Johann Gottfried Seume Vier Texte zu politischen und geschichtlichen Themen Einige Nachrichten über die Vorfälle in Polen im Jahre 1794   Die gegenwärtigen Nachrichten erschienen im Jahre 1796 unter dem Titel: »Einige Nachrichten über die Vorfälle in Polen im Jahre 1794; von J. G. Seume, Russisch-Kaiserlichem Lieutenant. – Leipzig, bey Gottfried Martini, 1796«. Von den 151 Druckseiten der mit einem Titelkupfer, »Igelström's Tod«, gezierten Schrift enthalten S. 1–108 die Nachrichten über Polen und S. 109–150 folgende Gedichte Seume's: Auf Igelström's Tod Gebet eines Mannes, der selten betet An die Schwermuth Die Beterin An einen an der Düna bei Riga gefundenen Todtenkopf Rückerinnerung. An meinen Freund Münchhausen Ruhe     Dem Herrn Grafen von Hohenthal auf Knauthain, Städteln, Lauer etc. aus wahrer Dankbarkeit gewidmet.     Verehrungswürdiger Wohlthäter! Es war einer der schönsten Tage meines Lebens, als ein rechtschaffener Mann mich Ihnen einst mit den Worten empfahl: »Er ist ein Knabe guter Art, der Segen seines Vaters ruhet auf ihm.« Seine Empfehlung galt; und noch jetzt thut dem Kriegsmanne die Erinnerung im Herzen so wohl, als sie dem Jünglinge oft am Grabe des Vaters that. Ich bin stolz, Ihnen hier öffentlich die Größe meiner Verbindlichkeiten zu wiederholen. Ihnen kann es gleichgiltig sein, ob Jemand vom Publicum weiß, was ich Ihnen schuldig bin, aber mir nicht; denn dieses ist die einzige Art, in welcher Sie Zahlung annehmen und ich einigermaßen leisten kann. Das Opfer ist klein; ich wäre aber sehr unglücklich, wenn Sie oder meine ästhetischen Beurtheiler seinen Werth nach dem Volumen des Inhaltes nehmen sollten. Auf alle Fälle hoffe ich, sei auch des Geistes noch so wenig darin, daß es der Stempel eines guten, philanthropischen Herzens bezeichnet. Wenn irgend eine gute Seele bei einer gut gedachten und gut gesprochenen Stelle mir mit einer leisen Empfindung des Dankes lohnen sollte, so übergebe ich Ihnen den Zoll, den ich durch Ihre Güte zu empfangen in den Stand gesetzt wurde. So veränderlich auch meine Lage war und werden mag, so wird doch meine Dankbarkeit unter jeder Gestalt beständig die nämliche bleiben. Leipzig, 1796. J. G. Seume.   Vorbericht »Wer Wahrheit sucht, muß kein Vaterland haben!« sagt irgend ein Bemerker der Menschen. Kein Mann von Sinn wird in Versuchung kommen, diese Aeußerung wörtlich zu nehmen. Sie will blos sagen, der Wahrheitsforscher in jeder Rücksicht müsse von äußern Verhältnissen, die ihm Parteilichkeit einflößen könnten, abstrahiren und ohne Leidenschaft die Dinge, wie sie sind, betrachten und darstellen. Ich glaube in folgendem Aufsatze dieses befolgt zu haben, welches mir um so leichter ward, da wirklich jede Heftigkeit und Einseitigkeit des Parteigängers außer meinem Charakter liegt. Freilich darf ich wol schwerlich hoffen, durch meinen Beitrag zur Geschichte den warmen Beifall irgend einer Partei zu erhalten; es ist dieses aber auch nicht meine Absicht. Wenn der künftige pragmatische Geschichtsforscher aus demselben nur einige Belege für Wahrheit ziehen kann, so ist die Bekanntmachung dieser Blätter gewiß nicht ohne Nutzen. Diese Form habe ich beibehalten, weil es wirklich die ursprüngliche war, ob ich gleich damals noch nicht an den Druck dachte. Die Gründe, welche mich zur Bekanntmachung bestimmten, will ich offenherzig ganz kurz angeben. Erstlich wünschte ich meinem erschlagenen Freunde, dem Major Igelström, nach meinem Vermögen ein Todtenopfer zu bringen; zweitens meinem ehemaligen Wohlthäter öffentlich die Gefühle meines warmen Dankes auszudrücken, und sodann glaubte ich mehrern guten harmonirenden Seelen nicht ohne wohlthätige Teilnahme meine Empfindungen über verschiedene Gegenstände sagen zu können. Ich erwähne nicht der Aufmunterung mehrerer Freunde, die vielleicht aus warmer Anhänglichkeit für den Verfasser mehr äußerten, als der strengere Aesthetiker vertheidigen kann. Ueber die Gedichte darf ich nichts sagen, wenn sie nicht ihre eigene Apologie sind. Erinnerungen von competenten Kritikern sind mir billig so willkommen, als sie einem Manne von Bescheidenheit, der selbst nichts weniger als Literator ist, und der seine Mängel sowol als sein etwaniges Gute zu fühlen gewohnt ist, irgend nur sein können. Incompetente sollten zur Ehre unserer Philosophie und unsers Geschmacks billig nicht Richter über irgend ein Werk sein. Es ist die Gewohnheit auch unserer besten Kritiker, zuweilen durch ganz lieblose Ironien und bittere Seitenhiebe ihren Mann zu mißhandeln. Der Kritiker ist Richter; dem Richter geziemt Würde, und desto mehr Würde, je mehr der Delinquent Verdammung verdient. Bloße Darstellung des Fehlerhaften, Geschmacklosen, Lächerlichen und Unsinnigen ist gewiß hinreichend und läßt den Leser weit heller sehen als die angelegte Momusmaske. Kein gutmüthiger Kritiker wird den Leser auf Kosten eines armen Schachers belustigen. Der schlechte Scribent ist schon hinlänglich durch die Verachtung des Publicums und die Sarkasmen jedes witzigen Individuums bestraft. Ich hoffe Verzeihung wegen dieser Expectoration und gebe sie jedem Edeldenkenden zur Beherzigung. Freilich, freilich ist es schwer, unter der Sündfluth von schlechten Producten beständig ernsthaft zu bleiben; aber es ist überhaupt auch schwer, Kritiker zu sein. Der Verfasser .   Amicus Plato, amicus Socrates; sed magis amica veritas.   Sie verlangen von mir, lieber Freund, eine richtige Beschreibung der letzten sehr wichtigen Vorfälle dieses Jahres in Polen und erwarten in derselben etwas sehr Authentisches und Vollständiges; weil ich, wie Sie sagen, selbst Augenzeuge und einigermaßen Mithandler gewesen sei. Bedenken Sie aber – denn Sie kennen ja meinen Charakter in dieser und mehrern andern Rücksichten ziemlich – daß ich bei meiner Sorglosigkeit in Ansehung aller Dinge, die nicht strict zu meiner Pflicht gehören, gar nicht sehr zum genauen Bemerker und also ebenso wenig zum Geschichtschreiber geschickt bin, und daß ein Subaltern im Militär und Civil nur sehr wenig sehen, also nur sehr wenig selbst beurtheilen und verbürgen kann! Indessen, da die Sache doch für jeden Menschenbeobachter wichtiges Interesse haben muß und jeder der öffentlichen und Privaterzähler vielleicht seinen eigenen persönlichen Gesichtspunkt hat, so will ich, Ihren Wunsch zu erfüllen, so viel mir im Ganzen bekannt ist, Ihnen mittheilen; und Sie können Sich gewiß darauf verlassen, daß ich Ihnen nichts vortragen werde, wovon ich nicht entweder selbst Augenzeuge war, oder wofür ich nicht sonst giltige Bürgschaft habe. Seit langer Zeit kennen Sie meine Aufrichtigkeit, Unparteilichkeit und feste Wahrheitsliebe; Sie wissen, daß ich ohne alle Rücksicht immer mein Urtheil sage, auch wenn ich mir wol gar Nachtheil und Gefahr dadurch erwerbe. Ich bin ein ehrlicher Mann, der ohne Vorurtheile zu sehen glaubt, der seinen Satz hält, so lange er ihm Wahrheit ist, und gern den Irrthum verläßt, sobald ihn eine bessere Ueberzeugung führt. Mäßigkeit und Mäßigung sind der Charakter des vernünftigen Mannes im Physischen und Moralischen, und ich hoffe, Sie sollen ihn auch in meinen Schilderungen nicht vermissen. Der letzte Nationalaufbruch der Polen war wol eine ganz natürliche Folge der Dinge, wenn man überlegt, wie unerwartet durch unglückliche Conjuncturen, Anarchie im Innern, Machinationen von allen Seiten, Zwist und Niederträchtigkeit seiner Bürger der Staat wieder den schönsten Theil seiner Provinzen verloren hatte. Der Schmerz des Verlustes, die Gemüthsstimmung aller noch Übriggebliebenen, die allgemeine politische Gährung durch ganz Europa, der Revolutionsgeist mehrerer Provinzen, die Verzweiflung der letzten Patrioten bewaffnete in einem unglücklichen Augenblicke den ganzen Rest der Nation zu einem Riesenkampfe, von dem man voraussehen konnte, wenn er ohne sichere Berechnung fremder Höfe unternommen war, daß er das Ende nehmen mußte, welches er wirklich genommen hat. Das Mißvergnügen war natürlich schon allgemein und die Gährung groß, als ich am Anfang des Jahres 1793 unter dem General Igelström in Warschau mit ankam, und stieg täglich höher, so wie die politische Lage der Nation täglich kritischer wurde und ihr Groll täglich tiefer wurzelte. Der Grodnoer Reichstag erzeugte ein fürchterliches Schweigen, bedeutungsvoll wie die Stille vor dem Ausbruch eines nahen Orkans. Es war freilich ein großer Streich, den die Nachbarn nur unter der damaligen Lage der Dinge wagen und durchsetzen konnten, und bei dem es noch unbegreiflich ist, wie die übrigen Nachbarn, die ein näheres oder entfernteres Interesse dabei haben mußten, so ruhig zusehen konnten, als ob man eine Landkarte des Mondes verfertigte. »Die Engländer werden in Kurzem wahrnehmen,« sagte mir damals ein vernünftiger gemäßigter Pole, »welchen Verlust ihr Handel dadurch leiden wird, und die Holländer hängen nun geradezu von der Gnade des Königs von Preußen ab; denn anstatt des Kriegs kann er sie nur mit Hunger überziehen, indem er ihnen seine Provinzen sperrt, die ihre Brodmagazine sind.« Die politischen Aspecten haben sich seitdem zwar ziemlich verändert, es scheint mir aber immer noch viel Wahres in dem Urtheil zu liegen. Alles war wider Vermuthen von außen stille, und die Polen schienen sich ihrem Schicksale ergeben zu haben; aber das Feuer glomm unter der Asche, und eine Menge hitziger Rädelsführer fachte es von Zeit zu Zeit an, damit es nicht erlöschte. Es ist weder meine Pflicht noch meine Absicht, das Betragen der politischen Feinde Polens zu rechtfertigen, ob ich gleich glaube, daß es nicht schwer sein würde, eine hinlänglich giltige Apologie, wenigstens in Rücksicht des Hauptverfahrens zu machen, da die Principien der Politik und der Völkerverhältnisse ganz verschieden sind von den Principien der innerlichen bürgerlichen Gerechtigkeit, und der Ausgang gezeigt hat, daß Rußland wirklich sehr viel von Polen zu fürchten hatte. Denn hätte die polnische Nation vor 30 Jahren den Muth und die Geschicklichkeit gehabt, bei glücklichen Conjuncturen sich aus ihrer alten Anarchie mit solcher Energie herauszuarbeiten, so dürfte das politische Verhältniß der Mächte Europa's jetzt vermuthlich anders sein. Erhaltung und Sicherstellung seines Vaterlandes ist des Politikers erstes Gesetz, und wenn dieses nicht anders bestehen kann als auf Kosten Anderer, von denen der Staat zu fürchten hat, so ist ihre Beeinträchtigung keine Ungerechtigkeit; denn die Gefahr abwarten, hieße hier oft so viel, als sich ins Verderben stürzen. Dieses ist, däucht mich, das einzige wahre Princip, nach welchem jedes politische Verfahren beurtheilt werden muß, gleich weit entfernt von der Engbrüstigkeit des kleinlichen Stubenmoralisten und dem weit ausgedehnten abscheulichen droit de convenance , das jedes politische Verhältniß untergraben würde. Keinem braven Polen ist es zu verdenken, daß er in der Leidenschaft seine Nachbarn haßte; denn bei der Trauer seines Vaterlandes, in welche es durch sie war gestürzt worden, konnte er sie nicht lieben; und immer verdient Derjenige mehr Hochachtung, der an der Spitze seiner Mitbürger auf den Ruinen seines natürlichen Erbgutes edelmüthig focht und im Kampfe fiel, als der Miethling, der sich knechtisch in den fremden Antichambern herumtrieb und in Untertänigkeit um einen Gnadengehalt bettelte. Man darf nur an das innere Ehrgefühl aller braven Männer, selbst in Berlin und Petersburg appelliren, und man hat Verzeihung, daß man dieses laut zu sagen wagt. Eine nähere Veranlassung zur Aeußerung allgemeiner Unzufriedenheit war der Unwille, den die Kaiserin nach Zurückberufung ihres Ambassadeurs, des Baron Siewers, durch ihren neuen Gesandten, den General en Chef Igelström, der Nation im Conseil permanent bekannt machen ließ, daß der Reichstag noch das Tragen des Militärbandes erlaubt hatte, welches man den Officieren im vorigen Feldzuge zur Belohnung ihres Wohlverhaltens ertheilt. Inwieweit dieser Unwille hinlänglich gegründete Ursache hatte, kann ich in meiner eingeschränkten Sphäre nicht beurtheilen; man gab nach, bat, ließ das Tragen des Bandes untersagen und es durch die Gesandten selbst denjenigen Officieren abfordern, die nicht mehr im Lande waren. Alles schien ruhig, wenigstens zu ohnmächtig, um etwas zu unternehmen, als von Petersburg das freilich natürliche und notwendige, aber nichtsdestoweniger verhaßte Project der Reduction der Nationaltruppen ankam. So lange man es blos mit Hofleuten zu thun hat, kann man durch Politik, Feinheit, Ansehen, List oder Cabale eine Menge Dinge durchsetzen; wenn man aber Leute antastet, welche Waffen tragen, die sie mit Ehren zutragen glauben, – und welcher Soldat glaubt dieses nicht? – so wird die Sache jederzeit ernsthafter. Man mochte noch so viel beweisen, daß die nunmehrigen Einkünfte der Republik nicht mehr als höchstens 15,000 Mann bezahlen könnten, Alles war taub vor Unwillen, und der alte Muth erwachte noch einmal. Allerdings war die Maßregel Rußlands etwas hart, und vielleicht wären andere gelindere Mittel gewesen, die Truppen bis zur bestimmten Zahl herunterzubringen, ohne Gewalt zu brauchen; denn 26,000 Mann legen nicht sogleich auf die erste Aufforderung gutwillig ihr Gewehr aus der Hand, zumal wenn sie Vorrath von Artillerie haben und noch keine hinlängliche Uebermacht in der Nähe sehen, die sie dazu zwingen könnte. Hätte man Abschied gegeben Allen, die ihn haben wollten, Urlaub, wer ihn begehrt hätte, alle Werbungen und Complettirungen eingestellt, so wäre, ich bin versichert, in zwei Jahren, mit Einrechnung der gewöhnlichen Mortalität, die Armee ganz sanft bis auf 12,000 heruntergeschmolzen, und ich glaube, die übrige politische Lage hätte wol diese Langsamkeit erlauben können. Aber die größte Schwierigkeit war, die Officiere zu befriedigen, von denen der größte Theil von dem kleinen Adel und arm war, eine andere beträchtliche Anzahl ihre Stellen ehemals gekauft und ihr Vermögen an ihre Corps gewendet hatte, so daß fast allen die Armee die letzte Ausflucht war. Das Feuer lief von Provinz zu Provinz; Alles weigerte sich, die Waffen niederzulegen. In Lithauen machte man Anstalt zur Gegenwehr; schon war hier Alles unsicher. Die Truppen suchten Vereinigungspunkte, die Edelleute bewaffneten ihre Bauern und Flurschützen, und die russischen Transporte fingen an, über Königsberg durch Preußen zu gehen. Der General Igelström fing an, das Bedenkliche seiner Lage zu sehen und um Verstärkung der Truppen zu bitten. In Petersburg, wo man mit sehr weniger Mannschaft überall zu imponiren gewohnt war, fand man die Sache vermuthlich anfangs sonderbar. Man wollte die Reduction beschleunigen, und Madalinsky machte den Anfang zum Aufbruch, indem er sich mit seiner Brigade aus der Gegend von Ostrolenka wegzog, nicht weit von Warschau über die Weichsel setzte, mit vieler Geschicklichkeit zwischen dem russischen und preußischen Cordon hinging, die kleinen Posten sprengte und sich nach einigem Verluste bei Krakau mit Kosciusko vereinigte, der unterdessen aus Deutschland angekommen war, schon die ganze Woiwodschaft in Insurrection gesetzt, die Conföderationsacte gemacht und heftige Manifeste ausgefertiget hatte. Die Russen, welche den Posten hatten, wo Madalinsky durchging, waren zu schwach, ihm die Passage zu wehren, und die preußischen Commandos, welche noch kleiner und fast nur für bürgerliche Sicherheit waren, wurden aufgehoben, vertrieben oder niedergehauen. Der russische Obristlieutenant Likustchin hatte sich mit seinem einige hundert Mann starken Corps schon aus Krakau herausgezogen, sich auf der Retirade gegen eine große Uebermacht lange hartnäckig vertheidigt und war endlich zu einem kleinen Corps gestoßen, das von Lublin zu seiner Unterstützung herbeieilte. Die Sache fing an, ernsthaft zu werden. Der General en Chef Igelström beorderte die Generalmajore Tormasow und Rachmanow in die Gegend nach Krakau mit einigen Bataillonen Infanterie und einigen Escadronen Cavallerie; der Generalmajor Denisow stieß mit seinen Truppen von der andern Seite dazu und übernahm als der Aelteste das Commando. Kosciusko hatte sich unterdessen in und bei Krakau formirt. Sein Corps bestand mit Inbegriff der mit Piken und Sensen bewaffneten Bauern nach dem Rapport des General Tormasow aus ungefähr 8000 Mann. Denifow verzögerte aus mir unbekannten Ursachen den Angriff und detachirte endlich, als Kosciusko den Weg nach Warschau einschlug, den General Tormasow mit ungefähr 2000 Mann, um ihm den Weg zu verrennen, und versprach, sobald Tormasow den Feind en front angreifen würde, ihn in die Flanke zu nehmen. Kosciusko kannte die Gegend vortrefflich. Tormasow war unvermerkt in einer Lage, wo er entweder angreifen mußte oder in einigen Minuten angegriffen worden wäre. Die Zahl der Feinde war nach russischen Kriegsbegriffen eben nicht so sehr ungleich, da man oft in den Türkenkriegen einen siebenfach stärkern Feind herrlich geschlagen hatte. Er wählte die Attake. Die Russen griffen wie gewöhnlich mit Ordnung und Nachdruck an; die Polen fingen an zu weichen. Kosciusko formirte Colonnen. Die Russen glaubten, er retirirte, und avancirten mit Hitze und einiger Unordnung; auf einmal chargirt er mit Infanterie und Cavallerie; die Pikenträger liefen wild ins Feuer. » Les paysans armés de piques marchoient d'une contenance tout-à-fait incroyable ,« sind die Worte des General Tormasow. Die Russen wurden völlig geschlagen, verloren zwölf Kanonen, alle ihre Artillerie, nebst 600 Todten und Verwundeten, unter welchen ersten der brave Obristlieutenant Pustawalow war, den die ganze Armee sehr hochschätzte; auch der Obrist Muromzow wurde schwer verwundet unter den Todten auf dein Platze gelassen und gefangen. Dieses Gefecht in der Gegend von Krakau war für die Russen ein ganz unerwartetes Phänomen, für die Polen das traurige Signal der Freude, die auch in Warschau laut ausbrach. So sehr man die Bekanntmachung des Vorfalls zu verhindern suchte, so hatten doch die Polen die Nachricht zu eben der Zeit als der russische General, weil man unmöglich alle Pässe besetzen konnte und jeder Bauer den Botschafter machte. Das Gerücht vergrößerte natürlich den Vortheil von polnischer Seite unglaublich, und Personen, die sonst keinen Pöbelglauben hatten, waren wirklich überzeugt, Tormasow selbst nebst mehr als 2000 Mann seien auf dem Platze geblieben. Indessen war dieses die Veranlassung zum gänzlichen Ausbruch. Die neuen russischen Truppen, welche zur Unterstützung kommen sollten, waren noch weit entfernt und theils noch kaum ausmarschirt. Die Ukraine konnte man keinesweges entblößen, weil auch dort der Revolutionsgeist auszubrechen drohete, wie in Südpreußen wirklich geschah; und wäre Rußland so unvorsichtig gewesen und hätte von dieser Seite so viel Blöße gegeben, als von der andern gegeben wurde, so hätte leicht die Krise gefährlich werden können. Kosciusko's Verlust bei der erwähnten Action muß auch sehr beträchtlich gewesen sein, denn sonst würde er mit verstärkter Artillerie gewiß gleich darauf den General Denisow angegriffen haben, da noch Alles bei dem Corps in Verwirrung war. Der preußische General Graf Schwerin hatte schon längst versprochen, mitzuwirken; aber seine Truppen kamen nur sehr langsam zu ihren bestimmten Versammlungsörtern, waren zu schwach und zu weit ausgedehnt, indem er nur Cordons zur Sicherung der Grenze zu ziehen suchte. Es waren so wenig Truppen in Südpreußen, daß nach sehr schwacher Besetzung des Landes kaum 4000 Mann zur Unterstützung der Russen übrig blieben. In Warschau selbst fing es nun an, äußerst bedenklich zu werden; von allen Seiten entdeckte man gefährliche Conventikel und Missionen in den Provinzen, an einigen Orten fertige Munition unter den Bürgern. In der Residenz hatte ein Theaterstück unter dem Titel »Die Krakauer« den Enthusiasmus zu einer seltenen Höhe getrieben. Das Stück ist national und behandelt eine Zänkerei der Landleute dortiger Gegend mit einer seltenen Kunst. Der russische Gesandte hatte zuerst Einwendungen gegen die Vorstellung; da aber der Marschall, Graf Moschinsky, selbst versicherte, daß nichts Anstößiges darin enthalten sei, so wurde es aufgeführt. Der Verfasser, Herr Boguslawsky, der mit den Leidenschaften der Menschen wie mit Federbällen spielt und ebenso sehr Patriot als Schauspieler war, hatte in dem Stücke selbst und in der Vorstellung seine ganze Kunst erprobt. Es ist eine Mischung von Drama, Singspiel und Ballet, mit der größten Feinheit durcheinandergewebt; die Musik ist schwärmerisch, theils eigenthümlicher Volksgesang, theils aus den besten ausländischen Stücken kaum merkbar zusammengenommen; man mußte sehr kalt sein, um nicht zum Enthusiasmus mit hingerissen zu werden. Ich selbst habe der dreimaligen Vorstellung zweimal beigewohnt und muß bekennen, nie habe ich größere, tiefere, bleibendere Eindrücke wahrgenommen und selbst gefühlt. Die politische Beziehung in dem Stücke war sehr entfernt und nichtsbedeutend; aber es war Nationalsache. Einige der ersten Schauspieler waren höchst wahrscheinlich in dem Verständnisse; denn sie sangen sogleich zu den Arien Varianten, die denn freilich bald den eigentlichen Text verdrängten und mit Jubel wiederholt wurden. Diese Varianten kamen schnell von dem Theater unter das Volk, und die Geschichte bei Krakau machte ganz Warschau zu Opernsängern. Selbst die russische Militärmusik spielte die Lieblingsarien aus der Lieblingsoper. Nun ließ der russische General, da er die Sache erfuhr, die Vorstellung untersagen; aber sie war dreimal gegeben worden und hatte ihre Wirkung gethan. Das Ballet »Die Werber«, welches dem Stücke immer zum Schlusse folgte, war unter jeder andern Conjunctur ebenso unschuldig und jetzt ebenso bedeutend und hatte das nämliche Schicksal. Ein dumpfes Murren lief anfangs durch das Publicum, dann wurden die Pasquille häufiger und kecker, und bald fing man an, laut zu drohen. Der General Igelström detachirte gleich nach der unglücklichen Geschichte bei Krakau noch mit einigen Bataillonen und Escadronen den Generalmajor Grustchow, um bei der Piliza Posten zu halten und in Verbindung mit dem preußischen Corps unter dem General Trenk die Bewegungen des Kosciusko zu beobachten und ihm den Uebergang über die Piliza zu verwehren. Dieses kleine Corps ist in der Folge vielleicht die Ursache gewesen, warum der glückliche Ausgang der Waffen so schnell für die Alliirten war. Denn hätte der General Grustchow mit demselben die Polen unter Kosciusko nicht so lange durch seine gute Position und geschickte Vertheidigung aufgehalten und dadurch die Vereinigung der Preußen und Russen möglich gemacht, so hätte leicht das nachherige Treffen bei Czechoczin anders ausfallen und die folgenden Begebenheiten eine andere Gestalt gewinnen können. In Warschau hatte der General Igelström alle Anstalten zu einem eventuellen Ausmarsch getroffen, um selbst mit Kosciusko zu schlagen, sobald er sich der Gegend von Warschau nähern würde, wo er dann das Grustchow'sche Corps mit den Preußen, die in der Gegend standen, würde an sich gezogen haben. Die Bagage mit der Feldapotheke war zu der Wagenburg an der Weichsel beordert, und die Bataillone sollten nichts mit sich nehmen, als nur was zum Schlagen nöthig war. Ich habe selbst mehrere Tage vor den blutigen Tagen in Warschau mit dem General Pistor bis nach Mitternacht gearbeitet, indem der General Igelström die preußischen Generale so schnell als möglich in Verbindung zu einem Zwecke mit den Russen zu setzen suchte und ihnen die Absichten und Vereinigungspläne mittheilte, die er damals für nothwendig und ausführbar hielt. Die Sachen waren allerdings für die Russen sehr mißlich. Von allen Seiten waren wir von einem zahlreichen polnischen Militär umgeben, das sich vereinigt in Insurrection gesetzt hatte. Auf die preußische Unterstützung war so geschwind nicht zu rechnen, da in Südpreußen so wenig Truppen lagen. Ueberhaupt scheint man die Polen in mancher Rücksicht etwas zu wenig geachtet zu haben. Freilich ließ ihr voriges Benehmen nicht sehr auf eine künftige Energie schließen; aber der Erfolg ist hier, wie sehr oft, Beweis, daß man vom Vergangenen auf das Künftige nicht immer sicher schließen kann. Die Polen in Warschau hatten unstreitig Nachricht von den meisten Maßregeln des russischen Generals; und wie hätten sie diese nicht haben sollen, da sie dieselben nothwendig aus seinen öffentlichen Demarchen abnehmen konnten? Denn Truppenmärsche und Transporte können nicht so unbemerkt geschehen, wo Jedermann mit Mißtrauen den Andern beobachtet. Es war für Polen und Russen periculum in mora . Immer habe ich als Militär mich gewundert, da man mit den Polen auf eine solche Weise verfahren war, daß man sie in dem Besitz ihres Arsenals gelassen hatte. Ob es Befehl des Petersburger Hofes oder eigene Maßregel des General Kochowsky war, kann ich nicht bestimmen. Der General Igelström beobachtete sehr gewissenhaft die nämliche Mäßigung und ließ keinen einzigen russischen Posten mit Kanonen in die Nähe des Zeughauses stellen; woraus ich ohne Zweifel den richtigen Schluß ziehen kann, daß die Absichten der Kaiserin mit Polen blos zu ihrer eigenen Sicherheit und keineswegs für die Republik letal waren. Nach der Action bei Krakau soll der General Igelström sich endlich entschlossen haben, sich des Arsenals am Charfreitage zu bemächtigen, ehe er die Stadt verlassen wollte. Ich bin davon nicht gewiß unterrichtet, ob ich gleich als einer seiner Officiere in seinem Palaste wohnte, da ich nur zu deutschen Geschäften, nicht aber zu russischen Arbeiten gebraucht wurde und man bei einer solchen Unternehmung, nach der Klugheit, der Mitwissenden bis zum Punkt der Ausführung so wenig als möglich zu haben pflegt. Wahrscheinlich ist mir das Gerücht, weil ich es militärisch consequent finde; denn welcher General hätte wollen aus der Stadt rücken und den Feinden wahrscheinlich eine solche Menge Geschütz und Munition hinterlassen? Ob sich Warschau gleich noch nicht erklärt hatte, so war doch bei der ersten Entfernung der Russen seine Erklärung gar nicht zweifelhaft. Die Polen hatten die gräßlichsten Dinge von den Russen ausgestreut und alles Mögliche gethan, um selbst Absurditäten glaublich zu machen. Man hatte dem dummen Volke aufgeheftet, man wolle ihnen allen am heiligen Freitage die Hälse abschneiden, Kanonen vor die Kirchthüren führen und so Alles niederschießen; man hatte sich der Beichtstühle bedient, um diesen Unsinn zu verbreiten und die enthusiastische Bigotterie des Pöbels zu bewaffnen. Es war gelungen; und wer es nicht glaubte, hatte wenigstens nicht viel dawider, daß es geglaubt wurde. Wenn Kosciusko selbst daran Antheil gehabt hat, welches ich zu seiner Ehre noch nicht glauben will, so hat er zu sehr verächtlichen, unhaltbaren Mitteln seine Zuflucht genommen. Der General Igelström schien den Nationalcharakter für zu leichtsinnig und kleinmüthig zu halten, als daß er hier etwas sehr Ernsthaftes hätte befürchten sollen; doch waren seine Maßregeln von allen Seiten mit Vorsicht genommen. Die Bataillone sind einen ganzen Monat nicht aus dem Leder gekommen, und wir selbst haben mehr als vierzehn Tage im Mantel auf dem Fußboden seines Vorzimmers geschlafen. Seine Briefe an die unter ihm commandirenden Generale in den Provinzen waren zwar voll Vertrauen, aber nicht sorglos. Das Blutbad brach den grünen Donnerstag aus. Die Polen glaubten das Prävenire wählen zu müssen. Ungefähr 4000 Mann polnisches Militär befand sich in Warschau, für welches ihre Chefs mit ihren Köpfen zu bürgen versprachen. Leider war dieses ihr nachheriges Schicksal; aber ihre Bürgschaft half den Russen nichts. Das Verständniß war nur unter einigen kleinen Officieren von der Krongarde zu Fuß und zu Pferde und von der Artillerie, kaum unter einigen Hunderten Gemeinen und einigen hunderten der unternehmendsten Köpfe von der Populace. Sehr wenige Stabsofficiere entschlossen sich, Partei zu nehmen. Die Subalternen führten ihre Compagnien, als ob es zum Exercierplatz ginge, und Alles gewann bald ein ziemlich wohlgeordnetes Ganze. Um Mitternacht brachten die Kosacken schon Rapport von häufigen Bewegungen. Die Mir'sche Cavallerie that früh ungefähr um fünf Uhr den ersten Angriff auf einen russischen Posten von zwei Kanonen nicht weit vom eisernen Thore hinter dem sächsischen Palaste, war glücklich in schneller Ueberraschung, hieb den größten Theil der Leute nieder, vernagelte die Kanonen, und bald lief das Feuer durch die ganze Stadt. Die Russen waren sogleich auf ihren bestimmten Posten, aber Alles war noch wie in einer fremden Welt und wußte so wenig von der Absicht der Andern bei dem Lärm, daß russisches und polnisches Militär noch mit Honneurs vor einander vorüberzogen. Mit vieler Geschicklichkeit hatten die Polen, welche natürlich die russischen Posten wußten, die verschiedenen Commandos abgeschnitten. Nun gab es erst Erklärungen, und in Kurzem war Alles im Feuer. Die Polen öffneten das Zeughaus und führten ihre zahlreiche ziemlich wohlbediente Artillerie heraus und fingen an, aus allen Kräften mit derselben zu arbeiten. Bis ungefähr um zehn Uhr war das Gefecht noch sehr furchtsam von Seiten der Polen, indem die Populace sich noch scheute, sogleich thätig Partei zu nehmen. Aber um diese Stunde hatte man schon einige Officiere gefangen, einige Posten und einige Kanonen genommen, und Alles strömte nun nach dem Zeughause, um Waffen und Munition zu holen, welche man denn auch an Alle und Jede mit Vergnügen austheilte. Auch war schon an verschiedenen Orten Munition aufgeführt. Man stelle sich vor, daß von den Russen nicht mehr als 5500 Mann unter dem Gewehr standen; denn mehr waren nach allen Detachirungen gewiß nicht im Gefechte; daß fast eine gleiche Anzahl polnischer Soldaten und gewiß über 20,000 Bewaffnete aller Art gegen dieselben fochten; daß die Polen eine Ueberlegenheit in der Menge ihrer guten und wolbedienten Artillerie hatten; daß sie überall den Vortheil der Position in den engen Gassen und allen Plätzen durch genauere Kenntniß der Localität sich zu erwerben wußten; daß sie nicht von Enthusiasmus, sondern von Wuth hingerissen, blind auf den Tod liefen: nehme man dieses Alles, und man kann fast nach mathematischer Berechnung den Ausgang der Action bestimmen. Einige Bataillons der Unsrigen gingen unstreitig etwas zu frühe unter dem Commando des General Novitzky aus der Stadt, und das Ganze konnte also deswegen noch weniger einen Vereinigungspunkt gewinnen. Hätte der General Igelström am Donnerstage das ganze Unternehmen der Polen, alle ihre Vortheile und die ganze augenblickliche Lage der Seinigen gekannt, ich bin versichert, er würde nicht mit Hartnäckigkeit die Stadt haben behaupten wollen, da ihm der Rückzug noch frei stand. Aber Mangel an Communication ließ selbst den commandirenden General nur einen Theil der Geschichte übersehen, und diese Communication war unter den Umständen gar nicht so leicht, als Mancher wol glauben dürfte. Es wurden viele Couriere erschossen oder gefangen, die von einem Posten zum andern geschickt wurden. Das Gefecht dauerte mit abwechselndem Glücke den ganzen Donnerstag fort. Eine offene Feldschlacht ist nach dem Zeugniß aller alten Officiere ein Spielwerk gegen eine solche Mönchsklepperei, wo der ehrliche Kerl aus dem Winkel niedergeschossen wird, ohne einen Feind zu sehen. Die Schüsse flogen von den Ecken, aus den Kellern, aus den Fenstern, über die Mauern, von den Dächern; und von unten und oben und von allen Seiten und überall war Tod, und Niemand zeigte sich. Ungefähr siebzig Kanonen von verschiedenem Kaliber arbeiteten ohne Aufhören durch die Plätze und Gassen der Stadt; bald drängten die Russen, bald die Polen. Das Ricochet der Kartätschen rasselte grell von einer Mauer zur andern und schlug nieder, was die geraden Kugeln nicht fassen konnten. Schon waren die Straßen mit Leichen bestreut. Man konnte schon deutlich sehen, daß wir uns unmöglich würden halten können. Die Nacht brach ein; das Postengefecht dauerte fort. An allen Ecken und Plätzen der Stadt arbeitete das Geschütz, und das kleine Gewehr machte von allen Quartieren eine grelle Musik während der Pausen. Die Nacht war furchtbar schön. Der Himmel schien sie gemacht zu haben, um den Menschen Spielraum zu ihrer Thorheit zu geben; mit glänzender Ruhe blickte der Mond auf den Wahnsinn der Elenden herab. Die beiden Abende werden lange, vielleicht immer ihr Bild in meiner Seele lassen; es ist groß und schrecklich. Der ferne und nahe Donner der Stücke, der sich fürchterlich dumpf durch die Straßen brach, das Geklätter der kleinen Gewehre, der hohle Ton der Lärmtrommeln, der Todtenlaut der Sturmglocken, das Pfeifen der Kugeln, das Heulen der Hunde, das Hurrahgeschrei der Revolutionäre, das Klirren ihrer Säbel, das matte Aechzen der Verwundeten und Sterbenden: nehmen Sie dieses Alles in der tiefen, hellen, herrlichen Mitternacht, und vollenden Sie das Gemälde nach Ihrem eigenen Gefühl! Ich vergaß unter der Größe des meinigen der Gefahr und freute mich, einige Augenblicke bei der schaurigen Scene gegenwärtig zu sein. Schon den Donnerstag Nachmittag waren die Polen in das Hintertheil des Igelströmischen Palastes, wo der Ingenieurgeneral von Suchteln stand, einmal eingedrungen und hatten aus demselben alle Hofzimmer, unter denen die Gesandtschaftskanzlei war, mit ihren Kugelbüchsen zerschossen, wurden aber nach einer Stunde wieder daraus vertrieben. Von allen Seiten wurde der Palast gedrängt und schon gegen fünf Uhr Abends das hintere Thor, welches die Polen mit Gewalt zu erbrechen suchten, verrammelt und der Thorweg mit todten Pferden vollgeführt. Zu verwundern war es, daß nichts Feuer fing, indem das Schießen von beiden Seiten so heftig war, daß man vor Dampfe keine Hand breit im Hofe sehen konnte. In der Nacht selbst gab der General die Hoffnung auf, sich länger halten zu können. Die Zeit eines glücklichen Rückzuges war verstrichen, und nun dachte man blos auf Rettung. Der General schickte verschiedene Officiere als Couriere zu dem damaligen Brigadier Mokronowsky, der an der Spitze der Revolutionäre stand, um wegen des Auszugs zu verhandeln, aber keiner kam zurück; und wenn man auch dieses Verfahren der Polen mit der allgemeinen Verwirrung entschuldigen wollte, da man ihnen durch die Wuth des Pöbels keinen sichern Rückweg schaffen konnte, so ist doch das folgende Benehmen der Herren, die durchaus mit ihren Kanonen Gerechtigkeit predigen wollten, sonderbar genug, indem man alle diese Officiere, unter welchen selbst der Brigadier Bauer sich befand, hernach als Kriegsgefangene behielt, da sie doch auf Treu' und Glauben mit Trompetern gekommen waren; eine von den vielen Inconsequenzen, die man in der ganzen Geschichte findet! Der General Igelström schaffte sich endlich mit ungefähr vierhundert Mann, nachdem er sich im engsten Gedränge noch bis den Freitag Nachmittag geschlagen hatte, mit Gewalt nach der Seite von Povonsk einen Ausweg. Hätten die Polen Disposition und Entschlossenheit genug gehabt, so wären wenige Russen durchgekommen, gestehen selbst einige wackere Officiere von den Unsrigen, die bei der Retirade waren; aber die Russen fochten wie Russen. Die Grenadiere wiesen jeden Vorschlag und Zuruf, sich zu ergeben, mit Verachtung zurück und sagten: ihre Bajonnete würden ihnen schon Durchgang verschaffen. Auch schleppten sich wirklich Schwerverwundete unter dem heftigsten Feuer von allen Seiten bis vor die Stadt hinaus, wo sodann die herbeieilenden Preußen ihren Rückzug deckten. Ich hatte das Unglück, da ich eben einen schwer verwundeten Kameraden, den ich schon einige Mal besucht hatte, auf noch einige Augenblicke sehen wollte, in der Eile zurückgelassen, abgeschnitten, von einem Ort zum andern getrieben und endlich gefangen zu werden. Was seit der Zeit im Felde vorgegangen ist, kann ich nicht als Augenzeuge, sondern nur durch Nachrichten und aus der Wirkung wissen, die es auf Warschau hatte; und auch dieses nur unzulänglich, da unsere Gefangenschaft so enge war, daß wir Criminalverbrechern ziemlich ähnlich sahen. Erlauben Sie mir hier einige freimüthige Bemerkungen über den Charakter des General Igelström, der zu seinem Unglücke im Kriege nun auch, wie gewöhnlich, das Unglück gehabt hat, unter die Geißel des tausendköpfigen Publicums zu gerathen! Es war kein Schimpf, keine Schmähung, mit welchen man nicht nach der Katastrophe über ihn herstürzte, und selbst einige seiner Officiere, wovon ihm einige wohl Verbindlichkeiten hatten, und die doch nichts weniger als competente Richter über Verdienste überhaupt waren, vergaßen die Ehre des Dienstes und ihre eigene so weit, daß sie reichlich in dergleichen häßliche Tiraden mit einstimmten. Sie kennen mich gewiß nicht als Schmeichler; ein Mann, der in der Welt so ganz ohne Furcht und Hoffnung lebt wie ich, hat nicht nöthig, Dinge zu sagen, die er nicht fühlt und denkt. Sie können also Alles, was ich von dem General zu sagen wage, gewiß als das Zeugniß eines rechtschaffenen Mannes vor dem strengsten Gerichte, wenn Sie wollen, selbst vor den Augen der Welt nehmen. Man beschuldiget ihn des Stolzes gegen seine Untergebenen und noch mehr gegen die Polen und der Härte gegen beide. Ich habe kein Beispiel gesehen, das die Anklage rechtfertigte, aber wohl an mir und Andern mehrere vom Gegentheil. Es haben wenige Officiere in ihren Verhältnissen so viel unter ihm zu arbeiten Gelegenheit gehabt als ich; ich bin kein Mann, der sichtliche Verachtung von Jemand ganz ruhig vertrüge, auch wenn er die rechte Hand eines Monarchen wäre; ich kann mich aber auch nie erinnern, daß er je mein Ehrgefühl, welches ich für sehr fein halte, beleidiget hätte. Strenge ist er und ziemlich heftig; dies hat bei Leuten, welche nicht genau unterscheiden oder absichtlich nicht genau unterscheiden wollen, vielleicht Anlaß zu der ersten Beschuldigung gegeben. Ich bin weit entfernt, Heftigkeit zu rechtfertigen; nur das Temperament ist dafür einige Apologie, und der General zeigte dieses Gefühl sehr deutlich, indem er jederzeit geflissentlich durch irgend einige verbindliche Worte es wieder gut zu machen suchte. Mehr Genugthuung erlauben die Verhältnisse nicht, und der Mann von Herz und Kopf, der die Dinge richtig sieht, ist damit zufrieden. Aber manche Herren mögen es immer noch ihrem Schicksale danken, daß sie mit einem heftigen Verweise durchgekommen sind; denn wenn ein Officier im Dienste Dinge vorbringt, die sich nicht so verhalten, oder gar geradezu wider Pflicht und Ehre gehandelt hat, so muß er es wirklich für ein Glück halten, wenn der General es bei dieser Strafe bewenden läßt und ihn nicht der Strenge der Kriegsgesetze überliefert. Wenn ziemlich angesehene Polen sich zuweilen gefallen lassen mußten, mit russischen Officieren, unter denen auch wol Generale sich befanden, im Zimmer des russischen Ministers und commandirenden Generals zu bleiben, während er im Cabinet mit einem fremden Gesandten sprach oder an seine Monarchin schrieb oder selbst in den Geschäften ihres Königs arbeitete, so waren sie wol nicht berechtiget, dieses für eine Erniedrigung anzusehen. Man überdenke die Menge der politischen und militärischen Geschäfte, die alle auf seinen Schultern ruhten, und die er alle mit gewissenhafter Pünktlichkeit selbst zu besorgen bemüht war, so wird man leicht begreiflich finden, daß dieses Verfahren nicht Vernachlässigung, sondern Notwendigkeit war. Ich erinnere mich, daß er sich einst deswegen selbst gegen seine Officiere mit vieler Güte entschuldigte, indem er scherzhaft sagte: »Pardonnez, Messieurs, cette semaine le Ministre a mangé le Général!« Manchmal hat er die langen Klagen ganz gemeiner Leute mit seltener Geduld angehört, welche sich bei dem Hauptcommandeur beschwerten, daß die Kosacken ungefähr ein Dutzend Kohlköpfe gestohlen hatten, und die Untersuchung und Bestrafung der Thäter sodann selbst befohlen. Wenn nun der General en chef auf diese Weise es nicht unter seiner Würde hält, zuweilen die kleine Polizei der Armee selbst zu besorgen, so darf man ihm wol nicht übertriebenen Stolz vorwerfen. Man schildert ferner sein Verfahren als durchaus unerträglich und eigenmächtig; ich weiß aber gewiß, daß die Monarchin bis zur letzten Stunde Alles gebilligt hat; also konnte er nichts eigenmächtig vorgenommen, nichts über, wenigstens nichts wider seine Instruction gethan haben. Der Vorzug und die Auszeichnung, die er einer gewissen Person erwies, ließ ihn nie seine Pflichten vernachlässigen; und die Gefälligkeiten, die er für sie hatte, waren an einem Orte wie Warschau gar nichts Ungewöhnliches und konnten nur in dieser Lage den Pasquillanten Stoff geben. Die Sache selbst und die politischen Verhältnisse machten seinen Posten verhaßt und gefährlich, und ich glaube behaupten zu können, wenn in dieser Verbindung Confucius Minister und Skanderbeg General gewesen wäre, so wäre die Sache zum Ausbruch gekommen. Seine Feinde wollten sogar seinen persönlichen Muth verdächtig machen; wenn aber auch sein militärischer Credit bei der Armee und dem nordischen Publicum nicht so gegründet wäre, als er wirklich ist, so würde ihn sein Betragen während der einzigen Action in Warschau schon hinlänglich gegen diesen Vorwurf rechtfertigen. Wir haben ihn immer an den gefährlichsten Stellen gesehen, wo er selbst die Warnungen seiner Officiere nicht achtete. Zwei Pferde wurden ihm erschossen, sein Rock von Kartätschen durchlöchert und sein Stock zerschlagen, da ich ihn noch sahe, und nachher bekam er noch eine Wunde im Gesicht. Von der Disposition, welche in Warschau genommen worden war, wage ich nur furchtsam zu urtheilen, da ich sie nicht im Ganzen übersehe; indessen scheint sie doch nicht auf eine solche extreme Anstrengung aller Kräfte der Stadt, des Militärs und der Populace zusammengenommen, gemacht gewesen zu sein. Die Wegnahme des Arsenals wäre allerdings das einzige Mittel zur Behauptung der Stadt gewesen; aber dieses war in den Tagen der Revolution keine leichte Sache, auch für Russen keine leichte Sache. Die Verzweiflung und der letzte Funke des Nationalstolzes kämpfte in allen Polen. Unvermerkt hatte man vorher, wie mich ein Officier versicherte, der hernach als Gefangener einige Zeit im Zeughause saß, daselbst nach allen Gegenden verdeckte Schießscharten angebracht, wovon nur eine kleine Anzahl der Getreuesten und Entschlossensten wußten; und bei dem Angriffe hätte sich gewiß Alles nach dem Arsenal geworfen, wo wenigstens fünfzig Kanonen nach den verschiedenen Seiten bequem hätten spielen können. Die Russen hatten mit den Regimentskanonen im Ganzen nicht mehr als ungefähr 34 Stücke in der Stadt. Das russische Militär war dem polnischen kaum überlegen und noch dazu sehr von einander getrennt; ein Vortheil, den die Polen gleich anfangs gewonnen hatten. Nun stellen Sie Sich den Angriff vor; er würde mörderisch und immer zweifelhaft gewesen sein und hätte zum Ausgang vielleicht den völligen Untergang der Stadt gehabt. Der Pöbel war schon völlig bewaffnet und wüthend; sehr wenige der russischen Verwundeten wurden gerettet, wenn sie nicht zuweilen ein vernünftiger, menschlicher Mann der Raserei entriß. Nach Abzug der Bataillone unter Novitzky war es platt unmöglich. Ich will jedoch nicht sagen, daß es nicht anfangs hätte gewagt werden sollen, da bekannt ist, welche Wunder in einer solchen Krise der Russe mit seinem vortrefflichen Bajonnet zu thun im Stande ist. Die Preußen kamen zu spät an und waren viel zu schwach, um einzudringen; denn eine Verstärkung von 8000 Mann wäre den Freitag kaum hinreichend gewesen, so vortheilhaft waren die Polen überall postirt, und so groß war durch die Nothwendigkeit natürlich ihr Muth geworden, das Aeußerste zu wagen! Wolky, der den Russen mit einigen hundert Mann zur Unterstützung zuzueilen suchte, wurde mit einigem Verluste von den starken Batterien vor der Stadt zurückgeschlagen; denn diese Gäste hatte man natürlich erwartet und nur zu wohl gewußt, wie stark ihre Anzahl sein konnte. Man tadelt den General Igelström, daß er Krakau nicht stärker besetzt hatte; aber wo sollte er die Truppen hernehmen? Gewiß nicht aus der Gegend von Warschau oder aus Lithauen. Die Folge zeigt, daß dort keine entbehrt werden konnten. Die Russen hatten mit zu wenigen zu viel unternommen. Man stelle sich die ungeheuern polnischen Provinzen vor, in welchen Alles Feind war, und wo das polnische Militär allein fast immer stärker war als das russische; diese sollte ein Corps von ungefähr 25,000 Mann in Ruhe halten. Jeder darf bescheiden seine Meinung sagen. Als Militär würde ich vielleicht meine Leute in Warschau auf folgende Weise gestellt haben. Zärtliches Menagement war nach der Geschichte mit Tormasow, der lauten Aeußerung darüber in der Residenz und der allgemeinen Stimmung der Gemüther gar nicht mehr rathsam. Den größten Theil der Artillerie hätte ich auf den großen offenen Platz hinter dem Zeughause unter der Bedeckung von einigen Bataillonen gestellt; ein Bataillon auf den Commissionsplatz, einige Bataillone mit Artillerie in die Gegend der Krakauer Vorstadt, um das Schloß in Respect zu halten, welches man von da stracks zusammenschießen könnte, und den Rest, um die Pulvermagazine zu nehmen oder wenigstens nicht nehmen zu lassen. Dadurch hätte man durch die lange Gasse, durch den Commissionsgarten, durch die Meth- und Senatorenstraße überall sichere Vereinigung gehabt, und in dem Palast des russischen Generals selbst, der in der Methstraße sehr bequem lag, wäre ein sehr guter Mittelpunkt gewesen. Alle übrige Gegenden, die Brücke allein ausgenommen, die man von der Krakauer Vorstadt leicht hätte commandiren können, waren von gar keiner militärischen Wichtigkeit. Aus dem Zeughause hätte auf diese Art kein alter Säbel genommen werden können, und das Militär allein, ohne Hilfe der Artillerie und der Populace, würde schwerlich etwas unternommen haben. Ich unterwerfe diese Meinung der Prüfung aller Militäre, die genaue Kenntnisse des Localen von Warschau haben. Den Freitag Nachmittags hatte sich also der General Igelström mit den einigen Hunderten, die er noch zusammenziehen konnte, durchgeschlagen und sich mit den Preußen vereiniget. Die Zurückgebliebenen wurden meistens niedergemacht, wenn sie nicht so glücklich waren, einem vernünftigen Militär oder sonst menschlichen Menschen in die Hände zu fallen. Ich verbarg mich im Hotel des Grafen Borch, wo mein verwundeter Freund lag, in welches ich, als ich zu den Unsrigen retiriren wollte, von einer Partei zurückgetrieben wurde. Das Gemetzel fing nun erst an, recht wüthend und grausam zu werden, da die Polen nun entschieden überall das Uebergewicht hatten und der bewaffnete Pöbel selten Gefühl für Menschlichkeit hat, und das Schießen dauerte, wiewol nicht so stark als gestern und heute Vormittag, durch die ganze Stadt fort bis ungefähr um Mitternacht, wo sodann nur unterbrochen aus kleinem Gewehr gefeuert wurde. Den Sonnabend früh fing es in einzelnen Parteien, wo sich noch die Feinde trafen, zuweilen hartnäckig wieder an, indem sich einige Rotten Russen wie Verzweifelte wehrten, hörte aber gegen den Mittag ganz auf. Denn jetzt wurde zur Ruhe geschlagen und geblasen; und hier muß ich gestehen, so groß vorher das Geschrei, der Lärm, das wilde Geschieße und verworrene Geheul bei Morden und Plündern gewesen war, so schnell war nun Alles stille; es fiel kein Schuß, kein Schlag mehr. Ich war so glücklich gewesen, vor der Wuth der besoffenen Parteien mich verborgen zu halten, indem ich wirklich in den Todesstunden, wo Keiner der Unsrigen als nur Erschlagene und Halbtodte mehr zu sehen waren, meine Retirade hinter ein großes Bollwerk alter Fässer auf einem der obersten Böden nahm. Unzählige Parteien zogen zu Mord und Raube unter und neben mir hin, recognoscirten glücklich umsonst alle Schlupfwinkel um mich her und zogen mit dem tröstlichen Fluche fürbaß: »Verdammt! hier sind keine Russen.« Sie sehen, lieber Freund, daß ich sehr offenherzig erzähle, da Niemand um die Geschichte weiß als ich selbst; denn daß ich die Nacht vom Charfreitag zum heiligen Sonnabend ganz ruhig hinter einer Batterie Tonnen auf einem der höchsten Böden Warschau's über Welt und Menschen und ihre und meine Narrheit philosophirte, wird man wol schwerlich unter die Heldenthaten rechnen. Nachdem ich einmal das Unglück gehabt hatte, zurückzubleiben – und wer damals zurückblieb, den konnte man eben nicht geradezu der Poltronerie zeihen – nachdem ich mich ferner ziemlich mathematisch überzeugt hatte, daß ich allein wol schwerlich Warschau behaupten würde, so fing ich omnibus modis an, darauf zu denken, wie ich nun meinen Hirnschädel endlich sichern möchte. Und der Himmel war ungebeten so gnädig, mich zu schützen; denn ich kann Ihnen auf meine Ehrlichkeit bezeugen, daß ich bei der ganzen Geschichte zwar Manches philosophirt, aber nichts gebetet habe. Ich halte auch das Angstgebet in der Sterbestunde für eine Impertinenz, die man dem Himmel und dem Menschenverstande macht, wenn man sonst keiner der Devotesten gewesen ist. Der ehrliche Kerl ist doch ziemlich ruhig, wenn ihm das Panier des Todes um den Schädel weht, das habe ich zu Wasser und zu Lande einige Mal erfahren. Der fürchterlichste Augenblick meines Lebens war der Sonnabend Morgens, als das Gefecht in einzelnen kleinen Partien wieder anfing. Es hatten sich nämlich noch einige von unsern Soldaten mit mehrern Bedienten, Weibern und Kindern von der Ambassade auf einen Boden des andern Flügels von dem Gebäude retirirt, den von mir nur eine dünne Bretterwand schied. Eine starke Partei vermuthlich von gestern oder schon wieder heute besoffener Polen drangen auf den Boden, und die russischen Soldaten wollten den Angriff zurücktreiben. Das Gefecht fing also oben an. Stellen Sie Sich vor, auf einem Obergebäude das Krachen der Schüsse, das Geklirr der Gewehre, das wüthende, unarticulirte Gebrülle der Polen, das Geschrei der Russen, das Kreischen der Weiber und Kinder in der Todesangst: es ist doch etwas ganz Anderes, als wenn man dergleichen nachgemacht auf dem Theater sieht und hört! Ich selbst war für mich in diesem Momente in Sicherheit; aber mein Gefühl ergriff mich mächtig; ich bebte, ich fühlte Kälte durch meine Glieder fahren, die Haare starrten unter dem Hute; ich glaube, es war selbst Todesangst, es war eine unnennbar schreckliche Empfindung, die ich in meinem Leben weder vorher noch nachher gehabt habe. Mir war diese Erfahrung Bestätigung einer Meinung, die ich immer gehabt habe: um das Gefühl eines Mannes zu seiner Höhe zu treiben, gehört nothwendig die ganze Macht der Sympathie. Zufälle seiner eigenen, abgesonderten Individualität reißen ihn nie so sehr außer sich, daß er sein Gleichgewicht verlöre, oder er verdient nicht mehr, daß man ihn Mann nenne. Ich hatte während der ganzen Zeit meiner Kryptomilitärschaft hinter den Tonnen meinen Degen in der Faust, um ihn an vernünftige Leute mit Anstand abzugeben oder ehrlich in der Arbeit zu sterben, wenn mich eine Rotte Bedlamisten entdeckte; ein Tertium war schwerlich denkbar. Ich hatte seit Mittwoch Abend nichts als einige Bissen Confect gegessen, die mir ein Soldat vom Raube reichte, und einige Male einen Trunk Wasser getrunken; Sie können also leicht denken, daß mich den Sonnabend früh Hunger und Durst plagte. Ich recognoscirte von oben herab die Straße, als sich der Lärm etwas zu legen anfing; aber Alles war noch voll Verwüstung und Verwirrung. In dem Hofe des Palastes waren zum Wenigsten noch einige Hundert bunten Gesindels aller Art, mit Waffen aller Art, schrieen Sprachen aller Art durcheinander, und nur zuweilen brach mit unaufhaltbarer Gewalt der Jubel: »Freiheit und Kosciusko!« durch den Haufen. Ganz matt warf ich mich auf den Boden und schlief recht ruhig ungefähr eine Stunde, als mich der hohle Lärm von Fußtritten und das Stampfen der Gewehrkolben weckte. Ich fuhr auf und setzte mich wieder in meine alte Positur; aber auch diese Gesellschaft ging fluchend vorüber, ohne mich zu wittern. Ich wartete noch eine Weile; Hunger und Durst fingen von Neuem an, gewaltig zu werden; ich häsitirte noch etwas, denn wer häsitirt nicht ein Wenig, ehe er den Fuß rückt, wenn der Schritt den Kopf gilt, auch wenn er ziemlich hungrig und durstig ist? Nach kurzer Ueberlegung ließ ich den Degen liegen, riß die Cordons vom Hute, warf Feldzeichen und Feder weg und marschirte so entschlossenen Muthes, da ich zum Glück nur einen blauen Ueberrock an hatte, durch das Getümmel. Zwei Schildwachen standen am Eingange des Hauses, viere am Thore; Niemand bemerkte mich unter der Verwirrung. Alle Straßen lagen voll todter Pferde, Sättel, Mäntel, Monturen, Kasken und Exuvien aller Art; die Cadaver der Gebliebenen hatte man gleich des Morgens zusammengesammelt und in den verschiedenen Gegenden der Stadt in Haufen gestapelt, um sie zu zählen und von da sie zu begraben oder in die Weichsel zu werfen. Mich däucht, in der Geschichte mehr Beispiele gelesen zu haben, daß man bei Warschau die Todten in die Weichsel warf. So philosophisch man auch denken mag, empört ein solches Verfahren doch immer das Menschengefühl; ehemals sah man es als etwas Charakteristisches der alten Barbarei an, und jetzt kann es ein Beispiel sein, daß unser Jahrhundert sich von derselben bei Weitem noch nicht völlig losgemacht hat. Alles fand ich auf der Straße: die Revolutionäre mit noch blutigen Waffen unter Hurrahrufen, die Andern als Neugierige, und nicht Wenige zeigten sich zu ihrer eigenen Sicherheit, indem Niemand sicher war, der nicht wenigstens an der Freude äußerlich Theil nahm. Pistolen und bloße Säbel waren in Aller Händen, und ich habe selbst Männer wandeln gesehen, die zwei Paar Pistolen im Gürtel trugen, in der einen Hand den Säbel hatten und am andern Arm eine Dame führten. Sie können Sich leicht vorstellen, daß meine Promenade keine der angenehmsten war; ich durchwandelte, ohne geflissentlich viel Notiz zu nehmen, einige Gassen. Das Haus des Generals Igelström war ganz zerstört, es stand nur das Gerippe davon da; in denjenigen einiger andern Russen hatte man nicht viel glimpflicher gehaust. Mein erster bestimmter Gang war zu dem sächsischen Major Herrn von Geßnitz, bei dem ich als einem Landsmanne mir die erste Nachricht von dem Ausgange und der Lage der Sachen holen wollte, da ich selbst weiter nichts wissen konnte, als daß die Unsrigen fort waren. Der Major kam mir mit weit größerer Angst entgegen, als ich selbst hatte, und bat mich um Gottes Willen, nicht in sein Haus zu kommen. Dem Vater einer Familie mußte dieses Gefühl natürlich sein; ich versicherte ihn, daß ich durchaus nicht meine Sicherheit auf Kosten der seinigen erkaufen wollte, auch wenn man mich vor seiner Schwelle niederhauen sollte. Er konnte oder wollte nicht viel sprechen und schien meine augenblickliche Entfernung zu wünschen. Auf seinen Rath sollte ich nach dem Rathhause in der Altstadt zu dem erwählten Präsidenten Sakreczewsky gehen und mich zum Arrest melden. Unwillkürlich marschirte ich von ihm fort durch den sächsischen Hof, um einen andern Freund, den Doctor Blauberg, aufzusuchen, der als Arzt doch nicht mit bei der Schlächterei gewesen sein konnte. Hier erschien ich als ein Gespenst; denn ich sollte mit Gewalt den vorigen Tag nicht weit von dem Hause gefallen sein, und die Bedienten hatten noch die Identität meines Cadavers nach genauer Besichtigung behauptet. Kaum wollte man mir glauben, als ich selbst das Gegentheil versicherte. Den Doctor selbst hatte man eine halbe Stunde vorher als den Russen anhänglich abgeholt, und sein alter Schwiegervater bat mich inständig, ihn nicht in Gefahr zu setzen. Er bot mir Säbel und Pistolen an, damit ich unter der Maske eines Revolutionärs sicher in das Arsenal kommen könnte. Ich liebe nie die Maske; ich dankte ihm und wandelte voll Verdruß einige Gassen auf und ab. Der Mann meinte es gut; er war selbst Pole und konnte nichts Anderes thun; wir waren Beide in Verlegenheit. Ich kam unvermerkt wieder in den sächsischen Garten und hielt hier, auf dem besten Spaziergange in Warschau, mit mir selbst Kriegsrath, was ich wol mit meinem Kopfe anfangen sollte. Alle Ausgänge waren besetzt, die Gegend wimmelte von Truppen und wilden Revolutionären; und vor der Stadt, sagte man mir im Hause des Doctors, wird Alles niedergehauen, was man auffängt. Noch unentschlüssig, was ich thun sollte, war ich in Gedanken in die Krakauer Vorstadt gekommen, und hier hielt das Schalmsky'sche Regiment mit seinen Kanonen. Einige Officiere sprachen französisch, und plötzlich fiel mir ein, es wäre am Besten, ich bliebe hier; und sogleich war ich bei ihnen. »Meine Herren,« sagte ich, »ich bin ein russischer Officier, bei Ihnen kann ich hoffentlich sicher sein.« Sie sahen mich voll Verwunderung an, und mir selbst war es nun unbegreiflich, wie ich, da ich doch Uniform-Unterkleider trug und der Hut mit Knopf und Litze noch ganz militärisch aussah, durch das wüthige Gewimmel gekommen war. Meine erste Bitte war um etwas Trinken, und sie ließen sogleich aus der nahen Apotheke etwas Zimmetwasser holen, welches mir mit einem Stücke Commißbrod auf der Kanone recht köstlich schmeckte. Die Officiere waren sehr höflich und artig und fragten und sagten Manches über die Begebenheit; einige davon erinnerten sich nun, mich in der Uniform gesehen zu haben. Sogleich versammelten sich um uns her einige Dutzend von der Populace und fragten mit grimmigen Blicken, ob ich kein Russe wäre. Da ihnen aber ein Officier sagte, ich sei ein Franzose, und sie mich französisch sprechen hörten, gingen sie halb mißtrauisch weiter. »Sie haben uns viel, sehr viel zu schaffen gemacht,« sagte mir sodann ein Officier, welcher deutsch sprach; »unser Regiment hat 250 Mann Verlust; aber wie konnte Ihr General die Stadt gegen unser Militär, unsere starke Artillerie, unsere ganze bewaffnete Bürgerschaft, gegen alle unsere Vortheile, die uns Localkenntniß gab, behaupten wollen? Wahrlich, die Idee war gigantisch.