Eduard Stucken Giuliano Erstes Buch Die Streiche des Prinzen Karneval 1 Der Mikrokosmos ist ein Abbild des Makrokosmos – das wußten bereits die Schreiber der Pyramidentexte. Eine Leibnizsche Monade ist ein Abbild des ganzen Menschen. Aber auch in jedem Menschen spiegelt sich das Schicksal seines Zeitalters und seiner Umwelt. Wie Welten und Weltreiche, so haben auch manche Menschen ein silbernes, ein goldenes und ein kupfernes Zeitalter. Nicht immer sichtbar, schreibt die weiße Hand dem vom Glück Verhätschelten das »Mene-tekel-u-pharsin« an die Wand; und wörtlich übersetzt bedeutet das: »Silber-Minie« – »Gold-Sekel« – und – »kupferne Scheidemünze«. Mag Hesiod das goldene Menschengeschlecht dem silbernen vorangehn lassen, mag am Euphrat und am Ganges aus einer silbernen Zeit sich die goldene läutern, – stets ist das Dritte, das von steiler Höhe Abstürzende: das kupferne Zeitalter. Für wenige, allzuwenige Glücksjahre glitt Italiens silbernes Zeitalter – die mondbeglänzte Kunst der Primitiven – in den Secol d'oro hinüber, in die Sonnenglut der Hochrenaissance. Nicht nur Raffael vergeudete sich. Die Landsknechte, die Rom plünderten, vernichteten eine bereits sterbende Kultur. Herrscht der Mond über ein silbernes Menschengeschlecht und die Sonne über ein goldenes, so ist der Leitstern einer kupfernen Menschheit der Planet Venus. Unter diesem Leitstern entstand die morbide glitzernde Spätrenaissance eines Correggio und Cellini. Weder schlichte Innigkeit noch das Große und Erhabene gefiel. Venus heischte eine blutwarme nervöse Sinnlichkeit. Als zu kalt und monumental wurde sogar der Marmor empfunden. Cellini gab sein Bestes im Erzguß, »cire perdue«. Verlorenes Wachs! – welch eine tiefgründige Bezeichnung! Man könnte an eine Mutter denken, die sterbend ihrem schönen Abbilde, ihrem Kinde, das Leben schenkt ... Was sind die Männer und Frauen einer Epoche anderes als verlorenes Wachs, das schmelzen und schwinden muß, um Abbilder zu hinterlassen, – selten genug schöne, weit öfter fratzenhafte Abbilder der entarteten Zeit und Umwelt (deren kupferroter Himmel den einstigen Weltbrand bereits ankündigt! ...) 2 Tolles zu erleben, bizarre sowohl wie blendende Phantasmagorien vorüberrauschen zu sehn, waren die schaulustigen Florentiner in der Faschingszeit gewohnt. Eselrennen wurden in der Arena – der Piazza Santa Maria Novella – veranstaltet; und ganze Stadtviertel stifteten ihrem siegreichen Grautier einen silbernen Lorbeerkranz, als wäre es ein Dichterfürst. Da sah man Rennkämpfe öffentlicher Mädchen: das Laster, sonst nur einzeln und verstohlen in nachtdunklen Gassen schleichend, hier durfte es bei Tageslicht sich zur Schau stellen, in Scharen, umjubelt, Lob, Ehrenkronen zu gewinnen bestrebt. Fangbälle, umfangreicher als der gewaltigste Globus, rollten über das Backsteinpflaster der Gassen und über flüchtende, stürzende, lachend aufkreischende Fußgänger hinweg. Kindjunge Karnevalsfischerinnen warfen ihre Angeln aus (an denen Makronen und Zuckergebäck als Köder hingen), um Männerherzen zu fischen, – und wenn nicht das, so doch wenigstens einen vom Angelhaken angebohrten Männerhut oder gar eine Perücke. Der Triumph der Liebe trabte gemächlich durch die Gassen, – der wildmähnige göttliche Knabe spannte den Flitzbogen und zielte, umgeben von musizierenden Damen (seinen Opfern) auf einer mit glitzerndem Brokat behängten Quadriga. Und ebenfalls vierspännig und goldbedeckt zogen die anderen Triumphe Petrarcas einher, sogar der der Keuschheit, il Trionfo de la castità (man traute seinen Augen kaum! ...) Priestergesänge, wie in den Zeiten der Republik, den düstern Zeiten Fra Girolamos, übertönten die Freudenschreie des Prinzen Karneval längst nicht mehr. Der Prinz war Vasall des Tyrannen von Florenz; und da sein Lehnsherr, der Duca Cosmo de' Medici, blasse Brutusgesichter nicht liebte, war Ausgelassenheit Vorschrift. Gehorsam belachte und bestaunte Florenz alle Fastnachtsnarreteien. Diese jedoch waren althergebrachte, zahme, entgiftete Tollheiten und hielten den Vergleich nicht aus mit einem mehr als tollen Anblick, der im klaren Sonnenlichte eines frühlingshaften Februarnachmittags sich der festlich flutenden Volksmenge darbot. 3 Ein menschengroßer weißer Vogel schritt vom Domplatz her dem Ponte Vecchio zu. Doch der weiße Vogel hatte ein Menschenantlitz, hatte die klugen Gesichtszüge einer etwa dreißigjährigen Frau von adliger Schönheit. Zuzutrauen war diesen schneeblassen Lippen, daß sie, verfänglich und tückisch, durch zauberhaft süßen Gesang Männer an sich locken und Männerblut trinken konnten wie die wehmütigen Münder ihrer gefiederten Schwestern am Totengestade. Aber war sie denn, wie jene Sirenen der Odyssee, ein Mischwesen, halb Mensch, halb Tier? Wer sie dafür gehalten, erkannte bald, als sie näher kam, seinen Irrtum: nicht aus ihrer Haut heraus wuchsen die langen Schwungfedern, die sich schwanenflügelhaft an ihren Armen fächerten und bauschten; – angeklebt waren sie, und ebenso die ihrer Nacktheit ein Hemd ersetzenden Daunen. Wiegend, knabenhaft schmal, schritt sie, den Kopf finster gesenkt; blauschwarzes Lockenhaar rieselte auf ihre birnenförmigen Brüste. Mehrere gutgekleidete maskierte Jünglinge führten sie an einer um den Vogelleib geschlungenen Eisenkette. Sie schienen Studenten zu sein, Wärter dieses Meerwunders. Unheimlich stumm folgte eine unabsehbare Menschenmenge. Witz und Hohn verkrochen sich wie schuldbewußte Doggen vor ihrer Herrin, der sieghaften Anmut. 4 Von der Piazza della Sigrioria her nahte durch eine der Seitengassen eine Kavalkade und stieß mit dem weißen Vogel zusammen. Der Zug machte halt. Kaum hatten die Studenten (oder was sie sein mochten) im vordersten Reiter den Duca Cosmo erkannt, ließen sie die Kette klirrend zur Erde fallen und mischten sich unter die Volksmenge, um unauffällig das Weite zu suchen. Durch eine wogende Wolke von Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen starrten Cosmo und der weiße Vogel einander wortlos an. Das längliche, schöne Gesicht des Duca blieb maskenhaft starr und streng, zeigte nichts von der Wut, die in ihm kochte ... Wie hatte diese tolle Frau den Mut aufgebracht, sich nach Florenz heranzuwagen, sich in die Höhle des Löwen zu wagen, – sie, die seit einer Reihe von Jahren (kein leeres Gerücht war das!) immer und immer wieder Attentäter bezahlte und aussandte gegen politische Gegner, so daß er, der vornehmste ihrer Feinde, etlichemal mit knapper Not den Anschlägen ihrer Assassinen entging ... Doch ins Unrecht gesetzt ward er heute durch die Florentiner, die das Gastrecht mißachteten! Welchen unerhörten Schimpf hatte man ihr, einer Feudalherrin, angetan! Sie war gefedert worden: entkleidet, mit Honig beschmiert, in Federn und Daunen gewälzt. So wurden Lustdirnen in Spanien gestraft. Wieviel Übles sonst Aragonesen, Borgias und kaiserliche Truppen aus der Nachbarhalbinsel eingeführt hatten, – diese rohe Sitte kannte man bisher nur vom Hörensagen in Florenz ... Und diese hohe Frau das Opfer! Wenn er Ursache genug hatte, ihr zu grollen, so war die ihr zugefügte Schmach ein Zwang für seine Ritterlichkeit, hinfort ihr ein Beschützer und Helfer zu sein. Vor Jahren hatte er sie angebetet, bevor sie (ihre Mutter beerbend) die regierende Fürstin von Massa-Carrara wurde und als jungfräuliche Burgherrin in die beiden Meerburgen, das Castello delle cento camere und die Rocca di Venere, einzog. Bis zu ihrer Thronbesteigung war sie fast ein Jahr lang – als Freundin seiner ältesten Tochter – Gast im Palazzo degli Pitti gewesen, täglich im Banne seiner helleuchtenden Augen. Aber er, der Unvergleichliche, hatte sie nicht zu verführen vermocht. Sein Werben war an ihrer Virginität zerschellt wie Brandung am Felsen. Und eines Tages war sie aus dem Palast und aus Florenz verschwunden – gar sehr ihm zum Unheil, da er die durch sie entfachte Leidenschaft auf ein ihr gleichendes Wesen übertrug – (venenum veneno vincitur!) – der Sünde entgehend, in schlimmere Sünde verstrickt ... Die Erinnerungsbilder in seinem Hirn jagten sich wie aufgeschreckte Hirsche. Dennoch währte es kaum den Bruchteil einer Minute, daß er zögerte, bevor er das Schweigen brach. »Principessa Malaspina! ... Ihr, Lodovica?! ... Habt Ihr selbst dies kühne Karnevalskleid gewählt?« Sie warf den Kopf zurück und lachte ihn an. »Nein, Eccellenza! Der Fastnacht zuliebe würde ich mich so sommerlich nicht kleiden: Daunen sind kein Pelz!« Augenblicks riß er sich seinen goldbestickten, mit Zobel verbrämten Mantel von den Schultern und legte ihn ihr um. Und hastig erteilte er seinen Begleitern Befehle, eine Sänfte herbeizuschaffen und warme Decken. »Wer hat sich unterstanden, Euch zu federn, Principessa?« »Ich kenne die Namen. Und das genügt.« »Nennt mir die Schandbuben, Principessa!« »Wozu? ... Mir angetanen Schimpf pflege ich immer selbst zu strafen!« »Ihr habt meinen Sohn nicht genannt, – doch ich weiß, daß nichts Schmähliches geschieht, an dem er nicht teilhat ... Hört mich an, Donna Lodovica! Florenz schuldet Euch Genugtuung. Wenn Ihr Euch an Pietro rächen wollt, so tut es in den nächsten drei Tagen. Ich werde Euch keinen Stein in den Weg legen. Wir schließen – Ihr und ich – einen dreitägigen Waffenstillstand als ehrliche Feinde, Lodovica.« »Das nehme ich dankbar an, Eccellenza.« »Eins aber müßt Ihr mir erklären –: wie habt Ihr den Mut aufgebracht, nach Florenz zu kommen? Was wollt Ihr hier?« »Ich suche den König von Cypern.« »Einen König ...? In Florenz?« »Er soll hier leben.« »Davon weiß ich nichts. Da aber Venedig Cypern besitzt, kann nur ein Narr sich König von Cypern nennen.« »Mag schon sein, daß er ein Narr ist. Doch er kommt aus Cypern und kann mir vielleicht Auskunft geben ...« »Worüber?« »Über eine Verwandte, die Tochter meines Großoheims, Marchesa Isotta Pasolini; und über meine von ihr adoptierte Base Contessina Violetta da Gambara, von deren mysteriösem Tod ein Matrose in Genua gesprochen haben soll ... Ich muß mir Gewißheit verschaffen.« »Wünscht Ihr, daß ich nach dem ›König‹ suchen lasse?« »Das laßt meine Sorge sein, Eccellenza, – ich habe ja drei Tage Zeit dazu.« Die Sänfte wird gebracht. Des Duca Einladung, im Pittipalast zu wohnen, lehnt Lodovica dankend ab: mit ihrer Dienerschaft und ihrer (aus drei Negern bestehenden) Leibwache bewohne sie den Palazzo Ginori neben San Lorenzo. Und die Sänftenträger schlagen den Weg nach dem Dom, der Via Larga und der Via Ginori ein. 5 Wie ein besiegter Feldherr mußte in der folgenden Nacht der Vorfrühling den Rückzug antreten und südwärts übers Meer fahren, afrikanischen Gefilden zu, von den schneidenden Winden des triumphierenden Winters verfolgt. Und gegen Abend des nächsten Tages verschworen sich sogar die auf Wolken reitenden Schneeengel, ein Saturnalienfest über Toscana zu veranstalten: lustig pfeifend und umherwirbelnd hüllten sie San Miniato zuerst, dann die Kuppel des Domes, den Turm des Palazzo Vecchio und schließlich alle Dächer, Straßen, Karossen und Fußgänger in einen silbrig flimmernden Flockennebel ein. Kaum noch war es möglich, hinter diesem wogenden Spitzenschleier, hinter dieser schäumenden Tarantella winziger kristallischer Tänzerinnen die flammenden Fanale und die grell erleuchteten Fenster des Palazzo Corsini zu erblicken, wohin die Nobili sowohl wie die reichen Popolani zu einem Maskenball geladen waren. Der nordischen Landschaft draußen zum Trotz strahlte und glühte der Süden in den Prachträumen des Palastes. Rhododendron und Kamelien standen in Blüte, Liliendüfte und Myrrhenrauch durchfluteten die Tanzsäle. Die sieben Planeten und etliche Tierbilder des Zodiakus – an blitzenden Diamantensternen in den Frisuren kenntlich – promenierten im Festgewühl, astrologisch errechnete Schicksale den Damen ins Ohr flüsternd. Perser und Chinesen gleißten in pfauenhafter Seidenpracht. Langobarden, die Beine mit Lappen umwickelt, schleppten sich müde an ihren langen Bärten. Numidier, wollhaarig und kupferhäutig, boten Kaurimuscheln zum Tausch an. Zottige Wilde Männer – uomini selvatici – schwangen ungeschlachte Keulen. Griechische Nymphen ließen durch spinnwebedünne Gewänder hindurch ihre ätherischen Formen erraten; – nicht jedoch ihre Gesichter: denn alle Nymphen, Sylphen, Undinen, Gnomen und Salamander trugen schwarze Sammetmasken. Und dies wurde Anlaß zu mancherlei Verwechslungen. So geschah es, daß Cosmos Lieblingssohn, der erst fünfzehnjährige Don Gracia, in einem vom Festgewühl etwas abgelegenen Zimmer einer ihn bezaubernden Nereide nachschlich. Sie hatte große grüne Froschfüße, ein Gewand aus Schilfblättern, und ihr Haar war mit Wasserlilien bedeckt. Als er sie eingeholt hatte, küßte er sie auf die überaus weiße Brust. Jene aber nahm sich lachend die Maske vom Gesicht. Da sah der Knabe, daß die Nereide nicht, wie er geglaubt hatte, die von ihm angebetete Donna Tolla Fiordespini war – sondern sein um drei Jahre älterer Bruder, der junge Erzbischof von Pisa, Kardinal Don Giovanni de' Medici. Heimlich bewunderte Gracia den begabten, zum künftigen Papst ausersehenen Bruder – doch immer hatte er seine Verehrung und Liebe hinter eine knabenhaft rüde Unfreundlichkeit versteckt und sich eingeredet, verhaßt sei ihm Giovannis schaugestellte Engelsgüte, mochte auch alle Welt sie bewundern. Und gerade weil Don Gracia an seiner unterdrückten Liebe litt, hätte er jetzt in die Erde versinken mögen – so beschämte ihn sein Kuß. Gutmütig klopfte der Kardinal dem Erschrockenen auf die Schulter. »Ein Glück, daß das niemand gesehn hat, Gracia! ... Dein Kuß war ja ein Biß!« »Verzeih mir, Giovanni«, stammelte der Knabe. »Wie konnte ich ahnen, daß du ... daß du wie ein Mädchen bist ...!« »Närrchen!« lachte Giovanni und ließ ihn ganz verwirrt stehn. Der frühreife Knabe hatte nämlich mit Donna Tolla Fiordespini die Verabredung getroffen, sie solle als froschfüßige schilfbedeckte Nereide zum Ball kommen. Älter und reifer als er, tändelte sie mit seiner kindlichen Leidenschaft, verlachte seine Schwüre, ließ es aber unwidersprochen, wenn der kleine Mediciprinz sie seine Braut nannte. Es war kein Zufall, daß der Kardinalerzbischof – (ebenfalls ein Verehrer der leichtfertigen Damigella) – sich ihr ähnlich zurechtgemacht hatte; denn ihm war von ihrer Kammerfrau ihr Kostüm beschrieben worden, und überraschen wollte er sie als ihr froschfüßiges, schilfbekleidetes Spiegelbild. 6 Daß der Menschenverächter Cosmo – obzwar immer bereit, wenn es nottat, kaiserliche oder päpstliche Einladungen anzunehmen, fast nie jedoch bürgerliche – daß er an diesem Abend durch seine und der Seinen Gegenwart das Maskenfest ehrte, war eine hohe Auszeichnung für den Gastgeber. Vor einem Vierteljahrhundert, als nach der Erdolchung des liederlichen Duca Alessandro de'Medici dessen Vetter und Orgienkumpan Lorenzino unklugerweise nach Venedig und Konstantinopel geflohen war – anstatt als »neuer Brutus« die Früchte des Tyrannenmordes einzuheimsen –, hatte Andrea Corsini zu den Besonnenen gehört, die, sich um den Kardinal Cybò und Francesco Guicciardini scharend, dem schönen siebzehnjährigen Sohn des »Gran Diavolo«, des tragisch für Italiens Freiheit ums Leben gekommenen Giovanni delle Bande Nere, auf den Thron Toscanas verhalfen. Jedoch nicht alle Angehörigen Cosmos waren heute mit ihm zur Lustbarkeit gekommen. Die im Sarge lagen, konnten ja ihr stilles Haus nicht verlassen: das waren die beiden blütenjung, kaum erst mannbar, verblichenen Töchter Donna Maria und Donna Lucrezia. Im Pittipalast geblieben war krankheitshalber auch Cosmos Gattin, die Duchessa Eleonora di Toledo: seit langem schon wankte sie dem Grabe zu, unaufhaltsam, eine Vergiftete, zu spät Entgiftete, zu spät vom Rande der Gruft Zurückgerissene und dem Leben Zurückgegebene, lebend noch, ohne dem Leben mehr anzugehören ... Beim Ballfest fehlte auch der Älteste, der Thronerbe Don Francesco: den noch Ungeschliffenen hatte Cosmo für ein Jahr an den Madrider Hof geschickt, damit er dort die arte de prudencia, eleganten Hochmut zu zeigen und Gedanken zu verbergen, erlerne ... Nicht anwesend war auch die jüngste Prinzessin, Donna Isabella, die einzige noch lebende Tochter Cosmos. Allzuteuer war sie ihrem Vater gewesen in jenem Verhängnisjahr, als er sich verlassen sah von Lodovica, – der sie seltsam ähnlich war in ihrer amazonenhaften Wildheit. Blutenden Herzens hatte er sie dann nach Rom an den dickwanstigen Paolo Giordano Orsini, den Gonfaloniere der päpstlichen Truppen, verheiratet, durch eine tragische Verkettung gezwungen, das Kind aus einem schuldvollen Paradies in eine Ehehölle zu verstoßen. 7 In den zwei Staatskarossen, die von der Piazza Pitti zum Lungarno Corsini gefahren waren, hatten mit dem Duca seine drei minorennen Söhne gesessen – Kardinal Giovanni, Don Gracia und Don Ernando – und außer diesen auch seine Nichte Donna Faustina, Lorenzinos Tochter, um derentwillen tags zuvor die Fürstin Mala spina gefedert worden war. Daß es Donna Faustinas wegen geschah, hatte Lodovica nicht erwähnt, als sie frostbebend auf der Straße die Fragen Cosmos beantwortete und auch nicht beantwortete. Erst bei seiner Rückkehr in den Pittipalast erfuhr er, daß die Fürstin zufällig Zeugin gewesen war, wie Donna Faustina auf der Via Larga von einem maskierten Jüngling – seinem mißratenen Sohn Don Pietro – belästigt wurde, der an sie das Ansinnen stellte, sie solle sich öffentlich vor allen Passanten von ihm küssen lassen. Und da Faustinas alte Ehrendame kein Schutz für die Prinzessin war – (ihr Sonnenschirm hätte gegen Pietros Florett nichts ausrichten können!) –, nahm sich Lodovica der Belästigten an und befahl ihrer Leibwache – ihren drei bis an die Zähne bewaffneten Negern –, die Damen nach Hause zu begleiten ... Zu spät wurde die Fürstin inne, daß sie sich selbst ihrer Beschirmer begeben hatte – wehrlos sah sie sich den wüsten Kumpanen Don Pietros ausgeliefert, die sie dann aus Rache federten. Der sonst so stoische Duca ballte die Fäuste. Man hatte seine Freundin, seine Krähe, anzutasten gewagt, – sie, die er sein Gewissen zu nennen pflegte! ... Und in der Tat, das schöne Mädchen war wie sein Gewissen: gut und auch schlecht. In ihren Augen spiegelten sich Cosmos Traurigkeiten und sein Frohsinn; was aber in ihr selbst vorging, verrieten ihre Augen nicht. Vielleicht irrte er sich, wenn er ihre Versklavtheit für Liebe hielt ... Die Staatsklugheit hatte ihn einst gezwungen, als er den Thron des ermordeten Duca Alessandro bestieg, dessen Mörder Lorenzino de'Medici, Donna Faustinas Vater, erdolchen zu lassen. Die Bluträcherin hätte sein müssen, war seine Geliebte, seine »Krähe« (cornacchia) geworden ... Nicht etwa verstört, sondern mit überlegenem Humor beschrieb sie den Affront Don Pietros und bat Cosmo, sich's nicht so sehr zu Herzen zu nehmen. Sie hatte wahrlich drei Tränen Satans im Leibe: eine lachende, eine böse und eine schwermütige ... Der ungalante, allzugalante Übeltäter Don Pietro, Isabella Orsinis Zwillingsbruder, der als erwachsener Prinz ein eigenes Haus mit fürstlichem Troß bewohnte, war von seinem grollenden Vater nicht mitgenommen worden. Vielleicht gehörte er nicht einmal zu den geladenen Gästen; – aber dennoch hatte er sich eingefunden: dank dem Maskengewühl war es ihm und auch einigen Kurtisanen, die nicht gebeten waren, möglich gewesen, sich unbemerkt unter die Tanzenden zu mischen. 8 Noch immer suchte der junge Gracia nach seiner Freundin Donna Tolla Fiordespini. Er wollte sie zur Rede stellen, er grollte ihr und hegte den eifersüchtigen Verdacht, daß sie seinen Bruder Giovanni heimlich verständigt habe – denn wie hätte der sonst auf den Gedanken kommen können, das Nereidenkostüm zu wählen? ... Im großen Tanzsaal hat Gracia sie nicht zu erspähen vermocht und nun forscht er nach ihr in den andern Sälen, Zimmern und Kammern, wo maskierte Paare, des Tanzens müde, ausruhn, Sorbetto schlürfen oder Arm in Arm promenieren. Schließlich gelangt er in einen Raum, der gemieden zu sein scheint, weil er dunkel und düster und gar nicht einladend ist für das lebensfrohe Geplauder und Gescherz der Masken. Im Dämmerschein einer einzigen Kerze schimmern schwärzlich an gekalkten Wänden Schwerter, Lanzen, Schilde und Morgensterne; und inmitten des Zimmers stehn Ritterrüstungen aufrecht da, ein froschgesichtiges eisernes Volk, durch den Zeitwandel zwecklos und inhaltlos geworden wie alte Krebsschalen. Es ist die Rüstkammer der Corsinis. Schon will Don Gracia sich zurückwenden, da hört er – ganz sacht geflüstert – seinen Namen, erkennt die Stimme seiner Braut und eilt (sich beinahe verirrend im eisernen Gehege der hoch ihn überragenden Rüstungen) in die dunkelste Ecke des schummrigen Saales, von woher der Lockruf ertönte ... 9 Nach etwa einer Viertelstunde schleicht eine Wassernymphe aus dem Halbdunkel ins grelle Licht des Tanzsaales. Noch ganz benommen vom Glück der Aussöhnung und wie versengt von den heißen Küssen Tollas, zögert Gracia, die Rüstkammer zu verlassen. Da tritt eine tiefverschleierte Vestalin herein. Die Flamme des antiken tönernen Öllämpchens, das sie in der Hand trägt, ist erloschen. Eine blaßblaue Sammetmaske deckt ihre Gesichtszüge; – doch ihrer biegsamen Gestalt nach zu urteilen, muß sie jung und anmutig sein. Rasch kommt sie auf den Knaben zu und raunt ihm einige Sonettverse ins Ohr, die ihn aus der Fassung bringen. Er murmelt ganz verwirrt: »Von wem sind die Verse, Maske?« »Von einer Dichterin; der besten in Florenz.« »Die ist eine Hure, sagt man.« Auch anständige Mädchen sind Huren, nur sagt man es von ihnen nicht.« »Du beleidigst eine, die ich liebe, denn sie ist ein anständiges Mädchen!« »Wenn du die meinst, die dich eben küßte, so weißt du nicht, was ich weiß, Prinz.« »Was weißt du, Maske?« »Komm morgen in meine Wohnung, dort wirst du's erfahren.« »Sag es jetzt gleich, Maske!« »Nein, Prinz, heute würdest du mich erwürgen, wenn ich's sage.« »Vielleicht auch morgen, Maske!« »Nicht mich! ... denn morgen werde ich dir den Star stechen, blinder Prinz; das kann ich hier nicht, das kann ich nur, wenn du zu mir kommst.« »Wo wohnst du, Maske?« »An der Porta San Gallo, wo nur Vestalinnen wohnen!« Traurig lachend geht sie hinaus. Er ist im Begriff, ihr nachzueilen, wird jedoch daran gehindert, da ihm an der Türschwelle ein dunkler Kavalier entgegentritt. 10 Der Eintretende hat sich nicht verkleidet, trägt auch keine Maske. Er ist ein hagerer Mann in schwarzer Hoftracht mit gestepptem Wams, seidenen moosgrünen Strümpfen und weißer Halskrause alla Spagnuola. Er hat den Gang eines Malvolio und die wissenden Augen eines Jesuiten. Einst war er in der Romagna ein Dorfpfarrer gewesen, bevor er ein Bravo der Orsini wurde und, zum Hauptmann avanciert, im Hause Medici eine Anstellung fand als Lehrer der Kriegskunst und Pagenerzieher. Der nicht mehr junge, immer düster dreinblickende Mensch, Abbate Agostino Selmi geheißen, ist neuerdings der Fechtlehrer Gracias und – nach Ansicht vieler – auch sein Hofmeister. Die ihn dafür halten, bedenken freilich nicht, daß ein soeben eingefangener Wolf sich leichter hofmeistern läßt als ein junger Medici. »Was wollte die Vestalin von dir, Gracia? Laß dich mit der nicht ein!« »Warum nicht?« »Es ist La Delfina, die berüchtigte Kurtisane. Man weiß von ihr, daß sie immer hinter Kindern her ist. Der kleine Fabio Nerli hat sich ihretwegen erhängt ... Eingeschlichen hat sich die Hündin hier, – ich werde den Dienern sagen, daß man sie hinausjagen soll!« »Wenn Ihr das tut, Messer Selmi, so gehe ich morgen zu ihr!« »Lud sie dich ein zu sich?« »Ja, das tat sie.« »Versprich mir, daß du nicht hingehn wirst, Gracia! Versprich mir ...« 11 Im großen Prunksaal tanzt der Kaiser von China mit einer hochgewachsenen, schwarz verschleierten Mohammedanerin eine spanische Seguidilla und flüstert mit ihr. »Ich errate, wer du bist, Maske!« »Auch ich kenne dich, Sohn des Himmels! – vielleicht besser als du selbst dich kennst.« »Dann weißt du also, daß ich gefährlich bin?« »Auch ich bin es: ich werde heute deinem Sohn Pietro gefährlich sein.« »Ich habe es dir erlaubt; – strafe ihn, wie er es verdient ... Hast du den König von Cypern gefunden?« »Ihn selbst sah ich noch nicht; doch seine Spur fand ich.« »Ist sie blutig, die Spur?« »Warum ...?« »Du sprachst vom mysteriösen Tod deiner Base. Wie starb sie?« »Ich weiß nur, was ein Levantefahrer in Genua erzählt haben soll –: sie sei von dem Mann, der sie liebte, umgebracht worden.« »Die Vermutung liegt nahe, daß der Narr, den du suchst, ebensowenig ein Narr ist wie ein König.« »Deshalb suche ich ihn ja, in dies Dunkel hineinzuleuchten ...« 12 Schon zwei Stunden währte das Fest. Man war müde geworden des Tanzens und Stolzierens, die Augenlider und Wangen brannten unter den lästigen Gesichtsmasken; man entlarvte sich, man suchte Rast und leibliche Genüsse: sizilische, korsische, cyprische Weine, Zuckerwerk und kandierte Früchte boten sich lockend an auf kleineren und größeren Tischen in Kabinetten, Korridoren und Gemäldesälen. Stämmige Negersklaven balancierten auf säulenhaft aufragenden Armen Silberschüsseln mit Kapaunen, Spanferkeln, radschlagenden Pfauen, funkelfarbigen Goldfasanen. Die prickelnden Rhythmen des Orchesters erloschen wie ermattete Irrlichter – nur noch die Viola d'amore schwelgte nachtigallenhaft. Zwischen einigen Altersgenossinnen saß in einem der kleineren Nebensäle Donna Faustina. Ihr Liebreiz, erhöht durch das kostbare, schmuckbehängte Cinderella-Kostüm, kam jetzt erst im vollsten Maße zur Geltung, nachdem ihre kindschmalen Wangen, der Gesichtsmaske ledig, vom botticellischen Rotblond ihrer Ringellocken wie von einem schwergoldenen Rahmen eingefaßt wurden. Sie saß – mit dem Rücken zu einem flandrischen Wandteppich – an der hinteren Längsseite eines nicht sehr langen und ziemlich schmalen Tisches. Zur Linken hatte sie Alda Pandolfini, Domitilla de'Monforte und Betta Ridolfi; zur Rechten Nannina Sansedoni, Agnese Gondi und Tolla Fiordespini. Die entsprechenden Plätze an der vorderen Längsseite der Tafel nahmen junge Kavaliere ein, Tänzer und Verehrer der kichernden Signorinas, lauter Träger nicht minder gutklingender altflorentinischer Namen. Bloß ein Stuhl, genau Faustina gegenüber, war unbesetzt. Auf diesem Stuhl hatte eben noch der dreizehnjährige Don Ernando de'Medici, Cosmos jüngster Sohn, gesessen, – der war jedoch durch die Affensprünge eines Arlecchino in den großen Tanzsaal weggelockt worden. Und so blieb denn bis zu seiner Rückkunft der Platz leer. Maske gegen Maske eingetauscht hatte Faustina –: denn ihre Fröhlichkeit verbarg das wahre Gesicht ihrer Angst. Ob Pietro sich zwischen den Ballgästen umhertrieb, sie wußte es nicht; das aber wußte sie, daß eine Pferdebremse sich leichter verscheuchen ließ als er. Seinen Vorsatz, den verweigerten Kuß ihr öffentlich und zwar gewaltsam zu rauben, hatte tags zuvor ihre Retterin Lodovica Malaspina zunichte gemacht; – zuzutrauen war ihm, daß er nun erst recht versuchen werde, die Scharte auszuwetzen, mochte es auch hier angesichts der vornehmsten Florentiner geschehen. Hatte er sie im Tanzgewühl nicht zu erblicken vermocht, ebensowenig wie sie ihn, so war jetzt einander leichter zu finden, nachdem Männlein und Weiblein, demaskiert und bequem zu überblicken wie auf eine Schnur gereihte Perlen, nebeneinander tafelten. Furchtsam wanderten Faustinas Augen immer wieder zu beiden offenen Türen hin, gewärtig, ihn auf sich zukommen zu sehn, ein Schreckgespenst. Und in der Tat – plötzlich stand er mitten im Zimmer. Aus seinen trunkenen Zügen leuchtete der Triumph, daß er sie gefunden, die Gesuchte. Auch sonst leuchtete alles an ihm: vom Kopf bis zu den Zehen war seine Gestalt ein glimmerndes Geflirr. Am Diamantenstern im geckenhaft frisierten Haar ließ sich erkennen, daß er zu den sieben Planeten gehörte; und zwar stellte er die Sonne, d. h. il Sole, den Sonnenjüngling, dar –: daher der funkelnde Goldbrokat seiner trikotartig enganliegenden Kleidung. Kreisrunde Platten aus purem Golde klirrten auf dem Brokat, so dicht aneinander geschichtet, als wären es Fischschuppen. Inmitten der Brust war diese Beschuppung von einer tellergroßen Goldplakette unterbrochen, darauf in Basrelief Ikarus zu sehn war, der aus Sonnennähe kopfüber ins Meer stürzt, weil die Sonne das Wachs seiner Flügel geschmolzen. (Das mochte eine Warnung an Lodovica sein.) Durch den kostbarsten Schmuck aber zeichnete sich Pietros Gesäß aus: eine von Meisterhand entworfene biblische Szene – Dina, des Patriarchen Jakob Tochter, sich verzweifelt wehrend gegen die Küsse ihres Schänders, des Heviter-Prinzen Sichem – war mit grellweißen Seidenfäden auf den himmelblauen Hosenboden des prinzlichen Gesäßes gestickt. Pietro ging auf den Tisch zu. Das Kichern der Damigellen war verstummt. Er faßte die Stuhllehne, er schob den Stuhl hinter sich und stand, beide Hände auf den Tischrand gestützt, Faustina gegenüber. Mit weinschwerer Zunge sagte er: »Küsse mich, meine Seele.« »Ich bin deine Seele nicht, Pietro!« »Du wirst es bald sein, Faustina!« »Nie!« »Oh, ich werde dich bezaubern, Faustina, –: ich besitze die Milch aus den Brüsten des rostschwarzen Adlers! Paß auf, du wirst bezaubert sein von mir!« »Das möchte ich gern wissen, wie du das anfangen willst!« »Da schau, wie! Da schau, wie es dir ergehn wird!« Er wandte sich geschwind um, bückte den Oberkörper und zeigte ihr sein Gesäß. Es war die denkbar ungeheuerlichste Beschimpfung einer Gentildonna. Doch von den jungen Kavalieren an der Tafel getraute sich keiner, dem gefürchteten Prinzen den Handschuh hinzuwerfen. Während noch Pietro sich beugte, trug eben ein Negersklave Wildbret durchs Zimmer, und ein anderer Sklave ging hinterdrein mit Saucenschalen auf einem Tablett. Diesem zweiten Sklaven versetzte eine Mohammedanerin, die neugierig an Pietro herangekommen war, durch eine unvorsichtige Bewegung einen Stoß, so daß eine große Silberschale zu Boden fiel, und zwischen dem Prinzen und dem Tisch ein See von schwarzbrauner Wildbretsauce entstand. Trunken wie er war, bemerkte er es nicht. Aber Faustina bemerkte es. Obgleich durch Schreck an ihn gebannt, waren ihre Blicke von ihm abgeglitten, um das dunkle Wesen – seinen Schatten gleichsam – zu streifen, sofort schon, als beide fast gleichzeitig ins Zimmer getreten waren. Wie alle, hatte auch die Mohammedanerin die Maske abgenommen, doch unerspähbar hinter einem dichten türkischen Frauenschleier blieb ihr Gesicht. Dafür verheimlichte die Kleidung nichts von ihrer biegsamen, amazonenhaften, knabenschlanken Gestalt. Und plötzlich durchzuckte Freude Faustinas Herz: die Verschleierte da konnte niemand anders sein als ihre gestrige Retterin Lodovica ... Lange, allzulange hatte Don Pietro seine Rückseite bewundern lassen. Jetzt hob er den Rumpf und wandte sich eitel dem Tische wieder zu. »Nun, wie habe ich dir gefallen, Faustina? Hast du dich endlich verliebt in mich? Willst du mich nun endlich küssen? – ich lasse dir die Wahl frei, wo!« Die temperamentvolle Nannina Sansedoni konnte nicht länger mehr an sich halten. Sie schrie ihn an: »Du gehörst in einen Schweinestall, du trunkenes Schwein!« Auch Faustina wollte ihm eine empörte Antwort geben, – da sah sie, daß die Türkin ihr heimlich winkte und eine beschwichtigende Handbewegung machte. Sofort bezwang sich Faustina und lachte übermütig. »Du hast mich bezaubert, Pietro! Du übertriffst die Aphrodite Kallipygos, – du weißt doch, die man in Neapel gefunden hat ...« »Die mit dem schönen Steiß? Hast du jetzt endlich auch mich gefunden? Brav so! Küsse mich also!« »Nachher ... Erst laß uns mit Rosa Solis anstoßen, – oder welchen Wein trinkst du am liebsten?« »Deine weißen Lippen, Faustina.« »An denen nipptest du noch nicht ... hier in den Flaschen sind süßere und heißere Weine!« »Deine Blicke sind der heißeste Wein, Faustina! ... Hast du ein Gespenst damit berauscht? Wessen Geist sitzt auf diesem Platz?« »Niemandes. Komm, setze dich zu uns, Pietro.« »Ich brauche deine Erlaubnis nicht. Aber setzen will ich mich in aller Teufel Namen! – magst du mich auch in die Erde wünschen!« Er stand an den Tisch gelehnt und rückte den Stuhl heran. Während er jedoch sich niederließ, riß die Mohammedanerin den Stuhl unter ihm weg. Rückwärts niederfallend setzte sich der Prinz mit seinem herrlichen silberweißen Gesäß in die schwarzbraune Wildbretsauce. Die Lautlosigkeit, die darauf folgte, das erstickte tonlose Lachen – es war unbeschreiblich. Und es wurde unerträglich, wandelte sich in Gepruste, stoßweise hervorzischend wie Dampf aus geplatztem Kessel. Sie hielten sich die Seiten, wie wenn sie zu platzen fürchteten, die jungen Mädchen alle und ihre Ritter; und dann johlten sie, ja, trotz hoher Kultur und adeliger Erziehung johlten sie geradezu und verließen fluchtartig das Zimmer, stoben auseinander; mit ihnen auch Faustina und Lodovica. Als auf Pietros Alarmgeschrei andere Gäste aus den Nebensälen herbeikamen, stand die reichgedeckte Tafel verlassen da wie nach einem Erdbeben. Nicht nur für den prinzlichen Hosenboden war, was sich ereignet hatte, eine Katastrophe. 13 Am Nachthimmel draußen schoben noch immer Schnee-Engel Wolken heran, finstere Wolken über Florenz. Sie verdeckten die Mondscheibe, die nur hin und wieder herausblinkte wie ein glitzernder Lachs aus dunkler Flut. Ausgetollt haben sich die Schneeflocken, mit ihrem Tanzen ist's vorbei; auf Türme, Schornsteine und Bildsäulen haben sie sich falterhaft niedergelassen. Kristallisch flirrend weißen sie das Dach einer Staatskarosse, die am Arno entlang zur Piazza Pitti heimfährt. Im Wagen befinden sich Faustina, der junge Kardinal Giovanni und das Nesthäkchen der Medicifamilie, der dreizehnjährige Don Ernando. Ein paar feurige Andalusier sind vor die Karosse gespannt. Durch den Lungarno Corsini trappeln sie, vom Kutscher straff gezügelt, in gleichmäßigem Tritt und Trott, – etwas hohl klingt es auf dem mit schmelzendem Schnee wattierten Backsteinpflaster ... Da kommt am Ponte S. Trinità übermütiges Fastnachtsvolk, grelle Laternen schwingend, dem Wagen in die Flanke, und eine übermenschengroße Strohpuppe fällt vor die Pferdehufe. Die erschreckten Tiere gehn durch. Wahnsinn hat die Tiere ergriffen, selbstmörderischer Wahnsinn. Die mitten auf der Straße entgegenkommenden Fußgänger stürzen in wilder Flucht auf die linke Straßenseite zu, sich an die Mauern der Häuserreihe anzudrücken, und vermehren erst recht hiedurch die Gefahr, daß die Pferde nach rechts abgedrängt werden, wo unterhalb der Brüstung der Arno rauscht. Der rasend hüpfende Wagen hat die beiden Lakaien abgeschüttelt, in den Schnee geworfen, und saust, leichter geworden, um so geschwinder dahin, schon poltert er mit den rechten Rädern funkensprühend an die Brüstung. Niedrig ist die Brüstung, und der Fluß ist tief. Da plötzlich wirft ein ärmlich gekleideter Mann, ein Pastetenverkäufer, seine Ware von sich, tut einen Tigersprung und hängt an der Kandare des einen Pferdes. Das andere bäumt wütend kerzengerade empor, gleitet aus auf dem geschmolzenen Schnee, stürzt. Und jenes, gebändigt durch das Gewicht des an ihm hängenden Menschen, steht nun stockstill, schaudernd, zuckend am ganzen Körper. Während der zu Tode erschrockene Kutscher vom Bock steigt, dem gestürzten Pferde aufzuhelfen, öffnet der Pastetenverkäufer den Verschlag des Wagens. Kreideblaß steigt der junge Kardinal aus und murmelt Dankesworte. Von einem Passanten läßt sich der Fremde eine Laterne reichen und leuchtet in den Wagen, um der Signorina und dem Knaben herauszuhelfen. Da gewahrt er, daß beide ohnmächtig sind. Unschlüssig steht er, ob er es wagen darf, sie zu wecken. Dieweil er noch zögert, schlägt Faustina die Augen auf. Unheimlich nahe sind sich die vier staunenden, fragenden Augen. »Hast du die Pferde zum Stehn gebracht?« »Das kann nur der Gott der Pferde, Signorina.« »Wie heißt du?« »Pulcinello hat keinen Namen ...« In diesem Augenblick erlischt das Licht der Laterne. Und – doch das war vielleicht nur ein Wachtraum Faustinas. Ihr war, als streife falterhaft zart ein Kuß ihre Wange. Es konnte aber auch bloß Schneestaub gewesen sein, von einem Windstoß in den Wagen gewirbelt. Als sie ohne seinen Beistand aus der Karosse gestiegen war, hatte er sich schon entfernt. Er habe die Goldbörse des Kardinals zurückgewiesen, wurde erzählt. Doch das war so unwahrscheinlich, daß Faustina es nicht glauben mochte; – eher glaubte sie, auch er sei nichts als Schneestaub oder ein Traum ihrer kranken Sinne gewesen. 14 Glocken riefen zur Frühmette, Schlüssel knarrten in Haustüren; Fensterläden klappten geräuschvoll ans Gemäuer; schon begannen Maultiertreiber mit gutmütigen Verwünschungen Säcke und Ballen aufzuladen; Waffenschmiede, Sargschreiner und Schuster hämmerten. Tok, tok, tok sagten die Nägel, ins Sargholz eindringend, – und zu ihrem Takt sang eine Knabenstimme das glückselige Karnevalslied des Lorenzo Magnifico. Graziös schreitende, holzbeschuhte Bäuerinnen brachten Gänseeier, Täubchen und Winterrosen zum Markt in Körben, die auf ihren Scheiteln wiegend schwebten. In der Lichtflut der Sonne ertrank das Licht des Morgensterns. Nirgendwo beginnt der Alltag zauberhafter als in Italien. Durch eine der unsaubersten und verrufensten Gassen außerhalb der Porta San Gallo schallte der Glöckchenschritt einer jungen Hure. Daß sie eine der Hetären von San Gallo war, bewiesen die Glöckchen an ihrem Gewand, die rote Kappe auf ihrem kastanienbraunen Haar und ihr honiggelber Schleier. So zu gehn war für alle Kurtisanen Vorschrift, mochten auch manche der bedauernswerten Geschöpfe eine hohe humanistische Bildung haben und begabte Dichterinnen sein wie diese junge La Delfina. Vor einer grauen Spelunke blieb sie gähnend stehn. Hier hauste ein berüchtigter Dieb, seines Zeichens ein Koch: Messère Lelio Marfagnone. Seine Spezialität waren nächtliche Besuche in Kirchen und Kapellen. Da er einst, als Jüngling, etliche Jahre in Famagosta gelebt hatte, hieß er »der cyprische Koch«. Er hätte auch »der Kahlkopf« oder »der Pockennarbige« heißen können, denn Glatze sowohl wie Blatternarben verhäßlichten auffallend seine kühne Verbrecherphysiognomie. Eben öffnete er die Bottega und stellte auf das (wie eine Laube überwölbte) Fensterbrett Gläser mit Mostsirup, ferner Brezeln, Makronen und kleine Fleischklößchen, die er einem Schmortiegel entnahm. Während er damit beschäftigt war, goß seine Ehefrau, die Strega (oder Hexe) Finicella, aus dem oberen Stockwerk den Inhalt eines Nachtgeschirrs hinab in die Gasse. La Delfina pflegte auf dem Rückweg von ihren nächtlichen Sündengängen beim cyprischen Koch den Morgenimbiß einzunehmen und zu warten, bis ihr halbwüchsiger Diener Guerzolo sie heimzubegleiten kam. Sie, die alle Nächte ohne Begleitung durch die stockfinsteren Gassen schlich, fürchtete im Morgenlicht Steinwürfe und üble Nachrufe von Straßenjungen. Den Imbiß nahm sie (wie alle es taten) auf der Gasse stehend ein, durch das überwölbte Fensterbrett getrennt von dem in der Bottega befindlichen Verkäufer. Devot redete er sie an, – sie glich ja einer Fürstin mehr als einer Hure. »Euer Gnaden gähnen? Fleißig gewesen die ganze Nacht?« »Nur eine halbe, Messer Lelio! ... Nein, keine Makronen, – gebt mir vom Mandelkuchen! ... Eine halbe Nacht in eines Basilisken Nest ...« »Legte er nicht goldene Eier? Was war es denn für einer?« »Ein Scheusal, ein Lakai, der seinen Herrn bestohlen hat ...« »Der Tausendsassa! ... hat er auch Euer Gnaden Jungfernschaft gestohlen? ... Doch wenn er Euch ein Scheusal dünkte, warum gingt Ihr denn mit ihm?« »Weil's ein Kerl war ... und was für ein Kerl! ... Dann aber – pfui Teufel! Man hat doch noch ein Herz ...« »Eine schlechte Angewohnheit, Euer Gnaden! Das habe ich mir ganz abgewöhnt, das Herz ... Wart Ihr so übel gebettet?« »In den Armen eines stinkenden Ziegenbockes ... Beruf ist ja Beruf, Messer Lelio, das ist nicht anders ... Aber heute habe ich es doch gesegnet, daß es bloß eine halbe Nacht war.« »Und die andere Hälfte?« »Die vertanzte ich im Palazzo Corsini.« »Donner und Blitz! Da wart Ihr eingeladen?« »Genau so eingeladen wie die böse Fee im Märchen. Wäre es herausgekommen, man hätte mich ausgepeitscht – mir eine Bastonata von einunddreißig Hieben auf den Rücken gepfeffert ... Dennoch habe ich es gewagt – nicht etwa weil ich tanzsüchtig war ...« »Sondern?« »Fragt die Kasserolle dort, warum sie ihr Liedchen summt; – ebensoviel Antwort werdet Ihr von mir erhalten ... Was macht Eure Tochter?« »Die Antonietta? Die schläft noch, das Faultier, und träumt davon, Königin von Cypern zu werden.« »Noch immer? Hat sie es nicht aufgegeben? ... Und wo ist Seine Majestät, ihr hoher Verlobter?« »Seine Majestät wäscht sich. Er leidet an königlicher Sauberkeit. Es ist eine Krankheit, Euer Gnaden!« »Ich wünschte, alle Männer hätten die Krankheit! ... Eure Tochter ist zu beneiden ... Doch ehrlich gestanden, ich glaube nicht daran – – – « »Woran?« »Daß er ein Lusignan ist, ein Enkel der Catarina Cornaro.« »Unter uns gesagt, Euer Gnaden, ich glaube es ja selber nicht. Aber kommt es denn darauf an, daß wir es glauben? Die Hauptsache ist doch, daß die Welt es glaubt.« »Wenn sie es bis jetzt nicht tat ...« »Oh, nur Geduld, sie wird noch!« »Ist die Welt so dumm?« »Unbeschreiblich dumm, – fast so dumm wie Seine Majestät.« »Wißt Ihr, Messer Lelio – doch lacht mich nicht aus –, wißt Ihr, was mir zuweilen vorkommt?« »Was?« »Daß Seine Majestät zu dumm ist, um ganz so dumm zu sein.« »Euer Gnaden meinen, daß er den Blöden spielt? ... Anfangs dachte ich es auch. Doch nein, nein, nein, – unmöglich. Stellt Euch vor: einmal nahm ich ihn nachts in eine Kirche mit – – –« »Nachts? Seid Ihr so fromm, Signore?« »So fromm bin ich ... Alles klappte. Wir hatten gute Arbeit getan. Da fängt Seine Majestät an, die Glocken zu läuten, so daß die Sbirren herbeigestürzt kommen ... Habt Ihr gehört, was er gestern abend angestellt hat?« »Er hat zwei Prinzen gerettet ...« »Doch wie! Die Pasteten wirft er in den Straßenkot – und die Goldbörse des Kardinals schlägt er aus! Als ob wir hier einen Goldklumpen nicht brauchen könnten! Als ob mein Kind Antonietta nicht seine Braut wäre, die auch einmal Unterhosen und einen Hüftenwulst tragen möchte wie die vornehmen Signoras! ... So dankt er es uns, daß wir ihn aus den Läusen aufgelesen haben!« »War Jacopo Malatesti eine Laus?« »Und noch dazu eine hungrige, Euer Gnaden. Und jetzt ist er eine tote Laus. Mir hat er den König von Cypern vererbt – aber nicht dessen Geheimnis. Das eben war das Pech, daß Malatesti auf dem Sterbelager nicht reden konnte. Er nämlich wußte das ganze Geheimnis, er wußte, warum General Bragadino den zum Tode Verurteilten begnadigt hat. Aber ...« 15 Des Kochs Rede wurde hier unterbrochen durch Guerzolo, das junge, viel zu junge Dienerchen der Kurtisane. Der in Samt und Seide prangende Bengel, schlaff und verlebt um die hängenden Mundwinkel und die Augen herum, kam jetzt von der Porta San Gallo her keuchend und schweißtriefend dahergerannt. Seine Herrin fuhr ihn an wie einen entlaufenen Hund. »Wo hast du dich wieder herumgetrieben? Warum kommst du so spät? Wo warst du?« »Am Palazzo Pitti, Euer Gnaden!« »Wozu? Um dich warmzulaufen, Nichtsnutz! Dir rinnen ja die Schweißtropfen übers Gesicht bei der Kälte!« »Das sind heiße Tränentropfen, Euer Gnaden!« »Ich lache nicht, kleiner Halunke!« »Ich aber beweine eine Hoffnung, die mir entschlüpft ist, Madonna!« »Am Palazzo Pitti? Hat eine Medici dir's angetan? Was hattest du dort zu schaffen?« »Euer Gnaden werden mir mit einem Kuß die Tränen wegtrinken, wenn ich's erzähle.« »Nun also, – verdiene dir den Kuß!« »Euer Gnaden werden mir einen zweiten Kuß geben, wenn ich es nicht hier erzähle!« »Weder den ersten noch den zweiten, – wenn du mich noch einen Augenblick länger warten läßt!« »Doch, doch, Signorina, – für das Erwartete werden Euer Gnaden mir zwei und für das Unerwartete drei Küsse geben!« »Oder Prügel! ... Welches Unerwartete denn? ... Wo rennst du hin?« La Delfina konnte der Neugier nicht widerstehn. Ohne sich vom cyprischen Koch zu verabschieden, ging sie dem voraneilenden kleinen Kuppler nach. An der nächsten Straßenecke blieb Guerzolo stehn: »Vor dem Kirchendieb konnte ich es unmöglich sagen, Euer Gnaden.« »Was soll die Geheimniskrämerei! Bin ich eine Heilige?« »Darauf leiste ich jeden Eid, daß Ihr keine Heilige seid, Madonna! ... Aber was ich weiß, braucht die haarlose Altarratte nicht zu wissen ... Ein Maskierter fragte nach Euch.« »Wer?« »Er nennt sich: Nemo.« »Also Niemand? Und Niemand fragte nach mir?« »Ja, genau so war's! Niemand sagte, er sei Bote von Jemand, dem die Vestalin beim Tanz auf den Fuß trat ... Als Niemand wegging, bin ich Niemand nachgeschlichen bis Pitti, bis Niemand durch eine Seitenpforte in den Boboligarten ging ... Hat Euer Knappe nicht einen Kuß verdient, Signorina?« »Hundert Küsse, Guerzolo! ... Niemand fragt also nach mir? Und weiter nichts? Gar nichts weiter?« »Niemand sagte: Jemand, dessen Bote er sei, werde morgen mittag, wenn der Stierkampf beginnt, Euer Gnaden besuchen kommen ... Ach, Madonna, ich bin ein Siebenmonatskind!« »Bist du ein Unglückskind, mein Eselchen? Was du dir einbildest!« »Ich bilde mir ein, daß Euer Gnaden strahlen – während ich am Weinen bin.« »Warum denn? ... Ach so! – du spitztest wohl darauf, den Stierkampf zu sehn?« »Ein Kaninchen läßt sich leichter wiedereinfangen als eine entschlüpfte Hoffnung, Euer Gnaden.« »Gut, gut. Sieh dir morgen den Stierkampf an – ich gebe dir Urlaub!« 16 Während Guerzolo dankerfüllt La Delfinas Rocksaum an die Lippen drückte, kam ein überaus dicker Mensch auf sie zugesteuert, – was wegen der Enge der Gasse gefährlich aussah: denn rund wie eine Tonne rollte er heran, mit beiden Ärmeln die Häuser streifend. Er war mittelgroß, biederäugig, prall, durchaus nicht schwammig; durchaus nicht gesetzt, obgleich ein Fünfziger, – zu geckenhaft und bunt in seiner Kleidung für ein so würdiges Alter. Sein gelbhäutiger, schwarzbebarteter Kugelkopf quoll aus einer gestärkten Spitzenkrause wie eine bemalte Schweinsblase hervor. Des geschmolzenen Schnees wegen steckten seine hellgelben Schaftstiefel in dunklen Ledergaloschen. Dies Phänomen, dieser mit Fleisch, Behendigkeit und Gutmütigkeit zum Bersten gefüllte Ledersack hieß Messer Antonio di Domenico Martelli, stadtbekannt als Begründer des Klubs der Stravaganti, als der Phantastischeste unter den Phantasten und deren Leithammel bis vor kurzem; – denn neuerdings (auch das war stadtbekannt) wurde ihm die Führerschaft durch Cosmos mißratenen Sohn Pietro streitig gemacht ... Der Flinkheit seiner Zunge sowohl wie seines Körpers verdankte Martelli den Spitznamen: der Kleine Walfisch. Im Ozean der Sprache tummelte er sich wie ein tauchender Wal. Er war »abbondantissimo di parole«, er spie Hyperbeln, wie ein Walfisch Wasserfontänen emporspritzt. Doch den Fontänen gleich zerstoben Wortschwall und Schwulst, kaum daß sie in die Luft geblasen waren, und besaßen ebensowenig Erdenschwere wie sein federleicht tänzelnder Silenenschritt. Martelli begrüßte die Kurtisane, indem er ehrerbietig vor ihr den Hut zog. »Oh, La Delfina, Krone der Frauen und Konterfei jenes Griechenmädchens, das anzuschauen dem Pharao mehr Freude machte als der Morgengesang der Memnonsäulen, der Duft des Lotos und der Geschmack eines geschlachteten und im eignen unsterblichen Nierenfett geschmorten Phönix. Aber – bei Santa Lucia! – Pharaos Freude war so mager wie die Besoldung eines Stadtschreibers, sie war so schwindsüchtig wie die haarfeine Mondsichel im Vergleich zur elefantendicken Freude, welche Euer Gnaden Anblick mir bereitet.« »Verzeiht, wenn ich gähne, Signor. Mein müder Verstand ist ein leck gewordener Napf: nichts kann er fassen.« »Oh, Trösterin aller Endymions, liebensmüde Mondgöttin du, zerstöre die Hoffnung meiner Hand nicht, die in den lecken Napf deines Verstandes greifen möchte wie in einen Sack voll Rosinen und Pistazien, um eine kleine Antwort herauszuziehn.« »Welche Anwort?« »Wo wohnt der fleischgewordene David des göttlichen – des mehr als göttlichen – Michelangelo, wo der Wunderheld von Etrurien, der tuskische Rossebändiger, der Kinderretter von Florenz, der unvergleichliche Mandelbackwarenhändler von San Gallo, dem – wenn man Fama, der tausendzüngigen Heroldin, Glauben schenken darf – die unsichtbare Krone Cyperns die Stirnlocken schmückt?« »Endlich verstehe ich! Wo Don Giuliano wohnt, der Pastetenverkäufer? Dort hinten im Bäckerladen. Seht, Signore, eben tritt er aus der Bottega ... Gleich wird er hier vorbeikommen.« 17 Es währte nicht lange, und der Kleine Walfisch konnte vor Seiner Majestät ehrerbietig den Hut ziehn. Doch der Pastetenverkäufer erwiderte zerstreut den Gruß. Mit bohrenden Blicken betrachtete er La Delfina und trat so dicht an sie heran, daß sein Atem sie streifte. Leise sagte er: »Du bist weißer als Milch, La Delfina. Ich wollte, der Wächter der Welt gäbe mir die Macht, dich rot wie eine Anemone zu machen. Wann darf ich zu dir kommen?« »Wozu? Um mir das seidene Hemdlein auszuziehn? Um mir eine Nonnenkutte anzuziehn?« »Dein Lachen ist ein Frösteln, La Delfina!« »Ich bin eine Sumpfschildkröte, – du kannst nicht eine Kreuzkröte aus mir machen, Freund Giuliano!« Unwillig wandte sie sich ab und entfernte sich geschwind mit ihrem Pagen. 18 Einen Augenblick schien es, als wollte Giuliano ihr nacheilen. Doch da trat ihm von neuem der Kleine Walfisch in den Weg und zog tief den Hut vor ihm. Noch ganz in Gedanken, lächelte Giuliano den buffonesken dicken Herrn an und zeigte auf das mit Leckereien bedeckte Brett, welches wie ein beinloses Tischchen ihm vor der Brust hing, an einem um den Nacken geschlungenen Riemen befestigt. »Was wünscht Ihr, Signore? Brezeln? Hirsekuchen? Waffeln? Hier habe ich auch Oliven und Kapern ... Sehr zu empfehlen ist der gebackene Stockfisch. Oder begehrt Ihr gezuckerte Früchte?« »Nichts hiervon, Signore! Nichts begehre ich, was die Zähne – diese beinernen Mühlsteine – zermahlen, zerknirschen, zermalmen und zerstampfen; was die Zunge – diese in uns hausende Schlange – umringelt, umzingelt, beleckt, befeuchtet und drosselt; was die Kehle – dieser Kraterschlund oder Wirbelschlund – einzehrt, einverleibt, eingräbt und einkellert; was die Magensäfte – diese unsere acherontischen Fluten – in Fäulnis und Moder verwandeln in den unterirdischen Gewölben des Leibes ... Nein, o nein! Ich begehre die Ehre Eurer Bekanntschaft, Signore.« »Warum nicht Oliven, Signore? Die schmecken doch besser. Ich bin ungenießbar. Was wollt Ihr mit mir anfangen?« »Euch in die Akademie der Stravaganti einführen, von denen ich beauftragt wurde, dem heldenmütigen Retter der Prinzen – – –« »Laßt gut sein, Signore! ... Verzeiht, Signore, ich tat gestern, was jeder andere auch hätte tun können, – das ist wirklich nicht der Rede wert ...« »Es ist ein Denkmal aus Erz oder Marmor wert! Jawohl, wert ist es, daß ein Dichter Euch in einer Ode verherrlicht! – wert, daß ein Sternbild nach Euch benannt wird ... Ja, mehr noch als das: die Akademie der Stravaganti hält Euch für würdig, einen Platz in ihren Reihen einzunehmen.« »Signore, mein Platz ist auf der Straße: ich bin ein Straßenhändler ... Wer sind die Stravaganti?« »Euer Gnaden belieben zu scherzen! Das wißt Ihr nicht? Wo habt Ihr denn gelebt? Habt Ihr auf dem Monde Lavendel gesucht oder in den Tiefen des Weltmeeres Pulpe gejagt? Ihr kennt nicht unsere Akademie? Ihr wißt nicht, daß wir die Verschrobenen, Überspannten, Tollen, Seltsamen, Närrischen sind? Ihr wißt nicht, daß einer der Unsern zu werden schwerer ist, als den Großmeister aller Flöhe zu knicken oder zu knacken? Ihr wißt nicht, daß es schwerer ist, die Bedingungen zur Aufnahme in unsere Akademie zu erfüllen, als durchs berühmte Nadelöhr zu kriechen ...?« »Welches sind die Bedingungen, Signore?« »Nur wer eine Heldentat vollbracht hat und drei unwiderlegbare Wahrheiten vorzubringen imstande ist, wird aufgenommen.« »Mein Unglück war immer, daß ich nicht lassen konnte, Wahrheiten zu sagen. Vielleicht wird es diesmal mein Glück sein. Versuchen kann ich es ja ... Führt mich also hin!« 19 An diesem Morgen wurde in der alten Kirche S. Lorenzo ein Dankgottesdienst für die Errettung der Kinder des Duca zelebriert. Er selbst, in der Tracht der Stefansritter – der Ordensritter »di Santo Stefano papa e martire« –, im funkelnden Stahlpanzer und mit spannenlangen schwarzgoldenen Sporen, bezeugte durch seine Anwesenheit und seine sichtbare Andacht dem Florentiner Volke, welch ein Wunder in der vergangenen Nacht der Weltlenker an den Medici vollbracht hatte. Offenbar: Gott liebte die Medici. Aber das Volk liebte die Medici nicht sonderlich ... Trotzdem hatte Cosmo durch eine fünfundzwanzigjährige weise und gerechte Regierung und durch seinen vorbildlichen, auf Kosten seiner Gesundheit unermüdlichen Fleiß sich Achtung, ja sogar Liebe ertrotzt bei den Florentinern, welche ihm das Gedeihen und den Wohlstand der von Serenadenklängen durchtönten Stadt dankten. Die aber an den Serenadenklängen nicht teilhaben durften, die Demokraten, die Schwarzen (d. i. die guelfisch Gesinnten), genötigt, als Flüchtlinge und Emigranten außerhalb Toscanas zu leben, Attentate zu planen und von sieghafter Rückkehr zu träumen, – die verbreiteten im Volke böse Märchen über die Medici. Ein solches Märchen – hübsch und Schaden bringend wie ein gifthauchender Schmetterling – leitete den Reichtum und das Ansehen der Medici her von einem Pakt, den vormals ihr Urahn mit den Dämonen sollte geschlossen haben. Als Entgelt für den Verkauf seiner Seele sei ihm der Pfad gezeigt worden in ein unterirdisches Land, wo auf einem Baum ein rostschwarzer Adler saß mit grellweiß aus dem Gefieder vorquellenden Frauenbrüsten. Heimlich von der Milch aus den Brüsten des Adlers trinkend, waren seitdem alle Medici mit satanischer Magie begabt: für die verscherzte himmlische Seligkeit erlangten sie die irdische Seligkeit, Liebe der schönsten Frauen und Herrschermacht. Und ebenso gehässig lauteten andere Märchen, die von der berühmten Fonderia de'Medici – (dem Laboratorium nämlich in den Kellerräumen des Pittipalastes) – zu berichten wußten: ein Kindergespenst gehe dort um, der Spuckgeist eines ermordeten fünfjährigen Mediciprinzen. Weltbekannt war die Fonderia nicht nur wegen ihrer wirksamen Medikamente und wollüstigen Parfüms, nicht nur wegen des die Haut verjüngenden Jasminpulvers und der grünen Salbe, die Cosmo an alle befreundeten Herrscherinnen zu versenden pflegte. Auch das überall, diesseits und jenseits der Alpen, Grauen erweckende venenum atterminatum, das langsam wirkende markaufzehrende Gift, wurde – (wollten die Märchenerzähler wissen) – von einem fürstlichen Giftkoch bereitet ... Tatsächlich hielt sich Cosmo – selbst wenn er von Staatsgeschäften überlastet war – täglich mindestens eine Stunde lang in der Fondería auf. Daß er sich seit Jahren damit abgab, die chinesische Erfindung des Porzellanbrennens neuzuerfinden, wußte kein Mensch. Denn kein Mensch hatte Zutritt zu seiner geheimnisvollen Welt der Phiolen und Retorten. Zeugen seiner Arbeit waren nur ausgestopfte Vögel und gedörrte Reptilien, vor allem aber weißlich gelbe, des Chlorophylls beraubte Kellerpflanzen, die er in Töpfen hegte und pflegte. Es war mehr als spielerische Liebhaberei, daß er Naturwissenschaften – Chemie, Zoologie und Botanik – trieb wie ein Gelehrter. Mochte er als Sänger (er hatte eine vielbewunderte Stimme), mochte er auch als Maler ein Dilettant sein; unter Kräutern und Pflanzen kannte er sich aus wie kaum einer seiner Zeitgenossen. Der Umfang seiner Bildung war wie eine große Bannmeile: schier unabsehbar. Sein Gedächtnis war stupend. 20 Zu früherer Stunde als sonst wollte sich Cosmo heute ins Laboratorium begeben, um für Faustina ein Pflaster zu bereiten. Ohnmächtig hin und her geschleudert im dahinrasenden Gefährt, hatte sie sich nämlich eine kleine blutende Kopfwunde zugezogen, die der Pastetenverkäufer beim Schein der Laterne nicht hatte sehn können, die später erst im Palast entdeckt und verbunden worden war. Eben hatte Cosmo das Stefansritter-Ornat – Mantel, Harnisch und Goldsporen – abgelegt und war im Begriff hinabzusteigen, als ihm der große Gelehrte Pier Vettori gemeldet wurde. Wenngleich etwas ungeduldig, empfing ihn Cosmo in seinem getäfelten, mit einem kleinen Judith-Bilde Botticellis geschmückten Cabinetto. Wenige standen seinem Herzen so nahe wie dieser alte Mann, dieser immer begeisterte fanatische Archäologe mit den leuchtenden Augen und der silbrigen Löwenmähne. Wie Andrea Doria den Kaiser Karl V., so pflegte der Alte den so hochmütigen, so unnahbaren Duca zu duzen und »figliuolo«, »Sohn«, anzureden. War dies verwunderlich, so war noch merkwürdiger, daß Cosmo ihn »Vater« nannte, – ihn, der einst den liederlichsten und begabtesten der Republikaner, den nach der Rebellenniederlage bei Montemurlo mit 430 gefangenen Gesinnungsgenossen zum Tode verurteilten Filippo Strozzi, Vittoria Colonnas Freund, tagtäglich im Gefängnis besuchte, als Tröster ihm Plutarch und Polybius vorlas, – bis zu jenem Morgen, da in der Zelle Strozzi mit durchschnittener Kehle und neben der Leiche ein Zettel aufgefunden wurde, darauf (geschrieben von seiner Hand) das Zitat aus der Aeneide zu lesen war: Exoriare aliquis nostris ex ossibus ultor – »Möge aus unsern Gebeinen ein Rächer erstehn« ... Ein Vierteljahrhundert war seitdem vergangen und kein Rächer war erstanden. Schon damals hatte Pier Vettori den verrannten Idealismus Strozzis mißbilligt, wie sehr er auch ein Bewunderer seines geniehaften Leichtsinns war. Die Besuche im Gefängnis waren mit Cosmos heimlicher Zustimmung erfolgt. Gern hätte Cosmo Foltermartern und Köpfung dem Liebling Italiens erspart und ihn begnadigt, dessen Kopf der Kaiser so dringend forderte. Der Degen, mit welchem Filippo Strozzi sich die Kehle durchschnitt, war schwerlich aus Versehn vom Gefängniswärter oder einem Besucher in der Zelle vergessen worden ... Aus jener Zeit stammte Cosmos und des großen Gelehrten Vertraulichkeit. Fünfundzwanzig Jahre lang – nahezu während der ganzen Regierungszeit Cosmos – hatte Pier Vettori als Rektor des Florentiner Gymnasiums der heranwachsenden Jugend Liebe zu Homer, Sappho und Plato und Verehrung für die römischen Dichter des augustäischen Zeitalters eingeimpft. Sahen die Fuorusciti – (die geflüchteten, außerhalb Toscanas zu leben gezwungenen Republikaner) – in Cosmo einen Tiberius, so war in den Augen des Rektors Cosmo ein Octavianus Augustus, ein Ordner des Chaos und Vollender, schön an Leib und Geist, sublim gescheit wie der Überwinder des Marc Anton. Und in diesem Sinne hatte Vettori während seines langen Rektorats die Schüler, meist Söhne alter rebellischer Familien, zu beeinflussen verstanden. Das neue Geschlecht trank gekühlten Falerner lieber als heißes Menschenblut. Grund zur Dankbarkeit hatte Cosmo gewiß. Doch die Bändigung der jüngsten Generation, die Umwandlung junger Wölfe in zahme Hunde, hätte er wohl kaum mit seiner herzoglichen Duzfreundschaft bezahlt. Weit mehr als den Rektor schätzte er den Gelehrten, durch den ihm das Zauberreich der Antike erschlossen worden war. Seit zwei Jahren hatte Pier Vettori das Rektorat niedergelegt, um ganz seiner Leidenschaft – der Archäologie – zu leben. Traumsicher, wie wenn er eine Wünschelrute in der Hand hielte, spürte er Orte auf, wo, nach kurzer Grabung, totgewesene Schönheit emporstieg, in glitzerig weißer Marmorseligkeit die Augen blendend. Da der Alte stets nur nach einer Entdeckung sich einfand, bedurfte es des Umschweifs und der Fragen wenig. »Du mußt sogleich mit mir kommen, figliuolo!« »Wohin, padre? Nach dem Kap der Guten Hoffnung?« »Nach Volterra! ... Etwas Herrliches wirst du sehn! Komm schnell, figliuolo!« »Fürchtest du, Marmor könne davonlaufen? Hat der Marmor Beine? Ist's also diesmal kein Torso?« »Eine etruskische Grabkammer, figliuolo. Nur hineingelugt habe ich, keinen Schritt wagte ich hineinzutun ... Totengeschirr ... Gräbergefäße ... Aschenkisten ... Doch das Unerhörteste, ein ganz einzigartiges Stück von wunderbarer Erhaltung: ein Schlachtwagen! – so einer wie der des Achill, als er Hektor schleifte –, milchig grüne Bronze ... Ich habe das Grab unangetastet wieder zumauern lassen.« »Warum, padre?« »Es ist ein Königsleckerbissen, und der muß dir vorbehalten bleiben! Das Grab sollst du als erster betreten! ... Komm, verliere nicht Zeit, figliuolo!« »Heute ist es mir nicht möglich. Reite du voraus und erwarte mich dort. Vielleicht kann ich morgen nachkommen.« 21 Schon hatte sich Pier Vettori verabschiedet und war bis zur Tür gegangen. Die Klinke in der Hand, stand er unschlüssig da, lächelte verlegen (so daß man einige silberne Zähne in seinen Zahnlücken blitzen sah) und kehrte zu Cosmos Schreibtisch zurück. »Du hast noch was auf dem Herzen, padre?« »Ließ ich nicht meinen Handschuh liegen? ... Ja, richtig, was ich noch fragen wollte, figliuolo. Weißt du, daß die Fürstin Lodovica Malaspina – – –« »Daß sie gefedert worden ist? Ich weiß auch, wer ihr den Bubenstreich gespielt hat.« »Nicht das war's, was ich fragen wollte ... Was tut sie in Florenz?« »Sie will sich rächen – an meinem Sohn ... Ich gab ihr die Erlaubnis.« Etwas ungeduldig klangen die letzten Worte. Cosmo war ein Geheimniskrämer: in die Geheimberichte seiner Kundschafter gewährte er andern ungern einen Einblick. Was ihm bekannt war über Ränke Lodovicas, ging die Florentiner und auch seinen greisen Freund nichts an; – noch wußte er selbst nicht, wann und ob überhaupt er zum Schlag ausholen werde ... Leichtsinnig war es vielleicht von ihm, daß er den dreitägigen Waffenstillstand mit seiner Feindin schloß; doch wenn sie daraus seine Ahnungslosigkeit folgern sollte, – um so besser: so konnte sie das in Sicherheit wiegen und unvorsichtig machen ... »Will sie sich bloß an Don Pietro rächen?« fragte Vettori. »An wem denn sonst?« »Unheimlich ist sie mir, figliuolo. Eine Sphinx ist sie ... Zwei meiner Schüler hatten ein merkwürdiges Erlebnis ...« »Mit der Fürstin?« Eben noch hatte Cosmo das Gespräch abbrechen wollen. Jetzt plötzlich lauschte er gebannt. »Du hast heute keine Zeit, figliuolo. Ein andermal ...« »Für dich habe ich hundert Stunden Zeit, padre. Komm, setz dich her ... Was für ein Erlebnis?« »An der ligurischen Küste war es, unweit von Sarzana. Meine zwei Schüler machten eine Frühlingsreise und verirrten sich abends in einer Klippenwüstenei, wo nirgend eine Fischerhütte oder gar ein Gasthof zu erblicken war. Schließlich entdeckten sie zwei Schlösser am Meer. Da die Nacht sie überfiel, baten sie am Tor des einen, kleineren Schlosses um Herberge. Man ließ sie ein und führte sie durch Zimmer, deren Wände mit unanständigen Bildern bemalt waren.« »Padre! ... War das Lodovicas Schloß?« »Höre nur weiter, figliuolo! Meine beiden Schüler gelangten in einen hellerleuchteten Saal, wo auf fünfzehn Ebenholzsesseln fünfzehn nackte Mädchen saßen und mit der erhöht thronenden, sittsam in Silberbrokat gekleideten Schloßherrin den Phaedo des Plato lasen und über die platonische Philosophie diskutierten. Die Schüler wurden aufgefordert, sich an der Kontroverse zu beteiligen. Doch sie bestanden die Prüfung schlecht: nicht wie Erzengel benahmen sie sich, glotzten statt zu streiten die Schönen verliebt an und wurden darob aus der Burg gewiesen.« »Das sieht ihr ähnlich, der Tollen! Sie selbst hat Froschblut und will die Welt in einen philosophischen Froschpfuhl verwandeln!« »Wenn sie nicht der Welt Sand in die Augen streuen will mit ihrem Venus-Kastell, figliuolo!« »Wie das?« »Vor vier Wochen war ich in der Gegend dort wegen eines Bronzekopfes ... Da habe ich mich nach der Rocca di Venere erkundigt. Nun, einige meinten, die Fürstin sei ein Würgengel, der Jünglinge verlockt und verdirbt. Andere wiederum meinten, sie treibe den Kult der Kythere, um den keuschen Joseph ausfindig zu machen, der ihrer Hand, ihrer Schönheit und ihrer Reichtümer würdig sei.« »Das, padre, halte ich für möglich, so wie ich sie kenne. Doch ich bezweifle, daß sie den Makellosen finden wird, – mögen auch noch so viele in den Hörselberg pilgern.« »Viele werden es nicht sein, figliuolo, die sich tagsüber dahin verirren ... Aber das hörte ich: daß zuweilen viele, recht viele heimlich bei Nacht sich dort träfen. Und das seien zum Tode verurteilte Florentiner und Sienesen.« »Schatten, padre?« »Nein, Lebende.« »Habe Dank für die Warnung, padre. Ich werde der Spur nachgehn ... Wir sehn uns also morgen den Schlachtwagen in Volterra an. Eines Geringern wegen, als Hektor einer war, hätte Achill den Schlachtwagen nicht bestiegen: man muß seinen Feind hochschätzen – und erst recht seine Feindin! ...« 22 Während Pier Vettori, hinausgehend, die Tür öffnete, sah Cosmo seinen grauhaarigen Leiblakaien Signore Sforza di Vicenzo Almeni draußen stehn. Er winkte ihn herein. Sforza war ein gedrungener, mittelgroßer, wie ein Kavalier gekleideter und stets feierlich dreinschauender Mensch. Als einst Cosmo, fast noch ein Kind, den Thron bestieg, hatte er vom ermordeten Duca Alessandro – außer der Krone und manchen Palästen – auch diesen Lakaien wie ein Erbstück übernommen. Und seither hatte ihm Sforza treu als Kämmerer (zuweilen auch als Bravo) gedient und war allmählich sein dunkler Trabant geworden, unabtrennbar von ihm wie von jeder belichteten Gestalt ihr dunkler Schatten. Mit Landgütern und Dukaten und Wohlwollen wurde seine Verschwiegenheit belohnt. Denn die war seine hervorstechendste Eigenschaft. Er hätte die lebende Chronik der mediceischen Paläste sein können, wäre sein Mund nicht allzeit versiegelt geblieben. Und nicht bloß die Sünden, deren Mitwisser er war, trug er ewig verschwiegen mit sich herum, – auch die unterdrückten Sünden seiner Seele: daß er Cosmos jüngste Tochter, die bernsteinhäutige Isabella Orsini, als sie noch ein Kind war, vergöttert und begehrt hatte, war von ihm weder durch ein Wort noch durch einen Blick jemals verraten worden. Auf einem Tablett brachte Sforza eine Karaffe mit Limonade, zwei Gläser und eine Schale mit Makronen herein. Er füllte beide Gläser und trank das eine leer, bevor er das andere dem Duca anbot. Als Mundschenk Cosmos war er – sollte der Tod im Glase lauern – verpflichtet, den Tod an sich zu locken und zu sterben, bevor des Fürsten Lippen den Glasrand berührten ... »Hast du der Fürstin Malaspina die Einladung überbracht? Hat sie zugesagt?« fragte Cosmo. »Ihre Durchlaucht kommt zum Essen, Eccellenza.« »Hast du sie beobachten lassen?« »Auf Schritt und Tritt, Eccellenza. Der Conte Ginori, dessen Gast sie ist, weilt in Rom und hat ihr seinen leeren Palast zur Verfügung gestellt.« »Hat sie Besucher empfangen?« »Nur die Kurtisane La Delfina, die Dichterin.« »Worüber sprachen sie?« »Die Unterredung wurde leise geführt und konnte nicht deutlich gehört werden. Don Pietro wurde mehrmals genannt.« »Falls Traiano Bobba zurück ist, schicke ihn mir her.« 23 Sforza ging hinaus; und gleich danach kam Cosmos Geheimschreiber herein, der den pomphaften Namen Traiano Bobba da Casale de'signori di Rosignano nel Monferrato führte. Er war ein junger, noch nicht dreißigjähriger, schlank-hoher Mensch mit schwarzem Spitzbart, lebhaften Äuglein wie Korinthen und einer auffallend hohen Stirn. Der Stirn sowohl wie der überlegenen spöttelnden Redeweise wegen pflegte ihn Cosmo »seinen kleinen Macchiavelli« zu nennen. Mag sein, daß Traiano – eine Zeitlang – den Ehrgeiz besaß, dem großen Menschenkenner und Menschenverächter nachzueifern; doch unterschied ihn von seinem Vorbild eine warmherzige Menschlichkeit. Er stammte aus Castelfranco und hatte von seiner Mutter nordisches Geblüt und Gemüt ererbt, – was sein Gespött leicht zu Humor abmilderte ... Der Krähe des Duca, Donna Faustina, deren Schicksal ihm sehr nahe ging, war er der einzige aufrichtige Freund bei Hofe. (Einige Jahre später verlobte er sich mit einer Seidenhändlerstochter, weil die eine entfernte Ähnlichkeit mit Donna Faustina hatte ...) Cosmo kaute eine Makrone und blätterte in einem Stoß Papiere, die ihm Traiano auf den Schreibtisch gelegt hatte. Ohne aufzublicken sagte er: »Ich reite morgen nach Volterra für zwei Tage. Du begleitest mich, und sonst nur Sforza. Triff die Vorbereitungen geheim, – niemand darf das Ziel meiner Reise erfahren und wie lange ich wegbleibe ... Hast du den Pastetenverkäufer ausfindig gemacht?« »Ja, Eccellenza. Es ist, wie ich es mir gleich dachte, Seine Majestät – – –« »Den die Fürstin Malaspina ...?« »Sicherlich. Seine Majestät von Nirgendland ... Die Bettler, unter denen er lebt, nennen ihn den König von Cypern.« »Nun, und was erfuhrst du?« »Daß er heute in die Akademie der Stravaganti aufgenommen werden sollte. Darum setzte ich mich in die Weinschenke des Messer Semprebene.« »Da tagen wohl die Hanswürste?« »So ist es, Eccellenza. In der dunklen Taverne setzte ich mich an einen abseitigen Tisch, von wo aus ich gut beobachten und hören konnte. Lange brauchte ich nicht zu warten. Lärmend kamen drei der Verschrobenen mit zwei nicht minder verschrobenen jungen Damen herein und bestellten beim Kellner Mäusebraten, Blindschleichenkotelett, Küchenschabenfricassee – – –« »Du übertreibst mal wieder, Traiano!« »Nein wirklich, bei allen Heiligen! Das bestellten sie; und auch geräucherte Spulwürmer, Wanzenpasteten, geröstete Rattenschwänze, Spinnenkompott und gezuckerten Krötenschleim.« »Ich wünschte, mein Sohn und seine Kumpane bekämen das aufgetischt und ihr Leben lang nichts anderes! (Gott vergebe mir den unfrommen Wunsch!) ... War Don Pietro nicht dabei? Er schläft wohl noch seinen Rausch aus?« »Für Semprebene, den Tavernenwirt, war's ein Glück, denn der Prinz hätte ihn zum Krüppel geprügelt, weil er Mäusebraten, Spinnenkompott und gezuckerten Krötenschleim nicht herbeischaffen konnte.« »Vergiß nicht die geräucherten Würmer, die hätte mein Sohn, der Feinschmecker, ganz besonders vermißt!« »Daß Seine Eccellenza Don Pietro nicht kam, war gewiß auch für den Pastetenverkäufer ein Glück, denn ihm hätte, brüllend vor Lachen, Seine Eccellenza eine Tonsur geschoren und wer weiß mit welchem Schermesser ... Während eben noch die drei Akademiker und ihre Begleiterinnen aus Wut über den Wirt einen Höllenspektakel gemacht hatten, verstummten alle plötzlich, als in die Taverne Messer Martelli, der Kleine Walfisch, hereingeschwommen kam mit seinem Schützling, dem Pastetenverkäufer.« »Den dicken Martelli kenne ich ... Welchen Eindruck hattest du von seinem Schützling?« »Was soll ich sagen ...? Es war, wie wenn plötzlich der seraphische Sankt Franciscus in den Weinkeller träte – ein wunderschöner Sankt Franciscus ... Nicht, um den Vögeln und den Fischen zu predigen – sondern den Schweinen und Säuen ...« »Predigt er?« »Nur mit den Augen, großen rehbraunen Augen ... Viel sagt er nicht. Was er sagte, erschien mir kindlich ... dann aber merkte ich, daß es durchaus nicht so kindlich war, wie es klang ... Er bat, daß man ihm die Statuten der Akademie verlese. Wohlweislich ließ das der Kleine Walfisch nicht zu.« »Wohlweislich? Wieso?« »Weil es abgeschreckt hätte ... Ich kenne die Statuten, Eccellenza, – sie sind zum größten Teil denen, die Macchiavelli für die ›Bizarre Compagnie‹ entwarf, ziemlich wörtlich nachgeschrieben. So z. B. heißt eine Vorschrift: Die Mitglieder der Akademie verpflichten sich, Schlechtes voneinander zu reden. Ein anderes Statut lautet: Je mehr Worte und je weniger Gedanken einer vorbringt, um so mehr soll er geehrt werden.« »Ist das abschreckend, Traiano? ... Man könnte auf die Vermutung kommen, die ganze Welt sei eine Akademie der Stravaganti, ein Narrenhaus, eine ›Bizarre Compagnie‹, – denn wo auf der Erdkugel werden Wortemacher nicht am höchsten geehrt? ... Wenn du mir nicht verfänglichere Statuten nennen kannst ...« »Das kann ich, Eccellenza! Eines schreibt vor: Ist ein weibliches Mitglied – eine Stravaganta – allzuschön und wird dies von zwei Zeugen beschworen, so muß sie zur Strafe eine Handbreit über dem Knie ihre Schenkel entblößen ... Mir fällt gerade kein weiteres Statut ein, aber da sind noch viel tollere. Unser seraphischer Jüngling hätte die Flucht ergriffen.« »Dann müßte er ja Lodovica gefallen ... Wurde er in die Akademie gewählt?« »Einstimmig. Erst mußte er ein kurzes Examen bestehn, nämlich drei Wahrheiten sagen, die sich nicht widerlegen lassen.« »Die Zeit widerlegt alle Wahrheiten – sie ist klüger als die menschlichen Hansnarren ... Was waren seine Wahrheiten?« »Die erste war: Vergangenheit ist ein Land der Gespenster.« »Nein, Traiano, kindlich ist nicht, wer so spricht! ... Wie war die zweite Wahrheit?« »Man entgeht wohl der Strafe, aber nicht dem Gewissen.« »Nie und nimmer ist das ein Heiliger! ... Zu wem spricht er so? Zu sich selbst? ... Wie war seine dritte Wahrheit?« »Nicht jeder Pastete sieht man an, was sie enthält.« »Oho! Diese Pastete möchte ich öffnen! Und, bei meinem Leben, ich werde diese Pastete öffnen! ... Donner und Blitz! Wer ist der Kerl? Er ist mir unheimlich! ... ein König von Cypern? – welch ein Blödsinn –: der Enkel Catarina Cornaros müßte graue Haare haben! ... Ein gedungener Mörder? – würde der mit eigener Lebensgefahr meine Kinder retten? und die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, indem er eine Goldbörse zurückweist? ... Zum Teufel, was ist das für ein Mensch? Was will er mit seinen Wahrheiten? Warum entblößte er sich in der Weise? Was bezweckt er mit der Kühnheit? ... Kannst du mir es erklären, Traiano?« »Eccellenza, ich habe bloß eine Erklärung: er glaubte, vor lauter Weinschläuchen zu sprechen; – und er hatte eigentlich recht, denn keiner außer mir war feinhörig genug, um aufzuhorchen ... Ihm aber machte es eine diebische Freude, zu tun, was der blöde Neffe des Tarquinius tat, als er ins Donnergetöse eines Wasserfalles hineinrief: ›Ich heiße Brutus der Königsfeind, und das weiß niemand als ich allein!‹« »Brutus?! ...« Jählings erhob sich Cosmo und sah Traiano Bobba düster und forschend ins Gesicht. Dann schritt er im engen Kabinett zwischen Tisch und Fenster auf und ab. »Hast du einen Hintergedanken, einen besonderen Anlaß, daß du Brutus nennst?« »Ich versuchte nur durch ein Gleichnis zu erklären, Eccellenza ...« »Durch ein unsinniges Gleichnis, Traiano! Selbst zu einem Wasserfall würde ein Assassine nicht sagen: ›Achtung! ich bin ein Meuchler, – nehmt euch in acht vor mir! ...‹« 24 Cosmo unterbrach sich und starrte gebannt durch das geschlossene Fenster in den Boboligarten hinab. Handgroße, in Blei gefaßte rechteckige Scheiben aus grünlichem Glas bildeten aneinandergereiht das Fenster; zwar etwas trübe, waren sie doch durchsichtig genug, um erkennen zu lassen, was drunten vor sich ging. Auf schneebedeckter Rasenfläche – (denn der Schnee der vorigen Nacht war im Garten nicht zerronnen wie auf den Straßen) – wälzten sich, miteinander ringend, seine beiden Söhne, der junge Kardinal Don Giovanni und der fünfzehnjährige Don Gracia und mit ihnen ein in blauen Pelz gekleidetes Mädchen, das sich vergeblich abmühte, die beiden Kämpfenden zu trennen, während eine andere Damigella in grüner Pelzjacke, Pelzhandschuhen und Pelzstiefeln daneben stand, ratlos die behandschuhten Fäuste an die Wangen pressend, nicht imstande, dem Spiel (das keine unschuldige Schneeballschlacht war) ein Ende zu machen. Zehn Schritt von dieser Gruppe entfernt grinste Dino Barbini, der burleske Zwerg, bog und wand sich vor Lachen, durchaus nicht gewillt, den gefährdeten Kirchenfürsten den Krallen des hübschen wilden Angreifers zu entreißen. Cosmo erkannte in den beiden Damigellen Faustinas Freundinnen Nannina Sansedoni und Tolla Fiordespini. Sie hatten der bettlägerigen Faustina einen Krankenbesuch gemacht und waren, um einen kohlenäugigen Schneemann zu bewundern, in den Garten hinabgestiegen, von Kardinal Giovanni dahin gerufen. Allzu frei hatte die mädchenhafte Eminenz mit den Mädchen gescherzt und hatte Schneeballen werfend den anemonenroten Mund Donna Tollas getroffen. Da plötzlich stand, gleichsam aus dem Boden emporgetaucht, Don Gracia neben ihnen, leichenblaß vor Haß und Rachsucht. Im Nu hatte er seinen Bruder gepackt, ihn im Ringkampf niedergerissen, sich über ihn geworfen; – wie eine große Blutlache leuchtete das scharlachrote Kardinalshabit im glitzernden Schnee. Mit der einen Hand hielt Gracia den Hals Giovannis, mit der anderen stopfte er ihm Schnee in den Mund, so ungestüm, daß dem armen Kardinal der Atem verging und sein Gesicht sich blau zu färben begann. Hastig riß Cosmo das Fenster auf und schrie hinunter: »Gracia! – bist du des Teufels?« »Kann ein Teufel des Teufels sein?« lachte der boshafte Zwerg Dino Barbini. Der Knabe ließ sein Opfer fahren, sprang empor, schüttelte sich den Schnee ab und rief zum Fenster hinauf – keck wie ein Kind, dem stets verziehen wird –: »Das war ja nur Scherz, Vater! ... Ich habe Giovanni gewarnt.« »Wovor gewarnt?« »Vor mir, Vater. Aber er hat's nicht glauben wollen, daß ich toll werde, wenn Schneebälle fliegen ...« 25 Geärgert schloß Cosmo das Fenster. Fühlte er sich widerlegt durch die Worte des Knaben? Er wollte es sich selbst und dem Diener nicht eingestehn. Längere Zeit wanderten seine Gedanken weit weg ins Land der Gespenster, die Vergangenheit. Wie erwachend wandte er sich plötzlich Traiano wieder zu: »Wovon sprachen wir? ... Ja, von Brutus. Meine Mutter war hellsichtig, als sie mir einst sagte: wenn die Etrusker ein Gebäude errichten, so vermauerten sie ein Kind in das Fundament ... Der Brutus, an den meine Mutter dachte, starb als Kind. Zwei andere Brutusse hätten gefährlich werden können, aber auch die starben jung. Das Gebäude, das ich errichtet, hat allen Stürmen standgehalten. Es lebt kein Brutus mehr! ... Da, schau!« An die dem Fenster gegenüber befindliche Wandtäfelung trat Cosmo heran und schob einen Vorhang zur Seite. Fünfundzwanzig symmetrisch verteilte, in die eichene Täfelung eingeschlagene Nägel wurden sichtbar. »Seitdem ich Alessandros Thron erbte, habe ich an jedem Neujahrstag einen neuen Nagel hier eingeschlagen und habe so zum Nagel gesprochen: ›Wie ich jetzt deinen Kopf mit dem Hammer treffe, so werde ich ihm – falls er kommt – den Kopf zerschmettern!‹ ... Doch er kam nicht und er wird nicht kommen.« 26 Das Mittagessen im Bankettsaal des Pittipalastes war an diesem Tage ein kleines Festmahl, wie es alljährlich am 15. Februar stattfand zur Erinnerung an die Aufnahme Cosmos in den heiligen Orden des Goldenen Vlieses. Eine halbe Stunde bevor Tischmusik das Zeichen für den Beginn des Mahles gab, war Lodovica Malaspina vom Duca zu einem Gespräch unter vier Augen empfangen worden. In seinem Gabinetto, wo die Judith-Bilder Botticellis hingen, saßen sie sich gegenüber; und da niemand sonst zugegen war, duzten sie sich, – überhöflich und haßerfüllt wie in alten Zeiten. »Heute früh«, begann Cosmo, »sah ich, wie Gracia und Giovanni sich prügelten. Sunt pueri pueri ... Ich habe Gracia zur Rede gestellt. Es war nichts aus dem Jungen herauszubringen. Als ich ihn aber fragte, ob man auf dem Corsiniball ihn aufgestachelt habe, leugnete er es nicht.« »Du stellst mich also zur Rede, Cosmo?« »Warst du es denn?« »Und wenn ich es war? ... Du willst wissen, warum?« »Ich will es dir sagen, denn ich kenne dich, Lodovica! –: du hast schon damals gern Hahnengefechten zugeschaut, – obgleich es eine rohe Volksbelustigung ist, die armen Tiere aufeinander zu hetzen und ihnen scharfe Messerklingen an die Sporen zu binden.« »Das kann schon stimmen ... Doch dein mädchenhafter Giovanni ist kein Kampfhahn – nicht einmal eine Kampfhenne. Und Gracia ist ein Kind.« »Er ist mir das liebste meiner Kinder! Er ist mein Augapfel!« »Weil er Isabella gleicht, Cosmo, – die dein anderer Augapfel ist!« »Kannst du noch immer nicht vergessen, Lodovica? Du lächelst immerzu mich an, – und Haß ist in deinem Lächeln.« »Ist Liebe in deinem Lächeln, Cosmo? Einst freilich war der Liebe allzuviel, mit der du mich ansahst und – durch mich hindurch – eine andere anzusehen dich sehntest.« »Du verwehrtest mir ja: jene ersehnend dich zu finden, Lodovica.« »Vor Sünde bewahrte ich dich und deine Tochter, als ich merkte, daß ich nur Abbild eines dir allzuteuren Urbildes war. Daß du nicht gewaltsam meinen Widerstand brachst, habe ich dir nie vergessen ... Darum darfst du aber nicht denken, daß ich Freude an Hahnenkämpfen habe.« »Eher an Disputen mit nackten Mädchen über Platos Philosophie, – hat man mir erzählt. Du solltest mich in dein philosophisches Kastell einladen, Lodovica!« »Du, Cosmo, würdest die Prüfung schlecht bestehn!« Und lachend begaben sie sich in den Bankettsaal. 27 Sonnenglanz flutete durch die Scheiben und spritzte flüssiges Gold auf fruchtbeladene Tafelaufsätze (Meisterwerken Cellinis), auf Majoliken aus Faenza, auf toscanische Kristallgläser und goldene Bestecke, als pünktlich um elf Uhr die Tischmusik einsetzte, – ausgeführt von einem Chor jugendlicher Sänger, die abseits vom Eßtisch auf einer kanzelähnlichen Estrade unter dem Taktstock des Opernkomponisten Alessandro Striggio achtstimmige Kantaten vortrugen. Hätten sich zwischen den Tafelnden nicht die Fürstin befunden und Agostino Gritti, Venedigs Gesandter, und Fra Bartoldo, der Inquisitor von Florenz, – man hätte das ganz unfeierliche Bankett für ein Familienessen halten können. Sogar der burleske Zwerg Dino Barbini durfte an der Tafel sitzen und auch die stets mit ihm sich katzbalgende Madama d'Ora, die Zwergin der Duchessa Eleonora di Toledo. Sonst schmausten da nur Mitglieder der »casa illustrissima de' Medici«: Cosmos Söhne Giovanni, Gracia und Ernando; Messer Bernardetto (ein armer Verwandter); und Cosmos Schwager, der Bruder der Duchessa Eleonora: Don Luigi di Toledo, ein ganz vertrockneter Mensch. Zur Begründung seines lächerlichen Stolzes hatte Don Luigi keine weiteren Vorzüge anzuführen, als daß er der berüchtigten Familie Alba angehörte und ein Sohn des Vizekönigs von Neapel und Sizilien war. Während der Belagerung von Siena hatte er sich durch seine Roheit hervorgetan. Als ihm zu Ohren gekommen war, sein Neffe – der damals achtjährige Don Gracia – habe, einem Gefecht zuschauend, Zeichen von Ängstlichkeit gezeigt, erbat und erhielt er von Cosmo die Erlaubnis, den kleinen Prinzen an die Schrecken des Krieges und den Anblick von Blut zu gewöhnen. Er tat es auf gräßliche Weise; und die Zerstörung, die er in der zarten Seele des Kindes anrichtete, war nie wieder gutzumachen. Don Luigi di Toledo zwang nämlich Don Gracia, aus nächster Nähe mitanzusehen, was mit sienesischen Kindern geschah, die von Hunger getrieben sich vor die Tore der darbenden Stadt hinausschlichen, in der Hoffnung, ein Stück Brot von den Feinden erbetteln zu können. Die spanischen Landsknechte ließen die Kinder herankommen, anstatt ihnen jedoch Brot zu geben, schnitten sie ihnen die Hände ab und jagten die Verblutenden in die Stadt zurück. Wenn der kleine Prinz sich schaudernd wegwendete oder von Mitleid zerquält die Augen schloß, wurde er von seinem Oheim streng gezüchtigt. Mit dem Erfolg, daß schließlich Gracias Augen sich an das purpurne Schauspiel quellenden, verströmenden Menschenblutes gewöhnten, allzusehr gewöhnten, und ein grauenvolles Lustgefühl seine Seele zu verwüsten begann –: damals, im Feldlager von Siena, träumte er zum erstenmal den Traum, der ihn seitdem – in gewissen Zeitabständen – immer von neuem schreckte: er sah sich als Mörder, als Brudermörder ... 28 Beim Festmahl fehlte Donna Faustina, weil sie ihrer Stirnwunde wegen das Bett hüten mußte. Ihre Abwesenheit wurde von vielen bedauert, – so von Lodovica, ihrer Beschützerin, von Traiano Bobba, ihrem Freunde, von Don Gracia, der sie überschwenglich anschwärmte. Weit mehr wurde sie vermißt als die Duchessa Eleonora, – war es doch fast die Regel, daß diese bei festlichen Anlässen sich nicht zeigte. Ihr weichherziger Sohn Don Giovanni war der einzige, der ihr Fernbleiben beklagte, denn nach wenigen Tagen schon – das war beschlossen – mußte er zurück nach Pisa in seinen kalten unmütterlichen Palast, wo er seit Jahren als kindlicher Erzbischof residierte und, abwechselnd, mal den Kardinalshut mal die Inful auf der Knabenstirn trug, – oft genug freilich auch bacchantische Veilchenkränze, die ihm Hetären flochten. Denn früh geweiht und früh verdorben war der junge Kirchenfürst, liebenswürdig, schwach und keineswegs so engelhaft, wie die Welt ihn sah ... Außer ihm sehnte sich niemand nach Eleonoras Absonderlichkeit. Sie wäre, hätte sie unter den heiter Lachenden gesessen, ein bedrückender Alp, ein leichenweißer Nachtmahr gewesen. 29 So wenige waren der Tafelnden, daß Einzelgespräche sich kaum vorwagten und sofort wie vorlaute Flämmchen erloschen, verdrängt vom allgemeinen Tischgespräch. Don Luigi di Toledo brachte die Rede auf die russische Gesandtschaft, die in diesen Tagen am päpstlichen Hofe empfangen worden war. Der Inquisitor war in der Lage mitzuteilen, daß eine andere Gesandtschaft, eine chinesische nämlich, auf einer Romfahrt begriffen, bereits seit drei Jahren durch Asien wanderte. Und hieran knüpfte der Venezianer die Bemerkung: die große Asia sei kein verschlossener Weltteil mehr; früher habe man Landreisen bis nach China – wie die seines Landsmannes Marco Polo und die des Engländers Maudeville – als unerhörte Wagnisse bewundert; neuerdings aber höre man gar nicht selten mehr von Abenteurern, denen das gleiche gelungen, wenn sie auch nicht (wie Alexander der Große) die unheimlichen Bäume fanden, »die morgens aus der Erde kommen und sich zur Nacht wieder in die Erde verkriechen«. Um die zu suchen, sei vor einigen Jahren ein »Conte di Norfolk«, ein Engländer, vom Nildelta aus auf dem Landwege bis an den Ganges vorgedrungen. Nachdenklich äußerte die Fürstin: »Schade, daß ich es nicht erfuhr, – sonst hätte ich mich Norfolk angeschlossen!« »Ich auch!« rief der Zwerg. »Meine Narrenkappe würde ich hergeben, könnte ich so einen krabbelnden Baum einfangen, abrichten und wie einen tanzenden Esel auf Jahrmärkten dem Volke vorführen! ›Schaut her!‹ würde ich ausrufen, ›mein Baum weiß, was die Stunde geschlagen hat!‹« »Wie die Kunst Italiens!« bemerkte Lodovica. »Denn sie verkroch sich in die Erde, seit der Platonismus starb.« »Brach also die Nacht herein?« fragte freundlich lächelnd der Inquisitor. Er war ein alter schmächtiger Mönch mit schwarzbebrillter Stumpfnase, breitem Mund und hoher Gelehrtenstirn. 30 Im Echo der Saalwände bebte und schwebte das letzte Wort des Inquisitors – flatterte und entschwebte über einer plötzlich entstandenen Grabesstille wie eine Libelle über einem regungslosen Teich. Auf allen Mienen malte sich Erstarrung. In den Saal getreten war der weiße Nachtmahr – den außer Giovanni niemand vermißt, niemand herbeigesehnt hatte: die Duchessa Eleonora di Toledo. Sie konnte sich nur mühsam aufrecht halten. Auf die Schultern zweier ihrer Kammermädchen, zweier junger Negerinnen, hatte sie ihre dürren Arme gelegt. Kein Tropfen Blutes war in ihren Wangen und Lippen. Ihr noch immer schönes Gesicht blinkte alabastern, durchsichtig, totenblumenhaft aus einem schwarzen Zobelpelz hervor. Mit müder Stimme rief sie den Tafelnden zu: »Ihr sitzt zu lange bei Tisch!« Bedrücktes Schweigen war die Antwort. »Gewartet habe ich lange. Wartend schlief ich ein ... Ihr lacht hier, und mir schmilzt das Mark der Seele ... Länger warten kann ich nicht, Zeichen sah ich an Sonne und Mond ... Ihr eßt zu viel!« Mit ungewohnter Zartheit entgegnete ihr Cosmo: »Eleonora! Hier sitzen Gäste!« »Ich weiß, Cosmo! Ich weiß, daß ich Eure Freudenfeier störe ... Gott trieb mich her, damit ich Gewißheit habe ...« »Welche Gewißheit?« »Daß meine Söhne noch leben ... Gott zeigte mir den dunklen Strom der Gefahr. Du kannst das schwarze Wasser nicht sehn, Cosmo ... Ihr alle könnt es nicht ... Ich aber sah – – –« »Was?« »Mir träumte schwer. Die Himmelsleiter sah ich und auf ihr zwei junge Panther, die zum himmlischen Palaste hinaufklommen. Schon waren sie nicht fern vom Engelhimmel ... Da flog ein Schwert herbei – ohne Flügel flog es und glich doch einem zornigen Vogel –, und die Klinge durchschnitt die beiden Panther, so daß sie blutend in die Tiefe stürzten ... Und sogleich verwandelte sich mein Traum. In ein schwarz verhängtes Gemach führte mich ein Engel. Dort standen zwei offene Särge. Der Engel sprach zu mir: ›Schau, du arme Frau, dort liegen die beiden Panther aufgebahrt!