelten Eindringlichkeit der Liebe, ihr doch mit einem einzigen Wörtlein zu sagen, wo es ihm weh tue oder was ihm fehle, so war es, als löse er sich mühsam aus einem verborgenen Bann. Er sah sie erstaunt lange an, und wenn er sie erkannt hatte, kam das schleierschöne Lächeln wieder auf einen Augenblick in sein Gesicht, das sie so rasend liebte. Dabei sagte er hauchleise: »Meine liebe Mutter«, gab ihr seine abgezehrte Hand und verfiel wieder in das abgeschiedene Horchen. Den Besuch Reinhard Neefes lehnte er wortlos, aber entschieden ab, drehte sich gegen die Wand und verharrte so in dieser Stellung, bis der Junge wieder gegangen war. So ging es Monat um Monat. Jochen Maechler erlebte wohl auch ernst und sorgenvoll die geheimnisvolle Krankheit seines Söhnchens, die auf Tage gnädiger mit ihm verfuhr, sich dann aber unerbittlich schleichend wieder in ihm fortsetzte, aber er tröstete doch sein Christel noch, weil er ganz genau wisse, daß das Leiden Damians nicht zum Tode führe. Denn das könne und könne es nie und nimmer geben, weil sonst sein eigenes Leben der pure Unsinn sei. Und als der Doktor erklärte, daß seine Kunst zu Ende sei und nur einer, nämlich Gott selber, mit der unbegreiflich zähen Natur des Knaben Hilfe bringen könne, nahm das Jochen Maechler hin und bestärkte sich in dem hartnäckigen geheimen Aberwitz, die Krankheit Damians sei nur ein Absterben seiner Traumversessenheit, und wenn das Leiden diese unnütze Sucht seines Wesens ganz aufgezehrt habe, werde es mit Damian reißend aufwärtsgehen in das neue, gesunde Leben seines Vaters. Allein das Junglein sank offenbar unaufhaltsam den letzten Abhang des Daseins hinunter. Da raffte sich Jochen, nun auch der Verzweiflung nahegebracht, zu seiner letzten Nothelferin auf und stieg in die Schlitzkammer, um sich mit dem Geist seiner Mutter zu beraten, was zu geschehen habe. Stundenlang versank er unter dem Schutze der goldgefüllten Strümpfe auf dem wackligen Stuhle in den grenzenlosen Unraum seiner Innentiefe, um von daher den Auftrag für sein Handeln zu empfangen. Nichts rührte sich, kein Laut klang auf. Keine jenseitige Helle nahte sich zündend dem leidenschaftlich horchenden Bewußtsein. Der Geist seiner Mutter meldete sich nicht. Am anderen Tage wiederholte der Gerber noch dringender dasselbe Warten auf Erleuchtung. Und als er am dritten Tage, wiederum ergebnislos, auf eine Offenbarung gewartet hatte, erkannte er mit Schrecken, daß seine Mutter nichts von seinem Damian wissen wollte. Vor die Brust gestoßen, ängstlich, sprang er von dem Stuhl seiner Mutter auf und lehnte eine Weile wie gelähmt an der Mauer. Dann berührte er wie Hilfe suchend einen der goldgefüllten Strümpfe nach dem andern. Aber auch dadurch kam keine rettende Weisung in ihm auf. Da bäumte sich der Zorn in ihm auf. So wollte er, Jochen Maechler, sich selbst helfen und seinen Damian aus dem Tode zu sich herreißen, schlug die Kammertür zu, verschloß sie umsichtig genau wie immer und stieg mit entschlossenen Schritten hinunter in die Wohnung. Dort traf er sein Christel an Damians Bett, das seit Monaten in der Schlafstube der Eltern stand. Sie war über den Regungslosen gebeugt und horchte ängstlich auf seine kaum wahrnehmbaren Atemzüge. Bei seinem Eintritt sah sie ihn mit den überwachten Augen fragend an. Jochen bat sie, ihn eine Weile mit dem Jungen allein zu lassen, denn ihm sei etwas eingefallen, was vielleicht helfen werde. Als seine Frau hinausgegangen war, zog er die Vorhänge vom Fenster, daß das grelle Abendlicht ins Zimmer fiel. Dann machte er je ein Kreuzzeichen auf die Stirn, den Mund und die Brust des Knaben. Als dies geschehen war, hauchte er dreimal den stärksten Atem, den er in seiner Brust aufbringen konnte, in sein Gesicht. Zuletzt gebot er, auch dreimal, dem Kranken: »Damian, wach auf!« und sprach dann weiter, getragen, feierlich: »Du wirst ein großer Gerber sein. Der Segen deiner Eltern wird dich führen. Dein Haus wird wachsen. In Reichtum wirst du nie Not erfahren. In deinem großen Garten fliegen tausend bunte Schmetterlinge ...« Da brach er ab. Der Junge lag wie tot. Nichts rührte sich im Gesicht und seinen wächsernen Händen, die auf der Decke in den Bilderblättchen ruhten. Jochen Maechler erkannte, daß er keine Macht über den Knaben habe und daß sein Leben umsonst gewesen sei. Mühselig, mit zerknüllter Stimme, sagte er noch einmal: »Damian, liebster Junge, wach auf!« Dann legte er behütend seine beiden riesigen Hände über den Kopf Damians und ging wie ein Erledigter hinaus. Sein Gesicht war gramvoll zergraben. Er machte Christel ein Zeichen vollkommener Hoffnungslosigkeit und griff nach Stock und Mütze am Rechen neben der Tür. »Geh zu ihm hinein. Ich muß hinaus aufs Feld.« Die arme Frau wollte ihn zurückhalten. Aber sie erkannte, daß dieser vollkommen Betäubte ihr keine Stütze sein konnte, deswegen gab sie ihm an der Haustür den Weg frei. Als sie zu Damian zurückkehrte, lagen alle Bilder am Boden. Der Junge lag wie tot mit kaum wahrnehmbarem Atem. Nur sein Arm hing aus dem Bett. Und als Christel betroffen stand und abwechselnd die Bildblätter am Boden und den Jungen ansah, öffnete Damian zu ihrem Schrecken unvermutet die Augen, nicht müde und verschleiert, nein groß, grell, überlebendig, voll eines verzweifelten Entsetzens. Dann stieß er einen Laut höchster Erschöpfung aus und lag wieder wie tot. Daraus erkannte sie, daß Damian wohl, weil er sein Ende nahen fühlte, sich des Liebsten entledigt hatte, was er besaß. Allein, als Christine das unweigerlich klargeworden war, warf sich ihr Mutterherz mit übermenschlicher Kraft dem Tode entgegen, der offenbar nach ihrem Jungen langte. Heldenhaft kämpfte sie alle Bedenken nieder und ging am andern Morgen, nachdem sie Damian einige Löffel Milch eingeflößt hatte, in die evangelische Schule und ließ sich von der Lehrerin Sessi von Schillingkhoff herausrufen. Im Beisein des Fräuleins schilderte sie dem Kinde das nahe Ende ihres Damian, der seit nahezu dreiviertel Jahren krank und nun dem Tode nahe sei. Er habe so oft nach ihr verlangt, und heute früh habe er gebeten, von ihr Abschied nehmen zu dürfen. Diese Notlüge gelang Christine so erschütternd wahrhaft, daß die Lehrerin auch in Tränen ausbrach und in das ratlose, blaß gewordene Kind drang, dem armen Sterbenden diesen letzten Liebesdienst zu erweisen. Sessi bekannte nun, daß sie wohl gern mit zu dem Knaben ginge, aber ihr Vater habe ihr streng verboten, je wieder mit ihm zu sprechen. Aber man redete ihr zu, daß ihr Vater dabei nicht an den Tod gedacht haben könne. So machte sich das Mädchen mit Christine auf den Weg. Frau Maechler führte Sessi in das Schlafzimmer an Damians Bett. Als das Kind das abgezehrte, todesnahe Gesicht des Knaben sah, wurde es von Furcht und Mitleid so erschüttert, daß es ihr Händchen aus dem Griff Christines winden wollte, um zu entfliehen. Die Mutter aber hielt sie bittend fest, meldete Damian, daß Besuch angekommen sei, und drängte das Mädchen, auch zu sprechen. Sowie Sessis Stimme erklang, löste sich die Starre Damians. Er schlug die Augen in verwundertem Glück auf. »Ach Sessi«, sprach er selig, versuchte die Hände zu heben und sich zu ihr zu wenden. Da kniete das Mädchen am Bett nieder und erfaßte liebevoll eine seiner beiden Hände. Christines Brust wurde vom Weinen gefoltert, und um nicht herauszuschluchzen, ging sie schnell aus dem Zimmer und ließ die beiden allein. Draußen faßte sie sich bald und hörte an der Tür das Gespräch der Kinder. Eigentlich redete Sessi mit ihrer dunklen Sopranstimme allein, und Damian hauchte nur immer sein glückliches »Ja« dazwischen. Und als Christine in das Schlafzimmer zurückkehrte, damit das liebe Mädchen nicht zu lange ausbleibe und Damian nicht zu sehr angestrengt werde, kniete Sessi noch immer am Bett und hatte Damians Hand in ihren beiden Händen. Vor dem Weggehen streichelte sie ihm beide Wangen. Dann wurde sie von Frau Maechler hinausgeführt. Das Mädchen war wie in einer seligen Verzauberung und lehnte bittend die Begleitung Christines ab. * Bei diesem Wunder, das die kleine Sessi an Damian gewirkt hatte, blieb es. Nach Tagen schon waren die Gramschatten eines alten Menschen aus dem Kindergesicht des Knaben geschwunden. Er verlangte selbst nach Nahrung und lag nicht mehr mit geschlossenen Augen im Bette, als ziehe er sich behutsam durch den Todesschlaf aus dem Leben zurück. Wenn Christine von glückhafter Mutterhoffnung getrieben lautlos die Tür öffnete, sah sie Damian mit heiter offenen Augen verwundert, ja erstaunt über sich schauen, oder er schlief mit einem Blinzeln, als fielen Blütenblätter in sein Gesicht, und um seine Lippen spielte ein schelmisches Lächeln. Christine ging in einem Glück umher, daß die ganze Welt um sie vergessen war. Und als nach Tag und Nacht und Nacht und Tag endlich ihr Mann abgetrieben von seinem endlosen Schweifen um die Teiche und durch die Wälder zurückkehrte, wußte sie gar nicht, daß er fort gewesen sei. Sie zog ihn in die Lederausschnittstube und erzählte ihm alles von der wunderbaren Errettung Damians, und Jochen Maechler war es, als stünde er selbst aus dem Grabe seines Lebens auf, gegen das er in aussichtslosem Kampf so lange gerungen hatte. Am tiefsten war er von der wundervollen Liebestat der kleinen Sessi erschüttert und verlangte von Christine wieder und wieder den Bericht aller Einzelheiten ihres Besuches. Endlich war sein Hunger gestillt, und sie nahmen sich bei den Händen und gingen auf den Zehenspitzen hinüber zu ihrem Jungen. Es war wieder Frühling geworden, und sie blieben im Durchschreiten der Wohnküche stehen. Die Fenster standen offen. Das Heidewasser sprang klingend über die Steine. Das junge Laub spielte traumhaft leise wie ein fernes himmlisches Orchester in das beginnende Weltallsrot des Abends. Aber aus dieser überwältigenden Musik hörten sie eine unendlich leise, wie das verschämte Lied eines Rotkehlchens der ersten Liebeszeit klingende Stimme singen, die nicht von draußen, sondern aus dem Schlafzimmer kam. Unhörbar schlichen sie an die Tür und lauschten. Und nach einer Pause begann Damian wieder federleise zu singen: »Sessi ... Sessi ... Sessi ...«, immer nur das eine Wort, das seine ganze Welt war. Die beiden alten Menschen umarmten sich in überseliger Ergriffenheit. Denn das Schicksal, aus dessen dunkler Kammer mondenlange Nacht und Hoffnungslosigkeit durch das Maechlerhaus getrieben worden war, hatte sich gewendet und strömte nun aus seinem Lichtschacht unfaßbaren Segens über sie, und der Gerber und seine Christine hörten in der Vogelstimme Damians das Lied der Zukunft ihres geretteten Geschlechtes. Dann traten sie in das Schlafzimmer. Fünfzehntes Kapitel Lange noch ging Jochen Maechler voll unfaßbarer sonniger Benommenheit durch sein Haus, seit er mit seiner Christel an das Bett des kleinen Damian getreten war, der mit einem so glückhaft verklärten Lächeln dalag, als sei er von dem Sonnenschein allein aus der Todesversunkenheit des nahen Grabes gehoben worden. Jawohl, er sah es ein, hier war ein Wunder geschehen, wenn ihm der Gedanke auch zuwider war, daß Sessi seinen Jungen aus dem Grauen des Todes ins Leben gerufen und geführt haben sollte, Sie, dieses schöne Mädchen eines prahlhänsigen, lebensentgleisten Adligen, sie allein? Jochen schabte fleißig die Häute in der Werkstelle, wischte das Aas von dem zweihändigen Schermesser und schwappte es aus der Hand auf die nassen Fliesen zum anderen Unrat. Und nachdem er zehn Häute gereinigt, geschweift und lohreif gemacht hatte, war sein Kopfschütteln doch noch nicht vorüber. Seine Christel behauptete das, was er nicht glaubte. Na schön! Sie war Damians Mutter, gut; aber eben ein Weib, ja, und die können aus dem Rocke halt nicht heraus. Mochte sein Christel mit ihrem hellen Geist auch alles hell sehen. Kann Hellsehen nicht auch täuschen? Nein, nein, Jochen, mach diesen Irrgang nicht mit! Bleib fest in dem Schritt, zu dem du gleichsam schon vor deiner Geburt bestimmt worden bist. Denn das Schicksal des Menschen fängt schon mit ihm zu laufen an, noch ehe er auf die Welt gekommen ist. Die Wiederaufrichtung Damians kann, ja darf nicht einmal von diesem Mädchen Sessi kommen. Das wäre widersinnig und gottunwürdig, wenn gleichsam durch einen Trunkfälligen und Wüstling der Weg seines Hauses ins Glück gewendet würde. Dann wären das Vermächtnis seiner leibhaftigen Mutter und die Warnung des vertanen Lebens seines glücklosen Vaters ja eine Narretei gewesen, diese Schicksalskräfte, die ihn, Jochen Maechler, zur ernsten Werkarbeit am Wohlergehen seines Hauses so verpflichtet hatten, daß er sich nur darum, um sonst nichts in der Welt gekümmert hatte. Nachdem er mit seinen grundwasserlichen Gedanken sich bis hierher durchgerungen hatte, kam eine gewisse Lebensgeborgenheit über den Gerber, allerdings nur eine solche, die etwa der Sicherheit eines Mannes gleicht, der auf der Flucht vor Gefahren eine Tür hinter sich angelehnt hat und nun an der Wand steht, um seinen Atem wieder in Ordnung zu bringen. Mit Freude erlebte er es, als Damian so weit gekräftigt war, daß er das Bett verlassen und sich nach und nach in der Wohnküche und dann auch in dem Vorgärtchen ergehen konnte. Das deuchte ihn sehr gut, denn auf diese Weise kam das Junglein zu Kräften, um einst tapfer auf die Gerberei zuzumarschieren und von dem Wahn loszukommen, das Mädchen Sessi habe ihn in das Leben zurückgeführt. So werkte der Gerber wieder heiter am Schabbaum, in den Tonnen, durch das Vorgärtchen, über die Feldgasse ans Heidewasser und wieder zurück. Alles gut, meditierte Jochen Maechler, wenn er von ferne oder hinter der Tür sein Weib und das Damianlein singen hörte oder den Jungen allein über eine Blume geneigt beobachtete, wie er verträumt das Sessilied im Kröpfchen spielen ließ. Wie ein Schluck guten Wassers waren solche Beobachtungen für Jochen, und in seiner breiten Brust machte es sich der Atem wieder bequemer. Eines Tages war die Zuversicht des Gerbers in das endliche Gelingen seiner Lebenshoffnung so stark, daß er eine Probe wagte, wie weit des Jungleins Seelenwurzeln in seiner Gerberwelt bekleibt waren. Er fuhr auf einer Radwer zwei schwere Häute vom Heidewasser zurück in die Tonnen, den Rührhaken mit dem langen Stiele querüber gelegt. Am engen Pförtchen verfing sich die Stange, wurde noch einige Schritte mitgeschleift, blieb aber dann auf dem Weglein liegen, und immer kräftig weiterschiebend, rief er Damian, der wie der an dem schmalen Blumenbeet versonnen hinging, über den Rücken zu, den Haken aufzuheben und ihm nachzutragen. In der Anstrengung war seine tiefe Stimme etwas lauter als sonst geworden, so daß das Christel unter die Tür trat, um zu sehen, was es gäbe, daß ihr Mann in solcherlei Lärmen verfallen sei. Jochen hatte indes die Radwer mit den Häuten an der offenen Lohtonne abgesetzt, und der kleine Damian bemühte sich um den Rührhaken, der quer über das Weglein lag. Sein Stiel war naß und von dem Fett der Häute glitschig, daß der Junge ihn vorsichtig, aber mit Ekel anfaßte, doch bald wieder die Hände zurückzog und an den Höschen abwischte. »Fest zupacken, Damian!« schrie der Gerber, den der Zorn zu übermannen anfing wegen der Zimperlichkeit des Jungen und dem Gelächter seiner Frau. »Anpacken und herbringen! Los! Du bist doch kein Pappekind, sondern ein Gerber«, schnaubte er nun in richtiger Wut, daß der Kleine erschrocken und ratlos an dem widerspenstigen Handwerkszeug herumgriff und hob und endlich in Weinen ausbrach, bis Christel hinzueilte und den gequälten Jungen liebevoll und tröstend ins Haus zurückleitete. Der Gerber aber zerbiß einen Fluch zwischen den Zähnen, schmiß das Gartenpförtchen zu, daß die Zaunlatten schwirrten, und holte den Rührhaken selber. An diesem Tage ging die nur angelehnte Tür seines Lebensvertrauens wieder ein Stück weiter zu, und Jochen war so bedrückt, daß er in der Nacht sich in die Mutterkammer tastete, lange Zeit auf dem wackligen Stuhl saß und auf den Zuspruch seiner längst verstorbenen Mutter wartete. Als der aber ausblieb, war es ihm einen Augenblick, daß er in der Finsternis nicht wußte, wo er sich befand. Auch nachdem er sich erhoben und durch Tasten an den Wänden sich überzeugt hatte, daß er in der Mutterkammer sei, war diese unbegreifliche Weltverdunklung noch nicht ganz aus ihm geschwunden. Erst als er die an der Stange hängenden geldgefüllten Strümpfe durchgegriffen und -gezählt hatte, beruhigte er sich wieder in der Sicherheit seiner Existenz. Allein immer noch den Kopf schüttelnd, schlich er über die Treppen hinunter in sein Bett. Lange lag er wie in einer ausgeräumten Stube, und als ihn die Ermüdung traumhaft tiefer in sein zurückgelegtes Dasein führte, schenkte sich ihm die vergangene Wirklichkeit, aber nicht im deutlichen Lichte, sondern im zerblasen-schwachen Mondschein der Erinnerung, in dem er nicht ganz heimisch war. Dieses Selbstentgleiten, mit dem er in den Schlaf sank, war am andern Morgen noch nicht erloschen, und verwundert schaute er sich in seiner Stube um, die ihm in einer geheimnisvollen Weise fremd erschien. Merkwürdig, wie sein Christel ging und redete, was Damian für lange dünne Beine hatte, die er, auf der Bettkante sitzend, baumelnd bewegte. Er saß wohl mit beiden am Frühstückstisch, und plaudernd ging das Gespräch hin und wider. Aber die Stimmen der beiden klangen ganz anders wie sonst. Wie sie nach dem Brot langten, die Tasse zum Munde führten – jede ihrer Gebärden, die er doch kannte, war ihm neu, wie noch nie gesehen, daß er diesen Spuk nicht mehr länger aushielt, unvermittelt aufsprang und aus der Wohnküche hinaus an die Arbeit lief. Wenn das Erinnerungsvermögen Jochen Maechlers bis in seine frühe Knabenkindlichkeit gereicht hätte, so würde er sich in seiner jetzigen Daseinsverwirrung genau in der gleichen Beschäftigung gesehen haben, über die sich einst Vater und Mutter verwundert hatten, ohne je eine Erklärung dafür zu finden oder von ihrem Söhnchen zu erhalten. Wie oft hatten die beiden Eltern beobachtet, daß ihr einsamer Klapphösling plötzlich sein Wagen- oder Pferdchenspiel im Garten oder auf dem Wege unterbrochen hatte, nicht anders, als sei er von irgend etwas angerufen worden. Nach rastlosem, großäugigem Umhersehen nach allen Seiten war jedesmal über den Kleinen etwas wie das Erschrecken eines erwachsenen Menschen gekommen, so, daß sich sogar in sein kindliches Gesicht die Züge eines früh Gealterten eingegraben hatten. Aus dieser rätselhaften Gebanntheit war er durch nichts, durch keine Liebe und kein Locken und Zureden aufzuscheuchen gewesen, und weil man erfahren hatte, daß dieses Starren immer auf dieselbe Art endete, verwunderte man sich wohl lächelnd über den kleinen Sonderling, kümmerte sich aber weiter nicht um ihn; denn seine Entrücktheit löste sich allemal auf die gleiche Weise. Er begann erst spielend und dann richtig arbeitseifrig eine Grube zu buddeln, bis sie eine gehörige Tiefe erreicht hatte. Dann saß er lange unbeweglich davor und betrachtete das Loch in der Erde mit einem fast gramvollen Erstaunen, von dem er endlich mit einem tiefen Atemzug in sein gewohntes Leben fand. In dieses Lebensloch, das sich Jochen Maechler, ohne daß er wußte wie, durch sein instinktives unterirdisches Wesen in langen Jahren gegraben hatte, starrte er hinein und fand keinen Ausweg. Ja, nach Wochen wurde es noch schlimmer. Der Krankheits- und Heilweg des kleinen Damian hatte über ein Jahr gedauert, und so war er in seinem schulmäßigen Fortkommen dermaßen zurückgeblieben, daß er ohne Nachhilfe nicht in den Schulbetrieb eingegliedert werden konnte. Deswegen setzte sich Christine mit jenem Lehrer in Verbindung, dem der eigenartige Gerberjunge mit großer Liebe zugetan gewesen war. Ihren Mann weihte die kluge Frau in diese Vorbereitungen nicht ein, weil sie wußte, daß er mit solchem Lehr- und Lerngepränge, das einem einfachen Handwerker nicht zukomme, nicht einverstanden sein würde. Und weil das Junglein den verehrten Lehrer nicht nur beglückt empfing, sondern mit leidenschaftlichem Ungestüm am liebsten sofort mit der Lernarbeit begonnen hätte, kam die feste Abmachung zustande, daß es an vier Tagen der Woche zum Wiedereintritt in die Schule gefördert werden sollte. Um unnötigen Tratsch zu vermeiden, unterrichtete Christine den Lehrer davon, daß das im Einverständnis mit ihrem Manne geschehe, der bis über die Ohren in seinem Geschäft stecke und sich mit solchem »Schulgefuchse«, wie er es nenne, nicht abgeben möge. Auf diese Weise begann in dem Gerberhause auf der Feldgasse ein Lehr- und Lerntreiben, das ebenso von dem Wesen des Knaben wie dem beglückten Herzen der Mutter getragen wurde. Wie Christine es vorausgesehen hatte, machte Jochen dazu erst große Augen, lächelte dann abschätzig über das unnütze Getue, wagte sich aber nicht in eine Auseinandersetzung mit seiner Frau, die federnd, mit leuchtenden Augen und singend durch das Haus wirtschaftete, als fahre das Gerberhaus jetzt geradenwegs in seine höchste Erfüllung. Jochen Maechler aber war anderer Meinung, und seine schwere Stirn verwulstete sich immer tiefer mit Falten der Unlust, ja des Kummers. Noch einmal schlich er sich in die geheime Kammer, um nach dem Zuspruch seiner Mutter zu ringen, und als ihm von daher keine Hilfe kam, lief er durch Wilkau und aufs Feld, um in der Welt zu einer beruhigenden Sicherheit seines Lebens zu gelangen. Es war umsonst, denn alles, was er sah, die Gassen und Häuser von Wilkau, die Felder und Teiche, die Wälder, durch die er, Ruhe und Sicherheit suchend, streifte, und der riesige Zug der Berge unter den Wandelgestalten der Wolken, alles trug wohl noch die Züge seines Erlebens, doch so, als beginne es von ihm zu weichen, wie ein Mensch uns den Rücken zukehrt, dem wir einst ins Gesicht geschaut haben. Jochen Maechler, der innen Umgetriebene, war so wirklich in eine Wesensnot geraten, deren Ausweg er sich durch sein Warten immer mehr verbaute. Deswegen führte er trotz mancher Bedenken eine Unterredung mit Christine herbei, die mit einem Male alles ins klare bringen sollte. Er hatte sich vorgenommen, von der Leber weg alles zu sagen, womit er sich in dieser langen Zeit herumgeschlagen hatte, um seinem Weibe klarzumachen, daß mit der Führung Damians, so wie sie sie begonnen hatte, notwendig der Weg beschritten werde, der in dem Unglück aller, des ganzen Hauses, enden müsse. Natürlich durfte er nichts von der Überlegenheit preisgeben, die der Mann eben dem Weibe gegenüber besitzt. An einem Nachmittag also, während der Lehrer den kleinen Damian wieder für die Schule zurechtritt, trat er wie von ungefähr aus dem Gärtchen von den Gerbertonnen her in dem Augenblick durch die Tür auf den Hausflur, als Christine eben eine Kundin freundlich über die Schwelle der Lederausschnittstube geleitete. Die Fremde schlüpfte eilig grüßend an dem Meister vorbei, der seinen kurzen Beinen einige bedeutsam lange Schritte abnötigte, um noch zu Christine zu gelangen, ehe sie die Ausschnittstube abschloß. »Nun ja«, sagte er entschlossen, öffnete mit entschiedenem Schwung die Tür und strich sein Weib mit der andern Hand in die Stube zurück, die er hinter ihr ins Schloß drückte. Dann kehrte er ihr den Rücken und begann unruhig unter dem Ledervorrat in den Regalen zu kramen, hob dies und das auf und ließ es wieder geringschätzig fallen. Endlich drehte er sich unvermutet um, stieß beide Hände tief in die Hosentaschen und sah seine Christine mit solch bohrender Düsterkeit an, daß sie doch verdutzt wurde. »Das wird immer weniger dahier in den Regalen werden, liebes Christel, das kann ich dir sagen«, begann er leise. »Nun ja«, antwortete sein Weib, das wohl ahnte, wohin Jochen hinauswollte, leichthin lächelnd, »und das ist gut, denke ich, denn es bringt Geld ein.« »Und wenn alles weg ist, was dann?« fragte er finster. »Ach Gott, ich versteh' dich nicht. Dann bringst du eben neues herein«, antwortete sie. »Ich?« »Nun, wer denn sonst?« »Immer?« Der Gerber war versessen und bohrte hartnäckig an dem Lebensloch weiter, das sich in ihm gebildet hatte. Christine rückte dies und das auf dem Ladentisch hin und her, griff den Schlüsselbund durch und schüttelte dann den Kopf, indem sie übermütig lächelnd fragte: »Ja, sag mir mal, heute ist doch ein schöner Tag, nicht? Da hat doch so was keinen Sinn.« »Mein' ich eben, Christel, hat keinen Sinn. Gar keinen. Meine Arbeit nicht und deine, nimm mir's nicht übel, auch keinen – wenn das so weitergeht.« »Was geht so weiter?« »Das Lerngetrudel mit Damian, als ob das der richtige Weg zu einem rechten Gerber wär'.« Christine schüttelte energisch den Kopf, schwieg erst eine Weile, mit weiten Augen den Ladentisch betrachtend, und begann dann mit großem Ernst ihrem Manne alles darzulegen, was sich in den Wochen in ihr zurechtgeschoben hatte: daß der zartgebaute Damian überhaupt, von Natur aus, nicht zum Gerber bestimmt sei, daß seine, Jochens, ewige Unzufriedenheit und sein fortdauerndes Gemäkel den Jungen in seine Seele hinein dergestalt gequält habe, daß er endlich in diese geheimnisvolle Krankheit verfallen sei, mit der selbst der Doktor sich keinen Rat gewußt habe, und wenn nicht die Engelshilfe des lieben schönen Mädchens, Sessi von Schillingkhoff, gekommen wäre, dann läge er sicher heute schon im Grabe. Sei es denn notwendig, daß Damian deswegen Gerber werden müsse, weil er der Sohn eines Gerbers sei? Da unterbrach Maechler den fliegenden Strom, in den sich Christine hineingeredet hatte, mit der Frage, ob sie wahrhaftig glaube, daß das Mädel des lumpenhaften Hauptmanns allein den Jungen gesund gemacht habe. Worauf die tapfere Frau begeistert und unerschrocken antwortete: »Ja und hundertmal ja! Wer um's Himmels willen denn sonst?« Jochen Maechler verfiel auf diese Worte Christines in eine Art Versteinerung, daß er sich mit beiden Händen am Ladentisch festhalten mußte. Dann strich er sich langsam über die Stirn und sprach mit unheilvoll leiser Stimme: »Soso. Da weht von irgendwoher irgend jemand in unser Haus und macht unser Schicksal. Ich gelte nichts und du nichts, und meiner Mutter heiliges Vermächtnis gilt nichts und mein Versprechen nichts und auch das Unglück meines Vaters nichts, der uns auf diesen Weg des ehrlichen Handwerks festgenagelt hat. Christine, Weib, so hat der Boden, auf dem wir stehen, und das inwendige Leben, das wir von unsern Vorfahren haben, keinen Wert vor den Sprüchen, die man aus den Büchern lernen kann.« Und nach der Erschöpfung, in die er durch diese ungewohnt lange Rede verfallen war, brach er in ein lautes Gelächter aus, das mehr wie ein Verzweiflungsschrei klang. Dann wurde sein Gesicht grau. Er stemmte sich wieder auf den Ladentisch und schloß die Augen. Christine war von dem Ausbruch ihres Mannes so tief erschüttert, daß sie vorerst keine Worte finden konnte, sondern nur hinübergriff und liebevoll den Kopf Jochens streichelte. »Lieber Mann«, begann sie dann, unendlich schmiegsam und zärtlich, »du nimmst das alles viel zu schwer. Die Kinder sind immer anders wie die Eltern. Sie können doch nicht dafür und die Eltern auch nicht. Wir bringen sie zur Welt, und Gott macht sie.« Und nun redete sie von der verwunschenen, nein, wunderbaren Süßigkeit Damians, der eigentlich vom ersten Tage an in einer anderen Welt – ganz gleich und sollte es eine Traumwelt sein – gelebt habe. Vielleicht, nein, sicher sei das von Gott so bestimmt. Ihr erster Junge, der vor der Geburt gestorben war, das werde wohl der Gerber gewesen sein, nach dem Jochen verlange. Und diesen zweiten, dieses Damianlein, habe Gott eben ganz nach seinem Vergnügen gebildet. Ja, und deswegen singe er auch so gern und schön. Und ein adliges Mädchen komme und führe ihn vom Grabe weg wieder in? Leben. Ihre Mutterliebe geriet ins Schwärmen, so daß alles herrlich um ihren Jungen wurde, sogar der entgleiste Hauptmann von Schillingkhoff Würde und Ansehen verdiente. Christine kämpfte wie eine Löwin um die Zukunft Damians, auch mit aller List und Übertreibung. Jochen war zurückgetreten, lehnte am Regale und hörte mit großen verwunderten Augen seinem Weibe zu, ohne die Lippen zu einem Widerspruch zu rühren oder auch nur mit einer Falte seiner Stirn zu entgegnen. Nur in der Tiefe seines Wesens spann die Dunkelheit fort, in die er geraten war. Dort ereigneten sich Gedanken, für die er keine Worte fand, bohrte ein Sinnen, das ihm entrückt blieb, und während Christine von dem sicheren Fortkommen Damians in der Schule sprach und sich sogar soweit hinreißen ließ, von einer großen Zukunft des Jungen als Gelehrter zu schwelgen, ging in den weiten Räumen seines Unterbewußtseins laut- und wortlos folgende merkwürdige Überlegung in dem Gerber vor sich: Jawohl, aus unbeständigen Treibgebilden des Zufalls besteht diese Welt für euch. Daraus baut ihr eure Häuser auf der Erde. Aber sie zerstäuben in der heißen Zeit der Not, und der Sonnenschein eurer Hoffnung auf eine schöne Zukunft verwandelt sich durch nichts als eure Schuld erst in graue Dämmerung und dann in eine Nacht, die immer schwärzer auf uns eindringt. Indessen der arme ungefügige Mann an dieser Finsternis seines tiefsten Inneren litt, jubelte förmlich seine Frau von der herrlichen Zeit, in die das Haus auf der Feldgasse steigen werde. Dieser Mißklang erschütterte Jochen Maechler dermaßen, daß ihm Tränen in die Augen traten. Er reichte seiner Frau beide Hände, drückte sie herzlich und stotterte: »Gut, gut! Alles gut, liebes Christel! Mach's nur. Gott wird's halt so wollen.« Dann tappte er aus der Stube über den Flur, in den Hof und verschwand in der Werkstatt, unsicher und schwankend, als sei er blind geworden. So litt der Gerber an diesem inneren Zwiespalt seines Wesens und Daseins. Wo er ging oder ruhte, bebte dieses Zerrissensein in ihm auf. Unweigerlich schien es ihm, daß das Gedeihen seines Hauses erst in Dämmerung und dann in eine immer schwärzere Nacht gerate, daß sein ganzer Fleiß und seine Hingabe nichts nutze, wenn sein einziger Sohn sich in der Schule und diesem Bücherwesen einniste. Und trotzdem sah er keinen Weg, den Jungen und sein Christel von ihrem aussichtslosen Irrtum zurückzureißen. Ja, je tiefer er sich mit dieser Möglichkeit beschäftigte, desto klarer wurde es ihm, daß er dann das Leben beider zerstören mußte, denn er sah ja seine beiden liebsten Menschen in reiner Seligkeit an etwas hängen, was doch nichts als Unglück bringen konnte. Und doch brachte er es auch nicht über sich, in Güte den beiden ihren Willen zu lassen, weil er über den Gram nicht hinwegkam, von ihnen um den Sinn seines Lebens betrogen zu werden. Und da er nie gewohnt war, seine Nöte auf die Gasse zu tragen oder sie von dem Herzen eines Freundes liebevoll und achtsam abwägen zu lassen, war er in dieser Kluft auf sich allein angewiesen. In einer Nacht hatte er einen Traum, der ihn auf diesem verwucherten Wege noch weiter in die Aussichtslosigkeit führen sollte. Er, der noch nie am Meer gewesen war, träumte, auf einer ihm völlig unbekannten Straße in einem fremden Lande zu gehen. Der Weg führte ihn durch einsames, unfreundliches, fast unbebautes Land, Nur in der Ferne tauchten hüben und drüben dann und wann, von verwilderten Büschen halb verborgen, Häuser und Gehöfte auf, die, halb verfallen, offenbar unbewohnt waren. Das bedrückte ihn dermaßen, daß er alle Kraft zusammennahm, so schnell als möglich aus dieser unwirtlichen, melancholischen Gegend zu kommen und endlich an das Ziel seiner Wanderung zu gelangen, das er zwar nicht kannte, das aber nach einem Vorgefühl seines Innern nicht mehr allzu weit entfernt sein konnte. Und wirklich, nachdem er unter zunehmender Beklemmung durch das verwichtelte Dickicht eines Waldes gedrungen war, der ihn unvermutet überfallen hatte, lichtete sich das verschlungene Gehölz immer mehr, und der Weg, der immer schmaler wurde, begann bergan zu führen. Nach einigen Schritten wurde er zu einem Steig, der auch bald ganz erlosch, so daß seine Füße durch spärliches mißfarbiges Gras eine lange Lehne emporgingen. Aber er zögerte keinen Augenblick, obwohl nirgend ein Strauch, ein Baum oder Haus zu sehen war. Kein Vogel, kein Tier regte sich. Er nahm seine letzten Kräfte zusammen und strebte der Höhe des schweren Hügels zu, die ganz nahe war, aber mit jedem Schritte vorwärts immer weiter abzurücken schien. Allein, da es in ihm feststand, ganz nahe an dem unbekannten Ziele angekommen zu sein, ließ er in seinem Vordringen nicht nach und hatte nach kurzer Zeit den flachen Rücken des Hügels erreicht. Da lag dann vor seinen Augen unter ihm das, wonach ihn das abenteuerliche Verlangen seines Innern getrieben hatte: eine schmutzige, vollkommen leere Küste, so weit er sehen konnte, und dahinter das Meer, trübe und wenig bewegt, wie ein riesiger Latrinenabfluß des schwappend grauen Himmels, in den es sich als grauer Rauch verlor. Mit einem Stöhnen des Entsetzens sank Jochen Maechler zusammen und erwachte. Er hatte Mühe, sich zurechtzufinden. Aber als er das wie singend leichte Atemspiel seiner Frau und gleich danach das Traumgeflüster Damians hörte, wußte er wohl, wo er war, brachte aber das schwere Traumbild nicht aus sich heraus. Auch nach dem Erwachen verließ es ihn nicht, trotzdem es nur wie ein Dämmerschleier zwischen ihm und allem stand, worauf er seine Augen richtete. Hinter dieser magischen Dämmerschicht bewegten sich und redeten seine Frau und sein Junge in Eintracht und Glück, ihm wohl zugehörig, aber entfernt, so daß er aus einem Bangen und Verlangen heraus versucht war, sie laut anzureden, um sie zu seinem Kreis herzurufen. Aber aus der Überzeugung heraus, sie dadurch zu erschrecken und ihnen zu schaden, dämpfte er seine Stimme und sprach alles, was zu sagen war, leise, abgewogen und ungewöhnlich höflich mit einem entschuldigenden Lächeln, daß sich endlich Christel nicht mehr halten konnte und ihn geradezu fragte: »Ja, Jochen, sage mal, was ist dir denn eigentlich?« Der Gerber legte darauf die Hand auf den Arm. seiner Frau, und nach kurzem Stutzen antwortete er begütigend: »Weißt du, Christel, nimm mir's nicht übel.« Darauf erhob er sich vorsichtig, schob den Stuhl akkurat unter den Tisch, nickte den beiden entschuldigend zu und verließ leise die Stube. Draußen im Vorgarten blieb er eine Weile stehen und sah sich verwundert um, weil ihm alles fremd vorkam. Bei vielen Menschen tritt einmal der Zeitpunkt ein, in dem ihre Vergangenheit ein anderes Gesicht bekommt, unüberschaubar, im tiefsten unbegreiflich erscheint, so daß sie sich selbst und die Welt umher nicht mehr verstehen. Die meisten kümmern sich um diese Umwälzung ihres Innern im Trott oder dem Drang des Tages nicht, schwemmen die rätselhafte Unsicherheit mit kräftigerem Trunk fort oder betäuben sie mit gewalttätiger Lustigkeit und lassen die verwandelte Vergangenheit liegen, wo sie liegen mag. Jochen Maechler, der immer einsam in sich selbst verfangene Mann, vermochte das nicht, sondern von Tag zu Tag dringender, unausweichlicher wurde das Traumbild der Nacht für ihn zur Wirklichkeit. Er stand an einet vollkommen leeren Küste, und vor ihm lag unbeweglich ein graues Meer, das sich im Unendlichen in den nebelnassen Himmel verlor. Nach einigen Wochen hielt der Gerber diese Bedrückung nicht länger aus. Eines Nachmittags, noch lange vor dem Feierabend, warf er das Handwerkszeug hin, zog sich eine bessere Kluft an und verließ mit der Ausrede, einen notwendigen Geschäftsgang tun zu müssen, das Haus. Er hatte kein Ziel, sondern ging nur fort. Die Hände auf dem Rücken, schlenderte er die Feldgasse hinunter, trat eine kleine Weile auf die Brücke des Heidewassers und sah dem ewigen Wellengewusel des kleinen Flüßchens zu, mit dem es sich unaufhaltsam fortschob. Hinter ihm trappelte der schwache Verkehr Wilkaus hin und wider; aber er achtete nicht auf ihn, sondern dachte nur: ›Da gehen sie nach Scherichsdorf und Wilkau. Jaja. Das ist halt so.‹ Auch als ihn einer der Vorübergehenden an der Achsel berührte und freundlich grüßend die Bemerkung machte, daß der heiße Sommer das Heidewasser klein gemacht habe, bewegte das den Gerber nicht. Er drehte sich nur um, sah dem Sprecher ins Gesicht, nickte, sprach aber kein Wort, und als dieser ihn am Arme rüttelte, wie um ihn aus der Versponnenheit zu reißen, und lachend fragte: »He, das paßt dir wohl nicht?«, antwortete er zerstreut: »Nein, das paßt mir nicht. Jaja«, und hörte nicht mehr auf das, was der andere noch redete, bis der Mann hellauf lachte und kopfschüttelnd davonging. Maechler aber beugte sich wieder über das Geländer und dachte: ›Das war der Tischler Nerske.‹ Sonst nichts. Daß der Mann ihm die Kücheneinrichtung gemacht hatte und seit Jahren alle Reparaturen im Hause zur Zufriedenheit besorgte, daß er ihn wohl leiden konnte und mit seiner platzdicken zänkischen Frau einst böse zusammengeraten war, alles das lag verschwunden, weit, unerreichbar verschwunden in dem undurchdringlichen Grau seines Innern. »Der Tischler Nerske«, murmelte er leer vor sich hin, klopfte mir dem Zeigefinger auf das Brückengeländer, ging dann, als erinnere er sich plötzlich an etwas Wichtiges, schneller die Feldgasse wieder zurück, trat vor das eiserne Tor der Glaeserschen Gärtnerei, sah scheinbar aufmerksam über die wohlbestellten Beete und bummelte endlich, die Hände wieder im Rücken verschränkt, auf den Schrimsteigen und Gartengäßchen ohne Ziel weiter und verlor sich auf diese Weise stundenlang in und um Wilkau herum. Als er am späten Abend, in den schon die beginnende Nacht spielte, er wußte nicht wie, sich in seinem Haus auf der Feldgasse einfand, hatte sein Christel schon lange auf ihn gewartet. Sie sah an seinen hängenden Schultern, den müden Schritten, mit denen er sein abgezogenes Jackett an den Kleiderrechen trug, und den gleichgültigen, wie abgetriebenen Augen, daß er einen unbefriedigenden Gang hinter sich habe, wagte aber nicht, ihn direkt nach dem Zweck und Erfolg seiner Unternehmung zu fragen, um mit ihm nicht aufs neue in die Wirrnis der Unterredung in der Lederausschnittstube zu geraten. Als weltwache, entschlossene Frau hatte sie das Vertrauen, daß alle auftretenden Verschlingungen des Lebens endlich vom Leben selbst aufgelöst werden. So trug sie ihm das Abendbrot auf und ließ dabei mit inniger Betulichkeit ihr Zünglein laufen, ohne das arglos behagliche Plätschern in häuslichen Belanglosigkeiten da und dort mit einem Häkchen des Ungenügens zu beschweren. Aber schließlich hätte sie das ruhig tun können, denn Jochen widmete sich mit so ungestört mechanischer Hingegebenheit der Arbeit seiner Sättigung, daß er kaum Zeit fand, dann und wann interessiert aufzublicken oder mit einem Schmunzeln und Nicken sein Einverständnis zu bezeugen. In Wahrheit hörte er gar nicht auf das, was sie sprach. Seine wahre Aufmerksamkeit wachte im Pfadlosen, weit draußen an der leeren Küste und dem grauen unendlichen Meer und Himmel, denen er in dem stundenlangen Fluchtgange hatte entrinnen wollen. Nach der Mahlzeit zog er sich mit langem, wohligem Ausatmen die Weste herunter und fragte in kaum verhüllter Beiläufigkeit nach dem Ergehen Damians. Da erzählte seine Frau beglückt von dem frohen Arbeitseifer des Jungen, der sich gar nicht genugtun könne, und dem so überaus tüchtigen, liebenswürdigen Lehrer Miecke, der ihr heute gesagt habe, daß Damian sicher zum nächstjährigen Ostern alles Versäumte nachgeholt haben würde, ja wahrscheinlich sogar in die nächsthöhere Klasse eingereiht werden könne. Maechler hörte die lange Glückslitanei Christines mit weiten, ratlosen Augen und gramvertieftem Gesicht an, und als sie zu Ende gekommen war, schwieg er noch eine lange Weile, nickte dann mit dem Kopfe und sagte: »Soso. Da ist ja alles gut.« Aber seine Stimme klang dermaßen brüchig, ja trostlos, daß die liebe Frau erschrak. Der Gerber legte ihr begütigend die Hand auf den Arm und brachte mühsam ein gütiges Lächeln auf seinem Gesicht zustande: »Nein, nein, Christel, wo denkst du denn hin? Es ist so, wie ich sage. Wirklich! Wie sollt' ich denn nicht glücklich sein?« Aber der arme Gerber konnte nichts dafür, daß seine Beteuerungen sich wie ein Hilferuf anhörten, und als er in seinem Bett lag und lange über sich in die Nacht gestarrt hatte, überwältigte ihn die Gewißheit, mit all seiner Liebe, Sorge, seiner Hingabe und seinem Leben von Christine und Damian einfach beiseite geschoben zu sein. Das würgte ihn mit einer solch schmerzlichen Ratlosigkeit, daß er fühlte, wie ein Schrei sich aus seiner Brust im Halse heraufarbeitete. Um ihn nicht laut werden zu lassen, drückte er sich mit der Hand den Mund und half sogar mit einem Bettzipfel, dem Entweichen eines Lautes entgegenzuwirken. Christine, die gespannt nach Jochens Bett hinüberhorchte, glaubte, daß er in halben Worten mit sich rede, wollte ihm behilflich sein und fragte: »Was sagst du eben, Jochen?« Aber da hatte sich der gequälte Mann schon gefaßt und antwortete mit schlaf gemachter Stimme: »Schlaf du ruhig, liebes Christel! Ich krieg' bloß den Namen des Lehrers nicht heraus, der unserm Damian hilft.« »Miecke heißt er. M-ie-ck-e, mit ck, weißt du.« »Aha, Miecke. Soso: Miecke. Ja. – Na, da ist's ja gut. – Gute Nacht!« Sein Christel drehte sich beruhigt auf die Traumseite, und der Gerber sank wieder unaufhaltsam an die leere Küste und das unermeßliche Graumeer seines Innern, bis der Schlaf sein Wachen auswischte. Denn nur der Mensch darf sich ohne Gefahr tief in sich versenken, der die Kraft hat, sein eigener Widersacher zu sein. Wer aber seine Gedanken und Empfindungen gleichsam als übernatürliche Offenbarungen glaubt, ohne im mindesten daran zu zweifeln, verirrt sich vollkommen in der Welt dieser Erde und des Menschengeistes, deren Leben ja nur in Widersprüchen besteht, die, alle zusammengenommen, ihre Harmonie in der Zeitlosigkeit ausmachen. Zu dieser Harmonie gelangen allerdings nur Menschen, die ein einfaches Herz oder einen überfliegenden, genialischen Geist haben. Der Gerber Jochen Maechler besaß beides nicht, geriet darum immer tiefer in die Aussichtslosigkeit seines Daseins und verlor endlich den Sinn seines Lebens. Er verstand sich und die ganze Welt nicht mehr, obwohl er nicht aufhörte, fast alle Tage seine Fluchtwanderungen fortzusetzen. Er ging durch Wilkau wie durch eine fremde Stadt und sah alles, aber so, wie etwa jemand eine Sprache liest, die er einmal gekannt hat und nun nicht mehr begreift. So ging es wochenlang bis in den tiefen Herbst hinein. Die Wege, die ihm unter die Füße liefen, sprachen nicht mehr zu ihm, sondern waren eben nur Wege. Die Wälder hatten nur Schatten und Rauschen, die Teiche nur regungsloses Wasser. Es war alles nur Gegend, und es wurde auch nicht anders, als er seine Fluchtwanderungen weiter ausdehnte über die Kummerhardte auf der anderen Seite Wilkaus, ja sogar über die Bibersteine hin, von denen aus er einen großen Teil des Riesengebirges überschauen konnte, das aber auch nicht den geringsten Eindruck auf ihn machte. Er nahm alles wahr. Seine Augen wirkten als photographische Apparate, standen aber wie diese mit keinem Empfinden in Verbindung. Eines Abends kehrte er von Wimmersdorf durch die Trennsdorfer Straße in einer Zeit zurück, da die Fenster schon da und dort erleuchtet wurden. Im »Goldenen Greif« ging es hoch her. Die Fenster strahlten, und eben, da sich der Gerber dem Weinlokal näherte, fuhr eine zweispännige Kutsche mit fast herrschaftlichem Schneid heran und hielt vor dem Eingang, so daß Maechler hätte über die Straße ausweichen müssen, wenn er durchaus sofort weiter wollte. Da ihm aber daran nichts lag, blieb er ein Stück vor den Pferdeköpfen stehen und sah den Inspektor Neefe trotz seiner schiefen Hüfte in dienerhafter Eile von dem Kutscherbock klettern und, den Hut in der Hand, den Wagenschlag aufreißen. »Bitte, Herr Graf von Plettenstoß«, damit griff er nach dem Arm des ersten aussteigenden Herrn, eines langbeinigen steifen Kavaliers, der wohlwollend mit »Gut, gut, Neefe!« sich die Hilfe des schief geschlagenen Mannes gefallen ließ und ziemlich umständlich auf dem Bürgersteig landete, während gleich darauf der dicke Herr von Kutaschke, früher Major bei den sächsischen schweren Reitern, gleichsam aus dem Wagen kullerte und dem Oberst von Plettenstoß folgte, der militärisch gereckt dem Eingang zuschritt. Die Tür flog unter den Händen Neefes auf, helles Licht schoß auf die verdunkelte Straße. Mit lautem Hallo von drinnen wurden die Eintretenden empfangen, und der Inspektor schloß unter einem tiefen Bückling hochachtungsvoll leise die Tür. Dann richtete er sich aufatmend, wie aus einem seligen Taumel erwachend, so ziemlich in die Höhe und tat, noch versunken, die ersten Schritte nach Hause. Da stand im Schimmer der Fenster des »Goldenen Greif« mitten auf dem Bürgersteig der mächtige Gerber vor ihm. Neefe fuhr bei seinem unvermuteten Anblick ein wenig zusammen, hob scheu den Hut und grüßte. Der Meister nickte nur und sah ihn mit unbeweglichen Augen, wie es dem Inspektor vorkam, höhnisch an. ›Der dicke Affe‹, sagte Neefe in Gedanken, laut aber rief er: »Ja, mein Gott, Maechler, wie kommst denn du daher?« Und weil der Gerber noch stumm blieb, überstürzte sich der Kleine in Unsicherheit und heimlichem Widerwillen: »Siehst du, was ich dir damals vor Jahren gesagt habe? Jetzt ist es soweit mit dem Flottenverein. In die Höh' geht es, unglaublich. Jawohl, wir haben's geschafft! Hör mal, wie die drinnen jubeln, Alle Herren vom Vorstande sind drin versammelt, Herr von Machitzky, Oberst Scheetzler, Gesandter von Radschoff und so weiter. Der ganze Adel von Wilkau. Man feiert unseren mächtigen, ruhmreichen Kaiser und seine junge Flotte. Jawohl, merk dir das, Maechler: Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser! Unsere Flotte wächst, und in ein paar Jahren werden wir die Engländer eingeholt haben! Du hast ganz recht, da kann man bloß staunen. Da bleibt einem die Spucke weg. Na, gute Nacht!« Damit drückte er sich geschickt um den Gerber und hüftelte eilig die Trennsdorfer Straße hinauf ins Dunkel. Maechler sah ihm gleichgültig nach, und es war ihm nicht anders zumute, als sei eben ein Wagen mit viel Geräusch an ihm vorbeigerattert. Dann setzte er sich wieder in seinem gewohnten Trudeln in Bewegung, hob einen und den anderen Stein, an den er mit den Füßen stieß, auf, trat auf der Heidewasserbrücke an das Geländer und warf erst den einen und dann den anderen Stein hinunter und lächelte schwach, da das Aufklatschen erklang. Sowie er sich aber zum Gehen wandte, war auch dieser schwache Nachhall des eben Geschehenen in ihm erloschen. Indem er die wenigen Schritte auf der Feldgasse zu seinem Hause tat, wunderte er sich nur, daß es schon Nacht sei, blieb stehen, sah sich um und murmelte trostlos: »Nacht, überall, in der ganzen Welt Nacht«, schauerte zusammen und trappte weiter. Aus den Wohnküchenfenstern der Gerberei blinkte Licht. Trotzdem ging er, ohne zu wissen warum, weiter, bis zum eisernen Tor der Glaeserschen Gärtnerei. Dort blieb er, wie so oft schon, stehen, als erwarte er etwas, ließ unbewußt den Stock spielend auf das Pflaster klopfen und kehrte dann in sein Haus zurück. Der folgende Winter dämmte zwar seine Fluchtwanderungen ein; allein ganz unterblieben sie nicht. Die Wilkauer aber, die das unbegreifliche Gehaben des sonst so lebenssicheren Meisters beobachteten, wunderten sich darüber, horchten und schnüffelten nach rechter Kleinstadtmanier in seinem Geschäft und dem Leben im Hause herum, fanden jedoch weder Bruch noch Unfrieden noch Stunk und beruhigten sich endlich damit, daß Jochen Maechler halt einirdisch geworden sei. Da lasse sich nun eben nichts machen. Auch bei dem tüchtigsten Mann lockert sich mit der Zeit eine Niete. An dem Gerber und seiner Christel ging solcherlei Getuschel vorüber. Die Frau wußte seit jeher, daß ihr Mann ein Haus mit wenigen kleinen Fenstern auf die Gasse zu sei. Und Maechler kümmerte sich gar nicht darum, sondern ließ es ohne Gegenwehr zu, daß er tiefer und tiefer in die Unfühlsamkeit gegen sich und die Welt versank. Nicht etwa, daß er nicht sah, was geschah, nicht merkte, was sich ereignete, nicht tat, was notwendig war. O nein! Aber alles war belanglos wie eine Einbildung, die er nicht ernst nahm. Sicher war eine Ermüdung über ihn gekommen; aber es war doch keine verzweifelte Ermüdung, wie sie über einer zerstörten Stadt oder einem vollkommen umgebrochenen Walde liegt. Aus der unausgetragenen Tiefe seines Wesens stiegen wie aus klaffenden Erdspalten Dünste, die sein Leben einnebelten, daß er wohl seinen Schritt sah, aber nicht den Weg, den er wanderte. Also glich er einem Wasser, das floß, aber nicht von der Stelle kam. Um seinen kleinen Damian ging er scheu herum. Vor seinem Christel stand er in der Furcht seines Herzens, das sich verwirrt und verwaist fühlte. Die beiden Gesellen nahmen die Veränderung seines Wesens mit geringerer Verwunderung hin als die anderen Wilkauer; denn karg in Worten war der Meister immer gewesen. Da machte es nun nicht zuviel aus, wenn er von Woche zu Woche stets schweigsamer wurde und endlich außer durch Arbeitsanweisungen gar nicht mehr zu ihnen in Beziehung trat. Sechzehntes Kapitel Den ganzen Winter über versuchte es Jochen Maechler nur einigemal, der Innenverdämmerung seines Wesens durch eine Fluchtreise auf den Wilkauer Feldern zu entfliehen, mußte es aber immer nach einigen hundert Schritten aufgeben, da er bis an den Beinschluß in den Schneemassen versank und Mühe hatte, sich in seinen eigenen Stapfen nach Wilkau zurückzuarbeiten. Einst gegen das Ende des Winters, da der harsche Geselle sich kaum mehr des Gesummes der warmen Winde erwehren konnte, die ihn aus allen Gegenden umspielten, kam Jochen um den Abend herum wieder einmal vom Felde herein. Sein Spaziergang war trotz des Wetterwechsels, der doch fühlbar in der Luft hing, nichts als fast nur ein Schneetreten gewesen, das ihn nicht vorwärts brachte. Dazu steckte ihm der nahende Frühling dergestalt in den Knochen, daß es ihm war, als sei sein ganzer Körper mit Steinen vollgepackt. Das Gehen wurde ihm schwer, denn die Beine schienen richtig in allen Gelenken eingerostet zu sein, daß er Mühe hatte, sie zu bewegen. Im tiefen Schlummern traf er endlich in Wilkau ein, wischte sich den Schweiß von der Stirn und atmete erlöst auf, als er die feste Straße unter den Füßen fühlte. Allein, es war wie vernagelt, an ein forsches Vorwärtskommen war auch hier nicht zu denken. Sein Gehwerk gehorchte ihm sehr widerwillig, und wenn er es dennoch in seine Gewalt bekommen wollte, wurde ihm schwindlig, daß er sich sogar des Taumelns nicht ganz erwehren konnte. Deswegen bog er, um nicht in diesem Zustande über den Schloßplatz zu müssen, an der katholischen Kirche ab, um über die Gansertbrücke und zwischen den Gärten in sein Haus zu gelangen. Aber am Langen Hause ging es gar nicht mehr, und wohl oder übel blieb ihm nichts übrig, als sich auf den Stufen niederzusetzen, die zum Langen Hause emporführten. Die wenigen Menschen, die vorübergingen, stutzten wohl, als sie den Meister auf der Treppe hocken sahen, redeten ihn aber nicht an, weil sie wußten, daß sie von dem einirdisch gewordenen Manne doch keine Antwort erhalten würden. So gab sich der Gerber ungestört dem Genuß seiner seltsamen, unerwarteten Müdigkeit hin. Gemach ließ das Summen in seinen Gliedern nach, und eine Gelöstheit kam über ihn, in der etwas Geheimnisvolles war, wie der lautlose, ungehörte Schritt des nahenden Schlafes. Der verwandelte sich bald in ein wehendes Gehen im Innern des Langen Hauses, das eine Treppe niederstieg und, über einen kurzen Flur herkam. Dann ging die Tür auf. Aber zwischen dem Auf- und Einschwung ertönte von drinnen der Ruf: »Sessi!« So bänglich liebevoll und warnend, daß der Gerber bis in seine Seele erschrak. Aber, ehe er sich von dieser Erschütterung erholen konnte, fühlte er das Streichen der Kleider einer hohen Mädchengestalt neben sich vorüberwallen und hatte die Empfindung, als fahre ihm eine Hand hauchleise, begütigend über den Kopf. Da sprang der Gerber auf die Füße und sah sich um. Aber Treppe und Straße waren leer bis auf eine alte Frau, die gebeugt, vor sich hinstarrend, an dem Meister vorüberging, ohne nach ihm hinzusehen. Er faßte sie an der Achsel. »He, haben Sie nicht eben jemand hier aus dem Langen Hause kommen sehen?« fragte er leise. Die Alte fuhr erschreckt zusammen, starrte ihn einen Augenblick an, tippte mit dem Finger an die Stirn, lachte höhnisch auf und ging ohne Antwort weiter. »Jaja«, murmelte Jochen Maechler, »ganz recht, eine verrückte Welt.« Dann bog er entschlossen, festen Schrittes in die Trennsdorfer Straße zurück und ging nun doch, um das Geschehene ins Unrecht zu setzen, über den Schloßplatz nach Hause. Er ahnte nicht, daß er einen Traumblick in eine ferne Zukunft getan hatte, war aber im Innersten trotz seiner Gegenwehr so davon berührt, daß er seiner Frau nichts sagen mochte und mit beiläufigen, kargen Worten wieder von einem nötigen Geschäftsgang und dem scheußlichen Wetter sprach, das man endlich bis in den Hals hinein satt habe. Das Christel blinkerte ihn mit vergnügter Listigkeit an, und Damian machte sich mit solch herzlichem Vertrauen um ihn zu tun, daß er ihm mit der Hand leise über die blonden Haare fuhr. Als er aber dabei denken mußte, daß »Sie« ihm so über den Kopf gestrichen hatte, wiederholte er die Liebkosung nicht mehr. Auf solche Weise wurde Jochen Maechler innerlich immer wehrloser und widerstand kaum mehr dem Wogen, das aus der lebendigen Nacht der Vorfahren sich in sein Leben schwemmte, wie er es nicht hatte hindern können, daß aus dem Lande der Zukunft ein zwitteriges Fluglicht sein umschummertes Bewußtsein auf der Treppe des Langen Hauses getroffen hatte. Schweigend und versunken trieb er mit seinen beiden Gesellen das Handwerk, als gebe es für ihn auf der ganzen Welt nichts als Häute kaufen, scheren, walken und zurichten. In der Nacht hörte ihn Christel wieder eifrig am Schreibschrank mit dem Gelde schwirren und dann auf leisen Sohlen über die Stiege hinauf närrisch durch das Haus schweifen. Nur dann und wann, als das Grün schon anfing, auf der Erde heimisch zu werden, machte er an besonders günstigen Abenden auf der Feldgasse seine Gänge bis zur Heidewasserbrücke und der Glaeserschen Gärtnerei, wo er auch manchmal nach alter Gewohnheit an dem eisernen Gartentor stehenblieb und gleichmütig über die Beete schaute, die schon tüchtig zur neuen Pflanzung bereitet waren. Sowie aber aus dem Hause Stimmen aufklangen oder Menschen hin und wider gingen, wandte er sich ab und trödelte die Feldgasse hinunter. Da blieb es denn nicht aus, daß Jochen Maechler auch auf diesen engen Gängen zu seinem inneren Vertauchen kam. Zwar führte es ihn nicht mehr wie früher an die tote Dünenküste und das unbewegliche erloschene Graumeer, nein, in dem Maße, wie die Sonnenwärme immer stärker in alle Lebensadern sich ergoß, die Bäume schon mit jungem Grün einander zuwinkten, überkam den Meister dann und wann eine merkwürdige, wie schlafwandlerische Erwartung ähnlich jener traumhaften vor Wochen auf der Treppe des Langen Hauses, und ein unsichtbares Wesen tauchte neben ihm auf, daß ihn wieder wie damals eine rätselhafte Erschütterung anfiel. Und jedesmal, wenn er an dem Glaeserschen Tor gestanden hatte, war diese Bewegung in ihm besonders stark. Um sich dagegen zu wehren, unterließ er seine Hin- und Widergänge auf der Feldgasse ganz und suchte auf dem früheren Werkplatz der Gerberei über der Feldgasse am Heidewasser den Ort, ungestört in das ferne, ungewöhnlich Unfaßbare zu kommen, das seit seiner frühen Kindheit sein tiefstes Inneres bewegte und erfüllte. Den alten Werkplatz hatte einst sein Vater für seine Frau Lotte, Jochens Mutter, in ein Blumengärtlein umwandeln lassen und längs des Weges dichtgestellte Fichten gepflanzt, um den Platz gegen die neugierigen Blicke der auf der Feldgasse Vorübergehenden zu schützen, damit sich Lotte in den Stunden dunkler Gemütsbedrängtheit dorthin ungestört zurückziehen könne. Und wie der damalige kleine Jochen als winziger Philosoph ohne Gedanken öfters auf den Blumenwerkplatz geschlichen war, wenn seine Mutter ihn verlassen hatte, so suchte jetzt derselbe Jochen als überreifer Mann das baumgeschützte Plätzlein auf. Freilich, in den vierzig Jahren, die seitdem vergangen waren, hatte sich das Blumengärtlein in einen Bleichplan verwandelt, und der Gerber konnte nun ungehindert seine Umgänge machen, wie es ihm gut dünkte. Das ging oft bis in die beginnende Nacht hinein, weil die Tage immer wärmer wurden, und Christel stellte dann sein Abendbrot auf die Seite und wartete, bis ihr Jochen mit dem »Wolkenschieben«, wie sie sein Gehaben lächelnd nannte, fertig war und von selbst anrückte. An einem klaren Abende am Schluß der Woche, nachdem der Meister seine Gesellen abgelohnt hatte, erwachte in ihm ein besonderes Gelüst nach dem lebensalten Sichverlieren in seine innere Unräumlichkeit, das wieder wie ein Erwarten ihn erfüllte, so, daß er eher als sonst sich nach dem Werkplatz zu in Bewegung setzte. Die alte Gewohnheit lenkte, ihm unbewußt, seine Füße ein Stück auf den Weg zum Glaeserschen Gartentor. Aber bald merkte er seinen Irrtum, machte kehrt und schlüpfte zwischen den eng gestellten Fichten auf seinen Träumeplatz. Dabei streiften ihn die Zweige der Bäume dergestalt, daß es dem Gerber war, als würde er von einem Menschen berührt. Als er auf dem Werkplatz stand, schaute er sich verwundert lächelnd um, ob nicht doch jemand ihm durch die Fichten nachgedrungen sei. Aber nichts nahte sich ihm, nichts, niemand kam. Die Fichten bewegten nur noch sanft ihre Zweige. Er war ganz, ganz allein auf der Welt. Sein Christel schaute nach einer anderen Gegend des Lebens, Damian nach, der auf ein anderes Dasein zu und von ihm weg drängte. Aber dieser tiefe Lebensgram hatte sich in schwerem Ringen zur Melancholie gesänftigt, die er förmlich genoß in dem gesegneten Frühlingsabend, der ihn aus allen Bäumen mit Vogelflattern und Zwitschern überschüttete und vom Riesengebirge mit Abendgewölk, wie eine goldene Mauer, zu ihm hersah. Zuletzt setzte er sich, des Wandelns müde, wie früher als Junge auf die Steifmauer und sah dem Heidewasser zu, das mit behaglichem Klimpern seine kleinen Wellen unter ihm hintrieb. Es kamen auch Vögel, die es an den Bach herantrieb, entweder um den letzten Abendtrunk zu tun oder um von Stein zu Stein, die da und dort aus dem Wasser ragten, ein neckisches Spiel zu treiben, das bei den meisten, wie konnte es auch in diesem abendlichen Frühlingsglühen anders sein, von Verliebtheit nur so strotzte. Wasserstare schmätzerten und huschten. Rotschwänzchen tauchten auf und verschwanden. Finken ließen sich zu einem schnellen Schluck aus den Bäumen und verschwanden wieder hinauf ins Laub, wo der und jener, wie um die erfrischte Kehle zu proben, sein seliges Gesetzlein schmetterte und dann im Grün einem lockenden Weibchen nachjagte. Am buntesten trieb es ein Bachstelzenpaar, das wohl nicht weit weg in der Ufermauer schon ein Heimatloch ausgekundschaftet hatte. Bald stoben sie wie hitzige Feinde gegeneinander, bald saßen sie entfernt wie ganz Fremde, jeder auf seinem Stein, trippelten und wippten mit den Schwänzchen; bald schleuderte die Brunst das Männchen mit schrillem Schrei über das Weibchen hin, das sich gleichgültig duckte; bald tänzelte der Bachstelzerich am Uferstreifen vor seiner Erwählten, lockerte die Flügel, spreizte fächerartig den Schwanz und fegte so leidenschaftlich um das Weibchen, daß der Sand stob. Dabei umschillerte er die Begehrte mit einem so vielfältigen Liebeslied, wie Jochen es noch nie im Leben von einer Bachstelze gehört hatte. Der Singsang des verliebten Vogels war so aufregend zu sehen und zu hören, daß es dem einirdischen Gerber dann und wann in Erwartung den Atem versetzte. Und als die beiden dann nach der glücklichen Verschmelzung einträchtig davonflogen, sah ihnen der verloren einsame Mann mit großen Augen nach, während das Schwelgen und Schluchzen des Liebesgesanges in seinem Ohr noch forttönte. In dieser Verzauberung saß Jochen Maechler bis in die Nacht hinein und wagte nicht, sich zu rühren, um den Schimmer nicht zu versehren, der in ihm blühte. Als er mit einem Ruck zu sich kam, griff er neben sich auf die Mauer, und als er enttäuscht den Platz leer fand, sah er suchend umher. Aber überall war nichts als tote Nacht, in der nur das leise eintönige Rieseln der Baumkronen lebte. Nein, doch nicht! Nahten nicht draußen auf der Feldgasse vorsichtige Schritte? Hielten an, kamen zögernd näher, und dann zwängte sich wer durch die Fichten, daß Maechler die Zweige schnellen hörte. Der Gerber sprang auf, lauschte angestrengt und tat einen Schritt vorwärts. Da fragte eine Mädchenstimme flüsternd, stockend und furchtsam. »Lieber Herr Maechler ... Herr Maechler ... sind Sie da?« »Was denn?« fragte der Meister, wieder in sein aufgerührtes Blut getroffen, streckte die Arme vor sich und ging auf die Stimme zu. Nach ein paar Schritten griffen seine Finger an einen vollen Busen. Er faßte zu, und das Mädchen kicherte leise, aber glücklich auf. »Ach, Sie sind's, Kathinka«, sagte er und gab sie zögernd frei. »Was wollen Sie denn hier?« »Ach, Herr Maechler, Sie tun mir so leid. Ich kann's Ihn' gar nich sagen. Immerfort müssen Sie sich also 'rumtreiben. Niemand kümmert sich um Sie. Und wie Sie heute wieder aufs Tor zukamen, da hat mir's einen Stich gegeben, daß ich's nicht mehr aushielt. Lieber, armer Herr Maechler.« So überstürzte sich das Mädchen hauchleise, heiß, ja manchmal fast schluchzend, und drängte sich an den Gerber, der fassungslos zuhörte. »'s ist gut, liebes Mädel, jaja. Und jetzt geh nach Hause.« Maechler atmete nach einer Weile tief auf, strich dem Mädchen liebreich über die Wange und drängte sie durch die Fichten auf die Straße. »Darf ich wiederkommen, Herr Maechler?« fragte sie leise. Der Gerber brummelte etwas und schob sie auf die Gärtnerei zu. Das Gerberhaus war schlafstill. Ohne Licht zu machen, schlich er durch Flur und Wohnküche in das Schlafzimmer, horchte nach seinem tief atmenden Weibe und kroch dann lautlos in sein Bett. Kaum, daß er sich gestreckt hatte, so fiel ein Blutstrubel über ihn, den er noch gar nicht kannte. Mit solcher Gewalt überschwemmte er ihn, als breche er von außerhalb seiner Wesensgrenzen los, so, als habe er, Maechler selbst, auf seinen geheimen einsamen Fluchtstreifen langsam die Staudämme der Fluten abgegraben, die jetzt über ihn herbrachen. »Unsinn, verfluchter Unsinn«, sann er in verächtlicher Gegenwehr, »das war doch bloß die Glaesermagd!« Aber es half ihm nichts. Es wirbelte ihn unausgesetzt, bis er auf dem Schlafgrund angelangt war. Wirklich niemand anders als Kathinka, die Magd des Gärtners Glaeser, hatte den Gerber auf dem Werkplatz am Heidewasser besucht. Dasselbe, kaum sechzehnjährige Mädel war es, die in der schwersten Zeit des Zerwürfnisses zwischen Maechler und dem Inspektor Neefe einst auf der Feldgasse tolpatschig das Christel von dem Unglückssturz Neefes über die Treppe in den Hausflur unterrichtet hatte. Seitdem Kathinka dem Gerberhause diesen nach ihrer Meinung großen Dienst erwiesen hatte, fühlte sich das kindlichbäuerliche Gemüt mit Maechler und seiner Frau auf sonderliche Weise verbunden, zumal das frische Christel die magdlichen Huldigungen Kathinkas in gutmütiger Heiterkeit nicht nur annahm, sondern dem Mädchen dann und wann gar einen scherzhaften Zuruf gönnte. Der mächtige, ernste Meister aber quittierte ihre Grüße stets mit wohligem Schmunzeln. So fühlte sich Kathinka durch die Auszeichnung des gerberlichen Ehepaars recht heimisch auf der einsamen Feldgasse und hatte in der Glaeserschen Gärtnerei ausgehalten, obwohl ihr ihr Dienstherr, ein galliger Sparstößer, ja Geizkragen, die Arbeit recht sauer machte und die unansehnliche, aber vermögende Frau giftig hinter ihr herkeifte, seitdem sich das Pumpelchen immer voller in eine schmucke, männergriffige Dirne verwandelte. Sie ließ die scheelsüchtige Frau, an der wohl auch der Rattenzahn geheimer Eifersucht nagte, bei ihren schlechtverbrämten Sticheleien und genoß mit echt weiblicher Schadenfreude manch heißen Augenschuß des Gärtners über ihre prallen Reize hin. Zudem hielt sie sich hin und wieder durch das Vergnügen mit einem strammen Burschen schadlos für die vielen Quälereien, denen sie ausgesetzt war. An ihrer Zuneigung zu dem Gerber und seiner Frau hielt sie wie an einem schicksalhaft-gnadenvollen Vermächtnis fest. Gerade in der Zeit, als man im Maechlerhaus unter der Verfinsterung durch die unbegreifliche Krankheit des kleinen Damian litt, bezeigte sie der Gerberfamilie ihre herzliche Anteilnahme an der schweren Heimsuchung, indem sie der Frau tausend gute Ratschläge zutrug, die sie unter den Leuten erkundet hatte, auch brachte sie manches Heilkraut aus dem Garten und war richtig niedergeschlagen, als trotz aller ärztlichen Kunst der arme Knabe, offenbar unaufhaltsam, mit jedem Tage näher an die Grube gerückt wurde. Der Anblick der langsamen Zerstörung des Meisters, an dem sie mit heimlicher Verehrung hing, weil er so stark, unbezwinglich und unnahbar war, erschütterte Kathinka dermaßen, daß sie oft in der Nacht in ihre Kissen weinte. Und als gar nach der Genesung Damians trotzdem die Verschüttung Maechlers nicht aufhörte, sondern eher zunahm: sein Irrgehen in Feldern und Wäldern, durch fremde Dörfer, oft bis in die Nacht, immer ganz allein, in sich gekehrt, daß viele Wilkauer glaubten, es fange schon an, in ihm zu spinnen, und da sich niemand des umgetriebenen Mannes annahm, selbst seine Frau nicht, bemächtigte sich des Mädchens ein solch mitleidiges Erbarmen, daß sie darüber grübelte, wie dem armen Mann zu helfen sei. Aber sie fand lange nichts, und das Mitgefühl erfaßte ihr Herz immer heißer und tiefer, denn sie sah ihn doch oft ans Glaesersche Tor kommen, sehnsüchtig in den Garten schauen und dann abgeschlagen wieder davongehen. »Vielleicht bin ich es, die ihn erlösen kann.« Dieser Gedanke blitzte einst wie eine selige Erleuchtung in Kathinka auf. Das Stürmen des jäh hereinbrechenden Frühlings zündete dieses Feuer ihres mitleidigen Herzens dermaßen auf, daß sie ungesäumt wie mit geschlossenen Augen taumelnd und in einer Angst, die sie doch selig trieb, diesen Entschluß auch ausführte. Als sie von dem nächtlichen Besuch Maechlers auf dem Werkplatze in ihr Bett zurückkehrte, fühlte sie das Streicheln seiner Männerhände in ihrem ganzen Leibe, daß sie das Deckbett umarmte und inbrünstig an die Brust drückte. Schon in der andern Nacht war sei wieder bei ihm auf dem Werkplatz. Die Besuche wiederholten sich und lösten in Jochen Maechler, der in rastlosem, monatelangem Ringen eine Lebenshoffnung, ja die ganze Welt von sich weggedrängt hatte, dieselbe Brunst aus, die einstmals seinen Vater aus ähnlicher Lebensnot in die Arme der Paula Großmann aus der Bradlerbaude gestürzt hatte. Denn das Schicksal der Väter wiederholt sich im Leben der Söhne, abgewandelt durch deren andersgeartetes Wesen. * Während sich der Gerber wehr- und hilflos und doch wie einer befreienden Erlösung diesem wilden Strudel seines Blutes überließ, merkte sein Christel wohl, daß die Ratlosigkeit und das Irregehen in Lebensverfinsterungen ihren Jochen wieder stärker erfaßt hatte, sah aber den Wirbeln, die ihn umtrieben, zunächst noch gelassen zu, weil sie glaubte, sie rührten nur von einer neuen Welle des Verdrusses darüber her, daß in den nächsten Tagen Damians Wiederanmeldung in die Schule erfolgen sollte. Im Herzen freilich litt auch sie zur gleichen Zeit unter einer Dunkelheit, in die sich merkwürdigerweise ebensosehr wegen Damian wie wegen Jochen verstrickt fühlte, über die sie sich zwar zu lächeln bemühte, die sie aber doch nicht zu überwinden imstande war. Als sie am Tage der Wiederanmeldung des Jungen in der Schule allein auf dem Heimwege war, überfiel sie diese doppelte Beladenheit dermaßen, daß sie sich ihrer nicht mehr erwehren konnte und in ein bohrendes Grübeln versank. Durch die vielen Gebresten der langen Krankheit war ihr Damian gleichsam wieder zum Brustkind geworden, so daß sie alle Stunden und Augenblicke des Tages, ja der Nacht, die ganze Welt, sogar sich selbst nur durch ihn erlebte. Nun hatte die Schule den Jungen weggeschluckt, und sie bangte vor den vielen langen Stunden der Einsamkeit ohne ihn. Und ihr Jochen? Was hatte sie denn noch von ihm? Bis tief in die Nacht hockte er auf dem Werkplatz. Bei diesem Gedanken packte sie eine ihr unerklärliche Besorgnis, die sie richtig würgte. Sie kam über beides nicht hinweg, geriet sogar mit jedem ihrer absichtlich verlangsamten, bedachtsamen Schritte immer tiefer in ihre inneren Verwickelungen, und es half ihr auch nichts, sich an die herzliche Freude Damians zu erinnern, von der der Junge ergriffen worden war, als sie auf dem Hinweg zur Schule Reinhard Neefe, seinen Freund, trafen, den er in den ersten Verfinsterungen der Krankheit einst so schroff von sich gewiesen hatte. Rein glücklich war Damian gewesen, so, als müsse die Verletzung wiedergutgemacht werden, die er ihm damals angetan hatte. Und diese Freude erwies sich bald als keine Überrumpelung seines Herzens aus schwächlicher Weichheit oder Klugheit, sondern als echt. Denn da der Hauptlehrer der glücklichen Mutter die Versetzung Damians in die nächsthöhere Klasse verkündete, nahm der Junge das nicht mit stolzer Freude entgegen, sondern war erschrocken, ja traurig und brach zuletzt in Tränen aus, weil er durchaus in die Klasse wollte, in der sein Freund Reinhard Neefe sitze. Kopfschüttelnd willigte der Hauptlehrer in das leidenschaftliche Begehren des Gerberjungen ein, und die Mutter, da sie jetzt auf dem Heimwege dieser Szene gedachte, wurde aufs neue von einer solchen Rührung über die schöne Tat Damians ergriffen, daß sie fühlte, wie ihr die Tränen in die Augen traten. Um sich zu bezwingen, hob sie entschlossen den Kopf und blickte in die Welt. Da sah sie nicht allzu weit vor sich Frau Neefe, den Einkaufskorb am Arm, dieselbe Straße gehen. Im Augenblick fiel es Christel heiß auf die Seele, wie sie es hatte geschehen lassen können, daß das Steiglein zu der sanften Agnete durch die Krankheit Damians fast zwei Jahre lang in Vergessenheit geraten war. Offenbar hatte sich Agnete selbst getroffen gefühlt, daß die Besuche ihres Jungen Reinhard am Anfang der Erkrankung Damians von diesem so leidenschaftlich abgelehnt worden waren. So hatte sich die zarte, scheue Seele selbst von dem Gerberhause, vor allem von Christel zurückgehalten. Daß die feindselige Scheelsucht ihres Mannes gegen den Gerber dazu beigetragen hatte, seitdem Agnete den Weg in die Feldgasse zu verlegen, versteht sich von selbst. Allein beide Frauen litten geheim unter der Trennung, die sanfte Agnete in verborgener Trauer, Christel in impulsiver Aufwallung, sooft sich die Not und Sorge um das Leben ihres kranken Jungen nur etwas lichtete. Ohne zu bedenken, wo sie sich befand, rief Christel daher jetzt laut und glücklich: »Agnete!« und begann ihr nachzulaufen. Die Angerufene wendete ihr Gesicht, zuckte zusammen, änderte die Richtung ihres Ganges und eilte scheu auf die Gansertbrücke zu. Aber das leidenschaftliche Christel ließ sich davon nicht beirren, sondern lief nur noch schneller und erreichte die Flüchtende kurz vor dem Langen Hause, faßte sie am Arm und brach mit abgetriebenem Atem in fröhliches Lachen aus: »Nu, guten Morgen, liebe Agnete! Da muß man sich ja die Kränke anpreschen, um dich zu erwischen«, sprach sie in ausbrechender Herzlichkeit. Die Angeredete war von dem Überfall dermaßen glücklich überrascht, daß sie verschämt den Kopf senkte und hilflos lächelte. Dann hob sie das Gesicht, faßte die Hand ihrer stürmischen Freundin, die sich ihr so beharrlich wiederschenkte, und sagte in tiefer Ergriffenheit, ganz schlicht und leise: »Mein liebes Christel.« Frau Maechlers Gesicht strahlte richtig, und die Augen liefen ihr über, als sie ebenso erschüttert erwiderte: »Ich danke dir, du Liebe, Gute.« Dann gingen die beiden Wiedergewonnenen und setzten sich, um zu verschnaufen, auf die Bank an dem alten schönen Brunnenhaus. Ihre Herzen öffneten sich nach der langen erzwungenen Trennung, und Christel erzählte in fortwährender Beglückung am Ende von dem so herrlichen Wiederfinden ihrer beiden Jungen. Darauf saßen die beiden Mütter eine lange Weile schweigend in der Sonne dieser schönen Knabenliebe, durch deren Neubeginn auch sie wieder zusammengeführt worden waren. Da schlug die Uhr der benachbarten katholischen Kirche die zehnte Stunde, und beide erhoben sich, erschrocken über die versäumten Hausfrauenpflichten. »Auf baldiges Wiedersehen in der Feldgasse, liebe Agnete«, sagte zum Abschied Frau Maechler herzlich, »und hoffentlich dauert's zwischen uns und den beiden Jungen das ganze Leben.« »Hoffentlich. Jaja.« Agnete sagte es leise und zaghaft. * Zu Hause angekommen, faßte Christel, gestärkt durch die wiedergewonnene Freundschaft mit Agnete, den Entschluß, koste es, was es wolle, hinter die Ursache zu kommen, warum ihr Mann bis in die tiefe Nacht auf dem Werkplatz bleibe. So schlich sie sich noch am späten Abend desselben Tages, als es schon langsam auf Mitternacht ging und Jochen auch heute wieder nicht nach Hause gefunden hatte, auf den Werkplatz und lugte lauschend durch die Fichten. Dort waren Jochen und Kathinka eben so tief ineinander geraten, daß sie schon keuchend am Rand der letzten Feuergrube rangen. Da riß das empörte Christel die Fichten zur Seite, stürzte sich auf die brennende Magd, packte sie bei den Haaren, ohrfeigte »das verfluchte, unverschämte Mensch« und trieb sie mit Schlägen und Stößen durch die Bäume auf die totenstille Feldgasse, über der eben die Glockenschläge der zwölften Stunde friedevoll hinschwangen. Davon kam Christel gleichsam wieder zur Besinnung. Die sanften, wohllautenden Töne überströmten ihr Herz, das noch von dem schönen Wesensklang Agnetes lebendig durchschimmert war, und sie wurde sich erschüttert ihrer unverrückbar tiefen Liebe zu dem armen Jochen bewußt, den sie in ihrer Verzückung der Mutterliebe viel zu lange schon sträflich mit seinen Gramwirbeln allein gelassen hatte. Ja, sie war wohl mit dafür verantwortlich, daß ihr Mann neben das eheliche Gleis geraten war. Mit tränenüberströmten Augen sah sie sich um, konnte aber Jochen nirgends entdecken. Nur gegen das Ende der Feldgasse hin, auf die Heidewasserbrücke zu hörte sie stoßend und schwer Schritte sich entfernen. Wie ein Pfeil flog sie ihnen nach und erreichte ihren Jochen, eben als er in die Trennsdorfer Straße einbiegen wollte. Sie umschnürte ihn stürmisch mit den Armen, daß er nicht weiterkonnte, sondern stillstand und vor sich niederstarrte. »Liebster Mann«, flüsterte sie innig, »was machst du denn? Sag mir's um Gottes willen.« Der Gerber rang gegen ihre Umarmung und brachte endlich dumpf und abgeschlagen hervor: »Fort ... jetzt ist alles ... zerschlagen ... alles ... alles.« »Dummer Mann, dummer«, hauchte das Christel feurig, packte resolut den schwach sich Wehrenden und drehte ihn nach dem Gerberhause um. Jochen Maechler wankte wie ein transportierter Verbrecher, und hätte ihn Christel nicht sorgsam und fest untergefaßt, so wäre er einige Male hingeschlagen. Als sie im Hausflur angekommen waren, riß sich der Gerber energisch los und wollte über die Stiege hinauf. Die Frau erwischte ihn noch an der Jacke. »Wohin willst du denn?« fragte sie flüsternd. »Na, das geht doch nicht mehr, daß ich bei dir schlafe, nachdem das passiert ist«, antwortete Jochen. Christel lachte und bedeckte sein Gesicht mit Küssen. »Unsinn, lieber, grunddummer Kerl! Wenn du mal was falsch gemacht hast, da ist's doch vorbei. Da brauchst du doch nicht gleich in eine zweite Verrücktheit zu hopsen. Im übrigen habe ich Damian heute morgen in seine alte Stube geräumt, da er wieder in die Schule geht.« Jochen fiel auf einen Stoß aus seinen unräumlichen Wolken, durch die es ihn wochen- und monatelang getrieben hatte, und brachte lange kein Wort heraus. Dann schnob er wie ein Roß, das los jagt: »Liebes, hundertliebes Christel, du«, und umarmte sie mit seinen Riesenkräften, als wolle er sie zerdrücken. Das Christel gab sich widerstandslos-glücklich dieser Raserei hin, da sie ahnte, daß sie der Schwur seiner ungebrochenen Treue war. So hatte ihre helläugige Liebe zu Jochen Christel davor bewahrt, in den gewohnten Eifersuchtstrubel enttäuschter Weiber zu geraten, und ihr die Kraft des Mitleids verliehen, die dem Danebengeratenen liebevoll in sein altes Wesen zurückhalf, nach dem er sich auf seinen Fluchtstreifen so gesehnt hatte. Auf diese Weise glättete sich der Wirbel überraschend schnell und fast folgenlos, der das Maechlerhaus erschüttert hatte. Kathinka aber brach am frühen Morgen des anderen Tages einen Streit mit ihrem immer nörgelnden Dienstherrn vom Zaune, warf die Arbeit hin, packte ihre Habseligkeiten zusammen und verließ am halben Vormittag ihre Stelle. Ohne die Feldgasse noch einmal zu betreten, eilte sie nach hinten zwischen den Gärten auf den Bahnhof und verschwand spurlos aus Wilkau. * Der Gärtner Glaeser und die anderen Bewohner des kleinen Badestädtchens erfuhren von dem Grunde der überstürzten Flucht Kathinkas nichts. Deswegen konnte von draußen her kein böswilliger oder scheinheiliger Neugieriger an der Tür des Maechlerhauses rühren und die Erinnerung an die wilde Nacht wachrufen, von der es erschüttert worden war. Der Gerber und seine tapfere Frau aber behandelten sie so, als sei sie gar nicht geschehen. Die Feldgasse schimmerte wie an allen vorhergehenden Tagen im hellen Frühlingslicht. Kein Makel und kein Schatten nistete in ihr. Der nachtwandlerische Drang und Daseinsgram des Meisters hatte sich in dem sinnlichen Nachtwirbel selbst überschlagen und lag hinter ihm wie ein traumhaftes Alpjagen. Ja, die Fluchtreisen durch die wirre Eintönigkeit seiner Lebenssorge waren wohl überwunden, und wenn er sich auch gelegentlich halb nach ihnen umdrehte, so tat er es mit einer Scheu wie vor etwas Unbegreiflichem und wandte sich gleich darauf wieder um so aufatmender seinem neubegründeten tätigen Dasein zu. Diese Last war von ihm abgefallen – und doch gewissermaßen noch immer in ihm. Denn wenn er auch fast wie in früheren Zeiten der bedachtsam umsichtige Hausvater und werkbeflissene Meister war, überall tätig mit anpackte, mit gütigem Ernst die Arbeit seiner Gesellen regelte und langsam aus seinem vollkommenen Schweigen wieder zu der alten kargen Geselligkeit mit ihnen kam, so betrat er doch den Werkplatz nicht wieder, sondern dirigierte das Schweifen der Felle von der Feldgasse her. Auch die Unsicherheit und Scheu gegen seine Frau und gegen Damian vermochte er nicht ganz zu überwinden, so daß das Christel mit dem Versuch anfing, das Dunkel zu durchdringen, von dem sein Wesen in der Tiefe noch erfüllt schien. Aber sie kam damit auch durch vermehrte Zärtlichkeit nicht weit. Denn mehr noch als alle Menschen war Jochen Maechler seit seiner Kindheit ein Wasser, das unterirdisch fortgedrängt wurde, verborgen, voller heimlicher Strudel, aber rein in jedem Tropfen. Darum hörte sie nach und nach ganz auf, mit dem Gedankenkäscher in den verborgenen Fluten seines Wesens zu fischen, und lockerte das Seil der Bindung zwischen ihm und sich wieder ins alltäglich Bequeme wie in früheren Zeiten. Von Tag zu Tag unbeschwerter ging Christel dafür dem Schimmer nach, den ihre Hoffnung voll Liebe um ihren einzigen Damian wob, während der Vater unauffällig beiseite trat und das in männlicher Gefaßtheit als unumstößliche Sicherheit in sich ertrug, was ihn in den schweren Monaten fast über die Grenzen des Verstandes getrieben hatte, die Überzeugung nämlich, daß die beiden auf einen Weg geraten waren, der unweigerlich, so oder so, in Unglück und Verderben führen müsse. Freilich, das Menschenleben macht Finten und Kapriolen genug, und es war ja doch möglich, die beiden gelangten am Ende mitten in ein Glück hinein. Jedenfalls aber waren sein Christel und ihr merkwürdiger Junge in ein gefährliches, unüberschaubares Schicksal gekettet, und für ihn, den Jochen Maechler, blieb nur das eine übrig, mit seiner ganzen Kraft soviel wie irgend möglich aus der Gerberei herauszuwirtschaften, damit beim Hereinbruch des Unglücks nicht alle zum Bummlerstecken und Bettelsack greifen mußten. Darum verdoppelte der Meister seine Umsicht, erweiterte den Häute- und Fellhandel zu einem wohlfundierten Nebengeschäft und trieb so viel Geld in seinen Schreibschrank, daß er auf der geheimen Kammer in schneller Folge einen um den anderen prall gefüllten Strumpf an die Stangen hängen konnte. Spare in der Zeit, so hast du in der Not. Diese alte Väterweisheit erfüllte den Meister Maechler, denn er traute dem Glück in seiner Familie so wenig wie der Großmannssucht, von der Deutschland in fast verbissenem Wagemut erfaßt wurde, als die Marokkokrise sich immer deutlicher als eine Niederlage des Reiches, ein Sinken seiner Weltgeltung und eine immer festere Verbindung seiner mißgünstigen Nachbarn auswirkte. Zwar waberte das große politische Weltgeschehen in sehr unsicheren Umrissen an den Gerber Maechler heran. Es trat ihm nur in der kleinstädtischen Erscheinung Wilkaus greifbar vor Augen. Im Flottenverein sprach ein berühmter Redner aus Berlin vor mehr als zweihundert Menschen über den »Weltlebensraum des Deutschen Reiches« und wiederholte, etwas abgewandelt, dasselbe Thema im Kolonialverein an der Hand einer Lichtbilderreihe. Ein großes Konzert im »Hotel de Prusse« vereinte die beiden patriotischen Verbände zu einer pompösen Demonstration, an der auch die höheren Offiziere der Rehberger Garnison teilnahmen. Der Inspektor Neefe schwirrte atemlos planend, dienernd und anfeuernd Tag und Nacht durch Wilkau. Jochen Maechler ging nicht höhnisch, aber in Gelassenheit durch den Trubel und vermied es peinlich, mit diesem schiefen Spreizer und Späßer zusammenzugeraten. Das Christel legte ihrem Manne wohl aus geschäftlichen Rücksichten die Teilnahme an diesen Darbietungen nahe, erreichte jedoch nicht mehr, als daß Maechler bei dem Buchhändler Siebel im Vorverkauf Einlaßkarten erstand und dann vergaß, hinzugehen. Allein sie war damit schon zufrieden, da sie bemerkte, wie ihr Jochen wieder lebendiger und bewegter auf seinen alten weitabgewendeten Sonderlingswegen wanderte, indes er über die Achsel achtsam allem zusah, was um ihn vorging. Siebzehntes Kapitel So hing der Wagen des Gerberhauses wieder fest an seinem Zugblatt, und Agnete schlüpfte nun oft und oft wie früher über die Haustürschwelle des Gerberhauses. Sie tat das mit der ihrem Wesen gemäßen Unauffälligkeit, ja Scheu, als sei der Besuch bei Christel eine anmaßliche Aufdringlichkeit, die am besten der Öffentlichkeit nicht zu dicht unter die Stinknase gehalten wurde. Deswegen auch nahm sie den Weg in das Maechlerhaus nie über den Schloßplatz, sondern kam zwischen den Gärten auf Schrimsteigen von hinten her heran, und zwar meistens gegen den Abend, und vergaß fast nie ein Blumensträußlein aus der Glaeserschen Gärtnerei mitzubringen. Gewöhnlich blieb sie ein Stückchen vor dem Gartenpförtchen unter dem überhängenden Baum stehen, und hörte sie den schweren Schritt des Meisters zwischen den Tonnen oder im Hause, so wartete sie eine Weile, um ihm nicht zu begegnen, weil sie der unheilbaren Feindschaft zwischen ihm und ihrem Manne nicht neue Nahrung geben wollte. Aber einmal, da sie, den Blick nur auf die Haustür geheftet, eilig durch das Vorgärtchen huschte, war der Gerber leise aus der Werkstatt getreten, und sie stand unvermutet dem schweren Mann gegenüber, der sie in herzlicher Freude begrüßte. Agnete fühlte sich wie ertappt und war von der offenen Liebenswürdigkeit des Meisters so beschämt, daß sie allerhand durcheinander stotterte und sich endlich aus der Verwirrung half, indem sie eine Blume aus dem Sträußlein nestelte. »Bitte, nehmen Sie«, sprach sie zaghaft. »Das soll mein herzlicher Gruß an Sie sein.« Über Maechlers Gesicht huschte plötzlich eine Dunkelheit, die wie unterdrücktes Erschrecken aussah, und während er Belangloses von Überraschung und unverdienter Liebenswürdigkeit redete, nahm er zögernd die dargebotene Blume, daß die zarte Frau ihn ratlos ansah, weil sie fürchtete, in dem Gerber den Widerwillen gegen ihren Mann wachgerufen zu haben. Aber Maechler achtete auf die Betretenheit nicht, denn er war von etwas Tieferem bedrängt. »Woher ist die Blume, Frau Agnete?« fragte er aus gespannter Brust mit erzwungen freundlicher Stimme. Da atmete Agnete glücklich auf. »Nein, nein«, sagte sie erleichtert, »nicht von uns. Wir haben ja leider keinen Garten. Da hol' ich halt die paar Blümel bei Glaesern, wenn ich hierherkomme.« »Aus der Glaeser-Gärtnerei, da auf der Feldgasse?« wiederholte der Gerber die Auskunft der Frau Neefe mit weicher, verwunderter Stimme und sah Agnete und dann die Blume groß und verwundert an. »Nun, so was!« sagte er dann, wie aus einem Krampf erwachend, richtig erschüttert. »Da ist ja alles gutgemacht, alles wieder schön. Gottes Dank, liebe, liebe Frau Agnete.« Damit drückte er der Betroffenen die Hand, trat jäh von ihr zurück und verschwand fast fluchtartig wieder in der Werkstatt, deren Tür er fest hinter sich zuzog, damit nichts von außen her ihn in der glücklichen Erlöstheit störe, die mit dem Blumengeschenk der klingend unschuldigen Agnete über ihn gekommen war. Denn für den innerlich tief verschlungenen Meister war nun der letzte Schatten verschwunden, der heimlich immer aus der Glaeserschen Gärtnerei ihm ins Innere gedämmert hatte, und mit jedem Besuche wurde der Schimmer stärker, der seit je von Agnete in sein Haus getragen worden war, so daß der verhaltene Wohllaut wieder fast vollkommen hergestellt wurde, von dem früher alle Tage durch das Maechlerhaus getragen worden waren. Diese geklärte Atmosphäre verhalf auch Damian wieder ganz in sein früheres Leben und Wesen. Wie vorher polterte sein Freund Reinhard Neefe nun fast alle Tage fröhlich über die Holztreppe in die Mansardenklause zu Damian hinauf, und die beiden Jungen kramten oder lernten darin oder schäumten auch in eine unbändige Lustigkeit miteinander, die oft durch das ganze Gerberhaus tönte. Und immer wie früher schon war es der listenreiche Reinhard, dessen verstecktes Feuer aus tausend Nähten züngelte, der Damian aus seiner heimlich gesammelten Vertiefung in allerhand bunte Streiche, ja zu schwärzestem Vagabundieren durch ganz Wilkau riß. Freilich ertrug der Gerberjunge diese bedenkenlose Ungebundenheit stets nur wenige Tage, dann wurde er wieder von seinem Wesenszwange zu geruhiger, stiller Sammlung gefangengenommen und war trotz aller Hänseleien Reinhards nicht davon abzubringen, der, vielfältiger als Damian veranlagt, alle Arbeiten mit leichtem, schnellem Zuschnappen packte und spielend beendete, während dieser in langsamer Besonnenheit alles Erlernte zu unverlierbarer Innigkeit vertiefte und so seinen quirlend jähen Freund mit gehaltener Sanftmut und sinniger Heiterkeit oft in die Gewalt bekam. Diese, den Gerberjungen von innen her regierende Art war auch der Grund, daß der Lehrer Miecke ihn noch im Auge behielt, nachdem durch den Schuleintritt Damians der Nachhilfeunterricht in Wegfall gekommen war. Trotzdem, ja gerade deswegen fand sich der Lehrer wie ganz zufällig im Maechlerhaus ein, saß mit der Frau Christel plaudernd auf der Bank und stieg auch dann und wann in Damians Mansardenklause hinauf, um, wie er lächelnd sagte, sich davon zu überzeugen, in welcher Weise der kleine Gelehrte sein Studio eingerichtet habe. Damian war von jedem Besuche Mieckes hoch erfreut, den er als Lehrer verehrte, ja, wie einen älteren Freund liebte, und dem er bald ohne Scheu seine Schulsorgen und alle Zweifel anvertraute, die durch den Unterricht in ihm geweckt worden waren. Dann artete der Besuch Mieckes oft in eine richtige Lehrstunde aus, die, mochte sie noch solange gedauert haben, Damian selten ganz zufrieden zurückließ. In dem Jungen rumorte ein Wissensdurst und eine geistige Sucht, die ihn oft richtig traurig machte, weil sie durch den Schulunterricht nicht befriedigt werden konnte. Traf der Lehrer beim Weggange auf einen Augenblick mit Christel zusammen, dann schüttelte er verwundert und bekümmert zugleich über Damian als einen der merkwürdigsten Jungen, die ihm je vorgekommen waren, den Kopf. Und einmal sagte er der Gerbersfrau geradeheraus seine Meinung, daß es so mit dem Jungen nicht weiterginge. Auf der Schule werde er nicht viertelssatt, und überließe man ihn so ungeführt seinem ruhelosen Ungenügen, bestünde die Gefahr, daß er sich in sich selbst verfinge und zu einem nutzlosen Grübler, komischen Kauz oder unnützen Phantasten würde. Denn man habe ja Beispiele genug, sogar in allernächster Nähe hier in Wilkau, daß gerade tiefe, ungewöhnliche Menschen deswegen in ein verrammeltes Leben geraten, weil man sie nicht zur rechten Zeit in eine gehörige geistige Zucht und Pflege genommen habe. Nur mit weichen Federn lerne der Vogel das Fliegen. Seien die Kiele hart geworden, so sei es für immer verpfuscht. Auf diese Art redete Lehrer Miecke mit Frau Christel an der Gartenpforte, und die Maechlerin spürte gar wohl, welchen Mann der achtsame Schulmann meinte, der aus Mangel an der rechten Bildungsleitung zu einem seltsamen Dämmerungsfahrer geworden war. »Jaja, Jochen, vielleicht hat der Lehrer nicht so unrecht«, murmelte Frau Christel gedankenvoll, während sie Miecke zögernd davongehen sah. Aber im nächsten Nu hatte sie sich auch schon resolut gefaßt, rief entschlossen den Lehrer zurück, sah sichernd in das Gärtlein und auf das Haus und sagte dann unter lächelndem Zwinkern: »Sie wissen ja, an welchem Seile die Geschichte hängt. Von mir aus geb' ich, Ihnen vollkommen recht und bitte Sie, alles mit Damian zu tun, was notwendig ist. Damit Gott befohlen und herzlichen Dank, lieber Herr Miecke.« Nun nahm der Lebensweg des Gerberjungen eine entschiedene Wendung. Der Lehrer kam noch einigemal zu ihm auf Besuch in die Mansardenstube und blieb dann ganz aus. Äußerlich war Reinhard Neefe daran schuld. Schon einigemal war er während des Zusammenseins des Lehrers mit Damian in die Mansardenstube geprellt und hatte sich nach einer Zurechtweisung Mieckes ärgerlich und geduckt davongemacht. An einem Tage aber polterte er herein, hörte sich den Tadel des Lehrers mit höhnischem Gesicht an, fand es nicht nötig, sich zu entschuldigen, senkte nur den Kopf und murmelte trocken: »Soso.« Dann machte er kehrt und schlug die Tür hinter sich zu. Zornig sprang der Lehrer auf und rief ihn zurück. Aber Neefe, in dem der Rüpel aufgesprungen war, achtete auf den Zuruf Mieckes nicht, lachte grölend auf und stob über die Treppe hinunter aus dem Hause. Dieser Zusammenprall war der äußere Anlaß, weswegen Damian nun alle Tage mit seinen Schularbeiten in die Junggesellenwohnung Mieckes wanderte und das mit Hilfe seiner Mutter so geschickt bewerkstelligte, daß der Vater kein Unheil wittern konnte, wenigstens einige Wochen nicht. Als ihm aber doch trotz des Trubels seines ausgebreiteten Häutehandels das tägliche Lernwandern Damians auffiel, beruhigte ihn das Christel leicht mit dem Hinweis, daß das rüpelige hinterhältig-wilde Wesen Reinhards eine zeitweilige Absonderung Damians notwendig mache und schon manche Ungleichheiten in der Art ihres Jungen ausgeglichen und geglättet werden müßten. Der Meister Jochen hörte sich die Erklärung seines Weibes gedankenvoll an, nickte zustimmend und sagte: »Jaja, ganz recht. Das vermaledeite Neefeblut treibt's halt in dem Jungen weiter, und Damian ist doch zu schade dazu.