« Ich sagte ihm, daß man Vorfälle nicht immer vorhersehen könne, und daß Keiner gewinnen würde, wenn sich der Andere nicht verrechnete. Alle waren sehr artig, und Zwei von ihnen begleiteten mich nach dem königlichen Schloß, wo mich Mokronowsky, der eben dort war, in das Corps de garde bringen ließ. Eine allgemeine Krankheit des gemeinen Soldaten der russischen und vielleicht der meisten Armeen ist, daß er, wo er sich der Subordination entziehen kann, auf das Plündern geht und besonders nach spirituösen Getränken gierig ist. Ich habe selbst gesehen, daß eine Gruppe Grenadiere sich auf dem Commissionsplatze um ein Faß her gepflanzt hatte und ganz ruhig die Kugeln um sich her fliegen ließ, ohne sich im Trinken stören zu lassen. Die Officiere dieser Commandos verdienen gewiß die schärfste Ahndung. Während der zweitägigen Action plünderte freilich Alles, was mit Sicherheit plündern konnte: die Russen, die Polen, und diese jene, wo sie eines ihrer Häuser fassen konnten; doch mußte auch mancher Pole sein Gut unter dem Ausruf, er sei russisch, mit wegtragen sehen und schweigen, um nicht selbst als Russe todtgeschlagen zu werden. Sehr wenige Officiere auch von denen, die sich herausschlugen, haben ihre Equipage gerettet. Der öffentliche Verlust läßt sich nicht bestimmen, da der Cassenbestand und die verlornen Regimentssachen nicht genau bekannt sind. Der Privatverlust des General Igelström wird ziemlich richtig auf 50,000 Ducaten angegeben; auch der Schaden der übrigen Generale wird verhältnißmäßig sehr hoch gerechnet. Die Polen geben die Anzahl der russischen Gebliebenen auf 2500 an, welches vielleicht ziemlich richtig ist, wenn man Alles einrechnet, was auch von dem Fuhrwesen, der Kriegscommission und der Menge Bedienten getödtet worden; aber ihren eigenen setzen sie auf vier bis fünfhundert, welches augenscheinlich zu niedrig ist. Denn wie ich oben bemerkte, hatte nach Aussage des Officiers das Regiment Schalinsky allein 250 Mann Verlust. Man nehme nun die Garde zu Pferde und zu Fuß, die Artillerie und die ungeheure Menge Populace! Die Russen haben ihre Kanonen auch nicht ruhen lassen, und ihre Kartätschen haben zuweilen mörderisch gewirkt. Allerdings ist der Verlust der Polen nicht so groß als der der Russen, da sie die vorteilhaftesten Posten besetzt hielten, wo sie ziemlich sicher arbeiten konnten und mit dem kleinen Gewehr ziemlich zerstreut aus allen möglichen Schlupfwinkeln wie die Meuchler nach dem Ziel schossen und fast mit jedem Schuß trafen, ohne sich selbst bloßzugeben. Sie berufen sich auf die Zahl der Aufgefundenen, aber erwähnen nicht des Mittels, dessen sie sich bedienten, den Muth ihrer Leute aufrecht zu halten, indem sie nämlich während der Action alle russischen Todten liegen ließen, um sie so viel als möglich den Augen zu zeigen, die ihrigen aber so schnell als möglich wegbrachten. Man kann wol annehmen, wenn man auch den Vortheil der Polen in ihrer Localkenntniß und den Gebrauch, den sie von jedem Schlupfwinkel machten, erwägt und ihren Verlust an verschiedenen Stellen berechnet, daß derselbe wahrscheinlich auf 900 bis 1000 Mann sich belaufen müsse. Von den Russen blieben an bekannten Officieren: der Generalmajor Tischow von der Artillerie, der Obrist Fürst Gagarin vom Simbirskischen und der Obrist Parventiew vom Kiow'schen Grenedierregimente und der Generaladjutant Major Igelström gleich Donnerstags, als er als Botschafter zum König geschickt worden war. Wüthend fiel der Pöbel über ihn her, schoß und hieb auf ihn zu und ließ ihn so zerfetzt halb nackend vor dem Krakauer Thore liegen. Ihre Absicht, warum sie die Cadaver in den Fluß warfen, war wol vorzüglich, um den Preußen bei Sakrotchin ein Schauspiel ihrer Art zu geben. Als ich den Sonnabend Nachmittag im Schlosse anlangte, hatte man eben vor dem Schloßthor noch einige Russen niedergehauen, die die Wache nicht retten konnte. Nun fing die Ungezähmtheit und Gesetzlosigkeit an, ihre Kräfte zu zeigen. Alles trug Waffen, und nur sehr Wenige hatten Vernunft genug, um zu sehen, was weiter geschehen würde. Es führte blos Haß, Wuth und Wahnsinn, und um die Grausamkeiten zu beschönigen, erdichtete man die lächerlichsten Beschuldigungen. Leicht ist es, die Rache des Pöbels zu reizen, aber sehr schwer, sie zu besänftigen. Man sprach von Freiheit, und Niemand hatte davon einen Begriff; Alles war zügellos, und bei der geringsten Veranlassung drohete man, alle Gefangene ohne Unterschied zu morden. Die einstweilige Regierung wandte zwar Alles an, um wieder Ordnung herzustellen; aber folgendes Beispiel zeigt, wie schwach das Ruder gegen den Sturm war. Bei einer kleinen nichtswürdigen Veranlassung wurden den ersten Osterfeiertag achtzig russische Gefangene niedergemetzelt. Ich habe die Geschichte mit den Umständen von einem Polen, der Augenzeuge des schändlichen Schauspiels gewesen ist, der zuvor nichts weniger als russischer Partisan war, aber nach und nach, durch wilde Unordnung und dergleichen Unmenschlichkeiten getrieben, selbst in der größten Gefahr fast immer für uns war. Obige Anzahl Gefangener sollte von einem Ort zum andern gebracht werden. Alles geht, natürlich voll Neugierde, bewaffnet vor, neben und hinter ihnen her, um recht nach Herzenslust spotten und schimpfen zu können, welches jederzeit das Vergnügen des Pöbels jeder Art ist. Ein kleiner giftiger Junge, dem vermuthlich die Physiognomie eines der Gefangenen zuwider war, oder der von ihm auf seine Spottfragen eine nicht genug demüthige Antwort erhalten hatte, schießt mit der Pistole nach ihm, trifft aber zum Unglück einen dabei commandirten Officier durch den Arm und hat die listige Bosheit, die Pistole dem Gefangenen unter die Füße zu werfen und zu sagen, dieser habe sie ihm aus dem Gürtel gerissen und nach dem Officier geschossen. Alles ward wüthend, schrie: »Halt!« und wollte sogleich über die Gefangenen herfallen. Die Menge wuchs, man führte schon Kanonen mit Kartätschen herbei, und kein Ansehen einiger herbeigeeilten Magistratspersonen half etwas. Die Gefangenen fielen auf die Knie, baten flehend und mit gefalteten Händen, man möchte untersuchen und den Schuldigen tödten; nichts, man drohete, alle Gefangene in allen Gefängnissen zu ermorden, wenn man ihnen nicht diese preisgeben wollte. Die Krise war schrecklich; das Militärcommando war nicht stark genug, den bewaffneten Pöbel zu zähmen; er fiel mit dem Säbel über die armen Elenden her und metzelte sie mehr als schlächtermäßig alle nieder. Leute, die zugegen gewesen sind, können das Gräßliche des Anblicks nicht genug beschreiben, wie die noch zuckenden, rauchenden Glieder der Zerstümmelten in einem kleinen Raum auf der Methstraße umhergelegen haben. Das ist Volkswuth. Gesetzt auch, welches doch selbst Polen als nicht wahr eingestehen, daß der Gefangene die Pistole im Grimm ergriffen habe, so konnten doch nur Unmenschen deswegen so viele Unschuldige niederhauen. Dieses war einer der kritischen Augenblicke für die Gefangenen; und der Major Wengersky, der durch seinen Volkston viel Ansehen und Gewalt über die bewaffnete Menge hatte, sagte nachher zu uns: »Kinder, dieser Sturm war gestillt; gebe Gott, daß er nicht von Neuem ausbreche! Seien Sie um Gottes willen ruhig und vorsichtig! denn in dieser Lage kann man für nichts stehen.« In der Schloßwache waren ungefähr sechzehn gefangene Officiere von den Unsrigen, die meisten verwundet und einige sehr schwer. Hier wurden wir aus des Königs Küche gespeist, und man begegnete uns mit vieler Artigkeit. Nach vierzehn Tagen wurden die Kranken in das Spital und wir Uebrigen in das Commissionshaus gebracht, wo wir mehrere unserer Kameraden vorfanden. Hier trat die neuerwählte Commission ihre Function förmlich an und nahm uns unter nähere Aufsicht, und wir gewannen täglich mehr das Ansehen von Criminalisten. Kaum hatten wir Stroh zum Schlafen, zum Essen nicht Messer und Gabel, und erst nach einigen Wochen ließ man sich bedeuten, daß wol schwerlich ein Officier über Tische mit einer Gabel sich oder seine Wache tödten würde. Man fing an, uns Messer und Gabel, jedoch nur bei Tische, zu erlauben, und jedesmal standen bei dem Essen doppelte Posten mit bloßem Säbel oder gespanntem Hahn. Bier wollte man anfangs nicht zulassen, aber an Branntwein fehlte es nie, welches mir gewaltig inconsequent däuchte; Bücher sollten gar nicht und noch weniger Schreibmaterialien erlaubt werden, so daß sogar ein Arzt sein anatomisches Compendium verstecken mußte, das er noch durch Zufall gerettet hatte. Hernach wurde man humaner, und endlich hatte Herr Sablotzky von der Commission sogar selbst die Güte, mir einen beträchtlichen Vorrath Papier zuzustellen, weil er wußte, daß ich ein Poetaster war und die Poeten sich um politische Intriguen sehr selten bekümmern. Bald fingen die Bürger an, sich nach der Vorschrift zu formiren und die Municipaluniform zu tragen. Allemal konnte man rechnen, daß ein solcher Municipalist mehr Höflichkeit und Vernunft zeigte als sein Mitbürger im polnischen Kittel. Unsere Wache war eine Composition aller Menschenclassen. Ein Komödiant war Commandeur; ihm folgten ungefähr zwanzig complet Bewaffnete im Municipalhabit, dann Flinten ohne Bajonnette und Schlösser, dann Bajonnette ohne Flinten, dann Pistolen und Säbel, dann Spieße und so weiter. Alle Zünfte, vom Silberschmied bis zum Kärner, inclusive der Kinder Israels, waren von dem Zuge, und immer alle Tage in umgekehrter Ordnung, so daß das Ganze dem Plotton des Judas Ischariot nicht unähnlich sah. Die zweite Krise war vor dem Tage der Hinrichtung der Herren Ozarowsky, Ankewicz, Kossakowsky und Sabiello. Ankewicz, gewesener Präsident des Conseil permanent, hatte, sagt man, einen falschen Lärm veranstalten lassen, als ob die Russen und Preußen zurückkämen, um die Stadt anzugreifen; bei dieser Gelegenheit sollte dann seine Partei die Gefangenen befreien und so vereinigt versuchen, ob für ihn und sie nicht Rettung möglich wäre. Alles stürmte nach dem Arsenale, es wurden Kanonen vorgefahren, es fielen hin und wieder Schüsse, und kein Gefangener durfte es wagen, sich am Fenster zu zeigen, so drohete man abzudrücken. Man fand den Lärm bald falsch; aber Alles war eben deswegen in der entsetzlichsten Gährung. Der Officier, welcher bei Ankewicz die Wache hatte, fand die Zudringlichkeit eines Menschen auffallend, der in dem Ton eines heißen Patrioten ihn aufforderte, zur Verteidigung der Stadt mit seinem Commando abzugehen. »Unsere Brüder werden die Stadt vertheidigen,« antwortete dieser; »hier ist mein Posten, und Du bleibst zur Sicherheit bei mir,« und hielt ihn in Arrest. Dieses war ein Donnerstag; den Freitag wurden schnell die Decrete für die Obenbenannten abgefaßt, und sie wurden hingerichtet. Noch immer droheten Unvernünftige und wahnsinnige Schwärmer den Gefangenen den Untergang, und die Strenge gegen sie ließ nicht nach. Man erlaubte kein Licht und keine Bücher, aber wohl Branntwein und Karten, eine Maßregel, die mir ganz Abderitisch vorkam; denn wirklich waren unter einer Menge junger Leute, die auch nicht alle die feinste Bildung hatten, über dem Spiele Rausch und heftiger lärmender Zank nicht selten. Einige bescheidene Spießbürger waren, wenn uns Andere mit augenblicklichem Tode droheten, sehr artig und sprachen uns mit vieler Theilnahme Trost zu. »Sehen Sie,« sagte Einer von ihnen, »sehen Sie, meine Herren, wären Sie zu Hause geblieben! uns ist Ihr Besuch wahrlich gar nicht lieb, und auch jetzt wären wir Sie gern los. Indessen seien Sie ganz unbesorgt, es kann Ihnen kein Uebel geschehen. Sie haben als brave Männer Ihrem Vaterlande und Ihrer Monarchin gedient; hätten das die Unsrigen auch immer gethan, so wären Sie und wir nicht hier. Wir wollen nur unsern Schurken den verdienten Lohn geben, und das ist sehr billig, wie Sie selbst einsehen werden. Wir werden doch nicht den Kopf verloren haben, uns an den Kriegsgefangenen zu vergreifen? So denkt jeder vernünftige Pole, und die Unvernünftigen werden wir schon im Zaum halten können.« Mich däucht, daß der Mann für seinen Rock ziemlich consequent sprach. Einige Tage nachher hatten einige Officiere von Distinction für mich die Erlaubniß erhalten, daß ich in den sogenannten Brühl'schen Palast gebracht wurde, wo ehemals Repnin und Stackelberg gewohnt hatten, und wo alle Ausgezeichnete unter den russischen Gefangenen und das ganze Corps diplomatique saßen. Alle waren bis auf das letzte Hemde ausgeplündert; eine Methode, die sich doch wahrlich nicht mit der gepriesenen Menschlichkeit der Revolutionäre vertrug! Noch einige Monate nach der Periode machte der Graf Moschinsky dem General Suchteln ein Geschenk mit einem Hute, weil er bisher beständig hatte müssen mit bloßem Kopfe gehen. Man erlaubte selbst keinem Officier, das Geld zu empfangen, das ihm von seinen Verwandten von außen her zur Erleichterung ihres Zustandes zugeschickt wurde, sondern zählte es ihnen nach und nach in Ducaten zu, daß sie sich kaum einzelne Kleidungsstücke machen lassen konnten. Als ich einen Herrn von der Deputation deswegen fragte und meine Befremdung darüber äußerte, antwortete er: »Mein Herr, wenn der Russe Geld hat, so machinirt er; und wir haben leider unter unsern Landsleuten keine kleine Anzahl, die Schurken genug sind, für eine Flasche Champagner ihr Vaterland zu verkaufen.« Freilich kann man das Verfahren in dieser Rücksicht nicht tadeln. Den gefangenen Officieren zahlte man täglich, den Subalternen 2 Gulden polnisch, den Capitänen 3, den Stabsofficieren 6, dem Obristen 8, dem General einen Ducaten; freilich eine ziemlich mäßige Portion, wenn man die große Theurung der Lebensmittel in Warschau nimmt, die aber doch der neuen Regierung schon Kosten genug machte. Dieses ist zu entschuldigen, da die traurigen Verhältnisse es nothwendig machten und nicht mehr verstatteten; daß man aber die Officiere wie Missethäter auf der Erde liegen ließ, daß man ihnen nicht einmal eine bretterne Bettstelle, lange Zeit nicht einmal einen groben Strohsack und nur höchst wenig erbärmliches Stroh zum Lager gab, ist wol unter gesitteten Völkern ohne Beispiel. Der König von Preußen ließ nach der Schlacht bei Zorndorf die russischen Officiere nicht so in den Kasematten von Cüstrin liegen, wie er gedrohet hatte; und wenn es geschehen wäre, so würde es nicht zu den ehrenvollen Zügen in dem Charakter Friedrich's des Zweiten gehören. Aber viele unserer Officiere beklagten sich auch über Dinge, die sie nicht ganz überlegt hatten. So schrieen die meisten Ach und Weh, daß man uns nicht erlaubte, frei in der Stadt herumzugehen; und ich glaube, sie hatten sehr Unrecht. Man muß annehmen, daß die Lage der Polen keine gewöhnliche Lage des Kriegs war. Die neu eingesetzte Regierung hatte bei Weitem nicht hinlängliches Ansehen, Ordnung und Gesetze geltend zu machen. Wie leicht hätte einem Gefangenen Schaden geschehen, wie leicht einer in einem Auflauf, deren es fast täglich gab, getödtet werden können! und die Schuld wäre sodann natürlich auf die Regierung gefallen. Der Factionen waren in der Stadt sehr viele; die Regierung hielt es also auch in dieser Rücksicht nicht für sicher, gefangenen feindlichen Officieren ungehinderte Freiheit in der Stadt zu lassen, und endlich möchte ich wohl wissen, ob dieses je die militärische Vorsichtigkeit erlaubte. wenn die Feinde in der Gegend oder gar vor den Werken der Stadt stehen und von allen Seiten den Angriff drohen. Daß die Besorgnisse vor der Wuth des Pöbels nicht ungegründet waren, beweist der fürchterliche Aufstand, in welchem der Fürstbischof Maffalsky, der Fürst Czetwertinsky, der Geheimerath Boskamp, der Criminalgerichtsassessor Wulfers und mehrere Andere ihre Opfer wurden. Zwar muß ich selbst hier der Populace die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie, als sie die Thore mit Gewalt gesprengt hatten, gegen die Kriegsgefangenen nicht das Geringste weder sprachen noch thaten, sondern einigen Erschrockenen und Weibern vielmehr Muth einredeten und, wie sie sagten, nur die Verräther, ihre Landsleute, zum Galgen schleppen wollten. Allein wer kann einer wüthenden Menge trauen? Nur ein Funke ist genug, ein ganz neues Feuer anzublasen. Der Feind rückte heran; die polnischen Truppen unter Kosciusko waren auf ihrer Retirade nicht weit mehr von Warschau. Die Gefängnisse waren voll Staatsgefangener, welches eine starke Wache forderte. Der Dienst in den Schanzen war natürlich sehr strenge und lästig, die Arbeit beschwerlich. Sogleich machen einige Hitzköpfe das Project, die gefangenen Polen, die alle den Tod verdient hätten, oder doch die Vornehmsten de facto hinrichten zu lassen. Man richtete des Nachts an zwölf verschiedenen Orten Galgen auf, und auch vor dem Thore des Brühl'schen Palastes ward unter einer Menge Fackeln und dem lautesten Vivatrufen so ein Instrument des Volksgerichts aufgepflanzt. Die Commission ließ mit Anbruch des Tages manche niederreißen und auch den vor unserer Pforte; aber kaum erfuhr es die erbitterte Menge, so kam sie mit großer Verstärkung unter den Waffen und richtete ihn unter dem gräßlichsten Lärm wieder auf. Einige Delinquenten hatten wirklich Sentenz und sollten diesen Tag gehangen werden; aber man stürmte alle Gefängnisse und führte mit Gewalt heraus, wen man bestimmt hatte. Der Fürstbischof wurde unter unserm Fenster dicht an dem Thore in Pontificalibus gehangen, die Uebrigen schleppte man an verschiedene Orte und oft von einem Galgen zum andern, wenn der eine schon besetzt war. Man kann hier ein Beispiel des Volkshasses an dem Criminalgerichtsassessor Wulfers sehen. Eine Partei kommt, bricht ein, greift und hängt ihn; kaum ist diese fort, so kommt die andere in der nämlichen Absicht und sodann eine dritte und läßt sich nicht eher zufriedenstellen, als bis Alle sich überzeugt haben, er sei schon gehangen. Es ist bewiesen, daß der Mann in dieser Sache unschuldig war, und sein Bruder, der Professor, hat ihn nach seinem Tode durch den Druck des Processes öffentlich gerechtfertiget. Aber Jedermann behauptete doch, sein Kopf sei von je her der Sitz der boshaftesten Cabale und Rabulisterei gewesen, indem verschiedene Parteien zugleich über seine Plünderung klagen. Ich kannte den Mann selbst nur aus einem einzigen Zuge. Er kam zu uns Gefangenen in das Commissionshaus verschiedene Tage nach Ostern, schimpfte, lärmte, fluchte und drohete den Galgen und Niederhauen ohne Unterschied. Wenn nun ein Mann in einem öffentlichen Amte, der die kalte Vernunft selbst sein soll, solchen Unsinn sprechen kann, was kann man von dem gemeinen Mann erwarten? Verschiedene von den polnischen Officieren, die bei diesem Tumulte Ordnung schaffen wollten, wurden verwundet. Die Krise ließ das Schlimmste befürchten. Zum Glück rückte Kosciusko nach dem Verlust des Treffens bei Czechoczin mit der Armee immer näher nach der Stadt und schickte sogleich einige Tausend Mann Cavallerie herein, welche die Ordnung wieder herstellen half. Auf den offenen Plätzen wurden Piquette mit Kanonen aufgestellt und gegen die Ruhestörer mit Strenge verfahren, so daß einige Tage nachher einige Tausend müssige Taugenichtse als Rekruten zur Armee geschickt wurden. Die Belagerung fing an, und während der ganzen Zeit war die Stadt selbst in der größten Ruhe. Man begegnete nun den Gefangenen, soviel als man in der Lage erwarten konnte, mit Achtung und Anstand, ob man gleich natürlich von der Strenge nichts nachlassen konnte. Wie man sich leicht einbilden kann, wurden die Rapporte und Erzählungen von den täglich vor der Stadt vorfallenden Gefechten immer zum Vortheil der Polen gemacht und der Verlust so viel als möglich verborgen gehalten; die Hamburger Zeitungen aber zeigen, daß man von preußischer Seite auch nicht ganz strict die Wahrheit lieferte. Die Preußen nahmen die Batterien bei Wola weg, und Alles in der Stadt war ruhig. Eine Menge Menschen stand auf den Dächern und hohen Balkons und sah dem hitzigen Gefecht wie einem gewöhnlichen Schauspiel zu. Die preußischen Kugeln konnten nun die Werke erreichen und thaten einigen Schaden in den Trancheen und der Vorstadt; aber Alles war unverdrossen und muthig, und Niemand glaubte, daß die Stadt würde genommen werden. Die Aufforderung wurde mit bestimmter Entschlossenheit zurückgeschickt. Kosciusko hatte an regulirten Truppen ungefähr 20,000 Mann, eine ziemliche Anzahl Piken- und Sensenträger und die Bürgerschaft, welche unermüdet Dienste that. Der Postenkrieg scheint seine Stärke zu sein, und er wäre vielleicht glücklich gewesen, wenn er sich blos auf denselben hätte einschränken können. Man war des Schießens in der Stadt so gewohnt, daß auch die stärksten Kanonaden die Einwohner nicht beunruhigten, und man lief der Lärmtrommel nach, als ob die Glocke in das Schauspiel geschlagen hätte. Nur ein einziges Mal, als die Batterien bei Povonsk genommen wurden, war die Bestürzung groß und allgemein, und hätte der König den Angriff mit Nachdruck gehörig unterstützen lassen, so daß die Batterien bei und hinter Marimont noch genommen wurden, so hätte er vermutlich in einigen Tagen die Stadt zur Uebergabe genöthiget. Die Ursachen, warum der König, als auch der General Götze es rieth, nicht forciren wollte, sind mir nicht bekannt. Sechs bis achttausend Mann hätten diesen äußerst wichtigen Posten gewiß genommen. Ohne Marimont zu haben, war es unmöglich, der Stadt auf einer andern Seite beizukommen, weil augenscheinlich zu befürchten war, mit großer Macht von dort aus umgangen zu werden; und die Posten von Wola und Povonsk wurden eigentlich dadurch erst der Stadt recht gefährlich, wenn man erst Marimont dazu hatte. Denn ob man gleich wegen des Defilees hinter den Kronkasernen von Marimont aus auf die Stadt selbst schwerlich einen glücklichen Angriff würde haben machen können, so war es doch der Punkt, aus welchem man die Angriffe von den andern Posten vortrefflich unterstützen konnte und unterstützen mußte. Täglich fielen hartnäckige Actionen vor; die Polen machten verschiedene neue Angriffe auf die gewonnenen Posten, um sie den Feinden wieder zu entreißen, aber vergeblich. Die Preußen hielten fest, was sie erfochten hatten, und würden gewiß in kurzer Zeit noch die Stadt genommen haben, wenn die Unruhen im Rücken und von der Seite längs der Weichsel herunter nicht sehr bedenklich geworden wären und nicht endlich den König genöthiget hätten, sich von der Stadt zu entfernen. Der König war viel zu schwach, um einen so weitläufigen District wie das damalige Großpolen gehörig zu decken, und zu sicher auf die gute Gesinnung Derer, die er hinter sich gelassen hatte. So wie die Preußen sich nach Lowicz zurückgezogen hatten, ging der General Fersen mit seinem Corps Russen, nachdem er die Polen durch viele Amüsements, wo er Brücke zu schlagen Miene machte, irre geführt hatte, schnell über die Weichsel. Alle Sachverständigen bewundern diesen Streich so sehr, als sie vorher die Gefahr gesehen hatten, in welcher das russische Corps sich befand. Kosciusko sah sich nun genöthigt, seine Macht zu theilen, um Fersen zu folgen und den Preußen, die sich in verschiedenen Posten wieder gesetzt hatten, Widerstand zu leisten. Bis jetzt war Alles leidlich glücklich für die Polen gegangen; aber von nun an war Alles unglücklich. Die Russen waren gleich im Anfange glücklicher gewesen, weil sie mit ihrer gewöhnlichen Energie zu Werke gingen. Der Verlust unter Tormasow, der erste mißlungene Versuch auf Wilna, und selbst die Schlacht bei Czechoczin, wo sie den rechten Flügel hatten, machte sie aufmerksam. Es kamen mehrere von den nationalen Kerntruppen durch die Ukraine in Polen an. Derselben hatte ein starkes polnisches Corps unter Sajontschik geschlagen und ihm viele Kanonen abgenommen; Jasinsky hatte in Litthauen unglücklich gefochten: die Folge war, daß sich Wilna und bald darauf Grodno ergaben. Nun drängte der Feind näher; die Gegend von Warschau bis Brescz wurde das Theater. Der Ausgang war schon entschieden, wenn die Polen nur ihre eigenen Kräfte dem Feinde entgegenzusetzen hatten. Nun kam der unglückliche Tag für sie bei Maczewicza, wo Kosciusko geschlagen und gefangen wurde. Schon hoffte er, die Russen unter Fersen mit dem größten Vortheil anzugreifen und sie mit Hilfe des Poninsky'schen Corps vielleicht gar aufzureiben, als er selbst unversehens in der nachtheiligsten Stellung angegriffen wurde. Die Russen waren hier freilich fast noch einmal so stark als die Polen. Poninsky traf nicht ein. Das Gefecht dauerte lange; die Polen standen fest wie eine Mauer und arbeiteten. Die Güte der russischen Truppen besiegte alle ihre Hartnäckigkeit; sie wurden völlig geschlagen, und von 8000 Mann kamen ungefähr 1200 davon. Russische Officiere, die dabei gewesen sind, sagen zu ihrem Ruhme, daß sie das Feuer fünf Stunden gehalten, und daß man ihre Glieder fast unverrückt wie hingemäht gefunden habe. Der Fehler war Kosciusko's, daß er seine Truppen in eine solche Lage brachte, wo sie allen Nachtheil hatten, und wo ihnen aller Rückzug abgeschnitten war, da er doch die Gegend kennen mußte. Poninsky wurde verhaftet und unter Kriegsrecht gegeben und würde vermuthlich hingerichtet worden sein, wenn die Eroberung von Praga nicht die ganze Sache geendet hätte. Mit welchem Recht er angeklagt ward, weiß ich nicht, da ich die Position nicht kannte. Dieses war der Hauptstreich des ganzen Feldzugs. Die Russen hatten bei demselben nichts mehr zu wagen; denn hätten sie nicht angegriffen, so wären sie den folgenden Tag höchst wahrscheinlich zwischen zwei Feuer gerathen. Wäre der Streich den Polen geglückt, so war die Campagne zu Ende: die Russen wären in die Winterquartiere gezogen, und interim fit aliquid! wäre der Trost in Warschau gewesen. Nunmehr drang Suworow selbst mit aller Macht weiter vor. Mokronowsky und Jasinsky zogen sich mit ihren Corps vor Praga und warfen sich in die dort aufgeführten Werke. Dombrowsky, der einen ziemlich glücklichen Zug nach Westpreußen gemacht und in Bromberg den Obristen Seculy geschlagen hatte, wurde zurückberufen, um die Stadt decken zu helfen. Suworow rückte mit seiner gewöhnlichen Geschwindigkeit immer näher und wollte schon von Kobilka aus die Werke stürmen. Seine Generale erhielten aber wenigstens einige Tage Zeit zum Recognosciren und zu den übrigen Anstalten, und dann wurde einen Morgen der Sturm mit aller den Russen eigenthümlichen Unaufhaltsamkeit unternommen. Bekanntlich waren bei dem Sturme kaum 10,000 Mann, und diese warfen aus den Werken über 20,000 polnische Truppen nebst einer Menge von der Bürgerschaft. Ueber 15,000 Polen und ungefähr 1800 Russen blieben. Es ist fast unbegreiflich, mit welcher Energie man von der einen und mit welcher Nachlässigkeit man von der andern Seite zu Werke gegangen ist. Die polnischen Vorposten müssen äußerst schlecht ausgestellt gewesen sein oder ihre Schuldigkeit äußerst schlecht gethan haben, da die Russen fast unter den polnischen Kanonen waren, ehe diese einen Schuß gethan hatten. Aber die schon erlittenen Unglücksfälle und das panische Schrecken, das vor Suworow herging, arbeitete bei den ermatteten Polen ebenso viel als die russischen Bajonnette selbst. In zwei Stunden war die ganze Geschichte geschehen, und in einer halben Stunde war schon entschieden, auf welcher Seite der Sieg sein würde. Die Grausamkeit der Russen bei der Einnahme ist allerdings ein Flecken, den der redliche Officier gern aus dem Dienst wischen möchte. Es wurden eine Menge Unbewaffneter, ja sogar Weiber und Kinder niedergestoßen. Es waren bei dem Sturm einige Bataillone der Truppen, die vor acht Monaten in Warschau so unglücklich gewesen waren, bei denen die Erbitterung aufs Höchste gestiegen war, und die sie auch unter allen übrigen verbreiteten. Man kann also zu einiger Entschuldigung sagen, daß der Soldat in Wuth war, daß er Rache für die Warschauer Geschichte kochte und in dem Angesicht der nämlichen Stadt focht, wo so mancher seiner Kameraden freilich auch grausam und ohne Schonung gemordet worden war. Die fürchterlichen Lakonismen Suworow's hatten seine Wildheit nicht gemildert; und so konnte der beste menschenfreundlichste Officier der Wuth nicht Einhalt thun. Der Obrist Lieven, der ein Regiment bei dem Sturme commandirte und hernach einige Zeit Platzcommandant in Praga war, erzählte mir mit Entsetzen, daß er selbst am Ende des Gefechts einen Grenadier getroffen, der in der linken Hand sein Gewehr gehalten, jedem Polen ohne Unterschied das Bajonnet durch den Leib gerannt und sogar keinen Schwerblessirten verschont habe, und in der rechten eine Axt, mit der er sodann über den Hirnschädel Jedem den Gnadenhieb gegeben. Der Obrist schalt seine Unmenschlichkeit und sagte ihm, er möchte Bewaffnete schlagen, aber nicht Verwundete und arme Wehrlose. »Ei was, Herr!« antwortete der Wüthende, »sie sind Alle Hunde und haben gegen uns gefochten und müssen sterben;« und so hieb er einem armen Elenden mit der Axt den Kopf entzwei. Den Obristen rief seine Pflicht schnell weiter. Aber auch ein Gegenstück erzählte mir der nämliche würdige Officier. Als er an die Weichselbrücke kommt, begegnet ihm ein Grenadier mit seinem Gewehr am Riem um die Schulter gehangen, der einen Knaben von ungefähr drei Jahren auf dem Arme trägt. »Wo hast Du den Jungen her?« fragt ihn der Obrist. »Herr, ich habe ihn gerettet,« antwortete der Grenadier enthusiastisch, »als ihn ein Kosack in die Flamme werfen wollte.« »Bravo, Kamerad!« ruft er ihm zu; »was willst Du mit dem Knaben machen?« – »Herr, das weiß ich nicht,« sagt der Soldat, »aber seht nur, was es für ein herrlicher, schöner Junge ist! Wer wollte ihn nicht gerettet haben!« und er küßte mit herzlichem Ungestüm den Knaben, der seine kleinen Arme um den Nacken des Kriegers schlang und sein Gesicht an seinen Schnurrbart schmiegte. Es ist dieses zwar nicht mehr als gewöhnliche Menschlichkeit, aber ich bedaure Den, der ihren Werth bei einer Gelegenheit nicht fühlt, wo sie so theuer ist, und wo man sie so selten findet. Desgleichen darf ich einen Zug zur Ehre der Kosacken anführen, denen man sonst mit Recht Wildheit und Grausamkeit vorwirft. Als die Polnischen Batterien auf dem rechten Flügel erstiegen und die Truppen geworfen waren und die Russen mit unaufhaltsamer Gewalt von allen Seiten eindrangen, stürzte sich eine große Menge Nationalcavallerie in den Fluß. Der Strom ist breit und reißend; die Leute waren abgemattet und sinnlos; die Russen hatten die Brücke unterwärts schon besetzt. Man stelle sich die schreckliche Lage vor, in welcher sich die Elenden befanden! Vorne und seitwärts Feinde, hinter sich den reißenden Strom, überall Tod und Verwirrung. Die Russen zogen sich sogleich etwas zurück, und nur einige Kosacken blieben stehen, riefen und winkten ihnen Pardon zu, und der größte Theil wurde gerettet. Die russischen Gefangenen im Kadettenhause konnten den ganzen Vorfall aus ihren Fenstern sehen. Früh um halb sechs Uhr war der Anfang des Sturms; gegen acht Uhr feuerten die Russen aus ihren aufgeführten Batterien schon nach Warschau, und gegen Mittag flogen die Kugeln schon durch unsern Hof und in ziemlich entfernte Straßen. Alles war in der größten Bestürzung und Angst. Die Periode war für Alle in der Stadt kritisch. Das Militär wollte die Stadt noch halten, aber dieser Gedanke konnte nur in dem Gehirne der Wahnsinnigen und Verzweifelnden entstehen. Die Bürger drangen auf Übergabe; die Vernünftigen des Militärs sahen die Unmöglichkeit ein, ohne den gänzlichen Ruin der Stadt länger zu bleiben. Wer die Lage von Warschau an der Weichsel kennt, der wird wissen, daß man von Praga aus die besten Plätze der Stadt zerstören kann. Es gingen Deputirte hinüber, die Feindseligkeiten hörten auf. An Capitulation war fast nicht zu denken; die Stadt hing in dieser Lage ganz von der Gnade des russischen Feldherrn ab. Als die Abgeordneten sagten, sie wären gekommen, zu tractiren, soll der General geantwortet haben: »Ja, meine Herren, sogleich werde ich Befehl geben zum Tractament, das Tractament wird wie gestern sein.« Die Polen baten um Schonung und Sicherheit für Person und Eigenthum; und Suworow gestand mehr zu, als man gebeten hatte. Den Abzug konnte man den Truppen nicht verwehren, da die Landseite ganz offen war. Jetzt war die Lage noch die bedenklichste. Die abziehende Armee wollte mit Gewalt den König und die Gefangenen mit sich fortführen. Die Bürgerschaft aber widersetzte sich hartnäckig, füllte noch bewaffnet den Schloßhof und erklärte, sie würde bis auf den letzten Mann dieses zu verhindern suchen, da ihre ganze Sicherheit darauf beruhe, daß der König und die Gefangenen in der Stadt blieben. Die Truppen standen also von der Forderung ab und entfernten sich, ob sich gleich noch kleine Parteien in den Vorstädten herumtrieben; und man sahe nun schon wieder polnische und russische Officiere zugleich auf den Straßen, ohne daß sie einander zu bemerken schienen. Endlich rückten die Russen ein, sobald die Brücke wieder hergestellt war, und besetzten die gewöhnlichen Wachen und auf der andern Seite der Stadt die Schanzen, welche die Polen während der vorigen Belagerung gegen sie und die Preußen aufgeworfen hatten. Was an dem fürchterlichen Gerücht ist, welches man in den Zeitungen herumgetragen hat, daß man nämlich den König und alle Gefangenen noch zuletzt habe ermorden wollen, weiß ich nicht. Wir sind immer ziemlich ruhig gewesen. Alles, was wir befürchteten, war, mit fortgeführt zu werden; und in diesem Falle hatte Jeder seine eventuellen Maßregeln genommen. Die Lage der Sachen machte das Mordproject ganz unwahrscheinlich, wenigstens in Ansehung der Kriegsgefangenen. Es kann nur in dem Kopfe einiger durch Verzweiflung Verrückter gesessen haben, und es war unmöglich, daß es nur einige besonnene Anhänger finden konnte. Wenn man bedenkt, mit welcher unaufhaltsamen Geschwindigkeit die Russen von Litthauen und der Ukraine aus den Feldzug machten, und wie schnell sie vor Warschau ankamen, kaum sahen und schon siegten, und wenn man dagegen die langsamen Bewegungen der Preußen und ihre lange fruchtlose Belagerung hält, so ist allerdings die Vergleichung erstaunlich auffallend. Wenn man aber erwägt, daß der König seine besten Truppen in einem andern Kriege hatte, daß die Lage seiner Länder es erforderte, seine Grenze, so zu sagen, durch einen Cordon von Czenstochow aus bis nach Memel zu decken, so wird es sehr begreiflich, wie er mit so weniger Mannschaft in einer so kritischen Lage mit der größten Vorsichtigkeit zu Werke gehen mußte. Selbst die Schlacht bei Czechoczin, wo der Sieg lange unentschieden blieb, und wo Kosciusko sich mit der größten Geschicklichkeit rettete, lehrte den König, daß er mit keinem gewöhnlichen Manne zu thun hatte. Bei Warschau hoffte er, daß die Russen erst den Feind in Litthauen enger zusammendrängen würden, um ihm sodann mehrere Unterstützung zu leisten. Auch hatte er sich vermutlich vorher mit falscher Hoffnung geschmeichelt, daß sich Warschau auf die erste Aufforderung bei seiner Annäherung ergeben würde. Die ihm aber dieses versichert hatten, kannten den Kopf an der Spitze, den Geist des Volks und die Lage der Sachen nicht hinlänglich. Die Gegend um Warschau war von Kosciusko vortrefflich benutzt und seine Plane von geschickten Officieren sehr gut ausgeführt worden. Er konnte in dieser bedenklichen Lage keinen Sturm wagen, wie vielleicht die Russen wünschten. Der fehlgeschlagene Versuch hätte für seine Sache die fürchterlichsten Folgen haben können. Der Kern der polnischen Truppen stand in und bei Warschau, und dieser war noch frisch und muthig, noch durch keine großen Unglücksfälle abgeschreckt. Der Aufstand in Südpreußen, der ihm im Keim schon nicht mehr verborgen sein konnte, wäre sodann ein höchst gefährlicher Umstand gewesen, da er ohnedies schon ein riesenmäßiges Ansehen zu nehmen schien. Die Russen hingegen hatten gegen die Polen den Kern ihrer Truppen; und als sie in die Gegend von Warschau kamen, hatten die Sachen schon eine ganz andere Gestalt gewonnen. Ganz Litthauen und Samogitien war rein, ihr Rücken frei; die Preußen hielten von der andern Seite den Feind wenigstens in Respect. Suworow konnte stürmen ohne Gefahr; wenn der Sturm abgeschlagen wurde, so hatte er nichts weiter verloren als den Sturm, und seine Armee war gesichert; und wenn der fehlgeschlagene Sturm vielleicht einige üble Folgen haben konnte, so waren diese nicht in der politischen oder militärischen Lage der Sachen, sondern in ganz andern Verhältnissen. Er war glücklich und krönte sein Werk. Man betrachtet und beurtheilt diesen außerordentlichen Mann aus manchen Gesichtspunkten. Sein eigentümlicher Charakter ist schnelle Entschlossenheit und ebenso schnelle kraftvolle Ausführung. Die Herzen seiner Soldaten hat er durch Popularität ganz in seinen Händen; und seit Cyrus und Cäsar ist schon bekannt, welcher Vortheil dieses für einen Feldherrn ist. Vielleicht ist seine Leutseligkeit und Nachsicht auf Kosten der Disciplin zuweilen ein Wenig excessiv, aber er überläßt sehr weislich die Disciplin seinen Unterbefehlshabern, übergiebt ihnen das Strenge und Harte des Dienstes und behält selbst davon nur das Gefällige; ein Betragen, das, wenn es recht verstanden wird, vortreffliche Wirkung hat und gar nicht zu tadeln ist. Alles, was er thut und spricht, ist mit einem ganz eigenen Stempel gezeichnet. So verlangt er lauter bestimmte Antworten, und ein »Ich weiß nicht« bringt ihn in den heftigsten Zorn. Wenn die Replik nur schnell und bestimmt ist, so fragt er oft sehr wenig nach der Wahrheit. Wahrhafte Männer haben mich versichert, er nehme es hin, wenn man einen Gründling für einen Haifisch und eine Lerche für einen Auerhahn angebe, wenn man ihm nur nicht die Antwort schuldig bleibt oder seine Unwissenheit weitschweifig und verlegen gesteht. Er badet Sommer und Winter sehr kalt und oft im Angesicht der ganzen Armee. Alle seine Bewegungen und Reden sind äußerst schnell, und in der kleinsten seiner Bemerkungen ist Witz, oft sehr beißender Witz. Seine kurzen, lakonischen Rapporte sind allgemein schon aus dem vorigen Türkenkriege bekannt. An die Kaiserin soll er von den Prager Batterien weiter nichts geschrieben haben als: »Hurrah! Praga! Suworow;« und die Kaiserin soll ihm sehr gnädig in dem nämlichen Stile geantwortet haben: »Bravo! Feldmarschall! Katharina.« Man muß nämlich bemerken, daß er durch diesen Streich erst Feldmarschall wurde. Verbürgen kann ich die Wahrheit dieser Anekdote nicht; aber sie sieht dem Geiste Beider sehr ähnlich. Die den Mann näher kennen, sagen, er habe sehr viel militärische Gelehrsamkeit und die ausgebreitetste Belesenheit aller Art. Er spricht außer dem Russischen mehrere Sprachen, zum Exempel Deutsch, Französisch und Türkisch mit vieler Fertigkeit. Er liebt sehr Sprichwörter und Sentenzen und giebt oft in denselben seine Befehle. Ich habe in Praga bei dem Obristen Lieven eine poetische Ordonnanz von ihm gesehen, die die herrlichsten militärischen Maßregeln, vorzüglich für die damalige Lage enthielt und wirklich dichterischen Werth hatte. Ich bedaure, daß ich sie nicht mehr besitze; sie würde für Deutsche ein herrliches Stück zu seiner Charakteristik sein. Als er an der Spitze der Regimenter nach Warschau zog, küßte und umarmte er auf der Brücke Alles, was ihm entgegenkam und gewann dadurch auf einmal das ganze Zutrauen des Volks. Er sprang vom Pferde, um bei dem Einzuge auf der Krakauer Vorstadt einem Greise diese Ehre zu erzeigen; und der Alte weinte vor Freuden, als er hörte, es sei Suworow selbst, der ihm so auszeichnend gütig begegnet habe. Seine gewöhnliche Höflichkeitsbezeigung gegen Personen, die ihn schon gesehen, oder Officiere, die ihn auch wol noch nicht gesehen haben, ist: »Komm, Bruder, küsse mich!« Ich fuhr mit dem Obristen Lieven ins Hauptquartier, als ich den Feldmarschall zum erstenmal sahe. Er stand am Kamin und zog sich das Hemde an und sagte zu einigen Polen, die eben mit vielem Respect hereingetreten waren, um ihren ersten Besuch zu machen: »Warten Sie ein Wenig, meine Herren, warten Sie!« Nachdem er sein Hemde in Ordnung gebracht hatte, drehte er sich um, kam, ohne erst die Oberkleider anzulegen, einige Schritte näher zu ihnen, machte mit schneller Cadenz einige Verbeugungen mit den Worten: « Paix, amitié et fraternité! « und sprang ihnen mit einer solchen Heftigkeit um den Hals, als ob er sie erdrücken wollte. Solche charakteristische Scenen sind bei ihm täglich gewöhnlich. Selten hat er Equipage, und seine Feldzüge hält er gewöhnlich auf einem Kosackenpferde, das er auf den Posten wechselt, und das der Kosack, der mit ihm reitet, wenn es nicht schnell genug gehet, mit der Knute treiben muß. Er soll nie Geld haben, sich nie in Geldgeschäfte mengen und die ganze Oekonomie auf gutes Zutrauen einem Hausofficier überlassen. Wenn er ein Fest geben will, läßt er diesen kommen und fragt ihn, wie viel die Anordnung koste. Der Officier sagt ihm die Summe nach kurzem Überschlage. »Mehr, Bruder, mehr!« ruft er, wenn es ihm nicht genug ist. Der Officier setzt hinzu, und der General sagt immer: »Mehr, Bruder, mehr!« bis ungefähr die Summe seinem Gutdünken entspricht oder übersteiget, wo er dann spricht: »Abgezogen, Bruder, abgezogen!« Auf diese Weise wird dann das Fest bestellt, um das er sich weiter mit keiner Silbe bekümmert, und es wird bei ihm taxirt nach der Summe, die es ihn gekostet hat. Es sei mir erlaubt, auch noch etwas über Kosciusko zu sagen. Da der Mann dieses Jahr eine so merkwürdige Rolle gespielt hat und von Verschiedenen so verschieden beurtheilt, von Einigen als Held und Heiliger erhoben und fast angebetet und von Andern als Bösewicht verdammt wird, so können ein paar Worte von einem unparteiischen Manne, der seine Demarchen zuweilen in der Nähe beobachtet hat, nicht unangenehm sein. Personen, die ihn in der Jugend gekannt haben, sagten mir von seinem excentrischen Genie in seinen Knabenjahren schon Vieles. Er habe in der Schule beständig einsam mit sich gelebt, nur wenig und immer bestimmt gesprochen, vorzüglich Geschichte und Mathematik studirt und in der Geographie schon damals eine seltene Stärke besessen. Das Letzte hat er in dem letzten Feldzuge nicht ganz gezeigt; denn welches Land sollte ihm billig wol besser bekannt gewesen sein als sein Vaterland? Die Geschichten von Czechoczin und Maczewicza zeugen aber nicht von dieser vollkommenen Kenntniß, wenigstens nicht von dem Vortheil, den ein General daraus ziehen mußte. In Amerika soll er bei mehrern Gelegenheiten mit viel Kenntniß und Muth zu Werke gegangen sein; und in der Belagerung von Ninety-Six läßt ihm der amerikanische Geschichtschreiber vieles Lob widerfahren. In dem ersten Feldzuge gegen die Russen unter Kochowsky ist er nach Uebereinstimmung aller Polen und Russen der Einzige, der den letzten noch einigen Widerstand geleistet hat; und die Action bei Dubenko, wo der russische Obrist Palmbach blieb, ist nach Aussage der russischen Officiere selbst sehr zu seinem Ruhme. Er hielt sich daselbst mit ungefähr 4000 Mann gegen 16,000 Russen sechs Stunden auf einem Posten, den zu befestigen er nur 24 Stunden Zeit gehabt hatte, und zog sich, nachdem er den Russen außerordentlichen Schaden zugefügt hatte, ohne großen Verlust von seiner Seite zurück, indem er nur sechs Kanonen verlor. Es war natürlich, daß die Revolutionärs ihn zu ihrem Anführer wählten. Die Sache war für Rußland und Preußen gefährlich genug und hätte weit gefährlicher, vielleicht schrecklich werden können, wenn der Plan gehörig angelegt und ausgeführt worden wäre, und wenn ihn nicht die übereilte Hitze des Madalinsky und einiger andern Hitzköpfe verdorben hätte. Als Dieser voreilig losgebrochen war, blieb Kosciusko weiter nichts übrig, als entweder die Sache aufzugeben oder sie zu nehmen, wie sie war. So viel auch seine Landsleute von seiner Klugheit und Mäßigung sprachen, konnte ich doch gleich anfangs Beides nicht in seinem Betragen finden. Sein Manifest gegen die Kaiserin und den König war so heftig, so anzüglich, so beleidigend, so rebütant selbst für Mäßiggesinnte, daß ich nicht begreifen kann, wie ein sonst so vernünftiger Mann dergleichen Dinge schreiben konnte. Vermuthlich hoffte er durch dergleichen mehr als bittere Personalitäten auf das Volk zu wirken; er wirkte aber fanatisch, und Fanatismus hält nie Stich. Man muß seinem Feinde sein Unrecht zeigen, mit kalter Vernunft sprechen und selbst in der Wärme wenigstens nie die Grenzen des conventionellen Sittlichen überschreiten und nicht Dinge einflechten, die nicht zu dieser Sache gehören; man muß ihn schlagen und ihn nicht schimpfen. Wo ich Schimpfworte höre, es sei, wo es wolle, gehe ich immer voll Mißtrauen zurück. Es fehlte Kosciusko nicht an Anhängern in den neuen preußischen und russischen Provinzen; seine Heftigkeit schreckte sie billig alle ab und machte sie mißtrauisch. Den Nutzen seiner Sensenträger hat noch kein Militär gehörig einsehen können. Die Pike ist eine fürchterliche Waffe und, wenn sie gut und zweckmäßig gebraucht wird, von schrecklicher Wirkung. Man hat, glaub' ich, nicht ganz richtig gerechnet, daß man sie seit dem spanischen Successionskriege völlig außer Gebrauch gesetzt hat. Aber Kosciusko bediente sich ihrer augenscheinlich nicht mit dem besten Vortheil, den er daraus ziehen konnte. Er ließ die Pikenträger durch das feindliche Feuer an der Spitze avanciren; natürlich prallten die Neulinge, die noch kein Feuer gewohnt waren und selbst weder Feuerwaffen hatten, noch durch dieselben gehörig unterstützt wurden, meistens zurück, und das feindliche Feuergewehr wüthete sodann fürchterlich unter ihnen. Nach meiner Meinung hätte er sie beständig kräftig durch Feuer unterstützen oder sie zur Ressource ins zweite Treffen oder in kleinere Intervalle stellen können, wie er nach dem, was ich von dem Gefechte zwischen ihm und Tormasow bei Krakau gehört und gelesen habe, daselbst mit Vortheil gethan hatte. Bei Czechoczin ist mir kaum begreiflich, wie er nicht wußte, daß die Russen und die Preußen sich vereiniget hatten. Hat er es gewußt und seinen Soldaten verschwiegen, so weiß ich keinen Grund zu diesem Benehmen, aber wohl manchen dagegen; wußte er es nicht, so war es augenscheinlich die größte Vernachlässigung, zumal da in der dortigen Gegend die Gemüther so gestimmt waren, daß jeder Bauer gern Nachricht gab. Sein Rapport war, daß man schließen muß, er habe die Vereinigung nicht gewußt. Auf alle Fälle konnte sie aber doch höchst wahrscheinlich vermuthet werden, und der Soldat mußte daher mit der größten Aufmerksamkeit darauf vorbereitet sein, damit ihn nichts Neues, nichts Unerwartetes und Vergrößertes in Schrecken setzte, wie das nach seinem eigenen Rapport an den Nationalrath der Fall war. Seine Verteidigung unter Warschau ist nach dem Urtheil aller Kenner meisterhaft. Daß ihn Fersen mit dem Uebergang über die Weichsel hinterging, war leicht zu entschuldigen, da Fersen den ganzen Strom aufwärts in seiner Gewalt hatte; aber daß er sich, als er ihm folgte, in einer so unglücklichen Stellung überfallen ließ, als Eingeborner nicht weit von der Residenz überfallen ließ, ist gewiß unverzeihlich. In einem solchen Falle ist keine Entschuldigung giltig, daß man den Feind nicht so nahe geglaubt habe; man muß vielmehr glauben, daß der Feind fliegen könne, wenn man Maßregeln zu seiner Sicherheit nimmt. Der Ausgang hat gelehrt, was zu fürchten war. Auf Poninsky war nicht sicher zu rechnen; denn mancherlei Hindernisse konnten ihn zurückhalten, auch ohne daß er ein Verräther war. Bei Allem dem bleibt Kosciusko immer ein Mann, der Achtung verdient, ein ehrlicher, rechtschaffener, braver Mann, den nur Noth, heißer Patriotismus und falsche, aber doch noch wahrscheinliche Hoffnungen zu einem Schritte brachten, der seiner Nation letal wurde. Diejenigen thun ihm augenscheinlich Unrecht, welche in seinem Kopfe eine Cromwelliade suchten, ob er gleich vielleicht in manchen Fällen besser gethan hätte, nicht so eigenmächtig zu handeln. Man hatte vermuthlich ziemlich sicher auf auswärtige Unterstützung gerechnet; und ich glaube, es ist selbst die Schuld der Polen, daß diese nicht erfolgte. Eine gut eingeleitete, geschickte Verhandlung hätte in dieser Lage fast mathematisch berechnet wirken müssen; aber unter allen Polen scheint bei der ganzen Geschichte kein einziger ächt politischer Kopf gewesen zu sein. Vorbeigelassene Momente kehren nicht zurück. Boscamp war nach mehrerer Meinung der Mann, dem man in diesen Conjuncturen verzeihen mußte, und dessen Einsicht und Talente man benutzen konnte, da man für seine Treue Sicherheit genug in den Händen hatte, indem seine Familie und Güter in Warschau waren; und endlich wäre ja weiter nichts verloren gewesen, wenn er auch Verräther geworden wäre. Es war durch ihn nichts zu verlieren, aber wohl sehr viel zu gewinnen. Das Schicksal beschloß es anders. Kosciusko ward gefangen genommen; der neue Generalissimus Wawreczewsky war ein Mann von sehr wenigem Militärgeist, und der Aufstand ging zu Ende. Einer meiner Freunde, der bei Kosciusko, welcher im russischen Lager als Gefangener war, die Ordonnanz hatte, hat ihn oft zu bemerken Gelegenheit gehabt und versichert, er habe sein Betragen immer voll Würde gefunden. Einmal war ein hartnäckiges Gefecht, das lange zweifelhaft blieb, Kosciusko saß an dem Tische, stumm und tiefsinnig den Kopf auf den Ellbogen gestützt, bis ein Officier die Nachricht brachte, die Russen haben endlich mit dem Bajonnette durchgedrungen. »Gott! Gott!« sprang er auf und schlug sich vor die Stirne; »warum habe ich bei meiner Sache nicht solche Soldaten gehabt!« Man lärmt und schimpft über ihn, und die Manifeste nennen ihn Rebellen. Es kommt nicht darauf an, was Zeitungen und Parteigänger sagen, sondern was der vernünftige unparteiische Beobachter denkt, und was die vorurtheilsfreie Nachwelt von ihm sprechen wird; und diese wird bei allen seinen Fehlern, die er vor und während dem Feldzuge gemacht hat, bei allen seinen Irrthümern im Rechnen, seiner Rechtschaffenheit und seinem Patriotismus doch immer Gerechtigkeit widerfahren lassen und ihn Polens Phocion nennen, so wenig sie im Gegentheil bei den Conjuncturen die benachbarten Mächte verdammen wird, daß sie ihm entgegenarbeiteten und seine Plane zernichteten. Der polnischen Nation hat es nie an großen, muthigen und entschlossenen Männern gefehlt; die Geschichte stellt Beispiele auf, vor denen andere Nationen mit Ehrfurcht stehen. Auch unter den letzten Conjuncturen haben sich dann und wann Männer mit einem Muth betragen, den man in andern Verhältnissen Heroismus nennen würde. Es ist bekannt, wie wenig selbstständig der König, Stanislaus Poniatowsky, in den kritischen Zeiten handelte, in welche ihn das Verhängniß gesetzt hatte. Wenn man die öffentlichen Blätter des Reichs lieset, erstaunt man, mit welcher Kühnheit und Bündigkeit zuweilen Männer in den öffentlichen Versammlungen sprachen. Aber was konnten einzelne Säulen helfen, wo dem ganzen Bau Haltbarkeit fehlte? Ein Pole von der gemäßigten Partei hat mir folgende Apostrophe mitgetheilt, die einer der Patrioten bei einer gewissen Gelegenheit an den König gehalten haben soll. Wenn sie nicht wörtlich wahr sein sollte, wofür ich nicht bürgen kann, so ist doch das Wesentliche davon schon oft in den Reichsversammlungen gesagt und öffentlich bekannt gemacht worden. Der Mann sprach: »Hören Sie mich, Herr! die Nation spricht aus meinem Munde, und die Nachwelt soll Richter sein zwischen ihr und Ihnen. Ein ganzes, großes, schönes, kraftvolles Volk ist durch Sie in ein politisches Nichts herabgesunken. Was die Ueppigkeit, die Schwelgerei, der Bestechungsgeist Ihrer Vorfahren angefangen hat, das hat Ihre Schwachheit vollendet. Warum bewarben Sie Sich um eine Krone, wenn Sie ihr Gewicht nicht tragen konnten? Die Feinde des Vaterlandes haben sich nicht in Ihnen geirrt, als sie sie der Nation zum König aufdrangen; die Absicht ist erreicht. Durch schöne Worte und Nepotismus regiert man keine Völker. Unsere Krieger wollten fechten, und Sie weinten in den Armen der Weiber. Nicht Thränen, sondern Thaten retten die Ehre und sichern das Glück der Länder. Würde Sobiesky den Polen haben Hohn sprechen lassen? Wir sind ein Spott der Völker geworden. Durch Ihre Schwachheit faßte die Zwietracht Wurzel in unserm Reiche; Ihre Selbstständigkeit, Ihr Muth hätte sie ausgerottet. Sie hatten das Herz der Nation in Ihrer Hand; Sie haben es weggeworfen wie ein Knabe sein Spielwerk. Wehe den Königen, die mit diesem Heiligthum freveln! Die Nachwelt, welche mit unparteiischem Griffel die Geschichte der Könige, der Marc Aurele und der Sardanapale, schreibt, wird mit Wahrheit von Ihnen sprechen und Ihnen die verdiente Stelle in der Galerie Ihrer Personen anweisen.« Dergleichen Reden soll der König oft haben hören müssen. Sie sind unstreitig zu hart; aber es ist doch manche Wahrheit darinnen. Folgender Aufzug, noch ziemlich lange vor der Revolution, war für ihn auch äußerst empfindlich. In dem deutschen Schauspiele, wo der König oft gegenwärtig war, kam in einer Stelle eine pathetische Rhapsodie des Patriotismus vor, welche mit den Worten schloß: »Wehe dem Lande, dessen König schläft!« Der Schauspieler arbeitete seine Rolle gut; der Beifall war ungestüm, und er mußte unter lautem Klatschen zweimal die Stelle wiederholen. Eine größere Demüthigung kann man schwerlich für das Ehrgefühl eines Regenten ersinnen; denn man suchte die Beziehung gar nicht zu verbergen. Der König ist übrigens der beste, rechtschaffenste, freundschaftlichste Mann, von dem aber ziemlich die Charakterzeichnung Friedrich's des Zweiten von Karl dem Sechsten gilt. Der Kaiser Karl der Sechste würde höchst wahrscheinlich in ähnlichen Verhältnissen Stanislaus Poniatowsky und dieser vice versa Karl der Sechste geworden sein. Hier haben Sie meine Gedanken. Eben erfahre ich, daß unser General Beningsen, dessen Talente und Verdienste bekannt sind, die vollständige Geschichte des Feldzuges schreibt; alsdann werden Sie hoffentlich etwas ächt Pragmatisches haben. Zwei Briefe über die neuesten Veränderungen in Rußland seit der Thronbesteigung Paul's des Ersten   Auf dem Titel des ersten Druckes dieser Schrift von 1797 ist Zürich als Verlagsort genannt, ein Verleger aber nicht angegeben.   