‹ ... Und ich sah, daß es zwei Knabenleichen waren.« »Du hast vier Söhne, Mutter«, sagte Giovanni erschüttert – »zwei von uns lagen in den Särgen; wer waren die zwei?« »Ich kann es dir nicht sagen, Giovanni. Der Engel ließ mich nicht so nahe heran, daß ich die Gesichter erkennen konnte.« »Träume lügen, Eleonora! Menschen, die totgesagt wurden, leben lange!« »So reden meine Negerinnen, Cosmo! Du bist zu klug, um so zu denken. War es nicht eine Warnung vorige Nacht, daß die Pferde wahnsinnig wurden, daß der Wagen wie ein Böckchen sprang? Meine Herzenskleinode, Giovanni und Ernando, saßen im Wagen ... Streckt der Tod nach ihnen die Krallen aus? ... Oder will er uns täuschen und legt heimlich Fallen für Gracia? ... für Gracia, den du mehr als deine Augen liebst, Cosmo!« »Du hast noch einen Sohn, Mutter!« sagte Giovanni leise. Doch Eleonora tat, als habe sie nicht gehört. »Jesu Odem atme über euch, meine Kinder! Tausend Engel sollen über euch wachen! – und sie werden es, während ich mit dieser Perlenschnur dem Tod die Hände binde!« Sie zeigte eine Perlenkette von unschätzbarem Wert. »Was hast du vor, Eleonora?« Nicht sogleich beantwortete sie Cosmos Frage. Geheimnisvoll sagte sie: »Ich brauche den Schlüssel zu unserer Grabstätte. Gib ihn mir, Cosmo.« »Ich habe ihn nicht hier, Eleonora.« »Geh und hole ihn. Dann werde ich dir sagen, was ich vorhabe!« Zum Erstaunen aller Anwesenden stand Cosmo vom Tisch auf und verließ den Saal, um den Schlüssel zu holen ... 31 Mit Cosmos schwarzem Pflaster auf der Stirn lag Faustina in ihrer Schlafkammer. Auf einem Taburett am Kopfende ihres Bettes stand ein Kübel voll Schnee; und ihre Zofe Rentinola, eine Zwergin, kühlte ihr den Scheitel. Auf dem Sklavenmarkt in Venedig war einst Rentinola gekauft worden. Doch Faustina ging mit ihr nicht wie mit einer Sklavin um, – längst hatte sie ihr die Freiheit geschenkt und verkehrte mit ihr, als wäre sie eine Freundin, eine Vertraute. Und so wie sie selbst ihr manches sagte, was sie vor anderen verschwieg, so erlaubte sie ihr unumwunden zu plaudern und hörte geduldig zu, wenn die Kleine ihr von ihren eigenen Herzensangelegenheiten und Kümmernissen berichtete. Schon seit einem halben Jahr wußte Faustina, daß Rentinola verlobt sei, und zwar verlobt mit Guerzolo, dem Pagen der La Delfina. Als einmal Guerzolo am Palazzo Pitti vorbeiging, hatte die Zwergin Faustina ans Fenster gerufen, um ihr ihren lässig dahinschlendernden, Zuckerwerk schleckenden Bräutigam zu zeigen. Nicht nach der Prinzessin Geschmack war der in Samt und Seide prangende Bengel, den sie da heimlich durch die Fenstervorhänge betrachtete; zwar leidlich hübsch schien er ihr – doch unheimlich, ja geradezu widerwärtig, so verlebt um den hängenden Mundwinkel herum, so schwarzumschattet rings um die wässerigen Augen. Gleich nachdem sie ihn gesehn, hatte sie Rentinola geraten, das Verlöbnis zu lösen; sie hatte gewarnt: der junge Mensch schaue wie ein Verbrecher aus ... Doch die verliebte Zwergin hatte heftig zu weinen angefangen, bis schließlich Faustina die harte Beurteilung des Pagen abmilderte und zugab, sie habe infolge der großen Entfernung die Gesichtszüge Guerzolos nicht genau sehen können. Und somit war von ihr die Verlobung gutgeheißen worden, nie seitdem hatte sie gewarnt und hatte sogar kürzlich der Dienerin die Erlaubnis erteilt, in Begleitung ihres Verlobten sich die giostra dei tori – das Turnier der Stiere – auf der Piazza di Santa Maria Novella anzusehen. Den ersten Eindruck nachzuprüfen, war Faustina unmöglich gewesen, da Guerzolo nie mehr unter den Palastfenstern vorbeiging. Und so widerspruchsvoll war ihr Herz, daß sie, die damals das Verlöbnis hatte lösen wollen, heute froh darüber war, durch Rentinola Beziehungen zum verrufenen, einer Gentildonna unbetretbaren Bezirk der Porta San Gallo zu haben. Denn dort – nicht weit von La Delfina – wohnte der cyprische Koch, und bei diesem – er, der Pastetenverkäufer, der Pferdebändiger der vorigen Nacht: ihr Lebensretter ... »Ist er verheiratet?« fragte sie die Zwergin. »Nein, Signorina. Wie soll er eine Frau ernähren – er kann ja kaum sich selbst ernähren, der arme König von Cypern!« »Welch ein König könnte das sein? Die meisten könnten nicht einmal Pasteten backen.« »Aber die meisten Könige, Signorina, sind hinter den hübschen Frauen her ...« »Und er nicht?« »Er läuft keiner Frau nach. Außer einer – das ist La Delfina. Doch die läßt ihn nicht in ihr Haus.« »Warum nicht?« »Weil er sie überreden will, ins Kloster zu gehn.« »Du machst mich neidisch auf eine Hure, Rentinola! ... Würde er auch mich ins Kloster schicken ...?« »Schlagt ihn Euch aus dem Sinn, Signorina. Seit voriger Nacht sprecht Ihr immerwährend von ihm. Gefiel er Euch so gut?« »Er hat Augen, die man nicht vergißt, Rentinola! ...« 32 Es klopfte. Und schon trat Don Gracia ein, rosig, blond, strotzend von Gesundheit; aber seine Knabenstimme hatte einen Sprung wie ein geborstenes Glas. »Ich muß mit dir allein sprechen, Faustina.« Sie gab der Zwergin ein Zeichen, sich zu entfernen. »Jetzt sind wir allein mit Gott – den kann ich nicht hinausschicken, Gracia ... Was hast du auf dem Herzen?« »Habe ich ein Herz, Faustina?« »Hat es dir Tolla gestohlen? Das war unrecht von ihr, das durfte sie nicht tun; – ich habe es ihr auch gesagt und habe sie tüchtig ausgescholten ...« »Erlaubst du, daß ich dir den Scheitel kühle?« »Das erlaube ich nur, wenn du schwörst, mich nicht mit Schneebällen zu füttern wie deinen Bruder Giovanni!« »Das sahst du also?« »Nicht ich – aber andere sahen es und waren empört. Schämst du dich nicht? ... Ein so zarter und sanfter Knabe wie du – und plötzlich solch eine Roheit!!« »Ach, schilt mich, Faustina! Du wirst mich noch viel strenger schelten ...« »Ja, das müßte ich. Weil ich weiß, daß der Kern in dir gut ist, möchte ich nicht, daß du so einer wirst wie dein Bruder Pietro.« »Schwesterchen, gutes ... Bist du böse, wenn ich dich so nenne?« »«Warum sollte ich böse sein? ...« »Eigentlich sollte ich dich Mutter nennen ... Habe ich denn eine? ... Ich werde bald sterben, Schwesterchen.« »Laß dich nicht auslachen, Gracia!« »Wärst du im Speisesaal eben gewesen, könntest du nicht lachen!« »Was war im Speisesaal?« »Mutter kam herein und sprach von einem Traum ...« »Vor allen Gästen?« »Ja. Sie hat uns, ihre Söhne, als Leichen gesehen ... Das heißt nur zwei von uns ... Schwesterchen, ich habe Angst! ... Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich Angst habe!« »Aber Gracia, Kind! ... Deine Mutter ist krank ...!« Plötzlich brach er in lautes Schluchzen aus, umklammerte sie. »Rette mich, Faustina! Rette mich!« »Was meinst du! Du kannst es doch nicht glauben? ... Das ist doch unsinnig, Gracia, – es ist ein Wahn deiner kranken Mutter ... Warum solltest du sterben?« »Ich muß sterben ... Oh, ich fürchte nicht den Tod.« »Was fürchtest du denn?« »Frage nicht ... Ich kann es dir nicht sagen ... Es ist zu grauenhaft! ...« »Um Himmels willen, was ist mit dir, Gracia?« »Hilf mir! Hilf mir! Hilf mir!« »Wie soll ich dir helfen, wenn ich nicht weiß, was dich so traurig macht?« »Traurig? ... Ach, wäre ich bloß traurig! ... Du kannst das nicht verstehn ...« »Komm, sei doch vernünftig und überlege: selbst wenn der Traum Wahres offenbarte, – warum nimmst du an, daß es dich treffen muß? Sollte der Teufel einen von euch holen, so wird es Pietro sein; sollte Gott einen von euch zu sich nehmen, so wird es Giovanni sein, der zu gut für diese Erde ist: bei den Engeln droben würde er unter seinesgleichen leben ...« »Die würden ihn nicht haben wollen, Faustina. Er ist ein gefallener Engel.« »Wer? Doch nicht Giovanni?« »Jawohl – Giovanni! Pietro ist viel besser als er!« »Was redest du da!« »Ich aber, Schwesterchen, – (erschrick nicht, Schwesterchen!) – ich bin hundertmal schlechter als Giovanni! Denn ich werde ihn töten wie Kain seinen Bruder Abel!« »Gracia! Bist du bei Sinnen?« »Ich fürchte mich vor mir selbst, Schwesterchen! ... Rette mich! Hilf mir! Hilf mir! Hilf mir!« »Das ist ja heller Wahnsinn! Immer hast du Giovanni mehr geliebt als die anderen Geschwister ... Was ist geschehn?« »Ich war heute früh bei einer Kurtisane.« »Du? ...« »Frage nicht, wie ich hinkam. In ihrem Hause hat sie ein Schlafzimmer, das sie an heimliche Liebespaare vermietet. Dort haben Giovanni und Tolla kürzlich geschlafen.« »Das ist eine freche Lüge! Tolla ist meine Freundin – ich lege die Hand ins Feuer für Tolla! ... Wer ist die Kurtisane, die dir das weisgemacht hat?« »Die Dichterin La Delfina. Die lügt nicht.« »Dann ist es eine Verwechslung, dann hat sie ein anderes Liebespaar für Giovanni und Tolla gehalten ... Sahst du denn die beiden dort?« »Nein. Aber La Delfina gab mir einen Zettel, darauf steht von Tollas Hand geschrieben: ›Ich komme morgen um 18 Uhr.‹« »Hast du den Zettel bei dir? Zeig her! ... Nie im Leben hat Tolla das geschrieben!« »Ich kenne doch Tollas Handschrift, Schwesterchen!« »Aber dies ist nicht ihre Handschrift! Ich kenne ihre Handschrift besser als du –: Stöße von Briefen Tollas besitze ich, – nicht einmal ähnlich sehn sich ihre und diese Buchstaben ... Ist dies dein ganzer Schuldbeweis? Mehr hast du nicht vorzubringen? Und daraufhin willst du ein Brudermörder werden wie Kain?« »Ich will ja nicht, Faustina!« schluchzte er. »Du wirst mich davor bewahren! Du tatest es ja schon: mir ist jetzt ganz leicht ums Herz ... Ach, wüßtest du, wie sehr ich Tolla liebe!« »Auch dafür müßte ich dich ernstlich schelten ... und ich täte es, wärst du nicht so verweint. Ein andermal – (verlaß dich darauf!) – werde ich's dir noch ausreden! ... Wohin soll denn das führen? Sie ist viel älter als du, Kind! Du bist ein Püppchen in ihrer Hand.« »Sterben möchte ich, Schwesterchen!« »Dich, kleiner Gracia, kann man weder in der Hölle noch im Himmel brauchen. Du mußt noch lange auf Erden bleiben und dir vornehmen, nie wieder Leuten Schnee in den Mund zu stopfen ... Ja, und den Kopf hast du mir nicht gekühlt – hast mir sogar den Kopf recht heiß gemacht!« Von Schluchzen geschüttelt, sah er ihr Lächeln nicht, verstand ihre Worte nicht, fühlte bloß die Güte ihres Mitleids. Mit einem Kuß näßte er ihre Hand und lief weinend hinaus. 33 An der Piazza di San Marco – dem Kloster Savonarolas gegenüber – befand sich das bescheidene einstöckige Häuschen Antonio Martellis, den man den Kleinen Walfisch nannte. Das Erdgeschoß wies nur zwei Räume auf: eine Wohnstube und eine Küche. Im ersten Stockwerk waren zwei Schlafkammern: eine für den Kleinen Walfisch und eine für sein schwachsinniges Töchterchen Cammilla Martelli. Daß er ein Kind bei sich beherberge, wußte kein Mensch in Florenz. War ihm, dem verlotterten Begründer des Stravaganti-Klubs, dem gutartigen Zyniker und Schwätzer, nichts heilig auf Erden – sein Geheimnis war ihm sakrosankt, hochheilig, mehr als heilig. Kein Gierblick eines seiner Saufkumpane durfte je die Lichtgestalt, die sein Heim erleuchtete, streifen. Sie davor zu bewahren, zu verhüten, daß gewalttätige Wüstlinge ihr Affenwerk mit seinem Idol trieben, hatte viel Mühe, Wachsamkeit und List erfordert. Weil zu befürchten war, das schwachsinnige Mädchen könnte in Gesprächen mit Nachbarsleuten das Geheimnis ausplaudern, hatte er seit Jahren die Straße zu betreten ihr verboten und hielt sie abgeschlossen von der Welt wie ein Tierlein im Käfig. Doch keine Gitterstäbe hatte ihr Käfig. Wenn sie nie sein Verbot übertrat, so geschah es, weil sie ihn liebte und weil ihre Leichtgläubigkeit sein Lügenmärchen wörtlich hinnahm, alle Menschen – (deren sie ja viele Tag für Tag durchs Fenster erblickte) –, alle Menschen seien Folletti, d. i. Kobolde, böse Geister; und bloß das Paradies sei von guten Wesen bewohnt. Als an diesem Tage die Abenddämmerung hereinbrach, zog der Kleine Walfisch aus einem ledernen Beutel ein Feuerzeug heraus, zündete eine Öllampe an und gab seiner Cammilla Tanzunterricht. Sie war acht Jahre alt und glich einem der reigenden, goldgebadeten Engel des Beato Angelico in San Marco. Bei einem Besuch im Kloster hatte ihn die Ähnlichkeit verblüfft und auf den Gedanken gebracht, Cammilla zur Tänzerin auszubilden. Was hätte er sie sonst auch lehren sollen, sie, die schöne Blöde, welcher Rechnen und Sprachen den Kopf ermüdeten, während doch ihre zierlichen Gliedmaßen mühelos zu schweben verstanden, als wäre sie eine kleine Fee. Diabolo plena – eine Besessene – war sie; und besessen tanzte sie, als hätte sie den Teufel im Leibe. Und er sang zu ihren Tanzschritten das Lied des Jacopone da Todi, welches Fra Angelico die Vision seines Bildes eingegeben hatte: Una rota si fa in cielo Di tutti i Santi in quel giardino, Là ove sta l'amor divino Che s'infiamma de l'amore ... Der Türklopfer an der Haustür erdröhnte. Es war ein ungewohntes Geräusch in dieser vereinsamten, nie von Besuchern entweihten Wohnung. Wer konnte es sein, der da Einlaß heischte? Und gar zu so später Stunde ...! Sehr beunruhigt horchte Martelli auf. Als wieder ein Schlag ertönte, schob er Cammilla im flitterhaften Tänzerinnenkleidchen, wie sie war – ein Tanzschleier blieb auf dem Fußboden liegen –, in die dunkle Küche, nahm die Lampe und ging in den Flur, die Tür zu öffnen. Herein trat eine hochgewachsene rabendunkle Gestalt. Eine Kutte, schwärzer als Teer, deckte sie von den Sohlen bis zum Scheitel und ließ nur die Augen durch zwei runde Löcher blicken. Auf der Brust war ein Bild des Gekreuzigten gestickt, auf der Mundgegend ein kleines Bild der Mater Dolorosa. An der Tracht erkannte Martelli, daß der Gast ein Almosenpfleger, einer der zwölf Prokuratoren der Compagnia di San Martino, sei. Die zwölf Buoni uomini di San Martino hatten sich's zur Pflicht gemacht, in Not geratenen Adeligen, verschämten Armen, zur Seite zu stehn, sie aufzusuchen, Lebensmittel, Kleider und Geld an sie heimlich, ihren Stolz schonend, zu verteilen. Ihre segensreiche Tätigkeit fand so sehr Cosmos Beifall, daß er ihnen – schon vor Jahren – einen namhaften monatlichen Beitrag hatte zur Verfügung stellen lassen und sogar selber einer der zwölf Prokuratoren geworden war. Freilich beschränkte er sich nicht auf Armenpflege, wenn ihn zuweilen die Lust anwandelte, die teerschwarze Kutte umzutun: als einer der »Guten Leute von San Martino« konnte er wie Harun al Raschid umherstreifen, umherhorchen, in Häuser und Herzen seiner Florentiner hineinblicken ... Der Kleine Walfisch hob, um besser zu sehen, die Lampe empor. Umhüllt war des Eintretenden Antlitz, doch durch die beiden Löcher funkelten zwei helle herrische Augen ihn an. Fast wäre ihm die Lampe aus der Hand gefallen. Wie ein Blitzstrahl durchzuckte ihn die Erkenntnis: der Gast war niemand anders als der furchtbare Duca. Schlotternd bat der Kleine Walfisch den Unheimlichen in die Wohnstube. Und so verwirrt war er, daß er die Haustür zu schließen vergaß. 34 Ohne sein schwarzes Visier zu lüften, nahm Cosmo in einem Lehnsessel neben dem Kaminfeuer Platz. Martelli blieb fassungslos vor ihm stehn, ein in Angstschweiß gebadeter armer Sünder. Sein vorhängender Bauch zuckte, sein dreifaches Unterkinn schwappte. Wenn er sonst abbondantissimo di parole war, – in diesem Augenblick hatte ihn das Grausen mit Stummheit und Stumpfheit geschlagen. Cosmo begann, indem seine behandschuhte Hand auf Martellis Gitarre und den am Boden liegenden Tanzschleier zeigte: »Kalter Schweiß, Messer Antonio? Vestigia terrent! War ich ein Freudenstörer? Wer hat hier getanzt?« Kein Humor, keinerlei Gutmütigkeit milderte die gestrenge Frage. Martelli wurde flammenrot vor Verlegenheit und Angst. Sein so sorgsam gehütetes Geheimnis war nahe daran, verraten zu werden. Sollte die Existenz seines Töchterchens verheimlicht bleiben, so mußte er dreist lügen, den Duca belügen. Ihm zeigte sich kein anderer Weg. Und um leichter lügen zu können, suchte er Deckung hinter seinem gewohnten Redeschwall, der nun urplötzlich ihm die eingetrocknete Zunge löste. »Daß ich es gestehe, Vostra Eccellenza Illustrissima, – auch die Dickleibigen werden von Herrn Amor bedrängt. Auch die ergrauten Feisten. Weiß man denn, wieviel Jahre Adam auf dem Buckel hatte, als er Eva zart, delikat, fein, zärtlich und subtil fand? Weiß man denn, ob er sich nicht ein Bäuchlein angemästet hatte vor lauter Nichtstun unter den schattenspendenden Parkbäumen Edens? ... Die Fässer des Guten und des Bösen haben nebeneinander Platz in jeder Mannesbrust, wäre sie auch silberbehaart ... Ich will mich nicht besser machen, als ich bin, wie jener indianische Gockelhahn, der sich für ein Murmeltier ausgab. Aber wem schade ich denn außer meiner Geldbörse, wenn ich mich mit einer Venuspriesterin, einer armen Freudenjungfer, einer Rosetta oder Lisetta oder Biancabella delektiere, die tanzend in der Luft schwebt wie Mohammeds Eisengrab? Wen schädige ich, wenn ich meine Dukaten und mein Lumpenleben mit einer Terpsichore oder zweiten Salome vergeude, verjubele, verschwende, verjuckere, verschleudere, vertue und durchbringe – – –« »Genug, genug, Messer Antonio! Halte den Sturzbach auf! Deinen Insensati magst du solchen Wulst und Schwulst in die Ohren stopfen. Mir fehlen die Ohren und die Zeit für deine Rhetorik ... Meine Frage verlangte keine Antwort; denn daß du ein alter Sündenknecht bist, wußte ich auch ohne dein Geständnis. Absolvo te! ... Jetzt aber will ich auf meine Fragen nichts als ein schlichtes Ja oder Nein hören ... Daß ich deinen Bruder Guglielmo Martelli, den Mitschuldigen Filippo Strozzis, vor dem Henkertod bewahrt habe, das weißt du noch?« »Ja, Vostra Eccellenza.« »Auch du warst damals angeklagt. Im Prozeß spieltest du den Possenreißer so gut, daß deine Richter – und sogar ich – über dich lachen mußten. Wir ließen dich laufen. Seither hast du, aus Furcht, ernst genommen zu werden, den erkünstelten Tollhaus-Stil beibehalten. Doch zum Fürsten, zum Dichter und zum Hanswurst muß man geboren sein. Mich hast du nie getäuscht: ich habe deine komische Maske und auch die Gutartigkeit deiner Possen immer durchschaut ... Schon einmal kam ich, mir deinen Dank einzufordern. Das war, als ich meinen Sohn Don Pietro sich selbst und seinem himmlischen Strafer überließ; – denn ich selbst wollte sein Strafer nicht sein ... Du entsinnst dich?« »Ja, Vostra Eccellenza.« »Damals bat ich dich, ihm (ohne daß er es gewahr werde) ein Führer am Abgrund zu sein. Mochte er ungestraft buhlen, trinken, fluchen, raufen; – aber von Verbrechen solltest du ihn zurückhalten. Du tatest es?« »Ja, Vostra Eccellenza.« »Bis heute war es vielleicht nicht allzuschwer. Doch es könnte geschehen, daß er für diese Nacht ein Verbrechen plant ... Einer unserer Diener fing Worte seiner Trinkgesellen auf ...« »Ja? ...« »Die Fürstin von Florenz, Madama Eleonora, begab sich heute eines Gelübdes wegen in die Grabstätte der Medici. Madama Eleonora hat ihre wertvollste Perlenkette der Madonnenstatue dort als Weihgeschenk für die Errettung ihrer Söhne an den Arm gehängt. Einen Wachtposten auf den Kirchhof zu stellen, unterließ ich: es würde eine Kränkung für meine Gemahlin bedeuten, da sie des Glaubens ist, die Gottesmutter sei mächtig genug, sich selber gegen Diebe zu wehren. Auch ich glaube, daß das bronzene Gittertor der Grabstätte von keinem diebischen Rattenzahn zerfeilt werden kann. Jedoch Don Pietro besitzt einen Schlüssel ...« »O Eccellenza! Ihr denkt zu schlecht von Eurem Sohn! Wollte Gott, ich stäke nicht im Schlamm wie ein Krokodil, dem man die Tränen nicht glaubt; wollte Gott, ich wäre nicht der dickwanstige, mit Tran gefüllte Walfisch – ich würde den hehrsten Eid leisten: Ihr denkt zu schlecht von Don Pietro! Wollte Gott, ich könnte mit flammenden Zungen reden, um Euer Herz zu erweichen, daß es schmilzt und zerrinnt wie Wachs, Butter, Eis oder Siegellack! ... (Ach, mein verdammter Stil – er fließt über, ob ich will oder nicht ... Euer Herz rühren will ich und statt dessen erbose ich Euch gar! ... Doch glaubt mir: mein Stil sitzt in der Zunge, nicht im Herzen ...) Welch ein harter Vater seid Ihr doch, wenn Ihr annehmt, daß Euer Sohn – – –« Bei diesen Worten sprang Cosmo ergrimmt auf und schrie mit drohender Stimme: »Schweig still, du Einfaltspinsel! Wagst du, mir Ratschläge zu erteilen? Verboten wurde dir, mehr zu sagen als Ja und Nein! ... Nichts will ich hören! – Nichts, nichts, nichts! ... Dächte ich unväterlich über meinen Sohn, so würde ich dir befehlen, ihn hinabzustoßen in den Abgrund, statt ihn zu halten – – –« 35 Cosmo unterbrach sich und starrte nach der Küchentür, die eben leise geöffnet wurde. Auf der Schwelle stand ein hübsches kleines Mädchen. Mit einem Ballettröckchen angetan, glich das Kind einer weißen Glocke. Und zwei Schlägel aus vergoldetem Saffian hatte die weiße Glocke. Es war Cammilla. Die überlaute Stimme des Fürsten hatte sie hereingelockt. Sie wollte ihrem Vater beistehn. Kindhaft böse sprach sie: »Der schwarze Teufel soll nicht so schreien! Erlaube ihm das nicht, Vater! Schaffe ihn hinaus!« Der Kleine Walfisch hielt sich für verloren. Belogen hatte er den Duca, – und die Lüge lag zu Tage ... Voller Hohn fragte Cosmo: »Ist dies Jüngferchen die kleine Sünderin, von der du rühmtest, sie schwebe in der Luft wie Mohammeds Eisengrab? Ich fürchte, du selbst könntest bald in der Luft schweben, Antonio, wenn das dem Bargello zu Ohren kommt! ... Ist solche Sünde erlaubt unter Christenmenschen?« Leichenweiß sank Martelli in die Knie. »Erbarmen, Eccellenza! Ich habe gelogen! Das Kind ist kein Freudenmädchen, – es ist mein Töchterchen Cammilla.« »Und warum hast du gelogen, Messer Antonio?« »Weil ich ... Ach, mein Gott, wie soll ich glaubhaft machen, was so unglaubhaft scheint! ... Weil es ein Geheimnis ist, daß ich eine Tochter habe ... Weil es meine Freunde, die Stravaganti, nicht erfahren dürfen ... Oh, ich kenne ja die Sünder, ich bin ja selbst einer! ... Erbarmen, Eccellenza! Vergebt mit! Verratet den Florentinern mein Geheimnis nicht, hetzt die Wölfe nicht auf dieses Lamm!« »Dazu wäre allerdings dies Kind viel zu schade ... Deine Cammilla ist lieblich, Antonio; nach zehn Jahren wird sie eine Schönheit sein. Bringe sie mir, wenn sie tanzen gelernt hat ... Groß genug ist mein Palast für eine neue Hofdame ...« »O Eccellenza!! ... Ihr seid übergnädig! Wie soll ich Euch danken! Laßt mich Eure Hand küssen, Eccellenza! ... Aber – das darf ich Euch nicht verhehlen, Cammilla ist einfältig ... Nicht daß sie blöde wäre – nein, nein, denkt das nicht. Doch sie ist sonderbar, weil sie noch nie mit Menschen sprach außer mit mir; – das hat sie seltsam und kindlich gemacht ... Sie ist eine ›Gauklerin der heiligen Engel‹ – wie das Volk das nennt.« »Gott liebt die Einfältigen, Messer Antonio! Und warum sollte ich nicht lieben können, was Gott liebt? ... Bringe mir Cammilla, wenn sie heranwuchs.« »Schicke ihn weg, Vater! Er will mir Böses tun! Ich habe Angst vor dem schwarzen Kobold!« »Nein, Cammilla, du irrst, er ist kein Kobold, er ist nicht einer von den vielen, die da draußen umhergehn und Kinder stehlen. Ganz im Gegenteil, Cammilla, dies ist einer der Paradiesbewohner, der gütigste der Guten, und ist gekommen, dir und mir viel unbeschreibliches Glück zu bringen. Das Haus, das er betritt, ist gesegnet; – der liebe Gott hat ihn uns gesandt ... Nun aber geh, Cammilla, und störe unser Gespräch nicht länger; – geh in die Küche, spiele mit deiner Katze!« Sanft faßte er sie an der Hand und führte sie zurück in die Küche. 36 Spielzeug sowohl wie Spielkamerad war für Cammilla ihr Kätzchen, dem sie den Namen Saladino gegeben hatte. Ein verschlafener, graugelb gesprenkelter Kater mit buschigem Schweif war Saladino, abgeschlossen von der Außenwelt wie sie und daher ihr Leidensgenosse und Freund. Wenn ihr Vater in Semprebenes Osteria weilte oder einen Rausch ausschlief, so konnte sie stundenlang mit Saladino sprechen und ihm erzählen, was ein Engel ihr zuflüsterte. Freilich war sie sich nie ganz klar darüber, ob die Stimme, die immerwährend ihr ins Ohr sprach, die Silberstimme eines Engels oder eines Folletto sei. Während in der Wohnstube Martelli und sein hoher Gast das Gespräch fortsetzten, sucht Cammilla in der Küche nach Saladino. Vorhin hatte er noch auf dem Herde schlafend gelegen. Das hatte sie gesehn; denn nicht völlig dunkel war der unerhellte Raum, – durch ein Fenster legte sich ein schwacher Mondstrahl wie eine weiße Florettklinge auf die Fliesen. Vergeblich ruft Cammilla das Tier, vergeblich sucht sie alle Ecken ab. Dann geht sie in den Flur. Es fällt ihr auf, daß die Haustür offensteht. Und plötzlich begreift sie: Saladino hat sich die Gelegenheit zur Flucht nicht entgehn lassen. Bestürzt tritt sie vor die Haustür. Leer ist die Piazza. Der Karnevalstrubel – il trionfo della castità – hat wie ein riesenhaftes Saugorgan die Menschen eingeschluckt, eingesogen ins Innere der Stadt. Die Augen des Mädchens flattern, zwei erschreckte Vögelchen, hierhin und dorthin. Da glaubt sie an der Ecke der Via Arazzieri ein Tier vorbeihuschen zu sehn. Es mochte ein Hündchen gewesen sein; – sie aber hält es für ihren Saladino. Im Nu sind alle Ermahnungen ihres Vaters vergessen. Die vergoldeten Saffianschuhe versinken im Straßenschmutz, sie rennt dem Tiere nach. Daß es eine Illusion gewesen, will sie nicht eingestehn, obgleich die Katze unauffindbar bleibt. Immer weiter läßt das Kind sich fortlocken. Als sie schließlich todmüde an Heimkehr denkt, ist es bereits zu spät: sie weiß den Weg nicht mehr, den sie gegangen war. Und weil sie verirrt ist, muß sie weiter umherirren. 37 An Cammilla vorbei eilen in der Via San Gallo einige Dirnen und sonstiges Gesindel aus der Gegend des nordöstlichen Stadttores dem Schaugepränge am Domplatz zu. Ungeduldig hören sie Cammilla an, verstehen ihre wirren Worte nicht, setzen ohne Antwort ihren Weg fort. Da sieht sie zwei Männer, welche ihr weniger Eile zu haben scheinen. Und sie schöpft Hoffnung, geht ihnen nach. Die beiden schreiten schon seit längerer Zeit unschlüssig dort auf und ab, miteinander flüsternd. Der eine, pockennarbig, muskulös, brutal, ist La Delfinas Nachbar, Messer Lelio Marfagnone, der cyprische Koch. Sein Begleiter – klein, schmächtig, mit einem Spitzmausgesicht – wird von ihm Cecco angeredet. Was die beiden flüstern, wäre für Cammilla – selbst wenn sie die Worte hätte hören können – unverständlich geblieben. »Schlage es dir aus dem Sinn, Lelio. Ich habe es schon früher versucht; – die Stäbe stehn zu dicht beieinander: ich kann mich nicht hindurchzwängen.« »Du mußt, und damit basta!« »Sage mir doch, wie!« »Was frage ich nach wie! Das ist deine Sache! Mach dich dünner, wenn du nicht dünn genug bist! Schneide dir das Fleisch von den Rippen! Wozu brauchst du Fleisch, wenn du ein Krösus wirst! Der Schmuck ist mehr wert als dein Fleisch! Zapfe dir vom Nabel das Fett ab, Cecco!« »Wo ist Fett an mir? Zeige es mir doch, bitte! Ich bin der magerste Mensch in Florenz!« »Darum habe ich dich ja mitgenommen, Dürrbein! Enttäusche die gute Meinung nicht, die ich von deiner Schwindsucht habe. Mach das Kamel schamrot, das sich weigerte, durchs Nadelöhr zu gehn – – – « In diesem Augenblick hatte Cammilla die Flüsternden eingeholt. Sie packt den cyprischen Koch am Ärmel: »Hast du Saladino gesehn?« Geärgert über die Störung, schüttelt Lelio die Kleine ab. Daß sie ein Tanzröckchen trägt, fällt ihm nicht sonderlich auf: in der ausgelassenen Festzeit sind ja Gassentänze von Gassenkindern an der Tagesordnung ... »Schere dich zum Kuckuck, Puttina! »Was geht dein Saladino mich an. Ist es der Großmogul?« »Es ist mein Kätzchen. Saladino ist davongelaufen.« »So laß ihn laufen!« »Der böse Feind spricht aus dir ...« »Da kannst du recht haben. Also trolle dich, Klette!« »Wärst du klug, würdest du mir helfen. Der höchste Engel würde es dir lohnen!« Während sie sich Tränen von den Wangen wischt, nimmt Cecco den cyprischen Koch beiseite und flüstert ihm ins Ohr: »Sie hat ihre fünf Sinne nicht – merkst du's denn nicht? Sie wird tanzen, wenn du ihr aufspielst!« »Was willst du damit sagen?« »Schau sie doch an, – sie ist schmaler als ich!« Lelio nickt und hält den Finger an den Mund. Dann wendet er sich – (diesmal freundlicher) – an das weinende Kind. »Plärre nicht, Püppchen! Ich sah, wie ein Schwefelgeist deinen Saladino holte, und weiß auch wohin. Komm, ich will dich hinbringen. Und wenn du ausführst, was ich dir befehle, so schaffe ich dir Saladino, – müßte ich auch in die Katzenhölle hinabsteigen, um ihn heraufzuholen ...« 38 Währenddessen verabschiedete sich der Duca vom Kleinen Walfisch und schärfte ihm ein, ohne Verzug das Weinhaus aufzusuchen, wo Don Pietro Flaschen den Hals zu brechen pflegte, – um beizeiten einen etwaigen Bubenstreich abzuwehren. Mit hohen Beteuerungen versprach es Martelli. Dem Fürsten in den Flur hinausleuchtend, gewahrte er wohl, daß die Haustür offenstand, verdrängte aber die Besorgnis, da er die behandschuhte Hand zu küssen und überschwengliche Dankesworte zu stammeln hatte. Erst als er allein in die Wohnstube zurückkehrte, wurde er sich seiner Unruhe bewußt. Er rief nach Cammilla. Jedoch sie kam nicht. Er durchstöberte die Küche, den Flur, die Schlafkammern oben; – und nirgendwo entdeckte er sie. Seine Angst, wie sehr er sie anfangs beschwichtigte, stieg von Minute zu Minute, stieg und stieg und rührte an die Schwelle des Wahnsinns. Schon sah er Cammilla entseelt, gemordet in ihrem Blute liegen – oder verschleppt und verdorben. Und er redete sich ein, er werde sie nie wiedersehn. Auf die Piazza stürzte er hinaus, die große Stadt nach seinem Töchterchen abzusuchen, Gasse für Gasse. Wie Cammilla vorhin dem Kätzchen, so lief er dem unsichtbaren Phantom nach, ein weinender, trauriger Narr. Versagen mußte er sich's, von Passanten zu erfragen, ob sie Cammilla gesehn. Für die Welt war ja die Verschwundene namenlos und nicht vorhanden; – wie also konnte er sie zurückfordern von der Welt ... Kurzatmig ächzend, kopflos und planlos lief er hierhin, dorthin, – überallhin; nur nicht, wie der Fürst es geboten, ins Weinhaus, mit dem verlotterten Prinzen Flaschen den Hals zu brechen. 39 Ein unauffälliges Karnevalskostüm hat sich für diesen Abend die Fürstin Lodovica Malaspina gewählt, um der Aufmerksamkeit der Buben, die sie gefedert hatten, zu entgehn. Sie trägt die silbergraue Sammetkleidung eines jungen französischen Edelmannes. Alles an ihr ist grau: die Pluderhosen mit den bis zum Oberschenkel hinaufreichenden Strümpfen, das gesteppte Wams, das Schultermäntelchen, das Straußenfedernbarett. An der Seite hängt ihr ein Rapier, geziert am Griff mit Edelsteinen und Türkisen. Sie hat ihre drei Neger in einer Seitengasse zurückgelassen und betritt allein Semprebenes gewölbte, kühl und modrig riechende Trinkstube. Noch schläft das Weinhaus, totenstill und leer wie eine verwunschene Kapelle. Noch ist es ja früh, eben erst dämmert es, und bisher hat sich von den Lärmmachern keiner eingefunden. Den dunkelsten Platz in der entferntesten Ecke der Taverne sucht sich Lodovica aus. In tadellosem, rasch perlendem Französisch redet sie den Wirt an. Sichtlich beeindruckt von ihren Türkisen, bemüht er sich vergeblich, den vornehmen Gentilhomme zu verstehn. Da beginnt dieser, italienisch wie ein Ausländer zu radebrechen. Schon in Paris und Bloys habe man ihm versichert: »wer Florenz mit allen seinen Kostbarkeiten gesehn, die Akademie der Stravaganti aber nicht gesehn, habe nichts gesehn!« Und der Gentilhomme stellt sich vor, sein Name sei: »Seigneur de Destin, Duc de Providence«. (Er darf sich den Scherz erlauben, – seinem Hörer sind es böhmische Dörfer! ...) Als Ausländer müsse er Händeln aus dem Wege gehn; darum sei es sein Wunsch, unbemerkt die Tollheiten der Akademie zu belauschen. Besser als des jungen französischen Kavaliers Gestammel überredet ein Goldstück den Wirt, diesem willfährig zu sein. Er rückt: den Tisch des Fremden hinter eins der an den Wänden sich auftürmenden Weinfässer. 40 Bald darauf wird die Taverne aufgerissen und vier Insensati stürmen herein. Es sind die Häuptlinge: Prinz Pietro und seine Busenfreunde Carlo Panciátichi, Noffo Carnesecchi delle Ruote und Santi di Piero di Vettino. Doch keine Stravaganta hängt an ihren Armen. Eine Aufführung nämlich der Tragödie Sophonisba durch eine Bologneser Schauspielertruppe hat die Damenwelt – alle donne pulzelle e maritate – ins Theater gelockt. Die aristokratischen Schädel und Gesichter der vier kaum zwanzigjährigen Raufbolde sehn degeneriert doch hübsch aus. Nicht umsonst ist Pietro der Zwillingsbruder der tollen wunderschönen Isabella Orsini. In seine und Carlos Wangen hat das Lotterleben wenig Spuren gegraben, die ererbte Lebenskraft ließ sich von Bacchus und Venus nicht so bald zermürben. Um so entarteter erscheinen Noffo und Santi. Obgleich – (den Statuten ihrer Brigata gemäß) – schon seit den Mittagsstunden angeheitert, blicken sie nicht erhitzt drein, sondern wie durchfroren, nicht weingerötet, sondern blaublaß, livide. Einen blanken Degen hält Don Pietro in der Hand, daran aufgespießt hängt, hin und her pendelnd, ein kleiner toter Köter. Pietro wirft den toten Hund dem Wirt vor die Füße. »Schneide das Aas auf, Wirt, – ich fand es im Rinnstein. Nimm ihm das Herz heraus, brate mir das Hundeherz!« »Mich schaudert vor deiner Genäschigkeit, Pietro!« grinst Carlo. »Bezähme deinen Hundshunger! – Ein Ochsenhunger ist bekömmlicher!« »Hältst du mich für einen Aasgeier, Carlo? Für die Empusa, die Leichen anknabbert? Für eine Hyäne, die Gräber ausscharrt? ... Nein, Herzensbruder! Der Geliebten werde ich das gebratene Herz auftischen; und wenn sie's verschlang, werde ich ihr mitteilen, daß sie das Herz des Mannes aß, mit dem sie mich betrügt.« »Wer ist die hungrige Blume der Frauen?« erkundigte sich der grünlich bleiche Santi mit einer Unschuldsmiene. »Schafsnase! Kohlkopf! ... Aber gottlob gibt es andere Weiber genug, die ohne Zetergeschrei sich in die Schenkel zwicken lassen ... Warum sind keine Weiber hier? Wo stecken die Biester?« »In der Sophonisba.« »Da möchtest du auch drinstecken, du Pfuhlschnepfe! Was? ... Schafft Weiber her! Ohne Weiber ist das Leben nicht süß ... Hole Weiber, Wirt! – Soll ich's zehnmal sagen?« »Ich bin nicht die dicke Lisa, Hoheit ... Aber schaut her, hier bringe ich Eurer Hoheit einen Korb mit Apfelsinen, – die sind ebenso süß wie Jungfrauen.« »Weg damit! Ich will lebendige Apfelsinen, duftende, feuchte, zum Anbeißen welche! Verstanden? Macht euch auf die Socken! ihr alle! und holt mir einen Korb voll!« »Von wo? ...« »Aus den Gäßchen um San Gallo herum. Dort reifen die saftigsten. Bis sie überreif werden und stinken. Doch angefaultes Obst gehört nicht in den Korb, – das verbitte ich mir! Verstanden?« »Einen so großen Korb haben wir nicht, Hoheit!« »So nehmt ein leeres Weinfaß, ihr Schöpse! Wenn ich befehle, ist ein Bottich ein Korb und ein Weibsbild eine Apfelsine! Verstanden? ... Bei Gott und dem heiligen Isidorio, weh euch, wenn ihr den Korb nicht bis zum Rande gefüllt zurückbringt!« 41 Mit wüstem Hallo wird das Faß von Carlo, Noffo, Santi und dem Wirt auf die Gasse hinausgerollt. Allein geblieben, setzt sich Don Pietro an seinen Stammplatz, schlürft sizillinischen Wein und zündet sich am Kamin eine Tonpfeife an. Während der aufsteigende Tabakrauch mit dem Weinnebel seiner Augen sich zu vermengen beginnt, ist es dem Prinzen, als sähe er ein paar Stiefel – in hellgelben Ledergaloschen steckende Stulpenstiefel – aus dem Zwischenraum zweier Weinfässer hervorlugen. Alle Wetter! Sind das hochadlige Galoschen, rassige, aristokratische Männerstiefel! Und – höchst sonderbar! – der eine Stiefel wippt. An die Halluzinationen seiner Räusche gewöhnt, nimmt Pietro die Stiefel nicht allzu ernst. Er verlacht sie, blinzelt sie mit einem Auge an, während er das andere zukneift. Kurios, was seine Augen für Einfälle haben. Gespensterschuhe, die ohne das zugehörige Gespenst umgehn und wippen, – gibt es dergleichen? ... Oder sollte es Fopperei des Tabakrauches sein? Er läßt die Pfeife ausgehn. Trotzdem weicht der Spuk nicht ... Und französisch ist der Spuk, Pariser Mode; – das weckt allmählich doch seine Neugier. Er erhebt sich und will der Sache auf den Grund gehn. Doch da erschallen Lachsalven von der Gasse her, durch die Tavernentür rollen seine Trabanten das Faß herein – und aus seinem Gedächtnis verflüchtigen sich die französischen Stulpenstiefel wie der Rauch seiner erloschenen Pfeife. 42 Unter dem Kreuzgewölbe in der Mitte der Taverne wird das Faß aufrecht aufgestellt. Semprebene entfernt den oberen Faßboden. Mit komischem Ernst meldet Carlo dem Prinzen: »Beste Sorte! Saftig, zuckersüß! Wir fanden zwar nur eine, doch die wiegt hundert Goldorangen auf.« Aus dem Faß recken sich Kopf und Nacken einer jungen Frau empor. Es ist die Dichterin und Kurtisane La Delfina. Der Rand des hohen Fasses reicht ihr bis an die Brüste. Ihrem zerkratzten Antlitz, ihren vor Wut und Schrecken blitzenden Augen ist anzumerken, daß sie sich nicht ohne Gegenwehr hatte fangen lassen: aufgelöst das Kastanienhaar, zerhadert das Glöckchengewand, zerrissen der honiggelbe Hetärenschleier. »Laßt mich heraus!« weint sie. Ihre vier Räuber treten dem Prinzen das Vorrecht ab, mit ihr im Namen der Akademie ein Zwiegespräch zu führen. »Springe, springe doch, Apfelsine! Oder kannst du nur am Boden kullern?« »Laßt mich heraus! Um Gottes Barmherzigkeit willen! ...« »Ich sage dir: springe! Hüpfe aus der Tonne, La Delfina! Du machst doch sonst tolle Sprünge.« »Nicht so tolle wie Eure Hoheit! ... Laßt mich heraus, ihr Flegel!« »Weine nicht! Kreische nicht! Erst sollst du eine Weile wie Diogenes in der Tonne leben und dich – – – « »Helft mir doch endlich heraus!« »Gleich, gleich ... Erst sollst du im Faß ein Liebesgedicht auf mich dichten, Dichterin!« »Auf wen? Hahaha! ... O Himmel! ...« »Was lachst du?« »Ich lache nicht – ich weine! Eher dichte ich einen Aussätzigen mit Liebesversen an!« »Selbst wenn ich den Aussatz hätte, wäre ich doch reich genug für eine Hure wie du! Nimmst du für deine Verse mehr Geld als für deine Küsse?« »Auf Eure Hoheit kann ich nur Spottverse dichten!« »Oho?« »Pfui, welche Schande! Ein Prinz – und ist betrunken! Ein Prinz – und benimmt sich wie ein kleines ungezogenes Kind!« »Du rührst an mein Gewissen, Diogenessa in der Tonne! Zu viel Wein trank ich; – fortan wird Milch mich laben. Und da ich ein kleines Kind bin, sollst du meine Amme sein! – Komm, lege deine Brüste hier auf den Rand der Tonne. Stille mich! Ich will dich ausschlürfen! Ich will deinen süßen Saft trinken, vollbrüstige Apfelsine!« »Rühre mich nicht an, du Scheusal! ...« Pietro packt sie an der Schulter, ihr den Brustlatz wegzureißen. Da schlägt ihm La Delfina ins Gesicht. Mit voller Wucht trifft ihr Faustschlag sein Auge. Betäubt taumelt er rückwärts und stürzt über eine Bank. Zeugen des Zankes und des Faustschlages sind außer Carlo, Santi, Noffo und Semprebene auch noch einige neue Tavernengäste. Schon vor einer Weile waren sie – lauter Mitglieder der Akademie – hereingekommen, und mit ihnen Giuliano, der Pastetenverkäufer. Während Carlo und Semprebene – (in großer Angst, des Prinzen Auge könnte ausgelaufen sein) – sich um ihn bemühen, tritt Giuliano mit traurigem und ehrerbietigem Gruß an La Delfina heran. Sie schlingt den Arm um seinen Hals. Da reißt er sie mit einem Ruck aus dem Faß heraus. Wie aus einer Kehle erschallt der Schrei der Verrückten, als sie die befreite Kurtisane dem Ausgang zulaufen sehn. Flüche und Gelächter bilden einen unentwirrbaren Knäuel in der an Echo reichen Kreuzgewölbeluft. An der Türschwelle wendet sich La Delfina um und apostrophiert den Prinzen: »Jetzt will ich's sagen, was ich verschwieg, warum ich keine Liebesverse auf Eure Hoheit dichten kann! –: weil Eure Hoheit sich die braune Sauce vom Hintern noch nicht abgewaschen hat! ... Nun wißt Ihr's!« Hysterisch lachend rennt sie hinaus. 43 An seinem Stammplatz sitzt Don Pietro, den Kopf in seine Arme vergrabend. Er hat das trunkene Elend, tränengebadet brüllt er. Weil er sich allein glaubt, läßt er sich so hemmungslos gehen. Denn die ganze Akademie ist hinausgeeilt, mit frohem Halali eine Hetzjagd auf die entflohene Hindin zu veranstalten. Daß Giuliano zurückblieb, gewahrten Pietros tränenblinde Augen nicht, wie ebenfalls nicht, daß die gelben Gespensterschuhe sich sachte fortbewegen, daß ein eleganter silbergrauer Franzose an ihm vorbei den Raum durchschreitet und sich an der Tür der Taverne wie ein neugieriger Passant unter die eben zurückkehrenden Menschenjäger mischt. Aber Tränen der Scham wollen mit vernehmlichen Selbstanklagen gespeist werden, sonst versiegen sie. Als die allzulange weggebliebenen Kumpane sich wiedereinfinden, um verlegen zu melden, das verfolgte Wild sei entkommen, wandelt sich Pietros trunkenes Elend in käsebleiche Wut. »Sie wird es büßen ... Was schwätzte sie von der Sauce, Carlo? Hast du das verstanden?« »Es war nicht schwer zu verstehn, Pietro!« »Woher hat sie das, die Lustdirne? Von wem kann sie das erfahren haben? Wer hat mich verraten?« Da Carlo und die andern schweigen, sagt Semprebene: »La Delfina war auf dem Corsiniball. Sie selbst hat es erzählt, daß sie sich uneingeladen eingeschlichen hatte.« »Aha! Dann also war sie es, die mich zum Gelächter von Florenz gemacht hat. Denn – nicht wahr – ganz Florenz weiß es? ... So widersprecht mir doch, ihr Affen! ... Ihr schweigt? ... Schön, schön, ich verstehe ... Es ist also tatsächlich so: jedes Kind in Florenz kennt meine Schmach! – und das verdanke ich dieser Schwätzerin! ... Ha, ich werde es ihr blutig danken – Ihr sollt sehn! Morgen stoße ich ihr ein Messer in die Kehle, so wahr ich Pietro de'Medici heiße!« »Sei doch nicht so erregt, Pietro!« »Ich bin ruhig, Carlo, kein Karpfenteich ist ruhiger. Meinst du, ich weiß nicht, was ich rede? Du glaubst wohl meinen Worten nicht? So höre mein Gelübde: ich werde dieser Lustdirne das Messer in die Kehle stoßen, – jawohl, in die Kehle, aus der sie das Krötengift auf mich gespien hat! ... Ihr alle habt es gehört! ... Und noch eins – wie war das gleich? Was sagte sie? – ich hätte mir die braune Sauce nicht abgewaschen? ... Ja freilich: noch nicht – das ist es! Aber ich werde mich reinwaschen und ich weiß schon wie! Faustina ist es gewesen, die mich einlud, mich auf den Stuhl zu setzen, der nicht da war ... Das werde ich sie büßen lassen! – bei meinem Leben! – Auge um Auge, Zahn um Zahn, Popo um Popo!« Plötzlich ertönt aus dem Hintergrund eine helle weiche Stimme: »So darf man von einer jungen Dame nicht sprechen!« Es wird still in der Trinkstube. Pietros Gesicht färbt sich eisenblau. »Wer kräht da hinten? Will der Betreffende behaupten, daß eine junge Dame keinen Popo hat wie wir alle?« »Ich will behaupten, Signor, daß so zu sprechen unritterlich ist.« Im Nu reißt Pietro sein Rapier aus der Scheide. »Wer ist der Krakeeler? Er zeige sich, wenn er abgestochen sein will wie ein Kikerikihahn!« Gemessenen Schrittes kommt Giuliano nach vorn. Den meisten ist er fremd. Neugierblicke treffen ihn voll verächtlichen Mitleids wie etwa einen schwächlichen Stier in der Arena, der einem berühmten Matador begegnen soll. Hatte er am Vormittage bettelhaft ausgesehen, so gleicht er jetzt – (eingekleidet inzwischen von seinem Beschützer, dem Kleinen Walfisch) – einem schlicht ausstaffierten Adeligen. An der Hüfte hängt ihm ein Florett. Furchtlos blickt er in Pietros gerötete Augen. »Ihr tut mir leid, Signor. Ich sah Euch heiße Tränen vergießen, als Ihr Euch allein glaubtet!« Carlo und Santi fallen dem Prinzen in den Arm. Sonst wäre es wohl um Giuliano geschehn gewesen. »Du Galgengesicht ...!« gröhlt Pietro. Doch Giuliano verliert die Ruhe nicht. »Euch ist nicht wohl in Eurer Haut, Signor. Legt sie ab.« »Die Haut? Meine Haut? Bin ich eine Schlange?« tobt Pietro. »Verlacht mich der Mensch? ...« »Es ist Messer Giuliano von Lusignan, unser neues Mitglied!« flüstert Semprebene ihm zu. »Das ein Mitglied? Der Popanz da? Das Hampelmännchen? Hält man mich für einen Idioten? Dem soll ich den Bruderkuß auf die Hungerwange drücken? ... Wie wär's, Freunde, wollen wir nicht Seiner Bettlermajestät huldigend die Hände küssen? Aber erst holt Läusesalbe! ... Wer hat den Kerl eingeführt?« »Der Kleine Walfisch, Hoheit.« »Wo steckt der Kleine Walfisch? Kam er noch nicht? ... Die Wahl dieses Mitgliedes ist ohne mich erfolgt – darum erkläre ich die Wahl für ungültig!« Ein feindliches Gemurmel schwillt an. Die Anhänger Martellis protestieren: – es hätten sich zwar in den Vormittagsstunden bloß wenige Stravaganten auftreiben lassen, um die drei unwiderlegbaren Wahrheiten des Neulings anzuhören, die Wahl aber sei vorschriftsmäßig vor sich gegangen und daher gültig. »Ich spucke auf die Statuten der Akademie!« ist Pietros Antwort. Erst Messer Lamberto, einem früheren Schauspieler, glückt es, Öl auf die Wogen zu gießen. »Glaubt mir, Hoheit, dieser Rex Seraphicus ist der Verrückteste der Verrückten – ein unbezahlbarer Zuwachs für unsere Akademie. Stellt Euch doch vor: ein Spaßvogel, der nicht ahnt, daß er einer ist! So einer hat uns immer gefehlt! ... Statt Euch über ihn zu erbosen, solltet Ihr ihn zur Zielscheibe Eurer prachtvollen Witze machen, Hoheit!« Zum Erstaunen aller entgegnet Giuliano: »Die Mondscheibe ist leichter zu treffen als ich! ... Ich bin zu weit weg.« »Wo?« fragt Noffo. »In der Hölle!« antwortet Giuliano. Zuerst folgt darauf ein verblüfftes Schweigen. Dann brechen alle in ein schallendes Gelächter aus. Das stillt Pietros Wut. Carlo, der den Prinzen gut kennt, spürt die Wandlung und spricht nun leise auf ihn ein. Was sie flüstern, ist nicht zu vernehmen; doch man sieht, daß Pietro mehrmals mit dem Kopfe nickt und dann grimmig kichert. Er scheint entzückt über einen Einfall seines Freundes. Er winkt Santi heran; sie beraten zu dritt, und dann verläßt Santi die Taverne. Pietro erhebt sich feierlich wie ein Richter, der ein Verdikt zu verkünden hat, und sagt: »Wir wollen die Wahl noch einmal vornehmen. Die drei Wahrheiten erlassen wir dir, Rex Seraphicus. Du sollst eine Heldentat vollführen, die ich dir vorschreiben werde. Bist du bereit dazu?« »Erfordert die Tat mehr als Menschenkraft?« »Sie erfordert Kühnheit.« »Wer in der Hölle lebt, kennt nicht Furcht!« »Auch nicht, wenn du nachts auf den Kirchhof gehn und in ein Grab einbrechen sollst?« »In wessen Grab?« »Hier nimm den Schlüssel; der öffnet dir die Grabstätte der Medici. Steige hinab. Du wirst dort eine Madonnenstatue sehn; an deren Arm hängt eine Perlenkette. Bringe mir die Perlenkette.« »Das kann ich nicht.« »Aha! Du fürchtest die Kirchhofgespenster!« »Nein – nur die Gespenster in mir selbst!« »Allzu gewissenvoll ist feige, Rex Seraphicus! Übrigens sind die Perlen wertlose Glasperlen aus Murano. Bezahle sie der Madonna, lege ihr einige Quattrinos auf ihren Sockel.« »Ist die Grabstätte nachts erleuchtet?« »Eine Ampel brennt dort Tag und Nacht.« »Gut. Hingehn werde ich. Auch hinabsteigen werde ich ... Ansehen will ich mir die Perlen. Falls es wirklich Glasperlen sind, werde ich sie bringen!« 44 Noch hat Giuliano das Weinhaus nicht verlassen, als Santi zurückkommt und atemlos meldet, in der Via Sant' Orsola sei La Delfina gesehn worden. Im Nu stürmen die Verrückten hinaus, der Entflohenen nachzusetzen. Und diesmal beteiligt sich auch der Prinz an der Hetzjagd. Giuliano, erst seit kurzem in Florenz, erfragt vom Wirt den Weg zum Friedhof. Und Semprebene zählt ihm die Straßen auf, die er – (mögen sie auch Umwege sein) – wählen muß, um unbelästigt von der nächtlichen Gassenpolizei zum Ponte delle Grazie zu gelangen; auf dem jenseitigen linken Arnoufer, bei der Porta San Niccoló, am Ende der Via di Ripoli liege der Friedhof. Ein Freund des Kleinen Walfisches ist der Wirt. Sein Beruf zwingt ihn, mit den Wölfen zu heulen; im Herzen verachtet er den prinzlichen Liederjahn und verzeiht ihm die Beanstandung der ersten Wahl Giulianos nicht. Mehr noch als für Giuliano, war für dessen Patron Antonio Martelli der Einspruch Don Pietros eine Beleidigung gewesen ... »Euer Gnaden steht ein schwerer Gang bevor, – dafür sollte Euer Gnaden sich das Herz stärken. Ich möchte wetten, daß Euer Gnaden seit heute morgen keinen Bissen zu sich nahm.« »Auch keinen Schluck; – obgleich ich vieles hab' hinunterschlucken müssen.« »Man sah Euer Gnaden die Schluckbeschwerden nicht an. Euer Gnaden hat einen eisernen Adamsapfel ... Will Euer Gnaden schon fort? Wozu solche Eile, – die Toten kann man ruhig etwas warten lassen. Erst setzt Euch her und eßt diesen Teller Schweinefleisch auf. Und trinkt den Malaga – es weht ein schneidender Wind draußen ... Hört, im Vertrauen gesagt ... aber Euer Gnaden darf es nicht weitererzählen, daß ich Euer Gnaden gewarnt habe ... An Eurer Stelle würde ich mich zu Bett legen und die Toten schlafen lassen!« »Was ich versprach, muß ich halten, Herr Wirt.« »Ich fürchte, die Verschrobenen haben einen Kapitalstreich, einen Hauptspaß mit Euer Gnaden vor.« »Und wenn – so werde ich mitlachen. Warum soll ich Spaßvögeln ihren Spaß nicht gönnen?« »Weil böser Spaß oft nur einen Schritt von bösem Ernst entfernt ist. Seine Hoheit reißt schnell den Degen aus der Scheide.« »Ich auch – wenn es nottut. Und glaubt mir, ich weiß die Klinge zu führen.« »Doch Euer Gnaden weiß nicht, daß Gift an Seiner Hoheit Klinge ist.« »Gift ...?« »Gefährlich wie das Pfeilgift der Indianer! Leichengift! Einen von Ratten halbverzehrten Hund hat Seine Hoheit vorhin mit dem Rapier aufgespießt ... Würde Euch die Haut auch nur geritzt, – so würdet Ihr augenblicks verloren sein.« »Verloren sind wir alle, der eine früher, der andere später, Messer Semprebene!« 45 Endlich hat Giuliano die Taverne verlassen und ist in die Via de'Ginori hinausgetreten. Nach wenigen Schritten in der engen, lichterlosen, vom Mondreflex der Dachgesimse schwach erhellten Gasse wird er von einer silbergrauen Jünglingsgestalt angeredet. Eine samtene Halbmaske deckt Lodovicas Gesicht, läßt aber ihren Mund und ihr Kinn frei. »Schon lange stehe ich hier auf Schildwache, Giuliano!« »Wer bist du, Maske?« »Eine Frau. Dir eine Freundin, obgleich du mich nicht kennst. Ich bin die Fürstin Lodovica Malaspina.« »In dieser Gasse? ... um diese Stunde? ... und nicht ein Straßenräuber? – Es wäre leichter zu glauben, Maske! ...« »«Was ist an dir zu rauben, Giuliano?« »Laß mich dein Gesicht sehn, Maske!« »Gern ... Da schau!« »Ja! ... Ihr!! ... Bei allen Heiligen! ... Ihr selbst ...« »Du sahst mich wohl schon einmal? Wo?« »Am Mercato Nuovo. Der Duca legte Euch seinen Mantel um.« »Dann also kannst du begreifen, wie teuer mir Don Pietro ist. Und weil ich ahne, welche Gefühle du für den Lumpen hast, der sich nicht schämte, die Signorina Donna Faustina so rüde zu beschimpfen, will ich dir eine Freundin und Helferin sein!« »Ihr, Signora Principessa! ... ich kann es noch immer nicht fassen ... Und Ihr habt hier auf mich gewartet! ... in dem Eiswind ...!« »Ich sah durchs Fenster der Taverne, wie der Wirt vertraulich mit dir sprach. Hat er dich gewarnt?« »Ja.« »Wovor?« »An der Rapierklinge Don Pietros sei Leichengift, sagte er.« »Eben das wollte ich dir sagen. Du darfst heute nacht mit Don Pietro nicht fechten!« »Heute nacht? Wird er dort sein, wohin ich gehe?« »Ja, auf dem Friedhof. Er und die andern. Sie verabredeten sich hier in der Gasse. Nicht der Kurtisane wegen eilten sie heraus – das war nur Vorwand ... Einen kindischen Possen wollen sie dir spielen, wollen dir einen Todesschrecken einjagen.« »Hm ... Auch der Wirt meinte das.« »Ich gehe mit dir, Giuliano. Wir werden den Spöttern den Spott versalzen. Meine drei Neger harren auf den Befehl, ihre Musketen zu laden. Doch bevor ich sie heranpfeife, mußt du mir einige Fragen beantworten. Was ist es mit dem Gerücht, du seist ein Lusignan?« »Wahnsinnig ist das Gerücht, Signora Principessa.« »Wer bist du?« »Ich weiß es nicht, Principessa.« »Du kennst deine Herkunft nicht?« »Nein. Als kleines Kind kam ich nach England und wurde dort erzogen.« »Und wie kamst du nach Cypern?« »Ein Schiffbruch verschlug mich dahin.« »Und warum hältst du dich in Florenz auf, wo kein dir Nahestehender lebt?« »Ein Mann brachte mich nach Florenz. Er starb, und ich blieb allein ...« »Du antwortest einsilbig, Giuliano ... War er dein Herr, daß er dich mitführen konnte wie einen Pudel? Warst du sein Sklave?« »Nein. Doch Dankbarkeit versklavt. Er verhalf mir zur Flucht aus Cypern.« »Wie hieß der Mann?« »Malatesti.« »Was?! ... Ist das möglich? ... Malatesta, Malatesti?« »Nein – der kam in Cypern um. Sein Bruder war es: Jacopo Malatesti.« »Und warum mußtest du aus Cypern fliehen?« »Weil ich ein Mädchen ermordet hatte.« »War das die Contessina Violetta ...?« Entsetzt ist Giuliano stehngeblieben. Und er steht, gleichsam in einen Eisblock verwandelt, regungslos da. Mit bebenden Lippen fragt er: »Das wißt Ihr?! ... Woher wißt Ihr das? ...« Lodovica beantwortete seine Frage nicht. Genugtuung strahlt in ihrem forschenden Blick, mit dem sie seinem erfrorenen Blick begegnet. »Oh! jetzt wird mir vieles verständlich ... Sprachst du darum' von Gespenstern in dir? Lebst du darum in der Hölle, Giuliano?« »Ja, darum.« »Komm, laß uns ausschreiten. Wir werden noch viel darüber zu reden haben, Giuliano!« 46 Schweigsam hasten die Fürstin und ihr Schützling durch die in Schlaf sinkende Stadt. Nicht ungefährlich ist es ohne Begleitung von Fackelträgern in den stockfinstern Gassen. Es wundert Giuliano, daß er die drei Neger nirgendwo sieht; hatte doch Lodovica mit leisem Pfiff ein Zeichen gegeben; falls sie folgen, tun sie's in großer Entfernung oder in einer parallelen Gasse ... Seine Verwunderung auszusprechen, ist er zu scheu – und eben jetzt auch zu geistesabwesend: mehr beschäftigt ihn die rätselhafte Entdeckung, daß die Fürstin über sein schmerzliches Erlebnis Bescheid weiß; und er vermag sich's nicht zu erklären, auf welche Weise sie in den Besitz seines Geheimnisses hat kommen können. Doch so gedankenvoll neben ihr her zu gehn, erscheint ihm nachgerade unhöflich. Als sie in der Via Gori San Lorenzo im Rücken haben, erkundigt er sich, ob denn nicht in der Sagrestia nuova alle toten Medici beisammen seien? Worauf Lodovica ihn belehrt: die zum Thron gelangten Medici und zwei Päpste lägen dort; vielleicht werde auch Cosmo, obgleich er einem Seitenstamm des Geschlechtes angehöre, sich in San Lorenzo einst bestatten lassen; die Särge aber seiner Verwandten und Ahnen ständen alle in der Grabstätte auf dem San Niccolò-Friedhof. Das kurze Gespräch bricht damit ab und längere Zeit wandern beide wieder stumm nebeneinander her. Erst als sie aus dem Gäßchengewirr heraus ans Arnoufer und, den Ponte delle Grazie überschreitend, in die Proletariergegend des Borgo San Niccolö gelangen, stellt Lodovica die unerwartete Frage: »Ist es wahr, Giuliano, daß die Tochter des cyprischen Kochs deine Braut ist?« »Das behauptet ihr Vater, Principessa.« »Sonst niemand? ... Und was sagst du?« »Ich lache ...« »Mit Lachen streift man eine Zecke nicht ab, Giuliano. Eine eiserne Bürste tut dir not ...« »Auch ein Kamm, Principessa. Denn mit Ungeziefer habe ich gelebt ... Die Inder freilich haben sogar Mitleid mit dem Ungeziefer in ihren Haaren ... Ich bin ein guter Teufel, Principessa.« 47 Das Ziel der Wanderung ist endlich erreicht. Lodovica und Giuliano treten in den Friedhof ein und schreiten, an zahllosen Grabkreuzen und uralten Zypressen vorbei, dem Erbbegräbnis zu, dessen marmorne Bogenhalle bläulich durch die Nacht schimmert. An die nordwestliche Ecke der Umfassungsmauer ist die Grabstätte angelehnt. Nicht weit davon ragt eine kleine Friedhofskapelle auf. An eine Wand der Kapelle angebaut ist ein mit Totenschädeln angefüllter »ossario«: ein Beinhaus. Die schmalen Pfade zwischen den Erdhügeln zu unterscheiden, wird den Gehenden nicht leicht, die Kreuze und die Kapelle tauchen wie aus einem milchigen Dunstkreis empor. Das Licht der dichtgedrängten Wintersterne und der Mondsichel, ebenfalls mit fahlen Duftschleiern überzogen, schießt keine Strahlenbündel, sinkt flockenhaft milde herab und macht die Grabeswelt zur geisterhaften Zauberlandschaft. Schon hält Giuliano den Schlüssel in der Hand, schon will er eben das große bronzene Gittertor der Grabstätte aufschließen. Da plötzlich stutzt er und lauscht. Auch Lodovica hat Stimmen gehört. Vom Eingang des Friedhofs her nahen Menschen ... Wortlos eilen Lodovica und Giuliano der Kapelle zu und treten hinein, dort sich zu verbergen. Durch die offene Kapellentür beobachten sie; drei Gestalten sind es, die herankommen: zwei Männer und ein Kind. Als sie ganz nahe an der Kapellentür vorbeigehn, erkennt Giuliano den einen der Männer und flüstert der Fürstin zu: »Der rechts ist der cyprische Koch!« 48 Es hat an Cammilla Martelli gelegen, daß die beiden Spitzbuben jetzt erst an die Ausführung ihrer – schon vor Stunden ausgeheckten – Räuberei gehn können. Unterwegs war die Kleine vor Kälte und Aufregung zusammengebrochen. Messer Lelio war genötigt gewesen, das ohnmächtige Kind in seine Spelunke zu tragen, ihm mit einem von der alten Vettel Finicella gebrauten heißen Getränk die Lebensgeister zu wecken, über einem Feuerbecken es zu wärmen. Und weil ein Ballettröckchen keinen Schutz gegen den schneidenden Borea bot, hatte er seiner Tochter Antonietta befohlen, ihren cyprischen Königsmantel – nämlich eine schäbige, geflickte, mit mottigem Pelz verbrämte Mantille – dem Kinde umzutun. Der Streit mit der aufsässigen Tochter hatte bis in die Nacht gewährt. Jetzt fegt der Mantel der kleinen Tänzerin wie eine zu lange Brautschleppe über Gräber hin. Vor dem Bronzetor muß sie ihn ablegen, muß wieder frieren. Die Beobachter in der Kapelle haben den Eindruck, das Kind befinde sich in einem Traumzustand und führe willenlos aus, was Lelio vorschreibt. Sie hören seine Worte: »Du willst doch deinen Saladino zurückhaben, Bambina? Also tu wie ich es dir sage: schlüpfe hier zwischen den Gitterstäben durch, nimm die Perlenkette vom Arm der Mutter Gottes und bringe mir die Kette.« Stumm führt Cammilla es aus. Ihre Zierlichkeit erlaubt ihr, durch das Tor zu schlüpfen. Sie verschwindet im Dunkel der Bogenhalle. Eine zu Ewigkeiten sich dehnende Minute ungewissen Wartens vergeht. Aus dem Dunkel wieder auftauchend, erscheint Cammilla hinter den Gitterstäben. Lelio reißt ihr die Kette aus der Hand. In diesem Augenblick ertönt ein Geräusch wie von einer ächzenden klagenden Männerstimme. Cecco packt den cyprischen Koch am Arm und will ihn wegziehn, um gemeinsam mit ihm zu fliehen. Lelio stößt Cammilla, die im Begriff ist, sich durchs Gitter zu zwängen, in die Bogenhalle zurück und raunt geschwind ihr zu: »Dort kommt der höchste Engel, dich zu strafen, Cammilla! Schnell, schnell, krieche da hinter den Sarg, damit er dich nicht erwischt!« Die Spitzbuben klettern über die Kirchhofsmauer und entkommen mit ihrem Raub. Das Kind weicht in das schützende Dünkel der Grabstätte zurück. 49 Der die beiden Diebe verscheucht hat, ist der Kleine Walfisch. Halb unsinnig war er durch Florenz, sein Töchterchen suchend, geirrt. Die Lebende fand er nicht – nun sucht er die Tote. Er sucht sie unter den Toten, denn bereits beginnt der Schmerz seinen Geist zu verwirren. Als er sich der Kapelle nähert, glaubt Giuliano die Stimme zu kennen ( ... obgleich es ihm schwer faßlich scheint, daß der lustige Kumpan so jammern kann). Zögernd geht er auf ihn zu. Und auch Lodovica verläßt die Kapelle. Im matten Dunstlicht des Mondes bemerkt Giuliano glitzernde Tropfen auf den Pausbacken Martellis – das könnten allerdings auch Schweißtropfen sein, die ihm wie Tränen von der Stirn herabrinnen. Aber das Schnauben, das er hört, läßt keinen Zweifel daran zu, daß der Kleine Walfisch Tränenbäche vergießt. »Um Gottes willen, Messer Antonio, was ist Euch? ... Was führt Euch her? ... »Warum weint Ihr so?« Der Kleine Walfisch ächzt lauter als zuvor, erteilt jedoch nicht gleich eine Antwort. Selbst eine an Wahnsinn grenzende Verzweiflung kann mit listiger Vorsicht gepaart sein. Das streng gehütete Geheimnis seiner Vaterschaft gibt er auch jetzt noch nicht preis. »Sagt mir, guter Mann ...« »Ich bin Giuliano. Erkennt mich Euer Gnaden nicht?« »Doch, doch ... Sagt mir, Signore, habt Ihr hier ein frisch geschaufeltes Kindergrab gesehn?« »Ein Kindergrab? Nein ... Wen sucht Euer Gnaden?« »Eine kleine Tänzerin ... Hinter dreihundert Türen hielt ich sie verschlossen, und doch entlief sie. Abhanden gekommen ist sie, verloren wie Geld aus der Tasche, verloren wie ein Ring vom Finger, verloren wie die Seele eines Lutheraners ... Unter den Lebenden fand ich sie nicht ... Und Ihr sagt, kein neues Kindergrab sei hier? ... Oh, Qual ohne Ende, Klage ohne Trost! ... Eine Hexe hat das Kind geschluckt, eine der blutigen Schwestern! ...« Aus der Bogenhalle schrillt eine Silberstimme. Cammilla zwängt sich durch die Gitterstäbe, stürzt dem Kleinen Walfisch in die Arme. »Vater!! ... Mein lieber Vater!« Ihre Freudentränen mischen sich mit seinen, ihre Küsse ersticken ihn fast. Im Rausch seines Glückes kennt er keine listige Vorsicht mehr. »Cammilla, mein Kind! Du mein Schutzenglein! ... Bist du es? Bist du es wirklich? Ach, was habe ich geweint um dich, du böses liebes Kind! ... Und du bist gesund und heil? ... Ganz durchfroren bist du ja, du Rose im Frost ... Taten dir böse Menschen nichts an? ... Beruhige deinen alten Vater, mein Kind ... Haben diese zwei dich hierher geschleppt?« »Nein, Vater, diese nicht. Ein anderer Teufel war es, der mir Saladino – – –« 50 Cammilla verstummt jählings. Mit einem erstickten Aufschrei flüchtet sie in die Arme ihres Vaters. Aus der Kapelle humpeln drei groteske, unheimliche Wesen herbei. Man könnte sie für Krüppel der Florentiner Bettler-Innung halten, denn zwei von ihnen schleppen sich an Krücken und der dritte ist ein Rutscher. Doch sie wirken ganz unkörperlich. Übergroß sind ihre Köpfe, und von grausenerregender Häßlichkeit ihre Fratzen. Des einen hängende Nase gleicht einer Bologneser Wurst; die des andern ist plattgestülpt wie ein verkrummter Nabel; die Nase des dritten ragt vor wie der Schnabel eines Nashornvogels. Die Riesenmäuler, die bleckenden Hauer, die bis zum Kinn herabschlampenden Unterlippen übertrumpfen jeden Vergleich. Unheimliche, doch höchst aufgeräumte Greuelgebilde sind es. Sie setzen sich auf einen Leichenstein, dicht neben Lodovica, Giuliano, den Kleinen Walfisch und Cammilla. Der Wurstnasige sagt zum Nabelnasigen: »Wer ist unser Gefährte, der Scharfnasige?« »Ein altes Krokodil.« »Und wer bist du?« »Ein alter Floh; der Großmeister der Flöhe ... Nun aber sage auch du mir, wer du bist.« »Eine alte Tarantel.« »Hast du gehört, daß der Walfisch ein Kind verschluckt hat?« »Er hat es wieder ausgespien wie der Walfisch den Propheten Jona. Es ist seine Tochter, – du hörtest doch?« »Hole zwei Bälle.« »Fangbälle? Schleuderbälle? Wozu?« »Der Große Meister will es: wir sollen Ball spielen.« Klumpfüßig humpelt der Wurstnasige zum Beinhaus hin und kehrt, zwei morsche Totenschädel tragend, zurück. Das fleischgeworde Krokodil fragt: »Wen stellen diese Bälle dar?« Der alte Floh antwortet: »Dieser Ball ist Donna Faustina und dieser ist La Delfina. Laß uns sehn, an welcher von beiden Don Pietro zuerst sein Mütchen kühlen wird.« Die Totenschädel fliegen in die Luft und werden von den drei Krüppeln geschickt aufgefangen. Schließlich fällt der eine Schädel zu Boden. Da erklärt die alte Tarantel feierlich: »Das Schicksal hat entschieden: Faustina kommt zuerst daran!« 51 Bisher haben die menschlichen Zeugen dieses Nachtstückes – (Lodovica und Giuliano neugierig und erheitert lauschend, der noch immer überreizte Martelli und sein schwachsinniges Töchterchen vor Grausen erstarrt) – dem spukhaften Ballspiel zugeschaut, ohne einen Laut von sich zu geben. Jetzt aber ertönt aus Cammillas Mund ein Angstschrei, ein langgezogener Fistelton. In weiße Tücher gehüllt nähert sich ein baumhohes Gespenst, das hinter Zypressen gestanden hatte, scheinbar schwebend, der Spukstätte. Die Fürstin und Giuliano erkennen trotz der Dunkelheit, daß ein in weißen Tüchern steckender Mensch auf hohen Stelzen geht, und daß über seinen Schultern ein den Rumpf verlängerndes Gestell angebracht ist; – die Arme nämlich stehn viel zu tief vom Körper ab. Der Kopf – ein riesiger höllenbreughelscher Teufelskopf mit Wildschweinrüssel, Hauern und Bockshörnern – enthält zwei brennende Kerzen, die durch die talergroßen Augenlöcher gelben Lichtschein werfen. »Gebt mir Faustina her!« gröhlt der weiße Teufel. Allen, die ihn hören, ist die blecherne Stimme bekannt. Kein Zweifel mehr, daß Don Pietro der weiße Teufel ist. Der alte Floh reicht ihm den einen Totenschädel. Der weiße Teufel hebt den Schädel wie eine Trophäe empor. »Ha! Faustina, meine öffentliche Feindin! Habe ich dich endlich in der Hand? Du entkommst mir nicht! Dein pastetenbackender Ritter zittert wie Espenlaub – erwarte keine Hilfe von ihm! Morgen strafe ich dich, Faustina, unterhalb des Gürtels für die Fleischbrühe, in die du mich gesetzt hast unterhalb des Gürtels. Härteste Rache nehme ich morgen an dir; – doch schon jetzt will ich eine Vorrache genießen ...« Ein Hieb mit einer Krücke, die Giuliano der alten Tarantel entrissen hat, trifft die Hüfte des weißen Teufels. Die Lichter im Wildschweinkopf erlöschen, das den Kopf tragende Gestell bricht, denn es besteht nur aus dünnen Latten. Der Riesenleib schwankt, knickt in der Mitte ein. Das Teufelsgespenst stürzt in sich zusammen. Ein hoher Haufe weißer Laken wälzt sich auf der Erde. Und elastisch wie ein Gummiball rollt und hüpft das Symbol Faustinas, der Totenschädel, der Fürstin Lodovica vor die Füße. 52 Eine halbe Stunde später verabschieden sich Lodovica und Giuliano auf der Piazza di San Marco vom Kleinen Walfisch und Cammilla, denen sie (mit der schwarzen, jetzt Fackeln tragenden Leibwache) das Geleit gegeben haben. Es schlägt elf Uhr. Die Principessa biegt in die Via Larga ein. »In Lelios Räuberhöhle kannst du nicht mehr wohnen, Giuliano. Sei froh: der Perlendiebstahl streift dir die Zecke ab – leichter und endgültiger als eine Abfindung es vermocht hätte. Noch vor Sonnenaufgang wird durch Sbirren, die ich benachrichtigen werde, das Nest ausgehoben und der Familienschmuck der Medici in Sicherheit gebracht ... Doch was nun? Wir müssen ein Obdach für dich suchen. Leider geht es nicht an, daß ich dir in meinem Absteigquartier ein Bett anbiete, – nicht etwa weil ich Lästerzungen fürchte, sondern weil vielleicht diese Nacht meine letzte in Florenz sein wird. Gesattelt stehn meine Pferde bereit; und sobald eine Nachricht, auf die ich warte, eintrifft, reite ich nach Massa ... Reite mit mir, Giuliano.« »Ich kann nicht, Principessa.« »Warum nicht? Willst du die Königin von Cypern im Gefängnis besuchen?« »Nein, das gewiß nicht, Principessa. Aber ich muß Don Pietro den Schlüssel zurückgeben ...« »Bloß das?« »Wenn ich wegritte, es sähe wie Flucht vor seiner Vergeltung aus.« »Da hast du nicht unrecht ... Ich weiß übrigens schon, wo ich anklopfen kann, ohne Schläfer aus Träumen zu schrecken. Es ist erst elf Uhr – da werden die Floridi noch versammelt sein.« »Wohin führt Ihr mich, Principessa?« »Zum Palazzo Albizzi in der Via Borgo degli Albizzi. Dort tagen heute die Floridi bis in die Morgenstunden.« »Was sind das für Leute?« »Hirten; – eine ungefährliche Menschensorte.« »Gibt es heutzutage Hirten, deren Herde nicht aus Wölfen besteht?« »Wohl wahr. Jeder ist jedem ein Wolf. Und jede Herde hält sich für eine bedrängte Lämmerherde ... Feigheit ist der Hintergrund jeder Tapferkeit ... Wer kann Wolf und Lamm noch unterscheiden? ... Und wenn Cosmo das Lamm – das Goldene Vlies – als Symbol seiner Unschuld trägt, so trägt mancher vielleicht verstohlen als Halsgehänge das Amulett eines Wolfes, des Wappentieres der Stadt Siena, der von Cosmo auf so grauenhafte Weise verwüsteten Stadt Siena ... Doch Wolfsanbeter sind die Floridi nicht. Sie bilden eine Blumengesellschaft (der Name besagt es ja), einen Orden von Hirten, denen eine Panspfeife mehr Freude bereitet als eine Kirchenorgel, eine Blumenzwiebel mehr als eine päpstliche Bulle und ein Schäfergedicht mehr als ein politischer Diskurs. Jeden Mittwoch abend kommen die Schwärmer zusammen und lauschen mit zärtlichen Ohren sei es Hirtengesängen sei es Aufführungen neuartiger weltlicher Musik, welche sie aus diesem Zeitalter der Spanischen Stiefel, der Stierkämpfe und der Inquisition in ein heiteres heidnisches Arkadien entführt!« »Wer ist der Hausherr?« »Messer Luigi di Maso degli Albizzi. Wie alle Hirten des Ordens ein verarmter Adliger. Zudem ein Prahlhans, der seine stutzerhafte Schäbigkeit dermaßen mit Parfüm begießt, daß man, durch die Wand seines verfallenen Palastes hindurch, auf der Straße den Moschus riechen kann. Weil sein Oheim vor bald drei Jahrzehnten mit Filippo Strozzi und Bartolomeo Valori gegen Cosmo kämpfte, bildet er sich ein, Cosmo zittere vor ihm und hasse ihn. Deshalb auch verehrt er mich (und wird mir zuliebe dich, Giuliano, wie einen Sohn aufnehmen. Seine Tochter wird es sich selber zuliebe tun.« »Er hat eine Tochter?« »Ja, – sie ist die Herrin in diesem Musenlande. Semiramide degli Albizzi heißt sie. Ausschaun tut sie wie eine Zwölfjährige, mag aber ein Jahr oder zwei älter sein. Einen Preis erhielt sie bereits für ein bukolisches Gedicht – allerdings bloß von der Akademie der Floridi. Für anderes noch verdient sie preisgekrönt zu werden, denn sie versteht ganz entzückend zu lügen, Kind und Weibchen zugleich – eine gefährliche Mischung ...; ihre rote Zungenspitze ist giftig wie die Klinge Don Pietros.« 53 Auf der Straße vor dem Palazzo Albizzi ist das Parfüm zwar noch nicht zu riechen, – dafür strömen durch die Quadern der Frontwand duftige, rosenzarte Geigentöne so selig, daß Lodovica einen Augenblick wartet, ehe sie den Klangzauber durch den Lärm des Türklopfers zerstört. Ein etwas verhungert aussehender Lakai öffnet. Die Fackelträger bleiben draußen, Lodovica und Giuliano treten in eine Vorhalle. Was da gespielt werde? fragt die Fürstin und erhält zur Antwort: soeben habe der zweite Akt des dramma per musica »Mascherate piacevoli« begonnen. – Ob die Oper geprobt werde? – Nein, nur das Orchester spiele ... Die Ruine eines Haushofmeisters kommt, verbeugt sich; und längere Zeit spricht Lodovica leise mit dem Greis. Dann entfernt sich dieser, und Lodovica wendet sich an Giuliano: »Um keine Störung zu verursachen, habe ich Albizzi gar nicht herausrufen lassen und nur gebeten, seine Tochter zu benachrichtigen. Sie wird, bis die Aufführung zu Ende ist, dir Gesellschaft leisten ... Schade, daß meine Pferde gesattelt stehn und ich dir eine Mahnung als Testament hinterlassen muß: vergiß nicht, was ich dir vom roten Zünglein Semiramides und von der Klinge Don Pietros gesagt habe –: vermeide Zweikämpfe. Mir gilt dein Leben vielleicht mehr als dir: zu viele Rätsel harren noch der Lösung ... Selbst für den Fall, daß ich morgen nicht mehr in Florenz bin, will ich nicht Abschied von dir nehmen; – unsere Trennung darf nicht lang sein. Binnen einer Woche bist du mein Gast im ›Schloß der hundert Kammern‹. (Nein, ich dulde nicht Widerspruch, Giuliano!) Die Einladung der Fürstin von Carrara wirst du nicht ausschlagen ...« 54 Erst nachdem Lodovica ihn verlassen hat, wird Giuliano des Klangs gewahr, der bis dahin ihm sinnlich das Ohr umschmeichelte, jetzt aber ihm zutiefst in die Seele dringt. Es sind die ersten von Antonio Amati in Cremona erbauten Geigen, die derart menschenhaft singen. Und ihm ist zu Mute, als steige ihr unvergleichlicher Wohllaut so neugeboren, jugendfrisch, weltdurchstrahlend empor wie die eben geborene Aphrodite aus der Meeresmuschel. Auch die arienhafte Stimmführung bezaubert ihn –: verdrängt ist die Polyphonie der Kirchenmusik durch die sieghafte Melodie. Entsprach den mittelalterlichen Fesseln des Individuums die Polyphonie, – so spiegelt sich in der befreiten Melodie der an Ketten rüttelnde Freiheitsdrang und beginnende Individualismus des jungen Barocks ... Aus dem Musiksaal schlüpft ein Hirtenmädchen. Als wäre der Wohllaut der Amatigeigen Fleisch geworden, so fasziniert blickt Giuliano die hochschlanke morbide Halbwüchsige an, die ein schwarzes, mit grünen Seidenbändern geschmücktes Lamm an der Leine führt. Es vermehrt den Reiz des Kindes, daß Kleid und Strümpfe geflickt sind und durch einen Riß im Rock das Elfenbein des Schenkels blinkt. Beinahe stammelnd beginnt Giuliano: »Mich brachte – – –« »Ich weiß, ich weiß ... Euer Gnaden will hier wohnen?« »Die Fürstin Malaspina meinte ... Wenn Ihr Herr Vater, Signorina – – –« »Ich heiße Semiramide. In diesem Palaste duzt man sich. Und wie heißt du?« »Giuliano ... Wenn dein Vater, Semiramide, erlaubt, daß ich als Hausgenoß – – –« »Das hängt von mir ab. Ich entscheide hier im Hause ... Wenn ich aus dir eine Novelle machen kann ...« »Du willst eine Novelle aus mir machen, Semiramide?« »Nicht aus jedem Mehl läßt sich Brot backen ... Bist du ein Freund der Amazone?« »Wen meinst du ...?« »Die Fürstin von Massa-Carrara, die sich deiner annimmt. Ist sie nicht die grausamste Amazone seit Penthesilea? Du scheinst mehr Glück bei ihr zu haben als der Duca Cosmo.« »Ich weiß davon nichts. Ist der Duca ein Verehrer der Fürstin?« »Kommst du vom Sirius herab, Giuliano? Hoffnungslos hat Cosmo der Fürstin nachgestellt, hat vor ihr getanzt wie König David vor Sauls Tochter. Alles umsonst. Sie kehrte ihm und Florenz den schönen Rücken, und seitdem sank er in den Abgrund.« »In welchen Abgrund, Semiramide?« »Auch das weißt du nicht? Weil seine Tochter Isabella ebenfalls eine tolle Amazone ist und der andern gleicht und ebensolch eine blauschwarze Haarwolke hat, verliebte er sich in sie. Noch wilder aber verliebte sie sich in ihren Vater ... Ich bin ein unwissendes Mädchen, Giuliano, und begreife nicht, wie eine Tochter solch eine Todsünde begehen kann; – denn das darf ich dir nicht verschweigen, daß es Bande der Venus waren. Eines Tages wurden die beiden von Madama Eleonora di Toledo überrascht. Du kannst dir ausmalen, daß sie, mit Tränen und Flüchen, der Blutschande einen Riegel vorgeschoben hat. Darob aber begann Isabella ihre Mutter wie die Pest zu hassen. Um sich an ihr zu rächen, flüsterte sie dem Duca ein, der Schreiber ihrer Mutter sei deren Schlafbuhle ...« »Man sollte es nicht für möglich halten! ... Wie alt bist du, Semiramide?« »Nicht wahr? Man sollte es nicht für möglich halten! ... Was machst du für ein Gesicht?« »Es ist schwer zu glauben, Semiramide.« »Freilich. Aber Seine Eccellenza glaubte es. So hirnverbrannt sind Männer, wenn Eifersucht ihnen einheizt. Stell dir vor, was Cosmo tat. Dem Sekretär gab er ein Gläschen zu trinken; – der trank und fiel tot hin, der arme Kerl. Dann kam Madama Eleonora an die Reihe; – die aber weinte und hatte Angst zu sterben. Nun schloß Cosmo sie ins Zimmer ein mit dem toten Schreiber und ließ das volle Glas auf dem Tische stehn. Drei Tage lang klopfte er morgens, mittags und abends an ihrer Tür und fragte, ob sie das Gift getrunken. Ihr Gejammer erweichte schließlich Isabellas Herz: sie gestand Cosmo, daß sie aus Rachsucht ihre Mutter angeschwärzt hatte. Als Cosmo die Tür aufschloß, war es zu spät und doch nicht zu spät. Bereits hatte die Duchessa die Hälfte des Glases schlückchenweise ausgeschlürft, – zu wenig zum Sterben, zu viel zum Leben. Seitdem siecht sie hin, und ihr Geist ist gestört.« »Hast du aus ihr eine Novelle gemacht, Semiramide?« »Noch nicht; – vorläufig übe ich mich im Erzählen und freue mich, wenn ich einen finde, der zuzuhören versteht wie du, Giuliano. Wir werden uns schon vertragen ... Später können wir es ja meinem Vater mitteilen, daß du hier wohnst; doch jetzt darf man ihn nicht stören ... Willst du mich in mein Zimmer begleiten, – hier zieht es von der Haustür.« Sie führt ihn durch mehrere Zimmer, wo Motten und Rost und die fressende Zeit wenig verschont haben, – Räume, die einst Prunkräume gewesen waren, als noch der Name Albizzi den Namen Medici überstrahlte, als noch die Adelspartei sich ihre Führer unter den Albizzi wählte. Jeder Gegenstand zeugt von altem Glanz und armseligem Verfall. Besser gehalten, mit heiler Wandbekleidung und ausstaffiert mit einigen neuen Möbeln, ist Semiramides kleine Stube. Kein Bett steht darin, hat sie doch im Oberstock ihre Schlafkammer; – dies hier ist ihr Arbeitszimmer, ihr »gabinetto«. Gänsefedern und Papier liegen verstreut auf dem Schreibtisch. An der Wand neben einem lodernden Kamin befindet sich ein Regal mit Druckschriften und geschmackvoll in Schweinsleder gebundenen Manuskripten. Nachdem sie einen Wachsstock angezündet, rückt Semiramide vor den Kamin einen Sessel mit hoher Rückenlehne heran, auf welchem Giuliano Platz nehmen muß. Sie sitzt ihm seitwärts gegenüber, das Gesicht dem Fenster zugewandt. Die Glut der Feuerscheite durchscheint die eine Hälfte ihres Kopfes und die feinen Finger der linken Hand. Katzenhaft reckt sie sich in ihrem Sessel und streichelt auf den Knien ihr schwarzes Lamm wie ein Schoßhündchen. »Wärme dich, Giuliano. Du siehst erfroren aus.« »Was wird Messer Luigi dazu sagen, daß ich mich hier wärme?« »Mein Vater? – der findet alles gut, was ich tue. Kennst du meinen Vater?« »Nein, Semiramide.« »Soll ich dir eine Beschreibung von ihm machen?« »Tu es.« »Ich will es tun, damit du vor ihm nicht erschrickst. Er schminkt sich weiß wie eine Leiche.« »Weshalb? Wozu? ...« »Damit die Florentiner sehn, wohin es mit dem ältesten Adel gekommen ist dank den Medici und den Ghibellinen. Mein Vater ist nämlich ein Guelfe, ein Weißer, ein wilder Republikaner. Er ist ein großes Licht unter den Hirten und singt Hymnen auf die Zeit, als es noch keine Medici gab.« »Das ist lange her, Semiramide.« »Die Glanzzeit Palmyras ist länger her, Giuliano; – und möchtest du nicht dort gelebt haben? ...« 55 Ein leises Pochen am Fenster wird vernehmbar. »Bitte, bleibe sitzen. Rühre dich nicht ... Ich schicke den Störenfried weg ...«, raunt Semiramide Giuliano zu und geht das Fenster öffnen. Die hohe Rückenlehne des Sessels verdeckt Giuliano, er kann vom Fenster aus nicht gesehn werden, kann aber auch selber nicht sehn, mit wem Semiramide spricht. Ihm kommt es so vor, als habe er in der Taverne diese kecke Stimme gehört, einer der Stravaganti muß es wohl sein. Und bald zweifelt er nicht daran, daß Messer Carlo der nächtliche Besucher ist. »Bist du allein?« »Nein.« »Wer sitzt bei dir?« »Das geht dich nichts an.« »Am Ende doch ... War Pietro hier am Fenster?« »Nein. Warum?« »Kein Mensch weiß, wo er hingerannt ist ... Eine tolle Geschichte! Stell dir vor: drei Neger richteten die Flinten auf ihn – da riß er aus wie ein Hase, sprang über Grabsteine, schrie: er könne sich nie mehr vor Menschen blicken lassen, und lief aus der Stadt. Doch das tollste war, was vordem geschah. Höre –« »Jetzt habe ich keine Zeit. Erzähle es mir morgen, beim Stierkampf.« »Du kommst zum Stierkampf?« »Ja, bestimmt. Mein Vater bringt mich hin.« »Und ich bringe dich heim ... Gute Nacht, Semiramide!« 56 Sie hat das Fenster geschlossen und sitzt wieder Giuliano gegenüber. »Du wunderst dich gewiß ...« »In einem Wunderlande darf man sich nicht wundern, Semiramide.« »Du möchtest doch wissen, ob es ein Freund war? ... Nein, er ist windig, ein Leichtherz. Ich gebe nicht viel auf einen, der mit verworfenem Gesindel und Ghibellinen verkehrt. Die jungen Leute leben so ungebunden, – an uns Hirtenmädchen ist es, ihnen Zügel anzulegen.« »Traust du dir das zu, Semiramide?« »O ja. Die Schäferflöte ist ein Zauberstab.« »Ich verstehe. Du bist also eine Dichterin?« »Verse mache ich auch ... Aber mein Ziel ist, Novellen zu schreiben wie Boccaccio und Bandello.« »Es ist schwer zu glauben, Semiramide ...« »Da stehn meine Lehrmeister – wie Cosmos Lanzenknechte in Reih und Glied.« »Die alle hast du gelesen, Semiramide? Laß sehn – Saccheti, Masuccio, Arienti, Illicini, Fortini, Sermini, Giraldi, Grazzini ... Was ist aber das für eine Aufschrift? Malatesta ...? Ist das eine Novelle? Wohl gar von dir?« »Erst angefangen habe ich das Manuskript ... Es handelt von der tragischen Liebe der ältesten Tochter Cosmos, der Donna Maria de'Medici.« »Erzähle mir das, Semiramide.« »Auch wenn es schwer zu glauben ist?« »Unglaubhaft zu sein, ist der Reiz aller Legenden ... Übrigens kann ich es nachprüfen. Andeutungen – mehr als Andeutungen – hat mir ein venezianischer Hauptmann namens Jacopo Malatesti gemacht.« »Das war der Bruder des Malatesta Malatesti ... Aber wenn du die Geschichte schon kennst – – – « »Deine Novelle kenne ich noch nicht, Semiramide.« 57 »In Böotien« – so beginnt die kleine Novellistin –, »in Böotien ist ein Venus-See; wer daraus trinkt, wird liebestoll. Ich verlange nicht von dir, Giuliano, daß du das glaubst. Aber denken könnte man tatsächlich, daß Cosmo aus dem böotischen See getrunken hat, denn immer war er liebestoll. Zu Besuch beim Kardinal Farnese in Parma, vernarrte er sich in deine Amazone und zog sie an den Florentiner Hof. Feinfühlig erspürte Fürstin Lodovica, wen sie verdrängt hatte, und schloß – um Cosmo zu trotzen – die Verdrängte in ihr Herz. Als Freundin der Donna Maria und als deren Ehrendame lebte sie im Pittipalast. Damals war die Amazone allmächtig in Florenz.« »Verstand ich recht? Auch in seine älteste Tochter war er verliebt gewesen?« »Aber sie nicht in ihn. Das arme schüchterne Ding war keine wilde Isabella. Daß die Amazone dazwischenkam, begrüßte Donna Maria als Erlösung. Daher ihre Freundschaft ... Cosmo ist ja ein Menschenfresser, ein Mädchenfresser. Ich möchte nicht von ihm verspeist werden ...« »Das wünsche ich dir aufrichtig, Semiramide.« »Ich bin gefeit, ich bin eine Republikanerin ... Wenn aber –, so würde ich ihn schön zappeln lassen, wie Lodovica es getan hat. Daß Lodovica sich ihm versagte, daß mehr als ein Jahr lang sein Werben um sie fruchtlos blieb, steigerte seine Liebestollheit. Sonst hätte er früher die zunehmende Bleichsucht Marias bemerkt. Die Ärzte waren ratlos. Da behauptete eine alte Wärterin: eine blutsaugende Strega fliege nachts zu Maria. Heimlich befestigte die Wärterin ein scharfes Messer am Fensterkreuz. Und schon am nächsten Morgen ward Blut am Fenster entdeckt.« »Menschenblut, Semiramide?« »Damals wurde, nach langen Verhandlungen, die öffentliche Verlobung der Donna Maria mit dem Prinzen Alfonso d'Este gefeiert. Gleich zu Beginn des Festes, als alle Gratulanten versammelt waren, schwanden der Braut die Sinne, sie mußte ohnmächtig weggetragen werden ...« »Du spannst meine Neugier auf die Folter, Semiramide. Wen hatte das Messer am Fenster geschnitten?« »Einen kindjungen Pagen, Malatesta Malatesti, der Nacht für Nacht sie besucht hatte. Am Oberarm verletzt, sagte er ihr: seine Wunde sei eitrig geworden und könne nur geheilt werden, wenn sie nachts in die Schloßkapelle schleiche und aus dem ewigen Lämpchen, das dort vor einem Heiligenbilde brennt, das Öl stehle; – mit dem heiligen Raub müsse die Wunde bestrichen werden. Und Maria stahl das geweihte Öl, um dem Pagen ihre Treue zu beweisen. Durch diese unheilige Tat wurde sie ihm noch mehr als zuvor versklavt, was ja auch wohl seine Absicht gewesen war ... Nach der Ohnmacht beim Verlobungsfest entlockte Lodovica der Freundin das Geständnis ihrer Sünden. Schwanger war Donna Maria, und die Fürstin versprach, ihr zu helfen. Sie traf alle Vorbereitungen für eine Entführung Marias durch Malatesta. Die Liebenden sollten als Barfüßler über die nördliche Grenze ins Amazonenreich fliehn. Eine Nonnenkutte wurde für Maria besorgt.« »Ein schwarzes Leichenhemd, Semiramide! – ich ahne es!« »Am Vorabend der geplanten Entführung tötete beim Scheibenschießen mit der Armbrust Malatesta aus Versehn einen Kameraden, einen gleichaltrigen Pagen. Er wurde eingekerkert. Und nun, in ihrer Verzweiflung, beging Donna Maria eine Unvorsichtigkeit: sie versuchte durch ihre alte Wärterin den Gefängniswärter Malatestas zu bestechen. Es mißlang, und Cosmo erfuhr es. Was er erfahren, mußte Lüge sein: einstige Liebe und Familienstolz bäumten sich auf gegen die furchtbare Wahrheit ... Dennoch stellte er seine Tochter zur Rede. Sie blickte ihn an wie ein erjagtes Häschen den Jagdhund, leugnete weder, noch gestand sie ein. Er wurde roh gegen sie, er schlug sie. Von dem Moment an verstummte sie ganz. Keiner ihrer Angehörigen vernahm seitdem ein Wort aus ihrem Munde; alle Versuche, eine Antwort von ihr zu erlisten, öffneten ihr die Lippen nicht ...« »«Was geschah mit Malatesta?« »Wegen des unheilvollen Armbrustschusses – denn alles andere durfte nicht ans Licht der Sonnen – verurteilte ihn das Polizeigericht der Acht zu lebenslänglichem Kerker. Nachdem er drei Jahre geschmachtet hatte, wurde er befreit.« »Durch wen?« »Durch seinen älteren Bruder Jacopo – von dem du vorhin sagtest, du habest ihn gekannt. Dieser Jacopo Malatesti war Hauptmann im venezianischen Heer auf Cypern; an Geld und Freunden fehlte es ihm nicht; als ihm die Tragödie zu Ohren kam, setzte er Himmel und Hölle in Bewegung, bis ihm glückte, was der alten Wärterin mißglückt war: er ließ durch einen bestochenen Wärter Wachsabdrücke von den Kerkerschlüsseln fertigen. Neue Schlüssel wurden geschmiedet, die so butterweich in die Türschlösser glitten wie ein Florett ins Feindesherz ... Malatesta floh zu seinem Bruder nach Cypern, denn seine Geliebte lebte längst nicht mehr.« »Wie starb Donna Maria?« »Warum unterbrachst du mich, Giuliano, – ich hätte es dir in der richtigen Reihenfolge erzählt ... Als er noch nicht lange in Haft war, durften Freunde ihn besuchen; und einem gab er einen Brief an Donna Maria mit. Darin verlangte er von ihr, sie solle sich die Leibesfrucht von einer Hebamme (deren Namen und Wohnung er angab) abtreiben lassen. Denn wenn das Kind zur Welt käme, wäre sein Kopf verloren. (Nicht um die Geliebte, nur um sein teures Leben zitterte der Selbstsüchtige!) ... Diesen Brief verheimlichte Maria ihrer Freundin Lodovica. Nachts, ohne Begleitung, kam sie in die Spelunke der Hebamme; – die Wachtposten des Pittipalastes hatten die vermeintliche Nonne unbehelligt durchgelassen. Als alle Zaubersprüche wirkungslos geblieben waren, durchstach die alte Hexe Marias Unterleib mit einer langen Nadel, so daß keine Wunde zu sehn war ... Nur noch kurze Zeit währte hiernach die Krankheit Marias: das verwesende Kind im Mutterleib zog die arme Mutter mit sich hinab ins Grab.« »Du weinst, Semiramide?« »An dieser Stelle muß ich immer mit Tränen kämpfen ... Es ist zu schön und schrecklich ... Ach! das Leben ist eine Mistgrube! ...« Plötzlich läßt sie ihr schwarzes Lamm zu Boden gleiten und setzt sich auf Giulianos Schoß. »Ach, was bin ich unglücklich! ... Tröste mich! ...« 58 Zum Glück für Giuliano geht die Tür auf und Messer Luigi di Maso degli Albizzi erfüllt die Stube mit Moschusduft und mit dem Glanz seines weißgeschminkten, immerzu starr lächelnden Antlitzes. Der Gang und die steife Kopfhaltung lassen beginnende Gehirnerweichung vermuten. Überaus kurzsichtig muß er wohl sein, oder er tut so, als wäre er es, denn er übersieht, daß sein Töchterchen von den Knien, auf denen es gesessen, herabgleitet wie vorhin das Lamm. Nach zeremoniöser Begrüßung will Giuliano sein Ansuchen vorbringen. Albizzi unterbricht: »Der Haushofmeister hat mir's gemeldet. Wenn Euer Gnaden unsere Gastfreundschaft annehmen will, so tut Euer Gnaden unserem schönen Paradies viel Ehre an. Euer Gnaden wird gewiß schon gespürt haben, daß hier der modus florum herrscht, der harmonische Blumenton. Und meine Tochter, das Maienblümchen, wird dafür Sorge tragen, daß – solange Euer Gnaden bei uns weilt – Harmonie, Heiterkeit und Anmut in Flor stehn ...