Friedrich Spielhagen Herrin Verlag von L. Staackmann Leipzig 1899   306 Seiten Druck von Grimme \& Trömel Drittes Tausend 1 »Ännchen!« Gesang und Spiel in dem Salon verstummten; Ännchen erschien in der offenen Thür. »Riefst du mich?« »Der Abend ist zu schön, als daß man ihn –« »Durch schlechte Musik entweihen dürfte.« »Weil du einmal in der Begleitung g statt gis gegriffen hast?« »Das hast du gemerkt? Ich werde, in deiner Gegenwart nie wieder singen und spielen. Du hast ein unheimlich feines Gehör.« »Sage: unheimlich feine Sinne! So fühle ich ganz genau, daß es für dich hier um einen halben Grad zu kühl ist. Ich werde dir etwas holen lassen. Bitte, klingle! Du stehst gerade bei dem Knopf.« »Es ist wirklich nicht –« »Bitte!« Ännchen that, wie ihr geheißen. Beckys Kammermädchen erschien und erhielt den Auftrag, für Fräulein Guttmann ein Tuch zu bringen. »Und du selbst?« sagte Ännchen. »Ich brauche nichts. Ein altes Landmädchen!« »Von drei Jahren!« »Wieso: drei Jahren?« »Du lebst doch erst seit drei Jahren auf dem Lande.« Die Bemerkung schien Becky zu verdrießen. Zwischen den scharfgezogenen Brauen stand plötzlich eine feine senkrechte Falte, und aus den großen dunklen Augen schoß ein strenger kalter Blick; selbst der Ton ihrer Stimme war weniger freundlich, als sie, mit leichtem Achselzucken, schnell erwiderte: »Geboren bin ich freilich auf dem Lande nicht.« ›Sie ist fürchterlich empfindlich,‹ dachte Ännchen bei sich. ›Und ich habe doch gar nichts Schlimmes gesagt.‹ Marie kam mit einem Tuch. Beckys Verstimmung war nur momentan gewesen. Sie selbst hüllte die kleine Freundin sorgsam in das Tuch, legte ihr den linken Arm um die Schulter und führte sie an die Brüstung der Terrasse, von der, wenige Schritte rechts von ihnen, eine breite Treppe sanft zu dem Kiesweg hinabführte, welcher um den großen eingemauerten Teich lief. Zwei schwarze Schwäne kamen, als sie die Damen erblickten, schnell auf das Brückchen zugeschwommen, an welchem ein zierliches Boot angekettet lag. »Sollen wir ein wenig rudern?« fragte Ännchen. »Ich meine, wir bleiben hier.« »Wie du willst. Es ist ja auch hier wunderschön.« »Alles nach meinen Wünschen und Angaben: der Teich, der erst ausgegraben werden mußte; der Rasenplatz mit den Bosketts – ursprünglich ein wüster pommerscher Pächtergarten mit eingestreuten Kartoffel-, Bohnen- und sonstigen Gemüsefeldern; der Durchblick zwischen den Bosketts – alles!« »Wunder-, wunderschön!« wiederholte Ännchen. »Und dazu die köstliche Beleuchtung! Das liebliche Rosenrot da rechts über den Tannen – oder sind es Fichten? – wie das in ein lichtes Grün übergeht und dann durch eben angedeutetes Gelb in immer tieferes Blau – ein Paradies!« »Es ist nicht übel: nur alles noch so schauderhaft jung.« »Wie das?« »Du hast es ja selbst gesagt: drei Jahre oder ein bißchen mehr. Wenn's drei Jahrhunderte wären! Wie der Herrengarten drüben in Selchow!« Und sie deutete mit der freien rechten Hand in die Richtung der breiten Schneise durch das junge Nadelholz ihnen gerade gegenüber, hinter dem das Terrain zu mäßigen Hügeln aufstieg, die mit Hochwald bestanden schienen. Doch vermochte Ännchen bei der bedeutenden Entfernung und dem matten Abendlicht trotz ihrer scharfen Augen Einzelheiten nicht mehr zu erkennen. Nur die oberste Spitze eines schlanken Turmes, dessen Kupferdach ein letzter Sonnenstrahl traf. Sie war mit Becky, die in der Parkkapelle ein Marienbild kopierte, gestern drüben gewesen, und die Damen hatten einen Rundgang durch den Park gemacht, trotzdem die alte Beschließerin wiederholt versicherte: es sei schon ganz gegen ihre Ordre, daß sie das gnädige Fräulein in der Kapelle malen lasse; und wenn der Herr Graf erführe, daß fremde Herrschaften so frei im Park spazierten, könne sie in große Ungelegenheit kommen. »Ich habe an den langweiligen Taxushecken und den verschnörkelten Sandsteinfiguren nichts Besonderes finden können,« sagte Ännchen. »Die Kapelle! na ja! die ist ganz ehrwürdig mit ihren Grabsteinplatten und den schönen Holzschnitzereien und dem dicken Epheu an den Mauern draußen. Aber hier ist es doch hundertmal schöner.« »Das verstehst du nicht, liebes Kind.« »Brauche ich auch nicht als arme Professorstochter.« »Ich bin auch eine Professorstochter.« »Der Accent liegt nicht auf Professor, sondern auf arm.« Becky antwortete nicht; sie hatte ihren Arm von Ännchens Schulter genommen und lehnte sich jetzt an eine der Vasen, mit denen die Balustrade der Terrasse geschmückt war. Ännchen betrachtete sie in stiller Bewunderung. Noch nie war ihr die neue Freundin so schön erschienen: der hohe schlanke Wuchs in dem vollkommenen Ebenmaß der kraftvollen und doch nicht zu üppigen Formen; der herrliche Ansatz des Halses; der prächtige Kopf mit dem weichen, glänzend schwarzen Haar; das Gesicht mit seinen edlen regelmäßigen Zügen, wie sie sich jetzt in scharf geschnittenem Profil von dem lichten Abendhimmel abhoben; das große, dunkle, von den langen Wimpern halb verschleierte Auge, das nachdenklich in die Landschaft blickte – »Weißt du, Becky, du solltest eigentlich eine Königin sein,« sagte Ännchen. Becky wandte langsam das Gesicht zu ihr. »Ich hätte nichts dagegen,« erwiderte sie ruhig. »Und eigentlich bist du doch hier eine Königin. Du kannst auch, wie der Herr in der Schillerschen Ballade – der auf seines Daches Zinnen stand, weißt du – wie der, kannst du sagen: dies alles ist mir unterthänig.« »Bis auf Schloß und Park da drüben,« sagte Becky, nach der Turmspitze deutend. »Ja, wie kommt es nur, daß die dir nicht auch gehören, da doch das ganze große Gut dein ist?« »Meines Vaters, meinst du.« »Das bleibt sich gleich. Du bist sein einziges Kind und seine alleinige Erbin. Aber weshalb möchtest du zu dem vielen, das du schon dein eigen nennst oder meinetwegen einmal nennen wirst, auch das alte langweilige Schloß und den noch langweiligeren Park haben? Du sagtest das schon, als wir drüben waren.« »Weil es dazu – zum Ganzen, meine ich – gehört und ich nichts Halbes leiden kann. Alles oder nichts!« Ännchen lachte. »Mit dem letzteren könnte ich aufwarten,« rief sie, die Flächen der Hände übereinander streichend; »hier niente , da niente . Aber warum hat dein Papa den alten Kasten nicht mitgekauft, wenn dir so viel daran gelegen ist?« »Weil der Herr Graf sich nicht von ihm trennen wollte.« »Was kann ihm daran liegen, nachdem er alles andere dran geben mußte und er überdies beständig auf Reisen ist?« »Da mußt du ihn schon selber fragen, liebes Kind. Ich hätte dazu keine Gelegenheit gehabt. Die Ehre, ihn persönlich kennen zu lernen, ist mir noch nicht geworden.« »Aber dein Papa kennt ihn!« »Ebensowenig. Sie haben nur durch Unterhändler und schriftlich miteinander verkehrt. Aber wir wollen hineingehen. Es fängt an, kühl zu werden.« * Die breite Schiebethür hinter sich schließend, betraten die Damen den Salon, in welchem Johann eben als letzte die beiden Lampen auf dem Kaminsims entzündet hatte. In dem Kamin brannte an langen Fichtenscheiten ein helles Feuer, ein wenig unmotiviert, wie Ännchen meinte, an dem warmen Aprilabend. Auch hatte Johann einsichtsvoll den Theetisch unter seiner hochständerigen Lampe in gemessener Entfernung von dem Kamin arrangiert. Er hatte noch etwas an dem Tisch zu ordnen und fragte, ein paar Schritte zurücktretend, ob das gnädige Fräulein sonst Befehle für ihn habe? »Kommt Frau Direktor nicht?« »Frau Direktor bittet, sie zu entschuldigen; sie habe noch in der Wirtschaft zu thun.« »Hat der Herr Geheimrat hinterlassen, wann er zurückkommt?« »Der Herr Geheimrat meinten: schwerlich vor dem Souper.« »Es ist gut.« Johann hatte sich auf leisen Sohlen zurückgezogen; Ännchen bereitete den Thee, was Becky für selbstverständlich zu halten schien, trotzdem die Tage vorher Frau Direktor Krafft es gethan und ihr die Behandlung des Samovar, den sie aus ihrer bescheidenen Familienpraxis nicht kannte, unheimliche Rätsel zu lösen gab. Glücklicherweise achtete Becky offenbar nicht auf ihre unsicheren Manipulationen. Sie saß zurückgelehnt in ihrem Fauteuil, gerade vor sich hinblickend; stellte auch die Tasse, die ihr Ännchen dann bot, ohne daran zu nippen, auf den Tisch; saß noch ein Weilchen so, stand auf und begann – die Hände auf dem Rücken, wie es ihre Gewohnheit war – in dem weiten Gemach hin und wieder zu gehen. Da sie augenscheinlich eine Unterhaltung nicht wünschte, schwieg auch Ännchen. Die Pause zog sich in die Länge. Ännchen war es nicht unlieb. Man hatte fast den ganzen Tag im Freien zugebracht. Daran war sie nicht gewöhnt, und sie fühlte sich ein wenig abgespannt und müde. Nicht zum Schlafen; aber in ein Träumen verfiel sie doch, das Ort und Stunde freundlich begünstigten. Tiefe Stille. Vom Garten und auch von dem großen Wirtschaftshofe, auf den die Vorderfenster sahen, kein Laut. Beckys Schritte dämpfte der dicke Smyrnateppich. Dann und wann nur ein leises Rascheln ihrer Kleider, ein Knistern in dem Kaminfeuer, das monotone Summen des Samovar. War ja auch alles, was sie in diesen letzten Tagen erlebt, wie ein wunderlicher Traum. Der, trotzdem man lange darauf vorbereitet war, doch plötzliche, überhastete Abschied von Göttingen, dem trauten, engen Heim, den Spielplätzen ihrer Kindheit, allen den Orten, an die sich so viele Erinnerungen ihrer Mädchenjahre knüpften, den lieben Jugendfreundinnen; die lange Eisenbahnfahrt hierher – schier unendlich lang für sie, die kaum ein paar Meilen über das Weichbild ihrer Geburtsstadt hinausgekommen war – die Ankunft in Greifswald, wo sie ein womöglich noch kleineres Haus, als sie in Göttingen verlassen hatte, empfing; das Auspacken der vorausgeschickten Sachen; das probeweise Hin- und Herrücken der Möbel, wobei – und wobei nicht sonst? – die jüngeren Geschwister unweigerlich im Wege standen; der Vater, der seine Antrittsbesuche zu machen und so viele geschäftliche Dinge zu ordnen hatte, kaum auf flüchtige Stunden anwesend zur Freude der Mutter, die freilich nichts aus ihrer heiteren Ruhe bringen konnte. Und dann – vor fünf Tagen – war der Geheimrat gekommen, den Freund und Kollegen zu begrüßen, der, das wußte Ännchen, dem einflußreichen Manne in erster Linie die vorteilhafte Berufung verdankte. Und er war am nächsten Tage wiedergekommen, diesmal in einer prächtigen viersitzigen Equipage, mit der wunderschönen Tochter. Und als die beiden nach zwei Stunden wieder auf ihr Gut zurückfuhren, hatte sie mit in der prächtigen Equipage gesessen, weil Becky es so gewollt hatte. Und wenn Becky etwas wollte, schien es, daß es geschehen mußte. Unter anderem, daß sie, anstatt am nächsten Tage zurückgebracht zu werden, jetzt bereits zum viertenmal die Sonne von der Terrasse aus hatte untergehen sehen: ein Gast des Hauses, von den Dienstboten, über deren Zahl sie immer noch nicht im reinen war, ehrfurchtvoll behandelt; von Frau Direktor, Beckys ›Stütze‹, freundlich bemuttert; von dem herrlichen Geheimrat, der immer einen Scherz auf den Lippen hatte, auf das liebenswürdigste geneckt und von der Tochter, die zweifellos die Herrin des Hauses und seine eigentliche Seele – ja, lieber Himmel, was konnte nur an ihr, der Kleinen, Unschönen, Ungelehrten, die Prachtvolle, Bildschöne, Geistvolle finden, daß sie so lieb zu ihr war? sie gleich am ersten Abend mit dem schwesterlichen Du beglückt hatte? sie mit Geschenken überhäufte, daß sie nur immer Mühe hatte, abzuwehren? Und wann hätte sie sich je einen Reichtum, wie er sie in diesem Hause umgab, auch nur träumen lassen? Diesen Salon mit den seidenen Tapeten? Teppichen, in denen der Fuß versank? Sitzgelegenheiten der mannigfaltigsten Form von geradezu unheimlicher Bequemlichkeit? Möbeln, von denen sie meinte, sie könnten nur in fürstlichen Gemächern oder Museen vorkommen? Gemälden, französischen meistens, die so kostbar waren, daß sie ihren Ohren nicht traute, wenn Becky ihr gelegentlich den Preis des einen und des anderen genannt hatte? Dann die große Flucht der übrigen Zimmer, jedes in seiner Weise elegant und üppig ausgestattet; nicht zum wenigsten die Schlafgemächer mit den seidenen Betten! Wie auch eines in dem ihren stand, vor dem sie sich am ersten Abend ernstlich gefragt hatte, ob man sich da wirklich hineinlegen dürfe! Freilich, der Vater hatte gesagt: der Geheimrat ist klotzig reich; und die Mutter erwidert: dafür ist er ein Jude. Darauf der Vater: sagen wir: ein Genie. Und die Mutter: ein Finanzgenie, meinst du? Wieder der Vater: ich denke nur an den genialen Arzt. Schließlich die Mutter: lieber Freund, hättest du doppelt sein ärztliches Genie, du wärst doch kein Millionär geworden. »Woran denkst du, Kind?« Ännchen wäre fast erschrocken. In ihre Träumerei versunken, hatte sie für den Moment alles um sich her vergessen; die Stimmen der Eltern waren so deutlich gewesen, als hätten sie eben neben ihr gesprochen. »An nichts,« sagte sie, sich halb aus dem Fauteuil aufrichtend und zu Becky emporblickend, die dicht vor ihr stand. »Man denkt immer an etwas,« erwiderte Becky. nihil agere animus non potest . Soll ich dir sagen, woran du eben gedacht hast?« »Da wäre ich wirklich neugierig.« »Du hast gedacht: ob Becky Lombard wohl noch Jüdin ist.« Ännchen erschrak jetzt ernstlich. Das hatte sie nicht gedacht; aber in Erinnerung des abendlichen Gesprächs ihrer Eltern hatten sich doch ihre Gedanken in dieser Richtung bewegt; und unmöglich war es gar nicht, daß sie sich im nächsten Augenblicke die nämliche Frage vorgelegt hätte. Da sie nicht lügen mochte und die Wahrheit nicht wohl bekennen durfte, sagte sie ausweichend: »Jedenfalls würde es mich sehr interessieren, zu hören, wie du darüber denkst.« »Das will ich dir sagen,« erwiderte Becky. * Sie machte ein paar Schritte von Ännchen fort in das Gemach hinein; kehrte auf den Hacken um; warf sich in den Fauteuil an der anderen Seite des Theetisches; schob die mittlerweile kalt gewordene Tasse zurück; griff nach dem silbernen Etui; zündete sich an dem Flämmchen der Spirituslampe eine Cigarette an und that ein paar kräftige Züge, bevor sie zu sprechen begann: »Ich komme nicht von ungefähr zu der Frage. Ich sehe sie in den Augen aller, mit denen ich, wie mit dir, neu bekannt werde. Wenn die Leute indiskret sind, fragen sie auch. Direkt oder indirekt, je nachdem. Mir aber ist es Bedürfnis, zwischen uns die Sache ein für allemal erledigt zu sehen. Warum? Ich kämpfe gern mit offenem Visier. Ich will, daß die Menschen wissen, wer ich bin. Habe ich die Frage beantwortet, so wissen sie es. Also: ich bin Jüdin; will sagen: ich bin als Jüdin geboren und werde niemals übertreten. Weiter nichts. Übrigens bin ich Philosophin, speciell Spinozistin, obgleich seine Substanz auch nur eine petitio principii ist, und er als erwiesen hinstellt, was erst erwiesen werden sollte. Aber: il n'ya a que le premier pas qui coûte . Im übrigen ist sein System so konsequent, daß man immer wieder von Staunen ergriffen wird, wie sich in einem Menschenkopfe die Welt so klar widerspiegeln konnte. Du kennst doch Spinoza?« »Keinen Schimmer,« sagte Ännchen. »Dann will ich auch nicht weiter von ihm reden. Ich wollte auch nichts, als dir hinsichtlich meines Judentums den richtigen point de vue geben, wie ich ihn der Welt zu geben versucht habe in einer Broschüre, die ich vor ein paar Jahren in Zürich drucken ließ. Unsere Orthodoxen – mein Vater zum Beispiel – sagen: ich wäre damit aus dem Judentum ausgeschieden. Mag sein. Wenn du nun fragst: warum ich trotzdem wenigstens äußerlich am Judentum halte, was denn doch manche Inkonvenienzen hat – zumal in meiner exponierten Stellung als Großgrundbesitzerin unter all den christlichen Nachbarn und den vielen christlichen Dienstboten –, so könnte ich sagen: weil, träte ich über, ich meinem Vater, der ein gläubiger Jude ist, den tiefsten Kummer bereiten würde. Das ist richtig; aber nicht der wahre Grund. Ich würde bleiben, was ich bin – das heißt: Jüdin, wenn auch nach meiner Façon – stürbe mein Vater morgen, und ich hätte völlig freie Hand. Und nun kommen wir zu dem punctum saliens .« »Was ist das?« fragte Ännchen. »Der springende Punkt; das, worauf es eigentlich ankommt. Du weißt, Kind, man sagt den Juden nach, daß sie schrecklich von sich eingenommen, über die Maßen eitel, ruhmsüchtig und was dergleichen löbliche Eigenschaften mehr sind. Ich meine löblich aber ganz ernsthaft. Ich halte es für ein hohes Lob, wenn man das alles von einem Menschen und, wohlgemerkt, er es selber von sich sagen kann. Denn es beweist, daß dieser Mensch mindestens den Stoff zur Größe in sich hat; daß er es zu etwas bringen wird in der Welt, wenn die Verhältnisse ihn nur einigermaßen begünstigen. Und auch, wenn sie es nicht thun: ein solcher Mensch schafft sich die Verhältnisse, die er braucht und wie er sie braucht. Und unterscheidet sich eben dadurch von den kleinen Menschen, die immer die Sklaven der Verhältnisse sind, in die sie hineingeboren wurden, oder sich hineintreiben lassen, wie die Schafe in den Stall. Das ist ein harter Ausdruck; aber auf das tertium comparationis kommt es an.« »Auf was?« »Auf das dritte des Vergleichs, das den beiden verglichenen Dingen Gemeinsame. Hast du denn nicht Latein gelernt?« »Nein. Warum sollte ich?« »Du hast recht: warum solltest du? Bei uns Judenmädchen ist das anders. Wenn wir beachtet sein wollen, müssen wir etwas sein und haben, was die anderen nicht sind und nicht haben. Ist das Mädchen schön, so ist das etwas; ist es noch dazu reich, so ist das viel; und die meisten begnügen sich damit. Nun aber, wenn man eine schöne Mutter gehabt hat, ist man meistens nicht häßlich, und wenn der Vater reich und man das einzige Kind, erbt man seinen Reichtum. Dabei ist nicht die Spur von eigenem Verdienst. Lernen – das ist etwas anderes. Das kann keiner für uns, das müssen wir selbst. Vielwissen, Gelehrsamkeit – das kann man nicht erben. Wir wohnen in Bonn in einem Landhaus am Rhein, auf der Koblenzer Straße. Da sah ich oft vom Garten aus die Studenten auf dem Deck der Dampfer, wenn sie nach dem Siebengebirge hinauffuhren oder von da zurückkamen. Wie sie dann so in ihren bunten Mützen paradierten und den Bändern auf der Brust – ich habe manchmal vor Wut geweint. Und klagte dem Vater – ich habe meine Mutter nicht gekannt; sie starb, als ich ein Jahr alt war – ich klagte dem Vater meinen Jammer, daß ich kein Junge sei. Er streichelte mir die Backe und sagte: ›Rebekka‹ – er nennt mich noch immer manchmal Rebekka, wie du gemerkt haben wirst; ich habe mich für Becky entschieden, nach der in Vanity Fair von Thackeray, die ich bewundere, obgleich sie nicht gerade ist, was man ein gutes Mädchen nennt – ›Rebekka,‹ sagte er, ›ein Junge sein, ist manchmal auch ein fragliches Vergnügen. Zum Beispiel im Examen, da thun mir die armen Kerle manchmal in der Seele leid.‹ ›Warum haben sie nichts gelernt?‹ sagte ich. ›Eine wohl aufzuwerfende Frage,‹ sagte der Vater. Und ich: ›Ich würde was lernen, wenn ich studieren dürfte.‹ ›Wer hindert dich daran?‹ sagte der Vater. Siehst du, das war für mich das ›Sesam! öffne dich!‹ Der Berg, den ich mir verschlossen glaubte, that sich auf. Ich habe studiert: Sprachen, Geschichte, Philosophie, Naturwissenschaft – alles, was in den Schulen und auf den Universitäten gelehrt wird. Ich war drei Jahre in Paris, ein Jahr in Brüssel, eins in Zürich. Da habe ich meinen doctor philosophiae summa cum laude gemacht.« »Aber das ist ja entsetzlich!« rief Ännchen. »Was?« »Daß du so grausam gelehrt bist!« »Ich sehe darin nichts Entsetzliches,« erwiderte Becky, sich eine neue Cigarette anzündend, »das kommt doch jetzt alle Tage vor. In Zürich liefen Frauenzimmer zu Dutzenden herum, die alle Doktoren waren oder es demnächst werden sollten. Und das hat mir die ganze Sache verleidet.« »Wieso: verleidet?« »Eigentlich wollte ich zu dem philosophischen auch noch den medizinischen machen, was mir nicht schwer geworden wäre: ich hatte im Laufe der fünf Jahre alle nötigen Kollegia, zum Teil zweimal gehört, aber die Konkurrenz war mir zu groß. Ich sah, was ich leistete, leisteten andere auch. Das ärgerte mich. Ich wollte etwas Besonderes, etwas, worin ich allein dastehen würde, was mir doch wenigstens nicht jede Grete und Liese so leicht würde nachmachen können. Die Künste? Ich habe Talent zu allen; mich auch in allen versucht und würde es in jeder zu etwas bringen. Aber in jeder wäre ich auf Tritt und Schritt einer Kollegin begegnet, die es am Ende doch noch besser machte als ich; und mein Ehrgeiz hätte das Nachsehen gehabt. Ich war in Verzweiflung und stand auf dem Punkte, die größte der Dummheiten zu begehen und zu heiraten: einen russischen Nihilisten – sie haben ihn ein Jahr später in Moskau aufgehängt.« »Um Gottes willen!« rief Ännchen. Becky zuckte leicht mit den Schultern. »Er hat mir auch leid gethan, um so mehr, als ich Ursache habe, anzunehmen – seine Briefe deuteten etwas der Art an – die Verzweiflung, daß ich ihm einen Korb gegeben, habe ihn hauptsächlich zu seinen letzten Tollheiten getrieben. Er hatte wunderschöne braune Augen und den weichsten Bariton, den ich je gehört. Aber ich bin ganz aus dem Text gekommen. Wovon sprach ich zuletzt?« »Von – von –« stotterte Ännchen. »Weiß schon: von meiner Verzweiflung, daß ich es mit meinem Studieren auch nicht weiter gebracht als andere. Da kam mir ein Zufall zu Hilfe. Mein Vater war plötzlich schwer erkrankt. Ich mußte schleunigst zu ihm, nach Bonn. Er genas – langsam. Unbedingte Ruhe war geboten, Luftveränderung, ein stiller, ländlicher Aufenthalt. Nun mußt du wissen: der Vater hatte bereits seit zehn Jahren angefangen, sein Geld hier in Gütern anzulegen. Auch Polchow hatte er gekauft, das von einem Pächter bewirtschaftet wurde, der ein Junggesell war und nur einen Teil des weitläufigen Herrenhauses bewohnte. Der Vater entschied sich für Polchow; im Notfall war Greifswald in unmittelbarer Nähe. Das leuchtete mir ein, obgleich ich den Gedanken, sich auf Monate in eine solche Einsamkeit zu begraben, absurd fand. Der Vater schwärmt für das Landleben, obgleich er von der Wirtschaft nicht die blasse Ahnung hat. Ich war nie auf dem Lande gewesen, wann hätte ich dazu Zeit gehabt? Und anfangs fand ich die Sache greulich; allmählich kam ich in Geschmack. Wir blieben den ganzen Sommer hier. Als es Herbst wurde und der Vater nach Bonn zurück wollte und seine Kollegien wieder aufnehmen – er hatte sich völlig erholt und fühlte sich kräftiger als je –, erklärte ich: ich würde auf dem Lande bleiben. Der Vater hielt das anfänglich für Scherz; mir war es bitterer Ernst. Hier war die Specialität, nach der ich so lange vergeblich gesucht hatte. Mein Gott, ja! es giebt auch Frauen, die Landgüter selbständig bewirtschaften – warum auch nicht? Aber so sehr häufig finden sie sich nicht. Und auf das Wie kommt es an. Ich hatte mir einmal vorgenommen, Italienisch zu lernen. Nach zwei Monaten las ich den Dante fließend. Ich brauchte nicht so lange, um zu wissen, daß Herr Pasedag, unser Pächter, ein grauenhafter Ignorant war, der nach der Schablone arbeitete und sich nicht wundern durfte, wenn er immer mit der Pacht im Rückstand war. Seine Pacht ging im Herbst zu Ende. Ich trat an seine Stelle, will sagen: übernahm das Gut. Er war heilfroh, daß er bei mir als Inspektor einen Unterschlupf fand. Wenn man ihm genau sagt, was er zu thun hat, macht er seine Sache ganz gut. Wie alle subalternen, aufs Gehorchen von Haus aus angewiesene Naturen.« »Der arme Mann!« sagte Ännchen. »Darum sieht er auch immer so melancholisch aus.« »Alle dummen Kreaturen sehen so aus: Pferde, Kühe, Schafe – alle. In der Dummheit liegt die Schwermut. Übrigens hat er es in seiner jetzigen Situation ein gut Teil besser als früher. Er braucht sich nicht den Kopf zu zerbrechen, wenn Martini die beiden Enden nicht ganz zusammenpassen.« Ännchen meinte: mit dem Kopfzerbrechen werde es bei Becky auch wohl nicht so arg sein und der gute Geheimrat mit sich reden lassen. Aber sie hatte mittlerweile Beckys Empfindlichkeit kennen gelernt. So hielt sie mit der Bemerkung zurück und ebenso mit der anderen, die ihr auf der Zunge schwebte, daß Becky sich für eine simple Gutsbesitzerin immerhin recht stattlich eingerichtet habe. Da sie jedoch meinte, irgend etwas sagen zu müssen, fragte sie auf gut Glück: »Warum hast du dann auch Selchow übernommen; wenn dir Polchow schon solche Sorgen macht?« »Die beiden Güter grenzen aneinander und bewirtschaften sich besser zusammen. Übrigens habe ich drüben auch meinen besonderen Inspektor. Du hast ihn ja gestern gesehen.« »Wann fahren wir wieder hinüber?« »Morgen, denke ich. Die Farben auf meinem Bilde trocknen mir sonst ein.« »Wie kamst du darauf, das Bild zu kopieren?« »Mein Vater hatte es gesehen, vor zwei Jahren, als er das Gut kaufte. Er schwärmt dafür; hält es für einen echten Murillo. Das ist es nun wohl nicht, aber vielleicht von einem talentvollen Schüler. Ich will ihm zu seinem Geburtstag eine Freude mit der Kopie machen. Wie fandest du es aber, daß ich dem Weibe die besten Worte geben mußte, bis sie uns die Kapelle aufschloß?« »Sie wird wohl die Instruktion haben. Sie sagte wenigstens so.« »Sehr wahrscheinlich. Aber daß da jemand Instruktionen zu geben. Befehle zu erteilen hat!« Es war so heftig herausgekommen. Ännchen blickte erstaunt auf. Becky konnte es nicht bemerken; sie ging wieder mit großen Schritten in dem Gemache hin und her. »Die reine Schikane von dem Herrn Grafen! Er wollte sich von dem Stammsitz der Familie, auf dem sie seit drei Jahrhunderten residiert, nicht trennen! Lächerlich! Haben sie sich doch von allem anderen trennen müssen! Jede Quadratrute, die einmal den Bassedows gehört hat, gehört jetzt uns. Die fünf Güter, jeder Fußbreit, bis zu der Parkmauer drüben, bis zu dem Gatter des Rasens vor dem Schloß! Weshalb nicht auch das Schloß und der Park? Wenn der Herr Graf da lebte, hätte es doch eine Spur von Sinn. So ist es der purste Eigensinn, daß er den alten Kasten behalten will. Findest du das nicht auch?« Ännchen fand das ganz und gar nicht. Sie konnte es dem armen Grafen nachfühlen, daß er sich von einem Hause, in dem seine Vorfahren so lange gewohnt; einem Park, in welchem er vielleicht seine Kinderspiele gespielt, nicht trennen wollte, nachdem er alles andere hatte fahren lassen müssen. Glücklicherweise wurde sie der schwierigen Antwort überhoben. Bei Beckys letzten Worten ertönte von der niedrigen Rampe vor dem Hause das Geräusch der Räder des Wagens, der den Geheimrat aus Greifswald zurückbrachte. Ein paar Augenblicke später öffnete ihm ein Diener die Thür, und der Geheimrat trat herein mit den raschen Schritten und der Beweglichkeit, die Ännchens Verwunderung waren. Hatte ihr der Vater doch gesagt, daß der alte Herr nahe an Siebzig sei! * * * 2 Wie geht's? wie steht's?« Der Geheimrat hatte seine Tochter auf die Stirn, Ännchen galant die Hand geküßt, sich am Theetisch in einen Fauteuil gesetzt, um eine Tasse Thee gebeten, wenn man auch hoffentlich bald zum Abendbrot gehen werde; und wandte sich jetzt direkt zu Ännchen, die ängstlich an dem Samovar hantierte, der plötzlich auf eine ihr unheimliche Weise zu summen und zu brummen begann. »Was werden Sie sagen, Fräulein Ännchen, daß ich Ihnen Verlängerung Ihres Urlaubs auf vorläufig mindestens zwei Wochen bringe? Es ist freilich himmelschreiend von Ihren Eltern, daß sie das Töchterchen so lange von sich lassen können, trotzdem faktisch für Sie in diesem Augenblicke kein Raum in der Wohnung ist. Der, den Sie später bewohnen sollen, hat der Vorgänger jahrelang als Vogelhaus benutzt. Er – den Raum meine ich – muß erst gründlich desinfiziert, frisch gestrichen und tapeziert werden. Ich habe mich selbst davon überzeugt. Also machen Sie gute Miene zum bösen Spiel und schicken sich, als ein kluges Mädchen, das Sie sind, heroisch in die grausame Verbannung!« »Sie wissen, wie gern ich hier bin,« sagte Ännchen freudig errötend, indem sie dem Geheimrat die Tasse bot und dabei einen scheuen Streifblick auf Becky warf. »Und Sie,« rief der Geheimrat, die Tasse mit höflicher Verbeugung entgegennehmend, »wie gern wir Sie hier haben. Nicht wahr, Rebekka?« »Mein Vater pflegt sonst nach Dingen, die sich von selbst verstehen, nicht zu fragen,« erwiderte Becky herantretend. »Da habe ich mein Teil!« rief der Geheimrat, so herzlich lachend, daß Ännchen die endgültige Überzeugung von der Echtheit seiner vollständigen, noch immer leidlich weißen Zähne gewann. »Na, da wären wir ja in der Reih', wie sie hier zu Lande sagen. Und einen großen Koffer, Fräulein Ännchen, habe ich auch für Sie mitgebracht. Eigenhändig von Ihrer Frau Mutter gepackt. Sagen Sie, Fräulein Ännchen, danken Sie wohl dem lieben Gott alle Abend und alle Morgen, daß er Ihnen eine solche Mutter gegeben hat? Ihren Vater nicht zu vergessen! Der wird den Herren Kollegen ein Licht aufstecken. Nötig haben sie's. Das weiß außer ihnen selbst alle Welt. Darf ich noch um eine Tasse bitten, Fräulein Ännchen! Aber, wenn es Ihnen recht ist: etwas mehr Thee!« So plauderte der Geheimrat, und Ännchen hatte die Empfindung, als ob sich die Luft im Salon leichter atme und die Lampen freundlicher brennten. Becky war ja gewiß gut gegen sie, viel mehr, als sie es irgend zu verdienen glaubte. Aber die Güte des alten Herrn, die war doch anders. Da durfte man frei heraus lachen und brauchte nicht jedes Wort auf die Goldwage zu legen. Da brauchte man sich nicht zu schämen, daß man kein Latein gelernt habe. Und doch hatte der Vater gesagt: der Geheimrat, der ist für sich allein eine ganze Universität. Er ließ es sich nicht merken, wahrhaftig nicht! Dafür aber, mit welcher Anerkennung sprach er von den Verdiensten des Vaters, der doch sein Schüler gewesen war! Und von dem er immer gesagt hatte: an dem werden wir noch unsere Freude erleben! Habe er etwa nicht recht gehabt? Gebe es in Deutschland einen Nervenarzt und Psychiater, der ihm an Schärfe und Weite des Blickes gleichkomme? »Und, Fräulein Ännchen, ich habe noch heute zu Ihrer Frau Mutter gesagt: ›Seien Sie versichert, Greifswald ist für Ihren Herrn Gemahl nur ein Durchgangspunkt. In vier oder fünf Jahren ist er in Berlin.‹ Ich hatte nämlich leicht prophezeien, Fräulein Ännchen, ich habe es von Althoff selbst. Er hätte den Papa schon jetzt nach Berlin genommen; aber der Lärm! Und am Ende ist es auch besser auf diese Weise. Goethe sagt einmal: die Wahrheit sei so einfach. O ja! wenn man dahinter gekommen ist! Dazu braucht es Zeit. Die muß man den Leuten lassen. Das wissen die Künstler, die auch nicht mit der Thür ins Haus fallen und ihre Effekte langsam vorbereiten. Ich finde darin Wagner musterhaft; in der Tannhäuser-Ouverture zum Beispiel. Apropos! Fräulein Ännchen! möchten Sie mir nicht aus der etwas zum besten geben? Sie wissen – will sagen – Sie müssen wissen: es ist mein Lieblingsstück.« »Sobald wir einmal allein sind,« erwiderte Ännchen mit einem Mut, über den sie sich selber wunderte. »In Beckys Gegenwart wage ich es nicht. Sie hat mir erst gestern auseinandergesetzt: niemand dürfe die Tannhäuser-Ouverture zu spielen wagen, der sie nicht von Bülow habe dirigieren hören. Das Glück ist mir leider nicht zu teil geworden.« »O, Rebekka!« sagte der Geheimrat mit komischem Ernst; »welch ein Glück, daß du bei der Erschaffung der Welt nicht zugegen warst! Die Angelegenheit wäre über den zweiten Tag nicht hinausgekommen.« »Du irrst, lieber Vater,« erwiderte Becky. »Ich bin überzeugt, die Welt ist in jedem Punkte genau so, wie sie werden mußte.« »So gut? oder so schlecht?« »Eine Frage, die man an eine Spinozistin nicht wohl richten darf.« »Du hast recht. Dann verstatte mir die andere: ich habe ganz respektablen Hunger. Könnte das Abendbrot heute nicht etwas früher angerichtet werden?« »In fünf Minuten,« sagte Frau Direktor Krafft, die eben in den Salon getreten war und die letzten Worte des Geheimrats gehört hatte. »Ah, sieh da!« sagte er, sich erhebend und der Herantretenden die Hand reichend; »habe ja den ganzen Tag noch nicht das Vergnügen gehabt.« »Wenn der Herr Geheimrat vor Tau und Tag vom Hof fahren!« Becky und Frau Krafft schienen, in einiger Entfernung vom Theetisch, eine wirtschaftliche Angelegenheit zu besprechen; der Geheimrat sagte zu Ännchen mit leiser Stimme, seinen Fauteuil näher an ihren Sessel rückend: »Ich habe noch einen speciellen Auftrag von Ihrer Frau Mutter; sie bittet Sie, Ihre Musik ja nicht zu vernachlässigen. Sie haben ein so schönes Talent, und man kann nicht wissen, wie Ihnen das in Zukunft noch einmal nützen kann. Lassen Sie sich durch Rebekka nicht einschüchtern! Sie legt an alles den höchsten Maßstab, vergißt nur dabei zu oft, daß in Kunst und Wissenschaft – überall im Leben die alte Hausmannsregel gilt: wer den Pfennig nicht ehrt, ist den Thaler nicht wert. Hat Ihnen meine Tochter gesagt, daß ich übermorgen abreisen muß?« »Ja, Herr Geheimrat. Leider!« »Ich sehe es an Ihren treuherzigen Äugen, daß es Ihnen wirklich leid thut. Mir auch. Ich will sagen: ich werde Sie recht vermissen. Sie brauchen nicht rot zu werden, so eine siebzigjährige Liebeserklärung ist nicht weiter gefährlich. Und nun erlauben Sie Ihrem alten Galan, daß er Sie zu Tisch führt!« * Der Diener hatte die Flügelthür aufgeschoben. Man mußte noch zwei Salons durchschreiten, bevor man in das Speisezimmer gelangte, wo die Eintretenden drei Herren erwarteten, von denen Ännchen zwei bereits kannte: den Oberinspektor Pasedag, einen Hünen, dem der graumelierte Vollbart an den Backen herauf bis beinahe in die großen blauen, etwas stupiden Augen wuchs; den zweiten Inspektor Arndt, der mit seiner kurzen, gedrungenen Gestalt und seinen zwei weißen Raffzähnen Ännchen immer an eine, allerdings sehr gutmütige, Bulldogge erinnerte. Von dem dritten, den sie zum erstenmal sah, wußte sie, ehe noch Rebekka ihn ihr vorgestellt hatte, daß es der Volontär von Plat sei: ein junger eleganter Mann mit kurzem, blonden, sorgfältig auf der Mitte der Stirn gescheitelten Haar und einem sehr lichten, nach oben gestrichenen Schnurrbärtchen. Er war erst heute nachmittag von einer achttägigen Urlaubsreise aus Ostpreußen zurückgekommen, wo er seine Eltern besucht und eine Schwester verheiratet hatte. Ännchen schien es, als ob der junge Herr von sich selbst keine geringe Meinung hege, und daß er bei Rebekka in besonderer Gunst stehe. Wenigstens war, als der Volontär raschen Schrittes auf sie zutrat und, ihr die Hand küssend, die Empfehlungen seiner Eltern mit geläufiger Zunge ausrichtete, ihre stolze Miene von einem ungewöhnlich freundlichen Lächeln erhellt; und es fiel ihr auf, daß er an dem runden Tisch seinen Platz neben Becky hatte, während ihr doch der bärtige Oberinspektor auf diese Ehre größeren Anspruch machen zu dürfen schien. Auch von Beckys Unterhaltung fielen heute abend nur wenige spärliche Brocken für sie ab. Herr von Plat hatte gar zu viel zu erzählen; die Fülle der von ihm während der kurzen Reise erlebten Abenteuer war erstaunlich. Bei dem Zusammenstoß seines Eilzuges mit einem entgegenkommenden Güterzuge dicht vor Tilsit war es zwar noch glimpflich für ihn abgegangen, dank seiner Geistesgegenwart, die ihn im entscheidenden Moment aus dem Coupé springen ließ; aber in dem nächtlichen Gefecht zwischen preußischen Grenzjägern und russischen Schmugglern, dem er als Amateur beigewohnt und bei dem unsere Leute infolge der miserablen Führung schmählich den kürzeren gezogen, hätte er ums Haar das Leben lassen müssen. Nur die Dunkelheit, in der man nicht die Hand vor den Augen sehen konnte, und die Schnelligkeit seines ausgezeichneten Pferdes, eines Vollbluttrakehners, hätten ihn gerettet. Die Kugeln der wütenden Verfolger wären ihm freilich unbehaglich nah um die Ohren gepfiffen. Da Becky diesen Geschichten eine Aufmerksamkeit schenkte, welche Ännchen nicht völlig verdient schien; der Geheimrat, wenn auch hin und wieder mit einem Lächeln des Zweifels um die bartlosen Lippen, aufmerksam zuhörte; die beiden Inspektoren nicht den Mund aufthaten und Frau Direktor nur gelegentlich dem aufwartenden Diener im Flüsterton eine Weisung gab, hatte der junge Mann geraume Zeit das Wort allein in der kleinen Tafelrunde, bis Becky finden mochte, daß sie der Unterhaltung eine andere Wendung geben müsse. So fragte sie, den Redseligen etwas schroff unterbrechend, Herrn Pasedag über den Tisch hinüber, ob er heute nachmittag drüben in Selchow gewesen sei und die besprochenen Anordnungen getroffen habe? Der melancholische Mann erstattete seinen Bericht; Becky fragte: »Sonst nichts vorgefallen?« »Nein, gnädiges Fräulein. Nur Frau Peters sagte –« »Wer ist Frau Peters?« »Die Beschließerin im Schloß, gnädiges Fräulein.« »Ja so! Nun, und was sagte Frau Peters?« »Sie sagte, sie werde wohl die Damen das nächste Mal nicht wieder in den Park lassen dürfen.« »Die Person machte mir schon gestern Schwierigkeiten. Ich werde das Trinkgeld verdoppeln müssen.« »Ich weiß nicht, gnädiges Fräulein. Es wird wohl sein, weil der Herr Graf heute mittag plötzlich zurückgekommen ist.« »Wer?« »Der Herr Graf Bassedow, gnädiges Fräulein.« »Und das sagen Sie jetzt erst?« Becky hatte es in einer Erregtheit gerufen, die den bärtigen Riesen die schwermütigen Augen verwundert zu ihr aufschlagen ließ. Auch die übrigen blickten betroffen; aber die Röte auf ihren sonst immer mattblassen Wangen war so plötzlich verschwunden, wie sie aufgestiegen war, und in völlig ruhigem Tone fuhr sie fort: »Ich meine, wie konnten Sie uns eine so interessante Neuigkeit so lange vorenthalten? Sind wir doch für alles dankbar, was in die Monotonie unseres Lebens ein bißchen Abwechselung bringt. Nicht wahr, Ännchen? Du möchtest nun zum Beispiel auf der Stelle wissen, wie der Graf aussieht.« »Natürlich!« erwiederte Ännchen lachend; »du etwa nicht?« »Natürlich ich auch,« sagte Becky, die jetzt offenbar der Sache eine scherzhafte Wendung geben wollte. »Ich brenne vor Neugier. Also, Herr Pasedag, nun thun Sie einmal ein übriges für uns Damen und entwerfen uns ein Bild von dem Herrn Grafen mit der Genauigkeit eines Steckbriefes! Ist er groß? klein? dick? dünn? blond? schwarz? Schielt er auf dem rechten oder dem linken Auge? Und welche besonderen Kennzeichen hat er sonst?« Herr Pasedag wußte nicht, wie er diese bei seiner Herrin höchst ungewöhnliche Lustigkeit nehmen sollte; möglicherweise wollte sie ihn aufziehen. So sagte er, halb verlegen, halb verdrießlich: »Ich habe ihn ja gar nicht gesehen.« Alle lachten. »Es wird uns nichts übrig bleiben,« sagte der Geheimrat, »als morgen eine Deputation an den Herrn Grafen zu schicken und ihn um seine Photographie zu bitten.« »Oder ich reite hinüber,« rief Herr von Plat, »und fordere ihn wegen der Unhöflichkeit seiner Dienstleute gegen unser gnädiges Fräulein.« »Die Sache wird sich einfach erledigen durch die Visite, die er uns jedenfalls in den nächsten Tagen macht,« bemerkte Becky, jetzt wieder in ihrem gewöhnlichen ruhigen Ton. »Und dann bin ich über alle Berge und habe das Nachsehen,« rief der Geheimrat. Herr Arndt räusperte sich laut. Da es der erste Ton war, den er während der ganzen Mahlzeit hatte vernehmen lassen, erregte es allgemeine Aufmerksamkeit. »Hört! hört!« rief der Geheimrat. »Nun, Herr Arndt, heraus mit der Sprache! Sie wissen etwas, das wir nicht wissen, wie es ja wohl im Kinderspiel heißt.« Des Inspektors rotbraune Gesichtsfarbe war noch um eine Schattirung dunkler geworden. »Ich wollte nur bemerken,« sagte er, »daß ich den Herrn Grafen ganz gut kenne. Ich habe meine Dienstzeit bei den ersten Kürassieren unter ihm durchgemacht. Er war Rittmeister von unserer Eskadron.« »Und ein so wichtiges Geheimnis konnten Sie uns bis heute vorenthalten!« rief der alte Herr, schelmisch mit dem Finger drohend. »Ich hatte keine Veranlassung, davon zu sprechen,« entschuldigte sich höchst ernsthaft der Inspektor. »Na, dann sagen Sie uns wenigstens jetzt alles, was Sie wissen.« Herr Arndt wußte nicht eben viel: der Herr Graf Kurt Bassedow war ein sehr großer, sehr magerer Herr, der sich immer außerordentlich gerade hielt. Er hatte ein hageres Gesicht mit einer Habichtsnase und pflegte einen Schnurrbart zu tragen, der ungewöhnlich lang war und gerade nach den Seiten weggestrichen wurde. Augen blau; sehr hell und scharf, gerade wie seine Stimme. Bei den Soldaten beliebt, weil er, wenn auch streng, immer gerecht war und trotz seiner Schneidigkeit im Dienst Menschen und Tieren nichts Unbilliges zumutete. Ein ausgezeichneter Reiter, damals wohl der beste im Regiment. Galt für fürchterlich stolz; aber das mochte er wohl nur den Herren Offizieren gegenüber sein: gegen den gemeinen Mann ließ er sich nichts davon merken, hatte im Gegenteil bei Felddienstübungen und auf den Manövern oft für ihn ein freundliches Wort. Aber Scherze machen, wie manche der anderen Herren Offiziere, die dann freilich im Handumdrehen sehr ausfallend werden konnten, gab es bei ihm nicht. Ein Schimpfwort, wie Esel, Ochse, Rindvieh und dergleichen, hatte Herr Arndt während der ganzen zwei und einem halben Jahre nicht aus seinem Munde gehört. Dagegen, daß er selbst gegen den Erbprinzen Hoheit, der zu seiner Zeit Regimentscommandeur war, – er selbst war zufällig Zeuge gewesen – auf dem letzten Manöver bei einer Meinungsverschiedenheit eine Sprache geführt – Herr Arndt hatte seinen Ohren nicht getraut und nicht mehr recht gewußt, wer nun eigentlich der Chef sei: der Prinz oder der Herr Graf. »Warum ist er denn eigentlich abgegangen?« fragte der Volontär. »Schulden?« »Das weiß ich nicht,« erwiderte Herr Arndt. »Das war nach meiner Zeit.« Der Geheimrat hatte bereits wiederholt Zeichen von Ungeduld blicken lassen. Die Wendung, welche das Gespräch nehmen zu wollen drohte, schien ihm nicht recht zu sein. Jetzt gab er Rebekka ein Zeichen, welche dann die Tafel aufhob. Die beiden Inspektoren verschwanden sofort, nachdem sie ihre steife Verbeugung gemacht. Herr von Plat zögerte ein wenig; er schien zu erwarten, daß man ihn zum Bleiben auffordern werde. Da es nicht geschah, ging auch er. Die Damen, denen sich jetzt Frau Direktor zugesellte, und der Geheimrat begaben sich in den großen Salon zurück. Das gemeinschaftliche Gespräch kam auffallend oft ins Stocken. Ännchen hatte die Empfindung, daß Vater und Tochter allein zu sein wünschten. Sie bat, sich zurückziehen zu dürfen: sie müsse den Koffer, der morgen leer in die Stadt zurück solle, noch auspacken. Rebekka entließ sie mit einem, wie Ännchen schien, etwas flüchtigen Kuß auf die Stirn; der Geheimrat begleitete sie höflich bis zur Thür, wo er sich mit einem freundlichen: »Auf Wiedersehen morgen!« von ihr verabschiedete. Frau Direktor war schon vor ihr gegangen. * Ännchen hatte das Mädchen, das ihr hinaufgeleuchtet und die Lichter in ihrem Zimmer angezündet, fortgeschickt. Sie machte sich an den Koffer, während ihr allerlei fröhliche Gedanken durch den Kopf gingen. Eigentlich war es ja nicht hübsch von den Eltern, sie auf so lange Zeit von sich zu geben, als ob sie zu Hause ganz überflüssig sei. Aber dann, wie gut waren sie wieder, gar nicht an sich zu denken, sondern nur an die Freude, die sie ihr so bereiteten! Noch auf Wochen hier weilen zu dürfen, in diesem Paradiese, das jeder der kommenden Frühlingstage womöglich noch schöner machen würde! Freilich, der liebe, prächtige Geheimrat! Daß der so bald abreisen wollte! Den konnte der Herr von Plat nicht ersetzen. Eigentlich ein rechter Fant, dieser Herr von Plat, mit seiner gescheitelten blonden Perücke und dem Bärtchen, an dem jedes Haar künstlich wild gemacht war! Und Becky! Warum sie nur den Zierbengel so gut behandelte? Seltsam! Ein Klopfen an der Thür unterbrach Ännchen in ihren Meditationen. Sie ging zu öffnen, das Mädchen vermutend, das irgend etwas vergessen haben mochte; es war die Frau Direktor. »Ich wollte fragen, ob ich Ihnen helfen könne?« »Sie sehen, ich bin schon beinahe fertig. Es war keine schwere Arbeit – das bißchen Siebensachen! Aber es ist so lieb von Ihnen. Bitte kommen Sie herein und nehmen Sie Platz!« Der Besuch war Ännchen sehr genehm. Sie fühlte sich zum Plaudern aufgelegt; und die brave, stattliche, trotz ihrer fünfzig Jahre noch hübsche Frau mit den großen hellen blauen Augen, dem nicht kleinen und doch anziehenden Munde, dem überreichen aschblonden Haar war ihr vom ersten Augenblick an sehr sympathisch gewesen. »So!« sagte sie, »jetzt bin ich fix und fertig. Nun lassen Sie uns einmal ordentlich miteinander schwätzen! Dazu haben wir ja eigentlich noch gar keine rechte Gelegenheit gehabt.« Sie hatte den Besuch in einen bequemen Stuhl genötigt, für sich selbst einen Sessel nahe heranrückend. »Soll ich das Fenster schließen, Frau Direktor?« »Meinetwegen nicht; ich bin an frische Luft gewöhnt. Aber, bitte, nennen Sie mich nicht weiter ›Frau Direktor‹, wenn wir unter uns sind! Das klingt so förmlich. Sagen Sie einfach: Frau Krafft!« »Aber alle Welt nennt Sie doch hier Frau Direktor.« »Fräulein Lombard – oder wünschen Sie, daß ich ›gnädiges Fräulein‹ sage –?« Um ihren Mund spielte ein humoristisches Lächeln, das Ännchen unwillkürlich zum Lachen brachte. »Sagen wir Becky!« »Würde sich für mich nicht schicken. Also: Fräulein Lombard wünscht es so. Es paßt mehr in den Rahmen, wissen Sie. Mir liegt nichts daran – im Gegenteil! Mein seliger Mann war nur in dem letzten Jahre seines Lebens Direktor einer höheren städtischen Mädchenschule in Anklam. Er war es noch nicht acht Tage, da bekam er einen Blutsturz und war seitdem eigentlich immer krank. Es war die traurigste Zeit meines Lebens.« »Wenn ich das gewußt hätte!« sagte Ännchen. »Wie können Sie das wissen,« erwiderte Frau Krafft, Ännchens Händedruck warm zurückgebend. »Wir wollen uns ja überhaupt erst kennen lernen. Ich bin zu dem Zweck heute abend eigens gekommen – das mit dem Helfen beim Koffer war nur so ein Vorwand.« »Dann erzählen Sie mir gleich noch ein bißchen mehr von Ihnen!« rief Ännchen. »Na, in einem Roman geht's anders zu. Mein Mann ließ mich zurück mit einer siebzehnjährigen Tochter und einem Jungen, der acht Jahre alt war – zwei Kinder dazwischen waren gestorben. Mariechen hat sich bald verheiratet an einen Gymnasiallehrer – auch in Anklam – einen braven Mann. Erich – so heißt mein Junge – sollte studieren; es war immer der Herzenswunsch meines Mannes gewesen, und er war ein sehr begabter, fleißiger Knabe. Vermögen hatten wir keinen Pfennig; meine kleine Pension konnte uns auch nicht satt machen. Ich bin ein Landkind, eine Pächtertochter; und wenn ich auch als Lehrerfrau andere Dinge in den Kopf zu nehmen hatte – was man so in der Jugend lernt – kurz ich ging in Kondition als Wirtschafterin. Und da man da immer freie Station hat, konnte ich mein Salär für meinen Jungen verwenden. So habe ich ihn durch die Schule und durch die Universität gebracht. Er steht jetzt vor dem Staatsexamen – dem medizinischen. Ihr Herr Vater, schreibt er mir heute, wird ihn in der letzten Station in die Finger bekommen. Sie sehen also, Fräulein Ännchen, weshalb ich auf jeden Fall mit Ihnen gut Freund sein muß.« Diesmal blitzte das schalkische Lächeln auch in ihren blauen Augen auf; Ännchen hatte die größte Lust, der Frau um den Hals zu fallen. Alles, was sie sagte, klang so gut, so treuherzig; und sie hatte ein so liebes Gesicht! Eine kleine Pause entstand, während der Ännchen beschloß, den beabsichtigten Kuß auf die nächste schickliche Gelegenheit zu verschieben. Durch das halboffene Fenster, das auf den Park ging, hörte man das leise unregelmäßige Plätschern des Springbrunnens in der Mitte des Teiches und den dumpfen klagenden Ruf eines Schwans. Der zugezogene Vorhang bauschte sich auf; Frau Krafft erhob sich, schloß das Fenster, kam wieder zu ihrem Stuhl zurück und sagte: »Nun müssen wir aber auch von ihnen ein wenig reden. Das heißt, was Ihre Familienverhältnisse sind – die kenne ich ja. Da ist alles so klar und schier, wie, ich bin überzeugt, in Ihrer jungen siebzehnjährigen Seele. So sollte ich Sie wohl mit meinem Rat verschonen. Und Rat erteilen will ich Ihnen auch eigentlich nicht. Nur vielleicht auf dies und jenes aufmerksam machen, was Ihnen möglicherweise von Nutzen sein kann, da Sie nun doch auf längere Zeit unser Gast sind. Auf ein paar Wochen muß man sich anders einrichten, als auf ein paar Tage.« »Sie meinen hier?« sagte Ännchen, sich in dem hübschen Zimmer umblickend. »Nein, das meine ich nicht,« erwiderte Frau Krafft, ihr, wie einem Kinde, die Wange streichelnd. »Ich wollte von was anderem sprechen. Um mit dem Unwichtigsten zu beginnen: nehmen Sie sich vor dem Musjö Plat in acht! Daß Sie sich nicht in ihn verlieben werden – dazu sind Sie viel zu gut und rein. Aber daß er Ihnen keine Verlegenheit bereitet. Gestatten Sie ihm nicht die kleinste Freiheit; im nächsten Augenblick nimmt er sich die größte. Von seiner Windbeutelei will ich gar nicht sprechen – das ist ja nur zum Lachen, notabene: wenn man daran Geschmack findet, was ich für mein Teil nicht thue. Ich bin überzeugt: von dem, was er uns heute abend vorrenommiert hat, war kein Wort wahr. Seine Eltern sind so arm wie die Mäuse auf der Sandscholle dahinten, die er ›unsere Güter‹ nennt. Er hat zwei Schwestern, von denen die ältere an einen russischen Gutsbesitzer verheiratet ist, der recht wohlhabend zu sein scheint und jetzt die jüngere ausgestattet hat, wie denn die ganze Gesellschaft aus seiner Tasche lebt. Unser liebenswürdiger Wladimir – vergessen Sie nicht, wenn Sie den Namen aussprechen, daß der Accent auf der zweiten Silbe liegt – sollte Offizier werden. Er machte aber schon als Fähnrich so arge Schulden – der Schwager wollte oder konnte nicht mehr zahlen, und er wurde geschwenkt. Doch das alles mag man für Dummejungenstreiche halten. Viel schlimmer ist: er ist falsch – wie Galgenholz, sagen wir hier. Ich habe meine Beweise. So thut er auch, als ob er für unser Fräulein in jedem Augenblick sterben würde, und hinter ihrem Rücken macht er sich über sie lustig.« »Das sollte sie doch aber wissen!« rief Ännchen empört. »Vorläufig würde sie es keinem glauben, und wenn's ein Engel vom Himmel ihr sagte. Glücklicherweise ahnt der dumme Junge nicht, daß seine Schmeichelei der Strick ist, den er sich selber dreht.« »Das verstehe ich nicht,« sagte Ännchen. »Und gerade deshalb spreche ich davon. Sehen Sie, liebes Kind – ich darf Sie doch so nennen? – solche Charaktere, wie Fräulein Lombard, können ohne Schmeichelei nicht leben. Dabei ergeht es ihnen, wie den Menschen, die sich durch beständigen Aufenthalt im Zimmer verwöhnt haben – von dem ersten kalten Windzug bekommen sie den Schnupfen. Ein ungeschicktes Wort von dem Schmeichler, die geringste Widersetzlichkeit, Unbotmäßigkeit und – er kann sein Ränzel schnüren. Um dem nächsten Platz zu machen, dem es nicht besser ergeht. Die Schmeichelei in Bausch und Bogen satt zu kriegen, dazu muß man, glaube ich, so alt werden, wie Friedrich der Große. Und ich habe mich mit meinem seligen Mann darüber gestritten, ob das Wort von den Sklaven, über die zu herrschen er müde sei, nicht auch eine von den vielen Fabeln ist, welche die Menschen den großen Leuten andichten und an denen sie ihre Freude haben.« »Aber wenn man jemand nun so grenzenlos bewundert, wie ich Becky bewundere!« rief Ännchen mit flammenden Wangen. Frau Krafft blickte gerade vor sich hin und erwiderte nach einer kleinen Pause: »Sie sollten Fräulein Lombard nicht grenzenlos bewundern; keinen Menschen sollte man das! Niemand ist gut außer Gott allein. Und gut? Fräulein Lombard – gut, was wir Christenmenschen so nennen –« »Ach so,« sagte Ännchen gedehnt. Frau Krafft schüttelte den Kopf. »Sie mißverstehen mich,« sagte sie; »und das ist nicht Ihre Schuld, sondern meine. Ich hätte das Wort nicht brauchen sollen. Es klingt so, als ob nur ein Christ gut sein könne – so weit uns Menschen das überhaupt möglich ist. Das meine ich nicht. Ich meine – ach, liebes Fräulein, ich wollte, ich könnte Ihnen das mit den Worten meines seligen Mannes sagen; der verstand davon mehr als ein Dutzend Pastoren – ich meine: einem, dem von vorherein Christus als Muster hingestellt wird, und dem gesagt wird: das ist der beste aller Menschen gewesen; dem mußt du nacheifern und deinen nächsten lieben, wie er; und näher ist dir keiner als die Armen und Elenden, für die er zuerst ein Herz voll Mitleid gehabt hat, während alle Welt sie sonst unter die Füße trat – wem das, sage ich, von Kindesbeinen an gelehrt wird, der hat es wohl leichter, ein guter Mensch zu werden, als wer sich erst, so zu sagen, zu Christus durcharbeiten muß, wie der Jude, dem die Menschen oft so übel mitgespielt haben, daß man sich nicht wundern kann, wenn er von der Menschenliebe nichts wissen will, sondern zuerst an sich denkt und hernach noch mal an sich. Mit der Religion, was die Leute so darunter verstehen, hat das nicht viel zu thun, oder gar nichts; denn Christus ist ja selber ein Jude gewesen. Wie er, kann auch jeder Jude ein guter Mensch sein und sich trotzdem Jude nennen – hat sich doch Christus selbst bis an seinen Tod immer einen Juden genannt! Darum wollte ich, pflegte mein Mann zu sagen, wir hätten für einen guten Menschen, ob er nun Christ, oder Jude, oder sonst was sei, ein besonderes Wort, um damit auszudrücken, daß es auf das Gutsein ankommt, außerdem aber auf gar nichts. Und wissen Sie, Fräulein Ännchen, wen ich für meine Person dann zuerst so nennen würde: den Herrn Geheimrat. Das ist ein wirklich guter Mensch, wenn er auch seine Tochter grenzenlos verzieht und die Mucke hat – du lieber Gott, unsere Mucken haben wir alle! – daß er partout ein Jude sein will. Ich weiß nicht, ob ich mich verständlich gemacht habe. Es ist so sehr schwer.« »Doch, doch!« rief Ännchen eifrig; »ich habe Sie ganz gut verstanden. Was Sie da gesagt haben, ist mir nichts Neues. Mein Vater denkt ebenso. Und was den lieben alten Herrn Geheimrat betrifft, da haben Sie gewiß recht. Nur – nur – ach, bitte, sagen Sie mir nicht, daß Becky schlecht ist! Das könnte ich nicht mit anhören!