Erster Brief Lieber Freund! Sie glauben, daß ich nach meinen Verhältnissen Rußland vorzüglich kennen müsse, und wollen meine Meinung über die neuen Phänomene in dieser Region hören. Wäre das Erste, so hätten Sie zu dem Zweiten sehr gegründete Ursache. Aber Rußland ist wegen seiner ungeheuern Ausdehnung nach allen Weltgegenden, der größten Verschiedenheit der Nationen, die dieses kolossalische Reich bilden, der unbestimmten Norm, nach welcher es regiert wird, und wegen der wenigen Publicität, die in Rücksicht der öffentlichen Geschäfte ausschließlich dort stattfindet, so schwer zu kennen, daß selbst Männer, die am Ruder sitzen, oft kaum bestimmt sagen können: so ist dieses, und jenes war so. In Rußland ist fast Alles, was sich auf den Staat bezieht, blos Meinung und nichts Wissenschaft, und diese Meinung, die mehr als irgendwo einem Wetterhahne gleicht, wird selten laut, als insofern sie ukasenmäßig ist. Ich selbst kenne dieses Reich und seine innern Verhältnisse sehr unvollkommen, und wenn Sie etwas von mir verlangen, so kann ich weiter nichts, als mit Ihnen aus etwas mehr Einsicht in die dortigen Dinge philosophiren, insofern man über Gegenstände dieser Art philosophiren kann und darf. Leider hat man immer die Philosophie aus diesem Gebiete zu den traurigen Quidditäten der Schule verbannen wollen; aber sie hat sich nach und nach mit ihrer Allgewalt selbst wieder in ihre Rechte eingesetzt, indem sie nach ihrer Befugniß Herz und Kopf zugleich in Beschlag nimmt. Nur ein alter vernunftlahmer Actenritter kann noch vom juristischen und philosophischen Naturrecht sprechen; denn wenn das Naturrecht nicht ganz philosophisch ist, so kann es gar nicht juristisch sein. Dieses Kriterien sollte eigentlich auch bei jedem positiven Gesetze für bürgerliche Rechtsfälle Giltigkeit haben; man mag nachsehen, wie weit es wirklich Giltigkeit hat. Schlimm genug ist es, daß man meistens außer den Grenzen eines Reichs sein muß, um über dieses Reich vernünftig, freimüthig sprechen und schreiben zu dürfen, und daß die Aengstlichkeit der meisten Regierungen so groß ist, daß jede Berührung einer öffentlichen Sache und ihre gründliche Untersuchung verdächtig wird. Der Probirstein der Wahrheit in jeder Rücksicht ist Fähigkeit der Publicität, und ich zweifle, daß es Wahrheiten gebe, die man zum Wohl der Menschheit geheim halten müsse. Freilich muß man dahin sehen, daß diese Wahrheiten völlig verstanden werden, welches sehr leicht ist; denn jede Wahrheit ist leicht; aber der größte Theil arbeitet dahin, daß sie entweder gar nicht oder, was noch schlimmer ist, falsch verstanden werden. Das sehen wir täglich in der Religionslehre, der Moral, dem Staatsrecht, dem bürgerlichen Recht und der Philosophie überhaupt, wo die Menge durch die gefärbten Gläser ihrer Leidenschaften sieht und nach der Richtung der Privatwünsche handelt. Die absolute Wahrheit ist Asträens Schwester; beide sind in den Himmel zurückgekehrt, und beide kommen nur Hand in Hand wieder. Die Männer sind Schutzgeister ihres Geschlechts, die sie zu uns herabrufen und ihre Altäre wieder bei uns aufbauen helfen; aber Gefahr ist, daß nicht anstatt Asträens Nemesis und anstatt der Wahrheit das Chaos der Vernunft in Trümmern erscheine. Der Mensch muß blos menschlich beurtheilt und behandelt werden; wir haben für ihn keinen andern Maßstab. Aber was ist rein menschlich? Das war die Frage vor Jahrtausenden, und noch hat Keiner befriedigend geantwortet. Ich verliere mich in Rhapsodien; wir wollen zurück zu den Russen, von denen Sie hören wollen. »Rußland ist das Land der Möglichkeiten,« sagt ein neuer fremder Schriftsteller und will damit sagen, daß große, sonst ungewöhnliche, unerwartete Veränderungen mit Sachen und Personen in diesem Reiche nichts Ungewöhnliches sind. Die ganze Geschichte dieser Nation giebt Belege zu dieser Bemerkung. Wir dürfen nur die Phänomene derselben in diesem Jahrhunderte nehmen, um uns zu überzeugen, wie wahr sie ist. Vor einiger Zeit hatte man Ursache zu glauben, Rußland würde mit dem Tode der Kaiserin Katharina der Zweiten aufhören, ausschließlich das Land der Möglichkeiten zu sein, da unter ihrer Regierung Alles von innen und außen eine so feste Consistenz zu gewinnen schien. Die Einrichtung der Staatsgeschäfte, des Militärs und der Justiz hatte angefangen, einen so einförmigen, verhältnißmäßig so guten Weg zu nehmen, daß es das Ansehen hatte, es dürften nur strenge die vorhandenen Gesetze befolgt werden, um bald zu einer merklichen Vollkommenheit zu gedeihen. Der Charakter Katharinens wird von den verschiedenen Parteigängern aus so verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet, daß die eine Hälfte des europäischen Publicums sie als ein Muster der Regenten aufstellt und die andere sie als das Nonplusultra eines bösen Weibes verschreiet. Selbst in Rußland fehlt es nicht an Stimmen für die letzte Meinung, versteht sich, daß man nur ihr Lob laut sagt und bitteren Tadel mit vielen Gemeinsprüchen von Gerechtigkeit, Humanität und Eifer für Menschenwohl überzieht. Man stellt wider sie auf: ihre Thronbesteigung, ihre Kriege, ihre Eingriffe in die Rechte der Provinzen, ihre Eigenmächtigkeit von innen und außen. Ich bin zu nichts weniger verbunden und nichts weniger gesonnen, als ihr Vertheidiger ohne Einschränkung zu sein; aber leicht ließe sich darstellen, daß in der ersten fürchterliche Collision war, in welche sie sich nicht selbst gesetzt hatte, und in dem Uebrigen Consequenz und folglich wenigstens nach ihrem Plan und nach ihrer Absicht für das Wohl ihrer Unterthanen keine Ungerechtigkeit. Die Ursachen, Beschaffenheit und Verkettung ihrer Kriege kann ich hier nicht ausführlich behandeln. Sie sind freilich nicht so gut, als sie in ihren Manifesten sein sollen, aber auch nicht so schlecht als in den Schmähungen ihrer Feinde, und manchmal war es blos der Fehler ihrer Minister, daß sie auch nicht bessere Manifeste machten, da sie doch bessere Gründe hatten. Man hält sich überall noch zu sehr an den Bombast der Diplomatik und des Kanzleistils, um dem Ganzen ein recht feierliches, kanonisches Ansehen zu geben, ohne zu erwägen, daß Dunkelheit und Unverständlichkeit wol eine gute Sache schlimm, aber keine schlimme Sache gut machen können, außer bei Leuten, denen der Rauch die Sehnerven beizte, und die folglich blindlings glauben. Ihre Einrichtungen im Innern waren, wenn auch nicht vollkommen, doch musterhaft für einen Staat auf der Stufe der Cultur, auf welcher Rußland stehet, und der herrliche Anfang zum kühnen Fortschreiten in jedem Felde der Humanität. Wem dieses bei einigen Phänomenen unter ihrer Regierung widersprechend scheint, der unterscheidet nicht das, was sie that und thun wollte, und das, was durch niedrige Eigenmacht, Herrschsucht, Cabale, Geldgeiz und Leidenschaften aller Art von den Ausführern ihrer Entwürfe vereitelt wurde. Wie oft wird ein Monarch mit dem hellsten Beobachtungsgeist und dem thätigsten Eifer für seine Pflichten und das Wohl seiner Länder hintergangen! und Katharina war nur ein Weib, die bei allen großen Eigenschaften ihres Charakters doch in vielen Fällen immer nur sehen konnte, wie man sie sehen lassen wollte. Auf ihrer Reise nach Cherson hatte man plötzlich am Wege ungewöhnliche Wohlhabenheit geschaffen; es war auf Potemkin's Wort schnell eine neue Schöpfung entstanden, und selbst sonst öde Gegenden wimmelten von glücklich scheinenden Menschen. Hätte sie nur funfzig Werste links oder rechts abwärts von der Heerstraße gemacht, mit welcher Empfindung würde sie die wahre Gestalt des Landes gesehen haben, die man ihr verbergen wollte! Was sie thun konnte, hat sie gethan. Die großen Wohlthaten, die sie mehr als dreißig Jahre ihren Nationen zu erweisen gesucht und wirklich erwiesen hat, müssen ihre Fehler zugedeckt haben. Der Verfasser der hyperboreischen Briefe nennt sie im heiligen Enthusiasmus für Humanität a great bad woman ; ich weiß nicht, mit welchen Gründen der Mann seinen Ausspruch beweisen will. Das Buch hat den Vortheil eines guten Stils und einer angenehmen Erzählung; aber wider den Inhalt dürften Sachkundige in mehrern Punkten mit Recht ihren Protest einlegen. Die Nachwelt wird gewiß der Frau die Gerechtigkeit widerfahren lassen, die sie verdient, sie höchst wahrscheinlich nicht zum vollkommenen Regentenmuster aufstellen, aber sie doch von den Anklagen und Schmähungen lossprechen, mit welchen der gleichzeitige Parteigeist jeden ihrer Schritte verfolgte. Ich kann weder ihr Panegyrist noch ihr Geschichtschreiber sein; aber ich muß Einiges von ihr erwähnen, ehe ich mit Ihnen über mehrere Maßregeln des jetzigen Kaisers spreche, die den ihrigen geradezu entgegengesetzt zu sein scheinen. Jedermann weiß, wie viel Publicität und Liberalität des Denkens unter Katharina der Zweiten in Rußland gewonnen haben, wie viel sie durch Nationalerziehung auf Nationalbildung zu wirken suchte und in der That wirkte, mit wie vielem Eifer sie dem Chaos der russischen Justiz durch Einführung der Gouvernements und guter Dikasterien einige Gestalt zu geben wußte. Das Wohlthätige der Verordnungen wurde überall verspürt, und man tröstete sich billig, daß die Zeit das noch Mangelhafte verbessern würde. Freilich schrie der lievländische Adel über Beeinträchtigung seiner Privilegien und suchte anfangs die Verordnungen der Monarchin in dem gehässigsten Lichte darzustellen. Es wurde ihm dadurch die uneingeschränkte eigenmächtige Jurisdiction über seine Leibeigenen aus den Händen gewunden, oder sie wurde wenigstens der Aufsicht des Gouvernements näher gestellt, da die Regierung Sorge trug, daß der Landmann wenigstens dem Namen nach als Person und nicht mehr als Sache behandelt wurde. Man murrte, weil man bei jeder Neuerung fürchtet; aber bald schwiegen alle Stimmen zum Vortheil der neuen Ordnung der Dinge still, und nur hier und da wurmte es noch einige alte hochmeisterliche Familien, die nun nicht mehr wie vorher das Magnatenwesen treiben, die Uebrigen als Klienten um sich her versammeln und durch ihren Einfluß den größten Theil der Provinz von sich abhängig machen konnten. Der Adel verlor zwar die Ritterschaftsgüter; aber die Einkünfte dieser Güter wurden zur Besoldung der neuen Dikasterien verwandt, und diese Besoldung kostete der Regierung doppelt die Summe dieser Einkünfte. Wenn die Justiz deswegen zuweilen nicht besser ging und ihre wächserne Nase noch immer nach allen Angeln gedrehet wurde, so war die Monarchin zu bedauern, daß ihre wohlgemeinten Absichten durch Bosheit, Cabale und Kastengeist oft so sehr vereitelt wurden. Der Adel selbst gewann, wenigstens der ärmere Theil desselben, beträchtlich, und der angesehenere verlor blos seine Bassawürde. Die Stellen waren zwar nur mäßig besoldet, aber ihre Anzahl war groß, und eine Menge junger Edelleute ohne Vermögen von Hause gewannen dadurch eine ehrenvolle Aussicht auf das Leben. Durch ganz Rußland hatte die Einrichtung bei weniger Schwierigkeiten den nämlichen Vortheil; denn der russische Adel konnte keine solchen ausschließlichen Privilegien prätendiren und war, als Hauptnation betrachtet, nach der alten Verfassung des Reichs unbedingter dem Willen des Monarchen unterworfen. Wenn die neue Justizverfassung der Kaiserin nicht absolute Vollkommenheit hatte, so war sie, was jede menschliche Verordnung ist, und die Ursachen ihrer Mängel lagen mehr in den Gesetzen als der Verfassung, mehr in den Gebrechen der Verwalter als der Norm der Verwaltung. Sie war nicht unbedingt gut; aber sie war doch die beste, die in den Umständen möglich war, und folglich die beste für Rußland; und sie enthielt den Grund, wenn man darauf fortgebaut hätte, zu einem herrlichen Gebäude für wahre Gerechtigkeit und Humanität. Freilich wäre dem Adelssinn und Kastengeist dadurch nicht sehr gerathen gewesen; aber ist es denn nicht eben dieser Adelssinn und Kastengeist, der die meisten Staaten, so viel ihrer die Menschengeschichte nennt, so lange niederdrückte und zerrüttete, bis endlich die Maschine eines natürlichen oder gewaltsamen Todes durch innerliche oder äußerliche Ursachen starb? Paul der Erste ließ es seine erste Sorge sein, diese neue, aber schon zur Festigkeit gediehene Ordnung wieder zu ändern und den alten Gang der Geschäfte herzustellen. Ich weiß nicht, ob diese Veränderung durch ganz Rußland gehet, aber in Kurland, wo sie kaum angefangen hatte, und Lievland und Esthland ist sie gewiß. Die Veränderung ist gewiß; es fragt sich nun, ob auch die Verbesserung? Daß der Monarch Verbesserung gewünscht und gewollt hat, ist kein Zweifel; denn es wäre Unsinn, ihm eine andere Absicht unterzuschieben, da in allen menschlichen Verhältnissen keinem Manne auf Gottes Erdboden mehr daran gelegen sein muß, Gutes zu wirken oder wenigstens den guten Willen der Nation, über die er gebietet, zu gewinnen. Und diesen gewinnt man nur, indem man ihr wahres Glück zu befördern sucht. Nichts ist gefährlicher, als Despot zu sein; eine Wahrheit, welche die Geschichte mit hundert blutigen Beispielen belegen kann. Und doch arbeiten so Viele in großen und kleinen Sphären auf Despotismus hin, vielleicht ohne alle Absicht, weil sie die Menschen und ihre Verhältnisse, ihre Tugenden und ihre Schwachheiten und alle ihre Leidenschaften nicht genug in Erwägung ziehen. Wenn der Kaiser Paul bei seiner Regierung die Absicht hat, unbegreiflich wie die Gottheit zu sein, so hat er bis jetzt in vielen Dingen diese Absicht erreicht. Sein Charakter war anerkannt von je her strenge Gerechtigkeit, Ordnungsliebe und Unparteilichkeit. Ein Monarch hat selten öffentliche Feinde, aber desto mehr Widersacher im Stillen: und selbst diese und alle Diejenigen, die unter seinen bisherigen Verfügungen litten und seine Maßregeln mißzustellen suchen, sind genöthiget, diesen Charakter zu unterschreiben. Aber mit diesem Charakter kann doch Vieles gegen denselben geschehen, ohne daß er beleidiget würde; und ich fürchte fast, daß dieses in mancher Rücksicht so wie in dieser der Fall sei. Es ist eine Krankheit der meisten neuen Regierungen, in Allem das Gegentheil der alten zu thun, so sehr, daß es in allen Sprachen zum Sprichwort geworden ist. In Petersburg hat man zu dieser alten Bemerkung ganz neue Belege. Der Kaiser hat die von seiner Mutter festgesetzte Justizverfassung in gedachten Provinzen wieder aufgehoben und die alten Privilegien wieder hergestellt. Das klingt schön; und es ist nur zu bestimmen, ob es gut ist. Unstreitig haben einige Männer von Gewicht oder Gunst, welches oft gleich viel ist, welche neue Aspecten auf das alte Magnatenwesen haben, dem Monarchen vorgestellt, daß doch das Versprechen Peter's des Großen, die Vorrechte der Provinzen zu schützen, verletzt sei, und daß man solche Verfügungen allerdings noch etwas bitter empfinden müsse, und der Monarch würde sogleich bei dem Antritt seiner Regierung die enthusiastische Liebe dieser Provinzen durch Rückgabe dieser Privilegien erwerben. Die Maßregel war sehr leicht und der Preis sehr schmeichelhaft. Ein Federstrich cassirte, was eine lange mühsame Arbeit gebaut hatte. Was ward nun dadurch gewonnen und verloren? Gewonnen ward wol vorzüglich die ausschließende Zufriedenheit der vornehmsten, parteiführenden, reichen Familien, die nun durch ihre Sippschaft die Staatsämter wieder in ihre Disposition bekommen; gewonnen ward der Ueberschuß der Kosten zu der Einrichtung unter Katharina der Zweiten; gewonnen ward die Bedingung, welche jetzt hinzugefügt wurde, daß die Provinzen im erforderlichen Falle Rekruten stellen sollten, eine Bedingung, die sich bei gesunden Begriffen vom Staatsrecht von selbst versteht. Die Provinzen blieben von der Rekrutirung verschont wegen der Verheerungen zu Ende des vorigen und Anfang des jetzigen Jahrhunderts durch Krieg und Pest. Daß sie sich bei ihrer natürlichen Fruchtbarkeit leider noch nicht außerordentlich erholt haben, spricht nicht sehr zum Vortheil ihrer Cultur und der Humanität ihrer Besitzer. Dieses ward gewonnen; aber der Verlust ist von der andern Seite wol nicht geringer als der Gewinn. Es wurden durch die schnelle Veränderung eine Menge leidlich glücklicher Familien in Mangel, vielleicht oft in den drückendsten Mangel versetzt. Männer, welche dem Staate dreißig und mehrere Jahre mit Rechtschaffenheit und unermüdetem Eifer gedient hatten, wurden auf einmal als nicht existirend angesehen und wurden in den Provinzen, denen sie ihre Kräfte geopfert hatten, auf deren Dank im Alter sie gerechten Anspruch machen durften, ein Gegenstand des öffentlichen Mitleids, und noch dazu vielleicht oft eines Mitleids ohne Wirkung. Ohne ein Quartalgehalt wurden Männer mit Familien den Sorgen der Nahrung überlassen, deren ganzer Reichthum eben der Ertrag ihrer Stellen oft zur kleinen Belohnung für beschwerliche Kriegsdienste gewesen war. Der neuen Aemter sind nun weniger; also ist die Hoffnung zu Stellen geringer. Der Adel wird gewiß nicht mehr zur Verwaltung der öffentlichen Geschäfte ausgeben, als die zurückgegebenen Ritterschaftsgüter Einkünfte bringen. Zu fürchten ist, daß eben deswegen die Justiz, die leider in Rußland zuvor noch sehr nachlässig war, desto schlimmer gehen werde, da sie zumal nun nicht mehr unter der ganz nahen Aufsicht der Regierung stehen wird. Welchen Gang wird die Gerechtigkeit haben, wenn sich der Senat mit der Appellation in jeder kleinen Privatsache beschäftigen soll, da bisher schon Processe von der größten Wichtigkeit auf die lange Bank geschoben wurden? Nun kommt es darauf an, ob der Oberlandrichter, oder wer sonst der Matador der Provinz sein wird, ein Mann von Grundsätzen, Entschlossenheit, Muth und Eifer ist; und wehe dem ärmern Theile der Rechtenden, wenn dieses dem Zufalle überlassen bleibt! Aber höchst wahrscheinlich wird es noch schlimmer sein. Der Adel ist nun ganz wieder allein Person in den Provinzen. Unter Justiz versteht er, was zur Feststellung oder wol gar Erweiterung seiner sogenannten Privilegien dient. Er wird immer einen Mann wählen, der mit Muth und Klugheit diese Vorrechte des Adels zu vertheidigen bereit ist. Jedermann weiß, was die Rechte des Adels in den meisten Ländern bedeuten; und was sie in Lievland und den angrenzenden Provinzen zu sagen haben, davon hat die Humanität der meisten übrigen Länder keinen Begriff. Snell und Merkel haben die Sache nicht übertrieben, selbst nach dem Geständnisse der Vernünftigern aus der Gesellschaft der Unterdrücker nicht übertrieben. Jeder Reisende, der in den Provinzen nur etwas rechts und links von der Poststraße abgewandelt ist, kann in einer Woche Scenen genug sammeln, um sein ganzes Leben bei der Erinnerung Herzdrücken zu haben; auch wol die Poststraße selbst kann ihm solche empörende Beispiele zeigen. Merkel spricht von den Letten in Lievland; ihre unglücklichen Brüder in Kurland liegen unter einer noch härtern Geißel, je weniger sich der kurländische Adel bisher um seine schwachfüßige Regierung bekümmerte. Ein Jeder spielte nach Gefallen den Wohlthäter oder den Verderber, den Vater oder den Tyrannen in seinem Gebiet. Natürlich, daß der kurländische Adel die neuen russischen Einrichtungen gar nicht nach seinem Geschmacke fand, und daß der General Palen als Ordnungsstifter in Mitau, wenn auch nach Weltsitte viel freundliche Gesichter, doch wenig freundschaftliche Gesinnungen zur Erreichung der Zwecke der Monarchin antraf. Die Esthen bei und über Dorpat sind nicht besser daran, nur daß sie noch etwas mehr Nationalenergie haben; und ihre wahre Schilderung könnte ein Gemälde machen, das dem Merkelschen von den Letten nichts nachgeben würde. Alle diese armen Leute hatten die Hoffnung, nach und nach durch Unterstützung der Regierung in ein vernünftiges, menschliches Verhältnis im Staate zu treten. Die Monarchin würdigte sie ihrer Sorgfalt. Das klingt seltsam; ein Monarch würdigt eine seiner Nationen seiner Sorgfalt, als ob das nicht seine Pflicht wäre, deren Vernachlässigung sich zuweilen fürchterlich rächt; aber leider waren sie über ein ganzes Jahrhundert gar keiner Sorgfalt gewürdiget worden. Nun sind sie nach Aufhebung der Statthalterschaftsregierung wieder ihren Gewaltigen auf gänzliche Discretion übergeben. Der Adel ist wieder ausschließend in seiner eigenen Sache Richter, Vollstrecker und Machthaber; das nulle Pactum ist wieder da, auf einer Seite lauter Rechte und keine Pflichten, auf der andern lauter Pflichten und keine Rechte. Denn Rechte, die ich nicht behaupten, und Pflichten, deren Erfüllung ich nicht erzwingen kann, sind, so lange dieser Zustand dauert, so gut als nicht existirend. Ueber Gerechtigkeit, Menschenliebe und Humanität wird nirgends mehr declamirt als in jenen Provinzen, selbst von Denen, die Antipoden derselben sind, und die durch ihren Zungenbeitrag die Pflichten selbst quittirt zu haben glauben. Der Kaiser Paul hat gewiß nicht erwogen, und man hat sich gehütet, es ihn ahnen zu lassen, daß der Wolf nie ein guter Hirte werden wird, auch wenn er seine ganze Haut zum Unterpfande setzte. Es sei fern von mir, zu glauben, daß nicht eine Menge Individuen der Genossenschaft recht menschliche Geschöpfe sind! Aber eben diese werden schwerlich die Verwalter der Gesetze werden, und was ist das unter so Vielen? Bonis non scriptae leges ; und die Schlimmen, für welche sie eigentlich sind, erhalten Mittel, sich durchzubrechen oder durchzuschleichen. Die Einförmigkeit der Justizverwaltung, einer der größten Vorzüge eines Reichs, wird gestört. Die leidigen Privilegien waren gestorben und vergessen; jetzt sind sie wieder zum Leben erweckt worden; wird aber ihr Leben Segen oder Fluch verbreiten? Schon in dem Worte Privilegien, ein Ueberrest aus dem alten römischen Sauerteige, liegt nach geläuterten Begriffen des Staatsrechts eine Ungerechtigkeit, ein Widerspruch. Eine Ausnahme vom Gesetz auf einzelne Individuen oder Gesellschaften ist eine Beleidigung der Uebrigen, die dem Gesetz unterthan sind. Zugegeben, daß es Fälle giebt, wo dergleichen Ausnahmen durch Noth und Klugheit geboten und also entschuldiget werden, so ist die Staatsverfassung gewiß nicht weise, wo dergleichen Fälle vervielfältiget erscheinen; und diejenige ist die vernünftigste, wo die wenigsten sind. Der Monarch ist allen seinen Provinzen und jedem Gliede derselben gleiche Sorgfalt für ihr Glück und ihre Wohlfahrt schuldig. Wenn die Privilegien consequent in einer gesunden Politik und in einem gereinigten Staatsrecht gegründet liegen, sind sie überflüssig; denn sie sind des Monarchen Pflicht; sind sie dieses nicht, so sind sie ungiltig, denn sie sind, wie die Juristen zu reden pflegen, contra jus in thesi , das heißt hier: wider die Vernunft, die Absicht der Gesellschaft. Wo viele Privilegien sind, ist es ebenso bedenklich, als wo viele Gesetze sind, und meistens ist Beides verbunden. Wenn man sich immer die Mühe geben will, nachzudenken, so wird man jederzeit finden, daß ein Theil die Privilegien des andern bitter entgelten muß. Jedes Privilegium ist ein Collisionsfall, wo eine kleine Ungerechtigkeit auch für das Ganze einen großen Vortheil erreichen soll; wenn der Vortheil aber gar nicht für das Ganze und blos für Individuen ist, so ist das Privilegium Unsinn, dergleichen wir freilich in unserer moralischen Welt vielen haben. So viel von der Veränderung der Justizverfassung! Mich däucht, Jeder sieht leicht ein, wie mißlich das Unternehmen ist, und welche unglücklichen Folgen es für die Provinzen haben kann, die nun ganz wieder der Willkür des Adels überlassen werden. Sonst konnte freilich der Bauer nur sehr schwerlich Recht gegen seine Peiniger erhalten; nun wird es fast unmöglich sein. Jedes Land hat noch etwas von diesem alten Sauerteig, und überall sucht der Adel noch gern sich im ausschließlichen Besitz der wichtigsten Richterstellen zu erhalten; aber nirgends hat er doch ohne Ausnahme gesetzlich die ganze Jurisdiction, wie er sie sich in diesen für die niedern Volksclassen so unglücklichen Provinzen angemaßt hat. Es fing an, sich eine Idee von Volk zu bilden, welche nach und nach zur Cultur hätte leiten können; nun wird selbst diese Idee verschwinden, und Jahrhunderte werden sie nur mit Mühe wieder herbeiführen können. Ein zweiter, zwar minder wichtiger, aber doch nicht unwichtiger Punkt, in welchem der Kaiser Paul sogleich neue Verordnungen ergehen ließ, ist die Censur und das Bücherwesen. Unter Katharina der Zweiten herrschte anfangs in dieser Rücksicht eine völlige Freiheit. Die allgemeinen vernünftigen Bedingungen verstehen sich von selbst, nach welchen wider gute Sitten, öffentliche Religion und Staat nicht geschrieben werden durfte. Der Mißbrauch dieser Freiheit führte zwar die Censur ein, aber sie war doch durchaus sehr liberal und nur in Ansehung der Bücher in russischer Sprache etwas behutsamer. Man erstaunt in Deutschland billig über die Freimüthigkeit der Schriften, die in Petersburg geschrieben, gedruckt und verkauft wurden. Niemand hielt sie für gefährlich, weil sie es in einer wohlgeordneten Regierung nicht waren. Wahrheit ist immer nützlich, und Calumnie wird verachtet und stirbt. Man las Spottgedichte auf die Monarchin in der Peripherie des Hofes, und sie nahm sich nicht die Mühe, deswegen eine Inquisition anzustellen. Sie ließ schmähen und handelte; ihre Thaten bleiben, und von den Schmähungen weiß Niemand etwas mehr, wenn sie auch damals das gährende Hirn einiger Witzlinge kitzelten. Die ausländischen Bücher waren ausländische Waaren, von welchen Jeder nahm, was nach seinem Geschmack war. Wo die gewöhnliche Klugheit einige Behutsamkeit erforderte, verbannte man wenigstens alle Aengstlichkeit. Es wurden in Rußland Bücher und Zeitschriften öffentlich gelesen, die in Deutschland schwer verpönt waren, und Niemand war deswegen mit der Regierung unzufrieden. Jeder aß und trank, sagte sein Bonmot glücklich oder unglücklich und ging in das Comtoir, das Gericht oder auf den Exercirplatz. Er hatte nicht zu klagen; und Diejenigen, welche vielleicht zu klagen gehabt hätten, lasen überhaupt gar keine Bücher und werden wol in einem Jahrhunderte noch keine lesen. Fremde wunderten sich, in Rußland so liberale Gesinnungen in dieser Rücksicht bei der Regierung zu finden. Der Franzose, der Engländer, der Deutsche fanden ihre classischen Landsleute wieder und in größern Ehren als zu Hause. Nun erscheint auf einmal ein strenges Censuredict, um den neuen Sauerteig auszufegen, damit er ein alter Teig werde. Die Absicht des Monarchen dabei ist gewiß höchst heilsam; es fragt sich aber, ob sie durch das Mittel erreicht wird. Dem Fortrücken einer Nation in ihrer Bildung auf diese Art Grenzen zu setzen, ist bei der jetzigen Publicität etwas schwer. Es wird confiscirt und verbrannt, was man confisciren und verbrennen kann, unstreitig weit mehr, als der Wille des Monarchen und des Ministeriums ist. Es ist nur Schade, daß oft gleichgiltige Bücher durch diese Criminalprocedur erst ein Interesse gewinnen und gesucht werden, daß man dann erst anfängt, sie zu studiren, zu verstehen oder mißzuverstehen und das etwanige Gift herauszusaugen. Ein verbranntes Buch wirkt nur stärker durch das Feuer; und eine Menge Bücher würden nicht so viel Credit erhalten haben, wenn sie nicht verbrannt worden wären. Es ist wol eigentlich eine ziemlich gleichgiltige Sache, ob man den »Deutschen Merkur« in Riga confiscirt und den Genius der Zeit verbrennt oder nicht; aber gewiß gewinnen beide Producte nur desto mehr die Aufmerksamkeit des nordischen Publicums, wenn es auch nur aus Neugierde und bloßem Spieltrieb wäre, und ein einziges verborgenes Exemplar wird mehr gelesen als sonst funfzig. Das Censuredict ist freilich nicht mehr und nicht weniger strenge als in den meisten übrigen Ländern, aber bei dem ungeheuern Geschäftskreise in Rußland haben die Censoren ausgebreitetere Macht, willkürlich ihr Autodafé über jedes Buch zu halten, das irgend eine Ketzermiene trägt. Es werden dazu nicht immer Männer von liberaler Sinnesart genommen, aber wohl Männer von Gewissenhaftigkeit im theologischen und politischen Verstande, die dann freilich den Spaniern wenig nachgeben werden. Die Geistlichkeit hat dabei Gelegenheit, den Rest ihres kanonischen Ansehens zu retten, und die kleinliche Engbrüstigkeit der Gerichtsleute spricht Anathema über Alles, was auf irgend eine Weise eine etablirte Ehrenkaste beleidiget oder ihre Befugnisse mit der Sonde der Vernunft zu berühren scheint. Man thut, glaub' ich, den Büchern und Bücherschreibern zu viel Ehre, wenn man so große kosmische Wirkungen auf ihre Rechnung setzt, obgleich ihr mittelbarer Einfluß auf Nationalangelegenheiten nicht ganz zu verkennen ist. Wahrheit dringt endlich ohne Buch durch, und Glaukome halten sich in den besten Schriften in die Länge nicht. Das meiste Gute und Böse ist ohne Bücher geschehen, und das mit Recht; denn es geschah aus der menschlichen Natur nach Ursachen, die tiefer liegen als auf Papier und Pergament. Die Römer hatten keine Bücher, als ihre Plebejer auf den heiligen Berg gingen und sich ihre Tribunen ertrotzten. Die Griechen hatten außer ihrem Homer und Hesiod, die nichts weniger als Freigeister waren, kein Buch, als sie bei Marathon schlugen und ihren Schriftstellern durch ihre Thaten erst Stoff zur Geschichte gaben. Weder Rousseau noch Voltaire noch Mercier haben die französische Revolution bewirkt; wenigstens ist ihre Mitwirkung wie ein Regentropfen, der in den Ocean fällt. Wäre der Adel in Frankreich in der Behandlung seiner Unterthanen nicht noch so ostgothisch und die Geistlichkeit nicht gedankenlos sybaritisch gewesen; hätte die Regierung nicht das Mark der Nation verschwendet, um dann an ihren Knochen zu nagen; hätten Alle zusammen etwas mehr auf die wahre Natur des Menschen calculirt: so hätte Voltaire spotten und Rousseau predigen, Voltaire zehn »Mahomets« und Rousseau zehn »bürgerliche Verträge« schreiben mögen: die Franzosen hätten sie gelobt und getadelt und wären ruhig geblieben. Um eine Nation zu verführen, muß die Nation unzufrieden sein; und diese ist es nie bei einer guten Regierung. Die französische Regierung hat sich selbst gestürzt; die Nation hat Rousseau's »Contract« erst spät nachher zu ihrem Katechismus gemacht. Ob es gleich das wichtigste Werk des Mannes ist, so nannte man es doch kaum unter seinen Meisterstücken, und la loi naturell , die größte Arbeit Voltaire's, wird neben seinem Mädchen und seinen prächtigen Theaterstücken und philosophischen Rhapsodien kaum bemerkt. Hat Aretin durch seinen Spott den italienischen Fürsten großes Leid zugefügt? Er wurde die Geißel der Fürsten genannt; aber keiner ist von seiner Geißel gestorben, noch durch ihn um eine Mahlzeit ärmer geworden. In Rom beförderte die griechische Philosophie des Karneades und Consorten wol vielleicht die Despotie, aber Brutus konnte mit der ganzen Stoa das alte Staatsgebäude nicht retten, und keine philosophische Secte war doch eine so große Stütze der Freiheit als die Stoa. Die Revolutionen wurden immer durch innere Krankheiten verursacht. Wo die Könige fielen, haben sie durch ihre bösen oder übel berechneten Anschläge ihr Urtheil selbst geschrieben. Wie will ein Mann über Menschen herrschen, der die Menschen nicht kennt? Durch Liberalität ist noch keine Regierung gestürzt worden, aber wohl durch engbrüstige despotische Einschränkung. Nie hat wol ein Mann willkürlicher regiert als Friedrich der Zweite; aber er war ein Mann in dem ächten Sinne des Worts, und in keinen Staaten herrschte größere Freiheit des Kopfs als in den seinigen. Wo die Grundlage der Regierung Gerechtigkeit, Volkswohl und Humanität ist, hat Niemand etwas Besseres zu wünschen, und die Machinationen der Uebelgesinnten zerstieben wie schlimme Dünste in einem strengen Morgenwinde. Die Büchercommissionen in Petersburg, Moskau und Riga bestehen meistens aus Russen, einem Geistlichen, einem sogenannten Gelehrten und einer Civilperson. Die Engbrüstigkeit der Geistlichkeit kennt man an allen Orten, und nirgends ist im Durchschnitt diese Menschenclasse alt rechtgläubiger, das heißt vernunftleerer als in Rußland. Es giebt Ausnahmen; aber selten sind die Ausnahmen Büchercensoren; und selbst freimüthige Denker ihres Standes gewinnen durch das Furchtbare ihres Auftrags eine gewisse Angst, in welcher sie gern die Vernunft gefangen nehmen unter dem Gehorsam der Ordonnanzen. Wenn man nun auch alle neue Broschüren unterdrückt, confiscirt und verbrennt, kann man denn auch die classischen Werke der gebildeten Nationen vernichten, die in Jedermanns Händen sind, ohne zu befehlen, es soll alte Barbarei sein? Kann man alle Rousseaus und Voltaires und Raynals, alle Shaftesburys und Bolingbrokes auf den Scheiterhaufen tragen? Und gesetzt, dieses wäre möglich, so darf unter schwerer Verpönung Niemand den Cicero und Plato in die Hand nehmen, Niemand den Livius, Thucydides und Plutarch lesen, der nicht von dem bösen Enthusiasmus des Alterthums angesteckt sein will. Die Krankheit der Freiheit ist bei ihnen etwas heftiger epidemisch und etwas weniger vernünftig als vielleicht bei den meisten Neuern. Die Regierungen mögen nur sorgen, daß sie selbst gut seien, gut werden und gut bleiben, das Volk wird gewiß nicht böse sein. Es ist eine glückliche gutmüthige Schwachheit des Volks, daß es sich führen läßt, so lange man es nur leidlich führt. Die Minister, welche laut das Gegentheil schreien, sind vermuthlich keine guten Führer, oder sie traten schon in unleidliche Verhältnisse. Ich kann und mag hier nicht untersuchen, inwiefern gänzliche Preßfreiheit dem Staate gefährlich werden könne; aber daß die Eingeschränktheit der politischen und religiösen Bonzen recht eigentlich dazu gemacht ist, alles Emporstreben des Geistes zuerst niederzudrücken und dann durch den Druck emporzuheben, ist eine Wahrheit, die jetzt wol Niemand mehr leugnet, Niemand mehr zu bekennen Bedenken trägt. Es leiden unter der Veranstaltung nicht blos einige Buchhändler und Liebhaber; diese können sich leicht trösten, oder ihre Klagen sind von keiner Wichtigkeit. Aber man macht die Menge mißtrauisch und flößt ihnen den Gedanken ein, die Regierung verrathe Furcht. Furcht ist überall ein schlimmes Zeichen, am Allermeisten bei Männern, die am Ruder sitzen. Die Klugheit muß, wenn sie consequent mit sich selbst handeln will, nicht den Strom zu dämmen, sondern ihn abzuleiten suchen, sonst geht es vielleicht wie mit dem schlecht berechneten Rigischen Wasserbau an der Düna: die Fluth bricht durch und wirft wenigstens Sandbänke in das Fahrwasser, welche sehr hinderlich sind. Die Veränderungen bei dem Militär sind wichtiger, sind von der größten Wichtigkeit. Daß der Kaiser sie für Verbesserungen hält, ist kein Zweifel; sonst würde er gewiß keine einzige verordnet haben, da die Kosten sich jetzt unendlich höher belaufen müssen als nach dem alten Etat und man im Ueberschlag der russischen Finanzen kaum begreiflich findet, wie diese neuen Kosten für so ungeheure Truppencorps ohne neue Beschwerde zu erschwingen sind. Die Oekonomie, welche durch Reduction des glänzenden überflüssigen Hofstaats und der innerlichen Einrichtung in den Provinzen hier und da gemacht wird, scheint bei Weitem nicht hinreichend, diese neuen Bedürfnisse zu bestreiten und die Staatspapiere wieder in völlig giltigen Credit zu setzen oder sie endlich ganz zu tilgen, wie der Vorsatz des Monarchen ist. Aber ohne diese Rücksicht, welche blos Sache der Staatswirthschaft ist, wollen wir erwägen, ob, militärisch genommen, die neue Ordonnanz besser ist, als die alte war. Als Peter der Erste nach Aufhebung der Strelitzen sein Militär gründete, nahm er seine damaligen Muster von stehenden Heeren, die er auf seinen Reisen gesehen und beobachtet hatte, und vorzüglich von seinen Nachbarn, den Brandenburgern, deren Kriegsrenommee schon damals ziemlich gestiegen war. Staat, Ordonnanz und Bezahlung der Officiere war also gleich anfangs auf ziemlich gleichem Fuß mit dem Deutschen. Seine gemeinen Soldaten konnte er durch eigene Lieferung der Lebensmittel weit wohlfeiler unterhalten, so daß der russische Soldat außer allen seinen Bedürfnissen ungefähr jährlich nur sieben Thaler zur Reinlichkeit und zu kleinen Notwendigkeiten erhielt. Der Proviant kostete, hochgerechnet, der Krone doch gewiß nicht mehr als eben diese Summe von sieben Thalern auf den Kopf, und die Bekleidung war verhältnißmäßig ebenso wohlfeil und ebenso gut als die deutsche. Die russischen Truppen waren also für kaum zwei Drittheile der Summe, welche nach deutschem Fuß der Kriegsmann kostet, ebenso gut oder noch besser gekleidet und besser und sicherer verpflegt als die preußischen. Krieg und Friede machten keinen Unterschied, und der russische Soldat war immer auf Kriegsfuß, da er im Sommer beständig im Lager stand. Die verstorbene Kaiserin gab der Armee in den letzten Jahren ihrer Regierung, sowol den Officieren als den Gemeinen, Zulage, so daß die letztern nun ungefähr jährlich elf Thaler erhielten. Uebrigens blieb Alles bei der alten Einrichtung. Ihre Kleidung war von Peter's des Ersten Zeiten an herab bis auf das Commando des Fürsten Potemkin auch der deutschen ziemlich ähnlich, nur noch etwas steifer und gezwungener. Potemkin, ein Mann, dem man einen vielumfassenden Geist nicht absprechen kann, sah das Unzweckmäßige und Beschwerliche dieser Tracht, zumal in dem russischen Klima, ein. Er machte unstreitig bei der Armee, vielleicht aus bloßer Neuerungssucht, manche Veränderungen, die nichts taugten; besonders litt die Disciplin, welche vorher und vorzüglich unter Romanzow vortrefflich gewesen war, durch seine ungewöhnliche Nachsicht außerordentlich, so daß es wol Leute giebt, die ihm deswegen böse Absichten beimessen, weil er die ersten Generale mit despotischem Stolz behandelte und den kleinen Officier und gemeinen Mann durch übertriebene Gelindigkeit und Popularität an sich fesselte. Sein moralischer Charakter kann hier nicht in Betrachtung kommen, wir reden nur von dem, was er bei der Armee gethan hat; und darunter sind gewiß mehrere Anordnungen, die nach dem Urtheile aller ächten Militäre zweckmäßig und also gut waren. Er ließ die Soldaten Locken und Zöpfe abschneiden, und dadurch gewannen sie beträchtlich in der Schnelligkeit des Anzugs und verloren nichts an kriegerischem Ansehen. Er gab ihnen anstatt der dreieckigen Hüte eine wohlgebaute Kaske, wo ein metallenes Stirnband die Stirn vor dem Schuß und ein großer eiserner Bogen oben über den Kopf den Mann am Schädel ziemlich gegen den Hieb sicherte. Der Bogen war mit dicker, schön gekämmter Wolle oder mit Roßhaaren umwunden, um desto mehr aufzuhalten und dem Ganzen ein größeres Ansehen zu geben. Anstatt des deutschen Zwitterdings von Rock gab er eine Kurtke, die durchaus völlig und warm und gewiß zum Marsch das beste Leibkleid war. Anstatt der kurzen unbequemen Beinkleider erhielten die Leute lange Hosen nach Art der ungarischen, nur weiter und gemächlicher. Die Gamaschen wurden in jeder Rücksicht durch die Stiefeln ersetzt, nur daß diese etwas theurer waren. Auf diese Art gekleidet, erreichte der Soldat alle Zwecke seiner Bestimmung; er war leicht, frei, gewandt, ansehnlich und vor Allem in kurzer Zeit fertig. Das quod quis per pauca ist wol nirgends eine herrlichere Regel als bei dem Kriegsmanne und im Kriege. Parade ist zwar das Allerletzte in militärischer Berechnung, aber wo sie als ein Accidens sich finden kann, ist sie doch dem Mann von Geschmack nicht unwillkommen; und man kann kaum einen schönern, kriegerischen Aufzug denken, als ein russisches Regiment auf diese Weise machte. Wenn der Fürst Potemkin diese Erfindung nicht aus sich selbst nahm, sondern sie ihm von fremden Officieren angegeben ward, so verliert sie dadurch nichts von ihrem Werth, sondern gewinnt vielmehr, weil auch eine andere wackere Nation schon vorher ihre Zweckmäßigkeit einsah. Die Montirung ist nämlich mit außerordentlich kleinen Veränderungen und den Zugaben der Hosen die Montirung der Bergschotten. Jedermann weiß, welche brave Truppen diese Leute sind, wenn sie sich gleich von dem Parlament keine Hosen wollten anziehen lassen. Diese ganze Kleiderordnung des Militärs hat der Kaiser verändert und fast wieder auf den alten Fuß gesetzt. Gewöhnliche Leute scandalisiren sich über den neuen grotesken Anzug; das ist wol Kleinigkeit, und in einigen Monaten wird er dem Auge gewöhnlich oder gewinnt wol gar eine Art von Hogarthischer Schönheit. Aber erreicht denn die alte erneuerte Einrichtung besser die Absichten des Militärs als die cassirte? Ich zweifle, daß dieses die Meinung irgend eines unparteiischen Sachkundigen sein wird. Vieles ist dabei schlimmer und nichts besser; und gesetzt, daß Alles wenigstens ebenso gut wäre, so wäre die gleichgültige Aenderung schon deswegen weniger gut, weil sie Aenderung ist. Individuen, deren Geist voll Unruhe und Spieltriebes ist, machen gern in ihren Erscheinungen so viel verschiedene Nuancen, als sie können; aber eine ganze Nation bleibt gern bei dem alten Gleise, wenn sich nicht ihr Genius nach und nach selbst anders stempelt. Unter Peter dem Ersten war der Fall anders. Damals war die Reform durchaus nothwendig. Die Russen waren damals in jeder Rücksicht halbe Barbaren und mußten den Schritt in Allem von ihren Nachbarn lernen, die vorangegangen waren. Jetzt ist dieses nicht mehr; sie können sich schon allein durch sich selbst halten und heben, und die beabsichtigte Reform scheint wirklich nicht Reform zu sein. Angesehene Generale sollen dieses dem Kaiser vorgestellt haben. Selbst Suworow, den die Russen nach der Schlußfolge des Herrn Pangloß billig für den ersten Militär der Welt halten, soll ihm mit seinem gewöhnlichen lakonischen Geiste bemerkt haben, Zöpfe seien keine Bajonnette und Locken keine Kanonen, und der Russe werde mit Gamaschen um kein Haar breit besser Batterien nehmen als in Stiefeln. Der Kaiser befahl die Veränderung. Das ist freilich eine hinreichende Bestimmung zum Gehorsam, aber noch kein hinlänglicher Grund, sie deswegen gut zu finden. Mehrere Regimenter kamen mit ihren Officieren zum Monarchen und baten, man möchte ihnen lieber die neue Zulage an Gehalt wieder nehmen und ihnen ihren Anzug lassen, sie wären daran gewöhnt, und er wäre der beste. Niemand kann wol besser über Zweckmäßigkeit und Bequemlichkeit eines Anzuges urtheilen, als die ihn tragen, wenn es nicht Petitmaitres der feinen Welt sind, welche der Mode zu Gefallen nicht selten Angstschweiß schwitzen; zu diesen darf man aber wol die gemeinen Russen nicht rechnen. Der Kaiser war unerbittlich, und die Antiquitäten wurden erforderlichen Falles mit dem Stock wieder retablirt. Man muß zugesehen haben oder, noch besser, selbst Rekrut gewesen sein, um von der penibeln Aengstlichkeit des Gamaschenanzugs, des Zopfwickelns und des Lockendrechselns einen completten Begriff zu haben. Nun denke man sich ein Regiment ächter Russen, die sechzehn Jahre gleich kriegerisch, bequem und geschmackvoll sich gekleidet hatten, und die nach des Kaisers neuem Befehl nun auf einmal wieder unter das Bügeleisen eines stockgerechten steifen Corporals sollen. Sie werden das bald können und thun – denn der Russe kann Alles – aber sich deswegen um keinen Kopeken besser befinden. Die russische Infanterie hatte, die Grenadiere ausgenommen, wie billig, keine Seitengewehre. Wozu soll der Soldat mit mehr belastet werden, als ihm nöthig ist? Wenn der Infanterist trotz seinem Bajonnett verloren ist, so wird ihn kein Säbel retten. Das Bajonnett ist seine Stärke. Der Fürst Potemkin hatte einigen Grenadierregimentern ziemlich schwere handbreite Säbel gegeben, mit sehr guter Berechnung; nicht zum Gefecht – denn da sind sie unnütz und nie gebraucht worden – sondern zum Wegehauen durch Waldung und zum Faschinenarbeiten, wozu denn doch ausschließlich die Grenadiere bei allen Armeen jetzt gebraucht werden. Er würde sie allen Grenadierregimentern gegeben haben, wenn er länger gelebt hätte. Der erste Anblick eines solchen Säbels steht freilich sehr schlächtermäßig aus und hat doch für die Action keinen Vortheil; wenn man aber überlegt, warum er eigentlich getragen wird, so ist kein Instrument bequemer zu einer solchen Absicht. Er ist eigentlich mehr Beil als Säbel und nur auf diese Weise leicht tragbar gemacht. Der Kaiser hat diese Säbel abgeschafft und an ihre Stelle andere gesetzt, wie sie die ganze preußische Infanterie ganz zwecklos trägt. Vorher war der russische Soldat leicht, frei und stolz und hielt sich für den ersten Soldaten in der Welt. Man sollte ihm wenigstens seine Originalität und seine eigene Meinung der Überlegenheit lassen, welche bei dem gemeinen Mann eines Truppencorps durchaus keine Chimäre ist, so gefährlich sie oft werden kann, wenn sie auch der Officier hat. Darin besteht sein Enthusiasmus und sein felsenfester Muth, den der Befehlshaber nur benutzen darf. Nun sind aus guten Originalen, wofür sich die Russen nicht ganz ohne Grund hielten, mittelmäßige Copien geworden, Copien von Truppen, denen man schon längst den Vorrang abgewonnen zu haben glaubte. Man hätte die Nationalmeinung schonen sollen und das fremde Gute unbemerkt benutzen können. Niemand, der nur einige Kenntnisse vom Metier hat, wird leugnen, daß das preußische Militär noch einige wesentliche Vorzüge habe; aber ihre Kleidung ist gewiß das Gegentheil von einem Vorzuge. Die Preußen haben vorzüglich Festigkeit des Marsches, halten meistens richtig Linie, ohne zu wogen, beobachten den Schwenkpunkt mit exemplarischer Genauigkeit; ihr Gewehr hat einen bessern innern Bau als das russische, und sie handhaben dieses Gewehr noch besser als irgend ein anderer Soldat. Diese Vortheile hätte man nehmen können und sollen. Freilich wird der Kaiser auch diese nehmen wollen; sie sind aber nicht so leicht übergetragen als Hut und Locke und Zopf, die kaum des Transports werth sein dürften. Die russische Ordonnanz wollte von jeher auch diese wesentlichen Vorzüge; aber die russischen Officiere scheinen jetzt noch nicht bis dahin zu arbeiten. Mit dem gemeinen Mann läßt sich überall Alles machen. Es würde den Russen in ihrem alten Anzug leichter geworden sein, ihre sogenannten Meister zu übertreffen. Nunmehr müssen sie erst wieder anfangen und sich in einer neuen Kleidung leidlich befinden lernen. Etwas Wesentliches wäre die Veränderung der Gewehre gewesen. Jedermann begreift beim ersten Anblick, daß das konische Zündloch und der cylindrische Ladstock von der größten Wichtigkeit seien. So lange wir noch kleines Feuergewehr haben, ist Schnelligkeit des Feuers ein Haupterforderniß. Ob für das kleine Feuergewehr kein besserer Ersatz möglich ist, bleibt eine andere Frage. So lange wir aber noch schießen, müssen wir so ordentlich und schnell als möglich schießen. Dazu ist das preußische Gewehr am Besten eingerichtet. Man macht ihm vielleicht den Vorwurf der wenigern Wirkung; aber dieser ist unbeträchtlich, und der kleine unmerkliche Nachtheil wird vielfach durch die größere Geschwindigkeit ersetzt, da es bei dem kleinen Feuer doch mehr auf Genauigkeit und Geschwindigkeit als auf Kraft ankommt. Wenn nur der Mann verwundet und aus dem Gefecht gebracht wird, ist die Absicht erreicht; es ist nicht nöthig, daß er getödtet werde. Das Erste hat noch den Vorzug der sichern Humanität in Gelegenheiten, wo sie so selten, so theuer und oft so gefährlich ist. Die Preußen schießen mit ihrem Gewehr gewöhnlich siebenmal in einer Minute; die Russen können durchaus nicht mehr als fünfmal schießen. Ich habe von den Regimentern, die ich zu sehen Gelegenheit hatte, keines gefunden, das mehr als dreimal geschossen hätte. Höchst wahrscheinlich werden die Gewehre auf preußische Art eingerichtet; aber dieses ist keine Arbeit von einigen Monaten. Das russische Bajonnett ist besser gebaut als das preußische, und ich glaube, jede Veränderung in demselben würde zweckwidrig sein. Man nimmt an, daß das schwedische und schottische die besten Bajonnette sind; aber nach diesen kommt gewiß gleich das russische. Niemand wird leugnen, daß die Russen das Bajonnett zu führen verstehen. Aber daß sie mit demselben so viel und so außerordentlich gearbeitet haben, beweiset allein noch nichts, weder für die Güte der Truppen noch der Bajonnette. Die Türken haben keine Bajonnette und sind folglich mathematisch verloren, sobald es zum Handgemenge kommt, wenn auch hier und da einer ihrer vortrefflichen Säbel einen Schädel spaltet und einen Gewehrlauf durchhaut. Bei Otschakow und Ismail war dieses der Fall. Die einzige Gelegenheit, wo die Russen ihr Bajonnett auch gegen Bajonnett und Pike mit furchtbarer Wirkung brauchten, war bei Praga. Aber das Schrecken war vor Suworow hergegangen, und die Polen in den Werken waren durch anhaltende Arbeit und Mangel so entkräftet, daß man sie kaum mehr für Soldaten halten durfte. Die Polen haben bei der letzten Revolution zu ihrem Schwanengesange den Preußen und Russen bei mancher Gelegenheit gezeigt, daß beide nicht so entschieden Meister des Handwerks sind, und hätte der vaterländische Genius die armen Sarmaten fünfzig oder nur zwanzig Jahre früher geweckt, sie wären nicht weggewischt worden aus den Völkern der Erde. Doch auch so ist die Epoche ihres Todes das Schönste von ihrem Leben seit einem Jahrhunderte. Man sagt, der Kaiser Paul wolle auch das Bajonnett nach Potsdamer Art machen lassen. Der Vorzug des russischen Bajonnetts zeigt sich gleich mathematisch dem Auge, da es sich mit dem Preußischen noch nicht gemessen hat. Denn wenn im siebenjährigen Kriege die Preußen auch einige russische Batterien nahmen, so hatte die Artillerie schon zu fürchterliche Bresche geschossen oder das kleine Feuergewehr so entschieden vorgearbeitet, daß der Angriff auf das Bajonnett nicht in Betrachtung gezogen werden darf; und die Russen haben es, obgleich mit vielem Verluste, reichlich zurückgegeben. Der Nachtheil in der Veränderung des Bajonnetts würde zwar nicht beträchtlich sein, aber der gegenwärtige Vortheil ist doch besser. Wenn das Instrument etwas leichter, spitziger und länger ist, so ist es brauchbarer als ein schwereres, das vielleicht in nicht ganz richtigem Verhältnisse zum Gewehre steht. Daß der Kaiser die Disciplin auf einen etwas festern, bestimmtem Fuß gesetzt hat, oder vielmehr, daß er nur strenger darüber gehalten wissen will, ist für die ganze Armee eine vortreffliche Sache. Bisher war der Oberste der Kaiser seines Regiments, und der Befehlshaber des Corps ging mit dem Obersten ebenso willkürlich um. Dieses Bassawesen stieg vom Commandeur en chef herab bis zum Corporal, so daß fast Niemand seine Pflichten und Rechte kannte und der ganze Dienst aus lauter blindem, staarblindem Gehorsam zu bestehen schien. Der Capitän oder vielleicht ein noch kleinerer Officier ließ willkürlich einem Manne ohne Proceß sechshundert Stockprügel geben, dagegen der Oberste den Officier in einer ganz fremden Sache böotisch durackte; Durack! »Du Narr«, ist im Russischen das gewöhnliche verächtliche Schimpfwort und ebenso beleidigend, als ob man im Deutschen Jemand einen H–t nennte, wofür sich Militäre nothwendig die Hälse brechen müssen. und Alle glaubten, daß dieses so sein müßte, oder daß man es wenigstens nicht ändern könnte. Nach der Verfügung des Kaisers ist der Oberste nicht mehr Tyrann seiner Officiere, der Officier nicht mehr Tyrann seiner Soldaten. Jeder weiß seine Pflicht und seine Strafe für die Vernachlässigung derselben. Für diese strenge Verordnung werden Alle dem Monarchen laut danken, ob sie gleich Manchen heimlich wehe thun wird, die nun den Eigensinn ihrer ungezogenen Laune nicht mehr an ihren Untergebenen auf ihre eigene Weise auslassen dürfen. Die Obersten hatten die uneingeschränkte Oekonomie der Regimenter und gewannen bei der Cavallerie jährlich zwanzig und mehr tausend Rubel, nachdem die Standquartiere weniger oder mehr vorteilhaft waren. Als Soldat kann der Soldat ehrlicherweise durchaus nichts Beträchtliches erwerben; man kann also denken, wenn es ja ehrlich herging, daß es sehr kaufmännisch hergehen mußte. Der Kaufmann und der Oekonom können ehrlich reich werden, aber kein Mann, der in öffentlichen Diensten steht. Der Oberste hatte zum Abschluß der Rechnungen doch die Capitäne nöthig, und wenn er dieselben ja noch etwas schonte, so geschah es blos, damit sie keine Schwierigkeiten bei den Unterzeichnungen der Rechnungen machen möchten. Der Soldat suchte sich im Quartier am Wirth zu erholen, und der Oberste ließ die Disciplin schleichen, damit von den Soldaten keine Klagen entständen; die Wirthe wußte man schon zu beschwichtigen. Was hier gewonnen wurde, fraß der ungeheure Luxus; denn selten ward ein Oberster reich. Equipage, Tafel, Spiel und Galanterie waren die gewöhnlichen Ableiter der Börse. Wenn der Oberste nicht bald, nachdem er ein Regiment bekommen hatte, ein Silberservice besaß, so galt er kaum für einen rechtlichen Mann seiner Brüderschaft. Es ist nicht nöthig zu sagen, daß es vorteilhafte Ausnahmen gab; da waren die Obersten aber ungewöhnlich reich oder ungewöhnlich ehrlich oder Beides zusammen, und diese Fälle waren nicht alltäglich, so daß es sogar zum Sprichworte unter den Russen geworden war, ein Oberster müsse stehlen. Diesem Unwesen sucht der Kaiser durch Ordnung und strengere Aufsicht zu steuern. Der Himmel gebe, daß er seine Absicht erreiche; denn die Krankheit ist groß und erstreckt sich von oben herab bis auf den gemeinen Mann. Das Einquartierungssystem ist noch ferner eine Aenderung bei dem Militär, die nach dem preußischen Fuße gemacht zu sein scheint, die aber in Rußland in der Anwendung große Schwierigkeiten haben dürfte. Bisher lag nicht allein die Reiterei, sondern auch ein großer Theil der Infanterie auf dem platten Lande in den Dörfern zerstreut einquartiert und marschirte monatlich ungefähr nur einmal nach dem Stabsquartier zur Wache oder dem übrigen Dienst, wo sodann die Wachen oft acht Tage ohne Ablösung standen. Tägliche Ablösungen fand man im russischen Dienst nicht, und wo die Truppen auch in Hauptörtern sehr dicht lagen, geschah doch die Ablösung immer nur alle drei Tage. Der Kaiser hat nun die täglichen deutschen Ablösungen eingeführt. In Petersburg, Moskau, Riga und einigen andern beträchtlichen Garnisonen hat dieses unstreitig keine Schwierigkeit und giebt dem Dienste ein lebendigeres Ansehen. Damit dieses nun gar keine Schwierigkeit habe und alle Truppen besser zusammen den Dienst besorgen und ihre Manöver machen mögen, hat er alle Infanterie in die Städte zusammengebracht. In Deutschland und allen übrigen südlichern Ländern Europa's ist dieses sehr leicht, und sowol Militär als Städte gewinnen durch die Einrichtung. Aber der Kaiser hat verhältnißmäßig nicht die Anzahl von Städten, die der König von Preußen hat, und die wenigen sind bei Weitem noch nicht von der Beschaffenheit der meisten deutschen Oerter. Wenn nun, wie bestimmt ist, in Riga zehntausend und in Mitau nur sechstausend Mann stehen sollen, so wissen weder Soldaten noch Bürger, wo sie vor Angst Platz nehmen und geben sollen. Der Soldat weiß sich endlich wol zu rathen und zusammenzuschichten; aber wie wird dem Bürger zu Muthe sein, der in seinem Häuschen vielleicht nur einige kleine Zimmer zu seiner Hantierung und Wohnung für sich und seine Familie hat, wenn er noch sechs, zehn bis fünfzehn Mann mit allem ihrem Gewehr und Packwerk unterbringen und sie mit nothwendigem Platz zu ihrer Arbeit versehen soll? Riga muß wie im Belagerungszustand sein, nur mit dem Unterschiede, daß man auf keine Erlösung hoffen darf und die Hälfte der Besatzung nicht immer auf den Wällen ist. Der Soldat befand sich vorher den ganzen Sommer in seinem Lager so wohl; er war so recht in seiner eigenen Sphäre und hatte Freiheit und Spielraum, sein Wesen nach Belieben zu treiben; und ich zweifle, ob ihm das neue feste Quartier behagen und seinem Militärgeiste Vortheil bringen werde. Der Endzweck des Manövrirens wurde im Lager weit besser erreicht; denn gewöhnlich campirten immer einige Regimenter aus der ganzen Provinz zusammen. An Lagerplätzen fehlt es in Rußland nie, und der Soldat ist durchaus mehr in seinem eigentlichen Fache im Lager als im Quartier. Man kann in Rußland zuweilen ganze Tage reisen, ehe man in einen Ort kommt, der den Namen einer Stadt verdient. Lievland ist keine der leersten Provinzen; wenn man nun aber nach Walk oder Werro nur ein Bataillon legen wollte, in welche Verlegenheit würde man die Soldaten und in welche Angst die Bürger versetzen! Ein russischer Soldat ist freilich ein Inbegriff aller Handwerke, um sich sogleich nöthige Bequemlichkeit zu verschaffen; aber seine Arbeit ist doch mehr für das Lager, und hier schont er in der That rund umher der Wälder nicht sonderlich, wenn er Holz zu seinen etwanigen Bauen braucht. Daß der Bürger unter dem neuen Einquartierungssystem sehr leidet, ist wol ohne Zweifel, und daß der Soldat dadurch gewinne, unwahrscheinlich. Mit den ersten schönen Tagen des Frühlings sehnte sich der russische Soldat ins Lager, um sich dort in und vor dem Zelte ungestört mit seinen Kameraden recht wohl zu befinden. Natürlich war es, daß er mit Anfange des Septembers, wenn das Wetter sehr unfreundlich und strenge zu werden anfing, sich auch wieder nach dem Quartier sehnte. Aber war nicht dieser Wechsel für ihn der größte Vortheil? Alles geschah nach der Natur und nach seinen Wünschen, und dann ist ja der Mensch am Zufriedensten. Was gegen den Winter in Städte bequem einquartiert werden konnte, wurde in Städte verlegt, und die Uebrigen befanden sich auf dem Lande bei den Bauern um nichts schlimmer. Daß dann und wann ein Huhn oder ein Dutzend Kohlköpfe gestohlen wurden, ist wol nirgends eine seltne Erscheinung, und welche die wachsamste militärische Polizei noch weniger bei der neuen Einrichtung verhüten wird. Wenn der Kaiser dem Militär die Zulage bei der alten Ordonnanz hätte geben wollen; wenn er nur streng auf Ordnung und Mannszucht hätte halten lassen; wenn er nur die ächten Vorzüge des fremden Dienstes dem russischen gegeben hätte, ohne diesem seine eigenen ächten Vorzüge wegzunehmen: so wäre gewiß in Kurzem der russische Dienst ausschließlich der erste an wahrem militärischen Werth geworden. Denn entschieden ist, daß keine Nation mehr persönlichen Muth, mehr ausdauernde Kraft, mehr guten Willen und mehr Gehorsam hat als die russische. Das hat sie seit Peter's des Ersten Zeiten bei hundert Gelegenheiten vom Jenesey bis an den Rhein bewiesen. Die Militärgesetze waren bisher in jeder Rücksicht recht gut; aber sie wurden nur nicht gehalten. Nach Peter's des Ersten Ordonnanz wurde Jeder sehr hart gestraft, der ohne Befehl des Commandeurs auch in feindlichem Lande nur einen Baum niederhauen ließ. Münch und Romanzow hielten auf diesen Artikel noch mit Strenge. Potemkin bekümmerte sich nichts darum, und unter Suworow und Igelström wurden ganz schöne Baumpflanzungen vernichtet. Freilich geschah es nicht auf ihren Befehl, aber es geschah doch unter ihrem Befehl. Peter sahe ein und bewies durch seine eigene Arbeit, daß ein Baum ein Heiligthum sei, und man sich keine Secunde besinnen müsse, zu pflanzen, aber Jahre, um niederzuhauen. Repnin ist vielleicht von allen russischen Generalen der einzige, der die Humanität dieser strengen Verordnung noch fühlt und übt. Strenge und Ordnung würden schnell dem Dienst in und außer der Linie eine andere vollkommenere Gestalt gegeben haben, ohne ihn ganz zu Metamorphosiren. »Prüfet Alles, das Gute behaltet!« sagt der alte Namensbruder des Kaisers, ein Mann, der so viel Welt gelesen hatte, daß er gewiß im erforderlichen Falle auch kein schlechter General würde gewesen sein. Zu bedauern würde es sein, wenn der Kaiser auch die großen, runden asiatischen Zelte gegen deutsche umtauschen wollte. Wer soll die Oekonomie des Zeltes wol besser kennen als Nationen, welche selbst beständig Zeltbewohner sind? Wenn das runde Zelt in die russische Armee gekommen ist, weiß ich nicht. Vermuthlich hat es Peter der Erste, welcher überall das Zweckmäßige schnell durchschaute, gleich bei der Organisirung aufgenommen; aber gewiß ist es, daß keines seine wahre Bestimmung besser erreicht als eben dieses. Die Maschinerie ist außerordentlich einfach und leicht. Es ruht auf einer einzigen Stange, rund umher ausgespannt, anstatt daß unsere auf einem Joche liegen. Die unsrigen geben höchstens nur für sechs Mann Platz. Das deutsche hat wenigstens hinten noch den sogenannten Sack zur Bergung der Menage; aber das englische ist hinten gerade herunter ganz abgestutzt und hat noch weniger Raum. In dem russischen liegen achtzehn bis zweiundzwanzig Mann mit ziemlicher Bequemlichkeit um die Stange herum, mit dem Kopfe nach der Peripherie des Zirkels. Auf diese Weise liegen die Füße einwärts warm zusammen, und die Körper sind nicht gedrängt und können sich wenden und zusammenrücken und von einander entfernen nach Gefallen. Wer in einem vollen Zelte geschlafen hat, wird wissen, welche Wohlthat es ist, wenn man durch die Entfernung einiger Kameraden im Dienst etwas mehr Raum gewinnt. Dieses abgerechnet, hat das große runde Zelt noch andere wesentliche Vorzüge. Daß es bessere Parade macht, ist für nichts zu nehmen; denn dafür giebt die Menge der kleineren einem Corps mehr das Ansehen der Stärke. Aber es ist besser für den Transport, weil es verhältnißmäßig leichter ist. Ein großes Zelt ist zwar schwerer als ein kleines; aber es ist doch nicht so schwer als drei kleine. Die große Stange wiegt zwar mehr als eine kleine, aber sie wiegt doch kaum so viel als ein Joch, das drei Stück hat, und es gehören drei Joche oder neun Stück dazu, die Wirkung einer einzigen russischen Stange zu leisten, nach dem oben angegebenen Verhältnisse. Das Nämliche gilt von der Menage. Ein großer Kessel, aus welchem Zwanzig essen, wiegt nicht so viel als drei kleinere, aus welchen nur Achtzehn essen sollen. Für Zwanzig kann nach russischer Einrichtung ein Einziger kochen; nach der deutschen Ordnung, das Zelt zu sechs Mann, sind Drei noch nicht genug. Es giebt also große Kameradschaften, große Menagen, großen Muth; denn Zeltkameraden sind einander immer die entschlossensten, treuesten Gefährten im Gefecht, so daß es zu wünschen wäre, man könnte eine ganze Compagnie in ein Zelt zusammenbringen. Das russische Artellwesen ist besser als irgend eine Menageeinrichtung bei andern Truppen und vorzüglich Ursache, daß der Soldat immer sicher und gut verpflegt ist und niemals Mangel leidet. Und zu bewundern ist es, daß bei den kleinen Summen, welche dazu gegeben werden, fast immer Vorrath und die Casse nie leer ist. Mancher Soldat erhält gelegenheitlich einige Rubel aus dem Artell zurück; und sogar mancher Officier nimmt in der Noth seine Zuflucht zum Artellgeld oder den Menagesummen der Compagnie und zahlt das Geborgte sodann mit Interessen zurück. Die Veruntreuung dieser Casse ist eins der größten Verbrechen bei der Armee, und das billig, da der Soldat in Ansehung seiner Nahrung darauf rechnen muß. Auch steht es der Mannschaft frei, welchem Officier von der Compagnie sie diese Gelder anvertrauen will; gewöhnlich hat sie der Hauptmann. Es ereignet sich wol zuweilen, daß ein Officier Unterschleife damit begehet; und nicht zu strenge ist die Strafe infamer Cassation. Das russische Militär hatte schon bisher vor dem Militär aller übrigen Länder in mancher Rücksicht so viel voraus, daß bei verändertem Gewehr nur die strengste Genauigkeit und Uebung im Manövriren und mehr Aufmerksamkeit der Officiere erfordert wurde, um es bald der Vollkommenheit nahe zu bringen. Ob der Kaiser diesen Zweck durch seine Veränderungen erreichen wird, kann man erst nach zehn Jahren bestimmen, so wie man erst am Abend wissen kann, ob das Wetter des Tages schön war. Aber Zweifel steigen billig auf, so wie schon der Aufgang der Sonne den geübten Bemerker die Beschaffenheit des Wetters für den Tag vermuthen läßt. Ich schließe hier und fahre in meinem künftigen Schreiben fort, wenn Ihre Geduld nicht ermüdet ist und Ihre Neugierde noch die Fortsetzung meiner Urtheile hören will. Zweiter Brief. Sie machen mir den Vorwurf, lieber Freund, daß ich als Tadler auftrete und die neuen Maßregeln in Rußland mit etwas Bitterkeit beleuchte. Sie irren Sich gewiß, Bester: Bitterkeit ist durchaus nicht in meinem Charakter. Wenn aber die Wahrheit einen etwas herben Geschmack hat, so liegt das in der Sache, und man mag in der Darstellung noch so sehr überzuckern, die Composition wird dadurch nur noch widerlicher. Der natürliche Ton ist der beste überall, und Freimüthigkeit ist besser als Schmeichelei. Ueberall, wo ich das Gute finde, hat es meine Huldigung; aber noch niemals hat mich die alte Regel Nil admirari , außer vielleicht einigemal bei dem Anblick einer schönen Weibergestalt, verlassen. Sie sagen, ich selbst habe durch die Veränderung gelitten und könne parteiisch sein. Gesetzt, ich hätte verloren, so würde mich dieses um keinen Punkt anders stimmen; so weit sollten Sie mich doch wol kennen. Aber ich habe nicht gelitten, und es kam blos auf mich an, meinen Vortheil daraus zu ziehen, wenn ich wollte. Thun Sie mir nicht das Unrecht, zu glauben, als ob meine Personalität in irgend einem meiner Urtheile überwöge. Ich sagte einst vor mehrern russischen Generalen in Warschau, Kosciusko sei der bravste, rechtschaffenste Pole, als er eben bei Krakau ein Corps Russen total geschlagen hatte und überall als Meuter und Bösewicht nicht allein behandelt, sondern auch wol geachtet wurde. Der General Igelström gab mir darum nicht weniger seine geheimen Papiere, ob er gleich zu mir sagte: » Mon cher , Sie sind ein sonderbarer Mensch«; und ich that meine Pflicht nicht weniger. Die öffentliche Meinung hat nun Alles gerechtfertiget. So lange man über öffentliche Angelegenheiten noch reden und schreiben darf, muß man es mit wahrer Ueberzeugung und bescheidener Freimüthigkeit thun; dieses ist das Vorrecht eines jeden freien Mannes. Hat man dieses Recht cassirt, so wollen wir, die wir noch denken müssen, uns in den cynischen Mantel wickeln und jeder Menschengestalt ein Sarkasm wenigstens ins Gesicht blicken, wenn wir es nicht sagen dürfen. Ich lasse allem Guten, das in Rußland geschiehet, Gerechtigkeit widerfahren. Ich zweifle keinen Augenblick daran, daß die Absichten des Monarchen die besten von der Welt sind, daß er alle seine Völker zum größten Flor des irdischen Wohlseins emporheben will; aber ich zweifle nur etwas, daß dieses durch die Mittel, die er wählt, bewirkt werde, und sage Ihnen die Gründe dieses Zweifels. Man sagt wol hier und da mit dem Gesicht eines allgemeinen Kritikers, der Monarch gehe zu rasch; ein ungegründeter Vorwurf! In den jetzigen Verhältnissen kann das, was wirklich gut ist, ohne Gefahr und kaum zu schnell geschehen. So lange dem Monarchen die Armee feste Treue hält – und sie hält sie gewiß, wenn sie nicht auf das Aeußerste gekränkt wird – ist nichts zu besorgen. Der Kaiser ist durch seine Familie und ihre Eintracht hinlänglich gegen alle Unternehmungen gesichert. Wäre er in den ehemaligen Verhältnissen seines Vaters, so würden freilich Bedenklichkeiten von allen Seiten mit Recht erhoben werden. Aber seine Söhne sind nicht Kinder, sondern junge Männer, die ihn lieben und ehren, seine Gemahlin wird eine exemplarische Matrone; und ohne Theilnehmung eines Gliedes der Familie kann schwerlich in Rußland dem Monarchen große, wesentliche Gefahr drohen. Es geschiehet also nichts zu rasch; sondern ich glaube, was geschiehet, beruhet auf weniger richtigen Berechnungen und verfehlt seiner gehofften Wirkung. Wir wollen noch einige der Verordnungen in Erwägung ziehen, die eigentlich gleichgiltiger sind, aber eben deswegen, weil sie gleichgiltig sind, als Verordnungen auffallen, indem sie die natürliche Freiheit des Menschen ungewöhnlich einschränken. Jedermann ist verbunden, den Gesetzen ohne Ausnahme zu gehorchen; aber diese Gesetze dürfen nicht in die ersten Rechte des Menschen greifen, sonst ist er wenigstens befugt, zu sagen: »Ich finde diese Gesetze nicht gut.