« 59 Ein halber Tag ist vergangen: vierzehn Uhr verkündet der Glockenturm des Doms. Trompetengeschmetter vermählt sich mit dem Geläut. Die giostra dei tori, das Turnier der Stiere, beginnt soeben. Von allen Insassen des Palazzo Pitti ist Donna Faustina die einzige, die – ihrer Kopfverletzung wegen – dem Ruf der Fanfaren nicht hat folgen können. Sogar die sieche Signora Duchessa hat, als geborene Spanierin, sich's nicht nehmen lassen, in einer sechsspännigen Staatskarosse zur Piazza di Santa Maria Novella zu fahren, wo alt und jung und reich und arm zusammengeströmt sind, der grausamen Volksbelustigung mitleidslos zuzuschaun. Manche Patrioten mißbilligen zwar und verachten die von den Borgia eingeführten Stierkämpfe, doch von den manchen fehlt nicht einer auf den rings um die Arena errichteten Tribünen. Allein ist Faustina. Nicht einmal ihre Zofe Rentinola, die Zwergin, weilt bei ihr. Gleich nach den ersten Fanfaren war die Melancholie auf dem Kindermund unverkennbar geworden, – hatte doch ihr Bräutigam Guerzolo, der kleine Diener der Kurtisane La Delfina, Urlaub für den Stierkampf erhalten, während ihr die Keckheit fehlte, um Urlaub zu bitten. Doch Faustina hatte es erraten und hatte erbarmungsvoll sie zur Arena geschickt. Mit Cosmos schwarzem Pflaster auf der Stirn liegt Faustina in ihrem Bett aus vergoldetem Holz; vier gewundene Bettpfosten streben auf als Träger eines Baldachins, dessen schleierige Vorhänge, emporgezogen, ein Musselingewölk bilden, – es ist ja noch heller Tag. Faustina liest im »Cortegiano« des Conte Baltassare Castiglione. So vertieft gibt sie sich diesem Idealbild italienischer Kultur, dieser Schule der verfeinerten Sitte und des Anstandes hin, daß sie nicht merkt, wie die Tür leise aufgeht, und erst emporschreckt, als zwei Männer mitten im Zimmer stehn. Die Eindringlinge sind Don Pietro und Santi. Unter seinem langen Mantel trägt Santi einen topfähnlichen Gegenstand. Es ist Faustina nicht möglich, durch den Mantel hindurch den Gegenstand zu erkennen. Sie hat sich aufgesetzt im Bett und blickt und blickt ... Sie möchte aus dem Bett springen, davonlaufen und hat die Kraft nicht, vor Entsetzen gelähmt. An Santi würde sie vorbeifliehen können, – zu sinnlos betrunken ist er, sie festzuhalten: er torkelt und rülpst, vermag kaum aufrecht zu stehn; und schon bald läßt er sich in einen Sessel fallen, schlummert ein ... Don Pietro dagegen ist heute nüchtern. Ohne Gruß stellt er sich neben das Bett und hält einen blanken Dolch Faustina zwischen die Augen. Sie rührt sich nicht. Die Nasenwurzel zwischen den Augenbrauen kitzelt er mit der Dolchspitze. Ihr Kopf weicht zurück vor der Klinge, ihr Rumpf sinkt rückwärts in die Kissen, ausgestreckt liegt sie da wie eine Tote, nur daß das Pochen ihres Herzens hörbar lärmt und ihre Brüste wie zwei verängstigte Täubchen unter dem Hemde flattern. »Ich könnte zustoßen, Faustina. Doch das wäre nicht Zahn um Zahn. Zieh dein Hemd aus.« Ein Aufschrei schrillt aus Faustinas Lippen. »Laß das Geplärr! Keine Menschenseele ist im Schloß! ... Also – wird's bald? Soll ich dich ausziehn?« Da sie sich nicht bewegt, reißt er ihr weißes Seidenhemd in Fetzen, zerrt es ihr vom Leib, so daß sie nackt daliegt. »Lege dich auf den Bauch, meine Seele!« Diesmal gehorcht sie sogleich; – vielleicht, weil sie nicht weiß, wo sich vor Scham zu bergen. Ihr Widerstand ist gebrochen. Leise schluchzend vergräbt sie ihr Gesicht in die Kissen. »Santi! Schau her: sahst du je einen so weißen Schneehasen? Gib mir den Topf! ... Ist der Kerl eingeschlafen! ... Her mit dem Topf, sage ich!« Aus seinem Schlummer emporfahrend, zieht Santi den Mantel vom Gegenstand, den er verhüllte, und reicht diesen Don Pietro hin. Es ist ein Farbentopf voll blauer Ölfarbe; und aus dem Topf ragt ein Malerpinsel. »Jetzt halte fein still, meine Seele. Du hast meinen Hintern braun angestrichen, – dafür bitte ich mir die Ehre aus, den deinen blau zu bemalen. Einen blauen Schmetterling male ich dir auf deine hübschen Hinterbacken, – einen Falter, der über zwei weißen Rosen schwebt!« Und während Faustina wimmernd wie ein Kind vor sich hin schluchzt, malt er einen großen himmelblauen Schmetterling auf ihr schneeweißes Fleisch. 60 Durch das Tavernenfenster dämmert der Winterabend in die nach Weindunst und Kellerluft riechende Gaststube herein. Noch haben sich keine Gäste eingefunden außer dem Kleinen Walfisch. Mit dem Wirt, seinem Freund, sitzt er kummervoll vor einem Glas heißen Weines und redet von den tollen Ereignissen auf dem Friedhof, von der Demütigung Don Pietros und von dessen rätselhaftem Verschwinden. Seit der Prinz mit den Worten »Ich kann mich vor Menschen nicht mehr blicken lassen!« aus dem Kirchhof gerannt war, hatte ihn niemand mehr erblickt – weder im Verlauf der Nacht, noch in den Vormittagsstunden, noch auch während des Stierkampfes am Nachmittag. Seine Satelliten, die der Kleine Walfisch auf den Tribünen der Arena getroffen, waren in größter Sorge um ihn ... Sinnend meinte darauf Semprebene: an einen Unglücksfall oder Selbstmord glaube er nicht. Ein Mensch wie der gehe an verletzter Ehre nicht zugrunde. Eher sei zu vermuten, daß er verderbenbrütend seine Zeit abwarte, um plötzlich ganz überraschend aufzutauchen und Vendetta zu üben. »An wem?« »An vielen; an dir, weil du seine Schmach mitansahst; vor allem an Giuliano. So wie ich den Prinzen kenne, wird er sein vergiftetes Rapier heute noch nicht gereinigt haben.« Der Kleine Walfisch schnappt nach Luft vor Aufregung. »Man hat mich gebeten ... Ich darf nicht sagen, wer ... Ein Mann, der hochsteht wie der Polarstern und allmächtig ist wie ein fließender Lavastrom und –« »Laß den Strom erkalten, Antonio, sonst kommen wir nie hinüber. Du meinst den Duca. Er hat dich gestern aufgesucht. Alle Welt weiß es.« »Das –? Unmöglich! ... So unmöglich wie –« »Wie was?« »Wie die Rückseite der Mondscheibe sehn, ein Individuum teilen, rote Rosen weißwaschen, einen Schwanzlurch abrichten ... Ach, ich spotte meiner selbst – ich bin ein Eselkönig! ... Also man weiß es?« »Einem Guten Mann von San Martino, der so königlich schreitet, nützt die schwarze Maskerade wenig. Was wollte er von dir? Es ist nicht schwer zu raten: er hat dir sein liebes verlorenes Söhnlein ans Herz gelegt?« »Du bist hellsichtig! ... Hilf mir, den Schicksalsschwestern in die Arme fallen, ihnen die Scheren entwinden, lieber Freund! Laß uns die Fässer der Bosheit zustopfen, zupichen, zulöten, zunageln, zuhämmern, zuspunden!« »Nicht die! – denn wo sind die? wie kommt man daran? ... Nein, Antonio, – sondern das Weinfaß dort oben, das oberste dort, aufspunden, oder noch besser, ihm den Boden ausschlagen, ja, das müßten wir, damit der Feuerkopf in einem Weinbad abkühlt ... Aber Geld würde das kosten, mehr als ich Haare auf dem Kopfe habe.« »Cosmo hat mehr Haare und mehr –« Sich unterbrechend lächelt der Kleine Walfisch Giuliano an, der eben hereinkommt. Semprebene begibt sich hinter den Kredenztisch. Nachdem Giuliano sie begrüßt hat, erkundigt er sich, ob Don Pietro noch immer vermißt werde? – Etwas barsch stellt Semprebene die Gegenfrage: »Was kümmert es Euer Gnaden? Und selbst wenn er auf einem Besen zum Teufelssabbat fuhr, – wen kümmert das? ... Aha, Euer Gnaden will den Grabschlüssel los sein? Das kann ich besorgen, – gebt her! Ich werde ihn Seiner Hoheit abliefern ... Besser Euer Gnaden begegnet heute dem Prinzen nicht – und morgen auch nicht.« »Und nach zehn Jahren auch nicht!« fügt der Kleine Walfisch hinzu. Doch Giuliano gibt den Schlüssel nicht aus der Hand. »Ich habe kein Weiberherz«, sagt er und setzt sich zu Martelli an den Tisch. 61 Aufgerissen wird die Tavernentür und Carlo stürmt herein, fahl wie eine getünchte Wand. Er ist nüchtern, weil er beim Stiergefecht sich mit Semiramide traf und hernach, als sie im Menschengewühl von ihrem Vater getrennt wurde, ritterlich das kleine Fräulein nach Hause brachte, – ihm also die Gelegenheit gefehlt hat, sich einen Rausch anzutrinken. Nicht Weingenuß färbte ihm die Wangen und die Lippen so blutlos, vielmehr eine furchtbare Nachricht, die ihm – erst nachdem er von Semiramide Abschied genommen – auf der Straße zufällig zu Ohren kam. Und er ist hergeeilt, der Akademie der Verrückten das Entsetzliche mitzuteilen. »Ich wünsche den Freunden einen guten Abend. Auch Euch, Messer Giuliano.« (Seltsam – er reicht Giuliano die Hand.) »Wißt Ihr schon?« »Was? Was ist passiert? Du schaust käsig aus, Carlo! Hat eine lausige Tarantel Seine Hoheit gestochen? Oder ein epikuräischer Floh? Hat ein Krokodil ihn geschnappt? Haben die Herren Gespenster ein Gespenst angeknabbert?« höhnt Martelli. »Schweig, Walfisch! Das Lachen ist mir vergangen ...« »Wie mir gestern, als haarige Leute ohne Fleisch und Bein die Wagenlenkerin Luna mit Totenschädeln bewarfen ... Was ist denn geschehn?« »Eine höllische Geschichte! ... Mir standen die Haare zu Berge, als ich –« »Mir auch, Carlo. Es waren monströse Lemuren. Doch am Gequiek erkennt man des Teufels Schweine ... Was für eine Geschichte? ... So sprich doch!« »La Delfina ist ermordet! Der Guerzolo, ihr Page, kam vom Stierkampf heim und fand sie als schon erblaßte Leiche mit durchschnittener Kehle ... Das Mordmesser fehlt ... Hat sich Don Pietro noch immer nicht blicken lassen?« Das Schmunzeln ist von den Lippen Martellis gewichen. Er und der Wirt sehn sich tiefbewegt an, mit fragenden Augen, wie wenn sie einander die geheimsten Gedanken ablesen wollten. Schließlich murmelt der Kleine Walfisch: »Dem armen Sündenkind ist besser so. Requiescat in pace!« Der Wirt aber forscht Carlo aus: »Euer Gnaden fragt nach Don Pietro? Wie soll ich die Frage auslegen? Meint Euer Gnaden, daß Don Pietros Verschwinden ...? Euer Gnaden kann doch unmöglich annehmen –« »Nichts nehme ich an ... Aber andere werden annehmen, daß Don Pietro ... oder daß in seinem Auftrage jemand ... Alle, die über den Apfelsinenkorb lachten, hörten ja auch die Drohung vom Messer in der Kehle ... Wir allesamt können in des Teufels Küche kommen –« 62 Allmählich füllt sich die Taverne mit den Verrückten; fast die ganze Akademie ist versammelt, und alle regen sich auf über die Greueltat. Die einen raunen und tuscheln, die andern gestikulieren und schreien. Aber plötzlich senkt sich eine beängstigende Stille auf das jäh ersterbende Stimmengewoge herab. Alle Gesichter drehen sich der Tür zu. In der Tür stehn Don Pietro und Santi. »Da bin ich, der Totgesagte, der Beweinte! Santi, den ich zufällig im Rinnstein fand, hat mir's beschrieben, wie ihr mich beweint habt, ihr Herzchen! Ja, und ihr habt Kirchhöfe, Totenschreine und Leilachen nach mir durchstöbert? ... Oh, ihr Schöpse! Meint ihr, ich stiege allein in den Sarg? Ohne lustige Gesellschaft? ... Nein, da müssen andere mit! Ihr alle, meine Freunde, müßt mit! Der Sarg, den ich uns gewählt habe, ist diese Taverne – hier wollen wir den Todesreigen tanzen, fressen und saufen bis zum Jüngsten Tag ... Und wenn die Posaune des Gerichts ertönt, saufen wir weiter ...« »Die Posaune des Gerichts wird früher ertönen!« murmelt der Kleine Walfisch erschüttert. »Ei, schwimmst du heute nicht in Tränen? Schwimmst du heute in Weingläsern herum, Walfischchen? Und hast du die kleine Tänzerin, dein Töchterchen, nicht mitgebracht? – So ein Geheimniskrämer! Und das will ein Freund sein! ... Es war hundert Scudi wert, deine väterlichen Küsse zu sehn, du fetter Wanst! ... Morgen sollst du deine Cammilla uns was vortanzen lassen, Tanzmeister! – Sie gehört mit in den Sarg, verstanden? ... Gib mir den Topf her, Santi! Die alten Griechen meißelten das Bild eines Schmetterlings auf ihre Sarkophage; – darum will ich auf unsern Sarg einen Schmetterling malen!« Und auf das Stück Kalkwand zwischen Eingangstür und Fenster, wo keine Fässer stehn, malt Pietro einen blauen Falter – an Größe und Gestalt ein getreues Abbild jenes andern Schmetterlings ... Carlo packt ihn am Arm, schüttelt ihn, wie um ihn wachzurütteln: ob er schon wisse, daß La Delfina mit durchbohrter Kehle tot aufgefunden wurde? Ruhig beendet Pietro die Malerei, dann wendet er sich grinsend um: »Aha! Daher eure Leichenbittermienen? ... Ward Florenz um eine Hure ärmer, um so reicher ward Florenz! ... Ich brauche mir also die Hand nicht rot zu färben ... Wer aber griff mir vor? Ich gab den Auftrag nicht.« Entsetzt ruft Carlo: »Du hast ein Wolfsgewissen, Pietro! ... Flieh nach der Romagna, zu den Orsinis! noch ist Zeit!« Eine Weile steht Pietro nachdenklich da, ein wenig aus dem Gleichgewicht gebracht. »Fliehn? ... Welch ein Unsinn! ... Wie kommst du darauf?« »Weil du das angedroht hast; weil du nicht beim »Ei, schwimmst du heute nicht in Tränen? Schwimmst du heute in Weingläsern herum, Walfischchen? Und hast du die kleine Tänzerin, dein Töchterchen, nicht mitgebracht? – So ein Geheimniskrämer! Und das will ein Freund sein! ... Es war hundert Scudi wert, deine väterlichen Küsse zu sehn, du fetter Wanst! ... Morgen sollst du deine Cammilla uns was vortanzen lassen, Tanzmeister! – Sie gehört mit in den Sarg, verstanden? ... Gib mir den Topf her, Santi! Die alten Griechen meißelten das Bild eines Schmetterlings auf ihre Sarkophage; – darum will ich auf unsern Sarg einen Schmetterling malen!« Und auf das Stück Kalkwand zwischen Eingangstür und Fenster, wo keine Fässer stehn, malt Pietro einen blauen Falter – an Größe und Gestalt ein getreues Abbild jenes andern Schmetterlings ... Carlo packt ihn am Arm, schüttelt ihn, wie um ihn wachzurütteln: ob er schon wisse, daß La Delfina mit durchbohrter Kehle tot aufgefunden wurde? Ruhig beendet Pietro die Malerei, dann wendet er sich grinsend um: »Aha! Daher eure Leichenbittermienen? ... Ward Florenz um eine Hure ärmer, um so reicher ward Florenz! ... Ich brauche mir also die Hand nicht rot zu färben ... Wer aber griff mir vor? Ich gab den Auftrag nicht.« Entsetzt ruft Carlo: »Du hast ein Wolfsgewissen, Pietro! ... Flieh nach der Romagna, zu den Orsinis! noch ist Zeit!« Eine Weile steht Pietro nachdenklich da, ein wenig aus dem Gleichgewicht gebracht. »Fliehn? ... Welch ein Unsinn! ... Wie kommst du darauf?« »Weil du das angedroht hast; weil du nicht beim Diesen Moment benutzt der Kleine Walfisch, Giuliano am Ärmel zu fassen und ihn hinaus in die Gasse zu ziehn. 63 Auf der Gasse draußen, der Via dei Ginori, sind die beiden erst wenige Schritte gegangen, als ihnen einer der drei Trabanten Lodovicas entgegenkommt. Er hat Auftrag von seiner Herrin, Messer Giuliano in deren Absteigequartier, den Palazzo Ginori, zu führen; – noch nicht abgereist ist die Prinzessin und wünscht ihn sofort zu sprechen. Giuliano verabschiedet sich von Martelli und folgt dem Neger, der ihm mit einer weißen Wachsfackel vorausleuchtet. Im Palazzo wird er von einem stattlichen galonierten Haushofmeister empfangen und in den ersten Stock hinaufgeleitet. Vom Haushofmeister erfährt er, daß der Besitzer des reich ausgestatteten Palazzo, der Conte Andrea Ginori, mit Frau und Kind in Rom weilt und die leerstehende Wohnung für die Zeit seiner Abwesenheit der Prinzessin zur Verfügung gestellt hat. Sie durchschreiten prachtvolle, erleuchtete Räume. Gemälde Mantegnas, Filippino Lippis, Borgognones, und andere Köstlichkeiten strahlen von den Wänden herab. Und dann gelangen sie in das Camerino, wo Lodovica wartet. Sie trägt heute Frauenkleidung. Zwar ist ihr hellgrünes Taffetgewand kein Staatskleid, Juwelen zieren sie nicht; und dennoch wird Giuliano zumute, als sähe er ihr langobardisches Schmalgesicht und den Ockerglanz ihrer Bernsteinhaut zum erstenmal – an ein Simonetta-Porträt Botticellis, das er soeben bewunderte, erinnert sie ihn (obgleich ihr Haar schwarz ist) –; zum erstenmal wird ihm bewußt, daß Lodovica verführerisch schön ist ... Sie entläßt den Haushofmeister mit dem Befehl, ihr es unverzüglich zu melden, sollte die erwartete Nachricht eintreffen ... Auf einem Intarsienstuhl am Kamin heißt sie Giuliano Platz nehmen vor einem Tisch, auf welchem Erfrischungen, Obst, Konfekt und Weingläser bereitstehn. Sie selbst setzt sich nicht; aufrecht vor ihm, lehnt sie den Arm auf den Kaminsims. »Wie du siehst, ich bin noch in Florenz. Und das ist ein Glück, – denn so kann ich vielleicht doch ein wenig den Schleier heben ...« »Wovon, Signora Principessa?« »Von dir, du verschleiertes Bild zu Saïs! ... Heute nachmittag wurde die Kurtisane La Delfina ermordet. Weißt du es schon?« »Ja, Principessa.« »Ihr wurde ein Dolch in die Kehle gestoßen, – genau wie es gestern von Don Pietro angedroht worden war ... Ganz gewiß wird Don Pietro versuchen, den Verdacht auf einen andern abzulenken ... Warst du beim Stiergefecht? ... Nein? ... Wo warst du um die Zeit?« »Als die ersten Fanfaren ertönten, war ich bei La Delfina und dann war ich im Palazzo Albizzi.« »Du kanntest La Delfina?!! ... War sie deine Geliebte?« »Nie, Principessa. Eine Nachbarin war sie, den Morgenimbiß pflegte sie beim cyprischen Koch einzunehmen ... Das arme Ding tat mir namenlos leid.« »Wenn sie deine Geliebte nicht war, wozu besuchtest du sie?« »Ich schulde Euch so viel Dank, Principessa, daß ich auch diese Frage beantworten will. Ich besuchte sie, um ihr ins Gewissen zu reden, damit sie ihr Sündenleben aufgäbe.« »Rex Seraphicus! Wolkensohn! ... Wie lange warst du bei ihr?« »Kaum eine Viertelstunde. Sie verbat sich jedwede Bußpredigt und wies mich schroff aus dem Hause.« »Das hätte ich auch getan, du guter Tor ... Ich möchte den Richter sehn, der das für möglich halten wird ... Und dann warst du im Palazzo Albizzi? Sah dich jemand dort?« »Ihr stellt unheimliche Fragen ... Muß ich dies beantworten?« »Du mußt, wenn dir an meiner Freundschaft gelegen ist, Giuliano.« »Die Signorina Semiramide sah mich, als ich eben von La Delfina kam.« »Was! ... Hat Semiramide beim Stierkampf gefehlt? Ist das denkbar? ... Hatte sie ein Stelldichein?« »Sie kam unerwartet zurück, weil sie im Gedränge ihren Vater verloren hatte.« »Eine Lügnerin, der niemand Glauben schenken wird.« »Glaubt Ihr mir nicht mehr? ... Eure Fragen, Principessa, sind verletzend.« »Ich glaube dir und ich glaube an dich, Giuliano. Nicht verletzen wollte ich dich, sondern dir zeigen, in welcher Gefahr du schwebst, wenn du in Florenz bleibst ... Ja, ich glaube an dich – mehr als du ahnst. Den ersten besten würde ich nicht auf Schritt und Tritt begleitet und geschützt haben ... Hast du dir nicht Gedanken darüber gemacht, daß eine Fürstin – – – « »Doch, doch ... – aber keine Erklärung habe ich gefunden.« »Andeuten will ich es dir. Vor zwei Jahrzehnten verschwand ein Fürstenkind; und käme es wieder, so hätte es mehr Anrecht auf den Thron von Florenz als Cosmo.« »Und weil Euch Cosmo verhaßt ist, Principessa, sucht Ihr das Fürstenkind? Was aus Haß gesucht wird, wird gefunden, auch wenn es das Falsche ist ... Sagt mir, – ist Cosmo so hassenswert? Mir erzählte Semiramide von Malatesta und Cosmos Tochter. Ist er so ?« »Nein, so ist er nicht. Die Schandgerüchte, aus denen Semiramide ihre Novellen webt, sind mir unbekannt, –: es sind Lügengespinste. Ich bin Cosmos Feindin, – aber ein Scheusal ist er nicht. Anderes werfe ich ihm vor: er ist ein Fürst, wie Macchiavelli ihn gewollt hat, er ist der Tyrann von Florenz und war einst – das ist freilich ein Vierteljahrhundert her – ein blutiger Usurpator. Ich weiß, er zittert vor jenem toten Kinde.« »Und welchen Anhalt habt Ihr, Principessa, mich für das tote Kind zu halten? Weil Florentiner Gesindel mir den Spitznamen ›König von Cypern‹ angehängt hat? Warum sollte ich nicht der Sohn eines Lastträgers oder Steinklopfers sein?« »Weil ... Doch nein, noch ist es verfrüht, davon zu sprechen, – erst muß ich noch mehr Beweise haben ... Und heute gilt es, jeden Schatten eines Verdachtes von dir zu nehmen. Denn, daß ich es dir ehrlich gestehe, sogar ich war – einen Augenblick lang – irre an dir; sprachst du doch gestern davon, daß du in Cypern zum Tode verurteilt warst, weil du eine Verwandte von mir, ein junges Mädchen, ermordetest.« »Nicht ermordet habe ich das Mädchen, Principessa, – ich habe es getötet und würde es heute wieder tun.« »Um sie wovor zu bewahren?« »Vor dem Leben.« »Dem Leben – wo?« »Im Walde der Aussätzigen bei Famagosta.« »Komm, erzähle mir das ... Doch nein, hole weiter aus. Beginn mit deiner Kindheit. Sagtest du nicht, du seist, bevor du nach Cypern kamst, in England gewesen? Wie kamst du dahin?« »In einem Korbe – einem Blumenkorbe – wurde ich, ein fünfjähriges Kind damals, heimlich an Bord eines Schiffes gebracht.« »In einem Korbe? ... Weißt du das bestimmt? ... In einer Kiste wurde das tote Kind Cosmo zugeschickt. Doch das tote Kind war älter ... Wer nahm sich deiner auf dem Schiffe an?« »Ein Lord Norfolk. Er ließ mich dann in England erziehn.« »Norfolk? Der durch Asien gereist ist?« »Das geschah zwanzig Jahre später.« »Und du wurdest sein Reisebegleiter?« »Ja, Signora Principessa, – – – « Es klopft, und an der Türschwelle erscheint der Haushofmeister. Seine Eccellenza, der Duca, sei soeben aus Volterra heimgekehrt, meldet er. Hastig erteilt ihm Lodovica einige letzte Anweisungen und befiehlt, die Reitpferde vors Tor führen zu lassen ... Und dann faßt sie Giulianos Hand. »Sei mein Reisebegleiter, totes Kind!« Er küßt ihr die Hände. »Ich bin ein lebender Mann, Principessa. Und weil ich das bin – (und schwerlich jenes) –, kann ich heute – so wenig wie gestern – Euer Reisebegleiter sein. Noch gab ich den Schlüssel nicht zurück.« »Du bist ein Starrkopf; es ist zwecklos, dich zu überreden. Gut, tu, was der Starrsinn dich heißt, aber geh behutsam deinen Weg, wie ein Seiltänzer über das Seil geht: unter dir sind Abgründe, – ich zeigte sie dir ... Gott beschütze dich, Giuliano! Allerbaldest mußt du im ›Schloß der hundert Kammern‹ mir dein Leben erzählen. Ich brauche dein Leben mehr als du!« 64 Bei starkem Schneegestöber wartet Giuliano vor dem Palazzo Ginori auf das Abreiten der Fürstin und ihres kleinen Gefolges. Keine zehn Minuten vergehn, und sie eilt federnden Schrittes aus dem Portal zu ihm auf die Gasse hinaus, reisemäßig gekleidet – denn sie hat noch Zeit gefunden, sich in aller Hast umzuziehn –, mit einer Bibermütze auf der schwarzen Haarwolke, im Reitpelz, die Beine in Stulpenstiefeln und Pluderhosen. Als sie, überschlank wie ein junger Knappe, sich in den Sattel schwingt, muß er an den Namen denken, den Semiramide ihr gab: »die Amazone«. In rauhen skythischen Gegenden – rauh wie der skythische Winter dieser toscanischen Nacht – hatten die Amazonen ihren Weiberstaat, in welchem die grausame Sitte herrschte, Amazonensöhne zu blenden, zu verkrüppeln und als Sklaven dienen zu lassen ... Ist er schon geblendet? Ist sein Wille schon verkrüppelt? Ist er schon Sklave? ... So sehr er sich dagegen wappnet und, an Faustina denkend, sich gepanzert hält, so sehr freut es ihn doch, der Fürstin letzten Gruß zu sehn, während sie, eine verschneite Reiterin, in den silbrig flimmernden Flockennebel hineingleitet und den Blicken entschwindet. 65 Am nächsten Abend gegen neunzehn Uhr wird der Kleine Walfisch durch einen fremden Boten in den Borgo San Frediano gerufen, wo ein Vetter von ihm wohnt. Dieser Vetter – (teilt der Bote mit) – bitte Messer Antonio, recht schnell herüberzukommen, da die Frau Base soeben ein schwächliches Kind zur Welt gebracht habe, das schleunigst getauft werden müsse, damit es als totes Heidenkind nicht ewig zwischen Himmel und Erde schwebe. Sogleich macht sich Martelli auf den Weg, ungeachtet der eisigen Böen, die ihm wie Messer durch Pelzmantel, Fleisch und Mark schneiden. Jenseits des Ponte alla Carraia verliert er den Boten aus den Augen. Er setzt den Weg allein fort, gelangt vors Haus des Vetters und bemüht sich, recht leise zu pochen aus Rücksicht auf die gedrückte Stimmung im Hause. Ihm öffnet die angebliche Wöchnerin und bricht in ein sardonisches Gelächter aus, als er sich nach dem Befinden des sterbenden Säuglings erkundigt. Es stellt sich heraus, daß sie nicht einmal in anderen Umständen ist. Der überaus belustigte Vetter hänselt ihn ob seiner Leichtgläubigkeit. Von bösen Ahnungen gehetzt, eilt Martelli heim. Als er auf die Piazza di San Marco kommt, wird er wie vom Blitz gerührt durch einen phantastischen Anblick. Eine Menschenmenge hat sich auf der Piazza angesammelt, sogar die Dominikanermönche recken neugierig vor ihrem Klosterportal die tonsurierten Köpfe, um ein nacktes Mädchen zu sehn. Denn auf dem Dache der Casa Martelli, auf dem mit Eiszapfen und Schnee bedeckten Dache, tanzt von Mondschein belichtet und kleiderlos die kleine Cammilla. Schreien will Martelli, doch die Stimme versagt sich ihm. Er ist am Ersticken vor Schmerz und Zorn. Einen Augenblick schwinden ihm die Sinne. Da legt sich ein Arm unter seinen Arm. Es ist Giuliano, der den Wankenden auffangt und ihm ins Ohr flüstert: »Als ich herkam, war sie schon auf dem Dache, – sonst hätte ich's nicht zugelassen. So aber mußte ich mich still verhalten, damit sie nicht erschrickt und abstürzt ... Ihr auch müßt Euch still verhalten, Messer Antonio! Ich bitte Euch, beherrscht Euch – um Eures Kindes willen!« »Wer ...?! Wer hat das angestiftet?!!« stammelt Martelli, blau im Gesicht. »Don Pietro, der Euch das gestrige Bad eintränken will ... Ich erfuhr es von einem aus der Menge hier, der es mit ansah, wie des Prinzen Teufelsgilde in Euer Haus eindringen wollte, es jedoch verschlossen fand. Durchs Fenster haben diese Überteufel mit Cammilla gesprochen und ihr weisgemacht: Euch habe der Mond geraubt, und um Euch zu befreien, müsse sie auf dem Dache nackt vor dem Monde tanzen.« Nicht länger vermag Martelli seine Stummheit zu ertragen; er stöhnt auf wie ein röhrender Hirsch. Da plötzlich gellt über den Platz Don Pietros Stimme: »Dort steht ja unser Walfisch, der verstohlene Vater! Wahrgemacht hast du gestern, Martelli, daß Wale dicke Fontänen spritzen; – heute aber mache ich wahr, was ich dir gestern prophezeite: deine Cammilla tanzt vor mir!« »Bei allem, was heilig ist, gebt keine Antwort, beherrscht Euch, daß sie Eure Stimme nicht hört!« raunt Giuliano Martelli zu. Doch die übermenschliche Anstrengung, die dem Kleinen Walfisch die Stummheit kostet, ist umsonst vertan. Sei es, daß die kleine Schwachsinnige aus der Rede des Prinzen das Wort »Vater« herausgehört, sei es, daß sie ihren Vater erblickt hat, – sie tanzt näher an den Dachrand heran, sie blickt hinab ... ihr Fuß strauchelt über Eisscherben, sie gleitet ... Ein hundertstimmiger Entsetzensschrei schrillt zum Mond empor. Mit blutendem Kopfe liegt das Kind auf dem Schnee der Piazza. Die Menschen weichen scheu auseinander vor dem Vater, der lautlos heranwankt. Stumm schluchzend hebt er sein Töchterchen auf und trägt es ins Haus. 66 Kaum hat sich die Haustür geschlossen, stößt Giuliano einen Blutschrei aus, reißt den Degen aus der Scheide und dringt auf Don Pietro ein. Sie fechten. Beide sind hervorragende Fechter und beide schäumen vor Haß. Doch Giuliano ist der Geschmeidigere. Er schlägt dem Prinzen die Klinge aus der Hand und verwundet ihn an der Brust. In die Arme seiner Kumpane Carlo und Santi taumelt Don Pietro, Knöpfe abreißend an Wams und Halskrause schafft er sich Luft, hält ein Spitzentuch ans sickernde Blut. Und er rafft sich zusammen, steht aufrecht. Da erst gewahrt er, daß während des Zweikampfes der Bargello und zwanzig Sbirren herangekommen sind. Sie haben – indem sie das Volk mit gesenkten Hellebarden zurückdrängten – um die Fechtenden sich im Kreise aufgestellt. Jetzt verengert sich zusehends der Kreis. Und kein Traum ist's, was Don Pietro weiter gewahrt: seinem Gegner Giuliano werden Handschellen angelegt! Mit unbändiger Freude gewahrt er das, seine Niederlage macht es ihm wett. »Recht so, Signor Bargello, Ihr träufelt Balsam auf meine Wunde! Brav so, – führt den Hundsfott ab, der sich erfrecht hat, mein prinzliches Blut zu vergießen! ...« Der Bargello entgegnet nichts. Er hebt aus dem Schnee den Degen Don Pietros auf. »Das ist mein Degen, Signor Bargello. Ich weiß nicht, welch ein Planet heute kulminiert, daß mein Degen Flügel bekommen hat wie ein Spatz ... Gebt her!« Und Don Pietro streckt die Hand aus nach der Waffe. »Verzeiht mir, Hoheit, ich habe Befehl, Euch den Degen abzunehmen.« »Mir – dem Sohn des Duca? ... Seid Ihr toll?« »Ich bin das Werkzeug eines höheren Willens. Beauftragt bin ich, Euch Handschellen anzulegen.« »Hat die Februarhitze dir das Gehirn geschmolzen, mein Goldjunge? ... Das ist ja wahnwitzig! ... Wer befahl das?« »Euer Vater, Seine Eccellenza der Duca.« »Weshalb? ... Weil ich ein Duell focht?« »Weil auf Euch, Hoheit – ebenso wie auf Messer Giuliano – der Verdacht lastet, die Kurtisane ermordet zu haben.« Wie ein Fisch an Land, schnappt Don Pietro nach Worten. Da beginnt, ganz unerwartet, Giuliano zu sprechen. »Wäre meine Hand frei, so würde ich sie Euch reichen, Don Pietro. Wir sind Leidensbrüder geworden. Mein Haß fiel von mir ab, weil ich sehe, daß – so grausam Ihr wart – das Schicksal noch viel grausamer mit Euch verfährt. Weit härter, als Ihr es verdient, züchtigt Euch das Schicksal. Doch laßt darum den Kopf nicht hängen. Seht, ich bin voll Zuversicht, daß wir alle beide uns vom Verdacht werden reinigen können und daß dieses Leid Eure Seele reinigen wird.« Obgleich durch Blutverlust geschwächt, gerät Don Pietro in Tollwut. Er möchte dem Rex Seraphicus an die Gurgel springen, er möchte an ihm und am Bargello und an seinem Vater die Raserei auslassen. Doch noch ehe eine einzige der in ihm aufbrodelnden Beschimpfungen seine Lippen verläßt, wandelt sich seine Tollwut in Todesangst, die ihm eisig durch alle Adern rieselt und ihm die Kiefer klappern macht. Denn jählings hat er die Unlösbarkeit der Schicksalsverknotung begriffen: sein eigener Vater liefert ihn dem Blutgericht aus! – und er hat von seinem Vater ein Erbarmen so wenig zu erwarten wie von Faustina! ... Die Lippen entfärbt, die Wangen leichenweiß, steht er von Schrecken geschüttelt da, schließt die Augen, sinnt. Und dies ist, was er sinnt: Mich reinigen? Ich mich? Niemand außer Faustina kann mich vom Mordverdacht reinwaschen. Und darum bin ich verloren. Denn nie und nimmer wird Faustina öffentlich vor einem Gerichtshof zugeben, daß sie mit dem azurnen Schmetterling bemalt wurde. Aus Schamgefühl wird sie lügen und erst recht, weil sie mich haßt ... Don Pietro öffnet die Augen, und ein feuchter Glanz blinkt an den Wimpern. Carlo, Noffo und Santi haben die Degen gezogen; wohl weiß er, daß sie für ihn sterben würden, falls er's verlangte ... Es wäre zwecklos, – rings senken sich zwanzig Hellebarden. Er winkt den Freunden ab. Widerstandslos läßt er sich fesseln und zusammen mit Giuliano in die Torre di Nona, den Kerker der Schwerverbrecher, abführen. Zweites Buch Das Maifest 1 Märzwinde hatten alle Spuren des Windes hinweggestürmt; heiß und kalt und gewitterschwül war der April gewesen. Jetzt zog der Mai in Toscana ein, von den vergnügungssüchtigen Florentinern mit Gesängen, Girlanden und Reigen bejubelt, als wäre der azurne Frühlingstag ein Potentat oder ein Faschingsnarr. Im Morgendämmer des ersten Mai durften Knaben und junge Männer zum Hause der heimlich Geliebten schleichen, ihr einen Blumentopf vors Fenster stellen oder ihr ans Fensterkreuz einen blühenden Akazienzweig befestigen. Das war uralter Brauch, von keinem Geringeren als von Lorenzo il Magnifico besungen. Se tu vuo' appiccare un majo A qualcuna che tu ami ... Und schon in den Morgenstunden entbrannte der Kampf um den Maibaum. Ein jedes Stadtviertel hatte seinen Maibaum. In der Mitte jeder Piazza war ein haushoher buntbewimpelter, mit einem mächtigen Blumenstrauß gekrönter Mast aufgerichtet. Und die Volksbelustigung bestand darin, daß die geschicktesten Klimmer und Klimmerinnen sich abmühen mußten, am glasglatt polierten Maibaum emporkletternd den Blumenstrauß herabzuholen. Den meisten mißlang es; und sie wurden, wenn sie beschämt und verlegen wieder herabkamen, mit schadenfrohem Gelächter von der Zuschauermenge empfangen, von halbwüchsigen Kindern umringt, umtanzt, umhergewirbelt, bis ihnen Hören und Sehn verging. Noch grausamer war der Abschluß dieser Wettkämpfe. Der seiner Blumen beraubte Maibaum wurde vom Volk zum Arno-Ufer geschleppt und in den Fluß geworfen. Ihm nach aber warf man einen Menschen. In der Regel war es ein Mitglied der Florentiner Bettler-Innung oder sonst ein armer Schlucker, der gegen eine Geldabfindung sich bereit erklärte, das freiwillig-unfreiwillige Bad zu nehmen. 2 Zeitiger als andere Knaben und Anbeter – nicht im Morgenrot, sondern schon beim ersten Erbleichen der Nacht – hatte Don Gracia seinen majo zum Fenster seiner geliebten Donna Tolla Fiordespini getragen; nicht jubelerfüllt hatte er es getan, sondern bedrückt von schweren Gedanken. Zwar war das Glück seiner Liebe ungetrübt, und das was sein Gemüt beschattete, lag außerhalb der Sphäre dieses Glückes: keine Spur war zurückgeblieben vom häßlichen Verdacht, den er zur Karnevalszeit gegen seinen Bruder Giovanni und gegen Tolla gehegt hatte; – sanft, streng, unwiderlegbar hatten zuerst Faustinas Worte und später Tollas Küsse ihn von der Treue der Geliebten überzeugt. Doch beinahe gleichaltrig mit seinem Glück wuchs seine Schwermut heran; – denn damals, zwei Tage nach dem Corsini-Ball, wurde La Delfina ermordet, und seit der Zeit schmachtete sein Bruder Pietro in der Torre di Nona, – ein Unschuldiger im Kerker der Schwerverbrecher! ... Ein Medici als Frauenmörder verdächtigt! ... Und ihn zu besuchen war jedermann, selbst seiner Mutter und seinen Geschwistern, aufs strengste untersagt! ... In dieser ausgelassener Festfreude voraufgehenden Nacht melancholisch zu sein, hatte Don Gracia noch mehr Ursache: erkrankt an Sumpffieber und schon seit einigen Tagen bettlägerig war Donna Tolla. In erschreckender Weise hatte nach Cosmos Feldzug gegen Siena, nach der Verwandlung des blühenden Sieneser Gebietes in Wüstenei, die in den Maremmen seit alters hausende Malaria die Grenzen überschritten, war weit nach Toscana vorgedrungen und forderte alljährlich etliche Todesopfer. Sie wütete nicht so sichtbar wie die Beulenpest, hauste nicht wie diese als gnadenloser Todesengel, – denn viele, die ihr verfallen waren, durften gesunden –; dafür aber wanderte sie nicht unstet von Ort zu Ort, zog nicht fort in fremde Länder wie die Pest, blieb vielmehr seßhaft dort, wo sie sich niedergelassen hatte, und ließ sich nicht vertreiben ... 3 Den Weg durch das nachtdunkle Florenz hat nunmehr Gracia ohne Zwischenfall zurückgelegt, – kohlschwarz ragt vor ihm die zyklopische Fassade des Palazzo Fiordespini empor. Nicht schwer fällt es dem turngeübten Knaben, an den Rustica-Quadern hinaufzuklimmen bis zu dem im ersten Stockwerk gelegenen Zimmer Tollas. Während er den blühenden Akazienzweig am Fensterkreuz befestigt, öffnet sich das Fenster, und nur mit einem Nachthemd bekleidet, lehnt sich die kranke Tolla zu ihm heraus, schlingt die nackten Arme um ihn und bittet ihn flüsternd, zu ihr hereinzusteigen. An ihren glühenden Wangen und fiebrigen Worten merkt er, daß sie kränker ist, als er dachte. Wie gern auch er der Aufforderung folgen möchte, er versagt es sich aus Rücksicht auf sie und ihren fast lunatischen Zustand; mit vielen Koseworten lehnt er es ab. Doch sie hört nicht auf zu drängen: die Gelegenheit sei so günstig, da ihre alte Wärterin, die im Nebenzimmer wachen sollte, eingeschlafen sei. Er steigt zu ihr hinein. Erfröstelnd legt sie sich in ihr Bett. In einer Tasse auf dem Tisch schwimmt ein kleines Nachtlicht auf Öl, dessen gespenstischer Schatten über alle Dinge im Raum einen gelblichen Schleier breitet, sie kaum, kaum sichtbar und zugleich unwirklich macht, – so unwirklich wie sonst nur Mondschein die Welt verzaubert. Gracia hat sich auf den Bettrand gesetzt. Und plötzlich ist ihm, als sähe er Tolla zum erstenmal, als sähe er zum erstenmal, wie namenlos traurig, wie schmerzensbleich sie ist. Als ob sie seine Gedanken erriete, zwingt sie sich zu lächeln. Ihre Zähne sind weiß wie Schnee, ihre Lippen, eben noch fieberrot, sind elfenbeingelb geworden, – müde ist ihr Lächeln, hoffnungslos, eine Todesahnung. Und zu scherzen versucht sie: getreuer als er sei ein Traum von ihm, der Nacht für Nacht sie besuchen kam anstelle seiner. Schmollend klagt sie, daß sie ihn so lange nicht sah, daß er erkaltet sei gegen sie. Vor ihren Händen, die sich demütig nach ihm ausstrecken, vor ihren lechzenden Lippen weicht er zurück, obgleich ihm bewußt ist, daß in Paradies und Hölle nichts diesem herrlichen Munde gleichkommt. Da wirft sie ihm Feigheit vor: er fürchte die Ansteckung des Sumpffiebers, er fürchte, krank zu werden durch ihre Küsse! ... Das bricht seinen Widerstand. Er verbringt die Nacht bei ihr. Allzuspät, fast schon bei Tageshelle verläßt er sie. Auf der Gasse begegnen ihm mehrere Maskierte; schnell will auch er sich unkenntlich machen, merkt aber zu seinem Schrecken, daß er seine Gesichtsmaske bei Tolla liegen gelassen hat. Daher wird er von jenen erkannt, während er nicht weiß, wer sie sind, die hinter ihm her höhnend seinen Namen rufen. 4 Wie die meisten Friseure seit den Zeiten Simsons, des tragischen Verächters ihrer Kunst, war auch der barbitonsore Messer Aliprando ein Berichterstatter, ein Reporter, durch dessen redseligen Mund die Tagesneuigkeiten – in Ermangelung von Zeitungen – den Weg ins Publikum fanden. Seine Geschwätzigkeit und Zungengeläufigkeit hielten der Antonio Martellis die Waage, nur daß ihm der Bilderreichtum des Kleinen Walfisches abging. Er gehörte zum Dienertroß des Palazzo Pitti. Einzig und allein für die Mitglieder des Herzogshauses war er da, – niemals hätte er seine geheiligte Schere an anderen Haaren profaniert. Und selbst die geringe Zahl der von ihm täglich Verschönten war neuerdings zusammengeschrumpft – denn Don Francesco, der älteste Sohn des Duca, weilte am Madrider Hof (wo er die arte de prudencia: die Kunst, eleganten Hochmut zu zeigen und Gedanken zu verbergen, erlernte), und Don Pietro ließ hinter Kerkermauern Bart und Locken ins Kraut schießen. Daher beschränkte sich Messer Aliprandos Tagesarbeit darauf, Cosmo, Don Gracia und dem vierzehnjährigen Don Ernando die Haare zu stutzen, zu waschen und zu bürsten. An diesem Maitag war er früher als sonst zum Duca und zu Don Ernando gerufen worden. Als dann, parfümiert, gestutzt, geschniegelt der älteste und der jüngste Medici den Festtrubel zu betrachten sich in die Stadt begeben hatten, stand Messer Aliprando im Vestibül herum, gewärtig, zu Don Gracia beschieden zu werden. Da erfuhr er von einem Pagen: Don Gracia sei spät von einem Ball heimgekehrt, wünsche auszuschlafen und habe angeordnet, daß man ihn nicht vor neun Uhr wecke. Das ließ sich der Haarkräusler nicht zweimal sagen, – beglückt eilte er auf die Straße. Ihm blieben ja drei Stunden, sich im Festgewühl umherzutreiben, sich das Aufrichten und Erklettern der Maibäume, das Umherziehen der Maikönigin und ihrer blumengeschmückten Gefährtinnen anzuschaun und im Vorbeigehn wie ein geschickter Taschendieb Neuigkeiten einzuheimsen. Pünktlich um neun Uhr betrat er das Ankleidezimmer Don Gracias, bewaffnet mit Haarbürste, Kamm und Schere. Zu echauffiert und mitteilungsbedürftig war er, als daß ihm das übernächtige Aussehn des Prinzen auffiel. Während er, die Schere geräuschvoll auf- und zuklappend, zu schneiden begann, erwähnte er wie beiläufig, es habe sich etwas ganz Unerhörtes zugetragen, – begab sich jedoch sofort auf ein anderes Gleis, indem er sich mit großem Wortschwall in Lobpreisungen über den guten Geschmack der Frauen von Florenz erging, die zur diesjährigen Maikönigin Donna Faustina erwählt hatten. Und unvermittelt sprang seine Rede über auf Cosmos angekündigten Kopfsprung in den Arno, – den ersten in diesem Jahr. Es war ein Kunstgriff des Friseurs, daß er mit nichtssagendem Geschwätz begann, um dann unversehens eine Sensation wie eine Bombe ins Gespräch zu werfen. »Weiß Euer Gnaden, was es bedeutet, wenn man einer Jungfrau statt einer blühenden Maie eine scheußliche Strohpuppe ans Fensterkreuz hängt?« »Nein. Was bedeutet es denn?« »Daß die Jungfrau schwanger ist. Zu Hohn und Schimpf wird die Vogelscheuche angebracht, damit die am Hause Vorbeigehenden erfahren, daß es dort stinkt. In meiner Jugend habe ich zuweilen – doch immer nur in den ärmeren Stadtvierteln – so einen Popanz zwischen Mond und Erde baumeln gesehn. So lange aber Florenz steht, ist es gewiß nie vorgekommen, daß man einer adligen Damigella eine Strohpuppe ans Palastfenster gehängt hat, – wie es heute früh geschah.« »Wo ...?« »Am Palazzo Fiordespini. Nicht wahr, man möchte es gar nicht für möglich halten! Welch eine Schmach für die stolze Familie! Aber Leute, die es wissen können, haben mir versichert, daß tatsächlich Donna Tolla de'Fiordespini schwanger ist.« Don Gracia erstarrte. Von einem Spartanerknaben wird berichtet, daß er, um einer Strafe zu entgehn, sich die Brust und die Eingeweide zernagen ließ durch einen Fuchs, den er gefangen hatte und versteckt unter seinem Mantel trug; – daß er Leber, Lunge und Herz von Fuchszähnen zerfleischen und zerfressen ließ, ohne mit einem Laut, einer Bewegung oder dem Ausdruck seines Gesichtes die tödlichen Qualen zu verraten. So stoisch vermochte auch Gracia zu sein. Seine Seelenqual war ein gespenstischer Fuchs, der ihm die Brust zerriß; – doch von seinem Vater hatte er die Fähigkeit geerbt, mit einem unenträtselbaren Monalisa-Lächeln auf den bewegungslosen Lippen Unmenschliches zu ertragen. Sein Instinkt dachte geschwinder und weiter, als in diesem Moment sein Verstand hätte denken und überlegen können: um sein und der Geliebten Leben ging es; – verriet er sich, so verriet er sie ... »Saht Ihr mit eignen Augen die Strohpuppe, Messer Aliprando?« »Freilich – so leibhaftig wie ich Euer Gnaden sehe. Und mit eignen Ohren habe ich gehört, was man sich vom Vater des schwangeren Fräuleins erzählt: erdolchen wollte der Wüterich die Ärmste.« Grausam beißen die Zähne des Fuchses ins Herz des Knaben – doch in gleichgültigstem Tone fragt er: »Von wem hörtet Ihr das, Messer Aliprando?« »Von einem Reitknecht, der vor dem Haustor stand. Töten wollte der Alte die Donna Tolla. Doch ihre Mutter hat es verhindert: er dürfe dem Tod nicht in den Arm fallen, dem die Tochter vielleicht sowieso verfallen sei – (sie ist nämlich an Sumpffieber erkrankt). Nun will der Alte erst die Genesung des Fräuleins abwarten und will sie dann in ein Frauenkloster schaffen ... Was sagen Euer Gnaden zu solchem Skandal? Eine Dame aus so vornehmem Hause! – Ist es menschendenkbar? Der Reitknecht erzählte mir auch, wer sie ins Unglück gebracht hat.« Noch immer lächeln die schönen Lippen des Knaben. »Wer hat die Dame ins Unglück gebracht?« »Der Karneval –: der sucht sich alljährlich ein Opfer unter den Schönsten – sagte mir der Reitknecht ... Wie es mit ihr bestellt war, sei längst zu sehn gewesen, meinte er; nur die sahn es nicht, die es am meisten anging ...« 5 An diesem Maimorgen trat ein ärmlich gekleideter alter Mann aus einem Hause, das zu ebner Erde eine Goldschmiedewerkstatt und einen Laden hatte, in die Borgo de'Greci genannte Gasse hinaus. Vom Juwelierladen waren es nur wenige Schritte bis zur Piazza di Santa Croce, wo der nächste Maibaum stand. Der alte Mann humpelte gebückt, auf einen Stock sich stützend, Santa Croce zu. Seinen hungrigen Augen wollte er einen Schmaus gönnen, mußten schon seine Hände heute ruhen. Des Maifestes wegen hatte ja der junge reiche Goldschmied, bei welchem der alte Mann arbeitete und wohnte, für den heutigen Tag die Werkstatt sowohl wie den Laden geschlossen. Auf Käufer und Besteller war ohnedies an einem Festtag nicht zu hoffen, – weniger noch als sonst. Der Alte im zerschlissenen Rock war Benvenuto Cellini. Einst hatten Könige, Kardinäle und Päpste mit ihm wie mit ihresgleichen verkehrt; und – mehr als das, – der König der Könige, il gran Michelangelo divinissimo, hatte ihn in sein düsteres Herz geschlossen. Erst acht Jahre war es her, daß Cellini der Welt seinen Perseus geschenkt hatte, – der Welt und seiner Vaterstadt Florenz. In die Wolken war er gehoben worden von den Florentinern, von seinem Gönner Cosmo und sogar von seiner schönen Widersacherin, der damals noch gesunden Duchessa Eleonora. Es gab damals in der Stadt kein Kind, das den berühmten Meister nicht kannte, keine Jungfrau, die nicht mit strahlenden Augen ihn anblickte, keinen Nobile, der nicht ehrfurchtsvoll den Hut vor ihm zog. Ein Absturz aus solcher Höhe wäre ein Ikarus-Schicksal gewesen, tragisch und schmerzvoll – aber nicht trostlos wie der allmähliche, unaufhaltsame Abstieg in schmutzige Dürftigkeit. Für den in zehnjähriger Arbeit entstandenen Perseus hatte Cellini zehntausend Scudi gefordert. Cosmo jedoch feilschte – er, dem kurz zuvor ein Smaragd aus Java 200 000 Scudi d'oro wert gewesen war. Nur der dritte Teil der Forderung wurde Cellini bewilligt, d.h. versprochen – denn auf den Tisch gezahlt erhielt er den Betrag nicht und mußte sich mit kleinen Ratenzahlungen zufrieden geben. Und da diese nicht immer pünktlich erfolgten, nahm er sich heraus – hitzig und maßlos wie er sein Lebtag gewesen –, nicht den Säckelmeister, sondern den hohen Gönner, Sua Eccellenza Illustrissima, zu mahnen. Darüber kam es zu Verstimmungen und schließlich zum Bruch. Ein Landstreicher und Messerheld, genialer Stilist und gottbegnadeter Erzgießer, der die Gastfreundschaft von Königen genossen und an königlichen Prunk gewöhnt war, hatte Cellini niemals zu rechnen verstanden. Die spärlichen Zahlungen des Duca sickerten ihm wie Sand durch die Finger. Aufträge blieben aus. Das Haus, das ihm Cosmo geschenkt hatte, mußte verkauft werden. Die auf herrlichen Irrfahrten gesammelten Kunstschätze und Köstlichkeiten wanderten zum Geldverleiher. Um nicht zu verhungern, wurde der große Bildhauer ein kleiner Goldarbeiter und kehrte in den Morast zurück, aus welchem er – vor mehr als vier Jahrzehnten – wie ein meteorhelles Irrlicht aufgestiegen war. Er endete, wo er als Knabe begonnen hatte, Goldblech und Golddraht mit dem Grabstichel punzend und stanzend. Aber eine eigene Werkstatt sich einzurichten erlaubte ihm seine Armut nicht. Es war schon Glücks genug, daß ihm der junge Juwelier im Borgo de'Greci ein Hundeloch zum Schlafen und einen Amboß zum Hämmern vermietete. 6 Wie wüst sie tobten und lachten auf der Piazza und um den bewimpelten Mast einen wahren Kirmesreigen aufführten! Nicht einer von ihnen – (dachte herankommend Cellini) –, nicht einer von diesen Hunderten wird wissen, wer ich bin ... Nein, wer ich war ... Denn bin ich noch ich? ... Und eine teuflische Hoffnung beschlich ihn, die Vergeßlichkeit und den Undank der Menschen feststellen zu können – wenn er, wie ein Entsargter, unter sie treten würde, von niemand erkannt. Aber noch ehe er das ausführen konnte, noch ehe er humpelnd die Piazza erreichte, wurde er dennoch erkannt. Ihm entgegen kam ein hagerer Mann in schwarzer Hoftracht, mit gestepptem Wams, seidenen Strümpfen und spanischer Halskrause. Er war ein schwermütig dreinblickender, nicht mehr junger Mensch, wohl an die zwei Lustren jünger als der zweiundsechzigjährige Cellini. Indes während dieser, als Folge eines an ihm verübten Giftmordversuches, die aufrechte Haltung eingebüßt hatte und des Krückstabes bedurfte, schritt jener noch einigermaßen elastisch einher. Auch war er peinlich adrett in seiner äußeren Erscheinung. Gebückt freilich ging er gleichfalls, bedrückt von der Last einer geheimen Sorge. Tiefe Furchen hatte Leid in sein gelbsüchtiges Antlitz eingekerbt. Er mochte wohl Zerstreuung beim Maibaum gesucht und nicht gefunden haben, daß er so mißvergnügt der Piazza den Rücken kehrte ... Als er in der Gasse an Cellini vorbeiging, blieb er plötzlich wie vom Donner gerührt stehn. »Messer Benvenuto ...! Seid Ihr das?« Ärgerlich funkelten ihn Cellinis Feueraugen an. Ein Gespenst soll man nicht anreden, schon gar nicht ein menschenfeindliches, das sich von der Gedankenlosigkeit der Welt eine diabolische Genugtuung erhofft. Was brach dieser Mensch in seine unantastbare Verlassenheit ein, wer gab ihm ein Recht dazu? ... Schon wollte Cellini ohne Antwort seinen Weg fortsetzen. Doch plötzlich wurden seine eben noch hochmütigen Züge weich. Freundlich ergriff er die ihm hingestreckte Hand und schüttelte sie. »Agostino Selmi! ... Ihr, wahrhaftig! ... Wie mich das freut! – nach so langer Zeit! ... Laßt sehn, wie schaut Ihr aus? – abgemagert seid Ihr und fröhlich blickt Ihr nicht drein ... Ja, ja, jeder trägt sein Kreuz, und die bleiernen sind nicht leichter als die goldenen ... Was fragtet Ihr doch gleich? – ob ich das wirklich sei? Ich weiß es nicht, ob ich noch ich bin. Bei Gott, ich weiß es nicht ... Aber eins weiß ich: Cosmo ist noch Cosmo und wird Don Pietro hinrichten lassen; – er wird das Bluturteil unterschreiben, ohne mit der Wimper zu zucken.« »Wenn es Gott nicht verhütet. Doch das wäre dann ebenso entsetzlich ...« »Was wollt Ihr damit sagen? Daß ewiger Kerker ebenso schrecklich wäre wie – – –« »Nein, nein, so meinte ich es nicht.« »Also meint Ihr, daß Don Pietro dennoch schuldig ist?« »Das denke ich ganz gewiß nicht. Und wenn La Delfina lebte, würde sie ihn nicht anklagen. Doch das eben ist es, daß eine Tote anklagt, die verflucht ist, ewig zu schweigen ... Es ist der grausamste Fluch, zum Schweigen verurteilt zu sein, Messer Benvenuto! ... Ach, Ihr könnt mir glauben: das alles ist weit dunkler noch und unentwirrbarer, als die Menschen ahnen ... Cosmo haßt Don Pietro, das erschwert es so ... Und die Florentiner hassen Don Pietro, weil er die kleine Martelli auf dem schneebedeckten Dache tanzen ließ, und fordern seinen Kopf. Und da der Prozeß schon so lange dauert, wirft das Volk dem Duca Ungerechtigkeit vor: er wolle seinen Sohn retten ...« »Sagt mir eins, Messer Agostino. Wer hält die schützende Hand über Don Pietro?« »Wenn es Gott nicht tut, weiß ich niemand.« »Doch, doch, der Prinz muß mächtige Freunde haben. Die haben den Hauptbelastungszeugen verschwinden lassen.« »Wen meint Ihr, Messer Benvenuto?« »Einen gewissen Guerzolo, den Pagen der Dichterin. Er hat vor der Untersuchungskommission ausgesagt, daß er Don Pietro ins Haus La Delfinas hineingehn sah – genau zur fraglichen Stunde. Doch seit das im Protokoll aufgezeichnet wurde, ist der Guerzolo in Florenz nicht mehr gesehn worden. Man hat ihn beseitigt – über die Grenze geschafft oder anders ...« »Möglich und auch nicht, Messer Benvenuto! Der Page kann bestochen worden sein, so auszusagen, und kann bestochen worden sein, sich aus dem Staub zu machen. Beides ist gleich schlimm für Don Pietro ... Ach, da sind noch ganz andere Dinge, unterirdische und überirdische, die hineinspielen und die Schale senken. Geradezu als ob lauter Dämonen sich verschworen hätten, den Knäuel zu verwirren ... Das furchtbarste wird die Entwirrung sein ... Nein, fragt nicht. Ich bin des Duca Diener, und meine Pflicht ist, zu schweigen wie die Tote, wenn es mir auch das Herz abfrißt.« »Mit andern Worten: Cosmo wird ihn köpfen lassen! Ein Vater den eignen Sohn! ... Ich möchte mit Cosmo nicht tauschen – für alles Gold Perus nicht! ... Mich schaudert, wenn ich an das Knäbchen von einst denke, – entsinnt Ihr Euch noch, wie er mir die Vase zerschmiß, der kleine Pietro? – Ihr habt ihn ja geliebt wie ich ... Hört, seit langem habe ich mich danach gesehnt, mit einem Menschen – so einem wie Ihr einer seid – reden zu können. Doch hier vernimmt man ja sein eigenes Wort nicht. Kommt mit mir, Messer Agostino, – wenn Euch der Stall, worin ich hause, nicht zu dreckig ist ... Der Marsala wenigstens, den ich Euch einschenken will, wird sauber sein; – und ob die Flasche spinnwebgrau und verstaubt ist wie der alte Benvenuto Cellini, – kommt es darauf an?« 7 Eng war die Kammer Cellinis, so eng, daß er auf seinem Bett sitzen mußte, um den einzigen Stuhl dem Gast zu überlassen. Dürftig sah es rings aus, verwahrlost, – und dennoch flutete ein unbestimmbares Etwas im Raum, gab ihm Weihe und bezeugte, daß kein alltäglicher Geist hier hause. Mehr schwarz als weiß, obgleich aus Gips, saß ein kleiner Gott in einer Ecke: das Modell war's eines Kronos, des Gottes der Zeit, mit Sense und Sanduhr. Von der Wand herab grinste eine Faunmaske. Und auf Wandborten standen Wachsfigurinen, Skizzen, Entwürfe – so der zum nie ausgeführten Neptunbrunnen – und andere wächserne Schmerzenskinder einer lahmgelegten Phantasie. Fingerdick lagerte Staub auf den kleinen Köpfen, Schultern, Armen, Nacken und Füßen; es war ersichtlich, daß keine sorgende Frauenhand die Spuren der Zeit und ihrer rastlos sickernden Sanduhr verwischte ... »Ja, ja, ich wohne in meinem eignen Sarge, Messer Agostino, – zwei Schuhe weit und drei Hand breit. Ich war mein eigner Totengräber. Viel enger und niedriger kann ein Sarg nicht sein!« sagte Cellini, die Gläser einfüllend, zu seinem Gast. Agostino Selmi war einst Priester in der Romagna gewesen. Bei einer Fehde der Colonna gegen die Orsini hatte ein Colonnascher Räubertrupp seine Diözese in eine Wüste verwandelt. Er schwor Rache, legte die Soutane ab, kämpfte auf seiten der Orsini – (Räuber, die den gegnerischen Schnapphähnen nicht nachstanden) –, zeichnete sich aus, verdiente sich als Buschreiter die Sporen. Später verschlug das Geschick den priesterlichen Capitano nach Toscana und an den Medicäerhof, wo er Aufseher der Pagen wurde und sie in der Handhabung des Floretts, des Dolches und der Armbrust zu unterrichten hatte. In seinem Beisein geschah es, daß der junge Page Malatesta Malatesti – (der heimliche Gatte der Tochter Cosmos, Prinzessin Maria de'Medici) – beim Zielschießen mit der Armbrust einen anderen Pagen versehentlich erschoß. Während der unglückliche Malatesta Malatesti, zu lebenslänglicher Kerkerhaft verurteilt, eines bloßen Unglücksfalls wegen das ärgere Vergehen büßte, ein Fürstenkind geküßt zu haben, entzog Cosmo Agostino Selmi seine Gunst nicht und erteilte ihm bloß den Verweis, allzu weichherzig habe er die Bluttat Malatestas beschönigen und die Schuld auf sich nehmen wollen ... Das war vor fünf Jahren geschehn. Kurze Frist hernach hatten die Pagen einen andern Aufseher erhalten; der einstige Priester und Räuberhauptmann aber war mit dem ehrenvollen Amt betraut worden, den heranwachsenden drei Söhnen des Duca, den Prinzen Don Francesco, Don Pietro und Don Gracia, im Florettfechten und anderen Waffenkünsten ein Lehrer zu sein. Aufregend, bezaubernd und unheimlich war es gewesen, die drei schönen Kinder im Töten zu unterrichten ... 8 Einem seiner gipsernen Götter, der ein entthronter Gott war wie er, dem aus dem Olymp verjagten Kronos, glich Cellini mit seinem silbernen, bis zum Nabel herabwallenden Bart, seiner langen geraden Nase, seinen kohlschwarzen, Blitze schleudernden Augen. Selmi dagegen war blauäugig und bartlos; – sein Asketenkopf erinnerte an Donatellos Niccolò da Uzzano (wenn er nicht an einen Sklaven der römischen Kaiserzeit erinnerte). Er hüllte sich in ein lugubres Schweigen und hielt den Zeigefinger an den Mund, wie um sich zu vergewissern, daß das Schloß an seinen Lippen noch verschlossen sei. Viele Fragen überhörte er absichtlich und blickte, statt Antwort zu geben, mit zerquälten Augen den Fragenden an. Eingefriedet hatte er gewisse Heimlichkeiten und erlaubte nicht, durch die Zaunpfähle zu spähen. Um so bereitwilliger erteilte er über mancherlei, was außerhalb dieser Schranke war, Auskunft, wurde sogar redselig. Zu Beginn der Unterhaltung sah sich Cellini genötigt, Monologe zu halten, wollte er nicht wie ein stummer Fisch seinem Gaste gegenübersitzen. »Pitti betrete ich nur noch in bösen Träumen. Und die Hofgesellschaft erwidert meine Besuche auf ebenso ätherische Weise. Wie soll also unsereins hinter die Schleier blicken? Doch ein Juwelierladen ist zum Glück ein Magnet für Schwätzer, wenn auch nicht für Käufer; – so erfährt man denn hin und wieder einiges, mag es wahr oder erlogen sein ... Also Cosmo hat ein geheimes Tribunal ernannt, eine besondere Kommission für den Prozeß? – Und das sei, wurde mir gesagt, das einzige, was er für das Wohl seines Sohnes getan? – Ist es so?« Nach einer Pause ließ Cellini die Faust auf den Tisch fallen, daß die Gläser tanzten. Selmi zuckte zusammen, behielt aber den Finger am Mund. Vielleicht bereute er bereits, daß er auf der Gasse zu viel gesagt hatte ... »Ihr schweigt, Messer Agostino? Dann wird es wohl so sein. Wir werden von Jahr zu Jahr andere, doch er ist nie ein anderer geworden ... Und Hoftrauer wurde für den Prinzen nicht angesagt? Der Duchessa, die anfing, in Trauertracht zu gehn, wurde es verboten? Stimmt das, Messer Agostino? Ja oder nein? ... Nun, es wird ja wohl stimmen. – Und auch das hörte ich, daß der arme Prinz von niemand im Gefängnis besucht werden darf – nicht einmal von seiner Mutter und seinen Brüdern; auch daß bei Hofe über ihn nicht gesprochen werden darf. Ist das richtig oder falsch?« »Ich wünschte, es wäre falsch, Messer Benvenuto! ... Ach, über den Ärmsten nicht sprechen zu dürfen, ist grausam schwer; – nicht nur für mich!« »Nicht nur für Euch – das weiß ich. Ihr werdet Euch wundern, woher ich das weiß ... Ja, Euch wundern werdet Ihr, wenn ich Euch sage, wer mich besucht hat und nicht etwa als Traumgestalt. O nein. Er war Fleisch und Bein.« »Wer? Doch nicht der Duca?« »Gebt Euch keine Mühe, es zu raten – Ihr könntet es nie und nimmer ... Don Gracia war bei mir.« »Wann?« »Es kann drei Wochen her sein ... Glaubt Ihr mir's: – die heißen Tränen rannen mir über die Backen, wie ich ihn so erwachsen vor mir stehn sah! Mein Gott, ich habe ihn gekannt, als er fünf Jahre alt war. Er und seine Geschwister stachen mich mit Stecknadeln, wenn ich in Pitti bei der Arbeit saß. Keinen Deut taten mir die Stiche weh, – so vernarrt war ich in die Kinder; und am meisten in Don Gracia! Und wie hing das Rotznäschen an mir! Ich kann's beschwören, daß Cosmo mehr als einmal eifersüchtig wurde, weil das Knäbchen sich lieber von mir Huckepack tragen lassen wollte als von ihm.« »Hat Don Gracia Euch sonst besucht?« »Seit vielen Jahren nicht mehr ... wohl seit dem Krieg mit Siena ... Er ist mir entwachsen – bald wird er ja ganz erwachsen sein ... Ein Prinz kann nicht immer ein Rotznäschen bleiben. Wer wird ihm das verübeln? Wir Alten werden ja auch andere ... Damals, als er mich mit Stecknadeln stach, war er so engelsanft und mädchenhaft, daß ich hätte wetten können, Gott habe ihn zum Kardinal ausersehn – weit eher ihn als seinen liebenswürdigen doch eigensinnigen Bruder Giovanni ...« »Und was sagte er, als er zu Euch kam?« »Er kaufte mir einen Ring ab. Ich merkte wohl, daß das ein Vorwand war. Ganz unvermittelt fragte er mich, ob ich Don Pietro einer solchen Scheußlichkeit für fähig hielte. Pietro sei gewiß ein toller Bursche, aber es sei doch unvorstellbar, daß er eine bluttrinkende Bestie sei, eine Hyäne ... Was ich davon dächte?« »Hat Gracia das gesagt? ... Und was erwidertet Ihr?« »Daß der Verdacht mir wahnsinnig vorkomme. Ich bin nicht gut auf die Medici zu sprechen; – aber das steht für mich fest: ein Medici, selbst ein verlotterter Medici, tut solches nicht. Zugegeben, daß uns Florentinern die Dolche locker in den Scheiden sitzen; ich selbst, Gott vergebe es mir, habe Blut vergossen und Dolche gezückt; – doch immer nur, um damit Ehre einzulegen, meine Ehre zu verteidigen, nicht um meine Ehre in den Schmutz zu ziehen ... Zugegeben ferner, daß Don Pietro in eine lose Gesellschaft geriet und wüster als andere sich die Hörner abstieß. Doch wenn ihm auch allerlei Exzesse, Liederlichkeiten und schlimme Raufhändel zuzutrauen seien – so doch niemals die feige Hinschlachtung einer wehrlosen Frau, der er wie einem Osterlamm die Kehle durchschnitten haben soll.« »Der Mörder, wer er auch sei, ist bedauernswerter als sein Opfer, Messer Benvenuto.« »In Euch, lieber Freund, steckt noch immer der Pfarrer von einst, – Ihr seid ein frommer Mann, darum denkt Ihr so. Das brächte ich nicht fertig, solch ein Untier zu bedauern! Ihr hättet hören sollen, wie Gracia davon sprach, mit welcher Abgefeimtheit und Roheit die Tat ausgeführt wurde. Und wie erträgt, ohne sich dem Gericht zu stellen, solch ein Schuft die Gewissenslast, daß ein unschuldiger Prinz an seiner Statt leidet! Und wie unsäglich leiden die Angehörigen des Prinzen! Wie nimmt Gracia sich das alles zu Herzen! Dort auf dem Stuhl hat er gesessen und geschluchzt über das Los seines Bruders ... Ja, das war zum Erbarmen!« »Hat er viel geweint?« »Zwischendurch lachte er dann wieder knabenhaft. Er ist ja noch ein halbes Kind ... Es schien ihm eine Erleichterung zu sein, daß ich nicht schlecht von Pietro denke. Er war wohl auch froh, mit mir reden zu können, – über das, was bei Hofe zu reden verboten ist ... Unter Mordverdacht, sagte er, stehe, außer seinem Bruder, auch noch ein gewisser Giuliano, ein Cypriote; und wenn einer der zwei Verdächtigen überführt würde, so würde es für den andern die Rettung sein. Doch meinte Gracia, der Giuliano sei ebenso unschuldig wie Don Pietro und werde aus keinem andern Grunde noch in Haft behalten, als weil eine Donna Semiramide Albizzi ihn belaste. Erstaunt fragte ich ihn, wie er das alles in Erfahrung gebracht habe, da doch im Palazzo Pitti von diesen Dingen zu sprechen nicht erlaubt sei. Er entgegnete: in den ersten Tagen nach seines Bruders Verhaftung sei das Schweigegebot noch nicht erlassen gewesen ... Vielleicht hatte er meine Frage als ein Zeichen von Mißtrauen aufgefaßt und war gekränkt, denn er brach wieder in Tränen aus. Doch plötzlich bemerkte er die groteske Faunsmaske da; er nahm sie von der Wand und bemühte sich, ebensolche Grimassen zu schneiden. So halb weinend und halb lachend klagte er: die Lage sei besonders deshalb so verzweifelt; weil Pietro sich weigere, die Fragen des geheimen Tribunals zu beantworten und nichts zu seiner Verteidigung vorbringe. Und furchtbar sei es, daß sein Vater auf dem Standpunkt stehe: der einst von ihm verstoßene Sohn sei sein Sohn nicht mehr, existiere nicht für ihn. Der alte Groll habe Cosmos Herz so verhärtet, daß er dem Tribunal freie Hand läßt und sich um den Prozeß überhaupt nicht kümmert.« »Das alles, Messer Benvenuto, ist richtig – bis auf die letzten Worte. Denn nur scheinbar kümmert sich Cosmo nicht um den Prozeß. Daß nun schon seit Monaten die Untersuchung nicht recht vom Fleck kommt, liegt zum Teil daran, daß wichtige Zeugen außerhalb des Landes weilen. Die Freunde Don Pietros – Messer Carlo Panciatichi, Messer Santi di Piero di Vettino und Messer Noffo Carnesecchi delle Ruote – flohn nach der Romagna und können nicht herbeigeschafft werden. Diplomatische Schritte beim Römischen Stuhl sind eingeleitet, und Seine Heiligkeit hat zugesagt, die drei kommissarisch vernehmen zu lassen – vorausgesetzt, daß man ihren Aufenthaltsort ausfindig macht. In Briefen beteuern sie Don Pietros Unschuld; – doch was beweist das? Die Briefe könnten gefälscht sein, und wenn sie aus Orvieto oder Rom abgesandt wurden, so besagt das nicht, daß sich die Schreiber dort aufhalten ... Das ist der eine Grund, warum der Prozeß so langsam voranschreitet.« »Und der andere Grund, Messer Agostino?« 9 Für eine Weile versank Selmi wieder in seine lugubre Schweigsamkeit. Als er dann, gleichsam erwachend, aufblickte, umspielte ein Lächeln seine dünnen Lippen. »Ihr habt mir das Schloß von den Lippen genommen, ohne daß ich eigentlich zum Sprechen kam. Da Ihr schon so viel wißt, tue ich kein Unrecht, wenn ich Euch mehr sage; – schon darum nicht, weil dies nicht Don Pietro betrifft, sondern jenen Giuliano. Freilich sind beider Schicksale so verknüpft, daß man den einen nicht betrachten kann, ohne hinter ihm das Schattenbild des andern zu sehn ... Es liegt dem Duca daran, Zeit zu gewinnen, er geht alten verwischten Fährten nach, die sich nicht schnell – wenn überhaupt aufstöbern lassen. Heimlich – (alles tut er heimlich und ahnt nicht, daß das Verborgene sich schwerer verbergen läßt als das Offene!) –, heimlich hat er zwei seiner Diener in zwei ferne Länder geschickt, Erkundigungen einzuziehn. Wozu er das getan hat, was er vorhat, ob er Giuliano töten will, um Pietro zu retten, oder umgekehrt – kein Mensch weiß es. Er hat zwei Eisen im Feuer, um damit vielleicht Giuliano den Kopf vor die Füße zu legen – falls er ihn nicht zum Ritter damit schlägt.« »Ihr sprecht in Rätseln, Messer Agostino.« »Ist's ein Wunder, wenn man von Rätseln in Rätseln spricht? Daß der so kluge und nüchtern denkende Duca auf seine alten Tage plötzlich zum Phantasten wurde und einem Phantom nachjagt, – ist es nicht rätselhaft? Und ist es zu begreifen, daß er die Leiden seines Sohnes nicht nur nicht abkürzt, sondern verlängert, weil der andere – sein Sohn sein könnte?« »Der Cypriote Giuliano? – sein Sohn?!« »Oder des Duca Alessandro Sohn.« »Wie kommt Cosmo darauf? ... Ist das durch den Prozeß aufgedeckt worden?« »Nicht eigentlich durch den Prozeß. Ein merkwürdiger Zufall hat da die Hand im Spiele. Am Vorabend der Ermordung La Delfinas wurde in der Via San Gallo ein Diebesnest ausgehoben. Ihr werdet davon gehört haben, daß die Perlenkette der Duchessa gestohlen wurde.« »Und ob ich davon gehört habe! Das war ein frommer Spitzbube, der mit solch einem Rosenkranz beten wollte!« »Nun, als die Sbirren den Dieb nebst seiner Sippschaft festnahmen, fanden sie, außer dem entwendeten Perlenband, auch Aufzeichnungen eines Verstorbenen, eines venezianischen Hauptmanns, aus denen hervorgehn soll, daß der Giuliano von hoher Abkunft, vielleicht sogar ein Medici ist. Weiteres, was in den Papieren nicht stand, hat seitdem der Perlendieb in der Folter vorgebracht – vielleicht weil er merkte, wohin die Fragen der Inquisitoren zielten. Der verstorbene Venezianer, versicherte er, habe den Giuliano nach Florenz gebracht, um auf abgefeimte Weise sich an Seiner Eccellenza zu rächen.« »Und welchen Grund hatte ein Venezianer, sich an Cosmo rächen zu wollen?« »Das wird Euch weniger unglaubwürdig erscheinen, wenn ich Euch den Namen des Venezianers nenne. Es war Jacopo Malatesti, der Bruder des unglücklichen Malatesta Malatesti.« »So, so, – jetzt fange ich an zu begreifen ... Wie aber wollte er sich rächen?« »Das müßt Ihr den Verstorbenen fragen, Messer Benvenuto ... Zuerst hatte der Perlendieb den Giuliano für einen Enkel der Catarina Cornaro ausgegeben; – das widerrief er auf der Folter und behauptete: auf dem Sterbebett habe ihm Jacopo Malatesti das Geheimnis anvertraut, Giuliano sei der von Chaireddin Barbarossa entführte Sohn des Duca Alessandro.« »Das ist doch schier unmöglich! Die Leiche des kleinen Prinzen wurde ja von den Seeräubern in einer Truhe nach Florenz geschickt. Kardinal Cybò und Cosmo haben das Kind wiedererkannt.« »Den gleichen Einwand hat auch Seine Eccellenza gemacht. Da jedoch die Möglichkeit nicht ganz von der Hand zu weisen ist, daß eines fremden Kindes Leiche, gekleidet wie der kleine Prinz, in die Truhe gelegt worden war, verfolgt der Duca auch diese Spur.« »Auch? ... Und welche andere noch?« »Falls es wahr ist, daß Mediceerblut in Giulianos Adern fließt, so könnte er z.B. auch der Sohn Lorenzinos sein. Diese Vermutung freilich hat Seine Eccellenza sogleich wieder aufgegeben, leben doch noch zu viele Zeugen, die beschwören können, daß zugleich mit Lorenzino das Kind umkam. Nein, wie gesagt, dieser Gedanke wurde fallen gelassen ... Die zweite Spur, von der ich sprach, führt nach Sizilien. Dorthin zog die Signora Bia della Tessinara ...« »Die habe ich gekannt, die Blauäugige! Sie war Cosmos Konkubine, – die einzige Frau, die er wirklich geliebt hat. Wie manches Schmuckstück hat er mir abgekauft für sie, um sie wie ein Heiligenbildnis mit Juwelen zu behängen. Er mußte sie sich aus dem blutenden Herzen reißen, sie verstoßen, als der Kaiser Don Carlos ihm vorschrieb, die Duchessa Eleonora di Toledo zu heiraten ... Doch hatte denn Bia ein Kind?« »Sie war schwanger, als sie nach Sizilien zog. Zu tief verwundet und stolz, hat sie mehrere Briefe, die ihr später der Duca schrieb, nie beantwortet. Man weiß nicht einmal, ob sie die Leibesfrucht ausgetragen, und was aus ihr und dem Kinde wurde ... Seine Eccellenza hat den cavaliere Traiano Bobba nach Palermo geschickt und den Signor Sforza Almeni nach Fontainebleau, Nachforschungen anzustellen.« »Mich hätte man damit betrauen sollen! Donner und Blitz, wer hat Beziehungen zum französischen Hof, wie ich sie habe! Nun ja, mich warf man zum alten Eisen! ... Ich möchte wissen, was die Blindschleiche Sforza Almeni in Frankreich ausrichten wird? Was soll er dort überhaupt? Welche von Euren tausend Spuren führt denn ausgerechnet nach Fontainebleau?« »Die erste, Messer Benvenuto, – die an der Truhe endete und vielleicht doch nicht endete ... Chaireddin Barbarossa war verbündet mit Frankreich, er hat Nizza geschont, als er Italiens Westküste brandschatzte! Wenn jemand, so wird Alessandros Schwester, die Königinmutter Catarina de'Medici – die damals Dauphine von Frankreich war – wissen, ob ihr kleiner Neffe Giulio im Himmel oder noch auf Erden weilt ... Übrigens ist Almeni heute morgen von seiner Reise zurückgekehrt.« »Mit leeren Händen?« »Das weiß ich nicht, und selbst der Duca weiß es noch nicht. Denn der war, als Almeni eintraf, bereits in die Stadt geritten, sich das Maifest anzusehn.« 10 Vom Turm der nahen Santa-Croce-Kirche ertönten zehn Glockenschläge. Erschrocken erhob sich Selmi. »Man merkt nicht, wie die Zeit eilt, wenn man Euch gegenübersitzt, Messer Benvenuto.« »Und Ihr wollt es der Zeit gleichtun und davoneilen? Wohin?« »Zum Arno. Verzeiht, wenn ich so davonstürme. Per Duca will gegen halb elf Uhr vom Ponte Vecchio hinabspringen und im Arno baden.« »Und er braucht Zuschauer dazu?« »Den Kopfsprung macht er sonst ja, auch wenn nicht viele zuschauen. Doch des Festtages wegen werden heute die Ufer schwarz sein von Menschen; und um nicht vom Volk allein bewundert zu werden, hat der Duca die Nobili und alle Höflinge eingeladen, seinen Kopfsprung zu bejubeln.« »Nehmt mich mit, Messer Agostino! Ich bin zwar weder ein Edelmann noch ein Höfling – aber circenses besuche ich gern. Cosmo als Toreador und der wütende Stier Arno! Wer wird erliegen? ... Kommt, laßt uns gehn.« 11 Inzwischen war auf der Piazza di Santa Croce der Ringelreigen zu Ende getanzt, der Blumenstrauß von der Spitze des Maibaums herabgeholt und der gewandteste Kletterer im Hochtriumph auf den Schultern johlender Kameraden umhergetragen worden. Den ins Backsteinpflaster eingerammten Mast hatten alsdann die Jubelnden niedergelegt. Jetzt schleppen sie den Mast dem Ufer zu, die Kanzone des Poliziano dazu singend: »Ben venga Maggio.« Bald ist kaum noch eine Seele auf der rasch sich leerenden großen Piazza zurückgeblieben. Bedächtig, um nicht ins Gedränge zu geraten, folgen in einigem Abstand die beiden Alten dem zwischen engem Gassengemäuer sich hindurchzwängenden Menschenhaufen. Launisch wie ein Götze, der mit einem puppenhaften Lächeln auf den Lippen Segen spendet oder Tod und Vernichtung, – so launisch ist der wunderschöne Arno stets gewesen. Dämme bauend hat Menschenlist dem zuweilen Tobenden eine steinerne Zwangsjacke umgelegt, und seitdem ist er gebändigt. Bevor dies geschah, vor Jahrhunderten, brachte er mehr als einmal Florenz in Gefahr. Wie an Meeresküsten eine Sturmflut, spülte 1557 das Hochwasser die Vorstadt Ognissanti weg, riß den aus Granitquadern erbauten Ponte alla Carraia nieder, brandete am Palazzo Vecchio, stieg bis zum Palazzo del Podesta, dem Bargello, hinauf. So ungebärdig wie damals ist der Arno in diesem Frühjahr nicht, sein Pegel hat sich seit Mitte April gesenkt, – doch reißend sind immer noch seine Fluten. Auf der delle-Grazie-Brücke staut sich die Volksmenge – denn von dort aus sollen, wie alljährlich, dem rauschenden Pater Arno zwei Opfer dargebracht werden, ein Baum und ein Mensch. In grauer Vergangenheit war das wohl als Sühnopfer gemeint gewesen, weil die Pontifices den Fluß überbrückt hatten. Seit dem Christentum war die Sitte gemildert und zur Volksbelustigung geworden. Den armen Schlucker, der bereit war, sich hinabwerfen zu lassen, stießen nicht heilige Vestalinnen in den Fluß; auch wurden ihm nicht Hände und Füße zusammengebunden, wie den Flußopfern in altetruskischer Zeit, – er konnte, und mußte sogar, zum Ufer schwimmend, sich retten. Langsam schritten Cellini und Selmi am Arno entlang, den Uffizien zu. Sie kommen an einem Speicher vorbei, zu dessen Tor eine fünfstufige Treppe emporführt. Sie steigen die Treppe hinauf. Von hier aus lassen sich die Vorgänge auf dem Ponte delle Grazie und auf dem Fluß bis hinab zum Ponte Vecchio gut übersehn – besser als vom Ufer aus, das schwarz von Menschen ist. Sie sehn, wie der Maibaum – den man zur Brücke waagerecht getragen hatte – sich plötzlich steil aufrichtet, schwankt, erzittert, das Gleichgewicht verliert, einem trunkenen Riesen ähnlich über die Brüstung taumelt und der Länge nach über den Fluß stürzt, weithin Gischt und Schaum umherspritzend. Kaum hat der Fluß sein hölzernes Opfer erfaßt, schießt er Arm in Arm mit ihm dahin. Wie ein gewaltiger Pfeilschaft erreicht der Mast den Ponte Vecchio, saust durch einen der drei Brückenbogen hindurch und entschwindet den Blicken. Und jetzt soll ein Mensch erleben, was der Baum soeben erlebt hat. An die Rampe zwischen zwei Brückenhäusern wird ein mit Rosen bekränzter Mann herangeführt und auf die Balustrade gestellt. In schlechten Hadern, verwahrlost, bettlerhaft sieht er aus, der, um einen scudo d'oro zu erhalten, sich als Opfer gemeldet hat. Die scharfen Augen Cellinis erfunkeln. Er faßt Selmi am Ärmel. »Seht doch, der Kerl steht da wie ein Perseus! Das ist kein Bettler.« »Sondern ...? »Mag's der Teufel wissen! ... Warum hat er sich herangedrängt? Ist's denn ein Vergnügen, sich ersäufen zu lassen wie eine Katze? ...« Das Gespräch bricht ab, zu einer Unterhaltung ist nicht die Zeit. Atembeklemmend werden die Geschehnisse, die jetzt Schlag auf Schlag einander folgen. Es beginnt damit, daß das Volk den Mann von der Brüstung hinabstößt. Schrecklich und zugleich komisch ist es. Man möchte an einen fliegenden Hampelmann denken, so ungeschickt purzelt er, Arme und Beine weit von sich streckend, in die Wellen, sinkt unter, kommt prustend an die Oberfläche und müht sich ab, das Ufer zu erreichen. Es stellt sich heraus, daß er nicht zu schwimmen versteht. Er paddelt wie ein ins Wasser geworfener Hund, er schlägt sinnlos um sich, und das sieht aus wie ein Faustkampf mit dem Fluß. Staunenswert gewiß, daß er so sich eine Weile oben halten kann, daß er nicht in die Tiefe gerissen wird oder davonschießt wie vorhin der Maibaum. Aber daran ist nicht zu denken, daß er sich retten könnte. Immer weiter weg vom Ufer in die Mitte des Flusses zerrt ihn die Strömung. Die Tausende auf den Uferstraßen und auf beiden Brücken schauen ergrausend, unfähig zu helfen, seinem Todeskampf zu. Er ist ein Ertrinkender, schon verlassen ihn seine Kräfte ... 12 In diesem Augenblick reitet eine Kavalkade auf den Ponte Vecchio, an der Spitze der Duca, weithin erkennbar am herrlichen Brustharnisch, dem Greifen auf dem Bronzehelm und der schweren Goldkette des Goldenen Vlieses: bei jedem tänzelnden Schritt seines Berberschimmels hüpft das kleine, gekrümmt herabhängende goldne Lamm. (Schwer ist die in Madrid geschmiedete Kette, ein Sinnbild vielleicht das Lamm. War nicht auch in Mykene des unseligen Atridengeschlechts Symbol und Verderb ein Widder mit goldnem Vlies gewesen? ...) Auf der Mitte der Brücke kommt dem Duca ein langer Zug schlohweißgekleideter Mädchen entgegen, geführt von der Maikönigin, welche sie sich für den Maigang erwählt haben. Die mit Primeln und Rosmarin übersäte Maikönigin dieses Jahres ist Donna Faustina. Sie eilt auf Cosmo zu und zeigt auf den Fluß hinab, wo ein Ertrinkender mit dem Tode ringt. »Rette ihn, Cosmo! Nur du kannst es! ...« Jetzt erst wird ihm die Erregung des Volkes verständlich. Jetzt gewahrt er auch den Ärmsten, den die Fluten näher und näher der alten Brücke zutragen. Ohne zu zögern schwingt sich Cosmo aus dem Sattel, läßt sich den Harnisch abschnallen. War er gekommen, seinen Kopfsprung bewundern zu lassen, so hat er jetzt eine bessere Aufgabe: eine Heldentat erwartet sein Volk von ihm. Oh, es soll nicht enttäuscht werden! Er hat sich der Kleider entledigt. Nackt steigt er auf die Brüstung. Aber ist es nicht schon zu spät? Atmet noch, der dort herangewirbelt wird, ein Spielball der rasenden Wellen? ... Keine Zeit zu verlieren, Cosmo macht den Kopfsprung. In großem Bogen gleitet sein Körper möwengleich durch die Luft. Die Wogen schlagen über ihm zusammen, er schnellt empor. Und jetzt ist der Ertrinkende nicht mehr fern von ihm ... Doch wie? Ist das ein Ertrinkender? Der versteht ja zu schwimmen wie eine Forelle! Kunstvoll teilt er mit den Armen das Wasser, vermag gegen die Strömung sich zu behaupten. Und wie er an Cosmo herangekommen ist, zieht er ein Messer aus dem Gurt und stößt nach Cosmos Hals. Das Angstgekreisch Faustinas übergellt den Aufschrei der tausendköpfigen Menge. Doch Cosmo fängt den Arm des Meuchlers auf, entwindet ihm das Stilett, will es ihm in die Brust bohren ... Da stoßen die im Wasser Ringenden an den einen Brückenpfeiler; Fischreusen, die sich dort verfangen haben, mildern den Zusammenprall. Eine Sekunde lang wird es schwarz vor Cosmos Augen. Als die Betäubung von ihm weicht, sieht er die Brust nicht mehr, in die das Stilett sich hatte bohren wollen. Entkommen ist der Attentäter, fortgeschnellt vom brausenden, sausenden Fluß. 13 Die halbwüchsige Novellenschreiberin Semiramide degli Albizzi arbeitet fieberhaft in ihrem gabinetto. Zwei zerschriebene Gänsekiele und Stöße Papier liegen vor ihr, zwischen Sandstreubüchse, Tintenfaß und welkenden Levkojen, auf dem Schreibtisch. Ihr schwarzes Lamm schlummert vor dem offenen Fenster. Am Fensterkreuz ist seit gestern ein blühender Akazienzweig – un majo – befestigt. Kaum spürbar, eine süße Ahnung nur, vermengt sich das Akazienblütenarom mit einem Hauch von Rosenölparfüm, welches den dunklen Locken der Fanciuletta entströmt, mit dem Duft der sterbenden Levkojen und mit der eindringenden morgenfrischen Mailuft. Und nicht bloß Frühlingsatem und Sonnenlicht dringen ein – auch der Lärm der Straße wird in die Kammer geweht: hallende Schritte und Huftritte auf dem Ziegelpflaster, Stimmchen lachender Kinder, Brähen eines Esels, Weibergekeife, Hammerschläge, Gefluche von Maultiertreibern, Karrengerassel. Das alles surrt chaotisch an Semiramides Ohr, gelangt jedoch nicht bis in ihr Bewußtsein. Zu sehr gefesselt und entzückt ist sie von ihrer Arbeit. Sie beschreibt das gestrige Attentat auf den Duca. Augenzeugin ist sie gewesen, hat an der Seite ihres Vaters inmitten der Volksmenge am Ufer gestanden. Jede Einzelheit, deren sie sich entsinnen kann, zeichnet sie auf ( – wohl in der Absicht, die Niederschrift später einmal novellistisch zu verwerten). Während der Nacht fielen ihr elegante Redewendungen und Vergleiche ein, die ihr entfallen könnten, wenn sie sie nicht bald zu Papier bringt, – darum nahm sie sich, als sie erwacht war und sich gewaschen hatte, die Zeit nicht, sich auch noch zu kleiden und zu kämmen: in einem roten Kattunschlafrock und die bloßen silberweißen Füße in violetten Samtpantoffeln, sitzt sie über den Tisch gebeugt, mit gelöstem Haar wie eine kleine Meerfrau. Eine Karosse rattert durch die Via Borgo degli Albizzi und hält vor dem Palazzo. Wenige Augenblicke danach tritt unangemeldet und ohne anzuklopfen der Fürst von Florenz in die Kammer des vierzehnjährigen Mädchens. Sie läßt sich nicht stören, schreibt eifrig weiter, im Glauben, ihr Vater stehe hinter ihr. Blicke indes, die ihren Rücken treffen, durchdringen sie, als wären es Wellen einer magnetischen Kraft. Beunruhigt wendet sie sich um und erkennt jählings ihn, – dem der gehässige Spott der Florentiner den Namen »Minotaurus« gegeben hat ... Fliehn will sie und begreift doch, daß Flucht ihr abgeschnitten und daß in die Erde versinken zu wollen ein törichter Wunsch ist. Zitternd und schlotternd erhebt sie sich und starrt mit todblassem Gesicht den gefürchteten Tyrannen, den Todfeind aller Guelfen an. Und auch er starrt staunend ihre kindliche Schönheit an, ist eine Sekunde lang im Banne einer Schicksalsahnung ... Dann, geärgert über sich selbst, weil der Zauberreiz der Kleinen Eindruck auf ihn gemacht hat, nimmt er sich vor, überaus streng und unwirsch seine Fragen an sie zu richten. 14 Drei Ereignisse des gestrigen Tages – das Attentat im Fluß, die Rückkunft Sforza Almenis aus Fontainebleau und eine Aussprache mit Donna Faustina – hatten bewirkt, daß Cosmo endlich aus seiner zur Schau getragenen Teilnahmslosigkeit heraustrat und, wenn auch nicht dem geheimen Tribunal entgegenarbeitend, so doch auf eigene Faust es unternahm, Licht in das Dunkel des Prinzenprozesses zu bringen. Mehr als seine stoische Gefaßtheit vor den unzähligen im Verlaufe des Nachmittags sich herandrängenden Gratulanten zugestehen wollte, hatte der mißglückte Mordversuch sein Blut in Wallung gebracht. Schlimm, daß der Meuchler dank der geschwinden Strömung entkommen war, – sonst hätte sich's bei seiner Folterung aufdecken lassen, ob er ein Emigrant, ein Guelfe, ein Republikaner sei, oder ein bezahlter Bravo ... Oder – auch das lag im Bereich der Möglichkeit –, die Tat konnte ein versuchter Racheakt sein, begangen von einem der unauffindbaren Freunde des gefangenen Prinzen ... – wenn nicht gar von einem Freunde seines cyprischen Schicksalsgenossen ... Die Ungewißheit war quälend, das Dunkel schien durch das Attentat noch dunkler geworden. Zum erstenmal kamen Cosmo Zweifel, ob er recht daran getan, sich bislang blind und taub zu stellen. An Feinden hatte es ihm nie gefehlt, und nun hatte er die Gegnerschaft verzehnfacht. Schon vor einigen Wochen war die von ihm der Stadt geschenkte Statue der Giustizia durch unbekannte Frevler vom Sockel gestoßen worden. Mochte längst schon die Guelfenpartei totgesagt sein, – Guelfen gab es immer noch; und sie wagten sich vor, seit Cosmos Untätigkeit als Begünstigung Don Pietros ausgelegt wurde. Wie freilich sollte das Volk begreifen können, daß er Zeit vergeudete, um Zeit zu gewinnen, bis – sei es in Sizilien, sei es in Frankreich – die Fährte, die gesuchte, gefunden sein würde ... Die Auskunft, die Sforza Almeni von der Königinmutter Catarina de'Medici in Fontainebleau erhalten und gestern heimgebracht hatte, erledigte ein für allemal die Hypothese, Giuliano sei Alessandros Sohn Giulio. Das aus dem Castello delle cento camere geraubte Kind war von den mit Frankreich verbündeten Korsaren der Schwester Alessandros, Catarina, – (die zu jener Zeit noch Dauphine war) – für ein unerhört hohes Lösegeld angeboten worden. Ein Landgut und Schmuckstücke hatte sie verkaufen, vor ihrer Rivalin Diane de Poitiers hatte sie sich erniedrigen müssen, um mühselig und nach vielem Zeitverlust die Summe zusammenzubringen. Als schließlich das Schiff mit dem Lösegeld in Oran landete, lebte der Korsarenkönig Chaireddin Barbarossa nicht mehr. Sein Nachfolger nahm das Lösegeld schmunzelnd in Empfang und schickte das Schiff nach Frankreich zurück mit der Botschaft an Catarina: sie habe zu lange gezögert, ihr kleiner Neffe habe nicht länger auf sie warten können und sei in einer Truhe unterwegs nach Florenz ... Da also das tote Kind – das Kindergespenst der Fonderia de'Medici – keinesfalls der gefangene Pastetenbäcker sein konnte, rückte die nicht minder phantastische Annahme in den Vordergrund der erwägbaren Möglichkeiten, daß Giuliano der Sohn Bias della Tessinara, ein Bastard Cosmos, sei. Immer war es Cosmos Stolz gewesen, ein Bannerträger, ein Gonfaloniere der Gerechtigkeit zu sein; – durfte er sich so nennen, wenn der mißhandelten Jugendliebe Sohn im Gefängnis – vielleicht unschuldig – Marter litt? Das hatte gestern abend ihm Faustina vorgehalten, als er nach den seelischen Erschütterungen des Tages bei ihr Trost und Rat suchte und zum erstenmal ihr gestattete, über den Prozeß zu reden. Sie besaß mehrere Briefe Lodovicas aus den letzten zwei Monaten, worin die Fürstin sich anheischig machte, die Unschuld Giulianos zu beweisen und die Lügen der ihn belastenden Semiramide aufzudecken. Bisher hatten diese Briefe keinen Nutzen stiften können, da Donna Faustina genau so wie alle andern Bewohner des Palazzo Pitti durch das Verbot, über den Prozeß zu sprechen, der Mund verschlossen war. Einmal allerdings, in der Fonderia, als sie, allein mit Cosmo, seine des Chlorophylls beraubten Schattenpflanzen begoß, hatte sie den Mut aufgebracht, von Lodovicas Briefen, von Giuliano und Semiramide zu reden; da war sie streng zurechtgewiesen worden – mit einer Schroffheit, aus welcher Eifersucht herausklang, Eifersucht auf den Jüngling, für dessen Enthaftung sie sich einsetzte. Nicht wieder hatte sie es gewagt, obzwar des Gestrengen Freundin und Vertraute. Aber gestern abend hatte er selbst ihr das Siegel vom Munde genommen. Ihre Vorwürfe ließ er gelassen über sich ergehn, ihre Bitte jedoch, nicht alle Verhöre dem heimlichen Tribunal zu überlassen, lehnte er ab. Dann aber, in schlafloser Nacht, entschloß er sich plötzlich, Semiramide aufzusuchen. (Manchmal gehören viele Zutaten zu einem Entschluß – wie zu einem Hexentrank, der aus Fledermausblut, Spinnenbeinen, Geifer toller Hunde, Weiberhaaren und weiß der Himmel welchen sonstigen Ingredienzien zusammengebraut wird ...) 15 »Bist du Semiramide degli Albizzi?« »Ja.« »Und du weißt, wer ich bin?« »Ja, Eccellenza ...« »Du kannst dir denken, was mich herführt?« »Ja.« »Man hat mir Widersprechendes von dir erzählt: einige nannten dich ein argloses Hirtenmädchen, das einem überspannten Vater zuliebe die Weidenflöte bläst, fromm, unschuldsvoll, keusch wie Eis; – andere nannten dich eine verdammte Lügnerin. Wirst du auch mich belügen?« »Nein, Eccellenza.« »Kanntest du Carlo Panciatichi und seinen Freund Santi?« »Nur ganz flüchtig, Eccellenza.« »Es sind die wichtigsten Zeugen im Prozeß meines Sohnes ... Verkehren die beiden hier im Hause?« »Nie. Die Stravaganti und die Floridi sind ja verfeindet.« »Richtig. Hier sind wir in Arkadien ... Dann mußt du freilich mit Carlo und Santi verfeindet sein. Warum beschützest du sie also? Warum sagst du nicht, wo sie sich verborgen halten?« »«Weil ich es nicht weiß, Eccellenza.« »«Wie hast du sie kennengelernt?« »In der Kirche. Ich hatte mein Taschentuch fallen lassen. Messer Carlo hob es auf, und ich dankte ihm ... Mehr haben wir nicht miteinander gesprochen.« »Wirklich? Nie? Und auch seitdem nicht? Auch nicht am Fenster dort, während Giuliano hier im Sessel saß und sich am Kaminfeuer wärmte?« »Das hat Giuliano erfunden, Eccellenza!« »Ist dir bekannt, was Giuliano ausgesagt hat? Wohlgemerkt, er brachte es vor, erst nachdem du den Verdacht auf ihn gelenkt hattest! Noch vor Beginn des Stiergefechtes, gleich als die erste Fanfare erscholl, will er La Delfina verlassen haben. Das ist durch La Delfinas Pagen Guerzolo bestätigt worden, der sich erst nach der zweiten Fanfare zum Stierkampf begab, wo er von vielen gesehen worden ist. Bei der dritten Fanfare, also genau um vierzehn Uhr, ging La Delfina für einen Augenblick hinüber zu einer Nachbarin, einer erkrankten bettlägerigen Straßendirne, von der sie sich weiße Schminke ausbat. Dabei machte sie der Dirne Andeutungen, sie erwarte einen, den sie liebe, dessen Namen sie nicht nennen könne ... Das alles ist beschworen. Sollte nun Giuliano jener eine sein, so müßte er den Weg zu La Delfina sofort noch einmal zurückgelegt haben, nachdem er beim zweiten Trompetenstoß im Palazzo Albizzi war.« »War er denn hier, Eccellenza? Niemand sah ihn.« »Und hörte ihn niemand, Semiramide?« »Ich verstehe nicht ... Es befand sich ja kein Mensch im Hause, auch die Dienerschaft nicht.« »Ach so! Ihr wart alle beim Stiergefecht? Dann allerdings steht es schlimm um Giuliano. Denn wie kann er nachweisen, was er behauptet? Ich bekenne, es wäre mir deinethalb lieb, wenn sich's als Verleumdung erwiese.« »Was, Eccellenza?« »Er behauptet: er habe – als er von La Delfina heimkam – oben in seinem Zimmer gesessen und Gitarre gespielt eine ganze Stunde lang, weil er dein und Messer Carlos Stelldichein nicht stören wollte.« »Bei allen Heiligen, das ist Verleumdung! ... Ach, gütiger Gott, wie kann ein Mensch so schändlich lügen! ... Ihr dürft das nicht glauben, Eccellenza!« »Und warum nicht?« »Seht doch, wie er sich in seinen eignen Worten fängt: wenn er oben in seiner Kammer war, wie konnte er uns im Erdgeschoß sehn?« »Euch? ... Also Carlo und dich?« »Nein, nein! – wir waren ja beim Stiergefecht.« »Du und Carlo? So unzertrennlich ihr beide?« »Nein – ich und mein Vater. Mein Vater hat es ja beschworen.« »Auch du hast es beschworen. Aber auch Giuliano schwor. Wer schwor einen Meineid?« »Er, Eccellenza! – er kämpft um sein Leben, für ihn steht sein Kopf auf dem Spiel.