Moritz August von Thümmel Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich   Erster Teil Zweiter Teil Dritter Teil Vierter Teil Fünfter Teil Sechster Teil Siebter Teil Achter Teil Neunter Teil Zehnter Teil Anhang           Die dunkle Wahrheit, Freund , die Dein beredter Mund Mich ahnden ließ, seh' ich nun ganz erläutert! Ich war nur krank im Traum; und fröhlich und gesund Bin ich erwacht und sehe rund Um mich herum die Welt mit Opernglanz erheitert, Die ehmals lichterarm, gleich einem Puppenspiel Mir widerlich ins Auge fiel. In meinem Büchersaal verriegelt, Sah ich schwermütig und erschlafft Die Welten über mir mit Kraft Und Tätigkeit und Mut beflügelt – Sah unter mir die Würmchen aufgewiegelt Zu einer kleinen Wanderschaft: Ich gaffte mit gefärbter Brille Das Spiel der Schöpfung an; mein Wille War ohne Herrn – Kaum regte sich Nur noch ein dumpf Gefühl von meiner morschen Hülle, Mit welchem schwer belastet, ich Ins traurige Gebiet der ernsten Todesstille Aus dem Parterr hinüberschlich. – Doch da erschienst Du, Freund, mit tröstender Gebärde, Und widersetztest Dich der stolzen Übermacht Des Hypochonders – sprachst: »Es werde!« Und es ward hell in meiner Nacht – Wie sorgsam hast Du nicht den fast erloschnen Dacht Auf diesem großen Opferherde Zu neuen Flammen angefacht! Des Unmuts Nebel ist verflogen, Der Essig meines Blut's versüßt, Seit ich den Lerchen nachgezogen, Und mich der freundlichste von allen Himmelsbogen In Languedocs Gefilde schließt. Am Quell des Lichts erwärmt, dünk' ich mich hier dem Auge Der Vorsicht mehr genaht zu sein, Und fühle mich entzückt und sauge Den Äther der Verklärten ein. Auf Blumen führen mich versuchte Zeitbetrüger Von einer kleinen Lust zu einer größern hin. Mich kümmert's nicht, ob ich seit gestern klüger – Genug für mich, wenn ich vergnügter bin! Kein Skrupel steigt mir auf – Ich stehle Mich heimlich aus dem Kreis der Börhav' und der Bayle Und ihrem Kriminalverhör, Und achte nun des Körpers und der Seele Berühmte Charlatans nicht mehr. – Wer sagt es mir, was doch im Schalle Des Posthorns – in dem mut'gen Knalle Der Peitsche für ein Zauber liegt? Hoch steigt mir jetzt die Welt, gleich einem Federballe, Der im Zenith der Kinderjahre fliegt, Und alles lacht mich an, und froh denk' ich mir alle Mitlebende gleich mir vergnügt. So wird der Wein, der ewig zu Madere Gemeiner Wein geblieben wäre, Zu dreimal besserm umgestimmt, Wenn er als Fracht von einer Hemisphäre Zur andern auf und niederschwimmt. * Ich kann mir nicht helfen – so demütigend auch das Geständnis für den Stolz des innern Menschen sein mag – so schwer es auch über die Lippen eines ausgemachten Philosophen gehen würde; dennoch sage ich es zur Ehre der Wahrheit und unverhohlen, daß ich nur dem Rütteln und Schütteln einer armseligen Postchaise den wieder erlangten Gebrauch meiner Seelenkräfte verdanke. Mit Hülfe eines Meilenmessers könnte ich genau die Entfernung, könnte genau auf der Postkarte jeden Punkt angeben, auf dem ich diese und jene gute Eigenschaft wiederfand, die mir, Gott weiß wie! nach und nach von der Hand gekommen war. Ich mußte sie freilich ziemlich einzeln zusammenlesen, und es verging manche liebe Stunde, ehe ich meinen Verlust ersetzt sah – mußte mich drehen und wenden und manche Lage versuchen, bevor ich in meine natürliche kam. Ich verschloß meinen Wagen, wie die Zelle eines Karthäusers, als ich mich aus dem für mich so geräuschvollen Berlin rettete, und glaubte der Welt einen rechten Possen zu tun, daß ich meine Stors herabließ. Aber die Welt ging ihren Gang, und mir hingegen trat, mit jeder Station bis Leipzig, das Unbehagliche meines abgezogenen Lebens immer näher ans Herz. Johann besorgte von außen alles, was nötig war, seinen elenden Herrn weiterzubringen; und er wäre mit diesem unruhigen Geschäfte mir auch nur lästig an meiner Seite gewesen, so ein ehrlicher Kerl er auch sein mag. Schon die heitere Miene, mit der er bald die Wolken, bald die Schafe, die uns begegneten, anlächelte, schickte sich gar nicht in die Nachbarschaft meines Ernstes. Ich mußte einen Begleiter haben, der mir ähnelte, und ich hatte das Glück, im »Blauen Engel« einen auszufinden, der meinen Eigensinn, meinen Haß gegen Scherze und Liebkosungen, mein Stillschweigen, meine gerunzelte Stirne, ja sogar mein Asthma vollkommen in sich vereinigte. – Es wird Dir gewiß lieb zu hören sein, daß diesmal von keinem menschlichen Geschöpfe, sondern nur von einem Mopse die Rede ist, den ich für einige Taler erhandelte. Das arme Tier ward in meine Reise verflochten, ohne zu wissen, wie ihm geschah, und fand sich geschwind genug darein, denn wir hätten zusammen um die Welt reisen können, ohne daß einer dem andern in stärkerm Grade lästig geworden wäre, als es gerade zur Übung unserer gemeinschaftlichen Laune nötig war. Jetzt ist mir freilich der gute Mops nicht mehr so unentbehrlich: denn ein frohes, menschliches Auge weiß auch an untergeordneten Geschöpfen ihre hellen Farben und den Instinkt ihrer Freude zu schätzen und gibt einem mutigen Windspiele den Vorzug vor einem schnarchenden Mopse. Für meine Erinnerung indes behält er noch immer seinen Wert. Wie gern lächle ich manchmal in dem Gefühl meines Wohlbehagens dies treue Ebenbild meines vorigen Mißmuts an und schlage oft, wenn ich bei seinem Lager vorübergehe, dankbar meine Augen zum Himmel auf. Ursache genug, daß ich ihn beibehalte, um auch Gesellschafter meiner Rückreise zu sein. * »Wer ist denn der blühende Mann, der da vor mir in das Zimmer tritt?« fragte ich in Frankfurt den Wirt zum »Römischen Kaiser«, indem ich von seinen Leuten so behutsam wie zerbrechliche Ware ausgeladen ward, fragte mit so matter, hohlklingender Stimme, daß er für dringender hielt, meinem Tone als meiner Neugier zu antworten. »Ich will dafür sorgen, daß Sie neben ihm zu sitzen kommen,« sagte er, »es ist einer unserer geschicktesten Ärzte.« In diesem kleinen Zufall lag es, daß ich dem Berufe seit acht Tagen zum erstenmal Gehör gab, in Gesellschaft von Menschen menschlich zu essen, denn bis jetzt war das Pulver des Grafen von Pilo, dieses herrliche Gegenmittel wider die Wechselfieber und die böse Luft, noch immer mein Frühstück geblieben. Mit dem Schlage der zehnten Morgenstunde, und hätte sie mich an dem steilsten Abhange eines Berges getroffen, ließ ich halten, um mit der Jungfer Steffens dem Steine, um eilf Uhr mit dem Freiherrn von Hirschen der Schwindsucht und zu Mittage mit dem berühmten d'Ailhaud der Gicht entgegen zu arbeiten, damit ich am Abend jeden Tages der Kraftbrühe des D. Kämpf desto würdiger sein möchte. So regelmäßig hatte ich gelebt, um meine leibliche Gestalt, die sich zu Berlin schon durch ihr Ansehn überall Platz machte, unverändert nach Frankfurt zu bringen. Den Gästen, sobald ich in den Speisesaal trat, blieb der Bissen im Munde stecken. Sie rückten erschrocken zusammen und ließen mir und dem Arzte, an den ich mich anklammerte, eine ganze Seite des Tisches frei. Ich hingegen, da ich um mich her blickte, las in jedem Auge, welchen lächerlichen Kontrast die Blässe meines Gesichts mit dem Schimmer des seinigen darstellen mußte. Ich weiß nicht warum, aber länger konnte ich nun seine auszeichnende Röte nicht ohne Verdruß ansehen, und ich war drauf und dran, in meinen alten Irrtum zu verfallen, sie auch an ihm für die Leibfarbe der Ignoranz zu halten. Aber ein gewisses Vergnügen, das ich an der ganzen Gesellschaft bemerkte, unter seinen Augen zu essen, sprach so laut zu seinem Vorteile und hielt mich so lange von jedem gewagten Urteile über ihn zurück, bis er, ach! nur zu geschwind, sein eigner Verräter ward. Gewiß bin ich oft unwissendern Ärzten, als er war, in die Hände gefallen, aber einen größren Egoisten der Unmäßigkeit traf ich nie in ihrer Zunft. Alle Sinne dieses Schmeckers waren in das tierische Geschäft seiner Sättigung verwickelt. Seine Löwenaugen flogen von einer Schüssel zur andern und störten von ferne schon nach der Beute, die er mit geübten Händen den weniger aufmerksamen Gästen abzugewinnen wußte. Seine Kunst, so groß sie auch sein mochte, schien er mit seinem Hut an den Nagel gehenkt zu haben, die Medizin nur für eine Dienerin der Kochkunst und den Ruf eines Fabius Gurges höher zu halten als den eines Galens. Zur Mittagsstunde ist so ein Arzt das unbrauchbarste Geschöpf unter der Sonne. Auch mag es ihm Gott vergeben, was er an mir getan hat. Ich saß kleinmütig neben ihm und lauerte lange umsonst auf ein freiwilliges Almosen seiner Aufmerksamkeit, das ich mir endlich bei dem ersten müßigen Augenblicke seiner Zunge zu erbetteln beschloß. Nach langem Harren erschien dieser günstige Zeitpunkt. Die erste Tracht Speisen ward abgehoben, und sogleich setze ich mich, während der kurzen Pause, da die zweite in Ordnung gestellt ward, in Positur, den bessern Teil des Schlemmers in mein Interesse zu ziehen. Vergebliche Hoffnung! denn wie ich eben den Mund öffnete, um ihm die Menge meiner Übel zur Schau zu legen, trug man als Hauptschüssel eine fette Gans auf, die der ganzen Gesellschaft Bewunderung und die entferntesten Gedanken des Doktors auf sich zog. Die Zerlegung des Vogels gab mir jetzt nur noch einen kurzen Zeitraum frei. – Ich faßte Herz, ergriff freundschaftlich die Hand meines Nachbars und glaubte durch die feine Wendung, die ich meinem Vortrage gab, mich seiner wenigstens so lange zu versichern, bis der Vorschneider fertig sein würde. »Der Zufall,« hob ich mit ungewisser Stimme an, »hat einen gefährlichen Kranken an die Seite eines berühmten Arztes gebracht – – Vermutlich kennen Sie, mein Herr, des Madai Traktat de morbis occultis ? – dort ist meine Krankheit auf der siebenten Seite nach dem Leben geschildert – Aber warum sehen Sie mich so bedeutend an? Ich beschwöre Sie, teuerster Mann, gestehen Sie es nur aufrichtig, daß Sie ganz an meiner Genesung verzweifeln? – Sollte denn aber nicht durch eine noch strengere Diät, als ich schon halte, die materia pec – – –« Aber Himmel, welch ein unerwartetes Schrecken unterbrach hier meine herzbrechende Periode und vergällte mir das Wort im Munde! Der grausame Arzt hatte mir bis dahin mit sichtbarem Erstaunen zugehört. Jetzt schob er, wie von Abscheu gegen meine Krankheit ergriffen, seinen Stuhl plötzlich zurück, wünschte mir, lakonisch wie der Unverstand, eine glückliche Reise, langte seinen Hut und – – solltest Du es glauben? – ließ die anlockende Gans im Stiche, indem er, wie der Geist Hamlets, verschwand. Welch ein betäubender Schlag! Ich glaubte von beiden Seiten meines nun ganz isolierten Stuhls in einen Abgrund zu blicken, und der schnelle Aufbruch des Arztes und sein ominöses: » Reisen Sie glücklich! « statt der entscheidenden Antwort, um die ich ihn anflehte, tönte mir nun in den Ohren, wie eine Abfertigung in die andere Welt . . . Die traurige Gestalt meiner selbst, die ich immer in einem Spiegel vor mir sah, jagte mich vom Tische auf und sträubte mir das Haar noch, als ich atemlos mein Zimmer erreicht hatte. Zum Überfluß setzte die lang entwohnte Hitze eines beizenden Rheinweins, davon ich leider ein Glas getrunken hatte, meine Einbildungskraft in Feuer und Flammen. In jedem Pulsschlage glaubte ich die Tritte des herannahenden Todes zu hören, glaubte zu fühlen, wie sich schon ein Faden um den andern aus dem künstlichen Gebinde ablösete, an den hienieden meine Marionettenrolle geknüpft ist – verfiel darüber in den metaphysischen Unsinn – den unbrauchbarsten von allen – meinem eigenen Selbst bis auf die feine Endspitze nachzuschleichen, wo es sich für seine zwo Welten teilen würde – als etwas glücklicherweise dazwischen trat, das mich nötigte, mein großes Experiment zu verschieben – ein Dunst, der mehr wert ist als die hellste Betrachtung und in dessen Nebel ich immer Weisheit, Lebenskraft und Menschenwürde wiederfand, die ich oft in den aufgeklärtesten Versammlungen verlor; aber gütiger hatte er seit den Jahren meiner Kindheit nicht auf meinen Augenlidern geruht als diesmal, und der Gedanke: »Habe Mut zu leben, eile in die Arme der Natur zurück,« herrschte durch mein ganzes Wesen, als ich mit der Morgenröte erwachte. – * Wie viele Schleifwege zu dem menschlichen Herzen stehn nicht dem Unmute offen! Er springt über Dämme und Hecken und wirft alle Bollwerke über den Haufen; da hingegen die Freude mit ihrem bescheidenen Gefolge auf der gebahntesten Straße und überall anstößt, durch jedes »Wer da?« erschreckt und, ach wie oft! schon durch einen Schatten verscheucht wird. Die frohen Empfindungen, die vergangene Nacht bei mir einkehrten, verweilten kaum noch die Stunde des Frühstücks über, und ehe ich mich versah, waren sie schon über alle Berge. Mit so seltenen Gästen, die einen noch darzu unvermutet überraschen, weiß man sich immer nicht recht zu benehmen. Ich erschrak, als ich mein Nest wieder so leer fand; die Alltagswirtschaft nahm ihren alten Gang, und ich weiß Dir nichts weiter zu sagen, als daß wohl noch nie so runzlichte Gesichter durch die Bergstraße gefahren sind, als ich und mein Mops diesen Abend mit nach Heidelberg brachten. Laß Dir, wenn Du willst, die anmutige Lage dieser Stadt von andern Reisenden vormalen. Ich hatte keinen Sinn für ihre Reize, und in dem Wirtshause, das mich aufnahm, ging es mir, wie es der Freude bei mir ging. Der Hausherr gefiel mir nicht – seine Zimmer waren staubicht – sein Bette war mir zu hart, und seine Sprache beleidigte meine Ohren. Ich träumte die ganze Nacht durch nur von dem glücklichen Morgen, wo ich diesen Ort verlassen würde: und diese Erwartung war bis zur Fieberbewegung gestiegen, als dieser Morgen erschien. Wie viel oder wenig ich damit gewann, und ob es ein Kunstwort gibt, das alle die widrigen Gefühle ausdrückt, die mich nach Bruchsal begleiteten, mag ich jetzt nicht untersuchen. Genug, damals glaubte ich es aus dem Munde eines Arztes zu hören, der nicht weit von der Post über den Kreis vieler Hülfsbedürftigen hervorragte, denen er seine Wissenschaft und Erfahrung in gemeinnütziger Beredsamkeit preisgab. Ich glaubte der Überzeugung, die er mir einflößte, daß die Krankheit, gegen die er eben sympathetische Tropfen feilbot, nach allen Teilen ihrer fürchterlichen Beschreibung die meinige sei, und nun drängte ich mich durch meine Mitbrüder hindurch, pflanzte mich gerade vor seinen Thron und sperrte, wie andere, das Maul auf. Das war auch ein ganz anderer Mann als der Hausarzt des »Römischen Kaisers«, der mir gestern ein so mächtiges Schrecken einjagte. Ein Zepter in der Hand, um das zwo Schlangen krochen, Saß dieser Ehrenmann auf einem Thron von Knochen, Wie das Symbol der Medizin. Ich, hub er an, (was er zuvor gesprochen, Erfuhr ich leider nicht) ich komme von Berlin . Den Zahn, den ihr hier seht, hab' ich vor wenig Wochen – Friedrich dem Einzigen hab' ich ihn ausgebrochen, Und gnadenvoll schenkt' er mir ihn. Bei groß und klein – Gott sei's gedankt! – gelitten, – Hätt' ich nur Hände g'nug, – sucht man mich überall. Seht, zum Beweis, wohin ein Mann von Sitten Nicht dringen kann, hier das Original Der Hornkluft, die ich einst in dem Eskurial Der schönen Io Karls des Dritten Siehe des Königs von Preußen Gedicht, Codicille , in den Œuvres posthumes de Frederic II. Tom. 8 pag. 125. Cet autre est occupé d'une genisse blanche En lui pressant le sein. , (Sobald ich mich durch die gedrängte Zahl Der Neider meines Glücks gestritten) In drei Minuten ausgeschnitten. Den Tag nach dieser Kur erhielt ich das Diplom, Das ihr hier glänzen seht, als Leibarzt und als Ritter, Und so bewährte sich mein altes Axiom: – Oft schwellt die Pfütze selbst zum Strom In einem nächtlichen Gewitter: Nicht immer geht die Kunst nach Brot. Doch, daß wir nicht einander mißverstehen, So hört: Ich bin mit Panaceen Der neusten Art, mit Mitteln, seinem Tod, So Gott will, aus dem Weg zu gehen – Sagt nur, was ihr bedürft – ich bin damit versehen; Doch kaufet in der Zeit, so habt ihr's in der Not; Kauft! denn das nächste Morgenrot Sieht mein Panier in Straßburg wehen, Wohin mich mein Patron, der Kardinal, entbot. * Spottet nicht, ihr glücklichen Gesunden . . . und vergebt es . . . meinem Scharfsinne, der unter der Husarenmaske dieses Arztes einen Gesandten Gottes entdeckte, der mir in meinen angstvollen Augenblicken zu Hülfe kam, mir für zwei armselige Goldstücke eine Flasche seiner unbezahlbaren Tinktur verhandelte und seine Adresse obendrein gab. Mit welchem Vertrauen verschluckte ich den ersten Löffel davon, den er mir aus herablassender Güte mit eigenen Händen eintropfte! »Sie werden in einen ruhigen Schlaf fallen,« sagte der liebe Mann, »lassen Sie aber ja Ihren Bedienten Acht haben, daß Sie nichts in der Wirkung meines Hülfsmittels störe.« – Jener große König von Frankreich – sein Name fällt mir nicht bei –, dem sein Beichtvater vor Notarius und Zeugen und mit Verpfändung seiner eigenen Seligkeit schriftlich versprechen mußte, ihm durch seine Tausendkünste in den Schoß Abrahams zu verhelfen, konnte nicht mit so vieler Zuversicht aus der Welt gehen, als ich nach dem Genusse der sympathetischen Tropfen meinen Weg fortsetzte. Und siehe, es geschah mir, was der große Mann verhieß! Ich verfiel zur bestimmten Zeit in einen wahren Zauberschlaf. Für ein doppeltes Trinkgeld hatte mir der Postillon angelobt, weder sein Horn noch seine Peitsche zu brauchen. Die Pferde schienen ganz die glückliche Ruhe zu fühlen, die ihnen heute, wahrscheinlich zum ersten Male, zuteil ward – krochen wie die Schnecken über den Sand – und ich und mein Mops schnarchten um die Wette. Wie soll ich Dir aber jetzt meinen Verdruß beschreiben, als ich nach einem vierstündigen Schlummer so ganz wider das Verbot meines Arztes von einem ungestümen Reisenden aufgeschreckt wurde, der mit seiner Chaise gerade vor der meinigen hielt und auch meinem Führer zu halten befahl. »Darf ich fragen, mein Herr,« schlug mir seine Stimme an die Ohren, »wohin Ihre Route geht?« Ich fuhr zitternd in die Höhe, rieb mir die Augen und stotterte wie ein Schleichhändler vor einer preußischen Schildwache: »Nach der Provence, mein Herr.« – »Aber für jetzt?« unterbrach er mich, »doch wohl nach Karlsruh?« – Ich bejahte es mit einem höchst verdrüßlichen Kopfnicken, da mir der Aufruhr gar nicht gefiel, den seine Zudringlichkeit verursachte. – »So haben Sie wohl die Güte,« fuhr er fort, »da Sie einen Sitz frei haben« – zum ersten Male sprang hier mein geduckter Reisegefährte auf und bellte auf ihn zu, als ob er ihn verstanden hätte – »ein armes ermüdetes Mädchen« – (indem stieg so etwas aus dem Wagen) »bis dahin zu ihrer Mutter mitzunehmen. Denken Sie nur, mein Herr, das arme Kind hatte sich diese Nacht im Walde verirrt. Ich war glücklich genug, auf sie zu treffen und sie zu retten – doch erlauben mir meine Geschäfte keinen weitern Umweg.« Eine solche Zumutung an einen eigensinnigen Kranken, der noch dazu in seinem teuer bezahlten Schlafe gestört wird, konnte unmöglich ihr Glück machen. Überdies glaubte ich, so schlaftrunken ich war, aus der Lage ihres seidenen Mantels zu bemerken, daß sie wohl länger als vergangene Nacht ihrer Mutter aus dem Gesichte gekommen sein müsse. Sie schlug ganz artig beschämt ihre Augen vor den peinlichen Fragen der meinigen nieder und lauerte in ängstlicher Erwartung auf meinen Entschluß. Wie viel traf nicht zusammen, mein Herz gegen die arme Verirrte zu verschließen! Ich räusperte mich, und als ich meiner Stimme gewiß war, sagte ich ihr mit deutlichen Worten: »Aus diesem Vorschlage, mein liebes Kind, wird nichts.« »Bist du, von deiner Mutter fern, In jenen Stunden nicht verschmachtet, Die du mit einem jungen Herrn In einem Walde übernachtet; So werde dir, im Übergang Zur Mutter, auch die Zeit nicht lang! Geh, geh, der Himmel wird dir helfen Kraft deines freundlichen Gesichts: Und wimmelte der Weg von Wölfen, So wackern Jungfern tun sie nichts.« Ich legte auf die letzten Worte einen solchen Nachdruck und begleitete sie mit einem so bedeutenden Blicke, daß sie mir sogleich aus dem Wege trat. Der Fremde selbst erwiderte keine Silbe aus meine abschlägliche Antwort, setzte sich, ohne sich weiter um seine Pflegetochter zu bekümmern, in seinem Wagen zurechte, zog seinen Hut gegen mich und rollte davon. – Toll und böse über eine so ungelegene Erscheinung und voller Angst über die möglichen schlimmen Folgen meines Erwachens, hob ich nun den Befehl auf, der meinem Führer bis jetzt die Hände band. – Sein Horn schmetterte nun desto volltönender – seine Peitsche wütete jetzt nach langer Untätigkeit desto heftiger, das geträumte Glück der armen Pferde war verschwunden, und ich gewann dadurch so viel, daß ich mein grämliches Gesicht wenigstens eine Stunde früher nach Karlsruh brachte, als vermutlich die freundliche Schöne das ihrige . . . * Kein Deutscher kann wohl aus dem badenschen in das französische Gebiet treten, ohne eine gewisse Achtung für sein Vaterland mit hinüberzunehmen, ob er gleich klug handeln wird, wenn er diese frohe Empfindung nicht weniger zu verbergen sucht als jede andere kontrebande Ware, deren er sich etwan bewußt ist. Ich schärfte mir diese Vorsicht ein, sobald mir auf der letzten Poststation zu Kehl vier Rappen vorgespannt wurden, aus denen dieselbe Empfindung zu wiehern schien. Dieser kleine Ort steht diesseits und jenseits des Rheins in einem etwas zweideutigen Rufe, der ihm übrigens, gleich einer hübschen Dirne, ohne daß die Liebhaber sich durch ihr bescheidenes, unschuldiges Gesicht irre machen lassen, vortrefflich zu seinem Gewerbe dient . . . . . . Dafür fühlte ich aber auch meine Galle über und über ergossen, als ich in dem Hotel [in Straßburg] anlangte, das man mir zu Karlsruh empfahl. Mein Eigensinn (warum sollte ich das Kind nicht bei seinem rechten Namen nennen?) hätte nach der billigsten Moral einen tüchtigen Verweis verdient. – Ich hatte aber diesmal nicht nötig, mir selbst diese Mühe zu geben – die Belehrung, die ich eben brauchte, war mir näher, als ich vermuten konnte. – »Mein Gott!« sagte ich mit Bitterkeit zu dem Wirte, »das soll der beste Gasthof der Stadt sein?« und schlenderte, als er mich in mein Zimmer führte, mit solchem Groll und Mißtrauen hinter ihm her, als stände der gute Mann mit meinem politischen Rechenmeister am Tore in den engsten Verhältnissen. Das Zimmer war wenigstens um zehn Teile geräumiger als mein Wagenkasten, den ich eben verließ, und doch erklärte ich dem Wirt ohne Umschweife, daß ich in einem so engen Behälter nicht dauern könnte, daß ich meine Suppe in dem größten Speisesaale essen wollte, der im Hause sei, und ließ mich dahin führen. Ich hoffte daselbst alleine zu sein; denn der Mittag, der nur Hungrige hier versammelt, und den ich leider ohne Hunger so schändlich in der Gesellschaft der Zöllner verlebte, war nun vorüber: aber ich fand noch zwei reisende Freunde, die vertraulich in der Wölbung eines Fensters saßen und sich durch meinen Eintritt in dem Fortgange ihres Gesprächs nicht stören ließen. Ich wollte meine Suppe in Ruhe essen. – Aber wenn sich zwo Seelen neben dir ergießen, läßt sich da wohl ein Bissen ruhig in den Mund bringen? Sie zogen meine ganze Aufmerksamkeit auf sich, und waren es gleich nur Bruchstücke, die sie mir zugute gaben, so waren sie doch mehr als hinlänglich für mein gegenwärtiges Bedürfnis . . . »Wie dauern mich,« fuhr der eine fort, »die sechs Monate von meinem Leben, die ich an diesem Fürstenhofe in einer Ehrenstelle verloren habe, wo keine Ehre zu ernten war. Die Seele eines Jünglings zu bewachen, in der nichts weder ein- noch ausgeht, ist das mißlichste Handwerk für einen denkenden Menschen, eine geistige Schildwache in dem leeren Raume. Wie habe ich alle meine Sehkraft aufgeboten, um nur einen vorübergehenden Schatten zu entdecken, der mir das Dasein irgendeiner wirklichen Größe verraten könnte. Aber umsonst. Ich übernahm mein Gewehr von einem, der gähnend davonschlich, ich übergab es gähnend einem Dritten, und wir alle verlassen den Posten, ohne Freund oder Feind gesehen zu haben. Oh, des unglücklichen Jünglings! Zu schwer liegt die Stunde seiner Erzeugung auf ihm. Keine Pflege kann das Samenkorn aufrichten, das einmal unter dem tötenden Einflusse widriger Witterung ausgestreut wurde; und ein menschenfeindlicher Vater erzeugt sich gewiß eine taube Hülse in seinem Sohne.« Seinem Freunde kam diese Schlußfolge so dunkel und sonderbar vor als mir. Er erbat sich eine nähere Erläuterung seines abgebrochenen Satzes: und nun stellte der philosophische Fremde das Gemälde eines milzsüchtigen Fürsten auf, das nicht geschmeichelt war, mich auf eine ungewöhnliche Art erschütterte, und in welchem Züge vorkamen – – – Doch du magst selbst urteilen, welche es waren, die mir Herzklopfen erregten und mir das Blut in das Gesicht trieben. »Wie kann der «, fuhr der Maler fort, »Urheber eines markigen und in sich glücklichen Menschen, eines Pitt, eines Washington, eines Haller, eines Friedrich werden, dessen Herz keine von den Neigungen nährt, die den Saft des Lebens, den jeder seiner Pulsschläge ausströmt, läutern und versüßen? Ein so murrsinniger Mann, wie der Vater meines Zöglings, ist in der moralischen Welt, was ein Gichtbrüchiger in der physischen ist, für das Wohl des Ganzen untauglich zur Fortpflanzung. Der eine betrügt die Nachwelt mit lahmen Körpern, der andere mit Krüppeln an Geist. Glaube es meiner Erfahrung, Freund: dieser Schnupfen der Seele, den man viel zu gelinde üble Laune nennt, verbreitet sich über alles, was der Angesteckte berührt, begleitet ihn zu seinen Geschäften, hinkt neben ihm auf seinen Spaziergängen und verlöscht die lauterste Flamme der geheiligten Liebe in seinen ehelichen Umarmungen. Die es gut mit der Menschheit meinen, sollten diese schleichende, jetzt so sehr um sich greifende Krankheit mit aller Macht der Moral und Erziehung aus der Welt zu bannen suchen, wie die Ärzte die Blattern, denn es gibt keine, die den Kranken unglücklicher macht und der allgemeinen Freude nachteiliger und fortwirkender auf die Nachkommenschaft wäre als diese . . . »Oh, wie hat meine freie Schweizerseele mit dem Gegendrucke des Murrsinns dieses unglücklichen Fürsten gekämpft. Wie gerne hätte ich oft in der Beklemmung meines Herzens einen Tag meines dortigen Lebens nur um einen Atemzug auf unsern Alpen gegeben, um jene stärkende Luft, die die Brust erweitert und zu edeln Taten fest macht. Wie werde ich mich deiner wieder freuen, gesunde, unverdorbene Natur. Mit welchem Bedacht werde ich jetzt die Süßigkeit Einer Stunde einschlürfen, um jene verlornen Tage wieder einzubringen. Mein kleines Feld mit dem Amphitheater jener Gebirge umringt, die durch freien Genuß auch mir gehören werden! Mein freundlicher Bach, meine Büschchen, und ihr, ihr Bewohner friedlicher Hütten! Welch ein Schlag von Menschen gegen jene, die ich jetzt hinter mir sehe. – Doch, Freund, laß uns gehen, es ist angespannt.« * Da der Mann, ich wußte selbst nicht wie, mein Herz in seine Hände bekommen hatte, – da meine Gedanken jetzt mit ihm auf seinen Gebirgen, seinen Wiesen und unter den Horden seiner frohen Naturmenschen herumirrten, und das Gemälde eines bald ganz Glücklichen – eines von einem traurigen Hofe Geretteten meine Seele sympathetisch an sich zog: so erschreckte mich sein Aufbruch wie ein Donnerschlag, der uns aus süßen Träumen, aus der Vergessenheit unsers leidenden Daseins erweckt. – Ich stand auf, machte eine unwillkürliche Bewegung nach ihm zu, als wenn ich ihn bitten wollte, mich nicht zu verlassen – und als er an der Hand seines Freundes aus dem Zimmer verschwand, als sein Wagen davon rollte – Gott wie ward mir zumute! Die Blicke seiner empörten Menschenliebe – das schwarze Bild des Fürsten schwebten mir lange noch vor den Augen. – Sinnreich eignete sich mein Gefühl einige entfernte Ähnlichkeiten seiner Krankheit mit der meinigen zu, und dieser unholde Gedanke demütigte mich so sehr, daß ich, kleinmütig und schwach, mich in meinen Lehnstuhl zurückwarf und um ein gutes Wort würde geweint haben. – Als bald nachher der Wirt hereintrat, suchte ich die freundlichsten Mienen hervor, die mir zu Gebote stehn wollten. – »Seine Suppe«, sagte ich, »hätte mich recht gelabt.« – Ich bat ihn, meinem Bedienten eine Flasche seines besten Weins zu geben, da ich selbst keinen trinken dürfe, und ich bat ihn auch, für meinen guten Mops zu sorgen. – »Wenn ich wieder zurückkomme, lieber Herr Wirt,« sagte ich zu ihm mit schmeichelnder Stimme und legte meine Hand dabei vertraulich auf seine Schulter, »so will ich gewiß mehrere Tage in dieser schönen Stadt verweilen und in keinem andern Hotel absteigen als in dem Ihrigen.« – Mit einem Worte, ich ging nicht eher in mein heimliches, artiges Stübchen, wie ich es jetzt nannte, als bis ich hoffen durfte, den widrigen Eindruck meines unfreundlichen Bezeigens wieder gut gemacht zu haben. – Die Strafpredigt des Fremden über die unerkannte Sünde der übeln Laune hatte mich so gerührt, daß wenig fehlte, so hätte ich mich für schuldig gehalten, den Einnehmern am Tore das Trinkgeld zu vergüten, das ihnen mein Hartherzigkeit entzog. Sobald ich mich aber allein sah, verfiel ich erst in die ausschweifenden Betrachtungen über das Übel, das jetzt in den höhern Ständen so viele Verwüstungen anrichtet – über den Krebsschaden der übeln Laune. Da ich zu ehrlich war, mich ganz davon frei zu sprechen, so dankte ich nur Gott, daß ich nicht Beherrscher eines Landes – und dankte Gott, daß ich noch ohne Gattin und nicht in naher Gefahr wäre, meinen Nachkommen zu schaden. Wer weiß, wohin mich noch der Schweizer und sein System würde gebracht haben, da ich schon anfing, Findel- und Waisenhäuser als Magazine menschlicher Würde und vorzüglicher Genies anzusehen, da alle groß gewordene Bastarde, Erasmus , la Chapelle und d'Alembert , an der Spitze der Marschall von Sachsen, sich zur Verteidigung meines Grundsatzes in Reihe und Gliedern um mich herstellten, da ich die arme unschuldige Generation zu beklagen begann, die, wie ich, den Vorzug ehelicher Geburt so teuer mit Mangel an Kraft und Freude bezahlen müsse, – wenn mir nicht zum Glück mein dienstfertiger versöhnter Wirt zu Hülfe gekommen wäre! Er trat herein, um sich zu erkundigen, ob ich nicht dem Konzerte eines Virtuosen beiwohnen möchte, der diesen Abend in dem untern Saale viele Liebhaber herbeiziehen würde? Nun war meine erste Antwort so abschläglich, als mir der Gedanke an Musik und Gesellschaft zuwider war. – »Er spielte die Laute,« fuhr der Wirt fort, »und wie man sagt, zum Entzücken.« – Die Laute! Wenn sie der Mann mit Gefühl zu spielen versteht, dachte ich, – die Laute könnte vielleicht noch am ersten mit der Stimmung des deinigen zusammentreffen, und ohne längeres Besinnen widerrufte ich meinen Entschluß und machte mir ein Kompliment über die fortdauernde Besserung meines Humors. Ich stieg zur gesetzten Stunde in den Saal, fand ihn aber zu voll und zu erleuchtet und versteckte mich hinter einige noch unbesetzte Stühle, die sich aber bald nachher eine Gesellschaft junger Damen unter dem gewöhnlichen Geräusche ihrer seidenen Stoffe und geläufigen Zungen zueignete, und deren Nachbarschaft, ich kann es wohl sagen, ich in meiner ruhigen Lage gern entbehrt hätte. – Und doch, o wie viel hatte ich nicht ihrer schwatzhaften Vertraulichkeit zu danken! – »Wird er wohl länger hier bleiben?« – »Fürchten Sie nicht, daß ihn der Kaiser oder unser König einladen wird?« – »Wie oft sind Sie bei ihm gewesen?« – »Wollen wir ihn nicht morgen früh besuchen?« – So drängte eine Frage die andere, ohne daß eine Antwort dazwischen Raum fand. – Von was für einem seltenen Manne, dachte ich, müssen sie doch wohl sprechen? – Ich schärfte mein Ohr, um das Rätsel zu begreifen, wie das Lob so vieler Schönen von einem gemeinschaftlichen Lieblinge so einstimmig sein könne! Die eine schrie: »die feine Lebensart«, Die andre schrie: »das freundliche Gesicht«, Die Dritte schrie: »und den Prophetenbart« Und alle schrien: – »hat ein Betrüger nicht –.« »Ein Mann,« erkläret die , »der, ohne auszuruhn,« Und jene fiel ihr ein, – »so fremde Wege geht,« – »Der«, – rief der ganze Zirkel nun: »Ist wirklich ein Prophet! –« Oho! dachte ich – ist hier die Rede von einem Propheten? Das hätte ich armer unwissender Berliner mir freilich nicht träumen lassen. Ich horchte gewaltig. »Wer«, fuhr noch eine fort, »hat diesen Wundermann Die seltne Kunst gelehrt, Daß da, wohin kein Ohr, kein Auge dringen kann, Er deutlich sieht und hört?« »Ein Mann,« schrie nun das Chor, »der jede Weiberlist, Den stillsten Mädchenwunsch versieht,« »Der ist« – – – »ja!« rief auch ich – – – »der ist Noch mehr als ein Prophet!« Dieser Ausruf, der mir beinahe unwillkürlich entfuhr, verursachte, daß ein Dutzend der artigsten Gesichter sich herumdrehten und auf das harmvollste und blasseste im ganzen Saale mitleidig hinblickten. »Sie sind gewiß krank, mein Herr?« fragte mich die Nächste mit teilnehmender Güte, und die ernstliche Freundlichkeit auf den Gesichtern der andern bestätigte mich in dem großen Begriffe, den ich von jeher von diesem Geschlechte gefaßt habe, daß kein Leidender ihm gleichgültig sei. – »Jawohl, meine schönen Damen,« antwortete ich, »ich bin sehr krank und mache eben eine Reise, um meine Gesundheit wieder zu suchen.« »So wünschen wir Ihnen,« ruften sie mit Einer Stimme – »von Herzen Glück, daß Sie jetzt Ihrer Genesung so nahe sind.« »Jetzt?« wiederholte ich erstaunt und sah rund umher einer um der andern in die glänzenden Augen – »Ach! meine gütigen Damen, ich Armer bin zu gedemütigt, um eines so beißenden Epigramms wert zu sein.« »Warum das?« fuhren sie lächelnd und lebhaft fort, da sie mein Mißverständnis merkten. – »Haben Sie nur Zutrauen: – er wird Sie gewiß in weniger Zeit so ganz wieder herstellen, daß Sie über alle Epigramme erhaben sein werden.« »Um des Himmels willen!« unterbrach ich den Ausfluß ihrer Weissagungen, »von welchem wohltätigen Wesen sprechen Sie denn?« »Von welchem?« – fragten die schönen Kinder auf ihrer Seite mit vieler Verwunderung: »Sicher von keinem andern als von dem großen Propheten, in dessen Lob Sie ja selbst eingestimmt haben – von dem Manne, der uns von Gott zugesandt ist und hier seit ein paar Monaten recht apostolische Wunder tut.« Starr sah ich die schönen Schwätzerinnen nach der Reihe an – und schwieg – weil ich nichts klügeres zu tun wußte: doch das kümmerte sie auch nicht. – Sie schienen mir es Dank zu wissen, daß sie mich belehren konnten und freuten sich über mein Erstaunen. »Er wird sich,« nahm eine der andern das Wort aus dem Munde, – »mit Ihnen in Rapport setzen – wird Sie durch und durch schauen – wird Ihre geheimsten Gedanken, Ihr Vergangenes und Zukünftiges, die verstecktesten Abweichungen von dem Wahren und Guten – in Ihrem Körper wie in Ihrer Seele wird er entdecken – alle Ihre Zweifel wird er heben, und was Ihnen jemals dunkel war, Ihnen erklären.« »Das sollte mir«, rief ich mit Enthusiasmus aus, »für mich und meine Berliner Freunde sehr lieb sein.« »Er desorganisiert die Nerven, die zu gespannt sind.« »Das ist mein Fall nicht,« antwortete ich mit schwacher Stimme. »Er exaltiert die Köpfe, die Mangel an Kraft fühlen.« »Ach Gott,« versetzte ich, »wenn er das könnte!« »Zweifeln Sie keinen Augenblick daran,« antwortete mir das jüngste und artigste dieser holden Geschöpfe, zog dabei ein Portefeuille aus der Tasche, auf welchem die mit Lorbeer umgebene Silhouette dieses großen Nothelfers gemalt war, zeigte mir sie mit funkelnden Augen und überreichte mir eine Karte mit seiner Adresse. Zugleich fing der Lautenist sein Spiel an, und das Dutzend schöner Köpfchen drehte sich wieder zurechte. Auch ich wollte Achtung geben, aber vergebens. Ich konnte mein Gehör nicht finden. Das sonderbare Gespräch mit meinen Nachbarinnen hatte mein Gemüt in einen Strudel gegenseitiger Bewegung geworfen, der alles von der Oberfläche verschlang. Die widersprechendsten Gedanken durchkreuzten sich, und da ich kein besseres Mittel vor mir sah, um mir Luft zu schaffen, so erhob ich mich in der Stille von meinem Sitze und schlüpfte zum Saal hinaus, ohne mich weiter um die sympathisierenden Töne des Lautenisten zu bekümmern. Ich rufte den Wirt, teilte ihm mein Gespräch mit und glaubte ihm etwas sehr Sonderbares zu erzählen. Weit gefehlt! Er verwunderte sich vielmehr über mein eigenes Erstaunen. »Sind Sie denn nicht dieser Kur wegen hier?« fragte er mit großen Augen. Ich schüttelte den Kopf und gestand ihm unverhohlen, daß ich, außer eben in seinem Konzertsaale, noch kein Wort von diesem Wunder gehört hätte. »Sie haben noch nichts davon gehört, sagen Sie? Unmöglich! Wo waren Sie denn unterdessen, mein Herr? Ei, mein Gott! wie krank und abgezogen von der Welt müssen Sie gewesen sein! Wie sonderbar! Gab es je eine Zeit, wo es dem Menschen leicht ward, sich seiner Leibes- und Seelenübel zu entledigen, so ist es die unsrige. Sie lebten darin, und doch, wie ich Ihnen ansehe, waren Sie auf dem Punkt, wie ein blinder Heide aus der Welt zu gehen, ohne von diesen neuen Offenbarungen Gottes eine Silbe zu erfahren. Nun, es ist noch nichts verloren. Danken Sie Ihrem Glücke, daß Sie hier sind. Welchen von unsern Wundertätern wollen Sie denn gebrauchen?« »Wie meinen Sie das, Herr Wirt? Gibt es denn mehr als einen hier?« Statt der Antwort, die er vor Lachen nicht hervorbringen konnte, streckte er mir seine zehn Finger entgegen. Denke, wie ich erschrak. Ich zog aus meiner Westentasche in der Angst die Adresse, die ich von der Güte des jungen Frauenzimmers erhielt. »Der ist,« rufte er aus, sobald er einen Blick darauf warf, »der ist der rechte. Dieser hat eigne Kraft in sich selbst: die andern müssen die ihrige erst aus dem Unterleibe eines hellsehenden, schlafenden Mädchens schöpfen.« »Ist dieser Mann unsinnig,« sagte ich heimlich zu mir selbst, »oder bist du es?« Er drehte sich inzwischen von mir weg und ließ mich in dieser Ungewißheit stehen. Mein armer Kopf geriet in die größte Verlegenheit. Ich legte meine Hand an die Stirne und wiederholte alle die hochtönenden Kunstwörter, die ich aus dem Saale mitgebracht hatte: aber ihre deutliche Erklärung, wer sollte mir die geben? Wer anders als der Wirt? Mag er doch den Zeitverlust, den ich ihm schuldig werde, mit in Rechnung bringen, dachte ich, und suchte ihn zum zweiten Male auf. Ein welscher Hahn sang eben sein Sterbelied unter seinen Händen, als ich ihn fand und um die Gefälligkeit bat, mir doch etwas deutlicher den Sinn der Desorganisation zu erklären. Er brachte nur erst noch den Schreier zur Ruhe, ehe er sich mit der gefälligsten Herablassung meiner Unwissenheit erbarmte. Der Mann mußte vielen Umgang mit den hiesigen Gelehrten haben, denn er dachte ebenso gründlich, als er sich deutlich ausdrückte. Wirklich habe ich auch nachher nichts gelesen, was mich über diesen Punkt mehr befriedigt hätte als seine Erklärung. Das Beste war dabei, daß ihm ein schickliches Beispiel einfiel, das seinen Worten Kraft und Deutlichkeit gab. Für Köpfe von schweren Begriffen, wie der meinige, ist das immer eine gefundene Sache. »Sie kennen doch gewiß,« fragte er mich nach dem vorläufigen Eingange seiner Rede, der mir noch immer zu generell war, »den berühmten Pater Mabillon? « Wie gut ihm diese Frage in seiner Küchenschürze stand, magst Du selbst urteilen. »So, so,« antwortete ich. »Man hält ihn, glaube ich, für den ersten klassischen Autor in der Diplomatik.« »Recht,« sagte der Wirt, »der nämliche. Was denken Sie nun, mein Herr? Dieser Mann war in seinen Jünglingsjahren der einfältigste Tropf unter der Sonne, hatte kaum Verstand genug, den Katechismus zu begreifen. Aber hören Sie. Eines Tages fiel er aus natürlicher Ungeschicklichkeit die Treppe herunter und gerade auf den Kopf. Nun, das hat noch gefehlt, sagte seine Mutter, als sie ihn aufhob. Man brachte ihn betäubt in das Bette und erwartete nun mit Zittern den ersten Ausbruch seiner Narrheit. Wie betrog man sich. Der Natur seines Falles nach mußte der Junge zwar irre sprechen: aber zu aller Verwunderung waren seine Phantasien tausendmal mehr wert als ehmals sein Menschenverstand. Die Erschütterung, die sein schwacher Kopf erlitten hatte, wirkte die hellsten Ideen in ihm. Die abstrakteste Wissenschaft war jetzt sein Spielwerk. Er enthüllte die dunkelsten und verworrensten Schriften. Mit einem Worte: dieser, so lange er nicht auf den Kopf gefallen war, dumme Junge ward nachher einer der ersten Menschen seines Zeitalters. Sonach, mein Herr, wie dieses Beispiel zeigt, können Mittel, die einen wohl eingerichteten Kopf verwirren, umgekehrt auf einen blödsinnigen die gegenteilige Wirkung tun: und auf diese Analogie und diesen Grund, glaube ich, ist die Lehre der Desorganisation und des tierischen Magnetismus gebaut. Doch, mein Herr, ich muß Sie bitten, einstweilen mit diesem Wenigen zufrieden zu sein. Ich habe zu viel in meiner Haushaltung, in meiner Küche und mit meinen vielen Gästen zu tun, die alle dieser Kur wegen hier sind. Morgen wird Ihnen diese dunkle Sache schon deutlicher werden.« Ich schlich fast ebenso betäubt wie Mabillon in mein einsames Zimmer und ließ mich kleinmütig auf meinem Lehnstuhl nieder. »Was für eine Revolution«, sagte ich zu mir selbst, »muß nicht, während daß du unter deinen Büchern in einer idealischen Welt lebtest, in der wirklichen vorgegangen sein.« Voller Scham über meine Unwissenheit machte ich mir es zur Pflicht, den nächstfolgenden Tag alles anzuwenden, mich ihr zu entreißen und die Bekanntschaft eines so außerordentlichen Arztes zu suchen, der mir ungleich wundertätiger vorkam als der zu Bruchsal. Mit diesem festen Entschlusse legte ich mich schlafen und erwachte mit ihm. Es ist wahr, in der Zwischenzeit unterstand sich manchmal mein lang gewohnter Unglaube, sein Haupt zu erheben, aber auf so wenige Stunden, als ich noch zur Gewißheit vor mir hatte, war er doch noch so ziemlich leicht zur Ruhe zu weisen. Mit der Neugier eines Berliners und der ängstlichen Erwartung eines gefährlichen Kranken verließ ich um acht Uhr den Gasthof, ohne mich durch das geringste Frühstück um meine Nüchternheit zu bringen, und meine schriftliche Anweisung brachte mich ohne Mühe in das Haus des Propheten. Und an dem Haus des Erleuchteten hing, Als Klopfer des Tors, ein symbolischer Ring Der Ewigkeit, gleich einer sich krümmenden Schlange. Kaum schlug ich mit Zittern daran, so sprang es auf, so empfing Mich eine Menschengestalt von Diener, die führte mich flink, Doch stumm wie der Tod, von einem ägyptischen Gange Zum andern, treppauf und treppab: doch sieh! auf einmal Stand ich, berufen zum Geisterempfange, Am Bett des Propheten, in einem erleuchteten Saal. Der Saal war zwar nicht um große Augen zu machen Verziert. Nach einem fast göttlichen Plan Schien alles, was da war, für deine Freude zu wachen, Und in gefälligen Farben sich deinen Augen zu nahn: Des Deckenstücks Höhe war nicht mit fliegenden Drachen Verbrämt – dich schreckt aus keiner Ecke der Rachen Des Haifischs, dich blökt hier kein Totenkopf an: Was braucht's auch der Wunder, die wir auf Märkten beschauen? Hier zeigt, vom Tage bescheiden erhellt, Ein magisches Bett, das unter elektrischen, blauen Gardinen sich bläht, dem aufgeklärten Vertrauen Des kindlichen Glaubens das erste Wunder der Welt. Ihr, die ihr nichts glaubt, als was euch mit Händen Zu greifen vergönnt ist, ihr Starken an Geist! Vermögen die Schönen der Stadt nicht eure Herzen zu wenden, Wenn der Erforscher der Nieren und Lenden In ihrer Schwachheit sich mächtig beweist: So kommt und hört, was, meine Leiden zu enden, Für herrliche Dinge mir sein Gesandter verheißt. Der Diener des Propheten nötigte mich auf den Armstuhl, der so gestellt war, daß in der Entfernung einer Mannslänge mein Gesicht gerade auf das seinige traf. So kam ich, ohne daß ich es selbst wußte, in Rapport mit ihm, und das merkwürdige Gespräch begann. Da es das erstemal in meinem Leben war, daß ich mit einem Schlafredner zu sprechen hatte, so benahm ich mich sehr ungeschickt dabei und stockte und errötete einmal ums andere bei den unschuldigsten Worten. Zu der Zeit, da ich noch meine weißen Zähne beisammen, ungetrübte Augen, blühende Wangen und ein klügeres Ansehen hatte als jetzt, habe ich dreist mit Königen und Fürsten gesprochen, ohne mich weder durch die langweilige Rolle, die ihr Stand gegen den meinigen spielen mußte, noch durch die Außenseite ihrer Größe irre machen zu lassen . . . Sie konnten mir also nicht verwehren, daß ich in Gedanken ihnen den Szepter aus der Hand und den Hermelin von der Achsel nahm und nachsah, ob ihre Carcasse nicht rostiger wäre als die meinige. Diesen erhabenen Sterblichen hingegen, zu dessen Füßen ich saß, mochte ich entkleiden, wie ich wollte, immer schien er mir, wenn er nicht ein Betrüger war, ein Gott zu sein, und meine Alltagsseele zitterte vor der seinigen. »Mein Herr,« fing ich stotternd an, »Sie sehen hier – –« und hielt inne, weil sich, wie ich das Wort aussprach, der Begriff von Sehen und der Begriff von Schlafen so gegeneinander stießen, daß nach gewöhnlicher Rechnung ein Unsinn zum Vorschein kommen mußte. Der Schlafseher ließ mich indes nicht lange in dieser Verlegenheit. »Ich kenne Sie!« fiel er mir vernehmlich ins Wort, und wahrlich, er nannte meinen Tauf- und Zunamen. Nun wußte ich gewiß, daß ich weder am Tore noch im Gasthofe so umständlich mit mir gewesen war, und fühlte mich also schon nicht wenig über diesen Beweis seiner Kenntnis betroffen. Als er aber auf die zwote stotternde Frage, die ich vorbrachte, mit derselbigen Deutlichkeit fortfuhr: »Sie verließen Ihre Studierstube in dem ungläubigen Berlin und haben wohl getan. Die mittägliche Sonne von Frankreich wird Sie erwärmen und stärken,« so sträubte sich mir das Haar: doch ermannte ich mich, um auf eine Frage zu sinnen, die dem ungläubigen Berlin keine Schande brächte. Meiner tiefliegenden Augen und meines abgefallenen Gesichts bewußt, so dachte ich, muß derjenige sehr klar sehen, der dein Alter erraten will. Ich fragte ihn also nach dem Tag und der Stunde meiner Geburt, und – ach, er bezeichnete beides auf das bestimmteste und setzte noch einen Umstand hinzu, der mir selbst bisher fremd geblieben war und nur Geistern bekannt sein kann, die den feinsten Zusammenhang des Universums mit einem Blicke übersehen. »Sie sind, lieber Fremder,« sprach er, »nach unserer irrigen Zeitrechnung, den funfzehntendes letzten Monats des Jahres 1747 in der Stunde und Minute geboren, als viele Dolche, durch das Verhängnis geleitet, die grausame Seele Schach Nadirs aus seinem Riesenkörper in das enge, baufällige Behältnis des Ihrigen verwiesen, wo sie genug für alle ihre Übeltaten büßet.« Pythagoras selbst hätte mich schwerlich von der Seelenwanderung vernünftiger und überzeugender belehren können als diese Tatsache, die weder mein Geburtsschein noch meine Empfindung widerlegen konnte. »Ach, mein Gott!« rufte ich mit kläglicher Stimme aus: »Die Seele eines Tyrannen des Orients in dem ausgemergelten Körper eines preußischen Untertanen? Aus so einer widersinnigen Zusammensetzung kann freilich kein glückliches Geschöpf entstehen. Auf allen Fall ist es nicht meine Schuld. Hat sie vormals Böses getan, so büße sie dafür. Strafe genug, daß sie jetzt einen schwindsüchtigen Körper lenken, und, belastet von ihm, die Vorzimmer von Leuten durchkriechen muß, denen sie einst vielleicht kaum die Aufsicht des Serails anvertraut hätte.« Nach einigem Nachdenken erholte ich mich jedoch insoweit von dieser niederschlagenden Nachricht, daß ich auf die vielen glücklichen Tage zurücksehen konnte, die ich, ohnerachtet meiner mißlichen Zusammensetzung, dennoch gewiß erlebt hatte. Es mußte mich notwendig befremden, wie einer so gerecht bestraften Seele Gefühle vergönnt wurden, die nur Belohnung der Tugend sein sollten. Über diesen wichtigen Einwurf nahm ich mir vor, ein andermal nachzudenken, da es mir jetzt mehr um die Wiedererlangung jener Empfindungen als um die Ursache ihres vorigen Daseins und ihres Verlusts zu tun war. »Würdiger, lieber Herr,« fuhr ich also fort, »durch was für Mittel kann ich diese ernste Strafe, wo nicht aufheben, doch mildern?« und wußte in diesem Augenblicke selbst nicht, ob die asiatische Seele oder der preußische Körper sprach. »Nur ein herzliches Lachen,« war seine orakelmäßige Antwort, »kann dir Hülfe verschaffen.« Nie ist wohl eine täuschendere Antwort auf eine höhere Erwartung gefallen. Ich war wie versteinert, daß er mir ein so gemeines Hausmittel empfahl, da ich nichts weniger als ein überirdisches Spezifikum mir vermutend war. Sobald ich meine Sinne ein wenig gefaßt hatte, kam die natürlich folgende Frage von selbst: »Aber, mein gütiger Herr, da nichts in der Natur mehr die wohltätige Wirkung auf mein unreizbares Zwerchfell hervorbringt, wie und wo soll ein so armes, niedergeschlagenes Geschöpf diese Bewegung der Freude, die Sie ihm verordnen, aufsuchen und finden?« Und nun sprach der wahre Geist eines Propheten aus ihm: »Dein harrt ein Schatz – Scherz und Gelächter rufen Trost dem Bedrängten zu, den Nadirs Geist belebt, Wenn Gottes Mittagsstrahl auf neunundneunzig Stufen Ihn über unsre Stadt erhebt.« – Meine Verlegenheit war jetzt auf das höchste gestiegen. Ich faltete die Hände und rufte äußerst bewegt: »Göttlicher Mann, siehe an die Fesseln meines irdischen Leibes! Wie sollte ich mich über den Nebel dieser Stadt erheben können?« Denn nimmermehr hätte ich in diesem Augenblicke geglaubt, daß die Auflösung dieser Schwierigkeit so leicht wäre, als ich es doch nach seiner erklärenden Antwort: »Auf den neunundneunzig Stufen ihres stolzen Turmes« finden mußte. Das ist doch nun, dachte ich, so bestimmt gesprochen, als man nur von einem Propheten erwarten kann, und was noch mehr diese Weissagung von allen andern unterscheidet: der Mittag, die Zeit ihrer Erfüllung, ist nahe. Tief bückte ich mich gegen meinen Helfer und warf noch die, meinen Begriffen nach, unbedeutende Frage hin: »Ob er sonst noch etwas in mir entdecke, das mir unbekannt sei?« Zusehends entflammte sich sein Gesicht und blickte verächtlich auf die Kenntnisse meiner selbst herab, mit denen mich mein geheimer Stolz zu täuschen suchte. »Ja,« sagte er, »ich sehe einen Flecken in dem Gewebe deines geistigen Daseins, einen schwarzen, hervortretenden Zug aus der Seele Schach Nadirs.« Meine zitternden Lippen suchten zu sprechen; aber das Schreckliche dieser Ankündigung erstickte den Laut meiner Frage. Er beantwortete sie dennoch: »Fluche deinem Unmute. Du hast in der Abendstunde des Ruhetags dieser Woche ein armes, verirrtes Mädchen den Wölfen preisgegeben. Hast du es nicht? Nur die Seele eines Tyrannen konnte so einen menschenfeindlichen Gedanken fassen. Nur die Zunge eines Impotenten konnte ihn aussprechen.« Dieser harte Vorwurf kränkte meinen Stolz über die Maßen. »Heiliger Prophet!« rufte ich mit männlicher Stimme, »ist das arme Geschöpf ein Raub der Wölfe geworden, so war es doch nicht meine Absicht. Das Schicksal hat unschuldige Worte mißverstanden.« Indem aber regte sich mein Gewissen. Sind das unschuldige Worte, die Unmut und Hartherzigkeit eingibt? Versagte ich nicht der Bedrängten den Schutz, den sie bei mir suchte, ohne mich um die Folgen meiner Verweigerung zu bekümmern? Ach, es ahndete mir nicht, daß sie von so trauriger Art sein würden. Während dieses trüben Gedankens, in welchen ich mich stillschweigend verlor, verliefen die wichtigen Minuten, die mir noch vergönnt waren, in Rapport mit dem großen Seher zu sein, und die ich, ach, zu meinem ewigen Kummer, so ungenutzt vorbeistreichen ließ. Ich hörte nur noch ein Wort aus seinem Munde: »Ich will aufwachen,« sagt er, und zugleich öffnete der Bediente die Tür und entließ mich, nicht auch ohne ein kleines Wunder auf seiner Seite zu tun, denn er schlug einen Dukaten aus, den ich ihm als eine Erkenntlichkeit in die Hand drücken wollte . . . Mit glühendem Gesichte trat ich in meinen Gasthof, konnte dem Wirt, der mir neugierig entgegenkam, nur stillschweigend die Hand drücken, winkte meinem Johann, der meiner an der Treppe erwartete, auf mein Zimmer, winkte ihn wieder hinaus, und warf mich, wie vom Schlage gerührt, in meinen Armstuhl. Unvermögend Dir zu sagen, was indes in meinem Innern vorging, erinnere ich mich nur, daß mein Herz in schweren Träumen und mein Verstand in hohen Phantasien lag, als mich die Glocke der Mittagsstunde wie zu einem Urteilsspruche weckte. Ich sprang von meinem Sitze auf, ergriff Stock und Hut und eilte dem Wunder zu, das meiner auf dem Münster erwartete. * Schon hatte ich seine ersten zehn Stufen hastig erstiegen, als mir einfiel, daß ich sie nicht zählte. Erforderlich, wie dieses war, um die mir angewiesene mystische Zahl der zwo Neunen zu erfüllen, ging ich wieder zurück und trat nun meine sonderbare Pilgerschaft mit aller der Bedachtsamkeit an, deren ich nur bei meinem hochpochenden Herzen fähig war. Was für mancherlei unbekannte Dinge beherbergen wir nicht in uns, liebster Eduard, die uns bei aller unsrer belobten Selbsterkenntnis in Erstaunen setzen, wenn sie ein Zufall aus ihrem Winkel hervorzieht! Kannst Du wohl glauben, was ich Dir sagen werde? und doch ist es gewiß: So lange meine gespannten Kräfte anhielten, verlor das Wort des Propheten nicht das geringste von seinem Werte in meiner Vorstellung; je schwerer mir aber im Fortgange der Atem ward, je langsamer ich stieg, desto vernehmlicher schien sich ein Gedanke in mir zu entwickeln, der das Gefühl meines Glaubens immer mehr und mehr schwächte. »Was«, sagte ich zu mir selbst, »würden deine Freunde in Berlin von dir denken, wenn sie dich in dieser mühseligen Wanderung erblickten – und zu welcher wichtigen Absicht? Um auf der Spitze eines Turms, der täglich von Hunderten bestiegen wird, einen Schatz zu suchen!« – Zum ersten Male ward es mir höchst verdrießlich, an euch zu denken, und doch wollte es mir nicht gelingen, der Vorstellung, die mich so sehr demütigte, wieder los zu werden. Ich fing an, mich vor mir selbst zu schämen. – Das heilige Zutrauen zu den Wortendes Propheten nahm merklich ab, je näher ich dem Beweise kam – dennoch stieg ich fort, und mit der letzten Neune, die ich zu zählen hatte, sah ich mich, bis zum Umfallen ermüdet und so schwach am Glauben als möglich, auf der berühmten Plattforme des Turms. Ich warf mich auf den ersten steinernen Ruhesitz, den ich erreichen konnte, doch so entkräftet, daß ich Mühe hatte, mich sogleich der Ursache meines Hierseins zu erinnern. Mein zurückkommendes Bewußtsein war nichts weniger als angenehm; kaum wußte ich, ob ich dem Propheten noch die Ehre erweisen sollte, mich umzusehen. Ich zwang mich indessen und sah, außer einem jungen Manne, der der schönen Aussicht genoß, auf diesem weiten, offenen Platze – was Dir gewiß auch schon geahndet hat – mit einem Worte, Freund, ich sah – nichts . Ein bitteres Lächeln überzog nun mein Gesicht. Es machte mir – ich will es nicht leugnen – eine boshafte Freude, einen Propheten auf der Lüge zu ertappen, und nun, ohne aufgehalten zu werden, zu meinen gewohnten Grundsätzen zurückgehen zu können. Ich rückte meinen Hut tiefer in die Augen, schlug hastig meinen Mantel um mich und setzte mich mit dem Entschlusse in die Ecke, mich erst recht auszuschämen und auszuzanken, ehe ich meinen lächerlichen Rückzug anträte. Doch wie gewöhnlich ging ich lange um mich herum, ehe ich Mut genug faßte, mein Vorhaben auszuführen; und auch dann noch spielte ich mit meinem Herzen die Rolle einer schwachen Mutter gegen ihr strafbares Kind, die mitten in ihren ernsten Vorwürfen ihm die Tränen abtrocknet und, indem sie es zu verstoßen droht, das erste Zuckerbrot reichet, das sie bei der Hand hat. Wirklich gingen in mir die sonderbarsten Bewegungen vor, sobald ich auf der Spur zu sein glaubte – angeführt zu sein . . . Ich kam nun bald in volles Gefecht mit dem Betrüger, der sich unterstehen konnte, einen Berliner – einen Freund und Zeitgenossen Mendelssohns – zum besten zu halten, und mein innerer Streit ward endlich auch äußerlich so sichtbar, daß der junge Mann, auf den ich die ganze Zeit meines Selbstgesprächs über nicht geachtet hatte, sein Fernglas einsteckte und sich voller Verwunderung und Neugier mir näherte. »Sie scheinen sich übergangen zu haben, mein Herr,« redete er mich an. – »Hintergangen,« fiel ich ihm ins Wort, – »hintergangen habe ich mich, indem ich, jedoch zu meiner Ehre nur einige Stunden, einem Betrüger geglaubt habe. – Doch ist es mir immer lieb, daß ich hier bin. Ich kann wenigstens meiner Galle Luft machen, kann über die Stadt rufen, die unter mir liegt, daß sie mit Blindheit geschlagen sei – daß ihre Einwohner betrogen und wert sind, von Toren gelenkt zu werden – – –« »Sie sind«, nahm der Fremde das Wort, »in einer gewaltsamen Bewegung, mein Herr. Was für ein Unglück ist Ihnen begegnet, und auf wen beziehen sich Ihre beschimpfenden Ausfälle?« »Auf wen?« erwiderte ich mit Hitze. – »Auf wen anders, als auf den Marktschreier, der Ihre Stadt in Verwirrung setzt, auf Ihren großen Magnetiseur, Schlafredner, Propheten oder wie Sie ihn sonst nennen wollen.« »So erlauben Sie mir,« antwortete der Fremde zu meinem großen Erstaunen, »daß ich Ihnen geradezu widersprechen muß. So lange wir diesen Mann besitzen, ist keine Unwahrheit über seine Lippen gegangen.« »Wohl!« rufte ich aus, »so kann ich Ihnen wenigstens seine erste ankündigen, die er mir, mir, wie Sie mich hier sehen, vor ungefähr zwo Stunden gesagt hat. – Wissen Sie wohl, mein Herr, was er mir hier zu finden verhieß? Nichts geringeres als einen Schatz und den lautesten Ausbruch der Freude. Und ich einfältiger Tropf! ließ mich so anführen und erstieg auf sein törichtes Wort diesen mühseligen Turm. – Lassen Sie sich nicht abhalten, mein Herr, lachen Sie so laut, als Sie Lust haben! Ich verdiene den Spott aller Vernünftigen.« Aber – anstatt zu lachen, weißt Du wohl, was der Mann vorbrachte? Eine so schöne Tirade, wie sie nur in einem Kommentar über den Habakuk stehen kann: daß man Weissagungen nicht buchstäblich verstehen müsse. – »Mein Herr,« antwortete ich ihm auf das bitterste: »Ihr Prophet hat mir einen Schatz – was man einen Schatz nennt, hat er mir versprochen. – Wo ist nun hier etwas, das in naher oder entfernter Bedeutung diesen Namen verdient? Soll ich etwan den Zugwind dafür annehmen, der mir schon viel zu lange unter die Nase streicht?« – Mit diesen Worten drehte ich mein Gesicht verächtlich von diesem albernen Fremden, ohne mich weiter mit ihm einzulassen; denn ich sah nun zu deutlich, daß er nicht umsonst hier war und wahrscheinlich ein Emissär des falschen Propheten sein mochte. Diese neue Entdeckung machte mich nur noch mutiger. Ich konnte nicht von der Stelle kommen, bis ich meine ganze Galle erschöpft hatte. – Ich rückte noch einmal meinen Hut in die Augen, hüllte mich noch einmal in meinen philosophischen Mantel und trat, sowie ich nur erst die Meßmers, Lavaters und Puysegürs, auf deren Autorität sich der Fremde bei dem dritten Worte bezog, hinter mir hatte, ebenso geschwind wieder zu den Helden des hartnäckigsten Unglaubens, zu meinen alten Freunden und Lehrern – den Bolingbrokes – Voltairen und den Reimarus über . . . Meinen Freiheitssinn zu retten, Wagt' ich einen Todensprung: Aus des Aberglaubens Ketten Stürzt' ich auf die Schwanenbetten Täuschender Beruhigung . . . Träumender als Alexander, Drang ich bis zu Lunens Bahn; Pech und Schwefel ineinander Steckt' ich wütend wie ein Brander, Unsers Glaubens Hafen an; Sah im Ringeltanz der Flammen Sich die leichten Rätsel drehn, Da, wo sie vom Quell der Ammen Kraftlos zu uns überschwammen, Zu der Nachwelt übergehn; Förderte im Heldengrimme Meines Ungestümes Lauf: – Doch, indem ich weiter klimme, Hielt mich eine Menschenstimme Von der Weltzerstörung auf. Ja, teuerster Eduard, eine Menschenstimme, die aber in diesem für meinen Unglauben entscheidenden Augenblick ein Wunder vor meinen Augen war, schlug mit unbeschreiblicher Sympathie an meine Ohren und an mein Herz. – »So ist denn,« hörte ich in dem Getümmel des Streites, in dem ich mich befand, »so ist denn alle Freude der vorigen Zeit aus deinem Gedächtnisse verloren, Will'm, Will'm?« – Staunend sah ich mich nach dem Fremden um, der mir seine Hände entgegen streckte, – »alle die mit Freundschaft und Weisheit erfüllten Stunden zu Leyden?« fuhr er noch zärtlicher fort – »auch nicht die kleinste Erinnerung mehr an die jugendliche Wallfahrt zu der Bildsäule des Erasmus?« – Himmel, wie zitterte ich! »O Wilhelm! Wer ist wohl falscher – Du? oder unser Prophet? Ach, du kennst deinen redlichen Jerom nicht mehr?« – Dieser Name, der einst meiner Jugend so teuer war, brachte mich zu mir selbst. – »Gott! ist es möglich?« rufte ich aus: »Mein Jerom?« Und sprachlos vor unnennbarer Empfindung lag ich in seinen Armen. Eine Pause, die ganz dem hohen Gefühle der Freundschaft gewidmet war, ließ einige Augenblicke keinen von uns zur Sprache kommen. – Ich schmiegte mich an die pochende Brust meines Jugendfreundes, der mit liebenden Augen sich an dem zärtlichen Erzittern weidete, das mich übermannt hatte. Aufs höchste bewegt, fing er endlich mit freudiger Stimme an: »So hat doch wohl der Prophet nicht so ganz unrecht? denn du liebst mich noch, Wilhelm?« »Nein, Gott segne ihn!« stimmte ich enthusiastisch ein. – »Er hat wahr geredt, der große Mann! Kein Schatz auf Gottes Erdboden würde solche Empfindung von Glück und Freude aus meiner Seele hervorrufen, als es deine unerwartete Erscheinung getan hat. – Alle die süßen Phantasien meiner Jugend, die ich auf ewig verschwunden glaubte – wie scheinen sie mit dem Wohllaut deiner Stimme von deiner Zunge zu strömen! Dein Lächeln, dein flatterndes Haar, deine strahlenden Augen – alles, alles ruft mir ihr süßes Bild wieder zurück – O mein Jerom! Wie war es möglich, daß ich Dich nur Einen Augenblick verkennen konnte? Nicht die siebenzehn, achtzehn Jahre, die darzwischen liegen, taten es: aber alle die schmacklosen Stunden, die mir freundschaftleere Menschen tropfenweis zuzählten. Böse Säfte, die mir Unmut und Krankheit einflößten, haben meine Augen getrübt und das empfänglichste Menschenherz stumpf gemacht. Ist mir doch, als wenn ich all mein verlornes Glück in dieser Umarmung wiederfände. – Siehe dich nur um, mein Jerom. – Nie haben wohl Bilder der Freundschaft auf einem höhern Fußgestelle gestanden. – Aber wir werden hier und überall den Maulwurfsaugen der Menschen zu hoch stehen. – Unter Tausenden, die unter uns leben, ist gewiß kaum Einer, der den ausgedehnten Begriff so eines Händedrucks zu umfassen vermag. »Auf dieses Tempels Höh, den deutscher Männer Mut Dem Himmel näherte; von den Begeisterungen Des süßesten Gefühls durchdrungen: Natur, in deiner Mittagsglut Von eines Lieblings Arm umschlungen – – Ein Tropfen Zeit – o Gott! – gewährt mir den Ersatz So vieler freudenleerer Stunden! – Gelobt sei der Prophet, durch den ich einen Schatz, Durch den ich einen Freund gefunden!« Je schwächer unsere Nerven sind, liebster Eduard, desto geschickter fühlen wir uns zur Schwärmerei. Damals schien mir das Hochtönende meines Enthusiasmus die natürliche Sprache des Herzens zu sein, und Gott weiß, wie lange ich noch auf der Zinne dieses altdeutschen Turmes in einer seit seiner Erbauung nicht so erhörten Sprache würde fortdeklamiert haben, hätte nicht der gesündere Jerom den Strom meiner Rede gehemmt und mir lächelnd vorgeschlagen, ihn nach seiner Wohnung zu begleiten. »Wohin du willst!« sagte ich und schwankte wie ein Trunkener hinter ihm her. Immer nur ihn anlächelnd, waren alle andre Menschengesichter, die uns auf der Straße begegneten, für mich verloren, und ich hielt so gleichen Schritt mit ihm, als wenn ich auch ihn zu verlieren gefürchtet hätte. Mit dem Bewußtsein, einen redlichen Freund an seiner Seite zu haben, fühlt man sich in der Fremde so einheimisch, als man sich, ohne diesen Umstand, in seiner Vaterstadt fremd fühlen kann. Wie schüchtern schlich ich nicht noch diesen Morgen über die Gasse! und jetzt kam es mir vor, als wäre ich, wo ich nur hinsah, zu Hause. Ich stieg die Treppe zu der Wohnung meines Freundes so bekannt hinauf, als ob ich sie schon mehrmal erstiegen hätte und machte den guten Jerom laut auflachen, als ich ihm treuherzig erzählte, wie mir zumute war. Wie ungleich wurde ich mir aber vollends bei dem freundschaftlichen Mahl, zu dem wir uns jetzt niedersetzten! Ich aß und trank, scherzte und lachte wie ein Gesunder; die lebhafteste Erinnerung, das lieblichste Geschwätz packte alle die farbigen Gewänder aus und staubte die bunten Federbüsche ab, in denen einst unsere unbefangene Jugend, so zufrieden mit sich selbst, einhertrat. Nichts durfte sich in unser herzliches Gespräch mischen, was nicht Bezug auf jene bilderreiche Zeit hatte. Jeder andern Idee, die sich zudringen wollte waren wir so verschlossen, wie das Zimmer, das keinem von den Anklopfenden geöffnet wurde. So beschlich uns der Abend; und da wir in unserm Gespräche nach und nach immer weiter vorwärts gerückt waren, so stand ich jetzt auf einmal an dem Zeitpunkte meiner geschwächten – meiner verlorenen Gesundheit, den ich in der ersten Hitze unserer freundschaftlichen Ergießungen ganz aus dem Gesichtskreise verloren hatte. Einige milzsüchtige Klagen auf meiner Seite, Hoffnung und Trost auf der seinigen, bahnten uns endlich den Weg zu folgendem ernsthaften Gespräche, das mir die deutlichsten Begriffe über die Würde unseres Zeitalters gab, und das ich Dir, so wörtlich als ich kann, auch zu Deiner Erbauung hersetzen will. »Hätten wir,« hub ich mit einem Seufzer an, »hätten wir es denken sollen, lieber Jerom, als wir in Leyden zu den Füßen unserer Lehrer Wahrheit von Vorurteilen scheiden lernten, daß wir Körner mit unter die Spreu würfen, die mehr wert waren als unsre so rein gesäuberte Frucht? – Hätten wir es argwohnen können, daß Kräfte in dem animalischen Leben lägen, metaphysische Rätsel aufzulösen, woran die Bayle, die Leibnitze, die Rochester umsonst die Arbeit ihres Geistes verschwendeten? Und welchen Köpfen, großer Gott! wurden endlich diese Geheimnisse anvertraut! – Wie viele Jahrtausende haben dazu gehört, ehe der Misthaufen der Welt so durchgearbeitet werden konnte, um das echte unbenutzte Samenkorn ans Licht zu bringen, und welche Mechanik des Zufalls, daß es zuletzt von einer blinden Henne gefunden werden mußte! – Ist ein hellsehender Schläfer der leidenden und irrenden Menschheit nicht mehr wert, als die ganze Summe von Verstand, der den leiblich und geistigen Ärzten aller Zeiten einzeln zugeteilt war; und wirft so eine einzige Tatsache, als ich seit heute erlebt habe, nicht alle ihre herrlichen Systeme über den Haufen? Du bist nicht allein selbst ein berühmter Arzt, lieber Jerom, du bist auch ein tiefdenkender, gelehrter Mann. – Weißt du mir denn nicht eine befriedigende Erklärung von dieser unbegreiflichen Demütigung der menschlichen Vernunft zu geben? Ich will es als ein Almosen in meiner Armut annehmen, ich will es – – –« »Guter Wilhelm,« unterbrach Jerom meinen rednerischen Ausfall, – »ich teile dir gern die Hälfte meines Reichtums mit, so viel du ungefähr nötig haben wirst, dir weiter fortzuhelfen. Aber warte, erst will ich zusehen, ob mein Vorsaal fest genug verschlossen ist, und nun setze dich, und höre mir aufmerksam zu: Ich bin ein Arzt, Freund, und habe bisher die Pflichten meines Standes in dem Vaterlande des unsterblichen Boerhav's mit gleicher Treue, wenn auch nicht mit gleicher Geschicklichkeit, ausgeübt. Glück in meinen Kuren schaffte mir indes das Zutrauen meiner Landsleute. Meine Erfahrung nahm täglich zu, und ich lebte mit einer Anhänglichkeit an meine Kranken, die mir meine mißliche Kunst ehrwürdig, angenehm und schätzbar machte. Da störte mich nun auf einmal der vielzüngige Ruf von den neuen Erfindungen der Meßmer, der Puysegür und wie die großen Männer alle heißen, in meinem tätigen Leben. Haufenweis drängten sich die Wunder, die geschahen, in meine einsame Studierstube, löschten alle Aphorismen meiner Lehrer aus, als verlorene Worte und machten mich in der Behandlung meiner Kranken furchtsam und kleinmütig. »Aber schnell und als ein ehrlicher Mann entriß ich mich diesem peinlichen Zustande. Ich verließ Bücher und Kranke. Keine Reise schien mir zu groß und beschwerlich, um die Ehre der Wahrheit zu retten und meinen Glauben wie meine Kenntnisse zu berichtigen. Ich kam in Straßburg an, und schon den Morgen darauf stand ich vor dem Stuhle der damals berühmtesten Somnambüle und Clairvoyante , von der du, erinnere mich daran, nachher noch mehr erfahren sollst. In einem Zirkel von gelehrten Männern, die indes die tiefsinnigsten Bemerkungen über diesen übernatürlichen Zustand der Verzückten anstellten, erteilte sie einem jungen Offizier, dessen sonore Stimme besondern Eindruck auf ihre schlafenden Sinne zu machen schien, die richtigsten Antworten auf die verwickeltsten Fragen. Alle Kräfte meiner Vernunft gerieten in einen Stillstand bei dieser augenscheinlichen Tatsache. Lange quälte ich mich umsonst, eine nur leidliche Erklärung dieses Wunders und besonders des auffallenden Umstandes zu entdecken, warum die Eingebungen einer Somnambüle immer nur auf die Medizin, nie etwa auf die Politik, die Landwirtschaft, die Mineralogie, die Naturgeschichte oder die Rechtsgelehrsamkeit gerichtet seien; soviel Nützliches auch in diesen Wissenschaften zu entdecken und Irrtümer zu berichtigen wären, und so sehr oft einem armen Teufel ein Gefalle geschehen würde, zu erfahren, wie er seinen Prozeß gewinnen oder sein Korn säen solle.« »Endlich, lieber Wilhelm, glaubte ich einigermaßen der Sache auf die Spur zu kommen und den wahren Zusammenhang davon einzusehen. Da ich immer alle Arten von Entzückungen mir als Wollust erklärt habe, zu der ein überirdisches Wesen ein sterbliches verleitet, da man in Tollhäusern nur zu häufig Symptome dergleichen heterogener Vermischungen gewahr wird, so kann es wohl sein, denke ich, daß eben jetzt ein medizinischer Geist der obern Region seinen verliebten Ausschweifungen auf unserer Erde nachgeht, und die armen, unbefangenen Geschöpfe, die er zu seinem Willen bringt, mit Kräften schwäng– – – Doch es ist wahrlich schwer, lieber Freund, Geheimnisse der Art deutlich zu machen, ohne eine Albernheit zu sagen. Genug, alle mannbare Mädchen, so viel ich deren nachher noch gesehen habe, die zum Schlafreden, zur Desorganisation, zum tierischen Magnetismus geschickt waren, bestärkten mich in dieser gewagten Vermutung. Sie teilen die medizinische Kraft, die sie durchdringt, sogar, wie den Schnupfen, auch Männern mit, die mit ihnen in genaue Verbindung kommen, wie wir dieses an dem belobten Propheten sehen, der dich heute kuriert hat. Mein System, lieber Wilhelm, macht wirklich alle andern Erklärungen überflüssig . . . »An die vier Monate,« fuhr Jerom fort, »lebe ich nun schon in Straßburg, sehe die unglaublichen Fortschritte der neu entdeckten Naturkraft und verliere mich täglich mehr in meinem Erstaunen. Doch, was brauche ich dir alle Resultate meiner Erfahrung vorzulegen? Hast du nicht genug an deiner eigenen heutigen Geschichte? Beleuchte sie noch einmal mit aller Anstrengung deines Verstandes. Du hast doch deutlich gesehen und gehört, hast die Weissagungen des Schlafsehers wahr befunden und bist überzeugt?« »Ja, bei Gott,« erklärte ich meinem Freunde, »das bin ich. Ich erlaube mir von nun an kein Mißtrauen mehr, als gegen das unbegreifliche Menschenherz, das in mir pocht. Zum Glücke, daß ich seit heute morgen aus dem Munde des Propheten weiß, welch eine Seele in mir wütet. Noch sind keine zwo Stunden verlaufen, als mich dein Zuruf an dem Abgrunde des Unglaubens zurück hielt. Wie unüberwindlich kam ich mir nicht in dem Augenblicke vor, da ich meiner Niederlage am nächsten war. Ich Armseliger! Ein geweihtes Schwert in der Hand, glaubte ich allen Erfahrungen des Glaubens die Spitze bieten zu können. Aber desto ernstlicher verabscheue ich jetzt die Sünden meines Unmuts. Ich lege in deinen Schoß, lieber Jerom, meine feierliche Abbitte an den mächtigen Gesandten der Zukunft, gegen den sich meine Vernunft empörte, und an alle die großen Männer nieder, die ihm anhangen, und oh, daß die ganze Welt meinen Widerruf hören könnte. Zu was haben mir die Waffen der prahlenden Vernunft geholfen? Da liegen sie als unnütze Werkzeuge ihres Stolzes . . .« Nichts kann rührender und eindringlicher sein als die Stimme der Überzeugung, zumal wenn schon zuvor ein gemeinschaftliches Glas Wein Redner und Zuhörer zu einander gestimmt hat. Ich stand, die Hand auf die Brust gelegt, mit freier Stirn und in einer begeisterten Stellung vor meinem Freunde, der durch die Überströmung meines Herzens so hingerissen ward, daß er, während meine Augen sich mit Tränen der höchsten Empfindsamkeit füllten, sein Gesicht hinter seinen Händen verbergen mußte. Er ermannte sich am ersten, schob klüglich Flaschen und Gläser beiseite, und so wie Boileau, als er einst zween seiner Freunde, von Burgunder befeuert, antraf, wie sie den Tod des großen Homer beweinten und nicht eher zu trösten waren, bis es ihm gelang, sie aus dem Wirtshause in die freie Luft zu bringen; so glaubte jetzt Jerom vermutlich, auch dieselbe Vorsicht bei mir nötig zu haben, damit ich nicht ganz in Tränen der Begeisterung zerfließen möchte. »Mäßige dich, bester Wilhelm,« sagte er bittend, »solche Szenen sind für deine schwachen Nerven zu angreifend. Laß uns unsern Wein auf einige Augenblicke verlassen. Vielleicht beruhigest du dich in der kühlern Nebenstube über alles, was dir heute das Herz erschüttert hat.« Freundschaftlich nahm er mich bei der Hand, öffnete eine Seitentüre, und, o ihr Mächte des Himmels, wie ward mir! Kaum wirst Du es glauben, Eduard, aber so wahr ich lebe, ich befand mich mit Leib und Seele in demselbigen Zimmer des Vormittags, sah dasselbige Bette und vor ihm denselbigen Stuhl stehen, auf welchem ich diesen Morgen die Orakelsprüche aus jenem erschallen hörte. Versteinert stand ich davor, und Jerom fuhr mit schalkhaftem Lächeln fort: »Was sagst du zu meiner Art abzukühlen, mein philosophischer Freund? Soll ich dir hier noch einmal deinen Namen und die Abenteuer deiner Seele entdecken? Dich noch einmal auf den Münsterturm schicken, oder bist du vorderhand zufrieden?« »Also warest du,« – erwiderte ich mit wiederkommendem Bewußtsein – »Du warest der große Prophet, den mir die Damen verkündigten? – Du warest es, der mich diesen Morgen beinahe um mein bißchen Verstand brachte?« »Kein anderer,« sagte Jerom mit zunehmendem Lachen. »Komm, ich beschwöre dich,« fuhr ich fort, »bei allem, was heilig ist! komm meinem Erstaunen geschwind zu Hülfe! Woher,« – und ich schlug mich dabei mit der geballten Faust vor die Stirne – »woher wußtest du denn, daß ich bei Karlsruh ein Mädchen den Wölfen übergab?« – Hier stemmte mein boshafter Freund vor Lachen die Hände in die Seite. – »Weil auch ich«, rief er, »derjenige war, der neben deinem Wagen hielt, sie deinen Händen anvertrauen wollte und deine abschlägliche Antwort hörte. – Dies artige Kind – eben dasselbige, das bei meiner Ankunft in Straßburg in der Krise lag und mir die erste Gelegenheit gab, das Wunder des tierischen Magnetismus zu sehen, hatte seit fünf Monaten für eine gute Belohnung die Somnambüle gespielt, war darüber mit einem jungen Offizier – eben demselbigen, der sie damals ausfragte – ein wenig zu sehr in Rapport gekommen und wurde darüber die letzte Zeit – wie soll ich sagen – vorderhand unbrauchbar – – –« »Das, deucht mir, habe ich ihr selbst abgemerkt,« fiel ich ihm hitzig ins Wort. »Ich rettete sie nach Karlsruh, wo unsre Gesellschaft gute Freunde hat, traf dich, wie du weißt, auf meinem Wege, erkannte dich ohne Mühe und erfuhr alles aus deinem eigenen Munde, was ich, kraft meines Divinationsvermögens, dir diesen Vormittag wieder erzählte. Es gehörte übrigens nicht viel darzu, vorauszusehen, daß mein Ruf dich armen Kranken gewiß vor mein Bette führen würde. Meine Rolle war diesmal die leichteste von der Welt; und sonach, guter Wilhelm, ist alles, was dir begegnet ist, nichts mehr und weniger als der Scherz eines alten Freundes, der, wie du siehest, einen recht guten Ausgang genommen hat.« – Die Decke fiel mir nun zwar von dem Gesichte – aber zu geschwind. – Eine brennende Schamröte überzog meine Wangen, sobald das große Geheimnis in seiner armseligen Blöße vor mir lag. Ich sah mich in Gedanken in meiner ganzen Albernheit auf dem Lehnstuhle sitzen und hatte kaum Mut, meine Augen gegen den falschen Propheten aufzuschlagen. Mein Zustand erbarmte den gutmütigen Jerom. Er nahm mich traulich bei der Hand, hielt allen Spott zurück und führte mich aus dem magischen Zimmer, das mir je länger desto verhaßter wurde. Ich blieb noch eine Weile nachher in sichtbarer Verlegenheit; endlich kam ich der Frage näher, die mir vorschwebte, und gewann Kraft, sie hervorzubringen. »Ich war ein Tor, lieber Jerom – – –« »Kein größerer«, fiel er mir ins Wort, »als wir alle sind, wenn ängstliche Wünsche mit einiger Hoffnung verbunden auf uns wirken.« »Ich war ein Tor,« fuhr ich fort, ohne mich stören zu lassen; »aber – vergib mir – was bist denn du in dem Lichte, in welchem du dich mir heute gezeigt hast? Was für ein Handwerk treibst denn du, alter ehrlicher Freund?« »Das Handwerk eines Brutus,« antwortete Jerom, »der Rom von dem Tyrannen der Unschuld befreite – das Handwerk eines Pascals, der unter der Maske der Einfalt sich des heillosen Geheimnisses der Gesellschaft Jesu bemeisterte. Ohne Verleugnung meines Mutes wäre ich nicht so mächtig geworden, als ich bin. Aber die Zeit meiner Erniedrigung ist verlaufen, bald werde ich zu meinen Kranken zurückgehen, und meine Erfahrung bis auf deine heutige Geschichte soll der Welt offenbar werden.« – Diese Erklärung meines Freundes gab mir einen Stich in das Herz. – »Nein, mein lieber Jerom,« rief ich, »ich will meinen Gönnern in Berlin nicht als ein einfältiger Tropf zur Schau gestellt werden; mein Name werde nie in den Jahrbüchern dieser Schwärmer, Betrüger und Betrogenen genannt.« »Ist das deine Weisheit?« fragte Jerom mit ernsthafter Stimme. – »Verdient die Wahrheit nicht mehr um dich, als daß du sie hinter der großen Vormauer des Irrtums, hinter einer falschen Scham verstecken und geruhig zugeben willst, daß die Zahl der schuldlosen Betrogenen sich vermehre? Die Leichtgläubigkeit eines Kranken ist der verzeihlichste Glaube . . . Für was sollen wir die Stifter der neuen Sekten ansehen, die solche Schriften in alle Welt schicken, als ich dir hier vorlege?« – Ein ungeheurer Haufe! – Ich wählte einige aus, die mit berühmten Namen in dem Reiche der Gelehrsamkeit gestempelt waren, und Jerom störte mich nicht in der Aufmerksamkeit, die ich ihren widersinnigen Behauptungen, ihren erlogenen Erfahrungen und ihren anstößigen Mutmaßungen länger als eine halbe Stunde schenkte. – Seufzend legte ich endlich den ganzen Wust beiseite und wendete mich an meinen kaltblütigen Freund. »Lieber Jerom,« sagte ich, »erlaube ja auch diesen braven Männern, krank zu sein: denn sonst bleibt keine Entschuldigung für sie übrig.« »Bei einigen,« antwortete mein gutdenkender Arzt, »aber gewiß nur wenigen kann deine entschuldigende Vermutung wohl wahr sein . . . Aber, glaube mir, der größte Teil unserer Schriftsteller schreibt nicht aus Liebe zur Wahrheit, aus Drang der Überzeugung oder aus Eifer für das Gute und Nützliche, sondern aus jenem gelehrten Stolze, der, gleich dem Kerkerfieber in England, nur in den engen, finstern Studierstuben herum schleicht und dann und wann die glänzenden Bewohner der feinen Welt zu Mitleiden und Almosen bewegt. – Ich kenne viele dieser schreibsüchtigen Gespenster. Der Gedanke, Aufsehn zu machen, die Augen auf sich zu ziehen, die sich eben nach einem andern umdrehen wollen, das ist der Dämon, der sie treibt und drängt! . . . In Ansehung der Mittel? Oh, da denken sie nicht feiner als jene Wirtin ›Zum schwarzen Bocke‹ in Harlem.« »Und was begann denn diese, lieber Jerom?« »Das will ich dir bei einem Glase Wein erzählen und dir die Anwendung überlassen.« * »Es war in dem Jahre achtundvierzig, als ihr Mann«, fuhr Jerom fort, »ihr den Gasthof »Zum schwarzen Bocke« hinterließ, der noch jetzt nicht weit von dem Leidener Tore zu Harlem zu sehen ist und noch jetzt, glaube ich, einem aus ihrer Verwandtschaft gehört. Das Weib war artig, gesprächig und von ebenso guter als billiger Bewirtung, besonders nachdem, durch den Tod ihres Mannes, ihre wohltätigen Neigungen von ihr allein abhingen. Der Gasthof kam auch gar bald in die größte Aufnahme. Da war keine Schute, die von Leiden kam, keine, die abging, die ihr nicht stündlich zu verdienen gab. Zur Zeit der berühmten Messe war eine Wagenburg um ihr Haus geschlagen. Es geschah oft, daß über dem Zulauf Mangel an Raum in der Herberge entstand; und dennoch lagerte man sich lieber unter freiem Himmel vor ihrer Haustüre oder in dem Hofraum, als daß man seine Pfeife in einem andern Gasthofe geraucht hätte. – Diese Vorliebe eines, seinen Freunden so anhänglichen Volkes dauerte viele Jahre zugunsten der Frau. Sie hatte ihre Bewirtung in ein gewisses sicheres System gebracht, von dem sie zu keiner Zeit abging, und es war also mehr als wahrscheinlich, daß ihre Gäste sich eher vermehren als vermindern würden. Dem ohnerachtet, lieber Wilhelm, so unerklärlich es auch sein mag, wußte der Gasthof »Zum Patrioten«, der noch dazu viel entlegener vom Haupttore war, nach und nach alle ihre Kunden an sich zu ziehen, und es ward Mode, bei ihr vorbei zu gehen. Viele hatten sogar die Unhöflichkeit, sie zu grüßen, wenn sie eben vor ihrem Hause stand; aber keine Seele fragte übrigens nach ihrem Portwein, nach ihren schwarzen Augen und nach ihrem Salm. Ein ganzes Jahr beinahe ging so hin, ohne Verdienst und Genuß. – Noch immer schmeichelte sie sich mit der Hoffnung des gewöhnlichen Wechsels der Dinge. – Als aber die Kirmse einfiel, und auch da noch ihr Gasthof unbesucht blieb, ungeachtet sie den verbleichten Bock hatte auffrischen lassen und die weißesten Vorhänge hinter den Fenstern durchblinkten, da ward sie durch ihr unverdientes Schicksal zu heißen Tränen bewegt. – Es tut mir leid, daß ich es sagen muß, aber sie sprach mit Bitterkeit über die Menschen und schimpfte mit den ausgesuchtesten Worten auf den schelmischen Wirt »Zum Patrioten«. Doch war sie zu klug, dabei stehen zu bleiben. Sie kannte die Menschen, und mit dieser Kenntnis verhungert man nie. Sie schwur, sich an ihrer Untreue zu rächen »Morgen«, sagte sie, »will ich dem »Patrioten« zeigen, was ein entschlossenes Weib vermag! Ist euch guten Leuten mein Gesicht zu alltäglich geworden? – Oh, dafür will ich Rat schaffen. Morgen sollt ihr mir vierfach bezahlen und doch bei mir einkehren.« Der Morgen kam. – Was tat unsere kluge Frau? Eine Kleinigkeit; sie nahm nur eine ungewöhnliche Wendung in der Ordnung der Natur vor. – »Non erubescit« , dachte sie – ließ ein Paar große blaue Augen und eine Nase darauf malen, und steckte, sobald es lebhaft auf den Gassen ward, diese wunderliche Figur, neben der zum Überfluß rechts und links ein paar blasende Trompeter gestellt waren, zum offnen Fenster hinaus.« – Von diesem Augenblicke an war es um den Wirt »Zum Patrioten« geschehen. Kein Mensch dachte weiter an ihn. Der unerwartete witzige Einfall der Frau entschied ihr Schicksal auf immer. Sie hatte noch keine zehn Minuten in dieser gezwungenen Stellung verlebt, so wimmelte Haus, Hof, Garten und Stall von immer mehr zuströmenden Gästen und Pferden, und seit undenklichen Zeiten war nicht so viel in Holland gelacht worden als heute. – Ein alter Offizier, der ein Zirkular vom Erbstatthalter in der Tasche hatte, verzögerte noch um eine ganze Stunde den schwerfälligen Umlauf dieser Staatsschrift und hielt gravitätisch mit seinem dürren Pferde unter dieser Figur. – Ein Matrosenjunge, der noch jüngst erst von Indien zurück gekommen war, erkletterte eine nahe Linde, um näher und ungestörter diese Seltenheit betrachten zu können. – Ein Quaker und seine Matrone von Frau, die Gebetbücher noch in der Hand, hatten sich hier niedergesetzt und tranken ihr Doppelbier, ehe sie weiter zu ihrer Versammlung schlichen; und man sagt sogar, daß die dortige Akademie einige ihrer Mitglieder abgeschickt habe, dies Phänomen in Untersuchung zu nehmen. – Der berühmte Trost , der Hogarth der Holländer, wurde aus einem andern Weinhause herbeigeholt, um diesen Auftritt, wie ich ihn dir hier beschrieben habe, nach der Natur zu malen. Es gelang ihm vortrefflich. Das Gemälde wurde aufs teuerste verkauft, kam in das berühmte Kabinett von Brancam , und A. Delfos hat es unter der Unterschrift Les Abusés in Kupfer gebracht. Solltest du es nicht selbst in deiner Sammlung besitzen?« »Ja wohl besitze ich es, lieber Jerom,« antwortete ich, »ohne bis jetzt gewußt zu haben, was ich dabei denken sollte, wie mir das mit manchem andern Porträt berühmter Leute geht, in denen man ebensowenig Physiognomie entdeckt als in diesem. – Aber fahre nur in deiner interessanten Geschichte fort.« – »Da der Zulauf zu diesem Wirtshause« – fuhr Jerom fort, »nicht aufhörte, der Beifall immer lärmender ward, so gelangte endlich ein ernstlicher Befehl des Magistrats an die Wirtin, ihr bedenkliches Zeichen einzuziehen, ein geehrtes Publikum nicht länger zu äffen und ihr Blendwerk für sich zu behalten. Aber die Herren hatten vergessen, die Volksstimme dabei zu Rate zu ziehen. Man widersetzte sich im Tumult diesem Befehle, schrie über Beeinträchtigung der republikanischen Rechte; berufte sich auf die Preßfreiheit, Toleranz und Publizität; und Vornehme und Geringe behaupteten sich in dem ungestörten Anschauen dieses verbotenen Gesichts. – Hatte der erste Tag Leute herbeigezogen, so tat es der zweite, dritte nebst den folgenden noch mehr. In kurzem verbreitete sich der Ruf dieses Wunderwerks durch alle sieben Provinzen. Man machte Lustreisen von den entlegensten Flecken und Eilanden hierher. – Die Neugierigsten blieben über Nacht da, und diese Nächte wurden teuer bezahlt. Kein fremder Prinz, kein Gesandter reiste durch Holland, ohne das Wirtshaus »Zum schwarzen Bocke« zu besuchen. Die Stadt kam in bessere Nahrung. Die Zölle an den Barrieren erhöhten sich ungewöhnlich, und da die Obrigkeit ihren Vorteil so augenscheinlich sah, schwieg auch sie, und die Witwe – Gott habe sie selig! – sah sich, ehe ein Jahr verging, zu ihrem eigenen Erstaunen, berühmter, besuchter und reicher, als sie jemals im Traume gewesen war. – Indes erzählte mir doch ein dortiger würdiger Gelehrter, daß eben die Frau, die vor ihren Zeitgenossen nicht errötete, als noch die blasenden Trompeter neben ihr standen, sich nachher, als der allgemeine Enthusiasmus verraucht war, nicht habe der Schamröte erwehren können, wenn sie auf dem Trostischen Kupfer die Hauptfigur erblickte, die ihr Andenken auf die Nachwelt bringen würde. – Nun frage ich dich, lieber Wilhelm, ob die Geschichte meiner Harlemer Wirtin – mit der Geschichte unserer meisten neuern Schriftsteller nicht ganz von einem Schlage ist? – In beiden einerlei Triebfedern und Räder – Unverschämtheit aus Ruhmsucht, und Ruhmsucht aus Gewinn. – Das ist die Progression, nach welcher sie handeln, denken und schreiben – und du siehst, ob es ihnen gelingt! Schlage alle unsere gelehrten Zeitungen und Journale nach! Welche Namen sind es, die am meisten darinnen flimmern? – Die Namen der Schwärmer, der Lügner, der Mitglieder geheimer Gesellschaften, und die sich's etwas kosten lassen, gelobt zu werden . . .« * Ungern trennte ich mich zwar von meinem Freunde; aber ich nahm doch eine Ruhe, eine Sicherheit der Seele und ein so voll zugemessenes Vergnügen mit, das ich nicht beredt genug bin, Dir zu beschreiben. Die Nacht – sagt das Sprichwort – ist keines Menschen Freund! Aber nach dem Schlusse eines solchen Tages ist sie's, und sie war es mir heute mehr als jemals . . . * Ich lächelte aus dem Gefühle der innigsten Zufriedenheit, als ich mein Deckbette über mich warf, wie ein Mensch, der einen verwickelten Prozeß gewonnen; und dies Lächeln schwebte mir noch um den Mund, als mich, nach genossener Ruhe, die Ankunft meines Freundes und Ratgebers weckte. Ich hebe Dir von dem süßen Geschwätze, das mit ihm kam und den Morgen ausfüllte, dasjenige auf, womit er mich als Arzt abfertigte. – »Du hast«, sagte er ernstlich, »viele Umwege genommen, um dich von der Natur zu entfernen: jetzt nimmt sie – und es kann dich wundern? – eben so viele, ehe sie sich wieder zu dir findet. Du hast, über dein eigenes Selbst hinweg, starr auf die Menschen gesehen, bis es dir vor den Augen flimmerte. Du hast gelesen, gelesen, bis du dich selbst nicht mehr verstanden hast. – Du hast so viel über das Leben und Weben des Erschaffenen nachgedacht, bis du am Ende nicht wußtest, dich in dein eigenes Dasein zu finden – hast Schlüsse an Schlüsse gekettet und so fest um dich her geschlungen, daß du keinen Schlupfwinkel mehr vor dir siehst, durch den du ungedrängt und unbeschädigt dich retten könntest. Törichter, törichter Freund! – Und um so hohe Vollkommenheiten zu erlangen – was hast du von dem deinigen darauf verwendet? Das größte Gut, das die Natur geben kann – Gesundheit! – In ihr liegt die wahre Weisheit. Dein Kopf ist geschwächt, dein Magen verdorben, deine Brust ausgetrocknet, dein Eingeweide zusammengezogen und dein Puls in Unordnung. – Und du verlangst mit dieser knarrenden, verstopften, schwerfälligen Maschine menschliche Pflichten erfüllen zu können? Wie will ein so elendes Geschöpf ein nützlicher Bürger, ein tätiger Freund, ein gütiger Hausherr, ein zärtlicher Ehemann und ein Vater munterer und gesunder Kinder sein? Zu welcher Rolle auf dem Theater der Welt ist so eine verrostete Puppe geschickt? Gehöhnet, geflohn, gemißbraucht zu werden, unbedauert und unvermißt ins Grab zu schleichen: das ist ihr Los, und oh! daß ich es sagen muß – ist das deinige!« – »Höre auf, lieber Jerom,« unterbrach ich den Fluß seiner Rede mit bebenden Lippen, »du tötest mich sonst mit deiner gräßlichen Vorstellung! Hätte ich doch nicht geglaubt, daß man so gesund sein müsse, um nur die Achtung eines Arztes zu verdienen? Aber setze den Arzt beiseite! rate mir als ein schonender Freund oder nimm nur soviel von jenem darzu, als nötig ist, diese knarrende, ungelenke Maschine wieder in Stand zu setzen!« Mit mitleidiger Freundlichkeit drückte mir der gutmütige Mann die Hand. – »Höre meinen Rat,« fuhr er traulicher fort, »lieber Wilhelm – und es kann sich noch ändern. Du gehst zu deinem Glücke in das Land des Leichtsinns: nutze diesen Umstand zu deiner geistigen und körperlichen Genesung, wie ihn andere zu ihrem Verderben mißbrauchen. Suche den Scherz und das Lachen auf, wo du es antriffst. Die Wahl unter ihrer Sippschaft lasse ich geruhig dir frei. Meide alle und jede, die man dir als große Männer ankündigt – alle Schriftsteller – die Wunderdoktoren aller Fakultäten – und fliehe besonders jene Magazine der Vielwisserei, die Bibliotheken, die jetzt fast alle Städte verengen, die Mieten teurer und die besten Säle unbrauchbar machen – die, wenn die Wut, sie zu sammeln, noch tausend Jahre so fortgeht, endlich die weite Welt einnehmen und das Menschengeschlecht daraus verdrängen werden, ohne es um einen Grad glücklicher zu machen . . .« »Suche nirgends Erbauung als in den Wäldern unter dem Gesange der Vögel und an dem rieselnden Bache! So lange das Blöken der Lämmer dir nicht näher ans Herz tritt als das Blöken der Menschen, so sage noch nicht, daß du gesund bist und werde noch wachsamer über dich selbst! Überlasse dich auf einige Zeit ganz jener glücklichen Art von Müßiggange, die mehr Tätigkeit in sich enthält als manches Ämtchen im Staate . . . Hüte dich, so viel du auch Kohlenstaub von deinem Herde zutragen könntest, an dem großen Prozesse der Aufklärung mitzuarbeiten; und hüte dich vor dem Laster der übeln Laune, damit du, wenn deine Hütte brennt, nicht mit Ferngläsern suchest, wo der Rauch herkomme. – Deine Weisheit lehre dich, mit den Torheiten und Schwachheiten der Menschen zu spielen und ihnen dieselbige Freiheit bei den deinigen zu lassen, ohne Mißtrauen, ohne Strenge . . . Weise auch nicht gleich jede schalkhafte Leidenschaft, die bei dir anklopft, wie einen Bettler von dir! Der herrliche Wein, der jenes Land bekränzt, sei deine Arznei, das flammende Gesicht des braunen Mädchens dein Arzt und das Spielwerk der Liebe deine Philosophie!« – Länger konnte ich vor Ungeduld nicht zuhören. – »Deinen medizinischen Rat in Ehren und der Moral unbeschadet, lieber Jerom,« brach ich mit Unwillen gegen ihn los, »wohin könnten mich deine epikurischen Verordnungen nicht bringen? Doch es hat keinen Anschein, daß ich sie mißbrauchen werde. Das Spielwerk der Liebe? – Sehr wohl! Eben so leicht könntest du mir die Trommel und das Steckenpferd meiner Kindheit empfehlen. Wüßtest du, mit welcher neidlosen Gleichgültigkeit ich auf jene Berauschung der Sinne herabsehe – wüßtest du, daß mein Nachdenken mich noch um einige Grade weiter gebracht hat als den großen Büffon das seinige – daß ich nicht nur, so gut wie er, auf der geistigen Seite der Liebe nichts finde, was der Mühe eines Mannes lohne, sondern auch selbst für das Gute keinen Sinn habe, was er ihrer physischen zugesteht: – gewiß, lieber Jerom, du würdest dein Rezept ändern! Wenn nur von den Reizen eines Mädchensgesichts, von den Küssen ihres Mundes – wenn nur von Wein und Scherz, Müßiggang und Liebe meine Genesung abhängt – Freund! Freund! so bin ich verloren.« »O ihr weisen Geschöpfe!« rufte Jerom aus, »habt ihr denn noch nicht einsehen gelernt, daß andere Verhältnisse auch andere Menschen, und ein ander Klima auch andere Empfindungen erzeugen? Wenn mein Rat für einen flatternden Jüngling Schierling in unverständigen Händen sein würde, so ist er dir hingegen ein wohltätiger Balsam auf dein erstarrendes Haupt. Ziehe, wenn du nicht anders willst, den weitern Weg nach diesem freundlichen Lande dem kürzern vor! Behandle dich meinetwegen noch eine Weile als einen Klumpen, von dem der Rost sich erst abschleifen muß, ehe seine wahren Bestandteile hervortreten! Übrigens lache ich zu deiner trotzigen, noch über Büffon erhabenen Stärke. Wie geschwind wird deine dickblütige Moral verdunsten, wenn dich erst die auflösende Sonne jenes Landes durchwärmt haben wird! . . .« So trennten wir uns zwar bänglich und zärtlich; aber doch durch ein gegenseitiges heiliges Versprechen beruhigter, uns einander nicht wieder so weit aus dem Gesichte zu verlieren. Bald nachher nahm ich Abschied von einem Orte, der mir einen Jugendfreund in die Arme geführt, meine Kenntnisse so erstaunlich bereichert, und mich, welches Dir zu Haus und Hof kommt, so geschwätzig gemacht hat . . . Gesegnet sei der Mann, der das Reisen erfand, und dreimal gesegnet der trefflichste meiner Freunde, der mich aus dem tötenden Staube meiner Bücher hervorzog und meine kleinsten Tugenden in Bewegung und in die glückliche Lage setzte, sie anzuwenden! Ich flog leicht wie ein Zugvogel über die Echellen . – Einige Stunden Schlaf, die ich zu Lyon im Vorbeigehen mitnahm, stärkten mich zu einer Rastlosigkeit, deren ich mich nie fähig geglaubt hätte, und die, mit dem herrlichsten Wege und der Tätigkeit der Posten verbunden, mich die folgende Nacht nach Palu , und den Morgen darauf – aber welch ein Morgen! – nach Nimes brachten, wo ich den artigen Pavillon bezog, den ich nun, nebst seinem daran stoßenden Gärtchen, schon einige Wochen bewohne, ohne daß ich mich nach einem andern, als dem Dir gewidmeten Geschäfte umsah, mit meinem Tagebuch in Gang zu kommen. Ich bin es nun, teuerster Freund, und schreibe Dir in diesem Augenblicke unter der kleinen Wölbung zweier sich umarmenden, fruchtvollen Granatenbäume, die mich doch kaum vor dem Eindringen der Sonne schützen. Aber wo soll ich Worte, ohne sie an allen Ecken zusammenzusuchen, hernehmen, Dir das ganze Glück meiner bis jetzt gefühlten Existenz anschaulich zu machen? Welche Reize der Neuheit für einen Deutschen umflossen den lachenden Wintermorgen, an dem ich Besitz von meiner heimlichen Wohnung nahm. Sie schwebten den Mittag um die Kost meines kleinen Karthäuser-Tischchens, um die jungen Erbsen, Erdbeeren und Feigen her, mit denen er besetzt wurde. Ein wolkenloser Abend, von dem Du keinen Begriff haben kannst, voller Hoffnung eines gleich schönen Morgens, zauberte mich in den friedlichsten Schlaf; und diesem Tage glichen alle die folgenden, die ich bis heute in diesem Lande verlebt habe. – Indes nun meine Seele während dieses körperlichen Wohlbehagens sich von dem Glücke ihrer teilnehmenden Empfindung belastet fühlt, sage, woher soll bei diesem Zusammenströmen geistigen und leiblichen Lebens, das vielleicht nie ein Gelehrteren dieser Verbindung gekannt hat, woher sollte unsere, für den Hausbedarf zwar notdürftig gebildete – für höhere Gefühle aber immer noch arme Sprache zu einem Kraftworte kommen, das die Seligkeit dieses Zustandes bezeichnet? Die Metallurgie hat eins für den Schimmer, den das durchglühte, kochende Erz auf eine Sekunde von sich wirft, wenn es, von allen beigemischten fremden Teilen gereinigt, den höchsten Grad der vollendeten Scheidung erreicht hat – ein Wort, das ich ihr mit Vergunst der Obern entlehne. Diesen Tag also mit seinem Anhange erlaube mir, lieber Eduard, den Silberblick meines Lebens zu nennen! Möchte er nicht auch, wie bei den edeln Metallen, nur ein Schimmer – und der Übergang zur Verkühlung – nicht auch schon der Anfang seiner Verdunklung sein! Aber wie kann hienieden Reinigkeit mit Brauchbarkeit für die Welt bestehen? Werden nicht Metalle und Seelen nur desto mehr an innerm Gehalte verlieren, je geschwinder sie unter den Händen des Künstlers eine nützliche Form erhalten, und unter dem Gepräge eines Fürsten in Umlauf gesetzt und verdammt werden, Handel und Wandel auf ihren Märkten zu fördern? – Aber Jerom winkt mir – ich schweige. Ich respektiere seine Warnung, seitdem es mir wahrscheinlich wird, daß seine Weissagungen nicht so ganz unerfüllt bleiben werden, als es mein Starrsinn des vorigen Monats gegen ihn behauptete. Freude, Lachen, Müßiggang und Mutwillen scheinen über meinem Schreibtische zu schweben, mir die Feder zu führen und mir die Worte unvermerkt zu vertauschen; ja, hätte mich nicht das heilige Versprechen, das Du mir abnahmest, an mein Tagebuch gefesselt, oh sie würden mich schon gern weit von ihm hinweg, in andere Irrgänge verlockt haben, als die sich um die Blumenbeete meines kleinen Gartens schlängeln . . . * Den 7. Dezember Seit vier Tagen schon, mein Eduard, habe ich einen größern Zirkel um mich geschlagen, den ich nach und nach, wie es sich für einen Genesenden schickt, immer mehr erweitern werde. Da habe ich nun, ohne es zu ahnden, Dinge hinein gezogen, die es wohl verdienen, daß ich sie abzeichne. Ich hatte mich zum ersten Male, und nicht viel über hundert Schritte, von meinem Pavillon entfernt, als ich auf ein Menschenwerk stieß, das – wie soll ich sagen? – den Anstand einer Königin unter dem Flitterstaat einer gemeinen Buhlerin verriet; ein vollkommen erhaltenes römisches Bad, frisch übertüncht, mit neuern Bildsäulen und einem Garten voll Hecken umgeben. Ich wußte lange nicht, woran ich war, bis mir das glücklichste Ungefähr einen Tagelöhner herbeiführte, der selbst Hand an die Entdeckung dieses herrlichen Werks gelegt hatte. Der ausgemachteste Antiquar hätte mir schwerlich mehr Genüge tun können als dieser Mann. So sehr er Franzos war, so gestand er doch treuherzig, daß ihm das Gebäude, als es noch einige Zeit nach der Entdeckung in seinem ehrwürdigen Altertum da stand, weit besser gefallen habe als jetzt. Sein Urteil kam mir sehr glaubhaft vor. Dieses machte ihn so beredt, daß ich unterrichtet genug wäre, Dir die ganze Begebenheit, an der er so wichtigen Anteil nahm, bis auf den letzten Schaufelwurf seiner Hände darzustellen. Vor dieser Epoche wurden weiße Wäsche und reine Teller für den größten Luxus eines hiesigen Einwohners gehalten. Seit vierzig Jahren ist diesem Mangel durch das wieder aufgefundene Geschenk, das die prächtigen Römer dieser Provinz machten, gänzlich abgeholfen. Du kannst Dir also einen Begriff von der Freude des schmutzigen Volks machen, als der Schutt nun weggeräumt war, der so einen Reichtum verbarg, und nun aus einmal der verhaltne Strom mit Getöse hervorbrach . . . * Den 8. Dezember So viele Reize dieser Spaziergang für mich hat, so muß man ihn doch in der Abendzeit besuchen, um ihn in seiner ganzen Schönheit zu sehen; nicht nur deswegen, weil die malerische Dämmerung die frischen Farben ein wenig bleicht, mit denen dieses Denkmal verunstaltet ist, und es dem Auge in dem gräulichen Anstriche wiedergibt, das seinem Alter so wohl ansteht: nein, es rufen einen wieder auflebenden Jüngling, wie ich mich fühle, noch andere, ihm nähere Lockungen in diese ausgezeichnete Gegend. Ein Tempel der Göttin der Keuschheit, der nicht weit vom Bade, von düsterm Gebüsch umschattet, in seinen Ruinen liegt, trägt am meisten zu dem Pittoresken des Ganzen bei. Zahlreiche Wallfahrten strömen dem Tempel zu, sobald sich der Abendstern am Himmel zeigt. Du fühlest, daß du auf heiliger Erde wandelst, wie du dich ihm näherst. Schauer der Vorwelt ergreifen dich, und nicht leicht wirst du irgendwo ein gemächlicher Plätzchen finden, dem Gedanken nachzuhängen, in welchem ich und Du, Salomon Lucian und die Propheten einstimmig zusammentreffen: »Wie doch alles hienieden so eitel ist!« Ich bin hier einige Abende nacheinander hinter dem Mondscheine hergeschlichen, und meine Einbildungskraft kehrte nie unbefriedigt zurück. Oh, daß Du, von Deinen tobenden Winterlustbarkeiten geborgen, Arm in Arm mit mir dieses Gebüsch durchirren und mit eigenen Augen sehen könntest, wie holdselig hier, auch in einer Dezembernacht, Cynthia die säuselnden Blätter der Silberpappeln und des Efeus durchzittert, der die gehaltenen Mauern ihres Tempels umflochten hält! . . . * Den 12. Dezember Ich habe die letzten Tage der vergangenen Woche, wider das Verbot des guten Jerom, meine Berge und Täler, in denen ich verwickelt war, und meine eigene stille Gesellschaft verlassen, um mich in eine zu werfen, die man hier und überall die gute nennt. Ein Besuch bei dem Eveque, einer bei dem Intendanten – das hätte so hingehen mögen, wenn es dabei geblieben wäre. – Doch wie kann es das? Die ersten Leute an einem Orte sind immer mit einem Zirkel umringt, daran ein jeder Punkt die nämliche Aufmerksamkeit von einem Fremden verlangt, wenn die Reihe an ihn kömmt; und keiner, so klein er ist, will überhüpft sein. Nun treten ihre Höflichkeiten in derselben Ordnung um unser Individuum her, bis es endlich müde und matt auf seinen eigenen Schwerpunkt zurückfällt. Mich verwickelt immer diese hergebrachte Sitte der großen Welt in Schwierigkeiten, aus denen ich mich nie recht zu ziehen weiß. Spiel und Souper sind gegenwärtig die ersten Morgenbegrüßungen, von denen ich höre, und die mich endlich auch von hier verjagen werden, wie von Berlin. Ich habe nun einmal keinen Sinn, keinen Magen und keine Zeit für diese Art gesellschaftlichen Vergnügens, um das sich doch leider! groß und klein herumdreht. Bei dem Eveque lernte ich indes eine seiner Verwandten kennen, die ich auch nachher oft und gern wiedersah: die Marquise d'Antremont . Durch die Musenalmanachs sind einige ihrer weiblichen Arbeiten bis nach Deutschland gekommen; die größere Anzahl ist aber auf dem Grund und Boden gesunken, wo sie entstanden, und halten ein strenges Inkognito. Das Gefühl für die Dichtkunst ist eine Art Freimaurergeheimnis, das seine Anhänger in allen Himmelsstrichen ebensobald vertraulich aneinander bindet, als jenes die seinigen. Wir erkannten uns in der ersten Viertelstunde und wechselten, wo nicht unsere Herzen, doch unser gegenseitiges Zutrauen aus, und ich danke ihr schon jetzt mehrere vergnügte Stunden . . . * Es war auch noch ein Dichter, und mich wundert, daß es nur einer war, in dieser Gesellschaft; ein reicher, stattlicher Mann, der eine Revolution von Portugal geschrieben hat, ohne eine in der Dichtkunst zu machen. Er tat mir die Ehre, noch ehe wir beide unsere Namen wußten, mich mit der dritten Auflage seines Trauerspiels zu beschenken. Dies gab mir Anlaß, mich näher nach ihm zu erkundigen, und man machte mir eine beneidenswürdige Schilderung von seinem glücklichen Genie. – Der Mann tut in allem Wunder, was er unternimmt! Sein Vater war ein gemeiner Krämer, und er? Er ist Baron und Besitzer einer großen Domäne, von der er den Namen führt. – Er wünschte die reizendste Frau im Lande und erhielt sie; – den besten Koch, ein prächtiges Haus und Freunde die Menge – der Himmel gewährte ihm das eine, und das andere konnte ihm nicht fehlen. Keine Phantasie stößt ihm auf, er kann sie befriedigen. – Nur bei guten Versen geht es ihm wie Pharaos Zauberern bei den Läusen; er kann sie nicht nachmachen und muß sagen: »Das ist Gottes Finger.« Ich habe sein Werkchen gelesen; das ist alles, was ich für ihn tun kann. Den 13. Dezember Es wird wohl nichts für mich übrig bleiben, als krank zu werden, wenn ich wieder in mein voriges Gleis kommen will, aus dem mich meine neuen höflichen Bekanntschaften drängen. Ich kam eben nach Hause, von dem schönsten Morgen erheitert, voller Friede und Freude, und in keiner andern Absicht, als meinen Hunger geschwind abzutun, um bald wieder zu der Natur zurückzueilen. Da kommt mir Johann mit einer Einladung zum Spiel und Abendessen und mit einem Befehl der Marquise d'Antremont entgegen, sie auf der Esplanade aufzusuchen und in das Schauspiel zu begleiten. Man gibt den Honnête Criminel , ein Lieblingsstück der hiesigen Einwohner, weil es über eine wahre einheimische Geschichte gemodelt ist. – Sie will mir vorher noch den braven Menschen kennen lernen, der durch seine tugendhafte Handlung der Held dieses Dramas geworden ist, Fabré heißt, und nicht weit von hier sein Handwerk als Strumpfwirker treibt. Die Tugend hat auch ihre Genies! Vielleicht hat sie deren mehrere noch als die Wissenschaften – nur bemerkt man sie seltener, weil es schon nicht mehr Tugend sein würde, wenn sie, wie jene vorzüglichen Lieblinge der Musen, nur darauf ausging, Lärm in der Welt zu machen, um, nach einem gewöhnlichen feinen Mißverstande einer guten Lehre, ihr Licht leuchten zu lassen vor den Leuten. Das ist jedoch nicht der Fall des ehrlichen Fabré – er ist unschuldig an seinem Rufe. Die prahlende Menschenliebe des Ministers Choiseul entzog ihn der despotischen Strafe, die er freiwillig seinem Vater abgenommen hatte, und seine Mitbürger, die ziemlich gleichgültig gegen sein Schicksal waren, ehe noch am Hofe davon gesprochen wurde, brüsten sich jetzt mit seiner Tugend, als einer Seltenheit ihres Landes – seitdem sie Aufsehen gemacht hat, und auf dem Theater gespielt wird. * Dachte ich's doch, daß es so gehen würde! Ich habe in der Gesellschaft, mit der ich den Abend zubrachte, den Artigen so gut gemacht, als es mir möglich war: dafür büße ich jetzt in der Nachtmütze, meinem Samtrocke gegenüber, nur desto empfindlicher den Zwang, den ich meiner Natur antat. Mißmütig sitze ich da, und suche die widersprechenden Gefühle zu vereinigen, mit denen mich die feine Welt entließ. Meine Augen verlangen Schlaf, und mein wohlgenährter Körper verlangt Bewegung – ich habe viele witzige Sachen gehört, und doch schleicht sich eine häßliche Migräne um meine Stirne umher, von der ich jeden Augenblick befürchte, daß sie ihn ergreifen wird. In solchen Umständen finde ich bei meinem Tagebuche noch die beste Erleichterung. Es ist mir in deiner Entfernung der trauliche Freund, dem ich mein Herz ausschütte; es zieht meine Gedanken von den unnützen Nachforschungen ab, die ich außerdem auf meine schwierige Verdauung heften würde, und läßt den Schlag nicht eher zu, als bis sich Seele und Körper die Hand bieten. Ich habe also diesmal einen Beruf mehr, dir die Vorfälle meines heutigen Tages zu schildern. Du kannst nicht denken, liebster Freund, was für einem albernen Auftritte ich diesen Nachmittag entgegen ging. – Ich fand die Marquise mit dem redlichen Fabré auf der Esplanade, und seine Geschichte ward, nach unserer geschwind gemachten Bekanntschaft, der Hauptinhalt unsers Gesprächs. – Er mußte mir erzählen, wie lange er die Stelle seines Vaters auf den Galeeren vertreten hätte. Er freute sich mit uns, daß seit seiner Befreiung protestantische Prediger keine Strafe mehr zu befürchten hätten, wenn sie, wie sein Vater, im stillen ihre Pflicht täten; malte mir in natürlichen Ausdrücken den Zustand seiner Seele, während sein Körper in Ketten lag, und wie ihn der Gedanke an seinen guten Vater und an seine Geliebte, die den Wert seiner Tat erkannte, gestärkt, und wie ihn das Bewußtsein, rechtschaffen zu handeln, mitten in seiner Mühseligkeit überreichlich belohnt hätte, und rührte mich durch seine ungezwungene Erzählung bis zu Tränen. Während dieser Unterredung, und da wir eben eine Seitenallee einschlugen, sahen wir am Ende derselben einen dunkeln Rock, der sich durch einen blinkenden Stern schon in der Entfernung auszeichnete. – Wir sprachen ungestört fort, ohne auf diesen Stempel des Verdienstes weiter zu achten, und das war eben mein Unglück. Die Figur war immer näher gerückt, und ehe ich ausweichen konnte, fand ich mich schon von den Armen des unerträglichen Ritters der Annonciade, des Grafen von ** umschlungen. Ich beantwortete sein Fragen, seine Umarmungen und sein Erstaunen so verlegen, wie zu Berlin, und stotterte in der Angst den Namen der Marquise, an die er sich nun mit seiner zwoten Verbeugung wendete. Ich hätte voraussehen können, wie geschwind er dies für eine Aufforderung halten würde, sich in seiner Stärke zu zeigen – Gott weiß, ob er's tat! Der entscheidende Ton, der ihm eigen ist, seine verunglückte Diskantstimme, sein musiver Witz, sein Elsterlachen, vertrieben nur zu bald jedes Merkmal voriger Zufriedenheit aus unser aller Gesichtern. Um seiner los zu werden, verfiel ich auf das einzige Mittel, das uns bei einem Schwätzer übrig bleibt: – ihn selbst zu verlassen. Ich sah nach meiner Uhr und fragte die Marquise: ob es nicht Zeit sei in die Komödie zu gehen? Kaum war diese Frage entwischt, so tat er den Sprung der Verwunderung zurück. »Bei dem Gotte des guten Geschmacks!« quäkte er: »was wollen Sie in der Komödie machen? Doch« . . . erholte er sich wieder: »meinetwegen sollen Sie sich nicht abhalten lassen. Das heutige Stück ist zwar, nach dem Zettel, auf den ich dort an der Ecke im Vorbeigehen einen Blick warf, in der Tat keines der ersten. Die Szenen sind matt, und das ganze Sujet ist unter der tragischen Würde. Indes – dergleichen Mißgeburten gehören ja zur herrschenden Mode! Vor vielen Jahren wurde es sogar in der Hauptstadt aufgeführt. – Doch das beweist freilich nichts für seine Güte!« Der Kenner klagt auch dort, die Bühne sei, zum Schimpfe Des heutigen Geschmacks, bei'm Tode Cäsars leer. Allein was schadet das? Weint etwa das Parterr Beim Centfall einer Bauernnymphe Um einen Tropfen weniger? Sonst hatten wir mit Kronen nur Verkehr, Dies ist vorbei – Kein Mensch, wenn ich die Nase rümpfe, Gibt Acht darauf. Jetzt trabt kein Ritterheer, Kein König in Triumph auf unsern Bühnen mehr, Denn unser Modeheld – wirkt Strümpfe.« Das Blut stieg dem ehrlichen Fabré in das Gesicht. Die Marquise erschrak, und ich, der ich mich als die erste Ursache dieses groben Ausfalls meines witzigen Landmannes ansah, mir vorwarf, daß ich unsern ehrlichen Begleiter nicht zur rechten Zeit dem Grafen vorstellte – was ich in diesem Augenblicke empfand, das wirst Du Dir selbst sagen. Ein Fehler folgte in dieser unseligen Stunde aus dem andern. »Lieber Graf,« sagte ich, um die Sache gut zu machen, »vergeben Sie mir, daß ich Ihnen diesen Herrn noch nicht bekannt gemacht habe. Es ist eben der rechtschaffene Herr Fabré, dessen rührende Geschichte der Inhalt des heutigen Stücks ist. Ihr Epigramm kann in Absicht der Ausführung dieses Schauspiels sehr wahr sein: das wird Sie aber gewiß nicht abhalten, der Tat selbst, die zum Grunde liegt, und den Verdiensten dieses edeln Bürgers Ihre schuldige Achtung zu schenken.« Ich Unbesonnener! Was für ein Gewitter erregte ich! Ein edler Bürger! Welch ein Schrecken Ergriff sein deutsches Ohr bei dieser Dissonanz! Ihm stieg der Kamm, sein Auge schwamm im Glanz Und ausgeschmückt mit Panzer, Helm und Decken, Trabt' er einher auf seinem alten Schecken Gerade los auf Fabers Eichenkranz. Doch ich, dem jetzt der Retter seines Vaters Und deutsche Ritterschaft gleich nah' am Herzen lag, Fand noch, so schwer es war, ein Mittel zum Vertrag: Sprach mit dem festen Mann von der Entree des Praters Und von dem neusten Ritterschlag, Mit Fabern vom Getös des bunten Welttheaters Voll Helden, die doch nur der letzte Probetag, Der alle Masken hebt, zu würdigen vermag. So mischt' ich schlau mit Ernst und Spotte Die Karten so, daß mein verdecktes Spiel, Mit zwei Gesichtern, gleich dem Kriegesgotte Den beiden nach verschiednem Ziel Hinstrebenden gleich wohl gefiel, Und so wurd' ich kraft jener Menschenkunde, Die mich der Hof, die Welt und mein Gefühl gelehrt, Von Freund und Feind mit einem Munde Als Kenner des Verdiensts geehrt. Da ich es so weit gebracht hatte, bot ich der Marquise den Arm und eilte mit ihr aus der Atmosphäre des Schwätzers, um mir in der Loge den Angstschweiß abzutrocknen, in welchen mich dieser Auftritt gesetzt hatte. Der gute Fabré begleitete uns, und ich hoffe, daß ihn die Empfindungen, die ihm während der Vorstellung seiner guten Taten aufsteigen mußten, und der Beifall, den ihm das Parterre zuklatschte, mehr als hinlänglich für das Vorhergegangene entschädigt haben soll. Mir erlaubte mein Verdruß nicht, dem Stücke die Aufmerksamkeit zu schenken, die es verdient. Ich schämte mich in die Seele des Grafen, und trug meine Zerstreuung und Laune mit in die Gesellschaft über, von der zu meinem Vergnügen der ehrliche Fabré, trotz seiner Zunftmäßigkeit, nicht ausgeschlossen war. Um den Grafen bekümmerte sich kein Mensch außer mir, dem immer noch seine Narrheit vorschwebte. Ich war froh, als Schauspiel, Kartenspiel und Souper überstanden war, und bin jetzt noch froher, daß ich mich müde geschrieben und nun die nahe Hoffnung habe, meine heutige Ärgernis zu verschlafen. * Den 14. Dezember Meine erste Sorge, als ich erwachte, war, auf die Post zu schicken und Erkundigung einzuziehn, ob der fremde Herr mit dem Sterne fort sei, und verschloß unterdessen meine Türe, bis die Antwort zurückkam, aus Furcht vor seinem Überfalle. Kaum hörte ich, daß er zwar Postpferde, doch erst auf den Nachmittag bestellt habe, so entschloß ich mich ganz kurz, ließ mir ein gutes Frühstück geben, tat Verzicht auf das Mittagsmahl, eilte nach meiner lieben Fontaine, und da ich mich auch da noch nicht für sicher genug hielt, erstieg ich den hohen Berg, der daran stößt. Nun erst schöpfte ich Atem, und sah in der stolzen Sicherheit einer einsamen Gemse auf meinen Verfolger herab, und in kurzem verschwand – Dank sei es der gütigen Natur – jede widrige Empfindung. Ein unförmliches, uraltes, hohes, zugespitztes Gewölbe auf der Mitte dieses Gebirges, an welchem die Untersuchungen des herzhaftesten Antiquars scheitern, dominirt hier wie eine Bischofsmütze, über das unter ihm ausgebreitete Land. Das gemeine Volk nennt dieses sonderbare Gebäude »den Leuchtturm«, vermutlich um dem Kinde einen Namen zu geben; da der Augenschein lehrt, daß ihm dieses Beiwort so wenig zukömmt, als der Magistertitel einer Schildkröte. Die Römer fanden es schon zu ihrer Zeit in der nämlichen Gestalt. Mir scheint es von Dummköpfen für die Ewigkeit gebaut zu sein, die hier zum ersten Male ihre Absicht erreichten. Nach der leblosen imposanten Ruhe, die diesen Turm umgibt, würde ich zwar noch lieber glauben, daß er von Tauben und Stummen dem Gotte des Stillschweigens zu Ehren errichtet sei, wenn es mir nicht zu wehe täte, einem solchen Gotte einen so barbarischen Tempel anzuweisen. Die Andacht findet indes überall das höhere Wesen, von dem sie voll ist, und so ging es auch mir. – Ich fühlte mich gestimmt, dem Gotte, dessen Gegenwart ich ahndete, auf allen Fall mein Opfer zu bringen. Ernst und schaudernd blickte ich um mich her; die Knie zitterten mir; gemach sank ich auf ein bemoostes Felsenstück, aus dessen Ritzen hier und da eine Lotusblume hervorsproßte, legte den Finger auf den Mund, und ein stilles Gebet strömte in frommem Entzücken aus dem gerührten Herzen: »Du Wesen, das zu mir beredter Als Phöbus und die Musen spricht, Sei, du bescheidenster der Götter, So oft mich deiner Ehre Spötter Umschnattern, meine Zuversicht! Steh' im Gedräng der Gallatage Mit deiner Gegenwart mir bei, Daß ich nur heimlich dir es klage, Wie unbequem mir jede Lage Am Hofe eines Fürsten sei. Errette mich, wenn ich der Toren Verdecktes Spiel, wenn ich zu nah Des Midas königliche Ohren, Wenn ich Nicaisens Kopf beschoren, Und Meßmern in die Fenster sah! Verhülle unter einem Kranze Von Lotus mein empörtes Haar, Wenn mich aus ihrem Mittagsglanze Die Göttin schrecket, die im Tanze Des Abends meine Phryne war! Beschütze mich vor Fürstenrache, Den Martern eines Struensee, Wenn ich nach mancher Ehrenwache In meines Sohnes Vorgemache Unkenntlich wie Ulysses steh! Und führe mich, den Mund verschlossen, Durch Autor- und Sophistenschlamm; Versüße meinen Zeitgenossen Die Bitterkeit von meinen Glossen, Und werde du mein Epigramm!« Hoch pochte mir das Herz während dieser feierlichen Mette. Ich blickte wild in die Ferne, und stieg vom Rande des blauen Horizonts mit einem forschenden Blicke in die Zukunft, hörte den Strom der Zeit rauschen, sah mich von seinen brausenden Wellen ergriffen und als ein verwelktes Blatt fortschwemmen. – Ich erschrak, sprang mit sträubendem Haare von meinem harten Sitze auf und verließ mit eilenden Füßen diesen Felsen des Harpokrat. Unachtsam auf den Weg, den ich nahm, kletterte ich von einer Steinstufe zur andern herab und befand mich, ehe ich daran dachte, auf einer Wiese, die der Natur noch nicht abgewonnen, und der Grund eines Kessels von Bergen war. Wie ich mich der Erde näher fühlte, verschwand meine Schwärmerei, aber mein Bewußtsein kehrte desto schreckender zurück. Unwillkürlich hatte ich mich in dem Kreise des Gebirges gedreht, das mich umschloß, und die Spur verloren, die mich hierher führte. In der Höhe, wohin mein starres Auge blickte, umzog mich nur das wolkenlose Gewand des Himmels und keck grünendes Moos polsterte den Zirkel, in den sich vielleicht seit seiner Erschaffung kein menschlicher Fuß verirrt hatte, und in welchem ich jetzt, wie die Bildsäule des Erstaunens, ohne Bewegung stand. Die Sonne und alle himmlischen Zeichen waren für mich verloschen. – Umsonst spannte ich mein Ohr nach einem Laute – nur nach einem einzigen Laute der Schöpfung – und hörte nichts als das Picken meiner Uhr. Unnennbare Angst, die mich nun ergriff, stärkte endlich meine wankenden Füße zu dem Entschlusse, auf gut Glück den ersten besten Radium dieses Gebirges zu erklimmen. – Mühselig war mein Weg; oft glaubte ich vor Erschlaffung wieder zurück zu stürzen: – aber – wie belohnend war auch endlich der Blick, den ich nun an dem errungenen Ziele in den Abgrund tat! An seinem Rande erholte ich mich wieder von meiner Müdigkeit und Angst, und bald zeigte mir menschliches Gefühl wiederkommender Eitelkeit, daß ich gerettet sei. Ich versuchte zuerst meine erneuerten Kräfte an einem ungeheuern Sandsteine, den ich kaum mit der größten Anstrengung die wenigen Zolle fortbewegen konnte, die er vom Abhange des Felsen entfernt lag. »Du sollst«, sagte ich, »das Monument meines Hierseins werden.« Und nach der Arbeit einer Stunde hatte ich das Vergnügen, ihn rollen, in seinem Falle die Felsenspitze abschlagen, und das tiefe Moos, in das er sich einsenkte, um ihn herum auffahren zu sehen. – Hier wirst du vielleicht noch liegen, sagte mein Stolz, wenn die folgenden Jahrtausende alle gleichzeitigen Monumente größerer Taten und Verirrungen von der Oberfläche der Erde weggespült haben! – und mit gutmütigem Lächeln verließ ich diesen merkwürdigen Ort. * Da ich in einer mäßigen Entfernung auf dem Rücken des Gebirges ein großes Gebäude erblickte, war ich außer Sorgen. Dort werden vernünftige Geschöpfe wohnen, dachte ich, und ward meinen kleinen Irrtum nicht eher, als nach einer guten halben Stunde gewahr. Du kannst denken, ob ich jetzt genau auf meinen Weg Achtung gab. – Behutsam stahl ich mich auf die Seite, jeden Abhang vorbei, um nicht in die Verlegenheit zu kommen, mir noch ein Monument zu setzen, und so kam ich glücklich bis an die Mauern eines Klosters, eben in dem glücklichen Augenblicke, da die Gesellschaft aufbrach, um in die Abendmette zu gehen. Ich hielt mich in gehöriger Entfernung von ihrem Zuge, der abwärts ging, trat, wie er fortrückte, immer weiter vor, sah mein liebes Nimes unter mir liegen, und die weiß bekleideten Mönche mit gesenkten Häuptern in einen, wo nicht der prächtigsten, doch geschmackvollsten Tempel treten, der, wie an den Fuß des Berges gelehnt, mir in das Gesicht fiel. So lehnte sich in königlicher Größe, Als Hirte noch, auf seinen Stab Isais Sohn, im blökenden Getöse Der Herde Viehs, die ihn umgab, Kein Pilger geht vorbei – ihn rühret Der Weisheit Ernst, dies sprechende Gesicht; Nur seine Herde, die er führet, Blökt um ihn her und kennt ihn nicht. * Wie ein Wollust atmender Liebhaber aus fein berechneter Sinnlichkeit verweilt, um jeden einzelnen Reiz seiner Geliebten, den eine andere Stellung, eine andere Seite, ein anderes Licht ihm gewähren kann, noch aufzufangen; wie er seinen Heißhunger bis zum Ungestüm wachsen läßt, ehe er sich erlaubt, den letzten Schleier zu heben – so verzögerte auch ich manche Minute auf dem Schlangenwege, der zu diesem Tempel führt, fing die Strahlen seines Glanzes in jeder Wendung auf, und genoß erst jede nach und nach hervortretende Schönheit meines Gemäldes, ehe ich mich dem Eindrucke des Ganzen preisgab. Meine Augen verirrten sich jetzt bald in dem spielenden Laubwerke, das die Corniche füllte, die, wie eine königliche Binde, den Dom dieses Tempels umwand; bald weidete ich sie an der erhabenen Stellung und den herrlichen Verhältnissen seiner kannelirten Säulen; und die Mannigfaltigkeit der Anmut dieses unversehrten Denkmals römischer Größe würde mich vielleicht noch Stunden hindurch beschäftigt haben, wenn nicht der hastige Durchbruch der Mönche meine weitschweifende Einbildungskraft geschwind wieder in die jetzigen Zeiten versetzt hätte. Als ihr Haufe beisammen und auf seinem Fortzuge begriffen war, und nun auch der letzte Geweihte heraus trat, der dieses Heiligtum verschließen mußte, wagte ich es, mich ihm in demütiger Stellung zu nähern, und um die Erlaubnis zu bitten, auch das Innere dieses trefflichen Altertums zu bewundern. »Sehr gern,« antwortete der dicke, kurz atmende Mönch. »Ich will Ihnen alles zeigen – alles erklären.« Wir traten ein. Ein Blick schon überzeugte mich, daß hier für meine Art Schwärmerei nichts weiter zu tun sei, und die Erzählung, mit der mich mein Begleiter, während daß wir zum Hochaltare hin, und zur Halle zurück kamen, beschenkte, ließ mich ohnehin auf nichts anderes achten. »Welch ein Ideal!« fing ich an – das einzige Wort, das er mir erlaubte: denn sogleich legte sich seine asthmatische Stimme darein, die unter ihrer Last von abgebrochenen Sätzen und zerquetschten Silben immer auszubleiben drohte, und ich kenne keine Muse so grotesk-komisch, deren Beihülfe mir die Nachäffung dieses Vorbildes erleichtern könnte. Hier hast du indes, mein nachsichtsvoller Freund, einen gewagten Versuch. Hilf Deiner Einbildungkraft damit, so gut du kannst! Lies ihn aber, wenn du nicht allen Schatten der Wahrheit davon verlieren willst, nicht eher als nach einer guten Mahlzeit, und in einer Weste, die dir zu eng ist. – So möchte es noch am ersten gehen! Traulich verschlang der Mönch meine dürre Hand mit einer fleischigten Tatze, und fiel mir, wie folget, in die Rede: »Das Ideal Zu dem Gebäude Erfand einmal Ein blinder Heide: Ein Mönch vor Zeit Hat es erhandelt Und Dunkelheit In Licht verwandelt. Doch lange stritt, Sich hier zu setzen, Maria mit Der Heiden Götzen. Der Gott des Weins Saß viele Jahre Vor Anno Eins Am Hochaltare. Ihm war das Glas Und seine Venus Sein Gratias Und sein Oremus: Der Göttin nur Aux belles fesses Las Epikur Zuweilen Messe. Auch sang zur Ehr Dem stolzem Kaiser Sich Flaccus mehr Als einmal heiser. Doch einst verhob Ein schneller Husten Sein Morgen-Lob- Lied auf Augusten, Und aus dem Hals Fuhr dem Cantori Nun nichts mehr als Memento mori . Mein Kamerad, Auf alle Fälle Gefaßt, vertrat Sogleich die Stelle, Ging hin – verband Sich mit Marien Das Mesgewand Ihm auszuziehen. Er tat's; da fiel Tot auf den Boden Der große Spiel- Mann süßer Oden. Der Tempel roch Nach Pech und Schwefel Und zeugte noch Von seinem Frevel; Und plötzlich sah Man Gottes Scharen In Gloria Vom Himmel fahren: Ja, Freund, ein Schwarm Schneeweißer Engel, In jedem Arm Ein Lilienstengel, Umzog – erstieg Der Götter Felsen. Sieg! schrien wir, Sieg! Aus vollen Hälsen, Und steckten bald Die Siegesfahne Der Mönchsgewalt Zum Wetterhahne – Seitdem verziehn Hier funfzig brave Geweihte Schafe, Sankt Augustin Geweihet, zu Mariens Füßen, Des Lebens Ruh Ganz zu genießen. Sie schenkt uns Most Aus fremden Kellern, Und Laien-Kost Auf Kloster-Tellern. Drum bleibt der Zweck Von unsrer Lehre Der unbefleck- Ten Jungfrau Ehre. Nun, Fremdling, geh Und sag es weiter – Gott aus der Höh Sei dein Wegleiter!« Mit diesen Worten drehte er seinen schweren Schlüssel herum, nahm sein Käppchen ab, watschelte nun ruhig seinen Mitgehülfen an dem Dienste der Maria nach, und ließ mich in Erstaunen und in der wohltätigsten Erschütterung meines Zwerchfells stehen, die so lange anhielt, bis ich den Berg völlig von ihm erstiegen, und ihn seinem Kloster sicher wieder überliefert sah. Gehab dich wohl, fromme gutmütige Einfalt! wünschte ich ihm hinterher. Dein Futter schmecke dir (ich habe nichts darwider) so lange wohl, als es Gott will! Und da du einmal so weit bist, so müsse dich nie Zweifel, Wissenschaft und Aufklärung um die beruhigende Finsternis deiner frommen Maulwurfsseele bringen! – Der Weg, den du bis nach Sabinum zurück gehen müßtest, würde für dich zu ermüdend sein. Was kannst du dafür, daß deine Begriffe nicht in dem Ideenhandel eines Diderot, Büffon und d'Alembert gewonnen sind? Und was kannst du endlich dafür, daß du nicht so mager bist als ich? Spät und erschöpft kam ich in meine Wohnung; ich zeichnete nur noch die Bilder meines heutigen Tages in mein Buch, ohne die Einladungszettel, die auf meinem Tische liegen, eines Blickes zu würdigen, trinke noch an einem erfrischenden Glase Wassers aus meinem benachbarten römischen Quell, und sehe dem stärkenden Schlafe mit jenem frohen Lächeln entgegen, wozu eine gute gesunde Seele sich bei menschlichen Torheiten immer geneigter fühlt, als zu Tränen. * Den 19. Dezember Zwischen meinem letzten großen Spaziergange und heute liegen vier traurig verlebte Tage, die unmittelbar hinter jenem herfolgten, in der Mitte. Ein böser Wind, den man la Bise nennt, durchschneidender und gefährlicher als keiner auf unserm Riesengebirge, hat diese Lücke meines Tagebuchs verursacht und mich zu einem Stillstande in der Laufbahn meines Vergnügens und zu mancher harten Buße für das kaum genossene verdammt. Ich bin wieder von Ärzten besucht und mit Arzneien genährt worden – habe die dürren Reiser eines ganzen Weinbergs verbrannt und mich doch nur mit Mühe von der Menschendruse heilen können, die mich unter dem Namen la Grippe überraschte und von Haus zu Hause ging. Wie hätte ich diesem freundlichen Lande so eine Hinterlist zutrauen können? – Aber die Sonne scheint wieder, und jeder Strahl von ihr bringt neues Leben, Freude und Gesundheit zurück. Es ist wohl schade um die acht ungenießbaren Tage, die ich verhustet habe, und die ich leicht besser hätte benutzen können. Das übelste dabei ist, daß mir keine Zeit übrig bleibt, meinen Verlust einzubringen; denn da ich gern auch die übrigen Teile von Languedoc und die benachbarte, nicht minder schöne Provence durchstreifen und in Bourdeau einen Vorsprung vor der heißen Witterung gewinnen will, die mit Anfange des Märzes schon drückend wird, so bleibt mir für Nimes nicht viel mehr als eine Woche übrig, und auch diese ist mir außer dieser guten Stadt angewiesen. Mein kluger Arzt hat mir geraten, sie auf dem Lande zuzubringen, um meine Erholung durch jene einfache Lebensart – das einzige, was in Städten nicht zu erkaufen ist – desto sicherer zu befördern. Diese Kur geht mir lange nicht so bitter ein, als sich der gute Mann wohl vorstellen mochte. Ich habe ohne Schwierigkeiten Anstalten zu meinem Abzuge gemacht, und meinen Johann schon heute auf die umliegenden Dörfer geschickt, mir eine Wohnung auszusuchen. Er weiß sehr gut, was mir behagt. – Morgen will ich Abschied von der Stadt nehmen; bei dem Eveque und seiner Nichte persönlich; bei meinen übrigen im Flug gemachten Bekanntschaften durch Karten, wodurch die meisten erst, ehe sie das Blatt in den Kamin werfen, erfahren werden, wie ich heiße. Johann ist zurück, doch ich bin mit seinen Verrichtungen nur halb zufrieden. Er hat mir, glaube ich, das unbequemste Quartier gemietet, das in der Gegend zu finden war. Freilich hat es nach seiner Versicherung so vieles andere Gute, daß ich, um billig zu sein, die Eingeschränktheit nicht achten darf, in der ich hausen soll. – »Sie müssen«, sagte er so trocken, als ob es Verordnung des Arztes wäre, »mit Wirt und Wirtin in einem Stübchen wohnen, das nicht allzu groß ist; müssen an einem Tische mit ihnen vorlieb mit der Kost nehmen, die die Küche eines Bauern vermag, und müssen dem Ehebette gegenüber schlafen.« »Kerl,« fuhr ich auf, »glaubst du, daß ich ein Dragoner bin?« Aber Johann ließ sich nicht stören. – »Mit solchen Menschen,« fuhr er fort, »wie diese sind, ich weiß es im voraus, treten Sie gern in alle Verbindungen, wie sie möglich sein wollen. – Reine, unverdorbene Natur, die glückseligste Häuslichkeit, und ein . . .« »Laß es damit gut sein,« fiel ich ihm ins Wort und schüttelte den Kopf: »Erzähle nur ganz einfältig und gerade, warum es eben ein so enges Stübchen sein mußte?« – »Ich hätte Ihnen zwar ebenso leicht«, antwortete Johann, »ein großes, prächtiges, leer stehendes Haus, das dem Herrn des Dorfes gehört, mieten können, und es steht Ihnen noch frei, es zu tun. – Doch es wird keine Not haben. – Ich kenne Ihre Bedürfnisse, und mehr Fröhlichkeit, Reinlichkeit und Dienstfertigkeit, als Sie in dieser Hütte antreffen, würden Sie sogar in den schönsten Palästen Berlins vergebens suchen. Ich habe in einigen davon gedient, ehe ich zu Ihnen kam: aber, aber . . . »Gut, mein lieber Johann,« sagte ich etwas beruhigt: »Morgen mit dem frühesten trage meinen Namen in der Stadt herum, und übermorgen mit Tagesanbruche wollen wir uns auf den Weg machen.« * Den 20. Dezember Von dem heutigen Tage nichts, was sich der Mühe verlohnt! – Es ist alles abgetan, was die leidige Höflichkeit verlangt, und sogar von meiner poetischen Freundin ist mir der Abschied nicht schwer geworden. Meine Koffer habe ich meiner Hauswirtin bis zur völligen Abreise aus dieser Provinz übergeben und bezahle ihr das Quartier auf den ganzen Monat. Sie wimmert, daß ich ihren Pavillon so bald verlasse, und schimpft auf die häßliche Grippe, die ihr schon manchen guten Fremden verjagt hätte . . . Da die Winde hier einmal wie das andere ihren Strich halten, und nicht wie Salomons Winde blasen, wohin sie wollen, so hat man eine bequeme Karte, auf der man leicht übersehen kann, welche Örter ihrem Durchzuge unterworfen sind. Wäre Nimes eine Meile seitwärts auf der Stelle des Dörfchens gebaut, das ich morgen beziehe, so würden die Ärzte wenig hier zu tun finden, und ich hätte meinen Pavillon schwerlich so bald verlassen. Was würde aus Nimes geworden sein, wären die Römer so empfindlich gegen den Schnupfen gewesen als ich! * Den 21. Dezember Heute, in der Wärme eines Frühlingsmorgens, bezog ich mein Dörfchen, das den Namen Caverac führt und nur anderthalb Stunden von der Stadt entfernt ist. Es ist einem Baron zuständig, der um seinen König herumkriecht und sein Schloß unbesucht läßt, das ohne Hülfe unter seiner eigenen Pracht und Größe erliegt. Die kleinen Bauerhütten, die es umzingeln, sehen wie Brocken aus, die Wind und Wetter von seiner Felsenwand abgespült haben: aber sie liegen sicher und ruhig, indes die zerstörende Zeit unermüdet an dem Einsturze des nachbarlichen Kolosses arbeitet. Ich nahm ohne Umstände Besitz von dem Kästchen, das Johann, mit einem Gefühl, das seinem Herzen Ehre macht, für mich ausgesucht hatte, und möchte es, so hölzern es ist, für keinen Preis gegen den traurigen Aufenthalt in jener Steinmasse vertauschen, die ihm zur belehrenden Aussicht gegenüberliegt. – Und die Bewohner dieser Hütte – wer wollte nicht mit ihnen zufrieden sein? . . . * Reine, unverdorbene Natur! Warum verwies ich meinem Johann diesen Ausdruck, der, so oft er auch gemißbraucht wird, doch auf diesen gesunden, tätigen, fröhlichen Mann und auf sein junges, reizendes, liebevolles Weib so passend ist, daß ich für diese glücklich zusammen Gepaarten keinen schicklichern ausfündig zu machen wüßte. Ein Morgen Land, der an ihre Hütte anstößt, mit Oliven, Feigen und Maulbeerbäumen besetzt; eine Ölpresse und ein Behälter im Vorhause für ihre Seidenwürmer: das sind die einfachen Mittel ihres Unterhalts, und nie, sagen sie, habe sich noch Mangel und Schwermut ihrer Schwelle genähert. Sie treiben ihre Handarbeit wie ein Spiel, durch das sie Hunger, Schlaf und Stärke der Liebe gewinnen. An die Seele denken sie nicht: diese ist bei ihnen ein Acker, der von selbst nur reine und gesunde Frucht tragen kann und keiner mühsamen Bearbeitung bedarf. Die Kunst, zufrieden zu sein, liegt ihnen in dem Herzen, wie die Kunst zu leben in den Augen. Sie nützen diese natürlichen Eigenschaften, ohne einen Augenblick über die Mechanik derselben nachzudenken. Da es für heute zu spät war, einen neuen Küchenzettel zu entwerfen, so mußte ich mich diesen Mittag mit ihrer gewöhnlichen Kost begnügen; und dazu gehörte fürwahr keine große Verleugnung. Kräftiger, behaupte ich, kann man nicht kochen, und freundlicher kann man nicht vorlegen als dieses Weib. »Wer hat sie,« sagte ich zu mir selbst, wenn sie durch Wahrheit und Einfalt ihrer Rede mein Herz an sich zog, »wer hat sie ohne Kenntnis, ohne Bücher, ohne Welt gelehrt, so bemächtigend zu werden? Oder ist eben dieser Abgang Ursache, daß sie es in diesem Grade ist?« Mein Bette, mein hölzerner Stuhl und ein Tisch für meine Schreiberei und kleine Gerätschaften stehen hinter einem Verschlage, der beinahe das Viertel von der Stube einnimmt, – und damit sind hinlänglich die Grenzen des Eigentums und der erkünstelten Schamhaftigkeit gewahrt. Alles lehrt mich hier, unter welchem geringen Aufwande menschliche Zufriedenheit bestehen kann. Ich bot meiner Wirtin einen Vorschuß von zwölf Laubtalern an, um die Kosten der vergrößerten Wirtschaft zu bestreiten, da sie ja wohl auch, solange ich bei ihnen bin, meine Gäste sein müssen. – Könnte ich mich nur immer so auslachen sehen! »Wollen Sie ein Jahr bei uns bleiben, mein Herr?« sagte sie: »Was soll ich um des Himmels willen mit so vielem Gelde anfangen? Spärlich und nährlich! mehr kann mein kleiner Herd und meine Kochkunst nicht bestreiten. – Sie müssen, mein Herr, ich kann Ihnen nicht helfen, mit zwei Gerichten zufrieden sein. Ihre Gesundheit und Ihre Börse werden dabei gewinnen; und doch sollen Sie mit rötern Backen von uns gehen, als Sie mitgebracht haben. Geben Sie mir drei Stücke von Ihrer Münze; ich will zusehen, wie weit ich damit komme, und übrigens tun Sie nur, als ob Sie zu uns gehörten. In zweien Tagen, wette ich, schicken Sie Ihre Arzneien ins Spital; denn in unserm Dorfe kann sie kein Mensch brauchen.« – Und so flog sie, die sechzehnjährige Hausmutter, zu ihrer ungekünstelten Wirtschaft. Der Mann übernahm, mich in Bewegung zu setzen. Er führte mich erst um das Schloß seines Lehnsherrn herum. »Wenn Sie«, sagte er, »die großen Säle sehen könnten, die hier übereinander gewölbt sind, so würden Sie denken, der Mann habe zum Riesengeschlechte gehört, der sie gebaut hat; und doch soll er nicht mehr Mensch gewesen sein, als sein Enkel, der ein so zierliches Männchen ist, daß er in einem Vogelbauer Raum hätte. Es hängt mancher Schweißtropfen meines armen Ältervaters an diesen Steinen, der noch mit zu den dicken Mauern gefront hat, die jetzt wieder einstürzen. Seit funfzig Jahren ist kein Rauch aus diesen verzierten Schornsteinen gestiegen. Die Besitzer dieses unnützen Gebäudes fliehen es wie einen Abgrund, der ihr Erbteil verschlungen hat, und mir und andern stiehlt es die schöne Aussicht auf das freie Feld, das darhinter liegt. Da lobe ich mir doch die kleinen Häuser von Klebwerk, wie das meine, die man ohne Kosten selbst flickt, wenn sie wandelbar werden – um ein geringes wieder aufbaut, wenn sie zusammenfallen, und in denen starke mutige Menschen wohnen, die darin grau werden.« Alles Verödete, liebster Eduard, läßt auch das Herz leer. Wir wurden erst froh, als wir das gesellige Dorf durchwandelten. Was für ein ganz anderes Gemälde für den Geist gegen jene Einöde des kummervollen Stolzes! Hier war alles lebendig. Bald fuhr der Amorskopf eines rotwangigen Jungens zu seinem kleinen Fenster heraus; bald begleiteten uns die Rabenaugen eines blühenden Mädchens über die Gasse. Hier kam uns der Reif entgegengerollt, hinter dem ein Dutzend spielende Kinder hersprangen. Dort entblößt ein freundlicher Alter sein graues Haupt, um uns seinen patriarchalischen Segen zu geben. Aus allen Ecken, unter allen Strohdächern hervor, blickte Friede und Freude, Tätigkeit oder Ruhe nach vollbrachter Arbeit. Welches Auge könnte so verwöhnt sein, an diesen bevölkerten Hütten die Verhältnisse eines Palladio, und in dieser Männer Leben und den Spielen ihrer Kinder den Maschinengang der großen Welt zu vermissen? Das Dorf ist reinlich, und seine Lage höchst angenehm. Ich machte auf unserm Rückwege noch eine Entdeckung, die mir viel wert ist. Sein kleines Gebiet schließt einen Berg ein, dessen mit Fichten, Mandelbäumen und Geniste bunt untereinander bewachsenen Gipfel ich mir zum Ziel meiner Morgengänge ausersehen habe. So fehlt mir hier nichts, was meine einfache Diät bedarf. Johann tut sich nicht wenig zugute auf die Zufriedenheit, die er an mir wahrnimmt, und brüstet sich manchmal wie ein Magister, der sich seit kurzem zum Wegweiser der wahren Glückseligkeit, wie man sagt, habilitiert hat. * Den 22. Dezember Ich trennte mich gestern von Dir und meinem Tagebuche eher, als ich gewohnt bin. Das glückliche Paar meiner Hausleute eilte, nach hergebrachter Dorfsitte, mit herannahender Dunkelheit seinem Bette zu, und ich – zu gutmütig, sie durch das Licht, das meine Schreiberei erleuchtete, in ihrer verdienten Ruhe zu stören, ahmte ihnen nach, ohne schläfrig zu sein, und bin herrlich für meine Verleugnung der großen Welt belohnt worden. Der zeitige Schlaf vor Mitternacht, in der mir ungewöhnlichen Stille, die mich bald einwiegte, brachte mir heute einen ebenso ungewöhnlichen zeitigen Morgen ein. Ich strebte schon dem Fichtenberge zu, da noch die Glut in graulichem Nebel unter ihm lag, sah den Vorhang sich heben, und gewann dadurch den überraschenden Anblick des immer glänzender hervortretenden Schauspiels. So sehr es mein Herz entzückte, so neu war es ihm auch – neuer als ich gegen die Natur verantworten konnte. Ich tat ihr meine öffentliche Abbitte des verwegenen Gedankens halber, den ich mir so oft erlaubte: als habe sie mir nichts mehr vorzusetzen, das den Gaum eines so übersatten Menschen, wie ich, noch reizen könne. Was für eine Allgewalt hat nicht die Bergluft über die bessern Empfindungen der Seele! Weißt Du es noch nicht aus eigner Erfahrung, so eile Freund, sie zu gewinnen, sobald es nur euer eiserner Himmel erlaubt . . . Nach dem köstlichen ländlichen Mahl, das mich an der Seite zweier guter Menschen erwartete, als ich hungrig zurückkam, führte mich mein Wirt auf den allgemeinen Kegelplatz des Dorfs, um mich mit einem Blicke die ganze Gemeinde kennen zu lehren. Der Nachmittag ist in diesem Lande nur dem Vergnügen – und keinem mehr gewidmet, als dem Kegelspiele; und nichts kann wohl deutlicher von dem leichten Nahrungserwerb seiner Bewohner zeugen, als dieser Hang. Der Seidenwurm erfordert nur sechs Wochen Aufsicht und Wartung, wie unsere Kindbetterinnen, und belohnt dennoch dem Landmann weit reichlicher seine kleine Mühe, als der fruchtbarste Getreidebau und die fruchtbarste Frau bei uns. Die Olivenernte schlägt selten fehl, und der äußerst wohlfeile Preis des trefflichsten Weines zeugt von seinem Überflusse. Was für Forderungen können also diesen guten Leuten noch zu befriedigen übrig bleiben, als die Forderungen des Vergnügens? Mein Begleiter war allen willkommen und ich mit ihm. Ich nahm indes nur einen mäßigen Anteil an ihrem Zeitvertreibe, da ich nicht weit davon die jüngere Klasse des Dorfs nach dem Takte einer Leier ihren Mut auswalzen sah. Ich stahl mich unvermerkt von der Seite meines Führers hinweg und labte mein Auge an dem Ausdrucke der Freude – an den feurigen Blicken der Jünglinge und dem pochenden Herzen ihrer Geliebten. Blaise, mein Freund – immer erlaube mir, auch ihm diesen Namen zu geben – überraschte mich, da eben meine Augen auf dem liebevollen Gesichte eines Mädchens ruhten, das der Huldigung eines Sultans würdig gewesen wäre. Er sah es, und fand ganz natürlich, daß mir dieses Geschlecht nicht gleichgültig sei. »Wenn Sie morgen«, redete er mich auf meine Miene an, »mit meiner Frau allein essen wollen, so will ich Ihnen zwei Stunden von hier eine gewisse Margot holen, die alle Schönheiten unsers Dorfs weit übertrifft; ein glückliches, munteres Geschöpf, die Tochter meiner Schwester und unser aller Liebling. Sie soll, wenn Sie es gut finden, solange bei uns bleiben, als Sie bleiben werden: – ich weiß, Sie werden mir es danken.« Nun erschrak ich zwar nicht wenig über den Zuwachs unserer Gesellschaft, da mir der Gelaß des Hauses nur zu bekannt geworden war; doch hielt ich es weiter nicht für nötig, ihm mein Bedenken mitzuteilen: noch weniger getraute ich mir, ihn die Gefahr merken zu lassen, die für mich aus der nahen Nachbarschaft eines Geschöpfes entstehen könnte, das seiner Beschreibung glich; denn dafür hatte der gute Mann keinen Sinn. – Es bleibt mir sonach nichts übrig, als in Geduld zu erwarten, was sein Versprechen leisten wird . . . Den 23. Dezember . . . War ich diesen Morgen zufrieden, so habe ich nicht weniger Ursache, es auch den Nachmittag zu sein. – Ich habe, einem Engel von Weibe gegenüber, meinen Hunger an dem schmackhaftesten Braten gestillt, wie ihn der König nicht essen kann, wenn er seine Schöpse nicht auch mit Rosmarin füttern läßt, der den hiesigen die gewöhnlichste Weide ist – habe eine Flasche Landwein getrunken, den man den Kennern in Berlin mit aller Ehre für Burgunder vorsetzen könnte, und kaum stand ich mit glühenden Wangen von meinem Schmause auf, so trat mein Wirt mit seiner Nichte an der Hand herein und brachte mehr Leben mit, als ich brauche. Ich will es Dir nicht zuleide tun, die kleine Margot mit allen ihren Annehmlichkeiten zu schildern; doch sei versichert, daß sie von euern Operngesichtern wenigstens so weit absteht, als die aufblühende von einer bis zur Hagebutte verschrumpften Rose. Und so ein Mädchen wird mir aus lauter Gutherzigkeit zugeführt! Für wie alt muß mich mein ehrlicher Wirt halten, wenn er glaubt, daß dies nichts zu bedeuten habe? Ich habe hierüber schon die erste Viertelstunde ihres Hierseins eine mißliche Erfahrung gemacht. – Ich glaubte etwas recht kluges zu tun, setzte mich mit einem philosophischen Auge den schalkhaften Augen des Mädchens gegenüber und wollte berechnen, durch was für natürliche Kräfte es möglich sei, daß dieser Körper, dieser Geist, einer so unbefangen, so unverschleiert und so ausgebildet als der andere – wie so viele leibliche und geistige Fülle einem dreizehnjährigen Kinde angehören könne? Aber, anstatt der Entscheidung der Hauptfrage näher zu kommen, fand ich mich am Ende nur in den Nebenumständen, und zwar so gefährlich verwickelt, daß ich meine Untersuchung aufgeben und Gott danken mußte, daß ich es noch zu tun imstande war. Während ich dies niederschreibe, tragen die Leutchen, mir nichts, dir nichts, die Betten zusammen, auf denen die kleine Margot diese Nacht und die folgenden, kaum sechs Schritte von mir, ruhen soll. – Nun ja – das Bette ist fertig, und ich habe das Fieber. – Ich muß an die Luft gehen, um meine Verlegenheit über diese Anstalten zu verschnaufen. * Ja, wenn nur alles so in der Luft verdunsten wollte, was dem Herzen zu viel ist! Zur Erhaltung des Gleichgewichts in unserer kleinen Welt wäre das eine treffliche Sache. – Ich habe eben keinen großen Zirkel um das Haus herum gezogen – da sitze ich dem Kinde schon wieder gegenüber, kaue an ihren kleinsten Bewegungen, und freue mich, wie in diesem Lande, man mag seine Blicke ausschicken, wohin man will, alles so nebellos ist. – Hat mir Jerom es nicht vorher gesagt? Du bist wohl sehr gut, wenn Du mir erlaubst, in so abgebrochenen Sätzen fortzuschreiben: – aber ich kann nicht anders. – Ich werfe meine Gedankenblitze auf das Papier, wenn die Kleine zur Türe hinaus stürmt, und werfe die Feder ebenso geschwind weg, wenn sie wieder hereingehüpft kommt. * Das kann ein gefährliches Geschöpf für meine Ruhe werden, wenn es noch acht Tage älter unter meinen Augen wird, und der Eindruck, den es auf mich macht, mit jeder Stunde so fortsteigt wie heute! – Sie ist schon so bekannt mit mir, als wenn sie meine Tochter wäre. – Sie ruft, verschickt, befiehlt meinem Johann, wie es ihr einfällt – bald, glaube ich, wird sie auch mir befehlen. – Ich verlor keinen Laut ihrer Stimme, als sie mir alleweile von ihrem Hänfling erzählte, den sie so kirre gemacht hätte, daß er ihr aus der Hand fräße – und was sie für ein Glück mit den Blumen habe! – Sie dürfe, sagte sie, das dürreste Reis nur in die Erde stecken, so blühe es. – Ich weiß es wohl, es sind armselige Kleinigkeiten, die ich Dir erzähle: sie sind es aber, Gott weiß es, wenn sie über ihre Lippen gehen, so wenig, daß ich mich kaum erinnere, etwas Geistreicheres gehört zu haben. – Ich breche ab, liebster Freund, die kleine Gereiste schläfert. – Die Engel des Himmels mögen über ihre Ruhe wachen! – Ich will gern auch schlafen – wenn ich kann . . . * Den 24. Dezember Ich habe einen Verlust erlitten, der mir nahe geht. Mein guter Mops ist gestorben und liegt nun unter dem großen Olivenbaume meines Wirts begraben. Wenn dem klügern Menschen nicht ausschließungsweise von jeder andern Kreatur die Ehre des Selbstmordes vorbehalten wäre, so möchte ich beinahe glauben, daß auch mein Mops, aus Schwermut, freiwillig die Welt verlassen habe. Es schien ihm unausstehlich zu sein, seinen Herrn vergnügt zu sehen; und seitdem Margot hier ist, die mir eine Runzel um die andere aus dem Gesichte wegwischt, bekam er jede Stunde eine mehr, und seit gestern abend, wo wir – ich und sie – freilich sehr munter zusammen waren, schien sein Verdruß aufs höchste gestiegen zu sein. – Er kroch in einen Winkel, und heute früh fand man ihn tot. Ich gestehe, daß ich ihn seit einiger Zeit vernachlässigt habe, und es tut mir wirklich leid; denn es war ein gutes Tier, das mich liebte, und dem ich in jenen hypochondrischen Stunden meiner Reise manche nützliche Betrachtung verdankte . . . * Den 25. Dezember O Jerom! Jerom! Du würdest mit mir zufrieden sein, wenn Du mich sehen könntest! Liebe und Freude durchströmen mein Herz. Wie geschwind ist unter diesem lachenden Himmel, in dem Umgange dieser seltenen Menschenart, die Rinde weggeschmolzen, die es umgab! Eine Schicht nach der andern dieses verhärteten Umzugs löste sich ab, und jetzt schwärmt es neu belebt, hebt sich und senkt sich, tobet und brauset, und ich kann seiner nicht mehr Herr werden. Sogar meine Berge und Wälder haben ihr ehrwürdiges Ansehen verloren, seitdem sie Margot mit mir durchschweift. Dies Kind der Natur badet sich selbst zu gern in dem Morgentau, fühlt selbst zu sehr das Behagliche der Bewegung, als daß sie in der Hütte bleiben und ihren Vorteil nicht absehen sollte, sich, sobald ich aus der Tür trete, an meinen Arm zu schlingen. Heute mit dem frühesten erwachte sie, als ich eben nach dem Hute griff, der gerade über ihrem Bette an der Wand hing, und, wie ein aufgescheuchtes Reh, fuhr sie von ihrem Lager auf, so daß sie mir kaum Zeit ließ, meine Augen so lange wegzuwenden, bis sie ihr Röckchen über sich geworfen hatte. O Natur! Natur! – auch Koketterie, wie sie aus deinen Händen kommt, ist rührend! Ich habe manchmal ein Schminkpflästerchen aufkleben, manchmal eine Nadel feststecken müssen; aber nie tat ich es mit der Empfindung, die Margot in mir erweckte, da sie jetzt, so luftig als ich es wünschen konnte, mit der Bitte vor mich trat, ihr den vermaledeiten Sonnenhut aufzusetzen, der ihr so hübsch steht. Sowie die Toilette in Ordnung war, erstiegen, durchliefen, umkletterten wir nun alles, was uns die Natur in den Weg warf, und sangen, schäkerten und lachten, als wenn die ganze Welt uns zugehörte. Auch mein Johann kam gestiegen, eben da wir beide Kinder versuchten, wer am weitesten in die Ferne blicken könnte, ob es ein Adler oder eine Krähe sei, die dort am Rande des Himmels ihr Spiel trieb? – Es war mir recht lieb, daß Johann kam. Ich rief ihm zu, und er nahm herzlichen Teil an unserer Freude. Du glaubst nicht, wie viel dieser Mensch in meiner Achtung gewonnen hat, seitdem der enge Kreis, der mich hier umschließt, den Abstand unter uns beinahe ganz aufgehoben hat. Außer dem Boden, wo er schläft, hat er Einen Aufenthalt mit mir, die der ganzen Gesellschaft gemeinschaftliche Stube. Es ist der gutherzigste, natürlich gesittetste Mensch, den ich vielleicht aus Berlin hätte mitnehmen können; und es freut mich recht, daß ich noch in dem zehnten Jahre, da er mir dient, seine Bekanntschaft gemacht habe . . . * Den 26. Dezember Ich sehe mit Zittern den Zeitpunkt sich nähern, der mich von diesen Söhnen und Töchtern der Natur trennen soll, und nichts freut mich dabei, als daß auch Johann den Kopf hängt, wenn ich von unserer Abreise spreche. Künftighin soll der gute Mensch nie anders als neben mir im Wagen sitzen; ja, auch wenn der Mops noch lebte, sollte er es. Sein Verstand, seine gute Laune und besonders das Mitgefühl des frohen Lebens, das ich hier führe, sind mir nützlicher und notwendiger geworden, als seine armseligen Dienste, die ich im Grunde entbehren kann. Arme Margot! Auch dein empfindsamer Busen hebt sich; auch in deinen Augen glänzen Tränen der Wehmut; auch an deinem Liebe atmenden Munde regen sich Zuckungen eines heimlichen Schmerzes, wenn du an unsere Scheidung, an die Trennung von einem Freunde denkest, der dir nur gar zu lieb, gar zu teuer geworden ist. Oh, daß ich der Einzige sein möge, wie ich der Erste bin, der deinem Herzen die Freude verdirbt, zu der es die Natur so empfänglich gebildet hat! Ich schwöre Dir, Eduard, daß selbst meine Eigenliebe kaum die so schnell angewachsene Leidenschaft dieses Kindes für mich zu erklären weiß – und doch ist sie da – in aller der Glorie da, durch die sich ein unerfahrnes Herz verrät, und die auch nur einem solchen gut ansteht. Wenn mir manchmal das erste Blatt eines empfindsamen Romans ein unschuldiges, kaum den Händen der Natur entschlüpftes Mädchen ausstellte, das den Sonntag den Mann zum erstenmal erblickt, mit dem es auf der sechsten Seite, schon den Sonnabend nachher, bis über die Ohren in Liebe versunken, in so regelmäßiger Vertraulichkeit lebt, daß, wenn Autor und Leser rechnen können, man beinahe voraussagen kann, auf welchem Blatte sie Mutter sein wird; so lachte ich immer dem Geschwindschreiber gerade ins Gesicht! und war gewiß niemals bei der Taufhandlung. – Aber man sollte, weiß Gott, über nichts lachen! Nicht weniger habe ich oft so krause, scheckige, verschlungene Figuren in den Wolken gesehen, daß die Bibliothek der schönen Wissenschaften den Maler, der es wagte, sie treu nachgebildet auf seine Landschaft zu bringen, ohne Widerrede für einen Narren erklären würde – und doch lag das Original, ohne ein menschliches Auge zu beleidigen – in der Natur. Schriebe ich nun einen Roman, lieber Eduard, so würde ich wenigstens aus Autorklugheit einen halbjährigen Umgang vorausgehen lassen, um das Herzklopfen, die glühenden Wangen und das Stammeln der Zunge dieses dreizehnjährigen Kindes wahrscheinlich zu machen: aber ich schreibe ein Tagebuch, und muß die Wolken malen, wie ich sie finde. Seelen, die für einander geschaffen sind – ich fange es jetzt an zu glauben – streben einander entgegen, wie und wo sie sich antreffen. – Sollte es Dich indes, ungeachtet dieses freilich auch nur in Romanen vollgültigen Grundsatzes, dennoch wundern, wie ein so frisches, unbefangenes Kind, ohne sich durch mein blasses abgehärmtes Gesicht schrecken zu lassen, in dem kurzen Zeitraume von vier Tagen einen Weg von solchem Umfange zurückgelegt habe; nun, so wirst Du über die schnelle Veränderung wohl ungleich mehr erstaunen, die diese Spanne von Zeit in mir altem erfahrnen Krieger hervorbrachte. Siehe! der eingewurzelte Begriff von der notwendigen Ungleichheit der Stände ist in den paar Tagen so locker bei mir geworden, daß nicht viel fehlt, so fliegt er in alle Winde. – Seit dem Augenblicke, da ich die Leidenschaft der Kleinen gegen mich entdeckte, wozu eben kein übermäßiger Scharfsinn nötig war, habe ich über eheliches und häusliches Glück, Sympathie der Seelen und Mißheiraten so deraisoniert, als wenn ich dafür wäre bezahlt worden. Über das Herz, behauptete ich sehr einleuchtend, sollte kein Grundsatz gebieten, der nicht aus der Natur, sondern aus unsern erkünstelten Verhältnissen entsprang. Verschwende ich hier nicht offenbar an den Götzen des Vorurteils eine Perle so rein und echt, als die Liebe nur ihren Lieblingen zuzuwenden vermag, und darf ich wohl hoffen, jemals in der Verzäunung, in die mich mein Stand verbannt, ein Kleinod wieder zu finden, das diesem hier gleich ist? In solchen Sophistereien, würde ich sagen, habe ich eine schöne Morgenstunde verträumt, als ich heute auf der Spitze des Berges an ihrer Seite lauschte, wenn ich mich nicht zugleich, wie ein erfrorner Priester, an der auflodernden Flamme ihrer Erstlingsliebe so durchwärmt hätte, daß ich unmöglich den Verlust der Zeit beklagen kann, ob ich gleich jetzt nach allen kaltblütigen Mitteln der Vernunft stören muß, um meine durchglühte Einbildungskraft wieder abzukühlen. Gott Lob, daß es mir gelungen ist! Ich habe mir stark in das Gewissen geredet, mir bewiesen, daß ich zu der wankelmütigsten, treulosesten Menschenklasse gehöre, die einzige ausgenommen, die in allem eine Stufe über der meinen steht – daß ich viel zu lange in einer verdickten Atmosphäre gelebt habe, um in der Region der Wahrheit und der dunstfreien Natur dauern zu können, und habe daraus die Schlußfolge gezogen, daß Margot, dies Kind der Unschuld, viel zu gut für mich sei. Gewiß ist sie des besten Mannes wert. Aber nur einer, dessen Geburt und Lage ihn von der Amme an gegen die feindseligen Angriffe der guten Erziehung geschützt haben – der das Gift der Sitten nicht eingesogen hat – der alle Strahlen des Glücks, der Zufriedenheit noch in einen Brennpunkt vereinigt, und mit der großen Kunst der höhern Stände noch unbekannt ist, sie prismatisch in Farben zu teilen, und – unkräftig zu machen – mit einem Worte, nur der beste Mann ihres Standes vermag es, dieses schöne, gefällige, tugendhafte und mit der herrlichsten Zusammensetzung zu einem trefflichen Weibe begabte Mädchen so glücklich zu machen, als es zu sein verdient. Von ihr ist es eine schuldlose Verirrung, daß sie mich liebt – von mir – würde es eine Treulosigkeit an der Natur sein, wenn ich diese Verirrung mißbrauchen und sie aus dem Zauberzirkel reißen wollte, in welchem ich die schätzbaren Menschen sich drehen sehe, deren Hausgenosse ich bin, und der mich – ich stehe nicht dafür – bis zu der lächerlichsten Ehe schwindlig machen könnte, wenn ich ihnen länger zusehen sollte . . .   Den 27. Dezember Ich habe diesen Morgen meinen Johann mit Briefen und mit dem Auftrage in die Stadt geschickt, einen Wechsel für mich zu heben, davon ich einen Teil nötiger brauche, als den andern. Ich muß durchaus diese biedern Menschen, so gut ich kann, für den Wohlgeschmack am Leben belohnen, den sie mir beigebracht haben . . . Die gute Kleine, die, während ich diesen Morgen schrieb, Verstand genug hatte, mich nicht zu stören, und sich unterdessen im Vorhause beschäftigte, meinem Johann den ganzen Roman des Seidenwurms zu erklären, konnte nun, wie ich ihn mit den Briefen abgefertigt hatte, ihren Mißmut über den verlornen Spaziergang nicht länger verbergen. Du hättest nur sehen sollen, wie so launig sie sich anstellte, wie so zärtlich sie über meine Schreiberei schmählte, und wie ich eilte, ihr den Ersatz auf den Nachmittag zu versprechen. Das machte alles wieder gut. – Nun flog sie in die Küche, schürte das Feuer doppelt an und brachte es so weit, daß der Eierkuchen – zwar ein wenig verbrannt war – wir uns indes doch eine halbe Stunde eher um ihn herumsetzen konnten. Ach! er hätte mir nicht besser schmecken können, wäre er auch in seiner größten Vollkommenheit erschienen. Ihr selbst – ihr wollte er nicht schmecken, – selbst nicht, wie ich ihr ihn vorlegte. Sie war verloren für alles gemeinere Bedürfnis. Ihre Sprache war zitternd, wie die Sprache der Sappho, und ihr glühendes Auge – von allem, was zwischen Himmel und Erde ist – nur auf mich allein geheftet. Mir kam wahrlich zur rechten Zeit meine Erfahrung zu Hülfe. – Ich hörte durchaus nicht auf den Einklang meines Herzens mit dem ihrigen – wies es schon beim Präludieren zur Ruhe, und konnte nun desto aufmerksamer auf das natürliche Adagio der kleinen Virtuosin Acht geben, das mir – ich versichre Dich, Eduard – mehr Vergnügen gewährte, als die vollständigste Tafelmusik unsers Königs. Wie wir aufgestanden waren, brachte mir das arme Kind, dem es in der Stube zu enge ward, meinen Hut und Stock, und trippelte vor mir her zur Hütte hinaus. Mir ward, als ich den blauen Himmel sah, angst und bange vor dem heimlichen Spaziergang, in den sie mich in aller Unschuld verlocken würde. Ich dachte in diesem Augenblick an den, in der verschwiegensten Ecke Deines Parks lauschenden Amor, den sicher kein Pfuscher gemeißelt hat. Ich weiß kein belehrenderes Sinnbild von ihm. – Das bedenkliche Lächeln, mit dem er in die Stille des Waldes hinblickt – die umfassende Kraft, die seine Flügel dehnt – das kleine Schrecken, das er jedem einjagt, der unvermutet auf ihn trifft – alles war mir jetzt furchtbarlich gegenwärtig. Da dachte ich bei mir selbst: »Du willst ehrlich sein, Wilhelm, da es noch Zeit ist. – Ehe du einen Schritt weiter setzest, willst du das unbefangene Mädchen von der Gefahr unterrichten, die es läuft. Du hast so viele warnende Bilder vom Amor gesehen – hast dich müde an allen den Steckbriefen gelesen, die ihm täglich nachgeschickt werden, daß es nicht gut sein müßte, wenn du der Kleinen nicht eine Schilderung von ihm machen könntest, daß ihr die Lust wohl vergehen soll, ihn näher kennen zu lernen. Ist nicht schon manches Schulmädchen durch die Fabel vom Fuchs und dem Hühnchen von ihrem künftigen Verderben gerettet oder durch eine gräßliche Gespenstergeschichte abgehalten worden, im Finstern zu gehen? Ja, hat mir nicht selbst die Furcht vor dem Teufel öfter meine Schatulle gerettet, als die vor dem lieben Gott?« Ich setzte mich also auf die hölzerne Bank vor dem Hause, faßte die Kleine bei beiden Händchen und zog sie sanft zu mir her. – »Margot,« sagte ich – »ehe wir weiter gehen, will ich dir etwas erzählen. – Ich habe heute wichtige Ursachen, warum ich unsern Fichtenberg nicht ersteigen mag –« »Und ich auch,« versetzte Margot seufzend und mit einer Naivität, die mich beinahe in meiner Fortsetzung irre gemacht hätte. »Wir wollen den guten Mandelbaum heute in Ruhe lassen. – Er wird schon ohne uns seine Blüten vollends entfalten.« »Das ist zu glauben,« antwortete Margot. – »Aber was wollen Sie damit sagen?« »Margot,« stotterte ich ziemlich verlegen. – »Du hast doch wohl schon von dem Amor gehört?« »Nicht eine Silbe,« antwortete sie mit herzlich verwundernden Augen. »Nun gut,« fuhr ich noch stotternder fort – »so muß ich dir sagen, daß es eine Art von Buschklepper ist, der die Gegend da oben sehr unsicher machen soll: Ein Strauchdieb, der die Sonne scheut, Vom späten Abend bis zum Morgen Am liebsten in der Einsamkeit Auf jenem Fichtenberg verborgen. Dort hauset er, bricht und entweiht Die Grenzen und die Hegezeit, Und lockt in ein Gewirr von Sorgen Die unbedachte Lüsternheit. Wir würden schwerlich ihm entweichen; Denn er, ein Meister im Beschleichen, Stört alles auf, hetzt alles matt, Zumal wenn er in den Gesträuchen Zwei Schmachtende erlauert hat.« »Lassen Sie sich doch so etwas nicht weiß machen,« – unterbrach mich die Kleine, und schlug ein lautes Gelächter aus. – »Es ist nicht ein Wort davon wahr. Die Gegend da oben sollte nicht sicher sein? Auf die Gefahr, glauben Sie mir, wollte ich den ganzen Wald mit Ihnen durchstreifen, ohne daß uns etwas Widriges begegnen sollte. Aber es ist mir schon recht, daß Sie sich fürchten. Ich bin den einsamen Berg wirklich ein bißchen überdrüssig. Er macht mich schon traurig, wenn ich ihn ansehe. Lassen Sie uns diesen Nachmittag lieber einen Gang auf den Postplatz tun, wo der heutige Markttag alle Esel und Menschen in Bewegung setzt.« »Gut,« – sagte ich ein wenig betroffen, richtete mich von meinem Lehrstuhl auf, und indem Margot, mutig wie ein Kind aus der Schule, vor mir herlief, schlich ich ihr nachdenkend wie ein Präzeptor nach, der eben vor seinen Untergebenen das sechste Gebot austrommelte und durchpeitschte, das doch, ihn ausgenommen, keines in der ganzen Klasse, trotz seines Unterrichts, weder zu begreifen noch zu übertreten in dem Falle war. Ging es mir wohl besser mit meinem verunglückten Apolog? Lag nicht die Ursache, warum mich Margot nicht verstehen konnte, in ihrer holden Jugend und Unschuld, so wie ihr jetziger brausender Wunsch nach Zerstreuung in jenem ihr noch fremden, bittersüßen Gefühle lag, das sie zu übertäuben suchte? . . . Ich war fest entschlossen, mich – auf die wenigen Tage, die ich noch unter den blauen Augen dieses seltenen Mädchens verleben würde, bloß auf das mäßige Vergnügen des Beobachters einschränken, und vor allen Dingen meine Abreise um keine Stunde über die gesetzte Zeit, geschweige – wie mir schon einigemal der verwegene Gedanke gekommen war – auf mehrere Monate zu verschieben. * Unter diesen heroischen Gedanken langte ich, einige Minuten nach Margot, auf dem Postplatze an: aber es dauerte nicht lange, so traf nur zu sehr ein, was ich gefürchtet hatte. – Ihre Fieberunruhe verstattete ihr kein Bleibens. Kaum hatten wir einen Esel ab-, einen andern aufsatteln gesehen, so strebte sie weiter. Sie ging, in sich gekehrt, auf der Chaussee fort, und ich folgte ihr ohne Einwendung auch auf diesem staubigen Wege nach. – Sie hing sich traulich an meinen Arm, und so schlenderten wir stillschweigend miteinander fort, und kamen, ohne es zu bemerken, dem Stadttore auf einige hundert Schritte nahe. – Der gepflasterte Weg hatte die arme Kleine ermüdet. Wir setzten uns auf eine der steinernen Bänke, mit welchen französische Straßen, zur Beruhigung so vieler Fußgänger, reichlich versehen sind, und vertieften uns in das bewegliche Gemälde, das vor uns lag. Inzwischen ward Margot so durch und durch ernsthaft, daß ich ihr mit Verwunderung in die Augen blickte, ohne sogleich entdecken zu können, was in ihrem Inneren vorging. »Sollte das Getöse menschlicher Tätigkeit,« dachte ich, »das dich immer in ein gewisses unwillkürliches Staunen versetzt, auf ein dreizehnjähriges Mädchen dieselbe Wirkung hervorbringen? Es setzt doch eine gewisse Vermischung von Gedanken voraus, die man so einem Köpfchen nicht wohl zutrauen kann.« Auch war das gute Kind weit davon entfernt. Was ihre Zunge mir nicht zu erklären vermochte, als ich sie um die Ursache ihres bänglichen Ernstes befragte, das tat ihr Blut desto beredter, überzog ihr Engelsgesicht mit der Schminke der Unschuld und der Rosen, und machte es mir unmöglich, diesem Naturgeständnisse ihrer uneigennützigen Liebe nicht mit dem feurigsten Kusse zu huldigen. In diesem köstlichen Augenblicke, den das vollströmende Herz der überraschten Vernunft abgewann, lenkte ein Phaeton hinter uns durch einen Seitenweg in die Chaussee ein, und zog langsam bei meiner Umarmung vorüber. – Ich richtete mich in die Höhe und begegnete den verächtlichen Blicken, die ein Mann ohne Physiognomie, kurz der in Nimes so berühmte und besuchte Verfasser der Revolution von Portugal auf mich und mein Liebchen herab schoß. Ich war so betroffen, als ob es mir zum ersten Male widerführe, mich dem geschwinden Urteile eines Kleinstädters in einem Augenblicke ausgesetzt zu sehen, wo das äußere Ansehen wider mich war. Ich hatte noch nicht durch meine lange Hoferfahrung gelernt, mich über solche Mückenstiche des Zufalls zu trösten und mit dem ehrlichen Manne im Plautus auszurufen: Ego – vergib mir immer das bißchen Latein – sum promus meo pectore, suspicio in alieno pectore est sita. Nein, ich ärgerte mich von ganzem Herzen, sowohl über die Unmöglichkeit, einem Manne von seiner Art den unschuldigen Zusammenhang so eines Kusses begreiflich zu machen, als über die spöttischen Anmerkungen, mit denen er sich in seiner Abendgesellschaft auf meine Kosten groß machen würde, und ärgerte mich endlich über mich selbst, daß ich schwach genug sei, mich über solche Armseligkeiten zu ärgern. Ich wußte mir in meinem Unmute nicht anders zu helfen, als daß ich ihm den einzigen Fehler, der mir von ihm bekannt war, aufmutzte und meiner lieben Margot erzählte: »Dieser Mann mit dem albernen Gesichte, der eben vorbeigefahren sei, habe das mißgeschaffenste, elendeste Gedicht geschrieben, das in Frankreich zu finden sei – ein Trauerspiel ohne Mark und Kraft – das so lang und fade sei, wie die Nase des Autors.« Aber Margot bekümmerte sich um das alles nicht im geringsten – – »Dort kommt Ihr Johann,« war ihre ganze Antwort. Wirklich verdiente meine Anklage auch keine andere. Wir standen auf, gingen dem guten Johann entgegen, der sich freundlich an uns anschloß. Ich vergaß den Baron, die Kleine trällerte, und Johann gab mir, während daß uns ein schöner Abend langsam nach Hause brachte, Rechenschaft von seinen Verrichtungen in der Stadt. * Den 28. Dezember War ich gestern mit meinem Tage zufrieden, so bin ich es mit meinem heutigen ungleich mehr. Ich habe mich über einer unzweideutigen Probe einer vollständigen Genesung überrascht, als ich jemals hätte hoffen können – über einer von den Torheiten aus den glücklichen Zeiten meines funfzehnten bis achtzehnten Jahres. Es macht mir eine herzliche Freude, sie Dir erzählen zu können; denn Du bist zu sehr mein Freund, als daß Du nicht einen warmen Anteil daran nehmen solltest. Du weißt – wenn Du anders künftig einmal bis hieher gelesen haben wirst – wie es um das Herz der armen Margot steht. Es gehört von meiner Seite in Wahrheit ungewöhnliche Stärke dazu, ihm nicht zu Hülfe zu kommen, da vielleicht noch keinem Ritter das Mitleid so nahe gelegt worden ist als mir, und ich zu aufmerksam auf das liebe Kind bin, um nicht, wie ein praktischer Arzt, der unter Epidemien grau geworden ist, von Stunde zu Stunde angeben zu können, um wieviele Grade sich die Krankheit verschlimmert hat. Ihre vormalige Munterkeit, wie ganz ist sie verstoben! – und ach, nun kommen die Symptome der unruhigen Nächte dazu – was will aus dem armen Kinde werden! Ich lag in dem besten Schlafe hinter meinem Klosett, als mich ihre Stimme zu erwecken schien. Es war aber nur der Widerklang ihrer Seufzer tönenden Brust. Da es ganz still um uns her war, so entwischte mir auch nicht ein Atemzug, durch den das gepreßte Herz sich zu erleichtern suchte – keiner von den jugendlichen, in manch sanftes Ach! konzentrierten Wünschen, die das Blut durchsäuseln und sich dem Kenner – noch ehe sie der unschuldigen Seele hörbar werden, wie der Hauch aus einer äolischen Harfe, verraten. Hätte ich mich gehen lassen, so würde das seltenste Konzert von Seufzern entstanden sein, das je gespielt worden; denn je aufmerksamer ich mit jedem Pulsschlage ward, desto schwerer ward es mir auch, nicht mit einzustimmen. Wie froh war ich, als der Tag zu grauen anfing, und ich bald darauf mein Bette mit Ehren verlassen konnte! Ich kam glücklich bei dem ihrigen vorbei – nahm aber das Herz so voll von sympathetischen Gefühlen mit, daß mir für hinlängliche Unterhaltung auf meinem einsamen Spaziergange unmöglich sehr bange sein konnte. Gott weiß, wie geschwind oder langsam ich heute meinen Berg erstieg! Ich hatte aus mir selbst zu viel heraus zu spinnen, als daß ich auf etwas außer mir nur acht gehabt hätte. So viel noch erinnere ich mich – daß er mir heute nicht hoch, nicht räumlich, nicht romantisch genug vorkam. Ich mußte, ohne es zu wissen, auf seiner andern Seite herabgestiegen sein, denn, als mir das sonderbarste Abenteuer mein Bewußtsein wieder gab, befand ich mich in der Mitte einer mir unbekannten Wildnis – sah meinen Fichtenberg eine Stunde weit von mir liegen und konnte kaum mit bloßen Augen mein kleines Caverac wieder finden . . .             In dem dicksten Hain verloren, Ohne Führer, ohne Bahn, Frug ich nicht, ob mich die Horen In den Abglanz von Auroren Oder Lunens schwindeln sahn. Meine Phantasien flogen Der gereizten Liebe nach, Und, mit blauem Flor umzogen, Fabelte des Himmels Bogen Mein und Margots Brautgemach. Bald auch schwand des Haines Stille – Meinem Jubel aufbewahrt, Stand sie jetzt von Jugendfülle Zitternd vor mir, ohne Hülle Meinen Rätseln offenbart. In den wunderbarsten Fugen Sammelten die Freuden sich Um mein Lager, übertrugen Ihre Wirtschaft mir und schlugen Ihre Flügelchen um mich. Und auch ich schlug, in dem vollen Liebesrausche meines Traums, Meine Arme, gleich Apollen, Ach, ihr Götter! um die Knollen – Eines alten Feigenbaums. * So derb auch die Erinnerung war, nahm ich sie doch – ohne dem Feigenbaum zu fluchen – vielmehr mit einer Resignation aus, die gewiß jedem so vor den Kopf gestoßenen Philosophen Ehre würde gemacht haben. – Ich ließ nur die Schmerzen ein wenig verrauchen, die mir meine Umarmung verursachte, dann trat ich – und zur Genüge abgekühlt – meinen Rückweg an. Als ich den Fichtenberg beinahe erreicht hatte, hörte ich mir zurufen. – Ich blickte auf und sah das artigste ländliche Gemälde, das man sich vorstellen kann – sah den Berg herunterwärts, durch das Gebüsche durch, eine Nymphengestalt, leicht wie der Zephyr – kurz – eben diese kleine liebe Margot auf mich zufliegen, der zu Ehren ich das Zeichen an der Stirne trug. Eine Strecke tiefer im Busche brach auch Johann hervor, und ganz im Hintergrunde sah ich meinen Wirt, mit einer Hacke bewaffnet, ansteigen. – »Lieber Herr« – schrie Margot, als sie näher kam, und fiel mir atemlos in die Arme – »um des Himmels willen, wo sind Sie so lange geblieben? – Was haben Sie mir – was haben Sie uns allen nicht für Sorge gemacht? Schon seit einer Stunde (sollte das Ahndung gewesen sein, Eduard?) suche ich und Johann Sie auf diesem abscheulichen Berge. Wir haben alle Höhlen, alle Gebüsche durchkrochen. Wo? wo sind Sie doch nur gewesen?« – Und nun trat Johann, und nun auch Blaise herbei und wiederholten dieselbe Frage. »Je nun, lieben Kinder,« antwortete ich lächelnd – »von einem so angenehmen Spaziergange, als ich heute gehabt habe, kommt man leicht später zurück, als man sollte. – Du hättest mich nur um ein paar Stunden eher aufsuchen müssen, Margot, um mit mir zu teilen, und dir die lächerliche Angst zu ersparen, die du wahrscheinlich meinetwegen gehabt hast.« »Ja, die hat sie gehabt,« nahm Blaise das Wort, »sie hat sich recht kindisch bezeigt.« Indem, und da ich zufällig den Hut abnahm, um mir den Schweiß abzutrocknen – stieß sie, als sie meine blutrünstige Stirn erblickte, einen überlauten Schrei aus. »Habe ich's doch gedacht und gesagt,« schrie sie mit weinender Stimme. »aber kein Mensch wollte mir glauben.« »Was könnte man denn dir nicht glauben, Margot?« fragte ich verwundert. »Daß Sie«, fielen die andern ein, »einem Strauchdiebe in die Hände gefallen wären, der, wie sie uns gerne bereden möchte, den Fichtenberg unsicher macht.« Die Kleine, um sich zu rechtfertigen, drang nun in mich, ihr die Wahrheit zu bestätigen, und wollte durchaus mit dem Merkzeichen an meiner Stirne Beweis führen. Nun ist kaum etwas Beschämenderes für einen gesetzten Mann, als wenn er sich durch ein schwatzhaftes Kind an den Pranger gestellt sieht. Ich bedachte, daß mein Auditorium nicht so beschaffen sei, daß mir eine mythologische Erläuterung aus der Verlegenheit hätte helfen können – bedachte, daß Margot nicht in Berlin in die Schule gegangen sei und noch keinen Begriff davon habe, daß man nicht alles, was uns gesagt wird, wörtlich verstehen müsse – und, da ich in dem Augenblicke nichts von Bestand zu antworten wußte, suchte ich wenigstens vor der Hand nur Zeit zu gewinnen, stellte mich eilender und hungriger, als ich war, und bat die Kleine um die Gefälligkeit, ein wenig voraus zu laufen, damit wir bei unserer Ankunft das Essen auf dem Tische fänden. – So etwas läßt sie sich nicht zweimal sagen. – Sie flog wie Anakreons Taube davon, und Johann mit ihr, und ich und mein Hauswirt trabten etwas bedächtlicher nach. Unterwegs erzählte er mir, wie die Angst des Kindes über mein ungewöhnliches Außenbleiben mit jeder Minute, wie ein Wetterglas, immer höher und höher gestiegen sei – wie keine vernünftige Vorstellung dagegen hätte verfangen wollen, und wie sie im Begriff gewesen wäre, das ganze Dorf zu meiner Hülfe aufzubieten. »Aber woher die Beule,« fuhr er fort, »die Sie da über der Nase mitgebracht haben?« »Ich habe einen Feigenbaum umarmt, mein lieber Mann,« sagte ich. – »So, so,« versetzte er lachend, »das kann einem ja wohl geschehen. – Vor einem Fehltritt ist niemand sicher. – Aber geben Sie acht, unserer Närrin von Mädchen wird das viel zu alltäglich sein. – Sie hat sich einmal den vermaledeiten Gaudieb in den Kopf gesetzt, und sie wird sich's nicht ausreden lassen, daß es nicht der sei, der Ihnen den Schandfleck angehängt hat.« Der gute Mann dachte wohl nicht, das seine gerade Erzählung so anziehend für mich sein würde, als sie es war. – Er war wohl weit entfernt, zu vermuten, daß er mir die beredsamste Schilderung von der Leidenschaft seiner Nichte zu mir entwerfe, indem er sich über ihre Einfalt lustig zu machen glaubte. – Er hätte sich's wohl nicht im Traume einfallen lassen, daß mehr Wahrheitssinn in dem Kindergeschwätze der kleinen Margot verborgen lag, als in manchen andern Märchen, die wir doch ohne Mühe glauben. Aber freilich konnte er auch den geheimen Zusammenhang meiner Kopfwunde mit dem, was seine Nichte albernes erzählte, nicht so gut einsehen wie ich – konnte freilich nicht ahnden, wie nahe hier Irrtum und Wahrheit aneinander grenzten. * Sobald wir zu Hause beisammen waren, setzten wir uns mit gleicher Eßlust zu Tische, die Kleine ausgenommen, der vor übergroßer Neugier, mit der sie auch ihre Tante angesteckt hatte, kein Bissen schmecken wollte. Nun war aber, wie Du mir leicht glauben wirst, meine Geschichte keine von denen, an die man sich gern erinnern läßt – die Zudringlichkeit der kleinen Närrin war mir daher auch nicht sonderlich angenehm. – Gern wäre ich ihres Examens überhoben gewesen; aber daran war nicht zu denken. So lange wir zwar vor der Schüssel saßen, wies sie der Vetter gleich bei der ersten tollen Frage, wie er es nannte, zur Ruhe; doch kaum waren wir aufgestanden und der Bauer und seine Frau an ihre kleinen Geschäfte gegangen, so saß mir das schmeichelnde Geschöpf auch schon zur Seite; und, indem sie mir warme Umschläge auf die Stirn legte und mit ihren Händchen andrückte, lispelte sie mir mit mitleidigem Ernste zu, ohne im geringsten zu argwohnen, wie grausam sie mich persiflierte: »Also haben Sie wirklich dem Strauchdiebe, dem Amor begegnet? Mein Gott, wie müssen Sie erschrocken sein! War der Stein groß, den er nach Ihnen warf? und wie haben Sie es angefangen, daß Sie ihm noch lebendig entkommen sind? Erzählen Sie mir alles, aber so genau, so umständlich als möglich.« »Margot,« sagte ich, um meinen Herzstichen mit einemmal ein Ende zu machen, »das ist mit zwei Worten zu erzählen. – Ich sah den Unhold, vor dem ich dich gestern warnte, doch nur von weitem – faßte das Herz – (bei dir würde es Verwegenheit sein) – ihm nachzueilen – glaubte ihn schon zu ergreifen, stieß mich aus blinder Hitze an den Baum, hinter den er sich steckte – die Beule siehst du, die ich mir schlug – und wie ich mich umsah, war er entwischt.« »Entwischt?« wiederholte sie: – »Nun, das ist mir Ihretwegen recht lieb. – Es ist immer das sicherste, wenn man nicht selbst laufen will. – Was gehen Ihnen«, setzte der kleine Naseweis hinzu, – »unsere Buschklepper an? und was hätten Sie in aller Welt mit diesem anfangen wollen – gesetzt Sie hätten ihn nun auch erhascht? – Wollten Sie ihm seinen Prozeß machen? Dazu ist unsere Gemeinde zu arm.« »Du hast recht, meine kluge Margot,« antwortete ich so ernsthaft, als es mir möglich war: »Es mag wohl eine Übereilung von mir gewesen sein – deswegen tust du mir auch den Gefallen, nicht viel weiter davon zu schwatzen. – Aber ich dächte, liebes Mädchen,« – indem ich sie scharf in die Augen faßte – »du wärest seit gestern und heute viel neugieriger, viel furchtsamer und auch viel teilnehmender geworden, als ich dich bisher gekannt habe?« Eine schnelle Röte – ich stehe nicht dafür, Eduard, ob nicht der Grund davon in dem Bewußtsein zu suchen war, das ihr von ihrer ersten unruhigen Nacht zurück blieb – überzog das Engelsgesichtchen, und kontrastierte allerliebst zu ihrer sichtbaren Verwunderung über meine unvermutete Frage. Beinahe hätte mich meine kleine Leichtfertigkeit gereut. – Indes gewann ich doch so viel damit, daß sie ihr neugieriges Gespräch vermutlich in der Voraussetzung abbrach, daß ich auch dafür das meinige nicht fortsetzen würde. Unter diesem stillschweigenden Vertrage, den jedes auf das heiligste erfüllte, erreichten wir in gewöhnlicher guter Laune den Abend. Ich suchte zeitig mein Bette, aus eigenem Triebe sowohl, als auch um meinen Freunden, die nicht weniger ermüdet zu sein schienen, die Freiheit zu verschaffen, das ihrige zu suchen. * Schon hatte ich mein summendes Haupt in das Kissen gehüllt, und sah den friedlichen Schlaf sich nähern – als das Schicksal, das mich heute zu seinem Ball ausersehen zu haben schien, mir noch eine ebenso unerwartete als harte Prüfungsstunde in den Weg warf. Das mitleidige Kind hatte mit Hülfe Johanns dürre Kräuter von dem Oberboden geholt, die sie zur Bähung meiner Wunde für dienlich hielt, und die ihr noch beifielen, wie sie eben in das Bette steigen wollte. Das hielt sie nicht ab, in bloßen Füßen und ohne Licht darnach zu gehen. – Johann hatte Feuer anfachen müssen, um den Wein warm zu machen, in welchem die Kräuter gebeizt wurden, und auf einmal trat das gute Mädchen leise vor mein Bette, schlug die rauchende Masse in ihr Halstuch, das sie abtat, um es mir um die Stirne zu binden. – »Kind,« sagte ich, »was beginnst du? – Du machst dir eine unnötige Mühe.« »Das dächte ich doch nicht,« antwortete sie spöttelnd: »Oder denken Sie etwa, daß Ihnen Ihre blaue Stirne gut steht?« Zugleich bog sie sich über mein Bette, legte mir das Tuch an, und indem sie es zusammenknüpfen wollte, geschah es, daß durch die Richtung, in die ich jetzt, des Knotens wegen, nach ihr hingezogen ward, mein Gesicht auf den schönsten jugendlichsten Busen zu ruhen kam, der wohl je unter den Küssen eines Mannes gezittert hat. Welche geheime magische Verkettung aller Dinge! So erzeugte meine Morgenschwärmerei für den ruhigen Abend eine Wirklichkeit, deren Keim ich nimmermehr in dem unsanften Augenblicke würde geahndet haben, der mir heute die Stirne zerstieß. – »O Margot,« flüsterte ich ihr zu, indem ich nicht widerstehen konnte, meine Arme um den schlanken Wuchs dieses lieblichen Mädchens zu schlagen. – »Du – oh, um wie viel rührender könntest du meine Schmerzen zerteilen – verjagen – in Entzücken verwandeln!« »So sagen Sie doch nur wodurch?« flüsterte sie mir entgegen, ohne mir nur einen Grad der wohltätigen Wärme zu entziehen, die mir meine glückliche Lage verschaffte. »Oh du,« – fuhr ich nach einer, der höchsten Empfindung gegönnten Pause, in schmelzender Zärtlichkeit fort: »wie soll ich dich nennen, Kind der unverfälschten Natur? – Oh, wüßtest du, meine Margot, das ganze Geheimnis dieser Wunde, die schönste Beute, die ich jemals dem Amor abjagte! – Oh, möchtest du jetzt den Kampf meines Morgens belohnen! Ja ich sehe schon meine Athletenkrone mit den blühendsten Sprößlingen durchflochten, die je das Mitleid der Liebe gereicht hat.« – Und das leichte, geschmeidige, ätherische Wesen, das während dieser Hymne unter der Federkraft meiner Arme unmerklich immer höher und höher bis über den Schwerpunkt gehoben, halb über mir schwebte – sank jetzt – der Engel sank – tiefer – immer tiefer – endlich zu mir herab – und nun erst erschrak ich vor dem Glanz seiner Würde. Es war nicht das erstemal, Eduard, daß der feine Betrug, den jede symbolische Sprache mit sich führet, mir einen Streich spielte – aber nie vereinigten sich mehr Umstände, die eine Bildersprache gefährlich machen können, als in diesem kritischen Augenblicke. Unschuld und Mitleiden kamen ihrem geheimen Sinne zu Hülfe – Amor war uns kein Ideal aus der Chimärenwelt, so wenig als es die Beule war, die er mir auf die Stirn drückte, als ich seiner Gottheit zu menschlich entgegen strebte. Zu Athen hätte mir dieses sichtbare Kampfmal ebenso gewiß Ruhm und Almosen verschafft, als dem heiligen Franz seine Stigmen, die ihn vor andern subalternen Menschen auszeichneten. Dies Gefühl meiner Erhabenheit, und die der Andacht ähnliche Duldung des gefälligen Kindes, wie weit hätten sie uns nicht verschlagen können! Margot, ich bin es gewiß, würde in dem süßen Gedanken meiner Linderung – so unbefangen, wie sie das seidene Halstuch ablegte, um es mir um die Schläfe zu winden – mit derselben verdachtlosen Güte, mit der sie mir den freien Gebrauch ihrer natürlichen Wärme verstattete – auch ebenso teilnehmend jene mystischen Sprößlinge, von denen sie mich lallen hörte – in meinen Athletenkranz verflochten haben, ohne es für etwas viel mehr als ein einfaches Hausmittel zu halten. Aber auf Margots Busen selbst unternahm ich es, meine figürlichen Wünsche, meine sublimen Tropen – in gutes derbes Deutsch zu übersetzen; und da brachte ich zu meinem eigenen Erstaunen einen Sinn heraus, vor dem ich erschrak. Wie ein Verbrecher, der, durch den Glauben beruhigt, daß der Teufel sein Spiel mit ihm getrieben habe, vor die Schranken trat – sie jetzt in Verzweiflung verläßt, nachdem der Richter dem verräterischen Sprichworte seine symbolische Decke abzog – so zitterte auch ich vor mir selbst, und die Wahrheit gewann. »Ich danke dir, Margot,« sagte ich mit männlicher Stimme, indem ich meine Umarmung aufhob und ihr wieder auf die Beine half – »für dein Mitleid – deine Umschläge und deine natürliche Wärme. – Sie tut mir wohl, aber die Ruhe wird mir noch besser tun. – Lege dich nun auch schlafen. Morgen will ich dir dein Halstuch wieder geben.« Indem gleitete der sanfte Strahl des aufgehenden Mondes über mein Bette. – Unter seiner Erleuchtung entfernte sich Margot mit ihrer ganzen herrlichen Unschuld – und ich – mag doch der ganze Hof von Berlin über mich lachen – dünkte mich größer als Scipio – und hatte eine ruhige Nacht. * Den 29. Dezember Gottlob! Meine Stirn ist von dem Schandflecke von gestern geheilt. Ich verließ, heiteren Gemüts, mein Lager, setzte mich sogleich an meinen Schreibtisch und vertraute, ohne Erröten, die Geschichte meines vorigen Tags meinem Journale. Wie ich damit fertig war, verließ ich meinen Verschlag, suchte das gutmütige Mädchen auf und gab ihr mit freundlicher, offener Miene, und vor den Augen ihrer Verwandten, das Halstuch zurück, das sie mir auf eine Nacht geborgt hatte. – Aber ich weiß nicht – sie kommen mir alle heute ein wenig betreten vor. – Sollte ihnen eine Unannehmlichkeit zugestoßen sein? Das sollte mir leid tun. – Sie scheinen sogar mich vermeiden zu wollen, gehen vor das Haus und flüstern zusammen, das ich gar nicht an ihnen gewohnt bin. Was mich aber am meisten verschnupft, ist – auch die kleine Margot hat Herzklopfen, ohne mir Rechenschaft davon zu geben. In solchen Augenblicken muß man seinen Freunden Platz machen – doch kann mich das Mädchen heute wohl begleiten. Ich hatte meinen Hut und Stock mit Geräusch aus dem Verschlage geholt, stäubte den einen ab und besah so genau den andern, als ob ich noch kein Eichenholz in meinem Leben gesehen hätte: aber es half alles nichts. Margot bezeigte heute keine Lust mitzugehen und blieb unbeweglich in ihrer Ecke sitzen. Ich reichte ihr die Hand im Vorbeigehen, die sie mit einer Rührung drückte, die mir an das Herz ging. »Was beginnen doch diese Kinder zusammen?« dachte ich und verließ sie ganz betroffen. Johann folgte meinem Beispiele und gab mir dadurch eine neue Gelegenheit, seinen feinen Takt zu bewundern. Ich winkte ihm, mir zu folgen, und so erstiegen wir beide, jeder seine Gedanken für sich, den Gipfel des wohlbekannten Berges. Hier setzte ich mich und ließ meinen Augen die Freiheit. Johann stand neben mir und schien, wie ich, in der Bewunderung der herrlichen Aussicht verloren. »Mein Herr,« unterbrach er endlich die Stille – »Sie können gut in die Ferne sehen. – – Entdecken Sie wohl dort, gleich neben dem kleinen Gebüsche – einen ganz schmal zugespitzten Turm?« Ich sah hin; konnte aber nichts erkennen. – »So muß ich doch«, fuhr er fort, »noch bessere Augen haben als Sie. Wissen Sie wohl, daß der Turm zu dem Dorfe gehöret, wo Margot her ist?« – »So!« – antwortete ich darauf und sah noch einmal hin. Nach einer kleinen Pause fing er wieder an: »Es soll ein ganz nahrhafter Ort sein.« – Ich drehte mich nach ihm um, und da stand er mit gefaltenen Händen und blaß wie ein armer Sünder vor mir. »Was fehlt dir, Johann?« fragte ich hastig. – Und nun kam etwas an den Tag, das mich so lebhaft an einen Vorfall erinnerte, der lange vor meiner Geburt einem Professor der Physik zu Würzburg Dr. Johann Bartholomäus Adam Beringer, Rat und Hofmedikus des Fürsten-Bischofs von Würzburg, Professor, d. Z. Dekanus und Senior der Universität daselbst. Sein Werk führt den Titel: »Lithogrophiae Wirceburgensis, ducentis lapidum figuratorum, a potiori insectiformium, prodigiosis imaginibus exornatae specimen etc. Wirceb. 1726. begegnete, daß ich der Lust nicht widerstehen kann, ihn Dir als einen brauchbaren Übergang in das Folgende und als einen Beweis zu erzählen, daß auch die abgeklärtesten Köpfe einmal in ihrem Leben in den Fall kommen können, hintergangen zu werden. Dieser gelehrte Mann also sammelte Naturalien und hatte das besondere Glück, eine Sandgrube ausfündig zu machen, die unglaublich reich an den seltensten Versteinerungen war. Stelle dir sein Vergnügen vor, wenn er nach jedem heimlichen Besuche derselben alle Säcke mit Kabinettsstücken gefüllt zurückbrachte! Auch wuchs seine Sammlung in kurzem zu einem Reichtume an, der alle andere in diesem Fache verdunkelte und ihm den sehr natürlichen Gedanken eingab, in einem gelehrten Werke seine glücklichen Entdeckungen – und durch beigefügte deutliche Abbildungen den ganzen Wert dieser Kostbarkeiten der Welt bekannt zu machen, sicher, das Erstaunen aller Kenner dadurch zu erregen. – »Er habe«, sagte er sehr bescheiden, »diese natürlichen Wunder – diese so deutlich in Sandstein verwandelten Vögel und Frösche, Eidechsen, Fledermäuse und menschlichen Glieder, unmittelbar aus den Händen der Natur erhalten, sie selbst in den glücklichsten Stunden seines Lebens ausgegraben und auf ihre in Kupfer gebrachten Abzeichnungen die gewissenhafteste Sorgfalt verwendet.