Carl Sternheim Perleberg Komödie in drei Aufzügen   Personen Fritz Friesecke , ein Gastwirt Auguste Friesecke , seine Frau Lene , seine Nichte Adolf Kramer , sein Schwager Grete , Karl Kramers Kinder Tack , Volksschullehrer Baumbach Dr. Pistorius Ein Kellner Ein Hausdiener Ein Postbote   Erster Aufzug Gaststube bei Friesecke Erster Auftritt Friesecke (in roten Filzschuhen beim Morgenkaffee) : Mit dem Kaffee muß es dann aber anders werden, Mutter. Das ist Wassersuppe. Auguste : Vorläufig sind wir noch allein, und so schlecht ist er nicht. Friesecke (hält ihr die Tasse hin) : Schmeck'! Auguste : Er steht auch zwei Stunden. Mit deinem Aufstehn muß es sich vor allem ändern. Ein Hotelier, der um zehn Uhr morgens erst erscheint – Friesecke : Der keine Gäste hat. Auguste : Es ist des Personals wegen. Friesecke : Das es noch nicht gibt. Auguste : Aber nächstens geben wird. Wahrscheinlich wenigstens. Friesecke : Was wetten wir: heut über acht Tage ist der erste Kurgast da. Auguste : Hoffentlich. Friesecke : Hand darauf! Und dann Adolfs Ärger! Ein Schlaganfall ist wohl das mindeste. Auguste : Augen wird er machen! Friesecke : Der Herr Schwager! Der große Mann soll sehen, Fritz Frisecke hat auch Ideen und bessere als er. Auguste : Die Idee war eigentlich von mir. Friesecke : Ich sagte eines Abends – – – Auguste : Nur: Der Gasthof geht nicht; kein Zug drin. Friesecke : Ich sagte: Perleberg ist ein toter Platz. Auguste : Und damit warst du fertig. Aber ich fuhr fort: Kommen die Leute von selbst nicht, muß man sie holen. Friesecke : Richtig. Und dann ich: – Auguste : Erst sagte ... Friesecke : Vorher kam ich noch: Die Gegend hier ist scheußlich, Natur so trostlos ... Auguste : Und dann sagte ich: Perleberg muß Sommerfrische werden. Von wem ist also der Plan? Friesecke : Man kann es von zwei Seiten sehen. Doch wie Adolf sich ärgern würde, daran dachte ich zuerst, und auch die Anzeige im Berliner Tageblatt ist von mir. Auguste : Wie hätte man sonst erfahren sollen, eine neue Sommerfrische, Perleberg in der Mark hat sich aufgemacht? Friesecke : Und wie ich ihm die Zeitung, das Inserat blau angestrichen, zugesteckt habe! Beim Lesen ist er sicher auch blau angelaufen. Hättest ihn sehen sollen, wie ich das neue Schild hinhängte: »Hotel und Kurhaus Zum Felsental«. Von seinem Platz hinter den Gardinen ist er überhaupt nicht mehr fortgekommen. Am ganzen Leib hat er vor Wut gezittert. Und als ich bei dem Maler draußen stand. Ein französisches Wort nach dem anderen zum Vorschein kam: Pension, diner, souper und saison. Das Gefühl, jedes Wort ist ihm ein Stich ins Herz, und Speisen à la carte und table d'hôte! Auguste : Hast du auch schon einmal den Fall gedacht – Friesecke : Welchen vielleicht? Auguste : Es käme kein Gast. Dann lacht nämlich er. Friesecke : Ausgeschlossen! Wie kommst du darauf? Setz dich selbst in den Fall, du liest: Luftkurort und Sommerfrische alles inklusive ab drei Mark fünfzig. Denk doch nur, alles einbegriffen, inklusive! Auguste : Was denkst du dir dabei? Friesecke : Nichts. Die Hauptsache ist, was denkt der andere. Und denkt er viel, kommt er. Auguste : Gut. Wie soll ich's mit drei Mark fünfzig aber machen? Friesecke : Von ab – steht in der Anzeige. Das ist der Haken. Verlangt's einer dafür – zeig ich ihm sein Zimmer; dann wird er wohl verzichten. Und ehe er wieder abfährt, zahlt er eine Mark drauf. Auguste : Dafür gibt's Morgenkaffee, Mittagessen, Nachmittagskaffee – Friesecke : Ist extra. Auguste : Es steht doch: alles einbegriffen. Friesecke : Wohl. Nur der Nachmittagskaffee nicht. Das ist überall so. Drei Mahlzeiten und basta! Auguste : Wie sollen die Leute sich hier nur den ganzen Tag unterhalten? Friesecke : Ihre Sache. Und eigentlich sollen sie sich nicht unterhalten. Ausruhen sollen sie. Auguste : Aber da denkt man sich Wald bei. Friesecke : Gibt es an der Nordsee Wald? Und du ruhst doch prachtvoll aus. Auguste : Dafür hast du dort das Meer. Friesecke : Ich bin nicht schuld, daß Perleberg nicht am Meer liegt. Auch noch für drei Mark fünfzig! Auf dem flachen, auf dem sozusagen originalen Land ist es auch ganz schön, und wer durchaus Wald haben muß – in Ganthe fängt er an. Auguste : Eine halbe Stunde zu Fuß. Friesecke : Ein Spaziergang nach Tisch. Auguste : Und die Allee und die nach Wusterwitz mit Obstbäumen und Pappeln sind wirklich hübsch. Friesecke : Tausend Schönheiten gibt's überall, und die Leute haben Zeit, sie zu suchen. Auguste : Ein Kellner meinst du? Friesecke : Ein Oberkellner und ein Hausknecht kommen morgen. Und dann muß Lene tüchtig helfen. Auguste : Soll ich mich auf die verlassen? FRTSECKE: Verlaß dich drauf. Ich mach's ihr klar. Die Stuben sie, du die Küche. Und sind wir dann richtig im Schuß, und die blanken Taler kommen einer zum andern – den ersten Tausender, den ich zur Bank bringe, zeige ich Adolf, und platzt er nicht – gib mir einen Kuß, Mutter!   Zweiter Auftritt Lene tritt auf Friesecke : Komm her, Lene, reiß dich zusammen! Seitdem wir Hotel geworden sind – bis ein Stubenmädchen kommt – fürs erste machst du die Zimmer. Aus dem Effeff. Da fällt, bist du anstellig, auch ein Taschengeld für dich ab. Auguste mit dem abgeräumten Kaffeegeschirr exit Friesecke : Und bekommst du mit Männern, jungen Herren, zu tun, dein Vater war Beamter, hatte den Kronenorden, mehr sag ich nicht! Deine Pflicht tun. und beim Abschied – Hand auf! Allenfalls, Lene – das hängt davon ab – ein Küßchen allenfalls. Nur in den besseren Zimmern selbstverständlich. – Daß du dich nicht wegwirfst! Ein Mädchen hat nur eins: die Ehre! Wie ein Soldat. Was allerdings etwas Grundverschiedenes ist. Aber das verstehst du nicht. Du weißt Bescheid. Lene : Ja. Friesecke : Daß deine Schwester mit dir zufrieden ist! Und Diner sagen für Mittagbrot und Saison und ähnliches. Überhaupt ein bißchen unterhaltsam: Schön ist das Wetter heute, gnädige Frau. Und haben Herr Amtsrichter gut geschlafen? Das zahlt sich zum Schluß aus. Und höchstens – du weißt! Allenfalls. Und nun Schluß und zur Küche. Lene exit   Dritter Auftritt Ein Postbote (tritt auf) : Ein Telegramm. Kurhaus zum Felsental. « Friesecke : Natürlich. Gut (er öffnet) Tack! Ein Gast! Sie bekommen einen Schnaps, Schindler. Postbote (trinkt) : Wohl ein Fremder? Friesecke : Ein Kurgast aus Berlin. Ein feiner Mann. Mittelpublikum braucht Postkarte. Wir wollen uns sehr exklusiv gestalten. Postbote : Besten Glückwunsch auch. Exit   Vierter Auftritt Friesecke (ruft rechts in die Tür) : Lene! Auguste! Auguste und Lene treten von der Arbeit auf Auguste : Was gibt's? Friesecke (gibt ihr das Telegramm) : Lies! Der erste! Auguste : Ein Gast? Lene : Wahrhaftig? Friesecke : Hurra! Was hab ich gesagt? Auguste (liest) : Zimmer für heute. Tack. Friesecke : Tack! Ein Name! Kurz und gut. Depesche. Ein vornehmer Herr. Tack? Hieß nicht bei unserem Regiment der Etatsmäßige Tack, von Tack natürlich? Am Ende hat er das »von« weggelassen, ein Wort im Telegramm zu sparen. Das würde Alfred noch mehr aufbringen. Lene : Wer hätte das so schnell gedacht. Friesecke : Meine Annonce; inklusive! Auguste : Aber heut schon! Nichts Anständiges hab ich zum Essen im Haus. Am Ende kommt er zu Tisch. Hätte er's auf dem Bahnhof aufgegeben, wann könnte er hier sein? Lene : Elf Uhr fünfzig. Friesecke : Mutter, dann tummle dich. Was willst du geben? Auguste : Gut bürgerlich. Friesecke : Das heißt? Auguste : Eine Suppe zuerst. Brühe. Friesecke : Bouillon! Lene : Mit Ei. Auguste : Nein. Friesecke : Kommt darauf an, was er zahlt. Ab vier Mark fünfzig mit Ei. Auguste : Dann Braten mit Gemüse. Lene : Aber da fehlt das Zwischengericht. Friesecke : Sie hat recht. Ein paar Neunaugen. Lene : Eine feine Omelette. Auguste : Neunaugen, Kalbsbraten mit Rotkohl und Preiselbeeren zum Schluß. Friesecke : Himmlisch! So kann er dreist von Adel sein. Auguste : Dann will ich mich schicken. Erst aber laß mich mit dem Telegramm hinüber. Friesecke : Zu Adolf? Nein. Das muß feiner gemacht werden. Bis elf kommt er doch zu uns, spionieren. Und dann, als wäre nichts Besonderes, reiben wir die Neuigkeit ihm unter die Nase. Auguste : Aber laß mich dabei sein. Friesecke : Kommt er, ruf ich dich. Auguste : Gut. Exit Friesecke (ruft ihr nach) : Neunaugen! Lene (ebenso) : Preiselbeeren! (zu Frisecke) Welches Zimmer muß ich in Ordnung bringen? Friesecke : Das mittlere Vorderzimmer. Das hört man am Namen. Für den Hotelier eins der Dinge, die er beherrschen muß. Kommt ein Telegramm, wissen, wohin mit dem Gast. Am Namen kennen. Leute gibt's, die heißen Kleinstäuber, Gundelfinger und so. Viel Geschrei und wenig Wolle. Aber Tack, das knackt wie Kommando. Der Mann weiß, was er muß. Vorn heraus natürlich. Und Lene – da könnte der Fall eintreten gewissermaßen, er schneidig, fesch mit Bügelfalten, und du trittst ein und fragst, was wünscht der Herr? Er aber nimmt dich um die Taille (er tut's) rein kavaliersmäßig – ein Küßchen allenfalls! Lene : Wenn ich mag. Friesecke : Selbstverständlich. Sonst höflich abgewinkt. Nur höflich in einem erstklassigen Hotel, daß Form, Annehmlichkeit des Aufenthalts für den Gast und schließlich das Trinkgeld nicht leidet. Aber mein Gott, es muß einer auf dem Bahnhof sein, der ihm die Sachen abnimmt. Der Hausdiener sozusagen. Die Mütze mit der goldenen Schrift ist da, doch kommt der Mann erst morgen. Lene : Vielleicht kann Wagners Gustav gehen. Friesecke : Recht hast du, Mädchen. Spring hin, sag Bescheid. Kommt er um elf, ist keine Zeit zu verlieren. Und die Mütze nimmst du mit. Wagner soll an Adolfs Fenster damit vorbeigehen. Wo hab ich sie denn? (er sucht und findet die Mütze hinter dem Büffet und setzt sie auf) Niedlich, nicht? Und nun fort? Halt, fehlt nicht noch etwas? Lene : Hast du Champagner im Haus? Möglich, so ein vornehmer Herr will gleich Champagner. Friesecke : Wie soll ich keinen Sekt im Hause haben! Drei Flaschen feinste Marke: Carte blanche. Lene : Adieu. Friesecke : Und setz dein Aussehen instand. Lene exit Friesecke : Und jetzt Generalmusterung!   