« Seit dem Tage hatte es der Maechlerjunge nicht mehr nötig, seine Hefte und Bücher unter die Jacke zu stecken, wenn er zu dem Lehrer Miecke schlich. Jetzt konnte er sich offen und frei aus dem Hause in die Stunde trällern und sogar vor dem Vater, dann und wann, von dem Schönen schwärmen, zu dem er von dem Lehrer hingeführt worden war. Seine Mutter sah es mit heimlicher Beglückung, wie in ihrem Jungen eigentlich erst jetzt die Krankheit überwunden wurde und sich ein helleres Lebenslicht in ihm entzündete, vor allem in dem vertieften Schimmer seiner großen blauen Augen. Nach kurzem hatte es der Lehrer heraus, daß der merkwürdige Junge von einer leidenschaftlichen Sucht, nein, Liebe zur lateinischen Sprache besessen war, die er sich nicht erklären konnte, weder aus seiner Umgebung noch von seinen Vorfahren her. Durch jedes neue lateinische Wort wurde Damian in eine solche Beglückung versetzt, daß er dessen Rhythmus und Lautgebung wie eine kostbare Frucht genießerisch mit dem Munde schmeckte und seinen Klang mit den Ohren trank. Nach einigen spielerischen Vorübungen schritt Miecke zur wirklichen Arbeit an der neuen Sprache und geriet in immer wachsendes Staunen über die leichte Auffassungsgabe und das treue Gedächtnis Damians. So kam der Lehrer zu der Überzeugung, daß es ein Verbrechen an dem Jungen wäre, ihn mit seinen glänzenden Anlagen nur dem Volksschulunterricht und damit der halben Erstickung auszuliefern, und er begann, Damian systematisch auf das Gymnasium vorzubereiten. Vorerst sagte er nichts von diesem Vorhaben, weder dem Schüler, noch den Eltern, noch den andern Lehrern, noch irgendeinem Wilkauer. Aber so geht es nun immer im Leben der Menschen. Das ganz Geheime und Verborgene bohrt sich schneller und tiefer durch die Leute als eine laute Ankündigung. Genug, nach einiger Zeit tuschelte es sich in Wilkau herum, mit dem Maechlerjungen solle es höher hinausgehen. Vielleicht rührte das gerade von Reinhard Neefe her, den die Bevorzugung Damians durch den Lehrer Miecke erst erbittert hatte und der dann seiner leidenschaftlichen Natur nach in einen unüberwindlichen fressenden Neid getrieben wurde, als ihm die Erkenntnis aufging, Damian werde mit Absicht von ihm ferngehalten. So gerieten die beiden Jungen zueinander in ein gespanntes Verhältnis, und Reinhard Neefe ließ keine Gelegenheit vorübergehen, seinen Freund zu hänseln, ja lächerlich zu machen und sogar wegen Überhebung und Prahlerei zu verhöhnen, wenn der arglose Damian in seiner Freude dies und das aus seiner Stunde bei dem Lehrer Miecke ausplauderte. Dazu kam, daß das ruhige, stille, in sich gekehrte Wesen Damians ihn von allen anderen Knaben fernhielt und in den Ruf der Liebedienerei und Streberei brachte. Als gar Damian von Reinhard durch den Lehrer getrennt und an den ersten Platz der Klasse gesetzt wurde, vertiefte sich die Gegensätzlichkeit der beiden zum richtigen Rangstreit, woran indes der Gerberjunge durchaus nicht schuld war. Er nahm die Auszeichnung in Dankbarkeit, ja Betretenheit hin und ging einfach seine abseitigen Wege weiter, während Reinhard hinter ihm herschmälte, was sich denn so ein Schaber und Häutewender eigentlich einbilde. Zur ausgesprochenen Feindseligkeit aber ließ es der Sohn des pensionierten Grubeninspektors nicht kommen, sondern zeigte, wo es nur ging, das Gesicht der Freundschaft und ungebrochenen Zusammengehörigkeit. Freilich hinter dem Rücken lästerte er weiter hämisch an ihm herum, und gar zu Hause, vor Vater und Mutter, kochte seine Erbitterung oft wild und ungezügelt über. Die sanfte Agnete bemühte sich redlich, den Zorn des Erbosten zu begütigen. Sein Vater aber, der alte Neefe, hockte während der Ausbrüche seines Jungen auf einem abseitigen Stuhle, den rechten Arm über die Lehne gehängt, um seine eingeschlagene Körperseite zu stützen, und von Mal zu Mal wurden seine Augen größer, leuchtender und drohender beim Anhören der Empörung Reinhards über seine Zurücksetzung und Erniedrigung, die er in der Schule erfahren mußte. Hatten zuletzt die sanften Vorwürfe und Ermahnungen der guten Agnete das ihrige getan, daß der erbitterte Junge beschämt und ernüchtert dasaß, sann der Alte vor sich hin, nickte verstehend mit dem Kopfe, erhob sich dann und strich beim Hinausgehen liebkosend über den gesenkten Scheitel Reinhards. Wenn der alte Neefe auch aus Klugheit es so einzurichten wußte, daß er dieses heimliche Lob hinter dem Rücken Agnetes spendete, der Junge sog es als Ermunterung in sich, und die häuslichen Ausbrüche seiner Unzufriedenheit mit der Schule nahmen an Leidenschaftlichkeit und Zahl zu, daß die Mutter ratlos und richtig bekümmert wurde. Eines Tages nun, das Jahr war schon tief in den Oktober gerückt, hatte sich das Schulgerede um den Maechlerjungen so geklärt, daß an seinem Marsch auf das Gymnasium zu nicht mehr zu zweifeln war, und Reinhard Neefe kochte, noch ehe er den Schulranzen vom Rücken streifte, seinen Eltern diese Neuigkeit vor. Der alte Neefe stand diesmal am Fenster und gab sich den Anschein, als höre er nicht auf den Wortschwall seines Jungen, sondern achte nur auf das Leben drunten auf der Straße. Sowie aber Reinhard in bitterlichem Hohn von der ausgemachten Tatsache sprach, daß der Gerberjunge in die Rehberger Hohe Schule dränge, riß der Alte erregt das Fenster auf, brüllte einen unflätigen Wutruf auf die Gasse hinunter, als sei da irgend etwas Ungehöriges geschehen, wendete sich umständlich nach dem Zimmer um, musterte sein erschrecktes Weib und den betroffenen Jungen blassen Gesichts und sagte dann nach einem Kopfwenden auf die Gasse zu: »Jaja, natürlich! Das hätt' ich mir denken können von dem Aas! Erst hat er mir den Leib von der einen Seite eingeschlagen, nun holt er aus, mich auf der anderen Seite kaputt zu machen. – Täusch dich nicht, Hundchen! Meine Halde ist noch nicht abgeräumt.« Das sprach er leise, als sei er am Ersticken, ging vorsichtig über die Stube, schloß geräuschlos die Tür hinter sich, stieg ebenso die Treppe hinunter und verließ das Haus. Denn er sah in der Angelegenheit der heimlich betriebenen Vorbereitung Damians auf das Gymnasium nichts als die ausgeklügelte Böswilligkeit des Gerbermeisters, ihn und seine Familie vor ganze Wilkau im Wert herunterzusetzen. Das durfte und durfte nicht geschehen. Unter Aufbietung aller Verbindungen gelang es ihm vorerst, von dem Grafen Schilling die Zusage einer beträchtlichen Unterstützung zum Studium seines Sohnes zu erlangen. Dann rückte er den Kirchenrendanten Greff für sein anderes Ziel zurecht, einen Lateinlehrer Reinhards zu gewinnen. Der hasenborstige Greff war in kurzem und leicht ergattert und versprach Neefe, den neuen Pfarrer, Herrn Pensel, für seinen Reinhard, das helle, wendige Kerlchen, zu interessieren. Und wenn zur rechten Zeit Neefes Frau, Agnete, die ja doch als Schwester des verstorbenen hochwürdigen Herrn Kelvel sozusagen mit dem Pfarrhof verwandt sei, in echt christlicher Demut Herrn Pensel anliege, so werde es sicher zu erreichen sein, daß entweder der Pfarrer selbst oder der Kaplan die Vorbereitung Reinhards für das Gymnasium übernehme. Neefe eilte sofort nach Hause, riß triumphierend die Stubentür auf, warf seinen Hut im Schwung irgendwohin und rief mit lachendem Ausatmen: »So, gemacht!« Dann rüttelte er den verblüfften Reinhard zu frischem Aufwachen. »Kopf hoch, Junge, nun geht's los! Was ein Gerber macht, kann ein Inspektor schon lange.« Seiner Agnete erstattete er nach dem Zubettgehen ausführlichen Bericht über alles und gab ihr bis ins kleinste Anweisungen über das, was sie nun zu tun habe, um das Heraufkommen Reinhards zu erreichen. Die liebe Seele wagte nicht im mindesten zu widersprechen, sondern sagte zu allem ja und amen. Für sich aber geriet sie wegen der neu aufflammenden Feindschaft der Familien in solche Dunkelheiten des Gemütes, daß sie sich geräuschlos gegen die Wand kehrte und leise in sich hineinweinte. * Bei Damian Maechler, dem Gerberjungen, war es mit der Wanderung auf das Gymnasium etwas anderes als bei Reinhard Neefe, der in der Person des Kaplans Heusler zu seinem Vorbereitungslehrer kam. Keine Scheelsucht, kein Gift, nichts dunkel Vergrabenes, nichts von hämischer Ehrsucht; nur eine lichtvolle Beseligung des Knaben über die immer neuen Wunder, in die er durch seinen Lehrer Miecke geführt wurde, der kaum die Nähe des Ostertermins erwarten konnte, an dem er seinen Schüler zur Aufnahmeprüfung nach Rehberg geleiten konnte, die mit dem glücklichen Erfolg des Reifebefundes für die Quarta endete. Beschämt nahm Damian die Verkündigung des Urteils auf. Draußen auf dem Flur der Anstalt aber fiel er im Rausch des Glückes seinem Lehrer Miecke an die Brust, und auf der Heimfahrt in der elektrischen Straßenbahn stahl sich die Hand des Knaben immer wieder in die Hand seines Lehrers. Frau Maechler drehte lachend ihren Jungen um und um, als sei ihr das Kind entrückt und reicher wiedergeschenkt worden. Zuletzt schob sie ihn von sich, musterte ihn mit großen Augen von Kopf bis zu den Füßen, als erblicke sie ihn zum erstenmal, und nahm dann feierlich mit beiden Händen seine beiden Hände. »So, mein lieber Damian«, sagte sie mit seelentiefer Stimme, »nun stehst du auf deinem Wege. Er wird nicht immer leicht sein. Aber sollte es einmal besonders schwer gehen, so greif auf deine linke Herzensseite. Da steht unverrückt deine Mutter.« Mit einem Kuß besiegelte sie die Worte, richtete sich dann entschieden auf und sagte: »Nun wollen wir sehen, wo der Vater steckt.« Sie fanden ihn in der Mansardenstube, am Arbeitstisch Damians sitzen, den Kopf auf eine Hand gestützt und auf die Tischplatte stierend. Er regte sich nicht, als die beiden eintraten. Selbst da Christine ihn an der Schulter rüttelte und beglückt sprach, als müsse sie einen Schlafenden aufwecken: »Jochen, du, Jochen, da bringe ich dir den neugebackenen Studenten!«, nickte er erst nur mit dem Kopfe, ohne seine Haltung zu verändern. Dann erhob er sich schwer, ergriff die Hand des Jungen, fuhr streichelnd an seiner Wange nieder und sagte mit einem erzwungenen Freudelächeln: »Nun – nun – lieber, lieber Damian, da ist ja alles gut – da ist – ja alles geglückt.« Eigentlich wollte er sagen: da ist euch ja alles geglückt, verschluckte aber das »euch«, um seine beiden lieben Menschen zu schonen und sich selber zu bewahren. Aber als er die Ratlosigkeit und Enttäuschung auf dem Gesicht der beiden gewahrte, die auf einen beglückten Ausbruch seiner Freude warteten, schüttelte er müde den Kopf. »Verzeiht mir, ich kann nicht dafür. Ich habe einen wahnsinnigen Schmerz über der Stirn. Laßt mir noch Zeit. Ich glaube, es wird bald vorüber sein.« Und als Christine stracks nach der Türklinke griff, um nach einem Mittel hinunterzueilen, hielt er sie energisch zurück und sagte frei auflachend: »Ach wo, Christel, nichts mach' ich. Geht hinunter, lacht und springt und laßt mich alten Knaster noch ein wenig hier sitzen. Ich komme bald nach.« Damit schob er die beiden launig hinaus und riegelte die Tür ab. Nun war die Entscheidung endgültig gefallen, sein Junge für immer von den Gerbertonnen fortgewendet, alle schwache Hoffnung erloschen, an der er in diesem Jahr trotz allem noch nicht ganz verzweifelt war. Wie betäubt saß er bis zur einbrechenden Dämmerung. Da sah er beim Aufblicken in dem Baum vor dem kleinen Fenster eine Amsel, die eben mit glücklichem Flügelschwung von dem Zweig abstrich und laut aufjubelnd in das abendrote Licht stürzte. In einem gewalttätigen Ruck sprang er vom Stuhle auf und eilte die Treppe hinunter zu Frau und Sohn, die bekümmert am Tisch der Wohnküche saßen. Er riß die Tür auf und rief strahlenden Gesichts: »So, Kinder, nun ist's vorüber! Und nun wollen wir ein Freudenfest feiern, und das nicht zu knapp. Los, Christel, tisch auf und bring alles, was du hast!« Dann holte er schwingenden Schrittes, als sei er selber eine Amsel, den kleinen Schlüssel vom Brett, stieg in den Keller, griff aus dem winzigen Weinvorrat zwei Flaschen und stellte sie, über die bestürzte Christel lachend, zwischen das Geschirr mitten auf den Tisch. »Das wär' noch schöner, liebes Weib, wenn wir uns nicht über den lieben Jungen freuen sollten!« Damian, der einen solchen Ausbruch an seinem Vater noch nie erlebt hatte, wußte in Beklemmung nicht, wohin er schauen sollte, und saß blaß und bedrückt auf seinem Stuhle. Dem Meister kam bei diesem Anblick ein kurzes, ratloses Stutzen. Aber da hatte er es schon, was zu tun sei, riß den erschreckten Damian herauf an seine Brust und küßte ihn laut schmatzend ein paarmal irgendwohin in sein Gesicht. Dabei sprach er wie aus vollkauendem Munde: »Das hast du schön gemacht ... schön ... Teufelskerl ... lieber ... lieber Junge«, daß Christine am Ofen herumfuhr und einen leisen Schrei ausstieß. Da ließ Jochen Maechler seinen Sohn wie einen Gegenstand aus den Armen fallen, sank auf seinen Stuhl und saß wie in großer Ermüdung eine Weile ganz still. Als Christine das fertige Essen auf den Tisch trug, erwachte er wie auf einen Stoß und hetzte sich in neue Lustigkeit, daß ihr Schauer um Schauer über den Rücken liefen. Es nützte nichts, daß sie ihn um Mäßigung bat. Sein Wagen sauste über den Berg hinunter. Er trank schnell Glas um Glas, stieß immer wieder auf Glück und Gedeihen mit beiden an und erzählte krause Geschichten aus seiner Kindheit, Lehrlings- und Gesellenzeit. Plötzlich fielen ihm die Hände vom Tisch. Sein Körper rutschte zusammen, und er schlief ein. Schon nach ein paar Atemzügen breitete sich über sein ganzes Gesicht ein tiefer Gram, fast ein Grauen. Christine machte Damian ein Zeichen, und nach einem lautlosen Kuß ging der arme Sieger schlafen. Die folgenden Tage hatten das Licht einer Sonne, die hinter dichten Wolken auf- und niederging, nie in Verfinsterung sich ganz verlor, nie aber auch ganz durchzudringen vermochte, obwohl sich Jochen Maechler alle Mühe gab, der lastenden Bedrückung über den endgültigen Fehlschlag seines Daseins Herr zu werden, daß sein einziger Erbe in eine ganz andere Gegend des Lebens wanderte, anstatt als ehrsamer Handwerker zwischen den familienheiligen Lohtonnen zu wurzeln. Die Bezwingung der Schatten, die aus seinem Innern aufstiegen, gelang ihm nicht. Nach zweiwöchigem Kampf geriet der Gerber, dessen eigentliches Wesen von der Kindheit her in einer unterbewußten Unräumlichkeit zu Hause war, in eine vollkommene Ratlosigkeit, dergestalt, daß er eines Tages unauffällig sich aus seinem Haus davonmachte, und das in einer Stimmung, vielleicht nie wieder zurückzukehren. Er lief in dem aufquellenden Frühling auf die Felder, umging die Grandorfer und Trennsdorfer Teiche, ruhte in Strauchhaufen, sann und bohrte über die stillen, himmelssüchtigen Wasserspiegel hin, streifte durch die Wälder unter dem Ägster, witterte mit spürsüchtigen Blicken um die Ruine der alten Burg und geriet über Keilhau hinaus in die Gegend, wo das Riesengebirge energisch zum Steilauftrieb nach dem Kamm in der Gegend der Peterbaude ansetzt. Unverdrossen, aber wie traumumnebelt stieg er unwissend denselben, nun winterverwüsteten Weg bergan, auf dem einst sein Vater vor langen Jahrzehnten vor der wilden Paula Großmann hinunter in den Wilkauer Kessel geflüchtet war. Jochen wußte von all dem nichts. Aber wie das kleine Bergwasser, das eine Zeitlang nahe an seinem Weg zu Tal gestrudelt war, immer tiefer und tiefer drunten zurückblieb und sein Laut nur wie das leise Sausen seines eigenen Blutes in den Ohren klang, spürte Maechler, wie eine unsichtbare Wand sich vor ihm aufrichtete. Eine plötzliche Übermüdung überfiel ihn. Seine Beine wollten keinen Schritt mehr hergeben, und sein Herz wurde von einer solch unbegreiflichen Beklemmung gepackt, daß es ihm geradezu den Atem versetzte. Da sah der Gerber zuletzt ein, daß es ihn nicht weiterließ, und er machte kehrt. Irgend etwas war hinter ihm. Und je weiter er auf dem Wege hinunterkam, desto stärker wurde das geheimnisvolle Drücken hinter ihm, obwohl er beim Umwenden nichts und niemand gewahrte. Deswegen überließ er sich endlich widerstandslos diesem unbegreiflichen Getriebenwerden und geriet zuletzt in eine richtige Jagd, mit Sprüngen über Steine und Anschläge. Atemlos kam er aus dem Walde auf einer Wiese an und war so erschöpft, daß er mitten in das junge Gras taumelte und sich dann zu Boden sinken ließ. Er fühlte sich so abgeschlagen, daß er den Körper wohlig wie zum Schlafe ausstreckte. Im Hinschummern trieb ihn plötzlich ein solcher Schreck auf, daß es ihm den Oberkörper emporschnellte, und da er mit befangenen Augen umhervigilierte, erst in der nächsten Umgebung, dann in der weiten Wiesenmulde, in die er niedergesunken war, um die Störung zu entdecken, von der er jäh aus dem Hinschummern aufgerissen worden war, konnte er erst nichts Verdächtiges entdecken, ließ aber in seinem Augenspüren, zu dem er immer banger gedrängt wurde, nicht nach, bis seine Blicke über eine ferne Wipfelwand hinauf gegen den Himmel wanderten. Da ging mit seinem Gesicht eine Verwandlung vor. Hinter oder aus dem Walde stieg langsam ein Graues herauf, das anfangs wie eine Wolke aussah. Im Höherkommen aber formte es sich zu einer so unheimlichen Gestalt, daß ihm, genau wie in der Kindheit, vor Schrecken das Blut gefror. Es war die Drude, das unheimliche Gespenst des Maechlerhauses, das die früheren Jahre seines Lebens so oft erschüttert und ins Finstere gestoßen hatte. Vor Erschütterung schwanden ihm fast die Sinne, und er mußte sich im Grase krallend festhalten, um nicht von der Erde in den Weltabgrund hinauszufallen. Als er wieder zu sich kam, war die Drude verschwunden und der Himmel über den Wipfeln vollkommen klar. Jochen Maechler aber wußte nun, daß sein Schicksal sich wirklich endgültig entschieden hatte. Sein Christel und Damian waren ihm für immer entrückt in ein Leben, das sich im Chaos verlor, statt im Sicheren sich werkhaft auszublühen, und ihm blieb für sein ganzes Dasein nur das eine übrig, für die Zeit ihrer unabweichlichen Not als getreuer Hauswalter zu sorgen und zu sparen. Auf dem Kamm fanden um dieselbe Stunde herum Leute ein uraltes, ganz heruntergekommenes Weib, das, im leidenschaftlichen Wandern aus dem Böhmischen über die Grenze vom Tode gepackt worden war, der sie mit einem Schlage niedergeworfen hatte. Jochen Maechler war in sein unabwendbares Verhängnis erlöst. Er erhob sich an derselben Stelle, an der er niedergesunken war, reinigte sorgfältig seine Kleider von dürren Halmen, Baumnadeln und Erde. Der Abend begann schon aus den Wipfeln zu rauchen. Deswegen machte er sich auf den Heimweg und kam im ersten Nachtwabern im Maechlerhause auf der Feldgasse an. Seine besorgte Frau beruhigte er mit der alten Ausrede, von einem ärgerlichen Geschäft so ungebührlich lange abgehalten worden zu sein. Seinem verfallenen Gesicht und den müden, leeren Augen nach sprach er für das Christel die Wahrheit. Achtzehntes Kapitel Nachdem Jochen Maechler diese Schicksalsentscheidung aus der Welt seiner Vorfahren aufgedrungen worden war, von der nie jemand etwas erfuhr, änderte sich sein Betragen nicht im mindesten. Er war gütig und achtsam gegen seine Frau, väterlich gegen Damian, umgänglich gegen seine Gesellen, voll überlegter Gelassenheit in Geschäft und Handwerk, und doch hatte Christine die nicht beweisbare, aber untrügliche Empfindung, daß in ihrem Jochen eine unaufhaltsame Verwandlung vor sich gehe, die ihn von allem immer weiter abrückte. Das Bild, das sie sich in früheren Jahren von seinem Wesen gemacht hatte, war noch immer gültig. Er war ein weitläufiges Haus, das an seiner Front gegen die Gasse der Welt hin wenige kleine Fenster besaß. Aber langsam wurde jetzt eines um das andere Fenster kleiner, spaltschmaler und erlosch ganz. Und die Laubkronen über dem niedrigen First seines Wesenshauses im Licht einer unsichtbaren Sonne, die ihr im ersten werdenden Mutterglück als Sinnbild seiner Liebe zu ihr erschienen waren, diese Laubkronen der Liebe waren wohl ehemals ein Traum der Wirklichkeit gewesen. Nun verwandelten sie sich aber in einen wirklichen Traum. Und doch ließ Christine nicht nach im Hoffen, daß die Fenster an der öden Wand seines Wesenshauses wieder aufgehen und der ungefüge Mann aus seinem Innern durch die enge Pforte heraus auf sie zukommen werde, dann, ja dann würden auch die Laubkronen wieder grüner und voller werden. Aber es änderte sich nichts. Jochen blieb still, umgänglich, doch abseitig, so, wie er von dem langen ärgerlichen Geschäftsgange zurückgekehrt war, über den sie nichts von ihm erfahren konnte, so schlau sie es auch anstellte. Wenn sie davon zu reden begann und nicht verfehlte, verhalten von seinem veränderten Betragen zu sprechen, wurde er nicht unwillig, sondern hörte alles mit gütigem, etwas traurigem Lächeln an, legte ihr beruhigend die Hand auf die Achsel und sagte: »Mein liebes Christel, nein, es ist alles, wie es immer gewesen ist. Laß gut sein, geh geruhig deine Haus- und Mütterwege weiter. Die Weiber haben ihr Treiben, und die Männer müssen sich halt mit ihrem Kram auch herumbalgen.« Nachdem sie so einigemal fruchtlos versucht hatte, in das Innere ihres Mannes zu dringen, wachte sie in einer Nacht auf, weil Jochen unruhig und unter Stöhnen sich im Bett herumwälzte, und dann fing er mit lauter Stimme zu reden an, als streite er sich mit einem Gegner: »Nein, niemals ... es ist ganz anders ... wir alle sind wie in einer verspundeten Tonne eingeschlossen, die vorn und hinten zwei Löcher hat: Geburt und Tod, durch die wir in die Tonne hineinfahren und wieder heraus. Solange wir leben; müssen wir in der Tonne bleiben und wissen eigentlich gar nichts, nicht woher wir kommen, warum wir da sind, und wohin wir am Ende gehen.« Dann lag er still, und bald ging sein Atem wieder lang und brausend, wie sie es an ihm gewöhnt war. Am andern Morgen merkte man nicht, daß ihn der Traum leidenschaftlich und quälend in der Nacht getrieben hatte, keine Art von Ermattung oder Unlust, nein, gleichmäßig, in der gewohnten ruhigen Ferne ging er durch den Tag. Und so blieb es, obwohl er noch eine lange Zeit durch, nächtliche Traumkräfte in Tiefen getaucht wurde, von denen Christine nichts in seinem wachen Leben wahrgenommen hatte. »Wir haben Lichtaugen«, sprach er traumredend in einer anderen Nacht. »Aber nutzt uns das etwas? Unendlichkeitsaugen müßten wir haben, um die Tatsachen zu sehen, von denen wir nicht die mindeste Vorstellung haben. – Jawohl, es muß ein höheres Vermögen als den Verstand geben; denn je weiter wir kommen, desto größer werden die Rätsel, und unser Verstand ist so ungewiß wie unsere Sinne.« Hin und wieder redete er, wie in großer Furcht, leise, so daß seine Frau, die nun Nacht um Nacht auf der Lauer lag, aufstehen mußte, und zehenfüßig über die Stube an sein Lager schlich, um seine Worte zu hören. »Was liegt mir daran«, fragte er mit ausgehendem Atem, »wenn es mich nichts mehr angeht? Was liegt mir an dir und dir?« Dann lag er still, ganz still, wie tot, eine lange Weile. Zuletzt sagte er vollkommen trostlos, noch zaghafter: »Was liegt mir an dir? So wird das Leben mich einst fragen.« In einer anderen Nacht war sein Traumdenken wieder leidenschaftlicher als je. »Nein, nein«, rief er laut, »es ist klar, daß der Einbruch der Erinnerungen, der auch die Seele unserer Lebensgefährten ergreifen muß, das Zusammenleben erschwert, zumal, wenn die Masse der Personen der Vorfahren auftreten, solche, die in Schönheit gehen, und solche, die in wirrer Großmannssucht verderben, so daß sie sich selber vernichten und noch unser Leben in Gefahr bringen.« Mit der Zeit wurden die nächtlichen Traumheimsuchungen des Gerbers immer dunkler, so daß seine Frau erlahmte, ihren Schlaf um der unbegreiflichen Reden Jochens zu opfern. Einmal aber erwachte sie zufällig und hörte ihn etwas sprechen, was sie richtig erzürnte. »Gott ist dunkel«, sagte der Mann, so sicher, als läse er aus einem Buch, »aber wenn wir ihn auch verraten, müssen wir in ihm den Gott sehen, der von Ewigkeit her unsern Verrat gewußt hat und uns doch nicht davor bewahrte. Allein, Gott kennt sich ja nicht, denn darin wäre er nicht mehr unendlich.« Über diese Gotteslästerung wollte sie ihn am andern Morgen zur Rede stellen. Allein der Gerber wachte so heiter und aufgeräumt auf, als habe er in seinen bohrerischen Traumreden eine fröhliche, kräftigende Mahlzeit genossen, daß Christine nicht den Mut fand, ihn wegen seiner Gotteslästerung zur Verantwortung zu ziehen. In diesen Zeiten der höchsten Daseinsgefährdung Jochen Maechlers strahlte das sein Wesen tragende tiefste Gewässer herauf in sein Traumbewußtsein und fand Ausdruck in Gedanken und Worten, von denen der augenhelle Wachdienst seines Lebens am Morgen nichts, gar nichts wußte. Allmählich wurden seine Nächte wieder ruhig wie sonst, der Sturm in seiner unbewußten inneren Raumlosigkeit hatte sich ausgerast, und von nun an sah er alles fremde Leben ohne sichtbare Anteilnahme an sich vorüberfließen. Ja sogar, als ihm Christine meldete, daß Reinhard Neefe auch an der Aufnahmeprüfung im Gymnasium zu Rehberg teilgenommen habe, aber wegen unzureichender Kenntnisse zurückgestellt worden sei, hörte der Gerber ruhig zu, kratzte sich mit dem Zeigefinger hinter dem Ohr, sagte ein gleichgültiges »Soso«, nickte mit dem Kopfe und ging davon. Neunzehntes Kapitel Auf diese Weise ging die freie Zeit vorüber, die Damian von der Aufnahmeprüfung ins Gymnasium bis zum Schulanfang blieb. Er erlebte die Dunkeltage, durch die sein Vater getrieben wurde, den verheimlichten Gram seiner Mutter, hatte hin und wieder die rätselhafte Empfindung, sein Vater erlösche vor ihm trotz seiner unbezweifelbaren Wirklichkeit und gehe nur wie eine Erscheinung durch das Haus, aber unter den gespannten Erwartungen auf sein neues Schulleben, den Besprechungen mit dem Lehrer Miecke, den vielen Besorgungen, die er natürlich in bunter Gespanntheit übertrieb, ging dieses unterirdische Zerwürfnis des Hauses an ihm fast spurlos vorüber. Nur manchmal überkam den innerlich bewegten Knaben eine geheimnisvolle Melancholie, daß er sich keinen anderen Rat wußte, als seiner Mutter an die Brust zu sinken, sie zu umklammern und leise zu weinen. Aber reden konnte er trotz des Zuspruchs und der Koseworte seiner Mutter über die Schwermut nicht, die er selbst nicht verstand, und an seinen Vater, der wie ein gütiger fremder Mann an ihm vorüberging, wagte er sich nicht mit seinen unbegreiflichen Kümmernissen. Der Gedanke an Reinhard Neefe kam nur einigemal wie ein saures Aufstoßen über ihn wegen der häßlichen letzten Schulmonate und der geradezu feindseligen Ferne, in die der Sohn des Grubeninspektors sich nach seiner mißglückten Aufnahmeprüfung zurückzog, nicht anders, als sei Damian an diesem Versagen in hinterhältiger Weise schuld. In dieser, mit dem Eintritt in das Rehberger Gymnasium, dem Eingewöhnen in die vollkommen neuen Verhältnisse und dem Kampf gegen manche Lücken seines Wissens verbundenen Unruhe gingen die ersten Wochen hin. Die regelmäßigen Fahrten auf der Elektrischen zwischen Wilkau und Rehberg mit dem vielfältigen Menschentreiben zerstreuten ihn oft auf die heiterste Weise und führten ihn in die neue Lebenswelt ein. Zu allem kam ihm die Natur zu Hilfe; denn die Empfindung, es gehe mit ihm in ein vollkommenes anderes Dasein hinein, kam immer öfter über ihn und vertiefte sich in dem Maße, wie der Frühling mit täglich neuen Wundern mehr und mehr von der Welt Besitz nahm. Die Chaussee, auf der die Elektrische von Wilkau nach Rehberg fuhr, führte erst durch Scherichsdorf, immer an Gehöften und Häusern vorüber, die nie zu gedrängten städtischen Zeilen zusammengerückt waren, sondern so lose zu beiden Seiten der Straße standen, daß bebaute Feldstücke und Baumgärten sich dazwischen lagern konnten, durch deren Geäst auf der einen Seite der Zacken, auf der anderen Seite das Riesengebirge zu sehen war. Allein, sobald der nächste Ort Kunsdorf erreicht war, drängten sich die Gebäude enger aneinander, daß man meinen konnte, schon in der Stadt zu sein, noch ehe man Rehberg erreicht hatte. Damian, den es knabenhaft, weltneugierig aus sich hinausdrängte, aus einer Enge und Bedrückung, die er fühlte, aber nicht begriff, kam die Gegend immer wieder neu vor, daß er sie mit hungrigen, unersättlichen Augen in sich aufnahm, bis ihm jedes Haus, jeder Baum und jedes Feldstück ein alter Bekannter war. Aber wie verwandelte sich alles nach und nach! Da kam die erste Knospenahnung über die Bäume, die ihre Kronen in noch verdumpfte Traumfarben tauchte und im hinstreifenden unruhigen Licht aufblitzen ließ, daß entfernte Goldweidensträucher feurig in Wiesen auf Augenblicke aufhüpften und die noch ferneren Wälder in blauer Versunkenheit regungslos standen, als warteten sie auf unbegreifliche Wunder. So fuhr Damian nicht nach Rehberg oder Wilkau, sondern in ein anderes, ein unsagbar anderes Dasein. Ja, einmal war er dermaßen verzaubert, daß er an seiner Endstation, dem Schloßplatz, anstatt auszusteigen, geistesabwesend auf der Bank sitzenblieb und sogar das Abfahrtsklingeln überhörte, bis der Schaffner zur Tür hereinrief: »Nu, Maechlerle, wellst de denn heite bis of Trennsdorf fahrn?« Da schrak Damian bestürzt auf und sprang aus dem schon fahrenden Wagen. Auf dem Wege durch die Rehberger Straße nach der Feldgasse hing die zauberhafte Beneblung noch immer in dem schlanken, hochaufgeschossenen Jungen, daß ihm das Atmen ordentlich glückhaft schwer wurde, bis die Anfangsworte eines vergessenen Gedichtes aus dem Paradiesgärtlein seines Herzens in ihm aufstiegen: »Versunken ist die dunkle Nacht ...« Die sprach er während des Heimganges immerfort wie eine Beschwörung, aber auch im Drang nach einer seligen Erwartung vor sich hin. In diesem widersprechenden Gefühl, das doch auf rätselhafte Weise in ihm eins war, nahm er dann seine Schularbeit auf. Sein gesammelter Fleiß wurde von einem Schwung getragen, daß ihn die Schwierigkeiten in der Lösung dieser oder jener Aufgabe geradezu beglückten. Indessen verwandelte der steigende Frühling die alte Erde in eine immer neue Wunderwelt. Die Bäume wurden zu grünen, immer dichter belaubten Fontänen, die sich in einen Himmel schleuderten, der zuzeiten so schwer blau war, daß er in seiner überträchtigen Seligkeit auf den Bergen ruhen mußte, um nicht auf die Erde zu sinken und die Menschen himmlisch zu begraben, denen es in unfaßbarer Bedrängnis oft schwer wurde zu atmen. Jedes Blatt der Bäume schien zu singen, jedes, auch das kleinste Sträuchlein hatte seine beglückte Vogelstimme. Der lange verhaltene, zaudernde Gebirgsfrühling brach plötzlich mit einer solchen Fülle über die Erde los, daß die Wiesen kaum Raum genug aufbringen konnten, die Blumen zu fassen, die aus ihnen hervorbrachen, und Damian mußte die Augen einkneifen, weil ihn sein voller Blick in eine Art bewußtlosen Rausch versetzte. An einem klaren Abende war der Gerberjunge auf das Feld gegen die Hardte hin gelaufen, von wo aus man den triumphierenden Zug des Riesengebirges völliger unter dem Himmel hinwogen sah. Da begannen die Turmglocken Wilkaus mit dem Abendgeläut, erst die katholische und dann die evangelische Kirche, und Damian war es, daß die Glockenklänge, die ja wohl der ganzen Welt galten, doch eigentlich nur für das Gebirge bestimmt seien und geraden Weges durch die Luft darauflos brandeten, und der märchenhaft befangene Junge war begierig zu erfahren, was geschehen würde, wenn die Töne wirklich das mohnblaue Gebirge berührten. Jetzt mußten sie seiner Seelensicherheit nach dort angelangt sein. In diesem Augenblick quoll aus dem makellosen Himmel eine engelhaft weiße schleierzarte Wolke, die bei jedem Schlag der Glocken leise erzitterte und beim Aufhören des Geläutes langsam wieder erlosch. Der Gerberjunge war von dieser Beobachtung ganz ergriffen, und auf dem Heimgange durch den dunkelnden Abendfrieden sann er, wie herrlich, es doch sei, daß Menschen bis in den Himmel hinein solche Wunder schaffen könnten. Für sich aber wünschte sich Damian, daß ihm selber so etwas auch möglich sei und geschenkt würde und die noch tiefer als alle Erdenschönheit selige Erwartung sich in ihm erfüllte. Dieser Wunsch aber war so seelenheimlich in ihm, daß er aus Scheu nicht wagte, ihn sich klar zu gestehen. Er lag an diesem Abend bei geöffneten Fenstern lange wachverwunschen im Bett, hörte draußen Traumklänge in der Nacht und sah dann eine weiße Wolke hinschweben, die zuletzt wirklich Engelsgestalt hatte und sogar auf ihn zukam. Das beglückte ihn dergestalt, daß er lächelnd in den Schlaf hinübergenommen wurde, weil sein waches Leben sich nicht mehr zu helfen wußte. Auf diesem Traumwagen wurde Damian durch die Wochen bis in die Nähe von Pfingsten gefahren. Sein von der Tiefe her bestimmter, fast andächtiger Fleiß verwandelte seine Situation in der Schule dermaßen günstig, daß die abwartende Zurückhaltung der Lehrer in gütiges Wohlwollen sich verkehrte. Die Zensuren Damians besserten sich von Woche zu Woche, er rückte von Platz zu Platz aufwärts, und wenn nun das eintönige kasernenmäßige alte Gebäude des Gymnasiums vor ihm auftauchte, wurde ihm richtig warm im Gemüt vor froher Erwartung. So befestigte sich Damian in seinem neuen Dasein immer sicherer und freier, und das geheimnisvolle Wolkenschleierchen, das vor den Augen seiner Sehnsucht an dem Abend an der Hardte die Klänge der Kirchenglocken über dem Riesengebirge aus dem Himmel gezaubert hatte, erlosch nie ganz in seinem Innern. In Zeiten tiefer Selbstversunkenheit, die ja eigentlich die Seligkeit der Jugend überhaupt ausmachen, durfte er die Augen nur schließen, so tauchte das weiße zitternde Wolkenschleierchen vor ihm auf und schwebte auf ihn zu, daß er von einem unbeschreiblichen Glücksempfinden ergriffen wurde. An dem Freitag vor Pfingsten war diese sonnenhafte Verwirrung seines Lebens dermaßen stark, daß er es im Hause nicht aushielt und in das Vorgärtchen eilte. Da hörte er von dem nicht zu fernen Kurplatze die Musik des Nachmittagskonzertes leise aufklingen. Und obwohl er sich bis jetzt das Betreten der Promenade streng versagt hatte, um nicht in seiner Arbeitssammlung gestört zu werden, drängte es ihn nun die Feldgasse hinunter, auf die Rehberger Straße, über den Schloßplatz in die Kuranlagen hinein in der Hoffnung, da diese unbesiegliche Spannung loszuwerden. Damian betrat in dem Augenblick den Kurplatz, als der Dirigent Stiller aus der Kapelle einen Militärmarsch herausriß. Gerade als der traumbeladene Dreizehnjährling an dem Musikpavillon angelangt war, platzte ein solch geballter Losbruch, des kriegerischen Triumphes auf ihn ein, daß er wie von einem unvermuteten Stoß zusammenfuhr. Mit schnellen Schritten floh er aus dem Geprassel der Instrumente auf einen Seitenweg, der an der Hinterwand des Musikhäuschens hinführte und in einen etwas abseitigen Gang mündete, der auf beiden Seiten von dichtem Schwarzbuchengezweig überhangen war. Dort überließ er sich einem behaglichen Schlendern, das unwillkürlich noch etwas von dem Rhythmus der gedämpften Marschmusik beeinflußt wurde. Und als sie unter Paukengedröhn verstummt war, setzte er sich auf eine Bank mit der Aussicht auf die breite Hauptpromenade des Kurplatzes. Das gemächliche Hin- und Widerwandeln der noch nicht allzu zahlreichen Badegäste, das Damian durch das Schwarzbuchengeäst so beobachten konnte, daß er von niemand gesehen wurde, bescherte dem Knaben ein tiefes Behagen. Dazu spielte die Kurkapelle eine sentimentale Serenade mit einem Flötensolo, daß Damians junges Herz von dem Gefühl schmerzlicher Verlassenheit selig berührt wurde. In dieser Verfassung sah er drüben unter den Spaziergängern eine hohe Männergestalt auftauchen. Sie kam soldatisch gereckt mit langen, energischen Schritten aus dem schmalen Fichtenstreifen über dem Schloßteich und steuerte so überheblich in das kleinbürgerliche Gewudel der Badegäste hinein, daß der und der betroffen zur Seite trat. An seiner Seite ging ein weißgekleidetes Mädchen, dem eine gewellte Flut dunkler Haare über den halben Rücken floß. Sie war hoch und schön, fast an die Grenze der Mädchenhaftigkeit gewachsen und hatte alle Mühe, dem rücksichtslos dahinschreitenden Manne zur Seite zu bleiben, zu dem sie, wie ängstlich bittend, immer wieder aufsah. Eine kurze Weile war es Damian möglich, etwas von ihrem Gesicht zu erhaschen. Es kam ihm vor, daß es blaß und sehr schön sei. Aber was sie für Augen hatte, konnte er nicht sehen, so schnell wurde sie von den Schritten des Mannes fortgerissen, der nun unvermutet stehenblieb, auf das Mädchen ein paar Worte niedersprach und mit dem Arm nach dem Ende des Kurparks auf das Blockhaus wies, gleichgültig über ihr Haar strich und sie eilenden Schrittes auf einem Nebenweg verließ, der auf den Schwarzbuchengang zuführte, an dem Damian in Erschütterung über die Lieblosigkeit des unbekannten Mannes und die Niedergeschlagenheit des schönen Mädchens saß, das eine Weile ratlos stand und dann aufrecht und gehalten gegen den Ausgang des Parkes, wie ihr befohlen worden war, zuwandelte. Damian war über das unbegreifliche Zerwürfnis, dessen Zeuge er von fern geworden war, bis nahe in die Verwirrung berührt, die seit langem aus der Tiefe rätselhaft in sein Leben heraufdrängte. Und wie er noch betroffen vor sich niederstarrte, störten ihn eilige, feste Schritte auf. Da ging auch schon derselbe Mann an ihm vorüber, der eben das schöne Mädchen drüben auf der Hauptpromenade so lieblos verlassen hatte, sah ihn nach einem Erkennungszucken verächtlich an und verschwand auf dem schmalen Steige hinter dem Kurhaus, der am Breslauer Hof vorüber, in die Weinstube des »Goldenen Greif« führte. Er bog mit einem so eigentümlichen Ruck der Schultern um die Ecke, daß Damian plötzlich wußte, es sei der böse Freiherr von Schillingkhoff, der einst in der Stube des Gerberhauses mit seinem Vater so gebrüllt hatte. Und infolge der Sinnlichkeit seines Geistes hörte er sogar dessen Stimme aus der Erinnerung von innen an sein Ohr schlagen. Ja, mit eins sah er leibhaftig ein unendlich schönes Mädchen vor sich, dem er ein Blättchen in die glücklich zagende Hand drückte. »Mein Gott, mein lieber Gott«, stammelte Damian, in seine früheste himmlische Entzückung zurücktauchend, das war ja Sessi, jenes Engelswesen, das ihn einst in eine unbeschreibliche Beseligung gehoben hatte, deren Bild dann in immer dichterer Krankheitsfinsternis erloschen war und die ihm endlich wieder in die Lichtverzauberung des Lebens geholfen hatte. Alles das brach blitzartig aus seiner Tiefe auf ihn ein, daß er ohne Besinnen von seiner Bank aufsprang und, durch alle Glieder bebend, Sessi in der Richtung nacheilte, in die sie von ihrem Vater gewiesen worden war. Von weitem sah er sie unschlüssig am Ausgang des Parkes stehen und mit einer Hand am Zaun herumgreifen. »Sessi, Sessi, dreh dich um!« rief es in ihm. Aber sie hörte den inbrünstigen Ruf seines Herzens nicht, obwohl doch die ganze Welt um sie ins Lodern des Frühlings aufgeflammt war. Da trat er endlich hinter dem Strauch hervor und ging auf sie zu. Allein, kaum daß er einige zaghafte Schritte getan hatte, drehte sie sich um, sah gemessen nach ihm hin, fuhr mit der Hand ordnend über ihr Haar und ging dann, ohne noch einmal zurückzuschauen, als sei er ein vollkommen Fremder, in den waldmäßig gehaltenen Teil des Parkes, der an das Füllnerwerk grenzt. Damian folgte unauffällig und ließ die Entfernung zwischen sich und ihr immer größer werden in der Hoffnung, daß sie sich einmal auf einer Bank niederlassen und es ihm möglich sein werde, an ihr vorüberzugehen und sie nahe zu sehen. Aber jedesmal, wenn sie sich setzte, fing sein Herz dermaßen an zu schlagen, daß der arme Junge richtig ins Taumeln geriet. Auf einmal, wie das geschehen war, wußte der lebensberauschte Knabe nicht, war Sessi verschwunden und nicht mehr zu finden, obwohl er den Park durch alle Winkel abjagte. Während des Preschens machte er sich die bittersten Vorwürfe, daß ihm nun ganz recht geschehe, weil er Sessi über seiner jahrelangen Schulbesessenheit ganz vergessen hatte. Zuletzt war Damian von dem ununterbrochenen Suchen so ermüdet, daß er vor dem Schloßteich stehenblieb, in leerer Neugier dem Treiben der Zierenten zusah oder ratlos nur in das stille Wasser starrte. Indes, die Musik war längst verstummt, rüstete sich der absinkende Tag zum Abend, und der Spiegel des Teiches begann von der scheidenden Sonne sich rot zu überhauchen. Da tauchte wie eine Sendung des Himmels das Spiegelbild Sessis im Wasser auf, sah ihn voll an, wandelte vorüber und war, kaum daß er einmal tief atmen konnte, verschwunden. In seligem Erschrecken lief er davon, um es nicht zu verlieren. Und wirklich, Damian verlor das Bild Sessis, des Mädchens, das ihn einst von der Schwelle des Todes ins Leben zurückgerufen, nicht, diese Nacht nicht und den ganzen anderen Tag nicht. Als er aufstand, war es noch lebendig in ihm, so, als habe es vom Anfang seines Lebens darin gewohnt, und die Schritte, die er jetzt ging, rührten von seiner Geburt her. In diesem Taumel lebte Damian den ganzen Tag über, ging umher und wußte dann nicht, wo er gewesen war, arbeitete und verstand nicht, was er tat, und sagte in sich ein Lied, das er noch nicht zu sprechen vermochte. Er mühte sich darum, in der Sehnsucht, aus einem Seligkeitsverlangen in ein noch tieferes zu kommen. Allein Stunden hindurch blieb es nur bei den Worten, die er einst vor Wochen vor der Haltestelle der Elektrischen bis in das Gerberhaus in Glück vor sich hin gesagt hatte: »Versunken ist die dunkle Nacht.« Weiter vermochte er in das Geheimnis, das nahe in ihm leuchtete, nicht vorzudringen. Er fiel der Mutter um den Hals und flüsterte es ihr verschämt ins Ohr. Aber als sie ihn fragte, was das zu bedeuten habe, lief er in glücklicher Verwirrung lachend davon, aus dem Hause, durchs Vorgärtchen, die Feldstraße hin, am Zacken hinunter, bis er erschöpft nicht mehr weiter konnte und sich auf einen Stein setzen mußte. Die Welt drehte sich um ihn und mit dem letzten Atem, an dem er fast erstickte, stotterte er in sich hinein: »Versunken ist die dunkle Nacht.« Er hörte wohl den Rhythmus in sich selig weiterklingen, die Worte aber fand er nicht, die das unendliche Geheimnis in ihm offenbarten. Ja, es nutzte auch nichts, daß er an die geöffnete Werkstattür trat und die Worte laut, wie ein Kommando in den Raum rief, in dem sein Vater und die beiden Gesellen an den Schabbäumen arbeiteten. Keinem von den drei Männern fiel das zwiegriffige Schabmesser erschüttert aus den Händen, wie es doch hätte sein müssen. Nein, sie drehten sich nur gleichgültig um und lächelten über seine kindische Schulverrücktheit. So mußte der arme Junge weiterringen bis in den beginnenden Abend hinein. Da war er in sich wie ein ausgelaufenes Wasser und lehnte sich in weichem Ermatten zum Fenster seines Mansardenstübchens hinaus. Das Abendrot stieg hinter dem Walde des Scholzenberges herauf und besänftigte seine Leidenschaft zu solch gesammelter Verklärtheit, daß er das, was in ihm gewogt hatte, endlich traumwach sprechen konnte: »Versunken ist die dunkle Nacht, und was von fernher glüht und blüht, das ist die sel'ge Zaubermacht, die himmlisch leitet mein Gemüt.« Furchtsam, mit tiefem Erschrecken sprach der Junge die Worte, die unbegreiflich aus ihm drangen und zugleich auch von dem Abendrot herzurühren schienen. Je öfter er die köstlichen Worte vor sich hin sagte, desto vollkommener verwandelte eine magische Entrücktheit die ganze Welt um ihn, daß er nicht mehr wußte, wo er war, und die Bilder seines Innern leibhaft vor sich sah. Da geschah zuletzt das Wunder, daß Sessi drunten in ihrem hohen schönen Gange vorüberwandelte und zu ihm heraufsah, und mit eins wurde aus der Gedichtstrophe das triumphierende Sessilied, das er einst in der ausgehenden Kindheit unermüdlich gesungen hatte. Sein Vater Jochen erging sich drunten im Vorgärtchen nach dem Arbeitsende beim Schein des Abendrots und verlangsamte einen um den anderen Schritt beim Singen seines Sohnes. Als aber der Name Sessi glückhaft-leidenschaftlich immer und immer wiederkehrte, machte er mit dem rechten Arm eine abwehrende Bewegung, als verscheuche er das Andringen eines unangenehmen Insekts. * Wir sehen am Himmel Wolkenschichten übereinanderliegen, die sich in verschiedenen Richtungen, ja oft sogar gegeneinander bewegen. In der höchsten Tiefe, hinter aller Wolkenruhe wölbt sich das Blau des Himmels, aus dem, als Folge unseres Glaubens an Gott, doch alle Wanderheere der Wolken, aller rastlose Wirbel der Bewegung auf dieser Erde herrühren. Wir glauben das mit einer außerweltlichen Sicherheit, nach der alle Wissenschaft mit immer neuen Erkenntnissymbolen tastet und nie aufhören kann, das zu tun. Die letzte Ursache aller Gestaltbewegung ist auch fern, ganz entrückt, wie in des Menschen Wesenstiefe die Seele, durch die auch alle Lebensunruhe und Bewegung möglich wird und die doch selbst ohne Bewegung und Schicksal ist. Und wie am Himmel die Wolkendecke aus gegeneinanderströmenden Schichten besteht, webt sich aus dem Innern jedes Menschen sein Schicksal; denn des Menschen zeitgebundenes Wesen besteht eben wie die Wolkendecke des Himmels aus verschiedenen, oft gegeneinander treibenden Schichten, die nicht mit seiner leiblichen Geburt beginnen, sondern tief in Generationen zurückreichen, daß es sich oft dem Zugriff des geistigen Lenkerwillens und dem Licht der Erkennbarkeit durch das Bewußtsein entzieht. Es ist unserm wachen Willen unerreichbar und ruht in den Urgründen unseres tiefgestuften Wesens, als sei es vor allem Anfang darin gewesen. Es ist eine Musik, die auf uns selber spielt, uns in uns selbst erfüllend bewegt, die keine Pläne macht, sich keine Wege nach bestimmten Zielen vorschreibt. Sie wird von ihren eigenen Flügeln getragen und fragt nicht, wohin die Wanderung gehe. Das sind die Unausweichlichkeiten des Daseins, denen alle unterworfen sind, auch die ganz einfachen Menschen. Von daher allein stammte die Gebundenheit des Gerberjungen Damian Maechler an Susanne von Schillingkhoff, genannt Sessi. In den Pfingstfeiertagen bemühte sich Damian unausgesetzt, Sessi aufzuspüren und hinter ihr her zu sein wie ein Schatten. Vor sich selbst entschuldigte er diese hartnäckige Verfolgung des schönen Mädchens mit der Verpflichtung zum Dank, daß sie ihn vor Jahren in seiner schweren Krankheit besucht und eigentlich dadurch wieder ins Leben geführt hatte. Allein es gelang dem scheuen Jungen nicht, ihr nahe zu kommen. Entweder war sie an der Seite ihres Vaters oder in Begleitung ihrer vornehmen, stolzen Mutter, daß sich Damian schleunigst hinter eine Hausecke oder einen Baum drückte, um wenigstens etwas von dem Klang ihrer Stimme zu erhaschen, die nun immer lauter in betörender Lieblichkeit aus der Vergangenheit in ihm selber auftönte. Er fand sie wohl einmal allein im Feld auf einem Rain sitzen, und näherte sich ihr fast auf den Zehen so vorsichtig, wie etwa ein Vogelsteller einen seltenen scheuen Vogel anschleicht. Ja, unter Herzklopfen war er ihr schon ein ganzes Stück näher gekommen, da ließ Sessi von dem Spiel mit Wiesenblumen ab, die sie zu einem Strauß ordnete, ruckte leidenschaftlich ihr Gesicht nach Damian hin und sah ihn bestürzt einen Augenblick an. Die Blumen glitten ihr aus der Hand. Dann sprang sie auf und eilte laufend davon, als sei nach ihr gerufen worden. Dabei war weit und breit niemand zu sehen. Damian war so betroffen, daß er gar nicht den Mut aufbrachte, ihr nachzulaufen. Behutsam näherte er sich der Stelle, wo sie gesessen hatte, und betrachtete das eingedrückte Gras. Die Blumen wagte er vorerst nicht zu berühren, bis ihm seine Einbildung glückhaft vorgaukelte, Sessi habe den Strauß als Gruß an ihn absichtlich liegen lassen. Trotzdem wagte er, weil es ihm zu anmaßlich schien, ihn nicht mit nach Hause zu nehmen, auch weil er dann alles der Mutter hätte sagen müssen. Darum trug er die Blumen an eine feuchte Stelle unters Gebüsch und bettete sie dort sorgfältig und geheim. Noch vor Ablauf der Ferien wurde Damian Sessis, allerdings auch nur mit den Augen, habhaft. Er hatte mehr als eine Stunde am Eingang zum Kurpark dem Haus »Bazar« gegenüber gelauert, wo die Familie von Schillingkhoff damals wohnte, als gegen den Abend hin das Mädchen unter der Haustür erschien und auf und ab spähte, wohl weil sie jemand erwartete. Als sie Damian erblickte, erblaßte ihr Gesicht und wurde bekümmert. In diesem Augenblick flog von der Trennsdorfer Straße her ihre Freundin lachend auf sie zu. Die beiden umarmten und küßten sich. Der betörte Damian bezog das auf sich, und sein Herz jubelte. Von solchen seligen Schleiern seiner jungen Daseinbeglückung war für ihn das Mädchen Sessi umwoben, eine Sonne, die aus seinem eigenen Innern blühte, recht eigentlich das Wesen seines Wesens und deswegen unverlierbar. Er besaß sie wie seinen Herzschlag und seinen Atem und er durfte nur an sie denken, so stand er und sein ganzes Leben und alles, was er wollte und tat, in einem Licht, das nicht von dieser Erde war. Mit diesem Schwunge ging Damian nach den Ferien aufs neue in seine Schularbeit. Sein Fleiß hatte einen noch vertiefteren Trieb erhalten, denn nun war alles ein Dienst um Sessi, so daß jedes Gelingen ihn ihr näher brachte, jedes Versagen sie beschattete. Da war es auch erklärlich, daß Damian die zeitweilige Melancholie und Bekümmernis in Sessis Gesicht sich und seinem gelegentlichen Unvermögen zuschrieb. Denn von der Zerrüttung in der Schillingkhoffschen Familie konnte der Maechlerjunge nichts wissen. Zwanzigstes Kapitel Die Freiherren von Schillingkhoff stammten aus einem alten, aber armen evangelischen Geschlecht, das auf Kriegsgäulen durch die Jahrhunderte getrabt war und sich endlich dem Banner der Brandenburger verschworen hatte. Eine berserkerliche wilde Familie, die sich mit Lunten durch verrammelte Nächte leuchtete, in Lagerzelten Hochzeit hielt, am wohligsten auf Pferderücken träumte, aber eher sich an Schrotkörnern die Zähne ausbiß, als aus Feigheit oder Eigennutz etwas über die Zunge zu lassen, das wider ihre Überzeugung und Ehre war, wenn sie von dem ererbten wilden Blute nicht eben in Tollheit vollkommen erblindeten. In dem Freiherrn Franz von Schillingkhoff, dem Vater Sessis, funkelte das letzte Paar Männeraugen des Geschlechts in eine paukenselige Zeit, in die es ihrem Wesen nach so gar nicht paßte. Schon auf der Kadettenanstalt nannte er mutig jede Art menschlicher Anmaßung, Überhebung, Dummheit, Lächerlichkeit, Verlogenheit, Streberei und unnötiger Devotion mit einem einzigen Namen »Schorf«, das ein Hannoveraner in neckischer Selbstverhöhnung »S-chorf« aussprach, weswegen man ihm den Spitznamen »Korff« beilegte, den er sich lachend gefallen ließ. Später im Regiment, war er beliebt, ja geradezu verhätschelt von seinen Kameraden wegen seiner mutigen, eleganten Ritterlichkeit, ausgezeichnet und zugleich gefürchtet von seinen Vorgesetzten wegen seines Schneids, seiner kriegswissenschaftlichen Beschlagenheit und seines Scharfsinns. Er stellte sein Licht nie unter den Scheffel, war aber auch nie ein eitler Blender. So kam es, daß er mit dreißig Jahren in den Großen Generalstab kommandiert und nach einiger Zeit persönlicher Adjutant des Chefs, Grafen Schlief, wurde. Seine Tätigkeit im Generalstab fiel in die Zeit, in der der Kaiser Wilhelm II. schon rettungslos im Schwanken und Schlingern seines labilen Wesens verlorengegangen war und in der Eitelkeit, Prahlsucht und Soldatenspielerei die Stetigkeit eines mächtigen Komödianten gefunden hatte. Korff, den der ernsteste Ehrgeiz trieb, die reinste Vaterlandsliebe trug, edelste Königstreue erfüllte, erlitt eine immer krassere Enttäuschung seiner ererbten Ideale, ein Zerbrechen seiner militärisch-feudalen Welt-, Staats- und Menschenanschauung. Als genialisch vielfältig-leidenschaftlicher Geist ertrug er dieses Gaukelbild von Größe, diese ewige Souveränitätsfexerei nicht anders als erst durch sarkastisches Lächeln und dann durch bitterlustige Witze im Kreise seiner intimsten Freunde. Immer fand er begeisterte Zuhörer. Sobald sie aber die Tür hinter ihm zugemacht hatten, blähten sie sich wieder beglückt in dem eitlen Pomp. Ihn aber belasteten diese Zustände ernster. Das heillose Durcheinander im Militärkabinett, die Lakaienbeflissenheit und Würdelosigkeit der Generäle dem Monarchen gegenüber schnürte ihm geradezu die Kehle ein. Es verlor sich die Freude an seinem Fortkommen und Beruf. Dazu bedrückte ihn fortwährend der Schmerz des Patrioten, der den sicheren Untergang des Systems voraussah und doch keinen Ausweg erblickte, sich von der Mitschuld an diesem prunkvollen, langsamen Verfall des Bismarckschen Staates zu retten. Indessen drängten auch persönliche Erlebnisse zu einer Entscheidung. Auf einem Hofball, zu dem er als vorzüglicher Tänzer kommandiert wurde, fiel ihm eine blonde, schlanke Erscheinung auf, ein Fräulein, die wohl so vornehm wie die andern in Kleidung und Haltung war, aber doch sich durch Einfachheit, ja durch eine Schüchternheit unterschied, über die sie immer siegte und die sie nie ganz unterdrücken konnte, voll Sanftmut und fast kindhafter Ergriffenheit, ganz Dame und junges Mädchen zugleich, voll einfacher Heiterkeit und unterirdischer Leidenschaft. Er erfuhr, daß es die Komteß Eleonore von Shayn-Winternitz sei, deren Mutter eine geborene Fürstin Boitzenburg-Mallenhoven wäre. Der alte Graf Winternitz saß zu Hause auf dem Schloß Brackhusen im Fahrstuhl, in den ihn seine tolle Jugend geschoben hatte. Wirklich, sie fühlte sich bedrückt durch das Leben im elterlichen Hause, in dem von früh bis in die Nacht der Tag eine einzige Schaustellung der Exklusivität und äußerster Vornehmheit war, und hatte sich auf diesen ersten Hofball wie ein Vogel gefreut, der aus seinem engen goldenen Käfig in die hohe, große, vielfältige Freiheit der Welt fliegen durfte. Doch trotz allen kaiserlichen Glanzes, trotz verwirrender Pracht, die sie anfangs unsicher gemacht hatte, bedrängt und schüchtern, fand sie in ihrer Sehnsucht nach natürlicher überragender Menschenweite in den Sälen der Majestät wieder, was sie zu Hause so bedrückte, nur den Pomp noch zeremoniös übertriebener, die Adligen wie Lakaien, kommandierte Heiterkeit, Ehrfurcht als schöne stilisierte Maske. Am meisten war sie entsetzt über die Behandlung des alten schlesischen Grafen Kospoth durch den Kaiser. Sein Schneider hatte ihn im Stich gelassen, und so mußte er statt in der großen Galauniform eines Kammerherrn in der kleinen erscheinen. Als Majestät ihn erblickte, rief er: »Na, Kospoth, wie sehen Sie denn aus? Nächstens werden Sie wohl im Sweater kommen.« Standhaft lächelte der Greis, wankend defilierte er, drückte sich in die hinterste Reihe und sank ohnmächtig auf einen Stuhl. Ihre weißblauen Augen bekamen davon einen harten Glanz. Aber als Freiherr von Schillingkhoff, der Generalstabsoffizier, in seiner kühnen, wilden Schönheit sie zum Tanz holte, atmete sie auf und fühlte sich in den Armen ihres Befreiers. Eleonore selbst war eine erlesene Tänzerin, daß alle dem schönen Paar nachsahen. Und als sie elegant und sicher über die halsbrecherisch gefährliche Stelle des Parketts vor dem Thron mit dem eingelassenen preußischen Adler schwebten, winkte der Kaiser sprühenden Auges beiden zu. Wie ein Blitz schlug das in ihre Herzen, und auf der Heimreise kam die blutjunge Komtesse nicht von einem heimlichen, blühenden Rausch los, daß dieser schöne, kühne Generalstäbler, der sie aus dem Gemütsverdunkeln auf dem Hofball in einen geradezu herrlichen Tanz befreit hatte, wohl der rechte Mann sein könne, der sie aus der starren, feierlichen Langeweile ihres Elternhauses in ein vielfältiges, buntes Leben hoher Menschenfreiheit retten könne. Schillingkhoff fand Zutritt in das Winternitzsche Schloß, und nicht lange, so blühte zwischen ihm und Eleonore eine heimliche Liebe, die sie sorgfältig vor allen verbargen, und an die sie sich doch immer unverbrüchlicher gebunden fühlten, obwohl beide den sich immer mehr verstärkenden Widerstand von Vater und Mutter bei verschiedenen Gelegenheiten zu schmecken bekamen. Dem alten Grafen Winternitz, der als protestantischer Ultrakonservativer, nicht anders wie seine Tochter, entsetzt auf den Verfall des eigentlichen alten Preußentums des Adels unter der Herrschaft Wilhelms II. blickte, mißfiel Korff. Denn er sah in dessen überlegenem Geist und genialisch beschwingten Wesen die Abkehr des militärischen Nachwuchses von der altpreußischen, puritanischen Lebens- und Dienstauffassung. Im tiefsten war es aber der gallige Neid dieses vorzeitig Gebrechlichen einem jungen strotzend-kühnen Manne gegenüber, der mit lächelnder Beiläufigkeit an den großen Chancen vorüberglitt, von denen der alte Winternitz wohl erfahren hatte. Korffs offensichtlich schon stark fortgeschrittene Annäherung an seine Tochter behagte ihm um so weniger, als er sich vorgenommen hatte, Eleonore mit dem Grafen Zesewitz zu verehelichen, der in jeder Beziehung die Gewähr eines dem Hause Winternitz wahrhaft standesgemäßen Schwiegersohnes bieten würde. Denn Graf Winternitz, der der Ansicht war, daß, wenn schon Majestät den Geist des alten preußischen Adels aufgäbe, dieser Stand von sich aus die alten Traditionen aufrechterhalten müsse, schätzte an dem geistig zwar beschränkten Grafen Zesewitz gerade das als Vorzüge, was er an Korff vermißte. Zesewitz erschien ihm als der einzig zuverlässige Führer Eleonorens durch die Lebenswirbel, da er allein vom »Worte Gottes« geführt wurde, das heißt ganz wie er selbst, einer sentimentalen Frömmelei ergeben war, durch die er sich ungeachtet seines lutherischen Bekenntnisses zu dem romantischen Gepränge der katholischen Kirche hingezogen fühlte, um so mehr, als er stark unter dem Einfluß seiner aus dem katholischen Hause der Fürsten Boitzenburg-Mallenhoven stammenden Frau stand. Hierin wandelte er höchst unkonsequent ganz in den Fußstapfen seines kaiserlichen Herrn, nach dessen Vorbild in jener Zeit überhaupt diese katholisierende romantische Frömmelei unter einem großen Teil des Adels grassierte, während der Generalstäbler nach allem, was er erkannt und gehört hatte, durchaus keine Gedanken oder Gefühle dieser Art in sich trug. Zudem bot der vielbegüterte Zesewitz alle Sicherheit für eine adlige Existenz. Seiner Gemahlin aus dem hochadligen Hause war der Adel. Schillingkhoffs sowieso etwas anrüchig, wenn auch gegen dessen Alter nichts einzuwenden war. Vor allem aber störten sie seine Armut und seine freien, ja betont freigeistigen Allüren, die bei aller Vornehmheit wie eine überlegene Verhöhnung der Vornehmheit wirkten. Korff merkte wohl seine ungünstige Situation im Winternitzschen Hause. Weil er aber der geliebten Eleonore durchaus sicher war, verrannte er sich dergestalt in seine Leidenschaft, daß er eines Tages in aller Form um die Hand Eleonorens anhielt. Mit beleidigendem Herauslachen wurde er abgewiesen und gebeten, die Schwelle des Brackhusenschen Schlosses nicht mehr zu betreten. Als Liebender gescheitert, als Soldat verbittert, obwohl er zum Hauptmann im Großen Generalstab befördert worden war, als Patriot verzweifelt, ließ er sich in allerhand Intrigen ein und war eine Zeitlang sogar geheimes Bindeglied zwischen dem Kanzler von Bülow und von Holstein, der damals in der alten Geroldschen Weinstube manche Abende einsam verbrachte. Im Innern aber, trotz aller Ablenkung, war er ein Vulkan, dessen Ausbruch nur dadurch verhindert war, daß er mit aller Kraft seine Hand auf den Krater drückte und sich immer wieder fragte, wie lange wohl sein zum Bersten geladenes Naturell diesen ganzen Schwindel noch aushalten werde. Da platzte die Bombe in dem Kaisermanöver, an dem Korff im Stabe des Generalstabschefs teilnahm. Es war wieder nur eine militärische Schaustellung. Im Gefecht wurden die modernen Anforderungen außer acht gelassen. Man bemühte sich nur, schöne Bilder zu zeigen. Von Feuervorbereitungen hielt man nichts. Die Stäbe ritten, die Artillerie fuhr in die Schützenlinien, und die Kavallerie attackierte so harmlos, als ob die Infanterie noch mit Feuerschloßgewehren ausgerüstet sei. Nachdem der Kaiser die unsinnigsten, den ganzen Manöverplan über den Haufen werfende Anordnungen getroffen hatte, war die Kritik in einem Rübenfelde. Dort faßte Majestät die Manövervorgänge unter dem Gesichtspunkte erleuchteter Strategie zusammen, ließ seinen krassen, verletzenden Urteilen die Zügel schießen und überschlug sich in seiner bekannten Schönrednerei. Niemand wagte ein Sterbenswörtchen einzuwenden, nicht einmal der Generalstabschef Graf Schlieffen. Stumm, ernst und teilnahmslos nahm er alles ohne Mucken entgegen mit den Worten: »Zu Befehl, Majestät.« Da wurde Korff von der blinden Wut seines wilden Geschlechts überfallen und rief laut: »Aber Exzellenz!« Der Kaiser schrak auf und durchbohrte ihn mit flammendem Blick. Schlieffen aber suchte die Sache zu verdecken, wandte sich um und sagte mit väterlich verweisendem Lächeln: »Nein, nein, Hauptmann von Schillingkhoff, ich weiß, es hat mit der Brigade seine Richtigkeit. Melden Sie es sofort.« Nach dem Manöver war er mit schlichtem Abschied entlassen. Doch nun kam die Schillingkhoffsche Tollheit erst recht über ihn. Er fuhr nach Brackhusen, und weil ihm das Betreten des Schlosses verboten war, ließ er durch ein ihm ergebenes Stubenmädchen Eleonore ein Billett zuschmuggeln, in dem er sie um eine nächtliche Zusammenkunft in dem entlegenen Gartenhäuschen bat. Dort besiegelten die beiden Unglücklichen den Seelenschwur ihrer Liebe mit den Leibern. Als es sich herausstellte, daß Eleonore schwanger sei, willigten die Eltern in die Heirat mit »dem nichtswürdigen Kujon«, verstießen die Tochter und setzten ihr eine kleine Monatsrente von einigen hundert Mark aus. Die ersten Wochen verbrachte das junge Paar in Schierke am Harz. Dann zogen sie nach Wilkau im Riesengebirge und mieteten eine kleine Villa. Korff, ganz zum leidenschaftlichen Frondeur geworden, wählte dieses kleine Badestädtchen als Sitz des Grafen Schilling, mit dem seine Familie, allerdings Jahrhunderte zurück, verwandt war. In der ersten Zeit des Luthertums waren die zwei Brüder von Schilling, die in Österreich begütert waren, zur neuen Lehre übergetreten. In der Gegenreformation wurden sie ihres ketzerischen Glaubens wegen der Güter für verlustig erklärt. Der eine von ihnen, der leidenschaftlich Härtere, beharrte in der Gefolgstreue des Gottesmannes Luther, ging außer Landes, nahm Kriegsdienste und nannte sich von da an von Schillingkhoff, um die vollkommene Trennung von seinem Bruder der ganzen Welt sichtbar zu machen. Die Brüder waren in offener Feindschaft geschieden, weil der ältere von ihnen, zum katholischen Glauben zurückgekehrt, von der Wiener apostolischen Majestät wieder in Gnaden aufgenommen wurde. In der Folge erhielt er alle Güter zurück und neue dazu. Als einer der reichsten Magnaten wurde er sogar in den Reichsgrafenstand erhoben. Er und seine Nachkommen sahen überheblich und mit Bedauern auf die feindlich getrennte Bruderlinie herab, die, durch alle Kriegshändel gejagt, heldenhaft aber arm, Gift und Galle gegen die Sippe der Eidesbrüchigen, Seelenverkäufer und Erbschleicher spie, eine Generation um die andere. Sogar in dem entlassenen Generalstabshauptmann Freiherrn von Schillingkhoff war diese Feindseligkeit, allerdings zur Abneigung gemildert, noch nicht ganz gestorben. Dennoch wählte er Wilkau zu seinem ständigen Wohnsitz, weil er wußte, daß das gräfliche Haus seitdem treu zum österreichischen Kaiserhaus gestanden, das Preußen Friedrichs des Großen nur gezwungen anerkannt hatte und selbst gegen das Bismarcksche Deutsche Reich immer in Reserve verharrte. Vielleicht wurde Korff von der vagen Hoffnung nach Wilkau gezogen, daß es ihm gelinge, den Grafen Schilling zu seiner feindseligen Stellung gegen die Regierung Wilhelms II. zu bekehren. Er wurde enttäuscht. Sein Besuch auf dem Schloß war eine frostig aufgenommene Zeremonie. Man kümmerte sich weiter nicht mehr um ihn. Korff lachte ingrimmig über den dummen, schafsmäßigen Geldsack, daß ihm die Ohren knackten, schwor sich, den deutschen Schwindel ganz alleine aus den Angeln zu heben, und ging daran, unter Pseudonym militärische Abhandlungen zu schreiben, die von den Zeitschriften gern angenommen und sehr gut honoriert wurden, weil sie in Fachkreisen hohe Beachtung fanden. Nach diesen vorbereitenden Veröffentlichungen gab er, nun unter seinem vollen Namen, ein großes Werk unter dem Titel »Unter dem Preußenadler« heraus, das wie eine blendende Rakete in den vernebelten politischen Himmel des damaligen Deutschland platzte, weil es das alle altpreußischschlichte Tradition verleugnende kaiserliche Regierungssystem mit profundestem Wissen auf die geistreichste Weise anprangerte. Binnen weniger Wochen waren von dem Werk zehntausend Exemplare verkauft, und auf den jubelnden Korff prasselte ein goldener Regen. Jetzt begann nach Korffs schäumender Einbildung sein blendender Aufstieg. Er stürzte sich Hals über Kopf in den Lebensstil eines ganz großen Herrn und residierte als anerkannter Alleinherrscher im Kreise der adligen Tischgesellschaft des »Goldenen Greif«, die bei billigem Krätzer den Glanz hoher Vornehmheit mühselig, doch immer noch bedeutsam aufrecht hielt. Als aber Franz von Schillingkhoff, der grell berühmt gewordene Korff, wie ein sprühender Meteor in ihre Mitte gefallen war, arteten solche Trinkereien oft geradezu in Orgien aus. Prunkende Ausfahrten schlossen sich an, alles von dem »fabelhaften Korff« lachend gestiftet, daß ganz Wilkau vor Staunen der Mund offen stehenblieb. Doch der glitzernde Hexentanz des Korffschen Triumphes dauerte nicht lange. Der beispiellose Erfolg seines Werkes, von der Linkspresse gefördert und regierungsfeindlich ausgeschaltet, artete in einen Skandal aus. Freiherr von Schillingkhoff wurde aufgefordert, das Werk mit Bedauern aus dem Buchhandel zurückzuziehen, und als er mit Hohn darauf reagierte, konfiszierte man das Buch, stieß ihn aus dem Heere aus, und der Staatsanwalt fing an, sich mit der Angelegenheit zu befassen. Da erwachte Korff aus seinem Taumel, und nun zeigte es sich, daß sein blendender Siegesanlauf nichts als ein Sprung in den Zusammenbruch gewesen war. Er, der als kühner Held auf den Plan gesprungen war, duckte sich als Schwächling in den Winkel, kroch demütig zu Kreuze, schwor sein Werk als Verirrung eines krankhaften Patriotismus ab und erreichte so die Einstellung des Prozesses wegen Hochverrat und Majestätsbeleidigung. Wie ein Adler, der sich selbst mit wilden Schnabelhieben im Fluge die Schwungfedern ausgerissen hatte, stürzte er jäh aus der Höhe und taumelte tiefer und tiefer in seine Lebenszerstörung. Sein prahlerischer Reichtumstrubel hatte nicht nur seine Bucheinnahmen vollkommen verschluckt, sondern ihn in solche vielfältige, schwere Schuldenverwickelungen gehetzt, daß er nicht aus noch ein wußte. Aber er biß die Zähne zusammen, demütigte sich heimlich vor seinen Gläubigern, mäßigte jedoch sein äußeres Auftreten kaum und zog nur verbittert aus der Villa in eine Etagenwohnung des Fremdenheims »Bazar«. Sonst trieb er sich auf Jagden in der Umgebung umher, zu denen er sich zuletzt selbst einlud und anfangs gern gesehen, dann aber nur geduldet wurde, weil man ihn als Schützen bewunderte, der das Licht von der Kerze knallte und durch seine glänzende Erzählergabe auch die dumpfeste Gesellschaft fortzureißen imstande war. Seine Gemahlin hatte ihren wilden Mann, der sich bei seinem Sprung in die öffentliche Arena als Cromwell fühlte, zu Anfang seines rebellischen Aufschäumens wohl zur Mäßigung gemahnt. Allein all ihre Hinweise auf die Folgen des unnützen Wagnisses eines Bruches mit allem, auf das Verbrechen am Staat und dem Adel, ja auf die Zerstörung der Grundlagen und Voraussetzungen ihrer eigenen Ehe, wenn er sein Leben und seinen reichen Geist nicht zur Verwirklichung seiner hochfliegenden Pläne verwende, hatten keinen anderen Erfolg als den, daß er am Schluß der gemessenen Vorhaltungen seiner Gemahlin wohl in tiefes, bedachtsames Schweigen versank, zustimmend mit dem Kopfe nickte, ein »Na ja, warum nicht« oder ein »Gar nicht übel« brummelte, dann aber regelmäßig toll herauslachte, aufsprang, durch die Zimmer raste, und mit schmetternder Kommandostimme schrie: »Nein, nein und tausendmal nein! Ich trete diesem Klunkerwagen alle Speichen aus den Rädern, aber auch alle!« Es gelang Eleonore nach dem erfolgten Zusammenbruch auch nicht, ihn aus den Zeiten leerer Müdigkeit und den abwechselnd auftretenden Anfällen turbulenter Tatraserei zu retten, die meistens in zynischem Gelächter endeten und zuletzt in Schwelgerei begraben wurden. So kam es, daß seine Frau sich ganz von ihm zurückzog, ohne ihn zu verlassen. In diese Zeit fiel die Kindheit und erste Jugend Sessis. * Eleonore Gräfin von Shayn-Winternitz – als solche fühlte sie sich auch als Freifrau von Schillingkhoff noch immer – richtete sich mit ihrem Wesen, im Gegensatz zu ihrem rebellierenden Mann, wieder in dem streng konservativen Geist ein, der in dem elterlichen Schloß Brackhusen geherrscht hatte. Jahr um Jahr kehrte sie tiefer in ihre Kindheit zurück und wendete alle Umsicht und Sorge auf, ihr einziges Töchterchen Sessi von der Überzeugung der geborenen Höherbeschaffenheit aller uradligen Menschen zu durchdringen, ihr ganzes Gehaben und Leben, selbst ihre Gefühle, Empfindungen und Gedanken, wie auf einer öffentlichen Bühne zu leben, deren Zuschauer die ganze Welt der übrigen niedrig gestellten Menschen und deren Richter einzig und allein die höchsten und blutreinsten Vertreter ihrer Klasse seien. Ihr Vater aber trage schwer an bitteren Erfahrungen, die ihn zerbrochen und zu einem von innen her kranken, bemitleidenswerten Mann gemacht hätten. Sessi wagte weder zu widersprechen noch sich aufzulehnen. Sie ging unter dem Andringen gegensätzlicher Kräfte, den abgelebten Träumen und Einbildungen einer großen Vergangenheit ihrer Mutter und dem ererbten ritterlichen Landsknechtstum ihres Vaters betroffen und erschüttert durch ihr junges Dasein. So glich sie einer tief Gläubigen, die von der rätselhaften Helle, aber oft auch Dunkelheit ihrer Liebe wie von einer unbegreiflichen Offenbarung ergriffen ist. Aber die Sonnenwolken der mütterlichen Erzählungen vom Glanz des preußischen Adels formten ihr schönes Gesicht zu einer still-süßen Feierlichkeit und klangen wider in den edlen Bewegungen ihres schlanken, wohlgebauten Körpers. Doch fehlte ihrem herrenhaften Wesen jede Kälte und Anmaßung. Ihr Stolz sah aus wie die Zurückhaltung eines reinen Gemüts, das vor jeder unedlen Lebensgebärde zurückschreckt. So erschien sie auch, in vielen Stunden, wie eine entrückte Heilige, die den Namen des Heiligen geheimhält, dem ihr einsames, abgewandtes Mädchenherz seit früher Kindheit gehört. Als sechsjähriges Kind war sie von ihrem Vater rücksichtslos zu seinem Darlehnsgesuch in das kleine Gerberhaus auf der Feldgasse mitgenommen worden. Die saubere, wohlgerichtete Bürgerlichkeit des engen Raumes, die breite Behäbigkeit des gütigen Meisters hatten einen tiefen Eindruck auf ihr Herz gemacht. Unauslöschlich lebendig lebte aber die Erinnerung an den scheuen, verträumten Jungen des Gerbers, der ihr das bunte, selbst gemachte Bildchen geschenkt hatte. Seitdem bewahrte und hütete Sessi es wie einen Schatz, von dem niemand etwas wissen durfte. Im Laufe der vielgeschüttelten Zerrissenheit ihrer Eltern fand sie in dem heimlichen Anschauen des Bildchens einen unbeschreiblichen, traumhaften Trost. Denn in diesem heiligen Manne, der in jeder der beiden erhobenen Hände eine blaue Blume hielt, sah sie die bildhafte Ausdeutung jener Vorzüge, die nach den Lehren ihrer Mutter den adligen Menschen auszeichnen sollten. Ja, so wollte sie selber leben und sein: alles, was sie fühlte, dachte und tat, aus dem Höchsten, aus dem Himmel herunterholen, daß es in ihrer Hand, durch sie selber schön blühe, wie eine Blume. Das kleine Gerberhaus in der Feldgasse aber erschien ihrer seligen Wesensverwunschenheit als das unscheinbare Mirakulum, in dem alles in Wahrheit lebte, was ihre Mutter von adligen Menschen lehrte und was sie selbst ersehnte. Darum hatte sie nie mehr die Feldgasse betreten und floh jeden Gedanken an den Knaben Damian. Einundzwanzigstes Kapitel So lag Sessi mit ihrem Innersten im Blütengrunde ihres Wesens nicht anders wie in einem gläsernen Sarg, ihr unbewußt, von Anbeginn. Dort lebte das Hoffen ihres Mädchenherzens mit allen himmlischen Seligkeitssüchten, die sie aber vor sich nur gelten ließ als schwärmerische Hingabe an die Schönheiten der Natur und als Verehrung großer Männer. Alles das trug Sessi nicht wie ein mündiger Mensch, als klare Begriffe und scharf umrissene Pflicht in sich, es tauchte als traumhaft kindliche Daseinsrichtung aus dem Grunde ihrer Seele und umflügelte sie in immer neuen Bild- und Gefühlsschwärmen zu allen Stunden des Tages und der Nacht. Daher auch kam es, daß sie durch jede Zurückhaltung näher an Damian herangeführt wurde, und ihr Versagen und Fliehen von dem Knaben als immer innigere Hinneigung empfunden wurde. Diese beginnende Schicksalsverzweigung der beiden jungen Menschen war von dem, was die Menschen Liebe nennen, noch so verschieden wie das Sonnenlicht von einer Flamme auf dem Tisch im Hause. Sie war von einer Heimlichkeit und zugleich von einer solch himmlisch-unwirklichen Inbrunst und idealistischen Ergriffenheit, daß die beiden immerfort wie in einem Lichtrausch lebten. Einmal, nach hundert Fehlgängen und nach tausendfältigem Seelentasten zwischen ihnen, duldete es Sessi, daß Damian sich neben sie setzte. Es war an einem glückhaft schönen, frühlingshaften Herbsttage weit draußen in der Nähe des letzten der Grandorfer Teiche zur Zeit, da der nahende Abend die Welt so verklärt, daß ihre Wirklichkeit fast zu einem Traum unserer Einbildung wird. Nachdem sie lange abgeschieden und nahe, vollkommen schweigend und in schwingender Verbundenheit in den Anblick des Riesengebirges versunken waren, sagte Damian wie zu sich selber: »Warum muß der Herdberg und der Keilhau immer und immer so tief unten bleiben, während der Kamm so nahe am Himmel hinführt – und sie haben doch auch schönen blauen Wald.« Nach einigem Sinnen antwortete Sessi: »Na ja, das ist wahr. Der Kamm und die Gipfel sind höher und sehen schöner aus, aber es ist auch notwendig, weil sie einsamer sind.« »Nein, nein, sie haben die schönen Wolken näher.« »... und erreichen sie auch nicht wie der Keilhau und der Herdberg, so wenig wie die Sterne.« »Wahrhaftig nein, da hast du recht, Sessi.« Als Damian sie so das erstemal mit ihrem Namen nannte, ging eine solche Erschütterung durch das Mädchen, daß sie die Augen schließen und sich mit gesteiften Armen rückwärts auf die Erde stützen mußte, weil ein leichter Taumel über sie hinfuhr. Aus diesem tiefen Vertauchen antwortete sie, aber nun mit einer verwandelten, einer weichen Traumstimme: »Ach, und zwischen dem Saalberg und dem Kamm fliegen ja die Vögel hin und her, immerfort.« »Auch vom Kamm nach Keilhau und Saalberg?« fragte Damian mit zaghafter Stimme. »Freilich«, antwortete Sessi ganz verschlungen in der Aufgeschlossenheit ihrer Verzauberung, »freilich, Damian, denn sie gehören ja zusammen.« »Zusammen sagst du, Sessi?« »Ja, zusammen. Ja. Denn wenn man sie auseinanderreißen wollte, da müßte man ja die Erde auseinanderreißen.« Nach diesen Liebeserklärungen im Gewande glückhafter Naturbegeisterung saßen die beiden Menschenkinder betroffen, wagten einander nicht anzuschauen, sondern sahen auf ihre Hände. Sessi faßte sich zuerst und begann in einem Buch zu blättern, das sie unbemerkt auf ihren Spaziergang mitgenommen hatte. Endlich fand sie, was sie suchte. Es war das kleine kolorierte Bildchen, das ihr vor vielen, vielen Jahren von Damian im Gerberhaus auf der Feldgasse geschenkt worden war. Das zeigte sie Damian und fragte errötend: »Kennst du das noch?« Der Gerberjunge griff danach und konnte nicht verhindern, daß seine Hand zitterte: »O ja – jaja, liebe Sessi«, hauchte er dabei. Das Mädchen aber entzog ihm das Blättchen und sagte: »Nein, das geb' ich nicht her. Das leg' ich als Lesezeichen in jedes Buch, das ich gern hab' ..., und wenn ich traurig bin oder etwas schwer zu tragen ist, dann gibt mir dein Heiliger mit der blauen Blume in jeder Hand wieder Trost und Mut und Geduld.« Damian war so erschüttert, daß er erblaßte. Sessi aber sprang auf die Füße und holte tief und drohend Atem: »Davon darfst du niemand auf der Erde und im Himmel etwas sagen. Sonst zerreiß' ich das Bild, zertret' es mit den Füßen und seh' dich nicht mehr an. Gib mir dein Ehrenwort darauf.« Das sagte das Mädchen so hart und entschlossen und sah ihn aus den großen dunklen Augen so stählern an, daß es Damian vor Ergriffenheit wie im Kreise drehte. Seine Hand fiel trunken in die ihre. Als er aus dem Rausch zu sich erwachte, sah er Sessi schon weit zwischen den Teichen nach Wilkau zu eilen. Sie drehte sich nicht einmal um, und Damian war es, als würde sie von einem Wirbel davongeführt. Nach diesem Tage betrachteten sich beide zueinander gehörig, ohne daß etwas besprochen worden war. Sessi schwieg aus mädchenhafter Scheu und Furcht vor ihrer adelsstolzen Mutter und dem Abscheu ihres wilden Vaters gegen den Gerber Maechler, den er einen dicken dreckigen Beutelschmierer nannte. Damian wagte im Gefühl seines niedrigen Standes auch nicht zu sprechen, zu niemand auf Erden und im Himmel, wie er es Sessi gelobt hatte, außer zu seinem eigenen Herzen. So lebten sie wie zwei verschwisterte Wolken am hohen Himmel, die in der gleichen Sonne dahinziehen. Sie besaßen sich allein durch geheime Sehnsucht, genossen sich durch Blicke, erhoben und stärkten sich durch stumme Verehrung und waren immer beieinander durch Träume. Ihre Treue in der Erfüllung der Schularbeiten war die Pflicht, die sie nie in leeres Schwärmen und faules Gemütsschwelgen versinken ließ, Sessi nicht aus Stolz, Damian nicht aus bürgerlicher Tüchtigkeit. Sonst merkten sie von den Vorgängen um sie eigentlich sehr wenig. * So achtete Damian auch kaum mehr auf Reinhard Neefe, seinen früheren Freund, wohl auch deswegen, weil in seinem vollkommen anderen Wesen das Echo der vielen Böswilligkeiten noch nicht vollkommen erloschen war, die er einst von ihm erfahren hatte. Aber es war doch nicht ausgesprochene Feindseligkeit, die ihn von Reinhard Neefe trennte, sondern eine Art abschätziger Gleichgültigkeit wegen Ausschreitungen, die er einst, um ihrer Buntheit und Vielfalt halber, an ihm sogar bewundert hatte. Genug, Damian mochte einfach Reinhard Neefe nicht mehr und ging ihm ohne jede Überheblichkeit aus dem Wege. Wohl wirkte auf ihn auch die nachteilige Einstellung der Eltern gegen den alten Neefe, dessen Name fast nie und dann immer mit Geringschätzung, ja Mißachtung genannt wurde. Er wußte nichts von dem krankhaften Rangstreit des alten Grubeninspektors gegen seinen Vater, der Damian vor seinem Sohne, wie er sich ausdrückte, ins Gymnasium »eingeschmuggelt« hatte. In seiner Daseinsverzauberung wurde Damian auch davon nicht berührt, daß Reinhard Neefe auf Grund der bestandenen Aufnahmeprüfung nach den Herbstferien in Damians Klasse einrückte, nicht viel anders wie etwa ein Vogel dadurch nicht verjagt wird, daß ein anderer Vogel in den Baum fliegt, in dessen Zweigen er selber hüpft. Trotzdem, die Jugend klingt zugleich in den verschiedensten Gegenden des Daseins. Sie ist so voll des Lebens, daß sie auch den Nachklang von Melodien verträgt, die einst widertönig sich ihr aufgedrängt haben und längst die Macht über sie verloren. Und so klang doch hinter allen Schulalltäglichkeiten, dem gleichgültigen Kommen und Gehen der beiden das bunte, märchenhafte Licht so vieler gemeinsam genossener Kindheitsstunden. Doch da Damian nie mit einem Wort daran rührte, wenn Reinhard aus seiner Geducktheit dennoch mit züngelnden Worten der Erinnerung nach manchem gemeinsamen losen Streich vergangener Zeit griff, so begann schon bald in Neefe wieder die alte Bitterkeit aufzusteigen, die sein blutmäßiges Erbteil war. Aber er wehrte sich tapfer gegen diese Wölfe seines Blutes und mühte sich unausgesetzt um das Vertrauen der abgewandten Seele Damians, die in einem Lichte blühte, von dem er nie sprach und das Reinhard darum nie verstand. Seit langem war es dem Inspektorssohn aufgefallen, daß Damian nie nach der Kummerhardte hin, sondern immer nach der Seite der Wilkauer Felder seine Ausgänge richtete, in denen die Trennsdorfer und Grandorfer Teiche lagen. Geradezu zu fragen getraute er sich jedoch nicht, weil er wußte, daß Damian ihm ja doch keine Antwort geben, sondern ihn nur lächelnd mit überheblichen Augen anschauen, den Kopf schütteln und, wenn's hochkam, mit den Worten abspeisen würde, was für ein komischer Kerl er doch sei, so etwas zu fragen. Darum hielt Neefe auch, als er es eines Tages fertiggebracht hatte, sich Damian auf einem Spaziergang über das Feld bei Wilkau gegen Schwarzhof hin anzuhängen, seine Neugier zurück, aber ebenso aus Furcht vor sich selber, denn einmal, das fühlte er, mußte dieser Geringschätzung des »Gerberjungen« ihm gegenüber ein, wenn es eben notwendig war, wildes Ende bereitet werden. ›Ich springe dem Schleicher an den Hals‹, so kochte es oftmals im geheimen in Neefe auf, wenn er die Rolle bedachte, zu der er sich im Verkehr mit Damian gezwungen sah. Die Sicherheit seines einstigen Losbruchs gab ihm die Kraft, das unwürdige Verhältnis zu ertragen. Sie gingen an diesem Tage hinter dem Füllnerwerk über den Weihrichsberg gegen die Teiche hin und unterhielten sich über Schulangelegenheiten und allerhand Vorkommnisse in Wilkau, das heißt, Reinhard schob immer neue Geschichten auf seine Redehaspel, auf die Damian nur lahm oder halb einging. So kamen die beiden zu jenem Graben, an dem Damian Sessi das erstemal allein im Felde getroffen hatte. Bei seinem Anblick war sie zwar wie erschrocken aufgesprungen und davongerannt, hatte aber das angefangene Sträußlein für ihn liegenlassen, wie sie ihm später eingestand. Reinhard quirlte noch immer seine schnurrigen Geschichten. Damian aber war plötzlich von dem Zauber jener köstlichen Erinnerung so hingenommen, daß er nicht ein Wort von Reinhardts Geschichten hörte. »Sieh doch, wie herrlich die Sonne scheint!« brach es aus ihm los, weil für ihn die ganze Welt in einem himmlischen Lichte stand. Trotzdem Neefe ihm widersprach, weil alles, wie vorher schon, in Dunst geisterte, schickte Damian, von dem lebendig wiedererstandenen Traum befangen, seine Augen spürend umher, vielleicht doch noch etwas von dem Strauß Sessis zu entdecken. Da kam ihm ein dürres Stengelchen mit vermorschten Blättchen unter dem Strauch als ein letzter Rückstand jenes Straußes von Sessi vor, den er damals in seliger Ratlosigkeit dahin gelegt hatte. Mit eiligem Sprung war er an der Stelle, hob das Stengelchen auf und betrachtete es lange mit einer Inbrunst, als sei es eine Kostbarkeit. Reinhard erstaunte über diese unbegreifliche Narretei dermaßen, daß ihm das Wort im Halse steckenblieb. Und da Damian das trockene Hälmchen nun gar vorsichtig zwischen die Blätter seines Taschenbuches legte und behutsam einsteckte, konnte Neefe nicht mehr an sich halten und fragte verwundert, was das zu bedeuten habe. Damian sah ihn eine Weile strahlend an und antwortete dann triumphierend: »Ach Gott, wie ist das Leben schön und die ganze Welt!« Darauf fing er mit seiner hohen Stimme an zu singen: »Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt«, und wanderte davon, als sei er ganz allein. Kopfschüttelnd hielt Reinhard sich eine Weile an der Seite des Entgleisten, blieb dann, weil nichts mehr mit ihm anzufangen war, zurück und ging betroffen nach Hause. Das Lied Damian Maechlers verließ den ganzen Tag Reinhards Wesen nicht. Er mochte denken, sagen und tun, was er wollte, hinter allem hörte er die singende Stimme seines Freundes und fühlte sich durch sie hinausgedrängt in ein anderes Dasein, das er nur durch Ungenügen an so vielem ahnte, was wild, bitter, hinterhältig, ja böse in ihm wirbelte, kochte und ihn trieb. In dem Nebenzimmer hörte er seinen Vater poltern, an Stühlen stoßen, Schranktüren zuschlagen und dann wieder, trotz der gütig milden Stimme seiner Mutter, in dunkel grollendes, wildes Reden verfallen, das wie ein einziger langer Fluch klang. Reinhard kroch unter das Deckbett und wickelte seinen Kopf ein, damit er den häßlichen Lärm aus dem Schlafzimmer seiner Eltern nicht höre und des Klanges wieder habhaft werde, der aus dem Singen Damians sein Gemüt beglückte und erhob. Zuletzt war es ihm, als wandle er durch eine blühende Sommerwiese bergan und verlor sich, einschlafend, in den blauen Himmel. Noch beim Aufwachen war der Schimmer dieser traumhaften Lichtfahrt des Schlafes, wenn auch schwächer, in ihm, und er hielt sich tagelang von Damian fern, um diesen Zauber nicht zu versehren. Aber soviel er sich zusammennahm, es nutzte nichts. Als er wieder Damians habhaft wurde, überfiel ihn die alte hämische Scheelsucht und war stärker als vorher, als habe sie sich in den Tagen seiner Entrückung erholt. ›Bin ich denn gar nichts‹, bohrte es wieder in ihm, ›daß der Kerl mich wie einen Pudel behandelt, mich nur von oben her ansieht und jedes Wort erst zerbeißt, das er mir dann nur als Brocken gönnt? Worauf bildet er sich denn etwas ein? Vielleicht, weil er größer ist als ich oder als Klassenschleicher oder Lehrerfummler? Sein Vater ist ein dicker Fellschaber, und ich bin der Sohn eines Grubeninspektors. Das ist der Unterschied. Sonst keiner, sonst nichts.‹ Kurz, Reinhard, der sich doch als Knabenjüngling selbst nicht ganz verstand, war wie seine väterlichen Vorfahren ein zu tief ins Wirkliche verhextes Geschöpf und wußte nicht, daß sein bitteres Ungenügen an Damian eigentlich nichts war als Eifersucht. Er hätte ihn gar zu gern ganz, ganz besessen. Seine Scheelsucht war zutiefst ein leidenschaftliches Ringen um ihn. Und immer sah er den blonden hochgeschossenen Damian mit entrückten Schritten wie auf Wolken fern von sich wandeln und kam nicht zu ihm, nach dem er doch so verlangte, daß er vor kochender Wut manchmal ausspucken mußte, um nicht zu zerplatzen. Vielleicht, wenn er herausbekam, an wem Damian eigentlich im geheimen hing, konnte es ihm gelingen, ihn ganz zu sich herüberzureißen. Und er begann, ihn genau zu beobachten und ihm unverdrossen nachzuschleichen. Da hatte er es denn nach Wochen herausspioniert, daß zwischen Damian und der Tochter des wilden, verrückten Hauptmanns, der Lyzeumsschülerin Susanne von Schillingkhoff, eine andere Luft wehte, wie es sonst zwischen Mädchen und Burschen üblich ist. Lange hatte er auf jede Miene Maechlers gelauert, wenn der Name Schillingkhoff fiel, und ihm mit Andeutungen Schlingen gestellt. Es war umsonst gewesen. Höchstens war ein zerstreutes, ihn erbosendes Lächeln über sein Gesicht gehuscht, so, als lausche er Klängen, die anderen unhörbar in der Weite vorüberschwebten. Zuletzt hatte er die beiden einmal am entferntesten Grandorfer Teiche Hand in Hand aus dem Ufergesträuch treten und, ohne sich inniger zu berühren, nach verschiedenen Seiten davongehen sehen, Damian nach Schwarzhof zu, Susanne nach Trennsdorf hin. Wohl hatten sie sich nach einer Weile zueinander umgedreht, daß Reinhard, der hinter einem fernen Baume stand, das Herz wild zu schlagen begann, denn jetzt und jetzt mußten die beiden laut aufjauchzen und winken; aber nichts geschah. Sie sahen einen Augenblick still auf einander hin und gingen dann ruhig ihren Weg. Reinhard stand vor Enttäuschung der Atem still. Aus einer eben gelesenen Geschichte stießen ihm die Worte auf: »... sie strömten mit ihren Augen ineinander«, daß er wütend aus seinem Versteck sprang, einen Stein packte und ihn mit einer Verwünschung gegen den Stamm des Baumes schleuderte. Auf dem Nachhausewege wurde er bald seine Wut los und lachte höhnisch triumphierend auf. »Du Gerberesel, tu dich doch nicht bloß so!« sprach er in sich hinein. »Was du kannst, kann ich schon lange.« Zweiundzwanzigstes Kapitel Jawohl, er konnte es. Aber nach der wilden, sinnlichen Gewalttätigkeit seines Wesens wurde es etwas von dem traumhaft himmlischen Ineinanderfließen Damians und Sessis ganz Verschiedenes. Auf seinem täglichen Schulweg von der Vogelsdorfer Straße zur Haltestelle der Straßenbahn auf dem Schloßplatz ging er durch eine schmale Nebengasse, die nur auf einer Seite mit kleinen, meist einstöckigen Häusern bebaut war. Auf der anderen Seite, hinter einem einfachen Holzzaun, dehnte sich die weiträumige gräfliche Schloßgärtnerei. Da bereitete es denn Reinhard Freude, durch den Zaun im Vorbeigehen die Blumenpracht des Gartens zu sehen, in dem die Ausschmückung des Kurparks gezogen wurde, und dann und wann stach die Schönheit einer Blüte dem Knaben dermaßen in die Augen, daß er nach sicherndem Auf- und Absehen des Sträßleins durch den Zaun langte und sich eine der schönen Blüten abriß. Abel freilich, so jäh ihn das Aufflackern des sinnlichen Wohlgefallens zu dem Blumenraub trieb, so schnell erlosch auch das Vergnügen an der Blüte. Er genoß ihre Schönheit und den Duft einige Schritte weit und warf sie dann meistens am Ende der Gasse nach der Gansertbrücke hin aufs Pflaster. Und einmal, da er zufällig zurückschaute, sah er, wie ein Mädchen mit langen blonden Zöpfen die weggeworfene Blume aufhob, im Aufrichten, von seinem Blick getroffen, herausfordernd auflachte, die Blüte triumphierend nach ihm hinschwenkte und dann flüchtend in das Häuschen des Ofensetzers Mosig verschwand. ›So eine Krabbe!‹ dachte Reinhard und befreite sich durch ein kurzes Auflachen von dem herausstoßenden Atem. So konnte es nicht ausbleiben, daß der Junge wieder und wieder geraubte Blumen auf der Straße fallen ließ und dann und wann sich auch das wiederholte, was ihm jedesmal prickelnd durch den Körper lief und den Kopf einnebelte, daß das seltsame Mädchen aus dem Häuschen huschte, die Blume aufhob und mit fliegendem Röckchen lachend zurückwirbelte. Darum ließ der Gartendieb seine Blume immer näher an dem Mosighaus auf die Straße fallen, zuletzt gerade vor der Tür des Hauses, und wenn das Mädchen daheim war, holte es sich die Blüte immer zutraulicher, zuletzt mit verlockender Liebenswürdigkeit, und manches gepfefferte Scherzwort platzte zwischen den beiden hin und her. Darum drängte es den aufgeregten Reinhard, dies Blumenspiel auch außerhalb seiner Schulgänge zu treiben, und einmal, gerade zur Mittagszeit, als die Glocke des nahen Kirchturms läutete und das Sträßlein vollkommen menschenleer war, näherte sich Reinhard dem Mosighause so langsam, daß er von innen her beobachtet werden konnte, legte seine Blume gerade auf die Türschwelle und trat einen Schritt zur Seite. Was er klopfenden Herzens erhofft hatte, geschah. Das aufgezündete frühreife Mädchen, das allein im Hause war, da Vater und Mutter außerhalb arbeiteten, hatte das Herannahen Reinhards wohl gesehen, weil sie seit langem nach dem hübschen, kecken Jungen ausspähte. Kaum hatte Reinhard die Blume auf die Schwelle gelegt, so öffnete sie jäh die Tür und griff nach der Blüte. Da schnellte der Junge herum und packte sie am Handgelenk. Sie erhob sich wie aufgeschossen und zischte ihn wütend an: »Was bildst du dir denn ein?« ließ aber ihre Hand in seinem Griff. Ihre keimenden Brüstlein flogen unter dem Mieder, und ihre blauen Augen brannten sich auf das erblaßte Gesicht des dunklen Jungen. Reinhard war wie abgeschlagen, ließ ihre Hand nicht los und lächelte vorerst ganz hilflos. Dann sagte er mit ausgetrockneter Stimme, aber sehr sanft: »Dummes Mädel, ich will bloß wissen, wie du heißt.« Sie riß sichernd das Gesicht nach dem engen Flur zurück, als fürchte sie, daß jemand komme, dann antwortete sie patzig: »Das geht dich gar nichts an – Agnes!« »Also, liebe Agnes, komme heute abend hinter den Schloßgarten. Da will ich dir alles sagen, ja?