Hermann Stehr Das Mandelhaus Roman ERSTER TEIL 1 Alle Frauen wachsen und vergehen an der Stelle, der sie entsprossen, gleich Blumen, und würden sie von ihrem Sterne auch durch die halbe Welt geführt. Die Männer aber werden von der Unruhe immer über die ganze Erde gejagt und fänden ihre Füße auch wenig weiter, als der Schatten des Kirchturmes ins Feld reicht. Dieser Strom der Unrast gleicht einem Winde, der ihre Seele fortwährend in Atem hält. Bald ist er bunt, bald heiß, bald trocken, je nach dem Lebensalter. Eusebius Mandel, der Schneider von Oberröhrsdorf, war schon in den rauhen, steifen Wind gekommen. Wenn der die Menschenmänner anweht, so stehen sie mit ihrem Leben schon hinter Mariä Geburt. Die meisten Schwalben sind fort, hie und da auf den Stoppeln nesteln schon Spinnenfäden, und sie müssen einen krummen Rücken machen, um vorwärts zu kommen. So stand es um den Röhrsdorfer Schneider. Der Weg, den er ging, schwirrte schon manchmal vor seinen Blicken wie eine gespannte Schnur, die jemand anreißt, und er mußte seine Augen einkneifen, damit er nicht rechts oder links abkam, irgendwohin, wo er nichts zu suchen hatte. Dies genaue Hinlugen hatte schon allerhand Gekritzel auf seine Schläfe geschrieben, und über den Ohren bauschten sich seine Haare weiß. Manchmal stand er auf der Lehne hinter seinem Hause und betrachtete die Welt: die Bauern, die über das Feld pflügten; die Holzfuhrleute neben ihren hohen Rädern oder den Bäcker, der in seinem Planwägelchen vorbeischnurrte. Und wenn er so eine Weile hinuntergesehen hatte, nahm er sein Taschentuch heraus, breitete es aus, als wolle er etwas hineinpacken, faltete es aber wieder zusammen und schob es in den Rock. Denn man mochte die Gedanken so oder so wenden, Eusebius Mandel konnte es nicht leugnen, die andern kamen leichter und fröhlicher vorwärts als er. Und da er eine wieselflinke Seele besaß, blieb ihm auch nicht verborgen, warum das so war. Sie hatten Kinder. Das ist für Menschen aber nicht anders, als wüchsen zwischen den staubgrauen Steinen ihres Weges süße Schwingel des Grases, und als bräche aus schwerem Herbstgewölk unvermutet und unbegreiflich der Frühling herein, und der steife Wind des Alters hat keinen rechten Fug an solche Männer. Und Eusebius Mandel blühte allemal in einer großen Sehnsucht auf, wenn er von der Lehne hinuntergesehen hatte über das Leben. Der ganze Schneider war dann wie ein straffgezogener Faden und auch wie eine Nadel, die zum Stich ausholt. Aber ehe er nach Hause kam, verlor sich immer die tüchtige Aufrichtung in ihm, und mit dem Kinde war es wieder nichts, nicht einmal mit einem Mädchen, die der Herrgott doch bloß so aus seinen Kleidern schüttelt. Allein Eusebius hätte nicht Mandel heißen müssen, der mehr gesehen hatte, als hundert Augen aushalten und fünfzehn Hände zu greifen imstande sind, wenn er auf seiner Hoffnung eingeschlafen wäre. Einmal blieb er doch im richtigen Zuge, und drei Tage darauf sah sein Weib, die Agathe, ihn an, errötete und sagte: »Eusebius, ich dächte, dasmal hat's mit dem Windelband seine Richtigkeit.« Dabei blieb's denn auch; und weil lange Erwartungen keinen anderen Sinn haben als den, die Erfüllung zu bereichern, wenn man's recht bedenkt, so lag es durchaus im Zuschnitt, wie der Eusebius sagte, daß das Kleine, das Agathe gebar, ein Knäblein war. Nicht nur das. Des kleinen Mandels Geburtstag fiel sogar auf einen Sonntag nahe dem Mittsommer. Das nahm sein Vater, der nebenbei sogar noch Christoph hieß, als ein gutes Zeichen, und weil die Hebamme im Kalender nachgesehen und gefunden hatte, daß die Stunde der Erscheinung des Jungen, es war die erste nach Mitternacht, schon in den gesegneten Einfluß der Zwillinge falle, war der Vater doppelt froh. Kaum, daß der kleine Mandel im zittrigen Lichtkreis der Talgkerze betrachtet worden war, machte die kluge Frau zwei große Kreuze über seine Augen, seinen Kopf, seine Hände und seinen Schoß, damit er wahrhaftig alles Begehrenswerte doppelt haben sollte. Christoph nickte zu allem. Nur als die Hebamme das Kreuz über dem Schoß erklärte, hustete er in die Hand und ging aus der Stube. Am Morgen, nach kurzem Schlaf, war er dieser Bedenken Herr geworden und schritt getrosten Mutes um sein Häuschen. Immer nach vier Schritten sagte er zu sich: »Doppelte Ehre«, oder »doppelt Geld«, oder »doppelt Klugheit«. Nur wenn er sagen sollte: »doppelt so viel Kinder«, stand er still und sah durch den großen Ahorn in den Himmel und dachte: der droben wird's schon wissen, was sich gehört. So baute Christoph Eusebius Mandel für seinen Sohn Luftschlösser bis in die Wolken. Des Nachmittags ging die Haschmutter fort. Mandel setzte sich an das Bett seines Weibes und erzählte ihr von dem großen Glück, das ihrem Sohn beschieden sein werde, weil er in den Zwillingen zur Welt gekommen. Allein seine Frau schüttelte nur schwach den Kopf, denn reden konnte sie noch nicht recht, und was sie zu sagen hatte, war zu viel. In desto größere Erregung geriet aber ihr Mann, weil er meinte, sie hätte lieber ein Mädchen gehabt und gönne ihm den Knaben nicht. Zum Schluß schwor er, ihn Amadeus zu heißen und nicht davon abzugehen, sollte der Pfarrer auch Himmel und Hölle dawider in Bewegung setzen. Je tiefer aber Mandel in die Wolle geriet, desto blasser wurde seine Agathe. Deswegen biß er plötzlich den glühenden Faden mit den Zähnen durch und begnügte sich damit, in der Stube auf und ab zu gehen und immer beim vierten Schritte mit dem Absatz stärker aufzutreten, wobei er sich das Seinige dachte. So behielt er sein Recht, und Agathe bekam ihre Ruhe. Sie wandte ihr blutleeres Gesicht gegen die Mauer und weinte still für sich hin, weil sie glaubte, was man vorher über alle Maßen beschreie, das könne nicht gedeihen. Dann tastete sie mit der Hand neben sich und rückte den Kleinen näher zu sich heran, um es ihm abzubitten, wenn ihn Gott doch zu etwas Großem bestimmt hätte. Gegen Abend kam eine unbegreifliche Angst über sie. Aber sie schluckte den Kummer in sich hinein, bis es gegen Mitternacht nicht mehr auszuhalten war. Da rief sie schwach den Namen ihres Mannes. Der kletterte beim dritten Ruf aus dem Bett, zündete das Licht an und kam herzu. »Christoph«, sagte sie, »bin ich nicht vierzig Jahre?« »Ja.« »Haben wir nicht lange auf ein Kind gewartet?« »Und nun haben wir's.« »Warum soll unsers Jungen Leben schon am ersten Tage verschlungen und verknüpft werden?« Christoph war schon wieder seinen Freudenrausch los und gab seiner Frau in allem recht. Er bat sie, sich nicht aufzuregen, deckte sie sorgsam zu, löschte das Licht aus und tappte wieder auf sein Lager. Die Wöchnerin war aber so schwach, daß sie von dem Gedanken nicht loskommen konnte, ihres Mannes Übermut habe Unglück über das Kind gebracht. Die Furcht überwältigte sie, bis der Angstschweiß aus den Poren ihres Leibes brach. Den Mund konnte sie nicht öffnen; denn es war, als habe jemand eine große Hand darauf gepreßt. In der Morgendämmerung sah sie drei Frauen in grauen Gewändern. Die wurden vom Winde hin und her getrieben, so daß sie immer am Fenster vorbeiglitten. Der Spuk wollte nicht aufhören. Deswegen faßte sie all ihre Kraft zusammen und kehrte sich gegen die Wand, um die Unholden nicht mit ihrem Blick in die Stube zu saugen. Sie versuchte zu beten. Allein die Worte wurden wie ein Feuerwirbel, der vor ihren geschlossenen Augen kreiste. Nach vielem vergeblichen Bemühen wandte sie sich wieder der Stube zu, um sich zu vergewissern, ob die Grauen vertrieben wären. Aber eben sah sie die letzte in die Stube wehen und sich zu den beiden andern an ihr Bett stellen. Da lag die Wöchnerin still und fühlte heiße Luft über sich streichen. Die grub sich immer tiefer in sie hinein. Als sie bis an ihr Herz gekommen war, löste sich das Blut aus den Kammern und rann aus ihr heraus. Nicht lange danach erwachte Christoph und trat an ihr Lager heran, um von den schönen Träumen zu sprechen, die gegen Morgen vor seinem Bette gespielt hatten. Sein Weib aber konnte keine Antwort geben, und der Blick ihrer großen, blauen Augen war starr dorthin gerichtet, von wo ihn keine Liebe und keines Menschen Gewalt mehr abwendet. Er sah, daß sie gestorben sei. Allein so leicht vermag sich kein Mensch mit dem grausen Wunder, das der Tod ist, abzufinden, und indes dem armen Christoph Tränen aus den Augen und Gebetsworte von den Lippen flossen, griff er mit seiner Hand und suchte, ob nicht am Herzen, dieser tiefsten Feuergrube des Lebens, noch ein armes Fünklein brenne, das, mit Hingebung gepflegt, sich wiederaufrichten könne. Allein auch dort hatte sich der Tod eingenistet, und die gefüllte Brust lag wie ein harter, kalter Stein darauf. Da dachte Mandel mit Schrecken daran, was nun aus seinem kleinen Amadeus werden solle. Er sprang auf und lief, wie er war, einen Hosenträger über die Achsel gelegt, den andern noch hinten herabhängend, die Straße hinunter, die Hebamme zu holen. Der Hosenträger, auf den sein Weib mit roter Wolle ein brennendes Herz gestickt hatte, schlug immer an die Beine, während er lief. Immer, wenn er so in Gefahr kam, zu fallen, sprang er, und jedesmal, wenn es ihn zu Boden rucken wollte, sagte er: »Fall zu, Schneider, und stirb!« Aber jedesmal dachte er doch an seinen kleinen Amadeus und sein kaltes Weib, das vielleicht doch noch nicht tot sei, und nahm seine Verwünschung zurück. Auf diese Weise dauerte es nicht lange, da war er bei der Wehmutter. Die stand vor ihrer Tür im Grase und schlug mit einem Haselstecken den Staub aus ihrem Sonntagsrock, der am untersten Ast eines Pflaumenbaumes hing. Als sie von Christoph Eusebius gehört hatte, was auf dem Spiele stehe, legte sie den Haselstecken quer in den Baum, duckte sich, ließ den Rock von obenher über sich gleiten und band ihn auf dem Wege fest. Während sie eilig vorwärts kamen, fragte sie den Schneider dies und das, wie das Unglück so schnell gekommen sei und manches andere. Der aber stierte vor sich nieder und zählte vor Gram die Steine des Weges. Wenn sie ihn anstieß, wandte er ihr sein eingefallenes Gesicht zu und lächelte qualvoll. Da schwieg sie zuletzt, bis sie an das Schneiderhaus kamen, dessen Tür weit aufstand. Unter dem schmalen Bretterbänklein lagen ein Bündel und ein Stock. Die Wehmutter wollte wissen, wer denn Mandel das Haus gehütet hatte, indessen er fort war. Christoph antwortete aber nichts, denn er dachte, es sei die Bürde und der Stock des Todes, der rastlos über die Erde wandert, und wenn sie zu der Toten kämen, würden sie ihn schon neben dem Stuhl am Bett sehen, in der Haltung eines Menschen, der ein Werk beendet hat und zwischen Gehen und Stehen das Vollbrachte noch einmal mit ernüchtertem Auge überschaut. Sie gelangten in die Stube, die still war vom stockenden Atem der Toten und doch auch friedvoll im Morgenlicht, das durch die Krone des Ahorns einen grünen Schimmer hereinwarf. Und wirklich, da Christoph, der hinter der Hebamme die Tür eingedrückt hatte, sich umwandte, sah er, wie eine dunkle Gestalt vom Bette der Toten sich lautlos in die Tiefe des Zimmers zurückzog und dort sich niederkauerte, indem sie ihr geneigtes Haupt noch mehr neigte. Christoph war in einer solch verzweifelten Stimmung, daß ihn auch diese schreckhafte Bestätigung seines Einfalles wenig berührte, und trat mit der Hebamme ans Bett der Entschlafenen. Da erkannte er nun freilich an ihren blauen Lippen, daß nichts mehr zu hoffen sei. »Ist sie an ihrer Seele, das heißt aus dem Zentrum Punktum, gestorben oder an ihrem Leibe?« fragte er so leise, daß er kaum zu vernehmen war, denn er machte sich Vorwürfe, sein Weib durch seine hartnäckigen, lauten Hoffnungen in den Tod getrieben zu haben. Die Wehmutter aber ergriff mit ihrer fetten, warmen Rechten seine magere, kühle Schneiderhand und antwortete: »Es Herzblut is fort. Wer doas wegstisst, doas weeß ich nich, doas weeß der Herrgott alleene.« Damit griff sie hinüber, drückte der Toten die Augen zu und wünschte eine glückliche Reise in den Himmel und gute Aufnahme beim Vater. Das alles ergriff den Schneider Mandel so sehr, daß er den Tod in der Stubenecke, seinen kleinen Amadeus und alles auf der Welt vergaß. Er sank am Bette nieder und weinte in die starre Hand seines Weibes hinein, die so viele Jahre alles Kummervolle und Liebe mit ihm getragen hatte. Das dauerte gar lange, denn je kleiner und ärmer ein Mensch ist, desto größer ist sein Schmerz. Der Druck einer Hand auf seiner Achsel riß ihn aus den Kreisen der Not. Er erschrak einen Augenblick bis in den Haarwirbel hinauf, denn er dachte, der Tod habe auch ihn berührt und wolle ihn mitnehmen. Als er wagte, sich umzudrehen, war die Gestalt, die er für den Tod gehalten hatte, aus der Ecke verschwunden, und ein volles, frisches Weib stand neben der Hebamme, machte ein schmerzlich-freundliches Gesicht und wiegte das kleine Bündel, seinen Amadeus, mütterlich auf den Armen. Da wickelte sich sein Blick vollends aus den Verschlingungen, und er erkannte in dem jugendlichen Weibe die taubstumme Maruschka aus Böhmen, die immer nach Wochen einen Streifzug ins Preußische unternahm, weil man drüben nicht so für die Armen sorgt. Jedesmal, wenn sie mit voller Bürde wieder der Heimat zuwanderte, war sie eine Nacht unter des Schneiders kleinem Dache geblieben. Nun fand sie ihre gute Gastgeberin bei den Toten. Die Seele der Menschen ist nicht preußisch und nicht böhmisch; in ihren besten Stunden redet sie göttlich, die Sprache aller Menschen. Obwohl also in der armen Maruschka Ohr nichts hineinging und aus ihrem Munde nichts herauskam, verstand sie der Schneider doch gar leicht: wenn es der König von Preußen erlaube und der Schneider Mandel nichts dawider habe, wolle sie bei ihm bleiben, bis er eine bessere Pflegerin gefunden habe, sich des kleinen Kindes annehmen und seinem Hause vorstehen samt dem Garten und den zwei weißen Ziegen. Am dritten Tage in der Frühe riefen die Glocken des Pfarrdorfes Neudeck über die Wipfelbreiten des Hainwaldes herüber ins Schneiderhaus, und der Gottesacker verlangte nach der Toten. Das Sterbelied der Kinder schwoll und versank in die blaue Luft hinauf. Der Bretterwagen mit dem schwarzen Sarge in grünen Tannenzweigen fuhr von dannen. Das einzige Mal reiste die Schneidersfrau zu Wagen in die Kirche, und diesmal kehrte sie nimmer wieder. Der Ahornbaum bewegte die Äste, und ein Rieseln ging durch seine Krone. Der kleine Amadeus lag wach in seinen Kissen, und es war, als lausche er dem Klang in den Lüften. 2 Als Christoph am siebenten Sonntage wieder verstohlen den Strauß frischer Blumen auf seines Weibes Grab gedrückt hatte, haderte er nicht mehr so bitter mit dem Geschick, das sie ihm entrückt hatte, und begann, sie demütig dem Herrn zu gönnen. Bis jetzt hatte er den braun und schwarz gestreiften halbwollenen Rock und die blaugeblümte Jacke, die Agathe am letzten Sonntage ihres Lebens getragen, an dem Wandrechen neben ihrem Bette hängen lassen, um die tröstende Täuschung nicht zu entbehren, sein liebes Weib könne jeden Augenblick über die Schwelle treten und wirtschaftend durchs Haus gehen wie sonst, als sei der Tod nichts als ein langer Kirchgang gewesen. Nun legte er die Sachen in eine Kiste, deckte Zeitungspapier darauf wegen der Motten, nagelte den Deckel mit langen Schindnägeln fest und stellte die Kiste auf den Boden in einen Winkel. Diese Aussöhnung mit dem Schmerze verwischte langsam das Totengesicht, mit dem ihn die Gestorbene aus seiner Seele herauf ansah, und mehr und mehr erblickte er sie in allem, worauf beider Augen im Leben geruht hatten. Sie schaute mit dem Licht, das hinter den Bergen hervorging, in seine Stube; das Wässerlein unter der Weide hatte ihre Stimme; die Blumen blickten ihn mit ihren Augen an. Sie summte im Rauschen des Ahornbaumes in seine Träume. Sein Zwirn fand wie in den guten Tagen wieder von selbst das Öhr. Die Nadel hüpfte regsam auf und ab, und beschlich ihn ja einmal das Leid, so durchlöcherte er es kreuz und quer und schnürte ihm mit dem Faden den Dampf ab. War er solch schwerer Heimsuchungen ledig, dann spann er an den Hoffnungen weiter, die so jäh abgerissen worden. Denn der Pfarrer hatte seinem Knaben den schönen, reichen Namen Amadeus nicht abgestritten, sondern nur gütig dazu gelächelt. Das war doch so, als sei dem Kinde nun die Tür sperrangelweit aufgetan in die weite, reiche Welt, und wenn es groß geworden war, durfte es nur hingehen und mit seinen zwei gesunden Armen raffen nach Herzenslust. Manchmal ward er ganz verzückt über das Glück, das seinem Amadeus einmal beschieden sein könnte. Er warf die Arbeit in den Schneidertisch, nahm den Kleinen in die Arme, zeigte ihm die Sonne, die Blumen, den Himmel und sagte, dort oben sei seine Mutter. So teilte sich Christoph Eusebius' Leben zwischen seiner Arbeit und seinem Kinde. Am liebsten aber war er bei ihm und vergaß, daß es ein Gasthaus gäbe, darin zu sitzen, und Männer, mit denen man plaudern könne zu seinem Vergnügen. Trug Maruschka den Knaben im Garten vor seinen Fenstern, so hatte er auch teil an ihrer Freude. Da der armen Ziehmutter Mund verschlossen war, wurde der kleine Amadeus nicht so zeitig eingefangen von dem Menschenworte und blühte und sog sich tief hinein in die tausend Lieder, die sich Gott selber vorspielt mit den Bäumen, den Vögeln, dem Wasser und dem Wind. Bald war es möglich, ihn auf den Ziegen reiten zu lassen, indem man seine Achseln unterstützte. Aus dem Kleidchen sprang er ins erste Höschen. Da war er ein richtiger Junge, trieb sich mit einem Stecken im Garten umher und blies auf den hohlen Stielen der Maiblume. Viel Zeit, und das blieb die schönste seines Lebens, zum Glück und auch zum Kummer, saß der kleine Amadeus neben seinem Vater im Schneidertisch. Wenn ihn der hereinhob, drückte er allemal einen Kuß auf seinen blonden Scheitel, und seine Blicke lugten dann wohl eine Weile bewegt durch den Spalt des Jetzigen auf das, was gewesen war. Allein lange tauchte Eusebius nicht in die Schatten. Denn so ein Schneider bekommt überhaupt in seine Seele etwas von der Nadel, die er handhabt, so etwas scharf Entschlossenes, das wohl freilich bei manchen in komische Eitelkeit umschlägt. Und wie das spitze, glänzende Eisenlänzlein eilig und sicher aus wirren Haufen von Flecken ein gemessen ordentlich Kleid zusammenheftet, gelingt es vor allem dem Schneider, die bunten Zufälle seines Lebens zu einer wohlgeordneten Welt zu verwerten und um sich auszubreiten. Dem Christoph Eusebius glückte das noch besser, und das gerade darum, weil er eigentlich, mit Respekt zu sagen, nur Flickschneider war. Denn aus diesem Grunde brachte er sein Sinnen niemals ganz in seinem Werke unter. Mit dem Besten seiner Seele, während er mit überschlagenen Beinen bastelte, wandte und drehte er an seinem Leben herum, bis eine ganz außerordentliche Weltfahrt daraus geworden war, die ihm wohl gestattete, sich ihrer zu freuen. Da erzählte er denn manchmal dem Amadeus davon. Am besten aufgelegt war er, wenn er auf seinen Hildesheimer Ritt zu sprechen kam. Dieser bildete überhaupt den Glanzpunkt seines Lebens. Also sagte er: In Berlin ist die Hauptstadt der Welt. Da gibt es so viele Menschen, daß sie auf der Gotteserde nicht Platz haben, und deswegen reisen wohl tausend fortwährend über die Dächer; andere fahren zum puren Vergnügen in tiefe Löcher hinein und kommen wohlbehalten auf der andern Seite wieder heraus. Dort wohnt auch der Kaiser, wenn er zu Hause bei seiner Kaiserin ist. Mehrenteils aber kutschiert er umher und hält die Welt imstande. Also sah ich ihn nicht, und weil sie damals die Hosen in Berlin gar so weit machten, gefiel mir's nicht lange, und ich schnürte meinen Ranzen, um mir Frankreich anzusehen. Ging und ging. Endlich steht wieder eine solche Stadt vor mir, und die Glocken läuten so laut von den Türmen, daß man meinen konnte, alle Leute hingen an den Stricken und zögen aus Leibeskräften. Wie ich ein Weib frage, das so eilig läuft, als mache sie sich vor dem Lärm aus dem Staube, wie die gute Stadt mit dem starken Geläut heiße, so sagt sie: Hildesheim und rennt weiter. Aha, denk' ich: Hildesheim, ein feiner Name! und gehe hinein und frage nach Arbeit. Bekam sie auch in einem schönen Hause bei einem Meister, der einen Bart wie Napoleon hatte. Das aber ging mir im ersten Augenblick wider den Strich; denn denen der Bart quer wie eine Säge und lang wie ein Stemmeisen steht, die sind allemal auf des Teufels Seite gewachsen. War auch so. Denn kaum hatte ich mich hingesetzt, so zerbrachen mir drei Nadeln. Auf diese Art bekam ich gleich wieder Feierabend, denn Napoleon meinte, zum Nadelzerbrechen brauche er keinen Gesellen, dazu seien die Lehrjungen da. Des war ich ganz zufrieden. Bei einem Schneider, der nicht genug Nadeln im Schube hat, steht der Gerichtsvollzieher schon hinter der Tür. Das halte aus, wer wolle, sagte ich und befand mich in einem Augenblicke auf der Straße. Da hatte ich, was ich haben wollte; auch fand ich nicht lange danach die Straße, die nach Paris führt. Wie ich so geh' und die Steine zähle, die am Graben hin stehen, und denke, wieviel tausend wohl an mir vorbeirennen müssen, ehe ich die ersten roten Hosen sehen werde, macht's hinter mir: Trapp, trapp und wieder trapp, trapp. Ich drehe mich um. Da kommt ein lediges Pferd daher. Kein Mensch weit und breit zu sehen, und die Zugblätter schleift es auf der Straße. Ich lasse es ein wenig an mir vorbei, laufe ihm dann nach und ergreife ein Zugblatt. Da meint das Pferd, der Wagen sei hinter ihm, und bleibt stehen. Es war ein Brauner und so gut gefüttert, daß ihm die Taler auf den Backen standen. Nun ich es klatschte, sieht es mich an und blinzt mit den Augen, als kenne es mich schon lange. Darum binde ich die Zugblätter herauf, führe es an einen Stein und schwinge mich auf den Rücken. Im nächsten Dorfe fragst du nach, wem es gehört, denke ich. Denn ich wußte wohl, daß der Herrgott keinem Handwerksburschen so mir nichts dir nichts einen spiegelblanken Braunen schenkt. Gehörte es niemandem, so wollte ich nach Frankreich reiten wie Blücher. Indessen lass' ich mein Roß den Stecken kosten. Da wirft es die Erde unter sich fort wie einen Pfefferkuchen, und die Bäume neben mir ducken sich förmlich, wenn ich vorbeisause. Das ging bis zum Abende, und ich fühlte weder Hunger noch Durst, denn wenn ich so rechts und links über das Feld sah, das sich langsam drehte wie ein bunter Mühlstein, war es mir nicht anders, als gehörte mir alles. Endlich sah ich den ersten Stern über mein Mützenschild lugen. Häuser und Höfe hüpfen vor mir auf und nieder, und Leute stehen an den Türen und machen große Augen. Ich reiße mein Pferd an der Halfter, daß es Funken gibt, und ehe ich mich's versehe, komme ich herunter. Als alles wieder in Ordnung ist, frage ich christlich nach dem Eigentümer meines wackeren Reisegenossen. Nicht lange, so stand ein Mann vor mir wie aus Bohlen und Balken zusammengeschlagen und sah mir fest ins Gesicht. Als er bemerkte, ein wie guter, handfester Kerl ich sei, schmunzelte er und reichte mir unter vielem Dank seine fette, große Hand und sagte, das Bräunlein gehöre ihm. In meiner Hand aber ließ er einen harten, blanken Mansfeldischen Taler zurück. Ich war mit dem Handel zufrieden, denn ein ehrlicher Taler ist besser als ein gestohlenes Pferd. »Bist du denn nach Frankreich gekommen?« fragte Amadeus, wenn Eusebius an dieser Stelle abbrach. Aber da sagte der Schneider weder ja noch nein, sondern fuhr fort: Das war ähnlich wie in Köln, oder das lief auf dasselbe hinaus, wie ich in eines Schlächters Hof gelaufen, der halbwegs gen Hamburg steht. So blieb es auch unentschieden, ob Christoph Eusebius je Hamburg gesehen hatte. Für den kleinen Amadeus aber wurde der Name gemach wie ein großes, leuchtendes Tor, hinter dem alle Wunder leben, und sein Vater, der bald dort gewesen wäre, erschien ihm merkwürdiger als alle Menschen. Der Schneider ging also über dies Faktum, das sein Söhnlein solchergestalt aufregte, in der strengen Sachlichkeit eines weitgereisten Mannes bald zu einem neuen Abenteuer über, und während dem Büblein die goldenen Berge Frankreichs noch vor den Augen lagen, merkte es wohl an seines Vaters Nadel, dieser sei in Gedanken schon wieder fortgereist. Denn je nachdem Christoph Eusebius von dem Dom zu Köln, von den Salzbergwerken zu Halle, dem weiten Meer oder einem Walde, der gar kein Ende nahm, erzählte, führte er seine Nadel so oder so. Alle seine Wanderschaften nähte er in die Kleider, die ihm die Leute brachten. Das schlug nun manchmal durchaus nicht zu seinem Vorteil aus. Denn wenn er einem Bauer hinten in die Hosen den großen, ebenen Platz vor dem Berliner Königlichen Schloß genäht hatte, so wollte der freilich die überstarke Rundung nicht zugeben, die einem rechten Bauern dort von selbst wächst. Und wenn der Landmann dennoch seinen Willen durchsetzte und, die Beine spreizend, in die Knie fiel, mußte der König von Preußen eben nachgeben und seinen schönen Platz in Fetzen gehen lassen. Nicht viel besser ging es mit andern Abenteuern aus, die der Mandel-Schneider in ander Leuts Sachen unterbrachte, und sein Ruf nahm eher ab als zu. Doch gab es immer noch genug Menschen, denen er zu Dank arbeitete. Seine Nadel spießte Pfennig auf Pfennig aus den Taschen der Kunden, erwarb Balken um Balken seines Hauses, brachte ihn recht und schlecht durchs Leben und gab ihm reichlich Gelegenheit, seines Söhnleins Seele mit bunten, seltsamen Geschichten und Träumen zu füllen. 3 Länger als andere Kinder lebte Amadeus in wunderbaren Gesichten. Aber auch bei ihm fügte sich aus Morgen und Abend der erste Tag, und er erwachte zum Leben der andern. Wie immer saß er mit einem Töpfchen Milch und einer Schnitte Brot, seinem Frühstück, auf der Fußbank vor dem Stuhle und sah durchs Fenster. Alles bisher traumhaft Vertraute kam ihm rätselhaft vor. Die Weide auf dem Wiesenplan, die er schon so oft gesehen hatte, stand krumm da, als blicke sie sich auf die Füße. »Warum steht der Baum auf der Wiese?« fragte er seinen Vater. »Weil sie ihn hingepflanzt haben.« »Warum haben sie ihn hingepflanzt?« »Wegen dem Schatten.« »Was ist das: Schatten?« »Das ist schwarz und kühl und liegt unter dem Baume.« »Wem gehört der Schatten?« »Dem Baum, Amadeus.« Dann nahm der Kleine einen Bissen Brot und einen Schluck Milch. Er rückte herum und sah des Nachbars rotes Ziegeldach. »Wem gehört das rote Dach?« »Dem Bauer Schnallke.« »Warum ist der kein Schneider?« »Weil er Kühe und Pferde hat.« »Warum wohnt er neben uns, und wir haben keine Kühe und Pferde?« »Er gehört zum Dorfe, Junge.« »Heißt das Dorf auch Schnallke?« »Nein, es heißt Röhrsdorf, liegt im Kreise Mittelschwer und gehört zum Königreich Preußen.« Nach einer Weile bückte sich Amadeus und schaute durch das kleine Fenster hinauf in den Himmel, um zu sehen, wie hoch das Königreich Preußen ginge. »Wohnt dort der König von Preußen?« Christoph Eusebius stieg aus dem Schneidertisch, bückte sich auch und blickte an dem Arm des Kleinen entlang. »Nein, Amadeus, das ist kein Haus, das ist der Lange Busch.« »Aber dahinter wohnt der König.« »Nein, da wohnt deine Muhme, und wenn du groß bist und fleißig lernst, so gehen wir durch den Busch einmal zu ihr.« Eusebius stieg wieder in den Schneidertisch und schmunzelte, daß Amadeus ein so geweckter Junge sei. Der Kleine vollendete gedankenvoll sein Frühstück. Dann sah er wieder aufmerksam und gründlich zu jedem Fenster hinaus. Zuletzt schüttelte er das Köpfchen und fragte beklommen: »Gehört das Dorf Röhrsdorf uns?« »Freilich, Amadeus«, antwortete der alte Mandel, »denn wir wohnen ja drin.« Dieser Aufschluß vertrieb die Kümmernis von des Jungleins Gesicht, und aufgehellt verließ er die Stube. Draußen stieg er, nicht allzu weit vom Hause, auf einen Haufen Lesesteine, um zu erforschen, wie groß seines Vaters Dorf sei. Jedesmal, wenn er ein Haus erblickte, sagte er: »Röhrsdorf«, und je mehr Dächer vor seinem erstaunten Auge auftauchten, desto froher wurde er, und zuletzt sang er den Namen seines Heimatortes, seines Vaters und flocht auch ein Lied vom Könige von Preußen ein. Das, was er sang, stürmte ganz unbändig, solange es in seiner Nähe war, sobald es aber immer tiefer in die helle Luft hineinflog, wurde es immer glänzender, ihm fremder. Und nichts war imstande, sein Lied zu hemmen. An den Grashalmen glitt es hin, daß sie zitterten, die Bäume berührte es, daß sie grüner wurden, und gar bis an die rote Sonne reichte es hinauf und schien dort oben aus dem Feuerrad an der blauen Decke tiefe, friedsame Laute loszulösen. Manchmal war es, als sänken diese Klänge gerade aus dem Himmel herab, dann wieder kam es ihm vor, als würden sie über den Hainwald hinübergetragen. Nun erkannte er deutlich, daß es die Glocken von Neudeck seien, und schwieg bestürzt, weil er meinte, seine Stimme habe sie ausgestoßen und sie müßten läuten, solange er singe. Wirklich verstummten sie nach einer Weile, und Amadeus dachte, wenn er der König von Preußen wäre, dann hätte sein Singen solche Gewalt, daß es die Kirchenglocken der ganzen Welt weckte. Auf der Straße drüben fuhr hin und wieder ein Wagen nach Berlin oder Hildesheim. Und Amadeus erkannte, wenn er ein König werden wolle, der die ganze Welt mit seiner Stimme beherrschte, müsse er erst eine Stadt haben. Darum stieg er von dem Steinhaufen herunter und errichtete aus großen Steinen einen Wall, hinter dem er Hildesheim erbaute. Hohe, schmale Steine waren die Türme; lange, plumpe Brocken bildeten die Häuser. Da waren auch kleine Häuschen, putzige Knötchen, daß Amadeus lachte, wie Leute so dumm sein könnten, darin zu wohnen. Als er auf dem Steige eine weggeworfene Streichholzschachtel fand, war ihm um Leute und Glocken nicht mehr bange. Er brach das Schüblein auseinander und hatte vier Leute: zwei große und zwei kleine. Der eine lange Span war die Frau, die aus der Stadt läuft, weil sie darin zu sehr mit den Glocken läuten. Sie stand vornübergeneigt nahe beim Wall. Damit sie hinauskäme, nahm er einen Stein aus der Stadtmauer und hatte nun das schönste Tor. Die kleinen Spänchen, die Kinder des Weibes, die mit ihrer Mutter flüchten wollen, sind hingefallen und liegen jämmerlich vor der Stadt, auf deren längstem Turme die Glocke wackelt, die Hülse an dem queren Hölzchen. Amadeus gönnt ihr keine Ruhe. Immer stößt er sie mit dem Finger an und läutete mit seiner Stimme dazu, ob auch die Frau ganz verzweifelt ist und ihre armen Kinder auf der Nase liegen. Allein, nun soll doch sein Vater nach Hildesheim hereinkommen, und es ist noch keine Brücke über die alte Wasserfurche gebaut, damit er über den großen Fluß könne. Amadeus hält den reisigen Eusebius, den andern langen Span, in der Hand und weiß einen Augenblick nicht, wie da zu helfen sei. Wie er so über den Wiesenplan nach allen Seiten ausschaut und denkt: es muß doch wer aus Berlin oder Hamburg kommen, ruft es von des Schnallkebauers Schuppen her: »Schmiedla, hier!« und bald läuft hinter einem Spitzhündchen, das im Grase tanzt und komisch bald das eine, bald das andere lange Ohr umklappt, des Bauern kleiner Junge. Als der den Amadeus erblickt, schreit er noch viel lauter nach seinem Hunde. Der kleine Mandel, der neben Hildesheim steht und seinen Vater in die Steine gesteckt hat, wünscht sich, Schmiedla, der Spitz, möchte herkommen, damit er ihn streicheln könne. Aber er rührt sich nicht, und auch als der Hund bei ihm ist und an seinem Bein hinaufschnobert, greift er ihn aus einer unbehaglichen Empfindung nicht an, die ihm der Schnallkejunge einflößt. Das ist ein strunkiger, kleiner Mensch mit einer Knopfnase und einem verwegenen, gesunden Gesicht. Seine braunen Haare stehen durcheinander wie die Borsten eines zerstrichenen Butterpinsels, mit dem man die Kuchenbleche einfettet, und das eine Lederhöslein ist unten ohne Schnüre. Als er herangekommen ist, ergreift er den Hund an den längeren Haaren des Halses und fragt: »Bist du etwa der Schneiderjunge?« Amadeus antwortet nicht, setzt sich neben die Stadtmauer und deckt seinen Vater zur Vorsicht mit der Hand zu. Diese Schweigsamkeit ärgert den kleinen Bauern offenbar, und um zu beweisen, was er für ein Mensch sei, sagte er: »Die Wiese gehört uns. Dort ist unser Hof, und dort ist unser Korn.« »Und die Weide?« fragt Amadeus. »Die gehört auch uns.« Der kleine Mandel lacht; denn er weiß es besser. Da ereifert sich der Schnallkejunge und ruft laut: »Der Baum und der und der dahinter und die andern und der ganze Busch, alles, alles gehört uns, und ich heiße Martin Schnallke.« Er läuft um den Steinhaufen herum und zeigt auf die ganze Welt. Als er an Amadeus vorbei will, greift ihm dieser an die Hosen, um zu erkunden, aus was für Stoff sie seien. Eigentlich wollte Martin nach Hause laufen, um seinem Vater zu klagen, es sitze draußen auf der Vorderwiese ein Junge, der nicht glaube, daß alles dem Schnallkebauer gehöre. Als er aber des kleinen Schneiders Hand an seinem Bein fühlt und ein Verwundern in dessen Gesicht gewahrt, beruhigt er sich und sagt gewichtig: »Ja, ja. Das sind Lederhosen. Glaubst du etwan, die sein nich meine?« Amadeus deckt die Hand noch fester auf seinen Vater und fragt: »Wem gehört das Dorf?« »Unser Dorf?« »Nu ja, Röhrsdorf?« »Doch nich etwan dir?« Nun ist des kleinen Mandel großer Augenblick gekommen. Er erhebt sich und sagt mit tiefstem Ernst: »Das gehört dem König von Preußen.« Da erschrak der Schnallke-Martin doch sehr und setzte sich neben Amadeus, und der erzählte ihm vom Königreich Preußen. Das ginge bis an den Himmel und hinter dem Walde, noch viel weiter als seine Muhme wohne der König von Preußen, der Hosen habe, so weit wie Kornsäcke, gar nicht zu Hause zu sein brauche wie die andern Menschen, sondern immerfort mit allen Eisenbahnen fahre. Dann spielten sie »Hildesheim«. Der Schnallke-Martin wurde der Glöckner von Hildesheim und freute sich, daß die Frau fortlief, und daß die Kinder da lagen und schrien. Er wackelte mit der Streichholzschachtel in einem fort und läutete mit seiner Stimme, so laut er konnte, um die armen Kinder recht bis in den Tod zu ängsten. Amadeus aber führte seinen Vater unter vielen Gefahren durch den unaufhörlichen Graswald gen Hildesheim und ließ ihn dort am Tor mit dem Weibe ein ganz artiges Gespräch führen. Der Spitz »Schmiedla« aber lag in dem Graben ob der Stadt und schlief. Wenn die Glocke einmal gar zu stark läutete, richtete er sich ein wenig auf, hielt den Kopf halb schief und steifte das obere Ohr. Das wäre mit dem Hildesheimspiel nun schön den ganzen Tag lang gegangen, wenn der Martin nicht auch hätte einmal den Handwerksburschen führen wollen. Amadeus konnte das aber nicht zugeben, weil es doch sein Vater war. Er sagte davon zwar nichts, sondern stellte sich nur vor die Wasserfurche und schützte den Eusebius, der auf seinem Marsche von Berlin her eben tief im Graswalde steckte. Nach manchem Hin und Her verlor Martin endlich die Geduld, stieß ganz Hildesheim um, suchte den Handwerksburschen auf und stampfte ihn unter Schimpfreden in die Erde. Als Amadeus seinem Vater so übel mitspielen sah, stürzte er, um Hilfe schreiend, auf den Schnallkejungen. Der aber gab dem kleinen Mandel noch eins vor die Brust und begann dann über die Wiese zu traben, weil in des Schneiders Hause die Tür knackte. Eben hatte er die Schuppenecke erreicht, als Eusebius auf dem Plan erschien. Er bemerkte wohl gleich, wer der Schuldige an dem Handel gewesen sei. Anstatt aber dem kleinen Unhold zu Leibe zu gehen, machte er sich über seinen Jungen her, der am Boden lag und unter Geschuchz ein zertretenes Spänchen aus der Erde grub. Auf alle Fragen, was der Martin mit ihm vorgehabt habe, rief er nur immer verzweifelt: »Er hat ihn zertreten.« Mehr war durchaus nicht aus ihm herauszubringen. Deshalb hob ihn Eusebius auf und gängelte ihn dem Hause zu. Ehe er aber unter der Tür verschwand, kam seine Ruhe doch zum Platzen, und er schoß gegen Martins Kopf, der von Zeit zu Zeit hinter der Schuppenecke hervorkam, einen heidenmäßigen Hagel von Verwünschungen und Drohungen ab. Als er aber einmal absetzte, um Atem zu holen, schrie der Schnallkejunge aus seinem Versteck: »Fabelaffe! Fünfzehnschneider!« Da fand es Eusebius für geraten, das Feld zu räumen, damit sein Sohn von diesen respektwidrigen Worten nicht noch mehr zu hören bekomme; denn wer mit heißem Eisen zu lange an einer Stelle bügelt, verbrennt das beste Gewebe. Drin empfing Maruschka den Geschlagenen, reinigte seine Höschen vom Staube und tröstete ihn mit herzlichen Gurgellauten. Den Eusebius stachelte sie durch Faustbewegungen zur Rache auf. Der sah eine Weile in ihr erregtes Gesicht, auf ihre fliegende Brust und zwinkerte mit den Augen, wie es seine Art war, wenn ihm etwas nicht geheuer vorkam. Dann trat er auf sie zu und drückte ihre Arme an dem Körper herunter. Das sollte heißen: Geh und mach deine Arbeit! Und das tat der Schneider, obwohl es selbst noch in ihm rumorte. Aber es war ihm unmöglich, diese nackten, prallen Arme vor sich zu sehen, denn dann hätte er hinausstürzen und aufs neue laut schreien müssen, und doch wurde es nicht besser, als seine Hände des Weibes weiches, heißes Fleisch berührten. Nein, ihn packte einen Augenblick gar etwas wie die fliegende Sucht. Deswegen ließ er die Stumme los und stieg kopfschüttelnd in seinen Schneidertisch. Dort nähte er die ganze Geschichte in den Ärmel, den er eben vorhatte, seinen Zorn auf der Wiese und das Zittern in der Stube. Seine Nadel beschrieb lange, jähe Stöße, und sein Gesicht war gerötet wie damals, als er Napoleon die Arbeit aufgesagt hatte. Das Licht in der Stube schwankte wie trunken, und die Luft darin war dick, daß sie kaum durch Mandels Lunge ging. Als Maruschka die Stube verließ, um im Garten zu schaffen, hörten die Sonnenringel auf, über die Diele zu tanzen, und alles kriegte wieder sein gemessenes Aussehen. Der Schneider richtete sich von der Arbeit auf und suchte mit den Augen seinen Jungen. Der lehnte im Winkel neben dem Topfschrank. Sein Gesicht war blaß und erschreckt, und seine Blicke lagen schmerzvoll auf seinem Vater, als sei eben etwas Schlimmes passiert, was er nicht begreifen konnte. Mandel legte die Jacke hin und führte den Verschüchterten an den Stuhl. Währenddessen redete er gütig auf ihn ein. Er verbot ihm, je wieder mit dem Martin zu spielen, der den Teufel im Leibe habe und eines Vaters Sprosse sei, der sich zwei Weiber halte. Und wenn er ihm verspreche, nie wieder ohne Erlaubnis sich herumzutreiben, so kaufe er ihm eine Tafel und einen Stift, daß er schreiben und malen könne, was ihm einfalle. Der kleine Amadeus saß neben dem Stuhl auf dem Fußbänklein und hörte auf alles, was sein Vater sagte. Als der aber wieder in seinem Schneidertisch saß und sänftlich mit der Nadel hantierte, begannen aus den Augen des Knaben die Tränen wieder ganz stille zu fließen. Denn er war traurig, daß der Schnallkejunge zwei Mütter habe und er bloß eine, die noch dazu weder sprechen noch singen konnte. Dabei war es doch ein ausgemachter Teufelsjunge, der ihm Hildesheim umgestoßen und seinen Vater zertreten hatte. Und als er bei diesem Punkt angekommen war und seinen Vater von der Seite unauffällig ansah, schien es dem Amadeus auch nicht mehr ganz gewiß, daß ihm Röhrsdorf gehöre. Seine Welt hatte einen Stoß erhalten. Ein Gleiten und Anderssein kam über alles in seiner Seele. Das war manchmal so stark, daß er sich nicht getraute, aufzustehen, wenn er saß, und nicht den Mut hatte, stillezustehen, wenn er rannte. Nicht anders als in eine Fremde war er gekommen, und doch stand seines Vaters Stube um ihn wie immer. Beim Abendbrot sah er plötzlich von seinem Teller auf und richtete seine blaßblauen ruhigen Augen lange auf die stumme Maruschka. Dann fragte er seinen Vater: »Warum kann die Maruschka-Mutter nicht reden und ich kann?« »Deine Mutter ist im Himmel«, antwortete Eusebius und kehrte dabei sein Gesicht ab, damit seine Wirtschafterin ihm nicht die Worte vom Munde absehen könne. »Ist die Maruschka-Mutter nicht meine Mutter?« fragte Amadeus weiter. »O ja, sie ist auch dein.« Darüber geriet der kleine Mandel in große Freude. »Dann habe ich auch zwei Mütter wie Martin«, rief er, »und du hast auch zwei Weiber wie der Schnallkebauer.« Eusebius antwortete darauf nichts, trat ans Fenster und fuhr sich mit dem Taschentuch übers Gesicht. Bei seiner Rückkehr zwinkerte er noch immer mit den Augen und sagte, es sei ihm eine Mücke hineingeflogen. Maruschka, die seine Worte auch verstanden hatte, wollte ihm das Tierchen herauswischen und streckte schon die Hand nach ihm aus. Aber um alles in der Welt hätte es der Schneider jetzt nicht ertragen können, daß sie ihn angriff. Er schüttelte den Kopf, ging hinaus und lehnte sich über den Zaun. Der Himmel war schon tiefer blau von der nahen Nacht, und hinter dem Wald des Langen Busches stieg ein weißes Glänzen herauf. Dorthinein verlor sich des Mandel-Schneiders Sinnen. Maruschka wartete eine Weile, daß Mandel zurückkehre und sein Abendbrot vollende. Als er aber zu lange ausblieb, ging sie auch hinaus und stellte sich zu ihm. Amadeus blieb allein in der Stube zurück, denn er war gar zu glücklich, daß er nun auch zwei Mütter hatte wie der Schnallke-Martin. Und er dachte bald an die eine und bald an die andere. Wenn er die Augen zumachte und über die Stumme nachsann, so wurde das Dämmern in der Stube noch grauer, und die Wände fingen an, ein tiefes, eintöniges Brummen auszuströmen. Lenkte er aber sein Träumen auf die andere Mutter, die nach seines Vaters Worten im Himmel wohnte, so tauchte sich alles in ein weißes Licht, und ganz ferne hörte er Klingen und Singen. Deswegen wünschte er sich, die beiden möchten miteinander tauschen, daß auch seine himmlische Mutter einmal bei ihm sei, ihm gutes Essen koche, seines Vaters Geschichten höre und ihn am Händchen herumführe. Das letzte Fünkchen Sonne war schon lange erloschen, als Mandel und Maruschka ins Zimmer zurückkehrten. Sie zündeten Licht an und fanden Amadeus noch auf dem alten Platz am Tisch. Er lag mit dem Kopf auf seinen Armen und schaute aus großen, stillen Augen geradeaus. Maruschka trat herzu, um ihn zu Bett zu bringen. Bei ihren begütigenden, formlosen Lauten schrak er leicht zusammen. Dann schloß er die Augen und war nicht mehr zu bewegen, sie zu öffnen. 