« Es tut einem selbst wohl, wenn man den gelehrten Mann so von Selbstzufriedenheit strotzen sieht, und es ist gewiß, daß nichts der verdienten Ehre seiner mühsamen Entdeckungen einigen Abbruch tun konnte, als der kleine Umstand, den er erfuhr, als eben der letzte Bogen seines tiefsinnigen Werkes unter der Presse war: daß nämlich – zwar nicht die bildende Natur selbst, aber doch ein Freund derselben, Urheber aller der vorbeschriebenen Seltenheiten sei. In schalkhafter Laune hatte einer seiner Kollegen, der freilich nicht die Folgen voraussah, alle jene Dinge von einem gemeinen Steinmetz fertigen lassen und sie allemal den Abend vorher dahin vergraben, wo er schon wußte, daß der Professor sie den Morgen darauf suchen und finden würde. Wie die erste Wut über einen so unzeitigen Spaß – die ich Dir selbst überlasse, sie Dir in ihrem ganzen Umfange vorzustellen – ein wenig verkühlt war, er sich nun genug abgehärmt und ausgeschämt hatte, so faßte er den besten Entschluß, der ihm übrig blieb, um einesteils seinen einmal gedruckten, teuern Folianten noch einigermaßen für Bibliotheken nützlich zu machen, andernteils um nicht selbst, wenn er seinen Verdruß im stillen verschluckte, ein Gallenfieber davon zu tragen. Er setzte sich also, ziemlich gefaßt, an sein Schreibpult, erzählte in einem Anhange und in sehr gutem Latein seinen Unfall aufrichtig und überraschte den gütigen Leser, der bis dahin seinem Werke die verdiente Aufmerksamkeit geschenkt hatte, nicht wenig mit der unerwarteten Nachricht, daß von alle dem, was er vorher gelesen hatte, auch nicht eine Silbe wahr sei. Gutmütig vermahnt er sie zuletzt alle, sich an seinem Exempel zu spiegeln und die Liebhaberei ja nicht bis zur Blindheit zu treiben. Er gesteht, daß, da er jetzt die Originale ohne Vorurteile untersuche, er nicht begreifen könne, wo er seine Augen gehabt habe – hofft, daß seine künftigen Schriften durch seine gemachte Erfahrung nur desto mehr gewinnen würden, und bietet zu seiner Bestrafung die gegenwärtige um den halben Ladenpreis an. Man wird, wenn man das so liest, dem Professor für seine seltene Aufrichtigkeit wieder recht gut: und welcher vernünftige Mann wollte nicht – wie auch ich getan habe – seinem Folianten, etwa neben Lavaters Bilderbuche, einen Platz in seiner Bibliothek gönnen? Glaube nicht, lieber Eduard, daß dieses Geschichtchen hier am unrechten Orte steht, und höre nun mit mehr Aufmerksamkeit, als Du mir hoffentlich bisher gegönnt hast, die Fortsetzung des meinigen. Jedes Wort, das Johann vorbrachte, gab mir einen Stich ins Herz und trieb mir das Blut ins Gesicht. – – Alberner – ich schwör' es Dir zu – bin ich mir in meinem Leben nicht vorgekommen, als da ich, während daß der Kerl von seiner heißen Liebe zu Margot und ihrer ebenso feurigen Gegenliebe mir vorstotterte, mich an meine schönen Tiraden über die Ungleichheit der Stände – über die gefundene echte Perle und an alle den Unsinn erinnerte, der mir einige Tage her durch den Kopf und durch die Feder gegangen war. Mein Zustand glich zuletzt förmlich der Stupidität, in die gewöhnlich nur große Gelehrte fallen, wenn ihnen im gemeinen Leben – in ihrer Küche und ihrem Keller etwas aufstößt, das nicht sogleich in ihr System paßt. Ich staunte vor mir hin, und verlor die Hälfte von dem, was Johann auskramte. – »Ja, lieber Herr,« fuhr er eben fort, als ich meine Gedanken endlich besser zusammennahm – »nun wissen Sie mein ganzes Anliegen. Es hat mir und Margotchen immer auf der Zunge geschwebt; aber – mein Gott – keines konnte Herz genug fassen, es an den Tag zu bringen, und jedes wollte es dem andern zuschieben. Vorgestern noch, wie wir den ganzen Morgen zusammen vertändelten – es war den Tag, wie Sie mich in die Stadt schickten – –« »Und wie habt ihr ihn denn vertändelt?« – unterbrach ich ihn neugierig. »Ach, es ist nicht der Rede wert,« versetzte Johann: »Das Mädchen zeigte mir nur ein wenig den Gang und die Vorteile des Seidenbaues – sagte mir, daß die Liebe dieser kleinen Würmer Segen über das ganze Land verbreitete, und daß, wer nur mit einiger Sorgfalt die Begattungsfreuden dieser kleinen Geschöpfe Gottes beförderte, reichlich dafür – wie für eine gute Tat – belohnt würde. – Und darüber kamen wir so ganz natürlich auf unsere eigene Liebe und unsern künftigen Haushalt. – Ein Wort gab das andre – ein Kuß folgte dem andern, und da – – – Was wollte ich doch sagen? – Ja, da faßte Margot Mut und gab mir die Hand darauf, denselben Tag noch mit Ihnen davon zu sprechen. – ›Ich will dir‹, sagte sie, – ›bis an das Tor entgegenkommen – und deinen Herrn mitbringen. – Unterweges will ich ihm erzählen, wie sehr ich dich liebe – will um dich anhalten; und damit du gleich wissen kannst, wie die Sache steht, so will ich dir auch ein Zeichen angeben. Siehst du – komme ich dir allein entgegen gehüpft, so ist es gut – halte ich aber deinen Herrn an dem Arme – ach, so denke nur, daß wir unser Geheimnis noch für uns haben.‹ – Wie ich nun aus dem Stadttore trat, sah ich mit pochendem Herzen Sie beide auf der steinernen Bank sitzen – sah die Kleine geschwind aufsteigen – ach aber, was gab es mir nicht für einen Stich, als ich bald darauf auch sah, wie sie ihr Händchen so artig um Ihren Arm schlang!« »O Montagne! Montagne!« rufte ich hier mit knirschenden Zähnen aus: – »Du hast recht, daß die Katzen oft mit uns spielen, wenn wir glauben, wir spielen mit ihnen.« Johann verstand so viel Französisch, daß er sich einbildete, ich hätte etwas über den Berg gesagt, und herzlich schief darauf antwortete. – Doch mir war es jetzt nicht gegeben, über den geringsten Mißverstand zu lachen. »Ja, das war es auch,« erwiderte ich – »aber fahre nur fort.« »Was ist da noch fortzufahren, mein gütiger Herr?« versetzte Johann. »Gott weiß es, daß es mir in der Seele weh tut, daß ich um meine Entlassung bitten muß: aber mein Platz ist ja wohl noch zu ersetzen. – Es ist ein gar zu gutes Mädchen, das mich so herzlich liebt, und ich wüßte nicht, wie unsereins ein größer Glück in der Welt machen könnte.« – »Unsereins?« wiederholte ich und kaute verdrießlich an den Nägeln. »In diesem Lande«, stotterte er ferner, – »ist es leicht, sich durchzubringen, leicht, eine Frau zu ernähren, zumal eine selbst fleißige und wirtschaftliche Frau, wie Margot schon aus Liebe zu mir sein wird. Noch gestern morgen – als wir Sie hier auf diesem Berge suchten und wir gerade auch auf diesem Platze traulich bei einander saßen, hat sie mir – und ohne viel zu sagen – gewiß unter tausend Küssen, hat sie mir versprochen, alles aus sich zu machen, was ich nur wollte.« »Unter tausend Küssen!« dachte ich, »das ist abscheulich!« und hätte jetzt viel darum gegeben, wenn ich den einzigen wieder zurück gehabt hätte, bei dem mich der Tragödienschreiber überraschte. – Ich verwünschte die kleine Verräterin, die für einen andern, als mich, so beredt stammeln und erröten, und einem andern, als mir, so feurige Küsse geben konnte. Es kam mir nun ganz ausgemacht vor, daß sie meinen Mops vergiftet habe, um mich um alle meine Reisegefährten zu bringen. An das gestrige Blatt meines Tagebuchs konnte ich nicht ohne Groll gegen mich und sie denken, und Du hast es bloß dem Doktor in Würzburg zu danken, daß ich dieses demütigende Blatt nebst einigen vorhergehenden nicht in tausend Stücken zerrissen und Dich um die Nutzanwendung gebracht habe, die du daraus ziehen kannst. Da ich, so sehr es mich auch schmerzte, einen treuen Bedienten auf eine so hinterlistige Art zu verlieren, doch eigentlich nichts hervorzukramen wußte, was Bestand gehalten hätte, so sagte ich ihm in der Verlegenheit. »Das ist alles gut, Johann – aber der Unterschied der Religion?« »Damit,« war seine geschwinde Antwort, »hat es hier nichts zu sagen, wie mich Margot versichert hat.« »Hat sie das?« fiel ich ihm ein und schüttelte den Kopf. »Jawohl, mein bester Herr,« fuhr er fort. »Sie laufen auch hier den Heiligen nicht so nach, als anderwärts. – Der große Christoph allein ist in einigem Ansehen, und das mag er meinetwegen sein. – Entschließen Sie sich nur, mein bester Herr; denn ohne Ihre Erlaubnis will mich das Mädchen durchaus nicht nehmen. Das ist die einzige Bedingung, die sie und ihre Verwandten bei meinem Antrage gemacht haben; und auch ich – trauen Sie mir es zu! – wollte selbst eher noch meine Liebe zu Margot in meinem Blute ersticken, ehe ich Ihrem Befehle zuwider meine Sache ausführen wollte.« »Johann,« – sagte ich ernstlich, »die Hauptschwierigkeit ist, daß ich nicht weiß, wo ich in der Geschwindigkeit einen andern guten Bedienten herbekommen will; und du weißt ja, daß du dich verbunden hast, mich während der Reise nicht zu verlassen.« Doch auch dafür hatten die vorsichtigen Leute gesorgt. »Ach,« fiel mir Johann hastig ein – »das weiß ich nur zu gut – habe es auch dem Mädchen gesagt – und das ist auch der Stein, der uns am schwersten auf dem Herzen gelegen hat. – Aber, gnädiger Herr, Margot hat einen Bruder, der ein schöner, wohlgearteter Bursche sein soll, und der morgen bei Ihnen anziehen kann, wenn Sie wollen. – Sie freut sich im voraus, ihn in Ihrer Livree zu sehen. Der Gedanke war so natürlich – und doch ist er ihr erst gestern ganz spät gekommen.« »Um welche Zeit ungefähr?« fragte ich. »Wie ich Ihnen sage,« versetzte Johann, »ganz spät. Es war schon alles im Hause zu Bette, als sie wie ein Geist die Treppe leise herauf zu mir auf den Boden gestiegen kam, um mir ihren guten Einfall noch mitzuteilen –« »Das,« fiel ich ihm wunderbar ärgerlich ins Wort, »dächte ich, hätte Zeit gehabt bis den andern Morgen.« »Freilich wohl,« sagte Johann: »aber sie kann nun einmal nichts vor mir – auch nur eine Nacht auf dem Herzen behalten. – Doch daß ich weiter erzähle – so war es doch auf der andern Seite recht gescheit von ihr, daß sie auf den Boden kam – denn sie fand da einen verlornen Schachteldeckel mit Thymian und Salbei, und daraus ist der Umschlag entstanden, der Ihnen so wohl bekommen ist. So ein geschäftiges, tätiges Mädchen gibt es nicht mehr! – Sie hätte gern noch alles vor Nacht ins Reine gebracht. ›Überlaß mir den Umschlag,‹ – sagte sie mir, als er fertig war, – ›ich will ihn deinem Herrn selbst umbinden. Vielleicht trifft sich's, daß ich bei ihm noch mein Wort anbringen kann. – Ach, was könnte mir das für eine ruhige Nacht machen!‹ – Aber heute früh war sie wieder ganz mutlos – und ob ich es gleich nicht weniger bin – was will ich machen? Ihre Abreise rückt immer näher, und da ist es ja wohl die höchste Zeit, daß ich erfahre, woran ich bin.« Ich geriet in tiefe Gedanken. »Ihr Wort«, wiederholte ich mir einmal um das andere – »wollte sie bei mir anbringen? Wohl gut, daß es unterblieb. – Gestern nachts? In der Lage, worin ich war? – Das würde einen schönen Gegenstoß von widerlaufenden Gefühlen gegeben haben! Wenn alle jene befeuerten Empfindungen – auf einmal, so eiskalt – so schnell – so gallenbitter zurückgetreten wären – wäre es ein Wunder gewesen, wenn mich der Schlag auf der Stelle gerührt hätte?« Während dieses Selbstgesprächs vergaß ich den armen Johann. – Wie ich wieder nach ihm hinblickte, fand ich sein Gesicht so verstört und ihn von der Folter der Ungewißheit so zerrüttet, daß er mich erbarmte. Ich rieb mir die Stirne – griff mit Blicken des Muts in das Blaue des Himmels, und – entschloß mich. »Du bist nun zehn Jahre bei mir, Johann,« sagte ich gerührt – »hast mir redlich gedient, und ich habe mich an dich gewöhnt. Aber deine Wahl ist zu gut, und die Liebe eines solchen Engels von Mädchen wiegt alle Schwierigkeiten auf, die ich dir machen könnte. Ich gebe dir die gesuchte Erlaubnis und gebe sie dir gern. – Sei immer des guten Kindes wert, und seid glücklich!« Kaum daß ich ausgesprochen hatte, so schlug der gute fühlbare Mensch seine Hände zusammen. »Nun, so segne Sie Gott!« – brach er mit untergemischten Tränen aus, »segne auch Sie bald mit einer würdigen, reizenden Gemahlin, die Sie für alle die Güte belohne, die Sie mir in diesem Augenblicke erweisen!« – Er konnte vor Empfindung nicht weiter sprechen, und ich – stieg – um mich von der Bewegung zu erholen, die mir der Ausdruck seiner Freude – (ich denke wenigstens, daß es so war) verursachte, langsam den Hügel hinab und sprach unterweges meinem ein wenig aus seiner Fassung gebrachten Herzen Mut ein, damit ich mit ganz entwölktem Blicke vor meinen Hausleuten erscheinen möchte. Sie erwarteten mich mit sichtbarer Unruhe vor dem Eingange ihrer Hütte. – Da sie aber aus der zufriedenen Miene meines Johanns schon schließen konnten, wie die Sachen ständen, so führten sie mich ohne weitere Umstände nur geschwind in die Stube, wo ihre Nichte die Zwischenzeit in Herzklopfen zugebracht hatte. – »Wie steht's, Margot?« – rief ich ihr beim Eintreten entgegen und legte alle meine mögliche Freundlichkeit in meine Blicke. – »Nun hab' ich's doch weg, was du vorgestern auf der staubigen Chaussee zu suchen hattest und warum du dich auf der steinernen Bank in so ernsthafte Gedanken verlorst. Deine unruhigen Nächte – deine abgeredten Zeichen – dein Nachtwandeln – alle deine Geheimnisse bis auf den Schachteldeckel sind verraten. Wäre Johann nicht so schwatzhaft – du solltest ihn gewiß nicht bekommen. – So aber gehört er dir von Rechts wegen. Ein so rätselhaftes Mädchen muß mit einem Schwätzer bestraft werden.« Hier hättest Du sehen sollen, wie die kleine Unschuldige lebendig ward! – Mit glühendem Gesichte, bebender Brust und Gott weiß mit was allen für Reizen, hing sie mir, ehe ich es wehren konnte, an dem Halse und drang mir – wenn Du es so nennen willst – das droit de Seigneur im Angesichte ihres Bräutigams auf. – Ich erhielt ihren ersten Kuß, denn ich muß es der Wahrheit zur Steuer sagen, daß, wo in den vorigen Blättern von Küssen die Rede ist, nicht einer darunter ist, den sie mir gab – den zweiten und die folgenden bekam der glückliche Johann. Gleich nach dem Essen gingen wir, nach der bei Tische genommenen Verabredung, alle auf die Post. Wirt und Wirtin, Margot und Johann, eines half dem andern auf seinen Esel, und alle trabten, was sie konnten, dem Dörfchen zu, wo der Familientraktat geschlossen und die Austauschung meines Johanns gegen den Bruder der Margot zustande gebracht werden sollte. Ich wendete die Zwischenzeit zum Vorteile meiner reisenden Freunde, sowie zu meiner eigenen Befriedigung an, und teilte eine große Rolle meines erhobenen Wechsels in drei kleinere, davon ich eine meinen Wirtsleuten – eine meinem Johann – und eine der kleinen verräterischen Margot zudachte. Nach diesem Rechnungsgeschäfte, das erste, das ich nicht beschwerlich fand, setzte ich mich in meinen Verschlag, erzählte Dir, was Du gelesen hast, und erwartete in seltener Gemütsruhe die Zurückkunft meiner Freunde. Ihre vielfachen Geschäfte mußten nicht die geringste Schwierigkeit gefunden haben, denn sie kamen eher wieder, als ich sie, nach der Wichtigkeit ihrer Verrichtungen, erwarten konnte. Sie wollten sich nicht zufrieden geben, als sie mich zu Hause fanden und hörten, daß ich Verzicht auf meinen Spaziergang getan hätte, um ihr Haus und meine kleine Wirtschaft darin nicht ohne Aufsicht zu lassen. Sie erklärten dieses für eine beschimpfende Vorsicht für ihre ehrlichen Mitnachbarn. »Oder«, – trat Margot herzu – »fürchteten Sie etwa, daß der Strauchdieb vom Fichtenberge sich zu Ihrem Schreibtische schleichen – Ihre Papiere in Unordnung bringen oder gar mitnehmen würde?« »Hauptsächlich« – fuhr ich fort, um meine Furcht, die sie so hoch aufnahmen, zu beschönigen – »bin ich zu Hause geblieben, um mein Tagebuch bis heute zu schließen.« »Und was ist ein Tagebuch?« fragte Margot und konnte vor Lachen kaum zu sich kommen, als ich ihr sagte – »daß es eine Rechnung über Einnahme und Ausgabe – der Zeit – unserer Empfindungen und unserer Irrtümer sei – daß unter dieser letztern Rubrik eine Beschreibung ihrer kleinen Person vorkäme, und daß ich diese Rechnung einem Manne zuschicke, der fast täglich seinem Könige welche abzulegen hätte, die nicht viel wichtiger wären.« – Sie hatte große Lust, es nicht zu glauben, wenn es ihr nicht auch Johann versichert hätte. Bastian, mein neuer Bedienter, gefällt mir sehr wohl. Er ist ein aufgeräumter, gewandter Bursche von ungefähr zwanzig Jahren, dem ich es ansehe, daß er sich ebenso leicht würde entschlossen haben, mit Cooken die Welt zu umschiffen, als er übermorgen mit mir nach Avignon geht. Ich möchte ihm einen Taler mehr über seinen monatlichen Lohn geben, weil er seiner Schwester so ähnlich sieht . . . * Den 30. Dezember Die Trunkenheit der Freude, mit der sie gestern einschliefen, schwebte noch diesen Morgen übernächtig auf ihrer aller Gesichtern und beförderte den neuen Rausch, dem sie sich so gutwillig überließen. Ich nahm gewiß einen warmen Anteil daran, und ich hätte mich wohl sogar, als den Urheber desselben, für den Vergnügtesten der Gesellschaft halten dürfen, wenn ich mir diesen Vorzug, ohne erst bei meiner kalten Vernunft anzufragen, zugeeignet hätte . . . . . . Ich möchte nicht, daß mich ein weiser Mann fragte, wie ich meinen Nachmittag zugebracht habe. Ich könnte ihm, Gott weiß es, nichts darauf antworten, als – ich habe ihn vertändelt. Du weißt, Margot ist ein Kind, und da wäre es ja lächerlich, den Verständigen in ihrer Gesellschaft zu machen. Das läuft, das springt, das schäkert, und weiß noch in keiner Sache, wie ihm geschieht. Wundershalber wollte ich hören, was sie sich wohl für Begriffe von der Ehe und ihren künftigen Pflichten als Hausmutter mache? – Aber da fand ich alles so bunt untereinander bei ihr, daß mir, an Johanns Stelle, angst und bange sein würde. Gegen Abend, nachdem wir über tausenderlei drunter und drüber geschwatzt hatten, brachte sie einmal wieder ihren Strauchdieb auf das Tapet. Ich verwies sie damit an ihren Liebhaber. – »Der«, – sagte ich – »hat in der Oper zu Berlin, zwar nur von der Gallerie aus, einen am Pranger stehen sehen.« – »Da ist ihm«, fiel das Mädchen ein – »recht geschehen. Aber geschwind sagen Sie mir, was hat er denn dort alles verbrochen? denn ich höre gar zu gern Mordgeschichten und dergleichen.« – »Dinge hat er verbrochen,« antwortete ich – »wovon du dir keinen Begriff machen würdest, wenn ich sie dir auch erzählen wollte.« Darüber kam sie auf einen Einfall, der mich anfangs stutzig machte, mir nachher aber selbst so wohl gefiel, daß ich von Stund' an auf die ernstliche Ausführung desselben denke. »Wissen Sie was?« – sagte die kleine Närrin – »wenn ich erst mit meinem Johann ein Jahr gelebt habe und nun vierzehn alt bin, da wollen wir Sie und meinen Bruder in Berlin besuchen. Sie haben so manches von der Geburtsstadt meines Johanns fallen lassen, daß ich begierig bin, das Wunderding zu sehen. – Ach! und die Freude,« fuhr sie fort und schlug ihre beiden Händchen zusammen, »nach so langer Zeit den guten, lieben, vortrefflichen Herrn wieder zu finden, der hier so gern mit mir spazieren ging, der mir einen braven geliebten Mann zurück läßt – und meinen armen Schelm von Bruder so gütig von meiner Hand angenommen hat!« – Glaubst Du wohl, Eduard, das Kind ließ darüber ein paar warme Tränen auf meine Hand fallen, die mir elektrisch mein ganzes Zellengewebe erschütterten. »Das ist einmal ein gescheuter Gedanke, Margot,« – sagte ich. – »Ja, ihr sollt mich beide besuchen, und die Reise soll euch nichts kosten. – Gebt mir eure Hand darauf.« Und wäre es nur, Eduard, daß ich Dich von der Wahrheit alles dessen, was ich von dem Mädchen gesagt habe, überzeugen könnte, so sollte mir ihr Besuch lieb sein. * Den 31. Dezember Der letzte Tag des Jahres ist da! Das würde mich wenig bekümmern, wenn es nicht auch der Abschiedstag von den besten Menschen wäre, die ich jemals gekannt habe. Diese Betrachtung macht mir ihn feierlich. Ich darf mir meine innere Bewegung nicht merken lassen – was würde es nützen? – Sie setzen ohne Argwohn voraus, daß ich diesen Abend wenigstens noch mit ihnen verschwatzen und vertändeln und meine Nacht in dem Weichbilde der kleinen Margot verträumen werde. – Wenn ich nach dem Essen meinen Hut und Knotenstock nehme, wird sie um mich herum hüpfen, mir an der Tür einen Kuß zuwerfen und mir eine baldige Zurückkunft von meinem Fichtenberge gebieten. – Die Tür wird knarren – und – meine Rolle wird hier gespielt sein. – Sobald der Tag zu verlaufen beginnen und man anfangen wird, sich nach mir umzusehen, soll Bastian auftreten und den Epilog halten. – Ich traue ihm zu, daß er ihn mit allem erforderlichen Anstand und genau nach meiner Vorschrift halten wird. – So kommen wir alle am kürzesten davon. Die Geschenke, die ich ihnen zurücklasse, teilt Bastian nach meiner Anweisung unter sie aus. Es wäre mir nicht möglich, der erschütternden Szene beizuwohnen, die das Erstaunen, die Danksagungen und die Tränen dieser so leicht zu rührenden und zu befriedigenden Menschen darstellen wird. Das könnte mir indes nur eine kurze Ruhe verschaffen; denn in dem Ungestüm ihrer Empfindungen würde die ganze freundschaftliche Karawane, ich bin es gewiß, mich bis über die Grenzen verfolgen, wenn ich meinem Stellvertreter nicht auch auf diesen Fall die gemessensten Befehle und die wirksamsten Bitten an sie zurückließ. Unterdessen dieses hier vorgeht, werde ich meinen Pavillon zu Nimes einsam durchschreiten und ein Liedchen singen, damit ich nicht höre, wie mir das Herz pocht. Mein Tagebuch – noch hat es in meinen Taschen Raum – nehme ich allein von hier mit. Meine übrigen kleinen Effekten soll mir Bastian mit Anbruch des morgenden Tages nachbringen. So wäre denn meine Abschiedsstunde von Caverac mit so vieler Schonung meines wunden Gefühls angelegt, als kaum ein Hofprediger der letzten Stunde einräumen kann, in der sein Fürst aus der Welt geht. Bastian soll unter acht Tagen seiner Verwandten nicht gegen mich erwähnen. Das habe ich ihm bei meiner Ungnade eingeschärft. * Nimes Freund! Ich bin nun gerettet – wie ein Fisch, der den Köder vom Faden gebissen hat und mit dem Angelhaken in der Gurgel davonschwimmt. Hätte ich, zu einem Bettler herabgesunken, mein Land verlassen müssen, wo ich als König regierte, bänger hätte mir kaum um das Herz sein können, als da mir nun die Wohnung der Unschuld und Freude im Rücken – und, abgeschnitten von allem, was mir lieb war, die ganze weite freudenlose Welt vor mir lag. Ach! nichts begleitete mich, als mein trauriger Schatten. – Mir fehlte Margots sonorische Stimme – ich vermißte den Nachtrab meines treuen schwatzhaften Johanns, und mein zerstreuter Blick, der selbst manchmal sich nach meinen. guten asthmatischen Mops umsah, kehrte betroffen über seinen Verlust zurück. Und o wie viele andere stachlichte Empfindungen – die ich aus Zärtlichkeit gegen mich nicht berühren mag – kletteten sich nicht an dieses belastende Gefühl von Trennung und Einsamkeit! Es war mir, als ob an jedem Pflasterstein, über den ich auf meinem Wege fortschritt, ein Teil meines Eigentums hängen blieb, so daß ich es mit jeder Minute kleiner, unbedeutender werden und zuletzt in ein Nichts verschwunden sah. Ich konnte es nicht über mich gewinnen, auf der Chaussee fort – bei der steinernen Bank vorbeizugehen, auf der sich meine Eigenliebe, und, wie Du weißt, ganz ohne Not, brüstete, und aus einem Mißverständnisse, das ich mir noch nicht vergeben kann, in so lebhafte Bewegung geriet. In solchen Umständen, lieber Eduard, ist es sehr bequem, wenn man neben der Landstraße noch einen Rasenweg findet. Wie klein war indes die Erleichterung, die ich mir damit verschaffte! – Denn, ob ich gleich weder Menschen noch Esel begegnete, die mich an mein Dörfchen erinnerten, so konnte ich doch unmöglich jedem Moose, jedem sprossenden Strauche, das den Moosen und Gesträuchen auf dem Fichtenberge ähnlich sah, aus dem Wege gehen: und als ich mir vollends einfallen ließ, einen seitwärts gelegenen Hügel zu besteigen, so brachte ich mich auf einmal um allen Vorteil meines listigen Umwegs; denn nun trat mir, in dem weiten Zirkel des freundlichen Languedocs, den ich übersah, das kleine liebe Caverac so nahe vor die Augen, daß sie mir übergingen, ehe ich es wehren konnte . . . Nimes Den 1. Januar . . . Es ist eine herzerhebende Empfindung für einen Mann, der an seiner Vervollkommnung arbeitet, wenn er sich beim Erwachen klüger wieder findet, als er sich den Abend vorher verließ . . . Der gute Junge, den ich gestern mietete – ich hatte ihn ganz aus der Acht gelassen – trat seinen Dienst bei mir an, und pflanzte sich, da ich mich seiner am wenigsten versah, schön gekräuselt und in die Livrei gekleidet, die sein Schwager ehrlich getragen und glücklich abgelegt hatte, vor mein Bette. Die Sache ging sehr natürlich zu, und doch kam sie mir als eine unerwartete Erscheinung vor, und erregte Ideen bei mir, die meiner armen Philosophie nichts weniger als zuträglich waren. – Urteile nun selbst, wie es mit einem solchen Kopfe aussehen mag, den so gleichgültige Dinge schon aus seiner Fassung bringen. Das reisefertige Ansehen Bastians, sein freundlicher Glückwunsch zum neuen Jahre, und seine überraschende Frage: ob er das Anspannen bestellen solle, machten mich, eins wie das andere, mit mir selbst irre. – Ich blickte ihm ungewiß in das Gesicht, als ob mir eine dunkle Erinnerung von ihm vorschwebte, und runzelte, statt ihm zu antworten, die Stirn. Endlich merkte ich, was mir war. – »Keinen Gruß von Margot?« sagte ich heimlich zu mir; »das heißt deine Befehle fast zu pünktlich befolgt!« und legte mich unwillig auf das andere Ohr. Er mußte mich noch ein paarmal mit der sonorischen Stimme seiner Schwester und mit den Ähnlichkeiten ihres lieben Gesichtchens erschrecken, ehe ich gefaßt genug war, ihn mit einem grämlichen Ja! abzufertigen. – Er verließ mich – und ich – nicht halb mehr so zufrieden mit mir, als vor einigen Minuten, stand lässig auf; meine Morgenbetrachtungen blieben unvollendet in der Nachtmütze hängen, die ich abwarf, und ich trat mit einer Art von Trotz in das Nebenzimmer, wo eine Kleinigkeit, die meiner wartete, mich vollends und ebenso geschwind verstimmte, als sie mir in die Augen fiel. Es war eine Rose, die mir Bastian von seiner Schwester mitgebracht, und auf den Bogen, woran ich jetzt schreibe, gelegt hatte. Ich erkannte sie sogleich, wie ich ihrer ansichtig ward. Es war die oberste von den dreien, die gestern noch als Knospen an dem Stocke hingen, den Margot täglich in die Sonne trug und begoß. – »Die erste, die sich entfalten wird,« sagte immer das liebe Kind, »soll niemand bekommen als Sie, mein gütiger Herr!« und wie wird sie sich freuen, daß sie mir noch Wort halten konnte! Ich hob die Blume zitternd in die Höhe, und die Tränen traten mir in die Augen. Alle die frohen Erinnerungen der ländlichen Stunden, wo sie mit aufgestreiften Ärmeln vor ihrem Blumenstocke stand, ihn genau musterte, und bald eine summende Mücke, bald eine näschige Wespe davon verjagte, schienen jetzt mit dem Geruche dieser lieblichen Blume in mich überzuströmen, und ich konnte mich an der frischen Farbe dieser Erstlingin des Jahres nicht satt sehen. Du kennst doch die Provencer Rosen, trauter Eduard? Viel kleiner als die unsern, röter, elastischer und konzentrischer, als es bei weitem unsre Zentifolien sind, scheinen sie dem Auge eines Deutschen nur desto reizender – und nun vollends so früh im Jahre, und in der feierlichen Nacht entfaltet, die mich, ach! auf immer, von dem nachbarlichen Bette meiner guten Margot entfernt hat! Wäre es ein Wunder, wenn ich, trotz einem Brokes und seinem irdischen Vergnügen in Gott, über die Betrachtung dieser Blume zum Kinde würde? Ich habe sie zwischen meinem Busenstreifen verborgen, nahe bei meinem pochenden Herzen, und würde es für Sünde halten, wenn ich sie mit prahlendem Leichtsinn auf meinen Reisehut stecken wollte. Nein! sie soll durch ihren sanften Gegendruck – durch den Aushauch ihres Wohlgeruchs, mir nur fühlbarer machen, daß ich noch atme und ein Mensch bin; und selbst über ihre sterbenden Blätter will ich eine gewissenhafte Rechnung halten, sie, wie sie abfallen, in meine Brieftasche sammeln, und sie nur empfindsamen Freunden, als kostbare Reliquien aus dem heiligen Caverac, zeigen . . . * Avignon Abends Kaum hatte ich mich heute morgens mit meiner Provencer Rose in den Wagen, und Bastian sich mir gegenüber zurechte gesetzt; so sah ich schon, daß ich eine Torheit begangen hatte, ihm diesen vornehmen Platz anzuweisen. Sein Anblick war mir sonderbar im Wege, daß ich beinahe an seine Stelle meinen alten schnarchenden Begleiter aus seiner Verwesung zurückgewünscht hätte, der mir, wie du weißt, immer zu einem guten Gedanken verhalf. Doch da der Mensch einmal da saß, mußte ich ihn nun auch schon sitzen und mir gefallen lassen, daß sein spähendes Auge, manchmal zu einer ganz ungelegenen Zeit, den freien Ausblick der meinigen hinderte. Ich ließ mir nicht einfallen, als ich durch die Stadt rollte, nur nach einem Fenster meiner Bekannten in die Höhe zu fahren, oder die römischen Altertümer, so gewiß ich auch bei ihnen zum letzten Male vorbeikam, nur eines Abschiedsblickes zu würdigen. Dagegen zog ich mein Fernglas aus der Tasche, wie ich ins Freie kam, und hob es immer mechanisch vor die Augen, so oft mir die Wendung meines Wagens die Turmspitze von Caverac zu Gesichte brachte. Welche bittersüße Erinnerungen wehten mir immer noch von dorther entgegen! Einigemal wurden sie so lebhaft, daß ich im Begriffe stand, den Postknecht umlenken zu lassen; so groß war der Kampf meiner Nachwehen: ja, ich verzweifelte, daß die Zeit jemals imstande sein würde, dieses nagende Gefühl zu zerteilen. Indes tat ich der Zeit Unrecht, Eduard, und ich hätte mir diese Sorge ersparen können; denn ich will Dir es nicht verschweigen, daß mir eine Stunde nachher die Sache lange nicht mehr so unmöglich schien. Mein Herz ward müde, länger für ein Mädchen zu pochen, das so weit hinter mir war, und meine sympathetische Rose verlor nach und nach immer etwas mehr von ihrer anziehenden Kraft. Ich fühlte nur noch, daß sie welkte, daß sie mir die Haut rieb, daß sie mir beschwerlich ward – schob sie ein paarmal seitwärts – und steckte sie endlich, da sie mir es zu arg machte, ohne mich weiter mit ihr einzulassen, in die Weste. Nun ging es, zu meinem Erstaunen, auch mit jeder andern Beruhigung so geschwind, daß ich mich selbst darüber mit mir hätte verfeinden mögen. Ich machte mir Vorwürfe über Vorwürfe – nannte mich den Wankelmütigst unter dem Monde; aber es fruchtete wenig. Je weiter ich mich von dem guten Dörfchen entfernte, je näher ich dem Gebiete des Papstes kam, desto mutwilliger ward mein Blut, und ich betrat endlich das Komtat mit Ahndungen, die mir angst und bange für mich selbst machten. Als ich über die französische Grenze hinaus war, steckte ich mein Fernglas ein, das mir zu nichts weiter dienen konnte, schlug munter meine Arme ineinander, ließ meine Blicke einige Zeit mit Wohlgefallen auf dem hübschen Jungen ruhen, der mir gegenüber saß, ward bald nachher seines ehrerbietigen Stillschweigens müde, und forderte ihn, indem ich zugleich mit Verwunderung nach meiner Uhr blickte, endlich selbst auf, mich von seiner Schwester zu unterhalten. Er schien nur auf meinen Befehl gewartet zu haben. Ich erfuhr von ihm, daß er das Haus in den großen Anstalten zu ihrer Hochzeitfeier verlassen habe, hörte es ohne merkliche Bewegung, und, indem mir mancher im Geschmack des Ostade gelungener Zug seines Gemäldes ein gutmütiges Lächeln abnötigte, rührte es mich öfter noch durch die feinsten Züge, die selbst ein Poussin zu seinen arkadischen Bildern, oder ein Berghem zu einem Stilleben nicht würde verschmäht haben. Nachdem ich die Kunst seiner Darstellung lange genug bewundert hatte, und mancher verstohlne Blick, den ich mitunter dabei in mein Herz tat, mich hoffen ließ, daß ich mich noch angenehmer mit mir selbst unterhalten würde, drückte ich meinen Hut um einen Zoll tiefer in die Augen und legte mich in die Ecke des Wagens. Bastians Takt war auch fein genug, mich zu verstehen. Er besah den Aufschlag seines Rocks – blies eine Feder davon ab und schwieg. Ungesucht legte sich nun das Glück so vieler guten Seelen, das ich nur aus dem Vorhergehenden deutlich genug vorstellen konnte, als der reichhaltigste Text meinen Betrachtungen unter: er stand, samt allen seinen möglichen Folgen, in einem so sonderbaren Zusammenhange mit dem heillosen Schnupfen, den mir die Bise zu Nimes an die Nase warf, daß ich nicht genug den Zufall bewundern konnte, der so heterogene Dinge zu vereinigen wußte, um, wie es nur vorkam, durch den systematischsten Gang von der Welt, am Ende auch noch meine eigene Zufriedenheiten bewirken. Jawohl, Eduard, meine eigene Zufriedenheit! denn ich ging hier nicht so leer aus, als Du dem ersten Ansehn nach wohl denken könntest. Wolltest du wohl das wiedererlangte Vermögen – um ein Mädchen seufzen, und den Glücklichen beneiden zu können, dem ihr Besitz zuteil ward – für nichts achten? Wie wäre mir noch vor vier Wochen in Berlin so etwas eingefallen? – Der ganze Hof, von dem vornehmsten bis zum geringsten, hätte sich zwei- und dreimal verheiraten mögen – ich würde mich wenig um das Glück ihrer ersten Nächte bekümmert, noch weniger daran geglaubt, oder nur einen Augenblick gewünscht haben, in ihrer Lage zu sein. Zu solchen menschlichen Wünschen gehört eine gewisse Spannkraft des Herzens, von der ich schon langeher keinen Begriff mehr hatte, und ohne die doch selbst ein Monarch – zwar groß und bewundert, so viel Du willst – aber für seine Person nie so glücklich sein wird, als der Tagelöhner, dem sie die Natur, vielleicht zur Entschädigung für alle andre ihm versagte Herrlichkeiten, in vollem Maße geschenkt hat. In welchem wohltätigen Lichte mußte mir also nicht der Zufall erscheinen, der mich zwar mit einer kranken Nase nach Caverac brachte, mich nun aber dafür mit jenem männlichen Bewußtsein in die offene und mädchenreiche Welt weiter schickte! Diesen schnellen Übergang von Kleinmut zu einem edeln Selbstvertrauen, das über den erschlafftesten Geist Wohlbehagen verbreitet – wem habe ich es zu verdanken, als allein dem mächtigen Zufalle? »So sollst du mich denn, du Freund aller der Weisen, die ohne Anmaßung, ohne Rechnung und Forderung, ihr Leben durchschlendern, auch fernerhin leiten,« rief ich andächtig aus, stieß all die überklugen Aussprüche, die mir seine Wirklichkeit verdächtig machten, mit Gewalt von mir, und fand ihn, bei zunehmendem Nachdenken, auf allen Blättern der Menschengeschichte, unwiderleglich bewiesen. Ich übersah den Umlauf irdischer Dinge – ihre Anlagen, ihre Absichten und ihren Erfolg in einigen ernsten Minuten. Das Feuer der Ode ergriff mich. – Ich warf bedeutende Blicke bald auf das päpstliche Gebiet, das, wie ein Ball des Ungefährs, vor mir lag – bald auf Bastian, der seine Augen von dem Brande der meinigen wegwandte und zitterte. Es flogen mir mehr Gedanken zu, als mein Gehirn auffassen konnte. – Ich knetete nur die zusammen, die sich am nächsten wagten, und überließ den übrigen Vorrat größern Dichtern, die, wenn sie wollen, ihn zu einem dicken Gesangbuche von Klag- und Trostliedern verarbeiten mögen, das gar auch wohl einmal – wer kann dafür stehen? seine Gemeinde findet . . . Ich hätte dem Zufall auf keine tätigere Art mein unbegrenztes Zutrauen beweisen können, als daß ich die bedenkliche Wahl meines Quartiers [in Avignon] einem jungen Flüchtlinge überließ, der nur seit wenig Stunden in meinen Diensten stand, meinen Geschmack nicht kannte, und die erste Probe des seinigen in einer ihm ganz fremden Stadt ablegen sollte – in einer Stadt, wo der Vorzug, den man einer von den vier Klassen ihrer Einwohner gibt, seine eigene Gefahr hat, und wo es nicht gleichgültig ist, ob man sich bei einem Orangenhändler, bei einem Juden, neben einem geistlichen Herrn, oder bei einer Seidenspinnerin einmietet. Ich machte unterdes einen Spaziergang nach der Burg des Legaten, die, wie fast alle Prälatenschlösser, ihre demütige Lage auf dem höchsten Flecke der Stadt hat. Der Hausknecht, der mich dahin führte, schwatzte mir unterweges viel von einem dort befindlichen offenen Platze vor, auf welchem man das ganze päpstliche Gebiet übersehen könne. Ich nahm seine Versicherung in dem eingeschränktesten Sinne, den er vermutlich nur darein legen wollte, und fand daher die Ansicht der herrlichsten Gegend, die, wie ein ausgebreitetes großes Gemälde dalag, für mein leibliches Auge so erquickend, als ein Ermüdeter nur wünschen kann. Auf diesem schönen Vorplatze des geistlichen Palasts soll zu Zeiten ein gewaltiger Zugwind herrschen, der über die französische Grenze herkommt, und dem Legaten, der nie viel Gutes von daher erwartet, oft den Atem versetzt. Heute, zu meinem Vergnügen, ruhte er in dem Abglanze der Sonne, die gerade über ihm stand, als ob sie meiner erwartete. Mit welcher Freundlichkeit begrüßte sie hier den ersten Tag des Jahres, den sie höchstens nur matt bei euch überschimmert! . . . Ich stand lange ganz unbeweglich auf diesem Sonnenplatze [und] sog ihre wohltätigen Strahlen ein, wie die Säule des Memnon . . . Bastian war mir schon eine Weile unter die Augen getreten; aber ich blinzte in das majestätische Licht, und er mußte mich anreden, um mir seine Gegenwart bekannt zu machen. »Wollten Sie wohl,« lispelte er mir endlich zu, »einen Ihrer feurigen Blicke auf die Wohnung werfen, die ich Ihnen ausgemacht habe?« – »So! mein Herr Abgesandter,« erwiderte ich, »ich höre du bist wieder zurück, denn sehen kann ich dich durchaus nicht.« – Wirklich war ich in diesem Augenblicke in so hohem Grade geblendet, daß ich glaube, Paulus und Schwedenburg haben nur einige Minuten länger in die Sonne gesehen, um jene unaussprechlichen Dinge zu entdecken, die unsere gemeine Vorstellungkraft so weit übersteigen. »Ich hoffe,« fuhr Bastian fort, »das Quartier wird Ihnen gefallen, wenn Sie nur Ihres Gesichts erst wieder mächtig sind. – Wie? Sie suchen mich ja auf der Gegenseite. – Sehen Sie mich denn noch nicht? Mein Gott, wie angst machen Sie mir! Ach, mein Herr, mit der hiesigen Sonne ist nicht zu spaßen.« – »Oh, mit der hiesigen habe ich es auch nicht getan, mein lieber Bastian,« antwortete ich und rieb mir die Augen; »wenn mir die Berliner Sonne nur nichts nachträgt! Doch führe mich in meine Miete; denn meine Blindheit, Gott sei Dank! fängt an zu vergehen.« – »Der Weg dahin ist nicht weit,« fuhr Bastian nun in seinem Hauptberichte fort, indem er, stolz auf seine gute Verrichtung, ziemlich anmaßlich neben mir hertrabte. »Sie werden das Quartier gewiß lieb gewinnen, denn zufälliger weise liegt es an der Mittagsseite. Ein helles freundliches Haus – eine schöne, bequeme Stiege, die in einen großen Vorsaal führt, wovon Sie in ein weitläufiges Zimmer treten, an das eine Kammer mit dem artigsten Bette, und an diese wieder ein Verschlag stößt, der eine kleine Bibliothek enthält. Unter dem Spiegel in dem Hauptgemache ein schlafender Amor von Marmor – und Rousseaus Büste von Gips gegenüber auf dem Gesimse des Kamins – und das alles, mein Herr, in dem ersten Stockwerke! Aber, das beste kommt noch: Sie sind, solange es Ihnen gefällt da zu wohnen, Herr allein im Hause; denn es gehört einer toten Hand zu – dem Hospitale der Probstei, dem eine andächtige Seele die Einkünfte davon gemacht hat. Ein einzelnes altes Weib, die man für nichts rechnen kann, ist auf der Seite der großen Stube Ihre Nachbarin, aber wie hier durch die Mauer, so auch auf dem gemeinschaftlichen Vorsaale, ganz von Ihnen geschieden. Das Weib ist aus der Kommun des Hospitals genommen und in dies Haus gesetzt, um es in Aufsicht und Beschluß zu halten, und sie macht ihrem Amte Ehre. Zufällig traf ich es so glücklich, daß sie eben aus der Messe kam, als ich vor ihrer Türe stand, und das logement à deux lous par sémaine nicht so recht herausbringen konnte; denn vermutlich ist das Haus schon für sich in zu gutem Rufe, als daß es einer leserlichen Aufschrift bedürfte.« »Ich fand,« fuhr mein geschwätziger Geschäftsträger fort, »die Zimmer, das Geräte und die ganze Gelegenheit artig genug für einen einzelnen Herrn; aber den Mietzins bei alledem zu hoch. Doch konnte ich es nicht über das Herz bringen, dem alten Mütterchen ein geringeres Gebot zu tun, da jeder Liard, wie sie mir sagte, den das Haus abwirft, unter Notleidende verteilt wird. Dieser Umstand, dachte ich, ist gewiß deinem guten Herrn mehr wert, als die paar Livres, die er vielleicht zuviel bezahlt! Doch das ist seine Sache, der Handel ist ja noch nicht so fest abgeschlossen, daß es nicht bei ihm stände, ihn fallen zulassen, wenn ihm die Wohnung, die Wirtin oder der Preis nicht gefällt . . .« Hätte mich etwas von dem Handel abschrecken können, so wäre es wohl die alte Ausgeberin gewesen, bei der es beinahe unmöglich ist, eine gute Absicht des Zufalls zu vermuten. Sie ist das wahre Gegenbild meiner vortrefflichen Wirtin zu Caverac, für den Anblick sowohl als für das Herz. Da ich nicht so gern Runzeln male als Denner , so scheide ich von ihrem Porträte, selbst ohne näher zu untersuchen, ob sie des Criminis rugarum Scilicet ut careat rugarum crimine venter, Sternatur pugnae tristis arena tuae.         Ovid. Amor. lib. 2. eleg. 14. v. 7, 8. so schuldig sei, als es leider! das Ansehen hat. Fromm, wie man es hier zu Lande nennt, mag sie wohl sein: denn sie ist mit soviel Heiligenbildern, Amuletten und Rosenkränzen behängt, daß sie bei der geringsten Bewegung wie ein Skelett im Zugwinde klappert. Als sie mir mein Stubengeräte, zugleich mit dem Verzeichnisse davon, übergab, tat sie mir die freundschaftliche Erklärung, daß sie, außer dem, was sie mir hier zum Gebrauche überließ, sich weiter um keines meiner Bedürfnisse bekümmern könne; und das ist mir auch ganz recht. Mit dem Anfange jeder Woche, fuhr sie fort, würde sie den bedungenen Mietzins abholen, nahm den jetzigen in Empfang und empfahl sich meinem Gebete. Ich untersuchte nun etwas genauer, was mich umgab, fand alles reinlich und artig, aber ohne Schmuck, wenn ich den schlafenden Amor ausnehme, der aus weißem Marmor und wirklich schön gearbeitet ist. Wie mag sich ein solches Kabinettstück in dieses Haus verirrt haben? Ich begriff es nicht eher, bis ich das Verzeichnis nachschlug, wo ich die Auflösung fand; denn hier stand die Figur als ein heiliger Engel, mit dem Beisatze eingetragen, daß er bei der ersten Besitzerin des Hauses versetzt worden und ihr für aufgelaufene Zinsen verfallen sei. Man ist von Jugend auf an die Abweichungen der Künstler von dem Sprachgebrauche bei dieser Art von Geschöpfen so gewöhnt, daß ich überlaut lachen mußte, hier zum erstenmal einen so dezidierten männlichen Engel zu finden, als seit ihrer Entstehung noch keiner gemodelt und gemalt worden. Wo muß die gute Frau ihre Augen gehabt haben? Ich glaube, man brächte kein Mädchen mehr in die Kirche, wenn sie mit solchen Figuren umgeben wäre, oder am Feste der Verkündigung vor so einem Engel knien sollte! Indes, da Freund Amor in diesem Hause dafür gilt, so mag er es, solange Gott will! Woher mag nun aber in aller Welt dieser konventionelle Verstoß der Künstler, die uns diese Boten Gottes darstellen, wider die Analogie der Sprache wohl herrühren? Er muß doch eine Ursache haben! aber wer weiß sie mir anzugeben? Ich vertiefte mich umsonst in diese artistische Untersuchung, und selbst weit länger, als es mir gut war: denn ich kann fast über nichts mehr kaltblütig nachdenken. Die Büchersammlung, vor der ich mich anfangs am meisten fürchtete, wird mir hoffentlich kein Kopfweh verursachen. Sie besteht, soviel ich nach einem flüchtigen Blick entdeckt habe, in nichts als in theologisch-moralischen, dialektischen und kasuistischen Abhandlungen und andern dergleichen Meisterstücken des vorigen Jahrhunderts. Sebastian wohnt eine Treppe höher, steht aber durch einen Schellenzug in gehöriger Verbindung mit seinem Herrn. Ich dächte, für meine stillen Absichten hätte der Zufall mir keine bequemere Wohnung verschaffen können. Scheint die Sonne die vier Wochen hindurch, die ich etwann hier zubringen werde, mir immer so freundlich wie heute, so wüßte ich in der Tat nicht, was meinen einfachen Gang nach Gesundheit und Seelenruhe stören sollte? Mein Aufenthalt in Avignon wird sonach, lieber Eduard, wie das immer der Fall bei den wahrhaft glücklichen Epochen unseres Lebens ist, einen ganz kleinen Raum in meiner Geschichte einnehmen. Wenn ich Dir nicht täglich aufs neue erzählen will, wie ich nach einem gesunden Schlaf, einer mäßigen Mahlzeit, müde von meinem einsamem Spaziergange, nach Hause komme, um den folgenden Tag denselben Zirkel zu wiederholen; so begreife ich wahrlich nicht, wovon ich Dich unterhalten soll. Bei einem Leser, wie Du bist, Eduard, sollte mir das zwar nicht schaden. Du dürftest mich nur desto gesunder, klüger, zufriedener, und desto näher am Ziele meiner Reise denken, je mehr mein Tagebuch an Interesse abnimmt; aber bei aller deiner Teilnahme, mein guter Freund, fürchte ich, wird es Dir dennoch um nichts merkwürdiger vorkommen. Schreiber und Leser stehen gar zu leicht in Ansehung ihrer Empfindung im umgekehrten Verhältnisse zueinander. Was dem ersten behagt, ist leicht dem zweiten zuwider. Ihr wollt immer nur euren Robinson mit Wetter und Wellen im Streite sehen. – Je trauriger und gefahrvoller seine Lage wird, desto anziehender kömmt sie euch vor. Wehe ihm aber, wenn er nun Land gewonnen hat, und sich einfallen läßt, euch nun auch seine Ruhe nach vollbrachter Arbeit, und seine häusliche Glückseligkeit zu schildern – wenn er endlich seine Amanda heiratet, und von den großen Anlagen seiner Kleinen euch vorplaudern will: dazu habt ihr keine Ohren – ihr fangt an zu gähnen, und schlagt die langweiligen Blätter ohne Barmherzigkeit um. Da bin ich nun zum Beispiele diesen Nachmittag wieder auf meinem Sonnenplatze gewesen, um meinen Spinat recht gemächlich zu verdauen, habe den Himmel ohne Wolken, und die Sonne sich so rosenrot zu ihrem Untergange neigen sehen, daß ich mir morgen einen gleich heitern Tag versprechen darf, als der heutige war. Das ist nun für mich freilich sehr wichtig; aber eben so gut fühle ich, daß, wenn du diese Merkwürdigkeiten ein paar Dutzend Male hintereinander wirst gelesen haben, deine Ungeduld wohl gereizt werden dürfte, mir Hagel und Frost auf den Hals zu wünschen; geschähe es auch nur aus Liebe zur Veränderung. Nach dieser vorläufigen Erklärung eines schachmatten Schriftstellers, bleibt mir für heute nichts klügeres zu tun übrig, als daß ich mein Bette suche, um die Stunde Schlaf zu ersetzen, die ich mir diesen Morgen abbrach. Du siehst, lieber Freund, wie ich anfange alles in Ordnung zu halten. * Da stößt mir noch etwas so drolliges auf, daß ich nicht umhin kann, die Feder wieder aufzunehmen, und es Dir als eine Seltenheit des hiesigen Landes zu erzählen. Indem ich mich auskleide, singt meine veraltete Nachbarin einen Psalm ab, der mir warm an das Herz geht; so volltönend – so einschmeichelnd singt sie ihn! – Wie hätte ich ihr dies Talent zutrauen sollen? Eine solche Stimme in dem Munde einer Margot?– bei allen Heiligen! die Scheidewand sollte uns nicht lange scheiden. Indes wirst du selbst gestehen, daß es schon angenehmer ist, unter dem Gesang eines alten Weibes, als unter ihrem hektischen Husten einzuschlafen, wie es leider! manchem armen Sklaven von Manne geht, der sich von seiner Gebieterin nicht wegbetten darf . . . * Den 2. Januar. . . . Ich war so in Andacht versunken, daß es mir höchst zuwider war, als Bastian, der mir eben mein irdisches Frühstück brachte, mich in diesem Feste der Empfindung störte. Wie hätte ich ihm ansehen können, daß er solches noch erhöhen, ja selbst meinen leiblichen Augen das Wunder der Verklärung versinnlichen sollte, worüber er meinen Geist brütend antraf? Ich hatte ihn kaum aufmerksam auf das erstaunliche Talent unserer Wirtin gemacht, so schlug er seine Hände zusammen, als ob er meine wenige Kenntnis in der Musik bemitleiden wollte. »O, mein bester Herr,« rief er aus, » wie konnten Sie nur einen Augenblick denken, daß der zahnlose, häßliche Rachen unserer Aufseherin diesen Nachtigallenton hervorzugurgeln geschickt sei? Nein, mein lieber Herr! das alte Weib hat einen Engel bei sich, der ihr vorsingt. Ich habe ihn hinter dem Fenster stehen sehen, und erschrak so sehr über seinen Anblick, daß ich bald Ihren Kaffee verschüttet hätte, den ich über die Straße trug. Ohne daß ich geradezu behaupten will, daß er vom Himmel gestiegen sei – denn das müßte in einer mittelmäßigen Stadt, wie Avignon, schon mehrern Lärm machen – so versichere ich Sie doch bei alledem, daß es selbst Ihnen so schwer werden sollte als mir, es nicht zu glauben, wenn Ihnen diese himmlische Figur ebenso unerwartet erschiene.« Dieses enthusiastische Lob eines Engels, – denn der unter dem Spiegel machte mich nicht irre – dieses Lob sage ich, aus dem Munde eines Menschen, der eine Margot zur Schwester hat, mußte notwendig den Eindruck auf meine Seele machen, den Du Dir denken kannst. Ich winkte ihm zu schweigen, bekümmerte mich um kein Frühstück, setzte mich so nah als möglich an die Scheidewand und ließ nun meine nüchterne Seele auf dem Strome der Harmonie, wie eine Feder, hin und her schaukeln. Ich glaubte in meinem Entzücken, alle die Schönheiten zu hören, die mir zu sehen verwehrt waren – die gewölbte Brust – den kleinen, mit Perlen besetzten Mund – die liebevollen, schmachtenden Augen – ja, es kamen sogar Noten vor, bei denen ich auf die unverletzte Tugend hätte schwören wollen, die mit der Kehle eines Mädchens, wie du wissen wirst, in so sonderbarer Verbindung steht. Meine Einbildungskraft, die, großer Gott! noch vor einer Viertelstunde so ruhig war, geriet in Aufruhr. Ich war heilfroh, als der erschütternde Psalm zu Ende war, und ich nun den Empfindungen Luft machen konnte, die sich indes in meiner beklommenen Brust gehäuft hatten. »Woher – um aller Barmherzigkeit willen, mag diese reizende Sängerin in dies einsame Haus kommen?« kehrte ich mich gegen Bastian, der während des Gesanges sich mäuschenstill in den Bogen des Fensters gelehnt hatte. »Das«, antwortete er seufzend, »mag Gott und jener kleine verschobene Kerl von Buchhändler wissen, der uns gegenüber wohnt. – Der muß den Diskant so sehr lieben als Sie, mein Herr. Sehen Sie nur, wie verloren er dasteht! Blickt er nicht nach dem Fenster des Engels, wie ein Salamander, der ein Kolibri belagert? Er, mein lieber Herr, möchte wohl am ersten Ihre Neugier befriedigen können.« – »Wahrlich,« rief ich aus, »du bist ein kluger Kerl, Bastian! Geschwind gib mir meine Schuhe und meinen Frack! Mit der Frisur kann es anstehen, bis ich zurückkomme.« Und so trabte ich denn bald darauf über die Gasse, ohne an die Warnung meines Jeroms eher zu denken, als bis ich mich schon mitten unter der mir verbotensten Ware von allen befand. Der Name des Mannes, der hier den gelehrten Handlanger machte, stand über der Türe seines Ladens mit großen goldenen Buchstaben geschrieben, und verdiente es auch mehr als ein anderer. Ein Streit der Großmut mit Voltairen hatte mir ihn schon längst rühmlichst bekannt gemacht. Es war, mit einem Worte, wo nicht der berühmte Herr Fez selbst, doch wenigstens sein Sohn, den ich hier, von der Natur zwar ein wenig gemißhandelt, übrigens aber als einen sehr gebildetem Mann kennen lernte . . . »Ich opfere«, sagte ich mit einer Treuherzigkeit, die den Mann entzückte, »den größten Teil meiner Zeit den keuschen Musen, suche deshalb immer den berühmtesten Buchhändlern in der Nähe zu wohnen, und habe auch hier, wie Sie sehen, die stillste Wohnung bezogen, die in Ihrer Nachbarschaft zu finden war; die alte Dame, deren Mietmann ich bin, wird mich sicher nicht in meinen Studien stören.« – »Das wohl nicht,« fiel mir Herr Fez ins Wort: »wenn es nur nicht ihre Nichte tut, die das alte Weib bei sich hat!« – »So?« antwortete ich ganz gelassen, »eine Nichte?« »Ja,« erwiderte er laut seufzend, »eine gewisse Klara. Gott gebe Ihnen Ruhe vor ihr! Mich jagt sie allemal von meinen Rechnungen auf, so oft in die Kirche geläutet wird; denn zu keiner andern Zeit ist sie mir sichtbar. Eine wahre Heilige! und dabei – denken Sie, mein Herr! – erst funfzehn Jahr alt. Als Kind schon soll ihr ein Marienbild lieber gewesen sein, als alle andere Puppen. Schließen Sie nun, wie groß erst jetzt ihre Andacht für die Gebenedeite sein mag, da sie zu reifern Jahren gekommen! Sie soll, sagt man, alle ihre Gliedmaßen der Mutter Gottes geweiht haben; und es ist zu glauben, wenn man sie gehn sieht, so jungfräulich sind alle ihre Bewegungen. Wollten Sie nur wenige Augenblicke verziehen, und sich einstweilen in meinen Büchern umsehen, so würden Sie sich mit eigenen Augen überzeugen, wie groß die Gefahr Ihrer Wohnung sei. Das Frühamt bei den Minimen wird bald angehen, und da muß sie ganz nahe bei meinem Laden vorbei – da sollen Sie sehen, mein Herr! da sollen Sie erstaunen!« Inzwischen nun Herr Fez nach Makulatur suchte, um diejenige einzuschlagen, die ich gekauft hatte, las ich, um die Zeit hinzubringen, die Aufschriften seiner Ballen, und zählte gähnend die Bände der Enzyklopädie. Die Minimen ließen uns nicht lange warten; und kaum fingen ihre Glocken, bei dem Einklange meines ungeduldigen Herzens, ihr Spiel an, so warf der Buchhändler geschwind seinen Plunder aus der Hand, und: »Kommen Sie, mein Herr! – hier! – hieher! – Lassen Sie jetzt den Abbadie und den Bourdaloue stehen!« schrie er mir zu, und zog mich mit Gewalt an die Tür seines Ladens. Und in demselben Augenblicke erschien – wie sich ein Frühlingstag an ein Säkulum schließt – Klara, unter Voraustretung der Alten. Je näher sie meinen Augen kam, je stiller und tiefgefühlter meine Bewunderung ward, desto schwatzhafter und lärmender ward Herr Fez in der seinigen. »Welch ein Gang!« flüsterte er mir einmal über das andere ins Ohr: »was das für ein Wuchs ist! und mit welcher natürlichen Bescheidenheit sie einhertritt! Oh, über das herrliche Madonnengesichtchen! So sanft und glänzend, wie ein Didotscher Druck, und rein, wie in Kupfer gestochen. Ah! sehen Sie nur, wie aller Augen auf ihre niedlichen Schritte geheftet sind, indes sie, nur in sich gekehrt, keinen Blick ausschickt, der nicht Andacht und Ruhe der Seele verrät. Sie weiß es nicht – sie hat es nie gewußt, wie alt und wie reizend sie ist.« »Gern wiederholt mein Herz die Klagen ihres bangen Gefühls, zur Zeit als ihr die Blumenhülsen sprangen, Ein Morgenlied, bei Gott! als ob sie fest geglaubt, Es hätten in der Nacht Hyänen oder Schlangen Den reinen Körper angeschnaubt – Doch waren's Blüten nur, die hier ein Schleifchen zwangen, Dort einen leeren Raum verdrangen, Nur Primeln, die vielleicht zum Teil nun abgestaubt, Erstorben sind und heimgegangen. Ach! rechnete sie nach, wieviel auf ihren Wangen Andächtelei uns Ernten schon geraubt! Begriff' sie nur einmal, welch neidisches Verlangen Uns quält, wenn sie das Glück an ihrem Hals zu hangen Nur einem Totenbein erlaubt! Sie ringt nur um ein Los, das viele wohl errangen, Die nicht so rein die Metten sangen, Wünscht sich mit einem Wort bald Strahlen um das Haupt: Denn eher hofft sie nicht – das nenn' ich unbefangen – Von einem Pater angeschraubt, In einem Klostergang zu prangen.« »Das, mein Herr,« fuhr Herr Fez fort, »ist ihre einzige Sorge; und es ist abscheulich, daß ihre alte Tante ihr solche kindische Einfälle nicht ausredet, und keine gutherzige Seele zu ihr läßt, die ihr den Verstand öffnen könnte. Aber mein bester Herr,« indem er sich nach mir kehrte, ohne darum vor eigener allzu großer Bewegung die meinige zu bemerken, so schlecht ich sie auch verbarg: »Sie sagen ja kein Wort? Wie wünsche ich Ihnen Glück zu der Ruhe Ihres Temperaments! Sie müssen es notwendig in der Gelehrsamkeit hoch bringen, da solch eine Erscheinung Sie nicht einmal zerstreuen kann. So gut wird es mir leider nicht! Die Stunden, die das liebe Mädchen in der Kirche bleibt, sind auch für mich verloren – ich kann an nichts denken, als an den süßen Augenblick, wo sie wieder zurückkommen wird; und dann sehne ich mich gleich wieder auf ihren nächsten Kirchgang. In der Länge muß mein Handel darüber zugrunde gehn – das sehe ich zum voraus! aber ich kann – wahrlich ich kann mir nicht helfen!« Ich hatte nicht das Herz, über den guten Mann zu spotten, da mir für meinen eigenen Verstand nur zu bange war: doch fand ich auch keinen sonderlichen Beruf, über den Text meiner geheimen Empfindungen einen andern predigen zu hören, als mich. Ich bezahlte also dem Herrn Fez seine Makulatur, ließ sie nach meiner Wohnung tragen, und zitterte so ängstlich hinterdrein, als ob ich sie auch lesen müßte. Ich übergab meinem Bastian den ganzen Ankauf zu beliebigem Verbrauch, ohne daß es mir nur einfiel, wie unmanierlich ich mich gegen Schriftsteller betrüge, denen ich doch im Grunde Dienste verdanke, die mir der gesuchteste – der geschätzteste Autor nicht halb so gut würde erwiesen haben. Die schnelle, aufbrausende, plaudernde Freundschaft des guten Fez, an der mir soviel gelegen war, ist ihr Werk! Ihnen verdanke ich das belohnende Anschauen der liebenswürdigsten Heiligen, und alle die unnennbaren frohen Empfindungen, die es mir zurückließ; und ich glaube, daß selbst der strenge Jerom sie bei den kleinen Diensten für unschädlich erklären würde, zu denen ich sie gegenwärtig noch aufhebe . . . * Da ich bei den Minimen keinen Bescheid wußte, so blieb mir nichts übrig. als meinen Stuhl an das Fenster zu rücken, und, während mir Bastian das Haar in Locken schlug, mit pochendem Herzen die Zurückkunft der Psalmistin zu erwarten. Die letzte Stufe, auf die ich sie vorhin in die Halle treten sah, zog jetzt meine Blicke wie auf einen Brennpunkt zusammen. Ich bot alle meine Geduld auf, mir beizustehen, und sah dennoch immer eine Sekunde um die andere, fluchend, nach meiner zu langsamen Uhr. »Wird sie denn ewig in der Kirche bleiben?« murmelte ich, und ließ mir angst werden, die Minimen möchten sie wohl, ohne sich an den Mangel ihres Nimbus zu kehren, schon jetzt mit der ausgezeichneten Ehre überraschen, nach der das gute unbefangene Kind fast atemlos hinstrebt. Aber in diesem Augenblicke erlebte ich die Freude – daß die Tür der Halle sich öffnete, erst andere gestärkte Seelen, dann die Alte, und zwei Schritte hinter derselben auch nun sie, die Erwartete, in ihrem ganzen Engelsschmucke heraustrat. War mir's doch, als ob sie mir geschenkt würde, sobald ich sie nur außer dem Kloster sah. Ich zählte jeden ihrer kleinen Schritte über die Gasse. Aber mit dem letzten, den sie in das Haus setzte, trat auch ich aus meinem Zimmer, mit Hut und Stock, um nicht das Ansehn zu haben, als ob es ihrer schönen Augen wegen geschähe. Wir begegneten einander auf der Mitte der Treppe. – Ehrerbietig stellte ich mich seitwärts. – Die Alte erwiderte mir mit grämlichem Ernst meinen Gruß, der ihr auch am wenigsten galt; und wie schielte ihr gelbes Auge auf die bescheidene Verbeugung, die ich von ihrer Nichte erhielt, als sie mit dem Anstand einer Novize bei mir vorbeizog! Nun erst kann ich sagen, Eduard, daß ich sie gesehen habe; denn wohl zwei Sekunden habe ich mit ihr auf einer Stufe gestanden. Oh! ich würde mich brüsten, wie ein Apelles, wenn ich Dir die ganze Lieblichkeit, alle die Grazien ihrer Nymphengestalt, alle die schönen Formen, die ich aus jedem Faltenwurf ihres Florkleides mir abzog, so anschaulich darstellen könnte, daß Du weiter nicht nötig hättest, mich über den Eindruck abzuhören, den dieser vereinte Reichtum von Schönheit auf meine Sinnlichkeit machte. Komm – ich bitte dich – dem Unvermögen meiner Sprache mit deiner schwelgenden Einbildungskraft zu Hülfe! Hole Dir aus den Werkstätten der Künstler ein Bild der Liebe; modele so lange daran, bis Du Deine Vorstellung so erhöht hast, daß Du nicht ohne Widerwillen an ein andres sterbliches Mädchen denken kannst, und schließe dann aus dem blumigen Irrgange, den Deine Wünsche einschlagen, auf das Hinstreben der meinigen . . . Es ging mir schwer ein, die Treppe vollends herabzusteigen, wie ich doch Schande halber wohl tun mußte: aber was sollte ich nun erst mit mir anfangen, als ich mich, der Richtung meiner Wünsche ganz entgegen, auf der staubigen Gasse befand? Ideen von der Art, wie sie jetzt auf mich losstürmten, verlangen beinahe eine gleiche Abgezogenheit der Seele, als die Träume der Metaphysik: und da ich mich doch nicht wohl auf einen Eckstein setzen, und, den Finger auf der Nase, nach Klärchens Fenster hinstaunen konnte, wie ich unstreitig am liebsten getan hätte, so mußte ich mir wohl die erste beste Zerstreuung gefallen lassen, die sich mir darbot. Ich erinnerte mich zum Glücke eines Empfehlungsschreibens in meiner Brieftasche, das mir der gute Bischof von Nimes, als ich ihn das letztemal sah, an einen hiesigen Domherrn von seiner Bekanntschaft, namens Ducliquet , mitgab. Das brachte mich endlich vom Platze und versetzte mich mit aller der Fülle meiner weltlichen Schwärmereien in das Studierzimmer eines geistlichen Herrn. Ich habe in meinem Leben angenehmere Bestellungen gehabt, das kann ich Dir sagen! Der Himmel weiß, in was für einem Gedankenkram ich den ehrlichen Mann stören mochte; aber hätte ich ihn auch in flagranti überrascht, verlegener hätte er sich kaum betragen können. Gleich nach dem ersten steifen Komplimente, das unsere Bekanntschaft eröffnete, sahen wir es gegenseitig uns an, daß Gott gewiß keinen zur Unterhaltung des andern geschaffen hätte; und über der Sorge, unsere erste Unterredung so geschickt einzuleiten, daß es zeitlebens keiner weiter bedürfe – konnten wir nicht dazu kommen, sie anzufangen. Ihm glückte es indes eher noch als mir, diese alberne Stille zu unterbrechen. Das morgende Fest der heiligen Genoveva löste ihm die Zunge und gab sogar zu einem Gespräche Anlaß, von dem ich mir nie hätte träumen lassen, daß es am Ende noch so belehrend für mich ausfallen würde. Er bürstete erst ein paarmal mit der flachen Hand seinen Ärmel; dann tat es ihm sehr leid, daß er heute so ganz außerstande sei, einem so lieben und gut empfohlnen Fremden die geringste Höflichkeit zu erzeigen; dann freute er sich wieder, daß er hoffen könne, morgen alles desto reichlicher wieder gut zu machen . . . »Sie dürfen meine Einladung nicht ausschlagen. – Ich will Sie morgen selbst, – es macht mir ein gar zu großes Vergnügen, – bei guter Zeit zu – dem prächtigen Hochamte abholen, das der heiligen Genoveva zu Ehren in der Domkirche gehalten wird, und ich werde Ihnen, verlassen Sie sich auf mich, einen guten Platz verschaffen« . . . »Wenn Sie mich«, fuhr er fort, »heute in meinem Alltagsrocke überrascht haben, so sollen Sie mich morgen dafür im Purpur sehen, den das hiesige Kapitel, wie Sie aus der Geschichte wissen werden, mit den Kardinälen und Königen gemein hat.« »Ist nicht sonst noch ein Spektakel hier?« fragte ich in der albernsten Zerstreuung, die aber dem guten Manne nicht im mindesten auffiel. – »Nein,« antwortete er, »vor dem Feste der heiligen drei Könige nicht, das in unserm Lande den sechsten dieses gefeiert wird.« »Auch in dem meinigen,« antwortete ich gähnend. »Aber, hochwürdiger Herr,« fragte ich weiter, weil es mir nicht länger möglich war, das schlaffe Gespräch fortzusetzen, ohne wenigstens meinem Ohre mit dem Klange jenes süßen Namens zu schmeicheln, den mir die Liebe in das Herz geschrieben hatte, »ist denn nicht auch ein Hochamt für die heilige Klara gestiftet, die, nach meinem Gefühle, so viel Anbetung verdient, als vielleicht keine andere?« »Da haben Sie recht, mein Herr,« fiel mir der Domherr mit einer Hitze ins Wort, die mich beinahe erschreckt hätte: »ihr Fest fällt auf den achtzehnten August und wird, wie billig, unter unsere vornehmsten gerechnet. Klara von Falkenstein« – jetzt merke ich erst, wie schief er mir wieder antwortete – »hat in einer Reliquie der christlichen Kirche eine Erbschaft hinterlassen, die der höchsten Verehrung wert ist – Kleinodien von dem wunderbarsten Gehalt, und durch die uns Gott selbst das Geheimnis der heiligen Dreifaltigkeit versinnlichet hat.« Diese Nachricht überraschte mich so, daß ich dem Manne, der sie mir gab, mit einer Art von Mißtrauen in das Gesicht blickte. Da ich aber nicht die entfernteste Spur von Zerrüttung des Gehirns darin wahrnahm, so erkundigte ich mich, mit zunehmender Verwunderung, nach der eigentlichen Beschaffenheit dieses schweren Beweises. Sogleich langte er ohne die mindeste Verlegenheit nach einem beschmutzten Quartanten, schlug die Beweisstelle auf und las sie mit pathetischer Stimme vor: »In der s. v. Blase der heiligen Klara de monte falcone ,« las er, »fand man drei runde Steine von der Größe einer Nuß, von gleichem Umfange, gleicher Farbe und gleichem Gewichte. Wenn man einen dieser Steine auf die eine Wagschale, und auf die andere die zwei übrigen legte, so hat der eine soviel als beide gewogen; hat man dann in jede Schale nur einen gelegt, so haben sie abermals gleiches Gewicht gehabt; daraus denn klärlich abzunehmen, wie tief bei ihr das Geheimnis der heiligen Dreifaltigkeit eingedrückt war, welche einig im Wesen, dreifaltig in Person, und deren keine weder größer, noch älter, noch mächtiger ist, als die andere.« Ich ward, als ich ihm zuhörte, beinahe so ernsthaft als er. »Um Vergebung,« fragte ich ihn jetzt, »hat denn dieser Autor, der so bestimmt spricht, auch diejenige Glaubwürdigkeit, die« – – – »Wie, mein Herr?« fiel er mir hitzig ein, und schlug das Titelblatt auf: »Es ist ja, sehen Sie, die verbesserte Legende Pater Martins von Cochim, vor zehn Jahren, ungefähr 1779 gedruckt! Dieses vortreffliche Buch trägt den Stempel der Wahrheit wie die Bibel; denn, sehen Sie, hier steht auch die Zensur und die Approbation der Sorbonne.« Der Domherr freute sich wie ein Kind über mein sichtbares Erstaunen. Um es zu erhöhen, war er im Begriff, mir noch ältere Schriftsteller vorzulegen, die dieses Wunders Erwähnung tun und es als Augenzeugen bestätigen. Ich verbat es jedoch, nahm mir nur noch so viel Zeit, die Blattseite dieser merkwürdigen Stelle in meiner Schreibtafel aufzuzeichnen, um bei Gelegenheit unsern Kant damit in die Enge zu treiben . . . Dieser für meine Kenntnisse zwar nicht gleichgültige, für mein Herz aber desto ermüdendere Besuch war indes nur eine Kleinigkeit gegen den Verdruß, der meiner zu Hause wartete. Schon zehn höllische Stunden würge ich daran, und sehe mich jetzt um alle die metaphysischen Freuden gebracht, die ich mir für diesen Abend aufhob. Höre nur, lieber Eduard! Ungefähr hundert Schritte, als ich das Haus des Domherrn verließ, sah ich einen ungleich jüngern und stattlichern Geistlichen, als jener war, vor mir hergehen, gab jedoch nicht eher acht auf ihn, als bis er sich durch den Umstand nur zu bemerklich machte, daß er ganz meinen Weg nahm, sich zuweilen nach mir umsah, und gerade die genannten hundert Schritte eher eintraf, als ich; denn als ich mein Zimmer erreichte, saß er bei Klärchen schon fest. Daß ein geistlicher Herr eine angehende Heilige besucht, ist in der Ordnung. daß er aber vom Mittag an bis in die sinkende Nacht bei ihr verweilt – die Scheidewand nicht einmal das fröhliche Geschwätz, das laute Lachen und die bedenkliche Stille, die von Zeit zu Zeit nachfolgt, von meinem lauschenden Ohre abhalten kann, und daß ich jetzt ohne Psalm schlafen gehen muß, scheint mir eine offenbare Verletzung der guten Sitten, ein verpönter Eingriff in meine Rechte auf Ruhe und Hausfrieden zu sein, die mir nach meinem Mietkontrakte gebühren. Kurz, es ist unverantwortlich! * Den 3. Januar Die Ungeduld über den lärmenden Geistlichen, auf dessen Abzug aus meiner Nachbarschaft ich gestern abend nicht länger warten mochte, brachte mich auch noch die halbe Nacht um meinen ruhigen Schlaf. Darüber verrückte sich meine ganze Lebensordnung. Ob sie diesen Morgen gesungen hat, mag Gott wissen; denn ich erwachte weit später als gewöhnlich, und hatte kaum meine Nachtmütze vom Kopfe geschleudert, als mir auch schon der Domherr seinen gestern angekündigten Gegenbesuch abstattete. Wäre ich nicht schon so ziemlich mit ihm bekannt gewesen, so würde es mich vermutlich noch mehr, als es tat, außer Fassung gesetzt haben, einen Mann im Purpur bei meinem petit Lever zu sehen; so aber hatte ich statt aller Entschuldigung nur nötig, den Kontrast unseres Aufzuges recht hell ins Licht zu setzen, um seine Selbstzufriedenheit so lange zu beschäftigen, bis ich angekleidet und zu seinem Befehle war. Wir schlenderten nun zusammen in die Kirche. Ich bekam einen sehr guten Platz: wenn nur das Stück besser gewesen wäre, das man aufführte! Es wurde mir eine freie Seitenloge, neben der Hauptloge des Kapitels, angewiesen. Hier stand ich in mich gekehrt, unter der beständigen Abwechslung heiliger Gebräuche, die mir jedoch zu fremd waren, als daß sie auf meine Andacht wirken konnten. Überhaupt war wohl von den mancherlei Vorzügen, mit denen ich mich in meinem Leben dann und wann beehrt sah, schwerlich einer so übel auf meine Verhältnisse berechnet gewesen, als die Höflichkeit, die mir der Domherr zu erzeigen glaubte. Mein Mißbehagen wuchs mit jeder Minute, und war eben in dem Augenblicke aufs höchste gestiegen, als der dienende Geistliche am Hauptaltar das Venerabile in die Höhe hob, und die ganze Versammlung mit einem Getöse zur Erde niederfiel, das meine längst verlorne Aufmerksamkeit wieder herbeizog. War ich nun gleich der einzige, der ruhig in seiner ersten Stellung blieb, so war ich es doch nicht auf lange. Die Pseudo-Kardinale, denjenigen nicht ausgenommen, der mich hierher verlockt hatte, winkten mir mit so ernsten, mürrischen Blicken zu, daß ich, aus Furcht vor einer Kirchenstrafe, geschwind ihrer Weisung folgte, und, indem ich meine Knie beugen wollte, aus Mangel an Übung, mit beiden Füßen auf den harten Marmor hingleitete. Ich hätte den Schmerz für etwas Verdienstliches halten müssen, wie ein Bramine oder ein Büßender, wenn diese Erschütterung eine nur leidlich wohltätige Wirkung auf mich hätte hervorbringen sollen; da ich keines von beiden war, folgte ich meiner natürlichen Empfindung, rieb mir die Knie und fluchte solange heimlich über das Bittere und Lächerliche eines erzwungenen Gottesdienstes, bis ich, da die Versammlung sich nach geendigter Zeremonie wieder erhob, und nun Chor und Gemeinde ihren hochtönenden Gesang anstimmten, der Gelegenheit wahrnahm, meinem innern Verdrusse Luft zu machen. Aus Andachtsspott (das Wort ist neu, So alt die Sach' auch ist im päpstlichen Gebiete) Mischt' ich dreust ihrer Litanei Ein deutsches Epigramm von unserm Luther bei, Und sang: »Uns fernerhin behüte Vor Papsts Lehr' und Abgötterei!« Das sang ich laut im päpstlichen Gebiete Nach wohlbekannter Melodei. So verrichtete ich, im Angesichte des ganzen Kapitels, und in seiner eigenen Kirche, meine Andacht nach Grundsätzen meiner Religion, und ging nach diesem Simultaneo, und ohne dem Domherrn für erwiesene Ehre zu danken, gerächt und fröhlichen Mutes meinem Mittagsmahle entgegen. Diese gute Laune nahm zu, sobald ich mich wieder in Klärchens Nähe befand. Der Enthusiasmus für ihre übermenschliche Tugend, mit dem mich mein Freund, der Buchhändler, auf eine Weile angesteckt hatte, war zwar seit gestern abend auf und davon: er hatte mir aber seine Stätte noch immer warm genug zurückgelassen, um eine andere Art von Gefühl, das, obgleich nicht so uneigennützig, doch darum nicht minder angenehm war, leidlich genug zu beherbergen. Doch war ich entschlossen, ihm nicht eher Raum zu geben, bis ich vorerst Herrn Fez über einige Artikel verhört hätte, die das wahre Verhältnis betrafen, worin ohngefähr der geistliche Herr mit der kleinen Heiligen stehen möchte. Diese Vorkenntnisse schienen mir so unentbehrlich, daß ich nach dem Essen keine Minute zauderte, sie mir zu verschaffen. Die kleinen unschuldigen Mittel, die ich gestern gebrauchte, dem schwatzhaften Manne Vertrauen zu mir einzuflößen, taten auch heute ihre Wirkung. Ich erfuhr auf die ungezwungenste Weise erst den Ladenpreis dieses oder jenes in Vergessenheit gekommenen Dichters und Prosaisten, und erfuhr, sobald mein Konto gemacht war, ebenso genau den wahren Zusammenhang des Besuchs, der mir so verdächtig schien. Daß man doch, der vielen Erfahrungen ungeachtet, sich durch den äußern Anschein noch immer so leicht zu übereilten Urteilen verleiten läßt! Es macht der menschlichen Vernunft wirklich wenig Ehre. Herr Fez hob durch ein paar Worte, die mir viele Unruhe würden erspart haben, wenn sie mir gestern zu Ohren gekommen wären, alle die nachteiligen Zweifel, die ich gegen die Sittsamkeit meiner lieben Nachbarin gefaßt hatte. Die Sache verhält sich so: Das Haus, wo wir wohnen, gehört, wie mehrere in der Stadt – und das wußte ich ja vorher – dem Hospitale der Probstei. Nun ist der junge Geistliche seit kurzem zum Probste erwählt worden und besucht sonach, in Gemäßheit seines Amtes, eins um das andere, um teils die Mietzinsen einzukassieren, teils für Bau und Besserung der Gebäude zu sorgen, und die Rechnungen abzunehmen, die dahin einschlagen. So mancherlei Geschäfte können ja wohl einen etwas pünktlichen Mann, der nichts gern auf den andern Tag verschiebt, bis in die Nacht aufhalten; und ich wüßte nicht, wie ich denken müßte, wenn ich noch länger nachteilig von seinen Kabinettsarbeiten urteilen, oder der kleinen Heiligen es aufmutzen wollte, daß sie, außer Psalmen zu singen, auch noch imstande sei, wenn es nötig ist, die gute Gesellschafterin zu machen und durch Witz und Laune die trockenen Geschäfte ihres Vorgesetzten aufzuheitern. Sie gewinnt vielmehr dadurch in meiner hohen Vorstellung von ihren Verdiensten; und so wenig ich, wie Du Dich erinnern wirst, bei meinem vorgestrigen Einzuge, und solange ich nur die alte Tante gesehen hatte, die guten Absichten des Zufalls mit meinem Individuum spitz kriegen konnte, so trefflich scheint mir jetzt, seitdem ich auch die Nichte kenne, alles von ihm angelegt zu sein, damit mein Bestreben nach Weisheit und Gesundheit mich nicht in die Länge durch zu viele Einförmigkeit ermüde und stumpfmache. Das Mädchen ist ganz geschaffen, das Phlegma eines überladenen Gehirns durch das flüchtige Salz ihres Umgangs zu reizen, aufzulösen, und vor einer gänzlichen Vertrocknung zu bewahren. Müssen wir nicht immerfort arbeiten, lieber Eduard, den Firniß, den wir kochen, flüssig zu erhalten, wenn er seine Dienste leisten und Festigkeit und Glanz zugleich gewähren soll? Jetzt ist mir auch nicht weiter für mein Tagebuch und für Deine Unterhaltung bange. Wir sind doch beide in unsern Wanderungen noch an keine Heilige geraten. Dies unbebaute Feld unserer Erfahrungen blieb uns noch zu bestellen übrig; und ob ich mir gleich nicht schmeichle, bei Klärchen den Beweis eines so großen Geheimnisses auszufinden, als der war, den ihre berühmte Namensschwester den Gläubigen vererbt hat, so hoffe ich doch, ohne bis auf ihre Sektion zu warten, manche andere feine Entdeckung zu machen, die keinen geringen Reiz der Neuheit für uns haben, und die Mühe reichlich belohnen soll, die ich mir von Stund' an geben werde, der jungen Heiligen, samt ihren Abweichungen von dem Gewöhnlichen, so nahe als möglich zu kommen. »Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich von dem geistlichen Herrn weiß, der Sie gestern so lange in ihren Studien störte,« fuhr Herr Fez fort, indem er die Erreurs de Voltaire und die Lettres édifiantes für mich zusammenpackte. »Sollte Ihnen aber gedient sein, mehr noch von diesem Manne zu wissen, und überhaupt sollte Ihnen in unserer Stadt etwas aufstoßen, wovon Sie gern gründlich unterrichtet sein möchten, so kann ich Ihnen einen Mann empfehlen, der in dieser Rücksicht ungleich mehr Genüge leisten kann, als ich und jeder andere. Er ist ein getaufter Jude, der Jahr aus Jahr ein nur zwei Beschäftigungen hat, denen er aber auch desto pünktlicher vorsteht. Die eine ist, das Grab der Laura zu bewachen und es den Fremden zu zeigen; die andere, in allen Dingen der Neugier ihnen Auskunft zu geben. Vor seiner Bekehrung stand er ebenso pünktlich an der Ecke des Stadthauses, bot den Vorübergehenden Lotteriezettel an, und fragte sich heiser, ob sie etwas zu verschachern hätten? Aber keine Seele gab Achtung auf ihn. Sein Bart schadete ihm in allen seinen Unternehmungen. Jetzt hingegen, seit er ein Christ ist, ist es ein Wunder, wie ihm alles gelingt! Sollten Sie es glauben? aber er ist gesuchter, geschätzter und reicher als ich!« »Das Grab der Laura?« sagte ich. »Da haben Sie mir einen rechten Gefallen getan, lieber Herr Fez, daß Sie dieser Merkwürdigkeit erwähnten: es hätte sonst leicht kommen können, daß ich, zu meiner ewigen Schande, in mein Vaterland zurückgegangen wäre, ohne an dies Wahrzeichen der Stadt eher zu denken, als bis mich meine Landsleute darum befragt hätten. Was hätte ich ihnen antworten wollen? Jetzt habe ich einen Beruf mehr, meinen Spaziergang dahin zu lenken, da Sie mir dort eine so nützliche Bekanntschaft versprechen. Nächstens will ich auch eine Fahrt nach Vauclüse tun, um das alte Schloß des guten Petrarch zu besuchen . . . Mein Paket Bücher? – Legen Sie es nur einstweilen beiseite! Mein Bedienter soll es abholen.« Ich schlenderte nun durch die Gassen, die Nase immer nach der Turmspitze gerichtet, die mir Herr Fez zum Merkmal angab. Es währte nicht lange, so sah ich die Kirche des Cordeliers frei vor mir liegen, und auch den Konvertiten, den ich suchte, wie einen Sphinx an den einen Pfeiler der Tür gelehnt, auf den zufälligen Tribut neugieriger Reisenden lauern. Schon von weitem zog ich meinen Hut und näherte mich ihm mit dem launigen Lächeln, mit dem ich immer die Zeile im Voltaire las, die sich mir jetzt als die natürlichste Anrede ungesucht darbot: »De cette église êtes vous Sacristain?« S. la Pucelle chant 14 . Ich wollte, Du hättest den feinen Gesichtszug gesehen, der jetzt in seine Physiognomie trat und mir mehr als sein einsilbiges Ja! bewies, wie gut er meine Frage verstanden habe. Um uns beide nicht unnötig aufzuhalten, schielte ich nur von fern nach dem einfachen Steine, dessen Lage er mir zeigte, und sich nun anschickte, mich seine tägliche Predigt darüber hören zu lassen. Ich ließ es nicht dazu kommen. – »Es ist hinlänglich,« sagte ich, und wies mit zwei Laubtalern, die ich ihm in demselben Augenblick in die Hand drückte, seine drohende Beredsamkeit glücklich von mir. Dies stiftete in der Geschwindigkeit eine gewisse Sympathie unter uns, von der ich mir in der Folge manches Gute verspreche. »Ihre zuvorkommende Art, mein Herr,« sagte er lächelnd, »mit der Sie sich dieser heiligen Grabstätte nähern, läßt mich ungefähr vermuten, wie begierig Sie sein mögen, die Geschichte meiner Pflegbefohlnen zu hören. Es ist schwer von ihr zu schweigen – doch tue ich es, da Sie mir es so eindringend befehlen.« »Sie haben mich in der Tat erraten,« antwortete ich: »aber wie schade, daß ein Mann von so feinem Takt nur die Asche eines hübschen Weibes bewachen soll! Dieses Geschäft, mein Herr, ist doch so eingeschränkt, so traurig, und enthält so wenig Belohnendes für einen denkenden Geist!« »Im ganzen, mein Herr«, versetzte der Kirchner, »mögen Sie wohl recht haben; doch sollten Sie, deucht mich, den Wächter am Grabe einer Laura davon ausnehmen. Nicht das schöne Weib, das hier begraben liegt, und das, als sie noch ganz beisammen war, neben ihrem Gemahle auch noch das Herz eines andern entflammte, – nicht diese gewöhnlichen Vorfälle machen ihre Gruft merkwürdig, und veredeln die Sorge dessen, der sie bewacht – sondern der reine Geist ist es, der nach Jahrhunderten noch, gleich einem Phönix, über ihrer Asche zu schweben scheint, der einem fühlenden Herzen dieses sonst unbedeutende Ämtchen so wert macht; der Geist der Liebe ist es, ihres unsterblichen Dichters.« Er sprach das unsterblich so pathetisch aus, wie ein Professor. Ich verzog den Mund nur ein wenig, und dennoch verstand mich der Schlaue, als ob er mir in das Herz geblickt hätte, und antwortete mir nach meiner Miene: »Wenn Sie, mein Herr, Laurens berühmten Liebhaber nur als einen gesunden jungen Mann von gewöhnlichem Schlage betrachten, so verdenke ich Ihnen nicht, daß Sie seiner Unsterblichkeit ein wenig spotten. Ein solcher tut freilich für eine einzige schwelgende Nacht bei seiner Geliebten gern auf allen Plunder des Nachruhms Verzicht. Aber Petrarch, mein Herr, kalkulierte ins große. Seine weitsehende Seele zog die Sättigung einer fortdauernden Gemeinde seinem luxuriösen Hunger vor, und ohne selbst, wie ein Hochzeitbitter, an dem Gastmahle Platz zu nehmen, zu dem seine süßen Worte tausend andere einladen, sparte er das Feuer der Liebe, statt es auf die gewöhnliche Art zu verschnaufen, nur zum Stoffe seiner ewigen Gesänge. So gewiß er auch war, daß sie bei Lauren für ihn ohne Wirkung blieben, zählte er in dichterischem Enthusiasmus alle die Seufzer, die er nach Jahrhunderten noch erregen, alle die Herzen, die er erwärmen und öffnen, und alle die Schwierigkeiten, die er unter Liebenden vermitteln würde, und tröstete sich auf seinem einsamen Lager mit dem traulichen Geflüster, das er auf tausend andern hervorzurufen gewiß war. Könnten Sie ihn wegen dieses umfassenden Gefühls bedauern? Oh, gewiß nicht! Denn welcher Großdenkende wird nicht gern sein einzelnes Leben daran setzen, wenn er hoffen darf, dadurch ein allgemeines Wohlbehagen zu befördern, auf unzählige Geschlechter Freude und Genuß zu verbreiten; – er hoffen darf, daß eine Schar empfindsamer Geschöpfe sich das Verdienst seiner Leiden zurechnen, und den Lohn ernten werde, dem er gutmütig entsagte! Dieser stolze Gedanke, ist er nicht der letzte Trost aller der heiligen Märtyrer gewesen, die zum Vorteile des ganzen freiwillig ihr eigenes Glück opferten?« Bei diesen Worten sah mir der Redner scharf in die Augen, und wäre ich nicht von seinem Übertritte zum christlichen Glauben unterrichtet gewesen, wer weiß, ob ich nicht seine schöne Tirade für eine strafbare Ironie aufgenommen hätte, auf die ich, oder D. Leß hätten antworten müssen! So aber wußte ich nicht, was ich davon denken sollte – lüftete meinen Hut und seufzte, und der Redner fuhr fort: »Sie nannten vorhin meinen Wirkungskreis traurig und eingeschränkt. – Wie leicht wollte ich Sie eines bessern überzeugen, müßte ich nicht« . . . und er hielt inne – doch besann er sich bald. – »Habe ich nicht«, sagte er nach einer kleinen Pause, »einen höflichen Fremden, einen Mann von Ehre vor mir, der mein Zutrauen nicht mißbrauchen wird? Das ist mir genug. Sie wissen, daß ich von der geistlichen Obrigkeit, nach vorhergegangenem scharfen Examen, eingesetzt bin, dieses Grab zu bewachen, und jedem, der es verlangt, eine und eben dieselbe veraltete Liebesgeschichte zu erklären. Ein armseliges Geschäft dem ersten Ansehn nach! Aber auch das armseligste kann, unter der Behandlung eines tätigen und nachdenkenden Mannes, wichtig für seine Zeitgenossen, wichtig sogar für die Nachwelt werden. Freilich würde ich ohne Kenntnis des menschlichen Herzens in dem beschränkten Zirkel, den man mir anwies, nicht weit gekommen sein – aber wo kommt man auch weit ohne sie? Ich begnügte mich nicht, meine aufhabenden, beschwornen Pflichten so schlechtweg zu erfüllen. Nein, mein Herr, ich besah sie, sobald sie mir erst Brot geschafft hatten, auf allen Seiten, und studierte sie aufmerksam, in der Absicht, sie mit der Zeit zu veredeln. Ich erlangte bald eine gewisse Fertigkeit in meinem Vortrage, den keiner meiner Vorgänger in dieser Vollkommenheit besessen hat, sogar daß ich die hundertundacht Sonette, die Petrarch seiner Geliebten sang, mit aller der Zärtlichkeit wiedergeben kann, die er hineinlegte. Dieses Talent, mein Herr, so wenig es auch gemein ist, würde jedoch nur ein vorübergehendes Vergnügen gewähren, wenn ich es nicht zum Besten des gemeinen Wesens, das noch immer der vorzüglichste Augenmerk jedes guten Bürgers sein muß, anzuwenden gelernt hätte. Die Asche der Laura ist, mit aller Ehrfurcht für das, was sie sonst war – doch jetzt nur ein Caput Mortuum . Ihr Grabmal ist unscheinbar und unbedeutend, und es wird darum um nichts ehrwürdiger, weil es einmal ein König besuchte, es öffnen ließ, und seine schlechten Verse hineinlegte. Aber seit es unter meiner Aufsicht steht, ist es der feinste Probierstein des Tugendgehalts meiner Mitbürgerinnen geworden.« »In der Tat, mein Herr,« fiel ich ihm lächelnd ein, »ist das kein kleines Verdienst um den Staat. – Aber in aller Welt, durch was haben Sie diesem gemeinen Sandstein eine so magische Kraft zu geben gewußt?« »Wenn Sie mir zuhören wollen, ohne mich weiter zu unterbrechen,« versetzte er, »so sollen Sie den ganzen Prozeß – von den Grundsätzen an, von denen ich ausging, bis zu den Resultaten erfahren, die er mir täglich abwirft.« »Weibliche Unschuld, wie man es im gemeinen Leben so nennt,« fuhr er fort, indem er dabei, vermutlich aus alter Gewohnheit, an sein spitziges Kinn griff, »ist den Goldstücken gleich, die unter einerlei Stempel im Umlaufe sind: eins glänzt so gut als das andere und trägt im Kommerz den Wert, den ihm der Wechselkurs und der gute Glaube beilegt.« – Oh, über den Juden! dachte ich. – »Aber wie rein, wie frei von fremdem Zusatze jedes sein mag, kann doch selbst der Scheidekünstler nicht eher wissen, als bis er es auf die Kapelle gebracht hat. Nun kann ich aber, kraft meines Amtes, jedem, dem hiebei um besondere Sicherheit zu tun ist, diesen um deswillen mißlichen Prozeß, weil er meistenteils eine gewisse Destruktion voraussetzt, Rundung und Prägerlohn immer darbei verlorengeht, um vieles erleichtern. Und wäre einer noch so mißtrauisch, ohne Bedenken kann er doch nach dem pretiösen Stücke greifen, das er im Auge hat, ohne zu befürchten, daß es in seinem Umlaufe aufgesotten, beschnitten oder vermischt ist, sobald ich ihm dafür Gewähr leiste.« »Der bessern Deutlichkeit wegen,«unterbrach ich hier den seltenen Währmann, »wünschte ich wohl, daß Sie die Vergleichungen beiseite setzten und mit mir ohne Allegorie sprechen wollten.« »Ohne Allegorie?« wiederholte er. »Das, mein Herr, ist bei dem Thema, das ich abhandle, wirklich nicht so leicht, als Sie wohl denken. Doch ich will mein Möglichstes tun! Ich stand nicht lange auf meinem Posten, als ich schon wahrnahm, daß kein weibliches Herz (da falle ich doch wieder in die Allegorie, aber ich kann mir nicht helfen) zu fühlen anfing, das nicht den Antritt seiner Wallfahrten bei dem heiligen Grabe der Laura eröffnet hätte. Durch wiederholte Erfahrungen brachte ich meine Bemerkungen zur Gewißheit und endlich in ein förmliches System. Wenn ich jetzt ein neues Gesichtchen von vierzehn, funfzehn Jahren in mein Heiligtum treten sehe, so weiß ich ziemlich genau anzugeben, was für dunkle Träume ihm die Nacht vorher vorgeschwebt haben. Die armen Unbefangenen! Sie horchen auf die Geschichte der selig Verstorbenen mit einem Nachdenken, das wirklich recht rührend ist. Mit welchem Heißhunger eignen sie sich nicht die harmonischen Weissagungen und Aufforderungen zu, die ich ihnen, nach Befinden ihrer Bedürfnisse, aus dem Magazine meines Petrarchs zugute gebe! Jede glaubt ihre Empfindungen flott werden zu sehen, und die geheime Geschichte ihres Gefühls zu hören. So lange nun, mein Herr, dieses Spiel ihrer Einbildungskraft dauert, so lange die junge Schöne ihren Besuch bei Lauren und mir fortsetzt, und der Herzensergießungen des ehrlichen Petrarchs an seine Geliebte nicht satt werden kann, stehe ich auch mit Leib und Seele für ihre – Unschuld. Aber, aber, mein Herr, wenn ihre Morgenbesuche anfangen seltener zu werden – wenn sie gar aufhören – alsdann«, setzte der schlaue Kirchner leiser hinzu, »weiß ich auch ebenso gewiß, was die Glocke geschlagen hat. Sie begreifen nun doch, wie einzig in ihrer Art eine solche Kenntnis ist, und wie wohl die jungen Herren tun, die zum Ehe-Sakramente schreiten wollten, daß, ehe sie sich mit ihrer Angelegenheit an den Bischof wenden, sie zuvor ein geheimes Gutachten bei dem Kirchner einholen? Vielleicht ist bei keinem andern öffentlichen Amte das Nützliche mit dem Angenehmen so fest verbunden, als bei dem meinigen. Da es mich nötigte, wie eine Bildsäule auf einem Flecke stehen zu bleiben – da jedermann gewiß ist, daß ich ihm stand halten muß; so müssen schon deswegen eine Menge Geschäfte an mich gelangen, die keinen Aufschub vertragen; und das sind unstreitig immer die interessantesten. So bin ich nach und nach, ohne Bemühung auf meiner Seite, von den geheimsten Anliegen der hiesigen Einwohner unterrichtet worden – wirke jetzt auf den Sohn, wie ich auf den Vater – auf die Tochter, wie ich auf die Mutter gewirkt habe – sehe mich, wie die Orakel der Alten, in den Stand gesetzt, das allgemeine Zutrauen der Familien zum Vorteile ihrer einzelnen Glieder zu nutzen – wie ein heimliches Gericht, hier zu belohnen, dort zu bestrafen, manchen traulichen Wunsch des einen mit der Erwartung des andern auszugleichen, und sonach ganz in der Stille, wie es einem Weisen geziemt, auf Welt und Nachwelt zu wirken. – Aber, mein wertester Herr, was ist Ihnen? Sie stehen ja in gar tiefen Gedanken!« »Halten Sie mir meine Zerstreuung zugute, lieber Herr Kirchner,« versetzte ich; »aber eben ging mir eine sehr neugierige und zudringliche Frage durch den Kopf, die ich« – – »Nicht das Herz habe, mir vorzulegen?« faßte er selbst höflich meinen Gedanken auf: »Oh, machen Sie mit mir keine Umstände! – Ich bin an allerlei Fragen gewöhnt und selten verlegen, darauf zu antworten.« »Nun, so sagen Sie mir aufrichtig,« fuhr ich fort, »setzt denn wohl die schöne Klara, die dort oben in der Stiftsgasse bei einer alten Tante wohnt, ihre jugendlichen Wallfahrten bei diesem heiligen Grabe fort, oder ist sie auch schon über Ihre petrarchischen Vorbereitungen hinaus, mit denen Sie der hiesigen Jugend zu Hülfe kommen?« »Welch eine Verbindung von Ideen!« rufte der Kirchner mit sichtbarer Verwunderung. »Wie in aller Welt kommen Sie doch von meiner Mädchenprobe auf das zerknirschte Herz dieser Heiligen?« – »Das geht doch sehr natürlich zu,« antwortete ich. »Schon drei Tage wohne ich neben ihrer Kammer, höre sie täglich einen oder ein paar Psalmen mit einer Engelsstimme singen, kann keinen Blick auf sie werfen, wenn sie in die Messe geht, ohne durch und durch erschüttert zu werden, und« – – – »Und so wird es freilich begreiflich,« half mir der gute Kirchner wieder ein, »warum Sie einen so warmen Anteil an ihren Wallfahrten nehmen. In ganz Avignon hätten Sie für Ihre Ruhe sich in keine gefährlichere Nachbarschaft einmieten können; soviel kann ich Ihnen vertrauen.« »Und meine Frage?« rief ich mit Ungeduld. – – – »Ist sehr verfänglich,« fiel er mir in die Rede: »Aber Sie verdienen,« – hier rasselte er mit meinen zwei Laubtalern – »daß ich sie ohne Zurückhaltung beantworte. Es mögen ungefähr zwei Jahre her sein, als sie mir, mit den schüchternen und verschämten Blicken eines dreizehnjährigen Mädchens, zum ersten Male unter die Augen trat. Solange ich meinem Amte vorstehe, sah ich noch aus keinem Gesichte den Übergang der ruhigen Einfalt in die glückliche Zeit der Erwartung sanfter bezeichnet, sah das letzte Veratmen der Kindheit nie in einer sittsamern Bewegung. – Ich hätte der jungen Brust helfen mögen, sich auszudehnen! Ich tat, was ich konnte und wurde für die einschmeichelnde Erzählung meiner alten Geschichte durch immer lebhaftere Blicke ihrer feurigen Augen nur zu sehr belohnt: denn ich stotterte mehrmalen, was mir sonst nicht widerfährt, und fühlte, daß ich noch rot werden konnte. Wie bedauerte sie nicht den armen Petrarch, und was für Geschmack fand ihre harmonische Seele nicht an seinen herrlichen Sonetten! Sie hat sie so oft, unter klopfendem Herzen und mit feuchten Augen, angehört, daß ich nicht zweifle, sie weiß sie nun so auswendig als ich. Seit einiger Zeit hat sie sich jedoch ganz auf die sublime Seite der Andacht gewendet, auf der sie, wie es scheint, einzig ihr Glück zu machen gedenkt: nicht als ob sie nicht dann und wann noch diese heilige Grabstätte besuchte; nur geschieht es seitdem nie anders, als unter Begleitung ihres zeitigen Gewissenrats, deren sie drei – einen nach dem andern versteht sich – vorher gehabt habt, ehe das Glück ihr unsern Herrn Propst zuführte, der seine meiste Zeit auf die Seelsorge dieses ausgezeichneten Mädchens zu wenden – und mit dem auch sie vollkommen zufrieden zu sein scheint.« Das Blut stieg mir ins Gesicht. – »Kennen Sie«, – fragte ich stotternd, »diesen Mann genau?« »Ob ich ihn kenne?« fiel mir der Kirchner so hitzig ein, als ob ihn meine Frage verdrösse. »Ein Steinfremder, dächte ich, dürfte ihn nur einmal über die Straße gehen sehen, um ihn ganz zu kennen. Die Männer grüßen ihn demütig wie einen Apostel, und die Weiber, die flüchtigsten Mädchen sogar bleiben stehen, wenn er vorübergeht, heben die Augen gen Himmel, und drücken seine segnende Hand an ihren schwellenden Busen. Seitdem dieser brave Herr das Amt der Schlüssel trägt, hat er« – – – »Ohne Unterbrechung, lieber Herr Kirchner,« fiel ich dem enthusiastischen Lobredner ein, »was für ein Amt bezeichnen Sie unter dieser sonderbaren Benennung?« Der gute Mann schien Mitleiden mit meiner Unwissenheit zu tragen, die wirklich auch in allem, was zur Kirchenverfassung gehört, über die Maßen seicht ist; und um mir die Sache recht anschaulich zu machen, zählte er mir alle die Schlüssel an den Fingern her, die der junge Mann, durch seine Beförderung zum Probst in seine geistliche Gewalt bekommen hatte. –»Er löst,« sagte der Kirchner mit anständigem Ernst. – »Er löst die Bande der Natur Und schiebt ihr Riegel vor – Von der verborgenen Klausur, Bis zu dem offnen Tor; Hat seinen Gang nach eigner Wahl, Zu allen Schlössern frei, Vom Kirchturm, zu dem Speisesaal, Bis zu der Kellerei.« »Sie begreifen doch nun,« fuhr der Kirchner mit unveränderten Gesichtszügen fort, »in welcher wahren Pastoralglückseligkeit dieser würdige Mann auf die Zukunft des Herrn wartet? Ich kenne von den vielen Freuden eines guten Hirten in der Tat nur eine, die ihm noch zurzeit abgeht, ihm jedoch gewiß« – – – Hier hielt er auf einmal inne, als ob er Bedenken fände, sich weiter herauszulassen, spannte aber dadurch, wie Du denken kannst, meine Neugier nur desto höher; und da seine Pause diesmal länger anhielt, als ich an ihm gewohnt war, so ergriff ich traulich seine Hand, und: »Ich verstehe Sie nicht, teuerster Freund,« sagte ich so freundlich, als ich nur konnte. »Bei alle den Schlüsseln, die Ihrem Probste zu Gebote stehen, was für eine Freude könnte ihm mangeln?« »Nur die,« fuhr jetzt der Kirchner, durch meine Herablassung gewonnen, jedoch mit gedämpfter Stimme fort, »daß er kein verirrtes Schaf zu seiner Herde zurückkehren sieht, weil, zu seinem Lobe sei es gesagt, bei der guten Art, mit der er sie weidet, ihm noch keins verloren ging.« Nach diesen geheimnisvollen Worten verfiel der liebe Mann aufs neue in eine so ministerielle Miene, als ob er mir nicht geradezu sagen wolle, er habe nun, wie es ihm dünke, seine zwei Laubtaler ehrlich und redlich verdient. Sie schreckte mich ab, weiter in ihn zu dringen; und, soviel es mir auch kostete, schickte ich mich an, ihn zu verlassen. Er begleitete mich stillschweigend bis an die Tür; hier aber gab er mir noch einen kleinen Nachtrag zu dem Panegyrikus, dessen ich schon lange satt hatte, mit auf den Weg. »Hoffentlich«, sagte er, »gehen Sie nun ganz überzeugt von den Verdiensten unseres würdigen Propstes von mir! ja, ich schmeichle mir sogar, daß Sie mit dem guten Entschlusse von mir gehen, die Summe seiner Freuden zu vermehren, wenn Sie Gelegenheit finden. – Unterdes leben Sie wohl!« »Eine schöne Zumutung!« murmelte ich vor mir hin. »Der Kerl ist der erste Rasende, den ich für seinen Vorgesetzten betteln höre.« Meine Laubtaler fingen an mich zu reuen. Ich schlich wie belastet nach Hause. Das Bild des Propstes, von dem ich hier eine viel vorteilhaftere Zeichnung erkauft hatte, als ich erwartete, sein ausgebreiteter guter Ruf, sein beneidenswertes Amt, sein Wirkungskreis, seine Tätigkeit, alles vereinigte sich, um mich zu demütigen. Ich warf mich höchst mißmutig auf meinen Stuhl, saß lange vertieft in schwermütige Gedanken, und fühlte, wie drückend die Verdienste anderer sind, wenn man keinen Mut hat sie nachzuahmen. »Daß doch«, rief ich mit Bitterkeit, »mir ein Mann in die Nähe kommen – die Stille meines Museums – und die hohen Gedanken, die mir über der Seele schwebten – verscheuchen mußte, der zu jedem geistlichen Geschäfte – wenn nicht etwann auch das Graben in den Pontinischen Sümpfen darunter gehört, verdorben ist – ein Mann, der sich im Besitze aller menschlichen Freuden schaukelt, während ich einen Stein nach dem andern einzeln zusammenlese, um den Bau eines idealischen Glücks auszuführen – und daß – ach! ein Engel wie Klara, sich von ihrer Höhe herablassen muß, um ihn durch ihre Scherze, ihr harmonisches Lachen und durch ihr melodisches Organ in die Entzückungen des Paradieses zu versetzen – und das alles bloß deswegen, weil er Propst ist!« Ach! der Neid, lieber Eduard, ist doch ein dummes, häßliches Laster, mit Sophismen und Übertreibungen überladen, und aus Giften zusammengesetzt, die wir wie Rasende verschlucken, so gewiß wir auch sind, daß sie Grimmen in unsern Eingeweiden erregen werden. Dies Gefühl ward mir bald so unerträglich, daß ich den schnellen Entschluß faßte, es abzuschütteln. Das erste Hülfsmittel, nach dem ich griff, war die Klingelschnur. Bastian, dachte ich, soll dir die überlästige Einsamkeit verscheuchen und deiner ärgerlichen Unterredung mit dir selbst durch die Dazwischenkunft seines muntern Geschwätzes ein Ende machen. »Wie steht es, Freund,« rief ich ihm entgegen, als er hereintrat: »weißt du mir nichts von meinen Hausgenossen zu erzählen?« »Oh, sehr viel,« antwortete er mir mit einer selbstgefälligen Miene: »ich habe in Ihrer Abwesenheit das Glück gehabt, sie beide zu sprechen. Die Alte, mein Herr, hat einen Anschlag auf Sie!« »Auf mich?« fuhr ich auf: »das verzeihe ihr Gott!« – »Ja, mein Herr,« erwiderte Bastian: »aber er ist nicht böse gemeint, und ich wünschte selbst – – – doch lassen Sie sich nur erst den ganzen Vorfall erzählen. Ist es Ihnen nicht schon aufgefallen, wie ich Ihre Entfernung genützt, wie ich Ihre Zimmer gekehrt und Ihre Möbel gesäubert habe? Nun war ich eben daran, der Figur unterm Spiegel den Staub abzublasen, als die Damen aus der Kirche zuzückkamen, und mich in dieser Beschäftigung auf dem Vorsaale antrafen. Die alte Tante trat zuerst zu mir. – Nehme er sich in acht, mein Freund, sagte sie mir, daß er ja über dem Putzen dem schlafenden Engel nicht schade! – Und, mein guter Freund, sagte die Nichte, die auch herzutrat: Sein Blasen wird ihm wenig helfen – der Staub sitzt zu fest. – Warte er! ich hole ihm etwas Baumwolle, damit wird es eher gehen. – Sie trippelte in ihr Zimmer, kam bald zurück; da sie mich aber mit ihrer Tante im Gespräche sah, nahm sie mir die Figur ab – und es währte keine zehn Minuten, so ward der Engel unter ihren Händen wieder wie neu.« »Wie?« unterbrach ich den weitläufigen Burschen: »Klärchen hat ihn mit eigenen Händen geputzt? Da muß ich doch – – –« Ich sehe es nun zum voraus, Eduard, es wird Dir sehr geringfügig vorkommen, wenn ich Dir jetzt erzähle, wie ich bei diesen Worten aufsprang und mich bedächtig und langsam über den schlafenden Amor bog, um zu sehen, wie glänzend er aus Klärchens Händen gekommen sei. Du hast aber Unrecht! Nichts ist dem Beobachter geringfügig, wenn es darauf ankommt, Charaktere zu schildern. Die unmerklichsten Züge, die der große Haufe übersieht, können dem Seelenmaler von Bedeutung werden und durch eine glückliche Übertragung auf die Leinewand seinem Gemälde vielleicht alle die Physiognomie geben, nach der gemeine Pinsler vergebens herumstören. Rubens hatte ein lachendes Kind gemalt. – Er tat einen einzigen Pinselstrich – und siehe! es weinte zum Erstaunen der Umstehenden. Gesetzt also, daß mein Hinblick auf den gereinigten Amor mir zu einer Bemerkung verholfen hätte, die der Aufbehaltung wert sei, die es verdiente, einst ihren Platz in Klärchens Legende zu finden; würdest du nicht gezwungen sein, das Auge zu bewundern, das nie vergebens auf seine Entdeckungen ausgeht – dem Scharfsinne des Mannes zu huldigen, der auch in Sonnenstäubchen Farben bemerkt, die sich zu seinen psychologischen Schattierungen benutzen lassen; und würde dir nicht die Sicherheit seiner Hand gefallen, die mit so kleinen Mitteln die Wirkung eines Rubens hervorbrächte? Hätte mir Bastian auch nicht gesagt, daß Klärchen den Engel gesäubert habe, es wäre doch für mich entschieden gewesen, daß es nur eine jungfräuliche Hand sein könne, die es tat. Sie hatte die Figur im ganzen zwar funkelnd und weiß wieder hergestellt, bis auf eine Kleinigkeit, die, da sie unmöglich zu übersehen war, ihr also wohl so erstaunlich befremdend gewesen sein mußte, daß sie ihre Baumwolle darüber verlor. Dies, schloß ich weiter, würde ihr nicht geschehen sein, wenn sie mehr bewandert in der Mythologie, weniger fremd in der Naturgeschichte, und nicht so schreckhaft wäre, wie ein kleines Kind, das bei allem, was ihm Ungewohntes aufstößt, große Augen macht und davonläuft. Ich schloß ferner, und, wie ich glaube, sehr richtig, daß, da sie die Figur sogar wenig kannte, sich wohl noch kein Mietmann rühmen könne, daß ihn die schöne Nachbarin auf der Stube besucht habe, in welcher der Engel schläft. Und ich schloß endlich, daß, bei allen ihren petrarchischen Vorbereitungen und ihrem Umgange mit drei geistlichen Vätern ihre Kenntnisse doch zum Erstaunen beschränkt und von einer so ruhigen Einfalt sein müßten, als sie wohl noch nie auch der strengste Richter von einer Heiligen verlangt oder erwartet hat. Das alles, Freund, schloß ich aus dem Staube, der, höchstens in der Länge eines Zolls, an dem schlafenden Engel zurückblieb. Ob man von dem Gesichtspunkte, den ich ins Auge gefaßt hatte, allemal ausgehen müsse, um über den Wert oder Unwert eines rätselhaften Mädchens zu urteilen, will ich nicht entscheiden; soviel ist aber gewiß, daß Klärchen durch den Mangel ihrer Kenntnisse und durch das augenscheinlich erste Schrecken ihrer Hand, unendlich in meiner Vorstellung gewann. Auch die einzelnen Züge, die ich vorher schon von ihr aufgefaßt hatte, wurden durch diesen noch hervortretender und trugen das ihrige bei, mich mit mir selbst über die Ehrfurcht zu vereinigen, die ich einer so frisch erhaltenen Tugend schuldig bin. Ach! wenn es wahr ist, daß es Heilige gibt – und wie könnte ich jetzt daran zweifeln? – so verdient Klärchen wohl diesen Titel vor allen ihres Geschlechts: Sie, die schon als Kind nur in den Kramläden der Klöster ihre Spielwerke suchte, und immerfort, wie es die Figur zeigt, unbekannt mit denen blieb, die für ihr Alter gehören; Sie, deren Stimme noch unverdorben blieb, ob sie gleich so oft mit ihren Beichtvätern gewechselt hat, wie ich mit meinen Spazierschuhen, das heißt, bis ich ein Paar gefunden habe, das mir recht sitzt. Was hat mir nicht alles Herr Fez von ihren kleinen Spekulationen erzählt, die mir nach und nach wieder beifallen werden. Eins nur davon: Ihr erster Vertrag mit der Maria – ist er nicht eben so fein ausgedacht, als er fromm ist? Ich frage dich selbst, Eduard, welche Schöne würde bei dem Übergange in die Zeit ihrer Rosen so viele Besonnenheit behalten, als dieses unschuldige Kind? so daß es sie alle, wie sie unter seiner Hand aufschießen, mit der minorennen Angst, es möchte die ganze Stadt ihren Reichtum erfahren, und mit der Sorge in Empfang nimmt, was es damit anfangen, und wer sie bewachen solle? und bei der Unerfahrenheit, welche wohl dem Verwelken, welche der Beraubung am nächsten sei? einzeln erst diese – dann jene, und endlich den ganzen Strauß – der Mutter in den Schoß legt. Es liegt ein System von Unschuld in diesen kindischen Begriffen, daß ich den Kurzsichtigen bedauern würde, der keinen Zusammenhang darin fände. Er muß nie ein unbefangenes Herz unter Augen gehabt – nie eine Klara gekannt, oder gar das Unglück haben, an keine weibliche Tugend zu glauben. Für eine solche Heldin ihres Geschlechts, als ich Dir jetzt gemalt habe, Eduard, könnte ich selbst meine Stimme zu den Beiträgen ihres verarmten Vaterlands geben, um ihre Seligsprechung zu befördern; um so mehr, da eine so billige Steuer schwerlich öfter als einmal in einem Jahrhunderts vorfallen dürfte. – Und gegen dies herrliche Geschöpf konnte ich auf Augenblicke verblendet genug sein, niedrige Absichten zu hegen? »Fahre nun fort, Bastian,« rief ich aus einer Art von Bedürfnis, eine andere Stimme zu hören als die meinige; denn ich hatte mir nichts Höfliches zu sagen. – »Sie suchte mich auszuforschen,« fuhr der Erzähler fort. – »Wer denn?« unterbrach ich ihn. – »Sie sind zerstreut, mein Herr,« antwortete Bastian: »Sie haben verhört, oder vergessen, was ich Ihnen eben in diesem Augenblicke erzählte. Die alte Tante war es, die mich über den Besuch ausforschen wollte, den Ihnen diesen Morgen der Herr im Purpur abstattete. Diese vornehme Bekanntschaft mochte in ihren einfältigen Augen wohl einen gewaltigen Glanz auf Sie werfen, mein Herr. Ich wußte nun freilich selbst nicht viel davon; aber was tut das? Man muß niemanden seine gute Meinung von andern benehmen, am wenigsten ein treuer Bedienter, wenn es das Ansehn seines Herrn betrifft; so muß man im gemeinen Leben denken, wie man in der Religion tut. Auch suchte ich es so sehr aufzustutzen, als ich konnte, und so erzählte ich am Ende mehr Rühmliches von Ihnen, mein Herr, als mir selbst bekannt war. Was wollen Sie sagen, Madam? antwortete ich: das ist nicht der erste Purpurmantel, den mein Herr vor seinem Bette sieht. Von einem Erzbischof, von einem Prälaten an den andern empfohlen, wird er von allen wie ein Freund vom Hause empfangen. Es ist ein Spaß, mit so einem Herrn auf Reisen zu sein; denn wo wir nur hinkommen, fliegen uns die vornehmsten Geistlichen wie die Spatzen ins Haus. Sollte nicht etwann sein guter Herr, mutmaßte dabei die Alte, gar die fromme Absicht haben, zu unserer einzig selig machenden Religion überzugehen? – Kann wohl sein, erwiderte ich, und ich wünsche es von Herzen; denn seine jetzige mag so gut sein wie sie will, so sieht man doch wohl, wie blaß und mager er dabei geworden ist. – Das dünkt mich auch, fiel mir hier Mamsell Klara ins Wort: er dauert mich, wenn ich ihn ansehe. – Laßt es gut sein, Kinder, war zuletzt der Ausspruch der Tante. Ich müßte mich sehr irren, wenn es bei einem Manne, der solche Anzeigen gibt, der so weit herkommt, um unsere Klerisei aufzusuchen, der einen so verständigen Menschen von unserm Glauben, sagte die Tante, in seinen Diensten hat, und der seine Wohnung bei uns nahm, es müßte sonderbar zugehen, wenn es bei dem nicht zum Durchbruche kommen sollte. – Hier schwieg sie, und da ich an ihren Lippen und Zeichen sah, daß sie ein Paternoster für Sie betete, so tat ich ein gleiches; auch Klärchen setzte den Engel beiseite, schlug ihre Augen in die Höhe und knötelte an ihrem Rosenkranze, und es war einige Minuten ganz still auf dem Vorsaale.« – »Ist das der Anschlag, den die Alte auf mich hat?« fragte ich meinen Bastian lächelnd. »Nun, der mag wohl noch hingehen – aber nur weiter!« – »Ach! mit welchem Seelenvergnügen,« fuhr er jetzt noch lebhafter fort, »haben Tante und Nichte die Andacht nicht heute morgens bemerkt, mit der Sie, mein Herr, als ob Sie schon zum Kapitel gehörten, dem heiligen Hochamte beiwohnten!« – »Was sagst du?« fuhr ich auf: »Klärchen war in der Kirche, und ich habe es nicht geahndet?« »Und doch« – erwiderte Bastian, »stand sie gar nicht weit von Ihrer Loge. Als Hausgenosse hatte ich mich neben sie gestellt; aber Sie waren so vertieft in Ihrer eigenen Andacht, daß Sie die unsere gar nicht gewahr wurden. Ich wünschte, Sie hätten das liebe Kind beten gesehen! Sie erbaute den ganzen Zirkel, der um sie her kniete, und ich bin versichert, es wurden ihr aus allen Ecken und Enden mehr Blicke, mehr Seufzer zugeschickt, als der heiligen Genoveva selbst.« – »Hole mir eine Flasche oeil de perdrix , Bastian!« unterbrach ich hier den Schwätzer. »Tue dir auch selbst für deine heutige leibliche und geistliche Anstrengung etwas zugute – hier hast du einen kleinen Taler dazu: aber um meine Bekehrung bekümmere dich weiter nur nicht! Hörst du?« Bastian machte eine erbärmliche Miene, steckte sein Trinkgeld ein und ging. Der gute Narr! Könnte ich in seine Munterkeit, in seine fröhliche Laune, in seine blühende Gesichtsfarbe und in seine Jugendkräfte so leicht übertreten als in seine Religion! –! Von so einem Umtausche ließe sich schon eher sprechen. Er kam bald wieder zurück, setzte mir den Wein stillschweigend auf den Tisch und entfernte sich mit einem so bedeutenden Blicke, als wollte er mir sagen: Brauchen Sie nur dieses Mittel! es ist das wirksamste zu Ihrer Bekehrung. Nun, das wollen wir sehen, dachte ich, zog den Pfropf aus der Bouteille und warf ihn wider die Wand. * Abends eilf Uhr . . . Sobald ich diesen Nachmittag den Pfropf aus der Hand warf und mich mit meiner Flasche allein sah, entrunzelte sich meine Stirne, die noch von dem System her, das ich mir von Klärchens Unschuld zusammensetzte, alle Zeichen eines ernsthaften Nachdenkens trug. Ich lächelte meinen freundlichen Wein an, und, wie er mir erst unter die Nase sprudelte, setzte auch sein Geist den meinigen augenblicklich in Gärung. Ein flüchtiger Gedanke zog nach dem andern vorüber, ohne daß ich ihn aufhielt; bis endlich einer so zudringlich ward, daß ich ihn faßte und mir durch alle möglichen Sophistereien den Spaß machte, ihn so lange aufzustutzen, bis er mir am Ende zu meinem Unglücke über den Kopf wuchs. Ich habe Dir, – Du hast es auch gewiß gefühlt, Eduard, mit aller Stärke der Wahrheit die Gründe vorgelegt, die für die Heiligkeit meiner vortrefflichen Nachbarin sprechen. Wie konnte es mir nur einkommen, jetzt als ein Advocatus Diaboli Beweise aufzusuchen, die sich auf das Unverschämteste ihrer Seligsprechung gerade entgegenstellten? Es ist unglaublich, und doch wahr. Wie ich diesen Irrweg einschlug, ahndete mir freilich nicht, daß ich so weit und bis zu dem Abgrunde vorrücken würde, vor dem mich noch schaudert. Mein Blut geriet bei jedem frischen Glase, das ich hinunterstürzte, mehr in Feuer, und meine Einbildungskraft gewann die Oberhand über meine bessern Gesinnungen. Ich konnte immer weniger an das herrliche Geschöpf hinter der Scheidewand ohne Begierde denken, und setzte sie mit einer unerklärbaren Frechheit, nach jedem Schlucke, den ich zuviel tat, von den hohen Stufen ihrer Würde immer tiefer und wieder tiefer herab, bis ich sie endlich, nicht ohne Schwierigkeiten, mit mir unter eine Linie gebracht hatte; und nun erst ging ich unbarmherzig mit ihr um. Die klarsten Beweise ihrer Unschuld schickte ich mit einem Schnippchen in die Luft. Ihre Heiligkeit schien mir nichts mehr, als eine angenommene Rolle zu sein, die sie gut genug vor dem Publikum spielte. Und um Dir alles zu sagen, wie es in so einer Seele aussieht, konnte ich sie mir endlich unter keinem andern Bilde mehr denken, als dem – der Iphigenia von Tauris, die wir einmal, noch als junge Leute von dem Theater nach Hause führten, und die uns, wie wir damals dachten, einen so frohen Abend verschaffte. Nun kennst Du meine Grundsätze, Eduard, wenn Du anders das Wort hier gelten lassen willst. Von jeher hat mich nichts mehr aufbringen können, als wenn ein Fürst zum Beispiele mich durch seinen lakonischen Ernst über seine Regententugend – ein Minister durch höfische Zurückhaltung über seine Staatsklugheit – ein Pfarrer durch seinen faltigen Rock über seine innere Überzeugung – und ein Mädchen durch den Flitter ihrer Sentiments über ihre Tugend hinter das Licht zu führen gedenken. Es gehört ein so gutes Herz dazu als ich habe, daß ich nur selten bei solchen Gelegenheiten meiner Gabe zu spotten Raum gebe. Bei einem Mädchen aber, das sich mit so außerordentlichen Annehmlichkeiten, als Klärchen besitzt, in meiner Nähe für sicher hielt, weil sie auf ihren Betrug und meine Blindheit rechnete, das mein brennendes Herz zwei volle Tage mit der Ungewißheit getäuscht hatte, ob es sie als eine Heilige bewundern, oder als eine gemeine Sängerin behandeln solle – bei so einem Geschöpfe würde die Rache meines Mutwillens ohne Grenzen sein. Gewiß sollte sie mir die Gegenbeweise ihrer Unschuld auf das demütigendste ausliefern, ihren ersten und letzten Betrug in meinen Armen gestehen, und durch alle möglichen Züchtigungen der Liebe für den erborgten Schimmer büßen, durch den sie einen erfahrnen Mann zu blenden gedachte. Noch will ich nicht entscheiden – sagte ich sehr großmütig – aber es gilt einen Versuch: und beschämt gestehe ich Dir, daß ich in diesem Augenblicke vor der Möglichkeit erschrak, in ihr eine Heilige zu finden; so sehr hatte ich mich schon daran gewöhnt, sie als ein irdisches Mädchen zu behandeln. Sie mag eins oder das andere sein, fuhr ich nach einigem Nachdenken fort, so kann sie mir doch als ihrem Nachbar unmöglich verargen, daß ich ihr meinen Besuch mache. Soviel ich weiß, ist das in keinem römischen Kalender verboten; ja mich deucht sogar, ich habe gelesen, daß es die Pflicht einer Heiligen sei, wenn sie Heiden bekehren will, sich ihnen zu nähern, und keine gesellschaftlichen Mittel unversucht zu lassen, ihre Seelen an sich zu ziehen. – Klärchen sehnt sich also wohl so sehr nach meinem Umgange, als ich mich nach dem ihrigen, wenn es ihr, wie ich glaube, mit ihrem Gebete auf dem Vorsaale ein Ernst war: zumal diesen Abend, wo es, gegen das gestrige Geräusch, in ihrem Zirkel so still ist, als ob sie von Himmel und Erde vergessen wäre. Mein Mut wuchs nun in demselben Verhältnisse, in welchem meine Flasche abnahm; und kaum war das letzte Glas überwunden, so war ich auch schon auf dem Wege nach Klärchen. Aber meine Bewegung dauerte diesmal nicht fort; denn in diesem Augenblicke, und da ich eben den Griff der Türe in die Hand nahm, trat ich zufälligerweise auf den Stöpsel meiner leeren Bouteille. Ich hob ihn auf und besah ihn. Kein Pfropf ist wohl noch so bedenklich besehen worden. Es war mir, als ob der Blick noch fest an ihm klebe, den mir Bastian so bedeutend zuwarf, als mir vorhin der Kork aus der Hand flog. Sollte Bastian mit seinem Blicke recht haben? befragte ich mich erschrocken, sollte es wirklich für die Religion gefährlich sein, sich in dem Taumel des Weins einer Heiligen zu nähern? Das muß ich zuvor noch untersuchen, sagte ich, und zog mich mit meinem Stöpsel langsam nach meinem Lehnstuhle, auf den ich mich nun in eine Lage warf, die zum Nachdenken eines Betrunkenen wie gemacht war. Auch mochte ich nur etwa eine halbe Stunde so gelegen haben, als ich schnarchend erwachte und unstreitig viel klärer in meiner Angelegenheit sehen gelernt hatte, als vorhin. Es war schon spät, Eduard, und der Mond schon im Aufgehen; viel später, als heute vor sechs Tagen, da er mir auch schien, als die gute Margot mir ihr warmes Halstuch um den Kopf band. Hätte ich diesen Gedanken behutsamer verfolgt als ich tat, ich glaube, es wäre nichts aus meiner Visite geworden. So aber kam ich von Margots Halstuch auf das Halstuch der Heiligen, von dem Hundertsten in das Tausendste, und – mein guter Gedanke entwischte mir unter den Händen. Indes war es doch drollig, daß ich noch immer wie angeheftet auf meinem Lehnstuhle verweilte, ohne mich ganz von dem Mißtrauen in meine Einsichten trennen zu können, das Du von jeher an mir gewohnt bist, und das mir immer noch anklebt, wie eine Nervenschwäche. Mein Vorsatz war zwar gefaßt; aber um ihn auszuführen, fehlte mir nur noch die Aufmunterung eines Freundes, der mir für den glücklichen Erfolg und für allen Schaden haftete, der daraus erwachsen könnte; und auch diese Gewähr wußte ich mir endlich zu verschaffen. Ja, lieber Eduard, alles mein voriges Hin- und Herüberlegen hätte ich mir recht gut ersparen können, wenn ich eher an den gedacht hätte, der mir in Avignon alles in allem war – an den Vorbereiter der Jugend, an das Orakel der Stadt, an den ehrlichen Kirchner. Ich brauchte ihn nur noch einmal in Gedanken abzuhören, um zu wissen, woran ich mit Klärchen war. Sein dunkles Gespräch schwebte mir vor, als ob er mir gegenübersäße, und entwickelte sich jetzt zu meiner ungleich größern Zufriedenheit, als da ich ihn selbst hörte. Meine Wünsche bekamen ihre einzige wahre Richtung. Mit dem Übertritte zu Klärchens Religion, fühlte ich, habe es heute wohl nicht viel zu bedeuten, und ich steckte, um nicht wieder darauf zu treten, den Pfropf in die Tasche. Sein dunkles Gespräch? Mein Gott! durfte er es denn wohl weniger behutsam anlegen, wenn er seiner neuen Freundschaft für mich ein Geschick geben wollte, ohne geradezu seiner ältern für den Propst zu schaden? Wie war es möglich, daß ich so blind sein konnte? Ich erstaunte, als ich die feinen Winke erwog, die er mir, wie von ungefähr zuwarf, als ich die schlauen Bemerkungen analysierte, die er fallen ließ, und die Lokalfarben, die er zum Gemälde seines Vorgesetzten brauchte, mit den psychologischen Nachrichten verglich, die er mir von Klärchen mitteilte – ich erstaunte, sage ich, über die Deutlichkeit, die in allem dem herrschte. Der sonderbare Akzent, den er, wie es mir schien, ohne Not auf dieses oder jenes Wort legte, bekam nun Bedeutung und Sinn. Sein Aufruf meiner zugunsten des Probstes erklärte sich mir, wie das Einlaßbillett einer Komödie; und obgleich seine Rätsel so theologisch verflochten waren, als man sie nur von einem getauften Juden erwarten kann, so war mir doch weiter nicht bange, diese feinen Fäden glücklich auseinander zu wirren. Den Dünsten gleich, die von den Auen Beim Überschein der Sonne fliehn, Sah mein geschärfter Blick des schlauen Orakels Dunkel sich verziehn. Ich forschte mit der Kraft, die Bacchus mir verliehn, Dem schweren Rätsel nach, bis mit geheimem Grauen Sein Knoten mir entgegenschien. Neu, jung und moduliert! als keiner nach Berlin Zu Markte kommt, und doch nicht von der rauhen Antiken Festigkeit, um ihn, Anstatt zu lösen, durchzuhauen – Lag er im Schutz der heiligsten der Frauen, Schon darum wert, um vor ihm hinzuknien. Und wie der erste Trieb, sein Felsennest zu bauen, Den jungen Adler hebt auf eine Höh', wohin Kein Aug' es wagt, ihn nachzuschauen, So überflügelte mein männliches Vertrauen Das Heiligtum der Sängerin. Ich forderte von ihr, die mir den Schlaf verwehret, Solang' Ersatz für den verlornen Schlaf, Bis ich den ganzen Schwarm der Freuden aufgestöret, Die der Verlauf der Zeit vielleicht dem Propst bescheret, Wenn die Ermüdete, als ein verirrtes Schaf, Zu seiner Herde wiederkehret, Und sah erstaunt, wie das, was jedem Teil gehöret, In einem Punkt zusammentraf. * Hast Du selbst je von einem Plane gehört, lieber Eduard, der einfacher in seiner Anlage, geschmeidiger für die Ausführung, und für den Endzweck, den er beabsichtigt, so harmonisch in allen seinen einzelnen Teilen wäre? Wie geübt, dachte ich mit schuldiger Bewunderung, muß die Hand des Meisters sein, der ihn entwarf! wie groß seine Erfahrung der Welt, wie sicher seine Kenntnis des Lokals und seine Bekanntschaft mit den Sitten der Andächtigen! Ich hatte nur einige Schritte über den Vorsaal zu tun, die bei dem hellen Scheine, den der Mond über ihn breitete, keine Schwierigkeit machten. Ehe ich aufbrach, bedachte ich noch, wie wenig man oft bei solchen Besuchen Herr seiner Zurückkunft ist, und setzte aus Vorsicht mein Licht in den Kamin. Im Vorbeigehn beim Spiegel würdigte ich auch noch meinen äußern Menschen einer flüchtigen Untersuchung, und wie vorteilhaft fiel sie diesmal nicht aus! Wäre der schlafende Amor in die Höhe gesprungen mich zu umarmen, wahrlich, ich hätte es in diesem Augenblicke für kein Wunder gehalten. So einen Schlummer möchte ich mir wünschen, sagte ich, indem meine freundlichen Augen den Ausdruck der glücklichsten Ruhe verfolgten, den ihm der Künstler zu geben gewußt hatte. – Ich gelobte, wenn ich so ausdrucksvoll von Klärchen zurückkäme, ihm das Restchen Staub abzuwischen, bei dem sich ihre zitternde Hand, mitten in der Arbeit, so artig zurückzog. Ob wohl allen Heiligen dieses Gefühl der Sensitiven eigen sein mag? und ob sie wohl solches auch noch bis nach Untergang der Sonne behalten? Ich sah, als ich in dem Spiegel wieder nach mir aufblickte, daß mich dieses Problem, und die Hoffnung es aufzulösen, rot gemacht hatten bis über die Ohren; und wie auserwählt schien nicht diese Farbe zu meinen großen vielversprechenden Augen, und wie schön nuancierte sie nicht mit dem Inkarnat meiner Lippen! – Ach, meine Lippen! Auf keinen andern habe ich je diesen Anreiz und dieses Hinstreben entdeckt. Ich möchte wohl, sagte ich höhnisch, das Mädchen sehn, das solche Figuren vor ihrer Tür abzuweisen das Herz hätte! Und so trat ich mit der Zuversicht eines guten Gesellschafters endlich über die Schwelle und gelangte glücklich an den Verschlag, der, wie der Vorhof zum Allerheiligsten, Klärchens Zimmer begrenzte. Bei der Stille, die in diesem frommen Hause herrschte, war nicht viel Geräusch nötig, um ihr Ohr aufmerksam auf meine Annäherung zu machen. Auch rufte ich kaum ein paarmal ihren harmonischen Namen mit gedämpfter Stimme, so hörte ich auch schon ihre Kammer sich öffnen. Nun trippelte sie nach der Türe des Verschlags; nun hob sie – stelle Dir das Vergnügen vor, das mich durchzitterte – den Riegel auf; und lebhaft stand nun – Klärchen zwar nicht – aber ihre abgemergelte, zahnlose Tante, in ein weißes, kattunenes Nachtkleid gehüllt, vor mir. In dem ersten Anfalle meines Schreckens dachte ich nichts gewisser, als die gute Frau habe wohl Lust, sich selbst meinen späten Besuch zuzueignen, und könne so von Gott verlassen sein, sich einzubilden, daß ich, ohne Scheu für ihr ehrwürdiges Alter . . . Aber sie ließ mich diesen heillosen Gedanken nicht endigen. Sie fuhr mir nur zu bald mit einem: »Was beliebt Ihnen, mein Herr?« auf den Hals, und zeigte dabei eine so schnackische Befremdung in ihrem Gesichte, als hätte sie in dem langen Laufe ihres Lebens noch nie eine männliche Gestalt im Mondscheine erblickt. Ich hingegen auf meiner Seite, und gewiß betroffener noch als sie – wahrlich, ich mußte mir ihre einfache Frage noch einmal wiederholen lassen, ehe ich meiner Stimme so mächtig ward, ein paar verunglückte Worte daraus zu antworten. Ich starrte das alte Weib vorher noch sprachlos und mit aufgerissenen Augen an – ein Anblick, der, wenn er auch sonst nichts Gutes hat, einem Menschen in meiner Lage doch einigermaßen dadurch wohltätig werden kann, daß er ihn aus einem hitzigen Fieber in ein kaltes versetzt. Mag man indes solche Veränderungen noch so sehr unter die guten Symptome rechnen, so möchte ich sie doch selbst meinen Feinden nicht wünschen. Ich weiß nun aus eigener Erfahrung, wieviel es dem armen Kranken kostet, die erhabenen Phantasien, die seine Seele beschäftigen, unter Zähnklappern verschwinden zu sehen. »Die langen Abende – meine angenehme Nachbarschaft – die Einsamkeit,« – stotterte ich endlich in abgebrochenen Sätzen heraus, zu denen es mir je länger je schwerer ward, eine Verbindung zu finden. Meine Verlegenheit nahm mit jeder Sekunde zu, glaubte sich Luft zu schaffen, und verfiel darüber in die unbesonnenste Erklärung, die sich nur ausfündig machen ließ. »Liebe Madam,« sagte ich, »die anziehenden Reize Ihres guten Klärchens werden mich schon hinlänglich bei Ihnen entschuldigen, und die Freiheit, die Sie dem Probst erlauben, hoffe ich, werden Sie doch wohl nicht Ihrem Mietmanne versagen?« – Das hatte ich vortrefflich gemacht – Du hättest nur sehen sollen, was die alte Katze bei diesen Worten für Feuer fing. – »Klärchen? Klärchen,« beantwortete sie meine wohlgesetzte Rede, »nimmt keine nächtlichen Besuche – ja sie nimmt gar keine, und zu keiner Zeit an. Gehen Sie, mein guter Herr,« setzte sie höhnisch hinzu, »suchen Sie anderwärts Ihre Unterhaltung, und lassen Sie Ihre Nachbarn in Ruhe!« Schwerlich hat noch jemand einen unfreundlichern Bescheid aus einem häßlichern Munde gehört. Da es aber noch einen empörendern Anblick in der Natur gibt, so gab sie mir auch den noch zugute: ich meine ein altes Weib, das die Begeisterte macht. Sie warf ihre beiden Irrwische von Augen in die Höhe, als ob sie die Engel aus dem Himmel verjagen wollte, legte ihre linke Hand auf ihr schlotterndes Halstuch, streckte ihren rechten Arm steif und gerade nach mir zu, und kreischte mir mit der Stimme einer Besessenen durch die Ohren: Irrgläubiger! was treibet dich So frech, so blaß, so schauerlich Herum im Mondenschein? Vernimm, furchtbares Nachtgespenst, Es schließt die Burg, die du berennst,     Ein Kind des Lichtes ein! Und welch ein Kind! So voll und rund, So früh kam noch kein Busen, und Kein weiblich Herz in Flor. Ein Seraph sah den ersten Flug Der kleinen Sängerin, und trug     Sie der Madonna vor; Und diese nahm sie in Beschluß: Und wollte selbst mit seinem Gruß Sich Gabriel ihr nahn, Sie ließ' ihn vor der Türe stehn, Und hieß' ihn, spottend, weitergehn,     So wie sie dir getan. Der Probst, des Himmels Liebling, nur Verehrt den Schöpfer der Natur In meiner Nichte Reiz. Der Reichtum ihres Gärtchens ist Auch sein, und wird vor Räuberlist     Gesichert durch sein †. Und jedes Kreuz, das er ihr schlägt, Weckt eine Blüte mehr, erregt Ihm eine Hoffnung mehr; Und sie bewahret, zum Erkauf Des Himmels, ihren Vorrat auf,     Und zu Mariens Ehr! Von der Holdseligen bedeckt, Erhält sich frisch und unbefleckt Ihr schöner Erntekranz; Und wenn ihm auch ein Kreuz verblich, Der Probst mit einem Pinselstrich     Hebt den verlöschten Glanz. Was stört, verlorner Geist, dein Blick Für Bilder in mir auf! – Erschrick Und weiche meinem Fluch: Dich müsse jede Jungfrau fliehn, Maria keine dir erziehn     Zu nächtlichem Besuch! * Oh! das soll mir schon recht sein, dachte ich, indes die alte Närrin während der sublimen Worte ihrer mystischen Romanze, die ich vielleicht ganz der Quere verstand, dasselbe heilige Zeichen mehrmal über ihre Brust und ihr Gesicht zog, die doch wahrlich dieses Schutzes gar nicht bedurften, und zugleich mit ihrem Zeigefinger auf etwas hindeutete, was mir doch nicht eher verständlich und sichtbar wurde, bis sie die Tür mir vor der Nase zugeschmissen und verriegelt hatte: – denn nun erst fiel mir eins von den Kreuzen in die Augen, auf die sich die Alte in ihrer Begeisterung bezog, und davon die eine Hälfte an der obern Bekleidung – die andere an dem Flügel der Türe, nun in einem ungetrennten Zuge wieder zusammenpaßten, vermutlich mit einer Kreide gemalt, über die ein Weihbischof den Segen gesprochen hatte. »Liegt es nur daran?« sagte ich und warf den Mund auf. »Diese Wunderzeichen des Propstes sind doch wohl noch zu verwischen, wenn ich nur erst die Stationen kenne, die er damit besetzt hat.« Und so schlich ich mit verbissenem Ärger in mein einsames Zimmer zurück. Meine Abwesenheit konnte nicht lange gedauert haben; denn ich hatte nicht einmal nötig, mein Licht zu putzen, als ich es aus dem Kamin langte, es wieder auf den Tisch, und mich mit ineinandergeschlagenen Armen davorsetzte. Es währte eine ziemliche Weile, daß ich gedankenlos auf die leere Flasche hinblickte, ehe ich sie in Verdacht nahm, daß sie wohl an dem eben geschehenen Vorgange die meiste Schuld habe. Dies brachte mich gelegentlich auf den Text, den ich mir in Ansehung der verletzten Diät und Moral, die leider! bei mir immer gleichen Schritt halten, zu lesen hatte. »Ja!« rief ich aus, »man muß betrunken sein, um einen Augenblick an der Tugend und Unschuld dieser Heiligen zu zweifeln, und so ungleiche Absichten, als mir mein Gewissen vorwirft, darauf zu bauen. Ich habe es verdient, vor ihrer Tür abgewiesen zu werden; denn ich bin nicht wert über ihre Schwelle zu treten – nicht wert, ihr nur die Schuhriemen – geschweige sonst etwas aufzulösen, und das geringste der Kreuze zu verlöschen, womit der Propst ihre Zugänge verwahrt hat.« Da ich nicht gewohnt bin, mich selbst zu schonen, sobald ich nur erst soweit bin, mich in die Augen zu fassen, so ward ich auch diesmal so böse auf mich, daß ich mich gern vor jedem ehrlichen Manne an den Pranger gestellt hätte, der mir die Wahrheit noch derber hätte sagen wollen, als ich es selbst tat. Ich fühlte in dieser ärgerlichen Stunde die Entfernung von Dir, mein Eduard, stärker als jemals, und wußte lange nichts an Deine Stelle zu setzen. Wie aber die gütige Natur für gewöhnliche Übel auch die Mittel dagegen vorzüglich gehäuft hat, und man zum Beispiele gegen einen bösen Hals, oder eine jede andere Krankheit, welche schleunige Hülfe verlangt, die bewährtesten Rezepte an allen Zäunen und Hecken findet; so, glaube ich, ist in unserm aufgeklärten Zeitalter kein Winkel der Erde mehr so verwildert, aus dem sich für eine kranke Seele, ihrem Bedürfnisse gemäß, nicht bald ein anhaltendes, bald ein abführendes Mittel auftreiben ließe. Wäre es Tag gewesen, so hätte ich freilich bei meinem Freunde, dem Buchhändler, das Aussuchen gehabt: so aber mußte ich mir zu helfen suchen wie es gehn wollte, und das tat ich auch. Ich näherte mich zum ersten Male der, zu der frommen Stiftung gehörigen, kleinen Bibliothek meines Kabinetts, sicher, daß ich hier ebenso gewiß ein oder das andere moralische Buch finden, als ich nicht umsonst nach Pimpernelle oder Klatschrosen ausgehen würde, wenn ich eines Gurgelwassers benötigt wäre. Der erste Folioband, den ich herauszog, den ich aber auch ehrlich genug war, sogleich wieder an seinen Ort zu stellen, war Sanchez De matrimonio . Ich griff auf besser Glück nach einem andern von mittlerem Format, und bekam die Aphorismen des großen Emanuel Sa de dubio in die Hand. Das ist wahrscheinlich, sagte ich, so ein Buch, als Du suchst, und setzte mich damit an meinen Tisch. Ich hätte auch für mein gegenwärtiges Bedürfnis kein besseres finden können. Auf allen Seiten strahlten mir die herrlichsten Anweisungen entgegen, sich mit Ehren aus den schlüpfrigsten Händeln seines Gewissens zu ziehen, und mit Hülfe kleiner artiger Distinktionen sich über alle Fehltritte zu beruhigen, die eine strenge, ungeläuterte Moral, im ganzen genommen, unbarmherzig verdammt. Du kannst denken, daß mir in meinen Umständen dieser Sittenlehrer ungleich mehr behagen mußte, als jeder andere, der, ohne nur die Schwierigkeit der Ausführung mit seinen Forderungen vergleichen zu wollen, mir geradezu gesagt hätte: Tue recht und scheue niemand! Das ist weiter keine Kunst. In diesem herrlichen Buche hingegen fand ich sogar mehr als ich suchte. Wieviel Vorwürfe, die ich mir in meiner ersten mißlaunigen Aufbrausung machte, würde ich mir nicht erspart haben, hätte ich diesen gründlichen Schriftsteller nur eine halbe Stunde eher gekannt! Ich las mich dick und satt, bis ich vollkommen überzeugt war, daß, wären mir auch alle die Absichten gelungen, an deren Ausführung mich das alte hämische Weib hinderte, ich zwar von der geraden Straße ab – doch gar nicht viel umgegangen wäre. Ich schloß nicht unwahrscheinlich von dem Werte dieses einzelnen Buchs auf die Wichtigkeit der ganzen Sammlung, holte mir, um bei der Entscheidung meiner Streitfragen der Mehrheit der Stimmen gewiß zu sein, noch andere herbei, die auch, mehr oder weniger, den guten Gründen jenes großen Kasuisten beitraten, wovon ich dir besonders einen gewissen Thomas Tambourin nennen und empfehlen will, der mir wirklich vielen Spaß gemacht hat. Hier hast Du den Titel seines Buchs: Explicatio Decalogi, in qua omnes fere conscientiae casus, mira brevitate, claritate, et quantum licet, benignitate, declarantur . — Ich war in guten Händen, wie Du siehst. Meine Lektüre ward immer anziehender. Der Unterricht dieser vortrefflichen Männer hatte mich endlich so fest gemacht, daß ich weiter keine Gefahr für mich sah, auch den ehrbaren Sanchez mit zu Rate zu ziehen. Ich las bis in die sinkende Nacht hinein, ohne seiner verwickelten Fragen und Auflösungen überdrüssig zu werden, und lege ihn jetzt, da mein abgebranntes Licht mir kaum noch Zeit läßt, meinen Bericht an Dich niederzuschreiben, mit den Worten aus der Hand, mit welchen die vorgedruckte Approbation seines geistlichen Zensors anhebt: Librum hunc legi, perlegi, lectitavi, Felix pensum D. Sanchez, Cathol: Majest: in Regio Incarnationis Coenobio a Sacello et Sacris: in quo nihil nec devium ab orthodoxa nostra fide, nec obvium bonis moribus percepi etc. Und gehe nun, ich gestehe es Dir, als der eifrigste Anhänger einer Gesellschaft zu Bette, der es, da sie so vorzügliche Mittel gegen menschliche Schwachheiten im Vertriebe hat, nicht fehlen kann trotz der kleinen Kränkungen, die sie in unsern Zeiten erlitten hat, an allen Enden der Erde Proselyten zu machen. * Den 4. Januar Von allen moralischen Hülfsmitteln der Lojoliten, die ich mir gestern abends eigen zu machen suchte, rührte mich keines so sehr, als der Ausweg, den sie einstimmig vorschlagen, um, in dem Handgemenge der Leidenschaften mit der Sittlichkeit, die mitspielende Person sicher zu stellen. Setze, sagen diese Herren, wenn ich den Sinn ihrer Worte ins kurze fasse, jeder zweideutigen Handlung, die Du unternimmst, zur Beruhigung Deines Gewissens, nur geschwind eine andere Zweideutigkeit entgegen! – Laß, zum Beispiele, zurzeit ihres sträflichen Vorgangs den Gedanken voraustreten, daß ein anderer sie begehe als Du, und schwöre sogar, wenn Du dazu aufgefordert wirst, Du habest die Tat nicht begangen, nämlich – wie Du stillschweigend hinzutun mußt – an diesem oder jenem Tage, oder vor Deiner Geburt. Durch diesen kleinen Kunstgriff setzest Du Dich am geschwindesten über alle, Deiner Ruhe nachteiligen Folgen hinaus; denn diese nehmen alsdann von selbst die Richtung an, in der Du Dich in so kritischen Minuten von Dir selbst zu entfernen gewußt hast. Das ist bei vielen Gelegenheiten überaus bequem, sagt Sanchez in seiner Sittenlehre: Il est permis d'user de termes ambigus en les faisant entendre en un autre sens qu'on ne les entend soi même. On peut jurer qu'on n'a pas faite une chose, quoiqu'on l'ait faite effectivement, en entendant en soi même, qu'on ne l'a pas faite un certain jour, ou avant qu'on fut né. Cela est fort commode en beaucoup de rencontres et est toujours très juste, quand cela est nécessaire ou utile pour la santé, l'honneur ou le bien. Sanchez Opp. p. 2. l. 3. c. 6. n. 13. ob es aber auch immer recht ist, wie er dazu setzt, ist eine andere Frage, über die ich lange nicht mit mir einig werden konnte. Ich sah wohl ein, daß die Herren diesen verfeinerten Lehrsatz nicht so oft und so dreist würden ausgekramt haben, wären sie nicht von seiner Brauchbarkeit und Güte, aus langer praktischer Erfahrung, vollkommen überzeugt gewesen – und doch, wenn ich nun dran war ihn auf mich anzuwenden, versagte mir auf einmal der Mut, wie einem Kinde, das aufgefordert wird, einem Seiltänzer nachzuspringen. Es war Mangel an Übung, lieber Eduard! Ich setzte den Fuß nieder, den ich schon aufgehoben hatte, lief meinen Tröstern in die Arme, um mir Herz zu holen, und kauete jedes Wort wieder, das sie mir zusprachen. So gelang es mir am Ende, ihren herzhaften Zuruf wörtlich meinem Gedächtnisse einzuprägen; und das ist, wie Du noch aus deinen Lehrjahren her wissen wirst, schon viel, wo nicht alles, für die Überzeugung gewonnen. Die Zweifel, die mir dann und wann über die Zuverlässigkeit meiner Ratgeber aufstießen, machten mir eigentlich am meisten zu schaffen; aber ich fand doch bald einen erfahrnen Mann, der mich auch hierinnen zur Ruhe wies; denn die würdige Zunft der Kasuisten hat so sehr für alles gesorgt, daß der Satz des einen die Sätze der andern auf das brüderlichste unterstützt. Dans les choses douteuses sagt der berühmte P. Poignant, der aufgeschlagen neben dem Sanchez lag, nous ne sommes pas obligés de suivre le sentiment le plus sur . Und so blieb mir denn zuletzt weiter keine Sorge übrig, als die, mich nur recht bald in der Lage zu sehen, meinen Ratgebern Ehre zu machen und in Klärchens Armen das süße Gefühl meines Unrechts ihrem Glaubensgenossen, dem Propste, der mir am schicklichsten dazu schien, unterzuschieben. Aber die Hauptschwierigkeit, die ich weder durch Nachdenken, noch durch mein Nachlesen in den Kirchenvätern wegzuräumen wußte, die Frage, wie ich mich in diese glückliche Lage bringen sollte, blieb immer noch unbeantwortet. Der Vorgang von gestern abend hatte mich außerordentlich schüchtern gemacht. Man hätte mir die Welt bieten können; ich würde es darauf nicht gewagt haben, den bösen Geist, der den Schatz bewachte, noch einmal herauszufordern, ehe ich ihn nicht zu beschwören verstand. In dieser Verlegenheit, die mich vom Rousseau zum Amor, von einer Ecke des Zimmers in die andere trieb, konnte es indes nicht lange währen, so mußte mir der einzige Mann beifallen, der sie vielleicht heben konnte. Mein mißlungener Versuch von gestern, den ich zwar auf seine Autorität unternahm, hatte mein Zutrauen zu ihm nicht im mindesten geschwächt. Der beste Plan muß wohl scheitern, wenn man in der Ausführung nicht auch Rücksicht auf Zeit und Gelegenheit nimmt; und das mußte ich mir selbst vorwerfen, war ich so albern gewesen ganz zu unterlassen. Ich steckte also meine Goldbörse ein und machte mich gutes Muts zu ihm auf den Weg. Ich traf ihn auch diesmal wieder mit der heitern Miene auf seinem Posten, die mich gleich die erste Stunde unserer Bekanntschaft so sehr zu seinem Vorteile einnahm, und durch die sich so sprechend die ganze Ruhe seiner Seele und seines Amtes verkündiget. – Unser Gespräch kam indes diesmal nicht so geschwind in Gang als gewöhnlich; ich mußte lange die Kosten der Unterhaltung allein tragen. Er hatte die Unbarmherzigkeit, meine Beichte von Anfange bis zu Ende mit geschlossenen Augen ruhig anzuhören, ohne das bittere davon nur durch ein tröstliches Wort zu mildern, geschweige daß er durch einen zuvorkommenden, freundlichen Rat mir die Verlegenheit erspart hätte – so in der Nähe von Laurens Asche – so ganz ohne Achtung für ihr sittsames Andenken – ihm mein geheimes Anliegen zu entwickeln. Selbst als ich nun meinen mißlichen Vortrag getan hatte – voll verschämter Erwartung vor ihm stand, und es ihm endlich gefiel die Lippen zu öffnen, so hätte es im Anfang doch nur der Teufel seinem gleichgültigen Geschwätze ansehen können, was es am Ende noch alles lehrreiches und gutes für mich enthalten würde. »Ja, ja,« fing er wie im Traume an und rieb sich die Stirn – »unser Leben, mein junger Herr, währt siebenzig Jahr, und wenn es hoch kömmt, sind es achtzig, und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen. Auch ich habe diesen Morgen die meinige gehabt – habe die Stühle, die Bänke und den Altar abgestäubt, und bin wohl zehnmal über Laurens Grab mit dem Besen gefahren, ehe ich es rein bringen konnte; aber es war notwendig. Diese Kirche hat morgen einen ansehnlichen Besuch zu erwarten; denn wir feiern das Fest des heiligen Einsiedlers Simeon Stylita, der von den vornehmsten hiesigen Einwohnern der Patron ist.« »Was in aller Welt geht mich dieser Schnack an!« dachte ich, machte eine höchst verdrießliche Miene und setzte mich auf die nächste Bank. »Sie müssen wissen, mein Herr,« trat er nun näher vor mich, »daß unter Heiligen und Heiligen ein gewaltiger Unterschied ist. – Der eine hat mehr Rang, der andere mehr Zulauf – die eine fromme Seele schmiegt sich lieber diesem, die andere jenem an, nachdem entweder ihr Alter, ihr Gewerbe, ihr Name, oder ihre besondern Sünden diese Auswahl veranlassen. So ist mein Einsiedler, zum Beispiel, durch die christliche Sündhaftigkeit, mit der er seine Gicht- und Zahnschmerzen ertrug, der Schutzpatron aller der Unglücklichen geworden, die an diesen Übeln leiden. Schließen Sie nun selbst, mein Herr, auf den Zuspruch, den er erhalten wird. Leider hat seit einigen Jahren auch Ihre gute Hauswirtin unter seine Fahne treten müssen. – Auch sie wird morgen den größten Teil des Tages in meiner und des Heiligen Gesellschaft zubringen. – Geben Sie acht, ob ich wahr rede!« »Und Klärchen?« fragte ich hastig; er aber tat nicht, als ob er mich hörte. – »Morgen«, fuhr er mit ernstem, dogmatischem Tone fort, »ist es Krankheit, die ihre Andacht in Bewegung bringt; zwei Tage darauf, am Feste der heiligen Bertilia, tut es ihr Name.« – »Und Klärchen?« fuhr ich zum zweitenmale auf. – »Wird unterdessen«, antwortete er ganz gelassen, »allein zu Hause bleiben – sowie hingegen am Feste der heiligen Concordia die Tante daheimbleibt, und nur ihre Nichte zur Kirche schickt.« »Und was gibt hiezu Veranlassung?« fragte ich äußerst neugierig. – »Das verschiedene Alter der beiden Andächtigen!« erwiderte er. Er sah mir an, daß ich ihn nicht verstand. – »Ich habe schon mehrmalen die Schwierigkeit bemerkt,« fuhr er fort, »einem Deutschen, auch selbst von unserm Glauben, den Zusammenhang dieses Festes begreiflich zu machen – aber es ist mir doch endlich immer durch Hilfe der Analogie gelungen. Diesen Ausweg verdanke ich einem Reisenden aus Ingolstadt, der vor vielen Jahren hier war, und auch das Grab der Laura besuchte. – Von dem erfuhr ich gesprächsweise, daß in seiner Vaterstadt der heilige Augustin von allen denen besonders verehrt werde, die an den Augen leiden. – Bei uns hingegen ist dieser Heilige – als Augenarzt gar nicht bekannt. – Die Ursache davon liegt einzig in der Verschiedenheit beider Sprachen. In der Ihrigen soll, wie Sie besser wissen als ich, die erste Silbe in dem Namen dieses Wundertäters gleichen Schall und Bedeutung mit dem Worte haben, welches das Glied bezeichnet, mit dem wir sehen: und nun, mein Herr,« fuhr er fort, »wird es Ihnen weiter nicht schwer werden, die Ursache auszufinden, warum bei uns nicht allein Mädchen, wie Klara, nein, auch Weiber und Witwen, wenn sie nicht, wie unsere Freundin Bertilia, über die funfzig hinaus sind, das Fest der Concordia mit einem Eifer feiern, der deutschen Damen, die unsre Sprache nicht bis aus solche Kleinigkeiten wissen, mehr als übertrieben vorkommen muß.« – Ich verstand zum Glücke soviel Französisch, um diese Aufgabe der Analogie bald genug zu erraten, und ich hatte keine geringe Freude darüber. – »Oh,« rief ich aus, »dieser Unterricht in Ihrer Religion, lieber Herr Kirchner, verdient eine ausgezeichnete Belohnung. – Hier – machen Sie keine Umstände!« – Und so drückte ich ihm einen holländischen Doppeldukaten in die Hand, der so funkelte, als ob er erst aus der Münze käme. – »Ei, mein Herr,« sagte der liebe Mann, und besah das Goldstück mit besonderm Vergnügen, »Sie beschenken mich ja so reichlich, als ob Sie sich meine Fürbitte bei dieser Heiligen erkaufen wollten! – Die soll Ihnen auch nicht fehlen. – Aber, bei allen Engeln und Erzengeln! mein Herr – was seh' ich? Diese Umschrift – ich bitte Sie – war sie immer auf dieser Münze? – Ist sie zur Ehre der Heiligen geschlagen? oder ist es ein Wunder, durch das sie Ihnen ihre Hülfe zusagt? Hören Sie nur und hören Sie es mit Zutrauen, was sie Ihnen Gutes verspricht!« Ich war bei diesem unerwarteten Ausfalle des Kirchners einige Schritte zurückgetreten und glaubte nichts gewisser, als der gute Mann wäre toll geworden; wurde aber, als er mir nun die bekannte Umschrift aller holländischen Dukaten herlas, doch selbst so davon überrascht, als wenn wirklich etwas Wunderwürdiges darin läge. – »Concordia,« las er, indem er den Dukaten zwischen den Fingern herumdrehte – »res parvae – crescunt,« und zugleich sah er mich so bedeutend an, daß mir das Blut ins Gesicht stieg. – »Oh Klara, Klara!« rief ich aus, ohne zu wissen warum? – »Das ist wahrlich ein sonderbarer Zufall, lieber Herr Kirchner. – Wie gern will ich ihn für eins der größten Wunder ansehn, wenn die heilige Concordia ihre Zusage erfüllt! – Aber sagen Sie mir geschwind, lieber Mann, an welchem Tage des Jahres wird denn dieses große weibliche Fest begangen?« »Den achtzehnten Februar,« antwortete er. – »Sollte es wohl den Eindruck auf Sie machen, daß Sie bis zu seiner Feier bei uns verweilen möchten?« »Oh, ganz gewiß!« antwortete ich mit glühenden Wangen. – Und es ist mein völliger Ernst, Eduard! »Nun, dann wünsche ich Ihnen Glück zu Ihrem Mute,« erwiderte der gute Mann. »Es hat noch keinen jungen Fremden gereut, diesen merkwürdigen Festtag in Avignon abzuwarten. Doch, da alsdann gewöhnlich die Häuser besetzter noch sind als zu Frankfurt bei der Kaiserwahl, so rate ich Ihnen wohlmeinend – sind Sie anders mit Ihrer Miete zufrieden, sich ihrer ja in voraus auf diesen Zeitpunkt zu versichern; denn Quartiere, wie das Ihrige, steigen alsdann über die Gebühr.« Hier störte ein Engländer, der Laurens Grab mit einer so verächtlichen Miene aufsuchte, als ob sie seine Freundin gewesen wäre, unser interessantes Gespräch. Ich konnte meinen Verdruß über diesen ungelegenen Fremden kaum vor ihm selbst verbergen, und doch konnte ich noch weniger dem Kirchner zumuten, ihn abzuweisen; denn ein abgewiesener Engländer kommt selten wieder. – Wir Kurzsichtigen ärgern uns oft über zufällige Dinge, die uns doch gerade unsern Wünschen entgegenführen. Du sollst noch auf diesem Bogen zu lesen bekommen, Eduard, wieviel ich der Dazwischenkunft dieses Reisenden zu danken habe: soviel, daß ein rechtgläubiger Katholik an meiner Stelle darauf schwören würde, die heilige Concordia habe sie veranstaltet. – Ich schreibe sie auf Rechnung des Zufalls, der immer mein Freund war. Der Kirchner zuckte die Achseln, indem er mir die Hand zum Abschiede reichte, und bat mich, bald wieder zu kommen, welches ich ihm denn auch treulich versprach. Der goldne Wahlspruch der sieben Provinzen hat zwischen diesem guten Manne und mir eine stärkere Vereinigung zustande gebracht, als, glaube ich, zwischen den sieben Provinzen selbst. Es ist doch eine hübsche Sache um die Freundschaft! Ich taumelte, ohne mich um den nächsten Weg nach Hause zu bekümmern, aus einer Gasse in die andere, und mir war beinahe so zumute, wie einem jungen Gelehrten, der nicht recht weiß, was er in aller Welt mit den vielen neuen Kenntnissen anfangen soll, die er aus dem Hörsaale mitnimmt. Darüber stieß ich – Ehre sei dem freundlichen Zufalle! auf die launigste Begebenheit, die er je aus seinem weiten Ärmel geschüttelt hat. Eine Menge Menschen, die aus einem ansehnlichen Hause teils herausstürzten, teils ihm zuströmten, erregte meine Aufmerksamkeit. Ich erkundigte mich nach der Ursache dieses Gedränges und erfuhr, daß hier eine wichtige Versteigerung von Kostbarkeiten gehalten würde. Nun mag ich wohl dann und wann dergleichen öffentlichen Glücksspielen beiwohnen; denn, ob ich mich gleich enthalte, mein Inventar auf diesem Wege zu verstärken, seitdem ich einmal in Holland einen englischen Tubus erstand, in welchem, als ich ihn zu Hause genauer untersuchte, das Objektivglas fehlte, so kann es doch immer den Geist angenehm beschäftigen, wenn man mit philosophischen Augen die verschiedenen Hülfsmittel übersieht, die der Besitzer derselben vor seinem physischen oder moralischen Tode gebrauchte, so gelehrt, so artig oder so arm zu werden, als er war. Selbst die kleinen Absichten, die sich manchmal bei denen recht gut erraten lassen, die jetzt dieses oder jenes Stück aus dem Nachlasse des Verstorbenen an sich bringen, gewähren schon einige Unterhaltung. Ich widmete also auch diesmal meiner Neugierde die halbe Stunde, die mir noch bis zum Mittage freiblieb, und stieg, nicht ohne Mühe, die von Menschen angefüllte Treppe hinauf nach dem Auktionszimmer. Hätte ich einige Stunden früher eintreffen können, ohne mich um das belehrende Gespräch des Kirchners, das mir über alles gehn mußte, zu bringen, so wäre der Zeitvertreib, den ich hier fand, freilich noch vollkommner gewesen. Jetzt waren ungefähr nur noch ein Dutzend Nummern von einer der seltensten Sammlungen übrig, die wohl jemals versteigert wurden. Der arme Mann, der sie mit Aufopferung seines Vermögens errichtet hatte und nun sein mühsames, kostbares Gebäude durch unbarmherzige Gläubiger zerstören sah, saß, von Schmerz und Unruhe gefoltert, in einem ausgeleerten Nebenzimmer und flößte mir gleich beim Eintritt in den Saal das größte Mitleid ein, selbst ehe ich noch einen Blick auf seine Sammlung warf. Ich habe zwar oft gesehen, lieber Eduard, daß vernünftige Männer Weib und Kinder und jedes andere Glück des Lebens hintan setzten, um Muscheln, Steine, Bücher, Schmetterlinge oder Gemälde zusammen auf einen Haufen zu bringen – habe ihnen oft, nach Verlauf eines ängstlichen Zeitraums, diese Spielwerke ihres Geistes durch die Gesetze und zu Abfindung ihrer Schulden entreißen, und an andere berühmte Kenner, wahrscheinlich zu einem dereinst ähnlichen Schicksale, übergehen sehen – aber noch nie fand ich den Vermögensbestand eines freien Mannes so sonderbar in einem Kabinett konzentriert, als hier: denn stelle Dir vor, Eduard! ich befand mich, ehe ich mich so etwas versah, unter einer vollständigen, Gott weiß nach was für einem System! geordneten Sammlung heiliger Reliquien. Die ersten und wichtigsten Stücke an ganzen Körpern, Gerippen und andern Schätzen aus den Katakomben, waren zwar schon an Mann gebracht; doch waren die noch vorrätigen Nummern, die eben ausgerufen werden sollten, dem unerachtet noch von sehr schätzbarem Gehalte. Sechs Fläschchen mit Tränen der heiligen Magdalene wurden einzeln verlassen, und, nach meiner Einsicht, weit unter ihrem Werte. Ein artiger Mann, der neben mir stand, erklärte mir die Ursache davon, als er meine Verwunderung merkte und mir ansah, daß ich fremd war. »Wir sitzen hier«, sagte er, »an der Quelle dieser Ware. Die Höhle von Beaumont, wo die Heilige zwölf Jahre ihre Sünden beweinte, liegt uns in der Nähe. – Aber Sie, als ein Fremder, mein Herr, sollten sie auf Spekulation für das Ausland kaufen; denn es ist keine Frage, daß Sie nicht hundert Prozent daran gewinnen könnten.« – Ich hätte vielleicht nicht übel getan, seinem Rate zu folgen, aber Du weißt es, Eduard, ich habe zu wenig Kaufmannsgeist, und ich ließ, einfältig genug, auch diesen wahrscheinlichen Gewinn einem Juden zugute gehn, der mit Reliquien handelt. Ein Finger des H. Nepomuk, an dessen Echtheit einige Anwesende zweifeln wollten, und ein Schlußbein des heiligen Franz, hatten ebenso wenig Glück, und mußten zusammen ausgeboten werden, ehe sie einen Abnehmer fanden. Ja, sogar etwas von der keuschen Petronelle, in Weingeist ausgehängt, und recht hübsch konserviert, ging an einen Benediktiner, der es in Kommission erstand, für ein solches Spottgeld weg, daß ein paar artige Geschöpfe, die vermutlich gleichen Namen führten, die Hände über den Kopf schlugen. Dafür fanden sich aber zu der folgenden Nummer desto mehr Liebhaber; und das Kleinod verdiente auch mehr als ein anderes diese ausgezeichnete Achtung. – Der Ausrufer selbst nahm ehrerbietig den Hut ab, als er das Sammetkästchen, das es verschloß, in die Höhe hielt, und nun unter einer allgemeinen Stille, die nur dann und wann ein Seufzer des Unglücklichen im Nebenzimmer unterbrach, folgendes Heiligtum ankündigte: Nummer eintausendvierhundertunddreiunddreißig; das Strumpfband der gebenedeiten Jungfrau und Mutter, das sie an ihrem linken Fuße zu tragen gewohnt war, inklusive eines darzu gehörigen Ablaßbriefes weiland Ihro Päpstlichen Heiligkeit Alexander des Sechsten, nebst einem Handschreiben gedachten heiligen Vaters an die Gräfin Vanotia. Diese Reliquie machte den Eindruck, der zu erwarten stand. Der ganze Haufe der Umstehenden geriet in Bewegung, und verschiedene Stimmen zugleich erhoben sich mit einem Gebot von zehn, funfzehn und zwanzig Dukaten. Bei dem zweiten Ausrufe stieg es bis auf vierunddreißig. Nach einem kleinen Stillstande trat ein ansehnlicher Mann, mit der gesetzten Miene eines echten Kenners, ins Mittel, und bot die gerade Summe von vierzig. Der Auktionator fing von vorn, und, um jedermann Zeit zu lassen, sich zu bedenken, mit gedehnter Stimme an: Einmal vierzig – zum zweitenmal vierzig Dukaten. – Der Hammer war schon aufgehoben, und ich glaubte den vornehmen Mann schon ganz gewiß in dem Besitze dieser merkwürdigen Reliquie, als, aus der fernsten Ecke des Zimmers unvermutet eine helle Stimme mit einem halben Dukaten überbot. Der Schall fiel mir sonderbar in das Ohr – ich erhob mich auf meine Fußzehen, und entdeckte, – Himmel, wie ward mir! – das reizende Ovalgesichtchen meiner kleinen Nachbarin. War es Freude, oder Betäubung? – war es unwillkürlicher Trieb, ihr nachzulallen? oder sollte es eine Aufforderung sein, ihre sonorische Stimme noch einmal hören zu lassen? Genug, kaum prallte ihr wohlbekannter Diskant an die Saiten meines Herzens, so schlug mein Baß als ein Echo zurück: Einen halben Dukaten. – Der Laut war entwischt. – Klärchen schwieg – die ganze Versammlung schwieg – und zu meinem Erstaunen ward mir das Heiligtum für einundvierzig Dukaten zugeschlagen. Wer war betroffener als ich, da mir die Nebenstehenden zu dem erlangten Besitze dieser Kostbarkeit Glück wünschten, und mir Platz am Zahlungstische machten, um den unschuldigen Einklang mit Klärchens Diskante teuer genug zu büßen! Um aller Heiligen und aller Götter willen! was willst du mit diesem Kabinettsstücke anfangen? sagte ich heimlich zu mir selbst, als ich die Summe aufzählte; und der Gedanke, daß ich zugleich in ihr das Versprechen der heiligen Concordia auf einundvierzigmal zurückgab, vermehrte mein Herzklopfen um ein merkliches. Nie hat wohl der Neid, der, als ich das Samtkästchen in Empfang nahm, aus den Blicken derer hervorbrach, die vor mir darauf geboten hatten, sich größer versehen, als diesmal. Denn ungeachtet alle Umstehende, bei denen ich mit meinem Heiligtume vorbeiging, mich anlächelten und die Hüte abzogen; so hätte ich doch so unbefangen sein müssen, als der Esel in der Fabel, der das Bild der Diana trug, wenn ich mir diese Ehrenbezeigung hätte zueignen wollen. Ich kam mir im Gegenteil in diesem Augenblicke überaus albern vor, und hätte nimmermehr vermutet, daß mich diese mißlichen Umstände doch noch am Ende auf einen so klugen Einfall leiten würden, als ich eben faßte, wie, mit der letzten Nummer, eine Feder aus dem linken Flügel des Würgengels verkauft, die Versteigerung geendigt, die Versammlung im Aufbruch, und jedes nur darauf bedacht war, das erste auf der Gasse zu sein. Wenn ich prahlen wollte, Eduard, so könnte ich es Dir als einen Zug meines erfindungsreichen Genies angeben, daß ich in diesem Tumulte den wichtigen Vorteil zu ergreifen wußte, den mir doch vermutlich nur die Gelegenheit und meine Schutzpatronin Concordia darbot. Ich übersah mit einem geschwinden Blicke, was hier für mich zu tun sei, studierte jeden meiner Schritte, den ich vor- oder seitwärts tat, und leitete das Volk so geschickt, daß es notwendig, beim Austritte aus dem Saale mich und Klärchen in einen so verengten Zirkel zusammenbrachte, daß sie heilfroh sein mußte, auf einen hülfreichen Arm zu treffen, um den sie ihre zarte Hand schlingen, und nun hoffen konnte sich, ohne erdrückt zu werden, aus diesem unbändigen Gedränge zu ziehen. Mächtiger Zufall! mein Verstand wirft sich hier nochmals in Staub vor dir nieder, und erkennt dich als seinen Herrn und Wohltäter. Ich wäre der heiligen Atmosphäre, die mich umgab, wäre des Dankes des Engels nicht wert gewesen, wenn ich den einzigen Augenblick, in welchem soviel für die Folge lag, ungenutzt hätte verstreichen lassen. »Meine vortreffliche Nachbarin,« flüsterte ich ihr zu, indem wir uns auf dem Vorsaale solange in ein Fenster zurückzogen, bis sich das Volk würde verteilt haben, das die Treppe verstopft hielt, »es war wohl unartig, daß ich Sie überbot; ich hoffe aber, meine gute Absicht soll mich bei Ihnen entschuldigen. Sie können wohl denken, daß, so kostbar auch das Strumpfband sein mag, das mir das Glück verschaffte, es doch für mich nur dann einen Wert haben kann, wenn ich es wieder an eine Person bringe, die es zu tragen verdient. Ein glückliches Ungefähr hat mich zu Ihrem Nachbar – aber Ihre Verdienste, liebes Klärchen, haben mich auch zu Ihrem eifrigsten Bewunderer gemacht. Ich dachte an Sie, teuerste Freundin, ich erblickte Sie in dem Augenblicke, als Sie auf dieses Kleinod boten, und es ward mir unmöglich, nicht nach einer Sache zu ringen, die Ihnen lieb war, um sie Ihnen als einen Beweis meiner Hochachtung auszuliefern. Ich wünschte nur, daß sie dadurch in Ihren Augen noch einigen Wert mehr bekäme. In dieser Rücksicht« – hier stockte ich ein wenig, und ihre großen Augen schienen zu fragen, wo das hinaus wollte? – »hätte ich ebensogern mein ganzes Vermögen, als einen armseligen Teil davon darangewendet. Ich empfahl mich der heiligen Concordia, meiner Beschützerin, und, wie Sie gesehen haben, nicht ohne eine recht auffallende Wirkung: sie verstopfte allen andern Liebhabern den Mund, selbst Ihre frommen Lippen, liebenswürdiges Mädchen, und verschaffte mir die kostbare Reliquie für diesen unbegreiflich geringen Preis.« Klärchen errötete von Sekunde zu Sekunde immer mehr, ohne mich zu unterbrechen. – »Um Ihnen indes!« fuhr ich traulicher fort, »auch die kleinste Bedenklichkeit zu ersparen, ein Kleinod, für Sie zwar von unendlichem, für mich aber nur relativem Wert, anzunehmen – so erlauben Sie mir, meine schöne Nachbarin, es Ihnen – nicht als Geschenk, sondern gegen einen Tausch anzutragen.« Sie errötete noch mehr, und ihr Stillschweigen gab mir Mut, weiter zu reden. – »Wenn ich«, fuhr ich fort, »das Vergnügen haben kann, Ihnen morgen früh« . . . O wie dankte ich hier dem ehrlichen Kirchner, der mich so genau von den Festen der alten Tante unterrichtet hatte! – »aufzuwarten . . . gewiß, teuerstes Klärchen, ein ähnliches Band, das mir alsdann Ihre Güte erlauben wird dagegen einzutauschen, soll meinem Herzen tausendmal werter sein, als jenes.« Jetzt erwachte der Stolz der kleinen Heiligen. –»Es ist nicht großmütig von Ihnen, mein Herr,« gurgelte sie mit sanfter Stimme hervor, »daß Sie die Verlegenheit, in die mich dies Volksgedränge versetzt, noch vermehren. Sie erlauben sich eine Sprache, die mir – um nur wenig zu sagen – ganz fremd ist. Sie müssen wissen, mein Herr, daß ich von meiner Tante abhänge und keine Besuche anzunehmen habe; und Ihr angebotener Tausch mein Herr« . . . »Setzt doch gewiß,« fiel ich ihr geschwind ins Wort – »keinen Betrug voraus. Wie könnte er wohl – überlegen Sie es selbst, bestes Klärchen, bei einem Heiligtum, so einzig in seiner Art, stattfinden?« Ich schwieg, als ob ich ihr Zeit zur Überlegung lassen wollte. – Sie brüstete sich ein wenig – und: »Ihre Auslage«, fuhr sie jetzt mit einer Stimme fort, die mir nur zu gut verriet, wieviel ihr an dem Besitze dieses Bandes gelegen sein mochte – »würde Ihnen meine Tante gewiß gern ersetzen, wenn Sie geneigt sein sollten« . . . »Klärchen!« unterbrach ich sie mit angenommenem Erstaunen. – »Mir sagen Sie das? – Doch ich entschuldige Sie – Sie kennen mich noch nicht – aber der Erfolg wird zeigen, wie unrecht Sie taten, ein Unterpfand des Himmels gegen eine irdische Kleinigkeit, um die Sie ein Freund bittet aufs Spiel zu setzen. Entweder – meine liebe, bedenkliche Freundin, erlauben Sie mir, daß ich meine gute Absicht ausführe und Ihnen das Band, das einst den linken Fuß der hochgelobten Jungfrau umschloß, längstens morgen, an demselben Orte befestige, wo sie es trug; oder ich schwöre, daß, wie ich nach Hause komme, ohne auf die achtzehnhundert Jahre zu achten, die das ehrwürdige Band überlebt hat, ich es dem Feuer meines Kamins übergebe und Ihnen den Frevel zuschiebe, der dadurch begangen wird.« – O Eduard! wie erschreckte ich nicht das arme Kind durch meinen Schwur und durch den entschlossenen Ton, mit dem ich ihn ausstieß! Sie erblaßte, schlug die Augen staunend empor und drückte ihre gefalteten Hände an ihre Brust. – »Nun denn,« rief sie endlich in einer kleinen angenehmen Begeisterung – »bin ich, heiligste Mutter, von dir ausersehen, diesen deinen Nachlaß aus dem Feuer zu retten – so folge ich in Demut – so geschehe dein Wille! – Eine einzige Bitte nur, mein Herr! bewilligen Sie mir nur noch den Aufschub eines Tages!« – »Und warum das, meine Beste?« fragte ich. »Weil Sie nicht verlangen werden,« versetzte sie mit gesenktem Blick, »daß ich Ihren Besuch in Abwesenheit meiner Tante annehme; und diese ist morgen durch ein Fest gebunden und den größten Teil des Tages in der Kirche.« »Wie, mein liebes, frommes Klärchen?« erwiderte ich etwas spöttelnd: »Liegt Ihnen der baldige Besitz dieses Heiligtums so wenig am Herzen, daß Sie ihn über eine armselige Bedenklichkeit aufschieben mögen? Oder glauben Sie weniger dadurch begünstigt zu sein, wenn es nicht auch andere wissen? Und wollen Sie mutwillig den Samen des Neids in den Busen einer Freundin ausstreuen? Denn ach! Ihre gute Tante müßte nicht so fromm sein als sie ist, wenn sie einer andern als sich selbst diese so einzige Reliquie gönnen sollte, da wohl selbst Klöster und Kirchen um weit geringere in Hader und Streit liegen? Ich berufe mich auf Sie selbst, liebes Klärchen! Mit was für einer Empfindung würden Sie es ansehen, wenn ich mit diesem unschätzbaren Bande den Fuß Ihrer würdigen Tante schmückte? – Nein, meine Beste! Es sei fern von mir, durch meinen wohlgemeinten Tausch zwo so gute Seelen zu entzweien! Zudem gehe ich übermorgen nach Vauclüse; und sollten Sie beharren, den Tag von sich zu weisen, den ich Ihnen geben kann, nun, so weisen Sie das Geschenk auf immer von sich, das Ihnen die gebenedeite Jungfrau durch mich zudachte, und ich schwöre nochmals . . .« Hier streckte sie ihre Hände bittend nach mir – und ihr Gesicht und ihre Stimme wurden ganz feierlich. – »So sei es denn – wenn Sie nicht anders wollen, mein Herr! Aber bei der heiligen Concordia beschwöre ich Sie! Heben Sie bis zu unserer Vertauschung dieses himmlische Pfand mit der Sorgfalt auf, die es verdient!« »Oh, das verspreche ich Ihnen, Klärchen!« konnte ich noch so ziemlich ernsthaft herausbringen, und hätte gern aus ihrer Ermahnung mehr geschlossen, als, nach der Wichtigkeit ihrer Miene zu urteilen, wirklich darin lag. – Indes freute es mich schon, daß mich das liebe Mädchen für einen Günstling jener großen Heiligen zu halten schien, mit der mich der gelehrte Kirchner, mittelst eines Doppeldukatens in so angenehme Bekanntschaft brachte, und freute mich unendlich, daß schon der erste Versuch meiner aus dem Traktate de probabilitate geschöpften Beredsamkeit, selbst über meine Erwartung, so guten Eingang gefunden hatte. Ich führte nun, da ich die Treppe frei sah, voll Zufriedenheit mit dem gegenwärtigen, und voll süßer Ahndung für das künftige, die schöne Heilige hinunter, mit der ich in einer glücklichen Viertelstunde um vieles bekannter geworden war, als es der scharfsichtige Herr Fez hoffentlich in seinem Leben nicht werden soll. Ehe wir auf die Gasse traten, erinnerte sie mich freundlich, daß man nicht gewohnt sei, sie von irgendeinem andern Herrn, als ihrem Gewissensrate, begleitet zu sehen. Es war eine bittere Erwähnung. Indes ließ ich sogleich ehrerbietig ihre Hand fahren und nahm sogar einen ziemlichen Umweg, um ihr Zeit zu lassen, mit ihren unbegreiflich kleinen Schritten vor mir zu Hause einzutreffen. Mich erwartete eine Aalpastete, ein rotes Feldhuhn und die schönste Wintermelone; aber hätte mich auch das Gastmahl des Lügners erwartet, so wäre doch meine Neugier, die mich nach dem Sammetkästchen zog, stärker gewesen als meine Eßlust. Ich öffnete es mit ebensoviel Behutsamkeit als Begierde und ging nun meine Beute auf das genauere durch. – Aber wie schoß mir das Blut, als ich, nach einer flüchtigen Bewunderung des heiligen Strumpfbandes, den päpstlichen Ablaßbrief überlas! – Ich sah zu meiner Beschämung und Ärgernis, wie gar sehr ich mich durch meinen Vertrag mit Klärchen übereilt hatte. Ja, lieber Eduard! die Urkunde des heiligen Vaters wäre für einen Liebhaber – für einen König – unsern jetzigen nur nicht, Tonnen Goldes wert. Es ist unmöglich, daß unter so geringen Bedingungen, als ich aus Unwissenheit eingegangen habe, mein Tauschkontrakt bestehen kann. Die ersten drei Punkte dieses geistlichen Freipasses müssen schon jedes unparteiische Gericht davon überzeugen. Und der siebente Punkt vollends! Nein, mein gutes Klärchen, du wirst den Preis gewaltig erhöhen müssen, wenn ich dich in den Besitz einer Reliquie setzen soll, an der so herrliche Indulgenzen haften. Es ist mir recht lieb, daß ich schon einige Bekanntschaft mit den großen Kasuisten in meinem Kabinette gemacht habe. Im Falle mich ja meine erhöhte Forderung mit Klärchen in Streit verwickeln sollte, werden sie hoffentlich alle auf meine Seite treten, und zu meinem Vorteile entscheiden. Kannst Du es mir wohl in diesen Umständen verdenken, lieber Eduard, daß ich heute die Unterhaltung mit diesen in meinem Prozesse so wichtigen Männern der deinigen vorziehe? Wenn ich ihn gewonnen habe, so will ich gern desto länger zu Deinen Diensten sein. Avignon Den 5. Januar Das Fest des heiligen Einsiedlers Simeon Stylita ist erlebt, und schon spielen seine Glocken in der schönsten Harmonie. Mit herzlichem Mitleid verfolge ich aus meinem Fenster jeden schwerfälligen Trupp der Unglücklichen, die, von Gicht, Schwindsucht und Entkräftung gebeugt, dennoch in ihren verzerrten Gesichtern Hoffnung der Besserung und Glauben an ihren Wundertäter tragen, dessen Altare sich ihr Schneckenzug nähert. Nie habe ich soviele Krücken beisammengesehen. Einige darunter, von fremdem, glänzendem Holze, mit Elfenbein und Perlenmutter ausgelegt, zeugen von dem hohen Stande ihrer Besitzer und von dem Luxus unsers Jahrhunderts. Dennoch wünschte ich, daß der prächtige Zug schon vorbei und die alte überlästige Tante aus dem Hause wäre, die sich, Gott verzeihe ihr diese Sünde! wahrscheinlich noch nicht in dem Grade niedergedrückt fühlt, um sich in diesem ausgedienten Vortrabe mit auf der Gasse zu zeigen. Mein Herz ist voll von gegeneinanderlaufenden Empfindungen. Meine Jugend, die ungeduldig nach Genusse hinter der Scheidewand schmachtet, erblickt, indem ich an das Fenster trete, das furchtbare Beispiel verschwendeter Kräfte öffentlich zur Schau ausgestellt. Oh, möge nie Sancta Concordia zulassen, daß ihr treuster Verehrer der Hülfe eines so einfältigen Heiligen benötigt werde, als mir in diesem Augenblicke Simeon Stylita mit seinen Nachtretern vorkömmt. Doch ich höre – freue Dich mit mir, Eduard! – die alte Tante aufbrechen. – Jetzt – steigt sie die Treppe hinab; jetzt verschließt sie das Haus; und nun sehe ich sie auch schon über die Gasse hinken. Aber warum pocht mir das Herz? Von so guten Sachwaltern unterstützt – mit so herrlichen Dokumenten versehen – was kann ich fürchten? Muß mein Prozeß mit Klärchen nicht den besten Ausgang gewinnen? Und doch – unbegreiflich! – bin ich mutlos, wie einer, der seinen Rechten nicht traut, wie einer, der sich noch nicht ganz in den Sinn seiner Konsulenten einstudiert hat. Doch wie mag ich meine Zeit so verplaudern, da Klärchen wartet? * Indem ich vor drei Stunden, mein schwarzes Sammetkästchen in der Hand, das kleine, artige Zimmer des lieben Kindes zum ersten Male betrat, kam sie mir mit einer Miene entgegen, die aus Ernst, Freude und Bescheidenheit zusammengesetzt schien. Wie leicht läßt es sich mit so einem Mädchen sprechen! Ihr Herz, das so hell auf ihrer Physiognomie widerscheint – wie schön erklärt es nicht das konventionelle Dunkel ihrer Rede! Einem erfahrnen Manne, der solche Dolmetscher gegenüber hat, kann keine Verhandlung, sie sei noch so verwickelt, zu schwer fallen. Ich nahm, wie billig, das erste Wort, das in Verhältnissen, wie die unsrigen, immer so drückend ist. »Meine liebe Nachbarin,« hub ich an, »ich stelle mich Ihnen zwar als ein ehrlicher Mann; aber urteilen Sie selbst, bestes Klärchen, von meiner Verlegenheit, da ich mit der Erklärung voraustreten muß, daß unser Handel in dem Maße, wie ich ihn gestern abschloß, unmöglich bestehen kann.« – Sie machte gewaltig große Augen bei diesen Worten, die sie unter allen wohl am wenigsten erwartete. Der Ernst ihres Gesichtchens nahm zu, die Freude nahm ab, und die Bescheidenheit wußte nicht, woran sie war. – »Hören Sie nur einige geduldige Augenblicke zu,« antwortete ich ihrer Miene: »Das Strumpfband der Maria, wie wir es einstweilen so benennen wollen, müßte zwar nach den freiwilligen Bedingungen, denen ich mich gestern unterwarf, Ihnen, bestes Kind, nach allen Rechten gehören, wenn es nur möglich wäre, diese kostbare Reliquie von dem Ablasse zu trennen, den weiland Papst Alexander der Sechste an den Besitz dieses Kleinods gebunden hat. Ich war in Unwissenheit, als ich den Tausch Ihnen antrug, hatte das wichtige Dokument nicht gesehen – nicht gelesen, konnte mir nicht vorstellen, daß es Dinge enthielte, die mich, wenn ich den Vertrag erfüllte, weit unter die Hälfte verletzen würden; ein Umstand, der alle Verträge in der Welt aufhebt.« – Ich bemerkte, während des Eingangs meiner pathetischen Erklärung, mit geheimem Vergnügen, wie sich alles nach und nach aus den Mienen des guten Kindes entfernte, was mich in der Fortsetzung hätte scheu machen können. Statt aller Einwendungen; oder statt der, mir am meisten furchtbaren Gegenerklärung, daß sonach jeder Teil sein Eigentum behalten solle, wußte sie nur die kurze neugierige Frage herauszustottern: Wie denn in einem so veralteten Briefe Punkte von solcher Wichtigkeit für mich enthalten sein könnten, die –? Hier hielt sie inne; aber ihr unruhiges Auge sagte mir zur Genüge das übrige, und ich fuhr schon viel gefaßter fort: »Jawohl, meine Teuerste, sind sie von solcher Wichtigkeit, daß ich mich des größten Leichtsinns schuldig machen würde, wenn ich mich darüber wegsetzen wollte – sie sind wahrlich von so einem Gehalte, daß der Engel selbst, dem ich doch schwach genug bin alle Anwartschaften der Zukunft gegen einen gegenwärtigen billigen Ersatz anzubieten, kaum imstande ist, die Erwartungen zu vergüten, zu denen mich dieses Dokument berechtigt. Doch, Klärchen, Sie sollen erst das heilige Band sehen, dem so große Vorrechte ankleben.« – Und hiermit zog ich es aus seiner Hülle und legte es in die weißen Hände der kleinen Heiligen. Sie besah es lange mit ehrfurchtsvollem Stillschweigen, während ich das Pergament des Ablaßbriefes behutsam auseinanderschlug. Und als sie sich endlich seufzend von der Reliquie trennte, deren Besitz ihr noch nicht verstattet war, und nun willig und bereit schien, meine weitere Rechtfertigung und die neuen Vergleichsvorschläge anzuhören, rückte ich ihr einen Stuhl an den Tisch, den meine ausgebreitete Urkunde beinahe zur Hälfte bedeckte, setzte mich ihr zur Seite, und erleichterte ihr, kraft meiner Vorkenntnisse, die geschwinde Übersicht und die Untersuchung meiner Beweise. – »Hier sehen Sie zuerst, liebenswürdige Klara, die eigenhändige Unterschrift des großen Papstes, die vollkommen mit dem an die Gräfin Vanotia Die öffentliche Buhlerin Alexanders des Sechsten und Mutter des Cäsar Borgia, seines Sohnes. gerichteten Breve übereintrifft, mittelst dessen er dieser seiner Busenfreundin das geweihete Band überschickt. Sehen Sie, wie gut das große Siegel unter dem Ablaßbriefe, sowie der Abdruck des Fischerrings auf dem Umschlage des Breve, erhalten ist? Ein klarer Beweis, welchen Wert alle vorhergehende Besitzer dieser wichtigen Schriften, bis auf den Tag, wo das sonderbarste Glück sie in meine Hände gebracht hat, darauf gesetzt haben. Und nun lassen Sie uns den Inhalt der päpstlichen Bulle selbst durchgehen. Die flüchtigste Übersicht wird schon hinlänglich sein, Sie von der Billigkeit meiner erhöhten Forderung zu überzeugen. Den ersten Punkt überschlagen wir, da er bloß die eigenen Verhältnisse der seligen Gräfin betrifft, die mit ihrem Tode aufhörten. Der zweite Satz enthält die Entsündigung eines Falls, der uns beide nichts angeht, da Sie, meine Beste, wie ich glaube, so wenig Brüder und Söhne haben, als ich Schwestern und Töchter. Von der Erlaubnis des dritten und vierten Punkts, hoffe ich, wollen wir auch nie in die Verlegenheit kommen Gebrauch zu machen; denn es ist doch wahrlich kein Zufall wahrscheinlich, der uns auf eine wüste Insel verschlagen könnte. Ich überhüpfe auch diesen und diesen Abschnitt, die mir beide, so wiederholt ich sie überlesen, doch immer noch über meine Erfahrung und meinen Verstand gehen, und eile zu dem desto deutlicheren Inhalte des siebenten Paragraphs, an welchem ich für meine Person diesmal genug habe. Er beweist klar für mich, entschuldigt mich hinlänglich, und gibt Ihnen, in dem Falle, den der heilige Vater auf das genaueste bestimmt, zugleich mit dem zärtlichsten Wunsche meines Herzens, die einzige Bedingung zu erkennen, unter der ich meinen gestrigen Tauschhandel noch zu erfüllen bereit bin.« §7 Mulierem aut virginem, quae tempore, quo hanc ligaturam cruralem sanctissimam portat, cum bruto, monacho aut haeretico, peccatum quodcunque carnale committit, eo ipso et auctoritate nostra Papali, inculpabilem declaramus, absolvimus et in integrum restituimus. Ich hielt nicht für nötig, diese kützliche Stelle meiner schönen Freundin zu übersetzen, da nach der guten Erziehung, die hier auch das andere Geschlecht erhält, die meisten jungen Frauenzimmer, oft vor dem zehnten Jahre, imstande sein sollen, das elegante Latein päpstlicher Bullen zu verstehen. Ich glaubte es auch zur Genüge an Klärchens verfärbten Wangen wahrzunehmen, daß sie den Gedanken des heiligen Vaters vollkommen faßte, ob sie mir gleich durch ein paar Worte, die noch dazu unterweges verunglückten, das allzu große Zutrauen benehmen wollte, das ich in ihre Kenntnisse zu setzen schien. – »Sie werden nun gern zugeben, schöne Klara,« fuhr ich in dieser vielleicht zu freigebigen Voraussetzung fort, indem ich meinen Zeigefinger auf dem haeretico meines Paragraphs stehen ließ, »daß ich es gegen mich und meine Nachkommen nie verantworten könnte, wenn ich diese bestimmte Erklärung des heiligen Vaters, mit blindem Undanke gegen die Wohltaten, die sie mich hoffen läßt, so schnöde verachten wollte, um nicht entweder in Rom selbst unter dem Glanze seines ehemaligen Throns, oder doch in andern seiner geistlichen Gewalt untergebenen Städten und Ländern, eine der schönsten Ihres Geschlechts aufzusuchen, die zugleich fromm genug wäre, für diese ligatura cruralis der Gebenedeiten großmütig eine Indulgenz mit mir zu teilen; und noch dazu eine, die von allen, die er diesem heiligen Bande verlieh, die kleinste ist. – Es müßte denn sein,« fuhr ich nach einer kurzen Pause fort, »daß Sie selbst zur Gewinnung dieses Ablasses sich geneigt fühlten. Sie haben das Vorrecht; nutzen Sie es, meine schöne Nachbarin, und diese vorzüglich dotierte Reliquie kann in einer Stunde Ihr Eigentum sein. Ach, liebe Kleine!« indem ich einmal über das andere ihre zitternde Hand küßte, »könnten Sie begreifen, wie mich dieser siebente Paragraph begeistert, Sie würden – ach! gewiß Sie würden mir keine Zeit lassen, mein Anerbieten mit kaltem Blute zu überlegen.« – »Mein Herr,« fiel mir das gute Kind mit weinerlicher Stimme ins Wort, »lassen Sie doch, ich bitte Sie, meine Empfindungen auch für etwas gelten. Der Fall ist zu verwickelt. – Ihre Forderungen sind mir noch gar nicht deutlich; aber gewiß sie sind zu ungestüm, um gleichgültig zu sein, – ach! und ich fürchte mich zu sehr vor Übereilung. Vergönnen Sie mir Bedenkzeit – nur bis auf übermorgen, an dem Namenstage meiner Tante, wo ich wieder, wie heute, mir selbst überlassen sein werde. Sie wissen nicht, was mein Gewissensrat für schwere Interdikte auf mich gelegt hat! Sie wissen nicht, mein Herr,« (oh ja, ich wußte es noch von ihrer Tante her, als sie mir die Tür wies,) »unter welchem mächtigen Zeichen ich stehe! Nein, wahrlich, die Veranlassung mag noch so löblich sein – ich darf mich ohne Vorwissen Ihro Hochwürden zu gar nichts verstehen.« Hier trat nun der Fall ein, lieber Eduard, meinen Sachwaltern Ehre zu machen. Ich tat es mit der feurigsten Beredsamkeit, die mir bei einer halben Stunde die Aufmerksamkeit meiner Freundin zuzog. Ich sah jede Minute deutlicher, wie mächtig die Salbung eines Kasuisten auf das Herz einer Heiligen wirkt; und nachdem ich sie von den Vorrechten der päpstlichen Schlüssel, von der überwiegenden Gewalt des Papstes gegen alle heiligen und heimlichen Künste subalterner Geistlichen, und besonders durch meine herzhaften und liebevollen Augen überzeugt hatte, daß ich in allem, was zu der großen Wirtschaft der Natur gehört, an keinen mystischen Widerstand glaube, so ward es mir immer wahrscheinlicher, daß eine noch nähere Ursache, als ein Gewissenszweifel, da sein müsse, die das gute Kind nötigen konnte, hartnäckig auf ihrer Bedenkzeit stehen zu bleiben. Sie zog während meiner Rede das Sammetkästchen einigemal vor sich und betrachtete das heilige Band, als ob sie sich nicht satt daran sehen könne, und schob es immer mit einem neuen Seufzer von sich. Ich hätte mit kindischen und weiblichen Gelüsten sehr unbekannt sein müssen, wenn ich nicht daraus geschlossen hätte, was zu schließen war; und noch weniger müßte ich meine eigenen verstanden haben, wenn ich nicht den ihrigen in soweit zu Hülfe gekommen wäre, als es die Umstände erlaubten. Wie sie also zum dritten Male nach dem Schatzkästchen griff, legte ich mich großmütig ins Mittel: »Wissen Sie was, Klärchen,« sagte ich mit dem Tone der Gefälligkeit: »da ich sehe, wie schwer es Ihnen ankommen würde, sich von der heiligen ligatura zu trennen, so will ich Ihnen den Gebrauch derselben, jedoch mit Vorbehalt meines Eigentums, bis auf den Entscheidungstag überlassen. Es wird alsdann von Ihnen immer noch abhängen, den einstweiligen Tausch zu bestätigen oder aufzuheben. Wissen Sie doch die Bedingungen.« Sie schien zwar sehr gerührt über mein Zutrauen, doch selbst bei der sichtbaren Freude, die ihr mein Anerbieten verursachte, zeigte das kluge Mädchen eine Behutsamkeit, die mich sonderbar überraschte und mich zu einem Exegeten machte, wie es nur einen gibt. – »Warum,« fragte sie ernsthaft, »warum, mein Herr, vermeiden Sie doch dieser heiligen Reliquie ihren rechten Namen zu geben? Ist es nicht das Strumpfband der Madonna? la jaretière de Marie . – Warum bleiben Sie nicht bei dem französischen Ausdrucke?« – Zu einer andern Zeit, Du traust es mir wohl zu, Eduard, würde ich es nicht der Mühe wert geachtet haben, nur ein Wort über die richtige Benennung dieses Kabinettstücks zu verlieren. Jetzt aber – da mich der Einwurf der schönen Klara aufmerksam auf die Folgen machte, welche die eine oder die andere Bedeutung herbeiführen werde – jetzt, da mir die Rechte einer ligatura cruralis weit wichtiger vorkamen, und mich wenigstens um einige Zoll weiter zu bringen versprachen, als die eines französischen Strumpfbands, jetzt kam alles darauf an, meinen gebrauchten Ausdruck gegen die kleine Wortkrämerin zu verteidigen. – »Liebe Freundin,« antwortete ich ihr mit einer vielsagenden Miene: »dem äußern Ansehen nach, sollte man freilich diese heilige Reliquie nur für ein Strumpfband halten. Sie haben noch überdies die Angabe des Ausrufers für sich. Nun ist zwar der Mann, dem Sie in einer so wichtigen Sache Glauben beimessen, wohl nichts mehr als ein unwissender Mietling, der die Grundsprachen nicht versteht, und dem eine richtige Erklärung der fremden Ware, die er ausbietet, ganz einerlei ist, wenn er sie nur an den Mann bringt, und seine Prozente davon zieht; doch hier ist er billig eher zu entschuldigen, als Ihre schwankende, flüchtige Sprache. Es war nicht seine Schuld, daß er in derselben kein anderes als das Wort jaretière finden konnte, wovon auch die besten Ausleger eingestehen müssen, daß es den zwiefachen Sinn – sowohl eines Bandes hat, das um den Strumpf – als eines, das, wie das vorliegende, um das Knie gebunden wird.« – »Um das Knie?« fiel mir Klärchen hier hastig in die Rede. »Aus was für Gründen können Sie das behaupten?« – »Wenn es Not hätte, sollte es mir sehr leicht sein,« antwortete ich ernsthaft, »der Stellen eine Menge aus dem Talmud beizubringen, die Ihnen diese Gewohnheit bewiesen; ja, hätten wir Zeit, so könnten Sie selbst – es sind ja Jüdinnen genug in der Stadt – darüber bei ihnen nachfragen lassen: aber zum Glück können wir aller dieser Weitläuftigkeiten entbehren, da die klaren Worte des Textes vor uns liegen. Der heilige Vater nennt das Band nicht umsonst ligaturam cruralem , das nur mit jaretière crurale übersetzt werden darf, um den Sinn ganz zu umfassen. Die siebenzig Dolmetscher konnten es nicht wörtlicher ausdrücken; und in heiligen Dingen,« setzte ich mit einem Seufzer hinzu, »ist es immer das sicherste, sich an den Buchstaben zu halten. Übrigens sein Sie ganz unbesorgt, liebes Klärchen! es kommt dermalen nicht auf das Maß Ihrer Strümpfe – die Sie künftig verlängern können, wenn wir handelseins sind, sondern es kommt auf die Gegend an, die ich die Ehre haben werde Ihnen zu zeigen, wohin eigentlich das Band, nach seiner ersten Bestimmung, und nach den Gebräuchen des Morgenlandes, gehört, denen allein die Mutter Gottes, während ihrer Wallfahrt auf Erden, gefolgt ist. Es war meine Schuldigkeit, liebes Klärchen,« endigte ich, »Sie erst mit dem Kleinode, das ich Ihnen anbiete, auf das genaueste bekannt zu machen, damit kein Mißverständnis bei der Auswechslung vorfalle; denn so gern ich Ihnen auch in gleichgültigen Dingen zu Gefallen lebe, und so zufällig ich auch zum Dienste dieses Heiligtums berufen sein mag, so kann ich doch nun auf keine Weise zugeben, daß Sie es für das halten, was es Ihren leiblichen Augen scheint – für ein Strumpfband, der daß Sie glauben, es bedeute nur einen Kniegürtel, da ich in meinem Gewissen überzeugt bin, und mich darauf totschlagen lasse, daß es einer ist.« Meine Rede machte, entweder durch ihren langweiligen Gang, oder durch ihre Wahrheit den Eindruck, den ich wünschte. Meine schöne Schülerin schien beruhigt, und indem sie sich auf den Sofa zurechtsetzte, versprach sie, um auch mich zu beruhigen, mit feierlichem Ernste, mir das Kleinod, das ich ihr auf einige Zeit anvertrauen wollte, ohne allen Schaden wieder zu überliefern, wofern wir nicht des Handels eins würden. Gutes Klärchen! dachte ich bei mir selbst, das ist das letzte, was ich fürchte. – Was denkst Du davon, Eduard? Wird ihr nicht die süße Schwärmerei ihrer Seele jeden noch so bedenklichen Schritt erleichtern? Wird sie nicht, wie jeder Enthusiast, sobald sie das Band an sich fühlt, zugleich auch wirklich den wohltätigen Einfluß empfinden, auf den ihr Glaube hofft? – stolzer einhertreten, ruhiger in die Welt und verächtlicher auf ihre Mitgeschöpfe blicken und in immer süßen Träumen wachen und schlafen? Ja, du kannst, sprach ich mir mutig und hoffnungsvoll zu, deine Forderungen noch so hoch spannen, sie wird für diesen mystischen Gürtel alles andere ohne Reue verschwenden, wovon sie Herr ist. Während dieser meiner psychologischen Betrachtung hatte Klärchen den rechten Fuß, der nicht mit in den Vertrag geschlossen war, gerade vor sich auf den Sofa gelegt, als ob er, wie die Hand des Gerechten, nicht wissen sollte, was der linke täte. – Und –       Und voller Güte streckte sie Den auserwählten Fuß bis an das weiße Knie, Und sah, errötend, mich bei meiner Arbeit lauschen. Mit zitternder, verwöhnter Hand Löst' ich das eingetauschte Band Voll Scham, so wenig einzutauschen. – Ach, daß ich's eher nicht bedacht! Was hätt' ich nicht mit einer Träne Der heiligen, erfahrnen Magdalene Für einen guten Kauf gemacht! * Der richtigen Erklärung des Grundtextes allein hatte ich es zu verdanken, daß meine Augen sich nicht bloß mit der herrlichen Form des Fußes begnügen mußten, der, mit einem weißseidenen Strumpfe bedeckt, mir in der Hand lag. Nein, Eduard, ich gewann, kraft meiner Exegese, auch noch den Anblick einer guten Spanne der blendendsten Haut, wie sie wohl selten ein Schriftgelehrter zu sehen bekommt. Welche Entdeckungen der Sinnlichkeit versprach mir nicht diese kleine Probe der unverhüllten Natur, sobald ich nur die heiligen drei Könige hinter mir haben würde, die mir verzweifelt langsam zu reisen schienen. Die Lust des Anschauens fesselte mich so sehr, daß ich – wer kann mir's verdenken? – alle Kunstgriffe der Analyse und Polemik aufsuchte, um nur mein Wohlbehagen zu verlängern. – »Hier, schöne Klara,« stotterte ich, indem ich bald dieser, bald jener Hand vergönnte, wechselsweise den elastischen Fuß zu umspannen, damit keine bei der Spende eines süßen Gefühls zu kurz käme, »hier ist die Gegend, wie die besten Ausleger des Talmuds versichern, wo die Jungfrauen in Kanaan und Judäa den Gürtel zu tragen pflegten, obgleich« – meine Finger wagten sich noch über einen Zoll hinaus – »der gelehrte Ritter Michaelis behaupten will, daß es sehr die Frage sei, ob nicht nach dem samaritanischen Texte« – – – »Mein Herr,« fiel mir hier Klärchen hastig ins Wort, indem sie sich ein wenig höher setzte, »ich dächte, die jüdischen Gebräuche wären sehr albern, und Sie würden mir wirklich einen Gefallen tun, wenn Sie sich nicht weiter dabei aufhielten.« – Dieser kurze, kalte Zuruf machte mich irre. Ich kam mit meinen Beweisen ins Stocken, verknüpfte den heiligen Gürtel so ungeschickt als möglich, und sah sogar vor Betäubung nicht eher, als bis die Auswechslung vorbei war, was für ein neues himmelblaues, seidenes Band, mit einer großen Schleife, ich statt des verblichenen, linnenen Fetzen der Reliquie eingetauscht hatte. Die kleine bräutliche Koketterie, die ich in der gesuchten Auswahl des schimmernden Bandes zu entdecken glaubte, schien mir von der besten Vorbedeutung. Ich wies mein prophetisches Herz, bis zu der nahen Erfüllung seiner ungestümen Wünsche, zur Ruhe, und dachte, wie ich mir vorstelle, was die zu einer Spielpartie um das Königreich Polen vereinigten Mächte gedacht haben, als sie die Scheidungslinie ihres leichten Gewinnes, vermutlich in der kühnen Voraussetzung entwarfen, sie gelegentlich wohl noch zu erweitern, und nach und nach, erst diese, dann jene angrenzende Starostei, oder diesen und jenen Paß in das offene Land an sich zu ziehen. Klärchen erlaubte mir, nachdem der Vorhang des ersten Akts gefallen war, noch über drei Stunden bei ihr zu bleiben. Das ist eine entsetzlich lange Erlaubnis, wirst Du denken. Aber laß Dir nicht bange sein! Das Mädchen gibt soviel zu beobachten und zu enträtseln, daß, wenn ich Dir die mannigfaltigen Blüten ihrer Unterhaltung nur so frisch zubringen könnte, als sie mir in die Hände fielen, Du wohl begreifen solltest, wie einem die Zeit in ihrem Zirkel vergehen kann. Aber da liegt eben der Knoten! Es fällt der Feder lange nicht so leicht zu schwatzen, als der Zunge, die von hundert Kleinigkeiten unterstützt wird, welche auf dem Papiere verschwinden. Das Spiel der Mienen, das den Fügungen der Worte besser zustatten kommt, als alle Regeln des Syntaxes, geht in der Beschreibung so gut wie verloren. Die Modulation eines wohl angebrachten Seufzerchens, das oft einem dunkeln oder müßigen Ausdrucke erst den Verstand gibt – das Dehnen – das Verschlucken – das Steigen und Fallen der Stimme, ach! alle jene vielfältigen bedeutenden Schattierungen der Rede – wer ist vermögend, sie mit der Wirkung wieder zu geben, die sie nicht allein auf das Ohr, sondern öfter noch auf das Herz haben? Diese gewöhnlichen Schwierigkeiten, die allen Erzählern gemein sind, wie sehr würden sie mich erst zwängen und drängen, wenn ich es unternähme, den Dialog eines Mädchens zur Schau zu legen, das solche mitsprechende Augen, solch ein beredtes Stillschweigen, solch ein bedeutendes Lächeln und eine Art von Errötung in ihrer Gewalt hat, die mir nirgends noch vorkam! Setze noch dazu, daß dieses Mädchen ein Kind auf der einen Seite – eine ausgebildete Heilige auf der andern – mit dem Gegenwärtigen nur halb zufrieden – über das Bevorstehende nicht einig mit sich selbst, und seit Minuten erst in dem erborgten Besitze eines Kleinods ist, das sie übermorgen bezahlen soll, ohne zu wissen woher? – und Du müßtest blind sein, um nicht einzusehen, daß sie nichts weiter zu entwickeln braucht, um es dem besten Erzähler unmöglich zu machen, so seinen Übergängen des Geschwätzes und des Gefühls, als bei einer solchen Zusammensetzung von Charakter und Verhältnissen notwendig vorkommen müssen, mit seiner Feder nachzutraben. Und doch muß ich, so schwer ich daran gehe, Dir wenigstens ein Fragment unserer Unterhaltung mitteilen, weil es gar zu sonderbare Neuigkeiten über den weitern Fortgang meines Läsionsprozesses mit dem Mädchen enthält, die Du ebensowenig wirst geahndet haben als ich. Die Kleine saß, nachdem sich das erste Aufwallen ihrer Lebhaftigkeit gelegt hatte, jetzt desto ernster in sich gekehrt, bei einer Viertelstunde schon vor mir, und gönnte mir durchaus keinen andern Zeitvertreib, als im stillen den Nuancen ihrer Empfindungen nachzuspüren, wie sie sich äußerlich zeigten. Aber auch das war, ich versichere Dich, keine leichte Arbeit. Mitten in ihrem stolzen, seligen Gefühl, worin sie über den vergönnten Gebrauch des heiligen Bandes verloren schien, färbte ein ungefährer Blick auf den , der es ihr umband, ihre Wangen mit dem brennendsten Rot, und drückte ihre Augen zur Erde. Sah ich nun gleich bald hinterher den tröstenden Gedanken nachsteigen, zu wessen Glorie sie ihre Bescheidenheit verleugnete, und ihr Knie den ungeweihten Blicken eines Ketzers preis gab – und trat gleich nunmehr ein Anstand, wie man ihn selten sieht, in dem Verhältnisse bei ihr hervor, in welchem ihr aufbrausendes Blut allmählich sich setzte; so dauerte doch diese Ruhe nicht lange. Ihr süßes Lächeln, das schon auf dem Wege war, verflog wieder; der harmonische Laut, auf den sich meine beiden Ohren schon spitzten, erstarb vor meinen Augen auf ihren bebenden Lippen. Sie warf wilde Blicke, bald auf den lateinischen Brief, der zwischen uns lag, bald auf mich; und diese Ebbe und Flut ihrer Empfindungen war so schnell, daß ich Mühe hatte, ihnen nachzukommen, und die geheime Ursache davon aufzufinden, die, als ich ihr am Ende mit meiner Untersuchung beikam, – solltest Du es glauben, Eduard? – in nichts anderm als in dem Grausen vor den unbekannten Zeremonien bestand, unter welchen sie berufen sein dürfte, den Namenstag ihrer geliebten Tante zu feiern. Da sie während dieses ihres innern Tumultes, aus dem ich sie so gern gezogen hätte, zweimal schon ihren linken Fuß beinahe krampfartig bewegt hatte, so nahm ich beim dritten Male Gelegenheit, unser so lange unterbrochenes Gespräch wieder in Gang zu bringen. – »Sie zucken mit dem Fuße, liebes Klärchen,« hub ich an, »ich habe Ihnen doch wohl nicht den heiligen Kniegürtel zu fest gebunden und Ihnen wehgetan?