« »Ich will es auch gar nicht sagen,« erwiderte Frau Krafft, abermals Ännchens Backe streichelnd; »es wäre die Unwahrheit. Man kann sie überhaupt nicht beurteilen und taxieren wie andere gewöhnliche Menschen: sie ist, so zu sagen, einen guten Kopf größer als alle wenigstens, die ich kenne. Und doch thut sie mir von ganzem Herzen leid. Das klingt wunderlich genug: ich und sie bemitleiden! Aber was hat sie denn von ihrem Reichtum, ihrer Schönheit, ihrer Gelehrsamkeit und alle dem? Gar nichts hat sie; unglücklich ist sie bis ins innerste Herz hinein. Warum? ›Je mehr sie hat, je mehr sie will; nie schweigen ihre Wünsche still‹ heißt es im Sprichwort. Bei ihr trifft das zu – buchstäblich. An nichts hat sie wahre Freude. Sie meinen vielleicht: an der Landwirtschaft? Ich kann Ihnen sagen: in ihrem Inneren macht sie sich gar nichts daraus. Sie fährt und reitet herum und befiehlt dies und ordnet das an; ob's ausgeführt wird, und wie es ausgeführt wird, darum kümmert sie sich nicht. Wenn sie Pasedag nicht hätte – alles ginge drunter und drüber. Der sagt: ja, gnädiges Fräulein! oder sagt auch gar nichts, thut aber dann, was nach seiner Meinung das Richtige ist. Nicht, daß er lange darüber grübelte und sich den Kopf zerbräche – das ist nicht seine Sache. Er hat das so im Gefühl, im Blut. Das Feld – das ist er selbst; das Tier – das ist er selbst. Wo es dem Felde not thut, oder dem Tier – er spürt es am eigenen Leibe, gerade wie den eigenen Hunger und Durst. Das ist so, wenn man die Liebe zu etwas hat. Dann weiß man alles. Und wenn man die Liebe nicht hat, dann weiß man nichts. Dann mag man alle Bücher gelesen haben und noch so herrlich über alles zu reden verstehen – man ist doch nichts als ein tönend Erz und eine klingende Schelle.« Frau Krafft, die sich immer mehr in Eifer gesprochen hatte, war aufgestanden und fuhr fort, mit der erhobenen Hand zu Ännchen hin gestikulierend, die ganz verschüchtert dasaß und die seltsame Frau mit weit offenen Augen anstarrte: »Aber Hochmut kommt vor dem Fall. Hochmut hat die Engel gestürzt. Und Christus sagt: selig sind die Einfältigen. Er hat damit gewiß nicht die Dummen gemeint, – vor denen hat er ganz sicher selbst ein Kreuz geschlagen – sondern die Bescheidenen, die nicht gleich immer oben hinauswollen; die den Sperling in der Hand nicht fliegen lassen, weil die Taube auf dem Dache so viel größer ist; die ihre Arbeit redlich thun und Freude daran haben; und –« Ihr Blick war auf das entgeisterte Gesicht des jungen Mädchens gefallen. Sie brach jäh in ihrer Rede ab, trat an sie heran und sagte lächelnd und ihr mit beiden Händen über Haar und Wangen streichelnd: »Nun, nun! ich meine das alles nicht schlimm. Das kommt nur manchmal so über mich. Mein lieber Mann hat oft zu nur gesagt: Luise, sagte er, du hättest Pastor werden müssen, wenn du mir auch keine Gardinenpredigten hältst. Nein, das habe ich nie gethan. Hatt's auch nicht nötig. Er war ein so vortrefflicher Mann und einer, der sein Leben nicht für sich führte, wie es so viele thun, sondern es mit mir teilte und alles mit mir durchsprach, Großes und Kleines, wie's eben kam. Aber wenn man nun so jahre- und jahrelang allein durchs Leben geht und sieht, wie die Menschen es treiben, und manchmal laut auflachen und ein andermal schreien möchte: thu doch das nicht! du machst dich ja unglücklich! Und zu allem schweigen muß! Da kommen Augenblicke, wo einem das Herz überläuft; und man erschreckt dann so ein junges liebes Geschöpf, das in der Welt noch einen Rosengarten sieht, in dem es keine Tiger und keine Schlangen giebt. Na, nun gehen Sie zu Bett und träumen süß! Und glauben Sie ja nicht, ich will Ihrem Fräulein Becky übel, oder hasse sie gar! Mir geht es mit ihr nur, wie meinem Manne, wenn er einmal ausnahmsweise ein so recht begabtes, schönes Mädchen zur Schülerin hatte. Er sagte dann: armes Kind! es müßte ihr ja eigentlich wundersam gut werden auf Erden; aber wo so viel glänzendes Licht ist, da ist auch ebenso viel schwarzer Schatten.« Es war das so herzlich gesagt, und ihre großen blauen Augen schimmerten feucht. Für Ännchen war der Moment gekommen, wo sie der Frau einen Kuß geben mußte. Sie sprang auf, fiel ihr um den Hals, und die Spannung, in der das ernste Gespräch ihre junge Seele gehalten, löste sich in heftigem Weinen. Frau Krafft hatte alle Mühe, sie zu beruhigen; verließ sie auch nicht eher, als bis sie sie zu Bett gebracht und sich überzeugt, daß die Wolke, die sie an diesem heiteren Himmel heraufbeschworen, völlig wieder verschwunden war. Mit sich selbst fühlte sie sich desto unzufriedener. Nun, ja! sie war überzeugt, daß der Hochmutsteufel, der Fräulein Lombard in den Krallen hielt, noch fürchterliche Dinge mit ihr anstellen würde. Aber weshalb das nicht für sich behalten? weshalb nur ein Zipfelchen davon sehen lassen? Weshalb überhaupt nicht blind sein, wie die anderen, von denen gewiß keiner den unheimlichen Ausdruck bemerkt hatte, den das Gesicht von Fräulein Hochmut annahm, während über Tisch von dem Grafen drüben gesprochen wurde? Wenn der den erwarteten Besuch nicht machte, worauf zehn gegen eins zu wetten war, das würde einen Tanz geben! Und machte er ihn, konnte es leicht noch schlimmer werden. Frau Krafft, die den letzten Teil ihres Selbstgesprächs bereits in ihrem Zimmer halblaut gehalten hatte, unterbrach sich plötzlich und betrachtete nachdenklich die Haube, die sie eben abgenommen. Ja, das könnte sie retten! Ein Mann, zu dem sie hinaufsehen müßte, den sie liebte! Aber sie zu jemand hinaufsehen! Sie einen Menschen wahrhaft lieben! Das ist's ja, daß sie nicht lieben, nichts lieben kann, als sich selbst! Ach was! ich habe die Welt nicht gemacht! Und Frau Krafft stülpte die Haube energisch auf den Ständer. * Vater und Tochter waren in dem großen Salon geblieben, nachdem die anderen ihn verlassen. Der Geheimrat stand mit dem Rücken an dem Kamin und blickte still vor sich nieder. Becky schritt auf und ab. Plötzlich blieb sie in der Nähe des Vaters stehen und sagte: »Was hast du beschlossen?« Der Geheimrat hob die Augen: »Worin, mein Kind?« »Wie es werden soll, wenn der Graf sein Rückkaufsrecht geltend macht?« »Was ist da zu beschließen, mein Kind? Will er Selchow wieder haben, nun, er hat es im Kontrakt, daß wir zurücktreten.« »Selbstverständlich, wenn er das Geld zurückzahlen kann.« Der Geheimrat schwieg einen Moment und sagte dann: »Selbstverständlich.« »Nur daß er es nicht können wird.« »Hoffen wir, daß er es kann!« Becky, die ihr unruhiges Wandern durch das Zimmer wieder begonnen hatte, wandte sich um und warf einen zornigen Blick auf den Vater. »Hoffen wir! sagst du? und sagst das so ruhig? Ich hoffe das Gegenteil. Sehr! Ich wäre unglücklich, ich wäre außer mir, wenn wir Selchow so ohne weiteres wieder abgeben müßten.« »Warum unglücklich? warum außer dir? Komm, mein Kind, laß uns ruhig über die Sache sprechen!« Er hatte sich in einen der Fauteuils am Kamin gesetzt; Becky kam und nahm ihm gegenüber ebenfalls Platz. Ihre Miene war finster. Sie vermied es, den Vater anzusehen, der das Schüreisen, das er zur Hand genommen, dem verglimmenden Kohlenhaufen einen leisen Stoß zu geben, wieder an den Vorsetzer lehnte und sagte: »Wir wollen einmal den Grafen ganz außer Frage lassen. Ich kenne ihn nicht; weiß nicht, was für eine Art Mensch er ist, und ob er das Interesse verdient, das ich an seinem Vater genommen habe, trotzdem er zweifellos ein vaurien war. Wie gesagt: das soll uns jetzt nichts angehen; wir wollen einmal nur an uns denken. Haben wir einen stichhaltigen Grund, Selchow behalten zu wollen? Ich glaube: nein. Eine vorteilhafte Kapitalanlage ist es gewiß nicht. Im Gegenteil! Sähe ich nur darauf, wir müßten nicht bloß Selchow, sondern auch hier Polchow und die anderen Güter heute lieber verkaufen als morgen. Aber ein Geschäft, was man so nennt, habe ich mit den Güterkäufen nicht machen wollen. Ich wollte unser Vermögen, wenn auch zehnfach weniger rentabel, als in Aktien- und anderen Unternehmungen, so doch sicher anlegen; und als ich sah, daß du an der Landwirtschaft Geschmack fandest, dich dafür enthusiasmiertest – liebes Kind, ich habe ja nur dich! Und nur den einen Wunsch, dich glücklich zu sehen, glücklich zu machen, soweit ich dazu beitragen kann! Du glaubtest früher, dein Glück im Studium zu finden – ich ließ dich ziehen, jahrelang in der Fremde weilen – mit wie schwerem Herzen, das weiß Gott! Hier wieder habe ich dir in jeder Weise den Weg geebnet, obgleich ich in die Beständigkeit deiner neuen Leidenschaft ein starkes Mißtrauen setzte. Nicht sowohl aus persönlichen Gründen, sondern aus allgemeinen: historischen und psycho-physiologischen. Unser Volk ist nie ein eigentlich ackerbautreibendes gewesen, auch nicht, als es Palästina noch bewohnte. Die Natur dort ist dem Landbau wenig günstig; unsere Leute waren Hirten, Gärtner, Handwerker, später Kaufleute, Gelehrte. Du hast das Blut von Kaufleuten und Gelehrten in den Adern; seit zwei Jahrtausenden ist sicher keiner deiner Vorfahren Ackerbauer gewesen. So denn würde ich mich nicht wundern, wenn du eines Tages erklärtest, die Sache satt zu haben. Ich habe dich diese Wochen hindurch still beobachtet. Das Resultat ist: der Sättigungspunkt ist bei dir bereits eingetreten, oder wird es doch bald.« Becky hatte bis dahin in dem niedrigen Sessel dagesessen, zusammengekauert, den Kopf in die Hand gestützt, regungslos, außer daß ihr Fuß ein paarmal blitzschnell auf- und niederwippte. Plötzlich blickte sie empor und sagte, die Augen fest auf den Vater richtend, in hartem Ton: »Weshalb die vielen Worte, Vater? Ich bin doch sonst nicht so schwer von Begriffen. Weshalb nicht gerade heraussagen: du möchtest, daß ich Emil Rehfeld heirate? Er hat ja jetzt die Professur. Darauf hast du doch nur gewartet.« »Wenigstens,« erwiderte der Geheimrat, »hielt ich den Augenblick für geeignet, die Sache nochmals mit dir durchzusprechen, in aller Friedfertigkeit, liebes Kind, wie es sich für zwei vernünftige Leute, wie wir beide, schickt. Ja, ich möchte es. Vielmehr: es ist mein innigster Wunsch. Mit Kummer und Sorge sehe ich die Jahre kommen und gehen und dich unvermählt bleiben – contra naturam , Kind! contra naturam ! Gott nahm deine Mutter zu früh zu sich, als daß sie mir außer dir noch andere Kinder hätte schenken können – einen Sohn vielleicht, der unser Geschlecht fortgepflanzt hätte. So konzentriert sich auf dich all mein Wünschen und Hoffen. Für ein so exceptionelles Wesen, wie du, findet sich schwer der passende Gefährte. Das weiß ich wohl. Auch kannst du mir gewiß nicht vorwerfen, ich hätte dich je gedrängt. Aber alles hat seine Zeit, sagt der Prediger; auch das Wägen und Wählen und – dem Vater wirst du die Indiskretion nicht übel nehmen – du wirst in diesem Juli sechsundzwanzig Jahr. Da sage ich: wäge und wähle nicht länger! nimm Emil Rehfeld! Er hat dich schon als Student geliebt; und, wie er ein Israelit, in dem kein Falsch und der treu in allem, so ist er es auch in seiner Liebe. Von wie vielen kann man das sagen heutzutage? Und wäre es das einzige, das für ihn spricht! Mir wirst du glauben, wenn ich dich versichere: wie er der beste Schüler war, den ich je gehabt, – ich nehme da selbst Guttmann nicht aus – er hat die glänzende Zukunft, die ich ihm prognosticierte, schon jetzt wahr gemacht. Und er steht erst im Anfang seiner Bahn! Es ist nicht abzusehen, was ihm unsere Wissenschaft – speciell die Physiologie – noch zu verdanken haben wird.« Der Geheimrat, der zuletzt in einem erregteren Tone gesprochen hatte, griff abermals nach dem Schüreisen, stellte es indes alsbald wieder in den Ständer zurück und fuhr mit der gewohnten ruhigen Stimme fort: »Wäre er bloß ein Gelehrter! Aber er ist, was so viele Gelehrte nicht sind, ein geistreicher Kopf, ein Mensch von Phantasie und feinster Empfindung, der Sinn für alles Schöne hat; dessen Unterhaltung ebenso ergötzt, wie belehrt; in dessen Gegenwart man sich gar nicht langweilen kann. Das ist für dich conditio sine qua non : ein langweiliger Mann, und wäre er sonst mit allen möglichen Ehrenqualitäten ausgestattet, nach acht Tagen würde er dir zum Überdruß sein. Ich gebe zu, muß es zugeben: wessen Blick schlechterdings an der Oberfläche haftet, wird ihn häßlich finden. Nun, ich war niemals, auch nicht in meiner besten Zeit, etwas anderes als ein kleines, unansehnliches, gründlich unschönes Kerlchen, und war, als ich heiratete, über die Vierzig, also längst nicht mehr jung; und deine Mutter war achtzehn und schön und groß, wie du; und die letzten Worte, die ihre holden, erkaltenden Lippen hauchten, waren: ich habe dich sehr geliebt.« Der alte Mann bedeckte sich die Augen mit der Hand und saß so, vornübergebeugt, ein Weilchen, während die verglimmten Kohlen leise in sich zusammensanken und kein anderer Laut durch die Stille zu vernehmen war als das Ticken der großen Rokokouhr auf dem Sims über den beiden Schweigenden. »Du antwortest mir nicht,« sagte der Geheimrat, ohne seine Stellung zu verändern. Becky, die, während der Vater sprach, sich nicht gerührt hatte, richtete sich in ihrem Fauteuil auf: »Was soll ich antworten? Oder, wie kann ich antworten, ohne dich zu kränken? Du hast mich daran erinnert, daß ich sechsundzwanzig Jahre bin, hast aber unterlassen, die Konsequenzen aus dem Faktum zu ziehen. Deine Rede war an ein sechzehnjähriges Mädchen gerichtet, das nicht weiß, was es will, und dem man also mit leichter Mühe seine Gedanken und Empfindungen suggerieren kann.« Der Geheimrat hob den Kopf. »Laß uns abbrechen, Kind!« sagte er freundlich; »du bist erregt, und es ist spät geworden. Wir können ja morgen in aller Ruhe weiter sprechen.« Er wollte aufstehen; Becky streckte den Arm aus: »Bitte, bleib! Wenn ich doch schon antworten soll, weiß ich heute abend so gut, was ich zu sagen habe, wie ich es morgen wissen werde.« Der Geheimrat ließ sich wieder in den Sessel zurücksinken; Becky fuhr fort: »Du wünschest, daß ich heirate. Prinzipiell habe ich nichts dagegen, aber natürlich müßte es eine Heirat nach meinem Geschmack sein. Der ist schwer zu befriedigen. Von der Liebe sehe ich ganz ab. Nach meiner Auffassung – um von der physischen Seite zu schweigen, die man ja nicht gern berührt – ist sie seelisch schlechterdings nichts als eine Illusion, die bei mir nicht vierundzwanzig Stunden anhalten würde. Um so größeres Gewicht muß ich auf das legen, was den schwärmerischen Seelen nebensächlich erscheint: auf die äußeren Bedingungen der Ehe. Sie müßten durchaus glänzend sein. Du siehst: ich bin ganz offenherzig. Ich habe allen Respekt vor der Gelehrsamkeit; aber die Frau eines Gelehrten zu sein, und wäre er noch so bedeutend und in seiner Bedeutenheit anerkannt – das würde mir nicht genügen. Mein Leben mit Professorenfrauen hinzubringen, wie die brave Frau Guttmann in Greifswald – es ist mir ein gräßlicher Gedanke. Apropos: darf ich dir gestehen, daß ich wünschte, du hättest die Einladung der kleinen Guttmann auf etwas kürzere Zeit bemessen? Es ist ja soweit ein liebes Ding, aber doch schrecklich unbedeutend, und ich fürchte, sie wird mir nach acht Tagen recht zur Last sein. Das nebenbei. Was ich unter glänzenden Bedingungen verstehe? Einen vornehmen Namen des Mannes, der ihm allein schon seine Stellung in der Gesellschaft sichert. Das ist die Hauptsache. Obligater Reichtum erscheint mir wünschenswert, aber nicht unbedingt notwendig. Ich bin dein einziges Kind, und enterben wirst du mich nicht, auch wenn meine Wahl nicht nach deinem Wunsche ausfällt. Siehst du, Vater, dies Ziel habe ich im Auge gehabt von dem Moment, als ich hierher aufs Land kam. Eine Großgrundbesitzerin! Das war es. Das ist ein Relief, von dem man sich vorteilhafter abhebt, als von jedem anderen. Eine Landwirtin mußte ich natürlich auch werden, ohne das ging es nicht. Schon der Leute wegen. Und dann, so ganz müßig dazusitzen hielte man nicht aus. Aber darin hast du recht gesehen: so viel Spaß, wie anfänglich, macht mir die Sache nicht mehr. Die ewige Wiederholung derselben Dinge fällt einem schließlich auf die Nerven. Und dann: man ermüdet, wenn das Ziel, zu dem man will, immer weiter hinausrückt. Um es kurz zu machen: würdest du sehr unglücklich sein, wenn ich einen vornehmen Herrn, sagen wir: den Grafen Bassedow heiratete?« »Wenn du was thätest!« rief der Geheimrat. »Das kann dich doch nicht wunder nehmen nach dem, was ich eben gesagt habe. Ich nahm mit Bestimmtheit an, du habest es vorausgesehen. Mein Zukunftsbild war ja streng nach dem Modell gemalt, das uns vor den Augen steht – mir vor Augen steht, will ich sagen, seitdem vorhin der Arndt ein Bild von ihm gab, das ich nur etwas zu retouchieren brauche, um es meinem Geschmack anzupassen. Und nun weißt du, weshalb mir der Gedanke, der Graf wolle und könne Selchow ohne weiteres zurückkaufen, so abscheulich ist. Denn wenn er es kann, ist es ihm jedenfalls nur durch eine reiche Heirat möglich, die er entweder bereits eingegangen ist, oder demnächst eingehen wird. Das erstere ist nicht wahrscheinlich: wir hätten sicher davon gehört. Auch ist er ja, nach der Aussage von Pasedag, allein gekommen. Also das letztere. Ich brenne darauf, zu erfahren, wie es damit steht. Und da habe ich eine große Bitte an dich. Die Respektsfrist, die er sich kontraktlich ausgemacht hat, ist freilich erst in zwei Wochen abgelaufen. Aber dann bist du nicht hier, und dergleichen macht man immer besser persönlich ab, als durch einen Agenten. Du willst übermorgen fort. So hast du den schicklichsten Vorwand von der Welt, morgen dem Grafen mit einem Besuch zuvorzukommen, vorausgesetzt, daß es überhaupt in seiner Absicht liegt, mir eine Visite abzustatten, was mir noch gar nicht so sicher scheint, wenn ich es recht überlege. Wenigstens wäre er der erste Adelige hier, der es thäte. Ich glaube nicht, daß er Selchow zurücknehmen kann, achthunderttausend Mark sind immerhin nicht so leicht beisammen. Aber vielleicht bietet er eine Anzahlung, und die, meine ich, solltest du annehmen. Wie ungern ich Selchow verlöre – wir können uns nach einer anderen Seite arrondieren; und das Gut scheinbar abtreten, ist möglicherweise das sicherste Mittel, es zurückzugewinnen. Fürchte nicht, daß ich zu den Mädchen gehöre, die sich für einen vornehmen Namen als Sklavinnen verkaufen! Ich werde immer die Herrin bleiben, das schwöre ich dir. Und nun, Vater, bitte ich dich: thue deinem einzigen Kinde seinen Willen, wie du es noch immer gethan hast!« Die letzten Worte hatten eher wie ein Befehl als wie eine Bitte geklungen, und bittend war der Blick der großen schwarzen Augen nicht, als sie dem Vater jetzt beide Hände entgegenstreckte, die er ergriff und fest hielt, für den Augenblick keines Wortes mächtig. Was sie da von der Liebe und Ehe gesagt – es ging ja alles schnurstracks gegen sein Gefühl, seine Überzeugung. Aber, wie sehr er sich dagegen sträubte, die Kraft ihres Willens, die Schnelligkeit ihres Entschlusses, die Konsequenz ihres Gedankenganges – sie hatten ihm wieder einmal seltsam imponiert. Es kostete ihn den Verzicht auf seinen jahrelang gehegten Lieblingswunsch! Und hätte sie das alte Herz im Leibe von ihm gefordert, würde er es nicht gegeben haben? Er hatte sich erhoben und legte seine rechte Hand auf das schöne Haupt: »Dein Wille geschehe! Und der Gott unserer Väter segne und behüte dich!« Ein zärtlicher Kuß in das reiche, blauschwarze Haar. Dann wandte er sich und schritt mit einem leisen: »Gute Nacht!« nach der Thür zum Korridor, durch die er entschwand. Becky, die sitzen geblieben war, blickte ihm nach. Ein Lächeln des Triumphes glitt über ihr Gesicht: »Der erste Schritt! Das andere wird sich finden!« * * * 3 Graf Kurt Bassedow besichtigte seinen Parkgarten. Er ging langsam und blieb von Zeit zu Zeit stehen, um zu sagen: »Peters, diesen Gang wünsche ich von dem Unkraut gereinigt! – Peters, diese Hecke muß verschnitten werden.« Worauf Peters, der immer zwei Schritte hinter ihm blieb, die Brust andeutungsweise herausdrückte und im ordonanzmäßigen Ton erwiederte: »Zu Befehl, Herr Graf!« Der Graf bog in einen Gang ein, der von struppigen Haselnußbäumen völlig überwölbt wurde und in gerader Linie bis zum äußersten Ende des Parkes führte. Peters hielt es für an der Zeit. Er trat dem Vorausschreitenden an die linke Seite und stellte sich völlig in Positur: »Wenn ich jetzt den Herrn Grafen gehorsamst allein lassen dürfte?« »Was haben Sie vor?« »Holzhacken, Herr Graf.« Über des Grafen Gesicht flog ein Schatten. Aber er sagte nichts, als: »Gehen Sie, Peters!« Peters machte vorschriftsmäßig auf den Hacken kehrt und ging nach dem Hause zurück, der Graf weiter den Haselnußgang hinab. Er war gestern nachmittag nach der langen Eisenbahnfahrt vom Genfer See herauf, die er, aus Sparsamkeitsrücksichten, ohne Unterbrechung, wenn auch erster Klasse zurückgelegt, zu ermüdet gewesen, Schloß und Park einer genaueren Inspektion zu unterziehen. Weshalb auch? Zeit dazu würde er noch genug haben. Vielleicht den ganzen Rest seines Lebens. Sehr wahrscheinlich sogar. Er war sich darüber ganz klar gewesen, als er vor ein paar Tagen in Ouchy – genau ein Jahr, nachdem er den Dienst quittiert – seine Bilanz aufstellte und nach einigermaßen komplizierter und infolgedessen langwieriger Berechnung herausfand, daß die Zinsen seiner letzten hunderttausend Mark zu einem Aufenthalt in der Fremde nicht reichten. Auch wenn man gar keine Sprünge machte, sondern nun schon über sechs Monate in dem langweiligsten aller Nester festklebte, an seiner halben Flasche vin du pays zwei Mittage trank und in dieser erbärmlichen Weise weiterknauserte. Zum Beispiel die für die Unterhaltung von Schloß und Park und der Petersschen Eheleute angesetzte Summe reduzierte. Das ging nicht: sie war so schon bescheiden genug. Und ein paar hundert Mark mehr würden den mageren Kohl auch nicht fetter machen. Dann hatte er geraume Zeit am Fenster – qui donnnait sur le lac – gestanden und überlegt, ob er Miß Arabella Greene heiraten solle. Man hatte ihm die junge Dame auf dem Präsentierteller angeboten. Erst der umfangreiche Papa Greene, der irgendwo in England sehr engros in Eisen arbeitete, dann die klapperdürre Mama Greene, schließlich Edward Greene, Lieutenant in ihrer Majestät Flotte, offenbar auf Urlaub nach Ouchy kommandiert, sich den Schwager in spe anzusehen und seine Meinung über ihn abzugeben. Übrigens ein ganz leidlicher Bursch. Freilich das einzig Leidliche an der ganzen Familie, Miß Arabella inklusive. Die blauen Augen – na, das ging zur Not. Aber dann die mütterliche Bohnenstangenfigur, knapp einen Zoll kleiner als er selbst, und die fürchterlichen langen weißen Hände und endlosen platten Füße! Aber hunderttausend Pfund sofort zur Mitgift, und eine runde Million nach dem Tode der Eltern. Davon konnte zur Not auch ein preußischer Graf leben. Ein dicker Nebel hatte sich, während er so am Fenster stand und hinausstarrte, über den See gebreitet, daß jetzt nur noch die Spitzen der Savoyer Alpen drüben aus dem Dunst ragten. Selbst der Dampfer, der unmittelbar unter ihm an der Brücke anlegte, verschwand beinahe hinter dem blaugrauen Schleier. Desto deutlicher hörte er die Signalglocke und den Ruf des Kapitäns: débarquement ! embarquement ! embarquement ! das war das richtige Kommando. Und er hatte nach dem Zimmerkellner geklingelt und um seine Rechnung gebeten. Gott sei Dank, daß er der Versuchung nicht erlegen war! Es wäre zu ordinär gewesen. Der Gang nahm ein Ende, mit ihm der Park, den hier, wie ringsum, eine mannshohe Mauer einschloß, von der überall der weißgetünchte Kalk in großen Stücken abgefallen war. Manchmal sahen die Flächen zwischen den etwas höheren, mit einer Kugel ornamentierten Pfeilern wie eine richtige Landkarte aus. An dieser Stelle war die Mauer neben einem großen Eisengitterthor von einem chinesischen Pavillon überragt, der auf vier hohen gewundenen Säulen stand. Von der hinaufführenden hölzernen Treppe fehlten ein paar Stufen, und die anderen waren so morsch, daß der Graf einige Vorsicht anwenden mußte, um nach oben zu gelangen. Aber als er vor zwanzig Jahren als Knabe hier sein Wesen getrieben, war der schon damals verlassene und vernachlässigte Pavillon sein Lieblingsplatz gewesen. So überkam ihn denn doch etwas wie Wehmut, als er, die unverschlossene Thür aufdrückend, den kleinen Raum betrat. Ein muffiger Duft kam ihm entgegen. Kein Wunder! An den beiden Fenstern – das eine nach dem Park, das andere nach den Feldern – fehlte wohl die Hälfte der vergilbten, in Blei gefaßten Scheiben; Wind und Regen hatten freien Zutritt gehabt. Diversen kühnen Spatzen war der Vorteil nicht entgangen: sie hatten sich bei Unwetter hier hineingeflüchtet oder an schönen Sommerabenden Mottenjagden angestellt und überall sichtbare Spuren ihrer Anwesenheit hinterlassen. Auch der Anfang zu einem Nest war gemacht worden, das Unternehmen schien sich aber an der wackeligen Konsole, auf der ein ausgestopfter, stark vermauserter Seeadler stand, als zu schwierig erwiesen zu haben. Die Möbel – ein kleines, gradlehniges Sofa, vier Stühle, alle mit grünem Rips überzogen; ein runder Tisch mit eingelegter Platte auf einem plumpen Fußgestell – befanden sich in der kläglichsten Verfassung. Aus den von Motten zerfressenen, von den Spatzen zerhackten Überzügen quoll überall das Roßhaar hervor; ein Stuhl, an dem der Graf ein wenig rückte, verlor sofort zwei Beine. Das Fenster nach den Feldern war besonders hart mitgenommen; der verquollene Rahmen ganz vermorscht. Als der Graf, es zu öffnen, einige Gewalt anwandte, brach der eine Flügel mit den Haspen heraus und fiel klirrend nach unten. So hatte er den Blick völlig frei. Den Blick in eine Landschaft, ihm so völlig vertraut, als hätte er sie gestern und nicht vor zwanzig Jahren zum letztenmal gesehen. Da an der Waldlisiere rechts hatte er seinen ersten Hasen auf dem abendlichen Anstand geschossen. Dort links auf dem Wege, der sich in einiger Entfernung in beinahe gerader Linie durch die Felder zog, hatte ihn der Pony, den ihm die Eltern zu seinem Geburtstage geschenkt, ein paar Tage später abgeworfen, und er war mit gebrochenem Schlüsselbein und arg zerschunden in das Schloß zurückgekommen; der Pony aber erst in Polchow wieder eingefangen. Polchow! Das mußte da in der Thalsenkung liegen hinter der Tannenschonung. Die war aber inzwischen sehr gewachsen: man konnte nicht mehr, wie früher, darüber weg und den Gutshof sehen. Desto besser: so brauchte er sich bei dem Anblick nicht zu ärgern, daß Hof und Gut jetzt dem Juden gehörten. Freilich: nach rechts hin, wo sich zwischen den Tannen und dem mit gemischtem Laubholz bestandenen letzten Ausläufer des langgestreckten Hügels, auf dessen Abdachung Schloß und Park von Selchow lagen, weit die Ebene öffnete: dort Brandshagen, etwas nach links Voigthagen, hinter den beiden Faschwitz mit dem stumpfen Kirchturm – das alles war seiner Väter, noch seines Vaters so gut wie schuldenfrei ererbtes Eigen gewesen. Und der Vater hatte es mit Schulden überlastet und dann verschachert, Stück für Stück, bis alles in den Händen des Juden war. Und wieder Juden waren die Inhaber der Bank gewesen, der er nach dem Verkauf von Selchow auf den Rat des Rechtsanwalts – dieses Esels, den er für ein Wunder von Pfiffigkeit gehalten – seine sämtlichen Aktien – volle zwei Drittel seines Vermögens – in Depot gegeben, und die dann ein Jahr darauf, nachdem man sie mit ihren angeblichen fünfzig Millionen für bombenfest erklärt, zusammenklappte wie ein Kartenhaus. Wenn sich die Schufte bei der Gelegenheit erschossen hatten – seine zweihunderttausend war er los. Nicht einen roten Dreier hatte er wieder zu sehen gekriegt. Es war schon ein Vergnügen eigener Art, sich mit Juden in Geschäfte einzulassen! Graf Kurt beschloß, den Pavillon zum ersten und letztenmal betreten zu haben. Mochte der alte Kasten vollends in Trümmer gehen! Hinter der Parkmauer war er vor dem widerwärtigen Blick auf die verlorene Herrlichkeit gesichert, und im Park standen, Gott sei Dank, die alten Buchen und Eichen zu hoch und dicht, als daß man selbst aus den Hinterfenstern des Schlosses über sie weg hätte ins Land sehen können. Die Treppe schien ihn beim Wort nehmen zu wollen. Als er sie mit geringerer Vorsicht hinabstieg, brachen die mittleren Stufen unter seiner Last zusammen; nur ein schneller Sprung bewahrte ihn noch eben vor einem möglicherweise recht bösartigen Sturz. Er wollte auf dem Rückweg nach dem Schlosse die Kapelle mitnehmen. So hielt er sich jetzt rechts, erst an der Mauer hin, dann, nach links abbiegend, durch eine größere Gruppe uralter Eichen, die noch kaum Laubknospen angesetzt hatten, und in deren nach den Wipfeln zu abgestorbenem, völlig kahlem, riesigem Geäst die Krähen ein vergnügliches Leben führten. Sie waren es auch wohl, die dem kleinen Vogelvolk den Aufenthalt im Park verleideten: sehr selten, daß einmal eine Meise zirpte, oder ein Fink rief. Das that Kurt leid. Eines musikalischen Ohrs konnte er sich nicht rühmen – war es ihm anfänglich doch selbst nicht leicht geworden, die Trompetensignale zu unterscheiden – aber am Vogelsang hatte er von jeher seine Freude gehabt. Die Krähen wollte er abschießen. Nur daß er doch auch ihr Krächzen eigentlich gern hörte! Und zur Winterzeit, wenn Schloß und Park still unter ihrer Schneedecke lagen, würden sie doch etwas Leben in die melancholische Sache bringen. Nun, melancholisch genug war die Sache jetzt schon. In seiner Phantasie hatte sich ihm das Spielrevier seiner Kinder- und ersten Knabenjahre immer als etwas wie eine Wildnis präsentiert; aber in einem Licht, das ihm als romantisch galt, und voller geheimnisreicher Dunkelheiten, die zu ritterlichen Abenteuern lockten. Mit der Wildnis hatte es insofern noch seine Richtigkeit, als man seit Jahren und Jahren hier alles hatte stehen und liegen lassen, ohne mit einer Hand daran zu rühren; aber von ihrem einstigen Zauber verspürte er nichts mehr: die verwachsenen Hecken; die vom wuchernden Unkraut fast unkenntlich gemachten Wege; die verwüsteten Blumenrabatten; die von Maulwürfen durchwühlten Rasenplätze; die greulich verwitterten Sandsteinfiguren; das große, völlig verödete Gewächshaus mit den zerschlagenen Glaswänden – es beleidigte alles nur auf das empfindlichste seinen Ordnungs- und Sauberkeitsinn. Im Sommer würde es sich ja zweifellos besser machen als jetzt, wo nur die Büsche, Faulbäume und andere niedere Sorten mit zartem Grün überlaufen waren, die Buchen eben erst ihre großen braunen Knospen getrieben hatten und die alten verwitterten Eichen meistens noch völlig kahl standen – eine Wüstenei blieb es doch. Um sie zu einem erfreulichen, menschenwürdigen Aufenthalt umzuschaffen – Der Graf fing an zu rechnen: ein Dutzend Arbeiter, der Mann so und so viel für den Tag, macht die Woche – lächerlich! woher sollte der Packen Geld kommen! Also ein halbes Dutzend! das mochte eher gehen. Aber wenn man statt der Woche einen Monat in den Kalkül setzte, ergab sich doch wieder eine unerschwingliche Summe. In Anbetracht besonders, daß für Reparaturen im Schloß unbedingt etwas übrig bleiben mußte, sollte es ihm nicht eines Tages über dem Kopf zusammenfallen. Dann, vorausgesetzt, er kam mit dem Leben davon, hatte er in der That ›kein Hüsung‹, wie es bei Fritz Reuter hieß. Als er die unverschlossene Kapelle betrat, verabschiedete er energisch so gemeine, für den geweihten Ort höchst unschickliche Gedanken und nahm pietätvoll den Hut ab. Gott sei Dank, hier war noch alles, wie er es sich aus seiner Kinderzeit erinnerte: dort links von der Kanzel der abgeschlossene, etwas erhöhte Herrschaftsstuhl, wo er mit den Eltern, der Schwester, ihrer Gouvernante und seinem Erzieher gesessen hatte; hier, durch das Schiff, die niedrigeren, schmalen Bänke für die Dienerschaft, die Arbeits- und Katenleute. An den Pfeilern zwischen den hohen, spitzigen Fenstern die beinahe bis zur Unkenntlichkeit vor Alter eingedunkelten Bilder in ihren schwarzen Rahmen; die spärlichen Zierate von schwebenden Engeln, welche von der Decke herabhingen; an den Wänden die Votivtafeln und Bronzeleuchter. Es war auch alles so weit reinlich gehalten, wofür er Frau Peters seinen besonderen Dank zu sagen nicht vergessen wollte. Aber was bedeutete denn das? Auf dem Hochaltar vor dem Madonnenbilde stand eine Staffelei, vor der Staffelei einer der Rohrsessel aus dem herrschaftlichen Stuhl, neben dem Sessel ein Malkasten mit Malstock und Palette. Dem Grafen stieg eine Zornröte in die Stirn, als er die leichte Hülle von der Staffelei abgenommen hatte und fand, was zu finden er nicht bezweifelt: eine Kopie des heiligen Bildes, im verkleinerten Maßstab freilich und vorläufig noch bloß untermalt, wie der Ausdruck ja wohl lautete, nur hier und da ein paar lebhaftere Farben aufgesetzt – unverkennbar aber als das, was es werden sollte. Wie hatten Peters oder seine Frau oder beide diese Frechheit dulden können? Wer hatte sie dazu angestiftet? Ein vagierender Künstler vermutlich, der Gott weiß wie das Bild entdeckte! Natürlich nur durch eine Indiskretion der Peters, denen er doch – aus guten Gründen – strenge Ordre gegeben, keinem Menschen den Eintritt in Schloß und Park zu gewähren! Und hier, nach dem Zustand der Kopie zu schließen, war es offenbar auf wiederholte, auf eine Reihe von Besuchen abgesehen. Er wollte dem Burschen das Handwerk legen! In der Absicht, die Petersleute sofort zur Rede zu stellen, hatte er bereits ein paar Schritte vom Hochaltar weg nach dem Ausgang gemacht, als er zu seinen Füßen in dem schmalen Gange zwischen den Bänken ein Taschentuch liegen sah, das er vorher nicht hatte bemerken können, da er von der anderen Seite unter der Kanzel hin zum Altar gelangt war. Er hob das Tuch auf: es war von feinstem Batist, nur ein ganz wenig zerknüllt und hauchte einen milden Veilchenduft aus; also das Eigentum einer Dame. Deren Namensinitialen B. L. waren, wie die eine Ecke auswies. B. – Bertha, Beata, Bertalda? Ein weites Feld! Und L.? ein noch viel weiteres. Plötzlich zuckte der Graf ein wenig zusammen und ließ das Tüchelchen fallen. Der jüdische Mann drüben hieß Lombard und hatte eine Tochter, wie ihm irgend jemand einmal gesagt. Sich so ohne Erlaubnis einzudrängen und christliche Bilder zu kopieren, die sie gar nichts angingen – noch dazu dies Bild! – das war ja die Art der Sippe. Nun Fräulein Bertha, oder wie sie sonst hieß, sollte weiter von ihm hören! Er stand an der Thür zur Turmtreppe, die er hinaufstieg, in seiner Erregung immer zwei der ausgetretenen, hier und da bröckligen steinernen Wendelstufen auf einmal nehmend. Ziemlich atemlos gelangte er zur Galerie, aus der nur noch eine Holzleiter in die oberste Spitze führte. Durch die freien Öffnungen zwischen den Säulchen der Galerie strich ein frischer Wind. Das that ihm wohl. Eigentlich war es doch ein Unsinn und unwürdig dazu, sich über die Sache so aufzuregen. Er hatte nur zu befehlen, daß in Zukunft niemand wieder in den Park gelassen würde. Damit basta! Und aus zwei Anfangsbuchstaben, von denen überdies nur einer stimmte, einen Schluß zu ziehen, war auch recht gewagt. Am Ende kam es doch auf die betreffende Person nicht an, sondern auf die Sache: darauf, daß er hier von niemand belästigt werden wollte. Diese Reflexionen machte der Graf, während er ein Etwas betrachtete, das in einiger Entfernung wie ein wunderlicher, an die Wand gehefteter großer, aus Holz geschnitzter Kasten ausgesehen hatte. Näher tretend, bemerkte er, daß der große Kasten aus Hunderten und Hunderten winzig kleiner Kästchen bestand, die alle genau von derselben Form aus Holzplättchen, -Stäbchen und -Fasern mit wundersamer Kunst gefertigt waren. Er erinnerte sich, von den ingeniösen Bauten der Wespen gehört oder gelesen zu haben. Dies war jedenfalls ein solcher Bau. Und verlassen. Völlig. Würden die Bewohner wiederkommen? Wenn sie's thaten, sie fanden ihr Schloß in besserer Verfassung, als er das seine gefunden hatte. Da lag es unmittelbar vor ihm; er konnte durch die gardinenlosen Fenster von seinem erhöhten Standpunkt bequem in die leeren Zimmer sehen. Aus der Geschichte der Familie wußte er, daß der kurz vor dem Schluß des sechzehnten Jahrhunderts unter dem Regime des Grafen Kurt Waldemar fertig gestellte Bau – man hatte dazu den Meister und selbst einen großen Teil der Handwerker aus Italien verschrieben – in den ersten Jahren des Dreißigjährigen Krieges von den Kaiserlichen unter Wallenstein rein ausgeplündert und auch sonst arg verwüstet war. Sie hatten kaum so schlimm gehaust wie der Vater, der alles, was von der nach der Plünderung sorgsam wiederhergestellten Einrichtung irgend von bedeutenderem Wert war, Stück für Stück oder im Ramsch – je nach der Gelegenheit – verganterte. Dem Kinderauge mochte ja manches kostbarer erschienen sein, als es in Wirklichkeit war; immerhin mußte in den Bildern mit den breiten vergoldeten Rahmen, den Trumeaus, die von dem Fußboden bis zu den Plafonds reichten, den mächtigen Kronleuchtern von Krystall – sie waren, wenn es Gesellschaft gab und sie im Licht der angezündeten Kerzen so herrlich funkelten, des Knaben besondere Freude gewesen – ein großer Wert gesteckt haben. Dazu die mit Mosaik oder schönen Hölzern eingelegten Tische; die geschweiften Kommoden mit den reichen Messingbeschlägen; die seidenen oder gestickten Sofas und Stühle; die Gobelintapeten; die Wandspiegel von venetianischem Glase; die Kannen, Krüge, Fayencen, Nippes auf den Kaminsimsen, Wandgestellen, Möbeln; die Sammlungen von Münzen und geschnittenen Steinen – alles ausgeräumt, ausgefegt, wie mit dem Besen, bis auf Gerümpel und Plunder, das keinen Käufer mehr gefunden hatte. Und der Käufer? wer anders, als der alles kaufte; die ganze Welt kaufte oder noch einmal kaufen würde: der Jude! Da war er wieder an dem toten Punkt, über den seine grollenden Gedanken nicht weg konnten! Er lachte kurz und bitter. Von ihm gab es nichts mehr zu kaufen. Wenn es zum Äußersten kam, sprengte er die baufällige Ruine da vollends in die Luft und begrub sich unter den Trümmern. Einen Blick warf er noch auf das Wespenest, das schließlich doch auch nur eine Ruine auf Abbruch war, und stieg die Wendeltreppe wieder hinab. Unten in der Kapelle kam ihm Peters entgegen, außer Atem. »Suchen Sie mich?« »Zu Befehl, Herr Graf. Habe den Herrn Grafen schon überall gesucht –« »Wem gehört das da?« Er hatte nach der Staffelei auf dem Altar gedeutet; Peters' borstiger Schnurrbart geriet ins Zucken. Daß dich der! Da hatte die Alte das Zeug doch stehen lassen! und er hatte ihr ausdrücklich befohlen, es wegzuräumen, bevor der Herr Graf in den Park und dann auch gewiß zu der Kapelle kämen! »Nun?« »Dem gnädigen Fräulein in Polchow!« murmelte Peters. »So! Also erstens merken Sie sich, daß das kein gnädiges Fräulein ist! Zweitens: wenn Sie noch einmal hier einen Menschen hereinlassen, sind wir geschiedene Leute. Verstanden?« »Zu Befehl!« »Und nun packen Sie die Geschichte da zusammen; man wird es sich schon abholen. Da, zwischen den Bänken, liegt noch ein Taschentuch. Das soll Ihre Frau in ein sauberes Papier wickeln und zu dem übrigen Kram legen.« »Zu Befehl, Herr Graf.« »Was wollten Sie sonst von mir?« Der Schnurrbart kam wieder ins Zucken, jetzt sogar stärker als vorhin. Die Kommission war ihm schon fatal genug gewesen trotz des Zehnmarkstückes in der rechten Westentasche, das sie ihm bereits eingetragen. Und nun, nachdem ihm eben der Kopf so gewaschen! Aber hier gab's weiter kein Fisematentenmachen. Also: rin in die Kartoffeln! »Ich soll den – Herrn dem Herrn Grafen melden,« stotterte er, eine Visitenkarte produzierend, die er bis zu dem Augenblick in der großen roten Faust zu verbergen gewußt hatte. Kurt nahm die Karte, sehr verwundert, daß ihn jemand aufsuchte am ersten Morgen nach seiner Rückkehr, von der kein Mensch etwas wissen konnte: Professor Dr. J. Lombard. Geheimer Sanitätsrat. »Das wird immer netter,« murmelte der Graf. Die Sache fing an, ihn zu amüsieren: Eben die Tochter! jetzt der Vater! Erst die Invasion des auserwählten Volkes in das Vorwerk der Kapelle; nun in die Hauptfestung des Schlosses! Er wollte mit dem Vater nicht mehr Federlesens machen als mit der Tochter. »Er war schon da, als ich vorhin zurückkam,« fuhr Peters fort, durch die freundlichere Miene des Herrn Grafen wesentlich ermutigt. »Ich wollte ihn anfangs nicht melden. Da gab er gute Worte. Sagte, er müsse morgen zurückreisen nach –- habe den Namen nicht recht verstanden – Bonne oder so was – müsse notwendig mit dem Herrn Grafen sprechen.« »Gut. Wo haben Sie ihn hingeführt?« »In die Bibliothek, Herr Graf.« Die Bibliothek war ein saalartiges Zimmer des oberen Stockes, in welchem sich in Schränken und auf Gestellen noch einige Rudera der einstigen stattlichen Bücherei fanden. Kurt hatte sie gestern abend nach einer flüchtigen Besichtigung eines Teiles der übrigen Räume vorläufig zu seinem Wohnzimmer gewählt, weil er aus den Fenstern in seinen Park sah und nicht, wie aus den Vorderzimmern, auf den Gutshof, der ihm nicht mehr gehörte. Dann auch aus pietätvoller Reminiscenz an den lieben alten Kandidaten, der ihm hier seine ersten Schulstunden gegeben und ihm – weiß Gott! – die Sache leicht genug gemacht hatte. Die Peters hatten schließlich noch ein paar Möbel – Tisch, Sofa, ein halbes Dutzend Stühle, alles merkwürdigerweise ungefähr zusammenpassend – aus verlorenen Bodenräumen aufgestöbert und eine Art von Ordnung hergestellt. »Dann muß der Herr schon eine halbe Stunde gewartet haben?« sagte Kurt. »Es wird wohl beinahe eine Stunde sein, Herr Graf.« »Gehen Sie voran, Peters! Sagen Sie dem Herrn, daß Sie mich jetzt erst gefunden und ich um Entschuldigung – nein! das ist nicht nötig. Sagen Sie nur, daß ich ihn empfangen wolle. Trab!« Peters lief voraus; der Graf folgte langsam. Solches Besuchs wegen brauchte man sich nicht zu beeilen. * Er war durch eine Hinterpforte in das Schloß getreten. Über das Vestibül nach der Treppe zugehend, sah er durch die halb offen stehende Portalthür den vorderen Teil der eleganten Halbchaise mit dem Kutscher auf dem Bock, neben dem, ihm selbst den Rücken zukehrend, ein Diener stand – beide in einer Livree, die dem Geschmack ihrer Herrschaft keine Unehre machte. Mehr als Wagen und Dienerschaft interessierten ihn die Pferde, deren vollen Anblick er hatte: zwei prachtvolle Rappen – Trakehner – Vollblut. Der alte Kavallerist regte sich in ihm. Er wäre gern herangetreten und hätte sich die Tiere genauer besehen. Das hätte noch gerade gefehlt! »Was sich diese Menschen leisten können!« murmelte er durch die Zähne, während er die Treppe hinaufstieg. Eine Treppe, die unten in zwei schmäleren Fluchten begann, um in dem ersten Drittel der ganzen Höhe auf ein Podest zu münden, von dem sie in einer doppelt so breiten Flucht in einem Zuge bis nach oben führte – alles aus massivem, an den wuchtigen Geländern reich geschnitztem, vor Alter fast schwarz gewordenen Eichenholz. Na, das können sie sich nun nicht leisten! dachte mit einem wohligen Gefühl innerer Genugthuung der Graf. Auf dem oberen Flur kam ihm Peters entgegen, der ihm die Thür zur Bibliothek öffnete und hinter ihm wieder schloß. Von einem der Stühle, die um den nicht eben großen, runden Tisch – ursprünglich ein Gartentisch – in der Mitte gestellt waren, erhob sich in rascher Bewegung der Geheimrat. Der Graf erblickte einen kleinen Herrn – fünf Fuß zwei Zoll nach seiner Taxe – gut, man konnte sagen: zierlich proportioniert; in einem schwarzen Anzuge aus dem Atelier offenbar eines ersten Schneiders; mit einem vielleicht ein wenig zu großem Kopfe, den ein dichter, nach oben strebender, völlig ergrauter, schicklich kurz geschorener Schopf, wie eine Perücke, bedeckte. Aus dem scharfen, nicht unschönen, glatt rasierten Gesicht blickten unter dichten, geradlinigen, noch ganz dunklen Brauen zwei große schwarze Augen ihm entgegen mit einem Glanz und einer durchdringenden Klarheit und Stetigkeit, wie er sie in anderen Menschenaugen gesehen zu haben sich nicht erinnern konnte, und die ihm, sehr wider seinen Willen, einen deutlich empfundenen Respekt vor dem kleinen Herrn einflößten. Um so gemessener war seine Verbeugung und sein kurzes: »Graf Bassedow.« Er hatte mit einer Handbewegung den Geheimrat eingeladen, wieder Platz zu nehmen, indem er zugleich für sich in gemessenem Abstand einen Stuhl zurechtrückte. »Darf ich fragen, was mir – « Er hatte auf der Zunge: die Ehre Ihres Besuches, sagte aber statt dessen: – »Ihren Besuch verschafft?« »Lassen sie mich Ihnen zuvörderst danken, Herr Graf, für die Güte, mich angenommen zu haben,« erwiderte der Geheimrat. »Ich kann mir denken, daß gleich in den ersten Stunden nach der Heimkehr von einem Besuch überfallen zu werden, nicht gerade zu den Annehmlichkeiten gehört. Auch hätte ich eine schicklichere Zeit gewählt, nur daß ich bereits morgen abreisen muß und die Sache, um die es sich handelt, lieber mit Ihnen persönlich erledigt sähe.« Es wurde das sehr ruhig und ebenso höflich gesagt, worüber sich der Graf ärgerte, während doch sonst ein Mensch, der seine Ruhe nicht zu bewahren verstand und unhöflich wurde, sofort in seiner Achtung sank. »Möchten wir dann ohne Umschweif zu der betreffenden Sache kommen,« sagte er mit einem leisen Accent auf dem Worte »Umschweif«. »Die Sache ist die,« erwiderte der Geheimrat. »Sie haben, als Sie mir Selchow überließen, sich das Rückkaufsrecht kontraktlich gesichert. Unter denselben Zahlungsbedingungen hinüber und herüber. Die Respektsfrist läuft allerdings erst in zwei Wochen, genauer in siebzehn Tagen ab, und Sie sind in keiner Weise verpflichtet, Ihre Entscheidung vorher zu treffen. Vielleicht haben Sie sich aber bereits entschieden. Das würde mich insofern interessieren, als ich daraufhin eventuell das Nötige noch heute anordnen könnte – ich darf wohl sagen: zu unserer beiderseitigen größeren Bequemlichkeit.« »Sie sind sehr gütig,« antwortete der Graf mit dem leisesten Anflug von Ironie im Tone seiner Stimme. »Unsere Angelegenheit ist, so viel ich sehe, in drei Worten erledigt: ich denke nicht daran und kann nicht daran denken, Selchow zurückzukaufen.« Der Geheimrat blickte ein paar Momente starr vor sich hin, und der Graf glaubte ein Hm! zuhören. Dann sah er wieder die großen glänzenden schwarzen Augen voll auf sich gerichtet. »Das thut mir aufrichtig leid, Herr Graf.« Der Teufel soll mich holen, wenn das wahr ist, sagte der Graf bei sich mit einer Verneigung, die andeuten sollte, daß nach seinem Dafürhalten der Zweck des Besuches erreicht sei. Der Geheimrat schien das nicht zu bemerken oder bemerken zu wollen. »Ich möchte um alles nicht indiskret sein,« sagte er; »aber da die Zeitungen seiner Zeit davon gesprochen haben, darf ich es ja wohl berühren: Sie haben bei dem schmachvollen Bankerott der Sternbergschen Bank große Verluste erlitten?« Wieder verneigte der Graf sich stumm; der Geheimrat fuhr fort: »Man sprach von zweihunderttausend Mark. Da kann Ihnen allerdings von der Summe, die bei dem Verkauf von Selchow auf Ihr Teil kam, nur ein – in Anbetracht der Ansprüche, die Sie an das Leben zu machen berechtigt sind – bedauerlich kleiner Rest geblieben sein.« Der Graf fand diese Bemerkung unverschämt; doch hielt er an sich und erwiderte, jetzt freilich mit unverhüllter Ironie: »Sie haben auffallend recht. Aber ich sollte meinen, Herr Geheimrat, bei Ihrer so – so eindringlichen Untersuchung meiner Angelegenheiten kann Ihnen nicht entgangen sein, daß Sie es hier mit einem hoffnungslosen Fall zu thun haben, über den weiter zu reden sich wirklich nicht der Mühe verlohnt.« Er wollte sich jetzt alles Ernstes erheben und blieb dann doch sitzen wie gebannt von dem Blick der großen schwarzen Augen. »Lassen Sie uns trotzdem noch ein wenig darüber reden! Vielleicht ist der Fall nicht so hoffnungslos, wie er scheint. Wir Ärzte sprechen überhaupt das Wort ungern aus. Machen wir doch zu oft die Erfahrung, daß die Natur noch Hilfsquellen hat, wo wir mit unserer Weisheit zu Ende sind. Es ist im socialen Leben nicht anders. Aber hier wie dort kommt viel darauf an, daß der Patient genesen will. In dem Maße, in welchem er besitzt, was Schopenhauer den Willen zum Leben nennt, erleichtert er dem Arzte sein Metier, das ja in nichts anderem besteht, als der Selbsthilfe der Natur seinerseits zu Hilfe zu kommen.« Abermals machte der Graf eine ungeduldige Bewegung: »Sie verzeihen mir wohl das Geständnis, daß mir der Sinn Ihrer Rede völlig dunkel geblieben ist.« »Ich will versuchen, mich ganz deutlich auszudrücken. Es ist mein aufrichtiger Wunsch, Sie möchten sich in Ihrer Lage so gern helfen lassen wollen, als ich bereit bin, Ihnen zu helfen.« »Vermutlich in der Weise, wie Sie meinem Vater geholfen haben?« In den schwarzen Augen zuckte ein Blitz auf; über die greisenhaft bleichen Wangen huschte eine jähe Röte und die Lippen bewegten sich ein paarmal tonlos. Dann hatte der Mann seinen Gleichmut zurück und ruhig sagte er: »Ich habe Sie vorhin gebeten , mich weiter anzuhören. Nach dem, was Sie eben gesagt, sind Sie dazu verpflichtet .« Der Graf hatte sein Wort bereut, sobald er es gesprochen. Er durfte einen alten Mann nicht beleidigen, der seine Genugthuung nicht mit der Waffe in der Hand fordern konnte. Die er jetzt forderte, mußte er ihm gewähren. »Bitte, sprechen Sie,« sagte er dumpf, sich in seinen Stuhl zurücklehnend und die Augen schließend, wie jemand, der eine unvermeidliche Operation über sich ergehen läßt. Noch eine kleine Pause. Dann hörte er wieder die ruhige Stimme: »Sie haben sich jetzt freilich selber zuzuschreiben, wenn ich weiter ausholen muß, als es vorher irgend in meiner Absicht lag; Dinge zur Sprache bringen muß, die ich um meinet- und Ihretwillen viel lieber nicht berührte; Ihnen sogar nicht ersparen kann, anhören zu müssen, wie ich zu meinem Vermögen gekommen bin, von welchem die Güter, die Ihre Familie so lange besessen hat, ein Teil sind. Ich bin das einzige Kind sehr armer Eltern. Mein Vater, Rabbiner einer kleinen rheinischen Gemeinde, hatte kein Geld, mich auf der Schule und der Universität zu unterhalten: ich mußte mir mein tägliches Brot durch Stundengeben selbst verdienen. Dennoch hatte ich mit eben zwanzig Jahren meine Examina hinter mir und habe dann eine selten schnelle, vom Glück, wie ich dankbar anerkenne, stets begleitete Universitätscarriere gemacht. Mein Ruf verbreitete sich in sehr weite und, muß ich hinzufügen, sehr hohe Kreise, weil es erklärt, daß aus dem armen Mann bald ein wohlhabender wurde. Brachte mir doch eine einzige Konsultation am russischen Hofe hunderttausend Mark, eine andere in Konstantinopel das Doppelte! Ich, der ich ans Leben keinerlei Ansprüche stellte und keine Zeit zum Heiraten hatte – ich habe dazu das dreiundvierzigste Jahr herankommen lassen – wußte mit dem Gelde nicht, wohin. Ein geologischer College riet mir, es in den Aktien eines westfälischen Bergwerks anzulegen, als dessen Entdecker er sich rühmte. Sein Rat schien für mich sehr übel ausschlagen zu sollen. Die Aktien fielen und fielen; jeder suchte sie loszuwerden. Ich hatte sie zuletzt beinahe sämtlich auf dem Halse – nicht aus Spekulation, sondern meinem Ratgeber zu liebe, der hartnäckig bei seiner vorgefaßten Meinung blieb, während ich mein Geld bereits als verloren ansah, ohne darüber – ich darf es in Wahrheit versichern – den geringsten Kummer zu empfinden. Dann kam der von meinem Freunde prognostizierte Umschlag. Mächtige, wie es schien, unerschöpfliche Gänge wurden angeschlagen. Meine Aktien, die noch eben wertloses Papier waren, repräsentierten mit einemmal ein großes, sehr großes Vermögen. Das war vor dreiundzwanzig Jahren, zu eben der Zeit, in der ich die Bekanntschaft Ihres Herrn Vaters machte.« Der Graf öffnete weit die Augen; er hatte keine Ahnung davon gehabt, daß der Geheimrat seinen Vater persönlich gekannt. In den spärlichen väterlichen Briefen war dessen nie Erwähnung geschehen. Sein Interesse war nun doch erweckt. Aber weshalb sich das merken lassen? »Bitte, fortzufahren!« sagte er in gleichgültigem Ton, die Augen wieder halb schließend. »Ihre Frau Mutter,« begann der Geheimrat nach einer kleinen Pause von neuem, »war wenige Wochen vorher gestorben; Sie selbst hatte Ihr Herr Vater in eine Kadettenanstalt gethan, Ihr Fräulein Schwester in Pension; seinen Hausstand aufgelöst, um vorläufig auf Reisen zu leben. Er teilte mir das mit, während er mich – er war zu dem Zwecke eigens nach Bonn gekommen – wegen eines Herzleidens konsultierte, von dem er sich heimgesucht glaubte. Ich konnte ihn so weit darüber beruhigen: ein organisches Leiden lag nicht vor; aber etwas anderes, nicht weniger Schlimmes: das Nervensystem war in einer Weise angegriffen, daß man es wohl zerrüttet nennen durfte. Wie er in diesem Zustande, der sich kaum jemals wesentlich besserte, noch beinahe zwanzig Jahre hat leben können, ist der Beweis einer ganz ungewöhnlich kräftigen Konstitution, für die er der Natur so schlimmen Dank gewußt hatte, wie für die herrlichen Geistesgaben, mit denen sie ihn ausgestattet. Mir thut es weh, Herr Graf, das sagen zu müssen. Es gehört aber zur Geschichte; auch insofern, als es Ihnen vielleicht zu einer anderen und dann wohl milderen Beurteilung des Charakters und Wesens Ihres Vaters verhilft. Ich gehöre nicht zu denen, welche jede moralische Inferiorität durch eine obligate physische erklären und – entschuldigen zu können glauben. Bei Ihrem Vater aber lag die Sache in der That so, daß man sich fragen mußte, ob man ihn noch moralisch zurechnungsfähig nennen dürfe. Es wäre auch vielleicht für ihn und ganz gewiß für seine Kinder besser gewesen, man hätte ihn gerichtlich unter Kuratel gestellt. Aber das zu beantragen war nicht meines Amtes. Eine Denunciation an die Verwandten – deren übrigens Ihr Herr Vater wenig zu besitzen schien – ist immer mehr als mißlich. Und dann: wer ihn in diesem Augenblicke glaubte aufgeben zu müssen, den bestrickten im nächsten wieder die Anmut seines Betragens, seine geistreiche Sicherstelligkeit, sein Witz, seine muntere Laune. Diesem Zauber nicht zu unterliegen, hielt schwer. Wir Universitätsmänner lassen uns für gewöhnlich nicht leicht kaptivieren. Meine sämtlichen Kollegen, in deren Kreise er durch mich eingeführt wurde, waren seines Lobes voll. Ich hatte in den drei Jahren, seitdem ich meine Frau verloren, nicht gelacht; in seiner Gesellschaft lernte ich es wieder. Wir waren viel beisammen während der längeren Zeit, die er sich damals in Bonn aufhielt. Ich darf sagen, daß wir Freunde wurden. Die Insinuation einiger Übelwollenden, mit der Uneigennützigkeit dieser Freundschaft stehe es seinerseits nicht zum besten, wies ich voller Entrüstung zurück. Ich würde es noch heute thun, trotzdem –« »Bitte sehr,« sagte der Graf, als der Geheimrat schwieg und nachdenklich den großen goldenen Knopf seines Stockes betrachtete; »bitte dringend, sich meinethalben keinerlei Zwang aufzuerlegen, Ich bin auf alles gefaßt. Der Anfang wird gewesen sein, daß er Sie um Geld gebeten und Sie es ihm geliehen haben?