4 An diesem Abend lag Amadeus wach, bis das Licht ausgelöscht war. Denn er wollte aufpassen, wie Maruschka in den Himmel fliegen würde. Draußen stand die blaue Nacht, und das Mondlicht lag im Fenster. Und er sah immer dorthinein, in den weißen Schimmer. Ganz fern erblickte er goldene, zitternde Zweige, die auf und ab schwankten. Das rührte gewiß von den Engeln her, die der stummen Mutter winkten, daß sie heraufkommen möge. Nun begannen die Zweige gar zu drehen, erst langsam, dann immer schneller, bis es ein blitzender Wirbel wurde. Endlich hatten sie ein kreisrundes, goldenes Türlein in den blauen Himmel gebohrt. Das stieg allmählich höher, und eine silberweiße Straße floß daraus hervor, die Nacht herunter, durch das Fenster in die Stube. Auf dem Boden über ihm wurden Schritte laut, schwebten die Stiege herab ins Haus, und als sie an der Stubentür anlangten, ging diese von selbst auf. Maruschka trat lautlos ein. Sie hatte ein langes, schleppendes, weißes Gewand an und führte die zwei weißen Ziegen an ihrer Seite. Amadeus verhielt es den Atem. Die Ziegen schnupperten am Boden hin, als suchten sie nach Hälmchen. Als sie aber an die silberblanke Straße kamen, die aus dem Himmel in die Stube hing, stiegen sie auf die Hinterbeine. Seine stumme Mutter wurde lang und fuhr die glänzende Bahn hin durch das Fenster in die Nacht hinaus. Ein Brausen zog hinter ihr drein. Das war bald über dem Dach und versummte zuletzt im Ahornbaume. Dann lag der weiße Weg in den Himmel wieder ganz vereinsamt da, und es sah nur aus, als ob er fortwährend fließe. Das Türlein in der blauen hohen Nacht draußen wurde nicht kleiner oder finsterer, ob auch noch so viel Silberweg daraus hervorschoß. Nein, es zuckte sogar manchmal ein schärferes Blitzen zwischen den Pfosten des himmlischen Ausganges auf, und jedesmal durchfuhr dabei den Amadeus ein freudiger Schreck, weil er dachte, seine andere Mutter würde nun bald erscheinen und durchs Fenster zu ihm in die Stube hereingleiten. Aber er wartete und wartete vergeblich, und die Finsternis kroch aus allen Winkeln der Stube immer dichter an den silbernen Weg heran und verschlang ihn. Wie leicht konnte der Schatten einmal stärker zupacken und heftiger daran ziehen, daß die weiße Bahn mitten entzweiriß. Dann fand seine Mutter nicht zu ihm durch das Schwarze, und er mußte ganz allein im Bett liegen. Das überfiel ihn so, daß er aus Leibeskräften schrie. Eusebius, dessen Bett in der anderen Ecke stand, hörte ihn endlich und kam heran, um ihn zu beruhigen. Amadeus klammerte sich an seinen Vater und wimmerte immerzu: »Die Mutter. Die Ziegen.« Als der Schneider das Fenster verhängt hatte, schlief das Büblein ein. Tief am anderen Morgen, da Christophs Arbeit sich schon in lauter Sonne wendete, trat die Stumme an des Amadeus Bett und weckte ihn. Das Knäblein fuhr schnell herum, und als es die Maruschka vor sich sah, erstarrte sein Gesicht in einem Ausdruck, der halb aus Überraschung und halb aus Bestürzung gemischt war. Dann schob er die Hände des Weibes weg, die ihm über die Stirn fahren wollten, und sah sich ratlos in der Stube um. Maruschka war mit demselben Rock wie je bekleidet, sein Vater saß und nähte, und von den goldenen Zweigen, die das Türlein in den Himmel gebohrt hatten, war auch nichts mehr wahrzunehmen. Nur das Fenster stand angelweit auf, und der Lerchengesang klang in die Stube herein. Aha, dachte Amadeus, während ich geschlafen habe, ist meine stumme Mutter wieder hereingeflogen ins Haus. Aber da mußten die zwei Ziegen doch auch wieder daheim sein. Schnell kletterte er aus dem Bett und lief, wie er war, hinüber in den Ziegenstall. Die beiden Tiere standen wirklich in der halben Finsternis hinten an der Wand und drehten die Köpfe nach ihm hin. Er aber getraute sich nicht an sie heran. Um die zwei Ziegen, die gestern abend in den Himmel gesprungen waren, hatte ein heller Schimmer gestanden. Die beiden andern da vor ihm im Stall trugen hartes Haar, das wirr durcheinander lag. Es waren böse Tiere, die sich mit den Hörnern stießen, und jetzt, da er nicht zu ihnen kam, meckerten sie leer und schreiend und stiegen mit den Vorderbeinen auf die Raufe, als wollten sie sich von den Stricken losreißen und auf ihn stürzen. Amadeus flüchtete, so eilig ihn seine Beinchen tragen konnten, in die Stube und kauerte sich in die hinterste Ecke. Dort schloß er die Augen und wartete beklommen, was sich nun ereignen werde. Eusebius sah wohl, daß sein Junge von etwas Unsichtbarem gejagt würde, daß nicht alles wie sonst bei ihm im Lot sei, und mischte sich lange nicht hinein, mochte Amadeus mit noch so scheuen Augen umherschauen, minutenlang mit blassem Gesicht regungslos an der Wand lehnen und dann bis zu Tränen erschrecken, wenn er angerufen wurde. Zuletzt wurde es ihm mit diesen »Alfanzereien« doch zuviel, und wenn man da beizeiten nicht einen Knoten knüpfte, so gewöhnte sich am Ende das Kind solcherlei Luftnaht an, weil es denkt, es sei schön, und verpfuscht sich seine Zukunft, noch ehe es anfangen kann. Deswegen setzte es der Schneider durch, daß Amadeus übers Anziehen und Waschen in geordneter Laufbahn auf den Fußschemel zu seinem Frühstück kam. Dort hantierte er dann mit dem Töpfchen und dem Brot gar aufmerksam. Eigentlich zu vorsichtig und gemessen, das Köpfchen geneigt, fast wie ein Alter. Und Eusebius dachte bei sich: ein starker Junge; der hat alles von mir! und spitzte seinen Mund noch einmal so froh, als er den Faden näßte, um ihn ins Öhr zu führen. Dann kümmerte sich niemand mehr um den Knaben, der zu essen aufgehört hatte. Die Händchen lagen vor ihm auf dem Stuhle, und sein Köpfchen war noch immer geneigt. Von Zeit zu Zeit nur lugte er unter der Stirn hervor. Denn die Stube da vor ihm, alle Geräte darin, überhaupt sein ganzes Leben waren ihm ganz fremd geworden. Der Ofen hatte am Fuß ein schreckhaft gähnendes Loch, aus dem ehedem die tausend Menschen von Berlin hervorgefahren und mit großem Geräusch über die Dächer weitergereist waren. Heute stand nichts als ein alter Stiefel seines Vaters darin und ließ den Schaft auf die Seite hängen. Die Schemel stemmten ihre steifen Beine hölzern gegen den Boden, und ehedem waren es doch Pferde gewesen, mit denen man nach Hamburg oder Halle reiten konnte. Der Blechtrichter blies nicht mehr so laut, daß man schon springen mußte, wenn man nur darauf sah, und der bauchige Krug, der früher als eine dicke Frau so possierlich im Topfschrank auf und ab marschiert war, streckte starr seine Schnauze von sich und rührte sich nicht, als sei er gar tot. Amadeus bekam schwer Atem in dieser heimlichen Fremdheit. Dazu schoben sich auf einmal draußen dichte Nebel um das Schneiderhaus, und die Sonne lag darin, daß die Federn der Frau Holle da und dort goldig schimmerten. Durch jedes Fenster flossen blaßgoldene Lichtsträhne in die Stube und hingen bebend in der Luft wie Saiten, auf denen jemand spielt; immer vier nebeneinander, gerade so viel wie Scheiben im Fenster waren. Amadeus horchte, was für eine Musik daraus hervorgehen würde; aber es blieb still. Manchmal stiegen die goldenen Saiten nur gegen die Decke oder sanken zu Boden. Als der Knabe das sah, fiel ihm die Silberstraße ein, auf der Maruschka gestern nacht in den Himmel geflogen war, und er dachte: wenn das nicht aufhört, kann es noch so weit kommen, daß mein Vater auch noch zum Fenster hinausfährt. Aber er verhielt sich doch ruhig, schloß die Augen und lauschte, weil er das Klingen der goldenen Zweige hören wollte, mit denen die Engel die Menschen von der Erde locken. Nachdem er so eine Weile in seiner Nacht gesessen hatte, begann es ganz weit vorüberzuwandeln, so leise und so hoch wie der Ton einer kleinen Glocke. Je näher das Läuten aber in ihm kam, desto mehr vermischte es sich mit einem Rauschen und ging endlich ganz darin unter, daß zuletzt nur ein Geräusch in seinen Ohren war, als wenn der Wind die Kleider eines Menschen treibt. Da wurde dem Amadeus angst bis in seine Seele hinein, denn er meinte, jetzt hätte es seinen Vater gefaßt und trüge ihn zum Fenster hinaus. Deswegen öffnete er schnell wieder seine Augen und sah nach seinem Vater im Schneidertisch hin. Was er da sah, war zum Erschrecken. Ein kleiner, magerer Mann hockte dort. Sein großer Kopf, an dem vorn eine lange Nase war, hing tief herunter. Alle Augenblicke stieß ein Rucken durch den dünnen Körper, und dann war es jedesmal, als sei das gar kein Mensch, geschweige denn sein Vater, sondern ein großer, schwarzer Vogel, der ohne Unterlaß nach etwas pickte. Niemand anders war schuld daran als der Schnallke-Martin, daß sich sein Vater gar so unähnlich geworden war, weil er ihn gestern so mit den Füßen getreten hatte. Da wurde es ihm weh und weher zumute, was werden sollte, wenn er einen großen, schwarzen Vogel zum Vater habe. Endlich war das nicht mehr zum Aushalten. Er rief mit ausgehender Stimme nach seinem Vater und ließ dabei in Furcht seine Augen wieder zusinken. Ehe er den Ruf noch einmal wiederholen konnte, stolperten schon Schritte über die Diele zu ihm. Er fühlte eine feuchte Hand an seiner Wange herabfahren und dabei sprach eine zirpende Stimme: »Was is dr denn, Amadeus? He, sag och, was hat's denn um Gottes wille mit dir?« Der Knabe bebte am ganzen Leibe. Denn sein richtiger Vater, ehe der Schnallkejunge mit den Füßen über ihn geraten war, hatte weiche, warme Hände gehabt, und seine Stimme hatte geklungen, wie wenn die Sonne in stiller Sommerluft über uns singt. Darum fürchtete er sich, den Verwandelten anzusehen. Auf vieles Bitten wagte der kleine Mandel endlich, doch seinen Blick ins Licht zu führen. Da sah er das erstemal seinen Vater, wie er war: ein schmales, windschiefes Männchen in einer speckigen Jacke, die auf dachschrägen Schultern hing. Mit langen, dürren Fingern ergriff der jetzt seines Söhnleins Hand und zirpte, sie herzlich pressend: »So ein Tausendsasa! Was du bloß schon aso fir Flausen in deinem Köppel hast.« Dann stieg er wieder in den Schneidertisch und flatterte weiter. Amadeus aber war noch immer so betroffen von der unbegreiflichen Wirrsal des Lebens, daß er sich nicht zu rühren getraute, weil er dachte, dann könne vielleicht noch etwas Schlimmeres passieren. Die Balken der Decke hingen, als sollten sie jeden Augenblick herunterfallen. Die Maruschka war in den Himmel gefahren und ging mir nichts dir nichts immerfort ein und aus, und er konnte nicht herausbringen, ob es seine Mutter sei oder nicht. Von seinem Vater wußte er nicht genau, reise er mit dem König von Preußen in der halben Welt umher oder habe ihn der Schnallkejunge in einen schwarzen Vogel verwandelt oder sei er bloß ein krummer Schneider. Alles das bedrückte ihn so sehr, daß er aufspringen und hinauslaufen mußte. Da flogen die Wolken am Himmel. Die krumme Weide schlug mit ihren langen Ästen, als möchte sie für ihr Leben gern mit droben in der Luft reisen. Der Wind warf die Vögel in die Höh', als wären's kleine Steine, und die Bäume neigten sich und fingen sie auf. Aber alles, was Amadeus da sah, passierte ganz weit von ihm, wie in einem andern Lande, und er konnte mit seinen Augen nicht einmal dahin gelangen. Deswegen setzte er sich auf das Bänklein neben der Tür und wartete, daß alles, was er einst gehabt hatte, zu ihm kommen möge. Allein es wurde Abend und änderte sich nicht. Seines Vaters Stimme klang fremd durch die Wand. Der Hainwald stand blau drüben und rückte immer weiter in die Wiese hinein, daß man kaum seine Stämme mehr unterscheiden konnte, und Amadeus dachte, der Wald wandert fort, und wenn er verschwunden ist, bin ich ganz, ganz allein. Eben, als er das sann, sah er hoch in der Luft einen Schwarm Krähen ziehen. Über dem Ahornbaum, unter dem er saß, schwenkten sie ein paarmal im Kreise umher, und in der Mitte war eine, die wäre gern heruntergeflogen und hätte sich in den Zweigen niedergelassen, aber die andern rissen mit lautem Geschrei an ihr, daß sie davon abließ und mit den übrigen weiter in der Höhe dahinschwamm, bis sie alle in den Wipfeln des Waldes verschwanden. Vielleicht war sein Vater doch ein Vogel geworden und wollte gern wieder herunter in sein Haus. Aber die andern ließen das nicht zu und hatten ihn mit sich fortgenommen. Das preßte dem Amadeus so die Brust ein, daß er an seinem Atem gestorben wäre, hätte er nicht angefangen zu singen. Er ließ die Augen zufallen und hing sich mit seiner ganzen Seele an seine Stimme. Die führte ihn sachte aus seiner Angst heraus in eine Welt hinein, die er noch nicht gesehen hatte, und wenn er so oder so sang, wurde Himmel oder Wolke oder Wald oder sein Vater oder seine Mutter, alles, wie es gewesen war und noch viel, viel schöner. Endlich, als es schon ganz dunkel geworden und die Zeit zum Schlafengehen herangekommen war, trat der Mandel-Schneider zu seinem Söhnlein und fragte, was er Schönes singe. Aber Amadeus konnte nicht sagen, was ihm geschehen sei, sondern fiel seinem Vater um den Hals und preßte sich an ihn. 5 Das Türlein, durch das unser Leben im Schlafe zu dem Traume hineinschlüpft, hat so niedrige und eng gestellte Pfosten, daß von der lauten und weiten Last des Tages nur das Allerheimlichste, Kostbarste, was dem Herzen zu allernächst liegt, Eingang finden kann. So blieb die Not und der Kummer des Amadeus um seinen Vater, um seine Mutter, die ganze schwere Sorge wegen der Fremdheit seines Lebens an der Schwelle des Schlafes liegen, und sein nacktes, süßes Seelchen nahm nichts mit in den Traum hinüber als die Ereignisse des Abends, da er mit seiner Stimme die ganze Welt in sich hineingezogen hatte. Die lange Nacht wurde ihm eine einzige Reise durch bunte Verwandlungen: bald flog er über den Wipfeln eines blauen Waldes; bald wehte er so nahe über die Wiese hin, daß die Blumen ihn berührten; bald lag er wunschlos in der höchsten Weite des Himmels verloren, und nichts war um ihn als das Licht der Sonne. Das rann immer an ihm nieder wie ein unaufhörliches, goldiges Wasser. Aber alles, was er im Fluge streifte, mit seinen Händen berührte oder auch nur mit seinem Blick umfaßte, ertönte wie eine Harfe, durch deren Saiten der Wind streicht. Alle Dinge traten aus der Verschlossenheit ihres Wesens hervor, und die Gebärde ihrer Gestalt, ihre Farben offenbarten sich ihm in Klängen, die gleich einer hörbaren Verklärung um sie standen. Beim Erwachen am andern Morgen jedoch riß dieses klingende Seil, das ihn mit allem verbunden hatte, und bei sehenden Augen sank das Bewußtsein seiner geheimnisvollen Gewalt in ihn zurück. Das Traumtürlein schloß sich vor seiner Seele, und er stand wie am Tage vorher in einem Wirrsal unerklärlich schweigsamer Dinge, mit denen ihn nichts verband als ein Ahnen von einer tönenden Buntheit, die verwunschen in allem schlummerte. Und Amadeus hätte vielleicht wieder eine Reihe schwerer Tage an finsteren Wundern gelitten, wenn Mandel nicht, durch die Unruhe seines Knaben recht gewiesen, sich seines Versprechens an ihn erinnert und dadurch dem Luftnähen, wie er es in Gedanken nannte, ein Ende bereitet hätte.   *   An einem der nächsten Morgen fand Amadeus neben seinem Töpfchen das Geschenk des Vaters, wodurch sein Schweifen gebunden werden sollte, eine Schiefertafel und einen säuberlich gespitzten Stift darauf liegen. Mit stillem Ernst, Hunger und Durst vergessend, ging er an die Untersuchung dieses Gerätes, stellte die Tafel auf das Töpfchen und ließ sie ein Dach sein, unter das er zwei Pferde und einen Wagen schob, alles aus Brot zurechtgebrochen. Eusebius duckte sich auf seine Arbeit und gab sich den Anschein eines übereifrigen Mannes. In Wahrheit schielte er nach seinem Jungen und dachte, nun muß es sich zeigen, ob ein Herr in ihm steckt. Natürlich war er darauf gefaßt, daß Amadeus kurzerhand den Stift fassen und das ganze Abc und noch mehr auf den Schieferstein schreiben würde, und sein Erwarten tat ihm ordentlich weh in der Seele. Da er ihn die Tafel als eine Wand an den Stuhl lehnen sah, machte er vor freudiger Bestürzung schon zwei lange, tiefe Stiche, weil er sich sagte: »Der Mordskerl überlegt wie ein Alter!« Die Sache mit dem Dache, die dann wieder an die Reihe kam, war dem Eusebius nicht ganz klar, und er räusperte sich. Als aber nun gar der zukünftige Herr die Brotbrocken mit Hott und Hü unter dem Dache hin und her führte, ließ der alte Mandel die Hübnerjacke fallen, ging hin und unterwies sein Söhnlein über die Bedeutung des Tafelsteines und des Griffels, legte dessen Fingerchen um den Stift und leitete seine Hand auf und ab. So wurden richtige Berge auf der Tafel, und Amadeus freute sich darüber, was alles in dem Stift steckte. Am Ende zeigte ihm der Vater, wie man das »i« schreibt, und immer, wenn er es fertig hatte und zum Punkte kam, rief er den Namen des Schriftzeichens, lang und mit einer fröhlich-dünnen Stimme, daß es einem Krählaut nicht unähnlich klang. »Ist das ein Hahn?« fragte Amadeus nach einigem Hinsehen. »Warum ein Hahn?« lautete des Vaters verdutzte Gegenfrage, und es war ihm anzumerken, daß er sich ein klein wenig gekränkt fühlte. »Weil er schreit wie Schnallke-Bauers junger, weißer Hahn«, antwortete Amadeus und wußte es sich nicht zu erklären, warum es wie auf Mausfüßchen zornig um des Vaters Nase zitterte. »Ein Hahn!« rief Eusebius endlich höhnisch aus, »ein Hahn! Ein Buchstabe ist das, Junge, merk dir's!« Amadeus suchte den Stab und fand keinen, und weil sein Vater so grob geredet hatte, traute sich der Junge nicht mehr, etwas zu sagen. Nach dem Frühstück machte sich das Büblein auch darüber her, das »i« zu schreiben. Aber das waren komische Dinge, die aus dem Stift kamen, wenn man ihn in die Hand nahm und darauf drückte. Sie kletterten auf allen Linien umher, hingen bald oben in einer Ecke und krochen bald unten in einen Winkel. Jetzt lagen sie platt wie die Kinder vor der Hildesheimer Mauer, nun standen sie aufrecht wie ein Glockenturm. Wenn man auf den Topf sah und dann den Stift laufen ließ, so fuhr er rundherum, und es wurde, was er sich dachte. Das dünne Steinstänglein kannte den Ofen und den Stuhl, den Tisch und den Trichter. Amadeus fand gar kein Ende, den Zauber zu versuchen, der in dem Stift verborgen war. Als ein unbegreiflicher Kundschafter führte er das Knäblein in die Heimlichkeit aller Dinge zurück. Und immer, wenn er aufgestanden war, um etwas anderem nachzugehen, hörte er den Stift ganz leise picken, als rufe er nach ihm. Sah Amadeus dann hin, so lag er zwar noch, wie er ihm aus der Hand geglitten war; sobald er ihn aber zwischen den Fingern hielt, floß schon wieder etwas anderes aus ihm heraus. Nichts blieb dem Stift verborgen. Durch die Tür konnte er in den Hausflur sehen. Er wußte, was im Stall war, ohne ihn durch das Fenster schauen zu lassen, malte er alles, was draußen in der Welt stand. Gemach auch erlöste er die Leute, die in den Dingen schliefen. Das Traumtürlein in des Amadeus Seele öffnete sich. Das klingende Seil, das ihn an jenem Abend mit allen Weiten verbunden hatte, ging strahlend daraus hervor, und die tönende Verklärung, die in den Wesen der Erde schlummert, wurde in dem Herzen des kleinen, blassen Schneiderjungen erschlossen. Er ließ die Krähen durch das Blau der nahen Nacht tauchen und in Lüften Zwiesprach' halten. Seine andere Mutter kam auf der glänzenden Straße zu ihm aus dem Himmel gefahren, sein Vater war weder ein schwarzer Vogel noch ein windschiefes Männlein, sondern wanderte wieder mit dem König von Preußen umher, und alles, was Amadeus malte, sang er mit weicher, glockenheller Stimme. Oft stand Eusebius auf und sah dem versunkenen Knaben über die Schulter, ohne begreifen zu können, wie von den Strichen und Ringeln, die wirr die Schiefertafel bedeckten, so wundersame Sachen in seine Seele und solch nie gehörte Lieder von seinen Lippen kommen konnten. Dann saß er wieder auf seinem Platz und war oft nicht imstande, die Hände in gewohntem Fleiße zu rühren. Denn der Gesang seines Jungen brach den Bann des Schweigens und Verstummtseins, der seine Vergangenheit gefesselt hielt. Bunte Schleier stiegen aus vergessenen Schächten, und Lichter glommen aus Dunkelheiten seines Lebens. Der Hainwald, durch den sein Weib auf Nimmerwiedersehen gefahren war, hüllte sich in Schimmer, und einmal sah er Agathe gar selbst aus dem Schatten der Bäume auftauchen, leibhaftig, wie sie gewesen war: den Kopf geneigt, daß das lange, ruhige Gesicht unter der Bänderhaube nicht zu sehen war. Das Gebetbuch mit stiller Hand an die Brust gedrückt, und der Rock rührte sich langsam von ihrem festen, ruhigen Gange. So schritt sie daher, wie sie Mandel wohl tausendmal von diesem Fenster auf sein Häuschen hatte zukommen sehen. Als er aber klopfenden Herzens sich vorneigte, um die Erscheinung genauer zu erkennen, verschwand alles in nichts. Nur das Sonnenlicht zitterte eine Weile goldiger über der Stelle, wo sie gewesen war. Durch dieses Gesicht wurde es dem Eusebius klar, von wem Amadeus die vielen Lieder empfangen hatte, mit denen er das Schneiderstübchen unter dem Ahornbaume zu Oberröhrsdorf erfüllte. Gerade so weich und leise hatte Agathe einmal gesungen, da Mandel als junger Bursche, hinter einem Kornfeld liegend, sie zu einem Lustgange durch die Wiesen erwartet hatte. In jener Spanne Zeit waren vor seinen Augen auch rote, glänzende Ströme über die Ähren gefahren von ihrem heranwandelnden, versonnenen Gesange. Hernach war zwar in den Mühen des Lebens der Gesang in ihrem Munde verwelkt und verdorrt; allein in ihren Augen wohnte unversieglich ein tiefer Klang, der erst mit dem Tode erlosch. Nun sang seines Weibes Seele, jene verschüttete ihrer fernen Jugend, aus dem Munde seines Söhnleins, so daß es ihm oft war, als sei alles so schön wie früher, und kein Grauses habe dies Stüblein je berührt, noch auch sein Herz, das in seiner Brust hockte, wie ein unflügges Vöglein im Nest, glücklich und überaus unruhig, weil sich die Welt vor ihm auftut. Deswegen plagte Eusebius seinen Jungen auch nicht mehr mit dem »i«; denn er dachte: wenn Amadeus auch nicht »einer vom Gericht wird«, so führten doch tausenderlei Wege auf Erden an ein goldenes Ziel, wenn im Kopfe nur jeder Zwickel an der richtigen Stelle sitzt. 6 So genoß Christoph Eusebius Mandel noch lange voll Behagen, daß sich sein Bürschlein mit dem Stift in der Welt umhertrieb, wie er einst mit seinem Wanderstecken, und aufspießte, was ihm merkwürdig erschien. Die kleine Stube klang tagaus, tagein von dem Liede der kindlichen Stimme, und alles Junge, Bunte und Eingehegte, was je in diesem Raume gelacht, geschimmert und begehrt hatte und seit lange im Dämmern enger Winkel eingeschlafen war und in seinen Schrotwänden vergessen ruhte, wachte aus der Verwunschenheit auf und wurde zu jenem Schleier unwirklicher Bilder, um dessentwillen den Menschen das Leben so kostbar ist. Die Dachkammern wiederholten den Gesang wie ein undeutlich versunkenes Echo, und der Wind, der vor den Fenstern spielte, trug ihn bis an die krumme Weide, die sich deshalb vor Rührung noch ein wenig tiefer neigte und dabei mit den langen Ruten zitterte, als denke sie ihrer eigenen Jugend. Alles hatte seine helle Freude an dem malenden Sänger, der oft schon so tief in die selbstherrlichen Wunder des Liedes vordrang, daß er die Bilder des Stiftes auf seiner Fahrt in die tönende Verklärung gar nicht mehr gebrauchte, sondern an Pünktchen, wie an winzigen Fußtapfen, in das Spiel der Klänge hineinfand und wieder heraus. Das Traumtürlein in des Amadeus Seele schloß sich gar nicht mehr. Es wurde immer weiter und weiter, und endlich wohnte das Junglein mit dem blassen Gesicht nur noch in jenen Beglückungen, welche Menschen von der Welt erfahren, die an einem Herrgottssonntag geboren sind. Fernher wandelte das Lied in seinen Mund, aus Weiten, wo Mächte am Werk sind, die kein Denken fassen, kein Wort ausschöpfen kann. Auch in des Christoph Eusebius Seele grub das Lied des Amadeus, seit es losgebunden, nur Klang, Farbe und Licht geworden war, Tiefen auf, über die der alte Mandel keine Gewalt besaß. Umsonst wartete er darauf, daß der Gesang seines Jungen ihm wieder einmal das Bild seines Weibes aus dem Hainwalde hervorzaubere. Es schien in ihm erloschen und verschüttet für immer. Und ob er sich noch so viel Mühe gab und mancherlei Listen anwendete, er kam in seiner Erinnerung stets nur bis zu dem Punkt, wo er als junger Bursch, in die Feldergasse geduckt, auf Agathe gewartet hatte. Je öfter er an diesem Bilde stockte und sich mit seinem Gemüt in den Zauber jener weit zurückliegenden Zeit verfing, desto unentrinnbarer wurde er wie in einem Feuerkreis gefangengenommen. Ja, manches Mal vergaß er ganz, daß er als alter Mann, dem die Haare schon grau an den Schläfen flockten, auf hartem Brett in enger Stube hockte, und es schien ihm, er liege wirklich draußen unter dem sommerlich-heißen Himmel und das reife Korn woge mit leisem Rauschen um ihn. Dann wandelte wohl aus seines Söhnleins Munde Agathes Gesang zu ihm heran wie damals. Aber die Klänge, die in solchen Augenblicken ihn trafen, waren nicht die versonnen milden, die er ersehnte. Es wehte ihn eine leidenschaftliche Glut an, daß er wie an lustvollem Ersticken würgen mußte. Dann lockte es ihn von seiner Arbeit weg und führte ihn in leichtem Gange über die Diele. Seine Füße vergaßen, daß sie auf mühseligem, achtundvierzig Jahre langem Wege schon hart und steif geworden waren und setzten im Übermut zwischen das gewohnte Schreiten einen schottischen Hüpfer oder das Schleifen eines Ländlers. Oft faßte ihn auch ein ganz ausbündiger Geist. Er fiel mit krähend hoher Stimme in seines Amadeus Lied ein und marschierte mit sägenden Armen in solch kühner Haltung durch die Stube, als sei er entschlossen, ein neues, unerhörtes Abenteuer seiner vielfältigen Lebensfahrt anzugliedern und direkt nach Rußland oder womöglich gar in die Türkei hineinzuwandern. Von solcher Fröhlichkeit angezogen, trat selbst die stumme Maruschka an den kleinen Sänger heran, entzündete sich an seinem eifervollen Gesicht, seinem schimmernden Blick und sog die Gebärde seiner Töne mit den Augen von seinem Munde. Auf diese Weise strömte auch in ihren vollen, üppigen Leib die unbändige Jugend, daß sie nicht mehr bedrückt von ewigem Schweigen, schwer und benommen umherwandelte. Sie reckte die Schultern. Ihr Gesicht glühte. Die Augen bekamen jungen Glanz. Ihre Schritte wurden frei und fest, daß sich die Dielen unter der Last ihres Körpers bogen. Sobald aber Maruschka auf dem Plane erschien, rettete sich der alte Mandel zu seiner Jacke und sah verstohlen und scheu ihrem Aufblühen zu. Der heiße Dunst aus dem Liede seines Jungen umnebelte ihm wie ein leiser Schwindel den Kopf. Und das Gesicht seiner stummen Wirtschafterin nahm dann die Züge seiner Agathe an, die Kleider flossen wie bei ihr um den Schritt, ein Duft wie von reifem Getreide strömte auf ihn ein, und sein Herz zog sich furchtsam bei dem Gedanken zusammen, daß das Weib zu ihm herankommen und ein Schläglein gegen seinen Rücken führen könne, wie es ihre Art war, um ihn mit dem Spiel ihrer entblößten Arme zu fragen, weshalb er gar so versimpelt über der alten Jacke kauere. So flochten sich die beiden alten Menschen durch das Lied des Knaben ineinander, und ohne daß sich Amadeus umzudrehen brauchte, wußte er, wen sein Gesang hinter seinem Rücken bewege: bald wurden seine Töne von leidenschaftlicher, flimmernder Heiterkeit beflügelt, bald strömte bändigend und schwer ein Dunkles, Gewaltsames in sie, je nachdem sein Vater oder Maruschka in sein Bereich kamen. Da ereignete sich eines Tages etwas Seltsames, das dem Singen des Amadeus für lange ein Ende bereitete.   *   Gewöhnlich fährt das Schlafwäglein uns mit hartem Ruck an den Rand der Wirklichkeit, und wie mit einem Stoß werden wir in den Tag geschleudert. Am Morgen jenes Tages aber, der für das Mandelhaus unter dem Ahorn so bedeutsam werden sollte, weil das Schicksal aller Menschen, die darin wohnten, einen merkwürdigen Schritt tat, war der kleine Malsänger gleichsam ohne Erwachen in die Welt des Lichtes gehoben worden. Alle Gegenstände schienen hinter glasigem, durchsichtigem Wasser zu stehen, ungewiß, schwank und fern, und Amadeus selbst fühlte sich nicht fest in seinem Bett, sondern eher auf einer Welle sitzen, mit der er in die Tiefe sauste, wenn er seine Augen schloß, die ihn heraufatmete, sobald er die Lider hob. Sein Vater hatte vor ihm das Bett verlassen, das, schon sauber geordnet, die graugestreifte Decke glatt über die hochgebauschten Federkissen gestrichen, gleich einem Planwagen in der Ecke stand, von dem die Pferde abgespannt sind. Der alte Mandel war fadenleise von seinem Lager in die Kleider gestiegen, als gelte es, an einer Gefahr vorüber, zu seinem Tagewerk zu schleichen, und auch jetzt, da er vor dem kleinen Spiegel an der Wand die letzten Handgriffe zu seiner vollkommenen Ausrüstung besorgte, verhielt er sich gebückt und still. Mit peinlicher Genauigkeit verteilte er die spärlichen, grauenden Haarsträhne über den blasig aufgetriebenen Vorderkopf. Dabei wendete er sich hin und her, um die schwierige Arbeit von allen Seiten auf ihre Wohlgelungenheit zu prüfen. Nachdem alles zur Zufriedenheit beendet war, legte er unter einem schmeckenden Laut seiner Lippen den Kamm in das strohgeflochtene Kästchen unter dem Spiegel zurück, näßte die Flächen seiner Hände mit Speichel und fuhr säubernd über seine Hosen. Dies war so seine Art am Ende jeder Zurüstung, wenn diese auch, mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, nie so gründlich betrieben wurde. Amadeus verfolgte alles mit der Aufmerksamkeit des Frühwachen und dem Erstaunen, das ihm vom Traume noch in den Augen hängengeblieben war. Er sah seinen Vater weit draußen in einer Ungewißheit, daß er es für unmöglich hielt, ihn mit seiner Stimme zu erreichen. Und doch hätte er ihn gern zu sich gerufen; aber er fürchtete, zu sprechen, weil er hätte seine Worte gar so dünn und ängstlich machen müssen, um sie bis in diese Ferne zu bohren. Allein, als er seinen Vater eifrig an den Hosen hinabfahren sah und bemerkte, wie er dann aufgeregt von einem Fenster zum andern trat, in Purzelstößen murmelte und dazu die Schultern hochzog, bekam Amadeus Furcht, er habe etwas Besonderes vor. Vielleicht könne er gar fortreisen wollen. Deswegen faßte sich das Junglein ein Herz und redete durch das glasige Wasser zu dem alten Mandel hin: »Wohin willst du denn gehen, Vater?« Der Schneider, versunken, nur mit sich selber beschäftigt, glaubte, sein Söhnlein schlafe noch. Jetzt, da er von dessen zaghafter Stimme getroffen wurde, drehte er sich jäh herum und krähte fröhlich: »Ach, da bist du ja auch schon aus den Federn! – Ich, Amadeusla, fort? – Ach nee, nirgends will ich hin. Nich nach Rußland und nich in die Türkei.« »Aber warum bist du denn in einem solchen weiten Wasser und putzt die Hosen wie am Sonntage?« fragte der Knabe und stockte ratlos. »Das is doch kee Wasser, das is doch Luft. Das plätschert ja nich. Sieh doch! Na?!« sprach der Schneider sprudelnd und schlug mit den Armen nach allen Richtungen, um sein Söhnlein von den Einbildungen zu heilen. »Du bist schon ein komischer Junge! Mit dem rechten Auge muß man aufwachen, nich mit dem linken. Sonst geht's einem den ganzen Tag konträr.« Dann kam er mit seinen ungleichen, etwas hüpfenden Schritten eilfertig heran, nahm das Kinn des Kindes in Daumen und Zeigefinger, kehrte dessen Gesicht zu sich herauf und redete ermunternd in seine fragenden Augen: »Sieh deinen Vater an, das is ein Kerl, verstehste mich! Wenn mich heute der Herr Gufernement sähen tät, ha, der würde Augen machen! Denn in Rußland geht dir's zu, mein Junge, daß einer manchmal nich sicher is in seinen eigenen Stiefeln. Da darf eens nich lange strizeln, wenn eem der Morgen amal gegen den Strich über die Nase fährt. Da muß man, hops, 'raus und drauf zu, verstehste. Aber das erzähl' ich dir ein andermal. Jetzt steh auf und sei hübsch artig. Gelt, Amadeusla?« Damit verließ er den Kleinen jäh und begann, entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, ein eifriges, unruhiges Wirtschaften in der Stube, im Hause und im Gärtlein, ohne eigentlich etwas Rechtes zu fördern. In seinem schrankenlosen Kopfe gärte ein Wirbel von Bildern. Und während er in seiner Stube zu Oberröhrsdorf auf und ab hüpfte, glaubte er, in einem weiten Saal sich zu einem gefährlichen Unternehmen zu rüsten. Die Wiese im heißen Morgendunste verwandelte sich in eine unendliche Ebene, durch die ein Gewirr von Wegen hastete, kreuz und quer, und er wußte nicht, welchen er einschlagen und wohin er sich wenden sollte. Der Hainwald stand verschwommen im Frühdunst, wie eine ausgedehnte, fremdländische Stadt. Bäume verloren sich als tausend Türme, Häusergiebel, Essen und Fahnenstangen in der rauchigen Höhe. Überall aber, wohin seine erregte Einbildung ihn führte, witterte er eine gewichtige, unerbittliche Person, zu der ihn ein unbegreifliches Anliegen hindrängte, und vor der er zugleich auf der Hut sein mußte. Amadeus war seiner Aufforderung, das Bett zu verlassen, nicht nachgekommen, sondern hockte, das Hemd über die Knie gezogen, auf seinem Lager. Bald strich Maruschka an ihm vorüber: gerötet, schwer und stark, daß alles schütterte und die Teller im Topfschrank leise klirrten; bald rettete sich Christoph Eusebius aus der russischen Ebene in seine Behausung, um schnell wieder von der Scheu vor diesem verwandelten Raume vertrieben zu werden. Durch dies ziellose, leidenschaftliche Umherfahren wurde ihm sein Vater wieder fast so fremd, als da er einst ein Vogel gewesen, und jeder verfehlte Gang brachte ihn ein Stück weiter von ihm. Dazu verdichtete sich das glasige, durchsichtige Luftwasser immer mehr und hüllte den alten Mandel zuletzt wie in Flimmer ein. »Mein Vater ist jetzt in Rußland«, dachte Amadeus, weil er sich das Unbegreifliche nicht anders erklären konnte. Dann verließ er sein Bett und saß nicht lange danach wieder vor dem Stuhl am Fenster, seinem gewohnten Träumerplatz. Denn er sehnte sich nach einem schönen Liede aus der Unrast, die von seinem Vater auf ihn eingedrungen war. Aber auch draußen fand er keinen Halt. Die Luft war ein heißes, silberweißes Zittern, ein unruhiger, zuckender Schleier, hinter dem alle Gegenstände halbverweht aussahen. Nur das Blau des fernen Bergwaldes baute sich finster und sicher in den hellblauen Himmel hinauf. Ließ Amadeus seinen Blick auf diesem schönen Dunkel ruhen, so machte sich, ganz leise gehaucht, der Prunk schwerer, samtener Töne irgendwo auf und strich gleich dem windzerblasenen Arpeggio einer fernen Äolsharfe an seinem Ohr vorüber. Sobald aber eine Sonnenschwinge über den Wald tauchte oder sein Vater die Stube betrat, erlosch das Klingen und war auch nicht zu erhaschen, wenn er die Händchen auf seine Augen preßte und in das Dunkel in sich hineinkroch. Nichts nahm er wahr als die Gebärde der dahinwandelnden Töne, aber wie hinter Floren, und spürte nur ihren lautlosen Takt gegen sein Herz schlagen. »Vater, ich kann das Lied nicht kriegen«, sagte er endlich vorwurfsvoll zu Christoph Eusebius, der eben wieder vor der fremdländischen Stadt in die Stube geflüchtet war. »Welches Lied?« fragte der alte Mandel zerstreut und trat zu ihm. »Nu, das Lied, das im Schwarzen ist und hinter dem Langen Busch«, antwortete das Kind. Aber der Schneider war zu tief in den Wirbel der Bilder verstrickt, die ihm sein kochend gewordenes Blut in das Hirn trieb. Er murmelte Unverständliches unter der Nase hin und heftete in ungeduldig-furchtsamem Erwarten seine Augen auf die Tür, die er zum Schutze hinter sich ins Schloß gezogen hatte, obwohl doch eine unbewegliche Hitze in der Stube lagerte. In diesem Augenblick hörte Amadeus Schritte durch das Gras auf das Haus zusteuern und sah, wie sein Vater, der sie auch erlauscht haben mußte, davon erblaßte, sich tief vor einem Unsichtbaren neigte und anfing, stammelnd zu sprechen: »Sie wer'n verzeihen«, redete er, »Herr Gufernement, daß ich und ich erlaube mir, bei Ihnen einzutreten. Ich bin zwar bloß ein eefacher Schneider, aber ...« Allein er konnte die Szene des Empfanges, in die unbezwingliche Einbildung seine Sucht hüllte, nicht zu Ende spielen, denn Maruschka trat hochaufgerichtet, breit und fest in die Stube. Wieder glommen ihre Augen in ungewöhnlichem Glanz. Ihre Arme blühten in brauner Frische, und ein unterjochender, aufreizender Strom ging von ihr aus. Der drang auch auf den zarten Knaben ein, daß sich etwas wie Furcht seiner bemächtigte, denn noch nie war ihm seine stumme Mutter so stark und gewaltsam erschienen, und während er auf seinem Fußbänklein ein wenig hinrückte, um aus ihrem Bereich zu kommen, bemerkte er, wie auch sein Vater scheu in den Schneidertisch kletterte und von dort aus nach Maruschka hinblinzelte, indes Blässe und Röte über sein Gesicht jagten. »Herr Gufernement ... Herr Gufernement ... Herr Gufernement ...« murmelte er fortwährend demütig – bittend – heiß – erstickt. Ein unnennbares Bangen packte da den Amadeus, und er vermochte nicht mehr, in die Stube zu sehen, die von Drohen und Schwüle ganz erfüllt war. Aber kaum, daß sein Blick wieder das tiefe Blau des Bergwaldes hinter dem Zittern der Luft traf, schlug es wie das Rauschen großer, feuriger Flügel über ihm zusammen, die Flore seiner Seele zerrissen, und gleich einer tönenden Flamme sprang das ersehnte Lied in ihm auf. Erst waren es lange, süchtige Schreie, die er singen mußte. Dann wurde sein Gesang ein Spiel besonnter, schneller Flügel über Wipfel tief drunten. Endlich schwang es ihn fort wie ein heißer Sturz ins Raumlose, bis er mit stammelnd-süßen Lauten vor einem Tor schwebte, in dem sich der Tanz schwerer Schatten drehte. Und während er so an dem Zauber des Liedes litt, von dem er getragen wurde, spürte er, wie hinter ihm die Klänge seinen Vater aus dem Schneidertisch hoben und über die Diele führten, immer näher an ein Dunkles, Gewaltsames heran, das an ihm sog. Dem Knaben ging fast die Stimme aus vor dem, was dem Vater und seinem Lied drohte. Aber er vermochte sich nicht aus dem Bann zu retten. Es unterjochte ihn derart, daß sein Gesang zuletzt sich in ein leidenschaftliches Hauchen auflöste. In dieser höchsten Not der Verzückung fühlte er einen Schlag durch seinen Körper gehen, wie er uns durchzuckt, wenn nach langer, schneller Fahrt unvermutet der Wagen hält, auf dem wir sitzen. Jäh und schmerzend brach das Lied in ihm zusammen. Erschöpft, wie ein Taumel, saß Amadeus eine Weile, als erwache er aus einem schweren Traume. Endlich wagte er, sich umzuwenden. Da sah er seinen Vater dicht an die stumme Mutter geschmiegt, die ihn, glühenden Gesichts, wie eine wehrlose Beute in den starken Händen hielt. Des Schneiders Finger lagen im Fleisch ihrer Arme vergraben. Er war blaß, trug den Ausdruck tiefen Schmerzes im Gesicht und zitterte wie vor Frost. Dem Knaben traten die Tränen in die Augen, weil Maruschka seinem Vater so übel mitgespielt hatte. Er stand auf, löste Mandels Hand von dem Arm des Weibes und zog ihn zur Stube hinaus. Der Schneider war keines Wortes mächtig und verließ mit seinem Jungen das Haus. Beide gingen über das Wiesenstreiflein bis an die krumme Weide. Dort setzten sie sich nieder und sahen lange, ohne eine Wort zu reden, in das kleine Wasser, das vor ihnen durch das Gras zog. Am Ende holte Christoph Eusebius tief Atem, strich über den Scheitel seines Knaben und sagte, furchtsam bittend: »Amadeusla, gelt, du singst nich mehr?« Das Kind wagte nicht aufzublicken und nickte nur trauervoll mit dem Kopfe. Der Vater schlich sich windschief und gedrückt von ihm auf das Bänklein hinter dem Hause, wo man den Oberröhrsdorfer Weg in den Hainwald laufen sah. Dort verharrte er, ohne nach Speise und Trank zu verlangen, wie stumm und taub, bis es stockfinster war. 7 Tags darauf schwang sich der Mandel-Schneider trotzdem mir nichts dir nichts auf seine Bank und wichste den Faden, als sei nichts gewesen. Den Erfolg der Arbeit konnte man freilich an einen Nagel hängen, der in die Luft eingeschlagen ist, und ob der alte Mandel scheinbar noch so heftig hantierte, hüpfte seine Nadel nur immer in die Höhe, ohne zu stechen; doch regierte ihn dies Treiben nicht aus Verlegenheit, sondern er vollführte es in bedeutsamer Absicht. Der Meister hatte sich vorgenommen, an das Erlebnis des gestrigen Tages nicht mehr zu denken und ruhig seinen gewohnten Weg zu gehen. Und das war das einzige Mittel, die ganze Geschichte aus der Welt zu schaffen. Denn mit Sachen, die uns aus dem Hinterhalt aufhocken, hat es so seine eigene Bewandtnis. Sie reiten uns eine Weile. Aber wenn man im ersten Augenblick, da ihr Quengen ein wenig nachläßt, sie abwirft und entschieden die Tür hinter sich zuschlägt, stehen sie gewöhnlich noch eine Weile und warten, ob man sich wieder zu ihnen findet. Bleibt man aber hartnäckig auf dem Platze, den Überlegung uns angewiesen hat, so schaben sie wohl an der Tür wie ungeduldige Bettler, gucken einem gar mit roten Gesichtern ins Fenster, als sei man ihnen etwas schuldig, und verlieren sich dann doch, daß man unangefochten wieder Herr in seinem Hause ist. Das sann Eusebius, während seine Nadel immer in die Luft schnappte, und je fester er diesen Vorsatz dergestalt zusammenheftete, desto sicherer geriet er in seine alte Laune. Ja, alles hätte sich in dem Schneiderhause wieder an die alte Stelle gefunden, wenn Maruschka nicht gewesen wäre. Ging sie über die Stube, so zog ein weißes Wehen durch die Luft, irgendwo nestelte sich ein Klingen los, und der Meister mochte wollen oder nicht, er mußte sich ducken und mit weiten Augen hinter dem blühenden Weibe herfahren. Auch Amadeus paßte mit einem gewissen Bangen auf, wenn die Stumme in die Nähe seines Vaters geriet, und lugte, ob sie ihm wieder das Zittern über den Körper und die blasse Wehtat ins Gesicht treiben würde wie gestern. Diese Störungen, deren Vermeidung nicht in der Hand des Schneiders lagen, heizten der Mandelstube so ein, daß Eusebius einsah, er müsse sich auf ein anderes Pferd werfen, wollte er in Ehren aus dieser Schwemme reiten, in die er geraten war. Der Förster auf dem Rimberge hatte vor einiger Zeit etwas von dem schadhaften Zustande seiner Montur zu ihm gesagt. Wenn er ihn noch zu Hause traf, ließe sich vielleicht ein Geschäft andrehen. Ohne lange zu fackeln, stieg Mandel aus der Schneiderbank, begann im Hin- und Wiederschreiten sich zu entkleiden und seine Einführung in das Försterhaus durchzuproben. Also: Er klopfte an. – Guten Morgen, Herr Revierjäger! – Morgen, Meister! Was Tausend bringt Sie mal hier herauf? – Sie wissen, Herr Revierjäger, Schwalben und Schneider haben die gleiche Vorliebe. – Na und inwiefern? – Nu, es leid't sie nich um die niedrigen Traufen. Am liebsten gehn sie hoch 'naus. Ja, deswegen komm' ich eben zu Ihnen ... und so weiter. Er wollte Hannes, nicht Christoph Eusebius heißen, wenn er dem Förster nicht eine Uniform machte, wie noch keine in einem Jägerschrank gehangen hatte, solange der Rimberg stand: Militär! Schneid! Einen Schnitt zum Reißen! Jawohl, so wollte es Mandel deichseln. Diese bunten Blasen kochte seine Seele, indes er bei ruhloser Wanderung die Vorbereitungen zum Weggange beendete. Zuletzt stand er mitten in der Stube und schätzte ab, welchen Stock er nehmen sollte, den aus Berghasel mit der geschnitzten Krücke oder das blanke Pfefferrohr mit der schönen Meltonfarbe. Er entschied sich für den letzteren, das vornehmere Gehgerät, weil er sich überlegte, daß nichts einen Handwerker, insbesondere einen Schneider, besser bei den Kunden einführe als eine unaufdringliche Vornehmheit im Äußeren. Aus diesem Grunde hängte er auch den grünen Flausch wieder in den Schrank, tat seinen schwarzen Spenser um und bedeckte sich mit dem halbharten Filz. So ausgerüstet, winkte er Maruschka herbei, und als sie vor ihm stand, wie immer die drallen Arme friedsam ergeben unter der hohen Brust verschlungen und die Blicke achtsam auf des Meisters Mund gerichtet, erschien dem Eusebius die ganze russische Geschichte als belangloser Schwank und seine gestrige Unruhe bis in den Abend hinein als ein unsinniges Nebeleinsacken. Wenn's irgendwo in das geheime Nadelbüchschen seines Innern ein Loch gebohrt hätte, so wäre er doch jetzt, da er stand und sie ansah, nicht so knopfkühl gewesen. Nein, nein! Und wenn sich trotzdem bei dem Amadeusliede ein Unkrautsämlein bei ihm eingeschmuggelt hatte, so konnte er es ja gleich mit dem ersten Faserchen herausreißen. Um einen Anlaß war er nicht verlegen. Er richtete sich auf, legte die Hand auf seine schadhafte Hüfte, setzte den Fuß ein wenig vor und sagte dann in verweisendem, aber durchaus würdigem Tone: »Die Beete im Garten sind voller Melden.