« Der Kaiser hat befohlen, es sollen durchaus keine runden Hüte mehr getragen werden, außer zu der russischen Nationalkleidung; als ob man unter dem dreieckigen Hute und der Zobelmütze nicht ebenso gut Jakobiner sein könnte wie unter dem runden Hute! Es war mir kaum glaublich, als die Zeitungen davon sprachen, und ich vermuthete, diese Verordnung erstrecke sich nur auf Militäre und Civilpersonen, die nach dem Staat Uniformen tragen müssen. Bei diesen war freilich die größte Unordnung im Aeußern eingerissen. Man sahe überall Officiere von jedem Range als Stutzer gekleidet im Frack gehen. Gerichtsmänner thaten ebendasselbe; und mancher junge Mann, der nichts weniger als das Podagra hatte, ging oder fuhr mit Pelzstiefeln, rundem Hute und der Gouvernementsuniform in das Collegium. Die Erscheinung dieses sonderbaren Aufzugs beleidigte alle Augenblicke und störte nicht selten die Ordnung, indem der Mann im Frack verlangte, was nur dem Mann in der Uniform gebührte. Es war in Warschau der Fall, daß ein General im Frack befehlen wollte und thätliche Mißhandlungen leiden mußte, wegen welcher er bei Suworow nicht einmal um Genugthuung bitten durfte, da die Beleidiger fremd und von der ganz gemeinen Classe waren. Eine strenge gesetzliche Anweisung auf ihre Uniformen schloß also sogleich alle runden Hüte aus; und wenn man nun noch alle Landedelleute dazunimmt, die nach der Verordnung bei öffentlicher Erscheinung auch Gouvernementsuniformen tragen sollten, so nahm freilich durch Einführung der strengen Ordnung der Gebrauch der runden Hüte sehr ab. Aber ich habe erfahren, daß sich der Befehl auf Alle, ohne Ausnahme, erstreckt. Es hat sich noch kein Monarch die Mühe genommen, sich so geflissentlich um die Mode zu bekümmern, wenn man Peter's des Ersten Processe mit den Bärten ausnimmt, welche Niemand unter seinen großen Thaten aufführen wird. Die armen runden Hüte sind also mit einem Male in Staatsinquisition gerathen, weil der Jakobinismus darunter sitzen soll. Die Mode, sie zu tragen, ist seit zwanzig Jahren ziemlich herrschend geworden, weil man sie etwas zweckmäßiger und geschmackvoller fand als die dreieckigen. Das Dreieck kommt dem Quadrat am Nächsten, und beide sind zwar wegen ihrer Festigkeit zu Grundlagen, aber niemals wegen ihrer Zierlichkeit zum Schmuck des obersten Endes in Credit gewesen. Quadrat ist in allen Sprachen ein Gegensatz des Feinen. Der runde Hut bedeckt am Besten den Kopf gegen Sonne und Regen und macht immer den Mann, wenn sonst nicht zu viel Quadratur an ihm ist, zu einer ästhetischen Figur. Daß die verdammten Jakobiner eben runde Hüte trugen, war sehr begreiflich, weil man sie überall trug und Jedermann so schloß und dachte oder sich die Bequemlichkeit der Mode ohne Gedanken gefallen ließ. Aber der runde Hut hatte doch nicht die Ehre, als sie ihr System emporgipfelten, das Symbol ihrer neuen Lehre zu werden, welches er gewiß geworden wäre, wenn sie ihn ausschließlich in Affection genommen hätten. Sie brauchten dazu vielmehr eine Mißgeburt von Mütze, die, so unförmlich sie auch war, doch immer noch mehr für das ans Natürliche und Schöne gewöhnte Auge gab als der dreieckige Hut. Gellert's Fabel ist eine herrliche Geschichte des Geschmacks. Es kann Jedermann ziemlich gleichgiltig sein, die Gewohnheit, die kleine Bequemlichkeit und den Geschmack abgerechnet, ob er eine Pyramide oder einen Cubus auf dem Kopfe trägt; aber eben dieses wird befremden, daß die Gesetzgeber gleichgiltige Dinge so wichtig behandeln und ohne Noth und Nutzen die natürliche Freiheit beschneiden; und ich wette, daß nun unter den dreieckigen Hüten mehr Jakobinismus sitzt als vorher unter den runden. Ganze Nationen in Süden und Norden tragen runde Hüte, die gewiß nichts weniger als Jakobiner sind. An gleichgiltigen Dingen hängt der gewöhnliche Mensch mehr als an wesentlichen Sachen. Selbst die Russen werden gewiß lieber jährlich einige Rubel Obrock mehr geben, ehe sie dreieckige Hüte aufsetzen, ob sie sich gleich unter einem Jakobiner, wenn sie ja diesen Namen hören, gewiß ein ungeheures Monstrum vorstellen. Die preußischen Manifeste gegen Polen im Jahre 93, welche viel über Jakobinismus expectorirten, gedachten doch der runden Hüte mit keiner Silbe, und durch ganz Deutschland, wo man gar nicht sich von der neuen Ketzerei anstecken zu lassen gesonnen ist, halten die orthodoxesten Männer in Kirche und Staat noch den runden Hut in allen Ehren, weil er auch die alte Nationaltracht der Deutschen war. Daß der Kaiser die runden Hüte nicht leiden kann, mag ein ganz verzeihlicher Eigensinn sein, dessen die großen Herren zuweilen eine ziemliche Dosis haben sollen; aber Friedrich der Zweite hätte gewiß eine Antipathie dieser Art auf eine solche Weise nicht in das Publicum getragen. Ein glaubwürdiger Mann erzählte, daß der Kaiser einem fremden Officier eines gar nicht Jakobinischen Staats, der in Petersburg mit dem runden Hute seiner Uniform auf die Parade kam, habe befehlen lassen, nicht mit dem runden Hute zu erscheinen. Als der Officier, wie billig, wiederholt sich weigerte, auf Befehl eines fremden Monarchen etwas in seiner Ordonnanz zu ändern, habe der Kaiser ihm sogleich befohlen, sich zu entfernen und ihm eine militärische Begleitung bis an die Grenze nach Polangen mitgegeben. Finden Sie, Bester, daß durch diese Maßregeln den neuen Meinungen der Zugang wirklich wird verwehrt werden? Von Dingen, die überall in der Kirche und im Staat Adiaphora sind, sollte billig nicht mehr Notiz genommen werden, als sie verdienen, das heißt, sehr wenig. Es war eine alte Observanz in Rußland, welche ganz Tamerlanischen Ursprungs zu sein scheint, daß bei der Annäherung des Monarchen alle Wagen halten, die Fahrenden aussteigen und ihren Respect auf eine dem griechischen Proskynein ähnliche Art bezeigen mußten. Diese Observanz war seit Peter's des Ersten Zeiten nach und nach veraltert und jetzt fast ganz in Vergessenheit gerathen. Ganz Europa hat gesehen, daß weder die wahre Würde des Kaisers noch das Ansehen der Regierung durch diese Vergessenheit gelitten hat. Katharina die Zweite hat ebenso unwidersprechlich geboten als Iwan Wassilewitsch, obgleich ihre Befehle nicht so blutig waren und ihre Majestät nicht so in Furchtbarkeit gehüllet war. Der Kaiser Paul der Erste hat diese alte Observanz von Neuem wieder hergestellt. Der Wagen muß halten, der Inhalt muß aussteigen, sich in Ordonnanz setzen und seinen Poklon machen. Ohne Zweifel thut dieses die größere Hälfte bei gutem Wetter sehr gern, weil Jedermann dadurch einen Gruß vom Monarchen erhält. Aber was gewinnt der Kaiser durch diese Art von Ehrenbezeugung? Seine Augen, seine Hände und sein Hut sind in Bewegung, und er wird durch das Halten der Kutschen in manchen guten Gedanken gestört, deren ein Mensch und vorzüglich ein König nie zu viel haben kann. Ob Geistliche, Aerzte und Hebammen von dieser wie von einer andern Verordnung ausgenommen sind, weiß ich nicht, wenigstens sollte ich glauben, daß doch die Geschäfte der beiden Letzten für den Staat selbst billig die größte Eile haben. Doch die Damen sind ausgenommen und halten sich nur mit der Miene des Aussteigens innen an der Wagenthür; eine Galanterie, die noch weit besser den Alten, Halbkranken und Podagraisten hätte zu Statten kommen können, man müßte denn auf diese Methode das Podagra curiren wollen. Der Mann, der sehr dringende Geschäfte hat, muß dadurch doch einige Minuten verlieren, die ihm vielleicht sehr wichtig sind. Für Leute, die den Wagen zum Luxus haben, ist die Verordnung schon gut, und diese lassen sich gewiß eben wieder aus Luxus die Parade sehr gern gefallen. Aber Leute, die den Wagen zum Bedürfnis entweder zur Geschwindigkeit oder aus Schwachheit gebrauchen müssen, verlieren doch wirklich dadurch mehr, als die Form der Untertänigkeit gewinnt. Ein alter fußkranker Mann, der sich, um nur das Fahren vertragen zu können, den Boden des Wagens hat polstern lassen, soll, da ihn jeder Tritt mehr als der Verlust einer Banknote schmerzt, nunmehr auf dem harten Pflaster den Kaiser erwarten, blos um den Hut zu ziehen und die Beugung zu machen. Mehr als Einer wird sich bei schlechtem Wetter das Fieber oder wenigstens den Schnupfen an den Hals grüßen. Man wird schon von fern, wenn es noch möglich ist, durch das erste Seitengäßchen, durch das man füglich abstechen kann, dem Wagen des Kaisers ausweichen; und das wird doch wahrlich dem Monarchen nicht angenehm sein können, daß seine Unterthanen vor ihm fliehen, um eine eben jetzt sehr beschwerliche, nur förmliche Reverenz zu ersparen. Wahre Würde und wahre Hochachtung sind über solche kleine Zwangsmittel erhaben. Es bleibt im menschlichen Leben und zumal bei Hofe immer noch Formalität genug, die man durchaus nicht abschaffen kann, weil sie zu sehr mit den Begriffen der Ordnung zusammengewebt ist. Diese Dinge sind die Draperie der Gemälde, die nach dem Genius der Zeit bald mehr, bald weniger überladen sind; aber ohne alle Draperie giebt es keine Gemälde für die gewöhnliche Menschheit. Gewöhnlich ist es, daß neue Regierungen neue Veränderungen geben; in Rußland war dieses von je her der Fall vorzüglich. Man hatte Ursache zu glauben, daß die Regierung Paul's des Ersten eine Ausnahme machen würde; aber man hat sich doch geirrt. Einige Veränderungen waren in der That vorherzusehen; von andern aber, die doch geschehen sind, hätte man sich kaum träumen lassen. Daß der Fürst Platon Subow nicht die Menge der Staatsämter behalten würde, womit ihn die Vorliebe der Kaiserin überhäuft hatte, war nicht allein sehr begreiflich, sondern auch sehr natürlich; daß er aber in der Kette der Geschäfte auf einmal aufhören würde, ein Glied zusein, daß er gänzlich Null werden würde, war nicht zu erwarten. Jedermann, der ihn näher zu kennen Gelegenheit hatte, läßt ihm die Gerechtigkeit widerfahren, daß er Humanität und Mäßigung besitzt und seinem alten Namensvetter keine Schande macht. Meteore wie er waren am russischen Horizont keine Seltenheit, und er war keines der schlimmsten. Daß er nicht allen Aemtern gewachsen war, ist auch nichts Neues. In den despotischen Staaten, denen man auch wol zuweilen in den übrigen folgt, sucht man ja selten die Staatsämter mit Männern zu besetzen, sondern nur die Söhne und Verwandten der großen Sippschaften mit Aemtern zu versehen. In den Republiken geht es nach einem andern Maßstabe auch nicht viel besser; denn Volksgunst ist oft ebenso blind als Nepotismus. Ein Mann von Kopf, denkt man, weiß durch seine Gehilfen viel zu machen. Dieses verstanden in Rußland die Großen vortrefflich, die ihre unbärtigen Söhne und Neffen als Obersten zur Armee schickten. Ein veteraner Major arbeitete unter den Auspicien des jungen Helden, mit vielem Glück zum Ruhm des jungen Helden, der sich nach und nach wol in das Regiment finden lernte, weil es doch niemals eine Hexerei ist, mit etwas Geist Andere für sich arbeiten zu lassen. Daß Subow nicht viel von der Artillerie verstand und doch General-Feldzeugmeister war, befremdete sehr Wenige; er hatte dafür die Klugheit, sich so wenig als möglich um die Artillerie zu bekümmern, die deswegen sich um nichts schlimmer befand. Sein Einfluß war freilich in Rußland allmächtig; denn der Einfluß der Favoriten ist es immer, und in Petersburg war man es gewohnt, solche Männer des Tags schnell hervortreten und schnell abtreten zu sehen. Wenn man auch seinen Namen nannte, so verstand man doch immer mehr den Minister als den Militär. Er war Chef der Chevaliergarde und als solcher der erste nächste Leibwächter der Monarchin. Ganz natürlich war es, daß der Kaiser diesen Posten sogleich mit einem Manne besetzte, der mehr sein persönlich warmer Freund war, als Subow es vielleicht in seinen Verhältnissen sein konnte. Dieser Posten gehört mehr zum Hofe als zum Staate und ist nur insofern wichtig, als er den Besitzer beständig um den Monarchen hält. Wer Hof- und Welthändel kennt, weiß, daß dieses sehr viel ist. Feldzeugmeister konnte Subow nach den richtigen Militärbegriffen des Kaisers unmöglich bleiben, ohne seine ganze Existenz einem Studium zu widmen, das auch in Rußland nicht mehr in der Wiege liegt, und das ihm vielleicht nur wenig Vergnügen gewähret. Es mußte ihm also eine wahre Wohlthat sein, eine Würde zu missen, die ihm drückende Bürde gewesen wäre. Er blieb immer noch ein angesehener Mann des Hofes; und wenn die Hofleute etwas mehr Lebensphilosophie hätten, als sie gewöhnlich zu besitzen scheinen, so hätte er jetzt gewiß weit zufriedener leben können als vorher. Die Güte der Monarchin hatte ihn hinlänglich versorgt, und die Gerechtigkeit des Kaisers sicherte ihm alle diese Besitzungen, aus deren Ertrag er immer noch fürstlichen Aufwand machen konnte. Ob der Fürst Subow sich freiwillig oder auf den Willen des Monarchen gänzlich entfernt hat, ist schwer zu bestimmen; wenigstens ist es nicht wider den Willen des Kaisers geschehen. Ein Liebling der Monarchen hat immer mehr Feinde als Freunde; und es ist ein Beweis der großen Mäßigung Subow's, daß er, wenn er auch nicht viel warme, wahre Freunde, doch sehr wenig Feinde hatte. Seine Entfernung ist politisch von keinem Belang; und er selbst befindet sich wahrscheinlich nun etwas besser als in dem veränderlichen Nimbus des Hoflebens. Die Verabschiedung einiger Generale von entschiedenem militärischen Werth und die Art dieser Verabschiedung erregt etwas mehr Aufmerksamkeit. Daß mehrere tausend Officiere den Abschied genommen und bekommen haben, ist, obgleich bei so ungeheuern Truppencorps nicht ganz unwichtig, aber bei Weitem doch nicht so bedeutend als der Abgang eines einzigen Mannes, der dem Ganzen Leben und Seele zu geben versteht. Durch die Entfernung einer so großen Menge von Officieren jeden Ranges sind unstreitig manche brave Männer mit verloren worden; aber die Armee ist auch dadurch gereiniget worden von einem Ausschuß untauglicher Subjecte. Die letzten zu verlieren, ist Gewinn; und der Verlust der ersten ist vielleicht bald wieder zu ersetzen. Der Dienst bildet Soldaten, und aus guten Soldaten gehen leicht gute Officiere hervor. Nur der Krieg schafft Generale. Aber das Vaterland setzt auf alle billig mehr Vertrauen, wenn sie schon gebildet und bewährt sind. Rußland ist dieses Jahrhundert fruchtbar für die Kriegsgeschichte gewesen, und die Nation darf ebenso stolz sein auf die Verdienste ihrer Generale als auf die Bravheit ihrer Soldaten. Friedrich selbst begegnete dem Feldmarschall Romanzow mit vorzüglicher, ausgezeichneter Achtung, und er verdiente als Feldherr und Mensch die Ehre einer allgemeinen Trauer, die der Monarch für ihn durch die ganze Armee befahl. Noch leben Männer bei der Armee, die ihren Credit aufrecht erhalten können und werden, und deren Namen das militärische Publicum mit Hochachtung nennt. Repnin, Soltikow, Igelström, Fersen, Derfeldt und Andere stehen als Männer an der Spitze der russischen Truppen, als Männer, deren Werth das deutsche und übrige europäische Publicum nicht immer gehörig würdigen kann, da ihr Wirkungskreis so weit entfernt lag und mancher Zug ihrer Geschichte aus Unkunde oder Parteisucht entstellt wird. Aber bei dem Allem wird doch Suworow's Abgang von der Armee für einen großen, sehr empfindlichen Verlust angesehen. Die öffentlichen Blätter enthalten so wenig Authentisches über die Begebenheiten der Zeit, daß man billig auch über Thatsachen seinen Glauben überall zurückhält und erst aus dem Erfolg die richtige Beschaffenheit zu finden sucht. Die meisten Zeitungen haben den General Igelström auf seiner Reise nach Orenburg des Todes sterben lassen, und der Mann befindet sich bis jetzt noch frisch und gesund und hofft, sich noch eine ziemliche Zeit wohl zu befinden. Daß Suworow nicht mehr im Dienste ist, und daß der Dienst in ihm vielleicht den ersten Mann verloren hat, ist gewiß. Von den Umständen sagt uns Niemand etwas Bestimmtes. Allgemeine Nachricht ist, daß er dem Monarchen über die Einführung der neuen Ordonnanz sehr freimüthige Vorstellung gethan. Seine Sprache ist gewöhnlich sehr lakonisch und eindringlich. Energie ist durchaus sein Charakter, etwas Satire seine Schwachheit und Kürze seine Handlungsweise gegen Freunde und Feinde. Der Monarch habe dem alten, etwas rauhen Krieger den Mangel des Hoftons nicht verziehen und ihn ablösen lassen. Suworow, durch dieses Verfahren in seinen natürlichen Charakter gesetzt, legt seine Stellen nieder und geht nach Hause. »Tragen Sie alle diese Dinge«, sprach er zu seinem Nachfolger, indem er sein Commando abgab, »mit so viel Ehre, als ich sie getragen habe, und Sie werden Beruhigung haben! Mir hat der Kaiser mehr gegeben, als genommen. Dieses brauch' ich nicht mehr, und es ist für mich kein Verlust: Ruhe ist mir nöthig; denn ich bin ein alter Mann.« Auf diese Weise ging der Mann ab, der das Schrecken der Feinde des Vaterlandes von allen Seiten gewesen war. Die eine Hälfte der Armee hatte mit und unter ihm gefochten und gesiegt am Don, am Dniepr und an der Weichsel und hatte ein blindes, unbegrenztes Zutrauen auf seinen Namen. Igelström ist nicht ein Mann, der Gefahren scheuet; aber doch bin ich selbst Zeuge, daß sich die Grenadiere in Warschau während der Action ihren Lieblingsanführer wünschten. »Ja, wenn Vater Suworow hier wäre,« sagten sie mitten im Feuer, »dann würde es sehr kurz gehen!« Die andere Hälfte staunte ihn mit Ehrfurcht an und hatte nur den Ehrgeiz, auch einmal mit ihm zu schlagen. Er hatte bei Kinburn gesiegt und geblutet, hatte Ismail genommen und die Werke bei Praga zerstöret. Alles waren entscheidende Tage. Denn wären die Streiche auf Ismail und Praga nicht gelungen, so hätten einige Wochen den Conjuncturen eine andere Wendung geben können. Zeit gewonnen, viel gewonnen, heißt es im Kriege. Man wirft ihm Grausamkeit und Härte vor. Ich habe nie unter ihm gedient; aber nach Allem, was ich von competenten Personen über ihn gehört habe, ist Grausamkeit keiner seiner Züge. Seine mit Gelindigkeit und außerordentlicher Gutmüthigkeit verbundene Kraft trägt vielleicht selbst dazu bei, daß der halbgebildete russische Soldat in der Hitze des Feuers, das er ihm einzuhauchen versteht, auf einige Augenblicke die Menschlichkeit vergißt und Dinge begeht, über die er eine Stunde nachher selbst weinet. Man muß zur Erklärung des empörenden Phänomens auch erwägen, mit welchen Feinden und in welchen Lagen er gefochten hat. Der Charakter des russischen Soldaten ist immer noch Humanität gegen die wilde, unsinnige Wuth der Ottomanen; und in Praga war es leider ein so ungeheures, unregelmäßiges Gefecht, daß bei der allgemeinen Bewaffnung und Verwirrung der Soldat kaum wußte, wen er schonen sollte; denn Alles focht mit verzweifelnder Unbesonnenheit. Auch sind der Grausamkeiten nicht so viel vorgefallen, als die Tadelsucht und die empörte Menschheit in der ersten Empfindung des Schmerzes aufzählte. Freilich hätte strengere Disciplin gehalten werden sollen; die Schuld der Vernachlässigung fällt aber mehr auf die Obersten und Commandeure der Divisionen. Keiner seiner Officiere, keiner seiner Soldaten klagt über eigensinnige Strenge; vielmehr dürfte der unparteiische Zuschauer über etwas sorglose Connivenz klagen. Die einzige Beschwerde der Seinigen über ihn war, daß er, wie die russische Formel lautet, seinen Officieren nicht forthilft; welche Beschuldigung mehr ein Lob enthält, indem es beweiset, daß er nur Verdienste nach seiner Ueberzeugung belohne, und daß bei ihm Gunst und Cliquenwesen keinen Eingang finden, wie wol bei mehrern andern vornehmen Generalen des russischen Heere. Mehrere Regimenter sollen bei der Entfernung des Feldmarschalles und bei Gelegenheit der Einführung der neuen Ordonnanz unruhig und schwierig gewesen sein. Der Kaiser soll eingesehen haben, daß er die offenherzigen Aeußerungen eines alten, unter den Waffen grau gewordenen, höchst verdienten Mannes zu hoch empfunden, und ihm das Commando unter schmeichelhaften Ausdrücken wieder angetragen haben. Aber Suworow kann wol nicht glänzender von der Bühne treten, und er ist Philosoph genug, um den Rest seiner Tage in der ihm zu Theil gewordenen Ruhe zuzubringen. Er soll dem Kaiser geantwortet haben, er bedürfe der Ruhe und bäte darum, und ist auch während der Krönungsfeierlichkeiten nicht nach Moskau gekommen. Man ist geneigt, den Mann nach der öffentlichen Meinung für einen Barbaren zu halten; er ist es aber gewiß nicht, weder von Kopf noch von Herzen. Ich selbst bin Zeuge, daß er Deutsch und Französisch recht gut spricht. In seiner Muttersprache drückt sich kaum ein Russe besser aus als er. Tartarisch und Türkisch soll er mit Fertigkeit reden. An Belesenheit fehlt es ihm in den meisten Fächern nicht, und sein lakonischer, oft sarkastischer Geist ist schon aus seinen bekannt gemachten Rapporten bei wichtigen Vorfällen bekannt genug. Er ist ein guter Soldat, weil er ganz Soldat ist; vielleicht würde er kein schlechter Minister sein, wenn er Minister wäre, welches er aber durchaus nicht sein will. Wenn nur irgend ein Geschäft ein ministerielles Ansehen hat, weiset er es sogleich zurück und sagt: »Das verstehe ich nicht, darum müßt Ihr mich nicht fragen.« Sein militärischer Credit ist ihm Alles, und diesen hat er freilich höher gebracht als die meisten seiner Zeitgenossen und Landsleute. Er ist jetzt ein Siebziger mit schneeweißem Haupt; aber jeder Nerv an ihm ist noch Spannkraft. Einige Anekdoten erlauben Sie mir, Ihnen von dem Manne zu erzählen, die zwar nicht groß, aber doch charakteristisch genug sind und gar nicht den Gefühllosen bezeichnen, für den man ihn unglücklicherweise gehalten hat. Ein vornehmer Kosackenofficier hatte in Warschau ein polnisches Mädchen mit Gewalt in sein Quartier holen lassen. Mag das Mädchen Vestalin gewesen sein oder nicht, thut nichts zur Sache; sie war wenigstens keine öffentliche Person einer gewissen Classe, gegen die man einem Kosacken allenfalls diesen Streich hätte verzeihen können. Sie fand Gelegenheit, auf öffentlicher Parade dem Feldmarschall ein Papier zu übergeben und um Genugthuung für die schimpfliche Gewaltthätigkeit zu bitten. Alle Polinnen haben viel Grazie und verstehen dadurch im Gespräch und Betragen zu wirken. Das Mädchen war schön; denn sonst hätte sie der Kosack nicht zur Beute gemacht. Sie sprach rührend und weinte. Der alte Suworow hob sie auf, gerieth bei dem Vortrag der schändlichen Geschichte in Heftigkeit und weinte selbst, halb aus Theilnahme, halb aus Zorn, auf dem öffentlichen Platze vor den litthauischen Kasernen. Er rief den Gouverneur General Buxhoevden, der während seines Gouvernements die Zufriedenheit der Warschauer Bürgerschaft sich wenig erworben hat, und sprach sehr heftig mit ihm. »Mein Herr, welche unerhörte Dinge gehen hier unter Ihren Augen und fast unter den meinigen vor, die man mir dann vielleicht alle zur Last legt? Kennen Sie Ihre Pflicht nicht, für die öffentliche Sicherheit und Ruhe zu wachen? Was soll aus der Disciplin werden, wenn der Soldat solche Beispiele siehet und höret?« Er drohete ihm, sobald wieder die geringste Unordnung durch seine Schuld vorfallen würde, wolle er ihn nach Petersburg schicken und an die Monarchin rapportiren. Die Hamburger Zeitungen sangen oft ein großes Lob des Generals Buxhoevden, und die Warschauer lasen es mit thränenden Augen und durften es nicht wagen, zu widersprechen. Die Hamburger müssen für oder ohne Gratial sehr viel in ihre Blätter rücken; sie sollten billig etwas prüfen, aus welcher Quelle die Nachrichten fließen. Wer damals in Warschau war und gesunde Augen und Ohren hatte, dem konnten die kläglichen Litaneien der armen Einwohner und ihre treffenden Bemerkungen, die sie so laut machten, als es die Umstände erlaubten, nicht entgehen. Die zweite Anekdote, Suworow betreffend, ist etwas älter, und ich habe sie aus dem Munde des verstorbenen Hauptmanns von Blankenburg, eines Mannes, der für die Geschichte seiner Zeit viel Wichtiges hätte liefern können und vielleicht geliefert haben würde, wenn ihn der Tod nicht übereilt hätte. Suworow war im siebenjährigen Kriege, wenn ich nicht irre, noch als Major mit den russischen Truppen in Deutschland. Die Kosacken hatten bei dem Berliner Ueberfalle einen jungen schönen Knaben aus der Residenz mit sich fortgeschleppt, weil sie ihn vermuthlich für den Sohn eines vornehmen Mannes gehalten hatten. Der Knabe weinte und konnte die wilden Leute weder verstehen, noch sich ihnen verständlich machen. Suworow fand ihn bei den Kosacken, sprach freundlich mit ihm und nahm ihn sogleich zu sich und hielt ihn so gut, als er ihn im Felde halten konnte. Der Knabe wußte so eben noch den Namen seiner Mutter zu sagen und die Straße zu nennen, wo sie wohnte. Während der übrigen Zeit des Feldzugs sprach er ihm Geduld zu; sobald er aber ins Quartier gerückt war, schrieb er aus der Gegend von Königsberg nach Berlin der Wittwe ungefähr folgenden Brief: »Liebes Mütterchen! Ihr kleiner Sohn ist bei mir in Sicherheit. Wenn Sie ihn bei mir lassen wollen, so soll es ihm an nichts fehlen. Ich will für ihn sorgen, und er soll wie mein Sohn sein. Wollen Sie ihn aber zurück haben, so können Sie ihn hier abholen oder mir schreiben, wohin ich ihn schicken soll. Ich bin ganz unschuldig, daß die bösen Kosacken ihn mitgenommen haben.« Herr von Blankenburg versicherte mich, er habe selbst das Billet gelesen; und es ist schon ganz in dem gutherzigen, etwas barocken Tone des nachmaligen Suworow geschrieben. Es muß der jetzige Feldmarschall sein; denn so viel ich weiß, hat die russische Armee keinen andern Suworow mehr. Ein solcher Mann sollte ein Wütherich sein, wozu ihn die Lästerung macht? Die ihn näher kennen, versichern, daß er außerordentlich weichherzig sei, welches seinem übrigen Charakter gar nicht widerspricht. Die einzige Ursache der Erscheinung ist vielleicht, daß er Alles zu sehr nur auf die höchste Energie des Moments berechnet. Der russische Soldat ist mehr als irgend ein anderes irdisches Geschöpf ungebildeter Enthusiast. Gott, der heilige Nikolas, die Kaiserin, oder Alles dieses auch wol in umgekehrter Ordnung, und Sieg sind seine einzigen Gedanken oder vielmehr nur gedankenähnliche Gefühle; die Türken, seine barbarischen Nachbarn, haben in ihm den Rest der Menschlichkeit, den er vorher vielleicht noch hatte, durch ihre grausame, wüthende Art, den Krieg zu führen, noch ausgelöscht, und man macht ihm also den Vorwurf der Grausamkeit nicht ohne Grund. Es giebt selbst unter den Officieren noch eine Menge, die ungebildet genug find, in den Ton der Soldaten einzustimmen oder ihn sogar anzustimmen, um seine Wuth noch mehr zu befeuern. Zu meiner nicht geringen Befremdung habe ich wahrgenommen, daß diese Officiere mehr Deutsche als Russen waren. Nun gehörte ein Mann von Trajan's fester Humanität dazu, diese Mixtur von Halbwilden im Zaum zu halten. Suworow hat insofern Schuld, daß er seinen Untergebenen nicht genug Menschlichkeit eindringend anempfiehlt und Alles nur auf Kraft hinarbeitet, ohne zu erwägen, was unter dem Verstummen der Philanthropie sonst noch zertrümmert wird, das gerettet werden konnte. Aber seinem Charakter selbst kann man den Vorwurf der Grausamkeit mit Recht nicht machen. Seine Eigenheiten, deren er eine Menge hat, gehören nicht hierher. Ob er ein General ist, der Probe gegen jedes Manöver und gegen alle Hilfsmittel der Taktik hält, ist eine Frage, die unentschieden ist und vielleicht unentschieden bleibt. Aber bei welchem Generale kann man sie gewiß beantworten? Der eine siegt meistens blos durch die Fehler des andern. Die Welt hat gesehen, was Suworow gethan hat. Er wählte überall die zweckmäßigsten Mittel, und man hatte Ursache, zu erwarten, er würde sie ferner überall gewählt haben. Der Generallieutenant Palen ist der zweite vorzügliche Mann, der auf eine sehr unförmliche Weise geradezu aus dem Dienste geschlossen ward. Der Kaiser hat selbst gleich nachher die Unschuld desselben eingesehen, anerkannt und seine Ehre hergestellt, und man sagt, auch Palen habe die Ruhe gewählt, die er so zufällig erhalten hatte. Soweit mir die Geschichte bekannt ist, war sie folgende. Der König Stanislaus sollte durch Riga nach Petersburg gehen, und der Monarch hatte dem Gouverneur General Palen befohlen, ihn so ehrenvoll und glänzend als möglich zu empfangen. Der General thut seine Schuldigkeit, so gut er kann, daß das Militär ihn gehörig bewillkomme. Die Bürgercompagnien stehen in Bereitschaft, ihn feierlich zu begrüßen, und auf dem Hause der Schwarzen Häupter hatte man eine große Mahlzeit bereitet. Zum Unglück kommt der König diesen Tag nicht, und ebenso sehr zum Unglück kommt an demselben Tage von Petersburg der Fürst Subow an, dessen Credit bei Hofe äußerst mißlich stand. Der General Palen, ein offener, freimüthiger, rechtschaffener Mann, empfängt den Fürsten als einen Mann, mit dem er immer in freundschaftlichem Vernehmen gestanden hatte. Die Compagnien geben natürlich demselben, als einem russischen General, die Ehrenbezeugungen, und Beide gehen zusammen nach Hause. Die Mahlzeit, die man heute für einen König bereitet hat, ist morgen schwerlich mehr für ihn gut; man läßt also einen Theil derselben holen und verzehrt ihn, damit er nicht verderbe. Alles in guter Vertraulichkeit und kein arger Gedanke dabei. Sogleich setzt sich ein Sykophant hin und schreibt nach Hofe, der General Palen habe den Fürsten auf diese ungewöhnlich ausgezeichnete Weise empfangen und bewirthet, und den folgenden Posttag kommt ein Befehl, der General Palen sei ausgeschlossen, und seine Ablösung. Palen verlangt billig Kriegsrecht; denn Niemand muß eigentlich ungehört verdammt werden. Das Gegentheil ist ein Machtspruch und Machtsprüche große Mängel in der Regierung und nur in den äußersten Collisionen zu rechtfertigen. Der Monarch aber hat unterdessen die wahre Beschaffenheit der Sache erfahren und schickt dem General die Restitution zu. Man sagt, der General habe sich auf seine Güter in Kurland zurückgezogen und wolle da in Ruhe leben. Durch diese Schnelligkeit wurde der Charakter eines der bravsten und rechtschaffensten Männer compromittirt, weil man das audiatur et altera nicht geachtet hatte. Wo nicht periculum in mora ist, kann die Verurtheilung nicht zu langsam gehen; hier war gewiß gar keine Gefahr. Ueberall, wo der General Palen Aemter verwaltete, hat er die allgemeine Zufriedenheit seiner Mitbürger und Untergebenen. Die Bürger von Riga segnen ihn für seinen uneigennützigen, unermüdeten Eifer bei verschiedenen sehr kritischen Zeitpunkten. Und wenn der kurländische Adel nicht ganz mit ihm zufrieden war, so lag dieses in der Natur der Sache und der Beschaffenheit seiner Aufträge, so wie es noch mehr in der Natur der Sache lag, daß ein russischer General in Warschau gehaßt werden mußte, und daß man also Igelström nicht leiden konnte, wenn er auch Titus selbst gewesen wäre. Noch eine Erscheinung, die mir am nördlichen Horizonte sonderbar vorkommt, ist, daß der König von Polen den Kaiser zur Krönung nach Moskau begleitet. Was konnte Paul der Erste durch die Gegenwart des Königs Stanislaus Poniatowsky gewinnen? Der Pomp gewann, aber die Würde nicht. Paul der Erste hatte nicht das Geringste dazu beigetragen, daß Poniatowsky auf diesem Fuß in Moskau war; und wenn es auch ganz allein sein Werk gewesen wäre, so hätte ihn die Großmuth vielleicht besser mit dieser Reise verschont. Mit welchem Gefühl der König Poniatowsky sie gemacht hat, ist ebenso unbegreiflich, als es unbegreiflich ist, mit welchem Gefühle er seine ganze Regierung vom Jahr 63 bis 94 geführt hat. Nur Poniatowsky allein hat die Nation zu Grabe getragen. Die Nachbarn hatten freilich ihren Mann gekannt. Ein Mann von Entschlossenheit und wahrer Königswürde wäre in die Katastrophe von 71 nicht gerathen, und das Ende von 94 wäre nicht denkbar gewesen. Wenigstens konnte ein Mann, der das Wohl und die Ehre der Nation und seine eigene lebendig im Herzen trug, dieses nicht überleben, wenn er wirklich ein Mann war. Was kann die Absicht des Kaisers dabei sein? Unmöglich, den König Poniatowsky zu ehren; denn jede Höflichkeit, die einem Manne in diesen Verhältnissen auf diese Weise erwiesen wird, ist Insult für den Charakter, den er haben sollte. Vielleicht sollten sich endlich die Russen mit den Polen versöhnen für die Scenen, welche die letzten zu Anfange des vorigen Jahrhunderts in Moskau gespielt haben. Sie haben sich einander reichliche Vergeltung gegeben. Wenn der Stolz einer zertrümmerten Nation noch unter der Asche brennen kann, so dürfen die Polen vielleicht sagen, daß sie damals ganz allein die Geißel der Russen waren, und daß jetzt die Russen mit allen Nachbarn zu ihrer Vernichtung im Bunde standen. Die Russen erhoben sich freilich damals schnell wieder; aber es ist vielleicht blos die Lage des Landes Schuld, daß die Russen sich schnell wieder erhoben und Polen sich wahrscheinlich nie wieder erheben wird. Hat Poniatowsky den feierlichen Zug mitzumachen gewünscht, so ist dieser Wunsch das Unbegreiflichste in seinem unbegreiflichen Leben: ist er blos der Einladung des Kaisers gefolgt, so geht diese letzte Nachgiebigkeit mit in das traurige große Register, daß er nicht einmal endlich den Muth hatte, einem solchen Befehle nicht zu gehorchen. Im Jahre 63 stand es in den Händen des Königs Poniatowsky, sein Vaterland zu einem der glänzendsten und glücklichsten Länder von Europa zu machen. Die Nation hatte das Recht, dieses zu erwarten und zu fordern. Ein Mann würde der Forderung Genüge geleistet haben. Im Jahre 97 wohnte er den Exequien seines Volkes in Moskau bei, nachdem seine Schwachheit es zu Grabe geführt hat. Eine herrliche Lehre, das alte quid valeant humeri , zu beherzigen, für alle Bewerber um eine Krone oder um große Aemter, damit sie nicht das Spielwerk der Stärkern und Listigern und nachher der Gegenstand der allgemeinen Verdammung oder wenigstens des allgemeinen Mitleidens werden! Einem Manne ist nichts niederdrückender als Mitleiden, weil es in dem Gegenstande Mangel der Kraft voraussetzt. So lange Kraft und Ausübung derselben im Kampfe da ist, fühlt der Zuschauer Theilnahme oder Bewunderung, aber nicht Mitleiden. Wenn das Mitleiden eintritt, ist der Gegenstand klein geworden; und das sollte ein Mann nie werden. Nur Unglücksfälle der Natur können ihm vielleicht seinen Muth rauben; aber Unglücksfälle des Schicksals machen ihn größer, wenn wirklich Stoff zum großen Manne in ihm lag. Und ein König sollte wenigstens ein Mann oder nicht König sein. Eine vortreffliche Unternehmung des Kaisers, durch deren glückliche Ausführung er den Dank und die Verehrung aller seiner Unterthanen und die Bewunderung der Ausländer verdienen wird, ist die Creditrettung und beabsichtigte Tilgung des Papiergeldes. Der erste Anfang zur Tilgung ist, daß sein Werth ebenso gut oder besser als Münze sei, und daß selbst ein bedenklicher Mann sein baares Vermögen lieber in seinem Taschenbuche als in seinem Koffer habe. Papiergeld ist überall eine Staatskrücke, bis der Patient wieder gesund wird und auf eigenen Füßen gehen kann oder endlich am Schaden stirbt. Hume hat schon in seinen »Versuchen« diesen Gegenstand mit seinem gewöhnlichen Scharfsinn abgehandelt, weit ehrlicher als den Urvertrag, weil er mit dem Papiergelde keinen Rousseau zu widerlegen und keine Gunst des Ministers zu kaufen hatte. Man darf denjenigen Staat als Staat immer für einen der gesündesten und blühendsten halten, wo alle Bedürfnisse aus den festgesetzten Einkünften hinlänglich bestritten werden, und wo sich keine Staatspapiere finden; folglich ist in dieser Rücksicht Preußen einer der gesündesten. Krücken kann man immer machen, wenn der geschehene Schade es fordert; aber man lernt nicht so bald wieder ohne dieselben gehen. Der Werth des Papiers hängt durchaus von dem Credit des Staats ab, und dieser beständig von seinen innern und oft noch mehr von seinen äußern Verhältnissen. Als es im Jahre 94 in Warschau Schwierigkeiten wegen der Assignaten gab, schien es ein Herr von der Kommission sehr sonderbar zu finden und sagte: »Sind denn unsere Assignaten nicht ebenso gut und sicher wie die russischen?« – »Weiß nicht,« antwortete einer der Unsrigen, »wenn wir nur Brod und Fleisch dafür kaufen könnten!« – »Es kommt nur auf eine Kleinigkeit an,« setzte ein Anderer hinzu, »so sind sie so giltig wie die besten Holländer.« – »Und die wäre?« fragte der Pole. »Sie müssen nur tüchtig links und rechts die Russen und die Preußen schlagen,« war die Antwort. »Das wollen wir, das wollen wir,« sprach der Sarmate im Weggehen und strich lachend seinen Schnurrbart. An dem guten Willen war nicht zu zweifeln; aber das Vollbringen forderte bessere Sehnen, als damals der tödtlich fieberkranke Staat noch hatte. Die Kaiserin Katharina die Zweite ließ Papier prägen in ihrem ersten Türkenkriege, um keine Kriegssteuer fordern zu dürfen. Nirgends sind wol Papiere eigentlich sicherer als in Rußland; denn nirgends giebt der Staat mehr Werth zum Unterpfande. Nicht allein die öffentlichen Einkünfte, sondern vorzüglich die unermeßlichen Krongüter sind die Hypothek, und diese sind nach den außerordentlichen Verschenkungen immer noch der Werth von unbeschreiblichen Summen, zumal da die Preise der Grundstücke täglich steigen und in Rußland vorzüglich noch lange steigen müssen. Die Anzahl der Assignaten hat sich freilich sehr gemehrt, und ihr Totum, das man nicht sicher genug kennt, mag sich wol auf einige hundert Millionen Rubel belaufen. Noch eine Kleinigkeit gegen die englische Nationalschuld, indessen doch immer groß genug, bei kritischen Perioden den Besitzern viele Unruhe zu verursachen. Der Fürst Potemkin hatte nach den Berichten von Personen, die näher um ihn waren, allein mehrere Millionen eingekapselt. Die Kapseln sahen aus wie Bücherbände und standen in Repositorien. Dieses pflegte er sehr fürstlich seine Bibliothek zu nennen und hatte ein großes Vergnügen, zuweilen ein Stündchen darin zu studiren und sie zu mustern. Anfangs waren die Assignaten, wie überall gewöhnlich ist, ebenso gut oder noch besser als Silber; aber sie verloren nach und nach bei ihrer Vermehrung und den gefährlichen Kriegen beträchtlich, und ihr Verlust stieg bis auf dreißig Procent. Fünfundzwanzig verloren sie bei dem Tode der Kaiserin. Kupfer sollte man voll dafür in den kaiserlichen Banken bekommen; aber auch dieses konnte man sehr selten erhalten. Die Kaufleute und Landbesitzer wußten sich wol zu helfen; denn bei beiden richteten sich Waaren und Producte im Preise nach dem Preise des Geldes. Aber Personen, die in öffentlichen Diensten standen, sowol Militäre als vom Civiletat, waren sehr übel daran, da sie ihren Gehalt in Papier erhielten. Die Besoldungen waren außerdem schon sehr mäßig, und nun mußten sie noch über fünfundzwanzig Procente Verlust bei der Umsetzung leiden, oder wenn sie kauften, so war es schon auf die Waaren geschlagen. Stellen Sie Sich vor, daß ein Mann in einem Collegio vierhundert Rubel Gage in Papier zog, die gaben ihm in Silber dreihundert. Davon sollte er mit seiner Familie leben, sollte, wie man es nennt, standesmäßig leben! Unbegreiflich ist es mir oft gewesen, wie Leute von dieser Summe noch so erträglich leben konnten. Die meisten suchten sich freilich durch das sogenannte Nefas oder, feiner gesprochen, durch Accidenzen zu erholen; aber es gab doch auch ehrliche Männer, die sich durchaus in diese Art Krummholz nicht fügen konnten. Die nordische Hospitalität kommt nur ledigen einzelnen Personen zu Gute; denn ein Mann mit Familie kann davon nicht Gebrauch machen. Und doch mußten Männer mit Hofrathscharakter in Gouvernementsstädten von dreihundert Rubeln leben. Für alle Leute in ähnlichen Verhältnissen ist der nun festgesetzte gleiche Preis des Papiergeldes mit der Münze eine wahre Wohlthat. Der kleine Officier hebt nun seinen vollen Gehalt und zahlt zurück ohne Verlust, und ein Mann, dessen ganzer Reichthum seine Gage ist, muß eine Ersparniß von zehn Rubeln in seiner kleinen Oekonomie schon sehr vorteilhaft empfinden. Der Kaiser befahl, die Assignationen sollten wie Münze stehen, und sie standen. Freilich zahlten die öffentlichen Banken noch fast ebenso wenig als vorher. Die Verlegenheit war um desto größer, da der Kaiser wol befehlen konnte, das Papier sollte in Zahlungen voll gehen, aber Niemand zu zwingen im Stande war, es auf demselben Fuß einzuwechseln. Die erste Erscheinung also war, daß man nun auf einmal weder Gold noch Silber mehr sahe und Alles ohne Ausnahme mit Papier und zur Auseinandersetzung mit Kupfer abgemacht wurde. Reisende, welche in dieser Periode aus Rußland kamen, haben mich versichert, daß man hundert Meilen fahren konnte, ohne ein Stück Silber zu sehen. Alles ist sehr natürlich; Jedem ist doch der Werth des Silbers lieber als der Werth des Papiers, da dieser doch immer nur auf sehr unsichern Etablissements, jener aber auf der uralten Übereinstimmung aller cultivirten Nationen beruht, der die uncultivirten sogleich beitreten, so wie sie sich aus ihrer ersten Rohheit erheben. Der Kaiser soll schon, sagen die öffentlichen Nachrichten, gegen neun Millionen Assignationen verbrannt haben. Der Anfang ist gut. Wenn er im Stande ist, bei seiner Staatsökonomie jährlich nur einige Millionen zu vernichten, und die Zahlung der Banken nur auf leidlichen Fuß gesetzt wird, so wird bald die Münze mit Sicherheit wieder aus den Koffern der Capitalisten hervorströmen. Das Mißtrauen hat sie zurückgehalten, und das Zutrauen wird sie wieder ins Publicum bringen. Wenn der Monarch dieses Unternehmen glücklich beendiget, so hat er seinen Ländern mehr wesentliche Wohlthaten erwiesen, als ob er sie den Nachbarn noch einmal so furchtbar gemacht hätte. Auch dem Handel hat der Kaiser bei dem Antritt seiner Regierung den Druck erleichtert, unter welchem er vorher arbeitete, und ihm so viel Freiheit gegeben, als die Umstände zu erlauben scheinen. Wenn man in den Zollhäusern an den Grenzen die Listen der Contrebande durchsah, gerieth man in Verlegenheit, was nun außer diesen verbotenen Artikeln noch eingeführt werden könnte, so enge waren die Linien gezogen! Fast alle ausländischen Manufacturartikel aller Art waren untersagt; und seit dem Anfange der französischen Unruhen und dem Ausbruche des Krieges war Alles noch weiter eingeschränkt worden. Wäre Rußland ein Reich, das verhältnißmäßig nur so stark bevölkert wäre als die meisten übrigen Provinzen von Europa, und dessen Industrie und Manufacturen sich mit den übrigen nur etwas messen könnten, so könnte die Einschränkung, vorzüglich des Importationshandels, aus den Gründen sehr weise sein, aus welchen sie es bei den Engländern wirklich ist. Aber so sehr sich auch einige Fabriken in Moskau, Petersburg, Tula und einigen andern Orten auszeichnen, so stehen sie doch durchaus noch in keinem leidlichen Verhältnisse zu dem Ganzen. Da Rußland noch mit seinen Naturproducten so unerschöpflich reich und in seinen Manufacturen so ausgezeichnet arm ist, darf es noch lange nicht befürchten, daß auch bei der größten gegebenen Freiheit sein Handel passiv werde. Es können wol noch hundert Jahre vergehen, ehe diese Periode, auch bei dem glücklichsten Frieden und den besten Einrichtungen wahrscheinlich eintreten dürfte. Wo der Ackerbau in allen Provinzen noch so ausschließlich mehr Hände fordert, als man ihm geben kann, darf man auch noch nicht so ängstlich auf Fabriken denken, die billig nur den mehr müssigen Theil der Nation beschäftigen. Die Engländer, trotz ihren Raffinements in Manufacturen und dem Nonplusultra ihres Handelsgeistes und trotz der Anglomanie der Russen, verlieren doch jährlich einige Millionen Rubel an Rußland. Man bezahlt zwar ihre Artikel des Luxus mit schweren Summen, aber diese Summen gleichen bei Weitem nicht denen, die sie an Rußland nothwendig zurückzahlen müssen. Ihre Flotten brauchen Flachs und Hanf und Maste und Eisen und Kupfer, das sie durchaus von Rußland nehmen müssen, wenigstens von Rußland zu den billigsten Preisen bekommen können. Sie suchen sich an andern Nationen über ihren Verlust von dieser Seite zu erholen. So lange die Russen noch nicht selbst alle Früchte des Landes verzehren können, – und innerhalb hundert Jahren können sie dieses gewiß noch nicht, – werden sie bei voller Handelsfreiheit und bei nur mäßigem Fleiß im Arbeiten durchaus nicht verlieren. Bis dahin werden nach dem gewöhnlichen Lauf ihre Manufacturen und ihre Industrie aller Art wahrscheinlich steigen; und dann ist es Zeit genug, gegen den Passivhandel Maßregeln zu ergreifen. Bis dahin, glaube ich, ist jede Art von Handel, wenn nur die Nation zu ihrer eigenen Bildung etwas dadurch gewinnt, gesetzt auch, daß sie in diesem Artikel des Handels selbst verlöre, ohne allen Schaden, da das Resultat des Ganzen noch Gewinn ist. Die russischen Fabriken gewinnen durch die Freiheit des Handels in jeder Rücksicht mehr als durch die Sperrung; denn die Eifersucht wird rege gehalten, und der Wetteifer für Qualität und Quantität der Producte arbeitet mit allen Kräften um den Vorzug oder wenigstens um gleichen Schritt. Die Stücke des Auslandes dienen zu Mustern, die man zu erreichen oder zu übertreffen sucht. Wenn man blos auf die Heimath eingeschränkt ist, bleibt die alte Trägheit bei der Weise der Großväter und ist zufrieden, ihre Sachen nur fast so gut gemacht zu haben wie die Großväter. Den Russen fehlen zur wahren Cultur noch die ersten nothwendigsten Handwerker, so viel auch der Russe natürliche Geschicklichkeit zu allem Möglichen hat. Es giebt zwar hier und da vortreffliche Leute in ihrer Art; aber ihre Anzahl ist für das Ganze noch so geringe, daß ihr Mangel nur desto mehr empfunden wird. Die nützlichste Anstalt würde vielleicht sein, die zur ersten feineren Cultur notwendigsten Menschen vorzüglich vermehren zu helfen, Ziegelbrennereien anzulegen, gute Maurer und Zimmerleute zu schaffen, die durch ihre Existenz und Arbeit dem ganzen Lande sogleich ein humaneres Ansehen geben. In Deutschland ist es dem letzten Bauer unmöglich, sich ein Haus ohne Kamin, Schornstein und ordentliche Fenster zu denken; in den meisten Provinzen Rußlands erzählt man es als einen Beweis eines ungewöhnlichen Wohlstandes und eintretenden Luxus von einem Bauer, er habe sich ein Haus mit Schornstein und Fenstern bauen lassen. In Deutschland findet in jedem Dorfe ein marschirendes Corps ein Quartier, wo allenfalls ein General einige Tage gemächlich ausruhen könnte; in Rußland ist es eine Seltenheit, die Edelhöfe ausgenommen, welche auch zuweilen elend genug sind, auf dem platten Lande ein Quartier zu sehen, wo nicht der eingesperrte Rauch die Augen wund beizte. Der Salzhandel ist in den meisten Ländern ein Monopol der Regierungen und bei einer vernünftigen Einrichtung nicht zum Schaden der Länder, wenn die Regierungen nicht den unseligen Einfall haben, durch dieses Monopol großen Gewinn zu machen. In Rußland ist es doppelt nöthig, daß die Krone dafür sorgt, daß in allen Provinzen gehöriger Vorrath von Salz zu finden sei, da schwerlich ein Particulier aus eigenen Kräften diesen so notwendigen Artikel aus so großen Entfernungen immer sicher würde herbeiführen können, ohne daß man ihm wieder ein Monopol gäbe. Und wenn denn einmal ein Monopol sein muß, so läßt man es doch sicherer in den Händen des Monarchen, dem schon so viel anvertraut ist. Meistens kommt das russische Salz von der sibirischen Grenze, wo es in großer Menge auf sehr leichte Weise gewonnen wird. Der Vortheil, den die Commission in einigen Provinzen daraus zieht, wird vielleicht gänzlich wieder in andern entferntern verloren, denen man das Salz bei dem weiten Transport doch zu sehr billigen Preisen liefert, so daß wahrscheinlich der Gewinn im Ganzen sehr geringe ist. Desto größer ist er aber von dem Monopol des Branntweinhandels. Man wird vielleicht dieses sonderbar finden, aber es ist nichts desto weniger wahr; in Rußland ist der Kaiser allein in dem ausschließlichen Besitz, Branntwein zu schenken. Esthland, Livland und nun vielleicht Kurland sind ausgenommen, wo nur der Adel privilegirter Branntweinbrenner ist, der ihn dann verschenkt oder an die Ausländer verkauft. Ob der Handel der Krone mehr einträgt als in andern Ländern der Blasenzins, läßt sich leicht bestimmen; der Vortheil muß sehr groß sein. Ueberall ist der gemeine Mann dem Trunke ergeben, aber nirgends stärker als in Rußland; und vielleicht soll dieses ein Mittel sein, daß die öffentlichen Häuser, wo das berauschende Getränk verkauft wird, unmittelbar unter der Aufsicht eines Kronbeamten stehen, der Trunkenheit einigermaßen zu wehren. In Livland und Esthland ist das Adelsprivilegium, da nämlich nur blos der Adel Branntwein brennen und verkaufen darf, ein Mittel, das letzte Mark des ärmlichen Lebens des Volks, wenn man so unglückliche, ohne Grenzen elende Geschöpfe Volk nennen kann, in die Casse der Menschenbändiger zu ziehen. Der Kaiser scheint der Freiheit günstig zu sein; wenigstens zeigen die Einrichtungen, die er ehemals auf seinen Privatgütern traf, er sei überzeugt, daß nur durch sie Industrie gehoben, feste Gerechtigkeit geschafft und das Glück des Gesammten gesichert werden könne. Was er in dieser Absicht nun für das ganze Reich thun wird, muß die Zeit lehren. Es steht blos bei ihm, auch ohne den Namen der Freiheit zu nennen, deren Begriff die Halbwilden noch nicht richtig fassen können, sie wirklich zu geben. Ein Mann mit seiner Vollmacht, mit allen Guten des Reichs und vielleicht den bravsten Truppen von Europa zu seiner Unterstützung, kann Alles thun, was er consequent findet. Die Sache der allgemeinen Personalfreiheit soll unter der Regierung seiner Mutter schon einmal im Senat bestimmt zur Sprache gekommen sein. Der Kastengeist fand natürlich sein Interesse, sie zu unterdrücken, und brauchte den damals so eben eintretenden gleißenden Prätext der Revolte des Pugatschew, um die gefährlichen Folgen einer solchen Concession zu zeigen. Die Monarchin glaubte das Wagniß zu sehen und noch mehr das Mißvergnügen, das es mehrern angesehenen Hofleuten und inhumanen Landbesitzern in den Provinzen machen würde. Die Sache unterblieb. Aber es ist leicht, deutlich zu beweisen, daß bei einem nur persönlich freiem Volke eine Revolte wie Pugatschew's nicht möglich gewesen wäre; wenigstens hätte sie sich nicht so ausgebreitet und die entsetzlichen Gräuel hervorgebracht, welche diese wirklich hervorgebracht hat. Ein nur persönlich freies Volk ist noch weit von der wahren Freiheit entfernt. Nichts ist leichter, als die Wohlthätigkeit einer vernünftigen Freiheit zu beweisen; und jede Freiheit ist vernünftig, oder sie verdient nicht mehr diesen edeln Namen. Wo die Sclaverei nur an einem einzigen Menschen gesetzlich bleibt, ist der Staat auf einen Widerspruch gebauet und muß früher oder später sich verbessern oder zu Grunde gehen. Dieses war die Krankheit der alten Staaten, die so viel von Freiheit schwärmten. Die kommenden Jahrhunderte werden lehren, ob die neuern durch den Irrthum der alten weiser geworden sind. Gemäßigte kirchliche und politische Freiheit ist die sicherste Stütze eines jeden Throns und der sicherste Grund zum Wohlsein des Volks. Man sehe rund um sich her in der Geschichte, um sich von dieser Wahrheit zu überzeugen! Der Druck eines großen allgewaltigen Despoten ist noch nicht so schwer als der Druck von tausend kleinern, die unter die Fittige des großen sich verbergen. Rußland hat nicht den vierten Theil der intensiven Kraft, die es haben könnte, wenn seine Einwohner freie Leute wären. Man nehme Deutschland unter Friedrich dem Dritten und jetzt – und man hat die Vergleichung. Es ist unmöglich, daß Gerechtigkeit wohne, unmöglich, daß Kunstfleiß gedeihe, unmöglich, daß allgemeine Wohlhabenheit ihren Sitz aufschlage, wo der größte Theil der Lebenden keine Person hat. Wer will mit Lust blos für Andere pflanzen, für Andere arbeiten, für Andere bauen? Kein Sclav thut mehr, als er muß; und er wäre ein Thor, wenn er mehr thäte. Denn wo ist Sicherheit, daß der Genuß seiner Arbeit für ihn sei? Man nehme ferner: wo die Freiheit Wurzel schlägt, breitet sie sich aus wie jedes gute Gewächs der Natur, und die Sclaverei gedeihet wie jedes Unkraut. Wo der Kern der Nation Sclav ist, kann und wird Keiner für seine Freiheit Sicherheit haben, der nicht in die Kaste der Unterdrücker tritt. Hätte ich als armer deutscher Bauer ein halbes Dutzend Söhne, ich würde sie alle lieber mit einem Schusse tödten, ehe ich sie unter gleißnerischen Versprechungen als sogenannte Pflanzer nach Rußland gehen ließe. Sie bleiben frei, sagt man laut. Richtig; aber man sehe weiter! Den Ankömmlingen macht Niemand ihre Persönlichkeit streitig, nur daß man sie nicht sogleich nach Belieben wieder fortgehen läßt. Die Söhne sind als Eingeborne schon zweideutig. Bei den Enkeln ist keine Quästion mehr; der Edelmann oder der Oekonomieinspector der Krone behandelt sie in jeder Rücksicht wie alle übrigen Leibeigenen. »Er ist hier im Gebiet geboren; sein Vater ist weder Edelmann noch Städter; folglich ist er Erbe;« so spricht man etwas humaner, wenn man nicht Sclav sagen will. Eine herrliche Aussicht, der Vater einer Sclavenrace zu sein! Mir selbst sind Beispiele von solchen Processen bekannt. Ein Fremdling, der in Rußland nicht seine Zuflucht in eine Stadt nimmt, hat auf die Freiheit seiner Nachkommenschaft Verzicht gethan. Der Satz ist Unsinn, aber er ist doch wahr; denn es ist leider viel Unsinn unter den Menschen als Wahrheit giltig. Dieses ist eine von den triftigsten Ursachen, warum in Rußland auf dem platten Lande die Cultur noch nicht höher gestiegen ist. In einem despotischen Staat ist zwar der erste Fürst als Staatsglied rechtlich ebenso wenig etwas als der letzte Sclav; aber desto schlimmer, daß eine Null die andere so sehr das Gewicht ihrer Nullität auf einer andern Seite fühlen läßt. Nirgends kann öffentliche Wohlfahrt auf einige Sicherheit rechnen, als wo Rechte und Pflichten in ein vernünftiges Verhältniß treten; und nirgends kann dieses Verhältniß stattfinden, wo der Begriff der Sclaverei noch am Throne geduldet wird. Katharina die Zweite hat zwar schon das Wort verbannt; aber der Adel hat sich die Sache nicht nehmen lassen: non missura cutem . – In Deutschland ist der Adel, das Unwesen der Kanonikate ausgenommen, deren Entstehung Pfeffel allegorisch in der Fabel angiebt, so ziemlich unschädlich geworden und kann, wenn er anders in den Grenzen der Mäßigung bleiben will, für den Staat noch leidlich unschuldig bestehen. Doch giebt es hier und da des alten Sauerteigs noch genug; und das Capitel der ungemessenen Frohne erinnert noch oft an die Zeiten der goldenen Bulle, die zwar für den Adel, aber für Philosophie, Gerechtigkeit und Humanität gar nicht golden waren. Mit einem Federstriche könnte Paul der Erste viele Millionen glücklicher Menschen schaffen, und dieses wäre um desto leichter, da ihre kraftvollen Brüder für ihn und ihr Vaterland, an dem sie doch noch keinen Antheil haben, muthig das Schwert tragen. Niemand würde es wagen, ihm und ihnen zu widersprechen, und selbst die Verlierenden würden in der Folge bald mehr gewinnen, als sie jetzt verlieren. Nach meiner Ueberzeugung wäre dieses der vollkommenste Sieg, den er über alle seine Feinde, die ihm in seinen Verhältnissen nicht fehlen können, erhalten würde. Die äußerlichen Verhältnisse der Politik können ebenso wenig immer dieselben bleiben, und es wäre im Falle einer Veränderung zu befürchten, daß der richtige Gebrauch einer einzigen Idee Rußland mehr Schaden thäte als eine starke Armee. Der Kaiser verlangt sicheren Nachrichten zufolge von allen Fremden, die sich eine beträchtliche Zeit in Rußland aufgehalten haben und ferner dort zu bleiben wünschen, ein eidliches Versprechen, daß sie für sich und ihre Nachkommen im Reiche bleiben und es nie wieder verlassen wollen. Die Nachricht ist mir ungeachtet der Verbürgung kaum glaublich. Er hat allerdings das Recht zu dieser Forderung, da er überhaupt das Recht hat, Fremde zu dulden oder nicht; aber Liberalität liegt nicht darin, und ich zweifle, ob Gewinn für den Staat daraus entspringen werde. Ein solches Versprechen ist billig Jedem abschreckend, dessen Lage noch nicht die verzweifelteste ist, und eine Menge Ausländer sollen sich sogleich entschlossen haben, das Reich zu verlassen. Für sich selbst kann zwar Jeder Verbindlichkeiten eingehen, so viel er will; aber über seine Nachkommen kann er durchaus nichts Giltiges beschließen. Und welcher freie Mann wollte auch auf das erste heiligste Recht des Menschen Verzicht thun? Nur der hoffnungslose Schwächling kann seine Befugnisse so verkaufen! Der Gewinn an solchen Leuten wäre sodann dem russischen Reiche nicht zu beneiden. Mancher würde freiwillig mit seinem ganzen Muth dort arbeiten wollen, den dieser Zwang zurückscheucht. Eine solche Verzichtleistung wäre der erste Schritt zur Sclaverei. Der Gedankenlose ist zu bedauern; aber wenn ein Mann von hellem Kopf ein Sclav ist, so verdient er es zu sein. Es giebt keine Fessel, die der Muth nicht brechen könnte. Jeder rechtliche Mann, der den Antrag eines solchen Versprechens erhält, wird billig antworten: »Für mich will ich nichts versprechen, für meine Nachkommen kann ich nicht.« Nur ein ganzes corpus mysticum kann mit Giltigkeit für seine Nachkommen versprechen; dazu sind andere Gründe. Der Monarch zeigt, daß er den Frieden wünscht. Es ist ein Wunsch, eines Regenten würdig. Rußland kann Frieden haben, wenn es will; denn es hängt blos von sich selbst ab, und kein Nachbar wird es nunmehr wagen, es zu beeinträchtigen. Aufmerksamkeit auf das Militär ist die Bedingung. Der Löwe kann ruhen, aber er darf nicht sicher schlafen. Wer Frieden haben will, muß zum Kriege fertig sein. Leider ist dieses eine Wahrheit, die kein gutherziger Philanthrop aus dem Codex der Völker wischen kann. Man kann sagen, Rußland hat in diesem Jahrhunderte noch keinen Frieden gehabt, und seine glücklichen Kriege haben ihm vielleicht bis jetzt wenig wahren Vortheil gebracht. Wenn Paul der Erste die Früchte dieser Kriege zum Frieden sammelt, so thut er mehr, als wenn er Schlachten gewönne. Seine Provinzen sind von unermeßlicher Ausdehnung. Der Ehrgeiz würde wenig gewinnen, sie noch zu vergrößern; wenn er sie aber glücklich macht, werden ihm funfzig Nationen den Namen Vater mit Segen zurufen. Schon Peter der Erste empfahl seinen Nachfolgern: »Es ist genug; arbeitet zu Hause!« Man hat seinen Rath nicht befolgt, vielleicht nicht befolgen können. Jetzt dürfte man es nochmals mit neuem Nachdrucke rufen. »Wir werden so viel verschlingen,« sagte mir einst ein Russe von sehr gesunder Politik, »daß wir zuletzt an der Unverdaulichkeit sterben.