« sagte Reinhard und wartete eine Weile. Das Mädchen aber stand mit schlaff herabhängenden Armen regungslos da, starrte ihn an, und die Tränen fingen an, ihr aus den Augen zu laufen. Da drückte ihr Reinhard die Hand, sagte kurz und bestimmt: »Um acht«, und sprang davon. So schön fing die Liebe Reinhard Neefes zu Agnes Mosig an, denn der erste Pate des jungen Herzens ist allemal Gott selber, wenn auch der andere nächtliche Helfer mit an dem himmlischen Gericht rührt, bei einem weniger, bei dem anderen mehr, so daß die Speise fast nie einen rein göttlichen Geschmack hat. Und das erste Schwärmen der beiden halbflüggen Vögel an demselben Abend hinter dem Schloßgarten, das an kleinen Wiesentümpeln vorbei bis an den Waldrand der Kummerhardte ging und erst endete, als der erste Nachtstern über den Riesenkamm ins Dunkel blinzte, war auch schon kein reines Engelslied, sondern dann und wann spürten die jungen, vorwitzigen Menschen einen Hauch der Schwüle durch sich hingehen, der sie tief erschreckte und heiß beglückte, so daß sie sich in einem Zwiespalt trennten, der sie aneinander band. Reinhards späte Heimkunft in der Vogelsdorfer Straße ging leichter vonstatten, als er gefürchtet hatte, denn sein Vater war nicht zu Hause, und die gute Mutter nahm seine Lüge mit schonendem Vorwurf auf, fütterte ihn schnell und half ihm eilig ins Bett, damit der heimkehrende Vater nichts von seinem Verfehlen merke. Als der Junge allein in der Nacht lag, falteten sich wohl gewohnheitsmäßig seine Hände zum Gebet, aber in seinen Worten wirbelte doch alles auf, was sich zwischen ihm und dem Mädchen ereignet hatte. Die frommen Worte erloschen, ohne daß er es merkte, und verwandelten sich in das brünstige Flüstern des Namens »Agnes«. Das Mädchen hieß so wie seine Mutter. Das kam ihm erst jetzt zum Bewußtsein und wurde von ihm wie eine Rechtsprechung seiner unbegreiflichen Lust empfunden. »Jawohl, du dämlicher Damian. Was du kannst, bringe ich schon lange fertig«, lachte er höhnisch beglückt. In diesem Augenblick stieß der Vater polternd die Flurtür auf. Da nahm sich Reinhard zusammen, kehrte sich stockstill zur Wand, lispelte noch einigemal »Agnes« und schlief ein. Es kam so, wie es nach dem sinnlich wildernden Wesen Neefes und dem vorzeitig weiblichen Aufjächen des Mädchens nicht anders sein konnte, die beiden taumelten nach kurzer Zeit in eine hitzige Brunst, aus der sie nicht herausfanden. Denn wenn auch Reinhard Neefe aus der Erschöpfung der Lust in die Qual der Reue über seine Sündhaftigkeit fiel und mit Gebetspeinigung gegen die fleischliche Schwäche vorging, und wenn auch Agnes Mosig niedergeschlagen, voll Scham fern an ihm hinhuschte, bald wurden sie wieder von der unterirdischen Teufelei zueinandergerissen und tranken die wilden Ausschreitungen, vor denen sie bebten, mit maßloser Begier. Neefes Beichtgang nutzte nichts. Das Sakrament erlöste ihn nicht, sondern wirkte bei seiner Willensschwäche nur wie Gift in der Wunde seiner Zerknirschung. Seine Leistungen in der Schule gingen zurück, und er hatte nicht die Kraft, sich zu gesammeltem Fleiß aufzuraffen, während Damian Maechler heiter lächelnd auf seinem fernen Weg unerreichbarer Beseligung ging. In dieser großen Not überfiel Neefe die väterlicherseits ererbte Finsternis so tief, daß er in blinde Rachsucht hinaufgeschleudert wurde. Denn als dieser Gedanke wie ein fahler Blitz in ihm aufleuchtete, sah er einen Ausweg aus seiner dunklen Verwirrung. Wer war schuld, daß er in die Netze dieses unseligen Mädchens geraten war, wenn nicht Damian Maechler und seine Liebe zu Susanne von Schillingkhoff? Diese beiden verlogenen Schleicher wußten sich mit einem undurchdringlichen Heiligenschein zu umgeben, hinter dem doch sicher sich all das ereignete, an dem er und das Mädchen so unsäglich litten und immer tiefer gezogen wurden. Es war nötig, Damian die schöne Larve der Tugend vom Gesicht zu reißen, damit er zur Klarheit erlöst und er, Neefe selber, von dieser verfluchten Last befreit würde. Von diesem Plan, dessen geheimster Kern doch nur die eifersüchtige Liebe Reinhards zu Damian war, kam der umgetriebene Sohn des Grubeninspektors nicht mehr los. Mit umsichtiger Verschlagenheit legte er Fäden zu der Szene, durch die er Damian in seine Gewalt bekommen mußte. Der merkte an Neefes erschlafftem Gesicht, den Augen, die aus glanzloser Müdigkeit in hektische Hitze schössen, und vor allem an seinem fahrigen Wesen und der Scheu, ja geradezu Furcht, mit der er sich vor ihm zurückhielt, schon wochenlang, daß er unter einer geheimen Pein litt, und machte dann und wann den vorsichtigen Versuch, ihm zu helfen. Das hatte nun wenig Erfolg, denn entweder schüttelte Neefe nur stumm und trübsinnig den Kopf oder schnellte Damians gütiges Mitleiden mit bösem Hohngelächter von sich ab. »Was bildest du dir denn ein?« fragte er zum Schluß wütend, sprang von seinem Sitz auf und lief auf die vordere Plattform des Wagens. Denn diese Zusammenstöße ereigneten sich fast nur auf der Elektrischen, weil es zu einsamen Feldgängen der beiden nie mehr kam. Wegen der offenen Feindseligkeit ihrer Väter waren die gegenseitigen Besuche unmöglich, und die beiden Jünglingsknaben hatten einen schrillen Geierpfiff auf den Fingern in der Nähe des Hauses als Einladung zu einer Feldstreife verabredet. Seit Wochen gellte kein Pfiff mehr, weder auf der Feldgasse noch auf der Vogelsdorfer Straße. Am Tage der Entscheidung setzte sich Reinhard ganz nahe an die Seite Damians, und nachdem er zwei, drei Stationen lang blaß, mit gesenktem Kopf und festverschlungenen Händen ohne ein Wort dagesessen hatte, zupfte er zaghaft Damian am Ärmel und flüsterte ihm in das herabgeneigte Ohr: »Du, das geht nicht mehr so weiter, und mit dem Pfeifen ist's nicht zu machen. Wir müssen uns einmal ordentlich sprechen. Komme heute nachmittag um fünf in die Gartenstraße und pfeife leise vor der Haustür des Ofensetzers Mosig. Da bin ich um diese Zeit. Alles andere wird sich dann finden.« Die Bahn klingelte und stand knirschend. Reinhard war leichenblaß geworden und sprang auf. »Also um fünf Uhr«, rief er im Hinausstürmen noch einmal über die Achsel und lief wie gehetzt den Schloßplatz hinauf. Mit geheimem Widerwillen machte sich Damian auf den Weg. Als er in die Gartenstraße einbog, schlug die Turmuhr der nahen katholischen Kirche eben die fünfte Stunde. Vor dem Mosigschen Hause, um das in ganz Wilkau allerhand Verfängliches gemunkelt wurde, wartete er unschlüssig eine Weile. Aber die Tür blieb zu, und in dem Hause regte sich nichts. Deshalb blieb Damian nichts übrig, als der Verabredung gemäß leise zu pfeifen, einmal und nach einer Pause wieder und wieder. Allein nichts geschah. Es blieb still. Darum öffnete Damian endlich vorsichtig die Tür, schloß sie leise hinter sich und wartete in dem engen Flur, der nur von einem Rundscheibchen oben in der Haustür kümmerlich erleuchtet wurde. Vor ihm eine niedrige Stubentür, rechts und links eine. Alles lautlos bis auf ein unterdrücktes Geflüster von zwei Stimmen, einer tiefen männlichen und einer hohen weiblichen, hinter der mittleren Tür gerade vor ihm, leidenschaftlich und immer leidenschaftlicher, bis plötzlich ein Gepolter erfolgte und die weibliche Stimme in ein lachendes Kreischen ausbrach. Da sprang Damian, ohne sich zu besinnen, hin und riß die Tür auf. Da lagen beide, das Mädchen mit heraufgerissenen Röcken, auf dem löcherigen, alten Sofa, in solch gieriger Besessenheit aneinandergeklammert, daß sie das Aufknallen der Tür und den Hereinsprung Damians nicht gehört hatten. »Pfui!« schrie der entsetzte Maechlersohn, packte Reinhard am Kragen und schleuderte ihn zur Seite, daß er auf dem Boden zusammenbrach. Agnes Mosig stotterte hauchend »Jesus Maria« und huschte zusammengeduckt, wie in der Furcht vor Schlägen, durch die Tür, die Damian hinter ihr schloß. Als er sich umdrehte, stand Reinhard Neefe wieder auf den Beinen, straff, drohend aufgereckt, die gefausteten Hände an steifen Armen, und sah ihn mit lodernden Augen, wie im Ansprung, an. Damian musterte ihn mit lächelnder Verachtung ruhig vom Kopf bis zu den Füßen, schüttelte aufs tiefste erschüttert den Kopf, sah lange zu Boden und murmelte dabei: »Ekelhaft.« Als er sein Gesicht wieder hob, stand Reinhard immer noch so gereckt und frech wie vorher da. »Hast du das gewollt?« fragte Damian bebend. »Jawohl!« schrie Neefe gepreßt. Auf diesen Schrei entschlossener Bosheit wich auf einmal auch der letzte Schimmer seliger Verklärtheit, wie von einem Todesstoß, aus dem Gesicht des blonden, hohen Jungen, und er mußte nach der Sofalehne greifen, weil alles um ihn schwankte. Reinhard aber, als er sah, wie aller Glanz seines Gesichtes und der blauen Augen verblaßte, sackte innerlich zusammen. Die Reue, nach der er in den Wochen vergeblich gerungen hatte, fiel wie ein Stier siegreich über ihn her, daß er vor Scham sein Angesicht verbarg. Er stürzte auf die Knie und stotterte: »Damian, ich bitte dich um Gottes willen um Verzeihung. Du hast mir das Leben gerettet. So wahr ein Gott im Himmel ist, werde ich dir, wenn es sein muß, ein gleiches tun. Komm, gib mir den christlichen Versöhnungskuß.« Damit sprang er auf und näherte sich Damian mit ausgebreiteten Armen. Allein er drang gegen einen Menschen vor, den die vollkommene Verachtung vor soviel Erbärmlichkeit dermaßen übermannt hatte, daß sein Gesicht eine einzige glühende Finsternis war. Mit zusammengebissenen Zähnen, um nicht auszuspucken, wich er vor Reinhard zurück. Als er nicht mehr weiter konnte, hieb er ihm ein paar Ohrfeigen ins Gesicht und verließ, an dem Taumelnden vorbei, Stube und Haus. Diese furchtbare Zerstörung, die schicksalsnotwendig zwischen Damian Maechler und Reinhard Neefe aufgebrochen war, sollte ihr Leben lang nicht mehr ganz heilen. Damian lag nach den wilden Geschehnissen im Mosighaus tagelang ohne Schlaf und Nahrung unbeweglich, das Gesicht gegen die Wand gekehrt, mit geschlossenen Augen im Bett, so, als sei die rätselhafte Krankheit wieder in ihn zurückgekehrt, die ihn in der kindhaften Jugendzeit einst ganz nahe an die Tür des Todes geschoben hatte. Wenn er die Lider nur einen Spalt öffnete, stand grell die hündische Scheußlichkeit zwischen Reinhard und dem Mädchen vor ihm. Allen, auch seiner Mutter gegenüber, verharrte er in Schweigen, das nicht zu brechen war. Denn er spürte, daß er unweigerlich hätte schreien müssen, wenn er der Versuchung zu reden erlegen wäre. So waren alle liebkosenden Worte, alle Tränen der armen Christel umsonst. Als sie gütig fragte, ob man nicht doch lieber den Arzt holen solle, stieß er ein solch grelles, qualvolles »Nein!« aus, daß sie leise hinausging. Bekümmert, aber doch unversehrt in ihrem unergründlichen Vertrauen auf das reine Wesen ihres lieben Damian stieg sie die Treppe hinunter. Sie traf ihren Mann am Fenster der Wohnküche abgekehrt sitzend, im Brüten versunken. Als sie eintrat, wandte er sich ihr schwerfällig zu, ohne aufzustehen. »Na?« fragte er dunkel. Christels Ratlosigkeit zeichnete sich tiefer in ihr Gesicht. »Wieder nichts«, sagte sie abgeschlagen, »kein Wort.« Der Gerber senkte nur den Kopf und murmelte: »Nu, jaja«, das heißen sollte: das hab' ich mir gedacht. Doch hob er dann den Kopf und fragte: »Nicht ein Wort, Christel?« Und als sie nur mit einem Kopf schütteln antwortete, drängte er weiter: »Nicht? Auch nicht Sessi?« Sein Weib starrte ihn sprachlos an und fragte dann aufs tiefste betroffen: »Du, Jochen, was willst du denn damit sagen, he?« Statt zu antworten sprang der Gerber vom Stuhl auf, brach in höhnisches Lachen aus und verließ reißend schnell die Stube. Denn in ihm stand es fest, daß mit dieser neuen Erkrankung Damians das von ihm lange geahnte Unglück seiner Familie beginne und niemand anders im Hintergrund stehe als dieses Mädchen Sessi, das einst mit ihrem wilden Vater in sein Haus eingedrungen, ihm später erschienen war, als er erschöpft auf den Stufen des Langen Hauses gesessen hatte, und seinen Jungen dergestalt hexenhaft umnebelte, daß er immer und immer wieder dieses blöde, unsinnige Sessilied sang. Nach drei Tagen war wohl das geile Brunstbild im Mosighause vor Damians Augen, wenn er sie öffnete, verblichen, dafür aber hatte ihn das Grauen vor der Fäulnis und vor der Zersetzung der ganzen Welt gepackt, denn die Erkenntnis der Jugend im guten und bösen ist Übertreibung. Allein er war ja kein Junge mehr. Die abgelaufenen Jahre hatten ihn wach gehämmert und stärker gemacht. Als er den grauen, bodenlosen Abgrund des Nichtseins unentrinnbar auf sich zukommen sah, sprang er entschlossen zurück. Am frühen Morgen des vierten Tages seiner stummen Qual hörte Frau Maechler von dem Flur aus, wo sie lauschend stand, in Damians Stübchen Stühlrücken und bald danach energische Schritte. Sie traute ihren Ohren kaum und flüchtete in aufquellender Freude und auch aus Furcht vor einer neuen Wendung zum Schlimmeren in die Wohnküche. Dort machte sie sich am Ofen zu schaffen, so als gelte es, wie sonst immer in guten Tagen, für Damian das Frühstück herzurichten. Sie tat alles in fliegender Eile mit Herzklopfen der Hoffnung und Not und strich sich immer wieder über den Kopf, weil sie die Empfindung hatte, die Haare hingen ihr in die Stirn. Da hörte sie Damian fest die Treppe herunterkommen und beugte sich in Verlegenheit tief über die Platte. Die Tür ging auf, Damian warf seine Schulmappe auf den Tisch, und ehe sich das Christel umdrehen konnte, wurde sie von hinten umschlungen, herumgedreht und leidenschaftlich geküßt. »So, Mutter, nun ist's vorbei«, sagte Damian, »ich war krank. Woran, weiß ich nicht, und bitte, frage auch nicht; aber ich hab' überwunden.« Er sprach fliegend, aus beklemmter Brust, wie nach einem gewalttätig-schnellen Rennen, und nicht mehr in den Kinderlauten, sondern mit männlich überschnappender Stimme, so daß Christel ihn erstaunt ansah, aber dann jubelnd umschloß. »Mein Damian, lieber Damian«, flüsterte sie an seinem Halse, als er bei dem neuen Umfangen sie bat, ihm alles zu vergeben, was er etwa aus dem Trubel heraus gesprochen oder getan hatte, durch den er getrieben worden war. Dann schlang er das Frühstück aufs eiligste hinunter, weil es höchste Zeit in die Schule war, fragte im Weggehen nach dem Vater, der schon in der Werkstelle war, ließ ihn herzlich grüßen und stürmte schnellfüßig durch das Vorgärtchen auf die Feldgasse, von wo aus er noch einmal winkte. So sprang Damian entschlossen auf seine alte Bahn, von der er durch den dunklen Stoß auf Augenblicke geschleudert worden war, blasser als sonst, aber in einen vorzeitigen Ernst gereckt, der seine großen blauen Augen manchmal schwermütig überschattete. Reinhard Neefe war durch seine vollkommene Niederlage im Mosighause, die doch sein vollkommen wilder Sieg über Damian hatte werden sollen, nach der unbeherrschten Leidenschaftlichkeit seines Wesens mit einem Knall in die Kirche geschleudert worden. Durch eine Generalbeichte hatte er in förmlicher Reueraserei alle Sündhaftigkeit aus sich herausgerissen und war zerknirscht auf seinen Schulweg zurückgetaumelt, erfüllt und getragen von einer steten Sucht nach Abtötung. Mit niedergeschlagenen Augen ging er an Damian vorüber, blieb auch, wenn er ihn in der Straßenbahn sitzen sah, auf dem Vorraum draußen stehen, vermied die Gartenstraße, betrat demütig wie ein Unwürdiger die Schulklasse und ließ alle Hänseleien seiner Mitschüler mit einem Lächeln der Duldung über sich ergehen, daß sich nach kurzer Zeit auch die Robusten ihrer Roheit schämten und den komischen »Heiligenkauz« ungestört ließen. Damian aber fand sich langsam auf die hohen, verschwiegenen Himmelswege seiner verehrenden Liebe zu Sessi zurück, nur manchmal gestört durch den Anblick Reinhards. Dann legte sich die lachende, bereite Geilheit Agnes Mosigs als ein Schatten vor das Bild Sessis, so daß er vor Scham sich noch mehr von ihr zurückhielt, ja nicht einmal an sie zu denken wagte, um sie nicht zu versehren und zu beschmutzen. Aber merkwürdig, das Seelenbild der Wirklichkeit seiner himmlischen Liebe zu Sessi war so stark, von solch traumhafter Überredungskraft, daß es durch die lange Entsagung nicht schwächer, sondern stärker und stärker leuchtete und der brutale Akt im Mosighause in der Erinnerung immer weiter aus ihm hinausrückte und endlich als erbärmliche Verzerrung der Welt, an der er nicht schuld war, verschwand. So atmete er erleichtert auf und faßte den Mut, Sessi nicht mehr nur aus der Ferne mit den Augen zu folgen, sondern ihr wieder nachzugehen. Obwohl er angestrengt auf die Versetzung in die Obersekunda hinarbeitete, wurde diese selige Sehnsucht nach Sessi durch den Frühling wachgehalten und immer stärker angespornt. Am Zacken schmetterten schon Finken ihr Angriffslied, das Meisengeigen huschte durch die umgrünten Bäume, Lerchen schossen da und dort Liederraketen kerzengerade in den Himmel, und im Walde begann sogar der Specht seine Liebestrommel zu rühren. Da die Natur solcherweise Damian in seiner Jünglingsscheu zu Hilfe kam, wurde die Entfernung immer kleiner, in der er Sessi zu folgen wagte. Am Tage nach der glücklichen und mit Auszeichnung erfolgten Versetzung in die Obersekunda, als Damian in entschlossener Ungeduld durch die Felder schweifte, sah er das geliebte Mädchen einsam und versunken am Ufer eines der Grandorfer Teiche sitzen und über seinem Spiegel träumen, in dem der Flug der weißen Frühlingswolken auftauchte und verging. Geräuschlos näherte er sich ihr von hinten und legte seine Hände leise auf ihren Scheitel. Sie fuhr erschreckt herum, sah ihn scharf an und zuckte einen Augenblick in die Entschlossenheit hinein, aufzuspringen. »Verzeihe, Sessi, daß ich dich erschreckt habe«, sagte Damian unsicher. Da verschwand mit eins die Schärfe aus ihrem Blick, und ihr Gesicht blühte errötend auf. »Nun, nun freilich«, antwortete sie leicht schmollend, »du warst lange fort.« Dabei rückte sie etwas zur Seite, ihn damit zum Niedersitzen einladend. Damian nahm Platz und ergriff ihre Hand, die sie ihm willig überließ. »Sei mir nicht böse, liebe Sessi ... liebe Sessi«, sagte er selig und wußte schon nicht mehr weiter. Das Mädchen sah seine glückvolle Ratlosigkeit und half ihm, indem sie von der Schönheit des Teiches, der Bäume und des Gebirges zu reden begann und nach einem leisen herzlichen Druck ihm ihre Hand entzog. Da kam Damian zu sich und erzählte ihr, daß er ein paar Tage krank gewesen sei und dann angespannt auf die Versetzung habe hinarbeiten müssen. »Aber das ist alles glücklich überwunden, und seit gestern bin ich Obersekundaner.« Dann redeten die beiden lange die innigen Belanglosigkeiten Liebender, die so schön und leuchtend sind wie Wölkchen, die vor der Sonne hergehen. Aber ihre Worte hatten einen Schicksalssinn bekommen; denn Damian war kein Knabe mehr, sondern ein Jüngling geworden, und Sessi blühte in die Anfänge ihres Reifwerdens hinein. Als sie auseinandergingen, küßte ihr Damian ritterlich die Hand, und Sessi sank mit dem Blick ihrer Augen in ihn hinein. Auf dem Nachhauseweg war Damian fortwährend von dem klingenden Rausch befangen, in den ihn das Wiederfinden Sessis versetzt hatte, so daß er, losgelöst von allem, wie in tiefem Sinnen hinging. Aber es war kein Sinnen, sondern ein Schwelgen in glückhaften Klängen, Bildern und Rhythmen, die aus der Tiefe seines Wesens über ihn fluteten, bis sie sich in den Worten eines Gedichtes klärten, das er in den letzten Tagen gelesen hatte: »Den Schmerz verlorner Tage bedeckt ein frischer Kranz.« Denn er liebte seit je Verse; doch nicht aus Literaturbedürfnis, sondern aus musischer Hingabe und dem Glauben an ihre überirdische Kraft. Die Worte strömten aus seinem Innern hervor und gingen hauchleise über seine Lippen, daß er einem versunkenen Frommen ähnlich sah, der im Gehen betet. So reifte Damian dem unbegreiflichen Lebensschicksal mit Sessi entgegen, das seine unentrinnbare Wesensheimat wurde, obwohl er es nicht zu verstehen und zu enträtseln wagte, weil es ihm so hoch und unerreichbar erschien. Deshalb verfiel er, um dieses geliebten Wesens ganz würdig zu werden, auf einen Gedanken, dessen wohl nur ein deutscher Jüngling fähig ist: aus fernen, abgeschiedenen Himmeln sich Sessis zu bemächtigen, die ihm irdisch unerreichbar war. So warf er sich auf das Studium der Sprache wie der Lebens- und Geisteswelt der alten Griechen, und je tiefer er eindrang, um so fester wurde sein Glaube, daß nur jene Welt die hochgeschwungenen, selbstgewachsenen Männer besessen hatte, denen er ähnlich werden wollte, und nur in den Frauen jener Zeit war das Urbild seiner Sessi enthalten. In seinem ungeduldigen Fleiß genügte ihm bald der langsame Fortschritt des schulmäßigen Unterrichts nicht mehr, und er begann, gleich einem Entdecker, auf gut Glück schnellere Wege voreilig einzuschlagen, um in die Ideenwelt jenes Altertums einzudringen. Besonders Plutarch tat es ihm an, und immer, wenn er sich in seine Schriften vertiefte, hatte er die Empfindung, mit erlauchten Geistern zu einem olympischen Gastmahl gelagert zu sein. Schon in diesem Anfang geisterte ihn jene Schwärmerei für Perikles an, die ihn später ganz gefangennehmen und auf vielverschlungenen Wegen sein Lebensschicksal so stark beinflussen sollte. Indes Damian Maechler sich auf so hohen Sonnenwegen ganz in den romantisch-geistigen Dienst um Sessi verlor und Reinhard Neefe auf der Flucht vor dem unterirdischen Wühlen seines Wesens immer tiefer in die Kirche gedrückt wurde, nahm keiner der beiden Jünglinge etwas von dem allgemeinen Stocken und den Überstürzungen wahr, die fast auf der ganzen Erde und so auch in Deutschland das Herannahen einer Katastrophe anzeigten. Die Scheidung der Stände und Klassen wurde krasser, Arbeiter und Unternehmer rangen in erbitterten Kämpfen um die Vorherrschaft, die Beamten sahen auf die Bürger herab, Land und Stadt verstanden sich nicht mehr, die Bauern wurden von Spekulanten ausgesogen, das Geltungsbedürfnis zersetzte die Stände der akademisch Gebildeten zu Cliquen, die eifrig auf Distanz hielten. Die Menschen trauten einander nicht. Dabei fehlte das hohe, überpersönliche Allgemeine, das Erhabene, in das alle durch überzeugten Glauben emporgehoben werden. Religion schmeckte man nur als Kirchengläubigkeit und geriet in einen Widerstreit von Konfessionen, politischen Parteien und Sekten, in eine Zersplitterungsseuche, deren Ende gar nicht abzusehen war. Dieser Gibli, dieser Wüstenwind der Welt, hatte eingesetzt. Die Menschheitssonne hing hinter Wolken mit verschleiertem Licht. Überall fuhr von irgendwoher ein Luftstoß auf, trieb den Moralstaub durch die Gassen der Dörfer und Straßen der Städte und rüttelte bisweilen an Türen und Fenstern, daß sich die Menschen in ihren Wohnungen und Geschäften nicht mehr sicher fühlten und bei voller Gesundheit an einer seelischen Atemnot litten, die sie sich nicht erklären konnten. Ein unbegreiflicher Druck lag auf allen. Die Kauflust fing an zu versiegen. Die Warenlager in den Fabriken häuften sich, die Berufe waren überfüllt. Diese allgemeine Betroffenheit, ja Bedrückung empfand der nach dem Scheitern seiner Daseinshoffnung ganz in sich versunkene Jochen Maechler besonders tief – er, der auf Grund seines Wesens immer mehr und mehr um das Vertrauen in den Halt und die Sicherheit aller Einrichtungen, ja um den Glauben an die Menschen gekommen war und doch nicht die Kraft zur Weisheit und zu wirklichem Frommsein besaß. Von Zeit zu Zeit wurde die Verschlossenheit seines unräumlich versenkten Geistes gesprengt, daß er, wie aus dem Blauen heraus, Klagereden gegen sein Christel über Menschen- und Zeitnot von solcher Unenträtselbarkeit und Tiefe führte, daß die Frau an die Unbegreiflichkeit jener Reden erinnert wurde, die er ehemals im Traume der Nächte gehalten hatte und die dann von selbst spurlos aus seinem Leben verschwunden waren. Darum hörte sich das lebensüberlegene Christel diese Ausbrüche Jochens, die wie im Krampf sich herausschleuderten, ruhig an. Er redete von den Wahnhäusern der Staaten, von der Dunkelheit, die hinter jedem her ist und gegen die wir uns nur mit der Fliegenklatsche unseres Verstandes wehren. Und wenn er so leidenschaftlich zu seinem Christel geredet hatte, drückte er sich heimlich aus der Stube über die Bodenstiege in seine geheime Kammer. Nach einer Weile kehrte er ganz verändert wieder in die Wohnküche zurück, trat von Fenster zu Fenster, trommelte lustig an die Scheiben, pfiff dazu leise durch die Lücken seiner langen, gelben Zähne und ließ sich dann mit höhnischem Auflachen in den Lehnstuhl fallen, in dem er nach kurzer Zeit einschlief, so einschlief, als stürzte sich ein Lebensmüder in einen tiefen Teich, dessen Oberfläche sich sofort wieder zum ruhigen glatten Spiegel glättet. Diese Vorkommnisse begannen gegen das Ende des Jahres 1912 und nahmen langsam, aber so unmerklich zu, daß die Frau glauben durfte, die rätselhafte Beladenheit ihres undurchsichtigen Mannes werde wohl wieder von selbst aufhören, nachdem sie ihn eine Weile unterjocht hatte. Zu Beginn der Weihnachtsferien kam Damian durch die Feldgasse gejagt, stürzte glückstrahlend in die Stube, zog das Zeugnis aus der Büchermappe und breitete es mit jubelndem Ausruf auf den Tisch: »So, da habt ihr's, und im April ist das Abitur!« Das Christel las es und fiel dann glücklich ihrem Jungen um den Hals. Auch Jochen machte sich über das Schriftstück her, las es langsam und gründlich und wurde bei jeder der guten Zensuren immer starrer und grauer im Gesicht. Dann schob er es langsam über den Tisch hin, Damian zu, sah ihn lange forschend an und sagte unter schwerem Ausatmen: »Ja, das ist wirklich gut. Das muß man sagen«, machte eine Pause und fuhr dann leise fort: »und wenn du die Abgangsprüfung gemacht, das heißt bestanden hast, was soll dann werden, du, mein Sohn?« »Nun«, antwortete Damian glücklich, »da gehe ich halt auf die Universität nach Breslau und studiere alte Sprachen!« Da erhob sich Jochen Maechler, fahl im Gesicht, ungefüge, wie ein großes schweres Tier zum Sprung ausholt, und seine Augen flimmerten, daß Damian von einem Bangen überfallen wurde. Aber mit einem gewaltsamen Ruck sackte der Gerber in sich zusammen, wankte einen Augenblick, hielt sich jedoch mit beiden Händen so fest an der Tischkante, daß die Fingerknöchel weiß wurden. Dann bemächtigte sich seines Gesichts ein abgetriebenes, hilflose? Lächeln, und während er sein Haupt schüttelte, sagte er mit versonnener Stimme mehr zu sich selbst: »Merkwürdig, als du geboren warst, wollte ich dich Dietrich nennen, daß du ein Schlüssel wirst, dem kein Schloß zu widerstehen vermag. Eigentlich freilich meinte ich nur das Gerberschloß. Aber dein Großvater gab das nicht zu. Er wollte durchaus einen Damian haben. Da ist es halt so gekommen. Ich kann nichts dafür.« Den letzten Satz sprach er hauchleise und wandte sich still der Tür zu. Obwohl sich das Christel und Damian in liebevoller Bestürzung Mühe gaben, ihn der alten Lebensverdunklung zu entreißen: es nutzte nichts. Er hörte sich alles ruhig, ohne ein Wort an und ging langsam aus der Stube. Am Mittag kam er nicht zu Tisch und konnte auch nirgends im Hause gefunden werden. So verschollen Jochen Maechler an diesem Tage aus der Stube irgendwohin gegangen war, blieb er die ganzen Feiertage, zu Weihnachten und Neujahr. Am ersten Schultage Damians blieb er im Bett liegen, und als das Christel nachsah, was mit ihm los sei, traf sie ihn, die Arme unter dem Kopf verschlungen und mit großen Augen ruhig in die Höhe schauend. Er regte sich nicht beim Eintritt seiner Frau und Versehrte seine Haltung auch nicht durch die geringste Bewegung, als sich das Christel zu ihm auf den Bettrand setzte und angehaltenen Atems auf ein Wort von ihm wartete. Endlich sagte er, ohne die Arme unter dem Kopf wegzuziehen oder das Gesicht ihr zuzuwenden, gerade in die Höhe über sich: »Es ist gut, Christel, daß du nicht sagst, was in dir vorgeht, denn dem rechten Menschen ist das Inwendige des andern ein Brunnen, der immer zum Schöpfen offensteht. Ich weiß alles. Du wunderst dich, daß ich noch nicht aufgestanden bin und die Gesellen auch noch nicht gekommen sind. Ich habe sie beide entlassen. Vor der Hand ruht das Handwerk, wie lange, das wird sich zeigen. Das Geschäft ist zurückgegangen. Ich habe so viel Leder auf dem Lager, daß ich's entweder verschleudern müßte, um Platz zu schaffen oder immer neues fertigzumachen, bis es mir das Dach in die Luft drückt.« Jochen Maechler machte eine Pause, und Christel war es möglich, zu Wort zu kommen: »Ja, lieber Mann, was soll denn werden, wenn –« Der Gerber ließ sie nicht ausreden, nahm seine Arme unter dem Kopf vor, und mit nachsichtig-überlegenem Lächeln vollendete er die Bedenken seiner Frau: »Wenn das Geschäft einigermaßen geht, langt der Verkauf unseres Lagers für unser Auskommen gut ein Vierteljahr. Da ist Damian in Rehberg dann fertig, und wir können sehen, was weiter wird.« Er schwieg einen Augenblick und sah seiner Frau tief in das betroffene Gesicht. »Jaja, liebes Christel«, sagte er weiter, doch nun mit einem erzwungenen Lächeln, und trommelte mit den Fingern auf dem Deckbett, »es gibt Musik, die lange dauert und noch spielt, wenn wir glauben, daß sie zu Ende ist. Laß gut sein! Ich roste indes nicht ein, und du bleibst auch im Gange. Der Lederberg muß aufs genaueste sortiert werden. Das ist meine Arbeit. Die Ausschnittstube besorgst du. Fehlen wird uns nichts. Es rumpelt in Deutschland und in der ganzen Welt, Christel. Jaja. Ich habe inwendige Ohren. Bald kommt das große Schermesser. Wie Gott will!« Die letzten Worte sprach Jochen Maechler zögernd, mit beladener Stimme, und die Falten in seinem großen Gesicht gruben sich tiefer. Als er aber das Erschrecken seiner Frau sah, richtete er sich mit einem Herauslachen auf, schlug mit der Rechten lustig aufs Deckbett und rief launig: »So, mein liebes Christel, haben wir die Lebensfelle geschweift, hahaha! Und nun richte mir das Frühstück!« Er schob rüstig die Beine zum Aufstehen aus dem Deckbett, und die Frau ging mit erzwungenem Lächeln in die Küche, denn sie erkannte, daß das drohende Bohren in ihrem Mann noch nicht erloschen war und das letzte Hoffen Maechlers mit einer Verzweiflung Wand an Wand in ihm lebte. * Auf diese Weise lief das Leben in dem Gerberhause auf der Feldgasse zu Wilkau weiter. Der Meister ging wie die Jahre vorher abseits, gütig und fleißig seiner Arbeit nach. Keinem fiel er beschwerlich, aber keiner auch fühlte sich von ihm herzlich angerührt, geschweige denn erhoben, erfüllt. Es war ein gelassenes Bangen um ihn, an dem niemand zu rütteln wagte, weil man es für unabwendbar betrachtete, bis nicht durch das glücklich bestandene Abitur Damians alle verrammelten Lebenstüren des Gerberhauses für Sonne und frischen Wind aufgerissen wurden. Der Sohn war nur noch für seine Arbeit vorhanden, und das Christel diente ihm voll heimlich glückhafter Mutterliebe in diesem Ringen zum Licht und der Befreiung aller. In den Tagen der Prüfung war das ganze Haus fast atemlos in Spannung, und der Gerber kam nur selten aus den Kammern herunter. Am 14. April fiel die Entscheidung, und Damian stürmte in die Stube, wo Vater und Mutter in Erwartung am Tisch saßen. Mit fliegender Stimme verkündete er ihnen, daß er die Prüfung mit Auszeichnung bestanden habe. Das Christel war wie starr vor Glück, und die Tränen der Freude strömten ihr so aus den Augen, daß sie nichts sehen konnte und ratlos auf dem Tisch umhergriff. Der alte Maechler nahm seine Kappe vom Kopf und zerknüllte sie verfärbten Gesichts in seinen großen braunen Händen. Aber im nächsten Augenblick hatte sich die Maechlerin vom Sturz in das Glück erholt, sprang auf und flog ihrem Jungen an die Brust. »Liebster Damian, ich danke dir aus Herzensgrund und beglückwünsche dich. Denn nun ist aller Kummer von uns genommen«, so sprach sie ergriffen, überstürzt, und küßte und streichelte ihn immerzu in hingerissener Liebe. »Sieh, wie der Vater glücklich ist, daß er sprachlos dasitzt. Nun wird er wohl nichts dawider haben, daß du studierst.« Damian machte sich aus ihrer Umarmung los, um zum Vater zu treten. Ehe er ihn erreicht hatte, schrie Jochen unförmig: »Christel, das Schermesser!«, brabbelte noch etwas durcheinander, sackte zusammen und fiel mit dem Kopf auf den Tisch. Durch Rütteln und unter Anwendung von Wasser kam er bald wieder zur Besinnung, sah sich verwundert in der Stube um, blickte die beiden ratlos an, als begreife er nicht, was sie von ihm wollten, und fuhr sich dann verstehend über die Stirn. »Ach so«, sagte er nach einigem Sinnen mit müder Stimme, »jaja, jetzt weiß ich, du bist ja durchgekommen und willst studieren – – – Ich hab' halt vor Freude den Verstand verloren. Nimm mir's nicht übel, Damian.« Der erschütterte Sohn beugte sich zu ihm herab, und Jochen Maechlers bebende Lippen drückten etwas wie einen Kuß auf seine Wangen. Den übrigen Teil des Tages streifte Damian in Wilkau und seiner Umgebung ruhelos umher, Sessi zu treffen und ihr den glücklichen Ausgang der Schlußprüfung zu verkünden. Je länger er vergeblich nach ihr suchte, desto beglückender sah er das Glänzen ihrer großen dunklen Augen und das Strahlen ihres schönen Gesichtes leibhaft vor sich, so daß das Niederdrückende, das sich im Hause seiner Eltern ereignet hatte, schattenhaft in ihm zurücktrat. Allein, als er im tiefen Dämmern von der ergebnislosen Fahndung nach Sessi in das Gerberhaus entmutigt und abgetrieben zurückkehrte, fiel das Dunkle wieder über ihn her. Er traf seine Mutter allein in der Stube. Sie saß versunken in einer Ecke in der unerleuchteten Wohnküche und rührte sich auch bei seinem Eintritt nicht aus ihrer Beladenheit. Als er fordernd sein »Guten Abend!« rief, trat sie aus dem tiefen Winkelschatten, wo sie auf einem Stuhle gesessen hatte, zehenfüßig leise auf ihn zu und bat ihn flüsternd, nicht laut zu sprechen, um den Vater nicht zu wecken, der, noch sehr mitgenommen, nebenan im Bett liege. Dann zupfte sie ihn am Ärmel und ging diebsleise über die Stube aus der Tür. Damian folgte ihr ebenso vorsichtig und drückte geräuschlos die Tür ins Schloß. Im Vorgärtchen umarmten sich die beiden und lauschten handverschlungen in die Nacht, als erwarteten sie von irgendwoher aus dem Unermeßlichen Hilfe. Da klang aus dem Schlafzimmer Maechlers Stimme. Das Christel schrak zusammen und gab Damian einen Kuß. »Er darf dich jetzt nicht sehen. Geh auch du schlafen. Gott mit dir«, flüsterte sie und schlüpfte eilig ins Schlafzimmer. Damian stieg lautlos in seine Mansarde. Am andern Morgen war dem Gerber fast nichts von den überstandenen Störungen anzumerken. Nur seine Stirn war richtig zerknittert, und seine Augen gingen geduckt in den Höhlen umher. Daß er keine Miene machte, an seine tägliche kleine Arbeit, das Ledersortieren, heranzugehen, sondern behaglich müßig in der Stube umhersaß oder durch den kleinen Garten trödelte, deutete sich das Christel als eine Anregung, diesen Tag feierlich zu begehen, und gab sich Mühe, das Mittagsmahl reicher zu gestalten und mit einem Strauß der ersten Frühlingsblumen zu schmücken. Allein das wagte sie nicht, Jochen Maechler an das Heraufholen einer Flasche Wein zu mahnen, weil sie fürchtete, ihn damit in seine Zerrüttung zurückzutreiben. So ging das Mittagessen gedrückt und mit leeren Reden hin. Maechler aß ausreichend, zog sich die Weste herunter, stand prustend auf und machte Miene, im Schlafzimmer zu verschwinden. Da gab das Christel Damian unauffällig ein Zeichen, von dem zu reden, was er ihr heimlich anvertraut hatte. Und Damian sagte verlegen: »Du, Vater.« Maechler, der schon die Hand nach dem Türdrücker gehoben hatte, ließ davon ab und drehte sich nach seinem Sohne um und fragte, nicht unwirsch, sondern ruhig: »Na, was hat's, oder was willst du?« »Weißt du, Vater, aber ich bitte, nimm's nicht übel. Es ist Sitte, daß die Abiturienten vor dem Auseinandergehen abends zu einem Abschiedstrunk zusammenkommen, und ich möchte, wenn du es erlaubst, mich davon nicht ausschließen.« Maechler sah ihn groß an, als rede Damian von etwas längst Vergessenem. »Hm, hm. Jaja«, antwortete er dann, in seinem Gedächtnis suchend. Aber da hatte er es erwischt und fuhr erleichtert fort: »Ach so, jaja, Abiturient! Natürlich, mein Junge, wo denkst du denn hin! Freilich mußt du dabei sein. Aber feste. Wer ›a‹ gesagt hat, muß auch ›b‹ sagen. Damit griff er in die Tasche und reichte ihm ohne nachzusehen lachend mehrere große Geldstücke. »So, das ist mein ›b‹, das ich dazu sage, hahaha! Und viel Vergnügen.« Mit einem ermunterndem Klaps auf seine Achsel verschwand er hinter der Tür. * Als Damian nach einem reichlichen Abendbrot sich zur Fahrt nach Rehberg fertiggemacht hatte und mit der Mutter zögernd in der Wohnküche stand, weil er noch vorher dem Vater für seine Güte danken wollte, half ihm das Christel über die Bewölktheit des Gemütes mit gutem Zuspruch hinweg. »Du willst dem Vater guten Abend sagen«, sprach sie. »Kümmer dich nicht. Er ist irgendwo im Haus oder in der Werkstelle. Wo, weiß ich nicht, und er will auch von niemand gefunden werden. Fahr du ruhig. Ich werd' ihn von dir grüßen. Nimm's ihm nicht übel. Du solltest sein Nachfolger im Gerberhaus werden. Und du kannst es doch beim besten Willen nicht. Ja, darfst es gar nicht. Da ist dem lieben Vater alles zerschlagen, und er sitzt in irgendeinem Winkel, weil er sich nicht anders helfen kann. Aber kümmer dich nicht. Er ist ein starker Mann, und wenn es ihm auch schwer wird, er kommt darüber hinweg. Laß nicht den Kopf hängen. Denk an deine Mutter, die glücklich ist darüber. Gib mir einen Kuß und lach und singe; denn du bist auf dem Wege, nach dem du dich gesehnt hast.« Damian umarmte seine Mutter und sprang durch das Vorgartchen auf die Gasse, von wo er noch einmal zurückwinkte. Die Abschiedskneipe fand in dem Vereinszimmer des damals besten Rehberger Hotels »Preußischer Hof« auf dem Wilkauer Platz statt und unterschied sich in nichts von der üblichen Schlußfeier der Abiturienten, die durch fröhliches Draufgängertum die letzte Schülerbeklemmung abwerfen und sich an studentischen Allüren berauschen, die sie im Hineinspringen als die Hauptsache der akademischen Freiheit empfinden, so daß es nach einigen Stunden schon recht chaotisch herging. Reinhard Neefe, der auch, obwohl recht gerupft, durch das Examen gekommen war, saß ein wenig vorgeneigt, wie es seit dem geistlichen Umsatteln seine Gewohnheit geworden war. In einer Art gierigen Lauschens verfolgte er alle Vorgänge am Kneiptisch genau, fast hungrig, und brach beim Auffliegen eines besonders blühenden Blödsinns wie die anderen in Gelächter aus, das bei näherem Zusehen doch einen geheimen hämischen Zug hatte. Die Hände hielt er meistens krampfhaft gefaltet, entweder vor oder hinter dem Bierglas, als klammere er sich zur Entsündigung an ein stummes Gebet. Merkte er jedoch, daß ihn jemand beobachtete, so gab er sich im Anlauf zur Frechheit einen energischen Ruck, riß die verschlungenen Hände unwillig auseinander und stürzte sich jäh eine große Lusche Bier in den Hals. Dieser Unwille über seine erzwungene Gedrücktheit überfiel ihn öfter und öfter, so daß er schon ins Schimmern kam, während Damian Maechler, ihm schräg gegenüber, aufrecht, in gelöster Heiterkeit und unbelastet froher Mäßigkeit klaren Auges den Trubel mitgenoß. Neefe empfand das stärker und stärker als absichtliche Beschämung seiner Person und prostete ihn häufig an. In artiger Höflichkeit tat ihm Damian jedesmal Bescheid, während Neefe das Glas ärgerlich auf den Tisch stieß. Da merkte Maechler die beginnende Trunkenheit des unglücklichen früheren Freundes und beschloß, ihn zum Aufbruch zu bewegen, weil er seine Unbeherrschtheit kannte, sobald er sich in Leidenschaft verlor. Deswegen gab er ihm ein Zeichen, auf einen Augenblick mit ihm hinauszugehen. »Fällt mir gar nicht ein!« rief der Starrköpfige und wurde geradezu ärgerlich, weil ihm andere auch zuredeten. Der lange Black, der die kleine Schar als Präside durch die ausgelassene Trinkflut steuerte, sah dem Handel eine kleine Weile grienend zu, gab Damian recht, hieb auf den Tisch, sprang auf und gebot Silentium: »Wir sind weit hineinmarschiert, Kommilitonen«, krähte er übermütig, »die grauen Kittel der Schule verblaßten hinter uns in wesenloser Weite, und die Lust zu einem neuen Leben ist in flammenden Zeichen auf jede Stirn geschrieben. Selbst der heilige Neefe hat das Habit seiner bewährten Frömmigkeit ausgezogen. Für eine Weile aus dem Weihkessel gestiegen, will er in tiefer Besinnlichkeit zu uns Unwürdigen sprechen. Ich gebe das Wort unserm hoch würdigen Reinhard Neefe.« Schallendes Gelächter von allen Seiten folgte. Der Angeulkte wurde kreideblaß und seine Lippen zitterten. Er hieb das Glas auf den Tisch, daß das Bier umherspritzte, sprang vom Stuhle auf und schrie mit überschnappender Stimme: »Pfui und dreimal Pfui! Hol euch alle der Teufel!« Dann stürzte er taumelnd hinaus und schlug die Tür hinter sich zu. Mit ein paar langen Sätzen war Damian hinter ihm her und erwischte ihn, als er gerade aus der Hoteltür auf den Wilkauer Platz treten wollte. Mit einem unwirschen Ruck wandte er sich nach Damian und fragte herauslachend: »Na, haben sie dich auch 'rausgeschmissen?« »Ach, weißt du, 's ist ja wirklich verrückt.« Dann redete er ihm gütig zu, daß doch alles nur ein Bierulk gewesen sei, der eben nur der vorgeschrittenen Stunde zugeschrieben werden müsse und nicht tragisch genommen werden dürfe, und während Damian das leise auf ihn einredete, setzte er Neefe vorsichtig die Mütze auf, die er in der Wut am Rechen hatte hängen lassen. »Weißt du, Reinhard, eigentlich ist es auch gut so, daß wir beide Schluß gemacht haben. So sind wir noch anständig über die Treppe heruntergekommen und gehen nun miteinander ruhig nach Hause.« Damit schob Damian seinen Arm kräftig unter den Neefes und dirigierte ihn über den Wilkauer Platz an der elektrischen Haltestelle vorüber in die Trennsdorfer Straße. Plötzlich bockte der Bierüberfällige und schrie: »Nein, nein! Ich muß mich noch beim hochwürdigen Herrn Pfarrer verabschieden. Das geht nicht, daß ich wie ein Landstreicher einfach bei Nacht und Nebel verdufte.« Damit versuchte er sich mit Gewalt von Damian loszureißen. Der aber hielt ihn wie ein Schraubstock fest und redete ihm gut zu. »Was denkst du denn, bei Nacht und Nebel. Es ist über eins, und du kannst doch den Pfarrer jetzt nicht aus dem Schlafe trommeln. Komm du ruhig weiter mit. Wir erzählen uns etwas und sind so im Handumdrehen in Wilkau.« Neefe gab knurrend nach, um seine Selbständigkeit zu betonen, und genoß auch zugleich das Behagen, seinen alten Freund wiedergewonnen zu haben. Er ließ sich leichter weiterleiten. Von Zeit zu Zeit lachte er lustig auf und sagte: »Jawohl, hast recht. Es war wirklich gut!« Drei-, viermal platzte das aus ihm heraus. Sonst ging er stumm, brütend neben Damian hin. Auf der Heidewasserbrücke versagten ihm unvermutet die Kräfte, daß er stehenbleiben mußte, sich über das Geländer lehnte und gespannt hinunter auf das Flüßlein sah. Damian, der schon am Ende der Brücke stand, beugte sich auch über das Geländer, um zu entdecken, wodurch Neefes Aufmerksamkeit so gefesselt worden sei. Da hörte er ihn leise weinen und schluchzen, und ehe er sich's versah, fiel ihm der Aufgelöste um den Hals und bedeckte Damians Gesicht über und über mit schleimigen, mißduftenden Küssen. »Ach, Damian, Freund«, stotterte er dabei, »du verachtest mich immer noch wegen meiner Sünde. Ich gehöre eigentlich da hinunter, zwischen die Steine, unters Wasser. Jawohl. Aber Gott ist gnädig, und so ist mir weiter das Leben geschenkt, zu dem mich damals in dem verfluchten Mosighause dein Freundeszorn geweckt hat. Nie werde ich dir das vergessen. Tausend Dolche der Reue haben mein Herz seitdem durchbohrt ... Aber einmal wird die göttliche Vorsehung es mir gewähren, mein Leben für das deine einzusetzen.« »Ach, laß doch sein, Neefe!« unterbrach Damian seinen Ausbruch. »Das hopst ja alles schon in der Luft. Gehen wir nach Hause.« Darauf sprang Neefe zurück und zischte in höchster Wut: »Du lächelst? – Schäm dich deiner Herzenshärte und Überheblichkeit. Pfui, du Menschenhund!« schrie er auf und versetzte Damian einen solch wilden Stoß, daß er in das Heidewasser geschleudert worden wäre, wenn er nicht im Hinabtaumeln das Geländer zu fassen bekommen hätte. Erschüttert, tief aufatmend stand er bald wieder auf dem Gehsteig und sah Neefe schwankend und Gott um Gnade flehend in der Nacht verschwinden. Da war es ihm, als rette sich die ganze Menschheit vor ihrem unterhöhlten Wesen unter Anrufung der höchsten Macht, die ihr zum Götzen geworden ist, in Dunkelheit und Nacht. Sein geliebtes Altertum mit den klaren, mutigen selbstgewachsenen Menschen tauchte vor ihm auf, und als Göttin sah er »seine«, »seine« Sessi züchtig geneigten Hauptes mit ihrem hohen langen Gange als glänzendes Traumbild über die verklärte Erde schreiten, und während er langsam die kurze Feldgasse nach dem Maechlerhause hinging, fühlte er sich von dem Gram seines Vaters losgesprochen, den er nur hätte verhindern können, wenn er bereit gewesen wäre, sein eigenes Leben zu zerstören. Drittes Buch Erstes Kapitel Die Hingabe, mit der sich Damian in den oberen Gymnasialklassen der freiwilligen Lektüre der Schulklassiker gewidmet, und seine für einen Abiturienten geradezu glänzende Beherrschung der alten Sprachen, namentlich des Griechischen, war selbst seinen Lehrern als ungewöhnlich aufgefallen. Tatsächlich war Damians eifervoller Eindringen in die Lebens- und Geisteswelt der alten Hellenen mehr als eine jugendliche Schwärmerei. Es rührte von seiner ihm gleichsam schon mit in die Windeln gelegten idealistischen Daseinbetrachtung her, die sich an dem hochgeschwungenen Wollen solcher Männer wie etwa eines Perikles leidenschaftlich entzündete. Im Glauben seines Geistes und in der Zielsetzung seines Lebens von dieser klassisch bestimmten Heroenanschauung erfüllt, von der er gleichwohl noch nicht im entferntesten ahnte, zu welchen Forderungen für den Aufbau des Menschheitswesens sie ihn einmal führen würde, bezog er nun, im letzten Friedensjahre vor dem Weltkrieg, die Alma mater in Breslau. Auf Grund einer der am »Schwarzen Brett« angeschlagenen Anzeigen mietete er sich bei Frau Kruttke, einer typischen Studentenmuttel, ein bescheiden ausmöbliertes Zimmerchen in der Altstadt, von wo er es nicht allzu weit zur Universität hatte. Hier fühlte er sich bald heimischer als in den menschenbelebten Straßen der großen Stadt, deren unruhiges und lärmvolles Wesen seiner stillen und stolz in sich verschlossenen Art nicht behagte. Auch wollte er sich möglichst wenig von seinen Büchern ablenken lassen, die er sich, sobald er wußte, welche er zum Studium benötige, teils käuflich erstand, teils der Universitätsbibliothek entlieh. In sie versenkte er sich so, daß sein Leben bald dem eines Klausners geglichen hätte, wäre er nicht genötigt gewesen, regelmäßig nach dem Stundenplan die Hörsäle zu besuchen. Unvermeidlich freilich waren die Begegnungen mit ehemaligen Mitschülern, die gleich ihm die Heimatuniversität für ihr Studium gewählt hatten. Einer von ihnen, Wenzel Mielke aus Gersdorf, der sich mit ihm hatte in die philosophische Fakultät einschreiben lassen, um ebenfalls Altphilologie zu studieren, jedoch schon auf dem Gymnasium ein tüchtiger Zechbruder gewesen war, kam bald an Damian mit dem Vorschlag heran, seiner Verbindung beizutreten, in die er als Fuchs aufgenommen worden war. Gerade an dem Nachmittag, an dem ihn Mielke in dieser Angelegenheit aufsuchte, saß Damian wieder einmal über seinem geliebten Plutarch, mit wahrem Feuereifer vertieft in seine Darstellung vom Leben des Perikles, jenes Mannes, der ihm schon in den letzten Gymnasialklassen weit über die vorgeschriebene Lektüre des Thucydides und den engen Rahmen des Geschichtsunterrichts hinaus zu einem festen Begriff und Vorbild höchsten Menschendaseins geworden war. Trotzdem Damian Mielkes Vorschlag von vornherein ruhig, aber bestimmt ablehnte, schien sein Besucher davon nicht im geringsten beeindruckt, begann vielmehr erst recht zu drängen und die Vorteile auszumalen, die sich beruflich wie gesellschaftlich durch die Zugehörigkeit zu einer Verbindung eröffnen. Da schlug Damian, dem der Unruhegeist in seiner Studierstube allmählich schon auf die Nerven fiel, den vor ihm liegenden Band Plutarch auf und las dem verdutzten Mielke statt aller Antwort daraus jene Stelle vor, in der es von Perikles' Lebensweise heißt, daß er jede Einladung zu Gastmählern abschlug und allen dergleichen fröhlichen Zusammenkünften und Gesellschaften entsagte, sobald er begonnen hatte, sich dem Staatsdienst zu widmen. »Denn«, so heiße es bei Plutarch, »lustige Gesellschaften können leicht jeden Stolz vernichten, und es ist schwer, im vertrauten Umgange Würde und Ansehen zu behaupten.« Mielke suchte Damian vergeblich noch eine Weile mit hergebrachten Phrasen aus seinem ihm in einigen Kommersen angeflogenen Wortschatz einer mehr überheblichen und forcierten als männlichzuchtvollen studentischen Vorstellungswelt aus seiner Reserve herauszulocken, wurde schließlich ärgerlich, nannte ihn einen Stubenhocker und Bücherwurm, der wohl zeitlebens an Mutters Schürzenbändel hängen wolle, und zuletzt einfach einen Schwächling, der, das wisse man ja, ein Träumer und ein Schmachtfetzen sei, der irgendein langhaariges Wesen anhimmele, das freilich wohl nur in seiner Einbildung herumlaufe. Er, Mielke, sei für greifbare, reelle Werte, so eine filia hospitalis mit festem Fleisch und heißem Blut, die würde Damian schon ... Mielke erstarb das Geschwätz, das er noch auf der Zunge hatte, wie abgeschnitten vor dem Gesicht Damians, der kalkweiß, aber sprungbereit wie ein Tiger, von seinem Stuhl hochgeschnellt war und nur mit einer heftigen Handbewegung den Wenzel so gebieterisch zum Zimmer hinauswies, daß dieser mit einem verlegen gestammelten »Na ja, schon gut, dann läßt du's eben bleiben«, sich beeilte, die Türe zwischen sich und den aufs äußerste gereizten Damian zu bringen und zu verschwinden. Nach diesem Zwischenfall mit Wenzel Mielke suchte sich Damian noch hartnäckiger allen äußeren Einflüssen zu verschließen, deren er sich dennoch täglich von neuem erwehren mußte. Aber gleichviel ob er in dem von Studenten überfüllten »Goldenen Zepter« in sich abgekapselt am Mittagstisch saß, oder ob er aufs tiefste beeindruckt war von der ungewöhnlichen Eindringlichkeit des Vortrages eines einzigen Professors, jenes, bei dem er die Vorlesungen zur Einführung in die Philosophie belegt hatte, – er konnte sich, kaum daß er die ersten Wochen des Semesters hinter sich gebracht hatte, nicht der Erkenntnis entziehen, daß die Zeiten endgültig vorüber waren, in denen er sich nach Schluß der Schule traumselig an sein eigenstes Wesen verlieren durfte. Weder das Leben in den Straßen noch der Geist in den Hörsälen bot ihm den geringsten Ersatz für das vielfältige Weben der Natur, dem er sich daheim in Wilkau mit allen Sinnen hingegeben hatte; ja, jeder Vogellaut, den er jetzt irgendwo vernahm, jeder Regenschauer, der an die Scheiben seiner Stube prasselte, ließ ihn erschrecken und trieb ihn fast zu der Zwangsvorstellung, er sei zu einem Menschentier geworden, zu einem Gefangenen in einem Steinkäfig, in den er noch dazu freiwillig hineingelaufen sei. Und selbst die Welt der Heroen, der hohen Menschengestalten, schien ihn nur genarrt zu haben. Denn von Tag zu Tag und von Woche zu Woche welkte ihm unter den Händen der Professoren die zauberhaft blühende Landschaft göttergleicher Schönheit, Anmut und Würde mehr und mehr dahin, die er sich im Geiste aufgebaut und seiner Sessi ins Herz gesenkt hatte. Was übrigblieb, war der bloße Stoff, der Wissensstoff, der zum Studienplan gehörte, und den der künftige Kandidat des höheren Schulamtes fürs Examen benötigte. Es dauerte freilich eine Zeit, bis Damian erkannte, daß er dem Mahlstrom dieses unbeseelten Räderwerkes nicht entrinnen könne, sofern er sich nicht mit aller Kraft dagegen stemme. Aber dann wußte er auch schon, was allein ihn noch davor bewahren könne, entweder einer jener trockenen, geistig unbeweglichen Gelehrten zu werden, die vom Katheder herab dozieren, oder einer jener nicht minder leblosen Buchstabenmenschen und Pedanten, die er wie seine Schulkameraden als Pauker, als lächerliche Figuren angesehen hatte. Er durfte sich, ohne den geforderten Wissensstoff zu vernachlässigen, um keinen Preis die schwärmerischen Ideale seiner Jugend zertrümmern lassen, er mußte im Gegenteil gleich einem Rutengänger ihren Quellen nachspüren und, wo immer er die Rute ausschlagen fühlte, die Wasser freilegen, und wenn sich noch so felsiges Gestein darüber geschichtet haben mochte. Dieser Entschluß festigte, beinahe unmerklich für ihn selbst, sein Selbstgefühl so, daß er sich allmählich immer weniger von alledem, was ihm den Universitätsbetrieb anfänglich verleidet hatte, beirren ließ. Zwischen dem Brotstudium, dem er nüchtern, aber mit nie nachlassendem Fleiß nachging, und seinem Seelenklima, wie er es bei sich nannte und wofür er sich, eine förmliche Diätetik verschrieb, zog er einen klaren Trennungsstrich. Dabei legte er sich kaum Rechenschaft darüber ab, in welch entscheidender Weise er sich darin bald durch die Universität selbst, und zwar durch die Vorlesungen jenes Professors gefördert sah, der ihn in die Geschichte der Philosophie einführte. Denn Damian fuhr fort, genau so leidenschaftlich und aufrichtig in der Idee zu leben, die, nach Platon, die einzige Wirklichkeit ist, wie er es, freilich nur aus einer höchst unklaren Gefühlswelt heraus, als Primaner in seinen Wilkauer Tagen getan hatte. Die Idee allein war für ihn das Leben, ihr hatte er sich gleichsam verschworen. Erst jetzt jedoch erhielt dieses Leben in der Idee für ihn Richtung und Ziel. Es war einer der wenigen Glücksfälle, die er in seinem ganzen Leben erfahren sollte, daß ihm durch den Mund jenes Philosophen, in dem er sich einem im Wesen wie in seiner seelischen Haltung ihm gleichgearteten Manne gegenübersah, die alten Denker Heraklit, Parmenides, Demokrit, und vor allem Sokrates nicht in der damals an den deutschen Hochschulen gemeinhin üblichen, im Grunde noch ganz schulmäßigen Art rein entwicklungsmäßig dargestellt, sondern wirklich philosophierend nahegebracht wurden. Dieser Gelehrte, erfüllt von einem geradezu glühenden Feuer des Idealismus, machte Ernst mit dem Gedanken der alten platonischen Akademie, die bei dem Schüler die Anlage zur Selbsttätigkeit des Denkens voraussetzte, ihn aus den Quellen selbst schöpfen, ihren philosophischen Gehalt selbst erdenken und damit gleichsam neu entdecken ließ. Dieses Kolleg wirkte, wie übrigens alle weiteren Vorlesungen seines von ihm bald wahrhaft verehrten Lehrers, auf Damian aber auch noch durch eine andere Eigenart als ein Erlebnis, das er noch niemals erfahren hatte. Es war das Erlebnis einer zündenden Beredsamkeit, mit der jener Feuerkopf an Stelle eines gesprochenen Lehrbuches aus einer in jedem Augenblick fühlbaren Anspannung seines gesamten Wesens etwa die Gestalt eines Sokrates greifbar vor Augen führte und seinen Hörern das Wachsen lebendiger Wahrheit zum Ereignis werden ließ. Sokratischer Geist, gepaart mit Perikleischer Rednergabe, das bedeutete für Damian die Erfüllung dessen, was ihm selbst fortan als ein Hochziel männlicher Vollkommenheit vorschwebte. Aber daß eines Tages das Samenkorn, das er hier auf der Alma mater aufgeschlossenen Sinnes in sich aufnahm, aus ihm aufbrechen und ihn in einer der schwersten Stunden nicht nur seines eigenen Lebens befähigen würde, das Gesetz seiner Persönlichkeit zu erfüllen, das lag auch ihm verschlossen im Schoße der Zeit. Einstweilen richtete man im deutschen Vaterlande wie ganz besonders in Breslau die Blicke weniger in die Zukunft, von der sich die meisten Deutschen in ihrer schon fast genießerischen Lebenshaltung und geblendet vom äußeren Glanz der Monarchie ja nur eine sorgenlose und unbeschwerte Vorstellung machten, als zurück in die große Vergangenheit Preußens vor hundert Jahren, da Breslau der Ausgangspunkt für den Befreiungskrieg gegen Napoleon wurde. Die Erinnerung an diese stolze Zeit beging man in der einstigen königlichen Residenzstadt durch eine sich monatelang hinziehende Folge von Feiern und Veranstaltungen in einem Stil, dessen Großzügigkeit so imposant und dessen Eindruck so stark war, daß sich weder die Einheimischen noch die Fremden, die zu Tausenden der Jahrhundertausstellung wegen in die schlesische Hauptstadt kamen, sich dieser freudigen Atmosphäre der Gegenwart und der Entfaltung eines neuen deutschen Kunstwillens entziehen konnten. Auch Damian wurde zwangsläufig vom Strom dieser Freudenwoge mitgerissen, und sie trug ihren Teil dazu bei, ihn aus seiner anfänglichen Abseitigkeit und Abschließung gegenüber der städtischen Umwelt herauszulocken, ohne ihn dadurch etwa seiner heroischen Gedankenwelt zu entfremden, im Gegenteil. Sein Geist fand in diesem Breslauer Feierjahr auf Schritt und Tritt neue Nahrung für das idealistische Feuer seiner achtzehnjährigen Jugend, das sich an den hohen Tugenden seiner antiken Vorbilder entzündet hatte. In den großartigen Ausstellungsgebäuden und namentlich in der größten, je von Menschenhand erbauten Festhalle erblickte er, vergleichbar den durch Jahrhunderte ragenden Zeugen griechischer Architektur, den Beginn eines neuen Zeitalters deutscher Baukunst; in der Beschwörung der Gestalten des Professors Steffens, der in flammender Rede der studentischen Jugend den Sinn der großen Stunde gedeutet hatte und mit ihnen zur Meldestelle für den freiwilligen Kriegsdienst gezogen war, oder in der Gestalt des ernsten Fichte, dessen Reden an die deutsche Nation damals die Herzen aller Patrioten erbeben ließ, sah er sich auf heimatlichem Boden gleichsam dem Geist des großen Redners und Volksführers Perikles gegenüber, und eine Hoffnung, daß sein Vaterland einer Wiedergeburt gleich hoher Menschengestalten entgegengehe, schwellte ihm die Brust. Am tiefsten aber berührten ihn, als er durch die Ausstellungssäle schritt, drei schlichte, vergilbte Blätter, die dort in einem der Schaukästen auslagen. Das eine war Heinrich von Kleists Sonett an die Königin Luise, das andere sein nach einer Riesengebirgsbesteigung gedichteter Hymnus an die Sonne, beide in der Handschrift des Dichters, das dritte eine Seite aus den Reden an die deutsche Nation in Fichtes eigener Niederschrift. Seltsam beglückt betrachtete er diese Blätter, welche zwei der größten Geister ihrer Zeit mit teuersten Gedenkzeichen beschworen, ohne daß er im geringsten ahnte, in welchen Augenblicken seines künftigen Lebens ebendiese Konfessionen des Dichters wie des Philosophen noch, einmal gleich Stimmen aus der eigenen Brust in ihm widertönen sollten. Zweites Kapitel Die reichlich bemessenen Universitätsferien verbrachte Damian ausnahmslos daheim in Wilkau. Er wußte, daß seine Mutter ihn, ihren Einzigen, mit jener heftigen Ausschließlichkeit liebte, deren nur Frauen fähig sind, denen vom Schicksal mehrere Kinder versagt bleiben, und daß sie ihn, waren sie auch erst ein paar Wochen voneinander getrennt, schon nach kurzer Zeit mit schmerzhafter Sehnsucht wieder zu sich zurückwünschte. Während ihn sein Vater nie auch nur mit einer Zeile bedachte, ließ das Christel ihre mütterlichen Sorgen um ihn dafür um so häufiger in die Feder laufen. Alle diese Karten und Briefchen, die meist in den zahlreichen »Freßpaketchen« obenauf lagen, rührten ihn schon beim Anblick wegen ihrer kindlich gebliebenen Schriftzüge. Und er selbst erwiderte, vielleicht weil ihm Vaters karge Art, die seinem eigenen anschmiegsamen Wesen so wenig entsprach, eigentlich immer fremd geblieben war, diese Fürsorge und Liebe mit der Leidenschaftlichkeit eines wahrhaft Verliebten, ohne zu spüren, daß er, seit er sich mit dem Erwachen seiner Männlichkeit innerlich Sessi zugehörig fühlte, ein gut Teil seiner Gefühle für dieses Mädchen auf die Mutter übertrug. Vom Tag seines Breslauer Studentendaseins an hatte er sich angewöhnt, allwöchentlich der Mutter in einem langen Bericht alles über seinen Alltag zu schreiben, sie an allen seinen Stimmungen teilhaben zu lassen. Auch dies war ein Ventil für seine unablässig um Sessi kreisenden Gedanken; denn ihr selbst zu schreiben vertrug einmal schon die Heimlichkeit dieser zarten Bindung zwischen ihnen nicht, und dann wäre es auch Sessis Eltern wegen unmöglich gewesen, die bei ihrem Adelsdünkel jeden Verkehr ihrer Tochter mit der Familie des »manichäischen« Gerbers ja als weit unter ihrer Würde ansahen und zu unterbinden trachteten. Dennoch ahnten sie nichts von der Eigenwilligkeit Sessis, die sich unter allen möglichen Vorwänden irgendwelcher Einholgänge oder Besuche bei Freundinnen als gern gesehener Gast oftmals bei Christel im Gerberhause einfand und dort, dessen war Damian sicher, aus dem Munde seiner Mutter alles, woran ihr gelegen war, erfahren konnte. So spann sich das noch flaumenleichte Geflecht ihrer Zusammengehörigkeit in den Monaten seines Fernseins stetig fort und trug, zumal nachdem Sessi begonnen hatte, gelegentlich einige wenige Zeilen mit guten Wünschen und Grüßen von ihrer Hand den Briefen Mutters an ihn beizufügen, nicht wenig dazu bei, jene Verstimmungen unter die Füße zu bekommen, die ihn in den ersten Breslauer Monaten beinahe in seinem Entschluß zu studieren wankend gemacht hatten. In den Weihnachtsferien mußte Damian schmerzlich und doch auch wieder glücklich berührt erkennen, daß sich das sonst so sonnige, nun aber doch schon ein wenig verhärmt dreinschauende Christel, verursacht durch die in immer kürzeren Abständen auftretenden Verdüsterungen seines Vaters, der sich mehr und mehr von allen geschäftlichen Obliegenheiten zurückzog und in seine Grübeleien über kommendes Unheil verspann, ihm anders als bisher erschloß. Nicht mehr nur als eine zärtliche Mutter ihrem Jungen gegenüber, sondern wie zu einem erwachsenen Manne sprach sie nun zu Damian von allen ihren Sorgen um Vaters Gesundheit und das von ihm so vernachlässigte Geschäft. Mutter und Sohn beratschlagten oft, doch heimlich miteinander, was man wohl unternehmen könne, den Vater wieder ins Leben zurückzuführen, denn unleugbar war allein dies die Art seiner Erkrankung. Irgendeine körperliche Krankheit sah man ihm nicht an, und man konnte nicht einmal sagen, daß sein ganzes Gehaben dem eines krankhaft verwirrten Geistes glich. Denn bis auf seine Einbildung, daß es ganz und gar sinnlos sei, jetzt noch, wo bald das große »Schermesser« sein grausiges Werk beginnen würde, irgendeinen Handgriff zu tun, benahm er sich vernünftig, klar und bestimmt in seinem Wesen, wie man es nur von einem Gesunden erwarten konnte. Es waren für Damians feinfühlige und allen Mißklängen des Alltags doppelt ausgelieferte Natur furchtbare Augenblicke, von denen er sich dann weder am Tage noch in der Nacht befreien konnte, wenn es aus dem Vater, der meist wortlos mit ihnen am Tische saß, aber genau wie sie mit gesundem Hunger speiste, unvermittelt losbrach, und er halb vor sich hin, halb für Christels und Damians Ohren bestimmte, höchst beklemmende Sätze hervorstieß, die offenbar das Fazit langer Überlegungen ausdrücken sollten. Dann sagte er etwa: »Wir alle, wir Menschen alle, auch du, liebes Christel, und du, Kiekindiewelt Damian, haben allesamt nur Felle, in denen wir mit lebendigen Leibern geschweift und gegerbt werden, bis sie eines Tages von selbst von uns abfallen, und dann ist's ebenso mit uns zu Ende wie spätestens, wenn das große Schermesser über uns kommt.« Oder er sagte: »Jaja, wir heißen Maechler, mit gutem Grunde, hast du dir's schon mal überlegt, Damian? Eigentlich sollten alle Menschen so heißen, denn was sind sie denn? Armselige Maechler. Die Macher, die kann man mit der Laterne suchen, ich habe noch keinen getroffen, vielleicht gelingt es dir einmal, einen zu finden, Junge.« Und dabei schlug eine so jähe Lache aus ihm, daß Mutter und Sohn erschrocken zurückfuhren. Was der Vater mit dem ganzen Unsinn eigentlich meine, blieb dem Christel völlig unklar, indes Damian ihn gleich tiefen Weisheiten in sich aufnahm, aus denen der Vater nur einzelne Stücke herausgebrochen hatte, so daß man den Sinn nicht mehr enträtseln konnte. Ohne Zweifel sei es doch eine Verstörung im Geiste, meinte Christel nach solchen Wirrsprüchen ihres Jochen zu Damian, und ob er nicht einmal Doktor Fohl bitten wolle, daß er ins Haus käme. Dem Vater freilich müsse man eine Komödie vorspielen. Damian versprach sich nicht viel von einem derartigen Versuch, wollte aber doch nichts unterlassen, was Mutter eine Beruhigung bringen könne. So ging er auf ihren Plan ein, der darauf hinauslief, daß Damian unter Hinweis auf Mutters schlechtes Aussehen und standhafte Ablehnung, sich auch nur im geringsten krank zu fühlen, beim Vater die Erlaubnis erwirke, den Arzt um seinen Besuch zu bitten. Wenn Doktor Fohl erst im Hause wäre, würde sich Mutter auch nicht mehr sträuben, sich einmal von ihm untersuchen zu lassen. So sollte er es dem Vater beibringen. Das Manöver gelang, ohne daß Jochen irgendeinen Verdacht hegte, denn was seine Christel betraf, so war der Meister, wenn es ihm auch nicht lag, sich von selbst darum zu kümmern, ob und wann es einmal notwendig war, ärztlichen Rat einzuholen, von jeher voller Fürsorge, und darin hatte sich auch im Lauf ihrer Ehe nichts geändert. Doktor Fohl kam, untersuchte Christel, und nicht einmal nur zum Schein, und verordnete ihr abwechslungsreichere Kost und mehr Aufenthalt in frischer Luft nebst einem Tee zur allgemeinen Kräftigung, so daß Damian hinterher richtig bedrückt darüber war, wie wenig Gedanken er sich über Mutters Blässe und Müdigkeit gemacht hatte. Christel schilderte Doktor Fohl, während sie mit ihm allein in der Schlafstube war, ihre Sorgen um Jochen und sein merkwürdiges Gebaren und bat ihn, doch nachher, wenn sie zusammen am Kaffeetisch sitzen würden, den Meister unauffällig zu beobachten. Vielleicht wisse er dann doch einen Rat, wie man den verbohrten Mann dazu bringen könne, sich wieder ein bißchen in der Werkstatt zu tun zu machen, denn sein ganzes Grillenfangen käme bestimmt nur vom Müßiggang, in den er verfallen sei, seit er so unüberlegt die Gesellen entlassen habe. Der Arzt versprach, sein möglichstes zu tun, doch könne er natürlich für den Erfolg nicht einstehen. Nun war der bärbeißige Doktor Fohl an sich eigentlich denkbar ungeeignet, den Meister seinen Bedrückungen und Ahnungen kommenden Unheils zu entreißen, denn er gehörte zu jenen wenigen, die, wenn auch aus einer rein politischen Betrachtung der Weltlage, in zunehmender Besorgnis um die Erhaltung des europäischen Friedens bangten. Aber er verfügte über einen so gesunden Wirklichkeitssinn, daß er bald die Stelle erkannte, an der er bei Meister Jochen einhaken mußte, um einen gewissen Erfolg zu erzielen. Sehr zur Verwunderung Christels und Damians ließ sich der Meister diesmal, als Doktor Fohl nach einer Weile das Gespräch auf die Wolken am politischen Horizont brachte, dazu herbei, ihm nicht nur aufmerksam zuzuhören, sondern auch selbst einige ungewöhnlich klingende, aber bestimmt vorgebrachte Ansichten über seine ganze Lebenseinstellung zu äußern. Doch richtig hellhörig und nachdenklich wurde Jochen erst, als Fohl ihm vor Augen führte, daß er es ganz und gar nicht verstehen könne, wie ein so umsichtiger und vorausschauender Mann wie Meister Jochen seinen Betrieb so einfach zumache, ohne zu bedenken, daß man gerade für Kriegszeiten nichts Besseres tun könne, als irgend etwas, was immer Kapitalwert behalte, aufzustapeln, selbst auf die Gefahr hin, damit nicht sofort etwas anfangen zu können. An des Meisters Stelle würde er sich Leder auf Leder in Vorrat gerben und hinlegen, und wenn er sich noch einen Schuppen anbauen müßte. Auf Jochen machten diese Überlegungen Fohls jedoch scheinbar nur insoweit Eindruck, als er ihm zugab: »Sie mögen recht haben, Herr Doktor.« Die weiteren Einreden des Arztes indes ließ er, ohne noch einmal darauf einzugehen, wie Wasser an sich ablaufen. Doktor Fohls Besuch trug dennoch, wider Erwarten Damians, seine Früchte, noch ehe er bei Ferienschluß wieder nach Breslau zurückfuhr. Denn der Vater nahm eines Tages seine Arbeit bei den Lohtonnen und in der Lederausschnittstube wieder auf, ohne Christel gegenüber mehr Worte zu verlieren, als daß er nicht daran denke, etwa wieder einen oder zwei Gesellen einzustellen; aber wenn sie alle, wie er wohl gemerkt habe, glaubten, er sei schon ein bresthafter alter Mann, der nicht mehr arbeiten könne, so wolle er es ihnen schon noch zeigen. Nötig habe er es zwar nicht, davon verstünden sie allesamt nichts, aber er könne ihnen ja den Gefallen tun, und schaden könne es auch auf keinen Fall. Damit war das Ganze für ihn abgetan, und Christel wie Damian glaubten, nun sei er über den Berg, und auch die Verdunkelungen seines Gemüts würden sich bald gänzlich verlieren. Drittes Kapitel In Damian hinterließen die häuslichen Geschehnisse jener Ferienwochen eine sonderbare Beladenheit, für die er sich selbst zunächst keine Begründung wußte, um so weniger, als der Vater doch offensichtlich wieder in die gewohnten Lebensgleise zurückgefunden hatte. Es war auch nicht etwa Sorge um das gesundheitliche Befinden des Vaters oder um das seiner wieder lebenszuversichtlichen und schon viel wohler aussehenden Mutter, die Damians Gemüt, längst nachdem er in Breslau im Bann seiner Bücher lebte, noch immer belastete; auch nicht einmal der Gedanke an eine neuerliche Bedrohung ihrer Existenzgrundlage, falls den Vater jene krankhafte Lebensabseitigkeit noch ein zweites Mal, und dann vielleicht endgültig, packen sollte. Eine solche Überlegung anzustellen, hätte auch seinem Wesen gar nicht entsprochen, denn Damian war einer jener glücklichen, man könnte auch sagen seelenhaften Naturen, für die es irgendwelche Probleme der eigenen Lebenssicherheit, nicht aus Leichtfertigkeit, sondern weil sie über ihnen stehen, überhaupt nicht gibt. Hierin schlug Damian ebenso gründlich aus der Art seiner Väter, wie in seiner Abneigung, für seine Person ihr ehrbares Handwerk fortzusetzen. Seine Bedrückungen rührten vielmehr aus dem Stoß, den seine jugendlich schwärmerische Daseins- und Menschheitsauffassung durch die hintergründigen Reden des Vaters empfangen hatte. Die Lebensmaximen seines Vaters stellten, worüber sich Damian klar war, gleicherweise den notwendigen Ausfluß seines Wesens wie eine natürliche Folge jener Erfahrung dar, die Jochen für sich selbst aus dem Alterszustand seines Vaters Nathanael zog, der sich in seinem rastlos tätigen Dasein für das Glück der Mitmenschen scheinbar nutzlos aufgerieben hatte. Aber diese Lebensmaximen widersprachen alledem, was Damian gefühlsmäßig als das hohe Ziel seines Zukunftsstrebens in sich trug. Je länger Damian den zerbrochenen Weisheitssprüchen des Vaters in seiner Breslauer Stube nachgrübelte, desto mehr fühlte er sich von ihnen wie gelähmt und in seinen idealistischen Grundsätzen gefährdet. War es ihm einmal tagelang gelungen, sie aus seinem Bewußtsein zu verdrängen, so überfielen sie ihn unvermutet mit desto quälenderer Gewalt gerade dann, wenn er etwa durch ein paar schmerzverhaltene Zeilen von Sessis Hand an das Schicksal ihres Vaters erinnert wurde, das ihr das Leben im Elternhaus angesichts der Zerrüttung der Ehe ihrer Eltern zuzeiten fast zur Qual machte; oder dann, wenn er, wie sooft, sich wieder einmal vom Geiste seines Großvaters Nathanael angeweht und doch zugleich verwirrt durch den Gedanken fühlte, daß sich dieser hochfliegende Geist an den Gitterstäben aus Menschenhand hatte zu Tode flattern müssen. In solchen Augenblicken hörte Damian ebenfalls den Vater, wie er mit seiner bohrenden Stimme der Mutter und ihm eine seiner Lebenserkenntnisse vorhielt, die er besonders gern im Munde führte: »Was geht mich der Weg zwischen Hamburg und Berlin an, wenn ich von Wilkau nach Rehberg zu wandern habe? Und leuchtet die Lampe auf dem Tisch heller, wenn ich das Licht des Sirius erforsche?«, und er ärgerte sich, daß der Vater ihm damit Großvaters Lebensfiasko mit einigem Recht als Warnung hinstellen konnte. Was aber das gescheiterte Lebensschiff des hochbeanlagten Generalstabshauptmanns Baron von Korff, Sessis Vater, anging, so empfand Damian, bei aller kritischen Einstellung zu dessen Haltlosigkeit gegenüber dem über ihn hereingebrochenen Unglück, das schwere Unrecht, das diesem glänzenden Geist vom Leben zugefügt worden war, nicht minder tief als jenes, das einst seinem Großvater im Alter beschieden war. Ja, auch hier mußte er sein Herz und seinen Verstand hüten, nicht dem Vater in dem Mißtrauen zu folgen, das sich in diesem gegen den Bestand aller Menscheneinrichtungen gebildet hatte, und das er dem Sohn als Leitfaden fürs Leben bei jeder möglichen Gelegenheit vor Augen hielt. Soweit Meister Jochens Lebensansichten auf Ehrenhaftigkeit, Fleiß und Pflichterfüllung hinausliefen, trug Damian sie im Blut; soweit sie jedoch in jene tiefe Lebensmelancholie mündeten, die den Vater zu der Behauptung verführte, daß es geradezu gefährlich für ein glückhaft gesichertes Leben sei, wenn der Mensch mehr Geist besitze oder auch zu besitzen trachte, als zur Erfüllung seiner einfachen beruflichen oder bürgerlichen Pflichten notwendig sei – was natürlich eine Sentenz war, die sowohl auf Baron Korff wie auf Damian selbst und sein unverhohlenes Bildungsstreben abzielte –, so lehnte Damian sich innerlich entschieden gegen sie auf. Und darin konnte ihn auch weder das Schicksal des Großvaters noch das des Barons Korff wankend machen, mochte er an ihnen den Wahrheitsgehalt der Lebensansichten seines Vaters auch noch so oft messen und prüfen. Damian sah wohl ein, daß er bei dieser Aufgabe einer Gleichung mit viel zu vielen Unbekannten gegenüberstand, als daß er sie auf seiner augenblicklichen Lebensstufe lösen könne. Daß er sich in seinem idealistischen Streben schließlich doch nicht beirren ließ, war freilich nur zum geringsten Teil das Ergebnis seines eigenen Widerstandes. Dazu verhalf ihm vor allem derjenige Teil seines Wesens, der Sessi gehörte. Erst jetzt in Breslau ermaß Damian ganz und genoß es in tiefen Zügen, was Sessi ihm in jenen für ihn so beschwerten Ferienwochen durch ihre Aufgeschlossenheit und Anteilnahme an seiner seelischen Bedrängnis geholfen und in ihm zurechtgerückt hatte. Auf eine echt damiansche Weise verwandelte sich ihm eines Abends die ganze Weit, als er, schon ein wenig überdreht von der geistigen Mühle des Tages, in dessen Verlauf er durch gut ein halbes Dutzend verschiedener Lernstoffe getrieben worden war, vor dem Schlafengehen rasch noch, wie es seit Jahren seine Gewohnheit war, das Datum des beendeten Tages von seinem Wandkalender riß, um das kleine Gedicht auf der Rückseite zu lesen. Wie oft hatte er auf diese Weise nicht schon seinen Tag mit einem Fund beschlossen, der ihn so beglückte, daß er, der Verse leicht behielt, von ihnen gleichsam zu sich selbst zurückgeführt, sie mit in seinen Schlaf hinübernahm. An diesem Abend entdeckte er auf dem Kalenderblatt die Verse: »Wünsche sich mit Wünschen schlagen, Und die Gier wird nie gestillt. Wer ist in dem wüsten Jagen Da der Jäger, wer das Wild? Selig, wer es fromm mag wagen, Durch das Treiben dumpf und wild In der festen Brust zu tragen Heil'ger Schönheit hohes Bild.« Sie trafen ihn mitten in sein Herz und lenkten seine Gedanken bald mit beinahe magischer Gewalt dem Bilde Sessis zu, das ihm im Geschirr des Tagespensums wieder einmal fast entglitten war. So übermächtig ergriff es Damian, daß jenes süße Lied aus seinen Kindertagen, das Sessilied, in ihm aufzuklingen begann, das sich ihm auf unbegreifliche Weise einst wie in einem wachen Traum zu Worten gefügt hatte, darin er mit tiefem Erschrecken erkannte, daß sie in Form gereimter Verse aus seinem Munde kamen. Und wie dieses herzensgeheime Sessilied jetzt in ihm aufblühte, sprach er es abermals inbrünstig und andachtsvoll versunken wie ein Gebet, schon auf sein Lager hingestreckt, vor sich hin in die Stille der Nacht: »Versunken ist die dunkle Nacht, Und was von fernher glüht und blüht, Das ist die sel'ge Zaubermacht, Die himmlisch leitet mein Gemüt.« Da geschah ihm, an der Schwelle des Schlafes, daß er von den Bildern seines Inneren zurückgeführt wurde in die hohen Stunden jener Begegnung mit Sessi am zweiten Weihnachtsfeiertage in den Ferien, da sie gemeinsam in den klaren Wintertag an den Teichen vorüber nach Grandorf hinausgewandert waren. Leibhaft sah Damian Sessi hoch und schlank neben sich schreiten, nein, wie in einem schwebenden Fliegen, das Vögel selig macht, die in erdentrückte Höhen gestiegen sind und in ihrem Flug ihre Daseinsseligkeit kosten. Sie trafen unterwegs nur wenige Menschen, meist einfache Leute aus dem Volke, aber Damian wunderte sich nicht darüber, daß sie betroffen stehenblieben. Er wußte, daß jedermann in Wilkau, der Sessi das erstemal begegnete, das gleiche widerfuhr, und auch, daß man ihr wie einem Rätsel nachstarrte, auch wenn sie schon lange vorüber war, um schließlich wie über etwas Unbegreifliches unter beglücktem Lächeln den Kopf schüttelnd den Weg fortzusetzen. Jetzt hörte er sich zu Sessi sprechen, die ihn mit keinem Wort unterbrach, bis er sich alles, was ihn bedrängte, vom Herzen geredet hatte, und ihm nur von Zeit zu Zeit das Gesicht zuwandte, aus dem ihm ihre dunklen großen Augen entgegenblickten. Darin glänzte es von einer stillen schwärmerischen Lebendigkeit, zugleich aber lag eine melancholische, etwas skeptische Tiefe in ihnen, wie sie sonst nur weit älteren Menschen eigen ist, die durch eine nie wiedergutzumachende Enttäuschung gegangen, wovon sie zwar schwermütig, aber weise geworden sind. Als Damian endlich schwieg, nahm Sessi nur seine Hand und drückte sie ihm stumm, als wolle sie ihm sagen, wie gut sie ihn verstanden habe. Mit keinem Wort jedoch ging sie, wie Damian es erwartete, auf seines Vaters Lebenszerstörung oder auf die Selbstvorstellungen ein, mit denen sich Damian unter dem Eindruck der väterlichen Lebensansichten im Kampf mit seinen eigenen Idealen am lichten Tag herumschlug wie mit Nachtmahren. Statt dessen vergalt sie den Ausbruch der Gefühle ihres Freundes, während sie Hand in Hand weiterschritten, mit einer Damian gegenüber noch niemals bezeigten Offenheit über die triste, wenn nicht gar tragische Welt, in der sie seit ihrer Kindheit wie gefangen lebte und aufwuchs, ohne daß es abzusehen war, wie sie sich jemals aus ihr würde befreien können. Hätte sie sich nicht mit den Jahren immer bewußter eine innere Welt als Insel aufgebaut, an die das Unglück ihres Vaters und das Leid ihrer Mutter nur wie die Brandung des Meeres ans felsige Ufer emporlecken und nagen konnte, sie wäre schon hundertmal davongelaufen. Freilich, das müsse sie zugeben, ohne ihre Mutter Leonie wäre es ihr wohl kaum gelungen, sich auf diese Insel zu retten. Denn sie sei es gewesen, die es wenigstens versucht habe, ihr einen Weg zu weisen, um festen Boden unter die Füße zu bekommen. Leider sei es allerdings der Mutter selbst nicht aufgegangen, daß der Weg, den sie ihr zeigte, nur erst ein Umweg war, oder aber, sie wollte und konnte den einzig wahren Weg nicht einschlagen, weil sie schon nicht mehr jung genug war, mit alten Traditionen und Vorurteilen zu brechen. Wahrscheinlich sei das auch nur ganz jungen Menschen möglich. Sessi zögerte eine Weile, ehe sie weitersprach: »Weißt du, lieber Damian, was Mutter mich zu lehren versuchte? Nur, wer adelig, selbstverständlich adlig von Geburt sei, könne sich über die Widrigkeiten und die Niedrigkeiten des Lebens erheben und es meistern. Ich aber habe, seit ich auf dem Rehberger Lyzeum Goethes ›Iphigenie‹ und dann zu Hause alle seine Gedichte gelesen habe, nur das Göttliche im Menschen, wie es Goethe verstanden und gelehrt hat, zu meiner Insel erkoren; jenes Göttliche, das erst den edlen Menschen ausmacht, ob er nun adlig ist von Geburt oder nicht. Den unbekannten höheren Wesen, die wir ahnen, können wir selbst nahekommen und ihnen gleichen, wir dürfen uns nur durch nichts, aber auch gar nichts von dem rechten Wege abbringen lassen und in keinem Augenblick die hohe sittliche Forderung vergessen: »Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!« Sessi redete das alles und noch manches der Art scheinbar mehr zu sich selbst als zu Damian, so als wenn sie sich selbst an ihren Worten ins Hohe und Lichte emporschwinge. Auf Damian aber wirkte dieser Gefühlsausbruch Sessis, als löse sich währenddessen der Krampf seines eigenen Inneren. Seine Augen begannen zu leuchten, und ergriffen von der Verschwisterung ihrer Seelen in dem gleichen höchsten Ziele ihres Erdendaseins fand er auf dem Heimweg den Mut, Sessi, die es in schwacher Abwehr geschehen ließ, zu umarmen und ihren verschwiegenen Bund mit einem Kuß auf ihre Lippen zu besiegeln. Das Letzte, was Damian an diesem Abend schon mit geschlossenen Augen und doch noch wachen Sinnen von sich selbst und der Welt empfand, ehe ihn der Schlaf umfing, war der unsagbare Wohlgeschmack dieser Mädchenlippen, kühl und rein wie frischer Schnee und köstlich herb und süß wie eine Bitterkirsche. Viertes Kapitel Als sich Meister Jochen, wenn auch ganz gegen seine innersten Wünsche, nach Damians Abitur erst einmal mit dessen Berufswahl abgefunden hatte, stand es für ihn außer Frage, daß sein Sohn in den Stand gesetzt werden mußte, seinem Studium unbelastet von allen Geldsorgen nachgehen zu können. Er setzte ihm einen monatlichen Wechsel aus, der nach seiner gewissenhaften Berechnung Damian zwar nicht dazu verführen konnte, über die Stränge zu schlagen, es ihm aber dennoch erlaubt hätte, so flott wie ein Korpsstudent aufzutreten. Nicht, daß er dergleichen Wünsche bei Damian vermutete oder gar fördern wollte. Denn wenn es im Gebälk des deutschen Staatswesens bereits gefährlich knisterte, so rührte das, wovon Jochen überzeugt war, davon her, daß nicht mehr nur ehrliche, fleißige, nüchterne und vor allem uneigennützige Hände am großen und hohen Bau des Reiches arbeiteten. Es hatten sich vielmehr Holzwürmer eingeschlichen, die, nur bedacht auf Privilegien und gegenseitiges Zuschustern von einträglichen Posten und Pöstchen, eifrig daran nagten und bohrten und wie Pech und Schwefel in gegenseitigem Standesdünkel zusammenhielten, ein Unwesen, das Gott sei Dank im Handwerkerstand noch keinen Nährboden gefunden hatte. Als Damian während der ersten Semesterferien daheim verlauten ließ, daß er das Getreibe der Füchse und Leibfüchse, Renommisten und Haudegen, das ihn anwidere, nicht mitzumachen gewillt sei, äußerte sich Meister Jochen zum ersten Male seit langer Zeit in ein paar anerkennenden Worten über Damian. Blut sei eben dicker als Wasser, und die Pupille, aus der Damian in die Welt sähe, vielleicht weniger von der seiner Väter verschieden, als er selbst ahne. Wenn Jochen auch nicht davon sprach, was ihn im Grunde dazu bewog, Damian mit einem so reichlichen Wechsel auszustatten, so war er doch mit sich selbst ernstlich darüber zu Rate gegangen. ›Ein Maechler ist halt kein Neefe‹, grübelte er oben in der sorgfältig verschlossenen Mutterkammer, während er aus den goldstückgefüllten Strümpfen jene Summe zusammenzählte und beiseite legte, die Damian nach seinen geheimen Erkundigungen beim Direktor des Rehberger Gymnasiums für vier Studienjahre benötigen würde. Neefe, der Grubeninspektor a. D., dieser scheinheilige Wichtigtuer, hatte es doch wahrhaftig aus purer, galliger Eifersucht fertiggebracht, seinen Sprößling Reinhard, den sich Damian unverständlicherweise zum einzigen Freunde erwählt hatte, nicht nur durchs ganze Gymnasium zu hetzen, bis er, wenn auch arg gerupft, zugleich mit Damian durchs Examen gekommen war, sondern ihn nun auch noch dank gräflicher Unterstützung, in Breslau »auf geistlich« studieren zu lassen. Er kostete dem Vater keinen Pfennig. ›Na schön‹, meditierte Jochen weiter, ›soll der junge Reinhard in Gottes Namen Theologie studieren, vielleicht schlägt es ihm zum Guten aus. Eine patente Mutter hat er ja, die Agnete. Aber mit dem, was ihm der Großvater, der Schlosser, und der Vater, der Inspektor, als Gepäck mit in die Wiege gelegt haben, wird er sich böse herumschlagen müssen.‹ Nur um des lieben Friedens und der gütigen Agnete willen, an der auch Christel hing, hatte es Jochen, der von seinem Wesen her nichts so sehr wie Streit und Händel haßte, in der großen wie in der kleinen Welt, unterlassen, diesem Widersacher seines Hauses, dessen ölig anschmeißerisches Wesen ihm widerwärtig war, Wilkau endgültig zu verleiden. Im Schutze seiner erschlichenen Ehrenämtchen beging er, wofür Jochen seit langem Beweise genug hatte, fortdauernd finanzielle Unterschlagungen, durch die allein es ihm gelang, seinen Haushalt aufrechtzuerhalten. Zwar hatte Agnetes verstorbener geistlicher Onkel ihr auf Lebenszeit die Nutznießung seines nicht unbeträchtlichen Vermögens vermacht, aber die umsichtige Agnete war damit, wie sie Christel einmal erzählte, eine Versicherung für Reinhard eingegangen, die erst ausbezahlt werden würde, wenn er volljährig war. Von seiner Überzeugung, daß es besser um alle Menschen stehen würde, kehrte ein jeder nur vor seiner eigenen Tür, wollte Meister Jochen jedoch auch in diesem Falle nicht abgehen. Und hatte nicht jene unbeirrbare Sachwalterin des Gerichts, deren schleierlosen Augen nichts verborgen bleibt, schon einmal, kurz vor Damians und Reinhards Geburt, zugeschlagen und den Inspektor aufs Siechenbett geworfen, von dem er sich nur als ein für immer Gezeichneter erheben konnte? ›Nein, nein, wir Menschen haben es nicht nötig, ja es wäre vermessen von uns, dem Rollen der Schicksalsräder vorzugreifen‹, beendete Jochen sein Sinnieren über diesen Mann, den er doch schon längst endgültig aus dem Lebenskreis seiner Familie gestrichen hatte. Nun konnte er nur noch hoffen, daß die Macht des schicksalshaften Blutstromes, der den Inspektor von den Ahnen her in sein Leben gespült hatte, auch von dessen Sohne Reinhard her keinen Fug mehr über Damian haben würde. Was Damian anging, so hatte er von seinem einzigen Schulfreunde Reinhard seit jenem mißtönigen Erlebnis mit ihm auf der Gansertbrücke beim Heimgang von der Rehberger Abschiedskneipe nichts mehr gehört, geschweige denn gesehen. Er wußte nur, daß er ins bischöfliche Konvikt aufgenommen worden war, und Damian hielt es für unter seiner Würde, den ersten Schritt zu tun und etwa dort nach ihm zu fragen. Dennoch hätte er gewünscht, mit Reinhard wieder ins reine zu kommen, und war auch entschlossen, ihm bei einer zufälligen Begegnung herzlich entgegenzukommen. Allein Reinhard schien das von ihm verschuldete Zerwürfnis mit Damian aufrechterhalten zu wollen oder sich dessen vielleicht zu schämen. Wie dem auch sein mochte, er entzog sich Damian offensichtlich. Denn als ihn dieser ein paarmal in der schwarzen Tracht der Alumnen in den Straßen der Stadt von ferne sah und seine Schritte beschleunigte, zu ihm zu gelangen, verschwand Reinhard flüchtend um die Ecke. Dieses Verhalten seines einstigen Freundes traf Damian jedesmal wie ein Stoß vor die Brust, bis ihm eines Tages Bertel Mielke aus Gersdorf, der Zwillingsbruder jenes Wenzel, der vergeblich versucht hatte, Damian für seine Verbindung zu keilen, über den Weg lief, als Damian, von der Universitätsbibliothek herkommend, über die Dominsel heimwärts ging. Auch Bertel war als Stipendiat ins Konvikt gekommen, denn für das Studium beider Söhne hätte ihre verwitwete Mutter nicht aufkommen können. Damian ließ sich von Bertel möglichst viel vom Leben der Alumnen erzählen, um ihn auf diese Weise unauffällig über Reinhard ausholen zu können, mit dem Bertel als Schlafgenosse zusammenhauste. Reinhard mußte sich offenbar charakterlich völlig gewandelt haben, da seine geradezu heiligmäßige Abtötung und Frömmigkeit sogar im Alumnat allgemein auffiel. Und wenn er auf dem Gymnasium immer nur mit Ach und Krach das Klassenziel erreicht hatte, so bekundete er jetzt einen so bienenemsigen Fleiß, daß er wegen seines Wissens nicht nur ohne Widerspruch unter seinen Mitzöglingen, sondern auch seitens der Konviktleitung bereits als der Begabteste, ja als Zierde des ganzen Alumnats angesehen wurde. Jetzt erst ging Damian eine Ahnung dessen auf, was Reinhard bewogen haben mochte, sich seinem Freunde so hartnäckig zu entziehen, wenn er ihn auch keineswegs völlig begriff. Denn er hatte von Jugend auf niemals verstanden, wie jemand Gefallen daran finden konnte, sein Leben ausschließlich jenseitigen Sehnsüchten zu weihen, wie es die katholische Kirche von ihren Dienern verlangt. Aber Reinhards radikale Entschlossenheit zu einem asketischen und ganz verinnerlichten Leben, das jeden Einfluß von außen als Störung empfindet, zumal wenn durch ihn unliebsame Erinnerungen an den eigenen minderen Lebenszustand von einst heraufbeschworen werden, nötigte ihm nun doch eine Achtung ab, die ihn wieder mit Reinhards erst so befremdlichen Verhalten ihm gegenüber versöhnte. Fünftes Kapitel Damian saß im Zuge von Wilkau nach Breslau, er fuhr in sein drittes Semester. Es war gegen Ende April, und auf den Bergen, die ihn beim Hinausschauen noch bis Rehberg mit ihrem so vertrauten Bild des schöngeschwungenen Kammes begleiteten, hatte die um diese Jahreszeit sonst noch kraftlose Frühlingssonne den Schnee schon so weit weggefressen, daß selbst »Rübezahls Hosen« bereits reichlich schmutzig und traurig ausgefranst von den Schneegruben herunterhingen. In wolkenloser Bläue spannte sich der Himmel, und das goldene Himmelslicht tauchte die vorüberhuschenden Wiesen und Äcker im Rehberger Tal in ein so sonnenseliges Glänzen, daß Damian vor ihm zeitweise wie geblendet die Augen schließen mußte. Doch dieser Glanz da draußen auf den Fluren drang nicht etwa wärmend in sein Herz, daß es ihn beglückt widerspiegelte; er brachte ihm vielmehr schmerzlich zum Bewußtsein, daß er hier im Zuge gleich einem Gefangenen saß, der sich durchs Guckloch seines Wagens nur solange am Anblick der schönen freien Welt erfreuen dürfe, bis er ihn hinter die hohen Mauern entführt hätte, die ihn wieder für Monate von alledem ausschließen würden, was für sein Gefühl zu einem wirklich lebenswerten Leben gehörte: vom Miterleben der Natur im Jahresablauf und nun zumal von ihrem zauberhaften Frühlingsweben mit jungem Birkengrün und jubelndem Lerchengesang, mit zartem Blütenduft und frohem Bachgemurmel, kurz: von der Glückhaftigkeit eines im wörtlichen Sinne natürlichen Daseins, das gleichsam in sich selber ruht und sich nicht wie der Mensch täglich von neuem in ein uferloses Treiben stürzt, von dem die Seele nur die Erschütterungen spürt, wie eben jetzt sein Gehirn das Rollen der Räder registrierte und empfand, ohne doch selbst diese Rotation hervorzurufen. Mit geschlossenen Augen spann Damian an diesem Bilde weiter. Oder sind, wir Menschen vielleicht dauernd mit unserem ganzen Wesen, auch mit der Seele, in Unruhe? Tragen wir ein Uhrwerk in uns, das aufgezogen wurde bei unserer Geburt, dessen Räderwerk wir nun nach der uns zugemessenen Triebkraft in Gang halten müssen, ob wir wollen oder nicht, bis eben eines Tages seine Kraft ausgeschöpft ist und die Räder immer langsamer rollen, bis sie endlich stille stehen? Das konnte nicht sein, wenn anders der Mensch ein göttliches Wesen hatte, worüber Damian sich nicht eine Sekunde im Zweifel war. Denn wie Gott in sich ruht, so ruht auch die Seele in sich. Aber wie war es denn mit dem Leben? War es so, wie sein Vater glaubte, daß erst der schweifende Geist den Menschen dazu verführt, sich in Lebensaufgaben und damit in Lebensnöte zu stürzen, die er sich ersparen könnte, bliebe er nur in seinem engsten, am besten dem ihm von Geburt aus zubestimmten Gleise? Und daß ein jeder in den Lohtonnen geschweift und dann gegerbt werde, ohne selbst etwas dazutun oder von sich fernhalten zu können? Nein, diese Lebensansicht war zu verwerfen, denn sie ließe dem Menschen ja nicht einmal mehr das Recht, höheren Zielen zuzustreben, als er sie sozusagen innerhalb seiner vier Wände, ganz für sich, hegen konnte. Und doch, grübelte Damian weiter, ist das Leben mit einem Rad zu vergleichen, das, einmal in Schwung versetzt, solange rollt, bis es sich ausgeschwungen hat. Auch darüber hatte der Vater erst jetzt in den Ferien etwas Merkwürdiges ausgesprochen, allerdings, wie Damian sich erinnerte, nicht in Form einer seiner üblichen spontanen Lebensmaximen, sondern als eine beinahe heftige Folgerung aus einer Geschichte, die seine Mutter Christel bei Tisch erzählte. Sie hatte irgendwo in dem kleinen Badestädtchen durch einen jener Wilkauer, denen es geradezu im Blute lag, bemerkenswert gesammelt und überlegt selbst über Nichtigkeiten des täglichen Lebens zu parlieren, einen freilich ungewöhnlichen Vorfall erfahren. Ein sehr beanlagter Ingenieur, der Sohn einer Wilkauer Familie, der auf einer Eisenhütte im Waldenburgischen einen leitenden Posten innehatte, war dort der Trunksucht verfallen und hatte eines Tages im Delirium einen Bankdirektor, mit dem er in irgendwelche Streitigkeiten verwickelt war, nach einer gemeinsamen Zecherei erschlagen, um schließlich selbst in einer Irrenanstalt zu enden. Meister Jochen, der Näheres von jener Familie und ihrem unglücklichen Sohne wußte, griff Christels Erzählung sofort mit einer ungewöhnlichen Lebhaftigkeit auf und behauptete, daß man hier einmal deutlich sähe, wohin es führen könne, wenn jemand seinen Geist nicht zu zügeln verstehe. Dieser Ingenieur habe über seine Räder und Maschinen hinaus denken wollen und dabei die seinem Leben gezogenen Kreise überschritten. Ob er wirklich geistesgestört war, sei eine andere Frage. Man erzähle sich nämlich, daß er in der Anstalt beständig von einem Schwungrad und einer Achse phantasiere. Das Schwungrad sei das Leben, das nichts von sich weiß, weder wenn es läuft, noch wenn es stillsteht: die Achse dieses Schwungrades sei der Mensch, und um diese Achse drehen sich die Speichen des Lebens wie wahnsinnig, die Achse selbst jedoch, also die Seele, täte nicht mit, niemals, denn: diese Achse gehe durch das Herz Gottes. Das sei, fuhr der Vater anerkennend fort, gar nicht einmal falsch, im Gegenteil sehr gescheit. Wenn dieser Ingenieur sich damit begnügt hätte, sich selbst bis in die Tiefe seines Inneren zu blicken, also nur den eigenen Schwächen und Fehlern außerhalb seiner ruhenden Seele zuzuschauen, wäre alles in Ordnung gewesen. Aber daß er sich vermessen habe, auch anderen Menschen ihre Laster, wie diesem Bankdirektor seine Jämmerlichkeit – denn der sei ein Halsabschneider gewesen – vorzuhalten, die dieser gar nicht zu sehen imstande war, das sei ihm zum Verhängnis geworden. Der Bankmensch habe sich schließlich vor Wut auf den Ingenieur gestürzt und dieser den Rasenden in der Notwehr getötet. Irgend etwas bei dieser Rechnung des Vaters stimmt nicht, bohrte Damian weiter an der Geschichte herum, kam aber nicht dahinter, was es sein könnte. Die tiefsinnigen Vorstellungen des Ingenieurs ließen ihn indes nicht aus dem Bann. Die Achse, also die Seele, geht durch das Herz Gottes, darüber gibt's nichts zu reden. Aber geht sie nicht auch durch unser eigenes Herz? Was folgt daraus? Langsam voran, nach sokratischer Methode. Unser Herz gleicht einer Uhr; selbst ihr gleichmäßiger, ruhiger Gang stammt von der Unruhe, und wie die Uhr kann auch des Menschen Herz diese Unruhe höchstens besiegen, aber nie überwinden. Demnach trügen wir in unserem tiefsten Inneren eine Unruhe von Ewigkeit her. Ist dem aber so, dann hebt sich ja der Satz von der unbewegten Achse oder der göttlichen Ruhe der Seele in sich selbst auf. Auch das kann nicht gut sein, setzte Damian zähe sein Sinnieren fort, denn wie stünde es dann um die Ewigkeitsruhe des Göttlichen, der Seele? Also bleibt als letzte Folgerung: das Tiefste in uns, die Seele, ruht im Wesenlosen. Aus dieser göttlichen Unräumlichkeit der ruhenden Seele steigen der Menschen höchste Träume und Offenbarungen, Religionen, Musik, Erfindungen. Bis in das Menschenherz und in den Menschengeist, diese wesenhaften Gebilde, aber reicht jene schöpfungsträchtige Stille nur so, wie etwa der Widerschein des schon über den Horizont gewanderten, aber dennoch im All genau so mächtig wie zuvor strahlenden Sonnenballs noch die Wolken ins Abendrot verzaubert, das sie durchleuchtet und zu schimmernden Gebilden werden läßt. Als Damian in seinem Sinnieren um die geheimnisvollen Zusammenhänge des Lebens, in die er aus einem unbestimmten Wogen seines Inneren in die Sphäre rein geistiger Denkbilder vorzustoßen sich bemühte, an diesem Punkt seiner Folgerungen angelangt war, fühlte er sich auf eine unaussprechliche Weise wie erleichtert und erhoben. Er konnte nun wieder die Augen aufschlagen und unbelastet vom frühlingsseligen Glanz rings um sich in die vorüberfliehende Landschaft schauen. Ja, bald überkam ihn eine Art Schwerelosigkeit, daß er vermeinte, auf vogelleichten Schwingen dahingetragen zu werden. Wohlig überließ er sich diesem Schwebezustand seines Inneren und hatte gerade, um ihn noch tiefer auszukosten, seine Füße auf den gegenüberliegenden Sitz seines sonst unbesetzten Abteils gelegt, als ihn ein schriller Pfeifenton der Lokomotive unvermutet aus seinem schwebenden Ruhen auffahren ließ, und schon brach Nacht über ihn herein. Der Zug fuhr in den Tunnel zwischen Dittersbach und Fellhammer ein, der sich dazumal noch über jene Strecke wölbte. Einem mitten aus der höchsten Daseinslust des Fluges zu Tode getroffenen Vogel gleich, der zur Erde fällt, empfand Damian, daß er hilflos und pfeilschnell einem dunklen Schlund entgegenstürzte. Ein dumpfes Brausen empfing ihn dort, aus dem ein klopfender Rhythmus aufstieg, der, vom Pulsschlag seines Herzens aufgenommen, sich alsbald zu einer gleichsam stählern dröhnenden Folge von Tönen formte, um schließlich zu einem Chor von Männerstimmen anzuschwellen, die im Gleichtakt sangen: »Der Gott – der Eisen – wachsen ließ – der wollte – keine Knechte.