« Maruschka sah ihn erst verdutzt an und brach dann in spöttisches Gelächter aus. Mandel ließ sich nicht aus dem Konzept bringen und wiederholte standhaft: »Melden!« Und als die Stumme, anstatt von der ernsten Unbeirrtheit des Schneiders zerschmettert zu sein, ihr Gelächter nur vergnügter wiederholte, schnitt der Meister ein Paar messerscharfe Lippen und sagte drohend: »Melden, dumme Meste, Melden!« Dazu versetzte er ihr andeutungsweise mit der flachen Hand einen Schlag auf den bloßen Unterarm. »Ich werd' dir's zeigen!« Dann ging er mit ihr hinaus, lehnte sich an den Zaun des Gartens, und obwohl die Beete nicht ein Speierchen Unkraut aufwiesen, lachte er der Stummen frech in das jetzt blasse, eingekniffene Gesicht, fuhr mit der Hand über allem hin und sprach rücksichtslos: »Wenn ich dir sage, Melden, da hat's eben Melden! Das merk dir ein und für allemal.« Dann schwenkte er sich aufgereckt in die Straße nach dem Rimberge und weiter durchs Dorf. Hinter den ersten Häusern blieb er einigemal stehen, suchte sich einen kleinen Stein auf dem Wege aus, stieß seinen Stock darauf und lachte dabei in höhnischem Triumph. Auf den Rimberg zu seinem großen Geschäft kam der Schneider trotzdem nicht. Zunächst geriet er dem Fingerkrämer ins Garn, der am Ende des Dorfes, etwas abseits in einer kleinen Mulde unter Obstbäumen, seinen winzigen Handel trieb. Er saß mit ihm auf der Hausbank und hörte den Neuigkeiten zu, die der bartlose, endlos magere Mann mit hoher, fast singender Stimme zusammenschwatzte. Beim Nesselmüller erfuhr er, daß der Förster an der äußersten Grenze seines Reviers beim Wegebau sei und vor dem Abend nicht nach Hause komme. Er verweilte sich auch hier ein Viertelstündchen und stieg dann, in eine gehobene Zerstreuung verfallend, doch den Rimberg empor. Ein Singen, in dem des Fingerkrämers und seines Amadeus Stimme durcheinandergingen, lief neben dem Schneider her. »Wo willst du denn hin? Der Förster ist doch nicht zu Hause«, schrie ihm der Müller nach. »Daß ich den Weg schon weiß, wenn ich wieder 'rauf muß«, rief Eusebius zurück, und beide Männer lachten. Auf der halben Höhe stand eine Wirtschaft unter zwei mächtigen Linden, und ein Weg führte zwischen Scheuer und Wohnhaus in die Felder hinaus und dann in mählicher Steigung den steilen Abhang hinauf, bis er am Rande einer Waldwiese sich zu einem Fußsteige einengte und unter wilden Kirschbäumen hinlief. Die singende, hohe Krämerstimme, durch die fortwährend doch eine unbestimmbare Trunkenheit blakte, verlor sich nicht aus des Schneiders Ohren. Bald war es, als gehe der lange, bartlose Mann an seiner linken, bald an seiner rechten Seite. Atemlos vom schnellen Steigen, in Schweiß gebadet von der Hitze, wie im Taumel von diesem »Fingergemäre«, kam Eusebius unter den Kirschbäumen an. Er setzte sich in den Schatten, nahm den Hut ab, kühlte sich mit dem bunten Taschentuch das Gesicht und überließ sich ein wenig dem Behagen der Ruhe. So wie ihm aber die Augen zufielen, gab es einen Ruck, und dem Eusebius war es, als falle er vom Berge in die Luft. Er schrak auf und sah über die Wiese, um zu erkunden, wer das gewesen sei. Da gewahrte er ein tanzendes Mädchen, das in solch leidenschaftlichen Wirbeln gerade zwischen den Büschen verschwand, daß ihre Kleider weit über die Waden hinaufflogen. Schnell wischte sich Mandel die Augen aus, um genauer zu sehen; aber da erblickte er nichts als zwei junge Birken, die ihre Kronen auf den weißen Stämmen wiegten. Der Schneider sprang unter Verwünschungen des Krämers auf, trat ärgerlich ein Rainfarnbüschel nieder und machte sich wieder auf die Strümpfe. Gegen Abend fand er sich erschöpft und ausgehungert, ohne rechten Überblick über den Erfolg seiner Geschäftstour, in der Sauerborner Mühle ein. Die war zugleich ein Einkehrhaus. Die Müllerin, sauber und geputzt wie immer, neugierig und zutulich, wie es ihre Art war, setzte dem Eusebius zu, wo er herkomme, und weswegen er im Sonntagsstaat sei. Aber sie kriegte nichts aus ihm heraus. Das verdrückte Männchen biß gierig in das Brot und den Käse und trank das Glas einfaches Bier, ohne zu schlingen. Dabei schaute er in einer Art verzückter Trauer zum Fenster hinaus. Als die Müllerin ihm mit Fragen und Schwatzen gar zu lästig fiel, stopfte er ihr einige schnell zusammengeraffte Lügen ins Ohr. Nach dem Eintritt der Dunkelheit machte er sich auf den dreiviertelstündigen Heimweg. Schon in der Finsternis kam er auf dem Steige, der von den Berghäusern herführt, seinem Hause nahe. An dem Gebüsch hinter dem Schnallkehof stand er still und lauschte. In seinem Hause mußte ein Fenster offen sein; denn er hörte, wenn er den Atem anhielt, doch seinen Amadeus singen: erst weich, wie flehend; dann liefen leichte Triller hin, wie Fächeln durch goldblondes Haar bebt. Eusebius blieb unbeweglich, wo er war, solange das Lied dauerte. Es huschte schnell vorüber und endete mit Klängen von solch leiser Inbrunst, daß dem Meister jeder Ton wie ein siedender Tropfen den Rücken hinunterlief. Im Hause lag dagegen alles schon in tiefster Ruhe. Amadeus schlief, einen Arm unter den Kopf geschoben, und lächelte im Traume. Der alte Mandel kam sich rein wie verhext vor, lehnte den Pfefferrohrstock in den Winkel und schüttelte den Kopf.   *   Den andern und die folgenden Tage kam der Eusebius-Schneider aus dem Sonntagsstaat und den unruhigen Unternehmungen nicht heraus. Wenn der erste Hahnenschrei im Schnallkehofe aufzückte, wurde er wach und lag mit umgehenden Augen, als gelte es, mit Blicken ein ganzes Dorf hinter seine Stirn zu fegen. Immer war er im Mandelhaus zuerst auf den Beinen, machte sich reisefertig und verlangte nach dem Frühstück. Das Erstaunen seiner Wirtschafterin übersah er vollkommen. Indes die Stumme eifrig am Herde hantierte, stand er am Fenster und sah sinnend hinaus. Hastig trank er dann den Kaffee, steckte Modenblätter in die Seitentasche des Rockes und machte sich davon. Aber jedesmal kehrte er nach den ersten hundert Schritten ins Feld zurück und gab Maruschka Anweisungen für den Tag: die Ziegen seien zu striegeln; das Gras müsse gesichelt werden; das Holz im Schuppen sei zu nachlässig gestößelt. Alles sagte er mit Entschiedenheit, und als die Stumme einst mit höhnischen Gebärden fragte, ob der Schornstein etwa gescheuert werden sollte, fuchtelte er eine so erregte Antwort in die Luft, als säßen keine Arme, sondern scharfgeschliffene Messer an seinem Leibe. Er stieg in die Berghäuser hinauf, streifte durch den Ranser, eine Bauernsiedlung unter dem Langen Busch; wanderte nach dem Sauerborn, zerstreuten Wirtschaften, die weltflüchtig eine jäh geneigte, liebliche Talrinne füllten, und trieb sich auch in Bauerröhrsdorf umher. Immer eilig, immer atemlos, den Pfefferrohrstock in der Rechten, den Hut in der Linken, trabte der Schneider durch den Sommerdunst von Hof zu Hof. Er breitete seine Modenblätter aus, redete von den Vorzügen der neuesten Tracht, suchte hier zu einem neuen Anzug, dort zu einer gefälligen Hose oder auch nur zu einer blumigen Weste zu überreden, rollte sein Maßband auf, entfaltete das Merkbuch, war unerschöpflich in seinen Anpreisungen und näßte fortwährend die Spitze seines Bleistifts mit der Zunge. Es nutzte nichts. Die Frauen lächelten versteckt über seine Sprünge, die Bauern riefen ihm lose Grüße auf dem Felde nach, wenn er die Raine schief entlanghüpfte, oder ließen ihn verborgen-schwelenden Spott kosten, wenn er sich zu ihnen auf den Grabenrand setzte und seine Manöver machte. Und alle Tage kehrte der alte Mandel erst in der Finsternis zurück, blieb stehen, betrachtete sein Haus erwartungsvoll aus der Ferne und fühlte sich jeden Abend beklommener, wenn er alles immer dunkel, leer und schweigsam fand. Denn in ihm kauerte hinter Schleiern die Hoffnung etwa auf einen überraschenden, festlichen Empfang: prangende Stimmen, fliegendes Bunt, fröhlich-geschwungene Arme; aber all dies voll Zagen tief in die Brust zurückgeschoben und doch voll Inbrunst zugleich schreiend gesteigert, wie nur die Seele eines geborenen Schneiders leiden kann. Die Sehnsucht, sich ins Ungemessene, Fessellose zu verlieren, trieb ihn zu diesen Geschäftsgängen, auf denen der unmächtige Mann fuderweise prahlte, von großen Veränderungen in seinem »Methir« sprach und dabei höchst seltsame Wendungen gebrauchte. Er wollte die Zeit reiten, das Glück umarmen, das Geschick ins Dünne stoßen und die Gunst ins Bein kneifen. Und von all dem bunten Rausch, den er in den ruhelosen Tagen um sich spann, blieb am Abend, wenn er zagend in sein Haus zurückschlich, nichts als ein schwimmendes Fiebern, eine verzückte Trauer in seinen Augen hängen. Dem Amadeuslein entging die Veränderung seines Vaters nicht. In den kurzen Augenblicken der morgendlichen Vorbereitungen zu den »Touren« hatte der Junge reichlich Gelegenheit, über das Zucken zu erstaunen, das dem alten Mandel fortwährend übers Gesicht lief, und vor der Unruhe sich zu fürchten, die bald als Erblassen, bald als fliegende Röte über ihn flatterte. Er sah ihn Maruschka aus dem Hinterhalt anfunkeln und hörte ihn vor jedem Weggange scharf und schneidend mit ihr sprechen. Wenn er seinen Hut dann in den Ährenfeldern schief untergehen sah, dachte der Knabe allemal, das tut der Vater nur wegen der Maruschka-Mutter. Er ist vielleicht noch in Rußland, und sie soll ihn nicht mehr in die Arme nehmen, daß er krank und blaß wird. Bei diesem Gedanken fühlte Amadeus seinen Vater so nahe, als ob er hinter ihm stehe, und hörte mit leiser Trauer sagen: »Amadeusla, gelt, du singst nicht mehr.« Da brachte der Knabe seine Lieder zum Schweigen, auch wenn Eusebius fort war. Am meisten aber litt der Kleine, daß sein Vater ihn gar nicht mehr liebkoste und kaum ein Wort zu ihm redete. Amadeus nahm sich immer vor, ihn anzusprechen. Doch kaum, daß er Miene machte, sich ihm zu nahen, schrak der Schneider herauf, wandte sich betroffen ab oder fragte ungeduldig: »Na, was willst du denn schon wieder, Amadeusla?« Dann brachte der Junge nichts heraus, schlich zum Fenster und preßte das Gesicht an die Scheiben, daß die Stirn weiß wurde. Ein Blumensträußlein, das er dem Vater in einem alten Tassenkopf auf den Schneidertisch stellte, verwelkte und wurde zuletzt von Maruschka heruntergestoßen und hinausgeworfen.   *   An einem Tage endeten des Meisters Unternehmungen schon am frühen Nachmittage in dem Birkenwäldchen, durch das der Kirchsteig von Oberröhrsdorf nach Neudeck gleich einem trödelnd hingeworfenen grauen Salende läuft. Mandel wußte eigentlich nicht genau, wie und warum er dahin geraten war, lag, von einer Weißdornhecke gegen die Blicke Vorübergehender geschützt, hatte eine Schmele zwischen den Lippen und trommelte manchmal mit den Fingern auf seinen halbharten Hut, den er neben sich ins Gras gestellt hatte. Zwischen den weißen Stämmen sah er den kochend heißen Sommerdunst über den gelben Ährenweiten zittern, und manchmal blitzte da und dort eine Sense aus den falben Wogen grell auf. Das Wetzen der Mäher hörte sich an wie das Schleifen eherner Grillen. Zuzeiten polterte eine unförmige Männerstimme in der Weite auf. Schläfriges Radknarren zog in den Ährengassen. »Es wird eine gute Ernte«, sagte Eusebius leise, und ihm war, wenn er hier liege und warte, wachse auch für ihn ein Reichtum. »Es wird eine gute Ernte«, wiederholte er und setzte nach langem, lustreichem Verlieren in einem Gewölk bunter Träume hinzu: »Ich werd's schon machen. Ja, ja, ich mach's.« Auf dem Wege hinter der Weißdornhecke gingen gerade zwei Menschen vorüber. »Du! – So? – Und was hast du denn da gemacht?« fragte eine vor Erregung rauhe Männerstimme. »Was ich gemacht habe?« fragte schnippisch eine Frau wieder. »Na ja.« Dumpf und lauernd klang es. »Stehen gelassen hab' ich ihn. Was denkst du denn etwa weiter, he?« Die Frau lachte voll boshafter, doch, wie er empfand, nicht ganz ehrlicher Geringschätzung. Dann fuhr sie, in überstürztes Schwatzen verfallend, fort: »Er hatte sich schon immerfort ums Haus 'rumgetrieben. Was kann ich denn da dafür, wenn er ...« Die Stimmen wurden undeutlich und verloren sich über den Abhang hinunter. Eusebius ließ die Schmele aus dem Munde fallen, raffte Hut und Stock an sich und zwängte sich durch die Weißdornhecke auf den Weg. Aber die beiden waren schon hinter einer Biegung verschwunden, und nachlaufen mochte ihnen der Schneider nicht. Der Tag stand zudem schon in tiefer Neige. Deswegen schlenderte er bis an das Ende des Wäldchens und sah gespannt nach Oberröhrsdorf hinüber, dessen Wirtschaften und Häuser aus den Essen einen blauen Schleier über die im abendlichen Rot spielenden Schindeldächer in die ruhige Luft hauchten. Das Mandelhaus konnte er nicht finden. In der Richtung, wo es liegen mußte, stand eine Frau auf einem Hügel und sah angestrengt nach der Straße hin, als warte sie auf jemand. Die sinkende Sonne hing gerade hinter ihr über dem Langen Busch. Scharf umrissen und schwarz hob sie sich gleich einem übermenschlichen Wesen gegen das rote Licht ab, drohend und regungslos. Je länger der Schneider hinsah, um so unabweislicher drängte es sich ihm auf, daß in der Gegend, wo das Weib stand, sein Haus liegen mußte. »Heda, gehn Sie gefälligst dort weg. Sie da!« rief Christoph Eusebius für sich. »Mein Haus ist doch nicht dazu da, daß es Ihn'n unter den Rock kriecht.« Als hätte das Weib die Worte gehört, die er in gespaßigem Ärger rief, streckte sie jetzt die Arme zur Seite und beschrieb mit ihnen einige Bewegungen, die wie Ratlosigkeit und Sehnsucht aussahen. Da erkannte er Maruschka in ihr. Zugleich hörte er neben sich die Worte der Frau aufklingen, die er hinter dem Strauche erlauscht hatte: »Er hatte sich schon immerfort ums Haus getrieben«, und unterlag einem unsinnigen Grimm, der wie seit jeher unterirdisch nur auf das Emporspringen in ihm gelauert hatte. »Was hat Sie da 'rauszulaufen? – Wenn sich die Ziegen losreißen! – Oder es kommt ein Kunde. – Alles läßt Sie wieder fünfe gerade sein, das ganze Haus und den Amadeus.« So bohrte Mandel in sich hinein und hieb zornig mit dem Pfefferrohrstock ins Gras, in einen Heckenrosenstrauch, in den grünen Hafer, daß die Körner prasselten. Blindlings schlug er zu, wo es hintraf. Er wartete, bis die Dämmerung eingebrochen war, und schlich dann, gewunden wie ein Schraubenzieher, in sein Haus. Alles war schon wieder finster. Amadeus lag auch schon im Bett und schlief. Niemand, niemand erwartete ihn. Alles war still, wie ausgestorben. Das Essen stand auf dem Tisch, so wie für den ersten besten. Seufzend hing er den Rock an den Nagel, stand eine Weile mitten in der Stube und horchte Nichts rührte sich. Deswegen setzte er sich verstockt hin und aß. Aber er verschlang achtlos und eilfertig die Speise, als müsse er vor dem Schlafengehen noch zu irgend etwas Zeit gewinnen, und lag indessen voll heimlichen, blinden Grimmes weiter mit seinem Gehör auf der Lauer. Doch nichts als die gewohnten Laute der Sommernacht ließen sich vernehmen: der Ahorn rauschte verhalten über dem Dache; das Wässerchen regte unausgesetzt sein winziges, pinkendes Glockenspiel in der Wiese; ein Wachtelkönig schnarrte durch das heiße, finstereinsame Feld, und dann und wann trug der Wind aus den fernen Wäldern einen leisen Brummlaut durch das geöffnete Fenster, der klang wie das traumhafte Spiel einer eingeschlafenen Baßgeige. Da mischte sich unerwartet in dies versunkene Konzert der Sommernachtsfinsternis ein seltsames Geräusch: ein dumpfes Rasseln, und manchmal klang es auch wie das brodelnde Schnarchen eines großen, sterbenden Tieres, wie das Weinen der stummen Kreatur; brach jäh ab, setzte drucksend ein und verlor sich in hohem Wimmern. Jetzt klang es gerade über dem horchenden Schneider durch die Decke, nun schien es von der andern Ecke des Hauses zu kommen, sich im Holzstall zu verlieren, und nun glaubte Mandel, es trage sich von draußen herein. Es wehte über den Hausflur an der Stubentür hin. Darauf erlosch es ganz und klang nicht wieder auf. Eusebius hörte alles, zwischen Angst und Erraffen eingeklemmt. Durch dies regellose, tagelange Wandern und Wuchern über die Grenze seines Wesens hinaus, befand er sich in einer Seelenverfassung, in der er es mit wollüstigem Grausen selbst hingenommen hätte, wenn durch die Tür der Schatten eines Abgeschiedenen getreten wäre. Denn das Mandelhaus war in gar seltsamen Schicksalen seiner Bewohner alt geworden. Dem Großvater des Schneiders, dem Mandel-Fuhrmann, hatte hinter der Neudecker Mulde in einem engen Schlunge, der seitdem die Schwarze Duhne hieß, der Teufel einst ein Bein gestellt. Den Mandel-Weber, seinen Vater, hatten endlose Not- und Hungerjahre mit geräuschlosen, unbarmherzigen Zangen gezwickt, bis er an dem wunden Glanze seiner Hoffnungen gestorben war. Wer weiß, welchen von beiden es nächtlicherweile wieder einmal aus dem Grabe durch das Haus trieb. Eusebius starrte lange an die Wand, ob sich dort die tränenden Augäpfel des Vaters als blutrote Flecken sehen ließen, oder ob etwa der Tote an dem zernommenen Stuhle unter dem Dache zu webern beginne. Es ließ sich nichts mehr hören. Darum wagte der Schneider endlich mit behutsam eingedrücktem Atem das Geschirr vom Tisch zu räumen. Dann ermannte er sich vollends, verschloß die Haustür, schob den Sperrbalken vor, untersuchte jedes Fenster und war so in die Sorge um Abwendung einer möglichen Gefahr verstrickt, daß er nicht bemerkte, wie Amadeus halbaufgerichtet vom Bett aus alles mit ansah und traumbefangen überlegte, warum sein Vater, in einer roten Kugel eingesperrt, immerfort durch die Nacht baumele. Jetzt, da der Schneider noch einmal an das Lager des Jungen trat, lag Amadeus schon wieder in tiefem Schlafe. Nur sein Gesicht war blaß und von Kummer leicht entstellt. Christoph Eusebius sann über die Veränderung aber nicht nach, sondern löschte das Licht aus und suchte sein Lager auf. Während er in die Nacht über sich sah, erblickte er noch einmal ganz deutlich Maruschka vor der Abendsonne auf dem Hübel stehen und sehnsüchtig die Arme in die Luft werfen. Dabei huschte ein Widerklang des Tierweinens durch sein Erinnern. In diesem Augenblick lag er schon im Traume. – – –   *   Mitten in der Nacht fuhr er entsetzt in die Höhe und sah um sich; denn irgendwo hatte es einen Krach gegeben, als schleudere jemand einen Stein gegen die Bohlenwand des Hauses oder breche ein Brett los. Sein waches Ohr konnte nichts vernehmen. Sobald er sich jedoch ins Schummern verlor, ging das Gepolter wieder los, nicht immer in derselben Weise. Manchmal klang es ganz leise, als sei es nur ein Rumoren im Schneider selbst. Das wurde dem Eusebius endlich zu arg, daß es ihn nicht mehr im Bett litt. Notdürftig bekleidet, mit einem langen Lineal bewaffnet, rückte er aus, um der Störung auf den Grund zu gehen. Er durchstöberte alle Winkel, in den Ziegenstall, ja sogar in den Holzschuppen hinein. Zuletzt kam er, ohne etwas Verdächtiges gefunden zu haben, wieder im Hausflur an, stand an der Bodenstiege zu Maruschkas Kammer still, hob die Laterne, horchte hinauf und zählte die Stufen. Es waren ihrer acht bis dahin, wo die Treppe die jähe Kehre machte. Wenn es einen Eindringling gelüstete, hinaufzugehen, so war das ein kleiner Sprung. Denn acht Stufen und die paar, die im Schatten lagen, boten keine Schwierigkeiten. – Warum sollte er nicht hinaufsteigen und sich überzeugen, ob alles in Ordnung sei? Maruschka mit ihrem doppelten Fehler war schutzlos wie eine Kümmeldolde auf dem Rain, die ausklopfen kann wer will, und er war doch als Mann und viel mehr noch als Dienstherr für ihre Sicherheit verantwortlich. Außerdem ließ sich ja bei dieser Gelegenheit auch mit ihr über die Gründe verhandeln, weswegen sie heut abend den Jungen samt dem Hause verlassen und auf dem Hübel jemand herangewinkt hatte. Zögernd öffnete er die Laterne und blies das Licht aus. Sowie der Schneider aber den Fuß auf den ersten Sprossen setzte, um hinaufzusteigen, begann sein Atem zu flattern. Dieser lächerliche Furchtanfall ließ ihn nicht zum zweiten Schritt kommen. Er setzte sich auf die Treppe und wartete im Finstern, bis die Kälte ihm die Knie aneinanderschlug. Der Mandel-Schneider saß eine Stunde und noch länger im Dunkeln. Endlich ließ der unvernünftige Zwang in ihm nach, und er fand gegen Morgen einen tiefen Schlaf. In der nächsten Nacht wiederholte sich der nächtliche Spektakel, und in der folgenden Nacht war es kein Haar besser. Ja, es nahm eher zu als ab, und Eusebius konnte sich keinen Vers darauf machen, was ihm allnacht solcherlei Schabernack mitspiele, daß er nur zu ein paar Stunden der Ruhe kam. Um der Sache auf den Grund zu kommen, ob es mit natürlichen Dinge zugehe, gab Mandel sein geschäftliches Umherstreifen auf, hing den Spenser in den Schrank, kroch wieder in seine speckige Jacke und verlegte sich auf ein geheimes Vigilieren in seinem Hause. Er konnte es ja mit Händen greifen, daß mit seiner Wirtschafterin eine Veränderung vorgegangen war. Sie tauchte nur selten in der Stube auf. In unruhigem Fleiß irrte sie durch den Schuppen, vom Stall in den Garten, über den Hausflur auf den Boden. Mußte sie am Herd hantieren, so duckte sie sich förmlich in die Ecke der Ofenhölle. Ihr Gang war unhörbar geworden, ihre Handgriffe waren ohne Geräusch. Unversehens dampften die Gerichte auf dem Tisch und verschwanden fast auf unerklärliche Weise nach der Mahlzeit, zu der die Stumme nie an ihrem Platz erschien. Nie sah man sie essen, nie ruhen. Sie sah blaß und mißmutig aus, und manchmal erwischte sie Mandel dabei, daß sie ihm einen bitterbösen Blick zuwarf. Es gibt Menschen, die uns ins Unrecht zu setzen wissen, sobald sie sich zu einem Verrat an uns anschicken. Dies Fremd- und Beleidigttun faßte der Schneider, der in allen Finten des Lebens wohlbewandert war, nicht anders als den Beweis verborgener Unternehmungen auf, die von der Stummen gegen ihn begonnen worden waren. Er sah in seiner Phantasie Strickleitern aus Dachfenstern baumeln und nächtliche Besucher in die Kammer seiner Wirtschafterin steigen. Deswegen verdoppelte er seine Wachsamkeit. Kein Picken in der Nacht entging ihm. Das verschlafene Meckern der Ziegen erschien ihm als unterdrücktes Gelächter. Er hörte den Schlüssel der Haustür vorsichtig knacken, und strich der Wind übers Dach, dann war es ihm, als schleiche jemand in Strümpfen über den Boden. In einer Nacht peinigte es ihn mehr als je vorher. Er vernahm sogar etwas wie lustvolles Seufzen bis in den Hausflur hinunter, wo er stand und in fliegender Sucht alle Geräusche mit den Ohren verschlang; da, nun ächzte es wieder! Das ging so nicht weiter. Nein! Die Zähne fest geschlossen, zu allem bereit, stieg der Schneider die Hälfte der Stiege empor, bis er mit dem Kopfe die Diele des Bodenraumes überragte, und beobachtete lange das Bett Maruschkas. Er sah es ganz deutlich im Dämmer des Mondlichtes stehen, das durch das Dachfenster daran vorüberstreifte. Jetzt nahm er genau wahr, wie es unruhig darin wurde. Die Decke wogte, ein nackter Arm streckte sich auf und fiel taumelnd aufs Bett zurück. Dem Schneider stockte der Atem, und er bebte am ganzen Leibe. »Pssst!« machte er laut und setzte in Gedanken entrüstet hinzu: »Was ist denn das! Wirst du wohl 'rausgehn, verdammter Audiat!« Dann wiederholte er abermals sein empörtes: »Pssst!« Da wurde es stockstill. Das Bett stand ruhig wie ein Sarg in der grauen Bodenluft, die flimmernd heiß geworden war. Das runde Giebelfenster hing als bleiches Gesicht droben vor ihm in der Finsternis und stierte ihn mit drohendem Entsetzen an. Eusebius hätte für sein Leben gern noch einmal sein warnendes »Pssst« unter dem Dache hingeschickt, besann sich aber und stieg unhörbar hinunter auf sein Lager. Am andern Morgen war er entschlossen, es koste was es wolle, diese Beule aufzuschneiden. Maruschka trat nach ihrer Gewohnheit achtlos und gleichgültig in die Stube. Allein Mandel ließ sich nicht mehr auswattieren. Er nahm sie aufs Korn und richtete sein streng untersuchendes Auge lange auf sie. Aber da kam er schön bei ihr an. Sie hielt nicht nur seinen Blick aus. Nein, sie kriegte rote Flecken im Gesicht, richtete sich zur ganzen Höhe auf, maß ihn vom Kopf bis zum Fuß und bewegte unter geringschätzigem Lächeln den Kopf, als wolle sie sagen: »Was bildst du dir denn ein?« Und als er zum Beweise der Berechtigung seines Verdachtes auf das nächtliche Spektakel kommen wollte, fing sich seine Zunge in einem glühenden Faden, und die Arme saßen ihm so fest an der Seite, als seien sie überwendlich angenäht. Mit höhnischem Lachen machte die Stumme der Szene ein Ende und schritt der Tür zu. Dort aber kehrte sie sich auf dem Absatz um und ging, aufs höchste erregt, abermals gegen den Schneider los. Ihr Gesicht glühte. Die Brust kochte wie im Krampf. Der ganze Körper zitterte. Aus ihrem Munde kam Sprudeln, Stampfen und Poltern, und mit den Armen schleuderte sie alles entrüstet heraus, was sich gegen den Schneider in ihr angesammelt hatte: er solle sich weder um Ziegen, noch um Melden, weder um Stiegen, noch um Kammern scheren, sondern lieber seinem Handwerk nachgehen. Alle Tage kämen die Leute und mahnten ihn an die Ablieferung der bestellten Sachen, und wenn er sich nicht dazuhalte, so werde der Hübnerbauer die Jacke halbfertig abholen lassen und zu einem andern Schneider schicken. Christoph Eusebius war sprachlos und sah voll Verwunderung in den Wirbel ihrer Arme, der wie ein rotes Feuer vor ihm in der Luft sprühte. 8 So weit war der Mandel-Schneider durch das letzte Lied des Amadeus gekommen. Sein Haus lag auf ihm wie ein Alp. Maruschka versank nach dem wilden Auflodern ganz hinter die Mauer ihrer doppelten Abgeschlossenheit. Sein Junge stahl sich wie ein Fremder in weitem Bogen um ihn. Alles Schimmern und aller Tanz war in die Schrotwände des Hauses zurückgesunken, und Eusebius brachte es zu nichts weiter als zu leerem Trödeln und wußte nicht ein noch aus. Sicher rührte es von jenem Abende her, an dem Amadeus in seinem Bett hinter des Vaters Rücken das seltsame Tierweinen miterlebt hatte, daß der Knabe von dem Bilde besessen war, Eusebius und Maruschka hingen, in einer roten Kugel gefangen, hoch in der Nacht am unsichtbaren Seile. Die mürrische Trauer, von der die Stumme umfangen war, machte ihm die Ziehmutter noch unheimlicher, als es früher der Fall war. Ja, der Junge konnte sich des Schneiders Schweigsamkeit nicht anders erklären, als daß er dachte, Maruschkas Stummheit läge wie eine böse Hexerei auf seinem Vater und raube ihm die Worte. Tagelang schlich er der Wirtschafterin nach, um zu ermitteln, wohin sie das Reden tue, um das sie seinen Vater brachte. Aber Amadeus erlistete nicht mehr, als daß er sie einmal im Holzstalle ertappte, wie sie in der Ecke stand und weinte. Die Laute, die sie dabei ausstieß, klangen seinen empfindlichen Ohren so furchtbar, daß er erschreckt davonlief. So hatte in diesen Wochen das Kind in Wahrheit weder Vater noch Mutter. Kaum eine rechte Freude hatte es. Denn sobald es versucht wurde, seine Seele durch ein Lied ins Glänzen auffliegen zu lassen, durfte es nur auf seinen Vater sehen, der blaß und eingeknickt im Schneidertisch hockte, und das klingende Wogen verlief sich in ihm. Um alles in der Welt hätte es der Junge nicht über sich gebracht, seinen Vater der Stummen ein zweites Mal in die Arme zu singen, daß er weiß werden und zittern mußte wie dazumal. Nur manchmal grüßte den einsamen Amadeus aus den Wolken frühester Tage eine weiße Gestalt, jenes Traumwesen, das er einst in dem leuchtenden Tore des Himmels hatte verschwinden sehen, und das er seine Mutter nannte. Die Seele des Kindes brach in ihr eigenes Innere auf. Um dieses Bild wob und kreiste alles, was ihm als Lied verwehrt war, und von dem er doch nicht loskommen konnte. Wie von Rausch und Betäubung wurde er erfüllt, wenn sich der Strom verborgener Töne in ihm aufmachte. Dann, ob er stand oder saß, lief oder lag, war er wie verwunschen: seine großen Augen wurden noch weiter und schimmerten, sein langes Gesicht nahm den Zug tiefen Leidens an. Und verließ ihn der Zauber, dem er innerlich lauschte, so ging er mit Schritten davon, die unbeholfen und stolpernd waren, sein Kopf hing zur Seite, und der Ausdruck seines Gesichts war erloschen, fast dümmlich. Er saß auf Steinen, scheinbar mit nichts beschäftigt, und ließ das Sonnenlicht über sich rinnen; ging versonnen, Unbegreifliches summend, im Felde und schrak mit tiefem Atmen auf, wenn ihn jemand anredete. Er erschien allen Leuten als beschränkter Tölpel. Aber die Wäglein des Lebens sausen ohne Unterlaß an dem Menschen vorüber, und ist man von einem heruntergefallen, so nimmt uns das andere wieder auf. Vor allem aber die Kinder gleichen den Vöglein, die immer auf ihre Flügel stürzen. An dem Tage, der den Amadeus ein gut Stück weiter in sein traumhaftes Leben führen sollte, hatte der Hübner-Bauer, unwirsch über die Lässigkeit, sein kleines Mädchen mit einem Zettel zu dem Mandel-Schneider geschickt und ihm darauf mitgeteilt, daß die bestellte Jacke spätestens am Sonntage der sieben Schmerzen, das heißt in der dritten Woche des September, abgeliefert werden solle. Im anderen Falle möge er das Tuch behalten und sich einen Schlafrock daraus machen. Die kleine Veronika Hübner traf in den frühen Vormittagsstunden in dem Mandelhause ein. Eusebius steckte mit einem sauersüßen Lächeln die Ohrfeige ein, entschuldigte sich ein langes und breites und versprach, sicher eher als an dem gedachten »Termus« sich mit der Arbeit in Bauerröhrsdorf einzufinden. Dann gab er dem Mädchen abgespulte Garnwickel zum Spielen und ließ sie die sichergestellte Nähmaschine treten. Er suchte das Kind auf alle Weise zu erfreuen und hinzuhalten, daß sein Junge sie noch treffen und mit ihr motzen könne. Durch solche Artigkeiten hoffte er den erzürnten Bauern wieder zu besänftigen. Doch Amadeus blieb aus. Er war schon zeitig hinausgestreift zwischen Stoppel- und Rübenfelder, in Gräben und Kartoffelfurchen, nicht allzu weit von seines Vaters Hause, daß er dessen Esse gerade noch als ein weißes Mützlein auf dem First balancieren sah. Dort fing er Käfer, sperrte sie in Blätterkästchen, sah die Wasserspinnen über die Tümpel sausen, sammelte sich das winzige Samengeld aus den Klappertöpfen und geriet dabei immer weiter gegen das Ende des Dorfes hin, schweigsam und verführt wie immer. Der Weg, auf dem er sich verlor, strebte sacht bergunter, einer Felsenschwelle entgegen, die, stark umbuscht, sich wie ein grüner Wall quer in die Felder legte. Ehe das schmale Sträßlein sich aber in das Dunkel einer Höhle bohrte, bog es sich in ein paar Windungen und schoß dann schnurgerade und steil bergab. An dieser jähen Stelle stand der Schneiderjunge, als Veronika nicht länger im Mandelhause auf ihn warten wollte und sachte davonging. Er maß die Örtlichkeit mit kritischen Blicken. Und ob es ihn auch gelüstete, es dem Wege gleichzutun und in schnellem Lauf hinunter zwischen die kühlen Bäume zu jagen, er setzte sich auf einen Stein am Straßenrande und schaute versunken so lange auf das Buschwerk drunten, bis ein zauberhaftes Glänzen um die Bäume zu gaukeln begann. Die Bäume hielten erschöpft ihre Kronen in der stillen Hitze, und Amadeus erstaunte darüber, wie sie so regungslos auf ihrem einzigen Beine stehen konnten, ohne umzufallen. Tief im Grün klopfte irgendwo ein Specht wie mit einem kleinen Hämmerchen gegen das Holz, und der Knabe, der den Vogel weder kannte noch sah, dachte, das müsse ein gar winzig Männlein sein, das so leise schlage, und wartete, daß es hervorkomme und ihm Geschichten erzähle, weil sein Vater nicht mehr mit ihm reden mochte. Vielleicht wüßte es gar den Weg zu seiner Mutter. Nicht lange danach, als es das gesonnen hatte, hörte es hinter sich leichte, kurze Schritte und war der Meinung, was es gewünscht habe, geschähe und das Klopfmännlein komme gerade auf ihn zu, konnte aber nicht begreifen, wie das auf einmal hinter ihn geflogen sei. Das Trippeln kam näher und näher, und Amadeus schloß vor lauter Erwarten die Augen, um es nicht zu vertreiben. Da stand das Männlein endlich bei ihm, und der Schneiderjunge hörte es über sich atmen. »Hast du dich verlaufen, Junge, und weißt du nicht mehr nach Hause?« fragte es nach einigem Warten mit einer Stimme, die so schön war, wie Amadeus noch keine gehört hatte in seinem Leben. Er antwortete aber nicht, sondern schüttelte nur den Kopf, damit das Wundermännlein weiterspreche. Aber das verlegte sich auch eine Weile aufs Schweigen. Dann fuhr es ihm mit weichen Fingern über die Augen und fragte: »Warum machst du deine Augen nicht auf und siehst umher? Bist du denn blind?« »Nein«, antwortete Amadeus, »aber, wenn ich nicht aufseh', hör' ich alles besser, was du sagst, und du kannst mir auch den Weg zu meiner Mutter zeigen.« »Wo ist denn deine Mutter?« »Ja, der Vater sagt, die ist im Himmel. Und wenn es licht ist, kann keine Straße sein. Aber wenn ich es finster mach' vor mir, wie in der Ziegennacht, da kann wieder eine silberne werden, und ich geh' hinauf zu ihr und kann wieder singen.« Das sagte das Büblein alles mit aufgelöster, süchtiger Stimme und saß dann wieder ganz still mit gesenktem Kopfe. »Wie heißt du denn?« wurde es weiter gefragt. »Das wirst du schon wissen. Denn bist du nicht das Wundermännlein?« Da ertönte auf einmal ein so lustiges Gelächter, daß der Schneiderjunge verdutzt die Augen aufschlug. Allein er hätte sie gern wieder zugemacht; denn neben ihm stand ein Mädchen, nicht viel größer als er und nicht viel anders angezogen als die Kinder der Bauern zur Sommerzeit. Ein geblümtes Tüchlein saß ihr auf dem Kopfe, und ein rotes Kattunkleidchen ging ihr wenig weiter als über die Knie der nackten Beinchen. Es lachte noch immer, wie wenn es sich ausschütten wollte, und sah dabei den Amadeus vergnügt an. »Gelt, du bist Mandel-Schneiders Junge?« fragte es dann. Aber Amadeus konnte noch immer nicht reden. Denn wenn auch das Wundermännlein aus dem Walde nicht gekommen war, so war das Mädchen da ihm aus dem hellsten Zauber seiner Seele geschenkt worden, daß es nicht minder wundersam erschien und er kaum glauben konnte, es habe Vater und Mutter wie die andern Kinder und sei von der Welt, und er sah sie ohne Wenden mit großen, erstaunten Augen an. So hatte das Mädchen Zeit genug, den Schneiderjungen zu betrachten, von dem es schon allerhand Absonderliches unter den Kindern gehört hatte, und der stille, betrachtsame Ernst dieses frühwachen Gesichtes ging ihm zu Gemüt. Denn es sah aus, als traure der Knabe immerfort darüber, keine Mutter zu haben. Deswegen kam die Kleine aus Betretenheit in ein überstürztes Plaudern und erzählte mit vielen Umschweifen, daß sie Veronika Hübner heiße und bei des Amadeus Vater, dem Schneider, gewesen, damit er endlich die Jacke mache, die schon so lange bestellt sei. Ihre Worte klangen hurtig, und dem Knaben war es, als singe ein Vöglein. Darum stand er nur immer und hörte zu und wünschte, es möchte kein Ende nehmen. Doch endlich hatte Veronika alles erzählt, was ihr einfiel, von den vielen Kühen in ihres Vaters Stall daheim zu Bauerröhrsdorf, von ihrem weißen Schafe, das ihr nachlaufe wie ein Hund, und von der Schule. Sie wußte nichts mehr, bückte sich, zupfte da und dort am Grase und fragte den Amadeus dies und das. Der aber war, als sei ihm Maruschkas Stummheit aufgehockt, und antwortete kaum mit einem »Ja« und »Nein«. Doch da bemerkte er, daß Veronika Anstalten machte, nach Hause zu gehen, ergriff er leidenschaftlich ihre Hand und bat, sie möchte ihn mitnehmen. Obwohl er sich festmachte, nicht zu weinen, so klang seine Stimme doch traurig. Das Mädchen war von der unvermuteten Hitze des Mandeljungen etwas betroffen, noch mehr freilich von seinem Schweigen und eigentümlichen Schauen, das ihr besser gefiel als anderer Knaben Schreien und tolles Gespringe. Deswegen sagte es zu Amadeus, er solle hier warten, bis sie zurückkomme, und lief das Stücklein Weges zurück ins Mandelhaus. Dort bat sie den Meister, seinen Jungen mit ihr gehen zu lassen, und kehrte bald darauf mit einer Mütze zurück, denn der Knabe war barhäuptig. So gingen sie beide auf dem Hohlwege durch die Felsenschwelle und sahen nicht lange danach den felderbunten Kessel von Bauerröhrsdorf unter sich liegen. Die weißen Höfe standen im grünen Grase und waren so groß, daß sie dem Schneiderjungen vorkamen wie ebenso viele Städte. Zwischen den Gehöften machten sich Teiche breit, und auf jedem schwammen Gänse und Enten, daß das Wasser wie mit winzigen, weißen Schiffen übersät war. Amadeus staunte über alle und schaute ein über das andere Mal Veronika von der Seite an, weil er glaubte, all das gehöre ihr. Seine beredsamen Augen, die voll des Glückes im Staunen waren, schlossen in Veronika manches Türlein auf, von dem sie kaum etwas gewußt hatte, und das Mädchen geriet in rechtes Schweifen mit Worten, wie es wohl alle Reichen überfällt, wenn die verwunderten Blicke der Armut ihren Wert ins Ungemessene steigern. So langten sie im Hübnerhofe an, und die Bäuerin war betroffen von dem Knaben, der keine Mutter hatte als nur die taubstumme Maruschka und doch so gehalten und klug vor ihr stand, als behüte ihn Tag um Tag ein achtsames Herz. Sie streichelte seinen Scheitel und redete zu ihm in Güte und Liebe, daß sich Amadeus wie bei seiner Mutter im Himmel vorkam. Es gab auch fettes Butterbrot und Milch und Honig, soviel er wollte, und als die Kinder sich gesättigt hatten, liefen sie durch den Hof. In dem Stalle nannte Veronika jede Kuh beim Namen. Die Tiere drehten den Kopf nach den beiden um und sahen sie aus großen, verwunderten Augen an. Alle Scheu und Ferne wich von Amadeus, und als sie vor den Pferden standen, sagte er, sein Vater sei auch einmal auf einem fast bis nach Frankreich hineingeritten, und wenn er groß sei, dann werde er ebenfalls in alle Welt wandern, nach Hildesheim, Hamburg und Berlin. Veronika hörte zu und lachte ein über das andere Mal, daß dem Schneiderjungen sein Leben so schön und licht vorkam wie vorher. In all dem Reden waren sie aus dem Hofe durch den Garten an den Teich gewandelt. Dort saßen sie und warfen Blumen in das Wasser. Das Rot des nahen Abends stieg schon herauf. Der Teich lag wie eine blanke, große Glasscheibe, und der Himmel mit all seinen verzückten Wölkchen hauchte sein Abbild hinein, und wenn man es sehen wollte, durfte man sich nur vorneigen und auf den Grund schauen. Da war es, als käme die ganze Herrlichkeit der hohen Luft durch ein dunkles Tor aus der Erde herauf. Veronika sagte, das mache der Wassermann, um die Kinder zu verlocken und zu sich in den Teich zu ziehen. Deswegen liefen sie weg, ein Stück in die Wiese hinein, und suchten die Federn der Enten und Gänse, die im Grase zerstreut lagen. Amadeus bekam so viel, daß er seine Taschen füllen und sie kaum mit zwei Händen fassen konnte. Darauf ließen sie die Federn fliegen. Manche schwangen sich auf und verschwanden als kleine Luftschifflein in der Höhe; andere setzten sich ins Gebüsch, als wollten sie Vögel sein und in den Zweigen Nester bauen. Die Kinder sangen ihnen auch die Reimlein vom Maikäfer und bliesen sie lachend davon. Überdem begann es zu dunkeln, und plötzlich stand der Mandel-Schneider bei ihnen. Nicht wie ein Mensch, wie ein Gnom tauchte er auf, der von den Bäumen fällt oder aus der Erde wächst, schaute versunken auf das Spiel der beiden und rückte unschlüssig an seiner Mütze. Amadeus, der merkte, worauf das hinaus wollte, flüchtete sich zu Veronika, und ehe noch Eusebius was sagen konnte, erklärte das Junglein, daß es bei seiner Freundin bleiben wolle. Erst als das Mädchen sagte, Amadeus dürfe nur eine Feder nach Bauerröhrsdorf zu in den Wind lassen, so werde sie kommen und ihn besuchen, willigte er ein. Sie gab ihm zum Abschiede auch einen Kuß und lief dann schnell dem Hofe zu. Die beiden gingen in das dichte Dämmern hinein. Die Höfe lagen bald unter ihnen, und ehe der Weg in das Gebüsch kroch, langte Amadeus in die Hosentasche und ließ eine Feder fliegen. Er war so voll des neuen Reizes, daß er des Erzählens kein Ende finden konnte. Aber je fröhlicher die Worte des Jungen sich drängten, um so einsilbiger wurde der Vater. Das verschobene Männchen strebte, in sich hineinbrütend, vorwärts. Sein Gang war noch ungleicher als sonst. Als das Haus unter dem Ahorn vor ihnen auftauchte, blieb er stehen, nahm des Kindes Hand und schaute sich nach allen Seiten um, ob jemand in der Nähe sei, und sagte dann mit schmerzlicher Stimme: »Sieh, Amadeusla, der Vogel weiß dir's nicht, ob er einen Kuckuck ausbrütet, und was der Mensch manchmal als Stein wegschmeißt, das ist vielleicht das Auge aus seinem Kopfe.« Dann ging er gebückt unter sein Dach, und das Kind, das ihn nicht verstand, folgte ihm zaghaft und furchtsam. An demselben Abende ließ es sich nicht waschen und schlief, mit dem Händchen den Mund bedeckend, ein, um Veronikas Kuß nicht zu verlieren.   *   Das Glänzen, das Amadeus mit in den Schlaf nahm, wurde ihm nicht durch den Traum verwandelt und entwunden. Mit dem ersten Schritt in den Morgen stand der Knabe wieder mitten in dem Zauber des vorigen Tages. Nicht weit von dem Wiesenstreiflein, über das die krumme Weide eine sanfte Herrschaft ausübte, mitten in einer sauren Wiese des Schnallke-Bauers, wucherte eine kleine Wildnis von Haselstauden, Hohlkirschen, Hirschholder, und einige Pfaffenhösleinsträucher waren auch darunter. Die scharten sich ungeordnet und dicht um einen großen Haufen aus Rodesteinen und wisperten und stritten Tag und Nacht, seitdem sie erwachsen waren, wie sie die störenden, stumpfsinnigen Steine fortschaffen oder wenigstens mit ihrem Schatten zermergeln könnten. Aber wie sie sich auch mühten, sie brachten keine solch langen Äste auf, daß sie hätten die Steine unter einem grünen Dache begraben können. Es blieb immer noch ein weiter Trichter, durch den die Sonne ungestört Licht herniedergoß, daß der Steinberg mit seinen Flimmeraugen glücklich blinzelte. In diese grüne Rotunde flüchtete Amadeus aus dem Stocken und Lasten der Schneiderstube. Kein Haus von Röhrsdorf war zu sehen, und selten hörte man aus der Höhe den Glockenruf des Neudecker Kirchturmes vorübersinken. Dort konnte der Knabe machen, was er wollte, und die Sträucher sagten es niemand weiter. Zuoberst auf den Haufen wälzte sich das Büblein einen Stein, der in der Mitte eine Mulde, wie einen bequemen Sesselplatz, hatte. Dann kletterte er hinauf und saß droben auf einem Throne, gleich dem Könige von Preußen. Der kühle Brodem, der über den Wurzeln der Sträucher lag, wurde von der hereinsinkenden Sonnenhitze erwärmt und strich durch die grüne Esse geradeswegs in die Höh'. Amadeus sah die Blätter an dem untersten Zweig sich leise bewegen, als käme unsichtbar jemand zu ihm hereingewandelt. Und wirklich, während er so saß und wartete, was geschehen würde, taumelte ein Schmetterling, der zwei blaue Augen auf den Flügeln trug, durch das Geblätter. Er wurde sogleich von dem Luftstrom erfaßt und in die Höhe getragen. Das zarte Tierlein glitt so nahe an des Knaben Gesicht vorüber, daß seine Wange von den Flügeln wie von einer unendlich weichen Liebkosung gestreift wurde. In diesem Augenblick fiel dem Amadeus der Kuß ein, den Veronika ihm gestern abend gegeben hatte, und es war ihm, als sei er soeben von den Lippen des Mädchens wieder berührt worden. Das brachte einen solch freudigen Schreck über ihn, daß er mit angehaltenem Atem dem Schmetterling noch nachsah, als dieser schon lange von dem Winde durch den grünen Trichter davongetragen worden war. Ein Spiel bunter Farben glomm an der Stelle, wo ihn die blaue Höhe aufgenommen hatte. In dieses Blühen stammelte Amadeus verzückt den Namen seiner Geliebten: »Veronika! Veronika!« Und da alles still blieb, setzte er hinzu: »Komm zu mir von deinem großen Wasserteiche. Ich bin ganz allein und möcht' mit dir spielen.« Das sagte er so leise, wie kleine Kinder oft für sich allein reden, daß es niemand hörte als nur sein süchtiges Seelchen, das diese Worte gebar. Doch Veronika Hübner aus Bauerröhrsdorf erwiderte auf den Ruf ihres kleinen Freundes nichts, ob der auch noch so lange aus seinem Traumstüblein in den Himmel hinaufhorchte. Nur ein schwarzer Vogel kam endlich herangeschwirrt und ließ sich auf der höchsten Strauchspitze nieder. Er blies die Federn auf, hielt den Kopf schief und sah auf den Knaben herunter. Dann flog er mit einem klitschenden Laut davon. Da erinnerte sich Amadeus an die Worte, die das Mädchen gestern beim Abschiede zu ihm gesprochen hatte: wenn er wolle, daß sie komme und ihn besuche, dann müsse er eine Feder hinauf in den Wind lassen. Und er langte in die Tasche und gab einer von den Federn, die er sich vom Hübner-Teiche mitgebracht hatte, die Freiheit. Anfangs wollte diese gar nicht fliegen, sondern taumelte und wär' am liebsten zu den Strauchwurzeln gekrochen. Aber der Knabe half mit der Hand und dem Atem nach, bis das weiße Luftschifflein in den richtigen Zug kam. Es stieg über die Äste in die Luft hinauf, setzte sich in den Wind und segelte fort. Nun war der Mandeljunge auf eine glückliche Art von seinem Einsamsein erlöst. Alle Tage verbrachte er viele Stunden in seinem Strauchzimmerlein, schickte fleißig Botschaften in die Luft und wartete auf Antwort. Da kam es denn manchmal vor, daß irgendwo im Felde ein Kind seine Stimme erhob und nach seiner Mutter rief oder seinem Geschwister. Und wenn so ein Ruf recht weit hergetragen wurde und schön hoch klang, meinte Amadeus allemal, Veronika hätte durch die Luft zu ihm geredet, machte sich nach Gutdünken ihre Antwort zurecht und war über alle Maßen froh. Sein grünes Stüblein weitete sich dann: Wiesen breiteten sich um ihn aus, sonnige Felder, blanke, große Wasserteiche, alles, wie er es in Bauerröhrsdorf gesehen hatte, und das Mädchen war auch da mit ihren fliegenden Röckchen und der hurtigen Vogelstimme. Er trieb sich mit seiner Freundin in dem Traumgärtlein umher und sagte ihr alles, was ihm über die Seele lief. Als die Teichfedern alle weg waren, suchte er sich andere zusammen und schickte sie als Boten denselben Weg. Damit sie aber, die doch seine Veronika noch nicht kannten, in den Hübner-Hof fänden, gab er es ihnen jedesmal besonders auf. Er ahmte auch des Mädchens schönes Geplauder nach, daß sie wüßten, wer unter den vielen Kindern die sei, die er meinte. Und weil Amadeus in den Worten nicht alles unterbrachte, was er für seine Gespielin auf dem Herzen hatte, so dehnte er sie und füllte den Schwung und unbändigen Klang seiner Seele hinein. Auf diese Weise kam Amadeus wieder zu seinem Liede, und da sein Vater nicht dabei war, wagte er, immer lauter zu singen. Nicht lange danach sandte er auch ein Federschifflein an die mütterliche Bäuerin, ja sogar an den Bauer, den er doch nicht kannte. Das Getön des felderbunten Kessels war in seinem Gesänge, der Laut des Teichwassers, das unterm Ufer gluckt, und der hohe Flug roter Wölkchen. Leute, die auf dem Steige, nicht weit davon, nach Sauerborn oder Ransern in die Berghäuser gingen, verwunderten sich darüber, schlichen herzu und bogen die Äste auseinander, den Sänger zu sehen. Erkannten sie aber den Mandeljungen, so verführten sie Reden gegen Christoph Eusebius, die er sich nicht hinter den Spiegel gesteckt hätte, wenn sie geschrieben worden wären. 9 Verborgen blieb dem Schneider das neue Singespiel seines Jungen freilich nicht. In einer Erinnerung, die der Meister nicht klar vor sich aufkommen ließ, wußte er, daß der Knabe und seine Lieder eigentlich von ihm aufs Feld getrieben worden seien. Doch gab er sich dieses Wissen nicht zu. Auf Schleichwegen erreichte er die allgemeine Überzeugung, daß er den Amadeus mit seiner Singerei habe hinausschaffen müssen, weil er ihn in seiner Arbeit störe. Um die letzten Traummeiler seiner Seele dunstete zudem manchmal der Rauch einer Ahnung, daß auch aus der Entfernung seines Jungen Lied keinen günstigen Einfluß auf ihn habe. Dann schlich er sich um des Kleinen Fabelstube und erlauschte allerhand von dessen Gesängen: vom Loch im Wasser, dem Klopfmännlein, der Hübner-Bäuerin und ihrem Mann. Am öftesten hörte er den Amadeus von Veronika, dem kleinen Mädchen, singen. Von ihm und der Maruschka sang er nur immer das dumme, vollkommen verdrehte Lied von der roten Kugel. Deswegen stach den Meister mehr als einmal der geheime Miseldraht dergestalt, daß er schon die Äste bog, um den Jungen von dem verborgenen Flausenthron zu jagen. Allein ein Weiches, Süßes, eine unausdenkliche Schönheit, die nur durch des Kleinen Stimme in dem alten Mandel lebte, hinderte ihn daran. Er kriegte sich immer noch zur rechten Zeit in eine gute Hand und kehrte in sein Haus zurück, ohne sein Kind angetastet zu haben. Doch saß er wieder an seinem Schneidertisch und der schwache Widerhall von Amadeus' Stimme strich durch das offene Fenster an seinem Ohr vorüber, wurde ihm oft zum Schreien heiß und eng in seiner Herzgrube. In den Nächten, die solchen Tagen folgten, ging auch das Rumoren im Hause von neuem los. Christoph Eusebius hatte keine Leibesruh' und hielt wieder stundenlang Wache auf der Bodenstiege. Während dieser wirren Heimsuchungen arbeitete der Schneider unausgesetzt an der Hübner-Jacke. In einer langen, schlaflosen Nacht wurde sie endlich fertig. Beim Morgengrauen nähte er den letzten Knopf an. Er hing sie an die Wand und legte sich schlafen. Am hellen Vormittage erwachte er, vollkommen zerrüttet und erschöpft, mit der Empfindung, am Ende einer langen, mörderischen Wanderung angelangt zu sein. Die Stube lag lautlos in einem aufgedunsenen Lichte, ganz ohne Leben. Amadeus steckte schon wieder draußen im Gesträuch, und Maruschka hörte er mit Holzgeschirren im Tümpel unter der Weide hantieren. Er stützte den Kopf auf die Ellenbogen und verfolgte mit willenlosem Lauschen das Plätschern des Wassers und das Aneinanderstoßen der Geschirre. Dabei kroch seine Seele halb in den Schlaf zurück. Er lag und zwinkerte mit seinen umrunzelten Äuglein. Ohne zu wissen, was er sprach, fragte er sich fortwährend leise: »Was soll denn das sein? Das is doch keine Ernte? Du, Christoph, he, was is denn das, du?« Ein Strähn grauer Haare fiel über seine Stirn, wurde von ihm fortgestrichen, sank aber immer wieder in die Augen. Plötzlich lag er in einer pechschwarzen Wolke, seine Brust wurde von so schwerer Angst eingeklemmt, daß er keinen Atem kriegte. Als er sich von diesem Anfall wie von einem dumpfen Schlage erholte, stand grell die Sicherheit vor seinen Blicken, er sitze verkehrt auf dem Pferde, und wenn er sich nicht zusammennehme wie in des Schlächters Hof halbwegs gegen Hamburg hin, wo er vor dem Gendarmen über die Mauer sprang, die zwei Meter hoch war oder drei, packte es ihn beim Kragen und drückte ihm den Dampf ab. Auf diese Weise, wie er es jetzt trieb, durfte es nicht weitergehen; so fraß er sein Haus auf und sich selber. Wie gestochen sprang er auf und zog sich an. Im Umhergehen knöpfte er die Weste zu. Vom Felde her klang langsam metallisches Pinken, der Dengelschlag eines trägen Mähers. Bei jedem Ton schoben des Schneiders Finger einen Knopf durch das Knopfloch. Dabei zählte er: Eins ... zwei ... drei ... bis acht. Merkwürdig. Als seine Weste geschlossen war, hörte das Pinken draußen auf. Eusebius blieb stehen und verwunderte sich über dies Zusammentreffen. Da schoß es ihm durch den Kopf: Acht, gerade acht Wochen watete sein Leben durch dies wirre, faule Trödeln. Nach Rettung ausspähend, suchten seine Augen die Wände seiner Stube ab. Er bemerkte die Hübner-Jacke am Nagel hängen und fühlte sich beruhigend auf die Schulter geklopft, daß die Zeit doch nicht ganz nutzlos vertan war. Und nun sollte ein anderer Wind durch seinen Ahorn gehen, einer aus dem Effeff. Wenn er sich beeilte, kam er noch vor dem Mittag nach Bauerröhrsdorf hinunter und konnte die Jacke im Hübner-Hofe abliefern. Er zog den Kaffeekrug aus der Ofenröhre und machte sich übers Frühstück. Zwischen Kauen und Schlucken stellte er die Rechnung auf, Posten um Posten, Steifleinwand, Futterstoff, Seide und so weiter, und legte überall einen Zehner oder ein weniges mehr dazu, damit der Bauer etwas zum Abreißen habe. Dann nahm er seinen sonntäglichen Rock aus dem Schrank, breitete ihn auf der Bank aus und legte den Pfefferrohrstock darüber. Ehe er aber die Jacke in die Wachsleinwand schlug, unterzog er sie einer genauen Untersuchung, ob auch überall die Heftstiche entfernt seien, und ob sie im ganzen so geraten sei, vor kritischen Blicken zu bestehen. Er zupfte da und dort, schnippte mit dem Finger darüber hin, breitete sie vor sich aus, hielt sie an langem Arme von sich, hing sie wieder an den Nagel und trat einen Schritt zurück. Denn manches Werk kommt erst von weitem zur richtigen Geltung. Doch er mochte rechts oder links stehen, der Sonne Zutritt gewähren oder den Schatten darauf wirken lassen: keine Beleuchtung, keine Entfernung half. Mit der Jacke war einfach nicht ins reine zu kommen. Dieses Werk, das in seiner Hauptidee so vollendet überlegt und zugeschnitten war, hatte unter den Nachtwachen, dem Rumoren, den unterirdischen Unruhen, der fliegenden Hitze und all den wirren Heimsuchungen wie unter einer ununterbrochenen Rebellion dermaßen gelitten, daß es eigentlich, wollte er ehrlich sein, bloß eine große Anzahl Flickflecken darstellte, deren Vereinigung einen oben und unten offenen Sack bildete, an dem die Ärmel ganz widersinnig gleich zwei gewundenen Tuten hingen, und die Nähte krochen als warzige Würmer ungeregelt in allen Teilen dieses unseligen Kleidungsstückes umher. Nichts an ihr deutete auf den schüchternen Versuch hin, sich dem Leib eines richtigen Bauernburschen anzupassen. Als Mandel sich von der Aussichtslosigkeit jedes Änderungsversuches überzeugt hatte, trat ihm der kalte Schweiß auf die Stirn. Er legte die Jacke auf die Bank neben seinen Rock, sank mit gekreuzten Armen darüber hin, und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre er in Tränen ausgebrochen. Das war keine Entgleisung seines zu reichen Geistes. Aus dieser Verwirrung aller Grundsätze führte keine Spur zu einer freundlicheren Existenz, geschweige ein Weg in die Höfe der Reichen und Vornehmen, wie er doch am Anfange gedacht hatte. Das Sinnen warf ihn durch einen schwarzen Schacht und ließ ihn drunten auf erbarmungslose Steine fallen, daß es wie Funkenstieben um ihn wirbelte. Draußen polterte Maruschka weiter mit den Holzgefäßen in dem Tümpel unter der Weide. Der Schneider wollte gerade denken, es würde ihm wahrhaftig egal sein, wenn er nicht ein Meister, sondern ein Haferkorn wäre, da könnte ihn jeder erste beste Hahn auffressen, und mit dem ganzen bißchen Leben hätte es auf die einfachste Art ein Ende. Aber er konnte diesen Einfall nicht ausspinnen. Die Stumme pumpte die Schäffer fortwährend gegeneinander. Aus dem Gesträuch schwang sich jetzt noch seines Jungen Stimme auf und jubelte über diesen dumpfen, plumpen Trommellauten ins Sonnenlicht hinein. Und während Mandel gezwungen war, eingeschrumpft, über sein verpfuschtes Leben hingebrochen, dieser Musik zu lauschen, verwandelte sich seine Verzweiflung in wilden Zorn. War es eigentlich die Stumme nicht allein gewesen, die ihn in den Wochen durch verwirrte Tage und zerstörte Nächte getrieben und ihn endlich hier über die Bank gestoßen hatte?! Achtlos, gleichgültig, ohne jedes Mitgefühl! Und nun es ihr gelungen war, ihn zu zerbrechen, vollführte sie draußen dies höhnische Pauken. Bei geschlossenen Augen sah er ihre Brust sich aufblähen, die vollen Arme rot strotzen, den ganzen quellenden Körper sich vor Behagen wiegen und drehen. Da kam der todwunde Schneider wie gerissen in die Höh'. Seine Augen wurden lechzend weit und flackerten wie die Augen von Waldtieren, die vor Durst toll sind. Er sprang ans Fenster und warf einen verzehrenden Blick auf sie, prallte aber zurück. Denn eben hatte sich die Stumme aufgerichtet und kehrte ihm ihr vom Bücken noch gerötetes Gesicht zu, in dem ein verschleiertes Lächeln lag. Jetzt hörte er sie auf das Haus zu kommen. Wenn sie nun in die Stube trat, das fühlte der Schneider, dann mußte er sich auf sie stürzen, und es gäbe ein Unglück. Um das zu verhüten und sich und seinen Jungen vor Schande zu bewahren, riegelte er die Tür zu und stemmte sich noch dagegen, um die Wirtschafterin am Eintritt zu hindern. Aber die Stumme wandelte an der Haustür vorüber und verlor sich im Obstgarten hinter dem Schuppen. Da hatte der geplagte Eusebius noch so viel Besinnung, schnell den Rock über sich zu werfen, den Stock zu ergreifen und fluchtartig das Haus zu verlassen. In großem Bogen wich er dem Strauchwerk aus, in dem des Amadeus Stimme dann und wann aufklang, und bog hinter der Moserschenke in den Schrimsteig. Ohne Umsehen, in atemlosem Gang eilte er dem Walde zu, der sich bis an die Landesgrenze erstreckte, als sei er entschlossen, sein Leben hinter sich zu lassen und auf Nimmerwiedersehen aus dem Königreich Preußen auszuwandern. Um die Mittagszeit trat die Stumme in die Stube und sah des Meisters Kleider unordentlich zerstreut auf der Erde liegen. Sie erschrak und wurde bleich bis in die Zähne hinein, doch ging sie nach kurzem Überlegen, zündete Feuer im Ofen an, stellte die Suppe auf den Herd und nahm die Teller aus dem Topfschrank, kurz, sie widmete sich in einer Ruhe ihren Pflichten, als müsse der Schneider jeden Augenblick eintreten. Der Zeiger der Uhr rückte über die Zwölf, und Mandel ließ sich nicht sehen. Maruschka zog den Suppentopf aus der Glut und machte sich auf die Suche. Sie schaute aus jedem Fenster, lief das ganze Haus ab, und als sie unverrichtetersache wieder in die Stube zurückkehrte, las sie die Kleider des Meisters zusammen, nahm sie auf den Arm, strich gar sorgsam an ihnen hin und hing sie in den Schrank. Dabei beugte sie sich wohl zu weit vor, verlor ein wenig das Gleichgewicht und sank auf Augenblicke zwischen des Schneiders Sachen hinein, daß sie mit taumelnden Blicken wieder in die Stube zurückkam. Sie drückte die Augen ein und schüttelte sich mit zornigem Lächeln. Dann ging sie und sah sich nach dem Amadeus um. Während sie aber stand und ausschaute, stieß unvermutet schmerzvolles Glucksen in ihr auf. Das wurde zuletzt so heftig, daß sie in den Holzschuppen gehen mußte, bis es vorüber war. Eusebius rannte indessen ziellos im Walde umher. Er hatte umgeworfen, das war klar. Die Siebensachen seines Lebens lagen wirr zerstreut um ihn. Nur mit Klarheit und Entschiedenheit ließ sich da etwas machen. Aber seinem Sinnen ging es wie einem, der seine Suppe mit der Gabel essen will, denn kaum, daß sich seine Überlegenheit irgendwo festgehakt hatte, kam ihm der Zorn gegen Maruschka dazwischen, und alles kochte in einem heißen Dampf. Es trieb ihn wieder wie in den Wochen vorher, und am Abend hatte er nichts erreicht, als sein Haus im Dunkel vor sich liegen zu sehen und voll schmerzvollen Erwartens nach ihm hinzuschauen. »Entweder ich oder sie«, sagte er endlich vor sich hin, stieß den Stock zwischen dem Beerenkraut in den weichen Waldboden und hängte seinen Hut an die Krücke. Jawohl, sie! Damit mußte er anfangen. Denn von nichts anderem schrieb sich die Verwirrung her als von ihrer Eigenwilligkeit. Sie tat, was ihr gefiel, ging umher und zernahm ihm rein alles mit diesen abgewandten Augen, diesem spöttischen Lächeln, diesem unerträglichen Rucken ihrer Schultern. »Ich werd' sie ins Geschirr bringen, aber nicht zu knapp«, sann er, immer mehr in die Höhe wachsend. »Hab' ich mich vor diesem Napoleon nicht gefürchtet, so werd' ich wohl auch noch einem Weibe den Kopf zurechtsetzen können.« Eine halbe Stunde später saß er wieder in seinem Schneidertisch mit der unumstößlich festen Absicht, seine Wirtschafterin in die alte Botmäßigkeit zurückzuführen und ihr einmal ordentlich den Herrn zu zeigen. Die Stumme erstaunte, den Meister so unvermittelt an dem gewohnten Platz zu sehen. Mandel gab sich den Anschein, als sei sie nicht vorhanden, und verfolgte sie unauffällig mit dem Schwelen seines Planes. Wenn sie sich bückte, so dachte er: Ja, bück dich nur! Ich habe dem Franzelbauer einen Rock gemacht, wie es keinen zweiten in der Umgegend gibt. Ich werde auch dich kuranzen. Wenn sie sich aufrichtete und stark über die Stube schritt, kochte er in sich hinein: der lange Just ist ein Kerl wie ein Baum und – trägt Hosen von meiner Hand. Nein, nein! Eusebius fürchtet sich nicht. Je tiefer es in den Abend hineinging, desto ungestümer, wagehalsiger wurde er, desto verzehrender lagen seine Blicke umher. Alles um ihn wuchs: die Wände gleich hohen Mauern; das Licht der kleinen Tischlampe loderte als ein rotes, unruhiges Feuer; der Uhrschlag klang wie das Klopfen mit einem großen Hammer, und des Perpendikels Schwünge wirkten wie lautlose, verderbliche Sensenhiebe auf ihn. Er saß und wendete mit zitternden Händen das Tuch; er nähte und wußte nicht, wohin er stach, wichste das Garn, ohne eingefädelt zu haben. Dabei verfolgte er alles mit scheuem Lauern und feuerte sich im stillen an: Warte nur, gleich! gleich! Nun endlich entkleidete sich Amadeus, kniete ins Bettchen und betete, rief sein betretenes »Gute Nacht« herüber und schwamm nach einigen leisen Seufzern mit ruhigen Atemzügen dem Traum entgegen. Jetzt war auch Maruschka mit dem Aufwaschen fertig, schlug den ausgewundenen Scheuerlappen aus und hängte ihn ans Ofentürchen zum Trocknen. Darauf trat sie an den Topfschrank, suchte den Schlüssel zum Holzschuppen und verließ die Stube. Nun mußte Mandel handeln. Die Haustür fiel ins Schloß. Der Laut wirkte auf den Schneider wie ein Stoß vor die Brust. Mit klopfendem Herzen und wankenden Knien machte er sich auf. Er ging wie auf einer steilen Leiter. Aber er riß die Tür doch auf und bohrte seinen Blick mit einer solchen Kühnheit in das Dunkel des Flures, daß sich die Finsternis wie eine geprügelte schwarze Katze in alle Winkel verkroch. »Ja, ja«, sagte der Schneider zu sich, »ich bin Christoph Eusebius Mandel! Da hat's weiter nischt.« Mit diesen ermutigenden Worten trat er in den Flur, zog die Tür hinter sich zu und drückte sich in eine Ecke. Er wollte den Handel mit Maruschka hier im Flur ausfechten, denn ein Kind soll vom Streit seiner Eltern nichts wissen. Das Schloß vom Ziegenstall war noch offen. Er drückte es ein über das andere Mal ein. Doch es blieb nicht. Die Ziegen wurden unruhig und meckerten. »Seid ihr still, ihr Teufel«, hauchte er in Aufregung. Da schlürften Schritte durchs Gras. Schnell riß er das Vorhängeschloß ab und steckte es in die Tasche. Er hatte gerade noch Zeit, einen Schritt zur Seite zu treten, da ging die Tür auf. Die Zähne begannen dem Schneider aufeinanderzuschlagen. Krampfhaft sann er: Ich habe ... der lange Just trägt Hosen von mir ... ich habe ... ich habe ... ich habe ... Maruschka war eingetreten und tastete nach dem Drücker. Jetzt streifte ihn ihre volle Schulter. Plötzlich drehte es den Schneider wie ein Wirbel. Der Flur flimmerte. Ein großes, heißes Tor öffnete sich. Aufschluchzend taumelte Christoph Eusebius hinein. Dabei stotterte er fortwährend: »Der lange Just trägt meine Hosen ... Der lange Just trägt meine Hosen ...« Weich und warm schloß die Stumme ihre Arme um ihn. Das seltsame Tierweinen, doch nun ruckend wie in unsäglicher Inbrunst, klang wieder auf. Mandel sog es in sich wie das siedende Summen, mit dem der Hochsommer über reife Ähren wandelt. Talali, talali, talali–i–i– tönte das Lied seines Jungen um ihn. In starken Armen, mehr getragen, schwebte er die acht Stufen der Bodentreppe empor bis dahin, wo sie die steile Kehre machte und dann noch weiter hinauf. 10 Nach dieser erfolgreichen Nacht wendete sich alles im Mandelhause wieder den alten Geleisen zu. Einige Tage später hatte Christoph Eusebius ein Paar Hosen im Hofe des Bauern Tautz auf dem Ranser abzuliefern. Zu manch anderer Zeit hätte es dem Meister den Atem ein wenig abgeschlagen, mit dem Manne einen Handel abzuwickeln. Denn es war ein Kerl, grobgedübelt wie ein Kühschaff, der größte Fläz auf dem Ranserberg, und das will was sagen in einem Ort, wo sich die Männer ihre Meinungen mit den Peitschen um die Ohren hauen. Man hieß den Tautz allgemein den schiefen Scholzen, und das war sein Groll. Denn an seinem mageren, langen Körper war alles in Ordnung bis auf den Bauch. Der stand als ein blasiger Auftrieb, eine Art riesiger Gallapfel, nicht über der Mitte des Beinschlusses, sondern weit ab, etwa über der linken Hosentasche. Der Meister glaubte sein Werk geraten und stocherte während des Gehens spielend mit dem Pfefferrohrstock in dem aufgeweichten Wege, wie es etwa die Art junger Burschen ist, die fortwährend der Übermut juckt. Als nun der Schneider in des Bauers Stube trat, schimpfte der gerade seine Frau aus, weil sie die Hühner des Nachbars in seinem Garten dulde, und schwor, dem Federgezücht nicht einen Knochen im Leibe ganz zu lassen, wenn das noch einmal vorkomme. Dann ließ er sich die Hosen aus der Wachsleinwand packen, sah prüfend an ihnen hinunter und verschwand im Nebenraum. Die Frau setzte sich indes zu dem Meister und versuchte ein freundlich Gespräch, denn sie hatte ein zartes, stilles Gemüt und bemühte sich, den schlechten Eindruck zu verwischen, den ihres Mannes Gepolter hinterlassen hatte. Als aber drinnen ein Paar Stiefeln gegen die Wand flogen, erhob sie sich und ging hinaus. Mandel zählte die Scheiben an den Fenstern und lächelte. Gerade war er über der letzten, da flog die Tür auf, und Tautz kam in Wut heraus und stellte sich breitbeinig vor Eusebius auf. »Vierundzwanzig«, sagte Mandel und ahnte nicht, daß er laut spreche. »Nein, hundert«, brüllte der Bauer, »hundertmal seid Ihr nicht gescheit, Schneider.« »Warum schreit Ihr denn so? Wenn brüllen Klugheit wär', dann ständen auf allen Kanzeln Ochsen statt Pfarrern«, antwortete Mandel mit der freundlichsten Miene der Welt. Auf diese unvermutet scharfe Entgegnung wurde Tautz etwas umgänglicher, und weil niemand in der Stube war, vor dem er sich mit Nachgeben lächerlich machte, sagte der Bauer ganz manierlich, die Hosen seien ja insoweit ganz gut, aber um den Leib säßen sie nicht. Eusebius merkte zwar gleich, daß er den Hosen den Bauch an einer anderen Stelle gewölbt hatte, als des Bauers Leib es zugeben konnte, nämlich an der rechten, statt an der linken Seite, schüttelte aber den Kopf, machte ein sehr bekümmertes Gesicht und sagte endlich, es sei alles ganz und gar richtig, wie es sein solle, aber Tautz müsse krank sein. Denn als er ihm Maß genommen habe, sei sein Bauch auf der rechten Seite gewesen. Allein, solcherlei Sachen und manchmal noch schlimmere passieren eben auf der Welt. Es gäbe ja Nieren, die wandern; warum könne sich nicht auch ein Bauch verschieben? Da müsse er mit dem Arzt sprechen. Wenn er aber die Erfahrung eines vielgereisten Mannes nicht gering anschlage, so rate er ihm, ein heißes Siegellackpflaster auf den erkrankten Teil zu heften und so lange liegen zu lassen, bis es von selbst wieder herunterfalle. Das sei billig und würde dem Leibe die alte Ruhe und Festigkeit wiedergeben. Natürlich müsse er sich während der Zeit aller Erschütterung und Aufregung enthalten. Denn nichts schade bei solchen inneren Leiden mehr als Zorn und Schreien. Darauf sah er dem schiefen Scholzen in die Augen und bedeutete ihm, es sei wirklich in seinem Bauch nicht richtig, denn er habe eine quittegelbe Nickhaut. Das alles sprach Christoph Eusebius mit ruhiger Überzeugung aus, so daß der Bauer anfing, ein wenig bestürzt zu werden. Allein der Schneider hatte zu lange keine Lust gehabt und war darum der Freude etwas entwöhnt. Als er darum des schiefen Scholzen gerunzelte Stirn sah, konnte er sich eines Lächelns nicht enthalten. Da merkte Tautz, daß Mandel nur einen Spott mit ihm getrieben habe, ging stockstill in den Nebenraum und kam nicht lange darnach wieder zum Vorschein. Sein Gesicht war blaß vor Wut. Er hieb die Hosen auf den Tisch, daß die Knöpfe klirrten und schrie: »Die Hosen nehme ich nicht! Sackt Eure Dummheit hinein, und wenn Ihr nicht schnell vom Hofe findet, lass' ich Euch mit den Hunden 'naushetzen.« Unter diesen Umständen war der Schneider eilig draußen. Als er aber den Berg hinunterstieg, kam gerade die Sonne heraus. Er sah sein Haus unter dem Ahorn liegen und mit glänzenden Fenstern zu ihm heraufschauen. Da kam es über ihn. Er trat hinter einen Strauch und machte ein Freudensprünglein. Unterwegs mußte er an dem Oberröhrsdorfer Gasthaus, an der Moser-Schenke vorbei, die hinter einer uralten Linde ein paar Schritte neben der Straße lag. Da standen drei Männer vor der Tür, fuchtelten mit den Händen, sprachen aufeinander ein und lachten dann überlaut. Als sie den Schneider erblickten, riefen sie ihm zu, er käme wie gerufen. So einen, wie den Mandel hätten sie gerade noch gebraucht, denn wo er hinkomme, seien auf einmal fünfzehn mehr da. Um ihren Spott nicht herauszufordern, ging er und setzte sich zu ihnen an den Tisch. Das Geplauder der Männer schaukelte sich spaßhaft hinüber und herüber, und der Meister, dem es war, als sei er in eine neue Sonne gekommen, blieb ihnen nichts schuldig, und bohrte ihm einer ein Loch, so schnitt er ihm zum Dank einen ausgewachsenen Narren. Endlich sagte der Ernsthafteste von ihnen, nun sei es genug mit dem Fetzpopeldrehen, nun müsse man in der Scholzenwahl fortfahren. In diesem selben Winter sollte nämlich der Wechsel des Gemeindeoberhauptes stattfinden. Nach einem alten Brauche eröffneten die Oberröhrsdorfer diesen Handel, der allemal eine gewaltige Bewegung in die Hütten und Höfe trug, mit einem Spottgedicht. Die drei Männer waren nun darüber her, für diesmal das Amt der Wahlsänger zu erfüllen und jedem der mutmaßlichen Kandidaten einen derben Schimpf anzuhängen. Sie drückten ihre Essigspritze gegen Sauerborn ab und lasen vor, was sie zustande gebracht hatten. Wär ich der Müller von Sauerborn, Da kriegt ich alle Tage ein Horn; Denn während ich müller im Räderhaus, Klopft meine Frau die Säcke aus. Eusebius erzählte darauf den Spaß, den er mit dem Tautzbauer gehabt, zeigte die Hosen herum und spielte den ganzen Vorgang mit solch treffender Lustigkeit, daß die drei vor Lachen fast von den Bänken fielen. Dann setzte er sich abseits und machte ein Verslein auf den schiefen Scholzen. Nachdem er fertig war, übergab er den dreien den Zettel mit der Bedingung, ihn, den Dichter, nicht zu verraten, und verschwand, während sie daran buchstabierten. Die Zeilen lauteten: Wär ich der Tautz von Ranserberg, Steckt ich mir in den Bauch ein'n Zwerg. Der kröch bald rechts, bald links herum; Da hätt ich Bäuche um und um. Sie liefen hinaus und riefen dem Schneider lachend nach. Der aber winkte nur aus der Ferne mit der Mütze und strebte seinem Hause zu. So fuhr Eusebius wieder in den Segen seiner tausend krausen Verwandlungen hinein. Die Träume lösten sich aus den Schrotwänden und füllten das Mandelhaus mit ihrem unsichtbaren bunten Dampf; die Fenster sogen das Licht der spärlichen Herbstsonne und hauchten es über des Meisters emsige Hände. Daß er manchmal mit der Maruschka auf den Boden steigen und durch die bunte Scheibe sehen durfte, machte dem Eusebius auch kein kleines Vergnügen. Und wie alle Menschenlust am ungetrübtesten ist, von der niemand was weiß, so behagten dem Schneider diese Ausblicke in die Gegend, wo Adam und Eva ihr Tänzchen drehen, deswegen ganz unbeschnitten, weil von den Späßen, mit denen er sich an die Stumme verlor, nichts störend in seinen Tag widerklingen konnte. Nichts Unrechtes hing um ihn. Ja, es dünkte ihm, sein ganzes Leben sei ein einziges hohes Gelingen. Es ging ihm wie dem Wanderer, der am Ziele seiner Reise jedes Ungemach vergoldet und alle Enttäuschungen als Erfüllungen sieht. Er hatte die Hübnerjacke nicht verdorben, sondern sie ein dutzendmal unter immer neuen Umständen als gelungene Arbeit abgeliefert. Die erfolglosen Streifereien in den wirren Wochen erschienen ihm wie ein einziger Siegeszug seiner meisterlichen Geschicklichkeit. Man hatte sich um ihn gerissen. Er sah in der Erinnerung die Bäuerinnen mit kosendem Wesen um seine handwerklichen Dienste bitten und hörte sich über das Feld hin von allen Männern angerufen. Und alle Geheimnisse, die er aus seinem Leben erfuhr, alle Wunder, die er genoß, lagen wohlverwahrt in der zwiefachen Nacht dieses Weibes, die mit keinem Wort dies Traumwandeln zerriß, sondern von den Einbildungen des Meisters nach seinem Gutdünken geformt werden konnte. Ohne daß er es wußte, war das Gesicht seines Amadeus an ihm wahr geworden, er hing wirklich mit der Stummen in einer roten Kugel über der Erde, zu der er allein den Weg wußte. So glaubte Eusebius wenigstens lange Zeit. An einem Tage aber erkannte er, daß das eine Täuschung war. Sonst schlich sich der Schneider nur bei Nacht zu der Stummen. An diesem Nachmittage hatte Maruschka am Ofen zu tun. Sie öffnete das Türchen, und die Glut des Feuers lief ihr über die Arme, den offenen Hals und flimmerte in ihrem Gesichte. Dem Schneider kam sie so schön vor, wie er es gar nicht für möglich gehalten hatte, und obwohl sein Junge in der Stube war und spielte, winkte er ihr verstohlen zu, bis sie das Scheitlein Holz hinlegte und hinausging. Nach einem schicklichen Weilchen tat auch Mandel seine Arbeit auf die Seite und folgte ihr. Beim Hinaufsteigen über die Bodentreppe ertönte ein Klingen um seinen Kopf, das sich wie die Stimme des Amadeus anhörte. Der Schneider hielt es für das Tönen großer Lust in seinen Ohren und ging weiter. Beim Wiedereintritt in die Stube aber sah ihn sein Junge mit schreckhaft-forschenden Augen an. Das Spielzeug war ihm aus der Hand geglitten. Er saß furchtsam und wagte sich nicht zu rühren. Eusebius wurde von den Blicken des Amadeus merkwürdig tief getroffen, daß er zum Fenster hinausschauen mußte. Von nun an merkte er genauer auf und erkannte, daß Amadeus durch sein Lied an seinen verborgenen Unternehmungen teilnahm: sooft er hinaufschlich, um bei Maruschka zu liegen, klangen selbst die gedämpftesten Schritte im Rhythmus der kindlichen Stimme, in den Schindeln und Sparren sauste auf geheimnisvolle Weise sein Lied und einmal gar, als Mandel nach einem glücklichen Gesetzlein lag und in wohligem Schwachsein die Bretterwand anschaute, sah er auf dem altersgrauen Grunde der Holzbretter, wie aus einer Nebelweite heraus die Gestalt seines gestorbenen Weibes auftauchen, mit vorwurfsvollem Kummer nach ihm hinschauen und verschwinden. Immer wenn dem Schneider dergleichen passierte, zerbrach die bunte Scheibe, durch die er auf sein Leben sah. Das geheime Glück zerfiel, und es kam ihm vor, als sei er nur durch die wirren, schweren Wochen gewandert, um auf einem Häufchen Unrat in einer lichtlosen Tonne zu sitzen. Die Stumme trieb unberührt ihr Gewese, lachte in schweigsamer Heiterkeit und blühte von einem Tag in den andern. Alles, was ihn bedrängte, hatte keinen Fug an sie. Da beschloß der alte Mandel, es ihr gleichzutun und sich mit Gewalt taub zu machen. Allein er mochte sich noch so sehr verschließen und auf den Jungen gar nicht achten, wider seinen Willen sog er gleichsam mit den Poren seines Leibes die Stimme des Amadeus ein und hörte sie dann aus dem heimlichsten Grunde seiner Seele als die Mahnung des Gewissens aufklingen. Manchmal, wenn er den Jungen unauffällig betrachtete, um herauszubringen, was an ihm sei, daß sein Lied diese geheimnisvolle Gewalt besitze, sich in das Tiefste seines Lebens zu mischen, erschien ihm sein Amadeus als kein Kind, geschweige denn als ein Sechsjähriger. Er war größer und schlanker als alle Gleichaltrigen des Dorfes. Seine Bewegungen waren überlegt. Im Gang lag etwas wie predigerhaft Würdevolles. In den Augenblicken stillster Versonnenheit kamen Schatten in seinem Gesicht auf, wie sie nur aus den Räumen schmerzvoller Erfahrung über die Züge des Menschen fallen, und in seine Augen tauchte von innen her ein Feuer, daß sie nicht mehr blau, sondern fast schwarz leuchteten. Die Verwandlung des Amadeus wirkte oft so stark auf seinen Vater, daß er diesem nicht als sein leibliches Kind, sondern wie ein Fremder erschien, der in sein Haus eingebrochen sei und dessen Ruhe und Sicherheit bedrohe. Dann fuhr er auf den Jungen los, sobald er sich zum Singen anschickte, ja er duldete nicht einmal, daß Amadeus seine Lieder auf Papierstreifen schrieb und sie unter stummem Wiegen und mit verhärmtem Gesicht im Innern schwingen ließ. »Laß das Gepunke sein«, schnurrte Mandel los, »du wirst dich inwendig noch ganz verdroseln mit dem Getue, und es wird einmal aus dir nich mehr als ein Bonifaz Windel, als ein Leiermann.« Aber was soll ein Wind anfangen, den der Herrgott über allen Bergen der Erde ins Leben gerufen hat? Er kann nichts als über die Wipfel streichen, und der Knabe verkroch sich nur tiefer in seine klingenden Erleuchtungen und wurde um so inniger verschwistert mit ihnen. In dieser neuen Not kam dem Meister seine Gabe zu Hilfe, in bunten Tüchern über sein Leben zu fahren und die Ereignisse und Heimsuchungen, die er, von der russischen Geschichte angefangen, erfahren hatte, fügte sein listenreicher Geist zusammen und gliederte sie seiner Weltfahrt als ein neues Abenteuer an. Das war keine kleine Arbeit. Er führte Nadelschwünge, die sich wie das Ausholen zu Stockschlägen ansahen; ließ den Faden gleich einer angerissenen Saite klingen und hüpfte mit Stichen durch das Tuch, die Ähnlichkeit mit einem fortlaufenden Triller hatten. Wenn der alte Mandel so in sein Leben hineindichtete, mußte Amadeus die Stube verlassen, und er hörte ihn vom Flur aus erregt sprechen, als streite er mit einem feindseligen Fremdling. Schlüpfte das Kind, von der Neugierde überwältigt, durch die Tür, um zu sehen, wer da sei, saß sein Vater mutterseelenallein mit gerötetem Gesicht vor seiner Arbeit, schüttelte mit verwundertem Lachen den Kopf oder sprang erregt aus dem Schneidertisch. Endlich war Mandel mit der Geschichte fertig, und als er sie sich noch einmal überdachte, erkannte er, daß sie ihm gleichsam von seinem guten Geist beschert worden sei. Denn er durfte den Ausgang nur ein wenig verändern, und Amadeus mußte von dieser schädlichen Gewohnheit, die ihm den Kopf verdrehte, ablassen. Es war ein heller Wintertag. Der Himmel stieg in bläßlichem Blau von dem silbrigen Walde des Langen Busches zur Höh'. Kein Lüftchen rührte sich, und die Flocken fielen vereinzelt gleich weißschimmernden Flämmchen vor den Fenstern des Mandelhauses nieder. Da stellte Eusebius das Fußbänklein mitten in die Stube vor sich hin und hieß den Amadeus darauf Platz nehmen. Der Junge folgte mit Beklommenheit dem Befehl, denn Mandel hatte kaum die Schneiderbank erklommen, so zog er die Brauen tief über die Augen und sah düster auf einen Ast der Diele, wie ein Pfarrer tut, wenn er mit der Predigt beginnen soll und den Kanzelspruch vergessen hat. Endlich atmete er auf, strich den grauen Haarsträhn zurecht und fing mit etwas unsicherer Stimme an: »Siehst du, Junge, ich red' und predige, du sollst das Singen und ewige Dudeln sein lassen. Aber du folgst und folgst nicht, kriechst in den Holzstall und punkst auf Papier, bis dir die Hände blau werden vor Kälte, oder du steckst dich gar zu den Ziegen und singst ihnen was vor. Nein, nein, mein herzer Junge, ich weiß alles.« Amadeus wurde rot und sah verlegen nach dem Tanz der Schneeflocken vor dem Fenster. »Bist du mir denn gar nicht gut?« fragte der Schneider, bitter über die Gleichgültigkeit des Kindes. Amadeus senkte den Kopf und konnte vor Würgen im Halse kaum ja sagen. »Sprich einmal Kolivansky, Ko–li–vans–ky.« »Moli ...« »Ach, Moli ... Koli ... Kolivansky. Sieh, da will ich dir eben die Geschichte erzählen, daß du's weißt. Mir schadet das Singen, ich werde krank davon.« In des Jungen Gesicht kam jene Angst auf, mit der er seines Vaters Not gewahrte, als er ihn das erstemal in Maruschkas Arme gesungen hatte. Mit Befriedigung nahm Christoph den Eindruck seiner einleitenden Worte wahr und fuhr fort: »Ja, ja. Wenn ich mir's heute überlege, wäre ich balde an dem Kolivansky gestorben. Na, da hör bloß zu, wie mir's gegangen ist: Ich war noch nicht lange Meister in Oberröhrsdorf. Es mögen zehn Jahre her sein oder fünfzehn. Du warst noch nicht auf der Welt. Die Leute rannten mir das Haus ein, denn niemand in der ganzen Umgegend wollte sich von einem andern als dem Mandel-Schneider bekleiden lassen. Ich arbeitete den Tag zwölf Stunden und blieb oft wach, bis der Morgen wieder kam. Aber es half nichts, das Tuch auf dem Wandbrett nahm nicht ab. Da sah ich wohl ein, daß das nicht so bleiben könne, und wollte ich nicht meine Gesundheit zu Markte tragen, so mußte ich mich nach einem Gesellen umsehen. Aber es war dazumal gerade ein harter Winter, die Wege voll Schnee gesackt, daß kaum ein Pferd fort konnte, geschweige denn ein Mensch, und die Fensterscheiben hatten einen Pelz wie die Schafe vor der Schur. Also wartete ich lange vergebens auf einen wandernden Schneiderburschen. Da, eines Vormittags stand unvermutet ein Kerl vor mir, hager wie ein Schießprügel und schwarz wie einer, der aus des Teufels Tasche gekrochen ist. Ohne anzuklopfen, stand er vor mir, sagte in gebrochenem Deutsch den Handwerksgruß und sprach um Arbeit an. Ich fragte nach seinem Namen. ›Kolivansky‹, antwortete er. Und eh' ich ja oder nein sagen konnte, saß der unheimliche Mensch neben mir, warf ein Bein über das andere und verlangte, zu nähen. Erst zog ich gelinde Saiten auf und ließ ihn von weitem daran riechen, daß ich ihn lieber wieder an seinem Stecken auf der Straße sähe. Mein neuer Geselle tat, als verstehe er plötzlich kein Deutsch, schlug mit der flachen Hand auf das Bein und schrie: ›Hodne!‹ Ich wußte dazumal noch nicht, daß das ›schnell‹ hieß, dachte, er meinte damit hott, wurde ärgerlich und antwortete: Mir sei es gleich, ob er hott oder hü davonginge. Die Hauptsache wäre, er mache die Tür von draußen zu. Kaum hatte ich ihm das unter die Nase geblasen, so geht ein Lachen in dem Kolivansky an, als klirre er mit Säbeln in seinem Maule, und seine Augen sausten ihm im Kopfe wie Flintenkugeln. Da riß auch mir der Geduldsfaden, und ich drückte ihm durch ein paar kernige Worte den Daumen auf den Adamsapfel. Nun sah Kolivansky, mit wem er es zu tun habe, und daß ich Mittel und Wege wüßte, an eine Tür zu pochen, die ihn verschluckte, mir nichts dir nichts, wie die Katze die Maus. Deswegen bequemte er sich und langte aus seinem Berliner das Gesellenzeugnis und alles, was ein richtiger Handwerksbursche an Papieren haben muß. Er stammte aus Solowitsch, tief in Rußland, wo man die Kinder noch mit Wolfsmilch aufzieht, und hatte in Moskau gelernt. Sein Paß war vom russischen Kaiser und dem Herrn Gufernement unterschrieben. Nun habe ich schon gesagt, daß leisegott an jeder Schindel meines Daches eine Bestellung hing und meine zwei Hände hätten mit zwanzig Nadeln auf einmal nähen müssen, um alles fertigzubringen. War mir Kolivansky auch nicht angenehm, so überlegte ich doch, man könne ruhig ein Russe und dabei ein honetter Schneider sein. Vorsichtshalber sagte ich aber, er müsse mir erst einen Beweis seiner Geschicklichkeit liefern, ehe ich ihn einstellen könne, und fiel die Probe zu meiner Zufriedenheit aus, so würde ich ihn halten, bis das Osterlamm ausgeläutet sei und vielleicht noch länger. Darauf legte ich ihm Stoff vor und ließ ihn ein Paar Hosen machen, schön geräumig im Leib, gefirre in den Knien und hübsch geschwungen in den Waden. Die Maße ständen in meinem Buche. Darüber war es Abend geworden, und Kolivansky meinte, heute könne er doch nichts mehr anfangen, denn er sei müde und habe einen mörderischen Hunger. Morgen früh wolle er sich über die Hosen machen, und ich würde mein blaues Wunder erleben. Damit setzten wir uns an den gedeckten Tisch. Der russische Schneider hieb ins Essen, als habe er den Hunger von zehn Kosaken mit samt ihren Pferden, und hörte nicht eher auf, bis Brot, Kartoffeln, Butter und Käse, kurz alles, was auf dem Tische stand, in seinen Bauch gewandert war, und für uns andern war kaum so viel geblieben, daß wir uns die hohlen Zähne vollbeißen konnten. Als es ihm aufstieß, stach er das Messer in die Tischplatte, stand auf und legte sich auf den Boden, wo sein Bett aufgeschlagen war. Die ganze Nacht schnarchte er, daß es einmal war, als fahre ein Brettwagen durch das Haus, ein andermal, als wimmere ein Tier, und kein Mensch. Dazwischen knallte er immer, als würfe jemand mit einem Stein an die Wand. Am andern Morgen sackte er wieder ein Brot hinter seinen Hosengurt und machte sich dann über die Arbeit. Er sei gewohnt, nach der Odessaer Manier zu schneidern, meinte er, und wenn mir anfangs manches seltsam vorkommen sollte, so bäte er mich um der Mutter Gottes zu Czenstochau willen, kein Sterbenswörtlein zu sagen, denn er sei hitzig und könne Widerspruch für sein Leben nicht vertragen. Anfangs ging alles, wie es sein mußte. Seine Hand war sicher, und die Bahnen flogen nur so aus dem Tuch. Deswegen ließ ich ihn machen und sah kaum mehr hin. Kolivansky selbst wurde immer lustiger bei seiner Arbeit, und zuletzt fing er gar an zu singen. Du mußt wissen, Junge, die Russen singen wie die Engel im Himmel, und schon solange ich lebe, hatte ich mich gesehnt, ein russisches Lied zu hören. Kolivansky aber war ein Meister im Singen. Was sage ich? Ein Zauberer, und kaum hatte er das Maul aufgemacht, so war ich wie in einer anderen Welt. Die Stube wurde weit. Es war mir, als gingen allerlei Leute aus und ein. Vor den Fenstern wuchs eine fremde Stadt mit Essen, Fahnenstangen und Türmen, und ich wußte bei meiner Seele nicht mehr, ob ich in Röhrsdorf oder Moskau sei. So verführte Kolivansky ein herrlich Musizieren drei Tage lang. Ich ging umher wie im Traume und weiß heute noch nicht, was ich damals alles angestellt habe ...