« – »Nein,« antwortete sie, nach ihrer unbefangenen Art: »Sie haben es so recht gut gemacht – Allenfalls wäre auch Rat dafür.« – »Und wofür, Klärchen, wäre denn nicht Rat in der Welt?« – »Meinen Sie?« »Außer für den Tod,« fuhr ich lächelnd fort. – »Und außer für übermorgen,« murmelte sie, doch laut genug, daß ich es hören konnte, ward dabei rot, und hielt einen Augenblick ihre rechte Hand vor die Augen. – »Liebes Klärchen, das ist eine seltsame Verbindung von Ideen!« – »Oh!« dehnte sie, »nicht so seltsam als es Ihnen vorkommt. Die Zumutungen Ihres Geschlechts, habe ich immer gehört, gehen einem tugendhaften Mädchen bitterer ein als der Tod.« – Diese letzten fünf Worte, Eduard, waren wie auf Noten gesetzt. – »Gewiß, liebe Kleine,« antwortete ich traulich, »gewiß habe ich Ihnen den Gürtel zu fest gebunden.« – »Woraus, ich bitte Sie, wollen Sie das schließen?« – »Aus Ihrer kindischen Furcht vor übermorgen,« sagte ich lächelnd. – »Nun, das gestehe ich, mein Herr, diese Ihre Ideenverbindung ist wohl seltsamer als die meinige; sie ist mir ganz rätselhaft.« – »Kann wohl sein, liebenswürdiges Kind; warum vermeiden wir, deutlich miteinander zu reden?« – »Noch deutlicher, mein Herr? Ich dächte, hierüber hätten Sie sich wenig vorzuwerfen.« – »Und auch Sie nicht, Klärchen?« – »Auch ich nicht, mein Herr. Ich habe Ihnen alle meine Zweifel entwickelt – aber wie wenig haben Sie darauf geachtet« – »Ich hätte nicht darauf geachtet? Kleine Schwätzerin! habe ich sie denn nicht sogar völlig gehoben?« – »O bei weitem nicht, mein Herr!« – »Klärchen! ich erstaune – Also wären alle meine billigen Erklärungen in den Wind gesprochen gewesen? Sie fänden die himmlische Reliquie für den gemeinen Preis, den ich darauf setze, noch immer zu teuer? und bei der Menge von Indulgenzen, mit denen ich Sie, ohne daß ich groß tun will, bereichere, könnte es Ihnen noch einen Augenblick sauer ankommen, die kleinste davon mit mir zu teilen?« – »Hören Sie mich an, mein Herr,« unterbrach sie mich jetzt mit edlem Anstanden »Das Strumpfband der Gebenedeiten – ich gestehe es Ihnen unverhohlen – ist mir mehr als lieb; es ist mir unschätzbar, und ich weiß nicht, ob ich es überleben würde, wenn ich mich von ihm trennen sollte. Sie haben es, unter sehr bänglichen Minuten für ein sittsames Mädchen, zu einem Kniegürtel erklärt; auch das habe ich mir gefallen lassen; aber welche neue Demütigung in aller Welt soll ich denn noch für das Band, oder den Gürtel der reinen Jungfrau bezahlen, die – ach, mein Herr! von keinem Manne gewußt hat? Sehen Sie, ich bin nur ein einfältiges, unschuldiges Kind – mit allem meinem Nachdenken bringe ich es doch in Ewigkeit nicht heraus, was Sie übermorgen etwan von mir erwarten – und das ängstigt mich eben.« – »Wie, Klärchen?« antwortete ich ganz betroffen, »sieht es mit unserm Handel noch so weitläuftig aus? Ist es denn, ich bitte Sie, der Kniegürtel der Madonna allein, den ich Ihnen anbiete? Gehören denn nicht auch die Freiheiten dazu, mit denen ihn Papst Alexander so großmütig beschenkt hat? und haben Sie denn wirklich den siebenten Paragraph seines Ablaßbriefs so gar wenig verstanden?« – »Auch nicht eine Silbe davon, mein Herr,« antwortete sie. »Ja, ich, und fremde Sprachen!« – »Wenn es nur daran liegt, Klärchen, so soll es mir keine Mühe kosten, Ihnen den Inhalt in gutes Französisch zu übersetzen – Sie müßten denn lieber warten wollen, bis übermorgen, wo ich ihn in einem Dialekte vorzutragen hoffe, der aller Welt – den sinnlosen Bewohnern des Feuerlandes so gut als der klügsten und artigsten Europäerin – gleich verständlich und angenehm ist.« – Sie stockte. – »Werden Sie nur nicht ungehalten, mein Herr!« nahm sie endlich mit einem scheuen und bittenden Blicke das Wort wieder: »aber darf ich wohl in Ihrer eigenen Sache mich auf Ihre Übersetzung verlassen? Denken Sie sich nur an meinen Platz! Ich zittere so leicht vor allem, woran ich nicht von Jugend auf gewöhnt bin. Zum Glücke habe ich mich immer in verwickelten Fällen an den Rat meiner Tante und meines Gewissensrates halten können, die Vater- und Mutter-Stelle bei mir vertreten; und jetzt – in der bedenklichsten Lage meines Lebens vielleicht – soll ich mit treuloser Verwegenheit« – das Wort gab mir einen Stich ins Herz, Eduard, – »mich selbst um ihre Hülfe betrügen? soll hinter dem Rücken so erprobter Freunde – auf das Wort eines Fremden – mit mir schalten und walten, als ob ich ihrer Erfahrung nicht weiter bedürfe? Sagen Sie mir auf Ihr Gewissen, mein Herr, ob dies redlich, ob dies erlaubt sei? Habe ich nicht schon,« fragte sie auf das beweglichste, »unrecht, sehr unrecht getan, daß ich den befeuerten Blicken eines jungen Herrn den ruhigen Ort preisgab, wo in Canaan und Judäa –wie Sie mir glaube ich, haben weiß machen wollen – – – Ach, mein Herr,« unterbrach sie sich hier selbst mit einem über die Maßen verlängerten Seufzer, »Ihre Nachbarschaft, fürchte ich, ist mir eine nahe Gelegenheit zu sündigen geworden. Heilige Madonna! Ein junger Fremder – heute und übermorgen – allein mit mir in einem Zimmer? Zweimal in einer Woche? Je unglaublicher mir alles das würde geschienen haben, wenn es mir jemand hätte wahrsagen sollen, desto mehr muß es jetzt mein Herzklopfen verstärken. Ich möchte so gern, ich wiederhole es Ihnen, mein Herr, die heilige Reliquie gewinnen: aber bei den eilftausend Jungfrauen schwöre ich Ihnen zu, daß ich so wenig weiß, was Sie noch von mir fordern können, als ich weiß, was mir in solchen Umständen meine Religion zu geben erlaubt. Ach, wer soll mir in dieser unaussprechlichen Verlegenheit raten?« Weißt du wohl, Eduard, was mir, während dieses frommen Anfalles der Kleinen, durch den Kopf fuhr? Das will ich dir aufrichtig sagen! Anfangs nichts weiter, als eine Zeile von Voltaire, die ich dir zu erraten gebe – nachher die zwo darauf folgenden, die ich dir hersetze: C'est un grand bien! mais de toucher un cœur Est à mon sens un plus cher avantage. Zuletzt aber gingen meine ausschweifenden Gedanken stufenweise vom Erstaunen zum Mitleid, in den großmütigen Entschluß über, meine Ohren nicht länger dem Girren dieser Unschuldigen zu verstopfen, und einer so bewährten Heiligkeit – mochte sie mich auch noch so sehr überraschen – in Zukunft die Ehre zu erzeigen, die sie verdient. Reizender zwar hatte ich das Mädchen noch nicht gesehen, als in diesem rührenden Auftritte. Aber die einfache Beredsamkeit ihres reinen Herzens – welcher Sophist vermag ihr zu widerstehen! – machte einen ungleich stärkeren Eindruck auf das meinige, als alle Lockungen ihrer Jugend, und bewirkte eine so gänzliche Umstimmung in mir, daß ich in diesem Augenblicke nicht vermögend gewesen wäre, ihre beseelten Lippen nur um einen Kuß zu betrügen. Wie rührte mich das offene Geständnis ihrer Unwissenheit, das mit dem stillern Beweise so artig übereinstimmte, den ihre bebende Hand, ohne zu ahnden, daß ihr ein menschliches Auge nachschleichen würde, schon bei dem schlafenden Engel abgelegt hatte! Jenes Restchen von Staub, wie viel wog es nicht nach meinen Gedanken, um bei einer künftigen Berechnung weiblicher Unschuld und Tugend der ihrigen den Ausschlag zu geben! Wie dankte ich es dem Zufalle, der mich endlich einmal eine Heilige, in der echten Bedeutung des Worts, kennen lehrte, da ich mir zuvor von der sonderbaren Zusammensetzung eines solchen Geschöpfs keinen Begriff machen konnte! – Wo hätte ich ihn hernehmen sollen? Ich staunte gerade vor mich hin, und war drauf und dran, dem frommen unbefangenen Kinde das Spielwerk ihrer Seele, nebst der rückständig gen Bezahlung edelmütig zu schenken, und – meine Wege zu gehen. »Klärchen, gutes frommes Klärchen,« sagte ich, und ergriff und drückte, beinahe mit väterlicher Zärtlichkeit, ihre Hand, »noch ist nichts unter uns vorgegangen, was nicht in allen Religionen der Welt zu vergessen und zu vergeben wäre; darauf können Sie sich verlassen! Ihre übrigen Zweifel aber, liebe Kleine, sind von mehrerem Belange. Wenn ich sie Ihnen nach meinem Gewissen, das Sie aufgefordert haben, nach der strengen Moral, in der ich unterwiesen bin, nach meinem Glauben, nach meiner Überzeugung beantworten soll, so muß ich Ihnen unverhohlen sagen, daß Sie« – – – »Oh!« unterbrach mich hier das in Furcht gejagte Kind »wie darf ich der Moral und der Überzeugung eines Ketzers Gehör geben? Wie darf ich einer andern Glaubenslehre folgen als der meinigen? Nimmermehr, mein Herr, nimmermehr!« – »So hören Sie doch nur, Klärchen,« fiel ich mit ernster Stimme ein: »Die Regeln der Sittenlehre sind« – hätte ich beinahe gelogen – »in allen Religionen und bei allen Völkern der Erde, dieselben;« aber sie ließ mir nicht Zeit dazu. – »Nein,« rief sie mit ängstlichen Geberden, »nein, mein Herr, ich darf Sie nicht anhören.« – Ich ward hitzig. »Auch nicht,« fragte ich mit starker männlicher Stimme, »wenn ich Ihre wankende Tugend befestigen, wenn ich wider meinen Vorteil sprechen – wenn ich Sie vor dem Ablaßbriefe des heiligen Vaters warnen will – auch dann nicht?« – Sie hielt sich, statt mir zu antworten, die Ohren zu. »Nun, bei Gott!« murmelte ich vor mich hin, »das ist unerträglich!« stampfte mit dem Fuße, und sah ungewiß in die Höhe. Seit acht Tagen, war ich mir bewußt, hatte ich keinen Gedanken gefaßt, der meinem Herzen mehr Ehre machte; und jetzt trat mir nun das Kind , das selbst ihn entwickelte, in den Weg, da ich eben daran war, ihn auszuführen. Ich dächte doch bei meiner Ehre, die einundvierzig Dukaten, die ich, mit alle dem was daran hängt, so großmütig im Stiche lasse, verdienten es schon, daß sie mir zuhörte! – Aber gewiß hat sie mich noch nicht so recht verstanden. Ich will mich deutlicher machen, und es müßte nicht gut sein, wenn sie mir nicht noch zu Füßen fallen und mich als ihren Schutzengel verehren sollte, sobald sie mich nur erst kennen lernt. In diesen Gedanken setzte ich mich ungefähr in dieselbe Stellung, als letzthin, wo ich, nicht weit von der Eselspost, der guten Margot warnenden Unterricht über den Amor gab. Ich ergriff die Hände des sträubenden Mädchens, um sie abzuhalten, sie nicht wieder vor die Ohren zu nehmen, faßte das wilde Kind mit meinen beiden Knien, daß es mir standhalten mußte, und wie sie nun so vor mir stand, blickte ich ihr mit der zärtlichsten Aufrichtigkeit in die Augen. – »Liebes Klärchen,« redete ich sie an, »Sie sind jung, schön und frömmer und unschuldiger, als ich noch kein Mädchen gekannt habe; aber Sie haben mir nun zu sehr schon Ihre Schwachheit gegen Reliquien verraten, und da werden Ihnen alle Ihre Tugenden nichts helfen, wenn ich nicht ehrlich mit Ihnen verfahren will. Sie werden der Gewalt, die mir das Zauberband der Maria und der Papst Alexander der Sechste über Sie gibt, so tief unterliegen müssen, als es unser Kontrakt verlangt. Aber, bestes Kind,« indem ich mit meinen beiden Knien sanft die ihrigen drückte, »hören Sie mich nur einen Augenblick mit Aufmerksamkeit an, und Sie werden sehen, daß ich es nicht so böse mit Ihnen meine. Sehen Sie, so schwer es mir auch ankömmt, allen den Freuden von übermorgen – allen den Indulgenzen zu entsagen, die ich Ihnen mit dem heiligen Kniegürtel ungeteilt überlasse, so fühle ich doch mit innigster Selbstzufriedenheit, daß ich es vermag. Ich verlange nichts dafür als Ihre Freundschaft; und diese erlaubt Ihnen Ihre Religion – warum sehen Sie sich so schüchtern um? – auch einem Ketzer zu schenken, wenn er sonst ein ehrlicher Mann ist. Wundern Sie sich nicht zu sehr über meine Großmut! Sie ist nicht so uneigennützig, als Sie denken. Es liegt ein gewisses stolzes Vergnügen darin, das mir selbst mehr wert ist, als die höchste Befriedigung der Sinnlichkeit. Sie sind wahrlich nicht das erste Mädchen, das ich in seiner wankenden Tugend befestigt – selbst in der kritischsten Lage befestiget habe, wohin ich sie erst selbst gebracht hatte; – und ich habe immer gefunden, daß ihnen diese Lektion dienlicher gewesen ist, als jede andere. Ein unschuldiges weibliches Herz, ich gestehe es Ihnen, ist mir Zeit meines Lebens immer das liebste Spielwerk gewesen; und ich bin gewiß der Freude nicht unwert, um die ich Sie bitte, mich die geheimsten Falten auch des Ihrigen, jede seiner Empfindungen, und alle die kleinen lieblichen Wendungen seiner liebenswürdigen Unerfahrenheit ohne Zurückhaltung sehen zu lassen – die mir wirklich ungleich mehr Freude machen, liebes Klärchen, als die wundervollsten Reize des Körpers. Gönnen Sie mir, mit einem freundschaftlichen, unumschränkten Zutrauen, diesen süßen Anblick, und ich stehe sogleich von allen Ansprüchen meines Handels ab.« – Du siehst, Eduard, wie weit ich ging, um nur zur Ehre meiner Religion und Moral recht zu behalten; aber es war nicht möglich. – »Nein, nein, nein,« schrie das einfältige Ding einmal über das andere: »ich darf die Freundschaft eines Ketzers, ich darf seine Geschenke nicht annehmen; und mein Gewissen verbeut mir, auf die Fallstricke seiner Lehren zu achten. Warum, wenn Sie es so ehrlich mit mir meinen, lassen Sie mich nicht Rücksprache bei meinem Gewissensrate und Glaubensgenossen halten?« Ich war so vollkommen überzeugt, Eduard, daß in diesen Augenblicken, wo ich es so gut mit dem Mädchen meinte, auch in ihrer Seele kein anderer Gedanken herrschen könne, als die Bewunderung meiner Uneigennützigkeit und Großmut. Stelle dir also vor, wie mir zumute ward, als ich mich so häßlich betrogen sah. Du weißt, es geht mir mit dem Propste, wie jenen bezauberten Ohren in einer gewissen Feengeschichte mit dem Worte Trarara. – Ich konnte den Ehrenmann nicht nennen hören, ohne sogleich aus der angenehmsten Ideenverbindung in die bitterste überzuspringen, die man sich denken kann. Meine gespanntesten Empfindungen erschlafften, und meine Treuherzigkeit gegen das Mädchen verwandelte sich in sichtbaren Unmut. Ich ließ ihre warmen Händchen fahren und entließ sie so plötzlich aus der Gefangenschaft meiner Kniee, daß sie nicht wußte, wie ihr geschah. Sie blickte mir verwundernd unter die Augen. – »Sie sind doch nicht böse?« fragte sie, setzte sich neben mich und streichelte mir schmeichelnd die Wangen. Nun hat jeder Beweis eines guten Herzens, er mag sich zu erkennen geben, wie er will, immer den stärksten Eindruck auf das meinige gemacht, und es brauchte auch jetzt weiter nichts, um mich schnell wieder umzustimmen. So weit, dachte ich, hat sich wohl diese kleine schüchterne Hand, deren Unschuld ich so genau kannte, noch nicht verstiegen. – Das rührte mich ungemein. Ich schwieg zwar, aber ich drückte dieser niedlichen Hand so wiederholte und ausdrucksvolle Zeichen meiner Versöhnung auf, daß die gute Kleine wohl fühlen mußte, daß es mein ganzer Ernst damit war. Mit einem Worte, Eduard, das Mädchen fing an, mich noch herzlicher zu dauern als vorher. Mein Gott! sagte ich mir, wie magst du dich nur über das liebenswürdige Kind ärgern! Bei seiner Aufrichtigkeit und Unschuld kann es ja beinahe nicht anders sprechen und handeln! Nur aber bringt uns das weder einen Zoll rückwärts noch vorwärts. – Ich hätte ihr, du weißt es, Eduard, so gern alle meine Heiligtümer umsonst überlassen; aber sie will sie ja so wenig zum Geschenke von mir annehmen, als meine Freundschaft. Zu fromm auf der einen Seite, mir den heiligen Kniegürtel, den sie einmal am Fuße hat, wieder zurückzugeben, kömmt ihr doch auf der andern alles wieder zu teuer vor, was sie für seine völlige Abtretung bieten soll. Die kleine Närrin hat sich da sowohl als mich in eine Verlegenheit gebracht, aus der ich wahrlich nicht einsehe, wie wir uns ziehen wollen. – Alles das ging mir eine lange Weile durch den Kopf. Endlich glaubte ich einen Ausweg wahrzunehmen, und blieb dabei stehen. »Klärchen,« wendete ich mich jetzt mit nachdenkender Miene an sie, »auf die Art, wie Sie sich benehmen, kommen wir in alle Ewigkeit nicht auseinander. Ihr Propst, mit allem Respekte für das Amt der Schlüssel, das er trägt, geht mich nichts an. Ihm zu Liebe habe ich wahrlich den Kniegürtel nicht erstanden, und – so viel werden Sie doch begreifen, daß bei unserm Tausche eine dritte Person ganz überflüssig sein würde. So wohlmeinend ich mich auch gegen Sie erklärt habe, so mögen Sie doch mit meiner Moral und mit meinen Geschenken nichts zu tun haben; und doch möchten Sie gern den Nachlaß der Maria behalten. Ihr unverdientes Mißtrauen schmerzt mich: aber ich will über nichts weiter in Sie dringen; und, da ich Ihre Gewissenszweifel Ihnen nicht zu Danke beantworten kann, und Sie darauf bestehen, erst Rückfrage bei Ihren Glaubensgenossen zu halten, ehe Sie sich zu etwas entschließen, so mögen Sie es meinetwegen. Ihre Stiftungsbibliothek ist ja in der Nähe; und da sie wahrscheinlich in keiner andern Absicht aufgestellt ist, als um sich in schwierigen Fällen bei ihr Rats zu erholen, so ist kein Zweifel, daß auch Sie ihn da finden werden: wenigstens, so viel ich es beurteilen kann, besteht diese ganze Sammlung aus Schriftstellern, die ungleich mehr Ruf und Gelehrsamkeit vereinigen, als selbst Ihr Propst. Sind Sie diesmal mit meinem Vorschlage zufrieden, Klärchen? Soll ich Sie dahin führen?« – »Sehr, sehr gern,« antwortete sie mit auffallender Freude, und ihr Gesichtchen klärte sich nun wieder auf wie ein Maitag. – »Und wollen Sie sich«, fuhr ich fort, »den Aussprüchen dieser gelehrten Männer ohne die geringste Weigerung unterwerfen?« – »Ja doch, ja, mein Herr,« erklärte sie sich voller Ungeduld, »das will ich! Hier haben Sie im voraus meine Hand darauf.« – »Nun gut,« erwiderte ich ziemlich gesetzt, »so ist es mir lieb, daß ich hier eine schöne Gelegenheit finde, Sie über Ihr voriges unbilliges Mißtrauen ein wenig zu beschämen. Ich will mich nicht hinter meinen Glauben verstecken wie Sie. Die Schiedsrichter, die Sie sich wählen werden, sollen auch die meinigen sein. Mögen Sie mir auch alles aus den Händen spielen, worauf mir Papst Alexander ein Recht gab; war ich doch selbst auf dem Wege, Verzicht darauf zu tun, wenn Sie mich hätten gehn lassen, liebes furchtsames Klärchen. Doch das ist vorbei; ich erzeige deshalb Ihren Bedenklichkeiten noch dieselbe Ehre als vorher. Sie sind wahrlich von der größten Wichtigkeit, und es wird mir immer eine Freude machen, daß ein so junges liebenswürdiges Mädchen aus eigenem Instinkt darauf gefallen ist. – Das sage ich Ihnen offenherzig; ob ich gleich mit einiger Wehmut voraussehe, daß, so lange solche in ihrer Kraft bestehen, wir nimmermehr bis an die lieblichen Indulgenzen des Papstes gelangen können. Doch das ist jetzt mehr Ihre Sache als die meinige, da ich Ihnen ganz überlasse, sich den heiligen Kniegürtel eigen zu machen, auf welche Art Sie und Ihre Ratgeber für gut finden. – Kann man sich wohl billiger erklären?« – »Nein, gewiß nicht,« antwortete Klärchen: »Ich bin auch recht gerührt von Ihrer Güte; aber sein Sie versichert. daß auch ich auf meiner Seite alles tun werde, was ich mit gutem Gewissen tun kann. Denn ich bin weit entfernt, Sie um eine Kostbarkeit betrügen zu wollen, deren Wert niemand mehr schätzen kann als ich.« – »Aber möchten wir nicht,« unterbrach ich sie, indem ich ihr meinen Arm reichte, »noch einmal, unterweges, die Schwierigkeiten überzählen, über die Sie eigentlich Auskunft nötig haben? In einer großen Bibliothek ist das beinahe notwendig; denn sonst kann man sich darin verlieren, um nicht wieder heraus zu kommen. So viel ich mich erinnere, sind Sie erstlich wegen des schönen, mir unvergeßlichen Anblicks unruhig, den Sie mir bei der Auswechslung der Bänder doch zu vergönnen genötigt waren, wenn ich Ihnen den heiligen Kniegürtel, auf seine gehörige Stelle, umbinden sollte; – nicht wahr, meine Beste?« – »Ja, mein Herr,« antwortete sie, »freilich liegt mir das recht schwer auf dem Herzen.« – »Und Sie haben sehr recht,« versetzte ich, »daß Sie sich darüber in Zeiten zu verständigen suchen; denn wie wollen wir übermorgen sonst fertig werden? Und nun,« fuhr ich fort, »was war denn Ihre zweite und dritte Frage, die mir nicht ebensogut mehr erinnerlich sind?« – »Aber mir desto mehr,« antwortete sie. »Sehen Sie, das eine ist die Angst, die ich habe, ob ich mich nicht mit Ihnen in der nahen Gelegenheit zu sündigen befinde: denn davor, kann ich Ihnen sagen, hat mich mein Katechismus vor allen andern gewarnt, und es ist mir also nicht zu verdenken, daß ich darüber genaue Erkundigung einziehe.« – »Nicht mehr als billig,« versetzte ich: »es soll mir selbst lieb sein, wenn ich es erfahre.« – »Und endlich,« fuhr sie fort, »martert mich die grausame Ungewißheit, ob ich mich, so ohne Vorwissen der Meinigen, mit einem Fremden in einen Handel einlassen darf, den ich nicht verstehe? Sie sehen selbst, mein lieber Herr, daß, so gern ich auch wollte, ich doch unmöglich mit ruhigem Herzen einschlagen kann, so lange ich nicht über diese drei Hauptpunkte mit mir selbst einig und eines Bessern belehrt bin.« – »Das ist sehr begreiflich,« antwortete ich. »Aber, wie gesagt, deswegen hätten Sie nicht gebraucht, erst in eine Bibliothek zu gehen. – Ich würde ebensogut imstande gewesen sein, Ihnen hierüber Auskunft zu geben, wenn Sie, kleine Mißtrauische, mir nicht Ihre Ohren verstopft hätten. Unter diesen lehrreichen Gesprächen waren wir unvermerkt bis vor die Tür meiner Klause gekommen, die jetzt das gute Kind voller Frohsinn öffnete, und mit mir eintrat. Wir kamen glücklich dem Rousseau und Amor vorbei, ließen mein Bette linker Hand liegen, und traten nun beide sehr neugierig vor unsern Gerichtsstand. Zum Glücke waren von den Hauptquellen, außer den Originalen, auch gute Übersetzungen da, die es Klärchen leicht machten, in der Geschwindigkeit eine Komitee aus ihnen zu errichten, gegen die auch nicht die geringste Einwendung stattfand. Sie setzte sie aus dreien der erfahrensten Männer zusammen, denen man schon Verstand, Gelehrsamkeit und kollegialische Eintracht zutrauen mußte, sobald man sie in ihrer altväterischen Tracht ansteigen sah. Ich ließ ihr mit Vorbedacht die Ehre der Wahl allein. Denn so angenehm es auch ist, wie ich wohl weiß, wenn ein Klient auf die Besetzung des Tribunals, das ihn richten soll, einigen Einfluß hat; so mußte es doch auf der andern Seite, an der mir jetzt ehrenhalber noch mehr gelegen war, kein geringes Vorurteil von der Aufrichtigkeit meiner Gesinnungen und der Güte meiner Sache bei dem lieben Mädchen erwecken, wenn sie mich selbst da ruhig sah, wo jeder zu zittern Ursache hat, er mag seines Rechtes auch noch so gewiß sein. Ohne die entfernteste Teilnahme also an der Ernennung dieser Herren, begnügte ich mich bloß mit der subalternen Rolle, nach dem Range, den ihnen Klärchen anwies, ihnen die Stühle zu rücken und sie von ihrem Schulstaube zu reinigen. Der erste, dem ich diesen Dienst zu erzeigen hatte, hieß Escobar . Der Mann hatte ganz das Ansehen eines Vorsitzenden. Der andere, beinahe noch verschrumpfter und schmutziger, war der ehrwürdige Pater Lessau . Der dritte aber, an der Spitze einer Somme de pechés , nannte sich Pater Bauny , und war von einem ziemlich manierlichen Ansehn. Auch fiel sein Korduanband mit goldenem Schnitte Klärchen am meisten in die Augen; denn sie setzte sich mit ihm, sobald er abgestäubt war, mir gegenüber auf einen Stuhl. »Kannten Sie diese gelehrten Männer schon vorher?« fragte ich, indem wir beide ihre Schriften vorläufig überblätterten. – »Es ist zwar«, antwortete sie, »das erstemal, daß ich mit ihnen zu tun habe; aber übrigens sind sie mir schon längst als die ersten Stützen unserer geheiligten Religion bekannt; der Herr Propst führt ihre Namen immer im Munde, und beruft sich in streitigen Fällen meistens auf sie.« – »– Nun, das ist ja recht gut,« versetzte ich: »da haben Sie doch endlich Ihren Willen, und können sich so gut über Ihre Zweifel belehren, als wenn Sie Ihren Gewissensrat selbst sprächen!« – »Das denke ich auch,« antwortete Klärchen kurz abgebrochen, weil sie sich eben mit einer Stelle beschäftigte, auf die sie sehr nachdenkende Augen heftete. – »Haben Sie etwas Sachdienliches gefunden, liebes Kind?« fragte ich neugierig, indem ich selbst in meinem Buche auf eine ihrer Bedenklichkeiten stieß, die ich einstweilen zeichnete. – »Ich habe wohl so etwas,« dehnte sie, »über die nahe Gelegenheit – aber« – – – »Nun, das trifft sich recht gut,« rief ich dazwischen! »auch ich habe darüber eine Erläuterung in dem Escobar gefunden, die mir ganz neu ist.« – »Nur ärgert es mich,« fuhr sie in ihrer Rede fort, »daß mir eben da, wo ich am liebsten fortlesen möchte, eine dumme lateinische Zeile in die Quere kommt.« – »Wollen Sie mir wohl Ihren Fund mitteilen, Klärchen?« – » On doit « las sie laut und ohne Anstoß, » absoudre une femme, qui a chez elle un homme avec qui elle peche souvent, si non po « – – – »Geben Sie nur her, Kind,« unterbrach ich ihr Stottern, »ich will sehen, was es ist.« Sie reichte mir das Buch, und nun las ich mit ziemlicher Verlegenheit, und war froh, daß sie kein Latein verstand: si non potest ejicere aut habet aliquam causam retinendi . – »Sie haben wohl recht, Klärchen, es ist eine dumme Zeile.« – »Nun, mein Herr,« sah sie mir fragend in das Gesicht, »unter was für einer Bedingung gilt das Souvent ?« – »Oh!« antwortete ich, »hier ist eine vorausgesetzt, die auf uns gar nicht paßt – Urteilen Sie selbst: Si non potest und so weiter – das heißt: Wenn sie den Herrn nicht zur Stube hinauswerfen kann, oder sonst eine Ursache hat, ihn bei sich zu behalten.« – »Da ist ja gar kein Verstand darin,« sagte Klärchen. – »Beinahe,« antwortete ich: »aber nehmen Sie deswegen das Buch nur wieder! Einige Seiten weiter werden Sie die Frage schon deutlicher auseinandergesetzt finden, wenn Escobar, wie wir bald sehen wollen, richtig zitiert hat. Horchen Sie recht auf: On n'appelle pas occasion prochaine celle, où l'on ne peche que rarement, comme de pecher par un transport soudain avec celle ou celui, avec qui on demeure trois ou quatre fois par an, ou selon Bauny pag. 1082. – Schlagen Sie doch einmal nach, Klärchen! – une ou deux fois par semaine « – »Die Pagina trifft zu,« sagte Klärchen, und reichte mir zugleich das Buch wieder hin. Ich hielt es neben das meinige, verglich die Parallelstellen, und freute mich laut über das freundschaftliche Einverständnis zweier so berühmter Schriftsteller in einer so wichtigen Sache. – »Ist das nicht«, wendete ich mich an das Mädchen, »so ganz unser Fall, liebe Kleine? als wenn ihn die Herren hundert Jahre voraus gesehen, und Ihnen die eigenen Worte Ihres Gewissenszweifels aus dem Munde genommen hätten? Die süße Beruhigung abgerechnet,« fuhr ich fort, »die Ihnen diese Beweisstelle verschafft, so freue ich mich auch besonders über den kurzen und deutlichen Begriff, den sie mir nebenbei über mein Näherrecht gibt.« – »Über Ihr Näherrecht?« fragte Klärchen. – »Jawohl,« antwortete ich: »das liegt ganz in den Worten, avec qui on demeure — une ou deux fois par semaine. Und ohne eins in das andere zu reden, meine schöne Nachbarin, will ich mir doch, da es eben die Gelegenheit gibt, Ihren guten Rat in Ansehung meines Quartiers erbitten, das mir immer je länger je besser gefällt. Sie wissen, ich habe es nur auf einen Monat gemietet; was meinen Sie, würde mir es Ihre gute Tante nicht ebensogern auf ein Jahr zusagen, wenn ich es voraus bezahle?« »Das kann ich Ihnen in der Tat nicht mit Gewißheit sagen,« antwortete mir Klärchen mit einer solchen liebenswürdigen Unbefangenheit, daß ich sie gern dafür hätte küssen mögen. – »Aber ich sollte beinahe nicht daran zweifeln.« – »Nun gut,« sagte ich, indem ich den beschwerlichen Escobar neben mich legte: »so will ich mich nächstens mit ihr darüber besprechen,« und fuhr nun fort, mich mit dem ehrlichen Pater Bauny, den ich noch in der Hand hatte, weiter zu unterhalten. – Ich tat sehr wohl daran, und Escobar kann es mir wahrlich nicht übel nehmen; denn ich hatte noch gar nicht lange in der Somme de pechés seines Kollegen gestört, so fand ich unvermutet eine der größten Bedenklichkeiten meiner kleinen Unschuldigen so deutlich entwickelt, und so gründlich beantwortet, daß es das unerfahrenste Kind verstehen konnte. – »O, treten Sie einen Augenblick näher, liebe Kleine,« rief ich ihr zu. »Fragten Sie mich nicht vorhin auf mein Gewissen, ob es recht – ob es erlaubt sei, ohne Vorbewußt Ihrer guten Tante und Ihres Seelsorgers, über das schönste Eigentum, das Sie besitzen, über Ihre Person, nach Belieben zu schalten und zu walten? Ich leugne nicht, mein gutes Klärchen, und Sie müssen mir es angesehen haben, daß mich Ihre Frage nicht wenig stutzig machte. Wie lieb ist es mir, daß Sie mich gar nicht dazu kommen ließen, darauf zu antworten! Denn gründlicher hätte ich es unmöglich tun können, als der rechtschaffene Pater Bauny , dessen Ausspruch auch in dieser Sache alles enthält, was darüber zu sagen ist. Hören Sie nur: Lorsqu'une fille qui est en la puissance de son père et de sa mère se laisse  – – – Werden Sie doch nicht gleich über alles rot, närrisches Kind? Das folgende Wort ist freilich nicht eben manierlich; aber Sie haben sich gewiß noch ein ärgeres gedacht: se laisse corrompre, ni elle, ni celui, à qui elle se prostitue  – – – Ich gebe zwar gern zu, liebes Klärchen, daß ein Dichter, wie Bernard zum Beispiel, dieselbe Sache ungleich reizender vorzustellen gewußt hätte –Inzwischen kömmt es darauf nicht an, und ein Arzt der Seele wie des Körpers ist schuldig, bestimmt zu reden, sobald er in solchen Dingen um Rat gefragt wird – – – Aber wo bin ich denn stehen geblieben?« – »Bei prostitue ,« sagte Klärchen. – Ich fuhr also fort: » ne font aucun tort au père ni à la mère – Viel weniger also denen, die ihre Stelle vertreten. – Sie verstehen doch das, liebes Kind?« – »O ja,« antwortete sie, »es ist ja deutlich genug.« – » et ne violent point, « las ich weiter, » la justice à leur égard parcequ'elle – sehr richtig – est en possession de sa virginité –und da dieser Grund, nach der Natur der Sache, mehr als einmal nicht anwendbar ist, so ist das darauf folgende – aussi bien que de son corps nichts weniger als überflüssig, dont elle peut faire ce que bon lui semble, à l'exclusion – was dächten Sie, Klärchen? – de la mort, ou – – – lieber Pater Bauny! wie in aller Welt kommen Sie darauf? du retranchement de ses membres . – Da bewahre uns Gott vor!« sagte ich ganz erschrocken: »Da müßte es doch wohl sehr arg hergehen, wenn das einem von uns beifallen sollte.« – »Lesen Sie mir doch diese wichtige Stelle noch einmal vor,« sagte Klärchen, indem sie mit dem Finger auf das Buch tippte; »aber nur den reinen Text ohne Anmerkungen.« – »So oft Sie wollen, meine Beste,« antwortete ich, »und so rein als er da steht,« faßte zugleich beim Lesen ihre Hand, als ob ich ihr die Empfindung mitteilen wollte, die, wie ein elektrisches Feuer, aus dieser lehrreichen Schriftstelle auf mich überströmte, fühlte auch wirklich bei dem Worte virginité ein gemeinschaftliches Zucken, das einer Kommotion nicht unähnlich war. Klärchen nahm mir das Buch aus der Hand, sobald wir zum zweiten Male über die Auflösung dieses wichtigen Zweifelpunktes glücklich hinaus waren, setzte sich mit dem ehrwürdigen Pater in eine Ecke und schien sich noch einige Seiten weiter mit ihm zu unterhalten, die hoffentlich die Sache nicht verdorben haben. In der Zwischenzeit ruhte ich ein wenig von meiner Vorlesung aus, saß stillschweigend und nachdenkend gerade ihr gegenüber und wußte mich gar nicht recht in die anscheinende Heiterkeit und Seelenruhe dieses sonderbaren Mädchens zu finden, das mir je länger je unerklärbarer ward. Hätte man nicht von der liebenswürdigen Unwissenheit, die sie mit in die Bibliothek brachte, nach allen Regeln der Metaphysik erwarten sollen, daß der Zufluß der vielen neuen Begriffe, den sie schon in den wenigen Zeilen erhielt, die ich vorlas, sie für alles weitere Nachschlagen bange machen, ihr die Adern auftreiben und den Kopf sprengen würden? War es nicht höchst wahrscheinlich, daß eine so bewährte Heiligkeit als die ihrige über die zwar sehr zweckmäßigen, aber doch ganz ungewählten Ausdrücke des vorigen rauhen Jahrhunderts sich entsetzen – daß ihr verschämtes Blut sich empören und das liebe Kind endlich in die Verlegenheit kommen würde, weder mir noch ihren Schiedsrichtern frei unter die Augen zu sehen? Konnte ich nicht mit einigem Grunde fürchten oder hoffen, wie du willst, daß sie sich weit eher unter einem Strome von Tränen von ihrem voreilig eingegangenen Kompromisse losarbeiten, als sich entschließen würde, ein Wort zu halten, das sie gewiß unter ganz andern Erwartungen von sich gab? Wie ging es nun zu, daß, dieser Wahrscheinlichkeiten ungeachtet, von allem dem nichts geschah? Ich bitte dich, Eduard, wie ging das zu? Siehe! kennte ich das Mädchen nur seit unserer gemeinschaftlichen gelehrten Arbeit, wahrlich! ich würde ihr eher zutrauen, sie habe die Engel zu Dutzenden und selbst da geputzt und gewaschen, wo sie am schmutzigsten sind, als daß ich an jenes erste Schrecken ihrer Hand glauben möchte, wovon doch die deutlichsten Spuren noch immer unter meinem Spiegel zu sehen sind. Es ist nicht anders möglich, sie muß alle die gefährlichen Stellen hören und lesen, ohne, aus unbegreiflicher Unschuld, den Sinn der Worte zu verstehen. – Wie, Henker, soll ich ihr aber den beibringen? Nach dieser stillen Unterredung mit mir selbst rief ich in kollegialischer Ordnung den einzigen Beisitzer unsres Gerichts auf, den wir noch nicht gehört hatten – den Pater Lessau, schmutzigen und moderigen Ansehens. Wenn der Schein überhaupt trügt, so tut er es vorzüglich bei einem geistlichen Tribunale: dieser unansehnliche Mann, wie das nicht selten geschieht, verschloß einen ungeheuern Vorrat von Gelehrsamkeit und Erfahrung. Freilich brauchte ich dermalen nur einen sehr kleinen Teil davon, nur so viel als eben nötig war, um die einzige noch übrige Gewissensfrage des frommen Kindes zu beantworten, die zwar, nachdem wir über die zwei vorher gegangenen belehrt und einig waren, bei einem gewöhnlichen Mädchen kaum einer besonderen Antwort würde bedurft haben – mit einem so ängstlichen Geschöpfe aber als Klärchen geht es nicht so geschwind – eins mag noch so notwendig aus dem andern fließen, sie weist sicher jede einzelne Forderung zurück, die man nicht sogleich mit einer förmlichen Anweisung belegen kann. Die Schrift, in der ich sie suchte, hatte, bei dem Reichtum ihres Inhalts, zum Glück auch noch ein gutes Register, ohne das ich schwerlich so geschwind die benötigte Stelle würde gefunden haben. Sie war ganz so wie ich sie brauchte, und führte beinahe noch näher zum Zweck, als die beiden vorher gegangenen. Ich hätte zugleich – in Ermangelung der Aloisia Sigea – keine auftreiben können, die geschickter gewesen wäre, mich über den Rest von Ungewißheit, in die ich noch manchmal in Ansehung der Unschuld des rätselhaften Kindes geriet, sowie über die Bedingungen unsers Handels endlich einmal mit mir selber einig zu machen. Wenn sie, sagte ich heimlich zu mir, dabei höchstens nur rot werden sollte, ohne mir zugleich das Buch an den Kopf zu werfen und davon zu laufen, so habe ich übermorgen gewonnenes Spiel. Ich packe dann meine Großmut ruhig wieder ein, ohne daß ich noch länger vergebens auf die Gelegenheit warte, sie anzuwenden; und ich will nicht ehrlich sein, wenn ich sie eher wieder an das Tageslicht bringe, als bis ich den Schimpf, den das Mädchen meiner Moral angetan hat und den ich immer noch nicht verschmerzen kann, zur Genüge gerächt und zugleich die große metaphysische Frage entschieden habe, die ich Dir beim ersten Anfange meiner Bekanntschaft mit Klärchen nicht so aus bloßem Leichtsinne aufstellte, als es Dir vielleicht vorkam, und deren Auflösung immer ein hübscher Gewinn für die Philosophie des Lebens sein wird – die Frage nämlich: welche Tugend sicherer, erhabener und schmackhafter sei, die eines weiblichen Wildfanges, wie ich heute vor acht Tagen einen unter den Händen hatte, oder die einer Heiligen? Indem sah ich Klärchen ihr Buch beiseite legen, als wenn sie genug daran hätte, und aufstehen. Ich glaubte, es wäre nun Zeit, das unterbrochene Gespräch wieder in Gang zu bringen. – »Hatten Sie«, fragte ich, »nicht noch etwas auf dem Herzen, worüber wir nachschlagen wollten?« – »Daß ich nicht wüßte,« antwortete sie voller Zerstreuung, trat vor den Schrank, zog ein anderes Buch heraus, das noch dazu ein Quartant war, den sie alle Mühe hatte, bis in ihre Ecke zu schleppen. Nun ist mir, ich weiß nicht warum? jedes schwerfällige Buch in der Hand eines Weibes ganz unerträglich. Kömmt es daher, daß es mir zu anmaßlich aussieht oder weil ich glaube, daß ein mäßiger Oktavband – ein Almanach, alles enthalten kann, was ihnen an Gelehrsamkeit nötig ist? Bei Klärchen verdroß es mich vollends, daß sie ohne Beihülfe meines lebendigen Unterrichts ihre Studien fortsetzte und darüber sogar ihre dritte Gewissensfrage aus den Augen verlor, für die ich eine so schöne Antwort gefunden hatte. Sie heftete ihre Blicke mit solcher Begierde auf das Blatt, das sie aufschlug, daß ich nach dem Namen dieses glücklichen Autors äußerst verlangend war. – »Sie haben vergessen,« rief ich ihr zu, »daß Sie nicht hierhergekommen sind, um das ganze System der Moral durchzuarbeiten.« – Da sie mir nicht antwortete, stand ich auf, um mich ihr zu nähern; sie streckte mir aber ihre Hand entgegen, um mich abzuwehren, und verbarg das Buch. Ich unterdrückte meine Neugierde so weit, daß ich mich stillschweigend wieder zurückzog, und nur das Fach und die Lücke bemerkte, aus der sie ihren Quartanten genommen hatte. Mit Hülfe des guten Fernglases, das ich, seit mir die Turmspitze von Caverac aus dem Gesichtskreise schwand, nicht ein einziges Mal wieder gebraucht hatte, entdeckte ich, in welcher Gegend des Werks die Stelle ungefähr stehen mußte, die so mächtig ihre Aufmerksamkeit anzog; und da ich vollends sah, daß beim Umwenden des Blatts ein wenig Puder aus ihren Haaren dazwischen fiel, so war ich nicht weiter verlegen, noch vor Abends ihrer Wißbegierde auf die Spur zu kommen und erwartete ruhig, bis sie fertig und das dicke Buch wieder an seinen alten Platz gestellt war. »Sie haben Ihre schönen Augen recht angestrengt, liebes Kind,« redete ich ihr freundlich entgegen: »Darf ich denn nicht wissen, über welchen neuen Gewissenszweifel Sie sich unterrichtet haben?« – »O, mein Herr,« antwortete sie, »was ich eben las, betraf eine alte Geschichte, die mir vor etlichen Jahren, nur mit andern Umständen, erzählt wurde. Es ist manchmal gut, sich mit eigenen Augen zu überzeugen.« – »Da haben Sie wohl recht, Klärchen,« erwiderte ich ernsthaft, »und es ist mir lieb, daß ich Ihnen eben eine Gelegenheit verschaffen kann, diese Vorsichtsregel sogleich wieder anzuwenden, um in Übung zu bleiben. Unser Pater Lessau hat sich hier recht deutlich über den Fall erklärt, der Ihnen heute nach der Auswechselung unserer Bänder beinahe mehr Herzklopfen verursachte als vorher . Sie hätten sich's ganz ersparen können, wie Sie gleich hören sollen.« – Ich rückte ihren Stuhl neben den meinigen, hielt ihr das Buch nahe vor, und schlug meinen andern Arm so vertraut um ihren schönen Hals, wie ein Bruder, der mit seiner Schwester eine Idylle von Geßner liest. – » Les femmes, las ich mit langsamer gedrängter Stimme, damit ihr kein Wort verloren ginge, » ne pechent pas, quand elles s'exposent à la vue de jeunes gens, encore qu'elles sachent, bien qu'ils les regarderont avec des yeux impudiques. « – Ich sah hier dem Mädchen mit einem Blicke ins Auge, wie ihn nur Pater Lessau verlangen konnte, und las weiter: » Si elles le font par nécessité ou utilité — nécessite, « wiederholte ich, »diese liegt nur zu klar in dem siebenten Paragraph der päpstlichen Bulle und in unserm Kontrakte, und die utilité kann bei der heiligsten aller Reliquien wohl keine Frage sein.« – Klärchen hob ihre Augen gen Himmel, und ich fuhr fort: » Elles ne pechent pas, quand elles se servent d'habits si deliés, qu'on voit leur sein, ou quand même elles se decouvrent entiérement, si elles le font selon la coutûme du pays. « – Ich sah dem schönen und, was mir noch lieber war – dem errötenden Mädchen in das Gesicht, wie ich ihr diese Erlaubnis vorlas, in der Erwartung, sie würde wenigstens von so einer Landessitte, als der Autor voraussetzte, nichts wissen wollen; sie war aber zu ehrlich dazu und schwieg. Auch ich schwieg, und doch schienen wir beide keine Langeweile zu haben. Nachdem meine Augen lange genug auf den ihrigen geruht hatten, fragte ich mit einem unterdrückten Seufzer: »Nun, Klärchen – sind Sie endlich einmal über die Freude beruhigt, die Sie meinen Blicken gegönnt haben? und fürchten Sie sich immer noch vor übermorgen?« – Sie schien in ihrem stillen Nachdenken so verloren, daß ich, um sie zurückzubringen, meinen wurmstichigen Autor zu seinen Kollegen warf, ihre frischen Händchen dafür an meine Lippen hob und jeden ihrer Pulsschläge mit einem Kusse beantwortete. Nichts ist wohl in der ganzen Natur der Sophisterei beförderlicher als dieses kleine Spiel. Es war nicht das erstemal, daß ich es bemerkte. Ich ging gewiß hier wieder einen falschen Weg. Die Kleine, dachte ich, ist nur errötet – sie hat dir nicht das Buch an den Kopf geworfen, also – schloß ich – wird es nicht einmal nötig sein, bis übermorgen zu warten. – »Klärchen!« fing ich zitternd an und stockte. – »Was beliebt Ihnen?« fragte sie. – »Werden nicht«, fuhr ich fort, »hierzulande die Namenstage manchmal, nach Zeit und Umständen, einige Tage voraus gefeiert?« – »Niemals,« antwortete sie kurz und übersah mich mit so großen Augen, als ob ich nicht klug wäre. – »Bei uns«, setzte ich seufzend hinzu, »geschieht das sehr häufig am Hofe und in der Stadt, selon la coutûme du pays ; auch kürzt man in manchen Fällen die Bedenkzeit und die Zahlungsfristen ab – par nécessité ou utilité « – »Das ist sonderbar!« antwortete das einfältige Ding. »Sie haben also wohl in Ihrem Lande lauter bewegliche Feste?« – Ich weiß nicht mehr, was ich ihr darauf antwortete – ich verlor ganz meine Besinnungskraft, schwatzte nun ins Gelag hinein und traf mich unvermutet an, daß ich ihr von dem Löwen in dem Wiener Zwinger erzählte, der einem Mädchen, das er liebte, die Hand so lange leckte, bis Blut kam, darüber in Wut geriet, sie in Stücken zerriß und sich darauf bei ihrem Leichnam hinlegte – und starb. Wie ich auf diese rührende Geschichte gekommen sein mag, ist unbegreiflich. Aber Klärchen schien angst zu werden. – Sie zog mir ihre Hände vom Munde hinweg, und mit der Frage: »Wollen Sie mich nicht wieder in mein Zimmer führen?« schlang sie mir die eine um den Arm und nötigte mich aufzustehen. Wahrlich, es war hohe Zeit, und ich war froh, als ich aus der Atmosphäre der Kasuisten in eine andere Luft kam. Klärchen schien mir, als ich sie zu ihrem Sofa glücklich zurückbrachte, noch um vieles schöner, ungezwungener und verträglicher, von ihrer gelehrten Reise zurückzukommen, als sie vorher war. Ich schloß sogar aus einem sprechenden Blicke, den sie auf den Ablaßbrief warf, daß ich es jetzt wohl eher wagen dürfte, ihr eine wörtliche Übersetzung des siebenten Paragraphs anzubieten, ohne abgewiesen zu werden, und ich betrog mich nicht. Sonderbar genug, daß ihr zärtliches Ohr erst ein wenig durch die Beredsamkeit der Kasuisten abgehärtet werden mußte, um nicht vor der Hirtenstimme des heiligen Vaters zu erschrecken! Sie horchte jetzt desto geduldiger darauf und ließ mich das et in integrum restituimus zweimal wiederholen, so schön kam es ihr vor. Mein Läsions-Prozeß, sah ich nun wohl, war so gut wie gewonnen. Klärchen hatte es kein Hehl, daß sie den Kniegürtel der Jungfrau schon als ein Stück ihrer Toilette betrachtete; und dieser Gedanke streute so viel Grazie über alles, was sie sprach und tat, daß ich nicht genug die Wirkung bewundern konnte, die der Glaube an Reliquien und das Bewußtsein ihres Besitzes nicht allein auf die innere Zufriedenheit, sondern sogar, wie das Wohlbehagen eines guten Gewissens, in dem Umgange des gemeinen Lebens hervorbringt. – Wodurch gewann wohl Klärchen diesen sichtbaren Zufluß von Begeisterung in ihren Augen, diesen Ton der guten Gesellschaft, den ich gestern auf der Treppe wenig an ihr bemerkte? wodurch dieses feine Gemisch von großer Welt und Ruhe der Seele, die so selten bei einander gefunden werden, als – ich schäme mich fast es zu sagen – durch den alten verblichenen Fetzen, den ich ihr um das Bein band? Und doch sind wie andern so übereilt, diese mystischen Geschenke der katholischen Religion als armselige Kleinigkeiten zu verschreien! Wo haben wir denn in der unsern etwas, was diesen Abgang von Hülfsmitteln zu einer frohen Existenz ersetzte? Wenn König August aus unserer Nachbarschaft und so manche andere Fürsten des deutschen Reichs den sterilen Glauben ihrer Vorfahren gegen das beruhigende System des römischen Stuhls vertauschen und auf ihre Kinder vererben, wer kann es ihnen mit Grunde verargen? – Und wie philosophisch richtig handelte nicht selbst Karl der Zweite in dieser Rücksicht, als er in der Wahl, entweder sein Reliquiar oder seine drei Kronen wegzuwerfen, ohne Bedenken sich zu dem letztern entschloß? Meine Sehnsucht, einer Kirche in den Schoß zu kommen, die uns so angenehm einwiegt, die durch ein geweihtes Totenbein – durch eine Scherbe aus der Haushaltung eines Erzvaters und durch andere dergleichen Raritäten uns in dem Frieden mit uns weiter bringt als die Weisheit eines Garve, wuchs nun desto schneller, je mehr ich unter Klärchens funkelnden Augen meinen tiefsinnigen Betrachtungen nachhing; und war gleich meine verwöhnte Vernunft, wie ich manchmal zu fühlen glaubte, noch immer nicht so ganz mit meinem Herzen einverstanden, als ich wohl gewünscht hätte, so ist dieses doch ein gewöhnlicher Fall bei Neophyten, und so soll doch, hoffe ich, auch dieses bängliche Gefühl übermorgen durch ein ungleich mächtigeres verjagt werden. So schön alle diese Erwartungen waren, die ich aus dem Zauberzirkel der kleinen Heiligen mit mir nahm, sobald die knarrende Haustür mir die Zurückkunft der Tante verriet, so fand ich doch, wie ich wieder in mein einsames Zimmer trat, daß bloße Hoffnung nicht genug beschäftigt. Die meinige setzt eine Geduld von zwei Tagen voraus, und diese hatte in meiner gegenwärtigen Lage ihre große Unbequemlichkeit. Ich sah mich bald nach einer lindernden Zerstreuung um; und wo hätte ich die gewisser finden können, als in der kleinen auserwählten Büchersammlung meines Kabinetts, die mir heute und gestern schon so merkwürdige Dienste geleistet hatte? Kein Buch schien mir jedoch für's erste der Mühe mehr wert, es zu suchen, als das, mit dem sich vorhin Klärchen so vorzüglich beschäftigte. Ich zog es heraus. Was fand ich? Die Legendensammlung des Pater Martin von Cochim . – So? sagte ich, bist du auch hier, guter Freund? Aber was für eine Intrigue hast du mit der Kleinen? – Ich blätterte so lange, bis ich – es war in dem Leben ihrer Namensschwester – das Blatt fand, bei welchem sie ihren Puder verloren hatte. – Wie? sagte ich und rieb mir die Augen: die berühmte Erzählung ist es von den drei Blasensteinen? Wer in aller Welt kann ihr diese Geschichte mit andern Umständen erzählt haben, als hier stehen? Und was kann für sie so wichtiges daraus entstanden sein, daß sie, um der Berichtigung dieses Wunders willen, beinahe ihr Kompromiß vergaß? Warum versteckte sie diese Stelle vor mir, da sie ohne die geringste Verlegenheit ganz andere mit mir gelesen hat? Ich sann der Sache so ernstlich nach, als ob sie noch so wichtig für mich wäre und brachte doch am Ende nichts weniger als eine befriedigende Vermutung heraus. Ich gab also mein Nachgrübeln auf, setzte den Schächer wieder in sein Glied und durchirrte nun die übrige Besatzung. Die Wahl unter Büchern ist immer schwer, und Kenntnisse, die man auf diesem Wege erlangt, sind mit Erlaubnis unserer stolzen Gelehrten, nicht weniger Geschenke des blinden Zufalls, als so viele andere Ergebnisse menschlicher Tätigkeit. Dir, Eduard, habe ich nicht nötig, so etwas zu beweisen, sonst sollte es mir wahrlich nicht schwer werden. Ich stand lange unentschlossen und ganz mit dem Eigensinne eines längst abgestumpften Gaumens vor dem Schranke, blies von verschiedenen dickleibigen Bänden den Staub ab, blätterte einige Augenblicke darin und setzte sie – und ach! mit ihnen vielleicht eine wahrhaft stärkende Geistesnahrung, nach der ich lange umsonst strebte, unbenutzt wieder an ihren Ort, in der sehr mißlichen Hoffnung, für meine leckere Wißbegierde wohl etwas Schmackhafteres noch aufzugabeln. Beinahe glaube ich, daß es mir nicht besser hätte gelingen können. Wenigstens stieß ich auf ein Werkchen, das mir über alle meine Erwartung Genüge tat. Es entfernte mich – doch nicht zu weit – von dem Gegenstande meiner Wünsche und bereicherte meine Einbildungskraft mit neuen Bildern, deren freie Zeichnung und kräftiges Kolorit wohl noch eine grenzenlosere Einsamkeit, als die meine war, hätte beschäftigen können. Kein Buch in der Welt konnte, glaube ich, in meiner gegenwärtigen Lage eine anziehendere Kraft für mich haben. Sein Verfasser gewann bei dem ersten Anblicke mein ganzes Zutrauen. Er war geistlichen Standes – war ein Deutscher – war Augenzeuge der großen Begebenheiten, die er erzählt, und nur zu oft selbst mit darin verflochten. Sein Buch war, wie das meine, ein Tagebuch – war – welch ein Zufall! das Tagebuch eben des großen Papstes, dessen Freipaß mich und Klärchen auf so gute Wege gebracht hatte. Wie kindisch freute ich mich nicht meines Fundes, als ich den Titel las: » Buchardi Archentinensis, Capellae Alexandri Sexti Papae. Clerici Ceremoniarum Magistri — Diarium. « S. Eccardi Corpus historic. medii aevi , wo dieses Tagebuch, das sich selten gemacht hat, abgedruckt ist. Und wie eilte ich damit an meinen Tisch! Ich hatte nun die angenehmste Beschäftigung, die ich mir wünschen konnte; denn es macht uns doch immer eine eigene Freude, den Mann auch im Schlafrocke kennen zu lernen, der in pontificalibus unserer Ehrfurcht gebeut. Von den vielen merkwürdigen Stellen dieses päpstlichen Tagebuchs, mit denen ich das meinige ausschmücken würde, wenn ich nicht befürchten müßte, dem Interesse meiner eigenen Geschichte zu schaden, kann ich jedoch der Versuchung nicht widerstehen, Dir wenigstens eine auszuheben, die, ihres zufälligen Bezugs wegen auf meinen gegenwärtigen Handel mit Klärchen, eine Ausnahme verdient. Sie wird nebenbei, wenn Du Dir etwa einfallen ließest, an der Echtheit meiner Urkunde zu zweifeln, schon das ihrige beitragen, Dich eines bessern zu überzeugen. Ich wurde erst in dem Augenblicke mit ihrer Entdeckung überrascht und aufs neue fortzulesen ermuntert, als ich, aus Unvermögen, meine Augen länger anzustrengen, schon das Blatt, wo ich stehen blieb, gezeichnet und das anziehende Buch zugeschlagen hatte. Indem ich es gähnend von mir schob, geschah es, daß ich zufällig einen Blick auf den Ablaßbrief warf, der, wie eine Post- und Reisekarte, ausgebreitet auf meinem Tische lag; und das brachte mich auf den Einfall, in der Geschwindigkeit noch, ehe ich mein Licht auslöschte, nachzusehen, was wohl Ihro Päpstliche Heiligkeit denselben Tag begannen, da Sie das für mich so wichtig gewordene Dokument auszustellen geruhten und das Sonntags den vierundzwanzigsten Oktober datiert war. Ich hatte kaum das Diarium des ehrlichen Burchards wieder aufgeschlagen, so fand ich auch bald, kraft der guten Ordnung, die darin herrscht, was ich suchte. Der Autor, der, wie das Titelblatt sagt, Zeremonienmeister Seiner Heiligkeit war, welches ich nicht zu vergessen bitte, beschreibt unter demselben Tage eine Feierlichkeit, die ihn wohl selbst sein Amt nötigte mit anzuordnen – einen Abendzeitvertreib, mit welchem der gottselige Papst den Festtag des heiligen Martinus beschloß. Dominica ultima , erzählt er, mensis Octobris in sero fecerunt coenam cum Duce Valentinensi in Camera sua, in palatio Apostolico quinquaginta meretrices honestae, Cortegianae nuncupatae, quae post coenam chorearunt cum servitoribus et aliis ibidem existentibus, primo in vestibus suis, deinde nudae. Post coenam posita fuerunt candelabra communia mensae cum candelis ardentibus, et projectae ante candelabra per terram castaneae, quas meretrices ipsae super manibus et pedibus, nudae candelabra pertranseuntes colligebant, Papa, Duce, et Lucretia sorore sua praesentibus et adspicientibus: tandem exposita dona ultimo, diploides de Serico, paria caligarum bireta et alia, pro illis, qui plures dictas meretrices carnaliter agnoscerent, quae fuerunt ibidem in aula publice carnaliter tractatae arbitrio praesentium, et dona distributa victoribus. Ich überlas diese unbefangene Erzählung mehr als einmal und klatschte dem großen Geiste wiederholt meinen Beifall zu, der frei genug von Vorurteilen war, ein solches Fest zu veranstalten, und so hochgesinnt, seine Freunde und Dienerschaft daran teilnehmen zu lassen. Denken wir uns diesen unumschränkten geistlichen Fürsten an jenem fröhlichen Abende, so wird es begreiflich, wie eine so volle Freude sein Herz bis zu der – beinahe möchte man sagen übertriebenen – christlichen Freigebigkeit erheben konnte, die aus seinem Ablaßbriefe hervorstrahlt, sich übrigens ganz herrlich mit dem schönen Vorrechte verträgt, das ihm die Kirche verlieh, über alle möglichen sinnlichen Einfälle seiner Herde den Schwamm zu ziehen. Je seltener es ist, daß Züge aus dem Privatleben der Großen zur Erläuterung ihrer Gesetze dienen, desto mehr mußte es mich freuen, hier beides einmal in so gutem Verhältnisse zu finden, daß diese Hof-Lustbarkeit des Oberhauptes der Kirche und der Ablaßbrief, den er wahrscheinlich während derselben unterschrieb, eines das andere auf das ungezwungenste kommentiert. Ein Glück für mich, daß die Gräfin Vanotia nicht so gut dabei war, als seine berühmte Schwester, die dem Namen so viele Ehre machte, den sie in der heiligen Taufe erhielt; denn da hätte er vermutlich seiner Freundin den Gürtel der unbefleckten Jungfrau – anstatt ihn ihr jetzt als ein Konfekt von seiner Tafel zu schicken, während des Festes selbst umgebunden, ohne Zeit zu haben, ihn mit jenem allgemeinen Ablaß auszusteuern, der von dem Tage seiner Ausfertigung an, bis auf uns Glückliche, die wir übermorgen daran teilnehmen werden, vermutlich im stillen fortgewuchert hat. Vergib mir, Eduard, diese schwerfällige Periode ihres Reichtums wegen, ob ich gleich immer auf neue Befrachtungen komme, so oft ich nur einen Blick auf dieses kostbare Dokument werfe. Wie manchen Anstoß der Sittlichkeit mag es schon gehoben, wie manche lebhafte Szene befördert und entsündiget haben, über deren Menge und Eigentümliches wir erstaunen würden, hätten sie immer ihren Burchard gefunden! Es war, ich wiederhole es, ein Glück für mich, daß eben solche Umstände an dem Feste des gottseligen Papstes zusammentrafen, um eine so wichtige Urkunde in ihrer Entstehung und mir zu der gelehrten Freude zu verhelfen, die mir, dreihundert Jahre nachher noch, die Harmonie seines Lebens und seiner Gesetze verschafft. Für meinen gesunden Schlaf zwar wäre es wohl besser gewesen, die ganze Parallele ungezogen und das Augenzeugnis des Zeremonienmeisters ungelesen zu lassen; denn es setzte mein Blut in die heftigste Wallung. Lange konnte ich das Naturgemälde nicht aus dem Kopfe bringen und gruppierte mich und Klärchen immer in Gedanken dazu. Mein Herz pochte, meine Augen glühten, ich fühlte unter einem heiligen Schauer den übermächtigen Andrang des Jesuitismus. Die Stunde der Mitternacht schien mir von Minute zu Minute feierlicher zu werden und der Geist Alexanders mich aufzufordern, in ihr meinen Profeß zu tun. Sein Freipaß überdeckte meinen Tisch, sein Tagebuch lag aufgeschlagen neben dem meinen, und zwei Wachskerzen brannten zu beiden Seiten. Alle diese Umstände zusammen wirkten gerade auf meine Überzeugung und trieben mich, unter fieberhaftem Erzittern, zur Ablegung meines Gelübdes. Da mir noch obendrein mein hülfreiches Gedächtnis, statt der vorgeschriebenen Formel, die mir unbekannt war, eine andere an die Hand gab, die bis zu meiner förmlichen Weihe einstweilen den Abgang jener gar füglich ersetzen konnte; so trat ich ohne weiteres Besinnen vor meinen Altar, auf dem meine Schwärmerei das verklärte Bildnis meiner Heiligen und Geliebten in die Höhe stellte, so frei von allem irdischen Putze, als es jene fünfzig Auserkornen immer nur können gewesen sein, die den befeuerten Blicken meines großen Vorgängers so wohl taten – und so ganz in der Glorie, wie mein trunkener Geist hofft, sie übermorgen von Angesicht zu Angesicht zu schauen. Ich legte zugleich die linke Hand auf die anziehende Stelle in dem Tagebuche des heiligen Vaters, hielt den Zeige- und Mittelfinger der Rechten in die Höhe, und den Blick, von Rousseau ab, nach dem schlafenden Engel gewendet, entledigte ich mich meines Gelübdes, das zwar nicht den Worten, doch dem Geiste nach mit dem Eide eines Jesuiten auf das vollkommenste übereintraf. Si ille hoc fecit , sprach ich langsam und ernst, qui templa concutit sonitu – Ego homuncio hoc non facerem? ego vero illud feci ac lubens Eunuch, Act. 3. Sc. 5. . Wie die Zeremonie vorbei war, taumelte ich endlich mit der eigenen Zufriedenheit eines Neubekehrten zu Bette, und wenn schon der gute Vorsatz verdienstlich ist, so darf ich hoffen, mehr als ein Barett verdient zu haben, ehe ich einschlafe . . . * den siebenten Januar Und das erwartete Fest ist nach überstandener alltäglicher Ruhe erschienen. Noch hat wohl nie ein Höfling den Namenstag seiner abgelebten Fürstin, an der seine Pension, sein ganzer Unterhalt hängt, mit solchem Wohlbehagen des Herzens begangen, als mit dem ich mich von meinem Lager erhob und der Feier entgegensah, die mir der heilige Name meiner alten Aufseherin sichert. Ein froher Gedanke ward schon unter meiner Nachtmütze, ehe ich sie abwarf, durch einen noch frohern verdrängt. Die Erwartung des größten jugendlichen Glücks durchströmte mein Herz. Mit welchem Wohlgefallen habe ich nicht schon die Menschengestalt im Spiegel begafft, der so viele Freuden zuteil werden sollen, und wie zufrieden habe ich nicht zu dem ausgewählten Anzuge gelächelt, in welchem ich mich dem Altare meiner Göttin nähern werde! O, daß nur schon die Alte zu den Füßen ihrer Fürsprecherin liegen und mir Raum geben möchte, zu den Füßen der meinigen zu fallen! Indes ist es doch sonderbar, Eduard, daß jede Erwartung einer übermäßigen Freude immer eine gewisse Ängstlichkeit mit sich führt. Wenigstens bin ich geneigter, die Unruhe, die ich mitunter spüre, lieber durch diesen als wahr angenommenen Satz, als durch eine Ursache zu erklären, die mich noch weniger trösten würde. Gab uns die sorgsame Natur dieses Gefühl als ein bitteres Gewürz, damit es in der Süßigkeit des Genusses der Unverdaulichkeit der Seele entgegen wirke; so sei ihr doppelt Dank dafür, und so wird sie auch schon ihren Beisatz zu mischen wissen, daß er nicht zu herbe weder vor- noch nachschmecke: Sollte aber die Bänglichkeit, die mir um das Herz schwebt, Ahndung eines Unrechts in meinem Vorhaben – sollte sie eine Aufforderung sein, die Sache ernstlicher und gründlicher zu untersuchen, so wäre ich übel daran, Eduard! Denn man hat schon zum dritten Male in die Kirche geläutet, ich habe keine Zeit mehr übrig zum Nachdenken, und wenn ich das heutige Fest ungenutzt vorbei lasse, so mag meine Untersuchung ausfallen wie sie will, der Verlust des an der laufenden Stunde klebenden Gewinstes ist nicht wieder zu ersetzen. Dans les choses douteuses – – sagt ja einer von den Kirchenlehrern, on n'est pas obligé de suivre le plus sûr . An diesen Satz will ich mich vor der Hand halten. – Ja, ja; wenn nur damit Ruhe wäre! Der Übertritt zu einem andern Glauben als wir gewohnt sind, ist wie ein Spaziergang in neuen Schuhen; sie mögen noch so gut gemacht, noch so viel wert sein, sie lassen uns doch die abgelegten bedauern, und werden uns so lange brennen und drücken, bis wir sie so ausgetreten haben als die alten. Sei versichert, Eduard! daß, wenn ich nicht Acht auf mich gäbe, nicht meinen Hut schwenkte und trällerte, wenn sich so etwas, das einem Gewissensskrupel ähnelt, aufdringen will, ich sehr leicht in einen Widerspruch mit mir selbst geraten könnte, der stark genug wäre, mich mit einem Male um die gereiften Früchte meines Jesuitismus zu bringen. Kannst du wohl glauben, was mich eben jetzt für eine Kleinigkeit beinahe ganz aus meiner Fassung gebracht hätte? Mit Scham gestehe ich dir's unter vier Augen – der Kopf – der Gipskopf von Rousseau. Es war mir, indem ich meine funkelnden Augen in die Höhe warf, als ob er mir mit strafendem Ernste gerade in das Gesicht blickte. Ich stutzte, wie ein furchtsames Kind – mir ward ganz heiß um das Herz, und wahrlich, ich mußte geschwind die malerische Stelle von gestern überlesen, um nicht in der Hitze meinen Ablaßbrief zu zerreißen, und den ganzen Handel mit Klärchen zum Henker zu schicken. Aber die lieblichen Bilder des Zeremonienmeisters taten auch diesmal ihre Wirkung. Meine Phantasie kam rosenfarbener zurück als zuvor, und meine lieben Schlafkameraden, die Kasuisten, bestreuten den Weg wieder mit frischen Blumen, von dem mich jener Widersacher der Freude verscheuchen wollte. Ich trat jetzt sogar dem Gespenste mit Trotz und Hohn unter die Nase . . . * Wenn man seine Sache, sie mag so schlimm sein wie sie will, nur systematisch behandelt, so findet man noch am ersten Gnade in den Augen eines Philosophen. Die Büste dieses moralischen Grillenfängers schien mir jetzt lange nicht mehr so abschreckend als vorher; ja ich schmeichle mir sogar, er würde, wenn er noch lebte, vielleicht mit derselben Beredsamkeit, mit der er einst den Vorzug der Ignoranz gegen die Wissenschaften verteidigte, sich auch meines Tauschhandels mit Klärchen annehmen, und ihn, auf den geringsten Widerspruch, nicht allein für unschuldig, sondern selbst für verdienstlich erklären. Wer wollte aber einer so einfachen Wahrheit wegen einen großen Dialektiker in Unkosten setzen? Sie spricht ja laut genug für sich selbst. Sind denn im Ernst, Eduard, die Umarmungen, die ich der Heiligen zudenke – die Spiele der Sinne, mit denen ich sie bekannt machen – die Verfluchungen, die ich dabei anstellen werde, und alle die Phänomene des ersten Unterrichts, die ich zu beobachten noch nie Gelegenheit fand – ist denn die ganze Sache etwas weniger oder mehr bei mir, als was sie bei einem Büffon oder d'Alembert sein würde – ein psychologisches Experiment, das mir auf mein ganzes künftiges Leben von Nutzen sein wird? Wenn man mit solchen Versuchen warten will, bis man erst Dekanus der philosophischen Fakultät ist, o! da weiß man schon, wie erbärmlich sie gemeiniglich ablaufen. Selten, daß die gelehrten Herren, die uns über den Gang der Leidenschaften vorpredigen, aus Erfahrung sprechen; denn ach! was sie so gut sind dafür zu nehmen, ist es oft so wenig, daß man nicht weiß, ob man mehr über ihren Selbstbetrug oder über das kalte Geschwätz lachen soll, das sie darüber hergießen. Das mag hingehen, wirst Du mir sagen; wie, und durch was kömmt aber die unschuldige Klara dazu, daß sie dir sitzen und die Heimlichkeiten ihrer Seele und ihres Körpers deinen Spekulationen bloßstellen soll? Durch was? guter Freund! Durch ihre eigene Religion und ihre Verteidiger – durch die Rechte des Handels – und durch den übermäßig hohen Wert meiner Zahlung. Eine Heilige hierzulande wird durch eine Reliquie tausendmal reichlicher für die momentane Aufopferung ihrer ruhigen Unschuld abgefunden, als eine bei uns durch ein Rittergut oder eine Grafschaft. Ja, ich traue Klärchen zu, wenn sie auch das – was ein unschuldiges Mädchen sonst nur einmal in ihrem Leben verlieren kann, einige dutzend- und mehrmal daran setzen könnte, um den heiligen Kniegürtel zu erlangen, würde sie sich kein Bedenken machen es zu tun – viel weniger jetzt, wo sie gar nichts wagt, und das päpstliche et in integrum restituimus ihr für allen Schaden gut steht. Mit zwei Worten, Freund, ich glaube gewiß, daß, seitdem es Kontrakte gibt, keiner noch unter so annehmlichen Bedingungen von beiden Teilen geschlossen wurde, als dieser . . . Doch – welch ein Geräusch hinter der Scheidewand! Jetzt – ich schreibe es mit zitternder Feder – jetzt endlich erhebt sich die Alte – nun hustet sie wirklich zur Kammer – nun zum Vorsaal hinaus – nun die Treppe hinunter. Gehab dich wohl, fromme Bertilia! Mit Entzücken sehe ich dich, von meinem Pulte aus, über die Gasse hinken – so feierlich langsam, daß, ehe du die Nische deiner Heiligen erreichst, ich hoffen darf, schon vor der meinigen zu knien, und selbst in den Armen deiner zaghaften Nichte schon manche Blume der Jugend gebrochen zu haben, ehe du deine Matinen gesungen hast. Gehab auch du dich wohl, du Freund des glücklichsten Sterblichen! Lassen sich die tatenreichen Augenblicke der erlebten Stunde durch menschliche Worte darstellen, so sollst du sie treu geschildert erhalten, sobald ich sie, wie kostbare Perlen, in das Diadem meines Lebens verflochten habe. * Der Abstand des Traums zur Wirklichkeit ist nun gemessen! Hier sitze ich mit hinstaunendem Blicke wieder vor meinem Tagebuche, und das Versprechen, das ich der Freundschaft ausstellte, tritt, so oft ich auf meinen Bogen schiele, mir mahnend unter die Augen. So setze dich denn her, Eduard! und nimm mir alles ab, was mir auf dem Herzen liegt. – Erst aber deine Hand, daß es unter uns bleibt! Hätte ich dir eine Liebesgeschichte zu erzählen von gemeinem Schlage, wie man sie etwan als ein schreckendes Beispiel auf dem Katheder braucht, so bedürfte es der vielen Umstände freilich nicht, ich wollte bald damit zu Rande sein, aber hier ist mehr, als dies – hier ist das visum repertum einer Heiligen – ein Feenmärchen, nur mit dem mächtigen Unterscheide, daß es wahr ist. Frage nicht nach der Zeit meiner physischen Abwesenheit! Ich würde dich in Irrtum bringen, wenn ich sie bestimmte. War es nicht ein Kalif, dem ein Engel des Himmels befahl, seinen Kopf in einen Eimer voll Wasser zu tauchen? – Er tat es so lange, als man braucht, um nicht zu ersticken; und als er ihn wieder herauszog – glaubte der Mann, ein Jahrhundert wenigstens voll Seligkeit durchlebt zu haben. Das muß ein Engel der Liebe gewesen sein, Eduard, der dieses Wunder tat! Meiner Uhr nach ist es mir ergangen wie dem Kalifen. Welch ein Abenteuer! So einfach in seinem Beginnen und doch so verwickelt in seinem Fortgange, und doch so herzerschütternd in seinem Ende! Mystische und magische Kräfte im Streite mit den Kräften der Natur! Mönchische Empörung gegen Papstes Gewalt! Tumult des Gefühls! Ohnmacht des Willens! Und dieser Reichtum von Erfahrung in dem beschränkten Raume weniger Augenblicke! »Widder, mein guter Freund!« sagte der Riese Molineau zu Hamiltons schwatzhaftem Widder, und du sagst es vermutlich zu mir, »fange doch deine Erzählung, ich bitte dich, beim Anfange an.« – So sage mir nur erst, mein kluger Herr, wo der Anfang meiner Geschichte zu finden ist? und gern will ich deinen Rat befolgen. Aber wo höhere Mächte im Spiele schon lange vorher unsichtbare Fäden an die Werkzeuge deines Willens knüpften, ehe es dir nur ahndete, ihre Puppe zu sein – wer kann da sagen: Jetzt hebt meine Geschichte an? Jede Reliquie, behaupten die Sachverständigen, steht unter der unmittelbaren Aufsicht eines Seraphs, und alle die Wunder, die zusammentrafen, um mir die meinige aus den Händen zu spielen, beweisen wahrlich für diesen Satz. War es denn wohl ein so natürliches Ereignis, daß eben ich – der einzige Ketzer einer so großen Versammlung, den heiligen Kniegürtel erstand, um ihn durch den sonderbarsten Zusammenhang der Dinge derselben frommen Seele auszuliefern, die nur einen halben Dukaten weniger darauf bot? Ist es zu glauben, daß nur ein Ungefähr mich zu ihrem Nachbar – zu ihrem Bewunderer – zu ihrem Freunde machte? – zu glauben, daß sich die gelehrtesten Kasuisten nur von ungefähr mit mir in einer Schlafkammer befanden – daß der Buchhändler Fez – der Wächter der Laura, mir so geschwind ihr Zutrauen schenkten, – und daß endlich die zwei einzigen Feste im Jahre, welche Klärchen ohne Aufsicht ließen, eben in dem engen Zeitraume meiner Mietzeit einfallen mußten? – Wer hier die übernatürliche Leitung menschlicher Begegnisse verkennt, muß wahrlich noch fester an den Zufall glauben – muß noch mehr Herz haben als ich. Doch die Folge wird dich noch besser davon überzeugen; denn diese Vorbetrachtungen, so anziehend sie auch mir sein mögen, da ich das Ende weiß, sollten dir nicht länger die Geschichte selbst vorenthalten, zu deren genauen Darstellung mich mein Versprechen verbindet. Ich trat, du weißt in welcher Bewegung der Seele, aus meiner Klause – war mit zwei Schritten an dem Vorsaale, mit zwei andern vor Klärchens Kammer – löschte hier das eine – dort das andere Kreuz aus, das der zauberische Propst mit seiner geweihten Kreide über die Türen gemalt hatte, und in der behaglichen Zuversicht, nun auch über die kleinsten Hindernisse hinweg zu sein – trat ich mutig dem Engel unter die Augen. Ich las auf ihren Rosenwangen mein nahes Glück, und hörte zugleich die erste Losung dazu aus ihrem lieblichen Munde. »Ich hoffe,« sagte sie, doch sagte sie es mit einer hoffnungslosen Stimme, »Sie, mein Herr, heute mit großmütigern Entschließungen bei mir zu sehen, als da Sie mir das heilige Band anvertrauten. Es hat Wunder an mir getan, die es mir schwer – die es mir unmöglich machen, mich wieder von ihm zu trennen. Möchte doch dieses offenherzige Geständnis Sie bewegen, mein lieber Herr, von dem hohen Preise nachzulassen, den Sie darauf gesetzt haben!« – »Nicht ich, Klärchen,« fiel ich ihr in die Rede, »der heilige Vater hat den Preis gemacht, von dem ich Unwürdiger nicht um einen Buchstaben abgehen werde. Hier lege ich die Urkunde seiner Macht und Gnade dem Sofa gegenüber: und wenn selige Geister auf Handlungen schwacher Menschen, wie sie einst auch waren, achten, so wird der verklärte Papst mit Wohlgefallen meinen Eifer erblicken, das lieblichste Mädchen seines vormaligen Gebiets aller der Indulgenzen würdig zu machen, die er, an einem seiner fröhlichsten Abende, diesem heiligen Gürtel hier vermacht hat. Die Türen, liebes Klärchen, sind verriegelt – Ihre Tante – zittern Sie nicht! bittet für Sie. Die Interdikte des Propstes sind durch höhere Macht aufgehoben, und alle seine Kreuze verlöscht – – – Doch wie? was sagt mir diese bedeutende Errötung? Wie, Klärchen?« fuhr ich heimlicher fort, indem ich ihre bebende Hand an mein Herz drückte, »so wären sie nicht alle verlöscht? Ihr vielsagendes Stillschweigen, Klärchen, liebes Klärchen! zu welchem verwegenen Gedanken muß es mich nicht berechtigen? Doch es sei darum! Mag der Schwarzkünstler sein letztes Kreuz noch so versteckt haben – ich hoffe, es zu finden und zu tilgen.« – Und indem ich sprach, sehnten sich meine lüsternen Augen nach dem Anblicke der heiligen unverhüllten Natur – mein Kunstgefühl stieg aufs höchste, und arbeitete, wie es alle menschlichen Kräfte tun – nach Beruhigung. – »Um der eilftausend – Jungfrauen willen, mein Herr,« rief nun das höchst erschrockene Kind, »nimmermehr! und wenn Sie Bischof – und wenn Sie Papst wären – Sind Sie von Sinnen, mein Herr? Was verlangen Sie?« – »Dich, dich Klärchen,« rief ich entschlossen, »nur dich in deiner ganzen Wahrheit und Unschuld! Glaubst du denn, daß mich der heilige Vater gesandt hat, dich einzukleiden? Weißt du nicht mehr, was alles das Urteil besagt, das du dir selbst bei unsern Schiedsrichtern geholt hast?« – Diese Erinnerung kam zu rechter Zeit. – »Ach, wie konntest du, Pater Lessau,« schluchzte sie nur noch, »wie konntest du, Pater Bauny, so etwas gut heißen« – Und sie sträubte sich nun wie ein gehorsames Kind. In einer bänglichen Minute kam sie errötend dem schlafenden Engel – in einer andern dem Ablaßbriefe vorbei – und immer näher dem Sofa – und nun – Doch Freund, was erschöpf ich meinen Atem in alltäglicher Prosa? Ist die Größe und Seltenheit meiner Erfahrung in dieser feierlichen Stunde – ist sie nicht mehr wert? und kann es Bilder geben, die des Firnisses der Dichtkunst würdiger wären, als die Hingebung einer Heiligen in das allgemeine Schicksal der Schönheit? So denke dir denn, lieber Eduard, die beängstigte Heilige, denke dir Klaren, kurz vor dem Hintritte in den Freistaat der Natur, dicht neben mir auf dem traulichen Sofa – Mit schnellern Schwingen schien mein Traum, Als selbst der Gott der Zeit, zu fliegen. Das Chor begann, die Glocken schwiegen Und unsre Tante mochte kaum Am Schemel ihres Götzen liegen, Als meine Küsse schon den Raum Des Äthers teilten und den Saum Von Klärchens Halstuch überstiegen. Sie flatterten dem Silberschein Der Brüssler Kanten – wie die Mücken Dem Lichte, zu, voll Sorgen, in die fein Gesponnenen Verräterein Die Flügelchen nicht zu verstricken, Und schwirrten auf und ab und flogen aus und ein, Bis es dem Schwarm gelang, das letzte kalte Nein Auf Klärchens Lippen zu ersticken. »Du, des Enthüllens wert, du, wie die Wahrheit rein, Um angetan wie sie zu sein, Bespiegle dich in ihren Blicken! Ihr eigner Nimbus hüllt sie ein; Sie deckt die Quellen nicht, die ihr die Kraft verleihn, Das Universum zu erquicken, Läßt gern ihr Heiligtum mit Frühlingssprossen schmücken Und Primeln sich am liebsten weihn, Und kann dir – nein – sie kann dir nicht verzeihn, Mit Nadeln ihren Freund zu picken. Hör auf, beschwör ich dich, bei diesen Streiferein In ihr Gebiet, bei diesen kleinen Lücken, Die ich dir abgewann, bei diesen Tändelein, Die mich so königlich beglücken – Hör auf, den Prediger der Wahrheit lahm zu zwicken! Mariens Band ist lange noch nicht dein, Und nach dem päpstlichen Verein Wird mancher Flor sich noch verrücken.« So sprach ich ihr ans Herz – allein Die Fromme schrie, als wollte sie die Krücken Des heilten Synklets erschrein: »Dir fleh ich, Trägerin der großen Eins in Drein, Dich schwesterlich zu mir herab zu bücken! – Hilf, Heilige von Falkenstein, Hilf mir–und hilf vor allen Stücken Mein sprödes Kleinod mir befrein! Hab' ich nur erst, was himmlisch ist, im Rücken, So mag die Weltlust kurz und klein, Was irdisch an mir ist, zerpflücken.« »Dein Kleinod?« – »Ja, mein Herr! Sind Sie denn vor Entzücken Ganz blind? und wollen Sie denn mein Hochheiliges Nicaisen-Bein, Das mir hier hängt, durchaus zerknicken? Nach Ihrer Art, sich kräftig auszudrücken, Was könnte da wohl haltbar sein?« – »Oh,« rief ich, » den will ich schon weiter schicken; Kein Heiliger soll uns entzwein!« Ein holder Augenblick befreite Sie dieser frommen Angst. Vergnügter als dies zweite, Knüpft ich ihr kaum das erste Bändchen ab, Das mir in unserm offnen Streite Das Kaperrecht auf alle gab. Frei irrte nun mein Blick, sobald als der Geweihte Zutage kam, die Läng' und Breite Des aufgehellten Pfads herab. Welch Labyrinth! als schwebt es erst seit heute Im Raume der Natur – als hätt' ein Zauberstab Die kleinen Hügelchen zur Seite Aus Äther aufgewölbt – Und wäre dies ein Grab Für kalte Katakomben-Beute? Und hier, wo du, geliebte Dulderin Kaum meinen Kuß verträgst, hat dein betörter Sinn Ein morsches Totenbein gelitten? Und ich? ich sollte nicht an diesen Küsten hin, Weil ich nicht Sankt Nicaise bin, Um eine kleine Landung bitten? – Oh! ihr, die mit dem Geist des Malers von Urbin Den höchsten Preis der Kunst erstritten, Malt, es wird Zeit, malt mir der Unschuld Cherubin, Der, aus dem Staub der Welt nach dem Olymp zu fliehn Schon im Begriff – die Fittiche beschnitten Sich fühlt; malt seinen Glanz – malt seine Angst – malt ihn Vermögt ihr's, wie er mir erschien, Ganz im Kostüm der Adamiten! Wie unterm vollen Mond die Nebel sich verziehn, Trat jetzt aus dem Gewölk von Flor und Mousselin Der junge Busen vor. Zum ersten Male glitten, Der Indulgenzen froh, die ihm der Papst verliehn, Der Sonne Strahlen über ihn. Kein Reinerer vereint, seit dem Verfall der Sitten Von Ilium bis Rom , von Paphos bis Stettin , Mehr Augenlust für Sybariten In seinen Pünktchen von Karmin, Und keiner blähte sich mit wildern Phantasien Der Angst, so vor der Zeit den Rubikon beschritten, Die Blumen abgemäht, die unter ihm gediehn, Sein ganzes Tempe mit Ruin Bedeckt zu sehn, sobald es, mitten Im Bausche des Gewands, der List gelang, den dritten Und letzten Knoten aufzuziehn . . . *              Wie bebend stand sie da, die Perle der Pücellen! Wie ein verklärter Geist, den an des Himmels Schwellen Ein Schauer der Verherrlichung Zum erstenmal ergreift! Sie, jedem Dichterschwung Zu hoch, sie traulicher dem Auge darzustellen, Ist keine Sammlung von Pastellen, Ist keine Sprache reich genung. Wie ward mir! Ach, aus meinen Augen blickte Ein Herz, das wie ein Gott genoß; Die Stimme fehlte mir – in meinen Adern floß Ein Feuerstrom, der sie nur stärkender erquickte, Je wütender er sich ergoß, Die Lieb' in Ungestüm verweilte nirgends – pickte Ein Röschen hier, das seinen Kelch verschloß, Eins dort, das sich schon besser schickte, Schon prahlender in Blätter schoß, Und jedes, das die lange Zeit verdroß, Die es umsonst im Schutz der Interdikte Der Lüsternheit entgegensproß. So schweifte mein Gefühl mit wechselndem Gewinste Durch Berg und Tal, den Bienen gleich, und sog Sich voll – flog schwerer–und verflog Zuletzt sich an das Kreuz, das unter Florgespinste Des Propstes Zaubergriffel zog. Wie ängstlich flatterten die aufgeschreckten Reize Der Scham, den Tauben gleich bei einer Reiherbeize, Von allen Scherzen ausgezischt Aus dem Tumult. Genug! – mit Tränen untermischt, Wird nun der Opfertrank dem lang getäuschten Geize Des hungrigsten der Götter aufgetischt. Doch kaum begann das Fest, die Augen angefrischt, Sah ich kaum, unter mir, von dem versteckten Kreuze Des Propstes den Kontur verwischt, So fühlt' ich schon mit jedem Blick von Klagen Die Strahlen seines Banns mir in das Auge fahren, Das wild bis an die Schranken lief, Die, ihm zwar weit genug durch meinen Ablaßbrief Geöffnet, doch zugleich mit einer wunderbaren Geheimen Kraft gesegnet waren, Die alles, was im Reich der Phantasien schlief, Die Grenzen zu bedecken rief. Gespenster stiegen auf, die Gegend wurde trüber, Sturm zog sich um den Kreuzgang her; Mir war, als schleudre mich ein ungestümes Meer In das Gebiet der Schatten über Gelähmt zu jeder Wiederkehr; – Mir war, als schlüge das Gebelle Des Höllenhundes an mein Ohr: Mir war, als ob der Danaiden Chor Sich mir mit ihren Eimern vor, Und neben mir sich der Verdammte stelle, Der, ewig durstend an der Quelle, Die Tropfen zählt, die er verlor. Neugierig streckte sich so mancher Diebsgeselle Verbotner Freuden aus der Welle Des Phlegethons nach mir empor – – – Doch was erhebt dort aus dem Feuer Des Orkus sich für ein Koloß? Entsetzlicher, als selbst die Ungeheuer Aus jenem fabelhaften Troß! Die Dietriche des Himmels glühen In seinen Händen – Funken sprühen Von seinem purpurnen Talar! Sein Nimbus schwebt im Qualm der Seuchen, Die ihm die neue Welt gebar! Während seiner Hierarchie ward Amerika entdeckt. Als Statthalter Gottes bestätigte er dem Eroberer den eigentümlichen Besitz durch einen Schenkungsbrief und überschwemmte sogleich den neuen Weltteil mit Mönchen, die für das Evangelium, das sie dahin trugen, im Tausch jene unglückliche Krankheit zurückbrachten, die selbst die ersten Quellen der Natur vergiftet. Sie nagen sein Geripp und scheuchen Der Neugier Blick von seinem Schlangenhaar! Sein Haupt, das frech drei Kronen aufeinander Getürmt, sein Fürstenstuhl, den eine nackte Schar Umzingelt, stellen mir im Glanz der Salamander Das Oberhaupt der Kirche dar; Ihn, der verwüstend wie ein Brander, Auf Titus Thron – Papst Alexander Jetzt mir auf Klärchens Brust ein Unterhändler zwar, Doch selbst auch hier, wie vor dem Hochaltar, Ein gottvergessner Abgesandter Des Todes und der Sünde war. Statt einem Lorbeerkranz zog spottend der Barbar Ein Leichentuch um meine Schwanenbetten; Mein Auge schwindelte im Bann Des Propstes, und erstarb – die letzte Ölung rann Kalt über mich, und Totenmetten Vereitelten den Amoretten Die Überfahrt nach Kanaan. Mir schien, als schleppe mich ein brausendes Gespann, Mit Krepp behängt, mit traurigen Aigretten Bekrönt, dem Hügel zu, wo man Das Glück der Schlafenden schon aus dem Kranz von Kletten Der ihn umweht, erraten kann. Erschreckt durch solch ein Bild, sah ich mich um und sann, Nur noch den Rest der Seligkeit zu retten, Die mir mein Dokument gewann. Umsonst! Die Hölle schien auf meinen Fall zu wetten; Dem schwindenden Phantom begann Mein eifersüchtiger Tyrann Ein neues Blendwerk anzuketten. Schon dreimal hatt' ich mich in den Bezirk gewandt Wo sich mein erster Blick mit Hoffnungen verband, Die lange noch nicht eingetroffen; Und dreimal prallt' ich ab, gleich Einem, der am Strand Kalabriens sein schönes Mutterland Vergebens wieder sucht. Sein Gärtchen ist ersoffen; Sein alter Spielplatz ist mit Sand Bedeckt – sein Veilchental steht jetzt bis an den Rand Voll Nesseln, und er sieht dort die Charybdis offen, Wo sonst ein Meilenzeiger stand! Doch hier entfällt die Feder meiner Hand, Ich geb' es auf, den Stoff noch besser auszustoffen . G'nug! Eh' ich mich in diesem Schutt und Brand Ein wenig nur zurechte fand, Zerfloß mein Jugendtraum – ach! wider mein Verhoffen, Selbst wie ein Schatten, und verschwand. In mancher Fährlichkeit, wenn ich bald Menschenhasse, Bald frommer Heuchelei die freie Stirne wies, Wenn ich in dunkler Nacht, trotz meinem Weisheitspasse, Mich manchmal an die Nase stieß, Malt' ich mich dir so gern; doch diesmal, Freund, erlasse Den Umriß mir der kläglichen Grimasse, Die mir mein Unfall hinterließ. Der Sohn des Dädalus fiel, glaub' ich, nicht viel strenger Bestraft, vom Himmel in die See; Die traurigste Gestalt schlug nicht ihr Auge bänger Nach Rosinanten in die Höh'; Kein Witwer fühlte sich wohl je Verwitweter als ich; selbst nicht der Minnesänger Der höllischen Euridice. »Ach, Klärchen, ach! wo kamen die Bilder die schrecklichen Bilder her?« rief ich trostlos aus, indem ich dem lieben Kinde von unserm traulichen Sofa herunter half. – »Was denn für Bilder?« fragte sie, trat zugleich vor den Spiegel, ohne auf meine nachstrebenden Blicke zu achten, und schon rollte der Vorhang über jene heiligen Kleinodien, die vielleicht von mehr Gespenstern bewacht wurden, als je einen Schatzgräber erschreckt haben. Sie hatte so eine Eile damit, als wenn sie befürchtete, ein einziger Sonnenstrahl schon könnte dem herrlichen Gemälde, das ihr so rein und treu, wie aus einem Kristall, widerschien, alle seine Schatten und Lichter ausziehen. Mein Herz war beklemmt – es fühlte mit Wehmut seinen Übergang aus der schönen Natur in die gemeine Welt. – »Nun, mein Herr,« wiederholte sie, während sie ihren ersten Unterrock über sich warf, »was für Bilder waren es denn?« – »Blendwerke der Hölle,« antwortete ich. »Sie hätten wohl einen Riesen aus seiner Fassung bringen – einen Furchtsameren als mich wohl töten können.« – »So bin ich denn recht froh,« fiel sie mir in das Wort, »daß wir noch so gesund beisammen sind.« Und dabei knüpfte sie die Hauptschleife, von der ich dir, glaube ich, schon oben etwas gesagt habe, wohl noch einmal so fest zusammen, als sie war, da ich sie aufzog. – »Wo ich hinsah,« fuhr ich fort, »lagen die Phantome vor mir, stiegen mir nach, wo ich hindachte, und haben mir den schönsten Handel verdorben, der wohl je über eine Reliquie geschlossen wurde.« – »Das tut mir herzlich leid, mein Herr,« erwiderte sie, und langte nach ihrem Nadelküssen. »Ohne die Mühe des Aus- und Anziehens eben hoch in Anschlag zu bringen, würde ich sie mir doch ganz erspart haben, hätte ich vermuten können, daß Ihnen dieselbe Ansicht, auf der Ihr Eigensinn so hartnäckig bestand, so übel bekommen würde. Weder Pater Bauny,« sagte sie, und fuhr in den einen Ärmel ihres Mieders, »noch der Pater Lessau,« und sie fuhr in den andern, »weder Sie noch der Papst,« und sie fing an sich einzuschnüren, »würden mich haben bereden können, ihnen damit beschwerlich zu fallen, wenn ich, wie gesagt, es gewußt hätte.« – »Sie sind die Güte selbst, Klärchen, und so aufrichtig als schön; um desto mehr ist es zu bejammern, daß so viele Vollkommenheiten unter dem Drucke eines Zauberers liegen.« – »Wie, mein Herr?« drehte sie sich verwundernd nach mir um: »Halten Sie den Schutz der Mutter Gottes – das Kreuz der heiligen Cäcilia, für Zauberei? und rechnen Sie die frommen Interdikte meines Seelsorgers unter die verbotnen Künste?« – Ich ließ mich durch ihre Frage nicht irren. – »Unbegreiflich!« fuhr ich nur noch ingrimmiger fort, je fester sie ihr Schnürleibchen zusammenzog. »wie ein Propst gegen einen Papst – ein gemeiner Schwarzkünstler gegen den größten, so ganz ohne Widerrede recht behielt!« – »O! mein Herr,« fiel sie mir hier sehr ernsthaft ein, »seine väterliche Fürsorge für mein Bestes . . .« – »Was meinen Sie damit? Klärchen!« fragte ich in der albernsten Zerstreuung – »verdient, auch selbst in Ihrem Munde, diese Schmähung nicht. Wie können Sie nur den guten Mann mit Ihren Phantomen in Verdacht haben? Wie hätte er denn Ihren Handel verderben können, der, glauben Sie mir, viel zu sonderbar war, als daß ihn selbst ein Prophet hätte erraten sollen? Tun Sie immer der Wahrheit die Ehre, und gestehen Sie, daß Sie nichts mehr als Ihre eigene Schuld trugen, und da Sie über allen unsern Ein- und Ausgängen die Kreuze des Propstes mit lachendem Mut verwischten, Sie notwendig die rächenden Geister wider sich empören mußten, die diese heiligen Zeichen umschweben. Es ist mir lieb, daß Sie aus eigener Erfahrung lernen, wie wenig Ihr Glaube gegen den unsern vermag, und daß man ungestraft auch das geringste Geschöpf nicht unrecht ansehen darf, das unter dem Schutze der Heiligen steht. Aber, mein lieber Herr,« fuhr sie jetzt mit mehr Teilnahme fort, »da Sie nun das erfahren haben, wie mögen Sie sich immer noch nicht besser mit Ihren Augen in acht nehmen? Sie verfolgen ja jede Nadel, die ich mir anstecke, als wenn Ihnen noch so viel an Ihrem Schwindel gelegen wäre. Warum setzen Sie sich nicht einstweilen in eine Ecke, bis ich mit meinem Anzuge zustande bin?« Beinahe glaube ich, Eduard, daß Klärchen mit ihrem kindischen Geschwätz nicht ganz unrecht hatte. Ich begreife es noch nicht, warum ich, ohne zu wanken, neben ihrem Spiegel gelehnt blieb, den sie doch, mit so gänzlicher Ausschließung meiner, über ihren Anputz zu Rate zog, als wenn ich nicht in der Stube wäre. Mit der traurigsten langen Weile stand ich da und mußte zusehen, wie sie alles so artig wieder aufbaute, was ich zu Ehren der Natur einriß – wie mir jede Minute eine Augenfreude mehr entzog, bis alle und jede ihrer heiligen Reize – und wie ich fürchtete – auf ewig, meinem Anblick verschwanden. Sie war nun so weit mit sich fertig, daß sie nur noch das letzte Streifchen Musselin um ihren Busen zu schlagen hatte, als sie, durch einen flüchtigen Hinblick nach ihrem Halsgeschmeide, meine Füße in Bewegung brachte. Ich holte den guten Nicaise aus seinem Winkel, und ich hoffe, daß der bescheidene Ernst, unter welchem ich ihn jetzt wieder zu seiner warmen Ruhestätte begleitete, den Leichtsinn hinlänglich verbüßt hat, mit dem ich mich unterfing, ein so heiliges Gebein der Erkältung auszusetzen. Und nun stand das fromme Klärchen wieder so erbaulich vor mir, daß ich nichts weniger als ein neues Schrecken von ihr erwartete, mit dem sie mich doch bald genug überraschte. – »Jetzt, mein Herr,« sagte sie freundlich, »jetzt geht mir zur völligen Beendigung unseres Handels nichts mehr ab, als – Sie wissen wohl – die restitutio in integrum , die Sie mir, als eine Hauptbedingung, zugesagt haben.« – »Ihre restitutio in integrum ?« fing ich das Wort auf, und ward rot bis über die Ohren. »Kann das fromme Klärchen auch spötteln? Oh, haben Sie nur Geduld! Jene Schreckbilder werden mich nicht ewig verfolgen, und mein Näherrecht wird dem heiligen Vater schon noch Gelegenheit verschaffen, seine ganze Macht und Gnade an Ihnen zu versuchen.« – »Da verstehen wir uns einmal wieder nicht,« antwortete sie und legte ihre Hand traulich auf meinen Arm. »Ich rede sehr ernstlich, mein Herr! Mein Spiegel hat mir keine Kleinigkeit und hat mir also auch nicht verschwiegen, in welche Gefahr jene unruhige Lage auf dem Sofa meine Singstimme versetzt hat. Ich beschwöre Sie also bei der Unschuld der Harmonie, bei der Glorie der heiligen Cäcilia, das Malzeichen wieder in seinen vorigen Stand herzustellen, das unter Ihren Händen verlosch. Hier ist die geweihte Farbe, die auf dem Altare dieser großen Erfinderin der Orgel – dieser Patronin aller Sängerinnen und Sänger, gemischt und der einzige Reichtum meiner Toilette ist.« – Mit diesen Worten reichte sie mir aus dem einen Schubfach einen Pinsel, aus dem andern eine kristallene Schale, die diese kostbare Schwärze enthielt. Es lagen in dieser ihrer Zumutung wieder so viel neue Begriffe für mich, daß ich nicht gleich wußte, wo ich damit hin sollte. – »Also nur Ihrer sonorischen Stimme wegen, Klärchen?«fragte ich lakonisch, und schüttelte den Kopf. – »Und weswegen könnte es denn sonst sein?« fragte sie dagegen; und wir blickten einander wieder mit der Verwunderung an, in die uns schon so oft unsre Mißverständnisse gebracht hatten. Das Mädchen, Eduard, wird mir ein Rätsel bleiben bis zu dem letzten Augenblicke. So wenig ich auch von Zeichnung und Malerei verstehe, so hatte ich doch nicht das Herz, ihre Forderung von der Hand zu weisen. Ich folgte ihr also, und diesmal ganz demütig, bis an den Sofa nach – knieete mit der nichtssagenden Miene eines elenden Malers, den ein Narr mietete, eine Venus von Correggio auszubessern, vor die beschädigte Sängerin – sah zum letztenmal im Vorbeigehn den teuern Kniegürtel, der mich in so viele Verlegenheit schon gebracht hatte, und der Vorwurf, den ich mir machte, seine weitläufigen Indulgenzen so ärmlich benutzt zu haben, lief mir eiskalt über den Leib. Ich nahm mich jedoch auf das beste zusammen, zog meine Striche die Länge und die Quere auf dieselbe Stelle, wo ich die Spur der ersten halb verlöschten antraf, und ehe ich mich umsah, stand mein Gemälde im möglichsten Glanze da. Wenn du aber denkst, daß es ein Kreuz war, Eduard, so irrest du dich. Die Grundsätze meiner Moral und Religion werden mir nie erlauben, für den Aberglauben einen Pinselstrich zu tun, es müßte denn sein, um ihn zu verspotten; und dazu hatte ich hier freilich alle mögliche Aufmunterung. Was soll das Symbol des heiligen Kreuzes, ich bitte dich, an dem Scheidewege einer Sängerin? Ich wollte nur, dachte ich, daß der Propst da wäre, um ihm das Lächerliche und Unschickliche davon begreiflich zu machen. Doch bin ich denn nicht sicher genug, daß er herkommt? Gut! so will ich ihm denn einen Beweis ziehen, der ihm so stark in die Augen leuchten soll, daß sie ihm übergehen. Die Gelegenheit war wirklich zu schön! Denn so gewöhnlich es auch ist, seinen Gegner an einen dritten Ort zu bestellen, so konnte doch zu der stillen Rache, die ich an dem meinigen zu nehmen gedachte, wohl schwerlich einer besser gelegen sein, als die einsame Gegend seines täglichen Besuchs, die seine vertrauteste Freundin durch einen Zusammenfluß glücklicher und unglücklicher Zufälle mir selbst zu verraten genötiget wurde. – Und so malte ich denn dem guten Mädchen, ohne daß sie auch diesmal so wenig erfuhr, was auf ihrer Grundfläche vorging, als sie die feine Verbindung meiner guten Absichten mit meiner schlechten Arbeit argwöhnen konnte – etwas – das sich ungleich besser für ihre Umstände schickte, malte ihr statt des heiligen Kreuzes, das sie erwartete, mit allem Ausdrucke der Wahrheit, ein Bild, das auf einen flüchtigen Blick jener Figur nicht ganz unähnlich war – kurz, ich malte ihr nichts mehr und nichts weniger als – was denkst du wohl Eduard? als einen – Stimmhammer. Wir waren beide, obgleich aus verschiedenen Gründen, mit dem guten Fortgange der Wiederherstellung so zufrieden, daß wir noch, während das Gemälde abtrocknete, die freundlichsten Blicke miteinander wechselten. Stelle dir aber mein Erstaunen – stelle dir – – – nein, du kannst es nicht – mein Erschrecken und ihre Verzweiflung vor, als ihr Aufstehen vom Sofa ihr nur zu fühlbar entdeckte, daß ich während meiner Arbeit – wo muß ich die Augen gehabt haben? – den ganzen Rest der geweihten Farbe, der wenigstens noch zu hundert Kreuzen hinlänglich gewesen wäre, verschüttet – das feinste Linnen, das man sich denken kann, verdorben und selbst den Kniegürtel der unbefleckten Jungfrau ein wenig befleckt hatte. Alle die entsetzlichen Folgen meiner Ungeschicklichkeit, ob ich sie gleich nicht so geschwind übersehen und so genau berechnen konnte, als Klärchen, traten mir doch lebhaft genug unter die Augen, um mich aus meiner Fassung zu bringen. Ich hatte kaum das Herz, nach dem armen Kinde in die Höhe zu blicken, das, durch diesen Unfall ganz niedergedrückt, seinen vorigen Heroismus unwiederbringlich verlor. Sie schlug die Hände über den Kopf zusammen, lehnte sich hinfällig an die Wand, vergoß in der Geschwindigkeit mehr Tränen, als letzthin von der heiligen Magdalena versteigert wurden, und stürzte sich endlich, wie ohnmächtig, auf den Sofa zurück. – »Liebes, bestes Klärchen,« rief ich in der äußersten Bestürzung, »um aller Götter willen, beruhigen Sie sich! Sagen Sie mir, in welchem Kloster diese Schwärze der heiligen Cäcilia zu kaufen ist; ich will hinlaufen – sie holen und Ihnen den Verlust Ihrer Toilette, wenn er auch noch so beträchtlich wäre, mit tausend Freuden ersetzen. Vor allen Dingen aber bitte ich Sie – und ich will Ihnen gern dabei hülfreiche Hand leisten – kleiden Sie sich um.« – Jetzt erwachte sie und drehte ihre mächtigen Augen, mit dem verächtlichsten Blicke, den sie fassen konnten, nach mir Unglücklichem zu. – »Gehen Sie, mein Herr,« rief sie mit sublimer Stimme: »Machen Sie, daß Sie bald aus unserm Hause kommen! Es ist kein Glück und Segen in Ihrer Nachbarschaft.« – Mehr erlaubte ihr der Schmerz nicht vorzubringen. Sie stützte ihren Kopf auf die rechte Hand, über die ich neue Tränen in Perlen herabrollen sah. Ich stand wie versteinert vor dem so hoch betrübten Kinde. Eine Weile darauf erhob sie noch einmal ihr trauerndes schönes Gesicht und ihre bebende Stimme. »Muß ich Sie noch immer sehen, mein Herr?« fragte sie mit einer Empfindlichkeit, die mir das Innerste meiner Seele bewegte. – »Undankbare!« versetzte ich jetzt mit tragischem Ernste: » Sie soll ich, Ihr Haus soll ich – mein Näherrecht soll ich verlassen? Und Sie wollten das Knieband der Madonna – den Ablaßbrief Papst Alexanders – wollten sich alle seine Indulgenzen zueignen, ohne mir nur eine kleine Frist zu gönnen, sie mit Ihnen zu teilen?« – »Das«, fiel mir das fromme Mädchen mit unbegreiflichem Stolz ins Wort, »ist noch der einzige Trost in meinem Unglücke, daß ich diese Heiligtümer unwürdigen Händen entreiße! Auf meiner Seite habe ich die Bedingungen erfüllt, mehr als zu sehr erfüllt, und bin darüber in Ruhe. Dies, mein Herr, ist, bei der gebenedeiten Mutter! das letzte Wort, das Sie von mir hören. – Jetzt können Sie gehen, oder meine Tante erwarten, wie es Ihnen beliebt.« Sie hatte kaum ihrer Tante erwähnt, so ward mir schwül um das Herz. Ich wagte keinen Augenblick länger zu verweilen, und, nach ein paar hingeworfenen Worten zum Abschiede die mir das Geschöpf nicht einmal beantwortete, eilte ich zur Türe hinaus, die ich auch sogleich hinter mir zuriegeln hörte. Ich kannte mich kaum vor Ärger, wie ich in mein Zimmer trat. Ich klingelte nach Bastian, um ihn zu fragen, was er wolle? und klingelte ihm wieder, um ihm zu befehlen, ungesäumt einzupacken und die Post zu bestellen. – Ich will fort, Eduard! Was brauche ich die Zurückkunft der alten Hexe erst abzuwarten? Sie ist für ihre Miete einen Monat voraus bezahlt, und ihr heiliges Klärchen kostet mir einundvierzig Dukaten, die ich nicht übler hätte anwenden können. Was soll ich länger an diesem abscheulichen Orte? Es würde mich nur um mein bißchen Verstand bringen, wenn ich noch einen Abend hier verleben, die Ankunft des Propstes erlauern und wohl gar bei seiner morgenden Inspektion gewärtigen müßte, mit meinem Stimmhammer konfrontiert zu werden. Wohl mir, daß ich der unterirdischen Wirtschaft dieses Gesindels noch so glücklich entwischt und der Mühe überhoben bin, um den Preis des vermaledeiten Ablaßbriefes noch einmal mit den Geistern der Hölle zu ringen! Ich tue hiermit feierlich Verzicht auf meinen Anteil an jenem unheiligen Fetzen, der einst Zeuge der Mord schaffenden Umarmungen eines ehrlosen Papstes war, und jetzt, als Zeuge der verräterischen Heuchelei eines nichtswürdigen Mönchs, das Knie seiner Buhlerin gürtet. Das Wort, um das ich so lange ungewiß herumging, ist endlich, gottlob! über die Zunge – Ich nehme es nicht wieder zurück, Freund! und hoffentlich wirfst du mir auch nicht vor, daß ich es zu voreilig gesprochen habe. Aber was kümmert es mich? Mögen doch diese Heiligen ihr Unwesen treiben, bis sie selbst zu Reliquien werden! Mein armer Kopf! wie er feuert und tobt! Ich muß – ich muß meine Bosheit tätiger auslassen, als mit der Feder! * Weißt du, von woher ich zurückkomme? Ich habe dem gesegneten Andenken des vortrefflichen Rousseau, das ich vor einer Stunde so grausam beleidigte, mein Versöhnungsopfer gebracht; habe alle die teuflischen kasuistischen Bücher meiner Schlafkammer vertilgt, die mich, großer Gott! der Versuchung so nahe brachten, ein Jesuit zu werden. Von dem Traktat an de probilitate bis zum Sanchez de matrimonio – von siebenzehn Büchern, mit denen ich in nähere Bekanntschaft geraten war, ist nichts übrig, als die leeren Hornbände und das einzelne Blatt aus der Legende der heiligen Klara, das den großen Beweis der Dreieinigkeit enthält und das mir noch beifiel, aus dem Feuer zu retten, um es als einen Beleg meiner Erzählung zu gebrauchen, als das Buch schon lichterloh brannte. Alles übrige ist vom Feuer verzehrt. Der Scheiterhaufen dieser unseligen Werke brannte gerade unter der Büste jenes unsterblichen Schriftstellers – Die emporrollende Flamme rötete, je mehr sie sich in dem Kamine verbreitete, sein blasses Gesicht, das, wie vom Feuer der Tugend belebt, auf mich herabblickte. Ich glaubte in seinen ernsten Mienen die höchste Mißbilligung meines Leichtsinns zu lesen, und schamhafte Reue über die Verirrungen meiner verlockten Sinne färbte nun meine Wangen . . . Die Pferde wollen noch nicht kommen, und doch hätte ich so gern diese häßliche Geschichte hinter mir, an die mich hier alles auf das unangenehmste erinnert, von der glimmenden Asche an in meinem Kamine, bis zu den leeren Bänden, die, wie Schlangen- und Krokodillen-Bälge, daneben liegen. – Jawohl, jawohl, lieber Eduard, ist es ist eine häßliche Geschichte! Was würde aus meinem guten Rufe werden, wenn sie durch deine Nachlässigkeit oder deinen Mutwillen bekannt würde! Laß mich, ehe ich Avignon verlasse, darüber noch erst Abrede mit dir nehmen. Suche es auf allen Fall – ich rede jetzt ernsthaft mit dir, lieber Freund – wenigstens zu vermitteln, daß mich die letztvergangene unglückliche Stunde nicht zu sehr in dem guten Zutrauen unserer Damen zurücksetze. Gib den ganzen Handel für ein Spiegelgefecht meiner luxuriösen Einbildungskraft – für eine launige Spötterei über die falsche Glorie menschlicher Tugend aus. Und wenn das auch nicht verfangen will, so gehe nur den jetzt so gewöhnlichen Weg, der selten fehlschlägt, und mache, wenn von meinem Falle gesprochen wird, eine geheimnisvolle Miene dazu! Was gilt's, man übersieht alsdann die Wahrheit, und sucht nun hinter meinen Nuditäten versteckte Prophezeiungen, wie man sie in dem hohen Liede sucht . . . Du räusperst dich, Eduard, winkst mir inne zuhalten, und die Lust des Widerspruchs schwebt dir um den Mund. Gut! Meine Pferde sind noch nicht da, meine Tinte ist fließend, und Papier und Federn liegen noch auf dem Tische. Das schreckt dich nicht, ich weiß es; so laß denn hören! – »Wenn du glaubst,« hebst du trocken an, »mit allen deinen Tadlern ebenso gut fertig zu sein als mit mir,« wie ich denn das wirklich geglaubt habe, »so tut es mir leid um deinen schönen Traum. Solange dem Tagebuch nur unter uns, und, wie so viele andere Schreibereien der Welt, nur Manuskript unter Freunden bleibt, oh! da verlohnt es sich freilich nicht der Mühe, viel Aufhebens davon zu machen. Nimmst du aber den pro securitate publica so bedenklichen Fall an, daß die Gemälde deiner Unsittlichkeit zu der Ehre einer öffentlichen Ausstellung gelangen, so wäre ich wohl neugierig, das Bedürfnis zu erfahren, das euch leichtsinnige Schriftsteller berechtigen könnte, eine Leidenschaft zu spornen, die wir ohnehin Not genug haben im Zaume zu halten.« – Das klingt nun sehr systematisch – sehr ernsthaft, und hat mir Mühe gekostet herzuschreiben. – Aber mache mich nicht böse, Eduard! sonst verschaffe ich dir zur verdienten Antwort einen Anblick, dessen du gewiß gern überhoben sein würdest, rufe dir mehr bleichsüchtige Mädchen in meinem Hörsaale zusammen, als du übersehen kannst, und lege dir jenes Bedürfnis, an dessen Dasein du zweifelst, so zergliedert vor, daß du froh sein sollst, wenn nur ich das Maul halte. Gehe ehrlicher mit mir zu Werke, guter Freund! Verstecke deine gesunden Augen nicht immer hinter die Blenden deiner Bücher, und ziehe erst, ehe du mit mir rechtest, den schleichenden, unnatürlichen, unmännlichen Gang in gehörige Betrachtung, den die schönste aller Leidenschaften in einem Zeitalter nimmt, das in so vielen Rücksichten nur von ihr seine einzige Hülfe erwartet. Sage mir auf dein Gewissen, Eduard, ob man es einem Schriftsteller, der nur einigermaßen hoffen darf in gute Häuser zu kommen – ob man, anstatt ihn zu tadeln, es ihm nicht als ein Verdienst anrechnen sollte, wenn er das Herz faßt, Mädchenliebe zu predigen, und sie mit so lebhaften Farben zu schildern sucht, als diese Art Malerei nur vertragen kann. Mag meinetwegen ein künftiges tugendbelobteres Jahrhundert meine armen Schriften zum Scheiterhaufen verdammen! Ich habe nicht das Geringste dagegen; wenn sie nur vor der Hand in dem großen Magazine notwendiger Übel geduldet werden. Das ist doch weiter keine zu vornehme Anmaßung, die mir Mißgunst zuziehen und nur jemanden in Angst setzen sollte, daß ich mir damit ein Ämtchen zu erschreiben gedächte, auf das er selbst Anspruch macht. Was könnte es denn für eins sein, als höchstens das eines Pestpredigers? das mühseligste in der ganzen Republik – ohne Rang, ohne Sporteln, und zu dem sich, schon seiner Gefahr wegen, nur wenig Kandidaten melden. Man gönne es mir doch! Das Ministerium kann ja die Stelle wieder einziehen, wenn sie überflüssig geworden und die Seuche vorbei ist. Auch kann meinethalben die Nachwelt die Arzneien, die ich mir jetzt, sogar während der Kirche, kein Gewissen machen darf unter die armen Preßhaften zu verteilen, als unnütze, verdorbene Ware zu den übrigen Exkrementen unsers Jahrhunderts werfen; leisten sie nur gegenwärtig eine solche Nothülfe, wie sie ungefähr geschickte Ärzte von einem Scharlachfieber bei Kranken erwarten, die an einer hartnäckigen Fühllosigkeit darnieder liegen. So würde auch ich bei denen, die ich in der Kur habe, es schon für ein gutes Symptom halten, wenn meine Umschläge ihre verschrobene Einbildungskraft nur erst so weit wieder in Ordnung brächten, daß ihnen die gewöhnliche Hausmannskost nicht länger widerstände, die Schönheit und Natur der Genügsamkeit darreicht. Könnten sich auch die Mattherzigen nicht sofort bis zu jener Stärke eines reinen Gefühls erheben, daß sie an der Unbefangenheit und Unschuld meiner Margot und an den ebenso einfachen als gesunden Gerichten Geschmack fänden, die sie ihren bessern Bekannten vorsetzt, so wäre es einstweilen schon gut, wenn der Heißhunger sie nur in den ersten besten Gasthof triebe, wie zum Beispiel der zum schwarzen Kreuze ist, von dem ich selbst eben zurückkomme, und wo sich schon einer sättigen kann, der nicht an gar zu feine Ragouts gewöhnt ist. Ich sehe, Eduard, du zuckst die Achseln, drehst dich seufzend von mir und glaubst mir in deine Bibliothek zu entwischen; aber den Weg dahin kenne ich auch, und es ist heute wohl nicht das erstemal, daß ich dir bis vor deinen Arbeitstisch nachschleiche. Du hast hier noch immer, wie ich sehe, um deinen globum terrestrem sehr disparate Dinge herliegen: Landkarten und Zeitungen neben Garvens meisterhaften Versuchen – Smith über den Nationalreichtum neben Archenholz' Siebenjährigem Kriege – hier sogar Lavaters geheimes Tagebuch über dem meinigen – alles so bunt untereinander, wie in der Welt selbst. Die Sachen, sagst du, haben sich hier zusammengefunden, wie ich sie nach Maßgabe meiner Laune gebraucht habe, ohne daß sie unter sich selbst weiter etwas gemein hätten. Das ist zu glauben, lieber Eduard, und insoweit mag auch wohl eins so viel Recht auf seinen Platz haben als das andere. Indes hätte ich wohl die Grille, daß ich genau wissen möchte, was ein Schächer, wie ich, unter einer so gelehrten Gesellschaft allenfalls für einen behaupten könne, wenn hier nur das Verdienst um die Welt den Rang bestimmte. Schiebe nur mein unglückliches Tagebuch her – ich bin darin doch am meisten belesen, und muß am besten wissen, wo seine Stärke und Schwäche liegt. – Was hast du mir nun aus dem Haufen, den ich dir lasse, entgegenzusetzen, um mich zu demütigen? Jenen Moralisten dort? Oh! streiche ihm nur ein wenig seine Runzeln, mir aber meine struppigen Haare aus dem Gesichte, und du wirst zu deiner Verwunderung eine gewisse Gleichheit der Verwandtschaft entdecken, die mich dir um vieles erträglicher machen – die mehr als alles dich aufmuntern wird, mich gegen diejenigen in Schutz zu nehmen, die mir so gern die Titel meiner Herkunft abstreiten möchten. Um dir die Sache zu erleichtern, so breite, mit Beihülfe unsers Archenholz, nur deine Landkarten und Zeitungen auseinander, und halte nun die Kinderspiele meiner Phantasie, wie ich sie dir zureiche, gegen die Ritterspiele der Großen – meine nackenden Gemälde gegen ihre blutigen Bataillen-Stücke, und irre mit philosophischem Auge von den einen zu den andern. Ich lasse dir Zeit, Freund, und verlange nicht, daß du mir eher gewissenhaft erklären sollst, welche von beiden du für verdienstlicher hältst, als bis du ihren verschiedenen Eindruck auf das menschliche Herz mit deinem vorigen strengen Urteile verglichen und im Angesicht deines Globens genau erwogen hast, auf welche Seite der Gemälde sich das bürgerliche Wohl, das häusliche Glück und das System der so grausam verfolgten Bevölkerung am meisten hinneigt. Ich will dich nicht weiter in deinen stillen Betrachtungen stören. Aber o könnte ich nur meiner Feder jene elektrische Kraft mitteilen, die mir . . . in Klärchens Kammer versagte: wie herzhaft wollte ich sie gegen die physischen und moralischen Verirrungen, die man so ehrbar mit dem Ansehn eines Plato und mit dem Mantel des Sokrates zu bedecken glaubt, und gegen die politischen Greuel schärfen, mit denen zusammen ein Geist des Verderbens den fröhlichen Genius der Erhaltung verfolgt! Ich wollte den Jünglingen männlichere Neigungen, den Mädchen wirksamere Lockungen und den Zepterträgern Menschlichkeit anschwatzen, und die lachendsten Phantasien der Liebe zum Beitritt aufbieten, um alle mordlüstige Gedanken von unserm freundlichen Erdstrich zu scheuchen und seine allgemeine Trauer zu heben. Echte Philosophen, und ihr besonders würdet es mir verdanken, ihr guten, tugendhaft schmachtenden und verlassenen Töchter meines Vaterlandes. Ihr würdet, sittsam errötend, mir selbst den schlüpfrigsten Umweg vergeben, wenn ich ihn, da beinahe alle gebahnten Straßen der Natur entzogen sind, mit einigem Glück einschlüge, um euch zu euern Rechten zu verhelfen und die verwilderten, ehescheuen und verblendeten Überläufer meines Geschlechts durch gute Worte wieder in euern sanften Sprengel zurückzuführen; auf daß eure wahre Bestimmung zu ihrer verlorenen Ehre gelange, auf daß die Freude, die ihr zu erwecken geschaffen seid, ehrlicher und ritterlicher benutzt und, statt der Dornen und Disteln eines Schlachtfeldes, das hohe mütterliche Gefühl auf euern rosigen Wangen entwickelt werde, das ihr Schuldlosen in einer Bleichsucht ersticken müßt, die laut wider die Tyrannen der Welt, laut wider die Verächter eurer Reize um Rache schreit. Könnte ich durch rührende Darstellung aller der entzückenden Augenblicke, mit denen eure Sanftmut und eure Launen – eure Stärke und eure Schwäche – eure Schmeicheleien und eure lehrreichen, sanften Strafen, mir das Leben erheitert und meine Besserung bewirkt haben – mein abtrünniges Geschlecht zum Anschmiegen an das eurige wieder beilocken – bei Gott! ich wollte mich keines wollüstigen Bildes schämen, das mir selbst die Tugend erlauben würde, zu dieser guten Absicht von euren geheimsten Reizen zu borgen; ich würde noch beim Austritt aus diesem jammervollen Planeten mit väterlicher Zufriedenheit auf die anwachsende Nachkommenschaft hinblicken, die ich mir schmeicheln dürfte, zum Genuß besserer Zeiten erschrieben zu haben. – Sollte sich in der auserwählten Schar dieser Abkömmlinge einer befeuerten Liebe ein und der andere Fürstensohn befinden, so wünsche ich ihm zu dem seltenen Umstande seines Daseins Glück. Seine bürgerliche Stammhaftigkeit übernehme meine Verteidigung in dem Zirkel seiner Innung, in den Schlössern der Großen, die sich zu vornehm dünken, der Natur und der Einbildungskraft etwas schuldig zu werden. Scheint dir dieser Glückwunsch nicht mit jenem Abscheu zu reimen, den ich vorhin gegen die blutdürstige Kaste geäußert habe, die über uns herrscht, so hast du zwar nicht ganz Unrecht: wenige aus ihrem Mittel – du siehst, daß ich billig bin – verdienen es, daß ein gutes Herz sich ihrer Fortdauer annimmt. Da sie denn aber nun einmal da sind, wäre doch wenigstens zu wünschen, daß sie nicht gleich in ihrer Geburt verunglückten, indem unsere demütige Lage nur desto schimpflicher wird, je krüppeliger sie selbst sind. Das ist so wahr, daß ich es damit wohl könnte bewenden lassen; aber, um es dir offenherzig zu gestehen, ist es doch nicht die eigentliche Ursache des Absprungs meiner Ideen. Daran war wahrlich nur eine kleine Anekdote schuld, die mir nach einer ganz andern Verwandtschaft von Begriffen eben beifiel. Ich würde sie als einen überflüssigen Beleg nicht einmal der Mühe wert halten meinen vorhergegangenen anzuhängen, nähme ich in dieser ungeduldigen Stunde nicht selbst nur zu gern alles mit, was mich, bei dem ewigen Außenbleiben meiner Pferde, nur im mindesten zu zerstreuen vermöchte. Zudem kann man auch nicht wissen, ob nicht mein Geschichtchen recht gut bei dir angewendet sei. Deine Verdienste werden dich doch über lang oder kurz an das Ruder eines Staats bringen. Zufällig könnte es ja wohl eins sein, das aus seinem natürlichen Schwung und bloß aus der Ursache gekommen wäre, weil kein Mensch den Verstand hatte, es darin zu erhalten. Meine Erzählung liefert nun, wie du sehen wirst, eine recht gute praktische Anweisung hierzu. Sie ist nicht, wie so viele andere, die von Höfen in Umlauf und nichts weniger als bewiesen sind, aus der Luft gegriffen. Nein, guter Freund, die meine ist aus Quellen geschöpft, wie sie wohl selten einem Geschichtschreiber zu Gebote stehen. Ich wüßte zugleich keine auszutreiben, die, ihren belehrenden Inhalt ungerechnet, geschickter wäre, mich über meine gegenwärtige drückende Lage zu erheben. Welche wohltätige Eigenschaft der Seele ist doch eine lebhafte Erinnerung! Ein einziger Rückblick, den ich über ein paar Dutzend verflossene Jahre werfen muß, um auf den Zeitpunkt der Begebenheit, um auf die schöne Nebenrolle zu kommen, die ich dabei zu spielen das Glück hatte, wie freundlich tröstet er mich über meine mißlungene auf jenem bezauberten Sofa, den ich, übelgelaunter als je einen, eben verließ. Mögen meinetwegen die Postpferde bis in die sinkende Nacht ausbleiben, ich habe Zeitvertreib genug für mich und meine Feder gefunden. Es war ein gewisser, Gott weiß warum? verabschiedeter Kammerherr, eben des Hofs, von dem die Rede ist, der mich zuerst auf die Spur brachte. Er hatte aus seinem politischen Schiffbruche nichts weiter gerettet als eine mäßige Pension, die er in unserm wohlfeilen akademischen Landstädtchen verzehrte – einen ironischen Zug um seinen zahnlosen Mund und eine ganz eigene verblümte Sprache, wenn ihm, als einem alten Praktikus, die Laune ankam, meine Träume von dem Glück und den Sitten der großen Welt zu berichtigen. – Gewohnt, mich wöchentlich zweimal zu besuchen, um lieber in meinem freundlichen Gartensaale als unter den Tabakswolken des lärmigen Kaffeehauses die Zeitungen zu lesen, fand er mich auch eines Abends, ein Blatt davon in der Hand, setzte sich mit dem andern, das auf meinem Tische lag, in eine Ecke am Fenster, und »hören Sie,« – rief er mir bald nachher zu – »was mir hier für eine unerwartete Neuigkeit, mit Schwabacher Schrift gedruckt, in die Augen leuchtet. Nächsten Sonntag vermählt sich unser Erbprinz mit der Durchlauchtigsten Tochter des benachbarten Fürsten. Das ist doch wieder eine der Ehen, wie sie nur in diesem hohen Hause geraten und gedeihen – ein Kinderspiel, wenn Sie wollen, voll grillenhafter Mysterien mit denen Ihnen sonder Zweifel Ihre Herren Professoren der Statistik und Geschichte schon längst den Mund gewässert hätten, wenn es nicht eben Mysterien wären, die aber ihren wohltätigen Einfluß auf das Ganze, so gut wie das Geheimnis der Freimaurer, von einem Jahrhunderte zum andern, durch eine ununterbrochene Stufenfolge braver Regenten bewährt haben. Alle Vasallen haben Gott anzurufen, daß er auch gegenwärtiger Verbindung gleichen Segen erteile, und auch Sie, junger Herr, könnten deswegen künftigen Sonntag schon ein Vaterunser mehr beten. Denn sehen Sie, wenn Ihr alter Hagestolz von Oheim in die andere Welt geht, und Sie nun, Freundchen, in der unsern an die Stelle eines Sohnes treten, den er, als ein ungeschickter Steuermann auf dem schwarzen Meere einer wilden Ehe, gleichsam über Bord warf – und Sie nun seine beiden schönen Rittergüter erkapern, die Ihnen das Standrecht unserer lieben ungerechten Lehnsverfassung zuspricht, – haben Sie es da nicht für einen doppelten glücklichen Zufall anzusehen, daß solche in dem herrlichen Gebiet unsers angebornen Beherrschers liegen – und wäre es nicht für Sie so traurig als für alle und jede im Lande, wenn dieselbe Sünde, die Ihr abgelebter Vetter an seinem eigenen Fleische und ritterlichen Blute beging, und die ihm jetzt, wenn er Sie ansieht, aufs peinlichste am Herzen naget; – wenn, sage ich, ein gleicher oder ähnlicher widersinnlicher Verstoß gegen die Ordnung, die im schönsten Flor prangenden und vom ersten Stamme bis zu dem jetzt aufblühenden Sprößling treu erhaltenen Besitzungen unsers Fürsten unter seine saubern, mit Schulden und Lastern beladenen Herren Erbverbrüderten versplitterte, vor deren Regierung uns Gott in Gnaden bewahren möge. Sie, lieber Wilhelm, haben freilich gut lachen, ich verdenk's Ihnen auch nicht, aber noch weniger kann ich es einem bemittelten Manne verdenken, wenn er allen lachenden Erben, die oft schon von weitem nach seinem offenen Torweg schielen, so früh als möglich einen Riegel vorschiebt, wie den Hausdieben. Vor unserm Erbprinzen, der sich schon gegen solche Laurer in Positur setzen wird, ist mir nicht bange, desto mehr aber für seine junge Gefährtin, die ich schon im Geiste bei ihrer Einweihung in jene Mysterien Augen machen sehe, wie groß!« Auf mein hingeworfenes Warum? rückte er seinen Stuhl näher. Wir sind allein, dämpfte er seine Stimme, – und Sie geben mir die Hand, daß Sie schweigen wollen. – Ich versprach's; es ist aber so lange her, daß ich wohl, ohne Nachteil des längst begrasten Erzählers, mein Ehrenwort brechen kann. Auf der linken Seite der Burg, zischelte er mir ins Ohr, erhebt sich, wie angeklebt, ein uralter roter Turm, dem es von außen kein Mensch ansieht, was er alles enthält. Der obere Stock ist zu einer Art Kapelle eingerichtet, die an ein großes Schlafzimmer mit einem mächtigen antiken Paradebett stößt. Den untern Raum bewohnt, umringt mit allerlei Hexengeräten, eine vermaledeite Zigeunerin, von der ich Ihnen aus eigener Erfahrung tausend heimtückische Streiche erzählen könnte. Man beehrt sie allgemein mit dem Titel der klugen Frau , doch nicht bloß deshalb, weil ihre gelbsüchtigen Augen manches entdecken und verraten, wobei die duldsame Oberhofmeisterin die ihrigen zudrückt, auch nicht darum, weil sie aus der Ehren- und Lebenslinie einer Jungfrauenhand Romane schneidet, als man deren so abenteuerlich keine in unsern Buchläden findet, auch ebensowenig des ziemlich zweifelhaften Talents wegen, aus den Kankergespinsten, die ihr zu Gesichte kommen, Hitze oder Kälte bestimmter vorauszusagen, als ein florentinisches Wetterglas; – sondern weil das abergläubische Volk als gewiß voraussetzt, der allsehende Gott befördere zu dem schlüpfrigen Posten, in den sie durch den Tod ihrer Base und Vorgängerin vor vierzig Jahren gerückt ist, immer nur eine kluge Frau, die am Schlusse eines so wichtigen Tages, als übermorgen, den Einfluß, den er auf das Schicksal des Landes haben werde, so klar wie in einem Kristall vorhersähe. – Was, dachte ich, wird aus diesem Windeie seiner Einleitung wohl für ein Molch herauskriechen? – schlug die Arme ineinander und spitzte die Ohren. Ob nun schon, fuhr er mit dogmatischer Weitläuftigkeit fort, dies heilige Amt, wie die Erbämter bei Kaiserkrönungen, nicht eher etwas gilt, als bis es, hier ein häusliches – dort ein politisches Bedürfnis, das vielen oft nur zu lange ausbleibt, auf eine kurze Zeit in Tätigkeit setzet; so wird es ihr demungeachtet von allen unsern Staatsdienern beneidet, die Sinn für das Schöne und gesunde Augen im Kopf haben – und zwar nicht ohne Grund; denn es verhilft dieser sogenannten klugen Frau nun schon, seit sie die Kapelle besorgt, künftigen Sonntag zum drittenmal zu einer Augenweide, für die wohl gern ein römischer Augur, dem, wie Sie wissen, nur oblag, sich in den Gedärmen der Opfertiere zu bespiegeln, die seine vertauscht haben würde. – Und zwar steigt sie aus ihrem Raupenstand in derselben Stunde zu dieser Ehre empor, wo die kleine Adamstochter, bloß wie ein Nebelstern, zu der Warte des Günstlings im Aufsteigen ist, dessen Nächte sie erleuchten soll, ohne zu wissen, wie? denn ich traue der lieblichen Unbefangenen zu, daß ihr die Rolle, die sie spielen soll, ebenso fremd ist, wie sie es der Tochter des Roi bien faisant , als Braut eines in allen und jeden Regierungsgeschäften unwissenden königlichen Neulings, gewesen sein würde, wäre nicht noch zur rechten Zeit die dienstfertige Marquise de Prie beiden in ihrer artigen Unwissenheit zu Hülfe gekommen. – »Lieber Kammerherr,« unterbrach ich ihn hier, »ich will ein Schelm sein, wenn ich ein Wort von Ihren gelehrten Anspielungen verstehe.« – »Nun dann, um Ihnen verständlicher zu werden,« erwiderte er, »darf ich Sie nur ganz kurz von einem in dieser Familie seit der Ritterzeit bestehenden Hausgesetze unterrichten, so unerhört es auch in andern erlauchten Häusern sein mag. – Es verbindet nicht nur jeden Erben des Fürstentums, wie es dermalen auch unsern sechzehnjährigen verband, seine zur Erhaltung, des edeln Stammes benötigte Gehülfin weder auf Messen, Hofbällen, noch in andern Festivitäten, mit einem Worte, nirgends anderwärts aufzusuchen, als allein in den Zwingern der Kinderstuben. Was aber beinahe noch auffallender ist, so legt es zugleich jeder nach der Vorschrift erwählten jugendlichen Schönen die unerläßliche Pflicht auf, ehe sie den letzten Schritt tun darf, der ihre, bereits durch die Beistimmung der Eltern, durch die Eheberedung, den Ring am Finger und den priesterlichen Segen erlangten Ansprüche auf ihren Verlobten bestätiget, ihre, wie soll ich mich doch bescheiden genug ausdrücken – ihre eigentümlich angeborne Ausstattung den prüfenden Blicken der geheimen Güterbeschauerin zu unterwerfen, die zu der Zeit eben hierzu angestellt und verpflichtet sein wird. – Nach genauer Wahrnehmung alles dessen, was etwa wahrzunehmen ist und wovon der begaffte Gegenstand oft selbst keine Silbe weiß, hat so ein Weib das Recht, zu beurteilen, ob es dem künftigen Mitbesitzer gnügen werde oder nicht. – Nun kann ich mir lebhaft vorstellen, wie in der Geisterstunde des nächsten Sonntags unsere alberne Pythonissin, auf ihrem mit Kerzen umleuchteten Dreifuß, gleich jenem bis in den dritten Himmel entzückten Apostel, der unaussprechliche Dinge sah, die vor ihm noch kein Auge gesehen und von denen kein Ohr gehört hatte, sich von der einen Seite wie eine Närrin brüsten, von der andern aber ebenso gewiß wie ein höllischer Geist erzittern wird, wenn ihm ein heiliger Engel in seinem ätherischen Glanze erschiene. Mit welchem ungleich reineren Anschauen und männlichern Nachdenken würden nicht bei so einer Gelegenheit die Augen eines Philosophen dem hohen Berufe weiblicher Schönheit bis auf den kleinsten zwar, aber in dem großen Brennspiegel der Natur wirksamsten Fünkchen nachspüren! Wie würde die Betrachtung Seelen, wie die eines Haller, Büffon und Harvey erschüttern, daß der Schöpfer und Regierer unzähliger Welten, die Erhaltung der unsrigen einem kaum merkbaren Atom übertrug und in seiner Dämmerung den Zunder verbarg, der die erloschenen Menschengeschlechter zu neuem Aufleben wieder anzufachen und, ohne es selbst zu ahnden, alle Jahrhunderte zu einer ewigen Fortdauer aneinander zu reihen geschickt ist. Und einer elenden, unverständigen Dienstmagd, die, wenn das Glück gut ist, höchstens aus seiner Strahlenbrechung, wie aus dem flatternden Gewebe ihrer Spinnen, nur gemeine Tageserscheinungen zu folgern weiß, konnte ein abgeschmacktes Herkommen, ohne Zuziehung, wenn auch nicht des dabei am meisten interessierten Teils, doch wenigstens eines Landes-Deputierten, die richterliche Gewalt einräumen, unwidersprechlich zu entscheiden – (Pardon! junger Herr, wenn ich aus Ehrfurcht gegen eine angehende Landesmutter den Schleier der Allegorie über die heiligen Urkunden werfe) – ob dem himmlischen Meteor schon in der laufenden Stunde oder erst nach mehrern Mondwechseln oder gar nicht der Eintritt in den ehelichen Tierkreis zu gestatten sei. Während der nächtlichen Beleuchtung dieses Zweifelknotens betet für dessen fröhliche Auflösung der Hofkapellan zu Bekräftigung seines am Traualtare darauf abgezielten Segens. Auch die geheimen Staatsräte bleiben in dieser mystischen Nacht in banger Erwartung solange versammelt, bis ihnen eine Botschaft der wachthabenden Fee aus ihrem Schlupfwinkel kund tut: »Das allsehende Auge der Vorsehung habe die prophetische Sehkraft der ihrigen vollkommen gerechtfertiget. Die Herren könnten nun getrost auseinander und schlafen gehen; ihre politischen Hoffnungen wären durch den schönsten Erfolg gekrönt.« Und wie der Pöbel zu Neapel in Staatsbedrängnissen vor den Pforten des Tempels, der das Wunder seines Aberglaubens – das verdickte Märtyrerblut des heiligen Januarius – in einer goldnen Kapsel verwahrt, kniend der Ankündigung des Prälaten entgegenharret, daß seine Fürbitte bei Gott es endlich zum Fließen gebracht habe; – so belagert auch hier der unruhige Volkshaufe die geheimnisvolle Burg so lange, bis die Turmwächterin zum Zeichen, daß die Wohlfahrt ihres Landes fester als die so vieler andern gegründet und das altweltfürstliche Haus durch einen neuen Tragbalken vor seinem Einsturze gesichert sei – zu ihrem Fensterladen eine brennende Laterne aushängt. – Sie können wohl denken, mein Herr, wie der allgemeine unerträgliche Lärmen beiderlei Geschlechts, den die Gauklerin so gewiß wieder als die vorigen beiden Male, wo es meine eigenen Ohren empfanden, in der Residenz veranlassen wird, manchen ehrlichen Mann, den nicht etwa selbst die Umarmung einer Geliebten munter erhält, in dem Schlafe stören muß. Unbegreiflich ist es daher gar nicht, warum sie in einem Wirkungskreis von so bedeutendem Umfange mehr Ehre und Besoldung genießt, als der erste Minister. Auch trägt sie die Nase höher als er, und damit sie ja in ihrem Amtsgeschäfte keinen Schein von Beweisen übersehe, auf die sich ihr Richterspruch gründet, trägt sie noch obendarauf eine Brille. » Qu'après demain – Dieu le grand Dieu confonde. « Hier stampfte er mit dem Fuße und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Ist der Mann toll, dachte ich. Was in aller Welt geht dich doch die alte Runkunkel samt ihren Deukereien, ihrer Brille, ihren prophetischen Spinnweben, und was geht dich vollends der alte Groll an, den er, Gott weiß aus welcher Ursache, gegen sie gefaßt hat. – »Aber, lieber Kammerherr,« wendete ich mich lächelnd an seine verstörte Miene, »was hat es denn nun eigentlich für eine Bewandtnis mit der Kapelle, die Ihnen über dem alten Weibe ganz aus den Augen gekommen ist?« »Diese steht,« kam er endlich wieder ins Gleis, »außer jener Blindschleiche, die einen Tag um den andern dort herumkriechen und kehren muß, unter dem alleinigen Verschluß des jedesmaligen Regenten, zu der er, nach dem Testamente seines Ahnherrn, sogar seinem Sohn und Erben den goldnen Schlüssel nicht eher, als in der Stunde seines Beilagers, anvertrauen darf. Zugleich wird dem jungen Prinzen aus dem Hausarchive eine von dem ersten Stammvater entworfene Schrift versiegelt eingehändigt, die er den Morgen darauf auch mit seinem Petschafte bedruckt, wieder zurückliefern muß – und die, was glauben Sie wohl? den Neuvermählten unter den drohendsten Beschwörungsformeln verbietet, das hochzeitliche Bett zu besteigen, bevor sie nicht in der hinter der Tapete verborgenen Kapelle ihre Andacht verrichtet hätten. – Trotz des heftigen Gegenstoßes von widereinanderlaufenden Empfindungen, den ein so unerwarteter Befehl bei jedem hervorbringen muß, dem er in dem kostbarsten Augenblicke seines Lebens in die Ohren gerasselt kommt, ist nun schon seit undenklichen Zeiten dieses sonderbare Herkommen wie ein elektrischer Schlag von Vater auf Sohn in dem festen Glauben übergegangen, daß an dessen gewissenhafter Befolgung das Glück des Fürsten und die Wohlfahrt des Landes gebunden sei, so wie es nicht umsonst durch die Zeichen und Wunder verkündigt worden sei, die den begeisterten Augen der unzähligen Sibyllen im roten Turme vorüberzogen. Lange wähnte man, der mysteriöse Turm verwahre unter Aufsicht eines weiblichen Drachen das Arkanum der Adepten. Da sich aber ein Finanzminister nach dem andern erbot, den Ungrund dieses Gerüchts aus den Kammerakten darzutun, so würde sich noch keine Seele rühmen können, das Geheimnis erforscht zu haben, hätte sich nicht das liebe Ungefähr ins Mittel geschlagen. Der jetzige Herr, der den Hang seiner nun in Gott ruhenden Gemahlin zur religiösen Einsamkeit kannte, ließ ihr, da er eben auf die Hirschbrunst verreiste, den goldnen Schlüssel zu der abgelegenen Kapelle zurück, um sich durch frohe Erinnerungen an ihre hier genossenen glücklichen Stunden über seine Abwesenheit zu trösten. Was er aber nicht erwartete, geschah. Die Hochselige verlor ihn eines Morgens am Eingange der heiligen Halle. Ein Kamerad und Blutsfreund von mir fand und hielt ihn für den seinigen, und versuchte ihn an dem zugehörigen Schlosse, das er ohne Mühe öffnete; der Zufall, dachte er, soll mir nicht umsonst diesen Fund in die Hände gespielt haben, und so bemächtigte er sich der so viele Seculn hindurch verheimlicht gebliebenen Wahrheit mit innigster Freude, und bei der langen Entfernung ihres rechten Besitzers mit aller Bequemlichkeit. Einst, in einer traulichen Abendstunde, entdeckte er mir sein Abenteuer unter dem Siegel der Verschwiegenheit Auch sind Sie der erste, dem ich es unter gleicher Bedingung aufs Herz binde. Nach der Beschreibung meines lieben Vetters sollte man die fensterlose Rotunde eher für das Museum eines Liebhabers der Kunst, als für ein Betzimmer halten, denn mit diesem hat sie nur eine entfernte Ähnlichkeit. Sie ist mit einem gläsernen Kuppelgewölbe überspannt, durch welches in der Nacht die Sterne magisch herabschimmern. Doch scheint es, der verständige Erbauer habe aus eigener Erfahrung sehr richtig geschlossen, daß die beiden hieher verlockten Andächtigen sich und das Irdische nicht so weit aus den Augen verlieren würden, um nach dieser eine Weile angestaunten ätherischen Beleuchtung nicht auch einer ihren menschlichen Sinnen behaglicheren entgegen zu sehen – und in diesem wohlberechneten Augenblicke bricht, wie aus einem Krater, eine Lichtmasse aus der Tiefe des roten Turms herauf, die ihre dunkeln Ahndungen aufklärt und zugleich, indem alles, was sie umgibt, Farbe und Beleuchtung erhält, eine Sammlung trefflicher Malereien bestrahlt, die ihre bänglich gestimmten Herzen auf einmal belehrt, was Gott, Natur und Fürstenpflicht in dieser feierlichen Stunde von ihrem Dasein verlangen. Nun frag' ich Sie selbst, mein Herr! ob einem mit diesen ernsten Anforderungen unbekannten Kinde nicht grün und gelb vor den Augen werden muß, wenn es so ohne alle Vorbereitung in solch einen Zauberstrudel gerät, gegen den die glänzendste Oper nur eine Armseligkeit ist? Die übrigen Verzierungen dieses Heiligtums bestehen in zwei großen Wandspiegeln, die von dem Fuße des sammetnen Teppichs auf bis an das obere Gesims steigen und alles auffassen und treu abgebildet zurückgeben, was sich ihrem Strahlenkreis nähert. An den beiden Seiten eines jeden blinket eine niedliche Handbibliothek hinter vergitterten Schränkchen hervor, über die Genien und Amoretten von karrarischem Marmor Wache – statt des Gewehrs aber ein blauseidnes Schnürchen in der Hand halten, das die mattherzigste nur mit einem Finger anziehen darf, um diese reichen Schätze geistiger Erholungen zu entriegeln. In der Mitte der Rotunde bläht sich ein einzelner elastischer Sofa, dem Hochaltare gegenüber, auf welchem in einem ziemlich abgenutzten Einbande, gleich dem Buche des Schicksals, die Annalen des fürstlichen Hauses bis auf die leeren Blätter aufgeschlagen daliegen, die zur Fortsetzung bestimmt sind. Am Anfange des Werks steht die Vorrede von der eigenen Hand des Stifters. Mein Vetter hat mir eine Abschrift davon gelassen, die ich Ihnen gelegentlich zum Versuch mitteilen will, ob es Ihnen besser gelingen wird, als mir, das Kauderwelsch zu enträtseln.« Hier schien es dem guten Manne einzufallen, daß ihn wohl der Zeitungsartikel zu einer größeren Schwatzhaftigkeit möchte verführt haben, als einem pensionierten Kammerherrn anstünde – er legte auf einmal das Blatt verdrießlich auf den Tisch, griff nach Hut und Stock und eilte nach der Tür. »Warten Sie nur einen Augenblick,« hielt ich ihn auf, »bis ich meinem Bedienten geklingelt habe, um Ihnen nach Hause zu leuchten. Unmaßgeblich könnten Sie ihm auf seinem Rückwege die versprochene Vorrede mitgeben, wenn Sie solche bei der Hand haben.« »Wohl!« sagte er, und verließ mich. Bald darauf händigte mir mein Laternenträger die Handschrift ein. Ich hatte mich inzwischen in mein Studierstübchen zurückgzogen, und ohne daß ich prahlen will, war mir nach drei Stunden, mit Hülfe meines Glossariums, eine verständliche Übertragung der alten Urkunde in reineres Deutsch so vollkommen gelungen, daß ich vor Freude den Kammerherrn hätte küssen mögen; denn erst jetzt sah ich, um wie ungleich mehr mir seine Unkenntnis in den Schriften der Vorzeit wert war, als sein im Grunde verworrenes Geschwätz. Der Stiftungsbrief des edeln Erbauers jener Kapelle enthält neben manchen andern Vorschriften einen ungemein treuherzigen Zuruf an seine männlichen Nachkommen. Man sieht in jeder Zeile, wie gut er es mit ihnen meint und wie viel ihm an der echt ritterlichen Fortpflanzung seines Geschlechts gelegen sei – und obschon die Sicherheitsregeln, die er ihnen bei der Wahl ihrer Ehehälften empfiehlt, von unsern verfeinerten Sitten so himmelweit abgehen, als das Heldenbuch von Geßners Idyllen, so kann man doch bei den Grundsätzen, von denen er ausgeht, höchstens die Achseln zucken und lächeln, ohne gerade seine Ansichten zu verwerfen – So bestimmt er z. B. eine jährliche Extrasteuer zum Gehalt einer erfahrnen und bis ins Grab verschwiegenen Matrone, die er, von der standesmäßigen Übergabe seiner Verlobten, zur Beglaubigung ihrer jungfräulichen – und nachher zur Bewachung ihrer Würde als Landesmutter ohne Einfluß ihrer Oberhofmeisterin angestellt wissen will. Diese Stelle seiner Vorrede, mit allen den einzelnen Anweisungen, die ich jedoch vor der Hand noch übergehe, gab mir einen ganz andern Begriff von den Pflichten der ehrwürdigen Bewohnerin des roten Turms, die mir kurz vorher der Kammerherr mit so grellen Farben schilderte. Während dem Entziffern der gotischen Buchstaben der veralteten Urkunde war der Wunsch bei mir rege geworden, die beiden Pilger vor dem Eintritt in die Kapelle persönlich kennen zu lernen. Meinst du nicht auch, daß es in unsern moralischen sowohl als physischen Studien einen eigenen Spaß macht, wenn wir bei der Puppe eines Zwiefalters, die scheinbar tot vor uns liegt, die Farbe seiner Flügel und die Lebhaftigkeit vorher zu erraten gesucht haben, mit der wir ihn, nach seiner Ausbildung, dem ängstlichen Naturzwange entschlüpfen und, erstaunt über seine schöne Verwandlung, mit funkelnden Augen dem blühenden Jelängerjelieber zuflattern sehen. Jung und sehr geneigt zu so einem Gedankenspiel, wie ich damals war, kam es mir auf eine Reise von ein paar Meilen nicht an, um mir einen so unschuldigen Zeitvertreib zu machen. Ich entschloß mich kurz, ließ meinen Staatsrock einpacken und richtete es so ein, daß ich am Abend vor der Festlichkeit in der Residenz eintraf. Aber hier, wo ich vor dem grünen Lorbeerbaum still hielt, schien es, als ob mein guter Genius Zeit und Ort so richtig abgemessen hätte, um mir das Vergnügen einer wohltätigen Handlung zu verschaffen, die, zehn Schritte weiter, nicht mehr möglich war. Denn in dem Augenblicke, da ich den Schlag meines Wagens hinter mir zuwarf, war eine in schwarzen Flor verkappte Fremde im Begriff, aus dem ihrigen zu steigen, verfehlte aber den Tritt und hätte, ohne mein schnelles Zuspringen, Gott weiß, welchen häßlichen Fall auf das Steinpflaster getan. Vor Schrecken konnte sie nur einsilbige Danksagungen herstammeln. Sie zitterte noch an meinem Arme, den ich ihr, ohne noch zu wissen, wie jung und schön sie war, aus bloßem Antrieb gemeiner Höflichkeit darbot, um sie durch das Gedränge des Gasthofs hindurch in das Zimmer zu führen, das man ihr anwies. Ein noch günstigerer Zufall machte mich hier – so verschieden sind, bei aller Familienähnlichkeit, die verschwägerten Horen unseres Lebens – näher noch zu ihrem Nachbar, als ich es bei Klärchen geworden bin. Das Haus war so von Fremden besetzt, daß mir der Wirt nur ein Hinterstübchen ohne Ausgang einräumen konnte, das von ihrem Zimmer bloß durch eine Tür getrennt war, die man jedoch von der einen wie von der andern Seite verriegeln konnte. Der Fehltritt des, wie ich nun sah, höchst lieblichen Mädchens, erleichterte ungemein unsere Bekanntschaft. – Wir wechselten zuerst unsere Namen gegeneinander aus. – Der ihrige, sagte sie, den sie vor achtzehn Jahren in der heiligen Taufe erhalten, sei Amanda. – Der ist doch, erwiderte ich, um das Gespräch in Gang zu bringen, teils sonorischer, teils passender, als so viele, die jetzt Väter die Mode haben, ihren Töchtern beizulegen, wie sie ihnen der erste beste Roman an die Hand gibt, als z. B. Fredegunde, Hildegarte oder Aloisia Sigea und dergleichen. – Mittlerweile wurde ein Eßtischchen mit zwei Kuverts hereingetragen. Ich sah sie fragend an, – sie schien nichts dawider zu haben – und ich noch weniger. Wir hatten einander schon abgemerkt, daß jedem eine andere Gesellschaft lieber wäre, als seine eigene. Ehe wir uns noch vor unserer Erdbeerkaltschale niedersetzten, erfuhr ich schon so viel, daß sie in Geschäften hier sei, die ihr wohl nicht so leicht jemand ansehen würde. Aber jetzt, bevor ich zu den grünen Erbsen übergehe, die ich ihr vorlegte und mit Zucker bestreute, bitte ich dich und euch alle, ihr politischen Schleichhändler, die ihr wohl öfter als ich krumme Wege einschlagen und Schreiber, Minister und Generale bestechen müßt, um hinter Dokumente zu kommen, die in euren Kram taugen, für das Folgende um eine mehr als gewöhnliche Aufmerksamkeit. Es wäre doch möglich, daß sich etwas, einem grano salis ähnliches darin fände, mit dem ihr die Suppen würzen könntet, die ihr für euern Herrentisch zu kochen habt. Eben da ich für die schöne Unbekannte, am Schlusse unsers gemeinschaftlichen Mahls die Flügel eines Rebhuhns abgelöst hatte und nur die beiden Beine für mich behielt, schien sich alles Fremdartige unter uns zu verlieren. Sie trat mir auf einmal – vermutlich um mich nicht länger in Ungewißheit zu lassen, ob sie, mit der ich so ungleich teilte, der Leckerbissen auch wert sei, die mir schon genügten, wenn sie ihr schmeckten – ja, ehe ich's nur von ferne ahnden konnte, trat sie mir – erstaune, Eduard, – in dem Nimbus einer so blendenden Würde unter die Augen, daß ich nicht sogleich wußte, was ich mit der Ehrerbietung und Hoffnung anfangen sollte, die sie mir einflößte; denn dieses reizende Mädchen – denke nur – war nichts geringeres als eine bevollmächtigte Gesandtin der ersten Klasse, wie ehemals die Prinzessin Ursini. – Ich traf so auffallende Berührungspunkte unter beiden an, daß ich meiner schönen Tischgenossin auf keine Weise zu viel Ehre antue, wenn ich sie der verschmitztesten Unterhändlerin des vorigen Jahrhunderts an die Seite stelle – mit Ausnahme der allzugroßen Verschwiegenheit, welche die Neugierigen im Wiener Kabinett jener hochmütigen Frau vorwarfen. Ich würde an meiner Gesellschafterin das offenbarste Unrecht begehen, wenn ich sie dieses Fehlers der Unterhaltung beschuldigen wollte: dafür bewahre mich die Erinnerung ihrer allerliebsten Offenherzigkeit. – Genannte Prinzessin, – wirst du dich wohl noch aus ihrer Geschichte erinnern – war heimlich beauftragt, Staatsgeheimnisse eines fremden Hofs auszuforschen und sie dem ihrigen zu verraten. Amandchen mit ihrer Instruktion war in demselben Falle. – Ich hätte, wäre es darauf angekommen, – meine Parallele zwischen diesen beiden wichtigen Personen, sehr weit, ja bis zum spanischen Sukzessionskrieg ausdehnen können, der nicht, zu seiner ewigen Schande, das Brandmal seiner Veranlassung, das Blutzeichen seines Ursprungs so offen an der Stirn tragen würde, hätte man auch die kluge Vorsicht des mehrmals schon gedachten und gepriesenen Ahnherrn angewandt, die teterrima belli causa , vorher, ehe es zu spät war, von verständigen Matronen beleuchten zu lassen. Die Vergleichung ließe sich noch weiter bis zum Badner und Utrechter Frieden fortsetzen – denn in allen diesen wichtigen Welthändeln hatte die schlaue Französin ihre Hände im Spiel, so gut wie jetzt Amandchen die schönen ihrigen in dem Krieg und Frieden des künftigen Sonntags. – Ich wünschte dir dies alles nicht nur deutlicher, sondern auch so anschaulich zu machen, als es mir in dem süßen Augenblicke wohl werden mußte, wo meine Ohren dem Tenor ihrer Stimme, meine Augen der Geschicklichkeit ihres Atemzugs nachspürten, der manchmal, wie der Zephir aus einem Schmerlenbach, an dem Oberteile ihres Musselins mit ein paar Wellenlinien spielte, die meiner Aufmerksamkeit beinahe eine andere Richtung gegeben hätten. Mir kam es zugleich vor – doch kann ich mich irren, – als ob die kleine Gesandtin sich nicht ohne Grund, mehr auf die Wunder ihrer achtzehn Jahre, als auf die Würde ihrer Mission zugute täte, und ich versprach ihr heimlich, mich darnach zu richten – denn wenn sie mich die reichhaltige Tiefe jener nur erraten ließ, so enthüllte sie mir hingegen diese, wie sie sich selbst ausdrückte, bis auf die Gräten. »Damit Sie doch,« fing sie mit einer ebenso artigen als rührenden Wendung an, »auch erfahren, wer eigentlich die junge Person ist, der Sie als ein schützender Engel in dem schrecklichsten Moment ihres Lebens zuflogen – ach, es durfte nur noch einer vergehen, und es lag ein gutes Mädchen vom gesundesten Gliederbau und erträglichem Äußern zerschmettert zu Ihren Füßen – so darf ich kein Bedenken tragen, meinem so großen Wohltäter im Vertrauen zu eröffnen, daß ich bei der lieben Prinzessin, die morgen nachmittag zu ihrer Vermählung hier erwartet wird, mehr die Stelle ihrer Freundin, in der weitläuftigsten Bedeutung des Worts als, dem Titel nach, die ihrer Kammerjungfer vertreten habe. – Diese unerwartete Nachricht brachte mich so ganz aus meiner Fassung, daß ich in diesem Augenblicke höchst verlegen war, welcher von ihren beiden schönen Eigenschaften ich vorzüglich huldigen müsse. Schon diese Verhältnisse, fuhr sie fort, können es erklären, warum die Frau Fürstin Mutter, dem Wunsche ihrer geliebten Tochter gemäß – damit sie doch eine alte Bekannte in der Stadt fände, mit der sie ein Wort allein schwatzen könnte – mich heute schon und um so viel lieber hieher schickte, weil ihr selbst zu viel daran liegt, bald zu erfahren, wie ihrem furchtsamen Kinde die erste Nacht außer dem elterlichen Hause vergangen sei. Das werde ich nun freilich umständlich genug in der Audienz hören, die sie mir den Morgen nach ihrem Beilager erteilen will; denn das gute Kind kann nun einmal nicht das geringste vor mir auf dem Herzen behalten. – Ach, Gott gebe nur, seufzte ich heimlich, daß kein ungünstiger Ausspruch der Turmwächterin der Braut den Eingang in das Allerheiligste versperre und deine ganze schöne Gesandtschaft, mein gutes Amandchen, zu Wasser mache. – Ob ich nun zwar, fuhr sie mit vielem Anstande fort, gar wohl einsehe, daß die pünktliche Ausführung eines so kitzligen Geschäfts, bei welchem sich wohl selbst die gelehrtesten Männer ungeschickt benehmen würden, nur einer Person möglich ist, die das gute Kind von seinen Windeln an gepflegt und sein Zutrauen in so hohem Grade erworben hat, als meine Wenigkeit; so gestehe ich Ihnen doch, daß ich der Ehre dieses geheimen Auftrags gern überhoben gewesen wäre. Schicklicher würde es ohnehin sein, die Tochter entwickelte der Mutter die beklommenen Gefühle ihrer Seele in einem Handbriefchen, aber beide wissen wir es nur zu gut, wie viel sie mit der Feder vermag – und nun vollends, mein Gott! nach einer so ungewohnten Veränderung! Leider muß ich sonach der armen Kleinen zum Sprachrohr dienen – das ihre Ohrenbeichte aufnehmen und weiter bringen soll; es mag mir auch noch so himmelangst davor sein.« Diese kleinmütigen Äußerungen einer Herzensfreundin und langjährigen Kammerjungfer der jungen Verlobten versprachen mir schon nicht viel Tröstliches über die heiligen Urkunden zu hören, auf die es hier ankam; aber meine Besorgnis stieg noch um vieles höher, je seltener sich das naive Amandchen des allegorischen Schleiers bediente, den der alte Hofmann darüber geworfen hatte. Doch um sie nicht stutzig zu machen, hütete ich mich weislich, sie vor der Hand von meinem Selbstgespräch mehr merken zu lassen, als mir in Rücksicht des Plans dienlich schien, der sich nun unter meinem Scheitel zu bilden anfing. – Ich rief dafür den Aufwärter, uns ein paar Gläser Punsch zu bringen; diese taten auch redlich das ihrige. – Mit einer nachdenkenden Miene, die ihrem Gesichtchen recht artig ließ – und, während sie von dem warmen Getränk nippte, hob sie ihre blauen Augen in die Höhe und schüttelte das Köpfchen. Nein – schien es ihr nicht länger möglich zu sein, ihren innern Ärger zu unterdrücken – nein, es ist unverantwortlich, wie die beiden Höfe die vierzehnjährige Dame behandeln. Nicht eher als gestern, mein Herr, beim Frühstück, von dem ich nicht glaubte, daß es das letzte von mir aufgetragene sein würde, wurden ihr die Ansprüche des Prinzen auf ihr Persönchen bekannt gemacht und der Ehekontrakt vorgelegt, um ihren Namen darunter zu kritzeln. Ich dachte, der Schlag würde mich rühren, als ich ihr die Feder eintunken mußte. Schon vier Wochen lag er hinter ihrem und meinem Rücken ausgefertigt in dem Kabinette des Fürsten, als ob unsereins nicht besser beurteilen könnte als Eltern und Minister, was – hier fiel es ihr ein, noch einmal an den Knöcheln des Feldhuhns zu knaupeln, das sie schon weggelegt hatte, und vergaß darüber den Nachsatz, auf den ich doch so begierig war. Die kindischen Tränen – knüpfte sie nach einem Weilchen den Faden ihrer Erzählung wieder an – welche die arme Unbefangene vergoß, fruchteten ebensowenig, als unsere triftigsten Vorstellungen. Ihr gewiß erfahrner Oberhofmeister sagte es der Fürstin ins Gesicht, daß der Übersprung ihrer Tochter aus der Schulstube in die Lehrstunden des Brautbetts ein wahrer salto mortale sei. Possen, antwortete Ihro Durchlaucht – jener Hof, der um unser Jettchen geworben hat, ist nach einem alten Hausgesetz verbunden, keine zu wählen, die älter ist. Uns bleibt nichts übrig, als der Grille nachzugeben. Der Fehler ihrer Jugend wird nach Jahr und Tag nicht mehr sichtbar sein– und was müßten verständige Leute von der Einsicht eines Fürsten denken, der solcher Lappalien wegen eine so vorteilhafte Verbindung ausschlüge. – Die Länder beider Herren stoßen aneinander, und ich wette, in zweimal vierundzwanzig Stunden gibt es keine Grenzstreitigkeiten – keine Pyrenäen mehr. – An dem Leitband einer solchen Politik wird nun morgen das unschuldige Kind einem Manne in die Hände gespielt, – das ist noch die Frage, dachte ich – den es weder gesehen, noch von dessen Vorhaben mit ihr sie auch nicht den geringsten Begriff hat. Ich bitte Sie um Gottes willen, mein Herr, was soll aus so einer Heirat Kluges herauskommen! Mit dem Prinzen ist es freilich etwas anders – der hat ihre großen Augen, ihren sittsamen Anstand und ihren herrlichen Wuchs schon lieb genommen, als er, wie es nun verlautet, incognito in einem grauen Überrocke, ihrer öffentlichen Konfirmation beiwohnte. Sie war auch damals zum Verlieben – Ich hatte sie auf das schönste herausgeputzt, ein wenig geschminkt, und sie fiel der ganzen Gemeine in die Augen – ich aber wußte am besten, was dahinter steckte – dafür kann aber auch niemand neugieriger auf übermorgen sein als ich – Außer mir – fiel ich der kleinen Verräterin unbedachtsam in die Rede und ließ, um ihr zu zeigen, daß ich wohl auch Geheimnisse zu verschwatzen hätte, ein paar unverfängliche Worte von jener rätselhaften Kapelle fallen; hätte aber bald darüber meinen ganzen Kram verdorben: denn wie ich sie auf die Mysterien dieses Heiligtums fast so neugierig gemacht hatte, als ich es selbst war, – nur unglücklicherweise hinzusetzte, ob die junge Prinzessin nicht billigen Anstand nehmen würde, ihre dort verrichtete Andacht den Ohren auch ihrer innigsten Jugendfreundin preiszugeben, so brachte mein geäußerter Zweifel ihren kleinen Gesandtenstolz in sichtbare Bewegung. – Nun, das wird sich zeigen, antwortete sie mir ziemlich schnippisch. Ich kann nur ausrichten, was mir die Tochter an die Mutter aufgegeben wird, und wäre die Sache ja des Verschweigens wert, so sollte ich denken, werden die einzigen drei Personen, die davon Kunde haben, es auch wohl zu beobachten wissen – Das aber war eben der Stein des Anstoßes, den ich beseitigen mußte; denn, wollte ich nicht auf halbem Wege stehen bleiben, so mußte auch meine vierte Person mit ihren beiden Ohren ihren Anteil davon bekommen. Einer Schwätzerin gegenüber hat ein Aufpasser immer gut Spiel; denn unerachtet mir ihre schmollende Miene sehr deutlich zu sagen schien – du glaubst mich zu überlisten, guter Freund, da mußt du aber leiser auftreten, wenn du das Vögelchen nicht verscheuchen willst, das du in deinem Sprenkel zu fangen denkst – so ließ ich mich dadurch doch nicht irre machen. Ich stimmte nur meine Lockpfeife anders, bald so, bald so, bis ich den Ton traf, den es am liebsten hörte. Ein Wort für tausend! Mein zu jener Zeit eigenes Glück mit dem verschmitzten Geschlechte brachte es endlich dahin, daß mir die liebenswürdigste aller möglichen Gesandtinnen, mit zitternden Lippen, bebender Brust, das Versprechen zustammelte: – von nun an nichts in der Welt mehr vor mir geheim zu halten, es möchte auch daraus entstehen, was Gott wollte. Diesen glücklichen Ausgang, wähnte mein stolzes Herz, wird die schöne Fremde bei aller ihrer Klugheit schwerlich geahndet haben – O ich eingebildeter Tor, der ich immer gewesen bin! – Sie hatte ihn, glaube ich, schon bei unserer Kaltschale vorausgesehen, schon, wie eine geübte Nähterin, beim Einfädeln des Zwirns auf das letzte Knötchen gedacht. So traulich, als man nur in einer Kammer ohne Ausgang sein kann, schlang sie im Auf- und Abgehen ihren weißen Arm um den meinigen. – Jetzt, mein zudringlicher Herr, faßte sie sich kurz, noch ein ernsthaftes Wort. Ihrer unmäßigen Neugier zu gefallen darf ich weder mein Berufsgeschäft aus den Augen, noch mit Verplaudern die Zeit verlieren, denn mit fürstlicher Ungeduld ist nicht zu spaßen. Nun habe ich aber so für mich im stillen vorausgesetzt, daß Sie mich, wenn ich hier abgehe, wenigstens die Hälfte Weges gern – nicht wahr, Sie tun es gern? – begleiten, das hebt denn alle Schwierigkeit. Während ich mich in meinen Reiserock werfe, bestellen Sie das Anspannen – setzen sich neben mir in meinen Wagen und lassen den Ihrigen so lange leer nachfahren, bis Sie sich an den Lamenten meines Beichtkindes satt gehört haben. – Was sagen Sie zu meinem Plan? – »Was ich dazu sage – liebes vorsichtiges Mädchen – ich bewundere ihn, und mache ihn in allen seinen Punkten und Klauseln zu dem meinigen. Kein Alberoni, kein Choiseul, kein Kaunitz hätte ihn den vorliegenden Umständen angemessener entwerfen können. Wahrlich, Sie sind zu einem Gesandtschaftsposten geboren.« Sie erwiderte meine Schmeichelei mit einem herzlichen Händedruck, und wir bestärkten noch – ehe sie die Tür hinter mir verriegelte, unsere gegenseitige Zusage so gut als durch einen körperlichen Eid. Ich warf mich so beruhigt, so mit mir zufrieden, auf meine Matratze, wie ein Spion, der sich mit heiler Haut durch die feindlichen Vorposten geschlichen hat. Den Morgen nach dieser nächtlichen Verschwörung tranken ich und Amandchen noch unsern Kaffee zusammen – dann dachte jedes an nichts weiter, als durch seinen Anputz der Einladung – ich an die fürstliche Tafel – sie an den Kammertisch – Ehre zu machen. Die Scheidelinie, die uns den Tag über trennte, reichte doch nicht – das war unser Trost – bis zu unserer Nachbarschaft im Gasthofe. Mein Wunsch, die ersten Akteurs des heutigen Duodramas kennen zu lernen, gelang vollkommen. Ich kam dem Erbprinzen an seiner Tafel gegenüber zu sitzen, freute mich der schönen ritterlichen Gestalt, und wünschte der Braut in Gedanken Glück zu einem solchen Wegweiser nach der dunkeln Kapelle. Die Ähnlichkeit mit seinem Herrn Vater – der sich aber nach einer kurzen Erscheinung, des Herkommens oder des Podagras wegen, dem Feste seines Sohnes entzog – beruhigte mich über den verlornen Schlüssel seiner Frau Mutter höchstseligen Andenkens. – Wir tafelten in großer Eile. – Der Nachtisch war noch nicht in Ordnung gesetzt, als ein Signalschuß, der die Annäherung der fürstlichen Braut verkündigte, uns alle von dem Konfekt hinweg an die Fenster jagte. Nach Verlauf einer ungeduldigen Viertelstunde kam sie – und ich faltete wehmütig die Hände – dem roten Turme und seinem Zwinger vorbei, in den Schloßhof gerollt, und alle unsere Herzen flogen ihr entgegen, als der glückliche Eroberer des ihrigen, unter dem Lauffeuer der Kanonen und dem Geläute der Glocken, dies betäubte Kind der Natur aus dem Wagen hob. So schön blaß, als ich mir einen sterbenden Engel vorstellen würde, wenn ein solcher sich denken ließe, reichte sie in ihrem Hochzeitstaate ihrem nicht weniger geschmückten Bräutigam zitternd die Hand, und von dieser Minute an nahm meine Seele einen so innigen Anteil an ihrer reizenden Unschuld, daß, wäre es nach mir gegangen, ich die heillose Kapelle gern dem gewöhnlichen Schicksal milder Stiftungen preisgegeben hätte. So lange das Uhrwerk der Etikette fortrasselte, verloren sich alle meine Blicke in den offenen Himmel der ihrigen. – Ich trippelte an dem Schweif des Hofstaats hinter ihr her, als, nach einer kurzen Pause der Erholung, ihr Verlobter diese blaßblühende Rose aus dem Halbzirkel der hochfarbigen Mohn- und Klatschblumen, die ihr ohne Aufhören um die Ohren säuselten, rettete, und mit dieser herrlichen Blume an der Hand, sich in dem anstoßenden Zimmer dem heiligen Mann näherte, der sie an seine pochende Brust befestigen sollte – mit einem Worte, als der Prinz seine schöne Braut zum Traualtare führte. Unaufmerksam auf die – vermutlich stattliche Rede des Kapellans, erbaute ich mich nur an der Wirkung, die sie hervorbrachte, an den kleinen köstlichen Perlen, die den andächtig gesenkten Augen der hingegebenen Jungfrau entfielen. Ich bemerkte mit innerm Schauder, wie bei dem göttlichen Befehl: Seid fruchtbar und mehret euch – die Juwelen ihres Brautkranzes zitterten, und als der Priester nach Auswechselung der Ringe die Verbundenen für das weitere eingesegnet hatte und ein allgemeines Amen die heilige Handlung beschloß, welche Ausdehnung mußte dieses fromme Losungswort nicht bei mir – bei dem einzigen von der mittönenden Gemeinde erhalten, der die Verlegenheiten so genau kannte, die es ihnen nach Verlauf weniger Stunden zuziehen würde. Unter dem Nachsummen der Orgel leitete uns der Stab des Obermarschalls in das Pantheon der fürstlichen Hausgötter – in den prächtigen antiken Speisesaal. Aus der Mitte der Hauptwand strotzte das Bildnis des bärtigen Stammvaters hervor. Über seinem Harnisch blinkte an einer goldnen Halskette der Binde- und Löseschlüssel zu dem Himmelreich seiner Kapelle, den in den langen Nebenreihen seiner beseligten Nachkommen eine nachbarliche Hand der andern zugereicht hatte. Ihre immer freundlicher werdenden Trachten spiegelten das allmähliche Fortsteigen zum bessern Geschmack aufs deutlichste ab, und alle überstrahlte sie diesen Abend ihr letzter Abkömmling mit glattem Kinn und gepudertem Haare in einem goldstoffenen, mit königlichen Adlern und andern Raubtieren verzierten Gewand – eine Huldin an seiner Rechten, die durch Glanz der Jugend, die Anmut des Putzes, die ganze weibliche Linie der heimgegangenen Fürstinnen verdunkelte, die sich zwischen den festen Körpern ihrer Eheherrn, gleich der freundlichen Milchstraße am nächtlichen Horizont – zwischen den Stieren, Löwen, Steinböcken und Skorpionen durchschlängelte. Wie Schatten aus dem Elysium schienen jene alten Ritter ernsthaft auf das heutige Prunkmahl herabzuschielen, das statt der gewaltigen Schüsseln der Heldenzeit – statt der Humpen und goldenen Becher nur mit Reizmitteln des Gaumens – nur mit aromatischen Leckereien – ausländischen, in kristallnen Gefäßen blinkenden Weinen und Spielwerken des ästhetischen Konditors besetzt war – für Gäste und Zuschauer ein sprechendes Symbol unsers verfeinerten Zeitalters, das mit den Faustkämpfen und Turnieren unserer gediegenen Vorfahren zugleich ihre männliche Eß- und Trinklust an ihren Gelagen verdrängt hat. Wie geschwind würde sie auch, wenn sie sich der Schmetterlinge, die die hochzeitliche Tafel umkränzten, durch ein Wunder bemächtigte, ihnen die bunten Flügelchen – die zarten Fühlhörner zerknicken und das feine Nervensystem zerreißen, das ihre lustigen Körperchen zusammenhält. Aber meine betrachtenden Blicke hefteten sich vorzüglich auf sie – die in der Würde der Unschuld – unter einem Thronhimmel – zur Seite eines liebefunkelnden Fürsten dennoch mein Mitleiden erregte. Ich schlich forschend den Bewegungen der reinen Seele nach, die sich aufs herrlichste in ihrem verschönten Gesichtchen abdrückte. Bei jedem Ermunterungsworte, das sein Tenor ihrem Diskant zuflüsterte, brachte das Bewußtsein – heute nacht ein Bette mit diesem Manne zu teilen, aus der Tiefe des Herzens bis über die bescheidenen Grübchen ihrer Wangen alle Blutkügelchen in sichtbaren Aufruhr. Unter ihren niedergesenkten Wimpern zitterte hinterher noch die Angst, daß die vielen Zeugen ihrer Errötung auch den gehässigen Gedanken unartig errieten, den sie sich so gern selbst verschwiegen hätte. Armes Kind, dachte ich, welche Unruhe würde dich vollends ergreifen, könntest du nur von weitem die Vertraulichkeiten ahnden; in die ich gestern mit deiner Busenfreundin geraten bin. Nach drei lästigen Stunden, die sie – die Königin des Festes, trotz der Künste des Kochs, ohne Genuß, und in der mit jeder Minute höher steigenden bangen Erwartung, welche Marterkrone ihr das Ende ihres Ehrentags aufsetzen würde, verseufzt hatte, lockte die Göttin der Tanzkunst mit ihren harmonischen Gehülfen die bunte Tischgesellschaft in die Erleuchtung eines blendenden Marmorsaals. Ein Chor reizender geputzter Nymphen, an den Händedruck mutiger Jünglinge gefesselt, erwartete – sie alle, denen noch der Strom der Jugend durch die Adern brauste – erwarteten nur noch den Eintritt des gefeierten Paars, um ihre Annehmlichkeiten zu entwickeln und auf den Flügeln des hinschwindenden Lebens Freude, Beifall und Verherrlichung des Festes ihres zukünftigen Gebieters zu erjagen. Nur sie, die schönste und edelste in dem strahlenden Kreis, dem Bilde einer nächtlichen Hore gleich, die der verschwisterten Aurora zueilt – eröffnete den Ball mit ihrem Lebensgefährten ohne Einklang mit seinem Frohsinn, und schwebte, walzte und taumelte unter dem Nebel ihres Schicksals ohne Teilnahme an unserer lärmenden Bewunderung. Welch einen sklavischen Zwang mußten nicht während dieses sinnlichen Sturms die Schlangen- und Wellenlinien ihres zarten Körpers unter dem Panzer eines reichen Schleppkleides erdulden – bis nach Vergang einer Stunde das traurige Adagio zwischen einer langen Reihe brennender Fackeln, wie bei einem Leichenbegängnis, die Ermattete zur Ruhestätte ihres Toilettezimmers begleitete. Wiewohl sie nun an dieser letzten Station ihrer jungfräulichen Reize meinen stillen Betrachtungen entschwand, so leistete mir doch der Schimmer der Wachskerzen, deren eine auch ich ihr vortrug, den beruhigenden Dienst, daß ich meine kluge Stellvertreterin dem lieben Kinde nachschlüpfen sah. Wie die verscheuchte Feldmaus der Fabel schlich ich mich nun aus dem Geräusch der großen Welt zurück in den stillen Schatten des grünen Lorbeerbaums und harrte auf die Ankunft meiner Vertrauten. Jetzt, dachte ich, hat endlich der gebietende Stammvater die schöne Urenkelin, wo er sie haben will. Die laufende Stunde ist die erste, wo er sein Puppenspiel mit ihr beginnt, denn ich erinnerte mich aus seiner Vorrede ganz dunkel einer Stelle, die dahin Bezug hatte. Ich holte mein Portefeuille und suchte sie auf – sah aber zugleich, wenn sie mir ganz verständlich werden sollte, wie notwendig es war, einen Augenzeugen über die Umstände abzuhören, die er in seinem tollen Gehirne voraussetzt. Ich kenne – sagte er – aus eigener Erfahrung – die muß doch sehr sonderbar gewesen sein, Eduard – das unerträgliche Frösteln, denn so, glaubte ich, müsse das veraltete Wort übersetzt werden, das da stand, ich aber in meinem Glossarium durchaus nicht finden konnte – das die Reize so unbefangener Geschöpfe mit einer Gänsehaut überzieht, wenn sie zum erstenmal, wie ein Krebs im Frühling, die Schale abwerfen, und ihr zartes Gewebe – ihre natürliche Aussteuer, die mehr wert ist, als die reichste Morgengabe an Gold und Edelsteinen, der Luft aussetzen sollen. Ihr guten Fräuleins – fuhr er zu faseln fort – laßt diesen albernen Schauer, der euch so übel als einem mutlosen Knaben zu Gesichte steht, der seinem Ritter auf der Stechbahn den Schild vortragen soll – laßt dieses alberne Zittern in der kalten Herberge eurer Toilette zurück, ehe ihr die heiße Zone meiner Kapelle betretet, damit das hochgestiegene Barometer der Liebe, das euch gute Tage verspricht, nicht zum Gefrierpunkte herabsinke. – Wie soll sich ein so leidenschaftlicher Junge, als ich hoffe, daß meine Prinzen, Enkel und Urenkel sein werden, benehmen, wenn ihr Liebchen zitternd und bebend vor ihnen steht, und sich jedem Lichtstrahl zu entziehen sucht, der ihr aus der Brust fällt. – Über solchen Grimassen können Momente verloren gehen, die für meine Nachkommenschaft von den wichtigsten Folgen sind. Ob ich gleich die Stelle seines Hirtenbriefes zweimal überlas, konnte ich mich doch nicht über ihren wahren Sinn recht verständigen. Desto mehr freute ich mich auf den Kommentar, den mir eine unverwerfliche Augenzeugin darüber geben würde. Dergleichen spitzfindige Grillen, als diese ist, gingen den turniersüchtigen edeln Herren gewöhnlich durch den Kopf, ohne etwas Übels dabei zu denken, sobald sie sich einfallen ließen, in das Gebiet der Weiblichkeit einzubrechen, wo sie weder Weg noch Steg kannten. Nur ein Spießgeselle der grauen Ritterzeit, der seine Freiwerberei als eine Weglagerung – das Ehebett für einen Tummelplatz, und seine Auserwählte nur in dem Lichte einer gekaperten Christin betrachtete, die ein Sklavenhändler zu Tunis und Tripolis auf offenem Markte feil bietet – nur so ein grob zugehauener Klotz, auf den unsere Stammbäume errichtet sind, konnte jenes verschämte Frösteln einer zarten Haut anstößig finden, das uns feiner gestimmten Jünglingen, wenn wir es nur öfter zu sehen bekämen, als das Wetterleuchten einer sittsamen Natur erscheinen und der moralischen Sinnlichkeit die lieblichste Augenweide gewähren würde. Ich saß vertieft in diesen Gedanken, als ich Amandchens Sänfte vor der Haustüre niedersetzen hörte, ihr sogleich entgegeneilte und sie in ihr heimliches Stübchen führte. Hier warf sie sich theatralisch auf einen Lehnstuhl. Sie sehen, mein Herr, erhob sie ihr sonorisches Stimmchen, und zeigte zugleich auf ihr klopfendes Herz und ihr flatterndes Halstuch, in welchem Zustande ich mich befinde; aber die vergangene Stunde hat mich auch mehr angegriffen, als irgendeine, die ich noch erlebt habe. Ich kenne doch auch ein wenig die Höfe, aber der abgeschmackteste steht gegen den hiesigen in Schatten. Hier regiert kein Fürst, sondern altes Herkommen, denn dies ist immer das erste und letzte Wort, womit sie ihre einfältigen Gebräuche entschuldigen. Es war zum Erbarmen, wie das bis zum Umfallen erschöpfte Kind aus dem Fackeldampf heraus in das Putzzimmer trat, wohin ich ihr nachschlüpfte. Dort empfing sie ein halbes Dutzend Dirnen von den niedrigsten Gesichtern, an ihrer Spitze eine ganz zu ihnen passende Matrone, die das große Wort führte. Ich erboste mich von weitem über die zwölf Hände, die auf das ungeschickteste die junge Dame ihres schweren Brautstaates entledigten. Denn mir – schnippte Amandchen die Finger – ließen die Närrinnen nur die Ehre des Zusehens. So weit entkleidet, daß sie Atem schöpfen konnte, führte man sie – und das war noch das klügste, wenn es lange gedauert hätte, in ein hinter einem Vorhange bereitetes aromatisches Bad, worin man ihr jedoch – damit ja dem Prinzen die Zeit nicht zu lang werden sollte, höchstens acht Minuten vergönnte, mit sich selbst zu vertändeln. Denn als diese verstrichen waren, hob die alte Sibylle die Gardine und trat – denken Sie – mit dem Spiongesicht eines Visitators vor das liebe schüchterne Kind, das dem Bade entstiegen, wie die Venus in meinem Bilderbuche dastand, und mit vorgestreckten Händchen sich in sich selbst zu verstecken suchte. Nur ein Wort – unterbrach ich die Schwätzerin – hatte die Frau nicht eine Brille auf der Nase? Jawohl, antwortete sie, und noch dazu eine der unverschämtesten, die je unter Luchsaugen gesessen hat. Holla! dachte ich, da haben wir ja die Wahrsagerin aus den Spinneweben in ihrer ganzen Glorie. Amandchen, rief ich, nun bin ich so gut wie zu Hause. Das ist mir lieb, versetzte sie, so will ich Ihnen wundershalber nur erzählen, was der Zigeunerin für sinnloses Zeug aus dem häßlichen Munde ging, als sie die schöne Gestalt vom herrlichsten Wuchs und dem tadellosesten Gliederbau abtrocknete. Das ist doch einmal, rief sie in ihrer tollen Bewunderung aus, eine Ausstattung, wie sie nicht leicht einem fürstlichen Hause zugebracht wird; fahren Sie fort, teuerste Prinzessin, wie Sie angefangen haben, das Glück des Landes steht von nun an in Ihren Händen. Unter diesem dunkeln Orakelspruch überreichte sie ihr das mit Spitzen besetzte Brauthemd und ordnete das übrige an. Aber wie man eine junge Fürstin ankleiden muß, war ihnen allen böhmische Dörfer. Sagen Sie mir, mein Herr, sind denn die Stecknadeln erst in neuern Zeiten erfunden? denn in diesem abgelegenen Winkel der alten Burg konnte mein ungeduldiges Jettchen zu keiner gelangen, um ihren Busenstreifen festzustecken. Ich zog zwei Karlsbader aus meinem Halstuch, um ihr aus der Verlegenheit zu helfen, aber dem grämlichen Weibe mußten sie, wie Ihnen gestern, zu spitzig vorkommen, denn sie schlug mir sie aus der Hand, unbekümmert, daß mir darüber, wie Sie sehen, die Zipfel auf die Achsel hängen. Das alles möchte noch hingehen, wie man ihr aber das Miederchen anlegte, in welchem sie die Nacht über glänzen sollte, da kam das gute Kind aus seiner Fassung. Wie, ich bitte euch, liebe Leutchen, lispelte sie gegen die sechs ungeschickten Mädchen, – wie können denn die Schleifen, die ihr so locker bindet, nur eine Stunde halten? Doch, das war so gut als in den Wind gesprochen. Statt aller Antwort griff das alte zauberische Weib nach einer Schnur, die an der Wand herabhing, zog sie an und verursachte dadurch in der Nähe und Ferne der alten Burg ein so durchdringendes Geklingel, daß gewiß dem Taubsten die Ohren davon gegellt haben – und zugleich taten sich in derselben Minute die zwei Flügel zum Eingang in das Brautgemach von selbst auf. Mir lief es, ich versichere Sie, eiskalt über den Leib. Die Alte winkte uns – küßte zum Abschied die Hand ihrer neuen Gebieterin mit einer so verfluchten anmaßenden Miene, als wolle sie ihr sagen: ich bin es, die dich dazu erhob, und meinen nachsichtigen Augen nur, vergiß es nie – hast du es zu danken, daß dich schon heute der Hof und die Stadt für wehrhaft halten. Darauf verbeugten sich auch die andern; ich war die letzte, die sich ihr näherte, und meine Blicke und meinen Händedruck hat ihr fühlend Herz, ich weiß es gewiß, verstanden. Die Alte verließ nun mit steifem Schritte das Zimmer, und das arme Kind blieb ohne alle menschliche Hülfe, so zu sagen, zwischen Tür und Angel stehen, indem auch wir Übrigen, eine nach der andern, uns trollten. Ich empfahl meinen Liebling in einem stillen Gebet der Obhut des Himmels, eilte die Stiegen herunter und blickte noch einmal seufzend nach dem verwünschten Turm, vor dem Sie mir banger gemacht haben, als Sie wohl denken. Das, lieber Herr Nachbar, ist alles, was ich Ihnen für heute zu vertrauen weiß. Meine Offenherzigkeit – ich gestehe es – hat mir Überwindung gekostet. Doch ich war ja – lächelte das gewissenhafte Amandchen, durch einen körperlichen Eid dazu verbunden, das beruhiget mich. Morgen – ach Gott, was werde ich morgen alles zu hören bekommen! – frühstücke und bleibe ich in dem Vorzimmer meiner zur Erbprinzessin erhobenen Pflegetochter, bis sie mir Audienz gibt. Sobald ich abgefertiget bin, sehen wir uns wieder, und das übrige haben wir ja schon der Länge und Breite nach besprochen. Unter dieser tröstlichen Aussicht auf den folgenden Tag suchte nun jedes seine Erholung von der Unruhe des heutigen in den Armen des Schlafs. Blicke, lieber Eduard, nur nicht so verächtlich auf das Garderobengeschwätz, das ich dir, meinem vertrauten Leser, nicht umsonst so weitläuftig ausgesponnen habe. Die Plaudereien eines Kammermädchens und eines in Pension gesetzten Hofschranzen sind wahre Gold- und Fundgruben für jeden, der sich mit der histoire scandaleuse der vornehmen Welt befassen oder gar einer solchen Wunderblume Glaubwürdigkeit verschaffen will, als ich der Mühe wert hielt, dir hier mit der Treue eines Linnée bis auf ihre kleinsten flimmernden Staubfäden abzuzeichnen. Mit den klug ausgedachten Ursachen, warum der alte Patron eine so überaus zarte Pflanze erst an die Luft gewöhnen will, ehe er sie in seinen Kunstgarten versetzt, hat die angeführte Stelle aus seiner Vorrede dich schon bekannt gemacht. Auch sie gehört zu den vielen Auswüchsen der männlichen Phantasie seines Zeitalters – jener unbegreiflichen Zeit, in der ein Sanchez – Svarez – P. Mato und ihresgleichen Folianten über die Jungfrauschaft der Mutter Gottes, mit Erlaubnis der Obern in Druck gaben – in öffentlichen Hörsälen ihre anziehenden Schönheiten zergliederten und mit mystischem Stumpfsinn nachgrübelten, an virgo Maria semen ministrarit in incarnatione Christi . – Damals, wo es Landessitte war, daß in gemischten Gesellschaften edle Ritter mit ihren Pluder- und Pumphosen auftreten konnten, wie deren noch in alten Rüstkammern hie und da zum Skandal aufgehängt sind, und auf die kein noch so freches Weib im Vorbeigehen einen Blick werfen kann, ohne die Nase zu rümpfen oder bis über die Ohren zu erröten – damals, wo nach der gangbaren Mode (die ich bei meinem beständigen Lesen theologischer Schriften, unerwartet in dem Kommentar des berühmten Salmasius über die erste Epistel an die Korinther umständlich beschrieben fand Vid Cl. Salmasii Epistola ad Andr. Colvium super Cap. XI. primae ad Corinth. Epistol. de Caesarie virorum et mulierum coma. Lugd. Batavor. ex officina Elzevirorum MDCXLIV. p. 643. Helveticus etiam virilis scite sexum. discernit expressa parte in braccis quae virum facit. Apud nos olim talis fuit. In quibusdam etiam Galliae locis nuptae in capitis cultu supra frontem praeferunt pro insigni quo distinguantur ab innuptis, virilis membri figura. Viduae inversam eam habent, maritae rectam. Non ad haec pudenda descendendum est ut veste utamur aut ornatu sexus discrimen nimis exacte et graphice repraesentante. Nuditas ut est simplicior, non est etiam multo turpior etc. ) – der Kopfputz des schönen Geschlechts so sinnreich geformt war, daß jeder, der sich einer Dame näherte, ihr gleich an der Haube ansehen – und sich darnach richten konnte – ob sie verehelicht – Witwe oder Jungfrau sei. Ihr freundlichen, sittsamen Augen, wo habt ihr euch doch damals hinflüchten können, ohne vor Schrecken zurückzuprallen! Wie mochte ein ehrbares Fräulein, ohne Empörung ihres Innern, vor dem Spiegel ihre Locken so legen, wenden und kräuseln, als es die Mode verlangte! Was für Empfindungen müssen nicht das Herz einer Witwe in den ersten Trauertagen gefoltert haben, wo sie das Wahrzeichen ihres vorigen glücklichen Standes umkehren und es dem falsch freundschaftlichen Bedauern anderer preisgeben mußte, die es noch prahlend umhertrugen. In Betracht solcher Geistesverirrungen und Anstöße gegen das zarte weibliche Gefühl, ist die Maßregel. die der Graubart nahm, um dem Brautschauer seiner Urenkelinnen vorzubeugen, eine wahre Kleinigkeit, und dennoch, stände mir nicht Amandchens Zeugnis für die Wahrheit, würde ich nimmermehr geglaubt haben, daß es auf deutschem Boden eine Fürstenburg gäbe, wo ein so veraltetes Possenspiel noch gesetzliche Kraft habe. Welcher himmelweite Abstand jener trüben Tage von den aufgeklärten unsern! Die jetztlebenden liebenswürdigen Prinzessinnen, so viel ihrer der Staatskalender aufzählt – ich nehme die kleine aus, die in der laufenden Stunde den Fehler ihrer Jugend und Erziehung büßen muß, wie wenig haben sie, so bald sie über das erste Dutzend Jahre hinaus sind, von einem zu kalten Luftzug der folgenden zu fürchten. Das müßte ein Mikroskop aus der andern Welt sein, das an ihren entblößten Schwanenhälsen die geringste Spur eines Gänsehäutchens entdeckte. Nach ihrer ersten Andacht treten sie, zu allem abgehärtet, mit dem nil admirari des Rousseau in die ihnen geöffnete große Welt. Jede gibt sich, mit Recht oder Unrecht, das Ansehen der erfahrensten ihres Geschlechts. Sie kennen den Rubikon aus den vielen Beschreibungen, die sie vor Schlafengehen gelesen haben, zu gut, um sich nicht – wenn man sie zum Überschwimmen einladet, scherzend dem Spiel seiner Wellen zu überlassen, und sollte ja eine und die andere bei ihrer Landung ein Frösteln überfallen, so erregt es gewiß ein anderes Schreckbild als das einer zu ritterlichen Überraschung an dem jenseitigen Ufer. Diese mutvolle Ergebung in ihr Geschick haben sie den aufgeklärten Begriffen zu danken, die sie aus der Schulstube mitbringen, und die einen so vorbereitenden Unterricht überflüssig machen, als die Marquise de Prie der Tochter des Roi bien-faisant , Braut eines in allen und jeden Regierungsgeschäften unwissenden königlichen Neulings, zu geben genötigt war Vid. Memoires de Richelieu Tom. VI. p. 52. , und haben sie nicht ganz ohne Aufmerksamkeit dem Ballonspiele der Hofdamen mit den aufgeblasenen windigen Herzen ihrer Anbeter zugesehen, und nur ein wenig besonnener als ein Schaf, von dem Salze geleckt, das ihnen, zur Schärfung ihres Züngelchens, dergleichen philosophische Schriften, als etwa die meinigen sind, vorstreute, so wird ihre fein geschliffene kleine Taschenlorgnette das Eiland, auf das sie hinsteuern, hinter dem vorliegenden Nebel so gut entdecken, als Kolumbus mit seinem Fernrohr die neue Welt. Dafür setzen sich aber auch unsere gebildeten Fürstensöhne mit leichtem Anstand über die grillenhaften Vorurteile ihrer ritterlichen Vorfahren hinweg, und weit entfernt, gleich jenen ernsthaft und gerüstet, wie zu einem Zweikampf auf Leben und Tod, zum Puppenspiel der Liebe überzugehen, schreiten sie nach einem angenehmen Herumschweifen in den Irrgarten der Jugend zur Ehe, wie zu einer Ruhebank, die ihnen unter den vielen, aus dem Gesträuche zuwinkenden, die bequemste dünkt, gleichgültig, ob ein anderer hier etwa kurz zuvor ausgeruhet oder gefrühstückt hat. Genug für die ermüdeten Herren, daß sie sitzen. In dieser glücklichen Lage nehmen sie den Blumenstrauß, den ihnen ihre Gefährtin als ein Weihgeschenk darbringt, unbesehens und unbekümmert, ob nicht das Knöspchen der Centifolie ein Blättchen, – die Aurikel ihren feinen Staub verloren – doch als ein unbezweifeltes Unterpfand ihrer ersten Liebe, mit ebenso herzlichem Dank in Empfang, als die edeln Herren der Vorzeit, nur daß sie ihn manierlicher ausdrücken. Diese zudringlichen Gedanken – umsonst schob ich meine Nachtmütze hin und her, um sie zu verscheuchen – kamen mir sehr zur Unzeit. – Die beiden Bundesgenossen mochten sich schon lange über ihr eigenes Glück verständigt und, wie guten Fürstenkindern geziemt, die daraus entspringende Wohlfahrt ihres Landes treulich besorgt haben, ehe ich einschlief. Ich tat die besten Wünsche für ihre Zufriedenheit, die mir noch auf den Lippen schwebten, als ich mit Aufgang der Sonne erwachte. Desto eilfertiger war ich nunmehr mit meinem Anzug und meinen kleinen Geschäften. Ich berechnete mich mit dem Wirt und berichtigte freigebig nebst meiner auch Amandchens Zeche. Es war das wenigste, was ich aus dankbarer Rücksicht unserer verträglichen Nachbarschaft für sie tun konnte – dann nahm ich Abrede mit unserm Kutscher, mußte aber noch zwei ungeduldige Stunden das Fenster hüten, ehe das schwatzhafte Vögelchen ihrem Bauer zuflatterte. Nun, meine teure Freundin! trat ich ihrem heitern Gesichtchen entgegen. – Sie legte aber ihre Finger auf den Mund, winkte mich in mein Stübchen zurück und verriegelte das ihrige. Sobald sie ihre Hofmaske abgelegt hatte, standen auch unsere angespannten Wagen vor der Haustür, unter dem Schatten des Lorbeerbaums. Ohne uns um die Ferngläser der Fremden zu bekümmern, die uns einsteigen sahen, fuhren wir so eilig davon, als fürchteten wir ein Hindernis von Seiten der Polizei, und drückten einander stillschweigend die Hände, bis wir die Stadt, ihre Ehrenpforten von gestern, und die fürstliche Burg mit dem roten Turm im Rücken hatten. Jetzt rief Amandchen dem Kutscher zu, langsam zu fahren, schmiegte ihr Köpfchen an meine Brust und ließ mich nun, um es kurz zu machen, so frei als in ihre eigene, in die Herzenstiefe einer Prinzessin blicken, als wohl noch keine so traulich, beredt und rührend die Szene ihrer Weihe der Mutter entwickelt hat. Mein Puls kam nicht eher zur Ruhe, bis kein Wörtchen, kein Komma, kein Pünktchen mehr an dem kindlichen Bericht fehlte. Die kleine Malerin bildete ihr Original so sprechend nach, daß sie mich sogar mit mehr als einer Kopie des warmen Kusses beschenkte, den ihr die entschiedene Erbprinzessin zum Abschied auf die Lippen gedrückt hatte. Er zitterte so herzlich auf den meinigen wieder, als ob es der lieben Geberin ahndete, daß es, trotz unsers gegenseitigen Versprechens, der letzte Tauschhandel unserer freundschaftlichen Gefühle sein würde. Nunmehr leiste ich auch völlig Verzicht darauf, denn da – um es im Vorbeigehen zu erwähnen, seit jener Epoche, die damals so anspruchslose, schüchterne Prinzessin schon zehnmal Mutter geworden ist, und auf ihren Lorbeern ausruhen könnte, läge ihr nicht eine häusliche Sorge auf dem Herzen, die täglich größer wird; sie sieht ihren Liebling, den ersten Sprößling jener mystischen Nacht, traurig sein schönes Haupt hängen, ohne daß es ihr gelungen ist, es aufzurichten – die Kapelle wird seit verschiedenen Jahren nicht mehr besucht – wie gern würden die liebenden Eltern dem Sohn den goldnen Schlüssel überlassen, bände ihnen der Stiftungsbrief nicht die Hände; denn bis jetzt haben sie sich noch immer vergebens an den Höfen nach einer Fürstentochter umgesehen, die ebenso unbefangen, so wenig erfahren und unterrichtet wäre, als es die Mutter vor ihrem Eintritt in die Kapelle war – so hat, sage ich, die Zeit in ihrem Umschwung, nebst so manchem andern meiner Wünsche, auch die Sehnsucht nach jener liebenswürdigen Gesandtin verzettelt – und ich würde tüchtig erschrecken, wenn sie mir auf meiner Retourreise von Klärchen irgend in einem Gasthof begegnete. Als ich neben ihr in dem Wagen saß, der durch ihren Fehltritt mir so lieb geworden war, die Fenster aufgezogen und die Stores herabgelassen hatte, konnte ich freilich nicht glauben, daß ich zwanzig Jahre nachher mich ihrer in Avignon so gleichgültig erinnern würde. Vom Anfang bis zum Ende ihrer Erzählung waren alle meine Sinne zugleich auf ihre mitspielenden innern Empfindungen gerichtet, die sich mir bald durch ihre funkelnden Augen, bald durch einen nachbarlichen Händedruck, bald durch das Verstecken ihres verschämten Gesichtchens hinter den Schlagschatten des meinigen verrieten und das Kolorit ihrer geschichtlichen Darstellung um vieles erhöhten. »Ich werde«, begann sie, »in meinem Leben nicht vergessen, wie verändert seit gestern die junge Dame mir vorkam, als ich in ihrem Boudoir meine Abfertigung holte. Leuchtend wie ein Cherubim, in ihrer Morgentracht, sprang sie vom Sofa auf, als ich eintrat und »Nantchen! liebes Nantchen!!«–schlang sie ihre beiden Händchen um meinen Hals – »seit du mir gestern mit allen den Närrinnen, die mir den Kopf warm machten, aus den Augen kamst, was für unerhörte Dinge habe ich nicht erlebt. Du kannst sie nicht eher als bis du selber einmal Braut sein wirst – aber auch meine Mutter wird sie kaum glauben,« und nun warf die gute Kleine in der Freude ihres Herzens – wie sie es immer mit ihren Kleidungsstücken zu machen pflegte, – alles, was sie mir vertraute, so bunt untereinander, daß es Not tat, sie in ihrem eigenen Roman zurechtzuweisen, und alles das, was sie bald aus Übereilung zur Hälfte vorausgeschickt hatte und wieder zurückholen, bald das wieder hervorstören mußte, was sie beinahe vergessen hatte – in Ordnung zu bringen. »Das will ich übernehmen, mein gutes Nantchen,« erwiderte ich; »ich will hinterher schon aufräumen – fahren Sie nur fort.« Doch dir zu Gefallen, Eduard, muß ich hier den Strom ihrer Rede durch Einschaltung eines Prologs unterbrechen, der zur Verständnis unsers Dramas nötiger ist, als es nur einer vor den Schauspielen der Alten sein kann. – Der graubärtige Ahnherr trete in seiner Maske auf, und entwickele die guten Absichten seines Plans noch näher, als sie hier und da aus einigen Stellen seiner Vorrede durchgeschimmert haben, damit du aus dem eigenen Munde seiner erlauchten Urenkelin desto gründlicher zu beurteilen vermagst, inwieweit er sie erreicht hat. Vertausche ich auch manchmal, unsern feiner gestimmten Ohren zu Liebe, ein allzuderbes Wort, das ihm in seiner verjährten Sprache über die Zunge sprudelt, mit einem glimpflichern Ausdruck, so will ich doch sorgen, daß es dem Sinne keinen Abbruch tue, und die heroischen Hülfsmittel nicht vertusche, durch die er der moralischen und physischen Erschlaffung vorzubeugen gedenkt, die, wie er glaubt, seiner Nachkommenschaft droht. Sie kann nicht ausbleiben, dachte er, wenn die Herren Erbverbrüderten so fortfahren, wie sie anfangen – wenn sie als einen Damm ihrer ziemlich ausgeschöpften Hoheit, Prunk und Statuen um sich herum stellen, die ihnen jede freie Aussicht in die Natur versperren, und wenn sie immer so hoch auf den Stelzen ihres Standes einher treten, daß kein Blick der Freundschaft – kein Ausdruck der Vertraulichkeit ihre Augen und Ohren erreichen kann, sie flössen ihnen denn von andern Stelzentretern in gerader Richtung zu; und da weiß man schon wie wahr und rührend sie ausfallen. Sie müssen – es ist nicht anders – in ihrer Welt fremd werden, und endlich unter den Possen ihres Anstands erliegen. Was soll, dachte er ferner, anders als Zwecklosigkeit und Langeweile aus ihren ehelichen Verbindungen entstehen, da sie immer nur ein zehnfach verwandtes Blut in dem kleinen Zirkel herumtreiben, auf den sie der genealogische Kalender einschränkt, und wodurch ihre Körper und ihre Seelen einander am Ende alle so ähnlich werden, daß es ein Elend ist? Großer Gott! was soll da Kluges herauskommen, wenn sie aus einer Idylle eine politische Rechnung – aus einem Schäferspiele eine Haupt- und Staatsaktion machen? Der gute Mann blickte dabei mit seinen gesunden Augen in die offene Flur, sah, wie der Baum kränkelt, der nur mit seinen eigenen Ablegern gepfropft wird, – sah, daß der Acker nur kümmerliche Ernten treibt, der mit dem Korne, das er jährlich einbringt, immer wieder besäet wird, – sah in der Wirtschaft des Tierreiches, wie tief am Ende die vollkommensten Rassen herabsinken, wenn man sie zwingt, sich untereinander zu vervielfältigen. Verwies ich nicht schon – fragte er in seinem Ingrimm – manchen Gaul dieser Art in den Bauhof, dessen Ahnherr, nach dem Stallregister, den Kaiser bei seiner Krönung trug, manchen in die Post, der in gerader Linie von der Haquenée, oder gar von dem Bucephalus abstammte? Da entschloß sich der biedere Fürst – in väterlicher Rücksicht auf die gemeinschaftliche Wohlfahrt seines Landes und seiner Erben entschloß er sich, keinen Schwächling in seiner Familie aufkommen zu lassen. Nach langem Hin- und Hersinnen glaubte er es am besten zu treffen, wenn er eine Macht, deren großen Einfluß er nur zu oft an sich wahrnahm – wenn er die wohltätige Macht der Phantasie in den, für das Land gefährlichsten Augenblicken, gegen den kraftlosen Hofton zu Hülfe riefe, und seine Lieblinge – die Erbprinzen, wenigstens in der media nocte ihres Beilagers, durch einen natürlichen Einfall aus der Contenance brächte. Muß ich auch zugeben, da ich es nicht ändern kann – wendete er ein – daß die guten Leutchen, die ich im Auge habe, noch vorher auf dem Burgplatze alle die raren Künste entwickeln, für die ihresgleichen bezahlt werden, wie sie es verdienen, – kann ich auch der tyrannischen Etikette nicht so scharf in die Leine greifen, daß sie nicht erst das arme angekuppelte Paar in Zeremonien müde treibt, ehe sie es bis an den Standpunkt seiner Vereinigung bringet; so wäre es mir doch außer Spaß, wenn ich im Geiste diese Staatspuppen, samt ihrer Kälte, ihrer Erschlaffung und ihrem fürstlichen Anstande, das Paradebett besteigen sähe. Nein! sagte er, das lasse ich nicht zu. Ich will der wohlerzogenen steifen Prinzessin zuvor Gelenke – ihrem niedlichen Gesichtchen erst Ausdruck – ihrem in etwas zurückgebliebenen Busen mehr Schnellkraft, und will dem uralten Geblüte, das in ihren Adern schleicht, Leben und Wärme geben. Sie mag ihrer Oberhofmeisterin Ehre machen, wo sie nur will – aber in dem wichtigen Augenblicke, wo sie nicht nötig hat vornehm zu tun, behalte ich mir, als Stammherr, ihre Zurechtweisung allein vor, und hoffe, so Gott will, sie vor ihrem Übergange zu einem zweckmäßigen, feurigen, natürlichen Mädchen umzugestalten, das, wie Freund Lavater von einer sagt S. Physiognomische Fragmente, zweiter Versuch, S. 122, wo man auch das Porträt der Dame sehen kann, an der diese Kraft gerühmt wird. – denn sein prophetischer Geist sah alle Fragmente der Welt voraus – Kraft hat zu geben und zu empfangen. Mein Prinz – fährt er fort und streicht sich den Knebelbart – soll vor seiner Umarmung erst in einen muntern – gefälligen – verliebten Jungen verwandelt werden, wie sie in der Welt herumlaufen, oder – ich will nicht Hans heißen! Das Fünkchen Liebe, das er aus der Hofkapelle mitbringt, soll in einer ganz andern von meiner Erfindung erst zu Flammen auflodern, – seine Pflichten sollen ihm, wie trägen Kindern, durch Bilder verständlich gemacht, – und seine natürliche Rolle, ehe er sie spielen darf, soll ihm erst so lieb werden, daß er seine angelernte darüber vergißt. Er habe das Opfer, das er zu den Füßen seiner Verlobten für sich und sein Land erbettelt, nur den Verlockungen der Sinne, dem Tumulte des Bluts, habe alles, was er wünscht und erhält, nur dem Zauberstabe der gereizten Einbildungskraft, nichts davon dem Stabe des Hofmarschalls zu danken! Und der brave Stammvater setzte sich hin und fertigte sein ewiges Kanzeleischreiben an alle die Glücklichen aus, die durch ihn und seinen Erbprinzen, für dessen Stammhaftigkeit er selbst patriotisch gesorgt hatte, in der Folge der Zeit zu der Ehre gelangen würden, ihr Vaterland zu beherrschen. Wenn sie auch, murmelte er vor sich, alle meine andern löblichen Anstalten im Lande mustern, meistern und umstoßen, so, denke ich, sollen sie doch nichts wider meine Einrichtung ihrer ersten Nächte haben, da ihnen ja, wenn sie nur das geringste Nachdenken besitzen, ihr eigenes Dasein verbürgen muß, daß ich den Rummel verstand. Und so stiftete er jene Kapelle mit ihrem Sofa – ihrem Stammbuche und ihrem Ornate. Nimm einstweilen mit diesem kurzen Auszuge aus seinem Stiftungsbriefe vorlieb. Könnte ich nur mit ebenso leichter Feder Jettchens Geständnisse aus den Bruchstücken zusammensetzen, die ich von ihrer Vertrauten erhielt. Jene ihres Wegs so unkundige Pilgerin gleicht in der Erzählung ihrer empfindsamen Reise einem Schiffer, der, auf dem unabsehbaren Meere vom Sturm ergriffen, sich endlich glücklich an ein lachendes Eiland getrieben sieht. Er überläßt sich zuerst dem entzückenden Gefühle seiner Rettung, er gedenkt nicht mehr der Wellen, die ihn dahin schaukelten, und möchte sich lieber schämen, wenn er auf die überstandenen Minuten seines Zagens zurückblickt. Ebensowenig kann ich, ohne unbillig zu sein, einem träumenden Kindsköpfchen zumuten, daß es die grausen Phantasien, die ihm bis zum Erwachen vorschwebten, in Zusammenhang entwickele. Ich hingegen, der ich ein Nachtstück zu malen habe, das nicht sowohl zur Zierde meiner Bildergalerie, als vorzüglich zur Beantwortung jener, in diesen Blättern schon mehrmal angedeuteten, Streitfrage der Gelehrten und Naturphilosophen diene, ob es bei Behandlung eines zarten weiblichen Herzens zweckmäßiger sei, ihm auf der Reisekarte der Liebe die Stationen seiner Bestimmung mit roter Tinte zu unterstreichen, oder es ohne Vorbereitung allen Schrecken des Hinscheidens jungfräulicher Unschuld in der Hoffnung preiszugeben, den süßen Lohn, der dahinter liegt, durch Überraschung noch zu erhöhen. Ich darf, wenn ich unparteiisch handeln und nicht ein Gemälde ohne Perspektive und clair obscur , gleich einem Chinesischen, aufstellen will, unsere kleine Unerfahrne auch nicht eine Stufe ihrer kindischen Angst überhüpfen lassen, um mit ihr, eher als es Zeit ist, in die Region des Trostes überzuschweben. Beides muß gegen einander genau erwogen werden, um mit Grund entscheiden zu können, ob der altmodische Ahnherr, der seine Urenkelinnen nicht unbefangen genug habhaft werden kann, oder ob die Erzieherin der jungen Prinzessin recht behalten wird, die erst abwarten wollte, bis der Hofmaler den Kopf des Amor unter ihrer Bleifeder nicht mehr für ein Fratzengesicht erklärte und deshalb Anstand nähme, ihr zum Nachzeichnen die ganze Figur des Götterknaben vorzulegen, bis sie erst mit ihrem Klaviermeister eine vierhändige Sonate ohne Anstoß abspielen, und der junge Kapellan ihr an den Augen ansehen könnte, daß sie seiner Auslegung des sechsten Gebots, die er bis jetzt weißlich überschlug, die gehörige Aufmerksamkeit schenken werde; – denn so lange die Fähigkeiten der jungen Dame nicht bis zu diesem Grade ausgebildet wären, fanden es die Frau Oberhofmeisterin zu bedenklich, sie dem Zügel der Erziehung zu entlassen. Das Unglück – wenn es eins sein sollte – ist geschehen. Es wird sich bald zeigen, gnädige Frau, ob es so groß war, als Sie sich einbildeten. Meine Pinsel sind rein – und an meinem Farbenkasten, der, wie der Seidelmannische, von der Gallenblase des Zitteraals bis zu der brennenden Purpurmuschel fortsteigt, liegt es nicht, wenn meine pittoreske Darstellung nicht so ernsthaft ausfallen sollte, als die seinige. Wir haben gestern, lieber Eduard, die durch Urteil und Recht losgesprochene und zu den großen Pflichten einer Landesmutter für tüchtig erklärte Dame zwischen Tür und Angel stehen lassen. Noch zittert, noch weilt sie und kann es nicht über sich gewinnen, den letzten Schritt in die Dämmerung zu tun, die das Geheimnis ihres Berufs verbirgt – aber da stürmt die Klingelschnur der Zauberin aufs neue und verbreitet ihren Metallklang durch die Hallen der Burg bis zum roten Turm hin. – Die Kleine fährt wie bei einem Erdbeben zusammen, und eilt nun, vom Schreck getrieben, wie ein verscheuchtes Mäuschen, in das spärlich erleuchtete Brautgemach. Stelle dir nur vor, wie einem so zärtlich gebauten Körper nach solchen Anstrengungen – wie einer wohlorganisierten Seele, die alle Martern des Zeremoniells bis auf den letzten Grad erhalten – mit einem Worte, wie der kleinen Prinzessin zumute sein muß, wenn sie nun statt der tröstlichen Aussicht der Ruhe, ein mit Fransen und Federn überladenes Staatsbett schimmern sieht, von dem sie schon den äußeren Ansehen nach ebensowenig etwas Kluges erwarten kann, als sie heute erlebt hat. Wie eine Drahtpuppe, die von der Rolle nichts weiß, die sie spielt – die es von obenher erwartet, welches Gelenk sich zuerst heben – welches Glied sich bewegen soll, steht das gute Kind da, und blickt mit unbelebten Augen – und nur mit dem hölzernen Gefühl der Abhängigkeit nach ihrem Gebieter. Dieser tritt nun, zwar glänzend wie Phöbus – doch ernst und langsam wie ein Bote herein, der von weitem her eine üble Nachricht zu bringen hat. – »Beklagen Sie mich, meine Auserwählte,« redete er sie mit kaltem Anstand und kostbaren Worten an: »In dem Augenblicke, nach welchem ich einen ganzen beschwerlichen Tag gerungen habe, erhalte ich noch ein Kanzlei-Schreiben von meinem Ur-Ur-Urältervater, das ich, großer Gott! vorher noch beantworten soll, ehe ich die Erlaubnis habe, Sie die Meinige zu nennen. Es soll an dieses Zimmer eine Kapelle stoßen, zu der der Höchstselige mir den Schlüssel schickt – Dort sollen wir, beste Prinzessin, auf dem Altare unsere Namen in ein Buch schreiben – dort sollen wir eine heilige Handlung verrichten, auf der, wie sein Brief sagt, das Glück des ganzen Landes beruhe. Was muß der gute alte Mann gedacht haben? Ich bitte Sie, liebe Prinzessin, wo soll ich an Ihrer Seite – ach! würde er mir es zugemutet haben, wenn er Sie gekannt hätte? – nur einen Funken von Andacht hernehmen? Zu einer ungelegneren Zeit, dächte ich, wäre wohl keine menschliche Seele noch in eine Kapelle geschickt worden.