« Eine herrliche Warnung für physische und moralische Schwelger! Die Geschichte hat ihre Wahrheit auch an Nationen bewährt. Kein Land hat den Frieden nöthiger als Rußland; denn kein Land ist trotz der starken Bevölkerung einiger Provinzen im Ganzen ärmer an Volk; kein Land braucht mehr die Künste des Friedens und kann den Frieden leichter behaupten; aber in keinem Lande wird aus tiefliegenden Ursachen von dem Frieden für das Ganze weniger Segen gezogen. Die einzige Besorgniß wäre vielleicht, daß bei langer Ruhe das Gros der Armee anfinge, einen Glimmer von dem Begriffe der Menschenrechte zu bekommen, die man bis jetzt weder ihm noch seinen Brüdern auf dem Lande zugestanden hat. Die Knechtschaft ist zwar im eigentlichen Rußland sehr mild; denn eine ganze so energische Nation läßt sich in die Länge nicht mit unerträglichen Ketten belasten. Aber Alles lebt doch oder vegetirt vielmehr nur noch in dumpfem Brüten, und das Erwachen würde desto fürchterlicher sein, je weniger man noch die Ideen von Recht und Pflicht zu verbinden im Stande ist, da sie ihre Treiber bisher so wenig verbunden haben. Wenn die Könige auch nicht das Glück der Völker wollten, so erforderte doch ihre eigene Sache in der jetzigen Periode, daß sie dem Rechte und der Freiheit wenigstens schmeicheln. Nur durch die Aufrechterhaltung beider können sie beide wieder einschläfern, welches die Schlangenköpfe der Cabinette nur zu gut einsehen werden. Wäre diese Wahrheit vor acht Jahren daselbst lebendig gewesen, welche Veränderungen würden nicht ungeschehen sein, von denen jetzt noch ungewiß ist, ob sie der Menschheit Fluch oder Segen bringen werden! Denn noch liegt Alles in der Krise. Für Rußland wollen wir das Beste hoffen, da dort noch nichts verdorben, das heißt, noch gar nichts gethan ist. Der Himmel gebe, daß nie daselbst etwas gewaltsam geschehe; denn es würde der Orkan wie Aetna und Hekla zusammen brennen. Wenn der Monarch das Bedürfniß seiner Nation und die gerechten Forderungen der Menschennatur um Rath fragt und nicht die bunten Meinungen der großen und kleinen Höflinge, so sind die Gerechtsame gesichert, welche die Menschheit an ihm hat. Daß der Kaiser den Dienstadel abgeschafft hat, ist die gleichgiltigste Sache im Staate. Peter der Erste hielt die Einrichtung zur Aufmunterung im Dienst für nöthig, daß jeder Officier ipso facto durch seine Anstellung für seine Person Edelmann war und als Stabsofficier den Adel auf seine Familie fortbrachte. Jetzt ist diese Aufmunterung nicht mehr nöthig; der Dienst ist auf alle Fälle versehen. Warum sollte der Adel in infinitum vermehrt werden? Freilich wäre dieses der beste Weg, am Ende gar keinen mehr zu haben; aber welche Verwirrung würde vor diesem Ende noch entstehen! Von dem Kaiser von Rußland sowie von jedem andern Regenten ist es natürlich consequent, daß er den Adel hält, um sich an den Adel zu halten. Vorurtheile scheinen zur Existenz des Menschen im Einzelnen und Allgemeinen nöthig zu sein; so wie wir uns von einem losmachen, setzt sich ein anderes wieder fest. Das Vorurtheil des Adels ist also vielleicht bis auf einen gewissen Punkt allen Parteien ziemlich dienlich. Nur wenn das Vorurtheil es wagt, das Ansehen der Vernunft anzunehmen und das Privilegium, die Giltigkeit des Rechts zu behaupten, so entstehen daraus die fürchterlichen Collisionen, die wir so häufig in der Geschichte der meisten Nationen finden. Privilegien und Vorurtheile müssen immer das Licht scheuen, weil das Licht nothwendig die Nullität der einen und das Phantasma der andern zeigen muß. So lange aber alle Menschen noch nicht hell sehen, und daran wird man sie mit Hilfe der Enthusiasten aller Art das nächste Jahrtausend wol noch zu hindern wissen, so lange sind kleine Vorurtheile sowie kleine Thorheiten keine üble Ingredienz zu dem Wohlbefinden des Ganzen. Daß der Kaiser den Adel begünstiget, liegt in seinen Verhältnissen; er will aber, daß der Adel edel sein soll, wozu allerdings etwas mehr als das Machtwort des russischen Kaisers gehört. Ob ihm der Monarch die Schranken wird anweisen können, in welchen er auch für Rußland bleiben soll, muß die Zeit lehren; denn jedes Land hat leider seinen eigenen Maßstab für seine Begriffe im allgemeinen und besondern Staatsrecht. Es ist in Rußland ein ausschließliches Vorrecht des Adels, allein Güter besitzen zu können. Dieses Vorrecht allein hemmt Cultur und Industrie auf dem Lande mehr, als zwanzig stockbigotte Verfügungen des Dalai Lama thun könnten. Dadurch gewinnt allein der Adel Personalität; denn wer nicht Grundstücke gesetzlich besitzen kann, hat nur halbe Personalität im Staate. Und ich möchte nicht in einem Staate leben, wo ich nicht ebenso rechtlich der Eigenthümer der größten Ländereien werden könnte als der Hofmarschall oder Kriegspräsident, und wenn ich auch im neunzigsten Jahre noch keinen Fuß breit hätte. Durch diese Freiheit wird der deutsche Adel noch am Meisten unschädlich gemacht. Die Provinzen, wo noch ein Zwitterding von Hierarchie und Aristokratismus lebt, zeichnen sich auch noch in Deutschland durch ihre Dunkelheit und den Mangel an Cultur aus. Der Kaiser will künftig den Adel selbst ertheilen. Da in Rußland der Kaiser das Gesetz ist, so ist die Verfahrungsweise sehr schlußgerecht, weit mehr als in andern Staaten, wo der Monarch nicht das Gesetz ist und doch nach Gutdünken für eine Handvoll Gold den Stempel der Kaste giebt. Der Lateiner sagt sehr richtig, nobilitirt; denn es wird nur der Name gegeben; um die Sache bekümmert sich keine Kanzlei. Es ist eine schwere Sache für einen Regenten, Volk und Adel im richtigen Gleichgewicht zu halten; denn auf diesem Gleichgewicht beruhet in den meisten Fällen seine eigene Sicherheit, und diese weise Abmessung kann nicht immer nach Lehnrecht und Pergamentrollen geschehen. Obgleich in Rußland eigentlich noch kein Volk ist, wird dadurch das Problem nicht leichter; denn eben desto eher ist zu befürchten, daß sich nicht einmal durch irgend einen Stoß ein Volk bilde mit allen seinen fürchterlichen Befugnissen und Forderungen. Immer besser, die Regierung kann dem Volke Freiheit ertheilen, – ein sehr uneigentlicher Ausdruck! – als das Volk steht auf, der Regierung Artikel vorzuschreiben. Gar keine neuen und keine widerrechtlichen Erscheinungen in der Geschichte, wenn sie gleich nicht in der Form der Diplomatik geschehen. Bekanntlich waren die Todesstrafen unter der Regierung der Kaiserin Katharina der Zweiten abgeschafft, und Pugatschew mit einigen seiner Rottenführer ausgenommen, ist Niemand hingerichtet worden. An der Knute sterben nur Wenige. Diese Gelindigkeit war Menschlichkeit für die Verbrecher, aber ich fürchte, sie war Grausamkeit für den Staat. Peter's des Ersten eiserne Strenge und diese Güte waren Extreme. Wir haben noch keine Nachricht, ob Paul der Erste die Todesstrafe herstellt oder ihre Abschaffung bestätiget. Ich habe mich oft nicht enthalten können, zu wünschen, daß in jedem Gouvernement Rußlands noch ein Galgen stehen möchte, um vorzüglich den großen Verächtern der Gesetze und der Menschlichkeit immer ihren gehörigen Gesichtspunkt zu geben. Jeder Schurke, der durch seine Niederträchtigkeit und Habsucht, durch seine Grausamkeit und Ungerechtigkeit aller Art das Glück ganzer Familien oder ganzer Provinzen zerstört, gehört rechtlich an dieses Instrument; diese Wohlthat darf die Menschheit fordern. Wenn man ehedem einen unbefugten Hirschjäger auf das Thier schmieden ließ, so war dieses die unsinnigste Barbarei, die je die Inconsequenz des Lehnsystems ausgeheckt hat; wenn man aber jetzt den überwiesenen Mörder seiner Brüder und den gemästeten Betrüger, der die Früchte des bitteren Schweißes einer Provinz verzehrte, der den Staat beraubte und den hilflosen Privatmann plünderte, nur mit aufgeschlitztem Nasenloche hinschickt, wo er nicht selten neue Verbrechen begeht, so ist dieses im Gegentheil die grausamste Schonung. Man hat Beispiele, daß russische Soldaten, die das Leben der Gefangenen als ihre Wächter kannten, blos darum ein Verbrechen begingen, um in ihre Gesellschaft zu kommen, da sie das Schicksal derselben weit besser fanden als ihr eigenes. Dieses ist kein Beweis gegen Howard's Meinung über die russischen Gefängnisse, aber wohl ein Beleg über die elende Lage der niedrigen Volksclasse, vorzüglich des gemeinen Soldaten wegen der ehemaligen willkürlichen Grausamkeit vieler großen und kleinen Officiere. Ich bin selbst sehr wohl überzeugt, daß die reine Gerechtigkeit der Todesstrafen sich nicht erweisen läßt; aber ebenso wenig läßt sich die reine Gerechtigkeit irgend eines Kriegs erweisen; und wer wollte deswegen die Befugniß zum Kriege leugnen? Der Staat verfährt mit jedem Verbrecher nach Kriegsrecht. Der Verbrecher ist Feind, und die Sicherheit befiehlt seine Vernichtung, wenn jene nicht ohne diese bestehen kann. Der Staat hat keine Verpflichtung, seine verderblichen, räudigen, sich selbst trennenden Glieder weiter zu ernähren; ihre Schonung auf Kosten und Gefahr der gesunden ist nicht Menschlichkeit. Will man dem Wundarzt das wohlthätige Messer nehmen? Das vestigia terrent ist keine verächtliche Betrachtung bei Criminalgesetzen. Ich rede damit eben nicht der blutigen Karoline das Wort, aber glaube doch, daß weise Ordnung der Lebensstrafen in einem Staate traurige Nothwendigkeit sei. Nirgends fühlt man dieses bitterer als in Rußland. Der Verbrecher sind durch Schonung nicht weniger geworden. Man hört im Gegentheil Beispiele von Missethaten, vor denen jedes gesunde Menschengefühl zurückschaudert. »Der Himmel ist hoch, der Kaiser wohnt weit von hier, und es kann doch nichts Schlimmeres kommen als die Knute!« sagt wol dort der gemeine Mann, und mancher große gemeine Mann handelt so, wie seine Brüder sprechen. Gewöhnliche Verbrechen sind dort in angesehenen Posten Veruntreuung der öffentlichen Cassen und Bedrückung der Provinzen. Bei der Rüge wurde meistens blos mit Absetzung bestraft. Die Plünderer waren mit ihrem Raub in Sicherheit, suchten ihr Verfahren in ein geheimnißvolles Dunkel zu verhüllen, und nicht selten war der Nachfolger wie der Vorgänger und hatte nur aus dessen Fehlern mehr Feinheit gelernt. Was verdienen solche Leute zum Wohl des Landes? Je mehr sie Bänder und Ansehen haben, je mehr verdienen sie ausgezeichneten Lohn für ihre Thaten. Der Monarch würde durch weise Strenge in dieser Rücksicht seinen Provinzen eine sehr große Wohlthat erzeigen, und seine gerechte Humanität würde von Vater Gleim ein ebenso gutes Lob verdienen, als da er hunderttausend für das Schwert Bestimmte dem Pfluge wiedergab. Den eigentlichen Charakter des Kaisers Paul scheint der Mann in den Anekdoten über Katharina die Zweite und ihre Familie, die neulich zu Hamburg gedruckt worden sind, sehr treffend geschildert zu haben, obgleich manche Anekdoten den Umständen nach, so wie er sie erzählt, nicht ganz wahr sein können. Der Charakter des Monarchen ist gut; man hat nicht nöthig, ihm zu schmeicheln und zu sagen, er habe nicht die Fehler seines Ahnherrn; er scheint sie allerdings zu haben. Wo ist Licht ohne Schatten? Er ist sehr heftig, und man erzählt sich schon von seiner Heftigkeit Beispiele, die der Procedur Peter's des Ersten, als er den saumseligen Senat an der Thür des Saals auf seine eigne Manier bewillkommte, nicht viel nachgeben. Je mehr sich seit der Zeit das Ehrgefühl verfeinert hat, desto mehr muß ein solches Verfahren in die Periode der kaum anfangenden Cultur zurücksetzen. Wenn sich der Monarch in seinem Zorn aber irrt und wirklich Unrecht thut, so kann er auf keine Weise nachher völlig wieder gut machen; denn das feinere Publicum ist nicht mehr geneigt, in seinen Meinungen sich durchaus ohne Ausnahme nach den Meinungen des Monarchen zu richten, wenn er auch der unumschränkteste wäre. Wer kann dann Bürgschaft leisten, daß die wiederkehrende Gnade eines Königs nicht ebenso ungerecht ist, als vorher sein Zorn war? Zorn ist eine vorübergehende Leidenschaft, Gunst eine bleibende; aber beide können gleich guten und gleich schlechten Grund haben. Kein Mensch sollte im Zorn handeln, am Allerwenigsten ein König. Paul der Erste fängt seine Regierung mit Experimenten an. Die Experimente einer Regierung brauchen etwas länger Zeit, ehe sie gedeihen oder verunglücken, als chemische oder andere physische. In zehn Jahren werden wir also mehr von dem Resultat seiner Einrichtungen sehen; das Kriterion wird sein, wenn er nicht nöthig hat; irgend eine Verordnung zu ändern, und Alles sich dabei wohl befindet. Dieses Wohlbefinden zu beweisen, muß er dann nicht die Paläste der Hauptstädte und die Landhäuser der privilegirten Kaste, sondern mehr den Wohlstand der Bürger und der Hüttenbewohner aufstellen. Es ist niemals ein Beweis von dem Flor eines Landes, wenn es viele, ungewöhnlich reiche Particuliers hat – denn sonst müßte Polen seit einem Jahrhundert das blühendste Land gewesen sein – sondern mehr, wenn der Kern der Nation im Gedeihen seiner Gewerbe den Reichthum der Wenigen entbehren kann. Man hat den Kaiser Paul bei uns wol schon der Ungerechtigkeit beschuldiget; aber, lieber Freund, diese Beschuldigung finde ich ungegründet, so sehr ich auch glaube, daß er manchmal aus falschen Prämissen geschlossen und gehandelt hat. Wenn die Geschichte mit dem General Palen gewesen wäre, wie sie der Sykophant gemeldet hatte, so hatte der Monarch zu einer solchen Behandlung völliges Recht, nur hätte es förmlicher und nach Untersuchung geschehen sollen, wo es alsdann gewiß nicht geschehen wäre. Ein Befehl, in Petersburg zu erscheinen und sich zu rechtfertigen, hätte den Schuldigen oder Unschuldigen sogleich gezeigt. Daß er den Fürsten Subow freundschaftlich aufnahm, kann und wird ihm nicht zum Verbrechen angerechnet werden; hätte er aber für ihn, wie der Verleumder sagte, wirklich alle die Feierlichkeiten veranstaltet, so hätte er, so zu sagen, die Maßregeln des Monarchen auf dem Markte am hellen Mittage auf eine unerhörte Weise getadelt, und dieses hätte strenge Ahndung verdient. Es läßt sich dieses weder von der anerkannten Rechtschaffenheit noch Klugheit des Generals denken. Der Kaiser hat einen Unterofficier degradirt, den der General Apraxin in seinen eigenen Geschäften verschickt hatte, und in Deutschland hat der arme Unterofficier viele Anhänger gefunden und wird als ein unschuldiges Opfer der Willkür bedauert. Die Empfindung des deutschen Publicums ist gerecht und löblich; die Ungerechtigkeit ist desto schreiender, je kleiner und hilfloser der Mann ist, der sie duldet. Ich sage, die Empfindung ist gerecht, aber das Urtheil höchst wahrscheinlich falsch. Man sagt: mußte nicht der Unterofficier dem General gehorchen ohne Widerrede? Das fordert jede vernünftige Ordonnanz und wird in der Ordonnanz Paul's des Ersten nicht anders sein. Erst gehorcht der Untergebene, wenn er nicht einsieht, daß der Befehl geradezu Hochverrath ist; dann beklagt er sich auf dem Wege des Rechts. Was konnte der Unterofficier dafür, daß der General durch ihn nicht recht that? Das war die Sache des Generals, und die seinige war, sein Recht nachher zu suchen. Doch wurde er degradirt. Wenn die Sache sich wirklich so verhält, so ist das Urtheil des Publicums richtig. Aber ich habe gegründete Ursache zu glauben, sie verhält sich nicht ganz so, und der Zeitungsschreiber hat aus Unkunde geradezu nur das Final gemeldet, ohne sich um den Proceß zu bekümmern. Der General verschickte den Unterofficier nicht in Dienstsachen; dafür erhielt er den Verweis vom Monarchen. Der Unterofficier wurde degradirt, höchst wahrscheinlich nicht, weil er verschickt wurde, sondern vermutlich, weil er auf seiner Versendung Excesse begangen hatte. Die Aufführung der Couriere ist leider zu bekannt; und nirgends war die Licenz dieser Leute größer als in Rußland. Als Couriere konnten sie nicht angehalten werden, erlaubten sich also nicht selten eine Menge Ungebührlichkeiten auf ihrem Wege. Mißhandlung gegen Menschen und Vieh war etwas Gewöhnliches. Es war nichts Neues, daß ein General auf einer Reise, die nicht viel mehr als eine gewöhnliche Lustreise war, mehrere Pferde zu Tode jagte. Wenn die Posten klagten, so wurden ihre Klagen angenommen und beiseite gelegt. Die kleinen Officiere und Unterofficiere bedienten sich der nämlichen Freiheit, und wenn Klage über sie angebracht ward, waren sie vielleicht schon über dreihundert Meilen entfernt. Das Extrem der Grausamkeit gegen Vieh ist die Behandlung der Postpferde in Rußland von den Courieren oder auch wol Privatreisenden, die ihr Gewicht können fühlen lassen. Vermuthlich rechnete der Unterofficier auf das Ansehen seines Generals und wirthschaftete auf irgend einer Post nach dem alten Fuße. Der Postmeister benutzte die neue Strenge der Gerechtigkeit und brachte schleunig Klage; und General und Unterofficier hatten sogleich die Folge. Nichts ist natürlicher und gerechter als dieses. Das Degradiren der Officiere war sonst unter den Russen sehr gewöhnlich; jetzt wird es aber etwas seltner, und ich glaube, mit gutem Grunde. Das Degradiren erstickt das Ehrgefühl und tödtet es oft ganz. Ein Officier, der eine solche Herabsetzung verdient hat, verdient überhaupt die Entfernung vom Corps. Man hat militärische Strafen genug, die das Point d'honneur mehr schonen und nicht weniger strenge sind. An guten Officieren kann es bei den guten Instituten in Rußland und der gewöhnlichen Aufmunterung nicht so leicht mehr fehlen, und ein guter Officier wird wahrlich nicht in den Fall kommen, daß man ihn degradiren müßte, weil man ihn auf keine andere Weise in seiner Pflicht halten kann. In dem preußischen Dienst, der in der wohlberechneten Disciplin ein Muster ist, hat man keine Idee von dieser Strafe. Geheime und öffentliche Verweise, kürzerer oder längerer Arrest, Festung, gegebener Abschied, Fortschickung ohne Abschied, ehrlose Cassation sind, glaube ich, Mittel genug, die schlimmen Subjecte zu bessern oder zu entfernen. In Rußland brauchte man bisher alle diese Mittel selten zweckmäßig; vielleicht werden sie künftig besser angewendet. Der Kaiser läßt den ausländischen Adel in dem russischen Kataster nicht gelten. Dieses ist eigentlich ohne alle Folgen, da politisch in Rußland keine Stände und keine Reichsversammlungen sind und der erste Fürst nicht mehr als der letzte Edelmann ist. Es ist insofern gut, daß man sich nicht mehr von außen her den Adel für Geld kaufen wird. Aber das bloße Verbot, sich nicht mehr fremden Adel zu kaufen oder als Geschenk ohne Billigung des Monarchen anzunehmen, würde vielleicht den Zweck ebenso gut erreicht haben, ohne Collision mit den Nachbarn zu verursachen. Wenn nun die Nachbarn den russischen Adel ebenso wenig in ihren Registern wollen gelten lassen, so ist dieses zwar nach der Verfassung der meisten Staaten fast ebenso wenig von Bedeutung; aber es wird doch dadurch ein, obgleich sehr weites Band des freundschaftlichen Vernehmens aufgelöset, und die Bande der Freundschaft sollten jetzt vorzüglich alle Regenten ohne Privatabsichten unter sich enger zusammenziehen. Daß der Kaiser gleich bei dem Antritt seiner Regierung dem General Kosciusko, dem Grafen Potocky und allen Anhängern der polnischen Revolution die Freiheit gab, zeigt von seinem tiefen Gefühl für Gerechtigkeit. Nur diejenigen Polen verdienten bei dem endlichen Sturz ihres Vaterlandes ausschließliche Achtung, die als brave Männer zu seiner noch möglichen Rettung die Waffen trugen. Die Politik konnte ihnen entgegenarbeiten, konnte sie festhalten, aber konnte sie nicht verdammen. Auch Katharina würde, sobald sie den Zeitpunkt für sicher gehalten hätte, dasselbe gethan haben. Für einen Schatten in Katharinens Charakter würde ich vielleicht zuletzt ihre übergroße Güte gegen Menschen halten, die ihrem Ministerio zu Gefallen schlecht gewesen waren. Die meisten erhielten reichliche, sehr reichliche Pensionen, welche wol ehrliche Männer ihrer alten Unterthanen verdient hätten und nicht erhielten. Friedrich würde nicht so gehandelt haben. Solche Leute braucht und bezahlt man, so lange sie nöthig sind; dann läßt man sie gehen. Wer seine Ehre verkauft, muß am Ende schlechte Bezahlung haben; denn er hat schlechte Waare gegeben. Vielleicht hielt die Kaiserin diese Leute noch für nöthig, ob es gleich schwer einzusehen ist, wozu sie weiter nützen konnten. Ihre Arbeit war gethan, und es mußte billig befürchtet werden, sie würden die folgende ebenso schlecht machen. Aber die Kaiserin war gütig ohne Grenzen, und Güte der Könige gegen Einige ist nicht selten Grausamkeit gegen die Uebrigen. So sehr der Monarch sich bemüht, Alles selbst zu sehen, zu beurtheilen und nach seinem eigenen Urtheil zu handeln, so mögen doch mehrere Zehrer von dem Fette des Landes Mittel finden, ihn durch ihre Gläser schauen zu lassen. Es giebt der Sophisten überall genug, aber sie sind nirgends so zahlreich, nirgends ist ihr Gewebe größer, feiner, dichter und bestrickender als an Höfen. Daß er gerecht sein will und in seinen Absichten immer gerecht ist, leidet nicht den geringsten Zweifel. Er ist so unparteiisch, daß er den Vater befördert und den Sohn cassirt, weil Beide haben sollten, was sie verdienten. Daß man den Kaiser die Sache nur einseitig schauen läßt, mag besonders der Fall mit der Veränderung der Justiz sein, durch die nach meiner Ueberzeugung der ärmere Theil durchaus verlieren muß. Hier haben Sie meine freimüthigen Gedanken, lieber Freund! Wagen Sie dieselben auf ihrer eigenen Wage und untersuchen selbst, wie viel Wahres oder Ungegründetes darin ist! Die Sache ist für Humanität und Völkerglück des ganzen Welttheils nicht unwichtig. Daß ich sie für wahr halte, brauche ich Ihnen nicht zu versichern; denn sonst würden sie nicht meine Gedanken sein. Heuchler bin ich nicht; ich spreche, was ich denke, oder schweige. Ich bin zu sehr entfernt von dem großen Wirbel dieser Geschäfte, daß ich kompetent darüber urtheilen könnte; ich bin es aber doch nicht genug, daß ich nicht mit gewöhnlicher Theilnahme für allgemeines Menschenwohl Manches recht lebhaft beherzigen sollte. Wo wir selbst nichts thun können, Freund, wollen wir wenigstens mit Bescheidenheit unsere Meinungen und Wünsche laut werden lassen, damit Andere vielleicht handeln mögen, welche können, wenn sie wollen. Sie wissen, daß ich weder den Zorn der Einen fürchte, noch auf den Beifall der Andern hoffe. Bei meiner Denkungsart und Handlungsweise werden mir die Einen wenig schaden und die Andern wenig nützen. Was ich sage, ist meine reine individuelle Ueberzeugung, und ich sage sie deswegen, weil ich glaube, daß sie doch wol hier und da einige Berichtigung schaffen, auch wol einigen Nutzen bewirken könnte. Freuen wird es mich, wenn sich am Ende auch das als etwas Gutes zeigt, was ich nicht dafür erkannte. Leben Sie wohl! Ueber das Leben und den Charakter der Kaiserin von Rußland Katharina II. Mit Freimüthigkeit und Unparteilichkeit. Le premier soin, le premier devoir, quand on traite des matières importantes au bonheur des hommes, ce doit être de purger son âme de toute crainte, de toute espérance. Raynal.   Wenn Könige sterben, jauchzen und trauern Millionen, und Viele machen sich fertig, zu reden und zu schreiben. Manche strömen daher als Enkomiasten, ihren Griffel in den Honig der Schmeichelei getaucht; Manche brechen hervor zum bittern Tadel, ihre Feder in Schmähsucht und Galle gesenkt; nur Wenige sprechen Wahrheit, weil nur Wenige ohne Furcht und Hoffnung, ohne Vorurtheil und Parteigeist sind. Bei Lückenbüßern unter den Großen, die nur die Chronologen und Genealogen durch ihre Auftrittsperiode und ihren Sterbetag beschäftigen und der Geschichte den Zeitraum ihrer Vegetation hinterlassen, finden Alle nur sehr wenig Stoff, und Alles schlummert in guter Ordnung fort; aber das Ende außerordentlicher Personen ihres Zeitalters bringt gewöhnlich alle Meinungen über ihren Werth oder Unwerth in Gährung und erzeugt die auffallendste, groteskeste Verschiedenheit. Dem pragmatischen Menschenforscher ist bei einer solchen Gelegenheit nichts unwichtig. Er sieht, wie jeder der Männer des Publicums aus Grundsätzen, Neigung, Vorurtheilen, Parteilichkeit oder irgend einem andern Grunde seinen eigenen Gesichtspunkt faßt und seinen Helden mit Lorbeern oder mit Dornen krönt. Aus der Zusammenstellung aller dieser Umstände und ihrer Vergleichung sucht er wo möglich die Wahrheit der Thatsachen aufzufinden, sie auf der Wage der Vernunft kosmisch und moralisch zu würdigen und für sich und seine Interessenten die praktischen Resultate daraus zu ziehen. Die beiden nordischen Helden zum Anfange des Jahrhunderts ausgenommen, sind in Europa ohne Widerspruch in demselben in kosmischer Rücksicht ein deutscher Mann und eine deutsche Frau, Friedrich der Zweite von Preußen und Katharina die Zweite von Rußland, die wichtigsten. So merkwürdige Männer auch in den neuern Händeln der Franzosen aufgetreten sind, so ist doch keiner derselben so wichtig, daß er nur entfernt in eine Vergleichung mit diesen Beiden gestellt werden könnte. Unser Vaterland darf stolz darauf sein, sie unter seine Kinder zu zählen. Mag ihnen die Welt die Beinamen Groß geben oder nicht, so sind sie doch in aller Rücksicht dem Kosmopoliten sowol als jedem Parteigänger insbesondere äußerst wichtig und merkwürdig. Wir haben vor zehn Jahren bei Friedrich's Tode den Beweis von der Aeußerung der buntesten Meinungen gehabt; es wird dem Charakter Katharinens nicht anders und nicht besser ergehen. Friedrich wurde vergöttert und gelästert, und Katharina wird vergöttert und gelästert werden. So ging es Cäsar, Konstantin, Julian und allen Uebrigen, deren Namen berühmt oder auch wol berüchtiget sind; Alle haben ihre Kirchenväter und ihre Prokope, und nur der tiefere Wahrheitsforscher ist dann und wann so glücklich, die Staubwolke wegzublasen und den Parteigeist und den Enthusiasmus der Kirche und der Politik zu berichtigen. Selten sieht und beurtheilt der Mensch die Dinge, wie sie sind; fast immer setzt ihm irgend eine Leidenschaft ein optisches Glas vor die Augen. Dieses ist der Fall im Privatleben, wo selten der Nachbar den moralischen Werth seines Nachbars mit einigem Grunde competent bestimmen kann; und noch mehr ist er es in der höheren Sphäre der Menschen, wo die Verhältnisse noch dichtere Schleier ziehen, tiefere Verwickelungen legen und dickere Schminke auftragen müssen. Es ist selten ein Mensch so gut oder so schlecht, als die öffentliche Meinung von ihm ist; und dieses gilt noch vorzüglicher von den Königen. Nero war gewiß kein so scheußliches Ungeheuer und Titus kein so tadelloser wohlthätiger Genius, als uns die Geschichte sagt. Das Major ex longinquo in utroque ist im vorzüglichen Grade im Gepräge der Monarchen. Mit mehr Freiheit und viel mehr Macht, als ihre übrigen Zeitgenossen genießen, werden sie mit gewöhnlichen Tugenden Wohlthäter und Schutzgeister und mit gewöhnlichen Lastern Harpyen und Geißeln der Nationen. Durch ihren Einfluß auf Alle wird an ihnen Alles größer, das Gute wie das Böse; jenes hebt sie leicht zu Engeln, dieses brandmarkt sie leicht zu Teufeln; ein nothwendiger Lohn und eine nothwendige Strafe auf der Stufe, auf welcher sie stehen. Der Verfasser wagt es, in dem folgenden Werkchen die Geschichte der Kaiserin Katharina der Zweiten mit philosophischem und kosmopolitischem Sinne kürzlich zu schildern. Da die Parteien überall gewöhnlich auf beiden Extremen stehen und enthusiastische Verehrer oder bittere Schmäher sind, so wird er mit aller Ruhe und Wahrheitsliebe, so viel in seinen Kräften steht, die Sachen, wie er sie unbefangen sieht und beurtheilt, vortragen und sodann seinem Publicum die Entscheidung über seine Gründe überlassen. Die Schrift ist keine Lobschrift, als insofern der Gegenstand es erzwingt, und enthält keinen Tadel, als insofern der laute Beifall nicht sprechen kann. Sie ist keine geordnete vollständige pragmatische Biographie: denn dazu fehlt es dem Verfasser nicht allein an Materialien und ununterbrochenen, richtigen Urkunden, sondern auch an Kräften zur würdigen Behandlung. Er sagt vielleicht nur, was längst allgemein bekannt ist, und spricht darüber nach seinem Wahrheitsgefühl ohne Rücksicht, welche Zufriedenheit oder welches Mißvergnügen er bei den Parteien aller Art dadurch erregen wird. Der Aufsatz ist nichts als eine Flugschrift der Periode; es würde aber dem Verfasser sehr leid thun, wenn wohlunterrichtete und wohldenkende Männer sie zu der Rubrik ganz gewöhnlicher seichter Gelegenheitsproducte dieser Art zu zählen Ursache finden sollten. Es ist in Rußland bekannt, daß ein Mann von bewährter Rechtschaffenheit, von gründlichen geläuterten Kenntnissen in alter und neuer Literatur, von dem feinsten Geschmack, und dessen literarischer Credit schon unter seinen Landsleuten und unter den Ausländern feststeht, der überdies in den wichtigsten Geschäften der Kaiserin oft ist gebraucht worden, entschlossen ist, die Geschichte seiner Monarchin ohne Schmeichelei der Nachwelt zu geben. Wenn dieses geschiehet, ist Katharina die Zweite noch nach ihrem Tode so glücklich, einen ihrer würdigen Geschichtschreiber zu finden, wie ihn Alexander im Arrianus und Gustav Adolph in Oxenstierna hat, und wie ihn Friedrich der Zweite bis jetzt noch nicht gefunden. Denn wider seine eigenen Werke werden aus dem gewöhnlichen Rechtsgrunde seine Feinde appelliren, und die besten Beiträge Herzberg's und aller Uebrigen bleiben immer nur noch Beiträge. Die Kaiserin wußte es, daß dieser Mann von ihrem Hofe Documente und Papiere aller Art zu diesem Behufe sammelte und ordnete und sie zu seinem Endzwecke bearbeitete; seine Freimüthigkeit und Rechtschaffenheit sowol als seine Feinheit des Geschmacks waren ihr bekannt, und sie bat ihn um die Mittheilung seiner Schriften, welches der Mann verweigerte, mit der Aeußerung, daß nur Wahrheit allein, ohne alle Rücksicht, seine Führerin sein müsse, und er wolle weder sich noch seine Monarchin durch irgend einen Schein in den Verdacht des Gegentheils bringen. Die Kaiserin lächelte, sprach und handelte fort, wie sie gewohnt war, und ließ den Mann sammeln und schreiben. Gewiß werden Diejenigen, welche durchaus despotische Willkür in Katharinens Charakter tragen, diesen Zug ebenso wenig als tausend andere, in ihr Gemälde setzen. Hoffentlich wird das ganze europäische Publicum nun bald die Frucht von dem kosmopolitischen Wahrheitseifer dieses Mannes erwarten dürfen; und wir dürfen glauben, daß sodann diese Schrift Aufschlüsse über Vorfälle enthalten wird, an welchen ganz Europa den lebhaftesten Antheil nahm und noch nimmt, da sie nicht allein auf Humanität und Aufklärung, sondern auf Menschenschicksale, Menschenwohl und Menschenelend überhaupt den entscheidendsten Einfluß hatten. Sie wird von einer Monarchin handeln, auf welche mehr als ein Welttheil bei den wichtigsten Conjuncturen der gesammten Menschheit ihr Augenmerk richteten, und deren Entschlüsse und Maßregeln die Parteien aller Art nach ihren Stimmungen entweder verehrten oder verwünschten; ihr Verfasser wird ein Mann sein von der nämlichen Nation, deren Beherrscherin sie war, der, mit allen Eigenschaften zu dieser Unternehmung, Gelegenheit hatte, sie von ihrer ersten Erscheinung in der nordischen Welt bis an ihren Sterbetag in allen ihren Verhältnissen mit größter Freiheit zu beobachten. Unterdessen will ich hier in diesen wenigen Bogen das Wesentlichste und Merkwürdigste von dem Leben dieser außerordentlichen Monarchin nach den öffentlichen Papieren wiederholen, mehr ihren Charakter zu schildern, als ihre Thaten zu beschreiben suchen, und deswegen oft nur auf Thatsachen hindeuten, die fast Jedermann des lesenden Publicums schon im Gedächtnisse hat. Da man über ihren öffentlichen und häuslichen Charakter, zumal im Auslande, so verschieden und meistens mit Vorurtheil und Lieblosigkeit spricht und auch wol schreibt, so kann ein Versuch einer unparteiischen Darstellung den deutschen Lesern nicht unwillkommen sein. Ihre enthusiastischen Verehrer finden vielleicht in mir nicht den glühenden Panegyriker, den sie wünschen; aber ihre Tadler und Schmäher finden dagegen vielleicht einen Vertheidiger, den sie nicht wünschen. Schwerlich wird im russischen Reiche eine Seele leben, die den Namen Katharinens nicht mit Dankbarkeit und Liebe und Ehrfurcht nennte, ausgenommen Bösewichter und kleine Tyrannen, welche ihre Gerechtigkeit zu Boden drückte; aber im Auslande ist man aus mancherlei Ursachen so bemüht, alle ihre Handlungen und Gesinnungen in ein nachtheiliges Licht zu stellen, daß unter dem Namen der nordischen Semiramis auch wol liberal denkende Menschen sich sogleich den Inbegriff der weiblichen Tyrannei mit ihrem ganzen schrecklichen Gefolge vorstellen. Wir wissen von der morgenländischen Königin fabelhaften Andenkens so wenig Bestimmtes, daß es kaum einem ernsthaften Manne einfallen kann, irgend eine Person aus der sichern Geschichte mit ihr zu vergleichen. Der Verfasser dieses kleinen Aufsatzes ist gewiß nichts weniger als Anhänger der Despotie oder des Aristokratismus, und er hat durchaus keine Aufforderung, weder von innen noch von außen, etwas zu billigen oder zu mißbilligen, als den Maßstab seiner vernünftigen Grundsätze, seiner Philanthropie und seines Wahrheitsgefühls. Nach diesen wird er sprechen ohne alle Bedenklichkeit und ruhig sein.   Die Kaiserin Katharina Alexiewna die Zweite, ehemalige Prinzessin von Anhalt Zerbst, unter dem protestantischen Taufnamen Sophie Friederike Auguste, geboren im Jahre 1729, kam mit ihrer Mutter auf Einladung der damaligen Kaiserin Elisabeth nach Moskau als erwählte Braut des Großfürsten Peter Fedrowitsch, den Elisabeth als ihren Neffen zum Thronfolger erklärt hatte. Alte Leute, welche sie noch als ein kleines Mädchen in Zerbst auf dem Schloßhofe mit den Kindern aus der Stadt bei dem Spiele gesehen haben, erinnern sich mit Vergnügen der Lebhaftigkeit, Artigkeit und Leutseligkeit der jungen liebenswürdigen Prinzessin, und manche Graubärte erzählen noch mit vieler Selbstgefälligkeit die kleinen Vorfälle, als sie daselbst zuweilen ihre Spielkameraden waren. Die Nachrichten sagen, daß die Kaiserin Elisabeth zur Gemahlin für ihren Neffen, den Großfürsten, die Prinzessin Amalie von Preußen, Schwester Friedrich's des Zweiten, wünschte; ob aber der König Bedenklichkeiten fand, seine Schwester, die er sehr liebte, in ein so kaltes, damals noch halb wildes Land so weit von sich zu lassen, oder ob die Prinzessin selbst nicht Neigung hatte, nach Moskau zu gehen, ist nicht ganz bekannt. Friedrich dankte für den ehrenvollen Antrag und schlug die Prinzessin von Anhalt Zerbst vor. Man folgte zwar seinem Rathe, aber vielleicht wurde auch diese Weigerung eine von den Ursachen zur Erbitterung der Kaiserin gegen den König von Preußen, welche die Oestreichischgesinnten in Petersburg zur Schließung der Allianz mit Wien und Dresden sehr künstlich benutzten. Die Kaiserin Katharina die Zweite dankt also ihre große politische Laufbahn vielleicht ganz zufälligerweise irgend einer kleinen Bedenklichkeit Friedrich's; und der Himmel weiß, welche Katastrophen im Gegentheil sich ereignet hätten, wenn Friedrich diese Bedenklichkeit nicht gehabt hätte. Die Verbindung zwischen Petersburg, Wien und Dresden wäre wahrscheinlich nicht geschlossen worden, der siebenjährige Krieg wäre nicht erfolgt; aber was würde in Deutschland und im Norden an die Stelle getreten sein? So gewiß ist es, daß die größten, wichtigsten Begebenheiten oft von sehr kleinen Ursachen abhängen, und daß nach mathematischer Berechnung ein Sandkorn, hierher oder dorthin geworfen, eine Welt zertrümmern kann. Die junge Prinzessin von Zerbst traf im Juni 1744 in Moskau ein, nahm den Tag darauf die griechische Religion an, welches der russische Hof jederzeit zur nothwendigen Bedingung macht, wenn Prinzessinnen von andern christlichen Religionsparteien in die kaiserliche Familie verheirathet werden, erhielt den Namen Katharina Alexiewna, wurde den folgenden fünften Juli mit dem Großfürsten verlobt, zur Großfürstin mit dem Titel Kaiserliche Hoheit erklärt, und das folgende Jahr den ersten September wurde die Vermählung feierlich vollzogen. Seit dieser Zeit scheint es festere Gewohnheit des Hofs geworden zu sein, für die kaiserlichen Prinzen jederzeit Prinzessinnen kleinerer deutscher Fürsten zu wählen; höchstwahrscheinlich, damit man desto weniger Parteien und Einfluß von außen zu befürchten habe, wie das wol der Fall sein könnte, wenn ein mächtiger Hof dem regierenden Hause durch Blutsverwandtschaft nahe träte. Die junge Großfürstin erwarb sich durch ihre persönlichen Vorzüge und durch die Talente ihres Geistes bald die allgemeine Liebe und Verehrung sowol der Einheimischen als der Fremden. Die Leichtigkeit und Ungezwungenheit, mit welcher sie sich in ihren neuen glänzenden Verhältnissen betrug, die Schnelligkeit, mit welcher sie die ihr fremde Sprache der Nation lernte, die Güte und Herablassung, mit welcher sie durchaus mit Jedermann aus allen Ständen sprach und umging, der Witz und die Anmuth, welche durchaus in Allem herrschten, was sie that und sprach, machten sie bald ebenso sehr zum Liebling der Nation, als die zurückstoßende Härte des Großfürsten die Gemüther erbitterte und von sich entfernte. Während der ganzen Regierung der Kaiserin Elisabeth bis zu ihrem Tode hatte sie in die Geschäfte noch weniger Einfluß als ihr Gemahl, der vielleicht aus guten Gründen, aber wol nicht mit reiflich überlegter Methode ein seiner Tante ganz entgegengesetztes System angenommen hatte. Es sei mir erlaubt, etwas Weniges über die damalige Lage der Dinge zu sagen. Vor Peter dem Ersten waren die Russen eine ungeheure Masse halber Barbaren mit allen Fähigkeiten und allen außerordentlichen Kräften, welche sie seit der Zeit gezeigt und zu entwickeln angefangen haben. Jedermann weiß, was Peter zum Erstaunen seiner Zeitgenossen und zur Bewunderung der Nachwelt unternommen und ausgeführt hat. Er riß das alte Gebäude nieder, mit Gefahr, sich unter den Trümmern zu begraben, und fing an zu bauen auf eine Weise, welche in kurzer Zeit seiner Nation ein entscheidendes Uebergewicht im Norden gab. Peter hatte den Riesengedanken, da seine schwedischen Kriege seine Gegenwart oben immer nothwendig machten und Moskau ihm wegen der blutigen Scenen der Strelitzen nicht sehr angenehm war, sich selbst eine neue Residenz, und zwar außer den Grenzen seines Reichs zu bauen; er führte ihn aus, wie ihn seine Seele gedacht hatte. Es ist kein ähnliches Phänomen in der ganzen Menschengeschichte. Wo vor hundert Jahren nur noch einige Fischerhütten standen, wohnen jetzt zweimalhunderttausend Menschen mit ihrem ganzen furchtbaren Apparat; und alte Königshöfe horchen begierig auf das, was dort beschlossen wird. Das war Peter's Werk. Freilich gehörte dazu ein Nachbar, wie Karl von Schweden war, der bei allem Muth und aller Tapferkeit der alten Chevalerie auch seine Entwürfe aus ihren Büchern genommen zu haben scheint. Wäre Karl von Narva nicht dictatorisch nach Polen und Sachsen gegangen, sondern hätte von dort aus seinen Vortheil nach Moskau verfolgt oder hätte sich auf seine eigenen und die benachbarten Provinzen eingeschränkt, so würde Peter wahrscheinlich zwar immer sein gefährlichster Feind, aber wol nie sein Ueberwinder gewesen sein. Das läßt sich sicher aus der damaligen Beschaffenheit der Kriegskunst bei beiden Nationen schließen. Seit Peter's Tode hatte Schweden zwar nichts Beträchtliches an Rußland verloren; dieses war ihm aber durch seine neuen Erwerbungen und noch mehr durch seine neuen Etablissements in allen Zweigen der Kriegskunst entscheidend furchtbar geworden. Rußland hatte vorher nur mit den Türken und Tartarn Händel gehabt; unter Peter fing es an, sich nachdrücklich in die polnischen Angelegenheiten zu mischen, und unter seinen Nachfolgern hatte es bald sein Interesse in Deutschland, und man sahe die Russen am Rhein. Die Kaiserin Elisabeth war durch einige Sarkasmen Friedrich's des Zweiten, ganz gegen das damalige anscheinende Staatsinteresse, so sehr gegen alle Preußen eingenommen, daß sie eifrig in alle Maßregeln einstimmte, welche man ihr von Wien und Dresden aus zum Nachtheil des Königs von Preußen vorzuschlagen wußte. Peter der Große hatte fast alle seine großen Reformen mit Hilfe der Ausländer angefangen, und dadurch hatte nothwendig Mancher derselben in Rußland Credit gewonnen. Schon unter seiner und noch mehr unter den folgenden Regierungen hatte der Troß der russischen Nation es mit scheelen Augen angesehen, daß so viele Ausländer, vorzüglich Deutsche, Beförderungen im Civil und Militär erhielten. Kein rechtlicher Mann, welcher der Nation Ehre macht, hat an den barbarischen Entschlüssen Antheil genommen, die man einigemal gegen die Fremden gefaßt hatte. Unter Elisabeth, gleich nach dem Antritt ihrer Regierung in Moskau, wollte man alle Ausländer vertilgen; und bei der Armee in Finnland wollten unter der nämlichen Kaiserin die Grenadiere alle fremden Officiere auf das Bajonnett nehmen und sodann nur ihren Nationalcommandeuren gehorchen, weil sie sich geschmeichelt hatten, die Kaiserin würde alle Ausländer fortschaffen. Der General Keith, nachheriger preußischer Feldmarschall, dessen Namen jeder Schulknabe kennt, welcher damals im russischen Dienst war und dort commandirte, stillte durch seinen Muth und seine unerschütterliche feste Entschlossenheit den Aufruhr. Der Mensch ist gewöhnlich nur wüthend, wenn er blind ist; sobald er sehen lernt, wird er vernünftig, wenn er auch Barbar wäre. Die Soldaten bereuten bitter ihre Wildheit und schämten sich ihrer Ausschweifungen. Es war aber bei dieser Stimmung ganz natürlich, daß ein Krieg wider Preußen, von welchem sie, aber freilich unter Zwang, bisher sehr viel gelernt hatten, der russischen Nation gar nicht unwillkommen war. Der Großfürst, als Thronfolger, war mit den Maßregeln seiner Tante, der regierenden Kaiserin, gar nicht zufrieden, da er ein persönlicher Freund und Verehrer Friedrich's war; und meistens hatte er die Offenherzigkeit, sein Mißvergnügen gar nicht zu verbergen. Die Kriegsoperationen in Preußen sollen eben deswegen von russischer Seite durch Anstiften des sogenannten kleinen Hofs oder der Anhänger des Großfürsten ungewöhnlich saumselig gegangen sein. Das Ende der Kaiserin konnte wahrscheinlich nicht mehr fern sein; und es läßt sich leicht vermuthen, daß Mancher sich in die Gunst des neuen Monarchen jetzt schon dadurch zu setzen suchte, daß er Geschäfte nicht aus allen Kräften befördern half, von denen er wußte, daß sie ihm nicht angenehm waren. Aber der Großfürst Peter Fedrowitsch verlor dadurch desto mehr in der Liebe der Nation, je mehr er ohne alle Schonung täglich seine entschiedene Parteilichkeit für die Ausländer zeigte und die Nation, über welche er einst herrschen sollte, geflissentlich bei mancher Gelegenheit herabwürdigte. Es ist eine Eigenheit, vielleicht eine moralische Krankheit in der Natur der Menschen, daß sie eher bittere Beleidigungen als aufgebürdete Lächerlichkeiten ertragen. Indessen, die Kaiserin Elisabeth starb, und der Großfürst bestieg ruhig den ihm bestimmten Thron als Kaiser Peter der Dritte. Der Tod Elisabeth's rettete wahrscheinlich Friedrich den Zweiten; hätte sie noch einige Jahre gelebt, und der Krieg wäre von ihrer Seite auch nur nach der alten Gewohnheit fortgesetzt worden, so weiß ich nicht, wie bei der verzweifelten Lage Friedrich selbst aus seinem unerschöpflichen Geiste die ferner nothwendigen Mittel und Kräfte hätte nehmen wollen. Peter der Dritte schloß sogleich Frieden und gab Alles, was gewonnen war, nämlich ganz Preußen, großmüthig zurück. Nicht genug! er trat selbst in ein Bündniß mit Friedrich, und in einem Zeitraum von einem Monate schlugen Russen gegen und für Preußen; so sehr hängen oft Nationen von einer Vorstellungsart ihrer Regenten ab, von einem Widerwillen oder einer Vorliebe, die sie eben gefaßt haben! Kein gesunder Politiker wird dieses Verfahren Peter's tadeln, vielleicht das zu schnelle Geben der Hilfstruppen ausgenommen. Es konnte und durfte nach den damaligen Aspecten Rußland durchaus nichts daran gelegen sein, zumal bei der damaligen Verfassung in Polen, den König von Preußen zum Vortheil Oestreichs unterdrücken zu helfen. Auch haben diese Maßregeln gewiß dem Kaiser Peter dem Dritten bei seiner Nation keinen Schaden gethan, ob es gleich nachher von den Mißvergnügten und Stiftern der Revolution mit unter den Beschwerden angeführt wurde. Diese Katastrophe ist zwar so bekannt, aber doch so dunkel, daß man davon mit Gewißheit und Bestimmtheit unmöglich sprechen kann. Folgendes ist mir nach Vergleichung mancher Erzählungen von beiden Seiten das Wahrscheinlichste. Zwischen dem Kaiser und seiner Gemahlin, der jetzt verstorbenen Kaiserin Katharina der Zweiten, waren schon früher bei Lebzeiten Elisabeth's kleine häusliche Mißhelligkeiten entstanden, welche Elisabeth jedesmal gütlich wieder zu schlichten wußte. Wer kann über die Streitigkeiten zwischen Eheleuten entscheiden? Die Ursachen liegen meistens auf beiden Seiten. Katharina war gewiß nicht nach Rußland gekommen, um zu regieren, sondern um froh und glücklich zu leben; und dazu ist wol schwerlich das Tragen einer Krone der wahrscheinlich richtige Weg. Man stelle sich vor, eine junge, liebenswürdige geistreiche Frau, mit allen Reizen ihres Geschlechts und allen Ansprüchen auf Glückseligkeit, die sie nicht findet, allen Hoffnungen auf Lebensgenuß, die sie getäuscht sieht, und man wird ihre damalige Lage wahrlich nicht beneiden. Der Kaiser vernachlässigte sie, wie er die ganze Nation vernachlässigte, und das machte sie der Nation theuerer; wer kann entscheiden, ob sie diese Zurücksetzung verschuldet hatte? Der Kaiser machte durch jeden seiner Schritte die Lage für sich und seine Verhältnisse täglich kritischer. Der Krieg mit Preußen war geschlossen, welcher der Nation nicht zuwider war, und alle gewonnenen Vortheile waren zurückgegeben, mit beispielloser Großmuth zurückgegeben worden. Nun wollte er mit aller Anstrengung einen neuen aus persönlicher Feindschaft gegen Dänemark unternehmen, der der Nation verhaßt war. Die Cassen waren erschöpft, die Armeen hatten gelitten, das Volk war unzufrieden, und seine besten Minister hatten alle Mühe, ihm die Unternehmung abzurathen. Er vernachlässigte die alten braven russischen Soldaten, die unter seinem großen Ahnherrn, Peter dem Ersten, die russische Macht erst fest begründet, sich Ruhm und Ehre erfochten hatten und nun auf Achtung billigen Anspruch machten; er hing dagegen an seinen Deutschen, welche weiter noch kein Verdienst hatten, als daß sie ziemlich nach der Schnur auf dem Platze manövrirten. Es muß durchaus eine Nation kränken, wenn ihr Herrscher ihre Treue und Anhänglichkeit nicht achtet und sich sogar in Ansehung seiner Sicherheit auf Fremdlinge zu verlassen scheint. Nicht zu verwundern ist es also, wenn besonders das Militär es übel empfand, daß sich der Kaiser so wenig um sie bekümmerte, als ob ihm an ihrer guten Meinung sehr wenig gelegen wäre. Peter hatte ferner unterlassen, zur Krönung nach Moskau zu gehen und sich durch eine dem Volke so wichtige Ceremonie der Treue und Anhänglichkeit des Kerns der Nation zu versichern. Auch ist es wahrlich keine leere Einbildung; denn das Volk kann mit Recht erwarten, daß es den Mann kennen lerne, dem es ohne Einschränkung gehorchen soll. Alle diese Hauptumstände, mit einer Menge sich täglich vermehrender kleinerer Unannehmlichkeiten, setzten die meisten Russen gegen den neuen Kaiser in die übelste Stimmung. Der Verfasser hat nun hier eine sehr mißliche Periode, den Sturz Peter's und die Thronbesteigung seiner Gemahlin Katharina der Zweiten, zu erzählen. Die Feinde Katharinens brechen gewöhnlich bei dieser Gelegenheit in Verwünschungen und Lästerungen gegen sie aus und bemühen sich, das ganze Gemälde mit den grellsten, schwärzesten Farben zu zeichnen und ihren Charakter in das häßlichste Licht zu setzen. Andere, die durchaus ihre blinden Verehrer sind, gehen entweder mit Stillschweigen über die Katastrophe hin oder berühren sie wol gar mit Enkomien. Mich däucht, daß weder die Einen noch die Andern ihrem wahren Charakter Gerechtigkeit widerfahren lassen. Freilich wäre wol das Sicherste, von dergleichen Sachen weder zu sprechen noch zu schreiben. Aber wie sollte der wahrheitsliebenden Menschheit gerathen werden, deren Wohl auf Freiheit und Freimüthigkeit beruhet, wenn Jeder nur seine eigene Gemächlichkeit und Sicherheit zum letzten höchsten Gesichtspunkte machen wollte? Wenn sich die Großen nicht scheuen, zu handeln, warum sollte sich der rechtschaffene Mann, sei er noch so klein, fürchten, über ihre Handlungen zu urtheilen? Wenn es jetzt Niemand wagt, mit Wahrheit hervorzutreten, so tritt vielleicht nach einem Jahrhundert ein entgegengesetzter Enthusiast auf und spricht Schmähungen ohne Grund. So erbittert auch die große Menge der russischen Nation gegen Peter war, so wäre es doch ohne die entschlossenste Cabale, Parteisucht und den unbegrenzten Ehrgeiz mehrerer Individuen schwerlich zum Ausbruch gekommen und ohne den Muth und die größte Kühnheit der Anführer nicht durchgesetzt worden. Gesetzt auch, daß alle Fehler, welche man der persönlichen Aufführung Peter's des Dritten Schuld giebt, wirklich wahr und nicht zur Hälfte übertrieben waren, und daß seine öffentlichen, oben erzählten Maßregeln in dieser gefährlichen Epoche die Krise sehr hoch getrieben, so gehörte doch Zeit oder eine ganz nahe Veranlassung dazu, die endliche Katastrophe herbeizuführen. Diese gab Peter durch seine Uebereilung selbst. Das allgemeine und besondere Benehmen des Kaisers konnte ihm die Liebe und Zärtlichkeit einer so gefühlvollen und ausgebildeten Dame, wie seine Gemahlin war, unmöglich ganz erhalten, und er selbst that Alles Mögliche, seine eigene Abneigung recht sichtbar zu machen. Es wird versichert, daß er schon die Maßregeln genommen hatte, sich von ihr zu trennen, und Trennung und Verzicht auf allen künftigen Lebensgenuß ohne Freiheit, noch dazu unter der größten Gefahr, ist in solchen Verhältnissen Eins. Natürlich war es also, daß sich eine Menge Mißvergnügte nicht allein an die Kaiserin anschlossen und jede Handlung und Aeußerung ihres Gemahls in ein noch verhaßteres Licht setzten; und unter diesen waren wild entschlossene, unbändige, abenteuerliche Seelen, an denen es in allen Conjuncturen nirgends und besonders in Rußland nicht fehlt. Friedrich der Zweite hatte seinem Freunde Peter verschiednemal mit der innigsten Vertraulichkeit geschrieben, er möchte sich vor zu schnellen Schritten hüten, die Nation schonen und vorzüglich gegen seine Gemahlin mit Güte und Klugheit handeln. Aber Peter schien nicht geneigt zu sein, auf eine glimpfliche Weise gut zu machen, was er vorher schlimm gemacht hatte. Sein Benehmen dauerte ohne Mäßigung in seinen Gesinnungen fort, und die Sache mußte schnell zu Extremen kommen. Vermuthlich hätte die Kaiserin gegen ihren Gemahl nie etwas unternommen, wenn die heftigsten, ausschweifendsten Parteigänger, deren ganze Rettung nun an einem großen Wagstücke hing, sie nicht zu ihrer eigenen Sicherheit dazu gezwungen hätten. Die Nachrichten Derjenigen, die sie in ihrer damaligen Lage können gesehen haben, sagen alle, daß sie mit sich in dem fürchterlichsten Kampfe gewesen. Man setze sich unbefangen an ihre Stelle! Eine Frau mit den entschiedensten Vorzügen und Talenten des Geistes und den gerechtesten Ansprüchen auf alle Glückseligkeit der Erde; auf dieser Seite die unüberwindlichste Abneigung eines Gemahls, dessen Herz sie durch nichts wiederzugewinnen hoffen darf, und der entschlossen ist, sie auf eine Weise von sich und von der Welt zu entfernen, die ihr bitterer sein mußte als der Tod, und wer konnte ihr bürgen, daß nicht der Tod selbst im Hinterhalte lag? Jeder Menschenkenner weiß aus der Geschichte in solchen Verhältnissen das traurige Loos Derer, welche das Schicksal auf eine solche Bahn geworfen hat. Auf der andern Seite sich und mehrere Andere zu retten und eine Krone zu nehmen, wie der Erdball keine mehr hat; die Hoffnung, durch ihren großen Geist das Glück von Nationen zu machen, deren Namen sie vor zehn Jahren kaum wußte. Es blieb ihr keine Wahl übrig als ihr Verderben oder die Herrschaft. Nun tadle sie der Moralist der finstern Stube! Er wird vielleicht zeigen, wie groß seine Weisheit ist, und wie eisern und gerecht seine Forderungen sind; aber er wird auch zeigen, daß er den Menschen und seine traurigsten, verwickeltsten Collisionen nicht kennt. Nach langem Kampfe mit sich selbst ward endlich Katharina mit einem Entschlusse Monarchin eines unermeßlichen Reichs, und ihre Regierung hat sie bei ihren Völkern gerechtfertiget. Die Garderegimenter, welche der Kaiser vorzüglich seine vielleicht gerechte, aber unzeitige Strenge hatte fühlen lassen, waren gewonnen, und diese übermüthigen Prätorianer hatten sich schon in vorigen Katastrophen nach dem Exempel ihrer alten römischen Vorgänger mit ähnlichen Unternehmungen bekannt gemacht. Die Kaiserin mit ihrer Freundin, der Fürstin Daschkow, erschien mit aller ihrer herrschenden Beredsamkeit muthig an ihrer Spitze, und man gab ihr die Kronen, als ob sie das Eigenthum der Leibwächter wären. Der Kaiser ward gezwungen, eine Resignationsacte auszustellen. Die Aechtheit wird nicht bezweifelt, und sobald die Aechtheit bewiesen ist, ist Jedermann geneigt, ihre Wahrheit anzuerkennen. Ein weiser Mann hätte sich nicht in die Katastrophe gestürzt, und ein muthiger, entschlossener Mann hätte sich glücklich herausgewunden oder wäre ehrenvoll darin umgekommen. Wer nicht Muth zu sterben hat, ist zu keinem Volksbeherrscher geboren. Es blieben dem Kaiser noch manche Ausflüchte übrig, die er mit Gegenwart des Geistes hätte benutzen können. Das Volk in Moskau und die Gouvernements des tiefern Rußlands hätten ihn trotz ihres Widerwillens gewiß aufgenommen und beschützt; so fest ist immer die Treue und Anhänglichkeit dieser braven Nation an ihre Beherrscher. Die Armee in Deutschland würde mit Stolz für ihn geschlagen haben; denn das Gefühl des Rechts ist trotz allen Beleidigungen nicht aus den Herzen der Menschen zu tilgen. Beide Wege hätte Peter noch frühzeitig genug wählen können. Selbst in Petersburg hatte er bis zum letzten Augenblicke, wo Alles verloren war, treue, wackere, bis zum Tod entschlossene Männer um sich, und es wäre vielleicht durch einen einzigen Schritt Alles wiederzugewinnen gewesen. Der alte Feldmarschall Münch rieth dem unglücklichen Monarchen dringend, sich den Soldaten und vorzüglich der Artillerie zu zeigen, und wagte es, zu versichern, daß kein Einziger sich unterstehen würde, gegen den Kaiser zu fechten; er selbst wollte vor seinem Herrn hergehen und als Soldat und General und treuer Unterthan mit seinen alten Kameraden sprechen. Der Unentschlossene war zu nichts zu bewegen; die Periode verfloß, und seine Feinde hatten sie benutzt. Er war Gefangener, und alle seine treuesten Anhänger sahen sich genöthiget, ihn zuletzt zu verlassen, da er sich selbst verlassen hatte. An den Grenzen bei Reval und Riga waren sogleich die thätigsten Maßregeln für die neue Monarchin genommen. Eine Partei hatte die Katastrophe gewünscht und befördert; die andere wagte keinen gefährlichen Widerstand, da sie dabei für sich nur sehr wenig Hoffnung hatte. Für die bloße kalte Gerechtigkeit schlagen, fordert die Seele eines Cato; gewöhnliche Menschen haben dafür keinen Sinn. Nur Eigennutz oder irgend eine gewöhnliche Leidenschaft giebt gewöhnlichen Menschen Enthusiasmus. Einige Tage nachher starb der Kaiser in Ropscha, und sein Tod schlug jede Bewegung nieder, die man zu seinem Vortheil vielleicht noch gemacht hätte. Daß es bei der Gefangennehmung Peter's Gewaltthätigkeiten gegeben, ist wol außer Zweifel; man nennt in Rußland noch die Männer, die dabei Hilfe leisteten; daß aber der Tod des Kaisers gewaltsam gewesen, ist, wie ich glaube, nicht wahrscheinlich, wenigstens nicht zu erweisen. Daß ihn die Männer am neuen Ruder wünschten, ist ganz begreiflich; und daß sie das Ihrige dazu würden beigetragen haben, leidet ebenso wenig Widerspruch. Für Leute, die zu einem solchen Unternehmen die Hände nicht allein bieten, sondern aufdringen, ist keine Maßregel mehr zu gewaltsam. Alle Umstände zusammengenommen, hat Peter zwar durch Gewaltthätigkeit die Regierung, aber nicht das Leben verloren. Die Natur mußte seinen Feinden vom Anfange bis zum Ende helfen und seine moralischen und physischen Schwachheiten ihnen den glücklichen Ausgang sichern. Es ist sehr leicht zu begreifen, wie der Kaiser in dieser traurigen Lage bald das Opfer seiner Leiden ward. Sein Zorn, seine Heftigkeit und nun seine Ohnmacht und seine Verzweiflung mußten aus seiner Seele seinen Körper fürchterlich angreifen. Seine Diät war niemals sehr abgemessen gewesen, und er war dadurch manchen Uebeln der Natur mehr ausgesetzt als gewöhnlich, so daß er oft schmerzlich an Kolik und Hämorrhoiden litt. Man nehme dazu den Kummer, die Angst, die Qual der Ungewißheit, die Unbequemlichkeit und für ihn üble Beschaffenheit der Zimmer, in welchen er sich befand: mußte seine Krankheit nicht mit doppelter Stärke zurückkehren? Und bei einem solchen Zufalle kann die unschuldigste Speise Verderben, die geringste Vernachlässigung Tod werden. Freilich kann nicht bewiesen werden, daß seinen Aerzten und Bedienten keine Vernachlässigung zur Last gelegt werden kann, und daß man in seiner Gefangenschaft eine sehr humane, theilnehmende Sorgfalt für ihn getragen habe. Auch ist gewiß sein Ende seinen Feinden und in diesen Verhältnissen einem großen Theile der Nation nicht unwillkommen gewesen, wenn es gleich nicht gewaltthätig herbeigeführt worden ist. Sei Alles, wie es wolle, so lästert man den Charakter seiner Gemahlin, wenn man sie zur Urheberin oder nur zur Mitwirkerin seines Todes macht. Es ist bekannt, mit welcher Angst und unter welchen Thränen die Monarchin während dieser ganzen Periode lebte, und wie viel Mühe man hatte, sie nur etwas aufzuheitern. Menschen, die sich eines überlegten Verbrechens bewußt sind, sind selten der Thränen fähig. Auch ohne die letzte Gewaltthätigkeit verlor der unglückliche Monarch doch sein Leben in der Revolution; und die Kaiserin war durch die unglückliche Verbindung der Umstände, wenngleich nicht Ursache und Veranlassung, doch wenigstens Gelegenheit des ganzen Unglücks. Den zärtlichen Gemahl durfte sie nicht beweinen; denn dieser war er nie gewesen; aber den Menschen und den ihr so nahen Unglücklichen beweinte sie. Es würde ihr Herz entehrt haben, wenn sie nicht geweint hätte. Die Herrscher der Erde mögen noch so groß sein, sobald sie die menschlichen Gefühle verloren haben, sind sie für unsere Menschheit von keinem Werth mehr. Der Kaiser wurde nach der gewöhnlichen öffentlichen Parade feierlich beigesetzt, und es war so ruhig, als ob Katharina gesetzmäßig den Thron ihrer Väter bestiegen hätte. Daß der Tod des Kaisers das Reich von innerlichen Unruhen und Zerrüttungen rettete, ist gewiß; denn man kann aus dem Aufstande des Betrügers Pugatschew sehen, wie viele Anhänger sich für ihn noch hätten erheben können. Wenn kein rechtlicher Mann den Antritt der Regierung der Kaiserin Katharina der Zweiten loben kann und zufrieden sein muß, sie mit den traurigen Conjuncturen und der entsetzlichen Collision, in welcher sie war, zu rechtfertigen oder doch zu entschuldigen, so wird ihr nachher der Beifall eines Jeden desto öfter und lauter folgen müssen; denn nie hat wol ein Mann und noch weniger ein Weib in so großen, glänzenden, gefahrvollen Verhältnissen mit so viel Muth, so viel Standhaftigkeit und Weisheit zur Wohlthat für so viele Völker gewirkt und gearbeitet wie diese Monarchin. Bisher war Katharina meistens nur erschienen, wie sie erscheinen mußte, wie die unglückliche Verwickelung der Staatshändel es verlangte; nunmehr erschien sie, wie sie war; denn Niemand konnte ihr Gesetze geben, anders zu