Fünfter Auftritt Adolf Kramer , vollbärtig, groß im Gegensatz zu Friesecke , tritt auf Adolf : Guten Morgen. Friesecke : Adolf? Guten Morgen. Adolf : Wohin hat's das Mädchen so eilig? Friesecke : Welches Mädchen? Lenchen? Telegrafiert nach Berlin um zwölf Flaschen Champagner. Adolf : Champag – ... Friesecke : Da hat mein Weinlager ein Loch. Adolf : Wer soll den trinken? Friesecke : Die Gäste. Adolf : Hast du welche? Friesecke : Bist ein komischer Kerl, Adolf. Oh ich Gäste habe? Hast du mein Inserat in der Zeitung nicht gelesen? Adolf : Doch. Und? Friesecke : Also.   Sechster Auftritt Auguste tritt auf Friesecke : Adolf fragt, ob wir Gäste hätten. (er lacht) Auguste : Aber Adolf! Adolf : Was ist merkwürdig daran? Ihr hattet ja bis jetzt keine. Friesecke : Das war uns sozusagen recht. Adolf : Was? Friesecke : Sollte Auguste mit wehen Knien sich überanstrengen? Das hatte Dr. Pistorius streng verboten. Aber kaum war sie wieder auf den Beinen, sagten wir uns, jetzt soll das Geschäft beginnen. Adolf : So? Friesecke : Der Gasthof wurde der Neuzeit entsprechend renoviert. Adolf : Der Neuzeit entsprechend? Auguste : Man annoncierte. Adolf : Und ist jemand –? Auguste : Wir müssen sehr bitten. Friesecke : Um elf Uhr fünfzig kommt zum Beispiel der erste Gast. Auguste : Depeschierte. Friesecke : Ein Telegramm! Adolf : So? (nach einem Augenblick) Dann kann man gratulieren. Friesecke : Wir werden die Geschichte bald in Gang bringen. Trinkst du ein Glas Bier? Adolf : Gibt's das überhaupt bei euch noch? Auguste : Fürs erste können wir die kleinere Kundschaft nicht entbehren. Adolf (zu Frisecke, der das Bier ins Glas laufen läßt) : Daß du dich selbst bemühst! Friesecke : Das Personal tritt erst morgen an. Schneller, als wir dachten, kommen Gäste. Adolf (trinkt) : – Und was denkt ihr nun eigentlich? Auguste : Endlich Geld zu verdienen. Adolf : Ihr lockt Menschen, die keine Ahnung haben, wie es hier aussieht, her. Friesecke : So fangen wir nicht an. Wer hat mich, der auch keine Ahnung hatte, hergelockt? Adolf : Du wolltest nicht in die Sommerfrische. Friesecke : Ich mußte bleiben. Und darum war dein Verbrechen eminent. Meine Gäste dürfen nach ein paar Wochen wieder fort. Aber weil du das Grundstück, auf dem wir stehen, die Kneipe loswerden wolltest, war dir dein Schwager recht. Was hast du von der Schönheit der Natur hier gefabelt! Abends kam ich, zu sehen war nichts mehr. Auf dein Wort verließ ich mich, und nach der vierten Flasche um Mitternacht gehörte mir der Kasten, und du hattest unser Geld. Geschwärmt hast du von Perleberg, als läge es in der Schweiz an Gletschern und Zahnradbahn. Auguste : Das war buchstäblicher Betrug, den ich nicht vergesse. Uns aus dem schönen Angermünde fortzulocken! Adolf : Aber für ihr Geld wollen die Leute doch etwas haben. Friesecke : Und für unser Geld wolltest du etwas haben. Auguste : Gutes Essen und anständige Wohnung bekommen sie. Adolf : Das haben sie besser zu Haus. Friesecke : Selbstverständlich. Zu Haus ist alles am besten. Doch will der Mensch reisen. Adolf : Was sollen sie den ganzen Tag tun? Friesecke : Hast du gefragt, was wir hier den ganzen Tag, Monate, Jahre anfangen würden? Auguste : Was gehen dich fremde Menschen an? Friesecke : Mehr Mitgefühl für sie, als für uns! Auguste : Aber hättest du den Gedanken gehabt! Statt uns zu danken, daß wir Geld in den Ort bringen. Friesecke : Laß mich mal eine kleine Rechnung aufstellen: nehmen wir fürs erste Jahr nur zweihundert Gäste an, und jeder braucht durchschnittlich sechs Mark täglich. Adolf : Bei drei Mark fünfzig alles einbegriffen. Friesecke : Bleibt einundzwanzig Tage hier. Adolf : Nicht einen. Friesecke : Sechs mal einundzwanzig? Auguste : Hundertsechsundzwanzig. Friesecke : Mal zweihundert? Auguste : Fünfundzwanzigtausendzweihundert. Friesecke : Sagen wir sechsundzwanzigtausend Mark. Niedlich für den Anfang. Adolf : Von denen dreiundzwanzigtausend an dich fallen. Friesecke : Sagen wir zwanzig. Adolf : Und du glaubst, das sehe ich ruhig mit an? Friesecke : Du freust dich, hoffe ich, verdiene ich. Adolf : Wozu hätte ich denn das Ding an euch verkauft? Auguste : So? Nun, Adolf, ist's heraus. Uns zu ruinieren, weil du dachtest, die Sache ist heut oder morgen doch wieder zu Ende – Friesecke : Aha! Auguste : Und dann kaufe ich sie um ein Butterbrot zurück – nur darum hast du uns das Haus gegönnt? Aber jetzt, wo du siehst, wir kommen aus dem Abgrund, in den du uns stürzen wolltest, vielleicht noch einmal heraus – Friesecke : Durch eigene Intelligenz! Auguste : Statt dich zu freuen, dein Unrecht bleibt ohne Folgen für uns, gönnst du uns das bißchen Glück nicht – Friesecke : Da hört sich doch alles auf! Auguste : Von einem Bruder! Friesecke : Vor den Staatsanwalt gehört das! Adolf : Regt euch nicht auf. Es ist für nichts und wieder nichts. Denn das steht fest: zehn Gäste, wenn's so viel werden. Und die wirst du auch bald wieder verjagt haben, denn du hast zum Gastwirt soviel Beruf wie zum Landbriefträger. Friesecke : Das hättest du mir vor dem Kauf sagen müssen. Da meintest du allerdings, ich sei dazu geboren. Adolf : Man irrt sich manchmal. Auguste : Und warum hat er kein Talent? Adolf : Er ist faul. Friesecke : Nun bitte ich mir aber aus! Adolf (zu Auguste) : Ist's nicht wahr? Bestimmt ist er doch eben erst wieder aufgestanden? Friesecke : Seit sieben Uhr morgens tummle ich mich im Haus. Auguste : Er hat sich's bis jetzt vielleicht ein bißchen leicht gemacht, aber es war auch nichts zu tun. Friesecke : Sollte ich Fliegen fangen? Adolf : Es wird nicht anders. Du bist nicht dazu geschaffen. Dir gehörte ein Gütchen, wo du Feld, ein bißchen Garten hast, mit Gemütlichkeit für dich schaffst. Um andere Menschen dich zu plagen, untertäniger Diener und so, ist nichts für dich. Friesecke : Das war einmal mein Gedanke, bis du mich überzeugtest, Gastwirt sei meine Sache. Adolf : Es war voreilig von mir. Friesecke : Vorher hättest du's sagen müssen und dein Eigentum behalten. Adolf : Zu gutem Rat ist's nie zu spät. Auguste : Du meinst – wir sollen verkaufen? Adolf : Ich sage, Fritz paßt nicht ins Geschäft. Auguste : Und du hast wohl schon einen Käufer? Adolf : Muß es sein, wird sich auch der finden. Friesecke : Es muß nicht sein. Reden wir nicht mehr davon. Auguste : In fünf Jahren, haben wir unser Schäfchen im Trocknen, darfst du wieder nachfragen. Wenn's dann keinem zu teuer ist. Friesecke : Das Fünffache, Zehnfache! Verlaß dich darauf. Adolf : Ein gewisser Nutzen würde jetzt schon für euch abfallen, und ihr hättet die Arbeit nicht. Ein guter Freund – Auguste : Wir freuen uns auf die Arbeit. Friesecke : Sind jung und mobil (lacht) Und der gute Freund, Adolf, bist du selbst. Adolf (nach einem Augenblick) : Gut. Warum nicht die Wahrheit sagen? Ja – ich will. Eure Idee ist gut. Nicht leicht wäre einer auf sie verfallen. Friesecke : Das glaube ich! Adolf : Denn die Gegend ist zu scheußlich. Aber sie scheint einzuschlagen; ihr bekommt Gäste und schnell. – Die Idee also anerkenne ich, und daß aus ihr dauernd Kapital zu schlagen ist unter einer Bedingung: Ihr geht hier hinaus. Friesecke : Sehr gut! Adolf : Nichts ist damit getan, daß ein paar Leute kommen, die sehen, was ist oder vielmehr, was nicht ist. Sie zu halten, gilt's, daß sie sich über Perleberg lobend aussprechen, und um das zu erreichen, gehört eine Persönlichkeit hier an die Spitze. Friesecke : Und ich bin keine Persönlichkeit? Adolf : Ganz und gar nicht. Friesecke : Hörst du, Mutter? Adolf : Und in jeder Hinsicht so ungeeignet wie möglich. Auguste : Doch du wärest die Person? Adolf : Ich glaube. Friesecke : Und warum? Adolf : Ich setze durch, was ich will. Friesecke : Das kann jeder sagen. Adolf : Hab ich dir das Geschäft nicht verkauft, als es noch keinen Pfennig wert war? Auguste : Da hört aber alles auf! Friesecke : Beschwätzt hast du mich. Adolf : Auch die Gäste müssen beschwätzt werden. Vormachen muß man ihnen, was nicht da ist; solange es fehlt. Denn – kommt erst Geld her – ist alles zu schaffen. Aber Zeit gewinnen, ein Programm haben, einen Willen, Persönlichkeit mit einem Wort. Ihr hattet die Idee. Sie muß euch bezahlt werden. Auguste : Kein Wort mehr! Friesecke : Schluß, Clavigo! Auguste : Wir können unser Geld selbst verdienen. Adolf : Ich sag's noch einmal. Ihr kennt mich. Friesecke : Gott sei Dank! Adolf : Besser, man hat mich nicht zum Feind! Friesecke : Können wir nicht beurteilen. In der Lage waren wir noch nicht. Adolf : Nach reiflicher Überlegung komme ich. Die Idee an sich ist vorzüglich. Ihr ruiniert mir alles. Friesecke : Wir – dir? Du bist wohl – (Gebärde) Adolf : So oder so – ihr müßt hinaus! Friesecke : Bin ich doch neugierig. Auguste : Unsere Hypotheken sind noch sechs Jahr fest. Adolf : Nehmt an: Ich will in Güte – sonst hab ich vielleicht die Mittel, euch zu ruinieren. Friesecke : Nur vorwärts! Adolf : Ihr werdet anders reden, hat sich erst entschieden, ob – Auguste : Ob? Friesecke : Was? Adolf : Wollt ihr? Friesecke : Nein, nein, nein! Adolf : Dann verlangt seid ihr erledigt auch kein Mitleid von mir. Ihr habt nicht hören wollen. Auguste : Wir wollen nicht hören. Adolf (stark) : Also? Friesecke : Nichts zu machen! Adolf exit   Siebenter Auftritt Auguste : Was sagst du? Friesecke : Wir können uns gratulieren. Auguste : Aber – – – Friesecke : Hast du seine Augen gesehen? Wie ein neidischer Rollmops. Zu schön. An solchen Tagen lohnt sich's, zu leben. Auguste : Christine steckt dahinter. Er selbst ist im Grund nicht so schlimm. Friesecke : Ein gefährlicher Bruder. Auguste : Was er nur gemeint hat? Wenn was entschieden ist? Friesecke : Nichts. Fällst du auf die Finte herein? Auguste : Du nimmst die Sache zu leicht, Fritz. Friesecke : Ich lasse mich nur nicht verblüffen. Ich will ihn ärgern, nicht soll er mich. Auguste : Ärger ist gut zu seiner Zeit. Hier aber handelt es sich um unsere Existenz. Will er wirklich, er hat andere Mittel und ist gescheit. Friesecke : Der Dümmste bin ich auch nicht. Auguste : Vielleicht. Aufpassen muß man, die Augen aufhalten. Friesecke : Will ich wie ein Schießhund. Und wo ich ihm eins versetzen kann – die Augen muß er noch einmal machen, (kopiert) Zu schön! Auguste : Er hat ein ganz bestimmtes Ziel. Das ist klar. Exit   Achter Auftritt Friesecke : Wir sind auf Posten, Freundchen. Baumbach (tritt auf) : Kann man einen Schnaps haben? Friesecke : Korn wie immer? Baumbach : Seitdem ihr so vornehm geworden seid? Gäste kommen auch schon, hört man. Da werdet ihr wohl bald im Gold wühlen. Friesecke : Jeder in Perleberg soll sein Teil haben. Baumbach : Was du selbst einstecken kannst, gönnst du keinem von uns. Dafür werden wir unten im Dorf alles tun, dir abzujagen, was möglich ist. – Was hat denn dein Schwager Kramer vor? Friesecke : Hat er was vor? Baumbach : Einen hübschen Posten Rohre hat er mir abgenommen. Friesecke : Was für Rohre? Baumbach : Bleierne, eiserne und so weiter. Friesecke : Röhren? Baumbach : Rohre sozusagen. Friesecke : Was will er damit?   