« Der Geheimrat nickte. »Er gestand mir, sich in großer Verlegenheit zu befinden. Die Güter habe er seiner Zeit sehr verschuldet übernommen, die Schuldenmasse dann allerdings durch schlechte Wirtschaft und einen übertriebenen Aufwand beträchtlich vermehrt. Das erstere, erfuhr ich nachträglich, stimmte nicht mit der Wahrheit; das zweite leider nur zu sehr. Vielmehr: er hatte die Schulden erst geschaffen und war in jeder Beziehung seines Unglückes Schmied gewesen: der Sklave seiner Leidenschaften. Seltsamerweise hatte ich, weil sie mir selbst so völlig fern lag, die schlimmste nicht in Rechnung gezogen, der er schon damals rettungslos verfallen war. Auch hatte er sie mit der Schlauheit der Kranken auf das sorgfältigste vor mir verheimlicht. Er mochte fürchten, ich würde ihm entgegnen, daß einem Spieler nicht zu helfen sei. So denn half ich ihm. Es war eine sehr beträchtliche Summe; er erklärte, sich völlig damit arrangieren zu können. Ich hatte niemals einen Pfennig Schulden, niemals mit Schuldenmachern zu thun gehabt: ich wußte nicht, daß sie immer nur die halbe Wahrheit berichten. Eine Sicherheit hätte ich nicht verlangt; er drang sie mir auf; bestand darauf: die Summe wurde hypothekarisch auf die Güter eingetragen. Ich will die traurige Geschichte nicht unnötig verlängern. Seine unglückselige Leidenschaft machte jede Hilfe illusorisch. Die Verlegenheiten häuften sich von Jahr zu Jahr. Sie hatten vor jetzt zwölf Jahren wieder einmal einen so hohen Grad erreicht, daß er seine wohl erklärliche Scheu überwand und – was er seit langer Zeit nicht gethan – mich wieder in Bonn besuchte. Ein trauriges Wiedersehen. Er war in heller Verzweiflung; bat, beschwor mich, ihm noch einmal beizuspringen. Ich sei seine einzige, seine letzte Zuflucht. Zöge ich meine Hand von ihm, bliebe ihm kein anderer Ausweg, als sich eine Kugel vor den Kopf zu schießen. Ein härterer Mann als ich, hätte ihn beim Wort genommen. Einem Hilfeschrei mein Ohr zu verschließen, geht mir gegen die Natur. Daß hier eine Schwäche zu konstatieren ist, die, wie die Welt geht und steht, einmal der Lächerlichkeit verfällt, ein andermal sich gerechten Vorwürfen aussetzt – niemand weiß das besser, als ich selbst. Aber: naturam expellas furca – werden Sie nicht ungeduldig! Auch das gehört zu der Geschichte, die zu erzählen Sie mich gezwungen haben: es erklärt zum Teil mein Verhalten in dieser kritischen Lage der Dinge. Ich sage: zum Teil; denn andererseits wurden meine Entschließungen durch sehr reelle Motive beeinflußt. Vielleicht hätte ich einen wichtigen Umstand schon früher erwähnen sollen. Meine Hypotheken auf den Gütern Ihres Vaters hatte ich als unkündbar erklärt; andere Gläubiger waren weniger rücksichtsvoll. Drei der Güter: Brandshagen, Voigthagen und Faschwitz kamen in Subhastation. Wollte ich nicht mein sämtliches Geld verlieren, mußte ich sie übernehmen. Jetzt handelte es sich, konnte es sich nur noch um Polchow und Selchow handeln. Polchow war wenig, Selchow ziemlich schlimm belastet. Haben Sie sich nie gewundert, Herr Graf, daß auf Selchow keine Schulden standen, als es vor drei Jahren, der Erbteilung wegen zwischen Ihnen und Ihrer Frau Schwester, zum Verkauf kam? Ich muß es erklären, wie ungern ich es thue, aus Gründen, die aufzufinden ich Ihnen überlasse. Ich machte mich anheischig, Polchow zu übernehmen und Selchow von seinen Schulden zu befreien unter einer Bedingung. Der Bedingung, daß Ihr Herr Vater sein Ehrenwort darauf hin verpfändete, an Selchow nicht zu rühren, keine Schulden darauf zu machen, nicht einen Pfennig. Er hat sein Ehrenwort gehalten. Als die Versuchung, es zu brechen, ihm in fürchterliche Nähe trat – ich weiß es von einem Bekannten, der zugegen war: er hatte die Tage vorher der Bank ungeheure Summen abgewonnen, die er dann an dem Unglücksabend bis auf den letzten Frank verlor – da ist denn geschehen, was, wie die Umstände lagen, unvermeidlich war.« Jetzt war es der Geheimrat, der sich erheben wollte, und der Graf, welcher ihn durch eine dringliche Bewegung zum Sitzenbleiben aufforderte: »Ich müßte mich sehr irren, Herr Geheimrat, oder diese Ihnen wie mir peinliche Geschichte – Sie wurden allerdings durch ein unbedachtes Wort dazu provoziert, für das ich nachträglich um Verzeihung bitte – mit einem Worte: ich glaube, ich habe noch immer den eigentlichen Grund, der Sie heute zu mir geführt – Sie deuteten vorhin etwas von einer Hilfe an, die ich – die Sie mir –« Der unverkennbare Ausdruck von Verlegenheit auf dem Gesicht des stolzen Grafen hatte den Unmut des Geheimrats sofort beschwichtigt. Er fiel ihm in die gestotterte Rede: »Sie haben ganz recht. Ich hätte nach Ihrer Erklärung, Selchow nicht zurücknehmen zu wollen, gehen können; vielleicht gehen sollen. Dann hätten Sie allerdings den wirklichen Grund, warum ich gekommen bin, nicht erfahren. Er war, Ihnen im Fall einer – ich wiederhole es, und jetzt werden Sie es wohl kaum noch für eine Phrase halten – mir bedauerlichen Ablehnung, gewisse Propositionen zu machen, die Sie möglicherweise zu einer Änderung Ihres Entschlusses bewegen könnten.« »Sie verpflichten mich zu einer Dankbarkeit –« »Auf die ich keinerlei Anspruch erhebe. Die Sache ist einfach folgende. Sie haben Selchow für achthunderttausend Mark verkauft. Ich konnte – notabene: ich verstehe von der Sache ganz und gar nichts und mußte mich hier, wie früher, auf das Gutachten der Experten verlassen – ich konnte nicht mehr geben, weil Sie Schloß und Park von dem Verkauf ausgeschlossen wissen wollten. Das war – nach der Taxe meiner Gewährsmänner – gleichbedeutend mit einem Minderwert von zweihunderttausend, im Falle mir oder meinen Rechtsnachfolgern ein Weiterverkauf wünschenswert oder notwendig wurde. Nehmen Sie nun für den stipulierten Preis das Gut mit den beiden Vorwerken zurück, so ist das, wie Sie mir zugeben werden, da für Sie der Vollwert wieder eintritt, eine so weit vorteilhafte Acquisition. Ich würde sie Ihnen dadurch zu erleichtern suchen, daß ich die Rückzahlung in Form einer ersten unkündbaren Hypothek zu dem mäßigsten Zinsfuß acceptierte. Sie brauchten dann nur ein paar günstige Jahre, um sich in eine ganz leidliche Assiette zu bringen, mindestens in keine schlimmere, als in der sich heute zwei Drittel sämtlicher Landwirte befinden.« Der Geheimrat schwieg, seinem Gegenüber Zeit zum Bedeuten eines so wichtigen, folgereichen Vorschlages zu lassen. Der Graf bedurfte dessen nicht. Noch während der Geheimrat sprach, war sein Entschluß gefaßt. Dem Manne sich zu Dank verpflichtet wissen, das Leben lang sein Schuldner sein – zehnmal lieber, wie sein Vater – eine Kugel vor den Kopf! »Sehr obligiert,« sagte er, diesmal das deutsche Wort absichtlich vermeidend. »Leider beruht Ihre außerordentlich« – er konnte in der Eile nicht gleich den ihm genehmen Ausdruck finden – »coulante Proposition auf Voraussetzungen – mindestens einer Voraussetzung, die nicht zutrifft – ganz und gar nicht zutrifft. Ein Landmann würde vielleicht zugreifen – obgleich ein Gut mit einer solchen Schuldenlast zu übernehmen – selbst unter den günstigsten Bedingungen – nach meinen schwachen Begriffen wenigstens – eine ver – eine sehr riskante Sache ist. Aber ich bin kein Landmann; verstehe nicht die Bohne davon. Würde mich in aller Kürze in des Teufels Küche reiten. Bin Soldat. Jede Faser an mir. Wäre es heute noch, wenn – enfin : geht nicht. Schlechterdings nicht.« »Damit ist denn freilich die Angelegenheit erledigt«, sagte der Geheimrat, sich erhebend und nach dem Hut greifend, den er im Anfang der Unterredung neben sich auf den Tisch gestellt hatte. »Nur noch dies. Ein Mann in Ihren Jahren, der mit Leib und Seele Offizier war, es heute und immer sein würde, wenn – ich vervollständige mir so Ihren abgebrochenen Satz – nicht mißliche Umstände ihn aus seiner Carriere gedrängt hätten, dürfte das Landleben auf die Dauer wenig erfreulich, vielleicht unerträglich finden. Wollten Sie dann Ihren Besitz hier veräußern – ich habe vorhin angedeutet, was mir das Gut mit Schloß und Park wert gewesen wäre. Sie werden mich jeden Augenblick bereit finden, die volle Differenz zu zahlen. Ich habe mich verständlich ausgedrückt?« »Durchaus,« erwiderte der Graf. »Indessen halte ich es für mehr als unwahrscheinlich, daß ich Sie beim Wort nehme. Je weniger sorgsam mein Vater mit dem Erbe seiner Ahnen gewirtschaftet hat, um so mehr ist es meine Pflicht, den geringen Rest nicht auch noch in fremde Hände kommen zu lassen.« »Ich kann Ihnen das durchaus nachfühlen,« sagte der Geheimrat. Die Herren verbeugten sich gegenseitig, ohne sich die Hand zu reichen. Der Graf begleitete seinen Besuch bis an den Treppenansatz, wo er sich mit einer nochmaligen Verbeugung von ihm verabschiedete. Der Geheimrat stieg die Treppe hinab. * Als der Graf in die Bibliothek zurückgekehrt war, trat er an eines der Fenster und starrte in den Park, ohne etwas zu sehen. Eine verdammte Geschichte! Gerade, wie bei seinem ersten Herrenreiten, wo der einzige Gegner, trotzdem er das notorisch schlechtere Pferd ritt, ihn so weit überholte, daß er schon willens gewesen war, aus der Bahn zu brechen, um nicht die Größe der Distance offenbar werden zu lassen. Der niederträchtige kleine Kerl mit den unheimlich großen schwarzen Semitenaugen und der lispelnden Zunge, die so geläufig sprach, die Worte so gut zu setzen wußte! Hatte ihn übers Ohr hauen wollen! Selbstverständlich! Ihm zuzumuten, das Gut mit einer solchen Schuldenlast zu übernehmen! Lächerlich! Damit er von vornherein in den Händen des Manichäers war, der ihm dann bald genug die Kehle vollends zuschnüren würde! Aber das hatte ihn nur kirre machen, auf eine falsche Fährte bringen sollen! Hernach war der Fuchs ja doch zum rechten Loch herausgekommen! Verdammt wollte er sein, wenn hinter dem einen Juden nicht schon wieder ein anderer stand, der für Selchow so viel geboten hatte, daß die zweimalhunderttausend, die er ihm für Schloß und Park bot, doppelt heraussprangen! Und während der Graf in abgerissenen Sätzen so vor sich hin murmelte, hatte er durchaus die fatale Empfindung: er redete sich das alles nur so ein. In Wirklichkeit war der kleine alte Herr trotz alledem ein Gentleman, der sich von Anfang bis zu Ende sehr taktvoll benommen, sehr würdig. Ein verdammt Teil würdiger als er selbst. Der ganz offenbar in jeder Beziehung den kürzeren gezogen. Und sich fürchterlich blamiert hatte. In seinen eigenen Augen zweifellos. Und hundert gegen eins auch in den großen schwarzen Augen, die so niederträchtig scharf blickten! Hatte er doch bei Gott ein paarmal die Empfindung gehabt, er sei von Glas! Und nun noch die dumme Geschichte mit dem Bilde! Das laute Gekrächz einer Krähe auf dem Wetterhahn der Kapelle hatte ihm die Bildangelegenheit in plötzliche unliebsame Erinnerung gebracht. Wieder eine Blamage! Na ja! Die Mama in ihren Mädchenjahren solle der Jungfrau auf dem Gemälde merkwürdig geglichen haben. Und das – ein kümmerlicher Rest von Pietät und Schamgefühl – war es auch wohl gewesen, was den Vater die gewiß wertvolle Reliquie nicht hatte verkaufen lassen, wie alles andere. So konnte es ihm keiner verdenken, wenn er nicht wollte, daß man an dem teuren Bilde herumgaffte, als hinge es in einer öffentlichen Galerie, und schließlich noch eine schlechte Kopie von ihm machte. Wer das Attentat verübt – das Judenfräulein oder ein anderer – war ja ursprünglich gleichgültig gewesen. Nach der Scene mit dem alten Herrn bekam die Sache einen häßlichen Anstrich. Jetzt sah es wie eine absichtliche Beleidigung aus. Eine Malice. Eine recht mesquine. Das mußte er redressieren. Eine Klingel gab es in der Bibliothek nicht; und wäre eine dagewesen, niemand im ganzen Hause, der auf sie gehört hätte. Man mußte Peters zu finden suchen. Er hatte vorhin Holz hacken wollen. Möglicherweise war er noch dabei. Der Graf setzte sich den Hut auf und ging hastig die Treppe hinab über den großen Flurraum durch einen langen engen Korridor zu einer Thür, die auf den Hof führte. Noch bevor er die Thür öffnete, vernahm er bereits das knarrende Rauschen von Peters' Säge. Peters, als er den Herrn Grafen erblickte, wollte in seinen Rock fahren, den er neben dem Sägebock auf eine Schicht Fichtenkloben gelegt hatte. Der Graf winkte ab. »Ich wollte Ihnen nur sagen, Peters, Sie können die Sachen in der Kapelle – die Malgeschichten, meine ich – da lassen. Und wenn die Dame wiederkommt, soll Ihre Frau ihr die Kapelle aufschließen. Sie kann sie auch fragen, ob sie vielleicht sonst etwas wünsche. Verstanden?« »Zu Befehl! Es ist man von wegen –« Peters mußte etwas in die Kehle gekommen sein: er räusperte sich umständlich. »Von wegen was?« rief der Graf ungeduldig. In diesem Augenblicke erschien auf der Schwelle der offen stehenden Thür des Leutehauses Frau Peters, das dicke Gesicht vom Küchenfeuer gerötet, einen Kochlöffel in der rechten Hand. Sie wollte, des Grafen ansichtig werdend, der ein so unbequemes Gewicht auf properen Anzug legte, sofort wieder verschwinden, konnte das aber nicht ausführen, da ihr Mann zu ihr hinüberrief, ob sie die Sachen von dem Fräulein in Polchow schon weggeschickt habe? Als ob er das nicht so gut wüßte wie sie! Aber wenn da eine Dummheit gemacht war, es sollte ihr einfallen, sie auf sich zu nehmen! »Na, wie werden sie denn nicht weggeschickt sein!« rief sie und tauchte, nachdem sie den vergessenen Knix vor dem Herrn Grafen nachgeholt, in das Dunkel des Flurs zurück. »Was heißt das?« fragte der Graf streng. Peters, den seine Mieze so schmählich im Stich gelassen, mußte nun mit der Sprache heraus, trotzdem es augenscheinlich ein Donnerwetter geben würde. Nachdem er dem Herrn Grafen die Thür zur Bibliothek geöffnet, habe er sich sogleich wieder an seine Arbeit gemacht und seine Frau nach der Kapelle geschickt, die Sachen zu holen. Eben, als sie damit zurückgekommen, sei ein Tagelöhner dagewesen, der mit irgend einer Bestellung von dem Inspektor nach Polchow mußte. In der Meinung, dem Herrn Grafen liege daran, die Sachen so bald als möglich los zu werden, habe er sie dem Manne, der ihm übrigens als ein ordentlicher Mensch bekannt sei, mitgegeben. Er solle sie nur in Polchow abliefern und dazu sagen, wenn er gefragt würde: der Herr Graf wünschten die Malerei in der Kapelle nicht. Jetzt legt er los, dachte Peters, der wohl bemerkt hatte, daß während seines Berichtes das Gesicht des Grafen immer finsterer geworden war. Aber es kam nichts. Der Herr Graf blickte nur noch ein bißchen starr so vor sich hin, sagte ganz ruhig: »Es ist gut!« drehte sich um und ging in das Schloß zurück. Peters atmete erleichtert auf; spuckte sich in die Hände, zog die Säge, die in dem Kloben steckte, wieder an und sagte bei sich: »I, wo wird sich denn der Herr Graf mit der Bagage da drüben einlassen! Aber der Mieze werde ich das besorgen.« * Während der Geheimrat, in die Ecke des Sitzes gelehnt, das seidene Deckchen über den Knien, zwischen grünenden Feldern und Wiesen durch den leuchtenden Frühlingsvormittag nach Polchow zurückfuhr, ging ihm die lange Unterredung, von der er kam, sehr durch den Kopf. Das schroffe, ja einfach abstoßende Benehmen des Grafen hatte in seiner Seele so wenig eine Kränkung zu erregen vermocht, wie die Unhöflichkeit eines Patienten. Dieser junge Mann war kein Kranker im gewöhnlichen Sinne; aber unglücklich, tief unglücklich. Mußte es auch wohl sein als der Sohn eines Vaters, der ihm sein reiches Erbe vergeudet, ihn um das Glück seines Lebens so grausam betrogen hatte! Und dann der Stolz! der leidige Stolz! Eine Hand, die sich hilfreich ihm entgegenstreckte, so zurückzuweisen! Zwar, wenn er Selchow nicht übernehmen wollte, das ließ sich begreifen, da er erklärte, kein Landmann zu sein, keine Lust, kein Talent zur Landwirtschaft zu haben. Also Soldat. Gut. Warum war er es nicht mehr? Doch aus keinem anderen Grunde, als weil er nach dem Verlust von zwei Dritteln seines kleinen Vermögens den nötigen Aufwand in dem vornehmen Regiment nicht weiter bestreiten konnte und es unter seiner Würde hielt, sich zu einem versetzen zu lassen, bei dem man bescheidenere Ansprüche an den Geldbeutel machte. Schön. Aber jetzt wurden ihm ja die Mittel, die ihm fehlten, geboten. Er brauchte nur zuzugreifen und konnte wieder an der Spitze seiner Schwadron reiten! Nein! er wollte lieber in dem Schlosse seiner Ahnen versauern! Mit dem Reisen schien es ja auch aus zu sein. Jedenfalls hatte das Geld nicht gereicht. Wie unähnlich der junge Mann seinem Vater war! Auch körperlich. Dieselbe hohe Gestalt freilich. Aber der Vater hatte mehr zum Embonpoint geneigt, und der Sohn war dürr und hager wie Don Quixote. Hatte auch im Ausdruck, besonders der strengen Augen und in den aufeinander gepreßten Lippen, etwas von einem Fanatiker, der die Welt aus den Fugen glaubt, weil ihm selbst der Stolz den Kopf verdreht hat. Was Rebekka sagen würde! Sonderbar! Er hatte ihr niemals von den freundlichen Absichten, mit denen er sich seit dem Kauf von Selchow für den jungen Grafen trug, je ein Wort gesagt; wie er sich auch nicht erinnern konnte, über sein Verhältnis zu dessen Vater irgend mit ihr ausführlicher gesprochen zu haben. Wie erstaunt, ja erschrocken war er deshalb gewesen, als sie ihn gestern abend zum Vertrauten ihrer Pläne machte, die auf nichts Geringeres als auf eine Heirat mit dem Sohne seines alten Freundes hinausliefen! Daran hatte freilich seine Seele nicht gedacht. Und – ganz abgesehen davon, daß ihm hier für die Erfüllung seines Lieblingswunsches eine schlimme Gefahr drohte – der Gedanke war so abenteuerlich, wie die Phantasien eines Fieberkranken. Dann während der Nacht, die ihm den gewohnten traumlosen Siebenstundenschlaf zur Hälfte schuldig geblieben war, hatte die seltsame Sache ein anderes Gesicht bekommen. Wenn dies nun ein Schluß des Schicksals war? Wenn es dem Enterbten wieder zu dem Besitz seiner Väter verhelfen wollte? Wollte, daß die Enkel des Mannes, der die Güter verschleudert, auch die Enkel dessen waren, dem sie nun gehörten? Von Rechts wegen. Er konnte seine Hände zu Gott erheben: es haftete kein Makel daran. Aber warum war es ihm wie ein Schwert durch die Seele gefahren, als der junge Mann vorhin gesagt hatte: ob er ihm helfen wolle, wie er dem Vater geholfen? Der Schein war gegen ihn. Wäre es doch, leider Gottes, nicht der erste Fall gewesen, daß der Jude einen leichtsinnigen Edelmann auswucherte! Daran hatte er heute nacht nicht gedacht. Wie sollte er auch? In seinen Büchern stand es zahlenmäßig, wieviel er bei dem Kauf der Güter eingebüßt! Aber alles andere, was die geniale Tochter sich da zusammengeträumt – nein! sie träumte so etwas nicht; sie durchdachte es von Anfang bis zu Ende. Und ihm war es so klar erschienen, wie das Bild einer Krankheit nach einer sorgfältigen Diagnose. Und bei der Sektion zeigte es sich, wie sehr man sich geirrt hat. Das eben war eine richtige Sektion. Für einen alten Praktikus war der Befund beschämend genug. Und doch wieder, wenn man es recht überlegte – jetzt im hellen Licht des Tages – mit Zuhilfenahme der Erfahrung dieser letzten peinlichen Stunde – mußte man nicht von Glück sagen, daß es so gekommen? Seine Rebekka und dieser Mann! Zwei größere Extreme gab es nicht. les extrèmes se touchent . Auch wieder so eine Phrase. du sublime au ridicule – nun ja! Aber diese beiden Menschen wollten ernsthaft genommen sein. Wehe dem, der sie anders nahm! Und Extreme im gewöhnlichen Sinne konnte man sie nicht einmal nennen. In beiden dieselbe ruling passion , nur in verschiedener Färbung: bei dem jungen Grafen Ahnenstolz; bei Rebekka individueller. Keiner würde den Stolz des anderen respektieren, weil er kein Verständnis für ihn hatte, ihn nicht nachfühlen konnte. Rebekka war nicht eitel auf ihre Schönheit – er hatte tausend Beweise dafür. Das einzige, was ihr an Emil Rehfeld gefiel, war: er hatte einmal zu Bekannten geäußert: ich würde sie heiraten und wenn sie mordsmäßig häßlich wäre. So würde die etwaige Bewunderung des Gatten für ihre Schönheit ihr gar nichts gelten. Und der junge Graf? Er war nicht dumm – entschieden nicht. Dumme Menschen sehen nicht aus solchen Augen; können dem Gang einer so komplizierten Unterredung nicht mit solcher Sicherheit folgen; sich nicht mit solcher Präcision ausdrücken. Aber man kann so weit ganz gescheit sein und doch mit Kunst und Wissenschaft auf einem recht gespannten Fuß stehen. Der Vater, freilich! Der hatte an allen möglichen Künsten und Wissenschaften wenigstens herumgenascht. Der Sohn sah nicht wie ein Näscher aus. Der ging sicher in allen Dingen auf das Ganze. Und dies Ganze? – Alter Adel – drei Mohrenköpfe im Wappen – mit zehn Jahren in die Kadettenanstalt – Rittmeister – Gardekürassierregiment – Offizierkasino – Hofbälle – Und Rebekka mit ihrem philosophischen und politischen Radikalismus! Wie war sie nur auf diese Idee gekommen? Eine so völlig unrealisierbare, ganz absurde Idee! Nun, wenn er ehrlich sein wollte: ihr Gehirn hatte von jeher sonderbare Blasen getrieben. Die allerdings bei sechsundzwanzig Jahren so leicht nicht mehr platzen, als bei sechzehn. Wenn sie es sich nun doch zu Herzen nähme! Sein geliebtes Kind, das er so gern glücklich gesehen hätte und doch so gar nicht glücklich machen konnte! Der alte Mann hob die Augen zum Himmel, aus dessen leuchtendem Blau unsichtbare Lerchen jubilierten; er blickte über die weiten Felder, deren junge, lustig sprossende Saaten ein sanfter Wind bewegte, und seufzte tief. * * * 4 Am nächsten Vormittag war der Geheimrat in dem Landauer nach Greifswald zu dem Mittagsschnellzuge gefahren. Ännchen hatte seitdem durchaus' das Gefühl, es sei die Welt dunkler geworden. Frau Krafft meinte: »Sehr merkwürdig, wenn man bedenkt, daß es seit zwei Tagen ›Hunn' und Katten‹ regnet.« Das that es freilich, und das Barometer wollte durchaus nicht steigen, trotzdem Ännchen es alle halbe Stunden befragte. Aber das schlechte Wetter war es nicht. Es machte freilich die Promenaden zu Fuß und zu Wagen unmöglich, das Rudern auf dem Teich, des Boccia- und Croquetspiel auf dem großen Rasenplatz, Lawn-Tennis, in dessen Geheimnisse Ännchen erst hier eingeweiht worden, und das ihr riesigen Spaß gemacht hatte. So konnte man doch in den schönen, von Kaminfeuern freundlich durchwärmten Zimmern lesen, musizieren, Handarbeiten fertigen und ein ganz vergnügliches Dasein führen, wäre nur Beckys Laune besser gewesen. Die war allerdings miserabel. Von einem Lächeln, einem Scherz keine Rede. Ihre Fragen, ihre Antworten kurz, als zählte sie die Worte; und ein freundliches war nicht darunter. Stundenlang hielt sie sich in ihrem Arbeitszimmer, wo sie Ännchen, die sie einmal dort aufzusuchen gewagt, vor dem mächtigen »Ministertisch«, den Kopf in die Hand gestützt, sitzen gefunden hatte, so in sich versunken, daß die bereits im Zimmer Stehende vorzog, leise wieder hinauszuschleichen. Kam sie in den Salon, rührte sie kein Buch, keine Taste an, sondern ging, die Arme auf dem Rücken, hin und her; stellte sich an eines der Fenster, blickte schweigend in den verregneten Hof und verschwand wieder. Bei Tisch führte sie kurze Wirtschaftsgespräche mit den beiden Inspektoren und Frau Krafft; Herrn von Plats Beredsamkeit hatte sie ein paarmal so scharf durchkreuzt, daß der junge Mann vorzog, wenn er nicht gerade die Augen auf dem Teller haben mußte, die Zimmerdecke nachdenklich zu betrachten. Fragte Ännchen schüchtern: »Fehlt dir etwas, Becky?« bekam sie zur Erwiderung: »Mir? Wie kommst du darauf?« * »Was wollen Sie mir geben, wenn ich Ihnen sage, was ihr fehlt?« fragte Frau Krafft, als sie am Abend des dritten Regentages Ännchen auf ihrem Zimmer besuchte. »Einen Kuß.« »Zwei.« »Von Herzen gern. Da! Nun aber!« »Also! Sie ist außer sich, daß der Graf sie nicht mehr in der Kapelle malen lassen will.« »Ach! Davon hat sie mir kein Wort gesagt.« »Sie wird sich hüten.« »Ich dachte, es wäre nur des schlechten Wetters wegen; und habe deshalb gar nicht gefragt. Warum will denn der Graf das nicht?« »Der Herr Graf wünschen es nicht. Ist das nicht genug?« »Woher wissen Sie es?« »Ich habe Jochen Riek, der mit den Sachen angetrabt kam, sie selber abgenommen. Sogar ein Taschentuch von ihr war dabei.« »Das finde ich aber grenzenlos ungezogen von dem Herrn Grafen.« »Ich finde es auch nicht artig. Nun braucht er bloß den Besuch, den ihm unser alter Herr gemacht hat, hier nicht zu erwidern – und das wird er wohl bleiben lassen.« »Aber Becky schien doch neulich abends, als zum erstenmal bei Tisch von ihm gesprochen wurde – Sie erinnern sich – ganz bestimmt auf seinen Besuch zu rechnen.« »Liebes Kind, es sind nun über drei Jahre, daß sie hier wohnt, und noch soll der erste von den Adligen aus der Nachbarschaft seine Visite machen, womit sie doch wohl, wenn sie einen Verkehr wollten, den Anfang machen müßten, da sie, als Dame, es nicht kann. Ich bin überzeugt, der liebe alte Herr ist bloß drüben gewesen, weil Fräulein Becky ihn darum gebeten hatte – er thut ja alles, was sie will – aber ich möchte drauf schwören: er kommt nicht. Je ärmer die Sorte, desto stolzer ist sie.« »Der Graf ist sehr arm?« »Na, mehr als Sie und ich zusammen wird er wohl noch haben; aber für so einen vornehmen Herrn kann das noch immer weniger als wenig sein. Der Vater hat ja alles durchgebracht bis auf Selchow, das der junge Herr mit seiner Schwester hat teilen müssen. Scheint eine niedliche Dame zu sein. Sie ist an einen Grafen Szapkowski in Schlesien verheiratet, der sehr reich ist, so daß sie ihren Anteil ruhig auf Selchow hätte stehen lassen und ihr Bruder es übernehmen können. Aber sie und er sind ja wohl wie Hund und Katze miteinander, und das Gut mußte partout verkauft werden. Dabei soll der Graf das Schloß und den Park noch für einen unsinnig hohen Preis angenommen haben. Ich habe das alles von Herrn Schmidt, der schon viele Jahre unter dem alten Herrn Verwalter war und den der Geheimrat in seiner Stelle gelassen hat. Der weiß Ihnen Geschichten zu erzählen von dem alten Grafen! Jeden Groschen, den er aus dem Gute herauswirtschaftete, mußte er dem sauberen Herren abgeben; und weg waren sie. Für Schloß und Park war nie ein Pfennig da. Seit zwanzig Jahren hat kein Mensch da gewohnt. Den Park haben Sie ja gesehen. Es ist eine Schande, nicht wahr? Aber das soll noch nichts sein gegen das Schloß. ›Die nackten Wände, als ob die Türken da gehaust hätten,‹ sagt Maurer Lüders, der mal drin gewesen ist, weil es durch alle Decken regnete. So was sei ihm noch nicht vorgekommen, sagt er. Glaube ich, wenn so ein altes Haus so lange leer steht und Regen und Wind damit machen können, was sie wollen. Ein bißchen besser mag es ja geworden sein, seit der junge Graf der Besitzer ist und die beiden Peters –« »Eine sehr grobe Frau,« sagte Ännchen. »Was er, Peters, ist, der soll auch nicht feiner sein. Aber ordentliche, ehrliche Leute, muß man wohl annehmen; sonst hätte sie der Graf nicht da hingesetzt. Er wird schon wissen, was dazu ist. Lange genug kennen sie sich. Als der Graf noch ein ganz junger Lieutenant war, erzählt Peters, ist er schon sein Bursche gewesen; dann Unteroffizier in seinem Regiment. Frau Peters hat eine Kantine gehabt – so eine Wirtschaft für die Soldaten. Na, jetzt hat sie es bis zur gräflichen Köchin gebracht.« »Du lieber Gott!« sagte Ännchen. »Es mag wohl manchmal danach sein. Und wenn Schmalhans noch dazu Küchenmeister ist –« »Ich denke es mir gräßlich,« sagte Ännchen. »Ich meine nicht das Essen. Aber so mutterseelenallein in dem großen, öden Hause! Gar zur Nacht, wenn es so stürmt und regnet! Du grundgütiger Himmel!« Ännchen schüttelte mitleidsvoll den Kopf und blickte dann still vor sich hin. Plötzlich fuhr sie ordentlich in die Höhe und rief, das ganze Gesichtchen von einem freudigen Rot übergossen: »Ich hab's!« »Was?« fragte Frau Krafft, über die Aufregung der Kleinen verwundert. »Becky und der Graf – die müssen sich heiraten.« Frau Krafft starrte sie aus den großen blauen Augen an und brach dann in ein lustiges Lachen aus, das nicht enden wollte. »Hab ich denn so was Dummes gesagt?« fragte Ännchen, halb verlegen, halb beleidigt. »Was Dummes?« rief Frau Krafft, sich die Thränen abwischend, die ihr über die Backen liefen; »was Dummes?« Sie war aufgestanden und hatte beide Hände auf Ännchens Schultern gelegt: »Kinding! Kinding! Sie können das Gras wachsen hören!« Sie drückte einen Kuß auf Ännchens Mund, der in diesem Moment nichts weniger als eine ungewöhnliche Klugheit verriet, und war zum Zimmer hinaus. »Wenn ich weiß, was das heißen soll!« murmelte Ännchen. * In der Relation seines Besuches bei dem Grafen hatte der Geheimrat gegenüber der Tochter sich der größten Vorsicht befleißigt. Das bis zur Beleidigung schroffe Benehmen des vornehmen Herrn hatte er mit keiner Andeutung gestreift; sich vielmehr begnügt, in seiner knappen, logischen Weise das negative Resultat der Unterredung zu konstatieren: aus praktischen Gründen, die nicht unberechtigt seien, glaube der Graf, Selchow nicht zurücknehmen zu können; aus Pietätsrücksichten, die man anerkennen müsse, dürfe er Schloß und Park nicht in andere Hände kommen lassen. Die Konsequenzen zu ziehen, welche sich daraus für ihre individuellen Pläne und Wünsche ergaben, mochte nun Beckys Sache sein. Becky hatte die Konsequenzen gezogen. Sie war empört; verglich sich mit einer Semiramis, die auszieht, ein großes Nachbarreich zu erobern, und deren Heer an der Grenze in die schimpflichste Flucht geschlagen wird. Es war noch viel schlimmer. Sie hatte sich einem Manne angeboten, und der Mann hatte sie verschmäht. Vergebens, daß ihr der Verstand sagte: dies sei ja purer Unsinn. Von dem, was sie wünschte und wollte, hatte der Graf ja keine Ahnung, konnte sie nicht haben. So hielt sie sich, um sich persönlich beleidigt fühlen zu dürfen, an seine Weigerung, ihr das Kopieren des Bildes in der Kapelle zu gestatten. Hätte er ein höfliches Billet geschrieben, einen Grund angegeben, irgend einen! Nein! er hatte die Sachen herübergeschickt durch einen gemeinen Knecht! Und der Mensch die Bestellung in der Küche ausgerichtet vor einem halben Dutzend ihrer Leute, in Gegenwart von Frau Krafft, die zufällig da gewesen war! Wenn sie sich die Scene ausmalte: den Kerl, wie er zur Thür hereinkam, die Staffelei auf der Schulter, den Malkasten, das angefangene Bild unter dem Arm, eines nach, dem anderen ablud; die Mädchen sich herzudrängten; das Bild begafften; grinsend ihre Bemerkungen machten – sie hätte schreien mögen wie ein verwundetes Tier! Der einzige Trost, daß der Vater, dem das Kopieren des Bildes ein Geheimnis bleiben sollte, auch davon nichts erfahren hatte. Ein jämmerlicher Trost. Ihr Fiasko in der großen Sache war ihm kein Geheimnis: das war für ihn so offenbar, wie für sie selbst. Sollte sie nun nicht auch noch das Siegel daraufdrücken und ihm schreiben: sie willige jetzt in die Heirat mit Emil Rehfeld? In einer Stunde der Verzweiflung hatte sie alles Ernstes daran gedacht und dann die Feder, die sie schon in der Hand hielt, zersplittert. Sich so vor ihm demütigen, der sie niemals verstanden hatte? niemals verstehen würde? Sie jetzt womöglich für mannstoll hielt? Der Graf! Was war ihr denn der? Ein stepping-stone ! Ein zweiter zu dem ersten der breiten Gutsherrlichkeit. Die sollte ihr den Grafen schaffen, irgend einen Grandseigneur! Der Grandseigneur wieder die Welt der upper tenthousand . Deren funkelnder Stern sie dann sein würde. Alle die kleineren Lichter überstrahlend. – Kennen gnädiges Fräulein die Gräfin Grieben nicht? – Das war die Baronin Plüggentin! sagten die Verkäuferinnen in Greifswald, wenn eine der genannten Damen an ihr vorüber, als wäre sie Luft, aus dem Laden raschelte. Wohl! Auf den Hof von Polchow zu dem einfachen Fräulein Lombard kamen sie nicht. In das Hotel der Fürstin Durchlaucht so und so unter den Linden oder in der Wilhelmstraße in Berlin würden sie schon kommen. Und sie wollte sie antichambrieren lassen! Ja, eine Fürstin mußte es sein – jetzt! Das war sie sich schuldig! Als sie das bei sich festgestellt hatte, atmete sie auf, wie ein nervöser Mensch, wenn die elektrische Spannung der Atmosphäre sich in einem heftigen Ungewitter endlich entladen hat. Die souveräne Gelassenheit, mit der sie sonst die Begegnisse des Tages an sich vorübergehen ließ; die kühle Ironie, mit der sie ihr nicht Genehmes abzufertigen pflegte; das herablassende Lächeln, mit dem sie eine ihr wohlgefällige Leistung belohnte – es war mit einemmal alles wieder da. Gegen Ännchen und Frau Krafft äußerte sie gelegentlich, sie sei die Tage hindurch von einem argen Kopfschmerz geplagt worden. Das fiel von der Wahrheit nicht weit ab. Schon wiederholt hatte sie in Tagen und Stunden hochgradiger seelischer Erregung einen eigentümlichen Zustand beobachtet, der zweifellos vom Gehirn ausging, das förmlich gegen seine Wandungen mehr oder weniger gewaltsam zu drücken schien; ihr jede freie Gedankenthätigkeit unmöglich machte; sie vielmehr zwang, ihre Gedanken unweigerlich in dieselbe, manchmal ihr sehr peinliche, ja qualvolle Richtung zu lenken; sogar die Sehnerven affizierte, daß sie den Blick von einem, ihr übrigens völlig gleichgültigen Gegenstand nicht abwenden konnte. Es war das auch jetzt der Fall gewesen und stärker als je zuvor. Mit dem Stande des Barometers hatte das nichts zu thun, obgleich dessen plötzliches schnelles Steigen mit dem Umschlag ihrer Stimmung zusammenfiel. Geister, wie der ihre, waren nicht vom Wetter abhängig. Sie hatten ihre Sonnen- und Schattentage für sich. Jetzt schien ihre Sonne wieder. Sie war wieder sie selbst, die Achseln zuckend über die Becky von gestern, die sich die Gemahlin eines Grafen Bassedow geträumt hatte, den die Becky von heute, und kröche er auf den Knien zu ihr heran, verächtlich mit der Fußspitze von sich stoßen würde. Und verächtlich lächelte sie, als Herr Pasedag eines Abends bei Tisch in seiner eintönigen Weise berichtete, der Herr Graf habe den Jochen Snut, den sein Kollege Schmidt in Selchow wegen Widersetzlichkeit entlassen, sofort in seine Dienste genommen; und an einem anderen: der Herr Graf habe befohlen, das Wasser nicht mehr aus dem notorisch guten Brunnen des großen Gutshofes zu nehmen, sondern aus dem ebenso notorisch schlechten des kleinen Schloßhofes. » l'imbécile !« sagte sie mit einem höhnischen Zucken der Oberlippe halblaut zu Ännchen. * * * 5 Den bitteren Nachgeschmack, welchen die Unterredung mit dem Geheimrat bei dem Grafen zurückgelassen, hatten die folgenden Tage nicht abgemildert. Geflissentlich einem Menschen wehe zu thun, war ihm stets als eine Gemeinheit erschienen. Hier hatte er es gethan, auf einen Verdacht hin, dessen Haltlosigkeit, je länger er darüber grübelte, ihm immer klarer geworden war. Jude hin, Jude her – der alte Herr mit seinem ehrwürdigen Aussehen, seinem feinen, taktvollen Benehmen, das war kein Wucherer. Und solchen Herren, wie sein Vater, brauchte nicht erst der Ast, auf dem sie saßen, von anderen abgesägt zu werden; sie besorgten es schon selber. Dann kam ihm eine neue peinliche Erwägung: wäre nicht doch vielleicht alles besser geworden, hätte er sich bemüht, das trübe Verhältnis zwischen sich und dem Vater zu einem freundlicheren zu gestalten? einen Einfluß auf ihn zu gewinnen, der am Ende doch mehr leichtlebig und leichtsinnig als schlecht gewesen war? dessen Devise gewesen war: leben und leben lassen? der auch gegen ihn mit dem Gelde niemals geknausert, ihm bei seinem Bankier in Berlin jeder Zeit carte blanche gegeben hatte? Aber schon der kleine Knabe hatte einen Groll gegen den Vater gehegt seit dem Tage, als er die von ihm angebetete Mutter in Thränen schwimmend gefunden, während der Vater, ihn unsanft bei Seite stoßend, an ihm vorüber zur Thür hinausgestürmt war. Dann, nach dem Tode der Schönen, Bleichen, Liebevollen, hatte man ihn aufgepackt wie einen Ballen Ware und in die Kadettenanstalt geschickt, und er zusehen mögen, wie er fortan seinen Weg allein durch das Leben fand. In seinen kleinen und großen Kümmernissen, Zweifeln, Verlegenheiten, Leiden – nie hatte er nach der väterlichen Hand fassen, sich an ihr aufrichten dürfen. Als wäre er, wie ohne Mutter, so ohne Vater gewesen. Der befand sich auf Reisen. In langen, langen Zwischenräumen – von hier, von da, oft von fernen Orten datiert, die der arme Knabe kaum dem Namen nach kannte – ein paar flüchtige Zeilen, die stets mit einem Scherz anfingen und mit einem witzigen Wort endeten. So war es geblieben. Die Male, daß sie sich persönlich begegnet, konnte Kurt bequem an den Fingern einer Hand herzählen. Das letzte Mal vor etwas über zwei Jahren in Paris. Eine widerwärtige Erinnerung. Er war mit einem Legationsrat unserer Botschaft den boulevard des italiens hinabgeschlendert und hatte vor einem der Cafés einen alten, verwitterten, sehr stutzerhaft gekleideten Beau sitzen sehen, in welchem er mit einiger Mühe seinen Vater erkannte. Einer unwillkürlichen freudigen Regung folgend, war er herangetreten. Charakteristisch genug, hatte der Vater sich erst darauf besinnen müssen, daß es sein Sohn war, der ihn begrüßte. Dann war er sehr liebenswürdig gewesen; hatte höchlichst bedauert, keine Ahnung davon gehabt zu haben, daß Kurt bereits seit einem Jahr zur Botschaft kommandiert sei, während er sich nun schon vier Wochen in dem langweiligen Nest herumtreibe und noch denselben Abend unbedingt nach Nizza müsse, wo er sich mit einem alten Freunde ein Rendezvous gegeben habe. In der Gesellschaft des Vaters war eine jüngere, sehr chike Dame gewesen. Er hatte sie ihm nicht vorgestellt. Aus Zerstreutheit sicherlich nicht. Zwei Wochen später – Kurts Kommando war zu Ende und er wieder bei seinem Regiment – wurde ihm von der Polizei in Monte Carlo telegraphiert, daß der Herr, der sich vergangene Nacht in den Anlagen erschossen, als Graf Egon von Bassedow rekognosziert sei. Die Adresse des Herrn Grafen Kurt von Bassedow habe man aus einer Visitenkarte ersehen, die »der Verunglückte« in seinem – übrigens leeren – Portefeuille bei sich geführt. Es mußte die Karte gewesen sein, die Kurt in Paris dem Vater, der seine genaue Berliner Adresse zu haben wünschte, gegeben hatte. So düstere Reminiscenzen stimmten völlig zu dem greulichen Unwetter, das seit Tagen wütete und Kurt die trostlose Öde des großen Hauses, in welches er sich wie in ein Gefängnis gebannt sah, doppelt empfindlich machte. In dem prunkhaften Geschmack der Zeit seiner Erbauung hatte man nur für Säle und saalartige Staatsräume gesorgt; ein paar wenige Gemächer waren dann wieder so klein, daß man auch in ihnen sich nicht behaglich fühlen konnte. Die »Bibliothek« durfte man nur vergleichsweise wohnlich nennen. Ihre Dimensionen waren ebenfalls unheimlich groß; dafür zog es durch die vier hohen einfachen Fenster mehr als billig; von den beiden Kaminen durfte der eine nicht geheizt werden, weil die Esse mit dem Einfall drohte; in dem zweiten brannte aus unbekannten Ursachen das Feuer schlechterdings nicht. Am zweiten Morgen kam Peters mit der Meldung, in einem der Säle nach vorn habe es so durchgeregnet, daß die halbe Decke heruntergefallen sei. Ob der Herr Graf es sich nicht einmal ansehen wolle? Kurt hatte es sich angesehen: es war ein häßliches Bild gewesen, das sich ihm da bot. Auf dem Fußboden die Trümmer des Plafond in wüsten, schmutzigen Haufen; das bis dahin leidlich gut gehaltene Deckengemälde – Diana, die mit ihren Nymphen auf die Jagd zog – zur Hälfte zerstört; die Tapeten in Fetzen von den Wänden hängend. In den anderen Sälen und Zimmern sah es nicht viel besser aus. So konnte es nicht bleiben. Peters riet, den Maurer Lüders zu rufen; er sei gerade auf dem Gutshofe, wo er an dem auch schadhaft gewordenen Pferdestall arbeite. Lüders kam, triefend von Nässe, arg mit Kalk bespritzt. Er erklärte, das schon vom vorigen Herbst her zu kennen. Ein einzelner könne da gar nichts helfen. Der Herr Graf möge sich doch einmal an den Privatarchitekt Bartels in Greifswald wenden, der Mann verstehe die Sache. Er gehe heute abend nach der Stadt zurück, da könne er die Bestellung gleich besorgen. Der Graf gab ihm eine Karte an den Architekten mit, der dann auch bereits am folgenden Tage herausgefahren kam und eine Besichtigung des Schlosses vornahm. Nur die Baulichkeiten des kleinen, dazu gehörigen Hofes: Leutehaus, Waschküche, Wagenremise, Pferdestall – beide letztere augenblicklich leer stehend – befanden sich, weil erst von dem Großvater des Grafen nach einem Brande neu aufgebaut, in leidlich gutem Zustande; desto übler sah es mit dem Schlosse selbst aus. Nur seiner ursprünglich höchst soliden Konstruktion war es zuzuschreiben, daß der Verfall nicht noch schlimmer war, und man überhaupt von der Möglichkeit einer Reparatur reden konnte. Diese mußte allerdings sehr umfangreich sein. Das ganze Dach mit Sparren und Ziegeln war total zu erneuern; im Keller machte der Mauerschwamm, der hier und da auftrat, eine große, Vorsicht erfordernde Ausbesserung des Fundaments absolut notwendig. Mit den Rissen, die einige Wände zeigten, hatte es nicht so viel auf sich; desto mehr mit den Kaminen und Schornsteinröhren, die, soweit es sich vor der Hand beurteilen ließ, sämtlich einer gründlichen Nachhilfe bedurften. Der Graf hatte den Auseinandersetzungen des lebhaften jungen Mannes aufmerksam zugehört. Dann, als jener seinen Bericht beendet, fragte er: »Und die Kosten?« Der junge Mann zuckte die Achseln: »Ohne eine genaue Berechnung angestellt zu haben, ist es nicht wohl möglich, die Summe anzugeben. Auch fragt es sich, ob der Herr Graf nur das Notwendige im Auge haben.« »Nur das,« sagte der Graf. »Selbst in dem Falle werden sich der Herr Graf immerhin auf, sagen wir, vier bis fünf Tausend gefaßt machen müssen.« »Ich war darauf gefaßt,« erwiderte der Graf. »Darüber hinaus kann ich mich allerdings nicht engagieren. Ich bitte Sie also, Ihre Dispositionen in diesem Sinne zu treffen und sobald als möglich mit den Arbeiten zu beginnen.« * Der Architekt konnte noch nicht zum Schlosse hinaus sein, als der Graf ihn gern zurückgerufen hätte. Aber er hatte es einmal gesagt. So mußte es dabei bleiben. Dennoch ging ihm die fatale Sache sehr im Kopfe herum. Eine für seine Verhältnisse so kolossale Summe! Für eine Reparatur, die am Ende doch nur Flickwerk war! Das schöne Geld zum Fenster hinauszuwerfen, während er vor ein paar Tagen nur zuzugreifen brauchte, und er hatte zweihunderttausend Mark in seiner Tasche: Und konnte wieder Offizier sein, wie – Nein, ganz so lagen die Dinge nicht wie vorher. Während des Jahres in Paris war ihm doch eine Ahnung davon gekommen, daß es eine Welt gebe, in der Interessanteres und Merkwürdigeres vor sich ging als in dem Leben, das er bis dahin geführt und bis dahin für das einzig menschenwürdige gehalten hatte. Die Verhältnisse im Regiment, welche er bei seiner Rückkehr vorfand, waren nicht dazu angethan gewesen, die in seiner Seele aufgestiegenen Skrupel zu beseitigen. Mit seinem früheren Commandeur, dem Erbprinzen, hatte er sich vortrefflich gestanden; ja, er durfte ohne Überhebung von einer Freundschaft zwischen ihm und dem hohen Herrn sprechen. Der es auch gewesen war, welchem er das Kommando zur Pariser Botschaft verdankte. Inzwischen aber hatte der Prinz die Regierung seines Landes angetreten, das Regiment in der Person des Barons von Rüchel einen anderen Obrist bekommen. Warum sich Kurt mit dem neuen Chef vom ersten Augenblick an nicht stellen konnte, schien nicht wohl begreiflich. Beide waren von derselben Schneidigkeit im Dienst; beide aus alten Geschlechtern; hatten politisch dieselben konservativen Gesinnungen, und doch! So oft sie der Dienst zusammenführte, gab es Mißhelligkeiten; im Kasino und wo immer sie sich gesellschaftlich begegneten, gingen sie sich mit einer Geflissentlichkeit aus dem Wege, die allen auffallen mußte. Persönliche Antipathie, sagten die einen; zwei harte Steine mahlen schlecht, die anderen; beinahe alle aber stellten sich auf die Seite des Obrist. Kurt nahm das kein Wunder; er wußte, daß er bei den Kameraden nicht beliebt war, ohne daß er sich das jemals hatte anfechten lassen. Er war eben, wie er war. Ließ man das nicht gelten – auch gut. Den Liebenswürdigen herauszubeißen, schöne Worte zu machen, dazu war er nicht der Mann. Aber daß man ihm in den höheren, ja allerhöchsten, Ausschlag gebenden Kreisen ebenso wenig wohl wollte, empfand er als eine bittere Ungerechtigkeit. Wenn der Vater den stattlichen, durch Jahrhunderte in der Familie von Generation zu Generation fortgeerbten Besitz Gut um Gut verzettelte; selbst das große, ihm von der Gattin zugebrachte Barvermögen an den Spieltisch oder zu seinen Maitressen trug und sich so nicht bloß bei seinen Standesgenossen um Ehre und Reputation brachte – was konnte denn der Sohn dafür? Oder dafür, daß sein Schwager Szwykowski ein enragierter Pole war, der in seiner Provinz und im Reichstage die Regierung auf jede erdenkliche Weise chikanierte? Mochte er sich's nur ehrlich gestehen: Soldat, wie er mit Leib und Seele war, als sich vor einem Jahre seine finanziellen Verhältnisse so mißlich gestalteten und er sich schweren Herzens entschloß, sein Abschiedsgesuch einzureichen – die Kränkung, es ohne weiteres angenommen zu sehen, hatte er bis auf den heutigen Tag nicht verwunden. Und was schlimmer war: er fühlte, daß er sie nie verwinden würde. * Endlich hatte sich das Unwetter doch ausgetobt, und der Frühling, der in diesem Jahre so unbillig lange hatte auf sich warten lassen, war, wie herbeigezaubert, mit einem Schlage da. Vom wolkenlosen Himmel schien eine klarste Sonne so warm, daß selbst die spröden alten Eichen sich auf ihre Pflicht besannen und ihre knorrigen Äste in ein grünes Gewand hüllten. Der alte Park wollte beweisen, was er trotz des Mangels an jeglicher Pflege während der letzten zwanzig Jahre auf eigene Hand noch leisten konnte. Wege und Stege waren vor dem Unkraut, das sie überwucherte, kaum noch erkennbar; die Heckengänge gewährten an einzelnen Stellen keinen Durchgang mehr, so völlig waren die beiden Seiten ineinandergewachsen; auf den Wiesenplätzen überschwankte langes Gras die häßlichen Maulwurfhaufen; in dem sie umkletternden Buschwerk nahmen sich die verwitterten Sandsteinfiguren ordentlich malerisch aus. Das Ganze eine Wildnis, vielleicht noch mehr als vorher; aber doch nicht ohne eine, freilich schwermutsvolle, Anmut. So wenigstens empfand der einsame Mann, der sie jetzt stundenlang Tag für Tag durchstreifte; oder, auf einem Baumstumpf oder einer der wenigen verwitterten Bänke sitzend, in sie hineinstarrte. Froh, den kahlen Mauern seines verödeten Hauses entflohen zu sein, von dem das Klopfen und Hämmern der Werkleute dumpf noch in diese seine Einsamkeit schallte. Seine Einsamkeit! Kam er doch zu niemand, und niemand kam zu ihm! Wie hätte es anders sein können! Von den wenigen Standesgenossen, die in abreichbarer Nähe auf ihren Gütern saßen: Graf Grieben, Baron von Zarrentien, Freiherr von Pfahlen und ein paar andere, kannte er niemand persönlich; und schon zu seines Vaters Zeiten war der Verkehr zwischen den Familien hinüber und herüber auf das ganz Unvermeidliche beschränkt gewesen. Und sollte er etwa, der kein Pferd im Stall, keinen Wagen in der Remise hatte, als verstäubter Fußwanderer in den fremden Häusern antreten, wie ein Handwerksbursch? So mußte er wohl bleiben, wo er war; und hoffte sehr, daß die anderen bleiben würden, wo sie waren. Sie würden große Augen gemacht haben, hätten sie gesehen, wo und wie Graf Kurt Bassedow hauste! Auch seine Küche mit Frau Peters' Alltagsgerichten hätte ihnen schwerlich gemundet; in den Kellern hatten die Maurer, um an ihre Arbeit gehen zu können, keine Weinschränke beiseite zu räumen gehabt. Überdies war Peters noch immer ohne den geeigneten dienstlichen Anzug. Es hielt auch nicht leicht, sich für einen passenden zu entscheiden in Anbetracht der vielen und verschiedenartigen Obliegenheiten, die er auf einmal oder doch eine nach der anderen zu erfüllen hatte: Kammerdiener des Morgens und Abends, wenn er dem Herrn beim An- und Auskleiden half; dann wieder Stiefelputzer, Zimmerreiniger, Portier – ganz abgesehen von den häufigen Botengängen, die er in die Stadt machen mußte, nachdem der Verkehr zwischen dem Schlosse und dem Gutshofe, von welchem man früher die meisten Viktualien für die Küche bezogen, auf Befehl des Grafen abgebrochen war. Es hatte ihn verdrossen, daß der Inspektor Schmidt, der schon unter seinem Vater jahrelang gedient, unterlassen, sich ihm bei seiner Ankunft sofort vorzustellen. Dafür war ihm zu Ohren gekommen, eben dieser Herr Schmidt habe sich über seine Weisung, Park und Kapelle fortan für jedermann zu verschließen, sehr gröblich geäußert unter der Hinzufügung: er könne dann ebensogut den Leuten des Herrn Grafen verbieten, das Trinkwasser aus dem Brunnen des Gutshofes zu holen. Das war denn nun auch auf Geheiß des Grafen unterblieben. Wenn aber Herr Schmidt meinte, der Herr Graf habe den Jochen Snut, den er fortgejagt, aus purer Chikane sofort in seine Dienste genommen, so irrte er sich. Kurt hatte von dem Handel nichts gewußt und den Mann, den ihm Peters zuführte, nur deshalb engagiert, weil er Peters von den gröberen Arbeiten entlasten wollte. Übrigens konnte er den Kerl, der ein freches Aussehen hatte und jedenfalls ein schlechter Soldat gewesen wäre, so wenig leiden, daß er Peters beauftragte, ihn anderweitig als im Park zu beschäftigen. Das bißchen Herumgehacke an den Wegen und Geschnipfle an den Hecken sei doch nur für die Katz. Die Sache war: die Gegenwart des Menschen störte ihn in seiner Einsamkeit. * Die doch von Tag zu Tag schwerer auf ihm lastete. Der Kampf von ein paar Krähen, das Erscheinen eines Hasen, der, Gott weiß wie, wahrscheinlich durch ein Loch in der Mauer, den Weg in den Park gefunden, waren Ereignisse. Seine größte Freude war das Singen der Vögel, die sich doch zahlreicher eingestellt, als er zu hoffen gewagt. Stundenlang konnte er ihnen zuhören. Besonders die Schwarzamseln, die in Begleitung ihrer braunen Weibchen des Morgens so eifrig auf den Wiesen mit den gelben Schnäbeln nach Regenwürmern pickten und des Abends aus den Wipfeln der alten Riesenfichten ihr süßes melancholisches Lied ertönen ließen, waren seine besonderen Günstlinge. Eine Nachtigall, die sich ein paar Abende hatte hören lassen, war zu seinem Kummer weitergezogen. Dafür schienen die Finken das Revier besonders zu lieben; ihr herzhafter Sang, der den Grafen immer an das Schmettern von Trompetenfanfaren erinnerte, erschallte von allen Seiten. Auch an Meisen, Rotschwänzchen, Stieglitzen, Baumspechten und anderen kleinen Arten, deren Namen er nicht kannte, fehlte es nicht. Wenn er in einem Busche ein Nest entdeckte, schenkte er dem Fortgange des Brutgeschäfts eine gespannte Aufmerksamkeit. Gern hätte er sich einen Pistolenschießstand eingerichtet; fürchtete aber, das Knallen möchte seine gefiederten Gäste stören, und beschloß, zu warten, bis die Jungen ausgeschlüpft sein würden. Da nun schon Zimmerleute im Schloß waren, hatte er gegen seinen ursprünglichen Vorsatz die schadhafte Treppe zu dem kleinen Pavillon ausbessern lassen und in dem Häuschen selbst mit Hilfe der Peters Ordnung geschafft. Aber seine Absicht, hier eine und die andere Stunde zu verbringen, verleidete ihm der muffige Geruch, der unausrottbar schien, und die dumpfe Schwüle, die an heißen Tagen, deren es jetzt viele gab, unter dem Bretterdache in dem engen Raum herrschte. Desto wohler that ihm die Kühle in der steinernen Kapelle. Er konnte da lange Zeit auf einem der herrschaftlichen Stühle sitzen, versunken in das Anschauen des Madonnenbildes, das der geliebten, ihm allzu früh entrissenen Mama so ähnlich sein sollte. Auch zu der Galerie des Turmes stieg er manchmal hinauf, zu sehen, ob sich die Wespen wieder eingefunden. Aber auf dem kunstvollen Nest an der Wand schien ein Fluch zu ruhen. Es war und blieb leer. * Nach einiger Zeit glaubte der Graf zu finden, daß diese idyllischen Freuden, trotz ihrer Lieblichkeit, doch ein wenig an Monotonie litten und der Verkehr mit der Natur den mit Menschen nicht völlig ersetzen könne. Nur wie dazu gelangen, ohne aus seiner Zurückgezogenheit herauszutreten, was, wie die Verhältnisse nun einmal lagen, nicht angänglich war! In den ersten Tagen hatte er sich mit dem munteren jungen Architekten, der, nach seinem Bau zu sehen, häufiger herauskam, gern in ein längeres Gespräch eingelassen. Dann war ihm aus gewissen Äußerungen, die jener gewagt hatte, erst der Verdacht aufgestiegen, der sich bald zur Gewißheit verdichtete, daß er es mit einem Menschen zu thun habe, der entweder schon Socialdemokrat war oder im Begriff stand, es zu werden. Seit dem Augenblicke hatte er seinen Verkehr mit ihm auf das einfach Notwendige beschränkt und eine Haltung angenommen, die den anderen, der sich in seiner Unbefangenheit keiner Schuld bewußt war, anfangs auf das Äußerste verblüffte; dann auf die Vermutung brachte, es dürfte in dem gräflichen Gehirn ein Sparren zu viel oder zu wenig sein. So hatte er sich den einzigen gebildeten Menschen, der in seine Nähe kam, entfremdet; und Peters war ja so weit ein guter Kerl und ihm treu ergeben, aber doch, alles in allem, die richtige Kommiß-Unteroffiziersseele. Auch hatte er sich niemals anders als dienstlich mit ihm eingelassen. In diesem Verhältnis durfte keine Neuerung eintreten. Wären nur die Abende nicht so lang gewesen! Er erinnerte sich, daß Ritter, die in ihre Burg eingeschlossen gewesen waren, ihre Memoiren geschrieben hatten. Zum Beispiel Götz von Berlichingen. Was der alte Haudegen gekonnt, mußte auch er können. Ein langer Tisch aus dem Leutehause, an dem ursprünglich wohl die Dienerschaft ihre Mahlzeiten eingenommen, wurde in der Bibliothek aufgestellt und mit einem grünen, etwas stark defekten Stück Stoff, das ehemals vermutlich ein Vorhang oder etwas der Art gewesen war, und das Frau Peters in einer Rumpelkammer entdeckt und zu seinem höheren Zweck