« »Und was steht für dich auf dem Spiel, Semiramide? ... Die Folterkammer? ... Noch hat das Tribunal dir und deinem Vater das erspart. Auch ich möchte es dir ersparen. Dafür verlange ich die ganze Wahrheit. Heraus mit der Sprache! Wo steckt Carlo?« »Wie kann ich es sagen, Eccellenza, da ich es doch nicht weiß ... Wenn Eccellenza mir nicht glaubt, was kann ich da tun?« »Ich lasse mich nicht hinters Licht führen, Schlänglein! ... Dort hängt ja ein Maienzweig am Fenster. Hast du einen neuen Freund, Donzella?« »Mein Vater hat die Maie dort angebracht. Soll ich meinen Vater rufen, daß er's bestätigt? ... Kommt, ich will Euch zu ihm hinführen!« »Wozu? Euer Haushofmeister sagte, als ich kam, dein Vater schlafe noch. Laß ihn schlafen! Er verschlief es, dich zu erziehn und zu behüten, Donzella! ... Schau, schau, ein Zweig, daran das Glück blüht! ... Ja, Glück bringt Blumen und – Grüße!« Mit einem Aufschrei sinkt Semiramide zu Boden. Das schwarze Lamm erwacht, blökt, sucht Schutz unter dem Schreibtisch. Vorbei am Mädchen, das ihm den Weg zum Fenster versperrt hatte, eilt der Duca und zieht einen unter Akazienblüten versteckten, mit einem Draht an dem Maienzweig befestigten kleinen Zettel hervor, auf welchem ein Gruß und der Name Carlo geschrieben steht. Die großen, etwas vorquellenden Augen Cosmos wetterleuchten. »Dein Kartenhaus fiel zusammen, Semiramide! Du bist mir eine Durchtriebene! ... Weiß dein Vater hiervon?« Wild schluchzend liegt Semiramide auf den Knien und trocknet sich die nassen Wangen mit den eignen Haaren. »Mein Vater würde mich zu Tode prügeln ...« »Jetzt ohne Umschweif: wo hält sich Carlo verborgen?« »Drei Häuser von hier – beim Fruchthändler ...« Mit zorniger Gebärde verläßt Cosmo das gabinetto. Doch während er hinter sich die Tür schließen will, wird sein Grimm von einer erotischen Wallung verdrängt, und er vermag der Lockung nicht zu widerstehn, einen letzten staunenden Blick auf das am Boden liegende Mädchen zu werfen. Wie märchenartig erscheint ihm das Bild: leichenweiß im genäßten Gesicht, wischt sie sich mit ihren Haaren die Tränen vom blendendschönen morbiden Mund, kniet wie eine junge Nonne, und ihre milchigen Knie blinken entblößt ... Cosmo schlägt die Tür zu – mit einer Heftigkeit, wie es ein Asket nicht heftiger tun könnte, der vor der lyra Satanae (dem Weibe) die Flucht ergreift. 16 Kaum ist der Duca draußen, erhebt sich Semiramide behende. Sie ist wie verwandelt, sie lächelt. Unversehrt kam sie aus des Bären Tatze! – ja, mehr als das: sie ist die Siegerin, sein letzter Blick bewies es! ... Daß sie Carlo, den hübschen Burschen, der so toll in sie verliebt ist, der Folter ausgeliefert hat, macht ihr keine Herzbeschwer; denn ebenso toll verliebt in sie ist jetzt ein anderer, um dessen glühenden Abschiedsblick Myriaden Frauen sie beneiden müssen. Dessen ist sie sicher, daß Cosmo wiederkommen wird ... So sehr sie triumphiert, möchte sie allerdings nicht, daß er sogleich zurückkehre, – es würde sie von neuem in Todesängste stürzen. Denn noch steht die Novelle von Malatesta und Donna Maria auf dem Bücherbord. Ohne Unterlaß hat sie während des Verhörs gezittert wie eine Espe, – weniger Carlos wegen, als weil ihr bangte, die Aufschrift »Malatesta« könnte entdeckt und die Erzählung von der sündigen Liebe der Cosmo-Tochter könnte gelesen werden ... Es ist nicht geschehn; und nicht einmal das Manuskriptpapier auf dem Schreibtisch – ihre Beschreibung des Dolchkampfes im Arno – ist beachtet worden. Dort auf den bekritzelten Blättern verrät sich allzudeutlich ihr republikanisches Mädchenherz; sie prunkt förmlich mit ihrer Sympathie für den Attentäter. Ein Glück, daß Cosmo das nicht zu Gesicht bekam! Schon ist Semiramide keine Republikanerin mehr. Sie zerreißt den guelfisch gefärbten Bericht. Sie nimmt ihre Malatesta-Novelle vom Bücherbord und verschließt sie in einer Truhe. Zufrieden lacht sie. Nun mag er wiederkommen, der Minotaurus. Oh, er wird, das weiß sie gewiß. Und nicht sie wird das Opfer sein. Mehr als ihr droht ihm Gefahr im Labyrinth der Liebe. 17 Inzwischen ist Cosmo aus dem Portal des Palazzo Albizzi auf die Gasse getreten, wo außer dem Kutscher und Lakaien ein Bargello und einige Sbirren warten. Auch Neugierige haben sich angesammelt. Leise erteilt Cosmo den Sbirren einen Befehl, setzt sich in den Wagen und fährt heim. Die Sbirren, denen er den Unterschlupf Carlos genannt hat, begeben sich zum fruttivendolo. Doch sie kommen zu spät. Vergebens durchsuchen sie das Haus vom Dach bis zum Keller. Der Vogel ist ausgeflogen. Es war Carlo nicht entgangen, daß die Staatskarosse vor dem Palazzo Albizzi hielt, und er hatte richtig vorausgesehn, daß ein kleines Mädchen vor dem Princeps Toscaniae ihr Geheimnis nicht werde festhalten können. Zwischen Bananen, Tomaten, Zitronen und Orangen finden die Häscher ein Barett, das mit dem Abzeichen der Stravaganti, einem silbernen Affen, verziert ist. Diese Trophäe liefern sie im Pittipalast ab. Gegen Abend legt Cosmo die schwarze Tracht eines »Guten Mannes von San Martino« an, um, unerkannt wie Harun al Raschid, durch die Gassen zu schleichen. Sein Ziel ist wieder der Palazzo Albizzi. Zuviel Aufsehn und Gerede würde es verursachen, wollte er am selben Tage, zum zweitenmal, in der Staatskarosse bei Semiramide vorfahren; – darum begibt er sich zu Fuß und heimlich zu ihr. Was ihn hintreibt, gesteht er sich nicht ein. Ursache genug hat er ja, sie seinen Groll fühlen zu lassen. Ha! sie soll nicht denken, daß sie ihm auf der Nase herumtanzen kann! Angeführt hat sie ihn mit jedem Wort, das aus ihrem schönen Munde kam; – und als sie unter der Last ihrer Lügen zusammenbrach, als sie die Wahrheit zu sagen vorgab, hat sie erst recht ihn angeführt! Das soll ihr nicht straflos hingehn! ... Die Ruine eines Haushofmeisters empfängt ihn am Portal. Den greisen Diener verwundert nicht der schwarze Kittel mit dem aufgestickten Christusbild über dem Herzen, nicht die den Kopf verhüllende Kapuze mit der kleinen Mater dolorosa vor dem Munde, – er weiß, daß der Einlaß heischende Gast einer der zwölf Prokuratoren der Compagnia di San Martino ist. Sobald sie ihres Amtes walten, sind die zwölf namenlos, des Selbst beraubt durch die teerschwarze Uniform. Vergebliches Bemühn, einen Unkenntlichen zu erkennen ... Zufällig jedoch fällt der Blick des Dieners niederwärts auf einen unter der Kutte vorlugenden Schnallenschuh. Sah er nicht schon einmal heute solch eine mit tiefdunkelroten Granaten inkrustierte Schnalle? ... Und plötzlich begreift er, wer vor ihm steht. Angeredet vom Unheimlichen, klappert der greise Diener wie ein Totengerippe vor Angst. Nein, zu Signorina Donna Semiramide kann er Sua Eccellenza Illustrissima nicht führen, denn die Signorina ist unpäßlich und liegt zu Bett. »Ich bin ein Almosenpfleger – merke dir das«, verbessert ihn der Duca streng; »ich habe weder Namen noch Titel. Ist der Vater der Signorina anwesend?« »Ja, Euer Gnaden. Soll ich Euer Gnaden anmelden?« »Nein. Führe mich unangemeldet zu ihm.« 18 Sie durchschritten zwei Zimmer, wo Motten und Rost und die fressende Zeit wenig verschont haben. Prunkräume waren das einst, als noch der Name Albizzi den Namen Medici überstrahlte, als noch die Adelspartei sich ihre Führer unter den allmächtigen Albizzi wählte. Jeder Gegenstand – ob Möbelstück, ob Vase, ob Bilderrahmen, ob Teppich – trägt eine heimlich blutende Wunde, zeugt von früherem Glanz und armseligem Verfall. Die Tür zum dritten Zimmer ist geschlossen. Der alte Diener pocht, öffnet zaghaft, will seinen Herrn – wenn er schon den Namen des Gastes nicht nennen darf – wenigstens durch ein Zeichen warnen. Die Absicht des Greises erratend, schiebt ihn Cosmo zur Seite und tritt ohne ihn ein. Betäubender Moschusduft legt sich ihm schwer auf die Lunge. Vor den Fenstern sind zerschlissene Gardinen herabgelassen, obgleich das Tageslicht draußen noch nicht erlosch. Nur die Mitte des schwarzdunklen Raumes ist durch zwei auf einem Tisch stehende Leuchter erhellt. Albizzi, der Eigner des morschen Palastes, sitzt am Tisch vor einem Haufen alter venezianischer, Brabanter und Valencienner Spitzen, die er von seinen Ahnfrauen ererbt hat. Zärtlich und müde wühlen seine Finger – seine femininen, schneeigen, adligen Finger – im vergilbten Tand, den, seien es lachende, seien es weinende Mütter und Bräute, Nonnen und Buhlerinnen geklöppelt haben. Hochfahrend wendet er sein wunderschönes spitzbärtiges Gesicht dem unangemeldet Eintretenden zu. Beginnende Paralyse kündigt sich in seinem leeren Blicke an. »Was wollt Ihr hier? Wer seid Ihr?« »Ihr könnt mich ›Guter Mann‹ anreden. Ich bin einer der guten Leute von San Martino« »Meint Ihr, ich sei blind? ... Ihr bildet Euch wohl ein, ich hätte Euch erwartet?« »Schwerlich.« »Ich habe von euch schwarzen Raben gehört, die ihr Verschmachtende in der Wüste labt. Aber laßt Euch sagen, guter Mann, –: ich bin ein Weißer!« »Ein weißer Rabe?« »Nein, – ein Weißer, ein Guelfe! Was habe ich mit Euch zu schaffen? ... Man erzählt sich: ihr guten Leute unterstützt Arme mit Dukaten, die euch Cosmo schenkt.« »Ja, so reden die Unterstützten.« »Bin ich einer? Wie wagt Ihr, zu mir zu kommen? Bin ich ein verschämter Armer?« »Bei Gott, verschämt seid Ihr nicht!« »Das will ich hoffen! Weshalb sollte ich mich schämen? An der Welt ist es, sich zu schämen, daß ein Albizzi sich eine Marmorstatue nicht erstehen kann, wenn er den Drang dazu hat!« »Den Drang habe ich nicht.« »Ihr seid eben kein Albizzi, guter Mann! ... Und wißt Ihr, wer schuld am Verfall unseres glorreichen Hauses ist? Die Medici! ... Liebt Ihr die Medici, guter Mann?« »Nein. Es ist eine schlimme Gesellschaft.« »Das gefällt mir, daß Ihr das sagt. Wir können Freunde werden! ... Oh, es gibt viele, die so denken wie Ihr und ich – nur wagen die wenigsten es auszusprechen, weil jeder jeden für einen Spion der Medici hält ... Kennt Ihr das Märchen von der Milch aus den Brüsten des Adlers? Alle Medici wurden so teuflisch gesäugt. Der schlimmste aber ist Cosmo. Er hat es darauf angelegt, mich zugrundezurichten, und es ist ihm gelungen.« »Warum denn?« »Weil er mich fürchtet und vor mir zittert. Er haßt mich wie die Pest.« »Das kann doch kaum sein. Hattet Ihr einen Streit mit ihm?« »Mit Cosmo? Nein, ich habe, Gott sei Dank, noch nie ein Wort mit ihm gesprochen und werde mich auch schön hüten, es zu tun.« »Fürchtet Ihr ihn? Ihr sagtet doch eben, er fürchte Euch und zittere vor Euch.« »Ha! und ob er vor mir zittert! ... Meinerseits ist es nicht Angst, wenn ich ihm nicht begegnen möchte – (denkt das ja nicht, guter Mann!) –, aber ich könnte mich hinreißen lassen und es könnte geschehn – – –« »Was?« »Das, wovon jeder Republikaner träumt ... Ihr versteht?« »Ja, ich verstehe ... Welch ein Glück für Cosmo, daß Ihr ihm nie begegnet seid!« »Übrigens – ich hätte heute mit ihm reden können.« »Mit dem Duca?« »Ja, stellt Euch vor! Heute früh, als ich noch schlief, war er hier ... Eigentlich tut es mir nachträglich leid, daß ich es verschlief. Ich hätte ihm zumindest eine Wahrheit ins Gesicht schleudern sollen – eine Wahrheit, die kein Mensch ihm zu sagen wagt.« »Und das ist?« »Daß sein Sohn Don Pietro schuldlos in der Torre di Nona schmachtet, – denn genau zur selben Stunde, als die Kurtisane mit zwanzig Dolchstichen ermordet wurde, befand sich Don Pietro im Schlafgemach der Freundin und Geliebten des Duca, der Signora Donna Faustina de' Medici, und malte ihr einen azurblauen Schmetterling auf einen Körperteil, den zu nennen ich zu vornehm erzogen bin.« »Seid froh, Messer Luigi, daß Ihr das dem Duca nicht gesagt habt! – Er hätte es Euch nie verziehn! ... Nennt den Körperteil.« »Das kann ich nur flüsternd tun, guter Mann, –: eine verschneite Landschaft mit zwei sanften Hügeln ...« »Von wem habt Ihr es?« »Von meinem Töchterchen; und die hat es von einem Zechbruder des Prinzen.« »Ruft Semiramide her! – Ich muß es aus ihrem Munde hören!« »Unmöglich, guter Mann! Wo denkt Ihr hin? Meine Tochter ist unpäßlich und liegt zu Bett!« »Corpo del diavolo! Führt mich sofort zu Semiramide oder ruft sie her!« »In welchem Ton erlaubt Ihr Euch mit mir zu reden, guter Mann? In meinem Hause herrscht der modus florum, der Blumenton. Ich habe zarte Ohren.« »Wollt Ihr sie herrufen oder nicht?« »Ich will meinen Haushofmeister rufen, damit er Euch an die Luft setzt, guter Mann!« Nach diesen Worten Albizzis zieht sich Cosmo die Kapuze vom Kopf und knöpft sich sein schwarzes Gewand auf. Die Kutte gleitet von ihm ab, – in dunkelblau schimmernder Stahlrüstung steht er vor dem zu Tode erschrockenen Blumenhirten. Dieser fällt auf die Knie wie einer, der des Henkerschwertes sausenden Hieb erwartet. Er winselt: »Erbarmen! ... Erbarmen, Eccellenza Serenissima!« Verachtungsvoll, beinahe mitleidig ob solchem Jammeranblick, betrachtet Cosmo den Republikaner. »Steh auf, Messer Luigi, spiele mir keine Affenkomödie vor. Geh, hole deine Tochter!« Albizzi eilt hinaus. Bald genug kehrt er wieder. Auf dem kurzen Wege – hinauf in das obere Stockwerk und von dort zurück – ist ihm sein Guelfentum verloren gegangen. Der Republikaner hat sich in einen Kuppler verwandelt. In tiefster Ehrfurcht bietet er sein Kind dem Minotaurus an. »Sie kann nicht das Bett verlassen, Eccellenza, sie ist krank – krank wie ein Blümchen, das in zu heißem Sonnenlicht stand. Vertraulich gesagt: Ihr wart das heiße Sonnenlicht, Eccellenza Illustrissima.« »Ich? ... Was faselst du, Mensch?« »Sie hat eine wundersame Neigung zu Euch gefaßt, Eccellenza. Das ist ihre Krankheit. Geht hinauf an ihr Bett, Eccellenza: tröstet mein Töchterchen, das Maienblümchen. Oh, sie ist ein Wundergewächs und ist so überladen mit Liebe ...« 19 Vierundzwanzig Stunden später sitzt Giuliano, der Kerkerhaft ledig, mit Cosmo, Faustina, Gracia, Agostino Selmi, Traiano Bobba und Sforza Almeni im Boboli-Garten, wo am Eingang zur Grotte ein von Windlichtern erhellter Palisandertisch mit goldenen Obstschalen, goldenen Tellern, emaillierten Weinkannen und ausgegrabenen etruskischen Weingläsern gedeckt ist. Auf höheren Wunsch soll Giuliano sein abenteuerliches Leben erzählen. Seine vom Duca sorgsam auserwählte Zuhörerschaft hat sich zur angesagten Abendstunde eingefunden – alle bis auf Don Gracia. Verstimmt über die Unpünktlichkeit seines Sohnes, schickt Cosmo Sforza Almeni und dann Agostino Selmi in den Palast, den Saumseligen herbeizuholen. Doch Don Gracia befindet sich nicht im Palast, hat sich vielmehr vor etwa einer Stunde in die quer Pitti gegenüberliegende Klosterkirche San Felice begeben, durch einige Zeilen Nina Sansedonis dorthin bestellt. In diesen zwei Tagen, die seit dem Maifest – (seit dem Bericht des Friseurs von der Strohpuppe an Donna Tollas Fenster) – vergangen sind, hat er sich schon dreimal hier mit Nannina heimlich getroffen. Die beste Freundin Tollas ist ja Nannina; und da Faustinas Vorwürfe – hätte er sich offenbart – seine Verzweiflung zum Irrsinn gesteigert hätten, war Nannina Sansedoni die einzige gewesen, an die er sich in seiner Not hatte wenden können; war sie doch auch die einzige, die um seine und Tollas Sünde wußte, und das schon seit längerer Zeit. Durch sie hatte er gehofft, auf dem laufenden gehalten zu werden über das, was im Hause Fiordespini vorging und in den nächsten Tagen vorgehn würde. Bei den bisherigen drei Zusammenkünften hatte sie die Aussagen Aliprandos zwar bestätigt, war aber bisher nicht in der Lage gewesen, neue Tatsachen mitzuteilen, außer daß Tollas Fieberzustand sich von Stunde zu Stunde verschlimmerte. Inzwischen ist auch Gracia, ohne selbst es zu ahnen, und ohne daß es andern bisher auffiel, an Malaria erkrankt infolge der Nacht, die er bei Tolla verbrachte, angesteckt von ihren kranken Küssen. Fiebrig gehetzt schreitet er, Nannina erwartend, auf und ab in der schummrigen Kirche. Die Glasmalereien durchschimmert kein Sonnenstrahl mehr, wohl aber ein langsam erlöschendes Abendrot, bis allmählich Nachtdunkel durch die schwarz gewordenen Fenster hereinflutet und dem flackernden Lichtergeflimmer auf dem Altar zu mystischem Glanz verhilft. Nannina kommt. Gracias Fieberaugen gewahren im Dämmer nicht, wie rotgeweint die Augenlider des sonst so heitern Mädchens sind, wie verschreckt und verstört sie dreinschaut, wie schwer sie die Furcht, ihm zu nahen, überwindet. Doch auch sie – erdrückt von der Hiobspost, die sie ihm überbringen soll – merkt nicht, daß ein Kranker vor ihr steht. Sähe sie's, würde sie ihn ja schonen ... Sie faßt ihn am Ärmel und zieht ihn in eine Seitenkapelle hinein, wo sie vor Belauschung sicher zu sein glaubt. Und nachdem sie sich mehrmals scheu umgeblickt, flüstert sie ihm zu: Tolla sei tot. Lautlos stürzt er zu Boden und liegt eine Weile, der Sinne beraubt, da. Sie kniet bei ihm, legt den Kopf des tief Schlummernden auf ihren Schoß, nimmt aus einem Täschchen eine Phiole mit Orangenblütenwasser und bespritzt sein Gesicht damit, bis er die Augen aufschlägt. Nicht geringer als ihre Besorgnis um ihn ist jetzt seine Verlegenheit vor ihr, sein Schamgefühl über die gezeigte Schwäche, über seine im Halbschlaf vergossenen Tränen. Rasch erhebt er sich und wischt sich scheu die Wangen trocken (auf denen das gespritzte Parfüm sich mit Tränen vermengt hatte). Sein gekränkter Stolz drängt den Seelenschmerz zurück. Mit beherrschten Worten besteht er darauf, daß Nannina ihm alles sage und nichts verschweige. Weit weniger beherrscht als er, bricht sie in wildes Schluchzen aus und stammelt einen Bericht zusammen, so verwirrt und verwirrend, daß er Mühe hat, den Sinn ihrer überhasteten, von Weinen unterbrochenen, zusammenhangslosen Sätze zu erfassen. Erst nach und nach erfaßt er, daß ihre Trauerrede ihn nicht an einen Sarg, nicht an eine aufgebahrte Mädchenleiche heranführt, sondern an einen mit Rosen überwachsenen grauenvollen Schlund, einen Abyssos von Gemeinheit, den sein unerfahrenes Knabenherz nimmermehr fähig gewesen wäre unter so schöner Hülle zu vermuten. 20 Aus Nanninas chaotischem Gestammel hätte die kleine Semiramide degli Albizzi eine ihrer Novellen verfassen können und hätte – wozu Gracia nicht imstande war – als begabte Psychologin herausgespürt, daß das Gejammer der Erzählerin nicht frei von einer unbewußten Genugtuung sei. Denn Nannina hatte immer das sündige Glück ihrer Freundin Tolla, ohne sich selbst Rechenschaft darüber zu geben, mißbilligt und beneidet, als Mitwisserin und Gönnerin des Liebespaares hatte sie sich in den hübschen Gracia verliebt. Ihm jetzt Schmerzen zu bereiten, ist bitter und süß für Nannina. Ihrer Trauer um Tolla, obgleich echt und aufrichtig, ist ein Glücksgefühl beigemischt: ihn bemitleidend empfindet doch ihre Eitelkeit, daß er seine Liebe – (die einer viel Würdigeren wert gewesen wäre!) – an eine Unwürdige vergeudet hat. Doch alles das bleibt unausgesprochen; und es herauszuhören, hätte höchstens eine Seelendeuterin wie Semiramide vermocht. Was Gracia den Klagen Nanninas an dürren Tatsachen zu entnehmen vermag, ist dies: Tollas Vater hatte heute gegen Mittag seine Tochter durch einen Arzt untersuchen lassen, der ein Nachlassen des Fiebers feststellte, zugleich aber auch feststellte, daß das Fräulein schwanger sei. Die Raserei des alten Fiordespini hob von neuem an. Ihm war tags zuvor zugetragen worden, Leute – (die aus Furcht vor der Giftküche in der Fonderia de'Medici nicht genannt sein wollten) – hätten im Morgendämmer des 1. Mai Don Gracia, Cosmos Sohn, gesehn und erkannt, als er – ohne Maske vor dem Gesicht – aus dem Fenster der Donna Tolla in die Gasse hinabsprang. Der Alte, der zwei Tage lang der Malaria wegen sich Zwang auferlegt hatte, nimmt keine Rücksicht mehr, und da er, die Worte des Arztes mißverstehend, seine Tochter für genesen hält, kommt er tobend ans Bett der Fiebernden, beschimpft sie brutal und bedroht sie, um von ihr das Geständnis zu erpressen, daß sie von Don Gracia geschwängert sei. Tolla leugnet. Darauf eröffnet ihr der Alte, daß er sie gegen Abend in ein Kloster schaffen werde. Er nimmt ihr ihre Kleider weg und verschließt ihr Zimmer. Nachdem Tolla allein geblieben ist, steigert sich ihr Fieberzustand. Sie will nicht Nonne werden. Da ihre Kleider nicht zur Hand sind und das Zimmer abgeschlossen ist, steigt sie im Nachtgewand durchs Fenster, gelangt unversehrt hinab in die Gasse und läuft einer Irrsinnigen gleich. Ihr Ziel ist die Wohnung ihrer Freundin Nannina, wo sie Schutz zu finden hofft. Doch Passanten, die sie aus dem Fenster steigen sahn und sie für eine Besessene halten, eilen ihr nach. Und nun flieht sie ziellos, bloß um den Verfolgern zu entkommen. Dadurch läßt sie sich vom eingeschlagenen Wege abdrängen, verliert die Richtung und gerät in eine Proletariergegend. Schließlich, als die Verfolger sie schon fast eingeholt haben, rettet sie sich in ein fremdes Häuschen hinein, dessen Tür zufällig offen steht. Kaum aber ist sie über die Schwelle getreten, werfen sich die Hausbewohner – es sind lauter Weiber – kreischend über sie her, schlagen sie blutig, reißen ihr Nachtgewand in Fetzen und raufen ihr die Haare büschelweise vom Kopf. Dort nämlich in dem Häuschen lag seit mehreren Tagen ein kleines Kind auf den Tod krank, und von der Mutter war an diesem Morgen eine des Zauberns kundige Nachbarin um Hilfe gebeten worden. Als Donna Tolla in die Stube trat, hatte soeben die zaubernde Nachbarin die Kleider des kranken Kindes gekocht, um die die Krankheit verursachende Hexe herbeizuzwingen, und hatte dazu den Zauberspruch geflüstert: »Bildet eine Kette, ihr Teufel der Hölle alle, und zwingt die Behexerin des Kindes, vor mich herzutreten!« Es war ein unglücklicher Zufall, daß gerade in diesem Augenblick das außerordentliche Bild eines schönen, ungekämmten, wirrhaarigen und fast unbekleideten jungen Mädchens an der offenen Tür erschien, gleichsam als wäre es der gerufene Krankheitsdämon des Kindes. Und weil die der Heilung des Kindes zuschauenden Frauen überzeugt waren, die »strega del bambino« vor sich zu sehn, warfen sie sich wie rasende Mänaden auf Tolla, mißhandelten sie, rissen ihr die Haare aus. Jammerrufe ausstoßend stürzt sie auf die Gasse hinaus. Doch auch dort lassen die Wütenden nicht ab von ihr. Tolla wird zu Boden geschlagen. Aus vielen Wunden blutend liegt sie nackt auf dem Kehricht der Vorstadtgasse und gebiert ein totes Kind. Ein Verwandter Nanninas, der siebzigjährige Uberto della Stufa, wurde, als sich das eben ereignet hatte, auf dem Heimweg von Fiesole in einer geschlossenen, innen mit hellblauer Seide bespannten Chaise durch jene Vorstadtgegend getragen. Zum Glück für Tolla biegen die Träger in die Gasse, den Schauplatz der Mißhandlung, ein, als die verdutzten, ihres Irrtums sich bereits bewußt gewordenen Furien damit beschäftigt sind, dem leblosen kleinen Geschöpf die Nabelschnur zu durchschneiden. Della Stufa läßt die Träger haltmachen, steigt aus, erkennt in der so übel zugerichteten ohnmächtigen jungen Mutter die Freundin seiner Großnichte Nannina und ordnet an, daß sie so nackt und blutig, wie sie ist, in seine hellseiden gepolsterte Sänfte gelegt und unverzüglich in den Palazzo Sansedoni gebracht werde. Der greise della Stufa geht zu Fuß nebenher, tritt in eine Osteria und schreibt an Messer Sansedoni einige Zeilen, worin er um ein Asyl bittet für die Unglückliche, welche allzusehr Ursache gehabt, aus dem Elternhaus zu fliehn und dem Wahnsinn zu verfallen. Den mit dem Brief vorausgeschickten Boten kann Messer Sansedoni nicht empfangen, weil er vom Hause abwesend ist; statt seiner spricht Nannina mit dem Boten, erfährt von ihm das Grauenhafte; sie sorgt für einen Arzt, für Verbandzeug, läßt ihr eigenes Bett für die Freundin frisch beziehn. Die Sänfte langt an, Tolla wird in Nanninas Bett gelegt. Der Arzt wäscht und verbindet die Wunden; doch auf Nanninas angstvolle Fragen findet er keine Trostlüge; als einzige Medizin verschreibt er die Letzte Ölung. Ein Priester wird geholt. Nachdem Tolla gebeichtet und das Sakrament genommen, schwinden wie durch ein Wunder ihre Schmerzen; und die Trübung ihres Geistes weicht hellseherischer Klarheit. Sie zittert nicht um ihr Leben, das sie schwinden fühlt, sie zittert mehr um das Leben Don Gracias, der durch ihr Verschulden Gefahr läuft, der Rache ihres Vaters oder ihrer Brüder anheimzufallen. Darum fleht und drängt sie, man solle ihren Eltern melden, sie liege auf dem Sterbebett; und Eile sei geboten, falls sie ihre Tochter noch einmal sehn wollten; sie habe – bevor de Tod ihr den Mund verschlösse – Wichtiges zu offenbaren ... Ihr Wunsch wird erfüllt, den Eltern wird Nachricht gegeben. Bis sie aber kommen, redet Tolla unter vier Augen mit Nannina, gequält von Reue über den Betrug, den sie an Gracia begangen. Sie selbst freilich war vom frommen, engelhaften Don Giovanni, dem Bruder Gracias, betrogen worden, der ihr vorgespiegelt hatte, sie werde als seine heimlich angetraute Ehegattin im erzbischöflichen Palast zu Pisa bei ihm leben; – ihm, als einem Medici, werde es nicht schwer fallen, vom Papst den Dispens zu einer Priesterehe mit ihr zu erwirken. Nachdem aber, während des letzten Karnevals, Giovanni sich mehrmals mit ihr im Hause der La Delfina getroffen, war er in Begleitung einer blutjungen Abenteuerin, namens Bianca Cappello, nach Pisa zurückgekehrt und hatte an Tolla geschrieben, Sua Beatitudine (der Papst) habe ihm den erbetenen Dispens verweigert ... Da sie sich bald darauf schwanger fühlte, wußte sie sich in ihrer Verzweiflung nicht anders zu helfen als durch einen schändlichen Betrug an Gracia. Sie lockte Gracia an sich, sie verführte ihn und dann teilte sie ihm mit, sie trage unter dem Herzen ein Kind von ihm ... Zusehends schwinden Tollas Kräfte während dieses Gesprächs; ihre Hand in Nanninas Hand erkaltet. Als ihre weinenden Eltern und Brüder um sie versammelt sind, hat sie nur noch die Kraft zu sagen: »Dein Verdacht war falsch, Vater. Ich schwieg, als du mich bedrohtest; doch (damit ein Schuldloser nicht leide) darf ich nicht sterben, ohne meinen Verderber zu nennen. Versprecht mir aber, die Dolche in den Scheiden zu lassen: überlaßt es dem Allerbarmer, zu strafen oder zu vergeben! So wahr ich gleich vor Gottes Antlitz stehn werde, so wahr ist, daß meines Kindes Vater ein Priester ist. Forscht nicht nach seinem Namen! ...« 21 Vergebens hatte Don Gracia, als er aus der Ohnmacht erwacht war, mit knabenhaftem Stolz sich vorgenommen, Nannina beherrscht und tränenlos anzuhören. Gar bald ließ die Beherrschtheit ihn im Stich; das unmerkliche Fieber seines Körpers wurde zum merklichen Fieber seines Geistes. Zwar hörte er wortlos zu, doch seine Stummheit war ein kindliches Gewimmer; seine blauen Augen stierten entsetzensvoll und glichen Froschaugen; sein schönes Gesicht verzog sich zu einer Fratze. Wäre nicht Nannina durch die Dunkelheit gehindert worden, die Verkrampfung seiner Gesichtszüge zu beobachten, sie hätte vielleicht eine Hemmung gefühlt, weiterzusprechen; sie hätte beim Anblick seines verzerrten Mundes wohl eingesehn, daß sie mit ungeschminkter Wahrheit des ahnungslosen Knaben Herz so erbarmungslos nicht foltern dürfe. Jetzt, da die Folter beendet ist, erdröhnt plötzlich im Kirchenraum ein tierisches Gebrüll, verstärkt und verzehnfacht durch das schallende Echo der Kreuzgewölbe. Auf ein Kruzifix stürzt Don Gracia zu. Wahnsinn, Schmerztollheit, Fieberdelirium schreien aus ihm, während er die Glieder des Gekreuzigten umklammert: »O mein Herr Jesus Christus, warum hast du das zugelassen? Warum bin ich dir so verhaßt? Sieh, nun muß ich ein Wolf werden und muß auch dein heiliges Blut vergießen! Einen Engel werde ich umbringen, weil er Tolla und mir ein böser Engel war. Wer einen Engel ersticht, ersticht ja dich, o mein Gott! Vergib es mir, wie ich Tolla vergebe, die betrogen wurde gleich mir! ... Mit Blut werde ich Tollas Blut aufwiegen (das schwöre ich auf dein Dornenhaupt), rächen werde ich sie an ihrem Verderber! ... Ach, doch wer ist ihr Verderber? Er, der Gute, – oder ich, der ich grundschlecht bin? Leite, o König der Sterne, meine Rächerhand, daß sie nicht einen Unschuldigen treffe! Darf ich's denn glauben, was Tolla sterbend gestand? – was sie vielleicht erfand –: aus Liebe zu mir erfand, um mich vor den Dolchen ihrer Brüder zu bewahren? Darf ich Giovanni strafen, dessen Schuld nicht erwiesen ist – während mein Verbrechen keines Beweises bedarf und zum Himmel schreit? Ich bin es, um dessentwillen sie aus dem Elternhaus floh, ich bin es, der sie in Schande brachte! ... Ja, ja, ja, an mir muß ich ihren Tod strafen –: ich bin der Schandbube, der ihr Blut vergoß, ich bin ihr Mörder! ...« 22 Eilige Schritte hallen vom Portal her auf den Steinfließen. Nannina faßt Gracia am Arm: »Komm weg ... Man darf uns hier nicht sehn!« flüstert sie erregt. Der Fieberrausch des Delirierenden hat sich ausgetobt, das blasphemische Geschrei ist jählings verstummt. Doch es gelingt Nannina nicht, Gracia vom Kruzifix, das er umklammert hält, fortzuziehn. Allein entflieht sie in die dunkelste Ecke der Kirche. Der so eiligen Schrittes naht, ist Messer Agostino Selmi. Von den beiden Höflingen, die Cosmo in den Palast geschickt hatte, Gracia zu holen, war Sforza Almeni unverrichteter Sache in den Boboligarten zurückgekehrt, während Agostino Selmi – nachdem er festgestellt hatte, daß der junge Prinz sich zweifellos im Palast nicht befand – bei der Dienerschaft und den Wachtposten herumfragte, ob man ihn habe weggehn sehn. So war Selmi schließlich auf die richtige Spur gelenkt worden. In die Klosterkirche San Felice eintretend, hatte er sogleich Don Gracias Stimme erkannt; doch erst als er herankam, war er imstande gewesen, einzelne Silben zu unterscheiden. Ganz deutlich aber hatte er die letzten Worte Gracias vernommen: »Ich bin der Schandbube, der ihr Blut vergoß, ich bin ihr Mörder!« Würde ein Beilhieb auf seine Stirn niederblitzen, er könnte darob nicht mehr ergrausen. Diese Zwiesprache mit dem Gekreuzigten bestätigte den entsetzlichen Verdacht, den auf der weiten Welt kein Mensch außer Agostino Selmi bisher gehegt hat ... Also doch! Also doch! ... Verwirrt und verstört, stellt er an den leichenblassen Gracia keine Fragen, unterläßt es, ihm Vorwürfe zu machen, und beschränkt sich darauf, ihm zu sagen, alle seien schon im Garten versammelt, man warte auf ihn. 23 Und wenige Minuten hernach sitzen Gracia und Agostino Selmi mit Cosmo, Faustina, Giuliano, Sforza und Traiano an dem von flackernden Windlichten erhellten Palisandertisch im Boboligarten, wo auf Wunsch des Duca Giuliano sein abenteuerliches Leben erzählt. Voll wacher Aufmerksamkeit lauschen die Zuhörer seinem Bericht, nippen hin und wieder an ihrem Weinglas, essen mit adliger Eleganz Obst und Konfekt, sitzen aufrecht, ein wenig spanisch-steif, wie es die Hofsitte vorschreibt, und gleichen schönausstaffierten Puppen weit eher als von Leidenschaften zerwühlten Menschenkindern, deren Seelen durch Feuerpfuhle schreiten wie die Verdammten in Dantes Hölle. In Cosmos Innerem brennt die Sünde des vorigen Abends. Seit gestern verschließt er sein Herz vor Faustina – dem einzigen Menschen, dem er bislang seine Gifte und Arzneien, die Teufel und Engel in seinem Herzen zu zeigen sich nicht scheute. Die Ehrlichkeit gegen sie war Ehrlichkeit gegen sich selbst gewesen – und die verlor er. Doch schuldig vor ihr, verlor er auch das Gefühl von Eifersucht, das vor kurzem, in der Fonderia, ihr Eintreten für Giulianos Unschuld in ihm entfacht hatte. Über Nacht haben alle seine Gefühle sich verschoben, haben sich umgelagert wie die Glassplitter in einem Kaleidoskop. Viel Unrecht hat er wettzumachen an Faustina sowohl wie an Giuliano. Erwiesen ist jetzt Giulianos Schuldlosigkeit – was aber ist damit erwiesen? Ein unheimliches Rätsel bleibt er nach wie vor ... Und auch in Faustinas schmerzlichem Lächeln ringeln sich kleine Schlangen der Hölle. Einen Meineid geleistet hat sie heute früh, als Cosmo sie über den Schmetterling ausfragte. Leichthin und im Scherzton hatte er die peinliche Frage gestellt, er selbst etwas vor ihr verlegen nach umschreibenden Ausdrücken suchend, und hatte sich mit ihren falschen Beteuerungen leicht zufrieden gegeben. Nun schwärt die Lüge wie ein Krebsgeschwür in ihrem Gewissen. Freilich, welches Mädchen auf der weiten Welt wäre solchen Schimpf einzugestehn fähig? ... Doch entlastet sie das? Daß sie nicht längst schon, unaufgefordert, ihre Schande hinausgeschrien, damit ein grundlos Verdächtigter nicht länger leide, ist ihre tragische Schuld und um so verwerflicher, weil ihr Schamgefühl mit Haß vermengt ist, – vielleicht auch mit heimlicher, ihr selbst noch unbewußter Liebe ... 24 »Vor die Ereignisse meiner frühesten Kindheit wurde – sei es mir zum Unheil, sei es mir zum Heil – ein undurchsichtiger Vorhang gezogen«, beginnt Giuliano seinen Bericht. »Als ich heranwuchs und ein denkender kleiner Bub wurde, habe ich oftmals versucht, meinem Kindergehirn eine Erinnerung abzuzwingen. Umsonst, alles umsonst. Ich weiß nicht einmal, ob der Vorhang vor einem Tempel hing oder vor einer Lasterhöhle; – ob es gar ein Theatervorhang war, hinter welchem Herzbewegendes gespielt wurde von unglücklichen Schauspielern des Lebens. Ein verfolgtes Paar – einen Mann und eine Frau –, die mit mir von Hafen zu Hafen zogen; eine Blutlache sodann, in der meine Kinderaugen den Mann röcheln sahn, haben mir später zuweilen Träume gezeigt. Mag sein, daß die Träume mir die Tragödie meiner Eltern zeigten; mag auch sein, daß meine Träume Schäume waren ... Ich weiß es nicht; denn erst mehrere Jahre nachdem ich die letzte Hafenstadt verließ, begann das Bewußtsein der Wirklichkeit in mir aufzudämmern; und damit drängte sich vor alle schwankenden Traumbilder das eine untrügliche Bild: daß ich blutend die letzte Hafenstadt verließ. Und auch das sah mein ausgelöschtes Gedächtnis bloß, weil mir vom Mann, der mich rettete, nachträglich beschrieben worden ist, wie an ein eben absegelndes Schiff eine Frau heranruderte und einen Blumenkorb hinaufreichte, worin verborgen unter Nelken ein Kind lag; – ein Kind mit blutig klaffendem Schädel. An Deck stand ein englischer Edelmann, der Earl of Norfolk; das Phantastische des Vorgangs, der Schmerz der Frau, das traurige Los des in Blumen gebetteten Kindes weckten sein Mitleid. Er nahm der Frau den Korb ab und versprach, für mich zu sorgen. 25 Lange hielt Norfolk mich für hoffnungslos blöde. Auch nachdem die langsam heilende Kopfwunde sich geschlossen hatte, blieb mein Gehirn leer. Darüber vergingen drei bis vier Jahre. Dann, beinahe plötzlich, wie ein ungestümes Erblühn nach Winterstarre, kam das Erwachen über mich. Ich lernte begreifen, ich lernte sprechen; ich lernte zu lernen, sogar besser zu lernen als andere Knaben meines Alters ...« Hier unterbrach Cosmo: »Wie alt bist du, Giuliano?« »Nur schätzen kann ich es, Eccellenza. Norfolk meinte, ich müsse ungefähr neun Jahre alt gewesen sein, als ich zu sprechen anfing. Falls das richtig ist, bin ich jetzt 27 Jahre alt.« »Und du warst ganz geheilt?« »Nicht ganz, Eccellenza. Spielend leicht lernte ich, – und das ging so zwei Jahre lang, ohne einen Rückfall. Jedoch als ich eines Morgens erwachte, wunderte ich mich über mein Bett und die Wand und das Fenster – all das sah ich zum erstenmal; mein Bild im Spiegel war mir fremd; ausgelöscht aus meinem Hirn war jegliches, was ich erlebt und was ich gelernt hatte. Erst nach Wochen fand ich zu mir zurück und war wieder Giuliano. Das hat sich in gewissen Zeitabständen immer wiederholt, auch noch in den letzten Jahren. Ich weiß dann nicht, wer ich bin, kenne meinen Namen nicht, rede wirres Zeug und begebe mich suchend auf die Wanderschaft, um mich selbst zu finden.« »Du bist nicht der einzige, der dich sucht, Giuliano. Wer gab dir deinen Namen?« »Norfolk tat es, Eccellenza. Den Namen hatte ihm jene Frau genannt, als er ihr versprach, für mich zu sorgen ... Sein Versprechen hat er treulich gehalten. Er zahlte für meine Erziehung, gab mich ins Haus eines Pfarrers, ließ mich die beste Schule in London besuchen, hernach auch die Universität in Oxford, wo ich Naturwissenschaft und Medizin studierte. Seit ich Student war, würdigte er mich seiner Freundschaft ...« Noch einmal unterbrach Cosmo. »Wo geschah das mit dem Korbe?« »In einem italienischen Hafen, Eccellenza. Oft habe ich Norfolk danach gefragt, stets weigerte er sich, mir den Namen des Hafens zu nennen. Ich hätte Feinde in Italien, meinte er, und darum sei es sein Wunsch, ich solle mein Heimatland meiden und in England Wurzel fassen ... Nie hatte er mich im Zweifel darüber gelassen, daß ich, wenn auch lieb ihm wie ein Sohn, der Erbe seines großen Besitzes nicht werden könne: er war zwar unverheiratet und kinderlos, doch hatte er zwei Neffen, die er ihres Geburtsrechtes nicht berauben wollte noch durfte. Für einen Erbschleicher hielten mich die beiden, verfolgten mich mit ihrem Haß und bereiteten Norfolk meinetwillen manche schwere Stunde. Sie hetzten zu guter Letzt die Kirche gegen ihn auf, indem sie seine humanistischen Studien als schwarze Kunst und Kabbala verdächtigten. Der Mißhelligkeiten müde, beschleunigte er die Ausführung seines schon lange gehegten Planes: auf dem Landwege über Mesopotamien und Persien bis nach Indien vorzudringen. Mich nahm er als Reisebegleiter mit. 26 Die Jahre im Orient waren die glücklichsten meines Lebens. Ich sah mehr als die sieben Wunder der Welt; ich wanderte hellwach (was sonst nur Dichter und Schakale tun) umher in Baalbek und in den Ruinen von Persepolis; ich sah den Hügel, der das Grab von Babylon ist. Am Hindus habe ich gestanden und am Ganges, habe Mondscheinnächte an märchenhaften Lotosteichen verträumt. Es gibt Schönheit, die anzuschauen beinahe schmerzt – wie es ja auch (z. B. in alten Balladen oder bei Vergil und Dante) einen Schmerz gibt, der ins Reich der Schönheit erhoben ist. Würde jemand mich fragen, was am stärksten an meine Seele gegriffen hat, so würde ich nicht den Gletscherschnee des Himalaja nennen oder das nächtliche Tierblutbad der Dschungeln; nicht vom Jammer in den Augen schöner Hindumädchen würde ich sprechen, nicht vom weißen Elefanten, nicht von den zum Himmel klimmenden Pagoden, nicht von einer Hungersnot, die lebende, mit Menschenhaut bedeckte Skelette aus Männern, Frauen, Greisen und Kindern machte; nicht vom Demantengeblink der Maharadschas, nicht vom schauervollen Halbdunkel im Felsentempel zu Ellora; nein, mein tiefstes Erlebnis hatte ich während der Rückreise – als Indien schon hinter mir lag –, in einem Dorfe des Tijari-Gebirges unfern von Mosul. Kurz bevor wir ins Dorf einritten, glitt mein Pferd aus, stürzte, kam auf mich zu liegen; auf einer Tragbahre – denn mein Bein war gebrochen – mußte ich ins Dorf geschafft werden. Daß die Reisepläne meines Wohltäters meinethalb eine Änderung erfahren sollten, war mir unerträglich; ich bat flehentlich darum, meine Gesundung nicht abzuwarten. Bis schließlich Norfolk nachgab. Im saubersten Hause des Dorfes brachte er mich unter, hinterließ mir Geld und Arzneien und setzte mit seinem Troß von Begleitern die Reise ohne mich fort. Er hatte die Absicht, einen Abstecher nach Armenien zu machen, und versprach, mich nach etlichen Wochen abzuholen. Doch aus den Wochen wurde ein Jahr, da ihn selbst am Wan-See eine schwere Fiebererkrankung zurückhielt ... Erst nach unserer Trennung erfuhr ich, daß ich nicht – wie ich zuerst geglaubt hatte – die Gastfreundschaft mohammedanischer Kurden genoß: die Bewohner des Dorfes, wo ich lag, waren Teufelsanbeter ...« »Was! Anbeter des Teufels?« rief Faustina erstaunt. »Lauter Hexenmeister und Hexen und kleine Hexenkinder? Und Ihr habt unter ihnen gelebt, Signore?« »Sie haben mich nicht behext, sie waren nicht so schlimm, Signorina.« »Aber doch Teufelsanbeter! Gibt es das wirklich?« fragte Cosmo stirnrunzelnd. »Ja, Eccellenza. In jenem Gebirge gibt es viele Dörfer der Teufelsanbeter.« »Und rottet der Sultan die Brut nicht aus?« »Alle Sultane haben Tausende von Teufelsanbetern hingeschlachtet – ohne sie ausrotten zu können ... Für eine arge Brut hielt auch ich sie, – bis ich eines andern belehrt wurde. Mein Gastfreund war einer ihrer Häuptlinge, ein weißbärtiger, hochgewachsener Greis mit mächtiger Adlernase, schwarzbewimperten hellgrauen Augen, geschweift gemeißelten Lippen; unvergeßlich sind mir seine wunderschönen Finger ... Er hieß Scheich Awad. Man hätte ihn für einen auferstandenen König der Parther oder der Sassaniden halten können, wäre er nicht so bescheiden gekleidet gewesen, und hätten ihm nicht Bescheidenheit und Herzensgüte aus den Augen gestrahlt. Aufopfernd pflegte er mich, nicht weil er eine Bezahlung erhoffte, nicht weil seine Religion es ihm vorschrieb, nicht weil er das Norfolk gegebene Versprechen halten mußte, – nein, sondern weil seine Menschlichkeit ihn zwang, dem Mitmenschen hilfreich zu sein ...« »Wir und die Nachtigallen des Boboli-Gartens hören dir gern zu, Giuliano. Doch anderswo sei vorsichtig. Der Inquisitor hat weitreichende Ohren ... Wie verständigtest du dich? Sprachst du Kurdisch?« »Nein, Eccellenza; – noch nicht, als ich mir das Bein brach. Doch ans Krankenlager gebannt, vertrieb ich mir die Zeit damit, Vokabeln aufzuschreiben, die ich zu Hunderten auswendig lernte. Als ich drei Monate später völlig genesen aufstand, kostete es mich mehr Mühe zu gehn oder gar zu reiten, als mich ziemlich fließend mit Scheich Awad zu unterhalten. Und nicht nur mit ihm: alle Dorfbewohner verehrten mich, weil ich kein Türke war, weil ihr Häuptling mich seinen Freund nannte und weil ich manchem Kranken mit meinen Arzneien das Leben rettete. Ein halbes Jahr ging hin, und in all der Zeit gelang es mir nicht, von meinen Freunden das Geringste über ihren Glauben und den Ritus des Teufelsdienstes zu erfahren. Bis eine furchtbare Begebenheit mir das Geheimnis lüftete. 27 Ich sagte schon, daß die Türken – in gewissen Zeitabständen – die Dörfer der Teufelsanbeter überfielen. Mit Wissen der Behörden geschah es, meist sogar auf höheren Befehl, daß die albanesischen Soldaten, die prachtvollen Janitscharen des Sultans, ins Gebirge drangen und – je nach Laune und Bedarf –, sei es einen Vertilgungskrieg, sei es einen Sklavenkrieg führten. War das erstere eine Raserei im Blutrausch, ein Gemetzel ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht, so war fast noch grausiger das zweite, ein unblutiger Krieg zwar, doch herzbrechend wie das Schreiten der Pest durch menschenreiche Gassen. Um nämlich für schuldiggebliebenen Sold die Janitscharen schadlos zu halten, gestattete ihnen der Padischah, in den Dörfern der Teufelsanbeter einen Kinder-Tribut zu erheben. Sie wanderten scheinbar ganz friedlich von Dorf zu Dorf, ließen sich sämtliche Kinder zeigen, wählten die gesündesten und schönsten aus, trieben die kleinen Knaben und Mädchen wie eine blökende Schafherde vor sich her, brachten sie nach Mosul und verkauften sie auf dem Sklavenmarkt. Unser Dorf hing wie ein Schwalbennest an steilem Felsschroffen oberhalb einer schmalen Schlucht, in die sich das Geklüft fast senkrecht hinabsenkte, um jenseits als ebenso nackte und jähe Felswand emporzusteigen. Nicht ganz in gleicher Höhe mit uns, etwas tiefer gelegen, war drüben an einer muschelförmig eingebuchteten Stelle der Felswand ein Dorf; und ein anderes linker Hand im Tal, wo die Schlucht sich erweiterte. Eines Nachmittags saß ich vor unserem Hause und sog mit Lunge, Auge und Ohr den stillen Frieden der Berglandschaft in mich ein. Schon längten sich die Gipfelschatten, Frauengesang erscholl, Zikaden schrillten, ein Hund bellte. Ohne Warnung stand plötzlich das Schicksal inmitten der Felsschlucht, unentrinnbar, grauenhaft. Einer der ersten war ich, der die Albanesen drunten gewahrte; sie beratschlagten, sie teilten sich in drei Trupps; – die einen schritten auf das Dorf im Tale zu, die anderen erstiegen den Felspfad drüben, und ein dritter Trupp begann, den weit beschwerlicheren Weg zu uns heraufzuklimmen. Noch immer zirpten die Grillen, noch immer bellte der Hund, noch immer senkten sich die Abendschatten friedlich hernieder ... Ich stürzte ins Haus zu Scheich Awad. Als er mit mir vor die Tür trat, schallte uns ein Geheul aus der Tiefe entgegen, wie wenn im Tal der Feuerpfuhl der Hölle lodere, und nicht lange danach antwortete ein Echo von der Felswand drüben. 28 Scheich Awad hatte einen Enkel. Ein engelhaft schöner, halbwüchsiger Knabe war das, der letzte Sproß des viele Jahrhunderte alten Häuptlingsgeschlechts. Den Vater des Knaben, den einzigen Sohn des Scheich Awad, hatten im letzten Vertilgungskriege die Türken hingemetzelt. Seitdem stand alle Hoffnung des Volksstammes – nicht minder als die des Scheichs – auf den zwei Augen des Kindes. Die Liebe des Scheichs zum Knaben grenzte an Besessenheit. Verteidigung war unmöglich gegen die bewaffnete Übermacht. Flucht wäre zwecklos gewesen. Zwar gab es Felsenhöhlen im Gebirge; doch schon gellten ferne Wehrufe auch aus anderen benachbarten Tälern. Bis jetzt hatte der zu uns heraufklimmende Trupp eine kleine Strecke erst des Weges zurückgelegt, noch blieb uns eine halbe Stunde, das Unheil – wenn der Himmel nicht ein Wunder tat – zu erwarten. So viel Zeit zur Rettung, – und dennoch keine Rettung möglich! Ich hielt mir die Hände vors Gesicht, – so unerträglich wurde mir der Anblick des schluchzenden Greises, der sein Enkelkind auf seinen Armen umhertrug und ihm Koseworte zuflüsterte wie ein Wahnsinniger. Ich zermarterte mir mein Gehirn, nach einem Ausweg suchend ... Und Gott half mir, einen zu finden ( – wenn es nicht Satan war, der ihn mir finden half!) Ich entsann mich plötzlich, daß sich unter den Arzneien, die Norfolk mir zurückgelassen hatte, ein betäubendes Gift befand, das einen todähnlichen Schlaf bewirkt ... Beglückt über den Einfall, bebend vor Aufregung, trat ich an Scheich Awad heran und sagte: »Scheich! Wenn du es erlaubst und Gott mir hilft, werde ich den Knaben retten!« Er blickte mich verständnislos an. »Laß uns keine Zeit verlieren!« drängte ich. »Ich werde ihm einen Betäubungstrank geben, daß er einschläft und wie ein Toter erstarrt. Wir bahren ihn auf, hüllen ihn in Leichentücher. Die Kinderräuber werden ihn für tot halten. Wenn sie das Dorf verlassen, wird – so Gott will – die Wirkung des Giftes nachlassen, er wird zum Leben erwachen. Erlaubst du, daß ich ihn durch den Tod zum Leben führe? Ich frage dich, weil es ein Wagnis ist, weil es geschehn könnte, daß seine Seele nicht in den Körper zurückfindet.« »Führe es aus!« rief der Scheich. »Und wenn er nicht erwacht, so hat der Allerbarmer ihn doch gerettet! Besser, er schläft und erwacht nie, als daß er als Sklave erwacht!« Ich holte die Medizin, ich gab sie dem Knaben zu trinken. Eilends wurden Leichentücher und ein Sarg herbeigeschafft. Wir bahrten in aller Hast den bewußtlosen Knaben auf, stellten je zwei brennende Öllämpchen ihm zu Häupten und zu Füßen ... Kaum war das geschehn, langten die Soldaten bereits in unserem Dorfe an, begrüßt von herzzerreißendem Jammergeheul. Kalt, henkermäßig sammelten sie den Kindertribut ein. Noch gellt mir zuweilen in schlaflosen Nächten das Gekreisch der Mütter in den Ohren, und ich sehe ihre Verzweiflungsgebärden. Kein Tropfen Blut wurde vergossen, und doch war es gräßlich wie der Kindermord zu Bethlehem ... Als die Schar der kleinen Sklaven vollzählig war, fragten die Albanesen nach dem Sohn des Häuptlings. Man erwiderte, der Knabe sei tot. Sie lachten ungläubig und drangen, eine tobende Rotte, in unser Haus ein. Da freilich mußten sie es glauben, und ihre hohnvolle Roheit verstummte angesichts der eingesargten wunderschönen Knabenleiche. Mürrisch entfernten sie sich, verließen mit ihrer schreienden Kinderherde das Dorf. 29 Ich hatte angekündigt, daß nach sechs Stunden der Häuptlingssohn erwachen werde. Um Mitternacht, als die Frist um war, versammelten sich Scheich Awad und seine Angehörigen in dem helldunklen, von den vier flackernden Totenlämpchen schlecht erleuchteten Raum. Und viele Dorfbewohner, geweißt von Mondlicht, standen vor der offenen Tür draußen, blickten mit glühenden Augen zu uns herein. Sie alle erwarteten das Wunder von mir; – ich selbst erwartete es von mir ... Nein, von Gott. Ich zweifelte keinen Augenblick an der Allmacht des Allmächtigen. Voll Vertrauen auf Seine Hilfe kniete ich neben der Kindesleiche nieder und betete so inbrünstig, wie ich nie in meinem Leben gebetet habe. Wohl zehn Minuten lang kniete ich da in stummem Gebet; dann erhob ich mich, beugte mich über den offenen Sarg, faßte die Kinderhand. Sie war starr und eisig. Eine wahnsinnige Angst packte mich ... Das konnte Gott doch nicht wollen?! ... Von neuem sank ich in die Knie, betete länger als zuvor. Ich haderte mit Gott, daß er mich im Stich gelassen, ich winselte wie ein Hund vor ihm, ich bot ihm mein Leben für das Leben des Kindes an; dann wieder zürnte ich ihm und widerrief mein Zürnen und überredete ihn, den Teufel vor den Teufelsdienern zu beschämen ... Und schließlich schloß ich mein wirres Angstgebet, weil jählings die Zuversicht in mein Herz einzog, Gott werde nunmehr mir beistehn. Und zum zweitenmal griff ich nach der Kinderhand ... Eis, starrendes Eis! Nicht erhört hatte mich Gott, hatte mir das Wunder versagt! Tot das Kind – und ich sein Mörder!! Da brach ich schreiend zusammen. Wäre mir das Giftglas in dem Augenblick zur Hand gewesen, ich hätte es ausgetrunken. In der Mondnacht draußen stimmten Klagefrauen die Totenklage an, schlugen sich die Brüste, rauften sich die Haare. Der alte Scheich hob mich auf, küßte mich auf beide Wangen und legte seine Hand segnend auf meinen Kopf. »Auch so bist du sein Retter, und dafür sei gesegnet! ... Einst war den Menschen das Leben ein Glück und der Tod ein Grauen; die Welt hat sich gewandelt, und für uns Heutige ist der Tod ein Glück und das Leben ein Grauen ... Wohl ihm! Er wird nicht als Eunuch in Mosul leben – er lebt jetzt im Paradiese!« 30 Bei meinem Erwachen am nächsten Morgen spürte ich, daß dies Erlebnis aus mir einen andern Menschen gemacht hatte. In den Tag hinein hatte ich bis dahin gelebt, lernbegierig aus Eitelkeit, lustbegierig aus Sinnlichkeit, eigennützig, selbstsüchtig, stolz auf meinen Verstand und mein adliges Gesicht. Und jetzt begriff ich mich selbst nicht: wie hatte ich mich anheischig machen können, den Tod zu besiegen; wie hatte ich mich vermessen können, auf das Wunder zu hoffen, das durch einen Unvergleichlichen dem Töchterlein Jairis geschehn war! Wie war ich verblendet gewesen, Ihm gleichtun zu wollen! Wie wenig glich ich Ihm! Wie schwer würde ich noch an mir zu arbeiten haben, um würdig zu sein, Ihm nachzufolgen ...« Cosmo unterbrach: »Das ehrt dich, Giuliano; und ich kann es dir nachfühlen ... Doch sage selbst: glaubst du, daß der Sohn Gottes ein Herz für Teufelsanbeter gehabt hätte?« »Unser Erlöser, Eccellenza, hatte ein Herz für Sünder und Ehebrecher, für Samariter und Heiden. Er wird auch für mich ein Herz haben, der ich zweimal einen Mord auf meine Seele lud ... Doch die Teufelsanbeter sind ja gar nicht Anbeter des Teufels. Nach dem Tode seines Enkels weihte mich der alte Scheich in alle Mysterien dieser dunklen Religion ein. Sie geben dem Teufel den Namen Melek Ta-wus, das bedeutet: ›König Pfauhahn‹. Sie beten ihn nicht an, sie verehren ihn nicht; sie fürchten ihn bloß als den Fürsten der Finsternis. Ihr Ritus ist Beschwichtigung, Versöhnung, Abwehr der bösen Macht, des bösen Geschickes. König Pfauhahn ist, behaupten sie, ein gefallener Engel; der herrlichste und stolzeste war er seiner Brüder – und darum war sein Fall so tief. Seine Geschwister, die himmlischen Heerscharen, bekämpfen ihn, seinen Hochmut zu dämpfen. Nach einigen Jahrtausenden jedoch wird Gott sich aussöhnen mit ihm. Ein Symbol – nicht ein Idol – ist das kupferne Standbild des Königs Pfauhahn, welches – zwei Tage bevor Norfolk mich abholen kam – der alte Scheich mir zu sehn erlaubte. 31 In Skenderun, dem Hafen Nordsyriens, erwartete uns ein eigens für uns gechartertes französisches Schiff, eine weiße, hochbordige Galeone, schlank und graziös wie ein Schwan und groß genug, außer dem Lord nebst seinen Reisegenossen und gesammelten Kunstschätzen auch noch zwanzig von ihm gekaufte Hengste edelster Rasse übers Meer nach Marseille zu tragen. Er hatte vor, mit arabischem Vollblut sein englisches Gestüt aufzubessern, einige der Pferde vielleicht auch an Freunde zu verschenken. Keine leichte Aufgabe war es, die unbändigen Tiere über den schmalen Holzsteg an Deck und dann hinab in den Ladungsraum des Schiffes zu schaffen. Der wildeste der Hengste, ein wunderschöner rabenschwarzer Teufel, schnob und wieherte, stieg kerzengerade, weigerte sich, toll um sich beißend; das Weiß seiner Augäpfel funkelte elfenbeinern, blutrot umrandet ... Als das Tier am Euphrat gekauft worden war, hatte es einen arabischen Namen gehabt; doch Norfolk hatte es umgetauft, und da ihm aufgefallen war, daß es sich wie ein herrischer Fürst zwischen, den andern Pferden bewegte, hatte er ihm den Namen König Pfauhahn verliehen. Keinen Reiter außer Norfolk duldete König Pfauhahn auf seinem Rücken. Mit seinem freundlichen Zuruf konnte der Lord den tollen Hengst zum Gehorsam zwingen, – ihn, der sonst keinen Gebieter über sich anerkannte und der selbst der Gebieter der anderen Hengste war ... Auch jetzt, als beim Einschiffen alle Maßnahmen der Reitknechte versagten, mußte Norfolk an den Landungssteg gerufen werden, wo er mit einem gütigen Wort den Eigensinn des Um-sich-Beißenden brach. Wie ein gezähmtes Raubtier folgte König Pfauhahn dem Lord aufs Schiff; – und willig folgten dann die übrigen Hengste. 32 Bei günstigem Winde und wolkenlosem Himmel segelten wir fünf Tage lang westwärts, sahn fernher die Berggipfel Kilikiens, Pamphyliens, Lykiens in rosa Dunst getaucht aus dem nördlichen Horizont emporschimmern, kamen an der Insel Rhodos vorbei – (sie heißt ihrer Rosen wegen ›Roseninsel‹) – und näherten uns bereits der Südspitze Griechenlands, die es zu umschiffen galt, um Messina und das Tyrrhenische Meer zu erreichen. Blau wie die Flügel eines Eisvogels glühten die sonnendurchleuchteten lächelnden Wogen, und meilenweit blieb hinter dem Achtersteven (einem sich verbreiternden Kometenschweif ähnlich) die schaumberandete Kielspur zurück. Am fünften Tage entdeckten die Matrosen im Südwesten ein ›Ochsenauge‹, ein kleines schwarzes Gewölk. Wir andern legten dem Wölkchen keine Wichtigkeit bei. Der französische Kapitän indes, wohlvertraut mit den Tücken jener Gewässer, machte Anstalten, in einem Hafen Kandias Schutz zu suchen. Das schien Norfolk eine übertriebene Vorsicht zu sein; er widersprach und bestand darauf, der Kurs auf Messina solle beibehalten werden. Noch ehe der Streit zu einer Entscheidung geführt hatte, führte das Schicksal die Entscheidung herbei. Beinahe im Nu verwandelte sich das Blau der Wogen in schmutziggraues Grün, verwandelte sich die lichte Bläue des Himmels in dunkles Schwefelgelb. An Stelle des Ostwindes raste ein Westwind heran und trieb unser Schiff wie ein welkes Herbstblatt vor sich her. Die Hagelschauer und Blitze speienden Wolken droben vermochten mit dem flach über die See hinbrausenden Sturmwind nicht Schritt zu halten; – nach einer grausigen Gewitternacht entführte er uns aus der Zone der prasselnden Sintflutgewässer, freilich erst, nachdem einer der letzten der zehntausend Blitze unser Schiff getroffen und in den Kielraum ein Leck gerissen hatte. Am nächsten Morgen wölbte sich ein makelloser Himmel wieder über uns, die Sonne zeigte sich unverhüllt, – um so unheimlicher war der unsichtbare Feind, der sonnenbestrahlte Wind, der der blauen Glasglocke des Himmels nichts anhaben konnte, nach wie vor jedoch mit unermüdlichem Grimm die Schaumkämme der turmhohen Wogen zauste und peitschte. Da die Sterne verdeckt gewesen waren, wußten wir nicht, wo wir uns befanden, und ahnten nicht, daß der Sturm uns in kaum mehr als zwölf Stunden fast die ganze in fünf Tagen durchsegelte Strecke zurückgetragen hatte. Daß wir nicht mehr fern von Cypern waren, vermutete keiner von uns. Die Maste hatten wir gekappt, das Steuer war zerschellt, durch das Leck drang ständig mehr und mehr Wasser in den Kielraum. Ziellos und steuerlos trieben wir dahin. 33 Der Sturm ließ schließlich nach, die Wellen glätteten sich. Doch wenig Trost gab uns das, da wir Land nicht sahn, während von Stunde zu Stunde mehr Wasser den Schiffsraum füllte. Wir alle hatten seit der Nacht an den Pumpen gearbeitet. Unsere Kräfte erlahmten. Schon begann das Schiff zu sinken. Als Ballast ließ Norfolk seine wertvollen Kisten ins Meer werfen. Es genügte nicht; – das Meer wollte ein schwereres Opfer haben. Da stellten der Kapitän und die Matrosen an den Lord das Verlangen, er solle, um das versinkende Schiff zu heben, auch seine Pferde opfern. Obgleich er die Notwendigkeit einsah, konnte er es doch nicht über sich bringen, den wundervollen Tieren das Todesurteil zu sprechen. Er zauderte, suchte nach Ausflüchten. Nicht nur die Seeleute, auch seine eignen Reisegefährten und Diener überredeten, baten, drängten, drohten. Ich allein hielt mich abseits, – begriff ich doch, was in seiner Seele vorging ... Er tat mir leid, die Pferde taten mir leid, und ich konnte doch am Unabwendbaren nichts ändern. Ich schlich mich weg zum Vordersteven, um Ausschau zu halten, was seit Beginn des Wortwechsels keiner mehr getan hatte. Als ich auf dem hohen Vordersteven stand, gewahrte ich einen nebelfernen Küstenstreifen, ein Kap tauchte aus dem Meer, unser steuerloses Schiff steuerte auf das Kap zu. Glückstrahlend lief ich hinab zu den noch immer Hadernden. Allzuhellen Jubel löste die frohe Botschaft aus, die ich überbrachte. Der Lord umarmte mich. Zunächst glaubten wir die Pferde, glaubten wir uns alle dem Tode entronnen. Doch allzulaut war das Frohlocken, um nicht bald zu verstummen. Schon nach einer halben Stunde stellten wir fest, daß, wie schnell auch das lecke Schiff dem Kap sich näherte, das Verhängnis sich uns noch schneller näherte. Und wieder trat der Kapitän an Norfolk heran. »Ihr tötet ja die Pferde nicht, Mylord, wenn Ihr sie so nah von der Küste ins Meer werfen laßt. Die Tiere schwimmen besser als wir und werden früher als wir den rettenden Strand erreichen!« Auf diese Lüge – denn der Strand war noch meilenweit entfernt – fand Norfolk nichts mehr zu erwidern. Stumm stieg er auf das Heck des Achterschiffes, wandte sich ab und ließ geschehn, daß ein Pferd nach dem andern auf den Oberbord geführt und ins Meer hinabgestoßen wurde. 34 Nachgelassen hatte der Sturm, – nicht aber der starke Westwind. Der Kiel durchschnitt so geschwind die Wellen, daß es den geopferten Hengsten nicht möglich war, neben uns her zu schwimmen, wie es die Delfine tun. Die als die ersten in, die Fluten gestürzt waren, blieben ermattend allmählich zurück, größer und größer wurde der Abstand zwischen ihnen und uns. Doch immer wieder stürzten andere hinab und machten mit noch unverbrauchter Kraft verzweifelte Anstrengungen, die Schiffstreppe emporzusteigen, – bis auch sie erlahmten und mit blutenden Blicken hinter dem Bug her schwammen und den Abstand wachsen sahn ... Ich ertrug ihre Blicke nicht. Ich holte ein persisches Dolchmesser. »Wozu?« fragte mich Norfolk. »Ich will König Pfauhahn das ersparen ... damit er uns nicht anblickt wie die dort!« Norfolk nickte. »Ich selbst will es tun! Gib her!« Er nahm mir das Messer aus der Hand. Dann stiegen wir vom Heck auf das Oberbord hinab, wo Diener und Matrosen die letzten Pferde hinunterstießen. Das letzte war König Pfauhahn. Er saß auf den Hinterbeinen und stemmte die Vorderbeine auf die schaumbedeckten Planken. Vom Wind zerzaust starrte seine Mähne empor und flatterte ihm wie Mädchenhaar um Nüstern und Augen. Mich durchzuckte der Gedanke: hätte einstmals am dritten Schöpfungstage der Böse Geist sich inkarnieren wollen, er hätte gar wohl in dieses Hengstes Gestalt über die leere Erde dahinschnauben können, furchtbar und herrlich halb Gott und halb Tier ... Opfer, die zum Altar geführt werden, wissen, was ihnen bevorsteht. König Pfauhahn wußte, daß sein gütiger Herr sein Mörder werden sollte. Er sah die Klinge in Norfolks Hand. Da erhob er sich und plötzlich biß er den Lord in den Oberarm dicht an der Schulter. Wütende Pferde vermögen einen Menschenarm zu durchbeißen, so daß er vom Körper fällt. Das tat König Pfauhahn nicht. Er hielt mit den Zähnen Norfolk wie mit einer eisernen Zange. »Wir, die wir es mitansahen, erstarrten vor Schreck. Doch Norfolk behielt seine Ruhe. Er blickte dem Pferde in die Augen und sagte: »Beiße zu!« Da ließ König Pfauhahn den Arm fahren. Noch ehe das geschehn war, hatte ich das Messer aus des Lords Hand gerissen und stieß es jetzt dem Pferd ins Herz. Aufschreiend taumelte es hinab ins Meer. 35 Nicht lange danach lief die Galeone auf eine unterseeische Felsklippe, zerschellte, wurde von einem wirbelnden Wassertrichter eingeschlürft, wurde zu den Polypen und Haien und toten Pferden hinabgegurgelt. An ein Brett geklammert, entging ich dem saugenden Strudel. Ich sah andere Schiffbrüchige gleich mir mit den Wellen kämpfen, ich sah sie allmählich erlahmen und für immer in die Tiefe hinabschwinden wie vordem die armen Pferde. Auch ich fiel schließlich vor Ermüdung und Hunger in eine tiefe Ohnmacht und hätte zu jenen hinabgemußt, wären nicht meine Arme und Finger ans Brett, das sie umschlangen, so festgekrallt und verkrampft gewesen, daß sie selbst im Schlaf sich nicht lösten ... Einen Schlummernden spülte mich das Meer an die Westküste der Insel Cypern. 36 Nicht alle Menschen haben ein Schicksal. Denn großes Leid ist wählerisch, sucht sich Auserwählte. Wer aber leidvoll sich rühmen darf, ein Gezeichneter zu sein, wird über die rätselhafte Erscheinung staunen, daß sein Schicksal, mag es auch viele Gestalten haben, das gleiche bleibt und sich ständig wiederholt ... An eine berüchtigte Bucht hatte das Meer mich getragen. Ahnungslos schlief ich dort, dicht bei den Ruinen der Stadt Paphos, deren sündige Pracht durch ein Erdbeben zertrümmert ward. Mit Blumen im Haar kamen einst die cyprischen Mädchen hinab an den Strand, die dort landenden Fremden – phönikische, griechische, ägyptische Seefahrer –, Lieder singend, zu begrüßen und schamlos sich ihnen preiszugeben. Kythere war die Insel der Liebe. In Amathus und Paphos standen Astartes reichste Tempel. Paphos war der Mittelpunkt einer purpurnen Welt; einer Welt, die erst bei Glockengeläut für immer versank. Das Kreuz scheuchte die jungen Sirenen vom Gestade; aus den Trümmern der Sündentempel wuchsen Kirchen, Kapellen und Ritterburgen empor. Veit von Lusignan tauschte den Thron Jerusalems für den Thron Cyperns ein. Als der Letzte seines Geschlechts gestorben war, wurde dessen Witwe, die ›Tochter Venedigs‹, Catarina Cornaro, nach Hause gerufen und abgefunden – und seitdem prangt an allen Staatsgebäuden der geflügelte Markuslöwe. Doch nicht erst mit den venezianischen Garnisonen hatten sich aus allen Gauen Italiens herstammende Ansiedler in Cypern zusammengefunden, um mit Kupfererz, Baumwolle, Zedernholz, Hanf oder Wein Handel zu treiben. Auch italienische Rittergeschlechter lebten auf der Insel; – mancher Burgherren Ahnen waren schon zur Zeit der Kreuzzüge hier seßhaft geworden; andere kamen als politische Flüchtlinge, Emigranten, und suchten sich eine neue Heimat. Eine anmutigere Heimat hätten sie sich kaum wählen können. Zauberhaft sind die zerklüfteten Felsküsten, an denen das Meer mit saphirblauen Zungen leckt, sind die Zedernhaine, die Cypergras-Wiesen, das mit Weinrebengirlanden übersponnene fruchtbare Land. Man könnte denken: ein Paradies! ... – gäbe es nicht einen düstern Wald auf der Insel, einen Ort des Grauens: das Gehege der Aussätzigen ... 37 Wie lange ich schlafend auf dem Ufersand gelegen habe, weiß ich nicht. Ich erwachte, weil ich ein silbernes Lachen hörte. Die Steinstufen einer Felstreppe herabspringend, kam eine Schar junger Mädchen zum Meergestade, begleitet von einer alten maurischen Sklavin. Mich bemerkten sie nicht, Binsen verhehlten mich ihren Blicken. Schuhe und Strümpfe zogen einige aus, kühlten sich watend die Füße, bückten sich nach Muscheln; andere warfen ihre Kleider ab und badeten nackt; andere setzten sich auf niedrige Strandklippen, die Hände um die Knie geschlungen, die Augen voll unbewußter Sehnsucht auf ein ockergelbes Segel am pfauenblauen Horizont gerichtet. Auf der untersten Stufe der Felstreppe zupfte ein musikalisches Kind eine Mandoline und sang eine schwermütige Melodie, zu deren Takten drei der Mädchen einen Reigen aufführten. Das alles geschah ganz schemenhaft. Mit offenen Augen meinte ich Traumbilder zu schauen und – der eignen Not noch nicht recht bewußt – ersehnte ich nichts so sehr, als daß dieses zarte Luftgespinst meines Schlafes niemals zerreißen möge. Allzubald geschah das dennoch. Schrille Schreie erschollen und verdüsterten das traumhafte Gemälde. Auf schaumweißen Wogenzungen stapfend und nach Muscheln sich bückend, hatten sich zwei der Mädchen ziemlich weit von ihren Gefährtinnen entfernt und waren jetzt jähling stehngeblieben. Ihre Schreie und ihre Angstgebärden verrieten, daß sie eine grausige Entdeckung gemacht hatten. Das eine Mädchen kam eilends dahergelaufen, während das andere die Fundstelle nicht verließ und einen gespenstischen Angreifer abzuwehren schien. Die Badenden stiegen aus dem Wasser, die Mandoline verstummte, der Reigen brach ab, – alle umringten die Atemlose, die, herangekommen, sich an die vornehmste der Tänzerinnen wandte und, wie eine Untergebene, ihr Meldung erstattete. »Signorina Violetta! dort liegt ein Toter, ein Schiffbrüchiger! ... Und denkt doch, wie schauerlich: als Nella und ich ihn entdeckten, nagte ein Schakal an seiner Hand ... wir mußten das Tier mit Steinwürfen verjagen.« »Weißt du bestimmt, daß er nicht mehr lebt?« »Bestimmt, Contessina! Der Schmerz an der zerbissenen Hand hätte ihn ja wecken müssen ...« »Wir dürfen ihn dort nicht lassen, Marietta ... Wir müssen ihn hinauftragen.« »Wohin, Signorina?« »Wo Menschen wohnen und wo nicht Schakale wohnen!« Eine, die gebadet hatte und noch immer nackt neben der Contessa Violetta stand, sagte, scharlachrot bis an die Brüste vor Zorn: »Wir sind nicht Eure Mägde, Contessina! Das dürft Ihr von Euren Freundinnen nicht verlangen! Keine von uns will eine Leiche anfassen!« »Verlange ich es denn, Raffaela? ... Aber will keine von euch mir helfen, wenn ich ihn trage?« »Wir alle!« rief eine große Schwarzlockige. »Wer von uns würde zulassen, daß du ihn trägst, Violetta!« »Ich würde es zulassen!« lachte Raffaela, »denn die Contessina denkt gar nicht daran, sich die Finger zu verunreinigen. Mich will sie mit ihrer Güte strafen!« »Das ist nicht Güte, Raffaela, wenn ich ihn den Schakalen nicht preisgeben will ...« »Du hättest das Herz, es zu tun, Violetta! Nur hast du nicht Totengräberfinger, – wir alle haben keine ... Doch ist denn das nötig? Laß uns alle lieber hinaufgehn, es der Marchesa erzählen, damit sie Leute schickt, die ihn bestatten!« So wurde es beschlossen. Während die Nackten in ihre Kleider schlüpften, eilten die andern ihnen voraus der Felstreppe zu. Als Contessina Violetta mehrere Stufen hinaufgestiegen war, wandte sie sich um – und jetzt bemerkte sie mich. Im selben Augenblick nämlich hatte ich mich auf dem Ufersande bäuchlings, wie eine Schlange gleitend, etwas vorgeschoben, vom brennenden Wunsche getrieben, über die Binsengräser hinweg meinen toten Leidensgefährten zu sehn. Violetta stieß einen Schrei der Verwunderung und der Freude aus: »Seht doch – dort! ein zweiter! ... Und dieser lebt!« Die Mädchen umringten mich. Violetta kam auf mich zu, tränenlächelnd wie eine Heilige. Zu schwach war ich, mich zu erheben; der Versuch mißlang, ich brach zusammen und lag vor ihr da, ein hilfloses, kraftloses Bündel Fleisch und Knochen. Zerfetzt war meine Kleidung, Tang und Sand klebten an mir. Meine Schwäche, meine Bettlerhaftigkeit, meine Unsauberkeit wurde mir zur Pein angesichts der blumenhaften Reinheit der Contessa. »Womit können wir Euch helfen, Signor?« fragte sie teilnahmsvoll mit leiser Stimme. »Ihr seid gewiß sehr hungrig.« Sie winkte der alten maurischen Dienerin, die einen Eßkorb trug. Sie bot mir ein Glas Wein an. Gierig trank ich es aus. Das Brot, das sie mir reichen wollte, verweigerte ich. »Mir ist der Hunger vergangen, Signorina, seitdem ich weiß, daß dort einer liegt ... einer, den die Engel des Himmels nicht heil über das Meer getragen haben wie mich! ... Wenn Euch der Himmel gesandt hat, mir zu helfen, so helft mir, zu ihm zu gehn!« Vergebens suchte sie es mir auszureden: zu schwach und krank sei ich noch, der Anblick des Todes werde mir schädlich sein ... Ich aber bestand auf meinem Begehren. Mühselig richtete ich mich auf. Zur Rechten Violetta, zur Linken eine ihrer Freundinnen, meine Arme auf ihre Schultern gestützt, schleppte ich mich am Strand entlang bis zur Stelle hin, wo der Ertrunkene lag. Angst schnürte mir die Kehle zu, je näher wir herankamen. Als ich vor dem Toten stand, erkannte ich Norfolk, meinen gütigen Pflegevater ... Mir schwanden die Sinne. 38 Das Schloß, worin ich, ein Genesender, – nach zwei Monaten Fiebernot und Lethargie – die Augen aufschlug, war im dreizehnten Jahrhundert ein kleiner Königspalast gewesen. Freudenglanz, Stürme und Tränen hatten die alten Steine gesehn, gar manche Prunkgewänder hatte die Motte Zeit zerfressen. Die eine Hälfte des kleinen Palastes war Ruine, war durch einen Brand zerstört worden. Um so seltsamer wirkte der unversehrte, noch bewohnte Teil, überschattet – doch nicht in Schatten gestellt – von den ragenden Ruinenmauern, ein altertümliches Juwel aus Kreuzfahrerzeit, melancholisch wie ein an eine Leiche geschmiedetes Lebewesen. Als nach Catarina Cornaros, der letzten Königin, Abdankung die Venezianer die meisten Krongüter verkauften, erwarb ein Markgraf Pasolini aus Castignola bei Faenza den Bergpalast mitsamt der Ruine. Das war vor drei Menschenaltern gewesen. Da aber der Markgraf wie seine Söhne als Condottieri zeitlebens in Feldlagern der Lombardei, Tunesiens, Flanderns hausten, verödete und verfiel ihr cyprisches Schloß. Erst die jetzige Besitzerin, die Marchesa Isotta Pasolini, ließ den bewohnbaren Teil wohnlich einrichten, so daß auch die Innenräume schmuck wurden, wahre Schmuckkästchen. Die Marchesa Isotta war eine stattliche Frau von über vierzig Jahren, groß, knochig, hager. Man sah ihr an, daß sie aus einem Geschlecht von Feldherren stammte: etwas Herrisches hatte sie an sich – (doch ich will nicht ungerecht sein) –: auch etwas Königliches. Weder schön noch hübsch konnte man sie nennen – zu scharf sprang die fleischige Nase vor, zu dünn preßten sich ihre Lippen aufeinander. Herrlich erschien mir nur ihr rostfarbenes Haar, das, wenn sie es löste, ihr bis an die Knie hinabreichte. Sie war eine nach Menschen Hungernde, und nie ist ihr Wolfshunger gesättigt worden. Verheiratet war sie gewesen mit einem zwanzig Jahre älteren Hauptmann, dem Conte di Bragadino; doch schon gleich nach einem schwärmerischen Honigmond hatte sie ihren Mann davongejagt und den Namen ihres Vaters wieder angenommen. Zerfressen von Leidenschaften, litt ihre Seele, das spiegelte sich in ihrem Gesicht und in ihren Blicken, und nicht einmal die Mühe gab sie sich, es zu verbergen. Ihren schmalen Hals hielt sie stets vorgestreckt wie einen Geierhals, – ja oft erinnerte sie mich an einen nach Leichen lechzenden düsteren Geier. Vor Jahren, bald nach ihrer mißglückten Heirat, hatte sie sich mit Jünglingen umgeben, hatte Liebhaber gehabt. Denen war es nicht anders ergangen als ihrem Gatten, enttäuscht wies sie allen die Tür. Neuerdings hielt sie sich einen Hofstaat von adligen jungen Mädchen. Sie bezahlte sie nicht, sie beschenkte sie überreichlich; nicht als Dienerinnen, als ihre Gäste wohnten die Mädchen bei ihr. Kindliches Lachen, Reigen und Musik sollten – so hoffte sie – ihr alterndes Herz erhellen. Auch das erwies sich als Illusion. Einige der Anmutreichsten verließen sie; die einen wegen der Stille des abgelegenen Bergpalastes; die andern flohn erschrocken, weil die Marchesa ihre Schönheit andichtete, wie einst Sappho die Schönheit der Mädchen Mytilenes ... Bloß eine hielt bereits das vierte Jahr bei ihr aus, das war die Contessa Violetta da Gambara, eine verarmte Waise und Nichte Isottas, von dieser aus Mitleid an Tochterstelle angenommen. Sofort, nachdem die Leiche Norfolks und mein zwar atmender, doch für lange fieberumnachteter Leichnam in den Bergpalast gebracht worden waren, hatte sich die Marchesa Isotta meiner wie einer Beute bemächtigt. Ihre Seele, der hungernde Geier, glaubte nun endlich, sich ersättigen zu können. Sie pflegte mich während meiner langwierigen Krankheit, sie wich nicht von meinem Bett und eifersüchtig wachte sie darüber, daß keines der jungen Mädchen das Zimmer des Kranken – ihres Kranken – betrat. Für alle enttäuschten Sehnsüchte ihres Lebens erwartete sie von mir die Erfüllung. Meine Jugend, meine Hilflosigkeit, mein Gesicht hatte es ihr angetan; auch wußte sie, wer ich war, wußte mehr über mich, als ich selbst über mich wußte und weiß ... Erst später erfuhr ich, auf welche Weise das Rätsel, das ich mir selber bin, von ihr gelöst wurde: sie hatte nämlich die Kleider Norfolks durchsuchen lassen; eine Ledertasche und darin einige Dokumente waren in ihren Besitz gelangt. Eines davon, obgleich vom Meerwasser durchnäßt und schwer lesbar, sagte aus über meine Geburt ...« Zum erstenmal wieder nach langem, aufmerksamem Lauschen unterbrach der Duca den Erzähler: »Was verriet das Schriftstück über dich, Giuliano? Spanne unsere Neugier nicht länger auf die Folter!« »Ich habe es nie erfahren, Eccellenza. Und selbst die Tatsache, daß ein solches Dokument vorhanden und von der Marchesa gelesen worden sei, erfuhr ich nicht früher als wenige Tage vor meiner Flucht aus Cypern und nachdem sich längst die Tragödie abgespielt hatte, von der ich jetzt berichten muß. Damals, nach meiner Genesung, teilte mir Marchesa Isotta bloß mit, daß sich im Wams des Ertrunkenen ein Ferman des Sultans vorgefunden und außerdem ein Brief, aus welchem man die Namen der Neffen Norfolks habe feststellen können; daraufhin habe Bragadino – der Generalissimus der cyprischen Truppen – den englischen Gesandten in Venedig benachrichtigt, damit dieser den Verwandten des Lords es nahelege, den Sarg nach England überführen zu lassen. Mit meiner Genesung begann ein neues Leben – sowohl für mich wie für Isotta. Nicht mehr an meinem Krankenbett konnte sie wachen und bewachen; doch nur der Schauplatz hatte gewechselt, und – wo ich ging und stand – sie wich nicht von meiner Seite. Ihr Eigentum war ich, ihre Spielpuppe, ein Ding, über das sie allein verfügen durfte, – ebensosehr ihrer Mütterlichkeit unentbehrlich wie ihrer Mannstollheit. Nicht genug konnte sie sich von fremden Völkern und Ländern erzählen lassen; denn in den Landschaften, den Menschen, den Geschehnissen, die ich beschrieb, sah sie ausschließlich mich, ihren Helden: ich war für sie der weiße Elefant, ich war die Trauer von Persepolis, ich war der vergiftete Knabe, ich war das Pferd König Pfauhahn. Sie verhätschelte mich, als wäre ich ein kleines Kind, beschenkte mich, kleidete mich wie einen Edelmann, und sie duldete es nicht, daß ich mit einem der jungen Mädchen sprach. Einmal beim gemeinsamen Mittagsmahl schweiften meine Augen hinüber zu Violetta. Unsere Blicke begegneten sich, hatten Mitleid miteinander und schlossen Freundschaft. Es war wie ein Kuß, ein verstohlener Kuß ... 39 Eines Tages ließ die Marchesa ein Dutzend Pferde satteln – für sich, ihre Mädchen und mich. Durch einen reitenden Boten hatte sie vom General Bragadino die Mitteilung erhalten, an Bord eines im Hafen Limasol angelangten Schiffes befinde sich der eine der beiden Neffen Norfolks und beabsichtige, sich den Sarg mit den Gebeinen seines Oheims ausliefern zu lassen; es wäre erwünscht, daß die Marchesa außer dem Sarg auch mich nach Limasol schicke, da ich ja der einzige sei, der über die indische Reise und über die letzten Lebensstunden des Lords Auskunft geben könne ... Zu verliebt war Monna Isotta, als daß sie sich für mehrere Tage von mir hätte trennen wollen. Vor allem aber befürchtete sie, der junge Norfolk könnte sich's einfallen lassen, mich nach England mitzunehmen, mich ihr zu entreißen. Das durfte nicht sein, und darum schreckte sie nicht davor zurück, mich auf dem beschwerlichen elfstündigen Ritt zu begleiten. Als die Nacht anbrach, hatten wir erst die Hälfte des Weges hinter uns. Bei Fackelbeleuchtung setzten wir die Reise fort. Unvergeßlich ist mir das Bild. Schwarzer Samt, darauf ein klafterlanges Silberkreuz gelegt war, überdeckte den Sarg und den von zwei weißen Maultieren gezogenen Leichenwagen. Wie ein Amazonenheer hatten sich die Marchesa und ihre Mädchen bewaffnet. Jede von ihnen hielt eine weiße Wachsfackel in der Hand; und im schimmerhaften Feuerglanz blinkten ihre Brustharnische, ihre Dolchmesser, ihre eisernen Hauben und die darunter hervorquellenden Haare karminrot belichtet, gespensterhaft. Hätten Räuber uns aufgelauert, sie hätten vor dem nächtlichen Spuk den Mut verloren. Unbehelligt kamen wir an der unheimlichen Tempelruine des Apollo Hylates vorbei – der Geisterzug der Trauerfrauen wurde nicht ausgeplündert. 40 Als wir am nächsten Vormittag Limasol erreichten, wurden wir im Auftrage Bragadinos von dessen Hauptmann Malatesti empfangen. »Malatesti?« unterbrach Cosmo. »Ist das der Malatesti, der beim Koch Lelio Mafragnone in Florenz gestorben ist?« »Ja, Eccellenza, – Jacopo dei Malatesti, er, der beim ›cyprischen Koch‹ gestorben ist ... Bragadino war aus Famagosta, seiner Statthaltern, aufgebrochen und hatte von unterwegs den Hauptmann vorausgeschickt, seine baldige Ankunft in Limasol anzukündigen. Für die Zeit unseres Aufenthalts in der Hafenstadt wurde uns durch Malatesti ein leerstehendes, dem General gehörendes Haus aufgeschlossen, wo wir den dicken Reisestaub abwaschen und wo die Damen von den Strapazen ruhen konnten. Erst am folgenden Tage fand im Regierungsgebäude in Gegenwart Bragadinos die feierliche Auslieferung der Leiche statt. Der Sarg wurde geöffnet. Zum letztenmal blickte ich meinem Wohltäter, der mir ein Vater gewesen, ins furchtbar entstellte Antlitz ... Nicht hindern konnte ich es, daß mir ein Tränenstrom über die Wangen rieselte. Gelassen, ohne eine innere Bewegung zu zeigen, trat der junge Lord an den Toten heran, betrachtete ihn durch ein goldumrandetes Augenglas prüfend und wandte sich – von den Merkmalen der Zersetzung angeekelt – ab. Er tat es unauffällig, und vielleicht war ich der einzige im Saal, den das kaninchenhafte Schnuppern seiner Nase empörte. Nie hatte ich diesen Menschen gemocht; – selbst seine adlige Schönheit haßte ich, die auf die Schultern fallenden Flachslockenwellen, das allzulange, allzuschmale Gesicht. Obgleich ich seit meiner Kindheit oft genug die Eiseskälte seines Herzens erfahren hatte, machte mich sein Benehmen am Sarge erfrösteln. In leidlich fließendem Italienisch sagte er zu Bragadino: »Ich erkenne an, daß dies die sterbliche Hülle meines Oheims, des Earl of Norfolk, ist. Und da wir hiermit der Formalität Genüge geleistet haben, bitte ich Euer Gnaden, den Sarg zunageln zu lassen, denn er riecht nicht gut.« Sogar in Bragadinos altem Soldatengesicht wetterleuchtete es unwillig nach diesen Worten. Der Sarg wurde geschlossen, die feierliche Übergabe war damit beendet. Trotz meines Widerwillens glaubte ich, es sei jetzt Zeit, daß ich den jungen Lord begrüße. Zwar hatte ich, in den Saal tretend, schon einmal mich vor ihm verbeugt, doch schien er es nicht gesehn zu haben. Jetzt ging ich auf ihn zu und streckte ihm meine Hand entgegen. »Guten Tag, Richard!« redete ich ihn an wie in alten Zeiten, denn wir waren einst gleichaltrige Spielkameraden gewesen. Er rührte sich nicht, er nahm die dargebotene Hand nicht. Mir versank der Boden unter den Füßen, das Herz blieb mir stehn. Ich spürte, daß ich weiß im Gesicht wurde. Der alte General und seine Offiziere, die Marchesa und ihre Mädchen – alle blickten verwundert und gespannt auf uns beide. »Richard! ...« wiederholte ich angstvoll. Er musterte mich verächtlich von unten bis oben, dann fragte er: »Wer seid Ihr, Signore? Ich kenne Euch nicht!« Ich wollte ihm »Du lügst!« ins Gesicht schreien. Doch meine Kehle brachte keinen Ton hervor. Er hatte mich immer gehaßt, und dies war seine Rache ... Da ich schwieg, wandte er sich an den General: »Wer ist dieser Mensch?« »Ein Schiffbrüchiger, Mylord. Er nennt sich Giuliano und behauptet, ein Pflegesohn Eures Oheims zu sein.« »Giuliano? Nie habe ich den Namen gehört. Mein Oheim hatte keinen Pflegesohn. Ich habe niemals diesen Menschen gesehn!« Als Betrüger gebrandmarkt stand ich da. Ein einziges Wesen wäre fähig gewesen, mir in meiner entsetzlichen Lage zu Hilfe zu kommen: die Marchesa hätte mir in diesem Augenblick die gestohlene Ehre wiedergeben können; – denn von allen, die mich anstarrten, wußte sie allein, daß der Lord wissentlich Falsches bekundet hatte. Doch sie tat den Mund nicht auf. Es entsprach ihren Wünschen, daß ich vernichtet, zertreten wie ein Wurm, verachtet war. So brauchte sie nicht mehr zu befürchten, daß ich nach England zurückkehrte. Wie hätte ich damals ahnen können, daß sie den Schlüssel zu meiner Rehabilitierung besaß. Nicht Hilfe erwartete ich von ihr, nur Teilnahme für mein Mißgeschick, nur Vertrauen in meine Wahrhaftigkeit. Meine trostsuchenden Augen irrten hin zu ihr – sie aber schaute verlegen nieder mit verschleiertem, unenträtselbarem Blick, in welchem eine verhohlene Freude zu schimmern schien. Und weiter schweiften meine Augen und begegneten den Augen Violettas. Die flammten, die loderten mir entgegen in beredter Inbrunst, die flüsterten mir zu: »Verzweifle nicht, – ich glaube an dich! Da schau: was meine Hände hier im Saal nicht tun dürfen, das tun meine Augen: sie streicheln dir die Wangen, sie streicheln dir übers Haar! Und wenn alle dich verdammen, – ich glaube an dich! ...« Es war wie ein Kuß Gottes. 41 Wir waren in den Bergpalast zurückgekehrt – und die nun folgenden Wochen glichen den verflossenen wie Zwillingsgeschwister. Wieder erfüllte Mädchenlachen, Ballspiel, Tanz und Gesang die Säle mit heiterem Tumult, und wieder verhätschelte mich die Schloßherrin mit Worten und Gaben. Doch im frohen Dämmerleben steigerte sich von Tag zu Tag mein Unbehagen: von Tag zu Tag verhüllten die Reden der Marchesa immer weniger ihres Herzens und ihrer Sinne Begehr ... In einer Nacht wurde an die Tür meiner Dachkammer geklopft. Als ich öffnete, standen Raffaela und Marietta auf dem Gang draußen, beide erschrocken, fahl, zitternd. Die Marchesa liege im Sterben, teilten sie mir hastig mit; ich sei doch Arzt und ich möchte doch hinunterkommen, ihr zu helfen, wenn ich könne ... Wir liefen die Treppe hinunter. Ich trat über die Schwelle ihres Schlafgemachs. Dort umstanden die andern jungen Damen das Prunkbett, angstbeklommen, verstört wie eine Lämmerherde. Schneebleich und scheinbar entseelt lag Isotta im elfenbeinernen Bett. Ich beugte mich über sie, zu lauschen, ob sie noch atme. Da schlug sie die Augen auf und flüsterte kaum vernehmbar: »Ihr habt mich betrogen, Messer Giuliano! – in Eurer Phiole war die Rettung nicht! ...« Jetzt erst sah ich das leergetrunkene Fläschchen auf dem Fußboden liegen. Vor mehreren Tagen hatte sie sich von mir Bilsenöl erbeten, um – wie sie mir sagte – ihrer altersschwachen Katze das Sterben zu erleichtern. Ahnungsvoll hatte ich ihr einen unschuldigen Trank in die Phiole gegossen. »Ihr wundert Euch, Messer Giuliano?« sprach sie müde. »Mehr noch werdet Ihr Euch wundern, wenn ich Euch sage ... was ich Euch in Gegenwart dieser Kinder nicht sagen kann!« Das war ein Befehl und mußte befolgt werden. Ich hatte Mühe, meinen Ärger zu verbergen: »Welch eine Komödiantin ist sie doch!« sagte ich mir; »da liegt sie als Leiche geschminkt ... am Boden das leere Fläschchen ... man holt mich um Mitternacht zur Sterbenden ... – und das alles, weil sie mit mir allein sein will! ...« Ich hatte Ursache, dies Alleinsein zu fürchten, und hoffte im stillen, die neugierigen Mädchen würden die Aufforderung nicht verstehn. Doch eingeschüchtert schlichen sie hinaus und ließen die Kranke mit ihrem Arzt allein. Bis zum Hals war Isotta mit einer blauatlassenen Daunendecke verhüllt, und ihre langen rostfarbenen Haarsträhnen ringelten sich wie Nattern auf der Seide, rings um ihr grünlich-weißes Gesicht, dem Schlangenhaar der Furien ähnlich. »Geht, Messer Giuliano, riegelt die Tür hinter ihnen zu!« Ich führte es aus. Als ich zurück zum Bett kam, hatte sie die Atlasdecke abgeworfen. Was meine Augen sahn, war blendend und zugleich grotesk, herrlich und zugleich beinahe lächerlich und etwas traurig. Sie war nicht völlig nackt und war auch nicht bekleidet. Wie eine phönizische Dienerin der Astarte trug sie Smaragdringe an den Zehen, Rubinspangen an den Knien, einen Gürtel aus Saphiren am Nabel, ein Diamantennetz schmiegte sich an ihre Brüste. Das blinkte und funkelte, die Sinne berauschend, wie zahllose Tautropfen auf einer Rose; – nur daß den Tautropfen die Rose nicht entsprach: welk war das Fleisch der alternden Frau. Sie griff nach meinen Händen, sie küßte meine Hände, unsinnige Worte redete sie. Ich aber sprach zu ihr mit überlegener Ruhe, wie man zu einem Kinde spricht: »Erlaubt mir heute, Euer Arzt zu sein – denn Ihr seid krank, Madonna! Unverantwortlich wäre es von mir, wollte ich die Schwäche Eurer überreizten Sinne zu meinem Vorteil ausnutzen. Ihr würdet es morgen weder Euch selbst noch mir vergeben! ...« Alles, was ich vorbrachte, war Lüge – ich konnte ihr ja nicht sagen, daß sie häßlich sei ... Vergebens versuchte sie mich ins Bett hineinzuziehn. Es gelang mir, mich ihren verkrampften Fingern zu entwinden. Sie stieß einen markerschütternden Schrei aus. Mich rührte der Schrei nicht, ich ging hinaus. 42 Achtundvierzig Stunden lang geisterte die Sorge durch den alten Palast; ein scheues Raunen und Fragen wisperte in allen Ecken. Achtundvierzig Stunden lang verließ die Marchesa ihr Schlafgemach nicht. Erst am dritten Tage nach jener unheilvollen Nacht wankte sie, auf die Schultern zweier ihrer Mädchen gestützt, bis hin zu einer Terrasse vor der Palastfront, von wo aus ihr Blick auf ein zauberhaftes Panorama – über Gefels hinweg, in Täler hinab und aufwärts zum purpurblauen, berghoch ansteigenden Meer – hinschweifen konnte. Hager, starr und steif, mit aufrechtem Rumpf in einem Marmorsessel sitzend, den schmalen Hals vorgestreckt, erinnerte sie mehr denn je an einen nach Aas lechzenden düstern Geier. Nicht etwa, daß sie sich totenhaft geschminkt und zurechtgemacht hätte; – es war ihre natürliche Hautfarbe, dieses grünliche Weiß im blutleeren Gesicht, dieses Lapislazuli-Blau des Mundes. Man hätte glauben können, sie habe sich Belladonna auf die Pupillen geträufelt, – so vergrößert glitzerten die weit geöffneten traurigen Raubtieraugen. Ich begrüßte sie und erkundigte mich nach ihrem Befinden. Ohne den starren Blick vom Meer abzuwenden, sprach sie vor sich hin, als hörte sie eine Mückenstimme von irgendwoher, der Antwort zu geben ihr eine Qual war: »Mir ist nicht zu helfen, Messer Giuliano. Ihr habt die Medizin nicht, die die Feuerschmerzen meiner Wünsche löschen kann.« »Was wünscht Ihr, Signora?« fragte ich beklommen. Und während ich so fragte, suchten meine Augen Hilfe und Trost bei den Augen Violettas. Sie kniete mit einigen Mädchen vor dem Marmorsessel, die andern standen hinter und neben der Marchesa, die meisten verweint und verstört. »Ahnst du, wie krank ich bin, junger Arzt?« sprach Isotta und fuhr fort, auf den fernen Meereshorizont zu starren. »Sieh, so krank bin ich, daß ich wünsche, ich wäre die Königin Penthesilea und du, junger Arzt, wärst der von ihr zerfleischte Achilleus, und ich könnte mich baden in deinem Blut und ich könnte mich satt trinken an deinem Blut!