Neunter Auftritt Lene (stürmt herein) : Der Zug ist da! Er ist angekommen! Friesecke : Hast du ihn selbst gesehen? Lene : Von weitem. Bin gestürzt, mich noch zurechtzumachen. Schnell exit Baumbach : Da will ich mich drücken. Mahlzeit! Exit Friesecke : Rohre –? Hätte man einen Wagen schicken sollen? Zwar die paar Schritt. Wenn nur Gustav mit dem Gepäck keine Dummheiten gemacht hat! Herrgott, war er das am Ende schon? (zur Tür, die er öffnet)   Zehnter Auftritt Tack , mit einem schmalen Köfferchen in der Hand, tritt ein. Gustav hinter ihm, mit der Mütze in der Hand und leeren Händen Tack (dünn, schmächtig, semmelblond, mit Brille) : Guten Morgen, Herr ...? Friesecke : Frisecke. Der Wirt. Tack : Tack ist mein Name. Ich habe telegrafisch um ein Zimmer gebeten. Friesecke : Ist reserviert Tack : Ich möchte noch sagen – Friesecke : Wollen Sie nicht dem Hausdiener die Tasche geben? Tack : Ich möchte keinen bemühen. Wollte sagen, bin mit einem bescheidenen Zimmerchen zufrieden. Ich werde viel draußen sein. Friesecke : So –? Tack : In der Zeitung las ich, Sie geben Pension um drei Mark fünfzig. Mehr will ich jetzt nicht ausgeben. Ich wäre Ihnen dankbar ... Friesecke : So? Na – eigentlich – Sie werden ja sehen. Ich will Ihnen zeigen; bitte, ich gehe voraus. Beide exeunt Gustav : Warum mußte ich denn auf den Bahnhof? Soll ich noch bleiben?   Elfter Auftritt Auguste (tritt auf) : Wie sieht er aus? Gustav : Ich weiß nicht. Auguste : Ist's was Feines? Gustav : Weiß ich nicht. Auguste : Hat er Gepäck? Gustav : Eine Tasche in der Hand. Auguste : Und die Koffer? Willst du dich nicht um die Koffer kümmern? Gustav (grinst) : Sind ja keine da! Auguste : Keine Koffer? Was stehst du denn noch hier herum? Frag Nachmittag wieder vor. Marsch! Gustav exit   Zwölfter Auftritt Friesecke tritt auf Auguste : Was machst du für ein Gesicht? Wer ist's denn? Friesecke : Ein Volksschullehrer. Drei Mark fünfzig und keinen Pfennig mehr. Auguste : Nun sag bloß! Friesecke : Was wird Adolf sagen? Auguste : Er darf Genaues nicht wissen. Wir tun, als sind wir sehr zufrieden. Und was ist für den Anfang auch dabei? Ein Volksschullehrer ist ein anständiger Mensch. Friesecke : Wär's wenigstens ein Oberlehrer! Auguste : Nenn ihn Oberlehrer. Friesecke : Er sieht nur so ein bißchen – Mutter, der wird sich für dein Geld aber herausfüttern wollen. Auguste : Wohin hast du ihn gebracht? Friesecke : Auf Nummer elf. Auguste : Das geht nicht, Fritz. In der Dachkammer kann kein Mensch zwei Tage bleiben. Friesecke : Ich wollte ihn abschrecken. Auguste : Unmenschen sind wir nicht. Und weil er der erste und die Gegend schon nicht überwältigend ist, gib ihm Nummer sechs.   Dreizehnter Auftritt Tack (tritt auf) : Verzeihung – ich wollte – Friesecke : Darf ich meine Frau vorstellen? Meine Frau! Auguste : Sehr angenehm. Tack (zu Auguste) : Ich sage Ihnen herzlichsten Dank für das schöne Zimmer, das Sie mir einzuräumen die Güte hatten. Da will ich ausruhend einmal ordentlich genießen. Auguste : Bitte sehr. Gerade sagte mein Mann, es ist ein netteres Zimmer freigeworden. Tack : Aber nein! Ich bin ja so zufrieden und fühle mich schon heimisch. Auguste : Für denselben Preis dachten wir. Tack : Nein. Ich bleibe wenig zu Haus. Freie Gottesluft soll die Brust nach einer Ewigkeit in dumpfer Schulstube schöpfen. Weiter ist nichts nötig. Noch ein Wort: Frühstück, Mittag und Abendbrot bekomme ich? Friesecke : Gewiß. Auguste : Und Nachmittagskaffee. Tack : Das ist mehr als ich erwarte. Oder, ist's nicht unbescheiden, ein Gläschen Milch? Auguste : Einen halben Liter Milch, Herr Tack. Tack :. Viel schönen Dank! Wann darf ich zum Mittagessen da sein? Friesecke : Um ein Uhr Table d'hôte. Tack : So will ich mich vorher noch ein wenig umsehen. (mit Wärme zu Auguste, der er beide Hände gibt) Ich freue mich so! Guten Morgen. Exit Einen Augenblick herrscht Stille, dann Friesecke : Tja ... Auguste : Man schämt sich wirklich, dem Menschen drei Mark fünfzig abzunehmen. Friesecke : Nachdem du noch einen halben Liter Milch dazu gibst? Und du hörst doch: nichts weiter will er als Gottesluft. Und hat Perleberg vielleicht auch keine Gottesluft?! (er schlägt die geballte Faust auf den Tisch) Vorhang   Zweiter Aufzug Hof des Gasthauses mit einer jungen Kastanie und ein paar Blattpflanzen Erster Auftritt Tack (auf der Bank unterm Baum beim Frühstück) : Das war seit Ewigkeiten endlich einmal ein Schlaf und seliges Erwachen! Auguste (tritt auf) : Guten Morgen. Wie war die erste Nacht, Herr Tack? Tack : Geschlafen in einem Ruck zum Morgen. Auguste : Das freut mich. Der Kaffee? Tack : Außerordentlich mit purem Honig. Wie im Traum bin ich. Hier bleiben dürfen – nicht mehr zurück müssen – da würde man gesund. Sie wissen nicht, wie gut Sie's haben. Auguste : Nun – Tack : Ahnen von Krankheit nichts. Auguste : Gesund sind wir Gott sei Dank. Tack : In solcher Erzluft! Wollen Sie glauben, ich schmecke sie wie einen Leckerbissen. (er atmet tief) Sie lachen, wissen nicht, was es heißt, des Lebens größtes Teil mit vierzig anderen Geschöpfen in einem Raum zu verbringen; hat's draußen geregnet, und die Nässe verdunstet. Auguste : Luft haben wir wirklich genug. Tack : Als sagt ein Millionär zum Bettler: Geld hab ich reichlich. Die Hauptsache! Auguste : Man will wohl auch noch anderes. Tack : Täglich Brot und Frieden. Beides haben Sie dazu im Überfluß. Auguste . Mit der Bedienung sind Sie zufrieden? Tack : Sehr. Ein freundliches Mädchen. Auguste : Meine Nichte. Das Personal tritt erst abends an. Es ist noch früh in der Saison. Tack : Ich mußte auf der Stelle fort. Meine Brust ist angegriffen. Der Arzt meinte, es sei wahrscheinlich höchste Zeit. Neulich um geringfügige Aufregung erlitt ich einen Anfall, der mich fast getötet hätte. Auguste : Hat der Doktor Ihnen Perleberg empfohlen? Tack : Nicht geradezu. Da aber in den märkischen Heilstätten ein Platz nicht zur Verfügung stand, und die mir gewährten Mittel bescheiden sind, einigten wir uns auf Perleberg, als wir die Annonce lasen. (er zeigt auf Kramers Haus im Hintergrund) Gehört das Haus zum Hotel? Auguste : Meinem Bruder. Tack : Wie schön, Haus an Haus mit denen zu leben, die man von Jugend auf liebt. Aber ich habe Herrn Frisecke noch keinen guten Morgen wünschen können. Auguste : Er ist – ist ein Stündchen länger liegen geblieben. Fühlt sich nicht wohl. Tack : Doch nichts von Bedeutung? Auguste : Nein, gleich wird er hier sein. Wollen Sie spazieren gehen? Die schöne Allee nach Wusterwitz hinunter oder in den Wald nach Ganthe? Tack : Erst will ich's mir hier ein Stündchen mordsmäßig wohl sein lassen. Ich habe Ruhe so dringend nötig. Auguste : Ich muß in die Küche. Stört Sie's nicht, schicke ich Ihnen die Lene. Sie liest Erbsen und leistet Ihnen dabei Gesellschaft. Exit Tack dehnt sich wohlig, bekommt dabei aber einen Hustenanfall, von dem er sich noch erholt, als Lene auftritt   Zweiter Auftritt Lene : Ach Gott! Tack : Der abscheuliche Husten! Er ist schon vorüber. Lene : Auch in der Nacht haben Herr Tack gehustet. Ich schlafe neben Ihnen, und die Wand ist dünn. Tack : Da will ich mich in Zukunft vorsehen. Lene : Es stört mich nicht. Nur ungeniert. Es tat mir aber leid. Tack : Hier will ich mich schon erholen. Lene : Sie müssen sich pflegen, tüchtig und energisch essen. Tack : Ich esse nicht viel. Lene : Das sollten Sie; sind doch so dünn. Tack : Ich darf mich nicht verwöhnen. Lene : Tante wird es schon machen. Sie tun ihr leid. Suppe, Gemüse und Milch müssen Sie reichlich haben. Mögen Sie Erbsen? Tack : Sehr. Aber in Berlin ist frisches Gemüse nicht billig. Lene : Fleisch ist teurer. Tack : In Anbetracht der enthaltenen Nährstoffe nicht. Lene : Ich mag kein Fleisch. Tack : Die armen Tiere, die sterben müssen, uns zu ernähren? Lene : Es würden schließlich doch zu viele werden, blieben sie alle am Leben. Tack (lacht) : Gewiß. Lene : Früher hatte ich Angst vor einem Lehrer. Wir hatten einen furchtbaren. Bärmann hieß er und hat uns oft geschlagen. Darf ein Lehrer das überhaupt? Tack : Und dürfte er's, er braucht's nicht. Lene : Gelernt haben wir aber doch nichts. Tack : Machte es Ihnen keinen Spaß? Lene : Nein. Was er erzählte, war lächerlich. Aber Knallerbsen haben wir geworfen und Juckpulver gestreut, das er sich ins Gesicht rieb. (sie lacht ausgelassen) Es war prachtvoll! Tack : Es müssen amüsante Stunden gewesen sein. Aber auch sonst gibt's Dinge, die interessant sind, daß die Blumen zum Beispiel (er zeigt auf den Strauß in der Tischmitte) darum bunt sind, damit Schmetterlinge im ewigen Grün sie finden, ihre Nahrung aus ihnen nehmen und auf sie den Samen fernstehender, männlicher Blüten übertragen. Lene : Sind sie darum bunt? Tack : Dachten Sie, des Menschen Auge zu erfreuen? Nein. So webt Natur alles ineinander. Wie wir beiden dieses Baumes Hauch atmen, und er dafür unseren Atem trinkt. Lene : Er – unseren Atem? (sie haucht gegen den Wipfel des Baumes und sieht dem Wölkchen nach) Tack : Wie einer für den anderen und durch den anderen lebt, in einem Geist, zu einem Ziel. Nicht nur