« – Die gute Prinzessin denkt im Grund ihres Herzens dasselbe. Sie macht keine kleinen Augen, da sie wieder von Zeremonien hört, vor denen sie wenigstens in der Mitternachtsstunde gehofft hatte, sicher zu sein – Aber sie nimmt sich zusammen. – »Wenn die Landeswohlfahrt darauf beruht,« sagt sie so manierlich, als ob ihre Oberhofmeisterin zwei Schritte davon stände, »so bin ich in Wahrheit auch nicht so schläfrig, daß ich nicht meinen Namen noch schreiben und ein Vaterunser beten könnte.« Sie suchen nun beide die verborgene Tür der Kapelle, und finden sie glücklich dem Brautbett gegenüber, hinter den Tapeten. Der goldene Schlüssel wird versucht – er schließt, und sie stehen, als die Tür hinter ihnen zufällt, zwischen ihr und dem Vorhange des Allerheiligsten. Mit einem Schritt über die Schwelle treten sie in das Innere, der gestirnte Himmel zieht mit seinem sanften Abglanz ihren ersten Ausblick an sich, ein heiliges Grauen umringt sie – eins sucht in dem feierlichen Halbdunkel – und drückt stillschweigend die Hand des andern. Stille Seufzer, die alles, ja mehr enthalten, als was Worte zur Verherrlichung Gottes auszusprechen vermögen, steigen als ein gemeinschaftliches Gebet aus ihren gleichgestimmten Herzen empor und beseligen sie; aber nach wenigen der Andacht gewidmeten Minuten steigt auch in ihnen der Wunsch auf, daß sie einander sehen – an die Brust schließen und die hohen, selbst durch ihre Größe drückenden Gefühle mitteilen möchten. Keine andere Leidenschaft beherrscht sie, als zu danken und anzubeten, und mit dieser Seelenruhe, bei welcher die Welt, ihre Herrlichkeit und ihre Freuden ihren Augen entschwanden – war dem Prinzen der Gang zu seiner Bestimmung beinahe gleichgültig geworden, und sie – indem beide sich anschickten, die Kapelle zu verlassen, ergab sich schon weniger scheu dem Willen der Vorsehung. Aber in diesem Augenblicke treten an allen Ecken kristallene und in Rosenöl brennende Lampen hervor und verbreiten ihr Licht auf jene Meisterstücke der Kunst, die so lebhaft, als wären sie erst diesen Abend fertig geworden, und in solcher Harmonie von der Wand strahlen, daß sie alle zugleich nur auf einen Punkt wirken. Stelle dir nun die großen, beleidigten, unschuldigen Augen vor, die so etwas nie gesehn – nie geahndet hatten. Sie prallen ab, wie sie hinfallen. Die auf das höchste Erschrockene staunt ihren Führer an, der selbst mit den schnellsten Gedanken seiner Überraschung nicht nachkommen kann, und so verlegen vor seiner Braut dasteht, als wenn er die Unartigkeiten aller seiner Ahnherren zu verantworten hätte. Aber wie ganz anders erscheint ihm zugleich seine Geliebte. – So hatte er sie nicht gekannt, so hätte er sie schwerlich in seinem Leben kennen gelernt. Ihre gepreßte Brust hebt sich und fängt ein paar köstliche Tränen auf, die dem Unmut der verwundeten Unschuld entwischen. Sie wagt es nicht noch einmal, zwischen die Lichter hinzublicken, und weiß doch auch nicht, wo sie mit ihren großen blauen Augen bleiben soll. Sie ringt nach einer Erklärung, die sie nicht zu fordern das Herz hat, und tausendmal schöner in der Angst ihrer Jugend, als sie es je in dem Zirkel des Hofs war, entwickelt sie in dem kurzen Zeitraum einer Minute mehr Physiognomie der Seele, als selten ein Fürst zu sehen bekommt, mit jenen feinen Übergängen und sanften Schattierungen, die uns ein Mädchen erst lieb machen, und die, glaube ich, in allen Paradebetten verloren gehen. Das Gedränge nie gefühlter Empfindungen nimmt auf das schnellste zu – die Füße wanken ihr wie einem gemeinen Mädchen, sie sieht nichts, woran sie sich halten kann, als den einzigen Sofa – der immer der beste Zufluchtsort auch für eine müde Prinzessin ist. Hier – dem Altare gegenüber, auf dem die Annalen des fürstlichen Hauses ausgebreitet dalagen – hier war es, wo der weise Stifter dieses Heiligtums sie erwartete, und hier kniete nun auch der entzückteste seiner Nachkommen, wie er es selbst sagt und ihm niemand abstreiten wird, vor seine Auserkorene nieder – wagt es erst kaum, ihre widerstrebenden Hände in die seinigen zu fassen – nennt ihren Unwillen gerecht – sucht ihren empörten Stolz zu besänftigen, und schiebt alles, wie er es mit Recht tun kann, auf seinen Stammvater. – Er würde außer sich sein, sagt er mit bebender Stimme, wenn das alte sonderbare Herkommen ihn um die Achtung seiner geliebtesten Prinzessin, und in demselben Augenblicke bringen sollte, wo er sie erst ganz zu verdienen gehofft hätte. – Kein Mensch, weder auf dieser noch jener Welt, würde ihn haben bewegen können, den zärtlichen Augen seiner einzig Geliebten so weh zu tun, wenn ihm nur im geringsten geahndet hätte, welch ein Kabinett die Haupturkunde seines Hauses verwahre. – Er müsse sich, fährt er fort, in Erstaunen verlieren, wenn er, die lange Reihe seiner Ahnen herunter – an alle die, bekanntermaßen so reizenden – unschuldigen – erhabenen und höchst vortrefflichen Fürstinnen dächte, die doch eine nach der andern sich dieser Probe der Angst hätten unterwerfen und ihren Namen als Landesmutter in dieser Kapelle verdienen müssen. – Nichts hätte sie wahrscheinlich dabei aufrecht erhalten und trösten können, als der Gedanke an das allgemeine Beste, dessen Erhaltung allein dieser Tempel geweiht sei. – Freilich, setzt er hinzu, wäre es auch wohl das erste Gesetz jedes gutdenkenden Fürstenkindes, ob man es gleich nur zu oft in Winkeln suchen müßte, wo man es nicht denken sollte. – – Indem er alles dieses mit einer zärtlich stammelnden Stimme vorbringt, kann er sich zugleich an ihren scheuen Augen – an ihren holden Errötung – an der immer höher steigenden Empörung ihres blendenden Busens und an der schönen Unordnung nicht satt sehen, die durch so manche heftige Bewegung der beunruhigten Sittsamkeit unter ihren Spitzen und Bändern entstanden ist. Er leidet treulich mit ihr, und forscht, nach jedem Kusse, den er ihren zitternden Händen aufdrückt, in ihren Blicken, um wie viel Grade ihr Schrecken gesunken, und um wie viel sie schon gefaßter sei, einen neuen zu ertragen. Aber noch vergehen einige bange Minuten, ehe sich das Gute dieser Anstalt und der große Sinn zeigt, den der Stifter darein gelegt hat. Kaum aber haben die ebenso wahren als zärtlichen Vorstellungen ihrem belasteten Herzen die erste unmerkliche Erschütterung mitgeteilt – so rollt die ganze schwere Masse, wie ein Schiff, das vom Stapel gelassen wird, nur desto geschwinder – reißt alles mit sich fort, was es auf seinem Wege antrifft – und schwebt nun stolz zwischen Himmel und Erden. Sie sieht mit dem fröhlichsten Erstaunen – was sie nie erwarten konnte – sieht ihren Liebhaber in ihrem Gebieter. Die Drahtpuppe ist verschwunden – Sie bewegt jetzt selbst , was sie bewegt – Sie findet Geschmack an ihrer Rolle, und spielt sie vortrefflich. Kein Blick ihrer besänftigten Augen fällt auf den innigst gerührten schmachtenden Jüngling, der ihr nicht eine süße Empfindung – keiner fällt verhohlen an die Wand, der nicht eine kleine Belehrung mitbrächte. Ohne es zu wissen, ahmt sie die eigene Miene der furchtsam nachgebenden Psyche nach, die aus dem herrlichen Altarblatte auf sie herüberblickt – und mit welchem Feuer kehrt nicht sein Auge auf die ihrigen zurück, wenn es die Zeit einer halben Sekunde gewann, auf ein Gemälde aus Tizians Jugend zu gleiten, das ihm gerade vor den Augen über dem Sofa, seiner furchtsamen Prinzessin aber im Rücken hing, wie ihm Psyches Apotheose! Ach wie weiden sich beide an dem hohen und wahren Ausdrucke des Gefühls, das jedes in dem Herzen des andern zu erregen sich einbildet, ohne zu ahnden, wie viel sie davon dem Widerscheine der Kunst, die hier so schwesterlich der Natur die Hand reicht, zu verdanken haben! Gott segne ihren glücklichen Irrtum! Trunken von der Seligkeit ihres Daseins – erschüttert durch den Zauber dieser heiligen Stätte – zu Göttern verklärt durch das Feuer der Einbildungskraft – sinken sie staunend einander in die Arme – sinken in die Vergessenheit ihrer selbst. – Der Segen ihres großen Anherrn – das Wohl des Landes und das höchste Entzücken der Liebe schwebt über ihnen. Millionen Sphären rollen über den Häuptern der Glücklichen hin. – Sie mögen kommen – gehen – verschwinden – was kümmert es sie? Die Sterne, die lange über dem Sofa funkelten, stehen jetzt unter ihm – aber was fragen sie nach den Körpern des Himmels – ihrem Stande und ihrer Bewegung? Was sollten sie? Sind sie sich nicht selbst ein Universum? Aus der Zusammenkunft ihrer Planeten in dem schönsten Punkte des Tierkreises werden sich neue Epochen der Freude, neue Systeme der Liebe entwickeln, die in dem unermeßlichen Raume der Geister- und Körperwelt – unabhängiger und glorreicher als jene, ihre unbekannte Bahn beschreiben – durch Jahrtausende sich fortwälzen und dem lieblichen Genius der Erhaltung vorleuchten werden bis an das Ende der Tage. Umsonst arbeiten alle Wirbel und Kräfte der Schöpfung, schwingen, reiben und drücken sich, um aus dem Leben der Verherrlichten diese erste stolze Nacht zu verlöschen – Sie verlischt – aber das rührende Andenken derselben, mit allen ihren menschlichen Folgen, wird ihren Seelen unvertilgbar und den entferntesten Zeiten noch heilig sein. Schon glänzen die Gebirge, die Täler und Hügel des Erdballs in den Strahlen der Morgenröte – der entzückte Prinz bemerkt ihr Farbenspiel nur an denen, die in seiner Herrschaft liegen und die ihm auf der ganzen Oberfläche der Natur die liebsten geworden sind. Von ihrem Horizont aus wirft er noch einen Seherblick in die Nachwelt – sieht sich glücklich eingereiht in die Mitte unzähliger Vorfahren – unzähliger Nachkommen, und der Wunsch seines Stammvaters ist in allen seinen Teilen erfüllt. Sein Kanzlei-Schreiben ist beantwortet, und dem Einsturze seines stolzen Gebäudes ist durch zwei neu angestellte, tüchtige Arbeiter vorgesehen, und die Anlage seiner Kapelle gegen allen Tadel gerechtfertigt. Sanft belastet von der Schwere ihres vielfältigen Glücks, reichen sich die Liebenden dankbar die Hände. Keines weiß, wer das andere besiegt hat. Arm in Arm treten sie an den Altar der Psyche – blättern bei dem Glanz ihrer Lampe in dem heiligen Stammbuche die Stelle auf, die es ihnen anweist, und setzen unter alle die Namen, die hier mit zitternden Händen geschrieben stehn – in auch nicht festern Zügen, den ihrigen. Ein herrliches Werk! an dessen Fortsetzung es jedem gutdenkenden Sohne dieses hohen Geschlechts eine Freude sein sollte zu arbeiten. Das glückliche Paar gibt sich das Wort, es gelegentlich durchzugehen – um – wie die wackere Prinzessin hinzusetzt, die Geschichte eines Hauses kennen zu lernen, in das sie so freundlich aufgenommen wurde. An der letzten Stufe der Kapelle geloben sie noch der schaffenden Natur ein Votiv-Gemälde, das selbst in einer solchen Sammlung der Aufbewahrung noch wert sei. Schwach – vielleicht zu schwach aus überschwenglicher Liebe, und unbegreiflich allen benachbarten Fürsten, wenn sie es erfahren sollten, übergibt der Held dieser fröhlichen Nacht an dem Ausgange des Tempels – seiner Gemahlin den goldenen Schlüssel zum Zeichen seiner ewigen Treue – ohne Furcht, daß sie ihn jemals verräumen oder verlieren werde, wie seine Frau Großmutter Liebden höchstseligen Andenkens. Ein wohlverdienter Schlaf erwartet sie beide in dem weiten Umfange des Brautbetts, das unterdes nichts von seinen Fransen, nichts von seinem Ansehn verloren hat, und gegen das sich der einfache Sofa verstecken muß. Die Engel des Himmels wären ungerecht, wenn sie nicht gütig auf die Geweihten herunter blickten, die alles, was die Natur und die Kunst und was selbst das Geschwätz des Kapellans verlangt, das zu keinem von beiden gehört, auf das pünktlichste erfüllt und schon Vater und Mutter vergessen haben, ehe sie einschlafen. Mögen jene freundlichen Bilder ihnen im Traume vorschweben, unter deren Abglanze sie des Landes Wohlfahrt besorgten! Die ehrlichen Dichter und Prosaisten, die sich heute in diesem Tumulte der Sinne mit ihrem Krame bescheiden zurückzogen, werden schon zu einer gelegeneren Zeit ihre nicht minder wirksamen Dienste dem fürstlichen Hause anbieten, wenn der erste Eindruck der Farbenmalerei verraucht sein – und die ekle Seele sich nach Hülfe umsehen wird, um der größten Gefahr der Liebe – dem drohenden Überdrusse, zuvorzukommen. Vielleicht, daß ein solcher Augenblick selbst mein armes Tagebuch aus seiner Dunkelheit hervorzieht, und ihm – Gott geb' es! – die Ehre verschafft, das Vehikulum einer Prinzessin, die meiner Margot gleich sieht, oder eines Prinzen zu werden, der meinen Haß gegen alle andern Rittertaten mit auf die Welt bringt, die nicht in das Gebiet der Menschheit gehören. Du magst von dieser Kapelle und ihrem goldenen Schlüssel denken, was du willst, Eduard! ich wenigstens habe keine an irgendeinem Hofe gesehen, die philosophischer ausgedacht, und niedlicher angelegt wäre. Die Gemälde, die dieses Kunst- und Naturalienkabinett zieren, sind wohl nicht weniger zweckmäßig und selbstsprechend, als das Gastgebot des Storchs in dem Audienzgemache zu C–, das einem Gesandten, der nicht blind ist, gerade in die Augen fällt, wie er hinein tritt, und wohl eher als jene verursachen könnte, daß ein ehrlicher Mann in seinem Vortrage stecken bliebe. – Sollte dich einmal der Zufall in diese dir etwas entlegene Gegend bringen, so bitte ich dich, Eduard, scheue den Umweg nicht von etlichen Meilen, um diesen Hof mit seiner alten Burg und seinem roten Turm – wäre es auch nur auf einen Mittag, zu besuchen. Ich würde dir keines andern wegen so etwas zumuten; aber bei diesem hier wäre es mir lieb. Du würdest nicht allein dich mit eigenen Augen überzeugen, wie gut dem alten Herrn sein Einfall gelungen ist, und könntest ihn bei Gelegenheit weiter empfehlen– sondern auch ich dürfte hoffentlich so viel dabei gewinnen, daß du nicht länger mit mir über meine malerischen Vorstellungen zanktest. Denn, wie wäre es wohl möglich, daß du nicht den tiefsten Respekt für die Kapelle, und nebenbei auch für mein Bilderkabinett, bekämest, da es ganz nach demselben Risse gebaut ist, wenn du einer der wunderschönen Prinzessinnen in der Nähe, oder zwischen einem Paar jungen, kraftvollen, freundlichen Herren zu sitzen kämest, die ihre frohe Existenz jener milden Stiftung verdanken, und für deren Erhaltung sie, als künftige Nutritoren derselben, schon durch ihr leichtes, ungezwungenes Betragen gutsagen. Diese, der Natur gleichsam abgestohlenen Kinder, gewähren jedem gesunden Auge den freudigsten Anblick. Sie schreiten in einer reinen Erbfolge, ehrlich, fest, und zufrieden mit sich und andern, durch die Zeit fort, ohne den Namen des entfernten Edeln zu beschimpfen, von welchem sie so weit herkommen: während in andern erlauchten Geschlechtern die animalischen Feuerteile ihrer Stammeltern so sehr unter dem Mantel der Etikette verraucht sind, daß die meisten Länder vor unserer Nase nur noch von Menschengestalten regiert werden, denen ein Frost über den Leib geht, wenn sie in ihrer Rüstkammer den offenen Helm betrachten, der das Haupt ihres Ahnherrn umgab – die nicht den Panzer zu bewegen vermögen, den sie ihren Vorfahren sehr bequem in dem angeborenen Wappen nachtragen. Wie können so ausgeartete Ritter dem Lande ein Ansehn geben, dem sie vorstehen? Wie können sie dem Geschlechte, das die Preise austeilt, und dem, zu ihrem Unglücke, die Folge der Zeit nichts von seinen hohen Erwartungen geraubt hat, nachkommen, ohne zu den unmännlichen Hülfsmitteln ihre Zuflucht zu nehmen, die, wie das Historienbuch sagt, schon viele in der Verzweiflung ihrer Mattherzigkeit ergriffen, ihren Schweiß auf Hasen-, Schwein- oder Hirschjagden verloren oder wohl gar, um Friede im Hause zu haben, den goldnen Schlüssel ihrer Frau Gemahlin in fürstlicher Rücksicht anvertrauten, daß wenigstens sie dafür sorgen würde, dem Lande, das sie nun einmal ihren Lehnsvettern mißgönnen, einen Beherrscher zu verschaffen, gesetzt auch, daß es ihm die Untertanen schon an den feurigen Augen, männlichen Gesichtszügen und festem Anstand ansehen, wie wenig es ihm nach allen göttlichen und menschlichen Rechten gebührt. Sage mir, Eduard . . . Doch – Himmel und Hölle, was erblick' ich! Gott! Wie wird mir mein politisches Geschwätz eingetränkt werden. Das einzige Gespenst, vor dem ich mich fürchten kann – erscheint – hinkt über die Gasse, und kommt immer näher. Mit großen Augen begafft es jetzt meinen aufgepackten Wagen – und nun – ach! steigt es schauerlich die Treppe herauf. Mit einem Worte, die alte Bertilia ist zurück! Aber, um aller Barmherzigkeit willen! wo bleiben die Pferde? Wahrlich, ich glaube, sie müssen erst, samt ihrem Knechte, die Messe hören, ehe ihnen ihre Religion erlaubt, einen Ketzer weiter zu schaffen. Eduard! lieber Eduard! was sollte wohl aus mir werden, wenn die gelbsüchtige Tante nur die geringste Spur von meinem Besuche bei Klärchen – nur die Zerknitterung entdeckte, die während ihrer Abwesenheit das florne Halstuch ihrer Nichte erlitt, und mich nun die kleine betrogene Heilige, als eine zweite Delila, meinen Feinden verriete? – Oh, wenn doch nur diesmal die Postpferde kämen! Aber selbst Bastian, den ich nun zum drittenmale darnach geschickt habe, bleibt aus. Ich komme mir wie verraten und verkauft vor – – – Es ist aus mit mir, Eduard! Die Tante – sie pocht an – die Feder entfällt mir. * Ich habe dir, bester Freund! von einer bitterbösen Stunde Rechenschaft zu geben, und ich kann es mit aller Bequemlichkeit tun; denn leider! ist es so weit mit mir gediehen, daß ich unter dem Verschlusse eines alten Weibes stehe, mit keinem Menschen, als vor der Hand noch mit dir, sprechen kann, und dem Hospitale so zweckwidrig versetzt bin, wie der heilige Engel unter dem Spiegel. Für heute ist weiter an keine Abreise zu denken, und manchmal will mir gar angst werden, daß man mich wohl bis zum Feste der heiligen Cäcilia, Gott weiß zu was für einer Zeremonie! inne behalten könne. Das abscheuliche Weib! Sie trat höflich genug zu mir herein, und auch ihre Miene kam mir nicht widriger vor als gewöhnlich. Ich setzte ihr, mir gegenüber, einen Stuhl, und unser Gespräch begann: – »Sie wollen uns schon verlassen, mein Herr, wie ich aus den Anstalten schließe?« – »Briefe aus Marseille, liebe Madam, nötigen mich dermalen zu einer geschwindern Abreise; doch denke ich, so Gott will, gegen den achtzehnten künftigen Monats wieder zurück zu sein. Wollten Sie mir wohl das Quartier auf diese Zeit aufheben?« – »Je, mein Herr – so wissen Sie denn auch schon von der merkwürdigen Feier dieses Festtages? Wissen Sie denn aber auch, wie unbegreiflich hoch die Mieten in der Stadt alsdann stehen?« – »Ich weiß es – aber der Preis tut nichts – was ein anderer geben kann, gebe ich auch.« – »Das wäre schon gut, mein Herr; aber ohne Rückfrage bei dem Herrn Propste kann und darf ich mich so weit hinaus auf nichts einlassen. Kann ich doch nicht wissen, was er mit dem Quartiere vorhat. Er kann es ja einem Freunde zugesagt, oder gar die Absicht haben, um Unruhe zu vermeiden, es leer stehen zu lassen. Sie wissen, er ist Vorsteher von dieser milden Stiftung; und da ist es wohl natürlich – –« – – »Oh sehr natürlich!« fiel ich ihr ungeduldig ins Wort. »Wenn ich nur begreifen könnte, wo meine Pferde so ewig lange bleiben!« – Sie wollte mich aber nicht verstehen. – »Es tut mir nur leid,« fuhr sie fort, »mein Herr, daß Sie gegenwärtig kaum das Vierteil Ihres Mietzinses abgesessen haben – –« – »Oh, ich bitte Sie, liebe Madam, einer solchen Kleinigkeit nicht zu erwähnen. Es kommt ja der Armut zugute – – –« und ich sah mit einem finstern Blicke nach meiner Uhr. – »Über diesen Punkt,« fing sie – und ich fing an: »Sagen Sie mir nur, ob die Post weit von hier ist? Ich tue wohl am klügsten, ich laufe selbst hin« – und ich stand zugleich auf. – »Unterbrechen Sie mich nur nicht immer, mein Herr,« antwortete das dumme Weib und erhob sich nun auch. »Über diesen Punkt«, sagte sie, »wären wir also einverstanden, mein Herr. Und um Sie nicht aufzuhalten, will ich nur noch flüchtig das kleine Inventarium durchgehen, das Sie im Gebrauch hatten – nur der Formalität wegen, da ich überzeugt bin, alles in Ordnung zu finden.« Jetzt schoß mir das Blatt – Ich Unbesonnener! Wie war es möglich, daß mir nicht eher die Bücherschalen auffielen, die hinter dem Stuhle der Alten wie auf meine peinliche Anklage zu lauern schienen? Da ich das Weib, wie ich von Herzen gern getan hätte, nicht auf der Stelle blind machen konnte, so sah ich keine menschliche Möglichkeit, diese Beweise meiner Schuld beiseite zu schaffen. Konnte ich mich doch nicht einmal auf eine leidliche Verteidigung besinnen, gleich als ob alle und jede Sophistereien mit diesen verbrannten Schriften aus der Welt wären. – Sie setzte bedächtlich ihre Brille zurechte – besah den Spiegel, trotz dem Wiederscheine ihrer scheußlichen Figur, auf das genaueste – drehte den schlafenden Engel nach dem Lichte – breitete die tafftenen Fenstervorhänge auseinander – und da ich eben im Begriffe war, die Schweinshaut von meinem Koffer über das Corpus delicti zu werfen, drehte sie nun endlich ihre Drachenaugen auch dem Kamine zu. Könnte man doch malen, wie man wollte! Aber ein altes Weib im Zorne gehört ja, glaube ich, zu den Dingen, die uns Horaz verbeut, auf die Bühne zu bringen. Du sollst also nur ihre Stimme hören, Eduard! und du wirst, denke ich, schon daran genug haben. Länger nicht als eine furchtbare Minute sah sie, noch sprachlos, bald auf mich, bald auf die ausgeschälten Bände, als ob sie an ihrer Besinnungskraft oder ihrer Brille zweifelte. Sie trat näher, rollte einen Blick der Verzweiflung über den teuern Aschenhaufen, hob einen Hornband des Sanchez in die Höhe – ließ ihn vor Entsetzen fallen, und stürzte nun selbst, wie wahnsinnig, und mit gefaltenen Händen daneben. Eine Furie, die den Höllengott anruft, kann keinen gräßlichern Anblick geben, als sie mir darstellte. Das Haar sträubte sich mir, und ich trat selbst mit einem Andachtsschauer zurück, als ihre Lefzen in Bewegung gerieten. Ich habe in meinem Leben nicht allein viele einfältige und zweckwidrige – nein, ich habe auch verdammliche und fluchende Gebete ausstoßen gehört; doch von der Zusammensetzung des ihrigen war mir noch keines zu Ohren gekommen. Im Anfange waren ihre Ausdrücke nur albern, wie etwa der Eingang mancher Kontroverspredigt. » Sancta trinitas! « schrie sie, » ora pro nobis! Rechnet mir, o ihr Heiligen und Märtyrer, die Missetat nicht zu, die ein Verächter eures Namens in diesem Gotteshause beging!« – Aber als ob sie damit nur das Recht errungen hätte, zu fluchen, knetete sie hinterher alles, was nur Gräuliches und Verworrenes in hundert Gebetbüchern verzettelt sein mag, zu einem Anathema wider mich zusammen, daß selbst, in Vergleichung dessen, die coena domini So heißt die aus Verwünschungen und Flüchen zusammengesetzte Schrift, welche seit Jahrhunderten alle Gründonnerstage in Gegenwart der Päpste, wider alle diejenigen verlesen wird, die sie mit dem Namen Ketzer beehren. Am Ende derselben wird eine brennende Fackel auf die Erde als Sinnbild des Bannstrahls geworfen, den sie im Geiste über die Andersdenkenden schleudern. Ein herzerhebendes Fest zu Rom! eine Höflichkeit sein würde – Gott bewahre mich, daß ich es ihr nachspreche. Ich hörte ihr lange mit geduldigem Erstaunen, ja, wenn du willst, mit einer Art Bewunderung ihrer höllischen Beredsamkeit zu. Endlich aber, da ihr giftiger Ausfluß nicht nachließ – ihr Mund immer schäumender und ihre Augen flammender wurden – da sie mir entgegen donnerte, daß viele meinesgleichen in ihrem frommen Lande geringerer Verbrechen halber gerädert wären und den Raben am Bache zur Speise dienten – und mir der arme unschuldige Calas darüber einfiel – da überlief mir die Galle. – »Den Augenblick steh auf, und packe dich, du abscheuliches Weib, packe dich zu deinem Schandbalge von Nichte, damit ich dich nicht in der Asche des Otterngezüchts ersticke, das du beheulst.« – Und so lief ich, selbst ein wenig von ihrer Wut angesteckt, nach dem Schellenzuge, und stürmte nach Bastians Hülfe. – Aber indes ich, wie ein Narr, klingelte, war mir die Hexe entwischt; und ehe ich mich besann, warum ein Mensch, den man auf die Post geschickt hat, unmöglich zu Hause sein kann, hatte sie den Schlüssel abgezogen und die Türe von außen verschlossen. Ich mußte nun selbst einsehen, wie überlegen sie mir war, da meine Aufwallung von gerechtem Zorn mich blind gegen alle Nebenumstände machte, die mir hätten dienen können; sie hingegen, ungeachtet ihrer Wut, auch nicht die geringern Bosheiten aus der Acht ließ. Dieser Auftritt, Eduard, hat mich ganz außer Fassung gebracht. Ich kann mich noch gar nicht recht in mein Verhältnis mit dem Hospitale hinein denken, und das pro und contra meines Falles abwägen. Freilich habe ich Bücher verbrannt, die einer milden Stiftung gehörten; aber, großer Gott! was waren es für Bücher! Verdient man wohl den Galgen, wenn man Gift stiehlt, um es in einen Abgrund zu werfen, damit es niemanden schade? Oh! gewiß verdient man ihn, wenn es Mörder sind, die uns richten. Das ist keine tröstliche Aussicht, und ich fürchte, – ich fürchte, man wird mir das Brandopfer eintränken, das ich dem Andenken des unsterblichen Rousseau gebracht habe. Eben habe ich alle Türen des Vorsaals und des Hauses verschließen hören, und sehe nun Tante und Nichte – Gott mag wissen, nach welchem Gehülfen ihrer Bosheit – über die Gasse rennen. – Meinetwegen mögen sie alle Schöppen und Schergen der Stadt zusammentreiben! Ich will lieber, wie ein Mann von Erfahrung sagt, mit Löwen und Drachen kämpfen, als mit einem einzigen bösen Weibe. – Daß nichts Gutes für mich aus einer Konjunktion entstehen kann, die sich aus der Heimtücke des Alters und aus dem beleidigten Gefühle der Jugend, und zwar von da aus, gebildet hat, wo die Rachsucht am lebhaftesten und wie ein Kitzel wirkt – kann ich mir an den Fingern abzählen. Jener drückende Groll des frommen Mädchens, der kaum eine volle Stunde alt und von einer desto gefährlichern Beschaffenheit sein muß, je verdeckter er ist – wie wird er nicht der lauten Anklage der Tante bei den Beschützern des Rechts zustatten kommen, zu denen sie beide hineilen! Wie wird die fromme Sängerin mich die Beschimpfung nicht büßen lassen, die ich ihren Reizen und ihren Indulgenzen antat! Wie teuer werde ich alle die Kreuze bezahlen müssen, um die sie meine Ungeschicklichkeit brachte! Sie darf nur den Feuereifer ihrer würdigen Tante mit ein paar heuchlerischen Tränen unterstützen – darf, wenn ihr Rechtspatron in Gedanken da steht, nur den heiligen Nicaise ein wenig lüften, oder, wie sie es mir gemacht hat, durch einen pittoresken Faltenschlag ihres Florkleides das Auge des Richters fesseln, und ihn durch den tollsten aller Kettenschlüsse verleiten, Beweise von Unschuld dahinter zu suchen; so wird ihm mein Vergehen gegen Gott und seine Kirche so einleuchtend und strafwürdig vorkommen, als es die Alte verlangt. – O, du betrügerisches Geschlecht! Warum hüllte dich die Natur in jene blendende Decke, die alle und jede Nachforschung nach deiner wahren Gestalt vereitelt? Warum verlarvte sie deine Abscheulichkeit mit Reizen, die auch den hellsehendsten Mann überlisten? und ach! warum ließ sie nur einen Weg zu jenem verflochtenen Labyrinthe deines Herzens? Wie ganz anders würden nicht jetzt meine Aktien stehen, wenn ich – – – Doch warum sollte ich mich noch strafbarer aus Klärchens Kammer zurück wünschen, als ich sie, Gott sei Dank! verlassen habe? Um des verächtlichen Vorteils willen, bei dem Widerspruche meines Gewissens, in den Augen solcher Menschen, als ein Mann von Ehre, feiner Lebensart und als einer zu gelten, der es so ganz wert sei, ihrer Religion anzugehören? Ich trenne mich ungern von dir, mein Eduard, aber die Klugheit verlangt es. Wenn zwei Weiber wider einen Mann im Aufruhr sind bleibt ihm wohl nichts Nötigeres zu tun übrig, als auf alle mögliche Mittel zu sinnen, ihrem unermüdeten Hasse entgegen zu arbeiten, ehe er sich noch durch andere Leidenschaften, die ihnen immer bei der Hand sind, verstärke, und es zu spät wird. Ich hoffe schon noch Zeit zu finden, mit dir fortzuplaudern, wenn ich nur erst über meine Verteidigungsanstalten mit mir selbst einig sein werde. Möchte doch der folgende Tag – denn der laufende ist schon wirklich zu kurz dazu – hinreichen, alle meine heutigen Morgentorheiten, wo nicht wieder gut, doch unschädlich zu machen!– Wahrlich, Eduard, heute vor acht Tagen konnte ich mir nicht träumen lassen, daß ich meine erste Neujahrswoche mit so einem Wunsche endigen würde.         Avignon. Vom siebenten bis achten Januar – aus meinem Gefängnisse. Meine arme freundschaftliche Feder! Heute zum ersten Male von ekeler Schreiberei abgestumpft, die mir meine mißliche Lage abdrang, nehme ich sie jetzt, wie Mendelssohn die seinige, erst in der Ruhe der Nacht mit Vergnügen wieder in die Hand, – nicht wie er, um über die Unsterblichkeit der Seele zu schreiben, sondern dir in kläglichen Tönen das Mißbehagen meines armen Körpers zu schildern, der gern in die weite Welt möchte, und sich schon zu lange in seinen Bewegungen unnatürlich gehemmt sieht. Es gibt einen hübschen Text, eine traurige Stunde zu verschwatzen, und ein Gefangener bedarf der Zerstreuung. – Ein Gefangener, welch ein häßliches Wort! Von Jugend auf ist es mir ein Mißlaut gewesen, und du glaubst nicht, wie widrig der Begriff davon immer auf meine Nerven gewirkt hat. Ich gehe bei keinem Kerker vorbei, ohne daß der Gedanke an Fesseln mir in die Beine fährt. Nie habe ich es über das Herz bringen können, selbst den gemeinsten Vogel in einen Käfig zu sperren; denn der Verlust der Freiheit wirkt gewiß mit gleichem Kummer auf alle, es mögen die Federn einem Dompfaffen angehören oder einem Zaunkönig. So mache ich mechanisch schon, und wenn es mich in der tiefsten Betrachtung der Glorie Gottes unterbrechen sollte, dem Hunde die Türe auf, sobald er daran kratzt; und nichts ist mir auch um deswillen von jeher lächerlicher und törichter vorgekommen, als die treuherzige Zumutung, bei gewissen Gelegenheiten mein eigener Scherge zu werden, und den besten Teil von mir – meine Vernunft, gefangen zu nehmen. Auch bin ich, Gott sei Dank! nie in dem Falle gewesen, worin ich jetzt bin. Denke dir, Eduard, wie empfindlich ich ihn fühlen muß! Schon meine heutige kleine Erfahrung läßt mich ahnden, was aus mir werden würde, wenn sie so viele Jahre fortdauern sollte, als sie Stunden gedauert hat. Alle guten Kräfte meiner Seele und meines Leibes würden in eine Lähmung verfallen. Ich könnte in einem Kerker Freunde um mich haben – ich würde sie hassen lernen; ja es könnten, glaube ich, die drei Grazien mit mir eingesperrt werden, es würde mir nicht besser gehen als den gefangenen Elefanten, und keine Nachkommenschaft würde wider meine Enthaltsamkeit zeugen . . . Der trostreiche Ersatz, den mir jetzt mein Schreibtisch für den Verlust der vorher gegangenen einfältigen Stunden gewährt, belehrt mich, welche Pein es sein mag, den Strom seiner Gedanken in sich selbst verrauschen zu hören, ohne ihm einen Ausfluß verschaffen zu können, der an das Herz eines Mitmenschen anschlage. Wie fühle ich nicht jetzt, bester Eduard, selbst in deiner Entfernung, den Wert deiner Gegenwart! und zu was für einem Kleinod ist mir nicht meine Feder geworden! Um mir diese lange Tirade zu gute zu halten, darfst du nur hören, wie es mir heute ergangen ist. Als ich mich, ernsterer Geschäfte wegen, von dir losgerissen, und mein Tagebuch weggelegt hatte, setzte ich mich nachdenkend in meinen Lehnstuhl. Das erste, wonach sich wohl jeder mehr oder weniger Bedrängte umsieht, sind Freunde: aber leider! fand ich diese schöne Aussicht hier noch um vieles eingeschränkter, als an jedem andern Orte der Welt. Du weißt, wie klein der Zirkel meiner hiesigen Bekanntschaften ist. Außer meinen Anklägerinnen zieht er sich nur noch um drei Geschöpfe herum; soll ich sie Männer nennen – so sei's! davon immer einer zu Unternehmungen ungeschickter ausfällt als der andere. – Auf den elenden Tropf in Purpur, an den mich der Oheim der Marquise empfahl, kann wohl kein vernünftiger Mann den geringsten Staat machen. Ein Kerl, der nichts als die drei Blasensteine der heiligen Klara von Montefalcone im Kopfe hat, verderbt sicherlich jede Sache, zu der nur ein Gran Menschenverstand nötig ist. – Buchhändler Fez, der nur, der Himmel mag wissen über was von Klaren der zweiten nachgrübelt, das, wenn es auch nicht so tief liegt als jene Beweise der Dreifaltigkeit, doch alle Strahlen seines Geistes wie auf einen Brennpunkt zusammenzieht – sollte der sich mit den Angelegenheiten eines andern bemengen, so müßte es wohl nur einer sein, der ihm von dem, worüber seine Einbildungskraft brütet, angenehmere Nachrichten geben könnte, als ich es zu tun imstande bin. – Und Laurens Wächter? Der steht fest, wie eine Bildsäule. Wo Beine nötig sind.– und beim Solizitieren sind sie es gewiß – ist der nicht zu gebrauchen; und daß meine Herren Inquisitoren – in so einer Angelegenheit wohl zu verstehn – sich zu ihm bemühen sollten, ist nicht zu erwarten. – Indes, da man von seinen Freunden nur den Vorteil ziehen kann, den sie zu gewähren geschickt sind, so schien mir, auch ohne Beine, der Kopf des getauften Juden immer noch den Vorzug vor den beiden andern zu verdienen . . . Ohne weiteres Besinnen setzte ich mich also an meinen Schreibtisch, meldete dem Ehrenmanne meine sonderbare Gefangenschaft, bemäntelte die Veranlassung derselben so gut es ging, und legte, um ihm meine Unschuld desto begreiflicher zu machen, mit dem letzten Dukaten, den ich in meiner Barschaft fand, zugleich das letzte Versprechen der falschen Concordia bei, auf das ich mich Schande halber bezog. Sobald meine Depesche fertig war, trat ich an das Fenster und lauerte auf Bastians Zurückkunft, um ihn damit abzufertigen. – Ich sah ihn bald genug über die Gasse gesprungen kommen. Aber zum Malen war es, wie er nun vor dem Hause stand, bei jedem Schlage, den er mit dem Klopfer tat, hinhorchte, und wie ungeberdig er sich anstellte, als er endlich merkte, daß er von seinem Herren abgeschnitten sei. Ich rief ihm zu, und erschreckte ihn vollends durch den kläglichen Ton, den ich in meiner Bekümmernis auf seinen Namen legte. Du hättest die Augen sehen sollen, die er in die Höhe warf! . . . Er öffnete ein paarmal den Mund, ehe er es über das Herz bringen konnte, mir die Neuigkeit, die er von der Post mitbrachte, zu entdecken: der Legat habe die Verabfolgung meiner Pferde verboten, und der Teufel möge wissen, warum? Seine weinerliche Stimme und sein scheuer Hinblick bald auf mich, bald auf den Türklopfer, zeigten nur zu deutlich, in welchem furchtbaren Zusammenhange ihm jenes Verbot des Legaten mit dem verschlossenen Hause zu stehen schien; und auch auf mich wirkte seine Nachricht so viel, daß ich . . . nicht weiter säumte, meinen Brief an der Mauer herabfallen zu lassen. Bastian fing ihn sehr geschickt mit dem Hut auf . . . Kaum hatte ich mit meinem Fenster die einzige Öffnung, die mir noch zugänglich war, zugemacht, und mich in meinen Lehnstuhl zurückgezogen, so fühlte ich ganz deutlich, daß der Mittag vorbei sei, und knöpfte meine Weste enger zusammen. Die französische Artigkeit, sagte ich mir, wird dich doch nicht verhungern lassen, ehe sie dich verhört hat? Das sieht ihr nicht gleich. Selbst in dem dickköpfigen Deutschland befördert die Gerechtigkeit, die überall konsequent handelt, keinen in die andere Welt, dem sie nicht eine Henkersmahlzeit mit auf den Weg gibt . . . Diese Gedanken, die mir der Hunger eingab, wurden durch einen Auftritt unterbrochen, der ihnen eine ganz andere, aber um nichts bessere Richtung anwies. Meine Nachbarinnen – auch mein Bastian kamen zurück – Haus und Stube wurden geöffnet, und meine verspätete Mahlzeit ward aufgetragen. Wenn dieses eine Veränderung in meiner Lage gab, so war sie jedoch mit Umständen begleitet, auf die ich ganz gern Verzicht getan hätte. Tante und Nichte brachten eine Verstärkung mit, die mir nicht anstand. Die Alte wurde von einem schwarzbraunen Kerl von Prokurator geführt, und Klärchen, was mich am meisten verdroß, zipperte mit dem Propst über die Gasse, ihr Händchen so traulich um seinen vielfaltigen Ärmel geschlagen, als ob es darin ausruhen sollte, und zu meiner Türe, als sie geöffnet wurde, sah ich meine Schüsseln, statt, wie es sich gehörte, durch meinen Bastian, den ich so sehnlich erwartete, von zwei päpstlichen Soldaten auftragen, die man nicht zerlumpter und ausgemergelter hätte aussuchen können, um mir meine jetzige Ohnmacht fühlbar zu machen. Diese schmutzigen Truchsesse benahmen mir alle Eßlust. Ich fühlte keinen Hunger mehr und begaffte sie nur mit großen Augen. Wer Preußen in der Nähe gesehen hat, noch besser aber von fern, kann schon keinen Blick auf diese geistliche Miliz tun, ohne zu lachen; aber der Reiz dazu wurde bei mir gar sehr durch den Ärger gemäßiget, der mir über meine so elende Bewachung aufstieg. Die beiden verhungerten Kerle schienen über ihren Dienst noch verlegener zu sein als ich. Sie zogen sich langsam, ernsthaft und mit gebogenem Knie an die Türe zurück und pflanzten sich, jeder an einen Pfeiler, davor, als wenn es ihre Schuldigkeit wäre. Ihre Blicke, die dabei so unverrückt auf meine Schüsseln geheftet blieben, als ob sie in ihrem Leben noch kein altes Huhn in der Suppe gesehn hätten, würden schon jeden Historiker überzeugt haben, daß sie unter keinem Heinrich dem Vierten das Land bewachten. Ich hätte diesen armseligen Gesellen wohl keinen größern Possen spielen können, als recht bequem meine duftenden Gerichte vor ihren Augen zu verzehren . . . Ich gab diesen Bettlern, mit denen mich, wenn ich es genau überlege, doch nur meine Torheit in der Nebenstube in Bekanntschaft brachte, meine Gerichte preis; und es tat mir nur leid, daß mir meine Freigebigkeit so wenig kostete; denn das dankbare Gefühl, das nun ihre entkräfteten Augen überglänzte, würde mich für die höchste Verleugnung meines Gaumens hinlänglich belohnt haben. – »Geht nur, ihr guten Leute,« unterbrach ich ihr gratias »tragt die Schüsseln auf den Vorsaal, und laßt es euch wohl schmecken. Wenn ihr mir meinen Bedienten beischafft, soll er euch auch noch ein paar Flaschen Wein auftragen, und es soll euch frei stehen, ob ihr auf des Papstes Gesundheit oder auf die meine trinken wollt.« Es gibt wohl kein geschwinderes Mittel, eine Gegenrevolution zu bewirken, als das ich eben gebrauchte. Meine Wache war durch meine Herablassung und durch meine Fürsorge für ihren Magen so gut zu meinem Vorteile bestochen, daß es mir nur einen Wink würde gekostet haben, um die Arme, die man gegen mich bewaffnet hatte, wider meine Verfolger zu lenken, und den Prokurator und die Alte, den Propst und die Nichte, in meine Gewalt zu bekommen. Da ich aber auch, um mir Pferde zu schaffen, die Post hätte stürmen – da ich Stadt und Vorstadt hätte betrinken müssen, um es dahin zu bringen, einen Mann im Stiche zu lassen, der, kraft des Amtes der Schlüssel, von lange her über sie herrschte; so gab ich den Einfall auf, und begnügte mich vor der Hand mit dem Vorteile, den ich schon dadurch gewann, daß jetzt die Besatzung des Vorsaals meinen Bastian frei und ungehindert passieren ließ, ohne sich um unsere geheime Unterredung zu bekümmern. – »Weise jetzt deine Neugier zur Ruhe,« rief ich ihm entgegen, als er mit großen Augen herein trat, »und befriedige vorerst die meinige! Erzähle mir ohne Weitläufigkeit, wie mein Freund, der Kirchner, meine Botschaft aufgenommen hat.« – »Ah! ich will wünschen,« versetzte Bastian, »daß Sie klüger aus dem Geschwätze des ehrlichen Mannes werden als ich. Ihren Brief habe ich freilich nicht gelesen; aber in der Antwort wenigstens, die er mir mündlich an Sie auftrug, liegt doch gewiß nicht ein Funken Menschenverstand.« – »Das geht mit allen Orakeln so,« erwiderte ich: »der Befrager muß ihn erst hineinlegen; das ist in der Ordnung. – Laß nur hören!« – »Als er das Goldstück aus Ihrem Briefe in Sicherheit gebracht hatte,« fuhr Bastian fort, »las er ihn bedachtsam durch, lächelte, schüttelte den Kopf bei einigen Stellen, sprach durch die Nase und wiederholte seinen Unsinn einigemal, damit ich ihn ja nicht vergessen möchte: Sage Er seinem Herrn meinen Gruß – er solle sich nicht grämen und wundern, daß er in Avignon, in dem Grenzstreite zweier Heiligen verloren – und die hochbelobte Concordia, vielleicht aus wohlmeinenden Ursachen, ihm verwehrt habe, das Weichbild der harmonischen Cäcilia zu überschreiten. Anderwärts, hoffe er, würde sie ihm ihre anscheinende Härte zehnfach ersetzen. Er habe nur bald die Schwierigkeiten zu entfernen – die ihm – ich versichere Sie, mein Herr, daß er diesen Unsinn wörtlich gesagt hat – dieses Anderwärts mache. Die Mittel dazu, behauptete er, lägen in Ihrer Gewalt. – Sie sollten nur die guten Einfälle aufbieten, wodurch Sie ihm Ihre Unterhaltung so angenehm und geistreich gemacht hätten . . .« – »Ich glaube,« unterbrach ich hier meinen Gesandten, »der Kerl raset oder er will mich zum besten haben.« – »Wohl möglich!« antwortete Bastian. – »Wann hätte ich mich denn,« fuhr ich nachdenkend fort, »nur im geringsten seinetwegen mit meinem Witze in Unkosten gesteckt? Aber nur weiter!« – »Ferner so sage Er seinem Herrn,« schnarrte Bastian auf das natürlichste dem Kirchner nach, »habe er sich nur die Augen zu reiben, und über die Gasse zu blicken, so werde ihm der Zwerg erscheinen, der allein die Verbrannten aus ihrer Asche wieder erwecken könne.« – Hier riß mir die Geduld, ich sprang vom Stuhle, und: »Was zum Teufel,« fluchte ich, »soll ich mit diesem albernen Geschwätze anfangen? Aber so geht es, wenn ein Narr einen großen Dichter nachahmen will. Weil sein Petrarch immer und ewig ihm unverständlich sein wird, so denkt der Tropf, glaube ich, Laurens Schatten möchte es übel nehmen, wenn ihr Wächter sich deutlicher ausdrückte. Den Augenblick gehe zu ihm, und sage ihm zur freundlichen Antwort, daß er für seine scherzhafte Laune ein anderes Ziel suchen solle als mich – so wie ich zu meinem Goldstücke, das ich mir wieder ausbäte, auch schon einen andern Liebhaber . . . Doch warte nur.« – Ich trat ärgerlich an das Fenster; aber ich sah nicht lange gedankenlos über die Gasse, so stieß ich auf etwas – das mir mit Einem Blicke jenes verworrene Rätsel ins Licht setzte – stieß auf die Zwerggestalt meines Freundes Fez, der, auf seinen Laden gelehnt, mir gerade in das Gesicht gähnte. – »Jawohl, guter buckliger Mann,« rief ich aus, »bist du es allein, der mich aus meiner Gefangenschaft retten kann – du bist der Zwerg, auf den mich das Orakel verwies. Geschwind, Bastian, reiche mir eine Bücherschale nach der andern von dem Haufen her, der an dem Kamine liegt! Ihre betrügerischen Titel sollen bald in eine Liste gebracht sein. – Eins bis siebenzehn! Gottlob, daß ich damit fertig bin! Nun, Bastian, trage geschwind dies Papier zu unserem Nachbar, dem Buchhändler – laß ihn den Ladenpreis daneben setzen, und laß ihn unterschreiben, daß er gegen die Summe sich für die Beischaffung dieser seltenen Werke verbürge!« – Ebenso glücklich löste sich die andere Hälfte des Rätsels. Ich begriff jetzt, ohne lange zu suchen, die guten Einfälle, die meinem nachsichtigen Freunde in meiner schlechten Unterhaltung so wohl gefielen, den in allen Ländern beliebten und bei allen Prozessen anwendbaren Witz – einer gefüllten Börse. Ich zog die meinige heraus und besah sie mit Wohlgefallen; und da es einmal dort oben geschrieben stand, daß ich alle meine Torheiten bezahlen sollte, so nahm ich mir vor, es mit der besten Art und wie ein großer Herr zu tun. Meine gute Laune kam während dieser Betrachtung in gleichen Schritten mit meinem Hunger zurück, der eben aufs höchste gestiegen war, als Bastian hereintrat, und mir die teure Rechnung des Herrn Fez einhändigte. Ich warf sie gleichgültig auf den Tisch. – »Geschwind, Bastian,« rief ich ihm zu, »schaffe mir etwas gutes zu essen, und bringe mir auch eine Flasche Sillery mit, damit ich vergesse, daß ich noch in Avignon bin.« . . . Dieser Gedanke begleitete mich freundlich zu Tische und hielt an, bis ich gesättigt aufstand, und ein anderer ihn feindselig verdrängte. – »Welchen frohen Abend«, seufzte ich, indem ich meine Weste aufknöpfte, »würde ich jetzt genießen, wenn ich in Berlin wäre! Ich würde meinen Eduard zu einem Gange in die Komödie oder zu sonst einer gesunden Bewegung abholen. Wer soll mir aber hier eine Komödie spielen? Was soll ich hier, in einem Viereck von zwanzig Quadratellen, mit einem vollen Magen und einer erschwerten Verdauung anfangen?« – Meine vorige philosophische und stolze Betrachtung wäre gewiß in den Wind gewesen, wenn sie nicht die Hoffnung noch ein wenig hingehalten hätte, die ich auf die Macht meiner gefüllten Goldbörse setzte. Ich öffnete behutsam die Tür, sah meine Wache fröhlich an ihrem Tische sitzen, und winkte Bastianen, der eben seinem Nachbar ein Glas zubringen wollte. – »Suche dir einen Eingang in die Nebenstube zu verschaffen«, sagte ich ihm, »und überbringe der Versammlung daselbst nebst meinem Empfehl folgende Vergleichsvorschläge, die ich dir der Reihe nach zuzählen will! Nimm deinen ganzen Verstand zusammen und gib acht! Sage ihnen erst insgemein, daß mir der Vorfall, der mir Arrest zugezogen, von Herzen leid täte; daß ich aber erbötig wäre, ihn auf alle Art – vergiß diesen Ausdruck nicht, denn er ist hier von Bedeutung – wieder gut zu machen. Überreiche sodann dem Herrn Propste die Liste der verbrannten Bücher! Erkläre ihm, daß ich sie nach der Taxe bezahlen und auch noch etwas für die beschädigten Bände zulegen wollte. – Dem Prokurator mache verständlich, daß ich ihm willig die Versäumnis vergüten würde, an der ich schuld sei. – Die alte Tante bitte in meinem Namen auf das demütigste um Verzeihung wegen meines übereilten Betragens gegen sie – und der frommen Klara versichere, daß ich für das Ärgernis, das ich ihr gegeben, auf dem Altare der heilige Cäcilia zwei Wachskerzen zu stiften gedächte und es ihr überließe, die Größe und Schwere davon selbst zu bestimmen – daß ich bereit sei, diese Anerbietungen noch diesen Abend in Erfüllung zu bringen und dagegen erwarte, daß die hohe Versammlung meine Abreise morgen mit dem frühesten – oder auch diese Nacht, nicht weiter erschweren würde.« . . . Nach einer guten Viertelstunde trat Bastian vor meinen Lehnstuhl, auf dem mich ein leichter Schlaf gefesselt hatte. – Er räusperte sich, und ich erwachte. – »Nun,« fragte ich, »sind die Pferde schon angespannt?« – »Noch nicht,« antwortete der arme Schelm, und die Tränen traten ihm in die Augen. – »Was ist dir, Bastian?« fuhr ich hastig auf. – »Ach, mein Herr,« stockte er, »die Versammlung hat Ihre Friedensvorschläge – nicht angenommen.« – »Nicht angenommen, sagst du?« erwiderte ich und blickte ihm halb wütend in das Gesicht. »So erzähle mir denn!« – »Sie werden sehen, lieber Herr,« fuhr Bastian fort, »daß ich alles in der Welt getan habe, was in so einer verwickelten Sache möglich war; aber wir haben mit Felsenherzen zu tun. Ich pochte an – die Tante, die mir aufmachte, ward rot wie ein Ziegelstein, als sie meiner ansichtig wurde. Ich machte ihnen allen meine tiefste Verbeugung – wendete mich mit meinem Auftrage zuerst an den Propst, der, einem großen Spiegel gegenüber, auf einem Sofa saß von hellgelbem Atlas, mit – wenn ich mich nicht irre – mit Lilastreifen und weißen Fransen behängt.« – »Oh, halte dich damit nicht auf,« unterbrach ich ihn, »ich weiß schon, wo er steht und wie er aussieht.« – »Dann drehte ich mich mit meiner Rede nach dem Prokurator – von ihm nach der Tante und endigte sie endlich bei Klärchen, und – erwartete meinen Bescheid. Wie denken Sie, daß er ausfiel? Erschrecken Sie nur nicht zu sehr, mein bester Herr; aber es ist meine Schuldigkeit, Ihnen klaren Wein einzuschenken.« – »Das tue nur bald,« sagte ich lachend, »sonst möchten dir deine Freunde draußen keinen mehr übriglassen.« – Der Wink tat seine Wirkung. »Der Propst«, fuhr jetzt mein wortreicher Gesandter weit gedrungener fort, »nahm zuerst das Wort, mit so vieler Würde, daß ich selbst vor ihm zittern mußte. Ist es begreiflich, fuhr er mich an, daß ein Mann, der sich solcher Verbrechen bewußt ist, als Sein Herr, es wagen kann, der Gerechtigkeit mit so nichtigen Anerbietungen unter die Augen zu treten? und daß auch Er, mein Freund, der in der reinen Lehre erzogen und geboren ist, sich nicht scheut, solche Anträge zu übernehmen? Fällt denn nicht schon durch die schwarze Tat selbst, die Sein Herr beging, sein Eigentum, so groß es auch sein mag, dem geistlichen Fiskus anheim? und seine Richter sollten sich herablassen, mit ihm über seine Bestrafung zu handeln? Oh, wir wollen schon sorgen, daß sie exemplarisch ausfallen soll. Er hat nicht nur die Gastfreiheit unsers Landes auf das undankbarste erwidert – nicht nur einen Kirchenraub an den Schätzen der frommen Stiftung begangen, die ihm Schutz gab; nein! er hat selbst die Werkzeuge auf das treuloseste vernichtet, die unsere gottseligen Vorfahren zur Ausbreitung der Religion und Tugend diesem Hause übergaben. – Er hat – schrie der Prokurator mit einer sehr gelehrten Miene darein, ärger und verabscheuungswürdiger als Herostratus gehandelt: denn jener verbrannte nur den Götzentempel einer Diane; er aber hat das Lehrgebäude unsres heiligen Glaubens, im Bunde mit dem Satanas, zu Asche verwandelt. – Er hat mich – er hat Gott gelästert, krähte die alte Bertilia. – Er hat alle Heiligen beschimpft, tönte Klärchen. – Solche Greueltaten, übernahm ihr Nachbar, der Propst, das Wort, lassen sich nicht mit Gold und Silber abbüßen. – Mit Freuden will ich ihn brennen sehen, sagte die Alte. – Und ich will keine Träne dabei vergießen, stimmte die Nichte bei. – Morgen, donnerte der Prokurator, soll es Sein unwürdiger Herr schon erfahren, mit wem er zu tun hat. – Meine Klagrede ist bald fertig. – Schwer soll es ihm werden, darauf zu antworten. – – Und nun tret' Er ab, mein Freund, rief mir der Propst mit einem so ernsthaften Winke zu, als ich nie wieder zu sehen verlange: Sage Er Seinem Herrn – denn heute ist er es noch – was Er gesehn und gehört hat. Der morgende Tag wird ihn das Weitere schon lehren.« – »Und was soll er mich lehren?« fragte ich mit verächtlichem Grimme, »was ich nicht heute schon weiß? Daß dieses Winkelgericht aus den niedrigsten Heuchlern zusammengesetzt ist, verworfener selbst als jene, die ich dem Rousseau geopfert habe. Ich biete ihnen Trotz! Bin ich nicht ein Untertan Friedrichs des Großen und Weisen? Auch in der Entfernung von ihm wird sein Name mich schützen. Und du, mein guter Bastian, bekümmere dich meinetwegen nur nicht! Du sollst hoffentlich länger in meinem Dienste bleiben, als dir der Schwarzkünstler gedroht hat. Trinke jetzt ruhig den Wein aus, von dem ich dich abgerufen habe, und laß auch den armen Soldaten nichts abgehen! Du hast doch ein Abendessen für sie bestellt? – Nun gut! so laßt es euch bei meiner Gefangenschaft wohl schmecken. Ich verlange heute nichts weiter von dir, als daß du mir Licht bringest, wenn es dunkel wird.« – Unter vier Augen kann ich dir nun wohl sagen, Eduard, daß mir nicht ganz so heroisch zumute war, als ich mich gegen meinen beängstigten Bastian anstellte . . . Ich hatte meinen Kopf, ganz schwer von diesen Betrachtungen, auf den Arm gestützt und dachte meiner verdrießlichen Sache nicht ohne manche Besorgnis nach, als Bastian mit einem Gesichte hereintrat, das mir nur zu gut bewies, daß sie draußen zu meinen Ehren wohl nicht den wohlfeilsten Wein trinken mochten und mein ehrlicher Kerl vermutlich meine Goldbörse für so gewiß konfisziert hielt als der sträfliche Propst. – »Mein Herr,« wendete er sich freundlich an mich, indem er mir Lichter aufsetzte, »Ihre Soldaten sind ganz von Ihnen eingenommen. Nicht ein Glas von den vier oder fünf Bouteillen, die ich aufgetragen habe, ist anders getrunken worden als auf Ihre Gesundheit. Zehnmal lieber, sagen sie, wollten sie für ihren Gefangenen ihr Leben daran setzen, als ein einzigesmal für ihren Kommandanten, der ihnen kaum soviel von ihrer Löhnung abgäbe, als nötig sei, es zu fristen.« – »Warum«, antwortete ich gleichgültig darauf, »ließen sich die Narren unter solche Truppen anwerben?« – »Warum?« wiederholte Bastian. »Oh, das sollten Sie sich wundershalber von den beiden unglücklichen Brüdern erzählen lassen. Es ist der Mühe wert und kann Ihnen, mein Herr, ein großes Licht über den hiesigen Gerichtsgang aufstecken.« – »Nun, das«, antwortete ich, »sollte mir nicht unangenehm sein, Bastian!« – »Also darf ich sie hereinschicken, mein Herr?« – »Meinetwegen! Habe ich doch ohnehin nichts zu versäumen.« Sie traten herein und brachten diesmal ein viel gescheiteres Ansehn mit, als da sie mir das Essen aufsetzten . . . – »Es ist euch auch, wie ich höre, nicht sonderlich in der Welt gegangen,« redete ich sie zutraulich an. »Setzt euch nieder, ihr guten Leute, und erzählt mir eure Geschichte! Vielleicht trägt sie etwas zu meiner eigenen Beruhigung bei, die ihr mir gewiß gern gönnen werdet.« – »O, ganz gewiß, bester Herr,« nahm der eine das Wort. »Wir sind so gerührt von Ihrer Güte! Seit sechzehn Monaten war es heute das erstemal, daß wir uns satt aßen, und einige Tropfen Wein über die Zunge brachten, und was für ein Wein – großer Gott! Ehemals fehlte es uns an nichts, wir waren dick und fett; aber die Geistlichkeit, Gott vergelte es ihr, hat uns mager gemacht.« – »Das sieht ihr gleich,« konnte ich mich, aus Bitterkeit gegen den Propst, nicht enthalten mit spöttelndem Tone hinzuzusetzen. »Von allen Verwandlungen, die jene Diener des Altars täglich und stündlich vor unsern Augen vornehmen, gelingt ihnen diese immer am besten. Doch, wie versaht ihr es denn, ihr guten Leute, daß ihr in ihre Hände gerietet?« – »Wenn Sie Zeit und Lust haben, meiner Erzählung zu folgen,« antwortete der Grenadier, »so hoffe ich, Ihnen den Zusammenhang unsers Unglücks auf das anschaulichste darzustellen. Wir sind zwei Brüder aus der Vorstadt. Unsere Eltern und Voreltern waren Weber. Sie hinterließen uns, ich gestehe es, ein Handwerk, das auch uns würde ernährt haben; und so hätten wir denn ganz friedlich und schiedlich durch die Welt schleichen können wie sie. – Aber wir fühlten einen unwiderstehlichen Drang nach höhern Dingen – setzten unsere Erbschaft ins Geld – warben junge flinke Bursche und Dirnen, die so dachten wie wir, und stellten uns an die Spitze einer Bande – Schauspieler . . .« »Stolze, glückliche Zeiten!« fuhr der Akteur jetzt in einer edeln Deklamation fort. »Wenn wir«, hier kehrte er sich mit einer anständigen Bewegung der Hand gegen seinen Bruder, »den Tag über Könige und Feldherrn gespielt hatten, waren wir jeden Abend imstande, unsere Zeche zu bezahlen – blieben unserm Hofe – unserm Militär und unserm Zettelträger nichts schuldig, und gingen als ehrliche Leute zu Bette. Das dauerte ein volles Jahr. Aber hören Sie weiter, mein Herr! Einst führten wir an der Grenze des Landes – zu Cavaillon , wo wir den Tag vorher mit unserer Truppe angelangt waren, ein ausländisches Drama auf – Faust – den Doktor, wie er vom Teufel geholt wird. Und aus der Ökonomie dieses Stücks, sollten Sie es glauben, mein Herr? hat sich nachher alles unser Unglück entsponnen. – Wir hatten unsere Bühne in dem Wirtshause zum › Propheten ‹, auf einem sehr großen Saale des Hintergebäudes aufgeschlagen, der aber dennoch gedrängt voll war, als wir den Vorhang aufzogen. Mein guter Bruder stellte den bösen Feind vor, sah fürchterlich aus und brüllte, nach der Schrift, wie ein Löwe. Da aber jedermann wußte, daß es nur Verkleidung war, so fand das Stück einen so lauten, weit um sich greifenden Beifall, daß wir eine Stunde nachher – eine Sache, die in den Annalen der Schauspielkunst unerhört ist – es vor einer noch verstärkten Versammlung wiederholen mußten. Freilich griff es uns an, und mein Bruder spie Blut; aber dafür hatten wir auch eine doppelte Einnahme. Das Spiel dauerte bis nach Mitternacht, und die Zuschauer gingen höchst vergnügt auseinander. Wer hätte sich einbilden sollen, daß der Teufel, während daß wir ihn in seiner Herrlichkeit vorstellten, uns den boshaftesten Streich spielen würde, den er je ausgeführt hat? Gegen mich und die Meinigen hätte er wenigstens kein ärgeres Bubenstück ausdenken können. Wir waren so abgespannt und schläfrig, daß wir kaum die Lichter ausgeputzt hatten, ausgenommen das Endchen, mit welchem mein Bruder uns vorleuchtete, so trabten wir auch schon über den langen Gang unserer Schlafkammer zu. Nun hatte aber der gewinnsüchtige Wirt in unserer Abwesenheit zwo andere Personen in derselben Kammer aufgenommen, ohne ihnen über uns Bescheid zu sagen, anstatt sie, wie er ehrlicher würde getan haben, in ein anderes Gasthaus zu weisen, da in dem seinigen keine Stube mehr leer war. – Aber gut genug! es war ohne unser Wissen geschehen; uns ahndete nichts Böses, und wir traten ein. Mein Bruder, das Stümpfchen Licht in der Hand, lief gerade nach seinem Bette, zog die Vorhänge zurück, und das Unglück war geschehen. Der fremde Herr, der darin lag – heiliger Anton! was für ein Schrecken überfiel ihn, als er aufwachte, und diese Höllenfigur vor sich stehen sah! Er verfiel in ein Angstgeheul, wodurch in dem gleich anstoßenden Bette eine andere Figur erweckt wurde, die, gleich einer Venus, die noch nicht ausgemalt ist, schon damals nicht weniger versprach, als sie nachher gehalten hat, wie Sie am besten wissen werden, mein Herr – –« – »Wie denn ich?« fragte ich voll Verwunderung. – »Weil es«, antwortete der Grenadier, »niemand anders war, als – die Mamsell hier im Hause.« – »Träumt Ihr, Freund?« unterbrach ich den Soldaten, »oder faselt Ihr?« – »Nichts weniger,« erwiderte er sehr bestimmt. – »Besinnt Euch,« fuhr ich auf ihn zu; »denkt nur, welche schöne Zeit müßte das nicht her sein!« – »Das ist«, besann sich der Erzähler, »mit Ende dieser Woche einundzwanzig völlige Monate.« – »Und da schon,« warf ich ein, »sollte die schöne, fromme, unmündige Klara – – Das ist nicht möglich!« – »So möglich,« versetzte der Grenadier, und hob die Hand wie zum Schwur in die Höhe, »daß es selbst mein Bette war, aus dem sie, ich will Ihnen nicht sagen wie schlank und artig, herausfuhr, und sich entweder aus Furcht oder Bescheidenheit unter die Decke ihres zitternden Nachbars flüchtete. Welcher Sturm des Ungefährs übrigens sie in diese Kammer – in das Bette eines Komödianten, und unter den Wendezirkel des Domherrn verschlagen hatte, mag Gott wissen.« – »Was für eines Domherrn?« fragte ich hastig. – »Er heißt«, antwortete mir der Soldat ganz gelassen – »Ducliquet, und lebt hier in dem größten Ansehen.« – Nun, du barmherziger Gott! murmelte ich in den Bart, so habe ich mir denn nicht vorzuwerfen, die Geheimnisse deiner Heiligen zuerst aufgedeckt und die Ruhe ihrer Unschuld gestört zu haben. Noch vor Erfüllung der Zeit, noch vor Erschaffung ihres schwellenden Busens – lag sie schon dem Verehrer ihrer Patronin – lag sie herzhaft dem Manne zur Seite, vor dem wohl jeder Christin, die auf den Namen der heiligen Klara getauft ist, ganz besonders bange sein sollte. Nun läßt sich schon eher begreifen, warum sie die berühmte Stelle in der Legende ihrer Seelenschwester so nachdenkend überlas. Von jener Schreckensnacht in dem ›Propheten‹ zu Cavaillon her mag sie wohl die alte Geschichte datieren, von der sie mir sagte, sie sei ihr unter andern Nebenumständen erzählt worden. Ach! diese Nebenumstände! Was gäb' ich für die Menschenkenntnis darum, wenn ich sie wüßte! Wie gut würden sie mir vielleicht die Schwärmerei des Domherrn für die heiligen Steine erklären, die seinen schwachen Kopf fast mehr, als der Stein der Weisen das Gehirn eines Adepten, verrücken! O der Unschuldigen, die erst von den Kasuisten erfahren mußte, was in der Liebe Rechtens ist! O der jungfräulichen Hand, die über die abartige Bildung des schlafenden Engels so scheu ward! und o des Toren, der nur einen Augenblick über die fromme Unwissenheit eines solchen Mädchens nachgrübeln konnte! – »Doch, guter Freund, fahre in deiner Erzählung nur fort,« unterbrach ich endlich meine kleinlauten Betrachtungen und verdoppelte meine Aufmerksamkeit. – »Hätte das Geschrei dieser beiden«, hub der Grenadier wieder an, »die halbe Stadt in Aufruhr gebracht, es wäre kein Wunder gewesen. Umsonst stellten wir uns alle, wie wir waren, teilnehmend um ihre Lagerstatt her, suchten ihnen begreiflich zu machen, daß wir nicht mehr und weniger Teufel wären wie sie – daß diese Kammer unsere tägliche Wohnung, und unser fürchterliches Ansehen nur ein Theaterkleid sei. Totenblaß blieben sie immerfort einander in den Armen liegen, kreuzigten und segneten sich, als sie die Augen aufschlugen, und wurden auch ihrer fünf Sinne nicht eher mächtig, als bis Doktor Faust und der Teufel mit jedem ein Vaterunser gebetet hatten. Sobald mein Bruder sein Schlangenhaar an den Nagel gehenkt, seine Pferdefüße abgeschnallt, die Hörner, die seinen Kopf fürchterlich zierten, neben dem Bette des Domherrn niedergelegt, und vor den Augen des blinzelnden Mädchens seinen langen Schweif zusammengerollt und in die Tasche gesteckt hatte, und nun der Angstschweiß dem Prälaten zu trocknen begann, so kehrte auch schon die natürliche Würde seines Charakters zurück. Er hätte uns gern unser sündliches Leben in einer langweiligen Predigt an das Herz gelegt, wäre ihm nicht selbst mehr damit gedient gewesen, uns von unserm Bette zu verjagen, als uns einzuschläfern. Sonach hielt er es für das sicherste, uns durch sein Ansehn in Furcht zu setzen, nannte uns seinen Namen und Stand, bedrohte uns mit der Inquisition, die wir als Masken der Hölle verdienten, und war in kurzem sogar, hätten Sie das erwartet, mein Herr? gefaßt genug, mich zu fragen, ob das Kind, das sich in sein Bette versteckt hätte, mit zu unserer Bande gehöre? So sehr wir auch Komödianten waren, so erschraken wir doch alle über die Miene der Wahrheit, mit der er seine Frage vorbrachte. Wir sahen einander an, wußten nicht, was wir antworten sollten, und beriefen uns voller Verwirrung auf die Aussage der kleinen Schönen, die indes aber unter seinem Bette vor in das ihrige wieder zurückgekrochen war und keine Lust bezeigte, sich in unsere Rechtfertigung zu mengen. Wir brachen sie auch selbst bald genug ab, hielten es für das klügste, den beiden Pilgern unsere Schlafstellen in gutem zu überlassen, und suchten uns zu behelfen wie es anging. – Mit Tagesanbruch waren sie aus unserer Kammer geschlichen und in einer Chaise auf und davon gefahren, ohne sich zu bekümmern, was wir davon denken würden. Der Wirt, den wir zur Rede setzten, entschuldigte seine doppelte Einnahme für unsere Kammer mit unserer doppelten Einnahme auf seinem Saale; der ganze schnakische Handel ward eine Weile belacht und bald hernach vergessen. Wir spielten in der dortigen Gegend, so lange sich noch Zuschauer einfanden, und gingen einige Wochen nachher, in der schönsten Erwartung von Einnahme und Ruhm, nach unserm Avignon zurück . . . Kaum [hatten wir] den andern Morgen unsere Garderobe ausgepackt . . . als ich und mein Bruder von dem geistlichen Gerichte freundlich beschickt und eingeladen wurden, vor ihm zu erscheinen. Was haben wir doch, dachte ich flüchtig, mit diesen Herren zu teilen? und wir erschienen mit dem ruhigsten Herzen vor ihren Schranken. Aber ach, unser Mut dauerte nicht lange. Was will die Unschuld eines Komödianten vor einem Tribunale bedeuten, das aus Leuten zusammengesetzt ist, die nie an gute Absichten glauben, aus Achtung für die Unwissenheit alle freie Künste verfolgen, und immer und ewig vom Brotneide gegen unser Handwerk gedrängt werden! Der Vorsitzende legte uns eine Anklage des furchtsamen Domherrn vor, die uns als Landstreicher schilderte, und das Schrecken, das wir ihm nächtlicherweile eingejagt hatten, für nichts geringeres als einen öffentlichen Friedensbruch und als boshaftesten Eingriff in die Geheimnisse unserer geheiligten Religion erklärte. Alle unsere gegründeten Einwendungen dagegen wurden verworfen, man glaubte dem Domherrn mehr als den Komödianten, und unsere Mutmaßung über Klärchens Nachbarschaft an seinem Bette brachte vollends seine Herren Kollegen so wider uns auf, daß sie alle, keinen ausgenommen, auf die Verabschiedung und Trennung unserer Truppe zusammenstimmten, und uns mit dem kurzen Bescheid entließen, nie wieder mit lebendigen Personen zu spielen. – Wir schlichen belastet von unserm Unglücke nach Hause, dem Sturme entgegen, der jetzt unter unserer Gesellschaft entstand, als wir wie Gespenster unter sie traten, und ihr den Ausspruch ihrer Vernichtung bekannt machten. Das schreckliche Wort wirkte wie ein elektrischer Schlag auf alle. Mein alter zitternder Dekorateur malte eben an einer Morgenröte. Der Pinsel entschlüpfte seiner gelähmten Hand und fiel gerade auf die Schürze der Ariadne, die neben ihm saß und ihrem Theseus die Halbstiefeln putzte. Zwei von meinen Grazien, die diesen Abend zum erstenmal in dem Nachspiele auftreten sollten, ließen den Schleier fallen, um den sie sich zankten, und die dritte sprang wie eine Furie hinter dem Verschlage vor, wo sie sich anzog, und überfiel meinen armen Bruder, dessen gottlose Maske sie als die einzige Ursache unsers allgemeinen Unfalls ansah, und worin sie auch nicht ganz Unrecht hatte. Ich trat dazwischen, gebot Ruhe, und ersetzte meine verlorne Gewalt über die Gesellschaft durch eine derbe Beredsamkeit. Den Damen legte ich ihren zweideutigen Ruf nahe an das Herz, und ermahnte sie brüderlich, die Geistlichkeit nicht noch mehr wider ihr weltliches Leben aufzubringen, und wohl gar noch, bei zunehmenden Jahren, in die Exkommunikation zu fallen. Meine Helden beruhigte ich durch einige glückliche Tiraden aus unsern Trauerspielen über die Würde der Standhaftigkeit im Unglück, und empfahl allen, die mancherlei Erfahrungen nun auch zu nützen, welche sie unter meiner Leitung erlangt hätten. Der Kleinmut verlor sich nach und nach auf ihren geschminkten Gesichtern, der Trieb der Selbsterhaltung erwachte, und mein guter Rat ward befolgt. Die eine von meinen Grazien vermietete sich noch diesen Abend, die andere sieben Wochen später, als Amme, die dritte ward – um sich, glaube ich, an dem geistlichen Tribunale zu rächen – Ausgeberin bei dem Präsidenten. Meinen ersten Akteur brachte seine Baßstimme ins Chor. Mein Dekorateur malt jetzt Altäre und Kapellen. Ariadne hat eine kleine Wirtschaft angelegt und findet ihr Konto so gut dabei als die alte Dame nebenan. Meinen Theseus müssen sie oft gesehen haben, mein Herr! Er trägt die kleinen Pasteten zum Frühstück umher, die, wie man sagt, vortrefflich sind; denn der Undankbare hat seinem alten Direktor nie eine zu kosten gegeben. Ich wüßte mit einem Worte keines von meiner Gesellschaft, für das die Vorsehung nicht augenscheinlich gesorgt hätte. Auch für uns beide Brüder sorgte sie, die doch in diesem Tumulte am meisten verloren. Da uns der verhaßte Bescheid verbot, mit lebenden Personen zu spielen, so fanden wir in dieser Klausel selbst den besten Wink für unsern wahren Beruf. Wir schafften uns Drahtpuppen an, und waren in kurzem imstande, mit einem recht gut besetzten Theater die Märkte zu beziehen. Als die Empfindung der falschen Scham überwunden und die erste Auslage verschmerzt war, befanden wir uns sogar selbst besser bei unsern Marionetten, als bei dem vorigen hochmütigen Troß. Wir hatten nun keinen Zank mehr unter unsern Heerführern zu schlichten. Jede Puppe war mit der Rolle zufrieden, zu der sie ihre Gelenke bestimmten. Sie schickten sich weit besser in den engen Kreis, den wir ihnen anwiesen, und stießen nicht an die Wolken, wie ich mich wohl erinnere, daß es sonst geschah, wenn meine Helden Sturmhauben, meine Göttinnen Federbüsche aufsetzten. Mit dem einzigen Anzuge des Perseus, den ich zerschnitt, konnte ich jetzt meine ganze Truppe bekleiden, und ich bekam zwei Vorhänge aus der Schürze, die der Ariadne zu kurz war. Die Mechanik unserer jetzigen Aktrizen ward nicht so oft wandelbar wie bei den vorigen. Unsere Könige und Ritter lagen mit ihnen in einem Kasten, ohne daß wir unangenehme Folgen besorgen mußten, und, was das Beste war, so hatten wir nicht nötig, unsern brüderlichen Gewinn mit unserer Gesellschaft zu teilen. Jetzt spielten wir den Doktor Faust, ohne daß ein Hahn darüber krähte; und da wir überall zu lachen machten, und von dem Vornehmsten bis zu dem Geringsten Aufmunterung und Beifall erhielten, so glaubten wir endlich das blinde Schicksal ebenso gewiß an dem Seilchen zu führen als unsere Puppen . . . Aber auf einmal geschah der unerwartete Schlag, der dieses große kostbare und zusammenhängende Gebäude in seinen Grundpfeilern erschütterte und über den Haufen warf. – – Warum lachen Sie, mein Herr? – Verwechseln Sie mich nicht, ich bitte Sie, mit einem gemeinen Puppenspieler, der seine Kunst wie ein Handwerk treibt und nicht daran denkt, daß man auch hölzernen Figuren Gesinnungen in den Mund legen kann, die gerade auf das menschliche Herz wirken. Ich war, wie Sie mich hier sehen, der Erste meines Standes, der einen schönen Geist besoldete – einen Metastasio in seine Dienste nahm, der unablässig für mein Theater arbeiten mußte, alte Ware für das Bedürfnis der Zeit ausbesserte und neue fertigte, die gegen die strengste Kritik sich aufrecht erhielt. Durch diese Einrichtung hätte vielleicht mein Puppenspiel endlich so viel zur Aufklärung beigetragen, als die königliche Schaubühne zu Paris. Aber weislich ließ es die hohe Klerisei nicht bis dahin kommen. Es war vor dem Jahre in der Weinlese, als wir das älteste Stück von allen, die jemals gespielt wurden, aufführten, nur neu bearbeitet und in einem Modegewande. Wir hatten es bis zu dieser Epoche aufgehoben, wo das menschliche Herz, wie unser Theaterdichter sagte, besonders zum Gefühl des Großen und Erhabenen gestimmt sei. Unsere Zettel kündigten es von einer Ecke der Stadt bis zur andern unter dem prächtigen Titel an: Das allgemeine Trauerspiel der Menschheit oder Das verlorne Paradies . Hatten wir gleich auf eine große Menge Zuschauer gerechnet, so übertraf der Zulauf doch unsere größte Erwartung. Als alle Himmelslichter angezündet waren und der Vorhang nun aufflog, geriet die Versammlung in einen so lärmenden Beifall, daß durch die Erschütterung, die er verursachte, ein Stern der ersten Größe vom Horizonte herabfiel. Indem trat ich als Prologus auf – winkte mit der Hand, und es war rührend anzusehen, wie augenblicklich dieser unbändige Tumult in die tiefste Stille überging. Meine Anrede an das Publikum enthielt, wie bei den Schauspielen der Griechen und Römer, den ganzen Plan des Stücks, und war so gut gearbeitet und darstellend, daß es Ihnen sein würde, mein Herr, als hätten Sie mit in dem Parterre gesessen, wenn es Ihnen gefällig wäre, sie anzuhören. Ich weiß sie noch so auswendig, als damals; denn ob sie mich gleich und die Meinigen in Kummer und Elend gestürzt, und ihren poetischen Verfasser genötigt hat, landflüchtig zu werden, so kann ich doch einmal das schnackische Ding nicht vergessen, und rezitiere es oft mir selbst vor, und gemeiniglich um so viel pathetischer, je weniger ich vor Hunger weiß, was ich anfangen soll. Heute, hoffe ich, wird es noch besser gehen, da ich ein gutes Souper in der Aussicht habe. Darf ich, mein Herr?« – »Ganz gern, lieber Grenadier,« antwortete ich, und setzte mich in meinem Lehnstuhle zurechte . . . »Sie werden an der Vorrede meines Bruders genug haben, mein Herr,« wendete [der Epilogus] sich zu mir, »denn sie enthält alles, was durch unser Schauspiel nachher nur in Handlung gebracht wurde, und ich mag Sie mit meiner Nachrede nicht noch aufhalten. Auch ist es wahrlich weder diese noch jene, die den Umsturz unseres Theaters bewirkte. Sie mußte nur nachher der Ungerechtigkeit zum Vorwande dienen, die ein Heuchler, der in seiner eigenen Rolle gestört ward, an uns, an der Schöpfung der Welt, und dem Stande der Unschuld beging. Hören Sie, mein Herr, und erstaunen Sie! Ich hatte schon alle Reihen Bänke unsers Parterres durchgeräuchert, als ich in der hintersten, dunkelsten Ecke auf ein paar Zuschauer traf, die vermutlich selbst keine verlangten; denn sie fuhren, aus aller Fassung gebracht, auseinander, als ich ihnen mit meinem Rauchfasse zu nahe kam. Es war ein junger Offizier, und es war – stellen Sie sich meine Verlegenheit vor! – abermals das schöne Mädchen, das ich schon als Reisegefährtin des Herrn Ducliquet so unschuldigerweise erschreckte. Ich sah es ihr an, daß sie sich in diesem Augenblicke mehr vorzuwerfen hatte, als alle unsere Marionetten; und doch mußten diese schwerer als sie für die Untreue büßen, die sie diesen Abend an ihrem Patron beging. Die damals verlornen Minuten des rachgierigen Domherrn liegen schwer auf uns, und werden uns drücken, solange wir noch in dieser Zeitlichkeit wallen.« – »Das wäre sehr schade um deine ausgezeichneten Talente,« unterbrach ich den Grenadier; »du bist zu pathetischen Rollen wie geboren, und ich hoffe, daß der Druck nicht lange mehr dauern soll, der das Publikum um ein paar so treffliche Redner gebracht hat. – Doch davon ein andermal!– Jetzt, fahre nur fort!« Indem meldete Bastian, daß ihr Abendessen auf dem Tische stehe. Der Prologus setzte sich in Bewegung; aber der Epilogus, den mein Beifall noch mehr in Feuer gebracht hatte, bat seinen Bruder noch um einige Augenblicke Geduld, und wendete sich mit einem pragmatischen Übergange wieder an mich. – »Es war immer noch ein glücklicher Zufall,« sagte er, »daß sich mir das schöne Gesicht unter dem Schimmer meines Rauchfasses verraten mußte; denn sonst würden wir bis diese Stunde noch nicht den geheimen Zusammenhang unserer tragischen Geschichte entdeckt haben.« – »Sind wir deshalb besser daran?« murmelte sein hungriger Bruder. – »So aber«, fuhr der andere fort, ohne sich stören zu lassen, »können wir von der ersten verborgenen Feder an, die so viele Räder in Bewegung setzte, den unglücklichen Vorfall bis zur Auflösung des Knotens verfolgen. Es sollte einem Dichter leicht werden, ein Trauerspiel daraus zu verfertigen – so regelmäßig als es die Verschwörung von Venedig oder der Umsturz des babylonischen Reichs ist; wären wir nur noch so glücklich, ein Theater zu haben, um es aufzuführen. Die drei Einheiten, mein Herr, des Orts, der Zeit und der Handlung, finden sich hier, nach den Forderungen des Aristoteles, auf das genaueste vereinigt, und würden, mein Herr, so gewiß ihre Wirkung tun, als« – – – Jetzt fing mir vor der Überströmung seiner Gelehrsamkeit ein wenig an Angst zu werden. – »Du bist zwar der erste, den ich sehe,« unterbrach ich ihn mit einer verwundernden Miene, »der seine Unglücksfälle nach der Kunst zu ordnen imstande, und selbst fähig ist, wie die Spinne, aus dem Stoffe seines eigenen Lebens ein Kunstwerk zu weben; indes rate ich dir als ein guter Freund, es vor der Hand noch zu verschieben, damit nicht etwa deine Suppe nach den Regeln des Aristoteles – kalt werde.« – »Oh, der unglücklichen Gabe der Redseligkeit!« brach er nun mit einem Seufzer aus, »sie ist mir immer in allem, wie mein Genie, im Wege gewesen – Sie ist es – warum sollte ich es leugnen? die mir und meinem armen Bruder alle warmen Suppen vereitelt hat – Denn – sehen Sie, mein lieber Herr, ehe ich damals auf meinen angewiesenen Standort kam, erzählte ich einigen meiner Bekannten im Parterre die Entdeckung, die ich in der Ecke gemacht hatte, ein Nachbar erzählte sie dem andern, und alle Köpfe drehten sich zuletzt nach der verratenen Gruppe herum. – Auf dem Theater – anstatt zu epilogieren, hielt ich mich damit auf, mein Geheimnis erst meinem Bruder, dann unserm Theaterdichter, und dann – dem Lichtputzer vorzuschwatzen. Die Zeit verging – ich ließ das Parterre lange pochen und toben, ehe ich auftrat, um meine Nachrede zu halten – Ach! ich dachte damals nicht, daß es meine letzte sein würde! Durch diesen Aufenthalt mein Herr, gerieten viele Haushaltungen in Avignon in Unordnung. Jedes kam um eine halbe Stunde zu spät nach Hause, besonders aber die schöne Klara! Ja! könnten wir immer in die Kabinetter der Großen blicken, wie viel anders würden wir über den Wert ihrer Zeit, und über den Einfluß, den oft der Verlust einer Minute in ihrer Wirtschaft auf die Regierung der Welt hat, urteilen! Die kritische Stunde, wo der Domherr seine Freundin erwartete, war verflossen. Er war in die Abendmette gegangen, ohne sie in ihrem Betstuhle zu finden. Sobald er fertig war, eilte er nach Hause, und sie trat nicht vor ihm her, wie sonst. Er rief, fragte, suchte nach ihr, und vermißte sie auf das schrecklichste, und schickte seine ganze Dienerschaft, sogar seinen Koch, aus, sich nach ihr zu erkundigen. Dieser, nachdem er vergebens bei ihrer Tante nachgefragt hatte, stieß von ungefähr auf den Haufen, der unser Schauspiel verließ. – Er sah das verspätete Mädchen an dem Arme des jungen Offiziers – hörte bald ausführlich das Wie und Warum, und brachte es seinem Herrn, Gott weiß mit was für Zusätzen, zu Ohren. Kein Epilogus sollte ausschwatzen, das habe ich damals gelernt. Der Erfolg zeigte, wie gut es gewesen wäre, wenn ich es eher gewußt hätte. Der Domherr hob alle Gemeinschaft mit Klärchen auf und verwies sie noch diesen Abend aus seinem Sprengel. Sie durfte nicht mehr, wie das Schaf des armen Mannes, auf seinem Schoße schlafen und aus seiner Schüssel essen – – –« – »Lieber Bruder,« fiel ihm hier der Prologus ins Wort, »würde es nicht gut sein, wenn wir die unsere warm setzen ließen?« –»Tue das,« antwortete der Redner, »aber unterbrich mich nicht.« Und nun fuhr er mit demselben Feuer fort: »Der Unmut des Domherrn wirkte jetzt schrecklich zurück auf uns. Er erweckte den Fiskal, klagte uns an als Verführer der Jugend, ließ unsere Zettel abreißen, veranstaltete eine Haussuchung, und rächte an uns Unschuldigen das marternde Gefühl seiner Eifersucht auf die grausamste Art. Die Gerichtsdiener brachen in unsere stille Wohnung ein, bemächtigten sich unserer Dekorationen, unserer Drahtpuppen und unserer Papiere – –« – »Ohne dich zu stören,« unterbrach ich hier seine Erzählung, »deiner Papiere – sagst du?« –»Jawohl, unserer Papiere!« wiederholte er und trocknete sich die Stirn. »Wir haben nichts gerettet, als was uns im Kopfe blieb – haben zwar seitdem unsere Lust- und Trauerspiele noch einmal, aber – stellen Sie sich vor! – als Akten geheftet, haben wir sie zu Gesichte bekommen. Die Stellen darin, die immer den meisten Beifall erhielten, waren mit roter Tinte unterstrichen, und der Fiskal hatte sie in eine Liste zusammengesetzt, die er unser Sündenregister nannte.« – »So?« sagte ich ernsthaft, und das Herz schlug mir so hoch, daß ich aufstehen mußte. »Geht einstweilen hin,« sagte ich zu den beiden Brüdern; »wenn ihr gegessen habt, will ich euch weiter hören.« – Und so eilte ich von ihnen weg in meine Bibliothek, um mich von der schnellen Bestürzung, die mich überfiel, in einem Zimmer zu erholen, das dem Nachdenken gewidmet war. Hier stemmte ich meinen Kopf an den Bücherschrank und fing an, mich mit mir selbst ernstlich über das zu besprechen, was ich soeben vernahm. Das ganze gräßliche Schicksal, das meinem Tagebuche drohte, trat mir vor die Augen – Ganz gewiß, sagte ich, wird man sich seiner so gut bemächtigen, als der Rollen der armen Puppenspieler – Man wird es – ich ward über und über rot bei diesem Gedanken – einem gerichtlichen Translator preisgeben, und die ganze Stadt wird die geheimsten Nachrichten deines hiesigen Aufenthalts, deiner einfältigen Streiche und deine kritischen Bemerkungen über die Narrheiten anderer zu lesen bekommen. Was – um aller Barmherzigkeit willen! was sollte wohl aus dir werden, wenn der Propst deinen dogmatischen Handel mit Klärchen, und alle die zweideutigen Vorfälle auf deiner berühmten Kreuzfahrt ersähe, sie mit roter Tinte unterstriche, und dein bißchen hautgout , das, mit zehn Bogen guter Gedanken verdünnt, auch den feinsten Gaum nicht beleidigen kann, – herausstocherte, und auf ein Quartblatt zusammengedrängt dem Gerichte übergäbe? – – Ihr Heiligen! Ihr Märtyrer der Wahrheit, wendet gütig dieses Unglück von mir! – Ich tat mir einen albernen Vorschlag nach dem andern – sah immer keinen Ausweg, und geriet am Ende so in Furcht, daß, hätte ich nur so eine gute Gurgel gehabt, als Johannes, ich seine Kolik gewagt und mein bitteres Buch würde verschluckt haben. Sollte ich es meiner eigenen Wache anvertrauen? Sollte ich mich, oder meinen Bedienten damit ausstopfen? Diese Mittel, flüsterte ich mir zu, und schlug die Arme ineinander, sind schon zu oft dagewesen, um nicht gefährlich zu sein. – Aber welche unerschöpfliche Quelle listiger Einfälle ist nicht das Herz eines Beängstigten! Laß ihm Zeit, und es ergrübelt sich Schlupfwinkel und Ausgänge, die dem erfahrensten Schergen unbekannt bleiben. Nach einem nur kurzen Nachdenken schwand meine Verlegenheit. Ich sah den sichern Ort, den ich suchte, und sah ihn in meiner Nähe. In der weiten Natur hätte ich keinen geschicktern ausfinden können, mein verfolgtes Werk zu verbergen. Den listigsten Jesuiten, den eifrigsten Inquisitor würde ein Grausen befallen, wenn er sich diesem Schutzorte nähern, oder seine geweihte Hand darnach ausstrecken sollte. Dir zwar, der meine ganze Wirtschaft kennt, der, frei von Vorurteilen, keine Nachforschung anstößiger findet als die andere, wird es nicht schwer fallen, schon im voraus meinen Schlupfwinkel zu erraten – aber zu meinem Glücke ist hier keine Seele so genau bekannt mit mir, und so verschmitzt wie du; selbst der Propst, selbst der Wächter der Laura nicht. Ich ging nun ganz ruhig wieder in mein Sprachzimmer, warf mich nachlässig auf meinen Lehnstuhl, rief meiner Leibwache, und forderte nur desto begieriger den Erzähler auf, in seiner tragischen Geschichte fortzufahren, je mehr ich mich in meinem Selbstgespräche überzeugt hatte. wie nützlich es sei, aus dem Beispiele eines schon Bestraften den Gang der Justiz zu erfahren, in deren Hände man fällt. – »Sollte es nicht besser sein,« fing jetzt der Epilog mit einer Frage an, die von seinem guten Herzen zeugte, »ich ließe den Vorhang über die Folge unsers erbarmungswürdigen Schicksals fallen, da schon der Anfang, wie ich gesehen habe, Ihre mitleidige Seele so heftig erschüttert hat? Ach, mein Herr, der gute Wein, von dem ich eben herkomme, scheint auch mich zur Wehmut noch mehr gestimmt zu haben, und ich stehe nicht dafür, daß die Sympathie des Unglücks nicht unter uns – –« – »Suche dich zu fassen,« sprach ich ihm gutmütig zu, »ich will es auch tun. Mäßige aber nur, wenn ich bitten darf, deine affektvolle Sprache. und laß lieber, wo er nicht hingehört, den tragischen Akzent weg; denn ich bin kein Liebhaber von Tränen und Ohnmachten.« – »Ich will mein Möglichstes tun,« antwortete er, und hielt, meinen Ohren zur großen Beruhigung, so ziemlich auch Wort. – »Unser Theater,« faßte er sich jetzt ins kurze, »wurde geschlossen. Ich und mein armer Bruder wanderten zum Leidwesen der ganzen Stadt ins Gefängnis, und unser unseliger Prozeß nahm seinen Anfang. Neunmal wurden wir zum Verhör geführt, ohne daß die Herren unsere Unschuld begreifen wollten. Es wurden lange Reden für und wider gehalten, und dicke staubige Bücher nachgeschlagen, ehe sich das Gericht über unser Verbrechen vereinigen konnte. So haben wir, bei Wasser und Brot, sieben schreckliche Wochen hinter eisernen Gittern gesessen, ehe unser Endurteil gefällt ward. In Rücksicht unsers Unverstandes – erklärte der höfliche Präsident endlich in der letzten Sitzung – habe das geistliche Tribunal dahin gestimmt, Güte für Recht ergehen zu lassen. Statt der Leibes- und Lebensstrafe habe es uns nur mit einer Geldbuße von dreihundert Livres belegt, die wir an die Armenkasse des Domstifts zahlen sollten; und wegen der aufgelaufenen Sitz- und Gerichtskosten habe es seinen Untereinnehmer angewiesen, sich an unsere Effekten zu halten. Wir verstummten beide bei Anhörung dieses gnädigen Bescheids, der uns mit glatten Worten zu dem schmählichsten Hungertode verdammte. Man ließ uns nicht zum Worte kommen – der Präsident wies uns aus dem Saale, und wir wurden nun in unsere Wohnung geführt, um die Vollstreckung der Hülfe, wie sie es nennen, mit anzusehen. Ach, mein Herr! könnte man vor Gram sterben, ich würde den Tag nicht überlebt haben, an dem ich den vieljährigen Erwerb unseres sauern Schweißes, die teuere Sammlung unserer mechanischen Kunstwerke, teils in einer öffentlichen Versteigerung an Ignoranten verschleudert – die Hauptfiguren aber der Rache unsers Klägers geopfert sah! Brutus und Cato, Cäsar und Pomponius Mela kamen in die Hände der Juden. Der eine Trödler kaufte den Baum der Erkenntnis – der andere den Mond und die Sterne. – Die Vögel unter dem Himmel und die Tiere auf dem Felde wurden jetzt Spielwerke der Kinder; und unsere ersten Eltern verdammte man, auf Verlangen des Domherrn, ihrer Blöße wegen, wie seine Worte waren, zum Feuer. Oh des einfältigen, boshaften Richters! Verträgt sich denn mit dem Stande der Unschuld ein anderes Kostüm? und waren denn diese herrlichen Puppen nicht ganz getreue Nachbilder der Natur? Eben das, antwortete er, wäre das strafwürdigste bei der Sache. Es half kein Bitten und Flehen. Sie wurden beide von den Schergen ergriffen und – o des Barbaren! – vor unserer Haustüre verbrannt. Entschuldigen Sie, mein Herr, die Tränen, die ich mich noch jetzt nicht enthalten kann, ihrem Andenken zu weihen. Man vergaß, daß es Drahtpuppen waren. Eva – in der ungestörten Blüte weiblicher Schönheit und gebaut wie ein Döckchen! und Adam – man konnte nicht auf ihn hinblicken, ohne in ihm den Herren der Welt zu erkennen! Der Stand der Unschuld ist auf ewig dahin. – Das haben wir der Klerisei zu verdanken. Sie zertrümmerte – es ist ihre Art – die ganze Schöpfung mit lachendem Mute, um zu ihren Sporteln zu gelangen. – Die Strafe der dreihundert Livres, der verwickeltste Knoten unsers Trauerspiels, blieb indes noch immer ungelöst. Der Held, der ihn zerhauen sollte, trat auf. Stellen Sie sich, mein Herr, wenn Ihre Einbildungskraft soweit reicht, unsere Empfindung vor, als nun an den Schranken, vor denen wir knieten – wie ein Gott aus den Wolken – eben der junge Offizier erschien, der vor sieben Wochen in unserm Parterre mit so vieler Bequemlichkeit die Erschaffung des Weibes belauschte – mit dem Erbieten erschien, uns der Armenkasse abzukaufen. Der Handel wurde vor unsern Augen geschlossen. Verraten, konfisziert und verkauft, wie unser Cäsar und Cato, wurden wir von dem Werber abgeführt – gemessen – in Lumpen gesteckt, die wir uns gescheut hätten, unserm Belisar anzuziehen – und befinden uns seitdem unter der päpstlichen Garde. – Aber hören Sie noch, mein Herr, auf was für einem Fuß! Von der armseligsten Löhnung, die je den Sklaven unseres Standes gereicht wurde, zieht der Barbar, der uns kaufte, noch monatlich die Hälfte so lange ab, bis wir dadurch unsern eigenen Ankauf ihm ersetzt haben. Oh des niederträchtigen jungen Mannes! Doch er wird seinen Menschenhandel teuer genug büßen, das ist noch unser Trost! der Trost unserer Rache! Bei dem langsamen Tode, den er uns auflegt, wird uns hoffentlich der Hunger immer noch eher ins Grab bringen, ehe sein abscheulicher Vorschuß erstattet sein wird.« »Bastian,« rief ich hier meinem Bedienten zu, und wischte mir die Augen, »ich sage dir, laß diesen armen Leuten nichts abgehen, so lange sie mich bewachen. Schaffe ihnen der Nahrung so viel als sie verlangen, und stärke ihre Herzen durch geistiges Getränke. Fordere, wenn du es holst, von dem Kommunionweine; denn in diesem vermaledeiten Lande, weiß ich, ist es, nach einem andern Verhältnisse, als bei uns – der beste, weil es nur Pfaffen sind, die ihn trinken.« Eine süßere menschliche Empfindung nahm jetzt den Platz der Rache ein, die diese armen Wichte an ihrem Hauptmanne zu nehmen gedachten. – »Gott segne Sie, großmütiger Herr,« sagte der eine, »für Ihr Mitleiden gegen ein paar der betrübtesten Lustigmacher, die je die Erde getragen hat!« – »Die Klerisei«, sagte der andere, »hat alle unsere Schätze geraubt – nur die guten Perlen nicht, die jetzt unsern Augen entfallen. Wir fühlen, daß wir nicht ganz arm sind – fühlen in diesem rührenden Augenblicke, daß wir noch ein Herz haben, das Ihrer Achtung und Ihrer Güte nicht unwürdig ist.« – »Kinder! steht auf!« unterbrach ich den Strom ihrer Empfindungen, indem ich jedem eine Hand reichte, um ihn von dem Boden aufzuheben, auf dem sie vor mir, wie vor dem Bilde eines Heiligen, lagen. »Vergeßt euer Unglück bei der frischen Flasche, die eurer wartet – Laßt es euch wohl schmecken, und erinnert Bastian, wenn er euch versorgt hat, daß er mir mein Tintenfaß fülle.« – Ich sah den beiden verbrüderten Trauergestalten ernsthaft nach, wie sie unter Tränen und Lächeln sich von mir wendeten, und Hand in Hand auf ihren Posten zurückschlichen, und verfiel, ach wahrlich nicht ohne Ursache! von einem wehmütigen Gedanken in den andern . . . Das Notwendigste schien mir indes immer zu sein, meine Papiere in Sicherheit zu bringen. Ich ergriff nun, ohne mich länger zu besinnen, die sämtlichen Kriminalakten meines Tagebuchs, rollte sie und schnürte sie mit Klärchens blauem Strumpfbande bis auf den Bogen zusammen, woran ich schreibe, und so mußten diese meine offenherzigen Bekenntnisse sich so lange biegen und schmiegen, bis sie glücklich – obgleich ein wenig gezwängt – an den Zufluchtsort, den ich ihnen anwies, und den du längstens erraten hast, glücklich in den hohlen Gipskopf des guten Rousseau gelangten. Ich konnte mich unmöglich des Lachens erwehren, als ich die Büste wieder an ihren Ort gestellt hatte, nun vor ihr stand, und die ernsthafte Miene, die sie mir zuwarf, mit den Possen verglich, die dahinter versteckt waren . . . Ich mußte mich mit Gewalt von seiner Büste entfernen, um den Gedanken an ihn los zu werden, und nicht in seinen Ernst zu verfallen, den ich für mein morgendes Verhör für viel zu gut hielt. Die Stimmung, in die mich der Prologus und sein Bruder versetzt hatten, mochte wohl schuld sein, daß ich mich lange nicht überwinden konnte, an meinen Vorstand vor Gericht anders zu denken, als an ein Puppenspiel. So setzen wir hinterher noch alles auf Noten, beten unter einem Triller, und schlafen nach dem Takt ein – wenn wir eben aus einem Konzerte gekommen sind. Hätte ich mich gehen gelassen, ich möchte wohl wissen, was morgen aus mir geworden wäre! Zu meinem großen Glücke hatte ich, während meiner äußern und innern Tätigkeit, mein abgebranntes Licht übersehen – Es senkte sich – sprudelte und verlosch, ehe ich nach einem andern rufen konnte. Unterdes Bastian es zurecht machte, nötigte mich die Dunkelheit – denn ich konnte weder den Amor noch seinen Präzeptor erkennen – meinen Armstuhl zu suchen. Diese kleine Ruhe, so vorübergehend sie auch war, gab doch den Ausschlag. – In den drei oder vier zerstreuungslosen Minuten, die mir Bastian gönnte, verdunstete meine Verwegenheit ganz, die auch hier wie anderwärts nur Sache des Bluts war. Das Verhör, das mir bevorstand, kam mir lange nicht mehr so lustig vor. Die Herren, gegen die ich mich verantworten sollte, so sehr ich sie auch für Komödianten hielt, schienen mir doch ungleich mehr Freude an tragischen Ausgängen zu haben als an Farcen. Selbst nach dem langsamen Gange der hiesigen Rechtspflege wie mir ihn meine Wache vorgezeichnet hatte, war immer eher auf ein Kerkerfieber zu rechnen, als auf ein Absolutorium. Ich verschwieg mir nicht, daß meine Vergehungen ungleich wichtiger waren als die ihrigen, und daß ein hämischer Referent nicht einmal viel Geschicklichkeit nötig habe, um aus den Beweisen, die wider mich dalagen, und aus meinem eigenen Geständnisse, das ich ungefragt schon abgelegt hatte, ein Verbrechen zusammen zu setzen, über das wohl selbst das Kammergericht zu Berlin große Augen machen, und, bei aller seiner Liebe zur Gelindigkeit, ohne einen Kabinettsbefehl nicht wagen würde mich loszusprechen. Den guten Einfällen, die mir der Kirchner aus Unkenntnis meiner Verhältnisse oder vielleicht nur darum empfahl, weil sie ihm am meisten behagten, stand leider die trostlose Konfiskation im Wege, die der Propst schon vorläufig über meine Habseligkeiten gesprochen. Was in aller Welt sollte mich also gegen die Religion meiner Gegner schützen? – eine Religion, die, wider allen Rittergebrauch, die Waffen in Beschlag nimmt, noch ehe sie den Handschuh hinwirft. Ich kratzte mich einmal über das andere hinter den Ohren, runzelte die Stirn ärger als Rousseau, und überzählte kleinmütig die wenigen Stunden, die mir, nach abgerechneter Nacht, nur noch frei blieben, mich in Verteidigungszustand zu setzen. Ich fühlte die Notwendigkeit immer dringender werden, einen gescheiten Plan zu entwerfen; doch, sobald ich alle die Schwierigkeiten der Ausführung übersah, vergingen mir die Gedanken wieder, und ich schien mir ohne Rettung verloren. Meine Einbildungskraft, je geschäftiger sie war, mir die Klagrede nach ihrem ganzen schreckhaften Inhalte vorzuhalten, mit der mich der Prokurator auf morgen bedroht hatte, machte es meinem armen Verstande nur desto unmöglicher, etwas Kluges und Bewährtes darauf zu antworten. Mein leichtsinniger Mut, Eduard, fing an gewaltig zu sinken. Natürlich stieg, nach dem Gesetze der Schwere, nun auch dafür meine Furcht desto höher. Nur ein Wunder, rief ich in einer Art von Verzweiflung, kann dich aus dieser höllischen Verlegenheit ziehen; und – Dank, freundlicher Dank sei dem leeren Schalle, der mir entfiel! – Wie mag es doch zugehen, daß oft das sinnloseste Wort, das der Zunge entschlüpft, unsere Seele so mächtig ergreift, und Gedanken und Entschließungen bewirkt, nach denen wir mit der größten Anstrengung unseres Geistes vergebens herumtappen? – Ein Wunder? wiederholte ich mir mit hinstaunendem Nachdenken – Und wäre es denn so unmöglich, daß dir eins gelänge, das kräftig genug wäre deine Widersacher zu Boden zu schlagen? – Ich ging eine Weile alle Wundergeschichten durch, so viel mir deren bekannt waren; keine aber wollte auf meine Kräfte und meinen Zustand passen. Wenn du, sagte ich launig zu mir, zum Fenster hinaus sprängest, so wäre es zwar ein Wunder , wenn du nicht den Hals brächest: aber selbst dann – zu was würde dir es helfen? Der Pöbel – da du doch nicht über die Stadt springen kannst – würde dich zeitig genug einfangen, dich der alten Aufseherin aufs schimpflichste ausliefern, und der Propst und der Prokurator würden in dem Versuche deiner Flucht nur einen Beweis mehr wider dich aufstellen. Nein, das ist nichts, fertigte ich mich ab, ohne jedoch müde zu werden mir immer neue und ebenso unsinnige Vorschläge zu tun. Ein Klügerer als ich hätte gewiß keine Minute länger mit diesen Albernheiten verloren, und hätte unrecht getan. Ich habe aber das Gute an mir, daß, ungeachtet ich in meinem alltäglichen Leben und in dem gemeinen Umgange mit andern, nur wenig auf den Zusammenhang der Dinge achte, die in Gesellschaften verarbeitet werden – ich mich selbst so wenig als meinen Nachbar auffordere, die dunkeln Begriffe des Gesprächs, um das sich oft die andern bis zum Schwindel drehen, ins klare zu setzen, und mit einem Worte die Kraft meines Nachdenkens schone; so kann ich dagegen, wenn es sein muß, auch meinem Kopfe eher etwas zumuten als viele andere; und das kam mir auch diesmal gar sehr zu statten. Sollte dir dieses einer Prahlerei ähnlich sehen, so entschuldige sie mit meinen großen Erwartungen, und bedenke nur, was ich vorhabe! Dagegen will ich auch insoweit wieder einlenken und dir eingestehen, daß, so gut ich auch meine Maßregeln genommen, und so fest ich hoffe, daß mir mein Wunder um vieles besser gelingen soll, als dem Kaplan der Gräfin Bentink das seinige Siehe den launigen Brief Voltaires an den König von Preußen in seinen questions sur l'Encyclopédie , unter dem Artikel miracles modernes . – es doch bei alle dem – selbst in dem albernen Lande, dem ich es zuwenden will, immer ein Wagestück bleibt. Mehr darf ich dir vor der Hand nicht darüber sagen, um dir weder zu viel Hoffnung, noch zu viel Angst zu machen. – Von einer Person, die dabei mit ins Spiel kommen wird, muß ich jedoch noch ein Wort fallen lassen, damit du nicht so sehr erschrickst, wenn sie auftritt – ich meine den Domherrn, den ich auf morgen früh neun Uhr, als der Stunde meines Verhörs, durch ein Handbriefchen eingeladen habe, dieser übernatürlichen Ereignung beizuwohnen. Außerdem, daß ich nichts weniger tun kann, ihm die Höflichkeit seines Hochamts zu erwidern, bin ich seiner Gegenwart bei meinem Vorhaben so benötigt, daß ich alles zurücknehme, was ich in den vorigen Blättern von seiner Unbrauchbarkeit zu allen Geschäften viel zu voreilig geurteilt habe. Er steht jetzt sogar in meiner Rechnung unter den drei elenden Menschen, die ich dir, mit deiner Erlaubnis, als meine hiesigen Freunde vorstellte, obenan. Die nähere Bekanntschaft seiner, die ich der Plauderhaftigkeit meiner Wache verdanke, zeigt mir ihn jetzt in einem Lichte, das den Buchhändler sowohl als den Kirchner gewaltig in Schatten setzt. Ich gestehe, ich hielt ihn bisher ungerechterweise für nichts mehr, als einen aufgeblasenen abergläubischen Schwachkopf – mochte seit dem Tage, wo er mir am Feste der Genoveva den Possen spielte, nichts weiter mit ihm zu tun haben, und begriff nicht, wie mich der Bischof von Nimes mit gutem Gewissen an einen so unbedeutenden Menschen hatte empfehlen können. Jetzt aber, da mir ihn der Epilogus auch noch als einen boshaften, wollüstigen, rachgierigen und furchtsamen Mann geschildert hat, der sich aber auf sein großes Pferd setzen kann, wenn ihm ein anderer den Zaum hält, scheint mir die Empfehlung des guten Bischofs sehr richtig, und genau auf seine Kenntnis des hiesigen Lokals berechnet; und ich müßte mir wohl selbst gram sein, wenn ich noch länger versäumen wollte, diese Eigenschaften eines ausgebildeten, und dem hier herrschenden Gemeingeiste so angemessenen Charakters, in Tätigkeit zu setzen, um meine Verfolger mit ihren eigenen Waffen zu schlagen . . . Der Domherr . . . hat mir eben geantwortet. Er will zur gesetzten Stunde erscheinen. Das überhebt mich nun der Mühe, diesen Bogen – ob er gleich, wenn er meinen Feinden in die Hände geriet, so gut sein würde wie ein Steckbrief – zu seinen Vorläufern zu gesellen, denen selbst, so viel ihrer sind, ich ganz wohl ihre Freiheit wiedergeben könnte, wäre es nicht einerlei, ob sie diese Nacht in Rousseaus Kopfe herbergen, oder auf meinem Schreibtische. Denn da ich nun sicher bin, lieber Eduard, daß der Mann im Purpur meinem Verhöre beiwohnen wird, so sind, glaube ich, die Anstalten zu meinem Wunder so gut getroffen, daß ich sehr wenig von den Puppenspielern müßte gelernt haben, wenn es schief ablaufen sollte. – Nur noch eine einzige Kleinigkeit geht mir ab – das ist meine Defension in einer Gegenrede an den Prokurator, die ich, mit deiner Erlaubnis, Eduard, aus dem Kopfe zu Papier und von dem Papiere wieder in den Kopf bringen muß, ehe ich ruhig und mit der vollen Gewißheit zu Bette gehen darf – morgen das ganze Winkelgericht zu meinen Füßen zu sehen. * Den achten Januar Wirf dich in den Staub nieder vor dem Blatte, das du hier empfängst, Eduard! Folge in Demut der stolzen Feder, die es berührt, und trenne es, als ein Heiligtum, von der Gemeinschaft der übrigen Blätter, wenn du einmal so glücklich sein wirst, mein Tagebuch zu besitzen. Welchen Genuß von Glorie opfere ich dir nicht mit der Stunde auf, die ich deiner Neugier widme! Fühle es einmal ganz, wie sehr ich dein Freund bin! Mein Wunder ist getan, und ich bin frei! – nicht frei, wie ein entlassner Sklave, sondern wie ein König. Du nur hältst mich ab, daß ich nicht jetzt die Gassen durchfliege und Tausenden, die mir zur Seite auf ihre Knie fallen, meinen Segen erteile. – Was für ein mächtiger Sterblicher ist nicht ein Wundertäter unter einem solchen Volke! Ich dürfte nur winken – und ich schmauste bei allen Prälaten dieses glücklichen Staats, und jede Mutter würde mir freundlich die Kammer ihrer beneideten Tochter öffnen. Von dem Sonnenplatze an bis zum Grabe der Laura – wo ich nur weilte und wandelte, werden die Wege gekehrt und die Plätze geschmückt. Mein Haus ist umringt von Wallfahrern und von summenden Chören, wie das Haus zu Loretto. Auf der Treppe – auf dem Vorsaale lauern Scharen von blühenden Jungfrauen, werfen mir Küsse und Blumen zu, so oft ich mich zeige, und bitten um das Gegengeschenk meiner Kreuze. Und woher kommt denn dieser Unterschied zwischen gestern und heute? Woher diese zügellose Bewunderung – dieser Aufruhr von Ehrfurcht, die mich auf den wankenden Thron von Avignon heben? Wie entstand dieser schnelle Übergang aus der Sklaverei eines alten Weibes zu der Herrschaft über die Gemüter? Wie bildete sich diese Masse von großen Wirkungen? Wie entwickelte sie sich in dieser Spanne von Zeit? – Durch frommen Betrug! Du sollst es gleich hören, Eduard, wenn ich nur vor dem Lärmen der Hymnen, die aus allen Ecken zu meinem Ruhme ertönen, zum Worte kommen kann. Der entscheidende Morgen war erschienen. Da trat Bastian zitternd und blaß wie der Diener des Kanzlers Morus mir vor das Bette, fragte mich nach einer ernsten Pause, ob ich mich etwan in Schwarz kleiden wollte? und staunte mich an, und riß das Maul auf, wie eine Maske von Schlütern, als ich ihm statt aller Antwort in das Gesicht lachte, und auf meine gewöhnliche Kleidung hinwies. Sobald ich mit meinem Anzuge fertig war, setzte ich mich in meinen Lehnstuhl, legte meine Uhr vor mir auf den Tisch, und sah dem Possenspiele, das meiner wartete, ruhig entgegen. Ich beschäftigte mich still mit der ungewohnten Rolle, die ich darin spielen sollte, überlas meine Rede, mochte wohl eine Stunde so dagesessen haben, und überzeugte mich eben auf meiner Uhr, daß ich nur noch eine bis zur Eröffnung meines Verhörs zu fernern Betrachtungen übrig behielt – als sich die Türen meines Gefängnisses entriegelten, und meine Ankläger, Richter und Zeugen hereintraten – der Propst und der Prokurator, die alte Bertilia in der Mitte, und ihre Nichte zum Schlusse. Hatte mich ihr Besuch, den ich so früh nicht erwarten konnte, überrascht, so tat es die kalte gerichtliche Würde noch mehr, die sie mitbrachten. Beides stand nicht in meiner Rechnung; doch ängstigte mich der jetzt sehr wahrscheinliche Fall am meisten, mein Schutzengel der Domherr, möchte zu meiner Hülfe zu spät kommen. Der Propst näherte sich gravitätisch dem Tische, warf sich in meinen Armstuhl, ohne die Verbeugung zu erwidern, mit der ich ihm meinen weichen Platz überließ. Der Prokurator zog erst das Konzept seiner Rüge, dann – die fünf bis sechs Bogen aus seinem Busen, die zum Protokoll meiner Aussagen bestimmt schienen, – legte seine Brille auf den Tisch, seine Akten darneben, und pflanzte sich, so lang und dürr wie er war, zur Linken des wohlbeleibten Präsidenten. Die keichende Tante schob ihren Stuhl an die eine Seite des Kamins, mitten unter die Beweise meines Verbrechens, auf die sie gallensüchtig hinblickte, ohne zu meinem Glücke zu ahnden, was für weit wichtigere sich ebenso nahe bei ihr, unter der Büste eines Mannes, versteckt hielten, der gar nicht wie ein Verräter aussah. Klärchen, mit ihrer unbefangenen Miene, setzte sich, auf der Gegenseite, parallel mit ihrer würdigen Tante. So drängte mich von selbst die Ordnung, in der sie sich zu setzen beliebten, auf den einzigen Standpunkt, der mir zwischen den beiden Damen noch frei blieb. – Der Aschenhaufen der Kasuisten lag mir im Rücken, und der Kopf meines Freundes und Hehlers ragte hoch über dem meinen hervor, und blickte mit mir zugleich dem Propst in die Augen, ohne ihn in seinem Anstande irre zu machen. Er würde es übel nehmen, wenn man nur so etwas von ihm glauben könnte. So stand ich vor diesem Winkelgerichte, aus Mangel eines übrigen Stuhls, kerzengerade, und machte mir eine Weile den Spaß, durch mein schüchternes, gedemütigtes Aussehn ihren gerichtlichen Hochmut zu kitzeln. Als aber der Prologus die Federn – der Epilogus die Tinte gebracht – sich sogar der Prokurator gesetzt hatte, und der Propst sich schon anschickte zu sprechen, und noch immer kein Auge sich höflich nach einem Sitze für mich umsah – so erschreckte ich auf einmal die beiden Damen, die neben mir saßen, durch den vornehmen Anstand, in den ich überging, klingelte nach Bastian, und befahl ihm, zwei Stühle zu bringen. »Es ist schon an einem zu viel,« rief der strenge Richter ihm nach; aber Bastian benahm sich so ungeschickt, daß er auf Gefahr des Kirchenbanns meinen Befehl pünktlich befolgte. Stille Erwartung herrschte nun in unserm Kreise, und der Propst fing zur Einleitung an, uns die Absicht dieser Zusammenkunft bekannt zu machen, ob sie uns gleich allen mehr als zu gut bekannt war, und die Pflichten und Rechte, die ihm, als Aufseher aller milden Stiftungen, in diesem Hause zuständen, mit geheimem Wohlgefallen zu zergliedern. Ich merkte es dem Narren bald ab, daß er mit dem, was er seinem Richteramte schuldig zu sein glaubte, zugleich die Nebenabsicht verband, den hohen Vorzügen seines Verstandes und dem Talente seiner beredten Zunge gegen einen Ausländer die möglichste Ehre zu machen, und dem armen Sünder noch einen großen Begriff von seinem erhabenen Genie und seiner Wohlredenheit mit auf den Weg zu geben. Wir stimmten diesmal vortrefflich zusammen; denn mir war viel zu viel daran gelegen, sein Geschwätz zu verlängern, als daß ich den geringsten Anstand hätte nehmen sollen, jede noch so schiefe Wendung, die er seinen Sätzen gab, mit dem beifälligsten Lächeln – jede noch so schwülstige Redensart mit einem Blicke des Erstaunens zu belohnen. Ja, als er sich einmal in einer Periode so hoch verstieg, daß er einen Brocken nach dem andern ergreifen mußte, um sich nur mit Ehren wieder herunter zu helfen, und der Schwall von Worten, die ihm darüber nachrollten, das unleidlichste Geklirr in meinen Ohren erregte – war ich boshaft genug, daß ich wie begeistert mich seitwärts nach dem guten Rousseau umwendete – ihn mitleidig ansah, und die Achseln zuckte. Nie habe ich so grob einem Wortkrämer geschmeichelt; aber nicht weniger selten war auch die Wirkung, die es hervorbrachte. Wenn ich ihn sinken sah, durfte ich nur einen recht treuherzigen Blick der Erwartung und Aufmerksamkeit auf ihn schießen, so trieb ich ihn damit auf wie einen Kreisel, daß er mit erneuerter Schnellkraft noch eine gute Weile fortlief. Ich wiederholte das Spiel mehr als einmal mit innerm Vergnügen. Je länger es dauert, dachte ich, desto weniger wird sich der Domherr versäumen. Zuletzt aber ging dem Ehrenmanne im ganzen Ernste der Atem aus. Er konnte kaum noch ein paar Worte herausbringen, womit er die genauere Entwickelung meiner peinlichen Anklage dem Prokurator anheim gab. Dieser schwarzbraune Kerl, wie er von seinem Sitz in die Höhe fuhr, verdunkelte sich noch um eine Schattierung mehr, setzte hastig seine Brille auf, und machte, das Konzept in der Hand, seine gedrohte Beredsamkeit flott. Da ich das Spiel, wodurch ich mir den Vortrag des Präsidenten erträglich machte, bei der studierten Chrie des Prokurators nicht anbringen konnte, so würde mich die Langeweile getötet haben, die sie mir verursachte, hätte sie mir nicht Gelegenheit gegeben, mir das schönste Kompliment über meinen Scharfsinn zu machen, durch den ich schon gestern abends alles erraten, und bereits in meiner Gegenrede beantwortet hatte, was der alberne Kerl diesen Morgen in Perioden auskramte, die lange nicht so geschmeidig waren als die meinigen. Ich gäbe nicht einen Dreier für die Abschrift seines Brandbriefs, und du gewiß auch nicht! Auch setzte mich sein Geschrei mit allen den donnernden Ausfällen gegen die Widersacher des Glaubens nicht eher in Verlegenheit, als in dem Augenblicke, wo es endigte. Sein Dixi gab mir einen Stich ins Herz. Ich mußte mich nun anschicken, darauf zu antworten; und doch war, so lange der Domherr ausblieb, der Zeitpunkt noch nicht da, wo ich es mit dem gehörigen Nachdrucke tun konnte . . . Es war auch hohe Zeit, daß [der Domherr] erschien . . . Das Gericht erhob sich, um diesen ebenso unerwarteten als vornehmen Beisitzer zu bewillkommen. Ich lief ihm entgegen, umarmte ihn mit der vertraulichsten Anmaßung, nannte ihn einmal über das andere meinen Freund, meinen Erretter und – »Kommen Sie,« rief ich mit angstvoller Stimme, »und wenden Sie die unbeschreibliche Gefahr ab, die in diesem Augenblicke über mir – noch weit mehr über Ihrer geheiligten Religion schwebt. Der freundschaftliche Unterricht, edler Mann, durch den Sie mich an sich fesselten – die Würde Ihres Standes, die Sie nicht um nichts in den Purpur der Könige kleidet, – der Glaube, die Liebe und Hoffnung, die Sie vor aller Welt bekennen – fordern Sie durch mich auf, Ihr Ansehn zu behaupten – Ihre Gewalt zu zeigen!« Der Mann sah mich während dieses Ausfalls mit stummem Erstaunen an, und setzte sich in der größten Verlegenheit auf den Sessel, den ich im voraus für ihn mit dem meinen zugleich hatte herbeischaffen lassen. Der stolze Trotz auf dem Gesichte des Propstes – die gelbsüchtige Erwartung, die sich in den Augen des Prokurators malte – in den Runzeln der Tante herumirrte, und das Gemisch, Gott weiß welcher Empfindungen, auf den Rosenwangen der Nichte – verdienten wohl eine eigene Schilderung – Aber da müßte ich erst Zeit dazu – müßte dir nichts Wichtigeres zu erzählen, und diesen Mittag nicht Gäste zu erwarten haben. – Froh bin ich nur, daß ich das wichtige Dokument meiner gerichtlichen Rede, auf das sich nun alles bezieht, – fertig – und so wie ich sie gestern abends zu Papier brachte, vor mir liegen habe, und sie nur da einzuschalten brauche, wo sie hingehört . . . Sobald sich Ankläger, Zeugen und Richter wieder in den Zirkel gesetzt hatten, trat ich auf . . . »Meine Rechtfertigung bedarf keines Schmuckes. Sie ergibt sich aus der einfachen Darstellung meiner Denkungsart und liegt offen in meiner Geschichte. Ich verließ mein Vaterland das von einem zwar mächtigen, aber leider ungläubigen Könige beherrscht wird. Ich verließ es mit dem Vorsatze, der alle Reisende leiten sollte, Wahrheit und Weisheit in den Ländern aufzusuchen, in denen in unsern Tagen diese Vorzüge so einheimisch wären, wie sie es vormals in Rom und Griechenland waren. So irrte ich von einem Gebiet in das andere, immer getäuschter in meiner Erwartung, bis ich endlich die glückliche Gegend des Comtats, und in ihm das Ziel meiner Befriedigung erreichte. Welch eine Weide für mein leibliches und geistiges Auge! Mit jedem Fortschritte wuchs mein Erstaunen. Gebahnte Straßen neben grünenden Auen, die mit dem bunten Gemische werdender Herden belebt waren – unabsehliche Flächen mit Saaten geschmückt – Berge mit Reben – Hügel mit fruchtbaren Bäumen bepflanzt – ruhige freundliche Dörfer – prächtige Städte, mit frohen, glücklichen Menschen besetzt – Liebe und Treue auf allen Gesichtern – und dieses große herrliche Gemälde von einem immer heitern Himmel umwölbt. Es ist bei dergleichen überraschenden Ansichten einem wohl eingerichteten Herzen natürlich, die Ursachen aufzusuchen, die solche Folgen bewirken. Ich betrat, voll von dieser löblichen Neugierde, diese Hauptstadt, die ich als die erste Quelle betrachtete, von der aller dieser Segen in das Land floß, und machte es mir zur Pflicht, der ausströmenden Kraft nachzuspüren, die ein so künstliches Triebwerk in immer gleicher Bewegung erhält, und die geheimen Federn zu entdecken, die stark und gespannt genug sind, jedes Rad so abgewogen in Tätigkeit zu erhalten, daß eines in das andere greift, ohne zu reiben, zu stocken, und den Endzweck zu hindern, den das Ganze hervorbringen soll. – Sind es, befragte ich mich, die strengen Gesetze eines Lykurg, oder sind es die philosophischen Grundsätze eines Friederichs, die dieses glückliche Land leiten? Welche Gewalt ist es, die das Wunder seiner Regierung möglich macht? Die Frage ist entschieden, wie man sie aufwirft. Wer kann eine Stunde unter euch leben, Mitbürger dieses Staates, ohne den mächtigen Genius zu ahnden, der alles dieses bewerkstelligt? den Geist eurer Religion! Er ist es, unter dessen mächtigem Einflusse eure Landesverfassung, wie ein Felsen unter dem ewigen Tumulte der Wellen, unerschüttert dasteht. Er löst die verwickelten Grundsätze einer vollkommenen Staatskunst, über welche Monarchen und Weise in ewigem Streite liegen, in die einfachen Pflichten eines gemeinen Tagewerks auf . . . Aus der Masse von Vorzügen, die das Lehrgebäude eures Glaubens darstellt, beschäftigte indes keiner mein Erstaunen so sehr, als der Nachlaß eurer Heiligen, den ich lange nicht und von keiner Seite meiner Vorstellungsart anzupassen vermochte. Er ist unstreitig der größte Reichtum eures Landes – darüber konnte ich mich nicht täuschen; aber es ward mir schwer, andere Länder für um so viel ärmer zu halten, als sie weniger als das eurige von diesem Gewinne aus der Beute der Vorzeit besitzen. Ich konnte mein, durch die glänzenden Überreste griechischer und römischer Kunst geblendetes Auge lange nicht gewöhnen, an euren oft unscheinbaren Reliquien Geschmack und Freude zu finden . . . Meine Zweifel verstärkten sich nur, je ernster ich daran arbeitete, sie zu heben, und setzten sich sogar einer Gewalt entgegen, der vielleicht noch keine irrende Seele widerstanden hat. Mich hatte die Empfehlung eines frommen Bischofs in die Bekanntschaft eines eurer Mitbürger, in den Schutz eines erleuchteten Mannes gebracht, dessen geringster Schmuck der königliche Purpur ist, den er trägt. Ungern verschweige ich sein Lob in seiner Gegenwart, und überlasse es eurem Bewußtsein, die ihr ihn näher und länger zu kennen das Glück habt. Er nahm mich auf, als ob ihm das Bedürfnis meiner Seele schon im voraus bekannt, und ihm der Gedanke sichtbar wäre, der über ihr schwebte. Sein erstes Gespräch verbreitete sich lehrreich und freundlich über den Wert frommer Reliquien. Er machte mich zum ersten Male mit den schätzbarsten derselben – mit den drei Blasensteinen der heiligen Klara bekannt, die, beredter und überzeugender als die Zungen der Schriftgelehrten, das größte Geheimnis unsers Glaubens erläutern, indem sie sichtbar alle die Eigenschaften vereinigen, die jeder rechtschaffene Christ der hochgelobten Dreieinigkeit beilegt. Das Visum repertum , das er mir über diese Kleinodien vorlas, erschütterte zwar mein Herz, das aber zu schwergläubig war, um nicht auch hier einen Vorwand zu finden, den Eindruck zu entkräften, den es auf mich zu machen anfing. Mißtrauen gegen die Stimme der Wahrheit ist die natürliche Folge des Irrtums. Ich höre zwar, sagte ich seufzend, das merkwürdige Zeugnis, und fühlte das Unwiderstehliche der Folgerungen, die es enthält, in seinem ganzen Umfange; aber wo sind die heiligen Steine, die mir für die Wahrheit desselben bürgen? Wo sind sie? damit ich hingehe und sie anbete, und mit ihnen in der Hand jene stolze eingebildete Wissenschaft zum Schweigen bringe, die unserm Glauben die gebieterischen Sätze eines heidnischen Euklides entgegenstellt. Sind sie, wie es das Ansehn hat, in dem Tumulte der Zeiten verloren gegangen; so bleibt mir nichts übrig, als ihren Verlust zu bejammern, und selbst so lange ihr ehemaliges Dasein zu bezweifeln, bis sie sich wieder finden, und Gott die Ungleichheit zwischen mir und dem glücklichen Sterblichen aufhebt, der sie sehen, betasten und durchwägen konnte. Meine nächste Pflicht schien mir nun die, nach diesen heiligen Steinen bis an das Ende meiner Tage zu forschen. Ich störte alle Kabinetter der Naturgeschichte – alle Sammlungen von Reliquien durch, fand wohl hier und da einen einzelnen Stein, an dessen Gewichte, Selbständigkeit und einfachem Wesen nicht zu zweifeln war, der aber, wenn ich ihn mit zwei andern von gleichen Eigenschaften zusammenbrachte, nie die Probe bestand, nach der ich ausging. – Ich betrat einen andern Weg, auf dem ich nicht ohne die höchste Wahrscheinlichkeit mich den verlorenen Kleinodien zu nähern hoffte. – Gern würde ich über diesen ebenso fruchtlosen Versuch stillschweigend hinwegeilen, um die jungfräuliche Seele, die ihn veranlaßte, nicht aus ihrer bescheidenen Ruhe zu bringen: aber die höhern Pflichten der Aufrichtigkeit, zu der ich jetzt vor andern angerufen bin, macht es mir, teuerste Klara, unmöglich, Ihrer Errötung zu schonen. Ich sehe, edle Richter, mit welchem Wohlgefallen sich eure Blicke nach dieser Freundin eures Zirkels – nach dieser frommen Mitgenossin eurer geistigen Vergnügungen wenden; und ihr werdet, ich zweifle nicht, die hohe Erwartung, die ich von ihr faßte, durch die glänzenden Eigenschaften mehr als zu gerechtfertigt finden, die uns alle an sie fesseln. Das Glück der Nachbarschaft mit dieser Auserwählten; die herrlichen Psalmen, mit denen mich ihre sonorische Stimme jeden Abend einschlummerte – jeden Morgen erweckte; ihre Unschuld, die aus jeder ihrer Bewegungen, aus jedem Faltenschlag ihrer Kleidung hervorstrahlte; die beispiellose Frömmigkeit ihrer Jugend – alles trug in mir zu der Überzeugung bei, daß die Heilige, deren Namen sie führt, deren Glauben sie ererbt hat, deren Tugend sie wieder darstellt – ihr auch wahrscheinlich die Steine zurückgelassen habe, nach deren Entdeckung meine Seele immer heißhungriger ward. Dieser Gedanke, der mächtig genug gewesen wäre, mich bis an den äußersten Pol der Erde zu treiben, um ihm Luft zu machen – wie viel dringender mußte er nicht in der glücklichen Nähe auf mich wirken, in der ich mich bei dem Ziele meiner Hoffnung befand! In der feierlichen Stille einer hellen Nacht näherte ich mich der Tür dieser Auserkorenen ihres Geschlechts – hoch pochte mir das Herz nach der Entdeckung dieses großen Geheimnisses; aber noch war es ihrer nicht wert. Die fromme Aufseherin unserer Jugend versperrte mir, wie ein Seraph, den Eingang, und wies mich als einen Ungeweihten in meine einsame Klause zurück. Dank sei dir, würdiges Weib! für deine Strenge, die mir damals so schwer zu ertragen fiel; sie erweckte den Trieb mich aufzurichten, indem sie mich niederschlug, und befeuerte mein Verlangen, mich der Glorie erst würdig zu machen, nach der ich hinstrebte. Das Bild meiner freundlichen Hoffnung schwebte mir vor in der Zerstreuung des Tages, in den Träumen der Nacht, erheiterte meine Einsamkeit, und fesselte mich mit Blumen an die Pflichten meines hohen Berufs. Unter dem Schutze des Purpurs meines edeln Freunds und Begleiters warf ich mich der mächtigen Genoveva zu Füßen, und vereinigte mein Gebet um Aufklärung mit dem Gebete der Gemeinde. Ich wallfahrte nach dem Grabe der Laura – stärkte meine Empfindung in den reinen Dünsten, die aus ihrer Asche emporsteigen – bereicherte mich mit den Erfahrungen ihres Wächters, und suchte aus dem Pfade, auf dem er zu seiner Überzeugung gelangt war, die meinige zu erringen. Ich schlich den Heiligen nach, wo ich sie fand, durch das Labyrinth ihrer Legenden – auf dem geschmückten Throne ihrer Altäre – in dem Schauer ihrer Verwesung. Ihre glänzenden Feste konnten kein geweihtes Gebein ihrer Gerippe ausstellen, ich näherte mich ihm mit Ehrfurcht. Erblickte ich die Madonna als Zeichen über einem Wirtshause, so trat ich ein. Entzog sich ein Splitter des heiligen Nicaise meinen feurigen Augen – ich schlich ihm nach, und suchte wenigstens meine Hand daran zu erwärmen. Ich erkaufte mir mächtige Vorbitten bei der hochheiligen Concordia, und errang durch Gold, das zu Ehren ihres Namens geprägt war, endlich eine der wirksamsten Reliquien, die meinen Übergang in das Gebiet der Geheimnisse vermittelte, und den Schleier wegzog, hinter dem ich die heiligen Steine versteckt glaubte. Ich triumphierte – aber zu früh! Dürfte ich es wagen, die Holdselige, die meinen mißlungenen Eifer teilnehmend mit ihrem Mitleiden beehrte, aus dem Bezirke ihres Richteramts in jene trauliche Stunde meiner frommen Untersuchung zurückzuführen; sie würde nicht anstehen, euch, meinen Richtern, alle die Empfindungen der Kleinmut, der Mutlosigkeit und des Kummers zu bezeugen, unter denen ich ihre Schwelle verließ . . . Der Unmut über meinen mißlungenen Versuch – statt mich auf die wahre Ursache zurückzuführen – verwickelte mich vielmehr in neue feindselige Fehlschlüsse wider die Wahrheit eurer Religion. Die Aufwallung meines Bluts verhinderte mich zu begreifen, worauf mich doch die Geschichte der heiligen Klara von Montefalcone hinwies, daß meine Nachforschungen zu voreilig, und es nur auf dem Wege der Zergliederung möglich sei, auf die verborgenen Steine zu treffen. So überzeugt ich auch jetzt bin, daß ihre fromme Namensschwester einst der erstaunten Erde diese verlornen Beweise der Dreieinigkeit wiedergeben, und durch den Nachlaß ihres Todes das Leben krönen werde, das sie jetzt führt, so entfernt war ich damals von dieser trostreichen Aussicht. Ich glaubte in meiner fruchtlosen Bemühung keinen andern Beweis zu finden, als den: daß nicht allein die Legende der verewigten Klara erlogen, sondern alle und jede Verjährungen eures Glaubens nicht bündiger zu beweisen sein möchten, als die Steine der Klara. In diesem Aufbrausen eines schwachen Gehirns trat ich vor die herrliche Sammlung der geistreichen Schriften, die den größten Schmuck dieses Hauses ausmachen. Ich spottete ihrer Titel als Prahlereien eines heuchlerischen Stolzes – schalt den Inhalt, den sie ankündigten, als Verirrungen des menschlichen Geistes – entschloß mich, das Lehrgebäude niederzuwerfen, das sie aufstellten, und diese Stützen des Glaubens mit dem Übermute eines Heiden dem Pagoden meines Kamins zu opfern. Aber in diesem Augenblicke schienen alle Heiligen mit Erbarmen auf mich zu blicken – mit Erbarmen gegen ein Herz, das in seinem Drange nach Wahrheit sich bis an diesen Abgrund verlaufen konnte. Ich fühlte, daß mein Schutzgeist zurückkam. Meine Wünsche, ohne mich zu verlassen, nahmen jetzt einen richtigern Gang, und meine Empfindungen veredelten sich. Mitten in dem Entsetzen, das mich nun über die häßliche Gestalt ergriff, unter der die Tat, die ich auszuführen im Sinne hatte, aus die Nachwelt übergehen würde, entdeckte ich neben dem finstern Wege, den ich einschlagen wollte, jene feine Scheidungslinie zwischen Recht und Unrecht, die gemeine Richter so leicht und nur zu oft übersehen. Was ist der Mensch ohne eine höhere Leitung! und wie so nahe grenzt das Laster an die Tugend! . . . Ihr werdet ohne Mühe begreifen, wie dieselbe Tat, die mich einige Minuten zuvor als einen Verbrecher würde gebrandmarkt haben, nun durch gute Absicht geleitet, durch fromme Bewegungsgründe geheiliget, sich zu einer unschuldigen, zweckmäßigen und löblichen Handlung umbilden konnte. In dem höchsten Unwillen über mich selbst, nahm ich jetzt die ungerechten Schmähungen zurück, die ich wider Männer auszustoßen mich erfrecht hatte, denen ich die Schuhriemen aufzulösen nicht wert war, und betrachtete sie, wie ich sie immer hätte betrachten sollen, als eine Gesellschaft, die der große Zweck vereinigt hat, Gutes zu stiften, und segnete sie als Wohltäter des menschlichen Geschlechts, die noch Samen über ihre Gräber streuten zu ewigen Ernten. Haben sie nicht, befragte sich meine gerührte Seele, indem ich eine ganze Reihe ihrer unsterblichen Werke umarmte, ihre Nächte mit Nachdenken verwacht, ihr schönes Leben verschrieben, um noch ihren Enkeln den steilen Weg zu erleichtern, der zur Entdeckung der Wahrheit führt? –Und ach! warf ich mir bitter vor, in der Nähe dieser sicheren Wegweiser hast du deine kostbare Zeit ungenutzt verschlafen, und in dem Augenblicke, da du ihre Hülfe am meisten bedarfst, bist du im Begriff, dich auf immer von ihnen zu trennen? Wohl dem menschlichen Herzen – es hat seine Spannkraft nicht ganz verloren – das noch durch den Gedanken einer unwiederbringlichen Zeit erschüttert wird! Es zieht nun alle seine Kräfte zusammen, und sucht den Wert der verschleuderten Stunden in dem kleinen Zeitraume, der ihm noch übrig bleibt, einzuengen, und den Verlust von Jahren durch den mißlichen Gewinn eines nachfliehenden Augenblicks auszugleichen. – Auch das meinige arbeitete unter einem gleichen Bestreben. Schaudernd sah es in das Vergangene und auf die Sorge, die es vernachlässigte, und blickte wild auf seinen entfernten Abstand vom Ziele; aber in diesem verzweifelnden Kampfe errang es Hoffnung, sich seinen Weg zu verkürzen. Ich erinnerte mich, und nie hat mir mein Gedächtnis einen wichtigern Dienst erwiesen – daß ich in den Büchersälen eurer Klöster, in den Schatzkammern eurer Kirchen Schriften sah, deren Inhalt jeder nachdenkende Mann – auch ohne Untersuchung – schon als klar bewiesen annehmen, und als den lautersten Ausfluß der Wahrheit verehren wird, weil sie die kritische Prüfung, in der jedes menschliche Machwerk seinen Untergang findet, unter höherem Schutz überstanden – ich meine die Probe des Feuers. – Noch vor kurzem hatte ich in dem Schatze, der über den Gräbern zu Saint-Denis aufgestellt ist, das berühmte Buch des Thomas a Kempis bewundert, das einzig aus einer reichhaltigen Bibliothek, die in Rauch aufging, gerettet, und unversehrt aus dem Schutthaufen hervorgezogen ward. Der fromme Mann, der es mir zum Küssen überreichte, beantwortete mir die Frage, ob denn die Tausende bei diesem Unglücke verlornen Bücher nur Irrtum enthalten hätten, mit einer Erklärung, der ich damals den Trost nicht ansah, den sie mir bald in der drangvollsten Stunde meines Lebens gewähren sollte . . . Es waren, sagte der Mann, viele Werke in dieser verunglückten Sammlung, die wohl noch vortrefflicher waren, als das gerettete; aber man kannte sie, und keine Seele bezweifelte ihren Wert. Nur Thomas a Kempis war nicht geachtet – und sein Buch von der Nachfolge war unter allen dasjenige, dem man am wenigsten folgte. Seit dem Wunder seiner Erhaltung ist es erst in den Ruf gekommen, den es verdient – erst seitdem ist es allen Religionen ein heiliges Muster geworden. Es hat sich in unzähligen Auflagen verbreitet, und die Vorreden erzählen die Kritik, die es aushielt. – Dieses waren die belehrenden Worte, die jetzt volltönend an die Saiten meiner Seele anschlugen, und mir den einzigen Ausweg zu zeigen schienen, den ich zu nehmen hatte. Von allen den Lehren, die jene herrlichen Werke enthielten, die vor mir standen, war eine wie die andere meinen Augen verborgen. – Um keiner Unrecht zu tun, zweifelte ich an allen. – Meine dringende Abreise – meine Trennung von ihnen, benahm mir die Möglichkeit, sie zu erforschen, und in diesem Drucke und Gegendrucke von Wünschen und Zweifeln ermannte und entschloß ich mich, sie der kürzeren Prüfung zu unterwerfen, die mir in meiner Lage auch die willkommenste sein mußte. In der süßen Hoffnung, sie – die eben so ungesucht, ungelesen und vergessen waren, wie der große Thomas, bald durch das Feuer bewährt wieder zu sehen wie ihn, trennte ich sie aus ihrer Hülle, häufte sie locker in diesem Kamin auseinander, beging die Tat, die ihr so strafbar findet, und – oh, wie pocht mir das Herz! – steckte sie an. Voller Erwartung verfolgten meine Augen jede Wendung der auflodernden Flamme, die sich schnell ausbreitete, und bald über den kostbaren Stoff, den ihr mein gläubiges Zutrauen übergeben hatte, zusammenschlug. Dieser Berg von Gelehrsamkeit senkte sich – jede Minute überlieferte ein kostbares Werk mehr seiner Vernichtung. Sein Inhalt verrauchte, und beizte mir die Augen, ohne das Herz zu erwärmen. Meine Betäubung stieg immer höher – ach! sie ward zum Entsetzen, als ich an der Stelle dieser glänzenden Überreste der Vorzeit – endlich nichts mehr als einen gemeinen Aschenhaufen erblickte. – Ist es möglich? rief ich nun aus. So war denn auch nicht ein Buch unter so vielen, das den unmittelbaren Schutz Gottes oder eines Heiligen verdiente? So gingen sie alle in Rauch auf, ohne mir nur einen meiner marternden Zweifel zu heben, – nur eine Wahrheit mir zurück zu lassen, die meinem Herzen Trost, meinem Verstande Nahrung verschafft hätte? Ach! Es blieb mir nichts übrig, als ewige Zweifel und reuige Tränen über diesen vergeblichen Brand. Indes – der Lauterkeit meiner Absicht bewußt, kam es mir nicht von fern ein, daß etwas Straffälliges in meiner Handlung liegen könne. Es gilt den Ersatz dieser Bücher, sagte ich zu mir; und ich erriet nicht eher, unter welchem schwarzen Anstriche auch dem billigsten Gemüte meine Feuerprobe erscheinen könnte, als bis mich der Eifer der frommen Aufseherin dieser Stiftung nur zu sehr davon überzeugte. Aus der nachteiligen Vorstellung, unter der ihr meine Tat erschien, aus dem Hasse, womit sie ihr tugendhaftes Gemüt und die edeln Seelen meiner Richter zur Rache entflammte – sind die traurigen Folgen entstanden, unter denen ich bis zu der Stunde meines Verhörs geseufzet habe. Ihr glaubtet, berechtigt zu sein, einen Mann von Ehre – einen Reisenden von unbescholtenem Rufe – einen Untertan eines großen Monarchen, und einen eurer Freundschaft empfohlenen Fremdling, als einen Verbrecher zu behandeln – glaubtet es dem Ansehen der Tugend und dem Vorteile eurer Kirche zuwider, den erbotenen Ersatz anzunehmen. Ein gemeinschaftlicher Irrtum vereinigte die besten, edelsten Herzen zu meiner Bestrafung. Noch jetzt, vortreffliche Richter, nachdem ich euch die wahren Triebfedern meiner Handlung entwickelt, und die geheimsten Winkel meines Herzens geöffnet habe, muß es euch – so schwach sind die Kräfte selbst der scharfsichtigsten Menschen, der Wahrheit auf die Spur zu kommen – muß es euch, sage ich, ungewiß bleiben, ob nicht betrügerische Beredsamkeit eure Beurteilung zu blenden suche – ob nicht der Mann, der so dreist von seiner Unschuld spricht, in geheim über eure Leichtgläubigkeit spotte, und ob ihr nicht einen Verräter eures Glaubens entlassen würdet, indem ihr mitleidig meine Fesseln löset. Aber auch diese Fehlschlüsse, wenn es euer trauriges Los sein sollte, ihnen unterzuliegen, würden dennoch der Achtung nichts benehmen, die ich eurem Amte, eurer Gewalt und eurer Rechtschaffenheit schuldig bin. Ich würde nur mein finsteres Schicksal – den dunkeln Zusammenhang meiner Rechtssache und den Zufall bejammern, der die Gerechtigkeit so sehr mißzuleiten, und Freunde einer und derselben Wahrheit so weit von einander zu entfernen vermochte. – Dank sei der allmächtigen Hand, die auch diese letzte Decke, die uns noch scheiden konnte, von euren Augen wegzieht! Der Augenblick ist da, der meiner Rechtfertigung sein glorreiches Siegel aufdrücken – jede Trennung unserer Gemüter aufheben – meine Unschuld durch eure Freundschaft belohnen und eure Tugend von der Furcht eines verfehlten Urteils befreien wird. Bitter waren freilich die Stunden, die mich bis an das Fest brachten, das meiner wartet – an das Fest eurer brüderlichen Umarmung! – Überseht noch einmal mit mir die ganze Trauer meines gestrigen Tages, als ich, im Begriff meiner Abreise, ausgeschlossen von aller menschlichen Hülfe – bewacht von Bewaffneten – eingekerkert in eine einsame Wohnung – unter den Zurüstungen eines furchtbaren Gerichts – ach! vielleicht meinem letzten Schlummer entgegen ging. Stellt euch – – – nein! ihr vermögt es nicht! – das Schrecken der folgenden Nacht vor, als ich mit müden Schritten nach meinem Lager, den Trümmern derer vorbeischlich, deren Stimme ich in Rauch erstickt – deren Dasein ich in Asche vergraben hatte! Ihre Schatten schienen fürchterlich mich zu umschweben, die Klagen der bedürftigen Seelen, die ich um ihre Tröster betrogen, bestürmten meinen Schlaf und mein zweifelndes, unbefriedigtes und mutloses Herz vermehrte noch meine innere Marter. – Unter diesen Schrecknissen verging die Nacht – in diesem Wirbel von Unruhe beschlich mich die Morgenröte meines Gerichtstages. Ernste Blicke in mein Innerstes, wehmütige Hinsichten auf Euch – waren meine erstem Empfindungen, und jener schon erkaltete Aschenhaufen der erste Gegenstand meiner erwachten Sinne. Ich blickte noch einmal mit schwermütigem Herzen in diese Gruft verblichener Wahrheiten, und hätte mit der Vorsehung rechten mögen, daß ihr meine Bekehrung zu unwichtig schien, um dem Feuer seine verzehrende Gewalt zu benehmen, und die Ordnung der Natur zum Vorteil meiner Überzeugung zu ändern. – O ihr Unsterblichen, rief ich aus, die ihr uns euern Geist in diesen Schriften zurück ließet! warum beschütztet ihr nicht euer Vermächtnis? – O ihr Heiligen und Verklärten! wie? hielt es denn keiner von euch der Mühe wert, sein Legende zu retten? O, möchtest nur du – vor allen nur du, – selige Klara, – dein Visum repertum – – Ein Geräusch, gleich einem gewaltigen Winde, unterbrach hier den Lauf meiner Worte, und hemmte meine Stimme – Meine Blicke fuhren nach dem Kamine hin, von wannen es herkam – Was sah ich! was sträubte mein Haar! Könnte ich euch jetzt um mich her versammeln, daß euer Ohr meine Rede vernähme – ihr stolzen Widersacher jenes großen Geheimnisses, das ihr mit euren Zirkeln zu verspotten – mit eurem Einmaleins zu vernichten glaubt! Ich sah – hört es, meine Richter und folgt meinem Erstaunen – Ich sah, und ich glaubte ein Schattenspiel der Auferstehung zu sehen – den Staub der Verblichenen sich von dem Herde erheben – sich bewegen – sich ordnen; ich sah die Wahrheiten, die in jenen heiligen Schriften einzeln zerstreut lagen, sich aus ihrer Vernichtung erheben, und sich zu einem Monumente derjenigen bilden, die dem menschlichen Verstande die wichtigste, wie die unerreichbarste ist. In einem schnell vorüberfliegenden Augenblicke war ihrer aller Asche zu einer selbständigen Säule zusammengedrängt, die dreiseitig, und wie aus ätherischem Porphyr gehauen, meinem entzückten Auge erschien. Es war die höchste Überraschung – ich glaube es mit Grunde sagen zu können – die einer menschlichen Seele begegnen konnte, und die keine Zeit vermögend sein wird aus meinem Gedächtnisse zu verlöschen. Aber leider! dauerte diese anstaunungswürdige Erscheinung nur einen Augenblick – die Säule zerfiel, als wäre sie nie dagewesen. – Und wer würde mir jetzt glauben, daß es nicht ein Traum, nicht ein Blendwerk der Sinne war – wenn diesem Phänomene nicht unmittelbar ein anderes gefolgt wäre, das wie die Sonne einem sehenden Auge keinen Zweifel erlaubt, und einen Beweis zurückließ, der von jeher für unumstößlich anerkannt wurde, und die unbegreiflichsten Begebenheiten so klar macht wie die gemeinsten Ereignisse – den großen Beweis – meine ich – des Augenscheins? Es erhob sich jetzt – könnte ich es doch dem Erdkreise ankündigen! – aus dem Staube der vor mir lag – aus dem Chaos jener mystischen Säule, erhob sich jetzt das Phänomen eines glühenden Blattes. In einen Rahm gefaßt, der wie aus Sternen zusammengesetzt schien, schwebte es über dem Herde, und das milchweiße Licht, das es ausströmte, stärkte mein verklärtes Auge zu dem hohen Genusse seiner Betrachtung. So leuchtete es mir einige selige Stunden. Mein Herz pochte vor Staunen – meine Brust dehnte sich unter dem Drange der Freude – Ach! in welch einem Meere von Empfindungen badete sich nicht meine Seele! In Entzücken und in Anstaunen dieses Wunders verloren, vergaß ich mein Dasein – vergaß euch, meine Richter, und die übrige armselige Welt. Und wäre die Tür meines Kerkers auch unverschlossen und der Weg zu euch frei und offen gewesen – die Selbstgnügsamkeit meines Gefühls würde mir allein schon verwehrt haben, von meiner geweihten Stelle zu weichen, und andere Zeugen meines Glücks zu suchen als mich. – Nie wurden wohl die stillen Fortschritte der Zeit mit so glänzenden Punkten gemessen, und ihr Übergang in die Ewigkeit so lieblich bezeichnet, als in diesen gebenedeiten Stunden. – Mit jeder Minute, die mich meinem ernsten Verhöre näher brachte, verlosch ein Stern an dem Rahme des brennenden Blattes. – Es verlosch der letzte daran, und abgekühlt senkte es sich in meine hinstrebenden Hände. Ein Blick aus meinen beseelten Augen, der in der Eil des Blitzes darauf stürzte, war genug. – Er predigte mir die verkannte Wahrheit in ihrem ganzen Umfange, erschütterte und überzeugte mein Herz. Ich hatte nur noch Zeit das aufgefangene Blatt an meinem Busen zu bergen, als der Augenblick eintrat, der mich vor die Schranken eures Gerichts zog. So habe ich euch denn, meine Richter, durch die Irrgänge meiner Gedanken und Empfindungen bis zu dem letzten Beweise geführt, der zwischen mir und meinem Ankläger entscheiden soll. Dank sei aber zuvor noch der heiligen, verewigten Klara! Mein Nachforschen nach ihren Edelsteinen war nicht umsonst. Das Feuer, das aus den Augen der Geweihten spricht, die ihren Namen führt – das begeisterte Blut, das ich während meiner Rede ihre schönen Wangen durchziehen sah – sagt es euch laut, meine Richter, daß ich den lange verborgenen Ort entdeckt habe, der jene Kleinodien verwahrt – den unerreichbaren Ort eurer täglichen Wallfahrten, und den stillen Weg, der dahin führt – den ihr, ehrwürdige Männer dieses Gerichts, mir noch lange unter heiligen Betrachtungen nachwandeln werdet, wenn ich schon längst von meiner Entdeckungsreise zurück, meinem Vaterlande wiedergegeben sein, und nur in Gedanken noch die schattige Gegend umschweben werde, die dem Erdkreis sein größtes Wunder verbirgt. – Mag indes die Zeit der Erfüllung noch so weit in der Zukunft liegen, wir wollen uns in gläubiger Zuversicht an das schon vollendete Wunder halten, das uns heute zuteil ward – an das Zeugnis der Wahrheit, das, durch das Feuer bewährt, jede fromme Ungeduld hinhalten – jede Hoffnung beleben, jeden Zweifel an die hochgelobte Dreieinigkeit bei allen denen zerstreuen wird, die meine Aussage hören. – Das Visum repertum der Heiligen, die einst jene wundervollen Steine in ihrem Schoße trug, und seitdem, um nie verloren zu gehen, unter ihren Schwestern bis zu derjenigen forterbte, deren jungfräulicher Schoß sie noch heute verschließt – dieser Beweis ihres ehemaligen und jetzigen Daseins ist an diesem Tage glänzend und unverletzt aus den verzehrenden Flammen hervorgetreten – Seine Wahrheit ist gerettet. Hier, meine Richter, hier ist das heilige Blatt – Fallet nieder und betet an!« Mit diesen Worten zog ich jenes in ein feines Papier geschlagenes Blatt aus meinem Busen, das ich, wie du weißt, um es als Beleg zu gebrauchen, aus der Legende der heiligen Klara von Falkenstein und in dem kritischen Augenblicke aus dem Feuer riß, als die Sammlung Pater Martins von Cochim schon lichterloh brannte. Welch einen ungleich wichtigern Dienst leistete es mir jetzt! Ach, daß du nicht bei mir warst, Eduard! und die sonderbaren und verschiedenen Bewegungen nicht mit ansehen konntest, die dieser unerwartete Ausgang meiner Rechtfertigung auf jedes einzelne Mitglied dieses hohen Gerichts hervorbrachte! Der Domherr stürzte mit einem Ungetüm herbei, der nur zu sehr den leidenschaftlichen Anteil verriet, den er an diesem Wunder nahm. Tränen traten ihm in die Augen, als er die Lieblingsstelle seiner Erbauung in so unversehrtem Drucke, auf diesem an den Rändern versengten Bogen entdeckte. Er benedeite in der Unordnung seines Verstandes alles, was ihm in den Mund kam, – das Haus, wo dieses Wunder geschah – die Asche, aus der sich dieser Phönix erhoben hatte – mich, dem die Vorsehung das unverbrennliche Blatt einhändigte – besonders aber sich, der zur Entstehung dieses erstaunlichen Phänomens die erste Gelegenheit gab. – »Nun«, rief er, ohne seine Phrasen zu enden, »ist der große Beweis gerettet – die Nachforschungen der Schriftgelehrten werden – – – die heiligen Steine liegen – – – ja, ich hoffe sie noch mit eigenen Augen – – –« Doch indem schien er sich zu besinnen, wie anstößig dem guten Klärchen ein Kompliment vorkommen müsse, das auf ihre Sektion gebaut war. Er ließ seinen Enthusiasmus nicht weiter laut werden, hüllte sich in seinen Purpur und warf sich erschöpft und atemlos auf den Lehnstuhl. Die innern Rührungen der alten, frommen, erstaunten Bertilia zeigten sich lange nur in den stillen Verzerrungen ihres scheußlichen Gesichts.– »Ich bin«, ergriff sie endlich mit heulender Stimme das Wort, »grau bei Wundern geworden, aber keines – nein, keines hat mächtiger noch mein Herz gerührt. Wie werden meine Nachbarn – wie werden alle die neidischen Weiber im Hospitale – wie wird Stadt und Land über das Heil erstaunen, das diesem Hause, und eben in der Zeit widerfuhr, da es – o ihr Heiligen! der Aufsicht eurer Magd anvertraut war!« Doch, wie mag ich nur einen verlornen Blick an diese Furie wenden, da die Graziengestalt ihrer Nichte dicht neben ihr steht, die mir in der Gruppe meiner Bewunderer doch immer die liebste Figur – aber eben darum auch am schwersten zu zeichnen ist! Ach! es wäre wohl der Mühe wert, wenn ich es nur vermöchte, dir die mancherlei Schlangengänge ihrer Empfindungen, mit allen den feinen Schatten zu schildern, die auf ihrem Gesichtchen spielten, als sie dasselbe Blatt zu solchen Ehren erhoben sah, bei dem sie ihren Puder verlor. Ein verstohlener Blick ihrer schönen Augen, der über den Sektionsbericht ihrer Namensschwester nach dem Domherrn hingleitete, und die Errötung auf beiden Gesichtern, die nachfolgte, würden mich, wenn es nicht schon der Epilogus zur Genüge getan hätte, genau auf die Spur ihrer ersten Lehrstunde gebracht haben. Jene älteren Erinnerungen schienen alle Gewalt aufzubieten, um das frische Andenken ihrer jüngern Erfahrungen aus ihrem Blute zu treiben, oder ich müßte das Farbenspiel ihrer Wangen – müßte den beredten Ausdruck ihres Gefühls nicht verstanden haben, den ich doch deutlich in ihren Mienen zu lesen glaubte. Doch setzte sie – wenn ich recht sah – der schnelle Übergang des so sehr gedemütigten Mannes zu der Glorie eines Wundertäters mehr noch in Verlegenheit als das übrige. Sie wendete ihre Augen so schüchtern nach mir, als hätte sie ihnen aufgetragen, mir in ihrem Namen das Unrecht abzubitten, dessen sie sich schuldig gegen mich fühlte. – Da sie ihr aber keinen Blick der Vergebung aus den meinigen mitbrachten, so nahm sie ihre Sirenenstimme zu Hülfe. – »Wer hätte das gestern noch denken sollen!« tönte sie mir sonorisch ins Ohr, daß es nicht anders möglich war, der Stimmhammer mußte mir dabei einfallen. Ihr rechter Fuß, über den das Band der unbefleckten Jungfrau gegürtet war, zitterte zugleich, als ob er im Fieber läge, und der heilige Nicaise war im Steigen und Fallen. Abscheulich schönes Mädchen! dachte ich, und beinahe glaube ich, sie erriet meinen Gedanken: denn so geschickt auch die Wendung war, mit der ihr Blick von mir seitwärts nach ihrer Tante überging, so schien er mir doch zu abgebrochen, um ganz natürlich zu sein. – »Ich sehe im Geiste,« sagte sie mit einem unterdrückten Seufzer zu ihr, »welch einen Segen die Begebenheit dieses Morgens über das Haus meiner Wohltäterin bringen wird. Von den fernsten Orten her werden Wallfahrten nach dem unverbrennlichen Blatte geschehen, und ach! wie hoch werden nicht Ihre Mieten im Preise steigen! Aber,« fuhr sie mit niedergeschlagenen Augen fort, »wohin, ihr Jungfrauen des Himmels! wohin werde ich mich alsdann verstecken, wenn, als Erbin der heiligen Klara, auf mich aller Augen gerichtet sind? – Ach, mein Herr!« drehte sie nun wieder ihr Köpfchen zu mir, ergriff meine Hand, und drückte sie vor überströmender frommer Empfindung und im Angesichte des Propstes, an ihren schwellenden Busen. Aber kein Mensch gab jetzt etwas auf diesen Vorsitzer meines peinlichen Gerichts. Kalt und ernsthaft stand er mit verschlossnen Lippen vor dem Tische. Der Mann am Protokolle stand lange wie versteinert neben ihm. – Endlich ermannte er sich und fragte mit leiser Stimme seinen Patron, ob er den Vorgang zu Papiere bringen sollte? Da ihm dieser aber aus übler Laune nicht antwortete – hielt er es länger nicht aus, setzte sich, und tat es ungeheißen, indes der Domherr, dem alles an der Ausbreitung des Wunders gelegen zu sein schien, die Tür aufriß, und meinen Bastian und die Wache herbei rief. Eine neue auffallende Szene für einen so ruhigen Beobachter als ich jetzt war. Die beiden Bärmützen, die sich zu nichts geringerem als zu dem schrecklichen Befehle abgerufen glaubten, mich in ihr ehemaliges Gefängnis zu begleiten, stutzten gewaltig, als sie mich nur mit gerührten und freundlichen Gesichtern umringt fanden – trauten ihren Augen und Ohren kaum, als sie die Ehrerbietungen sahen – und die süßen Worte hörten, mit denen mich Kläger und Richter überhäuften. Der Domherr mußte sie mehr als einmal erinnern, dem neuen Wunder des unverbrennlichen Blattes zu huldigen, ehe sie begreifen konnten, was er wollte, und was es eigentlich mit der schnellen Veränderung meines Zustandes für eine Bewandtnis habe. – Als sie es aber endlich begriffen, so stürzten desto freudigere Tränen von ihren brüderlichen Wangen herab. Der Prologus drückte mir die Hände, der Epilogus küßte mir sie – beide winkten mir ihren Beifall zu, und selbst in ihren nassen Augen flimmerte das lachende Geständnis, daß sie mich für ihren Meister erkannten. Alles das rührte und belustigte mich wechselsweise: doch Bastian, der in der Schwärmerei seiner Jugend und Frömmigkeit den Vorgang wie ein Evangelium glaubte und sich selig pries, einem solchen Herrn zu dienen – Bastian allein kam, ohne es zu wollen, auf die rechte Spur, mich aus meiner Fassung zu bringen. »Ach!« sagte er mit schmelzender Stimme, »was wird nicht meine gute Schwester Margot und mein Schwager für Freude haben, wenn sie das hören!« Ich erschrak, wie ein Dieb, der seinen Steckbrief in den Zeitungen liest, bei dieser Erwähnung. – »Gott! Gott!« sagte ich heimlich zu mir, »wie unabsehlich weit hast du dich in diesen sieben Tagen von den unschuldigen Hüttenbewohnern des ehrlichen Caveracs und von dir selbst entfernt! – von einem natürlichen guten Manne – zu einem religiosen Betrüger!« – – – Mir war zumute wie einem Juden, der Schinken verkauft. Ich hatte einen Abscheu vor meinem Handel. – Da aber der Vorteil mir – der Nachteil meinen Feinden zufiel, so fand ich hierin einen doppelten Bewegungsgrund, mich geschwind genug zu beruhigen, und ließ es einstweilen damit gut sein. – Bastian war inzwischen zur Türe hinausgewischt und stürmte, wie der Diener eines Zahnarztes das Volk zu der Boutique seines Patrons. In wenig Augenblicken waren Zimmer, Vorsaal und Treppe voll von Neugierigen und Andächtigen, die mir alle vorkamen, als wären sie dem Tollhause entlaufen. Bei einem solchen Getöse muß man der Wunder besser gewohnt sein als ich – muß man, glaube ich, ein Geistlicher sein, um sich nicht bange werden zu lassen. – Während dieses Tumults hatte sich der Propst fortgeschlichen, sein Waffenträger ihm nach. Ich war heilfroh darüber, denn so lange sich dieser Schwarzkünstler in der Nähe befand, schien mir immer noch etwas im Wege zu stehen. Nun erst ward mir recht leicht um das Herz. Ich sah mit wahrem Entzücken, daß mein Gericht aufgehoben – meine hämischen Ankläger zum Schweigen gebracht – was mir aber mehr als alles dies den Gewinn meines Prozesses versicherte: ich sah, daß die Volksstimme auf meiner Seite war. Eine halbe Stunde hielt ich noch das Anstaunen der Menge – ihre unbesonnenen Fragen und die ekeln Ausbrüche ihrer Verehrung aus: da ich aber zuletzt dieser albernen Szene höchst müde war und mich besann, daß ich vor meinem Abreise noch andere wichtige Geschäfte abzutun hatte, so wendete ich mich mit dem Anstande eines Mannes, dessen Bitten Befehl sind; an den buntscheckigen Haufen, äußerte mein Verlangen, daß man mir nun auch einige Ruhe gönnen möchte, packte mein Zauberblatt wieder ein – und machte ihnen Hoffnung, es nächstens der allgemeinen Andacht öffentlich auszustellen. Diese höfliche Erklärung tat ihre Wirkung – und um ganz sicher vor weiterem Anlaufe zu sein, befahl ich meinen Grenadieren, sich vor das Haus zu stellen – und, bei Strafe der Kassation, keine Seele sich dem Türklopfer nähern zu lassen. Sobald ich mich mit meinem Erretter, dem Domherrn, und meinen beiden frommen Nachbarinnen allein sah – mir die Ehre ihrer Gegenwart bei meinem letzten Mittagsmahle ausgebeten, und meinen Bastian eingeschärft hatte, es mit verständiger Rücksicht auf meine vornehmen Gäste zu besorgen, ging ich nun, als der obsiegende Teil, ohne weitere Umstände an ein Geschäft, das oft selbst bei einem gewonnenen Prozesse noch seine großen Schwierigkeiten hat, ich meine den Ersatz der Schäden und Kosten. Ohnerachtet ich gestern mich selbst dazu erbot, fühlte ich mich doch heute verwegen genug, mein Wort wieder zurück zu nehmen; so sehr hatten sich seitdem die Umstände geändert. Ich fand es meiner moralischen Denkungsart ganz zuwider, jenes Schlachtvieh, das ich der unreinen Herde der Kasuisten entführt hatte, um es dem Andenken Rousseaus zu opfern, in der Nähe von schwachen Menschen wieder auszustellen – fand es viel edler, diesen Gewinn meiner Börse einer guten Handlung zu widmen, und machte mir nicht das geringste Bedenken, es auf Kosten der milden Stiftung zu tun. Sonach wendete ich mich an den Domherrn: »Ich begreife, wie weh es den hiesigen gläubigen Seelen tun würde, wenn ich das Dokument der Dreieinigkeit dem Lande entziehen wollte, in welchem es die Vorsehung ausgefertigt hat – – –« – »Nein beileibe,« unterbrach mich der erschrockene Domherr, »das darf nicht geschehen!« – »Zumal da niemand«, fuhr ich fort, »dafür stehen kann, daß nicht das Volk, dem ich die Ausstellung dieses Wunderblattes schon halb und halb versprochen habe, über dessen Verlust in Aufruhr geraten könne – –« – »Freilich, freilich!« schrie der Domherr darein, »es würde alles drunter und drüber gehen.« – »Und doch«, fuhr ich jetzt schon um vieles herzhafter fort, »können mir Ihro Weisheit nicht absprechen, daß mir dieser Schatz ohne Widerrede zusteht, sobald ich den Scheiterhaufen der Kasuisten vergüten soll, der hier nur als ein Vehikel dieses Wunderblattes zu betrachten ist, so wie dem Scheidekünstler das Gold gehört, der das Erz, worin es lag, erkauft hat.« – »Lieber Freund und Gönner,« fiel mir hier der Prälat wieder in das Wort, »sollte denn nicht ein Ausweg zu finden sein? Ich bitte Sie bei allem, was heilig ist, denken Sie doch auf einen Ausweg!«– »Das habe ich schon getan,« versetzte ich, und schlug ohne Respekt für seinen Purpur meine Arme kreuzweis ineinander. »Wäre es mir gegeben, mit heiligen Sachen zu wuchern – wäre der Ersatz der Kosten nicht gemeiniglich schon ein halber Beweis unrechter Handlung, und machte es mir nicht eine geheime Freude, diejenigen mit Großmut zu bestrafen, die mich zu verfolgen gedachten; so würde ich, unter uns gesagt, teuerster Freund, etwas geiziger handeln – würde die verbrannte Sammlung für ihren geringen Ladenpreis wieder herstellen, und mich und mein Vaterland mit einem Blatte bereichern, das einem wohldenkenden Herzen mehr wert sein muß, als alle Bibliotheken der Welt.– Aber ich entsage gern meinem Eigentume daran – – –« – »Das ist schön und groß gedacht,« tönte hier Klärchen – und: »Ach es fällt mir ein Stein vom Herzen,« krähte die Alte darein, die bis jetzt in ängstlicher Erwartung des Ausgangs von weitem mit ihrer Nichte mir stillschweigend zugehört hatte. – »Dagegen«, fuhr ich sehr anmaßlich fort, »verlange ich die Befreiung von allen niedrigen Unkosten als Bedingung, und nebenbei das Versprechen von Ihnen allen, bei Ihren künftigen Nachforschung gen nach jenem großen Geheimnisse des Mannes in Segen zu gedenken, der sich um die dunkle Ehre der Dreieinigkeit vielleicht verdienter gemacht hat, als alle Gottesgelehrten, die bis jetzt, ohne sonderlichen Erfolg, daran gearbeitet haben.« Der Domherr, in der Freude seines Herzens, bestätigte nicht allein auf das höflichste die Komplimente, die ich mir selbst machte, sondern er dankte mir auch im Namen aller Gemeinden der christlichen Kirche – deren er doch keiner einzigen vorstand – für mein großmütiges Erbieten. – Er zweifle nicht, sagte er, daß es auch der Legat im Namen des heiligen Vaters tun, und mit dankbarer Freude meine so billigen Bedingungen genehmigen werde. – Er eile jetzt zu ihm, um unser aller Angelegenheit in Ordnung zu bringen, denn mit Kanzelei-Geschäften müsse man einem geistlichen Herrn früh kommen. Er hoffe in einigen Stunden damit fertig zu sein, und alsdann – hier küßte er mich mit der freundschaftlichsten Wärme – den schriftlichen Erlaß meines Haus- und Stadtarrests und aller Schäden und Unkosten, so viel ihrer auch sein möchten – gegen ein gutes Glas Wein an meinem Tische auszuwechseln. – Er ging, und, nach einigem Fispern mit ihrer Nichte, verließ auch die alte Bertilia das Zimmer, um, wie sie sagte, in das ihrige beten zu gehen. Klärchen, die sich nun auf einmal mit mir wieder so allein sah, als an dem Namenstage ihrer Tante, ward rot bis über die Augen, und wie man nur zu oft, in der Absicht sich aus einer kleinen Verlegenheit zu ziehen, in eine noch größere fällt, so bat sie mich, sie aus der einsamen Stube in die bewußte Bibliothek zu führen, die doch sicher der geheimste und einsamste Winkel im ganzen Hause war. »Sie wollte noch einmal,« gab sie vor, »in meiner Gegenwart den merkwürdigen Platz aufsuchen und bezeichnen, wo die Legende ihrer verklärten Namensschwester, bis zu ihrem Hingange in den Kamin, verweilt hätte.« Ohne mich lange über ihr geschwindes Vergessen des Lokals zu verwundern, reichte ich ihr den Arm. – Sobald wir aber beide vor dem Bücherschranke ankamen, überraschte sie mich – nein, es ist nicht auszusprechen wie? Du könntest Jahre darauf sinnen, ohne es zu erraten. Als wenn sie mir in das Herz geblickt – als wenn sie die ganz unbeschreibliche Erniedrigung gekannt hätte, in der mir ihr Bildnis erschien – unternahm sie, zu meinem Erstaunen, sich aus dieser tiefen Herabsetzung zu erheben, und meinem Menschenverstand zum Trotz alle die gründlichen Versuche umzustoßen, die mir über ihre Heiligkeit, Unschuld und Sittsamkeit die Augen nur zu sehr geöffnet hatten. – »Nun, das gestehe ich,« sagte ich bei mir selbst, sobald ich ihre Absicht merkte, »dieser äußerste Grad der Unverschämtheit hat noch gefehlt, um die Mißgestalt ihres Charakters vollends auszumalen!« Aber es währte nicht lange – solltest du es glauben, Eduard? – so fingen mir an meine gewissen Erfahrungen von ihr problematisch zu werden – meine Versuche kamen mir einseitig, und die Schlüsse, die ich daher folgerte, willkürlich und übereilt vor. – Ich vergebe dir, wenn du über diese Nachricht lachst. Ich bin der erste, der eingesteht, daß, nach allem dem, was unter uns vorgegangen, mir von ihr zu Ohren gekommen, und noch heute meinem Geiste so gegenwärtig war als gestern meinen Augen – es etwas höchst Unerwartetes sei, daß mich dasselbe Mädchen, so kurz vor meiner Abreise, eines Bessern von ihr überzeugen solle. – Aber genug! es gelang ihr. – Das Kind erschien mir heiliger und unbefangener als jemals, und so sehr ich mich anfangs auch sträubte, trat ich doch zuletzt freiwillig den sublimen Vorstellungen bei, die sich Herr Fez – ein braver, gescheiter Mann, von ihr macht, der sie von Jugend auf in den Augen gehabt, und sie wohl richtiger als ich zu beurteilen Gelegenheit hatte. Ich sehe, du bist nach diesem Geständnisse im Begriff, mir deine Freundschaft aufzukündigen, schiltst mich einen Schwachkopf, und magst nichts weiter mit mir zu tun haben. – Aber warte nur noch einen Augenblick und höre! – Anstatt das Fach zu bezeichnen, wo die Legende der heiligen Klara kürzlich noch stand, wendete sie sich sogleich, als wir vor den Schrank traten, mit unbeschreiblicher Anmut nach mir, ohne es anzublicken, und legte mit kindlicher Gutherzigkeit ihre beiden Händchen in die meinen.–»Ich habe Sie in keiner andern Absicht in dies abgelegene Kabinett gelockt,« sagte sie, »als mein Herz, das mir zu voll ist, ungestört vor Ihnen auszuschütten. – Halten Sie mir meinen kleinen Betrug zugute, mein bester Herr! Wie viel,« fuhr sie äußerst gerührt fort, »habe ich Ihnen nicht seit der vergangenen Stunde zu danken! Es haben sich seit meiner Geburt manche gute Menschen meiner angenommen – haben in Unschuld und Tugend für mich gesorgt – mir über vieles Rat und Trost erteilt, und meinen Verstand erweitert – aber, dennoch bin ich bis heute mir selbst immer noch unbekannt geblieben. – Ihnen war es vorbehalten, mir diese Kenntnis zu geben. Sie, mein Herr, sind der Erste, der mich über meinen innern Wert belehrt, und mich in meinen eigenen Augen zu einer Würde erhoben hat, mit der ich kaum weiß, was ich anfangen soll. Das süße Bewußtsein, die heiligen Steine in mir zu tragen, die bis jetzt allen menschlichen Nachforschungen entgangen sind – o, daß es mich nicht übermütig und stolz – und nur nicht der Erbschaft meiner höchst seligen Schwester unwürdig mache!« – »Wie? Klärchen!« sagte ich höhnisch: »Hatten Sie denn vor meiner Rede nie einige Ahndung davon? – fühlten nie ein sanftes Drücken in der heiligen Gegend, wo sie liegen?« – »Auch nicht das geringste!« antwortete sie mir mit einer Unbefangenheit, die allerliebst war. – »Hat Sie denn«, fuhr ich schalkhaft fort, und ich dachte, sie würde über und über rot werden, »auch Herr Ducliquet nicht auf die Spur gebracht?« – – »Oh!« sagte sie, ohne im mindesten aus der Fassung zu kommen, »vor einigen Jahren zwar hat mir dieser gute würdige Mann die Lebensgeschichte meiner verklärten Namensschwester zur Erbauung und Nachahmung vorgestellt. – Es war sogar sein erstes Gespräch mit mir. – Aber ich war damals ein Kind – hatte keine Acht darauf, und schlief über seinem Unterricht ein. Lange fand ich keine Gelegenheit, meine Unachtsamkeit wieder gut zu machen. – Vorgestern erst glückte es mir. Erinnern Sie sich wohl noch, wie begierig ich in einem Buche las, das ich Ihnen nicht sehen ließ? – Jetzt kann ich es Ihnen sagen; aber legen Sie mir es nicht als Stolz aus! Es war die Legende dieser Heiligen – war eben das Blatt, das Gott im Feuer erhalten hat.« – »So?« sagte ich, »aber wie kam es denn, daß Sie das erstemal dabei einschliefen?« – »Weil es sehr spät war,« antwortete sie. »Sehen Sie – es war Mitternacht – –« – »Aber um des Himmels willen, Klärchen,« fiel ich ihr ein, »wie trafen Sie denn so spät mit dem Domherrn zusammen?« – »Oh,« antwortete sie, »das hängt ganz natürlich aneinander. Soll ich es Ihnen erzählen?« – »Wenn ich bitten darf, liebes Kind,« lächelte ich sie an, »so tun Sie es so genau als möglich und mit allen Umständen.« – »Nun gut,« fing sie schwatzhaft an. »Meines Vaters Schwester zu Cavaillon – die Wirtin in dem Propheten, hatte uns hier besucht und nahm mich mit sich, als sie zurückging. Wir trafen das ganze Wirtshaus übersetzt an, da wir ankamen – Es war schon spät, und ich konnte vor Müdigkeit kein Auge mehr aufhalten. – Das gute Weib machte auch alle Anstalt, um mich bald zur Ruhe zu bringen – führte mich in eine große leere Stube und wies mir ein Bett an. Ich hatte mich noch nicht ganz aus meinen Reisekleidern geworfen – so brachte mein Vetter einen Passagier in dieselbe Kammer. – Es war Herr Ducliquet. – Er erkundigte sich, was das für ein Kind wäre. – Mein Vetter nannte mich, und wünschte uns eine gute Nacht. Der liebe fromme Herr, wie Sie ihn kennen, nahm sogleich Gelegenheit, mir recht Viel Erbauliches über meinen Namen und meine Patronin zu sagen. – Aber, wie Kinder sind – ich hörte die Sache nur halb und schlief darüber ein. Bald nachher – – doch das ist eine Geschichte, die weiter nicht hieher gehört – –« – »Oh das tut nichts, Klärchen,« sagte ich: »erzählen Sie nur immer fort – ich könnte Ihnen einen ganzen Tag zuhören.« – »Nun denn, mein Herr,« erwiderte sie, »so ist es Ihre eigene Schuld, wenn ich Ihnen Langeweile mache. Ich schlief also, wie Sie wissen – aber es währte nicht lange, so erweckte mich ein Getös von der andern Welt. – Ich fahre schlaftrunken in die Höhe – und sehe – stellen Sie sich das Erschrecken eines Kindes vor – den Teufel vor meinem Bette.« – »Gott sei bei uns!« unterbrach ich die Schwätzerin. – »Ach! fürchten Sie nichts,« fiel sie mir hastig ins Wort: »Er war es nicht leibhaftig – es war nur ein Komödiant, der ihn den Abend vorgestellt hatte, und jetzt sein Bette suchte – und, was Sie erst recht verwundern wird, mein Herr – es war einer von den Soldaten, die Sie bewacht haben!« –»Unmöglich!« rief ich aus. – »Oh, verlassen Sie sich darauf!«versetzte sie: »Sie können ihn selbst darum befragen. Das Schrecken«, fuhr sie fort, »war nicht geringe; aber die Folgen davon waren doch gut. Ich lag die ganze Nacht durch in einem Fieber, und war so in Furcht gesetzt, daß ich den Morgen darauf nicht länger in Cavaillon aufzuhalten war. – Ich weinte so lange und so jämmerlich, daß endlich meine Verwandten sich herausnahmen, den Herrn Ducliquet, der wieder nach Avignon reiste, um einen Platz für mich in seinem Wagen zu bitten. Er bewilligte ihn auf das gütigste – und dieser Zufall, mein Herr, dieses Schrecken und diese Reise machten mein Glück. – Unterweges examinierte mich der würdige Mann über meine Glaubenslehren, ließ mich ein Morgenlied singen, und meine Stimme gefiel ihm. – Als wir hier ankamen, überlieferte er mich meinem Vater – denn keine Mutter hatte ich mehr – und suchte ihn zu bereden, mich die Noten und das Singen lernen zu lassen. Der hätte es auch gern getan; aber er war zu arm, um etwas auf meine Erziehung verwenden zu können. Da schlug sich der wohltätige Herr ins Mittel – und, wie manchmal ein geringer Umstand in unser ganzes Leben eingreift, erbot sich nicht allein, mir auf seine Kosten im Singen einen Lehrmeister zu halten, sondern auch in allen andern nützlichen Dingen Sorge für meine Bildung zu tragen. – So kam ich in das Domstift, wo er mich der Aufsicht seiner Haushälterin übergab, die wie eine Mutter für mich gesorgt hat. – Ach! ich wäre gewiß noch in dem Hause dieses guten Herrn, wenn ich nicht selbst mein Glück verscherzt hätte.« – »Wie denn so?« fragte ich lächelnd, und glaubte nun gewiß, das Mädchen auf einer Unwahrheit zu ertappen, die ich mir schon vornahm, ihr recht fühlen zu lassen, aber es war nicht möglich. – »Sehen Sie,« fuhr sie fort, »Herr Ducliquet hatte ausgewirkt, daß die gefährlichen Menschen, die mir so ein Todesschrecken eingejagt hatten, der Folgen wegen, nicht weiter mit lebendigen Personen spielen durften. Da legten sie nun ein Puppenspiel an. – Einmal, da ich ausgeschickt war, um Semmel zu holen, ging ich eben vorbei, als sie ein geistliches Stück aufführten. Ich glaubte nicht unrecht zu tun – wendete einige Sous daran und ging hinein. Man wies mich auf die hinterste Bank, wo ich weder etwas hörte noch sah. Gern wäre ich wieder herausgewesen; aber das war bei dem Gedränge schon nicht mehr möglich. Ich kam neben einem Offizier zu sitzen und saß wie auf Kohlen. – Er hatte die Barmherzigkeit, mir den Arm zu geben und durch das Volk zu helfen, als das Spiel vorbei war. – Aber mein Gott! wie war die Zeit vergangen! Es war ganz dunkel, wie ich zurückkam, und vor Angst hatte ich die Semmel vergessen. – Ach, wie teuer mußte ich diesen kindischen Einfall und diese Vergessenheit büßen! Meiner Pflegemutter war das Ragout verdorben, und der Herr, der den Koch nach mir geschickt hatte, mußte hungrig zu Bette gehn. – Meine Entschuldigungen halfen nichts; denn sie waren beide keine Liebhaber vom Schauspiele. – Sie sagten sich von mir los, und ich mußte noch diesen Abend aus ihrem Hause. Was sollte ich anfangen? Seit acht Wochen war ich eine Waise. Es blieb mir nur die einzige Verwandte übrig, zu der ich flüchtete, und die mich mit Erlaubnis des Herrn Propsts aufnahm. Nun geht es mir zwar ganz gut hier – aber was ich kann, das kann ich – denn mit meinen schönen Lehrstunden hat es ein Ende.« Ich wurde über die natürliche Erzählung des armen Kindes, die der Sache ein ganz anderes Licht gab, schon etwas nachdenkend. – »Klärchen,« sagte ich, und sah ihr scharf in die Augen, ohne daß ich, Gott weiß, die geringste Verlegenheit darin erblickte, »damals waren Sie ein Kind; das entschuldigt viel; aber wie sind Sie denn nachher – –« und ich hielt inne, weil ich selbst nicht recht wußte, was ich ihr zuerst vorwerfen sollte. – »Was denn, mein lieber Herr?« fragte sie hastig, und starrte mich dabei mit ihren großen unschuldigen Augen an – und ich fuhr, selbst und allein außer Fassung gesetzt, stotternd fort – »zu den Kreuzen gekommen, die – –« – »Das,« fiel sie mir ganz verwundert in das Wort, »das wissen Sie ja! die malt mir der Herr Propst meistens einen Tag um den andern.« – »Aber um Gottes willen,« erwiderte ich und schüttelte den Kopf, »wie mag ein so frommes, blühendes Mädchen so etwas erlauben?« – »Wie so?« fragte sie erstaunt; »es geschieht ja zu meinem Besten, um mich, wie der Herr Propst und meine Tante sagen, die immer dabei steht, vor allem zu bewahren, was mir die Stimme verderben kann; und finden Sie denn nicht, mein Herr, daß es geholfen hat? – Ach, diese heiligen Zeichen – Sie mögen sagen, was Sie wollen – sind von erstaunlicher Wirkung.« Ich sah das Mädchen mit stiller Verwunderung an. Wäre es möglich! dachte ich, faßte Herz – und tat ihr noch eine Frage. – Aber die war umsonst – denn sie verstand sie nicht. Ich sann und sann, und konnte so wenig aus diesem sonderbaren Geschöpfe als aus mir selbst klug werden. – »Es ist doch,« sagte ich in stiller Überlegung, »nicht so ganz platterdings unmöglich, daß ihr der Propst entweder so etwas weiß macht, oder es auch wohl selbst glaubt – denn was glaubt man nicht alles in dieser Religion! – und daß beide nichts weiter dabei denken, als ein anderes das Handschuh anzieht, um sich vor der Luft zu bewahren. Indes – – – wundershalber will ich sehen, was sie mir darauf antworten wird!« – »Klärchen,« erwiderte ich mit zunehmendem Interesse an ihren naiven Antworten, setzte mich dabei auf den nächsten Stuhl und zog sie wieder, wie das letztemal nach Auswechselung unserer Bänder, an meine Knie, mit denen ich sie traulich umfaßte.– »Nehmen Sie mir nicht übel, Klärchen, daß ich auf eine alte vergessene Geschichte zurück komme. – Gestern, Kind – ich kann nicht ohne Entzücken daran denken – was dachten Sie denn gestern, als ich mir die Erlaubnis des Pater Lessau und Bauny so gut zunutze machte?« – »Oh, da,« antwortete sie, »war mir nicht wohl zumute – das gestehe ich Ihnen. Ich dächte, Sie hätten gesehen, wie angst mir um meinen heiligen Nicaise war. – Ich erwartete immer, Sie würden ihn noch in tausend kleine Bißchen zerstückeln.« – »Weiter, liebes Klärchen!« indem ich sie sanft mit meinen Knien drückte. –»Ja – und als sie mir,« fuhr sie mit einem Blicke fort, der gar drollig war, »das Kreuz der Cäcilia verlöschten, war mir noch weniger wohl um das Herz; doch verließ ich mich noch auf die Wiederherstellung und auf meinen hübschen Vorrat von geweihter Farbe. – Als Sie aber auch diese verschütteten – nein! ich leugne es nicht – da war ich so toll und böse auf Sie, als ich noch in meinem Leben auf niemanden gewesen bin. Ich dachte gewiß, es wäre nun um meinen Diskant geschehen – und ich würde nicht einen Psalmen mehr zur Naht bringen – das Schmählen des Propstes und meiner Tante ungerechnet, das ich voraussah. Heute mache ich mir freilich weniger daraus, da ich nichts wüßte, was Sie mir nicht durch die heiligen Steine zehnfach ersetzt hätten.« Diese unbegreiflich unschuldige Erzählung, durch die das liebe Kind, so als wenn es nichts auf sich hätte, meine Einbildungskraft entflammte und in die reizendste Gegend zurückbrachte, die ich wohl behaupten kann in meinem Leben gesehen zu haben, setzte mich erst ganz außer mir, als sie schwieg; denn jetzt sprach die gefährliche Stille, die uns umgab, nur desto vernehmlicher. – Ich sprang wie verwirrt von meinem Stuhle auf, und mit dem Gefühl eines Wundertäters war ich eben im Begriffe, den Riegel an der Kammertür vorzuschieben – als sie Bastian mit der einfältigen Frage halb öffnete: was für Wein er diesen Mittag aufsetzen solle?– Wie er seinen Kopf so vorstreckte, hätte ich ihm lieber in diesem Augenblicke seinen Abschied gegeben; denn die vermaledeite Ähnlichkeit mit seiner Schwester verjagte mir wieder alle die mutigen Gedanken, die mir Klärchen eingab. Ob ich nun gleich kurz nachher darüber froh war, so kam mir doch jetzt diese Unterbrechung meiner Ideen zu unerwartet, um mir nicht weh zu tun. Ich blickte einige Minuten schweigend gen Himmel – wendete dann mit Ernst und Mitleiden meine Augen gegen das liebliche Mädchen – »Hier ist,« sagte ich heimlich zu mir, »tausend-, ja millionenmal mehr als Margot!« und halb betäubt führte ich sie nun in die Stube zurück, wo der Tisch schon gedeckt stand. Ich zog, nachdenkend, die Hände auf den Rücken gelegt, ein paarmal meine Zirkellinie um ihn, ehe ich einen herzdrückenden Seufzer, an dem ich arbeitete, los werden konnte, der aber auch dafür mehr Erleichterung nachließ, als keiner, der bis jetzt in meinem Tagebuche vorkommt; und indem ich mich mit diesem Bogen zur Aufnahme meiner Beichte an einen Nebentisch setzte, fertigte ich auch Bastian ab, der immer noch keine Antwort auf seine ungelegene Frage erhalten hatte. – »Rechne auf die Person, wir sind unserer Viere,« sagte ich ihm, »eine Flasche Burgunder, und ebensoviel Champagner – kann doch jedes seinem Nachbar abgeben, was es daran zu viel hat. – Aber von der besten Sorte,« rief ich ihm nach, »denn wir haben einen Domherrn bei Tische.« – Ich habe, kann ich mit Wahrheit sagen, noch nie in besserer Laune ein berauschendes Getränk bestellt. Indes nun das arme Kind da mir ungewiß gegenüber sitzt – auf jeden Zug meiner Feder schielt, und in meinen Augen vergebens zu lesen sucht, was in mir vorgeht, bittet mein gerührtes Herz, so oft ich hinblicke, ihr alle die Beleidigungen ab, die ich ihr antat, und empfiehlt in stiller Andacht die schöne nackende Seele dem Schutze Gottes und aller Heiligen. Ach! nie ist eine, bei dieser namenlosen Einfalt, in einer so verdorbenen Welt als die unsere ist, dieses Schutzes so bedürftig gewesen! Es ist mir für meine Schreiberei lieb, daß ich noch eine Weile der albernen Gespräche, die ich mit der Zurückkunft des Domherrn erwarte, entübrigt und unter der stillen Aufsicht Klärchens so gut wie allein bin – denn so habe ich doch noch Zeit, die mancherlei wider einander laufenden Gedanken für dich noch durchzufegen die von allen Seiten her sich immer mehr anhäufen . . . Das Vorgeben unserer großen Menschenkenner, daß jedes Mädchen – unschuldig oder nicht – in ihren eigenen Angelegenheiten dem scharfsichtigsten Manne eine Nase drehe – ist aus der Luft gegriffen, wie viele solcher Sentenzen. Versteht nur erst, ihr guten Leute, ein weibliches Herz – ohne Einmischung eures eigenen – zu entfalten, so wird euch auch keins so leicht über seinen Wert oder Unwert betrügen! – Freilich ist es eine kitzlige Sache damit; das kann ich nicht leugnen, denn mein Beispiel beweist es zu klar. War ich nicht drauf und dran, das schuldloseste Geschöpf zu verdammen, das vielleicht in unserm Weltteile zu finden ist? – und wer hätte mich einer Übereilung darbei zeihen können? – Traten nicht so viele Anzeigen wider sie auf, die mein Urteil vor jedermann rechtfertigen mußten? – Und doch war ich in Irrtum, und wäre es auch, ohne das letzte zufällige Gespräch mit ihr, immer und ewig geblieben. Das mag wohl nicht selten der Fall bei unsern systematischen Grillen sein. Wenn wir uns mit vieler Mühe die Augen verkleistert haben, öffnet sie uns ganz unerwartet das Geschwätz eines Kindes. Ist die Schamlosigkeit, die ich der guten Seele, nach der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes, vorwarf – ist sie bei ihr wohl etwas anders als der höchste Grad paradiesischer Unschuld? Wie lange hat es nicht gewährt, eh' ich das begriffen habe! Nur die Seltenheit der Sache kann mir zu einiger Entschuldigung dienen. Bei den Wilden zwar, sagt man, fänden sich Spuren davon – aber in einem kultivierten Lande! – nach dem Sündenfalle! – ist es das erstaunungswürdigste Phänomen, das sich denken läßt. Konnte ich denn nicht gleich vom Anfange Klärchens Betragen aus diesem Gesichtspunkte betrachten? Ach, wieviel geschwinder würde ich alle jene Abweichungen von dem Gewöhnlichen bei ihr enträtselt und die undankbare Mühe erspart haben, ein so liebenswürdiges Geschöpf – bei beständigem Widerspruche meines Herzens – in meiner Vorstellung so abscheulich tief zu erniedrigen! Aber unsre liebe, herkömmliche, europäische Denkungsart – die doch selbst im Grunde nichts anders als Abweichung von der Natur ist – steht uns immer bei metaphysischen Auflösungen im Wege. Drollig genug, daß ich durch ein vorgebliches Wunder hinter ein wahres gekommen bin! Aber was soll ich nun – da die Sachen bis auf die Spitze getrieben sind – anfangen? . . . Das reizende Mädchen! wie lieb ist sie mir nicht seit einigen Minuten geworden! Ich kann es nicht ausdrücken, wie lieb! Wenn ich so von meinem Bogen auf in die Höhe blicke und diesen schönen, großen Augen begegne, aus denen die ganze Reinigkeit und Energie ihrer Seele widerstrahlt – so kann ich nicht – nein! wahrlich ich kann mich nicht eines Gedankens erwehren, den mir mein guter Genius gewiß nicht umsonst so warm an das Herz legt. Bei der kleinen Margot ward er schon einmal ziemlich laut bei mir – aber du weißt, wie flüchtig er damals und wie wenig überdacht er war. Hier aber finde ich ungleich mehr Ursachen, ihm nachzuhängen. – Ernstlich, Eduard! Ich kann mir doch an den Fingern abzählen, daß ich über lang oder kurz – wie man sagt, heuraten werde; und wie wird das geschehen, wenn ich nicht zuvorkomme – als auf die gewöhnliche Weise, die so albern als mißlich ist? Hier hätte ich nun einen Gegenstand gefunden, wie ihn nur die begehrlichste Liebe eines Philosophen verlangen kann, und als keiner – ich bin es versichert – mir je wieder so vollkommen aufstoßen wird. Ich mag um ein Mädchen werben, wo ich will, wird mir wohl eins seinen Körper und seine Seele so aufrichtig und so befriedigend enthüllen, als es dies Kind getan hat? Ach! ich werde nicht besser als andere auf geratewohl einschlagen müssen, und alles das zu spät erfahren, was doch so gut wäre, vorher zu wissen. Die seltene Gelegenheit, die ich in diesem Stücke bei Klärchen gefunden – kommt mir nicht wieder. Warum will ich mich also noch bedenken? Besitzt sie denn nicht alles, was ich manchmal in Sommernächten von meiner künftigen Gattin erträumte? Und Gott! in welchem Maße besitzt sie es! Lauterkeit des Herzens – hohe Einfalt eines herrlichen Verstandes – echte Unschuld – eine nie berührte Stimme – und einen Gliederbau, wie er nicht oft der Natur gelingt. Ihr Herkommen mag freilich nicht vornehm sein – aber das ist auch das letzte, worauf ein Mann zu sehen hat, der seinen wahren Vorteil versteht. Ihre abergläubische und schwärmerische Religion – oh, die war ihr während ihres Jungfrauenstandes recht nützlich, und nach der Trauung, denke ich, will ich sie ihr schon mit guter Art aus dem Kopfe bringen. – An die heiligen Steine – mag sie meinetwegen noch eine Weile glauben – die sollen mich an nichts hindern, und ich hoffe noch manche glückliche Stunde mit ihr über ihr gütiges Zutrauen in ihre Schiedsrichter zu lachen. Daß der Propst ihr mit seinen Augen und Händen so nahe gewesen – könnte mir unter jeden andern Umständen anstößig vorkommen – hier wäre es ebenso lächerlich, als wenn sich einer dabei aufhalten wollte, daß ein Priester seine Geliebte bei der heiligen Taufe schon vor ihm in den Armen gehabt habe. Ohnehin – wäre es auch nur um der einfältigen Nachfragen wegen der Dreieinigkeits-Steine – würde ich das Mädchen ebenso wenig ihren vorigen Bekannten unter dem Gesichte lassen – als sie jemals nach Berlin bringen, das auf keine Art dieser Perle wert ist. – Nein, Eduard! fern von euern Vorurteilen – euern Etiketten – euerm Neide und euren Sarkasmen – will ich mit Freuden mein Abzugsgeld in die königliche Invaliden-Kasse bezahlen – und in einem weniger sandigen und undankbaren Erdstriche, als dem eurigen, meiner Einkünfte und meines Lebens in den Armen dieses Engels genießen, ohne mich nur nach euch umzusehen, als in den Zeitungen. Mit meinem runden Charakter, zufriedenen Herzen, und mit der philosophischen Laune, die mich nirgends verläßt, will ich das Ding, das den meisten Leuten so schwer wird, schon möglich machen, und will es in Ruhe erwarten, was du zu dem Plane meines Glücks sagen wirst, wenn du mich einmal, wie ich hoffe, in meinem Winkel besuchst. Da meine Feder – wie gewöhnlich, wenn sie das Herz führt – so voll und so geläufig ist, so will ich dir ein Projekt mitteilen, das zu gut in meine Absichten paßt, um es nicht so bald als möglich – vielleicht schon morgen – ins Werk zu setzen. – Als ich letzthin von Vauclüse zurückkam, begegnete mir nicht weit von Lille ein Mann, der, den Hut tief in die Augen gedrückt, die Arme in einander geschlagen, trocken und ernst einherschritt. Eine dänische Dogge, die traurig ihm nachschlich und nicht den Mut hatte, einen Sprung in das Feld zu tun, war sein Begleiter. Das letztere fiel mir zuerst auf. Ich denke immer nicht gut von einer Haushaltung, wo ich die Freundschaft zwischen Herrn und Hund gestört finde. Ich erkundigte mich nach diesem Fremden – erst bei einem Bettler, dem er trotzig etwas in den Hut warf, und nachher bei einigen Bauern, denen er nicht dankte, als sie ihn grüßten – und so erfuhr ich gar bald seine Geschichte. Er war ein Graf aus Kopenhagen, welcher dort der Regierung einen Dienst erwies, der ihm durch eine große Geldsumme belohnt wurde. Wie es aber manchmal mit solchen Belohnungen geht: sie füllen den Beutel und belasten das Herz. – Es ward ihm zu enge in der Königsstadt. – Er gab es der dicken Luft Schuld, und flüchtete sich hieher, wo er in der herrlichen Gegend so lange störte, bis er ein Dörfchen fand – so freundlich und wohl gelegen, als man sonst nur in Kupferstichen zu sehen bekommt. Hier ließ er sich nieder und baute sich an. – Aber was half es? Seine Unruhe ist noch immer dieselbe, und es fehlt ihm auch hier der Atem. – Klärchen könnte ihm begegnen, er sähe sie nicht. Immer in tiefen Gedanken, sprachlos und mürrisch, starrt er die reizendsten Gegenstände der Natur an, ohne Gefühl, ohne Genuß; und doch, wie ich dir schon gesagt habe, ist der Mann reich – sein eigener Herr – und machte sich schon in seiner Jugend sehr verdient um den Staat; denn er verriet Struenseen, der sein Freund war. Sobald er sein Haus gebaut, eingerichtet und seinen Garten in englischem Geschmacke gepflanzt hatte, stand ihm auch schon alles wieder zum Verkauf, und er beut es noch aus. Ich kann gewiß einen guten Handel tun, wenn ich es ihm abnehme, und ich zweifle nicht, daß er mir auch seinen armen, traurigen Hund überläßt. Was ein unruhiges Gewissen baut, habe ich immer bemerkt, ist gemeiniglich prächtig und schön, es wird nichts gespart, um das Auge zu befriedigen und durch Bequemlichkeit und Anmut den Sinnen zu schmeicheln – und wenn die Absicht fehl schlägt, bekommt es ein anderer um das halbe Geld. Dann kommt es nur darauf an, daß der zweite Besitzer ein zufriedenes Herz mit in den Ankauf bringt, um der Hoffnung habhaft zu werden, die dem ersten mißlang, und das, was Natur und Künste gewähren, mit freudigem Dank gegen sie zu genießen. Nun kann ich wohl sagen – wenn ich vollends mein Unrecht gegen Klärchen wieder gut mache – daß ich in der Welt Gottes nichts wüßte, was ich mir vorwerfen sollte. Es geht mir mit meinem Gewissen, wie einem Gesunden mit seinem Magen: ich fühle gar nicht, wo es liegt. Ich habe mich immer in acht genommen, dem Staate wichtige Dienste zu leisten; und die Hypochondrie, die ich mir nur durch mein einfältiges Studieren zuzog, ist, Gott sei gelobt, in der heitern Luft dieses Landes verdunstet. – Bei diesen Vorzügen, was für eine allerliebste Wirtschaft kann ich mir nicht einrichten, und welche gute Menschen um mich her versammeln! Da ist mein alter Johann – der schickt sich ganz vortrefflich zu einem Haushofmeister – und die kleine Margot wäre zur Kammerjungfer bei meiner Frau wie gefunden. Nach Klärchen wird sie immer die erste Zierde meines Hauswesens sein, und es ist beinahe notwendig, daß ich sie mir in die Nähe bringe – denn sonst geht es mir gewiß zeitlebens mit ihr, wie es unserm alten Freunde, dem Major, mit dem Neidnagel an seinem Daumen geht, der ihn noch immer schmerzt, so oft das Wetter sich ändert, ob er gleich schon im Siebenjährigen Kriege die Hand samt dem kranken Finger verlor. Nehme ich nun noch – wie ich Willens bin – den Prologus und seinen Bruder in meine Dienste – so habe ich auch ein Theater, und will sicher vergnügter und glücklicher leben, als selbst Voltaire zu Ferney gelebt hat; denn ich hätte, neben allem dem, was er besaß – außer seinem Genie – obendrein eine junge, liebenswürdige Frau, deren er auf keine Weise wert war, und läge nicht, wie er, mit Monarchen – Schriftstellern und Buchhändlern im Streite. – Herr Fez würde sich gewiß lieber, glaub' ich, totschlagen lassen, als daß er meine erreurs herausgäbe. Wie doch oft das ganze Gewebe eines zufriedenen Lebens an dem flatternden Faden eines Augenblicks hängt! Wohl dem, der ihn noch zu fassen weiß, ehe er entwischt. Bester Eduard! Seit ich durch das Leben schlendre – doch schon eine hübsche Zeit! – habe ich noch nicht halb so viel Wohlbehagen empfunden, als in dieser laufenden Stunde. Mein Herz ist weder trotzig noch verzagt – weder gleichgültig noch trunken; – aber es ist gerührt, zum sichersten Beweise, daß es auf der rechten Spur ist. Durch wie manche unmutige Jahre und manche Irrtümer des Verstandes, teuerster Freund, habe ich mich nicht durcharbeiten müssen, ehe ich an dem großen Rade meines Schicksals den Punkt traf, auf dem alles beruht! . . . Wollen wir unserm Stolze und unsern leidigen Vorurteilen nicht das Wort reden, so müssen wir alle über die Zusammensetzung menschlicher Glückseligkeit darin übereinkommen, daß sie in nichts anderm bestehe, als – in einer einfachen Lebensart – einem mäßigen Auskommen – einer leidlichen Gesundheit, und in den Freuden und Folgen einer keuschen Liebe . . . O Klärchen! Was hätte ich nicht alles in dir verloren, wenn ich nicht, selbst noch auf der letzten Linie, die schon zu unserer ewigen Scheidung gezogen war, schnell umgekehrt wäre – wenn ich mein Endurteil über dich nicht wieder zurückgenommen, und mich nicht zu einer Denkungsart ermannt hätte, die zu deinen ungewöhnlichen Tugenden paßt, und wie ich sie gegen Gott und die Welt verantworten kann! – Dank sei dem ewigen Urheber der Natur, der dich in dem Raume meiner Zeit werden ließ, und das seltenste Geschöpf seiner Hand für einen guten Mann aufhob! Bastian soll in Gottes Namen die Postpferde wieder aufsagen. Der Reisepaß, den mir der Domherr mitbringen wird, kann noch einige Tage liegen, bis ich meine Angelegenheit mit dem dänischen Grafen und mit Klärchen in Ordnung gebracht habe. Nach Tische will ich mit dem Engel sprechen, und mich ohne weitern Aufschub ihrer lieben, kleinen, schreckhaften Hand versichern. – Es wird eine rührende Szene geben. Sie, die nichts im geringsten von dem Glück ahndet, das ihr bevorsteht – wie wird sie nicht über den schnellen Übergang aus der Aufsicht einer grämlichen Tante in die Arme ihres Wundertäters erstaunen! Ihres Wundertäters? Nun, das wollen wir weiter nicht rügen! Ein liebendes Weib, Eduard, ist wie das Reich Gottes. – Trachtet am ersten nach diesem, so wird euch das übrige schon zufallen. Auf die Fortsetzung meiner frohen Gemälde mußt du nun in Geduld warten, bis die Tafel aufgehoben sein wird. – Geht es mir doch selbst nicht besser. – Jetzt muß ich dem Domherrn entgegengehen, den ich die Treppe heraufkommen höre – – – Mein Abschiedsschmaus ist beinahe vorbei. Ich habe mich von der muntern Gesellschaft, die noch um den Tisch sitzt, weggestohlen, um dir alles noch frisch aus dem Gedächtnisse zu erzählen, wodurch sich dieses Fest vor andern auszeichnet; und um erst alle Nebendinge beiseite zu schaffen, ehe ich in der Geschichte meines Herzens den Faden wieder aufnehme. Daß mir der Domherr meinen Reisepaß und eine Quittung über das unverbrennliche Blatt, nebst der Lossprechung von allen Schäden und Unkosten, mitbrachte, versteht sich. Er übergab mir eins wie das andere im Namen des Legaten, unter wiederholter Versicherung seines Dankes und seiner Ehrerbietung, während Bastian meine Tafel anordnete, und ein so prächtiges Versöhnungsmahl auftrug, als es je eines gegeben hat, und das gewiß der Einweihung eines jeden Wunders würde Ehre gemacht haben. . . . Du mußt wissen, Eduard, daß, wenn ich eine Gesellschaft bewirte, welche Aufmerksamkeit verdient, ich bei so vielen Eigenheiten auch die an mir habe, daß ich den Wein kaum koste, den ich meinen Gästen in vollen Gläsern zubringe, weil ich immer gefunden habe, daß der Geist meiner Flaschen geschickter ist als mein eigener, um den ihrigen zu entwickeln, und mir das Spiel des menschlichen Herzens freizugeben, in dessen Beobachtung ein Kopf wie der meinige ungleich größeres Vergnügen findet, als in seiner Berauschung. Der schöne Plan für die Zukunft, mich dem ich mich zu Tische setzte, erwärmte auch ohnehin mein Blut zur Genüge. – Alles, was ich sprach, sah und hörte, und aus meinen Bemerkungen abzog – hatte immer einen geheimen Bezug auf ihn. Zuerst fing ich an, für mein Hoftheater zu sorgen. – »Ein so festlicher Tag als der heutige«, wendete ich mich an meinen Nachbar, indem ich ihm zugleich ein Glas Vin de St. George reichte, »sollte alle Feindschaften aufheben – alle Gefangenen los und ledig lassen. – Allen Sündern« – übersetzte ich ihm aus Schillern – »soll vergeben, keine Hölle nicht mehr sein.« – »Das ist recht!« erwiderte mir der Domherr, und stürzte das volle Glas hinunter, das ich ihm geschwind wieder füllte, um ihn nicht lau werden zu lassen. – »Sie sehen«, fuhr ich nach dieser Einleitung fort, »hinter Ihrem Stuhle« – er sah sich um und erkannte die Puppenspieler – »ein paar Unglückliche, die ehemals, ich will nicht sagen wie zweckmäßig – mit lebendigen Personen die Hölle – und das Paradies mit Puppen vorstellten, und sich durch beides – wie vorauszusehen war – den Haß Euer Hoch-Ehrwürden zuzogen. Wie lange ist es nicht schon her, Klärchen, daß die armen abgesetzten Teufel Ihretwegen im Elende schmachten? Bitten Sie mit mir Ihren würdigen Nachbar, daß er die Strafe aufhebe. Es ist einem Manne in Purpur so anständig, Gnade für Recht ergehen zu lassen – –« – Hier schlürfte der Prälat mit stolzem Hinblick auf seinen Mantel das dritte Glas langsam über die Zunge, und ich fuhr schon traulicher fort: – »Ja, bester Freund, tun Sie es mir zu Liebe! Wirken Sie den beiden Brüdern – wäre es auch nur, weil sie bei dem heutigen großen Wunder an meinen verschlossenen Türen auf der Wache standen – ihren Abschied aus! Keiner, der zur Zeit einer heiligen und übernatürlichen Erscheinung auf dem Posten gestanden, sollte nachher noch zu gemeinen Diensten erniedrigt werden, wenn sie auch dem Staate noch so notwendig wären. Das besagen selbst die kanonischen Rechte, und es schlägt sogar, lieber Herr Domherr, ein wenig in die Immunitäten der Geistlichkeit ein. Für das ehrliche Unterkommen dieser Leute wollen Wir « – kam mir der Pluralis in geheimer Beziehung auf meine Nachbarin in den Mund – »schon sorgen;« aber ich lenkte eben so geschwind wieder ein: »Ich, teuerster Mann, wollte ich sagen, will schon sorgen, daß ihnen so leicht kein Kind in den Weg kommen soll.