adaptiert hatte, schicklich bedeckt. Der Graf ließ sich Papier, Federn und Tinte aus der Stadt holen; die nötige Lampe – Öllampe, weil Petroleum nach armen Leuten roch – war schon früher besorgt; ein noch völlig wohlerhaltener Lutherstuhl, der zu dem in der Bibliothek selbst vorgefundenen Inventar gehörte, schien ein glückverheißendes Zeichen für das wichtige Geschäft, das nun beginnen konnte. Der Graf fand es schwieriger, als er gedacht. Er hatte seit der Schulzeit nur Briefe – und auch die nicht eben häufig – geschrieben; höchstens, als Offizier, eine militärwissenschaftliche Ausarbeitung zu machen gehabt. Für den Memoirenstil – es handelte sich in erster Linie um seine Pariser, dann um seine Reisereminiscenzen – fehlte ihm jegliche Übung. Was er ausdrücken wollte, war ihm völlig klar; aber die rechten Worte, die schicklichen Wendungen blieben in der eigensinnigen Feder stecken. Und was sie hergab, genügte ihm nicht: es war hölzern, steif, schulknabenmäßig. Er gab es vorläufig auf, bis er sich durch geeignete Lektüre die Phantasie geschmeidigt haben würde. Zu diesem Zwecke schienen ihm wieder autobiographische Berichte das weitaus geeignetste. Nach langem Umherstöbern in den Büchern, die wirr durcheinander auf den Regalen standen und lagen – sie waren meistens aus dem vorigen Jahrhundert, keines der Werke vollständig, manche umfangreiche nur durch ein, zwei Bände vertreten – entdeckte er drei der Art, die er auf den Arbeitstisch vor sich hinstellte, um sie, eines nach dem anderen, durchzustudieren: Rousseaus confessions , die Memoiren der Herzogin von Abrantes, Goethes Wahrheit und Dichtung. Mit den confessions kam er nicht weit. Nachdem er ein paar Kapitel gelesen, fand er, daß der bedientenhafte, widerwärtige Kerl verrückt sei, und klappte den Band – es war der erste und einzige – wieder zu. Den Aufzeichnungen der Frau Marschallin erging es anfangs besser. Das historische Kolorit gefiel ihm; hier konnte man augenscheinlich etwas lernen. Als die geschwätzige Dame aber zu der Schilderung der Besuche kam, die ihr – der Strohwitwe – der erste Konsul in St. Cloud des Morgens in aller Herrgottsfrühe macht, um sich zu ihr auf den Rand des Bettes zu setzen, Politik und Cancan zu reden und ihr gelegentlich durch die dünne Bettdecke hindurch die große Zehe zu drücken, schüttelte der Leser bedenklich den Kopf. Und nun die Scene, in der Bonaparte – ahnungslos daß Junot, den er zu sich citiert hat, anstatt für die Nacht, wie seine Gouverneurpflicht erheischte, nach Paris zurückzukehren, im Schlosse bei seiner Frau geblieben ist – der Freundin eine seiner gewöhnlichen Morgenvisiten abstatten will, das Ehepaar Arm in Arm in friedlichem Schlummer findet und sich, innerlich wütend, geräuschlos zurückzieht – die unanständige Person lügt wie gedruckt, rief er tief empört und schleuderte das Buch so heftig von sich, daß es über den Tisch herüber auf den Fußboden flog. Peters, der gerade ins Zimmer trat, hatte es aufzunehmen und in die Küche zu tragen: seine Frau möge sich das Feuer mit dem Schmarren anmachen. Es vergingen zwei Tage, bis der kopfscheu Gewordene den Mut fand, an Goethes Autobiographie zu gehen, von der er hin und wieder hatte reden hören. Nun ja, das war denn freilich etwas anderes als das Geschwafel des überspannten Kerls, des Rousseau, oder das Geflunker der Herzogin, die doch nur eine Grisettenseele hatte: alles höchst gediegen, auch ganz sittlich – bis auf die Affaire mit dem kleinen Gretchen in Frankfurt und die noch viel bedenklichere mit den beiden Tanzmeistertöchtern in Straßburg – aber doch, wenn man ehrlich sein wollte, schauderös langweilig. Die endlosen Abschweifungen über Architektur, Malerei, Litteratur und sonstigen Kram, das mochte der Deibel aushalten! Und dann sein Benehmen gegen die Pastorentochter, die Friederike – na, schön war das von dem Herrn von Goethe nicht; und der Graf mußte nachträglich der alten Excellenz von Kernbeißer recht geben, die einmal ihm gegenüber Goethe einen unmoralischen Menschen genannt hatte, dessen Bücher niemals in die Hände von jungen Leuten kommen sollten. * Aus den Büchern war also kein Rat zu holen. Der Graf beschloß, die Memoirenschreiberei aufzugeben und, wenn er wieder lesen wollte, nur Sachen, bei denen man sich wenigstens nicht ennuyierte. Ein Zufall ließ ihn eines Tages in der verstaubten Ecke eines Schrankes, den er bis dahin nicht weiter untersucht hatte, weil er nur alte schweinslederne Scharteken zu enthalten schien, ein paar sehr zerlesene Bände Scottscher Romane finden, glücklicherweise für ihn in deutscher Übersetzung, da es mit seinem englisch stark haperte. Er erinnerte sich, daß Scott der Lieblingsdichter seines guten alten Kandidaten gewesen war; auf einem der Titelblätter stand noch sein Name: Christian Fürchtegott Käsebier. Auch er hatte seiner Zeit Verschiedenes von dem schottischen Romancier gelesen, ohne ihm besonderen Geschmack abgewinnen zu können: der Abt, das Kloster – es war wohl nicht das Richtige. Immerhin wollte er es noch einmal versuchen. Der Versuch schlug vortrefflich aus. Quentin Durward, Kenilworth, das schöne Mädchen von Perth – das konnte man sich gefallen lassen. Die Lektüre fesselte ihn so, daß er ihr zuliebe selbst die langen Promenaden im Park – bisher sein einziges Vergnügen – wesentlich abkürzte und halbe Tage und am Abend bis manchmal spät in die Nacht an seinem langen »Arbeitstische« saß, den Kopf in die Linke gestützt, mit der Rechten eifrig Blatt um Blatt der famosen Bücher wendend. Nun gelangte er an Ivanhoe – das letzte Werk in der bescheidenen Reihe, die er wieder sorgfältig auf dem Tische vor sich aufgebaut hatte, weil die Bände so nebeneinander die Empfindung in ihm wach hielten, daß er eigentlich doch recht fleißig sei. Es schien das schönste von allen werden zu wollen, bis ihm, je weiter er kam, die Geschichte immer mehr Wirklichkeit zu werden drohte und er zuletzt fast mehr zwischen den Zeilen als in den Zeilen las. Gleich zu Anfang war ihm aufgefallen, wie sehr er doch eigentlich dem »enterbten Ritter« glich. Cedric, der Sachse, hatte dann freilich keine Ähnlichkeit mit seinem Vater; aber das schlimme Verhältnis zwischen Vater und Sohn – damit konnte er auch dienen. Rowena war nicht. Es hätte etwa die sehr entfernte Cousine sein müssen, die er bei Excellenz von Kernbeißer in Berlin kennen gelernt und für die er ein paar Wochen hindurch regelrecht geschwärmt hatte. Der Narr Wamba blieb ganz aus. Dergleichen lustige Schwerenöter, die auch manchmal die Hetzpeitsche zu schmecken bekamen, gab's eben heutzutage nicht mehr. Gurth, der Schweinehirt? Na, Peters, wenn er im Arbeitskittel war – es wurde wirklich die höchste Zeit, daß er seinem Faktotum eine anständige Livree – oder so was – machen ließ – hätte immerhin, den Hund zur Seite, die grunzende Herde vor sich, unter den tausendjährigen Eichen sitzen können; und was die Treue anbetraf und die Liebe zu seinem Herrn, durfte er sich getrost mit dem sächsischen Leibeigenen messen. In dem Templer Brian de Bois Guilbert mußte er, mochte er wollen oder nicht, immer seinen Schwager Szwykowski sehen. Das war dieselbe sehnige Gestalt, dasselbe hagere Gesicht, dieselben stechenden, fanatischen Augen. Und gar der Jude Isaak von Dork! Es war rein zum Verzweifeln. Der Dichter schilderte doch den Alten, daß man meinte, ihn mit Händen greifen zu können, und er sah immer nur den Geheimrat Lombard. Es stimmte nichts, als daß beide Juden waren; sonst keine blasse Spur von Ähnlichkeit – und dennoch! Na ja! war es denn keine Ähnlichkeit, wurde man nicht zum Vergleich herausgefordert, wenn es heute gerade so war wie damals? Heute so wenig wie damals enterbte Ritter ohne die Hilfe eines Juden wieder in den Sattel kommen konnten? Er hatte die Hilfe verschmäht – freilich! Dafür durfte er hier in seinem verstockten Hause über den Büchern hocken, nicht in die Turnierschranken von Ashby reiten und Seite an Seite mit dem Schwarzen Ritter – Das war natürlich sein ehemaliger Regimentschef: Hoheit, der Prinz; jetzt Hoheit, der Herzog. Der schöne, stattliche, breitschultrige, blonde Recke konnte immerhin als König Richard gelten; und was die Löwenherzigkeit betraf – er hatte auf den Hubertusjagden, den Manövern mehr als einen Beweis von des hohen Herrn bis zur Tollkühnheit gehender Unerschrockenheit gehabt. Das mochte ja nebensächlich sein. Aber dann: war König Richard in seinem Benehmen gegen Ivanhoe liebenswürdiger, rücksichtsvoller, im besten Sinne kameradschaftlicher gewesen, als der Prinz gegen ihn? Er, der ein volles Jahr als sein persönlicher Adjutant beständig in seiner unmittelbaren Nähe zugebracht, im intimsten Verkehr mit ihm gestanden hatte, wußte, daß an dem Prinzen kein Falsch war, seine Güte, seine Freundlichkeit ihm aus dem Herzen kamen. Hatte es zu wissen geglaubt. Jetzt war er in seinem Glauben zweifelhaft geworden, hatte es werden müssen. Die Erwiderung auf den Brief, den er ihm bei seiner Thronbesteigung geschrieben – nun ja! sie war eigenhändig, aber wie kurz, wie wenig verbindlich! Der neue Herr hatte einen Berg von Sorgen und Lasten aufgewälzt bekommen. Immerhin! Zu einem freundlich warmen Wort für einen, den man Freund genannt, braucht man doch keinen halben Tag! Es hatte ihn tief gekränkt. Dennoch hatte er ihm ein zweites Mal geschrieben gelegentlich seines Abschieds, der ihm mit so empörender Leichtigkeit bewilligt wurde. Es war diesmal ein längerer, sorgfältig von ihm ausgearbeiteter Brief. Er glaubte ihm, der immer so warmen Anteil an ihm genommen, eine ausführliche Darlegung der Gründe, die ihn zu dem Schritt bewogen hatten, schuldig zu sein. Und die Antwort: »Aufrichtiges Bedauern! Bitte, meine Flüchtigkeit zu entschuldigen! Bin gerade augenblicklich infolge des Besuches der englischen Herrschaften in einer gräßlichen Hetze; völlig unkapabel zu einem vernünftigen Brief. Beste Grüße und Wünsche!« – Und das war derselbe Herr, der zu ihm, als sie eines Abends im tête-à-tête vor dem Kamin saßen, gesagt hatte: »Wissen Sie, lieber Graf, wenn Ihr Schwerenöter von Vater einmal mit der ganzen Geschichte fertig ist – und passen Sie auf, er hält nicht eher Ruhe! – dann kommen Sie zu mir. Ohne das nötige Kleingeld geht es nun einmal in der Armee nicht. Viel habe ich ja auch nicht, aber für uns beide noch immer genug. Ich meine: wenn ich erst einmal auf meiner Klitsche sitze. Sie helfen mir dann regieren. Abgemacht!« – Er hatte ihn daran nicht erinnert – eher würde er silberne Löffel gestohlen haben. Aber der Herzog hätte sich daran erinnern sollen. Ivanhoe hatte den König auch nicht gebeten, nach Ashby zu kommen und ihn herauszuhauen aus dem Schwarm seiner Gegner. Und war doch da, als schwarzer Ritter. »Desdichado, ich helfe!« hatte er, den Rappen spornend und die Lanze einlegend, gerufen mit einer Stimme, schmetternd wie Trompetenschall; und der Templer, Front de Boeuf, und wie die Schurken sonst hießen, waren aufgeschrieben gewesen. Es gab eben keine Fürsten mehr, die für ihre Freunde zu Schwarzen Rittern wurden! Oder hatte nie welche gegeben. Diese Herren Dichter lügen ja das Blaue vom Himmel. Zum Beispiel das Judenmädchen Rebekka und ihr Verhältnis zum Helden. Mein Gott, man hat doch auch seine Verhältnisse gehabt! Aber so eines! Lächerlich! Läuft dem Manne nach durch dick und dünn um nichts und wieder nichts! Wenn sie noch eine Spur von Aussicht hätte, daß er sie zur Dame von Rotherwood machen könnte, oder wollte! Ein ganz aussichtsloser Fall! Das sollte eine reiche Banquiertochter von heute fertig kriegen! Unsinn! Und anders als heute werden sie vor achthundert Jahren oder so auch nicht gewesen sein. Die Rasse ist ja so zäh! Weiter: ein Judenmädchen heiraten, wenn es sehr reich und man sehr hungrig ist – da war Graf Speyer von den Zweiten Dragonern, Baron Hellerbrink von den Blauen Husaren – na ja! Aber sich regelrecht in eine zu verlieben, wie es der Ivanhoe doch offenbar gethan zu haben schien – viel mehr als in die Rowena – das glaube ein anderer! Da konnte er ebenso gut für Fräulein Lombard Feuer fangen. Wie die eigentlich aussah? Peters meint: hübsch. Was versteht so ein Kerl davon! Als Tochter ihres kleinen Vaters wird sie vollends unterirdisch sein. Und dick – natürlich! Diese Personen werden alle dick, wenn sie älter werden. Und da ihre Mutter schon drei Jahre tot war, als ihr Vater den meinen kennen lernte – na, da kommt ein ganzer Packen heraus. Sagen wir: ein spätes Mädchen. Klein, dick, alt – ich danke! * Der Graf hatte das Lesen satt. Er hatte das Leben satt. Ein Hundeleben. Dazu fühlte er sich schon seit Tagen unwohl, positiv krank. Peters meinte, es sei das schlechte Wasser aus dem Schloßbrunnen. Unsinn! Wenn ihnen das Wasser nicht gut genug war, sollten sie sich's in drei Deibels Namen wieder aus dem Gutshofsbrunnen holen! Er machte sich nicht genug Bewegung; darin lag's. Das müßige Herumschlendern im Park that es nicht. Als Offizier war er jeden Tag stundenlang im Sattel gewesen. In Ouchy hatte er ganze Vormittage auf dem See gerudert oder meilenweite Promenaden gemacht durch die Weinberge ins Land hinein, am Ufer hin, oft bis nach Glion hinauf. Hier war er noch nicht aus seinem Park herausgekommen. Er mochte nicht den Gutshof passieren. Es wäre sein gutes Recht gewesen; niemand konnte ihm den Zugang zu seinem Hause verwehren. Es bedurfte dessen gar nicht. Da war das Gitterthor hinten in seinem Park. Aus dem trat er direkt auf einen Kommunalweg, der an der Parkmauer vorüber in die Felder führte. Die seine Felder hätten sein müssen, wenn – Man konnte verrückt werden über dies verfluchte Wenn! Oder war er es nicht schon halb? Diese unausstehliche Dumpfheit im Kopf! Und heute Morgen beim Erwachen nach einer erbärmlichen Nacht, in der er sich immerfort von einer Seite auf die andere geworfen, die niederträchtigen bohrenden Schmerzen erst in der rechten, dann in der linken und nun in beiden Schläfen! Freilich, dreiundzwanzig Grad Reaumur im Schatten! Und die stechende Sonne, die ihn nach zehn Minuten wieder in das Haus getrieben hatte! Er hielt es nicht länger aus – er mußte hinaus. Wenn das Gewitter kam, das Peters prophezeite, desto besser. * Es ging bereits stark auf den Abend, als der Graf aus dem Gitterthor trat, das Peters ihm nicht ohne erhebliche Mühe aufgeschlossen hatte, und das klirrend hinter ihm ins Schloß fiel. Er konnte sich nach rechts wenden, wo er nach kurzer Zeit in den Wald gelangte. Aber unter den Tannen, die den ganzen Tag die Sonnenhitze eingesogen, mußte es zum Ersticken sein. Also nach links in die Felder. Der schmale Weg war abscheulich staubig; glücklicherweise wurde er durch die Sonne nicht mehr belästigt. Sie stand gerade vor ihm hinter einer großen blauschwarzen Wolke, deren oberer Rand silbern gleißte. In der schwülen Luft keine Spur von Bewegung; auch nur für einen Moment ein leisester Hauch. Nicht ein Vogellaut. Totenstille. Den eigenen Schritt vernahm er in dem dicken Staube nicht. Regungslos die Halme des jungen Kornes; regungslos selbst die schmalen Blätter auf den dünnen Zweigen der verkrüppelten Weiden hier und da am Wege. Dennoch fühlte sich der Wanderer ein wenig erleichtert. Die Schmerzen im Kopf schienen nachlassen zu wollen. Und einsam genug war er auch hier: in der weiten Runde kein Mensch zu sehen. So schritt er weiter, trotzdem ihm das Gehen seltsam schwer wurde, als ob er Blei in den Beinen hätte. Das kam von dem Bummeln im Park, das doch eigentlich nur ein Herumgestehe war. Dabei verlernt man das regelrechte Ausschreiten! Übrigens war es mit dem Reiten nicht anders, wenn man längere Zeit nicht ordentlich im Sattel gewesen. Wie damals, als er aus Paris kam und es unmittelbar darauf ins Manöver ging. Da hatte es schon am dritten Tage die erste böse Scene mit dem neuen Commandeur gegeben. Und er war doch im Recht gewesen. Er mußte mit seiner Schwadron halten bleiben, bis die Plänkler das Terrain vor ihm abgesucht hatten. Der Erfolg bewies es. Nur zweitausend Schritt weiter, und die Schwadron wäre von der Batterie, die der Feind an der Waldlisiere plötzlich demaskierte, in Grund und Boden geschossen. Kein Mann wäre davongekommen. Und darum vor dem ganzen Regiment heruntergekanzelt wie ein Schuljunge! Daß er die Plempe nicht eingesteckt und nach Haus geritten war! Es hätte ihm viel Ärger erspart. Andere Manöver- und sonstige Erinnerungen kamen ihm, wie er so mechanisch weiter und weiter schritt. Aber kurios: er konnte nichts einzelnes festhalten; es wirrte alles durcheinander, wie die bunten Steinchen in einem – wie heißt das Ding doch? – er hatte mal als Jung' eins gehabt; und der Kandidat – oder war's die Mama gewesen? Es konnte auch der Obrist – zum Teufel! wie kam denn der da hinein? Saß ja auf seinem stiernackigen Gaul, der die Hinterhand immer nachschleppte – wie eine alte Kuh. Das wird ja immer toller in meinem Kopf. Ich muß wirklich umkehren. Er blieb stehen. Wo war er eigentlich? Vor ihm in geraumer Entfernung lag ein großer Gutshof. War es Selchow? Polchow? oder Faschwitz? Keine Ahnung. Natürlich, wenn die Luft blau ist, wie des Morgens in einer Wachstube! Im nächsten Moment stand alles um ihn her und rings bis in die weiteste Ferne in silberweißem, grellen Licht, dem ein Donnerschlag folgte, daß die Erde unter ihm zu beben schien. Dann ein heulender Windstoß, der den Staub haushoch aufwirbelte. Dann nachtschwärzliches Dunkel, von Blitzen durchzuckt, vom Sturm und einem Regen durchpeitscht, der nicht in Tropfen fiel, sondern wie aus Eimern goß und ihn in seiner leichten Sommerkleidung sofort bis auf die Haut durchnäßte. Für den ersten Augenblick ein wohliges Gefühl dem in Schweiß Gebadeten. Nur für den ersten. Plötzlich schüttelte ihn ein jäher Frost, daß ihm die Glieder flogen; zugleich zuckte durch sein Gehirn ein wütender Schmerz. Er taumelte. Nur mit Aufgebot all seiner Willenskraft konnte er sich auf den Beinen halten und eine Strecke weiter wanken. Dann war es aus. Er vermochte sich nur noch eben aus dem Wege bis an den Fuß einer Weide zu schleppen. Da brach er zusammen. Sollte das der Tod sein? Der letzte Bassedow – wie ein Vagabund am Wege – dein Sohn, liebe Mama – dein einziger – bitte, bitte, süße Mama – gieb mir meinen Pallasch – er liegt hier irgendwo – der Obrist mit seiner verfluchten, höhnischen Fratze – wie der Kerl wiehert – Das Wiehern aus unmittelbarer Nähe war so laut gewesen. Er schlug nun doch die starren Augen wieder auf. Durch einen bleigrauen Nebel sah er vor sich auf dem Wege eine Kutsche, aus deren Fenster sich eine Dame bog, die eine behandschuhte Hand lebhaft in der Richtung nach ihm bewegte und etwas rief, was er nicht verstand. So wenig, wie er wußte, was der Mann in einem Livreemantel und mit einem lackierten Kokarde-Hut von ihm wollte, dessen Gesicht plötzlich ganz nah an seinem Gesicht war, und der ihn an beiden Schultern packte – »Scheren Sie sich Ihrer –« Er kam nicht weiter. Sein Kopf schlug hintenüber an den Stamm der Weide. * * * 6 Auf Polchow war heute abend ein seltsames Treiben. In dem Herrenhause waren ungewöhnlich viele Fenster erleuchtet; über den dunklen Hof schwankten Laternen von und nach den Pferdeställen und Remisen. Der geschlossene Wagen, der den Hausarzt Doktor Wachsmut und die Pflegerin aus Greifswald gebracht, hielt noch vor dem Hause, als bereits wieder ein reitender Bote in die Stadt mußte; diesmal zur Apotheke. Der junge Arzt und die Pflegerin, die sich als Schwester Betty vorstellte, fanden alles, was vor der Hand hatte geschehen können, in musterhafter Verfassung. Der Patient lag in einem luftigen, großen Zimmer zu ebener Erde, das Becky für den Vater hatte herrichten lassen, ihm das Treppensteigen zu ersparen. Das Bett, wie wünschenswert, geräumig; die vom Regen durchtränkte Wäsche längst gewechselt; die Eisblase auf dem Kopf war eine gute Idee gewesen. Das Resultat der eingehenden Untersuchung, die der Doktor unter Assistenz der Schwester und Frau Krafft nun sofort vornahm, lautete freilich sehr bedenklich: ein Gehirnfieber von ungewöhnlicher Heftigkeit, starker Ansatz zur Entzündung der linken Lunge. Temperatur vierzig und drei Striche, Puls hundertundzwei in der Minute. Eine bestimmte Prognose mehr als gewagt: es könne sich möglicherweise zum Guten wenden; aber auch auf einen Gehirnschlag, der vielleicht sogleich letal, müsse man sich gefaßt halten. Erlebte Patient den Morgen, würde er vorschlagen, in aller Frühe Professor Guttmann holen zu lassen. Für den Augenblick könne wirklich nichts weiter geschehen; übrigens werde er die Nacht bleiben. Doktor Wachsmut erstattete Becky diesen Bericht im Salon, nachdem Ännchen hinaus und auf ihr Zimmer geschickt war, unter dem Vorwand, daß sie zu angegriffen sei und durchaus der Ruhe bedürfe. »Und auch Ihnen, gnädiges Fräulein,« sagte der Arzt, als er mit seinem Bericht zu Ende, »möchte ich dringend raten, sich jetzt niederzulegen. Sie sind freilich eine Natur von ganz anderer Kraft als die zarte kleine Dame; aber Sie haben heute abend ein bißchen sehr viel durchgemacht, und man kann nicht wissen, was die Nacht uns noch bringt. Hat der Graf Verwandte, die man benachrichtigen könnte?« »Ich weiß nur von einer Schwester in Schlesien,« erwiderte Becky. »Eine Gräfin Szwykowski. Er soll mit ihr sehr schlecht stehen.« »Dann lassen wir sie in Gottes Namen, wo sie ist! Ich muß wieder zu unserm Patienten. Herr Pasedag hat sich erboten, die Nacht aufzubleiben – braver Mensch! Mir ist Frau Krafft aber doch lieber.« »Im Notfalle bin doch auch ich noch da.« »Sie gehen jetzt zu Bett.« »Ich würde nicht schlafen können.« »Immerhin ruhen.« »Nicht einmal das.« »Wie Sie wollen, Gnädigste. Über Sie habe ich keine Autorität. Das weiß ich nicht erst seit heute.« * »Dacht ich's doch!« sagte Frau Krafft, den Kopf durch die leise geöffnete Thür steckend, um dann vollends hereinzukommen. »Gott sei Dank!« rief Ännchen, sich im Bette aufrichtend und der Eingetretenen ihre beiden Arme im weißen Nachtjäckchen entgegenstreckend. »Ruhig! ruhig, Kinding!« Sie hatte ihre liebe Kleine sanft auf das Kopfkissen zurückgelegt und sich zu ihr auf den Rand des Bettes gesetzt. »Ich kann ein Viertelstündchen bei Ihnen bleiben, wenn Sie mir versprechen, hernach schlafen zu wollen.« »Ganz gewiß!« versicherte Ännchen. »Wie steht es?« Frau Krafft zuckte die Achseln. »Es ist zu schrecklich!« wimmerte Ännchen. »Ja, Kinding. Ein sogenannter Spaß ist das Leben überhaupt nicht. Das sollten Sie doch von Ihrem Vater wissen, der übrigens morgen früh geholt werden soll.« »Dann geht es gewiß mit ihm zu Ende!« Frau Krafft mußte lächeln: »Weil Ihr Vater kommt? Ei, Ei! Sie pietätloses Ding! Nun seien Sie mal hübsch verständig und erzählen Sie mir, wie Sie ihn eigentlich gefunden haben. Ich bin daraus noch immer nicht recht klug geworden. Wer hat ihn denn zuerst gesehen?« »Becky,« sagte Ännchen. »Sie saß an der Seite nach ihm hin; ich hatte mich ganz in die andere Ecke gedrückt; ich dachte jeden Augenblick: jetzt schlägt der Wagen um – so wackelte er hin und her. Karl auf dem Bock hatte sich den Mantelkragen über das Gesicht geschlagen. Da konnte er freilich nichts sehen. Friedrich hatte genug mit den Pferden zu thun. Die wollten einmal nicht von der Stelle und dann wieder durchgehen. Es war gräßlich.« »Glaube ich, Kinding.« »Becky hatte schon drei- oder viermal das Zeichen zum Halten gegeben. Sie konnten es wohl vor dem Sturm nicht hören. Dann riß sie das Fenster auf – wir wurden gleich quitschnaß – und rief. Da hielt der Wagen. Karl war vom Bock gesprungen. Um Himmels willen, Becky, sage ich, was giebt's denn nur? Ich verstand nicht, was sie antwortete. Sie war aus dem Wagen heraus und sprach mit Friedrich. Dann war sie wieder an der Thür. Du wirst wohl auch heraus müssen, sagte sie; wir haben sonst nicht Platz genug. Ach, liebe Frau Krafft! ich kann das nicht so ordentlich erzählen; ich war so fürchterlich erschrocken. Ich sah ja jetzt erst, wie Karl und Friedrich ihn herantrugen, während Becky die Pferde vorn in den Zügeln hielt, die immerfort sich bäumten und ganz toll anstellten. Wie sie sie hat halten können, ist mir unbegreiflich. Sie muß Kräfte haben wie ein Mann.« »Hat sie auch. Weiter!« »Ich stand nun auch auf der Landstraße, das heißt: eigentlich im Wasser; es lief mir über die Stiefel – ein richtiger See. Und der Regen schlug mir ins Gesicht, und – und – der Anblick, wie sie nun mit dem toten Menschen – ich dachte ja, er war tot – ich konnte nicht hinsehen. Dann hatten sie ihn im Wagen; Karl mußte sich zu ihm setzen; Friedrich war wieder auf dem Bock. Fort war der Wagen. Wir auf der Straße im Wasser. Glücklicherweise war es nicht weit bis zum Hof. Ich wär doch kaum hingekommen, hätte mich nicht Becky unter den Arm genommen und mir Mut zugesprochen. Da erfuhr ich auch erst, daß es der Graf sei.« »Ja, Kinding, das ist merkwürdig genug. Kannte ihn doch keiner. Freilich, wer sollte es sonst sein!« »Das sagte Becky auch. Sie war ihrer Sache ganz sicher.« »Sieht ihr gleich. Und hat darauf hin ihre Befehle gegeben wegen des Zimmers, und daß wir es nach Selchow hinüber sagen lassen sollten und alles andere. Na, Kinding, wir waren auch nicht schlecht erschrocken, als der Wagen vorfuhr. Glücklicherweise war Pasedag da. Er half ihn uns aus dem Wagen. Dann ließ ich ihn von seiner Wäsche holen. Na, Kinding, ich bin lange genug verheiratet gewesen und habe erwachsene Kinder. Da hab ich mich denn nicht lang besonnen. Pasedag half ja auch und machte seine Sache ganz gut. Unser Windhund von Junker wollte sich natürlich auch wichtig machen; ich habe ihn sehr deutlich hinauskomplimentiert – ich mochte ihn nicht dabei haben, den häßlichen Menschen. Aber jetzt muß ich fort. Übrigens Schwester Betty – die mag ich wohl leiden. An der haben wir eine gute Acquisition gemacht. So! nun wird geschlafen! Verstanden? Gute Nacht, Kinding!« »Gute Nacht! Was ich noch fragen wollte – geht sie auch zu ihm ins Zimmer?« »Wer? Fräulein Becky? Ännchen nickte. Frau Krafft besann sich einen Augenblick, bevor sie, bereits den Thürgriff in der Hand, antwortete: »Kinding, was Fräulein Becky thut oder nicht thut, da darf bekanntlich kein Mensch – na, gute Nacht, Kinding!« * Mitternacht war längst vorüber; Doktor Wachsmut, der noch einmal bei Becky im Salon gewesen, hatte sie eben verlassen. Das Fieber war auf zweiundvierzig weniger einen Strich gestiegen; der Kranke lag völlig apathisch. Ätherinjektionen in heroischen Dosen. Noch sei nicht alle Hoffnung aufzugeben; freilich stehe jetzt stärker als zwei Stunden vorher ein letaler Ausgang zu befürchten. Becky ging, die Hände auf dem Rücken, in dem hell erleuchteten Gemache ruhelos hin und her. Zu befürchten! Für wen? Für den Arzt? Was war es ihm, ob der Mann starb oder am Leben blieb? Einer von den Vielen, die ihm durch die Hände gingen! Für sie? Sie hatte ihn gehaßt, grimmig gehaßt. Als sie ihn da an der Weide liegen sah und bei dem ersten Blick wußte, daß er es war, den keiner von den anderen gesehen hatte, und den man nur in dem Unwetter so liegen zu lassen brauchte, und, war er nicht bereits tot, morgen war er es sicher – warum hatte sie gethan, was sie gethan, und nicht das Gegenteil? Mitleid? Sie hatte keins verspürt. Aber mit dem Blitze, der in dem Moment so grell aufflammte, hatte es sie durchzuckt: ist er's, und er muß es sein, so hast du ihn in der Gewalt, abhängig von dir, an dich gefesselt mit einer Kette, die erst Dankbarkeit heißt, und dann – Das wird sich finden. Man wird sehen, was man dann thut. Jawohl, mein lieber Graf: wir werden sehen – Und darum dürfen Sie nicht sterben! Das wäre eine neue Schändlichkeit von Ihnen! Und ich will es nicht! Ich verbiete es! Sie stampfte mit dem Fuße, und die ruhelose Wanderung begann von neuem. Man kann von einem Menschen in seinem Zustande nicht verlangen, daß er gut aussieht. – Ich habe ihn mir häßlicher gedacht. – Wie er da im Bett lag: wachsbleich, mit den geschlossenen Augen, doch ein vornehmes Gesicht. – Und die Hände merkwürdig zierlich für einen Mann. – Von der Größe! Er muß fast einen Kopf größer sein als ich – »Und ich will nicht, daß er stirbt!« rief sie so laut, daß sie sich erschrocken umsah, ob es einer gehört haben könne. Sie war an eines der Fenster getreten und starrte in die Nacht hinein. Es war sehr finster, trotzdem hier und da ein Stern durch die schwarze Wolkendecke schimmerte. Der Regen hatte schon seit Stunden aufgehört; jetzt auch der Wind. Es war ganz still. Aus dem Fenster über der Pferdestallthür zur Rechten kam ein schwacher Lichtschein. Sie hatte befohlen, daß einer von den Leuten aufblieb, im Falle doch noch einmal in die Stadt geschickt werden mußte. Zweiundvierzig Grad! Und Wachsmut hatte ein so bedenkliches Gesicht gemacht! Wenn sie Professor Guttmann noch gleich jetzt holen ließ? Es sah wie ein Mißtrauensvotum gegen den anderen aus. Was lag daran? Und warum gerade Guttmann, den sie als Arzt noch gar nicht kannte? Warum nicht – Daß sie daran nicht gedacht hatte! Sie schritt eilig nach der Thür und drückte ein paarmal heftig auf den Knopf für das Dienerzimmer. Es währte für ihre Ungeduld eine Ewigkeit, bis jemand kam: Philipp, der zweite Diener. Ob das gnädige Fräulein geschellt habe? »Ja. Gehen Sie nach dem Inspektorhaus! Wecken Sie Herrn von Plat! Ich lasse ihn bitten, sofort zu mir zu kommen! Sofort!« Der Mann war eiligst aus der Thür. Das »Sofort« der Gnädigen hatte so scharf geklungen. Becky trat an den Tisch mit der Schreibmappe für ihre kleine Korrespondenz, die sie vom Salon aus zu erledigen pflegte, nahm ein Blatt und schrieb: »Geheimrat Lombard. Bonn. Graf lebensgefährlich krank in meinem Hause. Bitte inständigst umgehend zu kommen. Becky.« Als sie das Telegramm noch einmal überflog, stockte sie bei dem Worte »inständigst«. Plat würde es natürlich lesen. Es mußte ganz geschäftsmäßig sein, ohne eine Spur besonderer Anteilnahme. Der Vater würde ihren Wunsch auch so erfüllen – diesmal, wie allemal. Sie zerriß das Blatt in kleine Stücke und schrieb ein neues Telegramm, in welchem »inständigst« fehlte. Rasche Schritte kamen den Korridor herauf; ein leises Klopfen an der Thür; Plat trat herein, in seinem gewöhnlichen Anzug; er mußte noch aufgewesen sein. Der junge Mann bestätigte das. Herr Arndt sei erst vor einer Stunde nach Haus gekommen; sie hätten noch zusammen gesessen und des Ereignis des Tages durchsprochen. Was das gnädige Fräulein zu befehlen habe? Becky hatte einen Augenblick gestutzt. Der zweite Inspektor war mit einer Kommission in Stralsund gewesen und nicht vor morgen früh zurückerwartet. Sie hätte ihm den Vorzug gegeben; für ihn war der nächtliche Ritt einfach eine dienstliche Angelegenheit; bei Plat bekam die Sache den Anstrich einer persönlichen Gefälligkeit. Das hätte sie gerade in diesem Falle gern vermieden. Aber es war nun zu spät; sie konnte Plat nicht so wieder wegschicken. Sie sagte mit gut gespielter Ruhe: »Es thut mir leid, Herr von Plat, daß ich Sie derangiere. Ich möchte sofort eine Depesche nach Greifswald haben. Der Krankheitsfall des Grafen, sagt mir Doktor Wachsmut, ist ein höchst eigentümlicher, der sehr selten vorkommt. Für meinen Vater sind gerade solche Fälle vom größten Interesse. Er wird es mir danken, wenn ich ihn veranlasse, herzukommen. Die Nacht ist sehr dunkel. Ich weiß, das macht Ihnen nichts. Sie sind von Ihrer Heimat her an nächtliche Ritte gewöhnt. Lassen Sie sich Mustapha satteln! Er geht sehr sicher und ist dabei ein schnelles Pferd! Hier ist die Depesche.« Plat nahm das Blatt mit einer Verbeugung entgegen, höflich-respektvoll, innerlich empört. Dieser lächerliche Sums um den verdammten Grafen! Interessanter Fall! Firlefanz! Dahinter steckte was anderes. Und ihn damit belästigen! Sollte er Rache nehmen auf der Stelle? Thun, was er schon hundertmal gewollt: sie in seine Arme reißen, sie abküssen über das ganze himmlische Gesicht? Vor einem Zeugen brauchte er sich in dieser Stunde nicht zu fürchten. »Warum sehen Sie mich so sonderbar an?« fragte Becky, als er, anstatt nun zu gehen, sie schweigend anstarrte. »Ich finde Sie heute schöner als je,« murmelte er, während ihm das Herz bis in die Kehle schlug. Es war das erste Mal, daß er auch nur annähernd so Kühnes wagte. Was würde die Wirkung sein? »Merkwürdig genug,« erwiderte Becky, ohne daß Miene und Stimme auch nur die mindeste Erregung verrieten. »Ich habe heute einen schlimmen Tag gehabt. Das pflegt sonst nicht schöner zu machen. Was ich noch sagen wollte: mein Vater antwortet bei wichtigeren Sachen immer umgehend. Sie haben wohl die Güte, das Rücktelegramm abzuwarten. Es kann jetzt in der Nacht in einer Stunde da sein. Spätestens in zwei. Der Gasthof von Witte ist ja unmittelbar neben dem Telegraphenamt.« »Die Wünsche der Gnädigen sind für mich Befehle,« erwiderte Plat. Er hatte gehofft, sie werde ihm wenigstens die Hand reichen. Es geschah nicht. Sie nickte nur mit dem Kopfe und sagte mit empörender Gleichgültigkeit: »Ich danke Ihnen im voraus.« »Daß dich der Satan hole!« knirschte er, während er den Korridor hinabschritt, durch die Zähne. »Dich und deinen Grafen!« »Der Mensch wird frech!« murmelte Becky, mit einem finsteren Blick nach der Thür, durch die Plat gegangen war. »Ich habe ihn verzogen. Werde mich in Zukunft vor ihm in acht nehmen müssen.« Sie stand wieder an dem kleinen Schreibtisch, auf dem die Fetzen des zerrissenen Telegramms lagen. »Vor dem Vater brauche ich das nicht. Er weiß, was ich will. Was ich will? Daß er nicht stirbt. Das will ich. Daran hängt jetzt alles. Später werde ich wissen, was ich weiter will. Ich habe es noch immer im rechten Augenblicke gewußt.« Das Licht auf dem Schreibtisch löschte sie aus; die Lampen ließ sie brennen. Man würde im Laufe der Nacht vielleicht noch einmal im Salon zu erscheinen haben. * Die Nacht verlief, ohne im Zustand des Kranken eine wesentliche Veränderung hervorzubringen. Ebenso der folgende Tag. Die Temperatur schwankte zwischen zweiundvierzig und dreiundvierzig; der Puls zwischen hundertfünf und -zehn. Am Morgen war Professor Guttmann gekommen und hatte den jüngeren Kollegen, der durchaus in die Stadt zurückmußte, abgelöst. Die Herren schienen über die Natur der Krankheit und deren Behandlung einverstanden. Doch fand Professor Guttmann, es sei ein vortrefflicher Gedanke von Becky gewesen, den Vater herbeizurufen. Er wollte bis zur Ankunft des Geheimrats, die Abends gegen neun zu erwarten stand, bleiben. Der Geheimrat, den der Wagen von Greifswald abgeholt hatte, kam zur festgesetzten Stunde. Eine neue gemeinschaftliche eingehendste Untersuchung, der eine lange Konsultation der beiden Gelehrten in Beckys Arbeitszimmer folgte. Der Geheimrat hatte in der Methode der Behandlung einige nicht unwesentliche Veränderungen vorgeschlagen, denen der Professor gern zustimmte. »Und könnte ich es nicht,« sagte er, im Begriff aufzubrechen; »dem großen Meister gegenüber dürfte ich nicht einmal eine eigene Meinung haben.« »Sie sind zu bescheiden, lieber Freund,« erwiderte der Geheimrat, der sich nun ebenfalls erhoben hatte; »sind es immer gewesen.« Der Professor stand nachdenklich. »Wollen Sie mir noch eine Frage verstatten,« sagte er plötzlich. »Sie betrifft nicht unseren Patienten.« »Bitte!« »Hat Ihr Fräulein Tochter irgend einen Grund, an dem Verlauf und eventuellen Ausgang der Krankheit einen leidenschaftlichen Anteil zu nehmen?« »Ich wüßte keinen,« erwiderte der Geheimrat, über die unerwartete Frage innerlich sehr betroffen. »Sie hat den Grafen gestern zum erstenmal gesehen. Woraus schließen Sie auf einen leidenschaftlichen Anteil?« »Es fiel mir gleich heute morgen auf,« sagte der Professor. »Bei unserer ersten kurzen Unterredung über den Fall. Ihr Blick – Sie wissen, welche wichtige, oft entscheidende Rolle für uns Psychiater der Blick spielt – hatte einen auffallend gespannten, bohrenden Ausdruck. Denselben, den ich noch wiederholt im Laufe des Tages beobachtete, besonders, als sie gelegentlich: ›Er darf nicht sterben‹ in einer Erregung sagte, die mir über den Grad gewöhnlichen menschlichen Interesses weit hinauszugehen schien.« »Ich zweifle nicht an der Richtigkeit Ihrer Beobachtung,« entgegnete der Geheimrat. »Aber sollten die Seltsamkeit des Falles, die schlaflose Nacht, das Bewußtsein der großen Verantwortung, die sie auf sich genommen hat, nicht eine noch größere Erregtheit, als welche Sie bei meiner Tochter konstatieren, zureichend erklären? Nehmen Sie dazu die konstitutionelle Leidenschaftlichkeit ihres Temperaments. So war sie schon als Kind. Handelte es sich um was immer – wollte sie es einmal, konnte sie nichts auf der Welt davon abbringen.« »Das ist die Signatur der großen Charaktere,« sagte der Professor. »In der stählernen Kraft ihres Willens besitzen sie das Geheimnis ihrer Erfolge. Nur daß dabei leider die Gefahr der Überspannung dieser Kraft so nahe liegt. Aber es wird höchste Zeit für mich, aufzubrechen. Besonders, da meine Kleine mich begleiten soll.« Es war der Wunsch des Professors gewesen, daß Ännchen heute abend mit ihm nach Hause fuhr. Fräulein Lombard habe gerade Unruhe genug um sich herum. Ännchen wäre gern geblieben; aber da Becky dem Vater offenbar nur aus Höflichkeit widersprach und selbst Frau Krafft meinte, sie sei jetzt wirklich hier nicht an der rechten Stelle, fügte sie sich mit ein paar heimlich geweinten Thränen in das Unvermeidliche und beruhigte sich vollends, als Becky ihr beim Abschied einen Kuß gab und sagte: »Auf Wiedersehen, darling , wenn hier alles wieder in Ordnung ist!« * Den Geheimrat hatten die Bemerkungen des jüngeren Freundes tief getroffen, und die Bedeutung seines Wortes von der Gefahr, mit welcher die Überspannung der Willenskraft drohe, war ihm gewiß nicht entgangen. Auf der langen Fahrt hierher die halbe Nacht und den ganzen Tag hindurch hatte er hundertmal geseufzt: was will das werden? Und in der Stille der Ecke des Coupé fromm zu dem Gott seiner Väter gebetet: er möge das Unheil, das seinem Hause drohe, gnädig abwenden. Aber nie vergessen, hinzuzufügen: daß er sich fern von der Sünde wisse, den Tod des Grafen zu wünschen; vielmehr bereit und entschlossen sei, seine ärztliche Pflicht zu thun und all seine Kunst aufzubieten, ihn am Leben zu erhalten. Dann hatte sein Gebet eine andere, bestimmtere Wendung genommen: es möge Gott gefallen, das Herz der Tochter zum Rechten zu lenken, da er, der Vater, nur zu deutlich fühle, daß er nichts über sie vermöge. Nun mußte zum Überfluß Guttmann ihn an seine Ohnmacht erinnern und an die Stärke von Rebekkas Willenskraft, die so leicht zum Verderben ausschlagen könne! In so schwere Gedanken verloren, begab er sich, nachdem er noch einen kurzen Besuch im Krankenzimmer gemacht und Schwester Betty einige neue Instruktionen gegeben, in den Salon, wo er sich von Becky erwartet wußte. Sie saß an dem Theetisch; er nahm schweigend in ihrer Nähe Platz. »Du nimmst eine Tasse?« »Ich bitte darum.« »Wir sind jetzt unter uns, Vater. Wirst du ihn durchbringen?« »Ich hatte nur eben erst in meiner Klinik einen völlig analogen Fall, der glücklich verlaufen ist.« »Du willst mir ausweichen. Ja oder Nein? Du weißt es.« »Ich weiß es nicht, mein Kind. Wir stehen alle in Gottes Hand.« »Deren Werkzeuge ihr Ärzte seid.« »Gewiß: nicht mehr. Und wenn mir gelingt, was ich als Arzt hoffe, als Mensch wünsche, was gedenkst du zu thun?« »Ich sagte es dir schon neulich abend: ich werde ihn heiraten.« »Du verzeihst mir die triviale Bemerkung: zum Heiraten gehören zwei.« »Gewiß: er und ich.« »Und wenn seine Absichten nicht mit den deinigen zusammenfallen?« »Sei unbesorgt: er wird thun, was ich will.« »Welche Bürgschaft hast du dafür?« »Eben meinen Willen.« »Der Wille ist ein stählerner Bogen. Aber auch der stärkste Bogen bricht, wenn er überspannt wird.« »Sollte da nicht Professor Guttmann aus dir sprechen?« »Wie kommst du darauf?« »Weil ich die Blicke bemerkt habe, mit denen er mich heute ein paarmal angesehen hat. Er ahnt, was in mir vorgeht. Es ist sein Metier. Übrigens ist es mir jetzt sehr gleichgültig, ob er oder ein anderer es ahnt. Mein Entschluß steht fest.« »Und was erhoffst du für dich, wenn du ihn nun wirklich ausführst?« »Eine Zukunft nach meinem Sinn. Wir werden den Sommer, falls wir nicht reisen, auf dem Lande verleben: hier oder in Selchow, wo Schloß und Park selbstverständlich in dem alten Glanze wiederherzustellen sind. Den Winter in Berlin oder Paris. Für die vornehmen Elemente unserer Gesellschaft wird der Graf sorgen; für die künstlerischen und wissenschaftlichen ich. Du wirst deine Freude daran haben.« »Wenn ich es erlebe!« »Das wirst du sicher. Du gehörst durchaus zu meinem Programm. Ich will nicht nur sagen dürfen, ich habe einen berühmten Vater gehabt.« »Kind! Kind! das – alles, was du da sagst: es heißt Gott versuchen.« »Wenn es einen giebt – ich meine einen in deinem Sinne: einen persönlichen Gott – so liebt er sicher die Menschen, die nach dem Maß ihrer Kraft stark sind, wie er nach dem Maß der seinen.« »Und doch könnte gerade von ihm, diesem persönlichen Gott, dir ein Hindernis kommen.« »Wie meinst du das?« »Nehmen wir an, was wenigstens nicht unwahrscheinlich ist – die Tradition in diesen vornehmen Familien geht in dieser Richtung – der Graf ist ein gläubiger Christ. Wird er nicht wünschen, daß du zu seiner Religion übertrittst?« »So bleibt es eben ein unerfüllbarer Wunsch.« »Und wenn er es verlangt?« »Werde ich ihm begreiflich machen, daß es Unsinn ist, etwas Unmögliches zu verlangen. Wer an keinen persönlichen Gott glaubt, kann sich zu keiner geoffenbarten Religion bekennen. Das ist doch einfache Logik.« »Für die nicht alle Männer empfänglich sind; in Glaubenssachen am wenigsten.« »Mag sein.« »Denke an des alten Horaz Wort: respice finem !« »Ich vermute, es ist für Dichter eine gute Regel; im handelnden Leben würde man nicht weit damit kommen. Übrigens scheint mir dies eine cura posterior . Wenn der Fall eintreten sollte, werde ich wissen, was ich zu thun habe. Soviel sehe ich schon jetzt: es wird wesentlich davon abhängen, welches Motiv ihn treibt: Überzeugung oder Caprice.« »Das dürfte in der Sache selbst nichts ändern.« »Ich meine doch: dem artigen Kinde gewährt man vielleicht gegen seine Überzeugung eine Bitte, die man dem eigensinnigen entschieden verweigert.« Hier kam Frau Krafft in den Salon, eilig: der Kranke habe plötzlich zu delirieren angefangen; Schwester Betty lasse fragen, was sie thun solle? »Ich habe es vorausgesehen,« sagte der Geheimrat ruhig. »Wir werden eine böse Nacht haben. Sehr wahrscheinlich auch eine männliche Hilfe brauchen. Diese Delirien nehmen nicht selten einen tobsüchtigen Charakter an. Wie wär's mit Herrn von Plat?« »Arndt scheint mir geeigneter,« sagte Becky. »Er hat sich schon wiederholt angeboten. Wollen Sie so freundlich sein, Frau Direktor, ihn zu avertieren?« Frau Krafft hatte das Gemach verlassen; Becky ergriff ihren Vater bei der Hand: »Wenn – du weißt, was ich meine. Ich bitte, ich beschwöre dich: laß mich rufen! Ich habe die feste Überzeugung: er stirbt nicht, wenn ich zugegen bin. Versprich es mir!« Der Geheimrat sah zu ihr auf. Da war der Blick, den Guttmann vorhin geschildert hatte. »Ich verspreche es,« sagte er tonlos. * Der Geheimrat war nicht mehr so eng an die Universität gebunden. Für das Sommersemester hatte er keine Vorlesungen angesagt; seine Thätigkeit an der Klinik stark eingeschränkt. So drängte ihn nichts zur Abreise. Auch interessierte ihn in der That – abgesehen von so vielen gewichtigen Nebenrücksichten – die Krankheit, welche einen eigentümlichen Verlauf nahm, auf das lebhafteste. Würde die Krisis, die er erwartete, an dem von ihm prognostizierten Tage eintreten? Und wohin würde die Wage neigen? Sie hatte schon ein paarmal unheimlich tief gestanden, so tief, daß der Geheimrat, seinem Versprechen getreu, die Tochter an das Krankenbett hatte rufen lassen müssen. Es war ja selbstverständlich der Lauf der Natur und Gottes Wille gewesen, daß der Tod den Fuß, den er bereits auf die Schwelle gesetzt hatte, wieder zurücknahm, und nicht die Wirkung jenes starren Blicks, den sie auf den Kranken gerichtet hielt, bis die Gefahr langsam, wie grollendes Gewitter, sich wieder verzog. Den frommen Mann hatte es doch seltsam berührt. Er war mit seinem Wissen zu Ende. Ja, was da vor seinen Augen geschah, ging gegen die Wissenschaft. Hier schien es, als ob die Einwirkung von Mächten ins Spiel kam, deren Existenz für seinen verstorbenen Freund Zöllner in Leipzig ein Dogma gewesen war, das mit wissenschaftlichen Gründen zu bekämpfen er sich eigentlich immer geschämt hatte. Gab es doch eine vierte Dimension? Einen Bereich, in welchem Dämonen ihr Wesen trieben? Dann, da ohne Gott nichts sein kann, also auch dieser Bereich Gottes sein mußte, wie standen seine Bewohner zu ihm? Vermutlich, wie die Menschen, nur in höherem Grade: gläubig und als Diener? oder ungläubig und als Widersacher? Und wie verhielt es sich mit Rebekka? Nicht gut. Zweifellos nicht gut. Aber Gottes Wege sind unerforschlich. Wenn er diesen Weg, der scheinbar noch weiter von ihm wegführte – die trotzige, unnatürliche Leidenschaft, die sich ihrer bemächtigt – doch gewählt hatte, sie zu seiner Dienerin zu machen? Er, der Arzt, diesmal noch in höherem Sinne Werkzeug in der Hand Gottes war, der den Kranken durch ihn retten wollte? Und wieder durch den Genesenen sie, die in der Liebe zu ihm, den sie hatte retten helfen, endlich doch die Liebe Gottes fand? So war es nicht das Triumphgefühl des siegreichen Arztes, sondern die Dankbarkeit des Gläubigen, der sein Gebet erfüllt sieht, was die Seele des alten Mannes tief bewegte, als der kritische Tag nach seiner Berechnung eintrat und einen entschiedenen Umschwung zum Besseren brachte. Von Stund an sank das Fieber von der fürchterlichen Höhe, auf der es sich so lange gehalten, tiefer sogar, als wünschenswert. Doch das brachte keine neue Gefahr, und der Geheimrat durfte aufatmend sagen: er ist gerettet. Er hätte jetzt abreisen können, und zögerte von einem Tag zum anderen. Es habe ihn diese Campagne ungewöhnlich stark angegriffen. Er fange jetzt doch an, die Last seiner siebzig Jahre zu empfinden. Er müsse sich durchaus erst ein wenig erholen, bevor er in Bonn wieder an die Arbeit gehe. Der eigentliche Grund war: das seltsame Begebnis, dessen erste Stadien er miterlebt hatte, fesselte ihn zu sehr; er wollte den Fortgang, wenn auch nur für kurze Zeit, weiter beobachten. Der Patient erwachte, sehr allmählich freilich, zum Bewußtsein. Wie weit, ließ sich nicht wohl entscheiden, da der Grad der Teilnahme, die er seiner Umgebung zuzuwenden begann, nur aus der mehr oder weniger großen Klarheit seines Blickes zu ermessen war; er bisher auch nicht einmal einen Versuch zum Sprechen gemacht und der Geheimrat streng verboten hatte, ihn durch vorzeitige Fragen aufzuregen. Blieb es doch zweifelhaft, ob er selbst nur seinen getreuen Peters erkannte, wenn der, wie er es jeden Tag pünktlich that, von Selchow herüberkam, sich nach dem Befinden des Herrn Grafen zu erkundigen, und ihm dann wohl auf ein paar Minuten der Zutritt an des Bett des Rekonvalescenten gestattet wurde. Gestern hatte er allerdings, nachdem er das braune, schnauzbärtige Gesicht längere Zeit angestarrt, zuletzt, wie in Verwunderung, leise den Kopf geschüttelt. Aber dadurch gerade wurde bewiesen, daß ihm das Verständnis für die Situation, in der er sich befand, noch keineswegs aufgegangen war. Alles das entging dem Auge des Geheimrats nicht. Wie es aber, was ihn zumeist zu wissen verlangte, um die Tochter stand, darüber blieb er im Dunklen. Die gehobene Stimmung, in der sie augenscheinlich lebte, konnte die jetzt in sicherer Aussicht stehende Genesung des Grafen zur alleinigen Quelle haben. Es konnten da aber auch andere Motive im Spiel sein, die, waren sie auch untergeordneter Natur, immerhin mitzählten. Hatte doch der brennende Wunsch dieser letzten drei Jahre sich ihr endlich erfüllt: die Scheidewand, welche zwischen Polchow und den benachbarten Edelsitzen für immer aufgerichtet schien, war gefallen! * * * 7 Wie streng auch die Zurückgezogenheit gewesen, in welcher der Graf auf seinem einsamen Schlosse gelebt, die Kunde von seiner Heimkehr war doch überall hin in die Nachbarschaft und nicht zuletzt auch auf die Höfe der Standesgenossen gedrungen. Man hatte mit Bestimmtheit darauf gerechnet, er werde demnächst seine Antrittsbesuche machen, und sich sehr verletzt gefühlt, als ein Tag nach dem anderen hinging, ohne daß es geschah. Allerdings war es ein eigentümlicher Zufall: wie lebhaft auch die Verbindung mit Berlin; wie oft man hinüberfuhr, die Ausstattung für eine Tochter zu besorgen, einen Hofhalt, eine Wagneroper mitzumachen, vielleicht nur einmal bei Hiller oder Dressel zu soupieren – niemand hatte Gelegenheit gehabt, den Grafen persönlich kennen zu lernen. Gerade gesucht hatte man diese Gelegenheit freilich nicht. Dazu lag keine Veranlassung vor, eingedenk des unreputierlichen Lebens, das der Graf Vater geführt und durch das er bei hoch und niedrig gerechten Anstoß erregt hatte. Sehr wahrscheinlich lastete die Erinnerung eines so anrüchigen Vaters auf dem Gemüt des Sohnes um so schwerer, als, wenn einer als abgehaust gelten konnte, er der Mann war. Immerhin, die Bassedows waren ohne Widerspruch die weitaus älteste Familie in der Landschaft. Man konnte einen Bassedow – noch dazu den Letzten seines Stammes – nicht übersehen. Die Empörung, daß er seine Standesgenossen in so brüsker Weise schnitt, war gerechtfertigt. Nun wurde die Nachricht von den letzten, so höchst merkwürdigen Begebnissen überall bekannt, wenn auch in ihren Einzelheiten auf die verschiedenste Weise erzählt. Die einen wollten ihn vom Blitz erschlagen, die anderen bloß getroffen und der Hälfte seiner Kleidung beraubt wissen. Jene ließen ihn auf freiem Felde, diese an der Wegseite von dem Schäfer, andere von einem der Inspektoren, wieder andere von dem Fräulein selbst gefunden werden, als sie von Faschwitz, wohin sie in einer geschäftlichen Angelegenheit gefahren, nach Polchow zurückkehrte. Die letztere Version wurde durch so viele Details erhärtet, daß sie als die allein richtige galt. Nun lag der Graf in Selchow – krank, schwer krank, hoffnungslos, mit einem schwachen Schimmer von Hoffnung – unter der Obhut von Fräulein Lombard, die – darüber war nur eine Stimme – sich in der wunderbaren Affaire sehr gentil benahm; es ja aber auch freilich dazu hatte. Damit war nun die Aufmerksamkeit auf Fräulein Lombard abgelenkt; vielmehr das Interesse, das sie von Anfang an erregt, aufs neue und lebhafter als je zuvor entfacht. Wieviel war nicht schon im Laufe dieser letzten drei Jahre über sie geredet worden: ihre auffallende Schönheit, ihren unermeßlichen Reichtum, ihre tolle Caprice, so große Güter allein bewirtschaften zu wollen! Man war ihr oft genug begegnet: die Damen bei ihren Ausfahrten über Land, auf den Straßen oder in den Läden von Greifswald; die Herren nicht selten zu Pferde, wenn sie in Begleitung eines ihrer Inspektoren oder nur eines Groom ihre Güter beritt. Dann hatte man – je nach seiner Gemütsart – die Eleganz der Wagen, die Kostbarkeit der Tiere bewundert oder sich darüber geärgert, wie so eine sich leisten durfte, wovon auch der Reichste von ihnen die Hände lassen mußte. Immer hatte sich »die Jüdin« als Gegenstand des Gespräches behauptet, und mehr als einmal hatte man aus Herren- und Damenmunde die Bemerkung hören können: schade doch, daß sich anständigerweise mit »der Person« nicht verkehren läßt. Der Zufall wollte, daß eine Woche, nachdem das Unglück, das, den Grafen betroffen, bekannt geworden, so ziemlich der ganze Adel der Gegend auf einem Parteitage im Gasthaus von Witte in Greifswald sich zusammenfand. In einer späteren Abendstunde hatte sich ein intimerer Kreis näherer Nachbarn um den Grafen Grieben-Griebenow geschart, und das Gespräch, das sich nun freier erging, sich bald auf das große Ereignis des Tages konzentriert. Dabei stellte sich, zu heimlicher Verwunderung jedes einzelnen, betreffs des Falles eine seltene Einmütigkeit in den Ansichten der Gesamtheit heraus: es sei ebenso Standes-, wie christliche Pflicht, hier nicht, wie Vogel Strauß, den Kopf in den Sand zu stecken, sondern zu dokumentieren, daß, wie Graf Grieben, der im Herrenhause saß, sich ausdrückte: man das Herz auf dem rechten Fleck und Gefühl für den Stand habe, der der Rotüre ausgeliefert sei und vor die Hühner gehe, wenn eine Krähe der andern die Augen aushacke; oder – es weniger drastisch und parlamentarischer zu sagen – nicht zusammenhalte, wie Hand und Handschuh. Seinetwegen: Flintenkolben und Flintenlauf. Auf den Fall angewandt: man sei verpflichtet, dem Grafen Bassedow, da er denn schließlich doch noch lebe, seine Teilnahme in demonstrativer Weise kund zu thun. Freilich könne man sich nicht verhehlen, daß die Sache ihren starken Haken habe. Mit einer schriftlichen Anfrage nach seinem Befinden sei es offenbar nicht gethan; man müsse zweifellos persönlich vorgehen; wobei denn, wie die Dinge lägen, eine Berührung mit den jüdischen Leuten in Polchow kaum zu vermeiden sei. Hier meldete sich Herr von Bornfeld-Lassow: er wolle das Risiko auf sich nehmen. Man fand das sehr schneidig, aber nicht völlig zweckentsprechend. Herr von Bornfeld sei erst seit einem halben Jahr in dem Kreise angesessen und geborener Hinterpommer, während es sich doch hier um eine specifisch neuvorpommersche Angelegenheit handle. Herr von Bornfeld mußte das zugeben; übrigens habe er nichts weniger als die Absicht gehabt, sich vorzudrängen; höchstens die, seine Erfahrung zu bereichern, zu welcher der, sei es gesellschaftliche, sei es geschäftliche Verkehr mit Juden bisher nicht gehört habe. Da sich mehrere der Anwesenden, besonders Baron Klebenow-Landelin, durch diese in etwas gereiztem Ton vorgebrachte Bemerkung verletzt zu fühlen schienen, drohte die Diskussion eine um so leidigere Wendung zu nehmen, als die Stunde inzwischen sehr vorgerückt war und die Reihe der geleerten Sektflaschen auf dem Nebentische eine namhafte Ziffer aufwies. Graf Grieben hielt es hier für seine Pflicht, sich ins Mittel zu legen. Man werde, hoffe er, einräumen, daß ihm alle die Eigenschaften beiwohnten, von denen vielleicht eine und die andere dem jüngeren Freunde fehlten, wie sehr man ihm auch für seine durchaus wohlgemeinte, man dürfe ohne Übertreibung sagen: hochherzige Offerte zu Dank verpflichtet sei. So erbiete er sich denn, an erster Stelle in Polchow persönlich nachzufragen. Es bleibe dann den anderen Herren überlassen, ob sie diesem Beispiele folgen wollten, oder der Meinung seien, es möge bei diesem repräsentativen Vorgehen ihres Seniors ein für allemal sein Bewenden haben. Das Herrenhausmitglied feierte einen neuen Triumph seiner Beredsamkeit: sein Vorschlag wurde mit Einstimmigkeit zum Beschluß der Gesellschaft gemacht, die dann die schon lange harrenden Wagen bestieg und sich durch die warme Frühsommernacht zu ihren respektiven näher oder ferner gelegenen Landsitzen tragen ließ. Graf Grieben aber, seinem Versprechen getreu, fuhr am folgenden Tage, der ein Sonntag war, um zwölf Uhr, der landesüblichen Visitenstunde, vor dem Herrenhause in Polchow vor und schickte seine Karte hinein. Der Diener kam in überraschend kurzer Zeit zurück: das gnädige Fräulein bedaure, den Herrn Grafen nicht empfangen zu können. * Die Nachricht von der Zurückweisung des Grafen Grieben wurde mit obligater Schnelligkeit in der Nachbarschaft herumgetragen. »Geschieht dem alten Esel ganz recht,« sagte Karl von Bornfeld. »Wie wird sie ihn denn empfangen, wenn er ohne die Gräfin kommt! Ich habe es vorausgesehen; wollte mir aber nicht weiter den Mund verbrennen. Was meinst du, Lieschen? willst du mit?