über uns Menschen, mit aller Welt des Schöpfers Liebe. (er hustet wieder, erholt sich aber schnell und sagt mit leuchtenden Augen) Tausendfach schön ist das Leben! Seh ich in die Zweige und weiß, was oben in jedem Augenblick wird und vergeht – Er sieht hinauf. Lene folgt seinem Blick   Dritter Auftritt Friesecke (tritt auf und sieht in den Baum) : Was gibt's da oben? Tack : Tausend Wunder. Friesecke : Zum Beispiel? Tack : Fräulein Lene soll's Ihnen sagen. Friesecke (zu Lene) : Also? Lene (befangen) : Ich weiß nicht. Friesecke : Machen Sie uns das Kind nicht zu gebildet, Herr Oberlehrer. Wir kämen sonst mit ihr nicht mehr mit. Tack : Ich bin nicht Oberlehrer, Herr Frisecke. Friesecke : Mir ist's so mundrechter, Herr Oberlehrer. Es gefällt Ihnen bei uns? Tack : Wem sollte es hier nicht gefallen? Dieser Friede! Nichts vom Hasten der Stadt, wo man stets aller Welt zurufen möchte: Laßt euch Zeit! Friesecke : Nicht wahr, sie sollen sich Zeit lassen und Frieden halten. Dabei fällt mir ein: Lene, paß auf, ob Adolf ausgeht, und wer zu ihm kommt. (zu Tack) Und so idyllisch! Tack : Hier spürt man Leben! Friesecke : Und lebt billig. Wollen Sie in den Wald nach Ganthe, zeige ich Ihnen den Weg. Nur schnell hinein, zur Mutter muß ich noch. (leise zu Lene) Und du paß auf! Exit Tack : Sehen Sie das Meisenmännchen, das seinen Jungen Nahrung bringt? Der Mann muß hinaus ins feindliche Leben! Die Schwalben dort schreien; ein Raubvogel ist in der Nähe, und sie verhöhnen ihn, denn er kann sie, die schneller fliegen, nicht fangen. Sie warnen die anderen Vögel: der Feind ist da! Unsere Meise bleibt jetzt schön zu Haus. Stundenlang könnte ich sitzen und schauen. Warum sollte ich in den Wald nach Ganthe? Lene : Ich wußte gar nicht, daß Perleberg so schön ist. Tack : Und ahnen noch nicht, wie schön es ist. Dazu braucht's Zeit. Sind wir erst länger beieinander, sollen Sie es erfahren. Lene : Das wäre schön. (sie klatscht in die Hände) Tack (auf einen Fremden deutend, der am Zaun vorübergeht) : Ist das Herr Adolf? Lene : Nein. – Erzählen Sie all das auch Ihren Schülern? Tack : Soviel sie davon verstehen können. Und dann leuchten die Augen wie – Ihre jetzt. Lene : Ich hätte das nicht gedacht. Tack : Was? Lene : Daß Sie so sind. Tack : Sehe ich nicht so aus? Lene : Nein, (sie sieht ihn frei an) : Doch, Sie sehen so aus. Aber daß Sie krank sind! Tack : Hier wird es schnell besser. Lene : Wann haben Sie Geburtstag? Tack : Am sechzehnten Mai. Lene : Am zwölften Juli ich. Da bin ich achtzehn Jahre alt. Tack : Erst achtzehn? Lene : Scheine ich älter? Tack : Bedeutend. Fünfundzwanzig etwa. Lene : Das ist möglich. Ich will nun hinein. Tack (befangen) : Ja. Lene : Gehen Sie jetzt auch? Tack : Ja. Lene : Ich gehe. Exit Tack : Wie ist hier alles wunderbar, verwunschen!   Vierter Auftritt Friesecke (tritt auf und sagt mit Beziehung auf Kramer) : Der kommt heut gar nicht aus seinem Bau. (zu Tack) Wie ist's mit uns? Tack : Wenn Sie mögen – Friesecke : Weit kann ich Sie nicht begleiten. Der Oberkellner aus einem ersten Pasewalker Haus kommt mit dem nächsten Zug. Spricht drei Sprachen; aber das braucht man heutzutage. Tack : Bedienung ist im Pensionspreis mit einbegriffen, Herr Frisecke? Auguste (tritt auf) : Ich dachte Herrn Tack über alle Berge. Friesecke (leise zu ihr) : Sahst du Adolf? Auguste (scharf) : Nein, (zu Tack) Scheuen Sie Sonne auf der Chaussee? Tack : Ich Sonne? Nach der ich mich zwischen steilen Häusern so oft gesehnt? Sie soll im Gegenteil die Hauptheilquelle sein und hat ihre Pflege an mir begonnen. Schau ich nicht schon besser aus? Auguste : Vielleicht. Tack : Das macht Perlebergs profunder Frieden. Zärtliche Stille, die mich umgibt. Nirgends Ahnung eines Streits, Zanks. Auguste : Zank gibt's wohl überall. Tack : Hier nicht. Hier auf mein heiliges Wort nicht Frau Frisecke. Draußen marschieren Knaben mit ihrem Lehrer singend vorbei: Was frag ich viel nach Geld und Gut, Wenn ich zufrieden bin. Gibt Gott mir nur gesundes Blut, Dann hab ich frohen Sinn. Und sing aus dankbarem Gemüt Mein Morgen- und mein Abendlied. und sind verschwunden Tack : Da haben Sie's: Wenn ich zufrieden bin. Frieden und eine so übermäßig gesegnete Natur. Das halt ich nicht aus, da muß ich ein Stück mit. Bleiben Sie, bleiben Sie nur! Exit   Fünfter Auftritt Friesecke (sieht ihm nach) : Das ist mal ein kurioser Bursche! Auguste : Warum kurios? Friesecke : Wie der für Perleberg schwärmt. Auguste : Ist's vielleicht nicht schön hier? Weite Felder, auf denen Sonne liegt. Friesecke : Ich sage nichts dawider. Kommen erst mehr Gäste, kann uns der Mann geradezu nützen. Der wird's ihnen schon zeigen, was hier los ist. Wüßte ich nur, was ich zu Adolfs Röhren meinen muß? Auguste (hat Tacks Geschirr zusammengeräumt) : Gegessen hat er nicht viel. Soll aber essen. Friesecke : Was du dem zulegst, bringt er uns durch seine fanatische Begeisterung wieder ein. Lene (tritt auf) : Die Post! Gibt Friesecke die Briefe Auguste : Bist du mit den Erbsen fertig? Lene : Ja. Ich bringe Herrn Tacks Zimmer in Ordnung. Nehme ihm Blumen in das Töpfchen aufs Fensterbrett mit. Exit Friesecke : Auguste! Hier schwarz auf weiß: Geheimer Rechnungsrat Polke aus Brandenburg mit fünf Personen bestellt Zimmer für nächsten Sonntag. Auguste : Allmächtiger! Friesecke : Ein Geheimrat in Perleberg! (er schwingt den Brief wie eine Fahne gegen Adolfs Haus) Ein Geheimrat, Schwager, was willst du noch? Auguste : Das ist überwältigendes Glück. Angst bekommt man ordentlich. Friesecke : Inklusive! Auguste : Da ist noch eine Karte. Lies. Friesecke : »Für Sonntag Zimmer mit einem Bett, Fräulein Elsbeth Treu.« Auguste : Das ist zuviel! Friesecke : Wird doch ein anständiges Mädchen sein, die Treu? Halbwelt und Kokotten mag ich in einem erstklassigen Hotel nicht. Im Vertrauen, Mutter, es geht zu schnell. Sind wir auf solchen Massenbetrieb eingerichtet, kann da ein Kellner genügen? Auguste : Zur Not bist du auch da. Friesecke : Als erstklassiger Hotelier muß ich mich zurückhalten. Auguste : Aber ich darf in der Küche stehen. Mach dich nur nützlich. Friesecke : Wollen wir dem Betrieb Relief geben – Auguste : Das Ding hat durch mein Essen Relief. Und Adolf gegenüber Ruhe und Haltung! Friesecke : Aus Bronze bin ich. Matter, aus Beton. Auguste mit Tacks Geschirr exit Friesecke (schwingt wieder den Brief gegen Kramers Haus) : Mit dem Geheimrat ramme ich dich in den Grund.   Sechster Auftritt Adolf (tritt aus Friseckes Haus auf) : Was schwingst du da? Friesecke : Dem Oberlehrer winke ich nach. Adolf : Du scheinst aus dem Häuschen? Friesecke : Man hat Grund. Adolf : Mach dich mit einem Gast nicht lächerlich. Friesecke : Morgen Sonntag haben wir das Haus voll. Unter anderem – Adolf : Wen? Friesecke : Fünf Personen mit einem Geheimrat aus Brandenburg. Adolf : Nein? Friesecke (gibt ihm den Brief) : Bitte. Adolf (liest) : Schön. Friesecke : Wer? Adolf : Schön. Friesecke : Was? Warum schön? Adolf : Für dich, für uns. Friesecke : Für dich auch? Adolf : Am allermeisten für mich doch schön. Friesecke : Für dich? Adolf : Ich sagte ja: Die Idee ist gut und gelingt sie, besser. Doch nur du passest nicht in den Kram. Daß du einstweilen Gäste herziehst. – Friesecke : Dagegen hast du nichts? Adolf : Nicht das geringste. Ist die Sache hier in Gang gebracht, mach ich sie dir abspenstig. Friesecke : Das ist unerhört! Adolf : Ich sage schlank die Wahrheit. Friesecke : Hast du etwa die Absicht? Adolf : Ja, ein Hotel dicht neben dem deinen zu bauen, und dann wird es darauf ankommen, wer am meisten bietet. Friesecke : Das tust du nicht! Adolf : Will sehen, wer mich daran hindert. Friesecke : Weißt du, was du bist? Adolf : Dir über, Fritz, (nach einem Augenblick) Und nun erst die Hauptsache: Erinnerst du dich der Quelle in meinem Gärtchen, des munter sprudelnden Wassers? Friesecke : An nichts erinnere ich mich! Adolf : Da war hinten am Rondell ein Quellchen, ein winziges Ding. Manchmal lief's, oft tropfte es nur. Ich hatte mich nie darum gekümmert. Als ich nun von deinem Plan erfuhr und gleich beschloß, er müsse mir zugute kommen, sah ich mich tun, was in Perleberg für den Kundenfang verwendbar wäre und kam durch einen Zufall auf das Wasser. Wo es aus der Erde bricht, frißt es das Gestein an. Es mußte also Stoffe enthalten, konnte nicht schlichtes Pumpenwasser sein. Ich nahm ein Pröbchen, ließ es durch einen Gerichtschemiker untersuchen, und heute morgen kommt das amtliche Attest. Lies einmal! Friesecke : Ich lese nicht! Adolf : Dann paß auf: »Die mir unter dem 10. April des Jahres zugesandte Wasserprobe stellt sich als aus einer kohlensauren Solquelle stammend dar. Sie enthält auf hundert Teile Wasser an festen Bestandteilen: 0,132 g Sole. 0,0524 g kohlensaures Magnesium, 0,016 g chlorsaures Magnesium. 0,018 g schwefelsaures Soda. 0,056 g Lithium, Nitrat und Schwefelsäure. Zusammen: 0,574 g feste Bestandteile. Friesecke (mit offenem Mund) : Was? Adolf : Perleberg ist Solbad ganz einfach. Friesecke : Hinaus! Adolf : Was?! Friesecke (brüllt) : Hinaus! Solche Niedertracht! Jetzt verstehe ich die Rohre. Baumbachs Röhren. Ein Badehotel willst du aufmachen? Adolf : Richtig. Friesecke : Er sieht seiner armen Schwester Aussicht, ein paar Pfennige zu verdienen – ruht der Kerl nicht, bis er eine Heilquelle findet. Adolf : Sie war vorhanden. Friesecke : Du bist ein – –! Adolf : Keine Geldverschwendung! Beleidigungen kosten. Beruhige dich. Der Himmel kann mir – Friesecke : Der Himmel hat mit dir nichts zu schaffen. Adolf : Also gab mir ein Zufall das Übergewicht. Denn wer wird bei dir wohnen wollen, kann man in meinem Haus auch baden? Nun liegt mir an verwandtschaftlichen Zwistigkeiten nichts, und weil ich den Neubau sparte, da ich mein Haus ausschließlich als Badehaus benutzen will, biete ich für dein Grundstück – fünfundsechzigtausend Mark. Du verdienst zehntausend Mark, (da Frisecke nicht antwortet) Nun? Friesecke : Den Neubau willst du sparen? Wohin dachtest du denn den? Adolf : Unmittelbar an mein Haus. Friesecke : In den Garten? Werden die wenigen Quadratmeter reichen? Nicht gerechnet, du zerstörst Perlebergs einziges halb Dutzend schattige Bäume. Adolf : Über die Straße. Friesecke : Das, wäre für die Gäste wieder nicht bequemer als wohnten sie bei mir. Adolf : Und sollte ich einen Gang unter der Erde zu mir hinüberbauen, ich mach es schon. Friesecke : Nur zu! Adolf : Du kennst mich. Friesecke : Doch du mich nicht, scheint's. Als ein ganz Teil scharfsinniger entpuppe ich mich, als du vorausgesetzt. Für deine Quelle zum Beispiel beginne ich eine ausgesprochene Sympathie zu fühlen. Adolf : Ich wiederhole mein Angebot. Friesecke : Daran kann dich niemand hindern. Adolf : Du willst nicht? Friesecke : Bin weit entfernt. Adolf : Zum letztenmal? Friesecke : Nein. Adolf (außer sich) : Aber das sage ich dir: und muß ich selbst dabei zum Bettler werden, dich ruiniere ich! (er schreit) Zehntausend Mark sollst du verdienen! Friesecke : Ich mag nicht. Adolf : Du –! Friesecke : Beleidigungen kosten. Spar Geld, Adolf!   