sein; und viele Millionen segnen sie, daß sie so war. Der Verfasser hat schon oben erklärt, daß er mehr kosmisch als historisch sprechen wird; man erwarte also von ihm keine ununterbrochene documentirte Erzählung aller Begebenheiten, die sich während ihrer so merkwürdigen Regierung zugetragen haben. Dieses kleine Buch soll nichts mehr sein als eine peripathetische Berührung der Geschichte; die Geschichte selbst mögen Männer liefern, die des Verfassers Wahrheitssinn, aber mehr als seine Kunde von der Sache besitzen. Die erste öffentliche Verhandlung der Kaiserin Katharina der Zweiten nach ihrer Thronbesteigung war mit Preußen. Jedermann war aufmerksam, welche Rolle die neue Monarchin bei dem großen Trauerspiele des deutschen Kriegs übernehmen würde. Katharina durchsah mit schnellem, scharfen Blicke die Zusammenkettung der Politik und wählte mit richtiger Bestimmung die heilsamsten Maßregeln für ihre Staaten. Sie rief zwar ihre Hilfstruppen von der preußischen Armee zurück, bestätigte aber den Frieden mit dem Könige Friedrich in allen Punkten, wie ihn der verstorbene Kaiser geschlossen hatte. Dadurch sagte sie sich weislich von aller Theilnahme an Händeln los, die für sie vor der Hand kein näheres Interesse haben konnten, und ward mit entscheidendem Gewicht wohlthätige Friedensvermittlerin. Sie hatte sich von den guten Gesinnungen Friedrich's des Zweiten überzeugt; es war ihr aber ebenso wenig daran gelegen, ihn noch mächtiger zu machen, als ihn unterdrücken zu helfen. Rußland hat unerschöpfliche Quellen und ungeheure Kräfte; es kann alle seine Fehden allein ausfechten und in fremden befugten Geschäften mit Würde und Nachdruck sprechen. Katharina hat dieses gewußt und gezeigt. Ich will fortfahren, ihre öffentlichen politischen Unternehmungen zu erzählen, und es wird ganz deutlich werden, daß in allen ihren Gesinnungen und Entschließungen Consequenz, das heißt Gerechtigkeit, und zuweilen gar Billigkeit und Großmuth ist. Diejenigen, welche gewöhnlich mit so vielem Feuereifer wider die Ungerechtigkeit der Könige und Regenten sprechen und bei jedem Schritte ihnen hartherzigen Ehrgeiz und grausame Willkür vorrücken, bedenken nicht, daß Gerechtigkeit zwischen Völkern aus einem andern Gesichtspunkte und nach einem andern Maßstabe genommen werden muß als zwischen Bürger und Bürger. Nationen leben gegen einander in dem Zustande der Natur und können vermöge des Vernunftbegriffs nie anders leben; die Bürger befinden sich in den Verhältnissen der gesetzlichen Geselligkeit, und die meisten Vergleichungen, die man aus den bürgerlichen Rechten gewöhnlich zur Erläuterung des Völkerrechts nimmt, sind eben deswegen durchaus nicht richtig. Der Bürger wagt nach einer guten vernünftigen Verfassung nichts, wenn er die Gefahr abwartet; die Staaten wären oft verloren, wenn sie dieses thäten. Der Bürger hat zur Entscheidung seines Zwistes Gesetz und Tribunal zur Sicherheit; die Nation hat nichts als ihre eigenen Kräfte und Klugheit zum Schutz und zur Wache für die ihrige. Der Bürger muß Jeden voraus für seinen Freund halten, bis er das Gegentheil erfährt; die Nation hat gerechte Ursache, jeden Nachbar als Feind in Argwohn zu haben, und kann nur selten sich gewiß vom Gegentheil überzeugen. Gesetze können zwischen Völkern nicht bestehen, weil keine entscheidende Macht da ist, den Uebertreter zu bestrafen oder überhaupt den Willen des Gesetzes mit Zwang zu vollziehen. Aus diesen traurigen, unsichern Verhältnissen entspringt die Politik; eine Kunst, die zwar für den moralischen Menschen keinen sonderlichen Werth hat, die aber doch bei Weitem den schlimmen verhaßten Credit nicht verdient, in dem sie bei den meisten kurzsichtigen Wohldenkenden steht. Das sich kreuzende Interesse der Völker und ihre sich streitende Sicherheit erzeugt alle Augenblicke Collisionen, über die kein anderer Richter aburteln kann, deren Entscheidungen aber ihnen zu ihrer Existenz doch höchst wichtig und oft wesentlich sind. Es muß hier nothwendig die ultima ratio regum eintreten. Kriege sind die Processe der Völker, wo leider die Gerechtigkeit nicht mehr bestimmen kann. Freilich würde die Menschheit dann sehr glücklich sein, wenn unter den Menschen wenig Processe und unter den Völkern wenig Kriege mehr wären; aber wenn wird je diese goldne Zeit erscheinen können? Man beschuldige nicht die Monarchen, daß dieses entsetzliche Uebel vorzüglich durch ihren Ehrgeiz die Menschheit doppelt drückt! Die Geschichte zeigt, daß ohne Ausnahme in und zwischen den Republiken die Kriege weit häufiger, blutiger, erbitterter und grausamer waren. Die unselige Nothwendigkeit derselben scheint in der menschlichen Natur zu liegen; die Philosophen, welche uns das Gegentheil beweisen wollen, widerlegen sich selbst durch die ewigen Streitigkeiten, welche von Trismegist bis auf Kant in ihrer Vernunftrepublik beständig geherrscht haben. Wie in dem bürgerlichen Leben die Händel oft schon so verwickelt sind, daß ein Proceß mehrere folgende veranlaßt, wo jede Partei bona fide Recht zu haben glaubt, ebenso entstehen in Völkerverhältnissen nicht selten Kriege aus Kriegen, bei welchen selbst der unparteiische Beobachter nicht im Stande ist, zu bestimmen, auf welcher Seite mehr Gerechtigkeit oder mehr Ungerechtigkeit liegt. Das sehen wir oft an Parteien, die sich in ganz fremden Ländern für oder wider auswärtige Händel formiren, die durchaus für die Disputirenden kein Interesse haben können, das Bezug auf ihren Eigennutz hat. Ein Monarch ist schon durch die Natur verbunden, es mag ein ausdrücklicher Staatsvertrag vorhanden sein oder nicht, das ganze Wohl aller seiner Völker wahrzunehmen, ihre Sicherheit und ihre Ruhe zu begründen und zu schützen und Alles abzuwenden, was nur einem einzigen Individuum Eintrag in seine Gerechtsame innerhalb oder außerhalb thun könnte. Das Zuvorkommen und Abwenden der Gefahr ist also keine Chimäre, kein Attentat auf das Völkerrecht, wenn es nicht über alle vernünftige Grenzen menschlicher Besorgnisse ausgedehnt wird. Die Zeitgenossen sind meistens zu leidenschaftlich, um ohne Parteilichkeit über alle Befugnisse der Parteien ganz richtig zu bestimmen; aber die Nachwelt, ohne alles Interesse als das Interesse der Wahrheit, läßt gewöhnlich Gerechtigkeit widerfahren, rügt die Fehler ohne Bitterkeit und lobt ohne Enthusiasmus und Schmeichelei. So sehr Friedrich der Zweite vor vierzig Jahren in den meisten Provinzen Deutschlands und in den benachbarten Reichen unter den schrecklichsten Verwünschungen geschmäht wurde, so sehr ist nun, nachdem die Scene geschlossen und die ruhige Ueberlegung wieder an ihrer Stelle ist, Jedermann mit ihm über den Anfang des siebenjährigen Krieges ausgesöhnt. Er war höchst wahrscheinlich verloren, wenn er die Unternehmungen seiner Feinde zur Reife gedeihen ließ. Durch diesen Satz allein ist er gerechtfertiget, bonum publicum suprema lex ; und ohne Sicherheit ist keine feste Ruhe, keine Glückseligkeit. Wenn wir die ganze Geschichte der Völker durchgehen und die Kriege mit ihren Ursachen und Folgen mit kalter Ueberlegung untersuchen, so werden wir zwar viel traurige Zerrüttungen und Verwüstungen und die Menschheit oft auf ihrer allerniedrigsten Stufe treffen, aber bei Weitem nicht so viel allgemeine, fest entschiedene Ungerechtigkeit finden, als die gutherzigen sentimentalen Moralisten der kleinen Sphäre in ihren Klagen aufstellen. Wenn es ausgemacht ist, daß die Schrecken und Gräuel des Krieges uns meistens den Auswurf der Menschheit zeigen, so ist es im Gegentheil nicht minder gewiß, daß große Männer in ihrer ganzen Kraft durch Muth, Entschlossenheit und Menschlichkeit zur Ehre unseres Geschlechts und zur Wohlthat ganzer Generationen oft nur auf dem Kriegstheater sehen lassen konnten, daß sie das waren, was sie waren. Die Menschen sind aus einem allgemeinen Gefühl ihres eigenen Unwerths immer geneigt, mehr zu entstellen, als zu verschönern; und wenn also Hannibal, Scipio, Marc Aurel, Castriot und Andere nicht die Tugendmuster waren, für welche sie gelten, so waren auch Tarquin, Attila und Tilly nicht die Wüthriche, zu welchen man sie gestempelt hat. Alexander hat nicht dadurch den Haß aller Edlen verdient, daß er Asien eroberte, sondern durch seine übrigen schlechten persönlichen Eigenschaften, durch welche er eine Satire auf die Erziehung des Aristoteles machte. Sein Vater Philipp war ohne Zweifel ein feiner, obgleich ziemlich menschlicher Tyrann, der trotz den Atheniensischen Rednern auf ihre Kosten seinen Vortheil sicher berechnete, wenn man ihn nicht vielleicht damit rechtfertigen kann, daß seine Sicherheit neben den blühenden feindlich gesinnten griechischen Republiken auf keine Weise bestehen konnte. Er wurde bei Chäronea Meister aller unfreundlichen Nachbarn, und sein Sohn erbte von ihm das Obercommando in den Feldzügen gegen den Erbfeind des griechischen Namens. Sollte Alexander der Macedonier als Grieche warten, bis wieder ein Xerxes eine Brücke über den Hellespont schlug und seine Myriaden mit mehr Klugheit und also mit mehr Glück herüberführte als zu den Zeiten des Treffens bei Salamis? Niemand darf ihn verdammen, daß er mit seiner Handvoll Macedonier die ungeheuern Armeen der Morgenländer besiegte, ihre Herrschaft vernichtete und die Griechen als seine Blutsverwandten wenigstens vor dem Joche einer Nation sicherte, welche sie haßten und für Barbaren hielten. Man kann aus den griechischen Rednern sehen, was man selbst in Griechenland von der Unternehmung dachte. Die Expedition ist nach allen Begriffen des Völkerrechts leicht zu rechtfertigen, und der Ausgang erwarb dem Anführer billig den Beinamen des Großen. Aber seine Unmenschlichkeit gegen den Arzt eines verstorbenen Generals, der sich höchst wahrscheinlich durch seine Unmäßigkeit und Ausschweifung umgebracht hatte; seine Wuth gegen seinen Freund Klytus, der es wagte, zur Zeit Wahrheit zu sprechen, und den er mit eigener Hand bei dem Feste tödtete; der Unsinn, mit welchem er auf Anstiften einer Hure Persepolis verbrannte: stempelt sein Andenken mit Tyrannei, so wie ihn seine Botschaft nach Jupiter Ammon's Tempel zum Narren macht. Wir haben in der Menschenkunde wenige Kriege, die blos Eroberungssucht zum Grunde gehabt hätten, obgleich aus manchem anfangs gerechten Kriege durch den glücklichen Fortgang endlich Eroberungssucht wurde. Man könnte immer noch zur Ehre der Menschheit ein Buch schreiben, um dieses zu beweisen. Einige Exempel vom Gegentheile werfen den philanthropischen Satz nicht um; die beiden auffallendsten Beispiele wurden größtentheils von religiösem Fanatismus erzeugt, die traurigen Kreuzzüge der ganzen Christenheit nach Palästina und die schändlichen Kreuzzüge der Spanier nach Amerika. Wenig Kriege sind geführt worden, wo nicht der größte Theil beider Parteien wirklich überzeugt war, das Recht auf ihrer Seite zu haben; und in den meisten würde es den erleuchtetsten, billigsten Richtern schwer geworden sein, endlich zu entscheiden, wenn sich auch alle Parteien ihrem Urtheile hätten unterziehen wollen. Das Recht ist selten ganz auf einer Seite, wie in Privatsachen so in öffentlichen Streitigkeiten; und es ist dem Menschen allgemein nur zu verführerisch, zur Unterstützung seiner Einsichten von der moralischen Darstellung in der Hitze zu dem Versuch seiner physischen Kräfte überzugehen. Man verzeihe mir diese etwas weitläuftigen Aeußerungen; ich halte sie für nöthig, wenn man mit menschlicher Wahrheit über große Katastrophen des Menschengeschlechts urtheilen will. Ich kehre zu meinem Thema, Katharinens Leben, zurück. Der Tod des Königes von Polen, August's des Dritten, veranlaßte, wie gewöhnlich, wieder neue Unruhen in der Republik, und jeder der Nachbarn suchte natürlich bei diesen Conjuncturen seines Vortheils wahrzunehmen. Man würde hier etwas sehr Ueberflüssiges thun, zu untersuchen, mit welchem Fug sich Fremde in die Wahl des Königes mischten, da es seit mehrern Jahrhunderten Gewohnheit war, daß benachbarte oder entfernte Fürsten entweder selbst Candidaten waren oder diesen oder jenen Bewerber durch ihr Interesse unterstützten. Die unglückliche Verfassung, welche ihre Auflösung in sich trug, gab nur allzu viel Gelegenheit zu Cabalen und selbst Gewaltthätigkeiten aller Art von innen und außen. Die benachbarten Höfe und selbst die Polen befürchteten, das Haus Sachsen möchte nach und nach Mittel finden, die Krone zum Erbtheil zu machen. Peter der Erste und seine Nachfolger hatten bei der damaligen Lage der Dinge Ursache gehabt, den Fürsten aus diesem Hause in ihren Bewerbungen Hilfe zu leisten und ihre Wahl behaupten zu helfen. Jetzt war es den Höfen von Petersburg und Berlin gleich willkommen, daß man zu der Wahl eines Eingebornen schritt. In der Mitte der polnischen Nation selbst waren einige vorzügliche Candidaten aus den angesehenen Häusern Czartorinsky und Potocky, auf welche das Publicum seine Aufmerksamkeit gerichtet hatte. Aber die Kaiserin Katharina unterstützte mit ihrem Interesse und ihren Armeen (gar kein neues Phänomen in Polen, wo die Parteien selbst gewöhnlich bewaffnet erschienen und oft sehr blutige Händel hatten) den Grafen Stanislaus Poniatowsky, der seine Genealogie von dem Geschlechte der alten Piasten herleitete und dadurch einem großen Theile der Nation schon sehr angenehm war. Friedrich dem Zweiten war es einerlei, wer an der Spitze einer Nation stände, von deren Militär er nicht eben die vortheilhafteste Meinung hatte, wenn es nur kein sächsischer Prinz und aus der Nation selbst kein Sobiesky war, den er in dem Grafen Poniatowsky zu vermuthen nicht Ursache hatte. Da sich Stanislaus Poniatowsky der Kaiserin Katharina der Zweiten bei seinem Aufenthalt in Petersburg während der Gesandtschaft zu empfehlen gewußt hatte, erreichte Friedrich dadurch, daß er seiner Wahl keine Schwierigkeiten in den Weg legte, noch den Vortheil, daß er einer wichtigen Nachbarin eine Gefälligkeit erzeigte, deren gute Gesinnungen gegen ihn ihm nicht anders als sehr erwünscht sein mußten. Stanislaus wurde gewählt und seine Wahl behauptet, trotz den Widersprüchen, die sie bei den Gegenparteien und selbst bei einigen seiner Verwandten fand. Wenn die Kaiserin auch nicht alle nachherigen Ereignisse in diesem unglücklichen Lande voraussah und beabsichtigte, so konnte sie doch als scharfsichtige Menschenkennerin wohl merken, daß der neue König ihr auf keine Weise ein gefährlicher Nachbar werden würde; und Niemand kann und darf sie tadeln, daß sie einen solchen Candidaten unterstützte, von welchem sie für sich und ihre Staaten am Wenigsten zu befürchten hatte. Was Poniatowsky nachher als Mann und Patriot hätte thun sollen, gehört nicht hierher. Friedrich der Zweite, der denn doch der Freundschaft und Klugheit auch zuweilen auf Kosten der Wahrheit etwas opferte, wie man aus seinen Urtheilen über Peter den Dritten und Stanislaus Poniatowsky sehen kann, bekümmerte sich weiter um die Händel nicht, als insofern er wieder seinen Vortheil daraus ziehen konnte. Aber für die Kaiserin wurde diese Königswahl, die sie mit ihrem Ansehen durchgesetzt hatte, der Grund und die Veranlassung aller folgenden Händel, die sie während ihrer ganzen thatenvollen Regierung gehabt hat, und so war vielleicht ein vorübergehendes Wohlgefallen an der einnehmenden Miene des Grafen für Katharinen in der großen Kette der Dinge die Bedingung ihrer ganzen Größe in auswärtigen Händeln. Die Folge zeigt in allen Verwickelungen, daß wahrscheinlich von Allem, was geschah, nichts geschehen sein würde, wäre Stanislaus Poniatowsky nicht König von Polen geworden; und wie geringfügig waren die zusammentreffenden Umstände, die ihn zum Könige machten! Die Mißvergnügten suchten, wie zu erwarten war, dem neuen Könige jeden Schritt zu erschweren; und Poniatowsky war nicht der große Mann, der durch seinen Geist, seinen Muth, seine Standhaftigkeit, seinen unerschütterlichen, uneigennützigen Patriotismus die Parteien für sich hätte vereinigen können. Er sorgte mehr für seine Familie als für das Wohl und die Ehre des Reichs. Nepotismus verderbet sogar die Regierungen der Päpste; welche Folgen konnte er hier bei der Concurrenz ehrgeiziger Magnaten haben! Es schien sodann, als ob er bei jedem wichtigen Schritte sich ängstlich bedächte, ob man ihn in Petersburg und Berlin auch billigen würde; welches freilich bei keiner Maßregel der Fall sein konnte, die der polnischen Nation wirklich ersprießlich war, so sehr collidirten die Vortheile der damals noch mächtigen polnischen Nation mit den Vortheilen ihrer Nachbarn! Die Dankbarkeit des Königes Stanislaus Poniatowsky war Verbrechen; der König hat nur Pflichten gegen sein Volk; jedes Gefühl, das diesen widerspricht, ist Verrath. Ein Mann wie Sobiesky hätte gewiß die Nation bei ihrem alten Ruhm in jeder Rücksicht erhalten und ihr vielleicht neuen gegeben, so viel hatte die Republik damals Kräfte und Hilfsmittel! Poniatowsky hat sie dahin gebracht, wo sie jetzt steht. Mit Muth, Beharrlichkeit und wahrem Patriotismus hätte er endlich alle Parteien der Nation vereiniget, und ihre Nachbarn hätten sie nicht angetastet; durch seine beispiellose Unentschlossenheit hat er, und nur er allein, sein Vaterland zur endlichen Auflösung gebracht. Jedermann weiß, zu welcher fürchterlichen Höhe die Unordnungen in den Jahren 1768 und 1769 in diesem unglücklichen Reiche gestiegen waren, wo Bruder gegen Bruder mit aller Erbitterung und Unversöhnlichkeit der Parteisucht focht, wo Einer den Andern plünderte und die Heerstraßen mit Räubern besetzt waren, und wo nur die Hütte sicher war, in welcher man nichts mehr von Werth zu finden hoffte. Jedermann wußte, daß es so nicht recht war; aber Niemand konnte in der Angst sagen, wie es besser sein sollte. Jeder kleine Parteigänger hatte seine hirnwüthigen Entwürfe. Obgleich Religionsenthusiasmus nicht in dem Charakter der Nation liegt, so wurden doch die armen Dissidenten gelegentlich das Opfer der Parteien. Die Kaiserin war endlich genöthiget, zur Sicherheit des Königes und zur Rettung der Dissidenten, die bei den Unruhen am Fürchterlichsten litten, ihre Truppen einrücken zu lassen, um wo möglich Ruhe zu schaffen. Die Schlägereien dauerten einige Zeit mit Hartnäckigkeit in dem ganzen Chaos von Reiche fort, und von beiden Seiten haben wir Beispiele von Grausamkeit, von Raubgier und Niederträchtigkeit, die dem Jahrhunderte ein Brandmal aufdrücken. Die Russen gewannen bald mit ihrem Anhang das Uebergewicht, und endlich wurde die Ruhe wiederhergestellt, indem man der Nation ein Stigma aufdrückte und ihr von drei Seiten einen Theil ihrer besten Provinzen nahm. Die Geschichte hat viele sonderbare Phänomene, aber sie hat kein diesem ähnliches, von solchen unsinnigen Zerrüttungen eines ganzen großen Volks und von solcher letaler Einigkeit der Nachbarn, diese Zerrüttungen zu benutzen. Man war stumm vor Schrecken, und selbst auf zweihundert Meilen schlug man ein Kreuz. Indessen die Sache ist geschehen. Friedrich hat selbst darüber gesprochen, und man sieht aus seinen Papieren, daß der Vorschlag zur Theilung nicht von Katharinen kam. Kosmisch genommen, war es unstreitig zur Wohlthat für die Menschheit. Die Kaiserin hatte mehrere Jahre Unruhe, Aufwand, Gefahren gehabt; die Krise war so hoch gestiegen, daß der Unordnungen auf rechtlichen Wegen kein Ende zu sehen war. Sollte sie allein die gefährliche Großmuth auf Kosten ihrer Unterthanen haben, einer gewiß feindlichen Nation wieder die Mittel in die Hände zu geben, einst ihr furchtbar zu werden? Es mögen selbst liberale Politiker entscheiden! Wer kann Conjuncturen verbürgen? Es sind noch nicht zwei Jahrhunderte, daß die Polen in Moskau ebenso stolz und despotisch, aber weit grausamer und unmenschlicher sprachen und handelten als je die Russen in Warschau. Alle Polen öffneten bei dem Schlage die Augen zu spät, es war keine Rettung. Gesetzlich wurde abgetreten, was man von allen Seiten mit den Waffen unter verschiedenem Vorwande genommen hatte. In Wien und Berlin machte man lange, künstliche Deductionen, um seine Ansprüche zu beweisen. In Petersburg hätte man wahrlich besser beweisen können; man hätte nicht nöthig gehabt, so weit zurückzugehen. Die abgerissenen Stücke gehörten Rußland noch im vorigen Jahrhunderte, und die Nation selbst sieht ohne Befehle des Ministeriums die Besitznehmung nur für eine Wiedererlangung an. Aber man spottete nicht der Unglücklichen durch einen Beweis und ließ unterzeichnen. Die Polen sahen nun, was sie in Poniatowsky hatten, aber auch, was sie ihm dennoch hätten sein sollen. Die Kaiserin hatte die Garantie ihrer Constitution übernommen; denn es mußte ihr durchaus daran gelegen sein, daß die Constitution so fortbestand, wie sie war, mit allen ihren Fehlern und allem ihrem etwanigen Guten für Einzelne. Eine Nation ist schon halb unterjocht, wenn sie ihre Verfassung von einer fremden Macht garantiren läßt. Das hatten die stolzen Magnaten nicht erwogen, und es war zu spät, als sie es beherzigten. Diese Garantie, und nur allein diese Garantie, gab der Kaiserin nachher ein Recht, in den Händeln der ohnmächtigen Republik entscheidend zu sprechen. Man wird mit gehöriger Aufmerksamkeit und Unparteilichkeit finden, wie Alles auf einander folgte, und ganz natürlich folgte, ohne daß man den Charakter der Kaiserin mit Recht antasten könnte. Die Pforte konnte bei den Händeln in Polen und dem Gewinn Rußlands von dieser Seite allerdings nicht gleichgiltig sein, hätte sie aber politisch sprechen wollen, so mußte das wenigstens ein Jahr eher geschehen. Ein einziger Moment, gewonnen oder verloren, kann Reiche retten oder verderben und kommt vielleicht in Jahrtausenden nicht zurück. Die Pforte nahm Gelegenheit zum Kriege, weil man in den polnischen Unruhen hinter Kaminiek die Grenze verletzt hatte, indem die Russen ein Corps von der Conföderation bis auf das türkische Gebiet verfolgten. Die Türken fühlen das Bedürfniß, klug zu sein, sind es aber nicht. In Polen waren die Händel abgethan. Friedrich und Maria Theresia waren zufrieden und halfen sorgen, daß unter den verzweifelten Sarmaten kein neues Feuer ausbrechen konnte. Wir kommen nun auf Perioden, wo Katharina und der russische Adler in ihrer größten Glorie erscheinen, die zwei wichtigen türkischen Kriege. Wenn ich eine ausführlichere Kriegsgeschichte zu schreiben gesonnen wäre, hätte ich hier gewiß unerschöpfliche Materie in den Feldzügen der braven Armeen. Alle Begebenheiten aber sind noch neu genug, und ich habe nicht nöthig, Thatsachen aufzuzählen, deren sich noch jeder Zeitungsleser erinnert. Wenn man auch das militärische Urtheil Friedrich's des Zweiten wollte gelten lassen, wenn er sagt: » La guerre des Russes contre les Turcs, c'est la guerre des borgnes contre les aveugles, « so gilt es doch wol nicht, wenn die Einäugigen wider die hellsehenden Preußen selbst fochten; und das Andenken der kritischen Tage bei Frankfurt und Cüstrin ist noch nicht verloschen. Die Armee behauptete und vermehrte den Ruhm, welchen sie sich von der Zeit ihrer Entstehung an unter Peter dem Ersten bis dahin erworben hatte. Volney, ein Mann, von dem man gewiß nicht sagen wird, daß er aus Freundschaft den Russen geschmeichelt habe, spricht in seiner Parallele des türkischen und russischen Soldaten. Der größte Theil der Russen hat schon verschiedene Feldzüge gemacht und ist an das Feuer gewöhnt. Die meisten Türken sind nie im Feuer gewesen. Das türkische Fußvolk kommt fast nicht in Betrachtung; die russische Infanterie ist die beste in Europa. Die Russen vertheidigen sich hartnäckig und verlieren ihre Ordnung selbst in der Niederlage nicht. An der Spitze dieser Krieger fochten Gallizin und Panin; diese Armeen führte Romanzow, für welchen Friedrich selbst beständig die ausgezeichnetste Hochachtung äußerte und sich zu dessen persönlicher Bekanntschaft Glück wünschte, und den jetzt noch als ehrwürdigen väterlichen Greis die ganze Nation wie ihren allgemeinen Wohlthäter ehret. Die Russen, welche vor achtzig Jahren noch kein Boot gehabt hatten, verbrannten jetzt mit der größten Geschicklichkeit und der entschlossensten Kühnheit in der Bucht bei Tschesme die ganze Flotte der Herren des schwarzen Meeres und sprachen den Thürmen Stambul's Hohn. Aller Widerstand, den die Feinde zu Lande thaten, war nicht hinreichend, den Sieger zurückzuhalten. Die kleinen Vortheile, welche die Muselmänner hier und da erfochten, waren von keiner Bedeutung. Romanzow, der die ganze türkische Armee endlich bei Schumla förmlich eingeschlossen hatte, zwang den Großvezier, Alles zu unterschreiben, was er verlangte, und seine Forderungen waren so gemäßigt und billig, da er die ganze Macht des türkischen Reichs in seinen Händen hatte, daß man sich wundern muß, wie den Russen und der Kaiserin persönlich noch der geringste Vorwurf gemacht werden kann. »Da unsere Soldaten gegen die Russen nicht fechten wollen,« schrieb der Mufti, »so muß man Frieden schließen;« und es war keine andere Rettung mehr übrig. Selbst der türkische Courier, welcher aus dem Lager des Großveziers nach Constantinopel ging, reiste mit einem russischen Passe. Der Friede wurde zu Kainardge geschlossen, und die Bedingungen, obgleich nicht so hart, als man nach der verzweifelten Lage der Sachen erwarten durfte, setzten Europa in Erstaunen und die Galle der Neider in Bewegung. Die Russen erhielten ihren alten Wunsch, die freie Schifffahrt auf dem schwarzen Meere nebst Asow und Kinburn mit den Districten. Die Krim wurde von aller Abhängigkeit von der Pforte freigesprochen. Einen so glorreichen Frieden hatte man den vorigen Feldzug in Petersburg selbst nicht gehofft, Alles war Frohlocken. Die russische Flotte hatte in Morea gelandet, und schon hatte man Ursache zu hoffen, die Rettung für den alten Peloponnes könne von den ehemaligen Scythen und Geten kommen. Gleich nach geschlossenem Frieden legten sich, um ihre neuen Rechte zu üben, mehrere russische Fregatten, die aus dem Archipelagus kamen, auf der Rhede von Constantinopel vor Anker, und eine Menge russischer Kauffahrteischiffe folgte ihnen. Diese Erniedrigung mußte allerdings der hohen Pforte schmerzlich sein, aber diese Völkerereignisse sind nicht ungewöhnlich; es ging selbst den stolzen Briten gleich nach dem Pariser Frieden nicht anders, wo mit der zurückkehrenden englischen Flotte mehrere amerikanische Fregatten mit der neuen Staatenflagge auf der Rhede von Deal zugleich ankerten. Der Friede wurde geschlossen wie alle Frieden, weil er geschlossen werden mußte. Die Türken wollten ihn sodann nicht halten. Die Russen bestanden natürlich pünktlich auf der Vollziehung aller Bedingungen; und diese immer höher steigenden Tracasserien wurden endlich die Ursache zu dem neuen Bruche im Jahre 1787. Die Sache ist so leicht und einfach, daß ich gar nicht einsehe, wie das Publicum es der Kaiserin nur im Geringsten hat zum Tadel anrechnen können, daß sie auf Friedensbedingungen bestand, die ihre Truppen erfochten, und die man von der andern Seite bewilliget hatte. Der Friede hatte doch wol seine Giltigkeit, oder es hat sie keiner; denn kein einziger Friedenschluß ist ein reines freiwilliges Pactum. Rußland gewann freilich außerordentlich in jeder Rücksicht. Aber war die Ursache des Krieges, den die Pforte selbst angefangen hatte, von Seiten Rußlands denn wirklich ungerecht? Hätte nicht Rußland ebenso viel verlieren können, als es gewann? Und hätten sodann die Türken mit Gerechtigkeit nicht ebenso hartnäckig auf den Punkten bestanden? Der Khan von der Krim wurde nun noch auf manche Weise von der Pforte in seiner Unabhängigkeit beeinträchtiget und konnte ebenso wenig seine wilden Landsleute abhalten, daß sie nicht immerfort von Zeit zu Zeit nach ihrer Gewohnheit die Russen beleidiget hätten. Es entstanden daraus beständig neue verdrießliche Händel, die meistens zum Vortheil der Russen ausschlugen, welche die Linien von Perekop umgingen und sich bald in der ganzen Halbinsel festsetzten. Der Khan, aller Unruhen müde, übergab seine ganze Herrschaft der Kaiserin gegen eine Pension. Nun hatte die Pforte durch ihr Ungestüm die Krim aus einem freien unabhängigen Staat, wie es im Frieden abgeschlossen war, gar zu einer russischen Provinz gemacht. Ehemals hatten die Tartarn als türkische Vasallen nach ihrer wilden Lebensart ohne Völkerrecht beständig die angrenzenden russischen Gouvernements beunruhiget, und es war oft blos wegen dieser unbändigen Leute zwischen Rußland und der Pforte ernsthafter Zwist gewesen; nunmehr spielten die Russen ein sehr leichtes Spiel, da die Türken rechtlich sie auf keine Weise mehr unterstützen durften. Die Tartarn unterließen ihre Streifereien nicht, und die Russen hatten nunmehr die Freiheit, diese beschwerlichen Gäste zu bewirthen, wie sie es verdienten, ohne den Vorwurf zu befürchten, daß sie die Territorialgerechtsame der Türken verletzten. Als der Khan die Regierung niedergelegt hatte, begab sich die größere Menge seiner kriegerischen Nation als russische Unterthanen in Ruhe, die übrigen suchten durch die Auswanderung ihr Heil tiefer in Asien. Obgleich die Russen eigentlich weiter nichts thaten, als wozu sie nach den Friedensartikeln zu Kainardge Fug und Recht hatten, so stieg doch bei den noch stolzen Türken die Erbitterung jeden Tag, und die russischen Schiffsleute, welche vermöge des Friedens an allen Orten dort frei ihr Wesen trieben, waren manchen Beleidigungen ausgesetzt. Man hatte in Constantinopel zwar noch den Muth, aber nicht mehr die Energie wie unter Mahomed dem Zweiten oder Soliman dem Zweiten, und das Kriegssystem hatte sich seit der Zeit durchaus verändert. Es war vorauszusehen, daß es bald wieder zum Bruche kommen müßte. Die Türken konnten ihren Verlust, besonders die Krim nicht verschmerzen, die ihnen bisher ein reiches Magazin gewesen war; und die Russen gaben natürlich keinen einzigen von den Vortheilen zurück, die ihnen das Glück und ihre Tapferkeit gegeben hatten. Die ganze Zeit von dem Frieden 1774 bis zu dem folgenden türkischen Kriege 1787 brachte die Kaiserin Katharina die Zweite meistens damit zu, etwas mehr Ordnung in ihrem großen unermeßlichen Reiche einzuführen. In diese Zeit fällt die Einrichtung der Statthalterschaften, die Anordnungen der neuen Gerichte in denselben, die fernere Einrichtung und Verbesserung mehrerer wohlthätiger Etablissements in der Residenz und den Gouvernementsstädten des Reichs, wovon ich hernach Mehreres anführen werde, wenn ich, so viel ich im Stande bin, das Gemälde ihrer auswärtigen großen politischen Verhandlungen und Kriege werde vollendet haben. Die Engländer übten in dem letzten amerikanischen Kriege mit ungewöhnlicher Willkür auf dem Meere eine Despotie, die unerhört war, indem sie mit ihrer überlegenen Seemacht alle Schiffe als Prisen aufbrachten, von denen sie nur die entferntesten Muthmaßungen haben konnten, daß sie mit den Feinden handelten. Sie dehnten dabei den Begriff der Kriegsbedürfnisse so weit aus, daß man nach ihrer Bestimmung den Franzosen oder Spaniern durchaus gar nichts hätte zuführen dürfen und nach dem Wohlgefallen der Briten allen Umgang mit diesen Nationen hätte abbrechen müssen. Die Kaiserin Katharina war die Erste, welche diesen stolzen Insulanern die bewaffnete Neutralität zur See entgegensetzte, um den Handel so viel als möglich zu sichern und den Krieg in vernünftige Grenzen einzuschränken. Schweden und Dänemark traten sogleich bei, und Friedrich der Zweite, ob er gleich keine bewaffnete Flotte und nur eine Menge handelnder Fahrzeuge aller Art hatte, schloß sich mit vieler Klugheit und seiner gewöhnlichen Bestimmtheit an. Die Engländer durften es nicht wagen, einer so großen und so billigen Verbindung offene Gewalttätigkeit entgegenzusetzen, und der Handel der neutralen Nationen gewann dabei außerordentlich; freilich zum großen Verdruß der Engländer, die vorzüglich in ihren Kriegen dahin arbeiten, den Handel anderer Nationen, die sie als Nebenbuhlerinnen ansehen, zu verderben; und jede Nation, die es wagt, durch den Handel selbst für sich Vortheil zu gewinnen, ist natürlich sogleich ihre Nebenbuhlerin. Die Russen, von welchen der Anfang der bewaffneten Neutralität herkam, hatten verhältnißmäßig den geringsten Vortheil davon, weil ihre Handelsschiffe verhältnißmäßig die wenigsten waren. Schweden und Dänemark, und noch mehr Preußen durch seine westphälischen Staaten wegen der Nähe des Kriegstheaters, gewannen unter derselben durch die Sicherheit ihrer Seegeschäfte den beträchtlichsten Nutzen. Rußland hatte blos den Vortheil, daß man seine Exportaten von Riga und Reval besser abholen konnte. Es war allen Seenationen ein eigenes Phänomen, während der ganzen Periode die preußische Flagge so zahlreich auf allen Meeren zu sehen, indem, freilich nicht ganz nach dem Sinne der Neutralität, eine Menge fremder Schiffer, vorzüglich aus Holland, sich in Aurich Pässe holten. Die Engländer, welche dieses wohl merkten, wagten es doch nicht, die preußische Flagge anzutasten und sich dadurch in noch mehr Händel zu setzen, als sie leider damals schon hatten. Das ganze europäische Publicum, und vorzüglich das handelnde, ist also der Kaiserin Katharina der Zweiten für den wohlthätigen Gedanken und die Ausführung der bewaffneten Seeneutralität gewiß desto größern Dank schuldig, je weniger sie selbst unmittelbar ausgezeichnete Vortheile dadurch gewann. Ihre Handelsschiffe in der Ostsee, welche diese Anstalt hätten benutzen können, waren gar nicht zahlreich; und bis auf das schwarze Meer und die nordöstlichen Gewässer in Indien, wo die Russen selbst mit entscheidendem Nachdruck sprechen konnten, erstreckte sich der Einfluß des Krieges nicht. Die Idee und ihre Ausführung war gewiß so herrlich, hatte so sehr das Gepräge der Humanität und der allgemeinen Philanthropie, daß ich kaum begreife, warum man blos dieses einzigen Gedankens wegen nicht Katharinens Namen mit wahrer Dankbarkeit nennt. Die Händel der Russen in dieser Periode mit den tartarischen Nationen in Asien sind uns hier in Deutschland zu wenig bekannt, als daß wir sie alle in ihrem richtigen Gesichtspunkte fassen und gehörig vorstellen könnten. Da die Russen nunmehr von diesen kleinen, wilden, isolirten Horden gewiß keine ernstliche Gefahr zu befürchten haben, so dürfen wir nicht glauben, daß man, wenn sie nur die russischen Etablissements in Ruhe lassen, sie in der ihrigen stören werde. Aber wer den unbändigen, ungeordneten, schwärmerischen Freiheitssinn dieser Räubergesellschaften kennt, dem wird es nicht sonderbar vorkommen, wenn alle Augenblicke kleine Kriege von dieser Seite entstehen. Ein etwas größerer dieser Art war der letzte in der Krim, der sich mit der völligen Besitznehmung endigte, und wodurch die Russen ein Land gewannen, das in der alten und mittlern Zeit der Gegenstand großer Aufmerksamkeit gewesen war. Hier fingen sie nun wenigstens mit allen Kräften an, die schönen Zeiten der Griechen und Genueser zurückzuführen. Die Kirgisen, eine ziemlich starke, tapfere, noch halb wilde Nation mongolischer Abkunft, machten durch ihre Widerspenstigkeit den dortigen Gouvernements viele Sorge, bis sie endlich, der Unruhen selbst überdrüssig, freiwillig sich manche heilsame Anordnung der Regierung nicht allein gefallen ließen, sondern sogar von der Monarchin ausbaten. Die Ursache des letzten Türkenkriegs lag leider schon in dem Friedensschlusse zu Kainardge. Nicht als ob die Bedingungen, welche der Feldmarschall Romanzow forderte und der Großvezier bewilligen mußte, nach der Lage der Dinge nicht sehr billig und mäßig gewesen wären; sondern weil man in Constantinopel vor Zorn und Unwillen knirschte, daß man sie hatte eingehen müssen. Die Tugend der Sieger ist sonst selten die Mäßigung; hier war sie es. Natürlich war bei der Pforte der Wunsch, das Verlorne wieder zu gewinnen und dazu Gelegenheit zu suchen, sowie bei den Russen das Bestreben, das Gewonnene festzuhalten. Vorzüglich die Besitznehmung der Krim, welche nun die freie Schifffahrt der Russen auf dem schwarzen Meere fast in die Herrschaft auf demselben verwandelte, schmerzte die Muselmänner empfindlicher als Alles. Rechtlich konnte die Pforte wider das Verfahren der Kaiserin nichts haben. Die Krim war frei. Die Tartaren waren Feinde der Russen, und ihre Streifereien waren auf keine Weise weder zu dulden noch abzuhalten ohne die politische Aufhebung der Nation. Der Fürst ergab sich und resignirte, wozu er das Recht hatte. Es hoben sich unter den Händen der Russen täglich neue Etablissements empor, und die alten gewannen an Festigkeit und Stärke. Bei den Türken war es beschlossen, noch einen Versuch zur Wiedereroberung zu wagen. Die Erbitterung beider Nationen gegen einander war ganz leicht zu erklären. Man klagt die Russen der Härte, des Uebermuths, der Eigenmacht überall an, wo sie mit den Türken zusammentrafen. Ich will nicht behaupten, daß das Betragen der Matrosen und der kleinen Seeofficiere oder des Militärs an den Grenzen beständig musterhaft, philosophisch, sanftmüthig gewesen sei; denn wer den Menschen und seine Leidenschaften in seinen verschiedenen Verhältnissen kennt, wird darüber in keiner Verlegenheit sein. Die Türken mit ihrem alten Stolz in ihrer neuen Erniedrigung hatten kein besseres Benehmen. Aber die Russen forderten ja nichts als die Friedensbedingungen, welche man jenerseits weder halten wollte, noch deutlich und geradezu zu brechen wagte. Bekanntlich erklärten endlich selbst die Türken im Jahre 1787 den Krieg wieder, weil sie sich täglich von allen Seiten mehr beeinträchtiget glaubten, eigentlich aber nur aus dem Grunde, weil ihnen die Bedingungen des vorigen Friedens unerträglich schienen. Das ganze europäische Publicum interessirte sich, wie ehemals und jetzt noch für die Polen, so auch mit vieler Wärme für die Türken, aus einer allgemeinen, sehr edlen Sympathie mit dem Schwachen und Unglücklichen, ohne daß es vorher bestimmt untersuchte, wie und wodurch sich der Leidende sein Unglück zugezogen hat, und ob ihm wirklich auch Unrecht geschieht oder nicht. Die Türken hatten nun ihre Armee von dem Hundsloch bei Schumla gerettet und schämten sich ebenso wie ehemals die Römer, das Lösegeld zu bezahlen. Sie hatten schon in dem nämlichen Zeitpunkt ein ziemlich glückliches Gefecht in der Krim unter Dowlet Gheray gegen den russischen General Dolgorucky gehabt und dadurch wieder Muth gewonnen, mußten aber vermöge des Friedens alle Vortheile wieder fahren lassen. Jetzt brach das Feuer in seiner ganzen Wuth wieder aus, und Alles stand in banger Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, besonders da Alles aus Eifersucht auf dieser und jener Seite Partei zu nehmen drohete. Die beiden Kaiserhöfe waren durch ältere und neuere Tractaten verbunden, und beide brauchten ihre Kräfte gegen die Türken, so viel sie konnten, ohne sich von andern Seiten zu sehr in Gefahr zu stellen. In dem vorigen Türkenkriege hatte Schweden nicht Theil genommen, weil der König damals mit einheimischen Händeln, den Folgen der neuen Veränderung, zu sehr beschäftiget war. Jetzt glaubte er irrig, die innere Ruhe habe Consistenz genug, und wollte also nachdrücklich in der Conjunctur des äußern Vortheils wahrnehmen. Die Ursachen des Bruchs mit Rußland waren von schwedischer Seite gewiß sehr künstlich herbeigezogen, indem man die Russen beschuldigte, sie suchten sich in die schwedische Regierung zu mischen und die Selbstständigkeit der Nation anzutasten. In dieser Lage war es der Kaiserin gewiß höchst wichtig, mit Schweden keinen Krieg zu haben, und ihre Minister hatten in Stockholm durchaus weiter nichts gethan, als eben dieses Unglück mit gehöriger Klugheit zu verhüten gesucht. Gustav der Dritte wollte, und es geschah, und vielleicht wäre sein Wille und seine kriegerische Thätigkeit das Glück der Nation geworden, wenn Alles von innen und außen gewesen wäre, wie es sein sollte. Dieser verwickelte Krieg ist, wenn man auch ganz als kalter Beobachter spricht, der hohe Punkt des Ruhms für die Kaiserin Katharina wo sie mit aller Entschlossenheit und Standhaftigkeit ganz allein gegen alle Gefahren, die ihr von allen Seiten fern und nah droheten, sich gleich blieb, ihre Frieden allein schloß, so wie sie ihre Kriege allein geführt hatte. Man erlaube dem Verfasser, ohne allen Enthusiasmus, aber mit Wahrheit von dieser so wichtigen Periode etwas ausführlicher zu sprechen. Er ist der Meinung, daß in diesem Zeitpunkte der Berliner Hof eine der glänzendsten Rollen in der Menschengeschichte hätte spielen können, die er aber nicht gespielt hat, und versteht darunter den Punkt kurze Zeit vor dem Reichenbacher Vertrage. Man nehme die Lage der Sachen, wie sie damals war. Es kam darauf an, einen allgemeinen Frieden in ganz Europa auf sehr vernünftige Bedingungen zu schließen und dadurch die Ruhe auf eine lange, lange Zeit zu sichern; denn vom ewigen Frieden kann wol die nächstfolgenden sechstausend Jahre noch nicht die Rede sein. Die beiden Kaiserhöfe waren im Kriege gegen die Türken begriffen; alle übrigen Nachbarn glaubten zu ihrer Sicherheit und zum Wohl der Menschheit, wie die Sprache gewöhnlich lautet, daran Antheil nehmen zu müssen, um der Pleonexie der Petersburger und Wiener Grenzen zu fetzen. Dieses als Wahrheit und Zweck angenommen, mußten nachdrückliche Mittel gebraucht werden, und von diesen Mitteln hatte Preußen allein die besten in den Händen. Die Stimmung der Schweden und Polen gegen Rußland konnte man, mußte man also damals als feindlich annehmen. Die Russen und Oestreicher waren in dem ersten Feldzuge gegen die Türken nicht sonderlich glücklich. Lascy mit seinen Cordonziehen konnte den wilden Streifereien der Muselmänner nicht Einhalt thun, und die Russen hatten von ihrer Seite noch sehr wenige Vortheile gewonnen. Hier kam es auf Entscheidung, auf schnelle, kurze und nachdrückliche Entscheidung an. Es war ein Punkt, wo man rasch mit Kanonen und nicht langsam mit Diplomatik sprechen mußte. Bestimmter, schneller Nachdruck der Preußen hätte den herrlichsten Frieden für ganz Europa schaffen können. Die Polen, so mittelmäßig auch ihre Armee war, hätten mit Unterstützung von nur zehntausend Preußen den Russen von ihrer Ukraine aus über den Dnjepr einen sehr schlimmen Besuch gemacht. Wo hätte Rußland sogleich hinlängliche Truppen hernehmen sollen, den noch mächtigen und muthigen Türken an der Donau, den Schweden in Finnland und den Polen und Preußen an dem Dnjepr zu begegnen? Die östreichischen Provinzen gegen Preußen, Böhmen, das übrige Schlesien und Mähren lagen dem Könige fast offen. Mit einem schnellen Marsche war er in ihrem Herzen. Der König hätte sodann in dem schönen Amte des allgemeinen Friedensrichters sprechen können, und wenn er mit Billigkeit und Mäßigung gesprochen hätte, welchen herrlichen Lorbeer hätte er sich vielleicht ohne Schwertstreich erfochten! Fast glaube ich, daß dieses die Meinung der alten Minister Friedrich's des Zweiten war. Aber man brauchte unzeitig Federn zu langen, gedehnten Unterhandlungen, wo man zum Wohl der Nachkommen Bajonnette hätte brauchen sollen. Die Zeit verstrich, und man gewann nichts. Die Russen waren schnell glücklich, weil sie wieder mit ihrem gewöhnlichen alten Muthe fochten. Der Kaiser Joseph konnte unterdessen hinlängliche Truppencorps von der türkischen Grenze hervorziehen, und plötzlich stand der alte ehrwürdige Antagonist Friedrich's, Laudon, an der Spitze eines Heers, das der fast sinkenden Diplomatik zu Hilfe eilte. Daß wirklich Gefahr und große Gefahr war, sieht man daraus, daß Oestreich wirklich mit den Türken Frieden schloß und das wenige Gewonnene zurückgab. Die Nationen, mögen ihre Chefs Autokrators oder Volksdeputirte sein, geben selten etwas zurück, wozu sie nicht gezwungen werden. Als der Reichenbacher Vertrag geschlossen wurde, war die schöne Periode schon vorbei; und dann war freilich wol nichts Besseres zu thun, als den Vertrag zu schließen. Die Sachen hatten schon ein anderes Ansehen gewonnen. Die Oestreicher hatten respectable Armeen auf alle Fälle gegen den König bereit. Die Russen schlugen von ihrer Seite die Türken überall und nahmen einen Ort nach dem andern weg. Die Schweden hatten durch die eintretende Verrätherei unter ihren Truppen kaum noch soviel Kräfte, daß sie das Feld halten konnten. Katharina stand, obgleich mit Gefahren rund umgeben, doch groß und fest und schaute und handelte nach allen Seiten. Die Preußen zogen hin, als ob sie noch nachdrücklich sein wollten; aber nun war man von allen Seiten gefaßt, sie zu empfangen und das große Spiel zu spielen. Die Periode kam nicht wieder. Die Kaiserin Katharina konnte trotzen, denn sie kannte ihre Kräfte und die Kräfte ihrer Feinde und konnte zuletzt Alles nach ihrem Willen endigen, ohne sich die Vermittelung von Berlin und London aufdringen zu lassen. Hätte der König von Preußen durch bestimmte, nachdrückliche Maßregeln, wie man damals höchst wahrscheinlich hoffen konnte, den Frieden erzwungen, welch einen ganz andern Gang würden nicht die Ereignisse genommen haben! Vielleicht hätten die Russen die Friedensbedingungen von Kainardge bis auf wenige verloren; vielleicht hätten die Polen sich gegen Rußland wieder auf einen sehr ehrenvollen Fuß gesetzt, und dem Könige von Preußen wäre außer dem herrlichen Charakter eines Friedensmittlers doch wol seine Belohnung nicht verloren gegangen. Noch anderer Veränderungen nicht zu gedenken, welche höchst wahrscheinlich unterblieben wären; denn die Franzosen arbeiteten wol blos deswegen mit solcher Kühnheit, die ganze Base des alten Gouvernements umzuwerfen, weil alle Höfe ohne Ausnahme von andern Seiten so sehr in ihre eigene Politik verwickelt waren, daß sie durchaus an keine schnelle Unterstützung Ludwig's denken konnten. Als sie ihn unterstützen wollten, waren die Dinge schon zu solchen Extremen gediehen, und das neue Gouvernement hatte schon so viel Stärke und Festigkeit gewonnen, daß es nun Alles aufbieten mußte, sein neues Gebäude zu vollenden oder sich unter dem Einsturz desselben zu begraben. Man weiß von je her aus der Geschichte, was die entschlossene Verzweiflung zu thun im Stande ist, und hat gesehen, was sie in unsern Tagen gethan hat. Hätte Friedrich Wilhelm mit der lakonischen Entschlossenheit seines großen Ohnms, mit seinen Kräften und angemessenen Schritten, wie es sehr möglich war, anstatt des Reichenbacher Vertrags einen andern Frieden vorher gestiftet, Polen wäre vielleicht noch Polen, Gustav der Dritte und Ludwig lebten vielleicht noch, und die gewaltsamen Katastrophen wären nicht eingetreten, die dem Menschensinn eine allgemeine neue Gährung gegeben haben. Unser Urheber allein, der die Erziehung des Menschengeschlechts besorgt, weiß, welchen Ausgang diese Gährung nehmen wird. Der Friede wurde also nicht so geschlossen, wie er geschlossen werden konnte und sollte. Die Preußen standen bei Straßburg in Preußen und droheten, und die Russen schlugen die Türken und ließen sie drohen. Die Kaiserin machte endlich mit dem Könige von Schweden, der mehr fremde Mitwirkung erwartet hatte und erwarten konnte, und dessen innere Verhältnisse täglich kritischer zu werden anfingen, ohne alle Vermittelung Frieden. Igelström und Armfeld, mit geheimen Befehlen von ihren Höfen versehen, schlossen ihn bei Wärela, ehe Jemand etwas ahnete. Ganz Europa staunte und zweifelte nun gar nicht mehr, daß die Kaiserin, da sie sich mit Ruhm aus dieser so gefährlichen Lage gerissen hatte, sich auch aus den übrigen Verlegenheiten ziehen würde. Der Krieg mit Schweden, als der nächste, war unstreitig der wichtigste und drohete ihr gefährlich zu werden. Die Garden aus Petersburg mußten mit zu Felde gehen, welches nur in kritischen Lagen zu geschehen pflegt, und man transportirte aus der Gegend des Kaukasus in der Eile ein Corps von gegen zehntausend Mann auf Extrapost nach Finnland; eine Marschweise, die man in jedem andern Lande gewiß zu den seltensten Erscheinungen würde gerechnet haben, und von welcher man dort kaum spricht. Die Schweden sind gewiß noch eben die braven Soldaten, die sie unter Gustav Adolph und Karl dem Zwölften waren; nur ihre Feinde sind nicht mehr die nämlichen, die sie bei Narva waren. Dieser Krieg hat unstreitig der Monarchin die größte Unruhe gemacht, da er so zu sagen vor den Thoren der Residenz geführt wurde und sie in Petersburg die Kanonen der Flotten hören konnte, die sich bei Kronstadt mit der größten Hartnäckigkeit schlugen. »Sie hätten wol nicht geglaubt,« sagte sie mit ihrer gewöhnlichen Freundlichkeit zu dem schwedischen General, der ihr als Gefangener vorgestellt wurde, »Sie hätten wol nicht geglaubt, heute in Petersburg zu sein?« »Doch,« erwiderte der Schwede, »Ihre Majestät, aber nicht als Ihr Gefangener!« eine Replik, die mit der größten Freimüthigkeit den feinsten Lobspruch sagte, da er trotz seinen schönen Hoffnungen doch als ihr Gefangener da war. Nach dem schwedischen Frieden konnten die Russen, welche nun ziemlich freie Hände hatten, da die Preußen gar nichts und die Polen nichts Wesentliches thaten, mit allem Nachdruck in der Moldau gegen die Türken schlagen; und daß sie so geschlagen haben, ist noch Jedermann im frischen Andenken. Unter den Waffen wachsen die Helden; und es ist kein Wunder, daß aus einer Armee, welche beständig schlägt, ein tüchtiger Heerführer nach dem andern hervorgeht. Die Nachfolger Romanzow's ließen den Ruhm der russischen Fahnen nicht sinken. Der furchtbare Potemkin und sein lakonischer Freund Suworow führten ihre entschlossenen Heere von einer Unternehmung zur andern. Hat je eine Armee mit so eiserner Geduld und Beharrlichkeit gegen die Schwierigkeiten aller Art gekämpft wie die Belagerer Oczakow's? Die Türken wußten ebensowol als die Russen, wie viel auf diese Festung ankam, und vorige Kriege hatten ihnen schon gezeigt, welche Vortheile sie durch ihre Lage an dem Strom und die Nachbarschaft des Meeres der Partei gewähren konnte, in deren Händen sie war. Potemkin hatte sehr gute Gründe, diesen Platz durchaus nehmen zu wollen, so viel Vorwürfe man ihm auch vielleicht, selbst unter den Russen, über seine wild scheinende Hartnäckigkeit macht. Mehrere Stürme wurden gewagt und abgeschlagen; der Verlust war fürchterlich. Die Türken waren ebenso verzweifelt in der Vertheidigung als die Russen im Angriff. Die strenge Kälte des damals ungewöhnlich harten Winters tödtete im Lager fast ebenso Viele als die Feinde aus den Werken. Selbst der russische Soldat fing an, den Muth sinken zu lassen, und wünschte einen entscheidenden Tag zum Leben oder zum Tode. Potemkin gab ihn; er war schrecklich, und der Ort gehörte den Russen. Man hat diesen und den Tag vor Ismail sowie nachher den Tag vor Praga aufgestellt, um die Russen von dem ersten Anführer an bis zu dem letzten Soldaten der Grausamkeit, Unmenschlichkeit und Barbarei anzuklagen. Traurig ist es, daß selbst ihre angesehenen Officiere, Männer von Ehre und Humanität, es bekennen müssen, daß diese Tage, so sehr sie für die russischen Waffen glänzen, allerdings nicht zum Beweis für ihre Menschlichkeit können angeführt werden. Viele Entschuldigung liegt in der allgemeinen Erbitterung der Truppen beider Nationen, in der Hartnäckigkeit der Gefechte von beiden Seiten, der Wuth der Türken bis zum letzten Extrem, der Entschlossenheit der Russen, zu siegen oder zu sterben, und dem verzweifelnden Widerstande, den sie selbst nach Eroberung aller Vertheidigungsplätze in dem Orte überall noch fanden. Wo wurde je ein Ort mit Sturm genommen, wo die Einwohner nicht litten? Ismail mußte genommen werden, so lag es in dem notwendigen Plane des Feldzugs. Suworow, dem der Streich aufgetragen wurde, hat das fürchterliche Talent, seine Energie allen seinen Kriegern einzuhauchen, und es wurde genommen. Die Scene war ebenso schrecklich wie bei Oczakow; der Unordnungen und Grausamkeiten aber waren an beiden Orten bei Weitem nicht so viele, als das auswärtige Publicum glaubt und sich noch täglich erzählt. Diejenigen, welche in diesen Kriegen noch immer die strengste menschliche Disciplin verlangen, kennen die Gefechte mit den Muselmännern nicht, bei denen es oft noch gebräuchlich ist, den Kopf des erlegten Feindes an den Sattelknopf als Trophäe zu hängen. Man kann davon nach der Analogie auf ihre übrigen Kriegssitten schließen. Die Meisten, welche umkamen, waren Kriegsleute, die in ihrem Beruf bis auf den letzten Athem fechtend starben. Daß dieses wirklich der Fall war, zeigt der Verlust der Russen; denn in dem letzten Hauptsturme kamen bei Oczakow gegen 11,000 Russen um, und die ganze Belagerung mit allen Angriffen und den Krankheiten während der schlimmen Jahrszeit kostete gegen 40,000. Ismail kostete den Russen gegen 7000. Ungeheure Zahlen! und Katharina weinte bei der Nachricht der blutigen Siege; denn sie hatte nicht den Krieg zu ihrem Vergnügen angefangen, und Menschenköpfe waren ihr keine Rechenpfennige. Von türkischer Seite ist wahrscheinlich der Verlust nicht so groß gewesen, als ihn die Russen in ihren Papieren machten, um ihre Tapferkeit in noch größern Werth zu setzen, da man sie leider fast noch überall nach der Anzahl der Erschlagenen mißt. Potemkin's weitaussehender Ehrgeiz hätte mit seinem Anhange vielleicht den Krieg noch sehr in die Länge gezogen, und es war sicher eine wahre Wohlthat für die Menschheit, daß dieser große Mann die Bühne verließ und starb. Groß waren seine Tugenden und seine Fehler, und nur seine Freunde oder Feinde werden ihm beide nehmen wollen. Unbeschränkte Herrschsucht, unbiegsamer Stolz gegen Große und einnehmende, gewinnende Popularität gegen Kleinere, ein umfassender, richtiger Blick, eine feste, trotzige Beharrlichkeit und eine sonderbar contrastirende Prachtliebe und nachlässige Einfachheit waren Hauptzüge seines Charakters: daher ihn gewöhnlich die Großen haßten und die Kleinen liebten. Seine Eigenmächtigkeiten, unter denen auch wol zuweilen leidenschaftliche Ungerechtigkeiten sich befinden mochten, können nicht in Zweifel gezogen werden. Unter Allen, welche die vorzügliche Gunst der Monarchin genossen haben, ist er wol der Einzige, der sich durch seinen persönlichen Werth und die großen Talente seines Geistes vorzüglich ausgezeichnet hat. Ueber seine Moralität läßt sich wenig bestimmen; denn selten ist sie bei Männern seiner Art aus den Untiefen ihrer Seele aufzufinden. Das Publicum hat seinen Tod seinen Feinden beigemessen und sich höchst wahrscheinlich geirrt; denn er war ein Schwelger ohne alle Ordnung und Mäßigkeit, und seine Aerzte hatten ihm ein solches Ende seiner Unenthaltsamkeit längst vorhergesagt. Es ist wieder ein sehr lehrreicher Beitrag zur Menschenkunde, wenn man einen Mann, vor welchem noch einige Tage vorher Nationen zitterten, auf freiem Felde in den Armen einiger Freunde, blos in seinem Mantel, als Opfer seiner Unmäßigkeit sterben sieht. Der Fürst Repnin, sein Nachfolger in dem Commando bei der Armee, war bald so glücklich, dem Reiche den Frieden zu geben, den die Russen bei allem ihrem Glück in den Waffen ebenso sehr zu wünschen Ursache hatten als ihre Feinde, die Muselmänner. Man kann sich leicht vorstellen, daß solche ungeheure Anstrengungen, wie diese Kriege erforderten, die Kräfte des Reichs, wo nicht erschöpfen, doch sehr ermatten mußten. Eine förmliche Kriegssteuer hat in Rußland mancher Ursachen wegen mehr Schwierigkeit als in andern Reichen; alle Provinzen hatten nur beträchtliche freiwillige Geschenke und Lieferungen gegeben. Manche Corps lebten auf Kosten der Feinde. Aber der weitläufige Transport aller Bedürfnisse und der Mangel an Ordnung in Hebung und Verwaltung der öffentlichen Einkünfte hatte oft Verlegenheit erzeugt, die leicht hätte Mangel werden können, ob man sie gleich bei Hofe sowol als bei der Armee in großen glänzenden Festen zu verbergen suchte. Die Bälle sind noch bekannt, die der Fürst Potemkin in Jassy gab, und wo er einige hunderttausend Rubel mit asiatischem Pomp an einem Abend für Aufwand bezahlte. Die Türken waren froh, den Frieden durch Abtretung der Festung Oczakow mit ihrem Districte zu erkaufen; so traurig waren sie von ihrem Irrthume zurückgekommen. Katharina sah sich nun mit Ruhm und Ehre durch ihren Muth und ihre Klugheit und die Tapferkeit ihrer braven Truppen mit Gewinn aus einer Gefahr errettet, in welche sie die künstliche Machination ihrer Feinde zu stürzen gehofft hatte und vielleicht hätte stürzen können. Sie war größer als vorher und genoß nun seit langer Zeit das erste Mal wieder das Vergnügen, ihr ganzes Reich in Frieden und Ruhe zu wissen. Aber es dauerte nicht lange, als sie schon wieder in Polen die letzten Händel bekam, welche leider der Republik endlich tödtlich wurden. Diese letzten Geschichten in Polen sind, wenn man die allerneuesten persischen Händel ausnimmt, die letzten öffentlichen Verhandlungen Katharinens, und zwar sind sie von der Art, daß man ihr darüber die allermehrsten Vorwürfe gemacht hat. Auch hier wird man, ehe man das schließliche Urtheil spricht, dem Verfasser erlauben, etwas näher und weitläufiger sich über dieselben zu erklären. Daß die Polen triftige Ursache hatten, gegen Rußland aufgebracht zu sein, daß ihnen die Russen in diesem ganzen Säculo und besonders die letzten dreißig Jahre beständig Gelegenheit zur Erbitterung gegeben hatten, will ich gar nicht leugnen. Dieses liegt leider schon in den gegenseitigen Verhältnissen beider Nationen, die seit langer Zeit Nebenbuhlerinnen des politischen Glücks, Unterdrücker und Unterdrückte gewesen waren. Ich habe schon oben behauptet und die Ursachen der Behauptung angegeben, daß man Völkersachen nicht nach den festgesetzten Regeln eines philosophischen bürgerlichen Moralsystems beurtheilen kann. Blos von der letzten Epoche der endlichen Auflösung der polnischen Republik will ich sprechen. Daß die Polen die Theilung vom Jahre 1773 noch schmerzlich fühlten, war ganz natürlich, und ihre Maßregeln nach diesem Ereigniß zeigten, daß sie über ihr wahres Nationalinteresse etwas heller nachzudenken angefangen hatten. Hätte nur noch in den letzten drei Jahren ein anderer Mann als Stanislaus Poniatowsky an der Spitze der Nation gestanden, so hätte er, wenn auch nicht den ganzen Schaden wieder heilen, doch einen großen Theil desselben von innen und außen wieder verbessern können. Die Polen unternahmen während der kritischen Periode des letzten Türkenkrieges mit und ohne Zustimmung der benachbarten Höfe in ihrem Staatssystem eine Generalreform und wollten die Krone gesetzlich erblich machen, welches sie damals billig für das einzige Mittel ansahen, ihrer Nation Ordnung und Consistenz zu geben. Niemand wird den Satz streitig machen, daß keine Macht ein Recht hat, sich in die Regierung einer andern nachbarlichen Nation zu mischen, als insofern ihre eigene Sicherheit augenscheinlich in Gefahr kommt, oder insofern sie durch alte Verträge dieses Recht sich erworben hat. Daß bei der Kaiserin Beides der Fall war, ist ganz deutlich; denn die Polen zeigten nur zu sehr ihre feindlichen Absichten, und die Kaiserin hatte bei der alten Constitution die Garantie geleistet, wo man nicht annehmen kann, daß sie es blos der Polen wegen gethan. Die Polen hätten das nicht thun sollen, sagt man vielleicht. Sie hätten Vieles nicht thun sollen; aber sie hatten es gethan. Die Kaiserin mußte in den gefährlichen Conjuncturen schweigen, weil sie von allen Seiten mit noch wichtigern Dingen beschäftiget war; aber sie hat sich nie erklärt, daß sie die Veränderungen in Polen nur im Geringsten billigte. Als sie mit den Türken Frieden geschlossen hatte, trat sie mit ihren Gesinnungen und Gründen und Truppen auf einmal näher. Dieses hätten die Polen voraussehen und andere Maßregeln nehmen sollen. Man sagt: Sie hatten das gesehen und waren bereit, die Russen zu empfangen. Aber sie konnten ihre Verfassung und die Verfassung