« »Na, natürlich!« sagte Lieschen. »Ich verspreche mir riesigen Spaß davon.« Herr von Bornfeld rief durch das offene Fenster dem Verwalter, der gerade über den Hof ging, zu: er solle sogleich die Halbchaise anspannen lassen. * Das junge Ehepaar wurde in Polchow sofort empfangen und konnte nicht genug rühmen, mit wie großer Liebenswürdigkeit. Fräulein Lombard sei eine Dame comme il faut , die sich auf jedem Hofball zeigen und Furore machen würde. Der Geheimrat, ihr Vater, quite the gentleman , vor dem man, trotzdem er nur ein kleiner Herr sei und ein bißchen lisple, riesigen Respekt haben müsse. Graf Bassedow befinde sich seit gestern außer Gefahr, was zweifellos auf Rechnung der kolossal sorgfältigen Behandlung komme. Mit der Rekonvalescenz werde es freilich nicht so schnell gehen und er so bald nicht von Polchow fortkönnen. Na, er befinde sich da in einer famosen Assiette, um die man ihn beinahe beneiden möchte! Die kühnen Pioniere fanden ein Vergnügen darin, überall von ihrer Entdeckungsfahrt zu sprechen. Vermutlich trugen sie die Farben ein wenig stark auf; die Neugier wurde deshalb nicht weniger lebhaft entfacht. Und da das Eis nun einmal gebrochen war, vergab man sich am Ende nichts, wenn man dem Beispiele folgte. Je schneller man das that, desto besser; desto weniger gewann es den Anschein der Nachahmung; desto mehr sah es wie eine freie Entschließung aus. So denn geschah es, daß bereits innerhalb der nächsten zwei Tage Baron Zarrentien-Züssow, Freiherr von Pfahlen-Wiepkenhagen, Baron Klebenow-Candelin, Herr von Ivenak-Ivenak in Polchow Besuch machten, sämtlich mit ihren Gemahlinnen, ausgenommen Herr von Pfahlen, der Junggesell war. Fräulein Lombard war jedesmal zum Empfange bereit gewesen; der Geheimrat, ihr Vater, hatte sich stets in ihrer Gesellschaft befunden. Man fand allerseits die von Herrn und Frau von Bornfeld zuerst kolportierten Nachrichten durchweg bestätigt, bis auf die Schilderung der Einrichtung, die doch luxuriöser sei, als man sie sich danach vorgestellt. Das sei aber wirklich das einzige, was auf Polchow nach Parvenütum schmecke. An dem Benehmen von Tochter und Vater fand man nichts auszusetzen. Es sei sogar merkwürdig, wie solche Leute zu diesem Aplomb kämen! * Die erwiesenen Höflichkeiten mußten selbstverständlich erwidert werden – eine weitere Last, die der Vater mit der Langmut auf sich nahm, welche Becky nicht anders an ihm kannte. Ihr war es augenscheinlich keine. Im Gegenteil. Mit offenbar stets neuem Vergnügen bestieg sie ein paar Tage hintereinander den offenen Landauer und ließ sich an des Vaters Seite durch die lachenden Felder auf nicht immer glatten Wegen über manchmal große Entfernungen von Besuch zu Besuch tragen. Plaudernd, scherzend, in der besten Laune. Die besonders glänzend war, wenn man einen Besuch hinter sich hatte und einem anderen entgegensah; oder nach Absolvierung des Pensums, sich auf der Rückfahrt befand. Welch sonderbare Leute waren das! Wie umwitterte sie alle ein Duft, als hätten sie jahrelang wohlverpackt in einer Kiste auf dem Boden gestanden! Ihre sämtlichen Ideen mußten erst einmal ausgeklopft werden! Wenn man diese konfusen Anschauungen von Welt und Menschen Ideen nennen wolle, was Plato sich jedenfalls höchlichst verbeten haben würde! Ob diese Leute wohl jemals ein Buch in die Hand nähmen! Und hätten sie doch wenigstens noch Geschmack! Aber diese Frisuren, diese Toiletten der Damen! Diese Zimmereinrichtungen, bei denen man nicht wisse, was grausamer sei: die fürchterlichen Möbel aus den zwanziger und dreißiger Jahren oder die krampfhaften Anstrengungen, durch einen ungeschickten Tapezierer die Sache »stilvoll« machen zu lassen! Dabei wunderten sich die Antediluvianer noch, wenn die Wogen der Neuzeit über ihren hohlen Köpfen zusammenschlügen! Es sei zum Erbarmen! Aber spaßhaft! ausnehmend spaßhaft! Der Geheimrat konnte das gar nicht finden. Er hütete sich, es laut werden zu lassen. Noch vielmehr eine Frage, die ihm fortwährend auf den Lippen schwebte, an die Tochter zu thun: Und du kannst dich mit dem Gedanken tragen, einen Mann heiraten zu wollen, der aus diesen Kreisen hervorgegangen ist? beständig in ihnen gelebt hat? Zweifellos ihre Ansichten und Anschauungen teilt? Zweifellos für mich, der ich ihn doch kennen gelernt habe? Zweifellos für dich, sobald du ihn kennen gelernt haben wirst? Oder trug sie sich mit diesem Gedanken nicht mehr? War es trotz alledem nur eine Blase gewesen, wie ihr geschäftiges Gehirn so viele trieb; und die nach kurzer Zeit zerplatzten, ohne eine Spur zu hinterlassen? Es sprach so manches dafür. Das Widerspruchsvolle ihres Planes konnte einem so klaren Kopfe unmöglich entgehen. War es doch, als ob sie die Geißel der Satire über die Standesgenossen des Grafen nur so heftig schwang, um sich nebenbei selbst zu treffen und zur Vernunft zu bringen! Vor allem aber: wo war das leidenschaftliche Interesse geblieben, das sie in den ersten Tagen an dem Ergehen des Kranken nahm? Sie wußte: die Lebensgefahr war vorüber; die nächsten Tage würden ihm das volle Bewußtsein wiedergeben; eine Begegnung, die vielleicht schon die Entscheidung brachte, stand vor der Thür. Und keine Spur von Erregung! Es war unbegreiflich oder ließ sich nur durch die Annahme begreifen: sie hatte eingesehen, daß sie hart daran gewesen war, eine ungeheure Thorheit zu begehen, und nun einen entschiedenen Rückzug angetreten. Die Klugheit riet, ihr dabei jedes Hindernis aus dem Wege zu räumen. Sein längeres Bleiben hätte ein solches Hindernis werden können. Jedenfalls ersparte er ihr, wenn er ging, eine Beschämung, die ihrem stolzen Sinn fürchterlich sein mußte. Er kündigte seine Abreise für den nächsten Tag an. Als Arzt habe er hier nichts mehr zu thun; die weitere Behandlung des Rekonvalescenten sei bei Doktor Wachsmut in vortrefflichen Händen; für einen bedenklichen Fall, der aber sicher nicht eintrete, sei Professor Guttmann stets zur Hand. Er selbst sehne sich nach seinem stillen Studierzimmer in Bonn mit dem Blick auf den geliebten Rhein. Sollte der Graf, was nicht unmöglich, nachträglich herausbringen, wer in letzter Zeit sein Arzt gewesen, bitte er, ihm einen freundlichen Gruß auszurichten. Ännchen komme sicher mit ihrem Vater in Greifswald auf den Bahnhof; so könne er da von ihnen sich verabschieden. Er hoffe, im Herbst das liebe, kleine Fräulein abermals als Gast auf Polchow vorzufinden. Becky versprach es. Der alte Herr fuhr davon, vermißt von allen, außer von seiner Tochter, die durchaus das Feld völlig frei für sich haben mußte; und von Wladimir von Plat, der sich sehr viel lieber nicht in dem Bereich der durchdringenden schwarzen Augen sah. * In der Nacht nach der Abreise des Geheimrats hatte der Graf ganz besonders tief und ruhig geschlafen. »Das bringt ihn um eine Woche weiter,« sagte Schwester Betty. Erst gegen zehn Uhr erwachte er. Er lag, ohne sich zu regen, mit weitgeöffneten starren Augen lange Zeit, ganz erfüllt von einem Gefühl seligen Behagens, von dem er meinte, die geringste Bewegung, die er mache, müsse es verscheuchen. Er vermochte auch sonst nichts zu denken, als sei er eben ins Leben getreten, ohne die mindeste Erinnerung einer Vergangenheit, ohne die Ahnung einer Zukunft. Dann kam eine Veränderung in sein Empfinden zugleich mit einer vagen Vorstellung: als ob ihm das Licht der Sonne wieder scheine, nachdem er lange, sehr lange durch eine völlig finstere Höhle gewandert. Nur daß hier und da in weiten Zwischenräumen ein matter Schein hereingefallen sei, der sofort wieder verschwand. Aber doch lange genug währte, um ihn eine und die andere Gestalt wie durch einen Flor oder Nebel erblicken zu lassen. Gestalten, von denen diese und jene sich öfter gezeigt haben mußten, und die wohl deshalb klarer als die anderen in seiner Erinnerung standen: ein nicht mehr ganz junges Mädchen, das ein graues Kleid, eine hohe weiße Schürze trug und glatt gescheiteltes braunes Haar hatte; eine große, schlanke, blonde, schon ältere Frau mit Augen von einem sehr intensiven Blau. Sodann ein paar Männer, von denen er einige entschieden vorher im Leben nicht gesehen hatte. Andere wieder hatte er gesehen: einen Mann, der einmal in seiner Schwadron gedient, erst als gemeiner, dann als Gefreiter. Hatte Arndt geheißen. Ein ordentlicher Mensch und guter Reiter mit seinen etwas krummen Beinen. Dann seinen Peters. Der hatte immer ein kurios trauriges Gesicht gemacht – ganz lächerlich traurig. Dann den Geheimrat Lombard. Das heißt: ihn hatte er eigentlich nicht gesehen, nur die schwarzen glänzenden Augen. Die aber desto deutlicher. Traumbilder alle aus der weiten finsteren Höhle. Besonders ein Frauenbild, das ihn durch seine Schönheit erschreckt hatte. So etwas träumt man eben. Und nur in so weiten, finsteren Höhlen. Ein Geräusch, wie von einer aufgehenden Thür, machte ihn die Augen ein wenig wenden, ohne daß er seine Lage veränderte. Es war die große blonde Frau, die in nicht großer Entfernung an ihm vorüberging nach einem verhängten Fenster, das er jetzt erst bemerkte, ebenso wie die weibliche Person, die da in einem Lehnstuhle saß und offenbar das graue Mädchen mit dem glatt gescheitelten Haar aus seinem Höhlentraume war. Das Mädchen stand auf und ging mit leisen Schritten vom Fenster weg an ihm vorüber nach der Thür, durch welche die Frau gekommen sein mußte, während diese sich an Stelle des Mädchens in den Lehnstuhl setzte. Der Vorgang verwunderte ihn höchlichst. Einen so lebhaften Traum hatte er entschieden noch nicht gehabt. Oder war dies gar kein Traum? Aber was dann? Was bedeutete das alles? Wer waren diese Menschen? Was wollten sie? Er hatte eine Bewegung gemacht. Die blonde Frau war sofort aufgestanden und zu ihm getreten, ganz nahe an ihn heran. Erst jetzt bemerkte er, daß er in einem Bette lag. »Wo bin ich?« fragte er leise. »Bei guten Freunden,« erwiderte die blonde Frau. Er ließ an ihr vorüber seine Blicke durch das Gemach schweifen. Es war weit und hoch; trotz der grünen Dämmerung, die es erfüllte, konnte er alle Gegenstände deutlich erkennen: einen hohen Glasschrank mit Büchern, auf dem eine Büste stand; ein paar große Bilder in goldenen Rahmen an den Wänden; grünseidene Möbel. Der Vorhang an dem Fenster, das er zur Hälfte sah, ebenfalls von grüner, aber lichterer Seide. Zumeist fiel ihm ein Tisch in der Nähe des Fensters auf, mit Flaschen und Fläschchen besetzt, von denen lange Papierstreifen herabhingen. »Es scheint, ich bin krank gewesen,« sagte er. Ein freundliches Lächeln huschte über das Gesicht der blonden Frau. »Ja,« erwiderte sie; »recht krank.« »Lange?« »Es sind heut gerade vierzehn Tage.« Der Graf dachte nach. »Mit wem habe ich die Ehre zu sprechen?« »Mein Name ist Frau Krafft.« »Und ich – ich befinde mich hier bei Ihnen? In Ihrem Hause?« »So lange Sie krank sind, ich meine, bis Sie wieder völlig gesund sind, gehört das Haus Ihnen.« Der Graf verfiel abermals in Nachdenken. Das war eine ausweichende Antwort. Warum wollte man ihm nicht ohne Umschweif sagen, wo er sich befand? Er war in einem fremden Hause. Das konnte doch nicht weit von dem seinen sein. Wie wäre er sonst dahingekommen, als er – Und urplötzlich sah er sich auf dem Wege nach seinem Hause im Gewittersturm. Und erinnerte sich, daß er sich sehr krank gefühlt, und vom Wege nach einem Baum getaumelt war, an dem er zusammenbrach. Und wie er zu sterben gemeint hatte. Und das letzte, was er sah, ein Wagen gewesen war, aus dessen Fenster sich eine Dame bog. Und die Pferde, die im Geschirr stiegen, waren Rappen gewesen – dieselben Rappen, mit denen der Geheimrat Lombard bei ihm in Selchow – Frau Krafft erschrak sehr, als sie bemerkte, daß auf den bleichen Wangen ihres Pfleglings, während er so still, die Augen nach oben gerichtet, dalag, eine Röte sich bildete, die mit jeder Sekunde tiefer wurde. Um Gotteswillen, dachte sie, was habe ich da angerichtet? Zu ihrem großen Trost kam hier Schwester Betty wieder ins Zimmer; Frau Krafft warf ihr einen hilfeflehenden Blick entgegen; die Schwester trat rasch herzu; der Graf sah auf sie, dann auf Frau Krafft, dann wieder auf sie. »Meine Damen,« sagte er abermals ganz leise; »bitte, befinde ich mich hier –« Die Röte auf den Wangen war womöglich noch gestiegen. »In Polchow,« sagte Schwester Betty entschlossen; »in dem Hause von Fräulein Lombard.« »Ich danke Ihnen,« sagte der Graf fast unhörbar. »Möchten Sie jetzt eine halbe Tasse Thee nehmen?« fragte die Schwester. Die Lippen des Grafen bewegten sich tonlos. Es sollte wohl nein bedeuten. Die Röte von den Wangen schwand; er lag regungslos da mit geschlossenen Augen. An den Spitzen der Wimpern hingen plötzlich Tropfen. Er wandte das Gesicht der Wand zu. Die Frauen traten von dem Bett zurück bis an das Fenster und blickten sich ernst in die Augen. Sie, die weitaus am meisten um den Kranken gewesen waren, hatten wiederholt höchst auffallende Äußerungen aus seinem Munde gehört, die, waren sie auch im Delirium gethan, darauf schließen ließen: es werde der Augenblick, in welchem er erfuhr, wo er sich befand, ein sehr bedenklicher sein. Es war zwischen ihnen verabredet worden, die schließlich unvermeidliche Aufklärung so langsam, so vorsichtig wie möglich herbeizuführen. Nun hatte das unverhofft schnelle Erwachen des Patienten zum vollen Bewußtsein ihre Absicht vereitelt. Die Fieberröte auf seinen Wangen war entschieden ein schlimmes Zeichen. Zwar daß die Erregung sich in Thränen aufgelöst, ließ eine erfreuliche Deutung zu. Schwester Betty zuckte die Achseln. Geschehen war es nun einmal. Man mußte die Folgen abwarten. * Sie hätten günstiger nicht sein können. Die Rekonvalescenz nahm einen überraschend schnellen Fortgang. Nach weiteren acht Tagen erklärte Doktor Wachsmut, daß Schwester Bettys Dienste fortan entbehrlich seien. Ihr kam es insofern gelegen, als sie jetzt doch fortgemußt hätte, eine kranke Dame auf mehrere Monate an die Riviera zu begleiten. Dennoch wurde ihr der Abschied schwer. In ihrer langjährigen Praxis war ihr noch kein Patient vorgekommen, der seine Bitten mit solcher Höflichkeit aussprach, für jede geringste Dienstleistung sich so dankbar erwies. Als sie zum letzten Mal, schon im Reiseanzug, an sein Bett trat, konnte sie nur mit Mühe ihre Thränen zurückhalten; auch der Graf war sichtlich bewegt. Er griff nach einem kostbaren Ring, den man von seinem abgemagerten kleinen Finger genommen und neben ihn auf das Nachttischchen gelegt hatte. »Lassen Sie, Herr Graf!« sagte Schwester Betty; »wir dürfen nichts geschenkt nehmen.« Er hatte ihre Hand gefaßt und sie an die Lippen gedrückt, ehe sie es verhindern konnte. »Ich bin noch nie reicher belohnt,« schluchzte sie, während sie, das Taschentuch gegen das Gesicht drückend, das Zimmer verließ. * Er durfte jetzt auf Stunden das Bett verlassen und auf dem kleinen Balkon, der zum Zimmer gehörte und von dem ein Treppchen zu dem Garten hinabführte, eine Decke über den Knien, vor der Sonne durch eine herabgelassene Marquise geschützt, in einem sinnreich bequemen Krankenstuhl vor sich hindämmern. Weiter brachte er es vorläufig nicht, ganz erfüllt von seligem Entzücken. Welch unergründliche Tiefen in des Himmels durchsichtigem Blau! Wie wonnig das Grün des Rasenplatzes; der Sträucher und Bäume! Wie weich die linde Luft! Wie balsamisch der süße Blumenduft! Wie melodisch das leise Summen und Surren der Insekten! Und gar das Singen der Vögel! So, gerade so hatten sie gesungen, als er noch ein kleiner Knabe war und um die Knie der Mama herumspielte in dem Selchower Park! Da drüben in der Schneise des jungen Tannenwaldes über dem Hügelrücken ragte die schlanke Spitze des Kapellenturmes. Hundert Schritte davon stand sein altes Schloß. Gott sei Dank, daß er von ihm nichts sah! Nichts von dem Klopfen und Hämmern hörte, das sie da jetzt vollführten, hier in der grünen, blühenden, singenden Einsamkeit! * Aber sie konnte ja nicht ewig währen. Da kamen sie und gingen, die Boten von der Welt da draußen. Dieselben, an deren Kommen und Gehen er nun schon so lange gewöhnt war, nur daß sie jetzt deutlichere Physiognomien annahmen, bestimmtere Reden führten, Fragen stellten, Antworten zu erwarten, ihn in die Welt zurücklocken, zurückzwingen zu wollen schienen. Doktor Wachsmut! Hatte der Mann immer eine goldene Brille auf der Stumpfnase und so große rote Hände gehabt? So viel von seiner Landpraxis und dem Agrariertum gesprochen, das, wie die Verhältnisse lägen, vollauf berechtigt sei? War Frau Krafft stets so voll von drolligen Geschichten gewesen, die sich sämtlich auf den Gütern in zweimeiligem Umkreis zugetragen haben sollten? Es erschienen auch neue Menschen: ein Mann, den er in seinem Höhlentraum bereits gesehen zu haben sich erinnerte, und der sich jetzt als Inspektor Arndt vorstellte. Der Graf zeigte sich erfreut. Ein Kamerad von der zweiten Eskadron! Gefreiter! Ritt einen famosen Wallach, um den er ihn manchmal beneidet habe! Ein bißchen stark Durchgänger freilich, was dem Reiter bei der nächtlichen Rekognoszierungspatrouille auf dem letzten Manöver, die sie zusammen gemacht, beinahe verhängnisvoll geworden wäre! »Der Herr Graf weiß noch alles!« berichtete Herr Arndt triumphierend in dem Inspektorzimmer. Nach dem so liebenswürdigen Empfang eines Menschen, der in seinen Augen nur ein »Knote« und völlig untergeordnetes Subjekt war, hielt es Herr von Plat für die höchste Zeit, dem Herrn Grafen seine Aufwartung zu machen. Der Besuch hatte nicht eben lange gedauert, und der junge Herr schien von dem Resultat nicht besonders erbaut, als er beim Verlassen des Hauses Pasedag auf dem Hofe begegnete. Er äußerte sich freilich nicht ausführlich; bemerkte aber so nebenbei: der Graf trage wohl die Nase ein bißchen höher als nötig. In seinem Inneren gestand er sich: er habe möglicherweise eine große Dummheit begangen. Er hatte zuerst von seinen Familienverhältnissen gesprochen; seinem russischen Schwager – auch seine Mutter sei eine Russin – deshalb sein Vorname: Wladimir; von »unseren Gütern« in Ostpreußen, die er, als der älteste Sohn, demnächst übernehmen werde. Bis so weit hatte der Graf, wenn auch ohne besondere Teilnahme, doch aufmerksam, höflich zugehört. Dann war er auf seine gegenwärtigen Verhältnisse übergegangen: wie er gemeint habe, seine landwirtschaftlichen Kenntnisse durch einen Aufenthalt in Neuvorpommern erweitern zu sollen, und dabei allerdings in eine wunderliche Lage geraten sei. Ein Mann von Stande, wie er, auf einem Gute, das jüdischen Leuten gehöre, das sei denn doch am Ende ein wenig komisch! Glücklicherweise habe er es nicht mit einem jüdischen Herrn, sondern nur mit einer jüdischen Dame zu thun. Und Damen gegenüber – das wisse der Herr Graf ja – schaffe man sich die Situation nach seinem Geschmack. Wie sie sich der Herr Graf schaffen werde, wenn er erst – was ja nun in nächster Aussicht stehe – die persönliche Bekanntschaft von Fräulein Rebekka Lombard gemacht. Notabene: »Rebekka« dürfe sich nur der alte Geheimrat mit den schwarzen Semitenaugen verstatten. Wehe jedem anderen, der von ihr nicht als von Fräulein »Becky« spreche oder denke! Denn hier auf Polchow seien auch die Gedanken nicht zollfrei. Herr von Plat hatte bei dem allen sehr unterhaltsam und sogar witzig zu sein geglaubt und war deshalb einigermaßen betreten gewesen, als das Gesicht des Grafen, je länger er sprach, immer mehr einen Ausdruck annahm, den er sich nicht recht zu erklären wußte, bis er ihn mit den in sehr bestimmtem Ton gesprochenen Worten unterbrach: »Wie sehr ich Ihnen auch für Ihre interessanten Mitteilungen verbunden bin, ich darf in meiner Gegenwart nicht so von einer Dame sprechen lassen, deren Gastfreundschaft mir zu teil wird, weit über alles gewöhnliche Maß hinaus.« Er hatte dann etwas von: »nicht so ernst gemeint« gemurmelt und, wie er glaubte, in guter Haltung seinen Rückzug angetreten, mit dem festen Entschluß, dafür an dem hochmütigen Kerl bei nächster Gelegenheit eine Revanche zu nehmen, die »sich gewaschen haben sollte.« Der Graf aber, nachdem der unliebsame Besuch ihn verlassen, war noch ein paar Minuten, still vor sich hinbrütend, dagesessen und hatte dann mit hastiger Bewegung die Glocke auf dem Tischchen neben ihm ergriffen, Peters herbeizurufen, der bereits seit einer Woche gänzlich nach Polchow übergesiedelt war, seinem Herrn beim Aus- und Ankleiden und den Gehversuchen im Zimmer Beistand zu leisten. »Ich lasse bei dem gnädigen Fräulein anfragen, ob sie mir die Ehre erweisen will, mich für eine Minute zu empfangen.« Peters war höchlichst erstaunt. Es war das erste Mal, daß der Herr Graf seine Zimmerschwelle überschreiten wollte. Noch heute Morgen hatte der Doktor zu ihm gesagt: keine Extravaganzen, Herr Peters, wenn ich bitten darf! Dies schien Peters eine sogar sehr große zu sein; aber Mut zum Widerspruch fand er doch nicht; wollte sich nur erlauben, zu fragen, ob er den Herrn Grafen nicht wenigstens vorher ein bißchen zurechtmachen dürfe? Daraus wurde nicht eben viel. Der Herr war von einer Ungeduld, ganz gegen seine Gewohnheit. Die war ihm wohl noch von der Krankheit sitzen geblieben. Er kam nach kürzester Zeit zurück: das gnädige Fräulein lasse bitten. Glücklicherweise hatte der Graf nicht weit zu gehen: zu größerer Bequemlichkeit des Geheimrats hatte Becky aus seinem Zimmer, das jetzt das des Grafen war, eine Tapetenthür nach ihrem großen Salon anbringen lassen. Peters, der beordert war, den Grafen durch diese Thür zu führen, öffnete sie ihm. * * * 8 Da Doktor Wachsmut Becky gesagt: einer Zusammenkunft mit dem Grafen stehe jetzt nichts mehr im Wege, hatte sie heute morgen eingehend überlegt, ob sie ihm zuvorkommen oder seinen Besuch erwarten solle. Das erstere schien gastlicher, hatte aber zugleich etwas Tantenhaftes, ihrem Geschmack entschieden Widersprechendes; das letztere war sehr viel kühler, formeller, und doch wohl das Richtige in Anbetracht, daß die Krankheit zwar aus der Rechnung bleiben sollte und mußte, sie aber aus der Zeit vorher, als der Graf noch für sein Thun und Lassen verantwortlich war, ein kleines Konto mit ihm zu begleichen hatte. Die Minuten zwischen der Ankündigung seines Besuches und seinem Erscheinen deuchten ihr seltsam lang. Sie hatte sich so gründlich auf diese Zusammenkunft vorbereitet, und jetzt schlug ihr das Herz, wie einem Schulmädchen, das in der verwirrten Seele von der mühsam erlernten Examenlektion kein Wort mehr findet. Gleichviel! Es wäre das erste Mal gewesen, daß sie im rechten Augenblick das Rechte nicht gefunden! Die Thür wurde geöffnet; der große Mann mußte sich ein wenig bücken, daß sie ihn durchließ. Nun kam er auf sie zu. Sie war ihm rasch entgegengegangen. Er ließ den Arm von Peters los, um ihre dargereichte Hand zu ergreifen, über die er sich tief beugte, ohne sie zu küssen. Er hatte die der armen Pflegerin geküßt. Ein Kuß auf die Hand der Herrin dieses Hauses in diesem Augenblick erschien ihm banal. Peters hatte den Grafen zu einem Fauteuil geführt, auf den Becky gedeutet; ihm ein Deckchen, das er mitgebracht, über die Knie gebreitet und sich zurückgezogen; Becky in geringer Entfernung ihrem Gast gegenüber Platz genommen. »Sie kommen mir zuvor, Herr Graf,« sagte Becky; »eine Stunde später, und ich hätte bei Ihnen angeklopft.« »Das wäre zu viel der Güte gewesen,« erwiderte der Graf. »Welch ein Glück für uns, dies schöne Wetter!« fuhr Becky fort, um keine Pause aufkommen zu lassen. Aber der Graf antwortete nicht. Er blickte vor sich nieder, hob dann plötzlich die Augen und sagte mit einer Stimme, die nur bei den ersten Worten ein wenig bebte: »Mein gnädiges Fräulein, ich bin kein beredter Mann. In diesem Falle würde mir aber auch die Beredsamkeit nicht viel helfen. Man kann einen Menschen zu einer Schuld der Dankbarkeit verpflichten, die sich durch Worte nicht abtragen läßt. Die sich überhaupt nicht abtragen läßt. Durch nichts. Und die abzutragen man deshalb nicht einmal versuchen soll. Das ist meine Lage Ihnen gegenüber. Ich sage das, so gut ich es eben vermag. Ich wäre übel, recht übel daran, wenn Sie mich nicht verständen. Ich bin überzeugt, daß Sie es thun.« »Ich verstehe Sie, Herr Graf,« erwiderte Becky, »verstehe Sie vollkommen. Wie ich überzeugt bin, Sie verstehen mich und glauben mir aufs Wort, wenn ich sage: ich halte es für einen der größten Glücksfälle meines Lebens, daß mir vergönnt wurde, für Sie zu thun, was ich gethan habe. Damit ist die Schuld der Dankbarkeit, die Sie gegen mich zu haben glauben, ausgeglichen. Völlig. Und nicht wahr, Herr Graf, wir kommen auf das Kapitel nicht wieder zurück? Nie! Es ist das erste und das letzte Mal, daß zwischen uns davon gesprochen wird.« Sie hatte ihm die Hand entgegengestreckt, die er, sich vornüberbeugend, erfaßte und ein paar Sekunden festhielt. Dabei blickten sie sich ebenso lange in die Augen: er in dunkle, unergründliche; sie in blaue, höchst klare, denen sie bis auf den tiefsten Grund zu schauen glaubte. Er sagte sich, daß er nie im Leben ein schöneres Weib gesehen habe; sie sprach bei sich: endlich einmal ein Mann! Es war wieder eine Pause entstanden, die länger währte als die erste. Seltsam für Becky, die sich ihrer Befangenheit schämte, war es der Graf, der das peinliche Schweigen unterbrach: »Ich nehme an, Ihr Herr Vater ist in unsern Vertrag nicht so weit eingeschlossen, daß es mir nicht vergönnt wäre, ihm zu schreiben – wenn ich erst wieder schreiben kann – und ihm zu danken für die großen Opfer, die er mir gebracht hat.« »Und die vielleicht nicht so groß sind,« erwiderte Becky, »wenn das Wort Opfer hier überhaupt an der Stelle ist, was ich bestreite. Trotz seiner Jahre ist mein Vater ein vortrefflicher Reisender – er hat so viel Übung darin gehabt! Hundert Meilen – eine Nachtfahrt – das ist für ihn keine nennenswerte Leistung. Sodann: er hat zwei leidenschaftliche Interessen, die ihn ganz erfüllen: seine Wissenschaft und sein einziges Kind. Hier fielen die beiden Interessen zusammen: die Tochter rief ihn zu einem interessanten Fall, wie die Mediziner sagen. Endlich der Patient selbst. Ich weiß, daß mein Vater an Ihnen einen sehr lebhaften persönlichen Anteil nimmt.« »Er hat es mir bewiesen,« sagte der Graf. »Und wird es weiter beweisen, sobald und so oft sich eine Gelegenheit dazu findet.« »Was alles nicht ausschließt, daß Sie es sind, die mir das Leben gerettet hat.« »Der reine Zufall, der mich die Augen gerade nach der Seite, Ihnen zu, wenden ließ.« »Das mag man Zufall nennen, obgleich ich das Wort ungern brauche. Alles andere – alles, was dann geschah – auf Ihren Befehl, nach Ihren so umsichtig, so fürsorglich angeordneten Dispositionen – ist es nicht. Das bleibt Ihnen. In meinen Augen für immer.« »Unser Vertrag, Herr Graf!« sagte Becky, lächelnd mit dem Finger drohend. »Ich habe die beste Absicht, ihn zu halten. Verzeihen Sie der Schwäche meines Kopfes, wenn mir das heute noch nicht vollständig gelingt.« »Es wird morgen schon besser gehen.« »Wenn ich mich morgen wieder vorstellen darf.« »Sie werden mich stets zu einem Plauderstündchen bereit finden. Und bitte, wählen Sie die Zeit ganz nach Ihrem Behagen! Sie sind vorläufig noch Rekonvalescent und müssen sich schonen. Ich brauche auf mich keinerlei Rücksichten zu nehmen. Sie wollen aufbrechen? Dann erlauben Sie, daß ich Ihren Diener –« Sie hatte die Hand nach dem Knopf der elektrischen Klingel ausgestreckt. »Noch einen Moment, bitte!« sagte der Graf. Sie zog die Hand zurück. Er stand, sich auf die Lehne des Stuhls stützend, mit gesenkten Augen: »Gnädiges Fräulein! Ich habe Ihnen etwas abzubitten. Etwas, das einer Dame gegenüber in den Augen eines Mannes schlimmer ist als ein Verbrechen: eine Ungezogenheit. Es betrifft, wie Sie wissen, das Bild in der Kapelle –« »Aber sprechen wir doch nicht davon!« rief Becky. »Ich bitte, ich flehe Sie an, mich davon sprechen zu lassen,« sagte der Graf in großer Erregung. »Es lastet schon so lange auf mir – es drückt mir die Seele wund – und jetzt – haben Sie Barmherzigkeit mit mir! Ich war zu der Zeit in trübster, menschenfeindlichster Stimmung, aus Gründen, die ich Ihnen vielleicht später einmal darlegen darf. Ich wollte mich in meine Einsamkeit vergraben; mich schauderte vor der Möglichkeit einer Berührung mit anderen Menschen. Gnädiges Fräulein! ich kannte Sie damals nicht; hatte keine Ahnung von Ihrer Güte, Ihrem Edelmut! Dann griffen tölpelhafte Hände hinein und sorgten dafür, daß meine Ungezogenheit grenzenlos wurde. Lassen Sie Gnade vor Recht ergehen! Nehmen Sie die unterbrochene Arbeit wieder auf! Das Bild soll meiner verstorbenen Mutter gleichen. Ich wollte es für mich allein haben. Damals! Jetzt – gewähren Sie mir meine Bitte!« »Sobald Sie im stande sind, mir die Honneurs drüben zu machen. Meine Hand darauf!« Zum drittenmal hielt er die schlanke weiße Hand in der seinen. Es war ihm keine Überwindung mehr, einen Kuß darauf zu drücken. »Ich danke Ihnen,« sagte er, »tausendmal! Mit den Honneurs freilich meines Hauses – Sie wissen: es ist eine Ruine.« »Der Morgen hat alles wohl besser gemacht,« citierte Becky. Und fügte, als sie an den Augen des Grafen sah, daß er sie nicht verstand, schnell hinzu: »Ich meine: Jeder ist seines Glückes Schmied. Sie werden sich das Ihre schon schmieden.« Auf Peters' Arm gestützt, hatte der Graf den Salon verlassen. Becky blickte auf die Thür, durch die seine hohe Gestalt verschwunden war. Ihr Busen wogte; auf ihren Wangen malte sich eine lebhafte Röte; ihre dunklen Augen leuchteten. »Wenn ich es Ihnen schmieden helfe,« murmelte sie. * Die Plauderstündchen, zu welchen Becky den Grafen eingeladen, wiederholten sich an jedem der folgenden Tage und zogen sich in dem Maße, daß ihm die Kräfte zurückkehrten, in die Länge. Sie fanden die nächsten Male noch in dem geschlossenen Salon statt; dann auf der offenen Veranda; endlich sogar im Garten, durch dessen schattige Gänge Becky ihren Gast am Arm führte. Er hatte die ihm gebotene Hilfe zuerst ablehnen wollen; dann aber doch angenommen im Gefühl seiner Schwäche, und weil sie darauf bestand. Später könne er thun und lassen was ihm beliebe; jetzt sei er ihr Schützling; sie habe in jeder Beziehung die Verantwortung für ihn und er sich ihren Geboten zu fügen. Dabei durfte er lächelnd konstatieren, daß sie, die ihm noch um mehrere Zoll über die Schulter reichte, völlig das Gardemaß habe. Mit welchen Empfindungen ihn die unmittelbare Nähe der hohen, elastischen Gestalt durchrieselte; wie er die schlanke Festigkeit ihres Arms bewunderte; mit welchem immer neuen, immer wachsenden Entzücken er in die großen, dunklen, strahlenden Augen sah, die sich nur ein wenig zu heben brauchten, um direkt in die seinen zu blicken – das sagte er ihr nicht. * Vor sich selber freilich konnte er es nicht verheimlichen. Und daß er auf dem besten Wege war, sich rasend in das schöne Weib zu verlieben. Ja, daß er es bereits gethan hatte, und nur eine möglichst schleunige Flucht ihn retten könne. Retten vor einer ziel- und zwecklosen Leidenschaft und allen ihren bitteren beschämenden Folgen. Er war mit der Liebe des tapferen Ivanhoe für die schöne Jüdin so streng ins Gericht gegangen und geneigt gewesen, das Ganze nur für blaue Dichterphantasie zu halten, noch dazu eines englischen Dichters, der den Kuckuck wisse, wie sich ein deutscher Ritter in einem solchen Falle benehmen würde. Freilich, so weit war ja auch der Engländer nicht gegangen, sich die beiden heiraten zu lassen. Selbstverständlich würde sie Christin geworden sein. Als ob das Wasser es thäte! Die Sache lag doch ein wenig tiefer. Eine Mesalliance blieb es immer. Obgleich die Situation für Ivanhoe insofern ein besseres Aussehen hatte, als er, nach der Aussöhnung mit seinem Vater, in die reiche Erbschaft Cedric des Sachsen eingetreten sein und der normannische König zweifellos für seinen Liebling durch die Belehnung mit weiten Liegenschaften: Feldern und Wäldern, Burgen und Dörfern, reichlich gesorgt haben würde. Hinter ihm stand kein freigebiger König. Er würde den angestammten Besitz nicht aus eines Vaters Hand zurückerhalten, sondern aus der Hand der Dame, die er zum Altare führte. Damit die Leute mit Fingern auf ihn wiesen! die Mäuler zum Grinsen verzögen: der ist klug! der nimmt, wo und wie er's kriegen kann! Pfui Teufel! Nein! und tausendmal nein! Der bloße Gedanke daran konnte einem die Schamröte auf die Stirn treiben. Sollte er vielleicht vor Peters, dem braven Kerl, die Augen niederschlagen, der gelegentlich meinte: es sei ja hier im Hause alles so weit ganz schön. Und er habe sich gewiß über nichts zu beklagen. Aber so bei jüdischen Leuten, das sei doch nicht das Rechte. Nicht für ihn! ihm sei das schließlich ganz egal. Aber für seinen Herrn Grafen! Peters machte diese Bemerkung zufällig in dem Augenblicke, als der Graf sich niedersetzen wollte, ein Billet an den Architekten Bartels in Greifswald zu schreiben mit der Bitte, ihn in Polchow aufzusuchen. Er habe Wichtiges mit ihm zu besprechen. Fräulein Lombard hatte ihm ihren Besuch in Selchow zugesagt, sobald er wieder übergesiedelt sei. Die Übersiedelung sollte in einigen Tagen stattfinden. Wenn er die Zwischenzeit benutzte, ein paar Räume des Schlosses: etwa die Bibliothek und zwei daranstoßende kleinere Gemächer, die dann als Wohn- und Speisezimmer gelten mochten, in eine anständige Verfassung zu bringen? Herr Bartels war ein Socialdemokrat, aber ein äußerst geschickter Mensch. Der in kürzester Frist, wenn man ihm carte blanche gab, aus Greifswald oder Stralsund, vielleicht aus Berlin, das Nötige herbeischaffen, aufstellen, für obligate schickliche Dekoration sorgen würde. Peters' ganz absichtslose Äußerung traf ihn wie ein Schlag, unter dem sich sein Stolz aufbäumte. Was fiel ihm ein? Seine Armut, an der er schuldlos war, herausputzen wollen? Für wen? Für die klugen Augen, die mit einem Blick die Absicht durchschauen und über die Kläglichkeit des verfehlten kindischen Versuchs spöttisch lächeln würden! »Jüdischen Leuten« konnte man nicht ein so plumpes X für ein U machen! Rebekka! Wie überaus sonderbar war es doch, daß sie denselben Namen führen mußte, wie die Tochter Isaaks von York! Wenn sie sich, wie von Plat behauptet hatte, auch Becky nannte. Das blieb sich gleich. Er zog dann sogar Rebekka vor. Man bekannte damit wenigstens Farbe. Das war und blieb im Leben doch immer die Hauptsache. Ob sie sich noch zum Judentum hielt? So reiche Mädchen pflegten sich sonst taufen zu lassen. Aber der Großvater war Rabbiner gewesen – was ja wohl bei ihnen so viel wie Pastor ist –, der Vater hatte sich einen Juden genannt; warum sollte sie da nicht gleichfalls Jüdin sein? Gesagt hatte sie es freilich nicht. Wie sollte sie auch, da das Thema der Religion in ihren Gesprächen, wohl von beiden Seiten geflissentlich, vermieden war! Und fragen konnte und wollte er niemand, auch nicht Frau Krafft, mit der er sonst auf einem sehr behaglichen Fuße stand, die er aber jetzt nur noch selten sah. Befand er sich doch fast ausschließlich, war er nicht auf seinem Zimmer, in der Gesellschaft von Fräulein Lombard. Sogar bei den Mahlzeiten, die ihnen allein in einem an den Salon stoßenden kleineren Gemach serviert wurden. In dem Hause erinnerte gewiß nichts an Judentum. Indessen, es gab auch emancipierte Juden. Und Peters hätte sonst sicher nicht von »jüdischen Leuten« gesprochen. Seinesgleichen, wie grobkörnig es sonst ist, für dergleichen hat es einen feinen Geruch. So ließ denn der Graf den Brief an den Architekten ungeschrieben. Aber dies und alle Vorhaltungen, die er sich in der Einsamkeit seines Zimmers machte, konnten nicht verhindern, daß, sobald er sich wieder in Beckys Gesellschaft befand, der Zauber ihrer Schönheit und ihres Geistes mit neuer und stets erhöhter Gewalt auf ihn wirkte. Denn jetzt lag er auch in dem Bann ihrer anmutigen Plauderkunst, ihres schalkischen Humors, ihres blendenden Witzes, ihrer funkelnden Beredsamkeit. Etwas auch nur annähernd Ähnliches war ihm im Leben nie begegnet. Die Unterhaltungen mit den Kameraden in den Dienstpausen, in der Offiziers-Messe, bei den Liebesmahlen – da konnte man nicht viel verlangen: es waren immer dieselben Geschichten. Aber auch die Damen – nur von ihnen zu sprechen – die »Verhältnisse« – das war eine Sache für sich – wenn er da zurückdachte, die Reihe Revue passieren ließ: die vom Re'ment; auf den Hof- und anderen Bällen; das internationale Kontingent auf den diversen Pariser Botschaften; die fragwürdigen Gestalten an dem Theetisch von Excellenz Kernbeißer – Mechtildis von Westen-Sacken, »die sehr entfernte Cousine«, nicht ausgenommen; die exotischen Pflanzen in Ouchy – Miß Arabella Greene mit ihrem: » yes, sir ! no, sir !« – großer Gott, welche Sammlung von mehr oder weniger dekollettierten Personen, die er doch, wohl oder übel, für die Repräsentantinnen ihres Geschlechts hatte nehmen müssen! Es war zum Lachen! Nur seine Mutter! seine geliebte, seine heilige Mutter! Und vor dem Einschlafen, das oft lange, lange auf sich warten ließ, faltete er die Hände und betete zu ihr, der Verklärten: daß sie in ihrer himmlischen Seligkeit ihres einzigen Sohnes auf Erden nicht vergessen und nicht zugeben möge, er thue etwas, das ihrer unwürdig sei; wodurch er sich unwürdig mache, sich ihren Sohn zu nennen. So kam der Tag, an welchem vor dem Herrenhause von Polchow der offene Landauer stand, der ihn nach Selchow zurücktragen sollte. Ein Versuch, wenigstens den Dienern für ihre vielfachen Leistungen sich erkenntlich zu zeigen, war von diesen mit respektvollen Verbeugungen, als mit ihrer Pflicht unvereinbar, zurückgewiesen worden. Frau Krafft war ihm vom ersten Augenblick an so völlig als Dame erschienen; und was sie für ihn gethan, war so vieles, so großes – er konnte es nur mit der tiefen Achtung und der innigen Dankbarkeit bezahlen, die er für sie empfand und zu oft an den Tag gelegt, als daß sie daran hätte zweifeln können. Von den beiden Inspektoren hatte er mit Händeschütteln Abschied genommen. Selbst für Wladimir von Plat hatte er in seiner weichen Stimmung freundliche Worte gehabt und die Aufforderung, ihn in Selchow zu besuchen. So durfte er sich sagen: wie die Dinge nun einmal lagen, habe er mit allen die Rechnung beglichen. Mit der Herrin des Hauses stand es anders. Ihre schlanke, weiße Hand hatte so tief in sein Leben gegriffen – daraus zu lösen war sie nie wieder. Aber wie es dann werden sollte, mochte Gott wissen. Becky glaubte es sehr gut zu wissen. In ihrer Seele auch nicht der Schatten eines Zweifels: ihr Wille werde Thatsache werden und sie noch vor Ende des Jahres Frau Gräfin von Bassedow auf Selchow sein. Daß Selchow als Residenz vor Polchow komme, war evident. Den Bassedows hatte es immer als Stammsitz gegolten; hier hatten sie sich, während die anderen Güter mit Pächterhäusern abgefunden wurden, ihr Schloß gebaut. Ein alter Kasten; aber doch sehr stattlich, sehr seigneurial mit seiner Fassade der italienischen Spätrenaissance. Die Neueinrichtung würde eine halbe Million kosten. Das war ja gleichgültig. Die Frage, ob sie den Grafen liebe, lag näher. Hätte näher gelegen, nur daß ihre Ansichten über Liebe die Naivetät einer solchen Frage ausschlossen. Sie datierten nicht von gestern und hatten durch das Verhältnis mit dem Grafen keinerlei Änderung erfahren. Nicht einmal ihren Sinnen war er gefährlich: er war ihr zu hager. Aber es stand ihm gut; erhöhte das Aristokratische seiner Erscheinung. Die Hände mit den feinen Knöcheln, der zarten Weiße der langen schlanken Finger; die schmalen Füße mit dem hohen Spann waren einfach mustergültig. Alles in allem: zog er sie physisch nicht magnetisch an, stieß er sie auch nicht ab. Das genügte. Geistig wäre ein wenig mehr wohl zu wünschen gewesen. Dumm war er nicht – durchaus nicht. Aber mit welchem Minimum von Bildung so ein adeliger Offizier sich begnügte und wahrscheinlich sehr gut durch die Welt kam – darüber mußte man doch immer von neuem staunen. Ein bißchen Geographie, eine Handvoll historischer Daten, und was denn sonst vermutlich für das Metier obligatorisch war – basta! Von den Künsten kaum einen Schimmer: ganz antediluvianische Anschauungen; Redensarten, wie sie durch die Gesellschaft laufen und von einem dem anderen nachgesprochen werden. Keine Ahnung von dem, was die neue Zeit in Poesie, Musik, Malerei anstrebte! Dafür Anathema über alle ihre Produkte, wenn man sie auch nicht kannte! Philosophie eine terra incognita ! Nachdenken über religiöse, sittliche, sociale Probleme völlig unnötig, da für alles und jedes das Urteil ein für allemal feststand! Daß sie in ihren Unterhaltungen mit ihm wie die Katze mit der Maus gespielt; ihn nur hatte hören lassen, was er offenbar zu hören wünschte oder erwartete; sagen lassen, was er gern sagte; ihn von einem Gegenstand zum anderen geführt, ohne daß er jemals den Faden merkte, an dem sie ihn ganz nach ihrem Belieben lenkte – es wäre das alles höchst amüsant gewesen, hätte man sich nicht immer vorhalten müssen, es könne und müsse auf die Dauer sehr ermüdend und langweilig werden. Dazu gesellte sich ein Bedenken, das für Becky schwer ins Gewicht fiel. Mit geistreichen Menschen läßt sich gut streiten. Sie beharren nicht eigensinnig auf einer vorgefaßten Meinung; sind zugänglich für die Gründe des anderen; ja gelangen wohl im Lauf des Disputs von selbst auf den Punkt, wohin man sie haben will. Bei beschränkten Köpfen ist davon keine Rede. Sie haben A gesagt, und dabei bleiben sie. Der andere mag ihnen beizukommen suchen, von welcher Seite er will, er findet überall verschlossene Thüren. Mit diesem Mangel an Beweglichkeit des Geistes pflegt dann ein zäher Eigensinn Hand in Hand zu gehen, den die Betreffenden gern für Charakterstärke ausgeben. Das war oder schien doch sehr des Grafen Fall. Die Klarheit seiner Augen war ihr gleich im ersten Moment aufgefallen: der Mann trug sich nie mit Hintergedanken, die er sorgfältig verheimlichte. Das war gut. Allmählich aber hatte sie sich überzeugen müssen: diese Klarheit war nicht die des rinnenden Wassers, sondern des Krystalls, dessen Durchsichtigkeit seinem festen Gefüge keinen Eintrag thut. Was dieser Mann wollte, das wollte er ganz. Auch das mochte hingehen. Einen Schwächling würde sie zu sehr verachtet haben. Der Eigenwille des beschränkten Kopfes mochte als Charakterstärke gelten. Nur sie mußte die Stärkere sein – unbedingt. Es gab Fälle, wo jüdische Banquierstöchter oder reich gewordene Bühnenprinzessinnen abgehauste Edelleute heirateten, die sich dann im Handumdrehen aus dem Liebhaber in den Tyrannen verwandelten, der mit der Reitpeitsche nachhalf, wenn es mit dem bloßen: So will ich! so befehle ich! nicht gehen wollte. Das war hier ausgeschlossen. Es konnte kein Moment kommen, in welchem der Graf aufhörte, ein Gentleman zu sein. Es würde stets Ansicht gegen Ansicht, Wille gegen Wille stehen. Nur daß sie die Siegerin blieb! Bis jetzt hatte sie sorgfältig jede Möglichkeit vermieden, daß Kraft sich hätte mit Kraft messen können. Es hätte kein reines Resultat gegeben. Der Graf liebte sie. Daran zweifelte sie nicht. Aber noch war er frei. Sollte die Probe gelten, so mußte für ihn erst alles auf dem Spiel stehen. Dann würde die Entscheidung eine für immer sein. Zu ihren Gunsten natürlich. * * * 9 Seit ein paar Tagen hauste der Graf wieder in seinem Schloß, wanderte wieder durch seinen Park. Nach dem Reichtum des Herrenhauses von Polchow, der Lieblichkeit des blumenreichen, sorgfältig gepflegten Gartens dort, der Eleganz, die ihn von allen Seiten umgeben hatte, kam ihm, was er nun sah, unsäglich armselig, öde und trostlos vor. Und so erschien ihm sein ganzes Leben. Aber es war nun einmal sein Schicksal. Er mußte sich damit abfinden. Wie mit der Leidenschaft, die er von Polchow mit herübergebracht; und von der er jetzt in seiner Einsamkeit erst fühlte, welch tiefe Wurzeln sie in seinem Herzen geschlagen. Hätte es nicht die kaum wieder gewonnene Gesundheit aufs Spiel setzen heißen, er wäre seiner Sehnsucht gefolgt und den weiten Weg zu ihr zu Fuß gelaufen, wie ein Schuljunge. Sie ließ sich jeden Tag nach seinem Befinden erkundigen und schickte junges Gemüse, Eingemachtes in zierlichster Verpackung. Meistens waren die Sendungen von einem Billettchen begleitet, in welchem sie ihn bat, sich auf jede Weise zu schonen und sich ihr Küchenregime par distance gefallen zu lassen. Die Antworten wurden ihm entsetzlich schwer. Er mußte ein paar höfliche Phrasen zu Papier bringen, während er doch nur immer hätte schreiben mögen: Ich liebe dich. Ich sterbe vor Sehnsucht nach dir. Und den versprochenen Besuch schob sie von Tag zu Tag hinaus: sie werde kommen, sobald sie die Überzeugung habe, daß er sie ohne Überanstrengung durch Schloß und Park führen könne. So gekräftigt sei er entschieden noch nicht. Überhaupt sei er ihr viel zu früh aus der Schule gelaufen, und sie habe darüber mit Doktor Wachsmut ein sehr ernstes Wort geredet. Ihr guter alter Vater würde ihn gewiß noch nicht fortgelassen haben. Aber junge Leute – zu denen sie mit ihren sechsundzwanzig Jahren die um die dreißig herum noch sehr rechne – hätten eben keinen Verstand. Er möge ihr die Freundschaft erweisen und eine Ausnahme von der Regel machen. Als er das Billet – es war das zuletzt erhaltene – las, war sein Auge auf dem Worte Freundschaft haften geblieben und dann wieder zu ihm zurückgekehrt, um abermals auf ihm zu verweilen, als sei es der Schlüssel der Situation. Sie, der die Worte im Reden und Schreiben so zur freiesten Verfügung standen, hatte dies sicher nicht ohne Absicht gebraucht. Warum nicht: »mir zu Liebe,« wie man doch für gewöhnlich sagte, ohne sich viel dabei zu denken? Weil sie gefürchtet hatte, er könne der Fant sein, sich etwas dabei zu denken. Er könne sich einbilden, daß, weil er sie liebe – wie sollte das ihrem Scharfblick entgangen sein! – sie ihn wieder lieben müsse! Oder wenn nicht das, so doch: ich weiß, du würdest mir zu Liebe alles thun. Aber ich habe keine Freude an deiner Liebe; ich mag sie nicht. Kannst und willst du mir deine Freundschaft gewähren; kannst und willst du in dem amikalen Verhältnis des Nachbarn zum Nachbarn unter Austausch von großen und kleinen Gefälligkeiten – wie's eben kommt: hinüber und herüber –; in dem Verhältnis des Kavaliers zur Dame; des Junggesellen zum alleinstehenden Fräulein – willst du so weiter mit mir leben, biete ich dir die Hand. Und siehst du, mein Freund, wenn ich so lange gezögert habe und zögere, zu dir zu kommen, wie ich versprochen, ist es, weil ich dir Zeit lassen wollte, dir das klar zu machen. Gieb mir ein Zeichen, daß es dir klar geworden ist! Ich durch dein Schloß, deinen Park gehen kann an deiner Seite, ruhig, wie ich mit dir durch mein Haus, meinen Garten gegangen bin! Der Bote von Polchow, der heute das Freundschaftsbillet mit dem obligaten zierlichen Körbchen überbracht, war längst wieder fort, diesmal ohne Antwort, über die der Graf allzulange gegrübelt. Nun wußte er, was er zu schreiben hatte. Er setzte sich in der Bibliothek an den Tisch, auf dem noch der Ivanhoe zwischen den anderen Scottschen Romanen stand, und brachte langsam, jedes Wort erwägend, die Zeilen fertig: \  ### »Mein gnädiges Fräulein! Ihre Freundschaft ist mir so wertvoll, daß, bedürfte es dafür wirklich noch der Beweise, Sie ganz andere von mir fordern könnten, als den, mich nicht stehenden Fußes aufzumachen und in Polchow als ›aus dem Revier entlassen‹ vorschriftsmäßig zu melden. Ich könnte es wohl, denn, dank der so umsichtigen, fortgesetzten Pflege, wachsen meine Kräfte mit jedem Tage und werden bald das Normalmaß wieder erreicht haben. Aber ein alter Soldat, wie ich, weiß, was es heißt: Ordre parieren. So werde ich ruhig auf meinem – nebenbei schauderhaft langweiligen – Posten ausharren, bis ich abgelöst werde. Ich hätte beinahe geschrieben: erlöst. Brauche ich Ihnen, gnädiges Fräulein, zu sagen, worin für mich die Erlösung besteht? Ihr – wie Sie sehen – wirklich ganz gehorsamster Kurt Bassedow.« \  Der Graf war, als er es überlas, mit diesem Elaborat zufriedener, als er es sonst mit seinen schriftlichen Erzeugnissen zu sein pflegte. Er meinte, wäre er in dieser Stimmung gewesen, als er vor ein paar Wochen seine Memoiren schreiben wollte, der Versuch wäre weniger unglücklich ausgefallen. Daß er es ihr, einzig ihr zu verdanken habe; das bißchen Geist, das ein sehr wohlwollender Leser in seinem Briefchen etwa spürte, nur ein schwächster Wiederschein von dem Glanze des ihren sei, dessen war er sich völlig bewußt. Wie dem auch sein mochte, sie sollte es heute noch in ihren wundervollen weißen Händen haben. * Peters wurde aus dem Park gerufen, wo er an dem Kugelfang des Pistolenschießstandes arbeitete, für den der Graf nun doch die Zeit gekommen glaubte, und sollte sich mit dem Billet nach Polchow auf den Weg machen. Es war wieder ein sehr heißer Tag. Aber das und die unliebsame Unterbrechung in seiner Arbeit war es nicht, was Peters ärgerte. »Nanu!« rief seine Frau, als sie aus der Waschküche in die Stube kam und ihn fand, wie er seinen guten Rock abbürstete, während er dabei wütend durch die Zähne pfiff. »Wo geht denn die Reise hin?« »Wo wird sie hingehen!« brummte Peters. »Nach Polchow. Wohin sonst?« Und er fuhr in die Rockärmel und setzte seine Dienstmütze auf. »Nu sei mal ausnahmsweise nicht dumm,« sagte die Frau, ihm die schwarze Binde, die sich verschoben hatte, zurechtrückend. »Wenn er die Jüdsche partout zur Frau Gräfin machen will, du kannst es nicht hindern und ich auch nicht.« »Nu ne!« brummte Peters. »Na also! Und wenn wir dann nicht lieb Kind bei der Gnädigen sind, dann fliegen wir. Verstehst du? Ich ärgere mich schon genug, daß ich ihr damals so grob gekommen bin. Nun fehlt man bloß, daß du auch den Brummbär spielst. Dann ist es mit dem Kastellan im Schloß und der Frau Kastellanin Essig.« »Mich schickt der Herr Graf nicht weg.« »Ich sage dir: wir fliegen. Darauf kannst du Gift nehmen. Lehre du mich die Jüdschen kennen! Die sind so hart wie Flintenstein. Wenn einer sechs Jahre lang Köchin bei Kommerzienrats Schmalbach gewesen ist, dann kennt er das. Verstehst du?« Und Frau Peters schob ihren Mann zur Thür hinaus. * Der Graf hatte Peters ausdrücklich gesagt, daß »keine Antwort« nötig sei. Dennoch wurde er sehr ungeduldig, als Stunde auf Stunde verging und Peters noch immer nicht zurück war, Es konnte doch sein, daß sie etwas erwiderte, und wäre es auch nur ein mündliches Wort. Ein Gruß. Irgend etwas. So kam der Abend heran. Der Architekt – er war bereits den ganzen Nachmittag im Schloß gewesen, ohne sich zu melden – klopfte an und fragte, ob er den Herrn Grafen störe? Der Graf bat, näher zu treten. »Wir sind heute abend fertig geworden,« sagte Herr Bartels. »Ich habe die Rechnungen und Belege mitgebracht, die der Herr Graf zu prüfen die Güte haben wollen. Die Totalsumme geht vierhundertzweiundfünfzig Mark über den Voranschlag hinaus. Der Herr Graf werden sich erinnern, daß ich Sie sofort auf die Möglichkeit aufmerksam machte.« »Ich erinnere mich,« sagte der Graf. »Die Arbeiten sind gut und dauerhaft ausgeführt,« fuhr Herr Bartels fort, ein Konvolut Papiere auf den Tisch legend. »Der Herr Graf werden sich davon überzeugen. Ich habe mir die Überwachung der Leute um so angelegener sein lassen, als der Herr Graf leider krank waren und selbst nicht nach dem Rechten sehen konnten. Was trotz der scheinbar großen Kosten geschafft ist, ist freilich nur das eben Notwendige. Indessen, es ist doch ein solider Grund gelegt, auf den man sich verlassen kann, im Falle der Herr Graf vielleicht später einmal weitere Reparaturen an dem Bau vornehmen will. Er verdient es schon. Wir haben desgleichen in der ganzen Provinz nicht. Auf dem Lande gewiß nicht.« »Ich danke Ihnen,« sagte der Graf. »Ich werde die Papiere da durchsehen und Ihnen morgen eine Anweisung auf meinen Banquier in Greifswald schicken.« Er machte eine leichte Verbeugung zum Zeichen, daß er die Unterredung für beendet halte. Herr Bartels zögerte; der Graf blickte verwundert auf: »Ist noch etwas?« »Wenn ich mir noch ein Wort verstatten dürfte,« sagte der junge Mann, den breitrandigen weichen Hut langsam durch die Hände drehend. »Der Herr Graf haben mich, als ich zuerst kam, so freundlich aufgenommen; so gütig mit mir gesprochen. Das dauerte ungefähr acht Tage. Dann – dann wurde es plötzlich anders. Ich habe mir vergeblich den Kopf zerbrochen, wodurch ich mir das Mißfallen des Herrn Grafen zugezogen haben kann. Ich würde dem Herrn Grafen dankbar sein, wenn Sie mir es sagen wollten.« »Ich glaube, die Höflichkeit gegen Sie niemals aus den Augen gesetzt zu haben,« erwiderte der Graf kühl. »Gewiß nicht!