Siebenter Auftritt Auguste (tritt auf) : Was gibt's wieder? Friesecke : Wir plaudern. Er will uns von neuem ein bene tun. Auguste (zu Frisecke) : Sei jetzt mal still. Friesecke : Zehntausend Mark sollen wir auf einen Schlag verdienen. Ist's wahr, Adolf? Auguste : Geh hinein. Dein Frühstück, Eier mit Speck, wartet. Wir beiden reden inzwischen hier ein Wort und kommen später zu dir. Friesecke (leise zu ihr) : Aber gegeben habe ich's ihm! Er ist mürbe. Laß ihn nicht aus den Fingern, (er winkt Adolf zu) Bis gleich! Exit   Achter Auftritt Auguste : Soll Zank und Streit nicht aufhören? Adolf : Solange der bissige Kerl da ist, nicht. Hör zu – vielleicht ist mit dir ein Wort zu reden: in meinem Garten die Quelle ist eine Heil-, eine Solquelle. Auguste : Das ist nicht möglich – Adolf : Steht, chemisch untersucht, fest. Das könnte Perleberg auf die Beine helfen, seid ihr beiden fort und ist das einzige Hotel in vernünftigen Händen. Auguste : Frisecke ist nicht so schlimm. Adolf : Mit jedem Gast bekommt er Auseinandersetzungen, ich schwör dir's. Auguste : Mit dem ersten verträgt er sich zum Beispiel ausgezeichnet. Adolf : So wäre das ein Heiliger. Frisecke jagt die Leute fort, ruiniert mir die Quelle. Auguste : Du mußt dir die Sache einmal aus unserer Lage besehen: Vier Jahre haben wir das Haus, und es brachte nicht die Zinsen vom Kapital. Adolf : Ich biete euch zehntausend Mark Verdienst. Auguste : Es ist nicht nur das Geld, Adolf. Solange saßen wir traurig, daß es nicht geht; nun wollen wir Freude an der Arbeit haben und daran, daß wir vorwärtskommen. Adolf : Mit eurem vergrößerten Vermögen könnt ihr anderswo Neues anfangen. Auguste : Wir hängen an Perleberg. Adolf : Gestern schimpftet ihr darauf. Angermünde sei schöner. Auguste : Angermünde ist auch schön. Doch hänge ich an Perleberg. Merk ich's doch, denke ich, ich soll fort. Adolf : Aber hier gibt es nichts Besonderes. Auguste : Ich finde es, alles in allem, herrlich! Adolf (nach einem Augenblick) : Es geht mit Frisecke nicht. Sagt der Gast ein reklamierendes Wort, fährt er ihm übers Maul, und ist's ein Geheimrat. Auguste : Du irrst. Er bringt uns schon Umgang und verbindliche Redensarten bei. Adolf : Euch bringt er sie bei, und er gebraucht sie nicht. Laß ich mich jetzt auf die Badegeschichte großzügig ein, lege ich mein ganzes Vermögen fest, und wahrscheinlich geht es noch über die eigenen Kräfte. Und hinterher soll ich in so heikler Situation von der Höflichkeit deines Mannes zu seinen Gästen abhängig sein? Unmöglich! Auguste : War er manchmal grob gegen die Bauern. – Adolf : Gast ist Gast. Wes Geld ich nehme, des Lied ich singe. Vorgestern hat er den Brand vor mir ein Rindvieh ins Gesicht genannt. Auguste : Der hat's ihm nicht übelgenommen. Adolf : Weil er wirklich eins ist. Doch gehört sich's nicht und birgt den Keim zu Katastrophen. Auguste : Wir sind Geschwister. Und es könnte Haus an Haus schön sein. Adolf : Und ist die Hölle, solange dein Mann da ist. Auf dich hört er nicht, obwohl dir das Geld gehört, und du ihn hinauswerfen könntest. Da ist keine Hoffnung. Auguste : Und ich sage ja, Adolf.   Neunter Auftritt Tack tritt vor dem Zaun mit Adolfs beiden Kindern auf Das kleine Mädchen (auf Adolfs Haus zeigend) : Hier wohnen wir. Der Junge (weint) : Ich habe Angst, Mutter schlägt mich. Tack : Soll ich mit zur Mutter gehen? Der Junge : Ja! Das Mädchen : Bitte! Wir haben auch einen Salon. Adolf (zu Auguste) : Ist das euer Oberlehrer? Auguste : Herr Tack. Adolf : Karlemann, Grete, hierher! Das Mädchen : Vater! (auf ihn zu) Der Junge (klammert sich weinend an Tack) : Mitkommen, ich habe Angst! Tack : Sei still, ich bin bei dir. Das kleine Mädchen : Karlemann hat Schulstrafe bekommen, muß nachsitzen, Vater. Tack (hebt ihr den Kopf) : Aber, Grete! (zu Adolf) Tack ist mein Name, bin Lehrer. Mit Bewilligung des Kollegen hörte ich der Stunde zu. Das Kind ist nicht faul. Es gibt sich Mühe, ist aber im gewöhnlichen Sinn wenig begabt. Adolf : Dann muß Herr Arndt Rücksicht auf ihn nehmen. Übrigens habe ich das nicht bemerkt. Tack : Fraglos fällt es ihm schwer; ich irre nicht. Auf seine Einbildung wirkt alles tiefer als auf Kinder sonst. Und geht ihm darum schwerer ein. Adolf (zu den Kindern) : Lauft zur Mutter, sagt, ich komme gleich. Der Junge (weinend zu Tack) : Mitgehen! Tack : Ohne Furcht, kleiner Mann, Mutter tut dir nichts. Adolf (zu Grete) : Du sagst bestimmt nichts von seiner Strafe. Marsch! Auguste : Ich mach's schon. Die Kinder exeunt mit Auguste Tack : Strafe verstünde er nicht. Wofür, denkt er? Der Lehrer sagte: die Hauskatze. Tief prägt er sich's ein: die Katze. Bilder entstehen: seine Katze, Katze und Maus, der gestiefelte Kater und Gleichnisse. Inzwischen sind die anderen weitergegangen. Er noch nicht. Weiß von dem Folgenden nichts. Strafe! Wofür, denkt er? Adolf : Er soll gefälligst mitgehen. Tack : Er kann nicht. Es packt ihn das einzelne zu stark. Alles ist ihm ein Wunder, das er deutlich ansehen, sich einbilden muß. Adolf : So? Tack : Und wissen Sie, daß mir solche Seelen die liebsten sind? Adolf : Wirklich? Tack : Es sind die, mit denen man rechnen kann, kommt das Außergewöhnliche im Unterricht: Kreuzzüge, der Herr Jesus. Sie glauben am leichtesten und sind im Leben später nicht die Schlechtesten. Die Besten vielleicht; bestimmt die Glücklichsten mit ihrer Gewißheit einer besseren Welt hinter der zufällig sichtbaren, und Haß, Neid und Streit, unsere niedrigen Sorgen bleiben ihnen fern. Adolf : Da müßte man für den Bengel sich ja beinah freuen, wäre seine Art fürs Leben nicht so unpraktisch. Tack : Er hat sie doch wohl von Ihnen. Adolf : Vielleicht war ich einmal so; jetzt bin ich anders. Tack : Man ändert im irdischen Leben himmlische Natur nicht. Adolf : Sie wird geändert. Wo man Frieden will, tritt einem immer von neuem Niedertracht entgegen. Endlich nimmt man davon an. Tack (lächelt) : Nein. Adolf : Wie einen böse Menschen reizen, wissen Sie nicht. Tack : Doch ändert man sie nicht, macht man's wie sie, sondern indem man ihnen zeigt, sie erreichen uns nie und nimmer. Sonst hätten Dummheit und Niedertracht einen Einfluß auf die Entwicklung der Welt, den Sie in den Resultaten nicht nachweisen können. Nirgends ließ sich Natur von höchster Vernünftigkeit durch solche Einflüsse ableiten und zu Unklugheiten führen. Adolf (betroffen) : Zu Unklugheiten? Tack : Solche Triebe machen blind. Unternehme ich etwas, einem anderen zu schaden, laß ich mich und mein wirkliches Interesse bei dem Vorhaben zu sehr aus dem Auge, als daß sich der Streich und meine Schadenfreude später nicht an mir rächen sollte. Adolf : Man stürzt sich in Dinge, denen man aus eigener Kraft nicht gewachsen ist, meinen Sie? Tack : An Stelle der Vernunft tritt ein Chaos dumpfer Absichten. Adolf (für sich) : Es ist gewaltiges Risiko dabei und wäre auf zwei Schultern besser verteilt. Tack : Bosheit untergräbt den Erfolg. Man braucht nur um sich zu schauen, um gegen die Versuchung Sieger zu bleiben. Adolf : Vielleicht ist Frisecke zur Vernunft zu bringen. Tack : Denn überall lehrt die Schöpfung edle und große Motive, (er bekommt einen Hustenanfall) Adolf : Sie scheinen tüchtig mitgenommen zu sein. Setzen Sie sich doch. Sie sind ja völlig entfärbt. Tack : Bei meinen Worten wurde ich warm, und hier ist's kühl. Adolf : Wir haben Südost heute. Tack : Es ging vorbei. Adolf : Hand und Fuß hatte, was Sie sagten. Ich habe für eigene Dinge entscheidend profitiert. Besten Dank, Herr Tack. Und nun will ich zu Tisch. Tack : Grüßen Sie Karlemann. Adolf : Sorgen muß man sich um den Schlingel nicht machen? Tack : Geduld sollen Sie mit ihm haben. Adolf : Mahlzeit! (gibt ihm die Hand) Exit Tack (setzt sich unter den Baum und sagt leise) : Karlemann, kleiner.   