« Eusebius mußte hier seine Erzählung unterbrechen; denn Amadeus, der nun neben dem Fußschemel mitten in der Stube auf der Diele saß, war während der letzten Sätze langsam zusammengesunken und lag mit dem Gesicht auf dem Boden. »Was hat's denn mit dir, Junge?« fragte Mandel. »Ist dir denn nicht gut?« Amadeus bewegte verneinend den Kopf. »Soll ich nicht weitererzählen?« fragte Mandel wieder. Allein der Knabe schien die Frage nicht zu hören. Ein Beben lief durch seinen Körper, als sei er der Spiegel eines Teiches, der unter einem nahenden Sturme zittert. Der Schneider glaubte eine bejahende Gebärde wahrgenommen zu haben und fuhr darum zu sprechen fort: »Alle meine Brote wanderten von der Hänge in Kolivanskys Magen, und mein Verstand schien durch das Fenster in alle vier Winde gefahren zu sein. Endlich riß sein Gesang ab, und in meinem Hause war es so still wie in einer Totenkammer ...« Bei diesen Worten schnellte Amadeus wie geworfen in die Höhe und setzte sich unnatürlich gereckt auf die Beine. Keine Muskel seines Körpers rührte sich, keine Fiber seines Gesichtes zuckte. Nur die Sterne der weit offenen Augen schwankten, als suche er damit irgendwo Halt. Eusebius dachte, das Kind mit dem wilden Russen allzusehr erschreckt zu haben. Deswegen sagte er begütigend: »Nee, nee, Amadeusla, sei du ruhig. Kolivansky war gar nich schwarz. Du! Er war auch nich lang. Amadeusla!! Ganz klein war er. Junge, da hör' doch!« Plötzlich bog es das Kind wie eine Rute, die der Sturm krümmt, und lautlos sank es wieder zu Boden. Mit einem Satz sprang Mandel aus dem Schneidertisch und stand bei dem Knaben. »Was fehlt dir denn?« stotterte er. Aber kaum, daß er das Kind berührte, löste sich der Krampf, und Amadeus brach in ein wildes Weinen aus. Dabei klagte er immerzu: »Ach Vater ... ach Vater ... ach Vater ...« Ratlos lief der Schneider aus der Stube, stürmte durch das Haus und rief nach Maruschka. Im Stalle fand er sie und geleitete sie gestikulierend herein. Die Stumme beobachtete das Kind, schüttelte lächelnd den Kopf und beugte sich, es aufzuheben. Als Amadeus ihre Hände an seinem Leibe fühlte, gebärdete er sich wie toll, rang wie in Todesangst mit Händen und Füßen gegen sie und schrie: »Geh weg, geh weg! Ich will zur Veronika!« Aber das große Weib drückte den Wimmernden wie ein Bündel zusammen und trug ihn in sein Bett. Dort weinte er bis zur völligen Erschöpfung weiter. Die beiden standen dabei und ahnten nicht, was den sanften Knaben in diese Wildheit gerissen habe. Endlich lag sein Leib ruhig wie ein welkes Blatt. Eusebius ging von dem Lager seines Jungen mit einem Mißvergnügen fort, das er zwar auf das Kind schob, das aber doch aus eigenen, tieferen Quellen seines Lebens stieg und sich steigerte, je mehr er eine Verantwortung ablehnte. Nach Stunden schon war es zu einem Grimm und Zorn ohne eigentliche Richtung geworden. Seine Lippen bebten, die Äuglein rannten spitz und zwinkernd unter den Falten der Lider hin und her, und er schnappte mit der langen Schere wild in die Luft, wie zornige Käfer wahllos mit den Freßzangen um sich hacken. Amadeus aber lag blaß und schweigsam, kehrte der Stube und allem Leben den Rücken und sah mit fest zugekniffenem Munde und verzweifelten, großen Augen die Wand an. Weder nach Essen noch nach Spiel verlangte er, und es schien, als lange eine geheime Krankheit nach seinem Leben. Sein verschlossener Schmerz, seine stumme, scheinbar trotzige Abkehr setzte dem Meister immer härter zu. Am zweiten Tage gegen Abend wandte sich der Knabe geräuschlos um, und nachdem er unbemerkt dem Schaffen seines Vaters zugeschaut hatte, blickte er wie prüfend in das grämliche Verscheiden des Lichtes. Sein Gesicht erschien gealtert und trug die Züge von jenem aussichtslosen, leidenschaftlichen Schmerz, wie er sich in die Wangen und die Stirn Zehnjähriger gräbt, wenn ihre schwärmerische Absicht das erstemal am Leben zerbricht. Und jetzt richtete er sich behutsam auf seine Knie und wartete mit einem sehnsüchtigen Bitten in den Augen, daß der Vater aufschauen und sein Harren bemerken möge. Dabei zuckte es um seinen Mund von Worten, zu denen er doch keinen Mut fand. »Vater«, sagte er endlich leise und senkte den Blick. Eusebius hörte den Ruf wohl und spürte, wie sich die Seele seines Kindes ihm näherte. Aber um die Berechtigung zu einem »Exempel« zu vermehren, warf er doppelt grimmig mit Tuchflecken um sich, als sei er taub vor Wut. »Vater«, wiederholte noch leiser und schüchterner Amadeus sein Verlangen. Da ließ der Meister die Schere klirrend auf die Bank fallen, rückte sich das Metermaß auf den Schultern zurecht und sagte schnarrend: »Na, hast du endlich ausgebockt, Junge, und willst du wieder artig sein?« Amadeus senkte den Kopf im Schweigen noch tiefer und lächelte schmerzvoll. »Was? He? Denkst du etwan, so ein Hinschmeißen is schön, so ein Schlagen und Schrei'n, du?« Und während der alte Mandel dies sagte, hörte man im Flur die Stumme sich zum Eintritt in die Stube rüsten. Da stieg seine Erregung noch höher, und die Flut der Strafpredigt schwoll und wollte kein Ende finden. Amadeus aber hob den Kopf nicht. Sein Auge blieb trocken und sein Gesicht blaß. Auch als die Maruschka hereintrat und sich wie helfend neben den leidenschaftlich gestikulierenden Meister stellte, zuckte der Knabe mit keinem Gliede und wartete in gelassener Demut. Zuletzt hatte der Schneider doch in ausschweifenden Worten alles ausgesackt und forderte seinen Jungen auf, ihn und Maruschka um Verzeihung zu bitten. Das Kind zögerte, hob dann doch den Kopf, sah an der Stummen vorbei seinen Vater an und fragte: »Mußt du wirklich sterben, wenn ich noch einmal singe?« Mandel war auf diese Frage gar nicht vorbereitet und fragte deshalb zurück: »Was hat's?« Der Knabe würgte, seine Lippen zitterten; aber er konnte nicht sprechen. Doch inzwischen hatte der Meister begriffen. »Ja, ob ich sterben muß?« fragte er noch einmal. Amadeus nickte und schaute mit verzweifelter Aufmerksamkeit nach seines Vaters Munde. »Jawohl«, antwortete Mandel und geriet in eine immer steigende Leidenschaftlichkeit. »Jawohl, wenn du dich nich hättst hingeschmissen, hättst du's gehört. Den Verstand verloren hab' ich von dem Kolivanskysingen. Mir ist keine Arbeit mehr gelungen, nicht einmal Hosen konnte ich machen, geschweige denn eine Jacke. Die Leute haben mich 'nausgeschmissen, und zuletzt bin ich aus lauter Angst am nassen Steige im Walde umgefallen, und wenn nicht zu gutem Glücke Leute dort vorbeigegangen wären, läg' ich vielleicht heute noch dorte.« »Und Moli ... Moli ...?« fragte Amadeus totenblaß. »Kolivansky. Was aus dem geworden is? Der Teufel hat ihn geholt. An einem Morgen war das Bett leer, und in der Luft um ganz Oberröhrsdorf her war es grau, als wenn ein großer Bofist geplatzt wär'. Da weißt du's jetze. Laß du dei Gedudel sein. Die Leute lachen dich bloß aus, und sonst hat's auch keinen Sinn. Du wirst jetze ein Schuljunge und hast anders zu tun. – Na, und nun komm und gib mir einen Kuß und der Mutter auch, und alles ist wieder gut.« Er trat ans Bett, und das Kind legte einen welken, kalten Kuß auf seine und Maruschkas Lippen. Dann sank es mit einem leisen Laut hoffnungslosen Schmerzes wieder in die Kissen. Weil Maruschka in der Nähe stand, hörte der alte Mandel nichts und stieg wieder in sein Schneidergehäuse. 11 Amadeus verbrachte nach der Kolivanskygeschichte noch tagelang im Bett. Es war, als leide er an den Nachwehen einer schweren Krankheit, so matt, so über alle Berge getragen lag er. Wurde er genötigt, aufzustehen, so überfiel ihn Zittern. Er sah sich hilflos um und brach endlich in hohes, machtloses Weinen aus. Eusebius aber ließ den Klöppel in der Glocke, die er geläutet hatte; denn er erinnerte sich an den verstorbenen Bruder seiner Frau, der allein durch Musizieren von einer guten Wirtschaft in die Schenke und von da in den Straßengraben gekommen war. So verwandelte der Schneider den geheimen Grund zu seiner Unerschütterlichkeit in väterliche Pflicht, und es ergab sich damit von selbst, daß er berechtigt war, den Gram seines Jungen Eigensinn zu heißen. Außerdem besserte sich ja des Amadeus Betragen zusehends. Bald schlüpfte er, wenn auch nur auf Stunden, in seine Kleider. Zuletzt schien sich in dem kleinen Hartkopf alles zurechtgefressen zu haben, und er kam wie sonst herbei, saß seinem Vater gegenüber und schaute nach alter, gründlicher Manier zu, als sei nichts gewesen. Und auch der alte Mandel wandelte in manch gütigen Worten vor seinem Jungen. Nur in die Augen vermochte er dem Büblein nicht mehr zu schauen. Denn ihre Blicke waren schwermütig, wie überwunden. Stundenlang saß der Knabe so, ohne ein Wort zu reden, und betrachtete seinen Vater aufmerksam, als sei in ihm ein Geheimnis verborgen, und wenn er zu reden anfing, richtete er seltsame Fragen an den Meister. »Wenn ein Vogel vom Baume fällt, ist er da tot?« fragte er einst. »Die Vögel sterben nicht«, antwortete Mandel. »Warum sterben die Vögel nicht?« »Weil sie Flügel haben und dem Tode davonfliegen.« »Aber die Bäume sterben?« fragte Amadeus weiter. »Ja, die Bäume sterben.« »Wer legt sie ins Grab?« »Sie brauchen kein Grab. Sie fallen um und bleiben liegen.« Nach diesen Worten Mandels ging Amadeus hinaus und sah sich die ganze Welt um das Schneiderhaus an. Als er wieder hereinkam, setzte er sich weit von seinem Vater entfernt und starrte unausgesetzt auf ihn, so lange, bis ihm die Tränen in die Augen traten. Dann sagte er ganz leise zu sich: »Die Wolken sterben, der Ahornbaum stirbt, das Gras und die Weide und alles, alles stirbt«, und wendete seinen Blick nicht ab, als stehe das alles in seinem Vater geschrieben, der dort vor ihm nähte und nicht aufzuschauen wagte. So irrte er mit aufgescheuchter Seele um eine Grube in sich. Manchmal fuhr es ihm auch durch den Sinn, wenn ich singe, stirbt mein Vater, und obwohl er nicht wußte, was sterben sei, nahm er die Leere und das Schweigen dafür, was aus ihm in die Stube seines Vaters floß, um das Haus lag und die ganze Welt erfüllte, und er glaubte, er sei schuld an allem. Dann, um zu verhindern, daß seinem Vater so etwas Schlimmes begegne, tat er alles, was er ihm an den Augen absehen konnte: las die Nadeln zusammen, sammelte sie in das kleine Blechbüchslein, schichtete die Tuchschnitzelchen in einen Haufen, zog Heftstiche aus den Sachen und bemühte sich, ein Bein über das andere zu schlagen, wie ein richtiger Schneider. Dabei zwang er sich, still und emsig wie ein Käfer zu sein. So allein glaubte das Büblein das Beklemmende und unsichtbare Finstere fortzuschaffen, was offenbar auch über seinem Vater her war. Und immer, wenn Amadeus stundenlang so gedient hatte, erwartete er, der Vater werde sein Gesicht auf ihn lenken und mit liebreich-bunten Worten sich seiner erbarmen. Doch jedesmal täuschte sich das Knäblein. Nur, wenn Maruschka hereinkam oder von draußen durchs Fenster nickte oder an den Schneidertisch trat und mit einem neckischen Tupfer des Meisters geneigten Kopf noch tiefer drückte, lief ein Leuchten durch den ganzen Christoph Eusebius hin und sperrte seine umrunzelten Äuglein zu einem weiten Blick auf. Da litt der Knabe dann tiefer an einem Gefühl, das ihm so weh tat, wie das Heimweh die großen Leute schmerzt. In solchen Augenblicken geheimer Enttäuschung hielt es Amadeus in der Stube seines Vaters nicht mehr aus, und die Unruhe, die von des Eusebius Wandergeschichten in ihn gekommen war, öffnete ihm die Tür, ohne daß er den Drücker anzufassen brauchte. Es trieb ihn aus dem Hause und war wie eine Peitsche hinter ihm her, daß er den ersten besten sommertrockenen Rain, der ihm unter die Füße kam, hinunterlief, immer schneller und schneller. Nicht das Nahe lockte ihn, sondern alles Ferne, Unerreichbare. Bäume am weitesten Horizont, die in der weißen Märzluft wie schwebend ihre durchsichtigen Kronen trugen, riefen in dem Kinde den Wunsch wach, auf der Spitze ihres Wipfels zu stehen und in die blasse Weite des Himmels zu sehen. Tauchten Menschen auf abseitigen Wegen auf, so glaubte er, sie seien wegen ihm erschienen und würden herkommen, ihn freundlich bei den Händen nehmen und mit sich fortführen. Klopfenden Herzens hing er an dieser Einbildung, bis die Leute kleiner und kleiner wurden und endlich in der Weite verschwanden. Dann empfand es Amadeus, als sei ein Licht ausgelöscht worden und er stehe wieder allein in der unsichtbaren Finsternis. Auch die Wassergräben taten es dem Knaben an. Er lief mit ihren Wellen, bis er kaum mehr zurückfand Streifte er auf dem Heimwege an Häusern vorüber, deren Fenster und Türen im Licht lagen, so fühlte er den Drang in sich, über die fremde Schwelle zu treten und um Unterkunft zu bitten. Gleich einem Vogel war das Amadeuslein, dem der Herbst sein Lied zerstört hatte, und das nun unruhig und rastlos durch die Felder irren muß. Kehrte der Knabe nach Stunden in das Mandelhaus zurück, so empfingen ihn die Seinen oft recht schlimm. Der Vater häufte lange Scheltpredigten auf ihn, die Stumme brachte formlose, polternde Laute hervor und maß ihn mit ihren braunen, unheimlich-leeren Augen. Wo er gewesen und was er draußen gesucht, wußte Amadeus nicht zu sagen. Blaß und beklommen drückte er sich in eine Ecke und duldete alles mit einem Gefühl, als sitze er in einem fremden Hause.   *   An einem Tage hatte der kleine Mandel wieder einmal umsonst um seines Vaters Liebe gedient und schlich über die Haustürschwelle, nicht wie ein Kind, das hier seine Heimat hat, sondern wie eines, das umsonst um ein Almosen bettelte und nun in Scham davongeht. Da fühlte er in seiner Hosentasche zwischen den Schnüren und Spielhölzern eine zusammengedrückte Papierkugel, und als er sie entfaltete, waren es eine Anzahl jener Streifchen, auf die er die Fußspuren der Lieder gemalt hatte, die geheim hinter dem Rücken seines Vaters zu ihm gekommen waren. Das bedeutete für den Amadeus anfangs eine glückvolle Entdeckung, und er wußte jetzt, woher es manchmal fern und wohllautend um ihn aufzuckte. Aber es fiel ihm auch bald ein, daß das vielleicht der Grund sei, warum sein Vater ihm noch nicht verziehen habe. Je länger er darüber nachdachte, um so gefährlicher kamen dem Knaben die stummen Lieder vor, die er mit sich herumtrug. Doch brachte er es nicht fertig, sich von ihnen zu trennen, und hielt sie weiter unter den Schnüren und Hölzchen in seiner Tasche verborgen. Da stoben die fernen, verflohenen Klänge dann öfter an ihm hin. Die Nadeln, die er sammelte, hüpften tönend in das Büchslein, seines Vaters Stimme knarrte nicht mehr so fremd, seine Gestalt sah nicht mehr so schmerzvoll gedrückt aus, und selbst vor Maruschka fühlte er sich, wie hinter einer lichtblassen Mauer, sicherer. Dieser letzte Verkehr mit seiner tiefsten Sehnsucht dauerte jedoch nur wenige Tage. Er hatte auf der Schneiderbank neben seinem Vater aus Tuchflecken zwei Häufchen geschichtet und spielte mit ihnen, daß er mit jeder Hand ein Schnitzelchen faßte und die beiden sich zuwarf. Anfangs gelang ihm das Spiel nicht zum besten, denn die Fleckchen schienen einer anderen Absicht zu folgen, als die Hände ihnen aufgegeben hatten, sprangen neben den Stuhl, unter die Bank oder an einen anderen Ort, wohin sie Amadeus nicht haben wollte. Deswegen verwies das Knäblein ihnen die Eigenwilligkeit, redete ihnen auch liebreich zu, paßte genau auf und hatte sie nach einiger Zeit so gut abgerichtet, daß sie leicht von der Rechten in die Linke zurückfanden und neckisch aneinander vorbeiflitzten. Bald waren es auch gar keine Tuchschnitzelchen mehr, sondern Vögelchen, die ihm aus den Händen flogen und gehorsam wieder zurückkehrten, und nicht lange, so fingen sie an, einander zuzusingen, wenn sie sich zuflatterten. Plötzlich fühlte sich das versunkene Kind rauh am Arme gefaßt, und eine schrille, böse Stimme schrie: »Junge, du bist wohl des Teufels!« Amadeus fuhr aus seinem Stürmen auf, der letzte Ton blieb ihm im Munde stecken, und er sah in das Gesicht seines Vaters. Das war blaß, seine Lippen zitterten, der Atem ging, als sollte er ersticken, und ein Strähn grauer Haare hing über seine Stirn. Da glaubte der Knabe nicht anders, mit seinem Vater gehe es zu Ende. Er warf sich dem Schneider über die Knie und bat ihn, ja nicht zu sterben, er wolle es wahrhaftig nie wieder tun. Dann ging er verstohlen auf das Hausbänklein hinaus und zweifelte nicht mehr daran, daß die stummen Lieder an allem schuld seien, und er sah ein, er mußte sich von ihnen trennen, wollte er seinen Vater nicht elend umkommen lassen. Es strich gerade ein flüchtiger Wind durch die krumme Weide. Ohne Zögern suchte Amadeus die Papierkugel hervor und überlegte, daß es das beste sei, die Lieder in die Luft fliegen zu lassen. Er hatte sie ja von den Wolken, den Bäumen und der Sonne erhalten. Da konnte jedes den Ort suchen, von dem es zu ihm gekommen war. Kaum hatte der Knabe das erste Streiflein aus der Hand gelassen, so wurde es vom Winde erfaßt und in die Höh' geführt. Aha, dachte Amadeus, das ist ein Sonnenlied und will in den Himmel hinauf. Aber es wirbelte einigemal um die Dachrinne und tat dann, als habe es Begehren, in den Ahornbaum zu steigen. Als es aber dem untersten Ast schon ganz nahe gekommen war, besann es sich eines andern, flatterte herunter, schwankte einigemal unentschlossen umher und strich dann gestreckten Fluges auf das Fenster zu, an dessen Scheiben es sich festhielt. Dort blieb es kleben und hob sofort mit dem Winde ein lustiges Gepfeif an. Da sah das Kind ein, daß es auf diese Art seine Lieder nicht loswerden könne, ohne seinen Vater zu gefährden. Denn wenn der nur das Fenster aufmachte, flog der Wind mit dem Liede in die Stube, und sein Vater stürzte von der Schneiderbank direkt in die Totenkammer. Deswegen fing Amadeus das Streiflein wieder ein, knitterte es in die Papierkugel, steckte diese in die Tasche, kehrte in die Stube zurück und wartete einen günstigen Augenblick ab, da sein Vater der Maruschka zunickte und mit ihr die Stube verließ. Die beiden gingen die Bodenstiege hinauf. Ihre Schritte knarrten noch ein paarmal hin und wieder. Darauf trat Stille ein, und Amadeus war allein. Er öffnete schnell das Ofentürchen und warf die Papierkugel ins Feuer. Weil er aber zu aufgeregt war, zielte er schlecht, und sie kam nicht mitten in die Glut zu liegen, sondern fiel vorn an den Rand, wo einige rote Kohlen vor Hitze fauchten, als möchten sie am liebsten aus dem Loche herausspringen und fort. Kaum aber hatte die Kugel eine Weile in ihrer Gesellschaft zugebracht, so still und unbeweglich, als sei sie zu Tode erschrocken, erholte sie sich wieder und begann sich zu verwandeln. Es ging ein Dehnen durch sie. Von innen her begann eine verborgene Gewalt zu schwelen. Unter leisem Knittern faltete sie sich auf wie eine Blume, über die der Zauber des Blühens kommt. Das Feuer in der Nähe fackelte mit seiner weißen Helle erstaunt über die Verwandlung der Papierkugel. Dann sprang es zuckend herüber, um alles genau zu sehen. Sobald aber ihre Flämmchen blau und golden über das Papier liefen, fingen die Lieder, die darauf standen, zu singen und zu trillern an. Manchmal klang es auch wie hohes Weinen, wie Schluchzen und Schlucken. Ein greller Schein ergoß sich aus dem Ofenloch und floß an der Wand entlang. Amadeus schlug vor Schreck das Türchen zu, damit der Glanz der Lieder nicht in die Stube flöge, und lief in Angst vor das Haus. Als er sich wieder hereinwagte, saß sein Vater wie immer im Schneidergehäuse, blaß und erschöpft. Seine Augen glommen in machtloser, trauervoller Trunkenheit und schauten von Zeit zu Zeit auf die Hände, die ermattet und untätig über der Arbeit gefaltet waren. Maruschka stand am Schrank und ließ aus einem kleinen Säckchen Erbsen in einen großen tönernen Topf laufen. Der Feuerglanz der Lieder leuchtete nicht mehr an den Wänden, und ihre leisen Stimmen waren für immer verbrannt. Die Luft hing stockend und grau in der Stube, und den Knaben überfiel ein so finsteres, grenzenloses Alleinsein, daß er hinter einen Schrank kroch und still für sich hinweinte. 12 Seit dem Tage, an dem Amadeus seine stummen Lieder verbrannt hatte, zog sich das Leben des Knaben immer mehr aus seinem gewohnten Getriebe und geriet in die Wasser eines unterirdischen Stromes, die es einem unbekannten Ausgange zutrugen. Das Junglein wußte von nichts. Nichts als ein schmerzvolles Harren war in ihm. An einem Abende trat das Unsichtbare, das immer um das Mandelhaus schweifte, in die Stube des Schneiders und nahm den Jungen mit. Der alte Mandel hatte seine Tagesarbeit vollendet. Er legte das Stück, an dem er eben schaffte, säuberlich zusammen und schob es unter die Bank, räumte die Geräte auf dem Tische zusammen, spulte sich Garn auf das Schiffchen der Maschine, kurz, bereitete alles vor, daß das alte Rädchen am andern Morgen ohne Aufhalten weitergetrieben werden könne. Darauf schlüpfte er hinter der Kleiderschranktür aus der Wochenkluft in einen besseren Spenser. Mancherlei gewichtige Überlegungen tummelten sich in seinem Gesicht, und als er mit ihnen halbwegs ins reine gekommen war, trat er an Maruschka heran und trieb sie mit einem stummen Wirbel seiner Hände auch zur Eile an. – Der Wirtschafterin bescherte diese Aufforderung ein zufriedenes Lächeln. Sie verließ die Stube, und der Schneider stellte sich vor das Fenster und sah in das Dämmern des Abends hinaus. Warum hat sich mein Vater einen andern Rock angezogen? Was steht er und sieht in die Welt? Warum schickt er die Maruschka-Mutter hinaus? Was will er mit mir machen und ihr? Sie werden doch nicht etwa fortgehen, mich hier lassen, nicht mehr zurückkehren, in ein anderes Land wandern, ganz aus Preußen heraus, und sich einen neuen Jungen kaufen? Das alles wirbelte dem Amadeus durch den Kopf, während er mit schmerzendem Erstaunen seinen Vater beobachtete, der immer noch am Fenster stand und nun mit den langen Nägeln seiner Hände ungeduldig auf dem Brett zu trommeln begann. Dabei ruckte er unter leichtem Schnauben seinen Kopf immer wieder auf. Dieses fortwährende Auseinanderfahren des zusammengeschobenen Rückens brachte in dem Kinde die Vorstellung hervor, sein Vater habe ein Gesicht bekommen, das er noch nie gesehen habe. Gerade wollte Amadeus aufstehen, um zu beobachten, was mit dem Gesicht passiert sei, daß er mit dem Rücken ohne Aufhören auf und zu schnappe, als Maruschka in die Stube trat. Sie stellte ein Töpfchen auf den Tisch und legte eine dicke Schnitte Brot darauf. Das sollte des Knaben Abendbrot sein. Dann zog sie sich das bunte Tuch über den Schultern zurecht und rüttelte den Schneider leicht an der Achsel zum Zeichen ihrer Bereitschaft. Eusebius fuhr aus tiefem Sinnen herum, umfing die Stumme mit einem glücklichen Blick, legte seine Hand auf ihre Brust und schob sie so ein wenig zur Seite, um sich den Weg zu seinem Jungen frei zu machen. Der sah in einem Erwarten, das zugleich Bangen war, seinen Vater auf sich zukommen und dachte: Mein Vater kommt zu mir und wird mich mitnehmen. Dann schloß er die Augen im Vorgenuß einer Liebkosung. Aber Eusebius blieb zwei Schritte vor ihm stehen und sagte: er solle warten, bis sie zurückkehren, und indessen das Haus hüten. Es gäbe etwas in den Berghäusern zu besorgen. Das Abendbrot stehe auf dem Tisch, und wenn er müde sei, könne er auch schlafen gehen. »Aber Licht darfst du auf keinen Fall machen«, mit diesem Befehl schloß der Schneider seine Worte. »Hörst du, Amadeusla, priezeln tu ja nich. Denn da kommt der Feuerwolf und frißt dich samt dem Hause.« Der Junge spürte das andere Gesicht seines Vaters auch in den Worten und wollte schreien: Vater, bleib, geh nicht fort. Mit dem Gesichte findst du nicht mehr nach Hause. Aber ein Krampf drückte dem Amadeus die Brust ein. Als er sich erholt hatte, klangen die Schritte der Davongehenden leiser und leiser durch das Eindunkeln. Aber das Kind sah die beiden doch noch in sich dahinschwanken. Endlich waren sie auch nicht mehr mit den Gedanken zu sehen. Entsetzt sprang er auf und lief vor das Haus, um ihnen nachzueilen. Eine graue Leere breitete sich rund aus. In dieser sah Amadeus Maruschka und seinen Vater undeutlich, weit wie am Ende der Welt, fortgetragen werden und dann gleich Vögeln in einer Wolke verschwinden. Bis dahin konnte der Junge nicht laufen, das war ja schon in einem fremden Lande. Und wenn er hinkäme, so würde er seinen Vater nicht mehr kennen, weil er doch mit dem fremden Gesicht fortgegangen war, das er sich anzusehen vergessen hatte. Mutlos kehrte er in die Stube zurück und kauerte sich auf den Boden neben dem Ofen. Es war in jener späten Zeit des Abends, da das Licht des Tages bereits so schwach geworden ist, daß es nur noch vereinzelte Wellen aufbringt, die über die Erde treiben, und hinter ihnen folgen immer Wogen tieferer Schatten. Die Leute sagen dann, der Herrgott sei überm Einschlafen und zwinkere schon mit den Augen. So flössen die Erhellungen und Verdunkelungen auch durch die Stube des Eusebiusschneiders, und Amadeus glaubte, es sei der Widerschein von Leuten, die draußen vorübergingen. Der Junge wagte sich ein Schrittlein weiter gegen das Fenster und spähte vorsichtig hinaus. In diesem Augenblick hörte das rätselhafte Vorüberwandern auf, und nichts stand draußen als die krumme Weide auf dem Wiesenplan. Sie beugte ihre kätzchengelbe Rutenkrone wie einen aufgedunsenen schimmernden Kopf nieder, als blicke sie nach jemand zu ihren Füßen. Amadeus wußte zwar, daß es niemand als das Wässerlein sein konnte, nach dem der alte Baum schaute, wagte sich aber dennoch in Neugier einen weiteren Schritt vor und machte einen langen Hals. Aber da erschrak er bis in seine Seele hinein. Denn unter der Weide saß jemand. Es hatte graue Gewänder an und schaute regungslos auf das kleine Wasser. Nebelfahl, ein aschgraues Tuch über den Kopf gezogen, daß Amadeus weder Schulter noch Arme wahrnehmen konnte, hockte es dort. Sie wartet auf mich, dachte der Knabe, und will mich mitnehmen. Geräuschlos zog er den linken Fuß zurück, den er in der Aufregung vorgestellt hatte, um sich auf den alten Fleck wieder neben den Ofen zu kauern. Aber schon dieses leise Schleifen der Fußsohle auf dem Boden, das der Knabe selber nicht gehört hatte, mußte die Rätselhafte unter der Weide wahrgenommen haben. Denn es kam ein Wogen in sie, und ehe Amadeus sich niederlassen konnte, erhob sie sich, wurde lang, schwankte in der Luft und kam wehend über die Wiese, gerade auf das Schneiderhaus zu. Der Junge getraute sich nicht, zu sehen, was jetzt werden würde, und schloß vor Grauen die Augen. Als er sie wieder öffnete, schaute ein Gesicht zum Fenster herein, das hatte Ähnlichkeit mit dem Gesicht der Hübnerbäuerin. Es lächelte, winkte dem Knaben und verschwand. Da ergriff Amadeus das Brot auf dem Tisch und lief eilig vor das Haus. Im Hofe des Schnallkebauers wurde eben mit Gepolter das Tor geschlossen. Aus einem Hause im Dunkel rief eine mütterliche Stimme. Der Hainwald stand finster und unbeweglich. Auf der Chaussee ging jemand mit lauten Schritten dahin. Amadeus biß schnell einen großen Bissen von dem Brot, legte die Schnitte dann auf einen Zaunpfahl und fing an, das kleine Steiglein durch die Wiese hinunterzulaufen. Die krumme Weide langte mit den Ruten nach ihm; aber er achtete nicht auf sie. Die Unsichtbaren, deren fernen Vorüberzug er von der Stube seines Vaters aus beobachtet hatte, waren um ihn und, eingekeilt in einem unaufhaltsam vorwärts drängenden Strom, wurde er weitergetragen. Ohne zu wissen, was ihm geschah, rannte er auf dem Wege nach Bauerröhrsdorf weiter. Das Klopfmännlein stand vor dem Gebüsch der Bodenwelle und winkte ihm. Dann huschte das weiße, fliegende Kleidchen eines kleinen Mädchens durch die Zweige und verschwand im Hohlweg. Amadeus spie den Bissen, den er noch immer im Munde hielt, aus, biß die Zähne aufeinander und begann so schnell zu laufen, wie er in seinem Leben noch nicht vorwärts gekommen war, damit er nicht allein durch die greuliche Nacht des Hohlweges müsse. Er stürzte, sprang auf, taumelte da und dort gegen die Ränder. Sein Herz schlug zum Zerspringen. Endlich stand er am Rande des Busches. Die weißen Höfe von Bauerröhrsdorf schwammen ungewiß durch das Dunkel des Kessels unter ihm. Amadeus suchte mit den Augen den Hof des Hübnerbauern, und als er ihn gefunden zu haben glaubte, schrie er gellend in verzweifelter Freude: »Veronika!« und stürzte in eiligem Lauf weiter. Und während er rannte, sprach er fortwährend, weinend und lachend zugleich vor sich hin: »Veronika, ich komm' zu dir, Veronika, ich komm zu dir ... Veronika, ich komme ...« So war er nicht lange danach an dem Teiche angekommen, der nicht weit von dem Hübnerhofe unter dem Gesträuch lag. Er war ganz still und schlief blank und schwarz. Nicht einmal den Schatten der Bäume, die an seinem Ufer standen, nahm er bei sich auf. Lange sah Amadeus das Wasser an, das so regungslos und geheimnisvoll ruhte. Die große Stille, die von ihm ausging, machte den Schneiderjungen verzagt, daß er sich nicht an den Hof getraute, der zwischen den Bäumen des Gartens hindurch mit zwei großen roten Fensteraugen zu ihm hersah. Ihre Helle reichte ein großes Stück in die schummerige, halbe Finsternis hinein und stand gerade gegen den Knaben hin. Deswegen dachte Amadeus, wenn er sich in das Gras setzte und warte, so müßte Veronika mit dem Fensterlicht doch sehen, zu ihm herauskommen und ihn holen. Die Nacht war warm. Er kauerte sich in das junge Gras und begann die schmalen Blätter abzuzupfen und in den Teich zu werfen. Aber das Mädchen wollte sich nicht sehen lassen. Manchmal war es dem Knaben wohl, als taste es sich auf leisen Füßen zu ihm hin, dann sagte er glücklich den Namen seiner Freundin und sah auf seine Hände nieder. Aber immer täuschte er sich doch, und es war wieder weiter nichts zu vernehmen als das Stampfen der Kühe und Pferde aus den verschlossenen Ställen. Ja, als er sich umdrehte, war auch das Licht in den Fenstern erloschen, und der Hof lag dunkel und fremd in der stockend stillen Nacht. Amadeus konnte nicht begreifen, warum die Hübnerbäuerin ihm am Fenster gewinkt habe, wenn sie jetzt schlafen ginge, ohne ihn hereinzuholen. Er hob die Augen und sah umher, um zu überlegen, was nun zu tun sei. Der Lange Busch lehnte gerade vor ihm wie eine riesige schwarze Mauer in den Himmel, und hinter ihm quoll eine Helle herauf, als ginge da wer mit einem Lichte vorüber. Da fiel es dem Jungen ein, er könne warten, wer da heraufsteigen würde. Es könnte ja jemand sein, der ihm leuchtete, daß er nicht mehr so einsam an dem Teiche sitzen müßte, der ohne Aufhören schlief und sich gar nicht um ihn kümmerte. – Langsam kam das Glänzen höher, hängte erst da und dort gleißende Goldnüßlein in die Buschfinsternis, stach bald darauf mit schimmernden Stäben durch die Zweige, füllte dann die hohen Bogenfenster des Waldes mit seinem Scheine, tauchte jetzt gar die schwarzen Kreuzblumen der höchsten Fichtenwipfel in blendendes Sieden und stand nun als das runde Tor am freien Himmel, das die Engel mit goldenen Zweigen durch die blaue Nacht bohren. Beim Anblick des Mondes schwand von dem armen Mandeljungen jede Furcht, denn er sah wie in der Nacht seiner frühesten Kindheit eine glänzende Straße aus dem runden Tor des Mondes fließen und über den Wald herunterrinnen. Das Bild seiner himmlischen Mutter, die er damals ersehnt hatte, stand in ihm auf. und jetzt wußte er auch, daß nicht die Hübnerbäuerin, sondern sie ihm durch des Vaters Fenster gewinkt habe. Die Fesseln des aufgezwungenen Stummseins fielen von des Amadeus Seele. Das Spiel von leichten Flügeln huschte auf ihn zu, und auf einmal hörte er wieder aus leuchtender Tiefe in sich die Musik der goldenen Zweige klingen, mit der die Engel die Menschen von der Erde locken. Die verschütteten Jubel seiner Lieder wachten in ihm auf. Er hub an, das Strömen des Lichtes zu singen, die Finsternis des Langen Busches, den Gesang des nächtlichen Himmelsblaus, sein Einsamsein und seine Sehnsucht, daß ihn jemand streichele und liebkosend seine Händchen nehme. Er merkte, daß seine himmlische Mutter ihm zuhöre, denn der silberne Weg floß immer näher an ihn heran und glitt schon von dem gegenüberliegenden Ufer in den Teich, der davon aufwachte und mit tausend Wellchen unruhig zu zittern begann. Plötzlich hörte Amadeus durch den Gesang hindurch seinen Namen rufen. Fern und angstvoll klang es: »Amadeusla! – Amadeusla!!« Der Knabe schwieg bestürzt. Denn er glaubte, seine Mutter habe ihn gerufen, und doch schien es ihm auch, die Stimme sei aus einer anderen Richtung gekommen. Er stand auf und sah sich um, erblickte aber nicht s als einen großen grauen Vogel, der über den Abhang von Oberröhrsdorf her gerade durch das Feld flog. Er flog sehr unbeholfen. Amadeus merkte, wie er sich immer mit den Beinen vom Boden abstieß und dann mit kurzen Flügeln eine Strecke flatterte. Noch einmal schien es aus der Gegend schwadr zu rufen. Dann verschwand der Vogel hinter einer Bodenwelle. Der Knabe kehrte sich wieder dem Teiche zu. – Die silberne Straße war indessen bis über den halben Teich gerückt. Amadeus sah ein, daß er warten müsse, bis sie zu ihm herangeschwommen sei. Dann wollte er sich über den Uferrand auf sie hinunterlassen und eilig zu seiner Mutter gehen. Schon schimmerten die Zweige der Büsche über ihm in weißem Glasten. Die Wellen schaukelten den Weg immer näher. Das Gras zu seinen Füßen begann zu glimmen. Jetzt stieß die leuchtende Straße ans Ufer. Amadeus wurde von Verzückung und Inbrunst erfaßt. Lächelnd und kosend flüsterte er: »Meine liebe Mutter! Meine liebe Mutter!« Dabei ließ er sich langsam über das Ufer hinabgleiten. Aber ehe seine Füße die glitzernden Steine berührten, keuchte es pfeifend von hinten heran. Er wurde an den Achseln ergriffen und aus seinem Rausch heraufgerissen. Als er sich umwandte, sah er in das verzerrte Gesicht seines Vaters, der ihn an sich zog und sofort zu weinen anfing. Nachdem sich der Mandelschneider etwas beruhigt hatte, fragte er seinen Jungen: »Aber, Amadeusla, sag mir bloß, was wolltste denn machen?« Der Knabe entzog sich der Umarmung seines Vaters und sagte kühl und ernüchtert: »Zu meiner Mutter wollte ich gehen.« Und nach einem Stocken setzte er, traurig und vorwurfsvoll, hinzu: »Da bist du gekommen.« Dann schwieg er, senkte den Kopf und ließ sich nach Hause führen. 13 Nachdem dem Mandelschneider eine solche Nacht um die Ohren gepfiffen hatte, war es für ihn nicht mehr nötig, den Stein zu suchen, auf den er treten mußte. Übrigens wurde es dem Christoph Eusebius so leicht, wie alle Dinge uns werden, die so und nicht anders sein können. Als er am Morgen aus seinem Hause trat und den Ahornbaum die Krone über dem Dache auf eine Art ausbreiten sah, als seien das keine Zweige und Äste mit dickgeschwollenen Knospen, sondern riesige grüngepunktete Flügel, die er so spielend wiegte, daß man meinen konnte, er werde jeden Augenblick davonfliegen, sagte der Schneider im stillen zu sich: Freilich war sie das. Und Sonne war überall inzwischen geworden. Sonnenlicht, nicht etwa solches, wie es der Winter mit verdrossener Hand einfängt und zerdrückt und zerkrümelt, ehe er es herausläßt, nein, ein Licht lag über Oberröhrsdorf, das kam und sofort über alle Berge leuchtete. Über den Langen Busch 'naus, wo sie hergekommen ist, sann Eusebius. Ja, und eigentlich an keinem Tage seines Lebens waren ihm die Häuser und Kleinhöfe seines Heimatdorfes als eine Herde bunter Rinder vorgekommen, die sich auf dem welligen Plan lustig durcheinandertummelte und sich dort eng aneinanderdrängte, wo die Hochebene nach dem weiten Walde zu anstieg, als wollte jedes zuerst in das finstere Grün verschwinden und über die Grenze nach Böhmen davongehen. Natürlich für immer, sagte Eusebius. Ein Zurück darf und soll es nie mehr geben. In solch verschränkter Art sammelte der Schneider seine Absicht aus der Welt um sich. Dann ging er in die Stube, suchte des kleinen Amadeus Schiefertafel aus dem Versteck und schrieb seinen Willen darauf. Es war vor dem Tag der Leute, als er all das tat. Noch in keiner Esse rundumher war der Rauch erwacht. Der Herrgott allein ging übers Feld und redete mit leisem Atem zu seinen Bäumen, und das Amadeuslein lag und schlief, als trügen ihn die Engel in einem schimmernden Netz über die Erde. Nachdem Mandel mit seiner Schreibarbeit zu Ende gekommen war, saß er auf der Schneiderbank und wartete, die Hände zwischen die Knie geklemmt. Endlich hörte er Maruschka aufstehen und die Bodenstiege herunterkommen. Da wurde er blaß bis in die Zähne, raffte die Tafel auf, ging dem Weibe entgegen und reichte ihr, was er geschrieben hatte. Er stand so aufrecht, wie er noch nie in seinem Leben einem Menschen gegenübergetreten war, selbst nicht einmal Napoleon; aber ansehen konnte er die Maruschka doch nicht. Er stellte sich ans Fenster und sah hinaus. Eine bange Minute verging. Dann hörte er, wie die Tafel hingelegt wurde und die Wirtschafterin zurücktrat. So, Gott sei Dank, jetzt ist's vorbei, dachte Mandel und wartete noch ein Weilchen, damit sich die Stumme entferne. Als er sich aber umdrehte, stand sie da und starrte mit weitoffenen Augen in einen Topf, den sie geistesabwesend aus dem Schrank genommen hatte. Die Tränen liefen ihr über die Wangen, daß eine die andere fing. Entschlossen trat er auf sie zu. Aber es dauerte lange, ehe sie sich erholt hatte. Endlich hob sie den Kopf wie überschweres Gewicht und sah fragend auf das schlafende Kind. Eusebius nickte, und weil die Stumme sich noch immer nicht in das Unabänderliche fügen konnte, schrieb er mit bebenden Armen in die Luft, daß sie ihn auf der Stelle verlassen müßte. Er, Eusebius Mandel; und der König von Preußen wollten es nicht mehr. Darauf drehte er sich um und setzte sich, abgewendeten Gesichtes, auf sein Bett. Die Tür fiel zu. Die Stiege knarrte. Dann wurde in der Kammer über ihm ein Kasten schleifend gerückt. Darauf fiel etwas Großes, Weiches dumpf um. Jetzt ist sie ohnmächtig zusammengestürzt, sann der Schneider. Und plötzlich wurde es still im Hause, so totenstill, daß es Mandel nicht aushielt. Er sank um und hüllte seinen Kopf in die Decke. So blieb er liegen, bis Maruschka das Haus verlassen hatte. Als er wieder ans Fenster trat, sah er die Stumme mit einem großen Pack auf dem Rücken, vornübergebeugt, aber mit langen, festen Schritten den Schrimsteig nach den Berghäusern zu hingehen. Etwas, wie ein Verdunkeln am hohen Himmel, lief mit, wohin sich das Weib in ihrem Gange wendete, als werfe ihr Leib seinen Schatten nicht neben sie, sondern in die Luft hinauf. Kaum hatte Christoph Eusebius das gesehen, so wußte er, was das zu bedeuten habe, holte die Schiefertafel, darauf er die letzten Worte an Maruschka geschrieben hatte, und den Topf, in den ihre Tränen gefallen waren, trug sie in den Hainwald an einen abgelegenen Ort, zerschlug sie an einem Stein und grub die Scherben in die Erde. Dann kehrte er in sein Haus zurück und öffnete die Kiste, in der er seiner verstorbenen Frau Agathe Kleider aufbewahrt hatte, nahm eine Jacke heraus, einen Ober- und Unterrock, ein Mieder und was zum Anzug einer Frau gehört. Das alles hing er an den Wandrechen neben des Amadeus Bett, als sei seine Agathe gar nicht gestorben, sondern nur auf Zeit davongegangen und könne jeden Augenblick zurückkehren. – Indem rührte sich sein schlafender Junge dem Aufwachen entgegen. Mandel trat an das Bett, strich ihm sänftlich die weißblonden Haare aus der Stirn und weckte ihn vollends mit einem Kuß: »Guten Morgen, Amadeusla«, sagte er, »sieh doch bloß, die Sonne ist schon lange aufgewacht, und ich glaube, die Vögel singen auch schon.