« – Der Domherr nahm ein Amtsgesicht an. – »Das wäre wohl alles ganz gut,« antwortete er mit vieler Behutsamkeit: »aber wir müssen die Sache doch erst aus ihrem rechten Gesichtspunkte betrachten. – Das ist meine Art so. Die Leute da – stehen in päpstlichem Solde. – Ihre Bestrafung gehörte zwar wohl in mein Fach, aber nicht ihre Begnadigung.« – »Oh,« fiel ich ihm ruhig ins Wort, »das Militär des heiligen Vaters – so wie auch Ihr Hauptmann, der sie der Armenkasse abkaufte, sollen nicht im mindesten dabei zu kurz kommen. – Seine Auslage – so weit sie nicht schon abverdient ist – bin ich erbötig, ihm von meinen eroberten Prozeßkosten zu ersetzen: und wenn der Hauptmann sein Handwerk versteht, wird er mit beiden Händen zugreifen; denn ich dächte, man sehe den guten Leuten die Schwindsucht so ziemlich schon an, die ihnen ohnehin die Bärmützen bald abnehmen wird.« – »Ja, wenn das ist,« besann sich der geistliche Herr, »so ist mir selbst zu viel daran gelegen, nur freundliche Gesichter in meinem heutigen Zirkel zu sehen, als daß ich nicht gern eine Sache vermitteln sollte, die mir im Grunde ganz gleichgültig ist; ob ich gleich nicht begreife, wodurch sich diese leichtsinnigen, liederlichen Bursche – –« – Hier fielen die beiden Brüder dem gestrengen Herrn so demütig zu Füßen, daß er inne hielt und nicht das Herz hatte, ihr Porträt auszumalen; vielmehr entstand nun, durch sie, ein Streit der Großmut unter uns beiden; denn der Prälat wies sie mit ihrem feurigen Danke an mich. Da ich aber ohnehin überzeugt war, daß ihr Gefühl sich nicht irre, so verbat ich alle unnötigen Äußerungen desselben, und, indem ich den Prologus abschickte, um eine der Flaschen mit der vornehmen Aufschrift – den Epilogus aber, um frische Gläser zu holen, drückte ich zugleich meiner heimlichen Braut, voll Vergnügen über dies erste, für unsere Haushaltung gelungene Geschäft, zärtlich die Hand, und sah im Geiste schon die Lichter auf unserm Theater brennen. – »O, du liebe kleine Unwissende!« richtete ich meine süßen Gedanken an sie, »wie will ich alle schönen Künste zu deiner Unterhaltung und zur Bildung deiner Seele ausbieten! Wie wirst du deine mächtigen blauen Augen aufreißen, wenn ich dir an manchem fröhlichen Abende auf meiner kleinen Bühne die Szenen der großen Welt und die Torheiten der Höfe zur Schau stelle, wovon du noch keinen – zum Glück für deinen Zeitvertreib – noch keinen Begriff hast; denn wärest du damit schon so bekannt wie ich, so würden sie dir nur Langeweile verursachen. – Für geputzte Drahtpuppen, und was sonst von Dekorationen dazu nötig ist, will ich schon sorgen. Habe ich doch meinen Eduard dort, der mir zu Liebe die Lieferung gern über sich nehmen, und darauf Acht haben wird, daß sie auf das getreueste nach der Natur kopirt werden. Es ist eine leichte Sache, daß er sie mir alle Jahre erneuert; so verlor ich selbst – noch so fern vom Hofe – keine Veränderung, die unter den Hauptpersonen vorfällt, und könnte sonach, mit Beihülfe der öffentlichen Blätter, der Illusion und meiner Vorkenntnisse, immer noch mit meinem lieben Vaterlande in einiger Verbindung bleiben. – Das Wenige, was allenfalls mir ein Heimweh verursachen könnte, wirst du, bestes Mädchen, mir zehnfach ersetzen. Wie werden mich nur allein deine kindischen Erinnerungen an die vorigen Zeiten ergötzen, wenn – wie ich mir launig ausgedacht habe – der Sündenfall unser Theater eröffnen soll, über den du – wie wir alle – deine Semmel vergessen, und aus dem sich – nicht anders als bei uns – alles dein Glück und Unglück entsponnen hat! Das zweitemal sollst du dieses herrliche Stück nicht bloß von der hintersten Bank aus lorgnieren – das verspreche ich dir, armes gutes Kind!« Es ist doch gewiß, Eduard, daß die Hoffnungen der Liebe auch der gemeinsten Sache einen eigenen Reiz geben! Ich glaube, mein Herz hätte noch eine Stunde mit seinem kleinen Abgotte so forttändeln können, ohne es müde zu werden, hätte nicht der belobte Wein, der nun aufgesetzt war, mich an meine Gäste erinnert. Mit allen den verborgenen Kräften, die der Geist der Natur in ihn gelegt hat, stand er freundlich in unserm Kreise, und wurde nun – – – Ja freilich, wenn ich es mir bequem machen wollte, dürfte ich dir jetzt nur in zwei Zeilen sagen, wie viel Flaschen davon getrunken wurden, und du müßtest wohl damit zufrieden sein. Mancher andere würde glauben, sich an der Präzision zu versündigen, wenn er ein Wort mehr darüber verlöre. In seinem Tagebuche kann er auch wohl recht haben – das will ich ihm nicht abstreiten. In dem meinigen aber ist es, glaube ich, schon notwendiger, daß ich die Mühe der Pünktlichkeit, die ich bis jetzt nicht gescheut habe, am wenigsten bei dieser Gelegenheit aus der Acht lasse, und jedes einzelne Glas, das meine Gäste tranken, mit Anmerkungen begleite, um dir den Stufengang der Empfindungen auf das genaueste zu schildern, die es in ihren Seelen erregte, da es doch sicher und gewiß ist, daß für einen Beobachter auf dem Grund einer Flasche ganz andere Erscheinungen liegen, als in der Nähe des Stöpsels, und daß man sehr übel tun würde, sie untereinander zu mengen. Aus dem Schaume des ersten Glases – wenn ich anders richtig gesehen habe – breitete sich ein Schimmer natürlicher Fröhlichkeit aus, der, nach meinem Urteile, den beredtesten Dank für die Wohltaten Gottes enthielt. Klärchen sah dabei allerliebst aus. Das zweite entwickelte zu meinem Vergnügen jene Lebhaftigkeit des Geistes, die uns zu witzigen, verwegenen Scherzreden oft herzhafter macht als es gut ist. Der Prälat brachte zuerst eine hervor, die für diejenigen, die den kühnen Schwung davon einsahen, viel Salz hatte. Die fromme Bertilia selbst wurde ganz munter darüber; für ihre unschuldige Nichte freilich war das feine Rätsel so gut wie verloren, und mir ward schon angst, wie ich auf eine gute Art dem fröhlichen Drange ihres Bluts einen Ausgang verschaffen sollte, als ihm glücklicherweise der Epilogus Luft machte. Er reichte ihr zwar nur einen Teller – aber wenn das Gemüt einmal zur Freude gestimmt ist, bedarf es auch nur einer Kleinigkeit, um ihr Spiel in Bewegung zu setzen. Es fiel ihr, wie sie uns zur Entschuldigung sagte; seine komische Figur vor ihrem Bette zu Cavaillon, und ihr kindisches Schrecken ein, das ihrem Bedürfnisse zu lachen jetzt ungleich besser zustatten kam, als damals ihrem Bedürfnisse zu schlafen. Ich kann dir nicht sagen, Eduard, wie gut ihr diese kleine körperliche Erschütterung stand! Es war das erstemal, daß ich die Perlen ihrer Zähne, wie an eine Schnur gereiht, zu sehen bekam, und es war zu verwundern, wie, nach so vielen Entdeckungen in dem Gebiete ihrer Schönheit, mich diese noch so angenehm überraschen konnte. Diesen hübschen Anblick, dachte ich, willst du dir oft verschaffen; und um ihn mir auch jetzt noch eine Weile zu erhalten – schenkte ich geschwind – Reihe herum noch einmal ein, und gewann dadurch – zwar nicht gerade was ich hoffte – aber dafür einen Anblick von einer – wenn es möglich ist – noch lieblicheren Art. – Die funkelnden Augen meines Klärchens und des Domherrn gerieten an einander. – Das alte Mißverständnis des geistlichen Herrn, der bis jetzt noch immer ein wenig vornehm und zurückhaltend gegen seine schöne Nachbarin geblieben war, schien schnell dem holden Gedanken der Vergebung zu weichen. Er schlürfte seinen Wein mit bedächtigerm Hinblick auf das sanfte Spiel der Wellen hinunter, die den heiligen Nicaise höchst malerisch schaukelten, und geriet dabei, wie mir vorkam, in jenes gutmütige Erstaunen, das unserm großen Friedrich so oft in die Augen steigt, wenn er eine beim Antritte seiner Regierung magere und kahle Gegend – angebaut und in blühendem Zustande wieder sieht. Er reichte seiner ehemaligen Pflegetochter die Hand, die, äußerst gerührt, mir sogar die ihrige entzog, die ich zärtlich in der meinen gefangen hielt, um ihm mit beiden für die Wiederkehr seiner väterlichen Liebe dankbar zu schmeicheln. Es war, wenn du mir nachrechnen willst, das zwölfte und letzte Glas der einen Bouteille – (hier, mußt du wissen, ist in allem größer Gemäß als zu Berlin) – das mir zu dieser höchst rührenden Szene verhalf. Gott sei gelobt und gepriesen, daß es nicht auch die letzte Flasche war! In der zweiten, die ich mir zur Fortsetzung meiner stillen Bemerkungen geben ließ, lagen noch ganz andere Erscheinungen verborgen. Der gelüftete Pfropf flog mit einem Knalle – der in der Welt schon manches Mädchen erschreckt hat, und dem Ohre eines Kenners so wohl tut – an die Decke, und der Wein hielt, was sein Herold ankündigte; denn zweimal mußte ich geschwind hinter einander die Flötengläser Reihe herum füllen, um dem tobenden Schaume seinen Willen zu tun, ohne in diesen teuern Minuten Zeit zu haben, auf meine Gäste zu achten. Desto mehr überraschten sie mich, als ich meine Flasche neben mir setzte und mich nach ihnen umsah. Ach, mein Gott! wie hoch waren inzwischen nicht ihre Empfindungen gestiegen! – Ich erstaunte über die unglaubliche Veränderung, die ich antraf. Ist das mein Klärchen, fragte ich still vor mich hin, die so freundlich den unzähligen Küssen zusieht, die der entzückte Prälat ihren Händchen aufdrückt? – Sind das die Augen eines Kindes, das sich gegen seinen Vater entschuldigt? Sind das die Blicke eines beleidigten Wohltäters, der seiner Pflegetochter verzeiht? Hurtig, sagte ich zu mir selbst, schüttelte meine Bouteille, und füllte aufs neue die Gläser bis an den Rand; und nun sah ich noch deutlicher, wie weit das Geschäft ihrer Versöhnung gediehen war. Sie konnten schon nicht mehr das Glas mit Vergnügen trinken, wenn es nicht unter ihnen ausgewechselt und von den Lippen des andern berührt war. Erst alsdann stürzten sie es – mit buhlerischem Gelächter, sage ich dir, stürzten sie es hinunter, und der Traum – ach Gott, wie soll ich meine Schamröte verbergen? – der Traum meiner häuslichen Glückseligkeit war dahin! Die Wiedervereinigten achteten nicht mehr der Augen, die sie belauschten, noch der aufmerksamen Ohren, die ihnen zuhörten. Sie verhandelten ihre Angelegenheiten so offen, daß der Prologus und sein Bruder mich anlächelten, und mir fragend zuwinkten, ob sie nicht recht gehabt hätten? – O ja! ihr guten Leute, dachte ich, ihr habt nur mehr als zu wahr gesprochen. Und da ich sah, daß der Domherr nicht aufhörte, dem lachenden Mädchen in die Ohren zu flüstern – die Perlen ihrer Zähne immer näher betrachtete, und mir sogar für die Sicherheit des Orts [Angst] ward, der die heiligen Steine verwahrte, so fing ich – nicht mehr für mich, das wirst du mir zutrauen – aber für die armen Puppenspieler fing ich zu fürchten an. Wenn er, sagte ich heimlich zu mir, das Glas noch trinkt, bei dem ich eben im Einschenken war, so bist du um dein gutes Werk, und deine Hofakteurs sind auch noch um ihren Abschied betrogen, wie sie es schon um ihr neues Theater sind. Ich faßte Herz – zog das Glas zurück, und, – »Sie dürfen es wahrlich nicht eher trinken, lieber Mann,« sagte ich, »bis Sie meinen Grenadieren ihre Entlassung zur Stelle gebracht haben. – Alsdann aber trage ich Ihnen auch dafür noch zwei – drei Bouteillen von diesem guten Weine auf, der Ihnen nur desto besser schmecken wird, wenn Ihnen kein anderes Geschäft mehr abzutun bleibt, als Ihr eigenes.« – Diese kurze, unversehene Anrede brachte ihn auf die Beine. – »Gut, gut,« sagte er, »davon will ich bald genug wieder zurück sein. Hüten Sie mir indes das Glas, liebes Klärchen, das ich stehen lasse,« – und so küßte er noch einmal ihre Hand, nahm seinen Hut und ging. Jetzt, dachte ich, wird sich das Mädchen besinnen, und vor Scham vor deinen Augen vergehen. – Aber ich dachte nicht klüger als vor drei Stunden, als ich mit ihr in der Bibliothek war – »Das ist heute«, drehte sie sich zu mir, »ein glücklicher Tag. Der gute würdige Herr! Wir haben uns über das Vergangene besprochen. – Er hat mich tausendmal um Verzeihung gebeten, und wir sind nun bessere Freunde als jemals. Und wissen Sie wohl,« wendete sie sich gegen ihre Tante, »ich ziehe noch diesen Abend zu ihm! – Er verlangt es durchaus. – Wenn Sie also, meine Beste, so gut sein wollten, mir mein Paket zusammen zu schnüren – –« – »Siehst du wohl,« fiel ihr die Tante ins Wort, »daß ich recht hatte, wenn ich dir manchmal Behutsamkeit anriet und dir die Rückkehr deines alten Freundes wahrsagte? Ich verstehe, Gottlob! den Rummel.« »Ganz gut!« antwortete ihre unbefangene Nichte! »aber ohne die Vermittlung dieses fremden Herrn,« oh, wie gab mir ihr Lob einen Stich in das Herz! »wer weiß, wie lange Ihre Prophezeiung nach außen geblieben wäre!« – »Übrigens,« fuhr die Alte fort, »wüßte ich nichts, was ich lieber zuschnürte, als dein Paket; denn der Propst schien heute grausam aufgebracht über dich wegzugehn, und ganz sicher müßte ich wieder in das Spital wandern, wenn du meine einzige Nichte wärest.« – Mit diesen Worten, die ich mit einer Verschämtheit anhörte, die du einem Menschen wohl zutrauen darfst, der weder in Berlin noch anderwärts – und auch hier ganz unschuldig, in so ein Haus gekommen, stand das scheußliche Weib auf, wodurch sie meinen Augen gewiß keinen Possen tat. Indes beunruhigte mich ihre Entfernung auf einer andern Seite, da ihre schöne Nichte, die ich vor Abscheu nicht mehr ansehn konnte, wieder mit mir allein blieb. Doch mein Freund, der Zufall, schlug sich auch diesmal ins Mittel. Indem die Alte zur Tür hinaustrat, war Bastian im Hereintreten – »Herr Fez,« rief er mir zu, »bittet sich die Erlaubnis – – –« – »Geschwind laß ihn ein,« fiel ich ihm ins Wort; und der wackere Mann näherte sich mit einer tiefen Verbeugung. Wir haben uns immer, wie du weißt, mit halben Worten verstanden – so auch jetzt. – »Ich habe nicht versäumen wollen, an diesem frohen Tage – –« – »Jawohl, jawohl, lieber Herr Fez! Glücklicher habe ich in meinem Leben noch keinen – –« – »Könnte ich denn nicht, mein Herr, das unverbrennliche – –« – »O, das Wunderblatt! das sollen Sie gewiß – – Aber jetzt nehmen Sie nur Platz, lieber Herr Fez, – hier, neben Klärchen – und Sie, liebes Kind, bringen Sie doch dem Herrn das Glas zu, das vor Ihnen steht!« – Ohne sich zu besinnen, reichte sie es ihm, sowie es ihr der Domherr zu hüten gegeben hatte – und mit der sichtbarsten Freude nahm er es aus ihrer Hand. Und ich, Eduard, freue dich, bekam dabei einen Einfall, der, wenn er auch sonst nichts wert ist, dich doch wenigstens über meine aufrichtige Verachtung für dieses Geschöpf vollkommen, wie ich hoffe, beruhigen soll. – »Sie haben«, redete ich den Buchhändler an, »immer so viele Achtung und Liebe gegen das fromme Kind gezeigt, das Sie unter Ihren Augen aufwachsen sahen, daß es Ihnen gewiß eine herzliche Freude machen wird, zu erfahren, wie hoch zu Ehren – – – Doch liebe Kleine!« unterbrach ich mich selbst, »es fällt mir schwer aufs Herz, daß ich vor meiner Abreise noch vieles zu berechnen habe. – Sie könnten mir ja wohl die Erzählung abnehmen, die dem Herrn Fez aus Ihrem Munde viel lieblicher klingen wird, als aus dem meinigen. Zeigen Sie doch dem wackern Manne den Ort, wo das berühmte Buch stand – und seien Sie – – trinken Sie aber noch erst jedes ein Glas von meinem freundlichen Weine – ein wenig gefällig gegen seine Neugier. Ich habe – Sie wissen wohl, liebes Klärchen, noch mancherlei kleine Ansprüche an Sie – und kann sie wirklich nur gern an einen Mann abtreten – dem ich so vielen Dank schuldig bin, als dem Herrn Fez. – Hauptsächlich aber, bitte ich Sie, in Erwägung zu ziehen, daß zur Ausbreitung eines Wunders die Freundschaft eines Buchhändlers der sicherste Weg sei.« Meine Vorstellung machte Eindruck bei ihr, wie bei einem Gelehrten. Sie dachte jetzt nur an ihre Legende, stürzte ihren Wein hinunter, und trat voller Begeisterung der wartenden Nachwelt entgegen. Es ist mir zwar nicht mehr möglich genau nachzukommen, das wievielte Glas es war, das sie zuletzt trank; aber so viel kann ich, nach der leichten Art, mit der sie mein Vorwort zugunsten des Herrn Fez aufnahm, doch berechnen, daß ein Gemisch darinnen müsse gegoren haben, vor dem schon jedes nicht ganz verlorene Mädchen den stärksten Ekel verraten würde, ehe sie es an den Mund brächte. Und dieses Geschöpf – rief ich ihr nach, wie sie dem armen Fez den Weg wies – konntest du, durch eine Kette von Sophistereien, deinen besten Wünschen so nahe bringen? konntest – ohne betrunken zu sein – das Ideal einer würdigen Gattin in ihr entdecken, und hast es bloß einer Flasche Champagner zu danken, daß du deinen Freunden – daß du dir selbst nicht verächtlich, und das Gelächter des ganzen Comtats wirst? Was wäre aus dir geworden, wenn die Heuchlerin deinen schon gefaßten Entschluß erraten – deine Händedrücke besser verstanden, und dir selbst die Gläser eingeschwatzt hätte, die du ihr zutrankst! – . . . Während daß die Schöne die Verbindlichkeiten, die mir Herr Fez auferlegt hatte, in dem Maße als sie es wert waren, erwiderte – mich an meinem stolzen Feinde, dem Propst, rächte, und dem heuchlerischen Domherrn den ersten Unterricht vergalt, den er ihr, wie es der nun klar angesponnene Faden seiner Geschichte bewies, in der Kunst zu betrügen gegeben, freute ich mich über das schöne Verhältnis der Belohnungen und Strafen, die hier . . . der Zufall, verteilte, und dankte ihm herzlicher als jemals für das nicht zu berechnende Gute, das er mir . . . in dem päpstlichen Gebiete erwiesen. Ich sah nach meiner Uhr. Wenn du heute noch über die Grenze willst, sagte ich mir, so hast du keine Zeit mehr zu verlieren, und ich pfiff meinen Leuten. »Dort, Bastian, neben dem schlafenden Engel liegt mein Reisepaß – Trage ihn auf die Post, und bestelle mir sechs tüchtige Pferde, damit ich vom Flecke komme! Und nun ein Wort mit euch beiden andern – In der Hoffnung, daß ihr ehrliche Bursche seid – vielleicht die letzten, die noch hier sind, und die Gott noch aus diesem Sodom zu retten gedenkt, ehe er es unter Feuer und Schwefel begräbt – will ich euch in meine Dienste nehmen. – – Laßt mich ausreden und erspart euern Dank! Nun ist es aber – ohne daß ich weiter mit euch Staat zu machen gesonnen bin – nicht möglich, daß ihr mich in diesen päpstlichen Lumpen begleitet; denn alle Leute müßten glauben, ich hätte den heiligen Vater ärger gelästert, als Doktor Luther, und man führe mich deswegen als Gefangenen nach der Engelsburg oder nach der Inquisition. Ebensowenig ist es meine Gelegenheit, so lange noch hier zu verweilen, bis eine Livree für euch fertig sein kann – ich sehe sonach kein anderes Mittel, als daß ihr euch bei dem ersten besten Schneider in Ordnung bringen laßt, und mir nach Marseille nachkommt.« – »Ach mein gütiger – ach, mein großmütiger Herr!« nahmen hier die beiden Brüder einander das Wort aus dem Munde. »Sollten wir«, fing der Prologus an, »ohne Ihren Schutz nur eine Stunde länger hier bleiben müssen – so ist«, setzte der Epilogus nach, »Ihre gute Absicht so gut wie verloren.« »Müßt ihr denn beide zugleich sprechen?« fragte ich ungeduldig, und nun schwiegen sie aus Höflichkeit beide, bis ich dem ersten befahl, seinem Range nach fortzufahren. – »Wir haben hier von unsern glücklichen Zeiten her«, nahm er das Wort für seinen Bruder mit, den er treuherzig anblickte, »noch einige Schulden – die würden sicherlich aufwachen, und uns aufs neue ins Gefängnis bringen, wenn unser Abschied bekannt würde; denn wenn der Soldatenstand auch sonst zu nichts gut wäre, so ist er es doch darin, daß man seine bürgerlichen Schulden nicht zu bezahlen braucht, so lange man Uniform trägt.« . . . »Ist denn«, mußte ich schreien, weil eben mit allen Glocken in die Vesper geläutet wurde, »keine Trödelbude hier?« – »Oh, mehr als eine!« antwortete er. – »Nun,« sagte ich, »so geht denn gleich hin und stoppelt euch in der Geschwindigkeit etwas zusammen, das einigermaßen zu meinen Farben paßt. – Ein grauer Rock, eine rote Weste – das ist vor der Hand genug, wenn auch übrigens keine Achselbänder dabei sind.« – Ich gab ihnen Geld zu dem Handel, und die beiden Brüder sprangen fort, als wenn ihnen das Unglück nachsetzte. . . . Doch ich vergesse . . . den guten Herrn Fez, Klärchen und ihren Domherrn. – Wären nur meine Pferde da und meine Leute beisammen! ich wollte gern die Rückkunft jener nicht abwarten, und weiter ihre Namen in meinem Tagebuche nicht nennen, möchte doch aus ihnen werden was wollte. Meine gegenwärtige Lage fängt an mir recht ernsthaft schlecht vorzukommen, und macht mich ungeduldig und wild. – Tue nur einen einzigen Blick her, Eduard, und sprich, ob ich mir unter solchen Aussichten, als mich alleweile umringen, gefallen kann? – Hier vor der Nase ein unterbrochenes Bacchanal, das nächstens wieder angehen wird – dort, hinter der einen Wand das Betzimmer der Alten, die ihre Nichten berechnet, und hinter der andern meine ehrliche Schlafkammer, die schon seit einer Viertelstunde entweiht wird. Wahrlich, ich komme mir vor wie der heilige Antonius unter den Teufeln. – Holla! da kommen doch endlich die Figuren aus der Bibliothek! – Auf das Mädchen ist es mir unmöglich einen Blick zu werfen, aber den armen Fez. der sacht zu meinem Schreibtische herschleicht – muß ich doch wohl zur Komplettierung meiner Akten noch abhören. Der gute buckelige Mann. Ich merkte es ihm nur zu sehr an, daß er für alle Höflichkeit, die er mir erwiesen, mehr als zur Genüge bezahlt war. Er drückte mir dreimal hintereinander stillschweigend die Hand, wie man sie in Golconda den Mäklern drückt, die Diamanten verkaufen. – Das war doch gewiß kein schlechtes Gebot, Eduard, und auch verständlich genug. – Aber nein! meiner Eigenliebe war es zu wenig. Ich hätte gern umständlichere Nachrichten von meiner Zeichnung gehabt – hätte gern gehört, daß sie richtig – ähnlich – von großer Kraft und ein Meisterstück der ewigen Kunst sei. . . . . Ich ging so lange mit meinen immer näher tretenden Fragen um den blöden lakonischen Mann herum, bis ich ihn endlich auf meinen Stimmhammer brachte und gewiß erfuhr, daß er ihn gesehen und bewundert hatte . . . . »Oh,« sagte Herr Fez, »ich – – auf meine Ehre. versichere ich Sie, daß mich zeitlebens kein Kabinettsstück so entzückt hat.« – »Also haben Sie wirklich einige Ähnlichkeit gefunden, lieber Herr Fez?« schmunzelte ich ihm zu. – »Da müßte man«, erwiderte er, »doch mehr als blind sein, wenn man sich irren könnte. Es ist so viel Leben, Ausdruck, Wärme, Kolorit, und eine so sanfte Haltung in diesem Bilde, daß ich es, ohne Schmeichelei, für eins der schönsten und kräftigsten unsers Jahrhunderts halte.« – »Dieser Ausspruch, würdiger Mann«, antwortete ich, »kann mir von einem solchen Kenner gewiß nicht gleichgültig sein. Ich wünschte nur, daß alle diejenigen, die mir gern abstreiten möchten, daß ich malen kann, meine Zeichnung mit so guter Laune und so verständigen Augen betrachteten, als Sie, lieber Herr Fez!« – »Ihnen abstreiten, daß Sie malen können?« fragte er voller Verwunderung. »Wäre es möglich, daß es so gefühl- und geschmacklose Menschen gäbe?« Indem hörten wir den Domherrn auf der Treppe, und der rechtschaffene Mann machte sich aus dem Staube. Ich sah mit Vergnügen von meinem Schreibtische, daß Klärchen eilig das Glas wieder füllte, das ihr Freund ihrer Bewachung empfahl, und fand nach Deiner Einsicht in dieser kleinen Handlung so viel reife Überlegung und weibliche Klugheit, daß ich ihres künftigen Schicksals wegen ganz außer Sorgen bin. Ich stand, wie der Prälat atemlos hereintrat, einen Augenblick auf, berichtigte in möglichster Eil meine Rechnung mit ihm, die er mir zugleich mit dem Abschiede der beiden Soldaten einhändigte, und begleitete ihn unter seinem beständigen Geschwätz, auf das ich nicht hörte, bis an das Ziel seiner Wünsche – an seinen Stuhl. Er übernahm sein Glas, wie ein Maurer seine Kelle, die er als Zeichen da ließ, daß er fortarbeiten wolle, und schlürfte es mit sichtbarem Wohlgeschmack und dem zärtlichsten Hinblicke auf Klärchen hinunter. O des menschlichen Glücks! Wie hängt es fast immer von unserer Unwissenheit und Einbildung ab! Hätte dem guten Manne nur das mindeste von dem geahndet, was sich Herr Fez, in seiner Abwesenheit, mit seinem Glase und seiner Geliebten heraus nahm, wie würde es ihm nicht alles verbittert haben, was jetzt seinen Lippen und seiner Vorstellung so süß dünkte! Er hätte darauf geschworen, daß es derselbe Wein sei, den er stehen ließ, fand ihn, auf meine leichtfertige Frage, weder frischer noch matter als er sein sollte, und behauptete mit der Miene des Kenners, seine Zunge sei fein genug, um immer zu wissen, das wievielste Glas aus einer Bouteille es sei, das er trinke. Es würde bei dem Bewußtsein, das mich drückte, schlecht zu Gesichte gestanden haben, über die so zuverlässige Unterscheidungskraft seines Geschmacks zu spotten. Klärchen fand noch weniger Beruf dazu, und war so gefällig, mir das Amt seines Mundschenken abzunehmen, da sie sah, daß ich von ihr weg nach meiner Schreiberei schielte. Ich kann also die letzte Seite, der ich noch mächtig bin, ruhig hinausschreiben, da nun alles für mich hier abgetan ist. Meine beiden komischen – oder willst du lieber burlesken – – Bedienten, sind, leidlich genug gekleidet, vom Trödel zurück, und tragen meine Sachen in den Wagen – und meine sechs Pferde sind auch da. Auf die beiden Bacchanten gebe ich selbst weniger acht als auf die gelbsüchtige Bertilia, die ihrer schönen Nichte das Nachtpaket gebracht, und sich nun leider, Gott erbarm es! nicht weit von mir auf ihren früheren Gerichtsstuhl gestreckt hat, um ihren Rausch zu verschnarchen. Diese Harmonie, wenn es möglich ist, verstärkt noch mehr die Ungeduld, die ich habe, aus diesem Sumpfe an Gottes freie Luft zu kommen. Da es zu spät ist, noch vor Nachts Aix zu erreichen, so soll es meine Abendbeschäftigung sein, diesem Bogen den Beschluß meines heutigen reichhaltigen Tages in dem Wirtshause noch anzuhängen, wo ich etwan übernachten werde, und mit dir den Austritt aus dem päpstlichen Gebiete und aus einer Woche zu feiern, die den Anfang des Jahrs höchst niederschlagend für den prahlenden Stolz meiner Tugend eröffnet, und das erste Blatt meines neuen Kalenders gewaltig beschmutzt hat . . . . * Lambesk Hier bin ich nun schon einige Meilen über der Grenze jenes wurmstichigen und von Mönchen durchwühlten Landes, und befinde mich schon um vieles besser. Unter dem Burgfrieden eines Prinzen, der mit Joseph dem Zweiten verwandt ist, werde ich von seinem abgedankten Haushofmeister bewirtet, der mein Vaterland kennt – dem es dort wohl ging – und der es den Reisenden zu vergelten sucht, die da her sind. So klein diese politische und moralische Verbindung auch sein mag, so kömmt sie mir bei meinem Nachtlager doch sehr wohl zu statten . . . – Jetzt, da ich mich wie ein Erzbischof gesättigt, und mich beinahe ein wenig berauscht habe, wie ein gefürsteter Abt – da sich auch meine allzudienstfertigen Wirtsleute in den unteren Stock zurückgezogen, und meine Bedienten umringt haben, die sich immer, wie ich von weitem höre, einander unterbrechen, um mit dem ehrwürdigen Ansehn ihres Herrn groß zu tun; jetzt könnte ich nun ruhig und lächelnd in das feine, schneeweiße Bette steigen, das mir winkt, wenn mich das Versprechen, das ich dir, lieber Eduard mit meinem letzten Federstriche zu Avignon gab, nicht wie billig, munter erhielt. So höre mich denn ebenso munter an, und höre noch die letzten Merkwürdigkeiten meines heutigen großen Tages, unter welchen ich glücklich bis an das Tintenfaß gekommen bin, das mir, in Wiener Porzellan, ein zweiköpfiger Adler vorhält. Als ich mit dem Schwure, keinem Kasuisten, keiner Heiligen und keiner milden Stiftung je wieder so nahe zu kommen, die Gruppe, die ich dir oben beschrieb, noch um eine Bouteille betrunkener, unter Rousseaus Aufsicht verließ, und ohne Geräusch meinen Hut und Stock aus der Ecke gezogen hatte, wo die fromme Bertilia ihrer verdienten Ruhe genoß, schlich ich stillschweigend meiner Wege, und war schon bis an die Tür gekommen, als der Domherr meinen Abzug bemerkte. Seine Zunge war jedoch zu schwer, ein deutliches Lebewohl auszusprechen; dafür aber schlug er mir so lange seine Kreuze nach, bis ich ihm aus dem Gesichte kam. Klärchen wischte höflich mir nach bis auf den Vorsaal, wo sie mir aus überströmender Dankbarkeit, im Angesicht des heiligen Nicaise, der unverschämt zusah, noch ein paar Küsse aufdrang, die, so Gott will, die letzten sein sollen, die mir eine Heilige gab. Auf der Treppe hielt mich noch ein anderer widriger Anblick auf. Der schwarzgelbe Prokurator trat mir mit der Verbeugung eines Advokaten entgegen, der, nach einem verlornen Prozesse, seine Expensen sucht, überreichte mir mit der Abschrift seines Protokolls die Beglaubigungs-Urkunde meines getanen Wunders, und zugleich ein Handbriefchen vom Propst. Es tut mir leid, daß ich es nicht für dich aufgehoben, und jetzt statt des Originals, das ich wegwarf, dir nur einen Auszug davon mitteilen kann. Der geschmeidige Mann versicherte mich darin seiner unbegrenzten Hochachtung, und bat mich, wenn ich je wieder diese Domäne des heiligen Vaters besuchte, die Freundschaft zu nähern und zu befestigen, die er, als ein unwürdiger Vorsitzender bei meinem Verhör und während meiner triumphierenden Rede, zu mir gefaßt habe. Er nannte mich einen seltenen Mann, der ganz von Gott ausgerüstet sei, das blinde Volk zu regieren – und empfahl sich mir so zudringlich, als hätte er in mir seinesgleichen gefunden. Ich beantwortete im Heruntersteigen seine Höflichkeit mündlich an den Boten, bedauerte, daß meine Abreise die Freundschaft, die nur ein Wunder unter uns zu stiften vermocht hätte, sobald unterbräche, daß ich aber, wenn ich Avignon jemals wieder mit einem Fuße beträte, mich seiner Leitung ganz überlassen würde, und dann erst das zu werden hoffte, was er allzu gütig schon bei mir voraussetzte. Unter diesen hingeworfenen Komplimenten gelangte ich die Treppe herunter, bis an die Haustür – als mir hier noch ein Umstand auf das Herz fiel, der, wenn du ihn nach deiner gewöhnlichen Flüchtigkeit nicht übersehen hast, dich bis zu dieser Zeile nicht wenig geängstigt, dir den Odem versetzt und deine Lippen und Hände bewegt haben wird, um mich, mit einem jeden Schritte weiter, den ich nach meinem Wagen tat, freundschaftlich noch aufzuhalten – als mir nämlich glücklicherweise noch beifiel, daß ich, aus allzugroßer Eile aus Klärchens Augen zu kommen, – unter Rousseaus Kopfe mein Tagebuch vergessen hatte. Nun wäre es zwar zum Nutzen der Welt vielleicht gut gewesen, wenn es die alte Bertilia beim Auskehren gefunden, und als unnützes Papier verbraucht hätte – vielleicht aber auch nicht; wer kann das wissen? Für mich wäre es doch immer ein, ich hoffe es zu Gott, unersetzlicher Verlust gewesen – da ich dergleichen Tage, als die acht letzten, nie wieder durchleben gedenke, und viel zu vergessen bin, als daß ich hätte hoffen können, mir die Erinnerung davon, die mir doch für mein ganzes Leben sehr dienlich sein wird, bis zum Aufschreiben wieder lebendig zu machen. Ich lief nun wie ein Wiesel die Treppe hinauf, das Zimmer hinein, gerade vor den Kamin. Es war ein Glück, daß die alte Bertilia noch schlief. – »Lassen Sie sich nicht stören,« sagte ich zu Klärchen, die dem Domherrn auf dem Schoße saß, und mich mit höchster Verwunderung angaffte: »Ich habe hier sonst nichts – als nur unter dem Gipskopfe ein Paket Belege vergessen, die zu meiner Einnahme und Ausgabe gehören, und die ich selbst nicht der Mühe wert achten würde, wenn sie nicht mit Ihrem Strumpfbande umwickelt wären, das mir, mein gutes Klärchen, viel zu lieb ist, um es im Stiche zu lassen; und nun leben Sie wohl, und grüßen Sie Ihre Tante.« – »Was?« stammelte der Domherr, »was sagten Sie da von Klärchens Strumpfbande?« – »Das wird das liebe Kind Zeit genug haben, Ihnen selbst zu erklären,« antwortete ich, und schlug die Tür hinter mir zu. – Wer war froher als ich, da ich, meine Kriminalakten unter dem Arme, von meinem Schrecken nun wieder zu mir selbst kam! – Non omnis morior , war das wenigste, was ich dabei dachte; und wie dankte ich es nicht dem langsamen Epilogus, daß er mir nicht das erstemal schon die Haustür öffnete, als ich ohne mein Tagebuch davor stand! denn der Anblick, der mich jetzt überraschte, würde mich gewiß ganz um das bißchen Besinnungskraft gebracht haben, von der einzig seine Rettung noch abhing. Der große Platz vor dem Hause, und so weit ich in die Gassen sehen konnte, war von Menschen gestopft, die in der Nähe und Ferne auf die Knie fielen, und mich um meinen Segen anflehten. Ich richtete mich in meiner Chaise gerad in die Höhe und warf der betrogenen Menge, wie von der Kanzel, gutmütig alle die Kreuze wieder zu, die mir der Domherr mit auf den Weg gegeben hatte. Einige von den Andächtigsten drängten sich vor, um die Pferde abzuspannen und meinen Wagen zu ziehen, und es gelang mir durch nichts anderes, sie von dieser Ausschweifung ihrer Ehrfurcht, die mich schwerlich postmäßig würde gefahren haben, abzuhalten, als daß ich ihnen die offene Haustür zeigte, und ihnen sagte, daß sie alle meine Wunder unter den Händen des Domherrn antreffen würden. Haufenweise strömten sie nun in das Haus, und meine Postillons bekamen Raum, ihre Peitschen zu schwenken, und, ohne jemanden umzufahren, vor der Hand wenigstens, ungestört bis an den Buchladen meines Freundes zu kommen. Hier aber mußten sie die Zügel mit Gewalt anziehen; denn der kleine Mann war herausgetreten – schrie und winkte, und hielt uns etwas so Flatterndes entgegen, daß wir alle fürchteten, er möchte die sechs Pferde scheu machen. Es war sein Catalogus, den er mir, wie er sagte, zu weiterer Fortsetzung unserer Freundschaft überreichte, und noch einige abgebrochene Worte seines Entzückens darein gab, die allein schon imstande gewesen wären, einen sechsspännigen Wagen in seinem Laufe zu hemmen; so überspannt waren sie und so holprig. Ich hatte jetzt nicht Zeit, sie ihm anders zu beantworten, als mit einem lauten Gelächter, über das er höchst verwundert zurücktrat und mir freien Weg ließ. So weit ich kam, fand ich alle Bürger in Bewegung, wie an dem Fronleichnamsfeste. Nur den getauften Juden hatte die Revolution meines Wunders nicht von seiner Stelle gebracht. Ich sah ihn, als ich bei seiner Kirche vorbeifuhr, noch an eben dem Pfeiler stehen, an dem ich zuerst seine interessante Bekanntschaft gemacht hatte. So eilig ich auch war, ließ ich doch einen Augenblick halten, und schickte ihm meinen Abschiedsgruß durch den Epilogus zu, der ihm zugleich die verpfändete Maske eigentümlich abtrat, und noch das Glück hatte, einen kleinen Taler von ihm heraus zu bekommen. Ich erhielt auf einem Kartenblatte nachstehende Worte, mit Bleistift geschrieben, von ihm: »Ihr heutiges Wunder«, – du siehst, lieber Eduard, Dohm und seine Anhänger mögen auch sagen, was sie wollen, ein Jude bleibt immer ein Jude, – »ist das größte, wovon ich gehört habe, und das einzige, woran ich glaube. Fahren Sie fort, lieber junger Mann, über die Torheiten Ihrer Zeitgenossen zu spotten. Tun Sie es aber ja, wenn Sie nicht unter Blindgebornen sind, wie hier, lieber heimlich und von weitem, wie ich es selbst hier tue. Das ist der freundschaftliche Rat eines Mannes, der seine Ruhe und Sicherheit liebt.« – Ich bog mich weit aus meinem Wagen hervor und warf ihm lächelnd eines von meinen Kreuzen zu, das er mit einem schelmischen Kopfnicken beantwortete. Es gab mir, so wenig es war, doch hinlängliche Auskunft über den Wert, den er darauf setzte. Oh, des ehrlichen Convertiten! dachte ich, und fuhr weiter . . . Die unzähligen Abwechslungen des heutigen Tages – von dem Anfange meines Verhörs an, bis auf den Segen, den ich dem getauften Juden zuwarf, hatten indes meine Kräfte so erschöpft, daß mir, mitten in meinem Nachdenken, die Augen zufielen. Ich glaube, ich würde in einem weg, bis vor mein Wirtshaus, geschlafen haben, wenn es, auf der Station, die mich an die Grenze des Komtats brachte, meinen Begleitern beliebt hätte, ohne Zuziehung meiner die Post wechseln und frische Pferde vorhängen zu lassen. Aber das Nachdenken hatten meine klugen Schauspieler nicht. – »Mein Herr,« rief mir, ich weiß nicht welcher von den beiden Brüdern, in den Wagen, »haben Sie denn nicht Lust auszusteigen?« – »Und warum das?« fragte ich schlaftrunken. –»Hier ist«, antworteten sie, »der letzte Ort in dem Gebiete des Papsts.« – »Desto besser!« gähnte ich, und legte mich an die andere Ecke. – »Aber,« schrien sie fort, »es ist ja Cavaillon, mein Herr.« – »Meinetwegen!« versetzte ich ärgerlich, »was liegt mir daran?« – »Nehmen Sie es nicht ungütig,« erwiderte der unausstehliche Kerl, »wir glaubten, es würde Ihnen lieb sein, den Propheten kennen zu lernen.« – »Was denn, zum Henker! für einen Propheten?« fuhr ich jetzt auf. – »Der unser Glück«, unterbrachen sie sich beide, »und unser Unglück gemacht hat. Er liegt nur wenige Schritte hier von der Post.« – Jetzt ermunterte ich mich erst. – »Ihr guten Leute,« sagte ich, indem ich ausstieg, »habt nichts als euer zerstörtes Theater in dem Kopfe. Das müßt ihr euch abgewöhnen und mir nicht immer damit in den Ohren liegen, zumal wenn ich schlafe. Aber sagt mir einmal – lebt denn der Onkel von Klärchen noch?« – »Oh, jawohl,« antworteten sie. – Nun! dachte ich, da du einmal um deinen Schlaf bist, willst du doch wundershalben sehen, was für eine Respektsperson von Verwandten du heute drauf und dran warest, dir auf den Hals zu laden – kannst dir auch nebenbei das Bette zeigen lassen, wo dem Mädchen der Teufel zuerst erschien. An fremden Orten nimmt man ja oft wohl noch geringere Merkwürdigkeiten in Augenschein. Habe ich nicht selbst einmal in Erfurt einen Turm mit Mühe und Gefahr für einen Dukaten erstiegen, weil es zwei Tage vorher der König von Schweden getan hatte, um die große Susanna zu sehen, vor der, wie mich der Glöckner versicherte, alle Teufel ausreißen. – Und so trat ich denn auch hier, meinen Wegweisern nach, in die Garküche des Propheten, und fand an meinem Onkel einen sehr gesprächigen Mann. Er stemmte seine beiden Hände in die Seite, so bald er den Doktor und den Teufel erkannte. –»Je, meine Herren,« rief er voll Verwunderung aus, – »Sie treten ja da in einem Aufzuge einher, der wahres Wohlleben verkündiget! – Das freut mich von ganzem Herzen; denn ewig werde ich Ihnen danken, daß Sie mir über meine gottlose Nichte die Augen geöffnet haben. Ich ließ mir zwar damals meinen ganzen Kummer nicht gegen Sie merken, meine lieben Herren; aber, ohne jene Nacht, kann ich nun wohl sagen, wo Sie ihr erschienen, wäre einmal mein schönes Vermögen in ihre Hände gefallen. – Aber das ist nun damit vorbei, und ich habe es bereits der Magdalenen-Kirche verschrieben.« – So wenig ich nun auch Ursache hatte, mich dieses Geschöpfs anzunehmen, so schien es mir doch ungerecht von ihrem Verwandten, ihr eine Erbschaft zu entziehen, woran sie, bei allen ihren Fehlern, doch immer mehr Anspruch hatte als die heilige Magdalena. Sie kann sich ja wohl auch noch, dachte ich, mit der Zeit bekehren, wie jene, zumal wenn sie nicht mehr nötig hat, der Gnade der Domherren und Pröpste zu leben. Ich nahm mir also vor, ihm den Einfall aus dem Kopfe zu bringen; aber es schlug mir fehl. Als ich mit gehöriger Behutsamkeit des Wunders erwähnte, und ihm erzählte, wie der Domherr aus Achtung für ihre Namensschwester sie wieder in das Haus nähme, geriet der Mann in einen Zorn, den ich weiter nicht zu stillen vermochte. – »Das mag er,« antwortete er mir; »in das meinige soll sie keinen Fuß wieder setzen, so wenig als ihr Verführer. Wollen Sie sehen, wo das erste Unglück geschehen ist? so kommen Sie!« – Er führte mich nun in die große Stube – zeigte mir das Bette, und mit Tränen im Auge fing er gerührt an: – »Hier, mein Herr, ist das schönste, beste, unschuldigste Mädchen dem bösen Feinde geopfert worden; aber ohne mein Verschulden. Wie hätte sich eine Christenseele einbilden können, daß ein Kind neben einem Geistlichen, der in der Nacht, von der Reise ermüdet, um eine Herberge bat, so etwas zu besorgen hätte? – ein Kind, das damals noch nicht – – – Doch ich will keine Sottise sagen – aber Sie verstehen mich, mein Herr – – – O, du barmherziger Gott! was hast du uns für Seelenhirten gegeben! Ich war stolz auf das Mädchen – denn reizender – sehen Sie, und niedlicher gebaut, war weit und breit keine andere zu finden.« – »Ach, ich kenne sie, besser vielleicht als Sie selbst, mein guter Mann,« antwortete ich seufzend. – »Ich habe ganzer acht Tage neben ihr an gewacht und geschlafen – –« –»Und reisen nun – ist es nicht so?« fiel er mir kleinlaut in die Rede, »nach Montpellier? – –« – »Nichts weniger,« gab ich mit großen Augen zur Antwort, »ich gehe jetzt nach Marseille, wo ich den Winter über – –« – »Nun, da nehmen Sie mir nicht übel,« unterbrach er mich, »da kennen Sie meine Nichte schwerlich besser als ich. Sein Sie froh, mein guter Herr! Sie sind der erste Passagier, der von dort her zu mir kam – in der Nähe dieser Virtuosin gewohnt hat – und noch so gleichgültig von ihr sprechen, und gar ein gutes Wort für sie einlegen kann.« – »Heilige Cäcilia!« entfuhr mir der Ausruf. – »Ja, ja!« spöttelte er mir zu, »traue nur einer der heiligen Cäcilia und ihrem Kreuze! Sie sehen doch nun wohl, daß meine Nachrichten echt sind. Ich habe sie von guten Händen. In der Tat war es der artigste Herr, von dem feinsten Geschmacke, den ich jemals gesehen – ein junger Baron aus der Neumark, der auf Ihrer Route, und fünf Tage gezwungen war, von den Beschwerden der Reise – Sie wissen wohl – bei mir auszuruhen. Da ich mir nichts anders denken konnte, als daß Sie auch nach Montpellier müßten, so freute ich mich recht, meinen Gruß an ihn bestellen zu können – denn vermutlich ist er noch dort. Alles erinnert mich an ihn, bis auf die Livree sogar, die er ebenso gab wie Sie. – Es war ein heller, vortrefflicher Kopf! Hätte er sich nur besser vor meiner Nichte gehütet!« – »Aus der Neumark war er, sagen Sie?« griff ich endlich dem Schwätzer ins Wort, »und er gab«, indem ich den Epilogus bei dem Fittich nahm, »dieselbe Livree?« – »Akkurat so,« antwortete der Wirt, »und mit ebensolchen Quasten und Knöpfen.« – »Und der Name?« fiel ich ihm ein, »wie war denn sein Name?« – »Aussprechen kann ich ihn nicht,« sagte er, »das habe ich schon mehrmalen versucht; zum Glücke aber habe ich mein vorjähriges Rechnungsbuch noch nicht zerrissen, dort können Sie ihn unterm Monat November selbst lesen – Bemühen Sie sich nur in meine Unterstube.« – Ich ging ihm voller Neugier nach, bis an seinen Schrank, aus dem er mir sein Rechnungsbuch zulangte. Er schlug mir das Blatt auf. Ich las mit Bedauern den Namen eines Mannes, den ich – hier nicht gesucht hätte, las, wie viel er – für Brühen von jungen Hühnern schuldig geworden war, und sah, daß seine beiden Bedienten – vermutlich bessern Appetits wegen – fünfmal soviel verzehrt hatten als ihr Herr. Das ist, was ich aus seinem Konto herauslas. Sein Name soll übrigens nicht über meine Zunge kommen – darauf kann der junge Herr sich – wenn er ungefähr mein Tagebuch zu sehen bekäme – auf Kavalier-Parole verlassen; und treffe ich ihn, wenn ich durch Montpellier komme, noch an, so könnten wir wohl gar unsere Nachhausereise zusammenmachen. – Nicht, daß ich etwan wünschte, noch mehr von unserer Nachbarin zu erfahren – von der weiß ich in dieser Zeitlichkeit nun genug. Nein! ich wünschte es bloß, weil der Wirt von ihm rühmt, daß er ein artiger Mann, von dem feinsten Geschmacke, und ein vortrefflicher Kopf sei. – Wahrlich, Eigenschaften, die man sich an einem Reisegesellschafter nicht besser wünschen kann! – – »Sie haben voriges Jahr eine hübsche Einnahme gehabt, Herr Wirt,« sagte ich, indem ich ihm sein verräterisches Buch wieder zurückgab. »Ich sehe, Sie sind ein ordentlicher Mann, der sein Vermögen gut zu verwalten weiß: destoweniger, um wieder darauf zu kommen, kann ich es billigen, daß Sie es einer Heiligen vermachen wollen, deren größte Sünde wohl ist, daß sie sich bekehrt hat.« – »Das ist mir – wahrlich, das ist mir zu hoch,« antwortete der Wirt, »und ich wende ein Flasche Wein an Ihre blasenden Postillons, damit sie Ihnen Zeit gönnen, es mir zu erklären.« – »Oh, dazu gehört nur eine Minute, lieber Mann,« erwiderte ich. »Sie können wohl glauben, ich habe nicht das geringste Interesse bei der Sache – und ebensowenig habe ich etwas wider die heilige Magdalena – aber das Aufsehn, das sie überall macht – die Kirchen, die ihr geweiht sind – das Lob, das ihre Wiederkehr von allen Kanzeln erhält, und die Ehre, die man ihren Tränen erweist, –haben, seit ihrem Evangelio – glauben Sie mir – mehr schöne und gute Mädchen um ihre Unschuld gebracht, als alle Domherrn zusammen; und das ist doch, Gott weiß, viel gesagt! Denn, wie das menschliche Herz ist, um eine reuige Sünderin zu werden gleich der heilig belobten Magdalena, denken die meisten, muß ich ja doch erst meine Jugend nützen wie sie. Lieber wollte ich an Ihrer Stelle, Herr Wirt, meinen sauern Erwerb, auf den Fall meines Todes, den Armen schenken.« – »Den Armen, mein Herr?« wiederholte er höhnisch. »In diesem schönen, fruchtbaren, unbebauten Lande sollte es Arme geben, die Unterstützung verdienten? Sind denn nicht schon genug Spitäler voll von Müßiggängern und Faulen? . . . Aber da sie mir wegen der Magdalena einen Floh ins Ohr gesetzt haben, so kann es wohl sein, daß ich mein Testament ändere – und ein gutes, frommes und schönes Mädchen an Kindesstatt aufnehme, die einmal einem rechtschaffenen Manne wieder mein erworbenes Vermögen zubringt . . .« – »Tun Sie das, lieber Onkel, sagte ich ihm also beim Einsteigen in den Wagen: »bemühen Sie sich um ein hübsches Kind, das Sie der Verführung Ihrer Domherren entreißen, und das Ihnen und der Tugend den großen Verlust von Klärchen, wenn es möglich ist, ganz wieder ersetzt. Mir ist es sehr lieb, daß ich wenigstens doch beim Austritte aus diesem Lande einen ehrlichen Mann habe kennen lernen! – Gott erhalte Sie! Leben Sie wohl!« Ich faßte noch mit gerührtem Herzen den Segen auf, den er mir nachrief. Von einem so ungeweihten Speisewirte er auch herkam, hoffe ich doch, soll er mich besser entsündigen als die Kreuze jenes betrunkenen Herrn. Wie ich vor das Stadttor kam, bemerkte ich erst, daß ich auf einer Insel gewesen war, und begriff nun leichter, wie sich hier – abgesondert vom festen Lande – noch einige Ehrlichkeit erhalten konnte . . . Lambesk Den 9. Januar 1786. . . . Ich wurde in meiner stattlichen Rede an die großen Herren drollig genug durch eine noch stattlichere unterbrochen, mit der mich mein Wirt hinterrücks anfiel, der, während ich mich mit Kaiser und Reich unterhielt, unbemerkt mit meinem Frühstück eingetreten war, und, sobald er seine Hände frei hatte, sich mit vielem Anstande nach mir zukehrte. An der Türe sah ich zugleich einen hagern Kerl, der, bis auf sein ominöses Gesicht in die Draperie eines Scharlachmantels geschlagen, wie die Maske eines römischen Zensors dastand. »Ich habe«, fing der Wirt an, »die ganze Nacht der Vorsehung gedankt, die meinem Hause das Heil widerfahren ließ, einen Mann wie Sie zu bewirten.« – Oho! dachte ich, dieser herrenhutische Eingang verspricht nicht viel gutes für meinen Beutel; aber hierin irrte ich mich. – »Immer habe ich gewünscht, den Reisenden, die vor meinem Gasthofe halten, noch ehe ich sie bewillkommne, an das Herz zu reden, und ihnen mit einem großen feierlichen Gedanken gleichsam in die Pferde zu fallen.« – Ich spitzte voller Erstaunen die Ohren. – »Was soll man sich bei den Sinnbildern so vieler Wirtshäuser denken, bei dem goldenen Hammel, der silbernen Striegel oder dem Kreuze von Malta? Ich versuchte es im Anfange meiner Wirtschaft mit dem Bilde meiner Frau. – So lange das Bild noch frisch war, tat es auch Wirkung. – Nach und nach ward es aber bleich – die Gäste blieben aus, und ich war entschlossen, es ausmalen zu lassen. Es ging aber anders: denn in eben dieser Epoche geschah es, daß mich der Prinz auf einem Besuche, den er seinem großen Vetter in Wien abstattete, als Mundkoch mitnahm, und nach seiner Zurückkunft mit dem Titel seines Haushofmeisters entließ. Auf dieser Reise lernte ich erst, ich muß es gestehen, den feinen Geschmack der französischen Küche mit dem nahrhaften der deutschen verbinden. Ich sah Joseph den Zweiten nicht ohne Nutzen einigemal speisen, und glaubte es dem Andenken dieser belehrenden Reise schuldig, kein ander Bild auszuhängen als das seinige. Sieben Jahre hängt es nun da; doch fängt es jetzt auch an, unscheinbar und den Leuten gleichgültig zu werden; ich merke es nur zu sehr schon in meiner Wirtschaft. Da flüsterte mir meine Frau diese Nacht zu: – »Andres! Die Erzählung der fremden Bedienten liegt mir immer im Ohr und läßt mich nicht schlafen. Das Wunder, das ihr Herr gestern getan hat, wird bald genug Lärm machen; denn so etwas wächst wie ein Schneeball. Weißt du was! der Herr muß gut sein, da er Wunder tut – und wir brauchen ein neues Schild. – Sein Porträt würde sich unter allen am besten dazu schicken. – Ich dächte, du bätest ihn darum. Unsere Wirtschaft würde sicher dabei gewinnen; denn nagelneuer kann man keinen Heiligen auftreiben. – Tue es, lieber Mann, damit uns kein anderer Gasthof zuvorkömmt.« – So sagte meine gute Frau, und gewiß ist es nicht bloß Eigennutz, sondern Frömmigkeit, die ihr diesen Wunsch abnötigt. – Schlagen Sie uns solchen nicht ab, würdiger Mann! Nur eine Stunde – und dieser geschickte Künstler – –« Hier bewegte sich der Scharlachmantel, und sein Handwerkszeug fiel mir mit Entsetzen in die Augen. Ich fuhr wie aus einem schweren Traum auf und sah im Spiegel, daß ich so rot war, wie die Draperie des Malers. – Das, dachte ich, soll auch gewiß der einzige Anstrich sein, den der dir gibt. »Halten Sie inne«, fiel ich dem Wirt mit äußerstem Verdruß in die Rede, »und verschonen Sie mich mit solchen – Anträgen: ich will das Beiwort, das sie wohl verdienten, verschlucken. Kanonisieren Sie, wen Sie wollen, nur mich nicht. Mein sogenanntes Wunder, von dem ich gestern bei Ihnen ausruhte, war, deutsch gesprochen, nichts mehr und weniger als eine Posse: das können Sie mir nachreden, ohne mir Unrecht zu tun. Ein Herr wäre wahrlich übel daran, wenn er für alles das stehen müßte, was seine einfältigen Bedienten um den Küchenherd von ihm posaunen.« Ich ging ernst und mit großen Schritten die Stube auf und ab. Der Wirt schwieg, und ich sah es ihm an, daß er bei jedem hitzigen Worte, das ich ausstieß, immer mehr an meiner Heiligkeit irre ward. Du mußt wohl, dachte ich, ein wenig einlenken. – Sind doch schon klügere Leute durch solche Albernheiten verblüfft und verrückt worden. – »Es tut mir leid,« drehte ich mich gelassener zu ihm, »daß Sie einen geschickten Maler hierher bemüht haben; aber Sie sollen nichts dabei einbüßen. Ich will gern das Mißverständnis bezahlen, in das meine Leute Sie gebracht haben, von den vielen Lichtern und Schüsseln des gestrigen Abends an, bis auf den Fleischergang dieses Herrn. Setzen Sie nur alles auf meine Rechnung. Dafür bitte ich mir aber wiederholt aus, daß Sie allen Reisenden, die Sie über mein Wunder in Avignon dogmatisieren hören, das Verständnis öffnen, und entschuldigen Sie mich aufs beste bei Ihrer lieben Frau. Wenn ich Ihnen beiden etwas raten soll, so behalten Sie ja das Bild unsers guten Kaisers fernerhin bei. Es wird Ihrem Hause gewiß das meiste noch einbringen. Warum sollte es andern Reisenden nicht gehen wie mir? Es erinnerte mich an die guten Tafeln von Wien – das Wasser kam mir in den Mund, und ich kehrte bei Ihnen ein.« – Dieses brachte den Mann ganz wieder zu seiner Besinnung. »Sie haben recht,« sagte er nach einigem Nachdenken; »Wien ist die hohe Schule der Kochkunst, und ein Wirt, der das Seinige dort gelernt hat, sollte eigentlich in keinem Lande verderben. – Das Bild des Kaisers – ja – ja – weil der Herr Maler einmal hier ist, so mag er es heute noch auffrischen. Es bleibt doch noch immer das anlockendste Schild.« – »Oh, ganz gewiß,« fiel ich ihm ein; »es erweckt nicht allein große Gedanken, sondern auch lüsterne. Aber ich möchte gern beizeiten nach Aix. – Schicken Sie mir meine Bedienten herauf und sorgen Sie für das Anspannen.« Ich warf ihm ein Schnippchen nach, und meine Wundergestalt auf einen Stuhl, sobald er sich mit seinem Künstler getrollt hatte. – »So darf man«, sagte ich mit höhnischem Verdrusse, »nur eine Torheit in der Welt begehen, oder dem dummen Haufen ein Blendwerk vormachen, wenn man wünscht, sich modeliert, gemalt oder in Kupfer gestochen zu sehen, den Kirchen, den Wirtshäusern, den Büchersälen zum Schilde zu dienen. Da forschen denn Zeitgenossen und Nachkommen nach dem Ausdruck unsers Geistes – denken, so muß ein großes Genie aussehen, und, um der Larve ihres Vorbildes gleich zu werden, verzerren sie ihre eigenen. Nein, bei Gott! so ein Affengeschlecht, als wir Menschen sind! – Und du,« – fuhr ich in meiner Galle gegen das Trio fort, das hereintrat, »du Bastian – abergläubischer, dummer Kerl, und ihr beiden elenden Puppenspieler – was zum Teufel gehen euch meine Wunder an? Wenn euch nach der Ehre gelüstet, einem Heiligen zu dienen, so sucht euch einen; denn wahrlich, euer Unverstand allein wird mich nicht dazu machen. Erwähnt einer von euch das vermaledeite Avignon noch mit einer Silbe, so sind wir geschiedene Leute. Ich will dieses Nest durchaus vergessen und mich nicht bei jedem Bissen Brot und von jedem Esel daran erinnern lassen. Das ist mein letzter Bescheid!« Sie standen so einfältig und niedergebeugt vor mir, wie Ladendiener vor ihrem Handelsherrn in dem kritischen Augenblicke, wo er ihnen seinen Bankerott ankündigt. Ich sah es ihnen an, daß sie bei meiner Herabwürdigung mehr noch an die ihrige dachten; denn jeder Pinsel, er mag in einer Livree stecken oder in einem Hofrocke, fürchtet an Wert zu verlieren und in Finsternis zu versinken, wenn der Nimbus seines Gebieters erlischt. Zwei traten stillschweigend nach meiner Erklärung ab. Nur der Epilogus schien etwas noch auf dem Herzen zu haben und fing mit seinem gewöhnlichen Anstande an, es auszukramen. »Unter allen guten Eigenschaften eines Bedienten«, erhub er seine Theaterstimme, »steht wohl die Ehrlichkeit – –« – »Keine Chrie, Herr Volksredner,« fiel ich ihm ins Wort, »die verbitte ich mir. Sage es ohne Umschweife. Was hast du anzubringen – nun?« – »Nun denn, nämlich,« stotterte er, »ich bin so glücklich gewesen, eine Entdeckung zu machen.« – »Und die besteht?« – »Ja, mein Gott! wie soll ich Ihnen antworten? Ich darf den Ort nicht nennen – Eigentlich braucht es auch nicht – es steckte ja nur in der Livree, die Sie dort kauften.« – »Kerl«, fuhr ich ihn an, »das einemal sprichst du wie ein Buch, das andremal noch schlechter – Wo ist denn hier der mindeste Zusammenhang?« – »Sie wollen ja keinen,« versetzte er mit weinerlicher Stimme; »Ihr Verbot hat mich so – so irre gemacht, daß ich für alles in der Welt in diesem Augenblicke nicht auf einer Schaubühne stehen möchte – man würde mich auspfeifen; und doch ist das, was mir geschehen ist, ein wahrer Coup de théatre . – Werden Sie nur nicht wieder ungeduldig, mein Herr! – Heute früh, als ich mich in meinen neuen Rock warf – wo muß ich gestern nachmittag mein Gefühl gehabt haben? – stellen Sie sich meine Überraschung vor, entdeckte ich einen verborgenen Schubsack. – Ja, den wird mir nun freilich niemand streitig machen; wem aber gehören die Sachen, die ich darin fand? Das ist die Frage. Gehören Sie Ihnen, der die Livree bezahlt hat? – dem Bedienten, der sie vor mir trug und verkaufte? – seinem Herrn, der sie anschaffte? – mir, dem sie jetzt auf dem Leibe sitzt? – oder dem unbegreiflichen Trödler, der – –« Indem blies der Postillon, und ich griff nach meinem Hute. – Das tat Wirkung. – Der Schwätzer fuhr nun in die Tasche und zog seinen Fund hervor, der, in Makulatur geschlagen und mit einem schmutzigen Bande umwickelt, nicht viel Wichtigeres als einen Pfefferkuchen erwarten ließ. – »Oh, Sie werden gleich sehen, daß es keiner ist,« antwortete er meiner spöttischen Vermutung, »wenn Sie noch so lange verziehen wollen, bis ich das Paket aufgeschnürt habe.« – Ich hätte ihm den Gefallen nicht getan, wenn meine Neugier auch noch so groß gewesen wäre. »Das will ich bei Gelegenheit schon selbst tun,« antwortete ich; »denn dir will ich gewiß keine geben, dein Geschwätz fortzusetzen.« – Und so schob ich das Paket oben zwischen die Weste und ging. – »Nein, mein Herr,« flüsterte er mir noch auf der Treppe ins Ohr, – »es ist wohl ein bißchen mehr als ein Pfefferkuchen – bei dem hätte ich mir kein Gewissen gemacht – es ist eine Schreibtafel – ich habe noch keine von der Schönheit gesehen, und es steckt eine arabische Handschrift darin, die ich aber weiter nicht untersucht habe.« – »Das will ich glauben,« antwortete ich kurz. – »Aber«, hielt er mich noch auf der letzten Stufe bei dem Ärmel, »wem gehört sie denn nun?« – »Wem anders,« fuhr ich ihn an, »als dem Herrn des lüderlichen Burschen, der vor dir in der Liverei steckte. Einer von euch ist wie der andere. Eure Unordnung, eure Plaudereien und eure doppelten Schubsäcke sind den Teufel nicht wert.« . . . Ich fand jetzt zum ersten Male, und werde es, fürchte ich, öfter finden, daß ich ein paar Bediente an den Puppenspielern zu viel hatte; denn ich wäre gern Bastianen aus meinem Wagen los gewesen, wenn ich nur einen andern unbesetzten Platz für ihn gehabt hätte. So saß er mir hier gegenüber mit seiner freundlichen Miene, in der allerlei Erinnerungen lagen, die mir in diesen Augenblicken eben kein besonderes Vergnügen machten. Ich habe dir schon von der sprechenden Ähnlichkeit erzählt, die er mit seiner Schwester hat. Wie ich die Augen aufschlug, kam es mir vor, als ob mich Margot ansähe und mich eben durch eine naive Frage außer Fassung bringen würde. Hätte ich ihr wohl nur die einfache Erkundigung: Wie haben Sie sich die Zeit über befunden? beantworten können, ohne zu lügen und rot zu werden? Es ist doch eine ganz eigene Sache um das Gewissen; es findet in jedem Kinde seinen gestrengen Richter; und zu welcher grausamen Folter wird ihm nicht der flüchtigste Hinblick auf ein unschuldiges Herz! Ich fühlte meine Brust immer beklemmter, und durch eine Verwechslung des Sinnlichen mit dem Geistigen, die gewöhnlicher ist, als man glaubt, schob ich es sehr philosophisch auf das Seelenfieber, das ich mir in Avignon zugezogen hatte, ohne eher zu mutmaßen, daß wohl eine äußere Ursache daran schuld sein könne, als bis ich vor Unruhe mir die Weste aufriß und nun das Paket, das offenbar meine Hitze vermehrt hatte, herausfiel. Es kam mir recht wie gerufen. Meine Brustbeschwerde ließ nach, und die Neugier schaffte mir Zerstreuung. Kaum hatte ich es auseinander, so sah ich mit Erstaunen, in welchem hohen Grade mein Epilogus ehrlich gewesen war, wenn er anders Juwelen besser kennt als das Arabische. Das goldene Schloß an der Schreibtafel war mit Brillanten besetzt, davon sich einer drücken ließ, um es zu öffnen; die arabische Handschrift aber war nichts mehr und nichts weniger als ein deutscher Brief von mehreren Bogen, ohne eine andere Unterschrift als einen einzigen Buchstaben: indes schloß ich noch aus dem wenigen was mir das Rütteln des Wagens zu lesen erlaubte, daß er von einem Landjunker herrührte, der – was denkst du wohl? – den guten Geschmack – Gott weiß aus was für Ursachen – förmlich in Klage nimmt. Es hätte mir vielleicht die Zeit vertreiben können, einen Herren dieses Zeichens über einen solchen Gegenstand schwatzen zu hören; nur stellte ich mir den Spaß nicht groß genug vor, um deshalb meinen Wagen auf der offenen Landstraße halten zu lassen. Ich schlug also den Brief wieder zusammen bis auf ein andermal: als ich ihn aber an seinen vorigen Ort bringen wollte, schob sich etwas dazwischen, das ich für ein Schnallenfutteral hielt. Die sind doch nicht auch etwan von Brillanten? dachte ich, häkelte den Deckel auf, und Himmel und Hölle! und »Halt – halt, Postillon!« rief ich, »ich muß an die Luft. – Fahrt langsam fort – ich werde nachkommen.« – So sprang ich heraus, blieb an der Straße stehen wie ein Meilenzeiger, und staunte lange vor mich hin, eh ich bemerkte, daß Bastian neben mir stand und mich ängstlich beobachtete. »Warum«, fragte ich ihn mit hinfälliger Stimme, »bist du nicht sitzen geblieben?« – »Ach, lieber Herr, weil ich glaubte, es sei Ihnen etwas Gefährliches zugestoßen.« – »Das ist es auch, Bastian, so ein unerwarteter Anblick – – ich glaubte, der Schlag würde mich rühren. – Da sieh selbst zu, ob ich recht gesehen habe! Erkennst du – – –« – Bastian warf, wie er den Deckel des Futterals zurückzog, funkelnde Augen auf das Miniatur-Gemälde, das er hier erblickte, und schien sich und mich und die ganze Welt darüber zu vergessen. – »Nun?« fragte ich nach einer Weile. – »Ach, wunderschön!« rief der junge Bursche. »Ich bin zwar nicht so glücklich weiter etwas von dem Porträt zu kennen – als das Gesicht; wenn aber alles an der lieben Mamsell so treffend gemalt ist als das, so habe ich in meinem Leben nichts Gleicheres gesehen. – Armes Klärchen!« fuhr er lächelnd fort, »der Tag ist schwül – wie behaglich mag es dir vorkommen, so allein zu sein und sich zu lüften! – Ach, wie würdest du zusammenfahren, wenn du wüßtest, daß dich ein Maler belauschte. – Der Schalk! Gewiß hatte er sich neben dir eingemietet, wie wir, guckte durchs Schlüsselloch, zeichnete, pinselte, ohne Atem zu holen, und hat dich nun – ach Gott und wie? über und über verraten! – Lieber Herr! sagte ich es denn nicht schon vor acht Tagen, wie ich das schöne Kind zuerst am Fenster sah, nichts weiter sah als das Köpfchen – daß es ein Engel wäre? Und kann wohl ein, ich frage Sie auf ihr Gewissen, ein Cherubim reiner und durchsichtiger glänzen, als diese unvergleichliche Figur?« Jetzt merkte ich erst, wie unrecht ich tat, den feurigen Jüngling mit der ganzen unverhüllten Gestalt dieses Engels bekannt zu machen, denn ob ich gleich noch vor kurzem in meinem Tagebuche dieser Art Kabinetts-Malerei das Wort sprach, so setzte ich doch, wie du weißt, gewisse Bedingungen voraus, unter denen sie allein von Nutzen sein könne; und diese fielen freilich ganz bei meinem guten Bastian weg. Es ward ihm unglaublich schwer, sich von der schönen Ware zu trennen, die ihm hier, vermutlich zum ersten Male, zur Schau vorgelegt wurde. Es gehören freilich mehr Jahre und andere Erfahrungen dazu, als die seinigen waren, um über diesen Prunk der Natur gleichgültig hinweg zu gaffen. »Aber wie konnte Sie das schöne Bild so erschrecken?« fragte Bastian, indem er es mir mit einem Seufzer zurückgab. – »Wie es das konnte?« antwortete ich ziemlich verlegen: »weil ich, wie du schon gehört hast, an nichts, was in Avignon lebt und webt, erinnert sein will, am wenigsten an ein Geschöpf, das der hohen Schönheit nicht wert ist, mit der es die Natur beschenkt hat.« – »Ach, bei allen den Fehlern des Originals, bei allem, was Sie dem guten Kinde Schuld geben,« antwortete Bastian, »wird doch gewiß jedermann so ein Bild gern sehen, und es ist wohl glücklich, daß Sie gestern der Prophetenwirt auf die Spur des Eigentümers gebracht hat! Er wird sich nicht wenig freuen wenn er es wieder erhält!« – »Ja, ja,« sagte ich, »er hat es teuer genug erkauft, und bezahlt noch daran.« – »Was muß sein Kammerdiener für ein alberner Mensch sein!« fuhr der meinige listig fort. »Wenn mir so etwas zum Aufheben anvertraut würde, ich wollte gewiß das sorgfältigste Auge darauf haben.« – »Oh, ich kenne deinen Diensteifer,« antwortete ich lächelnd: »aber jetzt hast du Bewegung nötig; lauf nach dem Wagen und laß ihn halten.« Nun war ich allein, konnte nun, wie ich so gern tue, meine Empfindungen gegen mich laut werden lassen, konnte nach Belieben mit den Füßen stampfen und in die Luft reden, ohne daß jemandem hinter oder neben mir Angst werden, oder daß er mich fragen durfte: Was fehlt Ihnen? – »Ein heimtückischer Streich!« rief ich, und warf grelle Augen auf die Miniatur. »Abscheulich schönes Geschöpf. wie weit glaubte ich mich schon von dir und deinem Andenken entfernt, während sich dein Bild, großer Gott! an meinem beängsteten Herzen erwärmte, und sich nun auf einmal so reizend und unverschämt meinen Augen darlegt, wie es deine Kasuisten erlauben! Konnte der Zufall«, fragte ich bitter, »keinen andern Boten auftreiben als mich, um das Gemälde dieser heiligen Buhlerin über die Grenze zu bringen?« – Einen Augenblick war ich entschlossen, es an einem Stein zu zermalmen. Die Ehrfurcht für die Kunst allein, die Achtung für fremdes Eigentum, hielten mich ab. Nun, so will ich denn wenigstens, dachte ich, dieser Kreatur, ob sie gleich sonst nicht verdient, die Feder eines rechtlichen Mannes zu beschäftigen, ein Monument setzen, und ihrem Bilde eine Warnung anhängen, die seine blendenden Farben so gut wie vernichten, und den lüsternen Herren, denen es nach mir unter die Hände kommt, die Lust schon benehmen soll, das Original aufzusuchen. Ich hoffe, die keuschen Musen, wenn sie wirklich keusch sind, sollen es mir vergeben, daß ich dem Rücken dieser Heiligen den Stempel ihres Lebens zum Korrektiv ihres verführerischen Anblicks aufdrücke. Eine widrige Beschäftigung! ich gestehe es gern; da sie aber nur dahin zielt, den Lieblingen meines Herzens, den jungen Unerfahrnen, denen, wie meinem armen Bastian, die Natur so heftig zusetzt, daß sie darüber alles verhören, was ihnen die Sittlichkeit vorpredigt – die Augen über diesen kasuistischen Kontreband zu öffnen; so ist die Frage, ob in dem ganzen Martial ein einziges so gemeinnütziges Epigramm steht, als das meinige hoffentlich werden soll. Unter diesem Selbstgespräche setzte ich mich, ohne weiter zu zweifeln, ob ich auch diesen Ehrenplatz verdiene, in den Schatten eines Lorbeerbaums, der nicht weit von dem Wege stand, spitzte meinen Silberstift und schrieb nun auf die Rückseite des elfenbeinernen Blattes folgende Adresse an die Vorderseite, wobei ich nicht viel andres tat, als die Herzensbewegungen meines guten Bastians getreu zu übersetzen, und am Ende ein kurzes Sapienti sat beizufügen:         Ach, welch ein Engel setzt hier mir Herz und Augen in Brand! Wirft nicht ein Spiegel, wie der, uns den verlornen Stand Der Unschuld wieder zurück? Baut dort in schattiger Lage Nicht noch die Tugend ihr Nest, wie seit dem ersten Tage, Als Gott ihr stolzes Gefühl mit einem Kleinod verband, Für das, der alles genannt, doch keinen Namen erfand? Dein Aug' in Ehren, doch, Freund, vor der Entscheidung der Frage Leih' erst dein prüfendes Ohr der tausendzüngigen Sage. Dies Wunder Gottes, spricht sie, so weit das Aug' und die Hand Es zu begreifen vermag, steh' als ein eisernes Pfand, Gleich andern Wundern der Welt, in Mönchs- und Pfaffenbeschlage, Und – doch bedarf es wohl noch, daß ich um Worte mich plage? Was dir ein Engel verspricht, mit solchen Geistern verwandt, – Flieh die Erfahrung – versteht sich ohne Glossen am Rand. * Sobald ich die Schöne mit dieser Aufschrift gebrandmarkt und mein Mütchen gekühlt hatte, ward ich ruhig und heiter, wie ein Mann nach einer getanen mühseligen Pflicht, steckte das Bild in die Schreibtafel und schwur, es nicht wieder vor meine Augen zu bringen. So gar lange wird es ohnedies nicht in meiner Verwahrung bleiben; denn schwerlich möchten die Ärzte in Montpellier den rechtmäßigen Eigentümer vorher entlassen, eh' ich hinkomme, wiewohl er ohnehin dies Souvenir nicht so gar nötig haben wird, um sich lebhaft an sein Liebchen zu erinnern. Während des Hingangs nach meinem Wagen überlegte ich, wie ich die vielen Tage, die ich durch meinen abgekürzten Aufenthalt in Avignon gewonnen hatte, um vieles nützlicher in der Hauptstadt der Provence anwenden wollte, nahm meinen geographischen Wegweiser zu Hülfe, überlas alle die Merkwürdigkeiten, die er mir dort versprach, und freute mich herzlich der guten Gesellschaft, die, seiner Versicherung nach, dort so einheimisch sein soll, als es in Avignon die schlechte ist. Mit diesen Gedanken beschäftigt, erreichte ich meinen Wagen, und eine Stunde nachher die Stadt [Aix] . . . . . . Ihr habt doch noch nicht abgepackt? rief ich meinen Leuten entgegen, die an der Türe des Gasthofs auf mich warteten. – Noch nicht, antworteten sie. – Nun, so laßt in diesem Augenblicke anspannen. Ich trat unterdes in das Speisezimmer und fand die Tafel gedeckt, um die schon einige geistliche Herren in hungriger Erwartung herschritten. Der Wirt war ganz betroffen, als er meinen sonderbaren Befehl hörte, überreichte mir den Küchenzettel und zählte mir alle seine Weine an den Fingern her; da aber auch das nicht verfangen wollte, fragte er mich, ob ich denn schon bei den Kapuzinern das unüberwindliche Kruzifix, die Manufaktur der Makaroni und die Sammlung der Reliquien bei den Nonnen der Heimsuchung Maria gesehen hätte, die einzig in ihrer Art wäre? – Kein Reisender würde es so leicht verabsäumen, der nur einen Gran – – – »Sollte sich wohl«, unterbrach ich ihn geschwind mit der Gegenfrage, »der zweite Kniegürtel der Mutter Gottes darunter befinden?« – »Kann wohl sein,« antwortete der Wirt, »denn die Sammlung ist die vollständigste in der ganzen christlichen Welt.« – »Aber warum fragen Sie eben nach dem zweiten?« fiel ein junger Abbé ein. – »Weil der eine«, erwiderte ich, »vorige Woche in Avignon versteigert wurdet – »Und wer ist denn so glücklich gewesen, ihn zu erstehen?« fuhr er mit sichtbarer Neugierde fort. – Daß man es doch nicht lassen kann, auch in unbekannter Gesellschaft, und wäre sie noch so schal, sich eine wichtige Miene zu geben! »Ich, mein Herr,« warf ich mit vornehmer Gleichgültigkeit hin, und zog mir darüber den ganzen Troß auf den Hals. – Der eine wollte wissen, wie hoch er mir zu stehen käme? der andere, aus welchem Stoff er bestände? und ein dritter bat sich die Gefälligkeit aus, ihm solchen zu zeigen. Ich bedauerte unendlich, daß er nicht mehr in meinen Händen sei. Da das kostbare Stück von der Toilette einer Dame herrühre, habe ich für billig gehalten, es wieder an eine zu bringen, die sich aber, wenn die Herren nach Avignon kommen sollten, gewiß ein Vergnügen daraus machen würde, es ihnen vorzulegen. – »Und ihre Adresse um Vergebung?« riefen zwei zugleich, und einer so hastig als der andere. Wäre die meinige, die du oben gelesen hast, nicht deutsch gewesen, und hätte ich es nicht verschworen, mir das Bild wieder unter die Augen zu bringen, wer weiß, was ich getan hätte! Unstreitig etwas ganz Überflüssiges – denn kaum, daß ich ihnen geantwortet hatte: Es ist eine junge Heilige, namens Klara, so fingen sie alle zugleich an, mir in das Gesicht zu lachen. – »Oh, meine Herren,« stimmte ich mit ein, »wie ich sehe, ist Ihnen das fromme Mädchen so gut bekannt, als mir selbst, und so habe ich Ihnen denn auch weiter nichts zu sagen.« – Sie setzten sich nun mit großer Lustigkeit zu Tische, die ich ihnen von Herzen gönnte, und ich steckte zu einiger Entschädigung des Mittagsmahls, da es doch sehr wahrscheinlich war, daß ich es ungenossen würde bezahlen müssen, das Brot von dem Kuverte ein, das für mich hingelegt war. – »Da tun Sie wohl,« winkte mir der Wirt zu, »denn in Marseille ist es kontreband.« – »Und warum das?« fragte ich. – »Weil dies Produkt unsrer Gegend, wie Sie auch selbst finden werden,« antwortete er, »so vorzüglich gut ist, daß es uns die reichen Marseiller verteuern würden, wenn die Ausfuhr davon erlaubt wäre. Indes können Sie doch bei meinem Vetter, dem Wirt im heiligen Geiste,« flüsterte er mir in das Ohr, wie er mich an den Wagen begleitete, »täglich so viel davon bekommen, als Sie nur wollen, wenn es Ihnen einerlei ist, es unter einem andern Namen zu essen.« – »Es wird doch nicht eingesegnet?« sagte ich lächelnd, dankte ihm für die gute Anweisung, die er mir gab, fuhr nun um vieles besser gestimmt durch die leeren Gassen, und hoffentlich zum letztenmal bei dem dummen Minoritenkloster vorbei [dem lustigen Marseille zu] . . . * Ich flog, wie ich nur erst die Vista erreicht, und die große Handelsstadt und den Spiegel des Meers vor mir liegen hatte, durch das reizendste Land, das sich die schwelgerischste Einbildungskraft nicht schöner zu malen imstande ist. Schade nur, daß es nicht unter dem Zepter des großen Freigeists steht, wie jene geweihten Zwerge ihn schimpfen! Wie würde Friedrich dieses Feuer der Natur, dieses fruchtbare Klima, diese Weizenfelder und Ölgärten, und die Kräfte dieser bräunlichen lebhaften Menschen benutzen, die jetzt bald von diesem, bald von jenem verdammten Heiligen ihrem Tagewerke entrissen und, in Prozessionen zusammengetrieben, aus einem Narrenfeste in das andere zu Grabe gehetzt werden! Das stärkende Brot, unerachtet ich keinen Brocken davon verstreute, konnte mich doch nicht ganz über die Besorgnis beruhigen, daß ich Marseille nicht zeitig genug erreichen würde, um in dem heiligen Geiste noch einen gedeckten Tisch zu finden. Ich betrog mich zu meinem Vergnügen. In einer Seestadt, wo kein Wind bläst, der nicht den Speisewirten einen Trupp Ausgehungerter zuführt, finden alle Nationen, zu allen Zeiten des Tags und in jedem Gasthofe, die Einrichtung einer Feenwirtschaft. Unzählige dienstbare Geister nehmen den Ankömmling in Empfang. Immer fertige Gerichte rauchen ihm entgegen, und keiner verläßt den Speisesaal, der nicht in seinem Klauderwelsch Gott für die sinnliche Freude der Sättigung, und für das bängliche Leben dankt, das er ihm wieder um einen Tag fristete. Um wie viel klüger kam ich mir vor, daß ich mich weder durch den Hunger, noch durch die Tischgesellschaft in Aix hatte verführen, und um den mannigfaltigen physischen und geistigen Genuß betrügen lassen, den mir hier eine neben dem Weltmeere errichtete Tafel – den mir die verschiedenen Sitten, Trachten, Gesichter und Zungen versprachen, die das erste menschliche Bedürfnis um mich herum aneinander reihte! . . . * Ich konnte mich von dem angenehmen Schauspiele dieser Tafelrunde nicht trennen, selbst da meine Rolle dabei gespielt war. Ich blieb noch immer ritterlich daran sitzen, und erlauerte dadurch ein Vergnügen, das ich seit meiner Reise entbehrt, und auf das ich in diesem Augenblicke am wenigsten gerechnet hatte. Denn eben als ich mich insgeheim über den blinden Nationalstolz und über das Vorurteil eines Spaniers lustig machte, der uns allen beweisen wollte, daß die Mandeln zu Cadix weit voller und schmackhafter wären, als die hiesigen, erschienen zwo junge, artige Damen mit einem ältlichen Mann an der Seite, warfen fröhlichen Muts ihre Staubmäntel ab und setzten sich nach der Anweisung der frischen Kuverts, die der Wirt für sie hinlegte, in meine Nachbarschaft. Je näher sie kamen, desto weißer schien mir ihre Haut, desto glänzender ihre Augen, desto gütiger ihre Blicke zu werden: aber sie entzückten mich erst über die Maßen, als ich sie gegeneinander sprechen hörte; denn sie sprachen – deutsch. Nun habe ich immer geglaubt, es erfordere schon die allgemeine Achtung gegen das schöne Geschlecht, daß man nie ein paar Mädchen fortschwatzen lasse, in dem Falle, daß man ihre Sprache versteht, ohne sie in Zeiten von diesem Umstande zu benachrichtigen. Ich tat es daher auch jetzt. Es standen frische Erbsen vor mir, ich bot sie der mir nächsten mit der Anmerkung an, daß dieses Gericht für Deutsche etwas sehr Neues vom Jahre wäre. – »Ganz gewiß,« antwortete sie; »unter vier Monaten würden wir«, du kannst denken, wie ich überrascht wurde, »schwerlich in Berlin welche geschmeckt haben.« – »Wie, meine liebe Nachbarinnen?« fuhr ich lebhaft fort. »Sie sind Berlinerinnen?« – »Das sind wir,« versetzte sie lachend: »wundern Sie sich darüber?« – »Freilich sollte es mich wundern,« antwortete ich, »daß ich erst ein paar hundert Meilen von Hause so ausgezeichnete Landsmänninnen kennenlerne.« – Hier drehte sie sich lustig nach der andern Seite: »Schwester, der Herr will mir weiß machen, er wäre von Berlin; melde es doch dem Vetter, der versteht sich besser aufs Examinieren, als ich.« Ich bog mich etwas vorwärts, um den Herrn in das Gesicht zu fassen, und fand die Anspielung seiner schönen Nichte sogleich nur zu deutlich erklärt; denn diese Physiognomie konnte niemanden angehören, als einem Visitator, und es fand sich auch nachher, daß ich richtig gesehen hatte. Mir war jedoch jetzt mehr daran gelegen, seiner reizenden Nichte, als ihm, mein Indigenat zu beweisen; ich fing es aber am unrechten Flecke an. Ich nannte ihr alle meine Berliner Freunde und Bekannten; aber leider gehörte keiner davon zu den ihrigen, und von allen den stolzen Namen, mit denen ich das Maul voll nahm, war auch nicht einer von ihrer Bekanntschaft! Selbst von dir, lieber Eduard, hatten sie nie gehört, so schön sie auch waren. Ich war trostlos. Indes schien mir noch nicht alles verloren. – »Nennen Sie mir,« sagte ich, »nur einige Personen aus Ihrem Zirkel; es müßte nicht gut sein, wenn wir nicht am Ende zusammentreffen sollten.« – Aber da ging es eben so unglücklich. Ich wußte ihr auf keine ihrer höhnischen Fragen, weder wo der Monddoktor wohne, noch wen die alte Sibylle auf dem Johannismarkte geheuratet habe, noch auf andere dergleichen Dinge, womit sie mich in die Enge trieb, den geringsten Bescheid zu geben, und ich sah wohl, daß ich so lange bei ihr für einen Prahler gelten würde, bis ich mich durch andere Umstände legitimierte, die besser zu den ihrigen paßten. Ich erbot mich daher, sie nach Tische auf ihr Zimmer zu begleiten und mich dem scharfen Examen ihres Herrn Vetters zu unterwerfen. Sie versicherte mich, daß es ihnen lieb sein würde, setzte bis dahin ihren Verdacht beiseite, und schwatzte nun von allerlei gleichgültigen Dingen, die mir aber gar nicht unwichtig schienen, so lange sie ihr weißes, freies, deutsches Gesichtchen mir zukehrte, in das ich mit wahrer Vaterlandsliebe blickte. Als sich ihr Herr Vetter gesättigt hatte, standen wir alle auf seinen Wink auf; ich bot seinen beiden Nichten den Arm, er schlenderte hinter uns her, und sie hatten nichts dawider, daß ich befahl, uns einige Erfrischungen auf die Stube nachzubringen. Mein Vorstand bei dem Herrn Vetter war sehr kurz. Nach zwei Worten war er von der Wahrheit meines Vorgebens überzeugt, ich erhielt Ehrenerklärungen von den Damen, und wurde nun mit gegenseitiger Freude für ihren Landsmann erkannt; denn in einer je größern Entfernung von der Heimat man einen Mitbürger findet, desto lieber wird er uns. Es ist, als ob der Gedanke eines gemeinschaftlichen Vaterlandes erst außerhalb desselben Stärke bekäme. Die äußern Verhältnisse, wodurch er dort nur zu leicht geschwächt wird, verlieren ihren Druck durch die Weite des Wegs. Der Abstand der Vornehmen von den Geringen scheint sich von selbst aufzuheben, wo die Abstufungen fehlen, die den Zwischenraum ausfüllen, und man umarmt sich aus patriotischem Gefühl, ohne lange zu fragen, zu welcher Kaste gehört ihr? Es tat mir so wohl, wieder einmal neben Menschen zu sitzen, die seit ihrer Jugend, wo nicht einerlei Gesellschaft mit mir genossen, doch dieselben Glocken, dieselben Trommeln gehört hatten – den Tiergarten so genau kannten als ich, und, so gut wie ich, gegen Berlin alle andern Städte verachteten, durch die sie gekommen waren. Wir wechselten unsere politischen Bemerkungen, wie unsere eigne Geschichte, auf das traulichste gegeneinander aus. Ich wäre, glaube ich, aus Überfluß des Herzens imstande gewesen, ihnen mein geheimes Tagebuch vorzulesen, wenn es die Zeit erlaubt hätte, und sie waren ebensowenig zurückhaltend gegen mich. Vorzüglich machte sie ein Glück schwatzhaft, das ihnen über dem Meere bevorstand. Die Sache hing so zusammen. Eine Schwester des Herrn Visitators und Tante seiner beiden Bruderstöchter, die – sagte die eine – in ihrer Jugend bildschön war, hatte in dem Siebenjährigen Kriege einen französischen Proviant-Bedienten geheuratet, der, nach unglaublichen Abenteuern zu Wasser und zu Lande, sich endlich mit ihr in St. Domingo niederließ, sich dort – fiel hier der Visitator ein – erstaunliches Vermögen erwarb, und auf seinem Todbette es seiner Witwe vermachte. Durch die Länge der Zeit war das gute Weib nun auch hinfällig geworden. Sie soll, lispelte die andere Nichte, sehr kränkeln, und kann sich fast gar nichts mehr zugute tun. Ihr vieles Geld kann sie auch nicht mit aus der Welt nehmen. Das bedachte sie, und Gott rührte ihr Herz, daß sie sich noch in Zeiten nach ihren armen Verwandten umsah, und sie mit dem Versprechen zu sich einlud, ihnen ihre Erbschaft zuzuwenden. Der Herr Vetter suchte sogleich, wie er diesen wichtigen Brief erhalten hatte, um Entlassung aus preußischen Diensten an, die er auch auf das allergnädigste erhielt, und reist nun, überflüssig mit Gelde versehen, das ihm seine liebe Schwester von Bankier zu Bankier anwies, mit den beiden einzig übrig gebliebenen Sprößlingen der Familie einem Reichtum entgegen, auf den er, wie er mich heilig versicherte, in seinem ganzen Leben nie rechnen konnte. Indes verschwört es der gute Mann nicht, wenn er bald genug zum Besitze dieser Glücksgüter gelangen sollte, wieder in seine Vaterstadt zurückzukehren; denn er stellt sich es doch als einen großen Spaß vor, sich einmal allen den Augen in einem gewissen Anstande zu zeigen, die ihn von Jugend an nur als einen Lump gekannt hätten. Ich unterdrückte das Lächeln, zu dem mich diese entfernte Hoffnung des ehrlichen Mannes so kurz vor seiner Hinreise, und die treuherzig wichtige Miene, mit der er sie vorbrachte, nur zu sehr reizten. Der Gedanke ist so natürlich, Eduard: es scheint uns ja allen, so viel wir unser auch sind, das größte Glück fast kein Glück mehr, wenn wir es immer entfernt von unserer Heimat genießen, und nicht die Freiheit haben sollen, unsere alten Bekannten und Schulgesellen damit zu blenden. Ich hörte, wie du aus meiner genauen Wiedererzählung schließen kannst, zum ersten Male einem Visitator mit aufmerksamer Geduld zu; ob ich mich gleich nicht für ebenso verbunden hielt, während er sprach, bei seinen gemeinen Gesichtszügen zu verweilen, da ich die Wahl hatte, meine Augen indes mit zwei andern deutschen Gesichtern zu vergnügen, die freilich nicht so alltäglich waren, als das seinige. Doch ich ward bald genug seiner ganzen redseligen Person los. Der Kapitän, dem die Witwe zu St. Domingo die Überfahrt ihrer Verwandten als eine Rückfracht verdungen, sowie sie jenen zugleich die Zeit, wo sie mit ihrem Führer zusammentreffen sollten, bestimmt hatte, ließ ihnen jetzt wissen, daß er wegen seiner nunmehr beendigten Geschäfte sie mit ihrer Habe au Bord erwarte, um noch diese Nacht abzusegeln. Mit dieser Nachricht schickte er ihnen zugleich Träger, um die Koffer zu holen. Der arme Visitator und seine Nichten hätten nun wohl gern noch diese Nacht auf festem Boden von ihrer Landreise ausgeruht; da es aber die Umstände nicht erlaubten, so gaben sie sich heroisch darein, und, nachdem er hastig eine Tasse von der Schokolade und zwei Gläser von dem Champagner hinuntergestürzt, die der Kellner für meine Rechnung eben auf den Tisch gepflanzt hatte, so eilte er seinen Koffern nach, versprach seine Nichten abzuholen, wenn es Zeit zur Abfahrt wäre, und überließ uns mit einem freundlichen Winke den Überrest der Kollation. Das Zimmer kam mir zwar viel aufgeräumter und geputzter vor, als er weg war: doch machte mich das große Zutrauen eines Onkels nicht wenig stutzig, der mich in der Dämmerung, bei solchen Erfrischungen, mit solchen Mädchen allein lassen konnte, die jetzt in der lustigsten Laune von der Schokolade zu dem brausenden Wein übergingen, und abwechselnd, dem festen Lande, wie sie sagten, zur letzten Ehre, trällernd um den Tisch tanzten, bis es für diese Art Leibesbewegung zu dunkel ward. Fürchte aber nur nicht zu sehr für mich, Eduard. Denn, ungeachtet die Gefahr wuchs, als die funfzehnjährige Schwester, nach wohl errungener Müdigkeit, der sechzehnjährigen den Tummelplatz allein überließ und sich mit der Bitte in das anstoßende Kabinett begab, sie möge sie ja nicht eher wecken, bis es die höchste Not sei – und, ob ich dir auch gern gestehe, daß ich in einem gefährlichen Augenblicke vorher, wo die erhitzten Schönen ihre Halstücher abwarfen, und mir nur desto vorteilhafter in die Augen fielen, mir insgeheim die spitzfindige Frage vorlegte, ob nicht der strengste Sittenrichter – auf den zwar traurigen, aber doch möglichen Fall, daß diese Rosenknospen auf dem Meere verloren gingen – mir die wenigen im Raub gepflückten Blätter immer noch lieber gönnen würde, als einem Haifische? – und ob es gleich nicht dunkler werden konnte, als die noch muntere Schwester einen Sitz neben mir auf dem Kanapee einnahm und mich launisch aufforderte, ihr die Seekrankheit, vor deren neuer Bekanntschaft sie sich am meisten fürchte, aus dem Kopfe zu treiben: so schützte mich doch – und ich setze es dankbar auf die Rechnung des vielen Guten, das sich daher entspann – die Erfahrung der vorigen Woche vor jedem kasuistischen Gedanken. Ich nahm vielmehr von unserer baldigen Trennung Gelegenheit, dem schönen Geschöpfe, das neben mir saß, noch einige gute Lehren mit auf den Weg zu geben. »Ihre Bekanntschaft, meine lieben Landsmänninnen,« sagte ich mit rührender Stimme, »hat mir meinen heutigen Tag recht wert gemacht, und es wird mich herzlich freuen, wenn ich erfahre, daß es Ihnen in der Entfernung wohl geht. Bald eilen Sie nun auf den Flügeln des Windes einem Lande des Wohllebens und der Freude entgegen. Mit so vielen Reizen geschmückt, als Ihnen beiden die Natur gab, werden Sie dort mehr Aufsehen machen, als selbst in Berlin; und dort, wo bewahrte Unschuld, mit Schönheit verbunden, ungleich seltener ist als Reichtum, wird gewiß bald eine glückliche Ehe – auf die Sie in unserer verarmten Vaterstadt noch lange, vielleicht vergebens, hätten warten müssen, Ihr Teil werden. Es muß auch von nun an Ihr einziges Ziel sein, lieben Kinder. Denken Sie, wenn Sie es erreichen, und mit dem stolzen Bewußtsein einer unbefleckten Tugend die Freuden der Liebe ernten, die Sie zu geben und zu nehmen bestimmt sind – denken Sie dann an das Wahre und Uneigennützige meiner Vermahnung. Erinnern Sie sich, in welcher für Sie und mich gefährlichen Stunde ich sie Ihnen an das Herz legte – in der Stunde unsers Abschieds – unter der Einladung der Nacht – während der fröhlichsten Stimmung Ihres Bluts, das Sie, wenn ich es sagen darf, meine lieben Kinder, ein wenig leichtsinnig durch unbekannte hitzige Getränke in eine Wallung gebracht haben, die der Aufmerksamkeit auf uns selbst nur zu nachteilig ist.« – Es ging mir zwar hier wie manchem andern Prediger. Die eine Hälfte des Auditoriums, an das meine Rede gerichtet war – schlief, und die mögliche Erbauung der andern – mußte ich Gott anheim stellen. Indes hätte ich doch um vieles nicht der Hülfe entbehrt, die ich mir gegen meine eigene Zerstreuung dadurch leistete, daß ich meinen Vortrag an eine Seele mehr richtete, als mir zuhören konnte. Diese Kleinigkeit benahm der Dunkelheit, die uns umgab, alle Gefahr; denn ich weiß nicht, ob ich mich so deutlich und ohne Stocken über den Wert der Tugend würde erklärt haben, wenn ich an die Bequemlichkeit meiner Kanzel, in Verbindung mit dem lieben Kinde, so einzeln, wie es neben mir saß, und entfernt von seiner Schwester, gedacht hätte, die, wie du gehört hast, nicht eher gerufen sein wollte, als » bis es die höchste Not wäre «. Doch da dieser Sinnenbetrug, wie ich wohl merkte, in die Länge nicht dauern konnte, so ließ ich es mit dieser kurzen Probe genug sein. »Hum!« sagte ich zum Schluß, »ungerufen, sehe ich wohl, ist es im heiligen Geiste nicht hergebracht, daß man den Passagieren Licht bringt.« Ich griff nach dem Schellenzuge. – Die Schnur lag straff, und um sie ziehen zu können, suchte ich die Quaste. Aber gütiger Gott! wohin hatte die sich versteckt, und wie erschrocken fuhr meine Hand zurück! Ich bat das schöne Mädchen tausendmal um Verzeihung; aber, kannst du es glauben? sie hörte mich nicht. Das müde Kind war, trotz meiner Predigt, so tief eingeschlafen, wie in der Kammer die Schwester, und machte mir jetzt keine kleine Angst. Da sie gerade unter der Klingel saß, so war es zwar sehr begreiflich, wie die seidene Trottel, durch ihr Köpfchen gehoben, bei der geringsten Bewegung dahin gleiten konnte, wo ich sie fand; aber wie sollte ich sie nun aus der Klemme bringen, in die sie geraten war? und ich brauchte doch Licht. Da war nun weiter nichts zu tun; ich mußte mich aus der Verlegenheit ziehen, wie es möglich sein wollte. Ich fingerte auf das behutsamste und ward endlich der Quaste habhaft, die so warm war als die Hand, mit der ich sie faßte, und nun stürmte ich in die Klingel. Sogleich stürzte der Aufwärter mit zwei Kerzen herein. Ich wollte schmählen – »Oh, sie brennen schon lange,« entschuldigte er sich, »aber wir wagen nie, eher Licht zu bringen, als es die Herren verlangen.« Alles das Geräusch konnte die schlafende Schöne nicht erwecken. – Es war wahrlich eine scharfe Kritik auf meine Predigt. – Ich trat ihr endlich mit den Lichtern unter die Augen, nahm jedoch mit Vorbedacht in jede Hand eins – aber sie rührte sich nicht. Dagegen konnte ich sie desto aufmerksamer betrachten. Es war zum Malen, wie fest der sanfte Schlaf die braunen Augenwimpern zusammendrückte, ein feines Lächeln um den Mund, Karmin um die Wangen zog, und mit kurzen Atemzügen eine Brust hob, bei der sich niemand verwundern durfte, daß die Quaste so fest lag. Ich überließ mich dem Vergnügen dieser süßen Beschauung ohne Bedenken, denn durch die Schokolade, den Wein und durch meine Predigt, die zusammen das Mädchen einschläferten, hatte ich es ehrlich bezahlt. Genau genommen, ging auch diese – ob sie gleich keine lebendige Seele vernahm als meine eigene, deshalb nichts weniger als verloren; denn ungerechnet, daß man sich selbst nicht ungern hört, ward es jetzt nur zu sichtbar, wie erbaulich sie auf mich zurückgewirkt hatte. Ich war mit mir zufrieden, hatte, unter dem Schutze des heiligen Geistes, Kirche, wo nicht für andere, doch für mich gehalten; und ich lasse mir es nicht abstreiten, daß jenes großmütige Gefühl meiner warmen Hand, das ich mit der seidenen Quaste zurückbrachte, mehr Verdienstliches hat, als die paar Groschen, die ein Geizhals in den Klingelbeutel wirft, und sich wunder etwas darauf einbildet. Ich setzte nun die beiden Lichter, nach dem angenehmen Dienste, den sie mir geleistet hatten, wieder auf den Tisch, und mich mit der heitersten Ruhe an das Fenster. Als ich aber den Mond in den dunklen Wolken über dem Meer hängen sah, und die jetzige Sicherheit der guten Kinder unter meiner Wache mit den Gefahren verglich, denen sie so unbefangen entgegen schliefen, – da, Eduard, war mir ganz bänglich ums Herz, und es überfiel mich ein Frost, so oft ein Lärm im Hause vermuten ließ, man würde sie nun wecken und zu ihrer Bestimmung abrufen. Indes verging noch eine glückliche Stunde für sie, bis zur Mitternacht. Nun trat endlich der Visitator schnaufend herein, war ganz betroffen, wie er sagte, von der wilden Wirtschaft, die auf einer Tartane herrsche, und schon über und über schwindlig von der ersten Probe, die seine Füße in dem Schiffsraume gemacht hätten. Seine bekannte Stimme schreckte die beiden Mädchen sogleich auf, wie sie sich hören ließ. Sie traten schlaftrunken neben ihn und fragten, ob ihre Betten auf dem Schiffe schon gemacht wären? – Ja, ja, antwortete er, es ist alles in Ordnung, bis auf den Schlaf, den ich euch wünsche. – »Oh,« dehnte sich die eine, »wir schlafen heute ungewiegt.« – »Ungewiegt?« wiederholte er höhnisch: »das wird sich bald ausweisen – aber kommt nur!« Ich gab der ältesten Schwester den Arm, die jüngere hing sich an ihren verstörten Vetter. Ein paar Fackeln leuchteten uns. Wir gingen, jedes in seine Gedanken vertieft, einige Gassen durch, bis an den Hafen; denn ob ich gleich dem Mädchen gern einen Auszug aus der Predigt gegönnt hätte, die sie verschlief, so fürchtete ich doch, sie in einem Selbstgespräche zu stören, das, nach den tiefen Seufzern zu schließen, von denen sie sich losmachte, ihr noch zuträglicher schien, als die Warnung eines so frischen Bekannten, der nicht einmal in der unschuldigen Geschichte mit der seidenen Trottel auf ihr Bewußtsein gewirkt hatte. Eine Barke, mit lustigen Ruderern besetzt, erwartete die Gesellschaft am Ufer. Das neue, große Schauspiel, daß sich hier mit einemmal ihren Augen entdeckte – das unabsehlich ausgebreitete Meer – das Flimmern seiner Welle im Mondschein – der Zuruf vieler tausend Stimmen von den schwankenden Schiffen her, die sich mit dem Getöse am Ufer durchkreuzten – alles das nie Gesehene, nie Gehörte, das sie hier umringte, machte einen so heftigen Eindruck auf die armen Stadtmädchen, daß sie mich zitternd ansahen, mir um den Hals fielen und weinten. Ich war bewegt, und da mich die guten Kinder baten, sie bis auf ihr Schiff zu begleiten, hatte ich den Mut nicht, es ihnen abzuschlagen: ich zog mir noch so viel an meinem Schlaf ab, als etwa nötig sein möchte, um als Landsmann dem Kapitän sie zu empfehlen, und mir durch eine Lokalkenntnis ihrer schwimmenden Wohnung das Andenken an sie während ihrer Reise noch mehr zu versinnlichen. Meine Nachgiebigkeit durfte mich nicht gereuen. Ihr Empfang auf dem Schiffe war so festlich, als ob es Prinzessinnen wären, die sich zu einer kleinen Lustreise einschifften. Wir traten, statt in eine beräucherte Kajüte, wie ich fürchtete, in einen artigen Salon, der, mit bunten Lampen behängt, eine runde Tafel beleuchtete, die mit den ausgesuchtesten Erfrischungen besetzt war, und fanden einen alten freundlichen Mann an dem Kapitän, der uns bewillkommte. Er blickte den Mädchen mit beifälligem Lächeln in die Augen, indem er mich zugleich fragte, wer ich wäre? Ich legte ihm in der Geschwindigkeit Rechenschaft von unserem kurzen Bekanntwerden ab, und empfahl sie ihm als Landsmann. – »Sein Sie unbesorgt für die guten Kinder«, antwortete er; »ich bin der älteste Freund ihrer Tante, den sie jetzt auf der Insel hat. Vor dreißig Jahren schiffte ich sie ein, wie heute ihre Nichten; und diese sollen gewiß nicht übler fahren als sie, das habe ich der guten Frau versprochen. Ich habe wohl Zeit gehabt – Sie lesen es zur Genüge auf meiner Stirn – mein Handwerk zu lernen. Die Tartane ist mein eigen. – Es ist kein Bettelschiff, wie da viele in dem Hafen auf der Ausbesserung liegen. – Den Tag bringen wir lustig in diesem Raume zu, und des Nachts – – – Kommen Sie, lieben Kinder, ich will Ihnen zeigen, wo Sie schlafen sollen.« Er führte nun die beiden Schwestern in einen niedlichen Verschlag, der rechter Hand an den Saal anstieß, worin zwei freundliche Bettchen, und dazwischen an der Mittelwand ein Spiegel, der größte vielleicht, den sie noch gesehen hatten, befestigt war. Dieses vollendete ihre Überraschung. – »Nein! das ist allerliebst!« drehten sie sich dem Spiegel zu, und setzten ihre Hütchen zurechte. »Hier, sehen wir schon, wird es uns wohl gehen.« – »Ja! das soll es auch, so Gott will; mein ganzes Schiff steht unter Ihren Befehlen,« antwortete der alte Seemann mit einer Artigkeit, die mich nicht wenig verwunderte. »Auch habe ich weiter keine Passagiere«, fuhr er fort, »an Bord genommen, um Ihnen den Raum nicht zu verengen« und nun nötigte er uns zusammen an den Tisch. Eine Schale Punsch, die wir unter fröhlichen Gesprächen ausleerten, befeuerte uns noch mehr für den guten Mann, der besonders für die beiden Schwestern die zärtlichste und sogar medizinische Sorgfalt zeigte: denn als sie nach schönen Orangen von Malta langten, die eben vor ihnen standen, erklärte er, daß dieses für sie die einzige verbotene Frucht auf seinem Tische sei; die er ihnen jedoch, setzte er freundlich hinzu, aufheben wollte, bis ihnen die Abkühlung nötiger sei als jetzt. Dieses zuvorkommende Betragen des alten Mannes gegen die Mädchen mußte mir doch wohl auffallen, Eduard? Sollte denn, dachte ich, ihre Schönheit den Greis so sehr bestochen haben, daß er in ihnen die Nichten eines Visitators übersieht und sie behandelt, als ob sie aus dem Schaume des Meers gestiegen wären und St. Domingo beherrschen sollten? Oder hat ihm die Tante ein so reiches Fährlohn ausgesetzt, wenn er sie gesund überliefert? Nun, ich gönne den armen Waisen alles mögliche Glück, mag es doch herkommen woher es will. Du kannst denken, in welch einem vergnügten Erstaunen sich erst die beiden Schwestern befanden. Sie schlürften ein Gläschen Punsch nach dem andern ein, und lächelten einander an. Über den vielen Artigkeiten, die ihnen gesagt wurden, hatten sie – das liegt nun einmal in ihrem Geschlechte – alle Furcht verloren. Dann und wann, wenn sich das Schiff bewegte, schien es ihnen zwar einzufallen, daß zu viele Herzhaftigkeit ein junges Mädchen nicht kleide – dann taten sie wohl einen angenehmen Schrei, und baten nachher in vollem Lachen den Kapitän um Verzeihung. Du kennst ja lieber Eduard, die Ziererei der Weiber. Sie verläßt sie nicht, so wenig auf der See wie auf dem Lande, auf dem Schiffe wie auf dem Sofa – sie mögen eine Spinne oder einen Walfisch, einen Zwerg sehen oder einen Riesen. Der Kapitän war Weltmann genug, um zu tun, als ob er an ihr Schrecken glaube. – »Mein Gott!« sagte er, »bei einer ersten Seereise sind solche kleine Erschütterungen wohl zu vergeben, zumal jungen Damen. – Machten es doch meine beiden Buben nicht besser, als ich vor zehn Wochen mit ihnen auslief. Sie waren auch noch auf kein Schiff gekommen; denn bis dahin steckten sie in der Schule. Jetzt sind sie der Wirtschaft schon gewohnt, und werden Ihnen jede Ihrer Herzensbewegungen auf das genaueste vorhersagen können, da sie seit kurzem erst selbst die Erfahrung gemacht haben. – Klammern Sie sich nur getrost an diese Helden, wenn Sie die Furcht überfällt – Holla! wo sind sie denn?« Jetzt traten ein paar starke, blühende Jünglinge herein, die in kurzen Verbeugungen sich der Gesellschaft näherten, und die beiden Mädchen mit ihren feurigen Blicken zu verschlingen drohten. Diese konnten mit ihren Gegenreverenzen nicht aufhören, bis der Kapitän seinen Söhnen lächelnd befahl, sich zwischen die jungen Damen zu setzen. Auf einmal war mir nun das Rätsel ihrer festlichen Aufnahme gelöst, und der alte Schiffer zeigte sich mir in einem nur desto bessern Lichte; denn ungezwungener, klüger und väterlicher, dachte ich, kann man doch kaum einen geheimen Liebesplan anlegen, als ich mir an den Fingern abzählte, daß hier der Vater für seine Söhne, mit oder ohne Vorwissen der Tante, getan hat. Ich möchte das Mädchen sehen, das, in einer solchen Lage, solchen Werbern entlaufen konnte! Denke nur selbst nach, Eduard! Abgeschnitten von der ganzen Welt samt ihren Zerstreuungen – eingeschränkt auf einen einzigen Gegenstand der Begierde – so nahe dem Tode in dem Schweben des schönsten Lebensgenusses – jedes Gefäß des Herzens durch die stärkende Seeluft erweitert – jeder durchströmende Blutstropfen tausendfach erwärmt, die ganze Maschine in beständigem Schaukeln, und immer die größte Operndekoration der Welt, den Auf- und Untergang der Sonne vor Augen – in welche Stimmung von Wohlbehagen, Sehnsucht und Zärtlichkeit muß das nicht eine weibliche Seele versetzen, und in welchem magischen Lichte muß ihr nicht der Jüngling erscheinen, der über ihrem Haupte, nur für ihre Sicherheit und Ruhe besorgt, Wache hält, ihr mutvoll und lächelnd den herannahenden Sturm ankündiget, sie, wenn er einbricht, in die Arme schließt und an das Herz drückt, und, wenn sich der Aufruhr gelegt hat, mit glänzenden Augen ihre zitternde Hand küßt! Welche süßen Vorgefühle müssen sich nicht bei solchen von der Natur selbst beigeführten Auftritten in der Brust eines Mädchens entwickeln, – und wie armselig kommen mir dagegen die Situationen vor, die sich in jedem Romane wiederholen, den wir unter uns spielen sehen! Denke dir den seligen Augenblick, wo ein junges Paar, nach solchen Prüfungen und Vorbereitungen, endlich an das Land – und endlich dahin steigt, wo es die Liebe erwartet. Hätte ich Töchter zu verheuraten, wahrlich ich würde sie einige Monate mit ihren Liebhabern, und unter der Leitung eines solchen Menschenkenners von Kapitän, auf ein Schiff setzen und den Wellen überlassen, wäre es auch nur, um ihnen den schleppenden Gang zu ersparen, den in unserm Zirkel, ein Mädchen wie das andere, aus der Kinderstube gähnend in Gesellschaftszimmer und gähnend in das Brautbette nimmt. Da die jungen Herren nur gebrochenes Deutsch, die beiden Mädchen kein besseres Französisch sprachen, so suchten sie, unter vielem Gelächter, Hülfe in der Gebärdensprache, die zu ihrer Unterhaltung mehr als hinreichend war. Der alte Seemann beobachtete die jungen Passagiere mit innigem Vergnügen, und ich sah aus allen Anstalten, daß es ihm mit der zeitigern Abfahrt wohl kein sonderlicher Ernst mochte gewesen sein; denn eine muntere Stunde vertrieb die andere, und es fing schon der Tag an zu grauen, ehe der gute Vater sich entschließen konnte, die frohen Seelen zu trennen. Jetzt aber befahl er seinen Söhnen, auf ihre Posten zu gehen und auf das Signal Achtung zu geben; den beiden Mädchen aber mit hochroten Wangen und flimmernden Augen legte er nun selbst die Orangen vor, und gab jeder noch eine mit in die Kammer. – »Ich werde«, sagte er, »die Segel nicht eher ausspannen lassen, als bis Sie fest schlafen, und ich hoffe schon funfzig Meilen von Marseille zu sein, ehe Sie aufwachen.« Es war kein Wunder, daß den guten Kindern alles, was ihnen heute begegnete, wie ein Feenmärchen vorkam. Sie freuten sich, als sie von mir Abschied nahmen, daß ich Zeuge davon gewesen sei, und schrieben mir die Namen einiger ihrer Freundinnen auf, denen ich es erzählen sollte, wenn ich nach Berlin käme. Ich versprach es, und gedenke es zu halten, sollte mir es auch noch so viele Mühe kosten, sie in den kleinen Gassen aufzusuchen, wo sie wohnen mögen. Der Visitator schien es auch genug zu haben, da die Punschschale ausgeleert vor uns stand, und stolperte seiner Kammer zu, die ihm der Kapitän an dem andern Ende des Zimmers, seinen Nichten gegenüber, anwies. Ich umarmte ihn und den braven Seemann mit unbeschreiblicher Herzlichkeit, stieg nun auch in meine Barke, und beruhigte bald die Matrosen, die mich über die Länge meines Außenbleibens etwas mürrisch empfingen, mit dem Versprechen eines dreifachen Fährgeldes, wenn sie mich glücklich an das Ufer brächten. Mit dem Schlafe für diese Nacht war es nun vorbei, – und ich entschloß mich, in einer der Kaffeebuden, deren eine Menge um den Hafen stehen, die Abfahrt des Schiffs zu erwarten. Während ich nun, das Gesicht dahin gerichtet, neben einem Teller mit Orangen saß, die ich, dem Rezepte des Kapitäns gemäß, zur Abkühlung meines Bluts nach und nach aussaugte – den ewigen Streit des ungetreuen Elements, das vor mir lag, mit den Kräften der Menschen, die ihm entgegen arbeiten, und den Vorteil der Schiffahrt mit ihrem Nachteil für unsere Sitten, unsere Ruhe und Gesundheit verglich, machte mir mein Gedächtnis die Freude, mich an die schöne Ode zu erinnern, die Horaz an das Schiff richtete, das seinen Freund Virgil nach Athen brachte. Ode 3 lib. 1. Sic te diva potens Cypri – Das erhabene Vorbild reizte meine Phantasie, ihm von weitem nachzufliegen; und wenn ich auch meinen Landsmann mit seinen Nichten eben nicht animae dimidium meae nennen möchte, so sah sich doch meine Muse gern noch einmal in den Augenblicken nach ihnen um, wo sie mir der Wind – wahrscheinlich auf ewig – entführen sollte. Ich war eben mit meinem Abschiedsliede fertig, als ich, von der Glastüre aus, die Segel aufziehen sah. – Jetzt schlafen nun die lieben Mädchen, dachte ich. Der Himmel beschütze sie! Und mit klopfendem Herzen trat ich aus meiner Bude an den Strand, und sang – obschon mit etwas heiserer Stimme – meine Wünsche dem Schiffe nach, das ganz aufgeblasen den Hafen verließ und in den Strahlen der Morgenröte dahinflog . . . Meine tierischen Kräfte waren so erschöpft, wie meine poetischen. Ich fühlte die Schlummerkörner, die ich heute so reichlich ausgesät hatte, wurzeln und keimen, und war froh, als ich den heiligen Geist erreichte, wo ich sie bald in meinem Bette zur Reife brachte. So endigte sich der erste halbe Tag meines Aufenthalts in Marseille, den ich aus Drang von Selbstzufriedenheit, dergleichen ich lange nicht empfand, dir, lieber Eduard, als eine augenscheinliche Probe meiner angehenden Besserung, hoffentlich so überzeugend dargestellt habe, als du nur verlangen kannst. Was wolltest du mit Grund dagegen einwenden? . . . * Marseille Den 10. Januar Die volle Sonne hatte Mühe, mich zu wecken. Als ich die Augen aufschlug, mußte ich mich einigemal fragen, wo ich wäre und wo ich hinwollte, eh ich es deutlich erfuhr. Das erste, was mir beifiel, war ein Wechsel auf Herrn Frege, einen Sohn des berühmten Bankiers dieses Namens zu Leipzig. Ich lernte einen artigen und gefälligen Mann an ihm kennen. Sein Deutsch war mir beinahe lieber als das, womit ich gestern an der Wirtstafel so angenehm überrascht wurde; denn er zahlte mir Geld, und bat mich auf morgen zu Tische. Mein heutiger Mittag hat nichts für mein Tagebuch abgeworfen. Es wollten keine Berlinerinnen kommen, so sehr ich mich darnach umsah. Unter den Anwesenden fand sich nicht ein Auge, in das ich hätte blicken mögen; und es war eben so gut: denn ich konnte um so viel ruhiger der Erholung pflegen, die mir nach der Nachtwache von gestern sehr nötig war. Mit diesem Gefühle in allen Gliedern, und einem Pack Zeitungen, die für die Gäste da lagen, schlich ich wohl gesättigt nach meinem Zimmer. Hier pflanzte ich Bastianen, der mir sie vorlesen sollte, meinem Lehnstuhle gegenüber. Es ging schlecht. – Margot, sagte er zu seiner Entschuldigung, lese auch nicht besser. – Ich setzte den Prologus an seine Stelle, einige Zeilen nachher auch den Epilogus; aber der Zeitungstext und ihre Stimmen paßten so widrig zusammen, daß ich vor der Hand für das beste hielt, auf die Bequemlichkeit eines Vorlesers Verzicht zu tun. Es greift doch nichts die Gehörnerven so empfindlich an, als wertlose Neuigkeiten, die uns in einem hochtrabenden Tone verkündiget werden. Der erste deklamierte: daß Ludewig der Vielgeliebte zwei Tage und drei Nächte mit Madam Dubarry auf dem Schlosse zu Meudon zugebracht habe. – Der andere: daß der Herzog von Orleans entschlossen sei, eine Reiherbeize zu halten. – »Das mag er,« unterbrach ich den Epilogus; »trage nur die unnützen Blätter wieder in den Saal, damit nicht etwann gar jemand darauf warte.« Der gute Kerl hatte indes doch nicht ganz umsonst gelesen. Er erinnerte mich, wie er das Maul so voll nahm, an seine sogenannte arabische Handschrift, die ich jetzt Zeit genug hatte nach Herzenslust zu untersuchen. – Ja, dachte ich, das soll auch geschehen; denn ich will doch noch lieber einen deutschen Landjunker über einen philosophischen Gegenstand schwatzen hören, als einen französischen Nouvellisten, der immer nur das Volk mit dem Zeitvertreibe seines Königs bekannt macht, nie mit seinen Geschäften. Sind sich diese Schmierer aber nicht in allen Staaten gleich? Ist es nicht, als ob sie dafür bezahlt wären, durch alle den Pomp festlichen Müssiggangs, den sie aus der Tagesordnung der Regenten sorgfältig ausheben, und in ihren Wochenblättern für das Publikum auskramen, dem Untertan seine saure Arbeit noch mehr zu verekeln, und ihm seine drückenden Abgaben noch unerträglicher zu machen? Ich zog nun den Brief aus seiner kostbaren Verwahrung, tat im Vorbeigehen auch nicht einen Blick auf das berüchtigte Bild, und, glaube mir, ich war mit den paar Stunden, die ich verlas, nicht so gar übel zufrieden. War es der sonderbare Kontrast, in welchem mir der Eigentümer der Schreibtafel und des Gemäldes, gegen das gehalten, erschien, was der Brief von ihm sagte, denn es ist klar, daß er an ihn gerichtet ist; – sind es die Wahrheiten, die hier und da darin vorkommen, und mir oft so hell in die Augen leuchteten, daß sie mir übergingen; – oder waren es die Sophistereien der Freundschaft, die mich so anzogen? Ich weiß es nicht. Genug, ich übersah die schwachen Stellen mit Lächeln und Nachsicht, verweilte mit Vergnügen bei andern, die von stärkerm Gehalte waren – verglich die Empfindungen des Schreibers mit der Erfahrung der meinigen, und geriet darüber in ein Gedankenspiel, das mich, in Ermanglung eines bessern Zeitvertreibs, immer leidlich genug beschäftigte. Wäre der Brief nicht so unerträglich lang, ich schriebe dir ihn ab . . . . * Den 11. Januar Ich wüßte nicht wie für die Art von Müssiggang, wie ich ihn am liebsten treibe, irgendwo besser gesorgt sein könnte, als in dieser geschäftvollen Stadt. Alles überzeugt mich, daß durch den Anblick fleißiger Menschen nicht allein die Seele, sondern auch der Körper viel zweckdienlicher in Bewegung erhalten wird, als durch einsame Spaziergänge; gesetzt sogar, daß man auch, wie das doch nicht immer der Fall ist, an sich selbst einen Begleiter fände, dessen Unterhaltung uns für jede andere schadlos hielte. Was die Vorstellungen meines Arztes nicht vermochten, macht hier der Handlungsgeist möglich. Er, der so viele Maschinen belebt, jagt auch die meine mit Tagesanbruch aus den Federn, nötigt mich an das Fenster und öffnet mir Augen und Ohren. Setze ich meinen Fuß aus dem Hause, so zieht die Vorsicht, die ich anwenden muß, daß er nicht überfahren oder durch die Füße eines Lastträgers zerquetscht werde, gewiß manches schlaff gewordene Knötchen meiner Flechsen wieder an, denen unter allen Lagen keine so nachteilig ist, als die bequeme. Nirgends aber wirken die in Tätigkeit gesetzten Kräfte sichtbarer und wohltätiger auf die meinigen zurück, als wenn ich den Hafen besuche. Mein Körper ahmt alsdann, ohne es zu wissen, die schwersten Originale der Arbeitsamkeit, die sich ihm darstellen, auf das treueste nach, und indem ich zum Beispiele die kräftige Äußerung des Wollens und Vollbringens derjenigen beobachte, die an einem seufzenden Krahn ungeheure Lasten in das Schiff heben, beiße auch ich die Zähne zusammen, dehne meine Arme, krümme meinen Rücken, die Adern laufen mir auf, und der Schweiß tritt mir so lange vor die Stirne, bis die Schwierigkeit überwunden ist. – Dann aber erleichtere ich auch meine Brust durch einen behaglichen Seufzer, wie jene Kraftmänner die ihrige. Die stärkende Seeluft kühlt uns ab, und von dem köstlichen Hunger, den sie zu ihrer Mahlzeit errangen, trage ich denn auch so viel nach Hause, als mein schwacher Magen bedarf. Ich werde diesen Versuch, den ich als Vorbereitung zu dem Schmause, der meiner heute erwartet, diesen Morgen mit meinem Körper vornahm, täglich wiederholen, so lange ich hier bin; denn, du glaubst nicht, mit welchem ganz andern Vergnügen ich jetzt an die Einladung des Herrn Frege denke, als gestern . . . Warum aber, lieber Eduard, haben denn wir eine solche Scheu vor jeder körperlichen Arbeit? Würden wir denn nicht, da schon die sichtliche Vorstellung derselben so große Wunder tut, unsern Lebensgenuß um vieles erhöhen, wenn wir, nach Lockes Rat, neben unserer standesmäßigen Erziehung auch ein Handwerk – und das trockene Brot wenigstens verdienen lernten, das wir in kleinen Bissen genießen? Ist es recht, daß wir durch das vornehme Zurückziehen unserer Hände dem armen Tagelöhner mehr Hunger aufhalsen, als er befriedigen kann, indes wir uns der Erholungen, die nur den Fleiß belohnen sollten, als Mittel bemächtigt haben, unser unnützes Triebwerk im Gange zu erhalten? Ich dächte, dieser strafende Gedanke müßte jedem in den Weg treten, der, einem Trupp Schnitter vorbei, über Feld reitet, seine müßigen Stunden in einem rollenden Wagen verschnauft, sich auf Bällen und Jagdpartien in Schweiß setzt, und jedes Frühjahr ein Bad besucht, damit ihm nur der Schwamm nicht über den Kopf wachse, der in ihm keimt. Wir haben alle einen vornehmen Herrn gekannt, dem dies begegnete – der sich endlich ein Faulfieber an den Hals, und mit sich sechs nützliche Menschen in das Grab zog, die ihn während seiner ansteckenden Krankheit bedienten. Wir erzählten einander in unsern Gesellschaften diesen Vorfall als die gleichgültigste Sache. Hätte er aber unser Gefühl nicht eben so sehr empören sollen, als die in Indien hergebrachte Zeremonie, nach welcher die Sklaven zur Begräbnisfeier ihres verstorbenen Herrn geschlachtet werden? Wohl gut, daß es kein Philosoph war, dem die Leichenrede unsers verklärten Freundes übertragen wurde! – Aber wie zum Henker komme ich zu diesen moralischen Grillen? den ungeschicktesten, die ich wohl hätte aufjagen können, um mich zu dem Gastmahl eines reichen Bankiers zu begleiten. * . . . Ich habe fünf üppige Stunden verbraucht, um eine Menge neue Bekanntschaften – nicht unter den anwesenden Gästen – sondern unter den Konsumtibilien zu machen; denn gute Gesellschaften sehen sich an jedem großen Ort einander gleich, aber nicht ihre Schüsseln. Der Erziehungskunst, so hoch man sie auch überall getrieben hat, mißlingt ihre Bemühung nur gar zu oft. Sie putzt und spickt und salzt das Wildpret, das sie behandelt, nach verschiedenen Methoden, und bringt doch am Ende nur ein verkünsteltes Gericht, oder höchstens ein Schauessen zuwege, das unter jedem Himmelsstrich einerlei Farbe hat. Sie versteht lange nicht so gut, der Natur nachzuhelfen, als ihre ältere Schwester, die Kochkunst, die immer das Eigentümliche jedes Landes mit der allgemeinen Erfahrung so geschickt zu verbinden weiß, daß jedes Gemüse seinen gehörigen Zusatz, jeder Fisch seine rechte Brühe erhält, und sie unterscheidet viel klüger als jene, welches Stück sie mortifizieren, welches sie dämpfen soll – wie viel Wasser jenes, wie viel dieses Feuer bedarf, um gar zu werden, und weist jedem seinen eigenen Topf an. Da ich indes immer geglaubt habe, daß nichts mehr zarte Empfindungen, gewürzte Einfälle und neue Wendungen des Geistes hervorbringe, als Gerichte von ähnlichem Gehalte; so nimmt es mich doch Wunder, daß bei den vielen feinen Schüsseln, die Marseille vorzugsweise liefert, die hiesige Akademie der schönen Wissenschaften sich nicht besser auszeichnet. Es waren heute verschiedene ihrer Mitglieder zugegen; aber, so viel ich habe bemerken können, war kein Chaulieu, kein Lafontaine, kein Anakreon darunter, obgleich keiner bei den leckern Bissen, die er zu sich nahm, vergaß, daß seine Zunge auch ein Sprachorgan sei. Bei allem dem kam mir doch den ganzen langen Mittag über auch nicht einen Augenblick das Heimweh an: und wenn es zutrifft, was mir Herr Frege für diesen Abend verspricht, hoffe ich auch den Überrest meines Tages von dieser patriotischen Krankheit befreit zu bleiben; denn er denkt, daß ein Ball, zu dem er mir auf das höflichste sein Einlaßbillett abgetreten hat, mich sichtlich von dem großen Vorzuge überzeugen werde, den die hiesigen Damen vor dem ganzen schönen Geschlechte der Erde ohne Ausnahme behaupten. Ich stutzte, als er mir das sagte, ging in der Geschwindigkeit die berühmten Schönheiten unsers Berlins durch, und schüttelte etwas ungläubig den Kopf. »Nun, Sie sollen es mir wieder sagen,« versetzte Herr Frege; »vergessen Sie nur nicht, Herr Landsmann, eine gute Lorgnette mitzunehmen!« – »Oh, daran soll es nicht fehlen,« erwiderte ich; »ich habe eine der schärfsten, die man finden kann, und die mir zu Caverac, Avignon und Gott weiß wo sonst noch, die vortrefflichsten Dienste geleistet hat.« – »Nun, so wünsche ich Ihnen Glück zu Ihrem heutigen Abend; es tut mir leid, daß mich Geschäfte verhindern, Sie zu begleiten.« Diese zuversichtliche Behauptung eines wahrheitsliebenden Deutschen, der Leipzig, Dresden, Frankfurt und Berlin inwendig und auswendig kennt, und an einem Orte wohnt, wo täglich alle Nationen der Erde ihre Waren auslegen, kann wohl nicht anders als meine Neugier aufs höchste spannen. Wenn er recht hat, so käme man beinahe in die Versuchung zu glauben, daß jene gepriesenen Nahrungsmittel wohltätiger auf die äußern Organe wirken, als auf die innern. In einer See- und Handelsstadt mag das hingehen; wäre aber Marseille eine hohe Schule, so würde dieses Phänomen mehr Unglück anrichten, als die philosophische Fakultät verhindern könnte. Glaube mir, Eduard, daß ich weniger zu meinem Vergnügen auf den Ball gehe, als um diese Streitfrage zu berichtigen, die wohl eine der wichtigsten in der Naturgeschichte ist. * Dieser Tag des Wohllebens und der Entscheidung wäre nun vorüber! Und welcher Nation der Erde, fragst du, gehört denn, unter allen den Schönen, die du sahest, die Mustergestalt an, der du den Apfel reichen würdest? Geduld, Eduard! Ich habe noch Zeit genug übrig, mit dir zu schwatzen; denn ob es gleich schon einige Stunden über Mitternacht ist, so sind doch meine Augen von den Bildern, die bei meinem Fernglase vorüberzogen, noch viel zu gespannt, als daß ich sie so geschwind schließen könnte. Bei den optischen Strahlen der Schönheit, bei den magischen Tönen der Musik, die ich in solcher Menge aufgefangen habe, daß ich Feuer geben und klingen möchte wie ein Büstrich, ist es mir nicht allein gelungen, den wichtigen Streit der Schönen aller Nationen gegeneinander völlig zu schlichten; sondern ich bin auch nebenher auf die sonderbare Entdeckung gestoßen, wie man neue Silbenmaße, an denen es unserer Poesie so sehr mangelt, ohne große Anstrengung finden kann. Die Operation ist kinderleicht für jeden, dem es während und nach einem Balle so geht wie mir, daß er kein Wort sprechen und denken kann, das nicht Takt hält. Er setze nur die Füße seiner Verse nach eben der Ordnung, Abwechselung und Mensur, die eine tanzende Schöne den ihrigen gibt, und er wird mit Verwunderung sehen, wie sich manches Silbenmaß unter ihren harmonischen Schritten bilden wird, an das vorher noch kein Dichter gedacht hatte. Zur Probe meiner neuen Erfindung will ich dir den ersten Eindruck des Ganzen auf meine überraschten Sinne in keinen andern, als solchen abgestohlenen Versen erzählen. Ich erwischte den Takt dazu bloß in den letzten Schwingungen des Tanzes, der eben zu Ende lief, wie ich in den Saal trat. Freund! das war ein Ball! So hat je kein andrer Mich, selbst in fürstlichen Sälen, ergetzt! – Hat mich denn, dacht' ich, wie Paulus den Wandrer, Ein Traum in den dritten Himmel versetzt? Ich sah hier Tänzer in fremden Gewanden, Und Schönen mit fremden Federn geschmückt, Als hätten die fernsten Völker Gesandten Zu diesem Feste der Füße geschickt. Ich sah – – Doch nein, weiter darf ich nicht fortfahren: denn die Musik schweigt, meine Vortänzerinnen verschnaufen, und der Saal nimmt eine prosaische Gestalt an. Ich machte mich sogleich zu meinem Richteramte geschickt, nahm mein doppeltes Fernglas vor die Augen, und wie ein Blumist in den Gärten zu Harlem in stiller Betrachtung von der Aurikel zur Nelke, von der Hyazinthe zur Klatschrose schleicht, mit seinen Bemerkungen von der Krone zum Stängel, und von diesem, mit gewagten Schlußfolgen, bis zu der verborgenen Wurzel herabsteigt, bald in der einen Blume den Umfang ihrer markigten Blätter, bald in der andern die gedrängtern Schönheiten ihres Kelchs bewundert, und sie erst alle mehrmalen beäugelt, ehe ihn der Abschluß seiner Vergleichungen zu derjenigen Blume zurückbringt, die ihn am meisten bezaubert hat; so pünktlich verfuhr auch ich in meiner Untersuchung, konnte des Spiels, das ich immer mit neuem Vergnügen wiederholte, in den vielen Stunden, die es mich in dem bunten Zirkel herumtrieb, nicht satt, und lange nicht über das Urteil mit mir einig werden, das ich über alle Nationen der Erde fällen sollte. Endlich aber, nachdem ich diese herrlichen Gewächse der physischen Welt von allen Seiten besehen, wieder besehen und miteinander verglichen hatte, blieb meiner Unparteilichkeit nichts übrig, als dem Herrn Frege beizustimmen und den einheimischen vor allen den ausländischen, die ich unter sie gemischt sah, den Vorzug der Schönheit zuzugestehen. Ich kann weder euch helfen, ihr feurigen Geschöpfe Italiens, noch euch, ihr schlanken Gestalten Englands, und selbst auch euch nicht, ihr meine lieben blonden Landsmänninnen – euch allen – allen nicht, die Spanien und Polen, Rußland, Schweden und Dänemark vor meinen Richterstuhl schickten. An jeder von euch rührten, blendeten und entzückten mich einzelne Reize genug, die ich aber nirgends so flecken- und tadellos und so offen beisammen fand, als in den ätherischen Gestalten Marseilles. Keine war – wie ging das zu? – der andern gleich, und doch jede vollkommen. Herr Frege behielt recht. Er behielt recht von acht Uhr des Abends bis eine Stunde nach Mitternacht; aber eben wie es Eins geschlagen hatte, stellte sich eine Griechin seiner Ausforderung entgegen, und nach wenigen Minuten war ich gezwungen, mein schön gefälltes Urteil beschämt wieder zurückzunehmen. Ein guter Wind hatte sie, erst vor einer Stunde, in den Hafen gebracht, unter der Aufsicht und Leitung ihres Oheims, des weltberühmten Ritters von Tott. Er, der lange Jahre die Dardanellen verteidigte und die Ungläubigen siegen gelehrt hatte, eroberte für sich selbst eine schöne Cirkasserin, und flüchtete jetzt seinen Reichtum, seine Frau und ihre Nichte nach Frankreich. Dieses Wundermädchen hatte nur zu lange auf dem engen Spielraum eines Schiffes den Tribut entbehren müssen, an den ihre Reize gewöhnt waren; nur zu lange hatte sie nicht ihren Schmuck angelegt und getanzt. Man kann denken, wie ungeduldig sie ihrer Landung entgegensah. Gott sei gedankt! rief der Ritter, wie er in den Hafen einlief, jetzt haben wir die reichste Stadt meines Vaterlandes und den besten Zufluchtsort gegen die Langeweile erreicht. Sie haben jetzt nur zu wählen, meine liebe Nichte. Was wünschen Sie zu Ihrer ersten Erholung? – Das Mädchen antwortete: Einen Ball! Und so stieg sie aus der offenen See vor den offenen Spiegel, fand sich da wieder, eilte, vielleicht zu sehr, mit ihrem Putze, und ging nun an dem Horizont unsers glänzenden Festes wie der Morgenstern auf, der eine ganze Milchstraße verdunkelt. Der weibliche Zirkel geriet bei ihrer Erscheinung in einen sichtbaren und sehr gerechten Unmut; denn unter den Männern blieb auch nicht einer seiner Auserwählten so treu, daß er nicht seine Augen von ihr abwandte und seinen Handkuß aufschob, um dieser Huldgöttin einen beifälligen Blick zu entlocken und in Andacht ihren Einzug zu feiern. So trat die Nichte – –                         Doch, eh' ich meine Romanze in dem neuen Versmaße anstimme, das ich unter den flüchtigen Füßen dieser unvergleichlichen Tänzerin wegstahl, und das ich dir zugleich als die zweite Probe meiner glücklichen Erfindung vorlegen will, bitte ich dich, lieber Eduard, zu bemerken, daß in der Reihe der Nichten, die in meinem Tagebuche, und mitunter ziemlich derb auftreten, dieses liebe Mädchen schon die vierte ist. Als einem Autor von feinem moralischen Gefühl, kann mir dieser zufällige Umstand nicht anders als angenehm sein; denn es würde mir leid tun, wenn ich hier und da das, was ich ohne Bedenken von Nichten erzähle, einer Tochter nachsagen müßte. Ob ich gleich, wie der Leser, mit der einen so wenig in Verwandtschaft stehe, als mit der andern, so ist doch gewiß, daß man an einer Verlegenheit, die Töchtern begegnet, innigern Anteil nimmt, als in die sich, nach Zeit und Umständen, eine Nichte gebracht sieht. Es ist, mit einem Worte, sobald man dabei nur Onkel, Tante, oder Vormund erwähnen hört, als ob man froh wäre, daß nur Vater und Mutter die Abzeichnungen nicht erlebt haben, in denen sich ein Reiseschreiber, wie ich, Cook oder Vaillant, oft genötigt sieht, so reizende Geschöpfe der neugierigen Welt bloßzustellen. Ich täte freilich wohl klüger, ich ließe meine Bleifeder ruhen und suchte mein Bette, wüßte ich nur den verzweifelten Walzer, der mir im Kopfe liegt, auf eine andere Art los zu werden, als daß ich ihn auf Noten setze und dir preisgebe. Aber, ziere ich mich nicht wie ein Kind! Warum sollte ich dir denn etwas verheimlichen, was auf einem öffentlichen Balle geschah, und was morgenden Tags, der schon anbricht, die eine Hälfte der Stadt der andern als eine Neuigkeit ins Ohr raunen wird, selbst auf Gefahr, durch ihr zu lautes Geschwätz die schöne Fremde auf immer und ewig daraus zu vertreiben? Es hatte also eben Eins geschlagen:               Da trat die Nichte des mutigen Tott     Mit ihm in den staunenden Saal: Ein reiner und durch die Gnade von Gott Gefüllter Busen, und Augen voll Spott     In einem schneeweißen Oval. Als sie mit Anstand die Reihen durchzog,     Ward Mißgunst und Lüsternheit wach – Ein summender Schwarm von Jünglingen flog, Als sie mit Anstand die Reihen durchzog,     Der Blume des Orients nach. Die Fächer rauschten! doch Mangel an Mut     Entfernte das feindliche Heer; Der Handschuh lag still, es winkte kein Hut, Die Tänzer weilten aus Mangel an Mut,     Und keiner noch trat ins Gewehr. Doch endlich naht sich ihr bittend und dreist –     Und Oberon stieß in sein Horn – Ein flinker Ritter vom heiligen Geist – Und endlich naht sich ihr bittend und dreist     Ein Ritter vom päpstlichen Sporn. Sie blickt auf keinen, und reicht ohne Wahl     Dem Ritter des Sporns ihre Hand. Er, wie ein Sturmwind, durchbraust nun den Saal, Und dreht und walzt sie, verunglückte Wahl!     Bis ihre Besinnung verschwand. Sie fiel – zwar, leider! so ehrbar nicht, als     Einst Cäsar, doch schöner gewiß. Was Er verhüllte, war freilich kein Hals Von solcher griechischen Federkraft, als     Hier einer sein Schnürband zerriß. Von Wien bis China, von Osten bis West     War nie ein Schwindel so frei – Denk dir, was sich beschreiben nicht läßt, Von Wien bis China, von Osten bis West –     Und nun die Beleuchtung dabei! Die Nymphen des Balls flohn wider Gebühr     Und lachten – doch Männer, wie ich, Verstummten sittsam, und rückten dafür Dem Ziele näher, das wider Gebühr     Ihr freundliches Fernglas beschlich. Mich hatte die Lust, ins Weite zu sehn,     Wie Boden und Herscheln berauscht; Hier sah ich Sparta, dort sah ich Athen Nicht dunkler, als ich das Füßchen gesehn,     An das ich mein Strumpfband vertauscht. Nun Er nahm, der selbst in Stambuls Gebiet     Nie Mut und Bewußtsein verlor, Kaum wahr, was seine Nichte verriet; So warf er, als ständ' er in Stambuls Gebiet     Noch Wache, sein Schnupftuch davor. Was half's dem Neider? Ich hatt', eh' er warf,     Mich längst nach dem Lichte gedreht, Und dreimal erblickt – – Wie wenig bedarf Der Mensch zum Frohsein! ich schwör' es, er warf     Sein türkisches Schnupftuch zu spät. Sein schwarzes Auge voll blitzenden Zorns     Verjagte die andern. Es floh Der Ritter des Geistes, der Ritter des Sporns; Sie wurden unter dem Blitz seines Zorns     Des reizenden Anblicks nicht froh. Kaum floh der Schwindel, so bot er den Arm     Der Schönen. Errötend verließ Sie nun im Fluge den männlichen Schwarm, Der jetzt im Einklang – er bot ihr den Arm –     Die Reichtümer Griechenlands pries. Ich braucht' als Richter das Fernglas nicht mehr     Seit mein Objekt mir verschwand; Mir schien der Rangstreit der andern so leer An Rechtsbehelfen, sobald ich nicht mehr     Den Urteilsspruch zweifelhaft fand. Vernehmt den Ausspruch, der ihrem Beweis     Und der ihren Zeugen gebührt: Mehr als ein Apfel versichre den Preis Dem holden Kinde, das seinen Beweis     Selbst offner als Venus geführt. In griechischer Luft, wie Winckelmann schreibt,     Gedeihen die Grazien nur, Und Griechenland ist und Griechenland bleibt – Sie hat bestätigt, was Winckelmann schreibt –     Die Werkstatt der schönen Natur. Dies sei so lange gesprochen zu Recht,     Bis es das Schicksal verhängt, Daß mich ein Anwalt von Evens Geschlecht Des bessern belehrt, und jene mit Recht     Aus dem Besitzstand verdrängt. Die Männer klatschten; doch minder gelind     Verfuhren die Mädchen und Frau'n: Die schalt mich, die schwur, mein Fernglas sei blind, Die droht', und die bat mich minder gelind,     Auch ihr Dokument zu beschaun. Die Alten fragten mit bitterem Stolz:     Gilt die Verjährung hier nichts? Die Jüngern schrieen: ich wäre von Holz, Und dächt', es bedürf' nichts weiter als Stolz     Zum Gang eines solchen Gerichts. Mir blieb kein Ausweg, als den einst Ovid     Am Pontus Euxinus ergriff: Ich ging und spielte dies einsame Lied, Mein Blut zu kühlen, wie weiland Ovid     Die Schuld seiner Augen verpfiff. * Den 12. Januar. Oh, warum kannst du nicht mit mir frühstücken, lieber Eduard! Der Morgen ist unter meinen Tageszeiten immer noch die klügste, und wo ich am ersten einen artigen Gesellschafter annehmen kann. Es sieht wieder so aufgeräumt in meiner Seele aus, wie in einem Putzzimmer, das die Nacht über von dem gestrigen Staub gereinigt wurde. Alle die schädlichen Dünste, mit denen wir es angefüllt verließen, sind nun verflogen, Spiegel und Fenster sind hell, und die verschobene Symmetrie ist – auf Gott weiß wie lange – wieder hergestellt. – Ich habe mich schon nach einem vernünftigen Geschäft umgesehen; es ist die Frage, ob ich's getroffen habe. Ich zog einen andern klugen Reisenden zu Rate, der hier immer auf meinem Tische liegt, und ward endlich einig mit mir, einen Besuch bei Notre Dame de la Garde zu machen. – Meine Erwartungen von diesem Spaziergange waren meiner Stimmung angemessen und schränkten sich auf die herrliche Aussicht auf das Meer, auf den Hunger, den ich mir ergehen würde; und auf das Vergnügen ein, die launige Beschreibung des Chapelle nun auch einmal an dem Ort selbst zu lesen, den er durch ein paar hingeworfene Zeilen berühmter gemacht hat, als es nimmermehr Philippsburg oder Spandau sein kann. Dabei ist es auch ungefähr geblieben. . . . Die Zeit hat noch überdies manche von den Merkwürdigkeiten zerstört, die jener Reisende uns aufbehalten hat. Der Schweizer mit der Hellebarde, der damals noch am Tore der Festung Wache hielt, ist so ganz von Regen und Wind verwischt, daß man keine Spur mehr von ihm findet. Auch nicht eine Handvoll Erde bedeckt diesen Felsen mehr; auf dem zu jener Zeit die Leute noch ackern konnten, von denen er die Nachrichten erhielt, die den Kommandanten des Schlosses betrafen, das jetzt, glaube ich, nah und fern keinen mehr hat. Wüßte man nicht, daß mein würdiger Vorgänger sich so wenig in seiner Beschreibung ein unwahres Wort erlaubt hat, als ich in der meinigen, so sollte man es kaum für möglich halten, daß hundert Jahre einen fruchtbaren Berg bis zur Nacktheit abschälen könnten, in der er jetzt den zermalmenden Strahlen der Sonne bloß steht. Hätte mich nicht der eine Halbzirkel durch die Aussicht über das Meer, den Hafen und die Stadt, für die andere Hälfte entschädigt, so würden meine Augen sich sehr übel befunden haben; denn die sogenannten Lusthäuser, die sich auf den angrenzenden, ebenso kahlen Anhöhen gedrängt aneinander herumziehen, und in dem stärksten Brennpunkte der Sonne liegen, gehören, nach meinem Gefühle, unter die albernsten Einfälle, die je ausgeführt wurden. Eine so versengte Gegend als diese, die einem Baume so wenig Wurzel zu schlagen, als einem Gräschen zu keimen erlaubt, ist doch wahrlich nicht geschickt, menschlichen Geschöpfen einen Zufluchtsort gegen die Langeweile zu bieten. Oh, daß ich nicht diese artigen Tempelchen und Pavillons in die schattigen Gegenden Deutschlands versetzen, und ihnen nicht jene smaragdfarbigen Teppiche unterlegen kann, die schon den Strohhüten, die darauf kleben, das fröhlichste, lieblichste Licht mitteilen! Ach, es geht der Baukunst, wie allen andern Künsten: sie zeigt selbst in ihren prächtigsten Werken Armut und Mangel, wenn sie nicht mit der Natur, die sie umgibt, in Verhältnis stehen, da hingegen diese alles hebt und nichts verunstaltet. Abgewendet von den prahlenden Darrböden des kaufmännischen Luxus sehnten sich nun meine Gedanken und Blicke nach den vaterländischen Gefilden; aber desto weniger behagte mir auch ein längerer Spaziergang auf dem brennenden Steinwalle dieser zitternden Landwehre. Ich strengte mich an, so gut es gehen wollte; doch eh ich den Fußsteig wieder fand, der mich herbrachte, traf ich in meiner Runde, ganz unerwartet, auf einen Ruhepunkt, der, wie du sehen wirst, meiner Erschlaffung herrlich zu statten kam. Es war Notre Dame de la Garde selbst, die mir ihn anbot. Durch eine offene vergitterte Blendung, die durch die Festungs- und Kirchenmauer zugleich geschlagen und zu einer Halle gewölbt ist, gibt sie sich hier, mit nachgelassener Etikette, zu allen Stunden der Anbetung preis, ohne daß es nötig wird, den diensthabenden Mönch aufzusuchen, um die Haupttüre zu öffnen. Diese Anlage mag zwar wohl wider alle Regeln des Vauban verstoßen; sie gereicht aber zur großen Bequemlichkeit derjenigen Pilger, die mehr noch von dem Aeolus abhangen, als von der Madonna. Da der steinerne Sitz vor der Nische durch den Vorsprung des Dachs in Schatten lag, so benutzte ich die gute Gelegenheit, bei diesem wundertätigen Bilde Abkühlung zu suchen, und, aus Mangel eines bessern Zeitvertreibs, alle die ihr geweihten Kleinodien zu betrachten, die mein Auge erreichen konnte; gewiß die sonderbarste Sammlung, die weit und breit anzutreffen sein mag . . . So wie mich nur meine kühle Stirn und trockene Haut überzeugten, daß Unsere liebe Frau das Wunder, das ich von ihr erwartete, an mir getan hatte . . . so stieg ich, so geschwind als es anging, den schroffen Felsen hinab, dem belebten Hafen zu, der gerade zu den Füßen der Jungfrau liegt. Indem ich aber, um an den Mittelpunkt zu kommen, der die freieste Aussicht in das offene Meer gewährt, an den Häusern hinschlich, die ihn von der Stadtseite her einschließen, zog auf einmal über einer der Haustüren eine schwarze Tafel mit goldenen Buchstaben meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich blieb stehen und las: Zu Ehren unsrer lieben Frau verschenkt Herr Passerino , der Ex-voto- Maler, An jeden Pilger, der, nach ihrem Thron gelenkt, Ein Dankbild ihr zu weihen denkt, Das Stück in Öl für einen kleinen Taler. Auch findet man bei ihm ein seltenes Sortiment Der meisten menschlichen Gebrechen In Wachs – Wer deren sucht, und Künstlern von Talent Und Billigkeit – den Vorzug gönnt, Beliebe bei ihm einzusprechen. Da es mir eigentlich um nichts weiter zu tun war, als die Stunde, die mir zum Mittage noch freiblieb, hinzubringen, und, ohne mich geradezu auf ein Faulbette zu strecken, von der Ermüdung meiner Wallfahrt auszuruhn, so gab ich dieser Marktschreierei – und um desto leichter Gehör, je näher sie mit jener [in] Verbindung stand, von der ich eben herkam. Du willst doch, dachte ich, die Freigebigkeit des Herrn Passerino ein wenig näher untersuchen, trat in das Haus, fragte nach dem Künstler, und kratzte mich gewaltig hinter den Ohren, als man mich vier Treppen hinauf in jene artistische Höhe wies, wohin diese Herren gemeiniglich ihre Werkstätte verlegen, wenige ausgenommen, die, wie Mengs, Dietrich, Grassy und Graff, alle und jede Licht- und Luftstrahlen der Natur überall an der Hand, und nicht nötig haben, sie erst unter dem Dache zu suchen . . . Herr Passerino kam mir an der Treppe entgegen – denn mein Keichhusten hatte mich schon von weitem bei ihm gemeldet – und empfing mich mit so herzlicher Teilnahme, als wär ich einer seiner gebrechlichsten Kunden. Ich fand sein Dachstübchen offen zu meinem Empfange – und an ihm, wie ich recht nachsah, eine Figur, wie ich sie, doch nicht ganz so hager, schwarzgelb, schmutzig und pittoresk, erwartet hatte. Seine erste Frage war – und ich nehme sie ihm weiter nicht übel: ob ich wollte in Wachs poussiert sein? – Ich schüttelte ärgerlich den Kopf. – »Doch vielleicht ein Teil Ihrer werten Person?« fuhr er fort. – »Ich bin«, unterbrach er ihn schnaufend, »von den gesundesten Gliedmaßen – aber Ihre steile Treppe – lieber Mann – die – – –« – »Also nur ein Liebhaber der Kunst?« erwiderte er lebhaft, setzte mir einen Stuhl, und überströmte mich nun in einem Französisch, wie man es an Italiänern gewohnt ist, mit einem Schwall von Worten, die ich mir jedoch erst ins Deutsche übersetzen mußte, eh ich sie zur Not verstand. Dafür aber hat mir auch nie eine Übersetzung mehr Freude gemacht; denn sie brachte mir, treuer als keine andere, das längst vergessene Original wieder vor die Ohren. Ich horchte – stutzte – dachte nach und besann mich. – Aber kaum war ich meiner Sache gewiß, so fuhr ich mit einem Schrei auf, der eines seiner hochfliegenden Kunstwörter – ich glaube es war Clair-obscur – so geschickt im Fluge zerschnitt, daß ich die kleinere Hälfte davon, die mir zufiel, nicht für die größere vertauscht hätte, die ihm blieb. – »Um Gottes willen!« rief ich, »was für ein Wind hat Sie nach Marseille verschlagen, mein lieber Theodor Sperling? und wie kommen Sie zu dem italiänischen Namen, hinter dem ich Sie in meinem Leben nicht gesucht hätte?« – Jetzt standen wir einige Augenblicke noch stumm und erstaunt einander über. Es war eine Szene zum Malen . . . Meine Vertraulichkeit und mein Deutsch überraschte den alten Mann außerordentlich. Er gaffte mir erst mit aufgezerrten Augen in das Gesicht, und da dieses nicht ging – mit der Brille. Alles umsonst! – »Sollte es möglich sein« – stellte ich mich jetzt um einen Schritt näher vor ihn, warf mich besser in die Brust, rieb mir die Backen, und nahm die schelmische Miene an, die, wie ich glaubte, mir in meiner Jugend so gut stand – »Sollte es möglich sein, daß mich funfzehn Jahre und ein paar Zahnlücken so unkenntlich gemacht hätten?« – Er starrte mich noch immer stillschweigend an. Es blieb mir nichts übrig, um ihn und mich aus unserer peinlichen Lage zu ziehen, als den blinden vergeßlichen Mann noch weiter zurück – in meine Schulstube zu führen. »Mein alter Freund und Lehrer!« stimmte ich unter einer herzlichen Umarmung an, »erinnern Sie sich denn gar nicht mehr des jungen Flüchtlings, dem Sie in der Zeichenkunst, in der Perspektive und der Architektur so mannigfaltigen Unterricht gaben? – gar nicht mehr des Meisterstücks Ihres Pinsels – der wolligen Angola, an der Sie – nach drei fleißigen Jahren doch noch – den Schwanz zu malen hatten – als sie starb?« – Dieser Lichtstrahl tat Wirkung. Jetzt schlug das gute Geschöpf seine dürren Hände um mich und seine gelben Augen gen Himmel; aber noch mußte er erst der Erinnerung einige bittere Tränen, einige tief geholte Seufzer zollen, eh er zu sprechen vermochte. – »Ach, mein teuerster Herr und Freund!« stammelte er nun, »sein Sie tausendmal meinem Herzen willkommen! Was für ein glücklicher Stern hat Sie in meine einsame Wohnung geleitet, in der ich sonst nur arme Schiffbrüchige und andre durch Kalamitäten ausgezeichnete Menschen zu sehen bekomme, und selten einen Mann, der Wärme für die ewige Kunst fühlt? Ich bin schon vierzehn volle Jahre von meinem Vetter in Anspach und aus meinem Vaterlande entfernt, das, nur zu gewiß, stille Verdienste nicht zu schätzen weiß, und führe seitdem hier – aber auch hier, ein kümmerliches Leben. Wie tief habe ich mich herabstimmen müssen, um nur Brot zu haben! – Einiges, mein teuerster Gönner, ist auf meiner Tafel zu lesen – aber wahrlich, das sind noch lange nicht die schlechtesten Arbeiten, die ich – – –« – »Lassen Sie uns ein andermal darüber sprechen,« unterbrach ich ihn, »und wenn Sie heute mein Gast sein wollen, lieber Sperling, so ziehen Sie sich nur geschwind an und begleiten mich zum Heiligen Geiste – vorausgesetzt, daß ich Sie von nichts Besserm abhalte.« – »Ach, wovon wollten Sie?« sagte der gute Alte. – »So einen vergnügten Mittag hätte ich mir heute nicht träumen lassen. – Ich werde den Augenblick wieder bei der Hand sein.« – Nach einigen Minuten trat er geputzt aus seiner Kammer, und gewiß, ich irre mich nicht, Eduard, in demselben Sonntagskleide, das dir so gut noch erinnerlich sein wird als mir, nur daß der jugendliche Troquet eine ernsthaftere Miene angenommen, und sein verschossenes Papageigrün mit einem tüchtigen Kastanienbraun vertauscht hatte. Ich hätte gewiß keinen Gast auftreiben können, der weniger nach der Mode gekleidet und mir doch lieber gewesen wäre, als er. Du weißt zwar, wie ich zeichne, und wie es mit meiner Baukunst aussieht; aber daran dachte ich nicht. Es klebte ihm ein Verdienst an, das ihn meinem Herzen auf das rührendste empfahl, und keinen Vorwurf gegen ihn aufkommen ließ – die lebhafte Erinnerung meiner Jugend. – Ja, Freund, ich hätte ihn, wie ein Fürst seinen Hofmeister, belohnen – sein aufgefärbtes Staatskleid mit einem Orden verzieren, und ihm, trotz seines mißlungenen Unterrichts, ein gutes Jahrgeld anweisen mögen, so durchdrungen war ich von jener unbeschreiblich süßen Empfindung. Ist es nicht einerlei, ob uns ein Virtuos oder ein Stümper dies magische Glas vorhält? Wir sehen in solchen Augenblicken nicht ihn – sondern uns. Ich lebte nicht mehr in Marseille. Mein Geburtsort, mit seinen Salweiden, seinem Vogelherde und seinen Obstgärten verschlang alles Land und Meer, das mich umgab. – Ich blieb gern mit ihm so lange an der Wirtstafel sitzen, als ihm noch ein Trunk oder ein Bissen schmeckte – ja ich trieb meine Freigebigkeit so weit, daß ich ihm sogar mich selbst auf den ganzen Nachmittag preisgab, und nicht allein seine Geschichte, die mir – immer noch anziehend genug – den gewöhnlichen Streit der Armut mit der Ungeschicklichkeit darstellte, sondern auch den Ausbruch seines Künstlerstolzes, seines Brotneides und seine schiefen Urteile über gleichzeitige Maler in kindlicher Geduld anhörte. Ich ließ ihm zuletzt noch ein Abendessen auf mein Zimmer bringen, und habe ihn erst, seit der Stunde, die ich dir vorbehielt, ziemlich spät mit dem Versprechen entlassen, das er mir abnötigte, morgen bei mir unter der Ansicht des Meeres zu frühstücken. Das wird auch wohl von den Stärkungen, die mir der arme Narr anbieten kann, die beste sein . . . . * Den 13. Januar. Hätte ich mich nicht bei meinem alten Zeichenmeister auf diesen Morgen versagt, der es gewiß übel aufnehmen würde, wenn ich sein Frühstück an den Nagel hinge, wie vormals seine Lehrstunden, so würde ich mir eins aus Quassia und Rhabarber vorsetzen; denn mir ist gar nicht wohl. Unter den neuen Bekanntschaften, die ich vorgestern an der Tafel des Herrn Frege machte, muß eine gewesen sein, die einem deutschen Magen nicht zuschlägt. – Deren trifft man in Frankreich gar viele an. Ich habe vor andern einen Seefisch in Verdacht, dem ich mir viel unnütze Mühe gab, Geschmack abzugewinnen. – Bewegung wäre mir wohl am dienlichsten – aber, wenn mich auch Herr Passerino nicht darum brächte, so würde es doch das unfreundliche Wetter tun. Es ist ein Glück, daß der hiesige Winter nur wenige solcher Tage aushängt. Jawohl! Aber warum muß denn eben einem so armen Schwächling, wie mir, diese Seltenheit über den Hals kommen? Übelkeiten und Fieberfrost von innen – ein heulender Wind von außen her – keinen Lumpen von Winterstaat in meinem Vermögen, und nun ein solches Frühstück in der Aussicht! – Wo soll in dieser verzweifelten Lage Erwärmung des Bluts herkommen? von der Wasserseite seines Pinsels oder seines Coffees? Ich zittere – und, wenn ich es genau untersuche, weniger vor den Wohltaten, die er mir aufdringen, als vor den Opfern, die er mir abnötigen wird. Ich sehe mich schon im Geiste gähnend vor seinem Tische sitzen, indem er ein paar Pappdeckel voll seiner elenden Skizzen geschleppt bringt, sie bedächtlich auseinanderschlägt, kein Blatt überhüpft, und bei jedem einen Aufruhr meines Erstaunens erwartet, und wenn nun darüber eine ganze Stunde zerbröckelt ist – wie er mich, unter schlauem Lächeln, beim Ärmel faßt – mich der Wand gegenüber in das rechte Licht stellt, und mit Einem Ruck den grünen Vorhang zurückzieht, um mich durch das Wunder seines neuesten Gemäldes zu überraschen – und wie er endlich – um das Maß seiner Sünden voll zu machen – mich bei der Heiligkeit unserer Freundschaft beschwört, ihm offenherzig meine Meinung über die Kleinigkeiten zu sagen, die er mir gezeigt hat. Tät ich ihm sein Recht an – so gnade mir Gott! Und doch ist es eine verwünschte Zumutung, selbst unter vier Augen, mit Verleugnung alles Menschenverstandes das Machwerk eines solchen Meisters zu loben. In meiner heutigen Stimmung übersteigt das meine Kräfte. – Es wäre Gewalttätigkeit gegen mich selbst, und ich müßte wahrlich befürchten, mir meine kalten Krämpfe auf die edeln Teile zu jagen. * Wenn man seinem Brauskopfe nur Zeit vergönnt! Nach einem halbstündigen heftigen Zanke mit ihm fing er an, sich eines bessern zu besinnen und die Sache mit der größten Billigkeit abzutun. »Gehen wir ruhiger zu Werke!« sprach ich mir zu. »Worauf kömmt es denn an? Auf Worte ohne Sinn und Bedeutung, und ein wenig Mimik. – Die, dächte ich, könnte ich doch wohl am Hofe gelernt haben! Warum sollte mir denn das Hauptingredienz unserer Staatsvisiten und Courtage, die Sucht nach Schmeicheleien und Lob, in der Werkstatt des armen Passerino stärker auf die Nerven fallen als dort? Und wie konnte es mir einen Augenblick in den Sinn kommen, diesen liberalen Tauschhandel unserer kultivierten Natur zu stören, auf Gefahr, mir und meinem alten Lehrer das Morgenbrot zu verbittern? Verlust und Gewinn liegt jetzt auf das genaueste berechnet vor mir – darnach will ich mich richten. Ich werde seinen herzhaften kräftigen Pinsel – Er wird meinen feinen richtigen Geschmack bis an die Wolken erheben. Ich werde ihn über Rubens – Er wird mich über Lessing und Winckelmann setzen – Jedem übrigens ganz unbenommen, den andern in Gedanken so niedrig, sich selbst aber so hoch zu stellen, als es sein Schwindel erlaubt.« . . . Nach solchen Vorbereitungen konnte der Erfolg nicht anders als erwünscht ausfallen, und wären meine Magenkrämpfe nicht gewesen, ich wollte über nichts klagen. Ich muß meinem freundlichen Wirt nachrühmen – er hatte es weder an Farben, Paletten noch Pinseln, die in der ausgesuchtesten Unordnung dalagen, noch sonst an einem artistischen Blendwerke fehlen lassen, um seinen Gast in die Illusion zu zaubern, daß er in der Werkstatt eines Malers frühstücke. Ich hätte mich ihr auch gern überlassen; doch unter dem Widerschein der Bilder, die heute zu meiner Verwunderung die vier Wände seines Stübchens verzierten, das mir gestern ohne diese Tapete viel reinlicher vorkam, war es unmöglich. Es war die vollständigste Kopien-Sammlung der Wunderbilder der Madonna. Eine einzige nur, klagte er mir, ginge seinem Sortimente ab, und noch dazu eine aus der hiesigen Gegend, Notre Dame de la Grace zu Cotignac , zum größten Nachteile seines Handels; denn es würde immer dreimal öfter nach dieser gefragt, als nach sonst einer andern, besonders von Weibern in gewissen Jahren. – »Doch Ihr Leibschneiden, teuerster Gönner,« fuhr er fort, »von welchem ich Sie so gern befreit sähe, soll mir hoffentlich behülflich sein – – –« – »Zu was, lieber Passerino?« fragte ich erstaunt, »zu was?« – »Die Lücke« fiel er ein, »in meiner Galerie auszufüllen. –« »Das«, erwiderte ich mit noch größern Augen, »muß ganz sonderbar zusammenhängen, lieber Sperling.« – Hier rückte er mir einen Stuhl, trat vor mich, und: »Ist etwas in der Malerei,« fing er mit abgemessenen Worten sein Rätsel zu lösen an, »das eine feste, geübte Hand, Kenntnis des Clair-Obscurs und ein verständiges Auge erfordert, so ist es die Kopie eines wundertätigen Originals, wo oft die Wirkung nur in einer kleinen Nuance liegt. Das weiß ich aus einer langen Praxis. – Aber mein Gott, was hilft es mir! Ich bin, bei allen diesen Voraussetzungen, doch zu alt, um den Weg zu Fuße – und leider zu arm, ihn in einem Wagen zu machen. Wenn Sie nun morgen nach Cotignac fahren, und hätten die Güte, mich mitzunehmen, so – – –« – »Aber wer zum Henker«, unterbrach ich sein Gewäsch, »hat denn gesagt, daß ich nach Cotignac fahre? Es ist in diesem Augenblick das erstemal, daß ich das Nest nennen höre.« – »Tut nichts,« antwortete er; »die hiesigen Ärzte schicken alle ihre Kranken dahin, die an schwerer Verdauung leiden. – Hilft die Marie nicht, so tut es der Weg, der weder zu kurz, noch zu lang, überaus steinig und zum Erbrechen gut ist. Überdies kann ich Ihnen – denn ich kenne das hiesige Wetter – morgen einen heitern sonnigen Tag versprechen, und welches Glück wär es nicht für mich, während meiner Abzeichnung einen Mann von Ihrem Blicke, feinen Geschmack und Ihrem – wie soll ich sagen – so zarten Kunstgefühl an meiner Seite zu wissen!« – Hätte der gute Mann fortgefahren, lieber Eduard, wie er anfing, von seiner festen Hand – seiner Kenntnis im Clair-Obscur und seinem verständigen Auge zu schwatzen, so war nichts gewisser, als daß ich seinen tollen Vorschlag abwies; jetzt aber, da er mein Lob, so wenig es in seinem Munde auch Wert hatte, mit dem seinigen verschmelzte, war es mir nicht mehr möglich, nein zu sagen . . . . Die Reise nach Cotignac ist also auf morgen festgesetzt. Seine Freude darüber war so groß, daß eine glückliche Stunde verging, ehe sein Kopf ruhig genug war, an seine Kunstwerke zu denken. Wie er ihnen aber einmal wieder auf die Spur kam, blieb er auch desto hartnäckiger darauf. Zu jedem Unsinne, den er über Haltung, Wärme, Kolorit und Ausdruck vorbrachte, langte er aus seinem Portefeuille auch einen Beleg. Ich mußte ihn über alle die Stufen begleiten, die er seit funfzehn Jahren bis auf den heutigen Tag in seiner artistischen Laufbahn erstiegen hatte; und so gelangten wir denn auch endlich zu der Schreckensperiode, die ich diesen Morgen vorhersah – zu dem Wunder seines neuesten Gemäldes. Seine Vaterliebe, eh er auspackte, glich einem Wirbelwinde, der einem Ungewitter vorhergeht, und war so heftig, daß sie beinahe in Ungerechtigkeit gegen seine altern Kinder ausartete: denn er erklärte nicht allein die Meisterstücke aus der Zeit seiner Angola für Sudelei, sondern blickte selbst verächtlich auf seine Madonnen – nannte sie Matrosenware, die er nur nebenher, des lieben Brots wegen, auf den Kauf mache, und die er sich schämen würde, unter seinem Namen – außer in der italienischen Übersetzung – auszuhängen. »Wieviele Fächer«, rief er, »hat mein Genius nicht durchlaufen, eh er sein rechtes getroffen hat! Von der Blumenmalerei, mit der ich meinen Weg antrat, ging ich zu Tierstücken – Porträts – Bataillen und Landschaften über. Ich brachte es zwar in jeder Art zu einer gewissen Fertigkeit; aber in keiner von allen errang ich den Kranz der Vollendung, den mir die Natur an dem Gestade des Meers aufbehielt. – An den Marinen, mein Herr, entwickelte sich erst meine ganze Schnellkraft. – Ach, wie lange schlummerte sie in träumendem Irrwahn! Anspach war der Ort nicht, um sie zu wecken. – Das Schicksal mußte mich hierher schleudern, daß ich erführe, wer ich sei.« Mit diesen Worten, die ihm in dem seligsten Enthusiasmus entflossen, trieb er mich von meinem ruhigen Stuhl in die Ecke des Fensters – riß beide Flügel auf, und streckte den Arm so weit vor, als wolle er seinen krummen Zeigefinger in das Meer tunken. – »Hier, mein Herr,« überschrie er einen Windstoß, »sprudelt die heilige Quelle, aus der ich schöpfe. Wer beschreibt die Erschütterung meines Innern, als meine erstaunten Blicke zum erstenmale über sie hinflogen! Das ist, rief ich aus, was dein Geist lange im Dunkeln geahndet, vergebens gesucht hat. In einer Art von Künstlerwut griff ich nach Farben und Pinsel – überließ mich meiner Begeisterung, und erstaunte selbst über die Keckheit meines ersten Versuchs. Doch bald – trinken Sie aber nur erst Ihren Coffee – werde ich Ihnen meinen letzteren vorzeigen – einen Sturm – aber was für einen! Mich überläuft selbst jedesmal ein Schauer, wenn ich ihn ansehe.« – »Mich auch,« unterbrach ich ihn; »aber bei mir kömmt er alleweile vom Original. – Erlauben Sie, daß ich die Fenster wieder zumache – die Zugluft und meine Nerven vertragen sich heute nicht.« – »Sehr wohl,« sagte er, »aber, um wieder auf meinen Sturm zu kommen, – denn bei einem solchen Stücke schadet es der Täuschung nicht, wenn die Beschreibung vorausläuft – so werden Sie sehen, daß ich nicht umsonst über den Hafen blicke, und neben dem Stapel wohne. Ich glaube nicht, daß der große Vernet selbst das Tau- und Takelwerk besser versteht als ich, und daß ein Schiff regelmäßiger gebaut werden kann, als die meinigen gemalt sind. Mit einem Vergrößerungsglase – ich werde gleich die Ehre haben, Ihnen das meine zu borgen – können Sie an jedem sogar den Namen und die Jahrzahl lesen. Einer Kleinigkeit muß ich noch gedenken, wertester Herr, meines Wahrzeichens auf dem Gemälde, einer glücklichen Erfindung, die aber freilich nur auf mich allein paßt. Das Stück kann in der Welt hinkommen, wo es will, mein Name wird dadurch allen Nationen verständlich, jede wird ihn in ihrer Sprache zu nennen wissen, denn überall gibt es – Sperlinge .« – »Oh, das ist nur gar zu gewiß,« entwischte mir in der Zerstreuung; aber er überhörte den Sinn. – »Befehlen Sie noch eine Tasse? Nicht? – Nun, so will ich das Bild holen,« fragte und antwortete er zugleich. Ich hätte das Schubfach des Kastens angeben wollen, wo es lag; denn seine verstohlenen Blicke, welche er ohne Aufhören dahin warf, verrieten mir längst, daß dort sein größtes Kleinod verwahrt sein müsse, und ich irrte mich nicht. Er zog das Kunstwerk behutsam heraus, rollte es seitwärts auseinander, spannte es in einen Blendrahm und stellte es mir nun in seiner ganzen Majestät vor die Augen, und sich in der seinigen darneben. . . . Ich mußte zu allen Künsten des Mienenspiels Zuflucht nehmen, um meinen Spottgeist und mein gutes Herz im Gleichgewichte zu erhalten. Die vorzüglichste Hülfe indes verdankte ich ihm selbst, indem er alles, was meine Verlegenheit auswarf – wär' es auch der bitterste Hohn gewesen – für den lautersten Beifall aufnahm, und das unverschämteste Lob viel zu natürlich fand, um meine Aufrichtigkeit in Verdacht zu ziehen. Wenn du ihn nur gesehen hättest, Eduard! Sein seliges Wohlbehagen würde dich am ersten von der Güte der Falschheit belehrt, und überzeugt haben, daß sie, die eure unhöfliche Moral, viel zu geradezu, für Laster erklärt, sich in der Praxis als das wirksamste Hausmittel der Menschenliebe bewähre. Meine närrischen Schmeicheleien trieben sein Entzücken immer höher, endlich so hoch, daß er, in einer Art von Taumel, sich so freigebig gegen mich erklärte, als gegen das Publikum auf der schwarzen Tafel über seiner Haustüre, und mir, stelle dir vor, mit väterlicher Entsagung seinen Liebling zum Geschenk anbot, gegen Erstattung der fünf Louisdor für die Farben, die er darauf gesetzt habe. –»Wo denken Sie hin?« knallte ich ihn an. »Wie können Sie in der Welt zu etwas kommen, wenn Sie sich selbst so wenig zu schätzen wissen? Ich gebe Ihnen gern das Doppelte von dem, was Sie fordern, und mache noch immer einen sehr guten Handel.« – »So wollen Sie denn meiner uneigennützigen Freundschaft durchaus nichts verdanken?« sagte er rührend, und reichte mir seine dürre, hohle Hand hin, in die ich – sehr froh, daß es nur kein Kenner bemerkte – die verschleuderten Goldstücke einzählte. Indem aber überraschte mich doch bei diesem einfältigen Handel einer von den Herren, die immer geradezu gehen – ein reisender Engländer. Er trat gestiefelt herein, warf ein paar flüchtige Blicke auf die Madonnen, und hatte genug, drehte sich darauf zu uns hin, und, nachdem er mit ernsten Augen bald den Sturm, bald mit spöttischen den Käufer, und mit höchst verächtlichen den Meister, der eben daran war, das Stück zusammen zu rollen, angeblinzt hatte, klopfte er ihn auf die Achsel, und – – – »Was Herr?« fuhr er ihn an, »das nennen Sie nach der Natur gemalt? Wollte Gott, es wäre wahr, nur halb wahr! – Ich gäbe gleich aus meinem Beutel tausend Guineen – allein für den Untergang Ihres einzigen Hauptschiffs – God damn me! das gäb' ich darum,« und so ging er steif und pfeifend wieder zur Tür hinaus. – »Das war ein tüchtiges Gebot,« sagte Passerino ganz unerschrocken: »aber warum blieb der Herr Engländer nicht und machte seine Bestellungen wie er sie nur haben will? Was wollte er mit meinem Hauptschiffe? Das wird wahrlich nicht lange mehr See halten. – Jeder Kenner, dächte ich, müßte ihm seinen nahen Untergang ansehen.« – »Jawohl,« antwortete ich. »Doch, es ist gleich Mittag, Freund, lassen Sie uns gehen . . .« So endigte sich mein pittoreskes Frühstück. Ich habe es dir auf das genauere beschrieben – das wirst du nicht anders sagen können. Dafür muß ich aber, vielleicht zum ersten Male in meinem Tagebuche, drei volle Stunden überhüpfen, so wichtig sie auch indes allen andern Erdenbewohnern sein mögen; Stunden, die in Marseille so hoch gefeiert werden als zu Berlin, und die – daß ich dir ihren ganzen Wert fühlbar mache – jene kostbaren Minuten enthalten, die selbst unserm großen Könige die sichtbarste Belohnung für sein mühevolles Leben darbieten – mit einem Worte: die glücklichen Stunden des Mittags. Ich kann dir sogar von der Eßlust meines Gastfreundes keine Rechenschaft geben: denn, während er an der Wirtstafel aller seiner Sorgen vergißt, halte ich mich mit den meinigen von vorgestern her in einem Nebenkabinette verschlossen, suche zu verdauen und schreibe. Oh, des häßlichen Fisches! Wer nicht Seehunde und Meerwölfe zu Gästen hat, sollte so ein Gericht nicht auf den Tisch bringen. Wie viel habe ich ihm nicht schon bittere Pulver und Stinkkugeln nachgeschickt! Aber sie prallen ab, wie Schrotkörner von einer Mauer. Nichts sprengt – nichts durchbohrt ihn. Jetzt hat sogar mein Wirt aus menschenfreundlicher Teilnahme die verborgensten Schleusen seines Kellers gezogen, und mir eben Weine aus dreier Herren Ländern heraufgebracht, um ihn wegzuschwemmen. Wenn auch dieses holländische Mittel nichts hilft – nun, so mag meinethalben der holprige Mönchsweg morgen die Masse zerreiben, die mich drückt, und der Ekel, den ich bei meiner neuen Bekanntschaft voraussehe, den heben, den mir die vorgestrige zuzog, da es für einen protestantischen Magen schwerlich ein kräftigeres Emetik gibt, als so ein Madonnengesicht. Sollte aber die Ziehung der Schleusen den Feind aus dem Lande treiben – desto besser. Ich habe eben eine geöffnet, und fühle ihre Wirkung schon bis in den Fingerspitzen. Wie viel läßt sich da nicht Gutes erwarten, ehe alle drei geleert sind! – * Für einen Menschen, der früh einen Seesturm erlebte, unter Magendrücken sich eines vergangenen guten Mittags erinnert, und den gegenwärtigen ungenossen verschrieben hat, befinde ich mich noch leidlich genug – danke Gott für meinen weich gepolsterten Sorgestuhl – für den geistreichen Wein, der schon mein ganzes Vertrauen gewonnen hat – für den Trost meiner Feder, und für die gute Laune, mit der ich der Ernsthaftigkeit freundlich die Hand biete. Ob es mir einmal nicht schlimmer zumute sein wird, wenn ich mich in meine phisosophische Klause zu Berlin hinsetzen, und nach Beendigung meiner Reise die Summen, um die mich meine Freigebigkeit, meine Kaufsucht und meine physischen und moralischen Torheiten gebracht haben, aus den täglichen Ausgaben heben, und unter der ihnen gebührenden Rubrik zusammenrechnen werde, ist freilich eher zu wünschen, als zu hoffen. Denn, laß mich auch – um ernstlich zu sprechen – meine Erfahrung seit dem ersten November, wo ich Berlin verließ, bis heute, den dreizehnten Januar, wo ich mich mit einem Meergräuel herumbalge, noch so hoch in Einnahme bringen, so wollte ich doch wohl die fünfzig prahlenden Hefte meines Tagebuchs gegen meinen Schreibkalender setzen, daß der Gewinn den Verlust nicht aufwiegt. Ich weiß zwar meine Rechnung recht gut in Ordnung zu halten; nur schlage ich sie nicht gern nach. Doch, da ich heute weit weniger um die Zeit selbst, als um ihre Anwendung zwischen zwei Armen eines Lehnstuhls, verlegen bin, so will ich doch den Gedanken, der anklopft, hereinnötigen, will zum Spaß die Rotte meiner unnützen Ausgaben der letzten acht oder zehn Tage zusammenstellen, und meinen jüngsten Torheiten die Ehre der Sitzung an meinem Revisionstische vergönnen . . . Ei, ei! lieber Eduard! da habe ich mir einen schönen Spaß ausgedacht! Gott bewahre mich, daß ich ihn fortsetze! Nicht ein Blatt mehr von Deinem verräterischen Schreibkalender möchte ich umschlagen – ich würde fürchten, vor Schwindel unter den Tisch zu fallen. Was ist mit so einer Rechnung anzufangen? Ich kann sie drehen und wenden wie ich will, so wirft sie doch nichts aus, was ich als Gewinn in Einnahme bringen könnte: denn, was hätte mir wohl meine zehntägige Verschwendung eingetragen, außer allenfalls den Fund einer verlornen Schreibtafel – ein paar Puppenspieler, und zwo Ellen gemalte Packleinwand? Das sind herrliche Zugänge der Wirtschaft! Noch dazu darf ich die erste und beste Nummer nicht einmal rechnen; denn sie fällt übermorgen an ihren kranken Eigentümer zu Montpellier zurück. – Die zwote? beschwert mir den Wagen, lebt auf meine Kosten in den Tag hinein, und schickt sich in der Welt Gottes zu nichts, als zu Harlekinaden. Und die dritte endlich? wenn ich die vollends in Anschlag bringen will, so gibt mir das gutes Spiel. – Sie faßt meine jüngste Torheit in sich, die gewöhnlich immer die ärgerlichste ist, und zugleich ein Inventariumsstück wie ich Gott Lob noch keins besitze, das so alt bei mir werden kann als es will, weder gute noch böse Gedanken und nichts erregt, als Gähnen. Es sind – mit einem Worte – und bleiben unverantwortliche Ausgaben. Sie würden es für einen Prinzen sein, der auf Kosten seiner Landstände reiset, geschweige für mich! Womit soll ich den törichten Geldverpraß – nur dieser letzten zehn Tage – geschweige aller der Wochen, decken, die noch unberechnet dahinter liegen? Wie soll ich meiner zerrütteten Privatkasse aufhelfen, und der Entkräftung beikommen, die sie gemeinschaftlich mit meinem moralischen Vermögen erlitten hat? Bei Gott, ich weiß es nicht! – – Doch halt! da kommt mir eben ein Einfall. Wie wäre es, Eduard, wenn ich, in Ermanglung landschaftlicher Beihülfe, einen andern Notreif ergriffe, der, ebensogut als jener, schon manchen leck gewordenen Reisenden in seinen Fugen gehalten, und vor gänzlichem Zerfallen geschützt hat, und, da ich kein Steuer-Ärar in meine Torheiten verflechten kann, das ebenso geduldige, lesende und neugierige Publikum zur Mitleidenheit zöge? – Und warum – laß uns ein wenig darüber nachdenken – warum sollte ich nicht? Der Einfall ist gar nicht so übel. Zeigen sich in der Verfolgung desselben nicht noch unversehene Schwierigkeiten, die mir ihn verkümmern, so werde ich am Ende wohl gar noch dem Sturme , der mir ihn zuführte, eine Ehrenerklärung tun müssen . . . Doch erst muß ich den Sturmmaler, der glänzend und munter von seinem Mittagsmahl hereintritt, aus der Stille meines Schreibtisches entfernen, und ihm etwas zu tun geben, damit er mich in der Ausführung meines Beweises ungestört lasse. – »Können Sie wohl noch Ihre Muttersprache schreiben, lieber Sperling?« – »Das will ich hoffen,« antwortete er mir, nahm eine von meinen Federn und bewies es mir auf der Stelle durch seinen alten Denkspruch, den er mir auf ein Schnittchen Papier schrieb. wie ehemals in mein Stammbuch: Wenn, lieber Künstler, dir zum Lohne Kein Zepter ward und keine Krone, So tröste dich dein Ruhm! Talente, Geist, Geschmack Veredeln selbst den Bettelsack. »Schön!« rief ich aus. »Ihr Denkspruch beruhigt mich ganz über die Zumutung, die ich im Begriffe bin, Ihnen zu tun. Es betrifft die Abschrift eines Briefs, die ich zwar angefangen, aber nicht geendigt habe! denn er ist so lang wie eine Abhandlung. Die Arbeit ist dringend: denn übermorgen muß ich das Original in Montpellier seinem Eigentümer zustellen; nun ist aber der heutige Abend meinem Reisejournal, der morgende Tag unserer bewußten Wallfahrt bestimmt – was ist da zutun? Ich würde sie höchst ungern aufgeben; und doch sehe ich kein ander Mittel – Sie müßten denn die Stunden, die ich dadurch zu kurz komme, übernehmen.« – »Herzlich gern,« fiel mir Freund Passerino ein. – »Getrauen Sie sich mit der Abschrift heute noch fertig zu werden, gut: so können Sie die Postpferde nach Cotignac so früh bestellen als Sie wollen. Der Inhalt der Handschrift wird Ihnen die Mühe des Abschreibens gar sehr versüßen; denn es sind Rhapsodien über Talent und Geschmack.« – »Oh, geben Sie her,« unterbrach er mich hastig: »über so einem Thema könnte ich ganze Nächte aussitzen.« – »Eine Bedingung jedoch«, fuhr ich fort, »müssen wir noch festsetzen, daß keiner nämlich den andern störe. Ich brüte hier über einer häklichen Sache, die keine Zerstreuung zuläßt; und doch ahndet mir, daß Ihnen beim Abschreiben nichts schwerer fallen wird, als das Maul zu halten. Es ist natürlich: einem Kopfe. wie der Ihrige, müssen bei so einer Materie Zweifel die Menge aufstoßen. Ich gebe sie Ihnen alle im voraus zu, nur anhören mag ich sie nicht; und müssen sie Ihnen ja über die Leber, so setzen Sie sie neben Ihre Abschrift als Randglossen – das soll Ihnen erlaubt sein. – Unter diesen Maßregeln, die ich zu meiner Sicherheit für notwendig hielt, stellte ich ihm einen Tisch, dem meinigen gegenüber, in das Fenster, legte ihm den Brief des Landjunkers vor – wies ihm die Zeile, bei der ich stehen geblieben, und bin durch diesen Ausweg zwoer großen Beschwerlichkeiten auf einmal los geworden – der undankbaren Mühe des Abschreibens und seiner Unterhaltung . . . * Abends neun Uhr. Wie ich glaube – denn gewiß weiß ich es doch nicht – bin ich auf der vorigen Seite mit den Patrioten, den Philosophen und dir völlig zu Rande gekommen – habe von euch allen die Erlaubnis ausgewirkt, mein Tagebuch drucken zu lassen, und meine Aktien sind nun im Steigen. Doch fürchte nicht, Eduard, daß mich diese abgeschüttelten Sorgen verleiten werden, meinen alten Haushalt so fortzusetzen, als meine niedergeschriebenen Hefte besagen. Gott bewahre! Ich wünsche Gegenteils, – und ich kann wohl sagen, mit aufrichtigem Herzen – daß von nun an nur die reinsten Tugendbilder aus meinem Leben zurückstrahlen und meine Feder beschäftigen mögen. Nur mute mir niemand zu, ihr eine schöne Lüge unterzulegen, in dem Falle, daß ich dir eine häßliche Wahrheit zu gestehen hätte. Daraus wird nichts. Wer Guckkasten von so erbaulicher Zusammensetzung verlangt, lasse mein Tagebuch ungelesen, und suche sich einen unter den zweien – dreien – aus, die er selbst in der kleinsten Stadt findet . . . * Um Mitternacht. Ich muß doch meine Feder noch einmal ansetzen, die, wie meine müd getriebenen Gedanken, länger als zwo Stunden geruht hat, um dir die Lage zu schildern, in der ich mich schaukele; denn sie ist gar zu schnakisch. Entschuldige nur meine großen Buchstaben. Wenn ich sie hinsetze, kommen sie mir winzig klein vor; aber sie wachsen, wie sie mir entschlüpft sind, hüpfen mir über die Zeilen, wie die Lämmer, und vermehren sich auch, glaube ich; denn mitunter sehe ich sie doppelt. – Der Wein des Wirts ist so wohlschmeckend, als er stark ist. Wenn der nicht gegen den Seekobold Recht behält, so tut es keiner. Ich trinke ein Glas ums andere mit neuem stillem Vergnügen. Mein Lehnstuhl umarmt mich mit einer Herzlichkeit, daß ich nicht daran denken mag, ihn zu verlassen, und Passerino macht mir unendlichen Spaß, ohne daß er es selbst weiß. Ich sitze ihm im Rücken und höre ihn abschreiben. Im ganzen Ernste, Eduard, ich höre ihn; denn er murmelt zu jeder Zeile seine Randglosse – stritte gern dem armen Landjunker jedes Wort ab, und geberdet sich – nein, der Teufel könnte es nicht ärger, wenn er ein Evangelium abschreiben müßte. – * Der Mensch kann – – – * Mein ehrwürdiger Freund und Gönner haben mir – dem Maler Sperling – gütigst übertragen, die Zeile, die unter Ihren Händen verunglückte, vollends auszubilden. – Der Mensch, gedachten Sie zu sagen, kann alles, was er will. In Beziehung auf die drei Bouteillen mag es auch seine Richtigkeit haben; denn Sie haben solche ausgeleert, wie es Ihr Wille war. Nachher aber reichte die Sentenz nicht weiter – denn Sie wollten fortschreiben, aber Sie konnten nicht. Der Wein scheint eine andere Richtung genommen zu haben, als der liebe Herr erwartete; denn anstatt den Magen auszuspülen, ist er ihm zu Kopfe gestiegen, und hat außerdem nicht gewirkt, als ein starkes Zittern an Händen und Füßen und ein wenig Schwindel. Da sich alles das hinter meinem Rücken gemacht hat, so erschreckte mich eine so unerwartete Erscheinung nicht wenig, als ich mit der Abschrift fertig war, und mich herumdrehte, um sie ihrem Herrn zu überliefern. Ich habe sie, wie auch das Original, einstweilen dem Herrn Kammerdiener zugestellt, mit dessen Beihülfe ich eben den Kranken zu Bette gebracht habe. Ew. – ich lasse als Titulatur weg, da ich nicht weiß, an wen ich die Ehre habe zu schreiben – dürfen also unsers gemeinschaftlichen Freunds halber ganz außer Sorgen sein. Der nächtliche Schlaf wird den Unfug wohl heben, den der Wein aus dreier Herren Ländern angerichtet hat; und da wir morgen mit dem Frühesten – auf sehr holprichtem Wege – über Land fahren, so ist kein Zweifel, daß diese starke Bewegung dem hartnäckigen Streit mit dem Seefische – der leider noch immer besteht – einen glücklichen Ausgang verschaffen werde. – Wie die Zeit vergeht! Schon zwo Stunden über Mitternacht! Der Herr schlafen – aber etwas unruhig. Mein Licht ist abgebrannt – ich darf nicht länger hier säumen, wenn es mir bis an die Haustüre noch vorleuchten soll. Marseille Den 12. Februar. Ich komme heute weder von der Maria zu Cotignac, wie du nach der letzten Zeile glauben mußtest, die ich schrieb, noch von sonst einem andern christlichen oder heidnischen Götzenbilde, sondern viel weiter her, und zu dir zurück, mein unschätzbarer Freund. Ein neues, reines Blatt liegt vor mir, mit dem ich heute ein frisches Tagebuch anfange. – Fortsetzen kann ich das ältere nicht, denn es ist auf meiner beschwerlichen Reise verräumt worden. Seit wir uns kennen, mein Eduard, sind die letztvergangenen vier Wochen die ersten, in denen ich keine Stunde an dich gedacht habe. Dafür bist du mir auch jetzt lieber als jemals. – Ich komme aus den dunkelhellen Gefilden zurück, die an die Finsternisse des Todes grenzen, hörte schon in der Nähe den Strom rauschen, der alle Geschlechter der Erde fortschwemmt, und sah die Dämme von Schlamm weit unter mir, die wir in der Selbstgenügsamkeit unseres Stolzes gegen den Zufluß reiner Quellen um unsre Froschgräben ziehen, und die uns jede Aussicht in das Freie versperren. Die Zeit schien schrecklich vor mir vorüber zu fliegen. Jede laufende Minute hing ihr ein Sterbeglöckchen mehr an. Von unzählig eilenden Pulsschlägen erschüttert, tönten sie in ein fürchterliches Geläute zusammen, gegen welches das Geklimper auf unsern Kirchhöfen Harmonie ist. Ich floh dem Tode mit heißer Begierde entgegen, um aus diesem Gesause der einstürzenden Welt und aus ihrem Staube zu kommen; und doch trieb mich – der Schauer der Ewigkeit immer wieder aus seinen ausgestreckten Armen zurück. So flatterte mein Geist in jener unbekannten Wildnis, die an den Zaun unsres Lebens anstößt, ungewiß umher, ohne daß ihm ein Mondschimmer vorleuchtete, oder ein freundlicher Stern begegnete. So hob sich meine Seele, leicht wie ein Dunst, aus ihrem zerbrochenen Gefäße. – Hinüber – hinüber war der einzige seufzende Laut, den ihr die Angst der Verzweiflung abdrang. Sie hatte nur noch einen Schwung zu tun, um da zu sein, wo sie hinstrebte, als eine unsichtbare Gewalt sie aufhielt, und eine freundschaftliche Stimme ihr zurief. »Kehre um, meine Schwester! Es gibt viel schönere Eingänge in dieses Tal – kehre in das Leben zurück, um sie zu suchen.« Und was fand sie, als sie, aus ihrer Höhe herabgewirbelt, wieder auf den Standpunkt kam, von welchem sie aufstieg – als statt der Phantome, die sie umgaukelten, sie wieder Menschengestalten erblickte, und fragen konnte: »Wo ist die schwesterliche Seele, die mich in das Leben zurückzog? – Ach! sie fragte umsonst; aber sie fand ein Herz, das in der Hitze eines schrecklichen Fiebers, unter Prasseln, Toben und Angst zergangen, gleich einem edeln Erz von seinen Schlacken gereinigt, nun abgekühlt auf den Boden gesunken, wie ein funkelndes Goldkörnchen da lag. Die rauhe Schale, die es sonst umgab, ist verschwunden; was es aber an unnützem Gewichte verlor, hat es an Wert gewonnen – denn die Mühe der Bearbeitung, die Schmelzkosten sind überwunden, und sein wahrer Gehalt ist durch das Feuer bestätigt . . . Ich habe meine Uhr, die mir die Fehltritte meines Lebens zu bezeichnen aufhörte, als mein überirdischer Traum anhob, und die während meines Kampfs mit der Ewigkeit stillschweigend über meinem Kopfküssen hing – heute zum erstenmal wieder in Gang gesetzt, und – Gott, mit welcher Empfindung! Jede Sekunde, die den Zeiger jetzt weiter rückt, jeder Laut, den sie an die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft anschlägt, jede halbe Note auf der Tonleiter der Zeit, und jeder Schwung derselben, der den Totentanz unserer Stunden entwickelt – durchzittert die feinsten Fasern meines Herzens, und verstärkt den Nachhall meines bittern Bewußtseins. Doch ich höre meinen Arzt, der unter mir wohnt, die Treppe heraufsteigen. – Sein sterblicher Name ist Sabathier. – Er fließe nie als mit dankbarer Ehrfurcht über meine Lippen! – * Eben ist der menschenfreundliche Mann von mir gegangen. – Aber, welch ein schweres Verbot ließ er mir nicht zurück! – »Was schreiben Sie?« fragte er, nahm mir das Blatt unter den Händen weg und las. Es ist das erstemal, daß ein strenges Auge in mein Tagebuch blickt. – »Nein,« rief er, »in diesem Tone dürfen Sie nicht fortfahren. Sie müssen sich durchaus des Gebrauchs Ihrer Feder noch einige Tage enthalten. Wenn es mir auch nicht Ihr Puls verriete, diese Zeilen würden es tun, daß Sie noch krank sind. Im ganzen Ernste, lieber Freund, muß ich Ihnen unter der gewissen Bedrohung einer noch längern Einkerkerung auflegen, Ihren überspannten Vorstellungen, Ihren kostbaren Ausdrücken im Reden und Schreiben nach Möglichkeit entgegenzuarbeiten.« – »Und durch was, lieber Doktor?« fragte ich. – »Durch ein Lot Fieberrinde, ehe Sie Ihren Spargel essen,« antwortete er mir, »und durch ein Glas Limonade nach Tische.« – Und so ging er. – Was will der Mann mit diesem Rezepte? Ich dächte, ich hätte nie hellere Vorstellungen gehabt, und sie, seitdem ich schreiben kann, nie so deutlich und natürlich entwickelt, als diesen Morgen. Doch, ich will nicht mit ihm streiten. Meine erste Tugend soll sein, wie bei einem Kinde – Gehorsam – der pünktlichste Gehorsam. Denn ehe ich den Blick ins Freie und den Balsam der Luft noch länger entbehren möchte, wollte ich lieber durch einen Eid ewig auf meine Feder Verzicht tun. * Den 15. Februar Zwei Tage und eilf Stunden bin ich armer Entkräfteter mehr unter fremder als eigener Sorge für die Erhaltung meines schwankenden Daseins nun weiter gerückt, und ein stärkender Schlaf der vergangenen Nacht hat mir viel Gutes getan. Er hat meinen Kopf so befestigt, daß ich ihn nicht mehr zu stützen brauche, und hat mir, Gott sei Dank, die Erlaubnis meines Arztes verschafft, dir wieder schreiben zu dürfen. Aber sieh nur, wie genau er es mit mir nimmt. Hat er mich nicht, wie einen Anfänger, in die Grenzen einer einzigen Blattseite eingezäunt, die ich, bei Verlust meiner Freilassung, nicht überschreiten darf? Dafür ist er aber auch so gütig gewesen, den Raum der Zeit, den er mir zu diesem süßen Geschäfte frei läßt, desto weiter auszudehnen, und mir den ganzen vorliegenden langen Tag dazu auszusetzen. Sollte man aus dieser Einrichtung nicht schließen, der gute Mann habe es nur darauf angelegt, dir zu etwas recht scharf Gedachtem und Geistreichem zu verhelfen? Nichts weniger! Gerade dagegen hat er die ernstlichsten Vorstellungen gemacht. Er will durchaus, daß ich mein Papier mehr mit Worten als mit Gedanken füllen, und wenn wider Verhoffen mir etwas in die Quere käme, das diesen Namen verdiente, ich geschwind aufspringen und einen Kamm durch mein Haar ziehen möchte. – Hast du je gehört, Eduard, daß man bei uns so eine Diät vorschreibt, oder haben unsere Ärzte bei ihren Patienten von dieser Seite nichts zu besorgen? Zu einem Zwischenzeitvertreib hat der Doktor Bastianen aufgegeben, mich mit meiner Krankengeschichte zu unterhalten. Da sich meine Erinnerungskraft ganz verkrochen hat, so ist es mir in der Tat lieb, von einem so nahen Zuschauer den Gang eines Dramas zu erfahren, in welchem ich die erste Rolle spielte, ohne es selbst zu wissen. Er hätte, sagte er, gleich beim ersten Aufzuge sich nichts Kluges von derselben versprochen; denn er habe, als er in meine Kammer getreten sei, um mich zu meiner malerischen Reise zu wecken, mich im Hemde an dem offenen Fenster gefunden. – »Ich verbarg mein Erstaunen«, fuhr Bastian fort, »und fragte, ob Sie sich nicht ankleiden wollten? – In der heftigsten Bewegung antworteten Sie: »Geh! kaufe mir einen Rock von Schnee gewebt und eine Mütze von Eis!« – Es war die erste unpassende Rede, die ich noch von Ihnen gehört hatte – denken Sie, wie sie mich erschreckte! – Herr Passerino, fing ich mit zitternder Stimme an, wartet schon seit einer Stunde in dem Vorsaal, und die Postpferde – – – »Was?« fielen Sie mir in das Wort, und Ihre Augen flammten, »der Kerl ist aus Spandau entsprungen? Leg ihm gleich die Fesseln an und übergib ihn der Wache.« – Jetzt säumte ich nicht länger. – Ich rief nach Hülfe durch das ganze Haus, stellte den Maler an die Treppe, um allen Lärm abzuhalten, schickte den Hausknecht nach dem ersten Arzte, den er auftreiben könnte, ließ Ihren Reisewagen abspannen und lauerte endlich in der größten Angst an der Haustüre auf die Ankunft des Marktschreiers – dies ist kein Schimpfwort – es war sein eigentlicher Charakter, wie es sich erst auswies, als es beinahe zu spät war. Er bezeigte eine herzliche Freude, Sie wieder zu sehen. – »Den Herrn«, sagte er mir gleich bei seinem Eintritte, »habe ich schon vor einigen Monaten zu Bruchsal in der Kur gehabt. – Mit seiner jetzigen Krankheit hoffe ich ebensobald fertig zu werden als damals.« – Wie froh war ich über den glücklichen Zufall, der diesen Mann hierher brachte! Auch Sie schienen sich seiner zu erinnern, und ich mußte glauben, daß er in keinem geringen Ansehn bei Ihnen stände; denn Sie folgten ihm auf den Wink. – Er befahl Ihnen, das Fenster zuzumachen und sich zu Bette zu legen. Sie gehorchten ohne Widerrede. – Jetzt flog er zur Tür hinaus, um selbst die Arznei zu holen, brachte sie, gab mir eine gedruckte Anweisung zu ihrem Gebrauche, und flog wieder davon. Er entschuldigte seine Eile mit öffentlichen Geschäften, die ihm oblägen, rieb sich die Stirn, sprach von Aufopferung und Versäumnis, und als ich darauf erwiderte, daß er sicher auf ein schönes Gratial rechnen könnte. – »Ach, ich weiß es, ich weiß es,« antwortete er, ließ sich aber dennoch vor Abends nicht wieder sehen. Auf diese Art setzte er seine Kur in Gang, und brachte Sie, trotz seiner seltenen Besuche, mit jeder Stunde einen Schritt näher zum Grabe. Ich fürchtete alles, und doch beruhigte mich sein Geschwätz und das Glück, auf das er sich immer bezog, Sie schon einmal vom Tode gerettet zu haben. Es ist alles in seiner Ordnung, antwortete er auf meine bedenklichsten Mienen. – Er war über nichts verlegen, hatte zu jedem neuen Symptom auch schon ein Fläschchen in der Tasche, und so schien es am siebenten Morgen ganz auch in seiner Ordnung zu sein, daß er den Kopf schüttelte, die Achseln zuckte, und zu stottern anfing, wenn ich ihn fragte. Jetzt erwachte mein Mißtrauen in seiner ganzen Größe, und eben wollte ich in der Verzweiflung meines Herzens den elenden Kerl zur Türe hinausstoßen, als sie sich öffnete und ein Mann von dem edelsten Ansehen herein – vor Schrecken aber wieder zurücktrat, sobald er Ihrer ansichtig ward. Zugleich faßte er auch den Arzt in das Auge, und trat auf ihn zu. – »Ist das nicht«, fragte er, »der Schreier von dem Pferdemarkte? – Freund, wie kommt Er hierher?« – »Man hat mich rufen lassen,« antwortete der Unverschämte, »aber zu spät. Ich bin übrigens ein guter Bekannter von diesem Herrn – habe ihm schon in Deutschland von einer schweren Krankheit geholfen – leider sind aber diesmal seine Umstände zu gefährlich und ganz hoffnungslos, das muß ich sagen.« – »Das soll ein Arzt beurteilen, der es versteht,« versetzte der Fremde, »und im äußersten Falle auch die Polizei. – Dem Kranken keine Arzneien weiter bis ich zurückkomme,« wendete er sich gegen mich und eilte davon. – »Oh, meine Mittel«, setzte nun der trotzige Kerl seine Rechtfertigung gegen mich fort, »werden jetzt weder schaden noch helfen. – Den Wundermann möchte ich sehen, der seinen Herrn zu retten vermöchte. Die Krankheit selbst hätte eigentlich nichts zu bedeuten. Ich habe den Prinzen von Rohan von einer dergleichen befreit, die noch heftiger war: aber bei einem Protestanten ist ihr nicht beizukommen: denn sein hitziges Fieber ist nur die Folge seines bösen Gewissens. Wäre sein Herr von unserer Religion, so hätte dieser Umstand gerade am wenigsten zu sagen. Der erste beste Mönch würde die Sache in einer Viertelstunde geschlichtet haben; aber eine Seele mit Verbrechen beladen, auf die kein Weihwasser, keine Monstranz, keine Madonna wirkt, entschlüpft oft dem geschicktesten Arzte unter den Händen und fährt zum Teufel, wenn auch der Körper längst wieder in Ordnung gebracht ist – und das ist hier der Fall!« – »Unmöglich,« antwortete ich: »Torheiten kann der arme Herr begangen haben, das will ich zugeben; aber Verbrechen gewiß nicht. Ich bin seit dem Neujahrstage in seinen Diensten und tagtäglich um ihn, und weiß doch auch was Sünden sind; aber ich müßte es lügen, wenn ich ihm die geringste nachsagen wollte.« – »Mir darf sein Herr so etwas nicht weiß machen,« versetzte der Zahnarzt; »ein hitziges Fieber ist gar ein plauderhaftes Ding, und zum Glücke verstehe ich die beiden Sprachen, in denen Sein Herr wechselsweise irre redet. Ach, ich könnte Ihm das Mißverständnis wohl öffnen, lieber Mann; aber was geht es mich an? Ich bin heilfroh, daß ich hier aus dem Spiel komme. – Die Polizei? das ist zum Lachen! Habe ich mich denn aufgedrungen? Hat mich denn mein alter Freund nicht rufen lassen? Ohnehin breche ich morgen mein Theater ab, und ziehe weiter. – Sorge Er ja auch beizeiten für sich, Herr Kammerdiener, und leb' Er wohl! – Meine Rechnung will ich jetzt gleich mit dem Wirte abmachen.« – »Für die sollte der Esel von Hausknecht haften, der ihn geholt hat!« rief ich ihm nach und schlug die Türe hinter ihm zu. Nicht lange nachher führte der Fremde den Arzt herein, der Sie mit Gottes Hülfe bis hierher gebracht hat. Er fing seine Kur freilich auch damit an, womit der erste die seinige endigte – mit Kopfschütteln; aber es dauerte nicht lange, so setzte er Ihren ganzen Haushalt in Bewegung, und schickte zu gleicher Zeit in vier Apotheken, damit kein Rettungsmittel über die Zubereitung des andern zu spät käme. Ich mußte einen Chinatrank, der Prologus spanische Fliegen, der Epilogus ein Klistir und Passerino Blutigel holen. Unterdessen schrieb der Fremde – – –« »Aber wer ist denn der Mann,« unterbrach ich hier meinen Bastian, »der sich meiner so freundschaftlich annahm?« – »Das,« antwortete er, »habe ich nicht herausbringen können, weder von ihm selbst, noch von dem Herrn Sabathier.« – »Er schrieb also«, fuhr der Erzähler fort, »ein Briefchen an den Kommandanten, das er durch den Wirt selbst abschickte, und welches sogleich die gute Folge hatte, daß die Gasse mit Sand bestreut, für die Wagen gesperrt, und der erschütternde Lärm von außen gedämpft wurde. Nun setzte er sich mit trauriger Miene an Ihr Bette, und befahl, die Ermüdetsten von uns sollten sich schlafen legen, damit wir Tag und Nacht im Dienste abwechseln könnten.« – Weißt du wohl, Eduard, wen sich meine Einbildungskraft bis hierher unter diesem für mich so besorgten Manne vorstellte? Dich, Teuerster, oder meinen Jerom. Konnte mir der Teufel, dachte ich, einen so abscheulichen Bekannten als den Zahnbrecher nachschicken, um mich in die Hölle zu treiben – warum sollte es nicht meinem guten Genius ebenso möglich gewesen sein, einen Freund zu meiner Rettung herbeizuführen? Freilich wär' er beinahe zu spät gekommen; aber reist das Verderben nicht immer geschwinder als die Hülfe? Die Folge der Erzählung meines Bastians benahm mir diese schöne Hoffnung auf einmal; denn, wie er mir sagte, tat der Fremde Fragen an ihn, die allein schon zeigen, wie unbekannt ich ihm sein müsse. Ich fuhr, zum Beispiel, bald nach seiner Erscheinung mit der Hand nach der Stirne, vermutlich weil die Blasenpflaster zu ziehen anfingen, und rief ängstlich dabei: »O Margot, meine liebe Margot, binde mir geschwind dein warmes Halstuch um« – und da glaubte der gute Mann, ich wäre verheiratet und fragte, ob meine Frau in der Nähe sei? – »Ach nein,« antwortete Bastian weinend, »es ist meine Schwester, die ihm im Sinne liegt; wollte doch Gott, sie wäre hier!« – Eine Weile nachher schrie ich: »Heilige Klara von Falkenstein!« – »Ich höre,« sagte darauf der Unbekannte, »daß der Kranke unsers Glaubens ist. – Wie kommt es, daß ihm noch kein Mensch das Viatikum anbeut?« – Ich rief heftig dazwischen, als ob ich ihm das Gegenteil beweisen wollte: – »Weg – weg von mir, abscheuliches Geschöpf mit deinen höllischen Geistern und deinen Kreuzen!« – Hier sah sich der Herr noch einmal nach uns um, sagte Bastian. – Ich traute mir nicht zu antworten, aber der Epilogus nahm das Wort. »Ach Gott,« sagte dieser, »das ist eine gar lange Geschichte. – Die Klara, von der unser Kranker spricht, ist ein wunderschönes Mädchen zu Avignon. – Kennen Sie etwa den Herrn Ducliquet?« – »Ich habe nicht die Ehre,« antwortete der Fremde. – »Nun, so wird es schwer werden,« fuhr der Epilogus fort, »Ihnen die Sache verständlich zu machen. So viel kann ich Ihnen sagen, daß dieses Mädchen die Steine der heiligen Dreifaltigkeit in sich tragen soll, die der katholischen Kirche seit langer Zeit abhanden gekommen sind. – Ob sie mein Herr bei ihr gesucht hat, weiß ich nicht gewiß, aber ich glaube – – –« – »Wie lange«, unterbrach ihn der Unbekannte, »ist Er bei dem Herrn in Diensten?« – »Seit dem achten vorigen Monats,« antwortete der unleidliche Schwätzer. »Vorher war ich ein Puppenspieler, nachher Grenadier unter der päpstlichen Garde, werde aber jetzt im Hause der Epilogus genannt, und der Prologus ist mein Bruder.« – »Ich dächte, mein Freund,« versetzte der Fremde ernsthaft, »Er ginge schlafen. Er scheint es mir nötiger zu haben als ein anderer.« Der Kerl ließ es sich nicht zweimal sagen, und ich, Eduard, bin recht froh, daß er fort ist. Um Gottes willen, was muß sich mein unbekannter Wohltäter für einen Begriff von meiner Wirtschaft gemacht haben! Es ist ihm wahrlich nicht zu verdenken, daß er sich jetzt nicht weiter um mich bekümmert. – Aber mein Blatt ist leider zu Ende. Pünktlicher kann man wohl seinem Arzte nicht gehorchen; denn, wenn du dir nicht selbst Gedanken bei meiner Geschichte machst, von mir liegen gewiß keine darin. * Den 16. Februar »Da haben Sie recht!« lächelte mich der herzensgute Sabathier diesen Morgen an, nachdem er mein gestriges Blatt bis auf die letzte Zeile durchgelesen hatte, »das hat Ihnen den Kopf schwerlich angegriffen. Wenn Sie mir versprechen, so fortzufahren und daran Spaß finden, so erlaube ich Ihnen heute ohne Bedenken einige Seiten mehr. –« So will ich mich denn an meinen eigenen Anekdoten auch recht satt schreiben. Wenn diese nicht echt ausfielen, so müßte keinen in der Welt mehr zu trauen sein, da hier die gewiß seltenen Umstände zusammentreffen, daß der Held der Geschichte sie aus dem Munde eines Augenzeugen nachschreibt. – »Der Prologus«, nahm Bastian den Faden seines gestrigen Berichts auf, »trat jetzt an die Stelle seines zu Bette geschickten Bruders, und der fremde Herr hielt seine erste Nachtwache an dem Ihrigen – ganz besonders glücklich für Sie: denn gegen drei Uhr stiegen Ihre Phantasien, die ohnehin rätselhaft genug waren, so hoch, daß Sie aus Ihrem französischen Jargon in den deutschen fielen, den, außer Ihrem vornehmen Wächter, niemand von uns verstand. Wie hätten wir mit Ihrer Ungeduld zurechtkommen wollen? So forderten Sie einmal etwas mit der ängstlichsten Heftigkeit. Während wir nun aus gleichem Mißverständnisse, ich nach Limonade und der Prologus nach dem Fliegenwedel liefen, hatte Ihnen der Fremde schon gebracht, was Sie verlangten.« – Und was war es denn, Bastian?« fragte ich. – »Also erinnern Sie sich wohl gar nicht einmal, was Sie zerrissen haben?« – »Ich weiß kein Wort davon.« – »Nun, so will ich nur wünschen, daß es Sie hinterher nicht noch gereue. Es waren die vielen Hefte, die Sie gewöhnlich alle Abende um einen oder zwei Bogen verstärkten, und die aus Ihrem Schreibetische noch aufgehäuft beisammenlagen.« – »Mein Tagebuch, Bastian? das hätte ich zerrissen?« – »Jawohl, mein lieber Herr, in tausend kleine Stückchen. Die Arbeit schien Ihnen eine rechte Freude zu machen. Der Fremde mußte Ihnen ein Heft nach dem andern zureichen. Sonderbar war es, daß Sie die Anzahl davon auf das genaueste im Kopfe hatten, ungeachtet seiner großen Schwäche. Sie forderten den ersten, den zweiten und so fort, und wurden nicht eher ganz ruhig, bis auch der letzte vernichtet war, das arabische Manuskript ausgenommen, das Herr Passerino nebst seiner Abschrift bei mir niedergelegt hat. Ich saß mittlerweile ganz still neben der Nachtlampe und dachte wehmütig den vielen schönen Stunden nach, die ich Sie an diesen unglücklichem Papieren mit einem Ernst hatte verschreiben sehen, als wenn Sie für die Ewigkeit schrieben. Sie aber wendeten sich, wie die Sache geschehen war, mit dem heitersten Gesichte und in französischer Sprache zu dem Fremden: »Jetzt, Herr Prokurator, tun Sie mir den Gefallen und befreien mich von diesem Plunder. – Tragen Sie ihn dort ins Kamin – der Prologus soll ihn anstecken.