« Mir – und wohl allen, die es hörten – rieselte es kalt über den Rücken. Manches der Mädchen stieß einen unterdrückten entsetzten Schrei aus, Marietta schluchzte laut ... Das war nicht Irrsinn, was aus der Marchesa sprach, das war Besessenheit, hemmungslose bestialische Haßliebe ... Und wieder flüchteten meine tieferschütterten Blicke zu den verstehenden, befreundeten Blicken Violettas. Seit drei Monaten, seit dem Tage, wo sie mich, einen lallenden Schiffbrüchigen, vom Strande aufgelesen hatte, verehrte ich sie – wie ein Sternanbeter – aus der Ferne, scheu und stumm, hatte nie ein Sterbenswort mit ihr gewechselt, nie ein Gespräch mit ihr geführt, nie gewagt, sie, die Adlige, anzureden. Bloß unsere Augen hatten miteinander Zwiesprach gehalten. Und, wie damals in Limasol, waren es ihre Strahlenaugen wieder, die mir Mut zusprachen in dieser Not ... Unselige Verblendung von uns beiden! Hätte ich doch lieber mir meine Augäpfel herausgerissen, statt lange, allzulange Violetta anzuschauen! ... Jählings war mir, als ringele sich ein kalter Schlangenleib um meinen Hals und würge mich ... Unmerklich langsam hatte die Marchesa den vorgebeugten Kopf nach uns hin gewendet, mit wildem Haßtriumph starrte sie uns beide an. Die weißgrünen Wangen überflog eine Röte, die versteinerten Züge belebte Freude: sie hatte ein Rätsel geraten und sie sah einen Weg, ihr krankes Herz zu heilen ... 43 Und als es Abend wurde, geschah das Grauenhafte ... Von Stunde zu Stunde war Isotta fröhlicher geworden. Mit ihrem schmerzverzerrten Lächeln – (das doch immerhin einem Lächeln glich) – täuschte sie ihre Umgebung. Das Starre ihrer Mienen löste sich, sie gewann ihr früheres Aussehn wieder. Und da sie sich offensichtlich von ihrer Seelenlast befreit hatte, wich allmählich auch aus den stumm gewordenen Gemächern und Hallen des Schlosses der Schweigen gebietende Alp. Überaus aufgeräumt zeigte sich die Marchesa während des Abendessens. Sie bestand darauf, daß die jungen Damen und ich auf ihre Genesung anstießen, daß wir bis zur Neige die Gläser leerten, daß wir mehr tranken als sonst. Und nach dem Mahl verkündete sie: durch ein Fest, eine Maskerade, wollte sie ihre Heilung gefeiert sehn. Zehn Mädchen, und zwar die jüngsten, wählte sie aus und verließ den Saal, um sich draußen heimlich mit ihnen zu bereden. Allein zurückkommend, trug sie ein in graue Leinwand gehülltes Paket im Arm. Den im Saal gebliebenen Damen – das waren Marietta, Nella, Raffaela und Violetta – befahl sie, sich für den ›Schleiertanz‹ umzuziehn. Die vier Mädchen eilten in ihre Kammern hinauf, und jetzt war ich mit Isotta allein. Sie lachte ihr schmerzverzerrtes Lachen. »Und wie soll ich Euch maskieren, junger Arzt? Einen Sinn muß ein Spiel doch haben ... Da fand ich unter altem Gerümpel ein stolzes Maskenkostüm, und ich denke mir: Euch wird es wie angegossen sitzen. Einst ließ ich es für einen Freund anfertigen; da er jedoch es nicht anziehn wollte, verbannte ich ihn aus meinem Schloß und aus meiner Nähe ... Ich hoffe, Ihr werdet klüger sein, junger Arzt, und die Rolle darstellen, die wie geschaffen ist für Euch!« »Wen soll ich darstellen?« fragte ich. »Einen Affen!« lachte sie gell. Und sie wickelte aus der Leinwand ein schwarzes zottiges Affenkostüm heraus. Die Fratze der dazu gehörigen Gesichtsmaske war die eines riesigen Gorillas. Als ich mich weigerte, wiederholte sie, deutlicher noch als das erstemal, ihre Drohung. Und ich wußte: sie würde mich zu verjagen nicht zögern, ja sie suchte vielleicht nach einem Vorwand ... Wenn ich mich aber aus dem Palast weisen ließ, so war das gleichbedeutend mit Trennung von Violetta, die ich damit schutzlos dem Haß der Todfeindin preisgeben würde. Das durfte nicht geschehn – und darum fügte ich mich. Die Marchesa half mir, in den Affenbalg hineinzuschlüpfen, der über meinem Rückgrat mit kleinen Schnallen und Knöpfen geschlossen wurde. Nachdem sie das getan, merkte ich zu meinem Schreck, daß ich meine Arme nicht bewegen konnte. »Was ist Euch, junger Arzt'?« fragte sie mit schwermütigem Augenaufschlag. »Knöpft auf, Signora!« flehte ich. »Ihr müßt mir unter den Achseln die Bänder durchschneiden, – sonst kann ich die Arme nicht rühren!« »Affen haben vier Arme und vier Hände!« lachte sie. »Benutzt die unteren Arme, wenn Ihr die Welt umarmen wollt! ...« Die Tür ging auf, und in Tänzerinnen verwandelt kamen Marietta, Nella, Raffaela und Violetta herein. Zugleich verhüllend und durchsichtig waren ihre Schleiergewänder; ihre silberigen nackten Waden blinkten unter kreuzweise übereinander geschnürten roten Sandalenriemen. Isotta hatte dem Gesinde, Köchen, Mägden, Pagen, Reitknechten Erlaubnis erteilt, von einer Estrade herab dem Fest zuzuschauen. Fackeln an den Wänden verbreiteten Tageshelle. Mit hohnvoller Zeremonie stellte mich Isotta den Tänzerinnen vor: »Knickst, meine Freundinnen, verbeugt euch tief vor Seiner Majestät, dem König der Affen! Seine Majestät will euch bewundern, – also laßt euch bewundern! Beginnt den Schmetterlingstanz!« Während Violetta und ihre Gefährtinnen sich eben anschickten, zu den Klängen der Mandoline – die unter den knochigen Fingern Isottas seltsam ächzend zirpte – den Reigen zu beginnen, ging die Tür auf und zehn gepanzerte, behelmte Mädchen mit blanken Klingen in den Händen traten in den Saal und stellten sich längs der Wand unterhalb der Estrade auf. Wie gern ich auch gewußt hätte, was dieser Aufzug zu bedeuten habe, – in diesem Augenblick war es zu spät, die Frage zu stellen, denn schon flatterten vier bunte Irrwische über die schwarz-weiß-karierten Marmorfliesen. Oft genug hatte ich diesen Tanz gesehn und seinen Zauberhauch genossen. Aber heute war mir zu Mute, als sähe ich einen Totentanz. Die Mandoline in den Knochenhänden der Marchesa zirpte infernalisch. Plötzlich zerriß die Melodie, der Tanz zerbrach, die Menschenfalter wurden erschrockene Mädchen wieder. »Was soll Seine Majestät der Affenkönig denken!« rief die Marchesa. »Du hinkst ja, Violetta! Hast du eine Wunde am Fuß?« Für Violetta, die betreten schwieg, antwortete Raffaela: »Wir erzählten Euch doch neulich, Signora, daß sie sich beim Baden an einer Muschelscherbe verletzt hat. Die Wunde ist schon vernarbt.« »Zeig deinen Fuß her, Violetta!« befahl die Marchesa. Auf einen Sessel mußte Violetta ihr linkes nacktes Bein stellen. Die griechische Sandale ließ die Zehen unbedeckt: am großen Zeh war eine winzige Wunde zu sehn. Die Marchesa beugte sich über den Fuß und verweilte längere Zeit in dieser Stellung. Sodann richtete sie sich auf, wich einige Schritte zurück, gleichsam nach Worten suchend und vor Schrecken unfähig zu sprechen. Und dann entrang sich ihr der entsetzte Ausruf: »Unseliges Kind! du hast den Aussatz!« Schreie des Grausens schrillten wild durcheinander. Und wild durcheinander flüchteten die Mädchen zu den Türen. Verlassen von allen stand Violetta allein da im großen Festsaal. 44 Ich sagte schon, daß Cypern, das herrliche Kythere, ein Paradies genannt zu werden verdiente, wiese seine meerentstiegene Schönheit nicht einen häßlichen Flecken auf: einen Wald des Grauens, das Gehege der Aussätzigen. Die Venezianer, die Herren des Landes, gehn mit unerbittlicher, unmenschlicher Grausamkeit vor, sobald eine Erkrankung an der auf der Insel nicht seltenen Seuche bekannt wird: sie reißen das Kind von der Mutter, den Verlobten von der Braut, den Ernährer von seiner Familie, das Weib vom Mann; und sie lassen das unselige Wesen in den Wald schaffen, aus dem es wie aus der Hölle kein Zurück mehr gibt. Wer den Wald betreten hat, kann ihn lebend nicht mehr verlassen. Das ist jedermann bekannt auf der Insel, und jedermann spricht zitternd und erbleichend von dieser irdischen Hölle, wo Namenloses geschieht. Denn die bei lebendigem Leibe Verfaulenden dort, für immer ausgeschlossen von der Kirche, Lazarett, Bordell und jeglicher menschlicher Gemeinschaft, leben tierischer als Tiere, keinem Gesetz Untertan außer den Geboten ihrer Gier. Wer die Schwelle des Geheges überschritt – ob Frau oder Jüngling, ob kleines oder halbwüchsiges Kind, Knabe oder Mädchen –, wird Beute ihrer scheußlichen Lust: hinter dunklem Buschwerk lauern sie mit fingerlosen Händen, mit nasenlosen Antlitzen, und sie stürzen sich auf das junge blühende Fleisch ... Das Blut war mir in den Adern erstarrt, als die Marchesa den mörderischen Ausspruch getan. Doch ich erlaubte dem Schrecken nicht, Herr über mich zu werden. Violetta beistehn, sie retten wollte und mußte ich, – ach, und dabei vergaß ich völlig, daß ich ein lächerlicher Gorilla war und daß ich die Arme nicht zu bewegen vermochte. Zu ihr, die von allen verlassen inmitten des Saales wachsbleich dastand, eilte ich hin und warf mich auf die Steinfliesen vor ihr nieder, um ihre Fußwunde genau zu betrachten. In ein schallendes Gelächter brach die Marchesa aus, als sie mich so am Boden herumkriechen sah. »Die Contessina Violetta ist gesund!« rief ich außer mir. »Beim höchsten Gott, das da ist kein Aussatz! Ich bin ein Arzt und kann es bezeugen!« »Ihr seid ein Affe, Signor, und merkt nicht, wie putzig Ihr Euch benehmt. Der venezianische Regierungsarzt, nach dem ich heute nacht noch schicken werde, weiß über Aussatz besser Bescheid als so ein tobender Gorilla! ...« Und heuchlerisch wandte sie sich an Violetta: »Morgen früh, wenn der Arzt kommt, wird sich dein Schicksal entscheiden, arme Violetta, armer kleiner Hiob. Jetzt aber begib dich auf deine Kammer. Allen Bewohnern meines Schlosses ist verboten, mit dir zu sprechen, – bis ich dich morgen rufen lasse ... Und ihr, meine bewaffneten Mädchen, werdet abwechselnd in dieser Nacht vor Violettas Tür Schildwacht stehn! Führt sie hinauf!« Vor Wut und Verzweiflung meinte ich ersticken zu müssen. Das mitansehn – und die Arme lahm, die Seele flügellahm ...! Ich kroch zur Marchesa hin, lehnte flehentlich meinen Kopf an ihre Knie und hob schluchzend meine Blicke zu ihr empor. »Erbarmen! Erbarmen!« weinte ich. Es muß unsäglich lächerlich ausgesehn haben, denn sogar einige der verschüchterten Mädchen konnten ein Lachen nicht unterdrücken. »Zu spät!« murmelte die Marchesa, plötzlich ernst werdend. Ja, es war zu spät: Violetta wurde hinausgeführt. Da brüllte ich auf und schrie die Marchesa an: »Mörderin! Mörderin!« Sie streichelte mir den Kopf: »Wenn du wüßtest, wie lustig du bist, du Affe!« 45 Während der Nacht schlich ich in die Rüstkammer und wählte mir eine Muskete nebst Kugeln und Pulver. Mit einem Jagdmesser, das ich dort gleichfalls an mich nahm, gelang es meinen gehemmten Händen (wenn auch erst nach langem Mühen), das scheußliche Maskenkostüm aufzuschlitzen, so daß ich mich aus dem Balg herausschälen konnte. Mein Entschluß stand fest: ich wollte Violetta töten. Doch unmöglich war es gewesen, Violetta im Palaste zu erschießen. Ich hätte unter den sie bewachenden Mädchen ein Blutbad anrichten müssen ... – und selbst dann hätte ich keine Gewähr dafür gehabt, daß die verschlossene Kammer sich mir öffnen würde. Ich sah ein, daß ich die Tat außerhalb des Bergpalastes ausführen und in dieser Nacht noch – (je eher desto besser) – hinausfliehen müsse, um in einem Hinterhalt an der Straße lauernd den Moment abzuwarten, daß Violetta zu den Aussätzigen fortgeschafft werde. Dreifach verriegelt waren für mich die Tore in dieser Nacht, kein Torwächter hätte gewagt, mich hinauszulassen. Zum Glück kannte ich ein Gewölbe, von wo aus ich in den zerstörten Teil des Palastes gelangen konnte und von da ins Freie. Viele Tränen des heiligen Laurentius fielen aufglühend am mondloser Himmel, den Karlswagen sah ich um den Polarstern kreisen und im Morgenlicht verbleichen. Bald nach Sonnenaufgang trabte auf einem mächtigen Rappen ein Reiter an mir vorüber dem Gebirgsschloß zu. Hinter der hochragenden Kaktushecke am Wegrande, wo ich versteckt saß, konnte er mich nicht erblicken, – ich aber betrachtete ihn mir genau, seinen grauen Spitzbart, seine Stülpnase, seinen fetten Nacken. Kein Zweifel, daß dies der von der Marchesa bestellte Regierungsarzt war. Kein Zweifel, daß er, bestochen von ihr, den Aussatz Violettas bestätigen werde ... Trotzdem kam mir der Gedanke gar nicht, die Muskete auf ihn zu richten. Was hätte es auch genützt, ihn unschädlich zu machen, – genug andere bestechliche Beamte standen ja der Marchesa und ihrem Golde zur Verfügung. Doch das wurde mir erst nachträglich klar; – nicht hieran dachte ich, während er an mir vorbeiritt. Träume, die ich von mir gescheucht, die ich an mich nicht herangelassen hatte in dieser furchtbaren Morgendämmerung, umlungerten mich wie hungernde Wölfe; – und eben hatte ein Hauch von Ermattung mich ihnen ausgeliefert. Ich befand mich – wenn auch nur eine Sekunde lang – im Banne einer Vision. Früher als den Reiter hatte ich das schwarze Pferd erblickt. Kannte ich nicht diese wütenden, funkenstiebenden Hufschläge? War das nicht der tote, dem Meer entstiegene König Pfauhahn, der schwarze Teufel, der dort schnaubend und schneeig schäumend auf mich zu trabte? Er wuchs gigantisch zu einem apokalyptischen Roß, schrumpfte dann näher kommend zusammen, und ich wurde des Gaukelspiels meiner Müdigkeit inne. Roß und Reiter waren ins Schloß eingeritten, das konnte ich von meinem Versteck aus sehn. Mehr als eine Stunde verging. Da öffnete sich das Palasttor. Der Arzt auf seinem Rappen und die Contessa Violetta auf einem Falben verließen das Schloß. Die Zügel des falben Pferdes hielt der Venezianer fest um die Hand gewickelt; das war, wie wenn er eine Sklavenkette hielte ... An Fenstern und auf Altanen schauten verweinte Mädchen der Scheidenden nach; die Hände ringend, aufwimmernd, schluchzend riefen sie ihrer verlorenen Freundin Abschiedsworte hinab. Näher und näher kamen die beiden Reitenden heran. Meine Hand zitterte nicht; – ich entsinne mich, daß ich mich darüber wunderte, wie ruhig meine Hand die Muskete hob, wie sicher mein Auge auf Violettas Brust zielte. Nie und nimmer wäre der Schuß fehlgegangen, hätte nicht plötzlich der Rappe des Arztes einen Seitensprung gemacht. Wahrscheinlich war von ihm das Blinken des Flintenlaufes bemerkt worden, und das hatte ihn geschreckt. Und da die Zügel des Falben in der Hand des Venezianers waren, wurde auch der Falbe zur Seite gerissen. Verwirrt zielte ich noch einmal auf Violettas Brust. Und jetzt schoß ich. Doch statt sie zu treffen, verletzte ich den Arzt an der Schulter. Sie wandte sich nach mir um. Sie hatte mich erblickt, hatte begriffen – – doch schon setzten die beiden Pferde den Weg fort in wildem Galopp. Von Selbstvorwürfen zermalmt, war ich überzeugt, es sei keine Rettung mehr für Violetta möglich. Da aber geschah etwas, was ich und wohl niemand hätte voraussehn können. Etwa fünfhundert Schritte von mir entfernt machten die Pferde an einem Bache halt, und ich sah, daß der Venezianer abstieg, seine Schulterwunde zu waschen und zu kühlen. Dabei hielt er noch immer die Zügel beider Pferde. Plötzlich steigt der Rappe kerzengerade empor, reißt sich los, und zugleich mit seinen Zügeln entgleiten auch die Zügel des Falben der Faust des Arztes. Geistesgegenwärtig reißt im Nu Violetta ihr Pferd herum und saust windschnell die Straße zurück auf mich zu. Mit leerem Sattel galoppiert der Rappe neben ihr her. Dicht vor mir hält sie an und es glückt ihr, die Zügel des Rappen zu haschen. »Steige auf den Rappen, Giuliano! Schnell! Begleite mich, beschütze mich! Hilf mir, noch eine kurze Frist zu leben – ich bin ja so jung, Giuliano!« Ich schwang mich in den Sattel, und wir galoppierten am verwundeten Venezianer vorbei; – er konnte unsere Flucht ins Leben nicht verhindern. 46 Der höchste Berg der Insel, der Troodos, hat eine nach Westen steil abfallende Felswand, die durchlöchert ist von Todeswohnungen. In Reihen nebeneinander und in Reihen übereinander bis hinauf zum Gipfel sind ins weißgelbe Felsgestein Totentore gemeißelt, schlichte und pomphafte, verfallene und noch gut erhaltene, kleine und große. Durch solch eine mit Ornamenten, Karyatiden und Fabelwesen verzierte Seitentür tritt man in eine Kammer, die, in einem Sarkophage liegend, einst ein Toter bewohnte. Doch schon vor zwei Jahrtausenden wurden die Sarkophage frevelhaft entweiht, wurden leergeplündert, und heute hausen nur noch Füchse, Schlangen und Uhus in den Felskammern. Die Cyprioten aber – noch immer des Glaubens, es müßten, wo Heiden begraben liegen, Gespenster umgehn – meiden diesen schwer zugänglichen öden Teil des Gebirges. Und gerade deshalb suchten Violetta und ich Schutz in einer dieser Todeswohnungen. Wir gehörten ja beide bereits dem Tode an. Der Unerbittliche, dem wir verknechtet waren, hatte uns eine kurze Schonfrist von wenigen Tagen gewährt, damit wir ein letztesmal – und wären es auch hundert letzte Male noch – mit lebenstrunkenen Augen die Herrlichkeit der Welt genössen, die Farbengluten genössen des Himmels und der Wolken, der anemonenroten Bergkuppen und Täler, des smaragdenen Grases, der Blumen, der Prachtkäfer, der Schmetterlinge und der Süße unserer ineinanderschmelzenden Leiber. Ein mit Blättern gefüllter moosgrüner Sarkophag war unser Ehebett – oh! wir hätten es für kein seidnes Purpurbett eintauschen mögen! Zu selig waren wir, unsere Seligkeit unselig zu nennen; zu sehr einverstanden mit unserem todgeweihten Glück, die Unentrinnbarkeit – die unsere Ehe geschlossen und gesegnet hatte – zu beklagen. Wohin auch hätten wir entrinnen sollen? Eine hohe Belohnung hatte die Behörde für unsere Festnahme ausgesetzt; und selbst wenn der Tod Mitleid mit unserer Jugend gehabt hätte, – Venedig hätte kein Erbarmen gekannt ... Es kommt nicht darauf an, hundert Jahre miteinander zu leben. Jahre schwinden, aber Sekunden bleiben. Mehr wert als hundert Erdenjahre sind die seltenen Himmelssekunden, die man zu den Sternen empor jubiliert und jauchzt, den Tod im Herzen! ... So sprach Violetta oft zu mir. Und auch das sagte sie mir oft mit strahlenden frohen Augen: »Meine Tante, die Schlangenfrau, hat mich dir verkuppelt, gegen ihren Willen, mein Lieb. Die Haare würde sie sich raufen, könnte sie sehn, wie selig wir dem Tode dienen! ... Ein letztes höchstes Glück schuldest du mir noch, Giuliano ... Das muß mir deine böse liebe Hand geben, sobald sie kommen! ...« Und eines Tages kamen sie ... Erstarrend sahn wir die venezianischen Soldaten die Felswand emporklimmen, unsere hochgelegene Totenwohnung umstellen. Violettas dünne Arme umklammerten mich, sie hauchte: »Wir haben es ausgekostet, Geliebter! Mehr Freuden hätte uns ein langes Leben nicht schenken können! Habe Dank!« Tränenlos blickte sie mir in die Augen. Und während unsere Münder verloren sich küßten, gab ihr meine Hand das letzte höchste Glück, um das sie mich gebeten hatte: mein Jagdmesser stieß ich ihr durch die Kehle ins Herz hinein. Noch ehe ich aber auch mein Herz durchbohren konnte, sprangen die eben eintretenden Soldaten auf mich zu, entrissen mir die Waffe, fesselten mir die Hände. Über den Sarkophag hingestreckt lag Violettas Leiche unsäglich schön und rührend da ... Meiner Hände Werk! Und plötzlich wurde mir bewußt, daß mein Schicksal sich gleichblieb trotz verschiedener Gestalt: das Pferd, den Häuptlingssohn und nun dieses unglückliche Mädchen hatte ich aus Mitleid umgebracht ...« 47 Giuliano verstummte. Er hätte noch mancherlei von seinen weiteren Erlebnissen auf Cypern zu erzählen gehabt, doch an diesem Abend kam er nicht mehr dazu. Durch ergriffenes Schweigen hatten ihm seine Zuhörer gedankt; so tief war die Stille, daß man die Nachtfalterflügel an die Glaslilien der Windlichte schlagen hörte. Sich die trocken gewordenen Lippen zu netzen, griff Giuliano nach dem vor ihm stehenden Weinglas, – da, in diesem Moment geschah es, daß Don Gracia die Besinnung verlor und wie leblos vom Stuhl herabglitt; schon seit einer Weile hatte er mit halbgeschlossenen, nach oben gedrehten Augen dagesessen. Sforza Almeni, Traiano Bobba und Agostino Selmi stürzten sofort hinzu, knöpften sein Wams auf, befühlten seinen fliegenden Puls, sahn, daß ihm auf Stirn und Wangen Schweißtropfen perlten. Es war Sforza Almeni, der als erster die Vermutung äußerte: Don Gracia sei an Sumpffieber erkrankt. Und Agostino Selmi widersprach ihm nicht, obgleich er eine weniger harmlose Erklärung für die Ohnmacht zu haben gewiß war ... Von den drei Höflingen wurde der Bewußtlose aufgehoben und weggetragen, um zu Bett gebracht zu werden. In großer Sorge um seinen Liebling begab sich auch Cosmo in den Palast. Allein am Tisch zurückgeblieben waren Giuliano und Faustina. Nicht des jungen Prinzen wegen flammten Faustinas Augen so irrlichthaft; mochte er Fieber haben, so gab es ja Ärzte, ihn zu heilen. Wie eine Traumbilderreihe war an ihrem Geist vorbeigeglitten, was eben geschah; daß der Knabe zu Boden fiel, daß ein Wirrwarr um ihn entstand, daß man ihn aufhob und wegtrug, – sie hatte es gesehn und doch kaum gesehn. Allzusehr war sie erfüllt von Giulianos Erzählung, sie konnte sich von Cypern und Violettas Leiche so schnell nicht trennen, konnte zur Wirklichkeit so schnell nicht zurückfinden. Eine ganze Weile saß sie stumm Giuliano gegenüber und starrte gebannt ihn an. Doch dann kam ihr zum Bewußtsein, daß sich das für sie nicht schicke. Sie erhob sich, um zu enteilen. An ihm vorbeigehend, nickte sie ihm einen Gruß zu, kühl und steif, wie die spanische Hofetikette es vorschrieb. Er erwiderte den Gruß und sagte: »Ich bin morgen nicht mehr in Florenz. Gott sei mit Euch, Signorina!« Sie hatte schon einige Schritte dem Palast zu getan. Jetzt blieb sie verwirrt, mit sich kämpfend, stehn, kehrte um und setzte sich auf einen Stuhl neben ihn. »Ihr wollt fort? ... Weiß es der Duca?« fragte sie leise und hastig. »Nein, Signorina ... Wenn Ihr mich nicht verratet ...« »Er behandelt Euch wie einen Prinzen. Er selbst war es, der die kleine Albizzi als Verleumderin entlarvt hat, er selbst holte Euch aus dem Kerker ... Seid Ihr so undankbar? ... Oder seid Ihr einer seiner vielen Todfeinde?« »Denkt das nicht von mir, Signorina! Ich werde ihm immer dankbar sein! Glaubt mir: ich liebe ihn, als wäre er mein Vater! ... Und eben deshalb will ich verhindern, daß er einen Justizmord begeht.« »An wem?« (Faustinas Stimme klang unsicher.) »Am Mörder der La Delfina ...« »Das ist Don Pietro! ... Alle Welt weiß, daß er es war!« rief sie erregt, und ihre Wangen färbten sich purpurn. »Wißt auch Ihr es, Signorina, daß Don Pietro den Mord beging?« Jählings erblaßte sie und schwieg. In ihren Blicken flackerte Angst und Feindschaft ... Er erfuhr also vom blauen Schmetterling? Sie wäre fähig gewesen, ihn zu vergiften in diesem Moment, – aber auch fähig, ihm schluchzend in die Arme zu sinken; ihm, dem heiligen Menschen, ihr sündiges Herz zu zeigen, Trost und Hilfe von ihm zu erflehn. »Ich wollte Euch nicht erschrecken, Signorina. Niemand – außer Gott – weiß, wer La Delfina umgebracht hat. Vielleicht war es ein anderer als Don Pietro. Diesem andern will ich nachgehn, und ich glaube zu wissen, wo ich ihn finden werde!« »Hat man Euch zum Verteidiger Pietros bestellt? Seid Ihr sein Freund?« »Nein, Signorina. Er haßt niemand so sehr wie mich und – Euch ... Nicht seinetwegen werde ich handeln – sondern um Schmach und Schuld vom Pittipalast abzuwenden; denn ich liebe Cosmo und ...« Er vollendete den Satz nicht. Doch sie verstand, was er unausgesprochen gelassen hatte. Sie erhob sich, nahm sich eine Rose aus dem Haar, küßte die Rose und reichte sie ihm. Und dann eilte sie in den Palast. Drittes Buch Ein verwunschenes Schloß 1 König von Etrurien zu werden, war Cosmos geheimes Ziel. Das machte den kühlen Rechner zum Romantiker. Die Krone eines versunkenen Reiches schwebte lockend vor seinen Augen, und immer wieder vergebens streckte er die Hand aus nach dem unerreichbaren Phantom. Die Hoffnung, es dennoch mit Hilfe allmächtiger Schutzherren erreichen zu können, machte ihn – den man den Tyrannen von Florenz nannte – unfrei und abhängig von seinen Protektoren. Wohl haßte er die Hände, die er küssen mußte; – doch eine Königskrone war schon Demütigungen wert. Aus taktvollen und auch weniger taktvollen Handschreiben seiner Gönner war zu ersehn, daß am Kaiserhofe, beim Heiligen Stuhl und im Escorial das strenge Gewahrsam Don Pietros übel vermerkt wurde. Die hohen und höchsten Briefschreiber legten dem Duca nahe, den Prozeß niederzuschlagen. Solche Ratschläge durften nicht übergangen werden ... Cosmos Dilemma war, daß er auch auf die Stimmung im eignen Lande Rücksicht nehmen mußte. Am liebsten hätte er gesehn, die Gerichtsverhandlung ließe sich vermeiden. Das wäre vor vier Wochen vielleicht noch möglich gewesen. Inzwischen aber hatte das von ihm ernannte geheime Tribunal die Anklage erweitert – des Attentats wegen, das beim Maifest gegen ihn unternommen wurde. Die ursprüngliche Anklage erschien geringfügig im Vergleich zum neuen, ungeheuerlichen Verdacht, Don Pietro habe einen Vatermord geplant und habe einen seiner unauffindbaren Kumpane – sei es Carlo, sei es Santi – zum Mordversuch an dem im Arno schwimmenden Fürsten angestiftet. Für letztere Vermutung freilich Beweise herbeizuschaffen, hätte noch viel Zeit erfordert. Auf diese aussichtslose Zeitvergeudung wurde (mit Wissen und Willen des Duca) verzichtet und Anfang Juni als Termin für den Gerichtstag festgesetzt. 2 Während Cosmo mit der Duchessa und seinen beiden jüngeren Söhnen an den Abhängen des Apennin im Jagdschlößchen Villa Cafaggiuolo weilte, fällte das Gericht das Todesurteil über seinen verkommenen Sohn. Don Pietro hatte es nicht anders erwartet. Er hatte es vorausgesehn in jener tollen Karnevalsnacht, als er die kleine Cammilla Martelli auf dem verschneiten Dache hatte tanzen lassen und der Bargello ihm den Degen nahm. Damals war ihm jäh die Einsicht gekommen: »Ich bin verloren! – denn niemals wird Faustina öffentlich vor einem Gerichtshof zugeben, daß sie mit dem azurblauen Schmetterling bemalt wurde; aus Schamgefühl wird sie lügen, und erst recht, weil sie mich haßt ...« Hiervon zutiefst überzeugt, hatte er während der dreimonatigen Untersuchungshaft nichts zu seiner Verteidigung unternommen. Aus verbissenem Hochmut hatte er auch verschmäht, von seinem ihm zürnenden Vater Gnade oder von seiner Feindin Faustina ein Geständnis der Wahrheit zu erflehn. Für seinen Körper und seine Seele war die Haft bekömmlich gewesen, eine Zeit des Ausruhens und der Besinnung. Er hatte sogar Fett angesetzt. Wein und Weiber vermißte er wohl; dafür blieb ihm Gesang –: vom Morgen bis in die Nacht hinein zirpte er auf seiner Gitarre. In den drei gesündesten, für vornehme Staatsverbrecher eingerichteten Zimmern der Torre di Nona konnte er beinahe vergessen, im Gefängnis zu leben; – einige Edelleute und vier Pagen bedienten den hohen Herrn. Besuche von Angehörigen oder der Hofgesellschaft waren zwar untersagt; nicht beanstandet jedoch wurde es, wenn würdige beamtete Personen ihm Teilnahme zu bezeigen wünschten. Priestern, die mit ihm Horas und Rosenkränze herzusagen kamen, versicherte er: abgefunden habe er sich mit Gottes strenger Prüfung. Juristen, die ihm ihre Dienste anboten, erklärte er tobend und weinend: das Stahlnetz des Fatums zerreißen zu wollen sei zwecklos. Nicht von ihm war Faustina als Entlastungszeugin genannt worden, sondern von Messer Antonio Martelli, dem Kleinen Walfisch; – und das, obgleich dessen Töchterchen Cammilla auf Befehl des Prinzen in Eis und Schnee hatte tanzen müssen und vom Dache stürzend um ein Haar sich den Hals gebrochen hätte. Den die Voruntersuchung führenden Tribunalsräten war von Martelli zu Protokoll gegeben worden, mit welchen Worten sich Don Pietro in Semprebenes Taverne des blauen Schmetterlings gerühmt hatte. Nicht der einzige war Martelli, der Zeuge dessen gewesen: es hatten auch andere Stravaganti in Semprebenes Kneipe die verfänglichen Reden des Prinzen vernommen. Doch diese alle litten jetzt an Gedächtnisschwund; war es doch kein Geheimnis, daß Donna Faustina Cosmo nahestand; und war es doch unbezweifelbar, daß Schlimmstes zu gewärtigen hatte, wer – in die Zwangslage versetzt, vor Gericht Fragen zu beantworten, – einen gewissen Körperteil der bevorzugten Dame erwähnen würde. Welche Verwegenheit, unter solchen Umständen ein Gedächtnis zu haben! ... Ja, eine Extravaganz war es, wenn auch eine edle, daß der Kleine Walfisch seine Haut als einziger zu Markte trug, um seinen Peiniger und Widersacher vor dem Henkerschwert zu bewahren. Er tat es nicht bloß aus Gutherzigkeit; er tat es auch, weil ihm Cosmo einstmals ans Herz gelegt hatte, den strauchelnden Prinzen vom Abgrund wegzuziehn. Damals hatte der Fürst gesagt: »Dächte ich unväterlich über meinen Sohn, so würde ich dir befehlen, ihn hinabzustoßen in den Abgrund, statt ihn zu halten! ...« Was niemand ahnte, dem Kleinen Walfisch war es bekannt: daß der Duca seinem Sohn eine strenge Bestrafung, doch nimmermehr den Tod anwünschte. Daher die Tollkühnheit Martellis, der das Wagnis auf sich nahm, zu Gunsten des Prinzen den Ruf Faustinas preiszugeben, – selbst auf die Gefahr hin, daß Cosmos Zorn Cosmos verschwiegenen Wunsch verleugnen würde. Wäre Martellis Absicht zur Ausführung gelangt, so wäre es eine Katastrophe geworden, und dabei hätte er völlig zwecklos Donna Faustina vor ganz Florenz bloßgestellt. Dazu indes kam es nicht; und sogar eine barocke Rede im Walfisch-Stil vor so illustren Zuhörern zu halten wurde Martelli verhindert. Einer, von dem man es am allerwenigsten erwarten durfte, schonte Faustinas Ruf; – das war Don Pietro selbst. Zum Ersticken staubig und schwül brütete die Hitze im Gerichtssaal. Durch die weitgeöffneten Fenster drang glühende Juniluft herein, ohne Hauch und ohne Kühlung. Die Sonne, von Fenstervorhängen nicht abgehalten, brannte auf den Scheiteln und Antlitzen der Richter, beperlte die Stirnen der Zeugen und Zuhörer. Kopf an Kopf gedrängt standen die Zuhörer, Nobili und Popolani; – ganz Florenz lauschte dem aufsehenerregenden Kriminalprozeß, wenn auch nur einige Hundert Zutritt erhalten hatten in den Ratssaal des Palazzo Vecchio, wo an der einen Schmalseite auf hoher Estrade der Gerichtshof tagte. Es wurde beängstigend still, als der den Vorsitz führende Giudice processante Donna Faustina aufrief. Ob sie bereit sei, auszusagen? Sie bejahte es. (Hatte in ihr nachgewirkt, was Giuliano ihr abends im Boboligarten nahegelegt hatte, bevor sie ihm die rote Rose gab? ... Wird der Mut sie nicht verlassen angesichts der sensationslüsternen Florentiner, die den Atem anhaltend auf ihre Lippen starren, als müßten gleich aus ihrem Munde Kröten und Schlangen kriechen? ...) Der Procuratore generale scheint um das Kartenhaus seiner Anklage zu bangen, daß es durch ein Wort Faustinas umgeworfen werden könnte. Beflissen belehrt er sie: sie habe als Verwandte des Angeklagten das Recht, die Aussage zu verweigern. Sie schüttelt den Kopf und erklärt, alle Fragen beantworten zu wollen. Nun beginnt der Giudice processante überaus rücksichtsvoll und behutsam, seine Rede in Schleier hüllend, anzudeuten, daß er nicht umhin könne, etwas ganz Unaussprechbares zu erörtern: das Gericht nämlich habe Kenntnis davon erhalten, daß Don Pietro sich einer absonderlichen und geradezu unwahrscheinlichen Rachetat gerühmt habe ... In diesem Augenblick erhebt sich Don Pietro. Er hatte bis dahin stumm und teilnahmslos auf der Anklagebank gesessen. Jetzt bebt er vor Erregung und ruft mit donnernder Stimme dem Vorsitzenden ein Halt zu: solche versteckten Anspielungen seien eine Beleidigung für die Gentildonna! ... Und nachdem er das gerufen, starrte er Faustina an, als wäre ihm schwer, zu fassen, daß sie da vor ihm steht. Aller Augen aber wenden sich ihm zu. Ein ungewohnter Anblick: er, den man kaum jemals anders als betrunken gesehn, er scheint nüchtern zu sein! Frischgestutzt sein Haar und sein Spitzbart, adrett geschniegelt sein schwarzseidner Anzug, seinem Rang und seiner Geburt entsprechend seine adlige Haltung. Mit einer Verbeugung grüßt er Faustina und sagt: »Du bist hergekommen, Faustina, obgleich du hättest wegbleiben können – wie mein Vater und meine Brüder, die die Höhenluft des Apennin der Stickluft dieses Saales vorziehn. Ja, du bist eine stolze Medici, du bist tapfer, wie unsere Ahnfrau Catarina Sforza war. Doch auch ich bin ein Medici, – ich will mich von dir nicht beschämen lassen, müßte es mich gleich den Kopf kosten! ... Was ich in der Trunkenheit von dir sprach, war erlogen! Vergib mir, daß meine trunkenen Reden dich mit Kot bespritzt haben, du Reine! Vergib mir, daß ich dich in die peinliche Lage gebracht habe, hier zu stehn!« Mehr erstaunt als bewegt hat Faustina ihn angehört. In seiner devoten Stimme vibrierte ein leiser, schwer zu deutender Unterton mit, – war es Erbarmen mit ihr, Mitleid, Ehrfurcht oder höhnender Haß? ... Der Gedanke flattert ihr durchs Hirn: Was bezweckt er damit? Denn echt kann die Wandlung doch nicht sein? Oder – hat die Haft ihn gebessert? ... Faustina wendet sich dem Vorsitzenden zu: »Verlangt das hohe Gericht, daß ich trotzdem aussage?« Darauf antwortet ihr der Giudice processante: »Nein, Signorina. Wenn der Angeklagte verzichtet, verzichten auch wir.« 3 Die Stimmung ist umgeschlagen zu Gunsten von Don Pietro. Nicht nur bei der lauschenden Menge, auch bei seinen Richtern hat er Sympathien gewonnen durch die chevalereske Art, wie er Faustina das unendlich peinliche Geständnis erspart hat. Einen der Anwesenden besonders erschüttert die unerwartete Wendung, die der Prozeß genommen, – das ist des Prinzen einstiger Fechtlehrer und Erzieher: Messer Agostino Selmi. Sein Verstand, sein Wissen um verborgene Zusammenhänge sagt ihm, daß das Verdikt auf Tod lauten muß, da Don Pietros Unschuld nachzuweisen – einerlei ob mit, ob ohne Faustinas Aussage – unmöglich ist; sein Gefühl aber sagt ihm, daß Pietro nunmehr gerettet ist, nachdem er sich die Neigung – oder doch Achtung – sogar seiner Feinde erwarb ... Das gleiche fürchten und hoffen viele in diesem Stadium des Prozesses. Und Don Pietro wäre wahrscheinlich freigesprochen worden, hätte nicht das beeidete Zeugnis Agostino Selmis ihn vernichtet. Ein Schuhmacher aus der Via San Gallo wird als Belastungszeuge aufgerufen. Am Mordtage, obgleich alle Welt des Stiergefechtes wegen sich ins Stadtinnere begeben hatte, war er daheim geblieben, um seine gelähmte Frau nicht allein zu lassen. Wie ausgestorben sei das Stadtviertel der Porta San Gallo gewesen – bekundet der Schuhmacher –; und da die Gassen menschenleer waren, seien die zwei einzigen Menschen, die er nach der dritten Fanfare (d. h. also während der vierzehnten Stunde) an seinem Hause habe vorbeigehn sehn, ihm besonders aufgefallen, – um so mehr als sie nicht auf dem Wege zur Piazza di Santa Maria Novella waren, wo der Stierkampf stattfand, sondern in entgegengesetzter Richtung gingen. Der zuerst kam, hatte das Gebaren und die Kleidung eines mediceischen Prinzen. Offenbar ohne sein Wissen, wurde er vom zweiten, der ungefähr fünfzig Schritt hinter ihm herschlich, verfolgt und beobachtet. Als jener das Haus La Delfinas betreten hatte, blieb dieser unschlüssig stehn, kehrte um und entfernte sich geschwind. »Woran meint Ihr erkannt zu haben, Messer Sennuccio, daß der Voranschreitende ein mediceischer Prinz war?« fragt der Giudice processante den Schuster. Der entgegnet: »Am Tressenhut, am Taffetwams, an den Strümpfen, an den Schuhen, Euer Gnaden. Solche spanische Tracht – schwarze Steppseide, die Strümpfe olivengrün – das gibt es nur im Palazzo Pitti. Kein Florentiner würde wagen, sich zu kleiden wie Seine Eccellenza Illustrissima und seine illustren Söhne. Vor allem fielen mir die mit dunkelroten Granaten verzierten Schnallenschuhe auf.« »Waren es die gleichen Schnallenschuhe, wie Ihr sie da an den Füßen des Angeklagten seht?« fragt der Vorsitzende. »Genau die gleichen, Euer Gnaden! Auch dieselben Strümpfe.« »War sein Antlitz durch eine Maske verdeckt?« »Nein, Euer Gnaden.« »Glich der Mann dem Angeklagten? Betrachtet ihn Euch! Gebt keine übereilte Antwort!« Lange Zeit blickte der Schuster den Prinzen an. Die Geräusche im Saal verstummen; alle harren gespannt. Nervös und höhnisch grinsend erträgt Don Pietro eine Weile die Besichtigung. Doch der Teufel in ihm hat schon allzulange sich als Seraph verstellt und lechzt danach, sein wahres Gesicht zu zeigen. Er knirscht: »Bist du bald fertig? Habe ich Hühneraugen auf der Nase, Schuster?« Und plötzlich streckt er ihm die Zunge heraus. In schallendes Gelächter bricht ein Teil der Zuhörer aus. Es sind meist Floridi – die Gegner der Stravaganti –, die lachend ihre Freude darüber kund tun, daß Don Pietro sich soeben Sympathien verscherzt hat. Seine Freunde blicken beklommen drein, auch Donna Faustina. Der Vorsitzende erteilt den Lachern eine Rüge, straft den Prinzen mit einem gestrengen Blick und schüttelt unwillig den silberweißen Greisenkopf. Endlich sagt Messer Sennuccio: »Ja, – jener Mann hatte ein ähnliches Gesicht und genau solch einen Spitzbart. Auch seine Gestalt war ebenso groß.« Der Vorsitzende nickt: »Es ist gut, Messer Sennuccio ... Doch bleibt noch. Ihr sollt gleich einem andern Zeugen gegenübergestellt werden, der das Gegenteil aussagen wird.« Viele Hälse recken sich neugierig, als der Wirt Semprebene vorgerufen wird. Er ist als Entlastungszeuge geladen. Die Frage des Vorsitzenden an ihn lautet: »Ihr saht während des Stierkampfes den Angeklagten an Eurer Taverne vorbeigehn? Und Ihr saht, daß ihm ein Mensch in einiger Entfernung folgte?« »Letzteres ist richtig, Euer Gnaden. Richtig ist auch die Beschreibung, die Messer Sennuccio von den beiden Männern gemacht hat. Der Vorausschreitende war gekleidet wie ein junger Medici. Es war aber nicht Don Pietro.« Eine starke Bewegung geht durch die Reihen der Zuhörer. Der Vorsitzende fragt: »Woraus schließt Ihr das, Messer Semprebene?« »Daraus, Euer Gnaden, daß jener Prinz – (falls er kein Karnevalsprinz war) – bedeutend kleiner und schmächtiger war als Don Pietro. Ich kann wohl behaupten: er war einen Kopf kleiner.« »Das Gericht wird mich um einen Kopf kleiner machen, damit ich jenem gleiche!« höhnt Don Pietro. Und wieder ertönt Gelächter. Er hat diesmal die Lacher auf seiner Seite. Das aber – wie gleichfalls die Aussage des Wirtes – läßt den Procuratore generale befürchten, das edle Wild könnte den Tatzen der Anklage entschlüpfen. Darum fährt er mit auffallender Schärfe den Tavernenwirt an: »«Wollt Ihr etwa damit andeuten, daß der Doppelgänger des Angeklagten dessen jüngerer Bruder Signore Don Gracia gewesen sei? Bedenkt, welche ungeheuerliche Verleumdung über Eure Lippen kam, und überlegt Euch, welche unausdenklichen Folgen es für Euch haben kann, wenn Ihr aus Freundschaft für den Angeklagten – (er war ja erweislichermaßen ein ständiger Gast Eurer Weinstube!) – falsches Zeugnis ablegt und auf einen Schuldlosen den Mordverdacht lenkt, um den Schuldigen zu entlasten!« Doch Semprebene läßt sich nicht einschüchtern. Ruhig und fest erklärt er: »Ich sprach die Wahrheit. Jener Mann trug sich wie ein Prinz – doch er war kleiner und schmächtiger als Don Pietro! Der Signore, der heimlich hinter ihm herging, kann bezeugen, was ich bekunde; und ich hoffe, er wird es sogleich tun.« Bei diesen Worten richtete Semprebene den Blick auf Agostino Selmi, der in der vordersten Reihe der Zuhörer steht. Selmi wird dunkelrot, rührt sich aber nicht von der Stelle und macht keine Anstalten, die Bekundung des Wirtes zu bestätigen. »Seid Ihr imstande, Messer Semprebene, uns seinen Namen zu nennen?« fragt der Vorsitzende. »Es wäre mir lieber, Euer Gnaden, er würde sich freiwillig melden. Da er dazu den Mut nicht aufbringt – – –« »Ihr lügt, Semprebene!« schreit Agostino Selmi. Er eilt aus der Zuhörermenge an den Zeugentisch heran. Zitternd und bleich vor Erregung – nicht vor Furcht – steht er dem Wirt funkeläugig gegenüber und ruft: »Ihr lügt, Semprebene! und Ihr habt gelogen!« Die Spannung im Gerichtssaal wird unerträglich. Rätsel über Rätsel! Wie konnte ein Höfling vom Rang eines Selmi sich dazu hergeben, als Beobachter hinter dem Prinzen herzuschleichen? Warum hat er bis jetzt geheimgehalten, daß er über die Vorgänge in jener Stunde Bescheid weiß, – besser Bescheid weiß als andere? ... Keiner der Anwesenden freilich vermag zu ahnen, was in Selmis Seele vorgegangen ist, während mit Blicken und Worten der Wirt sein Zeugnis heischte. Dem einstigen Priester und Buschklepper Selmi ist Mutlosigkeit fremd: gezaudert hat er, an den Zeugentisch zu treten, weil widerstreitende Gefühle in seinem Innern einen erbitterten Kampf ausfochten. Er liebt Don Pietro, doch er liebt Don Gracia noch mehr. Denn tatsächlich ist er es, der vom Schuster und vom Tavernenwirt erblickt wurde, als er dem jungen Sohn des Duca bis zur Wohnung der Kurtisane nachschlich. Wenn er anfangs an Gracias Schuld noch gezweifelt hat, so ist ihm jegliche Möglichkeit zu zweifeln geschwunden, seitdem er in der Klosterkirche San Felice vernommen hat, was Don Gracia zum Kruzifix sprach, und seitdem er im Boboligarten mitangesehn hat, daß der von Reue zerquälte Knabe, der Sinne beraubt, zu Boden fiel, als Giuliano die Erdolchung Violettas beschrieben hatte. Ebenso wie Faustina hat auch Selmi Don Pietros erlittene Kerkerpein auf dem Gewissen. Ebenso wie Faustina hat er seit Februar sein furchtbares Geheimnis verschwiegen. »Es ist der grausamste Fluch, zum Schweigen verurteilt zu sein!« hatte er am Morgen des Maifestes zu Benvenuto Cellini gesprochen ... Jetzt reicht das Geschick ihm hilfreich die Hand, seine Seele vom Fluch zu reinigen, sein Gewissen zu entlasten. Doch im Augenblick, da er es tun will, wird ihm klar, daß es ihm unmöglich ist. Er kann den schönen, liebreizenden, vergötterten Knaben nicht ans Henkerschwert liefern; – ehe er das tut, will er lieber seinem Gewissen eine neue, größere Schuld aufladen, den älteren Prinzen (obgleich der ihm gleichfalls ans Herz gewachsen ist) opfern und sich selbst dazu, die ewige Seligkeit durch einen Meineid verscherzend. Er wendet sich an den Giudice processante: »Ich – Agostino Selmi – bin es, den die beiden Zeugen beobachtet haben.« »So ist es wahr, Messer Selmi, daß Ihr dem Prinzen gefolgt seid?« »Ja, Euer Gnaden.« »Und warum folgtet Ihr ihm?« »Weil mir Gerüchte zu Ohren gekommen waren, Don Pietro sei nachts auf dem Kirchhof von den Negern der Fürstin Lodovica Malaspina angeschossen worden, sei aus der Stadt verschwunden, sei unauffindbar. Edle Herren, Ihr werdet verstehn, daß ich mich um ihn sorgte, – er war ja einst mein Zögling gewesen. Nun erblickte ich von weitem einen Mann, der – so viel die große Entfernung mir festzustellen erlaubte – ihm auffallend ähnlich sah. Ich eilte ihm nach. Bevor ich mich aber vergewissern und ihn anreden konnte, war er ins Haus der Dichterin La Delfina hineingegangen. Da kehrte ich um.« »Messer Agostino! es geht um meinen Kopf!« ruft Pietro beklommen. »Wollt Ihr behaupten, daß Ihr mich saht?« »Der, den ich sah, war Euch vollkommen ähnlich, Don Pietro! Gott strafe mich, wenn ich Falsches sage!« »Doch vorhin hat Messer Semprebene uns mitgeteilt,« – bemerkt der Vorsitzende – »daß jener Unbekannte klein und schmächtig war, – beträchtlich kleiner als der Angeklagte. Wie erschien er Euch?« »Muß ich die Frage beantworten?« »Ihr müßt, Messer Selmi!« »Nun, dann werde ich, so schwer es mir wird, die volle Wahrheit sagen. Er war groß und stattlich.« Unheimlich still ist es im Gerichtssaal. Triumphierend strahlt das Gesicht des Procuratore generale, während er ein goldenes Kruzifix hinhält: »Beeidet Eure Aussage, Messer Selmi! Legt die Hand auf das Herz des Erlösers!« »Messer Agostino! vernichtet Eure Seele nicht!« ruft Pietro. Doch Selmi leistet den Eid. »Ich schwöre bei allem, was mir heilig ist, daß ich die reine Wahrheit sprach!« Da heult Don Pietro auf vor Wut; und dann schreit er: »Wieviel zahlt Euch mein Vater für diesen Meineid, Messer Agostino? ...« 4 Wie fließendes Wasser kann auch die fließende Zeit vereisen und kristallhaft erstarren. Im Dornröschenschloß ist jegliches der Macht des Werdens und Vergehns – (und folglich auch des Verfalls) – entrückt und von den Rosenranken überwuchert. Auf dem Domplatz zu Pisa blühn zwar keine Rosenranken, dafür ist er überwuchert von Grasbüscheln, die zwischen den Pflastersteinen hervorlugen und vom Winde bewegt werden. Ein wenig traurig im Winde wenn sie wie alles Gras, das über Gräbern wächst. Denn das Grab einer versunkenen Kultur ist dieser heilige Ort, wenn auch die eingesargte Schönheit unversehrt und wie lebend zu schlummern scheint. Wer dort zwischen dem Campo santo, dem Baptisterium, dem Dom und dem schiefen Turm steht, gewahrt eine Versteinerung der Zeit, kristallisiertes Mittelalter, mit Fingern greifbare Vergangenheit. Engelteufel oder Teufelengel müssen die Erbauer gewesen sein, die jahrhundertelang durch Blut wateten, jahrhundertelang diesen einzigartigen, mädchenhaft graziösen und madonnenhaft innigen Marmortraum emporführten; die den Campo santo mit dem Triumph des Todes schmückten; und den schiefen Turm – (obgleich er, als kaum erst die zweite Säulengalerie erbaut war, sich zu senken begann) – weiterführten sieben Stockwerk hoch bis zu seiner Vollendung: ein mißratenes, berückendes Weltwunder. Nie aufgehört hat der Turm, sich zu senken; kein Zweifel, daß er eines Tages wird stürzen müssen. Mag sein, daß deshalb – um unter den niederfallenden Marmorblöcken nicht begraben zu werden – der benachbarte Palazzo Arcivescovale nicht unmittelbar neben dem ihm zugeneigten Campanile steht. Im 16. Jahrhundert hatte der erzbischöfliche Palast einen von hoher Mauer umgebenen, bis zur Via S. Eufrasia reichenden Park. Hätte am Tage nach der Verurteilung Don Pietros der Glöckner den schiefen Turm zur Mittagszeit erstiegen, so hätte er, über die Parkmauer blickend, eine merkwürdige und gar nicht bischöfliche Schaustellung bewundern können. 5 Dem achtzehnjährigen Erzbischof von Pisa, Kardinal Don Giovanni de'Medici, hatte vor ungefähr einer Woche der in Rom lebende Kardinal Odescalchi die briefliche Mitteilung gemacht: er werde Anfang Juni sein Gast in Pisa sein. Für den Aufenthalt des römischen Gastes waren prunkvolle Festlichkeiten vorgesehn. Unter anderem hatte der junge Erzbischof beschlossen, den einflußreichen Kardinal – (dessen Fürsprache bei der Kurie und beim Wiener Kaiser Cosmos Königstraum fördern konnte) – durch Schaugepränge zu erfreuen, ihm lebende Bilder mit dürftig bekleideten Mädchen vorzuführen. Dem senilen Kirchenfürsten wurde nämlich eine Vorliebe für kleine Mädchen nachgesagt, – eine Leidenschaft, der er in Rom unter den Augen des rigorosen Papstes Pius IV. nicht frönen konnte. Das Motiv zu einem der lebenden Bilder war dem Triumph des Todes entnommen und wurde an diesem Vormittage im Garten des erzbischöflichen Palastes geprobt. Die Anregung stammte von Pietro Lorenzettis Bild im Campo santo her, doch war eine getreue Wiedergabe nicht beabsichtigt, vielmehr sollte die von der Sense des Todes bedrohte Gruppe der Lebensfreudigen eine zügellose Orgie darstellen. Zwischen zwei hohen Pinien und vor der schwarzgrünen Blätterwand einer Lorbeerhecke saßen auf einer langen vergoldeten Holzbank Ritter und Edeldamen, andere lagerten zu ihren Füßen auf dem Rasen, hockten, knieten oder blickten, flach am Boden ausgestreckt, zum Himmel empor. Die Brokatgewänder enthüllten die anmutigen Körper, die sie hätten verhüllen müssen. Jünglinge, auf deren Schöße Mädchen saßen, schlürften Wein mit ihnen, aßen Früchte mit ihnen; und sei es musizierend, sei es Geigen und Harfe lauschend, umarmten sie die Schönen, küßten sie, drückten sie zärtlich an sich. Über ihnen aber war zwischen den beiden Pinienstämmen ein daumendicker Kupferdraht gespannt, über den ein Rad von einem Baum zum andern rollen konnte. Die am Rand befestigte Maschinerie – (die erdacht war, einen deus ex machina zu tragen!) – hatte man mit Laub verdeckt; – sichtbar nur war ein darunter horizontal schwebender, den Tod darstellender Mensch. Während er über den nichtsahnenden Lebensgenießern dahinflog, zielte seine Sense nach der Schönsten der Schönen. 6 Die Schönste der Schönen war eine blutjunge Abenteuerin, Don Giovannis Konkubine Bianca Cappello. Sie hatte ihre glänzende Laufbahn kaum erst angetreten, – sie, die in späteren Jahren weltberühmt werden sollte durch ihre Lasterhaftigkeit und Gescheitheit sowohl, wie durch ihr vom greisen Tizian gemaltes zauberhaftes Bildnis. Kein Mensch hätte damals der kleinen Hure ansehn können, daß ihr in den Sternen geschrieben stand, sie werde auf dem Florentiner Thron als Großherzogin von Toscana enden. Wohl aber war ihr anzusehn, daß sie einem vornehmen Hause entstammte. Ihren in Venedig lebenden Eltern war sie mit einem Liebhaber davongelaufen und hatte, nach Florenz verschlagen, ihren Verführer im Stich gelassen, um den knabenjungen Erzbischof der armen Tolla Fiordespini abspenstig zu machen und sich von ihm nach Pisa mitnehmen zu lassen. In kurzer Zeit hatte sie sich hier als padrona del palazzo eine Position geschaffen: die Klerisei wartete in ihrem Vorzimmer, wenn es galt, dem unentschlossenen Don Giovanni einen Entschluß abzuringen. Ihr Leben im Palazzo Arcivescovale wäre beneidenswert gewesen, hätte Don Giovanni sie nicht allzuoft mit Eifersüchteleien gequält. Auch heute, nachdem schon eine ganze Weile das lebende Bild geprobt war, fand er einen Anlaß, ihr eine Eifersuchtsszene zu machen. Er faßte sie stumm am Arm und zog sie mit sich fort in eine Allee hinein, wo das Gespräch nicht belauscht werden konnte. Und er überhäufte sie mit Vorwürfen: deutlich gesehn habe er, daß sie sich von einem der mitwirkenden Chorknaben um die Hüfte fassen ließ. In schallendes Gelächter bricht Bianca aus, – sie tut es erbarmungslos, weil sie weiß, daß er nichts so sehr fürchtet wie ihren Spott, Ihr Lachen endet diesmal mit Tränen; allzusehr hat sie ihn ihre Überlegenheit fühlen lassen –: bis aufs Blut gereizt, schlägt er sie ins Gesicht. Darauf hat sie es angelegt; denn jetzt ist er im Unrecht, muß Abbitte tun, muß sie versöhnen und muß ihr jede – wäre es auch die tollste – Laune erfüllen. Sie ziert sich, doch nicht lange; sie verzeiht ihm und gibt ihm als Buße auf: er solle sie huckepack zur vergoldeten Bank zurücktragen, auf daß ihre Mitspieler – (die am Ende vermuten könnten, man habe sich in der Allee gezankt) – an ihrer Ausgelassenheit erkennen, wie verliebt in sie und ihr verknechtet er ist. Und so geschieht es. Sie sitzt auf seinem Nacken; ihre von seinen Schultern ihm über die Brust hängenden Beine umschlingt er mit seinen beiden Armen. Als er sie heranträgt, wird er mit unbändigem Jubel empfangen. Er strahlt, stolz auf seine schöne Bürde. Doch plötzlich läßt er sie verlegen auf den Rasen niedergleiten und sein strahlendes Knabengesicht wird todernst, weil er vom Palast her einen Pagen nahen sieht, der einen schwarz gekleideten Signore führt. In die Erde versinken möchte der junge Erzbischof – denn der vom Pagen geführte Mann ist der immer gelbsüchtige Messer Agostino Selmi. 7 Es gibt tragische Situationen, die von großer Komik sind. Der leidgebeugte Agostino Selmi wäre am liebsten davongelaufen, – als es zu spät war umzukehren, als er sich einem Bacchanal gegenübersah. Und Don Giovanni, dessen Wunsch, in die Erde zu versinken, unerfüllbar war, wäre ebenfalls am liebsten davongelaufen. Nicht, weil er das Brokatgewand eines Troubadours trug und seinen frommen Garten in einen Venusberg verwandelt hatte; das ließ sich rechtfertigen mit dem bevorstehenden Besuch des Kardinals Odescalchi, dessen Augen die Schaustellung erfreuen sollte; und Selmi, dem einstigen Priester, konnte es nicht unbekannt sein, daß Kardinäle einander mit üppiger Kost und Schleckereien zu bewirten pflegten. Was aber dem jungen Kardinal die Röte auf die Stirn trieb, war, daß sein früherer Erzieher gesehn hatte, wie er Bianca huckepack getragen und ihre vom emporgestreiften Rock nicht verhüllten bloßen Schenkel mit seinen Fingern gehalten hatte. Wenn Selmi hiervon in Florenz berichtete, so konnte das dem Ruf eines zum künftigen Papst ausersehenen Mediciprinzen Abbruch tun, den viele – zumal die Damen des Palazzo Pitti – für einen Asketen hielten, einen Heiligen, einen Engel, zu gut für diese Welt ... Wie von einer Keule an die Stirn geschlagen fühlte sich Selmi. Er war nach Pisa geritten, um Don Giovanni als erster die furchtbare Nachricht von der Verurteilung seines Bruders zu überbringen; – vor allem aber, um in seiner verzweifelten Ratlosigkeit einen Berater an ihm zu finden, einen Sorger für seine kranke sündige Seele, seine durch den Meineid ewiglich verlorene Seele; vielleicht auch einen mächtigen Helfer, der durch Fürsprache beim Duca, seinem Vater, imstande sein würde, den zu Unrecht verurteilten Don Pietro zu retten, ohne damit Don Gracia zu vernichten. Wer solche Wundertaten vollbringen könnte, müßte freilich zuvor eingeweiht werden in alle Geheimnisse; und Selmi war in schlaflosen Nächten zur Erkenntnis gekommen, daß niemand auf Erden ihn von seinem bedrückenden, erdrückenden Schweigen erlösen könne als bloß der junge Kardinal, weil er ein Priester und der Bruder der beiden unglücklichen Brüder war. Jetzt aber, der vergoldeten Bank sich nähernd, wird Agostino Selmi sich bewußt, daß es ihm unmöglich sein wird, sein marterhaftes Schweigen vor diesem leichtfertigen Priesterknaben zu brechen. In seine sinnlichen Augen blickend, wird er ihm Don Gracias Mordschuld und den eigenen Meineid nicht anvertrauen können ... Was tun? Fliehn vor der schweren Aufgabe kann und darf er nicht. Auf die Hilfe des einzigen, von dem er sich Beistand versprach, verzichten – will er erst recht nicht; – mag Don Giovanni ein unwürdiger Erzbischof sein, so ist er doch ein einflußreicher Medici ... Da kommt ihm ein rettender Gedanke: statt sich mit ihm zu beraten, wird er ihn bitten, ihm im Dom Beichte ablegen zu dürfen, denn, wenn er beim Beichtstuhl kniet, so spricht er zum Vertreter Gottes und sieht seine Augen nicht; wenn das Absolvo te ertönt, so ist es Gott, der durch Menschenmund spricht ... Jetzt begrüßen sie sich. Selmi küßt Don Giovanni die Hand, – auch in solchem narrenhaften Aufzug bleibt er ja ein Kardinal. Verlegen lachend stammelt Seine Eminenz eine Entschuldigung, schiebt Odescalchi die Verantwortung für den frivolen Triumph des Todes zu und atmet erleichtert auf, als der grabesdüstere Messer Selmi sich entfernt, nachdem ihm die Bitte um die Ohrenbeichte im Dom gewährt worden ist. Angesichts einer corte d'amore eine Silbe über das gestern gefällte Todesurteil zu erwähnen, hatte Selmi nicht übers Herz gebracht. 8 Am Abend dieses Tages hat sich Don Giovanni gegen elf Uhr in sein luxuriös ausgestattetes Schlafgemach begeben. Er entkleidet sich nicht, obgleich – wie allnächtlich – Bianca entkleidet in seinem Bett liegt, bereit, ihm allen Kummer mit ihren Küssen zu verscheuchen. Zu ruhelos ist er, Ruhe zu suchen. Er geht auf und ab, schreitet in der Diagonale durchs Zimmer von einem Wandspiegel zum andern, immer und immer wieder; und schließlich läßt er sich, ermattet vom Grübeln und Schreiten, in einen Sessel fallen und starrt nieder auf den weiß- und schwarzkarierten Marmorestrich. In einem Kristalleuchter brennen vier armdicke kirchliche Kerzen. Das herabträufelnde Wachs bildet erstarrte Kaskaden –: so wild flackern die vier Flammen im kühlen Anhauch der Nachtluft, die durch zwei geöffnete Fenster hereinweht. Auf den erzbischöflichen Park hinaus gehn die romanisch gewölbten Fenster; sie lassen Sterngeglitzer, Nachtfalter, Gequak von Fröschen und Nachtigallengeschluchz ins Zimmer herein. Auf seiner schwächlichen, femininen Seele eine Last zu tragen, ist Don Giovanni nicht gewohnt. Was hat er nicht alles vorhin durch die Beichte erfahren! (oimè Virgo Madre Maria! ...) Pietro zum Tode verurteilt! Pietro unschuldig! Der wirkliche Mörder: Gracia! Und die Rettung des einen Bruders nur durch den Tod des andern Bruders möglich! Und Tolla Fiordespini elend umgekommen! ... Zur qualvollen Trauer gesellt sich im Herzen des jungen Kardinals auch Groll gegen Agostino Selmi. Ja, der hat sich befreit vom unerträglichen Schweigen, indem er ihm sein Schweigen – (als Beichtgeheimnis) – abgetreten hat (wie Herakles dem Riesen Atlas die Himmelskugel). Eine Fledermaus fliegt durch eins der Fenster herein, findet den Ausweg ins Freie nicht mehr und flattert angstvoll von einer Ecke des Zimmers zur andern. Bianca Cappello kreischt schreckensvoll und fleht winselnd ihren Geliebten an, sie zu beschützen. »Wovor, Bianca?« »Sie will sich in mein Haar setzen!« »Aberglaube!« »Du mit deiner Tonsur hast's gut; aber ich heiße Cappello: Fledermäuse lieben Frauenhaare.« »Ich auch – Gott strafe mich! –, viel zu sehr!« »Jage sie doch hinaus!« »Vielleicht ist es der Teufel, Bianca?« »Ich habe Angst ... Wirf das Tuch nach ihr!« »Sie läßt sich nicht fangen.« »Was bist du ungeschickt! ... Laß mich doch nicht allein hier! Stell dich her und schlage mit dem Fächer nach ihr!« Er stellt sich am Kopfende des Bettes auf und wehrt mit Biancas Fächer die immer toller umherfliegende Fledermaus ab. Plötzlich krallt sich diese ganz oben – dicht unter der kassettierten Zimmerdecke – an die Musselinwolke des Himmelbettes fest. Erschöpft setzt sich Don Giovanni auf den Bettrand. Und sofort packt Bianca seine Hände und läßt sie nicht mehr los. Eine Weile sitzen sie stumm, in Gedanken da. Man könnte meinen: zwei verliebte Kinder; – wäre des Mädchens Blick nicht so lauernd, wäre sein Lächeln nicht so entrückt und abwesend. »Du siehst so traurig aus, mein Giovanni! Wenn ich dir doch helfen könnte!« »Du kannst nicht. Ich darf davon nicht reden!« »Habe ich danach gefragt? ... Aber du hältst es ja nicht aus. Du wirst es mir ja doch sagen.« »Da irrst du ... Das Beichtsiegel brechen ist eine schreckliche Sünde, Bianca ...« Er befreit die eine seiner festgehaltenen, gestreichelten Hände und zerrt am Bettvorhang; worauf die Fledermaus mit einem kaum hörbaren Schrei auffliegt. Er tut es, weil er eben merkte, daß er der Versuchung zu sprechen fast schon erlag und weil er seine Gedanken ablenken will. Die Fledermaus flattert wieder durchs Zimmer, und wieder schlägt er nach ihr. Diesmal trifft sein Schlag. Das Tierchen liegt tot am Boden, mit blutendem Maul und blutenden Nüstern. »Es war also nicht der Teufel, Giovanni! – der stirbt nicht!« »Nein, der stirbt nicht ... Ach, dieses ist ein schlimmes Vorzeichen, Bianca!« Und ganz plötzlich bricht Giovanni in Weinen aus. »Ich kann nicht mehr, Bianca!« »Was kannst du nicht mehr, Geliebter?« »Nicht mehr schweigen kann ich ...« Sie hat sich hinter seinem Rücken im Bett erhoben, kniet hinter ihm, so daß ihre Brüste an seine Schulterblätter gedrückt sind. Ihren Kopf schiebt sie vor, ihre Schläfe liegt an seiner Wange, ihr Kinn ruht auf seiner Schulter und ihre Arme schlingen sich um seine Brust. Sie flüstert: »Sprich! Befreie dich doch!« »Ach, quäle nicht! ...« »Das vom Todesurteil hast du mir ja schon gesagt.« »Das weiß morgen alle Welt. Das war es nicht, was er mir gebeichtet hat.« »Was denn?« »Bianca, du bist wie die Schlange am Baum des Wissens. Warum muß ich dir gehorchen? ... Doch es ist so: ich werde noch verrückt, wenn ich es dir nicht sage. Alles holst du aus mir heraus, du kleine Natter! Also höre: die Sünde Selmis ist ein Meineid, – das hat er gebeichtet.« »Hat er vor Gericht geschworen? ... Was?« »Daß er Pietro ins Haus der La Delfina hineingehn sah. In Wirklichkeit war es mein jüngerer Bruder Gracia, dem er bis zum Hause der Dichterin nachgeschlichen war.« »Der dich so haßt? Der dir Schnee in den Mund gestopft und dich beinah erwürgt hat?« »Das habe ich ihm längst verziehn!« »Warum haßt er dich so?« »Weil das Närrchen sich während des letzten Karnevals einbildete, ich hätte ihm Donna Tolla Fiordespini gestohlen; – und ganz unrecht hatte er ja nicht.« Kaum merklich erbeben die Locken Biancas, weil sie ein Kichern unterdrückt. »Und dann stahl ich dich der Donna Tolla, – und als sie das vermutete, hatte sie ganz unrecht nicht, die Närrin.« »Pfui, Bianca, sprich nicht so häßlich von der armen Tolla!« »Warum schwor Messer Selmi einen Meineid?« »Weil er Gracia liebt. Und weil er fürchtet, daß Gracia wird sterben müssen, falls Pietro am Leben bleibt ... Ich wünschte, er hätte nicht ausgerechnet mich zum Beichtvater gewählt! Das weißt du, Bianca, daß ich mich nie entscheiden kann; – ich bin immer unentschieden.« »Es ist dein einziger Fehler, mein Giovanni.« »Und nun hat es die Vorsehung in meine Hand gelegt: ich werde wählen müssen, welchen von meinen Brüdern das Los treffen soll.« »Wie denkst du es zu entscheiden?« »Pietro ist eine Schande für uns Medici. Aber Gracia liebe ich nicht.« »Und was riet dir Selmi?« »Der ist ja vernarrt in Gracia. Er meinte, meine Fürsprache würde viel bei meinem Vater gelten ...« »Ich verstehe nicht ... Sollst du Pietros Begnadigung oder sollst du Gnade für Gracia erbitten?« »Mein Vater verabscheut Pietro. Nie wird er ihn begnadigen, wenn nicht eines andern Schuld bewiesen ist. Die aber läßt sich nicht beweisen. Denn der einzige, der sie beweisen kann, ist Selmi, – und der hat mir erklärt, daß er lieber sterben wolle, als seinen über alles geliebten Gracia an das Henkerschwert auszuliefern.« »Also ist Don Pietro unrettbar verloren?« »Es gibt noch eine Möglichkeit, ihn zu retten, von der Selmi nicht sprach und die mir erst vorhin, als ich hier auf- und abging, eingefallen ist. Außer Selmi, der es zu tun sich weigert, kann auch Gracia die Schuldlosigkeit Pietros beweisen, indem er sich selbst anklagt.« »Wenn Gracia so schlecht ist, daß er es nicht längst schon tat, wird er es auch jetzt nicht tun!« »Doch! Dazu werde ich Gracia überreden, ihn ehrenhalber zwingen, ihm so lange ins Gewissen reden, bis er sich entschließt, öffentlich seine Schuld zu bekennen. Und dann werde ich ihm Gnade erwirken, – was nicht schwierig sein wird, nachdem seine Selbstbezichtigung ihm die Herzen der Richter und des Volkes gewann. Und mein Vater, der nicht weniger als Selmi in Gracia vernarrt ist, wird Gnade walten lassen ... Gleich morgen will ich nach Florenz reisen, um mit Gracia zu sprechen ...« »Das erlaube ich nicht, Giovanni.« »Du erlaubst es nicht? ...« »Nein. Bist du denn bei Sinnen? Morgen kann schon Kardinal Odescaldi eintreffen! Soll er alle Pasteten ohne dich essen? Und was wird aus dem Triumph des Todes ohne den brokatenen Troubadour? Soll eine Woche lang der Gast den Hausherrn vertreten – auch bei mir? Ich wäre ja wohl ein süßer Bissen für das alte Schleckermaul? Wie? Willst du das? ... Doch ich weiß sehr gut, was du willst, warum du so eilig nach Florenz mußt –: du willst Tolla Fiordespini wiedersehn, willst sehn, ob sie dir ein Kind geboren hat!« »Du versündigst dich, Bianca! ... Mein Kind ist tot. Und auch Donna Tolla starb.« »Wer sagt das? Selmi?« »Ja. Nachdem er gebeichtet hatte, sprach er noch eine Weile mit mir und erzählte es. Stell dir vor: von wütenden Weibern, die sie für eine Hexe hielten, mißhandelt, wurde sie von Wehen überfallen; auf der Gasse, im Gassenkot sich wälzend, brachte sie mein totes Kind zur Welt und zwei Stunden darauf war sie selber tot ... Seitdem ich das erfuhr, sehe ich die arme Tolla immerzu vor mir schweben ... Sie ringt so verzweifelt die Hände und bewegt die Lippen, als ob sie mir etwas sagen wollte ... Auch jetzt ... dort! Siehst du's nicht?« »Das sind Traumgesichte, weil du so erregt bist, Geliebter! Blick nicht hin.« »Siehst du's denn nicht? Es ist nicht hier im Zimmer. Du mußt durchs Fenster schauen. Dort vor der Silberpappel schwebt sie hin und her.« »Merkwürdig ... Jetzt seh' ich's auch ... Da schwebt etwas ... Giovanni, ich habe Angst! Das ist unheimlich ...! ... Du, das ist aber gewiß nicht Tolla ... Da hängt ein Mann am Ast, Giovanni!« »Was sagst du? Ein Mann?« »Mir läuft es ganz kalt über den Rücken ... Das ist ja Messer Selmi! Erkennst du ihn nicht?« »O mein Gott! ... Glaubst du? ... Das wäre entsetzlich! ... Mir scheint es ja auch so; doch ich bin kurzsichtig ... Vielleicht hängt dort ein anderer? ... »Verlaß dich drauf – er ist es! ... Ich bitte dich, befiehl, daß man ihn herunterholt! – sonst kannst du ja die ganze Nacht kein Auge zumachen; und ich auch nicht ... Rufe die Pagen!« »Nein, Bianca! Das darf niemand erfahren! ... Aber erst muß ich ganz sicher sein, daß er der Erhängte ist ... Begleite mich in den Garten! Zieh dich schnell an!« 9 In hastiger Eile hüllt sie sich in ein dunkelgraues Cape. Ihre schneeigen Füße schlürfen in Sammetpantoffeln. So folgt sie dem Kardinal durch den stockfinsteren Palast, gelangt mit ihm in den Park, wo der freche Nordwind ihren Mantel auseinanderbläst, so daß ihre dünngliedrige Gestalt alabastern erschimmert; doch das gewahrt kein menschliches Auge, da – (aus begreiflichen Gründen) – schon die Vorgänger des knabenhaften Erzbischofs dafür gesorgt haben, daß die Schlafzimmer der Lakaien, sämtlich an der Straßenfront des Palastes, Aussicht auf den schiefen Turm gewähren – doch nicht auf die obskuren Geheimnisse des erzbischöflichen Gartens. Der aufgehende Mond blinkt, eine Messingschale, hinter schwarzen Zweigen. Vor der vergoldeten Bank zwischen den beiden Pinien bleiben Giovanni und Bianca stehn. Dort neben der einen Pinie ist die Silberpappel, und dort hängt der Selbstmörder. Der Nachtwind schaukelt ihn wie einen Glockenschwengel. Ein Zweifel ist nicht mehr möglich: ja, es ist Messer Agostino Selmi! Giovanni packt Biancas Arm. Sie stützt ihn, – sonst wäre er wohl niedergesunken. »Du zitterst so, Giovanni. Setz dich doch auf die Bank.« »Laß, es ging schon vorüber ... Weißt du, Bianca, warum er das getan hat? Ich weiß es! –: um Gracia zu retten, hat er sich getötet, –: damit kein Zeuge existiert, der Pietros Unschuld beweisen kann.« »Du kannst es, Giovanni; – also ist doch noch ein Zeuge auf der Welt, – und er hat sich umsonst geopfert.« »Nein, Bianca, das Sigillum confessionis verbietet mir, vor Gericht auszusagen. Nur Gracia kann es, – und darum muß ich zu Gracia, ihn dazu bewegen!« »Das werde ich dir erlauben, wenn Odescalchi dein Gast gewesen ist; – früher nicht ... Schau doch –: da sind rote Flecke auf dem Wams! Und da –: auf den Schuhen auch!« »Blut? ... Jesus und Maria! Was bedeutet das? Wenn man sich erhängt, blutet man doch nicht?« »Du! ... – er hat sich die Pulsader aufgeschnitten! Mit der Sense! – auf der sind ja auch Blutflecke! Siehst du's nicht?« »Ja, ich sehe ... Wie erklärst du dir das? Glaubst du –: ein Unglücksfall? Er ist vielleicht im Dunkeln über die Sense gestolpert und hat sich zerschnitten? ...« »Nein, ich denke es mir anders –: er hat versucht, sich die Adern zu öffnen, – und um ganz gewiß zu sterben, hat er sich außerdem erhängt.« »Wir dürfen ihn nicht da oben lassen. Wenn bekannt wird, daß er Hand an sich gelegt hat, so verweigert ihm die Kirche ein christliches Begräbnis, – ihm, dem treuen Menschen! – Daran könnte auch ich als Erzbischof nichts ändern ... Und außerdem fürchte ich ...« »Was?« »Daß es Pietro schaden wird. Der falsche Schwur, der für Pietro so vernichtend war, ist durch diesen Selbstmord besiegelt.« »Das ist falsch gedacht, Giovanni. Das Gegenteil wird man daraus folgern; und nicht Pietro wird es schaden, sondern Gracia.« »Meinst du? Ich bin heute ganz wirr im Kopf ... Nun, einerlei wie man es auslegen mag, ich will, daß er ein ehrliches Begräbnis hat und daß er meinen Brüdern nicht schadet durch seinen gutgemeinten Tod ... Komm, wir müssen ihn vom Ast abschneiden und ihn so hinlegen, daß man an einen Unglücksfall denken wird.« »Da, nimm die Sense, Giovanni! ... Oder ist es dir lieber, wenn ich es tue?« »Meine Hände zittern wieder so, Bianca ... Aber hast du denn gar keine Furcht?« »Ich? Furcht kenne ich nur vor Fledermäusen. Was kann mir eine Leiche tun? Eine Leiche kann mir doch nicht ins Haar fahren? ... Komm, hebe mich auf deinen Arm, damit ich hinaufreiche!« Giovanni hebt sie empor. Sie durchschneidet mit der Sense den Strick. Unheimlich, fast geräuschlos stürzt der Tote auf den weichen Rasen. Und dann knien die beiden im Gras und betten ihn, um einen Unfall vorzutäuschen. Der kindliche Kardinal flüstert: »Wir müssen ihm noch eine Wunde beibringen – was denkst du? oberhalb des Nabels? oder vorn am Hals? damit es recht glaubhaft wird, daß er in die Sense hineingefallen ist ... Wenn er mich nicht so an die Zeit erinnerte, wo ich sein Schüler war ... Und dann denke ich, daß ein Toter doch nicht ganz tot ist. Stell dir vor, wenn er es fühlt ...« »Du denkst zu viel, Giovanni. Wenn er es fühlt, so wird er ganz gewiß nicht schreien, verlaß dich drauf ... Gib her, ich will's tun!« Und sie schlägt mit der Sense eine Wunde in die Brust Selmis. Danach drehn die beiden kindlichen Leichenschänder den Toten um, – so daß er mit der Brust auf die Sense zu liegen kommt und das Gesicht in den Rasen vergräbt. 10 Den griesgrämigen Benvenuto Cellini hatte das Mißgeschick Don Pietros noch griesgrämiger gemacht. Doch schon einen Tag nach dem Kriminalprozeß hinderte ihn ein Brief Michelangelos, sich krank darüber zu grübeln, wann und ob überhaupt der Duca das Todesurteil unterschreiben werde ... Der greise Riese in Rom lebte immer noch, schuf immer noch und plante – obgleich bereits siebenundachtzig Jahre alt – noch immer neue Meisterwerke. In seinem Brief erbat er sich von Cellini den Freundschaftsdienst, für ihn nach Carrara zu reisen. Von Florenz aus sei ja die Riviera di Levante leichter zu erreichen als von Rom aus. Einen von ihm bestellten Marmorblock solle Cellini besichtigen und prüfen. Den teuern Block benötige er für ein Bildwerk, das er vor seinem Tode noch zu meißeln vorhabe –: einen entfesselten Sklaven. Nicht mehr von Felsenlast niedergedrückt und aus dem Stein sich zu erlösen unfähig wie seine unvollendeten Brüder, sondern der Gesteinsmasse – dem Felsen der Verwesung – entstiegen gleich einem die Puppe verlassenden Falter, werde sein entfesselter Sklave auf dem unterjochten Felsen – der geistlosen Materie – stehn, werde sie mit Füßen treten und werde seine freigewordenen Arme und geballten Fäuste gen Himmel strecken, dem Prometheus liberatus ähnlich ... Dem Brief war eine Geldsumme beigelegt, die die Reisekosten und einen längeren Aufenthalt in Carrara reichlich decken konnte. Zeitlebens hatte Cellini sich's zur Ehre angerechnet, Michelangelo, dem Meister aller Meister, – (der in seinen Augen ein fleischgewordener Feuergott und Menschenbildner, doch nicht ein Mensch war) – Dienste und Gefälligkeiten zu erweisen. Und diesmal nahm er den Auftrag um so lieber an, als er ihm ermöglichte, das Tretrad seines freudlosen Alltags für einige Zeit zu unterbrechen, seinen Augen den langentbehrten Anblick azurener Küsten wieder zu gewähren, einst geliebten Stätten und Menschen wieder zu begegnen, nach denen sein durch Armut an Verzicht gewöhntes altersmüdes Herz trotz Menschenhaß und Verbitterung immer und immer wieder gelechzt hatte. Das letztemal war er in Carrara vor einem Jahrzehnt gewesen, als er – bald nach der Vollendung seines Perseus – daran gegangen war, einen Narziß in Marmor auszuführen. Unweit der Marmorbrüche hatte er ein Erlebnis mit einem ligurischen Mädchen gehabt; – es war sein letztes Liebesabenteuer gewesen ... Und jetzt beschenkt ihn Michelangelos Brief mit der Vorfreude auf ein Wiedersehn. Wehmütig lächeln muß er, gedenkt er jenes Abenteuers: nach kurzer flammenroter Seligkeit hatte es sich – (so ist der Erdenlauf!) – in ein blasses bloßes Gedenken verwandelt. Der Briefwechsel war bald eingeschlafen; doch hatte er erfahren, daß sein Kind ein Mädchen sei. Oft seitdem hatte ihn die Sehnsucht gepackt, hinzureisen; die Zeit hatte ihm zuerst, und später das Geld dazu gefehlt. Er rechnet aus, wie alt die Kleine jetzt wohl sein mag. Und er wählt unter seinen Goldschmiedearbeiten als Geschenk für sein Töchterchen einen an einer Goldkette befestigten Anhänger. Dies chryselephantine Kleinod, nicht größer als eine griechische Kamee, stellt eine sich emporbäumende Schlange dar, gegen deren Kopf ein schießender nackter Schlangentöter den vom gespannten Bogen noch nicht abgeschnellten Pfeil richtet. Ein Amulett ist es, das sein Kind vor dem Malocchio und andern Gefahren schützen soll. 11 In Carrara angelangt, begibt sich Cellini zu den Marmorbrüchen, wo der herrliche Statuario de Falcovaja, der Statuenmarmor, durch Pulver vom Fels abgesprengt und mit stählernen Sägen zersägt wird. Die armen Sklaven, die die ägyptischen Pyramiden emporgetürmt – denkt Cellini – hatten kaum schwerere Arbeit zu leisten als diese Steinmetzen, deren Pyramiden unsichtbar bleiben, weil ihre Quaderblöcke über die ganze Welt verstreut sind. Und er entsinnt sich der schauerlichen Latomien bei Syrakus: das ganze gefangene Athener-Heer verkam in der lichtlosen Steinhölle dort ... Zu sehr Künstler ist jedoch Cellini, seinen rebellierenden Gedanken die Fortführung der Analogie zu gestatten. Nein – sinnt er –, die lichtgleißende, salzweiße Wunderwelt hier ist nie und nimmer eine Marmorhölle. Und mag man auch Steine nicht essen können, so dient doch, wer sie aus dem Felsen bricht, auf seine Weise ebensosehr der Welt wie ein Bauer, der pflügt, und wie Michelangelo, der den Block beseelt und vergöttlicht. Kunst ist der Menschheit so unentbehrlich wie Brot oder Salz ... Den von Michelangelo bestellten Block besichtigt Cellini, prüft die Körnigkeit, die Färbung, mißt die Maße nach. Er findet nichts zu mäkeln, – und ist trotzdem nicht zufrieden. Und mit einmal erkennt er, was ihn unzufrieden macht: ein Neidgefühl überkam ihn, daß ihm verwehrt ist – ach für immer verwehrt –, ein Feuergott zu sein wie der Alte in Rom, der noch immer Menschen schaffen darf nach seinem Bilde ... 12 Gegen Abend wandert Cellini durch das Magratal nach Sarzana. Am Krückstock humpelnd kommt er langsam vorwärts; – zum Glück nimmt ihn ein vorbeifahrender Fleischer in seinen Karren. Die Sonne ist untergegangen, als er endlich vor dem Haus der Geliebten steht. Fremde Leute bewohnen das Haus. Da ist ihm, als senke sich ein schwarzer Schleier auf ihn nieder. Kaum noch verwundert, kaum noch bewegt, läßt er sich erzählen, daß Mutter und Kind schon vor Jahren verstorben sind. Das hätte er sich sparen sollen, das goldelfenbeinerne Amulett für das tote Töchterchen mitzunehmen, sich auszumalen, wie er das Kettchen dem Kind um den Hals hängen werde ... Wem soll er jetzt das Kleinod schenken? Wen vor den Gefahren des Lebens behüten? ... Das hätte im voraus sein Herz ihm sagen müssen, daß er keinen Angehörigen, daß er keinen einzigen Menschen hat auf der Welt. Die Sonne ist untergegangen. Er ist zu niedergeschlagen und müde, den Weg durchs nachtdunkle Magratal zurückzugehn. Er läßt sich einen guten Gasthof zeigen, nimmt ein Zimmer für die Nacht; und dann setzt er sich in die Wirtsstube, ißt ein Käsebrot und sucht Trost bei einer Flasche Wein. 13 Aus Träumereien wird er aufgeschreckt durch einen Höllenlärm, den an einem Tisch in der entgegengesetzten Ecke der Wirtsstube mehrere trunkene Gesellen anstellen. Er hatte, mit sich beschäftigt, dem Getöse keine Beachtung geschenkt; jetzt aber horcht er neugierig hin, was die Lotterbuben da für wüstes Zeug reden. Besonders auffallend benimmt sich ein stutzerhaft wie ein reicher Kavalier gekleideter Bengel, der seine Kumpane – es sind lauter Marmorarbeiter aus Carrara – verschwenderisch mit den teuersten Weinen bewirtet und darum von ihnen trotz seiner Jugend hofiert und umschmeichelt wird. Andächtig lauschen sie seinen Aufschneidereien, wie wenn es Orakel wären. Aufmerksam lauscht auch Cellini, denn noch nie hat er Massenmord so unverblümt predigen hören. Seinen ersten Impuls, mit der Zuchtrute dreinzufahren, unterdrückt er, da es ihm wichtig erscheint, von den die Kultur bedrohenden Absichten der Zechbrüder Kenntnis zu erlangen. Während er zuhört und seine Augen über den weingeröteten Mund, die pathetischen Handbewegungen, die Körperhaltung des unreifen Menschen hinschweifen, erkennt er ihn plötzlich –: es ist der frühere Page Guerzolo, den er zuweilen in Florenz als Begleiter der La Delfina gesehn hat. »Pestilenz auf die Blutsauger, die Reichen, die sich von eurer Hände Arbeit mästen!« gröhlt Guerzolo. »Nun, gottlob, ihr seid keine Angsthasen, ihr werdet ihnen das Fell über die Ohren ziehn und sie an der Nase kitzeln, ihr werdet sein wie die Arrabiati zur Zeit der Florentiner Republik! Wißt ihr, wer die Arrabiati waren? Sie massakrierten wie die Tiger, stahlen wie die Raben, schändeten die reinen Jungfräulein wie die Gorillas und mordbrannten wie die apokalyptischen Reiter. Süß sind der Mädchen Brüste, meine Freunde! Die Villen der Medici und anderer Geldschaufeler machten die Arrabiati dem Erdboden gleich. So prachtvolle Kerle wollen auch wir sein, überbieten wollen wir die Arrabiati! Die Hauptsache ist, daß ihr viel Sprengpulver beiseite schafft. Es genügt mir nicht, daß ihr Minen unter Paläste legt, um sie springen zu lassen wie brennende Flöhe; – nein, die ganze heilige Stadt Rom muß in die Luft fliegen, dazu Bologna, Florenz, Mailand, Venedig! Hol mich der Teufel, wenn die brodelnde Steinsuppe im Vesuv nicht kühl erscheinen wird im Vergleich zum Feuer, das wir anzünden werden, – bis alle Reichen vertilgt und alle Armen reich geworden sind! ...« Wohl eine halbe Stunde lang deklamiert Guerzolo in dieser Weise und verstummt erst, als er gewahr wird, daß seine trunkenen Zuhörer eingeschlafen sind. Cellini überlegt, ob er sich in ein Gespräch mit dem so plötzlich vereinsamten Brandredner einlassen soll. Warum auch nicht? Keine Gefahr, erkannt zu werden (verschlissen ist ja sein Wams; – und wer kennt noch den Erzgießer des Perseus?) ... Denn Cellini ist nicht gewillt, auf seine Anonymität zu verzichten, die es ihm erleichtern soll, jenen auszuhorchen. Dabei führt ihn seine Abneigung gegen Cosmo auf eine falsche Fährte. Denn immer noch argwöhnt er – wie er es ja am Morgen des Maifestes zu Agostino damals äußerte – ein Verschulden des Duca; er hofft aufdecken zu können, wer die schützende Hand über Don Pietro hielt, wer den Hauptbelastungszeugen Guerzolo entwischen ließ und ihn so reichlich mit Geldmitteln versah ... Wie damals nämlich ist auch heute noch Cellini davon überzeugt, daß La Delfina von Giuliano getötet wurde, – den man ja gleichfalls, noch vor Beginn der Gerichtsverhandlung, entwischen ließ. Inzwischen versucht Guerzolo vergebens, seine Zechbrüder zu wecken. Zwei von ihnen torkeln erschrocken empor – jedoch nur mit dem Erfolg, daß sie sich auf dem Tisch übergeben und schlaftrunken in ihre Sessel zurückfallen. Dies nimmt Cellini zum Anlaß, den Pagen höflich einzuladen, sich aus dem Gestank fort zu ihm an seinen Tisch zu begeben; einen besseren Zuhörer als jene werde er an ihm haben. »Ja, hier stinkt es wie auf dem Fischmarkt!« brummt Guerzolo, wankt, taumelt heran und setzt sich an den Tisch Cellinis, der ihn sogleich mit schwerem Monte Pulciano traktiert. Da Cellini einen ärmlichen Eindruck macht, unterhält sich Guerzolo – der ihn für einen Ackerbauer aus der Umgebung hält – überheblich und herablassend mit ihm. Bald freilich verliert er, vom Wein völlig übermannt, die Herrschaft über seine Worte und Gedanken. »Ihr mögt die Reichen nicht, Signore?« fragt Cellini. »Pestilenz auf die Geldsäcke!« »Doch wie? – seid Ihr nicht selber ein Reicher? Ihr schwimmt ja in Dukaten!« »Du möchtest wohl meine Goldkröten hüpfen sehn, du Bauer? Nein, mein Teuerster, meine Dukaten gehn niemand was an ...« »Ihr habt gewiß eine Erbschaft gemacht, Signore? War's von Eurem Herrn Vater oder von einem Oheim, daß Ihr erbtet?« »Von einer Dichterin, du Milchlamm! ... Was verstehst du Bauer von Dichterinnen! ... Ach ja, auch sie war ein Milchlamm ...« »Wohl Eure Frau Mutter, Signore?« »Das Milchlamm? Da kann man ja vor Lachen bersten!« »Wie hieß sie denn?« »Du kennst sie ja doch nicht, du Bauer! ... Ein Prachtweib, sage ich dir ... Schade um sie.« »Starb sie?« »Nun ja. Wäre sie nicht totenkalt, hätte ich ihr Gold nicht und könnte nicht fressen, saufen, prassen ... Was hat man nun davon?« »Wovon, Signore?« »Vom Gold. Es ist gelb wie Butter und schmilzt einem weg wie Butter in der Sonne ... Ich wollte, Kamerad, sie wäre nicht totenkalt!« »Die Dichterin?« »Weißt du, Kamerad, wie sie mich nannte? ›Mein Eselchen‹ nannte sie mich. Sie war gut zu mir ... Ach ja, ich bin ein Eselchen! Einen rechten Eselskopf habe ich mir aufgesetzt!« »Ihr seid nicht glücklich, Signore?« »Nein, nein, nein!« ruft Guerzolo und verbirgt sein Gesicht in seine auf dem Tisch verschränkt liegenden Arme. Da Cellini sieht, daß er das trunkene Elend hat, läßt er es eine Zeitlang gewähren. Dann fragt er: »Was betrübt Euch so, Signore?« Nicht sogleich gibt Guerzolo eine Antwort. Er heult noch lauter; und schließlich lallt er tränenschluckend: »Ach, ich armes Würmlein! Wie gütig lachte sie über mich, wenn ich sagte, ich sei ein Siebenmonatskind! ... Bin ich nicht ein elendes Siebenmonatskind? Die Kehle habe ich ihr durchschnitten, meiner Wohltäterin!« »Tat das nicht Messer Giuliano, Signore?« Trotz Trunkenheit und Müdigkeit stutzt Guerzolo und starrt Cellini mit gläsernen Augen an. »Was weißt du von dem, du Bauer? Was weißt du vom Rex Seraphicus ... Du willst mich wohl ausholen? ... Daß du versauerst! ... Die Pest auf sie, die dich geboren hat! ... Dir sage ich kein Wort mehr ... und wenn du dir den ganzen Bart ausrupfst! ... Kein Wort! ... Pestilenz auf ..:« Ohne den Fluch zu beenden, schläft Guerzolo schnarchend ein. 14 Sofort erhebt sich Cellini und geht auf den Gang hinaus, sich mit dem Wirt zu beraten. Von einem verschlafenen Hausknecht erfährt er, daß der Wirt sich bereits zu Bett gelegt hat. Die Absicht Cellinis war, nach dem Magistrato di giustizia zu schicken und den entlarvten Mordbuben festnehmen zu lassen. Weil nun der Wirt erst geweckt werden müßte und weil er selbst todmüde ist, verschiebt er es bis zum folgenden Morgen. Am folgenden Morgen steht er bei Sonnenaufgang auf. Doch noch frühzeitiger ist Guerzolo aus seinem Rausch erwacht und hat im Morgengrauen Sarzana verlassen. Wo er sich hingewendet hat, sind weder der Wirt noch der Hausknecht anzugeben imstande. Papier und Tinte läßt sich Cellini geben und schreibt einen Brief an Agostino Selmi – (von dessen Tod er nichts weiß); er teilt ihm mit, daß und wie der Page Guerzolo sich in der Trunkenheit verriet; unaufgeklärt bleibe nur noch, wieso man einen Prinzen ins Mordhaus hineingehn sah ... Und Cellini kehrt nach Carrara zurück, wo er noch eine Woche für Michelangelo zu tun haben wird. Und eine Woche lang humpelt er täglich, auf seinen Krückstock gestützt, von Marmorbruch zu Marmorbruch und knüpft, seine Wortkargheit überwindend, mit Arbeitern Gespräche an. Steinmetzen, die er ausfragt, belehren ihn, daß neuerdings wieder Arrabiati in ganz Italien zu finden seien, besonders viele unter den Fischern und Apfelsinenverkäufern Neapels. Als deren »emissario« reise Guerzolo umher, habe aber in Carrara wenig Glück mit seiner Verhetzung gehabt. Eine Bundesgenossenschaft mit den aus Florenz verbannten Patriziern werde von ihm und seinen Gesinnungsgenossen erstrebt; vermutlich wohl in der Absicht, nach einem etwaigen Sieg die vornehmsten Bundesgenossen und Freunde durch ein verräterisches Siegesfest – nach Art der Sizilianischen Vesper oder der Bluthochzeit von Perugia – sich vom Halse zu schaffen ... 15 Mehrere Tage sind vergangen. Da erhält Cellini den Besuch Giulianos, den er bisher noch nie gesehn hatte. Während Giuliano herankam, saß Cellini auf einem zersägten Marmorblock und blickte gebannt auf die Erde nieder, wo zwei junge, kaum mehr als spannenlange Kreuzottern sich haschten und fingen und umeinander sich ringelten. Den Krückstock, den er schon erhoben hatte, die giftige Brut zu vernichten, läßt er sinken – so bezaubert ihn die Schönheit der beiden Schlänglein. Die Künstlerfreude am Spiel der so graziösen fehlerlosen Leiber überwiegt die angeborene Schlangenfeindschaft und verdrängt die Überlegung, daß durch die niedlichen Dinger da oder durch ihre Nachkommenschaft künftig einmal ein Mensch ums Leben kommen könnte. Gott ist Gottes Feind; Kunstwerke Gottes sind Schlangen sowohl wie Menschen; – »doch fast nie« (denkt Cellini) »sah ich einen Menschenleib so vollkommen ...« Unversehrt schliefen die Kreuzottern in ihr Erdloch hinein, indessen Giuliano an Cellini herantritt. Er ist barhaupt, er hält den breitrandigen Strohhut in der Hand und sagt respektvoll: »Verzeiht einem Fremden, Signore, daß er es wagt, Euch im Nachdenken zu stören.« Eine der Altersschrullen Cellinis ist es, daß er's haßt, angeredet zu werden. Ohne aufzublicken, knurrt er ziemlich unwirsch und höhnend: »Ihr stört mich allerdings, Signore. Wißt Ihr, worüber ich nachsann? Ob ein Mensch so viel wert ist wie eine Schlange.« »So reinen Herzens wie eine Giftschlange kann ein Mensch nicht töten!« antwortet Giuliano. Blitzschnell hebt Cellini den Kopf und blickt erstaunt den Sprecher an. Besser als andere hat sein Beruf ihn gelehrt, eine Physiognomie zu beurteilen – wie auch die dahinter waltende Seele, die sich das Antlitz schuf nach ihrem Bilde. Selten ist ihm eine so makellose Seele begegnet, selten eine so fehlerlose Gestalt. Eben noch war ihm ein Schangenleib edler und vollkommener als ein Menschenleib erschienen – und jetzt widerlegt ihn der Anblick des Jünglings. Er fühlt sich seltsam erschüttert und weiß nicht warum; es ist, als würde durch nekromantische Künste ein Totengeist aus Grüften emporgerufen. An Schotten, die er in Paris bewunderte, wird er erinnert, und mehr noch an normannische Abkömmlinge, die er vor Jahrzehnten in Sizilien traf. Die Erinnerung an eine schöne Frau drängt sich ihm auf, eine Frau, die sein nie war, unerreichbar wie ein Muttergottesbild ... In Messina war es gewesen; – weißgelbes Haar wie dieser Jüngling hatte sie gehabt, und solche Augen – funkelnde wie Sterne im Frost. Seine Bewegtheit meisternd, fragte er Giuliano, was ihn zu ihm führe, was er wünsche. Ein Leidensgefährte des Don Pietro de'Medici sei er, erwidert Giuliano; im gleichen Turm habe er langwierige Haft wie jener verbüßt, der gleichen Schandtat verdächtigt, doch mehr als der arme Prinz begünstigt vom Himmel und vom Duca, der ihm die Freiheit schenkte. Noch als er im Kerker war, habe er die Überzeugung gewonnen, das Verbrechen an La Delfina sei von deren Pagen Guerzolo begangen worden, und darum habe er, kaum aus der Haft entlassen, sich aufgemacht, ihn zu suchen. Nach Bologna und südwärts bis Amalfi führte ihn eine Spur und schließlich hierher nach Carrara. Auch hier traf er ihn nicht mehr an; doch erfuhr er hier, daß Messer Cellini ihn in Sarzana gesehn und gesprochen habe. Das sei der Grund, weswegen er es gewagt, ihn in seinen Meditationen zu stören: er bitte ihn, ihm mitzuteilen, wo Guerzolo sich befinde. Blendend wie eine Schneelandschaft ist ringsum die glitzernde Marmorwelt, lichtrasend im Gefunkel der Mittagssonne. Geblendet betrachtet Cellini den rätselhaften Menschen, um dessen ungewisse Herkunft sich ein Legendenkreis gewoben hat, betrachtet ihn, geblendet vom Leuchten seiner Augen, vom Licht, das seine Seele ausstrahlt. Ist es denkbar, daß dieser Giuliano in Florenz für beschränkt gegolten hat? Was keiner der Juristen des geheimen Tribunals zu durchschaun vermochte, – er hat es durchschaut! ... Und plötzlich nistet sich ein unsinniger Gedanke in Cellinis Hirn ein und will sich nicht verscheuchen lassen. »Jetzt begreife ich«, sinnt er, »warum Tote und Lebende sich diesen Fremdgeborenen zum Sohn wünschen. Ich selbst, der ich genau weiß, wie kinderlos ich bin, bin ja nahe daran, ihm das goldelfenbeinerne Amulett um den Hals zu hängen ...