« Und am Nachmittage saß der Schneider in seinem Gehäuse und arbeitete. Von Zeit zu Zeit hob sich sein Blick und streifte über die Wiese bis an den Hainwald. Der war nun des Winters ganz ledig und vollkommen erwacht. Die blaue Herrlichkeit seiner Tiefe strömte unaufhörlich aus ihm heraus und hauchte sich erst als duftiger Sonnenschatten über das junge Grün der Wiese. Dann aber flocht sie sich ins Licht, stand als zitterndes Schimmern über seinen spitzen Kronen und reichte gar herüber bis an des Eusebius Brust, in der immer noch ein dunkles, stummes Wehgefühl in den letzten Zuckungen lag. Eine lange Weile nestelte dieser unsagbare Hauch des Waldes an der eingeklemmten, knöchernen Tür der Schneiderbrust herum, ohne hinein zu können. Zuletzt gaben aber die vielen verschobenen Riegel doch nach, und Eusebius Mandel hatte ein Gefühl, als würde sein Herz in weiche Hände genommen und wie eine Blume auseinandergefaltet. Die Empfindung davon war so ausnehmend köstlich, daß der Schneider sich erstaunt umsah, als wäre es möglich, jenes Wesen zu gewahren, von dem diese zauberische Wohltat herrührte. Und wirklich, nicht lange suchte des Christoph Eusebius Auge in betroffener Erwartung die tausend blauen Schattentore des Hainwaldes ab, da sah er seine Agathe aus dem Dunkel auftauchen, leibhaftig wie sie im Leben gewesen war, und wußte nun, wer sein Inneres mit einem Male so ins Gnädige gewendet habe. Aber nun war seines Weibes Kopf nicht geneigt, wie damals, als er sie das erstemal nach ihrem Tode gesehen hatte. Sie trug das lange, ruhige Gesicht erhoben. Die bunten Bänder der Haube spielten um ihre Stirn, und sie hielt das Gebetbuch mit stiller Hand an die Brust gedrückt, und der weite Faltenrock rührte sich von ihrem festen Gange. Das meiste Licht aber quoll aus ihrem Gesicht. Als sie bis an die Grenze des Schattens gekommen war, mit dem der Wald weit in die Wiese hineinreichte, zerging sie. Nur der Schimmer ihrer Augen blieb in der Luft und wehte geradewegs auf sein Haus zu, als wandle sie durch ihren Blick aus dem Jenseits in das Schneidergewese unter dem Ahornbaum, wo sie als Mensch so lange gelebt hatte. Der Röhrsdorfer Schneider sah ein weißes Licht durch das Fenster an sich vorüber in sein Stübchen kommen, und da er wagte, sich umzusehen, schaute er, wie sein gestorbenes Weib als ein helles Glänzen die Dielen auf und zu schwebte. Eben wollte er zu seinem Jungen sagen: »Sieh, das ist deine himmlische Mutter«, aber es war nicht nötig. Das Amadeuslein saß auf dem Stuhl neben dem Topfschrank und verfolgte mit seinen Augen das Spiel, das der Abglanz der weißen Himmelswolken in der Schneiderstube trieb. Deswegen tat Eusebius keinen Laut, wandte sich geräuschlos wieder um und wartete, was sein Junge von selbst dazu sagen würde. Es dauerte auch keine drei Faden lang, so fing das Büblein an, aber nicht zu sprechen, sondern zu singen. Erst klang es leise wie das Lied des Rotkehlchens, das im Dämmern des Strauches noch an sich selber zaudert. Dann aber dehnte es sich immer weiter ins Freie und Beglückte hinauf und verhalf dem Schneiderhaus und allen, die darin waren, wieder zu der früheren wundersamen Seele. Darum brauchte der Schneider den Amadeus nicht erst zu fragen, ob er wisse, wer zu ihnen auf Besuch gekommen sei. Aus allen Winkeln tönte es, in den Schrotwänden wachten alte, selige Versunkenheiten auf. Die krumme Weide wurde bewegt, daß das goldene Stäuben ihrer Kätzchen wie eine Glorie um ihre Rutenkrone flog, und Eusebius war so ergriffen davon, daß er den Zwirn doppelt und seine Welt wieder in tausendfacher Buntheit sah. ZWEITER TEIL 14 Seit seinen Kindertagen war Christoph Eusebius Mandel, der Schneider von Oberröhrsdorf, wie auf bunten Tüchern über seinem Leben dahingesegelt. Aber diese schöne ihm verliehene Gottesgabe, die Fügung seines dürftigen Lebens im bunten Dampf seiner Einbildungen um sich tanzen zu lassen, stürzte ihn auch, er mochte sich dagegen wehren, soviel er wollte, mit jeder offenen oder verborgenen Heimsuchung, die ihm das Schicksal zuschneiderte, in eine so vielfarbige Wirrnis, daß seine Einbildungen wohl in ihn hineinsanken, sich aber weder in seinem Kopfe zu einem klaren Bilde seiner Lage fügten, noch den Weg aus ihm heraus fanden. Und da er ebensowenig wie irgendein anderer vom Weibe Geborener über seinen eigenen Schatten springen konnte, brachte es selbst das rotkehlchenselige Lied seines Bübleins am Tage der Austreibung der stummen Maruschka aus dem Schneidergewese unter dem Ahornbaum nicht fertig, ihn davor zu bewahren, daß er schon wenige Tage danach wieder in die Furcht verfiel, es könne sich irgendwo in seinem Dasein eine geheime Falltür auftun. Diese Angst, die immer zutiefst im Wesen dieses wunderlichen, listenreichen Mannes lag, und ihn mißtrauisch gegen seine eigenen Eingebungen machte, kroch bald wieder aus allen Winkeln der Schrotwände seiner Schneiderstube auf ihn zu; und je öfter er an die heißen Geheimnisse denken mußte, zu welchen er in den weichen Armen der Stummen getaumelt war, bis sie beinahe sein Amadeuslein in die Wasser des Teiches gezogen hatten, desto mehr verkrochen sich seine verquollenen Äuglein in die Runzeln, und seine Schultern hingen noch einmal so schräg als sonst. So waren noch nicht mehr als zwei Sonntage ins Land gegangen, seit der Schneider die Stumme mit ihrem großen Pack auf dem Rücken, auf den Schrimsteigen über die Lehne nach den Berghäusern hin in Richtung nach der Grenze hatte verschwinden sehen, da schien es dem Knaben, wenn der Vater ruhelos im Häusel herumwerkte, als hüpfe eine kranke Krähe durch die Stuben. Ja, so war es, es half dem Meister Eusebius nichts, daß er sich wohl ein dutzendmal am Tage vorsagte, wie wohlverwahrt jene Geheimnisse in der doppelt versiegelten Brust dieses Weibes lägen; denn damit betäubte er nur die andere Stimme in seiner knöchernen Schneiderbrust, die ihm unablässig zuraunte: »Was willst du denn, Christoph Eusebius, deine Agathe, Gott hab' sie selig, kann dir kein Essen mehr kochen, keine Stuben mehr in Ordnung halten, und dein Amadeus kann es erst recht nicht. Außerdem wird der Junge schulpflichtig, und an der Maruschka Schürzenbändel hat er sich niemals hängen mögen. Du brauchst ihr ja kein Bett mehr in der Kammer zu geben; soll sie in der Moserschenke schlafen, da hat sie's nicht weit. Und eine bessere Wirtschafterin findest du nicht mehr.« Gegen diese Stimme wußte sich Mandel in seiner Unmächtigkeit nicht anders zu helfen, als sich in die Ausschreitungen seiner zügellosen Phantasie zu retten und sich so die Verwicklungen wieder zu entfremden, in die ihn erst die sehnsüchtigen Lieder seines Jungen, mit denen er seiner himmlischen Mutter wieder habhaft werden wollte, dann der maßlose Schrecken über die Geschichte am Teiche und endlich der Entschluß gebracht hatten, sich von der Stummen zu trennen. Aber all die hundert Gestalten und Abenteuer, worein er sonst so leicht seine Jahre und Tage, seine Nöte und Freuden schlüpfen lassen konnte, versagten ihm diesmal ihre hilfreichen Dienste. Ja, manchmal dünkte es ihm selbst nicht mehr ganz wahrscheinlich, daß er einst in Berlin gewesen, mit dem Meister Napoleon so umgesprungen sei und allerhand Abenteuer zwischen Hildesheim, Hamburg und Frankreich bestanden habe. Gleich einem farbigen Dunst stand in solchen Augenblicken sein Leben vor ihm, und sein Dasein kam ihm wie ein recht armseliges Häuflein vor. Dann murmelte er, um seiner wieder habhaft zu werden, seinen Namen vor sich hin, und wollte auch das nicht helfen, so stieg er aus dem Schneiderstuhl, verriegelte die Tür und rief mit beschwörender Stimme, daß er Christoph Eusebius Mandel sei und kein anderer. Das half dann wohl, und der Schatten seines gestorbenen Weibes stellte sich nach solch gewaltsamen Aufrichtungen auch ein, und er sah sich mit Agathe auf dem Bänklein vor dem Hause sitzen oder ging draußen mit ihr durch das Feld. Er spürte sie neben sich wie eine sichere geruhige Luft oder wie einen besänftigenden Schein; sowie er aber sich zu ihr wandte, um zu sehen, ob sie sich verändert habe, seit sie gestorben war, erblickte er allemal Maruschka neben sich, und ihr Gesicht glühte wie damals, als ihn des Amadeus Lied betört und über die Diele zu ihr geführt hatte. Da wurde dem Schneider denn doppelt unheimlich, und es war nicht von der Hand zu weisen, daß es in seinem Hause nicht mit rechten Dingen zugehe. Irgend etwas trieb sein Spiel mit ihm, seinem Amadeus und seiner entlassenen Wirtschafterin. Unter diesen Umständen ging die Hübnerjacke ein zweites Mal aus seinen Händen hervor, und einen Tag vor dem neuen Ablieferungstermin hing sie fix und fertig an dem Regal, stattlich und fehlerfrei. Ihr Kragen lag glatt wie ein Sattelgurt zwischen den wohlgelungenen Achselpolstern. Die Brust wölbte sich wie ein Küraß. Kein Knopf hatte sich verirrt. Die Nähte flitzten sicher und schneidig durch das Tuch. Während der ganzen Arbeit hatte den Meister die bewußtlose Hoffnung erfüllt, daß sein Sinnen fürs Blühende verwirrt, an die alten verschlungenen Raine seines Lebens gespült werden möge, und auch jetzt, da er prüfend vor seinem fertigen Werk stand, da einen vergessenen Heftfaden herauszupfte, dort eine Falte glatt zog, tat er das alles mit der geheimen Schadenfreude an einem Schnippchen, das ihm sein unruhiger Geist gedreht haben mußte, damit er an dem Fehler wieder zurückfinde zu dem alten Eusebius Mandel, dessen Leben so fröhlich und kraus in dem Lichte von seines Söhnleins Scheitelhaar sich gesonnt. Aber sicher, glatt und makellos, fast drohend hing die Jacke da. Sonst konnte er, an dem Ende einer Arbeit angelangt, zurückblicken wie auf eine vielfältige abenteuerliche Wanderung, und alle Gesichte, die ihm während des Schaffens die Seele umdrängt hatten, waren an dem fertigen Stück in leisen Spuren zu entdecken, daß ihm manch ein schöner Rest zu kosten übrigblieb, den er mit Freude gegen die Kunden verteidigte, so daß er zum anderen Male in seiner Vielfältigkeit untertauchen konnte. An dieser Jacke gab es kein Hügelchen, keinen Graben, kein Wirbelchen: ein fremdes, kaltes, sachliches Werk. Wie an einer glatten Mauer tastete des Schneiders Blick an ihm herum und entdeckte doch nicht die leiseste Spur eines seltsamen Einfalls, durch den er zu seinem alten Wesen hätte zurückschlüpfen können. Vor ihm aber, indes er den Verlauf der Arbeit übersann, öffnete sich statt eines blühenden Rückblicks etwas wie ein finsterer Trichter, der vollgestopft war von all seinen Handgriffen, seiner Rastlosigkeit, seinem Fleiß, die nun, wie er hinsah, gleich einem grauen, seelenlosen Lärm so stark auf ihn eindrangen, daß er die Überzeugung gewann, nicht eine Stunde mehr mit diesem Kleidungsstück zusammen hausen zu dürfen, wenn er sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, der fremden Macht sicher zu verfallen, die ihn zu dieser unseligen Vollkommenheit mißbraucht hatte. Obwohl die Sonne sich schon weit in den Nachmittag hinübergespielt hatte, schälte er sich eilig aus seiner Arbeitskluft, packte die Jacke in die alte Wachsleinwand und machte sich mit seinem Pfefferrohrstock auf den Weg nach Bauerröhrsdorf. Unterwegs überschlug er noch einmal die Rechnung, erhöhte da und dort einen Posten um einen Zehner und war während der eiligen Wanderung von einer fast schmerzhaften Neugier auf den Ausfall der Lieferung befangen, als sei er nicht ein ergrauter Nadelreiter, sondern ein Neuling, der unter der Sorge um das Gelingen der ersten großen Probe litt. Diese Bedrücktheit nahm eher zu, als er sich in der großen Stube des Hübnerhofes dem Bauer gegenübersah, der in der Erwartung eines lustigen Wortwechsels breit und schmunzelnd auf der Bank saß. Eusebius hockte ängstlich hinter dem mächtigen Birnbaumtisch und war reineweg wie ein zugedeckter Topf. Mochte der Bauer schelmisch da und dort an ihm zupfen, um des Schneiders Laune heiß zu machen, es half nichts. Dann und wann ließ er einen lahmen Spaß ins Gespräch flattern. Das war alles. Und als die Bäuerin hinzutrat und ihn aus fröhlichem Gesicht anglänzte, ertrug es Mandel nicht länger. Er entschuldigte sich mit einer bösen »Infolenzia«, die ihn seit Tagen plage, und bat, wenn es möglich sei, den Handel zu Ende zu bringen, da es sich in seinem Kopfe wie ein Kirmestanz drehe. Dabei sah er mit bänglichem Lächeln von einem zum anderen. Der Bauer und die Bäuerin merkten nun wohl auch, daß der Schneider nicht in seiner alten Haut stecke, und holten den Jungen herbei, für den die Jacke bestimmt war. Als der prügelstarke, halbwüchsige Bursche in die Stube trat, maß ihn Eusebius unauffällig mit den Augen und atmete ein wenig auf. Aber nein, es war wie verhext, die Jacke saß, als sei sie ihm angewachsen: keine Blase blähte sich an den Achseln, zwanglos und leicht schloß die Taille, ja seinen hartnäckigsten Fehler hatte Mandel wie nachtwandlerisch vermieden: wenn bei geschlossenen Knöpfen der Bursche die Arme hob und wieder sinken ließ, so blieb sie nicht mit klaffendem Kragen an den Ohren stehen, sondern kehrte wieder glatt und sicher in die frühere Lage zurück. Alles war voll des verwunderten Lobes über das Meisterstück. Nur Christoph Eusebius sah mit weiten Augen vor sich nieder und sog härter mit seiner Nase an einem Seufzer. Dann aber richtete er sich auf und sagte mit trauriger Stimme: »Na ja, ihr Lieben, so geht's halt schon.« Fast hätte er gesagt: »So kann's een schmeißen.« Er behielt aber seine Beklemmung für sich und strich seinen Lohn ein. Nachdem er der Bäuerin noch für die Ehre gedankt, die sie seinem Amadeus erwiesen, und der kleinen Veronika erzählt hatte, ein wie großes Verlangen der Junge nach ihr trage, drückte er sich schüchtern und eilig aus dem Hofe. Das Dämmern hatte sich schon fester an die Erde gesogen, als da er vor Wochen mit seinem Amadeus denselben Weg gegangen war, und da er sich der Felsenschwelle näherte, sahen die Büsche schon wie eine schweigsame Versammlung von Riesen aus, die ihre ungeschlachten Köpfe zusammensteckten und unheimlichen Rat pflogen. Der Schneider huschte so dünn und eilig wie möglich durch sie hindurch, und als er glücklich das freie Feld gewonnen hatte, brausten sie unter einem plötzlichen Windstoß wie drohend auf. Als er im tiefen Abend zu Hause ankam, fand er alles wie ausgestorben wieder. Der Junge schlief und hatte nach seiner Gewohnheit einen Arm unter den Kopf geschoben. Auf dem Tisch neben der kleinen Schirmlampe fand er sein Abendessen bereitgestellt, und wenn Eusebius die rechten Augen gehabt hätte, wäre ihm wohl schon bei diesem Anblick ein Licht aufgegangen. Aber er hatte auf nichts acht, lehnte den Pfefferrohrstock in den Topfschrankwinkel und schlang stehend, hungrig wie er war, das Essen in sich hinein. Denn er hatte, als er am Nachmittag zur Ablieferung der Hübnerjacke aufgebrochen war, in seiner Erregung nicht einmal wie sonst einen Kanten Brot in seine Tasche gesteckt, und vor der Bäuerin hätte er um sein Leben nicht um eine Wegzehrung bitten mögen. Dann setzte er sich in das Dunkel auf seine Schneiderbank. Ein graues, gestaltloses Träumen hüllte ihn ein, und wie ein Gewirr schwarzer Fäden ließ er sein Denken um seine Seele spielen. Griff er in die Tasche und rührte zu seiner Ermutigung in dem Erlös der Hübnerjacke, so schwirrte das Geld ein leises, boshaftes Lachen, und da er die Summe neben sich auf der Bank aufmarschieren ließ, Markstück hinter Markstück, war es ihm nach kurzer Zeit schon nicht anders, als starrten blasse, winzige Gesichter aus einer finsteren Tiefe und lockten an ihm. Und als er mit einem leisen Schauern wegsah, bemerkte er, wie ein Schatten an der Wand und ein Luftzug über ihn hinstrich. Da machte Mandel sich fest und kletterte aus seinem Schneidergehäuse. Irgendein Fremdes sog an ihm und ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. So folgte er dem Schatten durch die geschlossene Tür auf den Flur und tastete sich die Stiege herauf bis auf den Boden. Vor der Kammertür angekommen, blieb er wie erstarrt stehen. Da drin bewegten sich Schritte, und ein Stuhl oder was es war, wurde gerückt, dann hörte er die Bettstatt knarren: die Stumme war zurückgekehrt. Wie ein Blitz grell durch die Schwärze der Nacht fährt, überfiel Eusebius diese Erkenntnis, und das Herz stockte ihm. Die Beine zitterten ihm vor Schwäche, sie trugen ihn gerade noch bis an die Stiege zurück. Dort sank er auf die oberste Stufe und suchte mit sich ins reine zu kommen. Gott, vielleicht war es besser, daß es sich so gefügt hatte. Nichts, was einem im Leben geschieht, ist ohne Sinn. »Ich werd' sie nicht mehr anrühren, und der Junge wird sich damit abfinden müssen. Ja, abfinden, ich muß es ja auch. Amadeusla, ich versprech' dir's und deiner himmlischen Mutter, du darfst immer singen, so viel du willst.« Und dem glücklich-unglücklichen Meister rannen die dicken Tränen über die Backen, als er sich endlich wieder so weit in der Gewalt hatte, taumelnd über die Stiege herunterzuschleichen und sein Lager aufzusuchen. 15 Das Kunstwerk, das Eusebius in den Hübnerhof abgeliefert hatte, erregte bald die Verwunderung von ganz Röhrsdorf, und die Mäuler, die dem Schneider ehedem versteckt oder offen Narrenschellen an die Rockschöße gehängt hatten, klapperten nun überall sein uneingeschränktes Lob aus. Die ersten Kunden, die dem Schneider neue Sachen zur Anfertigung übergaben, traten wohl noch mit dem alten Mißtrauen an ihn heran. Die schweigsame, trauervolle Befangenheit des Meisters, seine wortkarge sachliche Art sahen aber so sehr wie besonnener Ernst aus, daß alle nicht genug staunen konnten über die günstige Verwandlung, die mit ihm vorgegangen war, und jeder verließ mit den besten Hoffnungen das Haus. Über das Dorf hinaus verbreitete sich des Schneiders Ruf, und die Klinke der Schneidertür wurde gar nicht mehr kalt unter der Hand der Kunden. Berge Tücher schichteten sich auf dem Wandbrett, und Mandel radelte an seiner Maschine oder flatterte auf seiner Schneiderbank wie ein Vogel, der sich auf Nimmerwiedersehen über alle Berge davonmachen will. So und nicht anders war es auch. Mit jedem Stück, das er in Furcht begann und zu seiner schmerzvollen Verwunderung wieder makellos fortgab, entfernte er sich immer weiter aus seinem früheren blühenden Leben. Der mörderische, seelenlose Fleiß fraß sich immer tiefer in ihn hinein. Etwas wie ein kalter Rausch beherrschte ihn in diesem Winkel seines Daseins, in dem nichts, aber auch rein gar nichts gedieh als Spenser, gestreifte Hosen, Flauschröcke oder karierte Westen. Nicht nur von sich wurde Eusebius durch seine Arbeit ausgeschlossen. Es war, als fahre er auf grauer Bahn auch an den Menschen vorüber und gelange in eine Öde, die sich immer weiter um ihn ausbreitete. Daran trug nun wohl nicht seine unbegreifliche Seelenverfassung allein die Schuld. Auch die Menschen, die sonst ihre zerschlissenen Gewänder in seine heilenden Hände legten, kamen aus Kammern, in denen das Mühlwerk des Lebens schonungsloser zupackt, knorrige Holzfäller, finstere alte Knechte, überlastete, vielgestoßene Mütter. Und während sie mit dem Meister das schwierige Problem berieten, fast hoffnungslos zerlöcherte Hadern wieder in dienstbare Gewänder zu verwandeln, überkam sie unversehens die Redseligkeit der Kranken dem Arzt gegenüber, daß sie, spielend und spottend wohl, wie es dem geringfügigen Anlaß entsprach, von der Lust und der Last ihres Lebens ein wenig die Decke hoben. Diese vielfarbigen Streiflichter des Daseins fing die empfindliche Seele Mandels auf und verwebte sie als ein buntes Gerank in sein Leben, daß manch eine Blöße in ihm übergoldet, manch ein Mißmut getröstet, manch ein heimlicher Schalk in ihm zum Tanz vollführt wurde. Doch diese gedrückten und freundlich kargen Kunden blieben so nach und nach aus, und bald bog sich die Diele der Schneiderstube unter dem anmaßlichen Schritt der Reichen, ward verdunkelt von den breiten Schatten umfänglicher Leiber und erstarrte in Kälte und Unversöhnlichkeit vor dem wortlosen Hochmut oder plumper Prahlsucht. Wie ein Almosen empfing der Schneider die Aufträge und wurde gleich einem Bettler in alle Winkel geduldet. Denn so ein Mensch, der sich ein neues Kleid machen läßt, bläht sich schon in neuen Hoffnungen und tut, als hätte er den Plan, dem sein neues Gewand dienen soll, bereits erreicht. Er behandelt den Handwerker als eine unerfreuliche, langweilige Zwischenstation, und wenn die Kunst des Meisters die Arbeit zu einem guten Ende geführt hatte, waren gar viele geneigt, den Erfolg nur sich selbst, ihrer schmucken, würdigen Gestalt zuzuschreiben. So zog jetzt das Leben an dem Schneider vorüber wie ein ferner fremder Zug schweigsamer Masken. Nichts kam ihm zu Hilfe in seiner augenlosen Sucht, nichts entführte ihn aus seiner bildlosen Unruhe, aus einem dunklen Erwarten, das ihm oft wie Schmerz wehe tat. Und seit Maruschka im Laufe der Wochen wieder aus der Scheu in ein geruhigeres, sicheres Wesen zurückgekehrt war und wie sonst wirtschaftete, am Tische saß und dem Schneider zur Hand ging, überraschte sich Mandel auf einer bitteren Empfindung, als sei sie schuld an seiner Lage. Nur selten gewitterte eine schwache Hitze um sie, oder lief bei ihrem Eintritt ein leichtes Erhellen durch die Stube. Das waren die einzigen Augenblicke, in denen Eusebius seinen alten eiligen Herzschlag in sich und ein fernes buntes Herandämmern um sich verspürte. Dann sank ihm die Arbeit aus den Händen, lange sah er in unbestimmbare Weiten und schluckte an einem Seufzer durch die Nase. In den Stunden, die solchen gnädigeren Augenblicken folgten, sah er auch seinen Amadeus wieder etwas im Schein des früheren bunten Lebens. Dann ergriff den Eusebius die Trauer über die unverschuldete Lieblosigkeit, die er seinem Jungen antat, daß er ihn vernachlässigte bis in ein armes Wort hinein, und er rief ihn zu sich heran, streichelte ihm wie in den guten Tagen den Scheitel und redete zu ihm. Aber waren sonst seine Worte wie bekränzte Eimer aus dem inneren Brunnen heraufgestiegen, jetzt brachte er es nicht weiter als zu alltäglichen Fragen nach seinem Ergehen oder zu erzwungenen Späßen, wie man sie aus Höflichkeit fremden Kindern bietet. Die glänzende Straße, die aus den jungen Wundern seines Söhnleins zu ihm herübergeführt hatte, schien abgebrochen, und dem Vater war die glückliche Hand gelähmt, mit der er nach den Heimlichkeiten seines Kindes gelangt hatte. Seine Inbrunst zu Amadeus war wohl nicht vergangen, aber sie lag wie alles Blühende seines Daseins von dem Grauen, Gestaltlosen in ihm gefangen, und er spürte sie wie alles, was ihn umgab, gleich einem Brennen und Drängen. All diese herzlichen Anläufe endeten damit, daß Amadeus bei seinem Vater saß und seinem Fleiß zuschaute, bis er von seinem verschwiegenen Spiel fortgelockt wurde. Mit einem langen Blick sah ihm der alte Mandel nach und versank dann wieder in den grauen Rausch seines Schaffens. Aber wenn er meinte, sein Amadeus sei ferne von ihm, so täuschte er sich. Gerade diese Verhaltenheit seiner Liebe, diese Ruhe seiner Trauer brachte ihn dem Kinde näher. Ungestört durch die Kapriolen und jähen Einfälle konnte sich Amadeus seines Vaters bemächtigen und ihn nach Gutdünken in die Wandelbilder seiner Seele einreihen. Wenn er ihn so in stiller Emsigkeit arbeiten oder in gemessener Sicherheit mit den Kunden verhandeln sah, verloren sich die verwirrenden Wirbel ganz, durch die das russische Abenteuer ihn entstellt hatte, und aus der ersten Zeit seines Lebens sank ein heroischer Glanz um ihn. Die Abenteuer von Hamburg und Hildesheim leuchteten für ihn wieder aus des Eusebius Augen, und entfernte sich der Schneider zu einem Ablieferungsgang, so schien es dem Knaben, er wandere mit seinem Pfefferrohrstock zu neuen Unternehmungen aus, oder er besuche seine himmlische Mutter. Nach solcherlei Ahnungen war das Junglein wieder wie verwunschen, und in sein versonnenes Gesicht trat ein Ausdruck des Glückes vor all dem Singen, das in ihm erwachte. So wurde dem Amadeus die Welt seines Lebens immer wieder innerlich geboren, und er wurde nicht müde, die Kraft zu versuchen, die ihm seit Maruschkas Austreibung unversehens wieder in die Kehle geraten war und die ihm auch trotz ihrer unvermuteten ärgerlichen Rückkehr, wie es schien, treu geblieben war. Die Gewalt seiner Lieder schlug in ihn zurück, und wenn er wollte, vermochte er in seine Verzückungen unterzutauchen. Ja, so herrlich lebte der Sang, den Eusebius sich geschworen hatte, seinem Jungen nicht mehr zu verwehren, in der Schneiderstube wieder auf, daß die Bohlen der Schrotwand von ihm getränkt wurden. Im Lichte bebten seine Lieder auf unfaßbare Weise, und zwischen den drei Menschen flochten sie abermals einen rätselhaften Atem; aber ihre Wirkung blieb in den beiden Großen einstweilen gleichsam unterirdisch, gestaltlos. Nur aus des Amadeus Augen strömte ihr Strahlen klar und leuchtend. Freilich wehte aus diesem Licht den Eusebius oft ein buntes Ahnen an, daß er den grauen Rausch seines Fleißes doppelt trostlos empfand und zugleich sein früheres, vielfarbiges Leben in seinem Kinde in unerreichbaren Weiten spielen sah. 16 Draußen war es indessen recht tief eingeherbstet. Die Pflüge hatten die Sommerstoppeln längst untergeschält, und allenthalben zitterte die junge Saat in dem Winde, der gar nicht mehr aufhören wollte und einen immer hohleren Ton bekam, wie das eben so oft geht, wenn der Winter sich aufmacht und ihm in die Lunge bläst. Da schüttert es dann den ganzen Tag an dem Gesparre der Häuser, und die Wolken werden wie nasse, schmutzige Wäschestücke klatschend an den Giebel gepeitscht. An einem solchen Tage sah Eusebius, von der Arbeit aufblickend, einen Bauer an seinem Fenster vorübergehen, und hinter ihm kam sein Ochsenjunge mit einem Paket. Aus der steifen Beugung des Oberkörpers des Mannes schloß Mandel, daß es der Freibauer von Ransern sei, mit dem er einst wegen der verunglückten Hosen in einen so wilden Streit geraten war, daß er nur eilig das Weite suchen konnte. Gleich darauf hörte er die Haustür auffliegen. Die beiden traten sich im Flur den Schmutz von den Stiefeln und schüttelten den Regen aus den Kleidern. Mandel sank noch emsiger auf seine Arbeit und beschloß, den Überraschten zu spielen. Gleich darauf ging die Tür weit auf, und richtig marschierte der Tautz herein, gereckt und stolz, wie es seine Art war. In der Mitte der Stube angekommen, das heißt nach fünf Schritten, herrschte er den Schneider an: »Ihr habt ja ein Sauwetter in dem Oberröhrsdorf.« Dann erst grüßte er: »Guten Morgen, Schneider.« »Nun ja«, antwortete Eusebius mit einer ergebenen Biegung im Ton, »wenn das schlechte Wetter ein Hund wär', ging's leichter.« »Warum ein Hund?« fragte Tautz und sah sich lächelnd in der Stube um. »Na, da könnte man's einsperren«, antwortete Eusebius und trug dem Bauer einen Stuhl herzu. Dem Ransener aber kam es vor, er habe sich schon zu weit herabgelassen. Darum antwortete er nicht, warf die nasse Mütze auf die Bank und brachte seine glänzend schwarzen Haare in Ordnung, die an den Schläfen zu kunstvollen Schnecken gedreht waren. Dann sagte er kurz und schnauzig zu dem Ochsenjungen: »Da setz dich«, deutete auf die Bank und nahm breitbeinig und langsam auf dem Stuhle Platz. Eusebius stand mit bereitwilligem Lächeln zur Seite und wartete, geschickt sein Wort wieder einzufädeln. Jetzt saß Tautz fest in seiner Würde, drehte den Kopf zu dem Meister und fragte, das zerschobene Männchen mit einem belustigten Blick überfliegend: »Ihr wundert Euch wohl, Schneider?« »Gewiß, wenn's erlaubt ist, ich bin nämlich nich in der richtigen Reschong, das heißt, ich habe nich die Ehre, Sie zu kennen.« Eusebius wendete in gewissen Fällen, um die Feierlichkeit zu erhöhen und seine Kunden besonders zu ehren, Fremdwörter an. Mit »Reschong« wollte er sagen: Verfassung. Der Ransener stieß einen kurzen höhnischen Lachlaut aus. »Reschong«, sagte er dann, »nein, aber der Freibauer Tautz aus Ransern bin ich.« »Seh'n Sie, Herr Freibauer«, begann jetzt Mandel noch etwas schmiegsamer als vorher, da er sah, daß Tautz offenbar unangenehm berührt war, nicht gekannt zu sein, »ein Schneider ist wie ein Bild an der Wand, angenagelt und kommt selten aus der Stube. Nein, nein, jetzt weiß ich schon, der Hof über Sauerborn, neben dem Walde, freilich, freilich.« Aber Tautz hatte gar keine Lust zu einem Gespräch, sondern sagte: »Das ist ja auch egal«, stand auf und befahl dem Jungen, das Paket zu öffnen, das in ein rot und weiß kariertes Tischtuch eingeschlagen war. Während die Hülle unter Mitwirkung des Schneiders auseinandergefaltet wurde, lief der Freibauer mit unruhigen Schritten um seinen Stuhl. Endlich hatte Eusebius das Paket aller Hüllen entledigt, denn unter dem Tischtuch war noch eine schwierige Verschnürung und ein doppelter Papierumschlag zu überwinden. Und während er nun über das Tuch hinwegsah, dachte er mit gutmütiger Schadenfreude an des Freibauern schiefen Bauch, laut aber sagte er, das Tuch in Falten raffend, mit Kenneraugen darüber hinprüfend: »Nobel. Durchaus! Doppelt diagonal Croisie. Ja. Gut geschoren, ein leichter Strich, und wenig Apperetur. Das ist nämlich die Hauptsache, Herr Freibauer. Aus welcher Kondition ist es, wenn Sie erlauben?« Damit drehte er sich zu dem Ransener, sah ihn erwartungsvoll an und wiegte den Ballen liebevoll in den Armen. Aber diesem trocknen Manne war nicht beizukommen. Er schob seinen Bauch zurecht, begann seinen Mantel von den Schultern zu zerren und sagte statt aller Antwort zu dem Schneider, der herzugesprungen war und ihm beim Ablegen half, mit grobem Ächzen: »Ich bin in den Kreistag gewählt und brauche einen neuen Gehrock. In drei Wochen ist die erste Sitzung. Könnt Ihr bis dahin fertig sein, Schneider?« Bei den letzten Worten nahm Tautz die Arme herauf und stützte die Hände majestätisch in die Hüften, als sei er schon in der Versammlung und warte die Wirkung seines bedeutsamen Vorschlages ab. Der arme Eusebius spürte die Mißachtung des Ranseners gleich einem würgenden Strick am Halse. Er kam vor Betroffenheit nicht gleich zu sich, sondern hüpfte wie ein geständertes Huhn ein paarmal vor seiner Schneiderbank auf und nieder, als überlege er angestrengt die Lieferungsmöglichkeit. In Wahrheit sah er sich, krasser und hilfloser als sonst, in seiner grauen Öde. Er setzte sich auf den Schneidertisch, ließ einen Augenblick den Kopf wehmütig hängen und sagte dann trostlos vor sich hinschauend: »Malangpüh.« Klagend sprach er diese seltsamen Silben, denn sein Wortschatz reichte nicht hin, eine Stimmung auszudrücken, die aus großem Gram und einem schwachen Schimmer von jener Zeit gemischt war, da er gen Frankreich ritt. Tautz räusperte sich ungeduldig, und als Mandel noch nicht zu sich kam, sondern immer ganz verloren an dem Bauern vorbei ins Leere blickte, sagte der Ransener endlich: »Ich hab' Euch gefragt, Schneider, ob Ihr mir den Rock bis dahin machen könnt?« Aber Eusebius kriegte sich aus seinem grauen Bann nicht los. Ganz weit hörte er des Freibauern Worte und war bereit, zu dem gewünschten Tage zu liefern. Allein er konnte doch nichts anderes als nicken. Dazu sagte er noch leiser sein »Malangpüh!« Jetzt war es mit des Freibauern Beherrschung vorbei: »Scheiß Schalanghü oder was Ihr da faselt! Meine Pferde stehen draußen, und ich hab keene Zeit zu dem Gemäre.« Er war aufgestanden und wies mit der Hand durch das Fenster. Auf den Schneider übte sein Zorn keine Wirkung aus. Wie hypnotisiert folgten seine Augen der Richtung des ausgestreckten bäuerlichen Armes. Und kaum, daß er das getan hatte, geschah etwas Unbegreifliches. Draußen sah er sich selbst vorüberhuschen und nach der Haustür zu verschwinden. In fröhlicher Eile, wie es in seinen guten Tagen seine Art war. Durch Eusebius ging es wie ein Reißen. Er sprang zum Fenster und blickte hinaus. Tautz meinte, der närrische Schneider schaue sich nach seinen Pferden um und sagte mit beißendem Hohne: »Mandel, Euch reitet wohl der Erpel, da könnt Ihr doch nichts sehn. Meine Pferde stehn beim Moser Schenken. Und nu kommt und macht ein Ende.« Dabei zog er den Eusebius recht unsanft vom Fenster weg. Amadeus, der von seinem Winkel aus alles mit angesehen hatte, bekam Angst, als er sah, daß der fremde Mann Hand an seinen Vater legte und drückte sich durch die Tür hinaus durchs Haus. Das Knacken des Schlosses brachte den alten Mandel wieder zu sich. Er lächelte verlegen den Bauern an und sagte, nach Fassung ringend: »Natürlich kriegen Sie den Rock in drei Wochen. Deswegen sagte ich ja auch Malangpüh. Das ist französisch und heißt: Gewiß, mein Herr.« Dann kramte er sein Maß aus der Schublade, legte sich das Buch zurecht und bat den Bauern, sich aufrecht zu stellen. Er begann den schiefen Scholzen abzutasten und schlang sein Metermaß bald da, bald dort um seinen Körper. Doch trotz der stärksten Anstrengung, bei der Sache zu bleiben, wurde der Schneider die Vorstellung nicht los, Tautz sei eine graue Mauer, an der er mit tauben Bewegungen umherklettere. Mit großer Mühe war er so bis zum Taillenumfang gekommen und prüfte mit schonendem Finger den verschobenen Bauch. In diesem Augenblick ging die Tür einen Spalt auf, und Mandel sah zu seinem Entsetzen, sich, den fröhlichen krausen Eusebius, den Kopf hereinstecken und höhnisch nach ihm, dem trocknen Schneider, hinschielen, der zwecklos an der grauen Mauer umhergriff. Da sank dem Meister das Maß aus der Hand, und er trat einen Schritt zurück. »Los«, kommandierte Tautz, der aufs höchste aufgebracht war, weil dem Meister offenbar im Angesicht seines unvorschriftsmäßigen Bauches der Mut sank. »Er läßt mich nich.« »Was, Ihr wollt mir den Rock nicht machen?« schrie Tautz. Mandel schüttelte nur den Kopf und wies zur Erklärung wortlos nach der Tür. Dort zog sich der Kopf zwar zurück; aber die Tür schwankte doch, und jeden Augenblick konnte das Gesicht wieder auftauchen. Tautz wandte sich um. Und weil er nichts sah, glaubte er, der Schneider weise ihm die Tür. Diese Frechheit des »Fadenhengstes«, des »Schneiderbockes« ging denn doch ins »Aschgraue«. Mit Verwünschungen warf er sich den Mantel über, trieb den Ochsenjungen an, das Tuch eilig wieder einzupacken und verließ fluchend und schimpfend das Mandelhaus. Den Meister erreichte das alles nicht. Regungslos und bebend lehnte er an seinem Schneidertisch und sann darüber nach, was ihm eben geschehen sei. Aus dem Schuppen hörte er die eintönigen Schläge von Maruschkas Axt, die dort Holz spaltete, ein dumpfes, leeres Krachen, das aus der Luft gegen seinen Kopf zu fallen schien und die Anstrengung, über das Geschehnis ins reine zu kommen, fortwährend in eine summende Betäubung auflöste. Und da Eusebius endlich das Ringen um Klarheit aufgab und sich willenlos dem Takt dieser gleichmäßigen Laute ergab, erlag er schon bald der Täuschung, dies Pochen sei sein eigner Herzschlag, der immer schwächer werdend in der Weite verschwinde, während er wie ausgelöscht hier am Schneidertisch lehnte, und wenn er es so weit kommen ließ, daß dieser aus ihm herausgewandelte Herzschlag in der Ferne ganz erlosch, so stürze er tot hin. Mit aller Gewalt riß er sich endlich los und trat vor das Haus. Da hatte denn alles, was ihm von der Jugend an vertraut war, dasselbe Gesicht. Der Hainwald stand über die herbstgelben Wiesen hin wie eine versunkene blaue Mauer, die Häuser und Höfchen lagen über die wellige Hochfläche zerstreut, über den Ranserberg klomm die Schnur der kleinen Holzknechtshütten und darüber türmte sich das finstere Schwarz des Langen Busches. Amadeus hockte vor der Schuppentür auf einem Steine und tupfte eifrig mit dem Bleistift auf einem Papierstreiflein herum, das er auf dem Knie hielt. Das Gesicht des Kindes war blaß, und Mandel wurde sich nicht klar darüber, ob er vor Kälte oder verhaltenem Weinen bebe. Vorsichtig trat er an das Kind heran, und als es bestürzt herauffuhr, fragte Mandel: »Amadeusla, wer bin ich denn?« Der Junge war über das Gesicht und die Stimme seines Vaters, noch mehr aber über die seltsame Frage so betroffen, daß er keine Antwort fand, sondern ihn nur mit furchtsamen Augen ansah. »Ich bin doch eben da an dem Fenster vorbeigegangen«, fragte er suchend weiter, »nich?« Amadeus schüttelte nur den Kopf. »Aber ich bin doch zur Tür hinein ins Haus gegangen?« »Nein, du bist nicht bei mir gewesen. Aber der fremde Mann, der dich am Fenster hau'n wollte, ist gerade vorbeigegangen, da bei der Mahlingen die Straße hinauf«, antwortete Amadeus. In diesem Augenblick erscholl von der Chaussee herüber das jagende Rollen eines Wagens. Amadeus und Eusebius traten neben das Haus und sahen den Ransener Freibauern die geneigte Straße hinabfahren. Als dieser den Schneider erblickte, schrie er irgend etwas Zorniges herüber und drohte mit der Peitsche. Mandel verbeugte sich vor Bestürzung und suchte wieder seine Stube auf. So war doch alles keine Täuschung gewesen, und während er dem Tautz-Bauern Maß genommen hatte, war er in der Tat auseinandergefallen. Diese Erkenntnis bedrückte ihn um so furchtbarer, weil er sich erinnerte, daß es in Wirklichkeit Irre gebe, die von dem Wahn besessen sind, zwei Personen zu sein. Um sich zu vergewissern, ob er noch den Verstand besitze, öffnete er den Knopfsack und zählte die Knöpfe durch, langte die Tuchballen herab und prüfte ihr Gewebe und ihre Muster, schlug sich beteuernd aufs Bein, rief seinen Namen, lachte und sprach zornig, trat an den kleinen Spiegel und betrachtete sein Gesicht. Alles stimmte, es waren 150 Knöpfe im Sack, seine Finger hatten ihr Gefühl, sein Auge das sichere Gesicht, seine Hand den alten Griff, seine Stimme denselben Klang, und aus dem Spiegel schaute niemand anders als der Mandelschneider heraus. Und doch, da er sich hinsetzte, die unterbrochene Arbeit hernahm und in dem Gedanken zur Ruhe kommen wollte, daß es die Menschen eben manchmal narre, kam die Empfindung wieder über ihn, während er in seinem Schneidertisch nähe, schweife er zugleich draußen umher. Es kostete ihn alle Mühe, diese drohende Verwirrung vor Amadeus und der Stummen zu verheimlichen, denn er hegte die Hoffnung, daß der Anfall vorübergehen werde. Schon gegen Abend verließ ihn die Zwiefältigkeit seines Wesens auf Augenblicke. Er durfte nur seinen Amadeus zu sich nehmen und wie sonst mit ihm plaudern oder seine Haare streicheln, so verlor sich sein doppeltes Sehen und Sinnen. Ja, als er kurz vor dem Zubettgehen den Ziegenstall verschloß, ereignete sich etwas Sonderbares. Nachdem er den Schlüssel aus dem Vorhangschloß gezogen hatte und in der Dunkelheit eine Weile sinnend stand, hörte er die Stumme aus dem Holzstall sich der Haustür nähern und bald darauf in den kleinen Flur treten. Auf ihrem rechten Arm trug sie einen Stoß Holz. Der Schneider drückte sich platt an die Wand und hielt unnötigerweise den Atem an. Er nahm wahr, wie sie sich umständlich umdrehte und nach dem Türdrücker suchte. Endlich hatte sie ihn gefunden, ließ den Drücker einschnappen und tastete sich durch die Finsternis weiter. Dabei streifte sie so nahe an Eusebius vorüber, daß ihn ihre volle Schulter berührte. Plötzlich drehte es den Schneider wie ein Wirbel, der Flur füllte sich mit kreisender Hitze. Der graue und bunte Mandel erloschen in ihm. Der ganze Schneider wurde ein einziger wild ausholender Sprung, und wer weiß, was geschehen wäre, wenn Maruschka nicht die Stubentür gefunden hätte. So aber fiel bald darauf ein roter Streifen Licht über den lauernden Meister und beizte seine Augen. Die Tür schloß sich hinter der Stummen, und Eusebius fühlte, wie er langsam wieder innerlich auseinanderfiel. Die ganze Nacht lag er dann gleich einem toten trockenen Holze, indes er, getrennt von sich und unerreichbar, wie sein eigener Spuk, umherschweifte, ums Haus, durchs Dorf, über alle Berge. Manchmal wurde das so schlimm, daß Mandel für sich dachte: »Jetzt und jetzt passiert was.« Allein zwischen all der Unruhe hörte er doch seinen Amadeus ruhig atmen, auf dem Boden knarrte es quietschend, wenn sich Maruschka in ihrem Bett umdrehte, und die Finsternis der Stube empfand er als die riesige Hand der allmächtigen Vorsicht, die sich allemal fest um ihn schloß, wenn das Licht seines Lebens gar so auseinander geblasen wurde. Gegen Morgen, als die Sonne die ersten Wolken von weitem anschimmerte, erkannte Mandel, daß er trotzdem noch alles besaß, was zu ihm gehörte. Daraus schloß er mit Recht, er sei innerlich eigentlich ganz gesund, und das, was ihn immer und immer wieder wie ein Wirbel überfiel und auseinanderriß, gehöre gar nicht zu ihm, sondern falle von außen feindlich mit all diesem Spuk über ihn. Er ging die Belästigungen durch vom Tage ihres Anfangs, da ihn des Amadeus Lied in das russische Abenteuer geführt, gedachte des nächtlichen Rumorens, seiner dumpfen Wachstunden auf der Bodentreppe nach Maruschkas Rückkehr bis auf sein wildes Sprunggelüst gestern im Finstern und sah ein, daß ihm das von irgendwem angetan sein müsse. Der eine Mensch gleicht eben einer Kellerwand, an den anderen aber hat alles Fug. Mit seinem Vorfahren hatte sich ja auch eine seltsame Begebenheit zugetragen. Der war ein Fuhrmann und kutschierte in ganz Schlesien umher, über Breslau hinaus bis Grünberg und gar tief ins Polnische hinein. Auf den vielen Fahrten hatte ihm der Weltwind alle Spinnweben aus den Augen geblasen, und er machte sich sozusagen aus Gott und dem Teufel nichts. Allein in einer Nacht wischte es ihm doch die Nase, daß sich eigentlich sein Lebtag die Haare auf dem Kopf nicht mehr sicher fühlten. Denn nachdem er einst monatelang in der Kille seines Wagens gehockt hatte, überfiel ihn die Sehnsucht nach Weib und Kindern und einem ordentlichen Bett. Als er darum die Zuckerfässer Molinaris im Hofe des Kaufmanns Ignaz Haller zu Frankenstein vom Wagen geladen hatte und eins neben dem anderen auf dem Pflaster stand, nicht anders wie eine gut ausgerichtete preußische Kompanie, beschloß er, noch denselben Abend nach Oberröhrsdorf zu fahren. Die Dämmerung rauchte schon um den schiefen Turm, und die Glocke zu Tarnau, die immer den Kehraus machte, stotterte schläfrig an ihren letzten Schlägen, da trabte sein Gespann schon auf der Straße nach Wartha. Er ließ den Pferden den Willen, weil er sich auf sie verlassen konnte, wickelte sich in die Kotze und nickte ein. Im halben Traum hörte er die Neiße rauschen, kam an Glatz vorüber und spürte dann an dem kalten Wind, der ihm gerade ins Gesicht stand, daß er in der Neudecker Mulde zwischen den Höfen fahre. Als er aus dem Dorfe in den Feldweg bog, der nach Oberröhrsdorf führt, holte die Glocke des Turmes gerade zum ersten Mitternachtsschlage aus. Die Rösser witterten die Nähe ihres Stalles und griffen tüchtig aus. Der Ahne überließ sich getrost einem letzten wohligen Träumlein. Plötzlich stand der Wagen. Die Pferde schnoben und gingen nicht vom Flecke. Der Ahn blinzelte unter seiner Plaue hervor, sah nirgend etwas Verdächtiges und versuchte mit sänftlichem Zupfen und ruhigem Hott und Hüh das Gespann wieder vorwärts zu leiten. Aber der Fuhrmann Mandel war nicht in der Asche gebacken. Als die Pferde durchaus nicht vorwärts wollen, sondern wie kollrig bald hinüber bald herüber geigen, reißt er den Mähren das Gebiß ins Maul zurück, steht auf und peitscht ihnen die Mucken aus dem Schädel. Aber statt im Trabe davonzuschießen, steigen die Pferde auf die Hinterfüße, als wollten sie die Sterne vom Himmel beißen, und beginnen den Wagen zurückzuschieben. Da sah der Ahn wohl ein, daß seine braven Tiere nicht schuld sein konnten und stieg aus der Kelle. Den Füchsen stand der Schweiß wie Seifenschaum auf dem Fell, sie schnoben, bebten am ganzen Leibe, und die Augen quollen ihnen schreckhaft leuchtend aus den Höhlen. Vor ihnen aber auf dem Wege lag ein Schwarzes und rührte sich nicht, nur ein blasses Schwelen ging von ihm aus. Da wußte sein Ahn, was die Glocke geschlagen hatte, und wenn er nicht schnell war, sogen er und seine Pferde an ihrem letzten Atem. Also nahm er den Hut ab, trat auf den Deichselrein, schlug mit der Peitsche dreimal das Kreuz und schrie die alte Fuhrmannsbeschwörung: »Verflucht, verflucht, verflucht! Im Namen Gott des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes!« Und ehe noch das letzte Wort in der Luft kalt geworden war, warf es das Schwarze in einem Schwung nach links, zerriß es mit dumpfem Knall in der Luft wie einen finsteren Sack. Seine Pferde stiegen noch einmal ächzend in die Höhe, dann aber sprangen sie in Sätzen davon, als säße ihnen der Satan auf dem Rücken, und ruhten nicht eher, bis sie vor der Stalltür standen. Diese ganze Geschichte rief sich Christoph Eusebius im Morgengrauen ins Gedächtnis zurück und ersah daraus die halb tröstliche und halb betrübsame Tatsache, daß das ganze Mandelgeschlecht sozusagen etwas tiefer als die übrigen Menschen ins Dasein hineingebaut sei und zum anderen auch, daß er nur wie sein Ahn die ruhige Überlegung nicht verlieren dürfe, so reiße es seinen Lebenswagen wieder sicher vor seine Haustür. Obwohl Eusebius dermaßen mit Einsicht gerüstet in den Tag stieg, mußte er doch erfahren, daß der Verstand allein keine Gewalt über uns hat. Denn, sobald er stille über seinem Werk saß und Faden um Faden von seinem Garnrad ins Öhr schlüpfen ließ, trennte es ihn heimlich wieder auseinander. Der graue, vollkommene Mandel schwengelte bewußtlos im Schneidertisch, und der krause, blühende Eusebius zog indessen bunte Kreise um sein Haus. Das aber, sein Junge, seine Ziegen und alles was ihm gehörte, wurde ihm unerträglich, ja das Lodern, das ihn gestern im Finstern angefallen, wiederholte sich sogar bei hellichtem Tage. Der kleine verschrobene Mann wurde der reine Furiant, sobald Maruschka nur in die Stube trat, stieß allerhand Lästerungen gegen sie aus, bohrte sich mit glühenden Blicken in sie, und als sie nach der Mittagsfütterung sich die Arme wusch, mußte er mit aller Macht an sich halten, nicht hinzuspringen und auf diesen weichen Leib einzuschlagen. Dabei tat ihm die Stumme doch nichts an als Ordnung, Fleiß, Gehorsam und Sparsamkeit. Darum faßte er von neuem den Entschluß, seinem Hause, wo es ihn dergestalt forkelte, den Rücken zu kehren und als Hausschneider von Hof zu Hof zu ziehen. Jede Beschädigung, die uns von einem anderen angetan wird, ist an einen bestimmten Ort gebunden, und blieb er lange genug dem Mandelhause fern, so fraßen sich diese niederträchtigen Widerwärtigkeiten selbst auf. Mandel aber hatte die Aussicht, daß er irgendwo, an einer gesegneten Wegkreuzung oder an einem einsamen Ort, dem alten bunten Eusebius begegne, wieder Besitz von ihm nahm und von neuem durch sein ganzes Leben überblüht wurde. 17 Die Absicht des Meisters war kaum in der Gegend bekanntgeworden, als auch von allen Seiten Bestellungen in einer solchen Anzahl eingingen, daß der ganze Winter nicht hingereicht hätte, ihnen zu entsprechen und wäre Mandel im Besitz von einem halben Dutzend Händen gewesen. Denn sein Ansehen stand damals gerade in der höchsten Blüte, weil er dem schiefen Ransener, der allgemein wegen seiner Grobheit verhaßt war, so mannhaft die Tür gewiesen hatte. Er wählte sich also mit klugem Bedacht die besten Anerbietungen: den Herrenfrenzel oberhalb des Röhrsdorfer Kessels, den kleinen Just auf dem Ranser, den großen Just in Oberröhrsdorf, den Müller vom Sauerborn und den Rathmann in den Berghäusern, genannt das Täubchen. Die Anwesen lagen in den verschiedensten Teilen des weit verzweigten Gemeinwesens, und Mandel glaubte so, seinem Eusebius sicher auf die Spur zu kommen, mochte er wo immer hin entwichen sein. Er bereitete sich auf seine Ausfahrt vor, arbeitete schnell alles auf, versah Maruschka mit allen möglichen Verhaltungsmaßregeln und klärte den Amadeus so gut es gehen wollte über sein Vorhaben auf. Der Knabe hörte mit der ihm eigenen Versonnenheit zu und war sichtlich stolz, daß sein Vater wieder eine weite Reise und noch dazu mit einem Pferde unternehme, wie es nur Bauern und Herren können. Als aber Eusebius im Laufe des Gesprächs den Namen Ransern erwähnte, überkam den Kleinen die Sorge, daß sein Vater dem bösen Tautz in die Hände falle, der ihn beinahe hier in der Stube gehauen hätte, und er kramte aus seiner Tasche jenen Zettel, den er nach dem Entweichen des schiefen Scholzen vor dem Schuppen draußen mit seinen seltsamen, krausen Tonzeichen beschrieben hatte. Vielleicht dachte Amadeus, das Lied, das damals in ihm aufgeklungen war, habe den Tautz-Bauern aus dem Hause vertrieben, und wenn sein Vater es nun bei sich trage, werde er vor allen Verunglimpfungen dieses Unholdes sicher sein. Davon sagte er aber nichts, sondern bestand nur darauf, daß Eusebius den Zettel zu sich stecke. In der letzten Nacht, die Eusebius unter seinem Dache zubrachte, peinigte ihn noch einmal aller Spuk, der ihn die letzten Wochen so auseinandergewürgt hatte: es krachte gegen die Wand, das Tierweinen schluchzte im Finstern über ihm, ein buntes Leuchten schweifte unausgesetzt um sein Bett, es trieb ihn auf die Bodenstiege, und während er saß und wartete, kam es ihm ein, Maruschka liege indessen bequem in ihrem Bette. Groß und stark sah er sie vor sich, weich und massig. Irgend etwas Heißes, Zornerfülltes rang wieder mit ihm, ein Ende zu machen. Aber wenn er sich erhob und wie trunken mit den Füßen in die Höhe zu tasten begann, klang aus unendlicher Ferne eine leise flehende Kinderstimme, und es wurde ihm elend zumute. Während alles dieses an ihm geschah, spürte er doch gleichzeitig, daß er gleich einem Pfahl hilflos eingerammt sei inmitten einer grauen öden Erde.   *   Gegen neun Uhr am anderen Morgen hielt der Schlitten des Bauern vor seinem Fenster, der Knecht pochte mit dem Peitschenstiel an die Wand, das Pferd trat herüber und schnob mit seinem Brodem die Eisblumen von der Fensterscheibe. Eifrig stürzte sich der Meister in seine letzten Vorbereitungen, sägte mit der Rechten eilig für Maruschka die letzten Anweisungen aus der Luft und verließ, nachdem er fast achtlos von Amadeus Abschied genommen, fluchtartig das Mandelhaus, und die Tür fuhr hinter ihm mit einem Knall zu. Erst als er außerhalb des Dorfes war, auf der Chaussee, die sich nach dem Bauerröhrsdorfer Kessel zu senkte, kam es wie ein Aufatmen über ihn. Alles lag unter einem einförmig grauen Himmel tief in einem trostlos stumpfen Schnee begraben, die Hütten von Oberröhrsdorf, die wie Maulwurfshaufen dalagen, verschwanden eben hinter einem Hügel, auf dem ihn einst Maruschka nach einer seiner wirren »Touren« in die Dörfer erwartet hatte. Mit schmerzendem Zorn erinnerte er sich, daß sie damals sein ganzes Haus mit ihrem Rock verdeckt hatte. Plötzlich brach sich die Sonne ein leuchtendes Tor in das Gewölk, und auf dem Schneefelde tauchten vereinzelte Bäume mit glitzerndem Behang auf, vornübergebeugt wie Riesen, die mitten im Gang erfroren waren. Der Knecht neben ihm, ein alter, grobgedübelter Mann, redete zwischen Hott und Hüh wie zu sich selber mit trockener eintöniger Stimme. Die Giebel der Höfe von Bauerröhrsdorf tauchten auf. Da unterbrach der Knecht die Erzählung, auf die der Schneider gar nicht achtete, und erhub ein lustig Geknall, und als Mandel erschreckt zu ihm herumfuhr, sagte der Graukopf: »Dort drüben der dritte Hof, das ist Resel Damians seiner. Dort habe ich vor zehn Jahren gedient.« Das sagte er mit einem warmen Klang im Ton und schickte ein behagliches Lachen hinterdrein, denn das war die Zeit seines Lebens gewesen, da auch er unter ein Schürzlein geguckt hatte. Wenige Schritte später begann die lange Lehne anzusteigen. Der fette Gaul gab seinen schütternden Trab auf, und der Schlitten ruckte im langsamsten Tempo knirschend vorwärts. Der Knecht steckte den Peitschenstock ins Futteral, die Hände in die Taschen und fing wieder an zu reden. Mandel erkannte nach den ersten Sätzen, daß er fortwährend über die bevorstehende Scholzenwahl gesprochen hatte, und da er meinte, daß es für ihn, nun er unter die Leute ging, von Wichtigkeit sei, sich in die Neuigkeiten einzuweihen, ließ er sich in einen Disput ein. Dieses Röhrsdorf war ein eigentümliches Gemeinwesen. Wie alle Gebirgsdörfer war es so weitläufig und zerstreut, daß eigentlich niemand seine Grenzen genau kannte. Als Oberröhrsdorf führte es auf einer welligen mageren Hochfläche mit Kätnereien, Feldgärtnerstellen und winzigen Häuslein einen wirren Wirbel auf; als Bauerröhrsdorf lagerte es mit strotzenden Höfen um die Teiche eines fruchtbaren Kessels; mit seinen Berghäusern kletterte es über einen steilen Abhang bis in den Langen Busch hinauf, und da waren auch noch Ransern mit seiner aufsässigen Bauernsippe und der liederliche Sauerborn. In ruhigen Zeitläufen kümmerte sich eigentlich kein Teil um den anderen: die Leute von den Berghäusern melkten schweigsam die grüne Kuh; die Oberröhrsdorfer lagen sich in ewigen Prozessen in den Haaren, die Ransener schlugen sich mit den Peitschen ihre Meinungen um die Ohren, die Sauerborner tanzten um die Schürze, und in Bauerröhrsdorf ritt man auf dem Geldsack um die Wette. Jede gemeinsame Angelegenheit brachte alle die Einsamen und Getrennten in einer allgemeinen Feindseligkeit nahe. Jetzt, da die Scholzenwahl nahe war, lebte der uralte Streit wieder auf, ob Bauerröhrsdorf oder Oberröhrsdorf die Ehre zukomme, als Mittelpunkt des weit verzweigten Gemeinwesens zu gelten. Verschimmelte Urkunden wurden hervorgesucht, alte Spöttereien neu aufgebügelt. Die Oberröhrsdorfer beriefen sich in der Behauptung ihres Vorranges auf Friedrich den Großen. Dieser sollte während einer vorübergehenden Retirade vor den Österreichern im Siebenjährigen Kriege bei dem Lindenwirt, der heutigen Moserschenke, genächtigt und der Hausfrau Morgensüpplein mit viel Behagen genossen haben. Zum Dank dafür sei der damals noch kleinen Siedlung von ihm die Dorfgerechtsame nebst freier Hutung im Walde und die Holznutzung im königlichen Forst verliehen worden. Die Bauerröhrsdorfer meinten, das mit dem Übernachten beim Lindenwirt habe allerdings seine Richtigkeit. Allein die eine Nacht im Bett des Lindenwirts hätte dem alten Rexen mehr Blut gekostet als eine Schlacht, und vor der Suppenschüssel der Hausschlampe habe er am anderen Morgen die Flucht ergriffen, weil darin mehr Russen gewesen als bei der Zorndorfer Schlacht, und wenn der König nicht zu Bauerröhrsdorf einen wohlbesetzten Tisch gefunden, so wäre er verhungert, und in Schlesien wieherten heute noch die Pferde auf pandurisch. Das alles erzählte der Knecht so ausführlich, als handle es sich um eine Neuigkeit von gestern. Der Schneider aber, der geglaubt hatte, in Ungewöhnliches eingeweiht zu werden, verlor über diesem tausendmal aufgewärmten Gericht das Interesse, hörte nur noch mit halbem Ohre zu und versank geheim in Gedanken über seinen Plan. Während er die Luft durch die Nase blies oder irgend etwas murmelte, Ja und Nein dazwischen warf, kriegte er heraus, daß dieser Trubel seinem Vorhaben eigentlich außerordentlich förderlich sei, denn wie er seinen alten Eusebius kannte, war dieses bunte Treiben für ihn das rechte Wetter. Da konnte er ungesehen die Feuer anblasen, verschmitzte Bosheiten anbringen und verwirrend bald dem, bald jenem mit bunten Fabelfahnen winken, und er, der einschichtige verlassene Mandel, machte sich ihn geneigt, da er mitten in diesen Handel hineinkutschierte. Jetzt war der Schlitten auf der Höhe der langen Lehne. Der Knecht hatte zu reden aufgehört und sah ärgerlich auf den verhutzelten Schneider, den er innerlich einen verwirrten Fadensack nannte, weil der Meister nur immer vor sich hin murmelte und manchmal mit der Nase einen Laut hervorbrachte wie ein alter Rabe, der gedankenvoll mit seinem Schnabel knipst. So kamen sie dem Hofe des Frenzelbauern immer näher. Der stand wie eine finstere, trutzliche Burg an einem jähen Abhang. Insbesondere das Wohnhaus hob sich mit grämlichen Fenstern hoch auf, als mache es den Versuch, für einen Turm zu gelten. Nirgends war jene wohnliche Unordnung von halben Wagen oder geschältem Holz, wie man sie wohl um die meisten Höfe trifft. Wie in sich zusammengezogen, in mürrischer Hochfahrenheit lag das Gebäudeviereck da, und Mandel spähte vergebens nach einem lauschigen Eckchen oder einem verschwiegenen Strauch über einer heimlichen Bank oder einem verschmitzten Pförtlein für seinen bunten Eusebius. Zwei riesige, winterkahle Linden, jede von einem eisernen Spitzenstaket umlaufen, standen neben dem Tor, das sich mit seiner Sandsteineinfassung ein wenig Mühe gab, für eine herrschaftliche Einfahrt gehalten zu werden. Im Hofe aber herrschte eine Verwirrung, als habe Noah den ganzen Plunder seiner Arche abgeladen. Die Wagen waren durcheinandergefahren, allerhand Maschinen standen verschneit umher. Die Tore hingen schief an den Scheuern, der Dünger war überall herumgeschloppt. Das Wohnhaus mit seinen vier roten bauchigen Säulen über der breiten Treppe wahrte allein in dem Verfall eine gewisse brüchige Würde. Über einen gewölbten dunklen Flur gelangte der Schneider in ein großes, saalartiges Zimmer. Seine drei hohen Fenster ließen durch dunkle Vorhänge nur wenig Licht in den weiten Raum, der durchaus in der Weise eines herrschaftlichen Wohngemaches ausgestattet war. Mandel blickte sich scheu um, und als er das Büfett bemerkte, das wie eine große Orgel aussah, hustete er verlegen. Denn er dachte, es müsse doch wer kommen. Eben als er Miene machte, wieder hinauszuschleichen, bewegte sich der Vorhang einer der tiefen Fensternischen, und ein kleiner Mann, nur weniges größer als er, trat hinter einem Tischchen, an dem er gesessen, hervor, ein paar Schritte ihm entgegen. Das war der Frenzelbauer, der wegen seiner Art, sich von allen Besitzern der Umgegend fernzuhalten, den Spottnamen der Herrenfrenzel erhalten hatte. Ein hochzugeknöpfter Gehrock hing von dem fast viereckigen Oberkörper herab, und gewichste Langschäfter wanden sich in vielen Falten an den mageren langen Beinen hinauf. Sein Haar war nach der Mode der Zeit über den Ohren peinlich sauber in Schnecken gedreht und das große quadratische Gesicht glatt rasiert. Eine Weile maß er den Schneider mit unbeweglichen Knopfaugen und beschrieb dann mit der Rechten einen Bogen nach dem Stuhle hin, aus dem der Meister die Aufforderung, sich zu setzen, entnahm. Als er auf der äußersten Kante Platz genommen hatte, nickte Frenzel und sagte dann: »Gesetztermaßen ... ihr seid der Mandelschneider. Gut.« Darauf machte er etwas wie eine Verbeugung und verließ mit kurzen, hackenden Schritten das Zimmer. Der Meister hatte schon mancherlei über die Sonderbarkeit des Bauern gehört. Nun er ihn gesehen hatte, kam ihm der Mann und der ganze Hof gespenstisch vor. Aber er tröstete sich damit, daß es ihm, der in all den Monaten so viel Spuk erlebt hatte, nur so vorkäme, und es würde schon besser werden, wenn er sich nur zusammenhalte. Es konnte ja auch sein, daß sich sein listenreicher Eusebius gerade des komischen Mannes bedienen wollte, mit ihm wieder ins reine zu kommen. Deswegen nahm er sich vor, es mit dem Frenzel in keiner Weise zu verderben. Kaum hatte er diesen Vorsatz in sich aufgerichtet, so tat sich die hohe Tür schlagend weit auf, und Frenzel führte am Arm eine lange magere Frau herein, die in einem weiten schwarzen Seidenkleide steckte. Sie beugte sich vornehm ein wenig vor dem Meister, als sei er der König von Preußen, und sank auf einem Fensterstuhl in rauschende Falten. Nachdem sie noch einen schnuppernden Blick auf Mandel geworfen hatte, vertiefte sie sich in eine Handarbeit. Der Herrenfrenzel war nach dieser Darstellung seiner Bedeutung zurückgetreten und beobachtete, welchen Eindruck er auf den Mandelschneider gemacht habe. Als er bemerkte, daß dieser wie verdutzt auf der Kante seines Stuhles hing, war er offenbar zufrieden und trat einige feierliche Rundgänge in der Stube an. Danach hielt er an, nahm seine milchweißen Hände herauf, besah sich die Nägel und begann dann mit klangloser Stimme: »Ich habe gehört, daß Ihr dem Flötz, dem Ransener Tautz, die Tür gewiesen habt. Deswegen habe ich Euch herbestellt. Ihr seht ein, daß ein Knüttel sich nicht zum Scholzen schickt. Früher, Schneider, waren Euch die kleinen Leute genug. Nun wollt Ihr höher hinaus, das ist schön. Man ist kein Stein. Gesetztermaßen muß das Schicksal aus einem heraus. Denn das Kalb saugt auch nur, solange es keine Zähne hat ...« So ging es lange fort. Mandel verstand schon bald nichts mehr. Der Bauer meinte wohl auch nichts, sondern schwelgte nur darin, seinen aufgestauten Stolz wieder einmal von sich geben zu können. Aufrecht und würdevoll stand er da, nahm bald die Hände auf den Rücken, bald streckte er die rechte wie ein Feldherr aus, trat einen Schritt zurück oder krümmte das Knie und stellte den Fuß auf die Spitze. So sprach er von seiner großen Bedeutung, an die niemand in der Umgebung heranreiche, weil sein Urgroßvater Offizier im Befreiungskriege gewesen war. Der Meister, der sich von seiner Ausfahrt einen tröstlichen Ausblick erhofft hatte, vertrocknete in dem leeren Klang dieser Worte wieder und wurde von ihnen wie von einem grauen Schimmel überzogen. Endlich war Frenzel fertig, begab sich auf seinen Platz und setzte sich einen Zwicker auf die Nase. In der Verhandlung über die Arbeit, die nun begann, war des Schneiders Zunge wie eine Rinde, und er brachte kaum ein vernünftiges Wort hervor. Er sah den Pelz, den er überziehen sollte, das schöne blaue Tuch, die seidene Borte und saß mit bedrücktem Lächeln da. Wie zerstört ließ er sich dann in sein Arbeitszimmerchen führen. Es war ein schlundartiger Raum mit einem Bett, einem Stuhl und einem Tisch. Und als er allein war, überfiel ihn eine solche Niedergeschlagenheit, daß er sich den Stuhl an den Tisch rückte, den Kopf in die Hände stützte und beinahe »Malangpüh« gesagt hätte.   *   Nach zehn arbeitswütigen Tagen verließ Christoph Eusebius nicht anders als ein geschlagener Mann, mit Lob überschüttet und klingendem Lohn im Hosensack, den Hof des Frenzelbauern. Es war rein zum Närrischwerden. Ein Kleidungsstück nach dem anderen war ihm fehlerlos unter den Händen hervorgegangen, und hätte er schließlich nicht so viel Galle in sich aufgespeichert gehabt, daß sie ihm überlief, als der Bauer zu guter Letzt noch mit einem Mantelstoff herausrückte, den Mandel erst verächtlich musterte und dann bockbeinig als nicht ausreichend von sich wies, obwohl er genau wußte, daß dem nicht so war, wäre es dem unglücklichen Eusebius wohl nicht erspart geblieben, sich bald weit und breit als der beste Mantelschneider gepriesen zu sehn. Nein, alledem mußte ein Ende gemacht werden, und das sofort. Hinter dem ganzen Plan mit der Hofe-Schneiderei, das hatte sich erwiesen, steckte die gleiche unbegreifliche Teufelei, die ihn seit der vermaledeit gelungenen Hübnerjacke verfolgte. Und konnte er eben des alten bunten Eusebius auch fern dem Mandelhause nicht habhaft werden, dünkte es ihm immer noch bequemer, sich in sein Schneidergehäuse zu vergraben und abzuwarten, bis sich vielleicht doch eines Tages der niederträchtige Spuk in seinen vier Wänden greifen und unschädlich machen ließ. Mit diesem Entschluß kletterte Eusebius auf den Schlitten und ließ sich nach Hause kutschieren, ohne noch einmal umzublicken. 18 Das Wasser der Brunnen ist lebendig. Es nimmt teil an dem Stauen und Strömen jener unterirdischen Flut, die zwischen den Felswurzeln der Berge hin ihren unerforschlichen Weg wandelt. Es hat Ebbe und Flut wie das freie Meer, Steigen und Fallen gleich der Wolke, die im hohen Himmel nistet. Aber wer diese Wasser der Tiefe leitet, das weiß kein Mensch. Vielleicht ist es wahr, daß das Kreisen der Sterne ungesehene Wirbel in ihm erzeugt, daß es seine gebundenen Wellen auch dem nachteinsamen Monde entgegenzuheben sucht und wie erschreckt in größere Tiefen zurückweicht, wenn ein Wetter heraufzieht. Vielleicht – aber wir vermögen es nicht so klipp und klar zu sagen, daß ein Büblein es in seinem Schulranzen davontragen kann; wir ahnen es nur in der Seele, die auch, gleich dem Born, ein solch unterirdisches Spieglein ist und wie er mit mütterlichen Wassern in Verbindung steht, freilich noch viel geheimnisvolleren, von denen selbst der Hellhörigste nicht mehr als ein rätselhaftes Raunen und Klingen vernimmt. Wie die Wasser der Brunnen führt sie ein Dasein, das so ganz anders als alles Leben geartet ist, drängt sich ungesehenen Sternen entgegen, zittert glückvoll im Scheinen ferner, unbekannter Sonnen und weicht vor geheimnisvollen Wettern in Gründe zurück, aus denen sie erst nach schmerzvollen Menschenjahren wieder emporsteigt. Das müssen die Könige erfahren wie die, die auf Stroh schlafen, und in einem Schloß geschieht nichts anderes als in einem Schneiderhause. Die Rückkehr der Stummen ins Mandelhaus war nicht nur für Christoph Eusebius, sondern auch für den kleinen Amadeus ein solch verderbliches Wetter geworden. Die bunten Himmel, in die sich die Seele des Kindes seit der Austreibung Maruschkas so befreit wieder hatte aufschwingen können, hatten sich ihm mit ihrem Wiedererscheinen langsam verschleiert, ohne daß es Amadeus zunächst selbst wahrnahm, bis es nach ein paar Wochen auch dem alten Mandel auffiel, daß die seligen Lieder, mit denen sich sein Junglein sonst schon beim Erwachen in den Morgen hineintirilierte, immer zaghafter klangen. Und als der Mandelschneider von seiner so vorzeitig abgebrochenen Rundfahrt auf die Höfe heimkam, hatten sie sich zwar nicht gänzlich aus der Kehle des Knaben verloren, doch von ihrem lerchenhaften Jubel war nur noch ein glanzloses und fast klägliches Zirpen übriggeblieben. Das Schweigen, das von der Stummen ausging und die Stube und das ganze Häusel erfüllte, daß es ordentlich zum Fürchten war, stand gleich einer schwarzen Wolke ganz nahe hinter dem Rücken des Kleinen, so daß er fortwährend von einem Bangen bedrückt wurde, dessen sich ja Eusebius selbst kaum zu erwehren vermochte, obwohl auch er nicht viel fähiger als sein Söhnchen war, sich in dem Gewirr der Vorgänge zurechtzufinden, die mit ihr in irgendeinem geheimnisvollen Zusammenhang stehen mußten. Seit ihrem Verschwinden hatte ihn der Arbeitsteufel am Wickel. Dagegen nutzte kein Lamentieren und kein Deuteln. Warum er ihm aber auch jetzt, Wochen nach ihrer Wiederkehr, noch immer im Genick saß, das konnte sich Eusebius auf keine Weise zusammenreimen, wenn er grübelnd auf seiner Schneiderbank saß und ihm die Nadel so eilfertig wie je ins Tuch schlüpfte, glänzend wieder herausfuhr und den Faden hinter sich herzog wie ein gehorsames Weberschiffchen. Auch dem Amadeus erschien Maruschka unheimlicher als sonst. Mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgte er den Lauf ihrer wirtschaftenden Schritte, mit denen sie durchs Haus streifte, und nicht anders wirkte das auf sein verschüchtertes Herz als damals die Schläge des Klopfmännleins tief aus dem sommerlich stillen Walde, die über alle Bäume ein solch großes atembeklemmendes Lauschen gebracht hatten. Jedesmal, wenn Maruschka in den Tagen, da Eusebius unterwegs war, sich von draußen der Tür näherte, unterlag der kleine Amadeus der Furcht, seine Ziehmutter komme herein, um ihn so weit fortzuschleppen, daß er gar nicht mehr nach Hause finde. Und immer lugte er aus dem Schrankwinkel oder hinter dem Bett, wohin er sich flüchtete, nach ihr hin, um zu sehen, wo der Prügel sei, mit dem sie ihn schlagen oder der Sack, in den sie ihn stecken wollte. Aber er bemerkte nur immer die mächtigen weißen Säulen ihrer Beine unter dem geschürzten Rock, den breiten Leib, die schütternde volle Brust und das große Auge mit seiner unbeweglichen starren Glut. Allein gerade deswegen, daß sie so ganz wie immer zu sein schien, wurde ihm die Stumme ein Mensch, der mit geheimen wunderlichen Kräften ausgestattet war. Nur konnte er nicht herausbekommen, wo sie all das Drohende, Gewaltsame verborgen habe. Vielleicht, dachte Amadeus, wenn ich auch ein Schneider werde, so bin ich auch so stark wie mein Vater und brauche mich vor keinem Finstern und auch vor der Maruschka nicht zu fürchten. Und weil das Knäblein jetzt im Winter nur dann und wann einmal eilig vor das Haus laufen konnte, wo er dann ein Weilchen zum Walde hinüberhorchte und etwa den Ruf einer Krähe erhaschte oder drunten aus der Bauerröhrsdorfer Mulde den dumpfen Wirbel des Dreschens hörte, war er sich in der Zeit der Abwesenheit des Vaters, den ganzen Tag in der Stube, wie ein eingesperrtes Vögelchen vorgekommen, das es dulden muß, daß ein großer fremder Vogel sich an seinem Futter gütlich tut. Auch nach des Meisters Rückkehr vom Frenzelbauern änderte sich hierin für das schlanke, blasse Schneiderjunglein kaum etwas. Es blieb ihm nichts übrig, als geduldig den ganzen Winter auf die Zeit zu warten, da er mit Veronika auf dem Neudecker Schulhof spielen würde, und darüber wurde ihm der Winter schließlich doch nicht zu lang. Stundenlang konnte er zum Fenster heraus und zur unbeweglichen Wand des Langen Busches hinüberschauen, die schwarz in den Himmel stieg, oder zu den verstreuten Hütten, auf die Frau Holle ihre Federn aus dem Himmel schüttelte; und er vergnügte sich damit, ihr aufzutragen, daß sie sie auch ja dorthin schicke, wo er selbst hinwollte, wenn er es nur hätte tun können, auf den Hübnerhof, vor Veronikas Fenster. Niemand störte ihn in diesen Traumverlorenheiten. Denn obwohl Eusebius sich eben erst zugeschworen hatte, in seinem Schneidergehäuse zu überwintern und sich nicht eher wieder herauszurühren, als bis er dem Spuk, der hinter ihm her war, auf irgendeine Weise den Garaus gemacht haben würde, hielt er sich schon bald darnach nicht mehr daran. Wohl gab er es sich selbst nicht zu, daß er die pfadlose Stickluft, die nun wieder im Mandelhause herrschte, einfach nicht weiter ertragen könne, vielmehr redete er sich ein, daß er dem Teufelsspuk nicht anders auf die Sprünge kommen könne, als daß er ihn sozusagen in Sicherheit wiegen, ihn einlullen müsse, indem er ihm in allem willfahre, was ihm, Eusebius, vor seine Nadel komme. Und als bald nach Neujahr die Kunden von den Höfen, denen er mit seiner Nadel zu Hilfe zu eilen zugesagt, und die er dann nach der elenden Schufterei beim Frenzelbauer hatte aufsitzen lassen, einer nach dem anderen um ihn schickten, natürlich noch angestachelt von dem Lobgehudel, das vom Frenzelhof über ihn in alle Winde getragen wurde, ließ sich der listige Nadelreiter nicht nur nichts von seinem neuausgeheckten Plan anmerken, sondern sträubte sich gar noch zum Schein mit allerlei Ausflüchten, wobei vor allem die »Infolenzia« herhalten mußte, die er bei dem Rumgerenne und Gefahre überhaupt nicht mehr loswerden würde. Doch endlich gab er jedesmal im richtigen Augenblick nach und brachte so fast alle Zeit doch noch außerhalb des Hauses zu; ja, es kam oft vor, daß er tagelang fortblieb, wenn er sich, mit seinem Bügeleisen beschwert, ein langes Lineal unter dem Arm, am Morgen in den Schneewind verloren hatte. Ein Bauer schickte ihn dem anderen zu, man riß sich förmlich um ihn. Und zu besonders unwirtlicher Zeit hielt gar wieder der Schlitten vor dem Mandelhause, mal der vom kleinen Just auf dem Ranser, oder der vom großen Just von Oberröhrsdorf, mal der des Müllers vom Sauerborn, und der Schneider stob nach stundenlanger Gegenwehr unter Schellengeklingel wie ein Sausewind von dannen. An solchen ganz einsamen Tagen baute sich Amadeus, um nicht ganz zu verzagen, alles Bunte seines Lebens um sich auf. Die Gestalten seiner Seele flossen wie Wandelbilder ineinander: seine himmlische Mutter nahm den Leib der Hübnerbäuerin an, und auf der Straße, auf der einst Maruschka in den Himmel geflogen war, kam Veronika zu ihm herein durchs Fenster. Der König von Preußen war breit und derb wie der Hübnerbauer und donnerte mit seiner starken Stimme um ihn. Seine Ziehmutter ging umher wie eine stumme Riesin und vieles, was sich gar nicht erzählen läßt, so wundersam verwickelt war es und so eilig huschte es durch ihn hin. Das Herrlichste unter all diesen Heimsuchungen widerfuhr dem Amadeus, wenn es ihm gelang, so tief in seine Verzückungen einzudringen, daß Veronika wie damals am Herbstabend unter den Haselstauden sich zu ihm herabneigte und eng an ihn angeschlossen seine Lippen mit ihrem Munde berührte. Dann goß sich ein heißes Licht über des Amadeus Gesicht, und sein ganzer Körper bebte unter inbrünstigen Schauern. Nach solcherlei Liebesahnungen war das Junglein immer wie verwandelt, tanzte und sprang umher, ja vergaß sogar, wo er war, und erfüllte mit jubelndem Singen seines Vaters Haus. Maruschka sah von ferne dem Toben seines Glückes zu, und obwohl sie von allem nichts verstand, entzündete sich doch ihr Leben und ihr Herz an diesen Flammen. Ihre Augen bekamen wieder den blanken Glanz, ihre Stirn glättete sich in Zuversicht, ihr starker Schritt schnellte sie nur so durch das Häuslein, und begann es zu dunkeln, so überkam sie eine Unruhe und Besorgnis. Sie trat wohl zehnmal vor die Tür und spähte nach allen Richtungen, ob sich Eusebius nicht blicken lasse, ja sie watete hinaus und untersuchte gar die Schneewehen. Einmal trat Eusebius unvermutet in dieses unsichtbare Feuer. Sein Söhnlein flatterte eben unter hellem Jubelliede tanzend durch die Stube und Maruschka lehnte mit untergeschlagenen Armen und gerötetem Gesicht neben dem Fenster und sog den Rausch dieser heiligen Leidenschaft mit gierigen Augen in sich. Beide waren so vertieft, daß sie des Schneiders Eintritt nicht wahrnahmen. Der hielt das Bügeleisen in der Linken, den Stock in der Rechten. Das Lineal aber steckte in der Seitentasche seiner Jacke und ragte wie ein gezücktes Schwert neben dem Kopfe strack in die Luft. Mandel beobachtete erst den Kreiselschwung seines Jungen eine Weile und bekam den Ansatz eines heiteren Schmunzelns um die Lippen. Als er aber sein Auge auf Maruschka lenkte und sah, wie ihre Brust vor Hingerissenheit flutete, ihr Gesicht glühte und wie ein Glanz um ihren Leib blühte, verwirrte sich alles vor seinen Blicken. Die ganze Stube wurde ein einziges Flimmern, und wer weiß, was geschehen wäre, wenn Christoph Eusebius sich nicht mit übermenschlicher Anstrengung aus diesem wilden Tanz herausgerissen hätte. Als gelte es, einem höllischen Spuk zu wehren, richtete er sich auf, spuckte dreimal aus, fluchte wie ein Heide, warf Bügeleisen und Stock polternd von sich, zückte sein Linealschwert und stürzte auf den Amadeus los. »Wirst du ruhig sein, wirste gleich's Maul halten mit dem Gesinge, he«, schrie er, »ich drücke mich über die Berge bei allen Leuten rum, daß ich aus dem vermaledeiten sackermentschen...« – doch weiter kam er nicht, der schon zum Schlage erhobene Arm sank ihm wie abgehackt herunter, er wurde leichenblaß, zitterte wie von einer plötzlichen Schwäche, und fuhr dann dem Büblein, das ganz erschrocken dastand und gerade zum Weinen ansetzte, sachte über seinen lichten Schopf. Dabei murmelte er ein ums andere Mal, halb vor sich hin, halb zu dem Knaben gewendet: »Ich hab' dir's versprochen, ich hab' mir's versprochen, Gott verzeih mir meine Sünde, sing' du nur immerzu, Amadeuslein, so viel du willst.« Darauf kletterte er auf seine Schneiderbank, ohne noch mit einem Blick auf die Stumme zu achten, die sich von einem wilden Schluchzen geschüttelt an den Topfschrank klammerte, bis sie schließlich nicht anders, als wäre der abgefangene Schlag des Schneiders auf sie selber niedergesaust, wankend die Stube verließ. So schien dieser Tag, an dem sich Eusebius vor dem Auflodern seiner Sinne in den Ausbruch gegen seinen Jungen gerettet hatte, für die drei Bewohner des Mandelhauses in einen erschöpften Abend zu enden, denn auch Amadeus hatte sich nach einer Weile stumm davongemacht und in sein Bett geflüchtet. Da hielt es der Meister nicht länger in der Stickluft seines Schneiderwinkels aus. Mit einem Satz schwang er sich auf die Füße, dirigierte sie, weil sie sich zu sträuben schienen, nicht ohne Mühe durch die Stube und fand den Knaben, wie er gerade in seinem Bettchen kniete. Der alte Mandel stellte sich still neben ihn, wartete zaghaft und blaß, daß das Junglein sein Nachtgebet verrichte. Aber der Knabe hockte, auf die steifen Arme gestützt, da und traf keine Anstalten zur gewohnten Andacht. »Amadeusla, du mußt beten jetze«, mahnte endlich der Schneider. Das Kind rührte sich nicht aus seiner Haltung, als habe sein Vater gar nicht zu ihm gesprochen, sondern blickte unverwandt und angestrengt ins Ungewisse an dem alten Mandel vorbei. »Zu wem soll ich denn beten?« fragte es unvermutet. Eusebius erzitterte ein wenig und antwortete, gegen seinen Willen fast heftig: »Zu Gott, Amadeusla, zu Gott. Zu wem denn sonst! Na, da falt' die Händel!« Und um sein Kind aus der Versunkenheit zu führen, begann der Schneider mit ehrfürchtig-leierndem Tonfall: »Ich will schlafen gehen, Vierzehn Engel sollen bei mir stehen ...!« Aber er mußte abbrechen, weil Amadeus schon wieder in das Hinsehen verfallen war und auf sonst nichts achtete. Nach einer Weile sagte der Knabe leise und unbeirrbar: »Aber ich sehe keinen Gott. Wo wohnt er denn?« Der Mandelschneider erschrak über die Gelassenheit des Kindes ebensosehr wie über seine Frage. Aber er faßte sich doch schnell und antwortete: »Dort wohnt er. Sieh, im Himmel, dort, gerade wo der Mond über dem schwarzen Busch hervorkriecht und durchs Fenster guckt.« Jetzt löste Amadeus seinen Blick aus dem Ungewissen und betrachtete aufmerksam und gründlich die Stelle, auf die sein Vater wies. Darauf fragte er: »Kann Gott alles machen?« »Nu freilich, das will ich meinen, alles.« »Auch was ich will?« »Alles.« Nach dieser Antwort des alten Mandel schwand die Verlorenheit aus dem Kindergesicht und mit aufleuchtender Stimme sagte Amadeus: »Da will ich, daß Gott meine himmlische Mutter vom Mond herunterschickt und in die Hübnerbäuerin fahren läßt.« »Aber, Junge, wie soll denn das zugehen?« »Du hast mir doch gesagt«, fuhr Amadeus hartnäckig fort, »daß Gott alles machen kann, was ich will.« Christoph Eusebius konnte gerade noch ein »verpucht und zugenäht« in sich hineinschlucken und meinte dann, nach einer blitzschnellen und verzweifelten Überlegung, mit erkünstelt gleichmütiger Stimme: »Nu ja, freilich wird er das auch machen können, nur, er wird's nich machen wollen . Ich hab's bloß gesagt, er kann alles machen, was du willst, ich hab' aber nicht gesagt, daß er muß!«– – – Darauf wußte das Büblein nichts anders mehr zu sagen als: »Ich werd' ihn halt so lange bitten, bis er muß. Du wirst sehn, er wird müssen, Vater!« Damit ließ sich Amadeus in seine Kissen fallen, kuschelte sich befriedigt hinein und schloß seine versonnenen Augen, deren stahlblauer Glanz den Mandelschneider so aus dem Konzept gebracht hatte, daß er ganz auf das unterbliebene Nachtgebet vergaß. 19 Nach diesem Vorfall gab Christoph Eusebius für den Rest des Winters seine Hoftreibereien endgültig auf und saß von morgens bis in den späten Abend in seinem Gehäuse wie ein gefangener Vogel mit gebrochenen Schwingen. Geschickt verbarg er hinter dem Arbeitsrausch, über den er auf keine Weise Herr zu werden vermochte, so daß der kleine schmächtige Mann täglich blasser und durchscheinender zu werden schien, was hinter seiner Stirn grübelte und grübelte. Wer weiß, wie lange das noch so weitergegangen wäre, hätte nicht eines Tages oder vielmehr eines späten Abends der Besuch eines seltsamen Mannes dem Meister dermaßen den Star gestochen, daß er über Nacht gleich doppelt erleuchtet wurde, so daß er den Mut zu einem Entschluß fand, mit dem er sich schon seit der gefährlichen Geschichte mit dem Lineal vergeblich herumschlug und mit einem Male auch wußte, wie er es anstellen mußte, ihn auf »manierliche« Weise in die Tat umzusetzen. An jenem Abend lag das Mandelhaus wie schon seit Wochen still und einsam, richtig wie verwunschen unter seiner Schneehaube. Dabei war es gar noch nicht so lange her, daß sich gerade an den langen Winterabenden stets ein kleiner Kreis von Leuten, Kunden oder solchen, welche die Sucht stach, durch einen Ritz etwas von den Vorgängen im Dorfe und weiter darüber hinaus zu erhaschen, unter dem Schein der kleinen Tischlampe in der Schneiderstube zu versammeln pflegte. Die Neuigkeiten, die sich an den Schwellen der Bauernhöfe müdegeplätschert und verlaufen hatten, tröpfelten dann im Schneiderhause noch einmal zusammen, und oft erhielten sie durch die bildsame Seele des Eusebius erst ihre abgerundete Gestalt, daß sie zu jedermanns Erstaunen noch einmal zu einem ganz neuen Ereignis wurden. Nun aber war der bunte Schimmer, der deshalb das Haus unter dem großen Ahorn umgab, merklich verblaßt, seitdem der Mandelschneider, ohne daß man eigentlich wußte, wann es damit angefangen hatte, jene wunderbare Fähigkeit zu blühend schweifenden Worten verloren hatte und offenbar an einer verheimlichten Bitternis litt. So war allmählich ein Besucher nach dem anderen ausgeblieben. Amadeus rüstete sich gerade zum Schlafengehen, es war schon in der achten Stunde, als draußen die Haspe der Haustür knarrte und sich jemand geräuschlos wie ein Dieb durch den kleinen Hausflur tappte. Der Knabe bemerkte, wie sein Vater leicht zusammenfuhr und erst die Arbeit unter der Bank verbarg, ehe er den Fremden aufforderte, hereinzukommen. Der redete vor seinem Eintritt schon beim Türöffnen etwas wie einen Segensspruch mit feierlicher, tiefer Stimme in die Stube. Mit vorsichtigen Schritten, sich tiefer neigend, als es notwendig war, trat dann ein breitschultriger, herkulisch gebauter Greis über die Schwelle, dessen weißes Haar bis auf die Achseln fiel. Ohne sich um den Meister zu kümmern, der halb aus dem Schneidergehäuse gestiegen war, sah er sich forschend in dem Stübchen um, hustete unfreundlich, als er Maruschka am Topfbrett sah, und entdeckte endlich den kleinen Amadeus auf seinem Lauscherposten im Dunkel. Zum Schrecken des Kindes trat er heran und ließ ein Tütlein auf seine Knie fallen. »Das ist doch dein Junge, Schneider?