« sagte Herr Bartels eifrig. »Darüber beklage ich mich auch nicht. Beklagen ist überhaupt nicht das richtige Wort. Es ist nur –« »Nun wohl,« entgegnete der Graf, als der andere betreten schwieg. »Wenn Sie es denn durchaus wissen wollen! Ich habe aus Ihrem Munde Äußerungen gehört, politischer Natur und anderes der Art, die mir äußerst mißfielen. Ich maße mir keine Kontrolle über ihre Gesinnungen an; wohl aber vindiziere ich mir das Recht, auf den genaueren Verkehr mit solchen zu verzichten, von denen ich weiß, oder zu wissen glaube, daß ihre und meine Gesinnungen durchaus entgegengesetzte sind.« »Der Herr Graf halten mich für einen Socialdemokraten,« sagte der junge Mann, den Kopf hebend und den Hut jetzt fest in den Händen haltend. Ich muß es gestehen: ja, ich bin es. Aber wenn der Herr Graf mein Leben gelebt hätten: eines armen Maurermeisters Sohn, der es sich blutsauer hat werden lassen müssen, bis er es zum Baumeisterexamen bringen konnte; und dann, wie wir bei unserem Beruf täglich Gelegenheit haben, in die Verhältnisse der kleinen Leute, all die Not, all das Elend, hineingesehen hat und sich tausendmal gefragt hat: muß denn das so sein? ist denn da gar keine Abhilfe möglich? Ja, Herr Graf, da kommen einem allerhand sonderbare Gedanken über die Leute, die die Gesetze machen; und über das, was von den Kanzeln als Christentum gepredigt wird; und –« »Bitte, brechen wir ab!« unterbrach ihn der Graf. »Dies führt zu nichts. Ich gehöre zu denen, die Gott und den König ehren; Sie zu denen, die Gott und den König nicht ehren. Damit ist die Situation völlig klargestellt. Guten Abend!« Der junge Mann verbeugte sich und ging. Der Graf blickte ihm ein paar Momente nach und fing an, in dem dämmerigen Gemach auf- und abzuschreiten. Er war nicht zufrieden mit sich. Was er gesagt, konnte er verantworten. Aber das Wie! Warum seine böse Laune nicht still in sich verwinden? Und der junge Mann hatte ihn zuletzt so traurig angesehen! Da war nun wieder einer, der betrübt, gekränkt, beleidigt aus diesem Zimmer von ihm ging. Jetzt der junge Mann, damals der alte Herr. Ihr Vater! Würde sie ihm recht geben, wenn sie diese Unterredung mit angehört hätte? Was wußte er denn, wie sie über Gott und den König dachte? Und er liebte sie! Wie er sie liebte! Es kamen Schritte über den Flur. Endlich! »Nun, Peters, was bringen Sie?« Peters brachte nichts. Das gnädige Fräulein war über Land gewesen. Frau Krafft hatte gesagt: sie wisse selbst nicht recht, wohin. Er habe gewartet und gewartet, weil er gemeint, der Herr Graf würde am Ende doch gern eine Antwort – »Es ist gut,« sagte der Graf. »Bringen Sie die Lampe!« Peters ging. Der Graf trat an eines der Fenster und stierte in den Park, auf dessen Baumwipfeln ein letztes Abendrot verglühte. »Warum sie mich nur nicht da am Wege hat liegen lassen! So wäre jetzt längst alles aus.« * * * 10 Ein glorreicher Frühsommermorgen war angebrochen. Er konnte die düstere Stimmung nicht verscheuchen, mit welcher der Graf aus einem unruhigen Schlaf erwacht war. Die Durchsicht der Rechnungen, an die er sich alsbald begab, vermochte es erst recht nicht. Bereits während des Reisejahres hatte er sein kleines Kapital beträchtlich angreifen müssen; hier gingen wieder Tausende weg. Noch ein paar solcher Aderlässe, und die Zinsen reichten selbst für diesen erbärmlichen Haushalt nicht mehr. Er konnte hingehen und Stallmeister in einer Reitschule werden; oder Versicherungsagent und sich aus jeder Thür hinauswerfen lassen. Da war es doch ganz gleichgültig, ob der alte Kasten ein paar Jahr früher oder später zusammenbrach. Hier war seines Bleibens so wie so nicht mehr. Vorher! Vielleicht. Aber jetzt? In ihrer Nähe, die doch hunderttausend Meilen von ihm getrennt war; ewig getrennt sein würde! Unmöglich. Verrückt wollte er doch auch nicht werden. Oder war er es schon gewesen, als er die Zweimalhunderttausend, die ihm der alte Herr für Schloß und Park geboten, nicht auf der Stelle nahm? Damals hätte er es noch gedurft: er war den Leuten nichts schuldig; er kannte sie nicht. Wollten sie einen so unsinnigen Preis zahlen – es war ihre Sache. Jetzt kannte er sie; war in ihrer Schuld abgrundtief. Jetzt konnte er nur sagen: wollt ihr den Bettel hier als Abschlagszahlung meiner Schuld von mir annehmen, er steht zu eurer Verfügung! Und das wollte er ihr sagen, wenn sie kam. Aber sie würde nicht kommen. Heute nicht und morgen nicht. Sie fürchtete natürlich, ihn in Verlegenheit zu setzen, wenn er sagen mußte: Sehen Sie, meine Gnädigste, hier haust der, den Sie in Ihrem pompösen Heim so königlich bewirtet haben! Peters klopfte. »Ein Brief, Herr Graf, aus Polchow vom gnädigen Fräulein. Der Bote wartet auf Antwort.« »Geben Sie!« Der Graf mußte seine ganze Selbstbeherrschung aufbieten, um vor Peters scharfen grauen Augen eine ruhige Miene zu bewahren und das Zittern seiner Hände zu verbergen, während er das zierliche Billet erbrach und las: \  ### »Mein verehrter, lieber Freund! Ihr Gehorsam, wie sehr Sie sich nach Männerweise damit brüsten, ist mir nicht über jeden Zweifel erhaben. Jedenfalls möchte ich Ihre Tugend auf keine zu harte Probe stellen und ziehe deshalb vor, das Präveniere zu spielen und heute nachmittag den Schloßherrn von Selchow aufzusuchen. Leider erst um fünf Uhr, da sich der Herr Landrat auf drei angemeldet hat, und ich nicht weiß, wie schnell ich den Edlen los werde. Ich komme allein; einmal, weil ich mir als spätes Mädchen das füglich leisten darf; zweitens, weil ich keine Duenna zur Disposition habe, da Frau Direktor Krafft in Greifswald ihrem Sohn, der sein Staatsexamen glänzend bestanden, gratulieren muß. Antwort, ob Sie mich empfangen können und wollen, bitte durch meinen Boten mündlich. Sie haben mir gestern einen so reizenden Brief geschrieben, daß Sie sich heute vergeblich bemühen würden, ein Pendant dazu zu liefern. Ihre – da Sie auf diesen Titel einiges Gewicht zu legen scheinen – Freundin (ganz ergebenste selbstverständlich) Becky Lombard.« \  »Ich will den Boten selber sprechen,« sagte der Graf, das Billet zusammenfaltend und, wie aus Zerstreuung, in die Brusttasche steckend; »wo ist er?« »Hält vor dem Schlosse, Herr Graf.« Er ging hinab, gefolgt von Peters, der unter leisem Kopfschütteln, die Augen wiederholt zur Decke des Treppenhauses aufhebend, sich selbst die Versicherung gab, daß er an der Geschichte keinen Anteil, am wenigsten eine Schuld habe. Unten am Fuß der Rampe stand Ernst, der zweite Reitknecht, neben seinem Pferde, die Kappe herunterreißend, sobald er des Grafen ansichtig wurde. Der Graf ließ sich dem Fräulein empfehlen und daß sie jederzeit willkommen sei. Er besah sich sehr eingehend den braunen Wallach; taxierte sein Alter auf fünf Jahre; erklärte ihn für ein kapitales Jagdpferd; fragte, ob das gnädige Fräulein ihn auch gelegentlich reite? und entließ den Mann mit der Weisung, das Tier bei der Hitze nicht abzujagen. Dann ging er, anstatt wieder zur Bibliothek hinauf, durch den großen unteren Flur und eine Hinterthür in den Park. Da schritt er gerade vor sich hin, bis er in den Haselnußgang gelangte, wo er sich vor jedem Späherauge gesichert wußte; nahm das Billet ans der Brusttasche, küßte es leidenschaftlich, um es, nachdem er es erst noch einmal, wie vorhin, mit den Blicken nur so überflogen, dann bedächtig gelesen, Silbe für Silbe, abermals zu küssen und wieder zu küssen, in immer sich steigernder Leidenschaft. * Es war fünf Minuten vor fünf, als der Graf, der, die Uhr in der Hand, an dem Fenster eines der Vorderzimmer stand, ihre Rappen in dem großen Hofthore rechts auftauchen sah. Eilig lief er die Treppe hinab und kam noch gerade zur Zeit, um sie, als der Kutscher die Pferde oben auf der Rampe vor dem Portal parierte, begrüßen zu können. Leicht sich auf seine dargebotene Hand stützend, schwang sie sich aus dem offenen Wagen. Sie war ganz in Weiß: ein Kleid aus weichem Wollstoff, das, eng anliegend, die wundervollen Formen des schlanken, elastischen Leibes nachzeichnen zu wollen schien. Unter dem breiten, reich garnierten Strohhut quoll das blauschwarze Haar in starken sich kräuselnden Wellen; ein lebhafteres Rot als sonst färbte die Wangen; aus dem lächelnden Gesicht strahlten die großen dunklen Augen. Der Graf war so berauscht von ihrer Schönheit, daß er nur verwirrte Worte stammeln konnte, während er sie über den unteren Flur die Treppe hinaufführte. »Ich habe nur diesen einen bewohnbaren Raum,« sagte er, als ihnen Peters die Thür zur Bibliothek öffnete. »Und mancher gäbe viel darum, wenn er einen solchen Raum hätte,« erwiderte Becky, sich in dem hohen, weiten Gemache umblickend. Sie trat sogleich an eines der Fenster. Vor ihr lag der Park im milden Licht des Spätnachmittages; etwas nach links in schicklicher Entfernung hob sich die Kapelle aus dem Grün der ihre grauen Mauern umwuchernden Sträucher. »Mein Gott! wie schön das ist!« sagte sie. »Wie furchtbar plebejisch kommt einem da seine banale Umgebung zu Hause vor!« »Schelten Sie mir nicht auf Ihr Haus und seine Umgebung!« sagte der Graf. »Ich habe da so glückliche, schöne Stunden verlebt.« »Wirklich?« sagte Becky, sich vom Fenster zu ihm wendend. »Denken Sie gern an Polchow zurück?« »Mein Gott! ich zehre ja nur von der Erinnerung!« »Aber das Zehren bekommt Ihnen vortrefflich.« Sie musterte ihn lächelnd von Kopf zu Fuß. Zum erstenmale fand sie an seiner Erscheinung wirkliches Wohlgefallen. Ein gelegentliches Wort ihres Vaters aus den ersten Krankheitstagen kam ihr in den Sinn: das ist ein Mensch, wie von Stahl: ganz Muskel und Sehne. Während der Krankheit hatte er den Bart wachsen lassen müssen, dessen stachliche Sprossen ihm schlecht genug gestanden. Wie er jetzt, bis auf den langen, nach den Seiten weit abstehenden Schnurrbart, rasiert war, sah sie erst, wie fein die Züge trotz ihrer vielleicht zu großen Schärfe. Ein adliges Gesicht, sagte sie bei sich. Der richtige Aristokrat. Sie wies auf den großen Tisch mit dem Lutherstuhl davor. »Und da arbeiten Sie?« »Wenn man es arbeiten nennen kann! Ich habe es in der Jugend nicht gelernt; und in meinen Jahren –« »Dreiunddreißig! Das imponiert mir mit meinen sechsundzwanzig doch nicht. Und Sie haben noch keine grauen Haare, wie ich. Ja, ja! sehen Sie!« Sie hatte den großen Hut abgenommen und hielt ihm ihren Kopf hin, so, daß das volle Licht durch die Fenster darauffiel. Er brauchte nicht hinzusehen: schon früher hatte er ein paar Fäden bemerkt, die sich lichter durch das tiefe Schwarze zogen. Dafür hätte er so gern den schönen Kopf in beide Hände genommen; das mit schalkischem Lächeln zu ihm aufschauende Gesicht mit Küssen bedeckt. »Eisgrau!« murmelte er. »Also renommieren Sie nicht wieder mit Ihrem Alter! Und das sind Ihre Lieblingsbücher? Darf man sie sehen?« »Sie würden lachen: ein paar Bände Memoiren und Walter Scott.« »O! Walter Scott! Seine Männer sind oft gut. Aber seine Frauen ohne Ausnahme insipid and lackadaisical .« »Sie wissen, ich verstehe kein Englisch.« »Dafür sprechen Sie ein vorzügliches Französisch. Wo haben Sie das nur gelernt?« »Ich war ein Jahr in Paris bei unserer Botschaft.« »Und das erfahre ich jetzt erst? Aus Ihnen wird man doch nie klug werden. Welchen Gesprächsstoff hätte das für uns gegeben! Sie wissen: ich war zwei Jahre dort – eine Studentin.« »Ja, wie kamen Sie nur darauf?« »Wunderliche Frage! Wie kamen Sie dazu, Offizier zu werden?« »Weil man mich mit zehn Jahren in die Kadettenanstalt gesteckt hat. Und auch wohl, weil meine Vorfahren sämtlich Soldaten gewesen sind.« »Wie meine Gelehrte. Es liegt eben im Blut. Aber wir plaudern uns hier fest; und haben noch ein so großes Programm zu absolvieren! Erst das Schloß, wenn es Ihnen recht ist!« »Lauter kahle Wände, gnädiges Fräulein!« »Gerade die will ich sehen. Tapeziererarbeit habe ich zu Hause genug. Wollen Sie?« Der Graf verbeugte sich schweigend und rief Peters, der auf dem Vorsaal Wache gestanden und nun vor ihnen herging, die Thüren zu öffnen. Dem Grafen war übel zu Mut. Er sagte sich, daß er lieber in eine Tod und Verderben speiende Batterie hineinreiten würde, als das schöne verwöhnte Mädchen durch die Armseligkeit der leeren großen Räume führen. Dennoch dankte er dem Himmel, der ihn davor bewahrt, ein paar davon mit Möbeln zu staffieren. Das wäre noch viel kläglicher gewesen. Sie fand die weiten Säle und saalartigen Zimmer nicht kläglich. Wenn sie sie sich vorstellte, ausgestattet mit all der Pracht, die da hineingehörte, im funkelnden Glanz der vergoldeten Thüren, Supraporten, Wände und Plafonds; im Strahlenlicht von Hunderten und Hunderten von Kerzen auf den Kronleuchtern und Kandelabern; durchwogt von einer geschmückten, vornehmen Gesellschaft, deren Königin sie war – ihr schöner Busen hob sich ungestüm; ihre dunklen Augen blitzten; sie wußte ihrer Bewunderung eines so groß gedachten, wahrhaft feudalen Baues so beredten, so schmeichelhaften Ausdruck zu geben – dem Grafen wurde immer leichter ums Herz. In ihre Phantasien einer möglichen Ausstattung flocht er Reminiscenzen an die, welche er selbst noch mit seinen Kinderaugen gesehen. Sie fand da einige wundervolle Motive, auf die sie von selbst nicht gekommen wäre; anderes erklärte sie für unbrauchbar, veraltet. Zuletzt gerieten sie, zu des schweigend, in respektvoller Entfernung zuhörenden Peters größter Verwunderung in einen förmlichen Streit, bis sie beide lachen mußten, und das Fräulein erklärte: sie wären richtige Kinder. Was Peters mit einem heimlichen grimmigen Lächeln bestätigte. Die Wanderung durch die vielen Räume hatte unter diesen Umständen lange gedauert. Als sie die Treppe hinabstiegen, deren grandiose Verhältnisse und reich ornamentierte Wangen aus massivem Eichenholz Becky höchlichst pries, dämmerte es bereits stark in der hohen weiten Halle, wo auf den Fliesen die Schritte wie in einer Kirche schallten. Im Park wurde es wieder licht, wenn es auch abendliche Lichter waren, die durch die Kronen der alten Eichen fluteten. »Sehen Sie, Graf,« sagte Becky, »das ist nun mein Ideal. Einer meiner Mädchenträume war: ich wollte mir, Gott weiß wie, einen wundervollen Park schaffen mit Fontänen in großen steinernen Becken und Marmorfiguren, Kiosken und alle dem; und eine hohe Mauer herumziehen; und das so stehen und liegen und verwildern und verwachsen lassen dreißig Jahre. Dann wollte ich kommen und in meinem Park spazieren gehen. Daß ich darüber zu Jahren gelangen würde, in denen mir die Sache vielleicht nicht mehr so lustig erscheinen möchte, bedachte ich nicht. Und, gestehe ich es nur: ein wenig melancholisch ist die Erfüllung meines Traumes. Aber daß ich ihn nun doch erfüllt sehen darf, dafür bin ich dankbar. Ihnen, der Sie ihn mir erfüllt haben.« Sie hatte, während sie so sprach, seinen Arm genommen; er blickte auf die wundervolle weiße Hand, von der sie den Handschuh abgezogen; von Zeit zu Zeit fühlte er ihre weiche Schulter die seine flüchtig berühren; ihr in das Gesicht zu sehen, wagte er nicht. Er wußte, daß er sie dann sofort an seine Brust reißen müsse. Und sie war gekommen im Vertrauen auf seine Ritterlichkeit, schutzlos! Sie mußte ihm heilig sein. Ein Hase sprang dicht vor ihren Füßen über den Weg. Becky lachte, daß es in diesem Revier sogar Wild gab. Der Graf hatte den Eindringling seit dem Frühjahr nicht wieder gesehen. Es erschreckte ihn fast, ihm gerade jetzt nochmals so unverhofft begegnen zu müssen. Ein böses Omen, wenn einem ein Hase über den Weg läuft. Noch dazu, wie dieser, von links. Dann erreicht man das nicht, wozu man ausgezogen ist. Aber was wollte er denn erreichen? Ihre süße Nähe. Die hatte er. Ein Mehr gab es nicht. Für ihn nicht. »Es ermüdet Sie,« sagte Becky. »Sollen wir umkehren?« »O, nein! o, nein!« bat er. »Verzeihen Sie meine Schweigsamkeit! Ich höre Sie so gern sprechen. Ich möchte nur immer zuhören.« Das ist sehr bequem, dachte Becky. Amüsant ist es gerade nicht. »Und ich freue mich wieder, wenn Sie sprechen,« sagte sie. »Der Sprechende muß immer, er mag wollen oder nicht, ein Stück von seinem Inneren geben. Und das Ihre ist mir noch bis zur Stunde ein Buch mit sieben Siegeln.« »O, mein Gott! mein Gott!« betete still der Graf. Sie waren bis zu dem Gitterthor hinten im Park gelangt. Der Graf mußte der Stunde denken, als es klirrend hinter ihm zuschlug; und er, dem Gewitter entgegen, seinen Weg in die Felder begann – der Weg, der dann für ihn unter der Weide am Rain sein Ende nahm. Der Weide, unter der sie ihn fand. Und ihn rettete. Zu einem Leben, das ohne sie ihm bitterer war als der Tod, den er damals mit eilenden Schritten hatte kommen sehen. Der Pavillon mit dem chinesischen Dach auf seinen vier gewundenen Eichensäulen machte Becky Spaß. Sie mußte durchaus hinauf, trotzdem sie der Graf vor der noch immer gefährlichen Treppe warnte. Oben in dem kleinen Raum mit seiner dumpfigen Luft lagen tote Fliegen auf den Fensterbrettern. Dem vermauserten Adler auf seiner Konsole hing der eine seiner ausgespannten Flügel nur noch an irgend einem Faden. »Graf! Graf!« rief Becky lachend. »Nehmen Sie sich daran ein warnendes Beispiel! Wenn Sie mir auch so die Flügel hängen lassen, sind wir geschiedene Leute.« »Scheiden werden wir doch einmal müssen,« sagte der Graf. »Warum?« fragte Becky. Der Graf antwortete nicht. Ihr »Warum« hatte so harmlos geklungen. Und ihm schlug das Herz bis in die Kehle! Er ist positiv langweilig, dachte Becky. Aber sie wollte, während sie durch den Park zurück nach der Kapelle gingen, das miserable Gefühl, von dem sie sich bedroht sah, nicht aufkommen lassen. Der Pistolenschießstand, an welchem sie vorüberkamen, bot ihr neuen Unterhaltungsstoff. Wie lange man brauche, um ein Aß aus der Karte schießen zu können, wenn man kein moderner Romanheld sei, der freilich mit der Kunst geboren werde? Ob der Graf ihr auf Polchow einen Schießstand einrichten wolle? Es sei da eine Lacüne in ihrer Bildung, die durchaus ausgefüllt werden müsse. Auch auf die Jagd würde sie schon gegangen sein; nur daß es ihr an einem Lehrmeister fehle. Herr von Plat habe sich schon wiederholt dazu erboten; aber das würde sich wohl nicht mit dem Respekt vertragen, der ihr als Gutsherrin zukomme. Was der Graf von Herrn von Plat halte? »Ich kenne ihn zu wenig, um mir ein Urteil erlauben zu dürfen,« erwiderte der Graf ausweichend. Sie waren zur Kapelle gelangt, an deren Thür Frau Peters stand und die Heranschreitenden mit tiefen Knixen empfing: in einem schwarzseidenen Kleide, das zwei Freiwillige aus Peters' Zuge ihr vor zehn Jahren geschenkt hatten, eine riesige rote Schleife, die der Graf scheußlich fand, an ihrem mehr als vollen Busen. Daß sie gekommen war, den Herrschaften die Kapelle aufzuschließen, konnte nur ein Vorwand sein: der Schlüssel stak stets im Schloß. In seiner weichen Stimmung wollte und konnte der Graf trotzdem die treue Seele nicht schelten; aber Becky war die Güte selbst. Sie freute sich die tapfere Hüterin des Schlosses wiederzusehen und schärfte ihr ein, für den Herrn Grafen vorläufig nur ganz leichte Sachen auf den Tisch zu bringen. Frau Peters versicherte dem gnädigen Fräulein unter immer tieferen Knixen, daß sie ihr Bestes thun wolle. Der Graf stand lächelnd dabei. Sie war so gut, wie schön. Und wie sie sich zu seinem Grundsatz bekannte: reserviert gegen Gleich- und Höherstehende; zuvorkommend gegen sie, die unter uns sind! Frau Peters war entlassen; sie traten in die Kapelle. Durch eines der schmalen hohen Bogenfenster fiel ein Streifen rötlichen Abendlichtes über den Altar auf das Bild der Madonna, das sich nun aus dem Halbdunkel wie in seliger Verklärung abhob. Sie blickten längere Zeit schweigend hinauf. Dem Grafen in seiner Ergriffenheit erschien das ihm so vertraute Bild wie ein liebliches, segenspendendes Wunder; Becky fragte sich, ob jetzt feierliches Schweigen das Schicklichere sei oder ob sie etwas sagen müsse. Sie entschied sich für das letztere. »Sie haben mir erlaubt, es zu kopieren,« begann sie leise; »und ich habe es versprochen. Bitte, geben Sie mir mein Versprechen zurück!« »Aber warum das?« fragte der Graf, ganz erschrocken. »Ich könnte sagen: ich finde, ich habe mir eine zu schwere Aufgabe gestellt. Das ist es nicht. Gerade die Schwere der Aufgabe würde mich reizen. Aber es soll Ihrer verstorbenen Mutter gleichen. Wäre das nicht, wäre es ein Bild, wie andere auch, und meine Arbeit mißlänge – was doch möglich ist – beleidigte ich schlimmsten Falles in Ihnen den Besitzer, der die verpfuschte Nachahmung eines ihm teuren Stückes in fremden Händen wissen soll. Wie es jetzt liegt, beleidigte ich den Sohn. Das möchte ich um alles nicht.« »Ich gebe Ihnen Ihr Versprechen nicht zurück!« rief der Graf erregt. »Unter keiner Bedingung!« »Wir wollen nicht miteinander rechten und streiten,« sagte Becky sanft; »die Heilige da möchte es nicht gern hören. Lassen Sie uns lieber noch schnell den Turm besteigen! Sie sagten vorhin, es sei der letzte Punkt Ihres Programms.« »Bitte, folgen Sie mir!« sagte der Graf. Sie stiegen die steinerne Wendeltreppe hinauf. Aber nicht die Steile der hier und da bröcklichen Stufen machte, daß dem Grafen das Herz schlug, als wollte es zerspringen. Er fühlte sich nur am Ende seiner moralischen Kraft. Und daß er, oben angelangt, vor ihr niederfallen und ihr seine Liebe bekennen müsse, auf die fürchterliche Gefahr hin, daß sie den Bettler von sich wies. Nun waren sie oben, aus dem Dunkel der Treppe in dem Abendlicht, das durch die dünnen gotischen Pfeiler der Galerie von allen Seiten auf sie eindrang; wie ein rötlicher Zauberschleier auf den Massen der alten Parkbäume lag und die ehrwürdige Fassade des Schlosses streifte, daß es wie in bengalischem Schein stand, aus dem hier und dort ein Fenster in blendenden Strahlen funkelte. Zwischen Schloß und Park war der Blick frei, weit, weit über grüngoldige Wiesen und die helleren Kornbreiten in dem matten Gelb der Topasen. In den milden Lüften kein Hauch. Um die Galerie herum, durch die weiche Stille, schossen Schwalben, einzeln jetzt, jetzt in kleinen, pfeilschnellen, zirpenden Scharen. Sie waren an die Brüstung herangetreten, nach der offenen Seite der Felder. Becky streifte den neben ihr Stehenden mit einem schnellen, spähenden Seitenblick. Er war tödlich blaß; sein Blick ganz starr; seine Lippen zuckten. Wenn er jetzt nicht spricht, dachte Becky, ist der Tag verloren; ist alles verloren. »Graf,« sagte sie, ohne ihre Stellung zu verändern, mit dumpfer Stimme. »Sie hassen mich; müssen mich hassen. Wie ich Sie hassen würde, wenn dies alles – all diese Herrlichkeit – meinen Vorfahren gehört hätte, jahrhundertelang; und gehörte nun Ihnen.« Es kam nicht sogleich eine Antwort. Dann hörte sie eine gepreßte Stimme dicht an ihrem Ohr: »Und wenn ich nun zu Ihnen sagte: Nehmen Sie das Wenige, das noch mir gehört! Nehmen Sie es als einen Tribut, aus Gnade, von einem, der nur zu wohl weiß, daß der unermeßliche Dank, den er Ihnen schuldet, damit um nichts verringert wird!« Sie wandte sich langsam und sah ihm voll in die Augen. »Ja!« sagte sie. »Ich nehme es. Unter einer Bedingung: daß Sie zu der Gabe den Geber fügen.« »Becky!« Es klang wie der Jubelschrei eines Menschen, der sich aus der Gefahr des Todes plötzlich gerettet sieht, nachdem er schon die letzte Hoffnung hat schwinden sehen. »Becky! geliebte Becky!« Er hatte sie mit den Armen umschlungen: sie lag an seiner Brust. Er küßte die weichen Lippen wieder und wieder. Er glaubte, vor Wonne vergehen zu müssen. * * * 11 Die Verlobung des Grafen Kurt Bassedow auf Schloß Selchow mit Fräulein Becky Lombard auf Polchow wurde sogar in Berlin kommentiert, wohin der Geheimrat, an befreundete Gelehrte, der Graf an frühere Regimentskameraden, die er nicht wohl übergehen konnte, Karten geschickt hatten. In den gelehrten Kreisen fand man, der alte Herr in Bonn habe, indem er sich für die Tochter und Erbin einen gräflichen Gemahl aussuchte, von seiner gewohnten Klugheit keinen Beweis gegeben: der Herr Graf werde mit den pommerschen Gütern, den westphälischen Bergwerken und so weiter bald genug tabula rasa machen. Im Offizierkasino war man im Gegenteil der Ansicht: die jüdische Dame – denn Becky heiße doch zweifellos auf deutsch Rebekka – brauche für ihre Groschens keine Sorge zu tragen: Bassedow habe immer verdammt genau gewußt, wie viel von der Sorte auf einen Thaler gehen. Selbst bei Hofe sprach man von der Sache. Die Bassedows waren ein zu altes Geschlecht, als daß man sich für den letzten des Stammes nicht hätte interessieren sollen. Zwar nicht sonderlich für den in seinem Regiment wenig beliebten Rittmeister, dem sein Vaurien von Vater das reiche Erbe durchgebracht hatte, wohl aber für den Großgrundbesitzer, dem noch dazu eine sichtbare Fügung des Himmels zu den identischen alten Bassedowschen Gütern verhalf, auf welchen letzteren Punkt der Kammerherr Baron Zarrentien, der, als Neuvorpommer, die Lage der Dinge da oben kennen mußte, mit Recht einen starken Accent legte. Man bedauerte freilich, daß die Dame eine Jüdin sei; wies aber die Bemerkung des wegen seiner scharfen Zunge berüchtigten Flügeladjutanten von Sylow: das sei doch schließlich keine mehr ganz unbekannte Methode, »sich in Verlegenheiten Luft zu machen«, als etwas stark frivol zurück. Die Angelegenheit spielte sogar auf die politische Sphäre hinüber. Die Opposition, welche Graf Szwykowski der Regierung auf staatlichem und kirchlichem Gebiet machte, hatte in letzter Zeit einen geradezu bedrohlichen Charakter angenommen. Mit Gewalt konnte und wollte man gegen den ebenso klugen wie mächtigen Grandseigneur nicht vorgehen. Vielleicht, daß sein Schwager Bassedow, der jetzt unbedingt in den Reichstag mußte, sich gegen ihn ausspielen ließ. Setzte nun schon in Berlin das merkwürdige Ereignis die Zungen in Bewegung, war es im zweimeiligen Umkreis von Selchow und Polchow das Tagesgespräch von Hoch und Niedrig. Im allgemeinen war die Stimmung sehr günstig. Von den Standesgenossen war es nur Graf Grieben-Griebenow, der »die Sache ridikül, um nicht zu sagen: lächerlich« fand. Aber man wußte, daß der alte Herr seiner Zeit in Polchow nicht angenommen worden war, und hielt ihm deshalb seinen Zorn zu gute. Becky hatte bei den Besuchen, die man sich während der Krankheit des Grafen hinüber und herüber abgestattet, wenigstens den Herren sehr wohl gefallen, was man von den Damen freilich nicht gleicherweise sagen konnte. Indessen eine Gräfin Bassedow durfte man unter keinen Umständen en bagatelle behandeln; und es stand ja zu hoffen, daß sie sich als solche »nach und nach die nötigen Allüren aneignen werde, die ihr jetzt allerdings noch in beklagenswerter Weise fehlten.« Lieschen von Bornfeld sagte: »Die Gänse!« In den Familien der kleineren Gutsbesitzer, Domänen- und Klostergutspächter, den Gaststuben der Wirtshäuser auf den Dörfern, selbst in dem Honoratioren-Zimmer bei Witte in Greifswald wurde in langen, eifrigen, nicht selten in offenen Zank und Streit ausartenden Debatten erörtert und berechnet, wie groß in Bausch und Bogen der Wert der fünf Güter mit ihren sehr bedeutenden Vorwerken sei, die dem Grafen Bassedow nun durch seine Heirat zufielen. Man einigte sich schließlich meistens auf drei Millionen, ein paar hunderttausend mehr oder weniger. Wobei man aber nicht vergessen wolle, daß die pommerschen Besitzungen nur einen, verhältnismäßig sogar kleinen Teil, von dem Vermögen des alten Geheimrats in Bonn ausmachten, das man am Rhein, wo man es doch wissen müsse, auf rund zwanzig Millionen schätze. Auf alle Fälle sei der Herr Graf »fein heraus«. Die kleinen und ganz kleinen Leute gaben der in Aussicht stehenden Heirat ihre ungeteilte Zustimmung. Jetzt komme die Sache wieder in Schick. Grafen Bassedows habe es im Lande gegeben, solange Menschen zurückdenken könnten. Der Schäfer Zander in Candelin behauptete sogar, sie seien älter als die preußischen Könige. Er habe freilich seine Fünfundneunzig auf dem Buckel; aber das sei am Ende doch zu weit gegangen, meinten andere. Immerhin, wenn man zu einem Grafen Bassedow: »Gnädiger Herr!« sage, so sei er ein gnädiger Herr. Wenn sich aber Fräulein Lombard »gnädiges Fräulein« schimpfen lasse – na! ein richtiges gnädiges Fräulein werde die dadurch noch lange nicht. * Mit der Versendung der Verlobungsanzeigen hatte man auf Wunsch des Grafen einige Tage gezögert. Er hielt dafür, daß zuvor an den Geheimrat in Bonn geschrieben werden müsse. Beckys Einwand, über den Ausfall dieser Antwort könne ja gar kein Zweifel bestehen, ließ er nicht gelten. Und wäre es nur eine Form – auch der Form müsse man Rechnung tragen. Becky berührte es seltsam, daß die Ansicht eines anderen mehr Geltung habe solle, als die ihre; aber ein etwas von der großen seelischen Erregung des Abends in Selchow, der mit der Scene auf der Galerie der Kapelle seinen Abschluß fand, zitterte noch in ihr nach und hieß sie den doch nicht leicht gewordenen Sieg mit Vorsicht ausbeuten. Dem Grafen hatte die Abfassung seines Briefes einige Mühe gekostet. Er mußte mehrere Ansätze machen, bevor er den rechten Ton gefunden zu haben glaubte: voll Ehrerbietung, wie sie sich einem würdigen Greise gegenüber ziemte; doch voll Bewußtsein des eigenen Wertes ohne Überhebung. Dann war da noch ein Punkt, der ihm schweres Kopfzerbrechen verursachte. Gestern hatte Becky zum erstenmal darauf angespielt, daß sie nicht Christin sei. Ganz flüchtig nur; absichtlich flüchtig, wie es ihm schien. Er war ihr dankbar dafür gewesen: so war doch endlich die wunderliche Ungewißheit gehoben, in der er sich die ganze Zeit hindurch über eine so gewichtige Frage befunden. Verfolgt hatte er die Sache weiter nicht. Wie sie zum Austrag kommen mußte, darüber konnte es ja keine Verschiedenheit der Ansichten geben. Ein anderes war es, ob es die Schicklichkeit nicht erfordere, gegen den Vater, der durchaus den Eindruck eines gläubigen Juden auf ihn gemacht hatte, die Angelegenheit wenigstens zu erwähnen. Nach längerem Besinnen stand er davon ab. Er wollte auch nicht den Anschein aufkommen lassen, als gäbe es für die Frage mehr als eine Möglichkeit der Lösung. Sein und Beckys Brief waren zugleich abgegangen; die Antworten des Geheimrats trafen zu derselben Zeit ein. Auf den Grafen machte die ihm zu teil gewordene den besten Eindruck. Der Geheimrat schrieb: es sei der große Wunsch seines Lebens gewesen, das einzige Kind, welches der Himmel ihm beschieden, glücklich zu sehen. Er hege nicht den mindesten Zweifel, daß dieser Wunsch nun in schönste Erfüllung gehen werde. Verstattet möge es ihm noch sein, hinzuzufügen, wie sehr es ihn freue, den Sohn in Zukunft auf denselben Gütern als Herrn zu wissen, die, wäre es nach ihm gegangen, niemals aus dem Besitz des Vaters gekommen wären. Der Graf fand diese Wendung von einer rührenden Feinheit. Becky sah darin eine Konzession, die sie ihrerseits nicht gemacht haben würde. Als ob sie die Güter zu Unrecht besessen hätten! Und sie jetzt zu dem rechtmäßigen Besitzer nach Gottes weisem Ratschluß zurückkehrten! Was sich nur der Vater dabei dachte, wenn er so etwas schrieb! Hatte er denn gar kein Verständnis für das Wort, das sie ihm an jenem Abend sagte, als sie ihn zum Mitwisser ihrer Absicht machte: sei überzeugt: ich werde die Herrin bleiben! Das behielt sie freilich für sich, als sie nun dem Verlobten vorlas, was der Vater ihr geschrieben. Der Brief war aus demselben Ton, nur noch herzlicher, weniger formell. Der Graf fragte, wer der Professor Rehfeld sei, an den der Papa eine Verlobungsanzeige geschickt wünschte? Und was es mit dem »Liebling« für eine Bewandtnis habe, den er, wenn er in acht Tagen komme, seine Glückwünsche persönlich darzubringen, auf Polchow vorzufinden hoffe? Er erfuhr, der Professor sei ein bevorzugter Schüler des Papas, der ihr als Student in Bonn leidenschaftliche Gedichte gemacht habe; der »Liebling« ein junges Dämchen in Greifswald, Tochter eines Professors, der nebenbei auch in der Krankheit des Grafen ein paarmal konsultiert worden sei; klein, zierlich, mit blauen, ins Grünliche schillernden Augen, die sich stets über alles wunderten; nicht übermäßig gescheit, aber eine gutes bescheidenes Kind, das ihnen sicherlich nicht beschwerlich fallen werde. Die in so nahe Aussicht gestellte Ankunft des Geheimrats brachte die Frage aufs Tapet, ob man mit den nötigen Besuchen in der Nachbarschaft bis dahin warten, oder sie noch vorher machen solle, um sich dem Vater, der voraussichtlich doch nur kurze Zeit bleiben werde, dann besser widmen zu können. Dabei ergab sich abermals eine Meinungsverschiedenheit, die Becky, trotzdem sie sich wiederum nichts merken ließ, sehr tief berührte. Sie hatte als selbstverständlich angenommen, daß diese Besuche in ihrer Equipage mit ihrem Kutscher und Diener gemacht werden würden, und mußte sich nun sagen lassen – wenn auch in der rücksichtsvollsten Weise mit den höflichsten Wendungen – es sei das nicht wohl angänglich. Er könne als Graf Bassedow bei seinen Standesgenossen mit seiner Braut nicht in deren Wagen, sondern nur in seinem eigenen und mit seinen eigenen Leuten vorfahren. Oder doch wenigstens in einem Wagen und mit Leuten, die von ihm bezahlt seien. Er habe so wie so die Absicht gehabt, jener Besuche wegen, die er ja für seine Person doch hätte machen müssen, eine voiture de remise aus Greifswald für ein paar Wochen nach Selchow kommen zu lassen. Sogar mit der Idee, sich zu einem Kammerdiener aufzuschwingen, habe er sich bereits getragen; und die wolle er jetzt auch ausführen, da sein braver Peters, je länger, je mehr, sich zu einem solchen Posten als völlig ungeeignet erweise. Die Sache lasse sich auf diese Weise ganz sicher in kürzester Frist arrangieren. Becky hätte gern erwidert, daß ihre Übung, in Mietwagen zu fahren, nur eine sehr geringe sei, und sie das ganze vorgeschlagene Arrangement für eine lächerliche Komödie halte, da später ja doch alles und jedes nicht aus des Herrn Grafen Bassedow, sondern aus ihrer Tasche bezahlt werden würde. Aber aus der Sache eine Kabinettsfrage zu machen, dazu war sie zu unbedeutend. Sie wollte ihre Kraft für eine große Gelegenheit aufsparen, die früher oder später kommen mußte. Mit einer Unbefangenheit, als verstehe es sich von selbst, und ein Widerspruch sei ausgeschlossen, setzte der Graf seine Absichten ins Werk. Peters besorgte aus Greifswald einen ganz stattlichen Landauer mit einem behäbigen Kutscher und zwei großen Füchsen, die einmal besser gewesen waren, aber sich noch immer gut machten. Auf eine Annonce in der Greifswalder Zeitung meldeten sich sechs Leute, unter denen einer in der Mitte der Vierzig, der nur bei vornehmen Herren gedient und vortreffliche Zeugnisse aufzuweisen hatte, als der geeignetste gewählt wurde. Wieprecht erhielt keine Livree, sondern zwei schickliche schwarze Kammerdieneranzüge, von denen er den einen außerhalb des Hauses, den anderen – mit Kniehosen und seidenen Strümpfen – beim Dienst im Hause zu tragen hatte. So war bereits nach wenigen Tagen alles in bester Ordnung für die Besuche, die denn auch alsbald angetreten wurden. * Dabei wurde Becky eine Beobachtung nicht erspart, die ihr eine Demütigung brachte, noch viel empfindlicher, als was sie bis dahin bereits in ihrer Seele heimlich hatte dulden müssen. Sie erinnerte sich sehr genau des Empfanges, der ihr in den verschiedenen Häusern zu teil geworden, als sie vor einigen Wochen mit ihrem Vater dieselben Besuche gemacht hatte. Sie war durchaus die Hauptperson gewesen; ihren Vater, dessen wissenschaftliche Bedeutung diese Leute natürlich nicht zu würdigen wußten, hatte man als anständige Begleitung und Zugabe aufgefaßt. Die Gespräche hatten sich allerdings vielfach um den Grafen gedreht, der in ihrem Hause krank lag; aber man hatte doch auch für sie persönlich ein lebhaftes Interesse gezeigt; die Damen hatten ihre Toilette bewundert, die Herren mit intimeren Komplimenten nicht gespart. Und jetzt war sie, jetzt kam sie als Braut des Grafen; da mußte sich doch die ihr gezollte Aufmerksamkeit verdoppeln! Das genaue Gegenteil trat ein. Alles Interesse konzentrierte sich auf den Grafen; sie kam sich mehr als einmal als gar nicht vorhanden vor. Welche Absichten der Graf für die Zukunft habe? Wie er sich das Leben einzurichten gedenke? Ob er im Winter einige Monate in Berlin leben und dann – selbstverständlich – zu Hof gehen werde? Natürlich habe er noch von früher dort eine Menge Verbindungen bis in die höchsten Kreise hinauf. Dergleichen könne selbst jemand in seiner gesellschaftlichen Stellung immer brauchen, besonders, wenn es sich um politische und Parteiinteressen handle, die man bekanntlich durch eine Unterhaltung tête-à-tête viel nachdrücklicher zu fördern vermöge, als durch die längsten Kammerreden. Die darum nicht ausgeschlossen seien! durchaus nicht! Man rechne sogar nach dieser Seite sehr stark auf ihn, der durchaus bei den nächsten Wahlen für den Reichstags kandidieren müsse. Die Partei brauche Männer, die sich durch das Geschrei des liberalen Janhagels nicht schrecken ließen und den Börsenjobbern kräftig auf die schmutzigen Finger klopften. Dann kamen persönliche Beziehungen an die Reihe: Sie kennen doch, Graf, den blonden Wimpfen von den ersten Dragonern? Das ist ein Bruder meiner Frau. Und den Major Breitenbach vom zweiten Garderegiment? Nein? Wie schade! Ein Vetter von mir. Bißchen sehr flott; aber ein ganz famoser Kerl. Werde mit Ihrer Erlaubnis dafür sorgen, daß er sich Ihnen gelegentlich vorstellt. Und dann gehen Sie mit ihm zu Dressel! Er komponiert Ihnen ein Menu, wie selbst Sie es noch nicht gegessen haben! Und sie, Becky, saß dabei und mochte zuhören! Es ist wahr, Kurt lenkte dann wohl das Gespräch auf sie, und man ging auch darauf ein. Aber offenbar nur aus Höflichkeit, und war bald wieder in dem alten Geleise. Nach ihrem Vater hatte sich auch nicht einer erkundigt. Er existierte augenscheinlich für diese Herrschaften nicht mehr! Was galt es ihr, daß Kurt hernach im Wagen ihre Hände mit Küssen bedeckte und ihr schwur, er liebe sie womöglich mit jedem Tage heißer, inniger? Es hatte sie nicht nach seinen Küssen, nicht nach seiner Liebe verlangt. Nach Triumphen, zu denen er ihr verhelfen sollte. Sie schien sich in dem Mittel vergriffen zu haben. Dies war entschieden das rechte nicht. Nur bei den Bornfelds auf Lassow fand sie die Aufnahme, die sie wünschte. Leider waren die Leute, als notorisch wenig wohlhabend, eigentlich of no consequence , und sie hatte sich vorgenommen, den Verkehr mit ihnen auf das eben Notwendige zu beschränken. Sie fand sie plötzlich hervorragend liebenswürdig und bat Lieschen, als die Herren gegangen waren, sich Bornfelds Kutschpferde anzusehen, um ihre Freundschaft, die ihr Lieschen unter wiederholten Küssen auf ewig zusicherte. Den Besuch bei dem alten Grafen Grieben hatte sie Kurt allein machen lassen, was dieser ganz in der Ordnung fand. Wiederum zu ihrem Ärger. Die Grieben waren weitaus die vornehmste Familie im Lande, oder rangierten wenigstens unmittelbar neben den Bassedows, die freilich älter waren, aber auch in ihrer besten Zeit niemals als so reich gegolten hatten. Sie hatte gehofft, Kurt werde sie bitten, die Rücksichtslosigkeit des alten Herrn, ohne die Gräfin bei ihr vorzufahren, freundlich zu vergessen. Nichts desgleichen. Kurt besaß offenbar kein Verständnis für ihre Situation. Oder die, welche er ihr schaffen sollte. Ihr zu schaffen verpflichtet war. * Aber was sie fast noch mehr empörte: sie glaubte zu bemerken, daß in ihrem eigenen Hause, vor ihren eigenen Leuten ihr Ansehen, anstatt sich zu heben, zu sinken begann. Man hatte es ihr nie an Respekt fehlen lassen; aber der, welchen man dem Grafen erwies, war doch ein anderer, tieferer, als habe man es nun mit dem wahren Herrn zu thun. Fuhr oder ritt sie mit ihm durch die Felder zu den Arbeitern, flogen die Mützen den Männern nur so von den Köpfen und die Weiber verzogen ihre breiten Lippen zu ganz besonders ehrfurchtsvollem Grinsen. Kam sie mit ihm in die Ställe, nahmen die Kutscher und Reitknechte sich zusammen, wie die Soldaten beim Salutieren der Offiziere; und ihr: Ja, Herr Graf! Nein, Herr Graf! Zu Befehl, Herr Graf! hatte einen ganz besonderen Klang unbedingten Gehorsams. Selbst aus dem Benehmen der beiden Inspektoren ihm gegenüber fühlte sie die achtungsvollere Nuance heraus. Daß Arndt seinen ehemaligen Rittmeister, vor dem er so oft gezittert haben mochte, als ein Wesen höherer Art betrachtete und sich selbst um ein paar Rangstufen höher gerückt glaubte, so oft er sich mit ihm an denselben Tisch setzen durfte, ließ sich allenfalls begreifen. Aber warum kam in Pasedags stumpfe Augen ein helleres Licht, wenn der Graf ihn nach diesem und jenem auf die Wirtschaft Bezüglichen fragte? warum konnte der sonst so Wortkarge dann ganz redselig werden und eine Menge Kenntnisse auskramen, ans denen er ihr gegenüber stets ein Geheimnis gemacht hatte? Und wäre es nur die größere Devotion gewesen – das hätte sie verstanden. Aber in dieser Devotion war eine Freudigkeit, Herzlichkeit, eine augenscheinliche persönliche Zuneigung, die man ihr nie bewiesen. Worin konnte das liegen? Sie brachte es nicht heraus. Einen Anspruch auf diese Zuneigung schien der Graf so wenig zu machen, wie sie selbst es je gethan. Seine Haltung war immer dieselbe höfliche, vornehm reservierte. Es mußte im Ton seiner Stimme liegen, wenn er stets zu bitten schien, und es doch auf die Menschen wie ein Befehl wirkte; in dem Blick seiner Augen, der immer so fest auf den Leuten ruhte, mit denen er sprach, und aus dem sie doch Gott weiß welch wohlwollende Freundlichkeit herauslasen. Wie dem auch sein mochte: während der Stunden, die er in Polchow zubrachte, war sie nicht mehr die Herrin, war er der Herr, In der Zwischenzeit mochte dann sie die Regentin spielen, der man nicht ihretwillen Ehrfurcht und Gehorsam zollt, sondern weil sie einen Höheren repräsentiert. * Und wenn nun zu allen diesen Demütigungen eine letzte kam, vor deren bloßer Möglichkeit sie ein Schauder erfaßte? Nach den ersten stürmischen Ergüssen war die Zärtlichkeit des Grafen in bestimmten Grenzen geblieben, wie die Wasser eines Stromes, der nach jähem Überschwellen in seine Ufer zurückgetreten ist. Sie hatte ihm dafür aufrichtigen Dank gewußt: ein Mehr nach dieser Seite hätte sie in die schlimmste Verlegenheit gesetzt. Ohne gewiß merkbare Affektation würde sie es nicht haben erwidern können; ja, Stolz und ein etwas in ihrer Natur hätten sie gezwungen, es abzulehnen. Sie hatte seinerzeit in Paris über diesen Punkt mit der ihr innig befreundeten Marie Baskirtscheff oft und eingehend gesprochen. Die beiden jungen Damen hatten sich dahin geeinigt, daß zwar die Sinnlichkeit in Bewunderung der Schönheit bis zur höchsten Ekstase sich steigern dürfe, sich in ihr aber auch erschöpfen müsse. Nur so sei es möglich, die Herrschaft über sich selbst zu bewahren, durch deren Besitz sich die vornehme Natur von der gemeinen unterscheide, für die es nur einer genügend starken Provokation bedürfe, um dies kostbarste Gut ruchlos preiszugeben. Und mit ihm die Anwartschaft und das Recht der Herrschaft über die anderen. Das aber sei der höchste Grad der Schmach: zum Sklaven derer zu werden, die von Haus aus unsere Sklaven seien. Und jetzt kamen für Becky Momente, in denen sie sich nicht wiedererkannte; Momente, in denen ihr Auge auf seiner schlanken sehnigen Gestalt mit einem Wohlgefallen ruhte, das Marie Baskirtscheff nicht mehr rein ästhetisch genannt haben würde; Momente, in denen sie ein unheimliches Gelüst in sich aufsteigen fühlte: er möge ihr anstatt der Hand, für die er eine Schwärmerei zu haben behauptete, die Lippen küssen. Dann aber, wo war hier das Ende der Selbsterniedrigung? Wie durfte sie andere beschuldigen, daß sie von ihr abfielen, um dem neuen Herrn zu huldigen, wenn sie nicht die Kraft hatte, sich selber treu zu bleiben? Sollte sie sich hier von Wladimir von Plat beschämen lassen? * Zwischen ihm und dem Grafen war das gespannte Verhältnis der ersten Tage geblieben. Nicht als ob ihn der Graf nicht höflich behandelt hatte, wie alle Welt. Aber in diese Höflichkeit mischte sich, wie Becky zu bemerken glaubte, eine geflissentliche Kühle und zur Schau getragene Gleichgültigkeit, die Wladimir zu erwidern sich bemühte, wenn auch mit entschiedenem äußeren Erfolge schon darum nicht, weil der Graf ihn um Haupteslänge überragte und so den Vorteil hatte, stets auf ihn herabsehen zu können. Dafür entschädigte er sich dann hinter dem Rücken jenes mit Bemerkungen über ihn, die harmlos genug klangen, für den Feinfühligeren aber ihre scharfe Spitze hatten. Er wagte dergleichen jetzt auch in Beckys Gegenwart; und er durfte es, weil sie sich augenscheinlich die Miene gab, es nicht zu bemerken. Ebensowenig wie die leidenschaftlich glühenden Blicke, mit denen er sie verschlang, so oft er sich unbeobachtet wußte, und gar die seltenen Male, wo sie sich allein befanden. Dann nahmen auch seine Worte eine Kühnheit an, die meinte er, sie nicht hätte dulden dürfen und nicht geduldet haben würde, wären ihr seine Huldigungen zuwider gewesen. Sie waren es also nicht; und der junge Mann fing an, sich in abenteuerlichen Plänen zu berauschen. Der Graf war arm, fast so arm, wie er selbst. Daß das schöne ehrgeizige Mädchen nur einen Adligen heiraten würde, und des Grafen Verdienst in ihren Augen hauptsächlich sein Adel war, stand für ihn fest. Nun, von Adel war auch er; und seine Mutter stammte direkt aus einer russischen Fürstenfamilie. Weshalb da nicht er so gut, wie dieser abgehauste Graf? O ja! wenn sie ihn geliebt hätte! Er wollte nicht Wladimir heißen, wenn das der Fall war! Sie hatten in Rußland ein Sprichwort: Im Glückshemd geboren. Eine Zigeunerin hatte ihm einmal gewahrsagt: er sei so einer. Bisher hatte er nicht viel davon verspürt; eher das Gegenteil. Aber wenn es jetzt kommen wollte, das Glück! Noch war es nicht zu spät. Zwischen Lipp und Kelchesrand kann so manches liegen, so manches sich ereignen. Und was in seinen Kräften stand, daß des Verhaßten Lippe den süßen Kelchesrand nicht berührte, das sollte redlich geschehen. Darauf mochte der Graf jede beliebige Portion Gift nehmen. * In der Stimmung der kleinen Polchower Gesellschaft lag es wie eine elektrische Spannung, für niemand empfindlicher als für Frau Krafft. Sie hatte alles kommen sehen; darauf schwören mögen, daß es kommen würde. Nun war es da. Für keinen zum Heil. Sie konnte sich von der Überzeugung nicht losmachen, wie eifrig sie auch an ihr sanguinisches Temperament appellierte und an ihre Überzeugung, daß die Erwachsenen auch nur große Kinder seien und man an ihren Dummheiten nicht mehr Anstoß nehmen dürfe, als an denen der Kinder. Ja, wenn es bei Dummheiten bleibt! Aber wenn das kopflose Gesindel direkt in sein Verderben läuft! Hier stand die Gefahr vor der Thür; glotzte schon herein mit ihren häßlichen, wüsten Augen! Diese beiden Menschen paßten zu einander wie die Faust aufs Auge: sie hochmütig wie Lucifer, mit einem Herzen, das überhaupt gar keins war; er, der wohl eins hatte, aber es ganz gewiß immer von seinem Stolze beherrschen lassen würde. Er, verliebt, wie die Männer sind, hatte keine Ahnung davon, wie die Dinge in Wirklichkeit lagen; sie, die nicht liebte und nicht lieben konnte, wußte es genau. Oder glaubte es zu wissen und irrte sich sehr wahrscheinlich. Glaubte ihn unter ihre Füße bringen zu können und würde sich eines Tages gewaltig wundern, wenn sich herausstellte, daß er doch der Stärkere war. Eigentlich hatte er es ja bei jeder der kleinen bisherigen Differenzen bewiesen, und Becky mußte in ihrer Weise doch auch blind sein, wenn es ihr entgangen war. Noch ganz neuerdings. Die Verlobten waren wiederholt stundenlang in Selchow gewesen, fast immer in ihrer Begleitung, da man ihr Gutachten über die Einrichtung der Wirtschaftsräume, die jetzt in das Erdgeschoß eines der Flügel des Schlosses verlegt werden sollten, zu vernehmen wünschte. Dabei war es nicht geblieben: man hatte auch ihre Ansicht über die schickliche Einteilung der Gesellschaftszimmer, deren Dekoration wissen wollen; und was denn noch sonst in endlosen Debatten erörtert wurde. Alles eigentlich zwecklos, da man täglich einen renommierten Architekten erwartete, den man sich aus Berlin verschrieben hatte, und dessen Geschmack, Erfahrung und Geschick schließlich den Ausschlag geben mußten. Es war alles noch leidlich gegangen, bis der Graf plötzlich mit der ihm eigenen höflichen Bestimmtheit erklärte, Becky überall freies Spiel zu lassen, die Bibliothek aber und zwei daranstoßende Gemächer – in dem einen hatte er bis jetzt geschlafen – als seine speciellen Wohnräume einrichten zu wollen, und zwar – wie er deutlich zu verstehen gab – auf seine Kosten. Becky war bei dieser Proposition unheimlich bleich geworden, und Frau Krafft hatte einen Ausbruch befürchtet, der glücklicherweise erst kam, als die beiden Damen nach der Rückfahrt des Abends im Salon in Polchow allein waren. Da hatte Becky dem aufgesammelten Zorn freien Lauf gegeben und Ausdrücke gebraucht, die sie in ihrem Munde nie für möglich gehalten. Natürlich hatte sie nun zum Guten geredet: das sei nun einmal Männerart. Alle seien sie Kleinigkeitskrämer. Ihr verstorbener Mann sei das reine Lamm Gottes gewesen; aber wehe dem, der ihm an seinem Schreibtisch eine Feder, einen Bleistift, eine Siegellackstange verrückt hätte! Dann wäre aus dem Lamm ein Löwe am Kap geworden. Das schade gar nichts. Im Gegenteil! Lasse man sie in solchen Bagatellen gewähren, könne man sie bei wichtigen Dingen um den Finger wickeln. »Aber es wird grauenhaft! Er hat ja keinen Geschmack! Nicht die Spur!« »Das kann doch wohl nicht sein, gnädiges Fräulein; oder er würde Sie nicht so grenzenlos bewundern.