Zehnter Auftritt Lene (tritt auf) : Wir essen im Augenblick, Herr Tack. Wollten Sie sich ein wenig zurechtmachen? Aber wie sehen Sie aus! Waren Sie spazieren? Tack : Die Kinder kamen vorbei. Da habe ich sie zur Schule gebracht und einer Stunde beigewohnt Lene : Dafür sind Sie hergekommen? Tack : Nur ist's so prachtvoll, Fräulein Lene, die kleinen Gesichter aufhorchen zu sehen. Man kann ja alles in ihre Seelen legen, alles aus ihnen machen. Lene : Doch hier sollten Sie ausruhen. Tack : Tritt der Versucher zu uns – Lene : Schon sehnen Sie sich in Ihre Klasse zurück. Tack : Nicht in die Stadt, um Gottes willen! Aber her sehne ich Kinder. Hier mit ihnen durch Felder gehen, ihnen, wie herrlich die Welt der Schöpfer in jedem Halm ist zeigen dürfen, wie fruchtbar Sonne in jedem Strahl. Zu sehen, daß es Menschen werden, die ihren Gott begreifen, den man ihnen allenthalben beweisen kann – das hieße Leben, ein heiliges Leben! Lene starrt ihn mit offenen Augen an Tack : Sehe ich wieder elend aus? Lene : Nein, nein – Tack : Wie ein Riese fühle ich mich. Kräftig und von Grund auf wohl. Exeunt   Elfter Auftritt Friesecke (tritt auf und sieht sich im Hofraum um) : Drei, vier, sechs Tische. Rechnen wir zu jedem Tisch drei Stühle – sagen wir Platz für zwanzig Personen. Adolf (tritt auf) : Hast du einen Augenblick Zeit? Friesecke : Du willst wohl zwölf tausend Mark geben? Adolf : Nichts will ich geben. Ich habe mir's überlegt du sollst dein Haus behalten. Friesecke : Vor einer Stunde schwurst du mir noch Untergang, und solltest du selbst zum Bettler werden. Adolf : Daran liegt mir nun nichts mehr. Friesecke : Was willst du jetzt? Adolf : Ich sagte ja, du behältst dein Hotel. Und bist du vernünftig und hältst dich im Zaum – Friesecke : Spar Ermahnungen! Adolf : Magst du von meinem Vorteil, der Quelle, profitieren. Friesecke : Von meinen Gästen du? Adolf : Einer vom andern. Friesecke : Und du willst nicht alles für dich? Adolf : Ich spreche deutlich: die Gäste sollst du mir nicht vor den Kopf stoßen. Das ist alles, was ich von dir verlange. Verstehst du? Friesecke : Nein. Adolf : Was noch nicht? Friesecke : Was dich veranlaßt. Adolf : Vernunftgründe. Friesecke : So plötzlich? Vor einer Stunde war davon noch nicht die Rede. Adolf : Ich kalkulierte; würde mich zu hoch engagieren. Friesecke : Hm! Adolf : Einverstanden? Der ewige Streit soll endlich einmal ruhen. Friesecke : Hm! Adolf : Wir sind Verwandte und sollen einander in die Hände arbeiten. Verstehen wir uns, bringen wir drei Viertel alles Geldes, das herkommt, in unsere Taschen. Friesecke : Das ist soweit richtig – Adolf : Wieweit? Friesecke : Nur so plötzlich. Adolf : Herrgott, ich besann mich! Friesecke : Schon gut. Adolf : Also eingeschlagen! (hält ihm die Hand hin) Die Streitaxt wird begraben, es qualmt die Friedenspfeife. Friesecke (schlägt ein) : Meinetwegen. Aber besser wollen wir die Sache schriftlich machen. Adolf : Was schriftlich? Friesecke : Das eine und andere. Daß später keine Meinungsverschiedenheiten kommen. Adolf : Aber – – Gut! Vielleicht ist's gar nicht unvernünftig. Friesecke : Das will ich meinen. Adolf : Wann? Friesecke : Nach Tisch oder morgen früh. Adolf : Morgen früh. Friesecke : Noch besser Sonntag erst. Ich will mir die Paragraphen gründlich überlegen. Adolf : Da bin ich neugierig, was das werden wird. Doch sind wir prinzipiell einverstanden und handeln fortan auf Treu und Glauben. Friesecke : Gut. Adolf : Dann Mahlzeit. Und grüß Auguste; sag, wir kommen zum Kaffee und einem Streuselkuchen. Exit   Zwölfter Auftritt Augustes Stimme : Zu Tisch, Fritz! Friesecke : Was der Vampir wieder im Schild führt? Aber irre dich nicht, wir sind auf Posten. Und mit dem formulierten Kontrakt gehe ich zum Rechtsanwalt, dem geriebensten Rechtsfuchser. Vernunftgründe? (er droht mit der Faust gegen Adolfs Haus) Warum nicht gleich Nächstenliebe? Augustes Stimme : Zu Tisch! Friesecke (drohend) : Betrüger, Blutsauger! Einlullen willst du uns, meinst, wir warten geduldig, bis du uns den Hals umdrehst. Doch es wendet sich das Blatt der Weltgeschichte. Frisecke kommt dir zuvor. Jetzt – paß auf – jetzt sollst du mich mal kennenlernen! Vorhang   Dritter Aufzug Die Gaststube des ersten Aufzugs Erster Auftritt Hausdiener : (putzt des Büfetts Bierhähne, zum Kellner) : Stiefel hat der Tack, sage ich Ihnen, einen Flecken auf dem andern, und in seinen Hosen hab ich mich beim Rasieren gespiegelt. Dem will ich, reist er ab, eine kleine Unterstützung mit auf den Weg geben. Kellner : Solange bin ich nicht mehr da. Den Geheimrat heute warte ich noch ab; ist der auch nichts, dampfe ich ab. Hausdiener : Den Stellenvermittler müßte man wegen falscher Vorspiegelungen belangen. Kellner : Sommerfrische – Kurhaus – aufs höchste ist man gespannt und kommt in die Dorfkaschemme. Hausdiener : Gut ist auch der Alte, der erstklassige Hotelier, wie er sagt. Kellner : Ein kompletter Dussel. Dem mach ich ein X für ein U. Hausdiener : (grinst) : Sie verstehen wohl gar kein Französisch? Kellner : Für Perleberg reicht's. Hausdiener : Und die holde Weiblichkeit. Was sagen Sie zu der Kleinen? Kellner : Nicht in die la main. Hausdiener : Plättbrett mit einem Schuß Lüneburger Heide. Kellner : Und ist vom Morgen bis zur Nacht hinter dem Tack her. Hausdiener : Nicht möglich? Ein schönes Paar! Kellner : Eduard und Kunigunde mit einem Schuß Kamillentee. Hausdiener : (warnt) : Pst!   Zweiter Auftritt Friesecke und Tack treten auf Friesecke (zum Kellner) : Das Frühstück für den Herrn Oberlehrer! Kellner : Sofort. Exit mit dem Hausknecht, dem er im Abgehen zuflüstert: Eduard! Tack (mit einem riesigen Wollschal um den Hals) : Heute ist's mit dem Garten nichts. Friesecke : Hat's genug gegossen, hört's wieder auf und hoffentlich, eh die Gäste kommen. Tack : Der Regen stört mich nicht. Aber der schneidige Ostwind. Nachts spürte ich ihn bis in die Laken. Friesecke : Das glaub ich, daß es oben durch die Latten pfeift. Lene soll in ihrem Zimmer heizen und die Tür zu Ihnen aufmachen. Dann haben Sie's warm. Hätte sie schon heute nacht tun können. Tack : Wie? Friesecke : Heizen und die Tür aufmachen. Sie hätten ihr doch nichts getan? Tack : Nicht einmal im Scherz, Herr Frisecke! Friesecke : Regen Sie sich nicht auf; sehen jämmerlich genug aus. Tack : Ich fühl mich auch so. Vollkommen hänge ich von der Sonne ab. Friesecke : Sie kann nicht alle Tage scheinen. Tack : Am Himmel nicht. Friesecke : Wo sonst? Tack (auf Friseckes Brust deutend) : Da! Friesecke : Vergnügt bin ich, meinen Sie? Könnt es sein, wären die Sorgen nicht. Tack : Sie Sorgen? Ein bequemes Haus zu eigen, eine liebe, tüchtige Frau! Was soll ich einsamer Schulmeister sagen mit kranker Brust? Friesecke : Sie sind auch quasi ein beneidenswerter Kerl. Tack : Das bin ich; und Sie ahnen nicht, warum. Friesecke : Ich weiß es genau. Sie ärgert keiner, weil Sie jedem leid tun. Tack : Jetzt wieder leid tun und eben noch beneidenswert? Friesecke : Beides. Stimmt schon. Tack : Und was bin ich mehr? Friesecke (sieht ihn prüfend an) : Wohl mehr beneidenswert glücklich – alles in allem. Tack : Sehr glücklich! Friesecke : Worüber freuen Sie sich eigentlich immer so? Ich fasse nicht, wie ein Mensch unaufhörlich vergnügt sein kann. Tack : In der Stadt bin ich auch einmal mürrisch, hier aber – Friesecke : Was reizt Sie, – was gefällt Ihnen hier so unbändig? Tack (enthusiastisch) : Alles! (er lacht) Und nur der Oberkellner ist mir zu vornehm. Friesecke : Muß in einem erstklassigen Hotel aber sein. Kellner (bringt den Kaffee, serviert und geht wieder) : S'il vous plaît. Friesecke : Sehen Sie, spricht drei Sprachen. Heutzutage absolut nicht zu entbehren. Ich muß Ihnen einen Fall vortragen: Denken Sie sich zwei Brüder, im gleichen Dorf nebeneinander wohnend. Tack (essend) : Ja. Friesecke : Der eine, der vermögender ist, hat dem intelligenteren anderen sein Geschäft verkauft, sagen wir einen Gasthof, in dem das Geschäft aber dann nicht gehen will. Verstehen Sie? Tack : Durchaus. Friesecke : Da kommt dem Gasthofsbesitzer plötzlich eine phänomenale Idee, und die Geschichte geht in Gang. Zur gleichen Zeit findet der zweite Bruder in seinem Garten – nein, so läßt sich's nicht sagen. Wie sag ich's nur? Tack : Ich verstehe. Nicht Brüder meinen Sie, aber Schwäger. Friesecke : Und da stellen Sie sich so harmlos? Tack : Nun – Friesecke : Ich hatte es doch gut bemäntelt. Gut: Adolf Kramer fand in seinem Garten eine Solquelle. Tack : Ich weiß. Friesecke : Daraufhin wollte er mir anfangs mein Hotel abkaufen, ein Badeetablissement großen Stils zu errichten. Zehntausend Mark sollte ich am Handel verdienen. Tack : Ein Vermögen! Friesecke : Viel Geld. Und ich hätte es getan, hätte meine Alte gewollt, und wäre Adolf nicht der Käufer gewesen. Ich eigne mich im Grunde schlecht zum Wirt, kann mit einem gewissen Selbstbewußtsein schlecht dienen. Aber dem Adolf hab ich das gute Geschäft nicht gegönnt. Doch auf einmal steht er selbst ab, will mir, wie närrisch er sich vorher gebärdete, mein Haus lassen. Was sagen Sie? Tack : Es bestimmen ihn wohl Vernunftgründe. Friesecke : Vernunftgründe? Kann der mich ärgern, geht ihm das über alle Vernunft. Und das will er, und das ganze ist eine Falle. Darauf schwöre ich einen Eid. Tack : Aber Herr Frisecke, wie kann man von einem Menschen so schlecht denken? Frisecke : Weil man die Welt kennt. Die Leute, denen es keinen Spaß macht, ihre Mitmenschen zu ärgern, können Sie an den Fingern einer Hand abzählen. Tack : Ich versichere Sie, in Ihrem Schwager täuschen Sie sich gründlich. Er denkt nicht daran, Ihnen übelzuwollen. Wie zuvorkommend sein Anerbieten, als erster Kurgast sollte ich nächster Tage auch das erste Bad bei ihm nehmen. Friesecke : Das hörte ich, und darüber muß ich mit Ihnen sprechen. Tack : Bitte? Friesecke : Sie baden nicht! Tack : Wie? Friesecke : Wollen Sie baden, sich reinigen, steht Ihnen bei mir eine Wanne zur Verfügung. Aber kein Solbad. Tack : Ich verstehe Sie nicht. Friesecke : Hören Sie zu! Er legt mir Fußangeln und Fallen, und dafür sollten meine Gäste bei ihm baden. Ausgeschlossen. Tack : Aber er denkt nicht daran. Frisecke : Das weiß ich besser. Mir ist, ich sitze auf einem Pulverfaß. Die ganze Nacht habe ich, in Schweiß aufgelöst, kein Auge zugemacht Und da sollte ich Sie baden lassen? Tack : Meine feste Zusage gab ich Herrn Kramer; eine angemessene Festlichkeit ist in Aussicht genommen. Frisecke : Ganz Perleberg soll wohl da zusehen? Auch noch eine Festlichkeit bei der er den großen Mann spielt mit Lampions und Symphoniekonzert. Bei der sich herausstellt er ist der Erfinder unseres Ortes. Und dazu wollen Sie sich hergeben, dazu baden, nachdem Sie in meinem Haus geradezu vorbildlich mit offenen Armen aufgenommen wurden, Ihnen nichts extra berechnet wird? Justament darum wollen Sie meinen hartnäckigen Gegner stützen? Tack : Aber er ist nicht – –! Frisecke : Er ist's! Er ist's! Mein Todfeind sogar, der meine Existenz untergräbt, mich zugrunde richtet. Jede Minute kann die Mine auffliegen. Tack : Mein Wort verpfändete ich. Ohne Grund würde ich ihn für Güte und Freundlichkeit verletzen. Das will ich nicht, darf ich nicht! Friesecke : Mich aber – mich können Sie verletzen?! Tack : Ich bin Menschenkenner, flehe Sie an: Herr Kramer will keinen Streit. Frisecke : Da bin am Ende also ich der Streithammel?! Tack : Das sagte ich nicht! Frisecke : Sie sollen nicht bei ihm baden. Er muß sehen, ich wehre mich. Keiner meiner Gäste darf zu ihm hinüber. Kein einziger. Ich kann Sie nicht zwingen, doch sind Sie gut bei mir aufgenommen worden. Tack (flehend) : Herr Frisecke! Frisecke : Es ist für mich ein Ehrenpunkt. Tack : Ich will mit Herrn Kramer sprechen. Frisecke : Damit er meinen Plan durchschaut? Tack : Er hat sich fürs Fest schon Umstände gemacht. Frisecke : Wollen Sie? Ja oder nein? Tack : Ich bringe Ihnen den Beweis, Herr Kramer meint es ehrlich. Frisecke : Gut. Also nicht! Exit, indem er die Tür knallend zuschlägt Tack (sinkt in einen Stuhl) : O mein Gott, mein Gott!   