« Als die Flamme aufloderte und die dunkle Stube bis an die Decke erleuchtete, riefen Sie ein Bravo über das andere, und: »Sehen Sie nicht, Herr Prokurator«, sagten Sie halb leise zu dem Herrn, »wie lustig die heiligen Engel den brennenden Scheiterhaufen umflattern? – Wohl gut, daß der Quacksalber der Exekution Ihres Tagebuchs nicht mit beiwohnte: er hätte sicher Ihr strenges Urteil für eine Selbsthülfe Ihres bösen Gewissens erklärt. Für eine wohltätige Krise hielten wir es indes alle; denn Sie fielen gleich darauf, zum ersten Male seit acht Tagen, in Schlaf und atmeten so frei, als ob Ihnen eine drückende Last von dem Herzen genommen sei. Auch ich begab mich nun zur Ruhe – Passerino löste mich ab. – Als aber der Tag anbrach, kam ich so neugestärkt wieder auf meinen Posten, daß der fremde Herr kein Bedenken fand, mir seinen Stuhl an Ihrem Bette einzuräumen, und sich auf einige Stunden zu entfernen. Sie schliefen noch eine gute Weile ununterbrochen fort. Aber ach! wie rührten Sie mich durch Ihre freundlichen Phantasien, als Sie aufwachten! Sie hielten mich für meine Schwester. »Meine gute Margot,« wendeten Sie sich in sanfter abgebrochener Stimme nach mir, »wie freut mich dein lieber Besuch! Oh, wie übel ist es mir die vielen Jahre her ergangen, seit ich von deinem Bette weg bin! – Lebt denn mein treuer Johann noch? – Nun, das höre ich gern. Wie viel habt Ihr Kinder? – Deine Mädchen sind wohl sehr schön? Nimm sie um Gottes willen vor den Domherren, vor den Pröbsten und vor den – Mönchen in acht – das – bitte ich dich. – Laß ihnen weder schreiben lernen, noch lesen; denn sonst stänkern sie in allen Legenden. Sprich nie mit ihnen von Tugend, damit sie gar nicht erfahren, daß es Laster gibt; sondern erziehe sie häuslich, reinlich, fröhlich und ganz so wie du warest, als ich dir deinen Strohhut aufsetzte. – Das versprich mir. Was aus deinem Bruder geworden ist, mag Gott wissen. Hieß er nicht Bastian? Ich höre und sehe nichts von ihm. Er hat mir etwas mitgenommen, das mir sehr wert war – dein liebes Gesichtchen. – Gott verzeihe es ihm! – Aber was ist dir denn begegnet, Margot? warum weinst du? Hier nimm mein Schnupftuch – trockne deine Tränen damit ab. Ich habe es nicht nötig, denn in meine brennenden Augen ist seit Jahr und Tag keine gekommen.« – – Zu meinem Glücke verfielen Sie hier in Ihren vorigen Schlummer, und ich bekam Zeit, mich zu erholen; denn jedes Wort Ihres Selbstgesprächs zerriß mir das Herz. – Ob wohl meine gute Schwester es empfunden haben mag, wie gegenwärtig sie Ihnen war? Das möchte ich wissen. Nun verging wieder eine volle Stunde, ehe Sie aufwachten, und es war eben Zeit, daß Sie einnehmen. Ich reichte Ihnen die Tasse. Sie sahen mich bedächtig an. »Ach, bist du es, Bastian?« sagten Sie endlich. »Gut! Ziehe geschwind deine Livree an, ich muß dich nach Hofe schicken. Du weißt doch, wo die Frau Oberhofmeisterin wohnt? Mache ihr meine Empfehlung, und sage ihr in meinem Namen – doch ließ ich um Verschwiegenheit bitten – daß ihre so wohlerzogene, schöne, junge Prinzessin – – –« Aber auf einmal sprachen Sie wieder deutsch und Ihr Auftrag ging für mich verloren. – »Das tut mir leid, Bastian. Verstandest du denn gar nichts davon?« – »Nichts als zwei Worte, die Sie einigemal wiederholten: Kabinett und Kapelle.« Mehr brauchte ich nicht zu wissen, um auch dieser Phantasie meines kranken Gehirns auf die Spur zu kommen. Es war der Dunst einer Anekdote, die mir aus der Asche meines verbrannten Tagebuchs zu Kopfe stieg. Ich hatte sie dir, kurz vor meiner Flucht aus Avignon, in einem nicht minder fieberhaften Zustande, einem pensionierten Kammerherrn nacherzählt. Sie ist drollig genug, und kann uns einst zu Berlin eine müßige Abendstunde vertreiben helfen. Um mich darauf zu bringen, darfst du nur eines gewissen roten Turms und einer kleinen Prinzessin erwähnen, die Jettchen hieß. – »Doch erzähle Er nur weiter, Herr Kammerdiener. Was ging denn sonst noch mit mir vor? – »Etwas sehr Erwünschtes. Die letzten Tropfen mußten mit Mohnsaft versetzt sein, denn Sie schliefen unter dem Reden ein und in einem fort bis den Abend. Herr Sabathier besuchte Sie inzwischen dreimal, ohne daß Sie ihn hörten; aber Ihr Puls und Ihr hochrotes Gesicht wollten ihm keinmal gefallen. – »Es ist noch nicht der Schlaf, den ich wünsche,« sagte er zu mir im Weggehen, »und ich fürchte sehr für den neunten Tag.« – Ach, er hatte nur zu wahr gesprochen; denn mit dem Eintritte desselben ward ihr Zustand immer furchtbarer, bis zum zwölften. Ihr unbekannter Wohltäter verließ Sie, so wenig als Herr Passerino, diese Zeit über keinen Augenblick, und hatte sich ein Feldbette neben dem Ihrigen aufschlagen lassen. Sie fielen aus einer Phantasie in die andere. – Wenn Sie sprachen, war Ihre Stimme laut, feierlich und erhaben. Ihre Reden an Gott, an die Natur und an sich selbst hätten verdient, aufgeschrieben zu werden, und kein Regent würde die Strafpredigten, die Sie als Hofkapellan an einen der deutschen Fürsten zu richten schienen, ohne Erschütterung angehört haben. – Dies waren – nicht Bemerkungen von mir, wie Sie wohl denken können, sondern die Urteile Ihres Arztes und des fremden Herrn, die sich oft beide über die hohen Wahrheiten wunderten, die in Ihren Schwärmereien lagen. Sobald Sie sich aber zu den armen Mönchen und in unsere Kirchen verirrten, da ward einem nicht wohl zumute in Ihrer Nähe. Ich habe oft Gott gebeten, Ihnen die Schmähungen nicht zuzurechnen, die Sie in der Heftigkeit Ihres Wahnsinns gegen unsere geheiligte Religion ausstießen. – Einmal schrien Sie: »Oh, des gottlosen Papsts! seine glühenden Schlüssel leuchten mir vor auf dem Wege zur Hölle.« – Dann und wann hatten Sie es mit den Buhlerinnen zu tun. Dann hielten Sie gemeiniglich die Hände vor das Gesicht, schluchzten und schlugen sich vor die Stirn. Sie erschreckten uns oft außerordentlich, besonders einmal den armen Passerino, der sich einfallen ließ, Ihre feurigen Augen zu kopieren – zu seinen Studien, wie er sagte. Sie fuhren ihm so geschwind nach der Gurgel, daß er kaum Zeit hatte, sich zu retten. – »Elendes Schlachtvieh!« riefen Sie mit durchdringender Stimme, »bücke dich nieder, damit ich dich an dem Altare des Neptuns erwürge. Stümper aller Stümper, wie konntest du die Größe der Natur so verkleinern? – Das tobende Meer liegt vor deinen Augen, und du malst einen Sumpf. Dein Mond ist ein Irrwisch, und dein Äther grobfädig und verschossen, wie dein Staatsrock. Gedenkst du mich auch, wie unsere arme Angola, in dem Gestanke deiner Farben zu ersticken? Du willst mich malen? Du?« – »Ach, der arme Herr!« seufzte Passerino, »welcher bejammernswürdige Zustand! Das war unstreitig der stärkste Paroxismus seiner ganzen Krankheit. Am besten, ich schleiche mich weg, damit er meiner nicht gewahr wird. Lassen Sie mir es sagen, wenn er wieder bei Verstande ist.« – Er ging und kam auch wirklich nicht eher wieder. – Ein andermal – – – Doch, wie mag ich mich dabei aufhalten? Sie waren ja nicht bei sich. – Ist das nicht mit einem Worte alles gesagt?« – »Nein, nein, Bastian, damit kommst du nicht los. Was meintest du?« – »Ein andermal also bekamen Sie einen heftigen Anfall über eine Kleinigkeit, die wir vergessen hatten beiseite zu schaffen – über die Klingel neben Ihrem Bette. – »Gott Lob,« sagten Sie, »daß ich die Quaste habe! Jetzt will ich schellen, daß man es in Domingo hören soll.« – Der Wirt kam gelaufen und machte Vorstellungen dagegen. Es blieb uns nichts übrig, um Ihnen den Einfall aus dem Kopfe zu bringen, als daß ich außen am Bette in die Höhe stieg und die Schnur vom Drahtzuge abschnitt. So phantasierten Sie auch viel von Sparta, Athen und von dem Pontus Euxinus.« . . . * Den 7. Februar Oh, daß sich mir in diesem Augenblicke, da ich mich hinsetze, um dir den ersten Festtag meiner Freilassung zu schildern, der fromme Unbekannte darstellte, dem ich die Rückkehr in das Leben verdanke! Ach, warum zögert er? – Ich bin ja wieder stark genug zu erhabenen Empfindungen, und habe heute davon die vollständige Probe gegeben. Wenn es, wie mich mein Arzt vermuten läßt, ein edler Mann von hohem menschlichen Gefühl ist, den ein Gelübde bindet, Kranken beizustehn, Notleidenden zu helfen, so sollte er ja wissen, wie lästig einem guten Herzen Wohltaten werden, die sich unserm Händedrucke, unsern Umarmungen entziehen. – Er komme, er komme! Und wenn es ein Mönch wäre, ich wollte ihm für das verdienstliche Werk, das er an mir Armen verrichtet hat, zu Füßen fallen und seine Kutte mit Ehrfurcht berühren. – * Mein trefflicher Arzt besuchte mich diesen Morgen eine Stunde früher als gewöhnlich, war, wie es schien, mit meinem Pulse und meinen Augen zufrieden, und nachdem er auch in meiner gestrigen Schreiberei nichts zu tadeln fand, sprach er mir mit der Stimme eines Engels zu: »Ihr Erntentag ist gekommen, lieber Freund. Genießen Sie von nun an der Früchte, die in den schwülen Stunden Ihrer Krankheit gereift sind – aber genießen Sie solche mit der Behutsamkeit eines vernünftigen Wesens. Dieser Rat gehört so gut zu meiner Gerichtsbarkeit, als Körper und Seele zu dem Gebäude gehören, das unsere beschränkte Kunst in Bau und Besserung erhalten, vor feindseligen Erschütterungen schützen, und vor seinem zu frühen Einsturze bewahren soll. – Folgen Sie, um der mißlichen Hülfe der Kunst zu entbehren – nur den mütterlichen Anweisungen der Natur.« – »Das«, fiel ich ihm in die Rede, »hat mir schon ein anderer großer Arzt geraten, der Jerom heißt.« – »Aber wohl zu merken,« fuhr er fort, »der schönen Natur.« – »Diesen Beisatz«, erwiderte ich, »hat Jerom vergessen.« – »Desto schlimmer,« antwortete der brave Mann; »ohne diesen ist der ganze Rat nicht viel wert, und gibt in unbewachten Stunden zu großen Mißdeutungen Anlaß. – Doch, ich bin ja nicht hergekommen, um Ihre vorigen Ärzte zu mustern, sondern Ihnen noch eine Arznei zu verschreiben, deren erste Wirkung ich noch abwarten will, ehe ich Sie ganz entlasse.« – »Was für eine?« fragte ich erschrocken. Aber kaum antwortete er: »Die frische stärkende Luft« – so lag ich mit Freudentränen an seinem Halse – so flog ich von ihm nach dem Fenster, nach meinem Hute, nach meinem Mantel, so winkte ich Bastianen, mir meine Latwergenbüchsen und Pulverschachteln aus den Augen zu schaffen – so war ich in einer Minute gekleidet und fertig, um meinem Befreier zu folgen. Er schien selbst von dem Strudel meinem Entzückens ergriffen zu werden. – »Kommen Sie,« rief er mir zu, »wir wollen den reinen Äther zu Wasser, zu Lande – und überall aufsuchen, wo er sein Spiel hat.« Heute also, den 17. Februar, morgens drei Viertel auf neun Uhr, war es, wo ich an dem Arme des besten und edelsten aller Ärzte, neugeboren an Leib und Seele, meine Marterkammer verließ. Alle meine Nerven bebten wie die Saiten einer Äolsharfe, als ich in den Wagen meines Apollo stieg. – Aber in welcher Harmonie stimmten sie nicht erst zusammen, als wir in dem Hafen ausstiegen! So unglaublich groß hatte ich mir den Gewinn meiner Krankheit nicht vorgestellt, als jetzt meinen offenen, neu geschärften Sinnen zuströmte. – Mein erster Hinblick in das Freie setzte mich in das wollüstige Erstaunen eines Blindgebornen, der unter der Beleuchtung der Morgensonne, umgeben von dem Kreise blühender Mädchen, in dem ersten Erwachen des Jünglingsalters, den Gebrauch seines Gesichts erlangt. Alle diese glücklichen Umstände müssen bei ihm zusammentreffen; wenn ich mich herablassen soll, den Umfang meiner Empfindungen mit den seinigen zu vergleichen. Begreife es, Eduard, wenn du kannst. Der Winter war während meiner Gefangenschaft, ohne daß ich seinen Abzug nur von weitem geahndet hatte, in den schönsten Frühling übergegangen, der mich jetzt in seinem ganzen Schmuck empfing – die damals kahlen Gesträuche der stürmischen Küste zogen sich jetzt, wie ein Kranz von Sprößlingen geflochten, um das sanft glänzende Meer herum – mancher Baum, den ich bei meinem letzten Frühstücke, das Passerino mir vorsetzte, als das Geripp eines erfrorenen Unbekannten, meiner Blicke nicht wert hielt, begrüßte mich jetzt wie einen alten Freund, als Palme – Lorbeer – Cytisus oder Sumack – die vergilbten runzligen Hügel hatten sich die Zeit über, wo ich dem Verdorren so nahe war, mit frischem Rasen bekleidet, und selbst der Felsen der Madonna spielte ins Grünliche. – Nur an den widrigen Bastiden bemerkte ich nicht die kleinste Veränderung, sie blickten aus ihrer hohen Ferne noch immer so albern, so vornehm, so versteinert herunter, wie vormals. In jedem kleinen Matrosengärtchen hingegen, über dessen Schilfzaun ich wegsehen konnte, jagten schon halb nackende Kinder unter blühenden Mandelbäumen nach Schmetterlingen und Käfern – und das Gedränge der Blumen aus der lockern Erde, und das Zwitschern der Vögel um und neben mir, und der Widerschein des azurnen Gezeltes, das so viele Freuden bedeckte – wie fühlbar machte mir nicht dieses herrliche Ganze das schwer errungene Bewußtsein eines neu angehenden Lebens. Ich glaubte nicht eher, daß noch etwas die süße Behaglichkeit meines Gefühls vermehren könnte, als da mich die freundliche Gondel aufnahm, in welcher Sabathier ein paar Plätze für uns besprochen hatte. Eine Luft, kaum stark genug, um einen Schmerlenbach zu kreiseln, spielte über die schillernde Fläche des Meers; die Inseln Pomegue auf der einen Seite, Ratonneau auf der andern, in der Mitte das Schloß If, auf welches wir zusteuerten, lagen duftend vor uns, wie auf einem Gemälde von Zeeman . . . . Aus dem Trupp einiger Offiziere, die sich von der Festung her der Barke näherten, drängte sich einer unter wiederholtem Ausruf meines Namens auf mich zu, und ich lag in seinen Armen, ehe ich noch begreifen konnte, wer es wohl sein möchte. – Aber wie beschreib' ich dir mein Glück, als ich ihn erkannte! Es war einer der schätzbarsten Menschen, die ich je geliebt habe – der Marquis von Saint-Sauveur, der vor neun Jahren zu Berlin alle Zirkel belebte, in die er eintrat. Damals war er auf Reisen. Jetzt steht er als Brigadier unter dem Regimente, das zu Marseille liegt, und würde mir keinen Augenblick fremd vorgekommen sein, wenn ich mir ihn unter einer Uniform gedacht hätte. Wie schnell verlosch das Trauerbild des Gefangenen vor seiner himmlischen Erscheinung! Die Gewalt des reinsten Vergnügens bemächtigte sich meiner Seele, und der auffallende Beweis, den mir hier ein Jugendfreund gab, daß weder Zeit noch Krankheit die Physiognomie zerstört hatte, die nur zuerst sein Zutrauen erwarb, setzte mich in eine Selbstzufriedenheit, die ich diesen Morgen vor meinem Spiegel nimmermehr erwarten konnte. Es ist mir noch ein Rätsel, und wäre mir viel begreiflicher gewesen, wenn er mich für einen andern genommen, wenn ihn meine skelettierte Figur, mein Anlanden an diese Insel der Buße, und die verdächtige Bangigkeit irre geführt hätten, der ich mich niemals in der Nähe eines Zuchthauses erwehren kann. Am wenigsten konnte ich es in diesem Augenblicke, wo ich ein Chor Offiziere auf mich zukommen und einen aus ihrem Kreide herausstürzen sah, der mich umarmte. Dieser jählinge Übergang von Erschrecken zum Entzücken konnte nicht wohl ohne Erschütterung des Herzens abgehen. Ich fühlte, daß ich der glücklichste Mensch sei, den dieser Felsen wohl seit seiner Erschaffung getragen; aber ich war nicht vermögend, es auszudrücken – ich konnte aus beiden Sprachen nur Ausrufungen der Freude zusammenbringen, meine Zunge sträubte sich gegen jedes andere Wort. So wankte ich an dem Arme meines Freundes auf und ab an dem Gestade, bis uns der Bootsmann zurief, daß alles zur Abfahrt bereit sei. Der muntere schwatzhafte freundliche Mann gehörte mir bis zum Austritte aus der Gondel allein zu. Ich war neidisch auf jeden Laut von ihm, den ein anderer vernahm, sah niemanden als ihn, und würde ihm auf dem Fuße gefolgt sein, hätte auch seine gastfreie Einladung mich und meinen Aufseher nicht schon dazu berechtigt. Das prächtigste Haus auf dem schönsten Platze der Stadt empfing uns in dem reizendsten Zimmer. Hier legten sich endlich meine innern Wellen – hier in diesem kleinen Zirkel ward ich mir erst selbst und meinem Freunde verständlich, und hier nahm ich an seiner Seite und unter den Augen meines trefflichen Arztes ein Mittagsmahl ein, das auch den Unzufriedensten mit dem Gange der Welt versöhnt haben würde. Doch, ehe ich weiter erzähle, muß ich dich wohl den Mann näher kennen lehren, den ich mit allem meinem Verstande in der weiten Welt nicht besser hätte auftreiben können, um das Fest meiner Wiedergenesung zu feiern. Ich würde meine unvollkommene Schilderung freilich ersparen können, wenn du nur vier Wochen seines Umganges froh geworden wärest; aber Gier nach Kenntnissen des Auslandes, die ihn nach Deutschland verschlug, hatte dich um dieselbe Zeit nach Frankreich getrieben, und du kamst mit dem erbeuteten Honig aus seiner Heimat zurück, als er mit dem Salze aus der unsern wieder abzog. So trifft es sich oft in dem geistigen Tauschhandel, wie in dem bürgerlichen, daß zufällig die vornehmsten Händler en gros einander aus dem Wege fahren und darüber den kleinen Krämern gut Spiel geben. Ich gewann offenbar durch deine Abwesenheit. Da du fehltest, mußte er sich wohl mit meines Gleichen begnügen. Er kam von ungefähr mit mir unter einem Dache zu wohnen. Unsre nahe Nachbarschaft ging geschwind in eine Gemeinschaft unsrer Vergnügungen, unserer Studien, und zuletzt in eine gegenseitige Anhänglichkeit über, die zehn Monate nachher, als wir uns trennten, eine Traurigkeit bei mir zurückließ, die mich selbst in der ersten Zeit zu deinem Umgange verstimmte. Erinnere dich dieses Umstandes, lieber Eduard! Ich kann dir keinen stärkern Beweis von dem Werte dieses damals so liebenswürdigen Jünglings geben, der jetzt als der gebildetste Mann über viele meiner Freunde, und als der glücklichste über sie alle hervorragt. Reisen, Menschen und Weltkenntnis, und die Leichtigkeit, bei seinem großen Vermögen jeden Wunsch der Sinnlichkeit zu befriedigen, und durch täglich wiederholte Versuche die Hungerquelle des Vergnügens zu erschöpfen, würden ihn, so gut als die meisten in seiner fürstlichen Lage, zu dem späteren Genusse des Lebens abgestumpft und verdorben haben, wäre sein origineller Verstand und sein richtiges Gefühl nicht in Zeiten diesen gemeinen Folgen eines zu frühen Wohlstandes zuvorgekommen. Doch, du sollst ihn selbst hierüber mit mir sprechen hören. »Wie viel«, sagte er, »hat man nicht Lehrgebäude zur Beförderung menschlicher Glückseligkeit aufgeführt, besonders in deinem sinnreichen Vaterlande, lieber Wilhelm! Sie können im allgemeinen recht gut sein; aber es gehören manchmal verdammt subtile Wendungen dazu, um sie uns anzupassen. Jedermann sollte nach seiner individuellen Lage und Empfindung sein eigenes für sich haben. Ich habe mir eins erdacht, das mir recht wohl bekommt, wovon ich aber sehr wenig brauchen könnte, wenn ich zum Beispiele in einem Bergwerke arbeiten und die Ausbeute erst zutage fördern müßte, die ich ungesucht und schon von meiner Geburt an besitze. Mein Reichtum, zu groß für das gewöhnliche Leben, wäre mir, wie andern, zur Last geworden, hätte ich ihm nicht einen Ausweg verschafft, den ich einzig meiner Eigenheit angemessen fand, die, lieber Wilhelm, besonders darin besteht, daß mir nichts in der Welt behagen will, was den Reiz der Neuheit bei mir verloren hat . . . Dieser Teller mit Pfirsichen, den man eben aufsetzt, diese unerwartete Erscheinung in der jetzigen Jahreszeit, die unsern Augen auf das freundlichste zuwinkt, und, so satt wir sind, dennoch den Mund voll Wasser drängt, soll hoffentlich meiner Demonstration leichten Eingang bei dir verschaffen. Wie mein Koch angewiesen ist, lieber Wilhelm, nicht nur die gewöhnlichen Gerichte für den Hunger durch neue Brühen zu erhöhen, sondern jeden Mittag unter meinen Schüsseln wenigstens eine einzureichen, die für die Sinne von gleichem Wert ist als diese, ohne sie mir erst durch einen Küchenzettel anzukündigen – so ist jedes, dem ein Geschäft in meiner Haushaltung obliegt, dahin verpflichtet, seinen Herrn vor dem Anblicke des ewigen Einerleis zu schützen, und gegen die Ermüdung zu arbeiten, die in der Einförmigkeit liegt. Es ist oft zum Verwundern, wie gut es meinen Provençalen in ihrem Wettstreite gelingt, mir durch immer veränderte Dekorationen das Spiel des Lebens nicht nur erträglich, sondern auch angenehm zu machen. Die Abwechselung, die sie mir verschaffen, wirkt auf ihren Dienst selbst zurück, dem seine Zwanglosigkeit alles Mechanische und Unterwürfige benimmt. Sie dienen mir mit einem stolzen, glücklichen Bewußtsein; denn sie halten sich nicht für Maschinen, sondern für Erfinder, und sie haben recht . . . Ich habe es den Romanschreibern abgelernt, welcher Zauber in dem Unerwarteten liegt, und welche widrige Wirkung die Episoden tun, die man viele Blätter voraussieht. Wird nicht oft der kleine Garten durch eine verständige Benutzung seiner geringen Fläche unendlich erweitert, und durch schlängelnde Nebenwege nach verschiedenen Aussichten so in die Länge gezogen, daß sich eine so süße Ermüdung darin holen läßt, als in den größten Anlagen? Warum sollten wir denn nicht auf gleiche Art Mannigfaltigkeit in unser beschränktes Leben zu bringen, und die kurze Dauer desselben, ohne Zutun der Langenweile, durch einen desto reichhaltigern Genuß zu verlängern vermögend sein? Du findest mein Zimmer hoffentlich schön, behaglich und freundlich? Ich auch. Und warum? Weil es uns beiden gleich neu ist. Ich befinde mich wohl darin, weil ich es gestern nicht sah und morgen nicht sehen werde. Es stoßen ihrer funfzehn aneinander, davon ich jedes nur einen Tag hinwärts, einen Tag herwärts, auf einem monatlichen Durchzug bewohne. Keines wird eher geöffnet, als bis die Reihe darankommt, und jedes, das ich auf diese Weise zweimal gesehen habe, erwartet mich in dem folgenden Monat unter einer andern Bekleidung. So wird dem Überdrusse keine Zeit gelassen, sich bei mir einzunisten. Nichts ist, Gott sei Dank, mein eigen, als mein Reichtum, dem ich, durch die Ausdehnung, die ich ihm mit meinen Gehülfen zu geben weiß, alles das Lästige und Klebende benehme, das sonst mit ihm verbunden ist. So habe ich keine Bibliothek; aber einen gelehrten und geschmackvollen Bibliothekar, der das Gold, das er in dem Kote der Schriftsteller findet, für mich beiseite legt, und, wo nicht ein Buch ganz gelesen zu werden verdient – und wie wenig sind deren – mir bloß die Stellen anstreicht, die sich auszeichnen. Hierdurch sind meine Studien mir erst lieb und nützlich geworden; und da ich sonach das Schlechte und Mittelmäßige in der Literatur gar nicht kennen lerne, bleibt mir die Wahl nur unter dem Neuen, Guten und Vortrefflichen, und ich bin sicher, mein Gedächtnis nicht zu überladen. Ebensowenig kommt meine Einbildungskraft, die nur über frisch duftende Blumen gleitet, in Gefahr, durch abgestorbene, welke oder faule Blätter in ihrem Schwunge gehemmt zu werden. Was noch das beste dabei ist, so trage ich weder Brustschmerzen, Kopf- und Augenweh, oder üble Launen aus der moralischen Welt in meine physische über, und da ich in dieser wie ein Seefisch in immer frischem Wasser auf dem Ozean der Zeit schwimme, und mich, kraft meiner Richtung, keine Welle berührt, die der vorhergehenden gleicht, so siehst du wohl ein, lieber Wilhelm, daß vielleicht kein philosophisches Lehrgebäude dem Gefühl, das die Natur in mich legte, den Verhältnissen, in die mich der Zufall versetzte, und der geistigen und körperlichen Gesundheit angemessener sein kann, als das meinige . . . Wie geschmückt und bevölkert schien mir in dem Augenblicke unserer Umarmung der nackende Felsen, der uns nach einer langen Trennung wieder vereinigte! – Wie erweiterte sich selbst vor meinen umfassenden Augen das Meer, das uns umgab, und welch ein Freudenfest ist aus meinem Mittage geworden, durch die Sonderbarkeit, daß du – mein Gast bist! Oh, bleibe nur so lange, als du mir neu und lieb sein wirst – fechte in meinem ewigen Krieg gegen die Langeweile an meiner Seite, und lerne von mir die mancherlei Schwenkungen und Wendungen, – um als Militär zu sprechen – durch die ich meinen Feind irre mache und in die Flucht jage. Welchen Abbruch tust du ihm schon durch deine Gegenwart! – Jedes Vergnügen, das sich in diesem Lande aufstören läßt, hätte ich es auch noch so oft genossen, wird mir durch deine Teilnahme neu werden: denn die Überraschung, die es bei mir verlor, werde ich in der wiederfinden, die es dir verursacht.« – Hier unterbrach ihn ein Glas Maderawein, der dreimal die Linie passiert und nur seit gestern in seinem Keller gelandet war, nach der Versicherung des Mundschenken, der es ihm brachte. Ich benutzte geschwind den Augenblick, den seine schwatzhafte Zunge der meinigen frei ließ. – »O Freund,« rief ich, »bei allen den feingesponnenen Netzen, die du überall ausgestellt hast, um die flüchtigen Lebensfreuden einzufangen, bei aller der Kunst, mit der du ihre Schmetterlingsflügel zu fassen verstehst, ohne daß sich ein buntes Stäubchen davon verliere, glaube ich doch für ihren höchsten Genuß ein Mittel entdeckt zu haben, das weit über die deinigen geht – das dem erschlafftesten Gefühl seine Schnellkraft, den abgenutztesten Befriedigungen ihren ersten Firniß wiedergibt, alles verjüngt, erneuert und verschönert, was unsere Sinne umfassen, und gleich einem Talisman über die gleichgültigen Dinge ein magisches Licht verbreitet. – Sie lachen, lieber Sabathier, als hörten Sie ein paar Charlatans, deren jeder den Vorzug seines Arkanums gegen den andern herausstreicht; aber ich hoffe, Sie sollen als unparteiischer Richter dem meinigen den Preis zuerkennen. – Erschrick nur nicht, lieber Saint-Sauveur, wenn ich es nenne. – Es heißt mit einem Worte: das hitzige Fieber . Wie hat es meine geistigen Federn gespannt und die fünf Schwungräder meiner Sinne geschärft! Von dem Bissen trockenen Brotes an bis zu deinen herrlichen Pfirsichen, ist mir alles, was über meine Zunge geht, willkommen und schmackhaft. Die Welt scheint mir so frischfarbig und kräftig, als feierte sie heute ihren ersten Schöpfungstag. Was meine Blicke berühren, schwimmt in einem ätherischen Schimmer, und jedes Wort, das mein Ohr erreicht, jedes, das über meine Lippen rieselt, – wäre es auch noch so albern – kommt mir, als ein Beweis, daß ich lebe, überaus wohlklingend und witzig vor. Du weißt es, teuerster Saint-Sauveur, wie lange ich dich liebe; aber selbst meine Freundschaft, seit ihrer Entstehung, reicht nicht an das dem warmen Herzen entströmende Gefühl, das mich jetzt an dich fesselt. Wie segne ich meine Krankheit! Sie hat das staubige Triebwerk meiner Seele gereinigt, meine Adern mit Rosenöl ausgespritzt und meine Nerven« – – »Lassen Sie uns aufstehen, Herr von Saint-Sauveur,« fiel mir hier der Arzt in meine wohlklingende Rede, indem er mir das Glas, das ich zu leeren im Begriff war, unter dem Vorwande, über den ich mir noch eine Erklärung von ihm ausbitten möchte, aus der Hand nahm: »Der Wein würde Gift werden, wenn er zum viertenmal die Linie passierte. – Ich dächte,« fuhr er fort und sah nach der Uhr, »wir besuchten den Hafen. In einer halben Stunde wird ein Schiff vom Stapel gelassen; ein Schauspiel, das Ihrem Berliner Freunde seltener wohl ist als jedes andere, und ihn zu einem gesündern Schlafe vorbereiten wird, als der Tri-Madera.« – Sein medizinischer Vorschlag wurde so geschwind angenommen als ausgeführt: denn in diesem Hause braucht man nicht auf das Anspannen des Wagens zu warten. Möchte doch der Traum meines Lebens und mein neues Tagebuch nie andere Stunden enthalten, als mir heute zuteil wurden! Welch ein herzerhebender Anblick für einen, der kaum aus seinem einsamen, sonnenlosen Kerker getreten war, als wir in dem Hafen ankamen – als meine heitern Augen über den gedrängten Zirkel fröhlich-müßiger Zuschauer hinblickten, der jene fleißigen Männer umgab, die in voller Anstrengung ihrer Riesenkräfte das stolze Gebäude aus seinem Schwerpunkte von dem Boden zu heben suchten, auf dem es errichtet war, um es auf kreischenden Walzen in das Meer zu rollen! Bei dem Werft stiegen wir aus. – Indem wir uns dem neuerbauten Schiffe näherten, machte mich Saint-Sauveur besonders auf das Verdeck aufmerksam, das mit einer Menge Neugieriger besetzt war, die schon stundenlang auf den Augenblick lauerten, der die Masse in einen blitzschnellen Schwung setzen und einem andern Elemente übergeben werde. – »Dort«, sagte er lächelnd, »ist eine Empfindung zu holen, die dir noch fremd und auf das sonderbarste angenehm ist, wie das schon die Menge schließen läßt, die Geld und Zeit dafür hingibt.« – Ich sah mich ungewiß nach meinem Arzte um. – »Oh,« sagte dieser, »ich habe gar nichts dawider. Es ist der unschuldigste mechanische Versuch mit sich selbst, den ich kenne, und zugleich ein stärkendes Luftbad. Wenn nur ein Blutkügelchen, das in Ihrer Lunge stockt, mit dem Schiffe zugleich flott wird, so trägt es Ihnen vielleicht mehr ein, als dem Eigentümer, der es nach China schickt. Gehen Sie. Ehe es dahin segelt, wollen wir sie schon wieder abgeholt haben.« Ich tat mir heute, wie ein lebhaftes Kind, dem man das Gängelband abnimmt, so viel auf die kleinste Bewegung zugute, daß ich zwar herzhaft die Strickleiter ergriff, aber nach dem ersten Tritte auf dieser schwankenden Stiege alle Mühe hatte, mich bei Mut zu erhalten. Steigst du doch, sagte ich spöttisch zu mir, so scheu und zitternd deiner Neugier nach, wie ein unerfahrnes Mädchen in das Brautbette. Zufällig kam ich auf dem Verdeck neben einem zu stehen, das jung und reizend genug war, um meinen unbedeutenden Einfall erst gefährlich zu machen. Still vor sich hin blickte sie über das Geländer, als ich zu ihr trat. – »Ist es auch das erstemal?« redete ich sie nachbarlich an. – »Ja,« drehte sie ihr Köpfchen nach mir; »auch erwarte ich schon lange den Schwung mit Ungeduld, von dem die Leute so viel Wesens machen. Meine Brust ist mir unbeschreiblich beklommen.« – »Mir geht es auch so,« erwiderte ich, »und wenn es erlaubt ist, eine Kleinigkeit philosophisch zu betrachten, so schwebt das Herz auch hier, wie bei jedem Übergange zu einer unbekannten Erfahrung, zwischen – wie soll ich sagen – – –« – »Nach meiner Empfindung«, fiel sie mir ins Wort, »schwebt es zwischen einer süßen Angst und einem ungestümen Verlangen.« – »Richtig, mein schönes Kind!« fuhr ich fort: »aber deshalb fürchte ich auch, daß der kritische, flüchtige Moment der Belehrung der angenehmen Unruhe unserer pochenden Herzen kaum wert sein wird; und in dieser Rücksicht tut es mir beinahe leid, daß wir – oder wenigstens, daß Sie hier sind.« – Sie warf ein Paar große fragende Augen auf mich. – »Weil«, antwortete ich, »Ihnen nun künftig nichts Ähnliches mehr vorfallen kann, was nicht durch das Gegenwärtige etwas von dem Reiz seiner Neuheit verlor. Sie nehmen jetzt eine Erfahrung voraus, die Ihnen zu einer andern Zeit – – Denken Sie an mich, ob ich nicht wahr rede.« – »Das will ich tun,« erwiderte sie lächelnd: »denn jetzt verstehe ich Sie nicht.« – Und das war kein Wunder, Eduard, verstand ich mich doch selbst nicht. Offenbar hatte die Theorie meines Freundes, die mir von heute mittag her noch in dem Sinne schwebte, Schuld an diesem Geschwätze mit dem Mädchen. Ich hatte sie selbst noch nicht ganz begriffen und suchte sie doch schon einem Kinderkopfe verständlich zu machen – ganz im Geschmack unsers philosophischen Zeitalters. Meine Einbildungskraft, sah ich wohl, war leichter in Bewegung zu setzen als das Frachtschiff. Dieses lag noch eine Weile nachher, als jene sich schon warm geflogen hatte, unerschütterlich auf dem Werfte. Endlich, als ob es einen kurzen heroischen Entschluß faßte, fing es – das Mädchen klammerte sich fest an mich – zu rollen an, schlug Flammen in die Höh, und einen Pulsschlag nachher schwebte es auf dem wogigen Meere. Fröhliches Getöse auf dem Verdecke begleitete es, Jubelgeschrei vom Ufer her wirbelte ihm nach, und die junge, seufzende, zitternde Schöne – Gott segne ihre fühlbaren Nerven – wußte jetzt wie ihr war, und ließ meinen Arm fahren. Ach, ich hätte ihr ihn gern noch länger geliehen, und, wie man dem Probegang einer ausgebesserten Uhr nachspürt, gern noch länger jene leisen Schwingungen verfolgt, die der Druck von ein Paar weiblichen Händen auf meine Fibern erregte. Aber jetzt bekümmerte sich weiter keine Seele um die andere. Was die Neugier vereinigt hatte, trennte die Befriedigung. Die Gesellschaft flog nun auf die vielen kleinen Boote auseinander, die sich zu ihrer Aufnahme näherten, und Saint-Sauveur erwartete mich in dem seinigen. – »Ich komme recht sehr zufrieden,« rief ich ihm entgegen, als ich einstieg, »von dem Versuche mit mir selbst zurück, und deine Theorie enthält mehr Wahres, als ich gedacht habe.« – Indem ruderte das Boot, auf dem sich meine neue Bekannte befand, bei dem unsrigen vorüber. Ich hätte wohl gewünscht, mit ihr zugleich an das Ufer zu steigen; aber ich landete einige Augenblicke – an denen vielleicht ein ganzer Roman hing – zu spät an. Auf dem Hingange nach unserm Wagen kamen wir bei der Wohnung des ehrlichen Passerino vorbei. Die schwarze Tafel über der Haustüre, sein Sortiment menschlicher Gebrechen, mein Frühstück bei ihm, und die martervollen Tage, die gleich darauf folgten – alles trat in einem Blicke mir jetzt vor die Seele. Mit feuchten Augen teilte ich meinen Begleitern die Empfindung, die mir anflog und zugleich dir Nachricht mit, die ihnen freilich wenig verschlagen konnte, daß in diesem Hause der brave Mann wohne, der mein Lehrmeister in der Baukunst gewesen sei. Um meine ehemaligen Spöttereien über ihn, zu denen ich alleweile kein Herz hatte, wieder gut zu machen, und um seiner Kundschaft nicht Abbruch zu tun, lobte ich ihn als einen zweiten Vitruv. – »Ich habe ihm vieles zu danken,« sagte ich. – »Besonders auch«, fiel mir Sabathier in das Wort, »als Krankenwärter. Man las es in seinem verstörten Gesichte, wie sehr ihm Ihr Aufkommen am Herzen lag.« – »Das kann ich um so viel leichter glauben,« antwortete ich, »als an meinem Leben die Erfüllung eines Versprechens, eine Spazierfahrt hing, zu der schon der Wagen angespannt war, als ich mich legen mußte, und auf der er nichts Geringeres zu holen gedenkt, als sein zeitliches Glück und seine Unsterblichkeit. Diese wichtige Schuld hoffe ich morgenden Tages abzutragen.« – »Morgen?« fragte Saint-Sauveur verwundert. »Einen Weg zur Unsterblichlichkeit – in der Nähe von Marseille? Das ist mir etwas ganz Neues. Wie heißt denn dieses Ziel der Glorie?« – »Cotignac,« antwortete ich, und erregte damit ein lautes Gelächter. – »Nein,« rief Sabathier, »das könnte meinem guten Rufe schaden, wenn ich es zugäbe« – und – »Nein,« rief der Marquis, »denn von morgen an, Freund, lege ich für die ganze Woche Beschlag auf dich und deine Talente. Ich kann dir davon zu deiner Spazierfahrt keinen Tag frei geben, als den letzten, wo ich das angenehme Geschäft über mir habe, den Flügelmann meines Regiments zum Tode zu führen – und den armen Sünder in dem Augenblicke, der ihm drei Kugeln durch das Herz jagen soll, durch ein harmonisches Pardon zu überraschen.« – »Und womit«, fragte ich hastig, »hat denn der Unglückliche verschuldet, daß er deinem System zum Experimente dienen soll?« – »Nach seinem Verbrechen«, antwortete Saint-Sauveur rätselhaft, »darf ein Berliner nicht fragen. Bei euch wird deshalb kein Flügelmann der Todesangst ausgesetzt.« – Was wollte der Marquis damit sagen, Eduard? und was wollte er vorhin mit meinen Talenten? Ich begreife eins so wenig als das andere. Über meine Zeit, die er auf Wochen in Beschlag nimmt, muß ich mich auch noch mit ihm verständigen. Ich habe deren nicht viele mehr in diesem Lande zu verlieren, wenn ich anders mein Gerippe in Sicherheit haben will, ehe die Sonne noch glühender wird. Und doch kann ich an unsere baldige Trennung ohne Schaudern nicht denken. Wie kam es mir nicht schon so schwer an, daß ich die wenigen Stunden, die mir heute noch übrig blieben, ohne ihn hinbringen sollte! – Aber mein strenger Arzt riß mich unbarmherzig von seiner Seite und verwies mich, aus Furcht vor der Abendluft, in meine einsame Herberge. – »Wenn Ihnen«, tröstete er mich, »Ihre heutigen Lebensversuche wohl bekommen und zu einer guten Nacht verhelfen, so öffne ich Ihnen morgen die weite Welt, und überlasse Sie Ihrem Freunde – zur Nachkur.« – Möge er es zur guten Stunde gesagt haben. * Den 18. Februar So hätte ich denn seit zwo Stunden das Lenkseil meiner selbst, das mir auf der Rennbahn des Lebens aus den Händen geschlüpft war, wieder in meiner Gewalt! Sabathier hat es mir so feierlich, als wenn es ein Doktorhut wäre, überreicht. Kaum war ich mit einem Gesichte ohne Runzeln aus meinem Bette ohne Falten gestiegen, und lächelte in dem frohsten Vorgeschmacke meinem Frühstücke zu, das man hereintrug, als mir sein Morgengruß so süß entgegentönte, wie eine Geßnerische Schäferflöte in meinem funfzehnten Jahre. Wie reichhaltig kam mir nicht sein freundliches Gespräch vor! Es würzte meinen guten Coffee noch mehr. Es belehrte mich ohne mir weh zu tun, und rührte mich durch die genauere Entwickelung des Wunders meiner Genesung . . . Sabathier, mußt du wissen . . . ist Mitglied der preiswürdigen Fakultät zu Montpellier, und gegenwärtig auf einer wissenschaftlichen Reise begriffen, die er über Holland nach Edinburg tun will. Mein anonymer Wohltäter, – Gott segne ihn – der einen natürlichen Haß gegen alle Charlatane hat, wie die Pharaos-Ratze gegen die Krokodile, schlich und stieg dem nomadischen Medikaster bis vor mein Bette nach, verscheuchte den Geier, und sah sich eben ängstlich nach Hülfe für das gerupfte Täubchen um, das zappelnd da lag, als – der gute Sabathier vor dem heiligen Geiste ausstieg, und der Schall seines berühmten Namens an alle Wände des Gasthofs anschlug. Unverzüglich trat ihm der Unbekannte in den Weg, erzählte ihm schon aus der Treppe meine verzweifelte Lage, ließ ihm kaum Zeit sich umzukleiden, und, nachdem er sein Mitleiden auf das stärkste erregt hatte, führte er ihn vor mein Bette, und nahm ihm, unter meinen schon gebrochenen Augen, das Ehrenwort ab, seine Reise aufzuschieben und den kranken Deutschen nicht zu verlassen, bis nicht sein Schicksal entschieden sei. Der menschenfreundliche Arzt versprach es und hat es gehalten. Mein bösartiges Fieber fand in ihm einen Beschwörer, wie es einen bedurfte. Selbst die kleinen Nebenverhältnisse, in die er sich mit mir gesetzt fand, so unwichtig sie auch scheinen, waren hier nichts weniger als gleichgültig. Schon der Umstand einer gemeinschaftlichen Herberge mit ihm mußte mir den größten Vorteil gewähren. Dadurch ward es ihm möglich, mich zu allen Stunden zu beobachten und meinen Narrheiten abzuwarten, als ob ich der vornehmste Herr und er mein Leibmedikus wäre . . . Wenn ich starb, war ich sicher, daß es an meiner eigenen Krankheit geschah. Glücklich ist wohl jeder zu nennen, der in dem Nebel, den das unzählbare Heer von Seuchen um ihn herzieht, in dem Gedränge so vieler schwankenden Irrlichter, die dieser Duft bildet und nährt, und die sich ihm bei seiner Wanderschaft über das allgemeine Leichengefilde als Wegweiser anbieten, auf den Genius eines Kapp, Grimm, Meckels oder Tissots trifft, der ihm vorleuchtet. Ist sein Gewebe nun vollends schon von der Natur locker gesponnen, durch die Hände seiner Erzieher verworren, und von allen den Modefarben, in die es getaucht wurde, so mürbe gebeizt, als das meinige, und es findet sich, eben da der Lebensfaden zerreißen will, ein solcher Kunstweber als Sabathier zu ihm, der an der laufenden Spule die Fasern noch zu erwischen und so geschickt anzuknüpfen versteht, daß auch nicht der kleinste Knoten zurückbleibt, der das Flickwerk verraten könnte: so weiß ich nicht wie groß das Verdienst des Kranken sein müßte, das diesem seinem Glücke gleich kommen sollte. Diese Betrachtungen machten mir es recht schwer, mich von dem Manne zu trennen, der sie veranlaßte, und der – ohne daß ich damit andern Ärzten zu nahe treten will – einzig in seiner Art ist. – Denn wo hat wohl einer von ihm einen solchen Abschied von seinem Kranken genommen, als Er von mir? Er faßte mich mit ernstem Anstande bei der Hand, setzte sich neben mir auf den Sofa, und ehe ich mich des Textes versah, über den er seine Beredsamkeit spannte, lag das menschliche Herz so meisterhaft zergliedert vor mir, als wenn Locke und Boerhave in ihm zusammengetreten wären, um mir zu demonstrieren, wie wenig ich, moralisch und physisch, wert sei. Ich mußte bei jedem Fetzen, den er mit seiner Sonde in die Höhe hob, heimlich gestehen, daß es ein Teil von mir war. In jeder Beule, die er öffnete, erkannte ich mein eigenes Geschwür, und fühlte in meinem Innern jeden Schnitt, den er doch nichts weniger als in meinem Kadaver zu tun schien. Es ward mir, mit einem Worte, immer klarer, daß die Kasuisten zu Avignon und der getaufte Jude so vielen Anteil an meinem hitzigen Fieber hatten, als Klärchen und der Seefisch – daß ich meiner Gesundheit nie weiter aus dem Wege gekommen sei, als in der Zeit, da ich sie suchte – und daß Sabathier, der, gleich dem großen Arzte des Lazarus, meine Heilung mit Stehe auf angefangen hatte, jetzt auch, wie Er, sie mit keinem bessern Rate zu beschließen wisse, als mit einem wohlgemeinten Gehe heim . Ja, ja, Eduard, unstreitig ist es das klügste, was ich tun kann. Ich brauche wahrlich keine Erfahrungen mehr zu dem bewiesenen Satze zu sammeln, daß meiner Diät und meiner Tugend auf Reisen noch weniger zu trauen ist, als in meiner Heimat. Das Überraschungssystem meines Freundes soll mich nicht aufhalten. Gott weiß, was ich mir damit über den Hals ziehen könnte, wenn ich es so gründlich studieren wollte, als manches andere, das mich irregeführt hat. Wie Sabathier am Ende seines lehrreichen Gesprächs nach dem Hute griff, verstand ich das Zeichen, flog in die Kammer vor meinen Schreibtisch, und indem ich geschwind berechnete, daß, wenn ich die Summe meines baren Reisegeldes gerade mit ihm teilte, ich in Verhältnis meiner vorigen täglichen Ausgaben immer noch durch mein hitziges Fieber gewönne – packte ich zwei Rollen zusammen, die einen ziemlich starken Beweis enthielten, wie hoch ich mein Leben schätzte, und trat damit in der Demut eines Genesenen, der dem Apollo nur einen schlechten Hahn opfert, vor meinen trefflichen Arzt. Aber dieser, als schwebe er in der Glorie jenes Gottes, erhob sich in demselben Augenblicke über alle gemeine Mitgesellen seiner Kunst. – »Sie vergessen, lieber Freund,« sagte er, »wie teuer Sie Ihr Leben schon bei dem Quacksalber gelöst haben, den ich vertrieb. Ich bin belohnt genug, daß ich nicht zu spät kam, um seine Rechnung und sein Vergehn gegen Sie ins Gleiche zu bringen, und durch meine Anzeige die Polizei aufzufordern, ihm das Handwerk, wo nicht ganz zu legen, doch solchem eine zweckmäßigere Richtung für das gemeine Beste zu geben.« – »Edler, großmütiger Mann,« sagte ich, legte meine Geldrollen aus der Hand und trocknete mir die Augen. – »Und was ist denn«, fuhr ich kleinlaut fort, »aus dem Quacksalber geworden?« – »Man ließ ihm,« antwortete Sabathier, »die Wahl, sich nach seinen Verdiensten entweder bestrafen oder belohnen zu lassen – entweder mit einem Wahrzeichen an der Stirn das Reich zu räumen, oder in demselben – Mäuse zu fangen. Er entschloß sich zu letzterm, unter der Bedingung, die man ihm gern zugestand, daß er den Doktortitel fortführen dürfe, den er in Erfurt gekauft habe. Er ist bei den hiesigen Hanf- und Taumagazinen angestellt, wo er gewiß von Nutzen sein wird.« – Ich leugne nicht, Eduard, diese Nachricht machte mir Freude. Nicht, als ob ich gerade sehr stolz darauf gewesen wäre, durch meine unschuldige Vermittlung einen solchen Landsmann in königlich französische Dienste gebracht zu haben, sondern weil es mir, bei meiner ewigen Spekulation über die Bestimmung des Menschen, wohltut, wenn ich einmal auf einen treffe, dem das Schicksal die seinige so deutlich anweist als diesem. – Übrigens mußte es mir wohl auf alle Weise lieber sein, daß der Zufall, neben vieler meiner Mitmenschen Erhaltung, nur den Tod der Mäuse mit meiner Genesung verkettet hatte, als umgekehrt – wie das bei vornehmern Kranken, als ich bin, wohl manchmal der Fall sein mag. »Sehen Sie,« fuhr Sabathier fort, »so ist alles in seiner Ordnung. – Der Verzug meiner Reise ist mir hinlänglich durch das Studium Ihrer Krankheit bezahlt: denn schwerlich werde ich in Edinburg eine versäumt haben, die aus mehreren Fehlern gegen die Diätetik zusammengesetzt, aus so bösartigem Stoff entwickelt, den Nachforschungen eines Arztes würdiger und mir belehrender gewesen wäre, als diese. Auch soll sie mir bei meiner Aufnahme in die dortige Akademie zu einem sonorischen Perioden in meiner Antrittsrede verhelfen.« – Ich machte – einfältig genug – meinem medizinischen Freunde für dieses Lob meiner Krankheit eine tiefe Verbeugung, als ob er mir eine Schmeichelei gesagt hätte, erschrak über diesen neuen Mißgriff meiner Eigenliebe, und stotterte nun voller Verlegenheit: »Ihre Rechnung im Gasthofe werden Sie mir doch – –« – »Diese,« fiel er mir ins Wort, »ist durch den braven Mann berichtigt worden, der mich mit Ihnen in Verbindung gesetzt hat.« – »Lieber Sabathier,« drängte ich mich jetzt näher an ihn, »Sie dürfen mich nicht verlassen, ohne mir den Schutzengel genannt zu haben, bei dem ich in einer so großen Schuld stehe, und die ich durchaus abtragen muß, wenn ich ruhig werden soll.« – »Ich würde es gern tun,« versetzte er, »hätte seine uneigennützige Tugend mir nicht Stillschweigen geboten. Wir wollen dem wackern Manne seinen eigenen Gang lassen und uns im stillen begnügen, eine Seele zu bewundern, die sich über das Geräusch menschlicher Beifalls-Äußerungen des Danks und den Schimmer ihrer eigenen Seltenheit erhaben fühlt.« – »O mein Freund,« erwiderte ich voller Betrübnis, »wie gern möchte ich dieser übermenschlichen Tugend huldigen! – Aber ich kann – wahrlich, ich kann nicht. Eine so heldenmütige Verleugnung der, allen Herzen angebornen Schwachheiten, erweckt« – – – ich hielt inne. – »Was erweckt sie denn?« fragte Sabathier. – »Den Verdacht – von dem ich meinen Wohltäter gern freisprechen möchte – eines übermäßigen Stolzes, der seine Blöße nur desto künstlicher versteckt, je lebhafter sein geheimer Wunsch ist, daß die Neugier sie enthülle. Eine Größe, die andere Menschen so sehr verkleinert, ist nicht nach meinem Geschmacke. Die Gleichgültigkeit des Unbekannten gegen meinen Dank ist sehr demütigend, und ich fühle es wahrlich auf das schmerzhafteste, wie viel Unbarmherzigkeit in seiner Großmut liegt.« – »Oder, wie viel Schonung,« sagte Sabathier lächelnd, umarmte mich noch einmal zum Abschiede, bat sich ein Empfehlungsschreiben nach Leyden an Jerom aus – und unter tausend Segnungen, die meiner stammelnden Zunge entströmten, eilte er in sein Zimmer den Anstalten der nahen Abreise zu. * Kaum war er fort, so stützte ich meinen Kopf auf den Arm. – »Schonung?« wiederholte ich, »was will er mit diesem rätselhaften Worte?« und es beschäftigte mein Nachdenken bei einer halben Stunde. Ich wollte lange nicht daran, die Erklärung als wahr anzunehmen, die sich mir aufdrang; aber, so wenig sie auch Schmeichelhaftes für mich enthält, so bleibt mir doch keine andre übrig. Der Unbekannte, stellte ich mir vor, mochte es wohl nach seiner Eigenheit ebensosehr für Pflicht halten, solange ich krank lag, mir beizustehen, als mir aus dem Wege zu gehen, sobald ich gesund ward. Die Beichte meines hitzigen Fiebers – ob das nicht wohl auch bei andern Ohrenbeichten manchmal der Fall sein mag? – hat ihm wahrscheinlich nichts weniger als Neigung gegen mich eingeflößt, und in dieser Rücksicht verrät seine stillschweigende Entfernung unstreitig eine seltene Schonung. Ein eifriger Katholik – mein Gott, – kann ja unmöglich einen Menschen lieben, schätzen und seiner Freundschaft wert halten, der die heilige Klara von Montfalcone mit ihren drei Blasensteinen verspottete, den Papst Alexander zur Hölle verwies, und selbst bei dem Anblicke der drohenden Ewigkeit keine Reue fühlte, Mariens Strumpfband vertauscht zu haben. Ich darf froh sein, daß der gute Mann meiner Rettung schon den Schwung gegeben hatte, ehe er erfuhr, wie wenig ich ihrer wert sei. Mir tut es zwar weh, daß zwei Herzen, die bereits einander so nahe waren, durch solche Windstöße wieder getrennt werden mußten; aber was kann ich dafür? Um jedoch den Druck meiner Dankbarkeit los zu werden, will ich zum Ersatz meiner Schuld ein Geschenk in das Hospital schicken, und es als eine Nothülfe, die ich gegen den sonderbaren Heiligen nehme, der Versteckens mit mir spielt, in dem Wochenblatte anzeigen lassen. Das, hoffe ich, wird nach seinem Sinne sein . . . Doch da kommt mir ein Briefchen von Saint-Sauveur dazwischen, das ich erst lesen muß. – * Das war ein tätiger, reichhaltiger Morgen – Meine dringenden Geschäfte auf der vorigen Seite sind nun alle besorgt, und ich wende meine Augen, die unter blendenden Tränen den guten Sabathier abfahren sahen, wieder nach dir, mein Eduard, der mir sie von jeher immer am geschwindesten getrocknet hat. – Es ist zwei Uhr. Nur noch einige Zeilen, und ich unterwerfe mich sodann ganz sorgen-, gedanken- und willenlos der Leitung des reichen, romanhaften Marquis, dem meine Nachkur übertragen ist. Sein Wagen erwartet mich; seine heutige Ordre liegt vor mir. Geht er auch so ziemlich mit mir um wie mit einer Sache, ich lasse mir alles gefallen, ob mir gleich nicht alles gefällt; so kirre hat mich leider das Mißtrauen gemacht, das mir Sabathier gegen die eigene Aufsicht meiner selbst in den Kopf gesetzt hat . . . Dieses abgerechnet, hätte ich gar nichts dawider, auf einige Zeit aus meinem häuslichen Zirkel herauszutreten, der mich mechanisch in die Tage zurückzaubert, die ich doch gern vergessen möchte. Der überflüssigste Teil desselben, die beiden Puppenspieler, haben durch ihr Verplaudern meiner Historie mit Klärchen vollends ihr bißchen Kredit bei mir verloren; und doch scheinen sie gar nicht zu ahnden, wie unerträglich sie mir sind. Da unterbrachen sie mich erst vorhin mit dem possenhaftesten Anstande in meiner Schreiberei, um mich über einen Einfall zu Rate zu ziehen, der ihnen eine frohe Zukunft verspräche. – »Elektra,« hub der Prologus an. – »Geht zum Henker«, fuhr ich sie an, »mit eurer Elektra, und putzt dafür meine Schuhe!« – Auch Bastian, der gute Kerl, macht keinen Eindruck mehr auf mich mit dem Gesichte seiner Schwester; dafür erinnert er mich aber desto lebhafter an die ekeln Chinapulver, die er mir dutzendweise eingerührt hat. Es ist mir immer, so oft ich ihn ansehe, als ob ich einnehmen müßte. So wunderlich es von mir wäre, ihm dieses zum Vorwurfe zu machen, so bin ich doch froh, daß er mir einige Tage aus den Augen sein wird. Er kann unterdessen hier mit dem Wirte zusammenrechnen und sich mit den Anstalten zu meinem Aufbruche beschäftigen, den ich zu Anfang künftiger Woche festgesetzt habe. Die Freundschaft Saint-Sauveurs würde mich in jedem andern Lande zurückhalten; aber das hiesige Klima verstattet mir kein Weilen, und drängt und treibt mich wie einen Storch nach meinem deutschen Schattenneste; ach, es würde meine spröden Knochen vollends zu Pulver zerreiben, wenn ich hier bliebe. Daß ich nicht denselben Weg, aus dem ich herkam, zurück nehmen werde, kannst du wohl – ohne selbst mein Tagebuch betrübten Andenkens gelesen zu haben – bei einem neugierigen Reisenden voraussetzen, ob dir gleich jenes noch ganz andere Aufschlüsse darüber vertrauen würde. Nein! ich gedenke über Holland und über mein geliebtes Leyden heim zu gehen, ohne Avignon, Straßburg und Bruchsal nur in Gedanken zu berühren. In drei Wochen – ach Gott! – kann ich bei Jerom sein, und, wenn Sabathier so langsam fortreist, als er anfing, eher sogar als er und mein Brief. Das habe ich mir an den Fingern abgezählt, als ich ihn schrieb, und sie mir vor Freuden verbrannt, als ich ihn zusiegelte. So gar viel Papier werde ich nun wohl nicht mehr vertun. Ein halbes Buch, denke ich, soll hinreichen, bis ich dir in Berlin meine schreibselige Feder zu Füßen lege. * Das in halbdunkeln Tinten trefflich gemalte Zimmer, in welchem mich Saint-Sauveur diesen Mittag aufnahm, war ganz der rührenden Stimmung angemessen, die ich mitbrachte, und in der er mich – Gott weiß wie er das anfing! – drei Stunden, bis wir ins Freie kamen, zu erhalten verstand. Es gehört ein Wirt dazu, wie Er war, damit ein Gast, wie ich bin, nicht bei Tische den Abgang eines Dritten bemerkt . . . Er überraschte mich an dem heutigen Mittage um vieles angenehmer noch als an dem gestrigen – nicht durch die neuersonnenen Gerichte, die er mir vorsetzte, sondern durch die Menge feiner und erhabener Empfindungen, denen er in meiner Seele mit sokratischer Entbindungskunst Luft machte. Sie schienen mir wie Vertriebene, die sich unter einer tyrannischen Regierung versteckt hielten, von weitem herzukommen, einander zu ihrer Erhaltung Glück zu wünschen, und das Fest ihrer Wiederkehr in der alten Hütte zu feiern, aus der sie sich so lange verdrängt sahen. So sehr ich auch jetzt hinterher mich gerecht genug fühle, das Übergewicht seines Geistes in dem warmen Gespräche, das sich unter uns entspann, anzuerkennen, so wußte er doch während desselben den Schwerpunkt so geschickt zu verteilen, daß es mir vorkam, wir hielten einander vollkommen die Wage . . . Auf einmal aber trieb mich eine Kleinigkeit von dem erhabenen Standpunkte herunter, aus den mich meine Eigenliebe gestellt hatte. Wir sprachen eben von dem Hange zweier gleich gestimmter Herzen, die, indem sie wie Magnete einander anziehen, auch, wie diese, alles Ungleichartige von sich abstoßen, und ungenutzt ihre Kraft in sich verzehren, wenn sie auf keinen Gegenstand treffen, der in ihren Wirkungskreis taugt. Ich gefiel mir außerordentlich in diesen zugespitzten Einfällen, die ich vorbrachte, und geriet darüber so in Feuer, daß ich nicht gewahr ward, was neben mir vorging – nicht eher sah, daß der Mundschenk eine Flasche Champagner lüftete, bis der Schall des herausgetriebenen Korks – bis der Name Sillery – bis das schäumende Glas, das er mir vorhielt, sich meiner Einbildungskraft schon bemeistert, und mich sechs Wochen zurück in das Bacchanal versetzt hatten, das ich am achten Januar mit jenem Gesindel feierte, das leider nur allzu magnetartig auf mich gewirkt hat. Heftiger kann in einer belagerten Stadt ein spielendes Kind nicht erschreckt und aus der Wiege geworfen werden, wenn das feindliche Signal in die Höhe steigt und der allgemeine Sturmlärm nachfolgt, als ich in diesem Augenblicke der widrigsten Erinnerung. Mag dir diese Vergleichung noch so poetisch vorkommen, sie ist darum nicht weniger treffend und wahr. Ich fühlte mich von dem unglücklichen Bilde, in welchem ich mich wie in dem niedrigsten Stücke von Teniers abgemalt sah, so gepreßt, daß mir die Lippen bebten, und mein Auge in Tränen stand, noch ehe der Schaum im Glase zerronnen war. Armer Wein, seufzte ich im stillen, der auf demselben Berge gewonnen, vielleicht auf demselben Stocke mit jenem gereift ist, der mir das häßliche Herz einer Heuchlerin enthüllte. Wäre mir dort dein Aufbrausen nicht ekel, dein Name nicht zum Mißlaute geworden, wie süß würdest du hier an der Seite eines edeln Freundes mir schmecken, und mit welchem Feuer würdest du meine Lobrede auf die gesellige Tugend beleben! Saint-Sauveur, ob er gleich meine innere Bewegung gar nicht zu bemerken schien, kam ihr doch auf das tätigste zu Hülfe, denn er unterbrach mein angreifendes Selbstgespräch, indem er den Stuhl rückte und aufstand. Es ist die leichteste Art, der Seele eine andere Richtung zu geben, indem man dem Körper eine andere anweist. Der Unterschied, ob mich der Wind von der oder jener Seite anbläst, ob ich rechter oder linker Hand an meinem Schreibetische sitze, ob ich in einen Garten oder in einen Kirchhof blicke, bewirkt bei mir, wo nicht eine gänzliche Umschaffung meiner Denkungsart, doch eine merkbare Verschiedenheit der Begriffe. So ging es mir auch diesmal. Der Zauber, der mich nach Avignon versetzte, schien nur innerhalb des Zirkels meines Stuhls zu liegen. Sobald ich über ihn hinaus in das Fenster getreten war, will ich zwar nicht geradezu behaupten, daß ich mich meiner reuevollen Empfindungen schämte, aber ich bekam doch Fassung genug, den ganzen Auftritt für einen seltsamen Beweis der Nervenschwäche auszugeben, die mir noch von meiner Krankheit anhing, und mein Freund war auch so gut, es für bekannt anzunehmen. – »Wenn dich nur,« sagte er scherzhaft, indem er zugleich befahl, daß sein Phaëton vorrücken solle, »der Lärm nicht zu sehr erschüttert, den jetzt die schlagenden Nachtigallen in dem Birkenwalde treiben, wo ich dich hinführen will.« – Das brachte mich auf einmal aus meiner weinerlichen in eine bittere spaßhafte Stimmung. – »Birkenwald? Nachtigallen?« fing ich mit spottendem Tone seine Worte auf, »das klingt ungefähr in diesem Lande so hohl, als wenn man in Novazembla von Schmetterlingen und Orangen spräche.« Ich habe gewiß schon in meinem Leben witzigere Einfälle gehabt, und beißendere Antworten ausgeteilt, als diese war, ohne mich ihrer zu rühmen; besonders seitdem ich bemerkt hatte, daß ein Bonmont Dienstags eine ganze Gesellschaft belustigen konnte, welches Mittewochs, wenn es der Erfinder als bewährt in andere Häuser herumtrug oder in seine Schriften aufnahm, gleichgültig angehört und gelesen wurde. Der scharfsinnige Herr mochte noch so genau Zeit, Gelegenheit und Umstände seines Epigramms angeben, keine Seele bekümmerte sich um den kleinen Balg, sobald er über die Geburtsstunde hinaus war. So würde ich also auch diesmal meine spitzige Gegenrede gar nicht erwähnt haben, hätte sich nicht ihr schlaffer Stachel eine Stunde nachher gegen mich selbst gekehrt, und mir eine Beule zugezogen, die ich nicht anders zu heilen wußte, als daß ich sie, unter großen Schmerzen, aufstach. Gott bewahre doch jedermann vor witzigüblen Launen! Ich konnte der meinigen nicht mehr Herr werden. So abschmeckend sie anfangs war, eine so laugenhafte Schärfe nahm sie an, als wir bei dem Schauspielhause und der bunten Menschenmenge, die dahin strömte, vorbeifuhren; und sie ward noch beißender, als wir unter die Frachtwagen auf der staubigen Chaussee gerieten: denn, statt es lieber gerade herauszusagen, wie ungern ich heute die Stadt und Alziren um die Bekanntschaft einer Bastide vertauschte, gab ich es durch mein Bezeigen auf eine viel auffallendere Weise zu erkennen. Ich schmiegte mich quer über in die Ecke des Wagens, drückte meinen runden Hut in die Augen, und bei jeder Staubwolke, die aufstieg, hielt ich Mund und Nase so geziert zu, als ob die Sandstraßen um Berlin mit Teppichen belegt wären. Jeder Sonnenstich schien ein Epigramm in mir zu entwickeln, und mir zu einer sinnreichen Anspielung zu verhelfen, die den kontrastierenden Unterschied meines fruchtbaren Vaterlandes mit der dürren Provence auf die ungesuchteste Art, wie ich glaubte, in das Licht setzte. Indem ich mich mit meinem Handschuh fächelte und mir den Hals lüftete, sprach ich entweder von den schattigen Alleen, die nach Charlottenburg führen, oder erinnerte meinen Freund an unsere kleinen Soupers in den Lauben zu Sanssouci. Ich war wie ausgetauscht, Eduard, fühlte in meiner Ungezogenheit weder den scharfen Verweis, der in dem Stillschweigen des Marquis lag, noch ließ ich mich durch den Gedanken, wie er doch nicht mehr, als sein Land erlaube, zu meinem Zeitvertreibe gewähren könne, so wenig irre machen, daß ich endlich sogar Hagedorn und Kleisten zu Hülfe nahm, um die große Wahrheit zu bestätigen, daß nichts in der Natur an Reiz über den Eintritt des Frühlings in Deutschland und unsern Maimonat ginge. Das Blut trat mir bei dieser vaterländischen Erinnerung in das Gesicht. – Ich blickte wild meinem Freund in die Augen. Er faßte mich bei der Hand und: »Was ist dir, lieber Wilhelm?« fragte er verwundert. – »O der herrlichen Dichter!« antwortete ich mit beschwerter Stimme. »Sie haben das Bild des Mais mit einer solchen Gewalt in mir rege gemacht, daß ich dich bei Gott versichern kann, lieber Saint-Sauveur, ich glaubte in diesem Augenblicke jenen Monat erreicht zu haben, unsre Frühlingsvögel zu hören, und den balsamischen Duft unsrer jungen Birken zu atmen. Eine lebhafte Einbildungskraft ist doch eins der wichtigsten Geschenke Gottes. Sie weiß dem Betrug die Gestalt der Wahrheit zu geben und unsre Wünsche in wirklichen Genuß zu verwandeln.« – »So wie sie«, fiel mir Saint-Sauveur in das Wort, »die auffallendste Wahrheit zu Betrug herabwürdigen kann.« – Dieser Einwurf meines Freundes war so paradox, daß ich ihn unmöglich ungerügt hingehen lassen konnte. – »Ein ganz neuer Satz,« sagte ich höhnisch, »aber wo ist der Beweis dazu, lieber Marquis? Willst du ihn führen?« – »Ja,« war seine bestimmte Antwort: und wahrlich, Eduard, er führte ihn, und wie? Ganz nach seinem gestrigen System: denn nie hat mich ein philosophischer Beweis durch eine angenehmere Evidenz überrascht als dieser. Die Wendung, deren er sich dabei bediente – sehr verschieden von den Subtilitäten der Scholastik – kam aus seiner und seines Kutschers Hand, an dessen Arm die Schnur befestigt war, die er anzog. Ein Griff in den Zügel, ein Hieb mit der Peitsche, und seine Behauptung – ich hätte vor Scham vergehen mögen – war vollständig erwiesen. Was ich eine Minute vorher für Magie der Einbildungskraft hielt, war Wirklichkeit. Ich hörte die Nachtigallen mit meinen körperlichen Ohren, und sog die besungene deutsche Mailuft mit beiden Lungenflügeln in mich – denn hier siehst du die Beule, die ich aufstechen muß – wir befanden uns, wie durch einen Zauberstab, in eine lange Allee von hundertjährigen Birken versetzt. Ich konnte in der Fülle meines Erstaunens nicht zu Worte kommen, so gewaltig sie sich auch bis zu meinen Lippen vordrängten, war lange verloren in meinem Gefühl, ehe meine scheuen Blicke sich an meinen Freund wagten, und um Vergebung des Unsinns der vergangenen Stunde anflehten. Er verstand sie: aber er bestrafte mich nicht durch Gegenspott, so sehr ich ihn auch verdiente, sondern durch Güte. – »Reisende«, sagte er mit freundlicher Stimme, »sollten nie absprechende Urteile über ein fremdes Land fällen, bis sie nicht alle seine Winkel durchkrochen haben. Könnte ich dich doch, lieber Wilhelm, von allen deinen kleinen Vorurteilen so glücklich heilen, als es mir bei diesen gelang! denn sie hauptsächlich sind es, deren Kur mir Sabathier überlassen hat. Wie froh bin ich, daß ich dich bis jetzt ruhig in deiner trotzigen Lage erhalten konnte! Ein einziger Blick deiner Augen neben der Querlinie, auf die sie hinstarrten, würde dir schon von weitem das Ziel der Belehrung, die ich dir aufhob, entdeckt, und ihre gute Wirkung und deine Epigramme geschwächt haben. Jetzt blicke nur, ohne dich weiter zu schämen, an diese hohen Birken hinauf. Gibt es wohl in Charlottenburg ihresgleichen? Siehe, mit welcher Pracht unsere immer grünende Eiche sich hier ausbreitet. Wie reich würde sich euer König dünken, wenn ein solcher Fremdling seinen Park verschönerte! Sättige dein Auge an unserem Besenreisig, an dem gelbblühenden Geniste, das als eine Seltenheit in euern Gewächshäusern gepflegt wird, bade dich in dem Aushauche unserer würzhaften Kräuter und gestehe – ich verlange keine andere Genugtuung – daß euer Wonnemonat nicht reizender sein kann als unser Hornung.« – Es hätte mir die hartnäckigste Vorliebe meiner Heimat so fest in dem Herzen sitzen müssen, als einem Lappländer, wenn ich nur ein Wort gegen die offenen Beweise und die billige Forderung meines Freundes hätte vorbringen wollen. Seitdem ich Atem schöpfe, hat mich von allen den Maitagen, die ich in Deutschland erlebte, keiner in ein solches Wohlbehagen versetzt als die gegenwärtige Stunde. Das konnte ich ihm mit Wahrheit sagen. Es war seit meiner Krankheit der erste Ausflug ins Grüne, und die Sinnlichkeit hatte ein desto leichteres Spiel, da die Saiten, die sie rührte, frisch aufgezogen und zur Freude gestimmt waren. In dem sultanischen Gefühle eines mühelosen Genusses lag ich in dem schaukelnden Phaëton, freute mich der wohlriechenden Bogengewölbe über mir und des begleitenden Gesangs der Vögel, wovon ich bei dem gehemmten Trabe der Pferde keine Note verlor. Wie ein kraftvoller Jüngling, dem ein langes frohes Leben vorliegt, sich am Ausgange desselben seinen nebligen Grabhügel als eine Ruhebank denkt, die seiner Ermüdung wartet, so blickte auch ich auf den geraden breiten Weg hin, der sich durch den unabsehlichen Wald zog – dachte mir an dessen Ende die enge heiße Bastide meines Freundes, zwar nicht als einen Lustort, aber als eine Schlafstätte, die mir desto erträglicher vorkam, je später ich sie zu erreichen hoffte. War es also nicht schade, daß dieses wollüstige Hingeben meiner selbst, diese auf Genuß und Zeitgewinn gezogene fröhliche Rechnung, durch eine Grille des Marquis gestört wurde, zu der ich mir noch dazu vorwerfen mußte, ihm die erste Veranlassung gegeben zu haben? Er befahl seinem Kutscher zu halten, blickte mir in meine sanft hinsterbenden Augen, und nötigte mich doch unter folgendem Gespräche aus dem Wagen. – »Guter Wilhelm! wenn ich dich so über der Natur brüten sehe, sollte es mir beinahe leid tun, dich von deinem behaglichen Neste aufzuscheuchen.« – »Wieso, lieber Marquis?« – »Ja nun, hier müssen wir uns auf die Füße machen und einen andern Weg suchen.« – »Einen andern Weg? Wohin denn?« – »Nach meiner Bastide. Du denkst doch wohl nicht, daß sie am Ende der großen Allee liegt? Das wäre der Rede noch einmal wert.« – – »Das, bester Mann, habe ich wirklich geglaubt.« – »Nun, so hattest du dich wieder einmal in dein Vaterland verflogen gehabt. Ein Schlag von Sommerhäusern wie die unsern, und eine prächtige deutsche Allee zum Zugange würde gut passen.« – »Aber, ums Himmels willen, wie kommt man denn zu deiner Bastide?« – »Eigentlich, lieber Freund, auf der Chaussee, die wir halben Weges verlassen haben; kürzer aber um vieles, wenn wir uns hier seitwärts, so gut es gehen will, durch das Gebüsch helfen. Es kommt auf eine böse Viertelstunde an, so treffen wir auf einen verlassenen Steinbruch, hinter welchem meine kleine Besitzung liegt. Ich habe ihn kürzlich dazu gekauft, ihn vollends durchbrechen lassen und mir dadurch einen weit nähern Eingang verschafft, der nur einige äußere Verzierung bedarf, um als etwas Rechtes in die Augen zu fallen. Da sind mir nun eine Menge Pläne durch den Kopf gegangen, ohne daß ich noch mit mir einig geworden bin. – Du kamst mir wie gerufen. Dein Ausspruch soll entscheiden. Das beschloß ich gestern vor dem Hause des italiänischen Baumeisters, bei dem du in der Lehre gewesen bist, legte deswegen Beschlag auf dich und deine Talente, und rechnete auf deine Vergebung, wenn ich dich mit dieser Spazierfahrt überlistete, trotz der Alzire, die dich beinahe mir abwendig gemacht hätte. Du siehst, daß ich meine eigennützigen Absichten gar nicht beschönigen will. Wie leicht könnte ich sie sonst hinter deine Nachkur verstecken! In Rücksicht dieser müßtest du mir noch danken, daß ich dein welkes Gesicht an die Sonne gebracht habe.« – »Hol der Henker seine kahlen Entschuldigungen,« murmelte ich in den Bart; »die machen weder seinen Antrag noch den Gang besser. Meine Talente? Das ist eine triftige Ursache! Ihretwegen konnten wir sitzen bleiben.« Und so stieg ich aus. Es ist doch in Wahrheit eine Verlegenheit, wie es nur eine gibt, wenn man durch unverdientes Zutrauen anderer zu unsern bessern Einsichten, sich mit seiner Ignoranz aus einem schönen gebahnten auf einen so holprigen, verwachsenen Weg gedrängt sieht, als der war, den wir jetzt einschlugen, – um am Ende eines ermüdeten Gangs oder einer verlornen Lehrstunde seinem Gönner darzutun, daß er sich in der Wahl unser geirrt habe. Mit hundert Dingen in der Welt bin ich in dergleichen Gedränge gekommen; aber mit der Baukunst widerfuhr es mir heute zum erstenmal. Bei alle dem fehlte es mir an Entschlusse, meiner falschen Scham herzhaft entgegenzutreten, mich aufs Maul zu schlagen, und mir durch ehrlichen Widerruf einen Ausweg zu bahnen. Das wäre unstreitig das klügste gewesen: aber es fiel mir nicht bei, und um so viel weniger, als mich schon jede unerwartete Aufforderung so aus der Fassung bringt, daß ich mich immer auf das verkehrteste dabei benehme . . . So betroffen, daß ich mich nicht besinnen konnte, schlich ich denn auch hier dem Marquis nach, ritzte mich in allerlei Dornen, lernte alle Gattungen von Kletten und Nesseln der Provence kennen, und nach manchen Fehltritten, die mich aufhielten, sah ich denn endlich auch an dem unförmlichen Steinbruche, der die Mitte einer Gebirgskette einnahm, die nach allen Seiten hin die Gegend sperrte, jene schwere Aufgabe liegen, die ich zu lösen beschieden war. »Nun, was meinst du?« fragte der Marquis, und blickte mir forschend in die Augen, die ich geschwind in Ordnung gebracht hatte, und dann den Felsen so listig nachdenkend anstarrte, wie dieser und jener eine Skizze von Raphael. Da stand ich nun wie am Pranger, und brachte nach einer ängstlichen Weile doch nur ein paar abgebrochene Worte hervor. – Ob ich wirklich die Ausrottung des nahen Gesträuchs zur Gewinnung eines Vorplatzes und die Erweiterung des Berggangs in Vorschlag brachte, lasse ich dahingestellt sein; es war wenigstens der Sinn, den Saint-Sauveur meiner verworrenen Rede unterschob und mit seinem Beifall beehrte. Er hätte mir jede andere Meinung andichten können, ich würde sie in der Verlegenheit für die meinige erkannt haben. – »Wenn diese notwendige Vorkehrung«, fuhr ich nun schon mit festerer Stimme fort, »getroffen ist, würde ich das Portal mit zwei toskanischen oder lieber noch korinthischen Säulen verzieren, und oben darüber eine Marmortafel mit einer passenden Inschrift aus dem Virgil oder Horaz setzen lassen: O rus , zum Beispiel, quando te adspiciam , oder so etwas dergleichen.« – »Das läßt sich hören,« sagte mein Freund; »nur will ich dich bitten, lieber Wilhelm, wenn wir ins Haus kommen, mir deine Idee durch eine kleine Handzeichnung deutlicher zu machen: denn aufrichtig zu gestehen, weiß ich nicht einmal, wie sich die toskanische Säulenordnung von der korinthischen unterscheidet.« – Unter uns, Eduard, war das eben auch mein Fall! »Ich bin,« fiel ich ihm ins Wort, »in architektonischen Zeichnungen seit einigen Jahren ganz aus der Übung.« – »Nun gut,« erwiderte er, »so tue mir nur den Gefallen, deinem italiänischen Lehrmeister den Riß anzugeben, wenn wir wieder in die Stadt kommen. Einstweilen laß uns auf jenem bemosten Stein ausruhen und uns über dieses Gebirge hinweg in dein prächtiges Sanssouci zaubern. Ich sitze oft stundenlang in meinem beschränkten Gärtchen, und weiß mir es in Gedanken durch die malerischen Aussichten zu erweitern, die mir vor neun Jahren dein Vaterland öffnete.« Der gute Saint-Sauveur! Er hätte mir zur Erholung von meinen Baugeschäften nichts Dienlicheres bieten können. Ich ward dir auf einmal so beredt und anmaßlich, als ich mich kurz vorher verlegen und gedemütigt gefühlt hatte, und auch Er – ohne des Schaustücks seiner Birkenallee weiter zu erwähnen – irrte gutmütig und heiter mit mir durch alle die niedlichen Sandgänge, die labyrinthisch unsere berlinischen Lustgärten durchschlängeln; die sanfte Luft, die uns umwehte, war ihm nur ein Vehikel jener aromatischen Düfte, die unser Tiergarten seinen jüngern Wangen zuspielte, und die er damals nicht sinnlicher in sich ziehen konnte, als er sie jetzt durch die Organe der Erinnerung einsog. Ach, wäre Sie nicht, diese gutmütige Begleiterin auf unsern Wanderschaften, so würde das längste Leben, wenn es einmal hinter uns liegt, nur ein verlornes Geschenk, und nicht viel besser als das Leben einer Mücke – eingeschränkt auf einen einzigen Tag sein. – »Ein schöner wahrer Gedanke!« sagte der Marquis, als ich ihm solchen mitteilte. »Er soll uns, wie der Faden der Ariadne, durch den dunkeln Irrgang meines Vorgebirges leiten. Folge mir nur beherzt, lieber Wilhelm, und werde nicht mißlaunig über die hundert bösen Schritte, die du etwa noch bis zu meinem Sofa zu tun hast.« Ich ergriff geschwind den Rockzipfel meines Führers, um seine Spur nicht zu verlieren, und tappte ihm nun, unsicher wie in der Nacht, durch die kühle Bergkluft nach, die so im Finstern fortlief, daß ich den Ausgang für noch sehr entfernt hielt, als auf einmal – Gott im Himmel, wie ward mir zumute! eine Tür vor mir aufsprang, und mir – welch ein Übergang von Blindheit zum Licht! – ein Tal, ein unübersehbares und so entzückendes Tal öffnete, daß mein äußerer Mensch durch die heftige Bewegung, in die mein innerer bei diesem unnennbaren überraschenden Anblicke verfiel, wie gelähmt davorstand, und mein Puls einige Sekunden stockte, ehe sich meine gen Himmel strebenden Hände erheben, und ein Strom von empfindsamen Tränen dem gepreßten Herzen Luft machen konnte. Ich habe dich oft freundlich, schön und groß gesehen, mannigfaltige Natur, habe dich in der Pracht deines Schmuckes bewundert, den dir deine Freunde, und aus dem Flitterstaate gehoben, den deine Feinde dir anlegten; aber noch nie hattest du dich mir in deiner höchsten Herrlichkeit – nie zur Anbetung deines unermeßlichen Schöpfers in so unwiderstehlich anlockenden Reizen offenbart, als an diesem glücklichen Abende! Was faselte ich vorhin von Nachschmack des Vergangenen, von der Erinnerung eines Lebens, das hinter uns liegt! Mein Vaterland, die Stadt Deiner Geburt, samt den jugendlichen Freuden, die ich jemals genoß – alles war jetzt aus meinem Bewußtsein verschwunden. – Ich fühlte nur das Gegenwärtige, und war ausschließlich glücklich in ihm . . . Mein Freund, durch das Mitgefühl meines Entzückens, dessen Schöpfer er war, auf das Innigste gerührt, reichte mir stillschweigend die Hand, um mich an dem Bande der eingebrochenen Abendröte, die wie ein Brautgürtel dieses Tal der Freude umschlang, in seine Wohnung zu führen. Ich sah mich noch einmal nach dem Felsen um, und fand hier am rechten Orte den Plan der Verzierung, mit der ich die Gegenseite zu verkrüppeln gedachte, einfacher und edler ausgeführt, als ich ihn entwarf. Hier war der aus einem dunkeln Haine hervortretende Teil des Gebirges mit einem Portale bekleidet, das an den Janustempel erinnerte, der, von Numa erbaut, nur in einem Durchgange bestand. Seine Pforte, die von dieser Friedensseite nie geöffnet wird, schließt sich nur von innen armen Flüchtlingen auf, die, von äußern oder innern Stürmen aufgeschreckt, Wildnis und Einsamkeit suchen. Von dem Ungefähr und ihrem Mißmut bis vor diesen Felsen getrieben, zittern sie scheu und gescheucht durch die Dunkelheit dieses Schlupfwinkels, und fallen – statt in einen Abgrund, den sie in ihrem Ingrimm wünschen und fürchten – fallen sie – ach wie sanft! in die umschlingenden Arme der liebenden und tröstenden Natur! In diesem Sinne hat Saint-Sauveur, schon vor mir, manchen durch das Gaukelspiel der Welt verdrehten Kopf, manches kranke Herz, das seiner Besserung wert war, hierher verlockt, und durch einen Blick in dies Tal und dies Sonnenbad geheilt. Nie ist wohl eine romantische Anlage glücklicher ausgeführt und zu einem edlern Zwecke benutzt worden, als diese. Mein Freund hatte nicht nötig, und seine Gutmütigkeit ließ es auch nicht zu, mich an meine korinthischen oder toskanischen Säulen zu erinnern, ich schämte mich schon selbst genug alles dessen, was ich seit gestern und heute Unwahres und Anmaßliches über Talente und Lehrmeister, Bastiden und Baukunst vorgebracht, und besonders der Kennermiene, mit der ich, im Widerspruch meines Bewußtseins, gegen den Marquis groß getan hatte. In dem Schlage jeder Nachtigall, auf jedem Schritte, den ich tat, fand ich meine verdiente Bestrafung. Unter hohen Akazienbäumen, die in diesem mit Bergen umzäunten Tale, wie in einem Treibhause, schon Schatten gaben und blühten, gelangten wir in die Wohnung meines lieben Begleiters, und traten in einen Saal, der selbst in seinen reichen Verzierungen das warme Herz des Besitzers und seinen unverdorbenen Geschmack verriet. Rührende Gemälde der größten Meister sprachen hier zum Auge; mich zog aber noch zu sehr das mit meiner Seele verschmolzene Bild der Natur von allem ab, was Menschenwerk war. Ein Blick bald durch dieses, bald durch jenes Fenster, suchte noch einen ihrer Reize hinter dem Florkleide zu erhaschen, das der Abend über sie herwarf, bis die verdickte Dämmerung sie ganz meinen Augen entzog, die Vorhänge an den Fenstern herabfielen, ein duftendes Mahl meinen Hunger weckte, und mich überzeugte, daß ich noch nicht so ganz zu den ätherischen Geistern gehöre, als mich mein beseligtes Herz gern glauben gemacht hätte. »Iß nicht so hastig – trink mit Bedacht von diesem Wein – er reift auf jenen vergoldeten Bergen,« wiederholte mein Freund mehrmalen. Ich sah ihn lächelnd an, glaubte ihm zu folgen, aber Schwärmerei trat immer meinem Vorsatz in den Weg. Ich aß und trank wie ein Verliebter, und antwortete verkehrt auf alles, was nicht Bezug auf das Wunder hatte, das mir vorschwebte. – »Ich sehe wohl,« sagte endlich der Marquis, »ich bewirte dich nicht, wie es dein Taumel verlangt. So laß uns denn von ihr sprechen, die sich durch einen Blick aller deiner Kräfte bemeistert hat. Oh, du kennst die Göttliche noch nicht in ihrer größten Schönheit. Morgen – ist der Mensch nicht glücklich, der das zu einem andern Sterblichen sagen kann? – morgen will ich dir ein Schauspiel geben, das einen Gottesleugner bekehren würde. – Du hast wohl, als ein wahrer Berliner, gar nicht daran gedacht, daß die Sonne auch aufgeht?« – »Ja, Freund,« rief ich, und klatschte in die Hände, »das Schauspiel sollst du mir geben.« – »Ehe wir nach Toulon aufbrechen,« fuhr er fort – – – »Ach, das abscheuliche Toulon!« fiel ich ihm in die Rede; »was sehe ich an seinen Bastionen, Galeeren und seinem Arsenal? Ich bitte dich, laß mich hier, lieber Saint-Sauveur.« – »Ich glaube,« sagte der Marquis lächelnd, »die Bewunderung der Natur könnte dich, wie das Gebet einen Mönch, bis zur Untätigkeit entzücken. Sie tut es schon jetzt. Du schwärmst von ihr und vernachlässigst sie, denkst nicht daran, sie in ihrem Nachtputze zu überfallen, und ihrem Busen noch einen Liebeskuß aufzudrücken, ehe sie einschläft.« – Ungeachtet meiner dichterischen Stimmung verstand ich den Marquis nicht ganz, bis der Wink eines Bedienten ihn von seinem Stuhl aufjagte, der Vorhang aufflog, und er mich in der schauerlich-festlichen Minute an das Fenster stellte, wo der volle Mond in dem reinsten Ergusse seines Schimmers zwischen zwei Bergen heraufstieg. Wie vorhängend in dem dunkelblauen Gewölbe, gleich einer aus Topas geschliffenen Lampe, blickte nicht dieser glänzende Körper, als ob er in der heutigen Nacht jede andere neben ihm spielende Welt von seiner Umarmung ausschlösse, auf seine kleine freundliche Talschöne herunter, die, wie abgesondert von dem übrigen Erdballe, zitternd ihre verstecktesten Reize seinem liebkosenden Lichte zu enthüllen schien! – Das Säuseln des Abendwindes in den jungen Sprößlingen, Blättern und Blüten, das dem Geräusch der Küsse, dem Lispeln der Liebe glich, und der Einklang des Wasserfalls in der Ferne – alles was ich sah, hörte und ahndete, traf einen Berührungspunkt in meinem der Weihe der Natur geheiligten Herzen. Mit gefalteten Händen blickte ich in dieses nächtliche Fest. Ich konnte mich ungestört in Betrachtungen versenken; denn mein Freund, der neben mir stand, schonte schweigend meine zarten Empfindungen. Der Mond hatte schon viele Meilengrade seines Bogens durchlaufen – noch stand ich da, und sah ihm nach, und maß ihn, und lächelte ihm zu. Endlich riß ich mich los. – »Was für ein glücklicher Mann bist du!« wendete ich mich gegen meinen Freund mit schwacher Stimme, drückte ihm die Hand und folgte der Kerze, die mich in mein Schlafzimmer leuchtete . . . * Toulon In der Nacht, den 19. Februar Ich hörte Saint-Sauveurs Stimme schon im Saale bei meinem Erwachen, sprang gestärkt von meinem Lager auf und eilte zu ihm. Die Nacht war im Scheiden, als ich eintrat. Eine kühle Luft drang auf mich ein, als ich das Fenster öffnete, und verstärkte den Schauer, den der Mensch, wie die unbelebte Natur, in der Nähe der Beglückung empfindet. Desto willkommener war mir das warme Getränk, das man mir reichte. Noch dauerte es einige Pulsschläge, ehe die ersten Vorläufer des Tags den Himmel begrüßten. Einzelne Vögel zwitscherten ihnen entgegen. – Als aber der Saum des Horizonts sich mit einem Bande umzog, das mit Rubinen – armselige Vergleichung! – gestickt schien, bereiteten sich schon tausend singende Stimmen, blökende Kehlen, seufzende und betende Herzen, zu dem Einklange in den großen Choral, zur Zustimmung in den allgemeinen Dank vor; und als der erste kleine Bogen des Zirkels über den silbernen Wasserfall blinkte, und als er schon so feurige Strahlen ausspie, um dem geblendeten Auge für die folgenden Hinblicke bange zu machen, in denen er höher, immer brennender höher trat, und als sich nun zwischen dem Einschnitte des Gebirgs die ganze große flammende Rundung unaufhaltsam in das blaue Weltmeer des Äthers stürzte – da erwachte alles, da dankten, jauchzten, bebten ihr alle Organe der Schöpfung entgegen. Ein Kind weint bei einem heftigen Schalle – Erstaunen läßt seine Augen trocken. Der Mann von Gefühl staunt, empfindet und weint. Keine andere Sprache hatten wir jetzt, ich und mein Freund. Die Vergoldung des Tals war vollendet – vollendet in ihrer ganzen Pracht. Lasurgrün umzitterte Blätter und Bäume, ihre Schäfte waren Gold, die Dächer sprühten Funken, die Fenster flimmerten, das Gewölbe über ihnen allen glühte, und meine Brust hob sich unter den Schlägen des überwältigten Herzens. Jetzt drangen von den Hügeln die Schalmeien der Hirten in mein Ohr. Die Melodie ihres baskischen Gesangs, die Andacht ihrer Morgenlieder ergriff mich, und ich teilte nun den Reichtum meiner von den myriadenfältigen Schönheiten überschwängerten Blicke, und warf, so viele ich deren von den Gegenständen meiner Bewunderung loszureißen vermochte, auf das freundschaftliche Wesen in mir, das jeden Tautropfen der äußern Sinne mit dürstendem Verlangen auffing, und zu einer Schnur für die Ewigkeit an einander reihte . . . Der Wagen meines Freundes hielt am Ende seines Parks. Seine Rosse schnauften und stampften und wieherten im Gefühl ihres Muts. Und ich mußte dich verlassen, Tal der Unschuld und Freude, dich, Sonne über ihm? – Ach mir war, als könnte nur Finsternis hinter den Bergen liegen. Ich blickte noch einmal wonnetrunken in ihr heiliges Antlitz und breitete meine Arme aus, als wollte ich den ganzen Weltkreis an mein liebendes Herz drücken – ich blickte noch einmal zu ihr hinauf, und unwillkürlich entschwebte der harmonische Ausruf meinen Lippen: Staub, der, zu Gott emporgedrungen, Am Fußtritt seines Thrones glimmt! und so bot ich meinem freundlichen Geleiter die Hand, stieg hastigen Schritts aus seinem Tempel durch den Park, in den Phaëton. Hier faßte er stillschweigend die Zügel, überließ mich ungestört der obern Region, und sorgte nur, daß wir in der untern nicht aus dem Gleise kämen. Indem wir über den Steinweg flogen, ergriff ich meine Harfe und stimmte mit allen Saiten in den Psalm ein, der seit den zwo Noten, mit denen ich anschlug, in mir forttönte. – Jetzt waren die Beweise meiner Genesung vollständig; die Natur hatte den letzten beigebracht, denn sie hatte mein Dichtergefühl wieder erweckt. Mein Herz schwoll, meine dunkeln Empfindungen bildeten sich zu harmonischen Worten, ätherisches Feuer erhellt den Blick, den ich dankend gen Himmel schlug, eine singende Lerche stieg und funkelte mit ihm zugleich in die Höhe, und mein Lied begann . . . . Als meine Harfe verklungen war und mein begeisterter Blick aus seiner Höhe zurück auf die Erde fiel, hätte ich gern meine abgestimmten Saiten aufs neue gespannt, wäre ich nicht zu erschöpft gewesen, um mich mit Hülfe ihrer Harmonie ebenso vogelleicht über den rauen Weg zu schwingen, der in einem Zusammenhange von Felsenstücken und Bergklüften vor mir lag, – als sie mich unvermerkt über seine erste Hälfte gebracht hatte. Es ärgerte mich, daß mein Führer das stolze Gefühl meiner Schwungkraft durch eine Bemerkung zu necken suchte, die ziemlich spöttisch herauskam. – »Ich sehe dir an,« sagte er, »daß du mit deinem Ausfluge in das Reich der Ideen nicht übel zufrieden bist. Ich wünsche dir Glück dazu: nur dünkt mir, du hättest besser getan, ihn auf den schicklichern Zeitpunkt aufzuschieben, in den wir jetzt eintreten. Erst hier, wo leider der Weg äußerst schlecht zu werden anfängt, hätte auch deine Verzückung anheben sollen. Hier würdest du so viel dabei gewinnen, als du auf dem eben zurückgelegten dadurch verloren hast. Ich kann dir, da ich dich jetzt nicht störe, wohl sagen, daß es einer der angenehmsten ist, den ich kenne, nicht nur die ungleich bessere Hälfte des Ganzen, sondern an romantischen Aussichten und lachenden Gegenständen fast so reich, als das Tal meiner Bastide. Alle diese freundlichen Winke der Natur sind dir, während deiner Unterhaltung mit der Sonne entschlüpft. – Es ist,« fuhr er mit einem philosophischen Seitenblicke fort, »nur zu oft der Fall bei euch sublimen Leuten, daß ihr eure geistigen und leiblichen Gelüste nicht haushälterisch genug gegen einander abzuwägen und nach dem jedesmaligen Stundenbedürfnisse zu verteilen versteht. Ein gen Himmel geschlagenes Auge nimmt offenbar eine falsche Richtung, wenn fröhliche Kinder, farbige Blumen unter ihm spielen und sprossen, oder menschliches Elend um seinen teilnehmenden Blick bettelt. So lange Milton noch sehen konnte, überließ er sich allen sinnlichen Freuden des irdischen Paradieses seiner Heimat, und dachte nicht eher daran, sich eins zu dichten und seinen Verlust zu besingen, als bis ihm seine Blindheit keinen andern Zeitvertreib zuließ. Auch euer Kleist, wie mir seine Freunde erzählt haben, saugte mit tierischem Wohlbehagen jeden Balsamtropfen des Frühlings ein, so lange er dauerte. Erst in den rauhen Wintertagen wiederkäute und malte er ihn. Die Dichtkunst, wie jede Schwelgerei des Geistes, sollte dem Weltbürger zu keiner andern, als zur Zeit der Entbehrung, unter dem Drucke des Müßiggangs, oder wenn sonst irgendein Zufall seine äußern Sinne gelähmt hat, zur Krücke dienen.« – Bei meiner dichterischen Erhitzung, die mir noch im Blute lag, mußte mich ein so kalter gemeiner Ausdruck notwendig verschnupfen, doch fehlte in diesem Augenblicke die Stimme, nur ein Wort dagegen vorzubringen; so sehr wurde ich durch einen jähen Abgrund erschreckt, an dem wir nahe vorbeischwebten. Ich schmiegte mich, so lange dieser furchtbare Anblick dauerte, mit klopfendem Herzen an den Marquis, und erst als wir hinter Aubogne in einen Hohlweg lenkten, kam ich wieder zur Sprache. – »Du hast mich mit deiner vorigen Äußerung«, wendete ich mich nun zu ihm, »ganz in Erstaunen gesetzt, lieber Saint-Sauveur weil ich sie dir am wenigsten zutraute. Ich habe immer die Entwicklung großer Gedanken durch Philosophie oder Dichtkunst, jenes Nachspüren unserer seinen Empfindungen, jenes Brüten über uns selbst, und alles, was du Krücken des Müßiggangs zu nennen beliebst, für die nützlichste Beschäftigung, für die edelste Bestimmung des Menschen gehalten; und ich kann meine wichtigen Zweifel gegen deine Behauptung – – –« – »Nicht leicht,« fiel mir der Marquis in das Wort, »unter einem stärkern Widerspruch von Umständen vortragen, als so kurz nach dem Schrecken, den du gehabt hast. Müßig und dem Schicksale überlassen, wie du neben mir da sitzest und zitterst, was könnte ich dir Besseres für deine Beruhigung empfehlen, als eben die Krücke, die auf jenem gebahnten Wege dir ganz entbehrlich war? Wie hinderlich hingegen müßte sie nicht einem in Tätigkeit gesetzten Manne werden, der, wie ich zum Beispiel, unvernünftige Geschöpfe vor sich, ihr Lenkseil in Händen, einer Menge Gefahren auszuweichen, mit einem Worte, statt in dem Empyreo, auf der Erde zu tun hat!« – »Du hast vollkommen recht,« antwortete ich unter Zittern und Beben; denn in der Hitze des Streits – wie dankte ich Gott, daß er in Deinem Hohlwege vorfiel! – hob und schwenkte mein Opponent seine Peitsche. Es war nur ein Luftstreich, eine von den unwillkürlichen Bewegungen, die wohl einem Redner entwischen können, der Eindruck zu machen sucht: aber selbst mit dem scharfsinnigsten Vorbedachte würde er schwerlich vermocht haben, zur Unterstützung seines Satzes einen kräftigern Beweis aufzutreiben, als diesen Hieb in den Wind; denn – seine vier Schweißfüchse verstanden diese Redefigur unrecht, bäumten sich, schlugen über die Stränge und wollten sich lange nicht besänftigen lassen. Ich verlangte es weiter nicht bewiesen zu haben, daß Philosophen so gut wie Dichter bedenkliche Führer, und in Vorfällen des täglichen Lebens nicht halb so viel wert sind, als ein besonnener Mann. Aber – mein Gott – dachte ich so vor mich hin – warum fährt doch der liebe Marquis selber, und läßt seinen Kutscher hintenauf stehen, der doch sicherlich den Müßiggang nicht zu benutzen weiß, den er ihm läßt? . . . * . . . [Mein Freund] erwartete mich an einer runden Tafel, die, mit einem Schinken zwischen zwei Weingläsern besetzt, wie ein Stilleben von de Herem aussah. Der Hunger würzte indes die mäßige Kost, und ich setzte mich eine Stunde nachher gesättigt und um vieles beruhigter zu meinem Führer in den Phaëton . . . Die Pferde waren erfrischt und gegen den Weg war nichts einzuwenden. Sobald wir auf die Höhe kamen, sah ich Toulon mit seinen Türmen und Wällen hinter einem Haine von Ölbäumen hervorschimmern. Die Straße zog sich, wie der Gang in einem englischen Garten, sanft durch ihre Beschattung hindurch, die Strahlen der Sonne brachen sich an ihren Zweigen, und die schönen Aussichten nahmen an Mannigfaltigkeit, wie mein Herz an Frohsinn, zu, je näher wir der Stadt kamen. Desto mehr befremdete mich die Stille des Marquis, und der Ernst, den ich in seinem sonst so heitern Gesichte bemerkte, und ich weiß mir es auch jetzt noch durch nichts zu erklären als durch die mir unbekannten Geschäfte, die ihn nötigten, sein schönes Tal diesen Morgen, und diesen Abend seinen Freund, mit dem Rücken anzusehen; denn sobald wir in dem silbernen Anker abgestiegen waren, kleidete er sich nur um, übergab mich dem Wirte und ließ mich in einer großen Stube allein. Ob wohl, dachte ich, indem er sich eiligst mit dem Wunsche einer guten Nacht von mir entfernte, die Langeweile, in der er dich da in einem fremden Hause sitzen läßt, auch zu deiner Nachkur gehören soll? und tat durch den Sinn dieser Frage wohl niemanden mehr Unrecht als mir selbst. Bin ich denn nicht Philosoph? bin ich nicht Dichter? empfindsam im höchsten Grade, und mir selbst Gesellschafter genug? Das kann vielleicht wahr, diese Hülfsmittel können auch vortrefflich sein, davon ist die Rede nicht; nur kann man sie, wie ich das heute schon einmal erfahren habe, meistens nicht so geschwind herbeischaffen, als man ihrer benötigt ist. Was aber ein Deutscher zu allen Zeiten bei der Hand hat, ist die fruchtbare Mutter so vieler Raritäten und Sammlungen, ist die Neigung der Seele, die man Liebhaberei nennt. Wenn er diese zu befriedigen Gelegenheit findet, ist er an jedem Orte geborgen . . . Wer an Münz-, Muschel- und Steinkabinetten keine Freude findet, setzt an ihre Stelle Sammlungen von Pfeifenköpfen, Siegeln, Visitenbilletts oder Bußtexten. Ich will keiner – sie mag bestehen, aus was sie will – ihren Nutzen absprechen; aber du kennst die meinige, Eduard, und ich frage dich auf dein Gewissen, ob es wohl viele gibt, die ihr an Merkwürdigkeit gleichkommen? Jedes einzelne Stück derselben ist ein Exemplarum unicum , ein Autographum , und um so viel mehr der Aufbewahrung wert, weil es oft die opera omnia eines berühmten Mannes, oder doch eine momentane Empfindung desselben, authentisch und diplomatisch darlegt, und zuweilen selbst wichtige historische Zweifel auflöst. Daß mir eine solche Kollektion am Herzen liegt, ist mir wohl nicht zu verdenken. Als ich in Berlin zum Tore hinausfuhr, schwebte mir, Gott weiß, kein anderes Bild lebhafter vor der Seele als sie , und von allen den seltenen Gegenständen, mit denen ich hoffte, auf meiner Reise bekannt zu werden, waren es die beschriebenen Fensterscheiben , die mir am meisten in die Augen blinkten. Auch du, mein guter Eduard – um es nur ehrlich zu bekennen – würdest nicht so leichtes Spiel gehabt haben, mich aus meiner hypochondrischen Lage zu bringen. wenn nicht insgeheim meine Liebhaberei deine beredten Vorstellungen unterstützt hätte. So wenig ein junger Botanist ohne die Ahnung, unbekannte Pflanzen mit nach Hause zu bringen, sich in Wildnisse wagen würde, die oft kein menschlicher Fuß noch betreten hat, so wenig würde auch ich, ohne die höchste Wahrscheinlichkeit, meine Sammlung sehr ansehnlich zu bereichern, von der Stelle gewichen sein. Jetzt kann ich's sagen, da meine heimlichen Wünsche über alle Erwartung gelungen sind. Um nur bei meinem heutigen glücklichen Fund stehen zu bleiben, so war ich noch keine zwo Minuten allein in der Stube, als meine spionierenden Blicke ihren Gang, und die Urkunden der Fensterscheiben in Untersuchung nahmen. Ich mußte erst eine Menge unbedeutender Maximen, elender oder schmutziger und mit einem Demant in das Glas eingegrabner Verse durchlaufen, ehe ich in dem wehmütigen Eheu fugaces, Postume, Postume des Horaz auf Worte traf, die mich festhielten. Was mir aber die Scheibe erst lieb und meiner Sammlung würdig machte, war die Unterschrift. Sie erregte alle meine Empfänglichkeit, zauberte mich in vergangene glückliche Zeiten, und in den Zirkel meiner würdigsten Freunde. »Johann George Sulzer«, stand darunter, »Toulon den 31. Oktober 1775«. – Meine Augen feuchteten sich an, als sie diesen geliebten Namen, diese bekannte Handschrift eines verlornen Freundes erblickten, und ihnen, mit der Übersicht des bemerkten Jahres und Tages, zugleich die folgenden wenigen vorschwebten, die, wie ein kleiner ermüdeter Nachtrupp, hinter dem schnell vorausgelaufenen herschlichen . . . . – Ich rufte jetzt . . . den Wirt herein, und fragte ihn, ob er sich wohl des Mannes noch erinnere, der jenen Tag dieses Zimmer bewohnt habe. – »Warten Sie einen Augenblick, ich darf nur mein Kontobuch nachschlagen. – Hier habe ich das Blatt. Ach, mein Herr! von diesem flüchtigen Passagier läßt sich nicht viel sagen. Es ist nicht der Mühe wert, was er in den paar Stunden verzehrt hat, die er hier war. Ich habe von seinem Gekritzel auf meiner Glastafel nichts gemerkt, sonst hätte ich sie ihm gewiß angerechnet: denn Sie müssen wissen, daß ich allen den schreibsüchtigen Herren, die, um ihren Namen glänzen zu sehen, meine Scheiben verdunkeln, eine verhältnismäßige Abgabe für künftige neue mit in Rechnung bringe.« – »Das finde ich nicht mehr als billig,« antwortete ich; »und damit Sie auf keine Weise zu kurz kommen, übernehme ich den schuldig gebliebenen Beitrag meines Landsmannes und das verdorbene Glas für ein neues auf meine Kosten.« – Der Wirt – klug wie ein Professor – da er an der angefüllten Scheibe nichts mehr gewinnen konnte, war froh, eine tabula rasa an ihrer Stelle zu sehen. Ich war es nicht weniger – und da kein Handwerker geschwinder zu haben ist als ein Glaser, so sah ich mich schon nach zehn Minuten im Besitz des ganzen Namenregisters, aus welchem gemeinen Wuste ich die Handschrift unsers Freundes, in Form eines Oktavblatts, behutsam herausschneiden ließ. Es ist die vierhundert und einunddreißigste Nummer meiner Sammlung, die neune mitgerechnet, die ich – – – da sehe man nur! Ich möchte mich aufs Maul schlagen – die ich dir verheimlichen wollte, bis ich sie zu Berlin meinen herbeiströmenden Freunden – dich, als den neugierigsten an ihrer Spitze – zur Schau vorlegen, und mich mit eigenen leiblichen Augen an euer aller Erstaunen ergötzen könnte. Ist denn aber ein Mensch, der von den Gegenständen seiner Liebhaberei spricht, Herr seiner Worte? Was kann ich nun tun, als fortplaudern? Du würdest es sonst gewaltig übel, oder ich müßte einen andern Bogen und mich besser in acht nehmen. Beides wäre der Mühe nicht wert. Erfahre denn meinetwegen die ganze weitläuftige Geschichte. Ich war, als ich durch Paris ging, noch keine Stunde daselbst, als der Wirt des quatre nations es schon weg hatte, zu welcher ich gehörte, und seinen Zuschnitt darnach machte. Er fing von weitem an, von dem Charakter und dem Kunsttriebe der Deutschen und ihren mancherlei Kabinetten zu sprechen, und da ließ ich mich denn nicht lange bitten, ihm das meinige zu beschreiben, hatte aber Mühe, ihm zuvor den Einfluß meiner gläsernen Urkunden auf Politik, Historie, Chronologie und Kenntnis des menschlichen Herzens begreiflich zu machen, ehe er den Nutzen einer solchen Sammlung einsah. Mit seiner Überzeugung erwachte auch der französische Diensteifer. Nachdenkend nahm er eine Prise Tabak um die andere, schlug dann seine Dose mit dem Versprechen zu, sogleich Stube für Stube seine Fenster in Betrachtung zu ziehen. Es war nicht ganz umsonst. Der gute Mann brachte mir bald nachher die Handschriften dreier merkwürdigen Reisenden, die vormals hier eingekehrt waren, auf ebensoviel wohl erhaltenen Scheiben. Schade nur, daß ich keine verstehe; denn, außer dem Namen eines türkischen Gesandten auf der einen, enthält die andere, wie es mir vorkommt, das russische Einmaleins, oder sonst eine Rechnung von Peter dem Großen, und die dritte ein Motto, aus den Hetären des Lukians, von der Hand der Königin Christine. – Das war doch gewiß schon ein ganz artiger Erfolg meines Geplauders, aber für gar nichts gegen den Gewinn der folgenden Stunde zu rechnen; denn da trat der Wirt zum zweiten Male mit einem andern freundlichen Manne und den Worten in mein Zimmer: »Gestehen Sie, mein Herr, daß mein Schild mich nicht umsonst auffordert, jeden Passagier nach seiner Landesart zu bedienen. Hier stelle ich Ihnen einen meiner Hausfreunde vor, dem eine Fundgrube für Ihr Kabinett offen steht, als sich wohl keine mehr so ergiebig in der Welt finden möchte; denn noch hat niemand gewagt, sich ihr mit seiner Wünschelrute zu nähern, oder nur den Verstand gehabt, den Schatzgräber zu benutzen, der Ihnen hier seine Dienste anbietet.« – »Und wer, um Vergebung, ist dieser gütige Herr?« fragte ich. – Beide nahmen einander das Wort aus dem Munde: – »Der Glaser aus der Bastille.« – Wie sehr gleicht doch der Eindruck unerwarteter Freude dem heftigsten Schrecken! Die Wichtigkeit dieser Bekanntschaft trat mir auf das anschaulichste vor die Seele; und ob mir wohl mein Vorteil immerfort zuflüsterte, meine innern Bewegungen zu verbergen, so zitterte ich doch an allen Gliedern, als er zu seiner Beglaubigung eine Schachtel hervorzog und mir sechs kleine runde Scheiben in die Hand legte, die vor Alter in die Farben des Regenbogens spielten, und deren ich nicht viele von gleicher Seltenheit besitze. Ich hätte sie mir für keinen Preis entgehen lassen, und erhielt sie – ich schäme mich es zu sagen, wie wohlfeil. Was aber diesem Handel erst die Krone aufsetzte und mich unendlich beglückt, ist ein Kontrakt von den erstaunlichsten Folgen, den er auf die billigsten Bedingungen mit mir einging, unterschrieb und besiegelte. Ich habe schwerlich je einen klügern abgeschlossen, den – wenn du willst – komischen Anstrich abgerechnet, den er unvermerkt von der guten Laune annahm, mit der ich ihn zu Papier brachte; denn meine Zufriedenheit während dieser glücklichen Verhandlung war so ausschweifend lebhaft, daß, wenn Heinrich der Vierte, als er Paris belagerte, den Kommandanten der Bastille durch Bestechung gewonnen hätte, die seinige nicht größer hätte sein können. Und ist es denn zu verwundern? Überlege nur selbst, Eduard; der Mann, der den stillen Herzensergießungen so merkwürdiger Menschen, als wofür Staatsgefangene überall gelten, näher auf der Spur ist als kein andrer – dem jeder geheime Wunsch, den diese Unglücklichen gebären, und, gleich Findelkindern, auf diesen zerbrechlichen Fahrzeugen aussetzen, über lang oder kurz in die Hände läuft – der selbst, so oft er will, über diejenigen, die dem Strudel der Zeit entrannen, sein Strandrecht ausüben kann – dieser Mann, sage ich, steht bei mir als Kabinettsminister in Eid und Pflicht – ein Titel, den ich ihm im umgekehrten Verhältnisse gegen manche Fürsten, die ihn austeilen, ernsthafter beilegte, als er ihn annahm. Wie der gemeinste Glaser, bedachte er nur bescheiden sein Handwerk; ich hingegen würdigte ihn nach seinem gewaltigen Einflusse auf mein Kabinett, und konnte in dieser Beziehung ihn nicht genug ehren. Denn welch eine Ausbeute wird seine fleißige Hand nicht aus jenem bis jetzt unbenutzten Schachte der dort seit Jahrhunderten verhaltenen Klagestimmen zutage fördern! Welches Licht wird nicht mein glänzendes Museum über jene politischen Todesgewölbe verbreiten! Nicht nur die armen Eingesperrten werden durch Wegräumung der alten verblichenen Glasscherben heller sehen, sondern auch unsre blinden Geschichtschreiber, die über den Seelenzustand eines Staatsverbrechers, über seine Empfindungen in der Einsamkeit des Gefängnisses, selten so viel zu sagen wissen, als solch eine Fensterscheibe. Wäre es in der Mitternachtsstunde, die mir über den Hals gekommen ist, ich weiß nicht wie, für den Spaß nicht zu spät, einen Catalogue raisonné von diesen biographischen Bruchstücken zu fertigen, deren jedes sein eigenes Blatt verdient, so würdest du in den freien, bittern und großen Gedanken, mit welchen hier ein Montmorency, ein Retz, Richelieu, Fouquet und Voltaire ihren gepreßten Herzen Luft schafften, schon erstaunend würdige Belege meiner Angabe finden. Und doch sind selbst diese Denkmäler der Vorzeit für nichts in Vergleichung einer fast unglaublichen Urkunde zu achten, die in einer, wenn ich nicht irre, aus den Menechmen des Plautus genommenen Zeile das größte Geheimnis der vergangenen Zeit enthüllt, mit der Unterschrift, statt des Namens Vultus tyranni . Diese zwei mystischen Worte, dieser schlau gewählte Spruch des Dichters, zusammengehalten mit der unbefangenen Aussage des Glasers, der diesen höchst merkwürdigen historischen Splitter aus dem Fenster eines seit hundert Jahren leer gelassenen Gefängnisses, in das ihm ein Schloßenwetter verhalf, genommen hat, verwandeln meine erstaunende Vermutung in eine Gewißheit, vor der jeder Geschichtsforscher seine Knie beugen sollte. Sie zeigen unwidersprechlich, daß sie nur von einem verheimlichten Menschen, verstoßenen Bruder, vernichteten Fürsten, und von keinem andern als der Masque de fer herrühren können, und vermutlich auf der Oberfläche der Erde der einzige Nachlaß dieses unbekannten Gefangenen sind. Was für Feste erwarten dich, Eduard, wenn ich diese Schätze einmal vor deinen Augen auspacken, wenn ich künftig bei jeder ankommenden Pariser Post deinen Beistand anrufen werde, die eingelaufenen Dokumente zu ordnen und zu schichten! Wie mag sich nicht schon ihr Ertrag während meiner Reise angehäuft haben, den meine, Gott gebe, glückliche Zurückkunft sogleich flott machen wird! denn das war die letzte Verabredung mit meinem Minister. Seitdem ist kein Tag vergangen, wo ich nicht die Masse meines zunehmenden Reichtums mit kindischer Freude berechnet, mich nach dem Stapelorte, wo er anlanden wird, zurückgesehnt, und vor den schönen Mahagonischrank hingeträumt hätte, der ihn aufnehmen soll. – Allerliebst! Da verplaudere ich nun schon wieder einen Umstand, den ich dir bis jetzt höflich versteckt hielt – den wahren Grund nämlich meines Heimwehs. Keine Vorwürfe, lieber Eduard. Freundschaft und Patriotism haben viele anziehende Kräfte, aber – was wollen wir es leugnen? – Liebhaberei hat deren noch mehr . . . * Den 20. Februar Das schauderhafteste Gemälde von Breugeln , dem Kabinettsmaler der Hölle, kann kein so auffallendes Gegenstück zu einem Claude-Lorrain , dessen Pinsel in die Sonne getaucht scheint, abgeben, als mein heutiger Morgen zu meinem gestrigen. Saint-Sauveur, der, wie ich erst dadurch erfuhr, als ein vertrauter Freund des Intendanten, bei ihm einkehrt, so oft er hierher kommt, trat früh in mein Zimmer, brachte mir eine Einladung von ihm für den Mittag, und, zu meinem Zeitvertreibe für den Morgen, seine schriftliche Erlaubnis, das Arsenal zu besehen. Ich legte den Zettel neben mir auf das Coffeebrett mit aller der Gleichgültigkeit , die ich für solchen militärischen Prunk habe, die aber dafür den Brigadier desto mehr verschnupfte. – »Ich sehe wohl,« sagte er empfindlich, »du erkennst den Vorzug nicht, wie du solltest, den dir dies Einlaßbillett vor so vielen tausend durchreisenden gelehrten Wanderern verschafft, die vergebens darnach angeln. Du mußt wissen, daß Herr von Saintaignan es selbst meinen Bitten nicht eher zugestand, als bis ich für dich gut sagte. Warum rümpfst du die Nase? Glaubst du etwa, daß unsere Zeughäuser so zugänglich sind, als unsere Theater und Kirchen? Oh, nichts weniger. Dafür wirken sie aber auch mächtig auf unsere Imagination, wie alles Große, das sich versteckt hält, und der Glückliche, dem es vergönnt wird, sie in der Nähe zu bewundern, trägt für sein übriges Leben einen auszeichnenden Glanz davon.« – »Du sprichst«, erwiderte ich, »wie ein Soldat; ich aber denke wie ein Magister, der lieber während seiner Morgenbetrachtungen einer Likörbouteille in den Hals sieht, als einer Kanone, und ungern der leidigen Neugier einen Mundbissen von seinem Frühstück aufopfert.« – »Kürze es heute immer ein wenig ab,« versetzte der Marquis, »und hebe auch, wenn ich dir raten darf, deinen philosophischen Senf bis auf ein andermal auf. Die kritischen Betrachtungen eines Magisters über die Kriegskunst ändern den Lauf der Welt nicht um ein Haar breit; sie stören aber leicht den guten Humor. Davor mußt du dich aber heute besonders in acht nehmen; denn die Tafel des Kommandanten erwartet an dir einen muntern Gast, und das schöne Korps unserer Damen einen witzigen Gesellschafter. Hier ist Stock und Hut. Rühre dich, Wilhelm. Der lahme Gefreite, den ich dir zu deiner Begleitung mitgebracht habe – – –« – »Du also«, unterbrach ich ihn, »hast keine Lust?« – »Meine Geschäfte«, zuckte er die Achseln, »wollen mir es nicht erlauben. Doch wirst du mich auch nicht vermissen. Ich habe dir einen gesprächigen und pünktlichen Mann ausgesucht, der selbst in dem Palaste wohnt, wo er dich einführen soll, der das weitläuftige Inventarium davon unter seiner Kreide und Aufsicht, und für keine andern Merkwürdigkeiten der Welt einen Sinn hat. Ich wünschte nur, dein Verlangen, sie zu sehen, wäre so groß, als seine Freude sie dir zu zeigen . . .« – Ach! ehe ich gehe, noch ein Wort von unserer morgenden Spazierfahrt nach Hieres. Diese müssen wir einstellen. Wir sind zu einem Schmause am Bord der Vengeance gebeten, den die Seeoffiziers zur Einweihung dieses neuen Kriegsschiffs veranstalten. Mich freut es, daß so manches Ungewöhnliche zusammentrifft, um dir den Aufenthalt in Toulon unvergeßlich zu machen – Lebe wohl! . . . Nach einem . . . grillenhaften Selbstgespräch war es wohl nicht zu erwarten, daß ich mich den Anmaßungen meines Führers geduldig preisgeben würde. Auch trat ich ihm, um seinem prahlenden Gewäsche in Zeiten vorzubeugen, mit Worten entgegen, die zur ersten Ansprache wohl etwas freundlicher hätten sein dürfen. – »Hinken Sie nur ohne Bedenken und Komplimente vor mir her, Herr Unteroffizier, und lassen Sie mir Ihre Merkwürdigkeiten jetzt unbeschrieben. Ich hin für den Augenschein, und auch mit dem hat es keine Eile.« – So trollte ich ihm mit meiner üblen Laune in den Hafen nach, der, im Vorbeigehen gesagt, sehr verschieden von dem reinen Wasserbecken zu Marseille, sich einer feinen Nase schon von weitem ankündigt. Wie mußte ich mein neugieriges Auge hüten, als wir dort ankamen, um nicht mehr als einen flüchtigen Blick seitwärts zu tun, aus Furcht, die prachtvolle Fassade des Arsenals möchte meinen Entschluß vereiteln, und mir die Lobrede abzwingen, auf die mein aufgeblasener Begleiter schon seine Ohren gespitzt hielt! Vielmehr drehte ich mich, wie ein eigensinniges Kind, gerade der Seite zu, die er am meisten bemüht war, meiner Aufmerksamkeit zu entziehen. Daß doch ein vernünftiger Mann, ohne eben boshaft zu sein, sich den albernen Spaß machen kann, den Stolz eines andern zu necken! – »Zu was,« fragte ich mit verstellter Neugier, indem ich, statt seinen schlauen Winken zu gehorchen, den stinkenden Behälter der königlichen Galeeren ins Auge faßte, »zu was dienen denn die langen schmalen Schiffchen, die in diesem Sumpfe festliegen?« – »Zu Zuchthäusern für unsere Verbrecher,« war seine kurze Antwort. – »Hat sie wohl Howard besucht?« – »Kann sein,« erwiderte er, »ich weiß es nicht.« – »Ich möchte wohl«, äußerte ich, im Widerspruche meiner Neigung, den Wunsch, »mit ihrer Besichtigung den Anfang machen!« – »Das möchten Sie?« spöttelte der Invalide. »Viel Glück zur sentimentalischen Reise! Mir aber werden Sie vergönnen nicht mitzugehen, sondern Ihre Zurückkunft dort zu erwarten, wo ich hingehöre.« – Er kehrte mir nach dieser Erklärung den Rücken und hinkte dem Portale des Zeughauses zu. Und ich? Gern hätte ich mein übereiltes Wort wieder zurückgenommen; meine einfältige Laune stellte mir aber das Ding als eine Ehrensache vor, die ich gegen den französischen Invaliden verfechten müßte, blieb in ihrer einmal genommenen Richtung, und zog mich wider Willen mit sich fort bis in die nächste Galeere. * Ich habe zwar schon manche öffentliche Anstalten für das gemeine Beste gesehen, die wenig Raum einnahmen, aber noch keine, wo der Platz so benutzt und die Ersparnis alles Überflüssigen so sichtbar war, als hier. Ein schwankendes Brett brachte mich zuerst in eine Kajüte, wo ein alter Kapuziner, zwischen einem Kruzifix und einer Arzeneischachtel, die Rolle eines geistlichen und leiblichen Arztes zugleich spielte, und in seinen Bewegungen, ohne angekettet zu sein, keinen größern Zirkel beschreiben konnte, als den ich jetzt durch meine Dazwischenkunft ausfüllte. Seine feurigen Augen, die aus dem blassen verfallenen Gesichte vorschimmerten wie glimmende Kohlen in einem Aschenhaufen, sein langer, vor Alter gebleichter Bart, der ihm bis auf den Gürtel in krausen Wellen herabfloß, und die trübe gefällige Miene, mit der er mir seinen hölzernen Sessel einräumte, machten schon einen starken Eindruck auf mein Gefühl, als ich aber von ihm vernahm, daß er, jung hierher versetzt, auf diesem Vereinigungspunkte der größten physischen und moralischen Herabwürdigung des Menschen grau geworden sei – als er einen Blick voll hoher Ergebung gen Himmel schlug, und mit rührender Stimme bekannte, daß bloß der Gedanke an Gott und die Unsterblichkeit ihn so lange aufrecht erhalten habe; da beugte sich mein Geist mit so tiefer Ehrerbietung, als mir schwerlich je ein König durch den Höllenglanz seiner Zeughäuser abnötigen wird, freiwillig vor diesem edeldenkenden, duldenden Greise. Ich wußte meiner Milzsucht, die mir doch allein das wehmütige Vergnügen seiner Bekanntschaft verschafft hatte, nicht freundlich genug dafür zu danken. Von keiner Kanzel, keinem Katheder ist mir die wundervollste aller Tugenden, die Tugend der Aufopferung, näher an das Herz gelegt worden, als an dieser mir heiligen Stätte. Das erhabene Beispiel dieses frommen Dulders – wie groß und unverdächtig es auch sein mochte – wurde jedoch – oh, daß ich nur nicht zu voreilig entscheide! – von einem vielleicht einzigen übertroffen, dessen zu erwähnen ihm der Verfolg seines Gesprächs Gelegenheit gab. Er blickte mir sanft lächelnd in die feuchten Augen. – »Bemitleiden Sie mich nicht zu sehr,« sagte er. »So lange mich noch jugendliche Wünsche bestürmten, ich die Sonne noch nicht vergessen konnte, die mich in dem kleinen Klostergärtchen beschien, ich noch an den Lindenbaum dachte, den ich dort gepflanzt und gepflegt hatte, und der jetzt einen Glücklichern als mich beschattet – und ach, so lange sich noch mein Herz nach der Stille, der Ordnung und der Reinlichkeit« – das, Eduard, sagte ein Kapuziner– »meines Klosters zurücksehnte, drängten sich freilich wohl manche Seufzer des Unmuts aus meiner Brust; doch nach und nach, Gott sei gelobt! bin ich meiner strafbaren Ungeduld Herr geworden. Die Zeit kam, die uns kühl genug macht, alle irdischen Freuden so nichtig und verächtlich zu finden, als sie es in Rücksicht ihres geschwinden Vorübergehens sind. Die Zeit kam, wo wir unsre schmeichelhaftesten Hoffnungen, unsere gelungensten Taten ungewiß anstaunen, und nach einer redlichen Untersuchung in denjenigen allein einen bleibenden Wert entdecken, die uns mit jener Welt in Verbindung setzen. Sie kam und brachte mir Trost. Ich habe sogar in meinem traurigen Wirkungskreise Blumen der Freude aufwachsen sehen, die so herzstärkend keinem andern entsprießen. Oft nur ein Trunk Wassers, den ich einem Verschmachtenden reichte, ein kurzes Trostwort, das einen Verzweifelnden aufhielt, erwarb mir das Zutrauen des Genesenen, die Liebe des Getrösteten, erhob mich zu ihrem Wohltäter, und machte mir den Posten lieb, auf den mich die Vorsehung gestellt hat. Gewiß würde das Entsetzen ihrer Strafe viele getötet haben, die, dem Kreise ihrer Freunde wiedergegeben, jetzt frohe Tage genießen, hätten sie nicht gewußt, daß am Eingange ihres Gefängnisses eine Seele noch Teilnahme für sie empfände, für sie betete, und auf ihr standhaftes Bezeigen Acht gäbe. Dort« – indem er auf ein Paket deutete – »hebe ich Briefe auf, wie sie gewiß kein Roman rührender darlegen wird – echte Urkunden des menschlichen Herzens und sprechende Beweise, daß an keinem zu verzweifeln ist, so lange es der Dankbarkeit noch Zugang verstattet. Je unverdorbener, desto empfänglicher für diesen Naturtrieb – je mehr es verdient, geliebt zu werden, desto gefühlvoller wird es sich erwidern. Da habe ich unter meinen, der Kette entlassenen Korrespondenten besonders einen, der es immer noch nicht vergessen kann, daß ich um seine Freundschaft als um ein Almosen bettelte, während er, nicht auf einer Prälaten-, sondern auf der Ruderbank saß – ein Mann, mein Herr, den, sonderbar genug! kein Verbrechen, vielmehr die Lauterkeit seiner hohen Seele diesen Schrecknissen preisgab – der sich als Jüngling allen sinnlichen Freuden entriß, um die Strafe unserer strengen Gesetze für einen Schuldigen zu büßen, – der sein Vater war.« – »Was?« unterbrach ich den Mönch, »sprechen Sie von dem edelmütigen Faber aus Ganges? Der hat auf dieser Galeere – – –« und Tränen verhinderten mich fortzusprechen. – »Sie kennen also, wie ich sehe, einen Teil seiner Geschichte?« – »Nein, lieber Pater,« schluchzte ich, »ich kenne sie ganz , und habe auch den rechtschaffenen Mann selbst gesehen und gesprochen.« – » Ganz? « wiederholte der Mönch mein Wort; »oh, dessen, mein guter Herr, werden Sie sich erst rühmen dürfen, wenn Sie« – hier öffnete er die Tür nach dem Innern des Schiffs – »von daher zurückkommen.« – Mein Blick fuhr erschrocken über dies Grab der Verzweiflung, und der verpestete Luftstrom, der mir entgegenstieß, versetzte mir den Atem. Hätte Faber nicht jahrelang hier gelitten, ohne zu murren, ich wäre keinen Schritt weiter gegangen. – Der gutmütige Alte, wie er mich dazu entschlossen sah, ergriff meine Hand. – »Ich will Sie zwar, aus guten Gründen, von Ihrem Unternehmen nicht abhalten: Sie scheinen jedoch für solch eine Anstrengung des Körpers und Geistes kaum Kraft genug zu besitzen. Hier, lieber junger Herr, trinken Sie zuvor ein Glas Tinto, der mit einem Liquor gegen die Ansteckung versetzt ist, und nun gehen Sie in Gottes Namen. Diese Stunde der Wehmut stärke alle Ihre übrigen Tage zur Geduld, zum Erbarmen und zu einem schuldlosen Leben!« – Mir ward, indem ich trank, so bänglich zumute, als einem, der, durch das heilige Nachtmahl vorbereitet, ein tödliches Wagstück zu bestehen im Begriff ist. Was für ein Gang war das, Eduard! Ich mag noch so alt werden, ich vergesse ihn nie. Sobald nur der hohle Schall meiner ersten Tritte auf das Zwischenverdeck des Schiffs den unglücklichen Bewohnern desselben die Ankunft eines freien Mitmenschen verriet, bewillkommte mich ihr betäubendes Kettengerassel, das sich von einem Ende zum andern um die offene Seitenvertiefung herumzog, die unter mir ihre faulenden Körper bis an die Köpfe verbarg – und in dem Augenblicke streckten sie solche, wie Schildkröten aus ihren Schalen, hervor. Ich blieb, vor Schrecken gelähmt, eine Weile, wie die Bildsäule des Antonius, der den Fröschen predigt, auf dem Fußboden stehen, ehe ich Herz genug fassen konnte, zwischen die beiden Reihen dieser Gespenster durchzuschlüpfen. – – –Ach! welche tiefgesunkene Menschen! Bei jedem Schritte, der mich bei ihnen vorüberführte, küßten sie mir die Füße, erhoben sie, flehend um ein Almosen, ihre gefesselten Hände, und sahen mit Augen voll Schwermut und Eifersucht mir auf dem folgenden nach, den ich zu dem Nachbar ihres Elends tat. – Atemlos gelangte ich an das Ende dieser schauderhaften Allee. Hier lehnte ich meinen Rücken an die bretterne Wand und überblickte mit einem Herzen, das immer höher schlug, das ganze bewegliche, grausenerregende Gemälde, hörte in erschütterndem Einklange die Wehklagen dieser lebendig Begrabenen aus ihrer gemeinschaftlichen Gruft zu mir heraufsteigen, und erst nach einigen feierlichen Minuten, die ich stillstehend der schreckenvollsten Betrachtung weihte, überwand ich die Angst vor meinem Rückwege, und fühlte mich selbst stark genug, meiner Eile; meiner Sehnsucht nach freier Luft zu gebieten, um – dem Elend, das hier weilte, noch einmal bedächtlicher in das hohle Auge zu sehen, und, ohne mein blutendes Herz zu schonen, ihm die Dolche noch tiefer einzudrücken, die es zerfleischten . . .         Ich sah, wie hier das Joch der brüderlichen Strafen Den steifen Hals der Eigenliebe bog, Wie mit der Armut und des Geizes Sklaven Der Wollust Sklav an Einer Kette zog! Vom Kelch der Wehmut trunken, reichte Ich allen nun mein Geld und Ohr, Und schrecklich brach die allgemeine Beichte Der Büßenden aus ihrer Bucht hervor. Der eine schrie: »O Gott! ich bleicht' an deinem Meere Mein bißchen Salz in deinem Sonnenschein, Und Menschen strafen mich!« – »Ich,« fiel ein andrer ein, »Verbüß' an Fesseln der Galeere Die dreimal ungewisse Ehre, Von dreien Weibern Herr zu sein.« – Ein Dritter, stolz auf die Calotte, Die dem beschornen Haupte blieb Der Abbé la Coste, der 1760 auf Zeitlebens zu der Galeerenstrafe verdammt wurde. , Sprach ernst: »Ich fühlte mich vom Gotte Der Musen inspiriert, und schrieb – Ich schrieb der Bücher viel, und alle, Sind längst ins Deutsche übersetzt. Ich schrieb vom steigenden Verfalle Des Staats ein Buch in Quart – da, Freund, hat mich zuletzt Des Königs Wink, und des Ministers Galle, Und Flaccus Rat: »Was nützet und ergetzt, Das schreib!« hierher gebracht. Der Trost in meinen Ketten, Der einzig noch mein Schicksal mir versüßt, Ist, daß man Rousseaus Stil am Hof, an den Toiletten, Nicht halb so gern als meine Prosa liest.« Beschämt wünscht' ich ihm Glück zu diesem seltnen Grade Des guten Stils und floh, als mir auf meinem Pfade Noch ein Gespenst zu Füßen sank: Ein Wort – Gott segne Sie! – ein Wörtchen nur zur Gnade, Mein Herr! Wer hält denn wohl seit mir, im Schlangenbade In Ems und Ronneburg die Bank? « * Und wäre mein von Mitleiden durchdrungenes Herz noch so geneigt gewesen, die Strafe dieser Unglücklichen und ihre Verschuldung so weit außer Verhältnis zu finden, als sie selbst davon überzeugt schienen, so würde mir doch des Spielers Kette, in Rücksicht der Verbrechen, die, wenn ich nicht sehr falsch las, auf seiner frechen Stirn geschrieben standen, noch zu leicht und zu lang gedünkt haben. Er richtete sich, so weit sie es zuließ, unbescheidener als seine Mitgesellen an mir in die Höhe, und bewegte seine, um ein Geschenk bettelnde Hand nicht anders, als wollte er eine Volte schlagen. Wären mir auch nur zwölf Sous von meiner Spende übrig in meinem Beutel geblieben, er hätte sie nicht bekommen sollen; denn er würde sie doch nur gemißbraucht haben, durch ein rouge et noir mein verteiltes Almosen in seiner Diebskasse wieder zusammen zu bringen. Ein derber deutscher Fluch, den er mir für den verächtlichen Blick nachschickte, den ich ihm zuwarf, statt ihm zu antworten, prallte mir noch in die Ohren, als ich schon, seines scheußlichen Anblicks entledigt, mich von meinem sauern Gange in den Armen des redlichen Mannes zu erholen suchte, der dieser schrecklichen Gemeine vorstand. Es war der erste Mönch, den ich küßte. So herzlich habe ich selbst nie die Wange eines Mädchens geküßt. Nach einigen abgebrochenen Worten, die ihm nur zu deutlich meine innere Bewegung und meine Ohnmacht, sie ihm besser zu schildern, verrieten, drückte ich noch einmal seine Hand an mein pochendes Herz – und er – schlug ein Kreuz über mich, als ich mich von ihm losriß. * Erquickender hat kaum jemals die freie Luft auf mich gewirkt, als da ich aus diesem Kerker an das Licht trat. Ich hüpfte mehr, als ich ging, meinem sprechsüchtigen Begleiter zu, der mich an dem Tore des Arsenals ungeduldig erwartete. Er konnte nicht begreifen, wie ich zwei volle Stunden an die häßliche Galeere habe verschwenden und sie den Schaustücken entziehen mögen, die ich ja jetzt nur im Flug würde betrachten können. Da sein Zeitvertreib ungleich mehr als der meine bei der Sache im Spiel war, so läßt sich auch mein Verdruß gar nicht mit der Größe des seinigen vergleichen, als ich dastand, alle meine Taschen umwendete, und endlich mit zitternder Stimme mein Einlaßbillett – für verloren erklären mußte, so wie es mein Schnupftuch war. Das eine war für mich leichter zu entbehren als das andere. Während sich nun der Soldat unter lauten Wehklagen, um das wichtige Dokument zu suchen, so eilig auf die Beine machte, als ob es sein Gehirn wäre, das ich verloren hätte, hielt ich es für rätlicher, dem dringenden Beruf meiner Nase zu folgen und nach dem Gasthofe zu wandern, als unter freiem Himmel seine hinkenden Nachrichten zu erwarten; doch rief ich noch zu seinem Troste ihm die Versicherung nach, daß ich den folgenden Morgen ganz dem Arsenale und ihm widmen, und die heute versäumten Stunden wieder einbringen wollte. Dieser kleinliche Zufall ist mir eigentlich heute gar sehr zu passe gekommen: denn ungerechnet den Zwang, dessen er mich zwar nur vor der Hand entledigt, die Waffen unsers Erbfeindes zu bewundern, so hat er mir doch immer die Muße verschafft, dir in der ersten Wärme der Empfindung, die doch gewiß am ähnlichsten malt, die Szenen meines Morgens zu schildern. Zweitens läßt er mir auch Zeit, mich abzukühlen, ehe ich in die vornehme Gesellschaft gehe, in die mich der Mittag einführen wird. Wohl gut, daß er in der großen Welt drei Stunden später eintritt als in der physischen. Inzwischen, denke ich, sollen die Bilder, die jetzt noch so lebhaft mir vorschweben, ziemlich verblichen und brauchbarer pour la belle conversation an ihre Stelle getreten sein. Denn welche Dame, ich bitte dich, würde mir zuhören, wenn meine Erzählung zum Ohnmächtigwerden sie aus dem hellen Speisesaale in jene düstre Sklaven-Baracke versetzen wollte? Ebensowenig würde ich Glück bei ihr machen, wenn ich mir einfallen ließe, während sie mich anlächelt oder die Zähne stochert, dem heldenmütigen Kapuziner eine Lobrede zu halten, und an ihrer Seite seiner funfzig, der bessern Zukunft geopferten Jahre, und der widernatürlichen Zufriedenheit zu huldigen, mit der er, ohne nur einmal in ein schönes Auge geblickt zu haben, auf seinem heiligen Posten steht. Mit dir, Eduard, ist es etwas andres. Du mußtest mir wohl Ehren halber Stich halten, denn du zählst dich zu den philosophischen Köpfen. Doch diese, lieber Gott, sind mir heute selbst so zum Ekel geworden, daß es mich Wunder nimmt, wie ich mich noch im geringsten mit ihnen abgeben mag . . . Ein glänzender Mittag, Eduard, ein Gastmahl, wie es nicht jeder Intendant der königlichen Marine zu geben vermag, wenn er es nicht von Toulon ist, an dessen Küste die berühmten Dattelmuscheln zu Hause sind, die ihm als ein ausschließendes Vorrecht zukommen. Ich fand an diesem Beherrscher der Hölle, die ich heute morgens bestieg, zu meiner Verwunderung einen sanften, liebreichen Mann in seinen besten Jahren. Er empfing mich als den Freund seines Freundes mit Güte und Achtung. Unsere erste Zusprache inzwischen – ob sie gleich von beiden Teilen nur auf gemeine Höflichkeiten beschränkt war – mißlang jedoch ein wenig; so sehr hat man selbst bei gleichgültigen Gesprächen es für ein Glück zu achten, wenn man in dem Innern des andern keine verborgene Saite berührt, die traurig oder widrig zurücktönt. Seine Worte kehrten mir immer eine Spitze zu, und meine Antworten? Du magst selbst urteilen, wie klug und artig sie ausfielen. Gleich seine Frage, wie mir das Arsenal gefallen, gab mir einen Stich in das Herz. Rot bis über die Ohren, dankte ich ihm bloß für seinen Erlaubnisschein, ohne meiner Unachtsamkeit zu gedenken, die ihn vereitelt hatte. Zu sehr Weltmann, um eine unbeantwortete Frage zu wiederholen, brachte er mich sehr ungesucht auf unsern König zu reden. Mein Lob, in das er herzlich mit einstimmte, wäre auch nicht übel gewesen, wenn ich nur nicht dabei – ich weiß auch nicht, wie mir war – einen Tadel seiner Vorliebe für die Franzosen mit eingewebt hätte; denn dazu war doch hier in der Tat der rechte Ort nicht. Von ihm ging er auf die Annehmlichkeiten Berlins, und zuletzt auf die Energie – wie er es ausdrückte – der deutschen Nation über, ohne nur im mindesten ihren Mangel an andern guten Eigenschaften zu erwähnen. Ich hätte mich gern im Namen aller dazu bekannt, um das Schmeichelhafte, das auch für mich in seinem allgemeinen Urteile lag, ein wenig zu mäßigen; aber ich wußte in diesem Augenblicke vor lauter erregtem Patriotismus nichts an uns auszusetzen, was sich der Mühe verlohnte. – »Ich kenne zwar Ihr Vaterland nur aus einer nichts weniger als empfindsamen Reise, die ich im Siebenjährigen Kriege dahin als Fähndrich tat, und von der ich als Oberster einer Brigade wieder zurückkam.« – »Ew. Exzellenz wohnten also wohl der schrecklichen Schlacht bei Minden bei?« – »Ja,« antwortete er, »ich führte in derselben die Grenadiere von La Tour gegen Ihre Dragoner an . . .« Bald nachher setzten wir uns zur Tafel. Hier bekam ich meinen Platz neben zwo Damen, von denen mich sogleich die eine in ein Gespräch zu ziehen wußte, das jedem, der hungriger darnach gewesen wäre als ich, vollkommene Sättigung gewähren konnte; denn es gehörte als geistige Nahrung in die Klasse der Schüsseln, die man durch immer neuen Zusatz von Brühen so sehr verlängern kann, als man will. War ihr weiß gemacht, daß ich ein Literator sei, oder glaubte sie es meiner listigen Miene anzusehen; genug, ich hatte noch nicht drei Löffel von der Suppe genossen, als ich schon mit ihren zwei vorzüglichsten Lieblingen des vergangenen und des laufenden gelehrten Jahrhunderts, mit Moliere und Büffon, bekannt war. – »Niemand«, sagte sie von dem ersten, »hat feiner unsre kleinen Blößen an das Licht gezogen, und die Schleichwege zu dem Labyrinthe des weiblichen Herzens deutlicher angegeben, so daß man schwerlich jetzt einen derselben ohne Gefahr einschlagen könnte, von Männeraugen ertappt zu werden.« – Sie blickte mir dabei so herzhaft in die meinen, daß ich sie niederschlug. – »Dadurch«, fuhr sie fort, »ist ein gewisses Zutrauen unter beiden Geschlechtern entstanden, das vieles abkürzt und desto anziehender ist, je steifer es sich auf die Kenntnis gegenseitiger Schwächen gründet.« . . . »Ich dächte, Madam – – –« – »Und der Zweite,« fuhr sie fort, ohne mich anzuhören, »wie hat er sein menschenfreundliches Herz, seine umfassenden Kenntnisse und die Harmonie der Sprache benutzt, um uns in lauter Spaziergängen zu der Quelle der wahren Natur zu führen, zu der wir ehedem höchst langweilige Umwege machen mußten! Sein Grundsatz von der Liebe, der jetzt allgemein angenommen wird, wie viel hat er nicht zur Ersparung unserer kostbarsten Zeit beigetragen!« – »Welcher, um Vergebung?« fiel ich ihr in die Rede. – »Daß in dieser Leidenschaft«, antwortete sie mit einer dogmatischen Miene, die ihr nicht so ganz übel anstand, »nichts gut sei, was nicht – um es kurz zu sagen – gerade zum Ziel führt . . .« »Was, mein Herr,« überströmte mich jetzt der Fluß ihrer Beredsamkeit aufs neue, »was sagen Sie von seinem hinreißenden Stile? Voltaire ist gewiß in seinen Gedichten ein rührender, melodischer Sänger: aber ich gestehe, daß ich in beiden Rücksichten die Prose unsers Büffons den schönsten Versen des Dichters vorziehe. Vergleichen Sie nur die Stelle, wo jener von den Schrecknissen der Natur spricht, mit dem Voltairischen Gedichte über das Erdbeben von Lissabon. Wer von beiden hat hier das Grausen der menschlichen Seele bei solchen Vorfällen am bestem geschildert?« – Indem wurde mir der Flügel einer Poularde mit Trüffeln gebracht. Der Duft davon reizte meine Zunge; aber ich ließ sie unbefriedigt, um nur endlich der ihrigen Ruhe zu erschaffen. Es gelang mir vortrefflich. – »Solche Vergleichungen«, begann ich mit einer klugen Miene, »machen unstreitig ein großes Vergnügen; und derjenige unter den Schriftstellern, wie Madam sehr richtig bemerken, ist gewiß der größere, der es am besten versteht, durch die Magie der Sprache unsere gesunkenen Empfindungen auf ihre erste Höhe zu treiben, und sie uns gleichsam, wie auf Noten gesetzt, zur Wiederholung des Spiels wiederzugeben. Wenn Büffon zum Beispiele denselben Schauer in Ihrem Herzen zu erregen weiß, den Ihnen diese schreckliche Naturbegebenheit zu der Zeit verursachte, da sie vorging, so – – –« – »Welche Naturbegebenheit?« unterbrach sie mich hastig – »Des Erdbebens von Lissabon,« antwortete ich ganz unbefangen; und ohne mir eine Silbe darauf zu erwidern, drehte sie sich nach der andern Seite. – »Ich meinte – – –« rief ich ihr nach; aber sie tat nicht, als ob sie mich hörte, und ich verlor alle Hoffnung, daß sie mir diesen groben chronologischen Irrtum so bald vergeben würde. Ich war so verblüfft, daß eine Weile verging, ehe ich nur daran dachte, daß ich auch zur linken Hand eine Nachbarin habe. Die gelehrte Vielsprecherin hatte allein Schuld, daß ich nicht einmal wußte, wie sie aussah. Ich erfuhr es nur zu bald. Drei brillantene Astern strahlten mir auf den ersten Blick nach ihr gerade in die Augen, blendeten mich aber lange nicht so, als der junge wallende Busen, den sie verzierten. Wäre ich bei Sinnen gewesen, so würde mich dieser Anblick wenig geirrt haben. Aber, Gott mag wissen, wie es zuging . . . . Genug, ich kehrte betrogener um, als eine Hase vor dem Schützen, und blickte auf den Tisch mit einer Verlegenheit, die in der klugen Wendung, die sie einschlug, um sich zu verstecken, erst dadurch recht ans Licht kam. Spielend mit meinem blanken Messer, bemerkte ich das unselige London –ich wollte, es wäre Konstantinopel gewesen – auf der Klinge, und ohne ein Auge davon zu verwenden, fing ich nun an meine reizende Nachbarin, seitwärts, mit einer ganz neuen Lobrede auf den englischen Stahl zu unterhalten. Noch hatte ich sie nicht zur Hälfte hervorgestottert, so mischte sich ein Malteser-Ritter darein, der auf der andern Seite neben ihr saß. – »Es kann wohl nichts in der Welt«, sagte er, »dem englischen Stahl so sehr zur Ehre gereichen, als der Übergang von einem solchen Bukett, an einem solchen Platze, zu ihm.« – Was denkst du wohl, wie sich unsere gemeinschaftliche Nachbarin dabei benahm? Sie schien sein Epigramm nicht zu hören, und antwortete nur meinen schlichten Bemerkungen. Dafür taten jetzt meine Blicke ihr Möglichstes, um ihre Schüchternheit wieder gut zu machen. Aber es währte nicht lange, so verdarb ich mein Spiel aufs neue. Ich hörte Saint-Sauveurs Stimme, sah mich nach ihm um, fand ihn an der Seite einer jungen Dame, und: »Ach, wer ist denn«, stürzte mir die Frage heraus – »dieser Engel von Mädchen, dies ungeschminkte, edle Gesichtchen zur Rechten des Brigadiers?« – Sie blickte hin, – »die Tochter vom Hause,« antwortete sie gleichgültig und legte mir geschwind überzuckerte Kastanien vor, um mir, glaube ich, das Maul zu stopfen . . . Eine Stunde nach der Mahlzeit, die fröhlich verplaudert wurde, setzte sich ein Teil der Anwesenden an den Spieltisch; der jüngere Zirkel, dem auch ich mich anschloß, vereinigte sich zu einem Spaziergange nach dem königlichen Garten. Jeder Herr bot einer seiner Nachbarinnen den Arm; da aber die Liebhaberin der Natur die Karten meiner Unterhaltung im Mondscheine vorzog, und der schöne Busen, von dem die Dame, ehe sie ging, die Astern absteckte, dem Malteser-Ritter zuwallte, so würde ich allein mitgeschlendert sein, hätte nicht ein glückliches Ohngefähr mir das große Los verschafft, die Tochter vom Hause zu führen. Indem wir nämlich die Treppe herabstiegen, kam ein Offizier der Marine heraus, und hinter ihm ein Kommando, worunter ich auch den lahmen Gefreiten erblickte. Er zeigte mir im Vorbeigehen das wiedergefundene Einlaßbillett, und ich hätte nicht umhin gekonnt, ihm ein Wort darüber zu sagen, auf die Gefahr zehntausend von ihm anzuhören, hätte mir nicht indem der Brigadier die Hand des schönen Kindes, das er führte, in den Arm gelegt, um dem Seeoffizier, der ihn beiseite winkte, zu folgen. Sie mußten etwas Wichtiges miteinander abzutun haben, denn mein Freund ließ sich den ganzen Abend nicht wieder sehen, und zum ersten Male vermißte ich ihn nicht. Die Gesellschaft, sobald sie in dem weitläuftigen Garten anlangte, verteilte sich in einzelnen Gruppen zu zwei oder mehreren Personen, die sich trennten, sich vertauschten, und wieder zusammentrafen, wie es der augenblicklichen Laune einer jeden gemäß war . . . Ich habe dir zwar schon vorhin die Vorzüge des Engels an meinem Arme mit einzelnen, dem Lobe geheiligten Worten angedeutet. Aber ich weiß schon, wie es mit solchen Worten geht. So gewählt sie auch sein mögen, gleiten sie doch über das Gehirn, wie die glänzenden Kügelchen des Quecksilbers über eine Glastafel, hinweg. Man muß sie erst auflösen und zu einer Unterlage verarbeiten, wenn man den Strahl, der uns blendet, auch in die Augen eines andern zu spielen gedenkt. Leider hat mein in Asche verwandeltes Tagebuch, an dem in dieser Rücksicht auch nichts verloren ist, bis zu der heutigen Mitternachtsstunde nur Schilderungen aus der weiblichen Welt sammeln können, die, wenn ich das Dosenstück einer gewissen Margot ausnehme, das ich dir wohl gegönnt hätte, nicht wert waren, das Kabinett eines echten Liebhabers des schönen Geschlechts zu verzieren. Es tut mir daher recht wohl, daß ich einmal auf ein Profil gestoßen bin, das selbst neben einer heiligen Familie von Raphael kein unebenes Seitenstück abgeben würde, hätte mir nur das Original lange genug sitzen können, um mehr als einen Schattenriß von ihm zu entwerfen. Diese unvollkommene Darstellung wird indes immer noch unendlich schätzbarer sein, als die ausgemaltesten Stücke meiner vorigen Sammlung. Es war schon ein Zug seltener Gutmütigkeit, daß die junge Schöne ohne Abnahme an Freundlichkeit ihre Hand aus dem Arme eines bekannten Freundes in den meinigen legte; daß sie aber auch nachher, als ihr im Garten die Wahl eines andern Gesellschafters frei stand, sich mit einem Fremden begnügte, der weder über die Tagesgeschichte der Stadt mit ihr schwatzen, noch in der ihm ungewohnten Sprache durch leichte Scherze ihr Ohr reizen konnte, muß ich ihr schon höher anrechnen. Doch, daß sie bei ihren sechzehn Jahren sich die Zeit nahm, ein Herz, das in der Nähe des ihrigen schlug, zu behorchen, daß sie verstand, den verdeckten Wert desselben zu entwickeln, seine flatternden Fäden aufzufangen, mit der zartesten Fühlbarkeit ihren Gehalt zu unterscheiden, und nur die bessern dem Gewebe ihrer schönen Seele anzuknüpfen, das, Eduard, war mir vollends eine so ungewöhnliche Erscheinung, als ich je eine erlebt habe . . . Wenn ich dir aber nun den Gang der Gespräche, die mich so anzogen, vorzeichnen, aus ihrem gefälligen Inhalte die Schönheit des Herzens, dem sie entflossen, an das Licht stellen will – ja, Freund, da entschlüpft mir die Feder. Solche seine Schattierungen der Rede sind ihr so unerreichbar, als nimmermehr dem Pinsel jenes ätherische Farbenspiel sein kann, das unter unzähligen Abwechselungen dem anbrechenden Morgen voran geht . . . Ihre anfangs muntern Töne gingen, ganz ungleich dem Schlage der Nachtigall, die mit einem Adagio anfängt, mit einem Allegro endigt, nach und nach in immer rührendere Noten, immer schmelzendern Flötenlaut über, und hoben und trieben mein sympathetisches Gefühl bis zum Bedürfnisse der Tränen. Ich wollte ihr von unserm Könige erzählen; ich konnte nicht. Ich versuchte von meinem Vaterlande zu sprechen; aber die Stimme versagte mir. Mir war, als ob ich in der Ferne Klagen der Unschuld, über den dunkelhellen Bergen her den Ruf der Ewigkeit hörte. Die trostarmen Vergessenen auf der Galeere erschienen mir in allem ihrem Jammer, und ich konnte der Aufforderung nicht länger widerstehen, dem Engel, der mir zuhörte, die Seelenleiden meines heutigen Morgens an das Herz zu legen. Wir hatten uns kurz vorher einem Blumenbeete gegenüber gesetzt, wohin sie einem Gärtnermädchen von ihrem Alter, das mit einem Handkörbchen dahin ging, gefolgt war. Sie nickte ihr schon im Vorbeigehen freundlich und bekannt zu, und bestimmte nun durch ihr Gutachten die Auswahl der Blumen, die jene einsammelte. Sobald mein Gespräch aber ihr Mitleiden erreichte, teilte sie nicht weiter ihre Aufmerksamkeit zwischen uns beiden. Sie verließ den Platz, als ob er zu buntfarbig für den Ernst ihrer jetzigen Empfindungen wäre, und führte mich, ohne ein Wort zu sagen, um keins der meinigen zu verlieren, nach einem dunkeln Bogengange, an den eine kleine versteckte Laube stieß. Hier – wo der verschwiegene Mond nur durch die Blätter über dem grünen Rasensitze zitterte, auf den wir uns niederließen – in dieser nächtlichen Stille – allen Augen außer jenem, verborgen, das über uns schwebte – hier, an der Seite einer weichen weiblichen Seele, denke selbst, wie viel meine Erzählung unter diesen Umständen gewinnen mußte. Das liebe Kind beehrte sie mit dem reinsten Beifall, und, »o mein armer Vater!« schluchzte sie am Ende derselben, – welch einer Haushaltung des Kummers bist du vorgesetzt!« – »Und welchen Wundern der Tugend zugleich!« fiel ich ihr ins Wort, und teilte ihr nun auch, durch ihr Mitgefühl noch mehr befeuert, die Trauergeschichte des frommen Kapuziners in Ausdrücken mit, die vielleicht nie über meine Lippen wärmer gegangen sind. Durch Hülfe eines hellen Mondblicks sah ich, wie unter ihren blauen, gen Himmel erhobenen Augen ein stilles Gebet auf ihrem rosigen Munde schwebte. Ich glaubte eine Heilige in ihrer Verklärung zu sehen, und schwieg. Meine Brust war gepreßt. Sie hörte mich seufzen, drückte mir die Hand, und der Strudel hoher Empfindungen schien mich in eine andere Welt zu versetzen. Indem tönte die Gebetglocke eines nahen Nonnenklosters in unsere Stille herüber. »Ach! ist es schon so spät?« fuhr sie jetzt von der Rasenbank auf, und eilte durch den finstern Bogengang dem bunten Lustbeete zu, von welchem wir hergekommen waren. Ich folgte ihr, doch nur von weitem, nach, wie sie zu erwarten schien, sah, wie sie sich neben das Körbchen setzte, das die junge Gärtnerin indes mit Hyazinthen, Maiblumen und Granatenblüten gefüllt und hingestellt hatte, und sah, als ich näher herbeikam, wie sie mit tränendem Auge eine einzelne, geruchlose, eine Passionsblume, herausnahm, an ihre Brust steckte, die Hand sinken ließ und sich in tiefes Nachdenken verlor. Ich lehnte mich zitternd an einen Orangenbaum in einer mäßigen Entfernung von ihrem Sitze. Drei feierliche Pulse der Klosterglocke weckten sie wie aus dem Schlafe. Sie sah sich erschrocken und noch erschrockner um, bis das Mädchen, das sie erwartete, aus dem Gewächshause gelaufen kam. – »Geschwind, Marie,« rief sie, und trug ihr das Körbchen einige Schritte entgegen, »noch ist die Pfortentür nicht verriegelt, aber – eile.« Indem ward sie meiner gewahr, kam auf mich zu, und da ihr meine großen Augen nur zu deutlich verrieten, was in mir vorging, war dies dem lieben Kinde schon hinreichend, meine Neugier zu befriedigen. »Meine Unruhe über das Körbchen ist Ihnen gewiß aufgefallen. – Es ist ein festgesetzter Tribut, den ich einer Freundin im Kloster übersende, so oft ich diesen Garten besuche. Sie ging hier gern und öfters mit mir spazieren, liebte das erste Grün des Frühlings, liebte die Blumen so sehr, und kann jetzt hinter den hohen Mauern nicht einmal mit einem Blicke das geringste Gräschen erreichen. Über Ihre bewegliche Geschichte, mein Herr, hätte ich mich beinahe mit meinem Geschenke verspätet – ich würde mir's nicht verziehen haben. Ich kann mir die Freude der guten Agathe so lebhaft denken, wenn sie aus dem Betstuhle in ihre Zelle zurückkommt und meine Blumen findet, die ihr die Versicherung geben, daß ich in dem Garten bin, mich nach ihr sehne, und ihr so lange in der Nähe bleibe, bis sich keine Glocke mehr hören läßt. Das habe ich dem guten Kinde bei unsrer letzten Umarmung versprochen. In drei Wochen geht ihr Probejahr zu Ende – oh, wie zittre ich für sie! Denn ach! mein Herr, sie wählt das Kloster – ein schreckliches Unglück, wen es trifft! – nicht aus Neigung, sondern aus Not, weil sie keine Verwandte, kein Vermögen und in der weiten Welt nur an mir eine Freundin hat, die ihr nicht helfen kann! Bald muß sie dem Andenken auch dieser feierlich entsagen; Gott wolle ihr beistehen, daß sie es willig tue!« – Ein Tautropfen, der unter diesen Klagen der Freundschaft aus den Augen der schönen Beterin in den Kelch der Trauerblume an ihrem Busen herabfiel, erschütterte wie ein elektrischer Schlag meine Nerven. – »Ach! wenn meine Erzählung«, konnte ich kaum in abgebrochenen Worten herausbringen, »Ihr edles, teilnehmendes Herz gerührt hat, oh, wie haben Sie mir es vergolten.« – Wir wußten beide vor Wehmut nicht wieder zur Sprache zu kommen, bis das dumpfe Geläute gänzlich verhallt war. Da erst kehrte ihre Fassung zurück; aber die meine blieb aus. – »Ich habe Sie, mein Herr«, fing sie gelassener an, »bis in die Nacht aufgehalten, ohne daran zu denken, wie unbekannt mit meinem Kummer und wie fremd Sie mir sind. Aber eben darum waren Sie mir in diesen Feierstunden meiner Betrübnis kein überlästiger Zeuge. Lassen Sie uns jetzt gehen, mein Herr. Die Gesellschaft ist längst auseinander. Am Ende des Gartens erwartet mich, wie allemal, meine Gouvernante.« – In stiller, andächtiger Ehrfurcht folgte ich nun diesem wundervollen Geschöpfe, das unter der Hülle hoher weiblicher Schönheit einen Geist besitzt, der mir so überirdisch vorkam, als müsse er schon vor ihrer Geburt in den Reihen der Seligen geglänzt haben. Halte dies nicht für eine schwülstige Phrase, Eduard; denn wahrlich, ich wüßte dir die Empfindungen meiner Seele nicht natürlicher und verständlicher auszudrücken. Im Fortgehen kam uns in der Allee die ältliche Dame entgegen, die weniger das Ansehen hatte, Aufseherin des Fräuleins, als ihre ältere Freundin zu sein. Sie empfing ihre holde Vertraute, die mir die letzten Stunden des nun entflohenen Tages zu der unvergeßlichsten Epoche meines Lebens erhoben hat, sie empfing sie mit schweigender, aber darum nicht weniger herzlichen Umarmung, in der gewiß schon alles lag, was zu ihrem gegenseitigen Verständnisse gehörte und keiner Worte bedurfte. Nur mir hatte sie etwas zu sagen – aber was? Der Brigadier sei auf einen Augenblick dagewesen und habe ihr, weil er nicht Zeit gehabt, mich aufzusuchen, das Schnupftuch zugestellt, das mir diesen Morgen entkommen wäre. – – Wenn du dir einen Mann vorstellst, der unter bänglichem Gefühle des Lebens sich über den Erdball erhebt, seine Blicke in die Tiefen der Ewigkeit senkt, und an Gott und Unsterblichkeit sauget, und dem in diesen Augenblicken ein Weib in das Ohr schreit: Mein Herr, Sie haben ein Loch in dem Strumpfe – so kannst du ungefähr erraten, wie mir in der kostbaren Minute meiner vielleicht ewigen Trennung von dem erhabenen Kinde eine so gleichgültige Nachricht und der Anblick meines einfältigen, längst vergessenen Schnupftuchs gefallen mußte. Ich steckte es mit weit mehr Ärgernis ein, als ich bei seinem Verlust hatte, machte der jüngern Dame im Geist und in der Wahrheit, der ältern hingegen bloß nach dem gewöhnlichen Schnitte, meine Verbeugung, und ging nun, die Arme ineinander geschlagen, langsamen Schrittes meine Straße. Das wilde Lärmen, in welchem ich den goldenen Anker wiederfand, war mir nach meiner jetzigen Stimmung äußerst zuwider. Den Schlaf zwar konnte es mir nicht rauben – der floh meine Augenlider ohnehin – aber es mußte mich doch, wenn es anhielt, nicht wenig in dem ruhigen Überblicke meines verlebten Tages, und, worauf ich mich besonders freute, in der Wiederholung der vielen süßen Empfindungen stören, die aus der Geistesüberströmung meiner vortrefflichen Gesellschafterin habsüchtig nur zusammengetragen, und gleichsam in Masse und mit der Hoffnung nach Hause gebracht hatte, sie mit aller Muße zu ordnen und zu zergliedern. Der Wirt, als er mir vorleuchtete, gab mir, als Ursache des Nachtgetümmels in seinem Gasthofe, die Hinrichtung eines Delinquenten an. – »Bei solchen Gelegenheiten,« setzte er hinzu, »gewinnt unsereins am meisten; denn kein Schauspiel macht und erhält das Volk munterer und durstiger als dieses«. – »Der rohe Mensch ohne Kultur«, warf ich zur Antwort hin, »gibt viele dergleichen Rätsel zu lösen.« – »Tun Sie dem kultivierten Menschen nicht Unrecht,« verhöhnte mich der Wirt; »einer ist wohl so unerklärbar als der andere: doch mein Beruf ist es heute nicht zu philosophieren, sondern meinen Zechgästen Wein aufzutragen.« – Er wollte nun gehen; ich vertrat ihm die Tür. – »Nur noch ein Wort, lieber Mann! Können Sie mir wohl Bescheid geben – – –« »O ja,« unterbrach er mich, »vollkommen.« – »Wissen Sie doch noch nicht, worüber,« fuhr ich ihn an. – »Vermutlich doch,« versetzte er, »über den Tod des Gehenkten; denn heute wird nur davon gesprochen.« »Nichts weniger,« gab ich zur Antwort; »was geht mich der Gehenkte an! Die Rede ist von der liebenswürdigen Tochter des Herrn Intendanten, deren Bekanntschaft ich heute gemacht habe.« – »Läuft ziemlich auf eins hinaus,« kauderwelschte der betrunkene Kerl. »Nächster Tage wird Fräulein Klärchen« – der Name gab mir einen Stich durchs Herz – »auch nicht viel besser als exekutiert sein.« – »Herr!« polterte ich ihn an, »Sie sind nicht gescheut, oder haben mich nicht verstanden. Um mich kurz zu fassen, wollte ich nur fragen, ob Fräulein Klärchen das einzige Kind des Herrn von Saintaignan sei?« – »Seine einzige Tochter ist sie,« – antwortete er mir jetzt besonnener. »Doch vergeben Sie, ich will nur einen Blick auf meine Wirtschaft werfen, und bin sogleich wieder zu Ihren Diensten.« Mit dieser Versicherung flog er vor einer Stunde zur Stube hinaus, ohne sich weiter um mich zu bekümmern. – * Ach, mein Eduard! bis hierher hatte ich geschrieben, und da ich dir nichts mehr zu erzählen hatte, war ich eben im Begriffe zu Bette zu gehen, als der Wirt sachte die Türe öffnete, und, da er mich noch aufsah, hereintrat. – »Endlich,« hustete er mir entgegen, »ist es ruhig in meinem Hause. Mein Tagewerk ist vollbracht, bis auf die Erklärung, die ich Ihnen von meiner vorigen Rede noch schuldig blieb. Sie erkundigten sich nach Fräulein Klärchen. Das schöne Mädchen scheint Eindruck auf Sie gemacht zu haben. Sie sind nicht der erste Fremde, dem das widerfährt. Exekutiert – sagte ich? Nun, das war nur scherzweise. Ich würde von der ganzen Sache nichts wissen: aber die Dame, die Sie bei ihr werden gesehn haben, und ihre Gouvernante von Jugend auf, ist meiner Frauen Schwester; durch sie erfahren wir alles. Nächster Tage, sagte ich? Hören Sie nun, wie ich's meine. Künftigen Sonntag, wird sein der vierundzwanzigste, feiert Fräulein Klärchen ihren sechzehnten Geburtstag; aber wie? Sie setzt sich ganz früh mit meiner Schwägerin in einen zugemachten Wagen, in Begleitung eines Geistlichen, schneeweiß gekleidet, wie ein armer Sünder, steigt nicht weit von Marseille bei den Urselinerinnen aus, läßt sich ihr langes Haar abschneiden, tritt ihr Probejahr an und wird in einer Zelle begraben. Der Zirkel ihrer Freunde und Bekannten mit aller seiner Kultur trinkt dann, so gut als heute meine Gäste, ein Glas mehr als gewöhnlich. Sieht das nicht ganz wie eine Exekution aus, mein Herr?« – »Um Gottes willen,« brach ich jetzt los, »um Jesus Barmherzigkeit willen, Herr Wirt, besinnen Sie sich. Ich spreche von Fräulein von Saintaignan – von der Tochter des hiesigen Herrn Intendanten.« – »Und spreche ich denn von einer andern?« erwiderte er. – »Dieses herrliche Geschöpf, sagen Sie, würde Nonne?« – »Ganz gewiß, mein Herr! Wundert Sie das?« – »Aber, bester Mann,« trat ich ihm jetzt mit gefalteten Händen näher, »wäre es denn möglich, daß ein so verständiger Vater seine einzige Tochter, einen solchen Engel –« – »Vermutlich damit sie es bleiben soll,« fiel mir der Wirt in die Rede, »bestimmte sie – nicht ihr Herr Vater – zum Kloster – da tun Sie ihm Unrecht – sondern die Mutter tat es vor zehn Jahren auf ihrem Sterbebette.« – »Aber was, ich beschwöre Sie, was brachte denn diese aberwitzige Frau auf diesen barbarischen Einfall?« – »Ich will nicht mit Ihnen um Worte streiten,« antwortete der Wirt; »aber wer kann das genau wissen? Was ich darüber habe schwatzen hören, will ich Ihnen mitteilen. Der Beichtvater, erzählen einige, habe es der Sterbenden zur Bedingung ihrer Seligkeit gemacht. Dawider wäre nichts einzuwenden. Es ist die Schuldigkeit dieser Herren; aber ich glaube es nicht einmal. Meine Schwägerin auch nicht. Diese war bei der seligen Marquise bis zu ihrem Verscheiden und hatte Fräulein Klärchen auf dem Schoße. Auf der andern Seite vor dem Bette kniete der Sohn, der um zehn Jahre älter als die Tochter, natürlich der Mutter auch zehnmal lieber war. Und in diesen bangen Minuten, wie sich meine Schwägerin ausdrückt, wurde das Schicksal der beiden Kinder für die Zukunft entschieden. Die Dame machte, was diesen Punkt betrifft, den Dominikaner, der sie einsegnete, durch eine förmliche Urkunde zum Exekutor – da haben Sie's ja, – ihres letzten Willens, dessen Vollstreckung, wie gesagt, nächsten Sonntag seinen Anfang nimmt, und in Jahresfrist der Schwester den Schleier, dem Bruder die ganze mütterliche Erbschaft zuspricht. Er wird dadurch einer der reichsten Herren im Lande, und er verdient es. Ein wohlgebildeter braver Offizier, dem das Herz auf dem rechten Flecke sitzt.« – »Wenn Sie wahr sprächen, Herr Wirt,« schluchzte ich, »würde er die Erbschaft nicht annehmen.« – »Er sollte sie nicht annehmen?« schrie der Kerl, »sollte die schönen Güter in der Normandie, sollte die Plantagen in Sankt Domingo nicht annehmen? Ist denn der letzte Wille einer Mutter nicht unumstößlich? Wird denn das Fräulein nicht zeitlebens gut aufgehoben? und war ihr denn die Wahl des Klosters nicht freigestellt?« – »Der letzte Unsinn einer schwachköpfigen, sterbenden Schwärmerin,« beantwortete ich mit Bitterkeit seine gehäuften dummen Fragen, »die niemanden darüber zu Rate zieht als einen Dominikaner, kann weder Kraft bei ihren Erben, noch Gültigkeit vor Gerichte haben.« – »Um Vergebung,« wendete der Wirt dagegen ein, »Frau von Saintaignan war nichts weniger als eine schwachköpfige, war vielmehr eine sehr kluge, rechtschaffene und empfindsame Dame, und das Vermögen, über das sie Verfügung traf, kam von ihr her. Ich sehe auch bei Gott nichts Unkluges und nicht halb so viel Unbilliges in so einem Testamente, als bei einem Majorate; denn jenes erhält die Familie nicht allein auf Erden, sondern auch im Himmel bei Ansehn.« – »Gehen Sie, Herr Wirt,« unterbrach ich ihn, »Sie haben vorhin sehr richtig über Ihren Beruf geurteilt: Philosophie liegt wirklich ganz außer Ihrer Sphäre. Gehen Sie und schaffen Sie mir ein Glas Limonade.« – Er ging; doch ehe ich mich noch im geringsten von meinem Schrecken erholt hatte, stand er mit seiner Bouteille und seinem Geschwätze wieder vor mir. – »Da Sie doch,« sagte er, indem er mir einschenkte, »eine Flasche Limonade nötig haben, um über das Schicksal Fräulein Klärchens Ihr Blut zu beruhigen, wie viel werden Sie nicht brauchen, wenn Sie erst die Geschichte des Bruders erfahren!« – »Ich mag sie gar nicht wissen, Herr Wirt. Was so eine Seele angeht, ist mir ganz gleichgültig.« – »Das wird es Ihnen nicht bleiben; lassen Sie mich nur erst erzählen. Daß Fräulein von Saintaignan den Schleier annimmt, gereicht keinem Menschen zum Nachteile, so wenig als ihr selbst. Ihr Herz ist noch nicht vergeben, und das Kloster befreit sie von allen Nachstellungen. Wenn einem Manne aber, wie dem jungen Marquis, des Heilands wegen eine Braut untreu wird, so ist dies wohl ein seltneres Unglück, und unserm jungen Herrn muß es noch viel schmerzhafter fallen, weil sein Schwesterchen vielleicht noch mehr Anteil daran hat als der Heiland.« – Jetzt erst schenkte ich seiner Erzählung meine ganze Aufmerksamkeit. – »Die junge schöne Prinzessin von Montbasson«, fuhr er fort, »wurde hier unter der Aufsicht meiner Schwägerin mit Fräulein Klärchen zugleich erzogen. Erstere war von jeher dem Bruder bestimmt; dem ungeachtet gewannen die beiden jungen Leute einander lieb, die Zeit verging, der Tag ihrer Vermählung war schon festgesetzt, und der Bräutigam wurde nächstens von der Armee erwartet. Dieser Zwischenraum, so kurz er war, warf alles über den Haufen. Die Freundschaft zur Schwester stritt schon lange in dem Herzen der Prinzessin mit der Liebe zum Bruder, und, was wohl noch nie erhört ist, sie siegte. Die schöne Verlobte entschloß sich kurz, schrieb ihrem Bräutigam einen betränten Abschiedsbrief, flüchtete, ehe sich meine Schwägerin dessen versah, in das Kloster, das ihre Gespielin gewählt hat, und erwartet dort nun schon seit acht Wochen die baldige Wiedervereinigung mit ihr auf Leben und Tod. Dergleichen heldenmütige Entschließungen, mein Herr, dergleichen Freundschaft, Treue und Hingebung ist nur in unserer Religion möglich. Wenn auch sonst nichts ihre Göttlichkeit bewiese, solche Beispiele würden es allein tun. Der junge Herr, sagt man, soll untröstlich sein. Das ist begreiflich. Man wird freilich eine Schwester gelassener einkleiden sehen, von der man erbt, als eine geliebte Braut, die alles mitnimmt und dem Himmel aufhebt, was wir schon als uns zugehörig betrachteten, und das unserer Phantasie von unersetzlichem Werte scheint.« – »Wer hart genug ist,« antwortete ich, »eine solche Schwester dem Moloch – der Mönchswut zu opfern, verdient statt der Schmeichelei eines liebenden Auges die Umarmungen der Furien. Gott tröste und segne nur die beiden trefflichen Mädchen – was kümmert mich der unnatürliche Bruder!« Der Wirt schlich während meines heftigen Ausfalls gähnend davon. Ich schlüpfte in meine Kammer – aber woher sollte mir der Schlaf kommen? – stürzte wieder heraus, setzte mich an meinen Schreibtisch, und sitze noch da, fluche der geistlichen Verräterei an der Menschheit und zanke zur Abwechslung mit dem Schicksale. Ich kann mich nicht trösten über den Verlust, den Welt, Tugend und Freude durch die Mordtat an diesem unvergleichlichen Mädchen erleidet. Jetzt erst begreife ich ihre Erschütterung, als die Klosterglocken zum nächtlichen Gebete läuteten; jetzt erst fühle ich das ganze Gewicht der stillen Träne, die ihr über die Wange in den Kelch der Passionsblume rollte; erst jetzt wird es mir klar, warum ihre Bewunderung des ausduldenden Kapuziners sich in Beben und Gebet verlor, warum ihr Auge so gerührt über den Blumen hing, die sie ihrer eingekerkerten Agathe darbrachte, und ich verstehe die Wehklage über ihr Unvermögen der verwaisten Armen zu helfen . . . * O du, deren melodisch-tönende Trauerstimme mir das Herz jetzt schneidend durchdringt, wohl hattest du recht: ich entdecke mit Stolz den Sinn deiner Rede, daß ich zwar unbekannt mit deinem Kummer, doch des Mitgenusses deiner Schwermut nicht ganz unwürdig sei. Hält mich auch der Nachschwung in die lichtvolle Höhe der Unsterblichkeit, aus der du, gleich einem Engel, auf diesen Totenhügel herabschimmerst, immer noch fern von dir, so gibt mir doch schon der mindeste Nebenstrahl deines heutigen Abglanzes alle Ehre und Würde wieder, die ich in der niederen Sphäre des Leichtsinns und der Wollust verlor. – Dich, die jeden Kreis erheitert, jeden geselligen Trieb veredelt, konnte ein Vater, der Lebensgenuß, Freuden und Feste liebt, zu der Einsamkeit eines Klosters verdammen? – eines Klosters? wo deine von ihm entsprossene und sorgsam gepflegte Jugendblüte, bei den höchsten Ansprüchen auf Gefallen und Liebe, wo deine sanften Herzens-Erwartungen und jene geheimen Ahndungen mütterlichen Entzückens – einem Götzenbilde zum unnützen Weihrauch dienen, und die Keime zu den reichsten Ernten menschlichen Glücks in dem Darrofen einer Zelle dumpf werden und vertrocknen sollen? – Unglückliches Kind! Entferne dich, wie die Tugend vom Laster, von deinem abscheulichen Bruder, der die Stirn hat, das Verbrechen seiner Erbschaft mit dem letzten Willen einer in Wahnsinn sterbenden Mutter zu beschönigen. Entferne dich, noch ist es Zeit, von den arglistigen Lockungen der frömmelnden Sirenen, die dich in den Strudel ihrer Langenweile zu ziehen drohen. Erhalte deine holde Munterkeit der freien, mit dir verwebten Natur – fern von dem heiligen Schneckengang eines ungebrauchten, strafbaren Lebens. Und entflöhest du als Bettlerin dem undankbaren Lande, dessen Zierde du bist, so würdest du doch die Sonne auf- und untergehen, den Wald grünen, die Saatfelder wogen sehen, würdest die Lerchen singen, den Bach rieseln hören, und in dem großen Tempel Gottes eine redliche, freiwillige Dienerin seiner ausspendenden Liebe sein. – Dreimal habe ich die niedergelegte Feder wieder erhoben und meine Herzensangst durch das Adagio der Elegie zu besänftigen versucht; aber das Vorgefühl der unnennbaren Leiden, denen das unbefangene Kind, zur Feier seines Geburtstages, träumend entgegengeht, foltert mich zu sehr, um meinen Schmerz täuschen zu können. – Muß sie denn hin, die arme Verlockte, wo schon so viele lebendig begraben wurden, die ihr an Schönheit, Tugend und Frohsinn gleich waren; nun, so stärke sie Gott bei dem Erwachen ihres Bewußtseins! Er lasse sie vollen Ersatz in der Freundschaftsquelle der Unnachahmlichen finden, die dem ehelichen und mütterlichen Berufe freiwillig entsagt, um jeden Kelch mit ihrer Jugendgespielin zu trinken, und auf denselben Stufen, gleichen Schritts mit ihr, in die Region der Auserwählten zu steigen! Möge der Gedanke untrennbarer Vereinigung euch immer als ein lachender Genius zur Seite stehen und durch dieses kurze Leben begleiten; ihr göttlich verschwisterten Seelen! – Zwo Blumen – so denk' ich mir euch – zwo herrliche Blumen im Tale, umringt von unübersteiglichen Felsen, die, der Kenntnis der Menschen und ihrer Neugier ewig verborgen, ihr blühendes Dasein in dem leeren Luftraume verdunsten – aber, ein Engel des Himmels hat sie unter seiner Obhut, sonnet, pflegt und schmückt sie, und findet Wohlgefallen an ihrer Eintracht und Schönheit. – Wer kann sagen, daß sie Unrecht leiden? Wer kennt den Umfang ihrer Bestimmung? – An dieses tröstende Bild will ich mich halten und mein Hauptküssen damit polstern, und so oft ich murrend – – – * Gott! was ist mir begegnet! Es lag, Eduard – während der drei Stunden, die ich dir vorjammerte, lag eine der schauderhaftesten Nachrichten auf meinem Pulte. Ich entdeckte sie, da ich mir eine Träne abtrocknen wollte, die mir meine Trauer um das schöne, edle, duldende Kind entriß. Indem ich mein Schnupftuch entwickelte, fiel ein Brief heraus. Hier lies seinen Inhalt. »So sehr ich auch für Überraschungen bin, lieber Wilhelm, so hätte ich derjenigen doch gern entbehrt, die du mir heute zu sehr ungelegener Zeit verschafft hast.« – Was zum Henker, dachte ich bei mir selbst und legte meine flache Hand auf das Blatt, will der Marquis mit diesem spitzigen Eingange? Ich konnte es nicht erraten und las fort. – »Ich würde mich über meinen verlornen Spaziergang kaum getröstet haben – das Glück, das dir ward, gehörte mir, du führtest Klärchen, und ich inzwischen mußte deine tollen Geschäfte bei ihrem Vater vertreten – wäre mir nicht zu einiger Entschädigung der Spaß geblieben, dich am Ende mit den Folgen deiner angenehmen Zerstreuung, die alle deine Schritte durch die Welt begleitet, selbst stärker noch zu überraschen als du mich.« – Zur Sache; lieber Marquis, rief ich voller Ungeduld. Ach, ich erfuhr sie nur zu geschwind! »Dein verlornes Schnupftuch und dein unbenutztes Einlaßbillett haben sich wieder gefunden. Ich soll dir das erstere im Namen des Königs überliefern. In Ansehung des andern wird dich das darüber gehaltene Protokoll verständigen, das ich von dem Herrn Intendanten Erlaubnis habe, dir im Auszuge mitzuteilen: Nachdem der angeblich aus Chursachsen gebürtige Ehrlieb Fürchtegott Freiherr von . . ., der seit drei Jahren wiederholter Betrügereien halber, sonderlich in verbotenen Spielen, auf die königlichen Galeeren allhier gebracht worden, heute dato sich des Verbrechens schuldig gemacht, und eingestanden hat, daß er diesen Morgen die Unachtsamkeit eines andern hier durchreisenden Deutschen, der die Galeeren besah, benutzt, und mit derselben Hand, die er nach einem Almosen jenem entgegen streckte, nicht nur dessen Taschentuch, sondern auch einen Erlaubnisschein zur Besichtigung des königlichen Arsenals, diebischerweise entwendet, und beides eine Stunde nachher einem englischen Herumstreicher für sechs Livres verkauft habe; nachdem ferner nur gedachter, aus Glocester gebürtiger Vagabund sich in anständige Kleidung arglistig versteckt, und unter dem angemaßten, auf dem Einlaßschein ausgedruckten Namen des rechtmäßigen Eigentümers sich Zugang in das Arsenal zu verschaffen kühnlich versucht, und nicht vermocht hat, seine dabei hegende verräterische Absicht zu leugnen, solche vielmehr durch sein wörtlich folgendes Geständnis außer allem Zweifel gesetzt ist usw. – als haben die königlichen Admiralitäts-Gerichte allhier für Recht erkannt, und sprechen demnach für Recht: daß beide genannte, ihrer Beschuldung überführte Gaudiebe, und zwar der englische Matrose, nachdem ihm der Name, den er sich fälschlich zugeeignet, abgenommen, und sein eigner ehrenverlustiger an die Stelle gesetzt worden, auf das im Hafen vor Anker liegende, noch uneingeweihete neue Kriegsschiff Vengeance gebracht, dem zur Vollstreckung des Urteils bereits angewiesenen Offizier daselbst überliefert, und vor Untergang der Sonne an den Mastbaum aufgeknüpft und gehenkt werden, bis der Tod erfolge. v. R. w.« * Bei den letzten Worten – unheimlicher ist mir in meinem Leben nicht zumute gewesen – entfiel der Brief meinen zitternden Händen, das Atemholen, das mir während des Fortlesens schon schwer genug ankam, schien jetzt ganz auszubleiben. Für alles in der Welt hätte ich nicht gewagt mich umzusehen; denn mir war immer, als ständen von den beiden Gehenkten der Freiherr auf der einen, der Matrose auf der andern Seite meines Lehnstuhls, um mich über ihre Hinrichtung zur Verantwortung zu ziehen. Nebenbei fuhr mir auch der krasse Gedanke durch den Kopf, daß, wenn ich nicht dem lahmen Gefreiten zu gut bekannt gewesen, und es dem englischen Spion gelungen wäre, meine Einlaßkarte zu seiner gottlosen Verräterei zu benutzen, wie leicht mein ehrlicher Name statt seiner den Galgen geziert und mich dem gerechten Hasse der vortrefflichen Nation bloßgestellt haben würde, die mir nichts als Liebes und Gutes erzeigt hat. In diesen scheuen Augenblicken sprudelte mein abgebranntes Licht, verlosch, und alle Schrecknisse der Nacht stürzten über mich zusammen. Mein brausender Kopf – was ist doch der Mensch für eine armselige Maschine! – drückte sich, wie im Vorgefühl der Erdrosselung, zwischen die Achseln, Galle überlief meine Zunge, und ein häßlicher Krampf sträubte mein Haar. So verschwitzte und verhorchte ich eine lange peinliche Stunde in einer Todesangst, die von den Gehenkten auf mich vererbt schien. Endlich – es war die heftigste Erschütterung meiner gespannten Nerven, aber auch die letzte – hörte ich von weitem ein Posthorn schmettern und einen Wagen vor das Haus fahren. Der Postillion – ich hätte ihm billig für den blinden Passagier ein Trinkgeld bezahlen sollen – brachte mir meine entlaufene Vernunft zurück. Ermannt sprang ich von meinem heißen Lehnstuhle auf, hob die Vorhänge und öffnete das Fenster. Mein Grausen verflog. Ich sah lebende Menschen, und den Anbruch des Morgens schon hell genug, meinen furchtbaren Brief weiter zu lesen. Schamrot und lächelnd hob ich ihn vom Boden auf, las herzhaft die Mordgeschichte noch einmal samt der Nachschrift, die ich dir noch abschreiben will. »Damit du nun auch hörst,« fährt Saint-Sauveur fort, »wie erbaulich sich dein Landsmann bei seinem Übergang in die andere Welt betrug, so lege ich dir einen Auszug der Anzeige des Offiziers bei, der die Exekution kommandiert hat.« – – »Und als nun beide Verurteilte auf dem Verdeck zusammentrafen, weigerte sich jeder die Leiter zuerst zu besteigen. Da sich die Sonne schon stark neigte, befahl ich, um keinem Unrecht zu tun, den Streit durch Würfel zu entscheiden, deren auch sogleich drei gebracht wurden. Zur Kenntnis des menschlichen Herzens, wenn es bis auf einen gewissen Grad verdorben ist, verdient angemerkt zu werden, daß die Freude des Deutschen bei Erblickung derselben unmäßig war. Als er sie von dem Engländer, der zuerst warf, übernahm, küßte er sie, rieb sie warm zwischen den Händen, und: ›Es geht doch nichts über ein Hasardspiel!‹ sagte er, warf, und verlor durch einen Punkt weniger den ausgesetzten Preis. Unwillig, doch entschlossen, machte er sich nun auf den Weg. Indem ihm der Strick um den Hals gelegt wurde, sagte er zum Nachrichter: ›Ich bin aus der Übung gekommen. In den Bädern, besonders in Ronneburg, verstand ich's besser. Hätte ich den Satz Würfel gehabt, die mir der dortige Kammerpräsident abnehmen ließ, der Engländer sollte, bei meiner Kavaliers-Parole, eher gebammelt haben als ich. Noch ein Wort, lieber Freund, mache Er seine Sache gut: ich kann Ihn belohnen; denn ich habe die drei Würfel in dem Rumor heimlich eingesteckt; die gehören nun Sein. Sie können Ihm etwas eintragen, ich will Ihm sagen wie: Schreibe Er unter meiner Adresse nach Leipzig, so kommt der Brief sicher an meinen nächsten Blutsfreund. Diesem biete Er sie an. Er macht gewiß einen guten Handel; denn die Würfel eines Gehenkten sind schon etwas wert. Sie sollen nie fehlen, sagt man. Schade, daß ich nicht selbst versuchen kann, was daran ist! Eile Er aber, damit der Kauf noch vor der Michaelis-Messe – – –‹ Hier stieß ihn der Nachrichter von der Leiter.« »Aus dem, was du gelesen hast, darf ich wohl voraussetzen, daß dir morgen das schmalste Mittagsbrot anderwärts schmackhafter dünken wird, als das prächtigste Fest unter dem Mastbaume der Vengeance. Die angenommene Einladung ist leicht wieder abgesagt. Laß uns also, was wohl das klügste ist, mit dem Tage von hier aufbrechen, damit wir noch vor Untergang der Sonne, die du heute deinem Landsmann hast auslöschen helfen, unser schuld- und straffreies Tal erreichen. Dort wird es dir hoffentlich eher behagen, die reichhaltige Geschichte des verlaufenen Tags in eigene stille Betrachtung zu ziehen, als umringt von Fragen und Zuhörern. – Wo wolltest du Zeit hernehmen, die Neugier aller zu befriedigen, in deren Mäuler du geraten bist? Auf den Malteser-Ritter allein müßtest du eine gute Stunde rechnen. Er ist zu sehr Genealogist, um nicht bei Gelegenheit des Mastbaums – den Stammbaum des gehenkten Edelmanns bis auf den nun ausgegangenen Zweig zu beleuchten, Ahnenprobe mit ihm anzustellen, und dabei zu bedauern, daß eine solche Stiftsfähigkeit, für die mancher ehrliche Bürger gern Haus und Hof hingeben würde, wenn er sie dadurch erlangen könnte, so schändlich verloren gegangen sei. Hast du nun für dergleichen genealogische Ergetzungen keinen Sinn, trauest du dir nicht Festigkeit genug zu, den Bemerkungen deiner moralischen Tischnachbarin, dem vielsagenden höflichen Stillschweigen des Intendanten, den Sticheleien deines lahmen Begleiters, mit einem Worte, allen den Folgen von Heute , gesetzten Schritts morgen entgegen zu treten; so halte dich gegen fünf Uhr früh, wo ich bei dir vorfahren werdet zur Abreise gefaßt. Saint-Sauveur.« * Das trifft ganz vortrefflich zusammen! Eben schlägt es. Ich bin völlig, noch von gestern her, gekleidet, und höre, wenn ich mich nicht irre, den Wagen des Marquis über die Gasse herrollen. – Richtig, er ist's. den 21. Februar.         Den 21. Februar Unterweges von Toulon nach dem Sonnental. * Marseille, den 22. Februar . . . Ehe ich mich ganz von der holden Nachterscheinung entferne, . . . muß ich dir doch der Vollständigkeit wegen die stille Betrachtung noch mitteilen, mit der ich heute, ziemlich spät, mein Bette verließ. Der angeborene und treuste Freund menschlicher Natur, besonders der meinigen, zischelte ich mir zu und rieb mir die Augen munter, hat es doch diesmal wieder recht gut mit dir gemeint, aber fast zu gut! Es ist nicht der erste Morgen, wo ich ihm diesen kleinen, freundschaftlichen Vorwurf zu machen habe. Ich bin in meinem Leben, das ich gewiß, manchem widrigen Augenblicke, vielen Sorgen und Grillen, durch Vermittlung des Schlafs, wenn keine andere verfangen wollten, glücklich entwischt; durch ihn wurden nicht selten meine brausenden Leidenschaften und die harten Gegenreden meines Gewissens gemildert. Dagegen aber hat mich auch sein einschmeichelnder Besuch eben so gewiß um manche schöne Belohnung der Wachsamkeit, um manchen Gewinst an Kenntnissen gebracht, der nicht zu berechnen ist. Über süße Träume der Nacht habe ich oft weit süßere des Tags verloren, und bei Freuden, die man nur mit offenen Augen genießen kann, wie heute bei der aufgehenden Sonne, das Nachsehen gehabt. Sie, die ich kürzlich mit solcher Inbrunst besang, ist schon seit vier Stunden dem blumigen Brautbette dieses Tales entstiegen, und hat nun für mich, wie jede Schöne, die sich der weiten Welt preisgibt, nichts Anlockendes mehr. Auch Saint-Sauveur hat, wie die Sonne, das Erwachen seines Gastes nicht abgewartet. Er wäre, sagt mir der schnurrbärtige Kutscher, den er mir zu meinem Fortkommen zurückließ, mit Tages Anbruche, seinen Geschäften nach, zu Fuße, durch den Tempel des Friedens und vermutlich nach Marseille gegangen. Oh, warum hat mich der gute Mann nicht geweckt! Wie gern hätt' ich seine muntere Unterhaltung, in der Kühle des Morgens gegen die Schattenbilder meines Traums eingetauscht, da ich jetzt, bei voller Besinnung, ein paar heiße, einsame Stunden durchbrechen muß, um in meine verschraubte Wirtschaft zu gelangen, wohin mich ein paar alberne Briefe auf das ängstlichste rufen. Sie beleidigten schon mein Auge, als ich sie aufschlug, und ihre Siegel verrieten mir sogleich, als wenn es die bekannteren Wappen wären, von wem jeder herrührte. Auf dem einen war eine hirnlose Maske – auf dem andern das Petschaft des Michelangelo gedrückt. Ich griff nach dem Wahrzeichen des ersten, der mir eine wortreiche Bitte entwickelte, an deren schleuniger Gewährung mir zwar ebensoviel gelegen war, als den beiden Puppenspielern, die sie vortrugen, die aber auch gerade um deswillen mir recht böses Blut machte. Dies verlangt eine Erklärung, lieber Eduard. Du wirst dich erinnern, unter welchen Scheltworten ich mir letzthin den armen Prologus vom Halse schaffte, als er sich mit rednerischem Anstand meinem Schreibepulte näherte. Hätte ich nur zwei Minuten Geduld behalten, ihn anzuhören, so würde ich erfahren und mich längst darein gefügt haben, daß die Elektra, mit der er seine Perioden anhub, nichts weniger als griechischen Ursprungs, sondern in jenen glücklichen Tagen seiner theatralischen Herrschaft die prächtige Frau des ersten Akteurs gewesen, seit kurzem Witwe geworden – Besitzerin eines weitläufigen Sortiments trefflich organisierter Puppen, und geneigt sei, ihm, aus unveralteter Achtung, ihre Hand zu geben. Schließe ja nicht aus dem gedrungenen Auszuge des Briefs auf seine Kürze. Ich könnte dich damit töten, wenn ich dir ihn in seinem ganzen Umfange vorlegen wollte. Durch mein Zusammendrücken, wie ich es bei so heillosem Geschwätze zu tun pflege, habe ich ihm nur das Gift benommen. In einer Nachschrift bitten beide Brüder um ihre Entlassung noch diesen Vormittag, mit Beibehaltung ihrer Livree, weil der Jahrmarkt zu Montpellier, wo Elektra zuerst ihr neues Theater zu eröffnen gedächte, schon übermorgen seinen Anfang nähme, und sie dort eines Prologs und Epilogs gewiß benötigter sein würde als ich. Hierin haben nun die zwei verbrüderten Narren vollkommen recht; auch will ich eilen und meiner eigenen Freiheit so lang Zwang antun, bis ich ihnen, wie einem Paar unnützen Stubenvögeln, die ihrige geschenkt habe. Mögen sie mit ihren bunten Federn, die ohnehin nicht von der Farbe meiner Helmdecken sind, aus einer Wildnis in die andere ihren Talenten nachfliegen. Mir soll ihres Schicksals halber weiter kein graues Haar wachsen. Ungleich mehr Sorge macht mir die peinliche Frage, mit der in der zweiten Epistel der unselige Passerino mir zu Leibe geht. Freilich hatte ich es vergessen – aber er nicht, daß der einzige Tag, den uns Saint-Sauveur zu der artistischen Reise nach Cotignac frei gab, morgen eintrete. Er wolle, sagt er, die unglückliche Möglichkeit gar nicht voraussetzen, daß ich zum zweiten Male anderes Sinnes geworden sei und habe deshalb die Postpferde mit dem Frühesten in meinen Gasthof bestellt. Was will ich tun? Würde er mich wohl aus Frankreich lassen, ehe ich ihm nicht mein Versprechen halte? So sei es denn! Doch soll es gewiß der letzte Liebesdienst sein, den ich meinem tollen Lehrmeister erzeige, sowie das letzte Marienbild, das ich besuche. Ach! aber wie fällt mir der Abschied so schwer, den ich, o Gott, auf ewig von diesem reizenden, einzigen Tale nehmen soll. Ohne jenes abgeschmackte Berufsgeschäft hätte ich wenigstens noch einen Tag länger – (Saint-Sauveur stellte es mir ja anheim) – hier bleiben, und diese Höhen und Tiefen – diese Landhäuser und Wiesen, die sich vor mir hinstrecken, näher beäugeln können, als durch das Fenster. Ist es nicht zum Tollwerden, daß ich die letzte Vorstellung eines so prächtigen Schauspiels, als mir die Natur auf morgen verspricht, ausschlagen muß, damit ein paar Müßiggänger einen Tag eher ihre hölzernen Puppen den Gaffern ausstellen, und ein Schmierer an eine noch elendere als jene, seinen Pinsel versuchen kann? Vergebens wiederhole ich mir, wie viel edler solche Hingebungen werden, je mehr sie uns kosten. Meine Großmut hebt den Schmerz nicht, und am meisten ärgert es mich, daß es solche Armseligkeiten sind, die mich von hier abrufen. Ich bin doch in der Tat ein sehr guter Narr, daß ich gehe! Nur noch einen Schluck aus diesem würzhaften Luftstrom! Einen Hinblick noch auf das stärkende Grün dieser Gefilde! und dann lege ich, mit dem Seufzer eines Liebenden, der aus den Armen seiner Schönen zum Sturmlaufen gerissen wird, die Feder aus der Hand, gebe meine Nase dem Staube der Heerstraße und meinen armen Kopf den Strahlen preis, die senkrecht auf ihn herabschießen. * Marseille Das Gesicht voller Schweißtropfen – alle Poren von der Hitze geöffnet, sprang ich endlich nach zwei melancholischen Stunden den Urhebern meines Mißmuts in die Hände. Sie warteten meiner am Tore des Gasthofs, wie ihres Heilandes, und spitzten die Ohren auf das erste Wort, das ich vorbringen würde, und das war: »Ein frisches Hemde!« aber diese in Feuer gesetzten Genies waren schon so fremd in meiner Haushaltung geworden, und so irre, daß sie mich an Bastian verwiesen, der aber nicht zu Hause sei. Sprachlos vor Ärger wankte ich die Treppe hinauf, und fand an meiner Türe eine Dame hocken, die sich nur noch hätte erbieten dürfen, mir eins überzuwerfen, um alle meine innern Flüche zur Sprache zu bringen. Es war die Geliebte des Prologus, die berüchtigte Elektra, die sich mir in einem Aufzuge zu Füßen warf, daß ich, trotz des Zugwindes, für das klügste hielt, sie samt ihren Theaterhelden gleich auf dem Vorplatze abzufertigen. – Ich drückte jedem zum freundlichen Lebewohl ein Goldstück unter der kurzen Vermahnung in die Hände, ihr albernes Handwerk künftighin klüger zu treiben, und die Trödellumpen, die sie aus meinem Dienst mitnähmen, vollends als ehrliche Kerle zu zerreißen. Heilfroh über mein erstes abgetanes Geschäft, schlüpfte ich nun in mein Zimmer, und bald nachher kam mir auch mein Kammerdiener zu Hülfe. Als er das Seinige besorgt hatte, fertigte ich ihn an den Marquis ab, und suchte nun Ruhe und Friede in meinem Lehnstuhle; hatte aber kaum einige Minuten – selbständig und selig, wie die Gottheit, ohne Prologus und Epilogus dagesessen, als mich der Narr von Maler in das menschliche Elend wieder zurückbrachte. Aber auch ihn überhob ich, wie die Puppenspieler, des Vortrags – »Gehen Sie jetzt wie gewöhnlich auf meine Kosten zur Wirtstafel – morgen früh, Herr Passerino, bin ich zu Ihrem Befehl!« bewegte zugleich die Hand gegen die Tür, zu der er nun, ohne den Mund zu öffnen – (so gut hatten wir einander verstanden) hinausschlüpfte. Wundere dich nicht über meine lakonische Laune, Eduard! Wie konnte ich mich wohl gegen diese Menschengesichter, die mir einen Tag voller Genuß auf dem schönsten Winkel des Erdbodens geraubt hatten, zu freundlichen Gesprächen herablassen! Doch, es kömmt noch bunter – höre nur! Hast du nicht auch, wie ich, erwartet, daß mich Saint-Sauveur auf den Mittag einladen würde? Ja, wenn er nicht durchaus an mir die Haltbarkeit seines Systems versuchen wollte. – Seine heutige Überraschung aber, mag er mir nicht übel nehmen, geht über die Erlaubnis. Rate einmal, was mir der artige Marquis an Bastians Stelle, von dem ich, ohne mich umzusehen, glaubte, er nähere sich jetzt mit seiner Botschaft meinem Lehnstuhle – für einen Abgeordneten zuschickte und mit welchen Aufträgen? Einen vornehmen Seeoffizier, der sich als einen Verwandten des Brigadiers und mir zugleich ankündigte: – »Er habe ihm die Ehre übertragen, in seiner heutigen Abwesenheit für meine Bewirtung und Unterhaltung zu sorgen.« – »In seiner Abwesenheit?« frage ich mit Befremden, das dem Herrn auffiel. – »Nun ja; denn Sie wissen doch,« antwortete er, »daß Sie ihn diesen Morgen auf seiner Bastide zurückließen?« – »Nein, das ist mir in der Tat etwas Neues,« stotterte ich unter einem mißtrauischen Blick auf den Unbekannten. – »Nun, so kann ich es Ihnen bescheinigen.« – Der Brief, den er mir mit diesen Worten überreichte, war zwar nur flüchtig und mit Bleistift geschrieben, unleugbar aber von der Hand meines Freundes – ein Glück, daß es so war, nimmermehr wäre ich sonst von der Stelle gegangen, so sonderbar kam mir der Inhalt vor – »Ich« – lautete er ungefähr, »antworte dir sehr in Eile, wie du siehst, aus meinem Janustempel, den ich dringender Geschäfte wegen vor morgen nicht verlassen kann.« – »Aus seinem Janustempel? dringender Geschäfte wegen? in dem Durchgange eines Steinbruchs?« Ich suchte geschwind über meine stillen Fragen Erläuterung in der folgenden Zeile – Was fand ich? »Die zwei ersten Feiertage deines Festes verlor ich zu Toulon – auf den heutigen dritten und letzten muß ich nun zwar auch Verzicht tun – doch stelle ich dir, um die Lücke zu füllen, meinen Mann an einem alten Bekannten von mir, aus Berlin, der eben in meinem Wagen nach der Stadt fährt« – »So?« murmelte ich, – »Er? ein sonst so guter, zuvorkommender Wirt – konnte sich doch heute vor dir unter einem Steinhaufen verstecken? Was in aller Welt hatte der Mann für Ursachen dazu?« Das Ding fing an mich zu verschnupfen, doch las ich weiter, und da erklärte sich denn der ganze Handel: doch so, daß ich beinahe außer mir kam. »Mein armer Freund,« erzählte er ganz unverblümt seinem Verwandten, »hat nach seiner Genesung von einer schweren Gemütskrankheit tägliche Veränderung nötig – und ich suche hierin nach Möglichkeit seinen Arzt zu ersetzen, der sich entfernt hat: – doch sorge ich heute gewiß so sehr für deine Unterhaltung, als für die seinige, wenn ich dich bitte, deine gastfreie Einladung von mir auf seinen Kopf überzutragen. Dieser Sonderling vom festen Lande hält, wie alle reisenden Deutschen, so gut ein Tagebuch und selbst pünktlicher noch – als ein Admiral. Ich möchte wohl hören, wie er sein erstes Gastmahl zwischen Himmel und Wasser beschreiben wird. Dabei muß ich dir nur sagen, daß ihm der Götze, dessen Wiegenfest du begehst, ein so großer Heiliger ist, daß er es gewiß, in dem Taumel seiner Verehrung, allen deinen übrigen Gästen zuvortun wird. Was willst du mehr? Morgen nehme ich dir die Sorge für ihn wieder ab. Ich muß des armen Schelms wegen zur Stadt, der auf Leben und Tod sitzt – und bin recht neugierig darauf – »So? so?« – wie angenehm ihn das Schrecken seines Pardons überraschen wird. Es soll mir – und schon deswegen ist mir dies Dienstgeschäft lieb – einen neuen herrlichen Beweis für mein System liefern.« – Ist es nicht, überdachte ich das Gelesene, ein recht hämischer Streich, den dir hier der saubere Marquis, und diesmal gewiß nicht bloß aus Vorliebe zu seinem albernen System, spielt? Er übergeht zwar deine Sottise zu Toulon mit Stillschweigen, hätte er aber wohl in seiner Missive das heutige vermaledeite Wiegenfest zweimal unterstrichen, wenn es ihn nicht für das schwindelnde Gastmahl rächen sollte, um das du ihn durch Einschub des Gehenkten gebracht hast? Wenn er glaubt, daß ein drehender Kopf zu deiner Nachkur gehört, so verzeihe es ihm Gott – aber wer ist denn der Heilige, dem so viel daran liegt? – Den meinigen – so berlinisch er ist – soll er ungehudelt lassen – Doch, wie geschwind verschluckte ich meine abschlägige Antwort, als mir der Offizier auf die obige Frage Voltairen nannte. »Ich habe das Glück,« fuhr er fort, »die Fregatte zu kommandieren, die seinen Namen führt. Einige seiner Bewunderer haben sie ausgerüstet, und so lange sie Wasser hält, verpflichtet mich meine Bestallung – unter welcher Zone der Erde ich auch den 20. Februar Es gibt zwei Medaillen, die auf Voltairen geschlagen sind, davon die eine den 20. Februar, die andere den 20. November 1694 als seinen Geburtstag angibt. Palissot in seiner Eloge hält den erstern Datum für den richtigen; so auch die Kaufleute zu Nantes, die obiges Schiff ausgerüstet haben. vor Anker liege, zu dreitägiger Feier seines Geburtstags. Es kann mir kaum so leid tun, daß die beiden ersten ohne Teilnahme unseres Freundes vergingen, als Sie an seiner Stelle, mein Herr, mir bei der Feier des letzten willkommen sind. Es ist weltbekannt, wie viele Anhänger der Schutzpatron meines Schiffs in Berlin hat, von Friedrich dem Großen an bis auf den geringsten Standartjunker. Meine Gesellschaft wird stolz darauf sein, einen Repräsentanten seiner dortigen Verehrer in ihrer Mitte zu sehen; und auch ich freue mich herzlich auf die anziehenden Anekdoten, die Sie uns von seinem Aufenthalte in Ihrer Vaterstadt mitteilen werden.« Jetzt war ich mir nicht klug genug, weder wie ich die Einladung des Kapitäns ablehnen, noch der Verlegenheit trotzen sollte, in die mich allemal ein Kompliment verwickelt, das man mir in dieser oder jener falschen Voraussetzung aufdringt – und gewiß würde keiner von euch allen, die mit Voltaires Bekanntschaft groß tun und mit den Beiträgen seines Witzes dem ihrigen aufhelfen, meine Vokation unterschrieben haben, wenn Ihr die alberne Miene gesehen hättet, mit der ich sie annahm . . . * Den 23. Februar Schon seit zwei Stunden sitze ich da, kaue meine Feder, und streite mit ihr, ob sie dich in das Geheimnis ziehen soll, dessen ich mich zu Cotignac bemächtigt habe? Doch, bist du nicht auf dem Runde der Erde mein engster Vertrauter, und müßte ich nicht fürchten, wenn ich gegen dich schwiege, von der Last, die mir auf dem Herzen liegt, diese Nacht erdrückt zu werden? Für das Verschwatzen will ich mich jedoch hüten. Ohnehin macht uns nichts lakonischer, als eine große Entdeckung. Passerino trat schon um fünf Uhr vor mein Bette. Während ich mich ankleidete, spitzte er seine Stifte – eine halbe Stunde nachher fuhren wir ab. Der Weg war so schlecht und langweilig, als seine Unterhaltung. Der elende Fleck, wo wir um zehn Uhr anlangten, war es nicht weniger, und so taumelte ich denn aus meinem Wagen durch den Klosterhof – die Vorhalle, verstimmt bis über die Ohren, in die rußige Kirche. Ein Mönch empfing uns mit der Miene, die allen den guten Leutchen eigen ist, die Archive, Hausarcana, Kinderklappern der Vorzeit, oder heilige Spielwerke im Beschlusse haben. Ich tat einen Blick auf das alberne Bild des Hochaltars und hatte auf immer genug daran. Nicht so mein Reisegefährte. Der setzte sich gegenüber auf die nächste Bank, zog sein Pergament heraus und zeichnete, als ob es für die Ewigkeit wäre. Für mich wäre es eine gewesen, wenn ich ihm länger hätte zusehen müssen. Aber der Mönch kannte den Wert der Zeit, nahm mich stillschweigend bei der Hand, führte mich durch einen dunkeln Gang in das feuerfeste Gewölbe der Sakristei und stellte mich vor einen großen, alten, vergoldeten Schrank, der meine geringe Geduld aufs ärgste durch sechs künstliche Schlösser prüfte, die weit über eine Viertelstunde wegnahmen, ehe der Pater eins nach dem andern geöffnet hatte: doch, dafür gelangte auch meine Bewunderung zu einem unerwarteten Genusse. Drei weite Schubfächer enthielten die Garderobe der Mutter Gottes – Hemden, Unterröcke, Caleçons , Strümpfe, Spitzen, Halstücher und Roben, alles, wo nicht neumodisch, doch fein, prächtig und unbefleckt, wie sie selbst. Das kostbarste ihrer Kleider, und das sie nur einmal des Jahrs ihrem Hofstaate zur Schau gibt, war von himmelblauem Atlas mit goldnen Sternen gestickt, und mit Quasten von den reinsten Perlen besetzt. »Dieses Kleid, so äußerst kostbar es auch ist,« sagte der Mönch, »wird noch merkwürdiger durch die beiliegende Nachricht, daß es unversöhnliche Feinde der Gebenedeiten, drei portugiesische Juden waren, die es besorgten; so wie ehemals bei ihrer Niederkunft drei Könige aus Morgenland, wie das Ihnen bekannt sein wird.« – »Ja, ja,« sagte ich, und nachdem er das Kleid, wie die geschickteste Kammerjungfer, wieder in seine Falten gelegt hatte, öffnete er einen mit schwarzem Sammet ausgeschlagenen Kasten. Gott verzeihe mir die Sünde! aber beim ersten Hinblick flog mir der Verdacht durch den Kopf, die heilige Jungfrau habe durch ihre dienstbaren Geister das grüne Gewölbe ausräumen lassen. Mit dieser Juwelensammlung an Ohren und Fingerringen – Halsbändern und Zitternadeln – Uhren, Zahnstochern – und Tabaksbüchsen, könnte man, dächte ich, die Bekehrung der Juden übernehmen, an der uns doch allen gelegen ist. »In der Tat, ehrwürdiger Herr,« nötigte mir diese seltne Erscheinung die Worte ab, »habe ich die Hochheilige nirgends noch so reich ausgestattet gesehen, als hier! Welcher fromme Bienenschwarm muß nicht seinen irdischen Honig diesem Kloster zugetragen haben, um sich dadurch Zellen im Himmel zu bauen!« »Nichts weniger als das, mein Herr,« antwortete der Mönch: »alle Schätze dieses Schrankes rühren von der Dankbarkeit einer einzigen Seele – von der Andacht Ludewigs des Vierzehnten her. Auch legt die Mutter ihm zu Ehren ihre kostbarsten Kleinodien, so wie jenes himmelblaue Kleid mit Perlen, nur zu seinem Geburtstage an. Verlangen Sie noch stärkere Beweise von der Achtung dieses großen Monarchen für unsere Madonne – so sehen Sie hier« – indem er ein neues Fach herauszog – »das Ordensband des heiligen Geists, das er ihr beim Antritte seiner glorreichen Regierung, – hier seinen Heuratskontrakt, den er der Wundertäterin durch einen Gesandten zuschickte, als er sich mit der Infantin Maria Theresia von Spanien vermählte, und hier, in diesem kostbaren Einband, den pyrenäischen Friedensschluß« – – »Aber warum hat denn dieser große Monarch«, fragte ich in meiner Einfalt, »bei der Menge Madonnen in seinem weitläufigen Reiche eben der Ihrigen eine so übermäßige Auszeichnung erwiesen?« »Warum? mein Herr,« wiederholte der Mönch meine Frage mit mitleidigem Lächeln, »aus der guten Ursache, weil er allein nur ihr sein Dasein verdankte.« »Das ist etwas anders, aber ich bitte Euer Hochwürden, wie ging denn das zu?