« Worauf dann das gnädige Fräulein höhnisch gelächelt und etwas durch die Zähne gemurmelt hatte, was sie lieber nicht gehört haben wollte. Ja, es stand schlimm, sehr schlimm. Solche schlimme Lagen werden manchmal besser durch die Dazwischenkunft anderer Elemente. Manchmal noch schlechter. Es hängt von den Leuten ab. Der kluge, alte prächtige Geheimrat, das liebe, harmlose, freundliche Ännchen – das waren vielleicht die Rechten. In zwei Tagen. So lange würde es ja wohl noch halten. * * * 12 Der Geheimrat und Ännchen waren an demselben Tage gekommen; Frau Krafft atmete auf. Ännchen hatte recht: wenn der Geheimrat da ist, scheint die Sonne heller. Wer hätte auch seiner Liebenswürdigkeit widerstehen können? der milden Freundlichkeit seines Wesens, die man so leicht für persönliche Schmeichelei nahm, und die doch nur der natürliche Ausdruck seines wohlwollenden Herzens war? seiner Rede, die unerschöpflich quoll und doch wieder unter Umständen so klug zu schweigen wußte? So triumphierte Frau Krafft und freute sich im stillen der behaglicheren Stimmung, die mit dem alten Herrn in das Haus gezogen war, und des offenbar vortrefflichen Verhältnisses, das sich sofort zwischen ihm und dem Grafen herausgestellt hatte. Zwar behandelten sie einander mit einer ceremoniellen Höflichkeit, die in Anbetracht des nahen Verhältnisses, in welches die beiden jetzt getreten waren, ein wenig übertrieben schien; nannten sich unweigerlich »Herr Graf« und »Herr Geheimrat«; aber vielleicht gehörte das dazu. Jedenfalls that es der Achtung keinen Eintrag, mit der einer zu dem anderen, einer von dem anderen sprach. Und auch ihr liebes Ännchen erfüllte die Hoffnungen, die sie auf sie gesetzt, als ein braves Mädchen. Ihr fröhliches Lachen, ihre munteren Augen waren eine Erquickung, für die freilich niemand so dankbar war wie der Geheimrat, der sich fortwährend mit ihr auf das lustigste neckte, wie mit einem lieben Enkelkinde. Auch wurde jetzt wieder Musik gemacht, die während der ganzen letzten Zeit geschwiegen hatte. Ännchen sang mit ihrer süßen Stimme ihre kleinen Lieder oder mußte dem Geheimrat seine Lieblingsstücke spielen: aus dem Tannhäuser, der Walküre, Beethovensche, Schubertsche Sonaten. Der Graf sagte: ihr Singen sei ihm wie das der Vögel in seinem Selchower Park; und wenn er auch einräumte, daß er von der großen Musik nichts verstehe, hörte er doch andächtig zu mit halbgeschlossenen Augen, die er nur zuweilen öffnete, um Becky anzulächeln. Sie erwiderte das wohl, aber Frau Krafft meinte, ihr Lächeln habe stets etwas Gezwungenes. Ganz war die Spannung aus der Atmosphäre denn doch nicht gewichen. Ob es in der größeren Gesellschaft der Fall sein würde, die sich plötzlich – im Verlauf weniger Tage – in dem Hause zusammenfand? * Zuerst war Professor Rehfeld gekommen. Er hatte zum Herbst eine der Hauptprofessuren seines Faches in Berlin angenommen; die Vorlesungen in Erlangen aber schon jetzt abgebrochen, weil er die Neueinrichtungen persönlich überwachen mußte, die auf seinen Wunsch in dem Berliner Institut vorgenommen werden sollten. Von Berlin hatte er zu seiner Erholung einen Abstecher nach Rügen machen wollen; in Greifswald aber erfahren, daß sein verehrter Freund und Lehrer in der unmittelbaren Nähe auf Polchow bei seiner Tochter weile; und dem Verlangen nicht widerstehen können, ihn zu begrüßen und Becky zu ihrer Verlobung zu gratulieren. Becky hatte über sein Kommen eine Freude an den Tag gelegt, die Frau Krafft, welche ungefähr wußte, wie es mit den beiden vordem gestanden, etwas stark übertrieben vorkam. Dann war, längst herbeigewünscht und erwartet, der Architekt eingetroffen: Herr Loßberg, ein noch jüngerer, sehr eleganter Mann von gefälligen Umgangsformen, wie Becky wiederholt in seiner Abwesenheit, aber in des Grafen Gegenwart versicherte mit einer Beflissenheit, die wiederum Frau Krafft mindestens überflüssig schien, da jeder die Entdeckung auch ohne das machte. Herr Loßberg wurde ebenfalls in Polchow einquartiert. Im Selchower Schloß gab es keine Gastzimmer; und die Entfernung zwischen den beiden Gütern spielte keine Rolle. Stand doch eine von Beckys Equipagen stets zur Verfügung, und der Graf hatte noch immer seinen Greifswalder Mietwagen. Herr Loßberg fuhr meistens nach dem Frühstück hinüber und kam mit dem Grafen zum Diner zurück, das – für ländliche Verhältnisse etwas spät – um sechs Uhr stattfand, damit die Herren drüben für ihre Arbeiten die nötige Zeit hätten. Beckys Interesse an der Schloßeinrichtung äußerte sich nur noch gelegentlich; auch an die Kopie der Madonna wurde nicht mehr gedacht. Ihr ganzes Interesse schien sie auf ihre Gäste zu konzentrieren. Es war, als ob sie deren nicht genug haben könne. Doktor Erich Krafft hatte kaum auf Polchow einen Besuch gemacht, um ein paar Stunden mit seiner Mutter zu verbringen und sich dem Geheimrat, besonders auch Professor Rehfeld vorzustellen, der sich lebhaft für ihn interessierte, als Becky fand, daß es mit der kurzen Visite unmöglich abgethan sein könne und der Doktor unbedingt auf längere Zeit herüber kommen müsse. Erich sagte mit Freuden zu und meldete sich bereits am folgenden Tage – nun als Logierbesuch. Alle freuten sich der Erscheinung des blonden jungen Recken mit den großen blauen leuchtenden Augen seiner Mutter, der sich nicht nur mit dem Geheimrat streng wissenschaftlich unterhalten, sondern auch vortrefflich Klavier spielen konnte, über einen umfangreichen, höchst wohllautenden Bariton verfügte und zu jedem Scherz allezeit aufgelegt war. Nur seine Mutter, so lieb sie ihren großen Jungen hatte, schüttelte heimlich den Kopf. Diese, Beckys sonstigen Gewohnheiten völlig widersprechende Sucht, sich mit einer großen Gesellschaft zu umgeben, immer neue Menschen heranzuziehen, mißfiel ihr durchaus. Und sie erschrak ernstlich, als Becky bereits nach wenigen Tagen abermals einen Gast heranschleppte, obgleich es ein bildhübsches, schlankes, braunäugiges Mädchen war: Fräulein Josephine Sarosch, Tochter eines jüdischen Rechtsanwalts in Greifswald. Becky kannte die Familie, da der Rechtsanwalt schon immer ihre juridischen Interessen vertreten hatte und man ihn jetzt mit der Abfassung des Ehekontraktes betrauen wollte. Als sie gestern, Einkäufe zu machen, in der Stadt gewesen war, hatte sie auch in dem Saroschschen Hause vorgesprochen und Josephine ihr wieder einmal so gefallen, daß sie durchaus die junge Dame mit nach Polchow nehmen mußte. So versammelte denn die Mittagstafel jetzt für gewöhnlich nicht weniger als zwölf Personen, von denen, wollte man auch den Geheimrat und den Grafen nicht mitrechnen, fünf wirkliche Gäste waren. Frau Krafft, auf der die ganze Last der Wirtschaft lag, hatte vom frühen Morgen bis in den späten Abend zu schaffen. An den gesellschaftlichen Vergnügungen konnte sie kaum einen Anteil nehmen; selbst die Erholung eines abendlichen Plauderstündchens mit ihrem lieben Ännchen hatte sie sich noch nicht einmal gönnen können. Aber ihre großen Augen hatte sie trotzdem weit offen und sah mit ihnen so ziemlich alles, was um sie herum vorging. Worunter denn so manches war, was ihrer Lachlust ergiebigen Stoff geboten hätte, wäre da nicht anderes gewesen, das den Frohsinn ihrer Seele in trüben Ernst verkehrte. * Das schönste Sommerwetter begünstigte den Aufenthalt im Freien, der denn auch von der Gesellschaft gründlich ausgekostet wurde. Die prächtigen Gartenanlagen mit ihren schattenspendenden Bosketts, den in Blumenschmuck herrlich prangenden Beeten, den sorgsam gepflegten glatten Wegen luden zum Spazierengehen und Herumschlendern ein. Für weitere Ausflüge nach dem nahen Süderholz, einem ausgedehnten Walde hochstämmiger Tannen, dem etwas entfernteren Norderholz, in welchem Buchen und Erlen vorherrschten, standen die Wagen stets bereit. Da jeder der beiden Wälder seine besonderen Reize und ebenso in der Gesellschaft Liebhaber hatte und man sich doch nicht trennen wollte, wurde für den einen oder den anderen die Wahl durch das Los getroffen. Es fiel so oft auf das Süderholz, daß die Bewunderer des Norderholzes behaupteten: dies gehe nicht mit rechten Dingen zu, es müsse Mogelei im Spiel sein. Und dann lenke sich der Verdacht auf den Professor Rehfeld und Ännchen, die notorisch für den Tannenwald schwärmten, weil er ihnen die bessere Gelegenheit biete, sich zum scheinbaren Zweck des Erdbeerensammelns von der Gesellschaft zu absentieren. Bei solchen Neckereien pflegte Ännchen sehr rot zu werden und in großen Zorn zu geraten; der Professor ertrug sie mit bestem Humor. Seine einstige glühende Leidenschaft für Becky hatte freilich wieder aufflammen wollen, als er sie jetzt wiedersah. Das hatte doch eigentlich nur ein paar Stunden gewährt. Die inzwischen verflossenen Jahre hatten ihn längst zum Manne gereift; er sah sie nun mit anderen Augen; und sie war ja auch eine andere geworden: aus dem Mädchen von sechzehn eines von sechsundzwanzig, noch immer wundersam schön, aber von einer Schönheit, die ihn nicht mehr berauschte, eher erkaltete. Oder hatten damals schon ihre Augen diesen starren, weltfremden Blick gehabt, der ihn an ein bedeutendes Wort Homers erinnerte: daß die Augen der Götter nicht blinken könnten? damals schon ihr Lächeln diesen hochmütigen Ausdruck? ihre Stimme diesen seltsamen, sein Ohr befremdenden halb müden, halb aufgeregten Klang? Nein! sie möchte einmal eine ganz leidliche Gräfin abgeben; als Professorenfrau wäre sie unleidlich, unmöglich gewesen. Und nun hatten sich, wie durch den vollkommenen Gegensatz magnetisch angezogen, seine Augen von der unheimlichen Schönheit Beckys zu der freundlichen Erscheinung Ännchens gewandt. Schön fand er sie gerade nicht – aber er wußte, daß er selbst für seine Häßlichkeit sprichwörtlich war. Geistreich ebensowenig – er glaubte in diesem Punkte die Kosten der ehelichen Campagne selbst tragen zu können. Daß Kollege Guttmann in Greifswald Schätze, die Rost und Motten fressen konnten, nicht besaß, war ihm nicht unbekannt. Dafür stammte er aus einem mehr als wohlhabenden Hause, und auch ohne das war durch die Stellung in Berlin seine Zukunft völlig gesichert. So denn hatte er beschlossen, daß Ännchen Guttmann, die in ihrer holden Unschuld den Lilien auf dem Felde und in ihrer naiven Sorglosigkeit den Vögeln glich, die nicht säen und ernten, noch in die Scheunen sammeln, seine Frau werden müsse. Ännchen ihrerseits hatte freilich ihrer mütterlichen Freundin im Vertrauen mitgeteilt: der Professor Rehfeld sei der häßlichste Mann, den sie im Leben gesehen, was sie aber in keiner Weise hinderte, an seiner Gesellschaft und Unterhaltung großen Geschmack zu finden, bis sich die beiden den Spitznamen der Inséparables redlich verdient hatten. Der Geheimrat erklärte, eine solche Treulosigkeit nicht für möglich gehalten zu haben und sich genötigt zu sehen, Goethescher Weisheit die Ehre gebend, »ein für allemal zu resignieren«. Niemand war deshalb verwundert, als auf einem Ausfluge nach ihrem geliebten Süderholz die Inséparables, die wieder einmal Erdbeeren suchen gegangen waren, von der Gesellschaft längere Zeit unisono vergeblich gerufen, endlich Hand in Hand zwischen den mächtigen Stämmen hervortraten und sich als Verlobte vorstellten. * Ein zweites Paar hatte seine Absichten besser zu verbergen gewußt: Frau Kraffts reckenhafter blonder Sohn und das schlanke, dunkeläugige Greifswalder Advokatenkind. Nur den Mutteraugen waren die heißen Blicke nicht entgangen, die sie miteinander austauschten, sobald sie es verstohlen thun zu können glaubten, und der seltsame Umstand, daß die beiden auf den abendlichen Spaziergängen sich unweigerlich zusammenfanden. Sie hatte sich die Sache nach allen Seiten überlegt und war zu dem Entschluß gekommen, das keimende Verhältnis zwar nicht zu begünstigen, ihm aber auch nicht hinderlich zu sein. Die Schönheit und das anmutige Wesen des jungen Mädchens hatten es auch ihr angethan; sie sagte bei sich: ich kann es dem Jungen nicht verdenken. Er war freilich noch reichlich jung, ihr Junge; aber geheiratet brauchte ja so bald nicht zu werden: in ein paar Jahren, wenn die Assistentenstelle, die Professor Rehfeld ihm an seinem neuen Institut angeboten, zu Ende ging und er Dozent wurde oder richtig in die Praxis kam. Ein unverheirateter junger Arzt hat immer einen schweren Stand. Ihr Junge war in jeder Hinsicht ein tüchtiger Mensch; weshalb sollten ihm Josephinens sehr wohlhabende Eltern die Tochter verweigern? * Es war am Abend der Verlobung Rehfelds und Ännchens. Die Nachmittagspartie nach dem Süderholz, unter dessen Tannen sie sich gefunden, war so früh beendigt gewesen, daß auf den Wunsch des Geheimrats und des liebenden Pärchens noch ein Wagen in die Stadt geschickt werden konnte, der die Eltern nach Polchow brachte. Das um eine Stunde hinausgeschobene Diner war sehr glänzend und sehr heiter verlaufen. Des Champagners hatte man nicht geschont. Die drei Professoren hatten geredet, einer immer besser als der andere. Jetzt waren Guttmanns auf dem Rückwege nach der Stadt, wohin ihnen die Verlobten morgen folgen sollten. Die Mondscheinnacht war zu schön, und die Gemüter zu erregt, als daß man hätte zu Bett gehen mögen. Der Graf wollte für die Nacht in Polchow bleiben, wie er es ausnahmsweise manchmal that. Man saß plaudernd auf der Terrasse, stieg auch wohl die Stufen hinab und promenierte um den Schwanenteich, auch weiter in die Gartengänge. Frau Krafft, die ihr mühsames Tagewerk hinter sich hatte, war aus den Wirtschaftsräumen, wo sie ihre letzten Anordnungen getroffen, ebenfalls in den Garten gegangen, wo sie in den vom Hause entfernten Partien auf und nieder wandelte, den etwas heißen Kopf kühlend und ihren Gedanken nachhängend, die wieder einmal den »Kindern« galten, deren Verhalten heut abend bei Tisch ihren Verdacht zur Gewißheit gebracht hatte. Wie der Junge sie mit den Augen verschlang, daß er darüber essen und trinken vergaß! Na, und ihre Augen! schön sind sie. Das weiß Gott. Wenn ich der Junge wäre – Frau Krafft mußte, den unmöglichen Fall ruhig zu überlegen, sich auf ein Bänkchen setzen, das in der Tiefe des nicht eben breiten Buchenganges stand, der in seiner ganzen Länge vom Mond hell beschienen war. Sie hatte das kaum gethan, als sie, in der Richtung vom Schwanenteich her, ein Paar in den Gang treten sah, das sie im ersten Moment für ihren Erich und die schöne Josephine hielt, aber im zweiten als Professor Rehfeld und Ännchen erkannte. Na, da wollte sie nicht stören. Und ein bißchen ärgerlich war sie auf ihr liebes Ännchen doch, daß sie das kleine Herzchen an den Professor weggegeben hatte, ohne die alte Freundin auch nur einmal zu fragen. Ihr Geschmack war der gelehrte Herr eigentlich nicht. Bemerkt von den beiden konnte sie noch nicht sein: sie waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Und die Bank stand in dem schmalen, aber tiefen Schlagschatten der Laubwand. Einer Regung folgend, die ihr selbst etwas wunderlich vorkam, war sie in das dichte Gebüsch geschlüpft, durch welches man nach wenigen Schritten auf eine kleine Wiese gelangte, über die, parallel mit dem Laubgange, ein Pfad zu den Wirtschaftsgebäuden führte. Eine Minute später saßen Professor Rehfeld und Ännchen auf der Bank. Er hatte den linken Arm um den zarten Leib seiner Braut geschlungen; sie lehnte den Kopf an seine Schulter. »O, wie schön ist es hier!« »Ein Stück Sommernachtstraum. Geliebtes Mädchen!« »Liebst du mich wirklich?« »Professoren dürfen nur die Wahrheit sagen. Das bringt ihr Metier mit sich.« »Dann sage mir: warum du mich liebst!« »Kind, das ist eine Doktorfrage.« »Was ist das?« »Eine Professortochter und weiß das nicht! Eine Doktorfrage ist, worauf der Examinator den Examinanden reinfallen läßt und der Ärmste reinfallen muß, weil er selbst sie nicht beantworten könnte, wenn man sie ihm vorlegte. Weißt du denn, warum du mich liebst?« »O ja! Weil du ein so guter und kluger Mann bist.« »Wollen mal annehmen, ich wäre es. Aber wenn ein Mädchen alle guten und klugen Männer, die ihr über den Weg laufen, lieben wollte, hätte sie ein bißchen viel zu thun. ergo : das ist keine Erklärung, jedenfalls kein zureichender Grund. Sieh, Kind, mit der Liebe ist es wie mit gewissen Sätzen der Mathematik, die man Grundsätze nennt, weil sie einem jeden ohne Beweis einleuchten. Zum Beispiel: jede Größe ist sich selbst gleich. So kann man in der Liebe auch nur sagen: ich liebe dich, weil ich dich liebe.« Und der Professor zog das geliebte Mädchen noch näher an sich und küßte es herzhaft. »Was hast du?« fragte er, als er fühlte, daß Ännchen seine Zärtlichkeit nur lau erwiderte. »Ach, nichts!« »Du hast etwas. Heraus mit der Sprache!« »Willst du mir auch ehrlich antworten?« »Das wird ja ganz feierlich. Also: was ist es?« »Hast du Becky nicht einmal geliebt?« Der Professor lachte ein etwas gezwungenes Lachen. »Wenn ich das nicht gedacht habe!« »Du lachst mich immer aus, wenn ich einmal etwas ernsthaft frage. Das ist gar nicht hübsch von dir.« »Du hast recht: es ist nicht hübsch von mir und soll nicht wieder geschehen. Aber wie kommst du nur darauf?« »Ach, Papa hat einmal – als wir uns noch nicht kannten – so was angedeutet. Er hat es wohl von dem alten Geheimrat– sie sind ja so gute Freunde! Und als du kamst – in den ersten Tagen –, da hattest du nur Augen für sie – denkst du, das hätte ich nicht gesehen? Und überhaupt, ich meine: sie ist so wunderschön, daß jeder Mann sich in sie verlieben muß. Noch dazu vor zehn oder zwölf Jahren, als du in Bonn Assistenzarzt auf der Klinik bei dem Geheimrat warst und gewiß täglich in das Haus kamst, und sie womöglich noch schöner gewesen ist als heute.« »Da hätten wir ja den famosesten Indicienbeweis,« sagte der Professor. »Sieh! sieh! Dieser kleine Staatsanwalt! Na, ich sehe schon: Winkelzüge machen nützt hier nichts. Also sanft und keck, wie der junge Edelknecht in Schillers Taucher: Ja, ich habe Becky Lombard geliebt – ganz furchtbar. Und einen dicken Stoß Gedichte auf sie gemacht – die waren noch viel furchtbarer. Und wenn sie mich damals hätte haben wollen, hätte ich sie mit Wonne geheiratet. Das versteht sich. Und wäre jetzt der unglücklichste Mann unter der Sonne. Notabene: wenn wir noch beisammen wären, was aber äußerst unwahrscheinlich ist. Tausend gegen eins: wir hätten uns längst adieu gesagt – auf Nimmerwiedersehen.« Der Professor hatte seine Absicht, die Sache scherzhaft zu nehmen, doch nicht ganz durchführen können. Der erregte Ton, in welchem er die letzten Worte gesprochen, verriet es zu deutlich. Für Ännchen bedurfte es nicht mehr, um sich sofort ihrer eifersüchtigen Regung zu schämen und in Mitleid für ihre angebetete Freundin aufzugehen. »Ach, Emil, wie unglücklich muß sie sein, wenn du meinst, daß sie nicht einmal mit dir hätte glücklich werden können!« »Danke für das Kompliment,« sagte der Professor, ihr die Hand küssend. »Mit mir nicht glücklich zu werden, wäre allerdings das non plus ultra von Verstocktheit. Hier liegt der Fall freilich so, daß Becky Lombard mit keinem Mann glücklich werden kann, er sei auch, wer er sei.« »Das wäre ja schrecklich!« »Freilich ist es das, aber es ist leider so. Das dunkle Gefühl habe ich immer gehabt; der Aufenthalt hier hat mich vollends überzeugt: die unglückselige Anlage – die Anlage zur Unglückseligkeit, die sie wohl mit auf die Welt gebracht, und der verzwickte Gang, den ihre Bildung genommen, so schauerlich begünstigt hat, ist inzwischen zur Perfektion gediehen.« »Aber wieso denn? warum denn?« rief Ännchen. »Sie ist doch so klug! Und sie ist immer so gut zu mir gewesen!« »Weil du, ihr nirgend im Wege standest, liebes Kind. Stell dich ihr in den Weg und sieh zu, was dann geschieht! In welchen Weg, wirst du fragen. Ja, das ist schwer zu sagen. Vermutlich kann sie sich selbst keine Rechenschaft davon geben. So viel ist sicher: nun und nimmer wird sie jemand über sich dulden. Der bloße Gedanke, es könnte einer den Anspruch darauf erheben – und selbst das ist nicht einmal nötig: nur die Vorstellung der Möglichkeit, es könnte ihr jemand über den Kopf wachsen, ihr dominieren, ihren Eigenwillen brechen, sie in ihrer Selbstherrlichkeit demütigen, bringt sie außer sich. Das ausgeprägteste Bild und Beispiel der Krankheit unserer Zeit, in der die alten Götter gestorben sind und der Mensch, weil er einmal ohne einen Gott nicht leben kann, sich selbst dafür nimmt. Bis der Fall, der hinter dem Hochmut kommt, eintritt und natürlich um so tiefer ist, je höher die Verstiegenheit war. Unsere Irrenhäuser –« Er brach plötzlich ab. Wie steckte ihm der Professor doch im Leibe! Wie durfte er dem guten, harmlosen Kinde von so tristen Dingen sprechen! Aber er war bereits zu weit gegangen. »Ach, sage doch nur so was nicht!« rief Ännchen. »Davon hat auch schon der Papa einmal mit der Mama gesprochen. Er wußte nicht, daß ich im Nebenzimmer war und alles hörte. Nein, nein! daran glaube ich nicht.« »Und hast vielleicht recht,« sagte der Professor einlenkend. »Specialisten, wie dein Vater, sehen immer schwarz. Übrigens pflegt das Unglück nur solche zu treffen, die bei der Rechnung ihr im Grunde gutes und weiches Herz vergessen hatten. Die keines haben, dafür aber eiserne Willenskraft, die gelangen endlich etwa nach St. Helena, aber nicht nach Bedlam. So möchte ich denn, Becky hätte keins. Das heißt: eigentlich spreche ich es ihr ab; aber es kommt vor, daß einer es sich selbst abspricht und es in einem sehr ungelegenen Augenblicke entdeckt, was sehr böse, verhängnisvolle Folgen für ihn haben kann. – Komm, Kind, wir müssen zurück; wir dürfen mit unserem Verlobtenprivileg keinen Mißbrauch treiben. Es fängt auch an, kühl zu werden; und du bist leicht gekleidet.« Er hatte sie von der Bank mit sich emporgezogen. »Wenn du sagst, sie kann mit keinem Mann glücklich werden,« begann Ännchen von neuem, »kann sie's doch auch mit dem Grafen nicht. Und er nicht mit ihr.« »Liebes Kind, von allen Geschäften, die nicht rentieren, ist das unrentabelste, sich die Köpfe anderer Leute zu zerbrechen. Helfen kann da keiner. Und dann – Glück! Das ist so relativ. Wobei der eine verhungern würde, lebt der andere ganz –« Schon die letzten Worte der sich langsam Entfernenden hatte Frau Krafft undeutlich gehört; jetzt vernahm sie nur noch ein Gemurmel, das dann vollends verstummte. Sie war, nachdem sie kaum zwei Schritte in das Boskett hineingethan, an einem Dornbusch mit ihrem Kleide hängen geblieben. Während sie sich mühte, es loszulösen, ohne es zu zerreißen, war das Brautpaar bis zur Bank gelangt und hatte sein Gespräch fortgesetzt. Nun war es zu spät gewesen: sobald sie sich rührte, hätte sie sich verraten. Da hatte sie denn, halb ärgerlich, halb amüsiert über die ihr aufgezwungene Rolle des Lauschers an der Wand, still gehalten, erleichtert aufatmend, als die mißliche Situation endlich ein Ende nahm und sie sich frei machen durfte. Von allem, was die Liebesleute gesprochen, hatte sie nur der Schluß schmerzlich interessiert. Ja, ja! Helfen konnte da keiner. Und auch darin Hatte der Professor recht: es kann furchtbar werden, wenn einer sein Herz im ungelegenen Augenblicke entdeckt. Aber auch ohne das war das Unglück groß genug. Für beide; und der Graf war noch mehr zu bedauern als sie. Da konnte nur eines Rettung bringen: sie, die nie hätten zusammenkommen sollen, trennten sich, je eher, je lieber. Und das wollte sie ihr sagen bei nächster Gelegenheit, mochte sie es nehmen, wie sie wollte. So sinnend, grübelnd, schweren Herzens schritt Frau Krafft den mondbeschienenen Weg, den sie gekommen war, durch den schweigenden Park zurück. * Als die Liebenden wieder zur Terrasse kamen fanden sie die Gesellschaft im Aufbruch. Der Geheimrat empfahl sich allerseits; die beiden jungen Mädchen huschten hinter ihm her, Arm in Arm; Professor Rehfeld, Erich und der Architekt machten ihre Verbeugungen; der Graf war im Begriff, ihnen zu folgen. »Du willst auch schon fort?« sagte Becky. »Ich dachte, wir gingen alle,« erwiderte der Graf. »Offen gestanden: ich habe eine starke Migräne.« »Hast du die nicht immer, wenn wir anderen ausnahmsweise einmal miteinander vergnügt sind?« »Verzeihe, wenn ich diese Bemerkung nicht ganz so korrekt finde, wie ich es sonst an dir gewohnt bin!« Der Graf hatte ihr die Hand geküßt und verschwand in der offenen Thür zum Salon, aus dem das Licht der Lampen über Becky fiel, die unbeweglich stand, düster vor sich hinstarrend. Auf der Terrasse hinter ihr regte es sich – die Diener jedenfalls, die aufzuräumen kamen. Plötzlich fühlte sie sich von hinten an der herabhängenden Hand ergriffen und sah, sich wendend, Wladimir, auf den Knien liegend, die Hand, die er festhielt, mit Küssen bedeckend. »Sind Sie toll geworden?« »Ich bin es längst!« murmelte er. »Ich liebe Sie! tausendmal mehr als der andere. Jetzt können Sie mich fortjagen.« Er war aufgesprungen und stürzte durch den Salon davon. Becky blickte ihm nach. Ein höhnisches Lächeln krauste ihre Lippen. Wenn sie den gegen den anderen ausspielte! Die Schmach, sich den windigen Gesellen vorgezogen zu sehen, den er offenbar so tief verachtete, würde ihn treffen mitten ins stolze Herz. Sie hatte sich in einen der herumstehenden Lehnsessel geworfen und brütete vor sich hin. »Den würde ich beherrschen; er würde mein Sklave sein. Nur daß es sich solcher Herrschaft nicht verlohnt; nur daß solche Sklaven zu billig sind. Und welcher Mann ist denn wert, daß man ihn unterjocht! Wie oft habe ich das Thema mit Marie durchsprochen! Wie geschwisterlich fanden sich unsere Seelen in derselben Überzeugung! Elende Sklaven sie alle; Sklaven ihrer Sinnlichkeit, Sklaven ihrer Eitelkeit, Sklaven der Vorurteile, mit denen sie groß gezogen, des Standes, in den sie hineingeboren, des Amtes, in das sie zufällig geraten sind! Keiner von ihnen wagt, er selbst zu sein; keiner glaubt ehrlich an sich selbst. Jeder spielt Komödie, wo er geht und steht; wägt seine Worte, kontrolliert seine Mienen, seine Haltung, schielt nach dem anderen, ob der gewünschte Eindruck auch nicht ausbleibt, wie der andere wieder nach ihm schielt! Schamlose Betrüger, einer wie der andere! Rehfeld! ›Ein Israelit, in dem kein Falsch; der, wie treu in allem, so auch in der Liebe.‹ Ist es nicht zum Lachen? Dieser Mensch hat mich angebetet, hat geschworen: ich sei das einzige Weib auf Erden, für das man leben und sterben dürfe; und er müsse sterben, wenn ich ihn nicht erhörte – jetzt wagt er vor meinen Augen, sich in ein Ännchen zu verlieben, diese Puppe, diese Alltagsphrase, diese personificierte Banalität! Das brächte der Graf nicht fertig; der nicht. Er würde nach mir nie eine andere lieben. Manche würde sich damit begnügen. Ich kann es nicht. Nein! und tausendmal nein! Er oder ich! Hier ist der Kampf, den Mann und Weib gekämpft, seitdem es Menschen giebt. Hier ist die Entscheidung: ist er der Mann der Männer – wohl, so will ich – nein! so bin ich das Weib der Weiber. Ich will es ihm, ich will es der Welt beweisen. Eine Königin hätte es leichter als die Enkelin des armen Rabbiners. Gleichviel! um so glänzender ist der Beweis. Und ich werde ihn führen, mein Herr Graf. Ich werde ihn führen. Ich werde – Plötzlich vor ihrem inneren Auge – deutlich wie eben noch vor ihrem leiblichen – stand er, den sie im Geist unter ihre Füße trat: hoch aufgerichtet mit dem kummervollen Blick der klaren Augen, sehr blaß, während sonst das Gesicht die gewohnte vornehme Ruhe bewahrte, trübe lächelnd, als sie sich jetzt an seine Brust warf, ihn mit beiden Armen umschlingend: Verzeihe mir! Ich muß dir ja wehe thun, weil ich mich nur so vor meiner Liebe retten – Die Vision war verschwunden. Sie wollte lachen über das tolle Bild. Es kam nur zu einem krampfhaften Zucken ihrer Mundwinkel. Ein kalter Schauer rieselte ihr den Rücken hinab. Es ist die Nachtkühle, murmelte sie. Ich werde mich erkälten – Aber sie stand nicht auf. Sie saß so weiter, vor sich hinbrütend. Wenn das jemand wüßte – wenn es wirklich so weit käme – aber das kann es ja nicht – ich müßte vorher wahnsinnig – oder würde es hinterher – »Sollen wir mit dem Lampenauslöschen noch warten, gnädiges Fräulein?« Es war einer von den beiden Dienern, die im Speisesaal abgeräumt hatten, und jetzt durch den Salon auf die Terrasse gekommen waren, verwundert, die Gnädige, die sie längst mit der übrigen Gesellschaft zu Bett glaubten, dort noch sitzend zu finden. Es waren schon ein paar Minuten verstrichen, seitdem sie da gestanden, wartend, daß die Gnädige aufbrechen würde. Endlich hatte sich Karl das Herz gefaßt und war an sie herangetreten. Sie richtete den Kopf empor und starrte den Mann so seltsam an, daß er unwillkürlich einen Schritt zurückwich; strich sich ein paarmal über die Stirn, blickte um sich, als müßte sie sich besinnen, wo sie sei; erhob sich und schritt zwischen den beiden Leuten davon, hoch aufgerichtet, sehr blaß, mit zuckenden Lippen, und Augen, die trotz der halbgesenkten Lider unheimlich funkelten. »Das war aber kurios,« sagte Karl. Philipp zuckte gleichmütig die Achseln. »Du, ich glaube: sie schnappt noch mal über.« »Habe ich schon lange gedacht.« * Auf sein Zimmer gelangt, begann der Graf mit großen Schritten auf und ab zu gehen, von Zeit zu Zeit: »Ruhig! ruhig!« zu sich sagend, in demselben Tone, in welchem er sonst zu seinem Chargepferd Robin gesprochen, der ein ganz vernünftiges Tier gewesen war, dann aber auch einmal recht bedenkliche Mucken hatte. Durfte er sich das bieten lassen? Und der Ton, in dem sie es gesagt! und der Blick dazu! und die Hand, die sich so zögernd, so kühl, so gleichgültig in die seine legte, als er nach ihr griff! Immer Migräne? Zum Donnerwetter, wann hatte er denn vorher welche gehabt? Nicht ein einziges Mal! Wie konnte sie so etwas behaupten? Und heute abend hatte er wirklich Migräne; oder, wenn es keine war, so wußte er doch keinen anderen Namen für dieses niederträchtige, katzenjämmerliche Gefühl, als ob man schlechten Sekt getrunken; als ob – ah! Er blieb stehen; machte dann ein paar kürzere Schritte und blieb wieder stehen. Vielleicht hatte sie auch etwas ganz anderes gemeint mit ihrem »immer Migräne«. Gemeint, daß er sich nicht genug zusammennehme; sich zu deutlich merken lasse, wie unbehaglich er sich in dieser Gesellschaft fühle; wie grausam er sich bei diesen Gesprächen langweile! Aber, zum Henker, wie sollte er sich denn nicht langweilen, wenn sie fortwährend über Dinge sprachen, von denen er kein Sterbenswort verstand! Erbliche Belastung! Na, da wußte man doch noch ungefähr, wo und wie, wenn die vielen gelehrten Namen auch sehr überflüssig waren. Aber zum Beispiel heute abend eine geschlagene Stunde lang – Ibsen! Er hatte von dem Kerl nie ein Stück gesehen, nie eine Zeile gelesen. Immer nur gehört, er sei ein völlig verdrehter Knopf und bodenlos unmoralisch dazu. Was ging es ihn an? Und ob »Wildente« – oder wie das Zeugs hieß – ein Fortschritt oder Rückschritt sei? Was ging diese Herren es an? Sie waren doch Mediziner, Doktoren, Professoren. Weshalb bekümmerten sie sich um die Litteratur, um das Theater, als ob sie auf der Gotteswelt weiter nichts zu thun hätten? Um tausend andere Dinge, die nicht in ihr Fach schlugen: Politik, Nationalökonomie – weiß der Teufel, was alles. Und konnten darüber sprechen wie ein Buch! Und sich streiten, daß sie faktisch rote Köpfe bekamen! Nicht die blasse Bohne verstand er von dem ganzen Kram. Aber hatte er denn das jemals prätendiert? Nicht immer gesagt, er sei ein einfacher Soldat – rien de plus ? Wie konnte sie denn plötzlich verlangen, daß ihm diese Sachen Spaß machten! er keine Langeweile dabei empfand? und man ihm die Langeweile von dem Gesichte absah? Er war in einer Gesellschaft, in die er nicht gehörte – voilà tout ! Aber sie gehörte hinein! Das war die andere Seite von der Medaille. Sie lebte und webte in diesen Dingen; fühlte sich wohlig in dieser Umgebung, bei diesen Gesprächen, gerade so, wie eine Offizierdame unter Offizieren, wenn die ihre Angelegenheiten verhandeln. Dann mußte er sich doch bei Gott fragen: welche wirkliche Gemeinschaft, gegenseitiges Verständnis, Interesse, oder wie man es nennen wollte, existierte zwischen ihr und ihm? Wie war auf die Dauer ein behagliches Zusammenleben möglich zwischen zwei Personen, von denen die Gedanken der einen nach rechts marschierten, die der anderen nach links, so daß die Distance mit jedem Tage größer werden mußte? War da das einzig richtige Commando nicht: embarquement ! wie damals in Ouchy? Er ließ sich in die Ecke des Sofas fallen und stierte in die Flammen der beiden Wachskerzen, die auf dem Tische brannten und sich in dem leisen Nachtzug, der durch das offene Fenster vom Garten hereinkam, hin und her bewegten. O ja! wenn er sie nicht so geliebt hätte! nicht noch so grenzenlos liebte! Daß er nicht mehr der Kurt Bassedow von früher; daß er ihr Sklave war, mit dem sie machen konnte, was sie wollte! Und sie mußte ihn doch auch einmal geliebt haben! Welchen Grund in der Welt hätte die Millionärin gehabt, sich den armen Teufel auszusuchen? Und ein Mädchen wie sie, das ist doch keine Wetterfahne! Ja, ja! es konnte nicht anders sein: sie zürnte ihm, weil er sich nicht wohl fühlte unter ihren Leuten! Mit einem Ruck fuhr er in die Höhe, vom Sofa auf. Aber es war doch so, und das Hin- und Herlaufen änderte nichts daran: unter ihren Leuten! den Leuten des Stammes, dessen Kind sie war, dessen Sprache sie sprach, dessen Gedanken und Empfindungen ihre Gedanken und Empfindungen waren; gerade, wie ihre Schönheit! Sie war viel, viel schöner als Josephine Sarosch – gewiß! Aber war es nicht derselbe Typ? dieselbe Farbe des Haares und der Augen? dieselbe, leis ins Gelbliche spielende Elfenbeinfarbe des Teints? dieselben satten Körperformen? dieselben vollen roten Lippen? Er hatte in Paris einmal, wahrscheinlich durch den Titel angelockt, Michelets l'amour gelesen. Das Buch hatte ihn gründlich gelangweilt. Nur eines war ihm im Gedächtnis geblieben, weil er darüber hatte lachen müssen, und gerade an dies eine mußte er sich jetzt erinnern. Der Autor riet den jungen Leuten, die sich in eine Ausländerin verliebt hatten und sie für ein Phänomen und Unikum hielten, schleunig in die Heimat der Schönen zu reisen. Da würden sie finden, daß Hunderte von Mädchen dieselben göttlichen schwarzen oder blauen Augen hätten; dieselbe anmutige Sprechweise, dieselben Gesten und Bewegungen; und alles, was er für individuell gehalten und als solches bewundert und angebetet, Eigentum der Rasse sei. Hier der jüdischen. Er hatte sie nie gekannt, die Rasse; jetzt hatte er sie kennen gelernt: ihre Weiber und Männer. Der alte Geheimrat! Na ja! er war in seiner Weise wirklich ein vortrefflicher Herr, wenn er auch den Typ nicht ganz verleugnen konnte. Aber dieser Professor Rehfeld! Auch ein grundgelehrter Herr, aber konnte es etwas Häßlicheres geben! Und das hübsche, nette Ding, das Ännchen, sollte sich in den Menschen verliebt haben? Pah! Der Mann war eine glänzende Partie für das arme Professorenkind. So? Und arme Grafen? Was thun die? Es war schon zum Verrücktwerden. Einen Freund! einen Freund, gegen den man sich hätte aussprechen können! Die Last heruntersprechen können, die nun schon tagelang, wochenlang auf das Herz drückte! Aber er hatte ja nie einen gehabt, außer etwa den Herzog. Und der hatte ihn verlassen, vergessen. Loßberg? Er war ein Gentlemann zweifellos; hatte sich in viel guter Gesellschaft bewegt; Reserveoffizier obendrein. Aber nicht von Adel, nicht seinesgleichen; würde ihn mit dem besten Willen nicht verstehen; und er sich ganz zwecklos eine fürchterliche Blöße gegeben haben. Nein! Dies mußte er mit sich allein auskämpfen. Wie noch alles in seinem Leben. Der Nachtwind hatte sich stärker erhoben; die Flammen der Kerzen flackerten her und hin. Er trat an das Fenster, es zu schließen. Dunkel breitete sich unter ihm der Garten. Jenseits des Gartens über der schwarzen Linie des Tannenholzes war ein einziger lichter Punkt. Es konnte nur das Kreuz auf seiner Kapelle sein, das ein Streifen des Mondes traf, der unsichtbar links über dem Walde stand. Den Grafen durchschauerte es. War es ein Gruß seiner geliebten toten Mutter? Wollte ihm die Heilige sagen, daß sie bei ihm stehen wolle in seiner Not? Und er niemals etwas thun werde oder über sich ergehen lassen, was ihres Sohnes unwürdig wäre? Der lichte Punkt war erloschen. Leise schloß er das Fenster. * * * 13 Am nächsten Morgen, gleich nach dem Kaffee, war der Graf mit dem Architekten nach Selchow gefahren; Herr Loßberg, um vor acht Tagen nicht wieder auf Polchow zu erscheinen. Er war mit den Vorarbeiten so weit fertig und wollte nun in Berlin die Schar der Dekorateure, Kunstmöbelhändler, Tapezierer mobil machen. Nach dem Frühstück brach die übrige Gesellschaft auf. Professor Guttmann war, diesmal in eigenem Gefährt, gekommen, die Verlobten abzuholen. Frau Krafft sollte in einer von Beckys Equipagen Fräulein Sarosch in die Stadt geleiten; zu ihnen stieg Erich in den Wagen. Der Bahnzug, den der Geheimrat benutzen mußte, ging erst vier Uhr nachmittags von Greifswald. So hatte er noch ein paar Stunden Zeit. Es war ihm lieb. Er meinte, er dürfe nicht fort, ohne mit Becky die Aussprache gehabt zu haben, zu der sich in diesen letzten bewegten Tagen eine Gelegenheit nicht hatte finden wollen. Der alte Mann war tief bekümmert. Er hatte in längeren Konferenzen mit Rechtsanwalt Sarosch und dem Grafen das Geschäftliche geordnet. Es sollte zwischen den Gatten Gütergemeinschaft sein; der Überlebende den anderen beerben. Im Falle von Nachkommenschaft waren für jedes Neugeborene dreihunderttausend Mark in der Reichsbank zu deponieren und den Mädchen auszuzahlen in ihrem achtzehnten, den Söhnen in ihrem einundzwanzigsten Jahre. Becky hatte zu allem ihre Zustimmung gegeben. Es war wie eine wohlgedeckte Tafel, zu der nur noch die Gäste fehlten. Würden sie kommen? Der alte Mann hatte sich in diesen Tagen die Frage hundertmal vorgelegt. Becky allein konnte sie endgültig beantworten. Sie war ihm ausgewichen, so oft er die Gelegenheit gesucht hatte; und wich ihm jetzt in den letzten Stunden wiederum aus. Sie hatte sich in ihr Arbeitskabinett eingeschlossen. Der Vater möge sie auf eine Stunde entschuldigen: sie habe notwendig zu arbeiten. Stunde auf Stunde verrann; sie kam nicht wieder zum Vorschein. Der Wagen, der ihn zur Stadt bringen sollte, wurde bereits aus der Remise geschoben. Seine Geduld war erschöpft. Er suchte sie in ihrem Kabinett auf. »Du mußt doch nicht schon fort?« »Allerdings; es ist drei Uhr.« »Wie die Zeit vergeht! Dann, lebe wohl!« »Lebe wohl, mein Kind! Natürlich komme ich zur Hochzeit. Du hast sie auf den ersten August festgesetzt?« »Ich glaube.« »Wie das: ich glaube?« »Ich weiß es wirklich nicht bestimmt. Ich werde wohl irgend einen Tag genannt haben. Es kann ebenso gut der erste August gewesen sein wie ein anderer.« »Das heißt, wenn ich es recht verstehe: du weißt überhaupt nicht, ob du den Grafen heiraten wirst?« »Da dürftest du das Richtige getroffen haben.« »Und du glaubst, er werde das so ruhig hinnehmen?« »Ich bin nicht seine Sklavin.« »Aber du hast ihm dein Wort gegeben. Sein Wort pflegt man zu halten – unter anständigen Menschen.« »Nicht aus diesem Ton, Vater! Ich bitte!« »Aus welchem sonst soll ich mit dir sprechen! Die Vaterstimme dringt ja nicht zu deinem Herzen! Rebekka, geliebtes Kind! Noch einmal – zum letztenmal! Ich bitte, ich flehe dich an! Dein alter Vater fleht dich an: renne nicht in dein Verderben!« Er hatte die Hände, in deren einer er schon den Reisehut hielt, zu ihr erhoben; sie stand, an ihren Schreibtisch gelehnt, finster grollend. »Ich liebe ihn nicht,« murmelte sie. »Es gab eine Zeit, wo du nicht an Liebe glaubtest, sie wenigstens in der Ehe für überflüssig erklärtest. Wenn du jetzt anderen Sinnes bist, so freue ich mich darüber von ganzer Seele. Liebst du ihn nicht – er liebt dich; liebt dich leidenschaftlich; und sei überzeugt: du wirst ihn lieben lernen. Er ist ein edler Mensch, in dem nichts Kleines und Gemeines ist. Du wirst, wenn nicht vor seinem Geist, so vor seinem Charakter Ehrfurcht lernen.« »Natürlich! Was bei ihm Charakter heißt, nennt man bei mir Eigenwille, Trotz. Gut denn. Trotz ist auch ein harter Stein. Zwei harte Steine mahlen schlecht.« »Jawohl! Und euer Glück wird es sein, das zwischen ihnen zermahlen wird.« »Dann hat es so kommen sollen.« »In unserer Brust, sagt Schiller, sind unsers Schicksals Sterne.« »Er war ein Idealist und Phantast. Was wußte er von der realen Welt!« »Unter anderem, daß die böse Saat böse Früchte trägt.« »Dergleichen hätte er Darwin überlassen sollen; der verstand sich besser darauf.« Der Geheimrat hörte den Wagen vorfahren. Es mußte geschieden sein, und – er hatte nichts erreicht! »Versprich mir wenigstens das eine: wenn die Religionsfrage zur Sprache kommt – sie ist ja das einzige, das so weit unerledigt ist: sei konziliant!« »Du kennst mein Programm: dem Bittenden vielleicht Gewährung; dem Fordernden ein schroffes Nein.« »Dann ist es das Ende.« »Möglich.« »So denn: du willst nicht hören. Wie wir auch sind: wir stehen in Gottes Hand. Möge er dich nicht fühlen lassen, was du nicht hören willst!« Becky geleitete den Vater zum Wagen, an dem sein alter Kammerdiener stand, der ihn auf allen Reisen begleitete. Er hob den Herrn hinein und nahm ihm gegenüber auf dem Rücksitz Platz, indem er ihm zugleich eine leichte Decke über die Knie legte. Der alte Mann reichte der Tochter aus dem Wagen heraus die kleine weiße Hand. Die Rappen zogen an. Der Wagen rollte die niedrige Rampe herab, über den Hof, zum Hofthor hinaus. Der Graf hatte im Laufe des Nachmittags Herrn Loßberg nach Greifswald begleitet und die Gelegenheit benutzt, auf der Post nach Briefen für sich zu fragen. Kamen doch in letzter Zeit häufiger welche: fast durchgängig Geschäftsbriefe, Preiskurante, Reklamen. Es hatte sich bereits in den Berliner betreffenden Kreisen herumgesprochen, daß Loßberg für ein Schloß in Pommern Arbeiten für ein Paar Hunderttausend zu vergeben habe; und man bemühte sich darum. Dergleichen war auch heute wieder in größerer Zahl da. Aber auch ein Brief, mit einem kleinen Petschaftssiegel – augenscheinlich von einem Ringe – verschlossen und dem Vermerk: »Herzogliche Angelegenheit«. Der Poststempel »Berlin« hatte den Grafen für den Augenblick stutzig gemacht. Indessen, warum sollte der Herzog – sein Herzog – nicht auch von Berlin an ihn schreiben oder schreiben lassen? Es war ein eigenhändiger Brief. Der Graf las ihn noch in der Halle des Postgebäudes und las ihn noch einmal, während sein Wagen nach Selchow zurückrollte: \  ### »Mein lieber Graf Bassedow! Ich bin in Ihrer Schuld. Zwar den Brief vom 25. Mai, durch welchen Sie die Liebenswürdigkeit hatten, mir Ihre Verlobung anzuzeigen, habe ich beantwortet; aber in dem Drang der Verhältnisse – ich hatte wieder einmal das Haus voller Gäste – und sehr prätentiöser dazu – nicht mit der Ausführlichkeit und, ich fürchte, nicht mit dem Ausdruck der Wärme des Interesses, welches ich stets, wie Sie wissen, an Ihnen und allem, was Sie betrifft, genommen habe. Dann war da aber auch noch ein Dilemma, in welchem ich mich Ihnen gegenüber befand, das mich intriguierte, weil ich ihm nicht beizukommen wußte, und dessen glückliche Lösung ich nun von diesen Zeilen erwarte. Ich komme zur Sache mit dem Freimut, den Sie bei mir gewohnt sind. Als wir beide Kameraden in demselben Regiment waren und über die Zukunft sprachen, in welcher ich nach dem Ableben meines Onkels zur Regierung gelangen und Sie durch die Verschwendung Ihres Vaters depossediert sein würden, sagte ich – und es war stets der Refrain –: dann kommen Sie zu mir! Als nun alles, wie vorausgesehen, eintraf; Sie sogar beinahe das ganze kleine gerettete Vermögen einbüßten – ich hatte mein Wort wahrhaftig nicht vergessen; jetzt war die Zeit, es einzulösen, und – es muß schon gesagt werden – ich war zu arm, es einlösen zu können. Wie sollte ich Sie plazieren? Ein Staatsmann sind Sie nicht (liegt auch gar nicht auf Ihrer Linie); eine Armee habe ich nicht. Ich hätte Sie also an meinen Hof nehmen müssen: der Sache mußte doch irgend ein Name gegeben werden. Da aber gab es nur eine Stellung, die ich einem Grafen Bassedow anständigerweise anbieten durfte: die des Ober-Hofmarschalls. Und sehen Sie, lieber Graf, da liegt der Hase im Pfeffer: ich bin in meinen Mitteln so kläglich beschränkt, daß mein Ober-Hofmarschall sich nicht besser (eher noch ein wenig schlechter) steht als ein preußischer Regierungsrat. Dabei soll und muß er repräsentieren, ein Haus machen können. Und sintemalen ich nun wieder einen Ober-Hofmarschall haben soll und muß, und ich ihn nicht dotieren kann, wie es sich ziemte, so ist – Sie werden es mir zugeben – die einfache Logik, daß er kein armer Mann sein darf; oder er führt ein Leben voller Verlegenheiten, das Sie, der skrupulöseste aller Menschen, nicht eine Woche ertragen würden. Sehen Sie, lieber Graf, so mußte ich in den sehr unadligen Verdacht geraten, meines gegebenen Wortes nicht eingedenk zu sein; und – ich mußte den Freund entbehren. Das eine war so schlimm wie das andere; nur daß ich das letztere vielleicht noch schmerzlicher empfand. Man sagt: Fürsten können keine Freunde haben. Es mag etwas Wahres daran sein; völlig wahr ist es sicher nicht. Helfen Sie mir, das zu beweisen! Es wäre in der That ein Freundschaftsdienst. Sie können sich ihn jetzt leisten. Ich denke mir die Sache so: Sie werden nicht immer auf dem Lande leben wollen. Da Sie, wie ich Sie taxiere und Sie mir zum Überfluß wiederholt versichert haben, kein Landmann sind, halten Sie das nicht aus. Sie werden es nicht für Ruhmredigkeit nehmen, wenn ich Sie versichere, meine kleine Residenz bietet für den Winter keinen üblen Aufenthalt. Ich will kein Sirenenlied singen und Sie mit Aufzählung der Reize, die sie bietet, zu locken suchen – genug: es ist ganz charmant. Und ich, der ich – zu großem Schaden meiner Privat-Schatulle – mehr Wälder als Felder zu eigen besitze, kann mich mit meinen Jagden auch sehen lassen, was für Sie, der Sie ein eifriger Jäger vor dem Herrn (und brillanter Schütze) sind, immerhin ins Gewicht fallen dürfte. Nun aber rechne ich eigentlich nur für den Winter auf Sie. Während des Sommers, den ich fern von meinem Madrid zu verleben pflege, ist nur ausnahmsweise (wie in diesem Juni) etwas los; und ich kann mich ganz gut ohne Ober-Hofmarschall behelfen. In ganz besonderen Fällen würden Sie mir ja schon den Gefallen thun und herüberflitzen – es geht das jetzt so schnell – und in ein paar Tagen wären Sie wieder Ihr freier Herr. So weit wäre – immer Ihre Wohlgeneigtheit vorausgesetzt – alles in bester Ordnung. Nun ein wichtiger Punkt. Ich nenne ihn so, weil ich, Ihre Gesinnungen kennend, annehmen darf, daß er für Sie wichtig ist. Man hat mir hier – Sie glauben nicht, wie klein die Welt und von welcher Akustik! – viel von Ihrem Fräulein Braut erzählt: von ihrer großen Schönheit, ihrem (für deutsche Verhältnisse) enormen Reichtum. Unter anderem dann auch, daß sie jüdischer Abkunft. Ich sage ausdrücklich: jüdischer Abkunft. Denn entweder hat sie sich – wie das ja diese reichen Damen zu thun pflegen – bereits in früher Jugend taufen lassen; oder ich nehme doch als selbstverständlich an, daß sie vor der Hochzeit zu unserem Glauben übertritt. Es bleibt also bei der Abkunft. Nun kenne ich Höfe (mir sehr benachbarte sogar), an denen dies Item immerhin in die Wagschale fiele. Bei mir und an meinem Hofe ist das nicht der Fall. Ich bin, wie Sie, gläubiger Christ und überzeugt, daß man nur durch Jesum Christum, seinen Sohn, zu Gott dem Vater gelangen kann. Aber ich weiß auch (wie Sie), daß der Herr seine Jünger aussandte zu allen Völkern: Juden und Heiden, sie zu lehren und in seinem Namen zu taufen. So denn: auf die Taufe kommt es an. Das andere ist irrelevant. Oder relevant doch nur in den Augen solcher, die sich zum wahren Christentum nicht durchgerungen haben; und derer giebt es denn freilich – Gott sei es geklagt – noch recht viele. Mein Hof aber denkt wie ich. So wird Ihre schöne und geistvolle (auch dieser Ruf geht ihr voraus) Gemahlin ihm willkommen sein. Auf alle Fälle – was doch auch wohl in Ihren Augen die Hauptsache sein dürfte – mir und der Herzogin. Also, lieber Graf, ich denke, ich darf sagen: abgemacht. Wann Sie in Aktion treten wollen, soll ganz in Ihr Belieben gestellt sein. Hat der gute alte Isenburg (der schon meinem hochseligen Onkel dreißig Jahre lang seine treuen Dienste gewidmet) so lange das Amt interimistisch geführt, mag er es noch ein wenig länger. Für den Sommer ist es ja, so wie so, eine Sinekure. Aber hierher nach Berlin, wo ich noch drei Tage bleibe (ich wohne, nebenbei, im Schloß), schreiben Sie mir, bitte, möglichst umgehend. Und reißen Sie aus der nachgerade unerträglichen Lage, ohne Ober-Hofmarschall und ohne Freund leben zu sollen, Ihren Freund Ernst Ludwig.« * Zum anderen Male steckte der Graf den herzoglichen Brief wieder in die Brusttasche und blickte in schwerem Sinnen auf die Kornbreite zur Rechten, deren reifende Ähren ein lauer Nachmittagswind sanft hin und wieder bewegte. Für ihn jetzt kein Schwanken, kein Schaukeln mehr. Die Oberhofmarschallfrage war ja Nebensache. Damit mochte sie es halten, wie sie wollte. Aber so mußte doch auch die Religionsfrage zur Sprache kommen. Hier war die Entscheidung. Wenn sie ihn trotz all seiner Zweifelsqualen der letzten Tage liebte – hier und jetzt konnte sie, mußte sie es beweisen. Sein Weg führte an Polchow, ziemlich nahe sogar am Gutshofe, vorüber. Er hatte im ersten Moment gemeint, es lieber bis morgen aufschieben zu sollen. Es war gestern abend ein unfreundlicher Abschied zwischen ihnen gewesen, dessen Erinnerung, da sie sich heute morgen nicht gesehen, noch in aller Herbheit auf ihm lastete. Aber ein Offizier, der auf dem Marsch den Donner der Schlacht hört, marschiert darauf los. Ein Feigling, der es anders hält. Der Graf hieß den Kutscher, nach Polchow ablenken. * Als sein Wagen in den Hof fuhr, sah er vor dem Hause zwei Reitpferde gesattelt, die der Groom auf und ab leitete, und Becky, die eben im Reitkleide aus der Thür trat. In demselben Moment bemerkte er auch Herrn von Plat, der, ebenfalls im Reitkostüm, eiligst vom Inspektorhause herankam. Es gab ihm einen Stich durchs Herz, daß sie ausreiten wollte, während sie gar nicht wissen konnte, ob er nicht heute nachmittag kommen würde. Daß sie sich Plat zum Begleiter befohlen, war ihm gleichgültig: der Mensch existierte nicht für ihn. So hatte denn, als er aus dem Wagen gesprungen war, und sie, von der Rampe herab, ihm zögernd entgegenkam, ihr Wiedersehen etwas, das an den Abschied von gestern abend erinnerte. »Es wurde mir zu langweilig,« sagte sie. »Auch hattest du nicht gesagt, ob ich dich heute noch erwarten durfte. Da wollte ich eine Stipvisite in Lassow machen. Die Bornfelds sind gestern abend hier gewesen, während wir bei Tisch saßen, und haben sich deshalb thörichterweise gar nicht melden lassen. Ich wollte die kleine Frau deshalb ein wenig ausschelten.« »Wenn du erlaubst, begleite ich dich.« »Den Sultan für den Herrn Grafen satteln!« befahl Becky einem Reitknecht, der dabei stand. »Es ist nicht nötig,« sagte der Graf; »ich nehme den Wallach. Schnallen Sie die Riemen zwei Löcher länger, Ernst! Sie haben nichts dagegen, Herr von Plat?« Erst jetzt hatte er, den Hut lüftend, sich zu dem jungen Mann gewandt, der vor Wut über die ihm zu teil gewordene Behandlung heimlich bebte, aber es fertig brachte, mit scheinbar höflicher Gleichgültigkeit zu erwidern: »Ganz wie der Herr Graf wünschen.« Und dann zu Becky: »Ich hatte so wie so noch etwas zu thun, gnädiges Fräulein. Bei den Runkelrüben.« »Jedenfalls danke ich Ihnen für Ihren guten Willen,« sagte Becky, indem sie sich von ihm in den Sattel helfen ließ, während der Graf die Bügelriemen an dem Wallach prüfte und ebenfalls aufsaß. Becky bewegte lächelnd gegen Plat die Reitpeitsche, der Graf lüftete abermals, nicht eben hoch, seinen Hut, ohne seine Miene zu verändern; und sie setzten die Pferde in Bewegung. Becky brach zuerst das Schweigen, das schon ungebührlich lange gewährt hatte. »Du kamst, wie mir schien, von Greifswald.« »Ja. Ich hatte Loßberg hingebracht.« »Dann hast du meinen Vater noch auf dem Bahnhof gesprochen?« »Ich hatte mich bereits vorher von Loßberg getrennt. Offen gestanden auch vergessen, daß dein Vater mit demselben Zuge fahren mußte.« »Das ist nicht schmeichelhaft für seine Tochter.« »Wer da weiß, wie hoch ich deinen Vater schätze – und ich meine, das könntest du mit der Zeit wissen – dürfte mir wohl die kleine Vergeßlichkeit nicht übel nehmen.« »Wollen wir antraben?« »Wie du willst.« Becky glaubte eine vollendete Reiterin zu sein. In des Grafen Augen gehörte sie von den drei Kategorien, die er sich bei seinen Rekruten zu machen pflegte: solche, die es gut, solche, die es ungefähr und solche, die es gar nicht lernen, bestenfalls in die zweite. Sie nahm sich vortrefflich aus, so lange das Pferd stand oder man Schritt ritt. Aber das hatte sie nur ihrer schlanken, elastischen Gestalt zu danken. Sobald es auch nur zum Traben kam, fing für ihn das Leid an. Er hatte seinen Rekruten immer klar zu machen gesucht, daß Roß und Reiter ein Compagniegeschäft eingegangen seien, in welchem zwar der Reiter das Kommando führen, aber auch der Gaul zu seinem Recht kommen müsse. Davon hatte Becky nach seiner Meinung keine Ahnung. Nicht, daß ihre Hilfen absolut falsch gewesen wären; nur gab sie sie weder immer zur rechten Zeit, noch fast je in dem geforderten Maße. Das war um so schlimmer, als die beiden Pferde, die sie bevorzugte, sehr edle Tiere und von einem ausgezeichneten Reitmeister vortrefflich geschult waren, auf die leiseste Hilfe reagierten und nicht selten in völlige Verzweiflung gerieten über eine Reiterin, die fortwährend an ihnen herumzerrte. Der Graf hätte manchmal hellauf lachen mögen; nur daß das Ding auch seine sehr ernsthafte Seite hatte. Es waren Vollblutpferde mit der Lenkbarkeit und der Sanftmut, aber auch dem Feuer und der Leidenschaftlichkeit ihrer Rasse. Ging einmal ihre Geduld zu Ende, konnte es leicht eine Katastrophe geben. Der Graf hatte anfänglich mit aller Höflichkeit und Schonung versucht, Becky wenigstens ihre gröbsten Unarten abzugewöhnen; war aber davon abgestanden, als er herausfand, daß sie schlechterdings untraitabel war. Warum Sportsleute, die nicht das mindeste Geschick zu der erwählten Liebhaberei haben, die unlenkbarsten aller Menschen sind, hatte er nie herausbringen können. Heute steuerte sie ihre Arabella schlechter als je; aber weniger als je hatte der Graf Lust, hineinzureden. Ihm lag Schwereres im Sinn; so Schweres, daß, was ihm bis jetzt im Leben die Seele bedrückt hatte, Kinderspiel dagegen erschien. Nicht, als ob er an einem guten Ausgang gezweifelt hätte! Sie mußte ja einsehen, daß er nichts Unbilliges forderte! Nur daß sie es überhaupt so weit hatte kommen lassen! Ihm seine billigen Wünsche nicht unaufgefordert erfüllte! Aber das war alles Unsinn! Er erfand sich Schwierigkeiten, wo keine waren. Der Herzog keine sah! Kein vernünftiger Mensch! Nur er! Mit fünf Worten war die Sache abgemacht! Und die paar Worte wollten nicht von seiner Zunge! »Unterhaltend sind der Herr Graf heute nicht,« sagte Becky. »Mir gehen so viele ernste Dinge durch den Kopf.« »Dann erweise mir die Gnade und behalte sie für dich! Von der Sorte hat mir mein Vater heute schon gerade genug vorgesetzt.« Der Graf erschrak. Sollte der alte Herr dasselbe Thema mit ihr besprochen haben? und dies das Resultat sein? Diese sichtbare böse Laune? diese kaum noch verhüllte Gereiztheit? »Ich kann mir nicht denken,« sagte er, »daß dein Vater Dinge, die dich so offenbar verstimmten, ohne zwingende Gründe zur Sprache gebracht hat.« »Wenn ihr Männer uns Unannehmlichkeiten bereiten wollt, scheinen euch die Gründe dazu immer zwingend. »Ich halte deinen Vater für völlig unfähig, dergleichen einem Menschen bereiten zu wollen; geschweige denn dir. Was er auch gesagt haben mag, es war gewiß wünschenswert, daß es zur Sprache kam; ich vermute sogar: notwendig.« »Ei, ei, Herr Graf, seit wann machen wir denn den Leuten Konkurrenz, die das Gras wachsen hören! Das Gras soll manchmal Dinge reden, die man lieber nicht gehört hätte. Ich denke, wir lassen uns auf das undankbare Metier nicht ein und galoppieren ein wenig. Arabella beliebt es heute wieder einmal, nicht traben zu wollen.« Du verschiebst es bis morgen, dachte der Graf. Heute ist faktisch nicht mit ihr zu reden. Sie hatten die Pferde in Galopp gesetzt und den Gutshof von Lassow, das zwischen Polchow und seinen Vorwerken ziemlich tief hineinschnitt, bald erreicht. * Karl und Lieschen von Bornfeld empfingen sie mit großer Herzlichkeit, Lieschen ihre neue Freundin sogar mit offenen Armen. Sie wären gestern abend zu gern hereingekommen; hätten sich aber zu sehr geniert! Das heißt: Karl hatte sich geniert; die Männer sind ja immer so umständlich; haben keine Initiative; tausendmal weniger als die Frauen! Bornfeld verteidigte sich. Der Diener hätte gesagt: es würde drinnen eine Verlobung gefeiert. Zu einer Verlobungsfeier komme man doch nicht als ungebetener Gast! Dazu habe er Fräulein Ännchen Guttmann zwar flüchtig einmal in Greifswald in Gesellschaft des gnädigen Fräuleins gesehen; auch die Ehre gehabt, ihr vorgestellt zu werden; der Herr Professor Rehfeld aber sei eine ihm völlig unbekannte Größe. Welch letzteres Wort er buchstäblich zu nehmen bitte. »Alles, was in Polchow verkehrt, ist eine Größe,« erklärte Lieschen. »Davon muß ich doch gehorsamst bitten, mich ausnehmen zu wollen, gnädige Frau,« sagte der Graf lächelnd. »Ich dächte, Graf, Sie wären gerade groß genug.« »Nur daß Sie es so nicht gemeint haben.« »Wie wär's, Graf, wenn wir einmal meine neuen Kutschpferde uns ansähen?« sagte Bornfeld, dem die Wendung, die das Gespräch genommen, nicht sonderlich gefiel. »Schon wieder neue!« rief der Graf. »Alle acht Tage,« sagte Lieschen. »Die Dänen waren mir zu schwer,« meinte Bornfeld. »Ich habe sie gegen ein paar Jucker vertauscht, die wieder Zarrentien zu leicht waren. Kapitaler Tausch, sage ich Ihnen.« Die Herren gingen nach dem Stall. Die Pferde wurden herausgeführt; in den verschiedenen Gangarten geprüft; vom Grafen vortrefflich gefunden; das Handpferd hätte ein wenig mehr Brust haben können. Bornfeld war über das Lob eines solchen Kenners sehr erfreut, aber augenscheinlich nicht recht bei der Sache. Als sie nach dem Hause zurückschritten, blieb er plötzlich stehen und sagte, während aus seinem hübschen, braunen Gesicht die hellen Augen verlegen seitwärts blickten: »Werden Sie mich für sehr indiskret halten, Graf, wenn ich eine Frage thue, die allerdings verdammt indiskret klingt?« »Bitte!« sagte der Graf. »Ist Ihr Fräulein Braut noch Jüdin?« »Wie kommen Sie darauf?« fragte der Graf betreten zurück. »Noch einmal: verzeihen Sie, wenn ich vielleicht da eine Dummheit mache! Es wird in unsern Kreisen so viel davon geredet. Vorgestern bei Zarrentien – Sie waren nicht da –« »Wir hatten das ganze Haus voll Besuch.« »Schade! Die Gesellschaft war eigentlich nur für Sie und Ihr Fräulein Braut zusammengetrommelt.