« Doch die Sekunden solchen Gedankenspiels währen schon fast zu lange, und Cellini mag ins Gespräch keine Lücke reißen. Sachlich beschreibt er, wie er Guerzolo in Sarzana traf und wie er ihm das Geständnis entlockte. Schwere Vorwürfe mache er sich, daß er für die sofortige Festnahme des Mörders nicht Sorge trug. Inzwischen sei er nicht müßig gewesen, habe viele Marmorarbeiter ausgeforscht und schließlich in Erfahrung gebracht, Guerzolo halte sich gegenwärtig im Castello delle cento camere auf, wo in diesen Tagen unter dem Protektorat der Fürstin von Massa, Lodovica Malaspina, eine heimliche Zusammenkunft republikanischer Florentiner stattfinde und wo vermutlich Guerzolo gleichgesinnten Aufrührern zu begegnen hoffe. Giuliano dankt. Er äußert die Absicht, unverzüglich nach dem Schloß der hundert Kammern aufzubrechen: dort wolle er den Mörder entlarven und – mit Beistand der Prinzessin Lodovica – ihn an Florenz ausliefern lassen. Er habe ohnehin vorgehabt, die Fürstin Lodovica zu besuchen, die schon vor einem halben Jahr ihn in ihr Schloß einlud. Ärgerlich fährt Cellini mit seinen sehnigen Bildhauerhänden durch seinen Kronos-Bart und brummt: »Mich lud sie nicht ein, denn mich haßt sie wie die Pest, seitdem ich sie einen Würgengel genannt habe. Wären wir nicht verfeindet, säße heute schon Guerzolo in sicherem Gewahrsam. Ein wahres Glück, daß Ihr, lieber junger Signore, – statt meiner – für seine Festnahme sorgen werdet ... Euch sind ja auch meine heidnischen Bedenken nicht im Wege –: ob ich berechtigt bin, einer jungen Kreuzotter das Rückgrat zu brechen, die ja ebenso gottgewollt ist wie unsereins ... Doch ich rate Euch dringend: erwähnt in den beiden Burgen der Fürstin mit keinem Wort, daß Ihr mich hier saht und gesprochen habt. Erzählt der Fürstin, von Arbeitern hättet Ihr gehört, daß der Page in der Trunkenheit seine Mordschuld eingestand.« »Er wird sein Geständnis nicht wiederholen, Messer Benvenuto.« »Doch, das wird er, wenn man ihn wieder sinnlos trunken macht; – und Lakaien genug hat Lodovica, denen sie den Auftrag geben kann, den wurmstichigen Buben unter den Tisch zu trinken ... Sagt mir eins, Messer Giuliano, ist Euch bekannt, warum sich die Fürstin in so auffallender Weise Euer angenommen hat?« »Weil sie an eins jener Märchen glaubt, wo sich ein armer Hirtenjunge als Königssohn entpuppt.« »Und Ihr glaubt nicht daran, Messer Giuliano?« »Nein, es sind blaue Dünste. Gott behüte mich vor solcher Narretei!« »Wollt Ihr klüger sein als Lodovica und Cosmo und Jacopo Malatesti und General Bragadino? ... Vielleicht seid Ihr tatsächlich klüger ... Klüger auch als ich.« »Als Ihr? Wie versteht Ihr das?« »Lacht mich Alten nicht aus, Giuliano, daß ich jetzt derselben Narretei verfalle wie jene. Belial hat einen Lehrstuhl in Salamanca, und wir, seine Schüler, verkehren jeden Sinn in Unsinn ... Nur habe ich mehr Berechtigung dazu als andere –: denn auf Menschengesichter verstehe ich mich ... Euer Gesicht, Giuliano, sah ich vor mehr als dreißig Jahren: eine bitterarme Straßendirne in Messina hatte dieses Anjou-Gesicht; und ebenso ihr herrliches vierjähriges Kind.« »Wollt Ihr damit sagen, es könnte sein, daß Ihr, Messer Cellini – – –?« »Nein, Giuliano, das kann nicht sein ...; es sei denn, daß ein Wunschkind entstehn kann, gezeugt ohne Beischlaf ...´ Nein, – jenes Kindes Vater war Jedermann.« »Und des Kindes Mutter eine Hure?« »Durfte sie denn ihr Kind verhungern lassen? ... Ein armer Handwerker heiratete sie und nahm ihr vaterloses Kind an Sohnes Statt an. Als ich sie zum erstenmal erblickte, verlor ich beinahe den Verstand, – die Franzosen sagen von einem, dem das geschieht: il a vu la chienne blanche: er sah das weiße Hundegespenst. Doch ich hatte zu spät ihren Weg gekreuzt: sie war bereits eine brave Schustersfrau, treu ihrem Gatten, unnahbar, unantastbar ... Fast mehr noch als um sie habe ich den Schuhflicker um das Kind beneidet.« Cellini schweigt einen Augenblick, sein verwittertes Gesicht erstrahlt und er sagt mit bebenden Lippen: »Laß mich glauben, daß du es bist, Giuliano! ... Und wenn wir auch beide wissen, daß es ein Irrtum ist, so ist es ein beseligender Irrtum für einen einsamen Greis!« »Gewiß, gewiß«, murmelt Giuliano verlegen. »Glauben macht glücklicher als wissen, Messer Cellini.« »Rede mich Vater an, Giuliano! ... Sieh, da hänge ich dir ein Amulett um den Hals, das dich beschützen soll; denn Schutzes bedarfst du im Schloß – oder vielmehr in den beiden Schlössern – der Fürstin! Toll soll es dort zugehn wie in einem Venusberge. Deine Freundin Lodovica ist eine Männerverderberin, eine Circe, – laß dich nicht in ein Schwein verwandeln! – möge das Amulett dich davor bewahren! ... Doch grunze mit den Schweinen und heule mit den Wölfen, damit die Rebellen ihre Geheimnisse vor dir nicht verbergen. Halte Augen und Ohren offen! Ein Anschlag gegen Cosmo würde ein Anschlag gegen Florenz sein; – das sage ich dir, obgleich ich Cosmo nicht liebe; – Bewunderung freilich zwingen mir Giftschlangen und Tyrannen ab, und sie sind das geringere Übel im Vergleich mit den Maulwürfen und Ratten, die die Grundmauern und das Dachgebälk der Menschheit untergraben und zernagen ... – was freilich, wenn auch langsamer, die Zeit gleichfalls besorgt ...« 16 Wo die Apuanische Alpenkette jäh ins Ligurische Meer abstürzt, blinkten, auf Kalkfelsen erbaut, Lodovicas zwei Burgen, und ihre zierlichen schwalbenschwanzförmigen Zinnen schnitten messerscharf und stahlblank in die glutende Himmelsbläue hinein. Schneeige Brandung umsäumte und umschäumte die höchste der Klippen, die, wild und schroff emporgetürmt, sich in ihrer von Falken und Wolken umflogenen Kuppe zu kleinen Fenstersäulen und Spitzbogen formte, den Gesetzen des Ebenmaßes unterworfen, – gleichsam ein von Menschenhand geschaffener vieleckiger, durchscheinender Milchopal, ein facettiert geschliffener Edelstein. Sein Ausmaß rechtfertigte seinen Namen: il Castello delle cento camere. Getrennt durch ein schmales Tal, aus welchem ein kleiner Fluß sich ins Meer ergoß, prangte – kaum eine halbe Stunde entfernt – das andere Schloß, kleiner, schlanker und weniger steil eine Anhöhe krönend. Genannt war es Rocca di Venere, weil einst in heidnischer Zeit ein Tempel der Turan – (der etruskischen Venus Urania) – dort gestanden hatte; nachdem aber Venus vor Maria gewichen war, hatten die Quadern ihres längst verfallenen Heiligtums, verbaut in einem Wartturm, als Schutz gegen Seeräuber gedient, bis Lodovica den Belfried niederreißen ließ, um an seiner Stelle ihr geheimnisvolles Lustschlößchen aufzuführen. Das Rubinlicht der im Meer versinkenden Abendsonne hauchte beide Schlösser rosa an, so daß ihre Mauern an durchleuchtete Wachsscheiben, an die zarte Haut von Magnolienblüten erinnerten. Seit Stunden hatte ein Torwächter der größeren Burg Ausschau gehalten, und jetzt entdeckte er einen einsamen Fußgänger auf dem von der Küste emporführenden Pfade. Der Beobachter droben, Menschenkenner durch Übung und Beruf, stellte fest, daß alle Kennzeichen mit der von der Schloßherrin erhaltenen Beschreibung übereinstimmten; und er schickte seiner Gebieterin die Meldung: der Erwartete stehe vor dem Tor. 17 Schon drei Wochen zuvor hatte Giuliano von Perugia aus der Fürstin von Massa seinen Besuch angekündigt. Ihre liebenswürdige Antwort auf seinen Brief enthielt rätselhafte Andeutungen, – wie wenn sie ihn auf Überraschungen vorbereiten und dadurch verhindern wollte, daß er beim Übertreten ihrer Hausschwelle kopfscheu werde. Sie freue sich, schrieb sie, daß er jetzt endlich sein Versprechen einlöse; er werde Wunderdinge zu sehen und zu hören bekommen in ihren beiden Burgen, die einzig schön und seltsam gespenstisch seien wie die Schlösser in Tausend und einer Nacht, und sogar das Schloß Klinschors an Feenpracht überböten. Ihm zu Ehren wolle sie mehr Gäste noch einladen, lebende und tote; und darum bitte sie ihn, sich nicht zu verspäten, – denn die Wunder der Nekromantie und Dämonomagie würden sich nicht wiederholen lassen. Zu enträtseln, was Lodovica eigentlich mit alledem meinte, war Giuliano außerstande. Doch zerbrach er sich nicht den Kopf über die dunklen Worte ihres Briefes, die er für Floskeln hielt. Soviel ersah er ja aus ihrer Antwort, daß er willkommen sei und man ihn freudig erwarte. 18 Als, vor dem Burgtor, der Neuangekommene seinen Namen »Messer Giuliano da Cipro« genannt hatte, verneigte sich der Torwächter tief vor ihm, geleitete ihn durch den langen dunklen Torgang bis zum ersten Burghof und überantwortete ihn den dort wartenden drei afrikanischen Bravi Lodovicas – (den gleichen, die auf dem Kirchhof bei der Porta San Niccolò Don Pietro gedemütigt hatten). Mit ihren schwarzbraunen Händen Brust und Stirn berührend, begrüßten sie ihn respektvoll und ließen als Zeichen der Wiedersehensfreude aus ihren violetten Negerlippen sechs blanke Zahnreihen hervorblitzen. Einer von ihnen, Achmed mit Namen, gab an, er sei von der Prinzessin beauftragt, den Gast mit den Bräuchen des Schlosses bekannt zu machen und ihm den Weg zur großen Freitreppe zu zeigen, von wo aus man zu den Prunkräumen des Schlosses gelange. Und Achmed führte den Gast durch einen zweiten Torgang. Nicht wie ein für Prunkräume herausgeputzter Kavalier sah augenblicklich Giuliano aus – (nichts weniger als das!) –: abgetragen nach langer Reise seine Kleidung, durchlöchert seine Stulpenstiefel, zerschlissen das Bündel auf dem Rücken, grau von Wanderstaub das Gesicht, klobig der knorrige Stab. Durfte er so vor seine Beschützerin treten? ... Im zweiten Burghof öffnete Achmed eine Tür, aus welcher Schwaden von Wasserdampf an die freie Luft emporquollen, aufwärts wirbelnd wie entkerkerte Geister nach langer Haft. Eine bejahrte Badefrau nahm den Ankömmling in Empfang und hieß ihn sich entkleiden – das Bad sei gerüstet für ihn. Das Licht von drei an Ketten herabhängenden silbernen Ampeln spiegelte sich im schwarzen Porphyr der Wanne und im glanzig polierten, zuckerhaft glimmernden Lunesischen Marmor des Fußbodens und der Wände. Wie wenn er ein kleines Kind wäre, seifte die Alte Giuliano ab, rubbelte, scheuerte ihn, trocknete ihm dann die krebsrot geriebene Körperhaut mit gewärmten Laken ab, versah ihn mit feinster Unterwäsche und half ihm, ein bereitliegendes, von der Schloßherrin geschenktes Gewand anzuziehn, das aus Hosen von weißem Brokat, einem Wams von weißem Sammet, weißen Handschuhen, Puffärmeln von weißem Atlas, karminrot geschlitzt, weißen Seidenstrümpfen und Seidenschuhen, einer gestärkten Halskrause und einem spanischen Barett bestand. Und zu guter Letzt tänzelte der Schloßfriseur in die Badstube herein, rasierte Giulianos Gesicht, stutzte sein Haar und begoß ihm den Scheitel so reichlich mit Bittermandelöl, als wollte er ihn zum König salben. »Ihr habt mich in einen Seidenpudel verwandelt!« lachte Giuliano, als ihm der Friseur und die Alte einen Spiegel vorhielten; und er mußte daran denken, wie ihn Messer Benvenuto Cellini vor Circes Künsten gewarnt hatte. 19 Der Neger – er hatte draußen gewartet – murmelte ein bewunderndes »mâschallâh«, als der so Verwandelte auf den Schloßhof hinaustrat, und brachte ihn jetzt bis an die Freitreppe. Während Giuliano die Stufen emporstieg, blieb Achmed zurück. – Der Weg war ja nicht mehr zu verfehlen: die Saaltüren standen weit offen, hundertstimmiges Gesumm scholl dem Nahenden entgegen. Er durchschritt ein Vorzimmer und machte an der Schwelle des großen, mit Gästen überfüllten Prachtsaales halt. Das also waren die Fuorusciti, die Emigranten, die Todfeinde der Medici! Mehr edelgeschnittene Patriziergesichter erblickte man hier als in den Gassen von Florenz. Wie in Persephones Schattenland begegneten sich Greise hier, die sich seit ihren kampfreichen Jugendtagen nie wieder begegnet waren; halbwüchsige Knaben hatten sich eingefunden, geboren in der Fremde und im Haß gegen Cosmo aufgewachsen. Nur Frauen fehlten ganz; – (eigentümlich, daß die Verschwörer ihre Gattinnen und Töchter zuhause gelassen hatten, – sind doch meist Frauen passionierte Rebellinnen ...) Was Giuliano besonders verwunderte, war, daß sämtliche Anwesenden in schneeige Seide gekleidet waren – ob jung ob alt, genau solche »Seidenpudel« waren wie er selbst. Lodovica (das erfuhr er später) hatte ihre Gäste mit der gleichförmigen Tracht beschenkt, um zu verhüten, daß verarmte Emigranten – dem Spruch »Povertà non guasta gentilezza« zum Trotz – sich bedrückt und unfrei fühlen könnten in Gegenwart wohlhabend gebliebener Parteifreunde. Hätte Giuliano es nicht vermieden, Fragen zu stellen, so hätte er sich belehren lassen können, daß die ältesten, angesehensten, durch Bauten, Mäzenatentum oder kriegerische Großtaten berühmt gewordenen guelfischen Geschlechter hier vertreten waren: die Strozzi, Valori, Rondinelli, Salviati, Pazzi, Acciaioli, Albizzi, Ridolfi u. a. m. Von niemand wurde es bemerkt, daß ein Fremder eingetreten war und sich unter die hundert Verschworenen mischte. Zu viele waren es, als daß sie sich alle untereinander kennen konnten; darum fiel ein neues Gesicht nicht auf. Auch schauten alle gebannt nach der hinteren Langseite des Saales, wo, erhöht – (auf einer Estrade an der von gotischen Fenstern durchbrochenen, mit Standarten und Wappenschildern verzierten Wand) – ein todblasser, ausgemergelter Mann stand, zu welchem viele sich herandrängten, ihm teilnehmend und voll Ehrfurcht die Hand zu drücken. Giuliano vernahm, was neben ihm zwei Greise sich zuflüsterten: »Meine Augen sind schwach ... Wer ist das?« »Baccio Valori, der Sohn des Bartolomeo Valori, den Cosmo im Palazzo Pretorio köpfen ließ. Den Baccio verurteilte er zu lebenslänglicher Kerkerstrafe.« »Ja, ja, ich entsinne mich! Er saß es ab in der Rocca di Volterra ... Wie kam er denn frei? Hat ihn Cosmo begnadigt?« »Nein, Matteo Corsi mit seinen Bravi holte ihn kürzlich heraus ... Jetzt erst ist es bekannt geworden, welche Martern Baccio dort erduldet hat! Grausenhaft! Und keiner der Freunde hatte eine Ahnung davon – zwanzig Jahre lang!« Plötzlich verstummen die Flüsternden; im Saal wird es totenstill. Der Mann auf der Estrade, der mißhandelte Baccio Valori, hält eine Ansprache an die Verschworenen, eine an die Herzen rührende und zum Himmel schreiende Anklagerede. Er schildert seine zwanzigjährigen Leiden in der Rocca di Volterra, er bringt gräßliche Einzelheiten vor von körperlichen Züchtigungen, mit denen brutale Wärter ihn gepeinigt ... Als er die Ansprache beendet, stoßen die Versammelten wilderregte Flüche und Verwünschungen gegen Cosmo aus. Zwei hochgewachsene, nicht mehr junge Menschen – ein Schwarzhaariger und ein Rothaariger – stürmen die Estrade hinauf, knien vor Baccio Valori und küssen ihm die Hände. Der Schwarzhaarige ruft: »Bei der Jungfrau Maria und ihrem Kind, dem Himmelskönig, schwören wir Euch, Messer Baccio: bald, bald sollt Ihr gerächt sein!« Und der Rote fügt hinzu: »Nur noch eine Woche Geduld, Messer Baccio! ...« Und wieder hört Giuliano das Geflüster der neben ihm stehenden Greise. »Wer ist der Schwarzhaarige?« »Das ist Biagio della Campana, der Drogenhändler.« »Der dem kleinen Giulio die Giftpille gab?« »Ihm und dem Rothaarigen hatte Cosmo den Auftrag erteilt. Und dann ließ Cosmo beide foltern!« »«Wie heißt der Rothaarige?« »Das wißt Ihr nicht? Das ist ja der Hauptmann Francesco da Mantova.« »Was? Der sich als Bettler in den Arno stoßen ließ und im Fluß mit dem Duca kämpfte?« »Beim Maifest mißlang es ihm. Ich hörte, er plane einen neuen Anschlag; – wieder im Arno, wenn Cosmo von der Brücke hinabspringt.« Ein dritter Gast mengte sich ins Gespräch und bemerkte skeptisch: »Ich fürchte, es wird wieder mißlingen. Der Kopfsprung ist es, der Cosmo unverletzlich macht.« »Warum gerade der Kopfsprung?« »Weil Cosmo schon als Säugling gefeit war. Sein Vater Giovanni delle Bande Nere sah, von der Straße aus, Maria de' Salviati mit dem an ihrer Brust trinkenden kleinen Cosmo am offenen Fenster stehn und forderte sie lachend auf, ihm sein Söhnchen hinabzuwerfen. Sie erfüllte ihrem Gatten den tollen Wunsch, obgleich sich das Fenster im ersten Stockwerk befand, und obgleich Giovanni vom Scheitel bis zu den Zehen in Stahl gepanzert war. Dem Kinde, das schon so früh einen Kopfsprung in die Tiefe machen mußte, geschah nicht das geringste Leid dabei ...« 20 Den Drogenhändler Biagio della Campana und den Hauptmann Francesco da Mantova hatte Giuliano schon früher nennen hören, – freilich nicht im Zusammenhang mit dem Attentat im Fluß. Er entsann sich, daß diese Namen von Lodovica beiläufig erwähnt worden waren, als sie – (damals am Fastnachtsabend vor ihrer Abreise aus Florenz) – im Palazzo Ginori ihm vom »toten Kind« gesprochen hatte. Sie hatte ihn sogar »Totes Kind« angeredet. Nun, er war das tote Kind nicht und wollte es nicht sein ... Indes, seine Teilnahme war geweckt worden, und darum hatte er sich später von einem Mitgefangenen in der Torre di Nona ausführlicher berichten lassen, welch ein Verhängnis über dem kleinen Medici gewaltet und wie eng verknüpft dessen Schicksal mit dem Schicksal des Geschlechtes Massa-Carrara war. Ein schwarzes Blatt aus einer schwarzen Chronik hatte die Erzählung des Mitgefangenen vor Giulianos Augen hingebreitet. Lodovicas Oheim, Kardinal Innocenzo Cybò, und der berühmte Verfasser der Geschichte Italiens, Francesco Guicciardini, hatten Cosmo zum Thron verholfen und waren baß erstaunt gewesen, als nach kurzer Frist der kaum erst achtzehn Jahre alte Knabe – das Jünglingsalter überspringend – zum Mann und Staatsmann herangereift war. Mentorschaft war weder vonnöten noch erwünscht. Guicciardini hatte von Cosmos Dankbarkeit erhofft, er werde seine Tochter Lisabetta heiraten; daß seine Lisabetta, statt die Lilienkrone von Florenz zu tragen, dem Tuchhändler Capponi zum Altar und ins bescheidene Haus folgen mußte, wurde des Alten unheilbares Herzeleid ... Die beiden Greise zogen sich zurück; Guicciardini schwieg, ein vom Geschick Geschlagener; und Cybò polterte in seinen vier Wänden, nannte sich selbst einen Dummkopf. Verwandt waren die Häuser Cybò und Medici. Dem Sohne des Papstes Innocenz VIII. – (dem öffentlich anerkannten Sohne des Papstes!) –, Franceschetto Cybò, hatte Lorenzo il Magnifico seine Tochter Maddalena zur Frau gegeben. Eins der Kinder aus dieser Ehe war der Kardinal Cybò; sein Bruder Arano Cybò wurde Fürst von Massa-Carrara durch seine Verehelichung mit Ricciarda Malaspina, der Mutter Lodovicas. Machtgier war die Schwäche des Kardinals, der eines Papstes Enkel und eines andern Papstes – Leos des Zehnten – Neffe war. Die Zügel des Staatswagens, die er durch Begünstigung der Wahl Cosmos zu halten gehofft hatte, waren seiner Hand entglitten. Nun sann er darauf, die Macht zurückzuerlangen. Es gab ja außer dem jungen Duca noch einen um fünfzehn Jahre jüngeren Medici, der sich leichter würde leiten lassen. Das Florentiner Volk hätte lieber Giulio, den kleinen Bastard des durch Lorenzino de'Medici ermordeten Duca Alessandro de'Medici, auf dem Thron gesehn; – mit Selbstvorwürfen überhäufte sich der Kardinal, daß er auf des Volkes Stimme nicht gehört, daß er auf die falsche Karte gesetzt hatte. Doch noch war es nicht zu spät. In kurzem Zeitraum hatte der kalte, gegen sich, aber auch gegen andere strenge Cosmo mehr Feinde als Freunde erworben. Zu viele seiner über die Grenze entwichenen, dann aber vom genialischen Filippo Strozzi, dem Freund der Kurtisanen, und Bartolomeo Valori zu einem aussichtslosen Putsch verführten, bei Montemurlo besiegten und gefangen genommenen Gegner waren mit Wissen und Willen Cosmos im Palazzo Pretorio geköpft worden. Wenn es Cybò gelang, Giulios habhaft zu werden, so ließ sich das fünfjährige Kind gegen den jungen Fürsten ausspielen. Die Umstände förderten Cybòs Pläne. Vom Kaiser und vom Papst war Giulios Stiefmutter (die spätere Statthalterin der Niederlande) mit dem Farnese verlobt worden und zeigte wenig Neigung, mit einem (nicht einmal blutsverwandten) Kinde den Einzug in Parma zu halten. Kardinal Cybò, der gut mit Margarete stand, erbat sich von ihr den Knaben. Der Zufall wollte, daß gerade damals Maria de'Salviati, Cosmos Mutter, sich der Verwandtschaft entsann und es ungehörig fand, daß ein kleiner Medici, statt bei seinen nächsten Anverwandten, in der Fremde weilte. Es wurde vereinbart, daß ein Diener Cosmos das Kind aus Prato abhole. Überaus freundlich wurde Giulio von Maria de'Salviati empfangen. Sie ließ ein Zimmer neben ihrer Schlafkammer für ihn zurechtmachen, ließ ein Kinderbett aufstellen, schickte eine Kammerfrau Spielzeug zu kaufen. Als aber gegen Abend ein Lakai des Kardinals das Kind abholen kam, wußte sie nicht, wie sie sich verhalten sollte. Cosmo war für einige Tage verreist. Sie kannte seine Wünsche nicht, sie wußte nicht, ob ihr das Recht zustehe, die Herausgabe des Kindes zu verweigern ... Seitdem wohnte der kleine Giulio im Palaste des Kardinals. Heimgekehrt schalt Cosmo seine Mutter; – das Geschehene indes konnte er nicht rückgängig machen, wenn er nicht (und weil er nicht) Gewalt anwenden wollte ... Und bald verlautete allerlei Abenteuerliches aus dem Hause des Kardinals: das Kind werde wie ein kleiner Duca gekleidet, und viele kämen, fast täglich kämen welche, ihm zu huldigen ... Selten genug gestattete Cybò, daß Giulio – eingeladen von Maria de'Salviati – den Palazzo Medici betrat; tat er es, so wich ein Begleiter nicht von der Seite des Knaben und hinderte, Speisen, Süßigkeiten und Getränke zu sich zu nehmen, gleichsam als stammte dort alles Genießbare aus der Fonderia, der berüchtigten Apotheke der Medici. Kein Wunder, daß das übel vermerkt ward ... An Ohrenbläsern fehlte es nicht, die in beiden feindlichen Lagern für liebe Freunde galten. Es wurde in der Via Larga bekannt, daß des Kindes Speichellecker zu sagen pflegten: »Ja, wenn du erst groß sein wirst, Giulio, ja dann – dann wirst du dein Vatererbe dem Usurpator entreißen!« ... Und der kleine Bastard, hieß es, habe sich gebrüstet: einst werde er im Palazzo Medici herrschen und Cosmo werde er zu seinem Hofnarren machen ... Statt über solche Kindlichkeiten zu lächeln, erboste Maria de'Salviati und äußerte: zu anständig sei ihr Sohn; – jeder andere Fürst hätte längst dem Bastard den Mund gestopft. Und dann sprach sie vom Brückenbau der Etrusker, welche ein Kind einmauerten, damit die Pfeiler hielten. In der Wut war das gesprochen. Dienerohren überhörten die Wut und meinten, eine Aufforderung vernommen zu haben. Wenige Tage hernach wurde am Kind ein Vergiftungsversuch unternommen, der jedoch mißlang. Der Kardinal forderte den Duca auf, die beiden Giftmörder, den Drogenhändler Biagio della Campana und den Hauptmann Francesco da Mantova, vor Gericht zu stellen. Wollte Cosmo nicht selber als Anstifter gelten, so mußte er die Schuldigen den Quarantotto im Palazzo Vecchio zur Aburteilung ausliefern. Was die beiden in der Folterkammer eingestanden haben, ist nie bekannt geworden. Der Todesstrafe entgingen sie, weil Giulio dem Tode entgangen war. Und schon nach einem Jahr sorgte Cosmo dafür, daß sie – (scheinbar mangelhaft beaufsichtigt) – aus der Torre di Nona ausbrechen konnten. Inzwischen hatte Cybò das Kind in Sicherheit gebracht, wohl einsehend, daß es in Florenz nie mehr sicher sein könnte. Der Witwe seines Bruders Arano Cybò, der Fürstin Ricciarda Malaspina, Herzogin von Massa-Carrara, gab er Giulio in Obhut. Ricciarda – Tochter des Alberico Malaspina und der Lucrezia d'Este – war in erster Ehe mit dem Genueser Conte Scipione Fieschi vermählt gewesen und hatte von ihm mehrere Landsitze und Burgen an der Ligurischen Küste geerbt. Durch ihren zweiten Gatten, Arano Cybò, war ihr Marquisat Massa zum Fürstentum erhoben worden; – das geschah, als er seinen griechischen, von der Insel Rhodos herstammenden Familiennamen für den weit älteren und klangvolleren Namen Malaspina eintauschte. Doch der Palazzo Ducale in Massa blieb meistens verschlossen, und Staub fiel auf die eingemotteten, mit Musselin überhüllten Möbel; denn seit Aranos Tod zog Ricciarda vor, mit einem kleinen Hofstaat und ihrem entzückenden Töchterchen Lodovica die romantischeste der ihr gehörenden Seeburgen, das Castello delle cento camere, zu bewohnen. Dorthin ließ der Kardinal den Knaben bringen. Und Ricciarda, die eine Todfeindin Cosmos war, nahm den kleinen Gast, den Altersgenossen Lodovicas, mit Jubel auf und gab ihm Sprachlehrer und Lehrer der Kriegskunde, um ihn zum Fürsten von Florenz heranzubilden. Scheinbar huldvoll hatte das Geschick Giulio den Giftbecher erspart, um ihm einen bittereren Kelch nicht zu ersparen. Daß Papst Paul III. zum Kreuzzug gegen die Türken aufrief; hatte die mohammedanische Welt aufgestachelt. Des Kaisers Zug nach Tunis war ein Mißerfolg, eine bluttriefende Dummheit gewesen. Frecher als vordem wagten sich die Korsaren vor. Der große Andrea Doria – selber ein Haifisch des südlichen Mittelmeeres – sprach mit bewundernder Hochachtung von seinem Rivalen Chaireddin Barbarossa, dem lesbischen Renegaten, dem König des algerischen und tunesischen Seeräuberstaates. Nachdem vor Tunis so viele Genueserschiffe verloren gegangen, vermochte Andrea Doria nicht zu hindern, daß Chaireddin Barbarossa – (allerchristlichst gerufen von Frankreichs grand roy très-chrétien) – Nizza zerstörte, daß er mit seiner Korsarenflotte den Hafen von Genua blockierte und gleich darauf die unbeschützten Küsten Liguriens, Carraras, Toscanas bis zu den Maremmen hinab aufs entsetzlichste brandschatzte. Der Osterwoche wegen hatte sich Ricciarda mit ihrem Töchterchen Lodovica in ihre Hauptstadt Massa begeben: einmal im Jahr genügte sie ihrer Herrscherpflicht und zeigte sich ihrem Volke. Die nächtliche Ostermesse im Dom wurde ihre und ihres Kindes Rettung. Die Algerier überfielen in dieser selben Nacht das Castello delle cento camere, steckten die ausgeraubte Burg in Brand und schleppten Männer, Frauen und Kinder – sofern sie nicht beim verzweifelten Widerstand abgeschlachtet worden waren – auf ihre von Fackeln und von der Riesenfackel der lodernden Burg rotbeleuchteten Schiffe. »Was aus Giulio geworden war, erfuhr man nicht. Das aber verlautete etliche Monate hernach, daß Barbarossa vom Beutezug an der norditalienischen Küste fünftausend Sklaven nach Konstantinopel brachte ... Lange ehe diese Nachricht eintraf, wurde vor Livorno auf offener See ein Fischerboot gefangen. Die Korsaren, die das Boot aufbrachten, taten den Fischern nichts zu leide, befahlen ihnen aber, eine verschlossene Truhe nach Florenz zu schaffen und sie Cosmo zu übergeben als ein Geschenk Barbarossas. Das geschah. Als Cosmo, Böses ahnend, die Truhe in Gegenwart des Kardinals Cyb öffnen ließ, befand sich darin die Leiche des kleinen Giulio. 21 Noch immer steht Giuliano unweit von der Tür und schaut sinnend nach der Estrade hin, auf der der Drogenhändler Biagio della Campana und der Hauptmann Francesco da Mantova dem leichenbleichen Märtyrer aus Volterra, dem Sohn des von Cosmo geköpften Bartolomeo Valori die Hände küssen und Rache versprechen. Aus Gedanken, welche die Namen der beiden Giftmörder in ihm ausgelöst haben, fährt Giuliano plötzlich wie erwachend auf, da er viele Blicke auf sich gerichtet sieht. Unbemerkt war er in den Saal eingetreten und hatte gehofft, unbemerkt zu bleiben, – trägt er doch die gleiche Tracht wie alle. Seine außerordentliche Schönheit war aber dennoch aufgefallen und wird jetzt Ursache einer eigentümlichen Verwechslung. »Ein Medici? Doch welcher? ...« hatten die Umstehenden sich gefragt. Wie ein Lauffeuer hatte sich die geraunte Nachricht verbreitet, eine große Erregung bemächtigte sich der Versammelten; – denn vor einer Stunde erst war von der Fürstin Lodovica den Verschwörern eröffnet worden, sie würden heute einen »Capo«, ein Oberhaupt, einen Anführer, erhalten ... Leise geäußerte Mutmaßungen verdichteten sich zur Frage: »Sollte das etwa Giulio, der von den Algeriern Entführte, sein? ...« Die auf Giuliano gerichteten neugierigen Blicke verwandeln sich in ehrfurchtsvolle. Die Umstehenden weichen scheu zurück vor ihm; – er aber ist noch scheuer als sie und vermag sich's nicht zu erklären, warum zwischen ihnen und ihm ein leerer Raum entsteht ... In diesem Moment geschieht es, daß er Guerzolos ansichtig wird, den bis dahin seine Augen vergebens im Saal gesucht hatten. Die Fähigkeit, sein Gesicht ausdruckslos zu machen, besitzt Giuliano nicht; stets ist sein Blick der Spiegel seiner Seele. Früher, als er den Mordbuben, hatte dieser den einstigen Pastetenbäcker und Nachbarn von der Porta San Gallo erkannt und war furchtlos genaht, im Glauben, er selbst sei unkenntlich. Jetzt aber liest er Unheilvolles in Giulianos Zügen, die Ahnung steigt in ihm auf, dies könnte ein Spürer auf der Blutspur sein, und geschwind stellt er sich, Schutz suchend, hinter andere Gäste, verschwindet in der Menge, – während gleichzeitig der Neger Achmed den Saal betritt und vor Giuliano sich verneigend meldet: »Die Illustrissima Signora Principessa läßt Eure erlauchte Gnaden ersuchen, zu ihr ins Lilienzimmer zu kommen!« 22 Mit Goldbrokat sind die Wände des Zimmers bespannt, wo jetzt die Schloßherrin und Giuliano beim Lichtgeflimmer eines kristallenen Kandelabers einander gegenübersitzen. Mythologische Fresken schimmern auf sie von den Kassetten der Decke herab, köstliche Orientteppiche breiten sich auf dem Fußboden dickwollig aus, mit blitzenden Silberfäden sind Lilien in die goldene Wandbekleidung eingewebt. Nicht – (wie zur Zeit des Florentiner Karnevals) – ein französischer Edelmann, sondern eine verführerisch geschmückte Frau erscheint Lodovica heute, ganz Fürstin und zugleich ganz schmiegsame Katze. (»Zum Katzengeschlecht«, denkt Giuliano, »gehören ja auch Löwinnen und Sphinxe mit den grausamen Krallen« ...). Die häßliche spanische Damenmode verschmähend, hat sie ein ihre glattleibige Hagerkeit hervorhebendes karmoisinrotes Samtgewand – alla lombarda – angezogen. Perlen und Rubine funkeln in ihrem blauschwarzen Haar. Nach der Begrüßung sagt sie: »Verschlungene Wege sind die Sterne am Himmel gewandert, seit wir uns trennten, totes Kind! Don Pietro erhielt seinen Lohn!« »Er ist unschuldig verurteilt worden, Signora Principessa.« »Unschuldig? Vergaßt du, was er mir antat? Und dir, totes Kind?« »Doch der Kurtisane hat er kein Haar gekrümmt, Principessa! Ein Fehlurteil sprach das Gericht! Der Mörder ist hier im Schloß!« »Wer?« »Guerzolo, der Page der Dichterin.« »Woher weißt du das?« Der Worte Cellinis eingedenk, der den Rat erteilt hatte, seinen unliebsamen Namen unerwähnt zu lassen, bringt Giuliano – (etwas ungeschickt) – eine Lüge vor. »Von Marmorarbeitern hörte ich es ... In der Trunkenheit hat Guerzolo sich verraten ... Ach, Signora Principessa, – wenn auch Don Pietro es um Euch nicht verdient hat – – –« »Du willst wohl, daß ich den Pagen an Florenz ausliefere?« »Der Himmel wird es Euch danken, Principessa!« »Die Hölle erst recht, falls ich nämlich Pietro dadurch rette! ... Das verlangst du von mir, Giuliano? Warum verlangst du das nicht von Donna Faustina? Wäre es zu viel von ihr verlangt?« »Sie war bereit, die Wahrheit vor Gericht auszusagen; – er hinderte sie daran!« »Warum ließ sie sich hindern? Sie hätte es hinausschrein müssen – ob's ihm recht war oder nicht. Und wenn sie schambefangen schwieg, so hättest du vor Gericht bekunden müssen, was Don Pietro in der fraglichen Stunde tat, – nämlich deiner Donna Faustina antat!« »Konnte ich das, Principessa?« »Allerdings nein, da du Donna Faustinas Ritter bist und sie liebst!« »Ich verehre Donna Faustina, –doch ich liebe sie nicht.« »Setztest du dein Leben nicht aufs Spiel für sie? Und hast du dir nicht von ihr eine rote Rose schenken lassen?« Eine Weile sprachlos, starrt Giuliano Lodovica an. »Seid Ihr ein Schmetterling, der nachts in meilenferne Gärten fliegt ...?« »Nein, ich war hier in meiner Seeburg. Doch die Tamarisken- und Myrtensträucher des Boboligartens haben Augen ...« »Waren es nicht Orchideen, Principessa? Alle Orchideen haben Augen und Münder ... Ja, sogar ausplaudernde Münder, wie ich merke, Signora Principessa!« »Was ich nicht bedaure, totes Kind. Wenn es wahr ist, daß du Donna Faustina nicht liebst, – so liebst du eine andere!« »Ihr irrt, Principessa. Auf Erden lebt keine, die ...« »Doch, auf Erden hat eine gelebt, die Violetta hieß – Contessina Violetta da Gambara – und die du nicht vergessen kannst!« 23 Das Gespräch wird unterbrochen durch den Eintritt Achmeds, den ein Glockenzeichen seiner Herrin hereingerufen hat. Was sie ihm ins Ohr flüstert, vermag Giuliano nicht zu vernehmen. Nachdem der Neger sich wieder entfernt hat, sagt Lodovica: »Ich habe eben Befehl gegeben, den Signore Guerzolo in ein Verließ zu sperren. Mein Haus ist ein Asyl für Staatsverbrecher, doch nicht für gemeine Verbrecher! Übrigens hatte ich ohnedies die Absicht, den unreifen Burschen aus meiner Burg jagen oder einkerkern zu lassen. Ohne von seiner Schandtat zu wissen, haben schon mehrere meiner Gäste sich über ihn beklagt: er sei einer der Arrabiati – oder ein Spion Cosmos, weil er so wüste Reden führt.« »Verzeiht meine Unwissenheit, Principessa. Erklärt mir's: was unterscheidet die Arrabiati von andern Aufrührern? Wenn der Titan unter dem Ätna an seinen Ketten rüttelt, so entsteht ein Erdbeben, das Kunst und Kultur nicht schont ...« »Doch sämtliche Erdbeben haben Kunst und Kultur nicht ausrotten können. Das können nur Menschen. Dschingis-Chan tat es.« »Ich habe im großen Saal vorhin Reden Eurer Gäste gehört, Principessa, die klangen, als sprächen Gesinnungsgenossen der Arrabiati; und wenn das nicht, so doch sehr blutrünstige Republikaner.« »Glaube mir, Giuliano, es sind unentschlossene Republikaner; je weniger sie unternehmen, um so mehr berauschen sie sich an großen Worten. Sie alle warten auf den Brutus, der sie vom Tyrannen befreien soll – und der sich an dessen Stelle setzen wird.« »Um selbst ein Tyrann zu werden?« »So ist der Lauf der Welt, totes Kind! So pflegen die Brutusse zu enden: thronend und gekrönt.« »Seid Ihr für oder gegen Eure Freunde, Principessa?« »Ich bin für dich, mein lieber Freund Giuliano.« 24 Von neuem stockt das Gespräch, weil Achmed melden kommt, Guerzolo habe schon vor längerer Zeit das Castello verlassen und sei unauffindbar. Nichts darauf erwidernd, entläßt mit einem Kopfnicken Lodovica den Neger. Dann fragt sie: »Kannte dich der Mörder?« »Als ich ein Pastetenverkäufer, ein König von Narrenland, war, wohnte er nicht weit vom cyprischen Koch und sah mich täglich. Im Froschpfuhl kennen die Frösche einander, Principessa. Ich mochte schon damals sein keckes Gequake nicht und bedauerte die Zwergin Donna Faustinas – wie heißt sie gleich? ...« »Rentinola.« »Ja, die. Ich bedauerte sie, daß sie sich mit dem wurmstichigen Bengel verlobt hatte.« »Wenn du ihn mit so finstern Brauen angeschaut hast, so verstehe ich, daß er das Weite gesucht hat.« Auch Giuliano glaubt zu verstehn, – anderes und mehr allerdings zu verstehn, als die Fürstin vermutet. Sie will, sinnt er, Don Pietro und Cosmo keinen Dienst erweisen – der leise Auftrag an den Neger kann auch eine Warnung, ein Wink für Guerzolo gewesen sein ... »Von den zwei Nüssen, die Prinz Karneval uns zu beißen aufgab, ist also die eine Nuß – das Mordgeheimnis – aufgeknackt. Die härtere Nuß aber ist deine Herkunft ... Nun, ich hoffe, daß heute das Rätsel gelöst werden wird. Die Zwischenzeit – seit Fastnacht – habe ich genutzt, um Nachforschungen anzustellen ... Rate – wo!« »Wo?« »Auf Cypern. Ich hatte erfahren, daß General Bragadino dir die Todesstrafe erlassen und dich wie einen Königssohn behandelt hat. Seine geschiedene Frau, die Marchesa Isotta, soll, während du bereits zum Hochgericht geführt wurdest, dem General ein Schriftstück gezeigt haben, das sie in der Tasche eines ertrunkenen Engländers gefunden hatte. Stimmt das?« »Ja, Principessa. Daß mich das Eingreifen der Marchesa vor dem Galgen gerettet hat, ist wahr. Doch ob im Schriftstück die Wahrheit über mich stand, kann ich nicht sagen, denn ich habe das Schriftstück nicht gesehn.« »Eben darum, weil weder du noch sonst jemand in Italien hierüber Auskunft geben kann, habe ich auf Cypern nachgeforscht. Einer meiner Vettern, der genuesische Admiral Conte Scipione Fieschi, segelte vorigen März mit einer kleinen Kriegsflotte nach der Levante ab, und ich ließ mich von ihm mitnehmen.« »Habt Ihr den General Bragadino gesprochen?« »Nein. Als wir Cypern erreichten, hatten die Türken die Insel angegriffen und belagerten Bragadino in Famagosta, wo er mit seiner kleinen venezianischen Heldenschar lange Zeit Wunder der Tapferkeit vollbrachte ... Andere Häfen Cyperns anzulaufen verwehrte uns Lala Mustapha, der osmanische Befehlshaber, nicht; er sah uns als Freunde an, weil auf unsern Schiffen die genuesische Flagge wehte und weil Genua der Erzfeind Venedigs ist.« »Wart Ihr im Bergpalast der Lusignan, Principessa? Habt Ihr die Marchesa Isotta Pasolini aufgesucht?« »Den Bergpalast haben die Türken in einen Trümmerhaufen verwandelt. Als wir im Hafen Limasol landeten, lag dort eine Feluke vor Anker, beladen mit christlichen Sklavinnen –: den adligen Mädchen der Marchesa Isotta.« Leichenweiß wird Giuliano. Mit flackernden Augen und bebend am ganzen Körper fragt er: »Um Gottes Barmherzigkeit willen, Principessa ...! Wurden die Damigellen auf dem Sklavenmarkt Konstantinopels verkauft? ...« »Beruhige dich, totes Kind. Um ein Haar wär's geschehn. Doch weil wir als Genuesen für Freunde galten, vermochten wir das Furchtbare abzuwenden. Auf meine Bitte hin verhandelte mein Vetter Fieschi mit dem Admiral der Ungläubigen, der für eine große Geldsumme – (ich bezahlte sie) – die Damigellen auslieferte. Auch die Marchesa – sie ist entfernt verwandt mit mir, die Tochter meines Großoheims, das sagte ich dir schon –, auch sie erhielt durch mich die Freiheit.« »Oh! Wie mich das freut, Principessa! ... Und Ihr habt sie über mich ausgefragt, über das, was in den Papieren Norfolks ...?« »Die Marchesa war stumm, als wir sie befreiten, und sie ist stumm geblieben. Sie hatte, während die Räuber sie in die Sklaven-Feluke setzten, einen Schlaganfall erlitten. Sie ist gelähmt und der Sprache beraubt; nur durch schwache Kopfbewegungen kann sie bejahen oder verneinen ... Dennoch gelang es mir, sie auszuforschen, wer du bist.« »Niemandes Sohn, Principessa!« »Nein; der Sohn Lorenzinos de'Medici!« »Ich?! ... Verzeiht mein Lächeln, Principessa. Mein Verstand ist neben dem Euren wie ein wolkiger Topas neben einem fehlerlosen Smaragde; doch mein Lächeln ist gescheiter als Euer Ernst ... Bringt Ihr nicht Euren Verstand zum Opfer, wenn Ihr solches glaubt? Da, scheint mir, könnte man mich mit gleicher Berechtigung für den Sohn eines Schuhflickers halten, – wie es neulich einer getan hat ...« »Wer?« »War nicht Sokrates der Sohn einer armen Hebamme? Und war doch Sokrates!« »Der den Giftbecher trank, du Besserwisser, weil er ein Verführer war ... Bist du ein Verführer, Giuliano?« »Spottet Ihr mein, weil ich kein Philosoph bin? ... Nein, ich habe kein Talent zu verführen, – aber auch nicht, mich verführen zu lassen.« »Zu was?« »Es kommt mir nicht verführerisch vor, Lorenzinos Sohn zu sein, Principessa.« »Nicht nur Gedanken verführen, – auch schöne Mädchen!« »Ich bin gefeit, Principessa. Mich kann kein Mädchen ins Garn locken.« »Wir werden sehn. Ich werde dich heute prüfen. Und falls du die Probe bestehst und dich bewährst, wird es dein Schade nicht sein!« Durch das offene Fenster tönt Pferdegewieher und Scharren von Hufen ins Zimmer. Lodovica ist ans Fenster getreten, blickt hinab und sagt: »Geschirrt und gesattelt stehn zwei Pferde – für dich und für mich – auf dem Hof. Komm, wir reiten hinüber.« »Wohin, Principessa?« »In mein Lustschlößchen drüben – in die Rocca di Venere: ein köstliches Abendessen erwartet uns dort und manch seltsames Wunder. Ich versprach dir ja die Tausend-und-zweite-Nacht! ...« 25 Der mondbeschienene Weg führte den Burgberg hinab, überquerte auf uralter Teufelsbrücke den Fluß und klomm jenseits, von Parkanlagen umgeben, den andern Schloßfelsen hinauf. Nach halbstündigem Ritt war das Ziel erreicht. Das Tor der Rocca steht weit offen; jedoch kein Kastellan, kein Torwächter, kein Lakai läßt sich blicken. Im Schloßhof angelangt, steigt Lodovica vom Pferd und heißt Giuliano das gleiche tun; in zwei an der Mauer befindliche Eisenringe verknoten sie die Zügel der Pferde. Ihren staunenden Gast durch die Hallen und Gemächer der märchenhaft schönen Burg geleitend, belehrt ihn die Fürstin: »Du wunderst dich gewiß, Giuliano, keinen Dienern hier zu begegnen. Es ist meinen Dienern nicht gestattet, diese Räume zu betreten; du bist der einzige Mann innerhalb der Burgmauern. Nachher, wenn wir uns zu Tisch setzen, werden Dienerinnen Speisen hereintragen und Wein einschenken. Doch warne ich dich: rede sie nicht an, richte keine Frage an sie! Mit den Feen der Rocca di Venere zu sprechen ist dir streng verboten; – übertrittst du dies Verbot, so zerbrichst du den Zauber meiner Zauberwelt und bringst dich selbst in große Gefahr dadurch. Bloß falls ich dir das Siegel vom Munde nehmen sollte, dürftest du ungestraft die Traumgestalten ansprechen, die du sehen wirst ...« Je mehr, die Zimmer durchschreitend, Giuliano zu bewundern Anlaß hat, um so mehr wundert er sich über Lodovica: wie mag es in ihrer Seele aussehn, wenn dieses von ihr zum Kunstwerk gestaltete Schloß über ihre Wünsche und Triebe Aufschluß gibt! Übervoll vom Widersprüchen müssen ja ihr Geist und ihr Herz sein, ewig im Kampf mit sich selbst liegen, da auch die Räume, bei deren Ausschmückung ihre Phantasie sich hemmungslos auslebte, im Widerspruch miteinander sind, einander Fehde ansagen, Krieg miteinander führen. So ist dort ein Zimmer mit Totenknochen und Schädeln angefüllt, Gerippe klettern an den Wänden, als wären es riesige Spinnen; daneben liegt eine Kammer, wo die seltensten Orchideen aus China, Neuspanien und Peru in Töpfen blühn; eine dritte Kammer weist die neuesten Musikinstrumente aus Deutschland (Zinken, Posaunen, Tamboure) und auch Kniegeigen aus Cremona auf; in einer vierten hängen grobe Dudelsackpfeifen; aus einer Kammer, wo auf schwarzen Sockeln Bernsteinvasen und auserlesene Majoliken aus Urbino und Faenza sowie unschätzbare Caffagiuolo-Majoliken umherstehn, gelangt man in eine Kammer, die nichts als Scherben von Murano-Gläsern enthält ... Und ebenso widerspruchsvoll, anziehend sowohl wie abstoßend, sind die Wandmalereien. Von berühmten Künstlern wurden sie gemalt, den Vorschriften der Schloßherrin gemäß, Meisterwerke, die den Seligen eine Freude sein müssen und nicht minder den Verdammten. Da gewahrt man Madonnen, so zart und dekadent, so schwermutsvoll und innig, als wären sie von Borgognones Hand; da gewahrt man aber auch obszöne Darstellungen, orgiastische und phallische Bilder von entsetzlicher, Grauen erweckender Unanständigkeit. Kalten Blutes, seinen Ekel nicht verratend, betrachtet Giuliano in aller Ruhe die Schamlosigkeiten. Er, der Rex Seraphicus, senkt den Blick nicht; weiß er doch, daß er heute einer Prüfung unterzogen wird. Wieder und wieder stellt er sich die Frage: wie es zu erklären sei, daß die Psyche eines bedeutenden, hochgebildeten und hochbegabten Weibes sich in solche Abgründe und Höllenschlünde verirren konnte. Und auch eine andere Frage stellt er sich: wie kommt es, daß er nicht rebelliert? Daß er gefügig sich der Prüfung unterzieht? Es stünde ihm ja frei, sich zu weigern und aus der Rocca zu fliehn. Warum läßt er sich von der Fürstin wie ein schüchterner Adept in die Mysterien des verrufenen Schlosses einweihn? Was zwingt, was bezwingt ihn? Die wilde Schönheit Lodovicas? Nein –: ihn berückt ihr Zauber nicht! ... Fürchtet er, durch Flucht sich lächerlich zu machen, oder Haß, Verfolgung, Vendetta auf sich zu ziehn? Nein –: er ist einer, der das Fürchten nie gelernt hat ... Zu erklären vermag er sich seine Fügsamkeit nicht anders als durch seine brennende Neugier und Wißbegier und Hoffnung, zu all den eigenartigen Rätseln den Schlüssel zu finden. Und auszuharren zwingt ihn ja auch der Rat Benvenuto Cellinis, mit Circes Wölfen zu heulen und mit ihren Schweinen zu grunzen, um – falls ein Anschlag geplant werden sollte – Florenz zu retten ... 26 Strahlend beleuchtet ist der Speisesaal. Mit Rosmarin und Tuberosen bestreut ist die fürstlich gedeckte Abendtafel; auf deren Damast flirren in emaillierten Armleuchtern zahllose Kerzen. Nur zwei Gedecke. Unschätzbar der aus Gold gestanzte Tafelaufsatz. Aus schwerem Gold alle Löffel, Gabeln, Messer, Teller und Pokale. Seiner Gastgeberin, die ihn feierlich zeremoniös aufforderte, Platz zu nehmen, sitzt Giuliano erwartungsvoll gegenüber. Die absonderliche Festlichkeit, pomphaft und öde, wirkt melancholisch auf ihn ein wie Jubel ohne Jubelnde. Auf mehr Absonderliches ist er gefaßt und könnte kaum noch erschrecken, wenn unsichtbare Geisterhände zu servieren begännen. Oder etwa Hände sichtbarer Geister? Hatte sie ihm nicht Traumgestalten angesagt? Da geht die Tür auf und herein in den Eßsaal kommen acht völlig nackte Mädchen. Die einen tragen Schüsseln und Platten mit Speisen, die andern Elfenbeinkannen mit Wein. In einen Dämmerzustand gerät Giuliano. Er sieht die ganze berückende Schar und sieht doch die einzelnen Mädchen nicht. Ihm ist, als träume er einen seligen Traum, und doch fühlt er sein Wachsein. Keinen Augenblick vergißt er, daß Lodovica ihn auf Herz und Nieren prüfen will. Unverwirrt erlaubt er seinen reinen Augen, sich am Anblick der wundervoll schlanken Leiber zu weiden. Die Venus Botticellis hätte er nicht wunschloser betrachten können ... Als eben das erste der Mädchen, dicht an ihn herantretend, ihm Wildbret auf goldener Schüssel anbietet und ihm dabei versehentlich den Ärmel mit ihrer entblößten Brust streift, – zuckt er zusammen, blickt ihr ins Gesicht und stößt einen wilden Schrei aus. Die schöne Nackte neben ihm ist Raffaela, der toten Violetta Freundin! Er ist von seinem Sitz emporgesprungen, er ist im Begriff, den Namen »Raffela!« erschüttert und erschütternd in den Saal zu gellen. Im letzten Moment jedoch bezwingt er den Wunsch, sie anzureden und zu begrüßen. Er starrt ihr Gesicht an und dann der Reihe nach die Gesichter ihrer Gefährtinnen – und alle erkennt er, – da ist Marietta! – da ist Nella! – und auch die andern alle, die einst in Isottas Bergpalast mit Violetta und ihm gehaust hatten ... »Setz dich!« herrscht Lodovica ihn an. »Ein Glück für dich, daß du gegen die Vorschrift der Rocca nicht verstoßen hast!« Er gehorcht, nimmt am ganzen Körper bebend seinen Platz wieder ein, ihr gegenüber. »Schwer wird mir's, die Begrüßung zu unterlassen, Principessa! Ihr zwingt mich, unhöflich zu sein.« »Kann man gegen Träume unhöflich sein?« spottet Lodovica und zerlegt einen Fasanenflügel. »Wüßte ich, daß ich träume! ... Doch nein, nein, Principessa, ich weiß, daß ich wach bin! Diese sind Fleisch und Bein!« »Nun ja, – es sind meine Sklavinnen. Ich kaufte sie den Türken ab; – und zum Dank helfen sie mir, einen Frauenstaat zu gründen, ein Amazonenreich, das Männern bloß Einlaß gewährt, wenn es gilt, ein Rosenfest zu feiern – wie heute!« Und glockenhaft ertönt ein leises ungutes Lachen Lodovicas. »Verachtet Ihr die Männer so sehr, Principessa?« »Noch keinen fand ich, der angesichts entblößter Mädchen über Plato diskutieren konnte. Verlernt hat die Menschheit, natürlich zu sein, wie sie es in ihrer Kindheit gewesen, – natürlich wie die Rehe im Walde. Die Kultur hat den Menschen zuchtlos gemacht und verderbt.« »Ich kann nicht widersprechen, Principessa; und würde es begreifen, wolltet Ihr einzelne (die es wert sind) um Euch scharen, sie zu beeinflussen, sie zu heilen von kranker Gier, sie zu bessern. Warum aber denkt Ihr an einen Frauenstaat? Ist es Euch so ernst mit der Weltverbesserung?« »Gewiß, Giuliano! Und ich will dir auch sagen warum: weil alles Unrecht und alles Elend auf Erden begann, als die Männer den Frauen das Zepter entrissen, – als Apollo das Erbe seiner Mutter antrat und das Vaterrecht den Menschen brachte.« »Damals, Principessa, kam die Liebe auf die Welt und mit der Liebe die Tragik ... Seiner Mutter herrlichstes Erbe war er selbst. Besseres als einen Sohn kann keine Frau hinterlassen!« »Die cumäische Sibylle hinterließ ein Buch, totes Kind, – das tiefste Buch der Welt.« »Ich bin nicht bewandert wie Ihr, Principessa, – doch meine ich, daß es ein Mann war, der auf Patmos die Apokalypse schrieb. Und Männer gleichfalls waren Phidias, Archimedes, Heraklit, Dante ... Könnt Ihr Euch Michelangelo als Frau denken?« »Warte ab, Giuliano, wen meine Mädchen zur Welt bringen werden. Die amazonische Kultur hat noch nicht begonnen ... Auf die laß uns jetzt anstoßen!« Er darf es ihr nicht verweigern. Während er vom Wein nippt, schweifen seine Augen über den Rand des Pokals zu den Damigellen hin. In gleichen Abständen von einander haben sie sich längs der Saalwand aufgestellt, regungslos wie marmorne Karyatiden schauen sie geradeaus ins Leere; doch obgleich sie ihn nicht ansehn, fühlt er die Trauer ihrer ihm geltenden Gedanken. »Du erwähntest Patmos«, beginnt Lodovica nach einer kurzen Pause. »Ist das nicht eine Insel – irgendwo bei Kleinasien? Warst du auf Patmos, als du aus Cypern flohst?« »Nein, Principessa. Dem Hauptmann Jacopo Malatesti lag daran, auf dem nächsten Weg Ancona zu erreichen.« »Weswegen mußte der Hauptmann Cypern verlassen?« »Sein jüngerer Bruder Malatesta Malatesti war bei einem Raufhandel von einem trunkenen Fähnrich erstochen worden und Jacopo hatte es auf der Stelle blutig gerächt.« »Warum aber ließest du dich überreden, mit Jacopo zu fliehn? Dir war doch die Todesstrafe erlassen worden. Du wurdest doch von General Bragadino wie ein Prinz behandelt. Er hatte die Absicht, dich an die Signorie Venedigs zu schicken, damit sie dir zu deinem Recht verhelfe.« »Zu welchem Recht, Principessa? Das eben war es, was mich aus Bragadinos Nähe vertrieb. Ich glaubte nicht und glaube auch heute nicht daran, daß er über mich die Wahrheit erfuhr.« »Wie?! Er nahm dich doch wie einen Sohn in sein Haus, als er hörte, wer du bist.« »Von Marchesa Isotta hörte er es. Undenkbar scheint mir's, daß sie, die so unmenschlich mich haßte, ihn nicht belog.« »Dir also Gutes antat, – um dir Böses anzutun? Zu welchem Zweck? Warum das?« »Weil mein Tod ihr eine zu geringe Sühne war.« »Was, meinst du, könnte sie denn beabsichtigt haben?« »Mich zum Betrüger zu machen; mich in Venedig mit königlichen Ehren überhäufen zu lassen, – um zu guter Letzt mich als Bettlersohn zu entlarven ... Ich wünschte, ich hätte damals Auge in Auge mit ihr reden können; – doch sie war sofort, nach kurzer Aussprache mit Bragadino, in ihren Bergpalast zurückgekehrt.« »Du ahnst die Tiefe ihrer Reue nicht, Giuliano. Sie hätte auch damals dir nichts anderes gesagt, als was sie heute – (durch ein Zeichen, denn sie ist ja stumm) – dir sagen wird.« »Wird? ...! Ist Marchesa Isotta hier?« »Ja, – hier in der Rocca di Venere. Daß sie gelähmt und der Sprache beraubt ist, sagte ich dir schon. Sie ist eine Sterbende, Giuliano. Die Ärztin (von der sie gepflegt wird) bezweifelt, daß sie den heutigen Tag überleben kann, – den sie so dringend ersehnt hat, um dir durch ihre Blicke kundzutun, wie grenzenlos sie bereut, was sie an dir und Violetta gesündigt hat!« 27 Dem Sturm, der sich in Giulianos Seele erhoben hat, bleibt die Zeit nicht, sich auszutoben und zu besänftigen. Denn eben kommt eine alte maurische Dienerin in den Saal – auch an ihr haften cyprische Erinnerungen: Giuliano erkennt sie, die Zeugin seiner ersten Begegnung mit Contessina Violetta und den Mädchen. Jene alte maurische Dienerin ist es, welche den Eßkorb an den Strand von Paphos hinabtrug, als die badenden Mädchen die Leiche des ertrunkenen Norfolk und ihn, den Geretteten, entdeckten. Nach Art der Mohammedanerinnen verneigt sich die Alte vor der Fürstin und meldet, sie sei von der Ärztin geschickt, Messer Giuliano ans Bett der Marchesa zu rufen. Sogleich will Giuliano sich erheben; Lodovica läßt es nicht zu. »Die gelben Trauben, die ich dir auf den Teller gelegt habe, hast du noch nicht gekostet, Giuliano. Behalte bitte deinen Platz und deine Ruhe!« Und zur Alten gewendet, sagt sie: »Wir werden bald kommen. Geh nur. So dringend ist es ja wohl nicht.« Doch die Alte macht keine Anstalten, sich zu entfernen; mit zittriger Stimme ruft sie: »Es geht zu Ende, Principessa Illustrissima! Die Ärztin läßt sagen: Wenn Messer Giuliano die Marchesa lebend antreffen wolle, müsse er sehr eilen!« Lodovica und Giuliano verlassen nun geschwind den Saal. Während sie vorauseilt, ihm den Weg zu zeigen, blickt sie sich nach ihm um; ein spöttisch bitteres Lächeln umspielt ihre Mundwinkel, sie murmelt: »Der Tod ist ein schlechter Zeremonienmeister, er fragt nicht nach der Speisenfolge, hebt zur Unzeit eine Festtafel auf ...« Kaltblütig entgegnet ihr Giuliano: »Nur die Würmer stört er nie beim Festmahl, Principessa!« Im stillen aber denkt er: Am Tage meiner Ankunft? ... Kann das ein Zufall sein? ... Ist sie etwa eine bessere Zeremonienmeisterin als der Tod? Hat sie etwa nachgeholfen? Etwa den Tod eingeladen für diese Stunde? ... 28 Und jetzt betreten sie das Krankenzimmer, atmen die dumpfe, nach Spezereien und Medikamenten riechende Luft des mondhaftmatt durch ein Nachtlicht erhellten Raumes. An der Türschwelle kommt ihnen die Ärztin flüsternd entgegen; Sie ist eine nicht mehr junge, wohl schon fünfzig Jahre alte Signora; knochig ihr Körperbau, ergraut ihr Haar; der charaktervolle kluge Kopf ruht auf einem länglichen Halse, – und das verleiht ihr eine entfernte Ähnlichkeit mit Isotta, so daß Giuliano im ersten Augenblick glaubt, die Marchesa habe sich vom Krankenlager erhoben, es sei die Sterbende oder ihr abgeschiedener Geist, den er vor sich sehe. Gleich darauf freilich wird er seines Irrtums inne, indem er aus der Tiefe des schummerigen Zimmers – aus dem Kissenberg eines purpurprangenden Bettes – zwei glühende Augen auf sich gerichtet fühlt. Zwei Augen, darinnen grüne Lichter aufblinken wie in den Augen von Tigern oder Wölfen. Ja, das ist sie, deren Haßliebe Schuld daran trug, daß er zum Totschläger an der armen Violetta wurde. Das ist sie, die ihn in den Gorillabalg einzwängte, als sie den teuflischen Vorsatz gefaßt hatte, Violetta in das Gehege der Aussätzigen einzuliefern. Doch er will ihr Richter nicht sein, die ja bald vor ihrem höchsten Richter stehn wird ... »Junger Arzt« hatte sie liebend und hassend ihn einst angeredet; er war in seiner Eigenschaft als Arzt nachts zu ihr gerufen worden, als sie edelsteinbesät ihn hatte verführen wollen. Heute ist er wieder an ihr Bett gerufen; doch all seine ärztliche Wissenschaft verhilft ihm nicht zur Beantwortung der Frage, die sein Mißtrauen gegen die Bräuche des unheimlichen Schlosses ihm eingibt: Wurde ihr Sterben beschleunigt? ... Denn weil er Arzt ist, weiß er, daß ihr nur noch wenige Augenblicke geblieben sind. Lodovica redet die Sterbende an. »Marchesa, erkennt Ihr Messer Giuliano?« Obgleich Isotta bis hinauf zum Rumpf leblos wie ein Stein ist, vermag sie ihren Hals ein klein wenig zu strecken. Mit einem kaum merklichen Kopfnicken bejaht sie die Frage. »Marchesa«, fährt Lodovica fort, »bestätigt ihm, was Ihr nur über seine Herkunft sagtet. Bestätigt ihm, daß er – – –« Noch ehe Lodovica den Satz vollenden kann, sinkt der Kopf Isottas rückwärts in die Kissen. Das Brennen ihrer Blicke erlischt, ihre Augen verglasen. »Wir kamen zu spät!« raunt Lodovica ärgerlich. Dann aber kniet sie mit Giuliano neben dem Totenbette hin, wie es die christliche Sitte vorschreibt. Und während sie beten, kommen die acht nackten Mädchen herein, knien weinend und beten mit ihnen. 29 In seiner winzigen Schlafkammer wacht Giuliano – seit Stunden wohl schon. Oder ist kein Verlaß aufs Zeitgefühl, wenn das Blut, sich überhastend, in Herz und Schläfen hämmert? Keine Turmuhr kündet in der Rocca die Stunden der Nacht. Der Mond allerdings ist auf dem Zifferblatt des Himmels ein ganzes Stück schon fortgewandert, seit er vorhin in den Zweigen der Platane hing wie ein riesiger Apfel ... Die alte maurische Dienerin hatte Giuliano zu seinem Schlafgemach hingeleuchtet. Vergeblich war er bemüht gewesen, sie auszuhorchen. Stockstumm hatte sie mit dem Zeigefinger ihren Greisinnenmund berührt, zum Zeichen, daß ihr zu sprechen verboten sei. Allein geblieben begriff er, daß er Schlummer in dieser Nacht nicht finden würde. Statt sich auszuziehn und ins Bett sich zu legen, setzt er sich in einen Armstuhl – nachdenkend und grübelnd und von den seltsamsten Bildern (Abbildern seiner heutigen Begegnisse) heimgesucht, gleichsam als säße er, ein Zuschauer, vor einem Guckkasten. Den Arm auf die Stuhllehne und den Kopf auf den Arm gestützt, ruft er das Erlebte sich ins Gedächtnis zurück, ohne für die Wunder eine stichhaltige Erklärung zu haben und ohne die Absichten Lodovicas recht ergründen zu können. So viel ist ihm klar, daß sie die selbstlose Helferin, als die sie ihm während des Karnevals erschien, gewiß nicht ist. Ihr Amazonentum hatte wohl damals Eindruck auf ihn machen können; – heute nicht mehr. Auf der Hut sein muß er vor der Beschützerin, die dem Katzengeschlecht angehört und ihn wie eine Tigerin oder löwenleibige Sphinx mit grausamen Krallen gepackt hält. Das eine hat ihn ihre Gastfreundschaft gelehrt: daß die Rocca ein verwunschenes Schloß ist und daß ihm noch mehr Wunder bevorstehn. Vielleicht noch in dieser Nacht ... Es sei denn, daß alles, was er tagsüber geschaut, ein Fiebertraum war. Ein leises Geräusch schreckt ihn auf. Es war, wie wenn Gartenkies knirschte unter leichtfüßigen Schritten von Rehen. Er tritt ans offene Fenster, blickt in den Schloßgarten hinaus. Träumt er schon wieder? Jasminweiße Leiber blinken überschneit vom Mondglanz, acht hüllenlose Mädchen schreiten geisterhaft dort über den Rasen und entschwinden hinter den Stämmen der alten Zypressen und Eichen. Eine unbezwingliche Sehnsucht erfaßt Giuliano, ihnen nachzueilen, sie anzureden, alle die Rätsel sich von ihnen deuten zu lassen. Seine Liebe zur toten Violetta ist ja ein geheimnisvolles Band, das ihn auch an diese unglücklichen Mädchen – ihre Freundinnen – bindet. Wer weiß, sie bedürfen vielleicht seiner Hilfe, versklavte, verwaiste, armselige Geschöpfe, die sie sind! ... Sie und er werden vielleicht sich gegenseitig beistehn können. Wer weiß auch, ob sich jemals wieder eine Gelegenheit bieten wird, sie allein zu sprechen; – denn die Fürstin (das hat er deutlich gesehn) war nicht unter ihnen. Da seine Kammer zu ebener Erde gelegen ist, steigt er in den Park und geht den Mädchen nach. Er gelangt an einen mit Wasserrosen bewachsenen Teich. Gespenstisch, wie vorhin ihr Schreiten über den Rasen war, ist jetzt das geräuschlose Baden der Mädchen. Sie reden nicht miteinander, keine Freudenrufe stoßen sie aus und tauchen nicht freudezitternd in die nachtkühlen Wellen. Kaum daß man sie plätschern hört. Schwermutsvoll vor sich hin starrend, sind die einen am Uferschilf gelagert, die andern stehn bis zu den Schenkeln im Teich; mit der hohlen Hand Wasser schöpfend, übergießen sie sich die Nacken und die Brüste. Demantenhaft glitzern im Mondlicht die Tropfen. Hinter einem Gebüsch verborgen, beobachtet Giuliano ihr wehmütiges Gehaben. Jetzt tritt er ans Ufer heran und sagt: »Erschreckt nicht, fanciulette, – ich muß euch doch begrüßen; und hier darf ich es endlich, – wir sind ja hier allein!« Doch kein Jubel schallt ihm entgegen. Die Mädchen sind erstarrt vor Schreck. Raffaela, die im Teich gestanden, watet ans Ufer und redet ihn finster an: »Messer Giuliano, Ihr brachtet Donna Violetta den Tod; – wollt Ihr auch uns den Tod bringen? Und Euch selbst?« »Außer dem Mond, Signorina, sieht und hört uns doch kein Späher hier. Beantwortet mir wenigstens die eine Frage: dient ihr freiwillig der tollen Fürstin?« »Im Namen der Jungfrau Maria, Signore, sprecht nicht mit uns! Geht! Verlaßt uns!« »Ich gehe gleich, Signorina! ... Nur das eine sagt mir noch: Was ist die Rocca? Wo befinden wir uns? In einem Traumland? In einem Zauberschloß? Oder – in einem Freudenhaus?« Raffaela schweigt. Doch eins der Mädchen murmelt: »In einer Räuberhöhle!« Es ist Giuliano, als habe er Nellas Stimme erkannt. In diesem Augenblick ertönt lautes Hundegebell. Mit großen Schritten naht Lodovica dem Schilfufer. An einer Kette führt sie eine mächtige Dogge, – oder vielmehr: sie läßt sich vom rasenden Tier führen, schleppen, zerren und ist gezwungen, streckenweise zu laufen, will sie vom Hunde nicht umgerissen werden. Erhitzt, rot vor Wut bleibt Lodovica vor Giuliano und Raffaela stehn und schreit sie an: »Ihr habt gesprochen! Weh Euch ...!« Die Dogge mit der linken Hand haltend, erhebt Lodovica mit der Rechten eine Hundepeitsche, um Giuliano ins Gesicht zu schlagen. Doch im selben Moment springt die Dogge auf Giuliano zu, kann ihn aber, behindert durch die Kette, nicht beißen. Die Fürstin reißt den Hund zurück und peitscht ihn unmenschlich über die Schnauze. Da wirft sich der Hund auf seine Herrin, zerfleischt ihr den Unterarm und schnappt nach ihrem Gesicht. Um ihre Schönheit wäre es geschehn gewesen, hätte nicht Giuliano mit seinen beiden Händen den Hals der Dogge umklammert, mit so eisernem Griff umklammert, daß, aller Verzweiflungssprünge ungeachtet, das gewürgte, am Atmen gehemmte Tier nicht freikommt. Blitzschnell reißt die Fürstin aus ihrem Gürtel einen Dolch und stößt ihn der Dogge ins Herz. »Du hast mir mehr als mein Leben, du hast mir mein Gesicht gerettet, Guliano! Darum sei dir diesmal verziehn ... Begleite mich – du bist ja ein Arzt –, du sollst mir diese blutenden Fleischfetzen verbinden und Balsam darauf träufeln! ... Sie schmerzen, Giuliano ...« 30 Dem Glase Cyperwein, womit Giuliano nach Anlegung des Verbandes belohnt wurde, muß wohl – (anders läßt es sich nicht erklären) – ein Schlafmittel beigemischt gewesen sein. Er, der vermeint hatte, Schlummer werde ihm in dieser Nacht nicht beschert sein, schläft nunmehr allzulange und erwacht erst, als die Strahlen der Nachtmittagssonne fast schon waagerecht die Zimmer des Schloßturms röten und Dämmerung die tiefer gelegenen Mauern der Rocca zu umdunsten beginnt. Erschreckend, springt er aus dem Bett, – an der Tür seiner Kammer klopft es, der Burgfriseur tänzelt herein, legt ihm einen Barbiermantel um, füllt das Waschbecken mit heißem Wasser, verschönt ihn und ist ihm behilflich, raschestens in den schneeigen Atlasanzug zu schlüpfen. Auf einer der Schloßterrassen wartet die Fürstin auf ihres Gastes Erscheinen. Unbeschreiblich schön ist die Aussicht von der Terrasse: hinab in die Waldeinsamkeiten und die panischen Felsenödnisse des Tales zwischen den beiden Marmorburgen, auf das hohe, lächelnde, türkisene Meer und auf einen langgestreckten Wolkenstreifen, worein der niederwärts gleitende Sonnenball eine blutende Wunde reißt. Trauer angelegt hat Lodovica. Ihr rechter Arm ruht in einer schwarzen Binde. Ganz allein sitzt sie da und liest. Das Buch schlägt sie zu, als er beschämt herankommt. Lachend hält sie ihm die linke Hand zum Kusse hin und heißt ihn, neben ihr Platz zu nehmen. »Spät kommst du, nach meinem Arm dich erkundigen, totes Kind! Meine Ärztin hat inzwischen den Verband gewechselt. Die Wunde heilt nach Wunsch.« »Ach, warum habt Ihr mich nicht früher wecken lassen, Principessa!« »Ich habe dich schlafen lassen, damit du Kräfte sammelst. Du wirst Kräfte nötig haben heute.« »Wollt Ihr damit sagen, daß ich mich selbst überwinden muß? Dazu bedarf es keiner Muskeln, Principessa! Ich bin schon mit zäheren Feinden (als ich mir bin) fertig geworden! Bei meiner Seele beteuere ich: ein zweitesmal werde ich Euer Verbot, badende Nymphen anzureden, nicht übertreten!« »Das hat keine Gefahr heute. Denn die Mädchen wirst du heute nicht zu Gesicht bekommen. Sie richten den Bankettsaal der Rocca her als eine Totenhalle für die Aufbahrung der Marchesa Isotta; – sie bekleiden die Wände mit schwarzem Tuch, sie türmen rings um den Katafalk Blumen zu wahren Hügeln auf ...« »Wißt Ihr, Principessa, daß die Marchesa einen Gemahl hinterläßt, – den man von ihrem Ableben benachrichtigen müßte?« »Einen Gemahl? ... Wen meinst du? Doch nicht dich? ...« »Nein: General Bragadino. Er und sie lebten seit vielen Jahren getrennt, doch sie war sein ehelich angetrautes Weib.« »Höre, lieber Freund, über Bragadino wollte ich mit dir sprechen. Du hast doch unter seinem Dach gewohnt. Wie denkst du über ihn?« »Ich glaube nicht, Principessa, daß Dankbarkeit mein Urteil trübt. Bragadino ist ein rauher alter Soldat, ergraut im Dienst, hart gegen sich selbst und andere, vor allem aber: stets gerecht. Trotz seiner Strenge vergöttern ihn seine Untergebenen. Er kann überaus jähzornig sein und hat doch das weiche Gemüt eines Kindes. Zu mir war er rührend gut ...« »Es wird dir sehr nahegehn ... Doch ich darf es dir nicht verschweigen.« »Was denn, Principessa?« »Wie General Bragadino umkam!« »Er starb?! ... Traf ihn eine türkische Kugel? ... Woher habt Ihr's?« »Mein Vetter Scipione Fieschi schrieb mir. Dir wird das Blut in den Adern vereisen, wenn du's hörst ... Die Ohren wirst du dir zuhalten, du wirst mich nicht weiterreden lassen ...« »Ich werde Euch nicht unterbrechen, Principessa ... Sagt es schnell! Quält mich nicht länger! ... So sagt es doch!« Und nun erzählt Lodovica das Furchtbare. Und wie sie es vorausgesehn hatte –: in Giulianos Adern vereist das Blut. Kein einzigesmal unterbricht er ihren Bericht. Nur ab und zu murmelt er mit weißen Lippen: »Mein Gott!« ... »O mein Gott!« ... »O allmächtiger Gott vom Himmel! ...« Nach langer verzweifelter Gegenwehr hatte Bragadino die Festung Famagosta nicht mehr halten können. Mustapha Pascha sicherte ihm und seinem zusammengeschmolzenen Christenheer freien Abzug nach Kreta zu. Die Schlüssel der Festung abzuliefern, begab sich Bragadino mit drei venezianischen Offizieren zu Mustapha. Nach höflichem Empfang änderte plötzlich der Türke den Ton und beschuldigte Bragadino, ein mit Osmanli bemanntes Boot angegriffen zu haben, als die Venezianer die weiße Fahne bereits gehißt hatten. Unverzüglich ließ Mustapha die drei Offiziere köpfen, ließ dem General Nase und Ohren abschneiden und ließ ihn in ein Kerkerloch sperren, damit er dort neun Tage ohne Trank und Speise schmachte. Nach Ablauf dieser Frist aus dem Loch geholt, wurde Bragadino durch Geißelhiebe gezwungen, überschwere Lasten zu tragen, – einen ganzen Tag lang trieben sie ihn wie ein erschöpftes Reittier mit Geißelstreichen an, Steinlasten zu schleppen, bis er endlich zusammenbrach. Und jetzt banden die Unmenschen den völlig Entkräfteten an einen Pfahl und zogen ihm – auf Befehl Mustapha Paschas, der dabei stand und zuschaute – die Haut ab ... Auf einem eigens zu dem Zweck nach Konstantinopel beorderten Schiff überbrachte ein Abgesandter Lala Mustaphas dem Padischah die drei Köpfe der Offiziere und die mit Heu ausgestopfte Menschenhaut. Große Tropfen rollen über Giulianos Wangen und Kinn. Mühsam hatte er, während Lodovica sprach, die Tränen zurückgehalten. Vergebens kämpft er noch gegen den Krampf des Kummers an. Es überwältigt ihn, es schüttelt ihn. Ein schreiartiges Winseln dringt aus seiner Kehle. Er bricht in ein wildes, lautes Geschluchze aus. Mehrere Minuten lang läßt Lodovica seinen Schmerz sich austoben. Dann sagt sie: »Hätte ich es vor dir geheimhalten sollen? Einmal mußtest du es ja doch erfahren ... Einen Schmerz muß man überwinden und niederstrecken wie einen Feind: wer einen Schmerz auf der Walstatt liegen ließ, ist freier, als er vordem war.« Während sie so mit einer trostarmen Sentenz seinen Weinkrampf zu beschwichtigen sucht, späht sie nach der Tür hin, die aus den Gemächern der Rocca auf die Terrasse führt. Ihr verstohlener, ein Geschehnis erwartender Blick hätte – wäre er von Giuliano bemerkt worden – eine Warnung für ihn sein müssen. Doch schmerzübertäubt, sieht und hört er nicht, was um ihn vorgeht ... Da kommen Nella und Marietta auf die Terrasse. Sie haben durchsichtige Hemden aus spinnwebdünnem schwarzem Musselin an zum Zeichen der Trauer. Mit hastigen Schritten und, dem Anschein nach, tödlich erschrocken, eilen sie auf die Fürstin zu. Diese fragt verwundert: »Was gibt es, Nella? Ihr seid ja beide so bleich ...« »Principessa, – die Signora Marchesa ist nicht tot! ...« »Was faselst du ...?« »Sie lebt, Principessa! Wir legten sie auf die Erde, – da schlug sie die Augen auf!« »Das kann nicht sein ... Ein solches Wunder – – –« »Das größte Wunder, Principessa, ist, daß sie, die doch gelähmt und stumm war, jetzt sprechen kann!« »Komm mit, Giuliano! Laß uns hingehn und uns selbst überzeugen! ... Das muß ich mit eigenen Augen sehn, wenn ich das glauben soll!« Durch den Nebel seines Schmerzes vernimmt Giuliano die Aufforderung der Fürstin. Was geht die Marchesa ihn an? Er weint um die entsetzliche Todesmarter seines Freundes Bragadino ... Das Verscheiden Isottas hat ihn gestern keine Träne gekostet, und über ihr Wiedererwachen empfindet er keine Freude ... Willenlos, gleichsam in einem mondsüchtigen Zustand, folgt er der Fürstin in die Totenhalle. Mit schwarzem Tuch sind die Wände und die Fenster verhängt. Blumen, zu Bergen gehäuft, decken den Fußboden. Vier silberne, mannshohe Leuchter, in denen je eine armdicke Wachskerze schwelt, umgeben den Katafalk. Leichenhaft aufgebahrt liegt Isotta zwischen weißen Rosen und Kamelien da, umkniet von sechs in schwarze Musselinhemden gehüllten Mädchen. Mit glühenden Augen blickt sie die Eintretenden an, streckt ihren Geierhals vor, – wie sie es einst auch in Cypern zu tun pflegte. Allzu verweint ist Giuliano, um ihre Gesichtszüge genau erkennen zu können. Zwar neigt er den Kopf zum Gruß, seine Gedanken jedoch weilen bei Bragadino, dem unglückseligen Bragadino ... »Gelobt sei Gott!« redet Lodovica die Marchesa an. »Welch ein Wunder hat der Allmächtige an Euch getan! –: Eure Seele hat er zurückgeschickt auf die Erde, hat Euch die Sprache wiedergegeben, damit ihr offenbaren könnt, was der Tod Euch gestern zu sagen verhinderte!« »Sprechen ist mir schwer ... Fragt schnell, – ehe Gott mir den Mund schließt ... Was wollt Ihr wissen?« »Was im Dokument, das niemand kennt außer Euch, über Messer Giuliano geschrieben stand.« »Lorenzinos Sohn, ein Medici ...«, haucht Isotta. 31 Wenn in späteren Tagen Giuliano an die Geschehnisse dieses Abends zurückdachte und sich fragte, in welcher Geistesverfassung er – dem Ansturm unerhörter Eindrücke preisgegeben – das Unwahrscheinliche aufnahm, so kam es ihm vor, er habe sich, während Isotta sprach, in einem Rauschzustand befunden wie einer, der Tollkirschen aß. Dunkel entsann er sich, daß sein Schmerz um Bragadino durch ein ephemeres Hochgefühl verdrängt wurde, als er – gleich darauf – mit Lodovica nach dem größeren Marmorkastell hinüberritt und seinen getrübten Gedanken mit Möglichkeiten – als wären es jonglierte Bälle – zu gaukeln erlaubte: wäre er etwa doch ein Medici? Und demnach Lorenzinos Tochter, Donna Faustina, seine leibliche Schwester?! – Wie gut würde das seine Neigung zu ihr erklären, die er verehrt, ohne sie zu lieben. Denn lieben tut er nur die tote Violetta: von ihr wird er voll schmerzlichen Verlangens in die Grabeswelt gerufen, – wie der große Pan von der Nymphe, an deren Liebe er starb ... Doch kaum hundert Schritte von der Rocca entfernt erlosch der Irrlichtertanz der unmöglichen Möglichkeiten, und immer stärker wurde sein Mißtrauen gegen die eignen Sinne. Daß tags zuvor die Sterbende niemand anders als Isotta gewesen, – daran läßt sich allerdings nicht zweifeln. Die Wiedererwachte, aus dem Todesschlaf Zurückgekehrte jedoch – war das die Marchesa? Mit verweinten Augen und im schummrig erhellten Raum hatte er ihre Gesichtszüge nicht deutlich sehn können ... Und war das ihre Aussprache, ihr Tonfall, war das überhaupt ihre Stimme gewesen? Er hatte in Cypern Isotta ein levantinisches Italienisch reden hören; – die ins Leben zurückgekehrte aber sprach Toscanisch – ein so reines Toscanisch, als stammte sie aus Siena. Und nachträglich fiel ihm ein, daß die Ärztin sich neben dem Katafalk nicht befand ... Welch einen Wert also konnte die Aussage einer falschen Isotta haben? Neben der schweigsamen Lodovica trabend, lächelte Giuliano schmerzlich vor sich hin und dachte: »Durch nichts konnte sie mir besser beweisen, daß ich kein Medici bin, als durch diese Spiegelfechterei! Getäuscht ist nur sie, – nicht ich! ...« 32 Lakaien halten brennende Wachsfackeln und Reitknechte stürzen diensteifrig herbei, als die Fürstin und ihr Begleiter das Castello delle cento camere erreicht haben und im hinteren Burghof sich aus den Sätteln schwingen. Gelbliche Festbeleuchtung strahlt aus allen Burgfenstern in die schwarze Nacht hinaus. Und jetzt führt Lodovica Giuliano in die geheimnisvolle Camera d'oro. Ein geheiligter Raum ist die Goldkammer. Bloß bei seltenen Anlässen gestattet die Fürstin ihren Gästen, die goldene Schwelle zu überschreiten. Nicht nur die Schwelle ist aus purem Golde gestanzt. Schwere Goldplatten überkleiden die Wände, die Decke und den Fußboden der Camera d'oro. Das Übermaß des Goldgeflimmers tut den Augen weh. Versammelt stehn hier die Fuorusciti, überragt von guelfischen Fahnen und Standarten. Voll ehrerbietiger Scheu weicht die in Seide rauschende Menge auseinander und läßt eine Gasse frei für die Fürstin und den jungen Mediciprinzen, die Hand in Hand hereinkommen. Lodovica führt Giuliano an einen Tisch heran. Ein mit einem malachitgrünen Tuch bedeckter Gegenstand liegt auf dem Tisch. »Knie nieder, Giuliano! Kniet alle nieder!« befiehlt sie. Widerspruchslos gehorchen alle. Es wird grabesstill. Lodovica zieht das Tuch weg. Da erblickt Giuliano auf dem Tisch einen großen goldenen Teller; und auf dem Teller – als wäre es Johannes des Täufers Haupt – liegt ein bärtiger, braungelb eingetrockneter Mumienkopf. Feierlich redet sie Giuliano an: »Dies ist der Kopf deines Vaters, Giuliano, der Florenz vom Tyrannen Alessandro befreit hat und darum von den Meuchelmördern Cosmos in Venedig erdolcht wurde. Das Haupt Lorenzinos haben seine Freunde einbalsamieren lassen, damit er – unbeerdigt – eine sichtbare Mahnung bleibe, bis sein Bluträcher die Tat vollbringt, die seiner schweifenden heimatlosen Seele Ruhe unter der Erde schaffen wird. Schwöre ihm und uns, Giuliano, daß du seiner Seele Ruhe schaffen wirst!« Langsam hat sich Giuliano erhoben und starrt den Mumienkopf an. Doch kein Laut kommt aus seinem Munde, regungslos steht er da. »Zaudere nicht, Giuliano!« ruft Lodovica drängend. »Es ist Sohnespflicht, den Vater zu rächen! Alle die hier knien, werden dir huldigen und Treue geloben, sobald du geschworen hast, ein Befreier von Florenz zu werden, wie dein Vater ein Befreier von Florenz gewesen ist!« »Ihr verlangt von mir, Fürstin, daß ich Cosmo töten soll?« »Schwöre, daß du es tun willst, Giuliano, – und wir alle werden dir behilflich sein, die Lilienkrone von Florenz zu erlangen, die der Usurpator dir stahl!« Mit beiden Händen ergreift Giuliano den Teller, hebt ihn und drückt den Tellerrand an seine Brust, so daß sein Gesicht dem Gesicht des Toten ganz nahe ist. Und er redet mit dem einbalsamierten Haupte ... Früher als die übrigen rings knienden Zuhörer spürt Lodovica aus dem absonderlichen Klang seiner Worte einen Nebenton heraus, – einen besinnlichen Narrenton: der war ihr schon einstmals in Semprebenes Taverne aufgefallen, als der von den Stravaganti gehänselte Pastetenbäcker sich seiner Haut durch gespielte Einfalt erwehrte. In diesem Ton hatte er »Ich lebe in der Hölle« gesagt, und »Der Mond ist leichter zu treffen als ich: ich bin zu weit weg! ...« Wie traumverloren nickt Giuliano dem Toten nachdenklich zu und flüstert: »Als ich mit Norfolk in Mesopotamien reiste, sah ich beim Volk der Gestirnanbeter solch ein unverwesliches Haupt, – das war lebendig und konnte sprechen. Kannst auch du sprechen, totes Haupt?« »Komm endlich zur Sache, Giuliano! Hundert Freunde warten auf deinen Eid!« drängt Lodovica voll Ungeduld. »Gleich, gleich, Principessa! ... Die Gestirnanbeter setzen einen Menschen, der dem Planeten Merkur gleicht, in ein Bad von Öl und Borax, bis der Kopf ganz von selbst sich vom Körper löst, und dann stellen sie Fragen an das weissagende Haupt ... Auch ich will dich fragen, Haupt, – du sollst mir die Rätsel des Lebens lösen! –: Kann ich dein Sohn sein, Haupt? Ich bin ja du! und du bist ich! Jedes Knöchelchen an dir ist ja auch an mir! Du und ich – wir sind Brechungen eines Lichtstrahls. Wie also kann ich, da ich du bin, mein eigner Vater sein? ...« Mehrmals hatte Lodovica vergebens versucht, ihn zum Schweigen zu bringen, während er, ihre leisen Zurufe überhörend, immer hastiger weitersprach. Jetzt endlich glückt es ihr, ihn zu unterbrechen, sie faßt ihn am Ärmel und zischt ihn wutbebend – doch immer noch im Flüsterton – an: »Hast du den Verstand verloren? Vergiß nicht, wo du dich befindest!« Verträumt lächelnd entgegnet Giuliano: »In einem Labyrinth befinde ich mich, erlauchte Fürstin, – ich finde mich in den hundert Kammern nicht zurecht ... Oh! zürnt mir nicht! –: es bewegt mich so, dies merkurische Haupt zu betrachten ... – obwohl es mein Vater schwerlich ist.« »Du aber bist Lorenzinos Sohn! – die sterbende Marchesa hat es bekundet und du hast es gehört!« »Meine Ohren hörten es, Principessa; – mein Herz blieb taub.« »Verspottet uns der Prinz – oder ist er krank?« ruft einer der Knienden barsch. Ein Gemurmel und leises Murren geht durch die Reihen. »Habt noch etwas Geduld mit ihm, meine Freunde!« ruft Lodovica. »Allzu plötzlich und überraschend kam ihm die Mitteilung, daß er fürstliches Blut in den Adern hat, daß er ein Thronerbe ist!« »Ich bin der König von Cypern; – meine Mutter Catarina Cornaro ist freilich schon hundertundfünfzig Jahre alt – – –« »Genug der Narreteien!« schreit Lodovica Giuliano an. Sie packt ihn am Arm und schüttelt ihn, so daß Lorenzinos Haupt beinahe vom Tellerrand gleitet. Viele der Knienden erheben sich empört. Und wieder fährt sie ihn an, noch lauter schreiend: »Glaube nicht, daß du mit den Possen dich deiner Pflicht entziehen kannst!« »Welcher Pflicht, Principessa?« Diesmal ist es einer der Verschworenen, der die Frage beantwortet: »Der Pflicht, Signor, Eures Vaters Tod zu rächen! Doch gefahrvoll ist die Tat, welche die Pflicht von Euch verlangt, und uns scheint, daß Ihr Deckung hinter Spötteleien sucht, weil Ihr Angst habt und ritterliche Ehre nicht kennt!« Diese Beleidigung übt eine unerwartete Wirkung auf Giuliano aus. Sein eben noch lächelndes Gesicht verfinstert sich. Den goldenen Teller mit dem Haupt stellt er dröhnend auf den Tisch. Die Arme über der Brust verschränkt, wendet er sich seinen Anhängern zu. Seine Blicke fordern die Enttäuschten heraus, die in tiefster Ehrerbietung ihn zuerst begrüßt hatten und jetzt feindselig ihn umringen wie ein Rudel hungriger Wölfe ... Und er scheut sich nicht, sie noch mehr, als bisher, zu reizen. »Angst?« ruft er. »Was ist das, Angst? Wie sieht sie aus, die Angst? Ist sie eitel Wind? Hat sie Mark und Knochen? Hat sie einen Nabel, zehn Zehn, eine Nase und einen Schopf? Schafft mir das schlotternde Weibsbild her, denn bis heute habe ich seine Bekanntschaft noch nie gemacht. Ich fürchte ja nicht einmal euch, edle Herren! Glaubt ihr's mir nicht? Seht, die Pflicht – meine Pflicht – schreckt mich nicht; den verlangten Eid zu leisten, schreckt mich nicht: ich schwöre – (vernehmt es, ihr seid ja meine Eidzeugen!) – so wahr ich Messer Giuliano da Cipro bin, schwöre ich, daß ich Cosmo – der mir Gutes tat – vor Meuchelmördern schützen werde; vor euch und sogar vor mir selbst, falls ich ein Meuchler an ihm werden sollte!« Unbeschreiblich das Tohuwabohu und wilde Durcheinander nach diesen Worten. »Er will uns verraten! Er will uns ans Messer liefern, der Verräter!« und ähnliche Rufe erschallen. Die Verschworenen toben, brüllen, mehrere ziehen die Degen, wollen sich auf Giuliano werfen ... Da tritt jählings Stille ein. In die Camera d'oro schreiten waffenklirrend die drei afrikanischen Leibtrabanten und eine Anzahl geharnischter Hellebardiere. Dem Neger Achmed erteilt die Fürstin den Befehl: »Mit deinem Kopf bürgst du für das Leben Seiner Hoheit des Prinzen Giuliano de' Medici! Geleitet Seine Hoheit in den Säulensaal!« Und nachdem Giuliano, umringt von Bewaffneten, hinausgeführt worden ist, spricht Lodovica zu den Verschworenen beschwichtigend und zuversichtlich: »Vergebt ihm den unsinnigen Trotz und habt Geduld mit ihm! Ein Vollblutfüllen läßt sich nicht an einem Tage schirren und kirren. Doch ich habe Zucker und Peitsche, ihn gefügig zu machen. Und ich verspreche Euch, daß er nach einer Woche stolz sein wird, Euer Prinz und Anführer zu sein!« 33 Zwei vergilbte Wandteppiche des Säulensaales stellen Vorgänge aus dem Leben des Magiers Cyprianus von Antiochien dar: wie er vergeblich die Jungfrau Justina zu verführen unternahm, und wie er, bekehrt von ihr, das Martyrium erlitt gemeinsam mit ihr. Ein Lächeln zuckt in Giulianos Mundwinkeln, als er die Gobelins anschaut: so wie dem Zauberer da könnte es am Ende der Frau des Schlosses ergehn, –: wer allzueifrig verführen will, läuft Gefahr, bekehrt zu werden, – das zeigt diese Legende ... Ein länglicher, von einer alabasternen Hängeampel erhellter Raum ist der Säulensaal. An der hinteren Schmalseite führen etliche Stufen zu einem Säulengang empor. Grotesken winden sich im Rankenwerk der Kapitelle. Unmittelbar hinter den Säulen wogt, von einem Luftzug leise bewegt, ein schwarzer Sammetvorhang. Außer durch die beiden Gobelins werden die Wände durch hohe Bücherschränke verdeckt. Die Reihe der Schränke unterbricht an den zwei Langseiten je ein offenstehendes Fenster. Im Flur draußen wachen vor der Tür zwei der Neger. Der dritte, Achmed, hat den vermeintlichen Prinzen bis in die Mitte des Saales begleitet und rückt ihm voll unterwürfiger Dienstbeflissenheit einen Lehnsessel an den mit Büchern bedeckten Tisch heran. »Falls Eure Hoheit Wünsche hat ...« »Ich habe nur den Wunsch, allein zu sein.« Achmed verbeugt sich und geht zur Tür. »Halt!« ruft ihm Giuliano nach. »Hier zieht es eisig. Schließe die Fenster!« »Das darf ich nicht, Hoheit. Meine erlauchte Gebieterin liebt den nächtlichen Westwind, weil mit ihm die Musik, vom Meere her, hereintönt.« Bei diesen Worten deutet Achmed mit einer Kopfbewegung auf das linke Fenster hin. Jetzt erst bemerkt Giuliano, daß von außen her überaus zarte, kaum vernehmbare Harfenklänge an sein Ohr dringen. »Wer bewegt dort den schwarzen Vorhang?« fragt er. »Der Wind, Hoheit.« »Was befindet sich dahinter?« »Der Vorhang verbirgt, was meine Herrin verborgen haben will.« »Und das ist?« »Keinem ist erlaubt, hinter den Vorhang zu blicken ... Ich glaube, dort sind nekromantische Gerätschaften.« Glasglänzend blinken die Augäpfel des Negers und seine prachtvollen Zähne; darum wirkt die Antwort eher spöttisch als mysteriös. »Und was sind das für Gerätschaften?« »Unsereins darf es ja nicht wissen, Hoheit. Aber gemunkelt; wird: ein Kessel sei dort; – wenn man den mit Kräuterwasser füllt und sieden läßt, so entsteigen seinem Dampf Gespenster.« »Deine Herrin treibt also die schwarze Kunst?« »Sie ist eine große Magierin, Hoheit.« Da Giuliano keine weiteren Fragen stellt, verbeugt sich Achmed nochmals, äußert den Wunsch, Seine Hoheit möge tausend Jahre leben, und begibt sich zu den beiden andern Wachtposten auf den Flur hinaus. Die Tür läßt er halbgeöffnet. Am Tisch sitzend lauscht Giuliano einige Zeit lang der geheimnisvollen wunderschönen Musik. Die Harfentöne ersterben zuweilen, verlöschen wie ein von einem Lufthauch ausgeblasenes Licht. Dann wiederum heben sie von neuem zu klagen an, erzählen – beklommen schreitend und flüsternd – von großem Herzeleid, werden lauter und lauter, jauchzen überselig, erschauern im Augenblick höchster Lust zu Tode getroffen, verkrampfen sich wild und verstummen so plötzlich, als hätten die Aufschreie ihrer Schmerzakkorde die Saiten der Harfe zerrissen. Und leiser als das Raunen von Schilfblättern oder windgeschaukelten Grashalmen setzt nach einer Weile das Tönen wieder ein ... Die auf dem Tisch liegenden Bücher hatten nicht sogleich Giulianos Aufmerksamkeit erregt. Erst, als eine Zeitlang die Harfe verstummt zu sein scheint, beginnt er die Bände sich anzusehn und staunend zu durchblättern. In seinem Staunen sind Abscheu, Ekel und Bedauern gemengt. Welch eine Auslese von Schlüpfrigkeiten! Wenn die Verfasser dieser Hurenschriften wenigstens Talent gehabt hätten! Wenn sie wenigstens versucht hätten, das kraß Geschlechtliche durch Grazie und Schönheit oder Geist zu adeln und in die Sphäre der Kunst zu erheben! ... Und Giuliano sinnt über Lodovica, die Sammlerin und Besitzerin solchen Schmutzes. Hat sie nicht auch die Rocca mit schamlosen Frivolitäten ausmalen lassen? Wie ist es nur möglich, daß sie Freude daran findet, ihre weißen Finger mit derartigem Unflat zu besudeln? ... Oder sind ihre Finger nicht makellos? Klebt etwa Blut, wohl gar auch Gift an ihnen? ... Kann er sich so in ihr getäuscht haben, die er für keine gewöhnliche Frau und trotz allem nicht für schlecht gehalten hat; – für hochmütig doch auch hochgemut, für überspannt und doch klug; für zielbewußt – doch freilich auch wahllos in den Mitteln, deren sie sich zur Erlangung eines Zieles bedient ... Was aber ist ihr Ziel? Weshalb versteift sie sich darauf, ihn zum Sohn Lorenzinos zu machen? Ist ihr ernstlich daran gelegen, einen Rächer heranzuziehn und Cosmo durch ihn ermorden zu lassen? Daß die aus Florenz Vertriebenen Cosmos Tod wünschen, ist ja verständlich und selbstverständlich. Welchen Grund aber kann sie haben? – außer etwa, daß ihre Mutter, Donna Ricciarda Malaspina, eine grimme Feindin des Duca gewesen? – Doch das ist ja fast schon sagenhaft lange her. Was Albizzis Novellen erdichtende Tochter Semiramide ihm von des Duca unerwiderter Liebe zu Lodovica mitgeteilt hatte, mochte wohl ausgeschmückt und entstellt gewesen sein wie alle Berichte der kleinen Lügnerin. Und selbst wenn Lodovica tatsächlich Cosmos Anträge abgewiesen hatte, so wäre ihr Mordwille doch keineswegs damit erklärt ... Nein, – eine andere Erklärung drängt sich Giuliano auf (und das ist das Ergebnis seines Nachdenkens): eine Sphinx haßt nicht – sondern zerfleischt aus Spielsucht, zum bloßen Zeitvertreib (denn einsam sind die Sphinxe! ...) Auch Lodovicas angebliche Feindschaft gegen alle Männer, ihr Gerede von einem Frauenreich, womit sie die Welt zu bessern gedenke, – nichts anderes ist es als Launenhaftigkeit und Spielerei einer allzureichen, allzumächtigen, durch Gattentreue und Mutterpflichten nicht gehemmten Adelsfrau ... Aber auch diese Deutung befriedigt ihn nicht ganz – vor allem gibt sie für einen so hohen Grad von Perversität keine gültige Auslegung. Daher greift Giuliano auf seinen ersten, eben noch verworfenen Erklärungsversuch zurück und verknüpft ihn mit dem zweiten: wenn auch die Launenhaftigkeit, die Spielsucht einer haßlosen Sphinx das einzige sichtbare Motiv für die Tollheiten, Frevel und Überspanntheiten der Fürstin ist, so muß doch wohl, ihr selbst unbewußt, unter der Oberfläche ihrer lachenden, souveränen Unsittlichkeit ein kranker Haß wie ein Bohrwurm an ihr fressen; – ein Haß und eine schmerzvolle Enttäuschung, die es nie verwand, daß Cosmo in ihr seine Tochter Isabella geliebt hatte. Weil ihr Stolz an diesem Erlebnis Schiffbruch gelitten, war sie männerfeindlich und pervers geworden, von Grund aus verderbt und Verderben stiftend, unstet wie ein tückischer See, dessen Windstille todesschwanger ist. Unbeständig sogar gegen ihre Launen: denn schlecht stimmte zu ihrer Männerfeindschaft das mütterlich sorgende, oft schwesterliche Wohlwollen, mit dem sie ihn zuweilen anblickte. So daß im Verlauf der letzten beiden Tage schon mehr als einmal der Verdacht in ihm aufgestiegen war: ob es nicht etwa weniger der Haß gegen Cosmo als vielmehr eine verstohlene Verliebtheit in ihn (Giuliano) sei, was Lodovica zu seiner Betreuerin machte? ... 34 Die Saaltür wird aufgerissen. Lodovica steht Giuliano gegenüber. Sie sind allein: die Neger haben, sobald die Fürstin hereintrat, die Tür von außen geschlossen. Vor ihm auf und ab gehend, überschüttet sie ihn mit dem Schwall ihres siedenden Zorns: »Ha! Du Wolkensohn! Du Halbmann! Das hast du prächtig gemacht! Hätte nicht der Himmel sich deiner erbarmt und dir meine Neger rechtzeitig zu Hilfe geschickt, du lägst jetzt dort, von zwanzig Degen durchbohrt, – und sage selbst, ob du es nicht verdient hättest! Hat es je einen Narren gegeben wie dich? –: man müht sich ab, das Dunkel deiner Herkunft aufzuhellen; man beweist dir, daß du ein Prinz bist; man erbietet sich, dir zu deinem Erb und Eigen zu verhelfen, man will dich auf den Schild heben, dir Krone und Thron erkämpfen; – und wie dankst du's? Starrköpfig weigerst du dich zu sein, der du bist, feigherzig erschrickst du vor deinem übergroßen Glück, schüchtern ziehst du deine Schneckenhörner ein! ... Sowie aber einer deiner Getreuen dir deine Ängstlichkeit wie in einem Spiegel vorhält, schlägst du unsinnig mit geballten Fäusten ins Spiegelglas hinein, bis die Scherben umherfliegen und du dir selber die Hände blutig schneidest ...