« So war dieses Lied von der Riesenorgel in der Jahrhunderthalle mächtig erklungen und von den Chören der Freiheitskämpfer leidenschaftlich aufgenommen worden, als Damian im vorigen Sommer das Festspiel für 1813 an sich vorüberziehen ließ. Nur wenige Minuten dauerte die Fahrt durch den Tunnel und damit die Nacht und das stählerne Dröhnen und Klingen um und in Damian, aber sie genügten, nicht anders wie es uns in scheinbar stundenlangen Träumen geschieht, um ihn vor seinen abermals geschlossenen Augen dieses Festspiel, das ihn rein theatralisch aufs stärkste beeindruckt hatte, in einer einzigen raschen Bilderfolge noch einmal erleben zu lassen. Doch noch während dieses traumschnellen Vorübergleitens des ganzen Spieles vollzogen sich höchst merkwürdige, weil völlig unmotivierte Verwandlungen der Szene gleich Überblendungen in einem Film, die ihn, auch als der Zug längst wieder durch das taghelle Land fuhr, ja bis ans Ziel seiner Fahrt, nicht mehr losließen. In einer Art Wachtraum sah er sich selbst in der Schar der preußischen Soldaten von 1813 stehen und hörte sich mit ihnen jenes Freiheitslied singen. Wie er verwundert um sich blickt, sind es jedoch keine Soldaten mehr, sondern städtisch gekleidete Zivilisten, viele Studenten unter ihnen, er selbst in einem einfachen Straßenanzug, den sommerlichen steifen Strohhut in der Hand. Eingekeilt in die dichte Menge kann er gerade ein paar Meter über sich seinen verehrten Professor auf einer Art Altan stehen sehen, und auch er singt barhäuptig das Lied mit, als stünde er da oben, um es ihnen allen vorzusingen. Doch Damian vermag nicht lange hinaufzuschauen, so sehr blendet ihn ein glänzendes Strahlenbündel. Als er ein wenig später seinen Blick noch einmal zur Altane hinauf schickt, steht dort über ihm an Stelle des Professors, im Glänze ihrer goldenen Rüstung, die Göttin der Akropolis, Pallas Athene, ihre Hände wie segnend über die Menge gebreitet, aus ihrem Antlitz aber leuchten ihm die lieblichen Züge seiner Sessi entgegen. Als Damian spätabends aus dem Freiburger Bahnhof ins Freie trat, war er noch völlig benommen von dieser ungereimten Wachträumerei, in die er da hineingeraten war, und ernüchtert dazu, denn es goß in Strömen, der Regen peitschte ihm so kalt ins Gesicht, daß er fröstelte, und aller Frühlingsglanz, aus dem er kam, und alles Leuchten aus dem Antlitz der Göttin mit Sessis Zügen, das ihn eben noch umfing, war dahin. Noch nie waren ihm die Häuser und die Menschen dieser Stadt so trist und öde vorgekommen wie zu dieser Stunde. In seiner Stube angekommen, ließ er sich wie gerädert und elend in allen Gliedern sogleich ins Bett fallen, seine Zähne klapperten im Schüttelfrost, der ihn auf dem Wege vom Bahnhof nach Hause gepackt hatte, und es vergingen über zwei Wochen, ehe er wieder von der schweren Influenza, die schon auf der Fahrt von Wilkau her in ihm gesteckt haben mußte, genesen war. Sechstes Kapitel Es hätte schlimmer um Damian gestanden, wäre er nicht gleich in den ersten Krankheitstagen von Frau Kruttke, seiner Wirtin, in rührender Besorgnis gepflegt worden. Sobald Damian der Mutter Nachricht von seiner Erkrankung gegeben hatte, trafen überdies ein paar so reichlich mit allerhand guten Dingen gefüllte Pakete ein, daß die gute Frau Kruttke keine Not hatte, den Patienten, sowie er erst einmal fieberfrei war, rasch wieder auf die Beine zu bekommen. Mutter Christel hatte sich auch zu einem besonders langen Brief an Damian aufgeschwungen, über den dieser allerdings lächelnd den Kopf schüttelte, als er darin las: »Vater hat mich mit seinem ewigen Geunke über das große Schermesser, das seit deiner Abreise täglich schlimmer wird, nun endlich so durchgedreht, daß ich kaum noch schlafen kann vor Angst und Sorge um unser Leben. Ich hab's jetzt aufgegeben, dagegenzureden, mir ist selbst schon ganz unheimlich zumute. Wir müssen uns vorsehen. Da du nicht mehr hier bist, schreibe ich dir, was ich mache. Erzähl aber niemandem was davon. Ich habe mein Erspartes genommen, und der Vater hat mir auch fünfzig Taler dazugegeben, denn ich habe ihm gesagt, wofür ich sie brauche, und er ist sehr erfreut, daß wir uns versorgen. Ich schaffe lauter haltbare Ware an, Zucker, Mehl, Reis, Erbsen, grünen Kaffee und was man sonst noch braucht und gut aufheben kann.« ›Die gute Mutter, es ist natürlich verrückt von ihr‹, schmunzelte Damian beim Lesen in sich hinein, ›ich möchte bloß wissen, woher wir eine Hungersnot bekommen könnten, aber sie ist halt angesteckt vom Vater, und schließlich ist es ja kein hinausgeworfenes Geld.‹ Nach seiner Genesung stürzte sich Damian, um das Versäumte nachzuholen, mit wahrem Feuereifer erneut auf sein Studium. Wieder sah er die Straßen der Stadt nur auf dem Wege zur und von der Universität oder der Bibliothek. Nur an den Sonntagen gönnte er sich den einen oder anderen längeren Spaziergang im Scheitniger Park oder an den Oderufern. Es war an einem abnorm heißen Junisonntag, dem letzten des Monats, als sich Damian nach einer solchen ausgiebigen Wanderung, die ihn reichlich ermüdet und arg erhitzt hatte, am späten Nachmittag ein menschenleeres, von Weidengebüsch umstandenes Plätzchen dicht bei einer sogenannten Buhne am Fluß, weit von der Stadt, zum Lagern aussuchte und nach kurzem Hindösen beschloß, sich durch ein Bad zu erfrischen; ein ziemlich unvorsichtiges Beginnen für einen mäßigen Schwimmer wie ihn, denn der Strom hatte, wie jeder Einheimische wußte, seine Tücken. Aber Damian erinnerte sich, als er seine Kleider abwarf und ins Wasser stieg, nur an die fröhlichen Stunden, da er sich zusammen mit seinem Freund Reinhard im harmlosen Heidewasser daheim in Wilkau sommers vergnügt hatte. In diesem Augenblick vermißte er Reinhard doch sehr, wenn er diesem Gefühl auch sonst nur selten nachgab. Das Wasser war kühler, als er es sich vorgestellt hatte, daher suchte er sich durch eine Anzahl kräftiger Schwimmstöße zu erwärmen und ließ sich, weil im Schutze der Buhne von der Strömung noch so gut wie nichts zu merken war, dazu verleiten, bis an die Spitze der weit in den Fluß vorgetriebenen Buhne herauszuschwimmen. Unglücklicherweise passierte, als Damian gerade dort angelangt war, ein stromaufwärts fahrender Schleppdampfer in der Mitte des Stromes die Höhe der Buhne, und seine pflügenden Schaufelräder hinterließen eine immerhin so beträchtliche Wellenspur, daß sie Damian unversehens noch ein ganzes Stück um die Buhne herum in Richtung auf den Strom abtrieb. Als Damian sogleich zurückstrebte, spürte er, daß er nicht von der Stelle kam, ja, wie eine Art Strudel ihm die Füße nach unten zog, so daß er seine Schwimmlage nicht mehr einhalten konnte. Gänzlich unkundig, wie er dieser Situation hätte Herr werden können, verschlimmerte er mit jeder neuen Kraftanstrengung, sich aus dem Strudel zu lösen, seine Lage in kurzem so, daß er Mühe hatte, nur noch den Kopf aus dem Wasser zu halten, und wenn nicht augenblicks ein Wunder geschah, mußte er hier ertrinken. Es gelang ihm gerade noch, in höchster Todesnot einen gellenden Schrei auszustoßen, dann stockte sein Herzschlag, die Sinne verließen ihn, und das Wasser schlug über ihm zusammen. In den Sekunden, die seiner Besinnungslosigkeit vorangingen, erlebte Damian das gleiche, was jedem Ertrinkenden widerfährt, wie man aus den Berichten derjenigen weiß, die gerettet werden konnten: durch sein Hirn jagten wie Wolkenfetzen Erinnerungsbilder und Eindrücke aus seinem Leben, zusammenhanglos, wie in wirren Träumen. Das erste, was er empfand, war, er stürze von neuem wie damals im Zuge nach Breslau vor dem Tunnel Hunderte von Metern aus der Luft in eine saugende Tiefe, und wieder dröhnte es brausend in seine Ohren; nur hatte er jetzt das Gefühl, es wirbele ihn mitten in einem donnernden Wasserfall reißend bergab. Merkwürdigerweise drang durch das tobende Element die Stimme Reinhards an sein Ohr, der, schon weit über ihm, auf einem Brücklein stand, das Damian als die Heidewasserbrücke erkannte, und ihm händeringend, voller Angst zurief: »Das habe ich nicht gewollt! Ich selbst gehöre unter die Steine da im Wasser! Hörst du mich? Ich werde es wiedergutmachen, so wahr mir Gott helfe, mein Leben werde ich für dich einsetzen, dich zu retten!« Was er ihm noch weiter zuriet, konnte Damian nicht mehr hören, denn der Strudel hatte ihn schon zu weit fortgerissen, und gleich darauf schwanden ihm die Sinne. Ehe Damian wieder zu sich kam, spürte er, wie irgend etwas regelmäßig und schwer wie ein Hammer auf seinen Brustkorb schlug. Als er endlich die Augen öffnen konnte, nahm er zunächst nur eine über ihn gebeugte Gestalt wahr, einen jungen Mann in Hemdsärmeln, dem die Schweißtropfen auf der Stirn standen, und der ihm, wie Damian jetzt erst erkannte, die Arme vor der Brust auf und nieder riß. Das also waren die Stöße, die ihn wieder ins Leben zurückgerufen hatten. Erst nach einer Weile vermochte Damian sich klarzuwerden, was eigentlich mit ihm geschehen war. Doch da wurde ihm auch schon vom Magen her übel, und er mußte all das Wasser wieder von sich geben, das er geschluckt hatte. Sein Retter hielt ihm den Kopf und lächelte ihm dabei zu, holte dann eine Zitrone, die er bei sich trug, hervor und drückte ihm den Saft in die Kehle. Na, junger Mann, ein paar Minuten länger unter Wasser, und es war nichts mehr zu machen.« Das waren die ersten Worte des Unbekannten an Damian, der sich bis dahin völlig den Manipulationen des anderen überlassen hatte und nun, noch einigermaßen entkräftet, halb sitzend in dessen Armen lag. Es stellte sich heraus, daß Damians Lebensretter ein junger Offizier vom Infanterieregiment 51 war, der, auf einem sonntäglichen Bootsausflug begriffen und schon auf der Heimfahrt, gerade in dem Augenblick in einiger Entfernung von der Unfallstelle vorbeiruderte, als Damian seinen Hilfeschrei übers Wasser schickte. Er war sogleich an Land gerudert, zur Spitze der Buhne gelaufen, an die vermutliche Stelle hinausgeschwommen und getaucht, um Damian gerade noch so rechtzeitig zu finden, daß sich nach fast einstündigen Wiederbelebungsversuchen endlich doch noch der kaum mehr erhoffte Erfolg eingestellt hatte. Leutnant Gregory, als der er sich vorstellte, nahm, nachdem seine Kleider einigermaßen abgetrocknet waren, den reichlich beschämten, seiner Beine noch nicht recht mächtigen Damian zu sich ins Boot und ließ sich mit ihm gemächlich bis zur Sandbrücke treiben. Unterwegs erholte sich Damian zusehends von dem schlimmen Abenteuer, so daß er, angetan von dem kameradschaftlich aufgeschlossenen Wesen des jungen Offiziers, dessen kluge braune Augen vor Lebenslust blitzten, während er ungezwungen von sich und seinem herrlichen Beruf plauderte, bald auch seinerseits, mehr als er es sonst einem Fremden gegenüber getan hätte, aus sich herausging und ihm von seinen eigenen Verhältnissen, seinem Studium und seinem selbstgewählten Einsiedlerdasein berichtete. So waren Damian und sein Lebensretter, wie sie an der Bootsanlegestelle ankamen, schon vertrauter miteinander, als es bei einer Begegnung unter gewöhnlichen Umständen nach so kurzer Zeit denkbar gewesen wäre; und deshalb ließ es sich Damian auch ohne größeres Widerstreben gefallen, als sich der Leutnant anbot, ihn auch noch auf der Straßenbahn und den dann nicht mehr allzu weiten Weg zu Fuß bis nach Hause zu begleiten. Als sie in die Nähe des Gebäudes der »Schlesischen Zeitung« kamen, fiel ihnen eine dichte Menschengruppe auf, die sich offenbar um ein dort ausgehangenes Telegramm zusammengefunden hatte. Und gleich darauf erstand der Leutnant von einem Zeitungsjungen das ausgerufene Extrablatt, das wie ein Blitz aus heiterem Himmel die Kunde von dem ruchlosen Verbrechen in Sarajewo unter die sonntäglich gestimmten Menschen trug. Der kaum dem Tode entronnene Damian stand noch viel zu stark unter der Nachwirkung seines eigenen Erlebnisses, als daß ihn diese sensationelle Nachricht über das allgemein menschliche Mitgefühl mit den Ermordeten und die heftige Verurteilung des Attentats als solchen hinaus tiefer erregt hätte. Daher empfand er auch die Art, mit der sein Begleiter diese »Explosion auf dem Balkan«, wie er sich ausdrückte, aufnahm und die politischen Kombinationen, die er alsbald daran knüpfte, als überraschend, ja befremdend. Denn kaum, daß sie beide oben im Zimmerchen Damians saßen, dem Frau Kruttke, entsetzt von dem kurzen Bericht von dem beinahe tödlichen Ausgang seines Sonntagsausflugs, sogleich einen Krug starken Bohnenkaffee und einen reichlichen Imbiß aufgetragen hatte, als der Leutnant, der sich im übrigen von Damian nicht nötigen ließ, zuzugreifen, geradezu leidenschaftlich seiner Überzeugung Ausdruck gab, daß dieses Attentat unvermeidlich zu dem europäischen Krieg führen müsse, der schon längst fällig und nur bis jetzt mangels eines äußeren Anlasses noch nicht ausgebrochen sei. Auf Damian, der so versponnen in seiner zeitfernen Welt der Antike lebte, daß er kaum jemals einen Blick auf die politischen Vorgänge geworfen hatte, welche die Tageszeitungen registrierten, wirkten derartige Aspekte gleich Offenbarungen aus einer ihm bisher verschlossen gebliebenen Welt. Noch wehrte er sich mit nicht minder leidenschaftlicher Beredsamkeit, als sein neuer Freund aufwandte, um ihn zu überzeugen, gegen eine solche, doch im 20. Jahrhundert unmögliche und undenkbare Katastrophe, wie sie ein europäischer Krieg bedeuten würde, konnte es aber doch nicht hindern, daß er sich im Verlauf ihrer hitzigen Debatte immer unbehaglicher der unheilverkündenden Vorstellungen erinnerte, mit denen sich sein Vater Jochen zu Hause seit Jahr und Tag herumplagte. Die beiden jungen Männer, die sich hier, wie vom Zufall in einem außerordentlichen Augenblick zusammengeführt, bis ins erste Morgendämmern diskutierend gegenübersaßen, aber in Lebensanschauungen steckten, die sich voneinander so schieden, wie schon gemeinhin zu allen Zeiten die eines Offiziers von einem Bürger, ähnelten sich dennoch aufs natürlichste in zwiefacher Hinsicht; zum ersten rein altersmäßig in ihrer Jugend – der Leutnant war Damian um nicht viel mehr als zwei Jahre voraus – und demzufolge in, jener leidenschaftlichen Ausschließlichkeit, die das Vorrecht der Jugend ist, mit der sie ihre weniger durch Erfahrung als durch Erziehung und Bildung gewonnenen Überzeugungen gegenseitig verfochten; zum zweiten beinahe blutsmäßig in ihrer Schwärmerei für die hohen Ideale antiken Menschentums mit seinem Kult der Schönheit und Heroen. Allein gerade hierüber entspann sich zwischen ihnen bald ein Wettstreit, wie er sich edler auch nicht in einer der philosophischen Akademien jenes goldenen Zeitalters der Hellenen hätte ereignen können. Ihr Thema, von dem an diesem Abend ihr Gespräch ja ausging und um das es ständig kreiste, hieß Krieg oder Frieden. Sie bohrten sich förmlich hinein in dieses ewige Fragen der Menschheit danach, unter welchem Zustand, dem des Friedens oder dem des Krieges, die Völker ihre höchste Daseinserfüllung fänden und zu welcher Lösung sie wohl gelangen müßten, um bei Anlegung höchster völkischer und moralischer Maßstäbe dem überhaupt denkbaren Idealzustand menschlichen Zusammenlebens nahezukommen. Der Leutnant, selbst Sohn eines Obersten a.D. und in Wahlstatt geradlinig auf seinen künftigen Beruf hin erzogen, hatte sich von dem für einen Kadetten selbstverständlichen Motto »mens sana in corpore sano« seit seiner Jünglingszeit begeistert leiten lassen und diese auf preußische Zucht und Sitte gegründete Erziehungsanstalt als ihr bester Turner, Schwimmer, Fechter und Reiter verlassen. Doch war er darüber keineswegs einer einseitigen Überschätzung der bloßen körperlichen Kraft verfallen, sondern, von seinem Wesen her nicht minder aufgeschlossen für die geistige Führung durch seinen Klassenlehrer, zu einem so harmonischen Ausgleich zwischen Geist und Körper gelangt, wie er für einen Zögling Wahlstatts mindestens ungewöhnlich war. Aber erst der Umstand, daß er sich aus eigenem Antrieb durch freiwilligen Unterricht im Griechischen bis zur Lektüre der Klassiker fördern ließ, hatte in ihm jener Synthese von kraftgestähltem Körper und idealistischem Geist den Boden bereitet, die ihn als einen Jünger Heraklits ins Leben entließ, der im »agon«, dem hellenischen Begriff des Wettkampfs, die Sinngebung jeglicher Lebensform erblickte. Vor diesem Begriff des »agon« aus nun suchte der Leutnant die seelischen Widerstände Damians, in dem er mit einigem Recht einen Gefährten seiner hellenischen Gesinnung sah und als solchen freudig begrüßt hatte, zu besiegen, mit denen sich dieser hartnäckig gegen die These des Leutnants stemmte, daß der Krieg schöpferischer als der Friede, ja daß der Friede als Dauerzustand sogar lebensfeindlich sei. Damian, tiefer als der Leutnant in den Geist des Griechentums eingedrungen, hielt ihm entgegen, daß jener »agon« zweifellos nur als eine eingewurzelte Lebensform der Hellenen anzusehen sei, die nicht mit dem verwechselt werden dürfte, was wir Menschen heute als Krieg bezeichnen. Krieg habe auch einem Perikles etwa nur als Ausnahmezustand, als der Ernstfall gegolten, für den man zwar gerüstet sein, den man aber, wenn er schon unvermeidlich sei, so bald wie möglich wieder in den höheren Zustand des Friedens zurückmünden lassen müsse. Ebendies könne er nicht unterschreiben, replizierte der Leutnant lebhaft: »Nein, mein lieber Maechler, die Menschen haben sich seit Heraklit oder auch Ihrem Perikles nicht geändert und werden sich sobald noch nicht ändern. ›Der Kampf als Vater aller Dinge‹ regiert die Welt, heute mehr denn je. Gewiß, wir leben den äußeren Verhältnissen nach in weit fortgeschritteneren Zeiten, gesegnet mit allen Gütern der Zivilisation – aber sehen Sie sich doch einmal um, nicht nur im deutschen Vaterland, sondern in ganz Europa, ja in der ganzen Welt! Unter der friedlichen Oberfläche schwelt die Unzufriedenheit. Sie dürfen nicht in den Fehler verfallen, nur von Ihrem eigenen Ich aus auf die Summe aller übrigen ›Ichs‹ zu schließen. Mögen es auch Tausende oder auch Hunderttausende sein, die als Individuen so denken wie Sie – was besagen diese gegen all die Millionen, welche die Massen der Völker darstellen und seelisch friedlos sind, weil sie spüren, daß unsere ganze menschliche Gesellschaft von heute ihrer Zusammensetzung, ihrer Schichtung wie ihren Lebensbedingungen nach im Grunde noch jeglicher höheren Ordnung entbehrt. Ist nicht diese ganze Gesellschaft selber nur ein Mittel zum Kriege? Ich habe viel über diese Frage nachgedacht und kam auch lange zu keiner Klarheit – bis ich eines Tages auf Nietzsche stieß. Seitdem sehe ich klar. Wenn er die Triebkraft, die sich in dem unabänderlich kommenden ›kriegerischen Zeitalter‹ erfüllen wird, als den ›Willen zur Macht‹ kennzeichnet, so fand er damit für Heraklits ›Kampf als Vater aller Dinge‹ und das hellenische ›agon‹ nur einen neuen Namen. Der Sinn ist der gleiche! Der Kampf, der jetzt entbrennt, geht um zwei miteinander verkoppelte Ziele, um die Austragung des Kampfes um die Erdherrschaft, und dieser Kampf muß erst durchgefochten werden, ehe das andere Ziel der Menschheit, sich eine wahre und auf echten moralischen Grundsätzen ruhende Ordnung der Gesellschaft zu schaffen, in Angriff genommen werden kann. Dann erst, aber in wie weiter Ferne noch liegt dieses Ziel, mag einmal die Zeit heraufdämmern, in der Ihr Glaube, lieber Maechler, an den ewigen Frieden, der schöpferischer ist als der Krieg, von allen wird geteilt werden können.« Damian gab sich von diesen Erkenntnissen und Folgerungen des Leutnants keineswegs geschlagen und holte noch mancherlei Argumente heran, um jenen wenigstens zu der Einsicht zu bekehren, daß der ewige Friede als Leitidee die Gedanken aller Menschen und die Handlungen aller Staatsmänner bestimmen müsse, und zwar schon heute und nicht erst in einer ungewissen Zukunft. Diese Idee allein entspräche der höchsten menschengöttlichen Daseinsform der menschlichen Gesellschaft, daher mache sie es jedem einzelnen zur absoluten Pflicht, unbeirrt von allem realen Geschehen auf die Verwirklichung dieses hohen Ideals hinzuarbeiten. Als Damian sich endlich von dem Leutnant, nach ihrem stundenlangen Nachtgespräch und den vorangegangenen Ereignissen des Tages nun doch reichlich abgeschlagen, drunten an der Haustür verabschiedete, trennten sie sich voller Herzlichkeit als Männer, die sich in einer schicksalsschwangeren Nacht über alle Wesensunterschiede hinaus freundschaftlich nahegekommen und entschlossen waren, ihrer Zuneigung auch weiterhin nachzugeben. Siebtes Kapitel Mitte Juli endete offiziell das Sommersemester. Mithin hätte Damian wie gewöhnlich seine Sachen packen und heim in die großen Ferien fahren können. Allein er hatte ungeachtet dessen, daß er bis zum Semesterschluß keine Vorlesung versäumte und zu Hause eifrig über seinen Kollegheften saß, ständig und in zunehmendem Maße das unbehagliche Gefühl, als braue sich in der schwülen Stille dieser gleichmäßig schönen Sommertage ein Wetter zusammen, das in kurzem mit elementarer Gewalt über das Land hereinbrechen würde. Und immer häufiger geschah es ihm, daß er die Luft im Räume als drückend und stickend empfand und das Fenster seines Zimmers aufriß, weil ihm der Schweiß aus den Poren brach. Daher nahm er es auch freudig auf, als sich Leutnant Gregory an allen drei Sonntagen, die auf das Attentat folgten, bei ihm einfand, um ihn zu einem Spaziergang abzuholen, den sie gemeinsam bei einem Krug Bier in einem Gartenrestaurant an der Liebichshöhe und schließlich mit dem brüderlichen Du beschlossen, das ihm Walter als der Ältere anbot, und das Damian ohne Ziererei annahm. Walter war in diesen wie zwischen Traum und Tag schwebenden Wochen für Damian gleichsam das Tor, durch das er in die Welt hinausschauen konnte, der einzige Mentor, der sich ihm anbot, um ihm zwischen der gleicherweise unwirklich gewordenen Vergangenheit und Gegenwart den Blick für die Realitäten der politischen Spannungen und Entwicklungen zu schärfen. Im tiefsten hielt Damian zwar an seiner Leitidee von der Statuierung des ewigen Friedens fest, der für die Menschheit notwendig sei, war aber doch nicht so engstirnig, den Kopf einfach in den Sand zu stecken, vielmehr der letzte, dem es behagt hätte, mit Scheuklappen herumzulaufen. Bei ihrem letzten Zusammensein sah auch Damian ein, daß Walter recht damit hatte, wenn er prophezeite, daß alle Versuche zur Aufrechterhaltung des Friedens, den Deutschland wahrhaftig nicht zu stören trachte, vergebliche Liebesmüh sein würden, und daß der Dampfkessel Europa schon zu überhitzt sei, als daß sich da oder dort noch ein Ventil öffnen lasse: »Übrigens sollten wir Einundfünfziger morgen auf den Truppenübungsplatz Neuhammer ausrücken, aber man hat das gestern abgeblasen. Man hält uns nicht ohne Grund in den Garnisonen zurück.« Zuletzt hatte Damian sich an Walters fiebriger Erwartung in solchem Grade angesteckt, daß er fest entschlossen war, nicht eher abzureisen, als bis die Entscheidung, nach Walters Ansicht spätestens bis Ende des Monats, gefallen war; die Entscheidung, die er nun bereits herbeisehnte, ohne sie etwa zu fürchten, im Gegenteil. Er war viel zu sehr Deutscher, als daß er sich auch nur einen Augenblick fragte, was er persönlich zu tun gedenke, wenn der Krieg ausbräche; denn als neunzehnjähriger Student brauchte Damian nicht damit zu rechnen, sofort zu den Fahnen gerufen zu werden. »Natürlich melde ich mich sofort freiwillig. Und ich weiß auch schon, bei welchem Regiment, bei den Einundfünfzigern, mein Lieber, wo sonst?« war Damians Antwort auf Walters Frage, der darauf nur erwiderte: »Etwas anderes hätte ich von dir auch gar nicht erwartet, Damian.« In einem Briefchen, das er seiner Mutter sandte, damit sie sich nicht wegen seines Ausbleibens beunruhige, schrieb ihr Damian nur, ohne dabei allzusehr von der Wahrheit abzuweichen, daß er dringlicher Studienarbeiten wegen noch eine Zeit länger fortbleiben müsse, aber hoffe, in etwa zwei Wochen nach Hause kommen zu können. Den einzig wahren Grund, der ihn in Breslau zurückhielt, verschwieg er ihr wohlweislich. Würde es Ernst, würde sie ihn noch immer rechtzeitig genug erfahren. Mag sein, daß Damian in Wilkau, im Umgang mit Mutter und Sessi, den nun einmal nicht zu ändernden Zustand angespannter Erwartung weniger quälend empfunden hätte als in der Stadt, aber der Gedanke, daheim die ihm gerade in dieser Zeit so wichtige Zwiesprache mit seinem Freund Walter entbehren zu müssen, gab den Ausschlag. Hierin freilich sah er sich, während sich die Ereignisse in den beiden letzten Juliwochen in atemberaubendem Tempo vollzogen, aufs bitterste enttäuscht. Denn der Freund ließ fortan weder etwas von sich hören noch sich blicken. In einer Verfassung, die nicht mehr Leben und noch nicht Tod war und der eines Gelähmten glich, dem jede Möglichkeit, selbst zu handeln, genommen ist, vegetierte Damian als wehrlose Beute durcheinanderjagender Empfindungen und Bilder von morgens bis abends dahin, saß vor seinen aufgeschlagenen Büchern, ohne aufzunehmen, was er las, sprang auf, marschierte rastlos quer durch seine Behausung und erschreckte die gute Frau Kruttke, von der er nur alle Augenblicke nach neuen Zeitungen verlangte, durch sein unverständliches und abweisendes Gebaren bis zur Ratlosigkeit. Das ging so an die vierzehn Tage, bis er es eines Spätnachmittags nicht mehr in seiner Stube aushielt, auf die Straße eilte und gerade in dem Augenblick in die Hauptstraße einbog, als den Zeitungsjungen die noch druckfeuchten weißen Blätter mit dem Mobilmachungsbefehl von den bis zum Überschäumen begeistert auf und ab wogenden Menschen buchstäblich aus den Händen gerissen wurden. Als sei eine magische Macht über sie alle hereingebrochen, schwenkten die Männer, ob jung oder alt, ihre Hüte, die Frauen ihre Taschentücher, einander völlig Unbekannte faßten sich unter, und sie allesamt zogen in breiten Reihen die Straße hinauf bis auf den Ring, wo sich die Menge vor dem Rathaus staute und keiner mehr auch nur einen Schritt vorwärts oder rückwärts konnte, Damian mitten unter ihnen, und auch er in einem Taumel der Erlösung von einem Alpdruck, bis in die letzte Faser hingegeben der einmaligen Größe der Stunde. Die Vordersten, von hinten geschoben, wurden immer näher dem Rathaus zugedrängt, und Damian, den es zufällig mit nach vorn gespült hatte, überlegte schon, wie er sich vielleicht nach der Seite hin in den Schweidnitzer Keller aus der Masse herausdrehen könne, als ein Student in bunter Mütze, der sich an der Staupsäule hochgeangelt hatte, in die Menge rief: »Achtung, Kommilitonen! Ich habe Professor Methner gebeten, in dieser Stunde zu uns allen zu sprechen. Er steht hier dicht bei mir.« Jetzt erst sah Damian, daß es Wenzel Mielke war, und wußte, sein verehrter Professor würde dieser Aufforderung sicherlich Folge leisten. Und schon nahmen zahlreiche Stimmen aus der Menge, unter der sich offenbar auch Hunderte von Studenten befanden, den Ruf Mielkes auf und forderten im Chor: »Methner soll sprechen!« Die Menschen wichen und wankten nun erst recht nicht mehr. Nach einer Weile öffnete sich ein Fenster im ersten Stockwerk des Rathauses, und sogleich verstummte die erwartungsvoll nach oben blickende Menschenmenge. Es war tatsächlich Professor Methner, der sich dort zeigte und nun mit seiner volltönenden, wohllautenden Stimme, deren zündenden, doch von hohem sittlichen Ernst getragenen Sätzen alle wie gebannt lauschten, eine kurze Ansprache hielt: »In dieser Stunde der großen Entscheidung unserer Geschichte beglückwünsche ich alle wehrhaften Männer und Jünglinge. Ihr zieht nun hinaus, um dafür zu kämpfen, was in den Augen unserer Feinde unser einziges Verbrechen ist, dafür, daß wir leben wollen, leben in einem starken, nicht aber in einem schwachen Deutschland. Ihr laßt hinter euch ein verändertes Deutschland, in einem Willen zusammengeschlossen, nur von dem einen heiligen Geist des Opfers ergriffen. Der Sinn dieses Krieges aber liegt in dem Frieden, zu dem er führt. Tragt als Krieger in euch den hohen Sinn des kommenden Friedens, daß der Völkerhaß dennoch in einem Reich der Liebe ende! Das Reich der verstehenden Bruderliebe aber, das uns heute alle umschlingt, soll künftig das Reich des deutschen Friedens sein. Ihr werdet eure Schlachten schlagen für das bessere Deutschland, für das tiefste deutsche Wesen und für seine Geltung auf Erden. Der Einzelne gilt nichts, das Ganze, Deutschland ist alles! Wir wollen in dem Frieden, der kommen wird, unseren Staat erneuern zum vollen, freien Ausdruck für den ganzen Reichtum des deutschen Wesens. Ihr Jünglinge unter euch aber, ihr seid die Angel der Zeiten, wenn nicht alles täuscht, seid ihr der Anfang eines neuen Weltalters! Ihr seid der Morgen eines neuen Tages für die Menschheit!« Einen Augenblick hielt der Professor inne, dann rief er über den menschenvollen Platz hin: »Nun lasset uns anstimmen das Lied der Freiheit, mit dem unsere Kämpfer von 1813 einst hinauszogen!« Er begann es als erster zu singen: »Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte«, und aus aber hundert Kehlen schwoll es an und pflanzte sich fort über den ganzen Ring und weit hinein in die Straßen der Stadt. Noch während der ersten Strophe durchfuhr es Damian wie ein Schlag ins Gehirn, er mußte die Augen schließen, und ihm war, als erlebe er dies alles nicht erst eben jetzt, sondern genau so schon zum zweiten Male. Zutiefst erschrocken, wußte er im gleichen Augenblick auch schon, daß er damals im Zuge, vor drei Monaten, in einem Gesicht das Bild dieser Stunde vorausgeschaut hatte, doch er fürchtete sich, die Augen zu öffnen, denn vielleicht war auch jetzt alles nur ein Schemen und keine Wirklichkeit. Als er endlich wagte, wieder um sich zu blicken, stand er zwar noch immer an derselben Stelle, doch um ihn herum war alles leer und das Fenster im Rathauskerker geschlossen wie immer. ›Wenn ich nicht geträumt habe‹, dachte Damian, ›werden wohl alle Menschen, die vorhin hier standen und sangen, abmarschiert sein.‹ Und als er sich nun selbst auf den Heimweg machte, fragte er sich, wie es wohl zugehen mochte, daß beim späteren Erleben die Bilder einer Vision nur zum Teil wiederkehren. Hatte er die Erscheinung Pallas Athenens mit den Zügen Sessis heute vielleicht nur versäumt, weil er zu lange zögerte, die Augen zu öffnen, oder war schon damals im Zuge seine Vision gestört durch Regungen seines eigenen Denkens? Sicherlich war dies letztere die Ursache. So erfreulich es Damian vermerkte, als er spürte, daß er eben wieder klar zu denken vermochte – die Tatsache, ein visionäres Vermögen in sich zu tragen, verursachte ihm eine Art Beklemmung, von der er sich noch nach Wochen nicht ganz befreien konnte, und das Wissen um diese Gabe überschattete von nun ab zeitlebens seine Seele. Achtes Kapitel Eine Woche nach Kriegsausbruch erschien Damian, ohne sich angemeldet zu haben, wieder im Gerberhaus, vom Vater nur mit einem warmen, etwas müden Aufleuchten seiner Augen und einem festen Händedruck, von Mutter Christel stürmisch und aufatmend begrüßt. Blaß und übernächtig sah er aus, richtig wie einer, hinter dem drei Monate anstrengender Studienzeit liegen. Aber auch in seinem Wesen gefiel er Christel gar nicht, denn nicht wie sonst zu Hause gab er sich, noch dazu in der Aussicht auf lange Ferienwochen, unbeschwert und aufgeschlossen. Verdrossen und wortkarg trödelte er durch die Stuben. Nicht einmal als die Mutter ihm gleich am ersten Abend von Sessi erzählte, die im Langen Hause, das vom Grafen Schilling als Lazarett zur Verfügung gestellt worden war, an einem Kurs zur Ausbildung als Rote-Kreuz-Helferin teilnehme, taute er auf, ja es schien ihr sogar, als wenn ihn diese Neuigkeit eher noch verdrießlicher stimmte. Als lebenskluge Frau sagte sich Christel, daß es am besten wäre, wenn sie ihren Damian erst einmal ungestört dem Verdruß, mit dem beladen er heimgekommen war, solange überließe, bis er von selbst Anstalten machen würde, sich darüber auszusprechen. Bestimmt würde er es nicht lange aushalten, so verknorzt herumzulaufen und seinen Kummer in sich hineinzufressen, dafür kannte sie Damian zu gut. Schon am anderen Nachmittag bei der Vesper, als sich Meister Jochen bereits wieder aus der Wohnküche in die Werkstatt begeben hatte, war es soweit. Als Damian nach dem eben ins Haus gebrachten »Boten aus dem Riesengebirge« griff, worauf die Mutter sagte: »Was gibt es denn heute Neues über unseren Einmarsch in Belgien?«, warf Damian die Zeitung heftig auf den Tisch, schlug die Hände vors Gesicht und fing so hemmungslos zu schluchzen an, daß Mutter Christel erst ganz erschrocken eine Weile regungslos dabeisaß, ehe sie sich aufraffen konnte, ihm gütig und schon verstehend übers weiche blonde Haar zu streichen und ihm zuzureden, ihr nun endlich sein Herz auszuschütten. »Was hat's denn mit dir, Damianlein?« fragte sie ihn zärtlich, und als auch das nichts nutzte, fügte sie hinzu: »Du bist ja noch so jung, du lieber Kerl, du wirst schon noch zurechtkommen für die da draußen an der Front. Weißt du, Vater sagt, und er hat ja leider bis jetzt recht behalten mit allem, der Krieg ist zu Weihnachten noch lange nicht zu Ende. Also nimm's dir nicht so zu Herzen, wenn sie dich nicht genommen haben.« Da brach es verzweiflungsvoll aus Damian heraus. Er hatte sich gleich am ersten Mobilmachungstag in der Kaserne der Einundfünfziger gemeldet, dort zunächst, doch vergeblich, nach Walter gefragt, der, wie er erfuhr, mit seiner Kompanie schon verladen wurde, hatte an diesem Tage und auch am nächsten und übernächsten unverrichteterdinge wieder losziehen müssen, da bei dem Hochbetrieb der Reservisteneinkleidung kein Mensch sich mit den zu Hunderten herbeigeströmten Freiwilligen abgeben konnte und durfte, um schließlich am vierten Tage nach einer raschen Untersuchung durch einen Stabsarzt wegen ungenügendem Brustumfang und einem leichten Herzklappenfehler, von dem er selbst keine Ahnung hatte, für noch nicht tauglich befunden zu werden. Nach einem halben Jahr könne er es ja noch einmal versuchen, war der schwache Trost, mit dem ihn der Stabsarzt entließ, als er merkte, daß Damian von seinem Spruch wie verdonnert und todunglücklich dastand. Während Damian mit noch immer tränenerstickter Stimme dies alles vorbrachte, dachte Mutter Christel bei sich: ›Was für eine Leidenschaft doch in dem Jungen steckt. Jetzt stößt ihn wahrhaftig noch der Bock, und er meint womöglich im Ernst, ohne ihn sei der Krieg schon so gut wie verloren. Von mir hat er dieses stürmische, mit dem Kopf-durch-die-Wand-wollen nicht, und vom Vater erst recht nicht. Aber so, denke ich mir, wird der Großvater Nathanael in seiner Jugend gewesen sein, als er sich, glühend vor Begeisterung im Badischen zu Heckers Volkswehr meldete, um für eine Freiheit zu kämpfen, die sie dann doch nicht erringen konnten.‹ Wie oft hatte er nicht mit ihr in seinen letzten Lebensjahren auf dem selbstgezimmerten Bänklein im Berggarten gesessen und von seiner hochfliegenden Jugend geplauscht wie von einem fernen, aber unvergeßlich schönen Traum. »Liebster Damian«, redete ihm Christel, von dieser Erinnerung geführt zu, als der Junge seinen Gram wie ein Verschmachtender eine trübe Pfütze ausgeschöpft hatte, »deinen seligen Großvater, der in seiner Jugend ein Brausekopf war wie du, hat das Leben nicht einmal, sondern hundertmal gebeutelt und aufgeschlagen, daß er nicht mehr aus und ein wußte und am liebsten auf der Stelle gestorben wäre; und doch hat er sich dann noch jedesmal wieder aufgerafft und die Knüppel, die ihm vom Leben vor die Füße geworfen wurden, zertreten. Ich habe mir einen Spruch von ihm gemerkt, der ihn von Jugend auf durchs Leben begleitet und an dem er sich immer wieder aufgerichtet hat.« Und zum erstenmal in seinem Leben erfuhr Damian jetzt aus dem Munde der Mutter, die seine Hände ergriffen hatte und zärtlich in den ihren hielt, die ehrwürdigen Verse, die dem Großvater Nathanael schon als Knabe von seiner Mutter gelehrt worden waren und mit denen er so oft in seinen wilden Rebellenjahren nach dem Himmel gegriffen hatte: »Laß mich, wenn ich hier geschlafen, Wieder gehen meine Straßen. Schicke mir durch meinen Fleiß, Was bei dir steht hoch im Preis. Guten Willens eine Tracht Lad mir auf in dieser Nacht. Stets mein Herr und stets dein Knecht, Droben Gnade, drunten Recht.« »Siehst du, Damian, das mußt du glauben, aus tiefster Seele; dann wirst du niemals verzweifeln im Leben, und wenn es Steine hagelt.« Hingenommen lauschte Damian der tiefen Glaubenszuversicht dieses Gebets seiner Vorfahren, das ihn seltsam ergriff, wie es ihm die Mutter schlicht und eindringlich vorsprach. Auf eine unbegreifliche Weise löste sich schon vom Klang dieser Worte der Krampf seines Gemüts, noch ehe er imstande war, ihren Sinn zu erfassen. Nur eines fühlte er, daß dieser Anruf ihn persönlich traf wie einen Kleinmütigen, der vor einer unerwarteten Widrigkeit des Lebens verzagt, statt sich in jedem Augenblicke reinen Herzens der Führung durch den Höchsten zu überlassen. »Droben Gnade«, hieß es nicht so? Aber genau das war ihm doch widerfahren. Wie Schuppen fiel es ihm jetzt von den Augen, als habe es nur jener Zauberworte bedurft, ihn seiner Seelenblindheit zu entreißen: was er damals für einen bloßen Glückszufall gehalten, seine Rettung vom Tode des Ertrinkens, das hatte die Vorsehung gefügt. Und gehörte nicht vielleicht sogar auch die Person seines Retters in den Plan der Vorsehung? Hatte er nicht sein Zerwürfnis mit Reinhard oft genug schmerzlich empfunden und in Walter gerade zur rechten Zeit und ohne sein Zutun einen neuen Freund gefunden? Hatte ihn Walter nicht eigentlich in doppeltem Sinne dem Leben wiedergewonnen? Jawohl, die Gnade, überhaupt noch zu atmen und das große Geschehen der Zeit mit allen Fasern seines Herzens miterleben und mitfühlen zu können, beides verdankte er allein Walter und somit der Hand der Vorsehung. Was wog es dagegen schon, wenn ihm sein Wunsch, dem Vaterland mit der Waffe dienen zu dürfen, nicht sofort gewährt wurde! Sicherlich verbarg sich auch hinter diesem Hindernis eine Absicht jener höheren Macht, die das Schicksal jedes einzelnen Menschen nach ewig unerforschlichen Gesetzen lenkt. Während alle diese Gedanken und Empfindungen wie ein Wirbel auf Damian einstürmten, ohne daß er fähig gewesen wäre, sie in Worte zu kleiden, verhielt sich auch Mutter Christel, deren Hände noch immer die seinen umschlossen, als wolle sie den Strom von Glaubenszuversicht, den der Spruch der Ahnen aus ihrem Munde in Damian geweckt, nicht unterbrechen, hauchstill und betrachtete nur aufmerksam das Gesicht ihres Jungen, der ihr mit geschlossenen Augen gegenübersaß. Nach einer Weile ging es wie ein Erwachen über seine Züge, er schlug die Lider auf, schaute ihr mit klaren Augen entgegen, reckte sich auf und begann, ohne zunächst noch mit einem Wort auf seine Zurückstellung von der Truppe zurückzukommen, der Mutter ernst und gesammelt von seinem Ergehen in Breslau in den vergangenen Wochen zu erzählen, über das er sich vor ihr so ganz gegen seine Gewohnheit bis heute ausgeschwiegen habe: von seinem immer stärker gewordenen Gefühl der Vereinsamung ohne einen gleichgesinnten Kameraden; von dem beinahe tödlichen Ausgang seiner Sonntagswanderung; seiner wunderbaren Rettung durch den Leutnant, in dem er bald den herrlichsten Freund gefunden habe, den man sich denken könne, und dessen Zuspruch und überlegene Einsicht in das, was nun die Völker erschüttere, ihm mehr geholfen habe, als er ihr mit Worten erklären könne. Obwohl Damian auch jetzt noch in einer fast; schamhaften Zurückhaltung kein Wort davon verlauten ließ, in welch bedeutsamem Licht er nun, nach dem Stoß, den ihm der Spruch der Ahnen versetzt hatte, all das sah, was ihm in den letzten Wochen widerfahren, spürte Mutter Christel doch ganz genau, was in Damian in diesen Minuten vorgegangen war. Deshalb wunderte sie sich auch nicht im geringsten, als er ihr schließlich wie zum Dank die Hände küßte und mit gefestigter Stimme ankündigte, daß er jetzt wieder ganz gelassen in die Welt blicke und willens sei, sich nicht mehr einen Augenblick wegen seiner Zurückstellung zu grämen, sondern im Gegenteil unbeirrt und mit verdoppeltem Eifer sein Studium fortzusetzen. Nach wie vor freilich ginge sein heißester Wunsch dahin, mit ins Feld ziehen zu können, aber das müsse man eben abwarten. Dabei leuchtete es froh und zuversichtlich in seinen Augen auf: »Von Stund an gibt es für mich nur noch unseren alten Spruch: Stets mein Herr und stets dein Knecht, Droben Gnade, drunten Recht!« Neuntes Kapitel In der Etagenwohnung des Fremdenheims »Bazar«, in der Freiherr Franz von Schillingkhoff genannt Korff mit Frau und Tochter seit Jahren sein verbittertes und verschuldetes Dasein fristete, herrschte seit mehreren Wochen eine noch gespanntere Atmosphäre als gewöhnlich. Sessi, die seit Ostern aus dem Lyzeum entlassen war und sich daher unmittelbarer als je zuvor in das häusliche Leben einbezogen sah, fühlte, wie ihre gesunde, jugendliche Wehrhaftigkeit, mit der sie sich bisher über die hoffnungslos verfahrene Situation zwischen ihren Eltern hinweggespielt hatte, in dieser nachgerade tragisch-düsteren Luft mehr und mehr erlahmte. Aber während sie vordem dazu geneigt war, nur ihre Mutter zu bedauern und alle Schuld an dem häuslichen Elend dem Vater und seiner Haltlosigkeit und Exaltation seines ganzen Wesens zuzumessen, stiegen ihr jetzt allmählich doch immer häufiger Zweifel darüber auf, ob der Vater nicht vielleicht doch nur ein bedauernswertes Opfer seines glänzenden Geistes und der bewußten Verkennung seiner militärischen Talente war. Denn in dem Maße, in dem sich der politische Horizont verfinsterte und die Gefahr eines Zweifrontenkrieges abzeichnete, vollzog sich mit Korff eine völlige Wandlung seiner Lebensweise, ja seines ganzen Wesens, die auf die beiden Frauen um so beklemmender wirkte, als sie ihnen zunächst gänzlich unverständlich blieb. Leonie wie Sessi hatten es schon längst als etwas Unabänderliches hingenommen, daß Korff, abgesehen von seinen periodisch wiederkehrenden nächtelangen Zechereien im »Goldenen Greif«, wie ausgenommen und gänzlich untätig, aber in galligster Stimmung zu Hause herumsaß und die Familie die Erkenntnis seines elenden und verpfuschten Lebens entgelten ließ. Einen Tag nach dem Attentat in Sarajewo änderte sich dies mit einem Schlage. Nachdem ihm Leonie noch am Abend zuvor widerwillig genug von ihrer ausnahmsweise wieder einmal durch einen Zuschuß beträchtlich erhöhten Rente einen Hunderter zur Begleichung seiner dringendsten Zechschulden ausgehändigt hatte, war es im »Greif«, wo Korff Sonntag für Sonntag und so auch an diesem letzten des Monats inmitten der Wilkauer Adelsgilde als sprühender Meteor glänzte, hoch hergegangen. Nur in diesem Kreise konnte man es noch erleben, daß sich das hochgeschwungene, geistsprühende und bezaubernde Wesen wieder ans Licht wagte, um dann freilich um so blendender zu funkeln, das Korff einst in den Jahren seiner zu höchsten Erwartungen berechtigenden Generalstabstätigkeit kennzeichnete und ihm die leidenschaftliche Liebe Leonies eintrug, seitdem aber zugleich mit dem bunten Rock, den er ausziehen mußte, von ihm abgefallen war, so daß es Leonie schon fast vergessen hatte. Und Sessi konnte sich den Vater auch in ihrer Erinnerung überhaupt nie anders als die Verkörperung eines ständig überreizten, tief gekränkten und hochfahrenden, lebensfeindlichen Mannes vorstellen. An solchen Abenden indes, doch nur nach reichlichem Weingenuß, wenn er das Feuer, das ihn innerlich verzehrte, gelöscht hatte, wurde der Ausdruck seiner großen grauen Augen, deren Lider sich gewöhnlich in jenem Zustand der Erschlaffung befanden, welche der eigentlichen Entzündung vorauszugehen pflegt, und deren Blick wie auf der Flucht vor der inneren Glut immer ungewiß und streifend war, zusehends wieder weich; sie glänzten in jugendlichem feuchtem Schmelz, und ihr Blick wurde betrachtsam, voll geistiger, durchdringender Güte. Seine sonst knarrende, die Worte wie Fetzen herausschleudernde Stimme wurde angenehm und wohlklingend. In gewählten, pointierten Sätzen erzählte er mühelos, als lese er aus einem guten Buche. Es war, als hätten die Wogen des Weines das Grab seines verschütteten Lebens weggeschwemmt und das bezaubernde Wesen seines früheren Daseins steige als verklärter Geist, und zwar noch vertiefter, verschönter wieder unter die Menschen. Dann wurde er der Mittelpunkt seines gespannt lauschenden Zuhörerkreises; denn seine Liebenswürdigkeit war nie fade, sein Witz geistreich, seine Keckheit dezent, sein Scharfsinn nie prahlerisch, sondern wie beiläufig, aber treffend, und seine große Überlegenheit klang bescheiden, ja hatte oft einen Ton von Schüchternheit. Niemand konnte dieser blühenden Beredsamkeit widerstehen. Aber wenn das Ende seiner ekstatischen Erzählungsanfälle herannahte, erhoben sich alle jene, die ihn kannten, schlichen sich vom Tisch und verschwanden unauffällig aus dem Lokal. Die Neulinge blieben in der Erwartung noch größerer Enthüllungen sitzen und fielen dann sicher der immer neuartig aufgezogenen Brandschatzung Korffs zum Opfer, der meistens ohne einen Heller in der Tasche in der Weinschenke erschien. Zuletzt, wenn alles glücklich abgerollt und die um so manche Taler erleichterten Neophyten davongegangen waren, saß Korff allein am Tisch und bestellte sich von dem gepumpten Geld eine neue Flasche Wein nach der anderen. Dann wurde der Ausdruck seiner Augen vor der unabwendbaren Glut des Innern abermals starr, und sie begannen wieder wie eingesperrte Tiere in dem Gefängnis ihrer Höhlen ruhelos umherzuirren. Hin und wieder lachte er in verzweifelt wilder Lustigkeit mit einem so konvulsivischen Stoß auf, als zerreiße er, goß den Wein wie Wasser durch die Kehle und machte sich endlich, hustend wie ein Schwerkranker und vor sich hin fluchend, im fahlen Morgen auf den Heimweg. Auch an diesem letzten Junisonntag lief im »Greif« äußerlich alles genau so ab. Doch im Verlauf des Abends trat etwas ein, was Korffs Wesen traf wie ein elektrischer Schlag. Es war die am späten Abend zur Kenntnis der Tischrunde gelangende Nachricht von dem Mord in Sarajewo, die zwar eifrig besprochen und kommentiert wurde, aber doch nur für Korff der Blitz war, der das auf seiner Seele lastende Gewölk mit solcher Gewalt durchbrach, daß er ihn als körperlich spürbarer Strahl durchfuhr und unversehens jenes Feuer von neuem entzündete, das seit Jahren in ihm nur noch schwelte, weil er es immer wieder gewaltsam in sich ausgetreten hatte und obendrein mit Bächen von Alkohol wie in Wetterstürzen gelöscht zu haben glaubte. Spät am Morgen des auf diese letzte Saufnacht folgenden Tages erschien zum Staunen Leonies und Sessis Korff zum Frühstück in der Hauptmannsuniform, die seit Jahren in irgendeinem Schrank vermottet gehangen hatte, in jedem Zoll wieder der einstige, zusammengeraffte Generalstäbler mit den karmesinroten Streifen. Ohne ein Wort der Erklärung darüber begab er sich eine halbe Stunde später in sein Arbeitszimmer, aus dem er, außer zu den Mahlzeiten, weder an diesem Tag noch in den nächsten Wochen mehr zum Vorschein kam und bis tief in die Nächte hinein, unwillig über jede Störung und buchstäblich in allerlei kriegswissenschaftliche Werke und Karten vergraben, an seinem Schreibtisch saß und las, Skizzen anfertigte und wie in der Zeit seiner Arbeit an dem Werk »Unter dem Preußenadler«, das ihm in der Folge seine Karriere und mehr gekostet hatte, an einem Manuskript arbeitete, dessen Blätter er vor jedem Verlassen des Zimmers mit peinlicher Sorgfalt in die Schreibtischlade verschloß. Die Uniform trug er fortan regelmäßig, aber die Wohnung verließ er nicht mehr, ja, als namens der adligen Tischrunde im »Greif« nach einiger Zeit schriftlich angefragt wurde, wann man dort endlich wieder einmal mit seinem Erscheinen rechnen könne, stieß er nur sein rauhes, gereiztes Gelächter aus und mokierte sich in einigen so verletzenden Worten über diese abgeschabte Gilde wackliger alter Herren aus der adligen »Rumpelkammer«, daß Leonore, die adelsstolze geborene Gräfin Shayn-Winternitz, mit ihrer Entrüstung über diese Entgleisung nicht hinter dem Berge halten konnte. Aber Korff schnitt ihre Empörung mit einer wegwerfenden, beinahe überheblichen Handbewegung ab und sagte nur: »Ihr habt ja alle keine blasse Ahnung«, worauf er wieder in seinem Arbeitszimmer verschwand. An dieser neuen Lebensweise änderte sich auch nichts bis zu dem Tage, da die österreichische Kriegserklärung an Serbien bekannt wurde. Am gleichen Abend rief er Leonie und Sessi in sein Arbeitszimmer, nötigte sie zum Sitzen und begann vor seinen beiden Zuhörerinnen, so sachlich, als hielte er einen Vortrag vor hohen Militärs oder einer Kommission von Politikern, die Verlesung seines Manuskripts, einer Art Denkschrift, an der er in diesen letzten Wochen gearbeitet hatte. Und doch richtete sich das, was er darin ausführte, als eine einzige Anklage und zugleich unheilverkündende Prophezeiung eigentlich an die unsichtbar vor ihm sitzenden Verantwortlichen jenes Systems, das hinter einer glänzenden monarchischen Fassade weder die nötige Einsicht in die außenpolitische Entwicklung noch in die militärischen Folgerungen daraus aufgebracht hatte. Die Staatsführung, der von dem genialen Strategen Schlieffen ein Feldzugsplan in die Hand gegeben war, der alle denkbaren Festlandskoalitionen vorausberechnete, hätte die Pflicht gehabt, durch entsprechende Aufrüstung und Aufstellung der unbedingt erforderlichen Anzahl von Armeekorps, diesen Plan in jeder Beziehung vorzubereiten. Aber gerade in dieser Hinsicht seien heute nicht mehr gutzumachende Fehler begangen worden. Als enger Mitarbeiter Schlieffens genau über dessen Operationsplan und seine militärischen Vorbedingungen unterrichtet, schilderte Korff in seinen Aufzeichnungen zunächst alle jene Unterlassungssünden, die bei dem parlamentarischen Kampf um die Genehmigung der Heeresvorlagen seit Jahren begangen worden waren. Sodann verurteilte er mit überzeugenden Argumenten die kaiserliche Wahl zum Nachfolger Schlieffens, die seiner Ansicht nach nur um des Namens willen auf den, übrigens selbst widerstrebenden, jüngeren Moltke gefallen war, dem jetzt die schwere Aufgabe zufallen würde, dessen Erbe zu verwalten, ohne seinen Geist in sich zu fühlen. Schließlich entwarf er, bis in jede Phase vorausschauend, aus der genauen Abwägung der gegenseitigen Kräfteverhältnisse und der wahrscheinlichen operativen Entschlüsse der Generalstäbe unerbittlich jenen Verlauf der Ereignisse, der schon nach den ersten Kriegswochen durch das Nichtvorhandensein der drei immer wieder vom Generalstab geforderten zusätzlichen Armeekorps die von Schlieffen geplante große Umfassung und Vernichtung des Feindes im Westen vereiteln, in der Folge zum Stillstand der Operationen und damit zweifellos überhaupt zu der Unmöglichkeit führen sollte, den Krieg rasch und siegreich zu beenden. Wenn auch Korff bei seinen gespannt lauschenden Zuhörerinnen mit dem größeren Teil seiner Vorlesung, der sich in zahlreichen taktischen und strategischen Einzelheiten erging, nicht das Verständnis fand, das er bei Fachleuten geerntet hätte, so hinterließen seine Ausführungen, die er mit Ernst und Nachdruck vortrug, als Ganzes doch auch auf die beiden Frauen einen außerordentlichen tiefen Eindruck. Denn weder Leonie noch Sessi vermochten ihre Bewunderung für sein ungebrochenes Wissen und die zwingende Logik seiner Kombinationen und zugleich die Erschütterung über das Unheil zu verbergen, in welches das Reich mit offenbar mathematischer Sicherheit hineinsteuern würde, sobald erst einmal die Waffen sprachen. »Jetzt können wir nur noch auf die Gerechtigkeit unserer Sache wie auf die Tüchtigkeit, den Mut und die Ausdauer jedes deutschen Soldaten und den vollen Einsatz jedes einzelnen auch in der Heimat vertrauen«, meinte Korff, als sie, gegeneinander aufgeschlossen wie schon seit langem nicht mehr, zu dritt noch lange beisammensaßen und er es für angebracht hielt, den Schock zu mildern, den er den Seinen mit der Bilanz seiner Darlegungen versetzt hatte. * Als Graf Schilling schon in den ersten Tagen nach Kriegsausbruch das »Lange Haus« der Militärverwaltung mit allem nötigen Mobiliar für Lazarettzwecke zur Verfügung stellte, dessen Leitung eine unverheiratete Schwester des Grafen übernahm, sowie zur freiwilligen Teilnahme junger Mädchen an der Ausbildung als Rote-Kreuz-Helferinnen aufgerufen wurde, meldete sich Sessi sofort und ging alsbald mit solcher Hingabe in dieser Aufgabe auf, daß sie ganz ins Lange Haus übersiedelte. Auch Leonie übernahm mit der Leitung der Bahnhofsmission des Vaterländischen Frauenvereins ein Arbeitsfeld, das ihre Zeit so sehr in Anspruch nahm, daß Korff binnen kurzem so gut wie ganz auf sich angewiesen war und sich nun erst recht völlig vereinsamt und unnütz vorkam. Nach tagelangem, in sich verschlossenem Grübeln, wie er, der mit Schimpf und Schande hatte aus dem Heer ausscheiden müssen, es doch noch bewerkstelligen könne, wenigstens seine Verwendung als Truppenoffizier durchzusetzen, überwand er die auch in ihm noch immer nicht ganz erstorbene, seit Jahrhunderten von den Schillingkhoffs genährte Feindseligkeit gegen die katholische Bruderlinie und stattete seinem Vetter, dem Reichsgrafen, der, wie er wußte, über die besten Verbindungen verfügte, im Schloß einen Besuch ab, notgedrungen wieder in Zivil, von dem er nach einer reichlichen Stunde nach Hause zurückkehrte. Am Abend eröffnete er seiner Frau, ohne näher als in vagen Andeutungen vom Inhalt der Unterredung zu berichten, daß der Graf versprochen habe, sich für ihn bei den in Frage kommenden Stellen einzusetzen, und sich auch bereit gefunden habe, ihm für seine feldgraue Equipierung mit einer entsprechenden Geldsumme unter die Arme zu greifen. So fand es Leonie auch nicht verwunderlich, daß Korff in der nächsten Zeit mehrfach mit der Straßenbahn nach Rehberg hineinfuhr, um schließlich eines Tages, angetan mit der neuen Uniform eines Infanteriehauptmanns, von dort zurückzukehren. Er habe Glück gehabt und sei wieder so weit rehabilitiert, daß er an die Front dürfe. Das Regiment, dem er zugeteilt worden sei, stehe bereits weit jenseits der lothringischen Grenze. Genaues wisse er jedoch nicht, er würde sich aber schon bis zu ihm durchfragen. Den letzten Abend verbrachte Korff nicht daheim, sondern im »Goldenen Greif«, von wo er wieder erst gegen Morgen zurückkehrte und, wie es Leonie schien, noch schwerer geladen hatte als je. Als er sich dann sogleich mit einem beinahe scheuen Kuß auf die Stirn hastig von ihr verabschiedete, um den ersten Frühzug zu erreichen, erschrak sie geradezu, ohne sich klarzuwerden, warum, vor der grimmigen Entschlossenheit seines übernächtigten und irgendwie verfallenen, gleichsam über Nacht gealterten Gesichts. Es war am Morgen des achtzehnten August. * Sessi von Schillingkhoff trug nun schon seit Jahr und Tag das Geheimnis ihres liebessehnsüchtigen Mädchenherzens, das sich mit traumhaften, seligen Empfindungen an Damian gebunden fühlte, verschlossen in sich. Auch vor Damian bewahrte sie es trotz der scheuen Erwiderung seines Kusses auf der Weihnachtswanderung noch immer im Gewande einer zwar sehr herzlichen, aber doch nur harmlosen Jugendfreundschaft. Vor ihren Eltern, vor allem ihrer adelsstolzen Mutter, war sie ohnehin genötigt, jeglichen Umgang mit ihm, dem Sohne des »Beutelschmierers«, zu verbergen. Nur aus dieser dreifachen Verheimlichung ihrer tiefen Neigung für den Jüngling aus dem Gerberhaus, die teils in ihrem Wesen beruhte, teils ihr aus den Umständen auferlegt war, lassen sich die ungewöhnlichen Wege verstehen, die Sessis seelische Entwicklung im Lauf der Jahre bisher gegangen war. Ihr jugendliches, unverstandenes und doch schon sinnenhaftes Hoffen, das sie als halbes Kind noch mit schwärmerischer Hingabe an die Schönheiten der Natur und als Verehrung großer Männer in sich genährt hatte, begann sich mit dem Erwachen ihrer Weiblichkeit mehr und mehr in einer fast pathologischen Liebe zu mühseligen, verborgenen Menschen männlichen Geschlechts zu äußern. Auf sie übertrug sie alle ihre unklaren Süchte, in die ihre Unschuld sie verwandelte. Schon in dem halbwüchsigen Schulmädel brach dieses Verlangen übermäßig durch. Sie hatte vor dem Eingang zum Badepark einen alten, lahmen und halb blinden Bettelmann getroffen, den sie, ungeachtet seiner verschlissenen Kleidung, mit in die elterliche Wohnung heraufbrachte. Und nicht eher ließ sie locker, als bis ihm die Mutter außer einigen Schnitten Brot und einer Suppe noch ein Paar abgelegte Schuhe ihres Vaters gegeben hatte. Diesem Bettelmann galt auch weiterhin ihre ganze Zuneigung, und Sessi ging darin sogar so weit, sich jedesmal, wenn sie ihm wieder im Orte begegnete, eine Weile neben ihm aufzustellen und für ihn in kindlich rührender Weise bei den Vorübergehenden um eine kleine Gabe zu bitten. Bei dieser Beschäftigung überraschte die Mutter sie eines Tages auf der Straße und nahm sie auf der Stelle wieder mit nach Hause. Als sie daheim versuchte, Sessi vorzuhalten, daß sich ein solches Benehmen keinesfalls für ein gesittetes junges Mädchen aus adligem Hause schicke, fand sie bei Sessi nicht nur absolut kein Verständnis dafür, sondern einen so leidenschaftlichen Widerstand, daß sie sich schließlich dazu herbeiließ, sie zu fragen, warum sie sich soweit vergessen konnte. Darauf wußte Sessi keinen anderen Grund anzugeben, als einen brennenden, unwiderstehlichen Schmerz in der Brust, vor dem sie gewiß tot hinfalle, wenn sie sich solch eines armen Menschen nicht erbarme. Dieses quälende Verlangen, von dem sie stets beim Anblick besonders rat- und hilfloser Männer befallen wurde, die ihr in dem Badestädtchen ja auch in Gestalt von Leidenden und Verkrümmten allerorten immer wieder begegneten, konnte sich jedoch nie bis zu seiner letzten Erfüllung sättigen. Denn hinter jedem Lazarus, zu dem sie sich niederbeugte oder den sie ein Stück Weges hilfreich geleitete, schwebte immer im Unräumlichen in ihr die unbegreifliche, unergründliche Erscheinung, eines herrlichen, seelenhaft anderen, der ihr Mysterium von der Kindheit her war und dem eigentlich der Dienst ihrer Hingabe und Aufopferung galt. Gegen Frauen und Mädchen indessen war sie gleichgültig, oft sogar ablehnend, ja hochfahrend. Denn sie, die auf eine so geheimnisvoll hohe, reine Art um ihre Liebe diente, empfand aus dem Instinkt ihres weiblichen, aber überaus schamhaften Wesens die hüllenlos einfache, oft brutale Gewalt, mit der Frauen und Mädchen ihre Leibessüße und Schwäche als unwiderstehliches Kampfmittel zur Eroberung des Mannes gebrauchen, als etwas, dem sie sich so fern wie möglich halten mußte, weil ihr schon dessen Ausstrahlung einen gleichsam körperlichen Widerwillen erregte. Aus dieser Grundhaltung ihres Wesens drängte es sie bald nach Kriegsausbruch noch stärker als jede andere deutsche Frau zur Hilfeleistung für die zu erwartenden Opfer des Krieges, und mit einem wahren Übereifer stürzte sie sich auf die Möglichkeit, die ihr sich dazu in dem Helferinnenkursus im »Langen Haus« bot. Bei dem ersten Zusammentreffen mit Sessi, das Damian einige Tage nach der Abreise ihres Vaters zur Front nur dadurch zuwege brachte, daß er sie gegen Abend aus dem Langen Haus herausbitten ließ und zu einem Gang ins Wäldchen abholte, verhehlte er ihr unterwegs nicht, wie schmerzlich er es empfunden, daß sie nicht schon von selbst einmal seit seiner Rückkehr bis ins Gerberhaus gefunden habe. Doch sie gab ihm in so beweglichen Worten eine Schilderung ihrer neuen, schönen Aufgabe, die sie jetzt ganz erfülle und in Anspruch nehme, daß Damian davon geradezu entwaffnet wurde, sich selbst aber doch erst recht wie nebensächlich oder beiseitegeschoben vorkam. Doch als er ihr daraufhin, doppelt bedrückt von dem Gefühl seiner Zurückstellung, beinahe kleinlaut von diesem Mißgeschick berichtete und es dabei zuletzt nicht unterdrücken konnte, auch ein wenig von seinem Neid durchblicken zu lassen, daß sie, ein Mädchen, sich in den Dienst des Vaterlandes stellen durfte, während er, ein Mann, hier in Wilkau unfreiwillig und unnütz herumsitzen müsse, lachte sie ihm erst einmal übermütig und schalkhaft zu: »Ein Mann, Damian? Dazu fehlen dir doch wohl noch ein paar Zentimeter Brustumfang, wenn ich dich recht verstanden habe.« Doch gleich spürte sie, wie sehr sie ihn mit diesen Worten verletzt hatte, und wußte, daß sie ihm das nicht einmal im Scherz hätte sagen dürfen. Sofort suchte sie es wiedergutzumachen, reichte ihm ihre Hand und sagte: »Verzeih, ich wollte dich wahrhaftig nicht kränken, liebster Damian. Es war ganz dumm von mir. Ich meine es ja auch ganz anders. Denn im Grunde habe ich noch gar nicht daran gedacht, daß du schon ebenso alt bist wie andere, die mit ins Feld ziehen. Jetzt weiß ich erst wirklich, daß wir keine Kinder mehr sind. Übrigens, ich kann recht gut nachfühlen, wie es euch Männern jetzt zumute ist. Was hat Vater nicht schon gelitten, als es losging und er noch nicht einmal wußte, ob es ihm gelingen würde, wieder aufgenommen zu werden und an die Front zu dürfen. Er hätte es einfach nicht ertragen, nicht mitkämpfen zu dürfen. Mit dir ist es allerdings noch etwas anderes. Für Vater ist es sein Beruf, aber du bist doch Student.« Da Damian in diesem Augenblick Miene machte, sie zu unterbrechen, ließ ihn Sessi nicht erst zu Worte kommen: »Nein, du darfst das nicht falsch auffassen, Damian. Ich verstehe dich ja nur zu gut. Wäre ich ein Mann, ich würde wohl bestimmt nicht anders denken wie du. Aber siehst du, Damian, weil ich...« Plötzlich hielt sie, wir vor sich selbst erschrocken inne und mußte erst sichtlich einen Anlauf nehmen, ehe sie sich entschließen konnte, fortzufahren: »... ja, mein Gott, weil ich dich einfach viel zu sehr liebhabe, bange ich schon heute vor dem Augenblick, wenn du einmal hinausziehen müßtest, so stolz ich dann auch auf dich sein würde. Aber vorläufig bin ich dem Schicksal nur dankbar, daß du noch nicht in Uniform steckst. So sind wir halt, wir Frauen!« schloß sie unvermittelt, als zürne sie sich selbst wegen ihres allzu offenen, zum erstenmal ausgesprochenen Bekenntnisses ihrer Liebe. Zehntes Kapitel An diesem Abend kehrte Damian zwar als ein Liebender ins Gerberhaus zurück, den das Eingeständnis des geliebten Wesens, daß es seine Liebe erwidere, tief beglückte, aber schon am anderen Morgen war er sich nicht mehr ganz sicher, ob Sessi in ihrer Güte ihn zuletzt nicht nur über seine Enttäuschung hinwegtrösten wollte, die sie zunächst doch selbst über seine Zurückstellung empfunden hatte. Die Worte, die sie in ihrer ersten Aufwallung dafür gefunden hatte, kränkten ihn doch noch immer, und was an ihm lag, auch vor ihren Augen als vollgültiger Mann dazustehen, würde er tun; das schwor er sich zu. Auch der gutgemeinte Rat, den ihm Sessi, noch ehe sie sich trennten, in ihrer liebreizenden Art gegeben hatte, nämlich tüchtig Sport zu treiben, am besten vielleicht Fechtunterricht zu nehmen, um dem zu schmalen Brustumfang nachzuhelfen, war nicht gerade sonderlich geeignet, sein Selbstbewußtsein zu erhöhen oder gar sein Glücksgefühl überströmen zu lassen. Die Ferien wurden ihm diesmal lang, denn erst Anfang Oktober begann das neue Semester. Wenn es auch nur noch wenige Wochen waren, die bis zu seiner Abreise vor Damian lagen, so drohten sie ihm, den es danach drängte, sich in die Arbeit zu stürzen, sich darin zu betäuben, doch noch lang genug zu werden. Aber konnte er denn nicht auch hier in Wilkau schon damit beginnen, indem er sich in ein Buch vertiefte, das ihn fördern und zugleich von allen Skrupeln ablenken würde? So griff er, fast mechanisch, zu jenem Buch, das er sich noch am letzten Tage vor der Heimfahrt in einer Buchhandlung mit dem Vorsatz erstanden hatte, es in den Ferien zu lesen. Wohl hatte er schon in den ersten Tagen in Wilkau einmal hineingeschaut, es auch angelesen, aber dann wieder unmutig beiseite gelegt. Er brachte einfach die innere Sammlung nicht auf, welche die Lektüre gerade dieses Buches offenbar erforderte. Es waren »Fichtes Reden an die deutsche Nation«. Die eigentliche Anregung, sie sich zu beschaffen, verdankte er Professor Methner. Er hatte sie noch vor Kriegsbeginn in seiner Schlußvorlesung der akademischen Jugend eindringlich ans Herz gelegt und dann in seiner Ansprache vor dem Rathaus mit den Worten der Jugend von 1914, in der sich, wenn nicht alles täusche, der Anfang eines neuen Weltalters verkörpere, noch einmal einen in jener Vorlesung geäußerten Gedanken Fichtes aus der Zeit vor den Befreiungskriegen aufgenommen. Jetzt, bei seinem zweiten Versuch, geriet Damian nach einigen neuen beharrlichen Ansätzen, trotzdem ihn Form und Stil der Darstellung vielfach fremdartig anmutete, von Rede zu Rede fortschreitend doch immer tiefer in den Bann dieses Geistes, dessen schon über ein Jahrhundert verklungene Stimme ihn schließlich mit ihrer ungeahnten Kraft und Wucht stärker traf als irgendein Werk eines deutschen Philosophen. In dieser schon wieder einigermaßen von seinen persönlichen Umständen abgelenkten, kontemplativen Stimmung fand Damian eines Morgens neben seinem Frühstücksteller vier Briefe von Walters Hand, die dieser ihm vom Beginn des Vormarsches in Belgien an geschrieben, deren Beförderung sich aber durch die nur langsam in Fluß kommende Feldpost solange verzögert hatte. Der heiße Atem siegreichen Vorwärtsstürmens, die beinahe selige Lust, im Felde seinen Mann stehen zu können, die ihm aus jeder Zeile dieser Briefe entgegenschlug, war indes wenig dazu angetan, den zwiespältigen und unbehaglichen Zustand, dem Damian sich ungeachtet der Aufrichtung durch Fichte doch immer noch hier in Wilkau seelisch unterworfen sah, zu mildern oder gar zu lösen, so wohl ihm auch diese sichtbaren Zeichen der unverändert herzlich aufgeschlossenen Zuneigung des Freundes und seiner Unversehrtheit taten. Hatte er sich nicht in den vergangenen Wochen wer weiß wie oft um Walters Ergehen, ja ob seines völligen Schweigens seit seinem plötzlichen Aufbruch ins Feld manchmal sogar um den Bestand ihrer jungen Freundschaft gesorgt? Vor allem Walter gegenüber wollte er sich jetzt um keinen Preis dem Verdacht aussetzen, seinem damals so spontan geäußerten Entschluß, sich sofort freiwillig zu melden, untreu geworden zu sein, zumal der Freund ihn nach seinen Briefen bereits im Soldatenrock wähnte und schrieb, daß er hoffe, ihn bald draußen begrüßen zu können. Auf der Stelle begann Damian daher, Walter in einem Brief über sein Mißgeschick zu unterrichten, und unversehens flossen ihm dabei, anknüpfend an die Schilderung seines Erlebnisses vor dem Rathaus mit der Ansprache des Professors und an seine eben beendete Lektüre von Fichtes Reden, Gedankengänge in die Feder, mit denen er sich zwar dem Freunde bekenntnishaft eröffnete, aber im Grunde doch nur vor sich selbst bemühte, zu einer weiteren Klärung seiner inneren Situation zu gelangen. »Nicht nur das friedliche Weltbild«, so schrieb Damian dem Freunde, »in das ich mich seit Jahren versponnen hatte, war mir mit einem Schlag zerstört, als der Krieg ausbrach; auch alle meine frühere Sicherheit mir selbst gegenüber hatte ich damit verloren. Menschen, die gleichsam von Natur aus allein mit idealistischen Augen in die Welt blicken, und zu denen gehöre ich, erschienen mir plötzlich nicht mehr lebensnotwendig oder richtiger: lebenskräftig. Wahrscheinlich würden sie auf dieser noch allzuharten Erde erst in fernen Zeiten einmal heimisch werden und dann ohne eine andere Aufgabe als die ihrer erfreulichen Existenz gleich irgendwelchen zarten Naturgewächsen blühen können. So war ich also ein Zufrühgeborener? Und dabei fühlte ich mich doch auch wieder als das bisher letzte Glied einer Kette von Vorfahren, als Produkt einer ganzen Entwicklungsreihe. Ja, zuzeiten wußte ich nicht einmal, ob ihr Höhepunkt schon hinter mir liege und ich nur ein schmächtigerer Nachfahre sei. Meine Hoffnung, auf die ich alles gesetzt hatte, durch meine Meldung zum Heer wieder den Anschluß an das Geschehen der Zeit zu finden, war zerschlagen. So kam ich ausgebrannt und richtungslos hierher nach Wilkau. Da rettete mich ein alter Spruch meiner Vorfahren, den ich von meiner Mutter erfuhr, vor der schlimmsten Verzweiflung. Ich begann wenigstens wieder an eine unbekannte Kraft zu glauben, die über alles Lebendige wacht und es nach ihrem uns unerforschlichen Sinne lenkt. Ehrfürchtig unterwarf ich mich dieser Väterweisheit und war durchaus geneigt anzuerkennen, daß sich unter dem Einfluß jener über uns waltenden Allmacht die Zeitalter gestalten, also auch das unsrige sich nach ihrem Willen formen wird, ohne daß wir Menschen ihr mehr als Handlangerdienste dabei leisten dürfen. Heute weiß ich, daß ich mit dieser Auffassung auf dem besten Wege war, mich in eine mißverstandene Weisheit zu verlieren. Denn ich erwachte wie unter dem lauteren Tönen erzener Glocken, als mich die Stimme Fichtes anwehte, dessen Reden ich inzwischen las, zu einem neuen Glauben an mich selbst und an die Bestimmung im besonderen, die wir deutsche Jugend heute wie vor hundert Jahren zu erfüllen haben. Doch höre diese seine eigenen Worte, die ich sogar in seinen eigenen Schriftzügen vor mir sehe, denn ohne zu ahnen, wie tief sie mich noch einmal bewegen sollten, lagen sie, von seiner Feder geschrieben, im vorigen Jahr unter Glas in der Jahrhundertausstellung aus, und ich betrachtete sie mir damals lange, auf eine magische Weise davon angezogen: ›Wohl mögen Regen und Tau und unfruchtbare oder fruchtbare Jahre gemacht werden durch eine uns unbekannte und nicht unter unserer Gewalt stehende Macht; aber die ganz eigentümliche Zeit der Menschen, die menschlichen Verhältnisse, machen nur die Menschen sich selber und schlechthin keine außer ihnen befindliche Macht. Nur wenn sie alle insgesamt gleich blind und unwissend sind, fallen sie dieser verborgenen Macht anheim; aber es steht bei ihnen, nicht blind und unwissend zu sein. Zwar in welchem höhern oder niedern Grade es uns übel gehen wird, dies mag abhängen teils von jener unbekannten Macht, ganz besonders aber von dem Verstande und dem guten Willen derer, denen wir unterworfen sind. Ob aber jemals es uns wieder wohlgehen soll, dies hängt ganz allein von uns ab, und es wird sicherlich nie wieder irgendein Wohlsein an uns kommen, wenn wir nicht selbst es uns verschaffen.‹ Nun sah ich ein, daß mir wie uns allen Gnade von oben nur in dem Maße zuteil werden kann und wird, wie wir uns selbst unser persönliches oder als Volk unser völkisches Lebensrecht schaffen und erhalten. Und noch eines sah ich ein: Wir sind nur Glieder einer edlen Kette von Vorfahren, aber keine schmächtigen Nachfahren, wir stehen in der Mitte, wir werden Nachkommen haben und müssen sorgen, daß die Kette nicht abreiße. Wie das nächste Geschlecht, das von uns ausgehen soll, sein wird, hängt allein von uns Lebenden ab. Und gelingt es uns Deutschen, die wir schon solange nach einem Reich des Rechts, der Vernunft und der Wahrheit streben, nicht, es heute zu verwirklichen, geht morgen zugleich alle Hoffnung der abendländischen Menschheit auf Rettung aus der Tiefe ihrer Übel zugrunde.« Es war ein Brief von vielen Seiten geworden, und als Damian ihn sich mit der ihm eigenen Gewissenhaftigkeit noch einmal überlas, ehe er ihn verschloß, fühlte er selbst, daß er damit die Einsicht und die Richtung wiedergewonnen hatte, deren er für die kommenden Monate bedurfte. In einer kurzen Nachschrift gab er Walter noch zu verstehen, wieviel Dank er doch ihm dafür schulde. Denn nur im Stromkreis ihrer Freundschaft sei er dieser Selbstbesinnung fähig gewesen. * In den letzten Ferientagen fand Damian sich zur Freude von Mutter Christel endlich auch wieder in sein altes, offenes und liebenswürdiges Wesen zurück, jegliche Verbiesterung war von ihm abgefallen. Alleweile fand er sich in der Wohnküche bei der Mutter ein und brachte ihr scherzend irgendeine Kleinigkeit mit, die er eingekauft hatte, ein Päckchen Streichhölzer oder einen Steg Kernseife, damit sie ihre Vorräte ergänzen könne, mit denen sie sich tatsächlich wie für eine jahrelange Belagerung verproviantiert hatte. Dann ließ er sich wie in seinen Knabenjahren auf seinem Lieblingsplatz, der Ofenbank, nieder und plauderte mit ihr von Breslau, von Walter, oder las ihr aus der Zeitung vor, während sie eifrig an Socken und allerhand Wollsachen für die Soldaten strickte. Gelegentlich traf er hierbei auch auf Frau Agnete, Reinhards Mutter, mit der sich Christel zu diesem Liebeswerk zusammengetan hatte, obwohl Meister Jochen es lieber gesehen hätte, wenn sie jede Verbindung zu der Familie des »verruchten« Grubeninspektors abgebrochen hätte. Aber Jochen war seit Kriegsbeginn derart mit Heeresaufträgen überhäuft, daß er sich außer zu den Mahlzeiten nie in der Wohnküche blicken ließ. Er arbeitete mit nur einem kränklichen Gesellen so angestrengt in der Werkstatt, daß er darüber sogar nur gelegentlich dazu kam, seinem abgründigen Pessimismus über die Kriegsereignisse freien Lauf zu lassen. Agnete, die unter dem stets gereizten Wesen ihres unsteten und in undurchsichtige Unternehmungen verwickelten Mannes eine stille, etwas verhärmte, ein wenig zu früh gealterte Frau mit noch immer schönen Zügen geworden war, schwärmte Damian gegenüber mit bescheidenem Stolz von Reinhards Ansehen im Alumnat und von seinem Fleiß, der so weit ginge, daß er nicht einmal jetzt zu den Sommerferien nach Hause gekommen sei. Während Damian Agnete wortlos zuhörte, die sich offensichtlich bemühte, in ihm das verblaßte Bild des Jugendfreundes wieder aufzufrischen und es freundlich zu belichten, bewegten ihn zunächst die widersprechendsten Gefühle. Über sein Zerwürfnis mit Reinhard war er längst hinweggekommen, er grollte ihm auch nicht mehr, seit er ahnte, daß sich Reinhard nur aus einer tiefen Scham über die Ursachen ihrer Entzweiung, die er selbst verschuldet hatte, von ihm fernhielt; aber seine alte Zuneigung für ihn war erloschen, den Platz, den Reinhard einst in seinem Herzen einnahm, hatte nun Walter inne. Dennoch konnte er nicht leugnen, daß ihn jedesmal, wenn er sich Reinhards erinnerte, die Empfindung eines schmerzlichen Verlustes anwehte. Aber durch Agnetes Einwirkung stärker als sonst an seine alten Gefühle für Reinhard herangeführt, überließ sich Damian widerstandslos der warmen Aufwallung seines Herzens. Wie von einer Eingebung geleitet holte er am Tag vor seiner Abreise den Band Fichte aus seiner Stube, schrieb hinein: »Hast du's im Wesen, um so besser wirst du es auch lesen! Für Reinhard zur großen Erhebung von 1914 von Damian«, und übergab ihn, schon eingeschlagen und verschnürt, Agnete mit der Bitte, das Buch Reinhard zu übermitteln. Mit freudigem Erstaunen nahm sie es entgegen. Aber als sie Damian fragte, ob sie Reinhard noch etwas von ihm bestellen solle, verneinte er das dankend und bat sogar ausdrücklich darum, Reinhard darüber hinaus kein Wort, weder über sich noch über ihn zu schreiben. Dann verließ er unvermittelt den Raum. Am nächsten Tage schied Damian, diesmal ohne allzu hemmende Anwandlungen, wieder für Monate aus dem Gerberhaus und von Sessi, der er nur das Versprechen abnahm, ihm öfter zu schreiben. Elftes Kapitel Während sich im Westen schon die Wolken zusammenballten, aus denen sich unter einstweilen noch unhörbaren Donnerschlägen bald der eiserne Vorhang des Schicksals vor den deutschen Armeen herabsenken sollte, der ihrem Vorwärtsstürmen noch vor Beginn des Winters Einhalt gebot, überließ sich Damian unbeschwert dem lichten Seelenwetter, in das er zurückgefunden hatte. Von den Flügeln seines neuen Geistes getragen, wirbelte es ihn förmlich durch die Tage und Wochen, vom Hörsaal zur Fechtstunde, vom Seminar zum Rudern. Rechtschaffen müde sank er allabendlich in traumlosen Schlaf, aus dem er sich schon am zeitigen Morgen, unsanft genug, doch stets erquickt, vom Schrillen seines Weckers auf die Beine bringen ließ. Gerade in diesen ersten Stunden des Tages arbeitete er nun am liebsten und benutzte sie daher vor allem zur Anfertigung der verschiedenen Seminararbeiten, unter denen ihn das Thema »Über das Grundprinzip der Philosophie Heraklits«, das ihm Professor Methner gestellt hatte, am meisten ansprach, und das ihn einige Wochen lang auch innerlich stark beschäftigte. Denn nicht nur, daß er hier einer der Grundgestalten des erkennenden Gedankens, einem der geistreichsten Männer der Antike, ja aller Zeiten, gegenüberstand, beeindruckte ihn so sehr, sondern daß er sich mit einem Male und auf eine fast beklemmende Weise in eine Fortsetzung seines nächtlichen Streitgesprächs mit Walter über den griechischen ›agon‹ verstrickt sah. Mochte er damals noch zu befangen in seiner Wunschvorstellung vom schöpferischen Frieden als Weltprinzip gewesen sein, oder ihn inzwischen Ares mit seinen roten Blitzen hellsichtiger gemacht haben – heute jedenfalls erschien ihm Heraklits Gesetz vom ewigen Werden, vom Kampf, der allem Werden eigentümlich ist, und vom »agon«, in dem das Räderwerk des Kosmos sich dreht, in anderem Licht als dazumal. Und je tiefer er in Heraklits Gedankenwelt eindrang, um so stärker lichtete sich ihm das Dunkel, das man seinem Stil sooft vorwerfen zu müssen glaubt, und um so leuchtender löste sich ihm daraus die wundervolle, aus dem reinsten Quell des Hellenischen geschöpfte Vorstellung, die den Kampf als das fortwährende Walten einer einheitlichen, strengen, an ewige Gesetze gebundenen Gerechtigkeit begreift. Das Urteil, das der Professor dann über seine Arbeit fällte, als er sie besprach, war so uneingeschränkt lobend, daß Damian errötete und es alsbald auch Walter mitteilte, vor dem er zu seiner Besorgnis schon längere Zeit ohne Nachricht geblieben war, obwohl der Freund ihm bisher regelmäßig einmal in der Woche geschrieben hatte. Etwa eine Woche später erhielt Damian zu seinem Schrecken den Brief zurück mit dem Vermerk: »Verwundet. Nicht mehr bei der Truppe.« Nun hieß es, sich in Geduld fassen und auf ein Lebenszeichen Walters warten. * Auch aus Wilkau vernahm er zur gleichen Zeit Unerfreuliches insofern, als ihn Sessi in ihren Briefen, die sich; sonst eigentlich nur auf verlängerte Grüße beschränkten, nun schon zu wiederholten Malen wissen ließ, daß sie daheim von ihrem Vater seit dem Tag seiner Abfahrt zur Front noch keine Zeile erhalten hätten und gar nicht mehr wüßten, was sie unternehmen könnten, weil ihnen nicht einmal das Regiment bekannt sei, zu dem Vater kommandiert wurde. Da seit diesem Zeitpunkt jetzt schon mehr als acht Wochen verstrichen waren, blieb nach Meinung der beiden Frauen nur die Annahme übrig, daß Korff in Gefangenschaft geraten sein mußte, andernfalls hätte er doch bestimmt eine Möglichkeit gefunden, den Seinigen ein Lebenszeichen zukommen zu lassen, oder man hätte die Familie im Falle seines Todes benachrichtigt. Damian, der Korff persönlich gar nicht näher kannte, denn seine erste Begegnung mit ihm als Kind im Gerberhaus zählte ja kaum, und ihn später dann und wann allein oder in Sessis Begleitung von ferne gesehen hatte, empfand für ihn, als Vater Sessis, zwar keine ausgesprochene Abneigung, aber es war doch so viel Maechlerblut in ihm, daß er von jeher das hochfahrende, adelsbetonte Wesen Korffs, das einst seinem Vater gegenüber zum Ausbruch gekommen war, aus bürgerlichem Selbstgefühl als eine Erniedrigung angesehen und auch Sessi gegenüber daraus nie einen Hehl gemacht hatte. Später, als er durch Sessi erfuhr, daß ihre Eltern durch strikte Verbote ihre Freundschaft mit dem Gerberjüngling zu unterbinden trachteten, konnte er dieses Gefühl noch weniger unterdrücken, so daß ihn jetzt Korffs Schicksal ziemlich unberührt gelassen hätte, wäre er nicht Sessis wegen genötigt gewesen, sich darüber Gedanken zu machen. Zwar war auch er geneigt, an Korffs Gefangenschaft zu glauben, da er keinen anderen plausiblen Grund für sein Schweigen sehen konnte; aber auch dann hätte doch wohl über das Rote Kreuz schon eine Nachricht eingetroffen sein können. Je länger er darüber nachdachte, desto mehr verdichtete sich in ihm eine dunkle Ahnung, daß sich nur ein tragisches Geschehen als Ursache und zugleich Lösung dieses rätselhaften Verhaltens herausstellen würde. Wie recht er damit behalten sollte, erwies sich in der Folge, wenn auch erst abermals einige Wochen darüber hingingen, Wochen übrigens, in denen sein Denken und Fühlen so ausschließlich von dem Schicksal Walters in Anspruch genommen wurde, das sich ihm in dieser Zeit enthüllte, daß demgegenüber die ahnungsvolle Ungewißheit über das, was Korff widerfahren sein mochte, zeitweilig gänzlich seinen Gedanken entschwand. Von Walter hatte sich das Soldatenglück gewendet. Ein Schrapnell hatte ihm beim Sturm der Infanterie die linke Schulter und gleich darauf eine Granate auch noch den linken Unterschenkel zerschmettert, so daß er sofort im nächsten Feldlazarett operiert werden mußte, wobei das Bein bis übers Knie dem Messer des Chirurgen zum Opfer fiel. Erst nachdem er in einem weiter rückwärts gelegenen Kriegslazarett Aufnahme gefunden hatte, war es ihm möglich, an Damian zu schreiben. So erlöst Damian auch aufatmete, als er nunmehr wenigstens Gewißheit hatte und den Freund am Leben wußte, erregte ihn dessen schwere Verwundung doch außerordentlich, wenn er die Folgen bedachte, die sie für Walters ganze Zukunft mit sich bringen mußte. Seiner Offizierslaufbahn, für die er seiner Natur nach bestimmt schien, war damit ohne Zweifel ein Ende gesetzt. Offenbar gab sich auch Walter kaum noch Illusionen darüber hin. Denn Damian entnahm einigen Wendungen seines an sich knappen Briefes, der ihm im wesentlichen nur die Tatsachen mitteilte, wie schwer Walter innerlich unter diesem Gedanken litt. Er spürte genau, daß der Freund von ihm nun gleichsam ein erlösendes Wort erwartete, ein Wort, das vielleicht überhaupt für seinen Genesungswillen entscheidend sein konnte. Nur durch ein neues Lebensziel, das er ihm eröffnen könnte, war dem Freund jetzt zu helfen, und dieses Lebensziel bestand nach Damians Überzeugung in dem Entschluß, zu dem er Walter bringen mußte, sich nach seiner Wiederherstellung einem Universitätsstudium zuzuwenden, gleichgültig vorläufig welchem. In diesem Sinne unternahm es Damian denn auch sogleich, den Freund zu beeinflussen. Vielleicht glückte es ihm, wenigstens seine Bereitschaft dafür zu wecken. Aber das Echo Walters, das Damian nach einiger Zeit erreichte, war wenig befriedigend. Die Ärzte, so schrieb Walter, hätten ihm durchaus Hoffnung gemacht, seine Schulter wieder kunstgerecht zusammenflicken zu können, wenn er sich auch auf eine Geduldsprobe gefaßt machen müsse. Mit einer Prothese werde es dann wohl immer noch ausreichen, sich der Fliegerei zuzuwenden. Nur für den Fall, daß die ärztliche Kunst an ihm versage, habe er sich vorgenommen, Damians Rat zu befolgen und sich für das Studium der Medizin entschieden, wohl immer noch die lebensnächste und für die Menschheit nützlichste aller Disziplinen, wenn er vom Waffenhandwerk zum Schutze seines Volkes absehe. Nach diesem Kriege werde die Welt ohnehin sicherlich für Jahrzehnte alles andere als darauf sinnen, wie sie sich am besten von neuem zerfleischen könne; und wenn er auch noch immer nicht daran glaube, daß sich jemals auf Erden der »ewige Friede« statuieren ließe, so hätte er für seine Person beim Friedensschluß, falls er mit gesunden Gliedern heimgekommen wäre, sowieso lieber seinen Waffenrock ausgezogen, als genötigt zu sein, in irgendeiner Garnison beim Gamaschendienst oder selbst in einem langweiligen Friedensgeneralstab über den alljährlichen Manöverplänen alt und grau zu werden. Einstweilen sei es glücklicherweise noch längst nicht soweit, und er bleibe bei seinem Vorsatz: falls es mit ihm noch für die Fliegerei lange – und bis er ausgeheilt sei, würde dieser Krieg bestimmt noch dauern, ja, es würden wohl noch einige Jahre daraus werden, darüber dürfe man sich nicht täuschen –, könne ihn niemand daran hindern, in eine Kiste zu klettern und sich die Fronten von oben zu besehen. Als Damian diese Überlegungen Walters las, erging es ihm wie einem, der gefragt wird, ob es ihm lieber sein würde, vom Schicksal ein taubes oder ein stummes Kind zu erhalten, und der nicht weiß, wie er sich dazu stellen soll. Sollte er wünschen, Walter möge soweit wiederhergestellt werden, um dann als Flieger sein Leben ein zweites Mal und noch viel wahrscheinlicher zu gefährden, oder wünschen, er möge lieber einen noch größeren Schaden davontragen, damit ihm dadurch sein doch recht unfreiwillig gefaßter Plan, Medizin zu studieren, gleichsam vom Schicksal aufgezwungen würde? * Indes Damian dergestalt zwiespältigen Gefühlen hingegeben, einmal voll froher Zuversicht, dann wieder besorgt den weiteren Fortschritten in der Genesung des Freundes entgegensah, war Sessis Vater, der Freiherr von Schillingkhoff, von den Erinnyen seines verletzten Ehrgeizes wie seines nach dauernden Selbstmißhandlungen nur noch flügellahm flatternden Geistes so erbarmungslos gehetzt worden, daß er buchstäblich aus der einst so hochgeschwungenen Bahn seines Wesenssternes auf die Erde geschleudert wurde. Doch gleich allen Meteoren glückte es auch ihm noch einmal, seinen rasenden Fall in den irdischen Abgrund in ein so gleisnerisches Leuchten zu hüllen, daß es nicht nur diejenigen, welche seinem letzten Aufstrahlen beiwohnten, gleich einem fesselnden Naturereignis packte, sondern auch noch die Seinen, Leonore und Sessi, wohltätig über die höllische Tiefe seines Sturzes zu täuschen vermochte. Nur einem einzigen Menschen entschleierte sich, scheinbar durch einen zufälligen Anstoß, die letzte Katastrophe dieses Mannes und damit die Tragik seines in trügerischem Glanze zersprühenden Lebens ganz. Schon der Umstand, daß es Damian war, der dessen gewürdigt oder auch dazu verurteilt wurde, läßt eine Zufälligkeit nicht glaubhaft erscheinen. Obschon auch er den äußeren Ablauf der Ereignisse nie genau erfuhr, gelang es ihm doch aus dem Ahnungsvermögen seines Inneren, sowohl ihre realen Ursachen wie dann auch das Ausmaß der seelischen Zerrüttung zu erkennen, das diese durch und durch soldatische Natur jenem unheldischen Ende zutrieb, welches allein Damian als solches überschaute und in sich bewahren mußte, wollte er nicht Sessis künftiges Leben unerträglich damit belasten. Denn je unkindlicher Sessi geworden war, je selbstverständlicher sie sich von ihren erwachten weiblichen Gefühlen tragen ließ, desto gewichtloser erschien ihr alles, was ihr Vater durch selbstverschuldetes Handeln oder Unterlassen zu seinem persönlichen Geschick wie zur Zerrüttung seiner Ehe beigetragen haben mochte. Und desto stärker war sie davon überzeugt, daß er in seinem Kerne ein schlackenloser Ehrenmann sei, der sich mit allem, was er dachte, sprach oder handelte, und mochte es nach landläufigen oder adligen Begriffen noch so befremdlich sein, nur gegen das ihm zugefügte bittere Unrecht stemmte, um es zu überwinden. Mit dieser Überzeugung kam sie der Wahrheit so nahe, wie es nur von Natur aus gütige und feinfühlige Wesen vermögen, die durch die Äußerungen menschlichen Gebarens auf den Grund einer Gestalt zu blicken imstande sind. Mit der gleichen Post, mit der Sessi wieder einmal Damian in einer liebenden Besorgnis, die ihn erschütterte, wissen ließ, daß sie noch immer in völliger Ungewißheit über den Vater schwebe, und daß sie nun, ohne auf ihre Mutter zu hören, einen Schritt beim Generalkommando unternehmen wolle, um nach Vater forschen zulassen, erhielt Damian einen Brief Walters, der ihm blitzartig das Dunkel erhellte, das auch für ihn bisher über dem Verbleib Korffs lag. Der Freund schrieb ihm aus dem Kriegslazarett Aschaffenburg, in das er inzwischen verlegt worden war. Damian traute kaum seinen Augen, als er ihn las. Ein einziges Mal hatte er zu Walter in vorgerückter Stunde, und auch nur seinen drängenden Fragen nachgebend, fast scheu davon gesprochen, daß er sich einem Wilkauer Mädchen, Sessi gerufen, der Tochter eines Freiherrn von Schillingkhoff, als heimlich verlobt betrachte, sich aber peinlich gehütet, den Freund selbst andeutungsweise über die Personalien Korffs und seine gescheiterte Existenz ins Bild zu setzen. Und jetzt: schrieb ihm Walter, er habe mehrere Tage im Aschaffenburger Lazarett neben einem Hauptmann Freiherrn von Schillingkhoff gelegen, der, nach langen Wochen von einer schweren Rückgratverletzung genesen, wenn auch für immer verkrümmt, eben nach Wilkau entlassen worden sei. Der Hauptmann sei demnach zweifellos der Vater seiner Sessi. Übrigens hätte er tagelang gleich einem Stummen in einer ihn geradezu kränkenden Wertlosigkeit sein Zimmer geteilt. Das Höchstverwunderliche an der ganzen Sache aber sei, daß ihm der Hauptmann in der Nacht vor seiner Entlassung in einem plötzlichen wilden Ausbruch, den er, Walter, nun seinerseits unbeantwortet gelassen hätte, den er aber, solange er atmen könne, nicht vergessen werde, in vagen, abgerissenen Sätzen, die es ihm mehr abpreßte, als daß er sie freiwillig über seine Lippen ließ, folgendes anvertraut habe: Um nicht gänzlich entehrt vor seiner Familie und seinen Bekannten dazustehen, werde, ja müsse er, wenn er jetzt als Krüppel nach Hause zurückkehre, allen diesen Menschen das vorspielen, was sie selbst von ihm als ehrlichem und tapferem Kämpfer für das Vaterland zu glauben bereit seien. Nach seiner Ansicht müsse die schwere Verletzung Schillingkhoffs auch Rückwirkungen auf seinen Geisteszustand gehabt haben, wofür schon der Umstand spräche, daß er nach Aussage der Schwestern nahezu noch drei Wochen nach seiner Einlieferung besinnungslos geblieben sei. Schillingkhoff sei, auch darüber habe er sich informieren können, in offenbar stark angeheitertem Zustand aus einem westwärts fahrenden Militärzug rücklings auf die Schienen gestürzt und habe sich dabei die schwere Verletzung zugezogen. Und jetzt lebe er in dem Wahne, denen zu Hause eine Komödie von schwerer Verwundung und Heldentaten an der Front, die er noch gar nicht gesehen habe, vorgaukeln zu müssen. Damian las diesen inhaltsschweren Brief so oft, bis ihm die Buchstaben verschwammen, und sein Kopf schwirrte ihm von den hin und her jagenden Gedanken, die aber doch alle wieder in eine einzige Erkenntnis mündeten, in die Erkenntnis nämlich, daß Korff nur durch ein Geschehen, das seine Natur vergewaltigt haben mußte, in jenen Zustand völliger Ausweglosigkeit und Verzweiflung geraten sein konnte, in dem er sich bereits befand, als er aus dem Zuge stürzte, und der ihn in der Nacht vor seiner Entlassung, angesichts eines ihm doch wildfremden Menschen und zugleich jungen Kameraden, noch einmal übermannte. Die von Walter ausgesprochene Vermutung, daß sich Schillingkhoffs Geist durch seinen Sturz verwirrt habe, teilte Damian nicht, im Gegenteil, er war fest davon überzeugt, daß Korff im vollen Besitz seiner geistigen Funktionen war und im vollen Ernst sprach, als er seinem nächtlichen Zuhörer seinen abenteuerlichen, normalerweise allerdings wahnwitzig klingenden Entschluß verkündete, sich nach seiner Heimkehr in die hochstaplerische Rolle eines Helden zu flüchten. Doch erst allmählich gelang es Damian, sich so weit zu sammeln und zu ruhiger Überlegung zu zwingen, daß er imstande war, zunächst einmal den Ausgangspunkt zu fixieren, von dem aus die Spule des Schicksals abermals begonnen hatte, eine für Korff verderbliche Schnur zu spinnen, in die er sich blind und diesmal so vollständig verstricken mußte, bis er sich rettungslos darin verfangen sah. Indem Damian sich alles, was er von Korffs äußerem Dasein in den letzten Monaten durch Sessi wußte, ins Gedächtnis zurückrief, fand er diesen Ausgangspunkt in der jähen, neu erwachten Aktivität, in die sich Korff mit dem Ausbruch des Krieges gestürzt hatte, als er seine Wiederaufnahme ins Heer betrieb. Wie wenn vor einem Wanderer im Hochgebirge, der in einem dichten Nebelmeer nur vorsichtig Schritt vor Schritt auf dem Steige bergauf schreiten kann, den er gerade unter den Füßen hat und den er höchstens auf ein paar Meter überblicken kann, plötzlich der Schleier zerreißt und er sich knapp vor der Gipfelhütte sieht, die er noch in weiter Ferne wähnte, so teilte sich vor Damian, an diesem Punkte seines Denkens angelangt, eine Nebelwand und gab ihm die Sicht auf den Dornenweg frei, den Korff seitdem hatte gehen müssen: Der erst mit schlichtem Abschied aus dem Heer entlassene, später auch noch ausgestoßene ehemalige Generalstabshauptmann und glühende Patriot meldet sich als Gemeiner, um mit ins Feld ziehen zu können; wird abgelehnt; versucht es nun, sich das zu ertrotzen, was jedem Deutschen sonst gewährt wird, und durch eine Hintertür in die Reihen der Kämpfer zu schlüpfen, indem er sich vor seinem hochadligen Vetter, dem Reichsgrafen, demütigt, sich den Anschein gibt, als Hauptmann angenommen, doch außerstande zu sein, seine Equipierung zu bezahlen. Mit dem Geld, das er daraufhin von diesem erhält, läßt er sich die neue feldgraue Uniform schneidern und fährt von Wilkau, noch bezecht von der letzten wilden Nacht im »Greif«, in Etappen und auf Umwegen mit Personenzügen nach dem Westen des Reiches, nicht ohne unterwegs immer wieder Station zu machen und in seinem aufs äußerste verletzten Ehrgeiz die ingrimmige Wut und auch die Scham über sich selbst in Bahnhofswirtschaften fortzuspülen, solange, bis es ihm irgendwo gelingt, sich, sei es unter Vorspiegelung besonderer Befehle oder einfach als eine Art blinder Passagier, in einen zur Westfront fahrenden Militärzug zu schmuggeln, in der vagen Hoffnung, mit ihm doch noch auf eine selbst ihm vorläufig noch unklare Weise in die Linien zu gelangen und sich dort, allen Hindernissen zum Trotz, im Kampf rehabilitieren zu können. In der Nähe von Aschaffenburg aber ereilt ihn der Dämon, der ihn treibt. ›Ja, so und nicht viel anders muß sich alles abgespielt haben‹, sann Damian vor sich hin, als nach Stunden der Aufruhr seines Herzens wieder kalmiert war, den ihm die Bilderflucht eingetragen, die er aus seinem Inneren heraufgezwungen hatte, wie, wußte er selbst nicht. ›Jetzt ist Korff also gleich einem Jäger, der alle Schüsse vertan und doch kein Wild zur Strecke gebracht hat, längst auf dem Heimweg, vielleicht schon in Wilkau eingetroffen, und schickt sich mit Münchhausenscher Dreistigkeit an, vor das Tribunal des Städtchens zu treten und es zur gespensterhaftesten Szene seines Daseins zu machen. Verhüten kann ich hier nichts‹, grübelte Damian weiter, ›nicht einmal Sessi ins Vertrauen ziehen; die Dinge müssen, werde daraus, was wolle, ihren Lauf nehmen, solange, bis es einer höheren Macht gefällt, den Vorhang fallen zu lassen. Walte Gott, daß es geschieht, bevor dieser tragische Akteur sich in der strahlenden Maske verfängt, die er sich zugelegt hat, und dann auch noch den gläubigsten Zuschauer, sein Kind, mit zu Boden reißt.