« Der Mönch verschloß erst mit dem bedächtlichsten Ernste seinen Schrank, faßte mich darauf stillschweigend bei den Schultern und drehte meine stolze Figur einer demütig gebeugten zu, die in einem prächtigen Rahme beinahe die ganze Hauptwand der Sakristei einnahm – dem Bilde eines Barfüßer-Mönchs in Lebensgröße, von Rigaud gemalt – dem wichtigsten Manne, wie der Pater sich ausdrückte, in der französischen Geschichte, und von dem ich doch – so mißlich steht es leider mit meinen historischen Kenntnissen – kein Wort in meinem Leben gehört hatte. Desto mehr Aufmerksamkeit schenkte ich jetzt dafür den Taten dieses Auserwählten, die mein Führer mit vieler Beredtsamkeit zu entfalten verstand. Bei jedem neuen Farbenstriche, den er dem Gemälde zusetzte, machte ich immer größere Augen. Wie hoch stieg aber nicht erst mein Erstaunen, als ich in dem schönen Ganzen, das sich am Ende aus seiner Erzählung ergab, den Plan zu einem Heldengedicht entdeckte, so tadellos und vollkommen, als vielleicht noch keinem Dichter der Welt einen zu entwerfen gelungen ist . . . Um jedoch nicht dem Hahne in der Fabel zu gleichen, der ein Kleinod aus dem Mist scharrte, und als zu hart für seinen Schnabel, es in seine schmutzige Verborgenheit zurückschleuderte, überlasse ich dir, oder jedem andern Barden, großmütig das ausgescharrte meinige, um es zu waschen, zu wägen und in homerischen Glanz zu setzen, ohne weiter zu untersuchen, wer mir mehr Dank schuldig wird – der Sänger, den ich in Zukunft, oder der Held, den ich schon jetzt, so gut ich kann, aus der unverdientesten Vergessenheit ziehe. Denn hüllt uns gleich der dickste Nebel, Den kein Varrentrapp noch Krebel Durchzubrechen wagt, seinen Ursprung ein, Frankreichs stolzen Bürgern sollt' er doch als Hebel Ihres größten Königs aus dem Ehverein Ludewigs des Schwachen unvergeßlich sein. Vor dem neuen Spiel einer Rolle bange, Die, – wenn nun beim Übergange In die Vierzig – Amor sich entfernt – Jede Frau gezwungen lernt, Trug die Königin, die um Ehesegen Erd und Himmel zu bewegen, Zwanzig Jahre schon ihr Latein verlor, Und jetzt mehr als je verlegen, Einem Helden aus dem Chor Der Barfüßer ihre Wünsche vor. Fiacre hieß der Mann. Stolz führt den Ehrennamen Noch ein Gesindel fort, dem Dienst des Staats geweiht Das sein Vehikulum Ermüdeten und Lahmen Auf Stunden und Minuten leiht. So jung und nackt er war, stand er zu seiner Zeit Mehr noch, als sein Monarch, bei allen Notredamen In glücklicher Vertraulichkeit. Nur eine kannt' er nicht, die alt und ausgeleeret An Wunderkräften war. In Tenniers Geschmack Gemalt, verbleichte sie, von wenigen verehret, Still, auf dem Hochaltar des Städtchens Cotignac. Der Mönch, klug wie er war, und mit dem seltnen Falle Der Königin vertraut, tat, was ihr Ehkompan Kalt in der Andacht, nie getan, Daß eine wenigstens nur helfe, ruft er alle Der Christenheit Madonnen an. Und kaum vernahm von fern das Mutterbild der Gnaden Den ungewohnten Ruf, als, ohne zu verziehn, Es in dem ganzen Reiz der Nymphen von Ostaden Dem eingeschlafnen Mönch erschien. – »Steh!« treibt es ihn, »steh' auf, dem König ohne Schaden Weck' Annen auch! Ihr sei zum Possen dem Kalvin Noch diese Nacht ein Sohn, der einst durch Dragonaden Das Volk, das mich verkennt, nach Kassel und Berlin Zum Teufel jagen wird – verliehn!« Und der Mönch erwacht und erweckt auch Annen. – Unsrer lieben Frau Wirkungen begannen: Freundlich war die Nacht, und dem Mönch gelang Des Kalvinus Untergang. Und der Prinz kam an, den der fromme Pater Kraft des Wundertraums verhieß, Eh sich sein gekrönter Vater Etwas von ihm träumen ließ. Der Autor dieses Tagebuchs kann wohl die Wahrheit seiner Erzählung nicht besser belegen, als durch das unverwerfliche Zeugnis des Geschichtschreibers Papon, eines von den Vätern des Oratorii zu Marseille. Wenn er die Schlußfolge derselben, die er dem Leser überläßt, mit Stillschweigen übergeht, so ist diese Zurückhaltung nur seinen Verhältnissen zuzuschreiben. In seiner Histoire littéraire de Provence , welche 1780 zu Paris erschien, heißt es: Ludewig der Dreizehnte hatte schon dreiundzwanzig Jahr in einer kinderlosen Ehe gelebt, als eines Tages der Bruder Fiacre, ein Barfüßer, Gott um Fruchtbarkeit für die Königin anflehte. Die heilige Jungfrau, sagt man, erschien ihm am 3. November 1637, und versicherte ihn, daß sein Gebet erhört wäre, doch mit dem Zusatze, daß die Königin ihr dreimal neun feierliche Messen und zwar neun darvon in der Kirche U. L. F. der Gnaden in der Provence sollte halten lassen. Zum Beweise, daß sein Gesicht keine Täuschung wäre, zeigte sie sich dem Bruder Fiacre so, wie sie auf dem obgedachten Gemälde vorgestellt ist. Der König und die Königin schickten diesen Mönch, nachdem sie die Nachricht von jener Erscheinung aus seinem eigenen Munde vernommen hatten, in die Provence, um zu sehen, ob die heilige Jungfrau wirklich daselbst so abgemalt wäre, wie sie ihm, seinem Vorgeben nach, erschienen war. Zugleich erhielt er den Auftrag, wenn es sich so verhielte, neun Messen in der obgedachten Kirche lesen zu lassen. Es traf alles mit der Beschreibung, die der Bruder Fiacre von seinem Gesichte gemacht hatte, überein, er leistete, was ihm aufgetragen war – und die Königin kam am 5. September 1638 mit Ludwig dem Vierzehnten nieder. Sie ließ es ihre erste Sorge sein, der heiligen Jungfrau ihre Dankbarkeit zu bezeigen, und schickte den Bruder Fiacre mit einem Gemälde nach der Kirche U. L. F. zur Gnade, auf welchem der junge Prinz vor der Mutter Gottes kniend, vorgestellt ist. In der Folge machte sie eine Stiftung zu sechs Messen, welche auf ewige Zeiten in dieser Kirche gelesen werden sollten. Zuletzt wallfahrte sie im Jahre 1660 mit ihren beiden Prinzen zu dieser Kirche, und Ludwig der Vierzehnte weihete bei dieser Gelegenheit der heiligen Jungfrau sein blaues Ordensband, welches noch jetzt sorgfältig dort aufgehoben wird, so wie er ihr auch in der Folge seinen Heuratstraktat mit der Infantin Maria Theresia und den pyrenäischen Friedensschluß, prächtig eingebunden, überschickte usw. Man vergleiche damit noch die Stellen, die der Verfasser des Tagebuchs aus dem Leben des heiligen Fiacre ausgezogen und weiterhin angeführt hat. Der Erzähler einer merkwürdigen Begebenheit, der aufmerksame Zuhörer findet, ist, wie ein reicher Gutsbesitzer unter seinen Frönern, ein überaus glücklicher Mann. Von der einen Seite schlägt der Glanz seines Gegenstandes – von der andern das Ausströmen der erwärmten Neugier, wohltuend über ihn zusammen. Ist aber das Feld einmal geräumt und die Ernte im Trocknen, so macht er als Nachstoppler eine desto ärmlichere Figur. Ich sah den guten Mönch immer noch eine einzelne Ähre nach der andern auflesen, um die Garbe, die er gebunden hatte, wichtiger zu machen. Wir fühlten aber beide gar bald das Langweilige davon, und ich fing an, mich gewaltig nach meiner Heimreise zu sehnen, als es ihm beifiel, daß er mir für die Ehre seines Klosters noch eine Kleinigkeit zu vertrauen hätte. »Auch hat es« – fuhr er in seinem Nachstoppeln fort – »vor allen im Reiche den Vorzug, einen Urenkel von der leiblichen Schwester des heiligen Fiacre in seiner Mitte zu sehen, indes zu gleicher Zeit, im theologischen Sinne, einer auf dem königlichen Throne sitzt. Sie würden selbst Familienähnlichkeit in den Gesichtszügen jenes Porträts und des Pater André finden, wenn es Ihnen beliebte, mir in seine Zelle zu folgen.« »Lassen Sie uns«, erwiderte ich ängstlich, »doch vorher nachsehen, wie weit der Maler gekommen ist.« Dieser Pinsler aber, als wir auf ihn zugingen, winkte uns so ernstlich, wie Diogenes in der Tonne, aus dem Sonnenscheine seines Enthusiasmus, daß ich im Drange meiner Langeweile doch für klüger hielt, den gütlichen Vorschlag des Mönchs anzunehmen, als mich noch länger auf den Marmorplatten der dunkeln Kirche herumzutreiben, schimpfte aber in Gedanken desto ausgelassener auf meinen tollen Zeichenmeister. Ich hätte schon damals Ursache genug gehabt, mir diese undankbare Aufwallung meiner Laune zu verweisen; denn die Bekanntschaft mit dem Helden einer Epopee war ja wohl belohnend genug, um mich über alle und jede Unbehaglichkeit zu trösten. Mußte ich denn erst noch eine Stunde älter werden, um zur Besinnung zu kommen? Oh, du Sperling aller Sperlinge! vergib mir um des hohen Verdienstes willen, das ich späterhin deiner Narrheit mit reuigem Herzen zugestand. Wie willig und gedemütigt tat ich Ehrenerklärung und Abbitte! Sogar in diesem Augenblicke meines ruhigen Nachdenkens beuge ich mich noch vor deinem Stümpertalente tiefer, als vor der Hoheit der Raphaele und Tiziane, die sich zu vornehm dünkten, auf dem Hochaltare zu Cotignac dir ein Vorbild und jenem Barfüßer eine Kupplerin aufzustellen. Auch die kalte Küche, die du mir in prophetischer Ahndung rietest, mit mir zu nehmen, werde ich dir ewig verdanken: denn eben durch jenen Fasan, den ich an die Stelle des Eiergerichts schob, das der Pater André zu verzehren sich anschickte, und durch die vier Flaschen Burgunder, die den Braten umringten, gewann ich in aller Geschwindigkeit das Zutrauen des freundlichen Mannes; und was trug mir nicht dieses gegen das Ende des Mahles ein! Trocknes Brot, das Gott segnen will, bedarf keiner Brühe. Mein kleines, auf den Mittag versetztes und so wenig diplomatisches Frühstück, daß ich in Regensburg mir nicht getrauen würde, einen Hund damit aus dem Ofen zu locken, vermittelte mir dennoch die Entdeckung eines Staatsgeheimnisses, dem mehr als hundertjährige Riegel vorgeschoben waren. Ein Saekulum war verrauscht, ohne es zu verraten, ein zweites trug es in seinem morschen Leichentuche weiter und drohte schon mit ihm zu verschwinden, als der Genius, der über das Verborgene wacht, den Räuber im Fluge aufhielt, und wie einen Reiher zwang, seine Beute fahren zu lassen. Unbegreiflicher Zusammenhang der Dinge! . . . Nach dem zehnten Glase ungefähr, wo es der schweren Zunge des Paters André lästig zu werden schien, den Einfluß der Mutter Gottes auf seinen Großonkel länger in Betrachtung zu ziehen, erhob er sich und taumelte der kleinen Niederlage seiner Bücher zu, zog eins aus dem Staube hervor, und – »Hier, mein Herr!« reichte er mir's über die Achsel, »verehre ich Ihnen zum Andenken die neueste Biographie des seligen Mannes – La vie du vénérable Frère Fiacre. Paris 1722. – Können Sie alte Papiere besser lesen als ich, so steht Ihnen auch noch der Plunder zu Diensten, der als sein einziger Nachlaß bis auf mich fortgeerbt hat.« Ich nahm sein, wie ich wähnte, unbedeutendes Geschenk mit höflichen Blicken an, und lüftete, während die Kuttenträger ihre Gläser aufs neue füllten, das morsche Gewebe ein wenig unter dem pappenen Umschlag, und was – Eduard – fiel mir zuerst in die Augen? Nichts Geringeres als ein Handbrief der Königin Anna. Welch Glück, daß ich keinen feinern Physiognomiken gegenüber saß, als ein paar halbtrunkenen Mönchen! Ihre gebrochenen Augen irrten nur von den leeren Flaschen zu der einzigen, die noch verstöpselt vor ihnen stand – ohne meine verfärbten Wangen des Anblicks zu würdigen. Ich bekam Zeit, mich von meiner freudigen Erschütterung zu erholen, band das lockere Paket fester, warf es so gleichgültig neben meinem Hut hin, als ob es eine deutsche Monatsschrift wäre, und gab nun – die Madonna und ihr Fiacre dürfen es mir wahrlich nicht verübeln – meinem Gespräche eine Richtung, die uns immer weiter von ihrer Glorie entfernte. Desto verbindlicher betrug ich mich gegen ihre beiden Trabanten . . . Das Dankgefühl der armen Geschöpfe war grenzenlos. Sie küßten meine ketzerischen Lippen so inbrünstig, als wenn es Schuhsohlen eines Apostels wären, und dem ehrlichen Passerino, der nach vollbrachter Arbeit hereintrat und sich hungrig nach dem Frühstücke, das er selbst bestellt hatte, umsah, setzten sie die leeren Flaschen und den verschrumpften Eierkuchen unter einem so toll ausgelassenen Gelächter vor die Nase, daß der Prior nachfragen ließ, was denn hier vorginge? Glücklicherweise – denn nun pochte mir das Herz noch stärker – stieß der Postillon ins Horn. Ich fuhr geschwind nach meinem Hute und dem Geschenke darneben, umarmte die bärtigen Kerle, empfahl mich ihrem Gebete, und ach! wie heilfroh blickte ich an den blauen Himmel hinauf, als ich den Klosterhof zehn Schritte hinter mir hatte! Der Rückweg, der abwärts ging, und das doppelte Trinkgeld, mit dem ich den Fuhrmann auf Kosten der Pferde bestach, brachten mich um vieles früher nach Hause. Passerino konnte mir unterweges kein Wort abgewinnen. Dafür entließ ich ihn an der Türe der Gaststube mit unbeschränkter Vollmacht. Ich warf meine Hülle wie ein Schmetterling ab, jagte Bastian, der ausräumen wollte, aus dem Zimmer – verschloß es, und sitze seitdem mitten unter meinen, den Motten und Mönchen abgerungenen Urkunden, an meinem lieben heimlichen Schreibtische, ohne daß ich vor Eifer mir hätte Zeit nehmen mögen, ein Billett des Marquis zu lesen, das in diesem Augenblick noch unerbrochen neben mir liegt. Nichts ist doch historischen, auch wohl andern wichtigen Untersuchungen nachteiliger, als die erste Hitze. Ich hatte schon bei einer Stunde meinen Spreuhaufen hin- und hergeworfen, ehe ich das seltne Weizenkörnchen, das mir dabei schon oft über die Finger geschlüpft war, bemerkte. Ich blätterte und blätterte alle Briefe vorbei, die nicht von der Königin waren, und von denen ich doch jetzt die meisten wieder in ihren Staub zurückwerfe, da sie schlechterdings des Durchsiebens nicht wert scheinen – voll verliebten Unsinns in altem Stil, der, so eindringend er auch zu seiner Zeit wirken mochte, aus Herzen, wie sie in der jetzigen organisiert sind, keinen als höchstens einen lächerlichen Eindruck hervorbringen. Dafür will ich Dir ein Morgenbillett der liebenswürdigen Anna, das sich bisher immer versteckt hielt, und so unbedeutend es aussah, mir doch zuerst die Augen öffnete, seiner ganzen Länge nach abschreiben: Nos neuvaines ont fait merveille. Depuis douze ans bien ecoulés, je viens de revoir mon gracieux mari et maître. L'orage d'hier qui l'a tristement éconduit du cage de sa Fauvette Vermutlich ein Wortspiel mit dem Namen La Fayette. , me l'a ramené. Peus-tu croire qu'il a même soupé avec moi? Oui, oui! mon reverend père, sans qu'il ait – Hier zeigt sich, daß die Gedankenstriche keine neuere Erfindung sind. touché à ton plat favori. En es-tu content? Il est reparti pour Versailles. Que Dien le conduise. J'espère chasser de ma chambre la peste de son haleine par l'encens que tu m'offriras. Je t'attens à l'heure accoutumée de ma devotion. La Beauvais te dira le reste. Au Louvre ce 6 Decembr. 1637. A– d'A. Mir fiel in diesen Zeilen anfangs nichts so sehr ins Ohr als das Spatgewitter, dem überall das gemeine Volk weit wichtigern Einfluß in den Winter- als in den Sommermonaten zueignet. Nach seinen Begriffen ist es ein Wecker der Vorsehung. Einem so ungewöhnlichen Tumult der Natur müsse, hofft es, ein politischer nachfolgen. Ein fataler Volksglaube, der besonders in Rußland an manchem Unfug schuld ist, so daß ich aus Anhänglichkeit an die große Katharina froh bin, daß während ihrer glorreichen Regierung sich kein dergleichen Luftzeichen ihrem Horizonte genähert hat. Es waren nur ein paar flüchtige Augenblicke, die ich an dieses himmlische Phänomen verlor; denn ich stieg sogleich einige Zeilen tiefer, zu dem weit Erklärbarern herunter, das der Name Beauvais meinen Nachforschungen preisgab. Die vielen Briefe, die mit dieser Unterschrift in meinem Portefeuille den königlichen Handschreiben beigesellt waren, könnten doch wohl, vermutete ich, bedeutender sein, als ich ihnen bis jetzt zugetraut hatte. Ich legte also vorerst meinen Händen die verschuldete Strafe auf, die so sehr gestörte chronologische Ordnung der Briefe wieder herzustellen, ehe ich meinen Augen anmutete, ihre Hieroglyphen zu entziffern. Sie gingen freilich sehr scheu und ungern daran, aber, o was für eine wackere Lehrmeisterin ist nicht die Neugier! Kaum hatte ich die ersten Schwierigkeiten überwunden und mich überzeugt, daß es Annens vertrauteste Kammerfrau sei, mit der ich zu tun bekam, so las ich auch schon ihre Handschrift mit derselben Leichtigkeit als die deinige. Ich möchte das verschmitzte Geschöpf gekannt haben! Schon der erste Brief, den ich enträtselte, flößte mir eine hohe Meinung von ihrem praktischen Verstande ein. Sie empfiehlt in halber Frakturschrift dem ehrwürdigen Bruder die sorgfältigste Behutsamkeit in seinem Benehmen, und warnt ihn besonders vor den scharfsichtigen Augen Orleans. Gestern noch, erzählt sie, sei der Unverschämte ihrer Gebieterin, als sie eben aus der Kirche zurückkam, ohne nur Rücksicht auf ihre zahlreiche Begleitung zu nehmen, mit der Spottrede in den Weg getreten: Madame, vous venez de solliciter vos juges contre moi, je consens que vous gagniez votre procès, si le roi a assez de crédit pour cela. Anna wäre so aufgebracht darüber, daß sie ihren Gewissensrat zu sprechen verlange, und ihn eine Stunde früher als gewöhnlich in ihrem Andachtszimmer erwarte. Unter Leitung einer so vorsichtig geschäftigen Hand läßt sich ja eine zwölfjährige Ehetrennung wohl noch ertragen. Je länger ich an ihren Briefen meine Geduld übte, desto mehr verloren bei mir Notre Dame de Graces und ihr Fiacre an Ansehen – denn Marie Beauvais, wie mir jetzt jede Zeile verriet, war eigentlich das große Triebrad aller Wunder des Louvre. Sie hatte den jungen Barfüßer zuerst der trostbedürftigen Königin vorgestellt – ihm seine Rolle angewiesen und ihre gemeinschaftlichen Betstunden eingerichtet. Nach Recht und Billigkeit sollte keine andere Vermittlerin als sie den Ehrenplatz auf dem Hochaltare zu Cotignac einnehmen. Leichtsinnige und verratene Anna! – ich würde dich entschuldigen und bedauern, und ich würde Gott bitten, dir die Sünde zu vergeben, die den guten Herzog von Orleans um die Thronfolge betrog, hättest du nur nicht als eine grausame Mutter deinem Erstgebornen gleich bei seinem Eintritte in die Welt den Stein an den Hals gehängt, der ihn in den Abgrund lebenswieriger Schwermut versenkte. Ja, Eduard, spitze nur die Ohren! Ludewig der Vierzehnte hatte noch einen zwei Jahre ältern Bruder. Fiacre war Vater beider Bastarde, und der Unglückliche, von dem ich eben spreche, war die unbekannte, nur zu berühmte eiserne Maske Die Entdeckung, die hier der Reisende schon vor fünfundzwanzig Jahren in seinem Tagebuche entwickelte, scheint so wenig mehr in Frankreich bezweifelt zu werden, daß man jetzt sogar das Gemälde jenes verlarvten Bruders Ludwigs des Vierzehnten in Lebensgröße als Schild eines Kaufladens, in der rue Coquillière zu Paris mit folgender Unterschrift ausgestellt sieht: Du repos des états déplorable victime. Le fort courba son front sous trente ans de revers, Ce jouet du malheur etoit l'enfant du crime, Il naquit sur le trône et mourut dans les fers. . Die Mutter gebar diesen ihren Erstling in einem entlegenen Gartenhause unter den hülfreichen Händen der Beauvais – und belegte schon während der Geburtsschmerzen das Pfand ihrer verbotenen Liebe – zu welchem Geschlecht es auch gehören möchte, mit dem Fluche der Weihe, inzwischen ihr Buhler Messen für ihre glückliche Entbindung las. Die Nothelferin verbarg das Kind bis in sein sechstes Jahr, und so erhielt der heilige Fiacre Zeit genug, sich nach der bequemsten Madonne umzusehen, die den unreinen Ton kneten und zu einem Gefäße der Heiligkeit bilden sollte. Er wählte die unbesuchteste von allen, die späterhin durch den geschickten Wurf ihres Deckmantels um Annens Bette, nach jener mysteriösen Gewitternacht, seine kluge Wahl nur zu gut rechtfertigte. Er erhielt den grausamen Auftrag und führte ihn gewissenhaft aus wie ein Mönch. Dasselbe Kloster, wo ich heute seinen Urenkel berauschte, erhielt das Gott geweihte Kind, unter der Bedingung, unbekannt mit seiner Herkunft, der Wundertäterin so lange als Chorknabe zu dienen, bis er zur Tonsur reif sein würde. Nimm einstweilen mit diesem flüchtigen Auszug meiner Kriminalakten vorlieb, bis ich dir die Belege dazu selbst einhändigen kann. Wenn die Köpfe einer Ehebrecherin, einer Kammerfrau und eines Mönchs zusammentreten, um den Schwefeldünsten ihres Gewissens einen Ableiter zu verschaffen, so läßt sich leicht denken, daß eine solche Vereinigung keine gemeinen Sophistereien entwickelt. Es findet sich leider! unter meinen Papieren nur ein einziges Konzept des heiligen Fiacre, das aber desto fleißiger bearbeitet ist, wie die ausgestrichenen bedenklichen und dafür eingeschalteten gewähltern Worte an den Tag legen. Gott im Himmel, welch ein Brief! an eine strafbare Königin – von ihrem Gewissensrate – zur Fastenzeit – in dem Sterbejahre ihres Gemahls, kurz nach Antritt ihrer Regentschaft –im Jahre 1643 an einem Morgen geschrieben, wo sie durch einen nächtlichen bösen Traum erschüttert, von ihrem erschlichenen Throne herab sich nach geistlicher Beruhigung umsah. Wie würde Bayle seinen gelehrten Artikel »Marie« mit diesem Briefe aufgestutzt haben, wenn er ihn gekannt hätte! Der untergeschobene Kronerbe stand damals in seinem fünften Jahre, und der ihm den Weg gebahnt hatte, in seinem siebenten. Mit welchen behutsamen Saftfarben weiß nicht der heilige Mann diesen Vorläufer des Führers seines Volks zu schildern. Alle himmlische Heerscharen, schmeichelt er sich, müßten die seligste Freude über die Gewandtheit des geweihten Knabens bei den, seinem zarten Alter angemessenen Kirchendiensten – über seine Gelehrigkeit in der Schule und besonders über die süße Anwendung seiner Feierstunden empfinden. Dann stehe er oft vor dem schönen Gemälde, das Ihro Majestät der Kirche verehrt habe – freue sich des Kindes, das dem Mutterbilde zu Füßen liege – ohne zu ahnden, wie nahe es ihm verwandt sei. Dieser rührende Instinkt von Bruderliebe, fährt er gleißnerisch fort, sei ein neuer Segen der Gebenedeiten – ein deutlicher Beweis ihres Wohlgefallens an ihm, und ein Widerschein der Strahlenkrone, die seiner in jenem Leben erwarte usw. Es nahm mich Wunder, daß ich den Brief der Regentin von der Beauvais nicht unterstützt sah, so wie es mir überhaupt vorkömmt, als sei der Traum nur aus Höflichkeit gegen einen abgedankten Liebhaber erfunden, mit dem man nicht mehr weiß was man reden soll. Schon in einigen vorhergehenden Missiven vermisse ich das Herzliche der vorigen Zeit, so daß ich wohl begreife, warum allein der dritte Sohn Philipp, nachmaliger Herzog von Orleans, seinem regierenden Bruder nicht glich. Die folgenden Briefe werden immer seltener, kürzer und kälter, und behaupten ein gewisses religiöses Zeremoniell, das gegen den ehemaligen traulichen Ton sonderbar absticht. Wem etwas daran gelegen sein könnte zu wissen, wie der heilige Fiacre die Tage seines in der Schnellwage des Hofs gesunkenen Gewichts hingebracht habe, dem könnte ich zur Erläuterung wohl noch einige Beichten mitteilen, die hier, wie verloren, daliegen, und sehr warmen Herzen entflossen scheinen. Im Jahre 1660, wo der Regentin wahrscheinlich die Neugier angekommen sein mochte, das Kind des Gartenhauses kennen zu lernen, befragt sie ihren Wegweiser aus so manchen Gängen des Lebens, sehr herablassend – um die beste Route nach Cotignac, wohin sie eine Wallfahrt zu tun vorhabe – der einzige darauf folgende Brief meldet dem ehrwürdigen Vater ihre Zurückkunft, und befiehlt ihm, sich den Tag nachher bei ihrer Kammerfrau einzufinden, wo sie über eins und das andere mit ihm sprechen wolle, das jenes Kloster beträfe. – Noch ein paar andere weisen ihn an, Gelder zu Almosen in ihrer Schatzkammer zu erheben. Mit den Anweisungen auf ihre Schlafkammer ist es vorbei. Diese Briefe machen meine Verzweiflung. Man lernt doch in der Welt Gottes nichts daraus. Glücklicherweise gibt noch eine heillose Epistel der Beauvais, die den ganzen Briefwechsel schließt, zu merkwürdigen Mutmaßungen Anlaß, die uns künftig einmal bei einem Glase Punsch munter genug machen werden. Sie scheint eine Antwort auf einen Bericht des heiligen Fiacres zu sein, der sich auf einen andern vom Prior des Klosters bezieht. Jetzt will ich dir nur den Anfang und das Ende davon zugute geben: Votre Saint-Jean ne vaut pas le diable avec sa maudite ressemblance. Il est incorrigible et fou à lier. Sa mère en est desolée, outrée, et l'abandonne à son mauvais destin. Elle vient d'en instruire le roi qui saura bien que faire. — La reine , schließt sich diese drei Seiten lange Urkunde, vous loue d'avoir brulé nos lettres. Faites de même avec celle-ci. Que rien ne reste après nous de tout ce qui a trait à ce damné. Je me recommande à vos prières. Wenn mich mein Gedächtnis nicht betrügt, dem freilich jetzt keine Bücher zu Hülfe kommen, so trifft dieser Brief mit der Zeit zusammen, wo der König sein savoir faire geltend machte, und die eiserne Maske zuerst bekannt ward. Mein Herz blutet, wenn ich an das arme, unschuldige, der Entsündigung ehebrecherischer Eltern und der Staatskunst eines unmenschlichen Bruders geweihte Schlachtopfer denke. Ich spüre dem Gefühle nach, mit welchem der Gemarterte am Fenster seines einsamen Kerkers steht, und jenes Vultus tyranni auf die Scheibe kritzelt, die sich – wahrscheinlich sein einziger Nachlaß – in meine Sammlung geflüchtet hat, als ob sie mich für meine Teilnahme an seinem Schicksal belohnen sollte. Wie betroffen werden die Geschichtschreiber in Frankreich und Deutschland – sie, die bald einen Herzog von Buckingham, bald einen Grafen Rantzau, und endlich gar den Kardinal Mazarin mit der Königin verkuppeln, einander anstaunen, wenn ich meine Dokumente bekannt mache! Die Beauvais verstand den Handel besser. Sie wußte sehr wohl, daß in solchen Angelegenheiten, als sie betrieb, ein junger Barfüßer mehr, als alle Befehlshaber der weltlichen und geistlichen Miliz – und ein Fiaker mehr wert sei, als ein Staatswagen. Ich danke es dem heiligen Manne noch in seinem Grabe, daß er diesen wichtigen Briefwechsel, statt, wie er seinen klugen Gehülfen weiß machte, dem Feuer – der schwesterlichen Treue übergab, und entweder vergaß, die Rolle seiner Jugendjahre zurückzufodern, oder seinen Erben in ihr ein Kapital zu hinterlassen gedachte, das ihnen auch gewiß – wenn sie recht verstanden hätten, es zu benützen, hohe Zinsen hätte abwerfen müssen. Siehe doch zu, Eduard, daß du seine Legende irgendwo auftreibst. Sollte sie sich denn nicht in einem Winkel der königlichen Bibliothek finden? Ich weiß zwar ungefähr, wie viel den Lobrednern der Heiligen zu trauen ist; aber zu geschweigen, daß die Wahrheit sich doch nicht so ganz verkleistern läßt, um nicht hier und da durchzuschimmern, so kömmt es dem seinigen auch gar nicht in den Sinn, die Materialien, die ihm zu Gebote standen, zu verfälschen. Er stört nur in den gemeinsten Fripperien nach den Lumpen des Schafpelzes, der dem Wolf hienieden ein so frommes Ansehn gab. Uns, die wir nun den ehrlichen Mann in sein wahres Licht gestellt sehen, kann ein solcher Umzug nicht blenden. Es trägt vielmehr bei, seine Physiognomie durch Vergleichung nur desto hervorstechender zu machen. So müde ich auch des Exzerpierens bin, soll es mich doch nicht verdrüßen, dir aus dem Büchelchen noch eine und andere Parallelstellen zu dem vorliegenden Texte abzuschreiben. Pag. 11. — Il naquit à Marly le 21. Febr. 1609, il reçut l'habit de Religion le 19. May 1631, agé de 22 ans. — On lui changea son nom de Denis en celui de Frère Fiacre de Sainte Marguerite. Pag. 38. Le Frère Fiacre penetré de reconnoissance pour les aumones de la reine, prioit le ciel de la rendre féconde — lorsqu'enfin 1638 des mouvements intérieurs le sollicitoient, comme malgré lui, d'aller dire à la Reine qu'elle auroit un fils etc. Extrait du procès verbal: Il se sentit une forte inspiration de faire trois neuvaines pour saluer la sainte vierge à Notre Dame de Paris, à Notre Dame de Graces en Provence et à Notre Dame Victoires; et Dieu qui voulut que la France eût obligation de son bonheur à ce pauvre Frère, accorda à ses prières le Dauphin attendu: car ses neuvaines finirent le 5 Décembre, neuf mois précisement avant que le roi nâquit. Le 5 Septembre 1638 des les deux heures du matin la Reine fut en travail — à onze heures 22 minutes avant midi le Roi étant à table fut subitement averti que la Reine accouchoit etc. Gazette et Mercure françois de 1638. Pag. 60. — Ainsi nâquit le Dauphin, le fruit du frère Fiacre après 23 années de stérilité de la Reine. Les nouvelles publiques de ce temps reconnoissent qu'il y a du merveilleux dans cette naissance. Louis XIII. dans ses lettres aux Ambassadeurs, assure que tout ce qui a précedé l'accouchement de la Reine fait voir que ce fils lui est donné de Dieu. 1657. – au milien de tant de graces il étoit tourmenté de mille pensées impures: qui le croiroit? il évitoit en général les conversations avec les femmes et surtout des femmes devotes, parce qu'on s'y engage d'autant plus facilement qu'on voit dans leur conduite plus de retenue et que par un artifice imperceptible de l'amour propre on passe de l'estime de leur vertu à l'attachement à leur personne, Cependant il étoit tenté, qui le croiroit? il régloit ses paroles, ne permettoit rien à ses yeux: cependant il étoit tenté etc., mais rien au fond n'est si facile à comprendre. Les saints n'ont été des grands saints que parce qu'ils ont eu de grandes passions etc. Le frère Fiacre affligé par ces pensées sales, s'agitoit, se tourmentoit pour les repousser, il se serroit les tempes, se ridoit le front, secouoit la tête, et faisoit mille autres contorsions. Circonstances de sa mort: Il faut savoir que de l'an 1646, c'est à dire 38 ans avant sa mort, il avoit écrit, qu'il étoit arreté de toute éternité qu'on prendroit son cœur après sa mort et que deux religieux de son ordre le porteroient à Notre Dame de Graces pour y être posé sous les pieds de la glorieuse Vierge Marie; il pria ceux qui tireroient son cœur de son corps, de le tirer par le coté, à cause de la pudicité religieuse. Toutes ces circonstances ont été accomplies à la lettre. Pag. 368. Il mourut le 16 fevr. 1684. dans la 75 me année de son âge. Il avoit la taille mediocre, le front grand et large, les yeux bleus, il étoit blanc, avoit les traits assez réguliers, et tout cela formoit une physionomie belle et très religieuse etc. Les peintres ne le perdirent jamais de vue, il en eut toujours de nouveaux qui se succedèrent pour le tirer. Pag. 370. Dès qu'il fut enterré, le P. Prieur fut à Versailles porter au roi la lettre que ce serviteur de Dien lui avoit écrite avant de mourir. Le P. Prieur lui presenta encore la donation qu'il avoit fait de son cœur à la sainte Vierge et qui étoit signée de son sang. Le roi baisa la signature avec respect. Voilà, dit-il, un sang qui est bien vermeil. Pag. 372. Les supérieurs remirent ses manuscripts qu'il avoit laissé cachetés avec prière de ne les ouvrir que dix ans après sa mort. Cette dixième année etant enfin revolue le Roi attentif envoya Msr. de Pompone, Ministre et Secrétaire d'état, avec une lettre de cachet qui lui ordonna d'ouvrir les manuscripts du frère Fiacre. Il les ouvrit en présence des supérieurs; il en tira quelques papiers qu'il fit porter au Roi. Wer das Gefühl nicht kennt, Herr eines Staatsgeheimnisses zu sein, das er, nach Belieben, mit in die Ewigkeit nehmen oder verschwatzen kann, an wen er will, müßte einen großen Spaß an meiner Figur gefunden haben, wenn er die selbstgefälligen listigen Mienen, die bisher meiner Feder nachschlichen, hätte belauschen können. Denn freilich kann ein Auge, das so viel auf Nuditäten hält, als das meinige, sein Wohlbehagen nicht bergen, wenn es den seltenen Fall erlebt, einem Mönch seine Kutte vom Leibe, einer Kammerfrau das Tuch von der Brust zu ziehen, die das Herz eines Tigers versteckt, und besonders, wie Peter der Große im kaiserlichen Ungestüm sich an dem Bette der Maintenon herausnahm, eine Königin zu entblößen, von der man so viel Schönes erzählt. Meine Gesundheitsreise – will ich jetzt, ohne Wortwechsel, jedermann zugeben, der die Sache versteht, hat bis auf den heutigen Tag nur Vorfälle entwickelt, die der Mühe des Erzählens nicht lohnen, die keinen Menschen, als etwan dich, interessieren können, und dem gemeinsten Reisenden aufstoßen. Jetzt aber hoffe ich doch, daß mir die Statistiker, die Biographen und Archivarien, alles Geschwätz der vorigen Blätter der einzigen Perle wegen verzeihen werden, die mir heute der Zufall in die Hände spielte. Mußte nicht Cook auch lange auf dem Weltmeere herumirren, ehe er auf jene glückliche Insel stieß, wohin noch keine Kultur gekommen war, und wo die schönsten Mädchen noch nackender gehen als in meinem Tagebuche. Ich kann mich jetzt brüsten wie er – mein Otaheite ist gefunden und mein Name verewigt wie der seinige Obgleich Ludwig der Dreizehnte bei der Geburt des ihm von Gott geschenkten Sohns ungläubig den Kopf schüttelte, so hat er doch schwerlich den wahren Vater hinter der Kutte des heiligen Fiacre und so wenig vermutet als die vielen Schriftsteller, die auf einen andern rieten. Der Autor dieses Tagebuchs schmeichelt sich der erste gewesen zu sein, der ihm seinen verdienten Platz in der französischen Geschichte anwies. . Aber soll ich denn heute gar nicht zur Ruhe kommen? Eben im Begriff, das dritte oder vierte Licht auszulöschen, das meiner nächtlichen Arbeit vorstand, fällt mir noch Saint-Sauveurs Brief in die schläfrigen Augen. Ach Gott, wie trieb sie nicht jede Zeile auseinander! Höre nur, Eduard, was mir der sonst so vernünftige Mann zumutet. Er, der mit Wohlgefallen der Exekution erwähnt, die heute unter seinem Kommando einem Verurteilten das Leben schenkte – kann doch verlangen, daß ich ihn morgen zu einer – wo keine menschliche Gnade stattfindet – zum Opferfeste einer neuern Iphigenie – zur Einkleidung des unvergleichlichen Kindes begleiten soll, das mir vor ein paar Tagen zu Toulon so wichtig geworden ist? Ich hatte es ganz vergessen, daß morgen ihr sechzehnter Geburtstag einfällt, der sie von dem gesellschaftlichen Leben zu trennen und zu einer ewigen Gefangenschaft einzusegnen bestimmt ist! Schließt der gute Mann etwa aus meiner Fahrt nach Cotignac, daß ich sonst nichts zu tun habe als Klöster zu besuchen? Die langweiligen Stunden, die ich dort zubrachte, sind mir doch vergütet worden, und wie? Was sollte mich aber in eins verlocken können, wo ich unter ärgerlichen Zeremonien vielleicht Gefahr liefe, mir ein Gallenfieber zu holen? . . . Der Herr Brigadier mag allein reisen. Ich will nicht auch noch mit leiblichen Augen einer Gleißnerei nachgehen, bei der, sonderbar genug, nicht weniger als bei der eisernen Maske, ein Heuchler von Vater, eine strafbare Mutter und ein eigennütziger Bruder ihr höllisches Spiel treiben. Hat mich die Teilnahme an einem Leidenden, dessen Asche von einem vollen Säkulum bedeckt ist, schon so mürbe gemacht, welches Entsetzen würde mich nicht erst ergreifen, wenn ich die holde Schöne zum ersten Male wieder nach jener herrlichen Nacht unserer Bekanntschaft im Nonnenschleier an dem Rande eines offenen Grabes anstaunen müßte, das sie lebendig verschlingen soll, und aus dem sie, ach Eduard! nun nichts – nichts mehr zu retten vermag . . . Du vermutest doch schon, Eduard, daß ich nach solchen Kopf und Herz durchdringenden Gedanken den Marquis mit verweigernder Antwort abgefertigt habe – und du hast es erraten. Doch, indem ich meinem Bastian den Brief vor das Bette tragen wollte, um ihn morgen mit dem Frühesten zu bestellen, trat mir das Bild der guten liebenswürdigen St. Aignan in den Weg, und bat mich, die Sache noch einmal zu überlegen. Ich blieb eine ganze Weile ungewiß stehen, aber die rührende Betrachtung einer Tochter, die Jugend, Schönheit und alle Ansprüche auf ein Leben voll Glück dem kindlichen Gehorsam aufopfert, entschied. Ich zerriß meine Antwort und bin entschlossen, meinem Freunde zu folgen, unsere Tränen zu vermischen, und ihr, koste es mich auch was es wolle, vor ihrem Hingang noch einmal in die blauen himmlischen Augen zu sehen . . . * Den 24 Februar . . . Saint-Sauveur holte mich nicht ab, wie ich erwartete, sondern schickte mir seinen Wagen, um ihn abzuholen. Es fiel mir ein wenig auf, und erinnerte mich, daß er bei aller seiner Höflichkeit sich doch noch nie herabgelassen habe, mich zu besuchen. Er stand in seiner Haustür, als ich ankam, stieg ein, indem er zugleich dem Kutscher befahl langsam zu fahren, damit wir nur kurz vor dem Anfang der Zeremonie bei den Ursulinerinnen einträfen. Konnte er aber nicht lieber um so viel später die Stadt verlassen? Das wollte ich eben fragen, als ich in seinen Augen Tränen bemerkte, die mir alle Sprachlust benahmen und meine eigene bängliche Stimmung vermehrten. Ich konnte an mir abnehmen, wie viel ihm die Gefälligkeit kosten mußte, als erbetener Zeuge einer für Herz und Verstand gleich widrigen Handlung beizuwohnen, und fand es bei seinem Mißmut sehr natürlich, daß er sich einen Begleiter zugestellt hatte, aber leider! hätte er zu seiner Zerstreuung keinen unfähigern wählen können als mich . . . Wie erschrak ich, als wir endlich nach drei langweiligen Stunden vor dem Eingange der Kapelle still hielten, hinter der das mit Hängeweiden und Zypressen umgebene gotische Gebäude vorragte . . . Unter peinlichen Gedanken wankte ich dem Kirchner nach, der uns eine Loge dem Altar gegenüber anwies, die durch eine Glastüre in der Mitte zweier Fenster von dem Schiffe der Kirche abgesondert war. Durch den flornen Vorhang, der die Zuschauer verbarg, schimmerten zunächst zwei einander überstehende schwarz beschlagene Bänke meinen feuchten Augen entgegen, und an den beiden Seitenwänden zogen sich die vergitterten Schranken der Nonnen herum. So lange ich und der Marquis allein waren, übersah ich noch so ziemlich gelassen dies geistige Hochgericht; als aber bald nachher der Vater und Bruder des seinen Schlächtern nun schon ausgelieferten Lammes hereintraten, empörte sich mein Innerstes so heftig bei ihrem Anblicke, daß ich kaum über mich gewinnen konnte, ihnen ihre höfliche Verneigung kalt zu erwidern. Die heuchlerische Miene, mit welcher der erstere sogleich auf die Knie fiel, täuschte mich so wenig als das bleiche abgehärmte Gesicht des andern. Mag es meinetwegen wahr sein, was mir der Wirt zu Toulon von ihm erzählte; es schändet den eigennützigen Jüngling nur desto mehr, daß er lieber seiner Braut und den Pflichten der Ehre und der Menschlichkeit, als dem schwesterlichen Erbanteil entsagte, der ihm, trotz der tollen Verordnung der Mutter, nicht zukam. Ich konnte diesen Abscheulichkeiten nicht länger nachgrübeln, denn jetzt fingen die Glocken zu läuten an, und der Beförderer und Exekutor des schwärmerischen Testaments, der Dominikaner, erschien, warf sich vor den Altar und betete so lange im stillen, bis jene schwiegen, und nun ein zweistimmiger, aus den Klausen der Nonnen sanft hervorwallender Choral das Trauerspiel eröffnete. Indem sich der Geistliche seiner Bank zur linken Seite unserer Loge näherte, trat zugleich auf der rechten – oh, wie stiegen mir die Haare empor – die Verurteilte, weiß gekleidet, hinter einem Kirchstuhle heraus, und bewegte sich an der Hand ihrer Erzieherin, mit niedergeschlagenen Augen feierlich langsam nach ihrem Sitze. Diese bot ihr einen Flakon zum Riechen. Sie dankte der Freundin, ohne ihn anzunehmen, durch ein gutmütiges Lächeln für ihre Besorgnis, und verbeugte sich gegen den Mönch, der nun, die Schreckensurkunde in der Hand, seinen Vortrag im schlichten Predigerton anhob: »Der erste Laut meines Mundes an diesem Zufluchtsort unserer Andacht sei der Glorie des Allweisen und Unerforschlichen und dem Andenken jener zu seiner Herrlichkeit Übergegangenen geweiht, der Sie, teures Fräulein, das Dasein verdanken. Der Glanz ihrer Sterbestunde erhelle die gegenwärtige, die uns beide zu dem gemeinschaftlichen Zwecke vereinigt, den letzten Willen der Verewigten zu vollziehen. Die schönste und größte Verbindlichkeit eines Kindes ist Gehorsam, und Ehrerbietung für Eltern das erste Gebot, das Verheißung hat. Sie haben sich bereits, dem mütterlichen Verlangen gemäß, zur Annahme des heiligen Schleiers erklärt, und dies stille Kloster gewählt, wo Sie Ihre übrigen Tage ruhig und Gott gefällig zu verleben gedenken; das Ihnen zur Befolgung gesetzte Ziel ist erreicht. Sie stehen zum letztenmal freigelassen hier vor meiner segnenden Hand, um Ihren gereiften frommen Entschluß zu bestätigen und zu erfüllen, und so wird es Ihnen wohlgehen und Sie lange leben auf Erden. Wie festlich muß Ihnen, nach sechzehn verlaufenenen Jugendjahren, nicht heute die Erinnerung an den Tag Ihrer Geburt durch die Feier Ihres Gehorsams und Gelübdes werden, das Sie abzulegen bereit sind.« Bei diesen Worten entfielen einige Tropfen den Augen des lieben Kindes. Der Mönch, der sie nachdenkend anblickte, hielt so lange inne, bis sie wieder gefaßt war, und fuhr dann herzlicher fort: »Ihre Traurigkeit, Teuerste, ist vorübergehend, wie der Schmerz einer Gebärenden. Der Allmächtige wird sie in Freude verwandeln. Diese Tränen, hoffe ich, sind der letzte Tribut, den Ihre Dankbarkeit dem Andenken eines vergangenen glücklichen Lebens zollt; denn wie könnte, da Sie, mit heute, ein dreimal froheres beginnen, es Ihrem Herzen schwer fallen, jenen vergänglichen Freuden der Welt, an denen es Teil nahm, zu entsagen, und sie höhern Befriedigungen aufzuopfern. Habe ich wohl nötig, Ihnen bei dieser Landung aus einem Meere voll Gefahren und Stürme tröstend entgegen zu kommen – wohl nötig, Sie zu ermahnen, den Allwissenden durch ein freimütiges Bekenntnis aller wertlosen Anhänglichkeiten an das Irdische, von denen sich Ihr Herz jetzt trennen und reinigen soll, zu ehren, da es längst dem meinen geöffnet, sich nie der Erforschung seines treusten Ratgebers und Beichtigers zu entziehen gesucht hat? Sollte es aber dennoch, mir unbekannt, sich einer weltlichen Sorge bewußt sein – sollte noch ein Wunsch an ihm nagen, den es treulos begriffen wäre, gleichsam als einen verheimlichten Raub, in diese der Seelenruhe geweihte Wohnung mit hinüber zu nehmen, so –« hier überzog eine flimmernde Röte die blassen Wangen des erschrockenen Kindes, es brach in unaufhaltsame Tränen aus, zitterte, rang wehmütig die Hände, und versetzte durch diesen Anblick den erstaunten Priester in einen heiligen hell auflodernden Eifer. »Fräulein,« erhob er feierlich seine Stimme, »ich lege, ja, unter der strengsten Verbindlichkeit eines Eides und bei der ewigen Wahrheit, deren berufener Diener ich bin, lege ich Ihrem Gewissen auf, jenes verborgene, noch nicht getilgte Gelüste Ihrer Seele unverhehlt zu bekennen, das in dieser Stunde der Entsagung noch mächtig genug ist, Ihre Sündhaftigkeit zu erschüttern, damit ich an Gottes Statt – – –« doch hier erlaubte ihm sein Mitleiden nicht weiter zu sprechen, denn seine Beschwörung, die schon mir beinah all Besinnung nahm, in welchen Zustand versetzte sie nicht vollends dies zarte, weibliche Wesen! Sie ergriff und drückte in höchster Seelenangst die Hand ihrer jammernden Freundin an das gepreßte Herz, und verbarg die Augen unter dem Tuche, das ihre Tränen einsog. Dieser Anblick war so rührend, daß er selbst die lieblosen Zeugen erweichte, in deren Mitte ich stand. Ich hörte, wie sie sich von den Fenstern zurückzogen, um sich nicht durch ihr Schluchzen zu verraten, doch vergönnte ich ihnen keinen meiner Blicke, die fest an den leidenden Engel geheftet blieben. Nach einer minutenlangen, furchtbaren Stille, während welcher der Mönch für die Beruhigung der so peinlich Befragten zu beten schien, richtete sie ihr holdes Gesicht in die Höhe, wendete es mit ernster Andacht gegen den Altar, und von da zu ihm. Ihre Blicke waren erheitert. Frohes Bewußtsein der Unschuld ruhte auf ihrer Stirn, und mit fester Stimme, die Hände in Begeisterung erhoben, begann sie: »So vernimm denn, Gesalbter des Herrn, an dieser der Buße und Wahrheit geheiligten Stätte, das Geheimnis meines schwachen, aber unsträflichen Herzens, vernimm jenen süßen Irrtum, in den es sich selbst für den trefflichen Mann verlockte, der meine Kindheit geleitet, Tugenden und Kenntnisse in mir erweckt, und sich meines dankbaren Gefühls endlich bis zur Entkräftung jeder andern Pflicht in solcher Stärke bemeistert hat, daß mir immer in seiner Abwesenheit bange, ach! so bange wie einer Verlassenen war. Ich konnte an keinem der Tage, in welchem eine Stunde der Erwartung lag, meinen Wohltäter zu sehen, weder beten noch arbeiten. Mehrmal habe ich in nächtlicher Täuschung geträumt, daß mein Vater seine Hand in die meinige legte und uns segnete, und wenn ich erwachte und mich besann, vergoß ich bittere Tränen über die Unmöglichkeit, ihm anzuhören. Willst du das Liebe nennen, nun so habe ich hoffnungslose Liebe für einen Tugendhaften empfunden. Mein Herz unterwirft sich in Demut dem wohltätigen Kummer, mit dem mich, oh, schon längst! seine Gleichgültigkeit bestraft; denn ich bekenne, ehrwürdiger Herr, daß sie es, und Gott möge sich meiner erbarmen, allein war, die mich antrieb dem mütterlichen Willen zu gehorchen, und mir, nach langem Kampfe, meine Bestimmung zum Kloster wünschenswert gemacht hat. So gebrauchte der Allgütige die Würde dieses Mannes, um mich auf den geheiligten Weg zu leiten, den ich jetzt nur desto williger und zufriedener betrete, da er mich mit der edelsten meiner Jugendfreundinnen wieder vereinigen wird, die ihn aus mitleidiger Liebe zu mir voranging. Gute großmütige Montbasson. –« Ein Erguß zärtlicher Tränen unterbrach eine ganze Weile den Wohlklang ihrer Stimme. Herrlicher und reizender habe ich nie ein Weib gesehen, Eduard, als es diese angehende Nonne in den erhabenen Augenblicken war, aus denen ich ihr nachlalle. Bescheidenheit, Mut und Ergebung strahlten aus den großen, blauen Augen. Die höchste Reinheit der Seele tönte von den befeuerten Lippen. Jeder warme Ausdruck ihres herzlichen Geständnisses entfaltete eine Rose mehr auf den jugendlich verschämten Wangen. Ich war so verloren in der körperlichen und geistigen Schönheit dieses unvergleichlichen Kindes, daß ich mich selbst nicht nach dem Mitgenossen meiner Trunkenheit umsehen mochte, der, vorgebogen über das Fensterpolster mit klopfendem Herzen an meine dort ruhende Hand, den Bewegungen des meinigen sympathetisch zustimmte. Sie aber, nun über alle Wehmut erhaben und in dem glücklichen Wahne, sie stehe nur vor den Augen Gottes, und kein menschlicher Zeuge, außer den vertrauten Beiden, denen sie die Tiefe ihres hingegebenen Herzens öffnete, könne das Veratmen seiner letzten Seufzer vernehmen, rief mit schmelzender Stimme: »Meine Seele«, rief sie dem Dominikaner in dem schauernden Augenblicke, zu, da er seine Hand aufhob, um ihr Gewissen loszusprechen und sie zu ihrem furchtbaren Beruf einzusegnen, – »fühlt sich jetzt gestärkter und zu dem Hingang aus der Welt meiner Jugend bereit, nur, daß ich aus ihr so manchen weisen Rat, so vielen Stoff zu hohen Betrachtungen in meine einsame Armut mitnehmen soll, ohne ihm, der mich damit ausstattete, dafür danken zu können – nur dies noch beklemmt mir die Brust. – Ach! findest du nichts Tadelnswürdiges in meinem Verlangen, so übernimm und berichtige, ehrwürdiger Vater, diese Schuld meiner Erkenntlichkeit. Gott«, schluchzte sie, faltete die Hände und schlug die Augen gen Himmel, »möge ihn segnen und beglücken! Es soll mein tägliches Gebet sein! Sage ihm dies zu meinem Abschied.« – »Ja, Fräulein,« antwortete der Greis und wischte sich die Augen, »ich will gern und gewissenhaft Ihren Auftrag ausrichten, sobald Sie mich noch belehren wollen – an wen?« Betroffen staunte das reizende Geschöpf bald den Geistlichen, bald ihre Aufseherin an. »Ach!« erwiderte sie endlich, »bedarf es wohl noch des Namens?« – oh, daß doch der meine einmal so hoch gewürdigt, solch einem Herzen entquellen, über solche Lippen fließen möchte! – »des Namens meines Wohltäters? – Ihres edeln Freundes – Saint-Sauveur?« Und in demselben Augenblicke, in welchem dies große Losungswort verhallte, sprengte er, den es zur höchsten Seligkeit eines Sterblichen berief, dessen ahndendes Herz, wie ich nun sah, so ungestüm über meiner Hand geschlagen hatte, die Mitteltür unsrer Halle auf – umschlang in sprachloser Herzenserschütterung die aus dem Schrecken der Überraschung ohnmächtig dahin Sinkende, riß ihr den Schleier ab und drückte wild seine Lippen auf die ihrigen. Und in derselben Sekunde flogen diesem Engel zwei andere aus ihren Wolken zu, die der Betäubten die Schläfe bestrichen und unter Küssen, Wimmern und den zärtlichsten Fragen – Klara, liebe Klara, kennst du deine Montbasson – siehst du denn deine Agathe nicht? – die Erblaßte wieder ins Leben, und, Gott im Himmel! in was für ein wahrhafteres Leben zurückriefen. Und in derselben Minute drängten und schmiegten sich Vater und Bruder an die unverlorene Tochter – an die gerettete Schwester, und der Mönch ging und warf sich in abgezogener Andacht vor den Altar. Nur ich, der nicht wußte, wie ihm geschah, der die verdeckten Kräfte nicht begriff, die in dem Augenblicke der Entscheidung mächtig genug sein konnten, den Schlag aufzuhalten, der über der armen Verurteilten schwebte, ich, dem dieselben beizenden Tropfen, die ihm das herbste Gefühl kurz vorher in die Augen getrieben hatte, jetzt als labender Tau über die Wangen zitterten – ich allein blieb, in stummem Erstaunen, unbeweglich auf einer Stelle zwischen der offenen Glastüre stehen. Wen sollte ich über Wunder dieser Verwandlung befragen? Von wem konnte mein Ruf, in diesem Sturme tobender Leidenschaften, eine hörbare Antwort erwarten? Ach, diese Seligen genossen, wie ihre Gespielen im Himmel, ihres überschwenglichen Glücks, ohne des Neugierigen zu achten, der sich mit geblendeten Augen in das Unerforschliche verlor. Umsonst, daß in diesem Schauspiele des Entzückens mein spähender Blick jeder Richtung der Freundschaft, Liebe und Hoffnung nachschlich, die sich hier aus Mienen, Küssen und abgebrochenen Worten ergaben; denn kaum hatte meine geschäftige Einbildungskraft aus den erlauerten Bruchstücken einen unhaltbaren Roman zusammengesetzt, so riß ihn auch meine kältere Beurteilung ebenso geschwind wieder ein. So schwebten meine verworrenen Gedanken noch über die rührende Gruppe, die sie veranlaßte, als der Dominikaner, von seinen Knien erhoben, langsam und doch unbemerkt, sich den in ihrem Glück Versunkenen näherte; doch sobald er in ihrem Kreis stand, waren aller Augen auf ihn, aller Ohren auf seine Worte gerichtet. »Ich sehe Sie, würdige Verwandte der Ewigkeit,« entwickelte sich seine rührende Anrede, »durch die irdische Freude des Wiedersehens zu Empfindungen hingerissen, die mit diesem der stillen Andacht geweihten Orte unverträglich sein würden, hätte sie nicht der letzte Wille einer frommen Gattin und Mutter herbeigerufen, entsündigt und zu höhern Endzwecken geheiligt. Preis und Dank dem Unendlichen, daß ich diesen Tropfen Zeit noch zu schmecken und dem Verstummen einer Sterbenden noch meine Stimme zu leihen vermag. Ich erkenne mit Erstaunen und Demut, daß selbst die verhallten Pulsschläge eines längst verwesten Herzens in der großen Harmonie der Schöpfung noch forttönen, und die ewige Liebe jenes letzte Lallen mütterlicher Zärtlichkeit der Erhörung noch wert achtet. Möge der helldunkle Glanz dieser Stunde, die das Stöhnen des Todes mit dem Jubel des Lebens verknüpft, sich hienieden, o Fräulein! über alle Ihre Handlungen verbreiten! Möge Ihre irdische Liebe sich immer, wie heute, den Grenzen einer unvergänglichen anschließen – der Strom Ihrer Tage unter unverwelklichen Blumen verrauschen, und Sie einst in die Arme der Verherrlichten überschiffen, die vormals, an dem heutigen, unter den schwersten Qualen einer Gebärenden, Sie zu dem gegenwärtigen Freudengenuß mit Erde und Himmel verband!« Die Begeisterung des Greises, die sich seinen Zuhörern wundersam mitteilte, spannte seine und ihre Kräfte bis zur Erschöpfung. Unsere hochklopfenden Herzen arbeiteten wie Gewitterwolken; auch kam ihnen die Natur wie jenen zu Hülfe, und ein Erguß von Zähren entlud sie des Feuers, das in ihrem Innern loderte. Sie rieselten über den schneeweißen Bart des ehrwürdigen Mönchs und senkten sich wie Morgentau, der welkende Lilien aufrichtet, sanft auf jede weibliche Brust, die hier in der seligsten Erleichterung an den ängstlichen Schleier andrang. O Eduard, welche Sabbatsfeier. Sobald sich der Redner gefaßt hatte, ging er in milderem Tone fort: »Sie, würdige gehorsame Tochter, haben nun das Recht errungen, sich und den Mann zu belohnen, der Ihr Herz und Ihren Verstand bildete, und, Sie längst unaussprechlich liebend, dennoch Mut genug hatte, sein Geheimnis bis zur Aufklärung des Ihrigen – bis zu dem gegenwärtigen festlichen Augenblicke, dem er zitternd entgegensah, zu bewahren. Sie überwanden Menschenfurcht, weibliche Schüchternheit und trügenden Schein in der großen Entscheidungsstunde Ihres Schicksals – nannten den Namen des Erwählten, und indem Sie ihm auf ewig zu entsagen glaubten – oh, wie vergilt Ihnen der Gott der Wahrheit den Kampf Ihrer edeln Seele! – fesselten Sie den Glücklichen mit Banden an sich, die weder Zeit noch Ewigkeit zerreißen wird.« – So rührend auch die Herzlichkeit war, in der dem frommen Alten diese Worte entflossen, so ward es doch seine Rede noch mehr, als er sein freundliches Gesicht von der schönen Verlobten ab, unerwartet für uns alle, gegen den Bruder wendete, der trauernd und blaß seinem Vater zur Seite stand. »Oh, wie hat der Allgütige«, rief er, »meinen kurzen Hinweg zum Grabe mit Spatrosen bestreut! Sohn meiner verklärten Freundin! So lange mir mein Eidschwur die Zunge noch band, lag es nicht in meiner Gewalt, die Leiden Ihrer Unschuld zu endigen, Ihre hohe Tugend gegen ungerechten Verdacht in Schutz zu nehmen, und den nagenden Gram Ihrer Seele zu mildern. Alles peinlichen Zwanges endlich entbunden, vernehme jetzt jedermann aus meinem Munde, daß der großmütige Jüngling, taub für jede Lockung des Eigennutzes, selbst der mütterlichen Prüfung nicht unterlag. Ernstere Verordnungen, die erst heute Kraft erhalten, die vorhergegangenen scheinbaren aufzuheben, würden ihn für den Mißgriff seiner Selbstsucht bestraft haben, wenn er nicht, in Übereinstimmung mit der zärtlichen Hoffnung seiner redlichen Mutter, schon vorlängst ihrem blendenden Vermächtnisse entsagt, und es dem Kloster zugeeignet hätte, das seine geliebte Schwester zum Aufenthalte wählen würde. Diese für das Andenken an den Edelmut und die Bruderliebe des Ausstellers feststehende Urkunde erwartet jedoch, um als Schenkungsbrief gültig zu werden, annoch die freie Einwilligung derjenigen, die von nun an über jede fromme Anwendung ihres Erbteils allein zu verordnen hat.« Eine sonderbare Erwartung, dachte, und warum, seufzte ich, muß doch der gute Mann, dessen Kutte ich bis jetzt auf das toleranteste übersah, sie mir, mitten in seinem rührenden Vortrage, so ärgerlich unter die Augen rücken? Doch nötigte er mich, sie aufs neue zu übersehen, als er in dem überzeugendsten Tone fortfuhr: »Verschwunden ist nun der Irrtum, der auch Sie täuschte, tugendhafte Montbasson – verschwunden das Blendwerk vieler Jahre, das Sie, alle um mich Versammelte, durch rauhe unbekannte Wege führte, um Ihre Blicke am Ende mit der herrlichsten Aussicht, die sich aus diesem Leben in jenes verliert, zu überraschen. Der Lohn, meine würdigen Freunde und Freundinnen – indem er zwei versiegelte Päckchen hervorzog, das eine der Tochter, das andere dem Sohne überreichte – der Lohn Ihrer Beharrlichkeit in der Tugend – die glückliche Beendigung meines Auftrags – die Beweise desselben und die Erfüllung so vieler ineinander greifender Wünsche, liegen nun in Ihren Händen, und werden Ihnen herzerhebender zusprechen, als ein hinfälliger Greis es vermag.« Welch ein freudiges Erschrecken ergriff nicht beide Geschwister, als sie die mütterlichen Handzüge erblickten – die Aufschrift: »An meine gute Klara« – »An meinen geliebten Ferdinand« lasen, und jene zärtlichen Töne aus ihrer Kindheit wieder zurückschallen hörten. Wie vermischte sich nicht Vergnügen und Wehmut in ihren Gesichtern, als sie die Siegel des Umschlags erbrachen und jedem das Bild seiner Mutter und ein Brief von ihr in die Hand fiel. Welches Herz hätte beim Anblick der guten Kinder ungerührt bleiben können, die jetzt in einer langen Umarmung das Andenken der Abgeschiedenen feierten – dann zu den Stufen des Altars eilten, um bei der Andacht, mit der sie sich nun in die heilige Urkunde vertieften, keinen andern Zeugen zu haben, als die Gebenedeite, die, von Guido Reni gemalt, freundlich auf die Lesenden herabblickte. Keiner von uns übrigen wagte durch einen Laut die heilige Stille, die uns umgab, und den Nachklang aus dem mütterlichen Grabe zu stören, der an die beiden schön verschwisterten Seelen anschlug. Dafür erhoben sich aller Herzen auf das froheste mit ihnen, als sie zu unserm Kreis zurückeilten, und sich nun Sohn und Tochter dem glücklichen Vater zu Füßen warfen. Ihre trunkenen Blicke mußten für sie sprechen. Sie hatten einen Fund in der mütterlichen Zuschrift getan, einen goldenen Fingerring, der sich von selbst verständlich machte und den sie ihm entgegenhielten; aber er, der ebenso vergebens nach Worten rang, blickte gen Himmel, umarmte – und mit betränten Augen verwies er seine Kinder auf den Boten Gottes, der ihre Aufmerksamkeit zu fodern schien. »Klara,« rief der Mönch, »Sie haben des Vaters, der Mutter und den Segen Gottes aus meinem Munde zu dem Übergange aus dem jungfräulichen in den ehlichen Stand, und so folgen Sie denn Ihrem großen Beruf.« Freudig gehorchend reichte jetzt das liebe Kind den goldenen Reif ihrem Auserwählten, der ihn entzückter als ein Eroberer die Krone eines Weltteils empfing. – »Und Sie, trefflicher Jüngling,« fuhr der Redner gegen den Bruder fort, »der Sie den Gegenstand Ihrer Liebe auf immer für verloren hielten, als er Ihnen am gesichertsten war – lesen Sie in den Blicken Ihrer Freundin Ihr längst verdientes, nur verzögertes Glück, das von heute an alle Ihre Lebensstunden begleiten wird.« Und die Edle ergriff mit ihrer Linken die Hand der Schwester – reichte die Rechte dem Bruder, blickte auf zum Himmel, als ob sie von der Mutter ihres Geliebten einen beifälligen Wink auf den ersten Kuß der Belohnung herabziehen wollte, den sie mit bebenden Lippen den noch bebendern des als Bruder und Sohn gerechtfertigten Mannes aufdrückte, und nun mit heiterer offener Stirne das dem Grabe abgewonnene Kleinod aus seinen Händen nahm. Wäre in dieser feierlichen Minute aus der obern Sphäre ein Halleluja, vom Harfenklange der Engel begleitet, in diesen Tempel gedrungen – ich würde es ohne Erstaunen gehört, für kein Wunder gehalten haben. Welch ein Strom unnennbarer Empfindungen mußte nicht jetzt diese beseligten Herzen durchbrausen, da selbst das meine in Gefühlen strudelte, die es zuvor noch nie erfahren, nie geahndet hatte. Der frohen Teilnahme an diesem herrlichen Schauspiele stiegen verstohlene Wünsche, tief geschöpfte Seufzer nach, die sich so hoch noch nie gewagt hatten. Noch nie war mir die Liebe und ihr größtes Los – eheliches Glück – in diesem Glanze erschienen, und nie hatte ich mich verlassener gefühlt als in dieser laufenden Stunde. Im Drange mir so neuer Wallungen war mir daher wie einem Durstigen zumute, dem von fern in der Einöde ein rieselnder Quell schimmert, als meine bis jetzt zerstreuten Gedanken sich auf Agathen hefteten. Ich überstaunte die holde Gestalt mit einem Feuer, das alle meine Sinne zu verschmelzen drohte, und wie sehnte ich mich, daß nur einer ihrer liebenden Blicke sich auf mich Armen verirren möchte, die sie einzig ihrer Busenfreundin zuschickte. »Die sinkende Sonne« – riß jetzt der Mönch uns alle aus unserer süßen Betäubung – »ziehe ihre letzten Strahlen als Krone über dies große gemeinschaftliche Fest. Fräulein von St. Aignan, Herr von St. Sauveur – ich rufe – als Priester dieses Heiligtums – rufe ich Sie beide Verlobte, und in gleicher Eigenschaft auch Sie auf, Herr von St. Aignan, Prinzessin von Montbasson, mir an die Stätte unsrer Anbetung des Allsehenden, Unerforschlichen und Gnädigen zum Empfang der heiligen Weihe Ihrer Verbindung zu folgen.« Er schwieg – ein wehmütig zärtliches Lächeln durchflog die errötenden Wangen der Aufgerufenen. Ihre feuchten Augen, zitternden Hände und gleichgestimmten Seelen begegneten sich, und in geschlossener Reihe traten sie dem ehrwürdigen Priester nach. Und als er nun vor dem Altare stand, beugte er dreimal sein graues Haupt über die gefalteten Hände, wendete sich darauf in dem Glanze seines Alters gegen die frommen, gehorsamen Kinder, sprach in rührendem Ton über jedes Paar das Gebet der Trauung, legte seine beiden Hände auf ihre Stirne und segnete sie. Und die zur Ehe Geweihten fielen auf ihre Knie und erhoben in sprachloser Andacht ihre Blicke zu der Madonna, dem Sinnbilde hoher weiblicher Würde, das von dem Schimmer der Abendsonne gerötet auf die Gruppe der Betenden herrlich zurückglänzte. Eine Stufe niedriger waren Klarens Vater und ihre Erzieherin, und an der Seite Agathens auch ich niedergefallen. Mein stilles Gebet schwebte in seliger Seelenvereinigung mit dem ihrigen empor. Ich erhob, wie sie, – o Eduard, wie würde ich mich gestern zu Cotignac dessen geschämt haben – Augen und Hände zu der unbefleckten Jungfrau, und hoffte unter heißen Tränen – nenne es Verirrung, nenne es Schwäche meines Verstandes – aber hingerissen von unwiderstehlichen Empfindungen hoffte ich ihre Fürbitte bei Gott für den Besitz des lieben Kindes neben mir zu erflehen, dessen schmachtende Augen, in Betrachtung vertieft, der Seelengröße nachzueifern schienen, die Guido seinem göttlichen Ideal angeprägt hatte. Freude und Wünsche umrauschten die Vermählten, als sie von den Stufen des Altars herabstiegen, und ach! ich wähnte die Umarmung zweier Verklärter zu sehen, als Agathe Klaren an ihre Brust drückte. Der Mönch, nach einigen leisen Worten mit dem Vater, grüßte uns alle und entfernte sich. Der Kirchner öffnete eine Seitentür der Kapelle. Eine Wendeltreppe leitete uns nach einem gewölbten Gange, in welchen wir Paar für Paar eintraten. Zu einer andern Zeit würden seine gotischen Fenster von farbigem Glas meine volle Aufmerksamkeit angezogen haben; aber ich führte Agathen, und wäre der Boden mit meiner Scheiben-Sammlung belegt gewesen, ihre Zertrümmerung hätte mich doch, glaube ich, nicht aus dem stolzen Takt meiner Tritte gebracht. Als wir an das Portal kamen, hob Klara die Hand ihres Befreiers an die Stirn und blickte, wie wir, mit Wohlbehagen noch einmal auf das düstere Gemäuer zurück, das wir verließen, indem die beiden Flügel der Klosterpforte aufflogen – und wie ich mir denke, daß es sein wird, wenn am Tage der Auferstehung die Gräber sich öffnen – wir aus ihrer Finsternis hervor hinüber in die Verklärung treten und einander zujauchzen: Wo bin ich? Wo bin ich? – so, Eduard, war uns in dem Augenblicke des Austritts zumute – denn wir standen – und unsere Gedanken verloren – unsere Begriffe vermengten, und alle unsre Sinne empörten sich – wie durch Gottes Finger berührt und in das innere Heiligtum seiner Größe versetzt, standen wir mit hinstrebenden Augen, wankenden Füßen und aufgehobenen betenden Händen vor dem überwältigenden Schauspiele, das ich dir letzthin mit ebenso schwachen Worten, als diese, zu versinnlichen suchte, vor dem hinunterwallenden brennenden Balle der Sonne, sahen erstaunend jenes Tal der Unschuld und Freude, unter dem dunkelblauen Überhange des Abends, wie ein Kind der Liebe der mütterlichen Natur in dem Schoß liegen. Das Wunder dieser Erscheinung wirkte gleich einem heftigen Fieber auf diejenigen, die es zum erstenmal erblickten. Fest aneinandergedrängt flammten ihre Augen, klopften ihre Herzen im Einklang – und jede Brust schmiegte sich an die andere, aber sie alle genossen des Erstaunens wie Kinder, ohne zu fragen. Mich allein belehrte die Erinnerung. Ich erkannte die Sonne . . . das Tal, dem ich schon so viele Freuden verdanke – den Landsitz meines Freundes – den Felsen meiner Wiedergeburt, und ward bald überzeugt, daß der Balkon, von dem wir herabsahen, über dem Eingange des Steinbruchs schwebe, an dem, wie du weißt, meine Baukunst so erbärmlich scheiterte – aber, Gott im Himmel! durch welche Rätsel hängt dies alles mit dem Kloster – den Urselinerinnen und der Feengeschichte Klarens und ihres Bruders zusammen? O du Schöpfer unnennbarer Empfindungen, teurer romantischer Saint-Sauveur! welche Kräfte standen hier deinem Systeme zu Gebote, und wie unwiderleglich hast du nicht heute seine ganze Schönheit entfaltet! Seine Augen hatten schon lange in stillem Seelengenusse an den süßen begeisterten Blicken des holden Kindes gesaugt, das in sich selbst vertieft mit schwellendem Busen in das magische Spiel des schwindenden Tages hinstaunte, ehe er dem noch größern Entzücken nachgab, das teuer errungene Geschöpf in die Arme schloß und sein volles Herz sprechen ließ: »Hier, Klara – hier in diesem Prachttempel der Natur wollen wir, fern von Klöstern und ihren Frömmlern, ein tätiges – und dem, der uns einander geschenkt hat – wohlgefälliges Leben genießen. Alles, was du heute gesehen, gefürchtet und erfahren hast, war Täuschung – nur die erhörten Wünsche deiner sterbenden Mutter – der Auftrag des redlichen Mönchs – nur meine Liebe, meine langgenährte unaussprechliche Liebe waren es nicht. Was du als verloren dahingabst, ist dein Eigentum geworden. Nur für den Einklang, für den Austausch unserer Herzen habe ich diesen Felsen gehöhlt, und der erste Segen Gottes, der in dieser Halle von seinem Diener gesprochen ward, fiel auf dein Haupt. Unter allen Altären zur Ehre Gottes, wo in der weiten Welt ward ihm, als in dieser Kluft, einer errichtet, der seiner würdiger wäre? Wo ist je einer geschmückter gewesen, als dieser durch die Blüten deines kindlich-gehorsamen, frommen und edlen Herzens? Ewigen Dank, teures Weib, für das Wort der Liebe und Weihe, das ihm entquoll. Es müsse mich einst vor dem Throne Gottes verklagen, wenn ich je des Wohlklangs vergessen könnte, mit dem es an das meinige anschlug. Ich habe dich errungen. Kann ich wohl seliger werden?« – – Unter welcher zarten weiblichen Erschütterung folgte nicht das holde Mädchen dem Strome dieser Worte! Nur Seufzer der innigsten Freude unterbrachen seine Rede, und heilige Tränen belohnten den geliebten Schwärmer. Seine Seele brauchte Erholung. Sie ruhte aus auf der Höhe ihres Entzückens, dann stieg sie erleichtert, sanft und freundlich zu dem niedern Zirkel herunter, der im stillen ihrem Auffluge nachblickte. »Vergib mir,« wendete er sich zuerst an Agathen, »die lange Angst, der ich dich am Eingange eines ewigen Kerkers aussetzte. Der heutige Festtag führt dich der freien Luft, der Natur und der treusten Freundschaft zurück. Vater meiner Klara und auch Sie, vortreffliche Frau, die sie nur erzog – habt Dank, ihr guten Menschen, für das große Geschenk, das ihr meiner Liebe aufhobt. – Oh dieser einzige Abend! Welch einen edeln und glücklichen Zirkel umspannt er nicht!« St. Aignan, für jede Teilnahme an anderen – nur in den Blicken seiner Montbasson verloren, bemerkte nicht einmal, mit welchem feinen Gefühl ihn sein freundschaftlicher Schwager überging und seine Hand mir reichte. »Guter, stolzer Berliner,« kam er mir entgegen, »wie kützelt es mich, daß auch du Zeuge des Glücks eines Franzmanns in der schwürigsten Eroberung – und« – setzte er lächelnd hinzu – »auch der Wahrheit seiner Überraschungstheorie sein konntest.« – »Meinen ganzen Beifall,« stammelte ich, und drückte tränend ihn an mein gepreßtes Herz. Seine trauliche Ansprache und Umarmung zog mich, als hätte mir unser Monarch das Band des Verdienstes umgehangen, auf einmal aus meiner Dunkelheit hervor. Klara erinnerte sich unseres nächtlichen Spazierganges mit bedeutenden Winken. Ihre Erzieherin bot mir ihre Dose, und Agathe von selbst ihren Arm, als die Gesellschaft ihren hohen Standpunkt verließ. Während schon die Abendröte zu verblassen anfing, leitete uns der liebe Mann eine versteckte Treppe herab, durch schlängelnde Akaziengänge des Parks, seinem Wohnsitze zu. Ich bemerkte, so für mich, daß wir uns doch ein wenig über die Zeit mit unsern Entzückungen auf dem Balkon verweilt hätten, denn ich konnte kaum Agathens Gesichtchen mehr erkennen – aber wie schnell verstummte meine Kritik, als mir beim Austritt aus dem düstern Gebüsche das Schloß unsers Anführers mit tausend bunten Lampen, wie mit Diamanten behängt, entgegenstrahlte. Ein neuer überraschender Anblick, jedoch nur wenige Minuten. Wir huldigten nur so lange der Pracht und der Kunst, bis sie uns selbst an die schönere Natur und durch eine vortretende Inschrift über dem Eingange an das dreifache Fest der Geburt – der Erlösung und der anbrechenden Vollendung des gefeierten Mädchens erinnerten. Unsre geblendeten Augen, alle zugleich, wie durch den Druck einer Feder, auf die einzige gerichtet, erfaßten, umschlangen und entwickelten nun die schlanke, holde, siebzehnjährige Gestalt. – Die Bebungen des durch die kleinsten Fältchen ihres sittsamen Nonnengewandes spielenden Lichts setzten ihre Schönheit in einen so ätherischen Schimmer und uns alle in eine so optische Täuschung, daß in einer Art taumelnder Erwartung: jetzt werde sie der Erde entschweben, eine Zunge der andern den Ausruf abnahm: Welch ein Mädchen – welch ein überirdisches Mädchen! Ach, sie ist zum Engel geboren. Spotte nicht etwan, guter Freund, meiner enthusiastischen Schilderung! Niemand fühlt die Anstrengung der ohnmächtigen Sprache lebhafter als ich; aber ich kämpfe hier so vergebens mit Worten, wie Raphael bei dem letzten Gemälde seiner Hand mit den Farben: denn welcher Sterbliche vermag das Ideal einer Verklärung zu erreichen? Während dieses Vollgenusses des Gesichts schienen meine vier übrigen Sinne wie in dem tiefsten Schlafe versunken, aber nur zu bald wurden auch sie berührt, erweckt und in die Bezauberung des ersten verflochten; denn als wir auf einen Wink des Gebieters Hand in Hand uns seinem Tempel näherten, die Türen zwischen flammenden Säulen aufflogen, – Rosenduft unseren Geruchsnerven – Töne der Harmonika unserm Gehör entgegenschwammen – zwölf gaukelnde Genien uns zum Hochzeitmahl einluden – da wußte wahrlich kein Sinn mehr, welcher, in dieser allgemeinen Befriedigung, der glücklichste sei. Wir würden uns gern für Geister gehalten haben, hätte nicht der eintretende Hunger, als wenn er von einer langen Reise zurückkäme, seine vergeßlichen Freunde belehrt, daß sie ihm noch untertan und auch heute nichts mehr als sehr glücklich versorgte Menschen wären! Wollte ich dir jetzt erzählen, daß wir uns setzten, aßen und tranken, bis wir satt waren – so könnte meine Beredsamkeit den Stuhl, den ich einnahm, noch so elastisch polstern – die Tafel, die vor mir stand, noch so reich besetzen – meinem Gaumen sogar alle die Gerechtigkeit erweisen, die man ihm unter den Schlemmern zugesteht, und ich würde dir doch nur am Ende nichts als eine alberne Wahrheit gesagt haben. Dafür bewahre mich die Harmonie des Ganzen, die dies hochzeitliche Mahl vor allen und jeden, die mir in meinem Leben Langeweile gemacht haben, auszeichnete. Ich weiß dich besser zu schätzen . . . Mir aber, als die Glücklichen verschwunden waren, als ich, statt eines Sylphen, von einem gemeinen Diener geleitet in das Zimmer trat, das mir seine Fackel anwies, und ich über mein einsames Bett hinblickte – mir war, als hörte ich alle Tore des Lebens und der Freude hinter mir zufallen. Ich erschrak, hob den Vorhang des Fensters, riß die Flügel auf, und meine feuchten Augen flogen über die Milchstraße hinaus, dem entgegen, der in seinem Gewühl leuchtender Welten jeden Wurm mit Liebe umfaßt – dachte an Agathen – und oh, rief ich –     Du, der von Ewigkeit her den Busen reizender Frauen     Zum besten Spielraum der Männer erwog, Der diese Stunde gelenkt, die durch ein süßes Vertrauen An Lieb' und Wahrheit, zwei fromme Kinder den Klauen             Der Klosterhyder entzog!     Wie wollt' ich deiner Erbarmung     Nicht danken, führtest auch du         Der Andacht meiner Umarmung             Die dritte Heilige zu! Achtete auch der Allweise die törichten Gebete nicht, die uns in dem Rausche der Sinne entsteigen; so haben sie doch das gute, den Verarmtesten die zwei schönsten Blumen des irdischen Lebens, Hoffnung und Geduld, in den Schoß zu legen. Auch ich kam von meinem Ausblicke in die obere Region um ein Merkliches beruhigt zurück. Meine sinnlichen Wünsche verloren ihre Heftigkeit, als ob sie erreicht wären, und ich fühlte mich abgekühlt genug, über Agathens Schleier hinweg, nach manchen andern Rätseln zu greifen, die mir der verlaufene Tag eben so unentwickelt zurückgelassen hatte. Denn, wenn ich gleich jetzt ohngefähr erraten konnte, in was für Betrachtungen Saint-Sauveur auf unserm Wege nach Toulon so vertieft war, daß er sich wenig um meine Verzückung in den Himmel und um meine Hymne an das Gestirn des Tages bekümmerte – es mir auch ebenso begreiflich ward, warum er mich im Gasthofe zum silbernen Anker mit meiner Scheibensammlung allein ließ, und es ihm so sehr zur Unzeit kam, daß mein verlorenes Einlaßbillett einem Spieler, zur Nachfolge für andere, seinen Weg wies – wenn gleich die Seufzer, die damals Klaren entstiegen, als ich ihr meinen Arm bot, und ihre stillen Tränen in den Kelch einer Passionsblume, so wenig als die Erschütterung, die ihr die Gebetglocke des nahen Klosters – der Mönch auf der Galeere und das Mitleiden mit Agathen verursachte, jetzt noch einer nähern Erklärung bedurften – ich auch meine vorgestrige Verwunderung über das Geschäft meines Freundes in dem Steinbruche herzlich belachen mußte, und nicht mehr auf ihn böse sein konnte, daß er während der Veranstaltung seiner heutigen Überraschung mich auf ein Schiff bannte und gewaltsam nötigte, Voltaires Geburtstag zu feiern: – so blieben mir doch genug neugierige Fragen über den Zusammenhang der heutigen seltsamen Ereignisse übrig, die ich mir schlechterdings nicht zu beantworten vermochte. Diese schwierige Aufgabe würde mein Nachdenken noch lange beschäftigt haben, wenn es nicht ein Umstand unterbrochen hätte, der für mich keine Kleinigkeit war. Ich hörte die Seitentür öffnen, die nach dem Park führt – Das ist Agathe, sprang ich von meinem Stuhl auf, die vermutlich, so unruhig als ich, nach Luft schnappt – trat ans Fenster – hörte sie – sah ihren Schleier zwischen den Akazien wehen, und nun war vollends meines Bleibens nicht mehr. Ich eilte aus meinem Zimmer durch das Portal, an dessen Säulen noch einige verlöschende Lampen zitterten. Zu einer andern Zeit würde ich sie als ein treues Sinnbild der Vergänglichkeit aller menschlichen Freuden, in Vergleichung mit den ewigen Lichtern am Himmel, vielleicht länger betrachtet haben; aber in diesem Augenblicke dachte ich weder an Zeit noch Ewigkeit, sondern – solltest du es wohl glauben? an die kleine zarte Mignonne unseres Nachtisches. Großer Gott, und ich suchte Agathen! Ich hatte die längste Weile die lispelnden Sträuche durchirrt, ohne sie zu entdecken, und ich fing schon an zu fürchten, daß es mir hier noch einmal mit meiner Stirne ergehen möchte, wie vor einigen Monaten zu Caverac, als glücklicherweise ein Fünkchen, das mir in einiger Entfernung entgegenblinkte, meiner gesunkenen Hoffnung wieder aufhalf. Dort – ja dort sitzt das liebe Kind, ihr kleines Laternchen neben sich, auf einer Rasenbank, und so geschwind, als dieser Gedanke, war auch der Zaun, der den Grasplatz von dem Park abschnitt, überstiegen. Ich will sie nicht erschrecken, nahm ich mir vor, glaubte auch, ich ginge langsam, kam aber bei allem dem bald genug meinem Gegenstande so nahe, daß ich, bestrahlt vom Lichte, zwar nicht Agathen, aber eine andere menschliche Figur unterscheiden konnte, die sich langsam an einer Urne in die Höhe richtete und mir kein geringes Grausen erregte, ehe ich bemerkte, daß es der Spender des heutigen Segens – der fromme Mönch war, der mir entgegentrat . . . Erst durch die zudringlichsten Fragen und durch Zusammenstellen seiner kurzen Antworten konnte ich mir über seine Würde – seinen Anteil an den frohen Begebenheiten des heutigen Tages und den geheimen Zusammenhang derselben Licht verschaffen. Saint-Sauveur, dessen hohe, tätige, romantische Tugend er mir nicht beredt genug schildern konnte, brachte ihn in die Bekanntschaft von Klarens Mutter, die zwar eine religiöse Schwärmerin, aber zum Glück für die Tochter eine ebenso rechtschaffene, verständige und lenksame Frau war. Sie hatte bei der schmerzhaften Geburt derselben der Maria das Gelübde getan, sie der Entsagung des Ehestandes und dem Klosterleben zu weihen und durch ein feierliches Testament ihr alle Mittel benommen, ein anderes zu führen. In einer solchen Lage fand der Dominikaner diese Gewissenssache, als er in dem Hause des Gouverneurs bekannt und von seiner Gemahlin zum Beichtvater gewählt wurde. Der rechtschaffene Mann nahm sich sogleich auf das heiligste vor, die Mutter von ihrer Verblendung zu heilen und das unschuldige Kind zu retten. Er bemächtigte sich der Freundschaft und des Vertrauens der Marquise und stieg endlich in demselben so hoch, daß er es wagen konnte, ihr seine bessern Grundsätze vorzulegen; aber welche Gewandtheit, welche sanfte Beredsamkeit mußte er nicht anwenden, um die fromme Frau nur erst bis zum Zweifel an der Rechtmäßigkeit ihres Gelübdes – und welche List der Tugend, um sie bis zur Bereuung desselben zu bringen! Endlich gelang es seinem standhaften Eifer, den schwachen Grund insoweit zu untergraben, daß die Säule ihres Aberglaubens – wo nicht ganz einstürzte, doch um ein Merkliches sank. Als er eines Morgens das kleine liebe Mädchen auf den Arm nahm, sich an ihren Schmeicheleien ergötzte, ihre großen blauen Augen, ihre zum Küssen einladenden Lippen und die herrlichen Züge betrachtete, die schon damals ihr Gesichtchen zum Verwundern erhoben, rief er bewegt: Und alle diese Kleinodien der Natur, diese Geschenke Gottes sollen dem menschlichen Glücke entzogen und lebendig vergraben werden, bis sie unter dem peinlichsten Gefühle zu Reliquien verschrumpfen! Diese Worte und die männliche Träne, die dabei über seinen schneeweißen Bart rollte, erschütterten das mütterliche Herz. – Nun, so zeigt mir, grausamer Mann, schluchzte sie, einen Ausweg aus diesem Labyrinthe, ohne meinen Eid zu brechen, und Ihr mögt es bei Gott und seiner heiligen Mutter verantworten. Ja, das will ich, rief er ernst und feierlich, und brachte nun einige Tage nachher das Kodizill zustande, das er mit ihr verabredete, selbst aufsetzte und mit einem Eide übernahm, es unter keiner andern als den festgesetzten Bedingungen geltend zu machen, die aber immer noch schwärmerisch und durch die Möglichkeit, daß Klara auf ihrer Seite sie nicht erfüllen würde, furchtbar genug waren. Denn hätte das gute Kind, in der angeordneten Betäubung, den Wurm, der ihr Herz nagte, aus weiblicher Schwäche verhehlt – vor ihrer feierlichen Entsagung, nicht unter den Augen des Mutterbilds der Maria den Mann genannt, der ihr den Übertritt ins klösterliche Leben so schwer mache – alle Mühe des redlichen Mönchs, das Kodizill – Brief – Ring – und die Erbschaft wären für sie verloren, und dem Kloster, in das sie aus jener ländlichen Kapelle versetzt zu werden in Gefahr stand, verfallen gewesen. Daher kam die angstvolle, erschütternde Beschwörung des Mönchs, daher das Schweben zwischen Furcht und Hoffnung des armen Brigadiers, der hinter dem verhängten Gitter mit gleicher Bangigkeit wie der Flügelmann, den er vor einigen Tagen überraschte, Leben oder Tod von den Lippen seiner Geliebten erwartete. Daher ärgerte ich mich ganz umsonst über die zweideutige Voraussetzung des Dominikaners in Ansehung des Schenkungsbriefes. Die entlassene Novize wagte nichts, ihn zu bestätigen; denn er lag ja in den Domänen ihres Bräutigams und konnte nun nicht mehr in unrechte Hände fallen. Und ach! wie manche andere Dinge, die ich heute morgen ganz der Quere nahm, setzte mir diese nächtliche Unterhaltung erst ins klare. Doch, ich habe dir noch lange nicht die Geistesgröße dieses seltenen Mönchs in ihrem ganzen Umfange dargelegt. Nach dem Tode seiner schwärmerischen Freundin widmete er alle seine Sorgfalt der verwaisten Tochter, deren gutes oder böses Schicksal in seinen Händen lag. Er sah die Rettung aus der Gefahr, die ihre Zukunft bedrohte, als den Zweck seines Daseins an. Aber welch ein Mann! rufe ich mit der höchsten Bewunderung aus, der sich durch den langen Zeitraum, der sein Ziel verbarg, so geschickt zu winden wußte, daß der Preis seiner Anstrengung nicht verloren ging, – der so viele Menschenkenntnis besaß, um die Kräfte der verschiedenen Federn so zu berechnen und zu spannen, daß sie die beabsichtigte Wirkung hervorbrachten – der bei den Schwierigkeiten, die ihm entgegentraten, nie in der Wahl der Hülfsmittel fehl griff – und Herzen in Flammen sogar mit solcher Behutsamkeit zu lenken verstand, daß sie, ohne seine Absicht zu ahnden, den glücklichen Ausgang seines geheimen Spiels befördern mußten. Daß er dieses alles in seiner Kutte geleistet hat, wird dir der Verfolg meiner Erzählung beurkunden. Den Gouverneur schien das Testament seiner Gemahlin nicht weiter zu beunruhigen, sobald er hörte, daß die Vollstreckung seinem würdigen Hausfreunde übertragen war; er kannte seine Grundsätze und merkte bald, daß es nicht ein Kloster sein konnte, wohin er seine Pflegbefohlene zu leiten suchte. Er verabredete den Plan ihrer Erziehung mit jener trefflichen Frau, die ihre treue Begleiterin bis vor dem Altare blieb, wo auch sie durch den Preis überrascht wurde, den ihr Liebling erhielt. Er gab ihr an der Prinzessin von Montbasson und Agathen zwei liebenswürdige Gespielinnen zu, und verbarg dies reizende Trio der Neugier und der Verführung unter die Schatten eines frohen, ländlichen Wohnsitzes, wo ihnen nur die Natur zuflüsterte und ihre Herzen und Augen unbefangen blieben. Hier tränkte er ihre Seelen mit großen, erhabenen, freundschaftlichen Empfindungen, bereicherte ihren Verstand mit den schönsten Kenntnissen, übte ihre Hände in den geschätztesten Talenten, und sorgte gleich der zärtlichsten Mutter für das Gedeihen ihrer aufblühenden Reize. Mit allen diesen, Klosterfrauen unnützen, Vollkommenheiten, brachte er Klaren in ihrem funfzehnten Jahre dem erstaunten Vater zurück und in Saint-Sauveurs Bekanntschaft, den er schon längst als ihren Retter ausersehen hatte. »Oh, der Freude, die ich damals empfand,« strömte es ihm von der begeisterten Zunge, »als ich den tiefen Eindruck bemerkte, den das schöne herrliche Kind auf sein Herz machte. Ich hatte gewonnen – ihre gegenseitige Zuneigung stieg mit jedem Tage höher – endlich so hoch, daß sie nach meinem Wunsche einander unentbehrlich wurden. Jetzt erst, da das holde Mädchen der gebenedeiten Jungfrau schon zu weit aus den Augen war, um ihren Ruf zu hören, trat ich mit dem furchtbaren mütterlichen Testamente auf. Da ich, seitdem sie unter meiner Aufsicht stand, dessen nie mit einer Silbe erwähnt hatte, so erschreckte sie mein unerwarteter Vortrag – ungefähr wie ein aufgefundener Wechselbrief, den man längst für verloren gehalten und vergessen hat, ob man gleich, wenn die Zahlung gefodert wird, die Schuld nicht ableugnen kann. Jeden andern aber, der davon hörte, erschütterte diese Neuigkeit, und ich mußte sogar die gehässigsten Nachreden über mich ergehen lassen. Nur sie, die fromme Tochter, benahm sich groß und edel, sobald der erste Schrecken vorbei war. Sie kämpfte zwar, aber nur wenig Minuten, mit der Notwendigkeit ihres kindlichen Gehorsams – empfahl sich der Barmherzigkeit Gottes, und unter einigen zärtlichen Tränen, die sie dem Andenken ihrer würdigen Mutter darzubringen glaubte, wählte sie das Kloster der Ursulinerinnen, von denen ich einigemal rühmlich gesprochen hatte. – Ja, einige Stunden nachher konnte sie sich selbst über den Zuwachs an Vermögen freuen, den ihr guter Bruder durch ihre Annahme des Schleiers erhalten, und mit ihrer geliebten Montbasson in glücklicher Zufriedenheit genießen würde. Der Marquis, der diese Nachricht durch einen Brief erfahren hatte, schickte mir einen Wagen mit sechs rauchenden Pferden, die mich abholen und auf seinen Landsitz bringen mußten. Ich fand ihn – diesen sonst so mutvollen Mann, niedergeschlagener als ein Kind, und der hohe Grad von Wehmut, der über sein ganzes Wesen verbreitet war, hätte wohl jedes andere Herz als das meinige, das so freundschaftlich für ihn schlägt, zum tiefsten Mitleiden bewegen müssen. – Mein Freund, wimmerte er mir tränend entgegen: – aber es war mir nicht möglich, ihn weiter fortjammern zu lassen. – Ich unterbrach ihn mit einer so gelassenen Miene – mit einem so viel versprechenden beruhigenden Händedruck – daß ihn sogleich aus der Dunkelheit meines Auftrags ein Strahl der Hoffnung überschimmerte. – Kleinlaut fragte er mich: Darf ich den Engel noch fortlieben? Ich bejahte es. Darf auch sie? Ich schwieg; aber ich bat ihn um einen Platz zur Errichtung einer Kapelle. – Er bewilligte es mit einem starren Blick. – Ich hatte schon längst seinen Steinbruch umgangen und gemessen, und überreichte ihm jetzt meinen Plan zur Einrichtung. – Er billigte alles, sobald er auf der Waldseite den Eingang in die Kapelle, auf der andern den Balkon mit der Treppe in seinen Park erblickte. Er umarmte mich einmal über das andere – hielt sich eine ganze Weile die Hände vor die Augen – überrechnete die Zeit bis zum Geburtstage des Fräuleins, kritzelte in der Geschwindigkeit einen Brief an den berühmtesten Baumeister in Marseille – riß mir meinen Plan aus den Händen, und befahl dem Haufen seiner Bedienten, alle mögliche Maurer und Zimmerleute, die sie auftreiben könnten, für doppeltes Tagelohn anzuwerben. Wie schlug mir das Herz bei dieser leidenschaftlichen Heftigkeit, indem ich daran dachte, wie es zwar nicht wahrscheinlich, aber doch möglich sei, daß Klara in dem entscheidenden Augenblicke verstummte; und auch bei ihm trat bald nachher die Furcht der Ungewißheit an die Stelle der kleinen Hoffnung, die ihm mein Händedruck mitgeteilt hatte. Ich konnte und durfte ihn nur mit halben Worten trösten, und verließ ihn endlich mit der ernstlichen Bitte, Klaren in ihrem jetzigen Traume nicht zu stören, nie mit ihr von seiner Liebe zu sprechen, sie weniger zu sehen, und das übrige der Zeit und der Hand Gottes anheim zu geben. Eine viel größere Sorge hat mir die edle Montbasson durch ihren schnellen Entschluß gemacht, der Freundschaft das große Opfer ihrer Liebe zu bringen. Sie bekam auf einmal eine Abneigung gegen den Bruder, der sich durch das Unglück seiner Schwester, wofür sie es ansah, bereichern sollte. Durfte ich ihr wohl entdecken, wie großmütig er gehandelt hatte, sobald er die Klausel in dem Testamente erfuhr? Mußte ich nicht fürchten, daß die heroische Tat einer Jugendfreundin einen nachteiligen Eindruck für Saint-Sauveurs Liebe auf Klarens Herz machen würde? Ich bat Gott inbrünstig um Weisheit zur Leitung dieses so verwickelten Geschäfts – teilte meine ganze Aufmerksamkeit zwischen beide Freundinnen, belauschte das in zärtlich-freundschaftlicher Wehmut dahinschmelzende Herz der einen, und rief Saint-Sauveur zu Hülfe, wenn es sich ganz für ihn verlaufen wollte, und half der gewaltsam unterdrückten Liebe der andern, ohne daß sie es ahnden konnte, wieder in die Höh, und da sie dennoch auf ihrer religiösen Schwärmerei blieb, setzte ich meine ganze Hoffnung auf den Ausgang des heutigen Festes, dem sie selbst den eifrigsten Wunsch äußerte, als Choristin beizuwohnen – als sie hörte, daß ich eine Kapelle der heiligen Ursula durch Klarens Eintritt in das Noviziat einweihen würde. Sie erbat sich von der Äbtissin die Erlaubnis dazu, in der gewissen Hoffnung, gleich nach der Zeremonie mit ihrer Busenfreundin zurückzukehren und sie bei den Klosterschwestern einzuführen. Oh, wie unendlich hat mich Gott für die Sorge belohnt, die ich für diese herrlichen Geschöpfe getragen habe! Die vielen bänglichen Jahre, die vorangingen, liegen jetzt so vergessen hinter mir, als wenn sie nie dagewesen wären, und meine Seligkeit, scheint es mir, hat mit dem heutigen Tage ihren Anfang genommen.« »O lieber, biederer, großmütiger Mann,« rief ich aus, als er schwieg, »möge Gott doch noch lange Euer ehrwürdiges Leben fristen und Euch noch oft auf die Spur bringen, arme Verirrte und Verlockte zu ihrem wahren Beruf zurückzuführen!« Ich fiel ihm, als wir an das Gartentor kamen, um den Hals, bat um seinen Segen – schlug aber, statt ihn hinaus zu begleiten, aus einem eigenen Gefühl, den Feldweg ein, den ich gekommen war. Nach dem Kapuziner auf der Galeere war er der zweite Mönch, den ich umarmte, und ich kann wohl sagen, herzlicher noch als jenen. Sie verdienen beide die Bewunderung fühlbarer Seelen – aber welcher verdient sie wohl mehr? Jener, der Unglückliche bei dem Bewußtsein ihrer Schuld vor Verzweiflung bewahrt, oder dieser, der Unschuldige von einem moralischen Tode rettet? Gott mag entscheiden, ich kann es nicht. Ach, mit welchen herzerhebenden ganz andern Empfindungen – selbst der glückliche Saint-Sauveur, dächte ich, müßte mich darum beneiden – überstieg ich jetzt zum zweitenmal den Gartenzaun! Oh, der Mensch ist nicht so bösartig, als man ihn gewöhnlich ausschreit, oder er sich oft selbst hält! Er sucht zwar nicht gern die Szenen auf, die sein Herz rühren und bessern könnten, aber führt ihn der Zufall dahin, so hängt er sich leidenschaftlicher daran, als an seine strafbaren Irrtümer. Schon traten, als ich mich dem Park näherte, die verbleichten Bilder der Natur hinter dem grauen Vorhang, der sie verbarg, farbig wieder hervor. Das Säuseln des Erwachens – der Gesang des Lebens – die Freude des Wiedersehens – die Auferstehung eines neuen Tags begann. Wie möchtest du jetzt an dein Bette denken, sagte ich zu mir selbst, und wenn es Agathens Reize umschlösse, ich würde mein Herz zuvor durch den Anblick der aufgehenden Sonne erwärmen, ehe sich meine Augen in den ihrigen berauschten; und wäre es der fröhlichste Bürger der Erde, der ungeduldig anklopfte, er müßte warten, bis ich seinen Schöpfer begrüßt und in dem Meere seines Lichts meinen Bildungstrieb gereinigt hätte. Ich lagerte mich an den Stamm einer Balsamfichte und erwartete das große Schauspiel mit dem Entzücken, das ich schon kannte. Die Wolken zerflossen, der Mond verblich, die Sterne verloschen, und nun schwenkte sich das gebietende Gestirn aus der Unterwelt über unsern Erdball herüber, ergoß seinen Lichtstrahl und wirkte. Mein Auge spiegelte sich in den Tautropfen, die, wie reine Herzen, wenn sie brechen wollen, noch einmal aufschimmerten und verdunsteten. Unwillkürlich streckten sich meine Arme dem Wunderballe entgegen, der an den Bergsaum heraufrollte, und der Drang hoher Empfindung suchte einen Ausweg über die lallenden Lippen: Ach wo, rief ich in meinem Entzücken – wo gäb' es in der Natur einen Gegenstand, der rührender an das menschliche Herz spräche? und hörte hinter mir rufen: Hier! Betroffen sah ich mich um, und Saint-Sauveur und Klara, an seine Brust gelehnt, waren es, die mich behorcht hatten. – »Oh, ihr habt recht,« sprang ich von meinem Sitze auf, »ihr trefflichen Menschen! Eure Liebe ist rührender, ist edler noch, als der Glanz der Sonne.« Sanft lächelnd gaben sie sich meiner Betrachtung preis, und mein Blick weidete sich an dem für ein unschuldiges Herz erstaunlichen Bewußtsein, das in den Augen des jungen Weibes lag. Wer hätte in Anschauung ihrer nicht alles vergessen – welcher Firnis seliger Gefühle überglänzte nicht ihr verschämtes Gesicht – wie sanft verlor sich nicht ihr Nachdenken in der Glorie des ersten anbrechenden Tages ihrer großen Errettung – wie freundlich spielte nicht sein Strahl um ihren in frohlockenden Dankgebeten schwellenden Busen, der unter blaßroten Schleifen eines weißen Gewandes sich allen Blicken noch ebenso schüchtern als gestern unter dem Nonnenschleier verbarg. So verschließt die Nachtviole jedem Lichtstrahle ihren duftenden Kelch – hüllt sich in den Instinkt ihrer angebornen Würde, und öffnet ihren Wohlgeruch nur den verschwiegenen Schatten. Doch in welches poetische Labyrinth verlockt mich nicht dieses herrliche Weib! Ich könnte alle Blumenbeete durchstöbern, und würde doch die schönste nicht bedeutend genug finden, um dir ihre – so weit von berlinischem Prunk abstehende Grazie zu versinnlichen. Saint-Sauveur fühlte sein Glück und mit Recht unendlich stärker als ich – senkte schweigend sein gerührtes Auge auf die holde Gestalt, die zu ihm auflächelte, und schien sich in dem ruhigen Stolze seines Gelingens für einen Gott zu halten, dem ein seliger Engel in dem Arm liegt. Wie die Sonne höher trat und blendete, wand sich das reizende junge Weib, wie ein bittendes Kind, aus den zögernden Händen ihres tändelnden Freundes. – Er träumte ihr einige Augenblicke nach, dann nahm er mich bei der Hand. »Ich bin nun diesen Morgen ganz dein, Wilhelm!« sagte er. »Laß uns das Tal durchstreichen, und hilf mir einen Menschen in der weiten Welt entdecken, der glücklicher ist als ich, damit sich nicht Übermut meiner bemeistere.« Unvermerkt leitet ihn der Hang seines Herzens zuerst auf unserm Spaziergange nach dem Janustempel, der ihm seit gestern nach seinem Brautbette wohl der liebste Fleck der Erde geworden ist. Während er nun unter der zierlichen Wölbung nur die einzelnen Stellen aufzusuchen schien, über die Klarens Füße geschwebt hatten, wo sie saß, zitterte, weinte und ohnmächtig ward, verbreitete sich meine Bewunderung über das einfache schöne Ganze. »Ich sehe wohl,« rief ich endlich lachend meinem Freunde zu, »daß du über die Benutzung dieses Juwels von Felsen nicht nötig hattest, weder mich noch meinen alten Lehrer der Baukunst, den ehrlichen Sperling, zu Rate zu ziehen.« – »Wie?« unterbrach er mich ganz betroffen, »heißt denn der alte Gurkenmaler so, der an dem Hafen wohnt?« »Jawohl,« sagte ich, »aber er hat seinen deutschen Namen ins Italienische übersetzt, seitdem er hier ist.« – »Das tut mir sehr leid,« versetzte Saint-Sauveur, »denn, wenn mich mein Gedächtnis nicht ganz betrügt, so habe ich schon mehrmalen nach demselben Manne Steckbriefe in den Berliner Zeitungen gelesen, die ich bloß eures Königs wegen noch halte.« – »Nach Theodor Sperling?« – »Ja, gerade nach diesem.« – »Unmöglich,« fuhr ich fort, »dieser, zwar als Künstler sehr unbedeutend, ist jedoch die ehrlichste Haut, die ich kenne, und wahrlich auch nicht verschmitzt genug, der preußischen Polizei zu entwischen – du irrst dich, lieber Mann!« – »Nun, das ist leicht zu erörtern,« antwortete er sehr bestimmt, und befahl dem Bedienten, der uns von weitem nachgetreten war, nur die zwei letzten Monate der deutschen Zeitung bei seinem Kutscher zu holen, der sie aus Vaterlandsliebe sammelt. Mittlerweile gerieten wir in ein Gespräch, das mir mit jeder Minute wichtiger ward. Saint-Sauveur zeigte mir von weitem in seiner magischen Laterne den Plan, den er angelegt hatte, um den ohnehin glücklichsten Sommer seines Lebens durch Hülfe der Kunst, der Natur und seines Überraschungssystems noch mehr zu erhöhen. »Die nächsten acht Tage«, sagte er, »bleiben wir in diesem Freudentale beisammen – dann schwinge ich mich mit Klaren – wie Vertumnus und Pomona, auf das erfrischende Hochgebürg meines Stammguts. Mein Ahnherr, der diese romantische Burg erbaut und mit unserm Geschlechtsnamen beehrt hat, muß die Gabe besessen haben, in die fernste Zukunft zu blicken, und mich unter seinen Nachkommen seines Schutzes am würdigsten zu halten, so genau paßt das Ideal, das ihn beim Anbau jener Gegend leitete, zu meinen glücklichen Verhältnissen . . . »Meine dortigen Besitzungen« . . . »gehören in allem Ernst zu den angenehmsten in Frankreich. Sie sind mit Wäldern durchflochten, wie du sie liebst, das Klima ist ganz deutsch, die Luft gesund, die Natur groß, fruchtbar, heiter und wohltätig, und mit meinen romantischen Anlagen wirst du zufrieden sein.« Das mag wohl alles seinen Wert haben, dachte ich, aber treffe ich es denn nicht auch in Deutschland wieder an? Es ist eine eigene Sache mit dem Heimweh – ich überhörte nochmals seine freundschaftliche Einladung und blieb unerschütterlich bei meinem Vorsatze – aber jetzt rückte er mir das Zuckerbrot unter die Augen. »Auch Agathe wird uns begleiten,« warf er noch am Schluß seiner Rede so hin – – – und nun verriet sich das Kind mit seiner ganzen Schwäche auf einmal. Ich stutzte – doch länger nicht, als ich Zeit zu dem pfeilschnellen Gedanken brauchte, welche Lust es sein müßte, in den dortigen herrlichen Wäldern, Agathen am Arme, zu wandeln [und] der Vorzeit in den alten Rittersälen mit ihr nachzuspüren . . . Mag doch aus meinem Vaterlande werden was Gott will! – dort komme ich immer noch zeitig genug an, und ohne mich länger zu besinnen, gab ich mein Jawort zweimal hintereinander. Indem brachte der Bediente das Paket Zeitungen, ich schob es in die Tasche, ohne es anzusehen. Mein Freund hatte mich in eine Gegend verzaubert, aus der ich mich nicht wieder wegbringen konnte. Er mußte mir alles auf das genaueste vormalen und beschreiben. – Alle Winkel in seiner Burg waren mir lieb geworden, und ich hätte mich mit Agathen finden wollen wie zu Hause. Wäre ich in diesem Momente vom Schlage gerührt worden, o Gott, wie viele köstliche Aussichten des Lebens – welche süße Erwartungen hätte ich verloren! Das geschah nun zwar nicht, dafür traf mich aber eine andere Widerwärtigkeit, die jener nichts nachgab. Man händigte mir – und die Rede blieb mir im Munde stecken – einen Brief ein, den eben eine Stafette gebracht habe. »Gib Acht,« erschreckte mich Saint-Sauveur, »die Unwissenheit der berlinischen Ärzte hat gesiegt – euer großer Friedrich wird dahin sein, und dann erbarme sich Gott deines Vaterlandes!« – Ich riß den Umschlag auf – las – erblaßte, als ob er es erraten hätte – und nun reichte ich ihm das elende Geschreibe zu seiner Beruhigung hin. – Mit der meinigen war es vorbei. Ich setzte mich auf eine Altarstufe und hing den Kopf. »Was zum Henker hast du da für eine Korrespondentin,« fragte Saint-Sauveur, als er die Unterschrift zuerst an sah – »Elektra? – dermalen auf dem Jahrmarkt zu Montpellier?« – Ich gab ihm Aufschluß, so gut ich konnte – aber jede Zeile, die er weiter las, nötigte ihn zu einer neuen Frage, die endlich, zusammengenommen, ein Verhör bildeten, wobei ich nur zu sehr fühlte, wie albern ich aussah – »Du hast also deine Livreen auf dem Trödel gekauft? Schmuck von Wert darin gefunden? und ihn seinem Eigentümer nicht wieder gegeben? und darüber, wie ich sehe, zwei ehrliche Kerle – als Mörder der entlaufenen Bursche, die vorher die Kleider trugen, in Ketten und Banden gebracht? – Die Frau meldet, das Gericht bedrohe beide Brüder mit der Tortur – und – es ist schrecklich, gäbe ihnen nur drei Tage Zeit, ihre Unschuld entweder darzutun, oder sich auf den Galgen gefaßt zu machen. Welchen fatalen Handel hast du dir da zugezogen, lieber Wilhelm, und was gedenkst du nun anzufangen?« Ich huckte vor dem Marquis wie ein armer Sünder – gab ihm kleinlaut über alles Bescheid – gestand ihm aufrichtig die Schuld meines unverzeihlichen Leichtsinns, und bat um seinen guten Rat. Er tat mancherlei Vorschläge, die er aber ihrer Weitläufigkeit, Unsicherheit oder möglicher Zufälle halber, eben so bald wieder zurücknahm. Nach langen Hin- und Herreden blieb mir nichts übrig, als um seine Pferde und Wagen bis Marseille zu bitten, von wo ich Post nach Montpellier nehmen wollte, um die Sache durch meine eigene Gegenwart ins rechte Gleis zu bringen. Der menschenfreundliche Mann war selbst zu betroffen, zwei Unschuldige, meiner Torheit wegen, in der Todesangst schwitzen zu sehen, und kannte die Geschwindigkeit der französischen Justiz viel zu gut, als daß ihm sein Gewissen erlaubt hätte, mich aufzuhalten. »Willst du nicht wenigstens vorher in unserer Gesellschaft frühstücken?« fragte er zuletzt. »In euer vortrefflichen Gesellschaft?« jammerte ich; »ach, erinnere mich nicht daran, was ich alles hier verliere – wo sollte mir die Eßlust herkommen? Muß ich nicht eilen, um fortzukommen, da es die Ruhe und das Leben zweier schuldlosen Menschen gilt?« Hierauf ließ sich nichts erwidern. Er bestellte sogleich die Pferde und wünsche nur, daß meine Reise glücklich sein und ich bald von Montpellier zurückkommen möchte. – »Freund,« fiel ich ihm ernst ins Wort, »alle die frohen Tage, um die ich mich bringe, sind mir eine harte – aber wohlverdiente Strafe. Sei gerecht und suche sie nicht zu mäßigen! Von Montpellier habe ich fast ebenso weit nach deiner Burg als zu der deutschen Grenze. Laß mich also immer den Weg, auf den mich meine einfältigen Streiche gebracht haben, nach der Heimat fortsetzen! Aber höre noch, was dir mein Herz vorzutragen hat – die Zeit ist zu edel, um es mit Umschweifen zu tun. Versprich mir, lieber Saint-Sauveur« – und ich flog ihm an den Hals – »daß du Agathen für mich aufheben willst – und gewiß umarme ich dich eher wieder, als du denkst – Frankreich soll mir alsdann von Berlin nur ein Katzensprung sein – dort bleibe ich nur so lange, als Not ist, um meine Bücher – Kupferstiche und andere Kleinigkeiten zu verkaufen – dem besten meiner deutschen Freunde schenke ich meinen Gipskopf und meine Scheibensammlung – und wenn ich mich so leicht gemacht habe, wie ein Vogel, fliege ich fort und bin der Eurige auf ewig. Oh, daß ich dir die Lücke deines Grammont ersetzen möchte! – Glaubst du nicht, lieber Saint-Sauveur, daß mir Agathe ein wenig gut werden könnte, wenn ich erst um sie bin?« »Darüber«, antwortete der behutsame Mann, »behalte ich mir vor, dir zu schreiben; traue übrigens in deiner Herzensangelegenheit meiner Freundschaft und dem Wunsche, einen solchen Sonderling, wie du bist, in meiner Nähe zu haben.« Indem kam der Wagen vor das Portal des Janustempels angefahren. Hochbewegt umarmte ich meinen teuern Freund. »In der Hoffnung des baldigsten und glücklichsten Wiedersehens,« schluchzte ich ihm vor, »vergiß um Gottes willen meinen Auftrag nicht! Sage deiner lieben Gesellschaft guten Morgen von mir und lebe – lebe wohl!« Ich warf mich unter einem Erguß zärtlicher Tränen von einer ganz eigenen Mischung in die Chaise . . . Ich äußerte gegen meinen Landsmann den Wunsch, wenn es möglich wäre, noch vor neun Uhr in der Stadt zu sein – »Möglich?« drehte er sich zu mir, »ich verspreche es Ihnen um eine ganze Stunde früher.« Er teilte seinen Diensteifer durch ein paar tüchtige Peitschenhiebe seinen vier Rappen mit, und hielt so gut Wort, daß er mich sogar einige Minuten eher, als er versprochen hatte, vor den heiligen Geist brachte. Es traf sich alles nach Wunsch. Bastian war zu Hause und Passerino bei ihm zum Frühstücke. Kaum waren sie von meiner ernsthaften Angelegenheit unterrichtet, so traten beide zu meinem Dienste zusammen – der Maler besorgte die Postpferde – Bastian das Einpacken, inzwischen ich die freien Augenblicke benutzt und dir erzählt habe, durch welche sonderbare Verkettung der Umstände – um nur das Geringste zu erwähnen – die vergangene Nacht mit einem Teile des heutigen Morgens so verschmelzt wurde, daß sich sogar darüber zum erstenmal in meinem chronologischen Tagebuche der gewöhnliche Abschnitt der Zeit verrückt hat . . . Den 25. Februar In ein kleines, ruhiges, mit einer dunkeln Lampe erleuchtetes Stübchen verwiesen, sitze ich hier in einem ländlichen Posthause, zwei Stationen von der betäubenden Hauptstadt – denn weiter konnte ich heute nicht kommen – und blicke meinem abgelaufenen Tage in einer Gemütsstimmung nach, wie ich sie mir nur, bei dem letzten herabrieselnden Sandkörnchen meines Stundenglases, zum Überschwung in die Ewigkeit wünschen kann . . . \<Besuch des Reisenden im Irrenhaus zu Marseille, wo die über den Tod ihres Gatten irrsinnig gewordene Herzogin von Grammont untergebracht ist, von deren Schicksal ihm bei Gelegenheit des Besuches auf dem Schiffe »Voltaire« erzählt wurde.\> Während dieses Selbstgesprächs suchte ich ein zweites Schnupftuch . . . und darüber spielte mir der Zufall aus seinem Glückshafen statt der schwarzen Kugel, die ich schon gefaßt hatte, eine der scheckigsten – das Paket Zeitungen nämlich, in die Hand, die ich heute früh in dem Janustempel eingedeckt und ganz vergessen hatte. Ich mußte mich erst besinnen, was ich damit anfangen, und daß es ein Steckbrief nach Freund Sperling war, den ich darin aufsuchen sollte. Gott gebe, wünschte ich mit pochendem Herzen, daß sich Saint-Sauveur geirrt habe! – Geirrt? Ja – das sähe ihm ähnlich. Der Schäcker – dem immer sein System zu Gebote steht, sah die Überraschung nur zu gut voraus, die er mir und meinem Lehrmeister zubereitete. Was fand ich? Eine sehr willkommene und allemal um das vierte Blatt wiederholte Ediktal-Zitation, wie ich sie dir in einem kurzen Auszuge mitteile. – »Nachdem«, hieß es, »ein gewisser – namens Theodor Sperling, der sich fälschlich für einen Maler und Architekten ausgäbe, seit vielen Jahren verschollen sei – so werde er, im Fall er noch am Leben, kraft dieses mit der Bekanntmachung vorgeladen, daß weiland seine leibliche Tante ihn, als ihren nächsten Blutsfreund, zum Universalerben sowohl ihres Freiguts zu Triesdorf, als übrigen Nachlasses in einem bei dem Stadtrat niedergelegten Testamente, jedoch unter der ausdrücklichen Bedingung eingesetzt habe, sich dieses Vermächtnisses nicht eher erfreuen zu dürfen, bis er zuvor jener angemaßten brotlosen Künste, die bei ihm weder durch erforderliche Kenntnisse, noch durch Genie unterstützt wären, für das künftige gerichtlich, eidlich und feierlich entsagt haben werde. Widrigenfalls, wenn er in Zeit eines Jahres und sechs Wochen nicht erscheine oder den vorgeschriebenen Eid abzulegen sich weigere – solle er für tot oder der ihm zugedachten Verlassenschaft, die sich nach gerichtlicher Würdigung auf zirka 31 700 Reichstaler belaufe, für unwürdig angesehen werden, und solche dem dasigen Waisenhause auf das Rechtsbeständigste verfallen sein. Ansbach, den 19. Dezember 2785.« Die gute, verständige Tante, war mein erster Gedanke, hat wohl nun freilich hier nicht den Grundsatz . . . vor Augen gehabt, jedem Narren das Spielwerk seiner Laune zu gönnen: indes ist doch die Art, es ihrem Neffen aus der Hand zu winden, nicht so gar übel, und nur zu wünschen, daß er sich's nehmen lasse. Mein zweiter Wunsch war, daß er noch zur rechten Zeit dem Waisenhause in den Weg treten möge, und ich rechnete geschwind im Kalender die Möglichkeit aus. Ich hielt die Nachricht für sättigend genug, um den – freilich etwas zu lang am Pranger ausgestellten Erben von der Wirtstafel abrufen zu lassen – und während der Zeit, die ich hier noch zu vertändeln hatte, die Hetze zwischen der ewigen Kunst und dem zeitlichen Freigute mitzunehmen. Ich setzte mich, als er gelaufen kam, wie ein Senator in Positur, bat ihn, sich einen Stuhl zu nehmen, und leitete meinen Vortrag mit der Frage ein: »Ob er sich nicht wieder in seine Heimat sehne?« Er verstand mich die Quere. »Nein,« antwortete er bestimmt, »so angenehm es mir auch sein würde, den lieben Herrn zu begleiten, so kann doch auch dieses lockende Anerbieten meinen einmal gefaßten Entschluß nicht umstoßen. Ich bin zu sehr in meinem Vaterlande verkannt – bin es aber nicht allein. Verdienste – das wissen Sie selbst! – haben dort weder Ansehen noch Brot. Ist es nicht die allgemeine Klage der Maler, Bildhauer und Dichter? und was kann das Vaterland darauf antworten?« – »Was es darauf antworten kann?« erfaßte ich seine Frage, über ihren anmaßlichen Ton ein wenig aufgebracht. »Je nun, die Patrioten kehren die Anklage um, und richten sie wider alle die verkannten Herren selbst. Wenn wir euch, sagen sie, als Künstler vernachlässigen, so würden wir euch als Handwerkern alle mögliche Gerechtigkeit angedeihen lassen. Ihr überlegt nicht, daß der Staat, der euch nähren soll, der arbeitsamen Hände weit benötigter ist, als der gefälligen Künste. Unsre steinigen Äcker, verfallenen Wege, elenden Hütten und zerrissenen Schuhe wollen nicht gemalt, besungen, beschrieben und in Kupfer gestochen, sondern gepflügt, gepflastert, gebaut und besohlt sein. Wir lassen euch darben, weil eure göttlichen Talente uns unbrauchbar sind.« »Hoffentlich«, fiel mir der alte Kauz mit großen Augen in die Rede, »ist das weder der Fall bei mir, noch bei vielen andern. Correggio . . .« »Halt, Freund,« trat ich ihm in den Weg – »auch er hat, nach ihrer Meinung, für die Zeit, in der er lebte, keine kluge Wendung genommen. Hätte er, sagen sie, von jenen fühllosen Mönchen, die seine unsterbliche Nacht nicht besser als eine gemeine Tapete von Wachstuch bezahlten, ein Tafelgut in Pacht genommen, sein Name würde freilich so vergessen, als der ihrige, aber seine Tränen würden schon bei seinen Lebzeiten vertrocknet und sein Elend nicht auch auf seine Frau und Kinder übergegangen sein. – Wenn du merkst – dünkt dem Patrioten die beste Lebensweisheit – daß die Zeitgenossen deine Gedichte – Gemälde und Meisterstücke deines Meißels nicht mögen, so laß deinen Geist ruhen, und kehre zu dem andern Teile deiner Selbst zurück, an dessen Erhaltung du zuerst hättest denken sollen. Suche mir, sagt das Vaterland, mehr körperlich, als geistig, durch die Axt, die Nadel, den Hobel, als Schreib- und Rechnungsmaschine, oder als Markthelfer nützlich zu werden. Du wirst deinen Kopf weniger anstrengen und mehr eigenen Genuß davon haben, als jene wahren oder eingebildeten Talente gewähren, die ihres Zwecks und Lohns fehl und betteln gehn.« – Mein Eifer, lieber Eduard, hatte mich so weit von meinem Texte verschlagen, daß es mir, wie manchem Prediger, Mühe machte, auf die Anwendung zu kommen. »Wenn Ihr Vaterland,« nahm ich einen traulichen Ton an, »Sie verkannt hat, lieber Passerino, so haben Sie ihm hingegen alle Rückkehr zu Ihnen versperrt.« »Wieso?« fragte er verwundert. – »Mögen Sie wohl noch fragen? Wer kann ein Original in einer Übersetzung wiederfinden? Und wenn sich sieben Städte um ihren Besitz stritten, wie um den Homer, würde es Ihnen nicht ebenso gehen, wie ihm? Wie kann Passerino das fordern, was Sperlingen gehört? Gesetzt, es fiele Ihnen in Deutschland eine Erbschaft zu; müßten Sie nicht entweder Ihren sonorischen Namen oder die Erbschaft aufgeben? und könnten Sie sich wohl durch Ihre Marinen legitimiren, daß Sie der rechtmäßige Erbe wären? Doch vielleicht ginge das noch am ersten an.« – »Lieber Herr,« unterbrach er mich lächelnd – »Sie setzen hier Fälle voraus, die ganz und gar nicht auf mich passen. Ich habe in Deutschland nirgends etwas zu hoffen – sogar von meiner leiblichen Tante nichts, die zwar wohlhabend, aber die unverträglichste, geizigste und mir abgeneigteste Frau auf Gottes Erdboden ist. Ihre Brüder waren geschätzte Maler; sie aber lebte bloß von ihren Renten und verstand – nichts. Sie hielt nur die Italiener für Meister, und immer setzte sie hinzu: ich würde nie einer werden – und eben ihr zum Possen habe ich meinem Namen durch eine Übersetzung geholfen, und werde ihn forttragen bis an meinen Tod.« – »Ja, wenn das so zusammenhängt, mein guter Passerino,« wobei ich mich hinter den Ohren kratzte, »so weiß ich kaum, wie der Sache zu helfen steht.« – »Welcher Sache?« fragte er neugierig. »Nun – ich kann Ihnen wohl wieder sagen, was ich von einem meiner Korrespondenten als gewiß gehört habe – Ihre liebe Tante ist seit Jahr und Tag sehr verträglich geworden. Sie vermutet, daß es Ihnen hier eben nicht nach Wunsch geht.« – »Das hat sie erraten,« seufzte er, »denn Ihnen kann ich es wohl gestehen, daß ich manchmal nicht weiß, wovon ich den andern Tag leben soll. – Und Sie werden wohl selbst bemerkt haben, daß ich noch immer das Kleid trage, in welchem ich Ihnen Stunden gab, und daß es nun nicht länger mehr halten will . . .« »Und diese will Ihnen,« fuhr ich fort (ohne ihn merken zu lassen, wie nahe mir sein Elend ging) – »ihr schönes Freigut zu Triesdorf samt den Einkünften einräumen, wenn Sie der ewigen Kunst . . .« »Entsagen? Nicht wahr?« – fiel er mir ins Wort – »Nun und nimmermehr« – »und zwar gerichtlich, eidlich und feierlich entsagen.« – Dadurch erschreckte ich ihn so, daß er zitterte. – »Oh! da muß sie«, hub er an, »ganz verrückt geworden sein!« – »Das nun eben nicht,« erwiderte ich, »aber diese Grille hat sie sich nun einmal so in den Kopf gesetzt, daß sie es sogar in ihrem letzten Willen zur Bedingung gemacht und darüber – gestorben ist.« – Er überblickte mich bei dieser Anzeige mit zweifelhaftem, unbeschreiblichem Erstaunen, und ward bald karminrot, bald leichenblaß, je nachdem ihm das schöne Vermächtnis oder die häßliche Bedingung zu Kopfe trat. Ich reichte ihm nun das Blatt. – »Da lesen Sie selbst; aber überlegen Sie hauptsächlich dabei, daß hier nicht zu zaudern ist, und das Testament nur noch einige wenige Wochen zu Ihrem Vorteile gilt.« Er schlich, wie das böse Gewissen, mit seinem Vorbeschied in die Ecke des Fensters, las und schüttelte bei jeder Zeile den Kopf. Seine unglaubliche Anhänglichkeit an ein stümperhaftes Talent erregte mein innigstes Mitleiden . . . So oft ich bei seinem Erker vorüberschritt, warf ich eine Bemerkung hinein, die er nutzen sollte. – »Die ewige Kunst; können Sie mir, als einem alten Freunde, glauben, verliert nichts dabei, wenn Sie sich fügen. – Das Vergnügen, Talente unterstützen zu können« – indem ich meinen Oberrock anzog – »ist vielleicht mehr wert, als die oft bezügliche Überzeugung, ein eignes zu haben.« – Er ließ sich durch alles das nicht stören. »Ich stelle mir eine wahre Freude vor« (redete ich so für mich), »wenn ich einmal meinen alten Lehrer auf seinem Landsitze besuchen kann, und wir bei einer guten Mahlzeit über die Größe des armen Correggio plaudern, – und uns der vergangenen Zeiten erinnern werden.« Auch das focht ihn nicht an. – Er starrte noch immer vor sich hin, das Wochenblatt seinem dürren Knie über gebogen, und hing den Kopf, ohne einen Laut zu geben. Bastian meldete, daß die Pferde gleich da sein würden, aber sein Seelenkampf dauerte fort, und mir ward dabei ganz schwül um das Herz . . . Er ergriff in großer Bewegung meine Hand – »Teuerster Freund und Gönner –« holte er tief Atem – »Ziehen Sie mich aus meiner Angst, und sagen Sie mir aufrichtig: Kann ich wohl den bedungenen Eid mit gutem Gewissen ablegen?« »Ja, Freund« – klopfte ich ihn auf die Achsel, »mit dem besten von der Welt – Sie wunderlicher Mann! Was machen Sie für Umstände, und wie mögen Sie sich nur einen Augenblick besinnen? Bei zwei Talenten – und sonst auf Gottes Erdboden nichts – könnte man, dächt' ich, ja wohl eins abschwören, wenn der Umstand darauf beruht, ein Freigut zu gewinnen.« Das schien ihm einzuleuchten. »Sie werden im Ansbachischen und überall«, fuhr ich fort, »menschliche Gebrechen genug finden, deren Sie so viele in Wachs poußieren können, als Sie wollen. Das verbietet Ihnen ja die Tante nicht, und gibt Ihrer Tätigkeit allen möglichen Spielraum.« – »Da haben Sie recht,« erheiterte sich auf einmal sein trübseliges Gesicht. »Spornstreichs laufe ich nun nach Hause, um Anstalten zu meiner Abreise zu machen – will meine Madonnen und Seestücke recht behutsam einkästeln, und . . .« »Ist das nicht wieder ein Einfall! Was um Gottes willen, gedenken Sie mit so vielen unbefleckten Jungfrauen in den preußischen Staaten anzufangen, wo man an keine einzige glaubt?« »Aber,« fragte er sehr naiv, »die von letzthin darf ich doch – Notre Dame de Graces von Cotignac?« »Auch diese Nothelferin,« erboste ich mich über seine Torheit, »hat dort keinen Ruf. In unserer Religion und bei unsern Gensdarmes , was braucht's da solcher außerordentlichen Vermittlerinnen? Und nun vollends Ihre Marinen! – Dort, überlegen Sie selbst, auf dem festen, ja, wie einige behaupten, auf dem festesten Lande, nahe bei Nürnberg, wie können Sie wohl hoffen, daß Sie damit Eindruck und Aufsehen machen werden? Als Vorbilder taugen Ihre Stürme, Kriegsschiffe, Kaper und Brander nicht einmal so viel als Ihre Madonnen. – Als Anleitung zur Seeräuberei erreichen sie nicht die schlechteste Deduktion, und für das natürliche Standrecht würden Ihre Beweise mit dem Finger auf dem gemalten Ozean denen weit nachstehen, die ein dort abgegangener Kammerrat oder Direktor längst schon gegen die Grenznachbarn geführt hat. Folgen Sie mir, verkaufen Sie, um den schweren Transport zu ersparen, Ihren ganzen artistischen Nachlaß einem hiesigen Trödler, ohne lange zu handeln. Kann er Profit daran machen, so gönnen Sie es ihm ja . . . Doch, noch eins, alter Freund, ehe wir uns trennen! Haben Sie auch Reisegeld?« – Er schüttelte kleinmütig den Kopf. – »Nun, so borge ich Ihnen, was ich gestern nicht getan hätte, vierzig Louisdor, hier nehmen Sie, damit können Sie das Post-, und die Einnahme von Ihren Gemälden dazu gerechnet, auch das Schmiergeld bezahlen! Und nun leben Sie,« ich streichelte ihm das Kinn, »recht wohl, armer, gerupfter Sperling, und zaudern Sie nicht, um bald in die Federn zu kommen.« Er begleitete mich bis an den Wagen, weinte, küßte mir dankbar die Hand, und so schieden wir beide sehr gerührt voneinander. Es erweckt doch ganz eigene Empfindungen, wenn man nach so vielen Erfahrungen, als ich in der Fremde gemacht habe, endlich seine Wagendeichsel dem Vaterlande zugekehrt sieht. Aber hätte mich nicht meine Unbesonnenheit mit der Schreibtafel gezwungen, den Weg fortzusetzen, glaube mir, das Gesetz der moralischen Schwere, das dem Schweizer, wie dem Lapländer, außerhalb seinem Neste keine Ruhe vergönnt, würde sogar in diesem Augenblicke von seiner Kraft an mir verloren haben . . . Edler, großmütiger St. Sauveur! Die überraschenden Stunden, in denen du meinem erschlafften Herzen so viele schöne Beispiele männlicher Tugend zuspieltest – der Zauber jugendlicher Schönheit und Unschuld, durch den die holde Gefährtin deines Lebens einige Tage des meinigen verklärte, sind Bande, die mein Wesen an das eure bis zur Auflösung des Grabes fesseln. – Und du, der reinen, schönen, unverdorbenen Natur herrlichster Zögling, du, meiner Wünsche erhabenes Ziel! Wieviel lange Morgen noch, o Agathe, werden meine Träume bis zu dem Zeitenwurf über dir schweben, der, wenn Gott mein Gebet erhört, alle folgenden Tritte deines Gangs mit Rosen bestreuen soll. Durch meine Vereinigung mit dir wird mein Dasein erst sein wahres Kolorit, und jeder Winkel der Erde, an den du es ankettest, den Reiz meines Vaterlandes gewinnen . . . O Liebe, Liebe, rief ich gen Himmel blickend, du in der Sprache der Engel erhabenstes Wort – in dem Sternenkranze des Ewigen mildester Strahl – herrlichstes aller Gefühle, nur dem Menschengewürme unbegreiflich, das über den echten Sinn deines Namens weg – zu Sprachverwirrern hinkriecht, die ihn mit Schlangenzungen mißdeuten. Ach! kein Pulsschlag verklingt in dem Reiche der Natur, der nicht Millionen Verlästerer deiner Gottheit erweckte. Als Sinnbild von dir setzen sie das raubgierigste Ungeheuer auf deinen Altar – wähnen bei der Enthüllung ihres befleckten Götzen deinen heiligen Schleier zu heben, und schmücken die Opfer, die sie ihm würgen, mit dem Afterscheine deines unsterblichen Kranzes! Oh, ihr Betrüger eurer selbst, ihr lieblosen Verfolger der weiblichen Würde! Haben sich wohl je eure Irrgänge dem stillen Pfade genähert, auf welchem die Liebe einherwandelt? Unschuld tritt ihr voran, reulose Freuden folgen ihr, und ihr Ausgang verläuft sich in die seligste Ewigkeit. Werfet nun einen Blick auf das Blendwerk eures Anführers, und zittert! Selbstsucht ist sein Schild, Trug seine Rüstung, und seine Waffengefährten sind in der Hölle geworben. Nur niederträchtige Künste, sinnliche Verlockung, Meineid und Verleumdung folgen seiner Blutfahne. O ihr, seine strafbaren Anhänger, aus was für einem entsetzlichen Haufen müßt ihr nicht die Mitgehilfen eurer Untaten wählen, um an ein Ziel zu gelangen, wo nur Seelenpeiniger in scheußlichen Larven euer warten. – Euer ehrloser Rückzug geht über Felsenspitzen und Dornen, und aus euerm schändlichen Sieg werdet ihr nichts von der mühsam errungenen Beute nach Hause tragen, als ein verletztes Gewissen. – Und nun dieselbe Hand aufs Herz, die dies ernste Gemälde entwarf . . . Buhlerisches Avignon – dort war es, wo ich – was will ich's leugnen? – die sittlichste Kunst zum Dienste des Unsittlichen erniedrigte – dort, wo mein entbranntes Gehirn jene schlüpfrigen Bilder entwickelte, zu denen ich, wo nicht selbst saß, doch andern Mißgestalten zu sitzen erlaubte. Könnte der Zufall, der sie mir auf dem Krankenbette wegstahl und zum Feuer verdammte, den Maler beruhigen, der sie aufstellte, wie froh wollte ich über ihren Staubhügel hinwegsehen! . . . Das könnte ich wollen? Nein, Eduard; ich würde vielmehr mit Freude jene Erfahrungen meines Lebens, wenn ich die Palingenesie verstände, aus ihrer Asche hervorrufen; – sie sollten vor meinen und anderer Augen leuchten, so lange der Schmutz, aus dem sie entstanden, noch Farbe hielte. Dem Unerfahrnen, der meine Bilder anstaunte, dem Lüsternen, der ihnen zulächelte, und dem Kenner, der die Treue der Kopie aus seinem eigenen Originale abzöge – ihnen allen sollte mein Kabinett offen stehen, und – wenn die Herren über dem Eingang die Aufschrift: Plusque ex alieno jecore sapio quam ex meo gelesen und ihre Ferngläser hell gerieben hätten, – sollte es mir lieb sein, sie, von einer Nudität zur andern verlockt, endlich an der Warnungstafel anprallen zu sehen, die ich mit beträchtlichen Kosten an dem Ausgange meines Saals aufgerichtet habe. Hier möge dann jeder sich besinnen, den Spaziergang durch meine Galerie mit dem vergleichen, den er durch die Welt nahm – möge sich – nachdem es kömmt – entweder freuen, daß es, Gott sei Dank, auf allen seinen Reisen zu Wasser und zu Lande nie an solche Klippen gestoßen – möge, wenn er kann, sich etwas darauf zugute tun, daß sein Putz- und sein Schlafzimmer, von Scipios Enthaltsamkeit an bis zu der keuschen Lucretia, nur mit Tugendspiegeln getäfelt sei – oder er fasse auch den kurzen Entschluß, sich nie von seinem Ernste und von seiner Studierstube zu entfernen, um sich keinen solchen Gefahren auszusetzen, als mich leider! betroffen haben, und, wenn sie ihm ja aufstießen, mein abschreckendes Beispiel zu benutzen, und ihnen klüger auszuweichen, als meiner Wenigkeit gelang. Auch das soll mir recht sein. Müßte er sich aber als ein ehrlicher Mann gestehen, daß seine Sittlichkeit, hier und da, wohl noch schimpflichere Niederlagen erlitten habe, als die meine, so weiß ich ihn mit keinem bessern und brüderlicheren Rat zu entlassen, als – er schlage den Weg ein, auf den mein hölzerner Arm hinweist – den Weg der Reue, wo er auch mich mit meinem Wanderstabe finden wird . . . »Das sind faule Fische,« war das erste Wort, das ich hörte, als ich mit meinem Selbstgespräche vor dem Posthause abtrat. Ich stutzte, bis ich sah, daß es nur einer Hökin galt, die der Hausknecht trotz der Versicherung, daß die Sardellen frisch wären, abwies. Wenn es nun aber ein Philosoph gewesen wäre, befragte ich mich, der dir mit diesem entscheidenden Urteile in den Korb geguckt hätte? was würdest du ihm haben antworten können? Ein Glück für ihn, daß ich wieder auf eigenen Füßen stand und alles Hochtrabende in der Chaise zurückgelassen hatte: – denn nun ward mir die Sache erst selbst klärer. – »Nicht ganz getroffen!« erwiderte ich ihm. »Faule Fische, sagen Sie? Nein, mein Herr, es sind gar keine – sind nichts, als gute ehrliche Frösche, die ich zum Zeitvertreib mit der Angelrute in dem nächsten Tümpel gefangen habe, um Versuche, die zu sehr wichtigen Resultaten leiten können, über die Reizbarkeit der Nerven anzustellen. Ich mache mir zuweilen den Spaß, während Euer Ehrwürden den Ungeheuern des Ozeans Wurfspieße entgegenschleudern, ohne, daß ich wüßte, eins noch getroffen oder getötet zu haben. Meine Frösche können wenigstens nicht mehr quaken, wenn ihnen die Haut über die Ohren gezogen ist. Ihre gute Absicht, mein Herr, ist jedoch gewiß nicht zu verkennen, und verdient den Dank aller Edeln.« So kamen wir als gute Freunde auseinander, und gingen, glaube ich, jeder ruhig und mit sich zufrieden in's Bette. Den 26. Februar. Als ich mich gestern abend der Sektion der Frösche gegen die Philosophen annahm, hätte ich nicht geglaubt, daß ich dich heute um dieselbe Zeit mit einem Mitbruder meiner Studien bekannt machen würde, der die Sache ins Große treibt, und den ich selbst erst zwischen Nimes und Montpellier kennen lernte. Es traf sich sonderbar genug. Ich brach heute mit dem Frühesten auf und stieg so schlaftrunken in den Wagen, daß Bastian ein paar elastische Küssen unter meinen Kopf legte und mich der Ruhe übergab, die ich vorletztere Nacht der Unterhaltung des Dominikaners so gern aufgeopfert und in der vergangenen noch nicht hinlänglich ersetzt hatte. Ich legte also eine Station nach der andern so sanft zurück, als wenn es aus meinem Bette geschähe. Wir waren durch Nimes gefahren und schon eine gute Strecke bei Caverac vorbei, als meine Chaise still stand und das Fluchen des Postknechts mich ermunterte. Vier Wagen vor dem meinigen sperrten den Weg, weil an ihrer Spitze ein fünfter das Rad gebrochen hatte, und sie mochten schon lange da gehalten haben, ehe ich ankam. Bastian war ausgestiegen, um zu sehen, was vorging. Ich hörte ihn von weitem mit einem Bekannten sprechen, und verließ nun auch meine Polster. Der erste Wagen, dem ich neugierig vorbeischlich, faßte drei Frauenzimmer, immer eins reizender als das andere. Ich machte ihnen meine tiefe Verbeugung, die ich mit Erstaunen über eine so ungewöhnliche Erscheinung an dem zweiten, dritten und vierten Wagen wiederholen mußte. Was in aller Welt ist das für ein Transport? dachte ich. – Entweder ist hier herum eine Pensionsanstalt für junge Fräulein, oder ein Bassa von drei Roßschweifen schickt, Gott weiß warum? sein Serail nach Montpellier. Indem ich so dastand und mich der lachenden Gegenstände freute, die den Steinweg belagerten, klopfte mich jemand auf die Schulter. – Ich drehte mich um, erinnerte mich sogleich des ehrlichen Gesichts und . . . »Je, lieber Onkel!« rief ich ganz verstört, »wie kommen wir denn, so weit von Cavaillon, hier zusammen? – Sind Sie denn nicht mehr Wirt in dem Propheten?« »Nein, mein Herr,« antwortete er mit sichtbarem Frohsinn. – »Ich habe die lästige Wirtschaft aufgegeben, diene seit kurzem als Mundkoch bei Lord Baltimore, der dort sich mit den Leuten zu tun macht, die seinem Wagen aufhalfen, und reise jetzt mit ihm nach Spanien.« – »Und diese vier Wagen?« fragte ich – »Gehören zu seinem Gefolge.« »Und dies Dutzend allerliebster Kinder?« »Sind Kammerjungfern seiner Gemahlin. – Wenn Sie wollen, will ich Sie unserer jungen Gebieterin vorstellen, der auf jener Rasenbank ohnehin Zeit und Weile lang wird, so ist Ihnen beiden geholfen.« »Wohl,« sagte ich, »wenn Sie glauben,« und so näherten wir uns der vornehmen Frau. Schon in einiger Entfernung konnte ich schließen, daß es keine gemeine Schönheit sei. – Ihr Reisekleid von grauem Taffet lag ihr von obenher knapp an und umflatterte ein paar vorgestreckte niedliche Füßchen. Ein schwarzer Sommerhut beschattete ein helles Gesichtchen, die eine Hand spielte mit einem Spazierstock, die andere ruhete auf einem englischen Windspiele neben ihr, das uns anmeldete. Das Ganze gab ein freundliches Bild. – »Hier, Mylady,« rief mein Introdukteur, »habe ich die Ehre, Ihnen einen meiner Bekannten vorzustellen, dem die Equipagen Euer Gnaden den Weg verstopfen.« Die herrlich schlanke Figur erhob sich ein wenig von ihrem Sitze. Ich verneigte mich auf das Ehrerbietigste, stotterte einige Entschuldigung über meine Freiheit, richtete mich in die Höhe, begegnete ihren Augen und . . . »Mylady« – und – zugleich – »um Gottes willen!« rief ich, »Sie sind es, Klärchen, Sie?« – Wenn du denkst, daß sie von uns beiden es war, die am meisten erschrak, so kennst du sie schlecht. Mit der stolzesten Ruhe maß sie mich mit den Augen, und sagte mit Würde: »Ich heiße jetzt Baltimore, Gemahlin des Herrn, der eben auf uns zukömmt. Wie ist es Ihnen zeither gegangen?« Ich stand verblüffter vor ihr, als jemals, ohne eine Silbe zu antworten. Unheimlicher ist mir in meinem Leben nicht gewesen. Überlege selbst, Eduard, was hier alles zusammentraf, um mich außer Fassung zu bringen. – Die hohe fremde Miene der Dame gegen einen Bekannten, wie mich, ihr gegenüber, die Schreibtafel des Barons mit ihrem Miniaturgemälde und meinem Epigramm in der Tasche, scheu, wie ich immer gegen alle und jede bin, die Torheiten von mir wissen, so daß ich lieber von ihrem Tode höre, als ihnen begegne, und in demselben Augenblicke zugleich von der Gefahr umschwebt, dem Lord, Klärchens Gemahl, meine Hochachtung zu bezeigen . . . Nein, Eduard, um mit solchen Verlegenheiten zu kämpfen, muß man eine unverschämtere Stirn haben, als ich. Mein Entschluß war kurz. Ich faßte den Propheten-Wirt bei dem Ärmel, drehte mich um, und eilte nach meiner Chaise. Als wir so weit waren, daß uns niemand hören konnte, blieb ich stehen. – »Nun, lieber Herr Mundkoch,« schöpfte ich Atem, »jetzt, bitte ich, befriedigen Sie meine Neugier, die unglaublich ist! – Wir kennen ja beide Ihre liebe Nichte von dem Bette an, wo ihr der Teufel zum ersten Male erschien, bis zu dem Sofa, wo ich ihr das Strumpfband der Maria verhandelte, durch welches Wunder ist ihr die Hand eines reichen vornehmen Engländers zuteil geworden?« »Durch kluge Erfahrung,« antwortete er, »die bei den Weibern meistens den Abgang der Unschuld ersetzt, und durch die Blindheit, mit der Gott uns Männer gestraft hat. So erkläre ich mir wenigstens die Sache, wenn mir das und jenes von der Donna einfällt, und ich über ihr Glück erstaune. Aber jetzt, glauben Sie mir, verdient sie es. Sie ist ganz wieder auf dem Weg der Tugend, eine zweite Magdalena, liebt ihren Mann und macht ihn glücklich.« »Seit wie lange?« fragte ich. »Seit heute vor acht Tagen,« erwiderte er; »sie verlangte, und der Lord freute sich kindisch darüber, in der Franziskanerkirche, gerade über dem Grabe der tugendhaften Laura getraut zu werden. Herr Ducliquet hat sie eingesegnet, der getaufte Jude hat bei der Zeremonie aufgewartet, und in der Propstei« . . . »Ist«, fiel ich ihm ins Wort, »die Hochzeit gewesen?« »Ja,« sagte er, »und auch das Beilager.« Ich schlug bei dieser Nachricht die Hände gefalten über den Kopf. »Barmherziger Gott,« rief ich aus, »welch ein Greuel von Menschenverbindung an deinem Altare! Gute Laura, was für antipetrarchische Gedanken mögen an diesem Tage über deiner Asche geschwebt haben!« »Ruhig, mein Herr!« erinnerte mich der Propheten-Wirt, »meine Nichte bemerkt Sie. Lassen Sie uns alles vergessen und vergeben sein, was vorbei ist, und gedenken Sie künftig der Lady Baltimore im Besten. – Doch ehe wir uns trennen, mein Herr, denn ich sehe, daß meine Herrschaft einsteigt, muß ich Ihnen geschwind einen Irrtum benehmen, in welchen ich Sie in Ansehung Ihres Landsmanns gesetzt habe. Es war eine boshafte Nachrede seiner fortgejagten lüderlichen Bedienten, denen ich keinen Glauben hätte beimessen sollen. Der brave Mann hat sich mit Klärchen nicht einmal so viel vorzuwerfen, wenn ich so frei sein darf, es zu sagen, als Sie. Ein Liebhaber der Kunst kann ja wohl in allen Ehren ein schönes Mädchen als Modell benutzen! Mehr hat er nicht getan. Ich habe seitdem Herrn le Sauve kennen lernen, den Maler, der für ihn gearbeitet, und dem Klärchen in mancherlei Stellungen gesessen hat, von dem weiß ich alle Umstände. Gnade Gott dem Herrn, der auch die unschuldigste Sache bei verschlossenen Türen vornimmt! – Mehr braucht es bei solchen Schurken nicht, um ihn in den schlimmsten Ruf zu bringen, so daß er zuletzt keine Tasse Hühnerbrühe mehr nehmen darf, ohne Verdacht zu erwecken . . . Doch ich muß fort, leben Sie wohl, wir bleiben nur diese Nacht in Montpellier.« – Die vier vordersten Wagen waren schon in vollem Galopp; er hatte seinen Platz in dem fünften, dem nächsten vor dem meinigen. Mein Postillon, voll Ungeduld über den Aufenthalt, blieb nicht zurück, so daß ich die Ehre hatte, im Gefolge von Lady Klärchen an dem Posthause anzulangen, wo die Quartiere für die englische Herrschaft schon durch einen Kurier bestellt waren. Den ganzen Weg über hatte sich meine Neugier um eine Frage herumgedreht, deren Auflösung von meinem geschwinden Aussteigen aus dem Wagen abhing, ehe mir der Mundkoch entwischte. – Ich kam ihm glücklich entgegen. – »Nur noch ein Wort statt tausend,« hielt ich ihn bei dem Kragen. – »Warum in aller Welt führt Ihre Frau Nichte Gnaden wenigstens ein Dutzend Kammerjungfern mehr mit sich, als eine Königin brauchen würde?« – »Das muß freilich Wunder nehmen,« antwortete er, »wenn man den wahren Zusammenhang nicht weiß. – Mylord, so hat mir sein Kammerdiener vertraut, schreibt ein systematisches Werk über die Eigenheiten der Weiber. – Englische Schriftsteller wählen ja immer ein aussagendes Thema. – Diese artigen Kinder sind nicht sowohl im Dienste bei seiner Gemahlin, als in dem seinigen, sind Studien für seine philosophischen Spekulationen und ahnden es selbst nicht. Sie verraten ihre kleinen Schwachheiten, Fehler und Tugenden unbefangen, und liefern ihm tagtäglich neue Bemerkungen zu seinem Texte. Es ist der vollständigste Apparat zu dergleichen physiologischen Experimenten, den man sich nur denken kann – aus den leichtsinnigsten, schwermütigsten, sprödesten, unschuldigsten und erfahrensten Geschöpfen zusammengesetzt – mit deren Seelen (denn wirklich ist es nur darauf abgesehen) er hunderterlei Versuche anstellt, um endlich ein neues Resultat herauszubringen. Gott gebe, daß es ihm gelingt, denn es wäre gewiß ein sehr nützliches Buch!« – »Und dieser Sachverständige,« fuhr mir heraus, »hat Ihre Nichte heiraten können?« – »Stille,« fiel mir mein verunglückter Oncle ins Wort, »hier ist nicht der Ort, darüber zu schwatzen. – Ich muß in meine Küche – leben Sie wohl, mein Herr, leben Sie wohl!« – Das Buch möchte ich sehen, setzte ich nun meine Verwunderung mit mir allein fort, indem ich mich von einem Lohnbedienten in die Stadt führen ließ, in die man, wie du wohl wissen wirst, nicht anders, als zu Fuße oder in Sänften kommen kann. – Armer Autor! Gott gebe dir Glück zu deinen Studien, denen freilich die meinigen nicht das Wasser reichen! Über deine junge Frau könnte ich dir zwar wohl wichtige Beiträge liefern – aber, ob sie es gleich nicht an mir verdient hat, würde ich mich doch schämen, weniger edel zu handeln, als Herr Ducliquet, der Propst und der getaufte Jude. Montpellier ist bei allen seinen unleugbaren Vorzügen doch eine sonderbar ängstliche Stadt, lieber Eduard. – Gassen, die so schmal sind, daß die Inwohner der gegenüberstehenden hohen Häuser einander die Hände reichen können, und ein Liebhaber, der so gute Gelegenheit hat, seiner Schönen den Tag über in die Fenster zu sehen, nichts weiter als ein Brett braucht, um des Abends einzusteigen. Wenn die Hitze zunimmt, spannt man, aus Furcht vor dem Sonnenstich, Tücher über sie her. Dann sieht jede ohnehin wie ein Himmelbette aus, und kann füglich dazu benutzt werden. Die Schilder der Wirtshäuser sind alle aus der Botanik genommen. – Da hört man von keinem römischen Kaiser oder Kurfürsten, wie in Frankfurt und andern deutschen Städten, sondern nur Namen aus dem Linnée. Ich fragte nach dem besten. Mein Lohnlakai nannte mir die Rhabarber-Pflanze und die Chinawurzel. – Ich wählte das letztere und hätte es nicht besser treffen können; denn an der Haustüre lehnte ein Bedienter, dessen mir nur allzubekannte Livree mich sogleich verständigte, daß er dem Herrn angehöre, den ich suchte. Er bestätigte es und war so flink in seinem Dienste, daß er dem Baron die Ankunft der Schreibtafel schon gemeldet hatte, als ich noch auf der Treppe war. Kaum hatte ich meinen Staubmantel abgeworfen, so trat dieser auch schon in mein Zimmer – eine Figur von dem edelsten Anstande, ein offenes, liebreiches, verständiges Gesicht, so einnehmend und munter in seiner Unterhaltung, wie es nur ein Deutscher sein kann, den gute Gesellschaften und Reisen gebildet haben. Ich wußte nicht gleich, nach was ich zuerst greifen sollte, um ihm eine bessere Meinung von mir beizubringen, als ich selbst hatte, machte Entschuldigungen über den Aufzug, in dem er mich träfe, hätte zwo Nächte nicht geschlafen und käm' – das war es eigentlich, wodurch ich mir ein Ansehen bei ihm erbetteln wollte – von der Bastide meines vertrautesten Freundes, des Marquis von St. Sauveur, dessen Vermählung ich als der einzige Gast beigewohnt hatte. In der Tat traf ich es hier wieder gut damit . . . Er kannte den Brigadier, wünschte mir Glück zu seiner Freundschaft, und hörte mit innigem Anteil mein enthusiastisches Lob über seine Gemahlin. »Es ist wohl schade,« sagte er, »daß Sie ihm nicht auf sein Stammgut haben folgen können. Dort würden Sie ihn als einen kleinen Fürsten bewundert haben, der alles das leistet, was man oft umsonst von dem größten erwartet.« Ich ging nun nicht ohne Herzklopsen zu dem Hauptgeschäfte über, das ich mit ihm abzutun hatte. – Er machte es mir sehr leicht, nahm alles, was ich über meine hitzige Krankheit, nachherige Erschlaffung und verordnete Zerstreuung zu meiner Rechtfertigung herausstotterte, für gültig an, und foderte, ehe ich ihm noch seinen Verlust einhändigte, Feder und Tinte, um durch ein Billett an den Kriminal-Gerichts-Präsidenten den armen Puppenspielern noch vor Nacht ihre Freiheit zu verschaffen. »Es ist nicht meine Schuld,« sagte er, »daß die guten Leute in Ketten liegen. Sie wurden zwar auf meine Anzeige in den Zeitungen, nach der Livree, die sie trugen, eingezogen; doch ihre eigene Aussage in dem Verhör, das man mit jedem besonders anstellte, machte sie hauptsächlich verdächtig. Sie mußten ganz den Kopf verloren haben. – Daß sich der eine Prologus, der andere Epilogus nannte, ließ man Puppenspielern hingehen; als sie aber den Herrn, der sie gekleidet, angeben und beschreiben sollten, standen beide mit einander in geradem Widerspruch. – Der eine nannte Sie so, der andere so, und ich konnte nur versichern, daß kein Edelmann in ganz Deutschland einen so kauderwelschen Namen führe. Der älteste Bruder sagte aus, Sie wären in Avignon eines Kirchenraubes wegen arretiert worden – der jüngste, Sie hätten die heilige Dreifaltigkeit in einem Kamin entdeckt. – Man fragte nach Ihrem Abschiede, sie hatten keinen aufzuweisen. Ihr Herr wäre durch ein Wunder aus Avignon entkommen, zu Lambesk hätten sie die Schreibtafel in einer verborgenen Tasche gefunden, und dem Herrn sogleich in Verwahrung gegeben, der es vermutlich vergessen, sie dem Eigentümer auszuliefern, und bei ihrem Abgang im Begriff gestanden hätte, in sein Vaterland zu gehen. Diese widersprechenden Aussagen, die alle Stunden einen neuen tollen Zusatz erhielten, erbot sich doch jeder Bruder zu beschwören; dabei sahen sie sich vor Gerichte so scheu um, wie das böse Gewissen. Die Frau, wenn es möglich ist, bezeigte sich noch verwirrter. Sie deklamierte in leeren, nichtssagenden Phrasen ihre Verteidigung, und rief unaufhörlich in dem Gefängnisse und vor dem Tribunal: »Ach, mein Theseus! – wo bist du hin, mein Theseus?« – Doch war sie es, die den Brief an den deutschen Baron in dem heiligen Geist schrieb, ohne Hoffnung zwar ihn anzutreffen, und den ich sogleich durch eine Stafette abschickte. Mir fing selbst an bange für den Ausgang zu werden. Ich hielt sie zwar sehr richtig für Narren, verschob jedoch mein Urteil über den Verdacht, dem sie bloßstanden. Das Tribunal hingegen hielt sie hinlänglich für überwiesen, und ohne meine Gegenvorstellung hätten sie vielleicht schon die Question ordinaire et extraordinaire erlitten. Es tut mir leid, daß den armen Schelmen ihre Ehrlichkeit so übel belohnt worden ist. Daß mich ihre Unschuld jetzt mehr freut, als Schreibtafel, Venus und Brief, die ich eins wie das andere für verloren hielt, können Sie mir wohl zutrauen. Ich bin glücklich, daß meiner über die Zeit verschobenen Abreise nun nichts mehr im Wege steht. Denn vielleicht wissen Sie schon, mein Herr, daß mich in Deutschland eine liebenswürdige Braut mit Sehnsucht erwartet, um so viel mehr, da mein letzter Brief ihr den Tag meiner Ankunft bestimmt, und sie gebeten hat, mir auf ein Gut ihrer Tante sechs Meilen weit entgegenzukommen. Die Ängstlichkeit, mit der sie mir sonach entgegensehen muß, beklemmt mich nicht wenig.« – Brauche ich dir, lieber Eduard, wohl die Stellen in dieser Erzählung anzustreichen, die mir einen Stich nach dem andern ins Herz gaben. Ich erduldete sie ohne Murren, als eine gerechte Züchtigung meines unverantwortlichen Leichtsinns. Kleinmütig zog ich das anvertraute Gut aus der Tasche, aber wie ich es dem Eigentümer einhändigte, brachten mich die Vorklagen, die ich beifügen wollte, in eine neue Verlegenheit. Auch diese schlug er sofort als ein Mann von Welt nieder. Er öffnete die Schreibtafel, besah mit wahren Kenneraugen Klärchens Bild und überlas lächelnd mein Epigramm auf der Hinterseite. Die Gelegenheit war zu gut, um ihm nicht die Veränderung bekannt zu machen, die seitdem mit dem Original vorgegangen sei, und durch welches Ungefähr ich heute ihr Gefolg verstärkt hätte. »Nur heute? das ist glücklich!« sagte er ein wenig ironisch (vermutlich hat der Pro- und Epilogus eins und das andere zu Protokoll gegeben, was er Anstand nahm, mir gerade in das Gesicht zu sagen.) »Also an Lord Baltimore verheiratet? Nun, da ist sie in den rechten Händen,« schlug er ein lautes Lachen auf, »ich kenne den alten Schwärmer und seine abgeschmackten Versuche für einen Text, über den unser kluges und erfahrenes Klärchen ihn in einer Stunde mehr lehren würde, als alle die abgesetzten Ladys, die ihren Triumphwagen begleiten. Wer weiß, ob sie ihn nicht wieder zum Glauben an weibliche Tugend bekehrt und seine Erfahrungs- und Seelenkunde mit einem Phänomen bereichert, dem er bis jetzt umsonst nachgeforscht hat. Wie wird sie die Unbefangene spielen, ihn schon von weitem kommen sehen, während er seine Experimente für die ersten hält, denen sie bloßsteht. Die Reise nach Spanien ist gewiß ihr Werk. – Dort, wo keine Seele sie kennt, wird sie ihm noch lange, ehe sie in den hintersten Wagen versetzt wird, für den Stein der Weisen gelten, den er sucht.« – Ich erwähnte des Mundkochs. – »Den allein«, sagte er, »wünschte ich von der saubern Gesellschaft zu sprechen. Der Ehrenmann hatte mich vor einiger Zeit, wie mir mein Kammerdiener vertraut hat, in einem schimpflichen Verdacht, und seine liebe Nichte, der er damals alles Böse an den Hals wünschte, in einem noch schimpflichern.« – »Diese Ungerechtigkeit«, fiel ich dem Baron ins Wort, »bereut er jetzt gegen beide von Herzen, seitdem er einen unverwerflichen Zeugen Ihrer bloß artistischen Verhältnisse mit seiner Nichte, den Herren Le Sauve gesprochen hat, der die Schöne so oft unter Ihren Augen und in der Lage gemalt hat, die Sie dem Modell gaben.« – Der Baron verfiel in ein kleines Nachdenken, das ihn glücklicherweise verhinderte, die brennende Schamröte zu sehen, die mir in das Gesicht trat – denn siehe nur, ehe ich mich dessen versah, fiel mir der verfluchte Stimmhammer, bei dem meine Kunst scheiterte, und die geweihte Farbe ein, die ich verschüttete. – »Oh, hätte ich,« erwachte der Baron wie aus einem Traum, »das schöne Geschöpf noch so unmündig an Kenntnissen und Jahren gefunden, als da Herr Ducliquet ihre Bekanntschaft machte, keine Seele würde jetzt gegen die Wahl des Lords etwas Gegründetes einwenden können. So aber war sie schon ganz verloren, als ich sie kennen lernte, nur für die Kunst des Malers nicht. Ihre trügerische Außenseite konnte schon keinen mehr betrügen, dem es nicht ganz an sittlichem Gefühl und gesunden Augen fehlte, wenn er nicht, wie Baltimore, für sein freigeistiges System mit Blindheit gestraft war – am wenigsten ein Herz, wie das meinige, das einem fast ebenso reizenden, zugleich aber auch dem reinsten und tugendhaftesten weiblichen Wesen angehört. Oh, meine Karoline, mit welchem Wohlbehagen unverletzter Treue werde ich dir nun bald unter die Augen treten! Wie belohnend, mein Herr, ist dieses Bewußtsein am Ende einer Reise, sie mag einen Weltteil oder das Leben umfassen!« – Lieber Eduard, wenn du mir die glühenden Zangen der Beschämung, die mich bei jedem dieser Worte zwickten, nachfühlen müßtest, ich würde dich herzlich bedauern. Da mochte ich mich doch auf eine oder die andere Seite des Prangers stellen, den der Baron Klärchens Liebhabern anwies, so hatte ich keine Ehre davon. Ich bekam eine recht kleine Idee von mir, die noch nicht vergehen will. Besonders tat es meiner Eigenliebe weh, daß hier zwei Deutsche in so verschiedenem Lichte einander gegenübersaßen. Ich konnte mir nicht verbergen, daß diesem jungen, blühenden, artigen Manne das Reisen viel besser zugeschlagen sei, als mir. Mich, glaube ich, hat er auf den ersten Blick weggehabt. Sagte er nicht oben, ich wisse vielleicht schon, daß er eine Braut habe – und würde er wohl mit der Huldigung seiner Karoline so laut gewesen sein, wenn er mir nicht schon angesehen hätte, daß mir der Inhalt des Briefs in der Schreibtafel so bekannt wäre, als ihm selbst? Was konnt' ich in dieser Überzeugung klügeres tun, als den Vorwürfen, denen ich nicht auszuweichen vermochte, offen entgegen zu gehen? »Ich merke, Herr Baron,« stoppelte ich meine verschämten Worte zusammen, »daß Sie voraussetzen, ich habe mich von dem Geheimnisse Ihres Herzens auf eine Art unterrichtet, die große Entschuldigung bedarf. Was mir eigentlich nötig war, um den Eigentümer des Gefundenen aufzusuchen, konnte mir schon die Adresse sagen – das seh' ich jetzt recht gut ein – und dennoch . . .« »Wenn der Brief meines Freundes« – unterbrach er mich – »Ihnen die Zeit verkürzt hat, so hat er seine Absicht doppelt erfüllt, und es ist mir lieb, daß Sie ihn lasen« – »Und auch abschrieben?« fragte ich. – »Ja, auch das!« antwortete er lächelnd. »Hätte er ihn im Ernst geschrieben, so viel er übrigens auch Wahres enthält, so dürfte ich wohl hoffen, ihn bald genug zu überführen, wie unrecht er mir und dem guten Geschmack getan . . . Ich schmeichle mir,« fuhr der Baron mit sichtbarer innerer Zufriedenheit fort, »daß ich die Zeit meiner Abwesenheit in fremden Ländern nicht so gar übel für meinen künftigen Aufenthalt im Vaterlande und für das Glück meiner Erwählten angelegt habe. Die Kenntnis der großen Welt muß vorausgehen, um durch Vergleichung sein häusliches Glück desto schmackhafter zu machen – so wie man nach einigem Genuß sehr feiner Gerichte gern wieder zu einer kräftigen Hausmannskost zurückkehrt. – Auch mein Kunstgefühl soll mir hoffentlich so viele Freude gewähren, als meinen Nachbarn ihre ruhige Ignoranz. Die Leuchter – die Vasen von griechischer Form, denke ich, sollen mir so wenig im Wege stehen als ehemals den Griechen – eine Venus von Tizian wird meinem Auge immer einen so angenehmen Ruhepunkt verschaffen, als das freundlichste Gesicht einer Dorfnymphe, und Lady Baltimore in ihrer schönen Nacktheit, wo mich jeder Pinselstrich an das Original erinnert, besser noch als jene Göttin, der man außer ihrem Reiz auch nicht viel Gutes nachsagen kann. Da Sie Klärchen, wie ich gehört habe, persönlich kennen, müssen Sie nicht eingestehen, mein Herr, daß ihr Anblick minder noch wollüstige Begierden erweckt, als edle und erhabene Gedanken, die nur durch die Ungestalt der Seele zurückgestoßen werden, die den herrlichen Bau, wie die Kröte einen Tempel, bewohnt. Haben Sie wohl je Nevisans Gedichte und die dreißig Bedingungen gelesen, die er zu einer vollkommenen Schönheit fodert?« – »Ja,« antwortete ich, »ich habe diese Stelle erst kürzlich für einen meiner Freunde abgeschrieben.« – »Und ich«, erwiderte der Baron, »habe noch mehr getan – habe sie, das Buch in der Hand, durch Klärchens Vermittelung mit der Natur selbst – jedes rohe Wort des Dichters mit dem seinen Reiz verglichen, den es anzeigt – sie alle an dem schönen Mädchen beisammen, aber durch das lebendige Kolorit, durch die Abstufung des Schattens und Lichts, durch die Schlangenlinien, die sie vereinigen, ungleich anziehender, und hier den Ausdruck der Natur unendlich poetischer gefunden, als den Dichter. Hauchen Sie nun einer so sinnlich vollkommenen Gestalt Selbstschätzung und Tugend ein, und Sie haben das anbetungswürdigste Ideal weiblicher Schönheit und Würde. Ich will Ihnen aus meinem Portefeuille ein Blatt holen, worauf ich die Physiognomie dieses Mädchens nach verschiedenen Ansichten, als Nonne, Heilige, Betende, Entzückte und als ein Engel geätzt habe. Wäre die Zeichnung – wie sie es freilich nicht ist – von einer Meisterhand – von der Hand eines Raphael oder Battoni, Sie würden nicht leugnen können, daß dieses zur Venus so geschickte Modell unter allen Gestalten denselben Eindruck machen würde. Was kann uns aber einen höhern Begriff von der Allgewalt der Unschuld und Tugend auf das menschliche Herz geben, als daß es selbst in seiner Verdorbenheit durch nichts so stark als durch eine Bildung angezogen wird, in welcher die Anlagen dazu gezeichnet sind, und selbst die größte Verführerin, wenn sie am unwiderstehlichsten zu verlocken trachtet, wider Willen zu dieser Maske ihre Zuflucht nehmen muß.« Während der Baron in seinem Zimmer die edeln Gesichtszüge der jetzigen Lady Baltimore aufsuchte, kam sein Bursche mit der Nachricht zurück, daß meine ehemaligen Bedienten . . . Nein – fuhr es mir so wütend durch den Kopf, daß ich vom Stuhle aufsprang, ohne weiter auf ihn zu hören – der Prologus, der ihr als Teufel erschien – der Epilogus, in dessen Bette sie flüchtete – die beiden Grenadiere, die sie mir boshafter Weise in Avignon vor die Tür stellte – die armen Unglücklichen, die in Ketten lagen, während der Probst sie in integrum restituierte – Ducliquet sie einsegnete – diese Unschuldigen sind es, die in derselben Nacht erfroren aus einem feuchten Kerker kriechen, in der , wenig Schritte von ihnen, jener Sünderin alle Freuden der Natur zu Befehl stehen, und ein Lord in schwärmender Andacht den unheiligen Busen küßt, an den von Ewigkeit her das böse Schicksal zweier gutmütiger Puppenspieler gebunden war! Diese Betrachtungen jagten mich die Stube auf und ab, und ich konnte mich nicht eher wieder fassen, bis der Baron hereintrat und nun – der Bediente seinem Herrn viele Grüße von dem Kriminal-Gerichts-Präsidenten ausrichtete und die frohe Nachricht wiederholte, daß die beiden Brüder und ihre Gesellschafterin des Gefängnisses entlassen wären. Wir wünschten gegenseitig zum Ausgange dieses verworrenen Handels einander Glück, setzten uns zusammen an einen Tisch und fingen nun an, nach allen Regeln Lavaters gemeinschaftlich die schönen, offenen, unschuldigen und rührenden Liniamente zu entwickeln, hinter welche die Mutter Natur ein so häßliches, heuchlerisches, freches und verbuhltes Herz verborgen hatte, als Herr Ducliquet zu seiner Bearbeitung nur eins verlangen konnte. Ich lege dir zwei von den radierten Exemplaren bei, die mir der Verfertiger zum Verteilen unter meine Freunde verehrt hat. Ewig schade, daß meine geheime Nachrichten von ihr in der Asche liegen. – Wie würden sie nicht den Kupferstich unterstützt haben! Indes ist es doch gut, daß ich allen denen, die etwa von meinen Torheiten hören sollten – (denn was verschwatzt sich nicht!) diese betrügende Physiognomie vorhalten kann, mit der Bitte, sich zum vollständigeren Beweis meiner Rechtfertigung vel quasi noch die jugendlichste Farbe, die rührendste Karnation, die sonorischste Stimme und jenen lebhaften Frohsinn hinzuzudenken, der dem Original eigen ist. Wer alsdann noch anstehen kann, mich loszusprechen, muß entweder die Enthaltsamkeit eines Patriarchen – eine Braut zu Hause – oder ein versteintes Herz haben. Eine Bekanntschaft, wie die meine mit dem Baron war – und von so kurzer Zeit her, daß inzwischen die Sonne weder einmal auf- noch untergegangen ist – sollte man denken, müsse sich ebenso kurz abbrechen; aber wir beide machten eine seltsame Ausnahme von diesem gewöhnlichen Falle. Er sah es mir an, wie sein Händedruck zum Abschiede mir an das Herz trat, und Er – »Wartete unterweges,« sagte er, »nicht eine Geliebte auf mich, so wollte ich auf Sie warten, um Ihnen zu beweisen, das jedes Land gleichen Wert für mich hat, das mir die Aussicht gibt, einen Freund mehr zu gewinnen. Ich reise als ein Liebhaber, Tag und Nacht, dem Gegenstande meiner Wünsche entgegen. – Sie, als ein Neugieriger, der in seinem Vaterlande nichts zu versäumen hat, dem kein Umweg etwas kostet, Ihnen darf ich bei solchen Verhältnissen ja wohl, über der französischen Grenze, noch einen vorschlagen, der vielleicht so viel wert ist, als jeder andere, den Sie gemacht haben. Sie sind Zeuge von der gegenseitigen Überraschung zweier Liebenden gewesen, denen für einander bange war, und die wir nun in diesem Reiche unstreitig für die glücklichsten halten können. Wäre es aber nicht, schon der Vergleichung wegen, Ihrer Mühe wert, nun auch ein paar gute deutsche Herzen aufzusuchen und zu beobachten, die längst mit einander einig, sich doch trennten, nur um durch eine von Posttag zu Posttag immer höher steigende Erwartung, der Magie der Liebe einen Reiz mehr zu geben. Ich will das System unseres gemeinschaftlichen Freundes nicht tadeln; aber ich halte mich an das meinige. Die Seligkeit ist gleich, obschon die verschiedenen Wege dahin ihre eigenen Vorzüge haben.« Ich nahm seine Einladung mit Vergnügen an. Er nannte mir den zu seiner Verbindung mit Karolinen bestimmten Tag. Während ich ihn in meinem Musenalmanach anstrich, und seufzend überlegte, wenn doch einmal mein Glücksstern ein solches Kalenderzeichen erhalten würde, hatte sich der Baron fortgeschlichen. Um ihn heute nicht weiter zu stören – da es schon über Mitternacht ist – übertrug ich Bastianen, ihn morgen früh bei seiner Abreise nochmals meiner Hochachtung, Dankbarkeit und besten Wünsche zu versichern. Gott sei Dank für die Gewißheit, mit der ich nun zu Bette gehe, daß keine menschliche Kreatur meinetwegen leidet. So darf ich auch wieder einmal auf eine vollkommen ruhige Nacht rechnen – und ach, auf noch mehrere; denn seit einigen Tagen hat sich doch vieles, was mich insgeheim drückte, gehoben! Mein armer Lehrmeister, für den ich noch immer die alte Anhänglichkeit hatte, ist, wider alles Erwarten, klug und reich geworden. Klärchen – fast noch unbegreiflicher – ist unter die Haube gebracht. Die Puppenspieler sind ihrer tollen Wirtschaft wiedergegeben, und die fatale Sucht, eine Heilige zu entdecken, hat seit Agathens Bekanntschaft sich glücklich bei mir verloren – ist mir sogar zum Ekel geworden, da ich aus Baltimores Beispiel gewahr geworden bin, was solche Studien am Ende abwerfen. Welch ein behagliches Gefühl gewährt doch ein erleichtertes Herz! Bei der Rückkehr ins Vaterland kann man gewiß keinen angenehmern Begleiter haben. Montpellier, den 27. Februar Ich erwachte wie eine Unke, der ein Sonnenstrahl in den Rücken fällt. Die beiden Puppenspieler und Elektra knieten vor meinem Bette und benetzten meine herunterhängende Hand mit heißen Tränen. Warum war mir doch ihre Dankbarkeit so überlästig? weil ich – mochte ich mir kaum gestehen – sie so wenig verdient hatte. »Geht, geht, ihr guten Kinder!« – suchte ich sie von mir abzuwehren – »euer gerührtes Herz wirft mir aufs bitterste meinen Leichtsinn vor, der euch in Ketten und Banden gebracht hat. Über Schmerzensgeld und Entschädigung für euern Jahrmarktsverlust will ich mich sogleich mit euch berechnen, und daß mir die Prozeßkosten zufallen, versteht sich ohnehin.« »Diese, mein lieber Herr,« erwiderte der Epilogus, »hat der Herr Baron bereits an einen Bankier gewiesen, der dafür haftet. Wollen Sie dennoch ein Übriges tun, so gewähren Sie uns die Bitte, daß wir heute das Theater mit der Vorstellung unsers tragischen Zufalls eröffnen und daß wir« – »nun?« – fragte ich – »unter dreifacher Beleuchtung in einer glänzenden Apotheose – Sie, teuerster Herr, als den deus ex machina vorstellen – in Ihrem gewöhnlichen Kostüm, wie wir's kennen« – »Seid ihr toll, lieben Kinder?« fuhr ich in die Höhe – »Doch« – nachdem ich mich einige Augenblicke besonnen hatte – »meinetwegen, wenn ihr glaubt, daß es zu euerm Vorteil sein kann, so stellt mich aus, auf welche Art es euch beliebt. Die Leute, mit denen ich hier etwa Bekanntschaft mache, kommen doch schwerlich in eure Butike.« Sie sahen, daß mir angst und bange im Bette ward, und trollten sich fort. Gleich darauf kam Bastian herein, dem die Gesellschaft auf der Treppe begegnet war, und freundschaftlich ein Freibillett verehrte – er bat um Erlaubnis, dieser Pièce larmoyante beizuwohnen, die ich ihm herzlich gern erteilte. Die Nachricht, die er mir von der Abreise des Barons brachte, war mir ungleich interessanter. Sein Bedienter, der mit dem Koffer voraus war, hatte das Portefeuille übersehen, das seit gestern abends auf meinem Stuhle liegen geblieben war. Bastian erbot sich, es ihm nachzutragen. Als sie in dem Posthof ankamen, war eben der Lord im Begriff, mit seinen fünf Equipagen aufzubrechen. Er erkannte den Baron als einen alten guten Bekannten, und glaubte ihm etwas recht Neues in seiner jungen Frau vorzustellen. Die Lady stutzte, als sie den Baron und hinter ihm einen Bedienten mit dem wohlbekannten Portefeuille und der Schreibtafel so nahe bei ihrem Gemahl sah; doch der artige Deutsche freute sich so ungezwungen über die Ehre ihrer Bekanntschaft, und ließ vor ihren Augen Portefeuille und Schreibtafel in die Wagentaschen stecken, daß ihr Mut bald wieder zurückkam; indes beging er doch die kleine Bosheit, in ihrer Gegenwart den Lord zu fragen, ob er endlich das Resultat seiner vieljährigen Studien gefunden hätte? – »Ja,« antwortete der Philosoph mit großer Selbstzufriedenheit und so strahlenden Augen, daß seine junge Gemahlin die ihrigen äußerst verschämt niederschlug, und rot ward bis über die Ohren. Der Lord war viel zu scharfsichtig, als daß ihm das Himmelszeichen hätte entgehen sollen, das jungen, erst kürzlich verheirateten Weibern so gut steht. Hé bien, « klopfte er dem Baron auf die Achsel, » qu'en dites-vous. « Aber die Dame trippelte nach dem Wagen. Triumphierend hob er sie hinein und schwang sich ihr nach. Lieber Gott, vergib mir die Frage! – aber was soll man zu deinen Anstalten sagen, wenn man sieht, daß sogar die Angst des bösen Gewissens eine Frau in den Augen ihres betrogenen Ehemanns noch verschönert? Der Baron nahm jetzt den Prophetenwirt so lange auf die Seite, bis der letzte Wagen vorfuhr, und sprach sehr ernstlich mit ihm. Ehe er in den seinigen stieg, legte er Bastianen in den Mund, was er mir von diesem komischen Auftritt erzählen sollte. Seine geheimen Gedanken dabei wollte er mir aufheben, bis ich zu ihm käme. Alles recht schön, wenn nur der gute Mann es seit einer Stunde nicht ein wenig bei mir verschüttet hätte! Sein Großmut gegen die Puppenspieler ist nicht viel besser als eine Beleidigung für mich. Prozeßkosten soll ihm doch seine Schreibtafel nicht zuziehen, und wenn ich sein Hochzeitgast sein soll, haben wir uns erst darüber zu verständigen. Mußt du mir nicht hierin recht geben, Eduard? Ob ich gleich keiner Braut nachzurennen habe, werde ich es doch nicht lange hier aushalten. Die Merkwürdigkeiten in den Ringmauern der Stadt haben nicht sehr viel Anziehendes für mich, ob ich ihnen gleich ihr großes Verdienst nicht ableugnen will . . . »Laß uns ausfahren, Bastian,« rief ich, »und die umliegende Gegend besehen! – »Ach!« seufzte er, »lieber Herr, da hätte ich wohl einen bessern Vorschlag.« – »Nun, so laß hören!« – »Als wir gestern so schnell dem Wagen der Mylady Klärchen nach, durch Lünel fuhren, dachte ich in meinem Sinn: Jetzt eilst du mit deinem Herrn so gerade fort nach Deutschland, und nur drei Viertelstunden von dem Dörfchen vorbei, wo deine Mutter und Schwester wohnt, die du vielleicht in deinem Leben nicht wieder zu Gesicht bekommst. – Wenn Ew. Gnaden nun, anstatt . . .« »Ja, du hast recht, Bastian,« fiel ich ihm ins Wort – »Wir wollen nach Lünel. – Dort kannst du deine Verwandten besuchen; ich gebe dir Urlaub bis morgen gegen Mittag, Deine Schwester aber und meinen alten Johann möchte ich selbst auch gerne wieder sehen. Den kurzen Weg sind sie mir wohl schuldig, da ich ihnen noch einmal so weit entgegen fahre. Lauf auf die Post voraus, bestelle eine leichte Chaise, damit ich schon angespannt finde, wenn ich nachkomme.« Bastian war wie ein Pfeil die Treppe hinunter . . . Der Hausknecht mußte mich den nächsten Weg nach dem Posthofe führen. – Ich fand eine Chaise mit vier Pferden, setzte mich mit Margots Bruder ein, und ehe zwei Stunden vergingen, befanden wir uns vor einem recht artigen Wirtshause zu Lünel. Bastian, so wie ich abstieg, machte sich auf die Beine. – Ich bestellte sogleich ein ausgesuchtes Abendessen für mich und meine Gäste – und täuschte unterdes meine Ungeduld mit Besichtigung des Orts und seiner Weinberge – kam aber immer noch zu früh zurück, und wußte jetzt ebensowenig, als vorher, was ich mit mir anfangen sollte. Der nächste Weg vom Weinberge, dachte ich, geht zum Fasse, um das Gewächs zu versuchen. Mit diesem Vorsatz trat ich, vorbeigehend, in die Stube des Wirts. – Es war ein verständiger Mann, der mir sehr gern ein paar Flaschen von den beiden vorzüglichsten Sorten auftrug. An demselben Tische saß außer mir noch ein Narr von Reisenden aus Arles, der mich sogleich in Untersuchung nahm, und sich als einen Antiquarius ankündigte. Ich muß dir doch etwas von seiner Unterhaltung mitteilen. Der Herr kommen gewiß über die via Aureliana ?« »Ich komme gerade von Montpellier.« » Mons puellarum , wie einige alte Autoren es nennen – und gedenken also wohl von hier die Antiquitäten von Arles zu besuchen?« »Nichts weniger!« – Hier schenkte ich mir und ihm ein Glas ein. »Der Ort«, fuhr er mit belehrender Miene fort, »verdiente es doch vor vielen andern. Die alten Römer haben ihn, in dem unfruchtbarsten Landstrich zwar, den man sich denken kann, erbaut; denn die Wege von allen Seiten dahin, muß man zugeben, sind die schlechtesten in der Monarchie. Der ältere Plinius nennt schon die dortige Fläche sehr artig Campi lapidei .« – »Da hat,« fiel ich ihm in die Rede, »der ältere Plinius; nach meiner Einsicht, nichts Artigeres gesagt, als was, wenn ich dahin ginge, mein Postknecht auch sagen würde. – Dergleichen Wege aber, sie mögen modern oder antik sein. suche ich nicht gern ohne Not auf.« »Ohne Not? Das glaube ich wohl,« antwortete er spitzig, »aber hoffentlich spreche ich mit einem Verehrer der Alten, und für einen solchen sind keine Beschwerlichkeiten zu groß, um die Spuren ihrer Größe aufzusuchen. Dergleichen Schätze des grauen Altertums, als unsere Thelina , oder, wenn Sie es lieber hören, unsere Mammilliaria aufzuweisen hat, treffen Sie nirgends in so einer Menge beisammen an. Der Obelisk, das Amphitheater, die verfallene Wasserleitung können allein schon einem vernünftigen Manne des längste Leben erheitern, und nun vollends die elysäischen Felder – die sind, ich gestehe es Ihnen, mein einziger liebster Spaziergang. Wenn ich dort manchmal, in Gedanken vertieft, vor einem Aschenkruge stehe, die Denkschriften, die Beweise jener ruhmvollen Zeiten lese, so ergreift mich eine Empfindung, die sich nicht beschreiben läßt. Was für ein Volk muß das gewesen sein, das solche Männer hervorbringen konnte, als jene Inskriptionen besagen. Strabo und Pomponius Mela haben . . .« Mir lief hier ein kalter Schauer über die Haut. Ich wartete seinen angefangenen Perioden nicht ab, schob ihm für seinen Unterricht die Flasche zu, die mir in Vergleichung der andern nicht schmecken wollte, setzte den Überrest der bessern, die ich schon halb im Kopfe hatte, in den meines Huts – nahm ihn unter den Arm und taumelte in mein Zimmer; denn von allen Schwätzern, lieber Eduard, ist mir keiner so zuwider, als der mit Gelehrsamkeit auskramt, während ich eine Trüffel schäle, an dem Bein eines Haselhuhns klaube, oder, wie hier der Fall war, vortrefflichen Wein schlürfe . . . Stieg ich schon die Treppe unter solchen belebenden Gedanken hinauf, so rieb ich mir erst vor ausgelassenem Mutwillen die Hände, als ich mich mit meiner halben Bouteille ungestört allein sah, leerte sie vollends aus, und klingelte nach einer frischen. Je leichter auch diese ward, desto begeisterter fühlte ich mich, diesen herrlichen Wein zu besingen. Ein Lächeln innerer Zufriedenheit, ein sanfter Trieb allgemeinen Wohlwollens, besonders gegen das gute freundliche Geschlecht, das mir immer im Sinne liegt, durchwärmte mein Blut, und in der süßesten Schwärmerei stimmte ich das erste Trinklied an, das mir je über die Zunge gekommen ist. Oh, rief ich, indem ich mein volles Glas gegen das Licht hielt: Oh, daß mir Bacchus nie den Quell Von diesem Wein verstopfe, Und immerdar so rein und hell, Dein Gold, o geistiger Lünel, In meinen Becher tropfe! Perlt nicht in deinem Wundersaft, Gleich einem Salbungsöle, Ein Opium der Leidenschaft, Ein Elixier – der Lebenskraft, Ein Labetrunk der Seele? . . . Denn Mitleid schleicht bei dem sich ein, Den deine Trauben tränken; Es schäumt der Wunsch in deinem Wein, Freund seiner und der Welt zu sein, Und kein Geschöpf zu kränken. Euch, die mit mir ein Punkt der Zeit Nach einem Zwecke neiget, Ihr Grazien der Weiblichkeit, Euch sei der süße Duft geweiht, Der meinem Glas entsteiget. Mein liebes künftiges Geschlecht, Dem nur in diesem Wein bezecht Ich froh entgegen gehe, Stoß an – Gott fülle mir so echt Einst den Pokal der Ehe. Indem flog die Tür auf, und Margot mir in die Arme. Ich hätte wohl gewünscht, daß sie eine Strophe eher gekommen wäre. Sprachlos hielt sie mich fest umschlungen, und ich, ebenso sprachlos sie umschlingend, bedeckte das rührende Gesicht mit Küssen von dem zärtlichen Gehalt. Wir vergaßen uns in dieser Szene des Wiedersehens so sehr, daß keins den guten Johann, der weniger geschwind zugeflogen kam, als seine leichtfüßige Frau, eher bemerkte, bis er mich tränend bat, daß ich auch ihm eine Hand reichen möchte. Nun kam sie zur Sprache, nun erzählte sie mir, welche unverhoffte Freude ihr Bastians Besuch, noch mehr aber die Nachricht von meinem Hiersein in ihrer nächsten Marktstadt gemacht, und wie sie mit eigenen Händen geholfen hätte, die Esel zu satteln, damit wir nur recht bald zu unserm so gar guten Herrn kämen. Ach Gott! unterbrach nun eins das andere, wie unaussprechlich glücklich haben Sie uns gemacht! Eben noch so unbefangen in ihren Tändeleien, als heute vor acht Wochen, machte sie mir wieder ganz warm ums Herz. Mit welchem hellen Gelächter erinnerte sie sich nicht unserer Wirtschaft zu Caverac, und gern hätte sie mich noch einmal, wäre ich ihr nicht auf dem Dache gewesen, über den Strauchdieb auf dem Fichtenberge abgehört. Doch konnte ich ihren beiden lieben Händchen nicht schnell genug wehren, daß sie mir nicht ein paar Runzeln von der Stirn glättete, um nachzusehen, ob mir nicht eine Narbe geblieben wäre. »Johann,« rief sie, »sieh nur her, was mein Kräuterumschlag für Wunder getan hat! Da ist auch nicht die geringste Spur mehr von dem Kopfstoße zu finden.« Ein fröhliches Abendessen, das sich durch drei Flaschen des belobten Weins bis weit über die Mitternacht ausdehnte, vermehrte unsere Zufriedenheit. Keine Redoute kann eine Stadtdame so munter erhalten, als er die kleine Margot während unsers lieblichen Banketts war. Erst bei der dritten Bouteille, die ich und Johann allein übernahmen, wurden ihre naiven Einfalle einzelner, ihre Worte abgebrochener, und die zwanglose Natur wiegte sie endlich neben uns ein. Ich winkte ihrem Mann, und half ihm sein müdes Weibchen in das Himmelbett tragen, das dem Schlafstuhle, der mir nun übrig blieb, ungefähr so nahe stand, wie zu Caverac ihr Strohlager dem meinen. Mein alter Kammerdiener konnte nun, ohne ihre Bescheidenheit zu beleidigen, so viel zum Lobe seiner Lebensgefährtin vorbringen, als ihm sein Herz eingab. Ich mochte wohl noch eine halbe Stunde Teil an seinen Empfindungen genommen haben, als auch mir die Augen zufielen, und Johann so leise als möglich, um mich nicht zu stören, die angebrochene Bouteille unter den Arm nahm, und zum Zimmer hinaus seiner Lagerstätte nachschlich. Das Opium des öligen Weins wirkte so stark, daß der helle Morgen schon lange über unsern Häuptern schweben mochte, ehe nur eins von uns dreien erwachte, und das war ich. Nun bitte ich dich für einen Augenblick, lieber Eduard, um ein freundliches Gehör! Sage mir, was würdest du von einem Maler halten, der aus Furcht, mehr zu sehen, als sein Pinsel wieder zu geben vermag, sein Gesicht von einer paradiesischen Gegend in dem Augenblicke wegwenden wollte, wo die Nebel fallen, die Sonne hervortritt, Berg und Tal überschimmert, und sich ihm die schönste Perspektive der Natur eröffnet? Deine Antwort mag ausfallen, wie sie will, genug, ich genoß lange, auf Gefahr geblendet zu werden, diese ebenso glückliche als kritische Lage auf meinem Lehnstuhl. Endlich wünschte ich mir die Schönheiten der Ferne um einige Schritte näher, erhob mich leise von meinem Sitz, und wollte eben meine süßen Betrachtungen fortsetzen, als ein Blick auf die Wanduhr, die anschlug, mich, wie vom Donner gerührt, neben Margots Bette niederstürzte. – Jetzt, dachte ich, und Tränen löschten schnell die Flammen meiner Augen, jetzt tritt jene tugendhafte Dulderin vor ihr Gitter, blickt wehmütig gen Himmel, und flehet zu Gott um die Wohltat einer Zähre Anspielung auf die Heldin einer in unserer Ausgabe gestrichenen Episode, die infolge des jähen Todes ihres geliebten Gemahls gemütskrank geworden ist und sich in einem Irrenhaus aufhält. Anm. d. Hrsg. . Segen über den Mann, der zuerst der Zeit eine Stimme gab! Mit Betrübnis überblickte ich mein zagendes Herz, mit Errötung die in aller Unschuld Schlummernde, erhob mich von meinen Knien, deckte mit dem Ernste eines väterlichen Freundes, was zu decken war, und nun erst weckte ich sie. Sie flog mir mit liebkosendem Frohsinn entgegen, und auch ich freute mich, daß ich nicht ganz unwert war, ihren Morgenkuß zu erwidern. »Willst du nicht deinen Mann aufsuchen, Margot, und unser Frühstück bestellen?« Voll jugendlicher Heiterkeit hüpfte sie mir sogleich aus dem Gesichte, und ehe ich noch ganz die meinige wieder erlangt hatte, kam sie mit dem glücklichen Sterblichen zurück, der ihre Liebe besaß. – Er trug eine Schale mit Milch herbei, sie ein Körbchen mit Obst. – Es waren auch Pfirsichen von den besten Sorten, jedoch meiner jetzigen gesündern Einbildungskraft ohne Gefahr, darunter. Bald nachher traf auch Bastian ein. Ich zog ihn aus Achtung für die Schwester mit an unsere runde Tafel. Margot blieb freilich die Perle von der Gesellschaft. Doch gehörten die beiden andern Gäste auch nicht unter die schlechten Feldsteine. Jeder hat seinen Wert, ob die Natur gleich keinen so begünstigt hat, wie jene, die der Politur nicht bedarf, um in den Schmuck einer Königin aufgenommen zu werden. Ich wollte indes doch nicht, daß du es in Berlin herumbrächtest, wie gemein ich mich wieder einmal gemacht habe. Ich trug noch der Kleinen viele Freundschaftsversicherungen an meine guten Wirtsleute zu Caverac auf. – Gott lasse es ihnen wohl gehen! Johann erbot sich, mir von Zeit zu Zeit Lieferungen von dem hiesigen vortrefflichen Muskatenwein nach Berlin zu besorgen. – »Und ehe der Sommer verläuft,« fiel ihm seine Frau in die Rede, »erfüllen wir das Versprechen, Sie selbst in Ihrer großen Stadt zu besuchen.« »Eins wie das andere,« erklärte ich ihnen dagegen, »bitte ich euch, anstehen zu lassen, bis ihr Nachricht von mir erhaltet, denn wahrscheinlich komme ich in kurzem wieder in diese Gegend, und lasse mich vielleicht gar, wie es Johann gemacht hat, häuslich hier herum nieder.« Sie machten große fragende Augen, ich hütete mich aber, so schwatzhafte Leutchen tiefer in jenes Geheimnis sehen zu lassen, das ich vor dem Altar des Janustempels in den Schoß meines St. Sauveur niedergelegt habe. Sie zerflossen beide in Tränen, als ich Abschied nahm, und ich und Bastian stiegen auch nicht mit trockenen Augen in den Wagen. Ich kam glücklich in den Posthof vor Montpellier, und, was mir ebenso lieb war, zeitig genug an, um diese medizinische Mördergrube heute noch verlassen zu können, und wenigstens ein paar Stationen auf meinem Wege weiter fortzurücken. Was sollte ich noch einmal zu Fuß in die Chinawurzel wandern? Ich bedurfte keines Gasthofs, mein Frühstück hatte mich hinlänglich gestärkt. Ich schickte also Bastian ab, um mit dem Wirte Richtigkeit zu machen, und setzte mich so lange unter den schattigen Überhang meiner Chaise, bis er von seinem Geschäfte zurückkam . . . Agde Den 1. März »Wie hoch kommt Ihnen die Berline zu stehen?« fragte mich der Postmeister in Montpellier zu seinem Fenster heraus, als ich eben abfahren wollte. – »Ach, das –« antwortete ich, »kann ich erst dann berechnen, wenn sie mich an unsern gemeinschaftlichen Geburtsort gebracht haben wird.« »Wie?« fing er meine Worte auf, »so wäre der Herr, wenn ich recht verstehe, wohl gar ein Landsmann Friedrichs des Großen?« »Ja, ja,« unterbrach ich ihn, »ich kann es nicht leugnen, mich aber noch weniger deshalb hier aufhalten lassen. Hätte der Herr Postmeister nach dem merkwürdigen Passagier sich umsehen mögen, der nun seit einer langweiligen Stunde seine Berline geschaukelt hat, wahrscheinlich würde er ihm von dem Sieger bei Roßbach viel Erwünschteres erzählt haben, als der Pariser Publizist, der in jedem Blatte sein nahes Ende ankündiget, um, denke ich, in den folgenden sich noch oft aufs Maul zu schlagen, so Gott will. Lebe der Herr wohl!« Der Name meines Wagens fiel mir, aus dem Munde des Franzosen, zum erstenmal sonderbar ins Gehör, erinnerte mich an den geschickten Sattler, der ihn so tüchtig gebaut hatte, daß er unter meinem Reisegeräte gewiß das einzige Stück ist, das dem Auslande keinen Sous für Reparatur abgeworfen hat und so ganz deutsch wieder zurückkommt, als ich kaum von mir selbst zu rühmen wage . . . »Wie heißt jene Burg?« war das erste Wort, das ich an den Postillon verlor, und es verzinste sich gut. »Brescau,« antwortete er, »Sie haben doch wohl von den berühmten Leckerbissen der dortigen Muscheln gehört?« Ich schüttelte den Kopf. – »Nun, so werden Sie diesen Abend mit großem Behagen ihre Bekanntschaft machen. Der Felsen, um welchen diese Schaltiere einheimisch sind, versorgt die Wirtshäuser in Agde überflüssig damit; denn ihrer Zartheit wegen können sie nur an Ort und Stelle genossen und keine Meile weit verschickt werden.« »So?« sagte ich verwundert, »dies Produkt macht also von vielen andern der französischen Natur eine ganz eigene Ausnahme. – Die Gebäude da oben sind sonach wohl Fischerhütten?« »Wollte Gott, sie wären es!« erwiderte mein Führer. – »Nein, mein Herr, es sind Wachthäuser einiger Invaliden, die den bequemsten Ehrenposten von der Welt, die Aufsicht nämlich über das Staatsgefängnis haben, das in jene Felsenmasse gehöhlt ist. Ein Wink des Monarchen, mehr braucht es nicht, sondert hier vornehme Schuldige, wohl auch, wofür Gott sei, unschuldig Verdächtige, von der Gemeinschaft mit der übrigen Welt ab, und gewiß kann die Natur in ihrem Umkreis keine bessere Gelegenheit darbieten, um jedes Leben in Vergessenheit zu bringen. Gott erbarme sich der armen Verkerkerten, die hier in der Tiefe des Meeres atmen.« »In der Tiefe des Meeres, sagst du? Ich will doch nimmermehr hoffen, daß die dort anprallenden Wellen an ein menschliches Ohr schlagen?« »Nicht anders, mein Herr! Der Gefangene, sobald er jenen Gipfel erreicht hat, wird gleich darauf so tief herab, als er hoch gestiegen ist, an Seilen, wie in einen Schacht, heruntergelassen, und seine Laufbahn ist geendet. Niemand kann Zahl und Namen dieser Versunkenen angeben, die weiß nur der König, vielleicht auch der nicht, aber nach den Nahrungsmitteln, die täglich einer von der Besatzung aus dem Bürgerspital abholt, können ihrer nicht so gar wenig sein.« »Im Frühling vorigen Jahres traf sich's, daß ich eben hier vorbeikam, als ein solcher Unglücklicher aus der Welt gestoßen wurde. Der Polizeiwagen hielt nicht weit vom Ufer; zwei von der Wache öffneten ihn und übernahmen den Gefangenen.« »Verkappt und gefesselt brachten sie ihn in ein Fahrzeug. Der Herr Engländer, dem ich vorgespannt hatte, befahl mir zu halten, stieg aus und näherte sich der Szene mit seinem Fernglas. Ich brauchte das nicht, um den Vorgang ebenso deutlich zu bemerken als er. In ohngefähr zehn Minuten landete der Kahn zwischen den zwo Klippen, die dort – sehen Sie? – den Platz zum Einlaufen bilden, und nun kam uns der Verhüllte noch fünfmal auf der Freitreppe, die rund um den Felsen in einer Spindellinie bis zu seiner Spitze aufsteigt, ins Gesicht. Es lief mir eiskalt über die Haut, als ich ihn den letzten Schritt tun und bald nachher von der Oberfläche der bewohnten Erde verschwinden sah. Mein englischer Passagier ballte voll Ingrimm die Faust gegen den Polizeiwagen, als er, vor uns her, nach der Chaussee lenkte, setzte sich fluchend in den seinen und ließ mich nicht zu Atem kommen, bis ich jenen eingeholt und ihm aus den Augen gebracht hatte; ich aber betete indes ein Ave Maria für den armen Verstoßenen, und die heilige Jungfrau hat mir's vergolten.« »Wieso? lieber Freund!« fragte ich neugierig. »Weil ich«, antwortete der brave Kerl, »von der Stunde an ein ganz anderer, viel besserer Mensch geworden bin, als ich sonst war. Denn während ich bei dem Fort vorbei meine müden Pferde wieder nach Hause ritt, ein gutes Trinkgeld in der Tasche hatte, und meinen Kittel von der lieben Abendsonne vergoldet sah, – ach! wie hoch schlug mir das Herz, wie viele gute Entschließungen faßte – und wie verdammte es nicht die gottlose Unzufriedenheit, die sich sonst immer mit mir auf den Gaul setzte! Ich habe seitdem mein Tagewerk lieb gewonnen, so mühsam es auch sein mag, und will mir ja einmal mein trockenes Brot nicht zu Halse, so brauche ich nur, um es mir schmackhaft zu machen, an den armen Herrn zu denken, der kein besseres im Grunde des Meeres verschlucken muß. Wie mag er die vielen freundlichen Stunden, die indes über seiner Finsternis verlaufen sind, in welcher Seelenangst mag er sie nicht verseufzt haben! Wie würde er Gott loben und danken, wenn er an meiner Stelle – ach, an der Stelle meines Sattelpferds wäre!« Hier zog er sein Schnupftuch heraus, wischte sich die Augen und schwieg. »Bitte« – zischelte ich Bastianen zu – »den guten Menschen diesen Abend bei dir zu Tische, und laß ihm nichts abgehen;« ihn aber bat ich, einige Augenblicke zu halten, weil ich aussteigen und doch das Fort aufnehmen wolle, wo die seltenen Muscheln gefunden würden. »Tun Sie, was Ihnen gefällig ist,« war seine Antwort, »ich mag nichts davon wissen, doch nehmen Sie sich in acht, daß die Abzeichnung Ihnen an der Grenze keinen Verdruß zuzieht.« Ich ging, setzte mich, der Feste gegenüber, auf den Rasen, und trug den Abriß von ihr auf ein Pergamentblatt meiner Schreibtafel über. Als ich damit fertig war und zu meiner Berline zurückkam, zeigte ich den beiden Zurückgebliebenen meine artistische Arbeit, ich weiß eigentlich selbst nicht warum? denn Kunstverstand konnte ich doch wohl bei keinem voraussetzen. Der Postknecht drehte das Pergament nach allen Seiten. »Nein,« gab er es zurück, »die Zeichnung brauchen Sie nicht versteckt zu halten, die wird die Festung nicht verraten.« Mein Kammerdiener benahm sich schon feiner. »O ja,« sagte er, nach vieler Überlegung, »Ihre Abbildung,« indem er einigemal nach dem Original hin blickte, »dächt' ich, wäre sehr richtig. Das hier, nicht wahr? stellt den Strudel, jenes das Wachthaus, diese Linie den Weg, und diese Striche den Gefangenen und seine Begleiter vor? Als ein avant la lettre bringen Sie das Blatt ganz sicher über die Grenze – denn ein solches – wer versteht es? aber nachher – ja, da würde ich selbst für den Schlag Menschen wie unser Postillon«, raunte er mir listig ins Ohr – »zu einer schriftlichen Erklärung raten.« »Laß es gut sein, Bastian.« lachte ich ihm ins Gesicht . . . * Beziers Den 2. März Wie freute ich mich, als ich diesen Morgen Agde verließ, auf den Ort, den ich nun erreicht habe. Jeder unsrer Geographen, die ich über meine Reise zu Rate zog, zeichnet ihn durch eine Sentenz aus, die, wäre sie erwiesen, Jerusalem und alle Hauptstädte der Welt demütigen müßte. Wenn Gott, sagen sie, auf Erden wohnen wollte, würde er Beziers zu seinem Aufenthalt wählen. Die Herren, welche in ihre auf gut Glück zusammengestoppelten Nachrichten diese französische Hyperbel mit deutscher Arglosigkeit aufnahmen, können sie, in den neuen Ausgaben ihrer Handbücher, auf mein Wort weglassen. Ich erkläre sie geradezu für eine Gotteslästerung, indem ich nicht nur dem höchsten Wesen alle die Eigenschaften, die ihm unser Katechismus beilegt, sondern auch guten Geschmack in einer Vollkommenheit zutraue, die so sehr, als jeder andere Gedanke von seiner Größe, weit über unsere Vernunft geht. Langmütiger! vergib dem kleinstädtischen Gesindel ihren Bürgerstolz, so einfältig sie ihn auch an den Tag geben. Der Weg, den ich von meinem Nachtlager bis zu dem wackeligen Schreibtisch zurückgelegt habe, vor dem ich alleweile auf einer bretternen Bank sitze, verdient jedoch eine ehrenvolle Erwähnung. Die treffliche Chaussee, die sich durch eine dürre undankbare Landschaft schlängelt, kommt dem Reisenden, Fußgänger nehm' ich aus, aufs beste zustatten. Er hat nicht Zeit, Langeweile zu haben. Sein fortrollender Wagen hat schon alle unangenehmen Gegenstände überflogen, ehe das Auge sie fassen kann. So gelangt er, zwar mit drehendem Kopfe, doch ehe er sich umsieht, an das Stadttor, das nicht nur gerade nach dem zweiten, zu dem man wieder hinausfährt, sondern auch nach dem einzigen Wirtshause hinweist, das Fremde aufnimmt. Diese kluge Anlage befördert die Übersicht des schönen Ganzen in einem Augenblick. Meine Neugier war auch schon vollkommen befriediget, als ich den Gasthof zum Ortolan am Ende des Städtchens erreicht hatte. Hier lag nun die Aussicht auf den fortlaufenden Steinweg der nächsten Station zu offen da, um mir nicht Lust zu machen, meine Morgenreise sogleich fortzusetzen. Da rückte mich aber der Wirt aus meiner bequemen Lage und lud mich zum Frühstück auf einen Spieß der seltenen Vögel ein, von denen einer auf seinem Schilde gemalt stand. So etwas läßt sich nun freilich nicht ausschlagen. Der Mund lief mir voll Wasser. Ich stieg aus und bestellte die Postpferde nach Verlauf einer Stunde. Diese Eile, kann ich mir nicht anders vorstellen, muß den spitzbübischen Kerl beleidiget haben, denn ohne zu entscheiden, ob er mir Sperlinge oder Finken vorgesetzt hat, wollte ich doch, wenn es Not hätte, vor Gerichte beschwören, daß es keine Ortolans waren. Ich hatte an dem Versuche eines einzigen Flügels genug, schob die Schüssel mit Ekel von mir und: »Glaubt der Herr Wirt,« fuhr ich ihn an, als er mit schrumpfigen Mandeln zum Nachtisch hereintrat, »daß man einem Deutschen alles weiß machen kann? Hol' Euch dieser und jener mit Euren Ortolans und Eurem gotteslästerlichen Städtchen.« Ich hätte gern meine Worte wieder zurückgehabt, denn kein elender Skribler, der heißhungrigen Lesern unter dem Titel eines komischen Romans ein Buch in die Hände spielt, bei dem ihnen das Lachen vergeht, kann sich ungebärdiger gegen die gelehrten Verräter seines Betrugs benehmen, als sich der Mann gegen meine unparteiische Rezension seines Geflügels auflehnte. Nun setzt wohl nichts mehr die Galle in Bewegung, als wenn solch ein Unverschämter, dessen elende Kost wir eben erprobt haben, den Stein, der ihn treffen sollte, nach uns zurückschleudert und zu seiner Rechtfertigung unsern Geschmack verdächtig zu machen sucht, wie es sich dieser Sudelkoch gegen meine feine Zunge herausnahm. Bitter und böse über seine so beleidigende Gegenrede, wollte ich eben Bastianen rufen und noch einmal auf die Post jagen, als ich in der Türe einem Quidam entgegenrennte, der im Begriff war, anzuklopfen. »Um Vergebung, ich habe mich geirrt,« stotterte er, »ich sah vor dem Hause eine Berline stehen und dachte, sie gehöre einem Herrn zu, den ich täglich und stündlich erwarte, dem Sekretär des Herzogs von Bedford, für dessen Galerie ich ihm – lassen Sie sich nicht stören, mein Herr! – einen Tizian verkauft habe.« »Ich weiß nicht, was ich von seinem Ausbleiben denken soll. Er hat mir nichts auf den Handel gegeben und die Zahlungsfrist ist nun schon vor drei Wochen verlaufen.« Meine runzlige Stirn klärte sich auf. »Treten Sie doch näher, mein Herr!« nötigte ich ihn in das Zimmer, »mit wem habe ich denn die Ehre zu sprechen? Handeln Sie mit Gemälden?« »Nein,« sagte der freundliche Mann, »ich bin hier geschworner Notarius.« »Einen Tizian sagen Sie?« – »Ja,« erwiderte er, »eine Venus von ihm und sicher aus seiner besten Zeit. Sie ist als Fideikommiß auf mich gekommen; ob sie aber, nach einer alten Tradition, dieselbe ist, vor der Karl der Fünfte den Pinsel aufhob, will ich nicht mit Gewißheit behaupten, ohnerachtet schon mehrere Kenner die warme Stelle haben angeben wollen, wo er dem Maler von allzustarkem Enthusiasmus entschlüpft sei.« »Der erste Umstand«, sagte ich lächelnd, »würde für den Wert des Bildes auch wenig beweisen. Große Herren heben oft Pinsel aus dem Staube, die es nicht verdienen, und lassen bessere liegen, die sie aufheben sollten. Das sind zufällige Dinge, auf die sich ein wahres Genie nichts zugute tut, und die selbst als Anekdote in der Geschichte der Kunst von keinem Belang sind. Die Gemütsbewegung des Künstlers hingegen, von der Sie sprachen, wäre schon bedeutender. Aber dürfen Sie denn, mein Herr! ein Fideikommiß veräußern?« »Die Verbindlichkeit seiner Erhaltung«, erklärte er mir etwas weitschweifig, »hört, den Gesetzen gemäß, bei dem letzten Nachkommen des Erblassers auf. Nun kann ich zwar die Familie noch nicht für erloschen ausgeben, da mir eine Tochter geblieben ist, die den besten Willen hätte, sie fortzusetzen, wäre ihrem Freier nur mit einer bloß gemalten Ausstattung gedient. Indem ich aber von dem wenigen Meinen, außer diesem Kunstwerke, durchaus nichts entübrigen kann, so tritt die Rechtsfrage ein, ob ein Vater in meinem Falle seine einzige Tochter der Gefahr, ihren Bräutigam zu verlieren, aussetzen, oder ihrem nicht unbilligen Verlangen nachgeben soll, das Bild der Liebe der Wirklichkeit aufzuopfern? Ich habe den Zweifelsknoten als Rechtsgelehrter erst auf allen Seiten betrachtet und ihn endlich als ein zärtlicher Vater gelöst.« »Denn kann auch, sage ich, das herrliche Gemälde nach seinem Verkauf nicht auf die künftigen Leibeserben meiner Tochter übergehen, so müßten sie doch, sage ich, vor den Kopf geschlagen sein, wenn sie mich deshalb in Anspruch nehmen wollten, da ich doch ehrlicherweise ihnen zu ihrem Dasein nicht anders verhelfen kann.« Ich machte dem schwatzhaften Manne so viele schmeichelhafte Komplimente über die Bündigkeit seiner Deduktion, und wußte zugleich meine ingeheim aufsteigenden Wünsche so geschickt durch die sehr wahrscheinlichen der bedrängten Schönen zu unterstützen, daß ich ihm bald genug die Erklärung, an der mir am meisten lag, abgelockt hatte: »Er wolle nun auch keinen Tag länger auf den saumseligen Bezahler lauern, wenn sich ein Liebhaber fände, der in seinen Kauf träte.« »Und auf wie hoch, wenn ich fragen darf, haben sie ihn abgeschlossen?« »Auf tausend kleine Taler,« erwiderte er, »eine mäßige Summe für einen Tizian, der so gut erhalten ist, als es ein Fideikommiß nur sein kann; aber, wie gesagt, die bängliche Lage meines armen Kindes« . . . »Oh, diese«, fiel ich ihm ins Wort, »könnte wohl selbst einen so zärtlichen Vater vermögen, noch etwas von jenem Preise nachzulassen, wenn er bares Geld sieht. Nicht wahr?« Er zuckte mit den Achseln. »Nun, darüber«, fuhr ich fort, »läßt sich noch sprechen, wenn Sie mir erlauben, Ihnen und der Venus meine Aufwartung zu machen.« »Viel Ehre für beide!« verneigte er sich. »So darf ich Ihnen wohl folgen?« fragte ich, »denn länger als eine gute halbe Stunde kann ich mich hier nicht aufhalten.« »Das tut mir leid,« entgegnete er, »und ich kann sonach Ihnen nur noch eine glückliche Reise wünschen, weil ich vor drei Uhr nicht wieder zu Hause sein kann – nötiger Geschäfte wegen.« »Das«, besann ich mich, »läßt sich wohl noch vergleichen. Die meinigen sind nicht so dringend, um darüber einen schönen Anblick aufzugeben. Ich darf ja nur die Postpferde später bestellen. Nach drei Uhr also, lieber Herr Notar, will ich mich einstellen.« Er nickte mir bloß mit dem Kopfe zu, ergriff verdrüßlich seinen Hut und ging. Unter der Tür drehte er sich noch einmal nach mir um. »Wenn Sie Langeweile haben und wollen unterdes, bis ich zurückkomme, meiner Tochter zusprechen, so steht es bei Ihnen. Die Venus aber kann Ihnen freilich ein Mädchen nicht aufdecken. Der Kellner weiß, wo wir wohnen.