der Russen kennen und mußten den Zeitpunkt besser fassen. Sie verfuhren mit der Garantie der Kaiserin ganz eigenmächtig und cassirten sie geradezu, wozu sie für das Erste als ein Theil allein, und nicht einmal der ganze Theil, kein Recht hatten. Aber dabei ließen sie es nicht bewenden; sie zwangen die Russen, sogleich alle ihre Magazine aus der Ukraine zu entfernen, wo sie laut der Verträge zum Behuf des Türkenkriegs Magazine zu halten das Recht hatten. Die Russen mußten in dieser Lage es leiden und ihren Vorrath eilig wegschaffen. Die Polen erlaubten keinem russischen Courier, über polnischen Boden zu gehen. Mehrere wurden unsichtbar, ohne daß man wußte, wohin sie gekommen waren; aber es war sichtbar, daß man in Warschau ihre Depeschen wußte, die man von der Armee nach Petersburg hatte schicken wollen. Die Couriere mußten einen langen Umweg nehmen, und Potemkin kochte vor Zorn gegen die Polen. Neutrale Mächte pflegen nie den Courierwechsel zu wehren. Krieg war zwischen beiden Nationen nicht. Die Russen thaten alles Mögliche, um die Polen zu schonen, mußten es in dieser Lage thun. Aber war von polnischer Seite nicht Alles feindselig? Zum Frieden war es zu viel und zum Kriege zu wenig. Warum wählten sie nicht Eins bestimmt? Warum wählten sie nicht zum Kriege die Periode, wo die Russen nicht freie Hände hatten, da sie doch entscheiden wollten? denn das konnten sie doch denken, daß die Kaiserin alle diese öffentlichen und Privatbeleidigungen nicht ungeahndet lassen würde. Hätten sie geschlagen, als es Zeit war, so war vernünftige Hoffnung, mit den Uebrigen billige und vielleicht ehrenvolle Bedingungen zu erhalten. Nun war es nicht anders zu erwarten, als daß der russische Koloß sie niederdrücken mußte. Es war gar nicht wahrscheinlich, daß Preußen sich für sie ohne Aussicht eines Gewinnes mit Rußland in einen gefährlichen Krieg einlassen würde, da es selbst in der vorteilhaftesten Epoche still und ruhig gewesen war. Die Russen rückten in einem Feldzuge von ihrer Grenze bis hinter Warschau und machten Miene, bis nach Posen zu gehen. Alles, was man gebauet hatte, war nun auf einmal wieder gestürzt. Das war höchst wahrscheinlich die ganze Absicht der Kaiserin, die sie zu ihrer Ehre und Sicherheit nehmen durfte, vielleicht sogar nehmen mußte. Denn wenn die Polen eine andere ähnliche Conjunctur mit ihren entschieden feindseligen Gesinnungen besser benutzten als die eben vorbeigelassene, wer konnte alsdann alles Unheil berechnen, das sie den Russen würden zufügen können? Höchst wahrscheinlich ist es, daß das neue Theilungsproject von Süden und nicht von Norden kam, ob es gleich in Petersburg einigen Köpfen am Ruder sehr willkommen gewesen sein mag. Die Befugniß der Kaiserin, sich in die polnischen Geschäfte zu mischen, habe ich oben aus der Garantie der alten Constitution und der Gefahr, die ihr aus der neuen Reform entstand, erwiesen, zumal da sich die polnische Nation durchaus in allen Stücken feindselig gegen die Russen betrug. Die Kaiserin gewann dadurch noch einen Grund, weil mehrere Polen in Petersburg ihre Garantie reclamirten. Ob diese die Besten oder Schlechtesten der Nation waren, ist keine Rechtsfrage; sie waren Polen, die also die Garantie reclamiren durften, welche die Kaiserin übernommen hatte. Die Theilung selbst kann nur mit einer Staatscollision in der jetzigen Periode entschuldiget werden. Wenigstens haben die Russen mehr für sich als die übrigen Nachbarn. Für Rußland ist Vergrößerung wol schwerlich Gewinn; und selbst im Reiche ist man überall dieser Meinung, welche schon Peter der Erste aufgestellt und bei seinem Tode seinen Nachfolgern empfohlen hat. Die Kaiserin verlangte immer nur Sicherung ihrer Grenzen. Ihre Erweiterungen in Polen waren nur zufällig. Preußen erwarb durch die letzte polnische Theilung freilich weit mehr, als es durch die allgemeine Friedensvermittelung vorher hätte erwerben können; es ist aber politisch eine große Frage, ob Erwerbung immer Gewinn ist. Die Manifeste, welche man damals von Petersburg und Berlin zur Rechtfertigung des Verfahrens ausgehen ließ, tragen allerdings einen ganz eigenen Stempel, und in London hatte man nicht ganz Unrecht, sie zu Documenten gegen die Könige zu zählen. Es erhellet aber aus dem oben Gesagten, daß wenigstens das russische, dem übrigens der Londoner Kritiker schon noch einige Vorzüge zugestehet, besser hätte sein können und sollen, wenn man andere wahrere Gründe mit besserm Nachdruck aufgestellt hätte. Daß der preußische Hof vorzüglich während der ganzen letzten Periode auf eine ganz eigene Weise mit den Polen umgegangen ist, wird Niemand leugnen, der die Publicität nicht scheut; und mit welchem Maßstabe man sein Verfahren messen will, bleibt den Interessenten überlassen. Von den Polen selbst wird das ganze Publicum und selbst philosophisch rechtliche Leute in Preußen und Rußland Diejenigen für die Ehrenvollsten halten, die in der traurigen Krise für die letzte Selbstständigkeit ihres Vaterlandes fielen oder fochten, bis sie endlich nicht mehr konnten und Alles verloren war. Bei der endlichen Aufhebung der politischen Existenz der Polen nach dem unglücklichen Tage bei Praga fragte man nach keiner Diplomatik des alten Reichs mehr, und die Höfe machten es unter sich nach ihrer neuen Convenienz ab. Katharina wird darüber politisch entschuldiget; ihre enthusiastischen Verehrer, denen Glanz, Größe und Macht die Augen blendet, mögen sie loben. Wenn eine mißliche Sache mit ihrem kosmischen Zwecke gerechtfertiget werden könnte, so dürfte man vielleicht auch hier sagen, der Zustand Polens habe gewonnen, und unter allen drei neuen Gouvernements werde nun nicht mehr so eigenmächtige Bedrückung, mehr Ordnung und Gerechtigkeit und im Allgemeinen mehr Wohlstand herrschen. Daß dieses Alles werde, dafür mögen die Regierungen sorgen, damit sie nicht an ein schlimmes Diplom ein schlechtes Siegel hängen. Der Vorwand des Jakobinismus in Polen, den man in den Manifesten las, und den Manche so sehr als aus der Luft gegriffen fanden, ist, genau betrachtet, so seicht nicht, als er vielleicht beim ersten Anblick scheinen möchte. Es ist hier nicht der Ort, politische Beichte zu thun, und ebenso wenig, Regierungsformen zu untersuchen. Aber das Recht wird man doch keiner einzigen Regierung absprechen, Mittel zu ergreifen, daß ihre eigene Base nicht untergraben und die Ruhe in ihrem Schooße nicht gestöret werde; und sie behandelt mit Fug die benachbarte Nation feindlich, welche darauf hinarbeitet. Ich wage es nicht zu bestimmen, ob dieses der Fall in Polen war; aber den Schluß wird folgerecht selbst ein Jakobiner für sein eigenes System fordern, warum soll er nicht für jedes andere ebensowol giltig sein? Es ist freilich wieder gefährlich, die Grenzen zu bestimmen; aber in welchem menschlichen Begriffe liegt durch die Übertreibung nicht Gefahr? Die allerletzten, ganz neuen, noch bestehenden Streitigkeiten der Kaiserin Katharina sind mit Persien, veranlasset durch die innerlichen Kriege des Landes, wo ein Prinz, der über Unrecht und Unterdrückungen klagt, bei der Kaiserin um Schutz und Unterstützung gebeten hat. Das Ende dieser Unternehmungen hat die Monarchin nicht erlebt, aber doch noch den Fortgang ihrer Waffen an den jenseitigen Ufern der kaspischen See erfahren. Wie der Krieg jetzt in jenen entfernten Gegenden steht, ist hier noch unbekannt. Vielleicht suchen die Russen bei dieser Gelegenheit einige Vortheile für ihren morgenländischen Handel zu gewinnen durch die Behauptung von Derbent oder Errichtung einiger andern Etablissements tiefer an der kaspischen See. Auf alle Fälle scheinen sie vor aller Gefahr gesichert zu sein; denn die Krim sowol als die Gouvernements der dortigen Gegenden sind in dem besten Zustande der Ordnung und Vertheidigung. So weit meine Kenntnisse und Kräfte reichen, habe ich hiermit einen kurzen Umriß von der großen auswärtigen Politik gegeben, in welcher die Kaiserin fast immer eine Hauptrolle spielte. Der aufmerksame Leser wird mir die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß ich wenigstens nichts mit Absicht in ein schiefes Licht gesetzt habe. Ich habe ihr keine Trophäen errichtet; denn sie war nicht Eroberin und wollte es auch nicht sein. Man hat gesehen, wie alle ihre Kriege nothwendig einer aus dem andern entsprangen, und wie eigentlich die polnische Königswahl die Grundlage zu allen ihren auswärtigen Streitigkeiten war. Den Gewinn, den sie dadurch, noch glücklich genug, für ihre Völker gemacht hatte, erkaufte sie nicht wohlfeil, und es gehörten die unerschöpflichen Kräfte Rußlands und der weise Muth der Monarchin dazu, daß Alles noch so ein Ende nahm. Die Schicksale der Monarchen und ihrer Nationen hängen ebensowol wie die Schicksale kleinerer Familien oft nur von einem einzigen Vorfalle ab, an welchen sich alle übrige anketten. Daß Katharina diese Vorfälle sah und benutzte, ihnen begegnete, ihnen zuvorkam, mit Klugheit die Männer wählte, die an der Spitze ihrer Heere und ihrer Geschäfte im Cabinette mit Muth, Entschlossenheit und Scharfblick mit ihr und für sie arbeiteten; daß sie jedes rechtliche Mittel brauchte, wo es wirken konnte, mäßig und großmüthig im Glück und unerschütterlich standhaft im Unglück war: dieses war ihr Verdienst; ein Verdienst, auf das manche Männer ihrer Zeit in den nämlichen Verhältnissen nicht Anspruch machen dürfen. Die zwei Friedensschlüsse mit den Türken sind wirklich Monumente ihrer Mäßigung. Man weiß, daß sie in Polen nicht allein, sondern mit Mehrern zugleich handelte. Vor ihr allein wäre unstreitig trotz allen ihren Zwistigkeiten mit der Nation die Existenz der polnischen Republik gesichert geblieben. Daß sie sich bei den nothwendig eintretenden Katastrophen das Beste zueignete oder vielmehr ganz eigentlich das Beste behielt, findet wol, da die Sachen einmal so waren, Niemand sonderbar, da sie während der Unruhen das Meiste oder ausschließlich fast Alles gethan und allein gelitten hatte. Mit Schweden blieben es die alten Bedingungen von Abo und Nystadt; denn es war ihr nie in den Sinn gekommen, andere zu wünschen; und selbst Gustav der Dritte erklärte den Frieden für Schweden für einen ehrenvollen Frieden. Jedermann weiß noch, daß die Kaiserin Katharina die Zweite bei dem Teschner Frieden die vornehmste Mitwirkerin war, indem ihr Gesandter daselbst so bestimmt ihre Meinung erklärte, daß die Parteien lieber auf jeden Fall sich einander näherten, als es wagen wollten, Rußland mit sechzigtausend Mann auf der Seite Derjenigen zu sehen, welche Katharina in Petersburg für die billige halten würde. Daß die Kaiserin den Krieg gegen die Franzosen nicht thätiger unterstützte, als sie gethan hat, darüber wird sie Jedermann rechtfertigen, der die Verkettung der Nationalhändel in Europa, das Interesse der Völker, die individuelle Lage Rußlands zu allen seinen Nachbarn und den Gang der menschlichen Ideen und Leidenschaften überhaupt etwas genauer erwogen hat. Große Armeen konnte sie durchaus nicht senden, und sehr leicht hätten kleinere in mancher Rücksicht der ganzen Sache mehr schaden als helfen können. Sie zeigte dadurch, daß sie einen Theil ihrer Flotte zu der englischen stoßen ließ, daß sie nur durch ihre Verhältnisse gehindert wurde, mehr Antheil zu nehmen. Wir sind nunmehr auf dem Punkte, wo Jedermann sich überzeugen wird, daß die Feinde des französischen Systems vom Anfange durch glimpflichere, aber doch nachdrückliche Mittel für sich mehr gewonnen haben würden als durch stürmische Gewalt von allen Seiten. Ebenso kurz, wie ich von ihrer auswärtigen thätigen Politik gesprochen habe, will ich nun noch von ihren Einrichtungen im Reiche selbst zu sprechen suchen, von dem, was sie zur Festsetzung der Ordnung, zur Verbesserung der Justiz, zum Nutzen der Nationalaufklärung und Erziehung, zum Vortheil des Handels, zur Wohlthat des ärmern Theils des Publicums, zur Verschönerung der Residenz, zur Beförderung der Wissenschaften und überhaupt zum Wohl der Nation im Innern ihres großen unermeßlichen Reichs gethan hat. Hier kann man sich kaum enthalten, mit in den Enthusiasmus und die Verehrung aller Völker, die unter ihrem Scepter lebten, einzustimmen. Wohin man in ihrem Reiche blickt, sieht man überall die Spuren ihrer weisen, mütterlichen Sorgfalt. In Provinzen, welche vielleicht nie ihr Fuß betrat, erheben sich Anstalten, die ihrer Regierung Ehre und den künftigen Generationen erst den vollen bezweckten Vortheil bringen werden. Vor ihr war das Reich fast nur noch ein Chaos, das eben erst aus seinem alten Schlummer erwachte. Peter der Erste war der Schöpfer der Nation; seine Nachfolger haben sie am Gängelbande geleitet; Katharina die Zweite unternahm es, ihre Erzieherin zu werden. Peter baute seinen Staat militärisch und ging militärisch zu Werke mit seiner ganzen Schöpfung. Sein Zeitalter und seine Lage rechtfertigte ihn. » Il travaillait sur sa nation, comme l'eau forte sur le fer ,« sagte von ihm Friedrich der Zweite, der seinen Charakter durchdacht hatte. Katharina, ohne Peter's System zu verlassen, weil eine Nation ohne einen festen Kriegsfuß immer sehr unsicher steht, suchte ihm Humanität zu geben. Man könnte Bücher schreiben, um Alles zu schildern und auseinanderzusetzen, was sie zum Besten ihrer Unterthanen in dieser Rücksicht entworfen, unternommen und theils ausgeführt hat. Es ist aber nicht das Werk nur eines Menschenalters, noch halb wilde Nationen zur Cultur heraufzuführen. Peter der Erste hatte den herrlichsten Anfang gemacht; aber er bildete nur Soldaten und legte zum Grunde der übrigen Nationalbildung die Akademie in Petersburg an, aus welcher nach und nach gute und nützliche Anlagen für das Reich hervorgehen sollten. Seit seinem Tode bis auf die Regierung Katharina der Zweiten war für die innere bessere Ordnung des Reichs sehr wenig gethan worden. Die Regierungen waren theils zu kurz, theils zu unruhig, oder man beschäftigte sich zu sehr mit dem wichtigen asiatischen Pomp, um an die Kleinigkeit der Nationalerziehung weiter zu denken. Katharina fing an, die Pläne Peter's des Ersten, so viel ihr möglich war, fortzusetzen. »Peter der Erste erbaute die Häuser,« sagt ein Minister Katharinens, dessen Charakter nicht Schmeichelei zu sein scheint, »Katharina setzte die Menschen hinein.« Die Kaiserin Katharina die Zweite scheint völlig überzeugt gewesen zu sein, daß nur Freiheit den Flor eines Staats gründen und befestigen könne, daß nur Freiheit und gesetzliche unumstößliche Gewißheit der Besitzungen für Alle allgemeine Industrie schaffen, heben und erhalten kann; und mit diesen Gedanken des Wohlwollens für alle ihre Unterthanen und das ganze Menschengeschlecht trat sie ihre Regierung an und nahm ihre ersten Maßregeln. Es ist in der Geschichte ein sonderbares Phänomen, da das Palladium der Freiheit vorzüglich unter den nordischen Völkern gesucht werden mußte, daß die Russen, als eins der angesehensten derselben, bei ihrem großen politischen Gewicht seit so langer Zeit in der tiefsten Personalsclaverei lebten. Wenn es von je her so gewesen wäre, würde man nicht wissen, wie man es nur erklären sollte. Aber das war es nicht; auch die Russen waren frei wie ihre übrigen nordischen Brüder. Erst unter Iwan Wasilewitsch, in der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, verloren die russischen Bauern das große heilige Recht der Personalfreiheit nur nach und nach; und unstreitig sah der große Monarch nicht, welches Unheil durch Mißbrauch mit der Zeit aus seinem Gesetze erwachsen würde. Um den Auswanderungen zuvorzukommen, welche während der kasanischen und astrachanischen Kriege und einer daraus entstehenden Hungersnoth außerordentlich stark wurden, verbot dieser Zaar, daß kein Bauer sich von seinem Hofe und Herde entfernen sollte. Eine temporäre Vorsicht machte bald der Kastengeist zum eisernen Gesetz. Mit der Zeit machte die Raubgier und die Gewinnsucht daraus Glebäadscripten und zuletzt gar Leibeigene und Sclaven; obgleich das Letztere die russischen Bauern nie gesetzlich gewesen sind. Unter Peter dem Ersten fing man an, das ungerecht aufgeworfene Joch etwas zu erleichtern. Unter seinen Nachfolgern fragte man weniger als jemals nach dem Schicksal der niedern Volksclassen, und es war also härter als jemals; denn wo die Regierung nicht streng auf Gerechtigkeit und Menschlichkeit sieht, ist man gewiß, daß die kleine Tyrannei mit allen Arten der Unterdrückung geißelt. Die Geschichte der esthländischen, livländischen und kurländischen Bauern liegt in der Geschichte des deutschen Ordens, einer Geschichte, die der deutschen Nation auch nicht sehr zur Ehre gereicht. Katharina die Zweite fing wieder an, sich der armen unterdrückten Menschenrasse anzunehmen, wovon so viele Stellen in ihren Verordnungen und ganze Gesetze zu ihrem Vortheil Zeugen sind. Daß die Regierungsgrundsätze der Kaiserin auf Freiheit und Liberalität beruheten, beweiset dieses, daß sie im Anfange gänzliche Preßfreiheit gab, und daß blos Verfasser und Drucker für die etwanige Übertretung der Landesgesetze verantwortlich sein sollten. Der Mißbrauch zog die Einschränkung nach sich, und das Polizeiamt erhielt die Censur, so daß dann freilich das Schicksal der Papiere von der größern oder geringern Liberalität der Polizei abhing, von deren Officieren man sich nicht immer viel Gutes in dieser Rücksicht versprechen durfte. Man versichert, daß die Monarchin mehrere Jahre ernstlich damit beschäftiget gewesen sei, in ihrem ganzen Reiche zum Vortheil aller Arten von Industrie eine allgemeine Personalfreiheit einzuführen. Konnte irgend ein Regent so etwas durchsetzen, so war es die Kaiserin Katharina die Zweite, an welcher schon seit dem ersten Türkenkriege die ganze Nation mit Enthusiasmus und uneingeschränktem Zutrauen zu hängen anfing. Sie sah gewiß alle Vortheile einer solchen Wohlthat, vorzüglich für die Betriebsamkeit des gemeinen Lebens, und am Ende bleibt denn doch immer der Landmann eigentlich die Seele des Staats. So lange keine feste gesetzliche Gewißheit der Besitzung für ihn ist, gewinnet sein Fleiß nie einen festen, sichern Punkt. Welcher Bauer wird sich ein gutes bequemes Haus bauen, wenn er nicht ganz sicher ist, daß er und seine Kinder darin wohnen werden, und daß sie keine Gewalt, kein Gutdünken, keine Chicane irgend eines großen oder kleinen Tyrannen daraus vertreiben kann? Wie wird er einen Baum pflanzen, unter dessen Schatten er nicht seine Enkel zu schaukeln, oder dessen Früchte er und seine Söhne nicht sicher zu pflücken hoffen dürfen? Recht und Gesetz war es niemals, aber irgend ein Vorwand, den sein Gewaltiger bald fand, versetzte ihn aus seinem Tempe in die Wüste Berseba, die er zu einem zweiten Tempe schuf, um sodann in ein zweites Berseba versetzt zu werden. Man gebe dem Menschen alle prekären Vortheile, die man ersinnen kann, man giebt ihm nicht so viel Muth zu Unternehmungen, als wenn man ihm ein einziges Recht sichert. Ich rede von ganzen Volksclassen und nicht von Individuen. Die Kaiserin, welche dieses und die Geschichte des Menschengeschlechts und ihres Reichs sehr wohl wußte, wollte dem Menschen geben, was ihm gehört, als die schreckliche Revolte Pugatschew's dazwischen trat. Der Schritt wäre an und für sich selbst in ihrer Lage etwas gewagt gewesen. Man kann sich vorstellen, daß, wenn sie ihr Ministerium fragte, manche Herren manche Bedenklichkeiten mancher Art hatten, von denen sie gewiß nicht immer den wahren Grund angaben. Der Aufruhr des Pugatschew gab den feineren Widersachern Gelegenheit, ihr vorzustellen, welche Folgen wahrscheinlich aus ihrem Schritte entspringen würden. Hunderttausende kamen in dem Aufruhr um, und die schaudervolle Scene schreckte die Kaiserin von ihren menschenfreundlichen, wohlgemeinten Maßregeln zurück. Raynal, der verehrungswürdige Advocat der Freiheit und des Menschengeschlechts, sah, wenn er von Rußland sprach, doch wol Manches durch das Vergrößerungsglas seines philanthropischen Zorns. Er setzt die Classe der Freien in Rußland auf sehr Wenige herab, da doch bekanntlich von je her alle Bürger in allen kaiserlichen Städten freie Leute waren, die unter Leitung des Gouvernements mit ihrer Personalität anfangen konnten, was sie wollten. Da Katharina die Zweite ihr Project der allgemeinen Personalfreiheit nicht durchsetzen konnte, so suchte sie wenigstens diese Classe so sehr als möglich zu erweitern. Sie vermehrte die Anzahl der kaiserlichen Städte, um allen Menschen vielen Spielraum zur Industrie zu geben. Alle verabschiedete Soldaten mit ihrer Descendenz sind freie Leute und können im ganzen Reiche sodann vornehmen, was sie wollen. Es wird in Personalprocessen nach der römischen Rechtsregel immer auch in favorem libertatis gesprochen. Freilich wird nie der Kern der Nation, die Bauern, sich zu wahren Menschen erheben, so lange man sie noch in so eisernen Schranken hält. Daß manche Kronbauern unter guter Verwaltung und die Bauern mehrerer reichen und humanen Privatleute durch zufällige Vortheile sich sehr vorteilhaft auszeichnen und ungewöhnlich wohlhabend sind, daraus folgt nichts gegen den Satz; sondern er wird vielmehr dadurch bewiesen, indem daraus erhellet, wie herrlich Alles sein würde, wenn Alle das als Recht genössen, was man einem Theil aus Gnade giebt. Der Edelmann würde durch diese Veränderung nichts verlieren oder vielleicht in den ersten Jahren nur etwas und in den folgenden desto mehr gewinnen. Und gesetzt, er verlöre dadurch, so ist das, was er verlieren würde, dasjenige, was er mit Unrecht, selbst gegen die Gesetze des Staats, in Beschlag genommen hat. Die deutschen Bauern leisten mehr, wenn man alle ihre Obliegenheiten nimmt, als die russischen gesetzlich leisten sollen. Der Deutsche hat nicht mehr Kraft, sondern nur mehr Muth und Betriebsamkeit, weil er mehr Sicherheit hat, und sodann finden die russischen Edelleute in allen Gouvernements nur zu viel Mittel, die Grenzen ihrer Forderungen widerrechtlich auszudehnen. Durch Errichtung der Gouvernements und der darin bestehenden Gerichte hat zwar die Monarchin diese Willkür zu beschränken gesucht, aber ihren Zweck nur halb erreicht. Allerdings ist es schon besser als unter den vorigen Regierungen, und insofern ist doch etwas gewonnen. Die Justiz war ein Chaos vor ihrer Regierung, indem die Provinzen von zu ungeheurem Umfange waren, als daß ein Mann mit seinen untergeordneten Dikasterien sie allein hätte übersehen können. Die Errichtung einer großen Anzahl Gouvernements, ob sie gleich mit außerordentlichen Kosten verbunden war, hatte doch sogleich den Vortheil, daß die Gerichte den ganzen Umfang der Behörde weit besser übersehen konnten, und daß man überdies nicht einem einzigen Manne eine exorbitante Macht anvertrauen durfte, die er leicht mißbrauchen konnte. Die Generalgouverneure, unter deren Aufsicht einige Gouvernements vereint stehen, haben indeß immer noch mehr Gewalt als irgend eine Civil- oder Militärperson in irgend einem andern Staate. Die Absicht der Kaiserin war gewiß wohlthätig, und ganz hat sie dieselbe nicht verfehlt. »Die Pflicht des kaiserlichen Statthalters«, schreibt die Monarchin in der Verordnung, »ist, darauf zu sehen, daß Tribunale und Einwohner Gesetz und Pflicht erfüllen. Daher liefert er alle Uebertreter an die gehörigen Gerichte ab, nimmt sich Desjenigen an, der über Verzögerung seiner Sache klagt, und hält das saumselige Tribunal zur Entscheidung an, ohne sich doch selbst in den Lauf der Sache zu mischen oder zu strafen. Denn er ist kein Richter, sondern ein Beobachter der Gesetze, ein Mittler des kaiserlichen und allgemeinen Besten, ein Schutz der Unterdrückten und Betreiber solcher Sachen, wozu sich kein Kläger findet. Kurz, der Name eines Statthalters verbindet ihn, Wohlwollen, Liebe und Mitleid für das Volk in allen seinen Handlungen zu beweisen. Daß gute Ordnung, Erfüllung der Gesetze und Erleichterung der Mittel, Jeden gesetzmäßig zu befriedigen, in seiner Statthalterschaft gefunden und darinnen dem Luxus, dem Uebermuth, der Liederlichkeit, Verschwendung und Härte gewehrt werde, liegt ihm ob.« Alle Dikasterien stehen also unter dem Generalgouverneur, insofern er sie anhalten soll, ihre Pflicht zu thun. Wie viel Mittel ihm dieses in die Hände giebt, Gutes und Böses zu wirken, ist leicht zu errathen; auch hat man von Beidem Exempel genug. Manche Statthalter werden verehrt wie Schutzgeister der Provinzen. Nicht jede Verehrung ist ein sicheres Merkzeichen wirklich getreu erfüllter Pflichten. Kommt sie vom Bürger und dem Landmann, so kann man sicher schließen, daß sie eine Belohnung des Verdienstes ist. Der Adel belohnt oft auch nur diejenigen Generalgouverneure mit Beifall und Ehrenbezeigungen, die ihm in seinen Bedrückungen und unbefugten Anmaßungen keinen Einhalt thun. Manche Machthaber wissen sich mit Klugheit über alles Gewissen hinwegzusetzen; daher das russische Sprichwort entstanden ist: »Der Himmel ist hoch, und die Kaiserin wohnt weit.« Ein Gebrechen der russischen Dikasterien sowie der Tribunale in den meisten übrigen Ländern ist, daß ihre Vorsitzer und Beisitzer meistens Edelleute sind, die nur auf Beibehaltung und Erweiterung ihrer Prärogativen und sonst auf weiter nichts denken. Wo diese nicht in Collision kommen, sind sie von Natur ziemlich gerecht; aber ein Bauer gegen seinen Gutsherrn hat selten Hoffnung zu rechtlicher Genugthuung, nach dem alten Sprichwort, und wird sodann als ein temere litigans immer mit Ruthen bestraft. So fehlerhaft indessen auch die russische Justiz sein mag, ist sie doch besser als gar keine, wie das vor Katharinens Zeit fast der Fall war, wo die Willkür überall, oft mit blindem Wohlgefallen entschied. Die wohltätigste Erscheinung ist das Gewissensgericht. Den Fremden, welcher vielleicht keinen Begriff davon hat, könnte der Name erschrecken, indem er sich eine Art der schlimmsten Inquisition darunter vorstellt. Es ist aber ganz das Gegentheil und nichts Anders als ein Collegium von tadellosen Männern mit gerichtlichem Ansehen, welche bei allen Processen, die man an sie bringen will, zuerst den gütlichen Vergleich versuchen und nach Recht, Gesetz und Billigkeit den Ausgang des Processes vorhersagen. Viele Parteien lassen sich den Ausspruch dieses Gerichts ohne alle Appellation gefallen, und mancher rechtliche Mann rechnet es sich zur Ehre, nie vor einem andern Tribunale gewesen zu sein, so daß mancher ernsthafte, langwierige, den Parteien gefährliche Proceß dadurch verhindert oder in der Kürze abgethan wird. Das Gewissensgericht soll ferner für die Sicherheit der Person wachen. Seine Pflicht ist nach der kaiserlichen Verordnung, die Freiheit eines jeden Gefangenen von jedem Gericht gegen geleistete Caution, daß er sich wieder stellen wolle, zu verlangen oder zu bewirken, wenn er nicht wegen Majestätsverbrechen, Verrätherei, Mord, Diebstahl oder Raub gefangen sitzt. Es soll sogleich die Anzeigung der Ursache verlangen, warum der Arrestant gehalten wird, warum er nicht verhört wird; und wenn obenbesagte Fälle nicht stattfinden, soll seine Loslassung gegen Caution ohne Verzug geschehen, damit er sodann seinen Proceß vor der Behörde gesetzlich führen könne. Wenn ein Tribunal den Ausspruch dieses Gewissensgerichts binnen vierundzwanzig Stunden nach empfangener Notiz nicht befolgt, so soll der Vorsitzer 500 und jeder Beisitzer 100 Rubel Strafe bezahlen. Manchem Lande, in welchem man viel von Freiheit und Gerechtigkeit spricht und schreibt, würde eine solche Anordnung sehr heilsam sein. Es ist bekannt, daß die Kaiserin die Instruction zu dem Gesetzbuche, von ihrer eigenen Hand geschrieben, der Commission übergab, und daß man das Exemplar zum Andenken in der Akademie als Heiligthum verwahret. Deputirte von allen Nationen des russischen Scepters wurden eingeladen, ihr Gutachten und ihre Meinungen zu den Gesetzen zu geben, nach welchen sie leben und glücklich sein sollten. Wie nothwendig und wohlthätig jeder Nation helle, kurze, deutlich bestimmte Gesetze sind, um sie in ihren Händeln vor den Harpyien der Justiz zu sichern, weiß Jedermann, der auch nicht die Geschichte genauer studirt hat; aber daß überall der Geist der Cabale und der feinen und groben Gewinnsucht sich dieser heilsamen Ordnung entgegensetzt, lehrt das Beispiel aller Nationen deutlich genug. Auch in Rußland schiffen, trotz der Gesetzgebung Katharinens, die Rabulisten mit ihren Parteien in dem ungeheuern Ocean alter Ukasen herum, ohne oft die ersten Regeln der Jurisprudenz zu wissen oder wissen zu wollen. Denn die Ukasen der russischen Kaiser von unserer Zeit zurück bis Iwan Wasilewitsch sind noch weit mehr als das Justinianische Rechtsbuch ein wahres Farrago, je weniger gesammelt und geordnet sie sind. Auch müssen noch in den verschiedenen Provinzen die verschiedenen Privilegien gelten, an welche man täglich appelliret, so daß die Justizverwaltung nicht so leicht auf eine allgemeine Form gebracht werden kann. Die Kaiserin hat gethan, was sie thun konnte. Es gelingt vielleicht einem ihrer Nachfolger, wenn mehr Licht in der Nation ist, mehr Ordnung in den Gang der Justiz zubringen. Daß die Residenz so außerordentlich an Volksmenge unter der Regierung Katharinens gewonnen hat, wäre in jedem andern als in dem russischen Reiche vielleicht mehr ein Vorwurf als ein Lob, wenn man überlegt, wie wenig Vortheil einem Lande große Städte bringen. Aber in einem so ungeheuern Reiche, in einer solchen Lage, bei einer so neuen Residenz wie Petersburg darf man in hundert Jahren noch nicht befürchten, daß ihre Volksmenge übergroß werde. Petersburg hat seit dreißig Jahren mehr als 50,000 Einwohner gewonnen, und die meisten darunter sind Ausländer, die für den Gewinn, den sie daselbst suchen, wenigstens einen Theil ihrer Kenntnisse und Industrie nothwendig den Eingebornen mittheilen müssen. Da Riga und Petersburg die wichtigsten Plätze des russischen Handels für Europa sind, so läßt sich aus der Vermehrung der Bevölkerung, welche meistens durch den Handel und des Handels wegen so gestiegen ist, leicht einsehen, wie viel der Handel selbst müsse gewonnen haben, und wirklich wird aus den öffentlichen Zollregistern versichert, daß beide genannte Städte jetzt einen stärkern Handel treiben als vorher ganz Rußland zusammengenommen. Ich würde die Grenzen des Gemäldes überschreiten und meine Kräfte übersteigen, wenn ich weitläufig erzählen wollte, was die Monarchin für Petersburg insbesondere während ihrer vierunddreißigjährigen Regierung gethan hat. Manche Anstalten sind von der Art, daß sie von sicherm großem Einfluß auf die große Oekonomie des ganzen Reichs sind: nämlich die neue Einrichtung der Akademie, und vorzüglich der russischen; die neue Einrichtung und Verbesserung des Cadettencorps; die völlig neue Errichtung des Seecadettencorps und des Cadettencorps der jungen Griechen. Hierher sind auch zu rechnen die Erziehungsanstalt des Fräuleinstifts, das Lombard, das Waisenhaus und andere Anstalten mehr. Zu allen diesen Etablissements sind die Fonds mit weiser Fürsorge berechnet und, als für die notwendigsten Bedürfnisse des Staats, ganz sicher angewiesen. Alle Verordnungen zu diesen zahlreichen Anstalten, meistens von der Monarchin selbst entworfen, athmen durchaus eine Milde, eine teilnehmende, rührende Sorgfalt, eine helle, kühne, vorurtheilsfreie Vernunft in dem edelsten Vortrage, die gegen das steife, unverständliche Kanzleimäßige in den übrigen Ländern sehr vortheilhaft abstechen. Die Tugend ist die Tochter der Sanftmuth, der Liebe und Ehrfurcht; strenge Strafen bewirken sie nie. Der Herr von Storch, ein Mann von hellem Geiste und tadellosem Charakter, dessen Buch nicht das Gepräge der Schmeichelei trägt, sagt in seiner Beschreibung von Petersburg: »Die öffentlichen Anstalten für Nationalbildung, die jetzt in der Residenz blühen, sind ihre Entstehung zum größten Theil, ihre Erweiterung und zweckmäßige Veränderung aber alle ohne Ausnahme der jetzigen Kaiserin schuldig. In den Vorschriften zur Behandlung der jungen Leute in dem Cadettenhause, die sie meistens selbst angegeben oder wenigstens durchgesehen und verbessert hatte, herrscht durchaus so viel reine philosophische Pädagogik, so viel feine, freimüthige Bemerkung von Rom und Griechenland, daß man glauben sollte, einen Entwurf für die Erziehung und Bildung Atheniensischer Jünglinge zu sehen. Und es ist nicht blos Parade; man befolgt sie und handelt darnach. Das System der physischen Erziehung ist Strenge, das der moralischen Gelindigkeit. Keine Nation hat ein so zahlreiches, wohlgeordnetes Institut aufzuweisen; und junge Leute, welche dort gebildet worden sind, kommen wenigstens nie ganz ohne nöthige Vorkenntnisse und Geschicklichkeit an militärische Posten, und viele zeichnen sich in mancher Rücksicht aus.« Unter andern gemeinnützigen Anstalten bei der Errichtung der Statthalterschaften und der Einrichtung der neuen Dikasterien in denselben schenkte die Monarchin jeder Statthalterschaft die Summe von 15,000 Rubeln, als den Anfang zu einem Fonds, aus welchem gelegentliche Ausgaben zur Unterstützung der Schulen oder der Armuth unter der Aufsicht des Gouverneurs bestritten werden sollten. Der Stadt Petersburg, als dem größten Publicum des Reichs nächst Moskau, gab sie zu eben diesem Behuf die besondere Summe von 52,000 Rubeln, welche der Adel und die Bürgerschaft der Residenz ihr zu Errichtung eines Monuments bestimmt hatte. Das beste Monument errichten sich die Könige durch Wohlthaten und weise Regierung in den Herzen ihrer Unterthanen. Das Beispiel der Monarchin befeuerte alle edeldenkenden Privatleute von Vermögen, deren Rußland mehr als irgend ein anderes Reich eine große Menge hat. Man beeiferte sich um die Wette, das neue wohlthätige Institut zu unterstützen, und es kamen blos in der Residenz 305,000 Rubel an Beiträgen ein, indem mehrere Reiche zu 10 bis 20,000 Rubel beitrugen. In den Gouvernements bemühete man sich ebenfalls, so viel als möglich mitzuwirken, so daß fast überall bald die allgemeine Fürsorge zu einem beträchtlichen Fonds stieg und man bald ihren wohlthätigen Einfluß spüren konnte. Es ist jetzt im Reiche, wenn begüterte Personen sterben, eine sehr löbliche Gewohnheit, dieses Institut der allgemeinen Fürsorge im Testamente oder sonst durch Schenkungen zu bedenken; und diese Anstalt hat gewiß den Vorzug in jeder Rücksicht vor allen übrigen Arten der piarum causarum in andern Ländern, da ihre Absicht nicht die Unterstützung der faulen Möncherei, sondern die der leidenden Menschheit überhaupt und besonders die Erziehung des ärmern Theils der Jugend ist. So philanthropisch der Name lautet, so menschlich wohlthätig ist die Sache, und es werden zur Aufsicht und Besorgung derselben immer Männer bestimmt, deren moralischer Charakter der Würde des Geschäfts entspricht, die durchaus nicht nöthig haben, auf Gewinn zu sehen, und die oft aus eigenen Mitteln menschenfreundlich den Mangel der öffentlichen, dem Zwecke gewidmeten Casse ersetzen. Die Monarchin legte, da viele Güterbesitzer damals oft auf die sichersten Hypotheken bei manchen drückenden Verlegenheiten kein Geld erhalten konnten und deswegen ihre häuslichen Geschäfte in Unordnung gerathen lassen oder mit großem Schaden heimlichen, künstlichen Wucherern in die Hände fallen mußten, 22 Millionen Rubel zu Darlehnen für den Adel nieder, für die Bedürfnisse der Städte 11 Millionen und 3 Millionen insbesondere zur Beförderung des Ackerbaues in der neuen Provinz Taurien. Durch diese menschenfreundliche, wohlthätige Sorgfalt wurden eine Menge Familien aus den Händen gieriger Gläubiger gerettet, manche Stadt konnte nützliche, die Industrie und den Wohlstand befördernde Unternehmungen machen, und die neuen Erwerbungen in der Krim und in ihren Gegenden veränderten bald ihr altes Ansehen von Wüsteneien in blühende Pflanzungen aller Art. Daß diese großen vernachlässigten Districte sich nicht auf einmal zu dem hohen Grade der Cultur alter, lange bearbeiteter Länder erheben können, ist begreiflich; aber doch that die Regierung unter der Kaiserin Katharina alles Mögliche, die Naturgaben der Gegenden zu benutzen. Schon wählen sich viele russische und deutsche Familien, nicht allein mit ökonomischen Absichten, sondern aus wahrem Geschmack an der schönen Natur zum Wohnsitz den alten Chersones, wo die Natur an Fruchtbarkeit, Schönheit, Mannichfaltigkeit und Größe mit den besten Ländern des Erdbodens wetteifert. Der russische Kalender zeigt, wie vielen, fast gänzlich verfallenen Städten die Monarchin durch ihre Unterstützung wieder aufzuhelfen gesucht hat, und wie viele neue an bequemen, vortheilhaften Lagen von ihr errichtet worden sind. Wenngleich viele derselben nur noch in ihrer Entstehung sind und vielleicht kaum das Ansehen kleiner Flecken haben, so befinden sich doch auch darunter Orte, die sich schon jetzt durch den Flor ihres Handels, die Wichtigkeit ihrer Geschäfte und die Wohlhabenheit ihrer neuen Einwohner auszeichnen. Jedermann weiß, wie viel Cherson, Zarizin und Saratow in kurzer Zeit gewonnen haben, und welchen Credit sie schon durch ihre Manufacturen und Industrie in den Handelsgeschäften, nicht allein der dortigen Gegend, sondern in großer Entfernung besitzen, so daß ihre Geschäfte sich jetzt schon bis nach Deutschland und England erstrecken. Daß die Colonisten um Zarizin und Saratow nicht alle ihre Rechnung gefunden haben, daß manche theils durch ihre eigene Ungeschicklichkeit, theils durch nachlässige Besorgung der kaiserlichen Befehle durch die Directoren wol gar ins Elend gerathen, wol gar darin gestorben sind, ist nicht zu leugnen. Aber wer wollte deswegen so ungerecht sein, die wohlthätige Absicht der Monarchin und ihre thätige Theilnahme zu mißkennen, wenn die Nachlässigkeit oder wol gar die Habsucht der Unterdirectoren den Zweck vereitelt? Wahr ist es, daß mancher Ausländer traurig aus der angewiesenen Gegend nach Petersburg zurückgekehrt ist und den Zustand der Colonisten mit melancholischen Zügen ausmalt; aber es ist auch wahr, daß man dort ganze neue Städte wohlhabender und glücklicher Menschen trifft, unter denen man sich mitten in der blühendsten Provinz von Deutschland glaubt und aus jedem Munde, wenn auch knirschende Flüche über diesen und jenen Bedrücker, doch immer Segen über die Monarchin hört. Wenn also auch ein Theil wirklich unglücklich ist oder nicht so glücklich, als es der Enthusiasmus der Menschen gewöhnlich wünscht und hofft, so ist doch der andere, größere Theil zufrieden mit der Unterstützung, die er erhielt, und arbeitete sich durch eigenen Fleiß und Muth bald gegen alle Unglücksfälle der Natur in Sicherheit. Wenn Raynal hier mit seiner feurigen Philanthropie malt und übertreibt, so bedenkt der rechtschaffene Mann nicht, welchen fürchterlichen Schwierigkeiten, die wir hier nicht alle kennen, man dort bei einem neuen Etablissement entgegenzuarbeiten hat. Wer nicht eisernen Muth und unermüdete Unverdrossenheit hat, darf nie daran denken, in einer ganz jungen Colonie glücklich emporzukommen. Die Natur der Sache ist so; und in den dortigen Gegenden und Verhältnissen sind allerdings die Hindernisse noch größer. Auch die Colonisten in Amerika klagten im Anfange über Elend und klagen vielleicht an manchen Orten noch. In Rußland sind die Schwierigkeiten ohne Widerspruch größer; aber ihr Zustand ist im Allgemeinen nicht so traurig, als ihn der philanthropische Enthusiast schildert. Wenn wirklich Einige umkamen, so starben nicht Tausende. Raynal verdient jedoch den wärmsten Dank; denn er wollte auf Elend aufmerksam machen, wenn er es auch vergrößerte. Wie viel die Wissenschaften unter der Regierung Katharina der Zweiten und vorzüglich durch ihre Aufmunterung und Unterstützung gewonnen haben, ist aus den Bemühungen der Petersburger Akademie für mehrere Zweige derselben jedem auswärtigen Gelehrten hinlänglich bekannt. Es sind nicht mehr blos Fremde, die durch ihre Verdienste in diesem Fache glänzen, obgleich auch diese, wenn der Geist wahrer Wissenschaft auf ihnen ruht, in Rußland noch immer Pflege und Achtung finden. Wer kennt nicht Pallas', Nicolai's, Klinger's und mehrerer Andern Werth, die nah am Pole zu einer Vollkommenheit gediehen, wie man sie jenseits der Alpen selten findet? Die Nation fängt jetzt selbst an, sich mit ihren Nachbarn auf gleichen wissenschaftlichen Fuß zu setzen. Man begnügt sich nicht mehr mit den Uebersetzungen kleiner Arbeiten der Deutschen und Franzosen, ob man gleich noch immer fortfährt, jedes wissenschaftliche Werk oder vorzügliche Product des Geistes und Geschmacks beider Nationen den Russen in ihrer Sprache zu geben. Die Meisterwerke der alten Literatur werden glücklich bearbeitet. Unter Cheraskow's und Petrow's Feder sind Homer und Virgil der Nation selbst classisch geworden, und wahre Kenner, die nicht Ursache haben, den Hyperboreern zu schmeicheln, versichern, daß Cheraskow's Arbeit der Popischen an Dichterwerth nichts nachgiebt und sie an Richtigkeit übertrifft. Die Deutschen, welche seit der letzten Hälfte des Jahrhunderts stolz auf geschmackvolle Philologie sind, haben vielleicht noch kein Werk dieser Art, das sie Petrow's Aeneïde sicher entgegenstellen können. Beide Männer sind Nationaldichter, in ebenso hohem Grade wie unser Voß und Stolberg. Lomonossow hatte die Bahn gebrochen, und er hat schon Nachfolger gehabt, die an Dichtergeist nicht unter ihm stehen und durch Correctheit und Grazie der Sprache sich über ihn erheben. Vielleicht lächelt mancher Leser, wenn er von der Grazie der russischen Sprache hört. Der Verfasser, der nicht ganz Fremdling in dem Studium der alten und neuen Sprachen ist, kann auf Gewissen versichern, daß er nach der griechischen keine Sprache kennt, die mehr Bestimmtheit und sonorischen Wohllaut hätte als die russische. Die mit ihr verwandten slavonischen Dialekte sind für sie eine unerschöpfliche Quelle. Sumorokow, dessen glänzendste Periode noch in die Regierung Katharinens fiel, lebte und starb allgemein hochgeachtet, in Ansehen und von der Kaiserin belohnt in Moskau. Derschawin ist ein Mann, dessen Credit als Staatsmann ebenso gegründet ist als sein literarischer Ruf. Ob er gleich ein tartarischer Mursa von Geburt ist, darf man ihn doch billig unter die Nationalrussen zählen, da er seine ganze Bildung von Jugend auf in Rußland erhalten hat. Knjäschnin's Theaterstücke haben alle den Stempel des wahren kaustischen Genies und liefern die Nationalsitten mit aller gutmüthigen Jovialität des gemeinen Lebens und aller lächerlichen Caricatur der nachgeäfften großen Welt der Halbgebildeten, deren es in der Nation keine geringe Anzahl giebt. Als ein Beispiel des Charakteristischen der russischen Sprache führe ich nur den Titel seines »Großprahlers« an. Er heißt im Russischen Chwastuhn . Dieses Wort, gewöhnlich recht stark durch den hohlen Gaumen ausgesprochen, giebt fast schon allein den ganzen Begriff eines gewaltigen Gasconnadenschneiders. Cheraskow's »Rossiade« ist ein Heldengedicht, dessen Gegenstand vornehmlich der erste türkische Krieg von 1770 bis 1774 ist; und die Thaten Romanzow's Sadunaisky mit seinen braven Kriegern sind in dem würdigsten Stil, ohne Schwulst, mit wahrem Dichtergeist besungen. Auch seine »Schlacht bei Tschesme«, wo Orlow die türkische Flotte verbrannte, bleibt in jeder Rücksicht ein Monument für den Dichter und den Nationalruhm. Wo haben die Deutschen, Gleim's Kriegslieder abgerechnet, wo doch oft der Grenadier noch die Sprache eines Soldaten des Hyder Ali spricht, wo haben wir etwas in unserer Geschichte diesem entgegenzustellen? Aber wir haben noch keine Nationalthaten, wie der Russe seit Peter dem Ersten. Kein Deutscher wird besingen sollen und wollen, wie muthig und tapfer sich Deutsche mit Deutschen schlugen. Stcherebatow in seiner Geschichte darf sich vielleicht mit Robertson messen; und dürfen wir nicht bei diesen Fortschritten bald einen Gibbon und Hume erwarten? Die freie ökonomische Gesellschaft in Petersburg, deren Präsident zuletzt mehrere Jahre der General Graf zu Anhalt war, hat in ihren Annalen manche wichtige Bemerkung und Entdeckung über Oekonomie und Landverbesserung, die auch noch den Wirthen anderer Länder höherer Cultur nützlich werden könnten. Oekonomen von wahrem Credit sprechen davon mit entscheidender Achtung. Es ist gewiß, daß der Ackerbau in den meisten Gegenden Rußlands auf einem hohen Grad der Vollkommenheit steht und den wenigsten übrigen Ländern etwas nachgiebt; aber Agricultur ist nicht Cultur überhaupt, und diese fehlt in Rußland vorzüglich noch den Menschen. Die Ursachen liegen tiefer und sind zu sehr mit der politischen Existenz zusammengewebt, als daß der Sache mit einigen gewöhnlichen Maßregeln der Regierung abgeholfen werden könnte. Selbst die Proletarier der Literatur wissen, welche Vortheile Pallas durch seine Reisen in die asiatischen Provinzen des russischen Reichs der ganzen Naturgeschichte gebracht hat. Die Kaiserin hat nicht blos die Kosten des weitläufigen Unternehmens bestritten und durch ihre gemessenen Befehle in den entfernten Gouvernements den Eifer des würdigen Mannes unterstützt, sondern sie läßt auch das Resultat aller seiner Nachforschungen, besonders für die Botanik in der russischen Flora, mit allem Fleiß der Wissenschaft und der Kunst dem Publicum geben; ein Unternehmen, welches schwerlich ein Privatmann mit eigenem Aufwand würde unternommen haben. Die Bibliothek, die Kunst- und Naturaliensammlung der Akademie, die man als einen großen Nationalvorrath der Cultur betrachten kann, sind durch den Ankauf verschiedener ansehnlicher Büchersammlungen aus Frankreich und England zu einem Reichthum angewachsen, den man kaum bei einer andern Nation antreffen wird. Die Entdeckungen in den asiatischen Gouvernements liefern täglich neue Merkwürdigkeiten. Storch spricht von den Denkmälern aus den sibirischen Gräbern, die er das Herculanum der Russen nennt, enthusiastisch in seiner Beschreibung der Residenz. Diese Ueberbleibsel eines der mächtigsten Völker sind größtentheils von gediegenem Golde und bestehen in Bechern, Gefäßen, Diademen, militärischen Ehrenzeichen, Panzern und Schilden, Geschmeiden, Götzenbildern und Abbildungen verschiedener Thiere. Der Geschmack und die Schönheit lassen vermuthen, daß sie unter Genghiskhan's Nachfolgern von ausländischen Künstlern mögen verfertiget worden sein. Der Zuwachs, den die Bibliothek durch die Zaluski'sche Büchersammlung von Warschau erhalten hat, ist den Gelehrten bekannt und nach ihrer Meinung von unschätzbarem Werth. Die Kunst hat unter Katharina der Zweiten in Rußland verhältnißmäßig beträchtlichere Fortschritte gemacht als in irgend einem andern Reiche. Sowie mehrere junge Leute ihre Zeit nach dem Urtheil ihrer Lehrer in der russischen Akademie mit Vortheil angewendet hatten und ausgezeichnete Talente blicken ließen, erhielten Einige von ihnen Reisekosten, um nach dem Rath verständiger Männer sich in fremden Ländern, besonders in Italien, der Pflanzschule der Künste, weiter auszubilden. Dieses hat Rußland Männer gegeben, die auch bei den Ausländern als Künstler von gründlicher Wissenschaft, ächtem, feinem Geschmacke und überhaupt von wahrem Credit aufgeführt werden können. Unter diesen sind die Maler Koßlow und Iwanow in der Geschichte und Lewitzky in Porträten; der Kupferstecher Skorodumow, Maschalowin ein Metallarbeiter, und der Mechaniker Kulibin, lauter Nationalrussen und Männer, die alle ihrem Metier Ehre machen. Der Letzte, ein Bauer von Geburt, arbeitete sich trotz allen Schwierigkeiten seiner Lage ganz allein zu einem Grade der Vollkommenheit empor, daß er die Aufmerksamkeit der Akademie auf sich zog und die Aufmunterung und Unterstützung der Monarchin erhielt. Unter andern Kunstsachen von seiner Hand ist besonders das Modell zu einer hölzernen Brücke von einem einzigen Bogen über die Newa, das alle Sachkundige bewundern, das man aber bis jetzt noch nicht ausgeführt hat. Von Maschalowin sind ein Farnesischer Hercules und eine Flora in Zarskoe-Selo, von Koßlow vorzüglich mit die vortreffliche Copie der Raphaelischen Galerie aus dem Vatican in der Eremitage, von welcher alle Kenner sagen, daß der Geist des großen Meisters gefaßt und übergetragen ist. Tiez, jetzt anerkannt einer der größten Violinspieler, obgleich aus Petersburg von Herkunft ein Deutscher, hat sich ganz auf Kosten der Kaiserin auf seinen Reisen gebildet. Wenn nach diesem Anfange fortgearbeitet wird, darf die Nation hoffen, daß sie vielleicht nach einem Jahrhundert die Griechen und Römer auch in Künsten und Wissenschaften erreichen werde, die sie in dem Kriegswesen schon erreicht hat. Eine der wohlthätigsten Anstalten der Kaiserin durch das ganze Reich sind noch die Normalschulen in jeder Gouvernementsstadt, wo Aermere ganz frei und Begüterte für eine sehr mäßige Bezahlung ihren Kindern einen ziemlich guten Unterricht verschaffen können. In allen diesen Schulen sind sehr wohl besoldete Lehrer angestellt, und man lehrt in denselben nach gründlichen Regeln die russische, lateinische und deutsche Sprache, in einigen auch die griechische nebst Mathematik und Geschichte. Diese Normalschulen sind vielleicht die ersten nützlichen Pflegetöchter der Akademie und versprechen der Nationalerziehung in Zukunft wenigstens ebenso viel Vortheil, als unsere Gymnasien und Stadtschulen in Deutschland gewähren. So mangelhaft die Erziehungsmethode bei beiden sein mag, so ist sie doch immer besser und sicherer als gänzliche Vernachlässigung oder die schnellen, nicht reiflich überlegten, gefährlichen Experimente der Neulinge. Daß man in Rußland Mathematik und Geschichte durchaus mit jeder nur etwas feineren Erziehung verbindet, ist sehr weiser Plan. Denn nichts leitet den Verstand des jungen Menschen mehr zum Denken und bereitet ihn besser zu aller Philosophie vor als Mathematik, nach der richtigen Meinung jenes alten Griechen; und für den Menschen ist keine bessere Schule zum praktischen Leben als die Geschichte der Menschen. Denn hier sieht er meistens den Menschen ohne den Nimbus, den ihm seine Zeitgenossen geben, wie er ist, den Verbrecher als Verbrecher und den Tugendhaften als Tugendhaften. Der junge Mann macht sich bekannt mit den Gesinnungen und Grundsätzen großer Männer aller Zeiten und aller Nationen und sucht von ihnen für sich so viel aufzufassen, als er kann; er dringt in den Geist ihrer Charaktere und steigt in der Geschichte und durch die Geschichte zu einer Seelengröße, zu welcher ihn schwerlich die demonstrative Moral würde erhoben haben. »Ohne Enthusiasmus wird nichts Großes,« sagen schon Plato und Cicero, und der vernünftige Enthusiasmus wird fast immer aus der Geschichte geschöpft. Die Absicht und Verordnung der Monarchin war auch, daß auf diese Art die Geschichte für das Leben studirt werden sollte, und nicht kalte Zahlenreihen von Antrittsjahren und Sterbetagen, von Schlachten und Friedensschlüssen auswendig zu lernen. Durch die Stiftung der Akademie in Moskau wollte die Monarchin bei der weiten Ausdehnung ihrer Provinzen der wissenschaftlichen Erziehung der alten Hauptstadt helfen. Die Einrichtung der Akademie daselbst hat zwar noch etwas Klostermäßiges wie die Universitäten in England und faßt eine zu geringe Anzahl Studirender, als daß ihr Einfluß sogleich ausgebreitet für das Reich sein könnte. Aber mit dem Wachsthum der heilsamen Institute steigt gewiß die Theilnahme an denselben; und man hat Ursache zu hoffen, daß die literarischen Etablissements in Petersburg, Moskau und Astrachan einst zu dem Ansehen steigen werden, um mit den ersten Anstalten ähnlicher Art unter den aufgeklärtesten Nationen zu ringen. Daß Petersburg in jeder Rücksicht durch die unermüdete mütterliche Fürsorge der Kaiserin für das ganze Reich am Meisten gewinnen mußte, folgt aus der Natur der Sache, da die Residenz unmittelbar selbst unter den Augen und der Aufsicht der Monarchin lag, da sich meistens das Interesse des ganzen Reichs in der Residenz zusammenconcentrirt, und da man von dort aus gewöhnlich für alle übrigen Provinzen zu sorgen gedenkt. So gewann unter Friedrich dem Zweiten Berlin, so gewann unter August Rom am Meisten; denn so ein feiger, heuchlerischer Schwächling auch Octavius war, so hatte doch zufällig die Kleinheit seiner Seele für den römischen Staatskoloß eine bessere Wirkung, als vielleicht die Größe Cäsar's gehabt haben würde. Alle Fremde, welche Petersburg jetzt besuchen und ehemals besucht haben, versichern, daß es seit 1762 eine ganz andere Gestalt gewonnen hat. Es steigen Paläste neben Palästen empor, und sein Umkreis ist mit Villen besäet wie in der goldenen Zeit des Geschmacks eine der schönsten Städte Italiens. Man vergißt über der Größe des Plans und der Ausführung den sechzigsten Grad und die niedrige Nebelgegend an der letzten Spitze des baltischen Meeres. Die Newa wird zur Tiber, Kronstadt zu Ostium, und man glaubt in Rom zu sein, als Agrippa seinen Tempel baute. Könnte Peter zurückblicken, er würde über das Gedeihen seiner Schöpfung erstaunen. Nie ist in der Weltgeschichte in so kurzer Zeit eine Stadt so groß gewachsen! Ein Engländer kam mit britischer Hitze von London nach Petersburg, blos um das prächtige Steingeländer an der Newa zu sehen, von welchem ihm seine Landsleute so viel erzählt hatten. Er kam, stieg aus, besah, machte einige Spaziergänge auf und ab, setzte sich wieder in den Wagen und fuhr zurück, wie ein anderer seiner grilligen Mitbrüder, der nach Aegypten fuhr, die große Pyramide maß und nach Hause ging. Alle sprechen indessen mit Enthusiasmus von dieser schönen, kostbaren Einfassung des Flusses, ohne die übrigen Sehenswürdigkeiten zu verachten. Es kann nicht meine Absicht sein, Petersburg zu beschreiben; ich will nur noch einige Vorzüglichkeiten nennen, die der verstorbenen Kaiserin ihren Ursprung verdanken. Die Statue Peter's des Ersten zeigt von dem tiefen Gefühl der Monarchin, das sie für den Werth dieses großen Mannes hatte. Die Welt hat vielleicht kein ähnliches Piedestal zu einer Statue. Es besteht aus einer ungeheuern Felsenmasse, bei der man sich wundert, wie sie dort habe wachsen, oder wie sie von Menschenhänden dahin habe gebracht werden können. Die Statue des Helden, großen Staatsmanns und unsterblichen Fürsten, welche ihn zu Pferde nach der genauesten Aehnlichkeit vorstellt, übertrifft nach dem Urtheile gründlicher und geschmackvoller Männer an Schönheit und Majestät die meisten Arbeiten neuerer Künstler und die Statuen zu Dresden und Berlin nebst den nun zertrümmerten Stücken zu Paris. Die Eremitage, der Lieblingsaufenthalt der verstorbenen Monarchin, enthält an Kunstwerken unermeßliche Summen. Junge Künstler könnten hier gebildet werden, ohne nach classischem Boden zu reisen. Hierher hat die Kaiserin die meisten Seltenheiten bringen lassen, die sie während ihrer langen Regierung mit großer Auswahl und großem Aufwand aus mehrern Ländern, besonders aus Italien zusammengekauft hat, und was zuweilen auch ihre eigenen Provinzen Kostbares lieferten. Was die Kunst der Menschen Prächtiges und Glänzendes aufstellen kann, ist hier mit Geschmack zusammengebracht; und Personen, welche viel in der Welt gewesen sind und gesehen haben, gestehen, daß sie nie etwas Reizenderes, Feenähnlicheres gefunden. Es war Katharinens Sanssouci; aber es war desto herrlicher und kostbarer, je mehr in dem Charakter der Frauen feiner Geschmack und versteckte, wohlgeordnete Prachtliebe herrscht. Hier hat die Kaiserin ihre auserlesensten Stücke der Kunst, ihre gewählteste Bibliothek und ihr eigenes bestes Theater. Hier besuchten sie nur diejenigen Minister und Generale, denen sie ihr näheres Vertrauen geschenkt hatte, und denen deswegen der Zutritt jederzeit frei stand. Es war gewöhnlich das Nonplusultra der kaiserlichen Gnade, oft mit der Monarchin in der Eremitage zu essen; und man berechnete gewöhnlich den Credit der fremden Höfe darnach, nachdem ihre Gesandten mehr oder weniger oft diese Auszeichnung genossen. Die Feste, welche sie dort gab, waren nicht die größten, aber die feinsten und geschmackvollsten, und die Stücke, welche dort auf dem Theater aufgeführt wurden, immer von ihrer eigenen Wahl und ihre Lieblingsstücke, sowol in russischer als französischer Sprache. Wer bei Friedrich in Sanssouci war, hatte gewiß die ganze Achtung des Königes, und wer von Katharinen in die Eremitage geladen wurde, dessen Credit wurde bei Hofe als unwandelbar angenommen. Zarskoe-Selo, den ehemaligen Aufenthalt der Kaiserin Elisabeth, hat die Monarchin vorzüglich zu Monumenten der Nation bestimmt. Dort hat Romanzow ein Denkmal der Dankbarkeit bekommen und Orlow – nicht Orlow der Liebling, sondern der Vernichter der türkischen Flotte bei Tschesme. Es ist ein Heiligthum, in welches nur große Verdienste um das Vaterland führen sollen. Dort sollen Suworow und Fersen ihre Belohnung erhalten. Künstler, welche der Nation Ehre bringen, sollen selbst die Ehre haben, ihre Arbeiten dort aufgestellt zu sehen, wie schon einige russische Nationalwerke der Kunst dort stehen. Welchen Enthusiasmus muß dieses in der ganzen Nation erzeugen, in dem Helden, dem Staatsmann und dem Künstler, wenn Jeder hoffen darf, daß einst sein Verdienst seinen Mitbrüdern und seinen und ihren Nachkommen dort öffentlich verewiget werden kann! Wie der Athenienser erwarten konnte, daß sein Patriotismus mit einem Gemälde in der Akropolis belohnt werden würde, der Römer auf ein Monument pro rostris und der Brite auf eine Ehrenbüste unter den Königen in Westminster hoffen durfte, so darf der Russe erwarten, daß ihm ein bleibendes Ehrengedächtniß bei seiner Nation nicht fehlen werde. Wenige Nationen Europa's sind gegen ihre großen Männer so gerecht; eine kalte gnädige Zufriedenheit ihrer Monarchen ist Alles, worauf der Bürger rechnen darf. Wer den Menschen kennt, wird gestehen, daß dieses dem Menschen nicht genug ist, daß es ihm sehr wenig ist. Alle Monarchen arbeiteten, wie die Geschichte lehrt, für ihren Vortheil am Besten, die den Menschen studirten und sich durchaus in seiner Sphäre hielten. Eines der prächtigsten Werke, das die Russen zu Nebenbuhlern der Italiener in der großen Kunst macht, dessen Vollendung aber Katharina nicht erlebt hat, ist die Isaakskirche in der Residenz. Dieses herrliche Gebäude, nach dem Plan der Peterskirche in Rom angelegt, und wozu aller Marmor aus Italien herbeigeschafft wird, ist jetzt erst bis auf die Kuppel vollendet und wird gewiß eines der ersten Kunstwerke dieser Art in der Welt werden. Das Nationaltheater, das die Kaiserin dem Publicum gegeben hat, behauptet an Größe und Ansehen und an gut durchdachter Ordnung den ersten Rang unter den Anstalten dieser Classe. Fremde von der feinsten Bildung in jeder Rücksicht bezeugen, daß die russische Bühne keiner andern an Kunst und Geschmack in Action, Gesang und Kleidung nachsteht und an Pracht und Aufwand alle übrigen übertrifft. Es ist bekannt, daß die Kaiserin zuweilen fünfzig bis hunderttausend Rubel zur Aufführung eines Stücks oder Ballets gab und ihre Elephanten, den ganzen alten Kriegspomp zu vollenden, abrichten ließ. Selbst Diejenigen, welche die große Tour mit Aufwand und Anspruch auf Geschmack gemacht haben, gestehen, man müsse nach Petersburg gehen, wenn man ein Ballet sehen wolle. Die ganze Kunst und vorzüglich der Charakter erscheinen daselbst in einer Vollkommenheit, die selbst die ersten Kenner bewundern, und von welcher Laien kaum eine Vorstellung haben. Die Einwohner der verschiedenen Provinzen und besonders die Bürger der Seestädte wissen und erzählen, welche große Summen die Monarchin hier und da und besonders zu Hafenverbesserungen und Wasserbauten theils mit mehr, theils mit weniger Glück angewendet hat. Wenn zuweilen durch üble Berechnung und fehlerhafte Anlage der Unternehmer und Aufseher der beabsichtigte Zweck fehlschlug