‹ Zwölftes Kapitel Des Freiherrn von Schillingkhoff gesellschaftliche Position in Wilkau war in den rund zehn Jahren, seit denen er sich mit seiner Familie in das schlesische Badestädtchen zurückgezogen hatte, niemals eindeutig und weder für ihn noch die Seinen befriedigend gewesen. Als er sich damals gerade Wilkau zum ständigen Wohnsitz wählte, tat er es in der Hoffnung, Anschluß an das reichsgräfliche Haus seines Vetters und an ihm zugleich einen Rückhalt für seine leidenschaftliche feindselige Haltung gegen die Regierung Wilhelms II. zu finden. Nach der Enttäuschung, die er dabei von vornherein erlitt und die natürlicherweise dazu führte, daß auch keinerlei Verkehr mit seinen hochadligen Verwandten zustande kam, durfte er sich kaum noch wundern, wenn sich die Wilkauer Bürger und Honoratioren ebenfalls in betontem Abstand von ihm hielten, lebte doch das Städtchen, dessen Badeanlagen in gräflichem Besitz waren, in weit größerer Abhängigkeit von der Schloßherrschaft als selbst irgendeine kleine Residenz von ihrem Fürsten. So war Korff, dessen freiherrlichen Familiennamen man in Wilkau gern vermied, um dem unangenehmen Anklang an den der gräflichen Herrschaft aus dem Wege zu gehen, jahrelang nur auf Brosamen der Freundlichkeit oder gar Hilfsbereitschaft angewiesen, die für ihn wie für die Seinen von den Tafeln der Mitmenschen abfielen. Namentlich nach seinem kläglich gescheiterten Versuch, mit den Waffen des Geistes gegen das herrschende System anzugehen, jenem Versuch, der ihm die letzte Planke der ihm bis dahin noch verbliebenen beruflichen und standesmäßigen Reputation unter den Füßen fortgezogen hatte, war er zum Paria geworden, zu einem Menschen, der sich durch Übertretung irgendwelcher als geheiligt angesehener Riten aus seiner vornehmen Kaste, der er einst angehörte, ausgeschlossen hat und unrein geworden ist. Die einzigen, die sich von Anfang an wenig darum kümmerten, ob Korff von der reichsgräflichen Sonne beschienen wurde oder nicht, waren jene pensionierten Exzellenzen und älteren Herren niederen oder verarmten Adels, die sich von jeher gern nach Wilkau zurückzuziehen pflegten, wo man nicht nur billiger als anderwärts leben, sondern auch noch hoffen konnte, sich seinen Lebensabend durch den Einfluß der heilkräftigen Quellen zu verlängern. Aus ihrer Tischrunde im »Goldenen Greif«, wo man seinen blendenden Witz, seine einfallsreichen Launen, aber auch seinen überragenden Verstand als Elixier gegen die eigene geistige Dumpfheit oder rheumatische und sonstige Alterskränklichkeit zu schätzen wußte, wurde Korff auch in den für ihn prekärsten Monaten seiner öffentlichen Verfemung nicht vertrieben. Er blieb für sie einfach der »tolle Baron«, als der er sich vor den Augen der Wilkauer in dem kurzen Taumeljahr seines klingenden Bucherfolges demonstriert hatte; er blieb es auch noch dann, als ihm schon längst nicht mehr danach zumute war, und sein Witz nur noch galliger und sarkastischer sprühte, seine Trinkreden aber nur noch geistreicher und zugleich verhüllter dem selbstherrlichen Regierungssystem zu Leibe gingen, als dessen Opfer er sich empfand. Erst ganz allmählich überwuchs eine dünne Grasnarbe die Furchen, die der »Fall Korff« nirgends so tief wie auf dem Felde der öffentlichen Meinung von Wilkau gepflügt hatte. Als Korff an jenem 18. August zu seiner Unglücksfahrt nach dem Westen aufbrach, wiegten sich auf den hügeligen Feldern des Rehberger Tales noch die vollen Ähren im Morgenwind; doch als er wiederkehrte, fegten schon die ersten winterlichen Sturmböen ihren Schneeregen vom Kamm herunter über die Dächer und durch die Straßen Wilkaus, in denen einige eifrige Alleswisser die Kunde verbreiteten, daß der tolle Baron soeben schwer beschädigt aus dem Felde zurückgekommen sei. Man hatte ihn mittags auf dem Schloßplatz mühsam aus der Rehberger Straßenbahn steigen sehen und beobachtet, wie er schwerfällig, ganz verkrümmt und unendlich langsam, an zwei Stöcken nach seiner Wohnung im »Bazar«, dem letzten Hause auf der Heinrichstraße, stapfte. Offenbar hatte er es unterlassen, den Seinigen Tag und Stunde seiner Ankunft anzuzeigen. Zunächst bekam ihn Wilkau über zwei Wochen lang nicht mehr zu Gesicht, aber man erfuhr wenigstens, daß seine Tochter mehrere Tage dem »Langen Hause«, wo sie als Helferin tätig war, fernbleiben mußte, weil der Vater nach den Strapazen der langen Bahnfahrt mit starken Schmerzen zu Bett lag und selber pflegebedürftig war. Durch Doktor Fohl, der von der Familie konsultiert wurde, hörte Damians Mutter Christel, als sie eines Tages dem Arzt auf einem Einholgange begegnete, noch einiges mehr. Korff habe es überhaupt nur seiner zähen Natur zu verdanken, wenn er nach dieser schweren Rückgratverletzung, der Folge eines Granattreffers während der Vogesenschlacht, noch einmal mit dem Leben davongekommen sei. Er bewundere offen gestanden die Hartnäckigkeit, mit der dieser halb erschlagene Mann sich dazu zwinge, zu sitzen, ja auf seinen Füßen zu stehen; aber ohne Rollstuhl werde er das Haus nicht mehr verlassen können. In seinen Augen sei er ein Held, und man möge über Korffs Vergangenheit denken wie man wolle, jetzt, nachdem er freiwillig mit hinausgezogen sei und sein Leben eingesetzt habe, gebühre ihm nur noch der Anspruch auf jegliche Hochachtung. Christines mitleidiges und gütiges Herz trug die Worte des Doktors nicht lange für sich herum. Sie hatte zwar für Korff nie etwas übrig gehabt, dessen Schuldenwirtschaft sie ebenso heftig verurteilte, wie seine Überheblichkeit sie noch immer schmerzte, mit der er einst ihrem Jochen begegnet war. Und es ließ sich auch nicht leugnen, daß er von Anfang an die zarte Freundschaft zwischen den beiden jungen Menschen Damian und Sessi verunglimpft hatte und noch immer gesonnen schien, sie voneinander zu trennen. Aber der Wahrheit muß die Ehre gegeben werden. Er hatte sich fürs Vaterland geopfert, und das wog schwer genug, um sich über persönliche Abneigungen hinwegzusetzen. Man mußte ihm wohl zugute halten, daß ihm das Schicksal mehr Knüppel vor die Füße geschleudert hatte, als er ohne Schaden für seinen Charakter aus dem Wege räumen konnte, und vielleicht hatte es ihn da draußen so aufgehauen, daß auch sein Dünkel mit zerbrochen war, der sich gegen den Herzensbund seines Kindes mit dem Sohn eines achtbaren Handwerkmeisters stemmte. Bis zu dem Tage, an dem der Baron sich zum ersten Male in seinem Rollstuhl, den er selbst bedienen konnte, die Krücken neben sich, im Städtchen blicken ließ, war dank der durch Doktor Fohl, Christine und andere gutgesinnte Menschen eigentlich ganz absichtslos in Umlauf gehaltenen Fama von Korffs beispielhaftem Heldentum der widrige Wind wie fortgeblasen, der ihn sonst auf Schritt und Tritt das Pflaster Wilkaus verleidet hatte, und mancher zog vor ihm den Hut zum Gruß, der vor wenigen Monaten noch nicht daran gedacht hätte. Zu einem guten Teil rührten diese fast spontanen Äußerungen der Hochachtung allerdings einfach daher, daß der Kriegsbrand bisher von Wilkaus im Felde stehenden Männern kaum einige Opfer an Toten gefordert hatte und jedermann in Korff den ersten schwerverwundeten Heimkehrer sah, der schließlich ein Bürger seines Städtchens war. Korff selbst nahm diese veränderte Atmosphäre verständlicherweise zunächst mit reichlich gemischten Gefühlen wahr, ließ sich dann aber doch bald so willig von der warmen Woge emportragen, die ihm entgegenschlug, daß er sich zeitweise kaum noch darüber im klaren blieb, in welche unechte und seiner unwürdige Rolle er sich eingelassen hatte. Schon daheim vor Frau und Tochter war es ihm ähnlich ergangen, als er sich den vielen Fragen gegenüber, mit denen sie ihn bestürmten, in eine wohlüberlegte Zurückhaltung flüchtete, was nur zur Folge hatte, daß sie ihm diese als natürliche Folge seiner Belastung durch noch zu frische und schwere Eindrücke von den mörderischen Kämpfen auslegten, denen er kaum erst entronnen war. Jetzt, nach dieser öffentlichen Generalprobe auf die Glaubwürdigkeit seiner Maske, spielte er sich immer tiefer in die Vorstellung bestimmter Fronterlebnisse hinein, deren Kenntnis er sich in Wahrheit während der langen Lazarettwochen aus dem Munde verwundeter Offiziere erworben hatte. Und je ärger ihn die nie ganz abreißenden Schmerzen peinigten, die sich trotz aller von Doktor Fohl verschriebenen Linderungsmittel oftmals, meist gegen Abend und in der Nacht, so steigerten, daß er glaubte, ein glühendes Eisen im Rückgrat stecken zu haben, desto ausschweifender erging er sich in derartigen Vorstellungen, nicht anders als könne er durch sie allein seiner wieder Herr werden und als trüge er nicht an einem bitteren Kreuz, an das er sich selbst geschmiedet, sondern an einem blutigen Ehrenmal, das er sich in heldenmütigem Kampf buchstäblich verdient hatte. In dieser Verfassung stieß er sich nach einer kleinen nachmittäglichen Ausfahrt mit seinem Vehikel schon im dämmernden Tageslicht vor den Eingang zum »Goldenen Greif«. Nachdem er sein Gefährt im Hausflur eingestellt und sich auf seinen Krücken bis zu dem alten Stammplatz im Hinterzimmer herangeschoben hatte, ließ er sich, zu dieser frühen Stunde noch der einzige Gast, vom Kellner eine Flasche Rauenthaler kommen und begann, da er spürte, daß ihm wieder eine feurige Woge den Rücken heraufkroch, verbissen für sich allein zu pokulieren. Doch schon nach einigen Gläsern des lang entbehrten edlen Getränks fühlte er, wie es unsäglich wohltuend durch seine Adern strömte, und als er über der zweiten Flasche saß, hatte der Zaubertrank auch die schmerzenden Nerven nahezu betäubt. So glänzten den zur Tischrunde gehörigen alten Herren, als sie sich um die übliche Zeit einfanden, die großen grauen Augen Korffs bereits in jenem jugendlichen Schmelz entgegen, der ihnen allen wohlbekannt war, und nur die Krücken an der Wand und die Unbeholfenheit seiner Gliedmaßen, mit der er sich zur Begrüßung jedes einzelnen erhob, ließen den Grad der Selbsttäuschung ahnen, deren diese Ruine eines Mannes fähig war. In ihrer aufgestauten Wißbegierde achteten daher die wenigsten auf diese eindringlichen Zeichen der physischen Verwandlung, die mit dem Baron seit ihrem letzten Zusammensein mit ihm in der Nacht vor seiner Abreise zur Front vorgegangen war, und bevor sie sich's versahen, waren sie wie eh und jeh im Banne seines alten Wesens, lauschten gespannt dem blühenden Redestrom des heimgekehrten Kriegers, dessen Erlebnisschilderungen sich mit jeder neuen Flasche, die bald der, bald jener zur Feier des Tages generös auf den Tisch springen ließ, zu immer bunteren Farben vorwagten. Längst hätte Korff, ohne Gefahr zu laufen, daß die umnebelten Gehirne seiner Zuhörer die Täuschung witterten, als deren willige Opfer sie sich hingaben, den Faden seines wohlfeilen Garnes bis zu dem Höhepunkt ausspinnen können, auf den es ihm, aber auch seinem Auditorium ankam. Doch jedesmal, wenn er schon zur Ausmalung einer möglichst kritischen Phase der Kämpfe auf dem Vormarsch ansetzte, bei der er dem Augenblick, in dem es ihn zu Boden gerissen hätte, noch einen besonderen dramatischen Effekt abzugewinnen hoffte, schnürte ihm eine unsichtbare Hand die Kehle zu, und seine Augen schlossen sich wie vor einem Abgrund, der sich vor ihm auftat. So ging es schon auf Mitternacht, und noch immer zappelten Korffs Puppen an den Drähten seiner von den Sprühteufeln des Alkohols befeuerten Phantasie, ohne daß es ihnen gelungen wäre, ihm eine Darstellung der Umstände abzulocken, unter denen seine Verwundung erfolgte. Da reckte sich Korff in jähem Entschluß in seinem Armsessel hoch, durchschnitt mit einem Hieb die Luft, riß die zitternden Gäule seiner Phantasie herum und rief: »Sekt für alle!« Bald knallten die Pfropfen, man vergaß einstweilen, was man eben noch aus dem Munde Korffs zu hören gespannt war, prostete auf den kühnen Vogesenkämpfer, stieß auf den Sieg der deutschen Waffen an, und da man sich natürlich für die von Korff gestiftete Runde revanchieren mußte, stieg die Stimmung binnen kurzem bis zu einem Grade wilder Ausgelassenheit, der jungen Burschen gerade noch angestanden hätte. Aber in Ansehung der fast ausnahmslos bemoosten Häupter wirkte sie einigermaßen deplaziert, zumal als die Exzellenzen in Erinnerung der eigenen kriegerischen Taten Anno 70/71 mit grotesker Lebhaftigkeit und Mimik begannen, sich noch einmal mit Turkos und Franktireuren herumzuschlagen, wobei sie den schäumenden Trunk in sich hineinschütteten, als wären sie am Verdursten und hätten Wilkauer Sprudel in den Gläsern. Korff beteiligte sich zwar nicht minder hemmungslos als seine Zechgenossen am Vertilgen des prickelnden Stoffes, aber sonderbarerweise schienen ihn die Vorgänge um sich herum immer weniger zu berühren. Je turbulenter es zuging, desto einsilbiger wurde er und saß schließlich gleich einem stummen Fels in der Brandung. Nur seine Augen, in denen jetzt unstete Lichter flackerten, schweiften ruhelos umher und verrieten eine hochgradige Erregung. Allein die Ahnungslosigkeit seiner sektfröhlichen Tischgenossen mißdeutete sein verändertes Benehmen völlig, als es ihnen nach einer ganzen Weile ins Bewußtsein drang. Für sie spiegelten sich in seinen irrlichternden Augen nichts anderes als die Anzeichen übermäßiger Trunkenheit. Schon begann der eine und andere mit der gutmütigen Roheit, über die nur Trunkene verfügen, Korff mit Bemerkungen zu sticheln, wie: »Na, Korff, Sie sehen ja schon Gespenster«, oder »Sie wollen uns wohl bange machen«, als dieser plötzlich mit der Rechten auf die Tischplatte knallte, daß die Gläser tanzten, und bebend, aber noch mit einer gewissen verächtlichen Vornehmheit in der Stimme aufbegehrte: »Sie halten mich also für stinkmäßig besoffen, na schön, meine Herren. Ich weiß das zwar besser, und wie Sie sehen, gehorcht mir meine Zunge noch immer. Aber lassen wir das jetzt beiseite. Ich repliziere darauf, zum Beweis meiner Nüchternheit, mit dem Schluß meines Berichts, den ich Ihnen bis jetzt noch schuldig geblieben bin.« Wie auf der Flucht vor der auf dem Grunde seines Gewissens lauernden Erinnerung an den grauenvollen Sturz auf die Schienen jagte es ihn jetzt vorwärts. Nicht mehr imstande, die Richtung zu bestimmen, überließ er sich einfach dem Wirbel, der ihn gepackt hatte, und in der Hast brachen ihm die Sätze schon im Munde auseinander: »Ich reite ... Meiner Kompanie voraus ... Im Eilmarsch nach vorn ... Durch ein Vogesenstädtchen, wie im Schwarzwald, alles ruhig ... Über den Marktplatz ... In der Mitte hält eine Munitionskolonne ... Fahrer abgesessen ... Dran vorbei ... Plötzlich wildes Feuer aus verschlossenen Fensterläden und Dachluken .. Sofort ungeheure Verwirrung ... Pferde scheuen, gehen durch ... Ich galoppiere zurück, will meine Leute formieren, mein Pferd fällt, getroffen, ich stürze, schwere Räder rollen über mich hinweg ... Ich verliere die Besinnung.« Abgeschlagen hält Korff einen Augenblick inne, da trifft ihn ein Zuruf des dicken Herrn von Kutaschke, ehemals sächsischem Reitermajor: »Fürchterlich, Korff. Aber ich verstehe nicht recht. Doktor Fohl hat da doch was von einer Granate erzählt, die Sie ... Korff wird kalkweiß, krampft die Hände um die Stuhlarme, bezwingt sich sekundenlang, zwanzig Augen hängen an seinem Mund. Dann antwortet er, überlegen, messerscharf, aber seine Stimme ist wieder biegsam wie ein Florett: »Sie unterbrachen mich nur. Ganz richtig, die Granate ... die Granate, die mich traf, kam aus keinem feindlichen Rohr, die fiel vom Wagen, der mich überfuhr, aus einem Munitionskorb, aufs Pflaster, paar Meter weiter, Fehlzündung, Explosion, meinen Burschen hat sie zerrissen, ein Wunder, daß ich noch lebe. So war es, meine Herren. Beinahe unwahrscheinlich, doch ich kann es beschwören.« In diesem Augenblick, da er die Rechte pathetisch zum Schwur auf die Wahrheit seiner Lüge erhebt, trifft ihn der Schlag. Im wilden, stürmischen Aufstehen reißt es ihn auf den Stuhl zurück, seine Hand samt dem Arm fällt wie abgeschlagen unter die Sektgläser, die klirrend und zerbrechend durcheinanderstürzen. Sein Kopf sinkt, wie von einer schonenden Hand in den Rumpf zurückgeschoben, auf die Brust, und der noch für die nächsten Sätze in die Lunge gepumpte Atem fährt mit einem Pfeiflaut aus seinem Munde, etwa so, wie der Dampf aus einer alten Lokomotive herausströmt, wenn ihre Fahrt plötzlich gestoppt wird. Als wäre der Blitz, der sich soeben über Korff entladen hatte, aus ihm heraus und rund um den Tisch gefahren, saßen die erschrockenen Zeugen des Ereignisses wie angenagelt und erstarrt auf ihren Stühlen. Nur das fadenleise Rieseln der Tropfen, die aus einer umgeworfenen Flasche über den Tischrand liefen, war zu hören. In dieser Minute angehaltenen Atems gab es keinen in der Runde der alten Herren, der nicht unter einer doppelten Zwangsvorstellung litt, der einen, daß man an diesem Ausgang mitschuldig sei, insofern, als man Korff nicht einem solch unmäßigen Trinken hätte überlassen dürfen, und der anderen, daß der Schlag, der den Jüngeren traf, einer Warnung gleichkomme, sich künftig von dergleichen Ausschweifungen fernzuhalten. Und auch nicht einer kam auf den Gedanken, daß Korff selbst, als er die Finger zu seinem Eid erhob, den Schlag der Schicksalshand herausgefordert haben könne, im Gegenteil, sie zollten dem tollen Freiherrn noch im Tode ihre Bewunderung dafür, wie glänzend es ihm gelungen war, sie durch den geschickten Aufbau seines Berichts zum Schluß noch einmal aufs äußerste zu überraschen. Da Doktor Fohl, der, vom Hausdiener herbeigerufen, nach einer guten Viertelstunde erschien, wie nicht anders zu erwarten war, nur noch den schon eingetretenen Tod des Freiherrn konstatieren konnte, wurde die Leiche Korffs noch in der Nacht, um weiteres Aufsehen zu vermeiden, in den Rollstuhl gesetzt und in seine Wohnung geschafft. Der Arzt hatte es selbst übernommen, Frau Eleonore, die allein zu Hause war, da Sessi schon wieder im »Langen Hause« nächtigte, die Todesnachricht zu überbringen. Die Fassung Leonorens, mit der sie ihren wüsten, endlich zur Ruhe gekommenen Mann empfing, ging über das Begreifen Fohls. Er trug das Seine dazu bei, daß am Tage des Begräbnisses ganz Wilkau ihrer als des Vorbilds einer tapferen Soldatenfrau gedachte. Überhaupt erwies es sich in diesen Tagen, da der tote Freiherr in seiner Wohnung auf der Heinrichstraße aufgebahrt lag, wie gründlich sich die allgemeine Stimmung zugunsten Schillingkhoffs in den wenigen Wochen seit seiner Heimkehr gewandelt hatte. Selbst Graf Schilling fühlte sich unter diesen Umständen dazu verpflichtet, sich zu dem Toten zu bekennen und ihm als einem, wenn auch nur noch weitläufig verwandten Angehörigen seiner Sippe ein so prunkhaft-feierliches Leichenbegängnis zu bereiten, wie es Wilkau seit Menschengedenken nicht mehr gesehen hatte. Unter dem Glockengeläut der katholischen wie der evangelischen Kirche und den Klängen des Chopinschen Trauermarsches wurde Freiherr Franz von Schillingkhoff zur letzten Ruhe getragen. An der Spitze des langen Zuges schritt vollzählig der Militärverein, hinter dem vierspännig gezogenen Leichenwagen folgten der Witwe und der Tochter Korffs Graf Schilling mit Frau und Töchtern. Als der Sarg in die Tiefe glitt und das Lied vom »Guten Kameraden« erklang, knallte der Ehrensalut übers offene Grab. * Im Gerberhaus auf der Feldgasse erfuhr Meister Jochen von Christine, die sich erst auf dem Friedhof unter das Trauergefolge gemischt hatte, in allen Einzelheiten die triumphale Ehrung des Verstorbenen. Mit nachsichtigem Lächeln, doch ohne ein Wort einzuwerfen, hörte er sich ihre Erzählung an. Erst als er glaubte, daß sie mit ihrem Bericht zu Ende sei, ergriff er ihre Hand und sagte gütig: »Mein liebes Christel, im Tode werden alle Menschen gleich, ob Graf, ob Gerber, ob Held, ob Schweinehund, da ist nichts dran zu deuteln. Sela.« Damit stand er auf und wollte aus der Stube. Aber Christel hatte sich noch nicht alles vom Herzen gesprochen: »Gut, Jochen, gut. Ich sage ja auch nichts dagegen. Was soll man aber davon halten, was mir Agnete auf dem Heimweg anvertraute? Mit dem letzten Atem, so erzählen sich die Leute, habe der tolle Korff auf Tod und Leben gepfiffen, wie er es eigentlich die längste Zeit seines Lebens getan habe.« Da stellte sich Jochen breitbeinig hinter seinen Stuhl, stemmte die Arme auf die Rückenlehne und sagte ernst und überzeugt: »Dazu sage ich nur: Schwindel, liebste Frau, und noch mal Schwindel! Aber wem's imponiert, der soll es glauben. Außerdem kommt es auch gar nicht darauf an, ob einer auf den Tod oder auf das Leben oder, auf beides pfeift, sondern allein darauf, was einer aus seinem Leben und aus seinem Tode macht. Ja, auch aus seinem Tode. Aber aus dem, was wir mit unseren Augen sehen, wenn einer stirbt, können wir das niemals erfahren. Das kann kein Erdenmensch. Ob einen die Not des Bösen oder auch die Not des Guten durchs Leben trieb, das, Christel, bleibt sich gleich. Denn im Tode gelangt ein jeder hinauf zu Gott, oder, wenn du so willst, hinab in seine tiefste Tiefe, nämlich seine Menschenseele. Dann erst ist er wahrhaft frei geworden. Und noch eines: Wieviel das Leben über dich vermag, hängt einzig von dir selber ab. Wer stark ist im Wollen, wird es meistern, wer schwach ist, den wird es überwältigen, und Korff, na ja, den hat es zu Tode gehetzt, weil er sich nicht zu zügeln vermochte. Da mögt ihr sagen, was ihr wollt!« Dreizehntes Kapitel In den Wochen, die zwischen der schmerzlich-freudigen Nachricht Sessis über die Heimkehr ihres schwerverletzten Vaters und dessen trotz allem unerwartet raschen Ende vergingen, lebte Damian in einer durch keinen Willensakt zu bannenden tiefen Unruhe. Was er wußte, mußte er in sich verschließen, und bei dem bloßen Gedanken an die mögliche Aufdeckung des Korffschen Betruges packte ihn ein solcher Ingrimm, daß er mehrmals nahe daran war, den nächsten Zug zu nehmen, nach Wilkau zu fahren, vor den tollen Mann hinzutreten und ihm die Maske vom Gesicht zu reißen. Den Tag, an dem er die Nachricht vom Tode Korffs zugleich mit einem Briefe seiner Mutter über das prunkvolle Leichenbegängnis erhielt, verbrachte er daher in so erhöhter Stimmung, daß er sich selber unverständlich und roh vorkam, ohne sich doch von diesen Anwandlungen niederdrücken zu lassen. Erst als ihm aus einem aufgewühlten Brief Sessis, den sie am Tage nach der Bestattung Korffs schrieb, die Grambetäubung aufging, der sie über dem Verlust des geliebten, vom Leben so hart geprüften Vaters anheimgefallen war, gelang es ihm, den Tod des Freiherrn in einem anderen, dunkleren Lichte zu sehen, aber auch erst völlig zu ermessen, wie gnädig es die unsichtbare Hand gefügt hatte, als sie zuschlug, ohne das gläubige Herz dieses Mädchens zu versehren. Daß Sessi den Trost und den Zuspruch, dessen sie in ihrer Verstörung bedurfte, von ihrer Mutter nicht erwarten konnte, war Damian klar. Wie hätte auch Leonore, deren brennender Stolz und tiefe Liebe zehn lange Jahre derartig mit Füßen getreten wurde, den Tod ihres Mannes anders als eine Befreiung empfinden sollen? Nein, Sessis Mutter war außerstande, die Gefühle ihres Kindes zu teilen oder gar ihr gemeinsames künftiges Leben im ständigen ehrenden Gedenken an diesen Toten aufzubauen. Noch stärker als damals, da sein schwerverwundeter Freund Walter, über Nacht aus allen Angeln seines Wesens gehoben, von ihm mehr als bloßen Zuspruch erwarten durfte, spürte Damian jetzt vor Sessis Ratlosigkeit die innere Verpflichtung, sie aufzurichten, sie wachzurufen, so wie er einst als Kind von ihrer Hand aus seiner rätselhaften Todesversunkenheit ins Leben zurückgeführt worden war. Zum ersten Male mußte er sich indessen eingestehen, daß es Schicksalsschläge im Leben gab, vor denen alle Nächstenhilfe, selbst tiefste Liebe, ohnmächtig war, Schläge, die ein Mensch nur aus sich selbst überwinden kann oder daran zerschellen muß. Doch auch diese Einsicht war nicht gerade dazu angetan, ihn zu beruhigen. Denn wenn er sich auch hundertmal einredete, daß sich ein im tiefsten so lichtes und gesammeltes Wesen wie Sessi eines Tages schon von selbst aus den dunklen Hüllen ihrer Schmerzgebundenheit lösen würde, so nagte ihn doch unablässig sein Gewissen, daß es pflichtvergessen von ihm sei, wenn er jetzt nicht zu Sessi führe; und er hatte dabei das peinliche Gefühl, daß es ihm einfach an dem nötigen Mut mangele, ihr mit der Last seines Wissens um das unheldische Ende ihres Vaters unter die Augen zu treten und es auch dann noch bewahren zu sollen, wenn er sie dieses Mannes wegen leiden sähe. Unter diesem Gewissensdruck, von dem er sich vergeblich durch ein langes und wahrhaft warmherziges Schreiben an Sessi zu entlasten suchte, litt Damian, der eben, mitten in seinem vierten Semester, angespannt fürs Praktikum und Seminar arbeiten mußte, um so schwerer, als er gerade in diesen Wochen mit heftigen Zweifeln zu kämpfen hatte, ob es ihm je gelingen würde, innerlich den Zugang zum Lehramtsberuf zu finden, auf den er sein Studium nun einmal abgestellt hatte. Die Vorlesung über Pädagogik, die klassisch-philologischen Übungen, die zudem durch reine Wissenschaftler so trocken und lieblos dargeboten wurden, daß selbst den aufgeschlossensten Hörern das Verhältnis zum Stoff hoffnungslos verdorben wurde, übertrugen höchstens ein stoffliches, aber geistig leeres Wissen, bei dem der zündende Funke völlig ausblieb. Die löblichen Ausnahmen, Professor Methner, sein Lehrer der Philosophie, und Professor Bornemann, der Historiker des Altertums, ein junger idealistischer Gelehrter, der Damian durch die Glut seines geschichtlichen Schauens und Denkens ergriff, mit der er seine Hörer lehrte, in großen Menschen zu leben und inbrünstig wie sie um ihr Werk zu ringen, trugen nur noch dazu bei, Damians Widerwillen gegen den verknöcherten Geist des allgemeinen Vorlesungsverfahrens zu steigern. Die Vorstellung, einmal als Kandidat des höheren Lehramts und später als Oberlehrer ebenso schulmeisterlich vor der Klasse stehen und jahraus, jahrein ein rein stoffliches und blutloses Wissen von sich geben zu sollen, eine Vorstellung allerdings, zu der er nur durch falsche Folgerungen aus diesem Universitätsbetrieb verleitet wurde und bei der er übersah, daß es ganz allein von ihm selbst abhängen würde, die Funken aus dem gewonnenen Wissen zu schlagen und in die Herzen der Jugend überspringen zu lassen, verursachte ihm allmählich solches Mißbehagen, daß er unbewußt nach einem Ausweg suchte. Auf eigene Faust begann er daher bis auf seine Beteiligung an den philosophischen und historischen Vorlesungen und Übungen alles andere liegen zu lassen, ohne sich noch klar geworden zu sein, ob sich damit überhaupt irgendein Studiumsabschluß oder gar ein Ziel für sein Leben erreichen lassen würde. Im Unterbewußtsein spürte Damian auch bald, daß er mit dem selbstsicheren Entschluß allein, sein Fachstudium aufzugeben, um sich seine eigene geistig-wissenschaftliche Welt aufzubauen, noch keinen sicheren Untergrund für die weitere Arbeit gewonnen habe. So glich er einem Schiffbrüchigen, der sich zwar auf ein Floß gerettet hat, aber noch nicht weiß, ob es ihn auch an das Land tragen wird, nach dem er ausgefahren. Zunächst überließ er sich aufatmend einfach den Wogen seines Geistes, die nun wieder beharrlich um das herrliche Eiland kreisten, das seine Seele suchte, um das sonnenüberglänzte Hellas mit seinen Dichtern, Denkern und Künstlern und um seine winzige Landschaft Attika, die Wiege höchster Kulturwerte für Europa und die Menschheit wie des ersten wirklich geeinten Volksstaates in der Geschichte. Noch leidenschaftlicher und ausdauernder als je zuvor drang er in die Urtexte der großen Tragödien des Äschylus, Sophokles und Euripides ein, bis er ihre sprachlichen Schwierigkeiten so weit meisterte, daß er die griechischen Seiten fast wie deutsche las, versenkte sich in Jacob Burckhardts Kulturgeschichte Griechenlands, in Rankes Darstellung der Blütezeit Athens, und ging so völlig in dem Erleben hellenischen Wesens und Geistes auf, daß er die Götter und Heroen der Heimaterde dieses kleinen attischen Volkes, die ihm einst vorankämpften in seinem Verzweiflungskampf gegen die Barbaren, auch jetzt angesichts des Kampfes seines eigenen Volkes um Bestand oder Untergang fast als lebendige Mächte empfand. Selbst die Weihnachtsferien, in denen es ihn nun doch, schon um Sessis willen, unwiderstehlich nach Wilkau zog, änderten nichts an. dieser Versponnenheit, ja die Götter schienen ihm geradezu wohlgesinnt, denn sie hatten Sorge getragen, ihn von seiner Gewissenslast und den Befürchtungen wegen des Ergehens Sessis zu befreien. Schon am ersten Tag im Gerberhaus erhielt er die Gewißheit, daß sich Sessi inzwischen wenigstens aus ihrer tiefsten Gramverstörung zurück und wieder im Leben zurechtgefunden haben mußte, da sie sich, wie Mutter Christel ihm berichten konnte, seit einiger Zeit wieder im Langen Hause hingebungsvoll der Pflege der Verwundeten widmete. Nun brauchte er der ersten Wiederbegegnung mit ihr nach dem Tode des Freiherrn auch nicht mehr so verzagt entgegenzusehen. Da er Sessi jedoch nicht gut im Lazarett aufsuchen konnte, und sie sich von ihrem unermüdlichen Liebesdienst nur ausnahmsweise und auch nur für ein paar Stunden frei machen zu können erklärte, war Damian seiner Mutter dankbar, daß sie selbst Sessi für den letzten Adventssonntag zur Vesper ins Gerberhaus lud. Zu Damians freudiger Überraschung enthielt sich der Vater darüber nicht nur jeder Äußerung des Mißfallens, sondern saß dann sogar, wenn auch reichlich wortkarg, eine Weile mit ihnen gemeinsam am Tisch, den Christel mit dem Lichterkranz und Tannengrün geschmückt hatte und an dem sie bei Streusel- und Mohnkuchen als so liebevolle und zartfühlende Gastgeberin schaltete, daß es Damian tief beglückte; und daß es auch Sessis noch immer wundem Herzen unsäglich wohltat, konnte er aus ihrem bleichen und schmal gewordenen Gesicht ablesen, dessen schmerzlicher Ausdruck sich mehr und mehr entspannte. Von dem, was hinter ihr lag, sprach Sessi zum Verwundern Damians kein Wort, so daß auch er sich davor hütete, daran zu rühren. So gerieten sie, als Meister Jochen sich still entfernt hatte, während Christel sich am Fensterplatz eifrig mit ihren Stricknadeln zu schaffen machte und gleichsam auch nicht mehr vorhanden war, bald wie von selbst in ein Gespräch über das, was überall, wo Deutsche in diesen Tagen des zur Neige gehenden Jahres beisammensaßen, die Gemüter bewegte, in ein nachdenkliches und vielfältiges Gespräch über das Kriegsgeschehen. Als Damian dabei äußerte, wie befremdend für das deutsche Volk, das überwiegend an ein siegreiches Kriegsende noch vor Ende dieses Jahres geglaubt habe, doch eigentlich, gerade jetzt zu Weihnachten, die Erkenntnis sein müsse, daß ungeachtet aller herrlichen Siege im Osten und ungeachtet der gewaltigen und erst so rasanten Erfolge im Westen der Vormarsch an allen Fronten zum Stillstand gekommen und in den Grabenkrieg übergegangen sei, erwiderte ihm Sessi, wobei in ihre großen dunklen Augen etwas wie ein stolzes Glänzen kam, daß sie von dieser Entwicklung keineswegs überrascht worden sei. Und sie erzählte ihm von jenem Abend, an dem der Vater ihr und der Mutter genau das alles vorausgesagt habe, und hielt auch nicht mit der Begründung zurück, die er ihnen dafür gegeben hatte. Obwohl sein Freund Walter ihn auch schon gewarnt hätte, gab daraufhin Damian zu, sich Illusionen über die Dauer des Krieges zu machen, und ihm persönlich diese Entwicklung also auch nicht ganz unerwartet gekommen sei, so müsse er doch gestehen, daß er den Scharfblick ihres Vaters nachträglich bewundere. Vor allem aber erschüttere ihn der ganze Sachverhalt, den er ihr eröffnet und von dem er bis zur Stunde keine Ahnung gehabt habe. Es werde wohl auch noch reichlich Zeit brauchen, bis weiteren Schichten des Volkes die Augen darüber aufgehen dürften, welche Versäumnisse und Fehler sich jetzt rächten. Aber soweit wie ihre Väter, denn auch sein Vater stehe auf diesem Standpunkt, vermöge er doch nicht zu gehen und daran zu glauben, daß es schon um das ganze deutsche Staatswesen, um sein Regierungssystem, faul stehe, weil sich solche Unzulänglichkeiten zutragen konnten. »Wir verteidigen uns«, ereiferte sich Damian, »daran kann niemand zweifeln, weil wir angegriffen wurden, oder auch, weil wir angegriffen worden wären, wenn wir nicht noch zur rechten Zeit losschlugen. Unsere Sache ist also eine gerechte, und mit den Gerechten fechten die Götter. Nein, liebste Sessi, ich glaube fest an die Entfaltung aller in unserem Volk lebenden Kräfte und aller seiner guten Eigenschaften, und damit werden wir genau so siegen wie einst das kleine Athen gegen eine Welt von Feinden.« Je weiter es Damian dazu hinriß, vor Sessi, der einzigen Vertrauten, seine glühenden Ideale eines Menschentums, das alle seine Vorbilder aus dem griechischen Wesen zog und in naiver Gläubigkeit in die nun fast zweieinhalbtausend Jahre jüngere Gegenwart transponierte, in leidenschaftlichen Worten auszubreiten, so wie sie seit Wochen abermals seine Seele erfüllten, desto hingegebener lauschte sie dem Freunde, und aus ihren Augen leuchtete ihm wieder jener vertraute Glanz schwärmerischer Lebendigkeit entgegen, der ihnen seit dem Tode des Vaters verlorengegangen war und den Damian so sehr an ihr liebte. Vor so viel echter und verständnisvoller Anteilnahme vermochte Damian schließlich sein übervolles Herz nicht mehr zurückzuhalten. Wie ein Rausch kam es über ihn, und einem Rhapsoden gleich schilderte er Sessi in einer Weise, die seiner Einfühlung wie seiner rhetorischen Begabung gleiche Ehre machte, das düstere, von erhabener Größe, ahnungsvollem Dunkel, tiefster Trauer und dämonischer Leidenschaft erfüllte Geschehen der Orestie des Äschylus, dessen Lektüre er in diesen Tagen, von Bewunderung für die unvergleichliche Dichtung ergriffen, beendet hatte. Sicherlich trieb Damian nichts anderes als sein von der Tiefe und der Gewalt jener Dichtung aufgewühltes Herz zu dieser Eruption seines Inneren, die scheinbar in völligem Widerspruch zu den äußeren Umständen und dem Sinn dieser ersten Wiederbegegnung mit der Geliebten stand, die sich noch kaum aus dem Dunkel, das ihr das Schicksal zugemessen, zurückgefunden hatte. Und dennoch mündete sein Ausbruch auf eine selbst für ihn im vorhinein nicht überschaubare, fast geheimnisvolle Weise in den Zusammenklang ihrer Seelen im Zeichen der unerbittlichen Prüfung ihres Volkes und ihrer Herzen durch den Krieg, als Damian ihr jenes ergreifende Lied Agamemnons, die Klage um die in Feindesland Gefallenen, erst im Urtext und dann in einer eigenen freien Nachdichtung vortrug, das mit den Worten endet: »Dort aber in den Gräbern der Fremde, da walten verklärte Heroen: Der Boden bedeckt seine Sieger.« Mit ihrer weichen, dunklen Stimme nahm Sessi den eben verklungenen Schlußvers der uralten Totenklage versonnen noch einmal auf: »Wahrhaftig, Damian, im Tode besiegeln all die Tapferen da draußen ihr Bekenntnis zum Sinn des Krieges, der im Siege beschlossen liegt, und mag sein Ende noch in der Ferne liegen.« Sessi bedachte sich eine Weile, ehe sie weitersprach. Denn es gab etwas, was sie fast noch stärker bewegte als der Gedanke an die Ernte, die der Tod auch in Zukunft halten würde. »Weißt du, Lieber, in den ersten schweren Nächten, die ich nach Vaters Tod durchwachte, bin ich zu der Erkenntnis gekommen, daß Tod nicht einmal das Schlimmste ist. Ein Krüppel fürs Leben ist weitaus schlimmer, für ihn selbst wie für seine Angehörigen. Dieser Gedanke hat mich zuerst in meinem Schmerz um den Verlorenen getröstet, dann aber wie ein Ruf gepackt, den er mir aus dem Grabe heraufsandte. Und ich will ihm folgen, bis wieder Frieden in der Welt ist, die Wunden pflegen, die Zerstörungen lindern, die der Krieg schlägt, soweit wie es meine Kräfte nur irgend erlauben.« Sessi hatte sich wirklich ins Leben zurückgefunden, sie stand wieder auf sicherem Grund. So sehr Damian diese Erkenntnis beglückte, so wenig befriedigte ihn seine eigene äußere Situation, deren Ungeklärtheit er jetzt vor Sessis gesammeltem Ernst und nach der rauschhaften Überschwenglichkeit seines Geistes noch drückender empfand, als sie ihm ohnehin schon aufgegangen war. Und als er Sessi am Abend durch die stillen, verschneiten Gassen wieder zum Lazarett zurückbegleitete, war er nahe daran, sich ihr anzuvertrauen. Aber dann unterließ er es doch, nicht, weil er den Mut dazu nicht aufbrachte, sondern weil er fühlte, daß er sie damit nur aus ihrem schwer errungenen Gleichgewicht aufstören würde, ohne daß es schließlich einen Sinn hätte. Wenn ihm hierin überhaupt jemand raten konnte, so mußte es einer der Professoren sein, und es gab nur einen, dem sein ganzes Vertrauen gehörte und der seine idealistischen Beweggründe verstehen würde. Wie eine Erleuchtung kam ihm dieser Gedanke, den er gleich nach den Ferien in die Tat umzusetzen beschloß. Vierzehntes Kapitel Nicht lange nach dem Wiederbeginn des Semesters im neuen Jahr ergab es sich wie von selbst, daß Damian von Professor Methner, dem er durch seine weit über dem Durchschnitt stehenden Seminararbeiten schon seit längerer Zeit aufgefallen war, zu einem der geselligen Abende geladen wurde, die er im Winter gelegentlich in seinem gastfreien Hause zu veranstalten pflegte. Dieser Abend, in dessen Verlauf Professor Methner Gelegenheit nahm, Damian in ein Gespräch zu ziehen und ihn über seine Studienpläne auszuholen, führte bald dazu, daß sich Damian in den engen Kreis einiger älterer und befähigter Studenten aufgenommen sah, die von dem Professor zur Mitwirkung an seinen größeren wissenschaftlichen Arbeiten herangezogen wurden, für die er ihnen seine eigene reichhaltige Bibliothek zur Verfügung stellte. Der Professor, bei dem er volles Verständnis für seine Abneigung fand, sich weiter auf den Lehramtsberuf vorzubereiten, riet ihm ernstlich, sich zunächst einmal den philosophischen Doktorhut zu erwerben und sich dann, falls es ihm die Kriegsverhältnisse noch erlauben würden, einem Spezialgebiet zuzuwenden, um sich später darin zu habilitieren. So hatte Damian endlich eine ganz klare Grundlage für die Fortsetzung seines Studiums gefunden, und damit begann für ihn ein Jahr seines Lebens, das ihn unter der Leidenschaft seines Lernens und Arbeitens so reißend durch die Monate und am Ende durch das Doktorexamen trieb, daß es ihm, während er es lebte, wie ein Wachtraum verrann und ihm doch später, über Jahre hinweg, in der Erinnerung nie anders als eine Zeit ohne Anfang und Ende, als ein Erleben glückhaft erfüllter Zeitlosigkeit vor der Seele stand. Nur manchmal streifte vom Kriegsgeschehen her ein leises Erschauern an ihm hin, das ihn die Prüfungen ahnen ließ, welche die Zukunft für ihn vorbereitete und denen er unausweichlich entgegenwuchs. Doch dann dichtete er instinktiv sofort alle Fugen der Türen und Fenster seines inneren Gehäuses nach draußen ab und schraubte sich nur noch schärfer in die Zange seines Fleißes. Als sich das Wintersemester seinem Ende zuneigte, durfte sich Damian eingestehen, daß er nicht nur in dem und jenem Nebenfach, das ihm weniger lag, dessen stoffliche Beherrschung aber als Examenswissen unerläßlich blieb, mit raumgreifenden Schritten vorwärtsgekommen war, sondern daß er auch vor allem den in ihn gesetzten Erwartungen Professor Methners, bei dem er übers Jahr zu promovieren gedachte, voll entsprochen hatte. Daher war er zunächst aufs äußerste betroffen, als er sich durch einen von Professor Methner selbst nicht vorauszusehenden Umstand, wenige Tage nach seiner ausführlichen Unterredung mit ihm über das für seine Dissertation in Betracht kommende Thema aus der griechischen Philosophie, plötzlich vor eine Tatsache gestellt sah, die ihm die Absicht seiner Promotion bei Professor Methner mit einem Schlage zunichte machte. Dieser teilte ihm, entgegenkommenderweise noch bevor er sich vor seinen Hörern darüber äußerte, privatim mit, daß er infolge eines Regierungsauftrages genötigt sei, noch vor Ostern für mindestens ein Jahr ins Ausland zu reisen. Da er als sogenannter Austauschprofessor mehrmals in den Vereinigten Staaten gewesen sei, wo er sich, wie Damian wußte, auch durch zahlreiche öffentliche Vorträge einen außerordentlichen Ruf erworben hatte, habe man ihn ausersehen, drüben durch Vorträge über deutsche Geistesgeschichte einem antideutschen Aufruhr in der öffentlichen Meinung, die bereits durch die Feindpropaganda stark gegen das Reich eingenommen sei, entgegenzuwirken. Diesem Auftrag könne und wolle er sich um so weniger entziehen, als er der Überzeugung sei, daß jeder deutsche Mensch heute sein Ganzes für die vaterländische Sache einsetzen müsse. Natürlich bedaure er lebhaft, daß dadurch so manche Bindungen an seine Lehrtätigkeit unterbrochen würden, und besonders, daß er nun so manche seiner beanlagtesten Schüler nicht mehr dem Abschluß ihres Studiums zuleiten könne. »Da ich aus Erfahrung weiß«, schloß Professor Methner seine Eröffnungen, deren enttäuschender Eindruck auf Damian ihm nicht entgehen konnte, »daß es gerade die wertvollsten Schüler sind, die ihr Studium auf ein besonderes Vertrauensverhältnis zu dem Lehrer aufbauen, bei dem sie sich entschlossen haben zu promovieren, gestatten Sie mir, lieber Maechler, noch einen Rat. Als der Idealist, als den ich Sie kennen und schätzen gelernt habe, dürften Sie sich voraussichtlich schwerer als irgendein anderer in die Mentalität des Kollegen hineinfinden, der mit meiner Vertretung beauftragt wurde. Andererseits hörte ich vom Kollegen Bornemann, daß auch er durch Ihr so ausgesprochenes enges Verhältnis zur Antike, insbesondere zur hellenischen Epoche, im historischen Seminar auf Sie aufmerksam geworden ist. Und da Bornemann, wie ich wohl sagen darf, einer der überzeugtesten Verfechter antiker Menschheitswerte ist, erschließt sich vielleicht für Sie in dieser Richtung ein Ausweg aus der fatalen Situation, in die ich Sie da bedauerlicherweise gebracht habe. Zu Ihrem Glück stehen Ihnen ja noch zwei volle Semester zur Verfügung, um das Steuer herumzuwerfen und in Geschichte statt in Philosophie zu promovieren.« Es fiel Damian anfänglich nicht leicht, sich mit dem Gedanken an eine derartige Umstellung vertraut zu machen. Aber da er sich nicht der Erkenntnis verschließen konnte, daß es nach Sachlage der Dinge für ihn wohl doch am ersprießlichsten sein würde, dem Ratschlag des scheidenden Professors zu folgen, suchte er nach Ostern unverzüglich Professor Bornemann auf, der ihm aufs liebenswürdigste entgegenkam. Mit der ganzen zähen Energie, deren er fähig war, begann er sich alsbald in den Stoff hineinzuknien, über den er bereits im Bornemannschen Seminar gearbeitet hatte und den er jetzt nach Absprache mit dem Professor zum Thema seiner Dissertation erweitern sollte. Es lautete: »Die Staatsform Athens im Zeitalter des Perikles.« Je tiefer Damian im Verlauf der nächsten Monate in die geschichtlichen Quellen eindrang und je zahlreicher sie sich ihm erschlossen, desto stärker verdichtete sich in ihm die Überzeugung, daß kein anderes Volk mehr seit jenen Tagen, weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart, einer gleich hohen Staatsauffassung fähig gewesen war wie das kleine attische am Ägäischen Meer. Und desto gewisser erkannte er, daß nur dann, wenn sich jeder einzelne Bürger als gleichberechtigtes, aber auch gleichverpflichtetes Glied des Staatskörpers weiß, wenn es weder bevorrechtete Stände noch einen Tyrannen oder Monarchen an der Spitze gibt, das staatliche Leben also allein durch die Tätigkeit und Wachsamkeit aller Schichten des Volkes von Grund auf seine Impulse erfährt, mit einem Wort: das Volk selbst zum Staat wird, ein wahrhaft nationales Volksleben gedeihen kann. Nur in einem solchen Volksstaat erwachen alle Kräfte und Fähigkeiten des nationalen Geistes, entfalten sich in Künsten und Wissenschaften zu Schöpfungen von zeitlosem Wert für die Menschheit, führen in Handel und Industrie zu Höchstleistungen und machen ihn schließlich auch im Kampf gegen alle äußeren Feinde unüberwindlich. Dieses Eindringen in die Geschichte der staatlichen Entwicklung Athens nötigte Damian während seiner Arbeit in zunehmendem Maße zu inneren Vergleichen mit der Gegenwart. Zweifellos schien das deutsche Leben seit dem gewaltigen Wogen, das beim Kriegsausbruch über die Seele des ganzen deutschen Volkes dahinging, auf allen Gebieten von dem Willen zu einer tiefgreifenden Erneuerung erfüllt; das Bewußtsein, vor einer neuen gewaltigen nationalen Aufgabe zu stehen, war in allen Schichten lebendig spürbar; aber würde dieser Wille und dieses Bewußtsein genügen, um auch die zwischen Thron, Altar, Gebildeten, Bauern und Arbeitern nach wie vor bestehenden Schranken niederzureißen und die wahre Volksgemeinschaft zu verwirklichen, in der jeder einzelne, gleichviel an welcher Stelle, sich dem ganzen Volk verpflichtet fühlt? Vor dieser Frage überkamen Damian freilich ernstliche Zweifel, und immer häufiger geschah es ihm, daß ihn eine Bangigkeit beschlich, die er sich nicht zu erklären wußte, und deren er nur dadurch wieder Herr werden konnte, daß er sich um so tiefer in seine Arbeit vergrub, die er besonders in den großen Ferien um ein beträchtliches Stück fördern konnte. Um jederzeit die nötigen wissenschaftlichen Werke aus den Bibliotheken zur Hand zu haben, aber auch um sich durch nichts ablenken zu lassen, versagte er es sich, für diese Zeit nach Hause zu fahren. Ende September, also kurz vor Beginn seines sechsten und letzten Semesters, kündigte ihm Walter, der ihm von Zeit zu Zeit Nachricht von seinem Ergehen gegeben hatte, an, daß seine Hoffnung, wenigstens noch als Flieger Verwendung finden zu können, nunmehr endgültig zerronnen sei. Man habe ihn als dauernd untauglich aus dem Heeresdienst entlassen. Schon um auf andere Gedanken zu kommen, habe er sich entschlossen, sogleich mit dem Studium zu beginnen und sich bereits in der Breslauer medizinischen Fakultät immatrikulieren lassen. Er hoffe, sich damit auch Damians Beifall verdient zu haben. Im übrigen bitte er den Freund, sein Quartiermacher sein zu wollen. Als Damian vierzehn Tage später den Freund, der ein paar Wochen auf dem elterlichen Gut in Oberschlesien verbracht hatte, auf dem Bahnhof empfing, fand er ihn zwar braungebrannt, aber sein Gesicht hatte die jugendliche Unbekümmertheit gänzlich verloren, es schien um Jahre gealtert. Trotz der Prothese kostete ihn das Gehen noch sichtliche Anstrengung, da ihm der Stumpf infolge einer Infektion in einer zweiten Operation doch bis zum Schenkel hatte abgenommen werden müssen. Den linken Arm konnte er zwar im Ellenbogen bewegen, aber er war entgegen den Erwartungen der Ärzte im Schultergelenk steif geblieben. Als sie in einer Droschke saßen und Walter, der sich von der mehrstündigen Reise ermüdet und angegriffen fühlte, sich erkundigte, ob Damian wohl schon ein annehmbares Quartier für ihn gefunden habe, ließ es dieser bei einigen geheimnisvollen Andeutungen bewenden und sagte zuletzt resolut: »Jetzt fahren wir erst mal zur Mutter Kruttke!« In Damians Behausung kam es dann zu der Überraschung, auf die sich Damian schon seit Tagen freute. Frau Kruttke hatte es ermöglichen können, auch Walter noch ein Zimmer einzuräumen. Noch freudiger berührt, als Damian es erwartet hatte, dankte Walter dem Freunde. »Du mußt verstehen«, sagte Walter, »daß es mir kein angenehmer Gedanke war, in meiner doch noch reichlich unbeholfenen neuen Gestalt bei völlig fremden Menschen wohnen zu sollen und von ihnen vielleicht auf nicht gerade angenehme Weise bei dieser oder jener Gelegenheit an meine Hilfsbedürftigkeit erinnert zu werden. Was mich aber am meisten beglückt, ist die Aussicht, nun nicht mehr auf mich selbst angewiesen zu sein, wenn ich mich in meinen vier Wänden einsam fühle und mich das Bewußtsein, eben doch ein Krüppel zu sein und nicht mehr mitkämpfen zu können, quält und manchmal schier verzweifeln läßt. Du wirst es also nicht ganz leicht haben mit dem gerupften Vogel, den du dir ins Nest gesetzt hast, Freund Damian«, schloß Walter mit einem Anflug von Galgenhumor. Allein unter der mütterlichen Fürsorge, mit der Frau Kruttke ihren neuen Schützling umgab, und unter den neuen Eindrücken, die er aus den Vorlesungen mit nach Hause brachte, gewann Walter mit zunehmender Gewöhnung an sein Gebrechen von Woche zu Woche sichtbarer sein seelisches Gleichgewicht wieder. Damian spürte das zu seiner stillen Genugtuung schon, als Walter ihn eines Tages bat, ihm das Manuskript seiner Doktorarbeit zur Lektüre zu überlassen, und fast gekränkt war, als Damian zum Schein noch eine Weile wie ein Schatzhüter damit umging, ehe er sich dazu bereit fand. Nicht anders, als handle es sich um seine eigene Arbeit, nahm Walter, der sich höchst anerkennend, aber doch so sachlich über den bisher fertigen Teil des Manuskripts äußerte, daß Damian deutlich heraushörte, wie ungeschmeichelt und begründet das Lob des Freundes war, hinfort Anteil am weiteren Wachsen der Arbeit, über deren eigentliches Problem, das der wahren Demokratie, sich die Freunde bis zum Abschluß des Ganzen an so manchen Abenden ereiferten. Denn immer wieder ließ sich Damian Walter gegenüber zu der Behauptung verleiten, daß bestimmte demokratische Einrichtungen Athens damals bereits, wenn auch natürlich in entsprechend primitiver Form, innenpolitische Forderungen verwirklichten, von deren Erfüllung man heute, vor allem im deutschen Staate, noch weit entfernt sei, obwohl es ein leichtes wäre, sie, angepaßt an die hochentwickelten Lebensformen der menschlichen Gesellschaft unserer Epoche, von neuem zu verwirklichen. Diese Thesen des Freundes bestritt Walter meist hartnäckig und suchte sie ihm mit hundert Argumenten aus der Hand zu winden. Er leugne keineswegs zahlreiche staatliche Mißstände, die sich gleich den Keimen einer inneren Vergiftung im deutschen Volkskörper festgesetzt hätten, an deren Beseitigung in Kriegszeiten jedoch nicht zu denken sei, es sei denn, daß sie genau so, wie sich die menschliche Natur in manchen Krankheitsfällen durch Mobilisierung aller ihrer Kraftreserven und Abwehrkräfte zu helfen wisse, durch das Stahlbad dieses Krieges vom Volkskörper selbst ausgeschieden oder überwunden werden würden. Allein die Demokratie sei seiner Überzeugung nach nicht die Medizin, die einem Staatswesen nottue, vielmehr sei es eine Auslese der Tüchtigsten und Befähigsten, eine Auslese der Persönlichkeiten auf allen Gebieten, ohne Rücksicht auf Parteien und Stimmzettel, mit einem Wort: eine Aristokratie der edelsten Geister der Nation im reinsten Sinne jenes antiken Begriffes, die leider noch niemals in der Geschichte zu ihrer Verwirklichung gelangt sei. Nur von einer solchen Führerschicht her könnte ein Staat die Impulse erfahren, die eine gesunde Durchblutung des Volkskörpers in allen seinen Gliedern gewährleisteten. Aber Damian verfocht seinen Standpunkt ebenso starrköpfig wie geschickt, so daß sich ihre Köpfe fast bei jeder dieser Debatten bis hart an die Grenze ihrer freundschaftlichen Gefühle füreinander erhitzten. War allerdings jener Punkt erreicht, so gewannen diese rasch wieder die Oberhand, und die Freunde zogen sich, jeder von der Einsicht des anderen beschämt, mit der Versicherung, wieder einmal einen überaus angeregten Abend verbracht zu haben, im schönsten gegenseitigen Einvernehmen in ihre Behausungen zurück. Kurz vor Weihnachten hatte Damian seine Dissertation beendigt und reichte sie durch Professor Bornemann der Fakultät ein. Die Ferien verwandte er ausschließlich zur Gewinnung des Examenswissens. Da es ihm in einigen Fächern noch zu hapern schien, setzte er diese ihn weniger befriedigende, aber in der Aussicht auf das winkende Ziel nicht mehr sonderlich ernüchternde Tätigkeit mit einer Ausdauer bis zum Tage des mündlichen Examens fort, das am letzten Februartag vonstatten ging, die Walter zwar bewundernswert fand, aber doch manchmal besorgt, daß sich der Freund damit nicht übernehme, zu bremsen suchte. Der Lohn solchen Fleißes blieb auch nicht aus. Damian bestand, noch nach Tagen über dieses von ihm selbst nicht erwartete Ergebnis tief erregt, summa cum laude. Ein solennes Abendessen in einem Weinrestaurant, von den seit kurzem in Erscheinung getretenen Kriegseinschränkungen noch unberührt, zu dem Damian den Freund einlud, beschloß den denkwürdigen Tag. Schon am nächsten Morgen meldete sich Damian, wie er sich vorgenommen und sowohl Walter wie auch Sessi seit langem mitgeteilt hatte, zum Heeresdienst. Diesmal wurde er für tauglich befunden, zur Infanterie angenommen und auch sogleich bei einem Breslauer Ersatztruppenteil als Kriegsfreiwilliger eingestellt. Die auf acht Wochen zusammengedrängte Ausbildungszeit stellte harte Anforderungen an ihn, trotzdem ihm dabei die durch gut anderthalb Jahre ziemlich regelmäßig betriebene sportliche Betätigung körperlich zustatten kam. Auf seinen spärlich bemessenen freien Ausgängen in die Stadt konnte er sich jedoch bei Walter in dieser Hinsicht manchen brauchbaren Rat holen. Ende April, nach Beendigung der Ausbildung, wurde er einem in den ersten Maitagen zur Westfront abgehenden Ersatzbataillon zugeteilt und erhielt vor dem Ausrücken drei Tage Heimaturlaub. Als er, spätabends in Wilkau angekommen, zum ersten Male seit seiner Promotion, von deren ehrenvollem Ergebnis er die Eltern alsbald telegraphisch verständigt hatte, mit Vater und Mutter wieder gemeinsam am Tische saß, erschien es ihm, als sei die Zeit seit jenem Tag, da er mit dem Maturitätszeugnis nach Hause kam, im Gerberhaus stehengeblieben. Denn genau wie dazumal vermochte der Vater sich zu nicht mehr als einigen lobesbrummelnden, doch fast widerwillig von sich gegebenen Worten aufzuschwingen, als ihm Damian das Doktordiplom vorlegte und voll berechtigtem Stolz den lateinischen Text mit den gewichtigen Worten »summa cum laude« übersetzte. Noch immer trug der Vater an der grausamsten Enttäuschung seines Lebens, daß sein einziger Sohn und Erbe sich von dem ehrsamen Gewerbe seiner Väter losgesagt und lieber in ein vor Meister Jochens Augen gänzlich bodenloses Schweifen seines Geistes hineingesteuert war, als auf seinen zwei Beinen an den Lohtonnen zu werken, um dauerhaftes und einträgliches Leder zu gerben. »Nicht übel, wirklich nicht übel«, meinte Jochen, als Damian sichtlich verstimmt über des Vaters unmutiges, beinahe barsches Lob das Diplom zusammenrollte und in die dazugehörige würdige rote Hülse zurückschob, »damit wärest du also zum Schule halten berechtigt wie deine Lehrer im Rehberger Gymnasium.« Damian wurde es erst bei dieser Äußerung des Vaters siedend heiß klar, daß dieser wahrhaftig des Glaubens war, Doktor- und Lehramtsexamen seien ein und dasselbe, und daß er selbst überhaupt nicht daran gedacht hatte, die Eltern zu unterrichten, als er sein ursprüngliches Studiumsziel aufgab. Diese Unterlassung war ihm jetzt um so peinlicher, als er in diesem Augenblick fast etwas wie Mitleid mit dem Vater fühlte, dem er nun auch noch die Enttäuschung bereiten mußte, nicht einmal ein sogenanntes »Brotstudium« hinter sich gebracht zu haben. Wie ein Kloß würgte es ihm im Halse, als er dem Vater den Sachverhalt auseinanderzusetzen begann, wobei er sich bemühte, den ihm von Professor Methner vor Augen gestellten Weg zum Dozenten in den verlockendsten Farben zu schildern. Aber Jochen betrachtete die ganze Situation zu Damians Erleichterung so ausschließlich von seiner resignierten Erkenntnis her, den Sohn sowieso für das väterliche Lebenswerk verloren zu haben, daß es ihm schließlich beinahe gleichgültig blieb, ob Damian Gymnasial- oder Universitätslehrer wurde und ob er es früher oder später zu einem Einkommen bringen würde, das seine Existenz sicherte. Seine Bemerkung eben hatte im Grunde ja nur eine Anerkennung sein sollen, mit der er nachträglich das sich abgerungene Lob wiedergutmachen wollte, durch das er vorher Damian unbeabsichtigt verletzt hatte. »Vorderhand, mein Junge«, unterbrach Jochen den am abwartenden Schweigen des Vaters langsam versickernden Redestrom Damians, »vorderhand sind das alles zwar recht schöne, aber ganz müßige Pläne. Wir haben Krieg, du bist Soldat und sonst nichts. Was nachher kommt, weiß niemand. Ich weiß nur das eine, daß ich mein Haus bestellt habe, so gut ich es vermochte, damit Mutter und du, den das große Schermesser da draußen verschonen möge, gesichert seid gegen all die furchtbare Menschennot, die ich ebenso auf mich zukommen fühle wie ich spüre, daß es nicht mehr allzu lange dauern wird, bis ich von dieser Erde abberufen werde.« Diesmal erschien Damian die Verdüsterung des Vaters nicht mehr so unverständlich wie sonst. Noch gab es zwar an sichtbaren Anzeichen, daß der Krieg von den Mittelmächten nicht siegreich bestanden werden würde, kaum eines, dafür aber um so mehr zum Nachdenken zwingende Imponderabilien, wie die steigende Haßpsychose der Feinde, die zu einer noch größeren Ausweitung und damit immer unabsehbareren Dauer des Krieges und, falls es nicht gelingen sollte, die Amerikaner herauszuhalten, zu einer immer lückenloseren Blockade führen mußte. Noch bestand alle Aussicht, daß der volle Einsatz der Flotte und vor allem der U-Boote deren Auswirkungen paralysieren konnte. Doch daß dem deutschen Volk noch schwerste Blutopfer abverlangt werden würden, wagte auch Damian nicht mehr zu bezweifeln. Alles in allem hatten den Vater seine bösen Ahnungen bisher nicht getrogen, und das war es im Grunde, was Damian am meisten beunruhigte. Die Todesgedanken dagegen, die er da äußerte, waren sicherlich nur ein Ausfluß seiner Gemütsverdunkelung. Mit seinen zweiundsechzig Jahren organisch völlig gesund und rüstig, bestand wahrhaftig kein Anlaß, sich dieserhalb zu sorgen. Schon um der Mutter den Augenblick, da sie ihn ins Feld ziehen lassen mußte, nicht noch unnötig zu erschweren, drängte es Damian, dem Vater wenigstens diesen Schattenschaum fortzublasen. Jochen mochte ahnen, wem diese Bemühungen Damians galten, denn er ließ sich immerhin dazu herbei, seine nichtsdestoweniger unerschütterte Überzeugung abzuschwächen: »Schon gut, mein Junge, es wird ja auch nicht morgen oder übermorgen soweit mit mir sein, ein Jährchen oder auch zwei mag es mit mir noch so machen. Dein Großvater Nathanael starb mit dreiundsechzig, nein, fast vierundsechzig, aber älter als fünfundsechzig, so sagte er mir einmal, ist noch kein Maechler geworden. Warum sollte es mit mir also anders sein?« Damians Augen ruhten forschend auf dem ernsten Antlitz des Vaters mit den ein wenig überglasten Augensternen. Sollte sich das Leben dieses einst so strebsamen Mannes wahrhaftig schon so gut wie vollendet haben? Wie bemessen war dann doch die Frist eines Menschenlebens, auch seines eigenen. Und ein paar Herzschläge lang dachte er betroffen an die Möglichkeit, daß es ihm bestimmt sein konnte, unter das große Schermesser zu geraten, längst ehe ihm die Hälfte dieser Frist vergönnt gewesen. Blitzartig durchfuhr ihn unmittelbar darauf der Gedanke an Sessi. Wenn er fiele! Halbverwaist, samt ihrer Mutter so gut wie mittellos, zeitlebens auf Zuwendungen ihrer adligen Sippe angewiesen, nein, für Sessi mußte er sorgen, noch bevor er an die Front ging. Damals, an jenem glückhaft übersonnten Herbsttag draußen bei den Grandorfer Teichen, als ihm, dem Sekundaner, Sessi strahlend das bunte Bildchen vor Augen hielt, das er als Junge spielerisch hingemalt, hatte er sich ihr und sie sich ihm im Angesicht der himmlisch schimmernden Wolken anverlobt, und noch heute klangen die beziehungsvollen Worte in ihm nach, die Sessi von den Vögeln gesprochen, deren Hin- und Widerflug sie nachschauten: »Wenn man sie auseinanderreißen wollte, müßte man ja die Erde auseinanderreißen.« Nein, nein, er durfte sie nicht zurücklassen ohne ein sichtbares Band ihres Zueinandergehörens und auch nicht ohne die Gewißheit, daß ihr, was auch geschehen mochte, das Gerberhaus schon heute als sein Erbe und ihrer beider künftiges Heim offenstehe, gleichviel zu welcher Stunde und zu welchem Rat. Als der Vater schon zu Bett gegangen war, und Mutter und Sohn noch eine Weile geruhsam beieinander saßen, vertraute Damian Mutter Christel all das an, was ihn Sessis wegen bewegte. Sie hörte ihm nicht nur verstehend und liebevoll zu, sondern hätte es ihm offenbar verübelt, wenn er, wie sie sich ausdrückte, nicht daran gedacht hätte, sein Verhältnis zu Sessi wie sich's gehört ins reine zu bringen, ehe er hinauszog in den Krieg. »Ich dächte«, beschloß Christel ihre lange Aussprache, »du überläßt es mir, mit dem Vater zu reden, wenn er wieder mal einen besseren Tag hat. Du weißt ja, wie merkwürdig er oft ist. Aber gegen das Mädel hat er nichts, das spür' ich. Na, und der Baron ist tot. Bloß von der Baronin wird er nichts wissen wollen. Ich denk' mir aber, die wird mit uns auch keine Seide spinnen mögen. Die Sessi täte ihretwegen am gescheitesten, einstweilen stillzuschweigen. Kaufe ihr bei Rauch auf dem Schloßplatz einen schönen Ring mit einem Stein, den sie unbesorgt tragen kann, bis du wiederkommst. Wozu soll sie sich wegen der Mutter das Leben vergällen. Entweder gibt ihr die Baronin, wenn ihr dann heiratet, ihren Segen oder nicht, das hat nichts auf sich, Sessi ist ja schon jetzt volljährig. Und sollte dir, was Gott verhüten möge, draußen was zustoßen, für deine Sessi wäre gesorgt, das verspreche ich dir in die Hand ... Ach ja, liebster Junge, davon weißt du ja noch gar nichts. Der Vater war schon vor ein paar Monaten beim Notar, er will doch rein nichts mehr mit der Gerberei und Geschäften zu tun haben, und hat mir schon bei Lebzeiten alles vermacht, das Haus und das Geschäft. Gelt, da staunst du jetzt? Ich soll es haben, solange ich lebe, dann gehört's dir, und das ist ja so gut, als wenn es heute schon dein Eigentum wäre. Ich hab' freilich meine Not jetzt damit, aber es wird schon gehn. Wir haben lauter Heeresaufträge, und der Altgeselle, der Bertel mit dem kurzen Bein, den der Vater noch kurz vor dem Kriege eingestellt hat, ist ein braver fleißiger Mensch. Bloß das Bargeld hat sich der Vater noch behalten, wieviel es ist, weiß ich nicht, er sagt's mir auch nicht, ein paar tausend Taler werden's wohl sicher sein. Er hat's oben in der Schlitzkammer eingeschlossen.« Damit war Damian die Last, die sich ihm in Gedanken an Sessi auf die Seele gelegt hatte, schon so gut wie genommen. Seinem festen Entschluß, ihr stilles Verlöbnis durch ihre Heirat fürs Leben zu besiegeln, sowie er aus dem Kriege heimkam, würde Sessi, das fühlte er, sich nicht entziehen, selbst wenn ihre Mutter sich dieser Verbindung noch so sehr widersetzen sollte. Fast die ganze Nacht brachte Damian übervollen Herzens in der glückhaften Unruhe eines Menschen zu, der spürt, das seine Lebensuhr zu einem entscheidenden Schlage ausgeholt hat. Gegen Morgen sank er dann aber doch noch für ein paar Stunden in einen tiefen traumlosen Schlaf, aus dem ihn erst im halben Vormittag die Stimme der Mutter an der Tür seiner Mansardenstube weckte. Christel, wie stets zeitig auf den Beinen, hatte auf ihrem morgendlichen Einholgang schon im Langen Hause vorgesprochen, um Sessi von Damians Ankunft und kurzem Urlaub zu verständigen, und überbrachte ihm jetzt außer Sessis erstem mündlichen Glückwunsch zu dem ausgezeichneten Examen einige Zeilen von ihrer Hand. »Liebster Damian«, schrieb Sessi, »ich bin überglücklich, daß wir uns noch einmal wiedersehen dürfen, ehe du ins Feld rückst, ich habe mir den Nachmittag freigeben lassen. Wir wollen die Stunden ganz für uns verbringen. Ich hol' dich um zwei auf der Feldgasse ab, und wir wandern dann, wenn es dir recht ist, irgendwohin hinaus ins Freie. Immer deine Sessi.« Aus dem Bett springen, in die Uniform schlüpfen und ungefrühstückt nach Wilkau hineilen, war für Damian eins. Vor dem Schaufenster von Rauchs Geschäft »Juwelen. An- und Verkauf« musterte er dafür um so bedächtiger die Auslage, fand aber nichts, was ihm gefiel. Erst als der alte Rauch im Laden, da Damian unbefriedigt und langsam verdrießlich schon sämtliche Ringe zurückgewiesen hatte, die er ihm vorlegte, zuletzt aus einem besonderen Fach einige wenige, wie er sagte, »selten verlangte Pendants« hervorholte, wußte Damian, was ihm eigentlich vorschwebte: ein Paar gleichartige Ringe für Sessi und ihn. »Hier, diese beiden Goldringe mit den schönen grünen Steinen«, entschied Damian. »Echter schlesischer Chrysopras, Herr Maechler«, warf Rauch ein. »Ja, eben diese dürfen Sie mir verkaufen.« »Aber gern«, erwiderte Rauch, »es sind alte Familienstücke, als Damen- und Herrenring gearbeitet. Ich erstand sie eigentlich nicht, weil ich hoffen durfte, hier in Wilkau Käufer dafür zu finden, sondern weil die Steine außerordentlich klar und ganz eigenartig gefaßt sind; ich war selbst ganz davon angetan. Der verstorbene Baron von Schillingkhoff drängte sie mir quasi auf, es ist schon ein paar Jahre her. Er war ja immer in Geldnöten ...« Im ersten Augenblick stand Damian von dieser Eröffnung wie erstarrt da. Konnte er diese Ringe ... konnte er Sessi ... mein Gott ja hier gab es nichts zu bedenken, es war wie eine Fügung vom Schicksal, nein, ihr durfte er sich nicht entziehen. Kurz entschlossen erstand er die Ringe. Schon lange vor der ausgemachten Zeit hielt es Damian nicht mehr in der Wohnküche. Christel hatte nach dem Essen die Fenster geöffnet, rein und wohlig warm strömte die Frühlingsluft herein, und er hörte das Heidewasser klingend über die Steine springen. Er ging hinaus, setzte sich auf die Bank unterm Frontspieß und behielt die Straße im Auge. Nach einiger Zeit blendete ihn die Sonne, daß er die Augen schloß und sich mit Wohlbehagen von ihr wärmen ließ. Plötzlich war ihm, als höre er das Gartenpförtchen knarren. Doch ehe er sich vollends aus der Schläfrigkeit ermannen konnte, die ihn nach der unzulänglichen Nachtruhe, ohne daß er es merkte, minutenlang überfallen hatte, fühlte er sich auf seine Augen geküßt und von zwei weichen Armen auf seiner Bank festgehalten. »Recht so, Herr Doktor, nach dem Essen soll man ruh'n«, rief Sessi fröhlich aus. Ihre Schwesterntracht, die sie seit Beendigung ihrer einjährigen Ausbildung trug, und die Damian zum ersten Male an ihr sah, kleidete sie erstaunlich gut. Ja, er fand Sessi überhaupt, wie sie jetzt, nicht mehr so knabenhaft schmal und blaß wie noch um Weihnachten vor einem Jahr, sondern weiblicher geformt und mit frischeren Farben in ihrem feingeschnittenen Gesicht, doch immer noch rank und schlank vor ihm stand und ihn mit ihren von liebender Zärtlichkeit überströmten Augen ansah, noch liebreizender, noch begehrenswerter als je zuvor. Als sie wenig später mitsammen die Feldgasse hinunterschritten und die letzten Häuser von Wilkau hinter sich gebracht hatten, nahm Damian wie selbstverständlich Sessis Arm und sagte ihr ungescheut, wie ausnehmend gut sie ihm gefiele, worauf sie ihm, nicht minder aufgeschlossen, scherzhaft auf ihrer beider äußere Verwandlung anspielend versicherte, daß eben Kleider Leute machten und wie männlich er sich in der Uniform ausnähme. Doch leise und nachdenklich fügte sie nach einer Weile hinzu: »Und aus Kindern werden eines Tages große Leute, die sich gern haben, aber das Leben nimmt keine Rücksicht darauf.« Dabei schmiegte sie sich dichter an seinen Arm, und Damian fühlte, wie sie bebte und sich nur gewaltsam die Tränen verhielt. Schweigend gingen sie so engverschlungen noch ein gutes Stück Weges weiter, ehe ihr Damian, ihre letzten Worte aufnehmend, entgegnete: »Du sagst ›Leben‹ und meinst den Krieg, ja, du hast recht, liebste Sessi, aber nicht ganz.« Und nun sprach er sich alles von der Seele, was er ihr heute zu sagen entschlossen war und worauf ihr Herz, nicht erst seit heute, sondern schon seit Wochen und Monaten, sehnsüchtig wartete. Unterdessen waren sie, ohne zu wissen, wohin sie ihre Füße trugen, bis an den letzten der Grandorfer Teiche gekommen. Indem Damian Sessi neben sich auf die Uferböschung zog, seinen Arm um sie legte und nach dem in der prallen Sonne flimmernden Kamm hinüberdeutete, erinnerten sie sich wortlos jener traumverlorenen Stunde, da sie sich eben hier, noch halbe Kinder, in seliger Hingenommenheit unverbrüchliche Freundschaft gelobt hatten. Da zog Damian das Päckchen mit den Ringen aus der Tasche, nahm Sessis linke Hand, küßte sie inbrünstig und schob ihr behutsam den goldenen Reif mit dem grünen Stein über den Ringfinger. Während sie es geschehen ließ und dabei ungläubig, halb erschrocken den alten Ring ihrer Familie erkannte, bat Damian sie mit innigen Worten, darein zu willigen, sich ihm antrauen zu lassen, sobald er das erstemal auf Urlaub aus dem Felde käme. Fast überwältigt von der Schmerzhaftigkeit ihres Glücksempfindens vermochte sie ihm tränenüberschimmerten Auges nur noch hauchzart ihre Gewährung zuzuflüstern. Dann überließ sie sich, von seinen Armen umfangen, den Kopf auf seine Brust gebettet, für eine Weile mit geschlossenen Augen, als läge sie in einem seligen Traum, den leisen Zärtlichkeiten Damians, dem seit ihren Kindertagen ihr ganzes Herz entgegenschlug und dem es nun ihr Leben lang gehören würde, nur ihm und niemandem sonst auf der Welt. Dann entwand sie sich seinen Armen, griff nach dem Mieder und zog errötend das kleine bunte Blättchen mit dem Bild des Heiligen hervor, den Damian sich einst nach Kinderart ausgedacht und ihm in jede Hand eine blaue Blume gegeben hatte; jenes Bildchen, das Damian ihr als Kind im Gerberhause schenkte, das sie seitdem als Lesezeichen in ihre liebsten Bücher gelegt und aus dessen Anblick sie bis heute Trost, Mut und Geduld geschöpft, wenn ihr das Leben Schweres zu tragen gab. »Kennst du das noch?« fragte sie Damian genau wie an jenem Tage ihrer heimlichen Liebeserklärungen im Gewande glückhafter Naturbegeisterung an diesem gleichen verschwiegenen Teich vor wohl sieben Jahren, als sie es ihm zeigte und er, als er es wieder an sich nehmen wollte, vor ihren stählern blitzenden Augen zurückgewichen war. »Es ist mein Talisman gewesen in all den Jahren, Liebster, aber jetzt soll es dich hinaus ins Feld begleiten und behüten, bis du wiederkehrst«, sagte Sessi und reichte ihm das Bildchen hin, das Damian ergriffen an sich nahm und erst in seine Brieftasche legte, nachdem er es noch einmal versonnen und ernst betrachtet hatte. Im sinkenden Abend, als der wuchtige Zug des Riesengebirges schon von der Abendröte überströmt wurde, machten sich Sessi und Damian auf den Heimweg. Sie kamen überein, sich bis zur Abfahrt Damians am anderen Tag nicht mehr zu sehen. Als sie an der Gartenpforte des Gerberhauses voneinander Abschied nahmen, sagte ihm Sessi noch dieses: »Wie ich das Leben fortan ertragen werde? Noch weiß ich es kaum. Aber es sind ja Millionen Männer im Kriege, und alle ihre Frauen können nichts tun als warten und hoffen, daß sie heil und gesund heimkommen.« Dann küßte sie Damian noch einmal, doch wie in jähem leidenschaftlichen Verlangen, riß sich los und eilte, ohne sich noch nach ihm umzuwenden, wie flüchtend davon. Fünfzehntes Kapitel Mit der Stunde, in der Damian hinaus in den Krieg gefahren war, hatte Sessi den Zugang zum seligen Geheimnis der Welt und ihres Inneren verloren. Es war ihr, als habe sie der himmlische Traum von sich selbst, in dem sie gelebt hatte, solange sie sich zurückerinnern konnte, verlassen, und die Wirklichkeit, zu der sie erwachen mußte, erschien ihr so kahl und nackt, daß sie sich tagelang, selbst in wärmster Kleidung, obwohl sich der Frühling ungewöhnlich milde anließ, kaum der Frostschauer zu erwehren vermochte, von denen sie, als kündige sich eine tückische Krankheit an, heimgesucht wurde. Sie fühlte sich überhaupt körperlich so matt und elend, so als habe sie Nächte am Bett eines Schwerverwundeten durchwacht, daß sie nicht mehr fähig war, ihrem Dienst im Lazarett nachzukommen, sich krank meldete und einstweilen wieder nach Hause übersiedelte. Aber dieser ihr unbegreifliche Frost hatte auch ihre Seele ergriffen, und zwar dermaßen, daß sie das ständig wie auf Stelzen schreitende Wesen ihrer Mutter, deren betont vornehm-herablassendes Gebaren im Umgang mit jedermann, gleichviel ob einfachen oder höheren Standes, ihr eigenes Kind nicht einmal ausgenommen, einfach nicht mehr wie früher zu ertragen und zu übersehen imstande war, sondern sich, aufs äußerste davon gereizt, zu rücksichtslosen, heftigen Angriffen gegen sie hinreißen ließ. In einem solchen, ihr selbst unübersehbaren verstürzten Zustand vor der Mutter bisher nach Damians Rat nicht getragen, aus dem holte sie den von Damian zur Verlobung erhaltenen Ring, den sie Kästchen, in dem sie ihn aufbewahrte, zog ihn vor deren Augen über den Finger, hielt ihr jäh die Hand hin und schleuderte ihr ins Gesicht: »Dieser Ring aus fürstlich Shayn-Winternitzschem Familienbesitz war gut genug, um bei einem gewissen Herrn Rauch versetzt zu werden, und sein Gegenstück ist nun auch gut genug, um von einem gewissen Damian Maechler getragen zu werden, der beide Ringe erstand.« Vor diesem Ausbruch erstarrte Leonie. Ihre Sessi, dieses wohlerzogene, in ihrem Wesen bis vor kurzem so gleichmäßige und gutartige Mädchen, hatte sich offenbar völlig von diesem jungen Phantasten aus dem Gerberhaus umgarnen lassen und, was noch schlimmer war, auch ihr ganzes Standesbewußtsein vergessen, das sie, Leonie, doch von Jugend auf in ihr geweckt und von dem sie geglaubt, daß es ihr in Fleisch und Blut übergegangen sei. Dieser Erschütterung über den Zusammenbruch ihres ganzen Erziehungsgebäudes hielt selbst das starre Gerüst ihrer Selbstbeherrschung in allen Lebenslagen nicht stand und stürzte unter einer hemmungslosen Flut verletzender Schmähungen ihrer »ungeratenen« Tochter und der »Sippe dieses Beutelschmierers von der Feldgasse« mit so vernehmlichem Getöse in sich zusammen, daß Sessi sich erst einmal durch einen raschen Blick vergewisserte, ob auch Tür und Fenster geschlossen seien. Als Leonie endlich von ihrer eigenen Alteration erschöpft auf einen Stuhl sank und, nicht ganz ohne Berechnung, in Tränen ausbrach, schaute Sessi sie nur wortlos an und ging hinaus. In der eisigen Einsamkeit, die ihr das Herz umschnürte, erreichten sie weder Schmähungen noch Tränen. Mechanisch trat sie in ihr Zimmer, schloß sich ein, entledigte sich ihrer Kleider, legte sich zu Bett und lag mit offenen starren Augen, regungslos, einer Toten ähnlicher denn einer Lebenden, bis der Tag zur Neige ging und sich unter dem dunklen Tuch der Nacht auch ihre Lider schlössen. Fortan gingen sich Mutter und Tochter geflissentlich aus dem Wege, ohne daß zwischen ihnen noch ein Wort über Damian Maechler oder den Ring fiel, den Sessi nicht mehr ablegte. Als die neue Woche begann, nahm Sessi wieder ihren Dienst im Lazarett auf, konnte aber nicht mehr im Langen Hause nächtigen, da dort infolge stärkerer Belegung mit Verwundeten das Pflegepersonal um einige Berufsschwestern von auswärts vermehrt worden war, die man nur dadurch unterbringen konnte, daß man die aus Wilkau stammenden freiwilligen Schwestern nach Hause ausquartierte. Nur durch diese Pflege der Verwundeten, der Sessi sich instinktiv noch leidenschaftlicher als zuvor hingab, gelang es ihr, allmählich wieder an das Wesen ihres Damian heranzudringen und so Atemzüge ihrer alten Wesensverzauberung zu trinken. Eine geheimnisvolle Hoffnung blühte in ihr auf, und von ihr lebte sie, die Hoffnung, daß sie, je hingebungsvoller sie ihren Dienst an den Wunden und Krüppeln des Krieges versah, um so gewisser ihren Herzensverlobten vor eigener Verwundung bewahren könne. Je mehr dieser oder jener Kriegsverletzte Damian ähnelte, um so aufopfernder pflegte sie ihn, um so größeren Aufwand an Sorge häufte sie auf ihn und fühlte darin sicher und sicherer die Wirkung der Abwehr eines grausen Geschicks von dem Geliebten draußen im Felde durch ihre tätige Barmherzigkeit an seinen leidenden Kameraden in der Heimat. So geriet sie in eine von Woche zu Woche sich steigernde inbrünstige Entschwundenheit, die anfangs wie ein beglückender Taumel nur schnell über sie hinhuschte, durch Wiederholung dieser vollkommenen Selbstentäußerung jedoch sich vertiefte und sie schließlich so erfüllte, daß sie in einer Art Entrücktheit um jene Gebrechlichen diente, die sie, sei es durch den Ton der Stimme, die Farbe der Augen, den Schnitt des Gesichts, durch Gebärden oder Eigenheiten der Bewegung, an ihren Verlobten erinnerten. Die Verwundeten aber, die Sessi in ihrer stürmischen, verheimlichten Liebesbesessenheit so mit dem ersten Glück schwärmerischer Leidenschaft überströmte, schrieben ihren Händen und Augen heilende Kräfte zu und verehrten sie wie eine Heilige. * Der Sommer kam, das Ringen im Westen steigerte sich zur Sommeschlacht, und Damian ward mit in sie hineingerissen. Der Sommer verging, das Jahr verging, und Damian, der geliebte Grabenkämpfer, hatte es überlebt, obwohl die Division, zu der sein Regiment gehörte, dauernd im härtesten Einsatz stand. Nach kurzen winterlichen Ruhewochen hinter der Front begann der Totentanz im aufsteigenden Lichte der Frühlingssonne nach dem Naturgesetz des Krieges abermals, und wieder wirbelte er auch Damian von Frontabschnitt zu Frontabschnitt, durch Höllen und durch Todesnöte. So ging ein volles Jahr an Damian und Sessi vorüber, in welchem beide, nur durch Gedanken und Briefe miteinander verbunden, pausenlos dem Tode gegenüberstanden und ihn, jeder auf seine Weise, überwanden. Aber während Damians Wesen in den Trommelfeuern der Schlachten um und um geschmolzen, geglüht und gehärtet wurde, verlor sich Sessi, in der ständig aus dem Grunde ihrer Seele ins Bewußtsein drängenden Befürchtung, daß der geheime Vertrag, den sie für Damians Leben mit dem Tode abgeschlossen, nur so lange seine Zauberkraft behielte, wie sie ihn mit aller Inbrunst, deren sie fähig war, einhielte, so tief ins Mitempfinden, ja Mitleiden der Zerstörungen und Entstellungen der bresthaften Körper, denen ihre Hände schmerzlindernd oder hilfreich dienten, daß ihr Herz statt wehrhafter immer wehrloser wurde. Dort, wo sie in der ersten Zeit nach Damians Abreise ins Feld der Eisblock in der Brust quälte, daß sie nicht wußte, ob er wohl jemals schmelzen würde, trug sie jetzt ein Gebilde so weich wie Wachs und wünschte sich manches Mal, daß sie es härten könnte. In diesem seelenweichsten Zustand aller ihrer Lebensjahre widerfuhr Sessi das Erlebnis mit dem Fähnrich Balling, das die bedeutsamsten Folgen sowohl für sie wie für Damian nach sich ziehen sollte. Balling traf Mitte Juni mit einem neuen Verwundetentransport im Langen Hause ein. Er war durch einen Granatsplitter am Kopf schwer verwundet, so daß er, auf der linken Körperseite gelähmt, mit wohl äußerlich geheilter Wunde nach Wilkau geschickt worden war, um durch den Gebrauch der Bäder und der mechanischen Bewegungskur bei Doktor Relper geheilt zu werden. Sein Aufenthalt war auf Monate berechnet. Aber unter Sessis Pflege, die ihre Wesenssonne noch wirksamer, als es Doktor Relpers Apparate vermochten, und noch voller, als sie es bisher je zuwege brachte, auf den verschlossenen, ganz in sich gescheuchten schönen Jüngling wirken ließ, zerstreute sich der Druck, der auf ihm lastete, und gab ihm von Tag zu Tag reicher die Hoffnung auf ein unverstümmeltes Leben zurück, so daß er zum Verwundern der Ärzte schon nach sechs Wochen, erst mit dem Stock und dann ohne Unterstützung, zu gehen imstande war. Nach einigen kleineren Spaziergängen im Badewäldchen in Begleitung Sessis verlockte es den jungen Menschen, zur stillen Feier seines Geburtstages, wie er Sessi fast schüchtern anvertraute – es war der erste August und ein besonders schöner und warmer Hochsommernachmittag –, weiter gegen das Gebirge hin zu wandern. So führte ihn Sessi auf einem buschverkrochenen Steig bis an die Grandorfer Teiche hinaus, die lautlos und spiegelglatt wie riesige Fladen Himmel zwischen den Bäumen lagen und durch das Gesträuch die beiden anschimmerten. Wie spielend leichter Wolkenflug strömte der wuchtige Zug des Gebirges vor ihnen hoch in der Ferne in der durchsichtigen Verklärtheit eines hauchgrünen Himmels selig hin. Das Entzücken des jungen Kriegers über die Schönheit dieser Welt, der er sich zum ersten Male seit Kriegsbeginn wieder hemmungslos hingeben durfte, war so echt und ungekünstelt, daß es Sessi ergriff. Wie sehr seine Beglückung aber noch durch sie selbst erhöht wurde, konnte sie, die, gleich darauf wieder in ihre geheime Liebesverzauberung durch Damian verstrickt, still neben dem Fähnrich hinging, nicht einmal ahnen. Ihm erschien sie so still und rein wie die Teiche, die da vor ihm lagen, und so erdentrückt und verklärt wie die einzige schillernde Wolke, die eben, windlos, nur vom eigenen Traum getrieben, über ihm am Himmel hinschwebte. Und was er bisher noch nie in all den Wochen zu irgendeinem Menschen getan, er fing an, ihr von seiner Vaterstadt Köln zu erzählen, wo er als Sohn eines vermögenden Fabrikbesitzers eine glückliche Kindheit und schattenlose Jugend verleben durfte. Noch während er erzählte, brach der Abend herein, plötzlich, grandios wie ein Feuerüberfall. Die Berge rauchten in Flammen, die Teiche funkelten rot wie riesige Tümpel frischen Blutes, die Zirruswölkchen füllten wie blinkende Geschosse den Himmel. Verblüfft von dem plötzlichen Hereinbruch dieser Weltallsröte, unterbrach Balling seine Erzählung und betrachtete staunend schon eine Weile den Himmelsbrand, als ihn unvermittelt eine Erinnerung überwältigte, die Erinnerung an den nächtlichen Feuerüberfall, bei dem er verwundet worden war. »... ja, genau so war's«, brach er los, »gnädiges Fräulein, genau so wie jetzt. Feuer überall, in der Ferne, am Himmel, um uns, vor uns, hinter uns, Teufel noch mal!« Tief erschrocken sah Sessi den Fähnrich fragend an. Aber Balling, von der Wucht seines aus der Erinnerung aufsteigenden grausig-schönen Erlebnisses überströmt, achtete nicht nur nicht auf das Erschrecken des verehrten Mädchens neben ihm, sondern ließ sich von dem furchtsamen Glanz ihrer großen Augen, dem Erbleichen ihres schönen Gesichtes und nicht zuletzt von einem heißen Stoß, der plötzlich aus seinem Herzen über ihn hereinbrach, noch weiter fortreißen: »Jawohl, wie ich es Ihnen sage, so war es um uns, damals am achten April ... Na ja, ein bißchen anders war's freilich doch, denn es donnerte, blitzte, krachte um uns, über uns – und unter uns zerbarst die Erde. Aber daran erinnere ich mich jetzt noch genau: Ich hörte nichts. Für mich war es geisterhaft still. Ich sah die Granaten geräuschlos fliegen, die Kameraden lautlos fallen, schreie und habe keine Stimme, laufe, stolpere, stürze in Trichter und wate doch wie über Watte, in Wolken und wie von Sinnen, in einem tollen Traum, und plötzlich sehe ich meine Jugendgespielin vor mir stehen, die Tochter des Medizinalrats Kemmler, welche die Geliebte meiner Jugendjahre war. Sie lächelt mich an, fängt eine Granate mit den Händen auf und wirft sie im weiten Schwung von mir fort. Dann legt sie mir schützend die Hand auf den Kopf. Ich greife hinauf, um sie zu erhaschen und dankend zu küssen. Als ich meine Hand zurückziehe, ist sie voll Blut. Ich sehe, daß ich am Boden liege, spüre einen reißenden Schmerz im Kopfe und verliere die Besinnung ... Aber was ist Ihnen denn, gnädiges Fräulein? Um Gottes willen, Fräulein Sessi ... Sessi, geliebtes Wesen?« Sie wankte. Er fing sie auf. Ihre Augen waren weit geöffnet und flammten. Inbrünstig stammelte sie: »Oh, Geliebter, nein, das darf nicht sein ...« Dabei klammerte sie sich unwillkürlich und vor Erregung zitternd an Balling, der, selbst seiner nicht mehr mächtig, ihr Gesicht mit glühenden Küssen bedeckte und dabei immerfort ihren Namen stammelte. So sanken beide im Gebüsch zur Erde, Balling von Sorge, Angst und Leidenschaft in sinnlosen Rausch gestürzt; Sessi von der Inbrunst ihrer Liebe und verzweifelten Angst um Damian ohnmächtig, willenlos in den Feuerwirbel drängend, der sie umlodert und stoßend in sie eindringt. Als Sessi nach langem erwachte, sah sie sich im Gebüsch liegen und verstand nicht, was geschehen war. Ihr Bewußtsein war ein einziger Taumel, in dem ihr Spaziergang als eine Halluzination schwamm; und als sie durch diesen Taumel bis zur Erkenntnis dessen, was mit ihr vorgefallen, durchzudringen versuchte, loderte alsbald auch jener Flammenwirbel um sie und in ihr wieder auf. Es war ihr einfach unmöglich, aus diesem Trubel ihres Inneren einen Ausweg zu finden. Endlich zog sie mechanisch das in Unordnung geratene, bis übers Knie heraufgerutschte Kleid herunter und erhob sich schwerfällig. So auch schleppte sie sich heim, unter einem Himmel, dessen Feuerrasen inzwischen vollkommen in eine aschfarbene Dunkelheit erloschen war, welche die Traumschatten, die sie noch immer umfangen hielten, zwar ins Undurchdringliche formte, hinter denen sie aber Gestalten sich bewegen sah, die sie durch nichts als den Rhythmus ihrer Bewegungen voneinander zu unterscheiden vermochte. Bald sich selbst, bald den Fähnrich, bald Damian ahnungsvoll witternd, verursachte ihr der Rhythmus dieser geheimnisvollen Bewegungen eine Wollust, die sie durch alle Adern, bis in ihren Schoß hinein fühlte. Zu Hause angekommen, legte sie sich, angekleidet wie sie war, in ihrem Zimmer aufs Sofa und überließ sich einer Lethargie, die dem einschläfernden Behagen gleichkam, das eine schwüle Sommernacht über den Körper des Menschen bringt. Doch von Zeit zu Zeit schreckte sie aus diesem Schummern in den Angstzustand auf, in den sie durch die Schilderung Ballings von dem gespenstischen Nachtkampf geraten war, kurz bevor ihr die Sinne schwanden. Und wieder ist das feurige Rasen um sie, in das sie sich mit der waghalsigen, verzweifelten Angst stürzte, um ihren Damian dem Tode zu entreißen. Und wieder hört sie sich von seiner inbrünstigen Stimme gerufen: »Um Gottes willen, Sessi, liebste Sessi«, fühlt sich von seinen Armen umschlungen und klammert sich mit einer Liebesraserei an ihn, daß sie vollkommen ausgelöscht wird. Als Sessi sich am dritten Tage etwas gekräftigt fühlte, ging sie gegen Abend ins Lange Haus, um von Balling Auskunft über den Vorfall zu erlangen und ihm Vorhaltungen zu machen, daß er eine Ohnmächtige so roh verlassen und sich nicht mehr um sie gekümmert habe. Aber Balling war schon nicht mehr im Lazarett. Von seinen Kameraden erfuhr sie jedoch das Folgende: An jenem Abend, zur Zeit des Abendessens, sei der Fähnrich atemlos, kreidebleich, vollkommen aufgelöst in den gemeinsamen Speiseraum hereingestürzt und habe geschrien: »Sie liegt draußen, Kameraden, das gnädige Fräulein, Schwester Sessi, liegt bei den Teichen, vielleicht schon tot, und ihr Viecher sitzt da und freßt in aller Ruhe! Gott im Himmel, und ich bin wohl schuld an ihrem Tode!