« Er war schon auf der Treppe, ehe ich antworten konnte. Das ist ein wunderlicher Heiliger, dachte ich; erst so gesprächig und nun so kurz abgebrochen! Sollte er denn aus den paar Worten, die ich über den Preis seines Gemäldes fallen ließ, einen Knauser in mir vermuten, der erst den Vater treuherzig gemacht hätte, um durch jüdischen Handel die Verlegenheit der Tochter zu benutzen und ihren ohnehin geringen Brautschatz noch zu schmälern? Das möchte wohl bei anderen Käufern der Fall sein. Nein, ich will nicht zur Ungebühr so preßhafte Personen noch mehr pressen. Das schwör' ich bei dem Andenken des unsterblichen Tizian . . . Den 3. März Du siehst mich immer noch hier, Eduard, und kannst leicht denken, daß sich, außer meinem wichtigen Handel von gestern, noch andere Dinge eingemischt haben müssen, die meine Abreise von diesem fatalen Ort verzögerten. Die Sache hängt so zusammen. Ich fand den Notar und seine einzige Tochter vor einem großen Topf Schokolade à double Vanille zu meiner Bewillkommnung. Die Liebesgöttin lauschte hinter einem grünlichen Vorhang, gerade über dem abgenutzten Sofa, auf welchem die Braut saß, deren Jugend und Farbe mir einen sehr billigen Kauf versprach, wenn ich ja in Versuchung käme, bei einem Meisterstücke der Kunst an gute Wirtschaft zu denken. Das gute Kind, bemerkte ich mit heimlichem Vergnügen, hatte ihre Blütenzeit schon so weit hinter sich, daß es toll und töricht vom Vater wäre, wenn er noch einen Tag anstünde, vermittelst des älteren Fideikommisses dem jüngern Luft zu machen. Die gar zu höflichen Leutchen verschwendeten einen Schwall ihres Getränkes an mich, das ich, während meine Gedanken hinter dem Vorhange schwebten, aus Zerstreuung hinunter – und dagegen in allem meinem Geäder eine gewaltige Hitze aufjagte. Um indes dem Strom einigermaßen entgegen zu arbeiten, der mich, seiner Natur nach, mit jeder Tasse viel weiter nach Paphos zu treiben drohte, als es für den Vorteil meines vorhabenden Geschäfts gut war, benutzte ich jede Gelegenheit, dem vergilbten Mädchen das Glück der Ehe und die Seligkeit verbundener Seelen aufs reizendste vorzumalen. Meine Poesie blieb nicht ohne Wirkung. Ihre Wangen flammten stärker noch, als die meinigen, und sicher ließ sie in ihrem pochenden Herzen jedesmal hundert Livres von dem geforderten Preis nach, so oft ich mich geneigt fühlte, mein Gegengebot um funfzig zu erhöhen. Dieser stillschweigende Handel um ein verdecktes Gemälde ward mir jedoch je länger, je lästiger. Ich mußte alle meine Artigkeit zusammennehmen, um im Beisein der verschämten Braut den Vorhang nicht ein wenig zu lüften. Endlich, auf einen bittenden Wink des Vaters, setzte sie die Tasse aus der Hand, rückte den Tisch und entschloß sich, die beiden Herren mit der Venus allein zu lassen. Ich hätte sie, und das will viel sagen, umarmen mögen, als sie mit der dritten und letzten Verbeugung an der Tür meiner Ungeduld ein Ende machte. Welch eine Erwartung, welch ein köstlicher Augenblick! Der Notar ergreift die Schnur, ich zittere am ganzen Leibe, der grüne Vorhang fliegt seitwärts, meine feurigen Augen, wie Lichter, die schnell in das Dunkle treten, stürzen nach und umfassen nun mit Erstaunen das Gebild, das mich so lange durch seine schamhafte Verhüllung gequält hat. Es liegt vor mir in seiner ganzen weitläufigen Nacktheit. Und ich, wie vor den Kopf geschlagen stehe ich da, habe nicht das Herz, noch einmal hinzublicken, lache bitter und befrage mich: Dies wäre Sie , die jedes Herz erweichet, Den Wachenden entzückt, den Schlafenden erweckt, Die Göttin, die mir noch den besten Kelch gereichet, Nachdem ich alle durchgeschmeckt? Bei allen Heiligen, die jemals mich geneckt, Bei Lady Baltimor, die der Madonna gleichet, Bei Margots Reiz, der sich nicht minder unbefleckt, Gleich einer Lilie, die Zephyr aufgedeckt, Stolz aus dem Nebel hebt, der nach den Tälern streichet, Schwör' ich – es ist die Braut! vielleicht nur zu korrekt Nach der Natur gemalt, denn was hier strotzt und bleichet, Hält Venus zu Florenz mit scheuer Hand versteckt; Die Braut ist's, die im Drang, der aus der Brust ihr keuchet, Matt wie der Tauben Paar, das ihr zu Füßen schleichet, Die Arme nach Erlösung streckt. Getroffner hat noch nie mich ein Porträt verscheuchet Und ein Original erschreckt. Doch, daß verständlicher noch die Verlockung werde, Winkt, so wie ehedem dem Wandrer zur Gefährde, Zu seinem Rätselspiel, der frevelhafte Sphynx, Hier zu fast gleichem Zweck mit listiger Geberde Ein blinder Junge dir, dem links Die Rüstung Amors liegt – und nun mit gelber Erde Gleich drunter: Titianus pinx. Hätte mich nicht Zeit und Erfahrung gelehrt, Meister meiner ersten Hitze und meines spanischen Rohrs zu werden, ich weiß nicht, wie es dem geschwornen Notar ergangen wäre. So aber ließ ich es bei einem verächtlichen Blicke bewenden, den ich von der Betrachtung dieser untergeschobenen Venus ausdrücklich für ihren leiblichen Vater aufgehoben hatte. Der Betrug ist zwar grob, berechnete ich in der Geschwindigkeit, den der Unverschämte dir zu spielen gedachte, dafür ist er aber auch, genugsam zwar noch lange nicht, durch den Aufwand von der teuern Schokolade bestraft, um die er nun sich aufs kläglichste in seiner Bettelwirtschaft geprellt sieht. Wohl gar, ging mir ein schreckliches Licht auf, stellte er dir nur darum frei, einige Stunden allein mit dem verschossenen Original zuzubringen, um gegen ein tüchtiges Schaugeld die Ähnlichkeit der Kopie desto besser vergleichen zu können; denn der Kerl ist gewiß jeder Bosheit fähig. In zornigem Stillschweigen nahm ich meinen Hut von der Wand, stäubte ihn ab, während er, ohne daß ich darauf achtete, den Kaufpreis seines Ungeheuers von einem tausend Livres zum andern heruntersetzte, und eilte, weniger über seinen doppelt mißlungenen scheußlichen Versuch, als über meine Leichtgläubigkeit aufgebracht, die Treppe hinab . . . Schon seit einer Stunde außer dem Tore meiner unglücklichen Einfahrt hatte ich bereits einen halben Zirkel um das dumme Städtchen geschlagen, als ich gegen alle Erwartung auf einen Punkt stieß, der mich festhielt. Ein großer menschlicher Gedanke mit genialischer Kraft ausgeführt – eins der vielen Wunder des Kanals von Languedoc, lag gerade vor mir. Ich sah ein Postschiff unter meinen Füßen anschwimmen, das, um seinen Lauf in der höhern Landschaft fortzusetzen, zweiundsiebenzig Ellen bis zu meinem Standpunkte heraufsteigen mußte, welches durch sieben Schleusen, die das Wasser zu so viel Stufen anschwellten, in wenig Minuten bewerkstelliget ward. Während ich nun zusah, wie viele verdrüßliche Gesichter die Barke aussetzte und wie vergnügt die schienen, die sie dagegen einnahm, und bei einem Hinblick auf die Stadt, das eine wie das andere Phänomen sehr begreiflich fand, fuhr mir die Frage durch den Kopf, ob ich nicht auch klüger täte, die Verdauung der doppelten Vanille auf einem schaukelnden Schiffchen, als in einer Kneipe abzuwarten, wo man Sperlinge für Ortolans gibt? Ich hatte nichts Triftiges dawider einzuwenden, als etwan die Besorgnis Bastians, wenn ich über Nacht ausbliebe. Indem streckte mir ein armer, in Ruhe gesetzter Soldat seine dürre Hand nach einem Almosen entgegen. Sein altes, offenes, ehrliches Gesicht brachte mich auf den Gedanken, ihn zu meinem Botschafter zu brauchen. Nun war er freilich auch lahm dabei, aber nicht so sehr, um einen Weg nach dem Wirtshaus zu scheuen; denn er übernahm meinen Auftrag sehr gern und um so williger, da ich auf einer Visitenkarte, von der ich ohnehin weit entfernt war, in Beziers Gebrauch zu machen, für Überbringern einen gleich zahlbaren Wechsel von vierundzwanzig Stück Sous auf meinen Kammerkassierer trassierte . . . Das Fahrgeld für die erste Station nach Somailles betrug, selbst den Wechsel dazu gerechnet, so wenig, daß ich schwerlich eine andere siebenstündige Zerstreuung wohlfeiler hätte erkaufen können. Meine Unterhaltung in der ersten Stunde möchte ich gern, wenn es nicht zu eitel klänge, auch für die beste halten, denn sie entspann sich in mir selbst. Die mitschiffende Gesellschaft, aus Lappen von verschiedener Güte und Farbe zusammengesetzt, und die du mir wohl nicht zumuten wirst, in eine Musterkarte zu bringen, warf dem Ausländer, ehe sie ihn angriff, erst Leuchtkugeln in das Nest, um ihn aufzujagen. Jedes reichte aus seinem Vorrat dem andern ein Stückchen gefärbtes Glas oder Rauschgold zu, um den Ehrenkranz des gemeinschaftlichen Vaterlandes noch höher zu schmücken. Ich gab für die Lust, die sie dadurch mir machten, ihnen dagegen auch gern mein Erstaunen zu ihrem Spielwerke preis, und so war mit wenig gesellschaftlicher Falschheit beiden Teilen geholfen . . . Das erste Wunder, das ich anstaunte, war ein ausgebrochener Felsen, Malpas genannt, über dessen Rücken Lastwagen rasselten, während die Barke unter seinem kühlen, dämmernden, hohen Gewölbe hundert und zwanzig Toisen auf das lieblichste fortschlüpfte. Einige Stunden nachher warf sich ein reizendes Tal, wie eine große Smaragdschale, meinen frohen Blicken entgegen. Aus seiner Tiefe stiegen drei ungeheure Bogenmauern in die Höhe, die das Schiff und den Kanal gleichsam in der Luft forttrugen, indes senkrecht unter uns ein Fluß rauschte, eine Herde Schafe an seinem Ufer weidete, und eine Gruppe lustiger Mädchen sich, ohne Furcht vor unsern Ferngläsern, zum Baden anschickte. Das süße Lebensgefühl, das in dem Herzen eines noch so Unempfindlichen aufwallen muß, der dies fortlaufende reiche Natur- und Kunstgemälde zum erstenmal erblickt, und das jetzt glänzend aus meinen Augen hervorleuchtete, machte mir die ganze Gesellschaft geneigt, so wenig meine Bewunderung auch Bezug auf sie hatte. Alle setzten bei mir voraus, daß ich von Barke zu Barke bis nach Toulouse fahren, und auf der Route bei St. Feriol aussteigen würde, um den größten bekannten Trichter der Welt zu betrachten. Er schwebe, erklärten sie mir, zwischen drei Bergen, wie aus Felsen gegossen, und enthalte anderthalbmal die ganze Masse Wassers des vierzig deutsche Meilen durchfließenden Kanals, um ihn nach den sechs Ablaß- und Feierwochen, die man jährlich seiner Reinigung und Ausbesserung widme, wieder zu füllen. Diese Mitteilung werde mit Hülfe dreier metallnen Hähne bewerkstelliget, die. wie an einer Teeurne, sich aufdrehen ließen, und jenem Wassermagazin der erlittene Abgang durch mehrere ihm zugeleitete Bäche in einigen Tagen wieder ersetzt . . . Sollte wohl für Reisende irgendwo in der Welt besser gesorgt sein, als auf diesem prächtigen Kanal? Ich glaube kaum. Denn ungerechnet, daß man hier keinen Staub zu verschlucken, für grundlose Wege kein Pflastergeld zu bezahlen, die Grobheiten der Postknechte, den Umsturz des Fuhrwerks und Langeweile so wenig zu befürchten hat, als Zeitverlust, so irrt noch überdies dein Auge, wie in einer Galerie von Claude Lorrain, von einer schönen Landschaft zur andern. Dein Körper schwimmt in dem behaglichsten Gefühl. Für deinen Gaum wird schon von weitem das beste Geflügel mürbe gekocht, und geistiger Balsam für deine arme Seele. Jeder Schuh Wasser, über welchen die vor Wind und Wetter geschützte Barke sanft hingleitet, scheint zu dem Wege, den sie zurücklegen soll, so genau berechnet zu sein, als die Kette einer Minuten-Uhr. Wenn du früh abfährst, siehest du dich in eine, zu einem Zweck vereinte, oft sehr gemischte, aber immer muntere Gesellschaft eingereiht, bist der Sorge für den Mittag überhoben, des Empfangs eines freundlichen Wirts an einer schon gedeckten Tafel für festgesetzten mäßigen Preis, und bei der Landung am Abend, außerdem noch eines reinlichen Bettes gewiß. Vom Anfang bis ans Ende der Fahrt harren in den Wirtshäusern, bei denen du anhältst, nicht nur körperliche frische Pferde zum Ziehen des Schiffs, sondern auch untergelegte, geistige, ehrwürdige Kapuziner, die beordert sind, Gott für deine glückliche Überkunft zu danken, und für dein weiteres Fortkommen bis zur nächsten Kapuzinade Messe zu lesen. Höher, als bei dieser, ist wohl in keiner öffentlichen Postanstalt die Vorsorge getrieben worden. Auch bewies mir der Mönch, der unserem heutigen Abendmahl vorstand, die Wirksamkeit des angeordneten Gebets durch einen längeren als hundertjährigen glücklichen Erfolg; denn, sagte er, obschon der Kanal täglich und stündlich hin- und herwärts befahren wird, so hat man doch kein Beispiel, daß auch nur ein Boot seitdem verloren gegangen sei, da hingegen unzählige Schiffe verunglückt sind, als sie noch genötiget waren, ihren Lauf durch die Straße von Gibraltar, aus dem Aquitanischen in das Mittelmeer zu nehmen. Ich erhob nicht den geringsten Zweifel dagegen. Die Bewirtung hier gefällt mir so wohl, daß ich den Ortolan keinen Augenblick vermisse. * Somailles Den 4. März Meine Ärgernis über den Notar, seine orangenfarbene Tochter und ihr Hochzeitgemälde ist verschlafen, und Bastian, wenn ich auch nicht mit der Frühbarke abgehe, klug genug, die wahre Ursache meines längern Außenbleibens notdürftig zu erraten. Ich liebe ganz besonders dergleichen unruhige und doch wohl eingerichtete Wirtschaften, wie ich hier finde. Die Zeit wird mir keinen Augenblick lang. Ich sehe dem Aus- und Einsteigen der Ankommenden und Abgehenden , wie einer Theaterveränderung mit Vergnügen zu – verplaudere mit jenen einige Stunden, ohne es sehr zu achten, wenn mir diese aus den Augen verschwinden. – Geschichte des menschlichen Lebens in einem gedrängten Auszuge! – Ich darf mir nur noch den Fortgang der Welt mit immer neu aufgepackten Zeitgestalten unter dem Sinnbilde eines Kanals vorstellen, so habe ich eine moralische Betrachtung, so gut, als eine mit Kupfern. Zufrieden indes mit der kleinen Probe, die ich gemacht habe, ist mir, nach ruhigem Nachdenken, die Lust vergangen, den Kanal, außer eben jetzt zu meiner Rückreise, für das Weitere zu benutzen . . . Kaum war ich [in Beziers wieder] aus der Barke gestiegen, so stürzte mir Bastian mit einem »Gott sei gelobt,« an den Hals, »daß Ihnen der Schrecken nichts geschadet hat!« »Was für ein Schrecken?« fragte ich. »Nun? mit dem tollen Hunde,« erwiderte er, »hier herum muß ja wohl die Stelle sein, wo er, so glücklich für Sie, mein guter Herr, noch zur rechten Zeit den Schlag vor den Kopf erhielt.« »Hast du deinen verloren?« spöttelte ich und ging meinen Weg nach dem Gasthofe zu, ohne weiter auf sein Gewinsel zu hören. Hier aber begann er von neuem: »Der ehrliche Invalide! Welche Dienste muß er nicht ehemals dem Vaterlande geleistet – was für einen Säbel geführt haben, da er jetzt noch mit seiner Krücke so gut trifft!« Ich blickte den Schwätzer mit großen Augen an. »Sie hätten aber auch nur,« fuhr er fort, »die innige dankbare Freude des armen Graukopfs sehen sollen, als ich ihm nach Ihrer Anweisung das Goldstück einhändigte.« »Nach meiner Anweisung?« fragte ich, »weise sie doch her!« Ich drehte mich mit meiner Visitenkarte nach dem Fenster, sah mit Verwunderung meine eigenhändige Schrift vor mir, und trällerte, um Bastianen keine Verlegenheit merken zu lassen, Gott weiß was für ein Liedchen – das aber sicherlich keins zum Lobe Beziers und der Physiognomik war, denn – kannst du denken! der lahme bettelnde Soldat, dessen offenes Gesicht mich gestern so weich machte, hatte meine ihm zum Botenlohn verschriebene Schuld von vierundzwanzig Sous mit derselben dürren Hand, die er mir zitternd entgegenstreckte, und einer Geschicklichkeit ohne Gleichen, in so viel Livres verfälscht, die der arglose Bastian und mit tausend Freuden, wie er mir versicherte, auszahlte, ja nebenher noch eine Flasche Wein auf die Gesundheit des geretteten Menschenverstandes seines armen Herrn mit dem Helden ausleerte. »Daran hast du sehr wohl getan!« sagte ich, – »warum batst du ihn nicht auch noch heute zum Abendessen; denn käme er mir jetzt unter die Augen, ich wollte ihm wohl meine Erkenntlichkeit noch tätiger beweisen. Hier hast du deinen Rechnungsbeleg wieder. Ich hoffe, es soll keiner dergleichen mehr vorkommen.« »Dazu gebe ja der Himmel seinen Segen!« seufzte Bastian, indem er mir das Schreibzeug zurecht setzte. Will ich auch des lieben Gottes nicht weiter erwähnen der Beziers, das wiederhole ich dem Herrn Hübner und Krebel zum letztenmal, so wenig wie ich, zu seinem irdischen Aufenthalt wählen wird, so wohnt doch immer ein Statthalter von ihm, ein Bischof, da, der, dächte ich, wohl vor allen Dingen seiner diebischen Gemeinde das siebente Gebot näher, als es das Ansehen hat, ans Herz legen sollte; aber eben erfahre ich vom Wirt, mit Nebenumständen, die mich so giftig machen, als ob mich wirklich ein toller Hund inokuliert hätte, daß der Hirte dieser räudigen Herde seine schöne Terrasse sogar, nie, als einige Tage zur Frühlingszeit in Amtsverrichtungen besucht, die seine Gegenwart erfodern. »Der Zutritt zu jenem Weltwunder«, erzählte er weiter, »wäre zwar gegen ein Gratial jedem Durchreisenden vergönnt, aber nur nicht vor Zehn des Morgens; so lange schlafe der gnädige Herr in Paris und sein Kastellan hier.« »Nun, Herr Wirt,« schrie ich ihm dagegen in die Ohren, »so bestelle Er mir die schon einigemal recht schändlich abgesagten Postpferde auf morgen desto pünktlicher mit Anbruch des Tags, denn ich mag in diesem mir höchst fatalen Ort keinen weiter verlieren.« Nach dieser, wie ich glaube, deutlichen Erklärung flüchtete ich, ohne mich weiter so wenig um ihn, als um die bischöfliche Burg und meine verpfändeten Augen zu bekümmern, voll Bosheit ins Bette. * Beziers Den 5. März Und stehe jetzt in einer zehnmal ärgeren, in einer wahren ruchlosen Stimmung wieder auf; denn ich möchte mich gern dem Teufel übergeben, um mich von hier wegzubringen, wenn ich so gut Freund mit ihm wäre, als Doktor Faust. »Warum hätte ich denn Sie und Ihren Kammerdiener,« überschrie der Kerl meine Flüche, als er nach neun Uhr vor mein Bette trat, »um nichts und wieder nichts aus dem süßen Schlafe rütteln sollen, da, so hören Sie doch nur! vor nachmittags keine Postpferde zu haben sind. Was verlieren Sie denn dabei? Sie sind ja hier gut aufgehoben und können nun die Residenz, die Bilderkammer, den Hausschmuck und die Terrasse von Monseigneur nach aller Bequemlichkeit besichtigen; denn ehe Sie mit Ihrem Frühstücke und Anzuge fertig werden, ist der Kastellan munter.« Der Mensch blieb mir unausstehlich, er mochte vorbringen, was er wollte. Ich wies ihm die Tür, ging dreimal die Stube auf und ab, und wiederholte, wie jener Kaiser, das A. B. C., um über meinen Ingrimm Herr zu werden. Ich ward es, und machte mich um zehn Uhr auf den Weg. Alleweile, da ich zurückkomme, ist es zwei Stunden über Mittag. Mein aufgewärmtes Essen habe ich dahin gewiesen, wo es herkam; denn ich mag nicht eher wieder essen, trinken und mich sonst nach einer Freude umsehen, als in Castelnaudari. Dort in dem trefflichsten Gasthause der ganzen französischen Monarchie, wie die Kenner behaupten, hoffe ich wieder Freundschaft mit mir selbst zu stiften und während einem herrlichen Frühstücke dir den Palast, die Terrasse, die Zimmer und Gemälde des Bischofs und seine persönlichen Amtsverrichtungen so poetisch zu beschreiben, als sie es verdienen. Habe ich doch über den heutigen halben Tag und die folgende ganze Nacht zu gebieten, um in meiner lieben heimlichen Berline, die ich eben nach langem Stillstand wieder begrüßen und nicht eher, als vor dem Tore jenes berühmten Hotels verlassen werde, meine schönen Rückerinnerungen in Musik zu setzen. * Castelnaudari Den 6. März Keiner von allen mir bekannt gewordenen Wegen der Welt ist mir weniger langweilig, reizender und ebener vorgekommen, als der mich aus dem Fegfeuer zu Beziers in das Paradies, das ich nun glücklich erreicht habe, gebracht hat. Ich ward in den funfzehn Stunden, die mich, ungeachtet meiner elastischen Chaise, umsonst in den Schlaf zu wiegen suchten, immer munterer, je mehr sich der eine Ort entfernte, der andere näherte. Ach, wie wünsche ich mir die drei letzten Tage zurück, um sie meinem dermaligen freundlichen Aufenthalte zulegen zu können! Mein sinnlicher, so lange unbefriedigter, nun desto begehrlicherer Mensch, wie festlich wird er nicht sein Heute verleben! Das moralische Ich soll hoffentlich zusehen, und ihm, wie der ältere Bruder dem jüngeren, seine kindische Freude nicht mißgönnen. Hätte mir auch nicht Phöbus seine abgeschnallten Flügel zum Rückflug nach jenem Prälatensitz nur für die vergangene Nacht geliehen, diesen Morgen gäbe ich sie ihm ohnehin wieder; denn so umringt von den köstlichsten Leckereien, mein Tagebuch vor mir auf einem Tische von Purpurholz liegt, wie könnte ich mich mit einer Zeile nur befassen, die das geringste Nachdenken – einen Gran Menschenverstand mehr erforderte, als den – eines Abschreibers. Ich naschte bald von diesem, bald von jenem Gerichtchen meines auserlesenen Frühmahls, während es meine Feder allein ist, die dir erzählt und den Wohlklang unverändert zurücktönt, den ich unter dem Mondschein der schnell verflogenen Nacht meinem Silberstifte einblies. Ich zog einen großen Taler aus dem Beutel, um mir freien Zugang in das geistliche Storchnest zu erkaufen. Unterweges kam mir zwar einigemal die Lust an, ihn wieder einzustecken, und lieber meinen Besuch dem Posthalter zu machen, mit dem ich immerfort in Gedanken über seine schlechten Anstalten zankte . . . Unglückliche Neugier, die, sogar bei dem Betruge, den sie ahndet, sich nicht abhalten läßt, ihn aufzusuchen!« – Unter diesem fortwährenden Tadel eines jeden Schritts, den ich tat, erstieg ich nichtsdestoweniger die Anhöhe, stand noch eine Weile unentschlossen vor dem verriegelten Tore, ehe ich anklopfte. Endlich, verzeih' es Freund, wenn mir jetzt ein gemeiner, kahler Soldatenfluch entfuhr: » der Teufel! « hob ich an, Gleich einem Korporal, der nach der Kegelbahn Den Rest der Löhnung trägt, »der Teufel hol' den Taler!« Und schlug mit ihm ans Tor. Kaum war es aufgetan, So streckt' auch schon ein Kerl, der einem trunknen Prahler Mehr glich, als einem Kastellan, Die hohle Hand darnach. So schnell als er voran, Trabt' ich nun hintennach. Merkuren selbst, im Wandern Geübter doch als ich, zog nicht sein Schlangenstab Zum Ida schneller hin, als nun Trepp' auf Trepp' ab     Von einer Galerie zur andern, Bald zu des Bischofs Thron, bald zu des Bischofs Grab Mich dieser Unhold zog. An allem blieb er kleben. Was je die Pracht mit ihrem Vogelleim Bestrich, was je Geschmack und feine Art zu leben Der Armut nimmt, um es dem Stolz zu geben; Und kein Gemach war so geheim , Er ließ nicht ab, trotz meinem Widerstreben,     Den letzten Umhang aufzuheben. Vorzüglich aber schien der schmucke Bildersaal, Sobald er ihn betrat, sein Kunstgefühl zu wärmen. Die großen Worte: Ideal, Helldunkel, Schmelz und Kraft, die leider überall, Von Leipzig bis Paris, uns um die Ohren schwärmen, Durchwirbelten die Luft, vom nächsten Widerhall Zum fernsten, wie ein Feuerlärmen. Mein Auge galt ihm nichts, es mußte nach dem Star Des seinen duldsam sich bequemen, Hier Venus und Adon für unser Eltern-Paar, Dort das verbuhlte Weib des Königs Potiphar     Für ein Marienbild zu nehmen. Zog Hermanns Schlacht und Sieg, von Rubens deutsch und frei, (Gleich unsrer Nation, in halb verschossnem Lichte) Den Kenner an, und zog gleich einem Schandgedichte Die Nacht des Bluts und der Verräterei Des niedrigsten gekrönter Bösewichte, Als Gegenstück kaum meinen Blick herbei, So fragt' er mich, ob eine Weltgeschichte Von überschwenglicherm Gewichte     Als Galliens Annalen sei? Zog dort auf Heinrichs Stirn das himmlische Entzücken, Ein Volk, das ihn verwarf, vergebend zu beglücken – Zog Ludwigs Ludwig der Fünfzehnte, den man als le roi des ponts et des chaussées pries. edle Bildung hier , Der sein ererbtes Reich, (ihm lohne Gott dafür!) Statt mit Trophäen es zu schmücken, Mit festen Straßen – schönen Brücken Verherrlichte, des Auges Neubegier, Auf ihre Glorie zu blicken: So jauchzte mein Kompan, und sein Gehirn kam schier In die Gefahr sich zu verrücken, So sagte mir sein Händedruck, wie gut Ihm der Gedanke tat, die Schelsucht eines Deutschen Durch den, einst nur dem Ruhm und nur dem Heldenmut Geweihten Lorbeerhain der Gallier zu peitschen, In dessen Schauer jetzt, abschreckend wie die Brut, Die nur von Moder lebt, der Ahnen-Dünkel ruht. Kraft seiner Eigenschaft, das Schöne zu bemerken, Sah er mich höhnend an, wenn ich der Schwermut Hang Mich überließ, die sanft aus Poussins Meisterwerken Dem Mitgefühl entgegendrang, Und bot mir seine Hand, um mich zum Übergang Nach Watteaus Maskenball zu stärken, Und kroch drauf mit Lebrün dem Dragonaden-Zug Des Feldherrn nach, der, gläubig-aberklug Vom Sonnenstich, im Namen Gottes Den Nußstrauch um die Spur der Ketzerei befrug, Und die sein Schwert nicht traf, mit Wünschelruten schlug; Le Maréchal de Montrevel avoit fait venir de Lyon un homme, qui devoit découvrir les Camisards par le moyen de la baguette divinatoire. Cette baguette tourna sur dixhuit personnes, qui furent amenées à Alais. Dans quel état est le peuple, lorsque le Gouvernement emploie les manœuvres d'un fourbe, et que le soupçon devient la preuve du crime? Histoire abregée de la Ville de Nimes. p. 127. Indes von ihm gewandt, im Zauberkreis des Spottes Mein Blick den Raum durchstrich, wo Coypels Dichterflug Die traurige Gestalt des bessern Donquixotes     Ins Pantheon der Narren trug. Schon sah ich über mir den halben Tag verschwunden Und fiel, dem Überdruß der Kunst kaum losgewunden, Mit jedem weitern Schritt in neuen Überdruß; Denn dieser Peiniger, den mir des Schicksals Schluß An meine Fersen festgebunden, Ach dieser Brutus meiner schönen Stunden Berauschte sich, wie's schien, in meinem Ungenuß. Gott, welch ein Trauerspiel! Bald fiel es in das Grasse. Denn, war vor ihm in meinem Hasse Gleich noch so hoch kein Sterblicher gediehn, Hatt' ich doch, wie Linnée, den Tiger in die Klasse Der Katzen nur gesetzt, ihm Krallen nur verliehn. Jetzt stieg er schwärzer auf in meinen Phantasien. Denn, als nach manchem Saal, im prächtigen Gelasse Der Ritterzeit – nach manchem Baldachin, Die ihn so blendeten, daß er den Hut zu ziehn Nicht widerstand, nun endlich die Terrasse, Nach der ich längst geseufzt, erschien, Denk mein Entsetzen dir, dann erst erkannt ich ihn Für jenen, den mein Mund beim Eintritt von der Gasse So frevelhaft zitiert. Glüht nicht dem Satanasse Mein Aufgeld in der Hand? Was sollt' ich tun? Entfliehn? Zu spät, er hielt mich fest, warf schreckliche Vergleiche Mir in den Weg, wies mir den Unterschied Von mir zu seinem Herrn – geweiht und nicht geweiht, Fürst oder nichts zu sein – und zeigte mir die Reiche     Der Welt und ihre Herrlichkeit. Leis rief ich: »Hebe dich von hinnen! Ich gelobe Dir nichts als meinen Flucht Da wirbelte die grobe Verworfne Faust zwo Stiegen mich hinab Zu der, dem Pallium, dem Kreuz, dem Hirtenstab     Und Bischofshut geweihten Garderobe. Und als ich seinem Wink mich dennoch nicht ergab, Zog er mein schwächstes Teil, mein Herz, noch auf die Probe. Zwei Flügel sprangen auf. Ein Duft von Rosen brach Aus einem Himmelbett, grün, wie ein Laubendach, Zu räumig nur für einen einzeln Christen. »Ist hier der Hain,« rief ich, »wo Amors Tauben nisten? Wohin bin ich versetzt?« Und der Versucher sprach:     »In des Prälaten Schlafgemach!« Hier, wo die Grazien nicht nur in Marmor-Büsten, Nein, Töchter auch des Lands in jungfräulichem Licht Zur Zeit der Firmelung sich ihm entgegenbrüsten, Stürzt er – nicht wie ein Spatz auf Kirschen nur erpicht, Die keinem andern Spatz den Schnabel schon versüßten – Er stürzt – wie Jupiter mit göttlichen Gelüsten Zur Ruh auf Ledens Schoß durchs Empyreum bricht – Aus seinem Wolkenbett. Nach schlauer Übersicht Der holden Kinderchen, die aus dem Schlaf ihn küßten (Dies ist ihr Eingangs-Zoll ins Prälatur-Gericht) Wählt er ein Gänschen aus, mit Schwingen, die noch nicht Sich so heroisch blähn, als ob sie längst schon wüßten Wie sie mit wogendem, dankbarem Gleichgewicht Den Segen seiner Hand gerührt erwidern müßten. Je mehr ihr Jugendglanz ihm in die Augen sticht, Je schüchterner sie seinen Blick begrüßten, Je sanfter lispelt er: »Mich drängen Amt und Pflicht, Euch lieben Schwächlinge zum ersten Unterricht Für eures Daseins Zweck mit Kenntnis auszurüsten; Das hohe Lied dien' uns zum Führer! Es verspricht Den Lernbegierigen nach kurzen Stundenfristen Den Spiegel ihrer selbst – doch, Alberne, was ficht Dich für ein Schauer an? Kennst du dies Lehrgedicht?« Sie nickt. »Verstehst es auch?« Er hört mit Wohlbehagen Ihr kindisch Nein – er hört, daß vor den Ostertagen Sie schon der Rut' entwuchs, und drum der Schul' entfloh, Weil der Präzeptor ihr – Sie schäme sich's zu sagen, Wenn sie im Lesebuch ein A mit einem O Vertauscht – »Still!« fällt er ein, »laß lieber, statt zu klagen Mich deine Augen sehn. – Scheust du sie aufzuschlagen, Weil sie zu feurig sind? Ich bin ja nicht von Stroh.« »Nun, dabei«, lächelt sie, »habt ihr wohl nichts zu wagen.« Sie läßt drei Blicke los – nur drei – und lichterloh Brennt schon sein Hirtenstab, sein Hermelin am Kragen, Und jede Trottel brennt an seinem Domino. »Jetzt«, lallt sein Mund, »jetzt hilf die Grillen mir verjagen. Horch! Gott schuf Mann und Frau mit Herzen, Kopf und Magen, Doch ihr hing er auch noch ein kleines quid pro quo Zum Freudenwecker an. Das Bild an jenem Schragen Stellt dir ein Beispiel dar. Sieh, wie geweckt und froh Ein reizend Mädchen dort, ohn' eine Spur von Zagen Mit einem Schwane spielt, der wie ein Tier sich roh Und keck dabei benimmt. Sieh, wie er seine zwo Verliebte Schwingen hebt, aus diesem Nest voll Plagen Die kleine Nackende ins Paradies zu tragen, Das, ehe der Advent mit Fasten uns bedroh, Ich dir jetzt zeigen will.« Betroffen fragt sie: »Wo? Liegt denn – wo sucht ihr denn das Par . .« und sinkt im Fragen Mit einem Laut, als säng sie ein Adagio, Tief in sein Lotterbett, wo schon oft Klügre lagen, Die jetzt, als Heilige, weit über andre ragen. »Ach, Hoch–ehr–würd'ger Herr,« stöhnt sie, »beim Salomo Bitt' ich – beschwör' ich euch – wollt Ihr mich denn zernagen? Ist's möglich! Firmelt ihr denn alle Mädchen so?« Doch fühlt das Gänschen kaum durch das nur allzusüße Triumphlied seines Schwans sich dreimal überstimmt, Als es den Fittig hebt, dem jede Feder glimmt. – Für seines Daseins Zweck von Kopf bis an die Füße Gefirmelt – wie ein Stern, der in den Tierkreis schwimmt, Gelenker als es kaum der bischöfliche Riese Dem Schwächling zugetraut, den Flug zum Paradiese Nicht scheuer als ein Seraph nimmt. »Gott strafe den Tartüf!« rief ich. Durch diese Worte Erschreckt, hob der Verführer sich Schwarz, wie der Dampf aus einer Gift-Retorte, Von mir hinweg, zugleich umglänzte mich Ein Strahl von obenher. Mit Beben zwar durchschlich Mein Fuß die grause Burg, doch bald an offner Pforte Schlug ich ein Kreuz vor und entwich. * Wie ich atemlos in meine Stube trat, schlug Bastian die Hände über den Kopf zusammen. »Ach, mein Herr!« schrie er laut auf, »was ist Ihnen begegnet? Blaß wie eine Leiche, und die Stirne – voller kalten Schweißtropfen!« »Laß das« – schöpfte ich nach Luft – »gut sein – Nur geschwind frische Wäsche und einen andern Rock! Durchräuchere die ausgezogenen, und mache um des Himmels Willen, daß wir fortkommen! Ich habe – Gott, wie zittere ich! – ihn, dem ich mich heute zu deiner großen Ärgernis mehr als einmal übergab – ja, Bastian, ich habe den leibhaften Teufel gesehn.« »Ach, lieber Herr!« trat mir Bastian näher, »wie könnten Sie? – – Sie waren ja in der Wohnung eines Prälaten!« »Tut nichts«, antwortete ich mit heiserer Stimme, »den ganzen Morgen, kannst du mir glauben, bin ich in seiner Gewalt gewesen!« »Nun, so erbarme sich Gott!« jammerte der arme Schelm, und schmiegte sich mit klappernden Zähnen so fest an mich, als ob der böse Geist hinter ihm, und er vor dem Bilde seines Schutzpatrons stände. Genug, Eduard, ich so wenig, als mein abergläubischer Kammerdiener, wurden unsere Rückenschauer eher los, als da wir, von unserer fortrollenden Berline aus, die Turmspitzen von Narbonne erblickten. Hier erfuhr ich beim Umspannen, daß seit vierundzwanzig Stunden keine Post weder hin- noch herwärts, und auch eben so lange, gab mein Führer sein Wort dazu, kein Pferd in Beziers aus dem Stalle gekommen wäre. Ein neuer, aber überflüssiger Beweis von der Wahrheitsliebe und Redlichkeit des Ortolan-Wirts; denn seine, für nicht genossene Gerichte, für nicht getrunkene Weine mir zugeschnellte Rechnung, die ich noch warm in meiner Tasche, so wie er mein Geld dafür in der seinigen hatte, sprachen ohnehin laut genug. Aus wahrem Vaterlandsgefühl warne ich meine Mitbürger, die etwa nach mir diese Gegend bereisen, sich ja, weder durch unsere deutschen Wegweiser, durch das anlockende Schild der Herberge, durch Fideikommisse und ehrliche Gesichter, noch durch die bischöfliche Terrasse zu einem längern Aufenthalt in diesem blasphemischen Städtchen verführen zu lassen, als etwa der Postwechsel nötig macht; und besonders die Bespannung ihres Fuhrwerks selber zu bestellen, damit sie geschwinder, als ich armer Betrogener, in das Kastell des Wohllebens gelangen, dessen Vorzüge vor allen andern Kosthäusern des Reichs ich, mit deiner Erlaubnis, stillschweigend, und in meinem Tagebuche zum erstenmal, gleich einer zarten Empfindung, die sich nur fühlen, aber nicht beschreiben läßt, übergehe. Der Ehrenmann, in der weitesten Bedeutung des Worts, der in der Kürze eines halben Tages der herrlichsten und wohlfeilsten Bewirtung das Dankgefühl meines Daseins höher hinaufgetrieben hat, als alle die Summen, die ich von Jugend an darauf pränumeriert habe, wie freundschaftlich greift er mir nicht, selbst bei unserer Trennung, unter die Arme, wie verschieden von jenem Sudelkoch, dem die unverschämteste Lüge glatt über die Zunge ging, um mich noch einen Tag länger rupfen zu können. Hier trat der Fall wirklich ein, den jener nur vorgab; Bastian hatte sich diesmal mit eigenen Augen überzeugt, daß der Poststall leer stände. Da trat aber mein heutiger Wirt auf das Edelste dazwischen, um die Schwierigkeit zu beseitigen, und brachte mich zugleich durch seine Vermittlung in die unverhoffte Bekanntschaft eines für mich sehr merkwürdigen Gegenstandes. »Wenn Sie«, sagte er, »einen geringen Umweg, und das Nachtlager auf einem Dorfe nicht zu sehr scheuen, so biete ich Ihnen meine eigenen vier tüchtigen Wallachen an – denn es sind Normänner – die Sie auf einem viel bequemern Wege, als die Poststraße über Carcassonne ist, morgen bei guter Zeit nach Toulouse bringen sollen.« »In Ihrem Hause, lieber Mann,« antwortete ich, wie es mir ums Herz war, »wollte ich ganz geduldig selbst noch einige Tage auf die Zurückkunft der Postpferde warten; aber auf der andern Seite möchte ich doch nicht gern darüber auf bessern Weg und vier Normänner Verzicht tun. Wo meinten Sie, daß ich übernachten soll?« »In einem zwar unansehnlichen kleinen Dörfchen, das aber,« erklärte er mir, »das Stammgut eines zu seiner Zeit berühmten Schriftstellers war, und auch seinen Namen führt, Montesquieu.« – Das war doch einmal ein Wort, Eduard, das sich hören ließ. Kaum war es ihm über die Lippen, so dachte ich weiter nicht an mein körperliches Wohlbehagen und nahm seinen Vorschlag mit herzlicher Freude an. Er verließ mich, um sogleich Anstalt zu machen, indes ich meine Landkarte auseinanderschlug, und meine Augen in der Gegend nach dem anziehenden Orte herumschickte. Ich fand einige, als Zollstätte, mit einer Fahne, andere, als bischöfliche Residenzen, mit einem Sternchen, und einen mit zwei sich kreuzenden Schwertern zum Merkmal bezeichnet, daß in seiner Nähe eine Schlacht vorgefallen sei; dem Ort aber, wo der große Mann geboren war, lebte und schrieb, hatte mein geographischer Handlanger nicht einmal seinen Platz auf dem Erdboden gelassen, geschweige ihn eines Ehrenzeichens gewürdigt. Der jovialische Hausherr ließ mir nicht Zeit, mich darüber lange zu ärgern. »Hier bringe ich Ihnen,« trat er ein, »zum Abschied noch eine Flasche des guten Weins, der auf den Bergen von Montesquieu reift; sonst kauften ihn die Engländer aufs teuerste uns vor dem Munde weg, aber seit dem Tode des gelehrten Präsidenten fragen sie nicht mehr darnach; jetzt steht er um die Hälfte im Preis, ob er schon noch immer von derselben Güte ist.« »Das tut mir leid um die Engländer,« sagte ich, und nahm ihm das volle Glas ab. »Sie sollen,« trank ich ihm die Gesundheit zu, »zum Vergnügen aller Reisenden, noch lange leben, Herr Wirt von Castelnaudari! Sie wissen nicht, wie elend es mir drei Tage nach einander gegangen ist, ehe ich hier ankam. Sie haben mich mit einem einzigen Frühstück vollkommen wieder hergestellt, und wären Sie nicht klüger, als meine Landkarte, so hätte ich, wie andere, auf der ordinären Poststraße fortrumpeln müssen, ohne nur zu ahnden, daß der Geburtsort des Mannes, den ich vor allen Andern schätze und liebe, mir auf dem Seitenwege in der Nähe lag. Wenn man von gottesvergessenen Menschen so mürbe gemacht wird, als ich in Beziers, wie empfänglich ist dann nicht unser Herz für alles Gute, das uns Bessere zufließen lassen!« Ich schüttete gegen meinen heutigen Wohltäter alle mögliche Floskeln des Danks um so verschwenderischer aus, als er mir es in wenig Stunden von mehr als einer Seite her geworden war, und bestieg dann meine Berline mit einer gewissen stolzen Selbstzufriedenheit, da ich sie zum erstenmal mit vier prächtigen Normännern, die keinem königlichen Einzuge Schande machen würden, bespannt sah. Dergleichen erborgte Empfindungen halten indes bei einem verständigen Jünglinge nicht lange an, der die vergangene Nacht über gute oder schlechte Versen verwachte, einen Feldweg, wie von grünem Samt bezogen, vor sich, kühlende Zephirs im Gesicht, ein weiches Kissen unter seinem Kopfe liegen hat, und auf Stahlfedern sitzt. Auch war meine heutige Reise ganz dem süßen Taumel ähnlich, mit dem vormals das Wiegenlied einer lieben Amme meine Kindheit beseligte, und der nicht eher verging, als da der Kutscher abends sieben Uhr mit dem Zuruf: »Herr, wir sind in Montesquieu!« vor einem Schindelhäuschen still hielt. Wie lieblich schlägt solch ein Klang an jedes gute menschliche Ohr! Er erweckt, wie eine Kirchenglocke, Gedanken der Andacht, erinnert an die Veredlung unsers Geschlechts, an den wohltätigen Geist der Gesetze, an öffentliches und häusliches Glück. Das wohl! aber wenn man, wie hier der Fall war, nur ein verödetes, elendes Dörfchen mit solch einem Namen beprägt sieht, möchte man ihm dann nicht lieber einen aus Westfalen genommenen beilegen, der weniger stolz klänge und sich besser zu seinem Schmutz paßte? so wie man nur zu oft in vornehmen Gesellschaften den verdorbenen Sprossen eines edeln Stammes, wo nicht vernichten, doch umtaufen möchte. Nie hätte mir ahnden können, in dem Stammgute des Philosophen dieses Namens einen solchen Mangel an Ordnung, Reinlichkeit und Polizei unter dem Bettlerhaufen, der ihn bewohnt, anzutreffen, als ich leider mit Augen sah. Zur Entschuldigung sagte mir zwar der alte Bauer, der hier den Wirt macht, daß dieser einst wohlhabende Ort im letzten Religionskriege so heruntergekommen wäre. Er sei vorher und so lange mit fleißigen, redlichen, aber freilich kalvinistischen Einwohnern sehr reich besetzt gewesen, bis die Verbreiter der reinen Lehre alles ketzerische Unkraut ausgerottet, Kirchen und Schulen verbrannt und keine Hütte verschont hätten, außer der seinigen, der Einkehr und des Weinschanks wegen. Der nachherige gelehrte Herr des Dorfes habe sich zwar durch Rat und Tat bemüht, seiner verfallenen Besitzung wieder aufzuhelfen, aber zu solch einem Unternehmen reiche ein Menschenalter nicht hin, und man könne doch auch nicht verlangen, daß der Nachfolger wie der Vorfahr denken und seinen Untertanen Fronen und Zehenden erlassen solle, ob es gleich das einzige Mittel wäre, dem Übel ihrer drückenden Armut zu steuern. »So will ich Gott danken,« fiel ich ihm in die Rede, »daß ich in Seinem, wie ich sehe, dreieckigen Gastzimmer, lieber Mann, wenigstens vor Religionsverbreitern sicher übernachten kann, wenn es auch vor Ratten nicht sein sollte. Schlafe Er wohl, und lasse Er es ja meinen schönen Mietpferden an nichts abgehen, ich bedarf nur Ruhe.« »Überhaupt«, setzte ich nun die Unterredung mit mir allein fort, »darf ich, ohne mich eben mit der erstiegenen Höhe unserer Kultur breit zu machen, doch mit frohem Herzen zu den weit niederen Stufen derselben herunterblicken, auf welchen noch vor hundert Jahren die Vorlebenden standen. Wie viele gute Köpfe haben nicht erst, entweder wegen ihres zu schwachen oder zu starken Glaubens über das Henkerschwert springen müssen, ehe ich in dem meinigen mit Sicherheit eine freie Denkungsart herumtragen konnte. Selbst dir, guter Montesquieu, samt deiner persischen Maske würde es nicht besser ergangen sein, als deinem Erbe, wenn du nicht durch den Tempel von Gnidos einen leichtern Weg zu der steilen Sorbonne und in deinen aufgefangenen Briefen aus dem Serail ein so bewährtes Erweichungsmittel jener religiösen Felsenherzen entdeckt hättest, daß jeder, dessen Hand nur geschickt genug ist, es auszulegen, der weitläufigen dogmatischen Prozesse mit dem Scheiterhaufen überhoben und gewiß sein kann, für rechtgläubig erkannt zu werden: denn ein Maler, der die Entzückungen der Liebe mit so feinen, und nur desto kräftigern Farben zu schildern versteht, als du, hat alle Bischöfe auf seiner Seite.« Es war, als ich kaum einige Stunden der Ruhe gepflogen hatte, zwar nur mein Kaminschlot, der diese Nacht durch ein Bündel dürrer Weinreben, die so wenig wissen konnten, als ich, daß er seit vielen Jahren nicht gefegt war, in Brand geriet. Dies hinderte aber nicht, daß ich den größten Teil meines schönen Schlafes darüber verlor, der Lärm im Hause mir die Hand lähmte, da ich eben den Vorhang eines persischen Serails zu lüften versuchte, und mich zugleich im selben Augenblick eine Najade, die, leichter bedeckt, als es selbst das erste Schrecken erlaubt, mit ihrem Löschgeräte in mein Zimmerchen gestürzt kam, weiter von Gnidos entfernte, als es einem träumenden Jünglinge lieb ist. Gütiger Himmel! in was für eine wilde Wirtschaft kann man nicht geraten, wenn man der Spur eines berühmten Mannes nachgeht! Sollte denn der gelehrte Präsident, der so große Sorge für Monarchien trug, sein Dorf nicht einmal mit einer Feuerordnung beschenkt haben? Welche erbärmliche Anstalten! Statt einer Schlangensprütze führte man in Prozession einen jungen Mönch auf, der die Flamme, wie sie es nannten, besprach, die auch nur noch einige Minuten knisterte, sich dann senkte und verlosch. Während dieser geistlichen Gaukelei trieb das Sturmglöckchen, mißtönend wie eine blecherne Klingel, des gaffenden nackten Gesindels eine größere Menge mir unter die Augen, als sie zu ertragen vermochten, aber schon mächtig genug, jagte der stinkende, beißende Rauch, der die Hütte durchzog, mich und meine normännischen Wallachen aus unsern Buchten. Sie stellten sich von selbst vor den Reisewagen, so instinktmäßig, als sich mein matter Körper hineinwarf, und schnauften, wie ich, nach reinerem Äther. Blitzschnell drängte sich nun der verstörte Schenkwirt herbei, forderte nicht, sondern bettelte, erst um sechs Livres für unsere Beherbergung, dann um drei zur Vergütung der Unruh, die mein allzufrostiges Temperament veranlaßt hätte, und noch um ebensoviel für den geistlichen Beschwörer. Mittlerweile ich diesem Bettler die Geldstücke zum Schlage heraus seiner vorgehaltenen rußigen Nachtmütze zuschleuderte, stand jener in einem so dichten weiblichen Kreis, als wären hundert alte und junge Busen aneinander geschnürt, und dankte mit funkelnden Augen Gott für die sichtlich frommen Bewegungen, in die das eben geschehene Wunder sie alle, besonders die jüngern, versetzt hatte. Ernster, näher und andächtiger, als er diese besprach, sah ich es ihn selbst vor der brennenden Esse nicht tun, und es freute mich gar sehr, zufällig wieder einmal auf einen Klosterbruder zu stoßen, der es mit der heranwachsenden Jugend gut meint. Der falsche Schein der Morgenröte, der hinter einem dunkeln Gewölke hervordämmerte und, nach Versicherung des Kutschers, den baldigen Durchbruch eines dahinter versteckten desto rosigern Tages versprach, breitete über jene nächtliche Gruppe einen so magischen Schimmer, wie ihn Schalken seinem herrlichen Gemälde der klugen und törichten Jungfrauen zu geben gewußt hat, und lenkte meinen Seherblick auf einen Gegenstand, der mir zu einer ganz neuen Vergleichung verhalf. Die Spiele der Natur, am Himmel und auf der Erde, sind bei ihrer Mannigfaltigkeit so verschieden von einander, daß jeder Dichter bemüht sein sollte, auch den entferntesten Berührungspunkt unter ihnen aufzufassen. Eins der blassen Mädchengesichter, die den Wundertäter umgaben, hatte sich aus zu dringender Andacht seinem langen braunen Barte so sehr genähert, daß ich diese Zierde seines Standes eine ganze Weile für den Schleier des Gesichtchens nahm, das durchschien, bis ich den optischen Betrug entdeckte. »Siehe, Bastian,« rief ich dann wie inspiriert, »dort ist auch ein rosiger Tag hinter dunkeln Wolken im Durchbrechen!« Aber sein prosaisches Gehirn verstand das Treffende meines Ausrufes nicht. Ich traue meinen Lesern höhere Gaben zu, denn wer keine Ähnlichkeit zwischen den Objekten, die ich hier einander gegenüberstellte, finden könnte, müßte sich schlecht auf Gleichnisse verstehen, keinen Wahrsagergeist und so wenig poetischen Sinn haben, als mein Kammerdiener. Beim Abfahren warf ich noch einen launigen Seitenblick auf den Geburtsort des gepriesenen Geistes der Gesetze, an dessen Stelle nur zu sichtbar einer der schmutzigsten Poltergeister getreten ist . . . . * Toulouse Den 6. März Diese trüben Gedanken begleiteten mich in den Gasthof, wo ich einkehrte, der von unten bis unter das Dach mit allen Lockungen der Sinnlichkeit versehen, nicht umsonst dem stolzen Kapitolium gerade gegenüberlag; denn eine der vielen, treppauf, treppab, wie Liebesgötter in einem Venustempel herumschwebenden Aufwärterinnen, die mich anwies, erzählte mir, die Herren Capitouls frühstückten gewöhnlich hier, ehe sie zu Gericht gingen. »Das ist keine üble Gewohnheit,« antwortete ich, »denn nichts stimmt menschliche Herzen mehr zum Mitleid für andere, als eigener Lebensgenuß, und für den scheint mir in diesem Hause vortrefflich gesorgt. So eingerichtet war es wohl noch nicht, als Calas gerädert wurde?« »O nein,« sagte sie, »damals war der Platz noch unbebaut und gehörte, glaub' ich, der schwarzen Brüderschaft zu.« »Wohl schade!« erwiderte ich, »denn hätte eine so weise Schwesterschaft, als ich jetzt hier vereinigt finde, den Frühstücken seiner Richter vorgestanden, die Mehrheit der Stimmen wäre gewiß zu seiner Lossprechung ausgefallen.« Sie lächelte bedeutend und fragte nur noch, ob ich hier übernachten würde? Ich zuckte mit den Achseln. »Nicht wohl,« sagte ich, »denn ich gedenke mit der Wasserdiligence nach Bordeaux abzugehen. Wie lange habe ich da noch Zeit?« »Ungefähr zwei Stunden,« berechnete sie und entschlüpfte. Vor allen schickte ich nun Bastianen dahin ab, um Plätze für uns und meinen Wagen zu bestellen, verriegelte darauf mein Zimmer, um ohne weitere Störung meine heutigen Morgengedanken so warm niederzuschreiben, als sie mir auf dem Herzen lagen. Ich setzte mich neben ein offenes Erkerfenster, aus welchem mir der majestätische Palast jener Mordgehülfen gerade vor den Augen lag. Dieser zweckmäßige Standpunkt meines Schreibtisches, konnte ich doch wohl glauben, würde mich über meine gewöhnliche Darstellungsgabe erheben; als ich aber das beschriebene Blatt überlas, wie kraftlos kamen mir die Abdrücke meiner innern Empfindungen vor. Ich blickte verdrüßlich weg, fing an mich vor meinen Lesern zu schämen, und wollte eben, um mich mehr zu befeuern, wie sich gewisse Schauspieler heimlich in den Arm kneipen, wenn ihre Rolle Ausdruck des Schmerzes verlangt, nach der grassen eisernen Kerkertür hinsehen, aus der man den matten, schuldlosen, siebenzigjährigen Greis zum Richtplatz geschleppt hat; als mich ein ungestümes, herrisches Klopfen nach der meinigen hinzog. Das ist doch ein höchst unbescheidenes Benehmen, fuhr ich laut auf, denn wie konnte ich mir einbilden, daß es Pocher gäbe, die das Recht dazu hätten, ohne für grob gehalten zu werden, bis es mir ein Mann zeigte, der, schwarz gekleidet, mit fliegenden Haaren hereintrat und mir durch das Schreckenswort de par le roi , das alles gleich macht, meine Glieder lähmte. Die Feder, die ich noch naß in der Hand hielt, entfiel mir, und ich habe erst einige zwanzig oder dreißig Meilen darnach reisen und das Gebiet einer fremden Macht gewinnen müssen, ehe ich ihr heute wieder ihren freien Lauf lassen konnte. Auf meine ehrerbietige Frage: was zu seinem und des Königs Befehl sei, antwortete er befehlend: »Gedulden Sie sich!« Noch war ich weit entfernt, zu mutmaßen, daß es meine Bagage wäre, auf die er mich warten ließe, bis ich sie von vier Lastträgern ihm vor die Füße setzen sah. Nächst ihnen traten zwei andere, eben so schwarze ominöse Figuren, mit Federn hinter den Ohren herein, als ob sie mir an der Fortsetzung meines Tagebuchs helfen wollten. Ach, sie haben es nur zu gewiß durch den traurigen Bericht getan, den ich dir, lieber teilnehmender Freund, über die bösen Stunden abzulegen habe, die mir ihre werte Bekanntschaft verursacht hat. Derjenige, dem ich den ersten Schrecken verdanke, und der auch, den andern gegenüber, den obersten Platz an meinem Schreibtische einnahm, belehrte mich nun mit gerichtlichem Anstand, daß sie – und ich glaubte in die Erde zu versinken – Capitouls und beauftragt wären, mich über gewisse Artikel zu vernehmen. Was mögen das für welche sein? dachte ich zitternd nach. Unmöglich können doch die Herren von ihrem Richthaus herüber durch das Fenster erspäht haben, was ich schrieb; Gott gebe nur, daß sie es jetzt nicht entdecken, und ich hätte für keinen Preis einen Blick auf das heutige Heft meiner Handschrift geworfen, das auf das unverschämteste neben dem Vorsitzenden lag, um ihn nicht auf die Spur meines Anathems zu bringen. Der Mann am Protokoll lauerte und jener begann seinen Vortrag: »Sie werden, mein Herr, im Namen des Königs, zum wahren Geständnis aufgefordert, wer Sie sind und was die Absicht Ihrer Bereisung seines Reichs ist?« Diese königliche Neugier konnte mich nun wohl in keine Verlegenheit setzen. Ich antwortete frisch weg: »Ich bin einer der getreuesten Untertanen Friedrichs, wenn Sie erlauben – des Großen, ein Berliner, sowohl meiner Geburt als Krankheit nach, die mich viele schwermütige Jahre hindurch am Verdauen und Lachen verhindert hat. Die dortigen Ärzte haben mich in die mittägliche glückliche Provinz Ihres Königs, den Feldhühnern, Ortolanen und was sie sonst noch etwan meiner Diät für zuträglich hielten, besonders aber der guten Laune nachgeschickt, die in deutschen Apotheken nicht offizinell ist. Die Kur ist mir vortrefflich bekommen. Ich kann jetzt die leckersten Bissen vertragen und die Stimmung meines Gemüts hat sich über alle Erwartung verbessert, so daß ich alles wiederum meiner Jugend gemäß, ja sogar – sagte ich, jedoch mit schuldiger Ehrerbietung – mein heutiges Verhör nur auf der lachenden Seite betrachte. Protokollieren Sie, mein Herr, daß ich meine frohe Herstellung nur ganz allein der großmütigsten, liebenswürdigsten, scherzhaftesten und tolerantesten Nation der Welt verdanke.« »Haben Sie bei Ihrer Gesundheitsreise sonst keine Nebenabsicht gehabt?« fuhr der Präsident mit einer kleinen Verbeugung für mein Kompliment, und ich um Vieles beherzter gegen ihn fort: »Nur noch eine, die ich aber nicht erreicht habe.« »Welche war diese?« »Die Verbesserung meines Verstandes und Herzens.« »Das ist wohl nur Scherz, mein Herr, vor Gericht jedoch sehr zur Unzeit angebracht.« Ich bückte mich für seinen schmeichelhaften Verweis eben so bescheiden, als er vorhin bei meinem Lobe auf die französische Nation. »Sind Sie nicht auch vor kurzem in dem Kloster zu Cotignac gewesen?« Hier schoß mir das Blatt, doch war ich nicht einfältig genug, es zu leugnen. »Was hat Sie zur Reise dahin veranlaßt?« »Indigestion.« Der Examinator blickte mir ernst ins Gesicht. »Und«, setzte ich noch hinzu, »die ungestümen Bitten meines ehemaligen Zeichenmeisters, der die unerreichbare Notre Dame de Graces zu kopieren versuchen wollte.« »Wie lange verweilten Sie im Kloster?« »Von einigen Frühstunden an bis kurz nach dem Mittag, als der Stümper mit seiner Abzeichnung fertig war.« – So wechselten unschuldige und verfängliche Fragen, anderthalb Bogen durch, mit einander ab, bis mein Tauschhandel mit dem Pater André klar am Tage lag. Die Deputierten waren von meiner kalten Küche, der Berauschung meiner Gäste, unserer unklösterlichen Lustigkeit, kurz von allem bis auf die Zahl der Flaschen unterrichtet, die wir geleert, und der vollen, die ich außerdem noch dem ehrlichen Pater auf den Gastwirt zu Marseille angewiesen hatte. Die folgende Frage: »Ob ich nicht wichtige Urkunden dagegen bekommen?« zog mir beinahe die Kehle zu, doch erholte ich mich nach einem kleinen Hüsteln. »Das ich nicht wüßte. Der Mönch zwar, – – der mit einem Heiligen verwandt sein will, machte mir, seiner Einbildung nach, ein bedeutendes Geschenk mit dessen gedruckter Legende, und gab mir noch eine Rolle ganz unleserlicher Belege darein. Es ist die Frage, ob sie mein Bedienter nur mit eingepackt hat.« »Und zwar die entscheidendste von allen,« entgegnete der Vorsitzende mit einem ernsten, recht häßlichen Blick, »denn außerdem müßte sein Herr sich gefallen lassen, so lange hier unter strenger Aufsicht zu bleiben, bis sie beigeschafft wären.« Jetzt ward Bastian gerufen; dem befahlen sie, Koffer und Kästen zu öffnen, und das, was sie enthielten, ihnen stückweis vor Augen zu legen. Der Kerl benahm sich so außer Fassung dabei, als wenn der Teufel von Beziers hinter ihm stünde. Ich sah mich genötigt, den Handlanger zwischen ihm und den Deputierten zu machen, damit sie nur nicht sein verstörtes Gesicht, dem ich selbst in diesem Augenblicke die schwersten Verbrechen hätte zutrauen können, bemerken möchten. Sobald die Rolle mit den heiligen Dokumenten zum Vorschein kam, rekognoszierte und überreichte ich sie den Bevollmächtigten. Ungefordert legte ich ihnen auch meine Rechnungen und andere Papiere vor, um mich recht weiß zu brennen. Dank meiner gelehrten Hand! Bei dem flüchtigen Blick, den einer der Beisitzer darauf warf, übersah er sogar meinen Kontrakt mit dem Glaser der Bastille, der mir doch ein sichtbares Herzklopfen verursachte, als ich seiner ansichtig ward. Sie hielten sich ganz allein an die Rolle des Pater André, gaben ihr, ohne sie zu entwickeln, einen neuen Umschlag, den sie mit ihren drei Petschaften versiegelten und mich anwiesen, als Zeichen, daß ich den königlichen Willen nach Ehre und Gewissen befolgt habe, meinen offenen Ritterhelm darneben zu drücken. Ich sah die Sache nun für geendigt an. Schon hatten die Kommissairs Bastianen erlaubt, meine Habseligkeiten wieder an ihren Ort zu bringen, und ich wollte ihm mit den glücklich abgefertigten Papieren mehrerer Sicherheit wegen eben mein Tagebuch noch zureichen, als der jüngste Deputierte – denke dir, wie mir zumute ward – es unterweges mit der Erklärung anhielt: Er habe sich lange in Wien aufgehalten und wolle doch sehen, ob er Deutsch noch so fertig lesen könne, als ehemals. Glück über Glück, daß er nicht lange suchte, und etwan die niedlichen Bruchstücke aus dem Briefwechsel der Königin Anna mit ihrem Liebhaber aufstörte. Was würden die Herren von meinem Ritterhelm gedacht haben, wenn sie jene Abschriften gefunden hätten! Gott sei gelobt! daß er sich nur mit dem letzten Heft beschäftigte, nicht etwan weil es für mich weniger gefährlich – ach im Gegenteil! sondern weil der poetische Fluch auf ihn und seinesgleichen, den er vor den Augen hatte, kein Wiener Deutsch war. Er starrte das Blatt einige Minuten an und legte es mit einem »Nicht wahr, ein Wäschzettel?« zu den übrigen. Wer war froher als ich! Hinter mir hörte ich ein Kofferschloß nach dem andern zuschnappen, und der Vorsitzende entließ meinen Kammerdiener mit einem gebieterischen Wink nach der Türe, den er sich nicht zweimal geben ließ. Mir aber ging es noch nicht so gut. Ich mußte noch zur Schlußformel meines Verhörs die Tortur seiner Beredsamkeit aushalten. »Mein Herr,« wendete er sich mit Würde zu mir, »Ihro allerchristlichste Majestät erlauben zwar großmütigst jedem Fremden, Ihre Staaten zu bereisen, gönnen ihm gerne die Luft, den gesellschaftlichen Umgang und die fröhlichste Teilnahme an den physischen und moralischen Vorzügen Ihres Reichs. – Sie werden aber hoffentlich selbst begreifen, mein Herr, daß diese Vergünstigung sich nicht bis auf die Ausfuhr und Entwendung alter Urkunden und Briefschaften erstreckt und erstrecken kann. Das Unvorsätzliche – das Ungefähr, wie ich glauben will, wodurch sie Ihnen in die Hände gerieten – indem Ihre ad protocollum gegebene Erläuterung dieser verwickelten Sache mit der uns mitgeteilten Aussage des Pater André zur Genüge übereinstimmt, kommt Ihnen in so weit zustatten, mein Herr, daß Ihr sonderbarer Tauschhandel mit ihm, den Wir von Gerichtswegen, unter Vorbehalt Ihres Regresses an jenen Trunkenbold, für null und nichtig erklären, weniger auffällt. Die Willfährigkeit und gute Art, die Sie bei der Zurückgabe der zum Leben des heiligen Fiacre gehörigen Belege bewiesen haben, wird zweifelsohne den hohen Senat vermögen, Sie, als eine keinem weiteren Verdachte unterworfene Person, frei zu lassen.« Hier ward der Redner durch den Eintritt dreier weiblicher Engel unterbrochen, die jedem der Herren, wahrscheinlich zur Stärkung in ihrem Berufsgeschäft, eine Tasse Schokolade überreichten. Während sie solche einschlürften, durfte ich ja wohl diesen unerwarteten Zwischenakt zu dem Vergnügen benutzen, einer Hebe um die andere auf das tiefste in die Augen zu sehen. Als sie abtraten, blitzten ihnen die meinigen noch so funkelnd nach, daß der Herr Vorsitzende seine Stimme erheben mußte, um meine Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken. » Zwar ,« diese Silbe schob er vorerst ein, als er den abgerissenen Faden seines Vortrags auffaßte, » zwar frei zu lassen; jedoch wird zugleich einstimmig von Uns verlangt, daß Sie, mein Herr, je eher, je lieber, und sobald ich Ihnen den Paß zuschicken werde, Ihre Abreise von hier beschleunigen« – Warum denn eben das? dachte ich. O Herr Präsident, sein Sie ruhig! Ihre schönen Mädchen hätten mich ohnehin nicht aufgehalten – »zu der wir übrigens insgesamt,« endigte er seine Rede, »Ihnen von Herzen alles erforderliche Glück wünschen.« Ich würde gern zu der Feierlichkeit gelacht haben, mit der er die Sitzung aufhob, hätte sie mich nicht um alles gebracht, was mir noch einigermaßen meinen Ausflug über die Grenze zu einer nützlichen, merkwürdigen Reise stempeln konnte. Jetzt bringe ich meinen Landsleuten doch in der Gotteswelt nichts mit, das der Mühe lohnte. Welcher Leser wird an meine historische, wichtige Entdeckung glauben, da ich sie mit keinem Original-Dokument zu belegen vermag. Mein Wort? Das Vidimus meiner eigenen Abschriften? Ja! damit darf man einem deutschen Gelehrten wohl kommen! – Indes wär' ich doch heilfroh gewesen, als ich den Blutrichtern des armen Calas nun über die Gasse nachsah – hätte ihre Bekanntschaft meiner Einbildungskraft nicht Schattenbilder zurückgelassen, die beinahe noch fürchterlicher waren, als sie selbst. Was kann noch aus dir werden, fing ich schauerlich zu berechnen an, wenn die Mehrheit der Stimmen dir dein Absolutorium verweigerte, wenn die ältern Capitouls, klüger als die abgegangenen jüngern, auf den natürlichen Einfall gerieten, deine Aussage mit deinem Tagebuche zu vergleichen, wenn sie es einem Translator, der Oden nicht für Wäschzettel nimmt, übergäben, du in deinem Jammer, so lange bis es in französischer Sprache ebenso geradebrecht wäre, als ihr Homer, warten, und nachher, Gott erbarme sich! alle die Stellen verantworten müßtest, deren sie nur zu viele, als kriminell, oder als unverständlich, mit roter Tinte anstreichen würden. Verwünscht sei der Prior zu Cotignac mit seinen Konventualen! denn nur sie, die nicht mittranken, nur ihr Neid über ein Geschenk, an dem sie keinen Teil hatten, konnten allein diese Verräterei an dir und dem lustigen Pater André begangen haben. Oh, die heillosen Mönche! – Mitten in diesem Selbstgespräch vermehrte ein Gerichtsbote, der dazwischen trat, mein Herzklopfen, ehe ich sah. daß es der liebe erwartete Erlaubnisschein zu meiner Abreise war, den er mir einhändigte. Der große Taler, den ich ihm für seinen Gang in die Hand drückte, ging ungleich leichter von mir, als jener, den ich dem teuflischen Kastellan zu Beziers opferte. Meine Freude war aber nur augenblicklich. Unter allen Bewegungen der Seele ist keine, die der Phantasie mehr zu schaffen macht – einem männlichen Geiste überlästiger, mit einem Worte keine, die demütigender, alberner und peinigender ist, als die Furcht. Mir kamen die schauderhaftesten Beispiele aus einer Menge Kriminalakten wie zugeflogen, an die ich sonst in meiner Unschuld gar nicht zu denken gewohnt bin, und die ich meinem Zustande doch jetzt so anpassend fand, als ein eingebildeter Kranker grasse Sektionsgeschichten dem seinigen. Ich überlas meinen Freipaß wohl zehnmal mit äußerstem Mißtrauen. Jeder Punkt und Strich, den ein Unbefangener gar nicht bemerkt, kann ja, dachte ich, ein abgeredetes Zeichen mit Polizeidienern sein, an die man im voraus weiß, daß du geraten mußt. Spielen nicht oft boshafte Jungen mit einem armen Vogel, um ihn sicher zu machen? Kann er weiter fliegen, als der Faden lang ist, den sie ihm heimtückisch um den Fuß schlangen, und kann ein so guter Kerl, wie ich, nicht schon tagelang auf der Diligence in engem Verhaft sitzen, und immer in dem süßen Wahn stehen, er reise nach seinem Vaterlande, bis seine Auflaurer für gut finden, ihm solchen zu benehmen? Kaum hatte ich von allen diesen schreckhaften Möglichkeiten eine abgefertiget, als gleich eine andere an ihre Stelle trat. Einmal versuchte ich, trotzig zu tun. Possen – sagte ich – die Originalschriften sind ja den königlichen Bevollmächtigten überliefert. Wer kann mir beweisen, daß ich sie gelesen habe, außer – stockte ich ganz auf einmal niedergeschlagen – dein unseliges Tagebuch. Nun, fuhr ich schnell besonnen fort, was hindert dich denn, es zu vernichten, ehe es wider dich zeugt? Die eine Hälfte liegt schon in der Asche, lege die andere dazu! Ja, wenn nicht die väterliche Liebe zu dem Nestling gewesen wäre, die sich geradezu gegen den grausen Gedanken sträubte. Endlich kam ich, was gewinnt man nicht durch Nachdenken! auf einen Einfall, der mir in meiner ängstlichen Lage als der beste Nothelfer so genialisch erschien. daß ich ihn sogleich auf das herzhafteste ausführte. Ich unterwarf nämlich mein Buch der Operation des Origenes. Die ausgeschnittenen gefährlichen Blätter teilte ich wieder in zahllose Dreiecke, die ich an einem gewissen staubigen Orte verbarg, dem sich nicht so leicht ein schwarz gekleideter Kommissär nähern wird. Ich will den Inquisitor loben, der ihn als verdächtig anspricht, oder auch die Papierschnitzel ohne meine Hülfe in ein lesbares Ganze zusammensetzt. Nach solchen genommenen klugen Maßregeln, sollte wohl jeder Vernünftige glauben, müsse mir das verzagte Herz gewachsen sein. Nichts weniger. Der Schrecken war mir einmal ins Blut getreten und stieg mir immer höher zu Kopfe. Wird es denn der König, warf ich die Frage auf, wohl für wahrscheinlich halten, daß jemand seine Ahnenprobe vierzehn Tage in der Tasche haben kann, ohne sie zu untersuchen? Und ist nicht der königliche Glaube an die Möglichkeit allein schon hinlänglich, ihn par raison d'Etat in das erste beste Gefängnis so gut mit einem Maulkorbe zu stoßen, als mit einer eisernen Maske? Heiliger Fiacre! schütze mich, daß ich nicht um deinetwillen auf die Brescauische Austernbank, der du glücklicher entgangen bist, als du verdientest, zu liegen komme. Hier unterbrach mich Bastian mit der Nachricht, die Wasserkutsche sei samt dem Daraufgelde für den guten Platz während meinem Verhöre ab- und davon gefahren. »Oh, desto besser,« rief ich, »die Gesellschaft, die man auf einem Toulouser Postschiff erwarten darf, würde sich ohnedem sehr schlecht mit meiner gegenwärtigen Stimmung, und die langweilige Fahrt noch schlechter mit einem geschwinden Fortkommen vertragen, an dem mir mehr noch gelegen sein muß, als den Herren Capitouls, die hier frühstücken. Auf der Landseite entkommen wir ja diesem Drachenneste um vieles geschwinder. Habe ich doch meinen Freipaß, was warten wir? Mache dich auf die Beine, Bastian, und schaffe mir ohne Verzug vier tüchtige Pferde vor den Wagen, oder lieber sechse. Hörst du?« Das war ihm eben recht. Es verging keine Viertelstunde, so stand alles zu meiner Flucht in Bereitschaft. Die glücklichsten Umstände trafen zusammen, sie zu befördern. Ich sah meine Berline mit sechs Pferden bespannt, die vor Ungeduld stampften, wie ich. Eins zog wie das andere, denn ihre Führer waren, wie sie mir bald vertrauten, Zwillingsbrüder, kalvinischen Glaubens, und meinten es überhaupt ehrlich. Sie drückten mir nicht nur auf das herzlichste die Hand für mein freigebiges Trinkgeld am Ende der Station, nein, sie zeigten es allen ihren Kameraden, um sie aufzumuntern, ein Gleiches zu verdienen. Die Wege waren vortrefflich, der Abend ruhig, wie ein gutes Gewissen, und die Nacht hell, wie bei uns ein Frühlingstag. Nie hat mir der Klang der Posthörner mehr Freude gemacht. Nach der Eile, mit der ich an den berühmten Garküchen des Perigords vorbeirollte, hätte kein Mensch erraten, welchen Wert ich auf ihre kalten Pasteten setze. Ich ließ mich durch keine aufhalten, denn ich kam mir selbst wie eine Waldschnepfe vor, die alle ihre Federn anstrengt, um dem Unglück, in einer nach Holland oder Deutschland verschickt zu werden, zu entfliehen. So erreichte ich zwar durch Gottes Hülfe und ohne den mindesten Anstoß, schon den siebenten März, einige Stunden nach Mittag, das schöne, weinreiche Bordeaux – aber die lange Strecke Wegs, die ich noch bis in mein Vaterland vor mir sah, erlaubte mir nicht, durch irgendeinen Genuß Zeit zu verlieren. Wie hätte ich Lust haben können, meinem Körper gütlich zu tun, den ich bei weitem noch nicht außer Gefahr glaubte, und der sich, wie du hören wirst, bei allem, was ihm aufstieß, recht linkisch benahm. Jetzt, nach einer ruhigen, fröhlichen Stunde und nachdem ich glücklich über die Strickleiter weg bin, die sie mir ersteigen half, steht es freilich ganz anders um deinen Freund, lieber Eduard. Ich werde nicht zum letztenmal über die wilden Blicke lachen, die ich umher warf, als ich nicht weit von la Trompette , der hiesigen Festung, aus dem Wagen stieg. Alle Augen, alle Kanonen, glaubte ich, wären auf mich gerichtet. Ich sah in jedem Vorbeigehenden – ärger als Rousseau auf seinen Spaziergängen – nur einen Spion, der meine Ankunft der Polizei anzeigen werde. Ich ging nicht, nein, ich zitterte von weitem meiner Chaise nach, die ich Bastianen allein überließ auf die Post zu bringen und bespannen zu lassen – aber die Gasse dahin wollte kein Ende nehmen. Indem stürzte ein Trupp Matrosen, denen man es deutlich ansah, daß sie sich so wenig um mich, als um die ganze Welt bekümmerten, mir aus einer Taberne in den Weg. Sie schwenkten ihre runden Hüte und jauchzten einmal über das andere mit stammelnder Zunge: »Es lebe Katharina die Zweite!« Der Name dieser großen Frau fiel mir kaum in die Ohren, so vergaß ich Kammerdiener und Wagen und überließ mich blindlings dem Zuge meines dunkeln aber mächtigen Zutrauens. Ich schloß mich dicht an die lustige Bande an, und so oft ich mich bemerkt glaubte, schwenkte auch ich meinen Hut und mischte herzhaft mein Vivat in das ihrige. So taumelte ich in ihrer Gesellschaft zwei Straßen durch bis vor die Stadt an den Hafen, wo sie auf einmal halt machten. Eine schöne, gebietende Gestalt stand vor ihnen, dämpfte mit einem Wink ihr tobendes Geschrei und wies sie auf das Schiff, von welchem der Name ihrer Monarchin in goldenen Buchstaben mir über die Wellen entgegenglänzte, und dem sie sogleich auf einem Boote zuruderten. Wie sich das Gedränge der grünen Jacken um mich her verloren hatte, stand ich nun einzeln, aber ziemlich außer Fassung, vor dem Kapitän, der, wahrscheinlich ein wenig verwundert, einen reinlichen Überrock unter seiner Mannschaft zu sehen, mich von Kopf bis zu Fuß mit ernsten Augen betrachtete. Da ich nicht von der Stelle wich und bei dem geringsten Geräusch scheu hinter mich blickte, fragte er mich endlich: ob etwas für mich hier zu tun sei? Ich trat näher, nannte mit leiser Stimme meinen Namen, der zum Glück für mich ihm nicht ganz fremd war, und bat aus gewissen Ursachen, die ich ihm schon noch entdecken wolle, vor der Hand nur um Schutz – – »Aber gegen wen denn?« fragte er ungeduldig. – »Gegen die wollüstigen und grausamen Capitouls zu Toulouse,« zischelte ich ihm zu, »und ihre hiesigen Spione.« Nach einem kurzen Besinnen gab mir der brave Mann einen Wink, ihm auf das kleine Fahrzeug zu folgen, das bereit war, ihn überzusetzen. Oh, wie gern gehorchte ich! Hätte Bastian nicht besser Acht auf mich gehabt, als ich auf ihn, so wären wir vielleicht so bald nicht wieder zusammen gekommen. Er schrie vom Ufer uns nach, bat und erhielt die Erlaubnis, mit einzusteigen. Wie geschwind verzog sich meine bisherige Brustbeklemmung. In welche Freude ging sie nicht über, als ich bald nachher mich in der Kajüte meines Beschützers, zwar nur auf Brettern, die aber mit dem Gebiet einer mächtigen Monarchin zusammen hingen, allen und jeden Nachstellungen des festen Landes entrissen sah. Dieses schöne Gefühl entwickelte zuerst die heroische Frage in mir, ob es nicht möglich und mir am besten geraten wäre, unter russisch-kaiserlicher Flagge allen gesetzlichen Ungeheuern des französischen Labyrinths zu entwischen. Ich legte diesen Wunsch am Ende meiner Geschichtserzählung dem lieben Kapitän ans Herz. Er hörte meinen Vortrag mit gütiger Aufmerksamkeit an – schwieg ein Weilchen, schien aber den Zusammenhang der Sache sehr wohl begriffen zu haben. »Wohin wollen Sie denn eigentlich?« fragte er. »Ja, mein Gott, nach Leiden,« antwortete ich, »wenn anders Ihr Weg Sie da vorbeiführt. Ich bin auf dem Meere nicht ganz orientiert.« Es war dem lieben Manne Ernst, mir zu helfen. Das sah ich ihm an. Er ging einigemal nachdenkend, mit langsamen Schritten, auf und ab in der Kajüte, ehe er mir Antwort gab, die aber auch nun desto bestimmter und erfreulicher ausfiel. »Ich sehe zwar, mein Herr,« wendete er sich freundlich zu mir, »Ihre Lage nicht für so gefährlich an, als Sie; damit Sie jedoch nicht sagen können, Sie hätten Ihr Zutrauen vergebens auf einen Russen gesetzt, so will ich es, so gut ich kann, zu verdienen suchen. Wenn Sie mit Kost und Quartier auf meinem Schiffe zufrieden sein wollen, so lassen Sie nur heute noch Ihre Bagage an Bord bringen. Es hat seine völlige Ladung, und würde bereits auf der hohen See sein, wenn ihm der Wind so günstig gewesen wäre, als er für Sie zu werden scheint; denn sollte er diese Nacht sich nur noch um einige Grad verstärken, so kann ich vielleicht schon morgen aus dem Hafen laufen, und will gern Ihrem Wunsche gemäß meine Segel nach der holländischen Küste richten, um Sie dort ans Land zu setzen. Auf dem offenen Meere gibt es für uns andere keinen Umweg. Das ist kurz und gut meine Erklärung.« Seine menschenfreundliche Großmut rührte mich bis zu Tränen. Es ist so selten, unter den sogenannten Weltleuten auf einen zu stoßen, der an unserm Schicksale tätigen Anteil nimmt. Ich ergoß mich in so wortreiche Danksagungen, daß er mich vor Ungeduld mit der Frage unterbrach: »Ob mir sonst noch etwas zu wünschen übrig sei?« »Nicht das mindeste,« antwortete ich, »als daß es mir lieb wäre, da mir der Wind noch Zeit dazu läßt, wenn ich mittlerweile die Stadt besehen, die Bordeauxer Weine durchkosten und noch eine und andere Einrichtung zu meiner Seereise machen könnte. Darf ich mich aber wohl mit Sicherheit an das französische Ufer wagen?« »Über mein Schiff hinaus«, erwiderte er, »reicht zwar meine Gewalt nicht, doch will ich gleich eine Mittelsperson zu Hülfe rufen.« Auf seinen Wink trat nun sein Kommißschneider mit einem Pack grüner Uniformen herein. Er brauchte nicht lange zu messen, denn die kleinste darunter, die er meinem Körper anpaßte, saß, nach seinem Kunstausdrucke, wie angegossen. Es machte mir eine kindische Freude, mich im Angesichte des freien Weltmeers zu einem russischen Seeoffizier eingekleidet zu sehen. Ich stellte mich mit stolzem Anstand vor den Spiegel und warf mich nicht schlecht gegen das intolerante Frankreich in die Brust. »Jetzt fehlt Ihnen,« sagte der scherzhafte Kapitän, »um dem ganzen Toulouser Kapitol die Spitze zu bieten, nichts als ein Blatt Papier zu Ihrer Legitimation in der Tasche, ein Patent, das ich Ihnen als Schiffsleutnant ausfertigen will.« »Doch nur titular?« fiel ich ihm erschrocken in die Rede. »Nicht anders!« versetzte er lachend. »Denken Sie denn, daß ich den Dienst so schlecht verstehe, dem ersten besten Passagier das Kommando am Steuerruder anzuvertrauen? Man kann mit einer gewissen Portion Eigendünkel eher wohl die Segel eines kleinen Fürstentums dirigieren, wenn es auch hier und da leck ist, als das geringste Schiff, das dem russischen Staate dient.« Er warf bei diesen Worten einen Blick, den ich mir merken will, in die Ferne, der viel zu sprechend war, um ohne Bedeutung zu sein. »Wen traf dieser Blick, Herr Kapitän,« fragte ich, »wenn ich es wissen darf?« »Warum nicht? Er galt wohl gar einem Ihrer Bekannten,« erwiderte er. »Doch gewiß,« schob ich geschwind ein, »keinem meiner Freunde, das will ich im voraus beschwören.« »Einem« fuhr er fort – – Aber, o Ihr, die Ihr mich bis zu dieser Zeile geduldig auf meinen Spazier- und Irrgängen begleitet habt, euch, meine vortrefflichen Leser, muß ich jetzt einige Augenblicke still zu stehen bitten, denn ich selbst stehe zum erstenmal in meinen Wanderungen vor einem Oha, über das ich nicht wegzukommen weiß. Ein heimtückischer Zufall hat mir die meisterhafte Zeichnung meines russischen Freundes entrissen und den lustigsten Text von der Welt durch eine Lücke unterbrochen, die ich leider jetzt nur mit einer kläglichen Note auszufüllen imstande bin. Diese Verlegenheit tut mir doppelt wehe, weil sie mich zugleich nötigt, ein Geheimnis auszuplaudern, das ich mit mir ins Grab zu nehmen gedachte. Das Schicksal, scheint es, will mir nicht vergönnen, das Geringste vor euch auf dem Herzen zu behalten. Es liegt, ich weiß es, manches Rätselhafte noch in meinem Tagebuche, das eurer Aufmerksamkeit wohl schon oft anstößig gewesen sein mag; doch davor darf mir nicht Angst sein, denn in einigen Tagen, hoffe ich, wird euch auch das Widersprechendste unzweideutig und klar, wie die Wahrheit, vor Augen stehen. Ob aber die kräftige Schilderung des Unbekannten je wieder an das Licht kommen werde, das sie so sehr verdient, muß ich, ohne es ganz zu bezweifeln, allein der künftigen Zeit überlassen, denn die meinige ist, – und das eben war, wie ihr alleweile hören sollt, mein Autorgeheimnis, – verlaufen. War es ein Anfall von Eitelkeit, falsche Scham eines jungen flüchtigen Gesellen, oder Nachahmungssucht – ich lasse es unentschieden, die mich, nach meiner Zurückkunft in Berlin, auf den tollen Einfall brachte, meine Selbstbekenntnisse, wie Jean Jacques die seinigen, unter Schloß und Siegel zu legen, und, gleich ihm, zu verordnen, daß mein Erbe ihnen erst zwanzig Jahre nach meinem Ableben Luft mache. Ein Augenblick Überlegung brachte mich, wie ich denke, auf einen klügern Entschluß. Wärest du, sagte ich mir, auch notdürftig zu entschuldigen, Possenspiele mit deinen Zeitgenossen zu treiben, die es nicht nur längst an dich gebracht, sondern auch das Wiedervergeltungsrecht noch immer in Händen haben, so sähe es doch einer Poltronnerie sehr ähnlich, wenn du dich erst aus dem Staube machen und der Nachwelt gleichsam hinterrücks deine Schneebälle aus einer Entfernung in das Gesicht werfen wolltest, in der sie dich nicht mehr erreichen kann. Und ist es denn nicht, fuhr ich ernsthafter fort, mehr als zu bekannt, wie pflichtvergessen der Freund, dem der große Mann die Herausgabe seiner Konfessionen übertrug, die strenge Frist verkürzt hat, die Rousseau der Neugier seiner Hinterbliebenen auslegte? Aber auch gesetzt, eine solche Untreue wäre mit den deinigen nicht zu befürchten, bleibt es denn nicht noch immer die Frage, ob die klugen Leute, denen du die Vollstreckung deines letzten Willens in einer Zeitperiode zuwälztest, die sich wahrscheinlich von der gegenwärtigen durch den geläutertsten Geschmack auszeichnen wird, ob sie, sage ich, dein Testament nicht als inept erklären und deinen armen entsiegelten Papieren, statt ihnen den kostbaren Weg in das Gebiet der Makulatur zu eröffnen, den weit kürzern hinter den Herd anweisen würden? Solche vornehme Wagstücke, gestand ich mir offenherzig, sind nicht für einen Schriftsteller, wie du bist. Diese vielseitigen Ansichten der Sache brachten mich endlich auf einen Ausweg, bei dem ich stehen blieb. Wäre es denn nicht sicherer, zischelte ich mir ins Ohr, gemächlicher für dich und ehrlicher gegen deine Mitbürger gehandelt, wenn du ihnen, während du noch auf ebenem Boden mit ihnen wandelst, die offenherzigen Berichte von der übeln Wirtschaft ablegtest, die du, jedoch zum Glück nur wenige Monate, in einem sittenlosen Lande mit deiner Zeit getrieben hast? und um sie nicht auf einmal zu erschrecken, die zwanzig Hungerjahre, zu denen Rousseau im Laufe seiner Unsterblichkeit das lesende Publikum verdammte, auf das jugendliche Spielwerk ausdehntest, das du ihm preiszugeben gesonnen bist? Dadurch bekommen deine Begleiter nicht nur Zeit zu verschnaufen, sondern der Stern deiner Autorschaft zugleich einen hübschen Spielraum, den Kometen, die inzwischen an dem literarischen Himmel aufbrausen, und ihn leicht in ihren Schweif verwickeln könnten, ehrfurchtsvoll und solange aus dem Wege zu treten, bis sie ihre blendende Laufbahn durchschritten haben. Wirklich habe ich durch diese kluge Wendung seinen völligen Untergang aufgehalten. Wie viele prächtige Meteore sind nicht in diesem langen Zeitraum durch den Äther gezogen, verschwunden und vergessen, und das meinige blinkt noch in der zwanzigsten Leipziger Messe, tritt noch einmal aus dem Nebel hervor, in welchen es sich oft hüllte, und lächelt noch hier und da einem alten Bekannten so freundlich ins Auge, als ehemals meinem nun längst verewigten Freunde Eduard, dem seine ersten Strahlen gewidmet waren. Mit welchem wehmütigen Vergnügen sehe ich auf jene Morgenstunden zurück, wo ich ihm das Votivgemälde vorhalten konnte, das ich in der Ferne aus tausend heterogenen Farben für ihn zusammengesetzt hatte. Es war eine freundschaftliche Beschäftigung, eine augenblickliche Zerstreuung in der bänglichsten Zeit, die je über Berlin geschwebt hat – in der Krankheitsepoche unsers großen Monarchen. So saß ich denn auch, gerade vier Wochen vor seinem völligen Verlöschen, nach einem mäßigen Frühstück meinem Freunde gegenüber und langte von den letzten Heften meiner Reise, die hinter meinem Sitze auf einem Ecktischchen lagen, einen nach dem andern mir zu, wie ihn die Reihe traf. Meine Vorlesung war bis auf gegenwärtigen, und bis zu der Zeichnung vorgerückt, die ich kurz vorher meinem Zuhörer, der sich auf dergleichen Malereien besonders verstand, als ein Meisterstück angekündigt hatte; aber kaum waren ihm die ersten Grundlinien davon sichtbar geworden, so erhob sich ein Wirbelwind in dem größten Ungestüm von der Gasse, der Türen und Fenster aufriß, und indem ich eben nach diesem, noch übrigen Abschnitt meines, unserer heutigen Unterhaltung gewidmeten Vortrags greifen wollte, mir ihn unter den Händen wegnahm. Hätte ich nicht zum Glück den Überrest meiner Handschrift zu Hause gelassen, es wäre ihm nicht besser ergangen, und mir nichts übrig geblieben, als meine Butike zu schließen. Kein spielendes Kind, dem sein papierner Drache entwischt, kann bestürzter ihm nachblicken, als ich meinen fliegenden Blättern. Ich sah sie über die Dächer hin, bald an diesen, bald an jenen Schornstein anprallen, sinken und steigen, und endlich ganz aus meinem Gesichtskreise verschwinden. Während meinem vergeblichen Hinstaunen in den leeren Raum hatte Eduard, tätiger und gefaßter als ich, alle dienstbaren Geister seines Hauses aufgeboten, den politischen Steckbriefen nachzueilen. »Ihr erzeigt allen ehrlichen Leuten den wichtigsten Dienst von der Welt, wenn ihr sie auffangt,« schrie er ihnen nach. Umsonst! Nach einer Stunde kamen die Abgeordneten atemlos, beschmutzt und mit leeren Händen zurück. Der Wind – entschuldigten alle ihre mißlungene Hetze – wäre zu arg. Dem hätte er die Kappe, jenem den Atem genommen, und allen so viel Staub in den Augen gestreut, daß ihnen Hören und Sehen vergangen sei. Wir schickten sie demohnerachtet, sobald das tobende Wetter vorbei und die Luft rein war, zum zweitenmal aus, ließen überall in den Häusern der Gesandten, in den Trödelbuden, in den Kramläden und in dem königlichen Schlosse den verlornen Papieren nachstellen, aber mit gleich wenigem Erfolg, und ebenso vergebens habe ich in den zwanzig Jahren, die zwischen jenem Tage und dem heutigen liegen, auf den glücklichen Zufall gelauert, der sie mir zeitig genug wieder bringen sollte, um sie meinen guten Lesern noch mitteilen zu können. Welchem staubigen Winkel mögen sie zugeflogen sein? Ach, vielleicht doch verwahrt sie das Pult eines ehrlichen Finders, der sie wohl längst ihrem rechtmäßigen Eigentümer zugestellt hätte, wäre er ihm nur bekannt gewesen. Freilich käme jetzt jedes Einschiebsel zur Vollständigkeit meines armen Tagebuchs zu spät, das, wie ich meinen Lesern schon vertraut habe, mit der diesjährigen Ostermesse sein Ende erreicht. Da indes diese merkwürdige Zeichnung auch an jedem andern Ort der Ausstellung immer noch wert bleibt, so kann ich um so viel mehr dies Original, das sich selbst mit Hülfe des Windes vogelfrei gemacht hat, allen Journalisten und Sammlern fliegender Blätter, wenn es ihnen vorkommen sollte, zu einem nicht gemeinen Lückenbüßer empfehlen. Die Zeit hat ja schon manches Dokument ans Licht gebracht, was man Jahrhunderte hindurch für verloren erklärte. Irre ich nicht, so ist ja ein Brief des Cicero ad familiares durch den Pergamentband eines alten Kalenders und eine mangelhafte Stelle in dem Petron durch den Umschlag einer päpstlichen Bulle ergänzt worden, und kann ich mich denn nicht auf meine eigene Erfahrung berufen? Hätte sich der französische Hof wohl träumen lassen, daß die Briefe der Königin Anna an ihren Beichtvater irgendwo noch versteckt lägen, und nach Verlauf eines Säkulums einem Reisenden in die Hände geraten würden, der an sie am allerwenigsten dachte. – – – – Wenn er nur wüßte, – – – fährt meine Handschrift fort; – – – aber indem fing die Schiffsuhr zu schlagen an. Der Kapitän verließ mich, um seine Befehle für die laufende Stunde auszugeben. Um keiner beschäftigten Hand im Wege zu stehen, setzte ich mich auf das Verdeck, machte mir einen Sitz von Tauen und Segeln zurecht und zog, um mir in Ermangelung besserer Gesellschaft die Zeit mit meiner eigenen zu vertreiben, den gangbaren Heft meines Tagebuchs aus der Tasche. In diesem Portefeuille deiner Erfahrungen, lächelte ich es an und schlug die Hand darauf, hast du nun schon eine ziemliche und mehr als hinlängliche Sammlung medizinischer und philosophischer, theologischer und artistischer Windbeutel niedergelegt. Zu ihrer Vollständigkeit fehlte dir nur noch ein politischer. Den hat dir nun unerwartet ein unparteiischer Mann in die Hände geliefert. So flüchtig auch seine Zeichnung sein mag, (ach, wäre sie nur nicht gar verflogen!), so sticht doch der Dünkel des Porträtierten mit zu vieler Wahrheit vor, um nicht ähnlich zu sein. Warum wolltest du sie nicht in deinem Bilderbuche aufnehmen, das, nach deinen eigenen Menschlichkeiten, nichts so deutlich zur Schau stellt, als die, allen Gauklern gemeine Physiognomie des Hochmuts, die, wie es scheint, meinem vornehmen Kapitän so widerlich ist, als meiner Wenigkeit. Die Nilratze kann unmöglich eine stärkere Antipathie gegen Krokodile haben, als ein natürliches, mit edlem Stolze begabtes Herz gegen aufgeblasne Menschen. Man kann doch gewiß nichts Geringeres sein, als ich jetzt bin, aber auch in mir schlägt ein solches Herz und ich vertauschte es nicht, selbst gegen den Zepter nicht eines königlichen Prahlers. Meinem Kapitän sah man es an der Stirne an, daß er seinem wichtigen Posten ebenso gewachsen war, als er ihm mit Bescheidenheit vorstand. Er wußte nicht nur zu befehlen, sondern auch zu lenken. Dafür aber genoß er auch Achtung und Zutrauen vom Höchsten bis zum Geringsten. Sein Schutz gab mir Zuversicht, seine Herablassung erhielt mich in Demut, seine Freundschaft erhob mich. Er, ein Sprosse des edlen Geschlechts von Kosodawlew, das dem Staate schon manchen klugen Kopf und brauchbaren Diener gezogen, flößte mir eine so große Liebe zu seiner Nation, so tiefe Ehrfurcht für seine Monarchin ein, daß, hätte ich nicht gehörige Rücksicht auf mich genommen, mir auch wohl der Schwindel über meinen neuen unverdienten Titel hätte zu Kopf steigen können. Als ich jenes Bild in meine Galerie aufgehängt hatte, blieb mir für heute nichts zu besorgen übrig, als Abschied von der großen Nation zu nehmen. Ich steckte mein Patent ein, setzte mich auf einen Fischerkahn, und stieg mit festem Mut ans Land. Eine der schönsten Städte Frankreichs breitete sich nun vor meinen Blicken aus, ich gab aber weniger auf ihre Häuser und Plätze, als mit heimlichem Lächeln auf die Huldigung acht, die alle Vorübergehenden meiner Uniform erzeigten. In meinem Leben ist der Hut nicht so oft vor mir gezogen worden. Die allgemeine Verbeugung vor der großen Frau, der ich zu dienen den Anschein hatte, machte mir es begreiflich, wie manche ihrer wirklichen Diener, wenn sie andere Höfe und Länder besuchen, auf Stelzen einhertreten, und ich möchte sie beinahe entschuldigen, wenn es mir möglich wäre, der Schwachheit des Stolzes das Wort zu reden, oder sein Vordrängen auf meinen geraden einfachen Lebensgang mit Gleichmut zu ertragen. Ich gehöre, wie sich das so ziemlich aus meinem lachenden Hinstaunen in die Welt ergibt, gewiß nicht zu der Klasse der Friedensstörer; wer mich aber aus Ursache seines Eigendünkels beleidigt, jede andere kann ich eher vergeben, mir, um mich zu hänseln, Wasser in meinen Wein mischt, darf sich nicht wundern, wenn ich, ohne lange daran zu schlucken, den unreinen Trank ihm in das Fratzengesicht sprudele. Nicht etwan erst als russischer Titular-Schiffsleutnant, sondern schon längst habe ich in meinen häuslichen, politischen und literarischen Verhältnissen das System angenommen, das meine anscheinende Gebieterin zur Sicherung der ihrigen erfunden hat, das System der bewaffneten Neutralität. Es ist von allen, die ich kenne, gewiß das beste. Wir sind beide, wenn ich meine Kleinheit neben ihre Größe setzen darf, zu gutmütig, um nicht jedem seine Sturmhaube, oder seine Schellenkappe zu gönnen, so lange er seinen eigenen Spaß damit treibt; aber niemand in der großen Welt darf seine Lanze gegen sie, und in der kleinen seine Peitsche gegen mich aufheben, wenn ihm seine Haut lieb ist. Du siehst, Eduard, daß ich in dieser Rücksicht meinem Offiziershute so viel Ehre mache als sie ihrer Krone. Während ich mich aus einer Gasse in die andre drehte, als wenn ich sie der Länge und Breite nach ausschreiten wollte, die Weinhändler, die hier jeden Fremden schon von weitem als einen Einkäufer anlächeln, durch mein Gesicht voll Würde in ihre Kellerstuben zurückschreckte, und den Polizeidienern, ohne daß sie es ahndeten, in Gedanken Trotz bot, besorgte Bastian meine letzten Geschäfte mit vieler Einsicht. Er kaufte für mein Bedürfnis, wie er glaubte, Lord Ansons Reise um die Welt, und ein paar englische Halbstiefeln, und verhandelte meine gepriesene Berline, als unnötig zur See, an den Mietkutscher des preußischen Konsuls, unter der Bedingung, meine Habseligkeiten noch umsonst bis an das Ufer zu fahren. Er selbst ging mit meinem Puderbeutel in der Hand voran, den ich seiner besondern Sorgfalt um deswillen empfohlen hatte, weil er, wie ich dir wohl jetzt vertrauen kann, einen Schatz für mich, die Schnittlinge nämlich meines in der Übereilung der Furcht kastrierten Tagebuchs enthält. Sonach verlasse ich nicht nur um vieles leichter, als ich gekommen bin, sondern auch ungleich einiger mit mir selbst, ein Land, von dem, genau besehen, ich nichts mitnehmen möchte, als das Sonnental und Agathen. – Die Dämmerung erinnerte mich zur rechten Zeit an den Vergang meines militärischen Urlaubs. Ich schüttelte, wie ein Apostel, mir den Staub von den Schuhen, wendete beim Eingang des Hafens noch einmal mein zufriedenes freies Gesicht nach der größten der unzähligen Trompeten dieses, in allen Dingen hochtrabenden Reichs, nach der Festung der Stadt, als nach dem letzten Grenz- und Markstein, den ich nicht sowohl zwischen mir und dem prahlerischen Gallien, als vielmehr in stiller Hinsicht auf mein künftiges Leben, zwischen dem französischen Leichtsinn und dem deutschen Ernst setzte. Ach, welche reuige Empfindungen, gutmütige Gefühle und meines Vaterlands würdige Vorsätze bewegten mein Herz, indem ich über die auf dem kräuselnden Strom gebrochenen Strahlen des Abendsterns, den ich reiner und freundlicher nirgends erblickt habe, zurück nach meiner Garnison fuhr. Es war mir, wie einem, der seiner Besinnung lange beraubt, ihrer nun seit kurzem mächtig geworden, und mit freudigem Zittern, in der Hoffnung, nie wieder zu kommen, dem Tollhause entschleicht. Das erste Wort meines Befehlshabers, als ich in seine Kajüte trat, wo er so tiefsinnig über einer Seekarte schwebte, als ein Denker über einem moralischen Werke, war ein Lob auf den herrlichen Wind. Als Schiffs-Leutnant, glaubte ich, müßte ich ehrenhalber mit einstimmen; es schien aber, der gute Mann erriet mich. Er zeigte mir auf der Karte den Weg nach Petersburg und sprach so gleichgültig davon wie von einer Spazierfahrt, tröstete mich freilich dadurch über meinen Katzensprung nach Holland, aber nur halb, denn es lief mir schon beim Anblick des leergelassenen Papiers der Meeresfläche, das doch gewiß mehr Unfälle bedeckt, als alle angrenzenden Länder, die mir grün und gelb vor den Augen flimmerten, ein kalter Schauer über den Leib. Ich berechnete die entsetzliche Tiefe und daß ich nur waten, aber nicht schwimmen könne. Das große kaiserliche Schiff verkleinerte sich in meinem Gehirne zu einer zerbrechlichen Schachtel, die mich, als wenn es in meinem täglichen Bette viel anders wäre, nur im Schweben zwischen Zeit und Ewigkeit hielte. Denke nur: mitten in diesen ernsten Gedanken fällt mir noch, zu meinem Unglück, der gräßliche Sturm ein, den der ansbachische Theodor in seinem wirbligen Kopf erregt hat. Ein schlechtes, lächerliches Vorbild, ich weiß es, das sich aber dennoch meine Phantasie nicht wehren läßt, so täuschend auszumalen; als es nur ein Stück von Vernet sein kann. Wenn das Schiff stranden sollte – ach, ich fände kein Brett, worauf ich mich, oder meinen Namen retten könnte; denn auf Votivtafeln, den Schutz der Heiligen und auf die Gebete der Mönche darf ich, wie es wohl andere tun, am wenigsten rechnen. Ich habe es nicht um sie verdient. Hat mich nicht schon das bloße Bild des einen zu Cotignac in die Toulouser Händel und in das Wagstück verwickelt, dem ich mich jetzt preisgebe? Mein Gott! wie ich zittere und schwatze; aber setze dich nur, lieber Freund, einen Augenblick an meine Stelle. Ich weiß ja nicht, wie ich mich anders über den ungewohnten Lärm betäuben soll, der auf dem Schiff herrscht. Welcher Unterschied zwischen meinem heutigen Abend und jenem Mittag auf der Fregatte des Voltaire. Dort hörte ich nur Witz sprudeln und lachte über das denkende Wesen an meiner Seite. Hier hingegen gellen mir die Ohren von nie gehörten Kommando-Wörtern, von Matrosen-Flüchen, Hämmern, Klirren und Poltern, bald über, bald unter mir. Was das alles für Anstalten sind, um bis zu einer holländischen Treckschüte zu gelangen! So muß der arme Mensch überall dulden, harren und mit Unruhen kämpfen, ehe er ein häusliches, langweiliges Glück erreicht. Sähe ich nur schon die großen Augen meines Jerom, wenn ich ihn in meinem Seekostüm überfalle. Was wird er denken, ehe er erfährt, daß nichts Solides dahinter steckt! Es sind noch nicht fünf Monate, seit er auf dem Münster zu Straßburg meinen Glauben an den tierischen Magnetismus so spöttisch behandelte. Ach, wie viel unglaublichere Charletanerien habe ich nicht in der kurzen Zwischenzeit erfahren! Ich höre im Geiste sein Gelächter, wenn ich sie ihm erzählen werde. Erzählen? Ich ihm? Oh, ich armer, geplünderter, halbverbrannter, halbverschnittener Autor! Woher sollte mir der Stoff – und was meiner Vergeßlichkeit zu Hülfe kommen? Der kleine Rest meines Tagebuchs? die Haarwickel in meinem Puderbeutel? Ist es wohl der Mühe wert, daß sie sich über dem Wasser halten? Ach, mag sie doch meinetwegen der Rachen eines Wallfisches verschlingen, wie den ehrlichen Jonas. Ich verlange nicht einmal, daß er sie wieder ausspeie, sobald sie mich nur nicht nachziehen. Doch eben höre ich den Kapitän befehlen, daß die Mannschaft sich schlafen lege, die nicht angestellt ist. Das gilt auch mir. Ich gehorche. * Am Bord des Schiffs      Katharina die Zweite, den 8. März Mein erster Versuch in der Hängematte ist glücklicher abgelaufen, als ich glaubte. Geist und Körper fühlen sich gesund, und mit meinem Wohlbehagen ist auch mein Mut gestiegen. Der Wind, ich würde ihm zwar nicht trauen, aber mein Kapitän sagt, und das ist mir genug, er wäre so gut als ein Seemann ihn wünschen könne. Schon werden die Segel gespannt, die Anker gehoben und das Steuer-Ruder von der erfahrnen Hand eines Seehelden gefaßt, dessen edle bescheidne Miene schon Ehrfurcht und Vertrauen einflößt, der das Leben und Glück der Menschen zu schätzen weiß, die seiner Leitung überlassen sind, seinem wichtigen Beruf ohne Großsprecherei als ein ehrlicher Mann vorsteht, manchen Sturm mit Festigkeit und Klugheit bekämpft hat, ohne ihn in Journalen zu beschreiben, oder mit so grellen Farben zu schildern, wie der Ansbachische Schmierer hinter seinem Dachfenster das berühmte Revolutions-Gemälde, das zwei Ellen und einen Daumen groß, aber schlecht erfunden und keinen Heller wert war. Oh, welch ganz anderes Kolorit hat die Wahrheit, und wie glücklich ist ein Passagier, der, wie ich, einen scharfsichtigen Kapitän am Kompaß, einen erfahrnen Steuermann am Ruder weiß. Sei es ein Kriegs- oder Kauffahrteischiff, sie bringen es gewiß glücklich in den Hafen. In solchen hoffnungsvollen Gedanken ruhte mein Blick auf dem ehrlichen Gesichte des alten Schiffers, der sie mir eingab, als Kosodawlew bei uns vorbei in seine Kajüte eilte, um das Signal zur Abfahrt zu geben. Er nahm mich bei der Hand mit sich. »Munter, munter, Herr Leutnant.« sagte er scherzend. »Mein dirigirender Minister dort nimmt es mit allen Winden der Erde, und meine große Kaiserin mit allen Schutzheiligen in der Legende auf.« Und ich, während er veranstaltet, daß man ihre Flagge aufstecke, sitze andächtig an meinem schwankenden Schreibpultchen und bete es ihm nach: Vom Boristhen bis zur Garonne, Vom Wolgastrom bis an den Belt Durchschwebt ihr Name wie die Sonne Wohltuend jeden Teil der Welt, Und angelacht von Ihrem guten Gestirn, ruft mir mein Vaterland: Verlaß ein Reich, das Rauch und Tand, Um Gott zu blenden – Wünschelruten Zum Richtscheid der Gesetz' erfand, Das einen Greis dem Grab' entwand, Um auf dem Rade zu verbluten. Schon hebt Aurorens Rosenband Mein freies Schiff, schon fliegt der Strand, Wie Cäsar stürz' ich in die Fluten     Mein liebes Tagbuch in der Hand. * Leyden Den 25. März Oh, wie hat die große Frau meinen Glauben an ihr glückliches Gestirn und Kosodawlew mein Vertrauen zu ihm und seiner Kenntnis gerechtfertigt, die noch weit über Kompaß und Seekarte hinausreicht! War es doch, als ob Wind und Wetter ihm so gehorsam als die Matrosen, und die Wellen des Meeres nur Stahlfedern wären, die auf weichen Polstern uns hüben und forttrügen. In welcher Glorie ist mir die Natur erschienen, und wie freuten sich meine Augen an jedem wiederkommenden Morgen, daß sie noch nicht, verloren für die Anbetung Gottes, in des Grabes Moder versunken waren! Ich glaubte in jenem Blumental, das Agathen umschließt, den Sonnenkörper in seiner größten ätherischen Pracht besungen zu haben, ach, ungleich poetischer sah ich ihn in der feierlichen Geburtsstunde des Tages über den Horizont hervorwallen, und mein Erstaunen verstummte. Wer den Mond und die Sterne nur über dem Dunstkreise des Erdballs funkeln sah, denke ja nicht, daß er ihren wahren Glanz kenne, und niemand behaupte, sein eigenes Herz zu verstehen, der seinen Freund oder seine Geliebte noch nicht zwischen Wasser und Himmel umarmt hat. Breitete sich das eine immer so sanft und geschmeidig unter uns, der andere über unsere Häupter ebenso wolkenlos aus, als auf dieser meiner ersten Seereise, ich wüßte wohl, welchem Elemente ich mein irdisches Glück anvertrauen würde, denn nirgends fühlt man das kostbare Geschenk des Lebens dankbarer und inniger, als auf diesen schwimmenden Brettern, und nirgends reicht uns der Tod näher, schmerzloser und gaukelnder die Hand, als bei der Punschschale, die unsere Abende begeistert und von der wir nicht eher, als mit dem letzten Tropfen, in süßer Betäubung nach unserer Hangmatte taumeln, ohne darauf zu achten, wie sehr sie einem Leichentuche ähnlich sieht. Wer möchte nicht lieber in dem freien Weltmeere begraben sein, als in einem verschlossenen Sarge unter einer drückenden Erde, – dem Spielplatz aller bösen Neigungen, künstlicher Bedürfnisse und Laster. Wie verächtlich erscheint einem Beschiffer des Ozeans die übrige Welt mit ihren Eitelkeiten und Freuden. Der glücklichste Monarch kann nicht zufriedener von seinem glänzenden Throne gen Himmel blicken, als ein Seemann von dem Verdecke seines Schiffs. Die stärkende Seeluft, die physische Abgezogenheit von dem Beginnen der Menschen, entwickelt die schönste moralische in seiner Seele. Großherzig und neidlos belächelt er in seiner philosophischen Kajüte das Wettrennen des Hochmuts nach Rang, Ehrentiteln und nach den Gängelbändern widersinniger Orden, und ärgert sich über gelehrte Flugschriften, lügenhafte Zeitungen und das summende Geschmeiß, das seine faulen Eier hineinlegt, nicht eher, als bis er gelandet hat. Dann erst, in der Nähe geistiger und leiblicher Apotheken, von einem Sprach- oder Spielzimmer, von einem Tanz- oder Spiegelsaal in den andern getrieben, und verfolgt von dem Zungengeräusch der guten Gesellschaft, verläßt ihn sein glücklicher Gleichmut. Er sehnt sich ermattet zurück in seine schwebende Klause, und will lieber um verdiente heitere Tage und vorwurfsfreie sternhelle Nächte mit Sturm und wilden Fluten kämpfen, als mit den schmeichelnden Zephiren und den glatten Herzensergießungen der großen Welt um die Zerrbilder ihrer erdichteten Empfindungen, mit denen sie gegen die verwahrlosten Naturkinder, die ohne Anspruch auf Glanz edel nur denken und handeln, so gern groß tut. Ich schwöre dir bei allen Winden, die uns von dem Hafen zu Bordeaux aus bis an die holländische Küste trieben, daß während meinem Hinüberschweben mir nicht eine unmutige Stunde, kein trüber Augenblick in den Flug kam, außer da ich mit Anbruch des letzten Morgens meines Volontair-Dienstes, von dem Hurra des Schiffsvolks geweckt, ein Land aus dem Nebel hervorleuchten sah, das ich beim Schlafengehen noch hundert Meilen entfernt glaubte, und da bald nachher ich, indes mein Koffer, Tagebuch und Puderbeutel in ein kleineres Fahrzeug geladen ward, das wie ein Sarg auf mein Hineinsteigen wartete, tränend an der Brust meines guten Kapitäns, vor Schmerz kaum ein abgebrochnes Lebewohl stammeln konnte. Ich atmete noch schwer, als ich schon am Ufer stand, wußte vor Betäubung nicht, wie viel oder wie wenig ich den beiden Matrosen, die mich herüber gerudert hatten, als Beitrag zur allgemeinen Trinkkasse aus meiner Geldbörse in den Hut warf, und winkte mit dem meinen so lange noch dem lieben Schiffspatron zu, bis mich ein anderer Führer sehr verschiedenen Ansehens in einen räderlosen Wagen nötigte, und wie einen armen Sünder zum Richtplatz, von Scheveningen nach Haag und von da mit einem untergelegten Pferde nach der Leydener Treckschüte hinschleifte . . . * Den 28. März Zwei Tage habe ich nun schon in der süßesten Träumerei an der Seite meines geliebten Jerom verlauscht. Ein Glück für dich, daß sie zu reichhaltig an unbeschreibbar schönen Empfindungen des Wiedersehens waren, als daß ich mich nur einen Augenblick nach meinem schwatzhaften Tagebuche hätte umsehen mögen. Heute verschafft mir bloß die Bleikolik eines Mäklers einige Muße, mit dem entfernten Freunde so lange zu plaudern, bis der nähere mich vom Schreibtisch abruft. Wenn ich mich kurz fasse, kann ich dir viel erzählen. Der gute friedsame Holländer! Er konnte mich durchaus nicht länger in meiner militärischen Maske ausstehen, sobald das erste Schrecken vorbei war. Ich nahm so geschwind als ein Chamäleon die Lieblingsfarbe des Landes durch einen schwarzen Rock an, den ich nach Ablegung meines unschuldigen Ehrenkleides anzog. Jetzt erst stand ich mit dem philosophischen Arzte wieder auf dem sonnigen vertraulichen Fuß. Er nahm mich nun schon etwas herkömmlicher und beinahe neugieriger, als ein Pater seine Beichttochter, in Untersuchung. So willig ich auch zu dem aufrichtigsten Bekenntnisse war, so wollte es doch nicht recht damit fort. Ich stockte alle Minuten und warf das hinterste zu vorderst. Man ist nun einmal mündlich nicht nur weniger bestimmt, als schriftlich, sondern auch viel scheuer in seinem Vortrag; und da der Teil meinem Reise bis Marseille dort verbrannt und mein Gedächtnis viel zu ohnmächtig war, den Staub jener Ereignisse aufs neue zu beleben, so mußten besonders die zu Avignon notwendig an Klarheit verlieren; dennoch schüttelte mein Zuhörer mehr als einmal den Kopf zu meiner Erzählung. Als ich mir endlich, so gut es gehen wollte, bis zu meiner gefährlichen Krankheit fortgeholfen hatte, und nun aufstand, um die nachher niedergeschriebenen und ziemlich gut erhaltenen Protokolle meines weiteren Verhaltens beizuholen, glaubte er, daß nun die Reihe an ihm sei zu sprechen. »Bleiben wir für heute, lieber Wil'm, bei deinem Krankenlager stehen, was du, wie ich nun selbst von dir gehört habe, durch mutwillige Bestürmung der Natur, um den Ausdruck zu mäßigen, nur zu wohl verdient hast.« »Wie, Jerom?« fiel ich ihm in die Rede, »du nennst meine Lebensversuche Bestürmung der Natur, um nicht etwas Ärgeres zu sagen? Warst du es denn nicht, der mir zuerst eine leichtsinnigere Behandlung des moralischen Menschen gegen den Hypochonder empfahl, als er mich von meiner Berliner Studierstube aus schon eine ganze Strecke über den Rhein gejagt hatte? Waren es nicht Scherz und Liebe, die du mir in dem Gasthofe zu Straßburg als die besten Hülfsmittel gegen meinen drückenden Ernst vorschriebst?« »Großer Gott!« schlug er seine Augen in die Höhe, »wir armen, so oft mißverstandenen Ärzte! Verordnen wir einem Schlaflosen zwei Tropfen Opium, so nimmt er den folgenden Abend das Doppelte, freut sich des angenehmen Traums, in den er verfällt, leert zuletzt das ganze Glas und taumelt in die ewige Nacht!« »Hätte nicht schon Sabathier, von dem ich den traurigen Ausgang deiner Lebensweise nur zu umständlich erfahren habe, dir das Verständnis über die unglaublichen Mißdeutungen eröffnet, mit denen du meinen gutgemeinten Rat verunstaltet hast, du würdest jetzt eine viel derbere Lektion von mir bekommen. Der liebe Mann, der dir in der höchsten Not zu Hülfe kam, überbrachte mir, auf seiner Hinreise nach Edinburg, deinen kurzen Empfehlungsbrief, der für ihn ganz unnötig war, und verweilte einige Tage bei mir. Da ward denn deiner und deiner Vergehungen gegen körperliche und geistige Diät mit aller der Mißbilligung gedacht, die sie verdienen. Ich will wünschen, daß die gemachten Erfahrungen dich vor künftigen Rückfällen besser schützen mögen, als das Packt Rezepte, das er mir für dich zurückließ. Ich dächte, ein größeres könnte ich nicht in Jahr und Tag in unserm Hospital zusammenschnüren. Ich habe es deinem Kammerdiener zugestellt, um es zu deinen übrigen Kostbarkeiten zu packen, denn hier bin ich dir Arztes genug. Daß Sabathier dir, nach seiner Entfernung, nicht mehr zur Seite sein konnte, machte mich anfangs sehr um dich besorgt; denn, hatte ich nicht alle Ursache zu fürchten, daß deine Wiederkehr in die gesunden Tage so keck und ungestüm sein würde, als es bei schlaffen Seelen nur zu gewöhnlich und von den schrecklichsten Folgen ist? Zu meiner Beruhigung aber hörte ich, er habe deine Unbedachtsamkeit in die strenge Aufsicht eines andern rechtschaffenen Freundes gegeben, der« – – – »Ach, damit«, unterbrach ich ihn, »hat er den edlen St. Sauveur gemeint. Ja, teurer Jerom, diesen Mann kann ich zum Glück dir in seiner ganzen Vortrefflichkeit aus dem Überreste meines Tagebuchs kennen lernen, ohne daß ich die Schnittlinge in meinem Puderbeutel dazu ziehe, denn diese betreffen bloß die Genealogie Ludwigs des Vierzehnten.« »Was in aller Welt willst du damit sagen?« fragte er. »Hast du denn bei deiner Unordnung ein Tagebuch gehalten? und welche Gemeinschaft hat es mit deinem Puderbeutel?« Aber kaum erteilte ich ihm notdürftige Erläuterung über die beiden unterstrichenen Worte, so drang er in mich, die abgerissenen Glieder zur Ergänzung meines Skelets aus ihrer jetzt unnötig gewordenen Verborgenheit zu ziehen, schlug alle meine Einwendungen nieder und lief in die Nebenstube. »So höre doch nur, ungeduldiger Mensch.« rief ich ihm nach; er aber ebenso geschwind nach Bastian, der auf seine Anweisung bald darauf mit meinem Portefeuille zu mir hereintrat und den diplomatischen Puderbeutel neben mir auf den Schreibtisch setzte. Was blieb mir übrig, als meinem Wirt zu gehorchen, ob es schon keine leichte Aufgabe ist, eine so zerrüttete Biographie wieder in einen klugen Zusammenhang zu bringen. Das erste Blatt ward mir blutsauer, ehe es, in Ordnung geschoben, zum Abschreiben vor mir lag. Ich mußte den Atem an mich halten, um die oft winzigen Zerstückelungen der Toulouser Schere nicht auch noch auf dem Stubenboden auflesen zu müssen, oder eine aus ihrer Lage zu verrücken; dafür bin ich aber nun sicher, daß ich der Königin Anna nicht um einen Buchstaben Unrecht getan habe. Je mehr sich die Anzahl der kleinen Bruchstückchen in dem Puder verminderten, je geschwinder ging es mir von der Hand. Ich kam nach Maßgabe der Schwierigkeit mit meiner musiven Arbeit immer noch bald genug zustande, wenn du überlegen willst, daß ich oft ein Blatt, das du jetzt in einer Viertelsekunde umwendest, stückweise vielleicht zweihundertmal umwenden mußte, um auf die andere Seite zu kommen. Oh, wie würde unsern Autoren das Schreiben verleidet werden, wenn sie sich, oder andere, so abschreiben müßten. Meine große Geduld muß mir bei jedermann zur Ehre gereichen, der das Handwerk versteht. Der holprige Weg lag nun glatt und eben wieder vor mir, und freudig pochte ich an Jeroms Türe. Zu hastig im Hereintreten, flogen ihm alle die aufgehäuften Originalschnittchen meiner Handschrift wie Mücken und Sommervögel um den Kopf und schüttelten ihren weißen Staub ab. Er blies sich einen Weg durch die Wolke, trat aus ihr heraus, wie ein Apoll, setzte sich mir gegenüber und hörte nun der Vorlesung meiner mannigfaltigen Abenteuer mit gutmütiger Aufmerksamkeit zu. In meiner Krankheitsgeschichte, die ich, wie du weißt, nach Bastians Anzeige niederschrieb, kam ihm nichts so merkwürdig vor und beschäftigte sein Nachdenken mehr, als der stärkende ruhige Schlaf nach dem Delirio, in welchem ich die Hälfte meines Tagebuchs zerriß und zum Kaminfeuer beförderte. »Du nahmst,« sagte er, »ohne dir es deutlich bewußt zu sein, Gerechtigkeit an dir selbst, und die nachfolgende wohltätige Krise läßt sich ganz wohl erklären.« Über den Wahrsagergeist des heiligen Fiacres, neun Monate vor der Entbindung der Königin Anna, spottete er wie ein medizinischer Freigeist, lachte aus vollem Herzen über mein Verhör zu Toulouse, sowie über die Furcht, die mich auf die See trieb, und fing nun selbst an zu bedauern, daß die erste Abteilung meiner Reise in der Asche lag. Oh! es wird allen Lesern der zweiten so gehen, dachte ich. * Den 26. März Sei aufmerksam, Eduard, ich bitte dich. Als ich gestern abends mit dem heisern Hals eines Fastnachtspredigers in mein Zimmer trat, fiel mir das mächtig große Paket in die Augen, das Sabathier für mich bei Jerom niedergelegt hatte. Nun, Gott erbarme sich deiner! stemmte ich beide Arme in die Seite, wenn der gute Mann dir so viele Krankheiten zuteilt, als dieser Haufen Rezepte voraussetzt. Mein Körper, das gebe ich zu, bedarf freilich mancherlei Nachhülfe, aber Jerom hat recht mit dem Hospital. Nein, das sind sicher, besann ich mich, die zwei Quartanten mit Kupfertafeln, die der gelehrte Arzt vor kurzem über die Anatomie herausgegeben, und sollen wahrscheinlich ein Geschenk für deine Bibliothek sein. Sehr artig von ihm! Nur ist das keine Lektüre im Bette. Die Ansicht eines Menschengewebes befördert unter keinerlei Umständen den Schlaf, und vollends zergliedert, verursacht es mir allemal Krampf. Bleibt mir vom Leibe, sagte ich, indem mich ein Schauer überlief, stieg schnell zu Bette und weiß nun meiner Vorsicht nicht genug zu danken. Denn, als ich heute früh, beim Hin- und Wiedergehen am Teetisch, den Bündel nicht länger so vor mir sehen konnte, ohne zu wissen, was er unter seinem Siegel verbarg, hätte mir wohl kein anatomischeres Werk in die Hände fallen und keins mich mehr erschüttern können, als das ich eben auspackte. Die fabelhafte Wiedergeburt des Vogel Phönix versinnlichte sich hier vor meinen Augen. Freudiger könnte er wohl nicht aus seiner Asche aufflattern, als das klopfende Herz in meiner Brust. – Erstaunter könnte er schwerlich sein neu entwickeltes Gefieder lüften, als ich einen Heft nach dem andern meines, bis jetzt zerrissen und verbrannt geglaubten Tagebuchs an das Licht hob. Ich zählte diese bunten Federn meiner Flügel durch, es fehlte nicht eine, und mein Aufschwung zur Unsterblichkeit war nun nicht mehr zweifelhaft. Lange blieb ich, stumm wie eine Bildsäule, vor ihnen stehen, ehe ich zur Besinnung kam, mich nach dem mächtigen Schutzgeist umzuschauen, dem ich ihre wunderbare Erhaltung zu verdanken hätte. Welcher könnte es wohl anders sein, als der Retter meines Lebens, der verständige Sabathier. Er versteckte dem Wickelkinde das spitzige Spielwerk, um es ihm, wenn es größer und klüger sein würde, väterlich lächelnd zurückzugeben. Unter diesen Gedanken öffnete ich seinen Brief, aber wie heftig war auch nun der Gegenstoß, den meine Erwartung erhielt, als ich folgendes las: »Lernen Sie endlich, an der Grenze Ihrer Gesundheitsreise, den barmherzigen Bruder kennen, der mich mit sechs Pferden von Montpellier abholen ließ, als Sie zu Marseille mit dem Tode rangen, mich mit rührender Beredsamkeit beschwor, Ihnen beizustehen, und mir das zufällige Glück Ihrer Herstellung fürstlich belohnte. Er war es, der Ihre Handschrift der Vernichtung entriß, indem er statt derselben Ihnen aus einer alten Postille, die nach einem gewöhnlichen Schicksal, das Sie vielleicht nie treffen wird, zu Makulatur geworden, in der Nähe lag, die Anzahl Bogen zureichte, die Sie in der Fieberhitze verlangten. Sie zerschlitzten mit sichtbarem Wohlgefallen einen nach dem andern, und bezeigten, da sie im Kamin aufloderten, so viel Freude, als bei einer guten Handlung. Diese glückliche Täuschung hat nicht nur Ihr Tagebuch, sondern auch ebenso gewiß den Erkrankten gerettet, der es schrieb. Sie kühlte sein Blut, beruhigte seine aufgeschreckte Phantasie und verschaffte ihm jenen erquickenden Schlaf, den alle meine Opiate nicht bewirken konnten, und der die Heftigkeit seines Fiebers brach. In der Anlage wird er sich Ihnen selbst, und zwar nicht bloß als den seltensten Menschenfreund, sondern als den strengsten Beurteiler Ihrer Selbstbekenntnisse zu erkennen geben. Er las sie mit Tränen hinter dem Vorhang Ihres Bettes, indem er bei jeder, vergeben Sie mir den Ausdruck, leichtsinnigen Äußerung mitleidige Blicke auf Ihr Krankenlager warf, und Ihre verlaufenen und verschleuderten Tage mit den gegenwärtigen trostlosen Stunden verglich, die, wie wir uns beide nicht verhehlen konnten, von jenen nur zu gewiß abstammten.« Dieser Vorbericht benahm mir beinahe die Lust, mit dem barmherzigen Bruder, auf dessen geweihtes Haupt ich übrigens allen Segen vom Himmel erbitte, in nähere Bekanntschaft zu treten. Wie es scheint, hat er meinen vorliegenden Text nur deswegen aus dem Feuer gerettet, um eine Strafpredigt darüber zu spannen, die vermutlich an Erbaulichkeit die alte Postille übertreffen sollte, die er mir zum Zerreißen preisgab; denn welcher geistliche Redner traut sich nicht mehr Beredsamkeit und Salbung zu, als seinem Konfrater. Ich kratzte mich lange hinter den Ohren, ehe ich mich entschließen konnte, sie meinem frömmelnden Tadler zu öffnen; aber kaum, daß ich seinen dickleibigen Brief entsiegelt und den ersten Blick auf die Unterschrift geworfen hatte, so fiel er mir auch vor Herzklopfen aus der Hand. Oh diese letzte, schrie ich laut auf, ist auch deine schönste Überraschung, mein, mehr als alle barmherzigen Brüder, mein teuerster St. Sauveur. Nur mit zitternden Händen konnte ich den Brief wieder aufheben, küßte und legte ihn mehrmal in seine alten Brüche, ehe ich ihn auseinander schlug und mich andächtig genug gestimmt fühlte, ihn zu lesen. Welche Bewunderung hat er mir nicht seitdem schon abgenötigt, in welches Entzücken mich versetzt und wieviel süße Tränen der Dankbarkeit meinen Augen entlockt. Ich schreibe dir ihn nicht ab, lieber Eduard, nicht bloß deshalb, weil er für die Kürze der mir zugemessenen Zeit zu lang, sondern auch, weil dies Meisterstück an Schönheit des Vortrags, wahrer und doch schonender Freundschaft, mein armes Tagebuch gar zu sehr in Schatten stellen würde. Wenn wir nach unserer frohen Zusammenkunft uns erst einige Abende hindurch an diesem matt gelesen – der leidenschaftlichen Sophistereien – der bösen Beispiele und der schlüpfrigen Bilder, die es hier und da enthält, genug haben und unsere Herzen welk fühlen; dann wollen wir uns der Ergießungen dieser reinen Quelle, dieser edeln, großen und fühlenden Seele, als eines stärkenden Labetrunks nach vielen erschlaffenden schwülen Tagen, mit desto innigerer Wollust freuen und ohne den Schreiber, der jene nur allzutreuen Gemälde einer unsittlichen Welt abstahl, in die Hölle zu verdammen, dem frohen, festen Sinn seines gutmütigen Tadlers für Tugend und Menschenwürde, vorzüglich aber den geheimen verschlungenen Wegen nachspüren, die ihn zu dem Gipfel, von dem er nun auf uns herabsieht, erhoben und die wir, trotz unserer Scharfsichtigkeit, lieber Eduard, beide noch nicht entdeckt haben. Oh, warum kann ich ihm nicht in diesem Augenblick für den hohen Genuß seiner sanften Belehrung dankend zu Füßen fallen! Wie, um Gottes willen, ging es zu, daß ich nicht schon aus der zarten Behandlung meiner bis zum Zerbrechen gesunkenen Maschine, den Freund erriet, der allein Menschenkenntnis genug besaß, sie wieder in ihre physischen und moralischen Fugen zu zwingen. Mußte mir erst sein Brief den Retter meines Tagebuchs kennen lernen? Wen, außer ihm , hätte ein so feiner Takt leiten können, die Nachwehen eines sich selbst vernichtenden Autors zu fassen, das Unglück, das er seinen Geisteskindern drohte, abzuwenden und seine lebenslängliche Trauer über aufgeopferten Nachruhm in ein wahres Auferstehungsfest zu verwandeln? Wie konnte ich zu Marseille, und auch hier noch, fuhr ich immer staunender zu fragen fort, einem unbekannten Mönche jene Ehrfurcht für einen Weltmann, die brüderliche Sorgfalt an meinem Krankenbette, die uneigennützige Verzichtleistung auf Kostenersatz, Belohnung und Dank, wie konnte ich ihm einen Augenblick zutrauen, daß er an einen sterbenden Ketzer wichtigere Geschenke wagen würde, als einen geruchlosen Rosenkranz und die letzte Ölung. Wie ging es zu, – schlug ich mich zuletzt noch vor die Stirne, daß keiner meiner Wächter und Wärter mir das Geheimnis verriet? Bastian half mir aus dem Traum. »Wir,« sagte er, »so viel wir unser waren, sahen diesen Abgesandten des Himmels nur schwarz gekleidet vor Ihrem Bette und nach seiner Verschwindung kein einzigmal wieder.« Jetzt begriff ich, warum der Schlaue, aller französischen Höflichkeit entgegen, mich nie mit einem Gegenbesuche beehrte, – nie zu einer gemeinschaftlichen Spazierfahrt abholte, und so fremd mit meiner Haushaltung tat, als habe er in seinem Leben kein Wort von dem alten Maler Sperling und den beiden Puppenspielern gehört, ob ihm schon ersterer eine fast verlorne Erbschaft und die andern ihre Befreiung von Tortur und Galgen zu verdanken hatten. Hochgepriesen sei mir sein System. Noch hat kein anderes meine Seelenkräfte so auf einmal, wie durch einen elektrischen Schlag zu erschüttern vermocht, als seine heutige Überraschung. Gleich dem sokratischen Genius leitete mich seine unsichtbare Hand bis zu dieser seligen Stunde der Erkenntnis. O daß sie, rief ich kleinmütig aus, für die höchste meiner Lebensfreuden mit demselben Gelingen fortwirke! – stellte mich an das Fenster, blickte, Tränen der Zärtlichkeit in den Augen, gen Himmel und dachte eine ganze Weile noch an ihn und Agathen, ehe ich meinen großen Fund unter den Arm nahm und nach Jeroms Studierzimmer eilte. »Hier bringe ich dir«, trat ich vor seinen runden philosophischen Drehstuhl und Arbeitstisch, »meine weitläuftige Krankheits-Geschichte nebst allen dazu gehörigen Belegen an Heilungs- und Präservations-Mitteln. Untersuche doch, ob sie des Aufhebens wert sind. Dein Ausspruch soll entscheiden.« »Gut, lieber Wil'm,« wendete er sein ernsthaftiges Gesicht von seiner Schreiberei ab gegen mich, »das hat aber Zeit bis auf den Abend. Jetzt habe ich mein Nachdenken für preßhaftere Personen nötig, als du bist. Allen Respekt,« staunte er mein Paket an, »für den gelehrten Sabathier, aber was will er mit diesem Schwall von medizinischen Verordnungen? Der Arzt, glaube mir, kann so gut, als der Moralist, seine Lebensregeln auf eine Quartseite bringen. – Doch lege nur einstweilen deine Gegenbeweise,« streckte er ungeduldig seine Feder einem Lesepult zu, »dorthin neben Zimmermanns Erfahrungen, und wenn du nichts Besseres vorhast, so besuche indes so lange unsere Hörsäle, Professoren, Kirchen, Armenanstalten, oder was du sonst willst, bis ich dir wieder zu Diensten sein kann.« »Du bist heute kurz angebunden, lieber Jerom,« erwiderte ich. Statt zu antworten, reichte er mir, mit einem Blick, der mir ans Herz ging, die Namenliste aller der Leidenden hin, die auf Strohsäcken und seidenen Betten nach baldigem Trost aus seinem Munde ächzten, tunkte seine Feder frisch ein und schrieb weiter. Ich erschrak über dies übernächtige schwarze Register so sehr, daß ich, wie von Gespenstern verfolgt, aus seinem Museo nach dem unerträglich leeren meinigen flog. Hier, nach einem kurzen Besinnen, versuchte ich das möglichste, um mich aufzuheitern, aber es ging nicht. Umsonst durchbildete ich ebenso zaghaft meine leicht zerbrechliche historische Scheiben-Sammlung, als mit poetischer Dreustigkeit jene noch im Archiv der Liebe verschlossene, von Agathens Reizen; aber auch diese so oft erprobte Linderung wollte nicht anschlagen. Fort denn, rief ich, in die freie Luft! und machte mich mit meinem verstimmten Instrumente auf den Weg, spannte die Saiten aufs höchste, brachte aber doch nichts, als Mißtöne hervor. Nach einem irrenden Spaziergang längs dem Kanal schlenderte ich verdrossen auf den Marktplatz, und, nachdem ich hier und dort lange genug andern im Wege gestanden und von dem Vorgesehn der Lastträger, die den geraden ihrigen gingen, erschreckt worden war, flüchtete ich, einfältig genug, dem deutschen Kaffeehause vorbei in das holländische . Da hatte ich es vollends getroffen! An der Vaterlandsche Currant , die man mir hinschob, war mir so wenig gelegen, als an einem Glas Genever, das man mir vorsetzte, und bei der schwatzenden Gesellschaft, die sich in langsamer Bewegung durchkreuzte, verunglückte mir jede höfliche Annäherung. Meine Wetter-Beobachtungen und andere dergleichen unschuldige Einleitungen zum Gespräch, mit denen ich in Berlin recht gut durchkomme, machten hier nicht den geringsten Eindruck. Ein kurzes ja woel myn heer war der ganze Weihrauch, den mir hier und da einer aus seiner Pfeife unter die Nase blies. In Avignon, Marseille und andern artigen französischen Städten sah ich mich oft noch stundenlang von einer hübschen Aufwärterin oder einem gesprächigen Markör aufgehalten, wenn ich schon meinen Hut von der Wand gelangt hatte. Hier bekümmerte sich keine Seele darum. Man ließ mich ruhig über die Schwelle, sobald ich mein Doppelchen für die Ansicht des mir zugemuteten Aquavits auf den Teller gelegt hatte. Schmollend, ohne recht zu wissen, ob über die hiesige oder meine gewohnte Lebensweise, schlug ich einen längeren Umweg durch schnurgerade Gassen, nach – wie soll ich es nennen? nach einem leidlichern Gefühl ein, und geriet, als wenn heute ein böser Geist sein Spiel hätte, unvermutet an das Eckhaus, wo ich ehemals gewiß bequemer wohnte, als Peter der Große während seiner Studien des Schiffsbaues zu Saardam. Ein struppiger Tituskopf streckte sich jetzt aus demselben Schubfenster vor, aus welchem ich sonst mit gekräuseltem Haar über die vier Fakultäten hinweg in die offene Welt lachte. Noch immer, wie zu meiner Zeit, verzierten japanische Blumentöpfe das Ruheplätzchen des Erkers, wo ich so oft Jeromen die Schweißtropfen von der Stirne trocknete, wenn er ermüdet aus dem botanischen Garten zurückkam. Die drei Universitätsjahre, die ich als Mietmann neben seiner Studierstube, ach, ich mag es einkleiden wie ich will, gedankenlos, aber das muß auch wahr sein, sehr jovialisch vertändelte, gaukelten mir in der lebhaftesten Erinnerung vorüber. Dennoch ward es mir auf einmal so unheimlich in der Nachbarschaft dieser meiner Jugend-Herberge, daß ich mir den Sporn gab und mit dem immer beibehaltenen Eifer für die Naturgeschichte, den Meerwundern auf dem Fischmarkt einen fliegenden Besuch machen wollte; aber kaum war ich um den Laternenpfahl herum, so stieß ich, da ich es in dieser Prüfungsstunde gerade am wenigsten wünschte, auf meinen lieben Schulfreund, den in allen Gassen beschäftigten Jerom. »Wo kommst du her?« warf er mir im Fortgehen die Frage vor. »Von der Betrachtung«, rieb ich mir die Stirn, »unserer ehemaligen Wohnung, und du?« – »Aus der Marterkammer«, erwiderte er, »einer zum erstenmal gebärenden, aber nun mit dem frohsten Erstaunen belohnten Mutter, der ich eben die Ausbeute eines schönen Jungens zutage gefördert und an die bebende Brust gelegt habe. Jetzt gehe ich, wenn du mitwillst, in das Arbeitshaus, um ein wenig auszuruhn, und dann in der Nähe dort, zu dem ungeduldigsten Domine von der Welt, um ein ihm sehr dienliches Quartanfieber zu bewillkommnen, das«, er sah nach der Uhr, »in Zeit einer halben Stunde eintreffen wird.« »Wohl bekomme dir, lieber Jerom«, hing ich mich gähnend an seinen Arm, »deine Visite beim Domine und deine Ruhestunde im Arbeitshause. Dazu wäre mir aber eine Bildergalerie lieber, wenn eine da wäre.« »Das ist dir zu glauben,« lächelte er, »leider nur sind dergleichen Asyle des Müßiggangs, das mußt du ja von Alters her wissen, bei uns nicht hergebracht. Wir benutzen unsere Säle zu notwendigern Dingen, nicht aus Geringschätzung der Kunst und des Geschmacks,« antwortete er meiner spöttelnden Miene, »denn wie viele unserer wohlhabenden Einwohner besitzen nicht Sammlungen von den schönsten Gemälden, aus denen man eine größere, als die Düsseldorfer ist, zusammensetzen könnte.« »Ja, ja,« nickte ich mit dem Kopfe, »wohl schade um die Meisterstücke der niederländischen Schule, um eure Rembrands, van Dyks, Gerhard Dows, Wouvermanns und de Wit's, deren so viele noch in den Achter- und Binnenkammern und Comptorchen gemeiner Bürger unverantwortlich zerstreut und dem ehrsamen Publikum versteckt sind.« »Herkömmlicherweise, sagst du?« »Nun ja! aber ich möchte auch wohl wissen, was es in Holland nicht wäre? von seinen Gesetzen und Sitten an bis auf die Physiognomie seiner Gärten, Dörfer und Städte. Der Genius der Zeit vermag nichts über das ewige Einerlei eures mit Recht bewunderten Landes, wenn man es nämlich zum erstenmal sieht; käme aber auch ein Reisender wieder nach hundert Jahren zu euch, ich wette, er findet weder eine modische noch ästhetische neue Anlage, oder eine merkwürdige Erscheinung unter euerm Horizont, die vorher noch nicht da war.« »Das will ich dir«, endigte Jerom unser Gassengespräch, »nächsten Tages durch den Augenschein widerlegen,« und so trennten wir uns am Tore des Werkhauses, bis uns der Mittag wieder zusammenbrachte. In einer holländischen Stadt tritt er pünktlich, fast so spät als in Regensburg, aber, als Nothülfe der aufs genaueste berechneten physisch errungenen Erschöpfung, so reich ausgestattet, als dort, ein, schreitet abgemessenen Gangs von einer nahrhaften Schüssel zur andern fort, bis unter den zusammenfließenden Nebeln des Tees, Tabaks und der Kanäle, die Stunde der Verdauung und gesellschaftlichen Unterhaltung über die Erntetabellen der Börse, protestierten und akzeptierten Wechsel, geglückten oder mißlungenen Spekulationen, anbricht. Da ist es denn kein Wunder, wenn während dem Unsereins sich nach den ganz andern Zeitverkürzungen in Berlin zurücksehnt. * Den 27. März »Und wenn du nun«, sagte Jerom, als ich beim Frühstück des Heimwehs, das mich gestern befiel, und der Bewegungsgründe erwähnte, die es auch heute noch, laut genug, unterstützten, »jene Zeitkürzungen erreicht hast, – die ich dir wohl so fein zergliedern wollte, als den unnatürlichen Auswuchs eines schwammigen Körpers – wirst du dich darum in deiner spekulativen Schlafkammer, wie ich sie einstweilen nennen will, glücklicher und großherziger zu Bette legen, als ein betriebsamer Spediteur allgemeiner Bedürfnisse – ein Bankier von Kredit – ein tätiger Negociant in der seinigen? wirst du von deinem Ausflattern in den leeren Raum der vornehmen Welt weniger ermüdet und zufriedener zurückkommen, als jene von den Schiffswerften, den Packhäusern und der Börse? Kannst du aus deiner erhabenen Sphäre – können alle, die dir gleichen, wohl das Herz haben, mit Stolz auf unsere Demut, mit Neid auf unsern Erwerb, mit Spott auf unsere einfachen Erholungen herunter zu sehen? Gesetzt sogar, lieber Wil'm, laß uns immer einmal ernstlich darüber sprechen, du könntest deine viel bedürfende Weichlichkeit in allem befriedigen und stiegest nur an Blumengeländern, erst nach einem Säkulo, wie Fontenelle, ins Grab, würde dein langgedauertes Dasein, bei allen genossenen Freuden, verdienstlicher, als das unsere, und die Erde dir darum leichter werden, als uns und allen und jeden dienstbaren Bienen an dem großen Honigstocke der Welt? – –« Dergleichen Hohlspiegel lasse ich mir nun nicht gerne lange vors Gesicht halten, drum drückte ich dem Redner, als wenn es aus dankbarem Gefühl geschähe, stillschweigend die Hand und ließ ihn, um nicht als Raubbiene seinen Stachel zu reizen, so viel Wachs, Saft oder Wasser, als er fortschleppen konnte, den Zellen seiner summenden Mitgehülfen zutragen. »Ich gönne«, murmelte ich hinwärts nach meinem Schreibtisch, »dem fleißigen Gewürm seine Freude von ganzem Herzen. Mehr kann ich, mehr kann ein Kammerherr nicht tun. Unsere zwar schön vergoldeten Schlüssel – übrigens aber, das wissen wir alle, vom dem schlechtesten Metall, können freilich weder Vorrats- noch Werkhäuser öffnen, denn sie öffnen gar nichts und schließen nirgends, müssen jedoch, wie alles in der Welt, zu etwas nütze sein, weil sie da sind.« Bei dieser tiefsinnigen Ausrede ließ ich es einstweilen bewenden. * Den 30. März Es war mir die paar Tage her ganz unlustig zumute, und dabei recht angst, daß Jerom mit Untersuchung meiner handschriftlichen Beichte nicht so geschwind fertig werden möchte, als ich abzureisen wünschte, denn er erwähnte derselben bis heute morgen mit keiner Silbe. Er habe, führt er zur Ursache an, in meinem Prozeß mit der Moral – ein sonderbarer Ausdruck – manche Seiten mehrmal überlesen müssen, um meine Sophistereien ins klare zu setzen, und sein Endurteil doch auch nicht eher abgeben mögen, bis er nicht erst selber darüber mit sich einig geworden wäre; müsse aber zu seiner Schande gestehen, daß es ihm damit nicht besser geglückt sei, als den meisten Fakultisten mit Kriminalakten. »Meines Dafürhaltens«, fuhr er fort, »tust du am klügsten, du stellst deine Sache der öffentlichen Meinung und der Mehrheit der Stimmen anheim. Hätte dem Vagabonden, werden nun wohl die meisten Leser mit mir übereindenken, immer ein Arzt, wie Sabathier, ein Mentor, wie Saint-Sauveur, zur Seite gestanden, seine Reisebeschreibung wäre zweifelsohne nicht minder erbaulich und nützlich für unsere Kinderstuben ausgefallen, als weiland Fenelons seine vom Telemach; denn sich selbst überlassen, belehrt uns sein Tagebuch nur zu deutlich, kommt er in allem Guten eher zurück als vorwärts.« Ich schickte mich an, meine Einwendung dagegen vorzutragen, aber – »Auf den Abend,« unterbrach er mich, »wenn mein Tagewerk vollbracht sein wird, das Weitere davon!« entfernte sich und läßt mich sonach noch immer über seine endliche Entscheidung in Ungewißheit. Seit der Teestunde ist meine Angst vorbei. Mein Tagebuch, kann ich dir nicht eilig genug zu wissen tun, hat die letzte Probe, die ich noch erwartete, hat nun mit der seinigen die Kritiken zweier gleich großen Welt- und Menschenkenner, als es nicht leicht nach ihnen einer wieder vor die Brille nehmen wird, überstanden. Wie viele deutsche Bücher mögen wohl dieselbe Aufmunterung für sich, und einen so schönen Beruf haben, ihre Wurzeln auf dem vaterländischen Boden weiter zu schlagen. Nur nicht so verwundert getan, mein lieber Eduard! Du wirst doch wohl nicht immer meinen Autor-Kitzel für Scherz gehalten haben, wenn ich mit lachendem Munde davon sprach; denn kann man denn wohl von diesem Jucken sprechen, ohne selbst darüber zu lachen? Ich unterliege ihm jetzt vollends, so schwach als ein Kind. Weder dein Ernst, noch dein Spott darüber sollen mich anfechten; denn wenn uns, sage ich mir, ein längst totgeglaubter Freund nach unendlichen überstandenen Gefahren zu Wasser und zu Lande, auf einmal, frisch erhalten und lustig in die Stube gepoltert kommt, laß ihn selbst schmutziger erscheinen, als den verlornen Sohn in der Bilderbibel, wie verschränkt müßte das Herz sein, das nicht in der unaussprechlichen Freude des Wiedersehens, wenigstens seine Hausnachbarn, Blutsfreunde und andere liebe Bekannte zusammentrommelte? Und ist das nicht ganz der Fall mit mir, meinem Tagebuche und seinen Lesern? Freilich, kann ich nicht leugnen, hätten seine beiden ersten Besichtiger gern verschiedene der Malereien, die es mitbringt, retouchirt, einige verschliffen, andere wohl gar, in der andächtigen Stimmung des verstorbenen Herzogs von – – – – vernichtet, um den Hofdamen kein Ärgernis zu geben. Was sagen aber auch die Freunde der Kunst zu seiner Bilderstürmerei? Er verschonte so wenig die Unschuld der Bathseba, als den trunkenen Lot mit seinen Töchtern, von van der Werst, weder Rubens' fleischige Grazien, noch die schlankesten badenden Nymphen von Albano, ließ von seinem Kabinettsmaler alle akademischen Nuditäten in der väterlichen Verlassenschaft, je reizender sie waren, desto eher, aufs neue grundieren und erbaulichere Figuren darauf setzen. Nun sah es freilich kein Mensch dem König David mit der Harfe, den Prinzessinnen des Hauses, oder andern Familien-Porträts an, was hinter ihnen steckte, und der Teufel konnte sein Spiel so wenig damit treiben, als der Herzog selbst, denn er starb ohne Kinder. Meinen armen Zeichnungen wäre es, wie gesagt, nicht besser ergangen, hätte es nur ohne Nachteil des Zusammenhangs so leicht geschehen können, als in jener fürstlichen Bilderkammer. Aber St. Sauveur, der sie aus dem Feuer riß, ließ seine zum Versuch des Ausbesserns erhobene Hand so gut sinken, als Jerom, der mir mein Portefeuille nach dreitägiger Durchsicht mit einer Erklärung soeben wieder zurück gebracht hat, die ich lieber verschwiege, wenn ich etwas zu verschweigen gewohnt wäre. »Hier, Wil'm,« trat er mit einem Lächeln, das mir nicht gefiel, in mein Zimmer, »hast du deine – wie du sie zu nennen beliebst – Rezepte wieder. Als Arzt weiß ich gar nichts damit anzufangen.« – »Gar nichts?« fiel ich ihm in die Rede. »Das ist arg!« »Und als Philosoph«, fuhr er echt holländisch fort, »ebensowenig.« »Gib dein Werk aus, für was du willst, nur nicht für ein moralisches Vehikulum – dazu ist und bleibt es verdorben. Das wenige Gute, was hier und da darin, gleich Weizenkörnern unter Spreu, verstreut liegt, würde keine Hand voll dienlicher Aussaat betragen, wenn man sich auch die undankbare Mühe geben wollte, sie von ihrem Unrat zu sichten. Und wem könnte am Ende auch wohl auf einem Erdstrich, der von Kultur so strotzt, wie dein Vaterland, mit solch einer Kleinigkeit gedient sein?« Ich runzelte die Stirn und schlug die Augen zu Boden. »Deine Offenherzigkeit,« fuhr er nach einer zwar kleinen, aber doch immer sehr demütigenden Pause fort, »und die Wahrheit deiner Ohrenbeichte, ob sie schon der neugierigste Sündenerforscher weniger treu wünschen würde, verdient indes –« ich schöpfte wieder Atem – »einige Schonung. Es steht vielleicht zu hoffen, daß sie manchen Verstockten, der sich vor Priestern und Leviten weiß brennt, zum erstenmal schamrot mache – Gott gebe, daß es nur nicht auch in weiblichen Engeln das Blut hebt! – und dies ist beinahe das einzige, was mich abhält, auf gänzliche Unterdrückung deiner buntscheckigen Selbstbekenntnisse zu stimmen. Möglich auch, daß sie andere, der Sittlichkeit noch schädlichere Schriften, sophistische Romane, kasuistische Betrügereien, aus den Lesezirkeln verdrängen, und so kann man freilich nicht wissen, ob du nicht zufällig der Welt wohl gar noch einen Ritterdienst leistest.« »Die scharfe Lauge, welche Kunstrichter«, setzte er ironisch hinzu, »über den Verfasser ausgießen werden, soll es übrigens wohl verhindern, daß dieser nützlichen Tagebücher nicht zu viele entstehen, denn ihre Vervielfältigung könnte leicht ein anderes Unglück anrichten, das den, ohnehin zweideutigen Wert des deinigen weit überwöge, nämlich« – ich horchte hoch auf – »daß leichtsinnige, kurzsichtige Jünglinge die Fehltritte, deren du auf deiner paarmonatlichen Reise so viele begingst, und unbefangener, als nötig war, eingestehst, für den, allen vernünftigen Menschen gewöhnlichen Fortgang zur Erkenntnis hielten, und aus Furcht, eine Ausnahme zu machen, immer weiter von der rechten Straße abkämen.« Ich war heilfroh, daß der liebe Strafprediger abgerufen ward, aber er kam nur zu bald, und zugleich auf seinen verlassenen Text wieder zurück. »Da haben wir«, warf er ingrimmig seinen Hut in die Ecke, »die Folgen eines unbewachten Lebens in terminis . Eben komme ich von dem Bette des Elends eines jungen Mannes, der mit der langwierigsten aller Todesarten – mit der Schwindsucht kämpft, und Vergehungen an der wohltätigen Natur mit der Rückendarre büßen muß. Wehmütig hängen seine hohlen an den großen blauen, tränenden Augen einer ihm seit kurzem unverdient zuteil gewordenen liebenswürdigen Gemahlin, deren Umarmung ich ihm als einen Meuchelmord untersagt habe, durch den er die Schuld seiner Selbstentleibung – es ist schrecklich zu denken – noch in der Verwesung bis zum Greuel seines Andenkens vergrößern, und über seinen Grabhügel eine Saat von Nesseln verbreiten würde.« »Die einst so frischen Bilder seiner, der Wollust geopferten Tage umgaukeln jetzt als verzerrte Masken sein Lager, und jene grausamen Spielwerke seiner tändelnden Hand, jene der Unschuld abgelockten Schleier, fallen jetzt, als so viele drückende Leichentücher, über sein brennendes Haupt. Bange, schlaflose Stunden treten an die Stelle verlaufener flüchtiger Freuden, und verkümmern ihm, gleich unbarmherzigen Gläubigern, die Schlußrechnung seines vergeudeten Lebens. Ärzte, Philosophen und Priester stehen niedergeschlagenen Gesichts vor dem nach Beruhigung Ächzenden; denn welche Kunst und Wissenschaft vermöchte solch ein Verschmachten, diese Seelenangst, dies Grausen vor der Zukunft zu heben?« »Halt ein, lieber Jerom,« unterbrach ich ihn, »solche schauderhafte Gemälde kann nur ein Arzt, wie du, kann nur ein Zergliederer entwerfen, der eines schneidenden Messers gewohnt ist.« »Nein,« erwiderte er, »ich stelle dir nur eine von den täglichen Erfahrungen für jeden Beobachter entgegen, der seine Augen gebrauchen will. Dir selbst sind ähnliche Trauergestalten auf deinen Schleichwegen begegnet, du hast sie oft treu genug abgezeichnet, aber ihren Eindruck immer wieder durch schnellen Übergang zu andern leichtfertigen Bildern geschwächt. Das ist der größte Vorwurf, den ich deiner Art zu malen mache, ob ich dich gleich zu gut kenne, um dir eine gottlose Absicht dabei Schuld zu geben.« »Kannst du, zum Beispiel, bei der öffentlichen Ausstellung, die du vorhast, und zu der sich, wie gewöhnlich, gewiß mehr neugierige, unerfahrne Müßiggänger drängen werden, als unbestechbare Kenner, jenen Avignonischen Zeichnungen ihre verführerische Wirkung benehmen?« »Ja, das kann ich,« hielt ich ihn beim Ärmel, da ihn eben ein Billett von einer kritzelnden weiblichen Hand, bei dessen Durchlesen er die seine einigemal an die Stirne, und die Augen mit sichtbarem Entsetzen in die Höhe schlug, schnell auszugehen nötigte, »wenn du mir erlaubst, nur diesen einzigen Fall deiner Praxis in mein Tagebuch einzutragen, ich will dich auch gern nicht über den Brief noch abhören, der dich eben so gewaltig erschreckt hat. Für meine Kunden wird schon dieser Erguß deines empörten menschlichen Herzens hinlänglich und der beste Temperirtrank sein, den ich ihnen neben jenen französischen Philtres vorsetzen kann, die ich an der Grenze gegen deutsche Quacksalbereien eintauschte. Es müßte doch wunderlich zugehen, wenn sie nicht ihre eigene Vernunft über den Gebrauch des einen und den Mißbrauch der andern verständigte.« »Meinst du?« brach er die Unterredung kurz ab, nahm seinen Hut und überließ mich meinem Protokolle. Und so möge denn meine Hoffnung zu euch, ihr meine jungen, leicht zu befangenden, oft allzugefälligen Leser nicht fehlschlagen! Vorstehendes Gespräch mit einem der ehrlichsten Laboranten guter Tisanen für Körper und Geist, das ich euch so frisch hinreiche, als jene Frühlings- und Herbstblumen, die ich, ein bloßer Dilettant in der Botanik, mit Kletten und Disteln, bunt durch einander, wie sie mir auf meinen Wanderungen in die Augen fielen, zu einem Strauß band, ist mir, ich gestehe es, schwer über die Feder gegangen. Dafür aber auch, dachte ich, muß diese heroische Verleugnung der Eigenliebe am Schluß eines Tagebuchs in allen guten Seelen eine ganz andere Rührung bewirken, als der Eingang der Selbstbekenntnisse meines großen Vorgängers. Gutmütiger , fühle ich mit innerer Zufriedenheit, hat sich wohl nie ein deutscher Autor gegen seine Leser, und weniger schlau gegen die Rezensenten benommen. Ja, selbst, wenn jene – ich erstaune über die männliche Entschlossenheit meines Herzens – auch noch St. Sauveurs Brief einzusehen, und diese , die sich auch damit nicht abfertigen lassen, eine Geißelung von meinen eigenen Händen verlangen, die bis aufs Blut geht. Auch das! Man lasse mich nur erst Berlin und meine Studierstube wieder erreicht haben. * Den 1. April Heute also, nachmittags, will Jerom mich mit der Seltenheit seines Landes, auf die er mich vorgestern vertröstete, bekannt machen, die wir selbst, setzte er jetzt noch hinzu, während unsern akademischen Lehrjahren, wo uns doch kaum etwas unglaublich vorkam, nicht für möglich würden gehalten haben, und was bis jetzt noch in keinem bekannten Erdstrich, außer Italien, zur Reife gediehen wäre. »Im Freien?« fragte ich. Er bejahete es. »Nun, so wird es Zuckerrohr, Ananas, oder wohl gar die beste Frucht der Welt, die Mangostine sein, die ich auf St. Sauveurs Hochzeit, eingemacht nur, schon über allen Ausdruck vortrefflich fand.« Er ging von mir, ohne zu antworten, bestellte die Mahlzeit eine Stunde früher und zugleich den Roef Roef – ein von den übrigen Passagiers abgesonderter Raum auf einer holländischen Treckschüte. für uns beide allein auf der Amsterdamer Treckschüte. Mag es doch sein, was es will! Nil admirari war Rousseaus Devise und soll auch von heute an die meinige sein. Wenn du etwan dachtest, ich sei zur Feier des heutigen Tages in April geschickt worden, so hast du zu früh gelacht, guter Freund. Nein, ich habe heute, an dem letzten Abend meines Hierseins und sonach recht zur gelegenen Zeit einen in der Tat höchst merkwürdigen Schlußstein für das Gewölbe meines Tagebuchs nach Hause gebracht, und lasse nunmehr der patriotischen Behauptung Jeroms volle Gerechtigkeit widerfahren. Für die unserer Maschine so nötige Erholung nach einer guten Mahlzeit kenne ich doch nichts Zweckmäßigeres, als eine holländische Treckschüte. Unsere Fahrt wie auf Öl, von Leiden bis zu einem der nächsten Dörfchen, dauerte etwa drei Viertelstunden. Nachdem wir zwischen den freundlichen Gestaden des Kanals, wie an den Säumen eines aufgerollten Atlasbandes, vielen kaufmännischen Ruhepunkten zum Naturgenuß eines Tages in der Woche, mehrern hölzernen Landungsplätzen am Rande, unzähligen Warnungstafeln vor Fußangeln, den Schlangenstäben manches Merkurs, der als Hausgötze von seinem Hochalter über die Hecken blickte, und allen den tönernen Famas, die zu blasen drohten, glücklich vorbei, kraft eines Enterhakens an einen Fußsteig ausgesetzt wurden, der hundert Schritte davon einem kleinen Flecken zuführte, stand Jerom auf einmal bei einer freiliegenden Bude, gleich einer Laterne, still, aus der uns, unter einem Aufbau lieblicher Blumen und Früchte, ein noch anlockenderes Mädchengesicht entgegenfunkelte. Die Schöne, als hätte sie unsern Besuch erwartet, öffnete – und ich blickte verwundert auf meinen Anführer – ihre Glastüre. Er trat mit mir ein, schob den Nachtriegel vor, ließ die flornen Vorhänge an den Fenstern herunter und versetzte uns in eine künstliche Dämmerung, vor der ich beinahe erschrak. »Wie gefällt dir«, raunte er mir nun halb laut ins Ohr, »dies liebe Kind?« und reichte ihr vertraulich die Hand. Ach, mehr als zu wohl, dachte ich, aber zu einem Naturwunder gehört doch noch mehr, als ein paar blaue, schmachtende Augen, ein lächelnder, rosiger Mund und Grübchen – zum Versinken des Kusses – in den verschämten Wangen. Er schien der Entwicklung meiner Gedanken, Schritt vor Schritt, wie ein in der Gegend einheimischer abgefeimter Spion zu folgen, und brach sein listiges Stillschweigen endlich mit der verfänglichsten Gewissensfrage: »Du hast, lieber Wil'm, ich weiß es, vieles Schöne und Ausgezeichnete in der weiblichen Welt, aber hast du wohl je mehr anspruchslose Grazie, eine unverstecktere reine Seele in einer fröhlichern jungfräulichern Bildung gesehen, als die, mit der ich heute einen so lüsternen Reisenden, als du bist – in April schicke?« Ob ich je etwas Reizenderes gesehen habe? fing ich heimlich seine Frage auf. – O ja! Margots Jugend blühte einem noch reichlichern Erntefeste entgegen, Klärchen konnte die Augen noch sittsamer niederschlagen, ohne daß sie mich in April schickte, und, o mein Gott! vollends Agathe; aber wie kann der ehrliche Mann ein unschuldiges Mädchen, gleich einem Sklavenhändler zu Tunis, so ins Gesicht loben! Die Kleine konnte vor Verlegenheit kaum atmen, ob sie schon an solche Ausstellungen einigermaßen gewohnt schien. Ich fühlte immer mehr Mitleiden mit ihrer beleidigten Bescheidenheit, je länger ich das bängliche Steigen und Sinken ihres mousselinenen Halstuchs verfolgte. »Nun, lieber Wil'm,« weckte mich endlich Jerom aus meiner tiefen Betrachtung, »du willst ja ein Physiognomist sein; errätst du noch immer nicht?« »Was soll ich denn erraten?« staunte ich schweigend bald ihn, bald die rätselhafte Blumenhändlerin an. »So wisse denn,« zog er mich nach einer peinlichen Weile, durch die er meine Zweifelsucht von vorgestern nur zu sehr bestrafte, aus meiner lächerlichen Ungewißheit, »daß unter dieser jugendlich kostbaren Hülle, erröten Sie nur nicht zu sehr, gutes Kind, ein noch größerer Vorzug verborgen liegt, der nicht für so national, als jene, sondern für eine, unter unserm Horizont ganz unerhörte Seltenheit gelten muß, eine, warum wirst du so unruhig, Wil'm? eine ländliche Muse, eine holländische Improvisatorin.« – »Du willst scherzen,« zischelte ich ihm mit ganz sonderbar beklemmter Brust ins Ohr. »Nichts weniger,« antwortete er laut. »Du hast doch Pergament und Bleistift bei dir? Nicht wahr, liebe Emilie, Sie erlauben diesem ungläubigen Herrn, die Probe mit Ihnen zu machen?« Diesen Ausgang hatte das schöne Landmädchen vermutlich besser vorausgesehen, als ich. Daher ihre vorige schamhafte Verlegenheit und ihr jetziges freundliches Nachgeben. »Ich würde es nicht wagen,« stotterte sie in angenehmer Verwirrung, »meinen Waldgesang einem Ohre vorzutönen, das durch große Virtuosen so verwöhnt ist, als ein deutsches, aber mein Arzt, mein Beschützer, verlangt es, und ich bitte Sie, mein Herr, mir ein beliebiges Thema anzugeben, aber ja nur eins, das mir nicht fremd ist und keinen Tiefsinn verlangt.« »Nun, bei Gott!« erwiderte ich und schlich in der Tasche meiner Schreibtafel nach, »wenn es Ernst ist, so wüßte ich kein schicklicheres vorzuschlagen, als Ihr eigenes schönes Gewerbe, das für die phantasierende Dichtkunst wie gemacht ist, mit einem freundlichen Hinblick,« setzte ich scherzend hinzu, »auf Ihren ausländischen Zuhörer, denn er handelt auch mit Blumen und Früchten wie Sie.« »Ja,« fiel mir der ironische Jerom ins Wort, »nur mit dem Unterschied, daß die seinigen Sprößlinge einer verdorbenen Einbildungskraft und in den österreichischen und andern ehrbaren Staaten Kontreband und verboten sind.« Das unschuldige Landmädchen stutzte, und ich war höchst ungehalten auf den Schwätzer, der jedoch auf das artigste wieder einlenkte. »So sprechen wenigstens,« lächelte er, »geschworne Fiskale, verunglückte Spediteurs verlegener und im Preis gefallener Spezereien, Krämer, Höker und Aufkäufer, die gern den Alleinhandel auf dem Markte mit geschmacklosem Konfekt und dürrem Obste forttrieben und scheelsüchtig ihren alten Kunden nachblicken, wenn sie, ihren prahlenden Magazinen vorbei, der natürlichen Gottesgabe zuströmen, die der junge Herr sich nicht einmal die Mühe gibt, etwa durch bezahlte Zettelträger auszurufen und anzupreisen, um ihnen Abgang zu verschaffen.« Ich wußte nicht recht, wie ich mit dem Redner daran war. Er traf zwar meine Gedanken so ziemlich, aber ich stehe doch nicht davor, ob seiner feingedrehten Erläuterung nicht eine neue Spötterei unterlag. Die kleine, allerliebste Aktrice nahm jetzt eine ganz andere, recht malerische Stellung an. Nach der Bewegung ihrer niedlichen Hände gegen die Strohkörbchen voll Erdbeeren, Schoten und frühzeitigen Pfirsichen – nach der Wendung ihrer bescheidenen Augen gegen die chinesischen Vasen mit Rosen und Hyazinthen – und nach andern kleinen erlaubten Kunstgriffen zu urteilen, schien sie sich einen Schwarm Marktleute vorzustellen, von denen die meisten aus Leckerei, einige aus Neugier, die wenigsten aus eigentlichem Bedürfnis die Bude umringten. Aus ihrem Mienenspiel ließ sich ohne Schwierigkeit erraten, daß sie die einen beizulocken, die andern zu entfernen, und wenn neidische Aufpasser darunter wären, ihnen im Vorbeigehen einen Kirschkern auf die Nase zu schnellen im Sinn hatte. Holländische Volkslieder sind nicht leicht ins Deutsche zu übertragen, doch bin ich nach Möglichkeit der jungen Blumenverkäuferin auf ihrem poetischen Ausflug so treu nachgeschwebt, als ich es auf ihrem prosaischen Lebensgang tun würde, wenn es nur meine Zeit und Agathe erlaubten. Ich teile dir, lieber Eduard, von dem Erguß ihres freispielenden Geistes so viel mit, als meine schwere deutsche Bleifeder nur auffassen konnte. Hätte sie aber auch keinen Tropfen unterweges verschüttet, so würden dem schönen Ganzen doch immer noch die Apostrophen ihrer Augen, ihre sonorische Stimme und die rednerischen Übergänge ihres belebten Busens fehlen, um auf andere Ohren denselben Eindruck zu machen, als auf die meinigen. Oh, daß doch in meinem Vaterlande eine gewisse gleich liebenswürdige Emilie, die, obgleich des erhabenen Ossians Freundin, doch auch in etwas die meine ist, es in einer warmen Sommerstunde versuchen möchte, meine Orangen und Amathusäpfel auszurufen. Ich wette auf Leib und Leben, sie fänden in allen Häusern Eingang und Käufer unten dieser Bedingung. Unbefangen, wie ein gutes Kind, lächelte die kleine Holländerin, hüstelte ein wenig und stimmte an: Behagten euch nur solche Waren, Wie sie, gestempelt und verzollt, Minervens Polterkarrn von Jahren Zu Jahren auf die Märkte rollt; So, Freunde, schlüpfet ihr vergebens In meine Bude. Ein Gericht Zur Stärkung auf den Gang des Lebens Ist höchstens, was sie euch verspricht. Ich hab' auf meinen Rasentischen Nur Näschereien ausgelegt, Die mir, den Wandrer zu erfrischen, Mein Gärtchen leicht zusammen trägt. Ist gleich mein Blumenkranz kein Zeichen Für eine Modehändlerin, So lockt er doch, denn bei ihm streichen Der Fahrweg und der Fußsteig hin. Auch graut der Morgen kaum, so halten, Wie Wetter, Wind und Zufall will, Oft unerwartete Gestalten An meiner Tonnen-Nische still. Wie viele nähern meinem Zaune Sich nicht um eine Handvoll Schlehn, Wenn Bücherüberdruß und Laune Mit ihrem Geist ins Grüne gehn. Den Richter, der mit krauser Stirne Zu einer Ehescheidung trabt, Hat manchmal eine Jungferbirne Aus meinem Weidenkorb gelabt. Aus meinem tönernen Pokale Berauschte jüngst ein Priester sich, Als er nach seinem Filiale, Mit Schweiß betropft, vorüber schlich. Dem Mädchen, das, vom Stadtgewürze Erhitzt, aufs Land nach Kühlung läuft, Hab' ich, zu Pfunden, oft die Schürze Mit Mirabellen angehäuft. Bald find' ich eine Federspule, Bald eine Musterschrift im Gras, Die ein Entlaufener der Schule Im Morgenschmaus bei mir vergaß. So oft sich meine Körbchen leeren, Rück' ich mit neu gefüllten vor, Mein Kontobuch? – – kann ich beschwören So gut als Rousseau seins beschwor. Um vieles zwar säß' ich bequemer, Wohl gar am Rathaus unter Dach, Ahmt' ich dem Proteus unsrer Krämer In seinen Handelskünsten nach; Der bald mit Perlen ferner Flüsse, Mit Gold aus Ophir Wucher treibt, Sein Salz und seine tauben Nüsse Nur aus Elysium verschreibt; Bald Engelsreinigkeit den Narben Gefallner Unschuld unterschiebt, Glanz dem Betrug und Rosenfarben Verblühten Wangen wiedergibt; Bald auf dem Wollenraub der Herde, Die ihn umblöket, eingewiegt, Im Traum die mütterliche Erde Bis an den Himmel überfliegt, Und wohl noch wähnt, vom nächsten Sterne Herabgeschneuzt und fortgeschnellt, Er sei die größte Blendlaterne, Die je das Weltall aufgehellt. Doch, was ein Irrwisch aufgekläret, Bleicht bald am Lichte der Natur; Was sie erzeugt, ist nur bewähret, Was sie bewährt, erhält sich nur. Ich will dir nicht zumuten, Eduard, diese Verse für so geist- und gedankenreich zu halten, als die Schillerschen und Vossischen sind, muß aber auch billig eingestehen, daß es weniger die Schuld des Originals, als der Übersetzung ist. Trotz seines verwischten Kolorits, denke ich doch, soll es als Impromptu eines jungen holländischen Landmädchens immer noch die Ehre des Drucks so gut verdienen, als so manches in unsern poetischen Wäldern. Ich bin mit Jerom völlig einverstanden, daß, wenn auch unter der Torfasche dieses Moorlandes hier und da ein Funken dichterischen Feuers glimmen sollte, zu selten doch einer davon in Flammen schlägt, als daß nicht die ihrige für ein Meteor gelten müsse; und ich kann es keinem ihrer Mitbürger verdenken, der im Vorbeigehen sich einige Minuten von seinen Geschäften abmüßigt, bei ihr einspricht, um nur wundershalber zu sehen, wie sich ein roher gemeiner Gedanke polieren läßt. Wer wollte der kleinen Poetin nicht gern ihre Gartengewächse zehnfach teurer bezahlen, als einer prosaischen Hökin, zumal da jeder ohne große Spekulation berechnen kann, daß sie durch diesen Handel, dem, so gering er scheint, doch auch kein drückenderes Kapital unterliegt, als das ihr Flora und Pomona vorstrecken und Klio verzinst, schnurgerade der wahren holländischen Ehre entgegensteigt, reich, eine, wie man es nennt, gute Partie, und zuletzt wohl gar eine bedeutende Person in der Republik zu werden. Läßt sich's denn nicht erwarten, daß ein junger spekulativer Kopf auf dem romantischen, immer offenen Gang nach ihrem Kontor, gelegentlich auf den klugen Gedanken geraten könne, die schöne Sängerin samt ihrem jungfräulichen Erwerb in das seine zu verlocken? Er widme, wäre in diesem Falle mein unmaßgeblicher Rat, nur sechs, sieben Abendstunden der Woche zur Erholung nach getaner Arbeit ihrem Besuche, lege zur Einleitung seines Kaufgeschäfts ihrer Muse erst eine unbedeutende laue, dann eine wärmere, darauf eine heißere und zuletzt täglich eine immer brennendere Empfindung nach der anderen, ohne die entferntere Hindeutung auf sie, bloß zum Spielwerk ihrer dichterischen Ausbildung vor, und finde keine hinwelkende Blume, die seine Vorgänger am Tage übrig ließen, am Abend zu teuer, um sie nicht zu ihrem Andenken nach Hause zu tragen. Das gute Kind, das nichts Gefährlicheres dahinter versteckt glaubt, als woran es, seitdem sie zwei Worte zusammenreimen kann, gewöhnt ist, wird es, wie eine gereizte Nachtigall, immer schöner zu machen suchen und macht es immer schöner, bis sich ihre Federn sträuben und ihr das Herzchen darüber selbst zu pochen anfängt. Ach, ich müßte mich sehr irren, wenn die sanfte, unmerkliche Verschmelzung stündlich wachsender männlicher Baßnoten mit melodischem weiblichem Diskant, nicht zuletzt auf der Tonleiter des Lebens einen Einklang hervorbrächte, der nur einer mondhellen Nacht bedarf, um in das beredte Flüstern des Verlobungskusses überzugehen. Alsdann? Nun, mein Gott, wäre es alsdann wohl so etwas Unerhörtes, wenn in der Folge der merkantilische Umtrieb der einzelnen Groschen und Taler, die sie ohne große Mühe und Kosten ersang, ihre Strohkörbchen, irdenen Äsche und Vasen in Tonnen Goldes verwandelte, die freilich einen ganz anderen Respekt einflößen, als alles, was sie uns dermalen noch auf dem Gebiete der Natur Schönes und Gutes auftischt. Welche frohe Zukunft kann sich diese holländische Karschin nicht versprechen! wenn sie einst nicht mehr nötig hat, an der Landstraße auf neugierige Käufer zu lauern, ihnen Rede zu stehen und jeden schalen Gedanken, den sie auskramen, in Verse umzusetzen, die, ihre heutigen ausgenommen, noch nie eine Druckerpresse erreicht haben. Dann erst wird sie sich fühlen und gebieten lernen, ihren eigenen guten Einfällen folgen, und, indem sie mit heiterer Laune den glücklichen Erdstrich segnet, der den Keim ihres Talents als eine Wunderpflanze in Nahrung setzte, mit mitleidigem Lächeln auf unsere deutschen Witzkrämer und ihre Ladenhüter herabsehen. Sogar auf der Börse, wo Apoll und seine Anhänger sonst wenig Kredit haben, werden die vielen Nieten, die zum großen Lose ihres Heiratsgutes beitrugen, den jungen Anfänger beneiden, dem es zufiel. Und doch, Eduard, würde mir das liebe Kind in der vornehmen Lage, in der ich zurzeit noch keine der Musen sah, trotz der vollen Beutel, die Merkur ihr in den Schoß schüttet, schwerlich besser gefallen, als jetzt mit fliegendem Haar, ländlichem Mieder unter ihren Blumen und Früchten. Ich wählte mir aus jenen ein freundliches Rosenknöspchen, der Ähnlichkeit ihrer Lippen, und ein Noli me tangere , der Unschuld wegen, die darauf ruhte, aus diesen aber ein paar tetons de Venus , die Linnée unter allen Pfirsichen für die schmackhaftesten hält. Höher sind mir aber in meinem lüsternen Leben keine zu stehen gekommen. Die liebe unbefangene Verkäuferin errötete selbst über meine unmäßige Freigebigkeit, und Jerom schüttelte den Kopf dazu. Oh, hätten nur beide gewußt, woher sie entsprang. Sie hatte solche, im Vertrauen gesagt, weder dem Vorüberflug ihrer funkelnden Augen, noch den gleich vergänglichen Tönen ihres Mundes, sondern den Lorberblättern zu verdanken, die ich in meiner Schreibtafel aus ihrem Glashause mitnahm, um das Monument meiner Jugendreise damit zu krönen. Ja, Eduard, der anspruchslose Waldgesang der liebenswürdigen Emilie beschließe mein Tagebuch. Hört man nicht alle möglichen Epiloge am liebsten aus dem Munde eines schönen unschuldigen Kindes, und kann man ein Konzert wohl artiger endigen, als mit einer unverdorbenen weiblichen Singstimme? Wohl wahr! und doch ist es dem menschlichen Herzen eigen, daß keins, je behaglicher es auf dem Musikstrom fortschwimmt, ohne Unruhe an den letzten Bogenstrich, der ihn dämmt, ohne Verdruß an die sterbende Note denken kann, unter der sich ein sanftes Andante auflöset. Der wahre Virtuose fürchtet, wie seine lauschenden Zuhörer, im voraus die Totenstille des Saals, die nachfolgt, und so sah auch ich im Vorgefühl meines baldigen Verstummens dem lieben epilogierenden Kinde mit traurigem Nachdenken in das liebliche Gesicht; Jerom mußte mich mehr als einmal an das Fortgehen erinnern, und doch zögerte ich, bis das Glöckchen-Geläute der letzten abgehenden Treckschüte mir durch alle Glieder fuhr, und als ich nun in überströmender Zärtlichkeit dem guten Mädchen noch einmal meine Hand bot, ward mir so weinerlich zumute, als ob ich von ihrem ganzen lieblichen Geschlecht, samt den neun Musen, ewigen Abschied nähme. So lange ich auf der Rückfahrt das schmucke Tempelchen noch in der Abendsonne blinken sah, war es mir nicht möglich, meine Augen nach einer andern Seite, meine Phantasie auf einen geringern Gegenstand, als auf die Nymphe zu richten, die es bewohnte. Ich schrieb ihrer Jugend, Schönheit, Unschuld und ihrem poetischen Talente so viele Festtage zugute, daß ich bis ans Leidener Tor nichts zu tun hatte, als sie, wie ein Mönch das Bild seiner Heiligen, aus- und anzukleiden, und mich vor ihrer Nische auf die Knie zu werfen. Ich erbat ihr allen Segen des Himmels zu ihrem jungfräulichen Gewerbe, das doch gewiß, man sage auch, was man will, ohne Vergleich edler, lauterer und schmeichelhafter für ihre Kunden ist, als jenes, das ehemals die Haarlemer Wirtin zum schwarzen Bock, und was sie etwa sonst noch, um Gäste beizulocken, im Schilde führte, auf eine Art trieb, die der lieben kleinen und, auf allen Seiten betrachtet, gewiß zehnmal reizendern Emilie nicht im Schlaf einfallen würde. Das soll aber auch das letzte Wort für dich und meine zukünftigen Leser sein. Morgen mit dem frühesten verlasse ich meinen Jugend- und Schulfreund, den würdigen Jerom. Er begleitete mich gern eine Strecke Weges, aber seine Kranken halten ihn bei dem Ärmel. In einigen Tagen hoffe ich, ach, welcher freudenvolle Gedanke, Eduard! dich an mein Herz zu drücken. Denn da mich die himmlischen Gestirne während meiner Seereise um den Tag, auf dem ich zur Hochzeit des märkischen Barons geladen war, eben so richtig gebracht haben, als sich durch ihren Einfluß der Weltumsegler Anson bei seiner Landung an der vaterländischen Küste, zu seiner großen Verwunderung, um einen in der laufenden Woche verkürzt sah; so kann mich nichts mehr, weder das Kalenderfest jenes schätzbaren Mannes, noch sonst ein Abweg auf meinem geraden Fluge in deine Arme aufhalten. Mein Glückwunsch zu der schlau verzögerten Besitznahme seiner Karoline soll das erste Geschäft am meinem Schreibtisch zu Berlin sein; übrigens mögen immer noch Jahr und Tage hingehen, ehe ich meinen versprochenen Besuch bei ihm nachhole, da sich indes auch wohl sein System vom ehelichen Glück mehr aufgeklärt haben wird, um es ruhiger und richtiger beurteilen zu können, als in den ersten Probetagen. Es soll mir lieb sein, wenn sein schönes Weib, ein saugendes Kind an der Brust, das durch den Aufschub seines Daseins während des Herumstreifens des Vaters nicht verloren hat, wenn sein mit den kostbarsten Bruchstücken des Altertums und der neuern Erfindungen der Bequemlichkeit zusammengesetzter ländlicher Palast, glänzende Säle, die den Geist aller Nationen vereinigen, Wände mit den Meisterwerken der Tiziane und Raphaele verziert, wenn täglich erneuerte Wunder der Kochkunst, fröhliche Gärten und im ganzen genommen die Benutzung der freigebigen Natur zur Veredlung menschlicher Bedürfnisse, wenn, sage ich, diese Bedingungen schwesterlich vereint ineinander greifen, um die sonderbare Propheten-Epistel des wirtschaftlichen Landjunkers auf das kräftigste zu widerlegen. Warf dieser Eiferer gegen die Wohltaten des guten Geschmacks, seinem reisenden Feldnachbar wohl aus einer wichtigern Ursache jene Spitzfindigkeiten in den Weg, als weil solcher nach einer andern Rechnung ein Dritteil seines Gebens verwendete, um dessen Überrest mit den möglichsten Annehmlichkeiten zu verschönern, die unser Planet darbietet? Darf aber auch die fleißigste Ameise den Adler, der über ihr in die Wolken steigt, tadeln, daß nicht auch er auf dem Erdhaufen, der ihrer Zufriedenheit genügt, die seinige sucht? Du findest irdendwo in meinem Tagebuche den Eingang seines Pamphlets, und die Fortsetzung bringe ich dir auch mit. Oh, ich werde mich gern, ohne mich an sein Geschwätz zu kehren, dem Versuche hingeben, ob man nicht auf dem geschmackvollen Landsitze eines unter so vollständigen Rücksichten gereisten Freundes, den Lauf der Stunden besser als im Auslande erheitern, das Glück des Schlafs geschwinder als mit Postpferden erreichen, und sein kaltes Blut, so viel als zuträglich ist, in dem Strahle der dunstfreien Sonne oder vor einem Kamine erwärmen kann, dem nichts Belebteres gegenüber lauscht, als das Ideal einer Hebe oder Klärchens Bildnis mit seinen – ach! so mannigfaltigen Erinnerungen. Jetzt lacht mir nun von weitem die königliche Hauptstadt und dein Assembleesaal unter den anlockendsten Versprechungen in die Augen. Sie werden ein Weile Wort halten, aber auf die Länge traue ich ihnen doch nicht. Was soll ich nun, in dem gesetzten Fall, mit mir anfangen, wenn Überdruß an dem ewigen Zirkelgang eurer Gesellschaften und Schmäuse, Langeweile an den Spieltischen und Mißmut über den unnützen Verbrauch meiner bessern Kräfte, sich aufs neue meiner Seele bemeistern? Zur Wiederholung der Torheit, die mir zehn Bände böser Erfahrungen eintrug, ist mir auf immer die Lust vergangen, und auf meine Studierstube darf ich vollends nicht rechnen, denn das unbelohnte Bebrüten fremder Kuckukseier ist mir zum Ekel geworden, viele andere Irrtümer ungerechnet, die mich gar sehr gewitzigt haben. Der Freuden der Welt, sagt man zwar, gäbe es viele, aber wo ist denn eine, die nicht durch den täglichen Gebrauch uns unter den Händen verwelkte? und wo findet man immer einen Freund, wie Saint-Sauveur, der uns damit auf eine so systematische Art zu überraschen versteht, daß sie uns neuen Genuß gewähren? Was bleibt nun, da zu selten zwei gleichgestimmte Menschen auf ihrem Gange zusammentreffen, die hierin einander die Hände zu bieten Willen und Kraft haben, noch übrig, als daß jeder selbst die Mühe übernehme, auf Abwechslung seiner Kinderspiele zu denken, so gewiß auch dabei die Hälfte jenes bemächtigenden Reizes verloren geht. Wohlan! So zeichne denn sie mir den Plan meiner künftigen Lebensordnung vor, zu dem ich mir nur noch Agathens Unterschrift wünsche. Weder an einen Ort, an ein Amt, noch an Pflichten gebunden, die ich mir nicht selbst als Weltbürger auflege, soll mir der Spielraum des Vaterlandes, wo nicht zum Schauplatz meiner merkwürdigen Taten – doch zu einem Spaziergang dienen, auf dem ich bald hier bald da eine Handvoll Samenkörner edler wohltätiger Gefühlspflanzen ausstreue, sollten sie auch dann erst keimen und gedeihen, wenn ich schon längst in seiner heiligen Erde, unter dunkeln Ahnungen und unaufhörlichem Rufen nach Licht, die letzte Leitersprosse zum Austritt in jene Warte genommen – an ihrer hellen Pforte meinen Staubmantel abgeworfen und nicht, wie hier zu befürchten habe, ein Brandopfer der Langenweile zu werden. Denn dort –         Wenn aufgeschwungen aus dem Schlamme Des Irdischen, mein freier Geist, Ein Lichtteil in der Schöpfungsflamme, Das Unermeßliche bereist , Mit Schwanenlust im Ätherstrome Reingeistigen Bewußtseins schwimmt, Von einem zu dem andern Dome Der Sterngebäude weiter glimmt, Im Drang, die Feder zu entdecken, Die dies geheime Uhrwerk dreht, Mit immer freudigerm Erschrecken Zu neuen Wundern übergeht – Dort sei mein Tagebuch der Lehre Abwechselnder Zufriedenheit, Mein Wandelgang zu jeder Sphäre Der Überraschung nur geweiht; Denn ohne sie wie schmacklos wäre, Bei stetem Kreislauf, mir die Ehre     Einförmiger Unsterblichkeit! Anhang Christian Garve an Moritz August von Thümmel (Gedruckt nach: Briefe von Christian Garve an Christian Felix Weiße und einige andere Freunde. Zweyter Theil. Breslau 1803. S. 279 ff.) Breslau, den 10. Okt. 1794 Ich komme eben von einem Feste, welches Sie mir zubereitet haben. Zwar habe ich noch nicht die drei letzten Teile der Reise nach der Provence aus Ihren Händen empfangen – und dieses Geschenk würde ich die Eitelkeit haben, mir einzumahnen, wenn Herr Göschen es vergessen sollte, – aber ich habe sie gelesen; und, wie Sie aus Erfahrung wissen, das Werk eines Mannes von Genie macht einen, während der Zeit, da man damit beschäftigt ist, glücklicher. Es hat auch immer eine unterrichtende und belebende Kraft in sich, der Gegenstand, von welchem es handelt, mag sein, welcher er wolle. Ich lerne mehr, wenn mir ein Mann von Genie die geheimen Kreuze des unheiligen Clärchen aufdeckt, als wenn mir ein gemeiner Kopf die Wissenschaften der Moral und Politik vorträgt. In der Tat ist, wenn ich nicht irre, selbst nach Ihrer Absicht, die Geschichte nur das Vehikel, die Belehrungen, welche über menschliche Sitten und Leidenschaften, und besonders über die Wirkungen des Aberglaubens, in der Erzählung eingewebt sind, oder durch dieselbe veranlaßt werden, auch für die Sinnlichkeit und die Einbildungskraft der Leser anziehend zu machen. Wenn in diesen Bänden auch nur die Episode von den päpstlichen Soldaten und ihren Schicksalen vorkäme, so würde mir das Buch und der Autor schätzbar sein, so wie es mir der Tristram Schandy und sein Verfasser durch die Episode von dem Leutnant Le Fever sind. Diese beiden Werke sind, in Absicht des Inhalts, des Tons, der Erzählung, des Stils, einander sehr unähnlich, aber sie kommen darin überein, ihre Verfasser als äußerst gutherzige Menschen, als sehr feine Beobachter, und als Leute von entzündbarem Temperamente, in Absicht des andern Geschlechts, zu schildern. Beide lieben etwas die nackten Gemälde, beide hassen den Aberglauben, beide mischen einen gewissen Tiefsinn unter ihre Frivolitäten. Der Witz von beiden ist Sterling-Witz, der oft erst auf die Kapelle gebracht, probiert und gewogen sein will, ehe man seinen ganzen Wert einsieht. Auch Dunkelheiten – damit ich die Vergleichung noch etwas weiter treibe, sind beiden gemein. Schon in den beiden ersten Teilen Ihrer Reise sind mir einige Verse unerklärlich geblieben, und auch in diesen sind mir einige poetische Stellen schwer geworden, und andere, obgleich nur wenige, völlig dunkel gewesen. Ich weiß nicht recht, ob die Allegorie, mit welcher sich die gefährlichste Szene der Geschichte schließt, nur einen freiwilligen Rückzug, oder eine sich versagende Naturkraft anzeigt, und ob bloß die Beweise der innigen Vertraulichkeit des Probstes, oder ob noch schlimmere Ahndungen diese seltsame Veränderung hervorbringen. Indes war dieser Punkt dazu gemacht, im Dunkeln zu bleiben. Dafür ist in dem vortrefflichen Prologe der Marionettenspieler alles sonnenklar. Die Ode über den Zufall, tiefer gedacht, und mit etwas feiner angedeuteten Anspielungen angefüllt, belohnt die Mühe sie zu verstehen, weil man den Sinn allenthalben, und einen reichen, philosophischen Sinn, darin findet; und Sachen und poetischer Ausdruck sind, in den letzten Stanzen, mit welchen Sie von dem Avignonschen Gebiet und vom Leser Abschied nehmen, gleich untadelhaft. Mit einem Worte, Ihr Buch ist eine Galerie von Gemälden, wo der Sinn zuerst gereizt, aber die Imagination noch mehr befeuert, und zuletzt auch der Verstand und die Vernunft befriedigt werden. Indessen Sie wollen gewiß nicht bloß das Lob Ihres Freundes, sondern Sie wollen sein Urteil; und das erste kann nur für aufrichtig gehalten werden, wenn das andre freimütig ist. Ich habe in der Tat schon den größten Tadel, den ich dem Buche zu machen hätte, angezeigt. Es ist zu tiefsinnig für die frivolen Leser, die es scheint, an sich ziehen zu wollen. Es verrät einen Verfasser, der viel und tief über die Dinge in der Welt nachgedacht hat, und es verlangt einen Leser, der wieder so nachdenkt; und doch scheint der Hauptgegenstand nur bloß die Sinnlichkeit zu beschäftigen. Überhaupt wünschte ich, daß ein so großer Menschenkenner und ein so glücklicher Maler der Sitten sich einen Stoff von noch größerm Umfange gewählt, und nicht eine einzige Leidenschaft zum Mittelpunkte aller seiner Schilderungen gemacht hätte, von wo aus freilich, wie es in der Natur auch geschieht, Strahlen ausgehn, die sich über das ganze Gebiet der Sittlichkeit und des geselligen Lebens erstrecken, wo aber doch vieles nur im Profil und wie im Hintergrunde gezeigt werden kann, was auf einem Gemälde, dessen Hauptinhalt mannigfaltiger wäre, in voller Gestalt und in vollem Lichte erschienen wäre. Es ist das Werk des Genies, eine einfache kleine Begebenheit, durch den Reichtum, den es aus seinen eigenen Schöpfungen hineinzubringen weiß, interessant und lehrreich zu machen; aber was würde dasselbe Genie nicht erst bewirkt haben, wenn es einen an sich reichhaltigen Stoff bearbeitet hätte? Was die Nacktheit gewisser Gemälde betrifft, über welche Sie vielleicht den Tadel der Kritik oder der Sittenrichter am ersten befürchten, so erhält sie gewiß von niemanden eher Verzeihung, als von uns kalten, ernsthaften, aber doch zugleich wißbegierigen Leuten. Eine etwas schlüpfrige Szene bringt unsere Imagination nicht so auf, um uns zu beunruhigen, oder unsere Tugend in Gefahr zu setzen; aber wenn sie nach der Natur geschildert ist, so läßt sie uns doch in einen Teil des menschlichen Lebens hineinsehen, der von großer Wichtigkeit, und von sehr allgemeinem, obgleich verborgenem Einflusse auf Glückseligkeit und Elend ist. Außer uns ist noch eine andere, ziemlich kleine Gattung von Lesern, die nicht bloß Ihnen verzeihen, sondern die ganz mit Ihnen einstimmen wird; und diese Leser könnten Ihnen auch leicht die liebsten sein. Das sind diejenigen, die Ihnen ähnlich sind, die einen philosophischen Geist, und edle, besonders menschenfreundliche Gefühle mit einer schwelgenden Imagination, und einer starken, aber sehr verfeinerten Sinnlichkeit verbinden. Eine seltene Komposition – aber ohne Zweifel diejenige, die in der Jugend dem Genusse, und im männlichen Alter der Hervorbringung von Geisteswerken vorzüglich günstig ist. Eine dritte Klasse von Lesern, und diese ist ohne Zweifel sehr zahlreich, – die, noch selbst durch die Reize der Wollust verführbar, doch gegen dieselben durch die Lehren der Religion und Moral mißtrauisch und unfähig, mit Ihnen die Tiefe der menschlichen Natur, mitten in dem Aufruhr sinnlicher Begierden, zu erforschen, oder an dieser Philosophie Geschmack zu finden, das Anstößige in Ihrem Werke mehr, als das Lehrreiche und Nützliche, gewahr werden wird – diese wird Sie ohne Zweifel tadeln; und allerdings wünschte ich, daß Sie auch auf diese Rücksicht genommen hätten. Ich wünschte, daß Sie Rücksicht auf das junge weibliche Geschlecht genommen hätten, welches Ihr Buch mit so vielem Vergnügen lesen, und welches so viel daraus lernen könnte; und dem man es jetzo doch nicht mit Anstand in die Hände geben oder vorlesen kann. Wie wehe mir das tut, der ich so gern, was mir vorzüglich gefällt, in kleinen vermischten Zirkeln vorlese, kann ich Ihnen nicht sagen. Indes hat Ihr Buch, wie mich dünkt, im ganzen eine sehr ernsthafte Tendenz, aber eine, die der große Haufe von Lesern kaum argwohnen wird. Nirgends wird diese Tendenz mehr wahrgenommen werden, und nirgends, glaube ich, wird das Buch selbst mehr Sensation machen, als in katholischen Ländern. Wenn irgendein gemeinschaftlicher Gedanke durchs ganze Buch läuft, so ist es der, die unglücklichen Wirkungen des Aberglaubens auf die Moralität der Menschen zu zeigen. Alles zielt ab, die Verderbnisse der Sitten, die unter dem Scheine der Heiligkeit verborgen sind, aufzudecken; alles vereinigt sich dahin, zu beweisen, daß die Verführung der Unschuld doppelt leicht ist, wenn sie eine abergläubische Frömmigkeit mit der Unwissenheit vereinigt findet, – und daß von der andern Seite alle bösen Neigungen des Menschen freien Spielraum bekommen, wenn eine abergläubische Religion dem Sünder so leichte Mittel zur Aussöhnung oder zur Rechtfertigung darbietet. – Insofern drückt das letzte Gedicht, womit Sie schließen, den Geist und die Absicht des ganzen Werks vollkommen aus: denn es schildert den ganzen Unwillen, den der Verfasser durch seinen Aufenthalt und durch seine Begebenheiten in einem abergläubischen Lande, gegen den Aberglauben des Papsttums überhaupt gefaßt hatte. Ich kann mir nicht anders vorstellen, als daß dies noch wirklich Eindrücke sind, die Ihnen von Ihrer ehemaligen Reise in dieser Gegend zurückgeblieben sind; und ich wundre mich in der Tat, wie, nach so langer Zeit, sie noch so lebhaft sein können, um bei Verfassung Ihres Werkes einen so starken Einfluß zu haben. Ich wage es, noch gegen einige einzelne Stellen Einwendungen zu machen, bei welchen ich doch aber mißtrauischer gegen mein Urteil bin; teils, weil ich glaube, die Gegenstände, wovon die Rede ist, bei weitem nicht so gut, als Sie, zu kennen, teils, weil ich sehe, daß andere einsichtsvolle Leser mit meinem Urteile nicht übereinstimmen. Ich begreife z. B. nicht, wie der Reisende einer Person, die er noch für unschuldig und für fromm hält, gleich bei seinem ersten Besuche, nicht nur seine ganze Absicht entdecken, sondern ihr auch, durch die Vorlesung der abscheulichen Indulgenz des Papstes Alexanders des Sechsten, und der Stellen aus den Kasuisten, (von denen er doch voraussetzt, daß sie sie versteht) diese Absicht in dem empörendsten Lichte zeigen kann. Wie ist es möglich, daß, bei dieser Voraussetzung, er die Gleichgültigkeit und Kälte, mit welcher sie diese Greuel anhört, für Unschuld und Unwissenheit annehmen kann? Ich gestehe es, der Reisende scheint mir von der Verworfenheit solcher scheinheiligen Dirnen schon so viele frühere Erfahrungen gehabt zu haben, daß er glaubt, auch bei Clärchen den Roman beim hintersten Ende anfangen zu können; und doch überreden mich alle andere seiner Äußerungen, daß er noch de bonne foi eine Heilige und eine kindlich Unschuldige in ihr sucht. Ja, ich kann mich zuweilen in die Begriffe, die er von weiblicher Tugend äußert, nicht finden. Es scheint mir, als wenn er sie mit einer Unwissenheit, die nur von Dummheit herrühren kann, oder verstellt sein muß, verwechsele. Ich bekenne zweitens, daß ich nicht völlig verstehe, wie nach so klaren Beweisen, als der Reisende gehabt hat, daß die geheimsten Reize Clärchens von einem Vorgänger gesehen, und höchst wahrscheinlich genossen worden sind, er doch durch ihre Erzählung, die mit dem Berichte der päpstlichen Soldaten in äußern Umständen übereinstimmt, aber diese auf eine ihr günstige Weise erklärt, von neuem so für sie eingenommen und von ihrer Unschuld überführt werden kann, daß er im Ernste daran denkt, sie zu heiraten; und diese Liebe und dieses Zutrauen gehen in wenig Minuten in eine so gänzliche Verachtung und fast Verabscheuung über, daß er dasselbe Clärchen, wie die gemeinste Buhlschwester, dem Herrn Fez gleichsam zur Mißhandlung preis gibt, gewiß, daß sie die angebotene Partie nicht ausschlagen wird. Diese Übergänge kommen mir zu plötzlich vor, und würden meiner Natur nicht gemäß sein; aber ich entscheide deswegen nicht, daß sie auch der menschlichen Natur widersprechen. Die Rede, welche der Reisende vor seinen Richtern hält, ist ein Meisterstück der Beredsamkeit im Vortrage und Stil, und sie übertrifft, nach dem Ausdrucke eines meiner Freunde, alle Kunst der Demosthene und Cicerone. Indes gestehe ich, daß mir diese Beredsamkeit beinahe zu hoch für die Umstände und für die Personen scheint, denen sie gewidmet ist; daß sie am Ende doch den Richtern einen gar zu groben Staub in die Augen streut, und daß diese sich durch einen Betrug so gänzlich umstimmen lassen, der mir auch selbst für die stumpfe Fassungskraft eines Avignonschen Propstes und Domherrn unverkennbar zu sein scheint. Noch ein Wort von der an sich sehr malerischen Episode von dem Gemälde-Kabinett, durch welches die Thronfolger eines Fürstenhauses, vor dem wichtigen Aktus der Fortpflanzung desselben, ihre Imagination anfeuern, und ihre verlorne Spannkraft wieder herstellen sollten. Es scheint, daß Sie dadurch Ihre Rechtfertigung vor dem Publikum machen wollen, und Sie verteidigen sich in der Tat vor diesem Tribunale mit eben der Kunst, als vor dem Tribunale der Geistlichkeit in Avignon; – aber nicht auch ein wenig mit gleichen Advokatenkünsten? – Sollte wirklich die entnervte oder erschlaffte Mannheit eines Jünglings durch wollüstige Gemälde gestärkt werden? Gehören diese nicht einigermaßen selbst zu den entnervenden Ursachen, indem sie eine Kraft in unnützen Begierden verzehren, die nur auf die Umarmungen der ehelichen Liebe gewandt werden sollte? Sie sehen, wie voll ich von Ihrem Werke bin, da ich nicht aufhören kann, Ihnen vielleicht unreife Gedanken von mir mitzuteilen, um mich noch länger mit jenem zu beschäftigen.   Antwort Moritz August von Thümmel an Christian Garve Gotha, den 10. Febr. 1795 Ein so freundschaftlicher überdachter Brief, als der Ihrige, wäre wohl nicht drei Monate unbeantwortet geblieben, wenn Sie, teuerster Freund, zu den Leuten gehörten, die man gern geschwind abfertigt, um ihrer desto eher los zu werden. Ich habe, um mich mit Ihnen desto traulicher unterhalten zu können, immer auf Ruhe gewartet. – Diese wollte nicht kommen, und ist jetzt, da das allgemeine Unglück nun auch den Punkt in seinem Strudel getroffen hat, der meinem Vermögen Gefahr und Untergang drohet, – da Holland in den Händen unsrer Feinde ist, weniger bei mir zu Hause, als jemals. Man ist in solchen Umständen ein gar schlechter Korrespondent, lieber Garve, und bei einem so großen physischen Verluste, als mir wahrscheinlich bevorsteht, nur wenig aufgelegt, an den Wert oder Unwert seiner geistigen Produkte zu denken. So spät ich auch Ihren Brief beantworte, so habe ich doch einen guten Gebrauch davon gemacht –, habe ihn einer Menge Leuten zu studieren gegeben, die bei Erscheinung meiner drei berüchtigten Teile nicht wußten, was sie davon sagen sollten, und von denen mir immer lieber sein mußte, daß sie Ihr Urteil ohne lange Untersuchung annahmen, als ihrem eigenen folgten. Es wäre indes doch wohl ein zu großes Wunder, als daß Sie so leicht daran glauben würden, wenn der Autor selbst zu dieser Menschenklasse gehörte. Ich will mich also, so gut es meine jetzige Lage verstattet, zurechte setzen und den bekannten mißlichen Versuch machen, meinen Opponenten auf meine Seite zu bringen. Ihr vorzüglichster Tadel an meinem Buche, und den ich am wenigsten von einem Philosophen erwartet hätte, ist: daß es bei seiner anscheinenden Frivolität zu tiefsinnig sei. Würden Sie aber und andere verständige Leser, die doch eigentlich dem Autor allein Ehre bringen, wohl Geduld gehabt haben, das Werk bis zu Ende zu lesen, wenn ich, wie es noch dazu dem Charakter gemäß war, unter dem ich im ersten Teile meiner Reise auftrat, aus meinem dermaligen Leichtsinne nicht dann und wann in den Tiefsinn zurückgetreten wäre, den ich aus meiner Bibliothek in Berlin mitnahm? Wirklich habe ich mir meinen Text um deswillen schwerer gemacht: denn ein ganz frivoles Buch zu schreiben, wäre eine ungleich leichtere Sache gewesen. Ich weiß zwar wohl, daß man es im gemeinen Leben leicht mit beiden Parteien verdirbt, wenn man sich jede derselben geneigt zu machen sucht, und es sollte mir sehr leid tun, wenn das hier der Fall wäre. Wenn ich mir jedoch nicht zu viel schmeichle, so hoffe ich, daß mein Hin- und Herschwanken die meisten in Ungewißheit lassen soll, auf welche Seite ich mich zuletzt hinneigen werde; – und da hätte ich nur zu sorgen; daß ich am Schlusse meiner Reise allen aus dem Gesichte käme, ohne daß sie wüßten, was aus mir geworden sei. Dunkelheiten – ist ein andrer Vorwurf, der wohl wahr sein muß, weil ihn mir viele meine Leser machen, und es die Klage aller meiner Rezensenten ist. – Ich weiß dagegen nichts zu sagen, als daß ich einen und den andern bitte, sie mir in dem Werke selbst en detail anzuzeigen: denn ein armer Autor, der, ohne es zu wissen, die Erläuterung davon im Sinne behält, kommt von selbst nimmermehr darauf. Wenn Sie also einmal mein Buch wieder zur Hand nehmen sollten, lieber Garve, so würden Sie mir einen wichtigen Dienst leisten, wenn Sie auch Ihren Bleistift dazu nähmen, und die Stellen und Ausdrücke anstrichen, die Ihnen unverständlich bleiben. In der skabrösesten Szene meiner Geschichte, dächte ich, wäre alles so ziemlich deutlich. Es muß wohl dem kraftvollsten Manne die Lust vergehen, wenn er in dem Augenblicke, da er sie zu befriedigen gedenkt, Phantome von der Art sieht, als um den Sofa des Reisenden schweben, – die Hölle mit allen ihren Attributen und in deren Mitte der Papst mit allen Schrecknissen der Seuche, die sich von seiner Regierung her datiert, und an die man in solchen Augenblicken schwerlich erinnert werden kann, ohne den Mut sinken zu lassen. O es gehört, glaube ich, weniger dazu, um einen denkenden Kopf drehend zu machen, wenn er seine Denkkraft in dieser animalischen Lage nicht beiseite zu legen versteht. Ich komme nun zu Ihrer Kritik einiger einzelnen Stellen meines Gewebes, gegen die ich meine Verteidigung kurz und gut hersetzen will. Der Reisende kann immer, wie ich glaube und wie es sein Fall ist, über die Wahrheit der Unschuld und Frömmigkeit seiner Schöne noch schwanken: – genug, daß er sie als eine Heilige, als eine eifrig katholische Christin kennen lernt, die an die Unfehlbarkeit des Papstes – an die Lehre des Ablasses so gut glauben muß, als an jedes andere Dogma ihrer Religion; – genug. daß er Tags vorher schon gesehen und gehört hat, mit welcher Begierde sie nach der Reliquie des Strumpfbandes angelt, um daß er nicht ahnden sollte, wie gewiß die päpstliche Indulgenz und die Verheißung der restitutio in integrum seinem Wunsche beförderlich sein würden. Da der Reisende ihr nichts als die eignen Worte des Papstes vorliest, so kommt die Impertinenz, die darin liegt, allein auf die Rechnung dessen, der, nach katholischen Begriffen, Macht hat, Impertinenzen zu sagen und strafbare Handlungen zu entsündigen. Ob und in wie weit Clärchen den Sinn des Ablasses verstand, konnte dem Reisenden im Grunde ganz gleich sein: denn da sie einmal die Reliquie nicht aus der Hand lassen will, die Bedingungen des Handels mit der Erlaubnis des Papstes glücklich übereintreffen, und sie übrigens nicht lange Zeit hat, sich zu zieren und zu besinnen, weil sonst die zwei einzigen Tage vergehen würden, die dem Verkäufer und der Käuferin zu ihrem Tausche frei bleiben: – so ist, glaube ich, die Eile, mit der er zu Werke geht, hinlänglich motiviert. Auch holte er nicht, sondern sie , die Kasuisten zu Hilfe, und sie wählte aus übergroßer Sicherheit nur diejenigen, die ihr Gewissensrat, den sie selbst nicht sprechen durfte, gewöhnlich zitierte, fand darin ihre wenigen noch übrigen Zweifel gehoben, und sah nun mit innerm Vergnügen dem Besitze der Reliquie entgegen, der ihr über alles ging, und zwar nicht aus Antrieb der Wollust, sondern, wie der Reisende glauben mußte, der Frömmigkeit. Denn gesetzt auch, daß der Propst so vielen Aberglauben und Wollust vereinigte, daß er ihr nur die Kreuze malte, um ein Mädchen, das er für sich aufhob, für fremde Gefahr zu bewahren, so konnte doch wohl ein so junges eingezogenes und bewachtes Kind, als Clärchen dem Reisenden vorkam, wirklich aus Unbekanntschaft der weitern Zeremonien durch die Worte ihrer Lehrer sich so weit verleiten lassen, als hier nötig war, ohne daß sie Unrecht zu tun glaubte, – und der Reisende konnte ebensowohl, bei den verworrnen Begriffen, die er in der Sitten- und Tugend-Lehre der Katholiken überhaupt und der Avignonschen besonders, gewahr ward, mit seinen leidenschaftlichen Spekulationen in Ungewißheit geraten, ob sein Clärchen nur noch betrogen oder schon eine Betrügerin sei, – konnte eben deswegen durch die naive Darstellung ihres Schreckens bei Erscheinung des Teufels – ebenso leicht an den Glauben ihrer Unschuld zurückgebracht werden, als er davon abging. Was kann ein schönes, naives, geliebtes Mädchen einem solchen Schwächlinge in der Philosophie, als ich mich selbst male, nicht alles weiß machen! Meine Begriffe von weiblicher Tugend sind deshalb diesem Geschlechte nicht nachteilig. Es gibt freilich genug, die, aufs beste unterrichtet, die Unwissenden spielen, und einen Liebhaber um den andern damit anführen; es gibt aber auch – glauben Sie entweder meiner Erfahrung oder meiner Blindheit – Kinder genug, die es wirklich à l'age d'en faire noch so sehr sind, wenn sie den ersten Unterricht erhalten, als es Clärchen vorgibt. Ich weiß nicht, welche alte Dame dem Hofrat Zimmermann gestand, daß sie als Braut umsonst ihre Imagination aufgeboten habe, um sich das Glück ihrer ersten Nacht begreiflich zu machen, und, als sie in ihrem sechzehnten Jahre dazu gelangte, immer bei sich gedacht habe: n'est ce que cela? n'est ce que cela? Das war doch gewiß ein echtes Clärchen in der Natur. Der geschwinde Übergang des Reisenden von Liebe zur äußersten Verachtung scheint mir nicht weniger dem Übergange seiner Geliebten von Unbefangenheit, oder der Maske derselben – zu einem buhlerischen Gelächter – angemessen zu sein. Gegen den Champagner hält keine Scheinheiligkeit fest; – die plötzliche Veränderung, die der Wein bei Clärchen hervorbrachte, liegt in der Natur des Rausches, der veritatis amicus ist. Da der Reisende nicht selbst betrunken war, so hätte er mehr als Sophist – er hätte rasend sein müssen, wenn er sich länger hätte verblenden, noch länger schwanken können; und da nichts schneller in Verachtung übergeht, als getäuschte Liebe, so lassen sich sowohl daraus, als aus dem leichtsinnigen launischen Charakter des Betrogenen, die nachherigen Auftritte mit Herrn Fez recht gut erklären. Aus diesem launigen Charakter, in welchem sich der Reisende bei allen Gelegenheiten zeigt, fließt auch die, sonst unnötige Beredsamkeit seiner Verteidigungsrede. Sie kann immer für die Umstände zu hoch sein; genug, daß ihre Verfertigung dem Gefangenen einen einsamen Abend vertrieb, und, ohne daß sie in Avignon seiner Verteidigung etwas schaden konnte, seinem Freunde in Berlin, der darin die Ironie des Verfassers nicht verkennen wird, eine angenehme Lektüre gewährte. Wenn Sie sagen, daß sie am Ende doch den Richtern zu großen Staub in die Augen streut, so scheinen Sie vergessen zu haben, was es mit diesen Richtern für eine Beschaffenheit hat. – Der Propst, als der feinste Kopf unter ihnen, wird ja nicht überzeugt und soll es auch nicht, –er wird aber überstimmt von der wichtigen Person des Domherrn, von Clärchen und der Tante, die alle, schon durch das eigene Interesse, das für jeden davon in meinem Wunder liegt, auf meine Seite gebracht sind. Glauben Sie mir, lieber Garve, es ist die Geschichte aller möglichen Wunder. Ich will das meinige heute des Tags noch mit gleichem Glücke in Bayern verrichten, wenn Sie mich dort in dieselben Umstände versetzen können, die mir in Avignon beistanden. Daß der Propst den Betrug sehr gut eingesehen hat, und nachdem er den Verdruß davon überwunden, mich des Talents wegen, das er zur geistlichen Taschenspielerei in mir zu entdecken glaubte, sogar seiner Freundschaft würdig hält, zeigt sein Billett und ist der wahre Gang des Jesuitismus. Um die Abscheulichkeit und die Folgen desselben zu zeigen, wie ich mir in diesen dreien Teilen vornahm, konnte ich freilich unmöglich Rücksicht auf das andere Geschlecht nehmen, ohne mein Thema zu schwächen. Die Materie über die Sünden des Fleisches schien mir auch noch am ersten den scherzhaften Ton vertragen zu können, den ich in meiner Reisebeschreibung angenommen habe. Es gibt Grundsätze in der Moral der Jesuiten, z. B. über den Meuchelmord, über die Abtreibung der Leibesfrucht usw., gegen die ich allen Ernst hätte aufbieten müssen, wenn ich sie hätte berühren wollen. Ich blieb also wieder bei jenen stehen, die nur rot machen, warne ja selbst alle jungen Mädchen in meinem Buche, es nicht zu lesen und habe es meinen Töchtern zuerst verboten. Die Herrn Berliner haben sich, wie billig, ihres Landsmannes angenommen. In dem Oktoberstücke wird die Frage untersucht: ob die jetzigen Jesuiten von den ältern verschieden wären, und meiner dabei ehrenvoller erwähnt, als ich erwarten durfte. Wäre es meinen Bestellungen nachgegangen, liebster Freund, so hätten Sie die neuen drei Teile eher, als jedermann, eher sogar, als ich selbst, erhalten. Ich hatte unserm Weiße aufgetragen, sie Ihnen sogleich zu schicken, wie sie aus der Presse kommen würden. Lassen Sie sich von ihm erzählen, warum es dennoch unterblieben ist, und dabei meinem guten Willen und der Ihnen schuldigen Attention Gerechtigkeit widerfahren. Ich schicke diesen Brief offen an Freund Weißen, dem ich eben zu schreiben im Begriff bin. Es wird ihm nicht mißfällig sein, daß ich seiner spitzigen Feder Gelegenheit gebe, meine schwache Verteidigung mit seinen boshaften Anmerkungen zu begleiten. Ewig der Ihrige.