Dritter Auftritt Lene (tritt auf) : Was haben Sie? Was gibt's denn? Tack (starrt sie an) : Nichts. Lene : Ist's gestern abends wegen? Doch als Sie stöhnten und husteten, es war stärker als ich, zerriß mir das Herz – ich mußte kommen und nachsehen. Tack : Wie war das, als lautlos die Tür sich öffnete, und Sie hereinkamen! Ich hatte so gelitten. Lene : Gleich ward es besser, als ich bei Ihnen stand. Tack : Ihre Augen blickten überirdisch, die Hände – Lene : Ich will nicht, Sie leiden. Tack : Doch ich leide nicht mehr. Kam elend und einsam her, und nun brachten mir die letzten Tage mehr Glück und Seligkeit, als ich auf Erden ahnte. Lene : Wie über alles Begreifen die Welt herrlich ist, wußte ich nicht, und nun – Tack (hat sich erhoben) : Und nun? Lene : Will ich unermüdlich für Sie sorgen. Kein Windhauch darf an Sie heran. Tack : Für mich – mich Armen? Lene (hingenommen) : Für dich, du Armer – lieber Armer! Tack : Mein Gott! Sie halten sich umfangen Tack : Ein winziger Schullehrer, Lene. Lene : Ich hab Geld. Fünfzehntausend Mark auf diesem Haus. Damit läßt sich das Leben richten. Tack : Ich wage nicht, es auszudenken. Lene : Gleich rede ich mit der Tante, daß sie es Onkel sagt. Er ist mein Vormund und sie bringt's ihm am besten bei. Tack : Ich muß selbst mit ihm sprechen, daß es nicht aussieht, als scheue ich geraden Weg, als wolle der arme Lehrer zum reichen Mädchen auf Umwegen kommen. Lene : Gut. Doch gleich. Nicht erwarten kann ich's, ich darf über dich vor allen Menschen wachen. Liebster, Bester – (sie hängt an seinem Hals) Ich schicke ihn dir her, und komme ich vom Postamt zurück, von Kerstenbruch – nicht eine Stunde mehr – dann! Neue Umarmung Tack : Himmel! Lene exit   Vierter Auftritt Frisecke (nach einem Augenblick tritt auf) : Haben Sie sich besonnen? Tack : Wessen? Worauf? Nein, daran dachte ich nicht mehr, das ist für mich erledigt. Anderes will ich mit Ihnen, Wichtigeres besprechen. Frisecke : Erledigt? Da bin ich neugierig! Tack (langsam, leise) : Fräulein Lene und ich – haben uns gern. Frisecke : Was haben Sie? Tack (fassungslos) : Wir – sozusagen – – Frisecke (bricht in Lachen aus) : Schulmeister, Sie sind wohl von Gott verlassen? Tack : Warum? Wieso? Frisecke : Der reine Zauberkünstler sind Sie. Alle Augenblicke eine neue Überraschung! Tack : Aber Herr Frisecke – Frisecke : Perleberg bekommt Ihnen nicht. Oder zu gut. Gestern noch nur halb lebendig und heute der wilde Mann? Erst mit aller Gewalt baden wollen und jetzt Lene dazu? Mich halten Sie wohl für blödsinnig? Gerade wollen Sie mit meinem Todfeind gegen mich gemeinsame Sache machen, und nun soll ich Ihnen noch Geld dazu schuldig werden, wollen Sie sich auf diese Weise zu meinem Gläubiger machen? Fein eingefädelt. Tack : Aber ich dachte nicht daran – wollte einzig – Frisecke : Was Sie wollen, ist mir gleich. Ihre Gesinnung gegen mich habe ich erkannt. Ich bat Sie inständig, kalt haben Sie nein gesagt. Daß es ein Ehrenpunkt für mich ist, ob Sie baden oder nicht, bewies ich Ihnen; doch was kümmert Sie meine Ehre? Trotz unseres unaufhörlichen Entgegenkommens haben Sie sich auf Kramers Seite geschlagen, und jetzt wagen Sie – Tack (erregt) : Ich verbiete Ihnen, Herr Frisecke, all meine Beweggründe zu mißdeuten! Frisecke : Verbieten Sie! Aber sagen muß ich es Ihnen doch! Abgesehen davon, daß es in Ihrem jammervollen Zustand ein Verbrechen ist, einem Mädchen von solchen Dingen zu sprechen – doch nicht die Butter aufs Brot haben und einem wohlhabenden Kind Fisimatenten vormachen –! Tack (vor Erregung zitternd) : Herr Frisecke! Frisecke (außer sich) : Meinem Mündel noch dazu, weil das Schaf gutmütig genug ist, nachdem Sie sich vor ein paar Minuten nicht gescheut haben, mir an der ganzen Stänkerei Schuld zu geben – (ausbrechend) noch so einen Menschen in der Verwandtschaft, der einen bis zur sinkenden Nacht reizt und schindet – lieber nehme ich gleich den Revolver oder gehe ins Wasser! Tack (zittert, nicht fähig zu sprechen, stottert) : Wir werden ja sehen – – Exit Frisecke : Niemals – und wenn ich! Aber baden kannst du nun von mir aus soviel du magst, Brigant! Ich mach's mit dem Geheimrat! (zum Fenster, das er öffnet) Guten Morgen, Herr Doktor. Nach Langenau? Dr. Pistorius' Stimme : Zu Gellings hinüber. Frage nachher einmal bei Ihnen vor.   Fünfter Auftritt Auguste : Wie darf der Tack durch Wind und Wetter laufen? Will sich wohl durchaus den Tod holen? Du durftest den armen Menschen nicht in die Dachkammer legen, wo es ihn heute nacht wegwehen konnte. Frisecke : Laß mich endlich mit deinem Tack zufrieden! Auguste : Was hast du wieder? Frisecke : Stets dasselbe. Auguste : Eine fixe Idee ist das schon von dir. Frisecke : Es wird sich herausstellen. Auguste : War Adolf gestern nachmittag nicht wirklich herzlich mit uns? Frisecke : Vor lauter Streuselkuchen konnte er den Mund nicht aufmachen. Kaum aber war das letzte Stück hinunter, hatte er auch schon den Tack beim Wickel. Auguste : Das erste Bad soll er nehmen. Frisecke : Aufgehetzt gegen uns hat er ihn; ihm die Besinnung geraubt. Auguste (ruhig) : Du bist verrückt, Fritz. Frisecke : Gut. Ich bin verrückt. Aber du wirst im Lauf des Tages noch öfters staunen.   Sechster Auftritt Adolf : Ich hatte ein bißchen viel zu tun. Das Werk drüben geht mächtig voran. Doch ist's erst fünf Minuten nach elf. Frisecke : Um zwölf Uhr sind die Gäste hier. Adolf : Bleibt uns fast eine Stunde. Frisecke : Wenn wir nur fertig werden. Adolf (lacht) : So viel hast du dir ausgedacht? Frisecke : Das werden wir sehen – (er holt Tinte und Papier vom Büfett) Adolf (zu Auguste) : Es war reizend gestern. Auguste : Macht so etwas nicht Freude? Adolf : Unbedingt. Auguste : Herrn Tack geht es schlecht. Adolf : Das ließ sich voraussehn. Seinen Zustand halte ich für verzweifelt. Aber ein reizender Mensch ist er dabei. (zu Frisecke) Papier genug wäre da. Nun vorwärts! Frisecke : Wie fangen wir an? Adolf : Das mußt du wissen. Frisecke : Im Paragraph eins sollte man sagen: Die beiden Betriebe, deiner und meiner, haben nichts miteinander zu tun. Aber auch gar nichts. Adolf (zu Auguste) : Verstehst du das? Auguste : Nein. Frisecke : Will sagen, meine Gäste haben beispielsweise nicht die Verpflichtung, bei dir zu baden. Adolf : Aber, Fritz, das ist doch Unsinn! Frisecke : Laß es Unsinn sein, doch beruhigt es mich. Adolf : Ich kann niemand zwingen – Frisecke : Wenns mich beruhigt! Adolf (lacht) : Wenn's ihn beruhigt, gut. Schreibe. § 1: Die beiden Betriebe Frisecke und Kramer sind durchaus unabhängig voneinander. Also ist auch niemand, der bei mir ein Bad genommen, verpflichtet, hinterher bei dir einen Schnaps zu trinken. Frisecke : Damit kommen wir aufs zweite: Es sei dir verboten, Spirituosen in irgendwelcher Form feilzuhalten. Adolf : Bäder mit alkoholischen Zusätzen sind aber erlaubt. Frisecke : Nur nicht zum Trinken, den Alkohol. Adolf : Gut. Frisecke : § 2: Herr Kramer verpflichtet sich, in seinem Badehause keinerlei Getränke – Adolf : Halt! Eben war nur von Spirituosen die Rede. Frisecke : Du willst wohl ein Nachmittagscafé aufmachen? Adolf : Ich hab nicht die Absicht. Und weil es dich beruhigt, schreib: Keinerlei Getränke. Frisecke (schreibt) : – zu verabreichen und niemals um eine Konzession dafür einzukommen. Adolf : Das heißt: Für das Badehaus. Frisecke : Was heißt das? Adolf : Es kann sein, ich will hier später an einem anderen Platz ein Hotel bauen. Auguste : Gewiß. Frisecke : Doch nicht am Ort? Adolf : Sollte ein Bedürfnis vorliegen. Frisecke : Das Bedürfnis findest du morgen. Auguste : Aber, Fritz! Reicht unser Haus einmal nicht mehr aus – warum soll Adolf nicht wie jeder andere bauen dürfen? Adolf : Ich habe vorläufig nicht die Absicht, aber ich kann mir nicht für immer die Hände binden. Auguste : Das ist Unsinn. Schreib: Konzession für das Badehaus. Frisecke (triumphierend) : So schreib ich: Für das Badehaus und ein in unmittelbarer baulicher Verbindung damit betriebenes Hotel. Adolf : Gut. Schreibe! Frisecke (verblüfft) : Was? Adolf : Schreiben sollst du! Warum bist du so verblüfft? Dachtest du, es sei meine Absicht gewesen, womöglich wirklich irgendein verdeckter Gang? (er lacht) Nicht im entferntesten! Frisecke : Und jetzt die Hauptsache: Nichts darf von deiner Seite bei hoher Strafe geschehen, den Betrieb unseres Hauses zu stören. Adolf : Weißt du, daß das eine Beleidigung für mich ist? Frisecke : Warum? Adolf : Ich komme und biete dir Frieden mit offenen Armen – Frisecke : Die offenen Arme sind soweit ganz gut. Auguste : Freiwillig ist Adolf gekommen. Frisecke : Dagegen wende ich nichts ein. Nur macht's ihm nichts, schreiben wir's hin. Adolf : Vernünftiger wär's, wir schrieben, daß von dir aus nichts geschehen darf – was wahrscheinlicher ist. Frisecke : Das ist wahrscheinlicher? Adolf : Ohne deine Absicht vielleicht stößt du Gäste vor den Kopf. Frisecke : Also ich stoße Gäste vor den Kopf? Gewissermaßen ein Sport von mir? (zu Auguste) Hörst du? Auguste : Davon hat niemand gesprochen. Von deinem Temperament ist die Rede. Adolf : Du bist cholerisch. Frisecke (schlägt mit der Faust auf den Tisch) : Da hört sich alles auf! Beleidigen lasse ich mich nicht! Adolf : Es heißt hitzköpfig. Frisecke : Du bist ein Hitzkopf. Doch so ist's