« Es sei unmöglich gewesen, aus dem Aufgeregten, der immer in kurzen Abständen von Schluchzen geschüttelt worden sei, etwas Klares herauszubringen. Endlich habe ihn eine starre Ruhe überfallen, und mit unnatürlich gesammelten Augen, deren Ausdruck sie gleich erschreckt habe, sei er auf den liebevollen Vorschlag einiger Kameraden eingegangen, sie doch an die Stelle zwischen den Teichen zu führen, wo er das Fräulein liegengelassen habe. »Jaja ... Ihr habt recht«, habe er fortwährend vor sich hin gemurmelt, während sie über die Treppe hinuntergestiegen seien. Als man gemerkt habe, daß er vor Schwäche oder Schwindel taumelte, hätten sie ihn vorsichtig am Arm genommen, was er auch duldete, sich aber dabei schon ganz sonderbar benahm. Denn sowie er fühlte, daß ihn jemand anfaßte, habe er ausgerufen: »Gut, gut! Verhaftet mich nur, ich hab's verdient.« Beim Betreten der Straße habe er plötzlich gestutzt, grauenvoll aufgeschrien und sogleich sinnlos, verzerrten Gesichtes auf seine Begleiter eingeschlagen. Nun sei kein Zweifel mehr daran möglich gewesen, daß bei dem Fähnrich der Wahnsinn ausgebrochen war. Man habe ihn überwältigt, und noch am selben Abend sei er in die Nervenklinik nach Breslau abtransportiert worden. Kaum hatte Sessi die letzten Worte von diesem Bericht über das Schicksal Ballings vernommen, als sie ohnmächtig auf einen Stuhl sank. Als sie erwachte, fand sie sich im Ordinationszimmer auf die Chaiselongue gebettet und blickte in das besorgte Gesicht des Oberstabsarztes Doktor Freitag. »Na«, sagte Doktor Freitag erleichtert, »Sie haben uns ja einen schönen Schrecken eingejagt, Baroneß. Über zwei Stunden bewußtlos, das kommt nicht aus heiterem Himmel. Wie fühlen Sie sich denn jetzt?« Er hielt ihr Handgelenk: »Der Puls ist ja wieder normal.« »Noch ein wenig schwach fühle ich mich schon, Herr Oberstabsarzt«, sagte Sessi, indem sie sich aufrichtete, »aber ich denke, das wird auch bald vorübergehen. Ich danke Ihnen sehr, daß Sie sich meiner so angenommen haben.« »Nichts zu danken, Baroneß«, wehrte Doktor Freitag ab, »aber vielleicht können Sie mir jetzt...« »Ich will es wenigstens versuchen, Herr Doktor«, unterbrach ihn Sessi überlegend, »denn mir ist in meinem Leben noch nie etwas so Merkwürdiges passiert, nicht diese Ohnmacht vorhin, nein, Sie haben ganz recht, die hängt wohl mit etwas anderem zusammen...« Und Sessi begann, dem Arzt mit leiser Stimme, aber völlig gesammelt und so, daß Doktor Freitag staunend erkennen mußte, wie klar sie schon wieder zu denken vermochte, von dem aufwühlenden Erlebnis zu erzählen, das sie vor drei Tagen gehabt hätte, als sie gegen Abend mit dem Fähnrich Balling draußen zwischen den Grandorfer Teichen spazierengegangen sei. Von den hereinbrechenden Feuern des Abendrots sei der Fähnrich zu einer so grauenvoll-gespenstischen Schilderung des nächtlichen Feuerüberfalls veranlaßt worden, währenddem er seine Verwundung erhielt, daß sie von einer fürchterlichen Angst ergriffen worden und gleich darauf wie ohnmächtig zusammengebrochen sei. Aber in diesem ohnmachtähnlichen Zustand habe sie unbegreiflicherweise jemanden, den sie liebe, und der auch als Soldat im Felde stehe, dicht über sich gesehen. Er habe aus dem Feuerbrand heraus, beim Donnern der Geschütze und dem Heulen berstender Granaten solange angstvoll nach ihr gelangt, bis sie ihn mit verzweifelter Anstrengung vom Tode errettet habe. »Das war es«, schloß Sessi ihren Bericht, »was ich erlebte und was mich so erschüttert hat, daß mich, heute, als ich erfuhr, was inzwischen mit dem armen Fähnrich geschehen ist, zum zweiten Male eine mir sonst gänzlich unerklärliche Schwäche befiel. Mehr kann ich Ihnen, Herr Doktor, auch nicht sagen; doch als Arzt werden Sie sich das Ganze ja bestimmt erklären können. Ich habe wohl nicht nötig, Sie um vollkommene Diskretion über das, was ich Ihnen eben anvertraut habe, zu ersuchen.« Damit stand Sessi fast brüsk auf, verharrte noch ein paar Augenblicke in versunkenem Schweigen und sagte dann plötzlich, den Kopf schüttelnd, mit verlorener Stimme: »Gott im Himmel, dieser schreckliche Krieg reißt die Welt ein, warum sollte es nicht auch möglich sein, daß die Grenzen des Lebensraumes zwischen zwei Menschen eingerissen werden!« Nachdenklich betrachtete Doktor Freitag das schöne junge Mädchen, deren Aufopferung im Dienst an den Verwundeten er seit langem bewunderte. »Tja, Gnädigste, damit ist ja alles klar, und es wäre herzlos von mir, Sie noch mit weiteren Fragen belästigen zu wollen. Meiner Verschwiegenheit übrigens konnten Sie sowieso sicher sein, denn als Arzt bin ich dazu sogar verpflichtet. Und nun schonen Sie sich mal ausgiebig, Baroneß, damit diese Anfälle wegbleiben.« Mit einem Lächeln schmerzvoller Verwunderung reichte ihm Sessi die Hand, öffnete die Tür und ging davon, ohne sie zu schließen. Doktor Freitag sah ihr nach. Mit ihrem hohen schwebenden Gang ging sie sicher über den langen Korridor und verschwand über die Treppe. ›Wie eine Schlafwandlerin‹, dachte der Arzt unwillkürlich. Dann schloß er die Tür seines Arbeitszimmers, setzte sich an den Schreibtisch und murmelte, während er mechanisch in irgendwelchen Akten blätterte, vor sich hin: »Ziemlich klarer Fall... wird nicht leicht daran zu tragen haben ... sehr bedauerlich ... armes liebes Wesen.« Nachdem Sessi Doktor Freitag ihr Erlebnis mit dem unglücklichen Fähnrich geschildert hatte, war sie überzeugt, daß es sich genau so abgespielt habe, und in dem Ruf: »Sessi, um Gottes willen, geliebte Sessi«, glaubte sie nur den Klang der angstvollen Stimme ihres Damian zu hören. Sie brauchte bloß die Augen zu schließen, und eine Inbrunst ergriff sie von so seliger Gewalt, daß ihr ganzer Körper davon erfüllt wurde, von einem solchen fast wollüstigen Glück, daß es sie auf einen Sessel drückte und sie geradezu nötigte, die betend geschlossenen Hände in den Schoß zu bohren. Noch am gleichen Abend teilte sie den Vorfall mit genauer Angabe von Tag und Stunde ihrem Verlobten mit und trug den Brief noch in der Nacht in den Postkasten. Von ihrer Pflegetätigkeit im Lazarett hielt sich Sessi einstweilen, nicht nur um sich nach dem Rat Doktor Freitags zu schonen, sondern geflissentlich fern. Denn sie fürchtete, durch den Anblick der Verwundeten noch tiefer in ihre fortschwelende Furcht gerissen zu werden, Damian sei an der Front ein Unglück zugestoßen oder ihm gar das Letzte geschehen. Doch schon nach kaum einer Woche überkam sie, als sie sich auf einem Weg durch die Straßen gerade in der Nähe des Langen Hauses befand, eine ihrer weichen, gütigen Seelenregungen, der sie auch nachgab. Sie stieg die wenigen Stufen zur Pforte hinauf, trat ein und stand eben im Begriff, die Tür in eines der im Erdgeschoß gelegenen Zimmer zu öffnen, um dort einen ihrer bisherigen schwerverwundeten Pfleglinge zu besuchen, als sie oben auf dem Treppenflur einen Soldaten sah, der, auf einem Bein hinkend, sich ziemlich mühselig mit zwei schweren Eimern schleppte. Hinter ihm her tänzelte ein anderer, den linken geschienten Arm in der Binde, der ausgelassen lachte und dem Hinkenden grölend zurief: »Fall hin, fall hin«, um sogleich im Flur nach dem Leichtverwundetensaal zu verschwinden. Sessi, deren Unterbewußtsein noch immer unablässig um ihr Erlebnis zwischen den Teichen kreiste, glaubte, der Übermütige habe ihr, als er sie unten stehen sah, den Namen »Balling« zugerufen, fand sich dadurch bloßgestellt, ja beleidigt, raste über die Treppe hinauf, rief schrill nach der Oberschwester, machte der ängstlich Herbeigeeilten in fast maßloser Härte Vorwürfe über mangelhafte Aufsicht der Verwundeten und verlangte, vor den Schuldigen geführt zu werden, der bei ihrem Anblick so höhnisch den Namen des Fähnrichs gerufen habe, als mache er sich lustig über sie und den armen Unglücklichen. Aber als schließlich der herbeigerufene Pönitent, ein biederer Bauernbursch aus Hessen, vor der kalkweißen, hochatmenden Erzürnten stand und erschrocken ihre Anklage gehört hatte, zog sich sein ganzes Gesicht zu einem breiten Lachen auseinander. Denn er war, wie sich herausstellte, erst vor drei Tagen mit seinem zerschossenen Arm im Langen Hause eingetroffen und hatte noch nichts anderes über den Fähnrich gehört, als daß er plötzlich »meschugge« geworden sei. Das sagte er Sessi in karger Treuherzigkeit und endete tröstend: »Ach Gott, Schwester, er hat halt plötzlich das Hopsen gekriegt, wie manche da draußen im Trommelfeuer zu tanzen anfangen. Das gibt sich wieder. Aber ich über so was lachen? Da müßt' ich ja ein Hundeherz haben.« Lange sah Sessi dem biederen Burschen mit seinem geschienten Arm durchbohrend ins Gesicht. Ihr Blick hatte dabei eine Schärfe des Erschreckens und Ertapptseins, die sie von innen her als ein Grauen ins Auge steigen fühlte und vollkommen ratlos machte. Gewaltsam riß sie sich zusammen, brachte in ihrem Gesicht ein gütiges Lächeln hervor und sagte: »Nun, da ist ja alles gut. Aber bitte nicht mehr so laut lachen hier im Lazarett, nicht? Da liegen manche am Tode, denen wird das Sterben durch so was nur noch schwerer.« Dann erkundigte sie sich mit einer solchen Herzlichkeit in der Stimme nach der Art der Verwundung des jungen Soldaten, daß der Hesse in seiner Bestürzung, dieses blasse schöne Wesen wenn auch unwissentlich verletzt zu haben, nichts zu sagen wußte als: »Ach, der Krieg, liebes Fräulein, der Krieg ist an allem schuld.« Das murmelte er gesenkten Kopfes vor sich hin. Als er endlich wieder aufzusehen wagte, stand er allein im Flur und sah eben Sessis Kleid nach der Treppe zu langsam verschwinden. Nach diesem Vorfall vermied Sessi es sogar, das Lange Haus auch nur von ferne zu sehen. Auf ihren Brief, den sie Damian geschrieben, erhielt sie erst nach langer, vergeblicher und zermürbender Wartezeit eine Antwort, die sie aufs neue in einen Zustand tiefster Verzweiflung zurückwarf. Die Antwort, die sie erhielt, war ihr eigener Brief an Damian, der als unbestellbar an sie zurückgelangte. Darüber verfiel sie in die tote, stille Finsternis des Glaubens, Damian sei nicht mehr unter den Lebenden, entweder verschollen, wie ein heller Jugendschrei spurlos in die Luft verhallt, oder vom Krieg in Atome zerrissen und verschluckt. Nur von dem Erbteil ihrer adligen Abkunft her fühlte sie sich zeitweise wie durch einen hellen Lichtstreifen am Horizont ihres wieder nächtlich verdunkelten Daseins in den Stolz hinaufgehoben, ihr Verlobter sei als heldisches Opfer fürs Vaterland gestorben. Aber es wollte und wollte ihr nicht gelingen, sich mit allen Fasern ihres Wesens in diesem gramvoll-glücklichen Stolz zu beruhigen. Denn außer dem Schmerz gähnte es vor ihr als ein ihrem Begreifen vollkommen unzugänglicher Abgrund auf, daß, wenn Damian nicht zurückkomme, sie unweigerlich in Schande verfallen müsse. In ihrer Ratlosigkeit und Verstörung, die sie doch vor ihrer Mutter verheimlichen mußte, trieb es Sessi eines Tages auf die Feldgasse und in die Arme Mutter Christels. Ihr konnte sie wenigstens ungescheut ihre ganze Sorge um Damian anvertrauen. Auch im Gerberhaus war man seit Wochen ohne jedes Lebenszeichen von Damian, aber Christels von Grund auf zuversichtlichem Wesen lag es so wenig, schwarz zu sehen, daß sie sich beinahe unbekümmert das Schweigen Damians als ein fast untrügliches Zeichen seiner Unversehrtheit auslegte. »Nein, liebes Kind«, sagte sie schlicht zu Sessi, die sich zitternd und verscheucht auf die Ofenbank gedrückt hatte, »nein, ich müßte es wissen, hier im Herzen müßte ich es spüren, wenn er gefallen wäre. Ich bin ja seine Mutter. Also lebt er, und das ist das Wichtigste. Es kann ja sein, er ist gefangen oder verwundet und kann noch nicht schreiben. Wir müssen halt noch ein bissel Geduld haben.« Zwar gelang es auch Christels Zuspruch nicht, Sessi aus ihrer Verdüsterung zu lösen, die ja nicht bloß ihrer Angst um Damians Leben, sondern ebensosehr ihren quälenden Gesichten jenes Erlebnisses an den Teichen entsprang, von dem sie um keinen Preis auch nur ein Wort vor Damians Mutter über die Lippen gebracht hätte, aber es glückte dieser wenigstens, Sessi zu bestimmen, solange bis Nachricht von Damian käme, ins Gerberhaus überzusiedeln. Von seiten Jochens war kein Einwand dagegen zu erwarten. Seit der Verschreibung des Hauses und Betriebes auf Christel respektierte er alle ihre Entschlüsse und Maßnahmen und hielt sich von jeder Einflußnahme auf den Gang des Hauswesens zurück. In diesem Falle mischte sich in sein Verständnis für Christels Gedanken, dem armen unglücklichen Mädel hilfreich beizuspringen, noch eine Befriedigung darüber, daß Damians adlige Braut noch vor ihrer Ehe das bürgerliche Maechlerhaus zu ihrer Zuflucht wählte. Das Zusammenleben Sessis mit ihrer Mutter, zumal seit Sessi wieder bei ihr wohnte und sich vorläufig auch nicht mehr dazu entschließen konnte, ihre Tätigkeit im Langen Hause wiederaufzunehmen, war für beide Teile so unerträglich geworden, daß diese Lösung von der Mutter um so näher lag, als Leonie zu ihrer Tochter schon mehrfach ernstlich von einer Trennung gesprochen hatte. Wenn Leonie auch, als ihr Sessi ihren Entschluß verkündete, sich äußerlich beherrschte und sie frostig ziehen ließ, so loderte in ihr doch noch einmal ihre Empörung gegen die Maechlersippe auf, die es nicht nur verstanden hatte, ihre Tochter ganz in ihre Netze zu ziehen, sondern sie obendrein vor den Augen der Wilkauer in unerträglicher Weise bloßstellte. Daher bemühte sie sich unverzüglich, aus ihrem Gesichtskreis, vor allem dem des Wilkauer Adels, zu verschwinden, bei dem sie nach dieser »proletarischen Verirrung« ihrer einzigen Tochter unmöglich geworden zu sein glaubte. Kaum vierzehn Tage nach Sessis Aufnahme im Gerberhaus zog sie von heut auf morgen nach Scherichsdorf in ein kleines Häuschen am Scholzenberg, ohne Rücksicht darauf, daß Sessi nur erst von einem voraussichtlich auf ein paar Wochen berechneten Besuch auf der Feldgasse gesprochen hatte. Gegen Anfang Oktober, knapp vier Wochen nach Sessis Obersiedlung ins Gerberhaus, traf dort ein Telegramm ein, darin Damian für den übernächsten Tag seine Ankunft in Wilkau anzeigte. Als er, mit dem Eisernen Kreuz auf der Brust, inzwischen zum Vizefeldwebel avanciert, totenblaß und mager, aber ohne Verwundung, heil am ganzen Leibe, auf dem kleinen Bahnhof aus dem Zuge gestiegen war, fiel er Sessi um den Hals, verbarg sein Gesicht auf ihrer Schulter und schluchzte wie ein Kind. Sechzehntes Kapitel Ja, Damian war ihnen wiedergegeben. Wie ein Wunder erschien es Sessi noch tagelang, daß sich ihr sein Schemen hinter den nebelhaften Traumschatten wieder in einen Menschen von Fleisch und Blut wie sie, Mutter Christel oder Vater Jochen verwandelt hatte. Freilich, das spürten sie alle schon in den ersten Stunden: Damian war nach diesen siebzehn Monaten als ein völlig anderer heimgekehrt. Nicht nur seine äußere Gestalt und seine Gesichtszüge hatten sich so verändert, daß er ihnen zunächst fast fremd erschien und sie sich erst an seine hohlen Wangen, die beiden Falten über der Nasenwurzel, die strengen Linien um seine meist zusammengepreßten Lippen und vor allem an seine wie in Abgründen verlorenen Augen gewöhnen mußten. Wenn sich auch mit der Zeit und unter der leiblichen Pflege, die ihm daheim zuteil wurde, manche dieser Runen, die der Krieg in sein Gesicht gegraben, verloren, so blieb doch etwas unwiderruflich aus seinem Wesen geschwunden: die aus allen Poren klingende Seligkeit seiner Jugend, die er sich über die Studienjahre und selbst noch bis zum Tage seiner Abfahrt ins Feld fast unversehrt erhalten hatte, sie war ihm Stück für Stück auf den Schlachtfeldern zertrümmert worden. Ihr letzter schwacher Hauch erstickte in der grauenvollen Stunde, da ihn bereits der Tod umkrallte, und von der er erst am dritten Abend im Gerberhaus sprach, als Sessi ihn behutsam fragte, für wie lange er wohl daheim bleiben dürfte. Da eröffnete ihr Damian, als wenn das etwas ganz Nebensächliches wäre, aber Sessi spürte, wie er dahinter das Wesentliche zu verbergen trachtete, daß er unmittelbar aus einem Kriegslazarett in Belgien, in dem er schon wochenlang gelegen habe, für zunächst drei Monate zur Erholung und ambulanten Behandlung seinem Heimatlazarett überwiesen worden sei, wo er sich eine Woche nach seiner Ankunft zu Hause melden solle. Es bedurfte noch liebevollen Zuredens von seiten Sessis, ehe sich Damian endlich dazu bestimmen ließ, ihr widerstrebend zu berichten, was ihm eigentlich widerfahren war. Und dann erfuhr sie aus seinem Munde ein Geschehen, vor dem sie den Atem anhalten mußte, um nicht aufzuschreien. Mitten in der großen Abwehrschlacht in Flandern vor Ypern, vor rund acht Wochen jetzt, genau am ersten August, in der achten Abendstunde, nachdem sich das schon tagelang anhaltende Trommelfeuer zu einem plötzlichen Feuerorkan auf die deutschen Gräben gesteigert hatte, sei er durch einen Volltreffer in dem Grabenunterstand mit noch sechs anderen Kameraden von den zusammenbrechenden Stämmen und Erdmassen verschüttet worden: »In diesem schrecklichen Todesaugenblick hatte ich ein überklares Gesicht. Ich sah dich, Liebste, ja dich! Voller Angst und Liebe hieltest du mir deine offenen Arme entgegen, um mich zu umfangen und mich heraufzureißen. Da springt plötzlich ein junger Leutnant zwischen dich und mich, zieht dich von mir fort und in seine Arme, versetzt mir einen Stoß und läuft dann, Augenblicke später, mich und dich liegenlassend, mit einem Schrei des Entsetzens davon ... Mir schwanden die Sinne. In einem Zustand, der mir noch heute ein Rätsel ist, fand ich mich, nach wer weiß wie langer Zeit, wieder. Denn vollkommen bei Besinnung, war ich doch unfähig, mich zu bewegen. Ich vermochte nicht den Finger zu rühren, nicht die Augenlider zu heben, spürte nicht den Atem in meiner Brust, nicht das leiseste Regen eines Herzschlags ... ich war begraben und lebendig. Ich lag, wie mir schien, in einem hohen Raum mit muffiger Luft. Nur mein Gehör funktionierte, doch nicht so, als sei es eine eigene Kraft, sondern eine Fähigkeit, an der ich ohne Interesse teilhatte. Vollkommen gleichgültig dachte ich nur eins: Das ist der letzte Augenblick vor dem Sterben. Neben mir empfand ich viele Kameraden, lautlos wie ich selbst, aber schon vollkommen tot. Nur manchmal schrie es, ob nahe oder weit wußte ich nicht zu unterscheiden, grauenvoll auf, dann wieder stöhnte oder röchelte es. Ich hörte auch abgerissene Worte. Wenn ich die Augen schließe, höre ich sie jetzt noch, genau wie dazumal: ›Schnell, Sie Esel, hier, fest zupacken, drücken! Fest!‹ ... ›Jawohl, Herr Stabsarzt!‹ ... ›Na sehen Sie, mein Lieber.‹ ... ›'n Abend, Herr Kaplan.‹ ... ›Guten Abend, Herr Stabsarzt. Nun, bin ich nötig?‹ ... Auf meiner Seite nicht, aber da drüben, die ...‹ Daß ich währenddem in dem Gewölbe der Gruft einer zerschossenen Kirche lag, die man als Verbandplatz benutzte, und daß es Reinhard Neefe war, der dort als Feldkaplan dicht hinter der Front sich um die Sterbenden bemühte und dabei mich unter den hoffnungslosen Todeskandidaten fand, um die sich niemand sonst mehr kümmerte, und dafür sorgte, daß man mich weiter nach hinten ins nächste Feldlazarett schaffte, wo ich wieder ins Leben zurückgerufen wurde – das alles erfuhr ich erst sehr viel später. Denn ich hatte durch die Verschüttung, auch als ich endlich wieder bei mir war, mich bewegen und sprechen konnte, wie sich herausstellte, das Gedächtnis völlig verloren, wußte nichts mehr von dem Geschehenen, auch nichts mehr von mir selbst, wer ich war, wie ich hieß, und dieser Zustand der gänzlichen Entäußerung meiner selbst hielt mich wochenlang umfangen. Weder Soldbuch noch Erkennungsmarke besaß ich noch, als man mich ins Feldlazarett einlieferte. Bei dem Versuch, uns sieben Verschüttete zu bergen, von denen nur ich allein dann wie durch ein Wunder noch am Leben war, mitten im fürchterlichsten Trommelfeuer, das unseren Graben eindeckte, hatte es noch weitere Verluste gegeben; auch der Sanitäter, der mir beigestanden und mir wohl bereits beides abgenommen hatte, fiel, so daß ich schon als Namenloser ins Feldlazarett gelangte.« Damian hielt eine Weile inne, wie von seiner Rückschau in die Bilder des Grauens überwältigt. Dann fuhr er ruhiger fort: »Nur ganz allmählich kehrte mir das Gedächtnis wieder. Als ich aber erst einmal soweit war, ging es damit reißend schnell aufwärts. Im Kriegslazarett, in das ich dann verlegt wurde, begegnete ich zu meinem Erstaunen meinem Jugendfreund Reinhard Neefe als verwundetem Feldkaplan. Ich war ja seit Jahren nicht mehr mit ihm zusammengekommen und fand es doch hochanständig von ihm, daß er, der als Geistlicher gar nicht wehrpflichtig war, sich freiwillig als Seelsorger an die Front gemeldet hatte. Nun erst erfuhr ich überhaupt von ihm, daß er es war, der mich dort in der Gruft aufgefunden, und daß er selbst in dem Augenblick verwundet wurde, als er sich persönlich von meinem Abtransport mit anderen Verwundeten im Sanitätsauto überzeugen wollte. Gerade zu der Minute setzte der Tommy mit seinem abendlichen Störungsfeuer auf die Straßenkreuzung vor der Kirche ein, wobei es Reinhard erwischte. Zum Glück kam er mit ein paar Granatsplittern im Arm und der Schulter noch glimpflich davon. Ja, Reinhard hat mir das Leben gerettet, und der Schatten, der uns so lange Jahre voneinander trennte, ist nun ausgelöscht.« Wieder verstummte Damian für eine Zeit. Dann sagte er, als spräche er weniger zu Sessi als zu sich selbst: »Damals, an der Heidewasserbrücke, in der Nacht nach unserer Abiturientenkneipe, damals schon war alles vorherbestimmt: der Krieg, der Volltreffer in den Unterstand und meine Rettung durch Reinhard. Wir waren im Streit voneinander geschieden, und doch erfüllten sich Reinhards Worte von der göttlichen Vorsehung, die es ihm einmal gewähren würde, sein Leben für das meine einzusetzen. Wenn ich daran denke, und ich muß immer wieder daran denken, ergreift es mich wie ein Schauer vor der Erkenntnis, daß wir Menschen dem Gott nicht entrinnen können, der in uns unseren Weg bereitet. Wir leben wie ein kunstvolles Uhrwerk. Wir hören und sehen die Uhr unseres Wesens nur gehen. Was sie zeigt, wissen wir nicht.« Wie die Nadel eines Seismographen von den Erschütterungen eines Nahbebens in wilden Stößen ausschlägt und es doch nur mechanisch registriert, so schlug Sessis Herz von dem Augenblick an, als es durch Damians Angabe von Tag und Stunde seiner Verschüttung wie von einem elektrischen Schlag getroffen wurde, in wildem Jagen los, stand sekundenlang still, als Damian von seiner Vision erzählte, zuckte dann einige Male wild hin und her und begann schließlich wie gehetzt von neuem loszurasen. Ihre Ohren hörten zwar, was er weiter sprach, aber es drang nicht mehr an ihr Bewußtsein. Denn ihr Gehirn erfüllte nur noch eine Vorstellung, die sie von dieser Stunde an, durch Wochen und durch Monate, ja durch Jahre nicht mehr loslassen sollte, die entsetzliche Vorstellung, daß sie zur gleichen Zeit, als Damian im Feuerorkan vor Ypern fast den Tod gefunden, draußen bei den Teichen, von der Schilderung Ballings aus allen Angeln gehoben und zur Erde gesunken, in jenem Feuerüberfall, den sie mit ihrem ganzen Körper erlebte, dem Fähnrich bewußtlos anheimgefallen sei. Aber noch während sie diese Vorstellung quälte, überströmte sie sonderbarerweise von ihrem Herzen her eine Woge heißen, sinnenhaften Verlangens, sich in Damians Arme zu werfen und, von ihnen umfangen, aus jenem Alp befreit zu werden, der vielleicht doch bloß deshalb auf ihr lastete, weil sie den Geliebten damals, im höchsten Augenblick seiner Todesnot und ihrer ohnmächtigen Herzensangst um sein Leben, nur durch den über alle Fernen hinweg wirkenden magnetischen Glutstrom, der ihren Körper entflammte, rettend zu sich emporreißen konnte. Ja, wäre der Fähnrich nicht gewesen, huschte es Sessi durchs Gehirn, und hätte, ohne es zu ahnen, durch seine bloße körperliche Nähe den Stromkreis zwischen ihr und Damian zur Unzeit unterbrochen, so wäre Damian vielleicht völlig heil, ohne den Verlust seines Gedächtnisses davongekommen. Mochte es so oder anders gewesen sein, sann Sessi krampfhaft weiter, Damian mußte wissen, daß sie ihm damals, am ersten August, im Augenblick seiner Todesgefahr genau so nahe gewesen war wie er ihr. Nur von dem Fähnrich durfte Damian nun nichts mehr erfahren. Wenn Balling dem Geliebten in seiner Vision schon beunruhigend genug in der Gestalt jenes brutalen Leutnants erschienen war, so sollte er doch nicht noch in ihrer beider Leben eindringen und ihre tiefe Verbundenheit gefährden. So empfand es Sessi jetzt geradezu als eine Fügung des Schicksals, daß ihr Brief, in dem sie auch Ballings, wenn auch nur nebenher, Erwähnung tat, nicht in Damians Hände gelangt war. Damians Vertrauen in Sessi war so rückhaltlos, daß er nicht einmal auf den Gedanken kam, sie verberge ihm auch nur das Geringste, als sie ihm, sobald er schwieg, erzählte, was ihr zur selben Stunde, da er von den Erdmassen verschüttet wurde, draußen bei den Teichen während eines Spazierganges widerfahren war. Ohne von Ballings Person auch nur mit einem Wort zu sprechen, berichtete sie ihm den ganzen Vorfall so, wie sie selbst jetzt überzeugt war, ihn erlebt zu haben: daß sie beim feurigen Erglühen des Himmels plötzlich von einer maßlosen Angst um ihn befallen ohnmächtig ins Gebüsch gestürzt wäre, in ihrer Besinnungslosigkeit, die merkwürdigerweise einem fiebrigen Traumzustand ähnlich war, ihn, Damian, deutlich und ganz nahe mehrmals drängend nach ihr rufen gehört habe, bis sie ihn schließlich nach verzweifelter Anstrengung, ihn zu erreichen, in ihren Armen gefühlt habe. Nach ihrem Erwachen habe sie sofort gefürchtet, daß ihm in dieser Stunde draußen des Letzte geschehen sei, und diese Furcht, unter der sie unsäglich gelitten habe, sei ihr in den Wochen, bis sein Telegramm eintraf, schon fast zur schrecklichen Gewißheit geworden. Dieser Beweis der Fernverbindung zwischen sich und Sessi ergriff Damian im Innersten, ja er betrachtete ihn als Fingerzeig, daß es an der Zeit sei, nun auch durch ihre Verheiratung ihre überirdische Verbundenheit irdisch zu besiegeln. Sie, die ein solches Wunder als Zusammengehörige bestätigt hatte, mußten nun auch vor den Menschen als solche gelten. Nach diesem Beschluß Damians, den er ihr noch ganz unter dem Eindruck verkündete, den der wunderbare Beweis ihrer liebenden Fernverbundenheit in ihm hinterlassen hatte, jubelte Sessi selig auf. Als trüge sie die Flamme ihres nun erst wahrhaft bräutlich strahlenden Glückes auf den Schalen ihrer Hände offen durch die Stuben, erfüllte sich in den kurzen Wochen der zusammen mit Mutter Christel eifrig betriebenen Hochzeitzurüstungen das Gerberhaus mit dem Glanz ihres scheinbar allen Gemütsverdunkelungen entronnenen Wesens. Nicht einmal, daß sich ihre Mutter, mit der sie doch über ihre Wäscheausstattung und andere Haushaltfragen ins reine kommen mußte, zu einem letzten energischen Versuch aufraffte, die Ehe ihrer Tochter mit diesem bürgerlichen Büchermenschen zu unterbinden, konnte jenes Glücksgefühl in Sessi trüben; und auch das schwerste Geschütz, das Leonie mit der Beschwörung des von Sessi so sehr geliebten und geehrten Vaters auffuhr, indem sie ihr vorstellte, daß Korff lieber die ganze Welt in Fetzen geflucht hätte, ehe er ja zu einer solchen »Mesalliance« mit dem Sohne eines »Lohsackes« gesagt hätte, vermochte Sessi nicht einen Augenblick zu erschüttern. Von welchen schmerzhaften Grübeleien ihr Damian in derselben Zeit heimgesucht wurde, blieb Sessi gänzlich verborgen, denn es gelang ihm, sich weder vor ihr noch vor den Eltern etwas davon anmerken zu lassen. Wohl, der Beschluß zur Kriegstrauung war gefaßt und stand ebenso unumstößlich in ihm fest wie das wunderbare Ereignis vom ersten August, durch das er in die unnennbare Seligkeit des himmlischen Liebesbesitzes Sessis hinaufgeführt wurde. Dennoch war seitdem in seinem Tiefsten etwas in ihm zurückgeblieben, was vorher nie in ihm gewesen war. Denn auf rätselhafte Weise hatte sich diese Seligkeit mit dem sehnsüchtigen Wunsch vermischt, daß dieses Ereignis ihrer Fernverbundenheit doch besser unterblieben wäre. Wohl, es beglückte ihn noch immer als Bestätigung des Einsseins mit dem geliebten Wesen, und doch konnte er es nicht verwinden, daß er als Todgeweihter im Blitzlicht seiner überklaren Vision hatte sehen müssen, wie Sessi in dem Augenblick, als sie im Begriff stand, ihn zu sich heraufzuheben, von jenem jungen Leutnant weggerissen wurde, dessen Erscheinung er sich nicht erklären konnte, und daß dieser jugendliche Traumfant ihm den Stoß mit dem Fuß versetzt hatte. So sehr Damian sich selber ob seiner skrupelhaften Gedanken verhöhnte, ja ihrer schämte, gegen diesen Schatten in seinem tiefsten Innern war er machtlos. Er fühlte sich zwar mit ungemindert tiefer Liebe Sessi untrennbar verbunden, und doch geschah es ihm, daß er mitten in einem glückhaften Umfangen der Geliebten, zu dem ihn sein Herz trieb, wenn sie etwa gerade emsig und fröhlich am Nähtisch über der Arbeit an ihrer Ausstattung saß, die Arme von ihr sinken lassen mußte, da sie ihm in einer plötzlichen Ratlosigkeit erlahmten, und in ein melancholisches Starren verfiel, von dessen Grund er doch dem geliebten Mädchen nichts sagen durfte. Es nutzte ihm auch nichts, daß er den Doktor Relper um Rat fragte, dem er zur ambulanten Behandlung zugewiesen war, und der ihn in der Meinung bestärkte, diese unbegreifliche Verwirrung sei nichts als eine Folge seiner Verschüttung bei Ypern. Als er spürte, daß er keine Gewalt mehr über seine Gemütskräfte besaß, die, wie er sich auch selbst eingestehen mußte, überhaupt durch die langen Monate grauenhaften Kampferlebens und seine Verschüttung in gefährliche Unordnung geraten waren, so daß er nur noch Trümmer jener Ideale heimgebracht hatte, in deren Sicherheit er ins Feld gezogen war, wußte er, daß er nicht länger zögern dürfe, etwas zu unternehmen, um wieder eine klare Einsicht in die Notwendigkeiten seines Inneren zu gewinnen. Nach nächtelangem vergeblichen Bemühen, diese Einsicht rein verstandesmäßig durch Reflexionen philosophischer Art herbeizuzwingen, fühlte sich Damian eines fahlen Morgens wie durch eine Eingebung an die Erkenntnis herangeführt, daß nur der Mensch seiner recht innezuwerden vermöge, der, statt in die Untiefen seines empirischen Ichs hinabdringen zu wollen, bereit und entschlossen sei, sich in mächtigem Schwünge über sich selbst hinauszuheben. Es galt demnach, gleichsam aus engen tiefen Tälern zu weiten freien Höhen emporzusteigen und von oben her die Welt zu überschauen. Und obwohl der feuchtkalte, nebelverhangene Morgen dieses Oktobertages wahrhaftig nicht zu einer Kammbesteigung einlud, ließ sich Damian nicht im geringsten davon abschrecken, warf sich ungesäumt in warme, wetterfeste Sachen, stopfte sich in der Küche genügend Mundvorrat in den Rucksack und stiefelte los, noch ehe das Haus erwachte. Bis zur Endstation Himmelreich benutzte er die Rehberger Talbahn, stieg dann rüstig über die Hendrichhäuser aufwärts und stracks ins wolkenverhüllte Gebirge hinein. * Drei Stunden später befand sich Damian bereits dicht unterm Kamm am Rande der Schneegruben. Bis hierher war er wie in einem Zwang, dem er sich willenlos fügte, gekommen, ohne um oder hinter sich zu sehen, mit gesenktem Kopf gegen die tosenden Windstöße angehend, die ihm, sobald er die Brotbaude hinter sich gebracht hatte, fast den Atem verschlugen. Von dem harten, pausenlosen Aufstieg hämmerte in der merklich dünneren Luft sein Herz, und über seinen noch von den Monaten des Grabenkrieges abgezehrten, für einen solchen Gewaltmarsch untrainierten Körper lief ein Zittern, daß er plötzlich das unwiderstehliche Gefühl hatte, vor Schwäche nicht mehr einen Schritt weiterzukönnen. In dieser Erschöpfung drückte es ihn, obwohl die Schneegrubenbaude schon fast zum Greifen nahe über ihm stand, wie mit zentnerschweren Gewichten in die Knie, so daß er sich auf den ersten besten Geröllstein des hier hart am Abgrund hinlaufenden Weges niederlassen mußte. Wenn er sich auch in Schweiß marschiert hatte, so fröstelte ihn jetzt doch bald in den wilden Sturmböen, die sich, so hörte es sich wenigstens an, mit Vehemenz in die Schneegruben stürzten, mit Getöse in ihnen herumwirbelten und wieder aus ihnen herausjagten. Er griff nach seiner Feldflasche, erinnerte sich dann aber, daß er sie am Morgen in der Eile seines frühen Aufbruchs nur mit kaltem Kaffee gefüllt hatte, und hielt sie, während er wie gebannt in die dröhnende Tiefe blickte, mißmutig zwischen seinen Knien. Während er so, ermattet und entgeistet, unter einem tiefgrauen Himmel mitten im elementarischen Aufruhr der Lüfte dasaß, beschlich ihn unversehens ein nur zu wohlbekanntes, höchst unbehagliches Gefühl. Er wähnte, sich vor dem eigenen Graben, ganz auf sich gestellt, in einer weit vorgetriebenen Sappe auf Feldwache zu befinden, endlos lange schon, wie ihm schien. Über ihm heulten und orgelten geisterhaft, aus aberhundert unsichtbaren Schlünden aller Kaliber emporgeschleudert, die leichten und die schweren Brocken ihre Bahnen. Hinter ihm dröhnte es in gleichförmig auf- und abschwellenden rasenden Rhythmen, wie wenn Millionen dumpfer Trommeln einen schaurigen Totentanz schlügen, und dicht vor ihm hämmerte das eigene Sperrfeuer auf die ersten feindlichen Gräben, daß er sich in das bebende Fleckchen Erde, auf dem er kauerte, wie ein Schiffbrüchiger in das winzige Boot verkrallte, das im Orkan zu kentern droht. So sehr überwältigte ihn diese halluzinatorische Vorstellung, daß er in dem Augenblick, da die wilden Sturmböen, die ihm als Hagelschauer kurze Minuten lang ins Gesicht peitschten, wie mit einem Schlage aussetzten, vollkommen seiner Sinnentäuschung erlag und, mit offenen Augen in den wolkenbrodelnden Abgrund vor sich schauend, diesen für einen riesigen, eben durch Sprengung entstandenen Trichter hielt, über dessen Ränder, von dichten, künstlich gewälzten Rauchschwaden verhüllt, Dutzende schattenhafter Gestalten in englischen Stahlhelmen gerade auf ihn anzustürmen begannen. Da riß es ihn, der schon längst angespannt auf diesen Moment lauerte, hoch, und zu einem weiten Schwünge ausholend, schleuderte er das Ding in seinen Händen, die Feldflasche, gleich einer Handgranate mit einem jähen Aufschrei in die Richtung der anstürmenden Tommies. Zugleich spürte er, wie sich etwas, als zerreiße es ihn, in seinem Innern von ihm löste, das gleich einem körperlosen Wesen, das ihm aber irgendwie ähnlich war, mit jenem Schrei aus ihm herausfuhr, in diese Klaftertiefe vor ihm stürzte und noch einmal als verlöschendes Wimmern zu ihm heraufdrang. Dann wurde es ihm wie einem durch plötzlichen Blutverlust geschwächten Menschen dunkel vor den Augen, und er sank bewußtlos zu Boden. Als er wieder zu sich kam, fühlte er sich auf eine unbegreifliche Weise befreit und klar. Gestärkt wie nach einer ausgiebigen Rast, erhob er sich rasch, griff entschlossen nach seinem Stock und begann forsch auf die Baude zu auszuschreiten. Noch immer tobte der Sturm, doch jetzt traf er ihn vom Rücken her und schob ihn fast mühelos bergauf. Von dem, was sich mit ihm Geheimnisvolles ereignet hatte, ehe ihn die Sinne verließen, wußte er nichts mehr. Nur, daß er jetzt ein anderer war wie vorher und daß er dort am Rande der Schneegruben von jenem Schatten erlöst worden war, dem er für sich seit seiner Verschüttung den Namen »Frontalp« gegeben, nur dies empfand er jetzt mit einer solchen Erleichterung, daß es ihn dazu verführte, im Takt seiner Schritte immer wieder überschwenglich vor sich hinzusprechen: »Zerstoben, zerblasen.« Auf dem freien Plan vor der Baude packte ihn der Sturm noch einmal so gewaltig, daß es ihn förmlich zur Türe hereinwirbelte. Aufatmend ließ er sich an einem Fensterplatz nieder, stellte fest, daß er, abgesehen von zwei Fuhrleuten, die ihren Korn vor sich stehen hatten, der einzige Gast war, und bestellte sich bei der aus ihrem Hindösen aufgeschreckten Kellnerin ein Viertel Rotwein, zu dem er mit Behagen das Brot, die Butter und den Käse aus seinem Rucksack verzehrte. Dann stopfte er sich seine kurze Pfeife, ließ sich noch ein zweites und endlich noch ein drittes Viertel Roten kommen, streckte seine Beine unter den Tisch und verlor sich in die Betrachtung des großartigen Naturschauspiels, das sich durch die Scheiben seinen Blicken bot. Noch während er aß, heulte und tobte der Sturm um die Baude, daß der mächtige hölzerne Bau in allen Fugen ächzte, dann riß mit einem Male das Toben ab, und ringsum war es atemstill. Damian schaute hinunter in ein milchig-wogendes, langsam in die Tiefe sinkendes Wolkenmeer, über dem gerade, sieghaft aus einer unwahrscheinlichen Himmelsbläue hervorbrechend, die Sonne so herrlich zu spielen begann, daß er bald die Empfindung hatte, aus dem Mastkorb eines viele Stockwerke hohen Schiffes in einen Ozean von schaumgoldenen Wogen hinabzuschauen. Geblendet mußte er nach einer Weile die Augen schließen. Als er seinen Blick von neuem in die Tiefe gleiten ließ, hatte sich das Wolkenmeer da unten in durcheinanderbrandende Nebelschwaden aufgelöst, durch die er minutenlang aus seinem Himmelssitz bis in die bunte Erdenwelt hinabschauen konnte, aus der es ihn, wie er meinte, auf den Schwingen des Sturmes bis hierher heraufgetragen hatte. Hingenommen von dem Auftauchen und Verschwinden dieser Menschenwelt, gebannt von dem Kampf des mächtigen Tagesgestirns mit den Nebelballen, die gleich den Wahnverdunklungen der Menschenkinder aus den Wäldern aufsteigen und immer wieder vom Sonnenlicht aufgesogen werden, wurde Damian ahnungsvoll an die Erkenntnis herangeführt, daß dieses Leben zwischen Tag und Traum, zwischen Licht und Dunkel nur der bunte Schleier vor unserem Dasein ist. Und wie von einer erst fern, dann immer näher und schließlich so stark tönenden Stimme genötigt, daß er sie überwältigt zu Worten formen mußte, sprach er jenen Hymnus laut vor sich hin, den er, seit er ihn in den klaren, schön geschwungenen Federzügen des großen preußischen Dichters vor sich gesehen, in seinem Herzen wie auf einer Wachstafel gehütet und durch all die Jahre mit sich getragen hatte: »Über die Häupter der Riesen, hoch in der Lüfte Meer, Trägt mich, Vater der Riesen, dein dreigezackigter Fels. Nebel walten, Wie Nachtgestalten, Um die Scheitel der Riesen her, Und ich erwarte dich, Leuchtender! Deinen prächtigen Glanz borge der Finsternis, Allerleuchtender Stern! Du der unendlichen Welt Ewiger Herrscher, Du des Lebens Unversiegbarer Quell, gieße die Strahlen herauf, Helios, wälze dein Flammenrad! Sieh! Er wälzt es herauf! Die Nächte, wie sie entfliehn – Leuchtend schreibet der Gott seinen Namen dahin, Hingeschrieben Mit dem Griffel des Strahles, ›Kreaturen, huldigt ihr mir?‹ Leuchte, Herrscher! Wir huldigen dir!« Als er geendigt, sah Damian erschrocken über sich selbst um sich, aber niemand hatte ihn hören können. Die beiden Fuhrleute waren längst gegangen, und auch die Schankmagd mußte wohl in die Küche verschwunden sein. Bald saß er wieder in Gedanken verloren und nahm den Anblick des weiten ebenen schlesischen Landes in sich auf, das er wieder und wieder unter der zerrissenen Nebeldecke vor sich liegen sah. Mit einem Male schienen ihm die vielen glitzernden Spiegel der Teiche am Fuß des Gebirges wie von einer innerirdischen Verzückung emporgehoben, wie ewigkeitsentzündet vom Glanz der durchbrechenden Sonne. Und aus ihren tiefen Himmelsaugen schauten ihn die Augen Sessis an, die ihm nie erlöschen würden. ›Ja, die Sonne‹, sann Damian, im Innersten bewegt, ›die Sonne ist das sichtbare Licht des Ewigen, das in uns brennt und um das unser Leben gleich einem farbigen Schimmer glüht. Es in mir zu nähren und zu hüten soll die Aufgabe und das Ziel aller meiner Erdentage sein.‹ * Jenes Licht des Ewigen, von dessen Widerschein Damian am Fenster der Schneegrubenbaude in die Sicherheit seines Wesens zurückgeführt worden war, schimmerte nach seiner Heimkehr ins Gerberhaus mit solch unvermindertem Glanz in seiner Seele weiter, daß ihn weder die immer trister werdenden Nebel- und Herbsttage noch die düsteren Prognosen Jochens über die unabwendbar heraufziehende Hungersnot zu bedrücken vermochten. Wie trügerisch jenes Gefühl der Sicherheit war, von der Unruhe und den Schatten, die ihn wochenlang getrieben hatten, befreit zu sein, wie viele Prüfungen ihm noch vorbehalten waren, ehe er ganz vom Licht des Ewigen, das er schon in sich brennen wähnte, durchglüht sein würde, konnte Damian freilich nicht ahnen. Der Mensch kennt ja von sich und dem Leben im Grunde nicht einmal die Gegenwart, sondern nur die Vergangenheit, denn die Tatsachen sind in dem Augenblick, da sie uns zum Bewußtsein kommen, überwundene Ereignisse. Die schwerste dieser Prüfungen, die ein unerforschliches Schicksal für Damian bereithielt, begann genau an dem Tage seiner Hochzeit, die ihn, wie er in seiner neu gewonnenen hohen Lebenszuversicht glaubte, zusammen mit Sessi durch die Pforte der Ehe in jenes höhere menschliche Sein emporführen würde, das er als glückvolles Ziel seiner männlichen Sehnsucht ebenso erwartungsvoll wie Sessi ihrerseits aus ihrem weiblichen Empfinden im Herzen trug. Da sich weder Sessi noch Damian im tieferen Sinne kirchlich gebunden fühlten, fand ihre Eheschließung, sehr zur Betrübnis Mutter Christels, nur als unscheinbare Kriegstrauung am zweiten November vor dem Wilkauer Standesamt statt. Frau von Schillingkhoff entzog sich durch eine sicherlich nur vorgeschützte Krankheit der Teilnahme daran, so daß Sessi, welche dieses als bewußte Kränkung empfundene Fernbleiben ihrer Mutter doch recht schmerzlich berührte, auf Christels Vorschlag einging und Doktor Fohl als ihren Trauzeugen wählte. Auch Damian hatte eine Enttäuschung zu überwinden, da sich Walter infolge eines Sturzes gerade einer langwierigen klinischen Behandlung seines wieder aufgebrochenen Stumpfes unterziehen mußte und Damians Einladung nicht Folge leisten konnte. Selbst sein generöses Hochzeitsgeschenk, die vielbändige Halblederausgabe der Klassiker des Altertums, die am Hochzeitsmorgen eintraf, konnte Damian das Ausbleiben seines Freundes nicht im geringsten ersetzen. So herrschte bei dem kriegsmäßig einfachen, doch von Mutter Christel in festlicher Form und mit guten Weinen dargebotenen Mahle, an dem außer den Vermählten und Damians Eltern nur noch Doktor Fohl teilnahm, von Anfang an eine bedrückte Stimmung im Gerberhaus. Auf Sessis Gemüt lastete das Fehlen der Mutter mehr, als sie sich selbst einzugestehen bereit war, so daß sie bei sich beschloß, Doktor Fohl zu bitten, am nächsten Tag doch einmal nach dem Befinden Mutters zu sehen. Damian erging es ähnlich Walters wegen. Dessen lebhafte, aufgeschlossene und von Grund auf optimistische Wesensart, in die er sich trotz seiner schweren Kriegsbeschädigung wieder zurückgefunden hatte, wäre Damian um so willkommener gewesen, als der Vater, der ihm seit seiner Heimkehr erschreckend gealtert vorkam, in seiner gütigen, mit geheimen, nur halb ausgesprochenen Zweifeln und Sorgen geladenen Stumpfheit geradezu lähmend auf alle wirkte. Als Mutter Christel, die sich für diesen Tag zwar eine Kochfrau gemietet hatte, aber die Speisen selbst auf- und abtrug, den Braten auf den Tisch setzte, sagte Jochen: »Eßt, Kinder, eßt! Ja, verehrte Schwiegertochter, eßt, eßt Vorrat ... wir werden es noch brauchen, sag' ich euch!« Dann brach ein Lachen aus ihm, das in endlosem Schleimhusten erstickte. Mutter Christel bemühte sich sofort um ihn und führte den Erschöpften schließlich auf den Backenstuhl am Fenster, von dem er aus seinen bis auf einen Spalt geschlossenen Augen das junge Paar kritisch und wie lauernd beobachtete. Nur Mutter Christel, deren einfache, gütig-tüchtige Seele ahnte, was die Gemüter der Neuvermählten bewegte und bedrückte, suchte durch fröhliche Aufgeräumtheit und Verdoppelung ihrer hausmütterlichen Geschäftigkeit der beladenen Stimmung bei Tische entgegenzuwirken, um die Herzen der beiden geliebten Menschen zu beflügeln und ihnen zu jenem Gefühl glücklicher Beschwingtheit zu verhelfen, dessen Mann und Frau für ihre ersten gemeinsamen Schritte ins Eheleben bedürfen, um nicht von Anbeginn zu straucheln. Vor allem Sessi hatte, wie Christel spürte, eine Aufrichtung nötig, und so strich sie ihr jedesmal, wenn sie an ihrem Platz vorüberging, in sorgender Liebe über den Scheitel. Doch erst nach Tisch, bei Christels echtem Kaffee, selbstgebrautem Brombeerlikör und unter der poltrig-witzigen Redseligkeit, zu der Doktor Fohl inzwischen aufgetaut war, erhellte sich die dumpfe Stimmung wenigstens so weit, daß Christel erleichtert aufatmen konnte. Und als ob der Wettergeist, der gerade um die Mittagszeit mit Regengüssen an die Fenster getrommelt hatte, tief beeindruckt von dem Siege wäre, den die Hausgeister drinnen über die trüben Herzen davongetragen, klärte sich draußen in Minutenschnelle der Himmel auf, die Sonne stieß durch die Wolken und glänzte so verlockend durch die frisch gewaschenen Scheiben in die gute Stube, in der man heute saß, daß Damian nach einem kurzen Gang vors Haus Sessi vorschlug, durch einen einsamen Spaziergang die eigentliche Innenfeier ihres Hochzeitstages zu begehen. Sessi war auch sofort und freudig dazu bereit. Da sie sich jedoch schon seit Stunden nicht aus einer geheimen Unruhe um das Befinden ihrer Mutter lösen konnte, bat sie Damian, mit ihr nach Scherichsdorf hinauszuwandern, damit sie sich dort persönlich nach dem Ergehen der Mutter erkundigen könne. Ehe sie aufbrachen, forderte Christel die junge Frau, ohne daß es Damian merkte, auf, mit ihr die Stube zu verlassen. Gemeinsam stiegen sie dann in den Oberstock hinauf. Dort öffnete Mutter Christel mit einer bedeutsamen und liebevollen Gebärde die Tür zu einer Stube, in der sie seit Wochen so geheimnisvoll gewerkt und rumort hatte, als gelte es dem Aufbau einer Weihnachtsstube. Es war das kleine schmucke Schlafzimmer, das Christel den Neuvermählten eingerichtet hatte und in dem sie ihre Hochzeitsnacht verbringen sollten. Voller Stolz und Liebe zeigte sie es nun Sessi: »Gefällt dir's, liebste Sessi?« Statt der Antwort sank ihr diese an die Brust, und während sich die beiden Frauen in den Armen lagen, flüsterte Christel unter glückhaftem Schluchzen: »Viel, viel, alles Glück, liebstes Mädel, denn von der ersten Nacht hängt so viel ab, was nur wir Frauen wissen.« Was Mutter Christel sonst noch auf der Zunge haben mochte, blieb unausgesprochen, da sich drunten im Hausflur Damians Stimme vernehmen ließ, der, schon wartend, nach Sessi rief. Ohne es eigentlich zu wollen, wanderten die beiden nicht zuerst nach dem Witwenhäuschen Leonies in Scherichsdorf hinaus, sondern um Wilkau herum in den »Berggarten«, den die Gemeinde einst dem Großvater und seinen Nachkommen zu immerwährendem Nießbrauch als Dank für den durch seine Tatkraft zustande gekommenen Bau des ersten Wilkauer Wasserwerks geschenkt hatte. Dort ließen sie sich auf dem von Meister Jochen eines Tages wieder erneuerten Bänklein nieder, auf dem Nathanael, das himmelssüchtige Gebirge vor Augen, so gern gesessen, und auf dem Damians Vater ihn tot aufgefunden hatte, später aber von dem Gespenst Nathanaels so erschreckt worden war, daß er die Bank eingerissen hatte. Ohne zu sprechen, saßen sie hier lange Zeit, handverschlungen und versunken, hingegeben an das früh hereinbrechende abendliche Rotwolkenspiel, das über dem schon verschneiten Kamm hoch am Himmel traumvoll seine Formen wandelte und auf den Spiegeln der Teiche gedämpft widerfunkelte. Dann gingen sie über die Feldwege hinüber zum Scholzenberg. Die Häuser wurden schon hier und da erleuchtet, und als sie den Berg hinanstiegen, glommen bereits die Fenster der ganzen Häuserreihe im Lampenlicht. Nur das Witwenhaus lag noch vollkommen dunkel da. In Sessi wuchs sogleich wieder die Unruhe hoch, und sie beschleunigten ihre Schritte. Als sie bei dem Häuschen anlangten, trafen sie vor der Haustür auf die Aufwartefrau, die nach den Teichen zu Ausschau hielt. Sie ließ Sessi gar nicht erst zu Worte kommen, sondern sprach sofort auf sie ein: »Nu, da is och gutt; daß Sie kommen. Die gnädige Frau sagte, es ginge ihr wieder besser, und da wollte sie a paar Schritte in den Wiesen drunten, of de Teiche zu machen. Sie wollte nie lange sein, sagte sie. Ich sollte nich warten, den Schlüssel of de oberste Stufe legen und nach Hause gehn. Aber ich hab's nich zu Hause dermacht, und nu steh ich und seh und seh, und, nee, wissen Sie, die Gnädige gefiel mir nich. Sie war wie ausgeblasen, aber in den Augen hatte sie ein ma mechte sprechen wildes Reiten und raffte immerzu am Kleede. Und drnach, wie sie und sie ging, war sie grade, beisammen und ober naus, akkurat wie es sich für so 'ne Dame gehört...« Als sie soweit gekommen war, unterbrach Damian, nun doch auch stutzig geworden, den Wortschwall, ließ sich von der redseligen Frau ungeduldig den Weg beschreiben, den Frau Leonie wohl gegangen sein mochte, und eilte mit Sessi in der angegebenen Richtung los. Bei völliger Dunkelheit fanden sie nach langem Suchen und Rufen Sessis Mutter am ersten Teich, unweit der Stelle, wo sich der Vorfall Sessis mit dem Fähnrich ereignet hatte, tot auf, wohl vom Schlage getroffen, und so hingeschlagen, daß ihr halber Oberkörper mit dem Kopf im seichten Wasser des Teiches hing, schon starr und mit blau angelaufenem Gesicht wie eine Wasserleiche. Es war schon lange nach Mitternacht, als Sessi und Damian, nachdem sie Leonies entseelten Körper noch mit in das Haus am Scholzenberg hatten schaffen helfen, völlig ermattet und verstört endlich wieder am Gerberhaus anlangten und sich über die Stiege in ihr Hochzeitsstübchen hinaufschlichen. Verzweifelt aneinandergeschmiegt fielen sie in einen bleiernen Schlaf, aus dem Sessi jedoch gegen Morgen mit einem kleinen Schrei erwachte: »Damian, Liebster, liebster Damian!« Fiebernd zog sie den Mann an sich, umklammerte ihn mit einer Wildheit, als sei sie von Sinnen, und riß ihn, wie eine zu Tode Gehetzte, Erdurstete, förmlich in sich hinein. * Ob der Tod Frau von Schillingkhoff am Abend des Hochzeitstages ihrer Tochter Sessi auf natürliche Weise ereilt oder ob sie ihn da draußen an den Teichen selbst gesucht hatte, um die Schande der vollzogenen Ehe ihres einzigen Kindes mit dem Sohne eines »Lohsackes« nicht zu überleben, blieb unaufgeklärt. Denn der Totenschein, den Doktor Fohl ausstellte, lautete einfach auf »Herzschlag«. Sowohl auf Sessis wie Damians tastende Fragen entzog sich der Arzt geschickt jeder persönlichen Stellungnahme oder Vermutung. Wenn Damian für sich auch überzeugt war, daß die Baronin in einem Zustande hochgradiger Erregung ins Freie geflüchtet und in dem Teich den Tod gefunden hatte, so hütete er sich Sessi gegenüber doch wohlweislich vor jeder Andeutung eines inneren Zusammenhangs zwischen dem furchtbaren Ende ihrer Mutter und seiner Heirat mit Sessi. Denn Sessi war ohnehin von dem rätselhaften Tod ihrer Mutter bis in die letzten Gründe ihres Wesens erschüttert. Auch Sessi zweifelte nicht daran, daß ihre Mutter ihrem Leben freiwillig ein Ende gemacht hatte, einem Leben, das ihr schon seit vielen Jahren zerstört war und darin sie eigentlich nur noch vegetierte gleich einer hochgezüchteten Blume, die man lieblos irgendwohin auf den Kehricht geworfen hat, wo sie, kümmerlich wurzelnd, doch nie ihre edle Herkunft vergessend, sich aus abgelebten Träumen nährt, bis sie eines Tages ihr lichtloses Dasein nicht mehr erträgt und sich aus Ekel über diese Welt lebensüberdrüssig zu Boden sinken läßt. Wenn Sessi das Schicksal ihrer Mutter auch nicht gerade unter diesem Bilde sah, so fühlte sie dunkel doch etwas Ähnliches, und das peinigte sie und trieb sie unter heftigen Selbstvorwürfen in einen solchen gesteigerten und vertieften Schmerz um den Tod ihrer Mutter, daß Damian alle Mühe hatte, sie wenigstens soweit aufzurichten, wie es die äußeren Notwendigkeiten eines Todesfalles nun einmal erfordern und in diesem Falle sowohl Sessi wie Damian noch vor eine besonders heikle Aufgabe stellten. Denn sei es durch die Redseligkeit der Aufwartefrau, sei es durch irgendwelche Lästermäuler, die es überall gibt, aber in Wilkau offenbar wie die Pilze wucherten, hatte sich schon am nächsten Tage mit Windeseile das Gerücht verbreitet, daß sich die arme Baronin ertränkt habe, weil ihre Tochter sich von ihr losgesagt und die Mutter nicht einmal zu ihrer Hochzeit eingeladen hätte. Nach Mutter Christels Ansicht, der sich die reichlich verstörten jungen Eheleute erst zögernd, dann aber doch ermutigt anschlossen, war es jetzt nur noch durch die Art und Weise der Bestattung denkbar, diesen Lästermäulern einen Riegel vorzuschieben, der sie wenigstens halbwegs verstummen lassen würde. Wieder mußte, so schwer es Sessi auch ankam, die weitläufige Verwandtschaft mit dem reichsgräflichen Hause dafür in Anspruch genommen werden. Zur eigenen Überraschung Sessis, vor der in ihrem Elternhause, wohl durch Vaters freidenkerisches Wesen bedingt, über religiöse Dinge niemals gesprochen worden war, stellte sich bei ihrer Unterredung im Schlosse an Hand der von ihr aus Mutters Sekretär entnommenen Dokumente heraus, daß die verstorbene Baronin katholisch getauft war und, wenn auch nur nominell, bis zu ihrem Tode der Kirche angehört hatte. Nach einem in manchen hochadligen Familien geltenden Hausgesetz, das man auch in Eleonorens fürstlichem Elternhaus peinlich beachtet hatte, wurden, sofern die Ehegatten verschiedenen Konfessionen angehörten, die Töchter nach der Konfession der Mutter, die Söhne nach der des Vaters getauft. Das erleichterte die Situation für Graf Schilling wesentlich, und da laut Totenschein Herzschlag als Todesursache feststand, war Sessis Mutter auch ein kirchliches Leichenbegängnis gesichert, das im Falle ihres unbezweifelbaren Freitodes bei der Kirchenbehörde durchzusetzen wohl selbst dem großen Einfluß des Grafen Schilling kaum gelungen wäre. So fand nach drei für Sessis Gefühl endlos währenden Tagen, in denen sie sich so verzweifelt dem Dienst der Trauer hingab, daß Damian fast für ihren Verstand fürchtete, das Leichenbegängnis Frau von Schillingkhoffs mit allem kirchlichen Gepränge unter Vorantritt dreier Geistlicher, des Pfarrers, seines Kaplans und des Schloßgeistlichen, statt. Und als sich am Schloßplatz auch der Graf mit seiner Familie und der ganze Adel Wilkaus den Angehörigen, Sessi, Damian und dessen Eltern, anschlössen, verschlug angesichts eines so ehrenvollen Kondukts auch den bösesten Lästermäulern die Sprache. Ja, Sessi, die aus einem Augenblickseinfall dazu ihre Schwesterntracht trug, wurde von der wie mit einem Schlage verwandelten Meinung der Wilkauer als Vollwaise bedauert und in Erinnerung ihres aufopfernden Pflegedienstes im Langen Hause, aus dem sich unter Führung des Oberstabsarztes Doktor Freitag eine Anzahl Verwundeter als Ehrenabordnung für sie eingefunden hatte, als der »Engel von Wilkau« geradezu in eine Gloriole ehrfürchtiger Bewunderung gehüllt Als der Sarg in die Tiefe geglitten war und die Verwundeten Sessi, die nun auch Damian wie ein erdentrücktes, leidverklärtes, merkwürdig hoheitsvolles Wesen erschien, in stummer herzlicher Anteilnahme die Hand drückten, überkam es Damian plötzlich, daß sich ihm ein seit Jahren im Dunkel liegender Winkel seiner Erinnerung erhellte und ihm im Anblick der geliebten Frau die Schlußverse jenes Sonetts an die königliche Dulderin wie von selbst leise über die Lippen kamen, das er damals in dem Schaukasten der Breslauer Jahrhundertausstellung in der Handschrift des Dichters so hingenommen betrachtet hatte. »Dein Haupt scheint wie von Strahlen mir umschimmert, Du bist der Stern, der voller Pracht erst flimmert, Wenn er durch finstre Wetterwolken bricht.« Nach der Heimkehr vom frischen Grabe der Mutter verließ Sessi die solange mühsam bewahrte Fassung völlig. Ihr verzweifeltes Schluchzen schnürte Damian das Herz dermaßen ab, daß er Mutter Christel bat, sich des untröstlichen ärmsten Wesens anzunehmen. Um sich selbst der Bedrückung über Sessis Verstörung etwas zu erwehren, wie auch um seine eigenen um den versiegelten Sinn des schweren Schicksals der Baronin kreisenden Gedanken unter die Füße zu bekommen, verließ er kurzerhand das Haus und wanderte in der Richtung nach Schwarzhof aus Wilkau hinaus. Als er nach gut anderthalb Stunden vor den Ruinen der Heinrichsburg anlangte, geisterten um das alte Gemäuer schon die grauen Schatten der novemberlichen Abenddämmerung unter einem wolkenklaren Himmel, die ersten Sterne flimmerten auf, und die eben heraufgestiegene Scheibe des Mondes schien gleich einer kreisrunden gelblich-fahlen Ampel dicht über dem Mauerwerk aufgehängt. Darüber wurde Damian unversehens von jener inneren Auflösungssucht angefallen, die seit seiner Verschüttung über ihn gekommen war und deren er sich noch nie hatte erwehren können. Auch heute wurde er durch sie offenen Auges in eine ohnmachtähnliche Bewußtlosigkeit geführt. Mit einem Male verloren sich die Umrisse der Ruine in ein unräumliches Grau, und ohne es zu spüren, sank er zu Boden. Als er sich nach langem aus diesem Zustand ins Bewußtsein zurückfand, sich jedoch noch immer kraftlos an die Erde gebannt fühlte und seine glückhaft-wundersüchtigen Augen am sternenüberfiimmerten Firmament der jetzt mattgolden leuchtenden Scheibe des nächtlichen Planeten begegneten, der das eingefangene Sonnenlicht widerstrahlt, drang bei diesem Anblick etwas wie eine unnennbare Entzückung auf ihn ein. Und plötzlich spürte er, wie ein körperloses, doch wirkliches Wesen sich zu ihm niederneigte und mit einer geisterhaft aus seinem eigenen Inneren herauftönenden und doch den ganzen Weltraum erfüllenden Stimme folgende Worte sprach: »Wir tragen einen Funken jenes ewigen Lichtes in uns, das im Grunde alles Seins leuchten muß und das unsere schwachen Sinne nur von ferne ahnen können. Diesen Funken in uns zur Flamme werden zu lassen und das Göttliche in uns zu verwirklichen, ist unsere höchste Pflicht.« So stark und klar stieg diese Verkündigung in ihm auf, daß er glauben mußte, die Stimme töne als eine sehnsüchtige Forderung an die ganze Welt. Davon erwachte er völlig zu seinem alten Daseinsgefühl, und reißend trieb es ihn auf die Füße. Und weil er in dem wirklichen unkörperlichen Wesen, das sich über ihn geneigt und von dem diese Verkündigung herkommen mußte, Sessis Liebesmacht zu erkennen glaubte, schritt er gehoben durch die mondhelle sternenübersäte Nacht in der Sicherheit eines Mannes nach Hause, der sich bewußt war, mit seiner hohen Liebe zugleich die Pflicht hoher Lebensführung empfangen zu haben. * Weder Mutter Christel noch Damian wußten sich im Grunde den noch tagelang anhaltenden verzweifelten Schmerz Sessis zu erklären. Schließlich hatte die Baronin selbst es seit langem an mütterlichem Gefühl für ihr einziges Kind in einer Weise fehlen lassen, daß auch Sessi mindestens seit ihrer Übersiedlung ins Gerberhaus kaum noch ein tieferes Band mit ihr zu verknüpfen schien. Es war auch nicht so sehr der Gram um den Verlust der Mutter; ja nicht einmal die in der ersten Erschütterung über ihr selbstgewähltes Ende in Sessi aufgestiegenen Selbstvorwürfe, schuldhaften Anteil daran zu haben, waren es, welche die junge Frau so verstörten. Es war vielmehr die für Sessi unerträgliche Vorstellung, daß ihre Mutter dicht an der Stelle ihres geheimnisvollen Ereignisses mit dem Fähnrich Balling den Tod gesucht und gefunden hatte. Diese Vorstellung quälte sie unsäglich und führte sie von Tag zu Tag stärker an die Ahnung heran, von jetzt ab unentrinnbar in ein tragisches Schicksal verkettet zu sein. Denn sie kam einfach nicht mehr von der Empfindung los, die sie seitdem beängstigender als je zuvor überfallen hatte, dem Fähnrich damals bewußtlos anheimgefallen zu sein. Auch als es ihr endlich gelungen war, sich äußerlich zu beruhigen und sie sich bemühte, den Pflichten, die ihr der neue eigene Haushalt auferlegte, tagsüber gerecht zu werden, verdunkelte ihr diese Ahnung allnächtlich wie Schattenflüge schwarzer Vogelschwärme das Gemüt. Um diesen wahnsinnigen Alpdruck zunichte zu machen und ihre zum Reißen gespannten Nerven aus dem andauernden krampfähnlichen Zustand zu lösen, drängte sie sich, wie schon in der Hochzeitsnacht, immer von neuem leidenschaftlich in die Arme ihres Mannes, daß Damian bald richtig bekümmert über die Ausschweifung seines Weibes wurde, die sich vor ihm in ein furioses, mänadisches, ja unstillbar-gieriges Wesen verwandelte, in ein ganz anderes, als er bisher, in ihr gesehen und geliebt. Und jedesmal, wenn Sessi von dem Genuß dieser wilden Liebe erschöpft und aufgelöst dalag, brach sie in ein Weinen aus, das sich bis zum konvulsivischen Schluchzen steigerte. Vergebens suchte Damian dann in sie zu dringen. Sie vergrub nur ihr Gesicht in seinen umfangenden Armen, schüttelte in leidenschaftlicher Gegenwehr den Kopf und stotterte: »Nein ... nein!« Eines Nachts brach sie dabei, von einer Damian unerklärlichen Angst gefoltert, in die Worte aus: »... Um Gottes willen ... armer Damian!« Wieder suchte Damian aus ihr herauszufragen, was sie denn dermaßen quäle: »Ja, was ist dir denn nur, liebste Sessi, liebstes Weib ...?« Aber Sessi stotterte abermals nur: »Nein ... nein!« Dann rief sie so flehend: »Es ist nicht wahr. Nein!!« »Aber allerliebster Mensch«, drang Damian, erschüttert und geängstigt zugleich, weiter in sie: »Ich beschwöre dich bei allem, was dir heilig ist, sprich, was ist nicht wahr?!« Doch Sessi schluchzte nur noch hemmungsloser auf, warf sich an seine Brust und flüsterte: »Nein, nein, ich schäme mich so ... oh, mein Gott. Nein, es ist nicht wahr!« Ratlos mußte Damian davon abstehen, dem Grunde dieser merkwürdigen Selbstanklage seines Weibes näherzukommen. Was in diesen nächtlichen Stunden in Sessi vorging, konnte selbst Damians tiefste Liebe gar nicht erspüren. Denn immer, wenn Sessi in ihrer körperlichen Erschöpfung auf das Erlöschen jenes Ahnungsschattens wartete, der sie marterte, erschien ihr das Bild des Fähnrichs, der mit gierigen Augen über sie gebeugt stammelte: »Liebe, liebe Sessi!« In einer der folgenden Nächte verwandelten sich Sessi unter dem Paroxismus ihrer Angst die Züge ihres Mannes gar in die des Fähnrichs, so daß sie Damian, der sich wieder bettelnd und beschwörend über sie neigte, unter dem empörten Schrei: »Geh weg!« plötzlich einen Stoß vor die Brust versetzte, aus dem Bett sprang, wie gepeitscht ans Fenster lief und dort bewußtlos zusammenbrach. Von dieser Nacht an war Sessi wie verwandelt, ihr mänadisches Wesen von ihr abgefallen, als wäre ihr unstillbares Verlangen nach Damian von gestern auf heute erloschen. Als Damian nach einiger Zeit darüber nicht weniger verwundert als über die Hemmungslosigkeit seines Weibes in all den Nächten zuvor sich Sessi zärtlich zu nähern versuchte, versagte sie sich ihm und ließ sich endlich auf sein Drängen nur zu der Erklärung herbei, daß sie büßen müsse. Auf dieser Haltung beharrte Sessi fortan und ließ sich durch keine List und keine Liebe das Geheimnis jenes Verschuldens entlocken, für das sie auf diese Weise zu büßen entschlossen war. Nur einmal bekannte sie Damian noch soviel: »Wenn alles in mir wieder rein und geordnet ist, komme ich von selbst wieder zu dir, dann wollen wir aufs neue Hochzeit feiern.« * Nach dieser für Damian unfaßbaren Zerstörung aller seiner hohen Erwartungen vom ehelichen Glück, kaum daß ihn ein Monat vom Tage seiner Hochzeit trennte, verließ Damian das Bedürfnis nach Auflösung, das wir Liebe nennen, zwar ebensowenig, wie es in Wahrheit in Sessi erloschen war. Aber da sie es beide vor sich wie voreinander verbargen, Sessi aus einem ihr von ihrem Gefühl für Reinheit und einer schuldhaften Schicksalsverkettung auferlegten Gelübde, Damian aus einer fast tödlichen Verletzung seiner tiefsten Gefühle für seine Lebensgefährtin, blieb jedes allein. Dennoch erschien es selbst Mutter Christels scharfen Augen, solange Damians Genesungsurlaub noch währte, als habe es nie eine einträchtigere Ehe gegeben. Damian widmete sich alsbald mit solchem Eifer und Nachdruck seiner ambulanten Behandlung, daß der Arzt nicht nur darüber erstaunte, sondern daß sich der körperliche Zustand des Patienten rascher zur vollen Fronttauglichkeit entwickelte, als nach der ihm gewährten Frist dafür vorgesehen war. Sobald Damian aus dem Munde des Arztes hörte, daß dieser ihn nunmehr für völlig kriegsverwendungsfähig halte, zögerte er keinen Tag länger, nahm scheinbar unbeschwert und mit aller Herzlichkeit Abschied von Sessi und den Eltern und fuhr zu seinem Truppenteil zurück. Bis Weihnachten fehlten nur noch sieben Tage. Siebzehntes Kapitel Wohl allen Menschen geschieht es dann und wann im Leben, daß sich ein Geschehen, das uns einmal widerfuhr, plötzlich zum zweiten Male, und zwar nahezu gleichartig in allen Begleitumständen oder Stimmungen unseres Herzens wiederholt. So scheint es uns wenigstens zunächst, bis wir nach längerer oder kürzerer Zeit entdecken, daß wir einer Selbsttäuschung erlagen und sich inzwischen die Welt verändert hat oder auch wir selbst uns gewandelt haben. Denn die Tage kommen und verändern uns, sie gehen und lassen uns zurück, wie wir nie waren. Kein Morgen gleicht dem anderen. In jeder Frühe sehen wir Welt und Menschen und uns selbst anders als in der vorhergehenden – nur freilich kommt uns dieses Flüchtige, Veränderliche, dem wir unterworfen sind, während wir ihm unterliegen, kaum je zum Bewußtsein. Erst in der Rückschau erkennen wir, vielleicht, wie sehr wir uns verändert haben. So auch geschah es Sessi von dem Augenblick an, da sie sich am Morgen des Tages von Damians Wiederabreise ins Feld allein in ihrem Schlafzimmer fand. Denn wieder erschien ihr die Wirklichkeit, deren sie sich erwachend voller Bestürzung bewußt wurde, so kahl und nackt wie dazumal, als Damian zum ersten Male hinaus in den Krieg gefahren war. Und wieder überfiel sie, schon beim Ankleiden, eine Art Schüttelfrost und eine Müdigkeit in allen Gliedern, daß sie ihr nachgeben und schon beim Frühstück Mutter Christel bitten mußte, sie für heute zu entschuldigen, da ihr wohl eine so tüchtige Erkältung angeflogen sei, daß sie sich einfach nicht mehr aufrecht halten könne und sich lieber wieder zu Bett legen wolle. Allein als Sessi sich weder am nächsten noch am übernächsten Tage wohler fühlte und trotz der pudelwarm geheizten Schlafstube gleich einem Eiszapfen, dazu wie geistesabwesend und totenblaß unter dem dicken Federbett lag, hielt Mutter Christel es doch für ratsam, den Arzt holen zu lassen. Zu ihrer Verwunderung wehrte sich Sessi jedoch so heftig, und als Christel Miene machte, ihren Einspruch nicht beachten zu wollen, geradezu flehend gegen ihre Absicht, daß Christel sich wider Willen erweichen ließ und dazu bereit fand, noch einige Zeit abzuwarten. Sessis Sträuben, das Mutter Christel unverständlich blieb, rührte aus einer Gegend ihres Inneren, über die sie sich auch nur halbwegs klarzuwerden noch nicht imstande war. Nur eines fühlte sie in diesen schmerzlichen Weihnachtstagen: daß sie genau wie einst den Zugang zu jenem Teil ihres tiefsten Wesens verloren hatte, der Damian gehörte. Langsam wuchs aber dann doch die Erkenntnis in ihr, daß sie diesmal mitschuldig war an dem, was sie verloren, daß sie den himmlischen Traum von sich, in dem sie einmal gelebt, in den ersten Nächten ihrer Ehe selbst zerstört hatte. Als sie nach fast einer Woche fühlte, daß sie sich vollends zugrunderichten würde, überließe sie sich noch länger der Wirbelmühle ihrer Ängste um das in jedem Augenblick aufs neue gefährdete Leben ihres Damian und ihrer Selbstvorwürfe, gegen deren Ursache sie doch machtlos war, raffte sie sich am Neujahrstage gewaltsam auf und eröffnete Mutter Christel ihre Absicht, sich bis zur endgültigen Rückkehr Damians aus dem Kriege von neuem im Langen Hause der Pflege der Verwundeten zu widmen. Christel, die in dieser klaren Äußerung wiedererwachten Lebensgefühls zu ihrer Erleichterung den Beweis für Sessis Genesung erblickte, billigte nicht nur ihr Vorhaben, sondern bestärkte sie noch darin. Denn sie ahnte jetzt doch dunkel, daß die Ursache der plötzlichen und rätselhaften Erkrankung Sessis in einer seelischen Erschütterung liegen mußte, über die sie durch neue Pflichten am raschesten hinwegkommen würde. Allerdings hatte Christel dabei nichts anderes als den gleichsam natürlichen Rückschlag im Auge, der Sessi nach den kurzen und, wie Christel glaubte, seligen Wochen ihres jungen Eheglücks durch Damians abermalige Auslieferung an die tödlichen Gefahren der rasenden Schlachten getroffen hatte. Allein Sessis Hoffnung, durch die Wiederaufnahme ihrer Pflegetätigkeit wie schon einmal zu sich selbst zurückfinden und in ihrem Dienst an den Opfern des Krieges allmählich wieder an das Wesen ihres Damian herandringen zu können, erfüllte sich diesmal nicht mehr, obschon sie sich womöglich noch aufopferungsvoller und inbrünstiger ihrer tätigen Barmherzigkeit hingab als zuvor. Sie geriet vielmehr von Tag zu Tag tiefer in eine Art chaotischen Daseins, daß sie sich vor unbegreiflichen Vorgängen, verstürzten Zuständen, die ihr als bald glühheiße, bald eisigkalte Schauer auch rein körperliches Unbehagen bereiteten, kaum noch zu jener ruhigsicheren Haltung zwingen konnte, deren eine Pflegerin vor allem bedarf. Wahrhaftig, sie verstand sich selber nicht mehr, als sie schließlich sowohl im Lazarett wie abends daheim oft nur mit Widerwillen vor den Mahlzeiten saß, dafür aber manchmal plötzlich einen Heißhunger nach Dingen verspürte, nach denen sie früher kaum ein besonderes Verlangen gekannt hatte, und die jetzt im vierten Kriegsjahr schon längst aus den Läden verschwunden waren. Eines Tages steigerte sich jener Widerwille, als sie sich daheim zum Essen gezwungen hatte, dermaßen, daß eine Übelkeit in ihr hochstieg, der sie auf der Stelle nachgeben mußte und die sie auch vor Mutter Christel nicht verbergen konnte. Da erfuhr Sessi aus ihrem Munde, woran sie bisher noch keinen Augenblick gedacht hatte: daß alle diese ihr so unverstehbaren Erscheinungen das Natürlichste von der Welt für eine junge Frau seien, in deren Schoß ein neues Leben zu wachsen beginne. Die freudige Erregung, mit der Mutter Christel ihre Schwiegertochter dazu beglückwünschte, übertrug sich sogleich auf die junge Frau und begann sich auch bald aufs günstigste auf ihr seelisches Befinden auszuwirken. Sobald sie volle Gewißheit über ihren Zustand hatte, schrieb sie Damian und weihte ihn mit seligjubelnden Worten darin ein. Doch die glückhafte Beschwingtheit, von der Sessi durch die ersten Wochen ihrer Mutterhoffnung getragen wurde, verlor sich zur Bekümmernis Mutter Christels, deren mütterliche Zärtlichkeit für Sessi sich in jener Zeit noch rührender als bisher bekundete, eines Tages so jäh aus ihr, wie sie in ihr aufgeblüht war. Sessi saß mit den Schwiegereltern beim Abendbrot, als sie zum ersten Male zu fühlen glaubte, wie sich das Wesen, das in ihr wuchs, zu regen begann. »Mein Gott, das Kind«, rief sie wie erschrocken unwillkürlich halblaut aus und griff nach ihrem Leibe. Da lächelte Christel zu ihr hinüber und meinte liebevoll: »I woher, Mädel, damit hat's wohl noch gute Weile.« Sessi errötete wie ein Kind, dem eine törichte Bemerkung entschlüpft ist, und schwieg. Vielleicht hatte sie sich wirklich getäuscht. Aber noch am gleichen Abend, als sie schon zu Bett lag, fühlte sie die Bewegung in sich so deutlich, daß sie nicht mehr daran zweifeln konnte. Zugleich erinnerte sie sich an Mutter Christels Worte, und sie erschrak so heftig, als habe sich im grellen Licht eines Blitzes ein Abgrund vor ihr aufgetan. Hatte sie das Wesen, das sich so frühe in ihr regte, vielleicht gar nicht von Damian, sondern schon damals in ihrer Bewußtlosigkeit von dem Fähnrich empfangen? Unerträgliche, entsetzliche Vorstellung! Fieberhaft suchte Sessi ihre durcheinanderwirbelnden Gedanken zu ordnen, sich klarzuwerden, ob ihre Befürchtung denn überhaupt begründet sei. Doch da sie ja seit ihrem Erlebnis mit dem Fähnrich ständig von diesem Alpdruck gefoltert worden war, außerdem keinerlei Erfahrung in derlei selbst Medizinern manchmal nicht leicht fallenden zeitlichen Berechnungen besaß, überwucherte die fliegende Angst ihren Verstand bald dermaßen, daß sie schier verzweifelte, immer ratloser wurde, mit glanzlosen Augen wie verloren einherging, ihren Dienst im Langen Hause, den sie noch einige Wochen mechanisch versah, von heut auf morgen aufgab und wie eine Verurteilte daheim dem Ereignis entgegenwartete, vor dem es kein Entrinnen gab. Und keinem Menschen, weder Mutter Christel noch dem Arzt, durfte sie sich anvertrauen. Noch einmal schöpfte sie Hoffnung, als Doktor Fohl, den Christel ohne Sessi zu fragen ins Haus gebeten, weil sie die schmerzliche Versunkenheit und das geheime Leiden des lieben Wesens nicht mehr länger mit ansehen konnte, nach seiner Untersuchung voller Befriedigung erklärte, daß bis jetzt alles normal verlaufe und das freudige Ereignis aller Wahrscheinlichkeit in den ersten Augusttagen zu erwarten sei. Sessis unerfreuliches Gesamtbefinden rühre wohl daher, daß sie reichlich zart und blutarm sei und sich seelisch zu sehr ihrer Angst um den Mann im Felde überlasse. Also Anfang August, dachte Sessi wie erlöst, dann war es doch ein Hirngespinst, dem sie die ganze Zeit nachgehangen hatte, und das Kind unter ihrem Herzen war Damians Kind vor Gott und den Menschen. Diese Überzeugung schlug von jetzt an täglich tiefere Wurzeln in ihr, befreit und beseligt gab sie sich ihrem neuen Lebensglauben, der frohen Erwartung ihres Mutterglücks hin und ließ sie über der Näharbeit an den winzigen Häubchen, Jäckchen und Kleidchen träumerisch in ihre flinken Nadelstiche wie in ihre Briefe an Damian fließen, der ihr darauf, wenn auch kurz, so doch immer liebevoll-besorgt antwortete. Eines Abends, als sie Mutter Christel stolz das eben fertig gewordene himmelblaue Steckkissen präsentierte, darin der kleine Erdenbürger zur Taufe getragen werden sollte – denn Sessi konnte sich nichts anderes vorstellen, als daß ihr ein Knäblein beschieden sein würde –, meinte diese aufgeräumt, daß es allmählich an der Zeit sei, die alte bunte Wiege vom Boden zu holen, in der schon Damian und Vater Jochen und vorher Damians Großmutter Lotte geschaukelt hätten. Sie sei aus bestem Eichenholz, nur müsse man jetzt wohl ihren Anstrich erneuern lassen; Sessi war gleich so begeistert von Christels Vorschlag, daß sie sich auf der Stelle mit einer Kerze bewaffnete und trotz Christels Einwand, daß es dafür doch schon zu spät und zu dunkel sei, nach oben eilte und über die steile Bodenleiter in die schräge Dachkammer kletterte, wo sie bald aus einer Ecke, jubelnd wie ein Kind, dem ein neues Spielzeug in die Hände fällt, die alte Wiege hervorholte und Anstalten machte, sie hinter sich durch die Bodenluke zu ziehen, während Christel ihr noch von neuem zurief, mit dem Herunterschaffen bis morgen auf den Gesellen zu warten. Da war das Unglück auch schon geschehen, die Kerze von einem Luftzug verlöscht, Sessi auf der obersten Sprosse fehlgetreten und sie selbst, gerade noch mit den Händen die Seitenstreben der Leiter umklammernd, wie ein Sack die Leiter herabgerutscht und vor Schrecken ohnmächtig neben der erstarrten Christel zu Boden gesunken. Sekunden später hatte sich Christel gefaßt, rief Jochen herbei, schaffte mit ihm die Bewußtlose in ihr Bett und hieß den lahmen Berthel, der schon im ersten Schlafe lag, aufstehen und zu Doktor Fohl eilen, denn wie ihr schien, hatte Sessis schwere Stunde, durch den Sturz hervorgerufen, vorzeitig geschlagen. Christel hatte eben noch die nötigsten Vorbereitungen für das unvorhergesehene Ereignis treffen können, als auch schon Doktor Fohl erschien und ihre Umsicht lobend sein hilfreiches Werk begann, für das er tatsächlich noch gerade zurechtgekommen war. »Eine so frühe Sturzgeburt habe ich bei Gott in meiner ganzen Praxis noch nicht erlebt«, meinte Doktor Fohl, als er zwei Stunden später mit Meister Jochen und Christel, die noch gar nicht recht zu fassen vermochte, was geschehen war, in der Wohnküche vor einem Imbiß saß, während das Knäblein, dem Sessi das Leben gegeben, als ein genau so kümmerliches Bündel wie einst Damian, sein Vater, und wie dieser vom frommen Christel für alle Fälle notgetauft, in Watte verpackt im erwärmten Ofenrohr lag. »Viel ist nicht dran an dem Junglein, was kann man auch mehr von einem Siebenmonatekind erwarten«, fuhr der stets offenherzige Hausarzt gutmütig-bärbeißig fort. »Aber Sie werden es schon ebenso hochpäppeln, liebe Frau Maechler, wie damals den Damian. Gott, wenn ich so denke, wie die Zeit vergeht; das liegt ja schon über zwanzig Jahre zurück, oder noch länger.« »Dreiundzwanzig sogar«, warf Mutter Christel versonnen lächelnd ein. »Weißt du noch, Jochen, wie mir damals die gute Frau Mirander beistand, Gott hab sie selig, und ihr dem sterbensblauen Würmel die Nottaufe gabt? Mir ist's beinahe, als träumte ich, und das kleine Menschlein da drüben sei das Damianlein von damals.« Auch über Meister Jochens zerfurchtes, großräumiges Gesicht glitt bei diesen Worten ein warmes Lächeln der Erinnerung, wobei er seinem Christel liebevoll in die Augen sah. »Und bei den Wilkauerinnen«, schmunzelte Fohl, »geriet ich damals, als Ihr Sorgenkind am Leben blieb, dank der Beredsamkeit der seligen Mutter Mirander unverdientermaßen in den Ruf, ein Wunderdoktor zu sein, was meiner jungen Praxis beachtlich auf die Beine half.« Noch eine ganze Weile saßen die drei alten Menschen so, froh bewegt vom rasanten Einmarsch des jüngsten Maechlersprößlings nach glücklich überstandener Gefahr für Mutter und Kind, beieinander und ließen ihre Gedanken rückwärts wandern. »Wie sind Sie nur, liebe Frau Maechler«, erkundigte sich der Arzt, als Christel zur Stärkung der Gemüter ihren Brombeerlikör hervorholte und man dem schmächtigen Ankömmling zum Wohl die Gläschen leerte, »vorhin so mir nichts dir nichts auf den Namen Gerhart gekommen?« »Ja, denken Sie«, erwiderte Christel, wie es schien beinahe peinlich berührt und auch etwas bedrückt, »ich fragte doch zuerst Sessi. Sie lag noch halbtot da und war wie geistesabwesend. Ich meinte zu ihr: Wollen wir ihn Damian oder Erdmann taufen, wie seinen Vater? Oder Jophen, wie den Großvater? Oder Nathanael, wie den Urgroßvater? Schon bei meiner ersten Frage hatte sie sich im Bett hochgestemmt, so gut sie konnte, sah mich mit entgleisten Augen an und schüttelte nur jedesmal heftig verneinend den Kopf. Na, wie soll er denn dann heißen? drang ich in sie. ›Reinhard oder Gerhart ... nur nicht wie Damian, überhaupt nicht wie einer aus der Maechlerfamilie‹, gab sie mir endlich mit schwacher Stimme zur Antwort und ließ sich wieder erschöpft in die Kissen fallen. Nein, dachte ich mir, Reinhard hieß der Neefejunge, das war kein guter Name für einen neuen Maechler, gegen Gerhart hatte ich jedoch nichts einzuwenden und wollte auch nicht noch erst lange Zeit verlieren. Also holte ich mir rasch das Weihwasserkesselchen über meinem Bett und taufte ihn Gerhart. Dem Damian wird es wohl kaum recht sein, wenn er es hört, aber was sollte ich in der Not machen?« schloß Christel verdrießlich über die Verantwortung, die sie sich damit aufgebürdet hatte, goß sich sofort noch ein Gläschen ein und spülte ihren Ärger herunter. Daß Sessi sich so nachdrücklich dagegen gewehrt hatte, ihr Kind nach einem seiner väterlichen Vorfahren zu nennen, hatte Christel vor allem gekränkt. Sie vermutete dahinter nichts anderes als einen Rückfall Sessis in die adlige Überheblichkeit ihrer Eltern, so frei davon sie sich auch sonst erwiesen hatte. Damit tat das verärgerte Christel der jungen Frau freilich bitter Unrecht. Seit Sessi wieder zu sich gekommen war und erkannt hatte, was eigentlich mit ihr vorgegangen war, lag sie von neuem in den Folterqualen ihrer Zweifel an der Herkunft dieses Kindes. Nun hatte es sich zwei volle Monate früher aus ihr gelöst, als zu erwarten stand.›Mein Sturz von der Leiter sei die Ursache dafür, sagt Doktor Fohl, er könnte ja auch gar nichts anderes mutmaßen‹, sann Sessi gehetzt weiter, ›aber wie, wenn der Sturz überhaupt nur deshalb so geendet hatte, weil das Ereignis sowieso schon beinahe fällig war?‹ Und da Sessi sich auf keine Weise absolute Sicherheit hierüber verschaffen konnte, fiel sie wehrlos von neuem der Empfindung anheim, ihr Kind stamme aus jenem Feuerwirbel ihrer Sinne, während dem sie damals an den Teichen dem Fähnrich erlegen sei. Daß es selbst in diesem Falle immer noch Damians Kind sein konnte, dem sie heute das Leben geschenkt, ja daß die Umstände weit eher dafür als für das Gegenteil sprachen, vermochte sie nicht zu bedenken. Das Maß ihrer seelischen Widerstandskraft, aus dem sie von Jugend auf unablässig hatte schöpfen müssen, um sich der Zerstörung durch die Tragödie in ihrem Elternhaus zu erwehren, war jetzt nach all den Erschütterungen einfach aufgebraucht, die über sie seit Kriegsbeginn mit dem Tod des Vaters, der Lebensangst um den Geliebten, dem Ereignis mit dem Fähnrich, dem schaurigen Ende ihrer Mutter und endlich dieser furchtbaren Gewissenslast vor Damian in nicht abreißender Folge hereingebrochen waren. So lag sie statt in Mutterseligkeit wie ohne Sinn und Ziel starr in ihren Kissen, von einer solchen Lebensangst umschnürt, daß ihren Brüsten, noch ehe eine Woche vergangen, die Milch versiegte und Doktor Fohl sich zu einer Amme entschließen mußte. Auch als sich Sessi nach der üblichen Zeit ohne weitere körperliche Beschwerden von ihrem Wochenlager erhob, überließ sie das zerbrechliche Knäblein, das mit seinen noch ganz vom jenseitigen Schimmer erfüllten großen klaren Augen beinahe lebenszaghaft in die Welt blickte, ohne ein Zeichen sonderlicher Zuneigung, ja fast aufatmend, völlig der Obhut Mutter Christels und der Amme. Sowenig Christel diese Teilnahmslosigkeit Sessis verstand, war sie ihr doch ganz und gar nicht unwillkommen. Sie hing mit einer so seligen Liebe an dem zarten Wesen, von seiner ersten Lebensstunde an, daß es ihr fast unvorstellbar erschienen wäre, das ihr gleichsam noch einmal bescherte Mutterglück mit der jungen Kindesmutter teilen zu müssen. Als Sessi, die entweder verloren durch die Stuben trödelte oder am Fensterplatz vor sich hin grübelte, wenn sie nicht, gleich einer Leidenden, Stunden in ihrem Bett verbrachte, eines Tages, von selbst ihres ziellosen Grames überdrüssig geworden, den Gedanken äußerte, sich von neuem den Verwundeten im Langen Hause zur Verfügung stellen zu wollen, versuchte Christel gar nicht erst, ihr es auszureden. Und doch sagte ihr ein ahnungsvolles Gefühl, daß Sessis Hoffnung vergeblich bleiben mußte, im Dienst für die Verwundeten über jene unaussprechliche innere Not hinwegkommen zu können, die sie offenbar zu ihrem Schritte trieb. Dazu bedurfte es der Erweckung der Stimme ihres Herzens für ihr Kind, die ihr eine geheimnisvolle Gewalt verschüttet haben mußte. Bis dahin konnte man, wie das gläubige Christel fand, nur voll Vertrauen in die göttliche Führung über jeden Menschen geduldig darauf warten, daß diese Stimme eines Tages sich vom tiefsten Seelengrunde Sessis lösen, bis herauf in ihre Herzkammer dringen und sie ganz mit glockenhaft reinen Tönen erfüllen würde. Achtzehntes Kapitel Nur unter Aufbietung seiner ganzen Willenskraft war es Damian gelungen, nach den zermürbenden Vorgängen während seines Genesungsurlaubs, dem tragischen Ende der Mutter Sessis und den ihm unbegreiflichen Exaltationen, die er in diesen Wochen an seiner aus einem nächtelangen mänadischen Sinnestaumel zur nonnenhaften Büßerin verwandelten jungen Frau erleben mußte, jene äußere Haltung zu bewahren, in der er sich von den Seinigen verabschiedet hatte, um zum zweiten Male aus dem heimatlichen Frieden, der ihm zerstört worden war, hinaus in das Toben der Schlachten zu fahren, in das er sich hineinstürzen wollte, um sich von ihrem Dröhnen betäuben zu lassen. In dieser desparaten Verfassung seines Inneren meldete er sich in den folgenden Wochen und Monaten immer von neuem freiwillig zur Teilnahme an gewagten Erkundungen und Stoßtruppunternehmungen, aus denen er wie durch ein Wunder stets unversehrt in den Graben zurückkehrte, so daß er bald in den Ruf eines kugelsicheren Draufgängers kam. Noch während der letzten großen deutschen Offensive, die mit Frühlingsbeginn im Westen losbrach, wurde er für seinen mitreißenden, heldenhaften Einsatz unter Verleihung mit dem Eisernen Kreuz Erster Klasse zum Offizier befördert. Anfänglich war dieses todesmutige Draufgängertum, das der im Grunde weichen und sensiblen Natur Damians durchaus nicht angeboren war, wohl mehr eine Art selbstmörderischer Reaktion auf die grausame Zerstörung seiner hochgespannten Erwartungen von der Erfüllung seines männlichen Daseins durch die Liebesmacht Sessis, wie er sie in jahrelangen Träumen in sich genährt hatte. Aber allmählich gewann er inmitten seiner Männer, die ihrem jungen Leutnant und von nun an Kompanieführer nicht nur wegen seines Wagemutes, sondern mehr noch wegen seiner unbedingten Gerechtigkeit und stets kameradschaftlichen Haltung mit wahrer Liebe anhingen, ein bisher noch nie erlebtes Gefühl selbstbewußter Sicherheit und zugleich Geborgenheit. Es trug ihn gleichsam über sich selbst empor, und schließlich verblaßten die zermürbenden Vorstellungen, von denen er in den ersten Wochen nach seiner Rückkehr an die Front unablässig gepeinigt wurde, mehr und mehr. Als er Sessis Brief mit der Nachricht von ihrer Schwangerschaft empfing, war dieser Prozeß seiner inneren Gesundung bereits so weit fortgeschritten, daß er darüber und vor dem selig-jubelnden Ton ihrer Zeilen in ein zwar noch zaghaftes, ihn aber doch schon beglückendes Hoffen geriet, ihre Sinnes- und Gemütsverwirrung sei eben nur eine Nervenattacke nach dem Tod der Mutter gewesen und würde sich durch ihre Mutterschaft vollends verlieren. Doch sei es, daß seine einstige, ihn ganz erfüllende Liebe zu Sessi durch die auf seine Hochzeit folgenden Ereignisse, ihm selbst unmerklich, Schaden genommen hatte, sei es, daß sich die soldatische Bewußtheit, zu der er in eben diesen kampfdurchtobten Wochen erwachte, stärker vor die Sphäre seiner persönlichen Lebenswelt schob, als es sonst der Fall gewesen wäre er empfand alles, was von Sessi und den Seinigen an ihn herangetragen wurde, nur wie am Rande seines eigentlichen Daseins, etwa gleich einem Menschen, der, am Steuer seines Wagens konzentriert auf die Straße vor sich blickend, nur im Unterbewußtsein weiß, daß er zugleich auch für andere zu sorgen hat, die mit ihm darin fahren. Auch die Nachricht von der Geburt seines Kindes nahm Damian in dieser Weise auf, wohl freudig und dankbar bewegt, doch weder erschrocken über den Unfall Sessis und deren dadurch verursachte vorzeitige Entbindung, noch übermäßig besorgt um die Lebensfähigkeit des unausgetragenen Menschenwesens, höchstens ein wenig belustigt in dem Gedanken, daß es der Sohn darin dem Vater gleichtat. Nur mit der Marotte Sessis, den Knaben Gerhart taufen zu lassen, vermochte er sich nicht sogleich abzufinden. Aber durch seine Saumseligkeit, sich nicht schon zu Beginn von Sessis Schwangerschaft über den Namen geäußert zu haben, den er seinem Kinde hätte geben wollen, war Sessi in seinen Augen bald so gut wie entschuldigt. Wenn er es sich jetzt nachträglich überlegte, so hätte er sein Kind, wurde es ein Junge: Erdmann, wurde es ein Mädchen: Erdmuthe heißen wollen im Gedanken daran, daß sein Vater Jochen ihn mit dem Zunamen Erdmann taufen ließ, um damit jede Todesgefahr von ihm fernzuhalten. * Ende August wurde die Division, zu der Damians Regiment gehörte, völlig abgekämpft und ruhebedürftig, aus der Front herausgezogen und nach Auffüllung der dezimierten Mannschaftsbestände in einen der Abschnitte der lothringischen Front eingegliedert, die seit langem außerhalb der Brennpunkte der Zermürbungsschlachten lagen. Kurz darauf erhielt Damian zu seiner Verwunderung und zunächst nicht besonders davon angetan, seine Abkommandierung vom Regiment zu einem Offizierskursus ins Hauptquartier der Armeegruppe des Generals von Mudra, zu der sie jetzt gehörten, und zwar nach St. Avold. Hier fand er eine größere Anzahl Offiziere aller Waffengattungen versammelt, die nach Ablauf des Kursus als sogenannte Unterrichtsoffiziere bei ihren Truppenteilen über die allgemeine Kriegslage im Sinne eines ehrenhaften Friedens wirken sollten, den man mit dem Wort »Hindenburgfriede« umschrieb. Diese Maßnahme hatte sich als notwendig herausgestellt, nachdem sich seit einem Jahr die Anzeichen einer Kriegsmüdigkeit bei der Truppe mehrten, zum nicht geringen Teil hervorgerufen durch die immer desolater werdenden Zustände in der Heimat, von denen beeindruckt die Urlauber wieder an die Front zurückkehrten. Hier in St. Avold erst erfuhr Damian, der sich seit seiner Rückkehr an die Front als völlig unpolitischer Grabenkämpfer weder um Zeitungen noch um sonstige Nachrichten aus der Heimat gekümmert hatte, aus den dargebotenen Vorträgen von der gärenden Unzufriedenheit weiter Schichten in der Heimat, von der großen Streikbewegung, die Ende Januar von Berlin aus durch das Reich gegangen war und zum Teil nur durch Verhängung des Belagerungszustandes erstickt werden konnte, sowie von dem Kampf der Mehrheitsparteien im Reichstage um die Änderung des bisherigen Wahlrechts und die Einführung des sogenannten parlamentarischen Regierungssystems – Forderungen, unter denen sich, fadenscheinig verhüllt, bereits revolutionäre Wünsche und Absichten ankündigten. Damian nahm diese Eröffnungen mit den widersprechendsten Empfindungen in sich auf. Aufs heftigste verurteilte er die Versuche der Arbeiterschaft, durch Streiks mitten im schwersten Ringen an der Front gegen irgendwelche, möglicherweise sogar vorhandene politische, Lohn- oder Ernährungsmißstände zu demonstrieren und dadurch das Durchhalten an den Fronten zu gefährden. Andererseits konnte er sich der Berechtigung der Wünsche des Volkes zur Abschaffung des Dreiklassenwahlrechts mit dem Ziele der Beseitigung des Klassenstaates auf dem Wege einer gerechten und verantwortlichen Mitbeteiligung seiner gewählten Volksvertreter an der Regierung nicht entziehen. In diesen Widerstreit verstrickt, schien er aus dem am übernächsten Tag endenden Kursus wieder zur Front zurückkehren zu müssen, als ihm der letzte Tag noch eine gänzlich unerwartete Gelegenheit zur Klärung seiner durcheinandergeratenen inneren Situation bescherte. Vor Beginn des Schlußvortrages stellte General von Mudra seinen Offizieren zur größten Überraschung Damians einen älteren Herrn in Zivil vor, der im Auftrage der Obersten Heeresleitung zu ihnen sprechen werde. Es war Professor Methner, sein verehrter Lehrer, der erst nach dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten zusammen mit dem diplomatischen Personal der Mittelmächte in die Heimat zurückgekehrt war und sich seit Monaten in den Dienst der Heeresverwaltung gestellt hatte, um an den Fronten wie in der Heimat vor Offizieren und Mannschaften in aufklärenden Vorträgen von seinen amerikanischen Eindrücken und Einsichten sowie über allgemeine Kriegsfragen zu sprechen. Mit derselben zündenden Beredsamkeit, mit der dieser idealistische deutsche Gelehrte sonst von seinem Katheder herab den Studenten antike und deutsche Philosophie oder deutsche Geistesgeschichte vermittelte, sprach Professor Methner jetzt vor seiner feldgrauen Hörerschaft, die bald völlig im Bann seiner einstündigen Rede stand. Der Professor sprach vor diesem Gremium nur kurz über seine amerikanischen Eindrücke, ging vielmehr bald mit größtem Freimut auf die angespannte und prekäre Situation im Inneren über, wie sie sich eben jetzt zu Beginn des fünften Kriegsjahres, unter der Auswirkung der Hungerblockade, der wachsenden Kriegsmüdigkeit, den Streiks und der auch von der Reichsregierung erkannten Notwendigkeit zur Umgestaltung der bisherigen Formen des deutschen staatlichen Lebens, zu der sie sich durch den vorjährigen kaiserlichen Ostererlaß bekannt habe, für jeden patriotischen und unparteiischen Deutschen von einer höheren Warte aus darstellen mußte. Aus einem nach wie vor unerschütterten Glauben an den deutschen Sieg wandte er sich mit allem Nachdruck gegen alle jene Kleinmütigen, die daran zu zweifeln begonnen hätten und blind für den abgründigen Haß der Feinde und ihre laut genug verkündeten Eroberungsziele, die einer Zerstückelung Deutschlands gleichkämen, einem Verständigungsfrieden das Wort redeten. Wörtlich fuhr er mit erhobener Stimme fort: »Wer verzweifelt, hat nur noch einen einzigen rettenden Ausweg: den Tod durch Selbstvernichtung. Die Ungerechtigkeit mag gegenwärtig in der Welt herrschen, regiert wird sie doch von der Gerechtigkeit. In jedem Sturm scheinen sogar die Sterne des Himmels zu schwanken, zu flackern, als ob sie am Auslöschen wären, so fest sie auch auf der alten Stelle in Bahnen verharren, die wir ewig nennen. Die Magnetnadel zittert immer, immer weicht sie nach unten und nach den Seiten ab, und trotzdem, ja gerade deswegen zeigt sie unverrückbar nach Norden und Süden. Wahrheit und Wahrhaftigkeit ist der Gipfel des Menschseins. Gerechtigkeit ist ihre Anwendung auf die Lebensverhältnisse, und wie alle individuellen Naturen in einer Stufenleiter geordnet stehen nach dem Grade der Reinheit, in der diese Elemente sich finden, so muß sich das auch bei Völkern verhalten, der Summe von Einzelwesen. Allerdings im Lichte ewiger Augen, die durch keine Scheinheiligkeit über den wahren Wert betrogen werden können und darüber wachen, daß Lüge, Gemeinheit und Bosheit jedes Dasein zerstören, für das sie tätig sind. Denn im Reich des Sittlichen, im Reich des Menschen- und Völkerschicksals walten dieselben Gesetze wie im Kosmos der Natur, von denen diese nur Symbole jener sind. Wir können wohl einen Stein für einen Augenblick in die Luft werfen, aber kein noch so wilder Wurf vermag ihn in der Höhe festzunageln. Es bleibt doch wahr, daß alle Steine zur Erde fallen. Und wie viele Beispiele von unbestrafter Lüge, der Rache entgangenen Diebstahls, von Raub und Betrug auch aufgezählt werden mögen: sie sind, wenn wir unbeirrten Auges die Hüllen von dem inneren Zustande solcher scheinbar Entwischten abstreifen, doch nur Lüge, Diebstahl und Raub an der unumstößlichen Wahrheit der immanenten Gerechtigkeit, die das Weltall der Natur nicht nur, sondern ebenso das Weltall der Menschheit regiert. Und diese Gerechtigkeit wird, darauf vertraue ich blind, den Geist der Völker für die Wahrheit umgestalten, nachdem er sich hat von der Lüge betäuben lassen, Deutschland sei der allein Schuldige am Weltkrieg und habe darum die Pflicht, allein die Wiedergutmachung aller verursachten Schäden zu tragen. Die Gerechtigkeit und Wahrheit, ich wiederhole es, sind in der Welt des Menschen allmächtig wie die Naturgesetze des Kosmos. Daran sollen und müssen wir Deutschen glauben; nach diesen Sternen müssen wir unser Vertrauen richten; auf diesen außerzeitlichen Boden müssen wir treten, um die Ruhe, Klarheit und unerschütterliche Festigkeit zu gewinnen, die nötig ist, um diese schwere Zeit sowohl militärisch wie moralisch siegreich zu bestehen. Es gilt in dieser zweifellos gefahrvollen Stunde nur eines: Durchhalten! Geben wir uns in dieser Stunde auf, so waren alle Leiden, alle Opfer verloren. Halten wir aber nur noch diese Stunde aus, so werden uns alle künftigen Geschlechter der Deutschen segnen. Es gilt mit einem Wort: eine letzte moralische Offensive gegen das Gift der Zersetzung in der deutschen Kriegsseele. Diese Offensive aber darf, um wirksam zu sein, nicht allein mit geistigen, sondern muß ebensosehr mit den Waffen der Zucht, in der Rüstung eines wahrhaft sozialen Ethos geführt werden. Der vergiftende Bruderkampf der Stände muß aufhören, der Gedanke an die Alleinherrschaft einer Volksschicht über die andere muß als Verbrechen an der Gesamtheit eingesehen werden. Das deutsche Volk darf künftig weder mehr dem Feudalismus der Landmagnaten noch einem anderen Feudalismus zum Opfer fallen, weder dem Feudalismus des Großkapitals noch der Großindustrie, noch der Ochlokratie, der Herrschaft der Arbeiter. Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit sollen die Götter jeder Brust und jedes Hauses, Pflichttreue muß der Wertmesser aller Arbeit sein. Denn weder der Achtstundentag noch der Kapitalismus sind eine Ungerechtigkeit an sich, nur ihr Mißbrauch macht sie dazu, dort die Trägheit und hier die betrügerische Profitgier. Mit diesem Rüstzeug versehen, werden wir die innere Zwietracht besiegen und die Gesundung unseres sozialen und wirtschaftlichen Lebens herbeiführen, dessen Not von außen her auf der mörderischen, verblendeten Politik der Feinde, im Inneren auf dem ebenso verblendeten Zustand unserer Moral beruht. Erzwingen wir hier einen radikalen Umschwung zum Besseren, so werden wir auch nach außen hin unser Ansehen wiedergewinnen. Jeder einzelne ruhe nicht eher, bis er ein Held dieser sittlichen Ideen geworden ist, von denen ich eben gesprochen habe. Dann erst ist das neue Deutschland geboren. Das beginnt also nicht in den Faktoreien des Handels, in den Schreib- und Rechenstuben der Banken, in den Industriekontoren, den Gruben und Hütten, und nicht mehr in den Waffenlagern der Gewalt: sondern in der Brust jedes einzelnen, dort nur wird das neue Deutschland geboren, durch eine sittliche Wiedergeburt, und dort auch würde es sterben durch sittlichen Verfall. Nicht das Schwert der Feinde gräbt Völkern das Grab und zertrümmert Reiche, die Völker selbst zerstören ihre Staaten und scharren sich ein. Ob uns das Schicksal Maß genommen hat zu einem neuen Krönungskleide oder zu einem Sarg, kommt auf niemand als uns selber an. So wie wir die Glocke der Stunde läuten, genau so wird die Zukunft klingen. Die Glocke des Schicksals aber wird von dem Herzen und Geiste des Menschen geläutet, und was der Herzschlag hineinzuckt, das dröhnt ehern das Schicksal wider. Läutet ihr Lieblosigkeit, so klingt euch Haß aus der Welt der Menschen wider, für Habsucht, Feindschaft und Betrug, Verachtung für Würdelosigkeit; aber auch Vertrauen um Treue, Aufopferung und Hingabe um Güte. Ihr könnt Gott betrügen, er wehrt sich nicht, er wird nur töten, wenn euer Maß voll ist. Denn Ursache und Wirkung sind die Kanzler seiner ewigen Macht: unbestechlich, allgegenwärtig, zeitlos. Seit Jahren predigt uns das so gut der Kirchhof als die Kanzel. Und wenn die Alten mit dem Glauben recht hatten, daß der Aufenthalt unter Zypressen heile und stärke, so haben wir diese Kur leicht. Gehen wir nur im Geiste auf die schon Millionen Gräber unserer Gefallenen, so kommen wir zur rechten Kraft, zum großen, reinen Willen, zur wahren Gesinnung. Sie setzten ihr Leben für das Deutschland ein, wie Sie, meine Zuhörer, es noch jetzt jederzeit einzusetzen bereit sind. Diese Gefallenen aber werden die leuchtenden Grundsteine des neuen, schon heraufdämmernden siegreichen Deutschland sein. Sie starben für die Freiheit, so seid frei von jeder Niedertracht des Geistes und des Herzens; sie fielen für die Macht des Reiches, wohlan, werdet mächtig im guten reinen Willen; sie vergossen ihr Blut für die Größe Deutschlands, so erhebt euch zur menschlichen Größe. Wartet nicht immer auf den Staat! Ihr selbst seid der Staat! Ihr seid seine Ursache, er ist nur eure Wirkung. Jeder einzelne von Ihnen gehe darum hin und wirke in seinem Kreise gegen jeden Streit zwischen Deutschen und Deutschen. Wer sich in dieser Stunde diesem Auftrag entzieht, erniedrigt und zertrümmert mit seinem Leben zugleich das Leben des Deutschen Reiches, reißt die Gräber unserer Helden auf und besudelt ihre zerfetzten Gebeine. Dieses Ringen um das wahre Deutschtum ist gleichbedeutend mit hohem Menschentum. So kämpft! Entzündet die Fanale unserer hohen Kultur, und wo die Feuer verschüttet sind, grabt sie auf! Je weniger von oben reglementiert und regiert wird, desto besser. Aber aus dem Himmel unserer großen Vergangenheit beschwört die unabsehbare Reihe großer Geister: die Angelus Silesius und Eichendorff, die Dichterfürsten von Weimar, den Weisen von Königsberg! Beschwört sie in euch hinein, beschwört sie in ein neues Leben! Und sollte die Not aufs höchste steigen, dann wißt auch, daß ihr ebenso dem Volke der Gneisenau, Scharnhorst, York von Tauroggen und Blücher von Leipzig angehört, für das Gott auch Eisen wachsen ließ. Es komme wie es wolle: Nie, nie dürfen wir kapitulieren, nie, solange sich noch ein Arm bewegt und noch ein deutsches Herz schlägt!« Hingerissen lauschte Damian diesem glühenden Aufruf der Geister und Herzen. Wie drängte es ihn, Professor Methner gegenüberzutreten und ihm zu danken, sich gar vielleicht mit ihm allein noch über manchen Punkt aussprechen zu können. Leider bot sich dazu keine Gelegenheit mehr, denn gleich nach Beendigung des Vortrags verabschiedete der General die Kursusteilnehmer und nahm den Professor nebst den Herren seines engsten Stabes im Kraftwagen mit sich ins Hauptquartier zur Mittagstafel. Da Damian von der Ansprache des Professors innerlich viel zu aufgewühlt war, als daß ihm der Sinn danach stand, jetzt noch lange in der Gesellschaft der Kameraden von den verschiedenen Regimentern zu verweilen und zu debattieren, mit denen er bald darauf im großen Offizierskasino zum letzten Male ebenfalls beim Essen zusammensaß, brach er kurz entschlossen vorzeitig auf und machte sich auf die Rückfahrt zu seinem Regiment. Unterwegs überdachte er noch einmal alles, was in diesen zehn Kursustagen zur Sprache gekommen war, und ihn beschließen trotz ihres erhebenden Ausklangs düstere Ahnungen von einer wie durch einen geborstenen Damm auf ihn und jeden einzelnen Deutschen unabwendbar heranstürmenden Flutwelle, die alles mit Vernichtung bedrohte, wenn sich nicht genug beherzte Männer finden würden, sich ihr entgegenzuwerfen, um das Schlimmste zu verhüten. Neunzehntes Kapitel Genau auf den Tag ein Jahr nach seiner zweiten Abfahrt zur Front, am siebzehnten Dezember 1918, traf Damian Maechler, von den Seinigen seit dem Waffenstillstand schon täglich erwartet und nun zuletzt doch überraschend, wieder im Gerberhaus ein; auch diesmal heil an allen Gliedern und abgemagert, aber nicht wie damals nach seiner Verschüttung von Gemütsverdunklungen belastet, vielmehr eher überwach und in seinem ganzen Wesen gestrafft, daß es auf Mutter Christel, Meister Jochen und Sessi, deren sich seit den bestürzenden Ereignissen der Novembertage, dem Zusammenbruch der Fronten, der Abdankung und Flucht des Kaisers und dem Ausbruch der Revolution eine tiefe Niedergeschlagenheit und Verstörung bemächtigt hatte, geradezu unfaßbar und befremdend wirkte. Ja, Damian war in diesem einen Jahr zum zweitenmal ein völlig anderer geworden. Es war, als ob er sieben Häute von sich abgestreift hätte und, aus den rauchenden Trümmern und dem Schlachtendampf phönixgleich entstiegen, bereit sei, mit schon entfalteten Schwingen der neuen, schöneren und besseren Menschheitswelt entgegenzufliegen, die er vor sich zu sehen glaubte. Seine gläubigen deutschen Augen sahen eine neue sittliche Ordnung der Völker in Freiheit und Gleichberechtigung nach dem verpfändeten Ehrenwort des amerikanischen Präsidenten und seinem Plan eines Völkerbundes als der Rechtsgemeinde freier Völker und damit den schöpferischen ewigen Frieden für die Menschheit heraufdämmern; sie sahen für Deutschland nach außen einen ehrenhaften Frieden, ohne Demütigungen, ohne Rachegefühle, ohne Versehrung seiner Grenzen und ohne Kriegsentschädigungen gewährleistet, und sie sahen im Innern des Reiches einen freien Volksstaat, eine wahrhafte Demokratie, ohne Feudalismus, ohne Privilegien, eine ihrer nationalen Würde wie ihrer sozialen Aufgaben gleich bewußte Republik deutscher Prägung im stürmischen Entstehen. Aus solchen glänzenden Augen schaute Damian wochenlang auf das zukunftsträchtige Gären und Brodeln im Vaterland, als das er jetzt, im Blick aus dem Gerberhaus, all die tumultuösen Vorgänge in den deutschen Landen empfand, wie sie ihm täglich aus der Druckerschwärze der Zeitungen entgegenschlugen. Denn bis in das immer ein wenig verschlafene Badestädtchen waren die Wogen der Revolution, wenigstens bis in den Februar hinein, nur in Form mehr oder weniger unerfreulicher, aber immer noch nicht bedrohlicher Ausläufer gedrungen. Lichtscheues Gesindel randalierte da und dort, verhetzte Arbeiterelemente aus der am Rande Wilkaus gelegenen Maschinenfabrik suchten in Wirtschaften und auf der Straßenbahn sich in Szene zu setzen; aber außer, daß sie Ärgernis erregten und eine gewisse Unruhe in die Bürgerschaft trugen, blieb in Wilkau vorerst alles beim alten. Allerdings hörte man, daß sich auch in der Rehberger Garnison ein Soldatenrat gebildet hatte, von dessen Funktionen man sich jedoch kein klares Bild zu machen imstande war. Damian freilich gedachte, als ihm dies zu Ohren kam, wehmütig der herrlichen Kameradschaft seiner Männer, denen er sich wie einer verschworenen Schar zugehörig gefühlt hatte, mit denen er gemeinsam jahrelang all die Herzensnot und Todesnot bestanden, und die ihm bis zuletzt zuchtvoll auf dem Rückzug über die Rheinbrücken in die Heimat gefolgt waren. Zu anderen Stunden wiederum, wenn er sich vorstellte, welche gewaltigen Aufgaben nach der Liquidierung des vierjährigen Völkerwahns vor den deutschen Menschen lagen, wünschte er sich auf irgendeine Weise tätig teilhaben zu können an dem Neubau dieses Staatswesens, dessen Vision er in sich trug, seit er den Grundlagen der griechischen Demokratie nachgespürt hatte. In Breslau hatte sich, wie Damian den Zeitungen entnahm, Professor Methner zum Sprecher für die Zukunftsgedanken des Deutschtums gemacht, indem er sich, mitten im wilden Toben des Umsturzes, leidenschaftlich für die völlige Durchdringung von Sozialismus und Nationalismus einsetzte. Und als mit der Einberufung einer Nationalversammlung zu rechnen war, die nach Damians zuversichtlicher Erwartung das im Jahre 1848 im Sande verlaufene Werk der Einigung aller deutschen Stämme in einem großdeutschen Reich und nach Beseitigung aller dynastischen Widerstände im Rahmen einer neuen Reichsverfassung zustande bringen würde, schrieb Damian, einem plötzlichen Einfall nachgebend, an Professor Methner. Unter Berufung auf die stets so außerordentliche Wirkung seiner Rhetorik, die bis über den Ozean reichende Geltung seines Namens und auf seinen idealistischen Glauben an die Sendung des deutschen Geistes und Wesens appellierte er an den verehrten Mann, er möge sich doch von Schlesien aus für die kommende Nationalversammlung nominieren lassen und dort zu seinem Teil am großen Werk des neuen Reichsbaus mitwirken. Die Antwort des Professors, auf die Damian so rasch gar nicht gerechnet hatte, traf schon nach wenigen Tagen ein. Sie gab ihm, so kurz und bündig sie ungeachtet des herzlichen Tones im ganzen ausgefallen war, hinsichtlich der Aussichten für die Begründung der neuen deutschen Volksgemeinschaft reichlich zu denken. Und doch war der Tag noch fern, an dem Damians Denken reif genug geworden sein würde, für sich die Folgerungen aus dieser beinahe grimmig humorvoll zugespitzten Erkenntnis seines Professors zu ziehen. Professor Methner schrieb: »Politisch bin ich nicht zu gebrauchen, denn ich bin Sozialist und leidenschaftlich national. So wollen mich die Sozialisten nicht, weil ich national bin, und die Nationalen nicht, weil ich Sozialist bin.« Von Anfang März an änderte sich das bisher beinahe friedliche Bild des Städtchens wie mit einem Schlage. Es war, als wollten die Wilkauer nun mit um so größerer Vehemenz das bisher Versäumte nachholen, um nicht etwa als rückständig zu gelten. Mit der ab Februar erfolgten Stillegung der Maschinenfabrik, die während des ganzen Krieges statt der Herstellung von Papiermaschinen der Rüstungsindustrie gedient hatte, und für die es nunmehr einstweilen keine Aufträge mehr gab, bemächtigte sich der davon betroffenen Arbeiter und ihrer Familien rasch eine heftige Erregung. Nicht nur entsprachen die Sätze der Arbeitslosenunterstützung nicht mehr den stark überhöhten Preisen des täglichen Bedarfs, sondern auch der Fortfall der ihnen bisher gewährten Zusätze zu den überaus knappen Lebensmittelrationen trug wesentlich dazu bei, ihre gärende Unzufriedenheit gefährlich zu steigern. Am Monatsende kam es zu den ersten Demonstrationen, Zusammenrottungen vor der Bürgermeisterei, zu Ausschreitungen gegen Gemüse- und Kolonialwarenläden, und als an einem der bitterkalten Tage, in denen die Wilkauer infolge völlig unzureichender Belieferung mit Heizmaterial für den Winter frierend in ihren meist kalten Stuben und Läden hausten, vor der Schloßgärtnerei ein voller Lastwagen mit Koks für die gräflichen Treibhäuser vorfuhr, wurden die Fuhrleute tätlich am Abladen gehindert, der Koks, den die Arbeiter im übrigen gar nicht für ihre Hausbrandöfen gebrauchen konnten, auf die Heidewasserbrücke gefahren und dort in das Bachbett geschüttet, wobei es von Drohungen gegen die wohlgenährten Prasser, Nichtstuer, Holzwucherer und Ausbeuter des Proletariats nur so hagelte. Diese Ausbrüche der überreizten Volksseele machten sich einige Funktionäre der Kommunistischen Partei sofort zunutze und riefen durch Propaganda von Mund zu Mund für den übernächsten Tag, einem Montag, zu einer Versammlung aller Volksgenossen ohne Ansehen ihrer Parteizugehörigkeit in den großen Saal des »Braunen Adlers« auf. Dort würde Genosse Luschak zu ihnen sprechen und Sofortmaßnahmen zur Behebung all dieser ungeheuerlichen Mißstände vorschlagen. Die Kunde von diesen Ereignissen drang natürlich auch bis ins Gerberhaus. »Luschak?« fragte Damian, als er mit Sessi und den Eltern beim Abendessen saß, erstaunt Mutter Christel. »Wer ist das? Der Name ist mir in Wilkau noch nicht begegnet.« »Das glaube ich gern«, erwiderte Christel, und Damian erfuhr von ihr, daß es sich um einen erst vor etwa drei Jahren nach Wilkau gekommenen jungen Lehrer der Holzschnitzschule handle. »Es ist ein hübscher, gerade gewachsener Mensch, wohl ein paar Jahre älter als du, mit einer etwas wild aussehenden schwarzen Künstlermähne, der immer ohne Hut umherläuft. Es hat schon viele hier gewundert, warum er nicht eingezogen wurde, aber er soll einen Herzfehler haben. In der Holzschnitzschule sagen die Schüler, daß er viel kann und ein tüchtiger Lehrer ist, aber sie mögen ihn nicht besonders, weil er ein unangenehmes Wesen hätte. Es hieß schon lange, daß er ein ganz Roter wäre, aber ich hätte doch nicht gedacht, daß er sich dazu hergeben würde, die Leute hier in Wilkau noch mehr aufzuhetzen. Was anderes kann doch bei der Versammlung nicht herauskommen.« »Wir haben halt Revolution, Mutter, unsere Märzrevolution«, suchte Damian das Christel zu beschwichtigen, die sich richtig erbost hatte, »und daß die Leute sich Luft machen, wenn sie nichts verdienen, nichts zu heizen und kaum etwas zum Beißen haben, wundert mich gar nicht. Es kommt jetzt nur darauf an, daß vernünftig vorgegangen wird. Eine Hetzrede wäre das Falscheste, was dieser Herr Luschak unternehmen könnte. Na, ich werde jedenfalls mal hingehen und mir anhören, was der Mann zu sagen hat.« Über diese Absicht Damians zeigten sich Sessi und Christel entsetzt und beschworen ihn, sich doch ja nicht unter die Revolutionäre zu begeben. Aber auch Meister Jochen hielt nicht mit seiner Meinung hinter dem Berge, daß er Damians Entschluß ganz und gar mißbillige, doch nicht etwa, weil er sich dadurch mutwillig einer gefährlichen Situation aussetzen würde. »Denke an deinen Großvater Nathanael«, ereiferte sich Jochen Maechler, »er hat das Beste für die Wilkauer gewollt, und sie haben ihm gewiß auch vieles zu verdanken, aber er hat sich für das Glück seiner Mitmenschen aufgerieben und darüber sein Geschäft, hier die Gerberei, so gut wie zugrunde gerichtet; zuletzt erschien ihm sein ganzes eigenes Leben wie fehlgeschlagen. Nein, nein, zwei Herren kann eben niemand dienen. Nur so weit die Kraft seiner Arme reicht, soll sich ein Mann betätigen. Und merke dir noch das, mein Junge, ich habe es schon so oft in meinem Leben gesagt, aber ich will es dir heute noch einmal ins Gedächtnis rufen: Wer über seinen Zaun brüllt, kriegt zuerst Streit mit seinem Nachbar und verfängt sich bald in Händel mit der ganzen Welt. Das ist meine Überzeugung, danach habe ich mein Leben lang gehandelt, und ich bin nicht schlecht dabei gefahren.« Darauf erhob sich der Meister schwerfällig, ging hinüber zum Fensterplatz und ließ sich, wie erschöpft von einer ungewohnten Anstrengung, in den Backenstuhl fallen, wo er nach kurzer Zeit einschlief. Damian schwieg zwar zu diesen Ansichten Jochens, die er nur zu gut kannte und von denen er wußte, daß es zwecklos gewesen wäre, sie dem Vater ausreden zu wollen. Aber gerade die Zitierung des Großvaters bestärkte ihn, wenn es dessen überhaupt noch bedurft hätte, in seinem Verlangen, nicht länger daheim sozusagen hinter dem Fenster zu sitzen und mit spießbürgerlicher Miene die Stirn in Falten zu ziehen über das, was draußen in der Welt geschah. Zumindest wollte er teilhaben an den Sorgen und Nöten der Mitmenschen, sich eingliedern in das Geschehen der Zeit, nicht anders, wie es der Staat schließlich auch in Kriegszeiten von jedem Bürger erwarten durfte, daß er sich in die Bresche schlug, wenn es galt, sich äußerer Feinde zu erwehren. »Wenn wir Bürger hinter dem Ofen hocken bleiben wollen«, meinte Damian zu Sessi, als sie oben in der Schlafstube noch einmal in ihn drang, doch ihrem und der Eltern Rat zu folgen und sich von all diesem Straßenlärm fernzuhalten, »wenn wir ruhig zusehen wollen, wie die Arbeiter allein das Heft in die Hand nehmen, geben wir uns auf und sind allesamt verloren. Denn dann kommt es zur Diktatur des Proletariats, zur Herrschaft der Straße und, wie in Rußland, zum rettungslosen Chaos. Die These des Bolschewismus: Alles zerschlagen, damit das Neue wird, eine These, an die nur Narren und Schildbürger, ach, was sage ich, nur Wahnsinnige glauben können, diese These würde bald in Deutschland wie drüben in Rußland triumphieren, weil die Not in Deutschland zu groß geworden ist und sich wie ein epidemisches Gift im Volkskörper auszubreiten droht, wenn wir Bürgerlichen nicht aus unserem Stumpfsinn erwachen, die Zipfelmütze des deutschen Michel in die Ecke werfen und uns darauf besinnen, daß alles, was deutsche Kultur heißt, schließlich in Jahrhunderten aus dem Bürgertum gewachsen ist, und daß wir diese Kultur nicht nur zu retten, sondern weiter und höher zu führen haben. Darum hoffe ich nur, daß sich das Bürgertum überall und auch hier in Wilkau den Schlaf aus den Augen reibt und mit den Arbeitern in die Volksversammlungen geht, nicht um bloß zu demonstrieren, sondern um gemeinsam mit ihnen praktische und positive Beschlüsse zu fassen zur Behebung der dringlichsten Notstände und dadurch direkt mitzuarbeiten am Aufbau eines wirklich organischen sozialen Staates. Die Kultur wie der Staat des alten Athen entfaltete sich auch auf der agora, durch die Beschlüsse des Volkes, und zwar seiner gesamten Bürgerschaft und keineswegs etwa nur nach den Wünschen der Hafenarbeiter am Piräus.« Damian redete dies und noch manches andere, während sie schon in ihren Betten lagen, weniger um Sessi zu überzeugen, die für ihren Widerstand eigentlich nur noch ihren ererbten aristokratischen Widerwillen gegen das, was sie die Hefe des Volkes nannte, ins Feld zu führen wußte, sondern um sich selbst über alles klarzuwerden, was in ihm seit dem Ausbruch der Revolution brodelte und nach Ausdruck rang. * Vierundzwanzig Stunden später, es ging schon auf die elfte Stunde, lag Sessi resigniert und unruhig zugleich, da sich Damian nicht hatte umstimmen lassen und nun seit bald drei Stunden noch immer nicht aus der Versammlung gekommen war, noch wach in ihrem Bett, während Mutter Christel, die nicht eher schlafen zu gehen entschlossen war, als bis sie Damian wieder sicher im Gerberhaus wußte, schon in ihrer Nachtjacke, eine dicke Decke um die Beine gewickelt, bei ihr auf dem Bettrand saß. Um sich ihrer Besorgnis zu erwehren, in die sich eine heimliche Neugier mischte, wie es wohl auf der Versammlung zugegangen sein mochte, redete das Christel von allem anderen, nur nicht von dem, was sie eigentlich im Augenblick innerlich beschäftigte, von der Teuerung, von der Kohlennot, von Jochens immer schlimmer werdenden Gemütsverdunklungen, die ihn sogar im Schlaf peinigten, daß er sich wie von bösen Geistern überfallen, ächzend und dumpf murmelnd stundenlang in seinem Bette wälze und manchmal richtig um sich schlage. Die kleine Schwarzwälder Wanduhr hatte gerade elf geschlagen, als die beiden Frauen unten die Haustüre öffnen und schließen hörten und Damian kurz darauf federnd in die Stube trat. »Ja, seht mich nur beide genau an, ihr Lieben«, rief er lachend noch auf der Schwelle, als er die beiden Frauen so erwartungsvoll beieinanderhocken sah. »Ich lebe noch, man hat mich weder verprügelt, noch ist mir sonst was Übles geschehen. Im Gegenteil. Staunen werdet ihr, ich bin selbst noch ganz benommen von dem, was ich heute abend erlebt habe.« Und Damian sprudelte förmlich aus sich heraus, wie alles verlaufen war, indes Mutter Christel und Sessi gespannt seinem ausführlichen und immer aufregenderen Bericht lauschten: »Der große Saal war bald überfüllt, die Fabrikarbeiter waren wohl vollzählig erschienen, viele mit ihren Frauen. Aber auch aus den anderen Schichten der Bevölkerung hatten sich zahlreiche Besucher eingefunden, vor allem Kaufleute und Handwerker, auch ein paar Herren vom Gemeinderat und der eine oder andere Lehrer. Nur die sogenannten besseren Kreise hatten sich ängstlich zurückgehalten, und von den Adligen war natürlich nicht einer gekommen. Um einen besseren Überblick zu haben, hatte ich mir ziemlich weit hinten an einem Seitengang einen Platz gesucht. Neben mir saß der frühere Hauptmann Anderseck, ihr wißt ja, der Teilhaber der Wilkauer Teigwarenfabrik. Vorn hatten sie ein richtiges Rednerpult aufgebaut und mit einem großen roten Tuch drapiert, was ich geschmacklos und unklug fand. Ein Vorarbeiter aus der Maschinenfabrik, ein unbeholfener älterer Mann, der kaum ein paar richtige Sätze von sich geben könnte, aber wohl von den Kommunisten vorgeschickt worden war, eröffnete die Versammlung und erklärte gleich, daß er dem Genossen Luschak das Wort erteile. Dieser Luschak ist ja ein äußerst gefährlicher Bursche, das war mir schon nach ein paar Minuten klar. Er redete, nur durch häufige zustimmende Zurufe der Arbeiter unterbrochen, die immer hitziger wurden, fast anderthalb Stunden auf die Versammlung ein. Und wie er redete! Ein Agitator, ein fanatischer Kommunist stand da oben, der genau weiß, wie man Massen aufwiegelt, ihre schlechten Instinkte weckt. In mir bäumte sich alles auf gegen diesen Hetzapostel. Es hätte gar keinen Sinn, euch noch mehr davon zu erzählen. Um es kurz zu machen: nach einer guten Stunde hatte Luschak die Arbeiter, die stark in der Überzahl waren, so weit, daß sie mir bereit schienen, auf einen Wink von ihm sich zu erheben, jeden im Saale, der nicht zu ihnen gehörte, zu verprügeln, auf die Straße zu laufen, die Läden zu plündern, die Villen anzuzünden und vor allem ins Schloß einzudringen und dort alles kurz und klein zu schlagen. Ich kam mir vor wie auf einem Pulverfaß, an dem schon die Lunte brennt. Da packte es mich mit einem Male, daß ich aufsprang, die Reihen entlang nach vorn stürmte, den Genossen Luschak, der völlig verdutzt dastand, vom Pult wegdrängte und mit Stentorstimme in den Saal hinein zu reden begann. Wie ich es anfing, weiß ich nicht, was ich alles sagte, weiß ich auch nicht mehr, ich weiß nur noch, daß es aus mir redete, bis mir der Schweiß aus den Poren brach, und daß mich die Leute reden ließen, die Zwischenrufe, die ich gar nicht beachtete, bald verstummten und schließlich die ganze Versammlung wie hypnotisiert auf das hörte, was ich sagte.« Damian unterbrach sich einen Augenblick, ehe er dem Höhepunkt seines Berichts zusteuerte. Man konnte ihm anmerken, wie er sich beinahe diebisch an der Fassungslosigkeit Christels und Sessis weidete, die hauchstill dasaßen und deren Augen wie gebannt an seinen Lippen hingen. »Während ich so redete und redete«, fuhr Damian schließlich fort, »überlegte ich mir fortwährend, daß es doch darauf ankomme, den Leuten zum Abschluß etwas Greifbares zu bieten, bis es mir plötzlich wie eine Erleuchtung aufging, was ich ihnen vorschlagen sollte. Ich erinnerte mich, daß sich schon fast überall in den Städten Volksräte gebildet haben, die es vorgeblich als ihre Aufgabe ansehen, die Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten, für Abstellung der schlimmsten Auswüchse der Volkswut und für die Beseitigung der gröbsten Mißstände im öffentlichen Leben zu sorgen. Es sind zwar rein revolutionäre Gebilde, aber ich halte sie im Augenblick für unumgänglich, es kommt nur darauf an, wie sie zusammengesetzt sind. Wenn beherzte Männer von anständiger Gesinnung darin wirken, werden sie nur Segen stiften, den fanatischen und randalierenden Elementen entgegentreten können und allmählich alles wieder in ein ruhiges Fahrwasser zurücklenken. Darauf baue ich auch in Wilkau. Daher schloß ich meine Rede mit dem Vorschlag zur Einsetzung eines Volksrates, der in einer zweiten Versammlung, die so bald wie möglich stattfinden möge, gewählt werden solle. Ihr könnt euch einfach nicht vorstellen, was daraufhin geschah. Die Leute sprangen von ihren Plätzen, jubelten mir frenetisch zu, riefen im Chor, ich sollte die Bildung des Volksrats übernehmen, stürmten dann beinahe das Rednerpult, hoben mich herunter und trugen mich auf ihren Schultern durch den Saal. Jetzt bin ich also«, schloß Damian ein wenig nachdenklich, »der Wilkauer Volksbeauftragte zur Bildung eines Volksrates und kann, auch wenn ich es wollte, gar nicht anders, als die Sache augenblicklich in die Wege leiten.« Seinen Zuhörerinnen hatte es offenbar die Sprache verschlagen. Mutter Christel faßte sich zuerst und meinte endlich: »Ja, mein Lieber, nun mußt du ausessen, was du dir eingebrockt hast. Ich fürchte nur, daß du nicht viel Freude erleben wirst. Wie Vater die Sache aufnehmen wird, wage ich gar nicht auszudenken.« »Und ich«, ließ sich nun auch Sessi vernehmen, »finde es einfach geschmacklos von dir, Damian, wenn du wirklich noch die Absicht haben solltest, diese Dinge weiter zu treiben. Du wirst dich doch als Offizier und Akademiker nicht im Ernst dazu hergeben wollen, dich hier in Wilkau vor allen Leuten als eine Art Volkstribun aufzuspielen?« »Von Aufspielen kann gar keine Rede sein, meine Liebe«, erwiderte Damian ein wenig ärgerlich und mit Nachdruck, »ich fühle mich durchaus als Beauftragter, als Mandatar der überwiegenden Mehrheit derjenigen, die angesichts unhaltbar gewordener Zustände und offenbar schwerwiegender örtlicher Mißstände sich durch mich noch einmal haben davon überzeugen lassen, daß mit Gewaltmaßnahmen das Übel nicht auszubrennen wäre, sondern daß vernünftig vorgegangen werden muß. Und ich bin nicht gesonnen, das Vertrauen zu enttäuschen und mich vor der Verantwortung zu drücken. Wer über mich die Nase rümpfen will, soll das ruhig tun, davon werde ich mich nicht eine Sekunde anfechten lassen. Und nun wollen wir kein Wort mehr darüber verlieren, liebe Frau.« Damit beendigte Damian kurzerhand alle weiteren Einwände von seiten Sessis, die er ihr schon am Gesicht ablas, und begann sich auszukleiden, so daß auch Mutter Christel sich bald erhob und mit einem versöhnlichen Gutenachtgruß entfernte. Als Damian schon eine Weile das Licht ausgelöscht hatte, glitt Sessi auf sein Lager hinüber und begann noch einmal den Versuch, ihn umzustimmen und ihm das Versprechen gleichsam abzuschmeicheln, die ganze Volksratsgeschichte fallen zu lassen. Wenn Damian auch entschlossen war, über diesen Punkt nicht mit sich reden zu lassen, so berührte ihn Sessis zärtliche Stimme und Schmiegsamkeit doch bald um so verwirrender, als er sich ihr, eingedenk ihres feierlichen Gelöbnisses kurz nach der Hochzeit, auch seit seiner Rückkehr aus dem Felde geflissentlich ferngehalten hatte und jetzt der Hoffnung hingab, sie habe sich eines Besseren besonnen, wolle ihre unerklärliche Büßerinnenhaltung aufgeben und ihr Versprechen einlösen, das sie ihm damals freiwillig gegeben hatte. Aber wie Sessi sich in ihrer Erwartung getäuscht hatte, Damian würde ihrem liebevollen Drängen nach Aufgabe seines Entschlusses nicht widerstehen können, ebenso sah sich Damian in seiner Hoffnung auf eine Sinnesänderung Sessis getäuscht. Wohl schien es ihm zunächst, als käme Sessi seinem Verlangen entgegen, doch mit einem Male entzog sie sich seinen Armen, begann genau wie damals bitterlich zu schluchzen und stotterte: »Ach, armer, liebster Damian ... ich kann nicht ... ich schäme mich ja so ... es ist doch wahr gewesen ... es ist nur noch viel schlimmer geworden ... Gott verzeihe mir ... ich kann es nicht!« So flehentlich stieß sie diese Worte hervor, daß sie Damian erschütterten und sein Verlangen erstickten. Zugleich aber fühlte er sich von dem unbegreiflichen Wesen Sessis erneut dermaßen in seiner Liebe verletzt, daß er es für unter seiner Würde hielt, ihren Lippen das Geheimnis ihrer tiefen Not zu entreißen. Noch lange hörte er sein Weib wie gefoltert in ihre Kissen weinen, bis ihn endlich der Schlaf übermannte. * Am nächsten Morgen erhob sich Damian nach einer in abgrundtiefem Schlaf verbrachten Nacht, ohne Sessi gegenüber mit einem Wort weder auf seinen unerschütterlichen Entschluß in der Volksratsangelegenheit noch auf das befremdende eheliche Geschehen der vergangenen Nacht zurückzukommen. Dann stürzte er sich zum ersten Male seit seiner Rückkehr ins Gerberhaus in einen aufgabenreichen Tag, der ihn bis in den späten Abend hinein in Anspruch nahm. Eine Fahrt nach Rehberg, zahlreiche Gänge in Wilkau, Verhandlungen im Gemeindeamt und in der Redaktion des »Wilkauer Anzeigers«, Besprechungen mit Gewerkschaftsfunktionären – alle diese Maßnahmen dienten der Vorbereitung der Gründungsversammlung, die er noch vor Ablauf der Woche zustande bringen wollte. Eine Anzeige in der Donnerstagnummer des »Anzeigers« unterrichtete die gesamte Einwohnerschaft von der auf Freitagabend wieder in den »Braunen Adler« anberaumten Versammlung zur Gründung eines Volksrates für die Stadt Wilkau. Sie war namens eines nicht weiter benannten Aktionsausschusses gezeichnet: »Der Volksbeauftragte: Dr. Damian Maechler.« Als diese Anzeige, die sich in ganz Wilkau wie ein Lauffeuer herumsprach und je nach Einstellung der Menschen lebhafte Zustimmung oder hohnvolle Ablehnung auslöste, Meister Jochen zu Gesicht kam, er befand sich gerade mit Christel allein in der Wohnküche, schlug er mit der Rechten so heftig auf den Tisch, daß das Christel blaß wurde. Dann begann er, sich alles das, was sich in ihm in den letzten Wochen, ja seit dem Zusammenbruch der Fronten und dem Beginn der Revolution an Bitterkeit und Enttäuschung über diese Zeit und ihre Menschen und nicht zuletzt über seinen einzigen Sohn und Erben aufgespeichert hatte, in einer so verzweifelten langen Klagerede vor dem armen, hilflos dastehenden Christel von der Seele zu sprechen, daß das liebe Wesen davon tief betroffen wurde und sich zuletzt aufweinend auf die Ofenbank fallen ließ. In dieser halben Stunde mußte sie so deutlich wie noch nie zuvor erkennen, daß ihrem Jochen seine ganze Welt- und Lebensanschauung, alle seine Grundsätze, auf denen er wie auf einem granitenen Unterbau sein Leben errichtet zu haben glaubte, wie unter letzten Schicksalsstößen zusammengebrochen waren. Alle diese Grundsätze, nach denen seiner Meinung nach ganz Deutschland durch vierzig Friedensjahre wohlbestellt gewesen sei, hatten sich, kaum daß das Schicksal begann, an ihnen herumzuklopfen, als hohl erwiesen gleich taubem Weizen, der nur leeres Stroh ergibt, wenn er auf der Tenne gedroschen wird. Und sein Sohn, von dem er insgeheim immer noch gehofft habe, daß er vielleicht doch zu etwas Höherem berufen sein würde, gäbe sich jetzt gar noch dazu her, selbst diesen armseligen Strohschober in Brand zu stecken und zu vernichten. »Weib, ich sage dir, ich sitze hier als ein ausgemachter Narr. Ich habe in diesem Haus gelebt und gewerkt in der Sicherheit eines Narren, der sich in einem Stuhl aus Wasser zur Ruhe setzen und in einem Bett schlafen will, das mit Wind gefüllt ist. Ja, du lieber Herrgott ...!« Unter diesem Ruf warf er die ausgebreiteten Arme in die Luft, brach aber sofort ab und schüttelte verzweifelt seinen Kopf. Durch ihre tränenfeuchten Augen beobachtete das Christel unterdessen in jäher Sorge ihren Jochen, der jedoch nach kurzem Verharren schwerfällig aufstand und sich in seinen Backenstuhl niederließ, um wie meistens, so auch diesmal, nach kurzer Zeit darin einzuschlafen. Doch als ob sich der Schlaf, nachdem er das Opfer in seine entrückte Ruhe eingefangen, nicht mehr weiter um den zu ihm Geflüchteten kümmere, sondern den Traumgeistern überließe, begann der Gerber nicht anders wie in seinen traumdurchtobten Nächten erst dumpf und angstvoll zu murmeln, dann unter Bewegungen verzweifelter Gegenwehr so notvoll zu ächzen, daß Christel den Anblick nicht länger ertragen konnte und aufstand, um ihn den Fängen seiner Peiniger zu entreißen. Nach vielem Rütteln erwachte er, sah sich enttäuscht in der Stube wie in einem fremden, unbekannten Raume um und sagte dann leise, noch im halben Stammeln des Traumes, ihr dabei gütig die Hand reichend: »Ich danke dir, liebes Christel, daß du mich geweckt hast. Aber es hat ja wenig Sinn. Die finstern, finstern Wagen... Ich gerate noch einmal unter ihre Räder ... Jaja. Christel ... Mich kann nun keiner mehr vor ihnen retten, eben hörte ich schon deutlich ihre Räder rollen, es dauert nicht mehr lange, und sie jagen über mich hin. Aber euch beiden soll nichts geschehen ...« Als Damian zur Vesperzeit heimkam, nahm ihn Christel beiseite, verständigte ihn von dem Verzweiflungsausbruch Jochens, verhehlte ihm auch nicht ihre Erschütterung und tiefe Sorge um ihn, war aber einsichtig genug, nicht noch einmal in Damian zu dringen, seine Absichten mit dem Volksrat aufzugeben. Da Damians Gemüt schon seit dem nächtlichen Erlebnis mit Sessi mehr aufgebürdet worden war, als er neben der Verantwortung für die Durchführung der Volksratsangelegenheit gebrauchen konnte, wehrte er sich instinktiv dagegen, sich von dem, was ihm Christel über Vaters Verstörung eröffnete, noch stärker belasten zu lassen. Darum unterdrückte er gewaltsam seine eigene Betroffenheit über die Folgen seiner politischen Aktivität auf den schon seit Jahren in ausgesprochener Lebensferne eingesponnenen Vater und suchte Mutter Christel damit zu beruhigen, daß sie doch aus Erfahrung wüßte, wie zwecklos es sein würde, an diesem Zustand noch etwas ändern zu wollen, ja daß allein dann, wenn der Vater sehen würde, daß seine, Damians, Absichten zum Guten ausschlügen, eine Hoffnung bestünde, ihn noch einmal seinem ganzen Gram und seiner Lebensverstörung zu entreißen. Auf diese Weise gelang es ihm auch wirklich, Christels Befürchtungen einigermaßen zu zerstreuen und ihrer unvermindert herzlichen Zuneigung zu ihm sogar ein frohes Lächeln zu entlocken, das ihm ihr gläubiges Vertrauen in die Richtigkeit seines eigenen Weges versicherte. Im tiefsten hatten ihm die Eröffnungen Christels über den Vater doch einen solchen Stoß versetzt, daß er sich noch einmal Mütze und Mantel holte, um auf einem Gang in den milden Märzabend seine innere Sicherheit wiederzufinden, vielleicht auch schon den Zugang zu der Ansprache zu gewinnen, die er am nächsten Tage in der wichtigen Gründungsversammlung zu halten gedachte, der er sich doch nicht unvorbereitet gegenüberstellen wollte. Als er ins Freie trat, schien die Abendsonne so einladend in das Vorgärtchen, daß er es, vom Hin und Her dieses Tages doch ein wenig ermüdet, der ihn auch heute kaum hatte zur Ruhe kommen lassen, vorzog, auf den geplanten Gang zu verzichten und sich auf dem übersonnten Bänklein unter dem Frontspieß des Gerberhauses niederließ. Hier gab er sich bald beim leise glucksenden Plaudern des Heidewassers einem mehr träumenden als scharf zergliedernden Denken über die Lage Deutschlands nach dem Zusammenbruch und über die notwendigen Folgerungen hin, die es in dieser Schicksalsprüfung nunmehr für den Einzelnen wie für die Gesamtheit zu ziehen galt. Doch sowie er sein Streben nach innerer Klärung und Sammlung auf die Ansprache im Volksrat zu richten begann, um die es ihm im Grunde zu tun war, geriet er sofort in einen Wirbel sich widerstreitender Gedankenströme, die ihm selbst unerklärlich waren, weil er sie nicht als aus seinem eigenen Denken herrührend empfand. Vielmehr erschien es ihm, als kämpften zwei fremde Widersacher, ein innerer und ein äußerer, leidenschaftlich miteinander um die Oberhand über seinen Geist. Der eine, der in seiner Brust, das erkannte er deutlich, trug die gequälten Züge seines Vaters und drängte sich vorwurfsvoll in seine Pläne und Vorsätze. Der andere dagegen, der außer ihm, hatte keine körperlichen Merkmale, sondern wuchs gleichsam als ein Schemen neben ihm auf, der mit überlegener Dialektik gegen die Stimme des anderen zu streiten begann. Damian selbst fühlte sich inmitten dieses geheimnisvollen, Ringens, dem er wie ein gespannter Zuschauer folgte, fast ausgeschaltet. Nach einer Weile war es dem überlegenen Geist gelungen, die vorwurfsvolle vaterähnliche Stimme so zu schwächen, daß es Damian war, als versänke sie in eine bodenlose Tiefe. Die schemenhafte Gestalt neben ihm indes war geblieben, die, wohl anders als er und ihm doch gleich, aus einer unendlichen Weite bis zu ihm herangeschwebt war. Das ging ihm nun aber doch über die Hutschnur. Empört über diese ganze Alfanzerei erhob er sich, blieb aber sofort regungslos stehen. Denn das geheimnisvolle Wesen schwebte auch auf, sah ihn gesichtslos an und bewegte sich dann wehend durch den kleinen Vorgarten von ihm fort und ließ zugleich ein Locken hinter sich hergleiten, dem nicht zu widerstehen war. So begann Damian, ohne sich dessen eigentlich bewußt zu werden, wie im Traume, der Erscheinung zu folgen, kam aber nur bis zum Gartenpförtchen. Dort mußte er einfach stehenbleiben, weil sich der Unbezeichenbare zu seinem maßlosen Erstaunen auf ein geisterhaftes Pferd schwang und davonstob, die Feldgasse hinunter, über die Heidebrücke, daß die Holzbohlen unter seinen unsichtbaren Hufen donnerten. Das Traben donnerte ferner und ferner, schwächer und schwächer, immer höher in die Himmelsweite hinauf, und verlor sich endlich dort in der Höhe hauchleise wie eine Traumerinnerung. Da kam Damian zu sich und begriff nicht, was vorgegangen war. Denn er hatte nur gewähnt, der Erscheinung bis zur Gartenpforte gefolgt zu sein; er saß in tiefer Dunkelheit noch immer an derselben Stelle, auf der er sich vor Stunden niedergelassen hatte. Tief erschüttert stand er auf und ging ins Haus. Wollten denn die Folgen seiner Grabenverschüttung gar nicht aufhören? Wenn auch längst nicht mehr so oft wie früher, immer wieder wurde er so in innere Unbegreiflichkeiten geschleudert. Sessi schlief schon, als er in die Stube trat. Behutsam streifte er die Kleider ab, legte sich bekümmert ins Bett und war eben darüber her, sich in seine gewohnte Schlaflage zu rücken, da schoß grell die Gewißheit über ihn hin, daß der Rätselhafte sein Großvater Nathanael, vielmehr sein hochfliegender Geist gewesen sei. Jäh setzte er sich in seinem Bett auf, sprang heraus, tastete sich zum Fenster, öffnete es und horchte gespannt in die Nacht den geisterleisen Hufschlägen nach, mit denen er in die Höhe verschwunden war. Aber nichts anderes war mehr zu hören als das Heidewasser, das geruhig seine Wellen vorüberklinkerte. Dennoch ließ der unbegreifliche Zwang, hinter das Geheimnis zu kommen, das ihm unten auf der Bank widerfahren war, nicht nach, und er fuhr fort, in die Nacht hinauszuhorchen. Da fühlte er, wie sich eine Hand begütigend auf seine Stirn legte und nach einigem Verharren wieder so von ihr löste, wie sie gekommen war, schwerelos, unwirklich gleich einem Luftzug aus der Nacht. Zwanzigstes Kapitel So durch den Geist Nathanaels in seinem Wollen bestätigt und sogar noch darüber hinausgeführt, trug es Damian beschwingt durch den nächsten Tag und in die Gründungsversammlung im »Braunen Adler«. Der Saal war wieder bis zum Brechen voll, aber diesmal hatte sich neben den Arbeitern auch das Bürgertum in weitaus größerem Umfang eingefunden. Als Damian die Versammlung eröffnete und sogleich das Wort zu seiner großen Rede ergriff, herrschte atemlose Stille, und kein Zwischenruf fuhr ihm störend in seine aus dem Stegreif vorgetragenen Gedanken. Gegen das Ende seiner Ansprache ging Damian dazu über, die Grundsätze zu erläutern, nach denen seiner Meinung nach bei der Bildung des Volksrats verfahren werden müsse. Es handele sich hier nicht um ein Parlament, um die Vertretung der verschiedenen Parteien und ihrer Interessen, sondern ausschließlich darum, daß Männer berufen würden, die auf Grund ihres Berufes oder ihres Gewerbes und ihrer genauen Kenntnis der örtlichen Verhältnisse in der Lage wären, sofort durch praktische Maßnahmen an die Beseitigung der obwaltenden Mißstände heranzugehen, und zwar so, daß jedermann in Wilkau überzeugt sein könne, es werde für das Gemeinwohl gearbeitet. Mit Sonderinteressen könne und dürfe sich der Volksrat nicht befassen. Die Gemeinde habe sich im übrigen bereit erklärt, für Unkosten, die dem Volksrat aus seiner Tätigkeit erwachsen würden, aufzukommen, doch sähe er es als seine Pflicht an, diese Unkosten in den bescheidensten Grenzen zu halten. An dieser Stelle bekundete die Versammlung zum ersten Male durch ein allgemeines Beifallsmurmeln ihre lebhafte Zustimmung. In diesem Sinne, so fuhr Damian fort, schlage er im Einvernehmen mit den Gewerkschafts- und Parteiorganisationen und bereits im Besitz der Zusagen der von ihm ins Auge gefaßten Persönlichkeiten sechs Männer vor, über deren Wahl zu ständigen, und zwar ehrenamtlichen Vertretern sich die Versammlung nunmehr schlüssig werden möge. Die absolute Mehrheit solle entscheiden. Der Einfachheit halber bitte er diejenigen, die sich bei der folgenden Verlesung jeweils mit dem einen oder anderen Namen nicht einverstanden erklären könnten, sich von ihren Plätzen zu erheben. Dank seiner umsichtigen Vorverhandlungen und der psychologischen Überlegung, daß im allgemeinen niemand gern öffentlich gegen eine offensichtliche Mehrheit auftritt, glückte es Damian daraufhin, ohne Widerspruch zu ernten, seine sechs Kandidaten, sich inbegriffen, einen nach dem anderen als einstimmig gewählt erklären zu können. Und schon war er dabei, vom Rednerpult abzutreten und den Gewählten, die sämtlich anwesend waren, im Namen der Versammlung für ihre Bereitwilligkeit zur Übernahme dieses Ehrenamtes zu danken, als im Saale von einer bestimmten Ecke ausgehend eine merkliche Unruhe entstand, die er sich nicht erklären konnte. Nach einigem scheinbaren Sträuben erhob sich, als er in die Versammlung hinein fragte, ob jemand noch irgendeinen wichtigen Vorschlag zu machen habe, aus einer Gruppe weiblicher Teilnehmer ein junges, ihm zuerst gänzlich unbekannt erscheinendes Wesen. Indem sie sich weniger an Damian als an die Versammlung wandte, warf sie ohne eine Spur von Befangenheit mit klarer Stimme die Frage auf, wer denn unter den gewählten Volksratsmitgliedern gewillt und dazu geeignet sei, sich für die schließlich stimmenmäßig die gute Hälfte der Einwohnerschaft Wilkaus ausmachende Zahl der ja im neuen Staat gleich- und wahlberechtigten Frauen einzusetzen und ihre wahrhaftig in diesen Zeiten nicht gerade rosige Lage, sei es als Arbeiterin, Haus- oder Geschäftsfrau, verständnisvoll zu berücksichtigen. Das junge, blonde, vollschlanke und gut gekleidete Wesen machte sofort solchen Eindruck auf sämtliche weitaus in der Überzahl im Saale befindlichen Männer, daß sie ihr teils stürmisch zuklatschten, teils in einer Weise zulachten, die einer ausgesprochenen Anerkennung ihres so mutig-selbstbewußten Auftretens gleichkam. Auch auf Damian verfehlte das Auftreten und die Erscheinung der jungen Frau nicht die von ihr beabsichtigte Wirkung. Er ließ sich daher zu einer höflichen Erwiderung herbei, die in die Gegenfrage auslief, ob sie bei ihrem Vorstoß denn eine bestimmte Absicht im Auge gehabt habe. »Ja«, erwiderte sie rasch und freimütig, »ich meine, daß in den Volksrat auch eine Frau als Vertreterin unseres Geschlechts hineingehört und daß darüber zumindestens einmal abgestimmt werden müßte.« Damian konnte sich zwar ein Lächeln über die Resolutheit dieser keineswegs unsympathisch wirkenden Person nicht verkneifen, überdachte dabei aber blitzschnell und ernsthaft die neue Situation, mit der er überhaupt nicht gerechnet hatte. Vielleicht war es wirklich ein Fehler, wenn man keine Frau in den Volksrat aufnahm? Es wäre gewiß kein Schade, auf diese Art von vornherein dem weiblichen Element in Wilkau das Gefühl zu geben, daß es nicht übergangen wurde, und es würde auch tatsächlich einer im Zuge der Zeit liegenden Tendenz entsprechen, der er selbst in gewissen Grenzen recht geben mußte. Warum er nur nicht schon von selbst rechtzeitig daran gedacht hatte! Jetzt würde es kaum sogleich möglich sein, der Versammlung die richtige Person vorzuschlagen. Oder sollte man einfach diesem blonden Wesen da einen Sitz im Volksrat antragen und darüber abstimmen lassen? Aber er kannte sie doch überhaupt nicht! An diesem Punkt seiner hastigen Überlegung angekommen, wandte sich Damian kurz entschlossen den noch um ihn herumstehenden eben gewählten Volksratskollegen zu, um in Erfahrung zu bringen, mit wem man es eigentlich in dieser hübschen Person zu tun habe, die so entschlossen für ihr Geschlecht eintrat. Aber er konnte nur noch mit halbem Ohr heraushören, daß sie eine tüchtige Schneidermeisterin sei, da es im Saal von neuem lebendig wurde und sich immer mehr Stimmen vernehmen ließen, die ihm zuriefen: »Wir stimmen für diese dort!«, und andere: »Wir wählen Selma Mosig!«, bis es schließlich klar war, daß die Stimmung der Männer im Saale ziemlich einhellig die Wahl dieser Frau forderte. Damian glaubte sich verhört zu haben, als ihm der Name Mosig entgegenschlug, aber nun erkannte er sie wieder, tatsächlich, es war Selma Mosig, die er als Vierzehnjährige bei einer schon mehr als verfänglichen Situation mit seinem Freunde Neefe betroffen hatte. Gleichviel, das lag heute mehrere Jahre zurück, schoß es ihm durch den Kopf, und war schließlich eine Jugendverirrung. Seine Entscheidung durfte, ja konnte er angesichts der Stimmung im Saale nicht davon beeinflussen lassen. In dieser Erkenntnis schlug Damian jetzt ohne weiteres Zögern der Versammlung den Namen Selma Mosigs zur formalen Beschlußfassung vor, und wieder ergab sich infolge der Scheu einer zweifellos vorhandenen, aber geringen Minderheit zur öffentlichen Ablehnung der Favoritin die einmütige Annahme seines Antrags. Damit war die eigentliche Wahl glücklich beendet, und Damian, dem rein durch die von ihm ausgegangene Initiative zur Gründung des Volksrates dessen Leitung zugefallen war, ohne daß es darüber überhaupt noch einer Klärung bedurft hätte, konnte sich, indem er von neuem das Wort ergriff, der Darlegung seiner Organisation zuwenden, über die er sich schon in den letzten Tagen klargeworden war. Diese gipfelte in der Erklärung, daß er vorbehaltlich der Zustimmung seiner Mitarbeiter dafür sei, die anfallenden Aufgaben in Dezernate aufzuteilen, und zwar in der Weise, daß jedes Volksratsmitglied das ihm gemäße Gebiet übernehme. Nachdem er sich noch im einzelnen darüber ausgelassen hatte, welche Dezernate ihm vorschwebten, richtete er angesichts der Versammlung an jeden seiner neuen Mitarbeiter die freilich schon in den Vorverhandlungen abgesprochene Bitte, ein bestimmtes Aufgabengebiet zu übernehmen, und verkündete alsdann die Bildung des Volksrats in folgender Zusammensetzung für vollzogen: Vorsitzender und Dezernent für allgemeine Fragen: Damian Maechler. Stellvertretender Vorsitzender und Schriftführer: Buchhändler Siebel. Kohlendezernent: Kohlenhändler Jakob Prause. Lebensmitteldezernent: Kolonialwarenhändler Julius Lemke. Arbeitnehmerdezernent: Werkmeister Josef Melchers. Arbeitgeberdezernent: Hauptmann a. D. Gutsbesitzer und Fabrikteilhaber Richard Anderseck. Dezernent für Frauenfragen: Schneidermeisterin Selma Mosig. An diese Vorstellung der neugebildeten Körperschaft, deren erste Sitzung er gleich auf den kommenden Montag in das Vereinszimmer des »Braunen Adler« anberaumte, knüpfte Damian zunächst noch die Mitteilung, daß er jederzeit namens des Volksrates zur Entgegennahme vom Wünschen und Beschwerden aus der Bevölkerung bereit sei, zu welchem Zweck er einen Briefkasten im Flur des Gemeindehauses anbringen lassen werde, eine Mitteilung, die mit lang anhaltendem Beifall aufgenommen wurde. Endlich konnte Damian fortfahren: »Liebe Männer und Frauen, Menschenkameraden! Ehe ich nunmehr diese denkwürdige Gründungsversammlung für geschlossen erkläre, möchte ich euch allen meinen besonderen Dank für das uns entgegengebrachte Vertrauen dadurch abstatten, daß ich mich euch gegenüber klar und unmißverständlich zu der Auffassung bekenne, die ich von unserer Zeit und unserem neuen Staat hege, und von der ich zuversichtlich hoffe, daß sie, ganz gleich an welcher Stelle jeder von euch politisch stehen mag, in euren Herzen widerhallen und aus diesem Saale in alle Häuser Wilkaus hinausdringen wird. Es ist meine tiefe Überzeugung, daß allein durch eine solche idealistische Auffassung und Aufgeschlossenheit des Herzens unser ganzes Volk aus dem Unglück, in das es geraten ist, den Weg in eine glückliche Zukunft finden kann. Wir werden in den Staat geboren, leben und sterben im Staatsschiff, und wenn wir Freiheit, Kameradschaft und andere hohe Volkselemente als Äußerungen der Volkswesenheit nicht im Staate finden können, so sind sie eben einfach nicht vorhanden. Was nutzt es da, den Staat zu zertrümmern? Dadurch entstehen sie sowenig, wie ein leerer Topf sich mit Milch füllt, wenn ich ihn zerschlage. Nein, an uns liegt es, die grundlegenden Ideen der Volksgemeinschaft zur Wesens- und Lebenswirklichkeit in uns selbst zu machen, dann wird mit eins als Nebenwirkung dieser unserer inneren Revolution der Staat unserer Sehnsucht vorhanden sein, nicht mehr als ein Leiden aller, an dem doch keiner sich als mitverantwortlich und schuldig fühlt, sondern als ein Glück aller, das durch die Selbstverantwortlichkeit jedes einzelnen zur Pflicht der Wahrheit und Treue immer mehr befestigt und höher getragen wird. Liebe Freunde, Kameraden! Der deutsche Mensch war es müde, nur ein Untertan, eine Art Knecht, das zu sein, was uns ein Ziegel in einem Hause ist. Ihr wollt Gleichheit! Gut, so begebt euch rüstigen Fußes von dieser Stunde an auf den einzigen Weg, der zu ihr hinführt, auf den Weg wahrer Kameradschaft in allem Guten, in aller Werktätigkeit ehrenhafter Gesinnung, daß Freiheit nicht Zügellosigkeit, Streben ohne Ehrsucht und Mißgunst, Menschengüte ohne Berechnung sei. Je besser uns das gelingt, desto näher werden wir der Gleichheit in diesem Ideal der Gleichheit kommen, das von sich zu fordern jeder die Pflicht hat. So und nicht anders stürzt euch innerlich um, so revolutioniert euch! Nur so ist Revolution eine heilige Angelegenheit, an deren Erfüllung wir alle Kräfte setzen müssen. Anders wären wir alle nur eine aufsässige Horde von Sklaven im Joch ihrer eigenen Bosheit, Gier und aller gemeinen Leidenschaften. In diesem Sinn soll der Staat zur Sache des ganzen Volkes werden, eine wahre Republik. Sie lebe hoch, hoch, hoch!« Während die Menschen schon aus dem Saale strömten, war Damian, sowenig es ihm lag, genötigt, die persönlichen Glückwünsche der mit ihm gewählten Volksratsmitglieder zu dem so erfolgreich verlaufenen Abend und besonders zu seinen Schlußworten entgegenzunehmen. Dabei empfand er zu seiner Erleichterung, daß sich Selma Mosig bei diesem ersten Zusammentreffen mit ihm nach langen Jahren nicht im mindesten betroffen zeigte. Aber daß sie ihn so frei und mit solch kameradschaftlicher Erfreutheit und Zuneigung begrüßen würde, als seien sie beide durch das Zauberspiel gemeinsam verlebter Kindheit verbunden, hätte er doch nicht erwartet. Dabei blitzten ihn ihre stahlblauen, ein wenig unruhigen und doch fest zupackenden, dabei sinnlichen Augen so kühn an, daß er spürte, wie er ihr gegenüber in der Erinnerung an den Lasterschatten, aus dem er sie einst gerissen, geradezu betreten und unsicher wurde. Unwillkürlich behandelte er sie daher höflicher, ja liebenswürdiger, als er eigentlich vorhatte, und duldete es sogar, daß sie sich ihm nach dem Verlassen des Saales, als sich die Herren des Volksrats bereits verabschiedet hatten, auf dem Heimweg anschloß und eine Straße lang, vollkommen unbefangen plaudernd, an seiner Seite blieb. Er hütete sich wohlweislich, den Namen Neefes zu nennen, und sie redete, als ob es diesen Menschen nie zwischen ihnen gegeben, von ihren Ansichten über die Rechte der Frau in den neuen Zeitläuften, von der Notwendigkeit, den Klang des weiblichen Gemüts über dem Trommelwirbel des veränderten Aufmarsches der Menschheit nicht zu überhören, mit einem Wort: Phrasen, die sie unbeschwingt und leidenschaftlich wie ein gut gelerntes Gedicht vortrug. Beklemmt und doch zugleich von ihrer Schlagfertigkeit und ihren lebensmutigen Ansichten eingenommen, ohne sich einzugestehen, inwieweit er dabei dem Eindruck nachgab, den ihre weiblichen Reize auf ihn ausübten, wurde er sie endlich hinter der Gansertbrücke los, indem er sie behutsam, aber unmißverständlich förmlich abschüttelte. Gleich danach machte er sich aber doch einige Vorwürfe über seine Lieblosigkeit und Nachträgerei: Es konnte doch sein, daß sie gerade aus Betretenheit über ihre ihm wohlbekannte Jugendverirrung sich so anreißerisch herzlich gegen ihn betragen hatte. Unter solchen Gedanken und entschlossen, sich sofort bei Mutter Christel und Sessi näher nach Selmas jetzigem moralischen Ruf und ihren sonstigen Lebensumständen zu erkundigen, legte er, nun rascher ausschreitend, den Rest seines Heimwegs zurück. Als er am Gerberhaus ankam, wunderte er sich, daß hinter den Vorhängen der Wohnküche noch Licht brannte, obwohl es, wie er am Leuchtzifferblatt seiner Armbanduhr feststellte, mittlerweile doch schon über halb zwölf geworden war. Sollte denn Mutter Christel noch nicht zu Bett gegangen sein und wieder auf ihn gewartet haben, trotzdem sie ihm beim Fortgehen noch ausdrücklich versprochen hatte, sich keinerlei Sorgen um ihn zu machen? Aber er brauchte, nur einen Blick auf die beiden Frauen zu werfen, als er vom Flur her die Tür zur Wohnküche öffnete, um jählings zu wissen, was sich in der Zeit seiner Abwesenheit ereignet hatte. Schmerzlich aneinandergeschmiegt saßen sie tränenüberströmt auf der Ofenbank. Im Backenstuhl am Fenster aber lehnte, in der Haltung eines Schlafenden, Meister Jochen noch genau so, wie ihn vor mehr als zwei Stunden der Tod ereilt hatte. Erschüttert betrachtete sich Damian das im Todesschlaf von aller Lebensbitterkeit erlöste Antlitz seines Vaters, während sich das wahrhaft zu Tode betrübte Christel, von neuem aufschluchzend, bemühte, ihm die letzte notvolle Lebensstunde ihres Jochen und sein seltsam beglücktes Erlöschen zu schildern. Bald nach dem Abendessen und Damians Fortgang habe der Vater, wie sie es schon seit Tagen gewöhnt war und ohne noch ein Wort zu ihnen über die Bedeutung zu verlieren, die diesem Abend nach ihrer und Sessis Meinung für Damian wie für Wilkau zukam, seinen Backenstuhl aufgesucht und sei dort bald in seinem üblichen traumgepeinigten Schlaf verfallen. Doch diesmal habe sie sich vorgenommen gehabt, ihn nicht so bald zu wecken und seiner Traumfolterung zu entreißen, weil sie der Meinung gewesen sei, wenn sie ihn einmal lange genug an seinem Traum leiden lasse, werde er zuletzt vielleicht doch die Dunkelheiten seiner Schlafberückung überwinden und dann im wachen Leben wieder zu seinem alten sicheren Schritt kommen. Doch da sei es mit der Bedrängnis seiner Traumjagd schlimmer als je zuvor geworden. »Er stöhnte, riß sich vergeblich zum Aufspringen, rang mit fast schreiendem Lallen gegen die Not, und als ich ihn nun doch bestürzt weckte, erwachte er in solch friedevolles Aufleuchten seiner weit geöffneten Augen, wie ich es seit Jahren nicht mehr an ihm erlebt habe, nickte mir zu und murmelte ein paarmal hintereinander richtig glücklich einige Worte, die ich erst gar nicht verstand, bis ich dahinterkam, was er meinte. Er murmelte immerzu: ›... In der Kammer, Christel, in der Kammer ...‹ Da streckte er sich auch schon und war verschieden, so schnell wie man ein Licht ausbläst.« ›Ich weiß es‹, sann Damian, als die Mutter geendet, immer noch unbeweglich vor dem Dahingeschiedenen verharrend, wortlos und unfähig, sein aufgewühltes Inneres durch Tränen zu erleichtern, ›ich weiß es, diesen Ausgang deines Lebens hätte ich nur verhüten können, wenn ich schon als junger Mensch bereit gewesen wäre, mein Leben zu zerstören, indem ich ein Gerber wurde wie du und jenen Geist in mir erstickte, der mich vom Blute meines Urahnen her in eine Welt drängte, die nicht die deine war. So stehe ich jetzt vor dir, unschuldig-schuldig an dem Gram, der dich aus dieser Welt getrieben. Doch vor den schleierlosen Augen jenes Einen, Einzigen, die über deinen Tod wie über mein Leben wachen, weiß ich mich losgesprochen. Denn wie ein jeder Mensch nur an der Krankheit sterben kann, an der er gelitten, so bist du, Todesbereiter, schließlich nur an dir selbst und an der Erkenntnis der unheilbaren Fremdheit gestorben, die wohl nach dem Willen des Ewigen, doch nicht nach meinem oder deinem, in Jahren zwischen uns erwuchs und endlich gleich einer Wolkenwand sich dunkel türmte, bis sie der Unerforschliche selbst zerriß. Nun, da du in sein ewiges Licht erloschen, ist mir's, als trennte uns erst jetzt nichts mehr voneinander, als seist du mir nur vorausgewandelt in die Ewigkeit, aus der wir Menschen alle geboren werden, in jenes Reich, in das wir im Tode wieder zurücksinken und danach wir uns im tiefsten sehnen, solange wir leben.‹ Das alles dachte Damian nicht eigentlich in eben diesen Worten, es wogte wie in einem Strom aus Gedanken und Gefühlen durch ihn hin, dem er sich anfänglich nur mit Unbehagen, dann aber immer ruhiger überließ. Als er sich seiner wieder völlig sicher war, wandte er sich zu Mutter Christel und Sessi um. Seine liebevoll-besonnene Zusprache, in der er sich von jenen Einsichten weitertragen ließ, zu denen es ihn soeben hingeführt, brachte es denn auch zuwege, daß sich die beiden Frauen nach einer Weile wenigstens soweit zu fassen vermochten, wie es nötig war, um sich mit seiner Hilfe all den Verrichtungen zu widmen, die der ins Haus getretene Tod von ihnen forderte. Als Damian endlich nach Stunden, schon im Morgengrauen, als letzter im Gerberhause sein Lager aufgesucht hatte, war er so erschöpft, daß er den Schlaf förmlich herbeisehnte; doch der wollte und wollte sich nicht einstellen. Vor seinen geschlossenen Augen trieben in wildem Durcheinander die Bilder der hinter ihm liegenden Stunden vorbei. Er sah sich auf dem Podium stehen, hörte sich zur Versammlung reden, spürte verwirrt Selma Mosigs körperliche Nähe, schaute wieder und wieder in das Antlitz des toten Vaters und geriet davon schließlich in eine solche Ruhelosigkeit, daß er sich vor Herzjagen aufsetzen mußte. Da glitten ihm die ehrwürdigen Verse des uralten Spruches seiner Familie gleich einem Stoßgebet von den Lippen, und als er bei den Worten: »Stets mein Herr und stets dein Knecht, Droben Gnade, drunten, drunten Recht«, angelangt war, spürte er, wie ihn ein unsäglich wohltuendes Gefühl der Geborgenheit überkam, von dem er sich zurücksinken ließ und auch bald in die Ewigkeitsdämmerung des Schlafes davongeführt wurde. Einundzwanzigstes Kapitel Bereits am Tage nach der Beerdigung des Gerbermeisters, die in aller Stille und von den Wilkauern kaum bemerkt stattfand, nahm der Volksrat, dessen erste Sitzung wegen des Todesfalles bis dahin hatte vertagt werden müssen, unter der Leitung Damians seine Tätigkeit auf. Damian empfand es sogar als eine willkommene Nötigung seines Geistes, dadurch sofort vor eine solche Fülle von Aufgaben gestellt zu sein, daß er darüber bald nur noch bei den Mahlzeiten daheim durch den leeren Stuhl Jochens und die heimliche Trauer in den Augen Christels an die Lücke erinnert wurde, die der Tod im Gerberhaus hinterlassen hatte. Gerade in den ersten Wochen brandeten die revolutionären Wogen so heftig in das Städtchen hinein und durch die Gemüter der Wilkauer hin, daß Damian dieser Flut nur durch größte Umsicht und besonderes psychologisches Geschick in den Sitzungen wie in den Verhandlungen mit Behörden in Rehberg und Wilkau, aber auch mit dem Grafen Schilling und der Direktion der Maschinenfabrik Herr zu werden und regelrechte Ausschreitungen zu verhüten vermochte. Es waren Wochen, in denen er sich oft und oft gleich dem Kapitän eines Segelschiffes auf hoher See vorkam, dessen bunt zusammengewürfelte Zwischendeckspassagiere, in ein Dutzend feindliche Lager getrennt, ihn mit ihren einander völlig widersprechenden Forderungen überschütteten, diesen oder jenen Kurs zu steuern, während er sich bemühte, das Schiff unverrückbar vor dem herrlichen Winde zu halten, und nicht gewillt war, auch nur um Haaresbreite von dem Kurs abzuweichen, in den er es von Anbeginn der Fahrt mit vollen Segeln hineingesteuert hatte. Von seinen Männern des Volksrates sah er sich in seinen Vorschlägen und Maßnahmen für die Sicherung der öffentlichen Ruhe und Ordnung und die Behebung der offenbaren Mißstände in der allgemeinen Versorgung auch tatkräftig unterstützt. Aber schon bei den ersten Versuchen zu ihrer Durchführung stieß er gerade dort, wo er es am allerwenigsten erwartet hätte, nämlich bei den Behörden, auf heftigsten Widerstand, Unverständnis und Mißtrauen. Seine erste Erfahrung in dieser Beziehung machte er, als er zwecks Behebung der katastrophalen Kohlennot den Landrat des Kreises Rehberg, Herrn von Ritter, aufsuchte. Dieser, noch ein preußischer Beamter alten Schlages, Jurist und ehemaliger Reserveoffizier, empfing Damian in einem schneidenden, eisigen Ton. Damian mußte an sich halten, um nicht ausfällig zu werden und dadurch die Sache, um die es ihm ging, von vornherein zu gefährden. Bevor es Damian möglich war, in die Erörterung der Kohlenfrage einzutreten, entwickelte sich die Unterredung zu einer scharfen persönlichen Auseinandersetzung, weil der Landrat zunächst einmal den Standpunkt vertrat, überhaupt nicht genötigt zu sein, mit dem Wortführer eines so revolutionären Gebildes wie des Volksrats zu verhandeln, das keinerlei behördliche Eigenschaften besitze. Dabei mußte sich Damian mehrfach energisch gegen Ausfälle des Landrats verwahren, der ihm unverblümt zu verstehen gab, für wie verächtlich in seinen Augen die Rolle sei, zu der sich Damian als Akademiker und Offizier durch seine aktive Betätigung als Leiter des Volksrats hergegeben habe. Angesichts dieser Einstellung des Landrats kostete es Damian erneut äußerste Überwindung, die Unterredung nicht abzubrechen. Doch da Damian fühlte, daß er diesem Manne gegenüber schon allein deswegen nicht zum Ziele kommen würde, weil jener in ihm nichts weiter als einen geltungsbedürftigen Renegaten und marxistischen Revolutionsmacher witterte, schlug er nunmehr einen gänzlich anderen Ton an. In aller Offenheit bekannte er ihm, von welchen Grundanschauungen über Volk und Staat geleitet er sich dazu entschlossen habe, durch die Bildung des Volksrats das den örtlichen Behörden entglittene Heft in die Hand zu nehmen; wie es ihm schließlich darum zu tun sei, der Not der Allgemeinheit durch vernünftige Maßnahmen zu steuern und so Exzessen solcher Art vorzubeugen, wie sie gerade gegenwärtig, etwa in München, das deutsche Volk einer Diktatur des Proletariats zutrieben, die er ablehne, weil sie in ein kommunistisches Chaos wie in Rußland einmünden würde. Mit steigender Aufmerksamkeit und ohne ihn zu unterbrechen, hörte sich der Landrat Damians Darlegungen an. Seine Überheblichkeit glitt sichtlich von ihm ab, und schließlich erklärte er sich, wenn auch noch unter mancherlei Bedenken wegen Überschreitung seiner Befugnisse, dazu bereit, Damians Vorschlag zur Freigabe der aufgesammelten großen Kohlenvorräte des Raiffeisenverbandes stattzugeben und entsprechende Anweisungen zu erteilen. Bei der Verabschiedung geleitete Herr von Ritter Damian höflich und beinahe zuvorkommend bis zur Türe und äußerte, als er ihm die Hand reichte, daß er ihm für seine Offenheit danke, seiner weiteren Arbeit für das allgemeine Wohl besten Erfolg wünsche und ihm, falls nötig, in Zukunft gern zur Verfügung stehe. Einen ganz ähnlichen Schritt unternahm Damian kurz darauf, um der arbeitenden und ärmeren Bevölkerung Wilkaus, für die der sonst in weitem Umfang übliche Bezug von Brennholz durch das gräfliche Forstamt infolge der erheblich gesteigerten Holzpreise nahezu unerschwinglich geworden war, fühlbare Erleichterungen zu scharfen. So suchte er eines Tages den Grafen Schilling persönlich im Schloß auf. Auch hier spürte er sogleich äußerste Reserve und persönliches Mißtrauen. Ohne sich davon anfechten zu lassen, stellte er dem Grafen folgendes vor: Um zu verhindern, daß sich die bereits einmal zutage getretene Mißstimmung gegen die Schloßverwaltung einmal über Nacht zu ernstlichen Ausschreitungen gegen ihn selbst und das Schloß mit seinen Kunstschätzen steigere, sei es unbedingt nötig, der allgemeinen Notlage der Arbeiterschaft und ihrer Familien Rechnung zu tragen und den Holzpreis ohne Rücksicht auf die zur Zeit handelsüblichen Preise erheblich zu senken. Als Besitzer sämtlicher Wälder des Riesengebirges würde ihm dies zweifellos ohne merkliche Einbuße möglich sein und ihm jedenfalls noch immer weit billiger kommen, als wenn die Volkswut gegen ihn zum Ausbruch käme. Vor der mutigen Offenheit Damians wie ebensosehr vor der Furcht, daß sich die Lage tatsächlich in der geschilderten Weise zuspitzen könne, kapitulierte Graf Schilling nach einigem Zögern, und das Holz wurde fortan für alle Wilkauer mit einem geringeren Monatseinkommen als hundertfünfzig Mark für die Hälfte des handelsüblichen Preises abgegeben. Damian versäumte auch nicht, ehe er ging, den Grafen davor zu warnen, solange die revolutionären Wogen sich nicht wesentlich geglättet hätten, die Bevölkerung durch häufige Spazierfahrten mit seiner Familie im gummibereiften Wagen oder durch müßiges Ausreiten seiner Schloßgäste unnötig zu reizen, Dinge, die, wie er wisse, schon viel böses Blut in Wilkau erregt hätten. Da Damian das alles in höflicher, manierlicher Form vortrug und dabei ebenfalls keinen Hehl aus seinen zwar sozialen, aber keineswegs fanatisch gleichmacherischen Ansichten machte, wurden seine Warnungen nicht zurückgewiesen, vielmehr ernsthaft aufgenommen und, wie sich erweisen sollte, auch befolgt. Nach diesen Selbsthilfeaktionen Damians und ihrer baldigen Durchführung stieg das Ansehen des Volksrats und insbesondere das Damians in den Augen der Wilkauer dermaßen, daß Damian jetzt sogar von den Angehörigen jener reaktionären Kreise als eine bedeutsame Persönlichkeit angesehen wurde, die sich bis dahin nicht abfällig genug über den Renegaten aus dem Gerberhaus äußern konnten, ihn aber von nun an mit betonter Zuvorkommenheit grüßten, wenn sie ihm auf der Straße begegneten. * Aus seiner ihm angeborenen idealistischen Lebensauffassung wie aus seiner am klassischen Geiste genährten Vorstellung von der Göttlichkeit des Menschenwesens trug Damian Maechler den festen Glauben an die gleiche göttliche Seele aller Menschen in sich. In dieser Vorstellung hatte er seine Volksratstätigkeit begonnen. Seiner Überzeugung nach war der deutsche Mensch seit Jahrhunderten nur in einen so dumpfen, unverstandenen Untertanengehorsam gedrückt worden, daß er ihm im Laufe der Zeit alle göttlichen Züge seines Wesens geraubt hatte. Darum hatte sich Damian vorgesetzt, soviel an ihm lag, als vorsichtiger Erzieher all diesen Schutt wegzuräumen, um dem naturgeborenen, gütigen und gerechten Geist des Menschen den Mut zur Lebensbetätigung seiner göttlichen Seele wiederzugeben. Aus dieser hohen Einschätzung des Menschenwesens hätte er es darum auch für völlig verfehlt gehalten, als eine Art Gesetzgeber von Idealen aufzutreten, die den einfachen Sinn der ungeistigen Arbeiter und Bürger übersteigen müßten und sie so, nur in anderer Form, in dasselbe, von aller Selbstverantwortlichkeit freie Hörigkeitsverhältnis zu drücken, das, wie er glaubte, an dem gegenwärtigen beschämenden und würdelosen Gebaren der breiten Masse des Volkes Schuld trug. In den Volksratssitzungen nun riß ihn sein leidenschaftliches Wesen anfänglich immer wieder dazu fort, ohne Verhüllung, im Schwung der Begeisterung, von diesen wahren Idealen zu sprechen, um in jener, der göttlichen Menschenwürde allein gemäßen, undogmatischen Haltung auf seine Mitarbeiter und über sie auf das Volk zu wirken, die seinem Ziel der Wiedererweckung und freien Entfaltung des Bewußtseins von der allen Menschen gleichermaßen eigenen göttlichen Seele entsprach. Doch nach einiger Zeit mußte er zu seiner tiefen Enttäuschung beobachten, daß sich die Männer des Volksrats, sobald er sich dazu verleiten ließ, in dieser Weise von den ewigen, unveräußerlichen Gesetzen des Menschen und der Menschheit zu sprechen, mitleidig lächelnd oder gar grienend ansahen. Jetzt sah er ein, daß er von diesem offenen idealistischen Streben ablassen mußte, wollte er nicht seine Autorität aufs Spiel setzen, deren er unbedingt bedurfte, um nicht das primäre Ziel seines Wirkens durch den Volksrat zu gefährden, an dem er nach wie vor festhielt, das Ziel einer durchgreifenden Befriedung der Wilkauer Bevölkerung durch soziale und gerechte Regelung ihrer Lebensbedürfnisse. Um die Männer des Volksrats während den Sitzungen wie auch seine Mitbürger in den von Zeit zu Zeit notwendig werdenden Versammlungen dennoch lebendig zu sich heraufzuziehen, gewöhnte er sich daher mehr und mehr den Jargon prinzipieller Volksredner an. Nur noch mit abgenützten Phrasen deutete er dabei auf den Höhenflug seiner sternenhohen Lebenshoffnungen hin. Doch bald merkte er mit Schrecken, sowie er bemüht war, sich auf diese Art äußerlich den engen Wahrheiten seiner Zuhörer anzupassen, daß er nichts als Lügen gegen die Forderungen seiner eigenen Seele sprach. Nach solchen Sitzungen oder Versammlungen, die zu seinem Erstaunen seine Autorität im Volksrat und in der Bevölkerung nur befestigten, fühlte er sich richtig unglücklich. Und so manches Mal geschah es, daß sich ihm daheim in der Schlafstube, wenn er schon lange im Dunklen lag und Sessi schlafend wußte, sein Gesicht feuchtete von den Tränen des Schmerzes, des Ekels und der Reue, die es überströmten, weil er sich als Verräter seines Lebens und des Heiligsten seines Geistes und Willens fühlte. * In dieser Zeit seiner tiefsten inneren Ratlosigkeit, über die er sich am wenigsten Sessi gegenüber auszusprechen wagte, da sie seine ganze Volksratstätigkeit noch immer mit dem gleichen Widerwillen hinnahm, geriet Damian, ohne sich dessen zunächst bewußt zu werden, in eine sich über viele Monate hinziehende sinnliche Verstrickung, die in ihrer Auswirkung ihn selbst und die Seinigen aufs tragischste heimsuchen sollte. Das über Damian verhängte Geschehen nahm seinen äußeren, ihm gänzlich unerkennbaren Anfang an einem Herbsttag während einer Sitzung des Volksrats. Wie schon in fast jeder vergangenen Sitzung ging es auch diesmal um eine Frage der Versorgung Wilkaus mit Lebensmitteln. Die Stimmung im Volksrat entsprach der dieses Leidensjahres neunzehnhundertneunzehn, in dem der Mangel an den notwendigsten Lebensmitteln infolge der unmenschlichen Aufrechterhaltung der Hungerblockade im deutschen Volk immer fühlbarer wurde, und die Menschen, noch durch Schieber aller Art in aufsässige Stimmung gehetzt, sich gegenseitig bespitzelten, so daß der Unfriede, der schon von den politischen Zuständen her in so vielen Herzen wohnte, noch um einige Grade gesteigert wurde. So wurde auch die Diskussion über die Behebung der Schwierigkeiten in der Milchversorgung Wilkaus, die in letzter Zeit immer kläglicher geworden war, da die Bauern der Umgegend die Lieferung verweigerten oder sich nur zu unerschwinglichen Preisen dazu bereit fanden, von vornherein hitzig geführt. Und als Selma Mosig in ihrer draufgängerischen Art eine vieldeutige Bemerkung über das Überhandnehmen von Verstößen der Produzenten auch auf anderen Gebieten gegen die Ernährung des Volkes fallen ließ, verbat sich Hauptmann Anderseck diese in seiner Eigenschaft als Gutsbesitzer und forderte von ihr klare Angaben, wenn sie damit bestimmte Personen im Auge habe. Allein die Mosig verweigerte ihm nicht nur jede genauere Auskunft, sondern verschlimmerte die gespannte Situation nur noch, indem sie am Ende davon redete, daß die kleinen Schieber gehangen würden und die großen frei ausgingen. »Arme Leute mit einem Mehlsäckchen, ja, die werden von einem Gendarm gefaßt, aber große Herren kutschieren mir nichts dir nichts mit ganzen zweispännigen Fuhren Weizenmehl durch die Nacht. Jaja, meine Herren, und das passiert nicht bloß um Berlin herum!« Ehe es Damian möglich gewesen wäre, Öl auf die Wogen zu gießen, erhob sich Anderseck, auf den diese Anspielung, von allen geheim verstanden, gemünzt war, entrüstet, stellte Damian sein Dezernat zur Verfügung, falls Selma Mosig nicht ihrerseits aus dem Volksrat ausscheide, und verließ grußlos den Raum, ohne eine Klärung der Angelegenheit abzuwarten. Daraufhin versuchte Damian zwar alles, um einen derartigen offenen Bruch innerhalb des Volksrats zu verhüten, aber vergebens. Selma Mosig gelang es vielmehr, durch nun offen ausgesprochene Verdächtigungen Andersecks wegen dunkler Schiebergeschäfte die Mehrheit der Volksratsmitglieder für sich zu gewinnen, so daß Damian nichts anderes übrigblieb, als den von Anderseck selbst schon ausgesprochenen Rücktritt hinzunehmen. Und doch konnte es Damian dabei nicht einmal bewenden lassen, denn Selma Mosigs nicht abreißende schlechte Nachrede, die sie auch bedenkenlos in Wilkau ausstreute, wirkte sich auf seine Mitarbeiter in einer solchen Empörung über Anderseck aus, daß er sich, um seine Männer zu beruhigen, wie um weiterer Erregung unter der notleidenden Menge in Wilkau selbst vorzubeugen, dazu entschließen mußte, Selma Mosigs vieldeutigem Drängen nach einer Untersuchung der Angelegenheit scheinbar entgegenzukommen. Scheinbar, denn er hatte sich insgeheim vorgenommen, nichts zu finden, unter allen Umständen nichts. Der Beweggrund, der ihn bei diesem an sich unverständlichen Vorsatz leitete, war in dem Eindruck zu suchen, den er in den zurückliegenden Monaten über das Wesen und den Charakter Selma Mosigs gewonnen hatte. Schon Mutter Christel hatte ihm, als er sich bei ihr kurze Zeit nach seinem abendlichen Heimgang mit Selma näher nach deren Leumund erkundigte, ein Bild von ihr entworfen, das ihm zu denken gab. Die Mosig, Tochter eines Tagelöhners, sei ein vielgewandtes, geschicktes Mädchen, das sich durch emsigen Fleiß zu einer wegen ihres vorzüglichen Geschmackes vielbegehrten Schneiderin heraufgearbeitet habe und sogar bis nach Rehberg die besseren Damen zu ihren Kundinnen zähle. Aber sie sei wegen ihres freien Wesens nicht sehr beliebt und auch sonst nicht im besten Rufe, wenn man ihr auch geradeheraus nichts nachsagen könne, als das, daß sie offenbar nach einem Manne angele, der über ihrem Stande stehe, denn sie sei merkwürdigerweise mit ihrem Los und vor allem mit ihrer sozialen Stellung unzufrieden. Nach ihrer, Christels, Ansicht habe die Mosig auch wohl aus keinem anderen Grunde als dem, sich vor allen hervorzutun, jene Rolle im »Braunen Adler« gespielt, die zu ihrer Wahl führte. Damian hatte späterhin reichlich Gelegenheit gefunden, diesen Aufschluß über Selma Mosig an ihrem Auftreten in den Volksratssitzungen zu überprüfen und für völlig zutreffend zu erkennen. Dabei ertappte er sich so manches Mal auf Grübeleien darüber, wie es wohl in solch einem Mädchen wie Selma zugehen mochte. Schließlich kam er zu dem Ergebnis, daß sich ihr ganzes Wesen aus ihrem Beruf erklären lasse. Denn wie Hebammen und Totengräber illusionslos über das Leben sind, so werden Kammerdiener und Schneiderinnen mit Ironie, ja Zynismus gegen die Vornehmheit ihrer Herren und Kundinnen geladen, weil beide die Gelegenheit haben, diese Klasse Menschen in den Unterhosen und Unterröcken ihres Körpers und Charakters zu sehen. Ganz Arme, vollkommen Abhängige haben ja eigentlich keinen Boden unter den Füßen. Ihr Leben, wenn sie Beschränkte und Faule sind, basiert auf der Dumpfheit, wenn sie Beanlagte sind, auf der Sehnsucht, der Unruhe und brennendem Ungenügen, dessen flammender Antrieb um so fesselloser ist, wenn das Wesen mit verheimlichter Sinnlichkeit geladen ist. Und daß Selma durchaus ein solches Wesen besaß, wußte er seit jenem Geschehen mit seinem Freund Neefe, hatte er deutlich wieder gespürt, als sie dicht neben ihm in der Nacht auf der Gansertbrücke stand, und es wieder und wieder in dem Spiel ihrer Augen und ihres mannessüchtigen Körpers gesehen, wenn sie Hauptmann Andersecks Nähe suchte, der aber offensichtlich nicht auf ihre Liebesaufmerksamkeiten einzugehen gewillt war. Jetzt, nach dem Vorfall mit dem Hauptmann im Volksrat, war Damian wie von einem Ahnen in die Nähe der Rachsucht dieser Liebesabgewiesenen geführt worden. Er hielt es für wahrscheinlich, daß all ihre mit gutgespielter Empörung erhobenen Beschuldigungen Andersecks, den sie mit der Hartnäckigkeit, die allen, besonders den triebsüchtigen Weibern, eigen ist, verfolgte, nur Hirngespinste ihrer jäh in Widerwillen und Haß umgeschlagene Brunst seien. Sollte sich aber herausstellen, daß die angeblichen Verfehlungen des Hauptmanns doch auf Wahrheit beruhten, dann hoffte er, auf diese oder jene Weise den Frevel Andersecks zwischen sich und der Mosig zu begraben. Denn er wollte es nicht darauf ankommen lassen, sich und den Volksrat als Vollstrecker der Rache eines verschmähten Weibes mißbrauchen zu lassen. Damit würde er nur den Ausbruch des radikalen Teils im Volksrat herbeiführen, der dann möglicher-, ja wahrscheinlicherweise seiner volkserzieherischen Arbeit ein schreckensvolles Ende bereiten würde und ihm wirklich den Stempel eines Rebellen aufdrücken mußte. Unter diesen Voraussetzungen ließ sich Damian zu einer Besprechung unter vier Augen mit Selma Mosig herbei, in der er ihr die Notwendigkeit einer erst streng geheimen Auskundschaftung der von ihr behaupteten Schiebergeschäfte Andersecks vorstellte. Es gälte vor allem, sie selbst zu schonen, und sicherlich sei es doch auch ihr darum zu tun, den Ruf des Volksrats nicht in den Augen der besonnenen Menschen herabzusetzen und jenen Feinden in die Hände zu arbeiten, die, wie sie ja selber wüßte, schon lange bemüht seien, den Volksrat als giftige Klatsch- und Ehrabschneidungsbude zu verschreien. Vierzehn Tage nach dieser Unterredung, in der Selma Mosig dem Vorschlag Damians gegenüber vollkommenes Verstehen bekundet hatte, flatterte gegen Abend in der Krone eines jungen Apfelbäumchens des Heidewassergärtchens das zwischen ihnen verabredete Zeichen, daß ein nächtliches Schiebergeschäft zu erwarten war, ein roter Wimpel, der aussah, als sei das Seidenstreifchen vom Wind an den untersten Ast geweht worden. In der Nacht trafen sich die beiden, und Selma postierte Damian gegenüber der Einfahrt zur Anderseckschen Teigwarenfabrik in dem dichten, von allen Seiten geschützten Gebüsch eines unbewohnten Landhauses. In dieser tiefen grünen Nische, die nur nach vorn einen freien Auslug bot, stand im Hintergrunde noch die vergessene Gartenbank des erst vor einigen Wochen verstorbenen früheren Besitzers, eines hämischen Hagestolzes, der von diesem Horchposten aus stundenlang das vorüberziehende Leben der Straße zu beobachten pflegte, um dabei seinen Widerwillen gegen das närrische und erbärmliche Menschenpack immer aufs neue zu sättigen. Dort drückte Selma Mosig Damian Maechler auf die Bank. Sie hatte mit beiden Händen seinen Oberarm gefaßt, und Damian spürte, wie der Griff des Weibes zitterte. Dabei beugte sie ihr Gesicht nahe an sein Ohr und hauchte ihm fliegenden Atems die Mahnung zu, sich nicht zu rühren und nicht zu schreien, denn heute müßte es passieren. Sie selbst ging ein Stück die Straße nach Trennsdorf zu heraus und wollte von dort mit einem hohen leisen Pfiff das Herannahen der Schieberfuhre melden. Während Damian so saß und durch das Guckloch des Gesträuchs auf die Straße und das gegenüberliegende Einfahrtstor zur Fabrik sah, gingen allerhand müßige Einfälle, Gedanken und Erinnerungen durch ihn hin, wie etwa das Verwundern über das eigentümliche Beharrungsvermögen von Vorgängen, die sich an einem Ort abgespielt haben. Es kam ihm vor, als sei er der verwandelte Nachfahre des verstorbenen Hagestolzes und Menschenfeindes, an dessen Stelle er nun bei Nacht das Geschäft des heimlichen giftigen Lauerns besorge, das sein Leben bis in den Tod hinein wundgerieben hatte. Als er, am Ende dieser Marotte angekommen, über sich selbst lächelnd den Blick zu den Sternen erhob, die, dann und wann durch das stoßweise Windgetriebe von Wolkenballen verhüllt, immer wieder grellen Lichtes hervorbrachen, war es ihm, als ginge drüben in der Fabrik die Haustüre, jemand träte vorsichtig in den Hof und halte spähend oder Zeichen gebend mit einem Schwung eine Laterne in die Höhe. Mit einem Ruck erhob sich Damian und streckte behutsam seinen Kopf aus der Gebüschluke, Aber die Straße lag stockstill in der Nacht. Nichts rührte sich. Da verstand Damian, daß er einer Täuschung erlegen war. Er hatte das Aufblitzen der Sterne mit seinem herunterfahrenden Blick in den Fabrikhof getragen und das Knarren der Tür und die vorsichtigen Schritte einfach assoziativ hinzugedacht. Ja, wirklich, fiel es Damian ein, als er wieder auf der Bank saß, sein Kriegskamerad an der Ypernfront, der nie auf Horchposten ziehen wollte, hatte recht gehabt, wenn er behauptete, das nächtliche Lauern mache verrückt. Nein, aber doch nicht. Schlich da nicht von Trennsdorf her jemand lautlos auf der Straße, nicht gehend, nein, mehr wie geweht? Damian sprang von neuem auf und war mit einem Satz auf der Straße. Als er aber mit leisem »Halt!« zupackte, ergriff er einen Baumstamm. Laut auflachend ging er in sein Versteck zurück. »Ja, dieser ganze Unsinn des Wartens muß nun endlich aufhören«, sagte er zu sich, »denn sonst komme ich noch auf den blöden Gedanken, ich sei ein Verliebter, der inbrünstig ein Stelldichein ersehnt.« Aber kaum daß ihn dieser unsinnige Gedanke überfallen hatte, sah er zum Greifen deutlich jenes Erlebnis aus seiner Knabenzeit vor sich, durch das er für immer von seinem Freund Neefe gerissen und doch unweigerlich für stets mit ihm verbunden war. Jener Frühabendaugenblick, als er ohne anzuklopfen in die Stube des Ofensetzers Mosig trat und Neefe dabei überraschte, auf die Selma einzudringen, die mit würgendem Lachen und hochgeschlagenen Röcken auf dem Bett die letzte Kühnheit des brunstberauschten jungen Wildlings erwartete. Damian strich sich über die Augen, um den Anblick der weißen Mädchenbeine aus der jäh und grell auf gestoßenen Erinnerung wegzuwischen. Aber während er noch höhnisch lächelte, wurde er von einem so heißen Taumel überfallen, daß er in dem engen Strauchnest nach dem Banksitz fassen mußte, um sich zu setzen. Dabei sagte er einen klassischen Vers halblaut vor sich hin, dessen Dichter er vergessen: »... wieso umgarnt uns plötzlich Wahn, von dem das Leben nichts mehr weiß? Der vor undenklich langer Zeit zu Boden sank als dürre Flechte aus des Daseins grünem Baum ... aus des Daseins grünem ... grünem ...« So leer und tastend vor sich hin murmelnd, fand er sich doch in dem Buschloch nicht zurecht, wie wohl ein Traumtrunkener, halb erwacht, sich in seinem Bett verirrt. Da gellte fern ein hoher Weiberschrei auf, der in ein noch ferneres dumpfes Gepolter hineinschnitt, das Damian aber auch wie das Sausen seines eigenen Blutes in den Ohren klang, obwohl dieser messerscharfe Weiberschrei wieder und wieder durch die Luft hieb. Dann war es plötzlich wieder nachtstill, die Finsternis hielt den Atem an. Damian war auf den Banksitz gekommen und wußte nicht recht, was ihm geschehen war. Hatte ihn der Schlaf angerührt, war er der Überreizung zu lange gespannt Lauschender verfallen, hatte sich wirklich da auf der Straße etwas ereignet? Er konnte mit sich nicht zurechtkommen, griff nach seinem Stock, den er gar nicht mitgebracht hatte, griff zwecklos nach irgend etwas in seinen Taschen, das er nicht verlieren durfte, fand das Taschenfeuerzeug, knipste es an, ohne daß es nötig gewesen wäre, da seine Armbanduhr Leuchtziffern hatte, und entdeckte, daß es fünfzehn Minuten nach eins war. »Unsinn«, sagte er unwillig, knipste das Licht aus, erhob sich und bog, immer noch erregt murmelnd, das Gesträuch auseinander, um diesem Klugheitsanschlag ein Ende zu machen, der ihn hinterrücks mit heißer Beladenheit in eine Episode aus seiner Vergangenheit gewirbelt hatte, deren er sich nicht gern erinnerte. »Nichts da von Wahn«, sagte er ziemlich laut, als er die letzten peitschenden Zweige vor seinem Gesicht auffing und auf den Grabenübergang trat, um die Straße zu gewinnen. In diesem Augenblick hörte er ganz nahe das keuchende Heranrasen eines Menschen von Trennsdorf her, und ehe er sich's versah, stand mit dem fast sprengenden Atem der Angst Selma Mosig vor ihm. Nein, sie stand nicht vor ihm, sie drang auf ihn ein, ergriff mit beiden Händen seinen rechten Arm, drehte ihn um, stemmte ihren vor Übermüdung fast stürzenden Körper gegen ihn und drängte so den Überraschten gewaltsam in das Innere des Strauchloches zurück, indem sie, wie völlig von Sinnen, immerfort stotterte: »Zurück, zurück! ... Um Gottes willen ... lieber ... liebster Herr Damian ... zurück!« So sank sie mit ihm auf die Bank, röchelnd und wimmernd über seine Knie geworfen, haschte leidenschaftlich nach seiner Hand, grub sie gegen ihr Herz und flüsterte dabei ekstatisch hauchend, als verliere sie die Besinnung: »Gott sei Dank, liebster ... liebster, liebster Damian ...« Seinen Namen sprach sie so leise, so daß er vor Erschöpfung fast süß klang. Bestürzt hielt Damian sie in seinen Armen: »Aber so fassen Sie sich doch ... Was ist denn geschehen? ... Sprechen Sie doch bloß ...!« Statt dessen schmiegte sie ihren Körper nur noch fester an ihn, sinnlos stotternd, mit wie versagendem Atem: »... Nein, das ist zuviel ... ich hätte es nicht ... ich vergehe ... bitte ... bitte, liebster Damian ...