« »Desto freier konnten die Herrschaften ja in unsrer Abwesenheit über uns reden.« »Was denn auch wirklich aus Leibeskräften geschah.« »Und mit der landläufigen Freundlichkeit.« »Na! ich kann nicht sagen, daß man unfreundlich war. Über Sie, Graf, war nur eine lobende Stimme. Und Ihr Fräulein Braut – allerhand Achtung – das versteht sich von selbst. Nur der eine kritische Punkt. Daß der alte Herr Geheimrat Jude ist, wollte man mit Bestimmtheit wissen. Warum auch nicht? Es hat ja schon so viele große jüdische Gelehrte gegeben – sagt man. Ich weiß es freilich nicht, glaube es aber gern: sie sind ja auch sonst eine höllisch gescheite Nation. Über Ihr Fräulein Braut gingen die Ansichten auseinander. Die einen meinten: es verstände sich doch von selbst, daß sie übergetreten sei; andere wollten das Gegenteil mit Bestimmtheit wissen. Sehen Sie, Graf, unsereiner sitzt dann dabei und muß die Leute reden lassen, anstatt ihnen über das Maul fahren zu können, was ich bei Grieben, dem alten Stänker, der es am weitesten aufriß, gar zu gern gethan hätte. Ich wollte, Sie autorisierten mich, es bei nächster Gelegenheit thun zu dürfen.« »Sie sind sehr freundlich. Aber in der That ist Fräulein Lombard bis auf den heutigen Tag noch Jüdin.« Bornfelds Gesicht bedeckte sich mit einem jähen Rot. »Unmöglich!« murmelte er. »Ich versichere Sie,« fuhr der Graf ruhig fort. »Natürlich ist ihr Übertritt nur eine Frage der Zeit. Was Sie inzwischen den Leuten auf Ihr Wort sagen dürfen, ist, daß Graf Bassedow niemals mit einer Jüdin an den Altar treten wird.« »Na, dann ist ja alles in schönster Ordnung,« sagte Bornfeld, erleichtert aufatmend. »Und nicht wahr, Graf, Sie haben mir meine Frage nicht übelgenommen?« »Aber ich bitte Sie! Sie hatten das vollkommenste Recht zu der Frage. Wenn wir von Adel uns auch in Nebensachen zanken, in den entscheidenden Punkten müssen wir solidarisch denken und handeln.« »Famos, das, Graf!« rief Bornfeld, »und daß gerade Sie es sagen! Werde es bei nächster Gelegenheit dem alten Grieben runterschmettern – bis in die rote Perücke soll's ihm fahren! Nennt Sie einen halben Renegaten, der alte Dussel! Solidarisch denken und handeln! Famos!« Inzwischen hatte Lieschen Becky in ihre Milchkammer geführt. Die war ihr Stolz. Und da sie auf der Hochzeitsreise unter anderem auch nach der Rosenburg, der herzoglichen Musterwirtschaft bei Koburg, gekommen und dort in der Milchkammer ein Fremdenbuch hatte ausliegen sehen, in welches auch die Königin von England allerhöchst sich eingeschrieben, erklärte sie, nicht einzusehen, weshalb sie desgleichen nicht auch haben solle. Es standen freilich erst fünf oder sechs Namen in ihrem Buch. Das thue nichts. Erstens sei sie kaum so viele Monate verheiratet; und wenn der Zug der Touristen mehr über die Rosenburg als über Lassow gehe, könne man sie dafür nicht verantwortlich machen. Die kleine Frau plauderte so scheinbar sehr munter, während Becky mit ihrer kühnen großen Handschrift ihren Namen auf ein leeres Blatt warf; aber sie trug etwas anderes in der Seele, wozu sie keinen Übergang finden konnte, und das sich endlich in der völlig unvermittelten Frage Luft machte: »Ist es wahr, daß der Professor, der sich mit Ännchen Guttmann verlobt hat, ein Jude ist?« Beckys sehr kühl herauskommendes »Allerdings« klang nicht gerade ermutigend; indessen unter Freundinnen muß man doch auch »über so was« sprechen dürfen. Ihren Mut zusammennehmend, fuhr sie fort: »Sind denn die Guttmanns auch Juden?« »So viel ich weiß: nein.« »Ja, wie soll es denn nun werden?« »Was?« »Wenn sie heiraten? Sie kann doch unmöglich Jüdin werden.« »Weshalb nicht? Juden sind so zu sagen auch Menschen.« »Natürlich sind sie das. Es kommt nur so selten vor. Vielleicht läßt doch lieber er sich taufen?« »Ich bin überzeugt, daß er das nicht thut.« »So wird sie kein Pastor einsegnen wollen.« »Dann läßt er es eben bleiben. Übrigens ist ja speciell für solche Fälle die Civiltrauung da.« »Aber das ist doch so or–, das thun doch nur kleine Leute: Handwerker und so was, die das Geld für die kirchliche Trauung sparen wollen.« »Liebes Kind, ich weiß nicht, weshalb wir uns über eine Sache den Kopf zerbrechen, die uns gar nichts angeht.« Lieschen wollte in voller Verzweiflung rufen: Sie und der Graf, sagt alle Welt, sind ja in derselben Lage! fand aber dazu doch nicht den Mut und geleitete Becky in das Wohnzimmer zurück, wo sie die Herren antrafen, und inzwischen ein Tisch mit einem »Lüttabendbrot«, wie Lieschen es nannte, gedeckt war. Bornfeld, durch das Wort des Grafen völlig beruhigt und in bester Stimmung, war sehr redselig; die Verlobten blieben einsilbig; Lieschen konnte ihre alte Munterkeit nicht wieder finden. Der Graf meinte endlich: es scheine ihm hohe Zeit, aufzubrechen; Becky erhob sich apathisch; Lieschen machte nur schwache Einwendungen; Bornfeld befahl, daß man die Pferde vorführen solle; ein paar Minuten später waren Becky und der Graf im Sattel und ritten zum Hofthore von Lassow hinaus. * Es war nun doch so spät geworden, daß die Dämmerung bereits stark hereinbrach. Die Hitze der letzten Tage hatte den Feldweg, den sie ritten, völlig ausgetrocknet und tiefe Spalten in den Lehmboden gerissen. Rechts von ihnen dehnte sich ein sehr umfangreiches Brachland; darüber wegreitend, wäre man dem lästigen Staube entgangen und hätte überdies die Entfernung zwischen Lassow und Polchow bedeutend abgekürzt. Becky machte den Vorschlag; dem Grafen war es recht; in seiner tiefgedrückten Stimmung war ihm alles recht. Auf dem glatten Dresch setzten sie die Pferde in Galopp. Der Graf mahnte zur Vorsicht; er wußte, daß auf solchem Terrain oft Löcher sich finden, die das Pferd straucheln machen und gar zu Fall bringen, wenn der Reiter es nicht sehr sicher führt. Daran ließ es Becky wieder in einer für den Grafen peinlichen, ja beängstigenden Weise fehlen. Er konnte sich endlich doch nicht enthalten, ihr ernstliche Vorstellungen zu machen. »Ich habe, bis du kamst, für eine gute Reiterin gegolten,« sagte Becky, ihr unruhiges Pferd mit der Gerte heftig über den Hals schlagend, auf dem die Schaumflecken standen. »Es ist merkwürdig, daß so viele Leute sich geirrt haben. Nicht alle Leute freilich können Kavallerieoffiziere gewesen sein.« »Sicher nicht. Aber einem alten Kavallerieoffizier solltest du zutrauen, daß er, wenn auch sonst nichts, wenigstens sein Metier versteht.« Ein sechs bis sieben Fuß breiter Graben zog sich plötzlich quer vor ihnen durch die Brache. »Wir wollen ihn umreiten,« sagte der Graf. Er muß da hinten an den Weiden ein Ende nehmen. Es ist ein kleiner Umweg.« »Ich denke nicht daran,« gab Becky zurück. »Ich habe mit Arabella schon ganz andere Gräben genommen.« »So laß ihr wenigstens einen kleinen Anlauf! und –« »Ich weiß, was ich zu thun habe.« Sie hatte nun doch Arabella eine kurze Distance zurückgeführt und setzte sie dann in Galopp. Der Sprung gelang nur schlecht. Das Pferd schlug mit den Hinterhufen drüben so scharf auf die Grabenkante, daß es um ein kleines zurückgerutscht wäre und sich nur mit äußerster Anstrengung davor rettete. Der Graf landete mit seinem Wallach ohne alle Anstrengung.« »Na, das ging ja noch gut ab,« sagte er freundlich. »Die Sache ist: du reitest sie viel zu ausschließlich auf Vorderhand. Das ist immer ein Übelstand. Zeigt sich schon im Trab, wo der Gaul lange nicht hergiebt, was er in sich hat. Am meisten aber beim Sprung: Hochsprung oder Flachsprung – gleichviel. Wenn die Hinterhand nicht ordentlich arbeitet, sitzt man drin. Holla!« Ein großes Volk Rebhühner war schwirrend und sausend dicht vor ihnen aufgegangen. Der Wallach prallte entsetzt seitwärts; im Nu hatte ihn sein Reiter wieder in der Gewalt. Beckys Arabella, durch die Mißhandlungen, die sie erfahren, längst am Rande ihrer Geduld, hatte das Gebiß zwischen die Zähne genommen und jagte in voller Karriere davon. Der Graf ihr nach. Arabella war weitaus das schnellere Pferd, aber, indem der Graf alles aus dem Wallach herausholte, kam er dem Durchgänger näher und näher und war bereits kaum noch eine Pferdelänge hinter ihm, als er zu seinem heftigsten Erschrecken in geringer Entfernung vor ihnen die Mergelgrube sah, die bereits in der Nachbarschaft des Hofes lag, und die er sich zufällig einmal mit Pasedag genau angesehen hatte. Die Grube war an die dreißig Fuß tief, an der Seite, auf die sie zurasten, mit völlig steilen Wänden. Ein Sturz aus solcher Höhe mit dem Pferde konnte, mußte das Leben kosten. Im nächsten Augenblicke hatte er den Wallach vorgestoßen, daß die Tiere Kopf an Kopf jagten. »Laß dich fallen!« schrie er Becky zu und hatte sie, die ihm nun doch so weit entgegenkam, mit dem rechten Arm ihren Leib umfassend, aus dem Sattel zu sich aufs Pferd gehoben. Arabella, ihrer Last ledig, bog sofort seitwärts auf ein Stück Klee, wo sie, als sei nichts geschehen, ruhig zu grasen begann. Der Wallach stand ebenfalls. Der Graf ließ Becky auf den Boden gleiten, ritt ruhig auf Arabella zu, die sich gutwillig an den Zügeln fassen und zurückführen ließ; stieg ab und half Becky in den Sattel. Die kurze Strecke bis zum Hof wurde im Schritt zurückgelegt, und ohne daß zwischen den Verlobten ein Wort gesprochen wäre. * In Polchow angekommen, war der Graf sogleich, sich umzukleiden, auf sein Zimmer gegangen, das immer für ihn bereit stand; er hatte gemeint, Becky habe sich zu demselben Zweck in ihre Gemächer begeben. Sie hatte es allerdings vorgehabt, war aber nur bis in den großen Salon gelangt, wo ein Diener eben die Rampen anzündete. Da hatte sie sich in einen Fauteuil geworfen und saß nun, die Hände, von denen sie nicht einmal die Handschuhe abgezogen, auf den Knien starr vor sich hinstreckend, auf den Teppich stierend. Im Kopfe fühlte sie, stärker noch als gestern abend, jenen schrecklichen Druck kommen, mit dem ihr Gehirn, wenn sie innerlich besonders stark erregt war, gegen seine Wände zu pressen schien. Wie vom Sturmwind gejagt, rasten die Gedanken dahin. Oder war es nur ein Gedanke, der, wie ein niederfahrender Blitz sich in Zacken zersplittert, in den verschiedensten Ausdrücken immer dasselbe sagte: Er ist stärker als du! Daß er sie, die doch wahrlich kein Kind, wie ein Kind von ihrem Pferde auf sein Pferd in seine Arme reißen, aus seinen Armen sanft auf die Erde gleiten lassen konnte, wie eine Mutter ihr Baby – das war es nicht. Das war nur symbolisch für das andere. Für all das andere, das ihr in diesen letzten Wochen immer klarer geworden war, wie am Nachthimmel der erste blaßrötliche Schein einer Feuersbrunst mit jeder Sekunde dunkler und mächtiger wird: Er ist stärker als du! Als du mit deinem Wissen, deinem Geist, deinem Witz, deiner Klugheit! Das alles ist nichts vor seinem Willen, der auf sicheren breiten Schwingen kommt. Wie der Wind hier in Polchow vom Meere her. Und das Korn neigt sich gehorsam in seinem Hauch; und die Flügel der Mühlen drehen sich nach seinem Belieben. Und alles tanzt, wie er pfeift. Sie war aufgesprungen und maß das Gemach mit langen Schritten. Die Mädchen! das Dienerpack! Pasedag! Arndt! Frau Direktor selbst! Alle, alle schielen sie nach ihm, ob er sie loben wird! Der Vater! Guttmann! Rehfeld! Es ist zum Lachen, mit welcher Achtung sie von ihm sprechen. Der so unwissend ist, daß es einen Stein erbarmen könnte! Seine adlige Sippe – ist er nicht der erste, wohin er kommt! Ich verstehe es nicht, ich verstehe mich selbst nicht mehr. Ich bin nicht mehr ich. Dieser Mensch macht etwas aus mir, das ich nicht sein will. Ich will nicht seine Kreatur sein. »Ein edler Mensch, an dem nichts kleinlich und gemein!« Um so schlimmer! um so gründlicher dann die Sklaverei! Lieber eines Räubers Dirne als Gattin dieses Tugendbolds! Sie vernahm seinen Schritt auf dem Korridor. Wie ich den Menschen hasse! Sie hatte eben noch Zeit gehabt, sich in einen der Fauteuils unter der Ständerlampe zu werfen, als er hereintrat. »Noch im Reitanzug?« fragte er verwundert. »Ich bitte um Entschuldigung. Ich wollte mich ein wenig ausruhen und bin so sitzen geblieben.« »Gott sei Dank, daß es so abgelaufen ist! Es hätte schlimm werden können. Wir waren keine dreißig Schritte mehr von der fatalen Grube. Ich würde sie an deiner Stelle zuschütten, die steilen Ränder wenigstens abböschen lassen. Sonst giebt es doch noch mal ein Unglück.« Er hatte es sehr freundlich gesagt und fuhr, als keine Erwiderung von ihr kam, in demselben gütigen Tone fort: »Ich sehe, du bist sehr abgespannt. Freilich kein Wunder nach unsrer halsbrecherischen Aventüre. So wollen wir – du erinnerst dich: ich deutete dir unterwegs an, daß ich über ein paar wichtige Sachen mit dir zu sprechen wünschte – aber wir wollen es bis morgen lassen, wo dann für die eine freilich der letzte Termin wäre, da ich einen darauf bezüglichen Brief unbedingt beantworten muß. Ich komme, wenn es dir recht ist, morgen um zehn.« Er wollte ihr die Hand reichen; sie machte eine abwehrende Bewegung. »Es wäre freilich das dritte Mal,« sagte sie, »daß die Sache aufs Tapet gebracht wird: erst von dem Vater; vorhin von der Bornfeld; jetzt von dir. Gleichviel! ich möchte sie aus der Welt haben. Also bitte!« »Ja, von welcher Sache sprichst du denn?« fragte er unsicher, in der stillen Hoffnung, daß sie trotz der bedrohlichen Wendung, die das Gespräch zu nehmen schien, nicht da hinaus wollte, wohin er ihr gerade jetzt so ungern folgen würde. Sie lachte ein kurzes bitteres Lachen. »Zerbrecht ihr euch denn noch über etwas anderes die Köpfe als über das Heil meiner armen Seele?« Also doch! Es gab ihm einen Stich ins Herz, daß sie von der Angelegenheit, die ihm heilig war und von deren Entscheidung alles abhing, in dieser frivolen Weise beginnen konnte. Aber gerade deshalb durfte er jetzt das Thema nicht weiter verfolgen. Was sollte daraus werden, wenn er die Bitterkeit, die er in sich aufsteigen fühlte, am Ende doch nicht zu beherrschen vermochte! So brachte er es fertig, ruhig zu sagen: »Bitte, lassen wir das! Es eilt ja nicht.« »Ich denke doch. Du sprachst von morgen als dem letzten Termin?« »Das ist eine andere Angelegenheit, die freilich damit zusammenhängt.« »Wenn mir etwas widerwärtig ist, ist es, mich mit Rätseln abquälen zu sollen. Was ist dies andere nun wieder?« »Darf ich dich bitten, diesen Brief zu lesen!« Er hatte des Schreiben des Herzogs aus der Tasche genommen und ihr gereicht. Die Religionsfrage mußte nun freilich auch zur Sprache kommen. Aber hatte er nicht vorhin zu Bornfeld gesagt: es ist nur eine der Zeit? Wie lange sollte die noch währen? Mochte es sich denn jetzt entscheiden – so oder so! Vielleicht ging doch noch alles gut. Sie mußte ja einsehen, daß das Recht auf seiner Seite war. »Ein wenig lang,« sagte sie, die Blätter, deren mehrere waren, durch die Hand laufen lassend. »Wenn ich dich dennoch bitten dürfte! Übrigens steht nicht viel auf der Seite.« Sie begann mit der Miene teilnahmloser, für den Grafen peinlicher Gleichgültigkeit zu lesen, die sich auch während der Lektüre nicht veränderte, zu welcher er die dreifache Zeit gebraucht haben würde. Wie erfüllt von Zorn ihr Herz auch war, fast hätte sie ihm ins Gesicht gelacht. Für so dumm hielt er sie! Nicht zu merken, daß dies ein Köder sein sollte! Er sie kirren wollte durch die Aussicht, am Hofe eines Herzogs in einer hohen Stellung glänzen zu können! Und dafür natürlich zu jeder beliebigen anderen Konzession bereit zu sein! Er sollte es büßen, gegen sie kämpfen zu wollen mit so kindischen Waffen! »Du wünschest zu wissen,« sagte sie, »wie ich über den Vorschlag denke, da der Herzog die Güte gehabt hat, mich gewissermaßen mit in Rechnung zu stellen.« »Das verstand sich unter diesen Umständen doch von selbst.« »Darf ich eine Zwischenfrage thun? Ich bin in diesen Dingen so unbewandert. Du wirst mich entschuldigen müssen, wenn ich ungeschickt frage. Ich habe immer gemeint: Hofmarschall, oder Oberhofmarschall das sei der oberste Bediente an einem fürstlichen Hofe? So was wie majordomo in England? maître d'hôtel in Frankreich? Steht ein Graf Bassedow nicht doch zu hoch, als daß er sich zu einem fürstlichen Bedienten erniedrigen dürfte?« Aus dem Ton ihrer Stimme, aus der Art, wie sie die Worte von der Zungenspitze fallen ließ, hörte der Graf deutlich heraus, daß dies alles Ironie war. Nicht die, in der sie sich sonst gefiel, der Umgebung ihre geistige Überlegenheit zu Gemüt zu führen – hier war noch ein bittrer Tropfen in den Trank gemischt: sie wollte ihn geflissentlich kränken. War es so weit gekommen? Durch seine Schuld? Weshalb hatte er vorhin die Scene, die sich so übel anließ, nicht entschlossen abgebrochen? »Du gehst von ganz falschen Voraussetzungen aus;« erwiderte er, trotz seiner tiefen innerlichen Erregung äußerlich mit vollkommener Gelassenheit, »und ziehst aus diesen Voraussetzungen Schlüsse, die natürlich wieder falsch sind. Zwischen Dienen und Bedienen ist denn doch ein großer Unterschied. Für keinen Deutschen von Adel ist je das Bekenntnis: ›ich diene meinem Lehnsherrn‹ entehrend gewesen. Es war vielmehr seine höchste Ehre. Und für ihn den Schlachtentod zu sterben ein bevorzugtes Glück.« »Es giebt eben seltsame Anschauungen,« sagte Becky wegwerfend. »Bei den Feuerländern soll noch Wunderlicheres vorkommen. Nur von dem Abkömmling einer uralten Kulturnation kann man doch dergleichen füglich nicht im Ernst verlangen. Übrigens höre ich heute zum erstenmal, daß der Herzog dein Lehnsherr ist.« »Gewiß ist er das nicht,« erwiderte der Graf, »Es sollte mir zur Illustration meiner Ansicht dienen. Dafür muß der Brief dir doch gesagt haben, daß der Herzog das Ganze als ein freundschaftliches Verhältnis betrachtet; als einen Freundschaftsdienst, den ich ihm leisten soll; und für den er nach einer Form gesucht, eine Form gefunden hat, wie sie zarter, taktvoller –« Er brach plötzlich ab bei einem Blick in ihre starren, wie ihm schien, hohnvoll auf ihn gerichteten Augen. So war das Fürchterliche, das er bis zu diesem Moment doch immer nur als eine hypochondrische Grille betrachtet, kopfschüttelnd zurückgewiesen hatte, schaudervolle Wirklichkeit: sie wollte mit ihm brechen! Darum durfte sie nicht annehmen; darum mußte sie verächtlich von sich stoßen, worin sie sonst, wenn auch nichts weiter, doch einen freundlichen Schmuck des Lebens gesehen hätte. Dann aber war jedes Wort, das noch über die Angelegenheit gesprochen wurde, eine Demütigung und Beleidigung für ihn. Die Schlacht war verloren. Es handelte sich jetzt um nichts mehr als einen ehrenvollen Rückzug. Nur um Himmelswillen die Bitterkeit nicht merken lassen, die sein Herz erfüllte! Nicht merken lassen, wie die Wunde schmerzte, die sie seinem Stolz geschlagen! Und um alles nicht, wie sehr er sie noch liebte – trotz alledem! So bebte seine Stimme kaum merklich, als er nach einer sekundenlangen Pause fortfuhr: »Du kannst, scheint es, mir das nicht nachfühlen. Und damit ist die Sache – auf die ich übrigens nie einen besonderen Wert gelegt habe – definitiv erledigt.« Er hatte sich erhoben; verbeugte sich, ohne ihr die Hand zu bieten, und machte eine Wendung zu gehen. Sie war von dem Fauteuil aufgesprungen, that ein paar rasche Schritte, wandte sich und stand jetzt so, daß, wollte er zur Thür nach dem Korridor gelangen, sie ihm Raum geben, oder er um sie herumgehen mußte. »Und mit ihr, denke ich, die andre auch;« rief sie »die Seelenheilfrage!« »Lassen wir das!« sagte er ruhig und traurig, »das hat jetzt keinen Sinn mehr.« Er machte eine Vorwärtsbewegung; wieder vertrat sie ihm den Weg. Seine letzten Worte wollte sie nicht gehört haben. »Es wäre vielleicht Pflicht eines christlichen Ritters gewesen, nicht bis zum letzten Augenblick zu warten, bevor man sich vergewisserte, wie es sich damit verhielt. Aber da wäre wohl dem jüdischen Mädchen zu viel Ehre angethan. Die reserviert man für christliche Baronessen und Komtessen. Ein Judenmädchen, dem man die Gnade erweist, es zur Christin zu machen, muß ja in Dankesthränen zerfließen, die servile Kreatur!« »Genug!« »Nicht ganz. Die servile Kreatur, meint man, glaubt doch wenigstens an einen Gott. a la bonheur ! Da läßt sich zur Not eine Schiebung machen: ein Gott für den andern! und le tour est fait . Nein, mein Herr Graf! Da haben Sie mich doch über- oder untertaxiert, wie's beliebt. Ich glaube an den Judengott so wenig, wie an den der Christen. Für mich existiert kein Gott. Ich bedarf keines. Ich habe längst ohne Gängelband zu gehen gelernt. Das ist für Kinder und die ewig Kinder bleiben. Wie Sie, mein Herr Graf! wie Sie!« »Genug!« Diesmal war es in einem hellen, schmetternden Ton gerufen, daß die venetianischen Gläser erklirrten, die dichtgereiht auf einer Etagère in der Nähe standen; und Becky, zusammenzuckend, als hätte neben ihr ein Blitz eingeschlagen, verstummte. Dann, als ob er sich der zornigen Wallung schäme, kam in vornehm gehaltenem Ton: »Sie haben mich heute zum letzten Mal gesehen. Ich werde morgen an Ihren Herrn Vater schreiben, wie dies so gekommen ist. Er wird mich verstehen. Und daß ich nicht anders handeln konnte, wollte ich mir selbst nicht verächtlich erscheinen.« Das Wort machte sie rasend. Ein Schrei, der nichts Menschliches mehr hatte, brach aus ihrer Kehle. Dann, mit einer ungeheuren Anstrengung, fand sie doch die Sprache wieder. Aber sie wußte nicht mehr, was sie sagte; einzig brennend wünschend, jedes Wort möchte ein Donnerkeil sein, der ihn zerschmetterte. »Verächtlich! Sieh' doch! Wie das prahlt! Darf denn ein Ding, aus dem man macht, was man will, von Achtung reden? auf Achtung Anspruch machen? Ein ballon captiv ? Verstehen Sie: captiv ! captiv ! captiv ! Der steigt, wann man will! Der fällt, wann man will! Ich habe Sie steigen lassen – da waren Sie etwas. Da wollte sogar ein Herzog Sie zum Gedienten haben. Jetzt lasse ich Sie fallen. Jetzt sind Sie wieder, was Sie vorher waren! nichts! nichts! nichts!« Sie schnippte verächtlich mit den Fingern. An seiner Stirn war plötzlich eine dicke blaue Ader hervorgetreten. Er war einen halben Schritt zurückgewichen, als wollte er zu einem Sprung ansetzen, zu einem Schlage ausholen. Dann war er an ihr vorüber. Die Thür hatte sich hinter ihm geschlossen. * * * 14 Ein paar Momente steht sie regungslos, nach der Thür stierend, die sich hinter ihm geschlossen. Plötzlich, mit einem dumpfen wimmernden Laut, stürzt sie in die Knie, die Hände ringend, die sie auseinanderreißt, mit der Stirn den Teppich des Bodens schlagend. Vorbei – alles – unwiderruflich! Was die Krone ihres Lebens hatte werden sollen, in Stücke zerbrochen! Sie selbst zerbrochen, gedemütigt bis in den Staub, schmachvoll besiegt! Von ihm, der eben noch da gestanden, ragend wie ein Riese in dem Halbdunkel, aus dem nur noch seine Augen leuchteten, die blauen, zornblitzenden Augen! Der einzige Mann auf Erden, den sie hätte lieben können! Den sie liebte! Jetzt weiß sie's. Als hätten die Himmel sich geöffnet und blendendes Licht in die Nacht ihrer Seele geworfen! Und Engelposaunen riefen mit dem schmetternden Klang seiner Stimme: Du liebst ihn! Vorbei! vorbei alles – unwiderruflich. – Er hat's gesagt. Er ist sich treu. Sie hat ihn zum letzten Mal gesehen! * Sie rafft sich mühsam auf. Aber das Zimmer beginnt um sie herum zu kreisen: Wände, Bilder, Möbel in wildem Wirbel. Sie preßt die Hände gegen die Schläfen, die springen wollen: ist das der Wahnsinn, den sie so oft schon gefürchtet hat? Da liegt jemand vor ihr auf den Knieen, streckt die Hände flehend zu ihr empor: Wladimir von Plat. Wie ist der Mensch dahin gekommen? Was will er? »Mein gnädiges Fräulein! Geliebtes gnädiges Fräulein! Ich weiß alles. Sah ihn über den Hof rennen – den elenden Buben, den Schurken. Sie – du sollst deine Rache haben. Ich reite ihm nach. Ich schieße ihn tot. Mögen sie mir hernach den Kopf herunterschlagen. Nur einmal vorher sage mir, daß du mich liebst!« Er sucht, ihre Hände zu ergreifen, sie an sich zu pressen. Sie bricht in ein tolles Gelächter aus und stößt ihn wild zurück. In demselben Moment hört er Schritte auf dem Korridor dicht an der Thür. Ist es der Graf, der zurückkommt? Im Nu steht er wieder auf den Füßen. Es ist Philipp mit zwei angezündeten Lampen in den Händen, hinter ihm Karl, der meldet: Frau Direktor sei von Greifswald zurück und lasse fragen: ob das gnädige Fräulein zum Abendbrot kommen werde, oder den Thee im Salon befehle? Wladimir atmet erleichtert auf: das verschafft ihm einen Abgang. Er bringt es fertig, sich vor Becky zu verbeugen, die jetzt starr, teilnahmlos dasteht. Dann ist er aus dem Salon auf dem Korridor, wo er Frau Krafft beinahe in die Arme rennt. * Die Anfrage des Dieners hatte nur eine vorläufige sein sollen. Frau Krafft war den Leuten auf dem Fuße gefolgt, sich persönlich nach Beckys Befinden zu erkundigen und von den Erlebnissen in Greifswald zu berichten, falls sie das gnädige Fräulein zum Anhören geneigt fand. »Was bedeutet denn das?« rief sie jetzt erschrocken, mit beiden Händen den heranstürmenden Wladimir abwehrend und beim Licht der Korridorlampen mit bösen Ahnungen in sein bleiches, wutverzerrtes Gesicht spähend. »Was das bedeutet? was das bedeutet?« erwiderte der junge Mann mit dumpfer keuchender Stimme. »Daß ich die Geschichte hier satt habe – – bis an den Hals! Daß ich fort will – morgen am Tage!« »Da haben Sie sehr recht;« sagte Frau Krafft. »Das ist ein gescheiter Einfall. Sie hätten nur früher darauf kommen sollen.« »Wäre ich. Wollte nur noch sehen, welches Ende die Geschichte mit dem Grafen nahm. Na, das habe ich jetzt. Aus ist's! radikal aus! Fortgejagt hat sie ihn. Da läuft er jetzt in der Nacht nach Selchow, der Vagabund. Und ich lasse mir den Mustapha satteln, hole mir meinen Revolver, reite ihm nach, schieße ihn tot.« »Schön!« sagte Frau Krafft. »Und nun machen Sie mal Ihre Ohren auf: wenn Sie jetzt nicht direkt auf Ihr Zimmer gehen und da ruhig bis morgen bleiben, und über das, was Sie gehört oder gesehen haben, nicht reinen Mund halten gegen jedermann – sehen Sie, dann lasse ich Sie in der greulichen Patsche, in der Sie stecken. Haben Sie mich verstanden?« Der junge Mann hatte sie sehr wohl verstanden; und daß es für ihn die weitaus beste Politik sei, sich, wie die Dinge für ihn mißlich lagen, unter den Schutz der Frau zu flüchten, die in dem Hause so ziemlich alles vermochte. Unverständliches durch die Zähne murmelnd, lief er davon. Frau Krafft ging weiter den Korridor hinauf mit schwerem Herzen. Was auch vorgefallen war, etwas ganz Schlimmes war es sicher gewesen. Die Klugheit riet, aus der Sache heraus zu bleiben; aber die Sorte Klugheit hatte sie ja wohl im Leben nie geübt. Dennoch schlug ihr das Herz, als sie jetzt vor der Salonthür stand, die Hand auf dem Drücker. Dann hatte sie geöffnet. Der Salon war leer. Die Diener hatten sich durch eine andere Thür entfernt. Auf den Tischen brannten still die Lampen. Es war schwer zu glauben, daß der schöne, friedliche Raum die Scene schlimmer, verhängnisvoller Auftritte gewesen sein sollte. Und doch war er es sicher gewesen. Frau Krafft zweifelte nicht mehr daran. Eilig schritt sie durch mehrere Zimmer bis zu dem schmaleren Gang, der durch den Seitenflügel lief, in welchem Beckys Schlaf- und Garderobezimmer lagen. Hier kam ihr Marie entgegen. »Ich muß das gnädige Fräulein sprechen.« »Es ist nicht möglich, Frau Direktor.« »Ich muß, sage ich Ihnen.« »Dann kostet es mich meinen Dienst. Sie will niemand sehen. Ach, du lieber Gott!« Das gute Mädchen wischte sich die Augen. »Marie, was ist – was kann das nur gewesen sein zwischen – Sie wissen –« »Ja, Frau Direktor, ich weiß. Aber ich habe keine Ahnung. Sie sind im Salon gewesen, während ich das Schlafzimmer zurecht machte. Dann kam sie und sagte nur, daß kein Mensch zu ihr dürfe; sonst kein sterbendes Wort. Sie war ja auch so weit ganz ruhig, aber totenblaß; und ein paarmal ging es wie ein Zuck durch ihren ganzen Körper. Ich habe ihr nur das Reitkleid aufmachen müssen. Dann hat sie mich weggeschickt. Ich denke, sie legt sich jetzt zu Bett und schläft es sich aus.« »Das möge Gott geben, Marie!« * Es war ein täppischer Zufall, ein Versehen des Kutschers, der in der Meinung, der gnädige Herr wolle heut Nacht in Polchow bleiben, schon vor Stunden nach Hause gefahren war, daß der Graf jetzt in der Nacht den Weg von Polchow nach Selchow zu Fuß machen mußte, wie ein vom Hof gejagter Bettler. Geschieht dir recht, der du zum Verräter geworden bist an deinem Stande, deinem alten Adel; an allem, was dir heilig gewesen ist, seitdem du denken kannst! Und der Graf, in der Marter solcher Selbstvorwürfe, dankte Gott, daß er es Nacht sein ließ, die seine Schmach, für den Augenblick wenigstens, der Welt verbarg. Und keine Möglichkeit der Satisfaktion! Kein Bruder, Vetter – niemand als ein alter siebzigjähriger Mann mit eisgrauen Haaren, der hundert Meilen gefahren war, eine Stunde an seinem Krankenbette zu sitzen; seinen Vater gerettet hätte, wäre er zu retten gewesen; ihm selbst zwanzig Millionen schenken wollte mit der Hand seiner einzigen Tochter! In seiner Zorneswut hatte er bereits das ganze ausgedehnte Tannengehölz durchmessen, das sich breit zwischen Polchow und Selchow streckte, als er durch die Stille der Nacht hinter sich Hufschlag zu hören glaubte und jäh stehen blieb mit klopfendem Herzen. Wenn sie jemand hinter ihm herschickte? ihn zu bitten, daß er zurückkomme? ihr zu gewähren, daß sie ihn um Verzeihung anflehte für das, was sie gesagt, gethan; wovon ihre Seele nichts wußte? Nein! nein! tausendmal nein! Dies war nicht zu verzeihen; auch nicht, hätte ihre Seele nichts davon gewußt! Aber sie hatte davon gewußt! Dies war nur der Ausbruch gewesen lange aufgesammelten Grolles und Hasses! Und der Überzeugung, daß zu dem Bund zwischen Becky Lombard und Kurt Bassedow die Teufel in der Hölle wieherten vor Lachen! Und also denkend lauschte er sehnsuchtsvoll in die Nacht hinein. Aber es war eine Sinnestäuschung gewesen. Kein Hufschlag, der näher kam! Das Rascheln nur des Nachtwindes in den schmalen Blättern der Krüppelweiden links am Wege und im Weizenfelde rechts das Locken eines Rebhahns. Gott sei Dank! Gott sei Dank, daß die Versuchung nicht an ihn herangetreten war! Ihm die Schmach erspart geblieben war, im Kampfe mit der Versuchung vielleicht doch zu unterliegen! Er hatte sie ja so geliebt! Er liebte sie ja noch so! Und auf einen Prellstein am Kreuzwege, der weißlich durch das Dunkel schimmerte, niederkauernd, drückte er das Gesicht in die Hände, brennende Thränen weinend, derer er sich schämte, und die ihm keine Linderung seiner Qual schafften. Und – er wußte nicht, wie das zuging – plötzlich wurde es ruhig in seiner Brust, ganz ruhig und still; als sei da etwas gestorben, das nie wieder zum Leben erwachen konnte. Er erhob sich und setzte seinen Weg fort, vor sich hinmurmelnd: »Es war ein Traum, ein schwerer Traum – nichts weiter! Danke Gott, daß du erwacht bist, ehe es zu spät war!« So kam er nach Hause. In der Halle unten standen große Kisten aufgestapelt, die, wie Peters berichtete, gegen Abend gekommen waren: Möbel, oder was es sonst war, von Loßberg zur Ausstattung der Bibliothek aus Berlin schon vor Tagen beordert. Der Graf befahl, alles eingepackt zu lassen. Er fahre morgen früh selber nach Berlin, werde von dort bestimmte Ordre geben. Der Wagen solle um vier Uhr bereit sein; er wolle den Fünfuhrzug benutzen. Wieprecht solle ihn begleiten. Wieprecht sagte: »Zu Befehl, Herr Graf!« glaubte aber doch, den Herrn Grafen darauf aufmerksam machen zu sollen, daß der Fünfuhrzug ein Bummelzug sei, der nur eine Stunde vor dem um neun Uhr von Greifswald abgehenden Schnellzuge nach Berlin kam. »Gerade auf diese Stunde kommt es mir an,« sagte der Graf. Er konnte dem Kammerdiener nicht anvertrauen, daß jede Minute mehr, die er in Selchow zubringen mußte, ihm Hölle war. Und dann: er würde die Stunde, die er gewann, benutzen, den Herzog aufzusuchen; ihm zu sagen, daß er sich nach dem, was ihm begegnet, vor keinen, anständigen Menschen in Deutschland mehr sehen lassen könne; und der Herzog, wenn er ihm denn wirklich gnädig sein wolle, ihm durch seinen Einfluß die Möglichkeit gewähren möge, nach Afrika zu gehen und dort einen ehrlicheren Tod zu sterben, als sein Vater sich nach einer wüsten Spielnacht durch einen Revolverschuß zu verschaffen wußte. Er stand an einem der Fenster der Bibliothek, das er geöffnet hatte. Die Nacht war schwarz; kaum daß sich der Turm der Kapelle ein wenig aus der Dunkelheit hob. Im Geisterflug ging seine ganze Vergangenheit an seinem inneren Auge vorüber: die Kadettenzeit – das Offizierleben – großer Gott! welch unermeßliche Öde! welch schattenlose Wüste! Und dann die Spiegelung einer Zukunft in behaglich-würdigen Verhältnissen an der Seite eines liebenden, geliebten Weibes in nichts zerfließend! Und abermals schattenlose Wüste bis ans Ende! Nur der eine Trost: das Ende werde nicht mehr weit sein! Vom Turm der Kapelle erschallte das schrille Gekrächz eines Käuzchens. Es klang überlaut in der Stille der Nacht. Die Warnung kam zu spät. Das Unglück war geschehen. Die Heilige in der Altarnische unten hatte es nicht abwenden können. Das Wespennest oben in der Galerie, das leer war und leer bleiben würde, bis es vollends zusammenbrach – es war das rechte Symbol und Bild des Hauses der Grafen Bassedow. Schmerzlich aufstöhnend wandte der Graf sich vom Fenster. * Auch in Polchow starrte um dieselbe Zeit ein Augenpaar trostlos in die dunkle Nacht. Die Ruhe, in die sich Frau Krafft nach den Ereignissen des Abends künstlich hineingeredet, hatte nicht vorgehalten. In der nächtlich einsamen Stille hatten sich Sorge und Furcht wieder an sie herangedrängt, dichter und dichter – ihr war, als ob sie die grauen Gestalten leibhaftig durch das Zimmer huschen sah. Nun war es doch gewiß da, was sie die ganze Zeit hatte kommen sehen. Sie und der alte Vater. So gebrochen war er heute gewesen, daß er den Mut zur Weiterreise nicht hatte finden können. »Ich habe die Ahnung von einem Unglück, das aus nächster Nähe hereindroht,« hatte er ihr auf dem Perron des Bahnhofes geklagt, als sie ihm dort noch einmal adieu sagen wollte. »Weshalb da die lange Reise nach Bonn machen, wenn ihr mich doch alsbald wieder zurückrufen müßt!« Und an die Trostgründe, mit denen sie die Sorge des alten Herrn zu beschwichtigen suchte, hatte sie selbst nicht recht geglaubt! Mit gutem Fug: schneller, als sie es denn doch gefürchtet, mußte jetzt etwas geschehen sein, was durch nichts wieder gutzumachen war: schwere Thaten, die sich nie vergeben, nie vergessen, wie es in dem Chorliede der Braut von Messina hieß, das ihr Mann mit solcher Andacht zu citieren pflegte. Und dies das Ende des Tages, an dem bis dahin der Entschluß des Geheimrats, nicht weiter reisen zu wollen, der einzige dunkle Punkt gewesen war. Und an den sie faktisch nicht mehr gedacht hatte während des vergnüglichen Mittagessens bei Ännchens Eltern, welche die Liebenswürdigkeit gehabt hatten, ihren Jungen und Josephine ebenfalls einzuladen. Was hatte es dabei zu lachen gegeben! und wie herzlich hatte sie gelacht! Als hernach beim Champagner, wo sie sich alle einen kleinen Schwips holten, der Direktor und sein künftiger Assistent Brüderschaft tranken! Und Ännchen sich hoch und teuer vermaß: nie und nie werde es ihr beikommen, gegen irgend eine Frau Assistentin die Frau Direktor herauszubeißen! Mit offenbar kecker Anspielung auf Josephine, die feuerrot geworden war, und ihren Jungen, der ein erzdummes Gesicht machte! Wenn er auch hinterher die Stirn hatte, seiner alten Mutter gegenüber zu behaupten: es sei absolut nichts daran. Ob er wohl in der Lage sei, an so etwas zu denken! – Brav, mein Junge, hatte sie gesagt: denke du nicht daran! Es wäre wirklich in deiner Lage Unsinn! Und da hatte er wieder das liebe dumme verblüffte Gesicht gemacht, wie bei Tisch. Bis sie vor Lachen herausplatzte, und er sie um den Leib faßte, und sie beide im Zimmer herumwalzten! Ach, es war ein schöner, sonniger, wonniger Tag gewesen! Und jetzt saß sie, schon halb entkleidet, in ihrem Zimmer am offenen Fenster und horchte in die stille Nacht hinein. Das Unglück war sicher unterwegs! Und es schreitet so schnell! Das war sein Schritt, der fliegend den schmalen Korridor heraufkam! »Frau Direktor! Frau Direktor! um Gotteswillen! Unser gnädiges Fräulein –« »Was ist's? Was giebts?« »Ich weiß nicht, was es ist. Sie liegt ganz still im Bett auf dem Rücken. Die Augen hat sie halb geschlossen und ist so entsetzlich blaß. Nur auf den Backen hat sie dunkelrote Flecke. Und sie redet in einem fort: ich bin die Königin! ich bin die Herrin! und so was.« »Ich komme,« sagte Frau Krafft. »Ich will bei dem gnädigen Fräulein bleiben. Sie rufen unterdes den Karl oder Philipp heraus: Herr Pasedag soll sogleich geweckt werden. Ich will ihn sprechen – in meinem Bureau unten. Sie sagen mir, wenn er da ist! Und Marie – Sie sind ja ein verständiges Mädchen: gegen die anderen vorläufig kein Wort! Wir dürfen sie nicht ohne Not erschrecken. Hoffentlich wird es nicht so schlimm.« Frau Krafft hatte ihren Anzug so weit in Ordnung gebracht und schritt eilig dem Mädchen voran, den Korridor entlang, die Treppe hinab, sehr fest auftretend, das Zittern ihrer Knie zu überkommen. War es je nötig gewesen, den Kopf oben zu behalten, war es jetzt. * So entschlossen, trat Frau Krafft in Beckys Schlafgemach. Es war hell erleuchtet: die beiden großen Wandlampen brannten, sämtliche Kerzen auf den Konsolen, Toilettentischen, an den Stellspiegeln. Frau Krafft war darauf vorbereitet: Marie hatte ihr, noch auf der Treppe, gesagt, das gnädige Fräulein in ihrem Phantasieren habe es so verlangt, und sie in ihrer Angst ihr den Willen gethan. Der erste Blick der Eintretenden hatte das prunkvolle Himmelbett in der Tiefe des großen Raumes gesucht, und sie erschrak trotz ihres Mutes: die rotseidene Decke auf den Teppich geschleudert, die Spitzenkopfkissen in Klumpen geballt, das Bett leer. Frau Krafft eilte nach der Fensterthür, die auf den Balkon über dem Garten führte – hinter den Damastvorhängen fand sie die Thür verschlossen, der Schlüssel steckte inwendig – da hinaus konnte sie nicht sein. Mit den beiden Fenstern rechts und links von der Thür verhielt es sich nicht anders. War die Unglückliche in das Haus gerannt? irrte in den Zimmern, den Korridoren umher? Wo sie da suchen? Plötzlich fiel der Blick der Ratlosen auf die Tapetenthür nach dem Toilettenzimmer. Die Thür war nur angelehnt; durch den schmalen Spalt konnte sie bemerken, daß auch da Licht brannte. An das Toilettenzimmer schloß sich der Baderaum. Sollte sie die Fieberglut im Wasser kühlen wollen? sollte sie – Von jäher Angst ergriffen, stürzt Frau Krafft auf die Thür zu. Die wird aufgestoßen. Becky tritt hervor: einen weiten wallenden purpurroten Abendmantel über den Schultern; um den Kopf, als Turban, ein großes Stück Goldgaze geschlungen, aus dem das blauschwarze Haar in dicken ungleichen Strähnen herabfließt; den nackten Hals, die nackten Arme mit Ketten und Spangen behangen; in der Hand einen mächtigen Fächer von weißen Straußenfedern, mit dem sie sich majestätisch Kühlung zufächelt; das lodernde Feuer des Wahnsinns in den großen schwarzen Augen; das entsetzliche Lächeln des Wahnsinns um die üppigen Lippen: »Du kennst mich nicht, gute Frau. Ich sehe es an deinen erstaunten Blicken: ich bin die hochberühmte Königin von Saba, die da kam aus Arabien, Salomo, den großen König von Juda, zu versuchen mit Rätseln, die er alle löste – alle!« Urplötzlich geht eine Veränderung mit ihr vor, die ihr Aussehen womöglich noch grauenhafter macht. Das grelle Feuer in den großen schwarzen Augen erlischt, daß sie gläsern stieren, wie einer Toten; das schauerliche triumphierende Lächeln wandelt sich in schmerzlichste Verzerrung; Leichenblässe anstatt der flammenden Röte deckt die Wangen; die Arme sinken herab; der Fächer entfällt der Hand; der stolze Leib sinkt zusammen – eine alte Frau steht da, vergrämt, trostlos, zum Sterben müde. Und trostlos, sterbensmüde kommen die leisen Worte: »Bis auf eines! Das war sie selbst. Das konnte er nicht lösen. Konnte sie nicht lösen. Keiner kann es – keiner. Da wandte sich die Unglückselige und zog in ihr Land mit allen ihren Knechten.« Und noch einmal rafft sie sich auf, hebt, halb sich wendend, den Arm, als wolle sie dem Gefolge winken, und stürzt, seitwärts taumelnd, nieder auf den Teppich. * * * 15 Auf seinem Jagdschloß Fürstenstein saß der Herzog vormittags in seinem Arbeitskabinett am Schreibtisch, als die Herzogin durch eine Tapetenthür, die in ihre Gemächer führte, hereintrat. Der Herzog legte das Aktenstück, in welchem er gelesen, aus der Hand und erhob sich. »Bitte um Entschuldigung, wenn ich störe,« sagte die Herzogin. »Ich höre von der Seeberg, Graf Bassedow ist angekommen, und du hast ihn zum Frühstück befohlen. Du weißt, ich interessiere mich für seinen Fall und möchte mich gern orientiert zeigen. Könntest du mir wohl den Brief, den er dir noch nach Berlin von Pommern aus geschrieben hat, zu lesen geben?« »Gewiß,« erwiderte der Herzog, einen Schubkasten an dem Arbeitstisch aufziehend und aus einem Konvolut, das die Aufschrift »privat« trug, einige Blätter nehmend. »Es sind aber zwei Briefe.« »Schadet nicht. Stört es dich, wenn ich sie hier lese?« »Nicht im mindesten.« »Du kannst ruhig weiterarbeiten.« »Danke.« »Er nahm sein Aktenstück wieder zur Hand; die Herzogin ging zu einem der Fenster; blickte ein paar Momente nach zwei Rehen, die drüben aus den Buchen auf den Rand der Wiese getreten waren, ließ sich in einen Fauteuil sinken und begann zu lesen. \  Polchow bei Greifswald. 6. Juli 86, 2 Uhr nachts. Gnädigster Herr! Ew. Hoheit haben die Gnade gehabt, ausführlichen Bericht über die hiesigen Ereignisse von mir zu fordern. Ich beeile mich, Ew. Hoheit Befehlen nachzukommen. Da die Depesche von hier, die mich heute vormittag in Berlin erreichte, nachdem ich kaum das Glück gehabt hatte, Ew. Hoheit eine halbe Stunde lang gesprochen zu haben, keinerlei Details enthielt, halte ich es für geboten, diese vorauszuschicken. Oder ein Detail enthielt die Depesche doch, und das für mich entscheidend war. Der Ausbruch jeder anderen Krankheit hätte mich nach dem, was vorgefallen, zur Rückkehr keineswegs bewegen können; geistiger Umnachtung gegenüber, von der ich nicht wußte, wann sie ihren Anfang genommen, durften Unmut und Zorn nicht standhalten. Hier war nur eine Empfindung verstattet: Mitleid mit einem grenzenlosen Unglück. Zum Ausbruch, auch für andere unverkennbar, war die Krankheit gegen drei Uhr nachts gekommen, um dieselbe Zeit also, in welcher ich, den Frühzug zu erreichen, von Selchow nach Greifswald unterwegs war. Ein reitender Bote, den man mir eine halbe Stunde später gesandt hatte, konnte mich deshalb nicht mehr treffen. Glücklicherweise hatte ich meinem Diener die Adresse meines Berliner Hotels hinterlassen. Dagegen durfte ein nach Greifswald gesandter Wagen nicht bloß mit dem Professor Guttmann zurückkehren, einem berühmten Psychiater (wenn ich das Wort richtig schreibe), sondern auch mit dem Geheimrat Lombard, von dem ich Hoheit sagte, daß er nach Bonn zurückgekehrt sei. Er war aber, wie er mir nun mitteilte, in Greifswald geblieben, weil ein eigentümlicher Ausdruck in den Augen der Tochter während einer letzten Unterredung ihn so stutzig gemacht habe, daß er nicht wagte, die Reise fortzusetzen. Wenn ich das gewußt hätte, Hoheit! auch nur hätte ahnen können, daß ich es mit einer Kranken zu thun hatte! jene schreckliche Scene nur die Offenbarung einer sicher schon seit längerer Zeit vorbereiteten Krankheit war! – Inzwischen hatte sich, noch bevor ich wieder in Polchow eintraf, herausgestellt, daß menschliche Kunst, die doch mich seiner Zeit in einem wohl recht ähnlichen Fall gerettet hatte, hier kaum etwas vermögen werde. Und was war an mir gelegen! Aber sie! sie! Ich habe den Professor Guttmann gebeten, mir die Wahrheit zu sagen. Er hat mir aus der schrecklichen Alternative kein Hehl gemacht: längeres schwerstes, in Tod endendes Siechtum; oder ein sehr plötzliches, vielleicht in kürzester Frist durch Gehirnschlag eintretendes Ende. Das letztere sei bei der hochgradig nervösen Natur der Kranken und der ungeheuren Heftigkeit, mit der die Krankheit aufgetreten, das Wahrscheinlichere. Und, wie er als Arzt sagen müsse: Wünschenswertere – weitaus Wünschenswertere. O, mein Gott! Ich stelle alles Gott anheim und danke ihm, daß von der überaus peinlichen Scene, deren Verlauf ich Ew. Hoheit andeuten zu müssen glaubte, und von der ich nicht ahnte, daß Fräulein Lombard mit jedem Blick, jedem Wort bereits im Bann der entsetzlichen Krankheit stand, hier niemand etwas weiß und wissen kann, da sie ohne Zeugen stattfand, und der Brief, in welchem ich den Vorfall dem Herrn Geheimrat in Bonn melden wollte, erst in Berlin geschrieben werden sollte, nachdem ich wieder in Besitz der sich geziemenden Ruhe gelangt war. So konnte ich meine Fahrt nach Berlin durch einen mir telegraphisch zugegangenen Befehl Ew. Hoheit schicklich erklären. Man hat mich nicht zu der Kranken gelassen; aber versprochen, mich zu rufen, falls nach Gottes Ratschluß das Ende eintreten sollte. \  Sieben Uhr morgens. Gnädigster Herr! Man rief mich um fünf Uhr und sagte mir: es gehe zu Ende. Verstatten Ew. Hoheit, daß ich eine Schilderung der folgenden Scenen auch nicht einmal versuche! Ich erkannte die Leidende kaum wieder; so völlig hatten Krämpfe ihr Gesicht entstellt. Jetzt, da sie tot, ist sie schön wie je. Ich möchte sagen: schöner; erlöst von dem Fluch des Trotzes gegen Gott, der ja ihre Krankheit war; und den Gottes Gnade – so glaube ich zuversichtlich – im Tode von ihr genommen hat. Ew. Hoheit werden es in der Ordnung finden, wenn ich dem Begräbnis beiwohne. Es ist außerdem noch verschiedenes Geschäftliche zu erledigen. Ew. Hoheit wollen die Gnade haben, zu befehlen, wann und wo ich mich wieder vorstellen soll. \  Polchow bei Greifswald, 9. Juli 86 Gnädigster Herr! Das Begräbnis hat heute in früher Stunde stattgefunden unter Umständen, die so außergewöhnlich sind, wie die Lage, in die ich mich hier verstrickt sah und deren Wirrsal wohl nur der Tod des einen oder des anderen von uns lösen konnte. Es wird mir schwer, es auszusprechen: Fräulein Lombard wollte sich nicht nur nicht zum Christentum bekennen – sie hatte sich, wie ich jetzt erfuhr, auch von dem jüdischen Glauben losgesagt, bereits vor Jahren, in einer Broschüre, die sie, während sie in Zürich ihren Studien oblag, hatte drucken lassen, und in welcher sie ihren Standpunkt zu rechtfertigen versucht hat. Ich habe die Broschüre nicht gelesen, und werde sie nicht lesen. Fielen doch in unserer letzten schrecklichen Unterredung Worte von ihren Lippen, die weit hinausgingen über alles, was die Broschüre enthalten kann. Worte, die ich der Toten nicht mehr anrechnen darf, wie grausam ausschlaggebend sie auch für mich in dem Augenblicke waren. Ach, Hoheit, in welch schwerem Dunkel tappen wir armen Menschen doch bei allem redlichen Willen, das Rechte und das Gute zu thun – Verzeihen, Hoheit, die Verwirrung dieses Briefes! Mir ist der Kopf so wüst; das Herz so schwer – Ich wollte vom Begräbnis sprechen. Wie die Umstände nun einmal traurig lagen, durfte der sehr gewissenhafte Vater an eines nach jüdischem Ritus nicht denken; von einem christlichen konnte selbstverständlich nicht die Rede sein. In meinem Parke von Selchow findet sich in einer abgelegeneren Partie ein flacher, kreisrunder Hügel von etwa fünfzig Meter im Durchmesser, der im Laufe der vielen Jahre mit Epheu fußhoch versponnen ist. Aus seiner Mitte ragte ein anderthalb Meter hoher Stein in Pyramidenform, der auf der Spitze eine Kugel trug und auf der Vorderseite eine Inschrift zeigte, die das Alter beinahe völlig verwischt hatte. Auf einer Promenade, die ich mit der Verstorbenen machte, fiel ihr die wirklich recht eigenartige Stelle auf, und sie äußerte: einen schöneren ewigen Ruheplatz könne sie sich nicht denken. Ich solle ihr versprechen, daß sie dort bestattet werde, falls das Schicksal sie vor mir abrufen sollte. Hoheit! es war eine Stunde, in der man einer Dame, die man liebt, alles gern gewährt! Wir ließen jetzt die Stelle untersuchen. Unter dem Stein, der entfernt und an einer anderen Stelle des Parkes wieder aufgerichtet wurde, fand sich nichts. Wir brauchten also keinen Grabesfrieden zu stören, um ihr an diesem Orte ihrer Wahl die Ruhestätte zu bereiten. Ich darf sagen, daß die Beisetzung, welche in Gegenwart einiger Damen und Herren, Freunden und Freundinnen der Verstorbenen, der Dienerschaft von Polchow und meinen Leuten stattfand, und bei welcher Professor Guttmann einige schöne Worte sprach, der Feierlichkeit nicht entbehrte. Auf Wunsch des Vaters soll eine Platte aus schwarzem Marmor das Grab bedecken, auf der in goldenen Lettern nur ihr Vorname steht. Ich habe meine Einwilligung gegeben. Mit einer Wärme, die mich innigst rührte, hat der Geheimrat mich gebeten, unsere auf das Zustandekommen der Ehe hin getroffenen Abmachungen auch jetzt gelten lassen und mich weiter als seinen Schwiegersohn, respektive Erben betrachten zu wollen. Aus Gründen, die ich Ew. Hoheit nicht einmal anzudeuten brauche, habe ich diesen gewiß hochherzigen Vorschlag des alten würdigen Herrn ablehnen müssen; dafür mit ihm vereinbart, daß Schloß und Park Selchow nach meinem Tode in seinen Besitz übergehen, dessen ganzes Vermögen im Falle seines Ablebens ausschließlich zu wohlthätigen Zwecken verwandt werden soll. So ist denn meine ökonomische Situation genau dieselbe, wie sie vor dieser so überaus leidvollen Episode meines Lebens war. Ich armer, kurzsichtiger Mensch! der ich glaubte, mit meinem Leben abgeschlossen zu haben! Und dem Gottes unerforschlicher Ratschluß vorbehalten hatte, hier in meiner erträumten Zurückgezogenheit von der Welt binnen weniger Wochen alle Lust und alles Weh zu erfahren, das ein Menschenherz treffen kann! Möge Gott mich nun genug geprüft haben! Was die Ausführung meiner bescheidenen Absichten für die Zukunft angeht, setze ich heute, wie neulich, meine Hoffnung in die Güte Ew. Hoheit. Dem erhaltenen Befehle gemäß, werde ich mich am Dienstag in Fürstenstein vorstellen und Ew. Hoheit, sowie Dero erlauchter Gemahlin, der Frau Herzogin, königliche Hoheit, meine Ehrerbietung zu Füßen legen. * Die Herzogin hatte die Blätter gelesen und in den Schoß sinken lassen. Der Herzog wandte sich im Sessel. »Nun? was sagst du?« »Ich sage: es ist ein großes Glück, daß aus der Heirat nichts geworden ist.« »Warum?« »Weil es sonst ein kolossales Unglück gegeben hätte.« »Meinst du?« »Wie du fragst! Solche Differenzen könnte nur die größte Liebe überbrücken. Von der ist doch hier nichts zu spüren.« »Wenn du Bassedow kenntest, würdest du konzedieren müssen, daß ihm wissentlich kein unwahres Wort von den Lippen kommt. Er hat das Mädchen geliebt – grenzenlos.« »So dann: sie nicht ihn.« »Selbst das ist mir nicht sicher. Ich habe über den Fall viel nachgedacht und bin zu der Überzeugung gekommen: hier haben zwei Menschen den Kampf der differenten Charaktere, Temperamente und so weiter, der sonst erst in der Ehe ausgefochten zu werden pflegt, schon als Brautleute engagiert, was denn, da die Bande noch nicht fest geknüpft sind, leicht zu einer Katastrophe führt. Dazu bedarf es manchmal nur einer Bagatelle, die zur Gelegenheitsursache wird. Zum Beispiel eine zur unrechten Zeit gestellte Frage um den Vortritt. Daß die Sache, die sonst wohl ins Banale verläuft, hier eine so tieftragische Wendung nahm, scheint mir die Folge von Momenten, die zweifellos zum Teil individueller Natur sind, zum Teil aber sicher mit gewissen krankhaften Dispositionen und Tendenzen der Menschen von heute im innigsten Konnex stehen.« »Das fasse ich nicht ganz.« »Ich erkläre dir gelegentlich, wie ich's meine. Für den Augenblick wollte ich dich nur bitten, wenn die Rede auf das Hofmarschallprojekt kommt, nicht etwa in ihn dringen zu wollen. Ich, als alter Kamerad, kann mir zur Not ein Refüs von ihm gefallen lassen; du kannst es nicht.« »Du meinst, er bleibt bei seinem nach meiner Ansicht ganz absurden afrikanischen Projekt?« »Du hast ja gelesen: in seinen Augen ist die Situation unverändert. Bitte, gieb mir die Briefe!« Der Herzog schloß die Briefe in das Schubfach. »Nun ja,« sagte die Herzogin, »den Luxus eines armen Oberhofmarschalls können wir uns allerdings nicht gewähren. Er wäre mir freilich noch immer lieber als ein reicher mit einer Dame als Gattin, die von Haus aus Jüdin war. Nicht meinethalben – ich denke und fühle darin ganz wie du – wohl aber ihrethalben, die man es doch sicher gelegentlich hätte fühlen lassen. Und da du ihn doch einmal gerne um dich hättest – wenn ich ein paar tausend Mark aus meiner Schatulle zulegte – damit ginge es am Ende doch.« »Und ich bitte dich: gieb den Gedanken definitiv auf. Ich kenne meinen Bassedow. Was der sich in den Kopf gesetzt hat, das führt er durch.« »Aber ein früherer Gardeoffizier in der afrikanischen Schutztruppe!« Der Herzog zückte die Achseln. » que voulez-vous ! Man hat ihn im Militärkabinett wirklich zu leicht fallen lassen. Hätte ich eine Ahnung davon gehabt! Als ich es erfuhr, war es zu spät.« »Aber in Afrika!« Der Haushofmeister erschien: »Hoheit! der Herr Graf Bassedow.« »Ich lasse bitten. Der Graf trat, in das Gemach. Der Herzog erschrak: der Mann, den er vor acht Tagen in Berlin gesehen, schien um das Doppelte an Jahren gealtert. »Ach, lieber Graf! Freue mich herzlich. Dies, liebe Luise, ist mein alter Regimentskamerad, von dem ich dir so viel erzählt!« Der Graf küßte der Herzogin die Hand; die Herzogin war sehr gnädig. Der Haushofmeister meldete, daß das Frühstück serviert sei. Im Frühstückssalon harrten der Kammerjunker von Bohl und der Geheime Kabinettsrat Amsler, die befohlen waren, der Herrschaften. Der Graf kannte nur den Kammerjunker. Der Herzog stellte ihm den Kabinettsrat vor. Während die Herren, ein paar Worte wechselnd, sich voreinander verneigten, flüsterte die Herzogin mit einem Blick auf den Grafen dem Herzog zu, als dieser ihr, ehe noch ein anderer zuspringen konnte, das Taschentuch, das sie hatte fallen lassen, überreichte: »Der kommt aus Afrika nicht wieder.« »Ich bin überzeugt: eben darum geht er hin,« flüsterte der Herzog zurück. * * *