richtig: Du bist's und mir wird's in die Schuh geschoben. Auguste : Da kann kein Mensch zu Rand kommen. Adolf hat den besten Willen. Frisecke : Ich vielleicht nicht? Nur schriftlich will ich's haben: Tausend Mark Strafe für jeden Fall der Zuwiderhandlung. Auguste : Dann schreib: Beide Schwäger verpflichten sich. Das ist gerecht. Frisecke mißt seine Frau mit wütenden Blicken Adolf : Du wunderst dich über Augustes Gerechtigkeitssinn? Frisecke : Über was ich will, wundere ich mich. Adolf : Ich verstehe darunter aber auch, treibst du mutwillig einen Gast, einen Badegast, aus deinem Haus, daß er abreist und mir verloren geht. Frisecke : Gefällt also jemand meine Nase nicht, und er macht sich aus dem Staub, zahl ich tausend Mark. Adolf : Treibst du ihn mutwillig, durch Schikane hinaus. Jeder von uns weiß, was ich meine. Vor allen Dingen aber: suchst du jemanden, der mein Etablissement aufsuchen will, daran zu hindern. Frisecke (außer sich) : Das traust du mir zu? Und das ist keine Beleidigung? Adolf : Man muß mit deinem Temperament rechnen. Frisecke (tückisch) : Verrechnet euch nur nicht mit mir! Adolf : Ich glaube nicht. Und damit du siehst, wie ich's wirklich meine, und daß ich jetzt, wo ich auch ein Recht habe, etwas dreingebe, mit euch auf gutem Fuß zu stehen, schließ mit § 4: Solange die Badeanstalt sich in seinem Besitz befindet, verpflichtet Herr Kramer sich, den Gästen von Friseckes »Kurhaus zum Felsental« gegenüber den Bewohnern anderer Hotels und Logierhäuser einen Rabatt von zehn Prozent auf alle Bäder zu gewähren. Auguste : Adolf, das ist schön von dir! Frisecke (fassungslos) : Was willst du? Adolf : Deinen Gästen Rabatt geben. Damit bist du zukünftigen Konkurrenten eine Nasenlänge voraus. Frisecke : Das willst du wirklich tun? Adolf : Schreibe hin: § 4. Auguste : Also, Fritz? Frisecke (schreibt mit scheuem Augenaufschlag zu Adolf) Und nun unterschreib! Adolf tut es Friseckes stummes Spiel Adolf : Und jetzt geben wir uns die Hand und versichern: Zusammenhalten für die Zukunft! Dann müßte es toll kommen, fänden wir nicht beide unsere Rechnung. Eingeschlagen! Auguste (schlägt ein) : Das war außerordentlich, Adolf. Frisecke schlägt zögernd ein Adolf : Noch eine Runde Kognak. Aber das Beste vom Besten! Frisecke (sagt tonlos) : Fine Champagne, drei Stern. Er holt den Kognak, den sie stehend trinken Adolf : Abmarsch, schleunigst! Ich ertrinke in Arbeit. Lebt wohl! (exit)   Siebenter Auftritt Auguste : Da stehst du mit deiner Menschenkenntnis. Das mußte er nicht, das war großmütig von ihm. Und welcher Vorteil für uns! Frisecke : Wäre ich nur erst über seine Gründe klar. Auguste : Mit seinem nächsten Nachbar in Frieden zu leben, mit dem einen gleiche geschäftliche Ziele verbinden, ist das nicht Grund genug? Frisecke : Nein. Auguste : Und noch dazu sind wir verwandt. Frisecke : Das waren wir vorher auch schon, und trotzdem haben wir uns vom Morgen zum Abend gezankt. Auguste : Damals störte der Streit noch niemanden. Jetzt würde er die Gäste anwidern. Frisecke : Manchem vielleicht auch Spaß machen. Auguste : Adolf als kluger Kopf hat das eingesehen. Frisecke : Gestern von elf bis zwölf ausgerechnet. Auguste (bestimmt) : Hör zu, Fritz: Ich habe mir deine Verrücktheiten bis jetzt gefallen lassen. Ich mache dich darauf aufmerksam: Mit meinem Geld ist das Haus gekauft. Hältst du fortan keine Ruhe, sprechen wir uns anders. Frisecke brummt Auguste : Bist du so dumm, daß du nicht einsiehst, als der unbedingt Stärkere hätte er uns früher oder später erdrücken können. Ein unfaßbares Glück, ein Wunder ist sein Entschluß, und ich ahne auch, wem wir ihn zu verdanken haben. Frisecke : Nämlich? Auguste : Tack! Frisecke : Was hat der damit zu tun? Auguste : Mit seiner Güte hat er auf Adolf gewirkt. Frisecke : Erzählst du mir, Adolf hat aus Tack einen Streithammel gemacht – Auguste (wütend) : Jetzt bist du still! (eindringlich) Sieh mich doch einmal an, Vater. Unser Haus, das schöne Geschäft, keine Sorgen mehr. Sei doch vergnügt, sei's doch einmal. Zeig dich von deiner besseren Seite. Adolf meint es gut. (sie geht, wendet sich wieder und sagt herzlich) : Und er ist ja mein Bruder! (exit) Frisecke (lacht auf) : Vorgestern hat sie das noch nicht gewußt. Zu verrückt, und alles auf einen Schlag.   Achter Auftritt Man hört polternde Schritte die Treppe herunterkommen, gleich darauf stürzt Lene in höchster Erregung herein Lene : Auguste! Fritz! Kellner (tritt auf) : Bitte? Frisecke : Was denn? Lene : Zum Arzt, schnell! Kellner (ratlos) : Zu wem? Wohin? Lene : Tack! Der Doktor! Frisecke (zum Kellner) : Drüben bei Gellings. Der Kellner exit Auguste : Um Gotteswillen! Was? Doch nicht – Lene : Er ist – ich glaube – (sie schluchzt auf) Frisecke : Was? (stürzt die Treppe hinauf) Lene : Klopfe an seine Tür – niemand antwortet – öffne – (neues Schluchzen)   Neunter Auftritt Dr. Pistorius und der Kellner treten auf Dr. Pistorius (zu Auguste) : Oben? Auguste : Ja. Dr. Pistorius und Auguste, die Lene umfaßt, über die Treppe exeunt   Zehnter Auftritt Hausdiener (tritt auf) : Wo brennt's denn? Kellner : Den Tack hat der Wind ausgeblasen. Hausdiener : Hin? Kellner : Ja. Hausdiener : War doch heute früh noch ganz frisch; aber das ist bei den Lungenpfeifern nicht anders, gerade in den letzten Stunden flackern sie noch einmal hoch. Kellner : In Spandau im Lazarett war ein Unteroffizier, steht bei mir wie das blühende Leben, spricht von seiner Braut und von seinen beiden kleinen Jungen – im selben Augenblick liegt er da. Fertig. Hausdiener : Wer weiß, ob er einen schlechten Tausch macht? Der kommt doch sicher ins Paradies. Und von Perleberg geradeaus ins Paradies – da müssen ihm von Rechts wegen die Augen übergehen.   Elfter Auftritt Friesecke und Dr. Pistorius treten auf Pistorius : Ein Glück für den armen Menschen. Und er hat nichts davon gespürt. Friesecke : Aber in zehn Minuten sind meine Gäste hier, ein Geheimrat aus Brandenburg und Angehörige; der ist imstande kehrtzumachen, hört er – Pistorius : Kümmern Sie sich um nichts, lassen Sie mich das besorgen. Es geschieht zu unser aller Vorteil. Er tuschelt im Hintergrund mit dem Hausknecht und dem Kellner Kellner : Auch unser eigenes Interesse, Herr Doktor. Hausdiener : Versteht sich. Pistorius , der Kellner und der Hausknecht exeunt   Zwölfter Auftritt Auguste (tritt auf) : Und wir müssen uns keine Vorwürfe machen, daß die Kammer zu luftig war oder Perleberg vielleicht im ganzen –? Pistorius : Nein, Frau Frisecke. Gestorben wär der Mann in kurzer Zeit, wo immer. Doch ob er in Madeira, in Ägypten unter denkbar günstigen Verhältnissen bei primissima Pflege nicht dreist noch ein paar Wochen hätte leben können, wer will das entscheiden? Auguste : Perleberg hat ihm sonst sehr gut gefallen. Pistorius : Für viele Zustände ist unsere Luft auch geradezu ideal. Für Nervöse beispielsweise. Nur gerade für den seinen – nun ja, wie das so ist. Frisecke : Und daß ich keine Scherereien habe. Pistorius : Unbesorgt (exit) Auguste : Ich bin zerschmettert. Und Lene. Das arme Geschöpf. Frisecke : Was hatte die dabei? Auguste : Lieb hatte sie ihn. Daß du das nicht gemerkt hast! Frisecke : Und dann sage ich: Es war ein Glück, wie es gekommen ist. Denn nie hätte ich meine Einwilligung zu dem Verbrechen gegeben, einen so kranken Menschen zu heiraten. Auguste : Es war halt ein Traum. Ihr Traum. In die verhaßte Stadt wenigstens muß er nicht zurück. Wir begraben ihn hier, und so bleibt er in seinem geliebten Perleberg. Frisecke : In Berlin wird ihn niemand reklamieren.   Dreizehnter Auftritt Adolf (tritt auf) : Ist's denn wahr? Auguste : Ja. Adolf : Mein Gott! Kommt der arme Kerl endlich aus seiner Schulgruft an die Sonne, kommt hierher, und – wozu? Auguste (zeigt auf Frisecke, der am Fenster steht, hinaussieht, und sagt leise) : Sein Herkommen vor seinem unwiderruflichen Tod hatte vielleicht doch einen Zweck. Adolf : Ich verstehe. Auguste : Die arme Lene. Adolf : Sie ist noch jung und kommt schon drüber hinweg. Auguste : Das Leben ist schwer. Adolf : Das meinte er nicht. Auguste : Er war auch besonders gesegnet. Adolf (von Herzen) : Das war er! Und kann ich euch irgendwie behilflich sein, Unannehmlichkeiten ersparen – (zu Frisecke) Brauchst du zu irgend etwas meine Hilfe, Fritz? Frisecke : Ich danke – für den Augenblick. (er besieht ihn aufmerksam und überrascht) Adolf : Sonst von Herzen im Sinn des Verstorbenen. Auguste gibt ihm beide Hände Adolf : Lebt wohl! (exit) Frisecke (am Fenster ruft) : Da sind sie! Ruft den Kellner, schnell! Der Kellner tritt auf und stürzt zur Tür hinaus. Eine Glocke schlägt an Frisecke (zu Auguste) : Lene soll aus unserem Wohnzimmer das Bild von Barbarossa noch schnell über des Geheimrats Bett hängen. So etwas heimelt an. (er reißt die Eingangstür auf) Auguste exit   Vierzehnter Auftritt Geheimer Rechnungsrat Bolke tritt mit Frau und drei Kindern, von denen Frau Bolke das jüngste auf dem Arm trägt, auf Geheimrat : Geheimrat Bolke aus Pasewalk. Sind meine Zimmer bereit? Frisecke (sich verbeugend) : Alles in bester Ordnung, Herr Geheimrat. Numero sieben und acht. Der kleine Ernst : Schenk einen Groschen für den Schokoladenautomat, Papa. Frau Bolke : Still, Ernst. Nachher. Ernst (brüllt) : Ich will Schokolade! Die beiden Kinder (brüllen) : Ich auch Schokolade! Geheimrat (donnert) : Ruhe! Lassen Sie uns die Zimmer anweisen. Frisecke (zum Kellner) : Zeigen Sie den Herrschaften die Räume. Kellner : Sehr wohl. Exit mit allen Bolkes im Gänsemarsch   Fünfzehnter Auftritt Frisecke : Ein bißchen geräuschvoll. Auguste (tritt auf) : Was wollten die Kinder? Frisecke : Schokolade. Auguste setzt sich vorn an einen Tisch. Frisecke zu ihr Auguste : Wie gefällt dir nun Adolf? Frisecke : Ich muß sagen – du scheinst fast recht zu haben. Auguste : Siehst du! Endlich Ruhe und Frieden. Frisecke (nach einer Pause langsam) : Doch sollte ich sagen, daß mir alles so besser gefiele, – müßte ich lügen. Auguste (empört) : Du bist doch aber –! Frisecke (sehr ruhig) : Ich bin so. Ende