« Da raste das Wildfeuer von vorhin über Damian und überloderte das aufgelöste Wesen neben ihm, daß sie sich beide darin verfingen. Als Damian aus den dunklen Flammen erwachte, war er allein und wußte nicht, was geschehen war, suchte wieder nach dem Stock, den er gar nicht bei sich trug, fühlte seine Taschen nach dem Hausschlüssel durch, trat endlich in einer Taumelbenommenheit auf die Landstraße hinaus, als erwarte er etwas, ging um das Landhaus herum auf das Feld der Wilkauer Ebene und horchte mit einer aufs höchste gespannten Sinnenschärfe auf das seelenleise Brausen, mit dem die Gipfel des Riesengebirges in undurchdringlicher Finsternis zu schlafen pflegten. Indessen wurde sein Inneres von einem Chaos durcheinandergewühlt, daß er fürchtete, mit lauten Schreien durch die Welt gejagt zu werden, wenn er sich nicht an dieses seelenleise Brausen in der hohen Finsternis hingebe. Solange drängte er sich in die inhaltlose Sinnengespanntheit dieses Horchens, bis der chaotische Wirbel in ihm zusammenfiel und das geschlossene Gefühl seiner selbst ernüchternd in ihm aufkam. Dann tastete er mit den Händen seinen Körper ab, als wollte er feststellen, daß er noch in seiner Leiblichkeit vorhanden sei, und trat langsam den Heimweg an. Unterwegs befestigte sich in Damian die Überzeugung, daß er wieder einmal die Beute des Oberfalls jener Daseins- und Nervenverwirrung geworden sei, die ihm von seiner Grabenverschüttung zurückgeblieben war. Allein in der unbeirrbaren Tiefe seines Wesens wußte er, daß das nicht stimmte. Aber dieser Vorwurf war so hauchleise, daß er nur wie ein Geisterwind an dem Willenshaus seines Bewußtseins einen Augenblick hinwehte. * Mit dem ergebnislosen nächtlichen Unternehmen gegen Anderseck hatte Damian auch nach außen hin erreicht, was er wollte, sogar noch mehr; denn Selma Mosig ließ sich von da ab nicht mehr im Volksrat blicken; und da Damian seinen Männern gegenüber mit gutem Gewissen darauf hinweisen durfte, daß er auf Grund persönlicher Nachprüfung keine Verfehlung des Hauptmanns Anderseck hatte feststellen können, fiel ein solcher Schatten auf Selmas Verhalten gegen den Hauptmann im Volksrat, daß die von ihr angefachte Erregung der Gemüter seiner Mitarbeiter bald abflaute, ja einer schweren Verstimmung gegen die Frau Platz machte, die sich selbst aus der erst so leidenschaftlich ergriffenen Volksratsarbeit ausgeschaltet hatte. Aber auch der Hauptmann ließ sich nicht mehr blicken. Wie Damian nach einiger Zeit erfuhr, hatte Selma Mosig Eingang in den Junggesellenhaushalt des Hauptmanns gefunden und war seine mehr oder weniger offen erkorene Freundin geworden, mit der er nach Eintritt des Winters mehrfach auf tagelangen Gebirgspartien gesehen wurde. Jetzt erst merkte Damian, daß er von der geriebenen, listigen und verschlagenen Person nur dazu benutzt worden war, den Hauptmann in ihren heißhungrigen Schoß zu treiben. Je mehr Zeit verging und je weniger Damian von den Ausstrahlungen des sinnlichkeitsgeladenen Wesens der Mosig getroffen wurde, desto intensiver wurde er in eine innere Unruhe wegen seiner nächtlichen »Verschüttung« mit der heißbeinigen Schneiderin gezogen. Aus seinem dunklen Schuldgefühl suchte er sich nunmehr von neuem, erst zaghaft, dann immer werbender und begehrender seiner Frau zu nähern. Als dieser Versuch eines Nachts jedoch, nicht anders wie der letzte, damit endete, daß sich ihm Sessi unter bitterlichem Schluchzen versagte, besann sich Damian wie ein Verdurstender, der im Wüstensand nach einer Quelle sucht und sie endlich findet, auf die Existenz seines Kindes, von dem er sich bisher ferngehalten hatte, als hätte sich Sessis merkwürdiger körperlicher Widerstand gegen ihn wie ihre ebenso unnatürliche Interesselosigkeit für das kleine Wesen lähmend auf ihn und sein Gefühl für sein Kind übertragen. Unter Mutter Christels Obhut und zärtlicher Fürsorge war dieses von seinen Eltern solange beinahe übersehene Wesen zu einem zarten, stillen und gesitteten Menschlein herangewachsen, das nun gemach aus jener paradiesischen Jenseitigkeit herauszutreten begann, in der die Menschenkinder nach dem Glauben des Volkes noch mit den Engeln spielen. Der feine Schleier, hinter dem es, wie jedes andere, während seiner ersten Lebensmonate in himmlischer Verborgenheit geatmet, war gefallen, das Leben eines Tages wie aus unbekannten Wassern vor ihm aufgetaucht, und nicht zu früh und nicht zu spät hatte es sein Mündchen zu den ersten Worten geöffnet, mit seinen Beinchen die ersten Schritte gewagt. Ganz wach und ernsthaft bewegte es sich jetzt schon durch die Stuben, um sich mit seinen klaren blauen Augen erstaunt umzusehen, was sich seinem ersten bewußten Schauen und Suchen an Merkwürdigkeiten aller Art darbot. Bei einer dieser eifrig-achtsamen Bemühungen des kleinen Klapphöslings geschah es Damian, daß auch ihm gleichsam eine Binde von den Augen fiel und er in ihm sein Fleisch und Blut erkannte. So unverwandt und nachdenklich pflegte er fortan dem emsigen Treiben seines Sprößlings zur Erforschung und Eroberung seines kindlichen Weltreiches zuzuschauen, als trüge dieses Kind allein die Schlüssel zur Erkenntnis all der Lebensrätsel in seinen kleinen Händen, die er, sein Vater, selbst noch nicht ergründen konnte. Tatsächlich schöpfte er aus dem Anblick seines Knaben, der seinen blonden Schopf bald ebenso zutraulich Damians Liebkosungen überließ, wie er ihn bisher am liebsten auf Großmutters Schoß in deren Arme schmiegen mochte, Trost und Aufrichtung gegenüber allem, was ihm die Tage an Sorgen und Ärgernissen in der Volksratsarbeit eintrugen. Nach der durch sein Eingreifen erfolgten Überwindung der kritischen Versorgungsschwierigkeiten war wohl eine spürbare Beruhigung der allgemeinen Stimmung eingetreten, zumal mit zunehmender Festigung der neuen preußischen Regierungsgewalten auch der Behördenapparat wieder über klare Richtlinien verfügte, die sich in Wilkau vor allem in Unterstützungsaktionen für die Arbeitslosen der stillgelegten Maschinenfabrik auswirkten. Dafür aber mußte sich Damian in den jetzt nur noch zweimal im Monat stattfindenden Volksratssitzungen mit einer ständig wachsenden Flut so kleinlicher, ja lächerlicher Beschwerden und Denunziationen befassen und verzetteln, daß er sie täglich angewiderter seinem Amtsbriefkasten entnahm. Als er sich völlig darüber im klaren war, daß es ein hoffnungsloses Beginnen wäre, all diesen Querulanten und Neidhammeln, die sich gegenseitig und den Kaufmann dazu wegen einem Pfund Quark oder zwei Heringen bespitzelten, die der eine mehr oder weniger als der andere erstanden hatte, ihr übles Handwerk legen zu wollen oder sie gar mit ethischen Argumenten zu erziehen, überbrachte er die inzwischen zu dicken Mappen angeschwollenen Volksratsakten kurzerhand seinem Stellvertreter, dem Buchhändler Siebel, und erklärte seinen Rücktritt von der Leitung des Volksrats. Siebel nahm die Aktenpakete nur mit größtem Widerstreben entgegen und meinte, daß auch ihm nichts daran gelegen wäre, sich noch lange mit dem »Kroppzeug« herumzuschlagen, das glaube, dank dem Volksrat ewig seinen niedrigen Instinkten frönen zu können. Revolution sei schließlich etwas anderes als »permanente Tippelguckerei«. Damit hatte der von Damian vor knapp einem Jahr mit so hohen Absichten ins Leben gerufene Volksrat nach einem, wie man anerkennen mußte, durchaus segensreichem Wirken zum Wohle Wilkaus praktisch sein Ende gefunden. Zweiundzwanzigstes Kapitel In Damian wirkte die Volksratszeit mit ihrem trivialen Ausgang seines leidenschaftlich-erzieherischen Einsatzes in hohem Maße erregend fort. Aus dem ganzen bisherigen Verlauf der Revolution und dem Fiasko seines eigenen Versuchs, sittlich auf das Volk zu wirken, hatte er einsehen müssen, daß die Menge nicht zur Selbstverantwortung zu bringen ist, weil sie Freiheit mit ungehemmtem Streben nach persönlichem Vorteil, Gleichheit nicht göttlich transzendent, sondern irdisch mit dem Stand und der Mißgunst den Reichen gegenüber verwechselt. Die Menschen, auch das hatte ihn ihr Verhalten in der Feuerprobe des deutschen Zusammenbruchs und der Revolution gelehrt, geben idealen Gründen nur allzu leicht den Laufpaß oder schützen sie nur äußerlich vor, um den fast geilen Idealismus damit zu verheimlichen, dem selten etwas Großes eigen ist, der vielmehr meistens dem Neid des Tieres im Kampf um den Freßnapf ähnlich sieht. Gleich einer Schnecke, die sich zu weit aus ihrem Gehäuse hervorgewagt, zog er sich jetzt entmutigt und verletzt von jeder Berührung mit der politischen Gegenwart zurück und warf sich von neuem auf das so lange unterbrochene Studium der hellenischen Epoche, ihrer Dichter, Philosophen und vor allem ihrer Geschichte. Nicht nur, um sich mit den entsprechenden Werken aus der Universitätsbibliothek zu versehen, sondern auch, um neue Fühlung mit seinen alten Lehrern, den Professoren Methner und Bornemann, zu nehmen, fuhr er eines Tages nach Breslau. In ihrem Ergebnis führte ihn diese Reise zu dem Entschluß, fortan ganz seiner wieder entzündeten Neigung zu wissenschaftlicher Betätigung nachzugehen und sich dabei wenn möglich schon bald einem Thema zuzuwenden, dessen Behandlung in Form einer Habilitationsschrift ihm das Tor zum Eintritt in die Dozentenlaufbahn eröffnen könnte, zu der er, wie seine Professoren durchblicken ließen, ihrer Ansicht nach über alle nur wünschenswerten Voraussetzungen verfüge. Gleich nach seiner Ankunft hatte Damian seinen Freund Walter aufgesucht, der gerade vor seinem medizinischen Staatsexamen stand und noch immer bei Mutter Kruttke wohnte, nun aber auch über das einstige Zimmer Damians verfügte. Bei ihm verbrachte er in stundenlangem Gedankenaustausch, der sie lebhaft an ihre frühere gemeinsame Breslauer Zeit erinnerte, beide Abende und auf Walters Kanapee auch die wenigen danach noch verbliebenen Nachtstunden. Diese Wiederbegegnung mit Walter klang in Damian noch lange nach und trug das ihre dazu bei, daß er sich in der Folge keineswegs so hermetisch von der Beschäftigung mit den Gegenwartsproblemen abschloß, wie er sich in seiner ersten Ernüchterung vorgenommen hatte. Die gründliche Aussprache mit dem Freunde, an dessen geistiger Struktur die Erschütterungen der schicksalsschweren Zeit spurlos vorübergegangen waren, insofern er sich eben durch die in ihr offenbar gewordenen zerstörerischen Kräfte geradezu in seinen konservativ-aristokratischen Grundsätzen bestätigt sah, führte Damian dazu, sich ernsthaft mit Walters Anschauungen über Politik und Menschenführung auseinanderzusetzen und ihnen mehr und mehr positive Seiten abzugewinnen. Am letzten Abend hatte ihm Walter am Ende ihrer wieder ganz jugendlich-hitzigen Debatte über Aristokratie und Demokratie, Konservativismus und Sozialismus, Christentum und Kirche einige Hefte einer Zeitschrift in die Hand gedrückt, die ohne Scheuklappen und von hoher Warte, voller weltoffenem Idealismus alle Zeitprobleme einschließlich der religiösen anpacke. Schon auf der Heimfahrt fand sich Damian von ihrem vielfältigen und zeitnahen Inhalt so angetan und angeregt, daß er sich unverzüglich entschloß, sie gleich Walter zu abonnieren. Während er durch diese Zeitschrift fortan Fühlung mit den geistigen Strömungen hielt und sich zugleich mit aller Entschiedenheit dem wiederaufgenommenen Studium des hellenischen Zeitalters widmete, näherte er sich erst unbewußt, dann mit einem Willen, den er halb vor sich verheimlichte, den bewährten Maximen des Konservativismus und der Kirche in der Führung der Menge, weil er anerkennen mußte, daß diese beiden Mächte von jeher illusionslos in den Menschen nur eine triebbewegte Masse gesehen haben, der man das Bewußtsein von Wert und Sinn, von Ziel und Zweck des Lebens durch Herrschaft und Zwang fortwährend aufnötigen muß. Über diese Erkenntnis hinaus vermochte sich Damian jedoch jetzt so wenig wie früher für das Wesen und Wirken der Kirche zu erwärmen, als welche er im Grunde nur die katholische ansah, denn die rationalen Elemente im Protestantismus widersprachen seiner Überzeugung nach der ewigen Sehnsucht des Menschen nach einer Religiosität, die sich allein im Irrationalen geborgen weiß. Er war vielmehr nach wie vor von tiefstem Mißtrauen gegen die römische Kirche als Institution erfüllt. Durch den Weltkrieg und die mehr als zweideutige Rolle, welche sie darin spielte, hatten seine von Jugend auf in ihm lebendigen Zweifel an der Heiligkeit der Kirche nur neue Nahrung erhalten. Kardinal Mercier in Belgien und dessen Priester hatten als fanatische Aufrührer die Franctireurs aufgepeitscht. Und betrieben nicht jetzt noch, da Deutschland am Boden lag und röchelnd im Fieberkrampf um seinen letzten Atem rang, polnische Priester die Losreißung des deutschen Ostens? So stand nach dem Vergrollen des großen Weltenunwetters für Damian die Kirche als Macht ihres seelischen Führungsanspruchs entkleidet da. Die Kirche hatte sich in dem hohen Schicksalsaugenblick versagt, als es in ihrer Macht gelegen hätte, den heiligen, inbrünstigen Glauben an die Gottheit im Menschen und in der Welt zu retten und sich selbst, wenn auch um den Preis ihres äußeren Martyriums durch den verblendeten Imperialismus und Mammonismus, wieder als ein Hort der Seele aufzurichten, indem sie ihre Stimme gegen den Vernichtungswillen der Staaten erhob. Um so reiner hätte das heilige Licht ihres Liebesevangeliums geleuchtet, um so höher wäre es gestiegen. Aber sie gehorchte den Menschen mehr als Gott. Mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgte Damian daher in seiner Zeitschrift gerade deren Bemühungen, der nach dem vierjährigen Leiden der Menschheit vor allem in den deutschen Menschen aufgebrochenen Sehnsucht nach religiöser Besinnung und Verinnerlichung Raum zu geben, durch die sie hofften, aus der Not der Auflösung aller Sicherheiten wieder in tragende seelische Verhältnisse geführt werden zu können. Allein monatelang vermochte keiner der zahlreichen dahin zielenden Beiträge ihm einen Weg zu zeigen, den er für sich hätte anerkennen mögen, so orientierend über die religiösen Probleme der Gegenwart sie auch waren. Bis ihm eines Tages im neuesten Heft ein Aufsatz begegnete, der ihn sofort aufs höchste fesselte. Es war der Versuch zur Darstellung der Grundgedanken einer Weltanschauung, von denen die teils philosophischen, teils dichterischen Werke eines noch weithin und auch Damian völlig unbekannten Mannes, offenbar eines Dichterphilosophen getragen seien. Nach allem, was der Referent über das Schaffen dieses Mannes, namens Franz Faber, zu berichten wußte, dessen eindrucksvolles bärtiges, gütig-grüblerisches Bildnis die Zeitschrift aus diesem Anlaß ebenfalls veröffentlichte, mußte es sich um eine Persönlichkeit handeln, die erst nach einem kämpferischen Leben den Weg zur schöpferischen Aussage ihrer Einsichten gefunden hatte und dabei zu einem Weltbild vorgestoßen war, das in der ganzen Tiefe seiner Gottgläubigkeit Damian wie eine Erneuerung alter deutscher Mystik anmutete. Das in jenem Aufsatz über Franz Faber umrissene Weltbild traf Damian mitten in sein nach letzten Erkenntnissen dürstendes Herz, und er wünschte sich, diesem überdies als Schlesier bezeichneten Manne einmal Auge in Auge begegnen und sich ihm anvertrauen zu können. Doch ehe Damian seine Absicht ausführen konnte, sich durch Anschaffung der bisher von Franz Faber veröffentlichten Werke dessen Weltbild völlig zu erschließen, wurde er vom Leben noch einmal ganz aus der Bahn gedrängt, auf der es ihn schon so nahe an die Schwelle seiner letzten Erweckung geführt hatte. * Am äußeren Zuschnitt des Lebens im Gerberhause war Meister Jochens Tod, der nun schon länger als ein Jahr zurücklag, nahezu spurlos vorübergegangen, hatte doch Mutter Christel schon vorher die Führung des Geschäfts in die Hände genommen und es auch dank der hingebenden Hilfe des lahmen Berthel noch eine ganze Weile so weit in Fluß halten können, daß es für die Lebensbedürfnisse der Maechlerfamilie ausreichte. Allein im Laufe des Jahres schraubten sich die Preise aller Lebensmittel und Waren so unheimlich in die Höhe, daß auch Christels Ausgaben, deren schon vor Kriegsausbruch vorsorglich angelegten Vorräte aller Art längst verbraucht waren, von Monat zu Monat in einem Maße stiegen, das sie allmählich beängstigte. Der immer seltener vorsprechenden Kundschaft aber konnte sie keine so hohen Preise abverlangen, wenn sie nicht auch noch diese verscheuchen wollte. Schließlich wußte sich die gute Seele keinen anderen Rat mehr, als sich eines Abends über ihre Nöte Damian gegenüber auszusprechen, der seit Wochen versponnen über seinen Büchern saß, offenbar unbekümmert darum, woher die Gelder für den Gerberhaushalt fließen mochten, zu dessen Bestreitung er seit seiner Heimkehr aus dem Felde noch keinen Pfennig aus eigenem Verdienst beigetragen hatte. Unwillkürlich mußte Christel trotz ihres Kummers lächeln, als sie das Gesicht ihres Damian beobachtete, der buchstäblich wie aus allen Wolken gefallen und verhagelt dasaß, als sie ihm ohne alle Umschweife ihre prekäre Lage vor Augen hielt. Aber gleich darauf wurde sie wieder ernst, es half nichts, sie konnte ihn nicht länger ungeschoren lassen. »Du dachtest wohl auch, mein Guter, wir könnten wie des Herrgotts bunte Vöglein immer so weiter in den Tag hinein leben, wir säen nicht und ernten nicht, und der himmlische Vater ernährt uns doch? Nein, Junge, wir eilen dem Abgrund zu, und es wäre ein schwacher Trost, wollte ich dir die bittere Pille damit verzuckern, daß es wohl mit Ausnahme der Schieber in allen deutschen Familien ähnlich aussieht.« Über Damians Nasenwurzel bildete sich eine steile Falte, die Christel auf eine überraschende Weise an Jochen in den ersten Jahren ihrer Ehe erinnerte. Es war ihm anzusehen, wie angestrengt er sich mühte, ihr mit einem praktischen Vorschlag beizuspringen. Endlich glitt es wie eine Erleuchtung über seine Züge, und als habe er die Lösung ihrer sämtlichen Nöte gefunden, rief er mit jugendlicher Lebhaftigkeit: »Ja, hat denn der Vater nur das Haus und das Geschäft hinterlassen? Mir ist doch, als habest du mir einmal gesagt, damals, als ich mit dir über meine und Sessis Zukunft sprach, daß du zwar nicht wüßtest, wieviel Bargeld Vater besitze, aber ein paar tausend Taler würden es wohl sein.« Mit einer matten Handbewegung wehrte Christel seinem Überschwang: »Ja, das war damals, als er mir das Haus und das Geschäft verschrieben hatte. Aber als ich dann mit ihm wegen Sessi und dir gesprochen hatte, übergab er mir noch zweitausend Taler. Davon hab' ich dann euer Schlafzimmer und Sessis Wäscheausstattung gekauft. Bei ihren Eltern war doch nichts zu holen, und als ihre Mutter umkam, reichte der Erlös vom Verkauf der Möbel nicht hin, die Schulden, die ihr noch vom tollen Baron anhingen, zu bezahlen. Dafür sind allein fast dreihundertfünfzig Taler drauf gegangen. Es war noch ein Glück, daß damals der Graf die Beerdigung bezahlte. Dann starb der Vater, und das kostete mich auch wieder ein paar hundert Mark. Und daß ich seitdem bis heute noch so weiterwirtschaften konnte für euch, war mir nur möglich, weil ich halt jeden Monat noch was zum Zusetzen hatte. Von den zweitausend Talern habe ich jetzt gerade noch dreihundert, aber was ist das schon? Das Schlimmste ist doch, man sieht gar nicht, wie es anders werden sollte. Wahrhaftig, die Räder der geheimnisvollen finsteren Wagen, vor denen der Vater sich so oft fürchtete, rollen immer näher und näher auf uns zu«, schloß das Christel aufseufzend ihren trostlosen Bericht. Wieder versank Damian in ein bohrendes Nachdenken. Plötzlich sprang er auf, packte das erschrockene Christel um die Schultern und brach voller Erregung in die Worte aus: »›In der Kammer, Christel, in der Kammer ...!‹, das waren doch Vaters letzte Worte, nicht wahr?« »Du lieber Herrgott«, rief Christel ärgerlich und doch, wie es schien, schon ein wenig angesteckt von Damians Erregung, »auf was für Gedanken du auch kommst, Junge! Ich hab' meiner Seel' nie was anders gedacht, als daß der Vater sich beim letzten Lebensflackern vom Geist seiner Mutter überweht fühlte, mit der er da oben in der Kammer immer seine Zwiesprache hielt, wenn er verdüstert war. Und das hat ihm auch das Sterben so leicht werden lassen. Nein, nein, mehr Geld als die zweitausend Taler hat der Vater da oben bestimmt nicht gehabt. In der Schlitzkammer war ich aber noch nie, wegen dem Muttergeist, das wäre mir zu unheimlich.« Dabei nestelte sie an dem großen Schlüsselbund herum, das sie stets bei sich trug. »Aber wenn du willst, hier ist der Schlüssel vom Vorhängeschloß, Vater hatte ihn in der inneren Westentasche, als er starb, und sieh selbst mal nach!« Ohne Zögern nahm Damian den Schlüssel, holte sich einen Leuchter, stieg in den Oberstock und von dort über die steile Bodentreppe, fand das Vorhängeschloß, öffnete die Tür und sah sich in einem engen schlitzartigen Raum, der gerade Platz für den wackligen Stuhl bot, der dort stand, sonst schien dieser ausgesparte schmale Winkel unterm Dach völlig leer. Enttäuscht tastete Damian umher und hob schließlich, um besser zu sehen, den Leuchter in die Höhe. Narrte ihn ein Spuk oder hingen da hinten, ganz am Ende des langen Schlitzes, wirklich an einem Strick zwischen den Dachsparren aufgereiht, mehrere lange schwarze Strümpfe? Hastig griff er nach einem dieser wie Gespensterbeine vom Dach herabpendelnden prallen Strümpfe. Da löste sich einer der Nägel, an denen der Strick befestigt war, metallen klirrend fiel die ganze Last zu Boden, und schon rollten unzählige im Kerzenschein aufblinkende Goldstücke über den Holzboden. Nach einer ganzen Weile erst war Damian so weit, daß er sich mit seinem mühsam aufgelesenen Funde in die Mansardenstube im obersten Flur zurückziehen konnte, in der zuletzt Großvater Nathanael fast eremitenhaft gewohnt hatte. Hier machte er sich darüber her, den goldenen Schatz an dem kleinen Tisch in der Mitte zehnstückweise abzuzählen. Als er schon hundert Zehnerrollen vor sich aufgebaut hatte und sah, daß der daneben aufgeschichtete Goldhügel trotzdem kaum wesentlich kleiner geworden war, begann ihn zu schwindeln. Er faßte sich an den Kopf. War das alles vielleicht doch nur ein Traum? Warum saß er eigentlich noch immer bei der gespenstisch flackernden Kerze? Entschlossen, dem Spuk ein Ende zu machen, wenn es einer war, sprang er auf und nach der Tür, schloß sekundenlang die Augen und drehte zugleich am Lichtschalter. Als er sie wieder öffnete, verschlug es ihm fast den Atem, so überwältigend glänzte ihm das Gold unter dem hellen Schein der Deckenlampe entgegen. Mit beinahe magischer Gewalt zog es ihn wieder an den Tisch zurück. Er mußte dahinterkommen, wie groß der Schatz war. In seiner Ungeduld verwechselte er jedoch fortwährend die Zehn- und Zwanzigmarkstücke, bemerkte dazwischen auch viele österreichische Goldmünzen und verhedderte sich beim Zählen dermaßen, daß er in seinen Taschen nach Papier und Bleistift suchte, um sich die Rechnung zu erleichtern. Als er weder das eine noch das andere fand und sich in der Stube umsah, verfiel er auf den Gedanken, in dem alten buntbemalten Haubenschränkchen mit dem Glasaufsatz und den drei Kommodenschüben nachzuschauen, das rechter Hand neben dem Fenster stand. Der Glasaufsatz war leer, der oberste Schub voll abgelegtem Frauenkram, im mittleren geriet ihm unter den wahllos zusammengestopften Sachen ein verschnürtes Päckchen mit alten Zeitungen in die Finger. Mechanisch löste er den Bindfaden und sah sich die vergilbten Blätter näher an. Bald hatte er völlig darauf vergessen, wonach er eigentlich suchte. Die Gegenwart versank vor ihm, und es war ihm, als sei er ein Wilkauer Bürger zu Großvaters Zeiten, so zum Greifen lebendig spiegelten sich in diesen vor mehr als einem halben Jahrhundert gedruckten und sorgfältig geordneten Nummern des Wilkauer Anzeigers in Meldungen, Artikeln und Stimmungsbildern die dramatischen und erhebenden Ereignisse des Sommers 1866 wider, deren brausender Atem zeitweise gewittergleich über den Kamm des Gebirges fuhr und die Herzen der Wilkauer in Furcht oder Hoffnung erbeben ließ, bis am Tage von Königgrätz die Glocken erklangen und den vollständigen Sieg der preußischen Waffen verkündeten. Seltsam bewegt von diesem doch im Grunde längst der Geschichte angehörigen, ja durch die Waffenbrüderschaft der deutschen Stämme im Weltkrieg für immer ausgelöschten Bruderzwist, hatte Damian Blatt um Blatt entfaltet und gelesen und war schon im Begriff, auch das letzte aus der Hand zu legen, als sein flüchtiger Blick auf die Worte: unser Gemeindevorsteher Nathanael Maechler fiel. Sie standen mitten in einem lokalen Stimmungsbericht von der Begeisterung der Wilkauer über die Siegesnachricht von Königgrätz, in dem es zum Schluß hieß: »Gegen Abend sprach unser Gemeindevorsteher Nathanael Maechler zu der in freudiger Bewegung auf dem Schloßplatz zusammengeströmten Menge von einem Ackerwagen herab, der nicht weiterfahren konnte, und feierte die Helden von Königgrätz. Seine improvisierte Ansprache ließ er in so trefflichen vaterländischen Worten ausklingen, daß wir sie uns später von ihm selbst aufschreiben ließen. Möge sie jedermann beherzigen. Er sagte: ›Das Volk ist der Staat. Wie ihr seid, so wird der Staat sein im Guten und im Bösen. Seid treu in der Pflicht eurer Tage, so schafft ihr dem Vaterland gute Jahre. Soll es licht in der Zeit sein, so muß es erst licht in unserem Inneren sein, licht von der Wahrhaftigkeit, gegenseitiger Duldung und Wertschätzung her, licht von der Hilfe für den schwachen Nebenmenschen her, aber auch und vor allem licht von dem ernsten Willen zur Reinheit in uns selber. Denn wer mit Schatten haust, dem wäre es besser, er läge unter den Toten von Königgrätz. Wisset, ein Held sein zum Tode ist schwer und herrlich. Schwerer und herrlicher ist ein Held sein im Leben.‹« Als habe sich die Erde zu seinen Füßen auf getan und aus ihrer Tiefe rausche ein kristallklarer Brunnen vor ihm auf, starrte Damian auf das vergilbte Zeitungsblatt und nahm den Klang der längst verwehten Stimme seines Großvaters in sich auf. Wie damals, da ihn die uralten Worte des Maechlergebetes erschütterten, als es ihm die Mutter zum ersten Male vorsprach, traf ihn jetzt die Stimme Nathanaels, als wäre sie ein Ruf an ihn, ja direkt an ihn gerichtet. Genau das wollte er doch selbst!? Vielmehr, er hatte es gewollt. Denn seitdem sich sein Wollen an der Menschenmauer wund gerieben, war sein Wille flügellahm geworden, das Licht in seinem Innern, kaum entzündet, nur noch ein flackerndes Flämmchen, und daß er sich's nur eingestand: über die Schatten in den Räumen seines Innern, die ihn seit seiner Verschüttung umlauerten, seit seiner Heirat vom Wesen Sessis her bedrängten, und die er manchmal sogar fast angstvoll zu spüren meinte, wenn er seinem Knaben über den lichten Scheitel strich – über diese Schatten war er noch zu keiner Stunde wahrhaft Herr geworden. Damit, daß er sie fortwährend von sich fortdrängte oder sie zu übersehen sich bemühte, war es nicht getan. Er mußte sie besiegen. Ehe es nicht licht in seinem eigenen Leben wurde, hatte er kein Recht, sich zu vermessen und gleich Diogenes mit der Laterne seinen Mitmenschen das Dunkel ihres Innern erhellen zu wollen. Eine Fügung hatte ihm diese fordernden Sätze als das Vermächtnis des Großvaters in die Hände gespielt, sie sollten ihn fortan als sein Talisman begleiten, ihm gleichsam über dem Herzen brennen. Rasch zog er sein Taschenmesser, schnitt sich den Bericht von der Siegesfeier heraus und versenkte das Blättchen in seine innere Westentasche, faltete dann die Zeitungen wieder zusammen, schlang die Schnur um das Bündel und legte es zu dem übrigen Kram in den Schub zurück. Dabei spürte er etwas Hartes unter seinen Fingern. Noch einmal griff er zu und hielt ein dickes großes Buch mit einer Schließe in der Hand. Als er es öffnete, sah er, daß es ein Album mit Familienphotographien war. Er klemmte es sich unter den Arm und eilte, ohne noch einen Blick auf den Tisch in der Mitte zu werfen, über die Stiege hinunter, um Mutter Christel von dem Fund zu verständigen. Noch in der Nacht zählte Christel mit ihm das Erbe durch, das Meister Jochen in mehr als zwanzigjährigem Wirken ohne ihr Wissen Münze für Münze aufgespart. Nicht weniger als zweiunddreißigtausend Mark und dreitausendfünfhundert Kronen betrug die goldene Hinterlassenschaft, die Christel auf Damians Wunsch in Verwahrung nahm und im Kommodenaufsatz verschloß. Nun glaubte sich Damian wieder unbesorgt ganz seinen Büchern, verborgenen Gedanken und Süchten seines Denkens widmen zu können, und er tat es sogleich mit einer so eifervollen Hingabe und Ausdauer, daß es den Seinigen oft nur mühsam gelang, ihn zur Innehaltung der Mahlzeiten zu bewegen. Von dem Tage an, da ihm das »Vermächtnis« Nathanaels in die Hände gefallen, hatte er sich die Mansardenstube als sein Studio erwählt, darin er nicht weniger eremitenhaft hauste als einst sein lebensenttäuschter Großvater. Weder Sessi noch Mutter Christel durften hier hausfraulich schalten, er sorgte selbst für peinlichste Sauberkeit und duldete es nicht, dem puritanisch einfach möblierten Raum durch einen Sessel oder Teppich oder irgendeine Umstellung der vorhandenen Möbel zu größerer Behaglichkeit und Wärme zu verhelfen. Es blieb alles genau so und an derselben Stelle, wie es seit Nathanaels Tode gestanden. Durch diesen kleinen äußeren Zwang zur Einfachheit und Unverrückbarkeit des Mobiliars, den er sich auferlegte, hoffte er nicht nur jede Zerstreuung von sich fernzuhalten, sondern die stille Geschlossenheit seines Gemütes leichter herbeizuführen, in dem er nach den hohen Forderungen Nathanaels fortan zu leben entschlossen war. Auch hoffte er durch diese äußere Unausweichlichkeit über die chaotische Zerstörung der Welt durch den Krieg und über die Schatten seines Inneren hinweg allmählich wieder in die reine, organische Gefügtheit seines früheren Wesenszustandes zurückzugelangen und so seiner selbst und seines Weges von neuem sicher zu werden, dem er durch seine Grundsätze traumhaft ahnend und gläubig schon so lange entgegenstrebte. Allein, auch in der Mansardenstube, in die er sich mit solcher Entschlossenheit und Umsicht geradezu geflüchtet hatte, um hier wie hinter den Glaswänden eines Laboratoriums in keimfreier Luft zu atmen und gleicherweise dem Geist vergangener Jahrhunderte wie dem seiner Zeit und seiner eigenen Wesenheit nachzuforschen, wollte es Damian nicht gelingen, dem beklemmend-verwirrenden Kreisen seines Blutes und Gemütes zu entrinnen, vor dem er sich doch gerade an diesem Ort sicher wähnte. Mitten im Ausschreiben irgendwelcher Quellenbelege für seine Habilitationsschrift über »Blütezeit und Verfall Athens« überfiel ihn siedendheiß die Vorstellung von Selma Mosigs betörend fester Büste, wie sie sich in jener Nacht im Strauchnest seinen Händen bot, daß er aufspringen und aus der Stube hinunter ins Freie eilen mußte, das lastende Bild zu verscheuchen. Oder er sah sie gar mit schlangenhaft weichen Bewegungen in Hauptmann Andersecks Armen liegen, daß er auf und davon stürmte, um sich drunten in der Wohnküche am Anblick seines spielenden Söhnchens seiner Sinnesbetörung zu entreißen. Je öfter er sich von seinen Blutswirbeln zu Gerhartels selig-reiner Kindhaftigkeit flüchtete, desto beschämter kam er sich vor und desto zögernder stieg er danach wieder in seine Studierstube hinauf. Eines schönen Hochsommernachmittags, an dem er das Junglein nicht im Hause, sondern draußen im Vorgärtchen mit Sandhäufchen spielend fand, bedrückte ihn nach einer Weile, wahrend der er vom Bänklein unterm Frontspieß aus dem hingegebenen Treiben seines Sprößlings zuschaute, der Gedanke, wieder in seine Klause zurücksteigen zu sollen, dermaßen, daß er ihn an der Hand nahm, mit ihm gemächlich durch die Wuselgäßchen bis zur Gansertbrücke wanderte und den am Zacken entlang führenden Uferweg unter den mächtigen schattenspendenden Ahornen hinspazierte. Plötzlich spürte Damian, wie sich das Händchen des brav neben ihm her trippelnden Jungleins von ihm löste, und schon lief der Kerl stracks auf ein Mädchen zu, das Damian selbst erst in diesem Augenblick sah, und das hier, nur ein paar Meter von ihm entfernt, mutterseelenallein unterhalb der Uferböschung saß. Es mochte wohl etwa vier Jahre alt sein, trug einen Gänseblümchenkranz im weißgoldenen Haar und war so versunken in ein merkwürdiges Spiel mit rundgerollten Steinchen im Ufersand, die es paarweise geordnet durch den Sand marschieren ließ, daß es zunächst gar nicht aufblickte, indes der kleine Maechler ihr wie andächtig zuschaute. Dazu sang es den Steinwanderern mit hoher, unwirklicher Traumstimme ein Lied. Sobald aber einer der Steinpilger im Wandern einen Fehler machte, packte sie ihn und warf ihn mit einem hohen zornigen Schrei ins Wasser zurück. Damian war so betroffen von der forschen Selbständigkeit seines Söhnchens und zugleich selbst so angetan von der Lieblichkeit des kleinen Geschöpfes, daß er wortlos abwartete, bis die Kinder miteinander zu plaudern begannen und sein Gerhartel sich wie selbstverständlich am Steinchenspiel der kleinen Schönen beteiligte. Jetzt erst trat Damian herzu und begann eine kleine Unterhaltung mit dem Kinde: »Wo bist du denn zu Hause?« »Dort drüben«, dabei zeigte sie über den Zacken hinweg, »auf der Vogelsdorfer Straße.« »Wohnt dort deine Mutter?« »Ich bin bei der Tante zu Hause.« »Und wie heißt du denn?« »Michen.« »Soso, also Michen. Und wie heißt du noch?« »Michen Mosig.« Damian gab es richtig einen Stoß. Michen Miosig, und auf der Vogelsdorfer Straße wohnte sie? Kein Zweifel, die Tante, von der das Kind sprach, war Selma Mosig. Damian fand sich in der Sache noch keineswegs zurecht, aber der Name Mosig genügte, ihn so zu verstimmen, daß er sein Junglein ziemlich kurz angebunden aus seinem Kinderhimmel zurückholte, den Widerstrebenden bei der Hand nahm und unverzüglich den Heimweg antrat. Unterdes redete das Bürschlein immerfort auf Damian ein, bettelte und schmeichelte, er wolle »bloß noch ein bissel« mit seiner neuen Freundin »Steinchen spielen«, begegnete aber tauben Ohren. Zu Hause angekommen, erzählte er mit glänzenden Augen Mutter Christel und Sessi unentwegt von Michen und zeigte sich reinweg wie besessen von dem goldhaarigen Hexlein. Nur mit Mühe gelang es schließlich gegen Abend, den kleinen Mann in sein Bettchen zu bringen und einzuschläfern. Nun konnte sich Damian bei Mutter Christel näher nach der Herkunft Michens erkundigen und bekam ungefähr das zu hören, was er bei sich bereits vermutet hatte. Danach hatte Selma Mosig das Kind schon seit fast zwei Jahren zu sich genommen. Sie gäbe es zwar für die Tochter ihrer Schwester aus, die an einen Bergmann im Senftenberger Kohlenrevier verheiratet sei und das aus einem vorehelichen Liebeshandel stammende Kind nicht mit ihren eigenen Kindern aufwachsen lassen wollte. Schalksmäuler seien jedoch der Meinung, daß niemand anders als Selma selbst die Mutter Michens sei. Schon am nächsten Tage zeigte es sich, daß der kleine Maechlerjunge eine solche Zuneigung für Michen gefaßt hatte, die das erste kindliche Geschöpf war, dem er bisher in seinem Leben begegnete, daß er es verstand, ungesehen aus dem Hause zu schlüpfen, als er Michen am Zaun des Vorgärtchens entdeckte, wie sie ihm lustig und verlangend zuwinkte. Sie strichen erst um das Gerberhaus, dann durch die Schrimsteige bis zur Gläserschen Gärtnerei und fanden sich nach einer guten Stunde, jedes mit ein paar geschenkten Blümchen in der Hand, so einträchtig und glücklich wieder ein, daß weder Christel noch Sessi imstande waren, dem kleinen Ausreißer Vorwürfe zu machen. Damian hätte zwar den weiteren Umgang seines Söhnchens mit dem Ziehkind der Schneiderin am liebsten unterbunden, wußte aber nicht recht, mit welcher Begründung er vor Christel und Sessi dagegen opponieren sollte, zumal die Frauen offensichtlich erfreut darüber waren, daß das sonst ganz auf sich angewiesene Kerlchen eine Spielgefährtin gefunden hatte. So entwickelte sich schon nach wenigen Tagen eine innige Spielfreundschaft zwischen Gerhart und Michen, bei der die Kinder allerdings genötigt waren, sich nur im Freien zu tummeln. Denn zu Damians Überraschung erlaubte es Sessi ihrem Gerhart nicht, seine Freundin ins Haus zu bringen, weil man, wie sie zu Christel und Damian meinte, Kinder so verschiedenen Standes zwar unbedenklich miteinander spielen lassen, aber nicht erst dahin bringen dürfte, sich an einen Lebenszuschnitt zu gewöhnen, in den sie nicht hineingeboren seien. Und auch Selma Mosig verwehrte, wenn auch aus entgegengesetzten Erwägungen, ihrem Ziehkind, mit dem vornehmen Junglein in der Schneiderstube zu spielen. Auf diese Weise wurden die beiden Kinder jedoch noch enger miteinander verflochten, als die Erwachsenen ahnten. Es war übrigens durchaus keine bloße Aufwallung erzieherischer Absichten, die Sessi hinsichtlich der Freundschaft zwischen Gerhart und Michen auf so bestimmte und ernsthafte Weise äußerte. Schon seit Wochen hatten Christel und Damian mit beinahe ungläubiger Verwunderung wahrgenommen, wie Sessi anfing, sich mit wahrem mütterlichem Eifer um ihr bisher so wenig beachtetes Söhnchen zu kümmern. Christels freudige Genugtuung über das endliche Erwachen der natürlichen Muttertriebe in Sessi war zugleich der Balsam für die schmerzliche Empfindung, ihren leidenschaftlich umhegten Herzensjungen an die Schwiegertochter abtreten zu müssen. Und doch rührte die Christel und Damian so überraschende Einflußnahme Sessis auf Gerhart weniger aus dem glückhaften Aufbruch ihrer mütterlichen Liebe für das Kind her, das sie nach der Vorstellung, die sich in ihr eingenistet, ja von dem Fähnrich empfangen hatte, als aus der tiefen Beschämung, die das Erwachen der väterlichen Gefühle Damians in ihr ausgelöst hatte. Schon lange lagen in ihrem Herzen Scham und Mutterliebe in einem heftigen Widerstreit, der sie um so stärker bedrückte, je schmerzlicher sie spürte, wie sich in demselben Maße, in dem sie das sie täglich heißer überflutende mütterliche Gefühl für ihr heranwachsendes, liebreizendes Knäblein vor sich selbst verheimlichte und unterdrückte, ihr Damian seinem Kinde zu- und gänzlich von ihr abzuwenden drohte. So warf sie eines Tages zwar entschlossen den Ballast, den sie des Fähnrichs wegen Damian und dem Kinde gegenüber von ihrem Gewissen her in sich trug, von sich ab, vermochte aber trotzdem nicht, das quälende Bewußtsein in sich zum Schweigen zu bringen, daß ihr durch dieses Kind vom Schicksal eine Last auferlegt sei, an der sie zeitlebens vor Mann und Kind bitter zu tragen haben werde. Da geschah ihr an einem regnerischen Nachmittag, an dem sie Gerhart nur durch kindliche Ablenkung über seinen Kummer hinwegtrösten konnte, nicht mit seiner kleinen Freundin im Freien spielen zu dürfen, wie durch ein Wunder und in einer blitzähnlichen Erkenntnis die Erlösung aus ihrer Seelenqual. Sie saß mit Christel und Damian, der ihnen aus dem eben abgegebenen »Boten aus dem Riesengebirge« vorlas, noch am Kaffeetisch in der Wohnküche. Den Kleinen hatte sie, um ihn zu beschäftigen, mit dem dicken Familienalbum, das Damian in dem Kommodenschube gefunden, zwischen sich und Mutter Christel an sein Kindertischchen gesetzt und dadurch erreicht, daß seine Tränen versiegten. Erst galten seine emsigen Bemühungen der Öffnung der glänzenden Schließe, und als er sein Ziel erreicht hatte, schlug er das Album auf und versenkte sich still und gesammelt ins Anschauen all der fremden Gesichter. Mit einem Male schien er jedoch ein Bild entdeckt zu haben, das ihm besonderen Eindruck machte, denn indem sich sein Gesichtchen zu einem strahlenden Lächeln verklärte, tappte er mit seinem Zeigefingerchen darauf und ließ ein so andauerndes »Da, da« vernehmen, das er, da ihn zunächst niemand beobachtete, immer aufgeregter wiederholte, bis sich Sessi und Christel zu ihm niederbeugten, um zu sehen, was das Kerlchen da wohl so Fesselndes gefunden haben mochte. »Aber das ist ja eine Aufnahme von Damian«, rief Christel voller Erstaunen aus, »die wir damals machen ließen, als er gerade drei Jahre alt war. Nein, dieser Schlaumeier, hat er es doch tatsächlich herausgefunden, ich hatte ganz auf das Bildchen vergessen, schau doch mal, Sessi, wie ähnlich sich die beiden Kinder sehen, wahrhaftig wie ein Ei dem anderen, es fällt mir heute eigentlich zum ersten Male auf.« Mit einer Erregung, die sie vor Christel zu verbergen trachtete, hob Sessi das Bürschlein auf ihren Schoß, legte das Album vor sich auf den Eßtisch und blickte wie entgeistert immer von neuem vergleichend zwischen ihrem Kind und seinem Abbild hin und her. »Na, Sessi, hab' ich nicht recht?« bekräftigte das glückliche Christel und wandte sich zu Damian hinüber, »komm her, mein Lieber,, leg deine Zeitung hin und betrachte dir doch einmal dein altes und dein neues Ebenbild!« Nein, es war keine Täuschung möglich. Bei dieser Erkenntnis schoß Sessi eine solche heiße Glückswoge vom Herzen her ins Angesicht, daß sie, um sich nicht zu verraten, Damian, der hinzugetreten war und vor Stolz über die Findigkeit seines Kindes und nicht weniger davon beglückt als Christel, dessen Köpfchen streichelte, zu sich heranzog und in ihrer überströmenden Aufwallung auf Mund und Augen küßte. Beinahe fassungslos ließ Damian es über sich ergehen, da ihm eine solche Liebesbezeugung Sessis seit Jahren nicht mehr widerfahren war, und begab sich bald darauf nachdenklich in sein Arbeitszimmer. Als er am späten Abend sein Lager aufsuchte, fand er Sessi noch wach. Sie glitt zu ihm hinüber und bat ihn mit seltsam drängender Stimme, sie anzuhören. Sie habe das unwiderstehliche Verlangen, ihm etwas zu bekennen, was sie ihm bisher verborgen, was er aber einmal erfahren müsse, damit wieder alles klar und rein zwischen ihnen werden könne. Heute nachmittag, als das Gerhartel sein Bild entdeckt habe, sei es ihr wie Schuppen von den Augen gefallen, und nun könne sie ihm endlich anvertrauen, worunter sie dermaßen gelitten habe, daß es ihr unmöglich gewesen sei, ihm so anzugehören, wie es nicht nur ihre Pflicht als seine Ehefrau gewesen wäre, sondern wie sie es auch in all den Jahren als ihr sehnliches Verlangen in sich getragen habe. In ihrer überschwenglichen Beglückung, die Mutter eines Kindes zu sein, das sie von dem geliebten Manne empfangen, bekannte sie Damian rückhaltlos, was ihr damals draußen an den Teichen auf dem Spaziergang mit dem Fähnrich widerfahren und der eigentliche Grund ihres späteren Verhaltens ihm und dem Kinde gegenüber gewesen war; wie sie, in ihrer Herzensnot um ihn in Ohnmacht gesunken, dem Fähnrich anheimgefallen zu sein wähnte, denn heute zweifle sie, ob er ihr wirklich das letzte angetan, sei es ihr aber doch geschehen, so könne sie ihm schwören, daß sie nur in ihrer grenzenlosen Angst um sein Leben und in einer Lähmung ihres wachen Bewußtseins der Einbildung ihrer Sinne erlegen sei, ihn, Damian, in ihren Armen zu halten und ihn durch den äußersten Einsatz ihrer Liebesmacht aus der Todesnot retten zu können, in der er ja zur gleichen Stunde geschmachtet habe. Aus Scham habe sie damals geschwiegen, und als das Kind soviel früher zur Welt kam, aber wie ihr erst seit heute aufgegangen sei, nur infolge ihres unglücklichen Sturzes von der Bodentreppe, sei es ihr noch weniger möglich gewesen, sich, ihm zu eröffnen. Das alles bekannte sie ihm, und es brach gleich einer gestauten Flut aus ihr heraus, die sich über einen geborstenen Damm ins weite Land hinab ergießt. Allein Damian, gleich allen Männern unfähig, das Weib als Wesen des anderen Geschlechts, dessen Handeln und Denken überwiegend von den Kräften des Gemüts regiert wird, im tiefsten zu begreifen, während der Mann selbst sein sinnliches Begehren noch dem Verstand unterordnet – Damian hörte nur: Treulosigkeit, Täuschung, Untreue, Schmach, und wollte nichts anderes verstehen, weil er ein Mann war und weil er sie liebte. Er liebte sie, und darum traf ihn ihr Bekennen mit der Wucht eines Schlages auf sein Herz, daß es sich zusammenkrampfte und gleichsam ausgeschaltet wurde, während allein sein Hirn noch erfaßte, was sie sprach. Er verstand sie jedoch nicht, weil Verstehen nur aus dem Gemüt wächst; aber er begriff sie – und gerade weil er sie begriff, war er nicht imstande, das Unbegreifliche, das Sessi widerfahren, das Geheimnisvolle, das sie miteinander verband und verkettete, zu verstehen. So entzog er sich, verletzt und bewußt, sie zu verletzen, wortlos ihrem beinahe demütigen Verlangen nach dem Beweis ihrer gegenseitigen Liebesverbundenheit. Noch lange fanden die beiden von ihrer Liebe gepeinigten Menschen keinen Schlaf. Draußen begann es erst fern, dann näher und näher zu grollen und zu donnern, Blitze erleuchteten sekundenlang die Stube, dann setzte ein wolkenbruchartiger Regen ein, der so unbändig gegen die Scheiben trommelte, daß er Sessis Schluchzen übertönte, und der noch fortdröhnte, als der Mann und sein Weib schon seinem Rauschen wie dem wirren Kreisen ihrer Gedanken erlegen und in den Schlaf erlöst waren. * Am nächsten Morgen wölbte sich der Himmel über den Dächern Wilkaus in einem wollustvollen tiefen Blau, und die Luft schien zum Bersten mit goldenen Sonnenstrahlen erfüllt. Zur üblichen Frühstücksstunde ließen Sessi und Damian, die noch immer in ihre qualvollen Schlafbetäubung lagen, so lange auf sich warten, daß Mutter Christel, als es schon in die zehnte Stunde ging, selbst in den Oberstock hinaufstieg, um die Säumigen herauszuklopfen. Diesen unbewachten Augenblick machte sich Gerhart, den es nach seiner eintägigen Gefangenschaft mächtig ins Freie und zu seiner Freundin zog, zunutze und entlief spornstreichs um die Gärtnerei herum in der Richtung nach der Vogelsdorfer Straße. Schon auf der Gansertbrücke traf er auf Michen, die ihn jedoch wegen seiner gestrigen Unsichtbarkeit so unwillig empfing, als sei es eine Gnade, wenn sie sich noch einmal zu ihm herablasse. Sie schien heute überhaupt nicht gut gelaunt. Auch als sie sich dann miteinander bis zu ihrem Lieblingsplatz an der Mauerböschung des Zacken im Schatten eines der ragenden Ahorne unterhalb des alten Klosters hingespielt hatten, blieb sie verdrossen, als trage sie einen geheimen Kummer mit sich herum. Was Gerhart auch anstellte, um sie fröhlicher zu stimmen, blieb vergeblich, es machte keinen Eindruck auf sie, sie schaute ihm nur gleichgültig und wie abwesend zu. Von der unbegreiflichen Niedergeschlagenheit seiner engelschönen Freundin wurde das weiche, immer zärtlich aufgeschlossene Junglein schließlich selbst so bedrückt, daß es, um sie vielleicht doch noch zu erheitern, darauf verfiel, über drei ausgetretene Stufen auf die vom Wege aus nicht allzu hohe Ufermauer zu klettern. Dort begann es alsbald vor Michens Augen zu tanzen, damit die kleine Schöne erkenne, wie lieb er sie habe. Unter ihm brauste auf der einen Seite der über Nacht durch den Wolkenbruch zu einem reißenden Gebirgsfluß angeschwollene Zacken seine Wellenschäume drohend an die Mauer herauf, auf der anderen Seite schaute Michen, erst kauernd, dann in Furcht und Glück stehend, mit weiten Augen dem Tanz ihres Freundes zu. Von der höllischen Gefahr wie von der Freude gefangen, sich von seiner schönen Freundin bewundert zu sehen, geriet der Kleine in derartige Verzückung, daß er begann, vor ihr in tanzenden Sprüngen singend die Mauer auf und ab zu jagen. Beim zweiten Rücklauf war er von seiner leidenschaftlichen Wildheit schon so benommen, daß er in der Kehre taumelnd die Herrschaft über sich verlor. Mit einem Schrei stürzte er in den reißenden Fluß, wo er von den Wogen sofort auf den Grund gemahlen wurde. Entsetzt lief Michen laut aufweinend davon. Um die Mittagszeit zog man am Scherichsdorfer Wehr die kleine Leiche heraus. * Vor dem entseelten Körper ihres Kindes brach Sessi mit einem Schrei der Verzweiflung ohnmächtig zusammen. Damian, unfähig, auch nur einen Augenblick länger den Anblick des kleinen Leichnams zu ertragen, schlug aufschluchzend die Hände vors Gesicht und flüchtete sich in sein Arbeitszimmer, wo er sich einschloß und wie einer, der sich in seiner eigenen Fallgrube gefangen, Stunde um Stunde rastlos hin und her und her und hin lief, bis er sich endlich erschöpft auf einen Stuhl fallen ließ und in ein dumpfes selbstanklägerisches Brüten versank. Er, er allein trug vor seinem Gewissen Schuld an dem Tode seines Söhnchens. Hatte er sich nicht jenes wundersame Licht des Ewigen, dessen Widerschein ihn am Fenster der Schneegrubenbaude so tief getroffen, daß er glaubte, für immer von allen Folgen seiner Grabenverschüttung geheilt zu sein, wenn er nur seinen Glanz in sich bewahre, mutwillig selbst verscherzt? Hatte er nicht den Funken dieses ewigen Lichtes, das im Grunde allen Seins leuchtet, und den er in sich zur Flamme werden lassen wollte, um das Göttliche in sich zu verwirklichen, wie es ihm zum anderen Male die Stimme des geisterhaften Wesens in der mondhellen Nacht in den Ruinen der Heinrichsburg verkündet und auferlegt, selbst wieder ausgelöscht, als er enttäuscht über die Dumpfheit der Menge und nur, um seine Autorität im Volksrat zu wahren, mit abgenützten Phrasen zu Lügen gegen die Forderungen seiner Seele Zuflucht nahm, zum Verräter am Heiligsten seines Geistes und Willens wurde, daß er, von Schmerz, Ekel und Reue gepackt, sich selbst verabscheuen mußte? Und hatte er diesen Verrat gegen seine Seele nicht dennoch weiter geübt, bis er sogar sein Weib und sein Kind verriet, als er Selma Mosig verfiel? Statt es licht in seinem Innern werden zu lassen, mit ernstem Willen der Reinheit in sich selbst nachzustreben, wie es ihm der Großvater Nathanael vorgelebt, war er seinen dunklen Blutswirbeln erlegen und hatte sein Kind mit in den Schattenschaum hineingerissen, der doch nur von Selma her noch über ihr Kind nach ihm griff, um ihn ganz zu verderben, indem sie ihm das Glück seines Lebens, das Leben seines Kindes zerstörte. Wieder war es nun Nacht um ihn, wie damals, als er unter den Erdmassen vor Ypern verschüttet lag, eine Nacht, die er selbst auf sich herabbeschworen hatte. Und die Worte des großväterlichen Vermächtnisses schössen ihm durch den Sinn: »Wer mit Schatten haust, dem wäre es besser, er läge unter den Toten ...«, unter den Toten von Ypern, stöhnte er und schluchzte von neuem ratlos auf. Auch Sessi ergab sich, als sie endlich unter Mutter Christels hilfreichen Händen mühsam wieder aus ihrer Ohnmacht ins Wache zurückgefunden, so hemmungslos der fast wollüstigen Qual, sich selbst der Schuld am Tode ihres Kindes zu bezichtigen, daß es Mutter Christel, ungeachtet ihres eigenen Schmerzes um den Verlust ihres Lieblings, nicht erspart blieb, allein das weiße Särglein zu beschaffen und das kleine Körperchen für seine letzte irdische Reise zu betten und zu schmücken. Derweilen wand sich Sessi Tag und Nacht ruhelos und tränenüberströmt in der Schlafstube auf ihrem Lager und verstrickte sich immer tiefer in das Netz ihrer schonungslosen Selbstvorwürfe. Als stünde sie vor dem Richterstuhl des Höchsten, rechtete sie mit sich über ihre geheimsten Gedanken und Wünsche. Hatte sie sich wirklich rein und makellos für Damian bewahrt? War sie nicht doch, damals bei den Teichen, vom Feuerwirbel ihres Blutes erfaßt, wenn auch nicht mit ihrem Wissen und Willen, so doch, mindestens mit ihren Sinnen, dem Fremden anheimgefallen? Wäre sie sich denn sonst von jener Stunde an gleich einer in Schande Gefallenen vorgekommen? Und hatte sie nicht in der Hochzeitsnacht alle Scham nur deshalb von sich geworfen, um durch ihre hemmungslose wilde Hingabe gleichsam ihr Gewissen zu übertönen und zugleich in der schrankenlosen Vereinigung mit dem Geliebten ihre durch den Fähnrich entzündeten Sinne zu löschen? Warum endlich hatte sie sich dann jahrelang Damian versagt und dadurch das Glück ihrer Ehe zerstört? Nicht nur, weil sie sich unrein vor ihm fühlte, sondern weil ihr vor der Wiederholung der Sinnestäuschung graute, in Damian den Fähnrich zu umarmen. So tief hatte sich das Geschehen mit dem Fähnrich in sie eingebrannt, daß sie nicht einmal von dem Wahn loskam, das Kind von ihm empfangen zu haben. Und diesem Kinde hatte sie auch noch ihr Herz verschlossen, es durch Lieblosigkeit ihre Sinnesverwirrung und Bewußtlosigkeit entgelten lassen! Das alles hatte das Schicksal jetzt an ihr um so furchtbarer gerächt, als es zuschlug, kaum daß es ihr die Augen geöffnet und sie Gerhart glückselig als Kind Damians erkannt – Damians, dessen Liebe ihr nun auch, nach ihrem Bekennen und dem grauenvollen Sterben dieses süßen Unterpfandes ihrer Ehe, verloren, ja doppelt und für immer verloren schien. So rang jeder der beiden hart geprüften Ehegatten einsam, verschlossen vor dem anderen, mit seinem Schmerz und seinem Gewissen; so schritten sie, durch ihr Verschulden bitterlich voneinander getrennt und doch durch ihre Trauer tröstlich-geheim verbunden, schweigend den schweren Gang auf den Friedhof und zum Gerberhaus zurück. In der Nacht nach dem Begräbnis fanden sich erst ihre Hände und auch ihre Leiber wie von selbst zueinander und versanken nach gegenseitigem Bekennen und Verzeihen in die erlösende Betäubung des Schlafes. Als sie am anderen Morgen erwachten, hatten sie die Todesferne zwischen sich überwunden. Zum ersten Male seit ihrer Hochzeit schauten sie sich mit aufgeschlossener Liebe in die Augen, die noch wund waren von den Tränen eines Schmerzes, den sie auch durch ihre Liebesumarmung nicht zu stillen und aus dem sie sich auch nicht eher zu lösen vermochten, als bis sie erkannten, daß ihr erneuerter Liebesbund Gnade vor den Augen des Höchsten gefunden. Dreiundzwanzigstes Kapitel Wochenlang rang Damian vergeblich darum, sich aus dem Schattenwogen zu befreien, in das ihn der Gram über den Tod seines Söhnchens im ufervollen Zacken, der Schmerz über das Mißlingen seiner Volksbeglückungspläne und sein ohnmächtiger Zorn über die immer offenbarer werdende moralische Zersetzung des deutschen Volkes gestürzt hatte. In seinem brennenden Verlangen, sowohl den Schatten seines Inneren wie den Fangarmen zu entrinnen, die von außen, aus dem chaotischen Brodeln der Zeit nach ihm langten, flüchtete er sich abermals in sein Studierzimmer, in die reine Luft und Windstille der Wissenschaft, der Geschichte und der Philosophie. Dennoch merkte er bald, als er sich daran machte, die Arbeit an seinem bereits begonnenen Manuskript über »Blütezeit und Verfall Athens« wieder aufzunehmen, daß ihm in den vergangenen Wochen der Zugang dazu verlorengegangen war. So beschäftigte er sich, in der Absicht, sich zwanglos wieder auf diese Arbeit einzustimmen, in bewußt unsystematischer Weise eine Zeitlang ausschließlich mit der erneuten Lektüre jener antiken Geschichtsschreiber und Philosophen, deren Werke ihn von der Schulbank über die Universität bis heute als die dokumentarischen Verkünder der hellenischen Welt begleitet und begeistert hatten. Doch nun widerfuhr Damian etwas höchst Merkwürdiges. Wenn er bisher geglaubt, im sicheren Besitz einer klaren Anschauung griechischen Wesens in allen seinen Ausdrucksformen zu sein, so sah er sich jetzt mit einem Male zu einer nahezu völligen Umwertung alles dessen genötigt, was ihm seit seiner Universitätszeit vorgeschwebt hatte, als er die in der Lebens- und Staatsform der athenischen Demokratie erreichte Höhe menschlicher Gesittung und Gemeinschaft für den Idealzustand ansah, dem es auch für den deutschen Menschen und seinen Staat nachzutrachten galt. Als ob er selbst durch die revolutionären Vorgänge der Gegenwart und seine eigene Erfahrung mit den Menschen ein anderer geworden, nahm er jetzt die Welt des Griechentums, wie sie sich ihm in den Werken eines Herodot oder Thucydides, eines Plato oder Aristoteles darbot, mit gänzlich anderen, gleichsam geschärften Sinnen in sich auf. Was er bisher am athenischen Staatsgebilde nur als Ausprägung und Vorbild höchsten Menschentums angesehen, erschien ihm nun in vieler Hinsicht unzulänglich und brüchig, und oft ertappte er sich auf der Empfindung, er habe das ideale Streben der edelsten Geister dieses Volkes mit der Erfüllung ihrer Ideale verwechselt. Jetzt erst ging ihm die Erkenntnis vom Wesen der großartigen Hervorbringungen hellenischen Geistes, ja das Geheimnis der Offenbarungen schöpferischen Geistes überhaupt auf, das darin besteht, daß sie zwar nicht ohne Einwirkungen des allgemeinen Lebensstroms ihrer Zeit entstehen können, zugleich aber doch von ihnen unabhängig sind. Gewiß, die Demokratie des hochgebildeten attischen Volkes allein gewährte all diesen Männern: Perikles, Anaxagoras, Plato, Aristoteles, Äschylos, Sophokles und Euripides jene Freiheit, deren der schöpferische Geist bedarf, um sich offenbaren zu können. Sie war der Nährboden für das nahezu wunderbare, fast gleichzeitige Erscheinen so verschiedenartiger Geister, die in Dichtung, Philosophie und Geschichtsschreibung das Höchste erreichten, was der menschliche Geist überhaupt erreicht hat. Aber wie jede Ackerkrume gleichmütig edle und unedle Aussaat in sich aufnimmt und wachsen läßt, so wucherte mit und neben den üppig blühenden edelsten Gewächsen menschlicher Kultur ein so geiles Unkraut gewöhnlichster politischer Triebe aus dem demokratischen Nährboden, daß es nicht erstaunlich war, wenn sich die Edeltriebe oft kaum vor der erstickenden Umarmung dieser aus menschlichen Leidenschaften und Lastern genährten Schlinggewächse zu bewahren vermochten und entweder wie Perikles von ihrem Gifthauch getroffen und geschwächt, wie Thucydides von ihnen verdrängt, oder gar wie Sokrates vergiftet wurden. So enthüllte sich Damian bei seiner nach letzten Einsichten schürfenden Lektüre sowohl die gleichsam magische Formel für jene geheimnisvolle und eigentümliche Verbindung politischer und weltanschaulicher Kräfte oder Ideen, aus der allein sich das eigenartige Phänomen der hellenischen Kultur begreifen läßt, als auch zugleich die ganze Fragwürdigkeit ihre demokratischen Prinzipien. Was Damian jedoch schier überwältigte, war eine weitere und genau besehen doppelte Erkenntnis, die ihm in diesen durchsonnenen Wochen Schritt für Schritt aufging. Nicht erst seit seiner Beschäftigung mit der antiken Philosophie, sondern aus einem gewissermaßen blutsmäßigen Denken war er überzeugt, daß der Mensch die Tendenz der Welt sei. Er hatte sich kein anderes Ziel gesetzt, als dieser Tendenz des Menschentums zu leben und einst zu sterben. Seit Sokrates nun ging die Philosophie vom Menschen aus und warf immer wieder die Frage nach der besten Form des Zusammenlebens der Menschen in einer gesitteten, geordneten und gesicherten Gemeinschaft auf. Doch wie soll es den Menschen jemals gelingen, Ordnung um sich zu schaffen, wenn die meisten von ihnen innerlich so ungeordnet sind, daß sich jeder nur an seinem Egoismus in der Welt orientieren will? Nie waren Wahrheit, Gerechtigkeit und reinste Liebe in der Welt der Menschen das Herrschende. Und doch kann dem Menschen nur von seinem reinsten Inneren her jene Macht kommen, die ihn läutert, sein göttliches Wesen ans Licht trägt und diesem Heiligen sowohl im persönlichen wie im öffentlichen Leben eine so mächtige Repräsentation verschafft, daß dadurch, wie Plato sagt, »das hundertköpfige Tier, das mit den Menschen zusammenwohnt, von dem Menschen vollkommen beherrscht werde«. In diesem idealen Streben, die Menschen von ihren Tierwegen wieder auf hohe, reine Menschenbahnen zu führen, mußten sich die bedeutendsten Geister unter den griechischen Philosophen, Plato und Aristoteles, sowohl mit dem hellenischen Staat, wie er bestand, als auch mit der Frage nach der höchsten Form allen staatlichen Lebens auseinandersetzen. Ihre Idee vom Menschen wie vom Staate – und das war es, was Damian erst jetzt gleichwie in einer intuitiven Zusammenschau ihrer sonst so wesensverschiedenen philosophischen Lehren aufging und was ihn so stark bewegte – setzte eine Revolutionierung des einzelnen Menschen voraus, die Besinnung auf sein wahres, eigentliches Selbst, auf die in seiner göttlichen Seele, also transzendent, begründete Würde seiner Persönlichkeit. Nur so, wenn jeder Mensch sich von der Musik des ewigen Wesens, das in ihm liegt, durchtönen, diese Idee des Göttlichen in sich zum Leitstern seines Daseins werden läßt, kann sich eine echte Gemeinschaft unter den Menschen bilden und zum idealen Staatswesen formen, darin die wahren und höchsten Güter: Wahrhaftigkeit, Recht und aus reinster Liebe tätige Güte, herrschen, deren der Einzelne wie der Staat bedarf. Alle diese Ideale trug Damian längst in seinem Wesen, sie waren ihm angeboren. Doch nun erst, da sie ihn über zwei Jahrtausende hinweg aus den Schriften der Philosophen anwehten, erkannte er sie in ihrer unabdingbaren Gültigkeit. Und das andere, das sich ihm zugleich erschloß und ihn auf eine seltsame Weise wieder in die Problematik der deutschen Gegenwart zurückführte, war eine Erkenntnis, auf die er wie von ungefähr durch den alten Herodot hingelenkt wurde, in dessen Geschichten er sich zu seiner Entspannung nach der geistigen Beanspruchung beim Durcharbeiten der philosophischen Werke mit Vorliebe täglich irgendein anderes Kapitel aufschlug. Dabei geriet er eines Tages in jenen ihm bisher noch unbekannten Abschnitt, darin Herodot die Beratung der sieben Perser über die beste Regierungsform des Reiches wiedergibt, zu der sie sich nach der Ermordung der Magier zusammenfanden und darin alle Vor- und Nachteile aller möglichen Staatseinrichtungen beleuchtet werden. Hatte er sich bisher noch immer nicht ganz von seiner ursprünglichen demokratischen Überzeugung frei machen können, so mußte er jetzt einsehen daß jeder Prinzipienstreit über die beste Staatsform müßig ist und daß es überhaupt keine Staatsform gibt, die einem Volk das vollkommene dauernde Glück zu bescheren imstande ist. Jede Staatsform hat ihre Vorteile, jede ihre Schatten. Bald überwiegen diese, bald jene. Die schlimmsten Schäden aber, davor konnte er nun nicht länger seine Augen verschließen, werden den Menschen doch durch die Volksherrschaft aufgebürdet. Läßt man das Volk regieren, so treibt es jede Sache, auf die es verfällt, ohne Einsicht, gleich einem reißenden Strom, der wohl Dämme einreißt, aber auch alles Land vernichtend überflutet. Es galt mithin, und das erwies sich Damian, je tiefer er gleichzeitig in das Gedankengebäude der Philosophen eindrang, immer klarer, daß allein auf dem Wege der Revolutionierung der Menschen selbst, auf dem Wege der Ausprägung ihrer göttlichen Seele, ein Staatswesen erwachsen kann, darin sich Staat und Seele gegenseitig bedingen und befruchten. Und noch ein Weiteres war daraus zu folgern: zu diesem ihrem eigentlichen Erdenziel eines höheren, reineren und tieferen Lebens können die Menschen nur gelangen durch ein ganz individuelles persönliches Leben; wenn sie unaufhörlich bemüht sind, das zu werden, was sie sein könnten, nicht durch das, was jeder besitzend hat, was er sozial gilt, sondern durch das, was er im tiefsten ist, also nicht den äußeren Lebensumständen nach, sondern in der Höhe und Reinheit seiner Charakterwesenheit; mit einem Wort: durch die Ausbildung seiner Persönlichkeit, die nach Goethe das höchste Glück der Erdenkinder ist. Diese Vollendung seiner selbst soll er lieben, dieser heilige Egoismus soll ihn immer erfüllen. Nach diesem heiligen Egoismus, diesem menschengöttlichen Individualismus, dem einzigen, der dem Menschen erlaubt ist, weil seine Verpflichtungen die ganze Welt umfassen, zu handeln und das Leben aufzubauen, bedeutet zugleich den wahren, echten, lebendigen Gemeinschaftsgeist, jene Gesinnung, für die sich dann allerdings der Begriff demokratisch wie von selbst abermals anbietet, und zwar als das Ideal jenes ewigen Menschentums, das Sinn und Maß aller Dinge ist. * Indes Damian so inbrünstig in fast eremitenhafter Zurückgezogenheit hinter den Fenstern seines Arbeitszimmers mit seinen Schatten und seinen Engeln rang, stürzten sich draußen in den deutschen Landen die entseelten, rat- und führerlosen Menschen immer tiefer in den chaotischen Taumel ihrer zügellosen Leidenschaften, tanzten nach Niggerart mit rhythmisch zuckenden Gliedern auf den Trümmern der Welt ihrer Väter, feierten Materialismus und Mammonismus trunkene Orgien, brandschatzten Schieber aller Art das ausgeblutete und immer noch hungernde Volk, waren Streiks an der Tagesordnung, fiel der Wert der Papiermark von Tag zu Tag tiefer ins Bodenlose, flehten Fromme hinter Kirchenmauern naiv zu ihrem tauben Gott, flüchteten sich Hysterische in den Spiritismus, liefen politische Toren hetzerischen Demagogen, Arme im Geiste und Wundersüchtige der Fahne irgendeines falschen Propheten nach. Selbst Wilkau, dieses Wuselstädtchen, das nur deswegen noch nicht an seiner Winkelenge erstickt war, weil es die vielen strahlenden Teichaugen besaß, mit denen es alle Tage und Nächte die Wunder des Himmels und der Erde in sich hineinsaugen konnte, erlag nach seiner revolutionären Ansteckung noch einmal für eine Zeit dem epidemischen Krampf der Nachkriegsmenschheit. Und als sich schon halb Wilkau hemmungslos im Trümmertanz der Inflationszeit drehte, es war im Hochsommer des Jahres 1923, erschien im »Preußenhof« ein Mann, der als glühender Apostel seines Herrn und Meisters seit Monden durch die Lande zog und wußte, daß sein Weizen blühte. Es war ein Jünger jenes religiösen Schwärmers und politischen Phantasten Häusser, den der geheime Zauber, ein geistiger Diktator und Prophet zu sein, umfangen hielt, der allerorten mit Gesetz und Polizei in Konflikt geriet und sich zu jener Zeit als Märtyrer zum Objekt einer weitverbreiteten Teilnahme emporzuschwingen verstand. Häussers ganzes Auftreten kann nur vom psychologischen Standpunkt aus beurteilt werden. Der Zickzackkurs seiner, ewige Wahrheiten und ewige Irrtümer miteinander verwirrenden Reden kennzeichnete ihn als einen Menschen, dem die Einheitlichkeit des Denkens fehlte. Seine ganze sittliche Entrüstung, auch die gemachte, stammte einzig und allein aus den zu jener Zeit bestehenden, seinem Ideal völlig widerstrebenden sozialen, geistigen und sittlichen Verhältnissen. An ihnen entzündete sich sein Widerspruchsgeist, den er in der Öffentlichkeit durch demagogische Ansprachen und Beschimpfungen der neuen republikanischen Staatsform und ihrer Maßnahmen kundgab, um damit zugleich für seine christlich-radikale Volkspartei zu werben, der er nicht als Partei, sondern als einer Volksbewegung durch die Wahlen zum Reichstag eines Tages die Macht und die Führung im Staate zu erobern willens war. Häusser gründete sein Verhalten aber noch auf etwas anderes Wesentliches: auf Selbstbespiegelung, auf eine fast krankhafte Selbstvergottung, so daß er die Bibel zum Beweis seiner göttlichen Sendung herbeizog und sich unbedenklich neben Jesus Christus stellte als die Reinkarnation des Sohnes Gottes in dieser »dreimal verfluchten Zeit der losen Weiberunterröcke, der Arbeiter, die durch ihre Faulheit das Volk bestehlen und nun, da sie die Macht in den Händen haben, sich aller Laster ergeben, die sie ehedem an den Reichen verdammten«. Schwindelhaft versprach er die Errettung Deutschlands aus der Schande des Versailler Vertrags und der ganzen Menschheit aus dem klaftertiefen Schmutz ihrer Kulturschande, die sie allein in ihrer Schwachheit nicht lösen könne. »Mein hoher, gebenedeiter Vorgänger, Jesus von Nazareth«, so pflegte Häusser auszurufen, »hat seine Jünger ermahnt, das Licht nicht unter den Scheffel zu stellen. O Gott, wie bald verschwand das dreimal heilige Licht in der Dunkelheit der Irrlehren der Pfaffen, einer lasterhaften Priesterschaft verblendeter oder blindgewordener Völker. Ich allein bin berufen, dem ewigen wahren Licht den Scheffel der Jahrhunderte wegzuheben, damit sein Strahlen jede Falschheit und Bosheit verjage, jede Gemeinheit und Niedertracht.« Die Rätsel des Daseins, die Not des Lebens, Armut, Enttäuschung, Feindseligkeit aller gegen alle, nötigten die Menschen jener Zeit mehr noch als je zuvor dazu, sich eine Idealwelt zu ersehnen, die ihnen Trost und Frieden bringen konnte. Tritt solchen Menschen, die nach Befreiung und Erlösung lechzen, eine rührige, zur Aktivität veranlagte, sich der Idealwelt ihrer Wünsche nähernde Persönlichkeit in den Weg, so ist in allen Notzeiten die Bedingung für die Schaffung eines Messias oder Erlösers gegeben. Also erklärte sich auch das Werden Häussers zum »Volksbeglücker«, der Zulauf, den er und seine Jünger, als die sich zeitweilig Angehörige der verschiedensten Stände bekannten, in den Jahren der tiefsten Ohnmacht und Erniedrigung der deutschen Menschen vorübergehend fanden. So also predigte auch der in Wilkau eingetroffene Apostel Häussers namens Zschörlich eines Abends in der lange vorher angekündigten und überlaufenen Werbeversammlung im »Preußenhof« über die Ziele seines gottbegnadeten Meisters und Propheten. Auch Damian Maechler hatte sich zu dieser Veranstaltung eingefunden, um die Gelegenheit wahrzunehmen, sich selbst einmal ein Urteil über diese damals so heftig umstrittene und möglicherweise ernst zu nehmende neue Bewegung zu bilden. Er sah sich einem kleinen Menschen mit einer Stimme gegenüber, die sanft und verlockend begann, sich aber immer mehr, zuletzt zu einer solchen Macht steigerte, daß sie nicht aus diesem zerbrechlichen Menschen zu stammen schien, sondern wie die rätselhafte Offenbarung eines übernatürlichen Geheimnisses wirkte. Nach der mit frenetischem Beifall aufgenommenen Rede Zschörlichs erhob sich, als der fanatische kleine Mann im Gefühl der Sieghaftigkeit seiner zündenden Ansprache seine Bereitschaft verkündete, den etwa vorhandenen Wunsch nach einer Diskussion zu erfüllen, aus den Reihen der Zuhörer ein ungewöhnlich großer, würdig aussehender Herr, dessen Gesicht ein mächtiger, weißlicher Vollbart umrahmte. Er gab kurz seine Absicht kund, Stellung zu den Ausführungen des Redners zu nehmen, und schritt dann gemessen und doch so entschlossen nach vorn, daß sich der kleine überraschte Häusserapostel nicht getraute, ihm das Rednerpult streitig zu machen. Jetzt erst ging es Damian auf, und sein letzter Zweifel schwand angesichts der furchtbaren Säbelnarbe, die schräg über die Stirn dieses ehrwürdigen Antlitzes gehauen war, daß dies kein anderer als Franz Faber war, der Dichterphilosoph und Kämpfer für soziale Gerechtigkeit, dessen Bildnis sich ihm unauslöschlich eingeprägt hatte, seit er es vor langen Monaten in seiner Zeitschrift betrachten konnte. Bald hatte Damian völlig vergessen, wo er sich befand, so zogen ihn schon die ersten Sätze dieses Mannes in den Bann, der auf ihn gleich einem gütigen Menschenvater wirkte. Franz Faber aber sprach: »Der Mann, den Sie eben angehört haben, oder vielmehr jener, in dessen Namen und Geist er zu uns gesprochen, ruft die Jahrhunderte und die Zeit als Kronzeugen seiner angeblichen Wahrheiten an. Wer aber das tut, den schlagen die Jahrhunderte und die Zeit tot. Er will uns zweierlei einhämmern, was wir als Tatsachen hinnehmen und glauben sollen: erstens, daß die Menschen nur dann wieder ihr Heil finden könnten, wenn sie in ihrem Denken wie in ihrem Handeln sich ausschließlich von den Offenbarungen der Bibel und den Lehren der christlichen Kirche leiten ließen; und zweitens, daß allein die Umstände der Zeit für die Verderbnis der Menschen ausschlaggebend seien. Reden wir doch einmal unerschrockenen Ernstes über die Bibel und das Christentum! Wer von uns bringt es denn noch tatsächlich über sich, buchstäblich an die biblische Erschaffung der Welt, an das Paradies, den Sündenfall, den Stammbaum Jesu, seinen Erlösertod, an die Bibel als Ergebnis der wörtlich geoffenbarten Stimme Gottes oder an seine Dreipersönlichkeit zu glauben? Wir haben die Fragwürdigkeit der meisten sogenannten historischen Beweisstücke dafür durchschaut und lassen andere nur noch als Symbole gelten. Wir verstehen unter Christentum etwas ganz anderes wie das Mittelalter oder die heutigen Kirchen. Ist dieses Christentum nicht in Wahrheit längst gestorben? Lebt es nicht nur noch scheinbar innerhalb der Kirchenmauern fort? Außerhalb derselben, in den Beziehungen der christlichen Völker zueinander ist vom Christentum doch nichts mehr zu spüren, vor allem seit diesem Weltkrieg. Stellte er nicht die blutigste Ironie auf den Wert der christlichen Erziehungsarbeit der christlichen Kirchen an der Menschheit dar? Gerade die christlichen Völker der Erde zerfleischten sich nach jahrhundertelangem Heilsgenuß in einer Bestialität, die jede erdenkliche Grausamkeit heidnischer Zeiten weit, weit hinter sich läßt. Und man sage mir nicht, daß die Kirchen nicht die Macht gehabt hätten, diesem Blutgericht, das sich die Völker bereiteten, entgegenzutreten! Der Papst, die Bischöfe, die Kirchenkonsistorien, die heiligen Synoden durften nur jedem Kämpfer die Heilsmittel der Gemeinschaft verweigern, dann wäre es wie ein Ruck durch die Welt gegangen. Millionen erhobener Arme wären erschrocken herabgesunken, und der Weltkrieg wäre in eine allgemeine Christenverfolgung umgeschlagen, aus der die alte Institution siegreich im neuen Glänze sich erhoben hätte. Aus politischen Nützlichkeitserwägungen hat man einen Widerstand nicht gewagt, der im innersten Wesen der Lehre Jesu begründet gewesen wäre, die alle christlichen Kirchen vorgeben zu verkünden. Nun ist es vorbei. Wer läuft denn heute wieder in die Kirchen? Nur Lebensratlose sind es, zu Tode Erschrockene, denen tatsächlich das Haus über dem Kopfe zusammengestürzt ist, und die in der allgemeinen chaotischen Umwälzung Unterstand in einer Institution suchen, die, rein äußerlich, noch in der alten Festigkeit dasteht. Sie haben eine wahre Inbrunst danach, den Wahn ihres verlorenen Glaubens im sinnlichen Genuß der alten Zeremonien zu erleben, als sei es noch die Wahrheit ihres wahren Glaubens. Diese geistig Verdatterten nennen ihre Angst Einkehr, ihre Lebensfurcht Reue, ihre Selbstsuggestion Überzeugung. Sobald einmal wieder gesicherte wirtschaftliche, soziale und politische Zustände eintreten, werden diese Verscheuchten die alte, ehrwürdige Notunterkunft wieder verlassen, und die Kirchen werden leerer stehen als vor dem Kriege. Die ernsten Menschen der ganzen Erde aber wissen, daß es dem Jesus von Nazareth, den man den Christus nennt, nicht eingefallen ist, eine Kirche zu gründen. Sie wissen, daß das Wissen dieses mythischen Mannes in dem Feuerbrand eines Idealismus beruhte, der die Forderungen des Individualismus so reinigte und erhöhte, daß sie zu Geboten Gottes wurden, dem er sich in der Blutsnähe eines Sohnes fühlte, und der die Verpflichtung gegen jede andere als diese überirdische Bindung leidenschaftlich ablehnte, verfluchte und verfolgte, mochten diese Fesseln nun ehrwürdige geschichtliche Überlieferungen, geheiligte Gebote der Kirche oder Menschengemeinschaft heißen. Der Mann von Nazareth, der sich als Brand in das Leben geschickt vorkam, der statt des Friedens Kampf und Feindschaft bis in den heiligen Bezirk der Familien zu tragen für seine Aufgabe hielt und nicht davor zurückschreckte, gegen die Offenbarungen der Bibel alle überirdische Sicherheit, allen himmlischen Lohn und göttlichen Wesensgenuß in das Innere des Menschen zu verlegen und die Beziehungen zum Staat zu einer Forderung der Lebensklugheit zu beschränken: er erkannte die dem Menschen eingeborene Heiligkeit wie Laotse und Buddha vor ihm, und die Kirche, die seinen Namen an der Stirnseite ihres Tempels trägt, vollzog und vollzieht noch heute das Geschäft des Dostojewskischen Großinquisitors gegen seine Lehre und Person. Weil es ihrem imperialistischen Instinkt widersprach, unterdrückte sie jenes Wort des Mannes von Nazareth, das allen Menschen der Vor- und Nachzeit aus der Seele gesprochen ist: ›Das Himmelreich ist in euch selbst‹, eine Erkenntnis, die das Blut ebenso der Lehre Buddhas wie Laotses ist, und vor der sich Emerson und Kant in Ehrfurcht verneigen. Das wissen die ernsten Menschen, und sie sind am Werk, das Gottesgnadentum jedes Menschen zu verkünden. Bis jetzt waren die Völker eine Angelegenheit der Kirche. Nun wird diese eine Angelegenheit des Volkes in einem tieferen, menschengöttlichen Sinn werden. Die scholastischen Spitzfindigkeiten der Mönche sind nicht mehr Religion. Wir lassen uns das Mysterium der Mutterschaft nicht mehr verzerren durch die Lehre von Marias unbefleckter Empfängnis, das hohe Gottestum der Menschen nicht mehr bestreiten durch die blasphemische Behauptung der einzigen persönlichen Gottessohnschaft Jesu. Die Erziehung der Menschengeschlechter durch Gott, die Begründung der Heilswahrheiten durch rabulistische Geschichtskünste ist ein pharisäischer Wahn. Welches Paradies aber wird sich dem Menschen erschließen, der erkannt hat, daß das Jenseits nicht ein Außerhalb der Welt, ein Himmel droben für die Gerechten, ein Fegefeuer drunten für die Ungerechten, sondern für einen jeden, ja ich sage es: für einen jeden sein himmlisches Innere ist, in das er jeden Augenblick durch jedes rechte Wort, jede lebensfördernde Tat, durch jeden wahrhaft tiefen Gedanken der Güte gelangen kann. Wir sind nie erlöst worden und brauchen es nie zu werden. Denn wir tragen von Anbeginn in uns den Brunnen aller Wahrheit, das Arsenal aller Erkenntnis, das Licht aller Weisheit, die Unermeßlichkeit des Weltalls, alle Glut der Sonnen, alle Dinge und Wesen der Erde, das Spiel aller Zeiten, den Gesang und die Schönheit der Ewigkeit. In jedem Augenblick steigt Gott auf die Erde, in jedem Augenblick vergeht und entsteht das Weltall. Jedes Wesen, jeder Vorgang der Natur, die Einrichtung der Staaten und Kirchen, die Schöpfungen unserer Kunst, die Sprüche unserer Weisheit, ja selbst unser eigener Geist, der wie ein buntes, immer bewegtes Tuch vor uns schwebt, alles, alles ist uns ein Sinnbild des wahren Wesens unserer Tiefe, unserer Seele. Hat dir jemals einer sein lebendiges Auge schenken können, damit du dich seiner beim Sehen bedientest, seine Stimme, daß du damit redest, sein Ohr, damit zu hören? Die Kraft deiner Beine bestimmt den Umfang deiner Unternehmungen, dein Magen ernährt dich, deine Lunge erhält oder tötet dich, dein Herz allein macht dich froh oder traurig. Jeder Mensch ist die Kugel, die aus sich selber rollt. Wohin sie auch ihren Lauf nimmt. Es ist gleich. Sie rollt dahin, woher sie ihren Anfang nahm, zurück in Gott, wie alle Flüsse der Erde, wohin sie immer ihren Lauf nehmen mögen, an dieselbe Stelle gelangen, nämlich in das Meer. Glaube nie an die Erlösung durch einen Mittler! Dies ist die größte Sünde, die dir niemals von deinem Gott vergeben werden kann, denn es ist die Sünde wider deinen heiligen Geist. Alle die Lehren, die zu dir sprechen, sind wie das Brot oder die Frucht, die sich dir zur Nahrung anbietet. Wenn es als Kraft und Süße in dich eingehen soll, so mußt du es mit den Zähnen zermalmen und mit deinem Magen zerreiben, also vernichten. Und ein Letztes ist noch zu sagen, was daraus folgt: Die Unveränderlichkeit und Einzigartigkeit jedes Wesens. Millionen sind im Weltkrieg gefallen, jeder ist einen anderen Tod gestorben. Millionen haben das Grauen derselben wochenlangen Schlacht erlebt, nicht einer hat dasselbe erfahren. Dasselbe Lied, das hundert anhören, weckt hundert voneinander ganz verschiedene Empfindungen und greift auf hundertmal andere Weise in das Gedanken- und Lebensgetriebe ein. Doch deine Grenzen weiß niemand als du, und es kann kommen, daß das, was die anderen dir als Sieg anrechnen, von dir als Niederlage empfunden wird, daß die Erfüllungen in den Augen anderer deine Zerstörungen sind, aber dein Scheitern dein Aufstieg wird. Darum ist Herrschaft des einen über den anderen ein Verbrechen und eine Torheit zugleich. Wir alle sind Könige, die sich verschieden kleiden. Durch das Unrecht, das wir dem anderen zufügen, entehren wir uns selbst. Alles das aber sage ich euch nur in dem Sinne, daß jeder Mensch durch seine Tage und Jahre, seine Geschäfte und Lebensalter, seinen Glauben und Willen, seine Sehnsucht und nie endende Unruhe einem engen Zugang zu seinem eigenen Wesen gleicht, wo es Zeit nicht gibt noch Geburt, Tod, Jugend und Alter. Das aber ist in allen gleich. Es kann durch Wissenschaft nicht vermehrt werden. Kein Reichtum macht es kostbarer, keine Armut geringer. Gold hat vor ihm den Wert von Schmutz. Und noch alle deine Tugenden gleichen nackten, frierenden, hungernden Kindern, die an das Tor eines Schlosses pochen und um Einlaß betteln. Wer also, frage ich zum Schluß, ist schuld an den Nöten der Zeit, an den Nöten unserer Seele? Wir allein sind schuld, du und du! Aus den Menschen entstehen alle Übel, von denen sie gepeinigt werden, die Scheußlichkeiten der Päpste, die blutigen Ketzerkriege, das dreißigjährige Schlachthaus, das Deutschland an den Rand der Zerstörung brachte, und der fluchwürdige Menschheitsvernichtungsrausch des Weltkriegs mit dem Wahnsinn des Tanzes über seinen Trümmerstätten. Nicht die Umstände machen den Menschen, sondern allein der Mensch macht sie, er allein, nur er. Er ist verantwortlich für sein Schicksal, denn nicht im Geist beruht sein tiefstes Wesen. Dieses Wesen ist aus Gott. Dem herrlichsten Christen, den es je gegeben hat, dem deutschen Denk- und Lebensmeister Eckehart, ist die Gnade der Erkenntnis geschenkt worden, daß der Seelengrund des Menschen zugleich der Gottesgrund ist. Über alles in der Welt seid ihr in eurer Seele, sogar noch über das, was ihr euer ›Ich‹ nennt, das in diesem Dasein flackert wie ein Licht, das wie das Gras auf dem Felde ist, das heute grün ist und blüht und morgen gesichelt wird und verwelkt. Nur auf diesem Wege der Seele, den ich euch wies, werden wir auch zur Selbstverantwortung jedes einzelnen gelangen und damit zu dem neuen Staat einer neuen, vertieften Demokratie. Es ist nicht der Weg einer fatalistischen Glaubensschwärmerei, sondern der des reinen umsichtigen Wirkens. Aus diesem Geiste heraus ist das einzige Ziel des Staates der Mensch und das Ziel der Menschen der Staat als höchste nationale Vollkommenheit ihres Persönlichkeitsbegriffes. Der Durchbruch dieser Erkenntnis aber wird auch der Beginn des Aufstieges unseres Vaterlandes sein!« So sprach Franz Faber zu der Versammlung im »Preußenhof«, die ihm bis zum Schluß ebenso gebannt lauschte wie Damian und noch in betretenem Schweigen verharrte, als er nach einer gemessenen Verneigung vor ihr. das Rednerpult verließ; gleich einem ehrwürdigen Patriarchen die Reihen entlang und ohne weiteres zur Ausgangstür schritt, durch die er verschwand. Dies beobachten, sich erheben und ihm folgen, so rasch er sich von seinem Mittelplatz aus zwischen den engen und voll besetzten Stuhlreihen hindurchwinden konnte, war für Damian eins; und nicht einmal dem hilflosen und verdatterten Apostel gönnte er noch einen Blick. In der Garderobe konnte man ihm zu seiner Enttäuschung nichts anderes sagen, als daß der würdige Herr mit dem großen Bart, der eben aus dem Saal gekommen, unverweilt und barhäuptig in die Nacht hinausgeschritten sei. Erst als Damian auf den Schloßplatz hinaustrat, der unter einem wolkenbedeckten Himmel in völliger Dunkelheit lag, wurde ihm klar, daß es nicht nur sinnlos gewesen wäre, jetzt noch Franz Faber nacheilen zu wollen, sondern auch undenkbar, ihn mitten in der Nacht auf der Straße anzusprechen, selbst wenn er seiner noch habhaft geworden wäre. Also machte sich Damian resigniert auf den Heimweg, jedoch entschlossen, anderen Tages auszukundschaften, wo Franz Faber sich in Wilkau aufhalte. Im Gerberhaus angelangt, berichtete er Sessi und Mutter Christel, die seine Rückkehr abgewartet hatten, aufgewühlt wie er war, sogleich von dem tiefen Erlebnis, das ihm widerfahren. Wenn er mit einiger Aussicht auf Erfolg nach Faber forschen wolle, meinte Mutter Christel, so würde er sich am ehesten auf dem Gemeindeamt durch Einsicht in die Kurlisten Gewißheit verschaffen können. Denn sie nähme an, daß Faber Wilkau zum Kurgebrauch aufgesucht habe. Als Damian am anderen Vormittag, diesem Ratschlag folgend, Einblick in die Listen nahm, konnte er zu seiner nicht gerade reinen Freude zwar feststellen, daß Franz Faber schon seit fast drei Wochen im »Greif« logiere, mußte dort aber, und nun völlig konsterniert, erfahren, daß Franz Faber heute morgen mit einem der ersten Straßenbahnwagen Wilkau endgültig verlassen habe. Auf seine Frage, mit welchem Ziel er abgereist sei, erfuhr er, daß er darüber nichts Näheres geäußert, doch hinterlassen habe, daß Briefe, die für ihn bestimmt wären, ihn jederzeit durch seinen Freund Andreas Sintlinger in Hemsterhus/Westfalen erreichen würden. Tief enttäuscht kehrte Damian nach Hause zurück. Aber als er wieder oben in seiner Studierstube saß, spürte er, wie das Gefühl der Enttäuschung darüber, daß es ihm versagt geblieben war, Franz Faber persönlich gegenüberzutreten, allmählich von ihm wich, bis ihn schließlich nur noch ein unsägliches Glücksempfinden erfüllte, das sich wie ein kristallreiner Strom von Müdigkeit, Güte und Wahrhaftigkeit in seine Seele ergoß, ihn von Tag zu Tag stärker verwandelte und gleichsam dem Lichtreich ewiger Sphären entgegentrug. Im Lichte dieser seiner letzten Verwandlung, während der er, von der Weisheit Fabers geleitet, dessen Schriften er sich nun unverzüglich kommen ließ, und auch nicht versäumte, Sessi allabendlich Schritt für Schritt darin einzuweihen, der lautersten und freiesten Form des Menschendaseins zugeführt wurde, fand er den Mut, Franz Faber zu schreiben, um ihm für das Erlebnis und die Offenbarungen jenes Abends zu danken, die ihm nunmehr erst seine Werke ganz erschlössen, und denen er allezeit seines bewußten Lebens nachgetrachtet habe. Sollte ihm eine Antwort auf diese Zeilen beschieden sein, so bitte er darum, einiges über Fabers äußere Lebensumstände in dieser chaotischen Zeit erfahren zu dürfen. Bald ließ sich Damian so sehr von dem aus Franz Fabers Werken auf ihn überspringenden neuen Lebensgefühl und seiner Denkweise leiten, daß er dazu überging, ein kleines Gedicht, das er in Fabers gedankentiefer Lyrik fand, und das dieser als »Das Tischgebet meines Hauses« bezeichnete, vor jeder Mahlzeit als Besinnung laut vor sich hinzusprechen: »Möge mich auch diese Speise Stärken auf der Lebensreise, Mög' sie werden gutes Sinnen, Wahres Reden und Beginnen. Kraft im Glücke und im Schmerz, Wache Seele, frohes Herz, Daß ich alle meine Zeit Lebe in der Ewigkeit.« Nun stiegen Zeiten wahrer Erfüllung über das Maechlerhaus in der kleinen Feldgasse, mochten auch die Menschen auf den weiten Straßen im deutschen Land noch immer leidend durch das Purgatorium ihrer verschütteten Seelen irren. Die Schatten aus dem Leben ihrer Eltern wie aus ihrem eigenen waren für Sessi und Damian wie weggestrichen von der wieder himmelslicht gewordenen Wand ihres Daseins. Und als Sessi um diese Zeit gewahrte, daß sie durch des Höchsten Gnade gewürdigt sei, ein neues Leben auszutragen, lösten sich von ihr auch diese letzten verblaßten Schemen jener grausamen Verstrickung, deren unbarmherzige Arme ihr sogar ihr schuldloses Kind entrissen hatten, vor Zeiten, an die sie sich jetzt nur noch wie an einen längst versunkenen schweren Traum erinnerte. Doch noch einmal geschah es Damian, daß ihn das Leben, fast könnte man sagen hinterrücks, überfiel, und damit zugleich auch in seiner eben erst erworbenen Souveränität über das Menschendasein bedrohte. Als der Wilkauer Gemeindevorsteher unvermutet von der im Winter jenes Jahres wie überall so auch in Wilkau grassierenden Lungengrippe hingerafft wurde, trat man an Damian heran, in der Hoffnung, in ihm seinen Nachfolger finden zu können. Allein Damian gedachte sich nur noch seiner Wissenschaft und dem Ziel seiner Dozentur zu widmen und war auch schon wieder viel zu tief in die Arbeit an seinem Manuskript versponnen, als daß er sich auch nur eine Minute bedacht hätte, das Ansinnen höflich, aber bestimmt abzulehnen. Schon kurze Zeit danach – man war aus Verlegenheit auf den inzwischen nahezu steinalt gewordenen, aber immer noch betriebsamen Vater Reinhard Neefes, den ehemaligen Grubeninspektor als Amtsvorsteher verfallen – bekam Damian den neuen widrigen Wind, der von der Gemeinde zum Maechlerhaus herüberwehte, in Gestalt eines Gemeinderatsbeschlusses zu spüren. Danach wurde ihm ab 1. Januar 1924 das einst seinem Großvater Nathanael und seinen Nachkommen zu immerwährendem Nießbrauch überlassene Gartengrundstück, der sogenannte Berggarten, aufgekündigt, da es die Gemeinde angesichts der Armut der Arbeiterbevölkerung dieser zur Errichtung von Schrebergärten zur Verfügung stellen wolle. Damian glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als er das Schriftstück las, darin ihm dieser Beschluß mitgeteilt wurde. Denn niemals hatte er daran gezweifelt und auch von seinem Väter nie etwas anderes gehört, als daß der Berggarten dem Großvater zum Dank für sein Wirken als Gemeindevorsteher nach der Errichtung des Wasserwerkes von den Wilkauern geschenkt worden war. Darum erhob er unverzüglich Einspruch gegen diesen seiner Ansicht nach der tatsächlichen Rechtslage hohnsprechenden und also von vornherein hinfälligen Ratsbeschluß, mußte sich aber durch seinen Anwalt schon bald darüber belehren lassen, daß die guten Wilkauer damals, vor mehr als fünfundfünfzig Jahren, vergessen hatten, die Bodenparzelle als Gemeindeeigentum im Grundbuch löschen und auf Nathanael Maechler übertragen zu lassen. Allerdings seien die Aussichten, auf dem Prozeßwege eine Aufhebung des Ratsbeschlusses zu erreichen, trotzdem nicht ungünstig, da es sich nach den vorhandenen Unterlagen zweifellos um eine Schenkung nicht nur für Nathanael, sondern auch für seine Nachkommen handeln sollte, so daß also eine fahrlässige Unterlassung vorläge. Überdies sei noch der Einwand möglich, daß das Grundstück doch kraft Gewohnheitsrecht bereits ins Eigentum der Maechlerfamilie übergegangen sei. Damian wußte genau, daß nur die alte, solange zur Ohnmacht verurteilte Feindschaft Neefes gegen seinen Vater hinter diesem Ratsbeschluß stand. Gerade deshalb fühlte er sich tagelang versucht, den Prozeßweg zu beschreiten. Auch Mutter Christel schürte, von der Hinterhältigkeit Neefes aufs äußerste empört, das Feuer, das der Anwalt durch seine Darlegungen im Maechlerhaus entzündet hatte. Doch als Damian am Vorabend des Tages, auf den schon der erste Termin anberaumt war, vor Erregung nicht einschlafen konnte und seine Zuflucht, wie schon sooft in seinem Leben, zu dem alten Maechlergebet nahm, geschah es ihm, daß die ehrwürdigen Verse auf merkwürdige Weise in die des Faberschen Tischgebets übergingen, so daß sie ihm so über die Lippen glitten: »Laß mich, wenn ich hier geschlafen, Wieder gehen meine Straßen. Schicke mir durch meinen Fleiß, Was bei dir steht hoch im Preis: Kraft im Glücke und im Schmerz, Wache Seele, frohes Herz, Daß ich alle meine Zeit Lebe in der Ewigkeit.« Zuerst war Damian richtig betroffen, als er sich auf dieser Verwirrung seines Geistes ertappte, dann aber richtete er sich mit einem Ruck in seinem Bette hoch und sprach zu Sessi herüber: »Nein, liebste Frau! Nun ist es entschieden. Ich prozessiere nicht. Sollen die Wilkauer Armen ihre Schrebergärten bekommen und Neefe seine späte Rache. Über alles in der Welt sind wir in unserer Seele.« Schon am zeitigen anderen Morgen sorgte Damian für die Aufhebung des Termins. Als er zum Frühstück zurückkam, fand er einen Brief Franz Fabers auf seinem Platze. Er schrieb ihm aus Bochholt in Westfalen: »Mein lieber junger Freund! Meine zeitlichen Lebensumstände, nach denen Sie mich fragen, sind ohne Belang. Denn Zeit ist gleich Ewigkeit und Ewigkeit gleich Zeit. Dieses Wissen ist das Geheimnis unseres Lebens wie das unseres Schicksals, und nur der, dem es sich ganz entschleiert hat, wird sein Dasein sinnvoll leben und zu den Tiefen seiner Wesenheit zurückfinden können. Und aus diesem Wissen ist mir auch mein Werk, mein Leben geworden. Welcher Knechtschaft wäre ich verfallen, diente mein Leben nur meinem Werk. Die Geheimnisse meines Lebens reden meine Werke. Sinne oder dichte ich, verwandelt sich mir die Welt. Dennoch ringe ich noch immer um den Dunklen, Ewigen. Wir Menschen dürfen auch gar nicht wollen, daß er sich uns ganz enthülle. Denn dann stürbe das, was unsere Tage bewegt: Sehnsucht im Suchen, Glück im Finden und Traurigkeit, wenn es sich uns von neuem entwindet. Also türme ich mein Leben ins All und begnüge mich zu wissen, daß ich, obwohl ich nur ein Schrei auf einem Felsen bin, der um Mitternacht für einen Augenblick erwacht, in meinem Wesen ewig bin. Doch da wir uns nur in Taten zum Höchsten erlösen können, was uns an irdischem Glück beschieden ist, wandere ich durch die deutschen Lande und predige den Menschen, wo immer ihre Seelen in tiefer Not und das Bewußtsein ihrer Verantwortung für den Bruder neben sich in Gefahr, wie gerade jetzt vor Bergarbeitern im besetzten Ruhrgebiet, von dem ewigen Wesen, das wir zutiefst sind, und von der einzigen wahren Menschengesinnung, aus der allein unserem gepeinigten Vaterland seine sittliche Wiedergeburt kommen kann. Empfangen Sie meinen Dank für Ihre gütigen Worte durch einige Verse, die sich mir in diesen letzten Tagen als ›Letzte Erkenntnis‹ formten: Das Göttlichste am Menschen ist die Kraft, Die Schöpfung sich ein zweites Mal zu schaffen. Drum soll sich heiligen jeder, welcher denkt Und spricht und wirkt, damit in allem so, Was von ihm geht, Gott wohnt, wie in den Dingen Das Heiligformende sich selber bildet. Zum Segen wird ihm alles dann, weil er Auf diese Weise lebend schon zu Gott Sich wiederkehrt, in dem er steht. Doch jeder, Des Leben von der Brunst der Eigensucht Beschattet wurde, ruht in Finsternis, Saß' er auf Thronen, geht, geschmückt, in Lumpen, Darbt bei dem Reichtum und ist Knecht als Herrscher. Er nützt sich ab wie Räder auf dem Pflaster, Und schwindet er als achtzigjähriger Greis, Ist's nur, als hätt' er einen Augenblick Nutzlos gelehnt an eines Schlosses Tür. Wir Menschen aber sollen doch das All Glückvoll besitzen in schuldloser Freude. Drum öffnet angelweit die Brust wie ich, Nennt nicht Parteilichkeit des Herzens Liebe, Helft Mühevollen ohne Gabenstolz, Erniedrigt euch durch Haß und Rachsucht nicht, Und wißt, daß, wer den andern fesselt, selbst Sich an die Kette schmiedet ins Gefängnis. Macht weit das Herz wie Gottes Weltallshalle Und richtet euch, doch keinen auf der Erde! Ich will auf Höhen sterben und im Licht, Nicht winseln, wenn der Tod mich anfaßt, sondern Erhobnen Haupts und selig durch ihn schreiten. Denn ganz gehör' ich dann den sel'gen Weiten, Von denen nur ein schwacher Schimmer fällt Durchs bunte Formenfenster dieser Welt. Immer Ihr Franz Faber.«   Ende