oder anstatt Nutzen wol gar Schaden gestiftet wurde, wie das nach dem Urtheile sachverständiger Männer mit den Dünadämmen bei Riga der Fall ist, so darf davon die Schuld nicht der Kaiserin beigemessen werden, indem es das allgemeine Schicksal, vorzüglich der Könige ist, zu irren und noch öfter hintergangen zu werden. Daß die Kaiserin es mit allen Nationen, die ihrem Scepter huldigten, jederzeit mütterlich meinte, bekennet jede Seele von Jakuzk bis nach Dünamünde. Durch ihre Bemühungen verschönerte sich Twer zu einem Grade, der in den nördlichen Gegenden bisher ein seltenes Phänomen ist; unter ihr stiegen die Stahlfabriken von Tula zu einer Vollkommenheit, daß sie mit den englischen wetteifern und oft den feinsten Kenner den Unterschied nicht mehr finden lassen. Die Manufacturen aller Art waren in einen Zustand gekommen, daß der nunmehr an den Luxus und die Bequemlichkeiten des Lebens gewöhnte Russe das Verbot der Einfuhr der meisten fremden Artikel gar nicht mehr empfand, indem sie ihm seine Landsleute viel wohlfeiler von nicht minderer Güte lieferten. Die Tücher, welche in und um Moskau gemacht werden, geben den besten englischen an Feinheit und Dauer wenig nach, so daß die üppigen Reichen oft nur für den Namen bezahlen, um in englischem Tuch gekleidet zu gehen. Wie sehr die asiatischen Provinzen und besonders das südliche Sibirien gewonnen haben, können die Personen nicht genug erheben, welche einige Zeit in Amtsgeschäften dort gewesen sind. Die Gegenden sind nicht mehr der Pönitenzraum für Verbrecher oder Mißvergnügte, die jedes Gouvernement so leicht für Verbrecher ansieht; sie sind blühende, fruchtbare, herrliche Districte, wo sich vergnügte und glückliche Familien bei Tausenden angesiedelt haben und unter der milden Regierung, die das Ausland als despotisch ausschreiet, sich wohl befinden. Die Regierung scheint das Mißliche der Maßregel nach und nach einzusehen, alle Verdächtige dahin zu verweisen, wo sich endlich eine Menschenrasse sammeln müßte, die, gut oder schlimm, dem Mutterlande auf keine Weise gleichgültig sein könnte. Es werden verhältnißmäßig jetzt sehr Wenige dahin geschickt, und auch Diese bleiben mehr in den tiefern Gouvernements des alten Rußlands selbst. Es wäre im Gegentheile mit Grund zu befürchten, daß bei irgend einer Conjunctur die Provinzen die Rolle der amerikanischen englischen Colonisten spielten. Die wenigen Staatsgefangenen in den höheren Gegenden bis hinauf nach Kamtschatka sind von keiner großen Anzahl. Die Geschichte Benjowsky's hat durch Übertreibung und Abenteuerlichkeit zwei Drittheil an Wichtigkeit gewonnen, war aber immer dem Gouvernement eine Lection zur Aufmerksamkeit. Die Unglücksfälle, welche unter der Regierung der Kaiserin Katharina der Zweiten das russische Reich getroffen haben, sind vorzüglich und fast einzig die Pest in Moskau, der Aufruhr des Kosacken Jemelian Pugatschew und die plötzliche Auswanderung des ganzen Stammes der torgutischen Kalmücken. Die tödtliche Krankheit wüthete in der alten Hauptstadt fürchterlich, und der Pöbel, voll religiöser Schwärmerei, ermordete den vernünftigen Erzbischof, der zur Unterstützung des Gouvernements und der Aerzte die häufigen Pilgerschaften zu den Heiligenbildern einzustellen suchte, wo sich natürlich, da sie von Patienten fast beständig belagert waren, auch jeder Gesunde in seiner Andacht die Krankheit holen mußte. Der Tumult der Bigotterie ward unter der ganzen Populace allgemein, und Bataillone mußten die Vernunft unterstützen helfen, die aus dem weisen Munde des guten Erzbischofs nicht wirken wollte. Fast hunderttausend Menschen kamen um, die Meisten durch die Krankheit, die, wie man sagt, ein Roskolnik in seinem Barte mit aus der Türkei gebracht hatte, und nur Wenige im Aufruhr. Alle, welche die Kaiserin bei diesem traurigen Geschäfte brauchte, erwarben sich ihre Zufriedenheit und den Anspruch auf die Dankbarkeit der Nation, vorzüglich der menschenfreundliche, unerschrockene Petersburger Arzt, der den Grafen Orlow, welcher als bevollmächtigter kaiserlicher Commissar nach Moskau ging, begleitete. Das Militär zeigte hier durch seine muthige Bereitwilligkeit, die wohlthätigen Maßregeln der Regierung zu unterstützen, was Ordnung und Pflicht und vernünftige Aufklärung gegen wilden, enthusiastischen, bigotten Taumel der Menge vermag. Der Kosack Pugatschew, ein feuriger, wilder, unbändiger, tapferer Mann, ganz in dem alten Geiste seiner Nation, verführt durch einige Aehnlichkeit, die einige seiner Bekannten zwischen ihm und dem verstorbenen Kaiser, Peter dem Dritten, gefunden hatten, faßte den ungeheuren Einfall, nach zehn Jahren seine Person vorzustellen und sein Reich für sich zu erobern. Mit vieler Geschicklichkeit hatte er sich einige Zeit unter der Hülle des Geheimnisses in den Grenzprovinzen von Asien herumgetrieben und trat plötzlich mit einem starken Anhang hervor, von welchem wenigstens ein großer Theil überzeugt zu sein schien, daß er wirklich der Kaiser sei. Sein Zeitpunkt war vorteilhaft genug gewählt, da die meisten Truppen noch gegen die Türken standen und er unterdessen so viel zu gewinnen hoffte, um die Spitze bieten zu können. Das Andenken der Demetriusse und das Rätselhafte der damaligen Periode ist noch nicht ganz verloschen. Pugatschew's Haufe wuchs zu einer furchtbaren Menge; überall schlossen sich seine Landsleute und die Bauern an, denen er gegen den Druck des Adels nicht allein Schutz, sondern auch Rache versprochen hatte. Die letztere nahmen die Bauern, wo sie nur konnten, fürchterlich selbst. Er verbrannte Kasan und mehrere kleine Städte, schlug verschiedene kleine Detachements, hob manche auf und zog von dem Militär Viele auf seine Seite. Erst sein Unglück scheint ihn grausam gemacht zu haben; er ward ein Unmensch, ein Wütherich, und man erzählt unerhörte Unthaten seines Grimms. Hätte Pugatschew ebenso viel Politik, Klugheit und Menschlichkeit gehabt, als er Muth und Entschlossenheit hatte, wer weiß, welche Rolle er noch, entlarvt oder nicht entlarvt, gespielt hätte, und welches Bild der Name Pugatschew der Nachwelt gewesen sein würde, da man ihm jetzt nur unter den glänzenden Bösewichtern eine der ersten Stellen giebt. So hängt das Schicksal und selbst der moralische Credit der Menschen oft an einem sehr dünnen Faden. Er wurde wiederholtemal geschlagen, besonders von Michelson immer weiter zurückgedrängt, endlich von allen seinen Anhängern verlassen und gefangen. Seine und der übrigen Rädelsführer Hinrichtung in Moskau sind die einzigen Todesurtheile, die unter der Regierung Katharinens vollzogen worden sind. Die Geschichte, welche von diesem furchtbaren Manne im Publicum ist, hat gewiß sehr wenig Aechtheit und ist blos eine sonderbare Ausschmückung einzelner Thatsachen, von irgend einem Mißvergnügten in eine abenteuerliche Erzählung gebracht. Russischen Ursprungs scheint sie nicht zu sein, und die Absicht des Franzosen ist schwer zu errathen, so wenig bleibt er sich gleich. Man giebt die Anzahl der im Aufruhr Gebliebenen auf mehr als hunderttausend an. So viel ist gewiß, daß er dem Reiche mehr kostete, als der blutigste Feldzug hätte kosten können. Die Torguten, ein ansehnlicher tartarischer Stamm von den Kalmücken, ungefähr 30,000 streitbare Mann stark, waren seit einiger Zeit eifersüchtig auf ihre alte tartarische Freiheit gewesen. Sie sahen, daß sich ihre Nachbarn und Stammverwandten nach und nach immer mehr Einrichtungen des russischen Gouvernements gefallen lassen mußten, und schlossen mit Recht, daß die Reihe auch noch endlich an sie kommen würde. Mit vieler Ordnung und Verschwiegenheit machten sie ihre Vorbereitungen einen ganzen Sommer und flüchteten den kommenden Winter, sobald die Flüsse zugefroren waren, mit einer Geschwindigkeit, daß sie schon weit entfernt waren, ehe die Russen nur Nachricht haben konnten. Der dort commandirende Officier war so sicher, daß er ihnen, als ob sie eine Unternehmung machen wollten, sogar Kanonen gegeben hatte. Es setzte ihnen zwar ein starkes Corps nach, um sie einzuholen; allein die Tartaren hatten einen zu großen Vorsprung, und ihre Maßregeln waren so wohl genommen, daß Alles fruchtlos war. Sie entkamen glücklich in die große freie Tartarei zu ihren übrigen unabhängigen Brüdern, und das Corps Russen, welches ihnen nachgefolgt war, kehrte mit außerordentlichem Verlust, den es durch Hunger und Kälte erlitten hatte, in die Gouvernements zurück. Der Verlust einer so großen Anzahl wackerer arbeitsamer Leute, die durch ihren künftigen Fleiß erst reichliche Früchte versprachen, mußte Rußland bei der geringen Bevölkerung der dortigen Provinzen äußerst empfindlich sein, und vielleicht war blos der Eigensinn und die Härte eines benachbarten Gouverneurs oder Generals Schuld daran, der mit Ungestüm und ohne Menschenkenntnis; Maßregeln durchsetzen wollte, von deren Wohlthätigkeit man sie erst hätte überzeugen müssen. Alle diese Unglücksfälle waren überstanden, die Unordnungen waren gehoben und durch neue Siege, neue Erwerbungen und neue weise Einrichtungen der Staat nicht allein gesichert worden, sondern auch wirklich blühender und glücklicher gemacht. In der gefährlichsten Periode, wo Rußland mit Feinden theils umgeben, theils wirklich angegriffen war, befand man sich mit den öffentlichen Einkünften doch nie so sehr in Verlegenheit, daß man die nothwendigen Kriegsbedürfnisse und Staatsausgaben nicht gehörig hätte bestreiten können. Die Banknoten, deren Sicherheit in den reichen kaiserlichen Domänen fest gegründet war, verloren nie mehr als dreißig Procent gegen baares Gold. Wie wenige Staaten der neueren Zeit ohne die Krankheit des Papiergeldes leben, weiß Jedermann; und fast kein einziger Staat, der einmal diese Krankheit bekam, hat so wenig daran gelitten als Rußland, und hatte wahrscheinlich noch weniger leiden müssen, wenn man auf alle Zweige der Oekonomie immer gehörige Aufmerksamkeit verwendet hätte. Die Kaiserin vermehrte noch nach Beendigung aller Unruhen den Sold der Armee durchaus um ein Drittheil, so daß der Soldat nunmehr ungefähr zehn Thaler und Proviant bekommt. Jedermann sieht, daß bis jetzt noch die Armee in Rußland kaum die Hälfte zu stehen kommt, gegen den deutschen Fuß gerechnet, so wie die deutschen Truppen noch nicht die Hälfte der englischen kosten; und doch thun verhältnißmäßig die russischen weniger bezahlten Truppen mehr als die Truppen irgend einer andern Nation. So viel kommt auf die Behandlung und auf die Gewöhnung in Nahrung und Arbeit an! Denn ich kann nicht glauben, daß der russische Soldat in dem Grund seiner Physik etwas vor andern Völkern voraus habe. Daß die Monarchin nicht allein Gönnerin und Unterstützerin, sondern auch selbst Kennerin der schönen Wissenschaften war, wirkte bei der Nation so viel Ehrfurcht und Vertrauen, daß man ihre Aussprüche wie Orakel ansah. Es mag unter ihren übrigen großen Regententugenden von keiner Bedeutung sein, daß sie selbst Verfasserin einiger gemeinnützigen und angenehmen Arbeiten war; es gereicht ihr aber doch mehr zur Ehre, daß sie ihre wenigen Mußestunden auf diese Art anwendete, als wenn sie irgend ein zweckloses verderbliches Spielwerk geliebt und getrieben hätte. Das Beispiel der Kaiserin war Allen, die einige Kräfte in sich fühlten, eine Aufmunterung; und Aufmunterung dieser Art ist noch nicht überflüssig unter den Russen wie vielleicht unter andern europäischen Nationen. Daß die Monarchin selbst mit Reinheit und Zierlichkeit eine Sprache redete und schrieb, die sie erst spät zu lernen angefangen hatte, feuerte die Genies der Nation an, diese ihre Muttersprache selbst mehr zu lernen, zu bestimmen und sie zu classischen Werken brauchbarer zu machen. Suade giebt es in jeder noch so ungebildeten, unbestimmten Sprache, und gab es ehemals auch in der russischen; jetzt giebt es in derselben richtige Beredsamkeit mit Wohllaut und Anmuth des Ausdrucks. Und auch diese Ausbildung dankt die Nation vorzüglich dem Beispiel, der Aufmunterung und Unterstützung der verstorbenen Kaiserin. Bisher habe ich von ihrem öffentlichen Charakter auswärts und im Reiche und von ihren Privateigenschaften gelegentlich nur insofern gesprochen, als sie Beziehung auf die öffentlichen Geschäfte hatten. Mit der nämlichen Freimütigkeit will ich nun noch etwas Weniges über ihren Privatcharakter sprechen, so weit man ohne nähere, vertrautere Nachrichten mit einiger Gewißheit darüber sprechen kann. Daß ihr Charakter liebenswürdig gewesen sein muß, erhellet daraus, weil sie die Liebe der ganzen Nation wirklich gewonnen hat. Was nicht liebenswürdig ist, gewinnt nie allgemeine Liebe; und was allgemeine Liebe gewinnt, ist in den meisten Rücksichten wirklich liebenswürdig. Alle Diejenigen, welche näher um sie gewesen sind oder sie auch nur ein einziges Mal gesehen haben, sind von ihrem humanen, gütevollen Betragen eingenommen. Die Güte war mit Ernst gemischt und die Majestät mit Freundlichkeit. Sie verstand mehr als irgend ein König der Erde, den die Geschichte nennt, viele Freunde zu haben und selbst alle ihre Feinde zu Freunden zu machen. Nie wußte eine Person mit so vieler Feinheit und Klugheit Menschen zu behandeln wie sie; Niemand ging unzufrieden von ihr, selbst Diejenigen nicht, denen ihre Bitte nicht gewährt worden war. Alle Einheimische und Ausländer ohne Unterschied fanden in ihrem Benehmen die unwiderstehliche Magie der männlichen Würde und weiblichen Grazie vereint. Sie liebte in ihrer Jugend sehr lebhafte Vergnügungen, und es ist nicht zu leugnen, daß sie den Teilnehmern an diesen Vergnügungen zuweilen etwas zu viel nachsah. Schon seit langer Zeit pflegte man zu sagen: » La Russie est le pays des possibilités ;« und man muß freilich auch unter der Regierung Katharina der Zweiten die Sentenz noch gelten lassen, wenn man die Erscheinung von Männern sieht, wie Orlow und Potemkin waren. Daß beide Männer und vorzüglich der Letzte große Verdienste um den Staat hatten, ist ohne Widerspruch wahr. Das hat Orlow zur Zeit der Pest in Moskau und Potemkin in seinen türkischen Feldzügen und durch manche Anstalten bei der Armee bewiesen. Aber Beiden gebührte doch nicht die Allmacht, mit welcher sie zuweilen ausschließlich im Felde und Cabinette mit Uebergehung alter würdiger, erprobter Diener des Staats durch übertriebene Nachsicht der Monarchin zu handeln wagten. Es ist kein Geheimniß, daß die Kaiserin in der Physik der Liebe etwas leidenschaftlich war: sie verletzte dadurch Niemandes Rechte; und warum sollte der strengere Moralist nicht Verzeihung für sie haben, da sie selbst für so viele Schwachheiten Anderer so viel Nachsicht hatte und immer in den Grenzen des Wohlstandes und der weiblichen Sittsamkeit blieb? Alle, welche lange und viel in der Gesellschaft der Kaiserin gewesen sind, betheuern, daß sie in Gespräch und Betragen nie eine sittsamere Frau gesehen haben. Es entstand aber dennoch aus dem Favoritenwesen und der excessiven Güte der Monarchin sehr oft Aufwand, der nicht in ihrem Charakter lag; und sodann fand die Cabale trotz dem Scharfsinn Katharinens doch zuweilen Gelegenheit, Manches durchzusetzen, was nicht durchgesetzt hätte werden sollen. Aber eine Menge alter, braver, rechtschaffener Diener des Staats, die ihre Bahn, ohne links und rechts zu sehen, mit eigenen Kräften geradezu fortgingen, Männer wie Romanzow, Repnin, Soltikow und Mehrere, erhielten doch immer ihren ehrenvollen Credit und wurden endlich belohnt. Allzu große Güte in Belohnungen und allzu große Nachsicht in Bestrafungen werden vielleicht nicht ohne Ursache der Kaiserin zur Last gelegt. Hunderttausende wurden wiederholt weggeschenkt und doch nicht immer an Männer, die von dem Staate eine solche Belohnung zu erwarten Recht hatten; und die wirklich das Recht gehabt hätten, wären gegen ihr Vaterland uneigennützig und großmüthig genug gewesen, darauf Verzicht zu thun. Verbrecher, die den Staat um ebenso große Summen defraudirt hatten, kamen nach mancherlei Umschweifen doch endlich in Freiheit. Ungestraftheit kann Einladung zum Verbrechen werden und ist es häufig geworden. Der Staat war und ist noch in Schulden, und jede Banknote ist ein Schuldbrief auf ihn; die Monarchin, als seine Verweserin, sollte also ihre Großmuth einschränken und seine Güter auf keine Weise vergeuden, zumal wenn seine Schuldscheine nicht mehr baares Geld ohne allen Verlust sind. Denn wenn alle Cabinetsordres es sagten und nie ein Philosoph aufgetreten wäre, das Gegentheil zu sprechen, wenn alle Ukasen und Mandate es zum Kanon machen wollten, daß der Monarch Herr des Staats sei, so lehrt es doch die ganze Weltgeschichte fürchterlich laut, er sei nur sein Verweser. Es war in Rußland seit geraumer Zeit eine allgemeine Regel, daß die Vicegouverneure durch das Magazinwesen und die Oekonomiedirectoren in ihrer Verwaltung in kurzer Zeit reiche Leute werden müssen; der häufige Gebrauch hatte eine Menge Mißbräuche fast rechtlich, ich will nicht sagen gesetzlich gemacht. Katharina hatte bei aller ihrer Größe vielleicht nicht den Muth, dieser Hyder entgegenzutreten. Peter der Erste hatte über ähnliche Fälle einigemal mit fürchterlicher Strenge gesprochen. Seit seiner Zeit hatte man die Sachen gemächlich gehen lassen, und da pflegen sie denn immer leidlich schlecht zu gehen. Große Bedrückungen hat Katharina die Zweite einigemal strenge bestraft; aber die Geschäfte sind zu weitläufig und verwickelt, und man weiß sie geflissentlich noch mehr dazu zu machen, als daß sie alle kleinere Malversationen hätte entdecken und gehörig bestrafen können. In Rußland sind sie klein, in jedem andern Staate würden sie von großem Belang sein. Selbst in den Dikasterien, aus welchen die Kaiserin durch fixe Besoldungen alles in allen übrigen Ländern noch häßliche Sportelwesen verbannt hatte, fand man doch immer noch Mittel, durch Geschenke und Intrigue, selbst in den hohen Tribunälen, Manches durchzusetzen, worüber man selbst unter den Augen des Gouvernements sich nicht scheut, laut zu sprechen. Freilich erfuhr die Monarchin davon nichts, und wenn zuweilen eine Ungerechtigkeit oder Verzögerung der Justiz bis zu ihr drang, so war sie strenge genug; man wußte aber vorzubauen, daß dieses so selten als möglich geschah. Man wird es selbst den Tribunalen eigentlich nicht zur Last legen, was zuweilen schlechte Mitglieder oder Subalterne durch künstlich verdrehete Vorstellungen zu erschleichen die Geschicklichkeit haben. Die Kaiserin hatte im Anfange ihrer Regierung Jedermann, der ihr etwas vorzutragen hatte, den freien Zutritt erlaubt. Man kann denken, daß sich eine Menge Processirender zu ihr drängte, deren Charakter nichts weniger als Bescheidenheit war. Sie mußte endlich über den Wirrwarr, den man ihr oft vortrug, und die unbefugten Forderungen, welche gemacht wurden, verdrießlich werden. Nach und nach wurde der Zutritt erschwert, und zuletzt erschien gar ein Befehl, daß sich Niemand geradezu an die Kaiserin wenden sollte. Welchen Grund und welche Modification dieser Befehl hat, weiß ich nicht; denn aus der Seele der Monarchin scheint er nicht zu sein, das beweisen alle ihre Handlungen, selbst in Rücksicht dieses Befehls. Auf der Promenade in dem Garten stand es freilich nicht frei; es war aber doch sehr leicht, mit ihr zu sprechen und seine Sache selbst zu übergeben, welches auch gewöhnlich geschah. Der Sollicitant wurde gewöhnlich in die Wache genommen, wo er selten über eine Stunde saß, bis die Monarchin ihm ihren Entschluß auf sein Papier, Gewährung oder abschlägliche Antwort, bekannt machen ließ. Dieses geschah Jedem ohne Ausnahme, und man thut Unrecht, dieses für einen Arrest zu halten, da der Bittende blos bleiben mußte, bis die Kaiserin seine Papiere gelesen hatte; und das konnte nicht besser geschehen als in der Wache. Daß die Bedrücker und Cabalenmacher des Hofs die Sollicitanten so viel als möglich zu entfernen suchten, ist sehr wahrscheinlich; aber daß die Monarchin, wenn sie die Ungerechtigkeit erfuhr, auch strenge ahndete, ist gewiß. Vorzüglich persönliche Ungerechtigkeiten reizten sie zu heftigem Unwillen. Eine junge, liebenswürdige Schauspielerin, die durch ihr Spiel der Liebling des ganzen Publicums und durch ihre persönlichen Annehmlichkeiten der Wunsch mehrerer Herren vom Hofe insbesondere war, liebte ganz ernsthaft und ehrlich einen jungen Menschen und wies natürlich jeden Antrag der besternten Herren geziemend zurück. Einer der Herren von Gewicht entdeckte bald seinen Nebenbuhler und fand ebenso bald Mittel, ihn in eine kleine Stadt zu entfernen. Nun hoffte er, glücklich zu sein, und irrte sich. Das Mädchen konnte sehr gut rathen, was vorgegangen war. Sie wollte Gerechtigkeit auf gewöhnlich rechtlichem Wege suchen; diesen hatte man zu verrennen gewußt. Von der Monarchin selbst hoffte man die aufgebrachte Liebende zu entfernen. Da sie kein anderes Mittel fand, wagte sie es, öffentlich auf dem Theater ihr Spiel abzubrechen, sich der Loge der Monarchin zu nähern und ihr mit rührenden Thränen ihre Bittschrift zu übergeben. Die Kaiserin las, untersuchte und fand den Grund. Zwei der leidenschaftlichen Herren, die in der Sache zu stark gespielt hatten, wurden auf lange Zeit vom Hofe entfernt, der junge Mensch wurde gerufen, und die Monarchin richtete dem glücklichen Paare selbst die Hochzeit aus. Die Kaiserin pflegte gewöhnlich äußerst regelmäßig zu leben. Früh um sechs oder sieben Uhr stand sie auf und arbeitete allein oder mit ihren Ministern in den wichtigsten Geschäften des Tages, welches kürzer oder länger dauerte, nachdem der Geschäfte mehr oder weniger waren. Ordentlich pflegte sie dann spazieren zu gehen, mit mehr oder weniger Begleitung der Herren, die den Dienst des Tages hatten, und ein Jeder konnte sie dann in dem Garten so bequem sehen, als erwünschte. Dieses war, wie ich schon erinnert habe, auch die Periode, wo man ihr seine Sache schriftlich übergeben konnte; denn sie verlangte billig allezeit einen schriftlichen Vortrag. Vor oder nach Tische besuchte sie auch wol einen ihrer Minister, der krank war, oder das Erziehungsinstitut im Fräuleinstift, am Häufigsten ihre eigene Familie. Abends bei der Cour pflegte sie gewöhnlich eine bis zwei Stunden, nach der Sitte des Hofes, selbst Whist zu spielen, und es war natürlich Derjenige wieder der Mann des Tages, den sie einigemal ununterbrochen zu ihrer Partie wählte. Gewöhnlich war ihr Liebling dabei, der die beiden Uebrigen nach ihrem, vielleicht auch wol nach seinem eigenen Gefallen aussuchte. Um neun oder halb zehn, höchstens um zehn Uhr pflegte sie sich jederzeit zu entfernen und nach einiger Lectüre sogleich schlafen zu gehen. Dieses war das Zeichen, daß auch meistens der Hof auseinanderging. Nach ihrem Willen und Beispiel hätte dann Alles ruhig nach Hause gehen sollen, um ein Gleiches zu thun, und sie sprach oft sehr philosophisch über Ordnung und vernünftige Diätetik; aber nun flogen und rangirten sich erst die sybaritischen Partien nach ihrem eigenen Geschmack und lebten nach demselben die mille modos deliciarum die Nacht durch bis zwei oder wol vier Uhr des Morgens. Daher es bei einem Petersburger Mann vom Ton Gewohnheit war, nie vor drei Uhr schlafen zu gehen und beständig ungefähr um elf Uhr aufzustehen. » Est Romae quaedam !« möchte man ausrufen, wenn es nicht überall so Stil wäre. Es versteht sich, daß es noch ernsthafte Männer genug gab, die nicht vom Ton waren und doch den größten Credit bei Hofe hatten. – Katharina hatte billig ein großes Vergnügen, wenn ihre Erziehungsanstalten für die Nation gut gediehen. Wenn sie die Mädchen im Fräuleinstift besuchte, pflegte sie dieselben nach der Classenkleidung nur vertraulich: » Mes soeurs blanches, mes soeurs bleues « u. s. w. zu nennen; und wenn sich Einige unter den Zöglingen auszeichneten, so suchte sie auf alle Weise für ihr Glück zu sorgen, besonders wenn es junge Personen waren, deren Vermögensumstände eingeschränkt waren. Eine besondere Sorgfalt und Vorliebe hatte sie für die Erziehung der jungen Leute zunächst unter ihren Augen, nämlich ihrer Pagen, und freute sich herzlich, wenn zuweilen ein Mann, der sich durch Herz und Kopf unterschied, aus diesem kleinen Corps kam. »Es ist meine Erziehung!« pflegte sie wol mit Selbstgefälligkeit zu sagen; und dieses mußte ihr desto angenehmer sein, da die Pagenerziehung wie überall also auch in Rußland nicht in dem besten Credit steht. Seit einigen Jahren schon hatte ihre Gesundheit merklich abgenommen, welches bei ihren Jahren und den vielen Unruhen, die sie in manchen Perioden ihres Lebens ausgestanden hatte, nicht anders zu erwarten war. Doch besorgte sie noch alle ihre Geschäfte bis an ihr Ende mit Munterkeit und gewöhnlicher völliger Stärke des Geistes, so daß man aus dem Gange der Sachen im Reiche wol nirgends entdeckt hätte, die Monarchin sei eine alte Matrone. Den letzten Sommer ging sie seltener spazieren; ein sicheres Merkmal ihrer abnehmenden Kräfte, da sie billig die tägliche Promenade als die beste Arznei betrachtete. Sie starb bekanntlich den vorigen 17. November, kurz nach einem Schlagflusse, der bei ihrer etwas corpulenten Constitution immer die muthmaßlich zu befürchtende Krankheit war. So wie das Leben Katharinens zwar unruhig, aber thatenvoll und glänzend gewesen war, so war ihr Ende glücklich. Keine lange, schmerzhafte Krankheit machte es melancholisch, und in allen ihren politischen und häuslichen Verhältnissen hatte sie Ursache, höchst zufrieden zu sein. Sie hatte über sechzig Jahre gelebt, und die größere Hälfte dieser Zeit hatte sie in einem Reiche geherrscht, das an Umfang alle Reiche der Geschichte übertrifft und an Stärke nur dem alten römischen weicht. Viele Nationen sind unter ihrem Scepter froh und zufrieden gewesen und mit großen Schritten zur höheren Bildung vorwärts gerückt. Der Verfasser glaubt gezeigt zu haben, daß die anscheinenden Beeinträchtigungen ihrer Nachbarn nicht Ungerechtigkeiten, sondern leider nothwendige Verflechtungen in dem Interesse der Völker waren. Daß sie sich in der polnischen Königswahl über alle Erwartung nicht geirrt hatte, zog die ganze Kette der großen Begebenheiten ihrer Regierung nach sich; und daß sie diese Begebenheiten mit Weisheit und Muth und Standhaftigkeit leitete und endigte, giebt ihrem Charakter für ihre Nation den Werth, den sie bei ihr behauptet. Die Geschichte wird gerecht sein, wo die Zeitgenossen es nicht waren. Das Lob und der Tadel wird sich mäßigen, aber keines von beiden wird verschwinden. Wo glänzt in der ganzen Menschenkunde ein Charakter ohne Tadel? Selbst Gustav Adolph, der Held und Liebling aller Moralisten, hatte seine Mängel. Der Mensch muß von dem Menschen nur verlangen, was menschlich ist. An welchem Hofe hebt nicht die Cabale ihr Schlangenhaupt und sucht unter der Verkleidung des Patriotismus, des Eifers für Staatswohl oder gar der allgemeinen Menschenfreundschaft ihr Gift zu mischen? Die alte und neue Geschichte zeigt, daß diese Hyder in Republiken doppelt furchtbar ist. Daß sie auch an Katharinens Hofe brütete, wird Niemand leugnen, aber verhältnißmäßig in der großen Sphäre gewiß weit weniger als an andern Orten. Die dort nicht Freunde waren, boten sich mehr öffentlich die Stirne und schlichen nicht herum, ihre Gegner im Finstern zu verderben. Die Kaiserin übersah alle Parteien mit Scharfsinn und wählte das Gute nach ihrer Ueberzeugung; denn ihre Minister waren nur ihre Minister. Sonst spricht der Regent oft die Sprache seines Ministeriums, das Petersburger Ministerium mußte Katharinens Sprache sprechen. Nicht, als ob sie den Rath ihrer treuen Diener übergangen oder gleichgiltig übersehen hätte, sondern weil die besten Rathschläge immer mit ihrer Meinung zusammentrafen. Daß in den ministeriellen Arbeiten der Minister meistens blos die Form gegeben hatte und die Form geben mußte, welche sie billigte, versichern authentische Leute, die ihre eigenen freundschaftlichen Briefe, in sehr kritischen Zeitpunkten geschrieben, gelesen haben, wo die ganze Geistesstärke erfordert wurde, nur nicht kleinmüthig zu sein. Alle diese kleinen Blätter, durchaus von ihrer eigenen Hand, athmeten noch eine Ruhe und Zuversicht, eine frohe heitere Stimmung, die den Sokraten Ehre gemacht haben würden. Sie scherzte, als sie die Kanonen der Flotten hörte und selbst ihre Sachen schon in Ordnung gebracht waren, um im nöthigen Falle mit den wichtigsten Papieren und Effecten nach Nowgorod zu gehen. Sie besuchte ihre Colonisten rund um die Residenz und sprach mit ihnen so traulich, als ob von keiner Seite Gefahr gewesen wäre, und doch lagen an der Donau die Muselmänner, die Schweden in Finnland und auf dem baltischen Meere wirklich mit feindlichen Angriffen, und mit hohen Drohungen standen die Polen in Litthauen und die Preußen an der kurländischen Grenze. Sie kannte ihre Nation, und ihre Nation kannte sie. In ihrem Reiche wurde nichts von Secten und Sectengeist, weder in der Religion noch Politik, gehört; nur die braven, guten Männer waren Rechtgläubige, und die Schurken waren Ketzer. Es wohnten ruhig Griechen, Muselmänner, Herrnhuter, skeptische Freigeister und Dalailamaisten in Verträglichkeit neben einander. In der Residenz sind die Religionen der Erde versammelt, und fast alle Gouvernementsstädte haben protestantische Kirchen. Niemand fragt den Candidaten einer Stelle: »Weß Glaubens bist Du?« sondern nur: »Bist Du ein ehrlicher Mann und hast die Kenntnisse, welche zu der Stelle erfordert werden?« Nirgends war, selbst bei dem kritischen Zeitlauf, das Gouvernement liberaler als in Rußland. Neue französische Bücher wurden nur unter der allgemeinen Rubrik der neuen französischen Waaren verboten; aber die neuen Zeitschriften dieser Nation wurden gelesen, ohne daß sich die Polizei näher darum bekümmerte. Man las sie als ausländische Zeitungen und philosophirte darüber, Jeder nach seiner Weise, für und wider. Die Regimenter spielten neue französische Märsche, und die Gesellschaften sangen neue französische Lieder; und die Regimenter hätten sogleich russisch gegen die Franzosen geschlagen, und die Gesellschaften segneten die Monarchin und ihre Regierung. Was die Monarchin für die Rechte und Freiheiten der niedern Volksclasse zu thun Willens war, wird aus demjenigen richtig geschlossen, was sie wirklich für sie gethan hat. So wie die Nationen nur stufenweise zur Sclaverei herabgeführt werden, so führt man sie auch nur wieder stufenweise zur Freiheit hinauf. Jeder plötzliche Fall sowol als jeder plötzliche Versuch zum Schwung bringt hier Convulsionen hervor, die der Maschine den Untergang drohen. Daß die niedern Volksclassen in Rußland noch viele Jahrhunderte in der tiefen Sclaverei fortseufzen werden, ist nicht wahrscheinlich; und daraus, daß es schon so lange gedauert hat, läßt sich sicher schließen, daß diese Sclaverei wenigstens bei dem Kern der Nation so tief und drückend nicht war, als man sich im Auslande vorstellt. Was Raynal in dieser Rücksicht von den Russen sagt, »Mais s'il n' était pas possible d'amender le Russe barbare; comment espérer d' amender le Russe corrumpu? S'il n'était pas possible de donner des moeurs à un peuple, qui n'en avait point, comment espérer d'en donner à un peuple qui n'en a que de mauvaises? Ces considérations déterminèrent Catharine à abandonner à elle même la génération actuelle, pour ne s'occuper que de races futures.« gilt ohne Ausnahme von allen Ländern, wo Luxus und Schwelgerei herrschen, wo einfache, reine Moral sowie menschliche, einfache, reine Philosophie exilirte Dinge sind. Dieses war der Fall mit den Franzosen unter Ludwig dem Vierzehnten; und dem Anschein nach ist er es noch nach dem Tode Ludwig's des Sechzehnten. Die Zeit muß lehren, ob sie je Raynal's Bahn finden werden. Der russische Adel ist ebenso gut und so schlecht in jeder Rücksicht wie der übrige europäische; von beiden Seiten könnte man ohne Schwierigkeiten Belege genug finden. Es ist aber wahr, daß Katharina vorzüglich mit der Jugend anfing, um die Nation für künftige Verbesserungen empfänglich zu machen. Diejenigen, welche bei der jetzigen Veränderung in Rußland gewaltsame Auftritte befürchteten, haben die gegenwärtige Lage der Dinge von innen und außen nicht genau überlegt. Der neue Monarch hat gehandelt als guter Sohn, wie das nicht anders zu erwarten war. Alle seine übrigen Einrichtungen sind bisher durchaus so menschlich consequent und zweckmäßig, daß gewiß alle Guten der Nation ihre Wünsche erfüllt sehen, und der Schlimmen werden zum Troste der Menschheit von Tage zu Tage weniger. Wir dürfen nicht hoffen, daß sie ganz aussterben werden, auch wenn man überall den Artikel der Erbsünde cassirte. Eben gegen sie, und sie im Zaum zu halten, ist der Staat mit seinen Gesetzen. Für die Guten hat man wenig nöthig, Gesetze zu schreiben und Tribunale zu errichten. Der Charakter, den der neue Kaiser bisher öffentlich behauptet hat, ist Ernst und strenge Gerechtigkeit. Niemand wird zweifeln, daß diese Eigenschaften mit der gewöhnlichen Philanthropie, die ihm nicht fremd ist, diejenigen sind, welche vorzüglich die russische Nation in ihrem Monarchen nöthig hat. Strenge Gerechtigkeit wird zwar Vielen unwillkommen sein; aber desto willkommener ist sie gewiß der ganzen Nation. Man glaubt, daß der Monarch, der einige Vorliebe für den deutschen, vorzüglich den preußischen Kriegsfuß gezeigt hat, manche Veränderung bei dem Militär treffen werde. Daß beide Armeen, die russische und die preußische, zu ihrer Vervollkommnung gegenseitig Manches von einander lernen könnten, ist ganz gewiß. Bei den Russen ist die ganze Kleidung bequemer, zweckmäßiger und stattlicher als bei irgend einem Truppencorps in Europa: und wenn der Feldmarschall Potemkin sonst nichts Gutes gethan hätte, so würde ihm schon hierin jeder Militär Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er den Armeen eine Bekleidung gegeben hat, die mehr als irgend eine andere aller Kritik Genüge leistet. Daß das preußische Gewehr besser gebaut ist, leidet keinen Widerspruch, aber ebenso wenig, daß nächst dem schwedischen das russische Bajonnett das beste ist. Daß aber das Bajonnett und sein Bau keine Kleinigkeit sei, wird Jeder einsehen, der nur einige Bände Kriegsgeschichte gelesen hat. Das russische asiatische runde Zelt ist besser und vorteilhafter als das deutsche. In dem deutschen liegen nicht mehr als sechs Mann höchstens, im russischen liegen über zwanzig, welche eine größere, bessere Kameradschaft im Essen und Fechten machen; kein geringer Vortheil! Und das russische Zelt ist doch verhältnißmäßig kaum so schwer als zwei deutsche. Man ziehe nun die Berechnung! Das Artell oder die Art der russischen Compagnien, ihre Menage zu machen, ist bei keiner Armee mit so wenig Kosten so vollkommen. Kein Soldat ist so zweckmäßig gekleidet und genährt. Die Preußen haben blos im Gewehrbau und folglich im Schießen, im Marsch und dem richtig gehaltenen Schwenkungspunkt einigen Vortheil; in allem Uebrigen sind ihnen die Russen überlegen. Vielleicht läßt der Monarch das Gewehr so vollkommen machen, als das Bajonnett ist, und hält durchaus auf Strenge und Genauigkeit im Manövriren, so giebt sich das Uebrige in kurzer Zeit selbst ohne die geringste Veränderung. Schwenkung, Distanz und Alignement hängen durchaus von der festen Aufmerksamkeit der Subalternofficiere ab. Das Wetter des Tages beurtheilt man am Besten am Abend. Die Nation hat alle Gründe zur guten Hoffnung, und mehr kann der Mensch für seine Zukunft nicht haben. Ich ende hier das unvollständige und unvollkommene Gemälde mit nochmaliger Betheurung meiner Wahrheitsliebe. Bei manchen Fehlern, die auf ihre Rechnung geschrieben werden können, bleibt doch Katharina die Zweite nicht allein in der Geschichte Rußlands, sondern in der Geschichte der Welt eine außerordentliche Regentin, und man könnte für sie eher den Namen der Einzigen behaupten als für den großen König Friedrich den Zweiten von Preußen. Friedrich findet gewiß in der Geschichte der Männer noch mehr, wie er war, es würde aber schwer werden, noch eine Frau zu finden, die mit Katharinen durchaus verglichen werden könnte. Da einige Anekdoten oft in dem Charakter großer Personen Nüancen ziehen, die ihn kenntlicher machen als lange Darstellungen, so setzt der Verfasser zum Behuf mehrerer Leser nur folgende bei, die er oft von authentischen Personen gehört hat, und die vielleicht dem deutschen Publicum wenig bekannt und nicht unangenehm sind. Ein Edelmann hatte nach alter edelmännischer Weise die französische galante Gewohnheit, bei jeder Gelegenheit zu sagen: »Ich küsse Ihnen die Hand!« Als er mit der Kaiserin sprach, wiederholte er vermuthlich ganz unwillkürlich verschiedenemal seine Formel: »Ihre Majestät, ich küsse Ihnen die Hand!« Die Kaiserin reichte ihm die Hand lächelnd hin und sagte: »Nun, wenn Sie sie denn durchaus küssen wollen, hier ist sie.« Der gute Mann kam also mit ziemlicher Verwirrung zu einem Handkusse, an den er wol kaum gedacht hatte. Sie sprach einst mit ihrer Gesellschaft über den Grad der Kälte des Tages. Einer ihrer alten angesehenen Diener, der sich mehr durch seinen ehrlichen Eifer als durch Aufklärung und Wissenschaft empfohlen hatte, erhielt von ihr den Auftrag, hinaus in das Vorzimmer zu gehen und zu sehen, ob das Thermometer gefallen sei. Seine barocke Excellenz ging und kam schnell mit der naiven Antwort zurück: »Ihre Majestät, es hängt noch an Ort und Stelle.« Die Kaiserin hatte immer Geduld mit dem guten Manne, der einen ansehnlichen Posten mit Fleiß und Rechtschaffenheit verwaltete. Auf Rechnung des nämlichen Herrn erzählt sich das russische Publicum eine Menge ähnliche Stücke, die wenigstens zur Hälfte richtig sind. Ein Engländer, Officier von der russischen Flotte, kam mit dem Rapport eines Sieges nach Petersburg. Nachdem er der Monarchin Alles gesagt, was des Dienstes war, und die Kaiserin schon das Zeichen zu seiner Entfernung gegeben hatte, blieb er immer noch stehen. »Haben Sie mir noch etwas zu sagen?« fragte Katharina. »Ihre Majestät,« antwortete der Brite, »ich werde meinen Abschied nehmen und nach Hause gehen. Ich bin so glücklich, vor Ihnen zu stehen; aber mein Gesicht ist sehr kurz, ich möchte doch auch meinen Landsleuten mit Wahrheit sagen, daß ich die Monarchin, der ich diente, gesehen habe. Ich bitte um die Gnade, Ihre Majestät durch das Glas sehen zu dürfen.« Die Kaiserin sagte mit Lächeln: »Nun, so sehen Sie mich durch das Glas!« Der Engländer nahm sein Glas und sah die Monarchin, welche in einer kleinen Entfernung vor ihm stand, schlug es zu, machte seine Verbeugung und ging. Ein Officier von der Armee hatte sich sehr brav gehalten. Der Fürst Repnin schickte ihn mit seiner Empfehlung nach Hofe. Die Kaiserin gab ihm zur Belohnung selbst den kleinen Georgenorden, der in das Knopfloch gebunden wird. Der Officier glaubte Anspruch auf die größere, folgende Classe zu haben, die man um den Nacken trägt. Er war ein sehr freimüthiger, kühner Mann, nahm das kleine Band und versuchte in ihrer Gegenwart immer, es um den Hals zu binden, aber es blieb zu klein. Die Monarchin sah ihn an und sagte mit Güte: »Nur Geduld, lieber Herr Oberster, dieser wird auch kommen!« Anekdoten zur Charakterschilderung Suworow's Die nachstehenden Beiträge zur Charakteristik Suworow's sind aus Wieland's Zeitschrift Der neue Teutsche Merkur, 1799. II. S. 193–206, und 1802. I. S. 230–232, entnommen.   Ich habe nie einen Mann gesehen, der mich, trotz allen widersprechenden Gerüchten, die zu seinem Vortheil und Nachtheil herumgehen, und unter denen gewiß manche Märchen sind – bei dem ersten Anblicke mehr an sich gezogen hätte als Suworow . Er ist ein kleiner, hagerer, etwas gebückter Mann, jetzt ein siebzigjähriger Greis mit einem silberweißen Schädel. Aber jeder Nerve des Alten zeigt noch furchtbar schnelle Elasticität. Jeder Schritt ist Feuer, jede Bewegung Schnellkraft sowie fast jedes Wort Apophthegm und Lakonism. Seine ganze Kunst ist, schreckliche Energie in die Seelen seiner Leute zu bringen, die es dann für unmöglich halten, unter seiner Anführung geschlagen zu werden. Er ist der Abgott der russischen Soldaten und wird es bald auch der östreichischen werden. Ein Mann wie er ist dazu gemacht, die Herzen der Kriegsleute zu gewinnen, wenngleich nicht immer der höhern Officiere. Seine Gewohnheit ist, überall mit dem gemeinen Mann, und kurz und energisch, und am Meisten vor der Fronte bei dem Manöver oder vor einer Action zu reden. Hat er ihnen seinen Feuergeist eingetrieben, dann läßt er's nach der Disposition fortgehen, und es geht nach der Disposition. Man beschuldigt ihn der Härte, der Grausamkeit, der Unmenschlichkeit. Sehr oft liegt im Kriege der Anschein davon in der Energie beschlossen. Wenn das Roß in die Rennbahn gelassen ist, kann es nicht leicht aufgehalten werden; und wenn der Grenadier eine Batterie gestürmt hat und noch durch Blut watet, so steht bei ihm das höchste Moralgesetz in andern Charakteren als beim Philosophen auf dem Lehrstuhl. Suworow berechnet den Ausgang; die Mittel sind im Kriege immer blutig. Er will nicht, daß der Krieg grausam sein soll; wenn er es ist, so liegt das Traurige in der menschlichen Natur und vielleicht in der Bildung der Halbbarbaren, Gemeiner, und der kleinen und großen Officiere, die einen solchen Mann nicht verstehen können oder nicht verstehen wollen. Die Ersten sind Schwachköpfe, die Zweiten Bösewichter, und jede Armee hat davon eine große Anzahl. Die Gemeinen sind eigentlich überall nichts als das, wozu sie von diesem oder jenem oder einigen wenigen wirklich Edlen gemacht werden. Suworow war sein ganzes Leben nichts als Krieger, und er hatte eine treffliche Schule, es zu werden; denn er hatte fast immer Krieg. Schon im siebenjährigen Kriege commandirte er, wie man mich versichert hat, eine Art von kleinen Freicorps und hatte schon damals viel von dem Stempel, der sich nunmehr ganz ausgedrückt hat. Seine wichtige Rolle fing im vorigen Türkenkriege an, wo er sehr viel entscheidende Streiche in seiner Manier ausführte. Der stärkste war Ismail. Es war für den ganzen Krieg von der größten Wichtigkeit, daß dieser Ort genommen wurde; es war beschlossen, daß er genommen werden sollte. Man hielt Suworow billig für den Mann, der den Rath ausführen müsse, wenn etwas daraus werden sollte. Er ging und nahm. Fünf Tage hatte er blind herum manövrirt und die Muselmänner in der sehr starken Festung kirre und sicher gemacht; am letzten Morgen fiel er mit seinen Bayonnischen Dolchen über sie her, und der Ort war sein. Sie wissen, zu welchen Vorwürfen Oczakow, Ismail und Praga den Russen gemacht werden; aber wollte der Himmel, sie hätten sonst nur keine Sünde gethan als an diesen Tagen! Diese wären zu entschuldigen. Zur Schande unserer Nation muß ich sagen, daß die deutschen Officiere bei der russischen Armee bei etwas mehr Kenntnissen im Durchschnitt nicht die menschlichsten waren. Suworow's Hauptstreich in Polen war bei Praga, wo er in zwei Stunden das Königreich zertrümmerte und die politische Existenz der Nation vernichtete. Ich habe mich an einem andern Orte darüber erklärt, da ich selbst Augenzeuge des Trauerspiels war. Es gehörte doch immer seine Energie dazu, die Sache so zu Ende zu bringen. Wäre Kosciuszko noch da gewesen, so wäre es wahrscheinlich nicht so gegangen. Die Vorwürfe, welche den Russen wegen ihrer damaligen Grausamkeit gemacht worden, sind zwar nicht ohne Grund, aber übertrieben. Daß eine Stadt ohne Unordnung erstürmt werden sollte, ist nicht möglich, so wie wir die Menschen nehmen müssen. Die Geschichte hat gezeigt und zeigt täglich, daß dieser Unordnungen und Grausamkeiten desto mehr sind, je mehr Bürger dabei sind, von denen man doch billig etwas mehr Humanität erwarten sollte als von Kriegern. Suworow lehnt, so viel ihm möglich ist, alle Ministerialarbeiten, die in seine Sphäre fallen könnten, von sich ab und weist oft mit lakonischer Bescheidenheit an die Generale, die mehr Credit mit der Feder als dem Degen haben. »Ihr müßt zu ihm gehen, ich verstehe nichts davon!« pflegt er zu sagen, und der Sarkasm wird gewöhnlich gefühlt. Seine furchtbare Kürze und Schnelligkeit im Handeln ist bekannt genug und der Ausdruck des Feuers seiner Seele. Ebenso spricht und schreibt er. Seine Rapporte sind die gedrängtesten und immer voll Kraft und Charakter. Er muß ein sehr guter Dichter sein und die russische Sprache vollkommen besitzen. Ich habe einen Befehl in Versen nach der Einnahme von Praga von ihm bei einem Obersten gesehen und fand den Geist der Dichtung nicht geringer als den Werth der Regeln zur militärischen Polizei. Als er Ismail genommen hatte, war sein Rapport: Slawa bogu, slawa wam; Krepost vsäti, i ja tam . »Ehre Gott und Ehre Euch! die Festung ist genommen, und ich bin darin.« Sein » Hurrah! Praga! Suworow! « nach der Action bei Praga wird Ihnen auch bekannt sein; und in der nämlichen Minute schrieb er an den vorigen König von Preußen nichts als die Worte: » Prague est à moi et Varsovie tremble. « Malender kann kaum etwas von Suworow und von Warschau an dem Schreckenstage gesagt werden. Als er nachher seinen Einzug in Warschau hielt, umarmte und küßte er Alles, was ihm begegnete und eine etwas freundliche Physiognomie hatte, vorzüglich gemeine alte Leute. Auch ist eine seiner gewöhnlichen herzlichen Höflichkeiten gegen seine Officiere: Podi, bratez, pozeluy menja: »Komm, Brüderchen, küsse mich!« welches im Russischen nichts Auffallendes hat. Mit den Officieren, die näher um seine Person sind, geht er liebreich und freundschaftlich um, pflegt sie aber nicht so schnell zu befördern, als wol sonst in Rußland von großen Generalen geschieht, damit den Officieren in der Fronte kein Eintrag geschehe. Man hat nur sehr wenige Ausnahmen bei ihm. Bei andern Generalen war es nichts Neues, daß die gleichgiltigsten Menschen, die durchaus nichts gethan hatten und nichts thun konnten, jetzt als die letzten Officiere in Dienste traten und in kurzer Zeit Majore waren, blos weil sie irgend ein Favorit des Favoriten wegen irgend eines angenehmen Talents nachdrücklich empfohlen hatte. An Gelegenheiten, sie dem Kriegscollegio zu empfehlen, konnte es einem Commandeur nicht mangeln. Jede Courierfahrt brachte einen Grad. Diesem Unwesen hat der jetzige Kaiser durch seine Strenge zu steuern gesucht. Im eigentlichen Dienst der Fronte ist Suworow sehr pünktlich und genau und ahndet jede Nachlässigkeit mit Ernst und kleinere Fehler, besonders gegen den Anzug, mit bitterer Satire. Wenn junge Leute sich als angestellte Officiere bei seiner Armee, besonders aus der Residenz, bei ihm melden und nicht ordonnanzmäßig aufziehen, spielt er ihnen sogar oft possierliche Streiche. Er fängt bei ihrer Erscheinung an, laut aufzuschreien, thut ängstlich, kriecht in die Winkel und oft hinter oder unter die Tische und ruft, man solle um Gotteswillen das neue fremde Gespenst fortschaffen. Irgend einer seiner Officiere nimmt dann den erschrockenen adonisirten jungen Kriegsmann, giebt ihm in einem Nebenzimmer die Erklärung und zerstört die stutzerische Zierlichkeit seiner Figur, läßt die Frisur umgestalten und zieht ihm einen Rock nach dem Ordonnanzschnitt an. Wenn er sodann zurückkommt, ist Suworow die Artigkeit selbst, erkundigt sich mit Theilnahme nach mancherlei Dingen, nimmt von dem Vorigen entweder gar keine Notiz mehr oder sagt nur mit halb ernster komischer Laune, daß er vorhin vor einem Gespenst fast des Todes gewesen wäre. Seine Ordres haben freilich, um ihre Absicht zu erreichen, eine furchtbare Kürze. Bei Praga befahl er weiter nichts als: »Man stürmt, nimmt die Batterien und stößt nieder, was sich widersetzt!« Sie begreifen leicht, daß dergleichen Vorträge bei den gemeinen Soldaten und in Regimentern, wo vielleicht die Disciplin nicht die strengste ist, schrecklich wirken müssen. Seiner wirklichen Eigenheiten sind unendlich viele, und unstreitig werden ihm noch mehrere nachgesagt. Er hat selten Equipage und macht alle seine kleinern Touren auf Kosackenpferden. Die Posten bereitet er gewöhnlich nur in Begleitung von einigen Kosacken und in der größten Schnelligkeit. » Day, bratez, day! « ruft er dem Kosacken hinter ihm, wenn es zu langsam geht, und der Kosack muß das Pferd mit dem Kantschuh besser jagen. Er ist von Jugend auf fast immer kränklich gewesen und hat sich nur durch Diät und Abhärtung gehalten. Kaltes Bad ist seine Hauptmedicin, und zwar läßt er gewöhnlich das Wasser mit Eimern von den Bedienten auf sich gießen, auch wenn sie es eben aus dem Flusse schöpfen. Das geschieht oft auf dem Marsche, wenn die Regimenter vorbeiziehen. Als der Prinz Koburg nach dem Treffen, in welchem sie zusammen den Großvezier geschlagen und vertrieben hatten, ihn aufsuchte, um ihm seinen Besuch zu machen, fand er ihn, wie man mich versichert hat, in einer solchen Stellung, etwas vom Lager entfernt, bei einem Wachfeuer, wo er sich wärmte. »Ich werde gleich die Ehre haben, bei Euer Durchlaucht zu sein,« rief das kleine nackte Männchen dem Prinzen zu; »ich bin durch und durch naß geworden, da ich durch den Fluß ging;« und so halfen ihn die Grenadiere und Kosacken ankleiden. Im Lager oder im Quartiere legt er sich nach diesem Bade allezeit, auch bei dem kältesten Wetter, auf eine Streue von frischem Stroh, deckt sich mit dem Mantel und bleibt so vier oder fünf Minuten liegen, ehe er sich wieder anzieht. Vor dem letzten wahren entscheidenden Sturm von Ismail war seine oft barocke Sonderbarkeit wol am Auffallendsten. Ich habe manchmal darüber den Kopf geschüttelt; die Anekdote ist mir aber von mehrern Officieren wiederholt erzählt worden, die lange Zeit um ihn gewesen sind und keine Fabler waren. Er sagte den Abend vorher: »Morgen früh, eine Stunde vor Tage, werde ich aufstehen, werde mich anziehen, mich waschen, werde beten, werde dann krähen wie ein Hahn, und man stürmt nach der Disposition!« Er stand eine Stunde vor Tage auf, zog sich an, wusch sich, betete und krähete wie ein Hahn, und man stürmte nach der Disposition und nahm die Festung. Credat Judaeus Apella! werden Sie sagen; das dachte ich auch, aber meine Gewährsleute waren keine gewöhnlichen Anekdotenjäger, und ich gehöre ebenso wenig zu der Classe. Er ist sehr religiös oder scheint es wenigstens. Alle Ceremonien beobachtet er mit der größten Gewissenhaftigkeit und hält darauf, daß es auch bei seiner Armee geschehe; übrigens bekümmert er sich aber nicht um die individuelle Ueberzeugung Anderer. In Warschau hatte ein Hauptmann die Gebetsformel abgekürzt, die er vor der Wache Abends beim Zapfenstreich nach der Ordonnanz herzusagen hatte, um desto schneller davon zu kommen. Der Feldmarschall hatte es von ungefähr gehört und die Lücke bemerkt und stürzte mit Heftigkeit vor die Wache und schalt den Hauptmann fürchterlich: »Du gewissenloser, entsetzlicher, gottvergessner Mensch!« sagte er; »Du willst den Himmel betrügen; Du willst gewiß auch mich und die Kaiserin betrügen! Was willst Du hier? Ich werde Dich wegschicken!« Es ist in der russischen Sprache gewöhnlich, daß der Obere zu den Niederen Du und dieser zu jenem Ihr spricht, zumal wenn die Sprache in der strengen Ordonnanz oder im Affect ist. Als er in Warschau sein Feldmarschallspatent erhielt,– denn vorher war er nur General en chef , welches dem preußischen General von der Cavallerie oder Infanterie gleich war, – küßte er es mit den gewöhnlichen religiösen Gesten und capriolte sodann einigemal kosackisch durch das Zimmer. »Nicht wahr, ich kann noch springen?« sagte er dann sehr kaustisch zu den Officieren, die im Zimmer waren; »ich kann noch springen! « Alle verstanden den Alten ohne Hermeneutik; denn er war bei der Promotion über mehrere Vordermänner weggesprungen, unter denen auch Repnin war. Auf dem Marsche war er ehemals meistens in der Kurtke wie ein gemeiner Soldat. So wie ich ihn gesehen habe, nämlich in Warschau, war er aber immer in Uniform und zuweilen sehr glänzend mit Orden und Steinen behangen. Er ist ziemlich reich, und lebt doch immer ziemlich schlecht, wenigstens in Vergleichung mit den übrigen großen russischen Generalen, die ehemals ein wahres Satrapenhauswesen führten. Deswegen spart er aber nichts, denn er ist sehr großmüthig und nachsichtig. Es ist bekannt, daß er seine lakonische offene Rede auch gegen den jetzigen Kaiser behielt, und daß dieser endlich genöthigt war, sie ihm nachzusehen. Der Werth des Mannes zeigt sich auch darin. Er sprach energisch gegen die Veränderungen im Militär. Der letzte Brief des Kaisers an ihn, ehe er nach Italien ging, giebt das wahre Verhältniß ganz richtig an. Er ist aus den Zeitungen überall bekannt. Es wurden bei der Thronveränderung eine große Menge Officiere ohne Untersuchung ganz willkürlich nicht allein verabschiedet, sondern oft geradezu ohne Abschied ausgeschlossen. Suworow nahm sie auf, stellte manche wieder bei seinem Corps an, behielt andere auf Expectanz in seinem Hause und behandelte sie sehr großmüthig. Der Kaiser, der dieses erfuhr, war sehr aufgebracht, daß es der Feldmarschall wagen könnte, so öffentlich gegen seinen Willen zu handeln, und forderte Rechenschaft. Suworow sagte: »Ich kenne die Leute; sie sind ehrlich und brav. Sie haben entweder gar nicht gefehlt, oder ihr Fehler verdient doch nicht diese Ahndung. Und wenn es nicht wäre, sie sind arm und hilflos. Sollen sie Bettler oder Gauner oder Räuber werden? Das kann ich als guter Russe nicht leiden; ich habe sie aufgenommen.« Der Kaiser fühlte das Edle der Entschlossenheit, forschte nicht weiter, und Viele wurden durch das Wort des Feldmarschalls in der Folge wieder angestellt. Die Beschuldigung, daß unter seinem Commando Unordnungen und Grausamkeiten geschehen, ist selbst in Rußland oft zu hören; und es fehlt dort selbst unter der Armee nicht an Leuten unter angesehenen Officieren, die sogar seinen militärischen Werth nicht sonderlich hoch anschlagen. Mir ist das immer sonderbar vorgekommen. Die erste Beschuldigung, wegen der Unordnung, fällt durchaus mehr auf den kleinen Commandeur als auf den Chef, und der Feldmarschall kann oft nicht dafür stehen, wenn die Grenadiere Unheil anrichten; aber der Oberste und Hauptmann können und müssen es. Suworow soll eine ausgebreitete Belesenheit in allen Theilen der Wissenschaften, vorzüglich im Kriegswesen haben. So viel ist gewiß, daß er mehrere Sprachen mit ziemlicher Fertigkeit und Richtigkeit spricht. Ich habe gehört, wie er mit preußischen Officieren sprach, und es wäre mir schwer zu bestimmen gewesen, wer von ihnen in der Sprache der Beste war, der Russe oder die Deutschen. Französisch spricht er so gut, als man es von einem Manne seines Faches erwarten kann, und besser als mancher in ähnlichen Verhältnissen. Türkisch und Tartarisch soll er sprechen wie ein Türke und Tartar, da er einen großen Theil seines Lebens im Kriege mit beiden Nationen zugebracht hat. Von der feinen Unterscheidung seines Auges hatte ich zu meiner kleinen Beschämung selbst die Erfahrung an mir. Mehrere Russen hatten mir das Compliment gemacht, ich habe in Lebensart, guter Gesinnung und schon im Gesicht und äußerlichen Aufzug so viel Nationales von ihnen, daß man mich wohl für einen Russen nehmen könnte. Diese Höflichkeit war für mich, da ich damals den russischen Rock trug, immer sehr schmeichelhaft, und ich suchte sie zu verdienen. Suworow redete mich gleich das erste Mal auf der Parade, ohne zu wissen, wer oder woher ich sei, französisch an, wie er es gewöhnlich mit Fremden macht, und zeigte mir dadurch, daß ich mich bei Weitem noch nicht einmal im Aeußerlichen nationalisirt hatte. Ich halte ihn vor allen unsern öffentlichen Zeitgenossen für den Mann, der am Meisten eigenen Charakter, die größte Energie, den umfassendsten Blick mit wahrer persönlicher Rechtschaffenheit und Humanität besitzt. Das letzte Wort scheint Ihnen ein Paradoxon zu sein; aber die Wahrheit würde sich bei näherer Beleuchtung gewiß zeigen. Sie müssen bedenken, daß man den Mann wegen seines Feuergeistes meistens nur zu Desperationskuren gebraucht hat, und daß er dadurch in den traurigen Verhältnissen das zu scheinen das Unglück hatte, was Potemkin wirklich war. Noch etwas, das mir sehr aufgefallen ist, da es gegen die Gewohnheit fast aller Großen sowol im Cabinette als im Felde läuft, muß ich Ihnen von dem alten Suworow sagen, nämlich daß er sowol im Russischen als Deutschen und Französischen eine außerordentlich niedliche schöne Hand schreibt. Ich glaube, kein Schreibmeister der drei Nationen könnte die Lettern, einzeln und zusammen, in schönerer Gestalt und Proportion zeichnen. Es ist sonst die nicht löbliche Gewohnheit dieser Herren, ihres Namens Unterschrift so hieroglyphisch zu machen, daß man auf den Pässen ebensowol Hannibal als Scipio daraus lesen kann. Suworow schreibt so, daß es jeder Leseknabe sogleich lieset, in den reinsten zierlichsten Charakteren: » Beider Reiche Graf Alexander Suworow .« Er ist russischer und deutscher Graf und ward Beides zu gleicher Zeit. Der russische Graf hält sich gewöhnlich für etwas wichtiger als den deutschen, wovon im russischen Leben manche Beispiele sind.   Suworow , für dessen Enkomiasten man mich sehr mit Unrecht hält, hat auf seinem Zuge durch Schwaben und Böhmen zu einem häßlichen Gemälde gesessen. Der Löwe ist todt, nun wird zugeschlagen. Ich weiß sehr wohl, daß das ganze Leben des Mannes eine Kette von Marotten war; aber wenn man seine Nichtfreunde in Prag und Wien hört, sollte man glauben, es wäre ein ausgemachter alter närrischer Geck von einem weggeworfenen Charakter gewesen; und der war er denn doch gewiß nicht. Sonderbarkeit war überhaupt sein Stempel, und er war damals vorzüglich in einer ganz eignen Stimmung gegen Jedermann, und Jedermann war in einer eignen Stimmung gegen ihn. Die Politischen Verhältnisse lassen schon vermuthen, in welcher peinlichen Lage er damals von allen Seiten sich befand. Weder sein eigner Monarch noch der östreichische Hof waren mit seinem Betragen zufrieden. Er hatte ohne Schonung über Fehler aller Art ohne Rücksicht der Personen gesprochen. Er war alt und kränklich und sahe dem Ende seines Lebens entgegen. Seine Grillen konnten unter diesen Umständen sich nicht vermindern. Die Ungezogenheiten einiger seiner Untergebenen wurden ihm zur Last gelegt, und er selbst war freilich nicht der Mann, der durch schöne Humanität und Grazie des Lebens seinen Charakter hätte empfehlen können. Seines Werths sich bewußt, streng ehrlicher Mann, aber eisern consequenter Soldat, war er voll Eigenheiten, die alle wie Bizarrerien aussahen, war äußerst streng gegen sich und darum auch in seinen Forderungen gegen Andere und sprach skoptisch und sarkastisch über Alles. Seine Bigotterie war sehr wohl berechnet, ob sich auch gleich hierin sein eigener Charakter mischte und ihr einen Anstrich von Possierlichkeit gab. Er soll in Prag eine schmutzige Filzerei gezeigt haben, weggereist sein, ohne einen Kreuzer zu bezahlen, und nichts als einen alten Nachttopf zurückgelassen haben, den man als eine Reliquie ganz eigener Art aufbewahrt. Das ist nun gewiß wieder ein barockes Quidproquo ; denn Geiz war so wenig sein Charakter als Verschwendung. Wenn ich diese Dinge nicht von wahrhaften Leuten hätte, würde ich den Kopf schütteln und sie zu den lächerlichsten Erfindungen des Tages setzen. Aber man muß den Teufel nicht zu schwarz machen, und ich bin fest überzeugt, daß er durchaus ein ehrlicher Mann und kein Wütherich war, wenn er auch eine starke Tinctur Excentricität hatte und mit der Welt im Privatleben Komödie spielte, so wie man ihn im öffentlichen zu lauter Trauerspielen benutzte. Sie wissen, daß ich dem Manne durchaus gar nichts zu danken habe, und können in meiner Aeußerung durchaus nichts als meine ehrliche Meinung finden. – Seume .   Leipzig, Walter Wigand's Buchdruckerei.