« »Nein, Signora Principessa«, unterbricht Giuliano. »Meine Hände sind unversehrt. Aber Euer Arm hat gestern stark geblutet ... Ich verband ihn. Erlaubt Eurem Arzt zu sagen, daß Eure Armwunde besser heilen wird, wenn Ihr Aufregungen vermeidet und Euch Herzklopfen erspart!« »Wer hat Schuld an meiner Erregung? War es etwa leicht für eine Frau, einen drohenden Männerhaufen in Schach zu halten, wie ich es soeben im Versammlungssaal getan (nachdem man dich hinausgeführt hatte)? War es etwa leicht, das Wutgekreisch deiner Freunde zu beschwichtigen und sie auf deine Bekehrung zu vertrösten, die – das weiß ich bestimmt – in kurzer Zeit mir gelingen wird ... Denn das laß dir sagen: du magst noch so sehr deinem eigenen Kopf folgen wollen und dein Glück in Trümmer schlagen, – es wird mich nicht abhalten, dir den Weg zu bahnen, der für dich der beste ist. Seit einem halben Jahr gehört bei Tag und bei Nacht all mein Sinnen und Denken deinem Wohlergehn; und erst recht wird es so künftighin sein –: denn ich bin nicht undankbar wie du; und ich habe – mag es dir recht sein oder nicht –Dank dir abzutragen dafür, daß du meine Nase vor dem Biß der Dogge bewahrt hast ... Sie ist eine energische Malaspina-Nase – es wäre schade um sie gewesen; findest du nicht auch?« Lachend setzt sie sich an den Tisch, ihm gegenüber. Ihre Finger blättern in einem Schweinslederband, während ihre Augen durchs westliche Fenster zum nachtverhüllten Meer hinausschweifen. Der Wind trägt einige schwermutsvolle Arpeggien in den Säulensaal herein. »Ihr werft mir Undank vor, Signora Principessa. Mit Unrecht. Gleich werde ich Euch zeigen, daß ich es Euch nicht vergessen habe, was Ihr mir Gutes in Florenz getan. Eurem herrischen Herzen – (ich achte, ja ich bewundere es!) – wird es vielleicht ein Dornenstich sein, daß meine Dankbarkeit mich zwingt, Eure Vorwürfe mit ernsten Vorwürfen zu erwidern ... Ihr seid eine Feudalherrin und niemand verantwortlich außer Gott und Euch selbst. Sagt –: wie könnt Ihr Euer Tun und Lassen vor dem Richterstuhl Eurer Seele verantworten? Ich mag nicht Euren Spott hervorrufen – sonst würde ich fragen: Seid Ihr Euch nicht zu schade, sind Eure Augen und Euer reines Herz nicht zu schade für den Unrat dieser Schandbücher? Ekelt Euch nicht vor den unanständigen Bildern der Rocca? ... Ach, – da sehe ich es schon, das mitleidige Lächeln auf Euren Lippen! ... Das reine Herz hätte ich nicht erwähnen dürfen ...« »Du darfst es, Rex Seraphicus! ... Wer reinen Herzens ist, darf denken wie die Engel. Nur erwarte nicht, daß ich eine Engelin werde ... Schilt mich weiter aus. Ich höre zu.« »Erlaubt Ihr, daß ich alles sage?« »Alles. Engelsbotschaft höre ich gern.« »Wozu habt Ihr die acht Mädchen – lauter Töchter cyprischer Adelsfamilien – aus türkischer Sklaverei befreit, wenn Ihr selbst sie als Sklavenmädchen haltet? Warum zwingt Ihr sie, splitternackend bei Tisch zu bedienen, fasernackt durch Säle und Hallen und den Lustgarten zu wandeln, als wäre die Rocca ein liederliches Haus oder ein Tempel der Libitina?« »Ich zwinge keine, mein weiser Freund! Freiwillig tun sie es, weil sie an meine Lehre vom kommenden Amazonenreich glauben.« »Und wie habt Ihr sie bekehrt zu Eurer Lehre, Principessa? Indem Ihr den unschuldigen Kindern diese zotigen Bücher zu lesen gabt! Indem Ihr ihre unbefleckten Augen an die phallischen Roheiten auf den Wandgemälden der Rocca gewöhnt habt! Indem Ihr Jünglinge einludet, mit den Unbekleideten Plato zu lesen, Diskussionen zu führen mit den schönen Philosophinnen, – ohne Euch die Frage vorzulegen, ob nicht die Prüfung, die Ihr den Männern auferlegtet, den Mädchen die Seele verletze und sie zugrunde richte an Seele und Leib! Denn Ihr selbst habt mir erzählt, daß noch kein Mann die Probe bestand; – mit andern Worten: Ungeziemendes geschah in der Rocca; und Ihr, Ihr, Lodovica Malaspina, wart die Kupplerin, habt jugendliche Herzen der Sünde ausgeliefert und verdorben! Eine große Schuld habt Ihr auf Euch geladen, Principessa; – und wäre ich Ihr, so würde ich alles daransetzen, wiedergutzumachen, was ich getan!« »Wie das, Giuliano? Soll ich aus der Rocca ein Kloster machen?« »Nein. Doch Ihr seht bereits den Weg, den Gott Euch führen wird.« »Oder du? ...!« »Was lacht Ihr so, Signorina! ... Wäre ich die Principessa Lodovica, so würde ich allerdings ein Nonnenkloster für gefallene Mädchen gründen. Zerstören, herunterkratzen lassen würde ich die Bilder der Rocca; in Fetzen reißen würde ich diese Bücher, sie zu einem Scheiterhaufen schichten und verbrennen.« »Das wußte ich nicht, daß du ein Bilderstürmer bist und ein Henker der Inquisition! Ich dachte, du seist ein Teufelsanbeter.« »Warum dachtet Ihr das, Signora Principessa?« »Weil du dem König Pfauhahn von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden hast ... Was lehren die Teufelsanbeter?« »Daß König Pfauhahn die Materie sei, Gott aber sei der Geist: der Allgeist, die Urvernunft. Ein ursprünglich edler, doch gefallener Engel sei König Pfauhahn; und seit seinem Abfall sei scheinbar die Welt in Materie und Geist geschieden. Jedoch nur scheinbar, – denn nach zehntausend Jahren werde König Pfauhahn zu Gott zurückkehren und wieder eins sein mit ihm.« »In der Rocca habe ich acht gefallene Engel; und ich gebe die Hoffnung nicht auf, daß du, Giuliano, der neunte gefallene Engel sein wirst! ... Bisher fingen deine Augen nicht Feuer an meinen Schönen.« »Mit denen zu sprechen Ihr mir verbietet!« »Fragt Liebe nach Verboten? Weißt du nicht, daß ein unterdrücktes Feuer um so heißer schwelt? Hättest du eine (als sie bei Tisch bedienten) an den Haaren gepackt, sie wild an dich gerissen und geküßt, – es hätte mir besser gefallen als deine gesittete fischblütige Zurückhaltung.« »Wolltet Ihr nicht, daß ich eine Prüfung bestehe?« »Daß du sie nicht bestehst, wollte und will ich! Nicht du hast versagt, sondern meine Mädchen. Doch vielleicht wird sich ein noch schöneres finden, dem du nicht widerstehn kannst, wenn es dich liebeschauernd in ihre Arme zieht.« »Das habe ich Euch schon gestern gesagt, Principessa, daß kein lebendes Mädchen das vermöchte.« »Am Ende ein totes?« »Die Toten verlassen ihre Gräber nicht! ... Auch Marchesa Isotta kehrte aus dem Jenseits nicht zurück ...« Mit einem blitzschnellen Luchsblick streift ihn Lodovica. Sie erhebt sich und sagt: »Findest du nicht auch, daß es hier nach Scharteken und Bücherskorpionen riecht? Vertreiben will ich den Modergeruch ... obgleich er nicht übel zu meiner Zauberformel passen würde ...« Während Lodovica einige Räucherkerzen anzündet, fragt Giuliano: »Zauberformel? ... Was habt Ihr vor, Principessa?« »Du wirst eine Mysteriennacht erleben, mein Freund. Schrieb ich es dir nicht, daß hier ätherische Dämonen umgehn wie in Tausend-und-einer-Nacht? Ich bin eine Geisterbannerin, Giuliano ... Jetzt aber muß ich dich allein lassen, weil ich noch Vorbereitungen zu treffen habe – unbeschworen erscheinen Dämonengestalten ja nie –, und zum Beschwören brauche ich Schaum von tollen Hunden, die Zunge eines Frosches, Katzenhirn und anderes mehr ...« Sie geht rätselhaft lachend auf den Flur hinaus, wo die drei Neger Wache stehn, und schließt die Tür hinter sich. Der wahre Grund, warum sie hinausging, ist: daß sie den Rauch der vergifteten Räucherkerzen nicht atmen will, die sie angezündet hat, um Giuliano zu betäuben. 35 Glockenhaft wie ein dumpfer Unkenruf dringt jetzt die Klage des Windes herein. Eine einzige Harfensaite ist es, welcher Menschenfinger – (oder sind es des Windes Finger?) – den leisen hohlen Ton entlocken. In immer gleichem Zeitabstand tropft tränengleich der dunkle Ton, wird gleichsam zu einem Tränensee, auf dessen beinahe regungsloser Glätte nach jedem neuen Tropfen Kräuselwellen ziehn. Dann erschrillen im höchsten Diskant zwei verzweifelte Mollakkorde durch die Nacht; und während ihr gellender Aufschrei verklingt, huscht ein Läufer aus ihrer Sopran-Höhe abwärts, – sprunghaft und im Zickzack wie eine der Augen beraubte, zwischen scharfen Messerklingen verschreckt flatternde Fledermaus. In der Tiefe angelangt, stürzt der Läufer in den glockenhaften Ton hinein, wird von ihm geschluckt, verzehrt, stirbt aufzischend, ein in salzige Fluten gestürztes Meteor. Sofort verwandelt sich der eine glockenhafte Harfenton, seine dunkle Eintönigkeit wird von greller karminroter Vieltönigkeit abgelöst: es ist, als wenn eine spiegelglatte Oberfläche zerrissen wurde; ein heißer Sprudel braust aus der Tiefe empor, ein flammender Geiser; – und seine Flammengarben sind ein zauberhaft singendes Leid ... Wieviel Zeit verflossen ist, seit Lodovica hinausging, Giuliano weiß es nicht. Er weiß auch nicht, daß es die Räucherkerzen sind, die ihm die Sinne umschleiern und das Denken erschweren. Sie wird ja wohl zurückkommen, sobald sie die getrockneten Kräuter ihrem Schatzkästlein entnahm ... Seltsame Namen haben ihre Kräuter: »Schaum toller Hunde«, »Froschzunge«, »Katzenhirn« ... Eine Mysteriennacht soll er heute erleben? ... doch er denkt nicht darüber nach, was sie damit gemeint haben mag. Statt zu grübeln, lauscht er lieber der Musik; – sie lullt ihn ein und erregt ihn doch, sie beglückt ihn und näßt ihm die Wangen, die wilde, die unsäglich traurige Musik. Bald beginnt er zu spüren, daß nicht nur das Denken, daß auch das Atmen ihm schwer wird. Sind es die süßen Harfenakkorde, die ihm die Kehle zuschnüren? Er knöpft sich sein Wams am Halse und bis zur Brust hinab auf. Ein wenig erleichtert ihm das die Arbeit der Lunge; die Herzbeklemmung läßt nach. Hat die Atemnot ihm auch die Augen getrübt? Da ist ihm doch, als blähe sich hinter den Säulen der Vorhang ... Der Zugwind hatte schon vorhin in den Sammetfalten gespielt und sie bewegt. Jetzt aber bauscht sich der Vorhang wie ein schwarzes Segel auf; der den Fußboden berührende Saum rollt sich zusammen, scheint emporschnellen zu wollen ... Und nun, plötzlich, hat es den Anschein, als lege der Sammet sich enganschmiegend um eine menschliche Gestalt. Alles Blut fühlt Giuliano aus seinem Gesichte weichen. Er glaubt nicht an die ätherischen Dämonen, von denen Lodovica sprach. Und dennoch deckt kalter Schweiß seine Stirn. Da teilt sich der schwere schwarze Vorhang. Und davor tritt – oder schwebt? – eine schwanenweiß gewandete weibliche Gestalt. Es ist ein Mädchen von unendlicher Schönheit. Und Giuliano erzittert wie ein Espenblatt ... Sie ist es, sie, die Tote! ... Er möchte aufschreien vor Seligkeit. Seine Stimme versagt ihm; ein bloßes Stöhnen kommt aus seinem Munde und wird übertönt vom Stöhnen des Harfenspiels. Er will auf sie zueilen; sie an sich reißen, die Wiedergefundene; sie umhalsen und festhalten, um niemals mehr – auch dem Tode nicht – sie herzugeben. Doch seine Füße tragen ihn nicht. Beim ersten Schritt auf sie zu stürzt er zu Boden. So viel Bewußtsein und Körperkraft bleibt ihm noch, daß er auf den Knien liegend und die Arme ausstreckend das Gespenst anreden kann. Und er tut es, gebadet in Tränen: »Violetta! Geliebte! Du bist es! Du! ... Das ist dein Engelsangesicht! ... O bleibe, zerrinne nicht in Luft! ... Dem Grab bist du entstiegen, um zu mir zu kommen! um mich zu trösten, meine Tränen zu trocknen! Haben sie dich erweint, meine heißen Tränen? ... O bleibe bei mir, verlaß mich nicht wieder! Küsse mich, Violetta, streichle mir das Haar wie einst! Blick mich nicht so regungslos an wie ein trauernder Vogel! ... Oder kamst du, mich zu dir hinab zu nehmen in dein stilles Haus? Sehntest du dich auch nach mir wie ich mich nach dir? ... Weil ich dich liebte, habe ich dich getötet; – erweise mir den gleichen Liebesdienst, meine Violetta: nimm mich zu dir! Furchtbarer als der Tod ist die Trennung von dir, Violetta! ...« Die letzten Worte sind kaum noch vernehmbar. Die Kerzen haben Giuliano vollends betäubt. Über seine Augen senken sich die müden Lider. Er schlummert auf dem Teppich ein, einem Toten gleich. Mit einem schmerzvollen Blick auf den Schlummernden tritt das Gespenst Violettas hinter den Vorhang zurück. Bald danach kommt – vom Flur her – Lodovica in den Säulensaal und stellt sich ans westliche Fenster, von wo der nachtfrische Seewind hereinweht, so daß ihr der gefährliche Kerzenrauch nichts anhaben kann. Vergewissern will sie sich, ob Giulianos Schlummer fest ist. Da gewahrt sie an seinem Halse – (denn sein Wams ist ja aufgeknöpft) – ein goldelfenbeinernes Kleinod. Bei ihm niederkniend, löst sie die dünne Goldkette und nimmt das Geschenk Benvenuto Cellinis an sich. Darauf ruft sie den Neger Achmed herein und erteilt ihm in gedämpftem Ton einen Befehl. 36 Der Sonnenball hat längst wieder den Meridian erklommen und überschritten. Ein Adler umkreist das bronzene, von milchgrünem Edelrost überzogene Turmdach der Rocca und trägt eine soeben erhaschte Taube – (seinen Jungen zur Atz) – ins astknorrige Nest, das er sich unterhalb des Turmes in einem Felsspalt erbaute. Senkrecht stürzt der Burgfelsen abwärts in die dunkle Schluchttiefe –: ein von den Turmzinnen heruntergelassenes Bleilot würde durch keinen Vorsprung gehindert werden, den schwindelnden Abgrund zu erreichen. In einer Schlafkammer unter dem Turmdach schimmert ein prachtvolles Bett, geschnitzt aus Ebenholz und von einem Baldachin aus lachsfarbenem Seidendamast überdeckt. Die eine Langseite des Bettes ist an die Wand gerückt, welche der auf einen geländerlosen Altan hinausgehenden Tür gegenüberliegt. Eine zweite zu einer Wendeltreppe führende Tür befindet sich neben dem Fußende des Bettes. Vom Altan aus gelangt man in ein marmorblankes Waschzimmer und von dort in einen kleinen Salon, dessen Tür gleichfalls auf die Wendeltreppe hinausmündet. Von ausgesuchtem Geschmack ist die Ausstattung dieser drei Turmzimmer. Auf dem Fensterbrett stehn Töpfe mit blühenden Tuberosen und Orchideen. In einem Käfig schluchzt eine Nachtigall. Sei es von ängstigenden, sei es von beglückenden Träumen heimgesucht, ruht ruhelos Giuliano im Prunkbett. Erst ganz allmählich beginnt er eben zu erwachen. Die Benommenheit (infolge des eingeatmeten Kerzenqualmes) verläßt ihn auch im Halbschlaf nicht. Er liegt mit dem Rücken zur Wand, das Gesicht dem Altan zugewandt, er läßt seine schlafsüchtigen Augen gleichgültig zu den drei Fenstern hinausschweifen und nimmt es als unerforschliche Gegebenheit hin, daß nichts als Himmelsbläue und Gewölk das Vorhandensein einer Außenwelt bekunden. Auch die reiche Ausstattung des Schlafraumes nimmt er als gegeben hin –: so luxuriös geht es ja oft in Träumen zu. Kahler allerdings war die Szenerie, worin er vor wenigen Minuten noch mit Violetta lebte: ein Felsengrab in dem von Totenkammern durchlöcherten Troodos-Berge auf Cypern war es, und das Ehebett ein mit Blättern gefüllter moosübergrünter Sarkophag ... Beim Versuch, sich den Schlaf aus den Augen zu reiben, merkt Giuliano, daß er mit einer dünnen Silberkette gefesselt ist. Ein silbernes Armband umschließt sein Handgelenk; und vom Armband, daran sie geschmiedet ist, streckt sich die Kette, über seine Brust gestrafft, zur Wand hinter ihm. Er wendet sich um ... Da wird er gewahr, daß im Bett neben ihm ein kindlich junges Mädchen schläft. Im Nu durchzuckt ihn die Ahnung, wer sie ist, auf deren Haarmähne, Nacken und Rücken seine Augen, sich selbst mißtrauend, ruhen. (So pflegt es ja in Träumen zuzugehn: man schläft mit toten Geliebten ...) Ihr linker Arm liegt auf der gesteppten Seidendecke und am Handgelenk trägt auch sie ein Armband, dem seinen ähnlich, – und daran ist das andere Ende seiner Kette geschmiedet. Unlösbar gebunden ist der Lebende an die Verstorbene. Jetzt entsinnt er sich der Gespenstererscheinung im Säulensaal – und er entsinnt sich, daß anfangs das Wunder ihn gelähmt, schließlich aber doch ihn überzeugt und niedergeworfen hatte ... Noch hat er die Gewißheit nicht, ob die Schlafende tatsächlich Violetta und nicht etwa eine andere ist. Ihr Gesicht ist von ihm abgekehrt, ist der Wand zugekehrt. Er muß sich im Bett aufrichten und sich über sie beugen, um ihr Antlitz sehn zu können ... Ja, seine Ahnung hat ihn nicht getrogen: die tote Violetta schlummert da neben ihm! Eine Nacht lang – (oder war es mehr als eine Nacht?) hat Violetta bei ihm geschlafen, angekettet an ihn!! ... Kann das Wirklichkeit sein? Erwachte er noch immer nicht? Wird er noch immer zum Narren gehalten von den Gaukelbildern einer herzlosen Magierin? ... Er beißt sich in die Hand und stellt fest, daß sein Biß ihn schmerzt. Folglich ist er wach. Er faßt an Violettas Arm; – nein, sie ist kein Luftgebilde: ihr Totengebein hat sich mit blühendem, warmem, pulsierendem Fleisch umkleidet! ... Er vermag ihrer unirdischen Schönheit und seiner Grabessehnsucht nicht zu widerstehn: er haucht einen Kuß auf ihre geschlossenen Augen und auf ihre Stirn. Da greift sie, ohne zu erwachen (obgleich die Silberkette klirrt) mit beiden Händen an seine Wangen, zieht seinen Kopf zu sich herab, preßt ihre offenen Lippen an seinen Mund, trinkt ihm die Seele vom Munde ... Er widerstrebt nicht, – sie ist ja sein verlorenes, wiedergefundenes Weib. Niemals noch empfand er eine Glückseligkeit wie bei dieser makaberen Umschlingung. In ein leuchtendes Land entführt ihn ihr Küssen, – mag es Paradies sein oder Hölle, er fragt nicht danach. Mag Violetta eine lebendige Leiche, ein Vampir sein, der ihm das Lebensblut vom Munde schlürft, – er würde ihr auch das qualvollste Verbluten freudig danken. Er liebt sie mit der gleichen totenheiligen Glut, mit der er sie im Lusignan-Palast und in der Felsenkammer, den Tod erwartend, liebte ... Doch jetzt erwacht sie, schlägt die Augen auf, erschrickt, sucht sich aus der Umarmung zu lösen. Die Kette und Giuliano geben sie nicht frei. Mit eisernem Griff hält er sie fest und ruft: »Ich lasse dich nicht, Violetta! Und wenn du zurück mußt in dein Grab, so nimm mich mit!« Sie starrt ihn an, gespensterbleich. Und dann sagt sie voll heimlicher Eifersucht und unendlich traurig: »Die Tote hast du geküßt – nicht mich! ... Siehst du denn nicht, daß ich lebe?« »Du starbst, arme Violetta! Ich selbst war es ja, der dir das Leben nahm! ... Ach, wenn du noch lebtest, Violetta! ... Doch wie könnte das sein!« »Ich bin nicht Violetta! Ich bin Gualdrada da Gambara, Violettas Schwester!« 37 Der eiserne Griff seiner Hände, mit dem er sie an beiden Ellbogen festhält, lockert sich nicht. Sein Blick, kaum eine Sekunde lang verwirrt, gewinnt sogleich Ruhe und Stetigkeit zurück. Hatten böse Mächte beabsichtigt, durch einen Blitz ihn niederzuschmettern, so ist es den Unholden mißlungen: ein unschädlicher kalter Blitz streifte ihn und ließ ihn unversehrt ... Er ruft (beinahe freudig bebt seine Stimme): »Ich lasse dich nicht, Violetta! Selbst wenn du lebst, selbst wenn du Gualdrada bist, bleibst du für mich doch meine Violetta!« Vertraut ist ihm der Name der Contessa Gualdrada da Gambara; – oft hatte er in Cypern, als er im Felsengrab mit Violetta lebte, sie von ihrer Zwillingsschwester Gualdrada reden hören. Töchter aus verarmter altadeliger Familie, früh des Vaters beraubt, von einer kränklichen Mutter erzogen, waren die beiden Zwillinge bis zu ihrem vierzehnten Jahre unzertrennlich gewesen, als der Tod ihrer Mutter sie auf die grausamste Weise trennte: eine Schwester des Vaters nahm sich Gualdradas an, gewährte ihr ein Asyl in ihrer bescheidenen Wohnung zu Faenza; Violetta wurde von der Marchesa Isotta Pasolini, die eine Base ihrer Mutter war, aus Mitleid nach Paphos eingeladen und als verwaiste bettelarme Nichte den übrigen im Bergpalaste Jugendzeit und Jugendanmut vertrauernden Mädchen zugesellt. Und oft hatte Violetta, von der so innig geliebten, wohl für immer ihr entrissenen Zwillingsschwester sprechend, ihm erzählt, wie erstaunlich ähnlich Gualdrada ihr sei, – so ähnlich, daß sie als Kinder sich bunte Bänder ins Haar flechten mußten, damit ihre Mutter sie unterscheiden konnte. Die Erinnerung an diese Gespräche erleuchtet seine Gesichtszüge wie ein Sonnenstrahl. Plötzlich aber umwölkt sich seine Stirn und er fragt düster und streng: »Wer hat uns zusammengekettet? Wer brachte uns hierher?« »Die Neger der Fürstin Malaspina ... Du warst betäubt von vergifteten Kerzen.« »Und du, Gualdrada? ... Du hast mitgeholfen bei der Kuppelei?« »Sie zwang mich ...« »Auf welche Weise?« »Sie drohte mir das Los der nackten Mädchen an!« »Was ist deren Los?« »Ach, Giuliano, du weißt nicht, welch ein Teufel die tolle Fürstin ist! ... Hast du vom ›Alten vom Berge‹ gehört?« »Der die Assassinen aussandte?« »Ja, der. Auch Lodovica Malaspina hat ein Mädchenschloß und läßt – wie jener es tat – Jünglinge verführen, um sie als Meuchelmörder in die Welt hinauszuschicken ... Auf dich, Giuliano, hatte sie große Hoffnungen gesetzt. Raffaela, Nella, Marietta und die anderen konnten dir freilich den Verstand nicht rauben. Das sah die Fürstin voraus und darum ließ sie mich kommen.« »Von wo?« »Aus Faenza, wo ich bei meiner Tante bis dahin gelebt hatte. Meine Wohltäterin starb vor zwei Monaten; mittellos stand ich allein da in der Welt und mußte dankbar sein, daß die Fürstin mir ein Obdach anbot ... Ich ahnte ja nicht, was sie mit mir vorhatte ...« »Woher wußte sie von dir?« »Durch die Marchesa Isotta erfuhr sie, wo ich wohnte; und auch, daß ich das Ebenbild Violettas sei.« »Durch die Marchesa Isotta? Die war doch gelähmt und stumm, – bis zum Tage, da sie sterbend die Sprache wiederfand! ...« »Sie war nicht gelähmt; daß sie starb, ist zwar wahr; – doch nicht sie war's, die du aus dem Katafalk hast sprechen hören. Ein schändliches Spiel hat man mit dir getrieben, Giuliano; und ich arme Närrin half dabei, mußte dabei helfen, – sonst hätte sie mich zur nackten Hure gemacht wie die andern und hätte mich fremden Männern preisgegeben.« »Sie hat dich mir preisgegeben, du Ärmste! ... Vergib mir! Vergib mir! ...« Er hält sie nicht mehr an den Ellbogen fest. Seine beiden Hände legt er zart an ihre Schläfen, blickt ihr lange reuevoll in die Augen und drückt, »Violetta, liebe Violetta!« murmelnd, seinen Mund auf ihren Mund. Da bricht sie in Tränen aus, streichelt sein Haar und sagt, traurig und selig lächelnd: »Ich will dich nicht belügen, Giuliano! Seit Jahren wußte ich, was du für Violetta gewesen bist; und obgleich ich dich nie gesehn hatte, liebte ich dich seit Jahren und sehnte mich nach dir! Wohl hat mich die Fürstin gezwungen, – doch mehr noch zwang mich das Blut in meinen Adern, das auch Violettas Blut ist ...« »Ich vergoß das heilige Blut deiner Schwester, Gualdrada!« »Und eben deshalb gehöre ich dir an, mein Giuliano! – Schicksalhaft gehören wir uns an! ... Das ist ein so unendliches Glück, daß es mit meinem Tode nicht zu teuer erkauft sein wird!« »Wird? ... Was willst du damit sagen?« »Daß alles bezahlt werden muß hienieden ... Im Käfig dort die Nachtigall wird länger leben als du und ich in unserm wolkenhohen Marmorkäfig! ... Du siehst mich verwundert an? – Geh, versuche die verschlossene Tür aufzubrechen! ... Bloß einen Ausweg gibt es –: vom Altan aus ...« »In den Abgrund hinab? ...« 38 Drei Tage sind vergangen und noch immer hat das Schicksal nicht an die Tür geklopft. Der lichte, von Adlern umschwebte Kerker ist in drei Tagen den Liebenden ein Paradies geworden; ein verlorenes Paradies – sie wissen es –, obgleich ihnen noch vergönnt ist, darin zu weilen. Hunger und Durst haben sie nicht zu leiden: auf einem Tische stehn Speisen, Wein, Leckereien und Früchte, – genügend viel, um eine Woche lang mehr als zwei Menschen zu ernähren. Dennoch lechzen freudehungrig ihre Körper und ihre Seelen, wollen unersättlich auskosten, was das Unglück ihnen beschert an unerhörtem Glück, das wie das Schluchzen der gefangenen Nachtigall so traurig und süß ist seiner Vergänglichkeit, seiner Kurzlebigkeit wegen: graue Haare wachsen ja dem Glücke nie ... Sie wissen es: das Schicksal schlich die Wendeltreppe herauf und lauert vor der Tür ... Daß es sich stets gleich bleibt, das Schicksal, hat Giuliano bitter erfahren: bei den Teufelsanbetern, wo er den schönen Knaben, auf dem Schiff, wo er das Pferd König Pfauhahn, auf dem Troodos-Berg, wo er sein Weib aus Mitleid und Liebe vor Schlimmstem bewahrte ... Periodisch wie das Schwellen und Schwinden der Mondphasen, wie der Umlauf des Himmels, wie die Wiederkehr von Sommerglut und Winterkälte, wiederholen sich die Erschütterungen seiner Seele: der Marmorturm, worin er jetzt haust, ist ja jenes cyprische Felsengrab, und wieder wie einstmals hält er sein angebetetes Weib in den Armen, pochenden Herzens das Herannahen des unerbittlichen Geschickes jede Stunde, jede Minute erwartend. Am rosigen Frühabend des dritten Tages stehn – umfunkelt von der untergehenden Sonne – Giuliano und Gualdrada auf dem Altan und blicken hinab zum Adlernest in der Felsspalte tief unter ihnen. Es ist nicht ungefährlich, so sich hinabzubeugen; denn kein Geländer umgibt den Altan, und statt einer Brustwehr hat er hohe Zinnen. Man muß, um zum Nest niederzuschaun, sich zwischen zwei der Zinnen stellen. Das tut Gualdrada. Giuliano, dem sie die Adlerjungen gezeigt hat, zieht sie besorgt vom Altanrand weg. »Grausig ist die Tiefe, Gualdrada! Sie lockt ...« »Mich nicht. Ich bin zu glücklich!« »Sie lockt unversehens. Nimm dich in acht!« »Ist die Tiefe eine Fee, daß sie lockt?« »Eine berückende Hexe ist sie, sagt man. Wie eine Spinne klimmt sie am Gestein und will einen hinabziehn.« »Das möchte ich sehn, wie sie klettert, die Menschenspinne!« »Komm weg von da, Gualdrada! Blicke lieber geradeaus auf die blaue Kimmung!« »Nach Sardinien?« »Nein, viel, viel weiter, wo die Sonne jetzt hinzieht ... Dort im Weltmeer, im fernen Westen, sind die Seligen Inseln, die Hesperiden.« »Sehnst du dich dahin, mein Lieb?« »Wenn ich mit dir dort leben könnte, Gualdrada ...« »Wir könnten nicht glücklicher sein, als wir hier sind, Giuliano! Unser Gefängnis hier ist ja eine Insel der Seligen! ... Seliger als die Seligen sind wir, mein Lieb!« Sie stürzen sich in die Arme, sie umhalsen und küssen sich so wild, so weltvergessen, daß sie den knarrenden Schlüssel in der Schlafkammertür nicht hören. Plötzlich steht Lodovica auf dem Altan. Ihr Lachen weckt die Liebenden aus der Verzückung. 39 Hinabgetaucht ist die Sonne. Die orange Wolkenstreifen am Horizont werden blutig rot. Wie mit Blut übergossen leuchten der Turm und die Menschen auf ihm. Das gelle Lachen ist verstummt. Nebenan in der leeren Schlafkammer singt die gefangene Nachtigall, unbekümmert um die nahende Katastrophe, ungeschickt durch die schwüle Friedhofsstille auf dem Altan und das Stahlgeklirre auf der Wendeltreppe, wo – sichtbar an der eben aufgeschlossenen, offen gelassenen Tür – Neger und Hellebardenträger sich drängen, eines Winkes ihrer Herrin gewärtig. Als Mann gekleidet ist heute Lodovica: sie hat die silbergraue Sammettracht der französischen Hofkavaliere gewählt (wie seinerzeit in der Taverne), weil sie glaubt, mit dem umgürteten Wehrgehenk und dem Rapier an ihrer Seite kraftvoller auftrumpfen zu können. Ihr rechter Arm ruht noch immer in einer Binde, ihren linken Arm hat sie keck in die Hüfte gestemmt. »Wie steht es mit deiner Keuschheitsprüfung?« höhnt sie, dicht an Giuliano herantretend. »Ei, ei! Deinen Spottnamen, seraphischer König von Cypern, verdienst du nicht mehr: du bist ja keinen Deut besser als andere Männer! Von jetzt an werde ich dich ›Gefallener Engel‹ nennen! Ja, ›König Pfauhahn‹ sollst du künftig heißen! ... Die Wahrheit zu bekennen: du gefällst mir besser so sündenbleich –: bewiesen hast du doch wenigstens, daß du ein Mann bist!« Wie ein wildes Tier, das durch die Gitterstäbe des Raubtierkäfigs am Panthersprung verhindert ist, entgegnet Giuliano: »Wäre ich ein bewaffneter Mann, ich würde keinem aus Eurem Gefolge da die gebührende Antwort schuldig bleiben!« »Warum nicht mir selbst, gefallener Engel? Weil ich eine Frau bin? Die berühmtesten Fechtmeister führen das Florett nicht so elegant wie ich! Oh, ich bin ein Teufelsweib! ... Oder fürchtest du die Damen der Hölle, König Pfauhahn?« »Euch fürchte ich nicht!« »Um so besser! Wollen wir's also ausfechten? Gleich hier? Ich bin bereit!« »Ihr tragt Euren rechten Arm noch in der Binde, Signorina – sonst wäre auch ich bereit!« »Wie ritterlich! Wie rücksichtsvoll! ... Doch was sehe ich! – Auch dein Arm ist nicht frei? Wie! Du bist gebunden? Mit Silber an ein Mädchen gekettet? Pfui, wer durfte dir solch eine Schmach antun! Das finde ich unwürdig eines Königs, das mag ich nicht sehn! Gib her, – wir Damen der Hölle haben weiche Herzen und scharfe Messer!« Aus ihrem Gürtelgelenk zieht Lodovica ein Messer und zerschneidet die dünne Silberkette. »Das hättest du mit deinen bloßen Händen tun können, gefallener Engel, – wärst du nicht so ritterlich und rücksichtsvoll. Ich verstehe ja deine schmerzliche Lust: die Kette, die euch aneinander band, war dir drei Tage und drei Nächte lang hochheilig und unantastbar, obgleich sie – (du siehst es!) – zerreißbar ist wie ein Spinnwebfaden!« »Ihr irrt! –: sie ist unzerreißbar wie Schicksalsgespinst! Ihr wißt nicht, wie stark diese Kette bindet, Principessa!« »Falls euch beiden daran gelegen ist, kann ich die Kette wieder heil machen – und euch von neuem binden!« »Umsonst werdet Ihr das nicht tun. Was fordert Ihr dafür?« »Was deine Anhänger von dir forderten, als du den Mumienkopf auf dem goldenen Kredenzteller trugst und ihn nach den Rätseln des Lebens fragtest ...« »Ihr seid rätselhafter als das Leben, Principessa. Sagt mir's ohne Umschweif: was fordert Ihr? »Einen Dolchstoß ins Herz Cosmos, Rache für den Tod deines Vaters Lorenzino!« »Ich bin Lorenzinos Sohn nicht! Ihr verlangt Unmögliches, Principessa!« »Wie es dir beliebt, König Pfauhahn! Dann aber bleibt die Kette zerrissen und Donna Gualdrada wird die Schlafbuhle meiner drei Neger – heute noch!« »So teuflisch könnt Ihr nicht sein, Principessa!« »Ich werde dir gleich zeigen, daß ich so teuflisch sein kann!« Und zu ihrem im Hintergrund wartenden Gefolge gewendet, ruft Lodovica: »Her zu mir, Achmed, Hassan und Murad! Holt euch eine Beischläferin! – ich schenke sie euch!« »Haltet ein, Principessa!« schreit Giuliano. »Einen Augenblick noch ... laßt mir Zeit, nachzudenken! Vielleicht ... vielleicht, wenn ich Gualdrada retten kann ...« »Denke nicht an mich!« ruft Gualdrada. »Du kannst kein Meuchelmörder werden!« »Wenn du wirklich liebst, so weißt du, was du zu wählen hast, Giuliano!« ruft Lodovica unerbittlich. Die drei Neger haben die Wendeltreppe verlassen und eilen durch die Schlafkammer zum Altan. Noch haben sie die Schlafkammer nicht durchschritten, da flüchtet Gualdrada an die Zinnen heran und ruft Giuliano zu: »Du sollst nicht zwischen meiner Schmach und deiner Schande wählen! Du sollst nicht aus Liebe zu mir deine Seele verderben! Ich darf dein Verhängnis nicht sein!« »Komm weg von da! Was tust du!« kreischt Giuliano entsetzt. »Ich befreie dich von meiner Liebe, Giuliano! Sieh, ich mache dich frei!« Einige Sekunden lang sieht man sie noch zwischen zwei Zinnen stehn. Dann entschwindet jählings ihr schneeiges Bild, taucht hinab in die furchtbare Tiefe ... 40 Acht Tage sind vergangen, – acht strahlende Sonnentage voll Bienengesumm, Zikadengezirp und Schmetterlingsgeflatter. Die Anziehungskraft der Erde hat ein armes Menschenkind in den Abgrund gerissen, weil sie Geröll und Lawinen in die Tiefe reißt ... Was weiter! – geschieht das nicht stündlich irgendwo? Die Sonne und der Mond blieben nicht stehn (wie einstmals zu Gibeon und im Tale Ajalon). Gestirne und Insekten trauern nicht einmal um ihresgleichen. Seit acht Tagen weilt Giuliano unterhalb der Schloßkapelle in der finstern Krypta des Kastells, wo Gualdrada aufgebahrt in ihrem noch immer nicht geschlossenen Sarge ruht. Belichtet ist der modrige Kellerraum durch ein kleines, hoch angebrachtes Fenster; ein eigentümlich zinnoberroter Lichtstreifen fällt vom Fenster wie eine blanke Schwertklinge auf das Gesicht der Toten und auf die weißen Rosen auf ihrem Kopfkissen. Rötlich, wie von Adern durchblutet, ist die Haut der Frau und der Rosen. Seit acht Tagen lebt Giuliano in der Krypta; nur für Augenblicke verläßt er sie, ein Stück Brot, einen Schluck Wasser zu sich zu nehmen. Jegliche andere Labung hat er bisher zurückgewiesen und hat, immerzu schweigend, abgelehnt, von der Toten sich zu trennen. Er hat seit ihrem Absturz in die Tiefe keine Silbe gesprochen und seitdem niemand – wer es auch sei – auf Trostworte oder Bitten weder durch Blick noch Gebärde eine Antwort erteilt. Jetzt werden leise Schritte oben in der Schloßkapelle vernehmbar. Eine Tür knarrt. Jemand kommt die steinerne Treppe in die Krypta herab. Es ist Lodovica. Doch wie ist sie verwandelt! Abgeschnitten ihr schönes blauschwarzes Haar, –: kahl wie ein gelbes Straußenei blinkt ihr länglicher Schädel. Sie hat das härene Gewand einer Eremitin an, ist von einem groben Hanfstrick umgürtet. Sie geht barfuß und bei jedem ihrer Schritte klirrt gläsern eine schwere Eisenkette, die sie unter dem Anachoretenkittel um den bloßen Leib gewickelt trägt. Grau, übernächtig, qualzerfurcht ist ihr Gesicht. Sie wirft sich vor Giuliano nieder, sie neigt sich vor ihm so tief, daß ihre Stirn den Fußboden berührt. Das gleiche tat sie gestern und vorgestern und alle die vorangehenden Tage schon. Nicht ein einzigesmal bisher hat er ihre Anwesenheit beachtet. Auch heute bleibt sein Mund schmerzvoll geschlossen; um so beredter aber schreien seine Augen: »Ecco la bestia!« »So habe doch Erbarmen mit mir, Giuliano!« wimmert sie. Er antwortet nichts. »Wenn du mich nicht ansehn willst, – so sieh doch wenigstens meinen härenen Kittel an, meine baren Füße, meinen kahlen Kopf! Wir feiern nicht Karneval zur Sommerzeit, Giuliano, –: blutiger Ernst ist mir mein Eremitengewand! Hinausgewiesen habe ich meine Gäste, entlassen habe ich meine Dienerschaft. Abgetreten habe ich mein Fürstentum einem Verwandten; und was ich an Vermögen zurückbehielt, habe ich geopfert, um eine fromme Stiftung zu machen, wie du es mir anrietest, –: ein Kloster für gefallene Mädchen ... (Schau her, dies ist die Urkunde; lies sie, wenn du meinen Worten nicht glaubst! ...) Raffaela und ihre Gefährtinnen sind Bräute Christi, sind den Schleier zu nehmen bereit; schon leben sie nonnenhaft als die ersten Novizen. Wundert dich nicht der rote Schein am Fenster dort?« Giuliano rührt sich nicht; es ist als spräche sie zu einem Stein. Doch sie läßt sich nicht entmutigen. »Die Rocca brennt lichterloh, Giuliano! Ich selbst habe sie angezündet!« Er wendet unwillkürlich den Kopf nach dem Fenster. Sogleich faßt sie seine Hand und zerrt ihn zur Treppe: auf den Stufen stehend kann man durchs Fenster sehn. Ein schauerlich schöner Anblick ist der Brand des herrlichen Schlosses. Die zu Weißglut erhitzten Marmorquadern glimmen und glühn gegen den nächtlichen Himmel wie brennendes Gletschereis. »Zuerst hatte ich versucht (wie du es mir anrietest, Giuliano), die abscheulichen Bilder eigenhändig von den Wänden zu kratzen. Doch das hätte Wochen und Wochen gedauert ... Schneller besorgte es die flammende Fackel, die ich an die Vorhänge hielt, an die Möbel, an die Teppiche und – an die zu einem Scheiterhaufen geschichteten unanständigen Bücher, Giuliano! ... Blicke hin: die Rocca wurde zum gewaltigen Scheiterhaufen, und an den Brandpfahl gebunden stirbt Priapus den Feuertod! ... Bist du nun zufrieden? ... Ach, schweige doch nicht so! Habe doch Erbarmen mit meiner Buße! ...« Noch immer bleibt er stumm und unbewegt wie ein Stein. »Du denkst vielleicht, ich werde als reiche Äbtissin leben, eine fürstliche Nonne? ... Nein, o nein! – das wäre keine Buße für meine Sünden! Im Gebirge, fern von den Menschen, werde ich das Sanktus singen, mein Fleisch kasteien mit der neunschwänzigen Geißel, werde in einer Erdhöhle meine Klause mir herrichten, von Gras und Wurzeln mich nähren wie die Büßerinnen der Thebanischen Wüste! ... Schau her, ich trage – weil ich mit einer Kette mein ärgstes Verbrechen beging – eine mit eisernen Dornen versehene Kette um den bloßen Leib!« Sie lüpft ein wenig den härenen Kittel und zeigt ihm die blutigen Stellen an ihrem Körper. Endlich spricht Giuliano. »Mit Eurer Zerknirschung und Geißelwut könnt Ihr Gualdrada das Leben nicht zurückgeben!« »Doch dich kann ich dem Leben zurückgeben! Gott braucht dich, Giuliano!« »Was wißt Ihr von Gott, Principessa?« »Höhne nicht so grausam, Giuliano! Du siehst doch, wie mich die Reue würgt! Habe doch Erbarmen! Furchtbare Schuld lastet auf mir, – ich will nicht noch mehr Schuld auf mich laden ... Du mußt Abschied nehmen von Gualdrada, – sonst nimmt dein Verstand Abschied von dir! Du suchst ja den Wahnsinn!« »Nein, –: der Wahnsinn sucht mich! Mag er mich bei ihr finden!« »Sobald du eine Aufgabe hast, wirst du zur Trennung die Kraft haben. Ich gebe dir eine Aufgabe, die kein Mensch auszuführen imstande ist außer dir!« »Und das ist?« »Rette Cosmo.« »Vor mir?« »Nein, nein – vor Biagio della Campana.« »Ihr zittert für Cosmos Leben? Ihr? Ihr?!« »Vergebe mir Gott, daß ich ihn so gehaßt habe! ... Oh, entschließe dich schnell! Verliere keine Zeit ...« »Erst sagt mir, warum Ihr ihn so gehaßt habt!« »Weil ... Du wirst es kaum verstehn können ... Vor Jahren im Palazzo Pitti war es, als Donna Maria, meine Freundin, noch lebte ... Er stellte mir nach. Ich weigerte mich ihm; und dennoch verargte ich's ihm, daß er nicht gewaltsam nahm, was ich ihm weigerte.« »Mußtet Ihr nicht froh sein? Was kränkt Euch denn?« »Daß er an meinem Leibe gesunden wollte von seiner kranken blutschänderischen Gier nach seiner Tochter – Isabella. Leiblich hat er die Blutschande nie begangen – dafür aber geistig vieltausendmal ...« »Berechtigte Euch das, Meuchelmörder nach ihm auszusenden? Oder liebtet Ihr ihn trotz alledem?« »Ich kenne – ich selbst – mich nicht aus in mir ... Es war so aufregend, junge Mörder zu erziehen! ... Mag sein, hätte ich Kinder gehabt, hätte ich lieber Kinder erzogen ... Zum Glück hat die Vorsehung es so gefügt, daß alle Anschläge mißglückten. Er trägt ein Panzerhemd, sobald er sich öffentlich zeigt ... Darum hatte ich auf dich große Hoffnung gesetzt: ich dachte, daß du, den er so liebt, leichter als andere ihn bei einem vertrauten Gespräch niederstechen könntest ... Ach, mein bloßer Wunsch war eine Todsünde; und falls Biagio ihn umbringt, wird der Himmel mir nie vergeben, daß der Mordplan in meinem Hause ausgeheckt wurde!« »Konntet Ihr Biagio nicht abhalten?« »Ich erfuhr es zu spät; er war bereits unterwegs ... Reite ihm nach, Giuliano! Ich gebe dir das schnellste Pferd meines Stalles. Hindere ihn! Und sollte dir das mißlingen, so hindere Cosmo, von der alten Brücke in den Arno hinabzuspringen!« »Was wird geplant?« »Auf den Grund des Flusses sollen aufrechtstehende Schwerter angebracht werden. Springt Cosmo hinunter, so wird sein Körper von einem Dutzend Klingen durchbohrt und zerfetzt.« »Das darf und wird nicht geschehn, Principessa! Laßt mir Euer bestes Pferd satteln ... und betet zu Gott, daß ich nicht zu spät komme!« Noch einmal kniet er bei der Aufgebahrten nieder, erhebt sich nach kurzer Andacht, drückt ein allerletztesmal seine heißen Lippen auf den eisigen Mund. Dann folgt er der Fürstin hinaus. Viertes Buch Homo homini lupus 1 Ein Viertel Jahrhundert ist vergangen. Mit andern Worten: fünfundzwanzigmal endete Fastnachtstollheit mit Aschermittwochtrübsal; fünfundzwanzigmal blühten und verblühten an Mädchenfenstern die Maien; und der elliptische Umflug der Erdkugel jährte sich fünfundzwanzigmal. Das ist nicht allzuviel –: kaum etwas mehr als neuntausend Tage und neuntausend Nächte ... Immerhin der Tage und Nächte genug, den Menschen und der Erdoberfläche ein anderes Antlitz zu verleihen. Herculaneum starb in einer einzigen Nacht. Der türkischen Ländergier war seit der Seeschlacht von Lepanto das Rückgrat gebrochen. »Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter!« hatte der Todesengel dem Sultan vor Zrinyis Festung zugerufen, – jenem unersättlichen Völkerfresser Suleiman dem Großen, der die mit Stroh ausgestopfte Haut des cyprischen Generals Bragadino sich als Geschenk zuschicken ließ. Seine schwächlichen Nachfolger erhielten so grausige Trophäen nicht mehr. Sultan Murad ermordete, um auf den Thron zu gelangen, fünf seiner leiblichen Brüder, – seinen Christenfeinden jedoch in offener Feldschlacht den Garaus zu machen, fehlte es ihm an Geschick und an Geld. Ausgesogen hatten die Eroberungskriege die Osmanen. So beschloß denn die Hohe Pforte, den Handelsverkehr mit den Christenhunden zu begünstigen, in der Hoffnung, durch Abgaben und Zölle den Staatssäckel wiederauffüllen zu können. Den Seeräubern – (den sonst so gern geduldeten Schakalen und Mitfressern am Mahl des osmanischen Tigers) – wurde eine Zeitlang in den levantinischen Gewässern das Handwerk gelegt. An einem Septembernachmittag ging ein Frenk – d. h. ein Europäer – durch den Basar von Aleppo und suchte die Stände der Seidenhändler auf, bei denen er Einkäufe machte für sein Handelshaus in Florenz. Zwar war die Seidenzucht seit einem Jahrtausend in Europa heimisch – (seitdem nämlich ein griechischer Mönch die Seidenraupe in seinem hohlen Wanderstabe aus Ceylon heimgebracht hatte) –; doch von der italienischen, aus den Kokons des Maulbeerspinners gewonnen Seide sehr unterschieden – schwerer, knistriger und kostbarer – waren die asiatischen »wilden« Seiden, gesponnen aus der Puppenumhüllung eines japanischen Falters oder auch eines indischen Nachtpfauenauges. Wer solche Ware nach Florenz brachte, durfte auf guten Absatz rechnen. Der italienische Händler hatte den pomphaften Namen Cavaliere Traiano Bobba da Casale de'signori di Rosignano nel Monferrato. Einst war er der Sekretär Cosmos gewesen, der den schreibgewandten, vorurteilslosen, vor keinerlei Folgerung zurückschreckenden Jüngling »seinen kleinen Macchiavelli« zu nennen pflegte. Das war freilich schon lange her. Der Jüngling von damals hatte jetzt silberdurchblinkte Haarsträhnen, hatte schon seine sechzig Jahre auf dem Rücken. Ein zweiter Macchiavelli zu werden, war seine Ambition längst nicht mehr: gleich nach dem Tode Cosmos hatte er den Hofdienst aufgegeben, war der Schwiegersohn und dann der Geschäftsteilhaber des bedeutendsten Florentiner Seidenhändlers Cornelio Buondelmonti geworden. Alljährlich reiste er im Spätsommer nach Aleppo, sein Warenlager zu ergänzen. Im Vergleich zur syrischen Sommerhitze zwischen den graubraunen fensterlosen Hausmauern Aleppos ist die Temperatur in den gedeckten Hallen des Basars, wo kein Sonnenstrahl sich hin verirrt, beinahe kühl zu nennen. Aus Düften von Rosenessenz, Nargilehrauch, Hammelfettgestank, eisigem Scherbet-Aroma und menschlichem Schweißgeruch ist der kältliche Dunst zusammengebraut, der durch die engen Basargassen flutet. Und zwei Menschenströme begegnen sich zwischen den Verkaufsständen, gleiten reibungslos aneinander vorbei. Überaus bunt und bizarr ist dies Gewoge, grellfarbig durch das Gemisch von Rassen und Volkstrachten, von Mohammedanern, Juden, Feueranbetern und Heiden, etlichen christlichen Mönchen und zahllosen tiefverschleierten Frauen. In solcher Umgebung fällt ein vornehmer Italiener nicht sonderlich auf. Die Seidenhändler grüßen den Cavaliere Traiano Bobba als alten Bekannten, als jährlichen Messebesucher: sie würden ihn vermissen, wäre er dieses Mal daheim geblieben. Wenn auch radebrechend, vermag er sich türkisch zu unterhalten und ohne Hilfe eines Dolmetschers Preise herabzuhandeln, Kaufverträge abzuschließen. Nachdem er einem Araber einen beträchtlichen Posten chinesischer Flockseide abgekauft hat, erwähnt er, sich verabschiedend, daß er vorhabe, einen Abstecher an den Euphrat zu machen; noch unbekannt sei ihm die vielgerühmte Stadt Urfa, wo Erzvater Abraham seinen Sohn Isaak an Armen und Beinen gefesselt auf die Holzscheite legte, um ihn wie ein Lamm zu schlachten und als Brandopfer darzubringen. Und er erkundigt sich, ob es richtig sei, daß man Urfa in vier Tagesritten erreichen könne. »Sogar in drei, wenn man ein geschwindes Pferd hat«, antwortet der Araber »Doch du kommst nicht hin, Herr! Noch erfuhren es nur wenige – (sonst wäre der Basar leer wie ein Grabgewölbe) –, ich aber weiß es aus bester Quelle: in Urfa sind einige Pestfälle vorgekommen. Statt nach Osten wirst du bald – vielleicht morgen schon – nach Westen, zur Hafenstadt Skenderun reiten. Denn falls nicht der Allerbarmer dem Euphrat befiehlt, der wandernden Seuche den Weg zu verlegen, wird die Pest vielleicht schon morgen vor Aleppos Stadttor stehn, das zu schließen vergeblich wäre ...« Sorgenbleich kehrt Traiana Bobba in sein Absteigequartier heim. Den griechischen Wirt der Locanda trifft er vor der Haustür und fragt ihn, ob auch er meine, daß Aleppo von Pestgefahr bedroht sei. Dem Wirt ist diese Fragestellung äußerst peinlich. Mehr als die Pest, an die er nicht glauben will, fürchtet er die Panik, wie sie schon des öfteren, infolge von falschen Gerüchten, dem Basar und der Stadt geschadet hat; – ihm das Geschäft verderben könnte eine Panik, die reichen Gäste aus seiner Locanda vertreiben ... Darum spottet er über die Unglückskunde des allzuängstlichen Arabers und will sie nicht wahr haben. Aber Traiano Bobba läßt es sich nicht ausreden. Müde der Kontroverse zeigt schließlich der Wirt auf einen vorüberschreitenden alten Kurden und sagt: »Fragt den Teufelsanbeter dort; – kein Mensch vermag wie er Auskunft zu geben über die Pest.« »Wieso? Was hat der Mann mit der Pest zu schaffen?« »Genau so viel, wie ein Ichneumon mit einer Giftschlange zu schaffen hat, oder ein Leopardenjäger mit einem Leoparden. Die schwarze Pest hat keinen ebenbürtigen Gegner außer ihm. Er ist ein Arzt, ein englischer Arzt.« »Und geht in kurdischer Tracht?« »Weil er seit mehr als zwei Jahrzehnten unter den Teufelsanbetern lebt; ja, es wird sogar von ihm erzählt, er sei selber ein Diener des Königs Pfauhahn geworden ... Doch das mag Verleumdung seiner türkischen Kollegen sein, weil ihnen, zu heilen wie er, das Wissen und die Gewandtheit fehlt. Man nennt ihn auch den Pestarzt: so unerschrocken sucht er pestverseuchte Städte und Dörfer auf und harrt bei den Kranken aus, wenn sie von jedermann verlassen wurden ...« 2 Traiano Bobba holt den Teufelsanbeter ein und redet ihn auf türkisch an. Staunend ist jener stehngeblieben. Und jetzt erst kommt es dem Cavaliere zum Bewußtsein, wie ärmlich der Mann ausschaut, wie zerschlissen sein Gewand ist. Aber auch die Greisenschönheit des Kurden fällt ihm auf, der aristokratische hagere Gliederbau, die langen weißen Hände, das runzelige gelbliche, wie zerknittertes Pergament durchsichtige Gesicht, und vor allem die großen leuchtenden Eulenaugen. »Wo sah ich diese Eulenaugen einst?« überlegt sich Traiano Bobba, während er über die Pestgefahr höflich sich Auskunft erbittet, die ihm jener ruhig erteilt. Für Aleppo – erklärt der Greis – sei vorläufig nichts zu befürchten: verschont sei auch noch Urfa von der Seuche; – das Gerücht verwechselt Urfa mit dem weiter östlich gelegenen Diarbekr, wo allerdings die Pest schon mehrere Opfer forderte. »Wo hörte ich diese Stimme einst?« fragt sich der Cavaliere ... Obgleich die erhaltene Auskunft den Cavaliere beruhigen müßte, beunruhigt ihn jetzt das umherflackernde Suchen und Tasten des eignen Gedächtnisses, das, den Eulenaugen und der Stimme auf der Spur, im Dunkeln tappt. Wie ein Blitz durchfährt ihn plötzlich die Erkenntnis, daß es Messer Giuliano ist, der vor ihm steht, jener König von Cypern, Pastetenbäcker und Rex Seraphicus, mit welchem er vor einem Vierteljahrhundert im Palazzo Pitti manches Gespräch geführt hatte. Und er schämt sich geradezu, daß ihm der Gedanke nicht früher kam, – war er doch zugegen gewesen, als im Boboligarten Giuliano von seinem Aufenthalt bei den Teufelsanbetern erzählte. »Seid Ihr es oder seid Ihr es nicht?« ruft Traiano Bobba auf italienisch aus. »Ihr gleicht einem Messer Giuliano, den ich vor langer Zeit bei Hofe sah in Florenz.« »Der bin ich; und Ihr, Signor, seid der Cavaliere Traiano Bobba da Casale!« entgegnet Giuliano lächelnd. »Ihr müßt wohl geistersichtige Augen haben, Cavaliere, daß Ihr imstande wart, durch all meine Runzeln hindurch mein wahres Gesicht zu erblicken.« »Leute in unserem Alter erblicken ihr eigenes Spiegelbild, wenn sie Altersgenossen nach langer Zeit wiedersehn. Doch gottlob sind wir beide noch nicht Gespenster. Und Ihr, Signore, erscheint mir jünger und rüstiger als ich.« »Der Anschein trügt, Cavaliere. Ich bin mein eignes Gespenst, ich starb mir selber ab, seitdem ich freiwillig dem Leben den Rücken kehrte und in ein Schattenland entschwand, um dem Tode seine Beute streitig zu machen ... Nach Diarbekr rufen mich die Sterbenden, knapp bemessen ist meine Zeit ... Dennoch würde ich gern bei Euch verweilen, denn manch eine Frage hätte ich wohl an Euch zu richten, gedenkt, daß ich vor zwei Jahrzehnten zum letztenmal Nachricht aus Florenz erhielt.« »Gern will ich Euch Red' und Antwort stehn, Messer Giuliano. Aber hier zwischen bellenden Kötern und Melonenverkäufern läßt sich's nicht ungestört reden. Kommt mit mir in meine Locanda.« 3 Zu ebener Erde befindet sich der Raum, wo sie Kaffee trinkend und Nargileh rauchend sitzen, von der Gasse nur durch einen Perlenvorhang getrennt. »Bevor wir von Florenz sprechen«, – beginnt Traiano Bobba – »müßt Ihr meine Wißbegier stillen, Messer Giuliano. Ist es wahr, was man mir erzählt hat, seid Ihr wirklich ein Teufelsanbeter geworden?« »Und wenn es wahr wäre? Was dann?« »So würde ich versuchen zu begreifen, was mir unbegreiflich vorkommt.« »Ist so unfaßlich, daß ich vor dem, was ich sehe, die Augen nicht verschließe?« »Laßt mich sehn, was Ihr seht, Messer Giuliano.« »Die Allmacht der Hölle – allüberall ...« »Wer hat Euch zu diesem Glauben bekehrt?« »Da es mein Wissen ist, kann es mein Glaube nicht sein ... Wer mich bekehrt hat? Nicht das grausam verfolgte bücherlose Hirtenvolk, Cavaliere, mit dem ich als Arzt Freud und Leid teile; und auch nicht die fürstlichen Teufelsdiener in Florenz und Massa-Carrara. Nein, ein entsetzliches Erlebnis tat es: ich sah ein geliebtes Menschenkind hinabsausen in unendliche Tiefe, vom Mittelpunkt der Erde an sich gerissen. Das hat mir die Augen geöffnet über das Wesen des Bösen: die Hölle liegt in der Tiefe, Cavalière, der Himmel in der Höhe. Anziehung ist das Böse – (Astarte ist eine Teufelin!); der Wunsch, Mittelpunkt zu sein, ist das Böse. Alle Sonnen wünschen es; und selbst das kleinste Staubkorn kann zum teuflischen Mittelpunkt einer Lawine werden, die alles an sich reißend wächst und wächst ... Gegrübelt habe ich viel hierüber; und hätte ich mehr Zeit, – ich schriebe eine Philosophie des Satanismus.« »Die schrieb, meines Wissens, noch niemand. Doch die Welt – so betrachtet – erscheint mir trostlos.« »Mir nicht, Cavaliere. Prachtvoll und gottgesegnet nenne ich einen Urwald, wenn auch die Zedern und Orchideen darin sich gegenseitig erwürgen. Die Welt ist voller Teufel zwar, doch – zum Glück für uns – stehn sie sich allesamt im Wege. Jeder kleine Teufel will zum Allteufel werden und duldet keinen Teufel neben sich. Jeder Heuschreckenschwarm ist so ein Teufel: könnte er, wie er möchte, die ganze Erde würde kahl gefressen. Jede Tierart ist ein Satan, befähigt, Reißzähne und Pranken oder Skorpionenstachel oder Schlangengiftdrüsen sich selber zu erschaffen. Jede Menschenrasse ist ein Teufel und strebt, Alleinherrscher auf Erden zu sein. Das Feuer ist ein Teufel und würde – wäre es durch andere Teufel nicht gehindert – die weite Welt in Kohle verwandeln. Das Meer ist einer der Satane: alle Länder möchte es schlucken, auf daß die Erde ein Wasserball sei. Und die Teufelin Pest will unsern Planeten in ein stinkendes Aasfeld verwandeln ... Die Gesamtheit aber aller gierigen, einander vertilgenden Satane ist dennoch harmonisch, ist hehr und vollkommen wie ein radschlagender silberweißer Pfauhahn, ist die Gottheit, welche Allgüte und Allbosheit in sich vereinigt.« »Wenn man's so hört, Messer Giuliano, möchte man meinen, Eure Philosophie des Satanismus komme der Lehre indischer Priester nahe, von der ich mir habe berichten lassen, sie setze die Vereinigung von Gut und Böse ins Herz des höchsten Gottes Brahma ...« »Weil ohne Schatten Licht nicht Licht wäre, und weil Harmonie der Disharmonie bedarf, um zu sein. In meiner Philosophie ist Astarte die Materie und die Gottheit ist der Geist. Sie kommen nicht voneinander los, weil sie eins sind ... Übrigens ist auch die indische Priesterkaste, obgleich der Geisteswelt dienstbar, ein machtlüsterner Teufel – wie ebenfalls die Kaste der Paria und jede andere Kaste die Alleinherrscherin sein möchte auf Erden.« »Ja, ja, es ist wohl so, wie Ihr sagt, Messer Giuliano – wenn es auch für uns Christen eine Ketzerweisheit ist. Der Teufel – (um mich Eurer Ausdrucksweise zu bedienen) –, der jetzt Italien beherrscht, ist die Gegenreformation, und ihr zur Seite steht der furchtbarste aller Satane, der Großinquisitor. Kein Heuschreckenschwarm frißt Bäume und Felder kahler ab, als diese Höllenbrut den Platonismus und die Renaissance hinweggetilgt hat. Italien, allzu leichtfertig einst, ist zur Betschwester geworden. Seid froh, Messer Giuliano, daß Ihr den kläglichen Niedergang, Verwandlung von Himmelstürmern in spanische Leisetreter, nicht mitanzusehen brauchtet! ... Unsere letzten verwegenen Renaissancegestalten waren Frauen: Isabella Orsini, Lodovica Malaspina und Bianca Cappello.« 4 »Waren – sagt Ihr, Cavalière? ...« »Alle drei sind tot.« »Wer war Bianca Cappello? Von der hörte ich nie.« »Die letzte Großherzogin von Toscana. Kanntet Ihr Don Francesco, Cosmos ältesten Sohn?« »Nein. Der weilte zu meiner Zeit in Madrid.« »Ja, am spanischen Hof, wo seine Manieren abgehobelt und zugestutzt wurden. Nun, als nach dem Tode seines Bruders, des jungen Kardinal-Erzbischofs Giovanni, Don Francesco auf der Heimreise nach Pisa kam, fand er im verwaisten erzbischöflichen Palaste die kleine Konkubine des Kardinals, seines Bruders, vor, umdroht von der Gier vermönchter Räuber, ein herrenloses Gut. Don Francesco erlag ihrem Zauber und ist ihr verknechtet geblieben bis zur Unheilsstunde, wo er gemeinsam mit ihr aus dem Leben schied. Vergebens hatte Cosmo versucht, des Thronerben Herz von ihr loszulösen, indem er sie einem wohlhabenden Tuchhändler zur Frau gab und indem er seinen Sohn mit der Tochter des Kaisers verheiratete. Biancas Gatten ließ Don Francesco erdolchen und er schloß – nachdem Cosmo und die Tochter des Kaisers gestorben waren – die Ehe mit Bianca Cappello, machte die Abenteuerin zur Großherzogin von Toscana. Viele Jahre lang hat die Granduchessa Bianca das Land klug und kraftvoll wie ein Mann regiert, während Francesco seine Tage in der Fonderia de'Medici verbrachte, emsig bemüht, dem chinesischen gleichwertiges Porzellan herzustellen. Als aber vor einem Jahr Cosmos jüngster Sohn Kardinal Ferdinando (den zu Eurer Zeit seine Angehörigen Ernando nannten) – zu Besuch im Palazzo Pitti weilte, bot ihm nach einem glanzvollen Festmahl Bianca Cappello vergiftetes Konfekt an, denn sie, die Kinderlose, haßte ihn, der der nächste zum Thron war. Vom Konfekt aß ahnungslos ihr Gatte, und auch sie selbst sah sich gezwungen, davon zu kosten, weil ihr Gast aus Höflichkeit – (vielleicht auch war er gewarnt worden?) – sich weigerte, früher als sie zuzulangen. Des Granduca und der Granduchessa sofortiges Erbleichen und jammervolles Schreien bewahrten Don Ferdinando davor, das Todesgift zum Munde zu führen. Und heute sitzt er, nachdem er auf die Kardinalswürde verzichtet hat, auf dem Lilienthron von Florenz, ein frommer, bescheidener, makelloser Mann. Aber die schöne Teufelin Bianca Cappello war den Toscanern lieber.« »So sind die Menschen: fürchtend verehren sie die gefährliche Schönheit der Gorgonen, der Tiger, der Adler, der Giftschlangen und der Höllenfürstinnen. Alle himmelreine Schönheit wird übertrumpft von der Schönheit des Bösen ... Wie starb die Fürstin Lodovica Malaspina? Als ich Italien verließ, war sie eine büßende Eremitin geworden.« »Vier Jahre lang bewohnte sie einen menschenfernen Gipfel des Apennin, hauste wie ein Dachs in einer selbstgegrabenen Erdhöhle, hüllte sich nur in ein härenes Hemd, nährte sich nur von Wurzeln und Beeren, ertrug alle Unbilden der Witterung, Regengüsse und des Winters Kälte, Schnee und Eis, tat nichts als beten und sich in den Anblick eines Totenschädels vertiefen, den sie als ein memento mori vor den Eingang zu ihrer Höhle gelegt hatte. Ihren Freunden galt sie für verschollen und tot. Als aber ein Ziegenhirt, der ihr frommes Tun beobachtet hatte, ihr Versteck verriet, begann das Volk zu ihr, der neuen Heiligen, zu wallfahrten. Die Zahl der sie täglich besuchenden Pilger stieg unablässig, bis die Furcht sie überkam, Eitelkeit und Hoffahrt könnten den Kristallpalast ihrer übermenschlichen Reue, den ihre Seele mühsam sich aufgebaut hatte, zertrümmern; und da sie fühlte, daß ihr durch vierjähriges Eremitentum ausgemergelter Körper künftigen Winterstürmen nicht mehr standhalten würde, verließ sie ihre Erdhöhle und suchte Unterkunft in dem von ihr gestifteten Kloster für gefallene Mädchen. Eine vom Tode Gezeichnete lebte sie noch eine Weile, gepflegt von den jungen Nonnen, ihren einstigen Sklavinnen, und verschied, von vielen beweint.« »Höllenmäßig war ihre Buße wie vordem ihr Leben ... Doch ich verzieh ihr, als sie mir Biagio della Campanas Vorhaben verriet und mich nach Florenz eilen hieß, so daß ich Cosmo vor den Schwertklingen im Arno warnen konnte.« »Er schenkte Euch dafür seine Freundschaft und hätte Euch mehr noch geschenkt, wärt Ihr bei ihm geblieben ... Wißt Ihr übrigens, Messer Giuliano, daß er Euch bis dahin für einen Brutus gehalten hatte?« »Nein, das wußte ich nicht. Für einen Brutus – mich?!« »Mehrere Tage vor Eurer Ankunft in Florenz erhielt er einen Brief von der Fürstin Lodovica (die ja in jenem Zeitpunkt noch keine büßende Einsiedlerin war). Zugleich mit dem Brief schickte sie ihm ein goldelfenbeinernes Amulett, von dem sie schrieb, sie habe es, während Ihr schlieft, an Eurem Halse entdeckt und, ohne daß Ihr es merktet, Euch abgenommen.« »Das ist richtig, Cavaliere, – ich merkte nicht gleich, daß ich bestohlen wurde, denn man hatte mich betäubt ... Indes fahrt fort.« 5 »Es sei jetzt erwiesen (schrieb die Fürstin dem Duca), daß Ihr der Sohn des von ihm ermordeten Lorenzino wäret und folglich das Ziel haben müßtet, Euren Vater an ihm zu rächen. Die Aussage der sterbenden Marchesa Isotta beseitige jeden Zweifel an Eurem prinzlichen Geblüt, und auch das goldelfenbeinerne Amulett bestätige es: niemand außer Benvenuto Cellini könne der Goldschmied des Kleinods sein; und bekannt sei ihr, daß Lorenzino genau solch ein Amulett Cellini abgekauft habe. – Beunruhigt durch den Brief begab sich Cosmo in Begleitung von Donna Faustina zu Cellini, – ging es doch auch Donna Faustina an, ob Ihr ihr Bruder wärt oder nicht. Das Kleinod, das Cosmo ihm mit der Frage vorlegte, ob es seine Arbeit sei, betrachtete Cellini mit bösem Lächeln. Eine sich emporschnellende Schlange stellte es dar, gegen deren Kopf ein schießender nackter Schlangentöter den vom gespannten Bogen noch nicht abgeschnellten Pfeil richtet. Er könne, meinte Cellini, sich wohl denken, wer das Amulett gestohlen und auch wem; den Schlangentöter – Symbol des Kampfes gegen die Lüge – habe er selbst dem Sohn eines sizilianischen Schusters um den Hals gehängt. Als jedoch der Duca sich nähere Auskunft erbat, hüllte Cellini sich in Schweigen und lenkte das Gespräch ab. Aus Haß und Rachsucht hielt er den Duca zum besten, dessen Huld ihm seit acht Jahren entzogen war, seit er die Bezahlung der für seinen Perseus ausbedungenen Summe ungestüm zu ertrotzen versucht hatte. Er habe seinerzeit, erklärte Cellini, drei völlig gleiche Amulette gemacht: das eine habe er selbst getragen, bis er es vor kurzem verschenkte; das zweite trug Alessandros Söhnchen; das dritte Lorenzinos Söhnchen; und so übereinstimmend seien die drei Amulette gewesen, daß er schon damals – vor drei Jahrzehnten – sie nicht auseinanderhalten konnte ... Mehr als diese Verspottung aus dem verbitterten großen Künstler herauszufragen, gelang dem Duca nicht. Während er und seine Begleiterin sich eben anschickten, die Goldschmiedewerkstatt zu verlassen, entdeckten sie eine kleine Marmorskulptur Cellinis: ein sich bäumendes Pferd, dem ein Jüngling ein Messer ins Herz stößt. Eure Gesichtszüge, Messer Giuliano, hatte der Jüngling.« »Saht Ihr die Skulptur, Cavalière?« »Einige Zeit hernach, als wohl das Schicksal schon beschlossen hatte, sich dieses Kunstwerks als tragischer Waffe zu bedienen ... Hätte Cosmo die schöne Skulptur erstehn wollen, so hätte gewiß Cellini den Verkauf hartnäckig und hohnvoll ausgeschlagen. Es kam indes gar nicht dazu, da der Duca, taub für Donna Faustinas Bitten, kein Angebot machte. Er mißtraute Euch ja noch, glaubte dem Brief der Fürstin von Carrara und trug kein Verlangen danach, das Bildnis eines Feindes und Bluträchers im Pittipalast aufzustellen. – Doch schon wenige Tage später, nachdem Ihr ihn vom Kopfsprung abgehalten und man die aufrechtstehenden Klingen im Arno gefunden hatte, besonders aber nach dem Brand der Rocca, hielt Euch Cosmo so wenig für einen Brutus, daß er Euch Donna Faustina zur Frau geben wollte. Wißt Ihr das?« »Ja, auf der Reise nach den Maremmen teilte mir es Cosmo mit.« »In Florenz ging das Gerücht, Ihr wärt unterwegs spurlos verschwunden.« »Das Morgenland rief mich: die Diener des Königs Pfauhahn bedurften meiner.« »Auch Donna Faustina bedurfte Eurer – denn sie liebte Euch. Ihr habt unrecht an Donna Faustina gehandelt. Cosmo gab sie seinem Sohn Don Pietro zur Frau.« »Ihrem ärgsten Feinde? Wie ist das möglich! ... Und Faustina ließ sich ihm antrauen?« »Cosmo zwang sie. Wie er selbst, hatte ja auch sie verbrecherisch an Don Pietro gehandelt. Hätte sie während der Gerichtsverhandlung bekannt, was Don Pietro ihr angetan, so wäre sein Freispruch erfolgt. Aber sie schwieg, und schwieg auch, als Agostino Selmi sich in Pisa erhängt hatte; und sie schwieg erst recht, als, erschüttert durch Selmis Selbstmord, ihre Dienerin, die Zwergin Rentinola, sich ihr schluchzend vor die Füße warf und mit verzweifelter Selbstanklage ihr gestand: sie sei es gewesen, die ihrem Verlobten, dem Pagen Guerzolo, heimlich einen Anzug Don Gracias verschafft hatte, als Guerzolo während des Stiergefechts in der Vermummung eines mediceischen Prinzen zu La Delfina ging, ihr die Kehle zu durchschneiden. (Dadurch war Agostino Selmi irregeleitet worden, Don Gracia für den Schuldigen zu halten). Erst nachdem Guerzolo von der Stadt Bologna ausgeliefert worden war und in der Folter ausgesagt hatte, kam alles zu Tage, – auch Donna Faustinas schuldvolle Verschwiegenheit. Diese ihre Schuld wollte Cosmo durch die Heirat aus der Welt schaffen – wie ebenfalls Don Pietros Schuld an der Bloßstellung Donna Faustinas: denn ganz Italien lachte bereits über den blauen Schmetterling, der sich auf die Dauer doch nicht hatte verheimlichen lassen ... Aber alles das geschah erst nach der furchtbaren Tragödie in den Maremmen.« »Tragödie ...?« »An einem Tage starben die beiden jüngeren Prinzen, Kardinal Don Giovanni und Don Gracia, und mit ihnen ihre Mutter, die Duchessa Eleonora.« »Erzählt es mir, Cavaliére!« 6 Der persische Tabak der beiden Wasserpfeifen ist zu Asche gebrannt, und Traiano Bobba ruft den Kawedschi, daß er von neuem glimmenden Töbeki auf die Wasserbehälter lege und auch frischgemahlenen Kaffee bringe. Sobald die Nargilehs und die Kaffeetassen wieder dampfen, berichtet der Cavalière vom verhängnisvollen Jagdausflug in die sienesischen Maremmen. »Gegen den Rat des Hofarztes Baldini, der vor den Maremmen gewarnt hatte, weil die sumpfigen Jagdgründe dort – besonders im Hochsommer – fieberverseucht seien, begab sich Cosmo bei glühender Julihitze in sein unweit von Livorno gelegenes Jagdschlößchen Rossiglione und nahm seine Familie – die sieche Duchessa Eleonora und seine Söhne Don Gracia und Don Ernando dahin mit. Sein in Pisa als Erzbischof lebender Sohn, Kardinal Don Giovanni, traf gleichfalls in Rossiglione ein, um während einiger Wochen – so hatte es der Duca angeordnet – mit Vater und Brüdern Schwarzwild zu jagen. Als ersten warf der Schüttelfrost Don Gracia nieder, der seit dem Maifest – (seit er von Donna Tolla Fiordespini, der am Sumpffieber Erkrankten, angesteckt worden war) – nie ganz sich erholt hatte. Nach ihm überfiel die Krankheit den jungen Kardinal und schließlich der beiden Mutter. Kein Wunder, daß sie der Wut des Fiebers erlag, war sie doch schon seit Jahren eine Sterbende gewesen; ein viel besprochenes Wunder aber war es, daß alle drei Kranken innerhalb von vierundzwanzig Stunden den Geist aufgaben ... Heimwärts fuhren die drei Leichen durchs toscanische Land, ihre Bahren in schwarzsamtenem Prunk von weißen Maultieren gezogen; und sie wurden, bevor man sie im Grabgewölbe der Medici – bei der Porta San Niccolò – beisetzte, in Santa Maria del Fiore ausgestellt, wo ganz Florenz sie beweinte. Bloß Cosmo vergoß keine Träne. Allgemein wurde seine Ergebenheit in den grausamen Ratschluß Gottes bewundert. Seine Feinde allerdings verbreiteten böse Gerüchte ...« 7 Bei den letzten Worten Bobbas erfunkeln die Augen Giulianos. Eben noch rang ein Entschluß in seiner Seele, mit gesenktem Kopfe saß er unschlüssig da. Jetzt hebt er den Kopf und sagt, jede Silbe betonend: »Es ist verjährt und ich darf darüber reden. Die Gerüchte logen nicht.« »Nicht?! ...« ruft Traiano Bobba starr vor Staunen. »Wie wißt Ihr es?« »Erst nach der Katastrophe verließ ich den Duca. Es ist so lange her, daß ich mir das Schloß vom Munde nehmen darf. Ihr sollt alles hören, Cavalière. Damit Ihr es aber versteht, muß ich zurückgreifen auf die Zeit, die der Reise in die Maremmen voranging ... Nach dem verhüteten Anschlag des Drogenhändlers mußte ich, ob ich wollte oder nicht, prinzenhaft im Pittipalast wohnen, als Retter des Duca gehätschelt; – nicht nur seine Freundschaft hatte ich mir erworben, auch die Anhänglichkeit seines Sohnes Don Gracia. Der Knabe schwärmte mich an; und nach wenigen Tagen bereits hatte er kein Geheimnis vor mir. Wie wenn seine Brust aus Glas wäre, ließ er mich in sein Inneres – in sein zerquältes Herz – blicken. Da war Gut und Böse seltsam vereinigt wie im Herzen des indischen Gottes Brahma. Der arme Gracia war besessen vom Gedanken, daß ihm von Kindesbeinen an vorherbestimmt sei, ein Kain, ein Brudermörder zu werden. Er verabscheute seinen Bruder, den Kardinal Giovanni, und begründete vor sich selbst seinen Haß, indem er sich einredete, sein Bruder trage die Schuld am Tode der Donna Tolla Fiordespini. Soviel ich konnte, redete ich es ihm aus und versuchte, ihm nachzuweisen, daß La Delfina die vermeintliche Zusammenkunft – (des Kardinals mit Tolla in ihrem Dirnenquartier) – glattweg erfunden habe, um ihn selbst – Don Gracia – zu sich zu locken. Sein Argument, gegen das ich vergeblich Sturm lief, war, daß Tollas Freundin, Nannina Sansedoni, ihm in der Kirche San Felice die Beichte der sterbenden Tolla mitgeteilt und daß er dem Kruzifixus geschworen habe, die Geliebte an ihrem Verführer zu rächen. Da es umsonst gewesen wäre, Donna Nanninas Wahrhaftigkeit anzuzweifeln, zweifelte ich die Bindung durch den unheiligen Schwur an. Ich hielt Gracia vor, daß er eine Blasphemie beging, als er das Kruzifix zum Mithelfer an einer Bluttat machen wollte, und daß der Heiland den Eidbruch lieber sehn würde als die Ausführung des gelobten Verbrechens. So viel erreichte ich schließlich, daß er die Sündhaftigkeit seines Schwures einsah und mir das Wort gab, gegen die böse Lust anzukämpfen. 8 Während der Reise in die Maremmen ritt ich meist an seiner Seite und freute mich, beobachten zu können, wie der Luftwechsel und der Anblick der Naturschönheiten sein umwölktes Gemüt allmählich aufheiterten. Im Jagdschloß Rossiglione angelangt, begann er mit Feuereifer Vorbereitungen für die Jagd zu treffen; – er tat es im Auftrage Cosmos, – denn die Duchessa Eleonora, überanstrengt durch die Strapazen der Reise, hatte fiebernd sich niederlegen müssen, und der Duca – stets schuldbewußt vor ihr – wollte ungern ihr Krankenzimmer verlassen ... Gegen Abend traf der junge Kardinal-Erzbischof ein. Es war mir nicht möglich zu hindern, daß die feindlichen Brüder nach dem Abendessen einen Spaziergang – zu zweit – durch den nachtfinstern Park von Rossiglione machten. Zitternd harrte ich auf ihre Rückkehr und schickte ein Dankgebet zum Himmel empor, als ich sie freundlich miteinander plaudernd ins Schloß zurückkommen sah ... Für den folgenden Tag war die Wildschweinjagd anberaumt. Früh morgens wurde bekannt, daß der Duca nicht teilnehmen werde, weil der Zustand der Duchessa sich über Nacht verschlimmert hatte. Als erster ritt Kardinal Giovanni, von der bellenden Hundemeute, Treibern und Jägern begleitet, zum Schloßtor hinaus. Draußen machte er halt und erkundigte sich, ob denn sein Bruder nicht bald komme. Darauf meldete ihm einer der Pagen: Don Gracia habe sich beim Anziehn verspätet und lasse Seine Eminenz bitten, vorauszureiten; in wenigen Minuten werde er Seine Eminenz einholen. Nachdem der Kardinal und seine Begleiter außer Sehweite waren, kam Don Gracia in den Schloßhof, wo sein Pferd gesattelt stand und wo ich auf ihn wartete. Er hielt einen dicken Strick in der Hand. Statt sich aufs Pferd zu schwingen, faßte er mich stumm am Arm und zog mich mit sich fort in den Schloßgarten. Vor einer Platane blieb er stehn. Schneeweiß war sein bebender Mund. ›Binde mich fest an diesen Baum!‹ stammelte er rauh und barsch hervor. ›Rette mich vor dem Teufel in mir, wenn du mein Freund bist, Giuliano! Schnüre mich so fest an den Stamm, daß ich mich selbst nicht befreien kann!‹ Ich begriff und ich gehorchte, ohne ihm zu widersprechen. Stocken mochten wohl die Blutbahnen im Geäder seiner Knie, seiner Ellenbogen, seines Rumpfes, denn ich band ihn unerbittlich grausam an den Baumstamm, wie es Indianer mit todgeweihten Feinden tun. Kaum aber war das geschehn, wollte es sein böses Schicksal, daß ich meinen Namen im Garten rufen hörte; – ein Hoflakai suchte mich, ausgesandt vom Duca, der mich zu sprechen wünschte. Das nötigte mich, den Gefesselten allein dort zu lassen und mich ins Schloß zu begeben. Als ich eine halbe Stunde später wieder in den Garten kam, fand ich Don Gracia nicht mehr an der Platane; nur noch der zerschnittene Strick lag auf den Wurzeln des Baumes. Von Donna Faustina, der ich gleich darauf begegnete, hörte ich, daß sie es gewesen war, die den wimmernden Knaben entfesselt hatte – ahnungslos über die Tragweite ihrer barmherzigen Tat. Mit wenigen Worten klärte ich sie auf .. Wir liefen zum Schloßhof; dort befand sich Don Gracias Pferd nicht mehr. Das Schlimmste befürchtend, ritten wir ihm nach. Die Richtung freilich, die er eingeschlagen, kannten wir nicht –: zu groß war sein Vorsprung. 9 Endlos dehnt sich der Maremmenwald, – tagelang hätten wir dort umherirren müssen, wäre uns nicht der Weg gewiesen worden durch fernes Waldgeschrei, Jagdhörnerklang, zertretenes Farnkraut und Hufspuren im Moos. Wir trafen auf die Jagdgesellschaft, auf die Treiber und Jäger, – die beiden Prinzen jedoch sahn wir nicht unter ihnen. Sie hätten sich abgesondert – sagten uns die Jäger – und seien ohne Begleiter ins Waldesdickicht, wo es am dichtesten ist, hineingeritten. Spornstreichs sprengten Donna Faustina und ich ins Unterholz hinein; Dorngebüsche, die uns aufhalten wollten, zerstampften wir, bis blutige Bäche über die dornzerkratzten Flanken unserer Pferde rannen. Uns leiteten von jetzt ab ferne Geräusche nicht mehr, auch keine Huffährten, keine zertretenen Schachtelhalme; – nur das Irrlicht der Hoffnung lockte uns durch die Waldeinöde hindurch an ein schwarzes Moorwasser heran und ermutigte uns, den weglosen Weg zu gehn und die spurlose Spur zu verfolgen. Mehr als eine Stunde lang waren wir in die Irre geritten, bis wir schließlich auf einer Anhöhe unsere Stuten anhielten. Vor uns blinkte bleiern fahl ein Moorteich, bewachsen mit Sumpfblumen, umstanden von blaufinsterem, urwaldhaftem Baumgewirr. Totenhaft wie eine verrufene Stelle, wie ein wahrer Mordgrund und Spukplatz, dämmerte das Schilfufer unheimlich düster und lichtarm; nur das Moorwasser hatte den leblosen Glanz eines erblindeten Auges. Plötzlich packte Donna Faustina meine Hand und hauchte ein geflüstertes Stoßgebet: ›Heilige Jungfrau, erbarme dich unser!‹ ... Ich hatte vor mich hin auf die Moorlandschaft geschaut, jetzt aber folgten meine Augen ihren entsetzten Blicken niederwärts, und ich sah es, das Grauenhafte ... Dicht unterhalb der Anhöhe lag in einer Blutlache Kardinal Giovanni; und neben ihm kniete schluchzend Don Gracia, sein Bruder und Mörder! ... Donna Faustina und ich sprangen von unsern Pferden und eilten den Hügel hinab. – Ach, keine Hilfe war möglich –: der Dolch hatte die Lunge durchbohrt, Don Giovanni verblutete. Nicht er, sondern sein unseliger Bruder bedurfte der Hilfe. Das sprach sterbend der Kardinal selbst aus, indem er Donna Faustina und mich beschwor, seinem Bruder zur Flucht über die Grenze zu verhelfen, damit er der unmenschlichen Bestrafung durch seinen Vater entgehe. Sich selbst zieh er der Hauptschuld an Gracias Untat, weil er ihn durch Vorwürfe – (Selmis wegen) – gereizt hatte. Ausgesöhnt mit dem Bruder und dem eignen Los, verstöhnte Giovanni, verstummte, hauchte seine Seele aus. Als er tot und hin war, schrie Gracia so schrill auf, daß die Sumpfvögel emporflogen. Und gleich darauf entriß ihm Donna Faustina ein Messer, mit dem er sich richten wollte. Sie setzte sich neben den wildschluchzenden Knaben, hob ihn auf ihre Knie, wie wenn er ein kleines Kind wäre, küßte und streichelte ihn und suchte nach Trost für den Untröstlichen; bis seine angstverstörten nassen Augen sich ermattet schlossen, bis seine irren Sinne sich in einem Traumlabyrinth zu besänftigen schienen. ›Sieh doch, Schwesterchen, dort klettern Nixen ans Ufer und weinen um mich!‹ sprach er aus einem erlösenden Schlafzustand heraus. Jäh erwachend schrie er um so entsetzlicher. Nachdem endlich seine Verzweiflungstränen versiegt waren, zuckte er am ganzen Körper, von Todesangst geschüttelt. Mit lautem Zähneklappern klammerte er sich an Faustinas Hals – (wahrscheinlich vergegenwärtigte er sich seines Vaters eiserne Stimme, sah das Strafgericht voraus, das ihm bevorstand) – und er bat Donna Faustina und mich, ihn zu retten. Auch sie war der Meinung, wir müßten den letzten Willen des Toten erfüllen und auf Schleichwegen Gracia in die Romagna zu den Orsinis geleiten. Ich jedoch widerriet –: denn selbst, wenn es gelänge, ihn über Toscanas Grenze hinüberzuschaffen, so würde ihn das vor dem Zugriff des himmlischen Strafers doch nicht bewahren, er würde – wo er auch sei – den Schergen Cosmos in die Spieße laufen; und ich überredete Gracia, sich dem Duca vor die Füße zu werfen und seine Gnade zu erflehn. – Düster nickte Gracia zu meinen Worten. Er sehe es ein (murmelte er), ich hätte recht: ihm bleibe kein anderer Weg ... Während er so sprach, ging er auf sein Pferd zu, welches unangebunden – wie ebenfalls das verwaiste des Toten – in der Nähe graste. Das Pferd Don Giovannis floh, als er herankam; seins aber gehorchte seinem Zuruf und erwartete ihn, daß er sich in den Sattel schwinge. Wir glaubten, er wolle geradewegs nach Rossiglione, um zu vollführen, was ich ihm geraten. Doch plötzlich davontrabend rief er uns zu: er werde allein sich retten ... Nicht sogleich konnten Donna Faustina und ich unsere Pferde einfangen; als wir ihm nachsetzten, war es bereits zu spät: seine Fährte ging uns verloren. Und dann verflossen noch Stunden, bis es uns glückte, die Jäger zu finden und sie an des Kardinals Leiche heranzuführen, damit sie eine Tragbahre zimmerten ... 10 Niemand wollte es auf sich nehmen, dem Duca die Botschaft zu überbringen. Unheil kommt ja immer noch früh genug, auch wenn es unangemeldet kommt ... Nicht vom toten Sohn, sondern von Don Gracia langte spätnachmittags ein stummer Bote an: sein Pferd, gesattelt, doch ohne Reiter, kehrte ins Jagdschloß zurück. Dafür hatten die Schloßbewohner keine andere Erklärung, als daß dem Prinzen etwas zugestoßen sein mußte. Aufs äußerste besorgt, schickte Cosmo Lakaien und Pagen aus, den Wald nach den beiden Prinzen zu durchsuchen. Doch erst nachdem die Nacht angebrochen war, nahte bei Fackelbeleuchtung der Trauerzug mit der Leiche des jungen Kardinals. Donna Faustina und ich schritten neben der Bahre her und das Mark der Seele wurde uns kalt, als wir am Schloßtor von Rossiglione den bedauernswerten Vater uns erwartend stehn sahn, das wachsgelbe Gesicht steinern, gleichsam versteinert und maskenhaft lebenleer. Wir waren darauf gefaßt gewesen, daß er uns anbrüllen werde, als wären war Mitschuldige des Geschickes. Er schwieg jedoch und richtete an uns keine Frage, auch nach Don Gracia fragte er nicht. Vielleicht ahnte er alles und wollte in diesem furchtbaren Moment nicht mehr noch erfahren, als was ihm der grauenvolle Anblick zur Genüge verriet; vielleicht wollte er dem ersten Schmerz eine Rast gönnen, bevor er Stufe für Stufe den Gipfel seines Unheils erklomm ... Er hieß die Träger und uns alle die Stiefel ausziehn, wir mußten, auf den Zehen gehend, die Leiche durch das Schloß tragen, damit die kranke Duchessa nichts erfahre. Gespenstisch leise wurde Don Giovanni in seinem Bette aufgebahrt. Dann schickte der Duca alle hinaus: er ganz allein wollte bis zum Morgen die Totenwacht halten. 11 Auf den Zehen gehend und flüsternd sagten Donna Faustina und ich draußen im Flur uns gute Nacht, wir trennten uns, suchten unsere Schlafkammern auf. Nach einer Weile kam sie zu mir herein, noch verzweifelter weinend als zuvor: sie könne ja doch nicht schlafen, die Angst drücke ihr das Herz ab, – ob ich erlaube, daß sie bei mir bleibe? ... Mir war es recht, denn auch mir grauste vor meiner schlaflosen Einsamkeit. Und wenn ich auch ein junger Mann war und sie ein wunderschönes Mädchen, eingeschlossen zu zweit in ein abgelegenes Schloßzimmer bei finstrer Nacht, – so hatte doch der Schmerz, der uns zusammenführte, ein schreckensbleiches Furienantlitz, das jeden sinnlichen Gedanken von der Schwelle scheuchen mußte. Und außerdem standen die Schatten Gualdradas und Violettas zwischen mir und Faustina ... Darum forderte ich sie auf, bei mir zu bleiben; und ich redete ihr zu, ihre Tränen zu trocknen; – sei es doch aller Voraussicht nach gewiß, daß Gracia sich inzwischen in Sicherheit gebracht habe. So sprechend, kämpfte ich selbst vergeblich gegen mein Weinen an und beachtete es nicht, daß ihre Tränen mit meinen sich mischten; – bis es so weit kam, daß Faustina mir meine Tränen vom Munde küßte. Ach, heiße Tränen sind gefährliche Kuppler! Betäubt durch mein Mitleid, ließ ich mich hinreißen, ihr einen Kuß auf die Stirn zu geben. Wie erschrak ich aber, als sie plötzlich sich erhob, auf den Tisch zuging, wo der den Raum erleuchtende Leuchter stand, und rasch die Kerze ausblies. Im Dunkeln umschlang sie mich; schluchzend und Liebesworte stammelnd zerrte sie mich aufs Bett, warf ihren Rock ab, wollte sich mir hingeben. Zu spät entsann ich mich, daß sie ja wenig bekleidet zu mir hereingekommen war, mit offenem Haar wie eine Meerfrau ... Ob schon in der Absicht, mit mir zu buhlen? (fragte ich mich) ... Arglos hatte ich an ihrem Nachtgewande keinen Anstoß genommen, weil ich so Ungeheuerliches nie hätte argwöhnen können. Es kam mir ungeheuerlich vor, denn die Schloßmauern schrien ›Mord!‹ und ›Brudermord!‹ zum Himmel, während sie, die vorhin durch eine Blutlache gewatet war, sich derart vergaß ... Doch so Schlechtes von ihr denkend tat ich ihr unrecht; bald genug sah ich es ein: sie hatte begierdelos, von nichts als ihrem Gram getrieben, mich aufgesucht, und war überrumpelt worden von der Sinnlichkeit, berauscht vom Taumelkelch der Tränen – (wie beinahe auch ich!) Einer Wahnsinnigen gleich, kämpfte sie für ihre Schande. Nur mit großer Mühe gelang es mir, mich aus der Umklammerung ihrer nackten Beine und Arme zu befreien und sie von mir zu stoßen – so daß sie aus dem Bett auf den Fußboden hinabglitt. Viele Minuten lang sprachen dann weder sie noch ich ein Wort. Schwer atmend lag ich auf dem Bett, – sie lag keuchend auf dem Teppich. Meine Augen hatten sich jetzt an die Dunkelheit des Zimmers gewöhnt. Durch ein Astloch im geschlossenen Fensterladen glitt Mondlicht als schmaler Streifen über den Teppich und die dort verkrampft liegende silberweiße Gestalt. Ein Käuzchen krächzte vor dem Fenster, eine Grille zirpte. Und da sah ich, daß Donna Faustina auf mich zukroch. Sie faßte schüchtern meine Hand; – und ich entzog sie ihr nicht, zu grenzenlos leid tat sie mir. Kniend vor dem Bett, ihr Gesicht in meine Hand bergend, sprach sie finstere, schwarze Worte und schüttete wie aus einem Füllhorn der Trübsal vor mir ihr ganzes Elend aus. ›Du hast recht daran getan, mich von dir zu stoßen, Giuliano! Eine Unglücksblume muß man zertreten und zerstampfen, – sonst bringt sie Unglück! Ich bin eine Medici! – Sei froh, daß du keiner bist! Ein Fluch lastet auf allen Medici –: die sechs Pillen unseres Wappens haben noch jedem und jeder unseres Geschlechtes das Dasein vergiftet. Wie ein Habicht schwebt der Fluch über uns, und wenn er herabstößt, geschieht ein Schrecknis, – solch eins wie heute am Waldmoor ... Danke Gott, daß du Lorenzinos Sohn nicht bist, – denn sonst wärst du verflucht wie ich, die Tochter Lorenzinos! ... Weil es jetzt feststeht, daß du mein Bruder nicht bist, hat Cosmo beschlossen, mich mit dir zu verheiraten. Er hat es ja auch dir schon eröffnet; und er meint sogar, dir Gutes zu erweisen, wenn er – trotz deiner Weigerung – mich dir aufdrängt. Ich aber weiß es, daß du zwei Schutzengel hast, zwei Schatten toter Mädchen, die dich abhalten, mich Verlorene zu lieben ... Wahnsinnig war ich, als ich das vergaß vorhin! ... Oh, erlaube fortan auch mir, dir ein Schutzgeist zu sein – gegen mich! Du bist zu gut für mich, Giuliano; du bist ja zu schade dafür, eine Braut zu haben, wie ich eine bin! Wie verworfen die ist, die Cosmo dir aufzwingen möchte, sollst du erfahren, Giuliano, – nichts, nichts werde ich vor dir verbergen! ... Du hast vorhin meine Schamlosigkeit gesehn: dich ekelte, weil ich mich dir anbot wie ein Freudenmädchen ... Doch es genügt nicht, daß du meine Küsse nicht magst; – meine Pflicht ist es, noch weit mehr mich dir zu einem Greuel zu machen, so daß du dich mit Widerwillen und Abscheu von mir wendest; (will ich doch dein Schutzgeist sein und dich vor mir retten!) Ich war dreizehn Jahre alt, als meine Mutter starb und Cosmo mich an den Hof nahm, mich als jüngste Ehrendame im Pittipalast unterbrachte. Zur Schanddame machte er die kleine Ehrendame: er, der Mörder meines Vaters, raubte mir die Jungfernschaft. Ich hatte ihn tödlich gehaßt, aber die seine geworden, empfand ich eine maßlose Glückseligkeit, verschändet zu sein durch ihn, der wie ein Gott unter den Menschen war; und ich vergaß alle meine Rachewünsche. Als seine Hure rechtlos und ihm verknechtet, mußte ich schweigend es dulden, daß er andern antat, was er mir angetan. Er hat ein Herz von Eis, – ach, mein heißes Herz bewunderte auch das an ihm und verzieh ihm alles; – wenigstens kehrte er bisher stets zu mir zurück. Doch seit er Semiramide degli Albizzi ins Garn gegangen, bin ich ihm lästig geworden, und er plant (um mich loszuwerden), dich mit mir zu betrügen – wie ein Händler eine Stute verkauft, deren heimliche Rotzkrankheit er dem Käufer verschweigt ... Ich bin eine rotzkranke Stute, Giuliano, ich bin viel zu schlecht für dich! ... Nicht ihn verurteile, sondern mich! Er war immer krank an der Seele – das weiß ich, weil ich ihn einst geliebt habe. Das viele Glück, das er rings um sich her zerstört hat, hat sein Glück nicht gemehrt. Und bedenke auch das eine: was er heute leidet, ist eine Höllenstrafe auf Erden ...‹ 12 Mit einem leisen Aufschrei brach Donna Faustina ihre Selbstanklage ab und stierte auf die Tür, die sich geräuschlos öffnete. Zwölf glockenhafte Schläge der Schloßuhr erdröhnten eben, – da wankte Don Gracia herein und blieb an die Wand gelehnt stehn. Er hatte sich, von niemand bemerkt, ins Jagdschloß eingeschlichen. Der schmale Streifen Mondlicht war inzwischen nach der Tür zu fortgewandert und rieselte jetzt milchig über des Knaben verzerrtes, verstörtes Gesicht. Er sah wie ein Totengeist aus, zum Erbarmen. Als aber Donna Faustina auf ihn zueilte, um ihn (falls er niederfiele) aufzufangen, wehrte er sie mit einer flehenden Handbewegung von sich ab: ›Rühre mich nicht an, Schwesterchen! Du weißt, was an meinen Händen klebt, besudle dich nicht an mir! ...‹ Wie wenn ein anderer aus ihm spräche, so fremd und hohl klang seine Stimme. Da jammerte Faustina: ›Warum bist du nicht geflohn, warum hast du dich nicht gerettet, mein armer Gracia! Hier bist du ja verloren! ...‹ ›Verloren, Schwesterchen, ja, das ist wahr! Ich bin jämmerlich verloren, verdammt in den Abgrund der Hölle, ich elender Mensch! ...‹ Er vermochte vor Müdigkeit kaum noch, sich aufrecht zu halten; er warf sich auf mein Bett und schloß die Augen. Und ohne die Augen zu öffnen, bat er mich, seinen Vater zu ihm zu rufen. Giovannis aufgebahrte Leiche zu sehn und angesichts des Ermordeten mit seinem Vater zu sprechen, fehlte ihm die Kraft. Aber auch länger auf das Furchtbare zu harren, war ihm unerträglich. Ihm bangte nicht mehr vor dem Strafgericht, er wollte ein Ende der Qualen, nach Schlaf sehnte er sich, nach dem Todesschlaf ... 13 Ich ging den schweren Gang zu Cosmo; ich störte die heilige Totenwache; wie ein Räuber brach ich ein ins Gehege seiner Unwissenheit, hinter der er bis dahin Schutz gesucht hatte vor den Schrecknissen seiner ahnungsvollen Angst. Die ungeschminkte erbarmungslose Wahrheit erfuhr er durch mich. Doch ich sprach als Arzt zu ihm und ich bewies ihm die seelische Erkrankung seines Kindes: wie die Tollwut den treuesten Hund in einen reißenden Wolf verwandeln kann, so habe eine grausame Begierde, ein Zwang zum Blutrausch, Don Gracia überfallen – und darum sei der Ärmste für seine Tat nicht verantwortlich ... Die tränenlosen, lebenleeren Augen des Duca wurden, während ich sprach, lebenvoll, lebhaft, erglommen grünlich, – es war, als ob rings um die Iris Funken sprühten. Sobald ich verstummt war, erhob er sich jäh, packte mich an der Gurgel, würgte mich, – und schon glaubte ich, meine letzte Stunde habe geschlagen. Aber rasch wie sein Zorn aufgeflammt war, überkam ihn Reue und Scham über seine Raserei. Die in meine Kehle gekrampften Finger lockerten sich, er umarmte mich und weinte, seinen Kopf an meine Brust drückend, längere Zeit. Wahrscheinlich bin ich der einzige Mensch auf Erden, der diesen stolzen Mann hat weinen sehn ... Schließlich trocknete er seine Tränen; und indem er sie abwischte, wischte er auch den Schmerz aus seinen Gesichtszügen, bis sie wieder geglättet und hoheitsvoll und maskenhaft kühl wurden. Dann bat er mich, ihn zu Gracia zu führen. 14 In meiner Kammer brannte noch immer kein Kerzenlicht. Der eindringende Mondschimmer überhauchte die Dinge und Menschen mit einem nebelblauen Dämmerschein. Da lag Don Gracia auf meinem Bett; weh ihm, oder nein: wohl ihm, denn er war in tiefen Schlaf gesunken; ausgestreckt auf dem Rücken lag er wie ein Menschenopfer auf einem Blutaltar. Und hinter dem Kopfende des Bettes kauerte auf dem Fußboden die Unglücksgestalt Faustinas. Ihr Gewand hatte sie in Ordnung gebracht, doch dürftig genug war sie bekleidet; mit ihren Fingern wühlte sie in ihrem aufgelösten Haar, das, einer goldgelben Wolke gleich, ihr blankgeweintes leidverstörtes Gesicht umhüllte. Als wir eintraten, rutschte sie auf den Knien zu Cosmo heran, hob ihre gefalteten Hände zu ihm empor und wimmerte flüsternd: ›Erbarmen! Erbarmen! Tu ihm nichts! Er schläft! Wecke ihn nicht! Verunheilige den Schlaf nicht! Die sieben Engel Gottes bewachen ihn! Er wird früh genug erwachen, der Ärmste! ...‹ Doppelsinnig antwortete ihr Cosmo: ›Ich werde ihn nicht wecken, Faustina! ...‹ Und Cosmo setzte sich in einen Lehnsessel neben den Schlafenden, während sie in ihre Ecke hinter das Kopfende des Bettes zurückkroch. Ich aber stand aufrecht am Fenster, gezwungen, ein untätiger Zuschauer zu sein dieser Tragödie, deren schwarze, von den drei Schicksalsschwestern gesponnene Fäden zu zerreißen keines Menschen Kraft hinreichte. Selbst keines Gottes Kraft. Zum erstenmal kam mir die Einsicht, daß die drei Schicksalsschwestern grauenhafte Dämonen sind, die mächtigsten von allen Teufeln ... Und Cosmo begann leise zu sprechen, ganz leise, damit Gracia nicht erwache. Weder an Faustina noch an mich waren seine Worte gerichtet, – nicht einmal an Gracia, obgleich er ihn anredete. Zu sich selbst sprach er, – wie einer, der mit einem Stern oder einer Blume Zwiesprach hält, obgleich er weiß, daß sie taub sind und daß seinen bebenden Worten nichts entgegenbebt außer dem eigenen Herzen. ›Unseliges Kind, was hast du getan! Was hast du dir und mir angetan! Mir und deiner Mutter und deinem sanften Bruder! Einen Engel hast du umgebracht, – und mit ihm dich selbst! Mehr als um ihn jammere ich um dich, mein Liebling! Wie kann ich dich von deinen Qualen erlösen? ... Ich verfluche die Stunde, in der ich dich erzeugte! Durfte ich dich in dies Erdental setzen, wo dir beschieden ist, solche Qualen zu erdulden? Dein himmlischer Vater weiß es und dein allzuirdischer: das wilde Blut, das du von mir erbtest, zwang dich zur Tat ... Was auch immer du verbrachst, ich liebe dich, mein armer Junge, wie ich dich stets geliebt habe. Meine Liebe zu dir lasse ich mir nicht ausreuten, als wäre sie ein schlechtes Unkraut ... Wie war ich stolz auf deine Schönheit, mein Gracia! Schon als kleines Kind bezaubertest du jedermann. Von allen meinen Kindern stand keines meinem Herzen so nah wie du; mein Idol warst du, ich trieb Abgötterei mit dir, – und darum trifft mich die Strafe des Himmels; und darum verlangt Gott ein Opfer von mir – wie einstmals von Abraham, dem er befahl, ihm sein Söhnchen Isaak zu schlachten auf dem Brandaltar ...‹ Einen entsetzten Schrei stieß Faustina aus. Und dann lallte sie winselnd: ›Erbarmen! Erbarmen, Cosmo! ... Habe doch mit dir selbst Erbarmen! Du liebst ihn mehr als deine Augen, Cosmo!‹ Er gab keine Antwort. Mit dem Rücken zu ihr saß er am Bett, regungslos wie ein steinernes Sitzbild, und schaute dem Schlafenden ins Gesicht. Eine Weile war es ganz still im Zimmer. Nichts hörte man als nur das schwere Atmen von vier Menschen. Und ganz leise fuhr dann Cosmo fort, zu Gracia zu sprechen. ›Ich werde dich nicht wecken, mein armes Kind. Grausam ist das Leben für dich, mild der Schlaf. Verlängern möchte ich deinen Schlummer, ihn verewigen ... Selbstliebe war meine Liebe: ich sah ja mein Ebenbild in dir; deine schönen Finger sind meine Finger, deine länglichen Nägel sind meine Nägel ... Geist von meinem Geist war deine stürmische Lebhaftigkeit, die für deine Zukunft mir so viel versprach. Was erhoffte ich nicht alles von dir und für dich! ... Ach, und nun fiel alles in die Asche! Und was stünde dir jetzt bevor, falls du am Leben bliebest? Denn das begreifst du doch, Gracia, daß dein Vater, den das Volk den Bannerherrn des Rechtes nennt, gern auf diesen Ehrennamen verzichten würde, gern sich schützend zwischen dich und die Gerechtigkeit stellen würde, – und doch wäre es vergebens, weil das Recht stärker ist als ein Fürst. Nicht Florenz allein, sondern die gesamte schwerergrimmte Welt würde nach Sühne für den Brudermord schreien. Herausgeben müßte ich dich deinen Richtern, daß sie mit dir verfahren wie mit einem bösen Hund; dich preisgeben müßte ich dem roten Henker, daß er aufs Rad dich flechtend dir die Knochen zerbricht, deinen schönen Körper vierteilt ... Und die blutige Buße auf dem Hochgericht würde nicht einmal dein Andenken vor bleibender Schande bewahren. Und selbst wenn ich, dich zu begnadigen, die Macht hätte, – du selber würdest dich nicht begnadigen. Du müßtest ja, solange du atmest, das Brandmal – das Kainsmal – auf der Stirn tragen, würdest nie es abwaschen können ... Schlafe, schlafe, mein armer Junge! Ich wecke dich nicht. Zu grausam wäre dein Erwachen! ... Weil ich dich grenzenlos liebe, mein Kind, bewahre ich dich vor solchem Erwachen!‹ Und wieder kreischte bei diesen Worten Donna Faustina schrill auf. Sie war zu weit entfernt, um Cosmo in den Arm zu fallen. Weiß aufblitzen sah ich eine Stahlklinge über dem Schlafenden; aber auch ich stand zu weit entfernt und konnte, wie Faustina, das Furchtbare nicht verhüten. Cosmo stieß die Dolchklinge seinem schlafenden Sohn ins Herz. Und jetzt geschah etwas Unerwartetes. Ein seliges Lächeln erhellte die Gesichtszüge des Sterbenden. Gracia hatte doch wohl nicht geschlafen, ja, ich bin überzeugt: er hatte sich nur schlafend gestellt, und jedes Wort, das sein Vater gesprochen, war wie Balsam in seine wunde Seele gedrungen. Während sein schwarzes Blut auf das Laken spritzte, schlug er zum letztenmal seine strahlenden Augen auf, küßte seines Vaters Mörderhand und sagte mit einem verklärten Lächeln auf den Lippen: ›Nun bin ich erlöst von allen Qualen ... Es tut nicht weh, Vater ... Habe Dank dafür, mein guter Vater! ...‹ Und schon verglasten seine Augen. Aufbrüllend warf sich Cosmo auf den toten Sohn. Faustina wälzte sich einer Irren gleich auf dem Teppich, um sich schlagend im Weinkrampf, für den es keine Stillung gab. 15 Das unersättliche Verhängnis hatte sich an unsern Tränen noch immer nicht satt getrunken. Eine halbe Stunde nach Gracias Tod erteilte Cosmo Sforza Almeni und mir den Auftrag, alle Spuren der Tragödie zu verwischen. Da der Tod der beiden Prinzen sich nicht verheimlichen ließ, sollte der Welt vorgetäuscht werden, das berüchtigte Sumpffieber der sienesischen Maremma habe sie hinweggerafft. Im Zimmer des jungen Kardinals wurden die Prinzenleichen nebeneinander gebettet. Kaum war das geschehn, drang die Duchessa Eleonora di Toledo in die Totenkammer ein. Sie konnte sich nur mühsam aufrecht halten. Auf die Schultern zweier ihrer Kammermädchen, zweier Negerinnen, hatte sie ihre dürren Arme gelegt. Kein Tropfen Bluts war in ihren Wangen und Lippen. Ihr noch immer schönes Gesicht blinkte alabastern durchsichtig, totenblumenhaft aus einem schwarzen Zobelpelz hervor. Als sie bereits auf der Schwelle stand, warf sich Cosmo ihr entgegen, sie wegzuführen, zu verhindern, daß sie ihre toten Söhne erblicke. Doch sie ließ sich den Eintritt nicht verwehren. Heller Irrsinn sprach aus ihr: ›Laß mich, Cosmo, – ich weiß es ja doch ... Zwei Knabenleichen in eines Herzogs Schloß ... Das Tier Martichore, das eines Menschen Antlitz hat, zeigte es mir im Traum ... Ach, meine Lieblinge, jetzt habe ich euch zum zweitenmal geboren! Eine grausame Hebamme hat euch aus meinem Fleisch und meiner Seele herausgerissen, herausgeschnitten. Daran wird sich eure Mutter zu Tode bluten ... Eure Seelen, meine Kinder, sind jetzt Schmetterlinge und flogen zu Gott ... Gott ist der König der Schmetterlinge, – er speist die kleinen Falter ...‹ Plötzlich sank sie tot zu Boden ... 16 Den folgenden Tag hatte ich ein letztes Gespräch mit Donna Faustina. Während schon die weißen Maultiere vor die drei Leichenwagen gespannt wurden, rief sie mich in den Garten hinaus: ich solle ihr behilflich sein, Blumen für die Särge zu schneiden. Von Rosenhecken verdeckt, konnten wir unbelauscht reden. Sie kam mir ganz verändert vor. Es war nicht nur die spanische Hoftrauertracht, was sie hoheitsvoll, stolz und eisig machte. Schon allein durch den Klang ihrer Stimme gab sie sich als unnahbare Prinzessin und errichtete damit eine unsichtbare Mauer zwischen uns, um sich zu beschirmen und auch mich ... Mit gespielter Gleichgültigkeit, wenn auch mit todblassem Gesicht, sagte sie, während ihre Schere Rosen und Lilien köpfte: ›Ich wünsche nicht, daß du mit nach Florenz kommst. Wir müssen Abschied nehmen – für immer.‹ ›Muß es sein, Faustina?‹ ›Ja. Sonst zwingt dich Cosmo zur Ehe mit mir.‹ ›Und wenn ich mich zwingen lasse? ... Seit voriger Nacht denke ich anders über unser Verlöbnis.‹ Ein nervöses Lachen scholl glockenhaft aus ihren hochmütig gerümpften und doch so bleichen Lippen: ›Ei, du liebst mich wohl gar?‹ ›Gutmachen möchte ich, Faustina, was die Sterne Übles an dir taten.‹ ›Du bemitleidest mich wohl gar? Ärger kannst du mich nicht kränken! Ich brauche dein Mitleid nicht!‹ ›Wie könnte ich dich kränken wollen, Faustlina! Vergib mir, falls ich es ahnungslos tat. Warum jagst du mich von dir?‹ ›Weil ich eine Medici bin und du – der Sohn eines Schusters. Nun weißt du's! ... Seit voriger Nacht sind auch mir die Augen aufgegangen –: ich kann nur Cosmo lieben!‹ Mit diesen Worten verletzte sie mich tief; und ihr Trotz weckte meinen Trotz. Daß ich mich verletzt fühlte, bewies eigentlich, daß sie mir nicht so gleichgültig war, wie ich geglaubt hatte ... Und dagegen wehrte ich mich, obgleich mein Mitleid beinahe schon an wahre Liebe grenzte, – ja vielleicht schon Liebe war ..., und obgleich ich sehr wohl begriff, was sie mit ihrer Kälte bezweckte. Es rührte und verstimmte mich zugleich. Daher wurde ich grausam und begegnete ihrem Trotz mit ebenso hartem Trotz. ›Auch ich kann nur zwei Schatten lieben, Faustina ... Hast du schon einmal darüber nachgedacht, was Liebe ist?‹ ›Eine Feuerflocke aus der Hölle, Giuliano.‹ ›Wohl wahr. Doch so schnell erlischt dies Unheil nicht ... Nein: ein Fieber ist die Liebe: eine Krankheit, eine Vergiftung der Blutbahnen des menschlichen Körpers. Die Adern leiten das Liebesgift ins Gehirn und in die Augen, – bis das Hirn umnebelt wird wie nach dem Genuß von Tollkirschen und nicht weiß, ob es dem Schrei der Lust oder der Todessehnsucht folgen soll; und der verderbliche Liebessaft im Blut umflort die Augen, bis sie schön finden, was häßlich ist, und Teufel für Engel ansehn ... Kannst du dir vorstellen, Faustina, daß ein Gottesengel liebt? Daß ein Engel küßt? Daß ein Engel ein Kind erzeugt?‹ ›In der Bibel las ich von Engeln, die herabstiegen zu den Töchtern der Menschen.‹ ›Jawohl, die gefallenen Söhne Gottes taten das! Das eben war ihr Fall! Sie wurden Teufel durch ihre Liebe und sie machten alle Menschentöchter zu Teufeln.‹ ›Ich bin eine Menschentochter, Giuliano! ...‹ Ein leises Zittern in ihrer Stimme ergriff und erschütterte mich. Für einen Augenblick war sie aus ihrer Rolle gefallen und hatte vergessen, daß sie einen Eisespanzer um die Brust trug. Sie tat mir so grenzenlos leid, daß ich nahe daran war, vor ihr in die Knie zu sinken. ›Ach, Faustina,‹ rief ich, ›unsere Seelen – deine sowohl wie meine – sind flügellahm, sind voll Narben; und sie könnten doch aneinander genesen ... Werde meine Frau, Faustina! – Nie werde ich in Wunden greifen, nie werde ich Narben aufreißen, – glaube es nur!‹ ›Es ist zu spät, Giuliano. Ich habe Cosmo gebeten, mich einem andern zur Frau zu geben.‹ ›Wem?‹ ›Frage nicht ... Und nun lebewohl. Die Königin der Herrlichkeit sei mit dir, Giuliano!‹ Sie schenkte mir eine Narzisse und erlaubte mir, ihre Hand zu küssen. Den großen Blumenhaufen – (wie wenn es ein Säugling wäre) – auf den Armen tragend, ging sie erhobenen Hauptes, prinzessinnenhaft lächelnd, ins Jagdschloß zurück.« 17 Längst waren die Nargilehs erkaltet und die Kaffeetassen leergetrunken. Gebannt durch die Erzählung, hatte Traiano Bobba keine Störung verursachen wollen und hatte daher abgewartet, daß Giuliano verstummte. Jetzt rief er den Kawedschi, bestellte Tömbeki für die Wasserbehälter und frischgemahlenen Kaffee. Er ließ auch Mastix kommen –: aus Pistazienharz destillierten Branntwein, der, mit Wasser vermengt, milchig opalisiert. Nachdem das Bestellte gebracht worden war, saßen die beiden Alten in Gedanken vertieft, stumm qualmend und vom blau schillernden Raky schlürfend da. Es währte eine geraume Zeit, ehe Traiano Bobba das Schweigen brach: »Atridenschicksal! ... Ich könnte mir vorstellen, daß den Athenern, als sie zum erstenmal die Orestie gespielt sahn, ähnlich zu Mute war wie mir jetzt nach Eurer Erzählung, und daß sie auf dem Heimweg aus dem Theater sich in eine Kneipe gesetzt haben, mit Chioswein sich den Grabesstaub von ihren Herzen herabzuspülen ... wie wir es hier mit dem Mastix tun ... Das muß ich ja sagen: Sforza Almeni hat den Auftrag, alle Spuren der Katastrophe zu verwischen, glänzend gelöst. Jetzt bestätigt sich mir ein Verdacht, den ich immer gehegt habe: daß nämlich Sforza als Mitwisser eines streng gehüteten Geheimnisses Macht gewann über Cosmo und seine Macht mißbraucht hat. Denn ein Jahrzehnt später, als Donna Semiramide ins Kloster gesteckt wurde, starb Sforza von Cosmos Hand.« »Semiramide degli Albizzi? – Das Hirtenmädchen? ...« »Freilich. Die Tochter des Messer Luigi di Maso degli Albizzi.« »Die habe ich gekannt, Cavalière. Sie dichtete Novellen ... und erlebte welche – mit Messer Carlo degli Panciátichi ... Auch ihren geckenhaften Vater kannte ich, – er parfümierte sogar den Sattel seines Pferdes und gehörte der blumigen Akademie, dem Klub der Schöngeister, an ... Was geschah mit Semiramide?« »Ihretwegen trat Cosmo den Thron von Florenz seinem ältesten Sohn ab.« »Solch einem Dirnlein zuliebe?! Das tat der große Cosmo?! ... Wie ist das denkbar!« »Mag sein, daß ich ihn etwas verschwärze. Außer dem Wunsch, aller Fesseln und Pflichten ledig, sich ein Paradies mit der Geliebten zu schaffen, kann er auch andere Gründe gehabt haben. Ursprünglich gab ihm vielleicht die Familienkatastrophe den Gedanken ein, sich von der Welt zurückzuziehn, – wie es sein großes Vorbild, der Kaiser Don Carlos, getan hatte. Allerdings in einem Kloster San Yuste – wie jener – seine Tage zu beschließen, wäre nimmermehr nach Cosmos Geschmack gewesen. Ihm konnten Weltabgeschnittenheit ebensogut seine Landsitze schaffen. Es kam ja bloß darauf an, der Welt den Einblick und Eintritt zu verwehren, sie von den streng bewachten Toren zu weisen. Auch ohne Schwert mit den wechselnden Blitzen und ohne Cherubim lassen sich Gärten abschließen; und es glückte in der Tat, unerbetenen Besuch fernzuhalten, so daß mehrere Jahre lang niemand ahnen konnte, was der abgedankte Duca in der Villa Medicea di Careggi und in Poggio a Caiano geheimnisvoll trieb; es wurde sogar gemunkelt, er habe sich der schwarzen Kunst ergeben. Vom Konkubinat mit der Guelfin und Republikanerin Semiramide wußten die Freunde nicht und nicht die Feinde, nicht das Volk von Florenz und nicht einmal die eignen Kinder Cosmos ... Gelüftet wurde das Geheimnis erst, als Donna Semiramides Vater, der unter einem Vorwande an den Kaiserhof nach Wien geschickt worden war, sein gegebenes Versprechen brechend, nach Florenz zurückkehrte. Messer Luigi Maso degli Albizzi konnte sich's, trunken vor Eitelkeit, nicht versagen, mit der Schande seiner Tochter zu prahlen und mit herzöglichen Geschenken (seinem Kuppelpelz) zu prunken. Noch verächtlicher, als er ohnehin schon war, machten ihn die Prahlereien, und er beschwor damit für Cosmo einen schweren Konflikt herauf. Die spitzen Zungen von Florenz beschränkten sich zwar darauf, über das idyllische San Yuste zu spotten; die erlauchten Bewohner und Bewohnerinnen des Pittipalastes aber bekamen rote Köpfe und konspirierten gegen ihren Vater.« 18 Und nun erzählte Traiano Bobba – oft durch Zwischenreden, Ausrufe und Fragen Giulianos unterbrochen – von der stillen Rebellion der Kinder Cosmos und welche weiteren Verwicklungen sie mit sich brachte: »Die Zwillingsschwester Don Pietros, die tolle und bezaubernde Isabella Orsini, wurde die Aufwieglerin, obgleich man gerade von ihr hätte erwarten sollen, daß sie gegen ihre Geschwister die Partei ihres Vaters ergreifen würde. Selbst wenn alles böswillige Erfindung und leeres Geschwätz war, was sich die Florentiner über sündige Beziehungen zwischen Cosmo und ihr zuflüsterten, hätte sie dennoch Ursache genug gehabt, mit Dankbarkeit und Liebe an ihm zu hängen, der schützend die Hand über ihr hielt. Solange er am Leben war, brauchte sie den unentrinnbar sie bedrohenden Tod nicht zu fürchten – den Tod nämlich von der Hand ihres Gatten Paolo Giordano Orsini, Herzogs von Bracciano. Dieser unförmig dicke Banditenhäuptling, vor dem die Päpste und Roms Bevölkerung zitterten, hatte sich in Vittoria Accoramboni verliebt, die, sechzehnjährig, kurz zuvor dem Neffen des Inquisitors Peretti vermählt worden war. (Nebenbei bemerkt: jener Inquisitor, damals ein bescheidener bäuerischer Mensch, sitzt heute als Sixtus V. auf dem Stuhl Petri ...!) Paolo Giordano ließ den jungen Peretti in einer Gasse nachts erdolchen und entführte Vittoria in seine uneinnehmbare Burg Bracciano. Seinem und Victorias ersehntem Eheglück stand Isabella im Wege. Folglich mußte Isabella aus dem Weg geräumt werden, – falls es anging. Nach den Vorschriften der aus Spanien stammenden Ciencia de honor hatte er alles Recht, ja der Familienehre wegen die Pflicht, seine Gattin zu töten, die – statt bei ihm – in Florenz lebte, ihn mit einem seiner Verwandten namens Troilo Orsini hinterging und neuerdings sich auch mit einem Pagen eingelassen hatte. Als Troilo Orsini nach Frankreich gereist war, folgte ihm bald darauf einer der Bravi des Herzogs von Bracciano und erstach ihn in Paris. Die beschlossene Meuchelung Isabellas aber verschob Paolo Giordano, solange Cosmo noch lebte, – der, trotz Verzicht auf Thron und Macht, immer noch der heimliche Herrscher von Toscana war und durch sein bloßes Dasein seine Tochter unantastbar machte. Ob in all den Jahren Isabella sich bewußt wurde, daß jeder ihrer Atemzüge ein Geschenk ihres Vaters war, weiß ich nicht, möchte es aber bezweifeln. Gegen ihre leidenschaftliche Geldgier hätte ein Gefühl von Dankbarkeit schwer aufkommen können. Blind für die eigene Gefahr, erspähte sie katzenäugig eine Gefahr in der Möglichkeit, daß die Verliebtheit ihren alternden Vater verleiten werde, zum Nachteil seiner Kinder sein großes Vermögen der durchtriebenen Beischläferin zu vermachen. Isabella gestand sich selbst vielleicht nicht ein, daß sie eifersüchtig war auf die junge Albi ... 19 Zwischen Cosmo und seinem ältesten Sohne Don Francesco hatte Herzlichkeit nie obgewaltet. Glomm unter der Beherrschtheit Cosmos ein funkelndes Ungestüm, so bedurfte, um kühl zu erscheinen, Francesco keiner Verstellung, da er von Natur herzlos, dünkelhaft und berechnend war. Das von seiner Mutter geerbte spanische Blut war während seiner Lehrjahre im Escorial – (wo er die ›Kunst der Klugheit‹ erlernte) – völlig zu Eiswasser geworden. Eine einzige Leidenschaft beherrschte ihn zeitlebens: seine Vernarrtheit in Bianca Cappello, die seines ermordeten Bruders ›Krähe‹ gewesen war. Und ihretwegen haßte er seinen Vater. Hatte doch Cosmo, noch bevor er das Szepter aus der Hand gab, Bianca mit einem wohlhabenden Tuchhändler, seinen Sohn und Erben Francesco aber mit einer der zwölf Töchter des Kaisers Ferdinand verheiratet. Nie verzieh ihm Francesco diese zwei heimtückischen Ehestiftungen. Seine Frau, die Wiener Erzherzogin, (als Sittenrichterin – wenn auch sonst strohdumm – gewitzigt, weil ihr Bruder eine Philippine Welser in Augsburg geehelicht hatte) argwöhnte mit Recht, daß die verheiratete Bianca Cappello nicht weniger gefährlich sei als die ledige. Ein Ärgernis wie Bianca war ihr allerdings auch Semiramide, und im Kampf gegen diese stand sie auf seiten des jungen Duca. 20 Obgleich nach der Tragödie in den Maremmen eine Aussöhnung zwischen Cosmo und Don Pietro erfolgt war, redete der ausschweifende Prinz bald genug sich ein, er habe von neuem Ursache, seinem Vater Kränkungen nachzutragen. Die mit Donna Faustina geschlossene Ehe Don Pietros war tiefunglücklich und wurde vollends zerrüttet, als er – schon wenige Wochen nach der Hochzeit – eine ehebrecherische Liebschaft mit der Schwester seines Freundes und Zechgesellen Carlo Panciátichi anfädelte. Seiner Roheit waren Faustinas vorwurfsvolle Tränen ein willkommener Anlaß, sie zu mißhandeln. Daß ihm aber darob Vorhaltungen von Cosmo gemacht wurden, bewirkte nichts weiter, als daß seine vorübergehend unterdrückten Haßgefühle mit aller Gewalt hervorbrachen. 21 Nur der jüngste der Mediciprinzen, der in Rom lebende Kardinal Don Ernando, hielt zum Vater und überwarf sich deshalb mit seinen Geschwistern. Überaus beliebt bei der Kurie und – (wie sein ermordeter Bruder Giovanni) – vorherbestimmt, dereinst Papst – der vierte Medicipapst – zu werden, geschmeidig, ein Diplomat mit sehenden Augen, schmiedete er am Plan, seinen Vater für die verscherzte Krone von Florenz mit der Königskrone von Etrurien zu entschädigen. Cosmo war hiervon unterrichtet, ja, er selbst hatte den Plan angeregt, als ihm die Einsicht aufzudämmern begann, daß er voreilig das Szepter weggegeben hatte. Die Verhandlungen des Kardinals mußten heimlich geführt werden, da zu befürchten stand, der Kaiser könnte seines Schwiegersohnes, des jungen Duca, wegen ein Veto einlegen. Der Madrider Hof und der Heilige Stuhl hatten ihre Einwilligung in Aussicht gestellt. Aber was im Escorial getuschelt wurde, konnte in der Hofburg nicht ungehört bleiben. Aus Wien wurde Francesco de'Medici gewarnt: sein Vater habe vor, sich zum König krönen zu lassen ... Wenn das zustande kam, so glitt der junge Duca von Florenz in den Schatten der Bedeutungslosigkeit zurück; er würde überschattet sein von einem Größern, würde zwergenhaft zusammenschrumpfen zum kleinen Vasallen des hochberühmten Königs von Tuscien ... 22 Schon seit etlichen Jahren loderte die Kriegsfackel – oder eigentlich glomm sie nur. Zu Kriegsgetümmel war es nie gekommen –: bei den bisherigen Scharmützeln ging es human zu, sie waren auf ein paar schroffe Briefe beschränkt gewesen. Da die Cherubim (in betreßter Livree) und das Schwert mit den wechselnden Blitzen den Zutritt zum Garten Eden verboten, hatte sich keine Gelegenheit gefunden, auf Cosmo und seine Krähe Stechpfeile abzuschnellen. Doch die Politik des Abwartens mußte aufgegeben werden, nachdem die Warnung aus Wien Francesco beunruhigte. Schnell zu handeln tat jetzt not. Der junge Duca und seine Geschwister hielten einen Kriegsrat ab, erwogen – (bildlich ausgedrückt) – den Bau eines hölzernen Pferdes und legten ihre Marschroute fest. Jedem der verschworenen Kinder wurde eine Aufgabe zuerteilt. Don Pietro erhielt den Auftrag (und damit sollte die Einkreisung der Villa beginnen): den hin und wieder – wenn auch selten – als Gast dort gelittenen Gecken und Kleidernarren Luigi Maso degli Albizzi zu Saufereien heranzuziehen und auszuhorchen. Schon nach wenigen Tagen konnte Don Pietro seinen Geschwistern die Mitteilung machen, Messer Luigi habe ihm anvertraut, daß es in Cosmos Garten Eden durchaus nicht immer friedlich zugehe. Semiramide und Cosmos Oberhaushofmeister Sforza Almeni stünden sich wie Hund und Katze, da Almeni an den Kindereien Semiramides Anstoß nehme, die keine Grenze für ihre Ausgelassenheit kenne und ihre Späße so weit treibe, daß sie mit gespreizten fünf Fingern Cosmo ins Haar fahre, ihn lachend am spärlichen Schopf zause und kürzlich sogar den Stuhl, auf den Cosmo sich eben niedersetzen wollte, weggerissen habe, in ein wieherndes Gelächter ausbrechend, als er unsanft auf sein fürstliches Sitzfleisch fiel. 23 Mochten diese Mitteilungen wichtig sein, so war noch wichtiger ein nicht vorhergesehener Erfolg der Zechgelage Don Pietros. Seine Freundschaft mit Albizzi erboste Messer Carlo degli Panciátichi, weil der ältere Rechte an Pietros Zechgenossenschaft zu haben meinte. Er fühlte sich durch Albizzi aus dem Herzen Pietros verdrängt, – lag ihm auch sonst bitterwenig am Herzen Pietros, den er als den Verführer seiner jungen Schwester heimlich haßte, um so mehr haßte, als ihm verwehrt war, den Frevel an dem Mediciprinzen mit Blut zu sühnen. Auf andere Mittel, seiner Rachlust zu frönen, war er angewiesen: wenn auch nicht an Don Pietro, so doch an Pietros neuem Freunde Albizzi und an dessen Tochter Semiramide stand ihm frei, Vergeltung zu üben. Seine Geliebte war einst Semiramide gewesen und sie hatte ihn verraten an jenem Maifesttage, als sein blühender Akazienzweig an ihrem Fenster hing und Cosmo in der Tracht eines Guten Mannes von San Martino sich in die Halbwüchsige zu verlieben begann. Schändlich treulos hatte sie Carlos Schlupfwinkel beim Fruchthändler in der Via Borgo degli Albizzi verraten, und nur durch einen Zufall war er den im Fruchtladen stöbernden Sbirren entkommen. Eine Audienz erwirkte sich Carlo beim jungen Duca. Er brüstete sich damit, der einstige Liebhaber der Krähe Cosmos gewesen zu sein. Ihrer Dünkelhaftigkeit und ihres Verrats wegen verdiene sie nicht, von ihm geschont zu werden. Ihm sei bekannt, daß Semiramide in einer Truhe das Manuskript einer von ihr verfaßten Malatesta-Novelle verwahre; – zum Verhängnis für sie werde das Manuskript werden, sobald es Cosmo zu Gesicht bekäme: denn die Novelle sei ein schonungsloses, verunglimpfendes Lügenmärchen von der Verführung der verstorbenen ältesten Tochter Cosmos durch den Pagen Malatesta Malatesti ... Mit der Verleihung des Sankt-Stefans-Ordens an Carlo belohnte Francesco die Mitteilung. Dann rief er seine Geschwister zu neuem Kriegsrat zusammen. Jetzt galt es, die Truhe zu öffnen und der Novelle habhaft zu werden. Das konnte nicht ohne Hilfe von Sforza Almeni geschehn. Donna Isabella nahm es auf sich, Sforza gefügig zu machen. 24 Aus ihrer Kindheit entsann sie sich, zuweilen verlegene Seitenblicke Sforzas auf ihre knabenhafte, bernsteinhäutige Messalinenanmut erhascht zu haben; des Abstandes jederzeit sich bewußt, betete er sie wie einen unerreichbaren Himmelsstern an und hätte niemals sich erkühnt, geradeaus sie anzuäugeln. Eine verwegene Amazone, pflegte Donna Isabella täglich ohne Begleitung in die Umgebung von Florenz zu reiten. Sie war eine Reitkünstlerin, eine wahre Venus Equestris: kein Hindernis war ihr zu hoch, kein Reiterkunststück zu schwierig. Sie brachte es fertig, bei stockfinsterer Nacht ihr Pferd auf der Landstraße vor dem Gartentor der Villa Poggio a Caiano zu Fall zu bringen. Ausgerechnet vor diesem unzugänglichen Tor. Ihr Pferd brach sich ein Bein beim Sturz, und sie selbst holte sich eine Quetschung am Knie. Es war gegen zwei Uhr nachts, und auf der Landstraße ließ sich weit und breit kein Mensch blicken, der hätte Beistand leisten können. Da sie laut um Hilfe schrie, kam der verschlafene Torwächter, eine Laterne tragend, auf die Straße zu ihr heraus und befreite sie von der Kruppe des auf ihr liegenden Pferdes. In größte Verwirrung geriet der Mann, als er ihr ins Gesicht leuchtete und die Tochter Cosmos, die Herzogin von Bracciano erkannte ... Undenkbar, daß sie – des Pferdes beraubt – zu Fuß den weiten Weg nach Florenz gehe; – sie konnte ja überhaupt kaum gehn, sie hinkte. Sie in die Villa hereinzulassen, war ihm aufs strengste verboten; – sie auf der Straße dort liegen zu lassen ging aber auch nicht an. Schon wollte er sich entfernen, um Cosmo ihren Unfall zu melden. Doch Isabella hielt ihn zurück: sie wünsche nicht, daß ihr Vater geweckt und erschreckt werde. Statt dessen solle er den Haushofmeister Signore Sforza Almeni zu ihr herausrufen, zuerst aber eine Kanne mit Wasser und einen Schwamm (zum Kühlen ihrer Kniewunde) bringen. Der Torwächter brachte ihr das Gewünschte und ging, den Haushofmeister zu benachrichtigen. Als Sforza gekommen war und mit bewegten Worten der Herzogin seine Teilnahme ausgedrückt hatte, wiederholte sie ihre Bitte, die Nachtruhe ihres Vaters nicht zu stören. Sforza stimmte ihr bei und ordnete an, daß eine Karosse angespannt werde. Er selbst blieb auf der Landstraße bei Donna Isabella, die mit dem Schwamm sich das Knie kühlte, bis die Karosse vorfuhr; und er war der Hinkenden behilflich, in den Wagen zu steigen, reichte ihr auch die Kanne hinein, die er schnell noch einmal mit frischem Wasser hatte füllen lassen. Die Herzogin aber weigerte sich, im geschlossenen Wagen allein zu sitzen, sie bestand darauf, daß Sforza neben ihr Platz nehme – um ihr während der nachtfinstern Fahrt ein Beschützer zu sein, vielleicht auch ein Tröster und Arzt, im Falle daß die Schmerzen in ihrem gequetschten Knie unerträglich würden ... Er ließ sich überreden und begleitete sie bis nach Florenz. Vor dem alten Medici-Palaste in der Via Larga – (den hatte Cosmo seiner Tochter zur Verfügung gestellt, als sie Castel Bracciano für immer verließ) – langte endlich bei Morgengrauen der Wagen an. Elfenhaft leicht sprang die Herzogin vom Trittbrett der Karosse herab, sie hinkte durchaus nicht mehr. Ihr willenloser Sklave geworden war Sforza Almeni, zu jedem Verbrechen bereit, das sie ihm anbefahl. Was aber Luigi degli Albizzi, als er von Don Pietro ausgeholt wurde, trotz seiner Bezechtheit wohlweislich für sich behalten hatte, wußte jetzt Donna Isabella: ihr Vater traf bereits Anstalten, Semiramide zu seiner ehelichen Gemahlin zu machen! ... Oh! und wohl noch mehr wurde ihr in dieser tollen Nacht offenbart: nicht am Sumpffieber waren ihre Mutter und ihre beiden Brüder gestorben, – nein: Mordblut war vergossen worden, Bruderblut und Kindesblut! ... 25 Wenige Tage vergingen, und die Kinder Cosmos waren im Besitz der entwendeten Malatesta-Novelle. Sie lasen sie sich gegenseitig vor, ballten die Fäuste, fauchten. Welch eine Verlästerung ihrer blütenjung verstorbenen, wie eine Heilige verehrten Schwester Maria! Francesco mußte die Handschrift aus Isabellas Händen retten, da sie, tobsüchtig, drauf und dran war, sie zu zerfetzen. Mit der Novelle unter dem Arm begab sich der junge Duca nach Poggio a Caiano und erzwang diesmal, vorgelassen zu werden. Eine halbe Stunde dauerte die Aussprache. Ewig wird es ein Geheimnis bleiben, was Vater und Sohn einander zu verweisen hatten. Mutmaßen läßt sich da manches. Hielt man Cosmo seinen Lebenswandel vor, so hatte er Anlaß genug, den Lebenswandel seiner drei feindlichen Kinder zu bemäkeln. Böse angegriffen, wurde er wahrscheinlich zum ebenso bösen Angreifer: sie sollten erst einmal vor der eignen Tür fegen, – Francesco mit seiner Bianca Cappello, Isabella mit ihrem Pagen, Pietro mit seinen Bordellfreundinnen ... Und der junge Tyrann von Florenz, wie ein Schulbube angeblasen, wird sich nicht anders haben wehren können, als indem er Cosmo den Tod seiner Mutter und Don Gracias vorwarf ... Indes, das sind Vermutungen, – gehört hat niemand außer Gott den Streit. Das sonst so hellhörige Gesinde war von Cosmo aus dem Vorzimmer gewiesen worden; wie sehr es auch die Ohren spitzte, vernahm es wohl wüstes Geschrei, vermochte jedoch keine sinngebenden Sätze zu erhaschen. Erzählt wurde später: Duca Francesco sei schon recht bleich ins Arbeitszimmer seines Vaters gegangen; als er dann wieder heraustrat, sei er leichenweiß vor Wut gewesen. Mit krebsrotem Gesicht aber habe Cosmo auf der Schwelle gestanden, in geller Tollwut Sforza Almeni rufend, und habe, als Sforza herbeikam, ihn angebrüllt: »Geh mir aus den Augen, du Verräter! Fort aus Toscana! – daß du mir nie wieder vor die Augen kommst!« 26 Statt unverzüglich Cosmos Befehl zu befolgen und binnen vierundzwanzig Stunden Toscana zu verlassen, begab sich Sforza nach Florenz und hielt sich dort verborgen auf. Dreißig Jahre lang hatte er Cosmo als Kämmerer gedient, stets war er gut mit seinem Herrn ausgekommen, allzeit allerdings auf der Hut, wie ein Löwenwärter auf der Hut ist, daß nicht eines Tages die Raubtiertatze durch die Käfigstäbe hindurchfährt ... Sforzas Fehler war, daß er sich für zu klug hielt. Er glaubte, ein unfehlbarer Menschenkenner, ein Fürstenkenner zu sein. Und Fürstenlaunen glichen (meinte er) den Gezeiten; keine Flut, die nicht als Ebbe endete; und Cosmos Rasereien pflegten mit Entschuldigungen zu enden, ja sogar mit Geschenken ... Im Verlauf eines Menschenalters war er von Cosmo wahrhaft fürstlich beschenkt worden mit Barvermögen, der Ritterwürde, Landsitzen und Häusern. Würde er jetzt, dem Verbannungsbefehl gehorsam, Toscana verlassen, so würden alle seine Besitztümer an den Staat fallen, und er wäre ein Bettler. Zu sehr war er überzeugt davon, daß seines Herrn Wut in Bälde verraucht sein werde. Darum kehrte er schon den folgenden Tag aus Florenz nach Poggio a Caiano zurück und bat die Lakaien, vor dem alten Duca seine Anwesenheit in der Villa geheimzuhalten ... Nicht für ganz ausgeschlossen halte ich es freilich, daß Lebensüberdruß ihn zurücktrieb, nachdem ihm klar geworden war, daß Isabella während der nächtlichen Wagenfahrt ihm sein besseres Ich, seine Verschwiegenheit, seine Ehrlichkeit und seine Ehre entwunden hatte. Vollendung des Geschickes zieht an wie ein Magnetberg ... Der Zufall fügte es – oder spannen es die Schicksalsschwestern? –, daß Cosmo in das Zimmer kam, wo Sforza sich aufhielt. Dunkle Pupurröte überzog Cosmos Gesicht, als er dem Manne gegenüberstand, der sich herausnahm, seinem Verbannungsbefehl zu trotzen. Jagdwaffen hingen an der getünchten Wand und unter diesen ein mit eisernen Widerhaken versehener Jagdspieß, wie solche zum Erlegen von Wildebern benutzt wurden. Einen Wutschrei ausstoßend, packte Cosmo den Jagdspieß und bohrte ihn Sforza in die Brust. Lautlos und leblos stürzte Sforza zu Boden. Die Spitze des Speeres hatte die Wirbelsäule durchschlagen, ragte aus dem Rücken heraus wie ein roter Korallenast ... In der folgenden Nacht wurde die Leiche überaus heimlich nach einem entfernt gelegenen Zisterzienserkloster überführt und verscharrt. 27 Doch aller Heimlichkeit zum Trotz, – Florenz erfuhr es und bald ganz Europa. Es hatte sich nicht vertuschen lassen wie einst der Mord an Don Gracia. Und auch im Herzen Cosmos wollte es sich nicht vertuschen lassen wie jene andere Greueltat, die eine Liebestat an seinem liebsten Kinde gewesen war ... Die Erinnyen trieben Cosmo nach Pisa. In anderer Umgebung, – dem Orte des Frevels entrückt, wo Blutgeister umgingen – hoffte er Vergessen und den verlorenen Schlummer der Nächte zu finden. Er war Fürst und niemand Rechenschaft schuldig. Nur sich selbst. Vor dem Gerichtshof seiner Seele verteidigte ihn eine der beiden Stimmen, die in ihm nicht verstummen wollten. Ein Kapitalverbrechen hatte ja Sforza begangen, als er ihn an seine rebellischen Kinder verriet, und hatte dadurch das Leben verwirkt. Nichts war Cosmo vorzuwerfen, außer, daß er das Henkeramt eigenhändig ausgeübt hatte. Der Kontroverse der beiden Stimmen überdrüssig, suchte er Zerstreuung. Eines Abends ging er, sich eine Seiltänzerin ansehn, von der ganz Pisa mit Entzücken sprach. In einem Operntheater trat sie auf. Um nicht angegafft zu werden, setzte er sich in den Hintergrund einer dunklen Loge. Über das Parkett, über die Köpfe der Zuschauer hinweg war das Seil gespannt. 28 Das Mädchen – ihr Künstlername war Esmeralda – trat schüchtern aus einer Bühnenkulisse hervor, verbeugte sich ziemlich ungeschickt mit eckiger kindhafter Grazie. Ein blödes Lächeln wich nicht von ihren schwermütigen Lippen. Sie erklomm eine Leiter, tastete, oben angelangt, mit den Zehenspitzen nach dem Drahtseil, bevor sie den ersten festen Schritt darauf tat. Und plötzlich lief sie, schwebte sie durch den Raum. So ängstlich sie geschienen hatte, so ihrer selbst sicher war sie jetzt, eine kleine Königin in ihrem luftigen Feenreich. Noch nicht zwanzig Jahre alt mochte Esmeralda sein. Vom Nabel abwärts bis zu den Oberschenkeln trug sie ein schwefelgelbes Höschen, mit glitzernden Metallflittern, falschen Perlen, falschen Rubinen bestickt. Ihr Rumpf, ihre Arme und Beine steckten in einem kreideweißen Trikot. Etwas unendlich Rührendes haftete ihrem schmächtigen, überschlanken Körper an: obgleich erwachsen und voll entwickelt, glich sie einem schlafwandelnden Kinde. Die Zuschauer jubelten ihr zu, als sie auf dem Drahtseil knieend fünf goldne Bälle emporwarf und fing. Cosmo war fasziniert. Er, der Frauenkenner, mußte sich eingestehn, daß ihm eine so bezaubernde Erscheinung nie begegnet war. Esmeralda überstrahlte Semiramide, verdrängte sie aus seinem Herzen ... Und mit einem Male entsann er sich, daß die Schönheit Esmeraldas schon in vergangener Zeit einst seine Augen geblendet und einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen hatte. Verschüttet in einer Schutthalde seines Gedächtnisses war ihr Bild, – und plötzlich stand es vor ihm: das Bild eines achtjährigen Kindes. Niemand anders war Esmeralda als seine kleine Feindin Cammilla Martelli, das Töchterchen des Kleinen Walfisches, Tänzerin schon damals. Im Ballettröckchen war das Kind an jenem Karnevalstag ins Gemach hereingekommen und hatte ihren Vater gewarnt vor ihm, dem schwarz gekleideten Almosenspender, den sie einen ›schwarzen Kobold‹, einen ›schwarzen Teufel‹ nannte. Und Messer Antonio Martelli hatte versprochen, sie ihm zu bringen, sobald sie erwachsen sein würde ... 29 Diesen Abend schon, gleich nach der Vorstellung, mit dem Kleinen Walfisch und Cammilla zu verbringen, versagte sich Cosmo. Nicht einmal nach Messer Martelli Erkundigungen einzuziehn, hielt er für passend. Zu sehr fühlte er sich beobachtet und mußte vermeiden, daß ein Gerede entstehe. In der Nacht stritten nicht mehr die beiden Stimmen ihn ihm, sondern Semiramide und Cammilla. Sie rangen miteinander, sie kämpften um den Vorrang. Die schließlich unterlag, war Semiramide. Als er am nächsten Morgen heimlich den Kleinen Walfisch zu sich kommen lassen wollte, erhielt er den Bescheid: Cammilla und ihr Vater hätten Pisa verlassen. 30 Und nun schrieb Cosmo einen Brief an Francesco, worin er ihn einlud, zu einer zweiten Aussprache nach Pisa zu kommen und die Malatesta-Novelle mitzubringen. Kein Wort der Entschuldigung; – deutlich genug indes war der Wunsch, die Novelle zu sehn, eine Entschuldigung, ein Schritt zur Aussöhnung. Denn bei der ersten Aussprache in Poggio a Caiano hatte Cosmo auf Semiramide nichts kommen lassen und wutschäumend erklärt: das sei ihm keine Neuigkeit, daß Semiramide in längst vergangener Zeit – (noch halbwüchsig und beeinflußt von einem schwachsinnigen Vater) – guelfisch, republikanisch und den Medici feindlich gewesen sei; das beweise für die Gesinnung der jetzigen, ihm wie ein treuer Hund anhänglichen Semiramide nicht das geringste. Und schroff hatte er es abgelehnt, auch nur einen Blick in das Manuskript zu werfen. Francesco kam nach Pisa und brachte das corpus delicti mit ... Arme Semiramide! Nicht erst jetzt wurde der Stab über sie gebrochen, – das war schon geschehn, als Cosmo die Seiltänzerin erblickt hatte. Einer Handhabe bedurfte er, um sich Semiramides entledigen zu können; und die mit vorgefaßtem Grimm gelesene Novelle lieferte ihm den erwünschten Vorwand, versetzte ihn in die erforderliche Wut ... 31 Es blieb nur noch die Frage zu lösen, wie er gegen Semiramide vorgehn sollte. Das vergnügungssüchtige Mädchen in ein Kloster zu stecken, schien ihm eine übertriebene Grausamkeit. Einen Bräutigam aus altadeligem Hause aber ausfindig zu machen – (nur ein solcher kam für die Buhle eines Duca in Betracht) – war schwierig. Francesco, mit dem er sich beriet, schlug vor: Semiramide dem Freunde und Kumpan Don Pietros, Signore Carlo degli Panciátichi, zur Frau zu geben. Demselben Carlo, der vor kurzem erst vom jungen Duca mit dem Stefans-Orden belohnt worden war, weil er an Semiramide, seiner früheren Geliebten, Rache genommen und das Vorhandensein einer Malatesta-Novelle verraten hatte. Daß Carlo sich weigern könnte, ein Edelfräulein von schadhaftem Ruf zum Altar zu führen, war nicht anzunehmen. Der Hitzkopf hatte – seit seiner Audienz – sich in eine so verzweifelte Lage gebracht, daß er gar nicht anders konnte, als wahllos nach einem Rettungsanker zu langen, – falls sich ihm einer böte. Er hatte nämlich, bei nächtlichen Raufereien, zuerst den Diener eines angesehenen Florentiners und dann diesen selbst erstochen, war Sbirren in die Hände gefallen und vom Gericht der Acht zum Tod durch das Henkerschwert verurteilt worden. Die Acht hatten ein Exempel statuieren wollen. Doch dem jungen Duca (dessen Unterschrift unter dem Verdikt noch ausstand) war nicht ganz wohl dabei, – hatte er doch selbst vor nicht langer Zeit Bianca Cappellos Gatten, den reichen Tuchhändler, beseitigen lassen. Und da auch Sforzas Tod ungesühnt bleiben mußte, schien es Francesco wünschenswert, der drakonischen Strenge der Acht einen Dämpfer aufzusetzen. Gegen eine Hinrichtung Carlos sprach auch die Erwägung, daß die Panciátichi ein Herrschergeschlecht gewesen waren, Tyrannen in Pistoja, unumschränkt wie die Medici, straffrei und bürgerlicher Zuchtrute enthoben. Nicht gegrollt sondern zugejubelt hatten die Florentiner vor einem Vierteljahrhundert den Panciátichi, die – als Cosmos Sieg über Filippo Strozzi und Valori bekannt wurde – fünfzehn ihrer guelfischen Gegner, der Cancelieri, in den Kerkern Pistojas erdrosselten – (obgleich sowohl die Panciátichi wie die Cancelieri von einem gemeinsamen Ahn abstammten, dessen Söhne sich eines schönen Mädchens wegen entzweiten ...). Und auch das mußte Carlo zugutegehalten werden, daß sein verstorbener Vater, einer der reichsten Bankiers in Italien, während der Belagerung Sienas Cosmo eine ungeheuer große Geldsumme vorstreckte, und daß diese Geldsumme bisher nicht zurückgezahlt worden war. 32 Francesco kehrte nach Florenz zurück und verkaufte Semiramide dem um sein Leben zitternden Carlo. Als Kaufpreis wurde die Rückgabe des seinerzeit geliehenen Geldes festgesetzt ... Mit einem beträchtlichen Vermögen wurde Semiramide abgefunden. Sie erhielt das Recht, darüber nach Gutdünken zu verfügen – auch über die ihr von Cosmo geschenkten Juwelen, die zu behalten man ihr gestattete. Der Versuch Carlos, sich zum Mitbesitzer dieser Reichtümer zu machen, mißglückte. Die Folge davon war, daß er Semiramides Gatte und Erpresser wurde, ihr unersättlicher Blutegel. Aus Verzweiflung über die Heirat seiner Tochter warf Signore Luigi degli Albizzi seine berühmte Sammlung Brabanter, Buranoer und Valencienner Klöppelspitzen ins Feuer und vergiftete sich mit weißer Bleischminke. Da die anberaumte pompöse Hochzeit sich nicht aufschieben ließ, war daher Semiramide berechtigt, bei der Trauung ein schwarzes Brautkleid zu tragen und nach Herzenslust zu weinen. 33 Glücklich war auch Cosmo nicht. Hätte er Tränen zur Verfügung gehabt, er hätte sie in jenen Tagen vergossen. Die jüngsten Nachrichten seines in Rom lebenden Sohnes klangen wenig zuversichtlich, daß es noch gelingen könnte, die herzogliche Lilienkrone in eine Königskrone zu verwandeln. Die Klippen, daran die Bemühungen des Kardinals Medici scheiterten, waren Semiramide und die Ermordung Sforzas. Eine letzte Hoffnung setzte Cosmo darauf, daß die Trennung von seiner Krähe den prüden Papst versöhnen werde. Auch diese Hoffnung zerrann, als ein Handschreiben Seiner Heiligkeit eintraf. Ohne die Namen Sforza und Semiramide zu nennen, deutete der Papst an, im Escorial und in der Hofburg hätten gewisse Vorkommnisse der jüngsten Zeit Anstoß erregt, und darum seien der Kaiser und der König von Spanien gegen eine Königskrönung Cosmos; sie hätten jedoch eingewilligt, daß der Heilige Stuhl ihm den Titel und den Rang eines Großherzogs von Toscana verleihe. Ein Keulenschlag! Ausgeträumt der Königstraum! ... Das hochmütige Maskengesicht verriet nicht, wie sehr das schmerzte. Den Zusammenbruch seiner Luftschlösser verdankte er seinen feindlichen Kindern, – und gerade jetzt söhnte er sich mit seinen großherzoglich gewordenen Kindern aus ... 34 Zwei Jahre vergingen. Zwei neue goldköpfige Nägel schlug der alte Granduca ins Nagelbrett; aus alter Gewohnheit nur noch, denn auf einen Brutus wartete er nicht mehr. Gicht plagte ihn, zuweilen auch Atemnot: mit seinem Herzen stand es nicht zum besten ... Nach wie vor blieb Poggio a Caiano seine Residenz. Auf Weltabgeschiedenheit hatte er verzichtet, Besuchern war sein Tusculum nicht verschlossen mehr, und oft nahm er für ganze Wochen im Palazzo de'Pitti Wohnung, – nicht gerade zur Freude Francescos, da das Volk von Florenz den alten Sünder – mitsamt allen seinen Fehlern – mehr verehrte (ja sogar liebte) als den unbedeutenden Sklaven der Bianca Cappello. Allem Anschein nach war das Bild der Seiltänzerin Cammilla Cosmo entsunken, wieder hinabgesunken in die Schutthalde verschütteter Erinnerungen. Er wollte es vor sich selbst nicht wahr haben, daß er ihretwegen Semiramide verstoßen, er redete sich vielmehr ein, er habe es aus Rücksicht auf Rom und Madrid getan, er habe wählen müssen zwischen Semiramide und der erhofften Krone ... 35 Zwei Jahre waren vergangen, als er auf eine absonderliche Weise an Cammilla gemahnt wurde. Außer mit Botanik, seiner besonderen Liebhaberei, beschäftigte er sich viel mit archäologischen Studien. Unter Anleitung des großen Gelehrten Pier Vettori (der der Rektor des Florentiner Gymnasiums gewesen war und dem verurteilten Filippo Strozzi im Gefängnis Plutarch und Polybius vorgelesen hatte) beteiligte sich Cosmo an Ausgrabungen – wie er es in vergangenen Zeiten auch schon gern getan, sofern ihm seine Fürstenpflichten Muße dafür ließen. Mit Pier Vettori und einem kleinen Gefolge von Höflingen – darunter seinem neuen Haushofmeister, Sforzas Nachfolger, Signore Lamberto Mondragone –, war Cosmo bei der Öffnung eines altetruskischen Felsengrabes zugegen. Seit mehr als zweitausend Jahren hatte kein menschlicher Fuß die geheiligte Stätte betreten, hatte kein menschliches Auge gesehn, was jetzt beim Flackerschein von Wachsfackeln Form und Farbe annahm, aus ewiger Nacht zum Dasein erwachend. Aus drei niedrigen Kammern bestand das Grab. Daß goldene Totengaben schimmernd umherlagen, mochte noch das wenigst Wunderbare sein. Wie von Efeu waren die Grabwände dicht überwachsen von der unheimlichen weißblätterigen Skelettpflanze, die nirgendwo außer in der unmittelbaren Nähe von Leichen Wurzel schlägt. Inmitten jeder Wand ragte eine armdicke, aus Stein gemeißelte Schlange in den Raum herein, wie um die Leiche vor Frevel zu schützen. In der dritten, hintersten Kammer befand sich ein Sarkophag. Als Cosmo den schweren Granitdeckel hatte abheben lassen, überraschte, überwältigte ihn und seine Begleiter ein schier märchenhafter Anblick. Der Atem stockte ihnen allen, sie waren gelähmt vom Wunder, wagten nicht zu sprechen, wagten nicht sich zu bewegen. Ein etwa siebzehnjähriges Mädchen lag da im Sarge, völlig unversehrt vom Tode, wie wenn es noch lebte, wie wenn es sich eben erst zum Schlaf niedergelegt hätte. Es war ein so unfaßliches Wunder, daß jeder, der es sah, eine Sinnestäuschung zu haben meinte. Und instinktiv fühlten sie alle, daß ein bloßer Hauch oder eine leise Erschütterung das herrliche Traumbild wegblasen würde. Wohl fünf Minuten dauerte die sprachlose Ergriffenheit. Und dann war es Cosmo, der den Bann brach, indem er Pier Vettori flüsternd fragte: ob er nicht auch finde, daß die Schönheit der Toten geradezu überirdisch sei und den Liebreiz aller griechischen Skulpturen übertreffe? – Vettori nickte zustimmend mit dem Kopf, noch immer unfähig zu sprechen. – Und Cosmo fuhr fort: so überirdisch schön sei ein Mädchen, das er kenne; und seltsamerweise gleiche jenes dieser zauberhaften Mumie zum Verwechseln ... Ja, ihm sei zumute, als foppe ihn eine teuflische Gaukelei, er könne es nicht glauben, daß dort im Sarg nicht die Lebende liege, überzeugen müsse er sich, daß sie wirklich tot sei! ... Und bevor Vettori ihn zurückhalten konnte, ging Cosmo auf den Sarg zu und rührte an die langnäglige milchweiße Mädchenhand. Im selben Moment schwand das wundervolle Gaukelbild und dalag ein Haufen Staub. So im Nu verwandelt sich eine Glasträne, deren äußerste Spitze abgebrochen wird, in mehlfeinen Staub. Ein Jammerschrei entfuhr Cosmos Lippen, – Unwiederbringliches hatte seine Wissensgier vernichtet. Doch wie sehr auch er gegen sich erbost war, er ließ sich bald vom alten Archäologen trösten: die ephemere Schönheit der Toten hätte sich sowieso nur kurze Zeit in einem luftdicht verschlossenen Glassarg erhalten lassen ... Und um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, stellte Pier Vettori eine Frage – (die mancher aus Takt unterdrückt hätte; während er, der Cosmo stets ›mein Sohn‹ anredete, sich alles herausnehmen durfte) – er fragte beiher: wer denn die überirdisch-schöne Lebende sei? – Mit Cosmos einsilbiger Antwort ›eine gewisse Cammilla‹ wußte Vettori nichts anzufangen. Jetzt aber mengte sich der Haushofmeister Mondragone ins Gespräch. Wenn Seine Eccellenza die Tochter des Kleinen Walfisches meine, so müsse auch er sagen: die Ähnlichkeit mit der toten Etruskerin sei überraschend gewesen. Er kenne Cammilla Martellis Gesichtszüge genau, da er erst vor wenigen Tagen ein ganz unglaubliches Abenteuer Cammillas als Augenzeuge miterlebt habe, nämlich ihre Vermählung mit einem Esel. Was dann – auf Wunsch von Cosmo – der phantasiebegabte Mondragone von der tollen Eselhochzeit vorbrachte, war humorvoll ausgeschmückt und klang wie Fabelei, hatte aber doch einen wahren Kern. 36 Als vor zwei Jahren der Kleine Walfisch mit Cammilla durch mehrere Städte Toscanas gezogen war, hatte er es nicht des Geldverdienstes wegen getan, sondern um seiner schwachsinnigen Tochter ihre einzige Freude zu gewähren, die darin bestand, daß sie flitterflirrend tanzte und Beifall erntete für die Begabtheit ihrer Glieder, – sie, der die Begabtheit des Kopfes versagt war. Bald genug indes hatten ihr Belästigungen, denen sie als Esmeralda ausgesetzt war, das öffentliche Auftreten verleidet. Vater und Tochter kehrten nach Florenz zurück und bewohnten wie früher das kleine Häuschen San Marco gegenüber. Und wieder verbrachte Messer Antonio die Nächte bei seinem Freunde Semprebene, dem Wirt der Weinstube, in der die Stravaganti ihre Narreteien ausheckten. Anfangs gab es wohl Sticheleien wegen Esmeralda; die wirksame Abwehr war Taubheit. Dickfellig und gutmütig hielt Martelli Frieden und trug dazu bei, daß längere Zeit Eintracht in der Akademie herrschte. Er vermochte jedoch nicht zu hindern, daß vor etwa einem Monat eine Spaltung erfolgte und die feuchte Brüderschaft sich in zwei feindliche Lager teilte. Und das kam so: Donna Faustinas Ehe mit Don Pietro war vom ersten Tag an unglücklich gewesen und war seitdem zur wahren Hölle geworden. Körperlich und seelisch mißhandelte er sie, er betrog sie mit käuflichen und unkäuflichen Frauen; unter anderem verführte er die Schwester seines Freundes Carlo degli Panciátichi. Während aber dessen Vermählung mit Donna Semiramide glanzvoll gefeiert wurde, verliebte sich an der Hochzeitstafel Don Pietro in die schwarzgekleidete weinende Braut. Nachdem die Tränen der leichtsinnigen Semiramide schnell, allzuschnell getrocknet waren, fand der prinzliche Liebhaber mehr Gnade vor ihren Augen als ihr geldgieriger Gatte. Und Carlo legte dem Ehebruch keinen Stein in den Weg, denn je schuldiger seine Frau wurde, desto gewisser hoffte er, sie erpressen zu können. Als er nun eines Abends Don Pietro in Semiramides Bett überraschte, rief er Zeugen herbei und erbat sich tags darauf – zu einer unblutigen Reinigung seiner Hausehre – den Beistand des jungen Granduca Francesco. Und dieser, dem die einstige Krähe seines Vaters noch immer wie der Tod zuwider war, bestrafte ihren Ehebruch, indem er sie (der Bitte Carlos gemäß) auf Lebenszeit ins Franziskanerinnenkloster Sant' Onofrio sperrte. Daß Semiramide den Schleier nehmen mußte, erfuhr alle Welt. Daß aber Carlo der heimliche Anstifter war, blieb unbekannt; manche bedauerten ihn, weil ein Medici ihm Hörner aufgesetzt hatte, manche auch, weil ein anderer Medici – der doch selbst kein Engel war – mit so erbarmungsloser Strenge ihm seine schöne Frau entriß. Und wie das Volk von Florenz, so dachte auch der Kleine Walfisch und erboste sich über Don Pietro, dem er an Semiramides Einkerkerung die Schuld gab. Bei einem Zusammenprall in Semprebenes Schenke nahm Martelli leidenschaftlich für Carlo Partei und ließ sich zu einer Beleidigung Don Pietros hinreißen. Die Folge davon war, daß die Anhänger Don Pietros ein Gelübde – (beim Popo Satans!) – ablegten, dem Kleinen Walfisch einen bösen Schabernack zu spielen. 37 Drei von ihnen begaben sich einige Tage hernach in die Wohnung Martellis, dessen Abwesenheit sie ausgekundschaftet hatten. Von Cammilla eingelassen, richteten sie an sie die Frage: ob sie einem unglücklichen jungen Menschen helfen wolle? – Und als sie bejahte und teilnahmsvoll sich erkundigte, wer der Unglückliche sei, teilten sie ihr geheimnisvoll mit: es handle sich um einen Königssohn aus Griechenland, dem habe ein böses Weib einen Zaubertrank verabreicht; und der Arme könne nur durch das Mitleid einer reinen Jungfrau von der Behexung befreit werden. – Die schwachsinnige Cammilla zeigte große Lust, den Königssohn von der Verzauberung zu erlösen, und fragte, was sie dazu tun müsse. – Man werde ihr an Ort und Stelle sagen, was sie zu tun habe, erhielt sie zur Antwort. Ob sie bereit sei, gleich mitzukommen? Cammilla erklärte sich bereit. Die Schelme führten sie durch abgelegene Gassen in eine kleine Kapelle. Dort wurde sie wie eine Braut von Brautjungfern empfangen, mit Brautschleier und Myrtenkrone geschmückt und zum lichterflirrenden Altar geleitet, hinter welchem – als Priester vermummt – Don Pietro sie erwartete, in der Absicht, eine Traurede zu halten. Vor dem Altar aber scharrte und fraß aus einem Hafersack ein aschfarbener struppiger kleiner Esel. Dies Grautier sei der verwunschene Königssohn – wurde Cammilla belehrt –, und wenn sie ihn auf die Schnauze küsse und sich ihm antrauen lasse, werde er seine menschliche Gestalt zurückerlangen. Wie blöde und gutgläubig Cammilla sonst auch war, – ihr dämmerte jetzt doch auf, daß dies eine frevelhafte Blasphemie sei und daß man mit ihrem Mitleid eine unwürdige Spötterei zu treiben vorhatte. Sie weigerte sich, mitzutun; und als die Rohlinge versuchten, sie gewaltsam neben dem Esel niederknien zu lassen, begann sie zu kreischen, riß sich los, wollte aus der Kapelle hinauslaufen. Ein Geschäftsgang führte just in diesem Augenblick den Haushofmeister Mondragone durch ebendie Gasse, wo die Kapelle sich befand. Eine neugierige Volksmenge drängte sich an der Kapellentür; und auch er blieb staunend stehn. Er sah, wie Cammilla festgehalten wurde, wie sie zu knien sich sträubte und plötzlich schreiend entfliehen wollte. Und eben jetzt kam zufällig auch Donna Faustina dort vorbei, begleitet von ihren Freundinnen Nannina Sansedoni, Domitila de'Monforte und Alda Pandolfini. Verwundert über das Mädchengekreisch an heiliger Stätte, erfragten die Damigellen von den grinsenden Zuschauern, was da vorgehe, und erhielten die Auskunft: eine Eselhochzeit werde gefeiert ... Empört ließ Faustina sofort durch Alda und Domitilla Polizei herbeirufen und schickte Nannina, den Vater des blöden Mädchens zu holen. Sodann bat sie Mondragone und zwei am mediceischen Hof wohlgelittene Kavaliere (die sie in der Volksmenge erblickte), ihr beizustehn. Beschützt von diesen bahnte sie sich einen Weg zum Altar und forderte ihren Gatten und die anderen rohen Gesellen auf, Cammilla freizugeben. Schimpfworte wurden ihr entgegengeschleudert. Don Pietro verbat sich ihre Einmischung, wütete. Schon griffen er und seine Kumpane an ihre Degen – wie ebenfalls Mondragone und die beiden Kavaliere. Fast wäre es zu einem mörderischen Fechtkampf im Gotteshaus gekommen. Da aber drangen Sbirren in die Kapelle ein, befreiten Cammilla und überlieferten sie ihrem von Donna Nannina herbeigerufenen Vater. Freudentränen vergießend warf sich Antonio Martelli vor Donna Faustina nieder, küßte den Saum ihres Kleides und hielt eine Dankrede im echten Walfisch-Stil ... 38 Heimgekehrt nach Poggio a Caiano, vermied es Cosmo eine Woche lang, den Namen Cammilla über die Lippen zu bringen. Um so häufiger sprach er von der Schönheit des etruskischen Mädchens, das aus der Substanz der Engel geformt gewesen sei ... Mondragone glaubte eine Sehnsucht und versteckte Aufforderung aus den begeisterten Reden seines Herrn herauszuhören. Als dann eines Abends Cosmo sich schlafen legte, fand er Cammilla Martelli in seinem Bett. Er besaß die Charakterstärke nicht, sie wegzuschicken. 39 Eine Untat, für die es keine Rechtfertigung gab, war die Schändung der armen Geisteskranken. Mit dem ersten Morgenschimmer klopfte denn auch das Gewissen an die Tür, kroch durch einen Türspalt ins Gemach herein, rang die Hände, beschuldigte, biß wie ein Vampir mit scharfen Zähnen und wich Tag und Nacht nicht mehr von Cosmos Seite. Vergebens suchte er den quälenden Dämon durch die Ausrede zu beschwichtigen, daß ja die Verführte glückselig sei und es gut bei ihm haben werde, überreich beschenkt von ihm und verhätschelt. Sein Gewissen wischte dies Truggespinst weg, als wäre es ein Spinnweb, und enthüllte immer wieder die dahinter lauernde Selbstverurteilung: daß Cammillas Blödheit ein Heiligtum war, dessen Entweihung zum Himmel schrie ... Zwei Wochen quälerischen Glückes voll vergingen so, da erhielt Cosmo den Besuch Donna Faustinas, die einstmals sein lebendes Gewissen gewesen war. Sie kam mit dem Vorsatz zu ihm, hartnäckig – wie sein eigner Dämon es schon getan – ihm zuzusetzen und sein Schamgefühl aufzupeitschen. Daß ihr Anblick ihn zutiefst erschütterte, verlieh ihr von vorherein ein Übergewicht über ihn. Nicht nur, daß sie abgemagert und verhärmt aussah; – eine große rote Narbe klaffte auf ihrer Stirn: ihr Gatte Don Pietro hatte – mit einem Schemel auf sie einschlagend – ihr die Stirnwunde beigebracht aus Wut darüber, daß die Eselhochzeit durch ihr Dazwischentreten gestört worden war. Doch nicht deshalb, nicht um über die Gewalttätigkeit ihres Mannes Klage zu führen, hatte sie sich nach Poggio a Caiano begeben, sondern weil Martelli schutzsuchend zu ihr, der Beschützerin seines Kindes, gekommen war, nahezu irr vor Kummer, und sie beschworen hatte, von Cosmo Cammilla zurückzufordern. Selbst es zu tun, war dem unglücklichen Vater verwehrt, da alle seine Bemühungen, Zutritt zu Cosmo zu erlangen, fruchtlos geblieben waren: der Dämon Gewissen, dessen lästige Gegenwart der alte Granduca sonst nie lange duldete, hatte sich diesmal als unverkennbar erwiesen und erlaubte ihm nicht, dem Kleinen Walfisch in die Augen zu sehn. Feuriger, als Messer Martelli hätte wagen dürfen, brachte Donna Faustina ihre Anklagen vor, sie trafen wie gutgezielte Brandgeschosse in Cosmos Herz. Was sie ihm sagte, hatte er ja sündenblaß sich selbst gesagt. Sein Reueschmerz wurde um so brennender, als die Wunde auf Faustinas Stirn ihn daran mahnte, daß er auch ihr Verführer und Verderber gewesen und noch dazu der Unheilstifter ihres unsäglichen Eheelends ... Nach wenigen Sätzen schon ward sie gewahr, daß sie ihre einstige Macht über ihn zurückgewann; und nun steigerte sie ihre Forderungen: sich von Cammilla zu trennen – wie er sich von ihr und Semiramide und vielen andern getrennt hatte – sei für ihn eine zu geringe Buße; nichts würde gebessert sein, wenn er Cammilla ihrem Vater zurückgäbe; ausmerzen seine Schuld könne er nur, wenn er die Schwachsinnige zu seiner ehelichen Gemahlin mache ... Ein Herzkrampf und schwerer Asthmaanfall unterbrach das Gespräch. Und nach Luft ringend, ward Cosmo inne, daß der Todesengel ihn mit seinem Flügel gestreift hatte und daß das eine Warnung war. Nachdem er die Atemnot überwunden, versprach er Faustina, er werde Cammilla heiraten, – doch solle die Eheschließung geheim sein und bleiben. Wie einem Chirurgen, der rücksichtslos in Fleisch und Nerven hineinschneidet und Knochen zersägt, um, Schmerz bereitend, von Schmerzen zu befreien, war Cosmo Faustina dankbar. Als sie sich von ihm verabschiedete, schenkte er ihr das schönste Pferd aus seinem Stall: einen andalusischen Rappen. Sein liebstes Reitpferd war es, – war es bis vor kurzem gewesen. Doch das Podagra, an dem er litt, gestattete ihm nicht mehr, im Sattel zu sitzen. Und das Tier war zu schade, nur von Stallknechten ausgeführt zu werden. Wer aber, wenn nicht Faustina, war seiner wert! ... 40 Eine Lichterprozession stieg von der Himmelsleiter zur Erde herab und schritt durch das nächtlich verschlossene Palastportal, dessen Wachtposten nichts sahn; auch aus dem Erdinnern stiegen Irrwische mit Irrlichtern und drängten der großen Menge von Lichtwesen nach. Festen Schlafes schlief Florenz, schliefen die Kinder Cosmos, als seine und Cammillas heimliche Trauung zu mitternächtlicher Stunde in der Hofkapelle des Pittipalastes vollzogen wurde. Trauzeugen waren – außer einigen alten Lakaien und Messer Antonio Martelli – ein unsichtbarer Haufe seufzender Engel und grinsender Teufel. Himmel und Hölle nahmen Anteil an der nachtumwobenen Hochzeit. Geschlossen und die Fenster verhängt, fuhr ein Galawagen vor Morgenrot das jungalte Paar nach Poggio a Caiano zurück. Vier Ehrendamen empfingen dort die Neuvermählte, wuschen, parfümierten, entkleideten sie für das legitime Hochzeitsbett. Einen gutgemeinten, aber schlechten Dienst hatte Donna Faustina Cosmo erwiesen, als sie ihm die Eheschließung als Buße auferlegte. Durch Krankheit allzusehr bereits geschwächt war der Körper des alten Mannes für sein junges Glück. Die Küsse Cammillas beschleunigten sein Ende, sogen ihm seinen versagenden Atem aus. Schon hatten sich an seinen Fußknöcheln erste Anzeichen von Wassersucht gezeigt. Daß die Schwellung der Beine bald wieder zurückging, beruhigte seine beiden Hofärzte nicht, welche ihm – wenn sie gedurft hätten – seinen schönen Vampir weggesperrt hätten. Wie das Ausreiten, verboten sie ihm Spaziergänge. Täglich unternahm nun Cosmo Ausflüge im Wagen mit Cammilla, labte sich an ihrer Anmut, ertrug ihre Launen, lächelte über ihre holde Beschränktheit. An Wiesen mußte der Wagen halten, sie stieg aus, fing mit einem Musselinnetz Falter und Käfer, pflückte Feldblumen. Ein Rausch für seine Augen, das Laufen und Springen, Bücken und Pflücken der Zierlichen zu betrachten, – ein letzter Rausch des verblassenden Lebens, ein immerzu lockender Taumelbecher ... Doch jeder Schluck daraus enthielt Todesgift für ihn. 41 Die Geheimhaltung der nächtlichen Hochzeit war geglückt und seitdem nicht mehr vonnöten. Ein Brief Cosmos an seinen ältesten Sohn lüpfte den Schleier. Was, so lange Semiramide in Poggio a Caiano weilte, Francesco und seine Geschwister am meisten gefürchtet und deshalb bekämpft hatten, war nunmehr Tatsache geworden: sie hatten jetzt eine Stiefmutter und mußten gewärtig sein, über kurz oder lang ein kleines erbberechtigtes Geschwister zu haben. Und wieder hielten sie Kriegsrat. Zu spät freilich war es, einzuschreiten. Wenn sie sich rächen wollten, so konnten sie es nur durch Nadelstiche tun. Doch selbst dies mußte – aus Rücksicht auf den Gesundheitszustand des Vaters – vorsichtig geschehn. Die drei Brüder Francesco, Pietro und der in Rom lebende Kardinal Medici schickten kühl abgefaßte, korrekte Glückwünsche (die Beileidsbezeigungen aufs Haar ähnlich sahn). Isabella Orsini aber begab sich nach Poggio a Caiano, ihre junge Stiefmutter zu besichtigen – unter dem Vorwand, ihr einen Antrittsbesuch abzustatten. 42 Doch zu ihrer eignen Verwunderung verließ Donna Isabella die Villa ihres Vaters in einer andern Gemütseinstellung, als sie sie betreten hatte. Ihre Absicht war es gewesen, der Stiefmutter mit heuchlerischer Freundlichkeit zu begegnen, sie auszuholen und aufs Glatteis der Lächerlichkeit zu führen, um in ihrem nächsten Brief dem Kardinal Medici eine geistreiche, herzlose und lustige Beschreibung von ihr zu machen; aber sie wurde gegen ihren Willen durch den körperlichen und geistigen Verfall ihres Vaters sowie durch die hilflose Kindlichkeit Cammillas völlig umgestimmt. An einem Jaspistisch auf einer von Rebengerank überschatteten, von Lorbeerbäumen umgrünten Terrasse empfing Cosmo seine stolze Tochter, setzte ihr Obst, Malvasiertrauben, Konfitüren und Vino Santo vor. Während er mit schwerer Zunge und allzu eingehend ihre Frage nach seinem Befinden beantwortete, kam, begleitet von ihren vier Ehrendamen, Cammilla auf die Terrasse und begrüßte befangen-demütig ihr hochgewachsenes, sie um Kopfeslänge überragendes Stiefkind. Ängstlich nahm sie am Tisch, Isabella gegenüber, Platz, biß mit ihren schneeweißen Zähnen in eine Orange und hörte nicht auf, vor Verlegenheit lachend, ihre schneeigen Zähne zu blecken. Grellrot wie ihr Mund waren ihr Mieder und ihr Rock; und dazu hatte sie bauschige Ärmel aus grasgrüner Seide. Auf ihrem linken Arm aber saß ein Chamäleon; (einem aus Syrien heimgekommenen Pilger hatte Cosmo das Tierchen abgekauft und es ihr geschenkt). Das Chamäleon trug ein goldenes Halsband und daran war ein dünnes Goldkettchen befestigt, dessen Ende Cammilla in der Hand hielt. Ein Gespräch mit Cammilla anzuknüpfen, gelang Isabella nicht. Was sie auch fragen mochte, sie erhielt ein scheues Lachen zur Antwort und bestenfalls ein knappes Ja oder Nein; und sogleich fuhr Cammilla fort, sich mit der kuriosen Echse zu beschäftigen, sie nachzuäffen, wenn sie mit einem Auge aufwärts und mit dem andern Auge abwärts blickte oder die lange Zunge ausstreckte; sie erröten zu machen, indem sie sie auf ihr rotes Mieder setzte, und sie wieder grün werden zu lassen auf dem grasgrünen Ärmel ... Eine unsägliche Traurigkeit überkam Isabella –: wie hatte ihr Vater sich weggeworfen an diese Blöde! Sie besaß ja nicht mehr Verstand als das Tier auf ihrem Arm, war selbst kaum mehr als ein Tierchen, ein zähnefletschendes Äffchen, wenn auch zauberhaft schön ... Wie nah mußte ihr Vater sein Stündlein wissen, daß er solch eine Vorbereitung für die Reise ins Jenseits traf, für die Begegnung mit dem höchsten Richter! Aus Reue und um einem kirchlichen Gebot zu genügen, hatte er die Ehe mit dem letzten Opfer seiner Sinnlichkeit geschlossen, – nicht aus Liebe! Auf Semiramide war Isabella eifersüchtig gewesen, – auf Cammilla war sie es nicht. Mitleid empfand sie mit ihr und ihrem Vater. Sie hatte nie (auch nicht, als sie seine Feindin wurde) aufgehört, ihn zu lieben. Mit heißem Kuß nahm sie Abschied von ihm; und aufrichtig herzlich war der Kuß, den sie Cammilla auf die Wange drückte. 43 Den ersten Schlaganfall erlitt Cosmo am Morgen nach Donna Isabellas Besuch. Waren ihm Spaziergänge in die Umgegend untersagt, so ließ er sich's doch nicht nehmen, jeden Morgen, auf einen Krückstock und auf den Arm Cammillas gestützt, durch den Garten seiner Villa zu humpeln, wo er seltene Blumen aus aller Herren Ländern angepflanzt hatte. Diesmal war sein Rundgang schon beinahe beendet, als ihm dicht bei der Gartenmauer ein in einem Lilienbeet liegender Futtersack auffiel. Von der Landstraße aus mußte wohl jemand während der Nacht das schwere Ding über die Gartenmauer geworfen haben. Cosmo ließ sich von Cammilla den mit Hafer gefüllten Sack reichen. Ein Zettel war daran befestigt. Schwarz wurde es ihm vor den Augen, als er las, was auf dem Papier geschrieben stand –: ›Liebe Cammilla, gib den Hafersack Deinem ehelichen Gemahl, dem Esel!‹ So weit also war es mit dem großen Cosmo gekommen, daß solches gewagt werden konnte! Von wem ...? Hätten seine Sinne sich nicht verwirrt, so hätte er sich sagen müssen, daß keinem seiner Kinder – sogar Don Pietro nicht – eine so geschmacklose Gemeinheit zuzutrauen war. Doch das Schicksal ließ Cosmo nicht Zeit zum Nachdenken und schleuderte ihn wie blitzgetroffen zu Boden – gerade im Moment, als der Anblick des Zettels ihm den falschen Verdacht durchs Gehirn wirbelte. So kam es, daß er die Vorstellung einer Rachetat seiner Kinder mithinübernahm in seine Bewußtlosigkeit, wo sie sich festsetzte und Wurzel trieb. Er wurde in die Villa getragen, zu Bett gebracht. Seine rechte Seite blieb fortan gelähmt. Als er – nach Wochen – vom Krankenlager aufstehn durfte, war er ein mühsam lallender Krüppel, ein Wrack. Zur Sprachstörung gesellte sich eine Trübung des Geistes: er hielt sich für den regierenden König von Etrurien. Mit viel Geheimniskrämerei entsandte er die verläßlichsten seiner Diener nach allen Richtungen der Windrose und verbot ihnen bei Lebensstrafe, Ziel und Zweck ihrer Reisen zu verraten. Auf die Dauer indes konnte es nicht verborgen bleiben, daß er gegen seine undankbaren Kinder einen vernichtenden Schlag zu führen gedachte und deshalb in ganz Italien nach einem Verschollenen fahnden ließ ...« 44 Der Bericht Traiano Bobbas war oftmals durch Zwischenfragen und Zwischenreden seines Zuhörers unterbrochen worden. Auch jetzt unterbrach ihn Giuliano: »Ihr nanntet den Namen des Verschollenen nicht. Suchte er nach mir? Habe ich richtig geraten?« »Es war nicht schwer zu erraten, Messer Giuliano.« »Zu was Ende bedurfte er meiner?« »Um zu Gunsten eines wiedergefundenen Kindes seine andern Kinder enterben zu können.« Lächelnd knüpfte Giuliano sein Gewand am Halse auf und zeigte auf ein kleines goldelfenbeinernes Gehänge. »Schaut, Cavalière, dies Amulett nahm mir die Fürstin Lodovica und sandte es an Cosmo; und der gab es mir, bevor ich von ihm schied, zurück: es sei, sagte er, entwertet als Erkennungszeichen durch die Aussage Cellinis, der drei völlig gleiche Amulette schuf ... Damals hatte Cosmo seine fünf Sinne noch.« »Gewiß, Messer Giuliano. Doch der Wahnsinn kann außermenschliehe Sinne und Erkenntnisse haben, die uns abgehn. So z.B. hatten zweifellos die geistig Gesunden unrecht und der Geisteskranke recht mit seiner Behauptung, Ihr wäret noch am Leben und müßtet auffindbar sein. Seltsamerweise ging gerade in jenen Tagen das Gerücht um, Ihr wäret als Mönch in Monte Cassino gestorben. Den König von Etrurien focht das nicht an, – ein Traum hatte ihm Euch lebend gezeigt ... Kein Traum und kein Irrwahn war aber die Ankunft eines englischen Grafen in Florenz, der Cosmo aufsuchte, ihm eine Euch betreffende Mitteilung zu machen.« »Welche?« »Das ahnte kein Mensch, – bis sterbend Cosmo es bekanntgab.« »Erzählt, Cavaliere! Wie starb er? ...« Und nun setzte Traiano Bobba seinen Bericht fort. 45 »Im Palazzo Medici der Via Larga gab Donna Isabella ein Festmahl zu Ehren ihres verabscheuten Eheherrn, des in Florenz zu Besuch weilenden Herzogs von Bracciano. Nicht geschieden war ja die Orsinische Ehe, wenn auch seit Jahren die Gatten – von Tisch und Bett getrennt – sich kaum je sahn, er im Castello Bracciano oder in Rom, sie in Florenz Hof hielt. Arg verschuldet, von Gläubigern bedrängt, war Paolo Giordano unversehens in der Via Larga aufgetaucht – schwerlich aus Sehnsucht nach Isabella, die ihn, den Mörder des Troilo Orsini, ihres Buhlen, nicht an sich heranließ, – eher vielleicht in der Erwartung, sein gestörter Schwiegervater werde sich (leichter als sonst) ein Darlehn von etlichen 100 000 Scudi entlocken lassen; vielleicht auch mit dem Vorsatz – falls es mit Cosmo zu Ende ginge –, auf die Erbschaft seiner Frau die Hand zu legen. An den Fortschritten der Krankheit durfte er sich ein Verdienst zusprechen, da – (was niemand wußte) – er es gewesen war, der durch einen seiner Bravi den Hafersack mit dem Zettel auf Cosmos Lilienbeet hatte werfen lassen. An Gepränge konnte Isabellas Gastmahl kaum überboten werden und auch nicht an lärmendem Freudenschall. Der unmenschlich dicke Paolo Giordano Orsini – ebenso saftig als Schlemmer wie als Witzbold – heimste mit seinen (nicht immer anständigen) Anekdoten das wiehernde Gelächter der meistens spanische Etikette gewohnten Festgäste ein. Plötzlich jedoch war es, als senke sich ein schwarzer Flor auf allen Glanz des Gelages. Der alte Granduca hinkte herein, gestützt auf die alabastern blinkenden Schultern seiner fürstlich geschmückten, mit einem Diamanten-Diadem gekrönten Cammilla. Er schüttelte ungnädig den Kopf, als die Herzogin von Bracciano ihm und ihrer kindlichen Stiefmutter Ehrenplätze anweisen wollte. Nicht mitzutafeln sei er gekommen, sondern seinen Kindern seinen Trotz und Haß zuzudonnern und der Welt zu zeigen, daß er sich von Cammilla nicht trennen lasse. Denn seine beiden Ärzte, bestochen (wer könnte daran zweifeln?) von seinen Kindern, hatten verboten, daß die Königin von Etrurien mit ihm schlafe, und hatten, da er sich um das Verbot nicht kümmerte, den Rat erteilt, er solle für einige Wochen sie aus seiner Nähe verbannen. Unerhört – eine Königin verbannen! ... Dafür habe er die schändlichen Ärzte aus Etrurien verbannt! Und auch die Anstifter des versuchten Frauenraubes werde er verbannen, – bald, gar bald, sobald er gefunden, was er suche! Die Gäste schwiegen betreten, nur Orsinis meckerndes Lachen schnitt in die lastende Schwüle hinein. Ob es wahr sei, daß Seine Majestät einen Koch oder Pastetenbäcker aus Cypern suche? fragte Orsini. Cosmo gab keine Antwort. Ein Rasender stand er vor der Festtafel, setzte sich nicht auf den ihm angebotenen Platz und hörte nicht auf das Zureden Isabellas, die sich erhoben hatte, auf ihn zuging und, liebreich ihn unter den Arm fassend und Koseworte ihm ins Ohr flüsternd, bemüht war, aus dem Saal ihn hinauszuführen. Die mediceischen Prinzen verhielten sich still, erwiderten auf die Vorwürfe nichts, um nicht Öl ins Feuer zu gießen. Paolo Giordano aber fand ein teuflisches Vergnügen daran, das Gespräch mit dem Wahnsinnigen fortzusetzen. Von seinem römischen Küchenpersonal könne er Seiner Majestät ein Dutzend Köche zur Auswahl schicken. Warum denn Seine Majestät durchaus einen cyprischen Koch brauche? Da schrie der Wahnsinnige: Weil er den an Sohnes Statt annehmen wolle! Weil der Kelch voll sei! Weil er seine Kinder, das Schlangengezücht, verfluche! Weil er sie enterbe! Und alles, was er der Schlangenbrut nehmen werde, solle sein Sohn zu Erb und Eigen haben! Francesco de'Medici hielt nicht länger an sich. Spöttisch sagte er: ›Du kannst meine Krone nicht einem Gespenst auf die Stirn setzen, Vater! Alle Welt weiß ja, daß jener Giuliano tot ist!‹ (Merkwürdig war es, daß die Wut Cosmos schwere Zunge lockerte: je hitziger er wurde, desto leichter überwand er die Sprachhemmung.) ›Alle Welt lügt!‹ raste Cosmo. ›Und sollte Giuliano wirklich tot sein, so werde ich sein Skelett auf deinen Thron setzen, du ruchloser Sohn! Und ich werde seinen Totenschädel mit deinem Liliendiadem krönen! ... Doch ich weiß, daß er lebt –: wie Saul bei der Hexe von Endor, war ich bei der Hexe Finicella; und sie hat die Seele Giulianos herbeigerufen. Seine Seele hat es mir gesagt, daß er noch lebt!‹ ›Du hast geträumt, Vater!‹ entgegnete Francesco. Flehentlich flüsterte Isabella ihrem Bruder zu: ›Ich bitte dich, sei still, Francesco! Kein Wort mehr! Willst du ihn denn töten? Sieh hin –: er ist blaurot im Gesicht ...‹ Aber während Francesco verstummte, fuhr Orsini fort, Cosmo zu reizen. Wer denn das gekrönte Gespenst sei? fragte er in einem niederträchtig unschuldigen Ton. Da brach der Wahnsinnige in ein unbändiges Lachen aus: Ja, ja, das könne er sich wohl denken, daß es viele gelüste, dahinterzukommen. Taub seien die Geschwister Giulianos gewesen und taub sein Vater: nicht genügend hingehört hätten sie auf die Stimme des Blutes ... Nicht einmal er selbst habe das Rauschen seines Blutes in den fremden Adern vernommen – bis endlich die Zeit ihm die Wahrheit offenbarte ... Ein Engländer habe ihn besucht, – seitdem sei das Rätsel gelöst. Der Graf von Norfolk hatte zwei Neffen – die waren Giuliano feindlich gesinnt ... Norfolks beide Neffen seien inzwischen gestorben, und der ältere habe auf dem Totenbette das Geständnis abgelegt: weil Giuliano ihm und seinem jüngeren Bruder verhaßt gewesen, hätten sie eine Urkunde vernichtet, aus welcher hervorging, daß Giulianos Mutter Donna Bia della Tessinara in Neapel sich ... Unvollendet blieb der Satz. Tot, vom Schlag getroffen, stürzte Cosmo zu Boden. In der folgenden Nacht ließ der Granduca Francesco seine Stiefmutter mitsamt ihren vier Ehrendamen, ihrem Kakadu und ihrem Chamäleon in das Kloster Santa Monaca sperren. Und in dieser selben Nacht – während noch stundenlang vom Campanile des Palazzo Vecchio Trauergeläut herabscholl – bestieg Paolo Giordano Orsini (seit Jahren zum erstenmal wieder) das Bett seiner verweinten Gattin Isabella; und während er die sich Sträubende vergewaltigte und küßte, erdrosselte er sie mit einer Schnur.« 46 Traiano Bobba schwieg, und Giuliano lächelte traurig versonnen vor sich hin. »Was nützt einem Durstigen in der Wüste der schönste Diamant? Kann er ihn trinken, wie Kleopatra ihre Perlen trank? ... Glück ist an Ort und Zeit gebunden. Ja, vor fünfundzwanzig Jahren hätte es mir zu Kopf steigen können ... Zu spät, zu spät, zu spät! Der Rahm ist von der Milch! Der Stern ist versaust! ... Selbst falls es wahr wäre, falls ich tatsächlich Cosmos Sohn wäre, – was kann ich jetzt anderes tun, als hellauf darüber lachen?« Vorwurfsvoll schüttelte der Cavaliere den Kopf: »Ihr lacht, weil Ihr fühlt, daß Ihr weinen könntet, Messer Giuliano. Ihr seid tatsächlich ein Medici. Nach Cosmos Tod hat der englische Gesandte alles bestätigt!« »So, so, Cavaliere. Also bin ich das gekrönte Gespenst? Was fange ich nur mit meiner Gespensterkrone an? ... Am Ende kommt es von der Stimme des Blutes, daß ich einen so sündenbeladenen Menschen, wie Cosmo einer war, trotz alledem lieb gewann? und daß ich heute, nachdem Ihr mir sein trostloses Ende beschriebt, trotzdem voll Mitgefühl an ihn denke ... Sündenbeladen wie der König von Etrurien war auch König Oedipus, ein tobender, wildfluchender Greis, – und trotzdem gehört der Menschen Mitleid ihm und nicht seinen feindseligen Söhnen. Unsere Erde ist nun einmal das Schlachtfeld der Satane; und zwei der bösesten, einander fressenden Teufel sind: das Menschenrecht des Alters und das Menschenrecht der Jugend. Fast jeder Vater ist ein Oedipus: – fast jeder Vater legt eine Krone nieder, verzichtet auf Hoheitsrechte und erntet fragwürdigen Dank ...« »Und doch, Messer Giuliano, – glaubt einem, dem Gott Kinder schenkte –: von den Seligkeiten des Daseins – (sie sind etliche Rosen neben vielen Dornen) –, von den Seligkeiten des Daseins ist Vaterliebe die seligste. Eure eignen Worte möchte ich Euch ins Gedächtnis rufen: harmonisch und vollkommen wie ein radschlagender weißer Pfau erhebt sich aus dem Chaos der Satane das Göttliche, – schwebt leuchtend darüber wie über schwarzen Gewitterwolken ein Regenbogen.« »Freilich, Cavaliere; oder wie über Dantes Höllengreueln die Lichtgestalt der Beatrice schwebt ... Ihr habt mich, Cavaliere, durch ein Vierteljahrhundert geführt wie der Dichter Virgil den Dichter Dante durch das Land der Qual; Bianca Cappellos und Francescos Vergiftung, mit der Ihr Euren Bericht begannt, geschah ja erst vor kurzem. Was weiter zurückliegt – zwanzig Jahre und mehr –, bewegt mich besonders, weil es an meine Erlebnisse in Florenz anknüpft und sie fortspinnt ... Von einer, die mir nahestand, müßt Ihr mir noch einiges sagen, Cavalière.« »Ihr meint Donna Faustina? Sie war keine Lichtgestalt, Messer Giuliano.« »Ich weiß. Und trotzdem ging ein schillernder Schimmer von ihr aus im Höllenschloß Pitti ... Was wurde aus ihr? Ich glaube, Ihr erwähntet, sie sei nicht mehr am Leben?« 47 »Ihre unerwiderte Liebe, Messer Giuliano, wurde ihr zum Verhängnis ... Sie beging die Unvorsichtigkeit, dem andalusischen Rappen – den Cosmo ihr geschenkt hatte – den Namen ›König Pfauhahn‹ zu geben. Ihrem Gatten Don Pietro fiel die Benennung des Pferdes nicht auf, denn Donna Faustina besaß ihren eignen Stall, den er nie betrat; und selbst wenn er den Namen gehört hätte, hätte er sich nichts dabei denken können, da er nicht zugegen gewesen war, als Ihr, Messer Giuliano, im Boboligarten vom schwarzen Hengst des englischen Grafen und vom Schiffbruch an der cyprischen Küste erzähltet. Täglich ritt Donna Faustina auf König Pfauhahn aus, täglich wurde ihr das Beisammensein mit dem Tier unentbehrlicher. Die Wahnvorstellung nahm von ihr Besitz, daß der Name ein mystisches Band sei zwischen ihr und Euch. Und es geschah das Wundersame, daß sie sich leidenschaftlich in ihr Pferd verliebte. Zum Abgott wurde ihr der herrliche Rappe, zum Sinnbild des verlorenen Geliebten, ja schließlich zum Geliebten selbst. Mit silbernen Hufeisen ließ sie König Pfauhahn beschlagen, ließ seine Zügel mit Gold und Edelsteinen verzieren. Sie raunte ihm Liebesworte ins Ohr, sie umarmte und küßte ihn wie ein menschliches Wesen ... Ein Jahr ungefähr war seit Cosmos Tod vergangen, da erlauschte zufällig Messer Carlo de'Panciátichi, während er einem Hahnenkampf zuschaute, wie zwei Stallbuben sich über das absonderliche Gehaben Donna Faustinas unterhielten. Carlo haßte seinen Freund Pietro, den er in Semiramides Bett hatte verschonen müssen und von dem ihm bekannt war, daß er – trotz der Klostermauern – der Galan der Nonne Semiramide war und nach wie vor mit ihr sündigte. Immerzu darauf aus, sich an Don Pietro zu rächen, teilte er ihm das belauschte Gespräch mit und tat das Seinige dazu, die Nachricht phantastisch aufzubauschen. Faustina, behauptete er, sei eine Pasiphae und werde demnächst einen Kentauren gebären. Und nachdem er des Freundes Wut zum Sieden gebracht hatte, öffnete er ihm schließlich die Augen über die Bedeutung des Namens ›König Pfauhahn‹ –: das bedeute nicht nur das Pferd Norfolks und den Teufel, – es bedeute vor allem Giuliano selbst, der von der Fürstin Lodovica Malaspina so genannt wurde. Wenn also Faustina das Pferd küsse, so küsse sie in Wahrheit ihren Geliebten Giuliano! Da Pietro die Lügenhaftigkeit Carlos kannte, wollte er sich erst mit eigenen Augen und Ohren von der entsetzlichen Wahrheit überzeugen. Er schlich sich in Faustinas Pferdestall ein und verbarg sich in einem Stand. Als Faustina bald darauf den Stall betrat, konnte sie nicht ahnen, daß ihr ärgster Feind auf der Lauer lag, die Liebesszene zwischen Frau und Tier zu beobachten. Während sie, glühende Liebesworte murmelnd, ihr Gesicht in die Rappenmähne barg, kam auf den Zehen, leise wie ein Dieb, Don Pietro heran und erschoß den König Pfauhahn. Er hätte vielleicht auch Donna Faustina erschossen, – doch der Knall seines Pistolenschusses lockte Stallknechte herbei, von denen er nicht gern dort gesehn sein wollte ... 48 Das sagte ich Euch schon, daß ich gleich nach Cosmos Tod meinen Beruf gewechselt habe und Seidenhändler geworden bin. In unser Seidengeschäft kam eines Tages Donna Faustina, machte Einkäufe und trat mit mir in eine Fensternische, wo sie unbelauscht mit mir sprechen konnte. Sie bat mich, Benvenuto Cellini aufzusuchen und ihm die kleine Marmorskulptur abzukaufen, welche sie gemeinsam mit Cosmo bei ihm bewundert hatte – – – « »Wenn ich Euch recht verstanden habe«, unterbrach Giullano, »so hatte Cellini mich auf der Statuette dargestellt?« »Ja, einen Jüngling mit Euren Gesichtszügen neben einem hochauf sich bäumenden Pferd. Donna Faustina trug mir auf, die Statuette Cellini für jeden Preis, den er fordern würde, abzukaufen. Ich begab mich also zu Cellini. Unwirsch wollte er mich abweisen. Als er aber hörte, ich sei von Donna Faustina beauftragt, ließ er sich das kleine Kunstwerk für tausend Scudi abhandeln. 49 Zu dem in der Via Lamarmora gelegenen Palazzo, den Pietro und Faustina bewohnten, gehörte ein ziemlich großer, ganz verwilderter Garten. Über eine von Cosmo einstmals getane Äußerung – es sei bedauerlich, daß sein Sohn sich selbst zu viel mit Lacrimae Christi und seinen Garten zu wenig mit Wasser begieße – war Don Pietro derart in Harnisch geraten, daß er alle seine Gärtner zum Teufel gejagt und neue seitdem nicht mehr angestellt hatte. Seit mehr als einem Jahrzehnt den ungehemmten Begierden der Fruchtbarkeit und Selbstbehauptung überlassen, wucherten urwaldhaft Blumen und Stauden, Halme und Gestrüpp; und uralte Bäume streckten ihre Äste ins Geäst benachbarter Bäume, rangen miteinander, um den Segen des Sonnenlichtes zu erkämpfen. Von Schlingpflanzen und rankenden Rosen überwachsen, stand im schattigsten Teil des Gartens ein verfallener Pavillon. Schadhaft war das Dach: an Regentagen tropfte es herein und kleine Pfützen bildeten sich auf dem Fußboden. Grüner Schimmel feuchtete die einst rotbraun gefärbten, sich schwärzenden Wände. Aus dem staubgrauen Glas der Fenster waren handgroße Scherben herausgebrochen. Keinerlei Möbel wies der Raum auf außer einem altersschwachen morschen Gartentisch. Ohne Wissen und Begleitung ihrer Ehrendamen hatte Donna Faustina, an einem glühenden Hochsommertage nach Schattenkühle suchend, diesen abgelegenen Pavillon entdeckt und ihn ausersehn, ihr als Tempel zu dienen. Den Tisch machte sie zum Altar, indem sie ihn mit einem Brokattuch bedeckte und Cellinis Statuette darauf stellte, mit flimmernden Kerzen sie umgebend, als wäre sie eine heilige Monstranz oder ein Götzenbild. Und in der Tat war es ja ihr Idol, mit dem sie einen heidnischen Kult trieb, – denn Ihr, Messer Giuliano, wart es: Ihr und Norfolks Pferd hattet Meister Cellini vorgeschwebt, als er die Statuette bildete. Jeden Tag schlich Donna Faustina zu ihrem Tempel, zündete die Wachslichter an und kniete vor König Pfauhahn ... 50 Der Kleine Walfisch hatte Cosmo bloß drei Jahre überlebt: der Kummer um Cammillas Los schaufelte ihm sein Grab. Nach seinem Tode versank Cammilla völlig in aschgrauen Tiefsinn. Während Donna Semiramide auch als Nonne mit Don Pietro und andern Liebhabern ihre Zelle zum Freudenhaus machte und uneheliche Kinder gebar, hatte Cammilla immer nur als einzigen Besucher ihren Vater empfangen, den zu sehn das spärliche Glück ihrer Klostertrübsal war. Seitdem sein Tod ihn hinderte, zu ihr zu kommen, wandelte sich ihre Blödheit in unverkennbaren Wahnsinn. Kardinal Medici schrieb seinem Bruder Francesco: der Papst mißbillige die Einsperrung der armen Kranken. Daraufhin durfte Cammilla das Kloster verlassen. Nun pflegte sie singend durch die Gassen zu gehn; begleitet von einer großen Schar kleiner Kinder. Weder durch Schelte noch durch Bitten konnten die Eltern den Kindern, ihr zu folgen, verbieten; – unbegreiflich war es, wie sehr die Kleinen die Wahnsinnige liebten. Eines Tages kam Cammilla mit ihrem Kindergefolge am hintern Zaun jenes verwilderten Gartens vorbei. Sie wußte nicht, daß der Garten Donna Faustina gehörte; doch da es überaus heiß war, wurde sie von der Schattenkühle der alten Bäume angelockt, und da sie die Zaunpforte unverschlossen fand, ging sie mit ihren Kindern hinein. Nachdem sie alle eine Weile im Schatten gesessen und Blumen gepflückt und sich mit Blumenkränzen das Haar geschmückt hatten, wanderten sie umher und gelangten so zum Pavillon. Auch dessen Tür stand offen. Als sie aber geräuschlos eingetreten waren, erblickten sie Donna Faustina, die auf den Knien lag vor ihrem Idol. Kaum hatte Faustina die Anwesenheit Cammillas und der Kinder bemerkt, verfärbte sie sich, erhob sich, ging auf Cammilla zu und bat um Verschwiegenheit. Und ebenso bat sie jedes einzelne der Kinder, niemand zu sagen, was sie sahen. Darauf begleitete sie alle bis zur Straße und kehrte allein in ihren Tempel zurück. Sie hätte die Statuette, die Kerzen und das Brokattuch beseitigen können, – denn an die Verschwiegenheit, um die sie gebeten hatte, glaubte sie im Tiefinnersten ihres Herzens ja doch nicht. Doch sie war zu stolz, zu leidensmüde, zu seelenkrank, um – falls die Kinder es ausplauderten –, sich aufs Leugnen zu verlegen. War sie verloren, – nun gut, so starb sie um ihrer Liebe willen ... Den nächsten Tag, zur selben Stunde, war sie wieder im Pavillon, steckte die Kerzen an und kniete nieder. Und während sie kniete, fühlte sie, daß jemand eingetreten war und dicht hinter ihr stand. Sie wußte, daß es ihr Gatte Pietro war, und sie erwartete den Todesstreich von seiner Hand. Doch da er zögerte, wandte sie sich jählings nach ihm um, sprang empor und schrie ihm ins Gesicht, wie sehr sie ihn hasse und wie sehr sie Euch, Messer Giuliano, liebe ... ›Du Hure!‹ brüllend, stach er mit seinem Dolch blindlings auf sie ein, wohl ein dutzendmal ... Allein und hilflos lag Faustina am Boden und blutete sich zu Tode. Als ihr die Sinne schon beinahe ganz geschwunden waren, kamen – Blumenkränze in den Händen tragend – Cammilla und die kleinen Kinder herein. Die Wahnsinnige begriff, daß die Prinzessin verloren war. Sie stimmte ein lateinisches Kirchenlied an und legte die Blumen, die sie in der Hand hielt, auf die Sterbende, ihre Wunden damit zuzudecken. Und das Beispiel Cammillas ahmten die kleinen Kinder nach: sie alle warfen ihre Blumen auf Donna Faustina. ›Da hast du viele Totenkränzlein!‹ sagte Cammilla. Ein seliges Lächeln kam auf Faustinas Lippen. Ausgesöhnt mit ihrem Geschick schloß sie die Augen, – denn sie starb für ihren Geliebten, für Euch, Messer Giuliano!«