« fragte er dabei und fuhr dem Knaben mit seiner harten Hand lind an der Wange herab. Amadeus dachte im Augenblick, es sei Kolivansky, der da so geheimnisvoll in der Stube erschienen war, und blickte bestürzt auf seinen Vater. Der zeigte sich wohl etwas bedrückt; aber doch saßen die beiden bald darauf nebeneinander und disputierten eifrig über einen alten Rock, den der Greis aus einem bunten Tuch genommen hatte, und wendeten ihn prüfend hin und her. Allein so ausschließlich sie in das Geschäft vertieft schienen, so erkannte das Knäblein doch an der kargen Art seines Vaters, daß es ihm lieber wäre, der hohe Greis ginge schnell wieder davon, und an dem oftmaligen Umhersehen des Fremden, daß ihm an dem Handel auch nicht viel liege. Der Fremde war der Böttcher Firle aus Neudeck, der wegen seines seltsamen Wesens von einigen verlacht, von anderen gefürchtet, von allen aus der Umgegend aber gekannt war, obwohl er mit Ausnahme seiner sonntäglichen Kirchgänge sich kaum unter den Menschen sehen ließ. Er stammte von einer Magd, die hart bis an die Vierzig bei einem Bauern in Neudeck in Diensten gestanden und trotz ihres beschränkten, wunderlichen Geistes doch getreulich alle Arbeit geleistet hatte. Eines Frühjahres kehrte sie wie verstört vom Felde heim, auf dem sie durch Tage allein beschäftigt gewesen war. Ihre Haare hingen zerzaust unter dem Kopftuch, die Kleider waren beschmutzt, als sei sie über den Acker geschleift worden. Die Augen standen weit und verzweifelt in dem eckigen, unschönen Gesicht, und sie führte allerlei unverständliche Reden von Maria, der Gottesmutter. Nach Tagen besserte sich ihr Zustand so weit, daß sie wieder wie sonst überall Zugriff. Nur bewegte sie fortwährend in stummem Gespräch die Lippen, und war sie allein, so sang sie mit leiser Stimme geistliche Lieder vor sich hin. Vier Wochen später verschwand sie unter Mitnahme der notwendigsten Habseligkeiten von dem Hofe, auf dem sie vierundzwanzig Jahre gedient hatte. Ein Briefträger sah sie am Abend mit ihrem kleinen Päckchen auf dem Rücken gegen den Langen Busch hin verschwinden. Man suchte wohl nach ihr. Als man sie aber nicht fand, meinte man, ihr zerwühlter Verstand habe sie zum Selbstmord getrieben und beruhigte sich dabei. Tief im November endlich fanden sie Holzschläger in einer Höhle hart an der böhmischen Grenze. Sie lag zum Skelett abgemagert, in totenähnlichem Schlafe auf einem Mooslager, und in ihren Armen ruhten zwei muntere Knäblein. Der Bauer nahm sich des armen Wesens an, führte sie auf dem Wagen ins Dorf und brachte sie in einem alten Auszugshause unter. Nie mehr sprach sie von nun an anders als Worte eines verstiegenen, wirren Glaubens. Daraus ging hervor, die Jungfrau Maria habe sie zur Mutter gemacht. Keine Überredung, kein gütliches Zureden, keine Drohung brachte das Weib von dieser wahnsinnigen Überzeugung ab. In der Umgebung ihrer aus Angst und Verzweiflung in allerlei Wunder entrückten Mutter wuchsen die Kinder wider Erwarten zu derben Jungen heran und bekamen unerschrockene Augen in gesunden, wachen Gesichtern. Kein Mensch merkte ihnen an, daß sie fortwährend gleichsam an einer aus dem Erdinnern hervorbrechenden Erdspalte angebunden waren und mit dem täglichen Atem ein verborgenes Gift aufsogen. Sie waren entschieden, fast leidenschaftlich im Fleiß, unverdrossen in der Ausdauer und besaßen einen Verstand, der zwar auf eine sonderbare Weise, aber schnell alles begriff und leicht an nützliche Tätigkeit weitergab, mit einem Wort: aufgeweckte, unerschrockene Knaben, die von ihrer Mutter nichts als den Hang zur Einsamkeit geerbt zu haben schienen. Sie glichen sich nicht nur ihrem Wesen nach, sondern ähnelten sich äußerlich so sehr, daß sie nicht voneinander zu unterscheiden waren, und einer wurde nie ohne den anderen gesehen. Sie saßen auf der Schulbank beisammen, zogen zu demselben Meister in die Lehre und verloren sich an dem gleichen Tage zu einer jahrelangen, wenn auch nicht weiten Wanderschaft. Allein, als sie nach dem Tode ihrer Mutter wieder in der Gegend auftauchten, und der eine zu Neudeck, der andere in dem wenig entfernten Dorndorf, eine winzige Werkstelle auftaten, in der alten Luft ihrer Heimat, entwickelte sich in beiden der geheime Anteil, den sie von dem verstrickten Geist ihrer Mutter empfangen hatten. Der Dorndorfer verlor sich in wenigen Jahren an einen leidenschaftlichen Teufelsglauben, wähnte sich immer von diesem ewigen Ränkeschmied verfolgt, geneckt, gepeinigt und befand sich in einem unausgesetzten Kampf mit ihm. Unter Beschwörungen begann er den Tag, mit Reinigungen legte er sich zur Ruhe, und während der Arbeit hing immer ein breiter Ledergurt in seiner Nähe. Sobald seine Arbeit ein wenig stockte oder sein Fleiß nachließ, geriet er in helle Wut über diesen Schabernack, den ihm der Teufel vermeintlich spielte, ergriff den Lederriemen, öffnete die Tür und prügelte unter wilden Verwünschungen den höllischen Geist ins Freie. Der Neudecker aber blühte fortwährend in lichten Wundern. Ihm waren die Quellen mit Geistern bevölkert, er verstand das Wispern der kleinen Wesen, die durchs Gras schleichen, lauschte in vielen Nächten der Zwiesprache der Winde, kannte die Unholden verrufener Orte und stand in lebhaftem Verkehr mit den Seelen vieler Abgestorbenen. Seine zärtlichste, tiefste Hingabe aber weihte er der Gottesmutter. Der Glanz des aufgehenden Tages war ihm das Licht ihrer Nähe, er spürte sie um sich wehen, roch den Duft ihres Leibes, und diente ihr mit seinem Leben so ausschließlich wie ein Jüngling seiner zu hohen, unnahbaren Geliebten. Von Zeit zu Zeit sah er sie leibhaftig in das Geäst eines breiten Apfelbaumes niederschweben, der nicht weit von seinem Häuschen gebückt an der Lehne stand. Sie redete allerhand über den Lauf der Welt zu ihm, zerstreute seine Befürchtungen, tröstete ihn im Unglück und gab ihm mancherlei Anweisungen, der Arglist der Menschen zu entrinnen und sein Geschäft klug zu fördern. Blieb sie zu lange aus, so bemächtigte sich des Mannes große Unruhe und tiefe Niedergeschlagenheit. Dann lag er in hartnäckigem Gebet stundenlang vor der kleinen Statue in seinem Stubenwinkel, kasteite seinen Leib mit Fasten und blieb nächtelang wach. Er holte wohl auch Kinder in sein Haus und bewirtete sie aufs beste, damit ihre unschuldigen Seelen alle Räume entsündigten und segneten und seine himmlische Geliebte zu ihm lockten. Das war der Greis, der an diesem späten Februarabend das Schneiderhaus zu Oberröhrsdorf betreten hatte. Mit sanfter, tiefer Stimme redete er zwischen das karge Schnarren des Meisters Eusebius, führte bedächtig immer wieder die Verhandlungen über die Umformung des mitgebrachten Rockes auf einen neuen Anfang zurück und lehnte in würdiger, schonender Art die Anläufe Mandels zu ausgelassenen Schnurren ab. Er saß aufrecht und ruhig auf seinem Stuhle. Nur wenn er mit der Rechten das weiße volle Haar hinter die Ohren strich, bebte seine Hand etwas, und von Zeit zu Zeit irrte das Auge in verlorener Besorgtheit ins Dunkel der Stube ab. Wenn er aber den kleinen Amadeus auf seinem Stuhle gewahrte, beschied er sich wieder in seine gehaltene Art. Und doch war der Greis voll schmerzhafter Niedergeschlagenheit. Denn die Gefährtin der heiligen Spiele seiner Seele mied ihn wieder einmal, und zwar länger als sonst je, seit drei Monaten, und ließ sich durch keine Andacht und Erniedrigung, durch kein Fasten und Wachen, weder durch das Spiel der Kinder noch durch andere fromme Listen erweichen, an dem gewohnten Orte zu erscheinen. Vergeblich suchte auch der Neudecker Firle durch Erforschung der Unvollkommenheit seines Wesens wie auf dunklen Gängen innerlich zu ihr zu schlüpfen, die Arbeit häufte sich, die Besteller bedrängten ihn, allein sein Kopf war wie ein ungehobelter Kloben, und seine Hände lagen meistens wie gebunden zwischen seinen Knien, während er nichts fertigbrachte, als in Ecken und Winkeln herumzusitzen. Schon fing er an zu glauben, daß sein Sargtännlein irgendwo im Walde für ihn geschlagen sei. Aber es wollte ihm nicht zu Sinne, so dunkel und verstört von hinnen zu fahren, weil er sich den Tod stets wie einen gütigen Hochzeitsbitter vorgestellt hatte. In dieser großen Not saß er eines Tages am offenen Fenster und sah zwei alte Weiber von ungefähr des Weges kommen, der an seinem Haus vorüberführte. Schon wollte er sich zurückziehen und warten, bis sie nicht mehr zu sehen seien, weil alte Weiber wie Katzen nie Gutes bringen. Doch irgend etwas ließ ihn vom Stuhle nicht loskommen und hielt seinen Ellenbogen auf dem Fensterbrett. Eben als die beiden etwa seiner Haustür gegenüber angekommen waren, hielt die eine die andere am Ärmel, und begann, es war eine Schreierin, mit lauter Stimme zu erzählen, so daß Firle alles bequem mit anhören konnte. Sie hatte vorigen Sommer öfters in den Berghäusern zu tun gehabt und war auf dem Schrimsteige, der an dem Mandelhaus vorüber durch die Felder führt, dahin gegangen. Dort hatte sie hinter des Schnallkebauern Gehöft die Lieder belauscht, die von dem kleinen Amadeus aus seinem Strauchstüblein mit den Federn an Veronika in die Luft geschickt worden waren. Die reine schöne Stimme des Kindes hatte derart ihr Herz gerührt, daß sie nun über dies Singen wie über ein rechtes Wunder berichtete. Dem heimgesuchten Böttcher erschien diese beiläufig aufgefangene Erzählung als Fingerzeig einer gnädigen Fügung, und er dachte bei sich, wenn der Röhrsdorfer Schneiderjunge imstande sei, ein altes Weib derart zu bezaubern, so müßte dessen Lied ihm auch wieder in seine himmlische Gesellschaft hineinhelfen. Dies überlegte sich Firle ein langes und breites, geriet gegen Abend auf manch bitteren Abweg und steckte beim Zubettgehen gar in einem Hader mit seinem Herrgott. Er hatte von seiner Mutter so viele Zwieseleien in den Kopf mitbekommen, die wuchsen und gabelten sich nun schon ein ganzes langes Leben, und er wußte nicht, wo das hinaus wollte. Der Mandeljunge aber war wie ein Kanarienvogel mit einem goldenen Brüstlein in die Welt gefallen und ersang sich allerhand Freudensegen bei den anderen Menschen, obwohl er einen Vater hatte, der nichts konnte, als Fabelbälge aufblasen. Unsanft stieß Firle die Niederschuhe unters Bett, hüllte sich in die Decke und schlief ein. Gegen Mitternacht erschien ihm im Traum die verstorbene Agathe Mandel, des Amadeus Mutter. Noch am Morgen stand das Gesicht zum Greifen deutlich vor seinen Augen, und der Böttcher wußte wohl, was da zu tun sei. Um die Kraft der Erscheinung nicht abzuschwächen, rührte er aber den ganzen Tag mit keinem einzigen Gedanken daran, sondern machte sich auf den Weg zum Eusebiusschneider, sobald die Krähen durch das Dämmern in den Fohlenbusch zogen. Nun saß Firle in dem Mandelhause, redete um ein Nichts herum und wartete nur, daß er von seinem wundersamen Auftrage anfangen könne. Aber Maruschka fand nicht aus der Stube, und vor diesem Weibe, die der Zorn Gottes doppelt gezeichnet hatte, durfte er mit keinem Worte an seinem Traume zupfen, sollte nicht alles im voraus aufs Spiel gestellt werden. Die Uhr rückte schon der neunten Stunde auf den Leib, Amadeus war auf seinem Stuhl eingeschlafen, und der alte Mandel fing auch schon an, mit den Augen zu blinzen. Es hatte wirklich den Anschein, das Schicksal habe ihm auf einer Narrenflöte etwas vorgespielt, daß es ihn in das Röhrsdorfer Schneiderhaus geleckt hatte. Doch eben als dem Firleböttcher das Mißtrauen aufstieß, gab Maruschka der Tür des Topfschrankes, in dem sie lange gekramt hatte, einen Stoß, daß sie krachend zuflog, knurrte unwirsch etwas über den Schürzenlatz und verließ die Stube. Sogleich saß der Muttergottesböttcher, wie Firle auch genannt wurde, aufrecht, und kaum daß die Taubstumme mit schläfrigen Schritten die Last ihres breiten Leibes über die Bodenstiege getragen hatte, so schlug der Greis drei Kreuze auf das bunte Einschlagtuch, öffnete die Stubentür und wehte damit unter Gemurmel hinter der Wirtschafterin drein, als wolle er die Luft des Zimmers von dem letzten Rest ihrer Anwesenheit reinigen. »Was soll denn das bedeuten, Böttcher?« fragte Eusebius verwundert und beunruhigt. Der seltsame Greis machte dem Schneider ein Zeichen, ihn nicht zu stören, breitete das Tuch an der Schwelle aus, drückte die Tür wieder ins Schloß und kehrte auf seinen Stuhl zurück. Er sah mit erregten Augen dem alten Mandel ins Gesicht, nickte zufrieden ein paarmal mit dem Kopfe und sagte dann gewichtig: »Ja, ja. Wir Menschen haben zwei Gesichter, einen Körperleib und einen Seelenleib, und wenn jemand fort sein soll, so is nich genug, daß der Körperleib naus is. Der Seelenleib bleibt noch lange an Orten, wo ein Mensch gewesen ist, und kann durch nichts vertrieben werden als durch das Kreuz, weil auch der Heiland die Seelen am Kreuz erlöst hat.« »Was hat dir denn das Weib getan?« fragte Mandel, der den Muttergottesböttcher nur halb verstand. »Mir nich mehr wie dir. – Denk ich. Aber an der Stelle, wo ein Haus steht, kann nicht zugleich eine Scheune sein. Wo ich bin, kannst zu gleicher Zeit nicht du sein, Schneider.« Mandel hätte gern eine Schnurre gedreht. Allein vor dem Leuchten dieses greisen Gesichtes haschte er umsonst nach einem losen Wort. Eine leise Furcht hinderte ihn nun auch, durch einen Spaß den Unwillen dieses unheimlichen Mannes zu erregen. Deswegen antwortete er ratlos: »Nu, ja, ja. Nu, nein, nein.« Allein in demselben Augenblick führte den Schneider wie Wetterleuchten ein Argwohn an das Verständnis der geheimnisvollen Worte Firles heran, und unmittelbar setzte er hinter seine ausweichende Antwort die schüchterne Frage: »Ja, du hast den Seelenleib der Stummen hinausgeweht? Warum denn das?« Der Böttcher nickte in der leidenschaftlichen Art Fanatischer, die sich verstanden fühlen. Dann rückte er dem verdutzten Schneider weiter zu Leibe. »Was denkst du wohl«, fragte er ihn, »ob deine Agathe hier bei dir bliebe, wenn du die Böhmische bei dir hättest?« »Ach, die is ja gestorben«, antwortete Mandel. »Gestorben, freilich, aber nich tot«, erwiderte Firle. »Böttcher, nu hör' aber auf. Wenn ich alles glaube, das nich. Das weiß ich besser. Dorte drüben an der Wand in dem Bette hat ihr die Hebamme die Augen zugedrückt«, sprach Eusebius fast entrüstet. Aber der Greis steuerte unbehindert auf sein Ziel los. »Freilich«, sprach er, »das is natürlich. Die Augen sterben, aber das Sehen bleibt. Die Ohren sterben, aber das Hören stirbt nich. Ha, wenn die Toten tot sein könnten, wären die Lebendigen nich lebendig. Siehst du, Schneider, aso bläßt man die Späne aus'm Hobel. Die Toten reden ohne Mund, greifen ohne Hände und gehn ohne Beine. Das weeß ich.« Firle griff in der Leidenschaft hinüber und schüttelte mit bebender Hand des Schneiders mageres Knie. Langsam, aber mit heimlichem Grauen entzog sich Eusebius der Hand des Hexenböttchers, stieg aus dem Schneidergehäuse, als müsse er sich die Beine etwas vertreten, und dachte indessen daran, wie oft er in der Tat seine Agathe nach dem Tode gesehen hatte. Dann bewegte er sich unauffällig an das Fenster, durch das er das Auftauchen seines Weibes aus dem Hainwalde das letzte Mal geschaut hatte, trat davor und machte sich so breit er konnte. Nach diesen Vorkehrungen fragte er: »Und wie kommst du denn auf meine gestorbene Frau?« Aber der Böttcher hörte nicht. Er saß vornübergebeugt und betrachtete den kleinen Amadeus, der zusammengekauert auf dem Stuhle schlief. Es war, als spüre das Kind den Blick des wunderlichen Greises. Er bewegte sich im Traum und seufzte leise. Ja, dachte der Schneider, der Junge sang gerade, als Agathe das letzte Mal kam. Dann wiederholte er laut dieselbe Frage: »Wie kommst du denn auf meine Frau?« Firle richtete sich nun langsam auf und sagte mit gedämpfter Stimme: »Weil ich sie gesehen habe. Diese Nacht. Ja, ja.« Dann verließ er seinen Sitz, trat an die Tür und öffnete sie. »Es war eine Tür, genau wie diese«, sprach er ganz leise dabei, »und sie stand auch so auf ...« »Warum machst du denn die Tür auf, Böttcher?« fragte Eusebius voll ängstlichen Argwohns. »Vielleicht is's möglich, daß sie noch einmal herkommt«, antwortete gleichmütig der spukfeste Mann. »Sie war freundlich und milde«, setzte er beruhigend hinzu, du hättest deine Freude an ihr, Mandel; denn es is eine sanfte, liebenswürdige Tote, wie ich noch selten eine gesehen habe.« Christoph Eusebius schwankte selbstvergessen einen Augenblick aufgelösten Gemütes in jene blumige Zeit seines Lebens zurück, da der Schatten, von dem Firle sprach, als stiller Segen neben ihm tätig hingegangen war, und fand es, wenn auch zum Gruseln, schön, daß Agathes Gesicht noch einmal in das Stübchen hereinglänzte. Aber in demselben Augenblick erinnerte er sich auch, daß sein Weib an der Bodenstiege vorübermüsse, wolle sie über die Schwelle, und ohne sich an des Böttchers Worte zu kehren, fragte er: »Wie lange hält sich denn so ein Seelenleib?« »Du meinst, Schneider, wenn einer wo gewesen is?« »Nun ja, im Busch, auf dem Boden, in der Kirche oder wo ...« »Das kommt auf den Menschen an, ob's ein Mann oder Kind, ein Mädel oder eine Frau is, ob's Gutes oder Böses vorhat.« Firle war mit allerhand seltsamen Vorbereitungen um die Tür beschäftigt, während er dem Schneider Rede stand. »Ja, da glaubst du«, folgerte, verborgenen Bedrückungen nachgebend, Eusebius weiter, »da glaubst du, das Böse hält sich länger?« Firle antwortete nicht gleich, sondern rückte erst das Tuch der Mitte der Schwelle gegenüber, mit dem er vorher Maruschkas Seelenleib hinausgeweht hatte, und der Schneider beugte sich vor, um womöglich etwas Geheimnisvolles zu erspähen. Und wirklich, da der Hexenböttcher, sich aufrichtend, jetzt zur Seite trat, schwelte ein graues Etwas, wie der Teil eines Traumgewandes durch das Dunkel des Flures und zerging in jenem Winkel neben der Tür zum Ziegenstall, wo die Stumme den Schneider erwartet hatte. Sein schuldiges Gewissen sah die schattenhaften Umrisse von zwei verschlungenen Seelenleibern in der Finsternis zerrinnen. Sogleich verließ Eusebius fluchtartig seinen Platz am Fenster und kletterte schutzsuchend in das Schneidergehäuse. Dort fand er einen Augenblick so viel Mut, daß er ein kurzes hohes Lachen ausstieß. Dann aber griff er auf seinem Schneidertisch umher und gewährte trotz der Absicht, den achtlos geschäftigen Mann zu markieren, den Anblick eines tief Erschreckten. Ratlos und benommen starrte er auf seine Nadelbüchsen und lächelte in einer Art hilfloser Zerstreutheit. Plötzlich fuhr er auf und sagte mit feindseligem Hohne: »Und überhaupt is alles eine Lüge!« Firle sah das seltsame Gebaren des unmächtigen Meisters, wußte nichts von seiner verborgenen Schuld und schloß die Tür, um ihn nicht noch mehr zu ängstigen und sich dadurch vielleicht die Verwirklichung seines Planes zu verscherzen. Dann nahm er leise dem Schneider gegenüber Platz und wartete schweigend so lange, bis sich der andere beruhigt hatte. Darauf rief er ihn sanft an und fragte, ob Eusebius bereit sei, den Bericht über die nächtliche Erscheinung anzuhören. Der Schneider nickte zerstreut, und sein Gesicht war verlegen und blaß. Kaum hatte Firle mit tiefer, leiser Stimme zu sprechen angefangen, so unterlag der einbildungsreiche Meister einer seltsamen Täuschung. Jedes Wort, das er hörte, klang ein zweites Mal in der Stube auf und so anders, als sei da noch jemand unsichtbar zugegen, der alles bekräftigend wiederholte. Auf diese Weise ging ihm viel von Firles Erzählung verloren, und er erfuhr nur, daß in der vorigen Nacht Agathe in einem braun und schwarz gestreiften, halbwollenen Rocke und einer blaugeblümten Jacke auf des Böttchers Stubentürschwelle erschienen sei und lange gesenkten Hauptes dagestanden habe. Auf den Anruf Firles sei endlich der Kopf zur Höhe gekommen. Sie habe des Böttchers Frage nach ihrem Begehren lange nur mit leidvollem Lächeln beantwortet. Dann auf erneutes Andringen, doch ein Zeichen zu geben, ob sie von der Mutter Gottes gesandt sei, habe sie die Jacke von ihrer Brust zurückgeschlagen und zugleich seien hohe himmlische Töne hervorgedrungen, die, immer schwächer werdend, die ganze Erscheinung aufgesogen und davongeführt hätten. Danach redete der Böttcher von seiner Not, von dem Gespräch der Frauen auf dem Wege und richtete endlich an den Eusebius die Bitte, ihm mit der Stimme seines kleinen Amadeus wieder zur Heimsuchung der Herrgottsmutter zu verhelfen, und zwar tat er das in immer steigenderer Dringlichkeit, zuletzt in lauter Leidenschaft. Aber der Schneider saß noch immer von dem Schwanken der zwei Stimmen wie benebelt, in halb bewußtloser Gerecktheit und hatte ein Gefühl wie Kinder, die von einem Karussell umhergedreht werden. Plötzlich fühlte er sich gerüttelt, glaubte einen Augenblick zu fallen, und fand sich dann auf der Schneiderbank vor seinem Arbeitstisch, das Nadelbüchschen so fest in der Hand, daß seine Finger ihn schmerzten. »Was willst du denn von mir, Böttcher, jetze in der Nacht?« fragte Eusebius mit der tonlosen Verwunderung Erwachter. »Du sollst mir deinen Jungen borgen, daß er an mir naufsingt«, antwortete Firle erschöpft. Der Schneider schüttelte nur sein blasses, verlegenes Gesicht. Da faßte der andere mit beiden Händen seine Arme und sprach in fast verzweifelter Leidenschaft: »Ich nehm' ihn ja nich mit, dein Junglein. Aber seine Stimme hat Gnade, das weeß ich, und wenn ich bloß einmal in seinem Gesange steh', geht wohl alles aus mir, was der Herrgottsmutter nich' paßt, und sie kommt wieder zu mir.« Der Schneider schaute umher und sah die Lichtstrahlen der Lampe in der Finsternis verglimmen. Da schien es ihm, als sei er von schwelenden Zauberfäden eingesponnen, die von dem Hexenböttcher ausgingen. »Nee, das geht nich, Firle«, sagte er, »denk och, jetze in der Nacht, und der Junge schläft ja auch.« Die beiden lenkten ihre Augen auf Amadeus, der anfänglich den Reden der beiden gelauscht hatte, dann schläfrig geworden war und schon längst in sich zusammengehockt auf seinem Stuhle kauerte, und sein traumheißes Gesicht hing gegen die Schulter hin auf der Brust. »Amadeusla, wach auf und sing«, sagte Firle mit sanfter, bittender Stimme. Sogleich hob das Kind im Traum den Kopf und stellte bei geschlossenen Augen den Kopf horchend gegen den Ruf. Dabei strahlte ein glückliches Lächeln nicht nur über seine Züge, sondern belebte die Haltung seines schlafenden Körpers. »Amadeusla, komm und singe«, wiederholte der Böttcher noch lockender und zärtlicher seine Bitte. Auf diesen erneuten Ruf faßte das Kind das Tütlein, das ihm Firle in den Schoß gelegt hatte, fester in die Hände, zog die Beine hervor und trat wie schlafwandelnd zu den Männern. Auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck, als fliege er. Als es in dem Lichtkreis der Lampe stand, öffnete es die Augen, die, von innerem Schauen blicklos gemacht, weit und starr, wie die Augen Erblindeter, umhergingen. An dem Gesicht Firles, der sich in glücklicher Dankbarkeit zu ihm herabgebeugt hatte, blieben sie hängen. Dem Amadeus schien es, daß ein großer, gütiger Mann aus einer schimmernden Weite auf ihn zukomme. Manchmal hatte er auch das Gesicht seiner Mutter, die er auf der glänzenden Straße hatte in den Himmel fliegen sehen, und manchmal trug er auch das Köpfchen Veronikas. In diese lichten Wunder verlor er sich und setzte dann unvermutet mit einem hohen, unendlich feinen Ton ein, wie ihn etwa Lerchen ausstoßen, wenn sie nach beendetem, letztem Gesang aus der Höhe durch tiefes Abenddämmern ins Nest sinken. Es klang wie der leidvolle Ruf unerfüllbarer, innigster Sehnsucht und verlor sich in gehauchtem, inbrünstigem Zittern. Daran fügte sich das kurze Spiel einer duftig-leichten Melodie. Aber alles gedämpft durch den Bann des Traumes, in dem der kleine Sänger gefangenlag. Doch, als erwache er an dem Schwingen des Liedes, so stockte er plötzlich, starrte mit erschreckten Blicken um sich und sank unter den Worten: »Meine himmlische Mutter weint«, schluchzend zusammen. Der Böttcher fing ihn auf. »Leg' ihn ins Bett«, flüsterte Eusebius, »du siehst, er kann heute nicht. Komm du ein anderes Mal wieder.« Firle ließ den Knaben behutsam auf sein Lager nieder, und sah nach einer Weile enttäuscht auf sein Gesicht, das nun den Ausdruck des Kummers trug. Dann schüttelte der Greis ratlos das Haupt, hob das Tuch auf, das er an der Schwelle niedergelegt hatte, und ging aus der Stube, als sei er ganz allein. Der Schneider folgte ihm beklommen, aber doch erleichtert aufatmend. An der Haustür ruckte es den Hexenböttcher noch einmal herum, er stutzte auf das Hutzelmännchen, nach Worten suchend, nieder, strich aber mit müder Handbewegung alles aus der Luft und verschwand mit Gemurmel lang ausschreitend in die Nacht. 20 Am nächsten Morgen erwachte Eusebius früher als an anderen Tagen. Draußen bewegten sich undurchdringliche, frostweiße Nebel vor den Fenstern. Sie schoben sich nicht vorüber, sondern wurden gegen die Scheiben getrieben, und während die Ballen heranquollen, schienen sie sich zu vermehren. Das Gedränge wurde oft so dicht, daß es wie das feste Gefüge einer lebendig unruhigen Wand aussah. Der Schneider setzte sich im Bette auf, hing die Beine heraus, daß die großen Zehen den Boden berührten und dachte: »Eine schöne Sauerei.« Aber je länger er auf dieses Durcheinanderschieben und Verschlingen sah und sich bemühte, das Herandringen der Wolken genau zu verfolgen, die draußen auftauchten, desto tiefer bemächtigte sich seiner ein Schwanken. Die weißgrauen Ballen trugen sich nicht in einer Gestalt herzu, sondern quollen unausgesetzt in neuen Formen, die, kaum entstanden, wieder andere aus sich gebaren, daß der Blick fortwährend aus Unbegreiflichkeiten in Unbegreiflichkeiten glitt. Und dem Meister war es nicht anders, als fahre er in seinem Häuslein hoch durch die Luft. Da war er auch schon mitten in dem Abenteuer, das ihm gestern der Firle-Böttcher in die Stube getragen hatte. Eine Weile vertiefte er sich in die wunderlichen Worte und Geschehnisse, die am vorigen Abend im Licht der kleinen Deckenlampe an ihm vorbeigetanzt waren. Aber sein Begreifen glitt von einer Unfaßbarkeit in die andere, und nicht lange danach fing es an, von den Wänden her gedämpft und doppelt zu sprechen, in der Tür zu knacken, als wolle sie von selbst aufgehen, die Nebel schnitten Gesichter, und der Meister steckte bald wie gestern abend in einem Taumel, der aus Bangen und Verwundern gemischt war. Aber er schüttelte dies Drehen von sich ab, ging auf die Deckenlampe zu und klopfte auf den Schirm. Das Lämplein gab einen blechernen, schwirrenden Ton von sich und schwang hin und her wie sonst. Er trug den Stuhl, auf dem der Hexenböttcher gesessen hatte, beiseite, und es war weiter nichts. Er trat auf die Stelle, an der das besprochene Tuch gelegen hatte, und spürte nicht einmal ein Kribbeln in den Fußsohlen. Hinter der Tür im Hausflur hing nichts. Die Mütze Firles hatte keinen Fleck auf der Schneiderbank zurückgelassen. »Unsinn«, sagte Eusebius zu sich und begann sich anzukleiden. Dabei wußte er plötzlich ganz genau, was nun zu tun sei, und ging sofort an die Ausführung. Er wartete nicht erst ab, bis Maruschka aus ihrer Kammer herunterkommen würde, sondern stieg energisch und gestrafft die acht Stufen der Bodentreppe bis dorthin herauf, wo sie die jähe Kehre macht, und rief mit Stentorstimme, was das denn für ein »Gemäre« sei heute, ihm knurre der Magen und es sei höchste Zeit zum Kaffeekochen. Dann zog er sich eilig und über sich selber erbost, weil ihm erst jetzt einfiel, daß die stocktaube Maruschka ja nicht ein Wort gehört haben konnte, wieder in die Stube zurück und stellte eigenhändig Teller und Tassen auf den Tisch. In der Art trieb er es den ganzen Tag über und auch den nächsten und übernächsten und war geradezu unerschöpflich im Erfinden immer neuer Anlässe, sie zu gängeln und zu quängeln, zu sticheln und zu kujonieren. Er war fest entschlossen, das Verfahren, wenn nötig »bis ultimo« fortzusetzen, um sein Ziel zu erreichen. Doch die Stumme war solchem Ansturm nicht lange gewachsen. Am zeitigen Morgen des vierten Tages erwachte der Schneider von einem Getöse auf dem Boden, das ganze Häusel krachte und dröhnte von dumpfen Schlägen. Doch Eusebius tat, als ginge ihn das nicht im mindesten etwas an, zog sich nur die Bettdecke etwas höher über die Ohren und rührte sich nicht mehr. Schließlich wurde es droben wieder ruhig. Nach einer Weile hörte er schwere Schritte die Stiege herunterpoltern, dann knarrte die Haspe der Haustür, die Tür wurde aufgerissen und wieder zugeschlagen, als wäre nur ein Poltergeist durchs Haus gefahren. Darauf schien der Mandelschneider gewartet zu haben. Er sprang aus dem Bett, warf sich in seine Sachen und stürmte auf den Boden. Durch die weitoffene Kammertür erblickte er den Haufen Kleinholz, der von Maruschkas Bettstatt übriggeblieben war. Die Axt lag obenauf. Der kleine Meister blickte mit glänzenden Augen auf die Bescherung und atmete ein paarmal tief auf. Darauf schloß er die Tür, drehte den Schlüssel herum, zog ihn ab und warf ihn in hohem Bogen durch die Bodenluke über das verschneite Dach. Als er die Bodentreppe herabstieg, pfiff er den Hohenfriedberger vor sich hin.   *   Als Eusebius behutsam in die Stube trat, um Amadeus nicht zu wecken, schien das Junglein noch zu schlafen. Darum schlich er sich befriedigt, mit einem liebevollen Blick auf den kleinen Schläfer, durch den Raum, kroch in sein Schneidergehäuse und schickte sich an, sein Tagewerk zu beginnen: er holte sich die Arbeit hervor, die er beim Eintritt des Firle-Böttchers unter der Bank verborgen hatte, rückte sich das Metermaß auf den Schultern zurecht, zog die Nadel aus den Kissen, hing sie an einen neuen Faden und ließ sie gleich so hurtig durch das Zeug schlüpfen, als gälte es, die Versäumnis des gestrigen Tages nachzuholen. Doch das Junglein, obgleich es die Augen noch geschlossen hielt, schlief gar nicht mehr richtig, es lag in jenem Schweben zwischen Schlaf und Wachen, das bei so vielen Menschen dem vollen Erwachen voranzugehen pflegt, wenn die ersten Lichtschleier des neuen Tages den Schlafenden umwehen und allerlei Geräusche um ihn her die Stille der Nacht aufzuzehren beginnen. So träumte er vor sich hin, und ihm war, als kauere Maruschka wie jeden Morgen vor dem großen Kachelofen und stecke ihren Kopf durch die beiden kleinen Türflügel in das Feuerloch, daß ihr massiger Körper aussah wie ein flammender Berg. Dann war ihm wieder, als klappere die stumme Ziehmutter mit den Töpfen im Schrank, aber es klang anders als sonst, es schien ein ungeheures, fernes Getöse zu sein. Es war aber nur der schwache Nachhall des Krachens und Polterns, das an seine Ohren geschlagen war und ihn aus der Tiefe seines Schlummers gerissen hatte. Da Amadeus nicht herausbekommen konnte, was das alles zu bedeuten habe, solange er die Augen geschlossen ließ, richtete er sich schließlich auf und blickte geradeaus nach der Ofenecke. Von Maruschka war nichts zu sehen. Zaghaft stieg er mit seinen zwei Beinen über den Bettrand in die Stube hinunter. Nun er, noch ein wenig traumtrunken, mit der Sohle der bloßen Füße auf dem Boden stand, fröstelte ihn; es war kalt in der Stube, im Ofenloch kein Feuer. Da hörte er die Stimme seines Vaters nach sich rufen. Das ermunterte ihn vollends, er wandte sich um und sah ihn schon hoch in seinem Winkel auf dem Schneidertisch hocken. Dabei blickte ihn Eusebius fröhlich an, plinkerte ihm mit seinen Äuglein zu und fragte mit lustigem Spott: »Na, wo bist du denn wieder, he, Amadeusla?« Sonderbar, wie lustig der Vater heute ist, dachte der Knabe, doch des Schneiders spürsame Seele hatte schon einen Zipfel des Gedankens seines Amadeus aufgefangen, ließ seine Arbeit fahren und rief ihm halb verlegen, halb spitzbübisch zu: »Nu immer munter, Junge, zieh dich an und verkält' dich nich. Maruschka hat sich davongemacht, auf Nimmerwiedersehen, ja, nieber ins Biehmsche, wir werden jetze erstmal mitsamt Feuer machen, Kaffee kochen und gucken, was sie uns zu essen dagelassen hat.« Damit war für Eusebius vor seinem Jungen die ganze unangenehme Sache ein für allemal abgetan, und bald lief Amadeus, dem Schneider auf den Fersen, mit nach Feuerholz aus dem Schuppen, hockte neben ihm mit der Milchkanne in der Hand im Ziegenstall, indes der Vater wieder, wie schon in den Wochen nach Maruschkas erster Austreibung, das Melken besorgte; fegte mit dem kleinen Handbesen die Staub- und Flickenhäufchen auf die Schippe, die Eusebius in der Schneiderstube zusammenkehrte, und beide trällerten dabei wie Kinder, die sich ein lustiges Spiel ausgeheckt haben. Nach dem Frühstück zog Eusebius sich den Winterrock, den Rucksack und die Ohrenmütze über und stapfte mit seinem Pfefferrohrstock ins Dorf zur alten Mahlingen und zum Fleischer, um das Nötigste einzukaufen; auch wollte er sich nun, da die Geschichte »ratzekahl« erledigt war, dort und in den nächsten Höfen nach einem »Madla« umtun, das stundenweise alle Tage die Ziegen und das Haus besorgen konnte. Als er gegen elf Uhr vormittags wiederkam, war er auch diese letzte Sorge losgeworden: die Finger-Lene, ein etwas dümmliches, aber braves und fleißiges sechzehnjähriges dralles Ding, das die Händlersfrau bei ihrer neunköpfigen Kinderschar für diesen Dienst gut hergeben konnte, war ihm ab morgen versprochen. Zum Zeichen seiner Dankbarkeit machte sich Eusebius unverzüglich, ohne Rücksicht auf ältere Kunden, über den ihm erst vor paar Tagen ins Haus gekommenen langen Schoßrock des Finger-Krämer zu einem Überschlag her, wie daraus noch ein Knabenanzug erluchst werden könne. Doch wenn er gerade einen Plan gefaßt hatte und nach der Kreide langte, um in schnellen Strichen einen Aufriß seiner Idee über den Rock zu werfen, lief ein buntes Kreisen über seine Augen. Alle meisterhaften Einfälle stoben auseinander, und es blieb ihm nichts als die Kreide zwischen Daumen und Zeigefinger. »Nur ruhig Blut, Christoph Eusebius«, redete Mandel sich halblaut zu, »man soll nichts erzwingen wollen. Mich hat's halt gestern nacht und heute früh doch bissel zu arg gebeutelt. Das wird sich schon wieder geben«, und er beschloß, schon jetzt mit der Mittagspause zu beginnen. »Vielleicht ist mir auch die vermaledeite Hitze zu Kopfe gestiegen«, sann er weiter, denn es war ihm über dem vergeblichen Hantieren mit dem Rock und der Kreide siedend heiß geworden. »Wahrscheinlich hab' ich heute früh viel zu stark eingeheizt.« Von diesem Gedanken wieder beruhigt, rief sich der Mandelschneider sein Söhnlein als willigunbeholfenen Gehilfen in die kleine Küche, schälte Kartoffeln, setzte sie zu, wirtschaftete mit der Essigflasche, mit Zwiebeln und mit Mehl und hatte nach einer guten Stunde sein Leibgericht, saure Nieren und Stampfkartoffeln, zustande gebracht. Sie verspeisten es mit Behagen. Danach machte sich Eusebius mit neuen Kräften abermals über den Finger-Rock. Allein es nutzte nichts, er kam und kam mit ihm nicht zu Rande. Schließlich warf er die Kreide auf die Bank, leckte sich die Finger ab und trat ans Fenster. Draußen hatte sich Amadeus gerade darangemacht, Schneekugeln zu wälzen und übereinanderzusetzen. Während der Schneider dem Jungen dabei zuschaute, kam ihm ein Einfall. Erst kramte er noch eine Weile in seinem Schneiderwinkel herum, dann lief er vors Haus und zeigte dem Jungen, wie man einen Schneemann baue. Als dieser schon fast so hoch wie Eusebius selbst gediehen war, fragte der Schneider: »Weißt du, was das ist? Das ist der Kolivansky, paß auf!« Dabei zog er ein paar schwarze glänzende Knöpfe aus seiner Rocktasche; das waren die Augen; und aus ein paar bunten Stoffstreifchen zauberte er im Nu Mund und Nase hervor. Amadeus lachte aus Leibeskräften über den komischen Kerl, und auch Eusebius, der wild gestikulierend mit dem Schneidergesellen stritt, kullerten bald die Lachtränen über die Backen. Nach dieser Heldentat seines Vaters war der kleine Mandeljunge kaum noch in die Stube zu bringen und wollte, daß der Vater immerzu mit dem Schneemann »Kolivansky spielen« sollte. Erst, als sie beide schon vor Kälte zitterten, ließ sich Amadeus bewegen, es für heute genug sein zu lassen. In Eusebius hatte sich unter dem Kolivansky-Spiel, mochte es auch zuerst nur einem Einfall entsprungen sein, eine doppelte Erkenntnis gebildet. Der alte, bunte Christoph Eusebius Mandel lebte noch in ihm, er hatte ihn dabei abermals in sich entdeckt, und er war wieder ungeteilt und nicht noch ein anderer. Daß es überhaupt mit ihm so weit hatte kommen können und er einmal »auseinandergefallen« war, hatte er der Maruschka zu verdanken. Das war das eine. Das andere aber war, daß ihm auch diese unbegreifliche Fähigkeit, schneidern zu können wie ein Meister seines Faches, nur durch die Stumme aufgeladen worden war, und zwar genau vom Tage ihrer Rückkehr ins Mandelhaus bis zu ihrem von ihm so geschickt eingefädelten, letzten Auszug. Und als Eusebius sich in den nächsten Tagen das Ganze über seiner Arbeit noch einmal überdachte, kam er auch dahinter, daß ihm diese vertrackte Schneiderkunst und das zehrende Arbeitsrasen von ihr nur angehext war, weil er sie nicht mehr angerührt hatte. Jetzt war er also dieser Fron entronnen und Gott sei gelobt wieder nur noch der Flickschneider Mandel, der er immer gewesen. 21 Es konnte nicht ausbleiben, daß die merkwürdige Verwandlung des Mandelschneiders ebenso bald in der ganzen Gegend ruchbar wurde wie die Veränderung in seinem Hauswesen, und der Schein der Lampe aus den Fenstern der Schneiderstube zog die neugierigen Röhrsdorfer wieder an wie die Motten, die drinnen um den leuchtenden Porzellanschirm taumelten. Mittlerweile war man tief in den März gekommen, und in dem abendlichen Kreise der Kunden und sonstigen Neuigkeitskrämer, der sich öfter und zahlreicher als zuvor im Mandelhause zusammenfand, strömte der Redefluß in diesem Frühjahr voller und heftiger denn je. Die Scholzenwahl hatte erbitterte Kämpfe heraufbeschworen, und auch nach dem Austrag dieses Rangstreites kehrte die Beruhigung noch nicht zurück. Hitzige Parteigänger hatten sich zu langem Prozessieren verbissen, heimliche Gegner lieferten sich durch ihre Knechte auf den Tanzböden blutige Sträuße, die Entfremdung der vielen weit auseinander liegenden Teile von Röhrsdorf war jedem aufs neue zu Bewußtsein geführt und brachte eine Spannung über das ganze Gemeinwesen. Des Eusebius Spottvers hatte nicht am wenigsten dazu beigetragen, den einen der Hauptbewerber, den Ransener Tautz, so zum Gelächter der Dorfeingesessenen zu machen, daß ihm niemand die Stimme zu geben wagte. Von anderer Seite war zum reinen Vergnügen gegen den anderen Kandidaten, den Sauerborner Müller, ebenso gewühlt worden, und als sich die allgemeine Verwirrung gelegt hatte und die ruhige Überlegung zurückgekehrt war, erstaunten alle über die eigene Torheit, den Bauer Frenzel auf der langen Lehne, diesen verzwickten, großtuerischen Sonderling zum Gemeindeoberhaupt gewählt zu haben. Und das Gespött über den »Herrn von Gackern«, wie er wegen seiner überstürzten Redeweise und blechernen Stimme genannt wurde, setzte von neuem ein, wenn auch erheiterter und schalkhafter durch die Wirkung der steigenden Frühlingssonne. Im Mandelhause kreuzten sich die Klingen der Gegner in gedämpften Lauten noch einmal, und im Anschluß daran wurde manche Geschichte über das Wachstum oder den Verfall eines Bauernhofes aus der Vergangenheit gegraben. Eusebius verband durch kühne Kombinationen jene fast verschollenen Vorgänge mit dem Geschick der Nachkommen und deutete in das wirre Walten einen tieferen Sinn. Der Bahnbau von Glatz herüber bis an die Landesgrenze beschäftigte die wortkargen Plauderer auch an manchen Abenden. Man rechnete den Bauern von Neudeck nicht ohne Grimm den Verdienst nach, der sich aus dem Verkauf der abgetretenen Ländereien von selbst in ihren Beutel schob, oder man erging sich über die Schwierigkeiten, die das Terrain dem Bau noch bieten würde. Dann und wann spukte in vieldeutigen Ausdrücken oder vorsichtigen Umschreibungen aus diesem und jenem abendlichen Besucher eine Geschichte, in deren Mittelpunkt der Lehrer und Kantor Wudhof zu Neudeck stand, und von der alle, die im Vorbeigehen einen Mundvoll aufgeschnappt hatten, den rechten Verlauf doch nicht wußten. So viel stand nur fest, daß zwischen Kantor- und Pfarrhaus die Katze der Briefträger war. Denn Wudhof, ein Mann von mehr als dreißig Jahren, war unverheiratet, hatte sich aber aus der fernen Provinz, aus Pommern oder der Mark, aus der er vor drei Jahren nach Neudeck versetzt worden war, zu aller Erstaunen eine Wirtschafterin mitgebracht, die, was Alter und Aussehen betraf, ganz und gar nicht zu ihm paßte. Sie ging sonn- wie wochentags in einer Tracht einher, wie sie wohl die Art polnischer Mägde ist, hielt aber so wenig auf Reinlichkeit und Ordnung ihrer armseligen Kleidung, daß da und dort nicht nur der Weber, sondern sogar oft der Fleischer hervorguckte. Ihr Körper war nicht ohne Ebenmaß, aber mit einer welken Fülle überladen, und in dem blassen Gesicht hatten Alter und Leidenschaft deutliche Spuren hinterlassen. Dabei besaß sie keinen Anflug von Zurückhaltung und bedrängte bald nach ihrer Ankunft die Wirtschafterin des Pfarrers mit plumper, gleichmachender Vertraulichkeit. Diese, eine würdevolle sanfte Frau nahe am Matronenalter, geübt in der klugen, gütigen Hochmut klösterlicher Zucht, wies sie erst schonend ab, verwundete sie dann mit scheinbarer Schonung und wies ihr endlich kalt und hart das Haus. Aber den Lehrer hatte seine Wirtschafterin anscheinend so in der Gewalt, daß dieser sich fast nie am Tage sehen ließ, nur des Nachts weite einsame Spaziergänge unternahm. Niemand hatte er zum Genossen als einen alten Junggesellen und dann und wann einen Rausch, den er sich oft mitten in einer lärmenden Wolke von Bauern antrank. In der Schule war er meist unbeholfen, zerstreut und launisch und ließ achtlos das Mühlwerk des Unterrichts klappern. Stundenlang saß er auf dem Katheder und starrte wie verzückt in Fernen, während die Kinder um ihn tobten. Manch einer von den Erzählern hatte ihn zur Nacht auf dem Grabenrande eines abgelegenen Weges getroffen, wie er erregt und leidenschaftlich mit seinem Rausch sprach und schmerzvoll stöhnte, als sei er hoffnungslos verloren. Nach solchen Verirrungen hielt er sich wieder wochenlang wie ein Klosterbruder in seiner Wohnung verborgen, und man hörte ihn bis tief nach Mitternacht musizieren, geigen oder Flügel spielen. In der Schule verkehrte er dann in wunder Sanftheit mit den Schülern und riß sie in eine Art schmerzvoll begeisterten Fleißes fort. Es ging das Gerücht, daß er aus guter Familie stamme, mit den besten Aussichten auf eine glänzende Laufbahn Musik studiert habe und dann unvermutet in diese krankhaften Zustände verfallen sei. Ein Mädchen sollte der Grund dieses leidenschaftlichen, hoffnungslosen Verfalles gewesen sein. Aber niemand wußte Genaues darüber, denn Wudhof selbst rührte mit keinem Wort an die Finsternis jener Zeit; und drang der gütige Pfarrer in ihn, sich doch durch eine klare Aussprache von diesem Alp zu befreien, so sah er stets vor sich nieder, schüttelte stumm das Haupt und ging achselzuckend davon, obwohl er doch wissen mußte, daß er nur dem Geistlichen sein Verbleiben im Amt zu verdanken hatte. Alle diese Geschichten, die in unzusammenhängenden Stücken von dem stets wechselnden Kreise der Kunden und Neugierigen in das Mandelhaus getragen wurden, hörte der kleine Amadeus mit an. Er saß auf einen Stuhl im Dunkel gekauert, und kaum einer achtete auf ihn. Nur wenn sich das Gespräch mit Wudhofs Schicksal beschäftigte, sank es auf ein Augenzwinkern des Meisters zum Flüstern herab oder half sich durch verträumte Redensarten weiter. Denn der Schneider besaß aus einer eigentümlichen Kameradschaftlichkeit eine Ehrfurcht vor jedem Höherstehenden und Gebildeten und wollte nicht, daß dieses Gefühl in seinem Jungen beschädigt werde. Doch seine Sorge war unnütz; denn der kleine Amadeus lag mit seinem ganzen Leben so sehr in einer wunderseligen Ferne, daß ihn die Vorgänge unter der Lampe nur wie ein unbegreiflicher Spuk trafen. Ja, dem Jungen kam es oft vor, daß die Frauen und Männer da unter der Lampe gar keine lebendigen Menschen waren. Gleich Schatten hingen sie vor der graugelben Wand, hoben automatisch die Arme, wackelten mit dem Kopfe und schnappten mit dem Munde nach sinnlosen, dumpfen Lauten, die durch die Stube schwirrten. Je mehr Dunkles sie redeten und in sich einschluckten, desto schwärzer wurden ihre Schatten. Die Lampe verlor langsam ihren Schein, und wenn alles eine einzige rauchende Nacht zu werden drohte, erhoben sich die Männer. Der Vater sperrte ihnen die Haustür auf, und Amadeus hörte ihre gedämpften, groben Stimmen noch eine Weile draußen vor dem Hause. Er wartete auf dem Stuhle die Rückkunft seines Vaters ab, schlief dabei sehr oft im Sitzen ein, und wunderte sich am anderen Tage, doch im Bette zu liegen, in das Eusebius ihn getragen hatte. So rollten die Tage bis in den Sonnabend vor Lätare. Vom Morgen ab hatte sich das Wetter durch allerhand widersprechende Anwandlungen geworfen, ohne jedoch mit seinen trübsten Einfällen ganz aus seiner sonnigen Laune zu kommen. Seine drohenden Wolken leuchteten an den Rändern, und seine müde Helle schimmerte in heimlicher Verzücktheit. Aber kaum daß der Neudecker Kirchturm dem scheidenden Tage den letzten dumpfen Glockenton nachgeschleudert hatte, sammelte sich über dem Langen Busche, ungefähr dort, wo der tiefe Klang sich in das Verfinstern über den Wipfeln eingegraben hatte, eine bockschwarze Wolke. Sie sammelte sich eigentlich nicht, sie schoß heraus wie eine Teufelsfaust, stutzte eine Weile und klofferte sich dann jäh auseinander, daß im Nu ihre fünf Schattenkrallen über den ganzen Himmel griffen. Als das geschah, lief es wie ein schrilles Reißen durch die Luft. Der Hainwald stieß einen leisen Klagelaut aus wie ein krankgeschossenes Stück Großwild. Der Ahorn über dem Mandelhause duckte sich, daß seine Zweige hörbar auf dem Schindeldach zitterten, und dann brach das Wasser aus dem Kronerloch mit dem Gewieher Trunkener los, die bergab ins Laufen kommen. Das Mandelhaus jappte ängstlich ein paarmal mit den Holztürchen seiner Dachluken, und Eusebius warf schnell den Zwirnstern, den er in der Hand hielt, auf den Tisch und rannte auf den Boden. Ehe er sich aber noch völlig über die Stiege in der Dunkelheit hinaufgetastet hatte, fuhr die Hausmutter aus dem Schloß und hieb donnernd gegen die Wand. Wütend arbeitete sich der Meister an die Luken, riegelte die Türchen ein und klomm die Treppe hinunter. Bei jeder Stufe sagte Eusebius »Vermaledeit«, und als er glücklich unten im Flur stand, riß sich die Tür abermals aus dem Schloß und krachte gegen die Schrotwand. Da blieb dem Meister selbst sein Hausfluch im Halse stecken, und er spie nur bösartig in den Regen, der prasselnd vorübergepeitscht wurde. Es schien ihm wohl, als mummele ein Schwarzes um den offenen Eingang, aber er hatte einen solchen Zorn gegen die Unflätigkeit des Wetters, daß er nichts auf die halbe Wahrnehmung gab, sondern brummend nach der Klinke suchte, um die Tür sorgfältig zu verwahren. Eben als er den Griff erfaßt hatte, spürte er einen Menschen neben sich, und eine regenfeuchte Hand legte sich über die seine, die auch im Finstern nach dem Griff gefaßt hatte. Eusebius ließ vor Angst sogleich die Klinke fahren, trat einen Schritt zurück und wußte nicht, solle er um Hilfe schreien oder loswettern. So kam er nur zu einem tiefen Atemzug des Schreckens. Der Eindringling, den der Schneider als überwältigende Masse vor sich stehen fühlte, mußte dieses furchtsame Atempfeifen gehört haben und sagte mit gutmütigem Brummlachen: »Ach, Schneider, geh du ruhig rein, ich werd' die Türe schon zubringen, es ist ja ein sakrisches Wetter.« »Bist du's denn, Schilling?« fragte Eusebius sich fassend. »Freilich. Aber ob ich all's beisammen hab', weiß ich nicht«, antwortete der Ankömmling. Als die beiden die Stube betraten, fanden sie schon zwei andere Männer unter der Lampe sitzen: den Handelsmann Finger und den Holzschläger Pfitzner. Der erstere, ein langer dürrer Mann, saß, als sei er kerzengrade auf den Stuhl geschraubt, der andere hockte mit auf die Knie gestemmten Ellenbogen regungslos und drehte nur die Augen aus dem bärtigen Gesicht nach den Eintretenden. Ehe Eusebius Zeit finden konnte, mit einem schalkhaften Wort sich aus der Beklommenheit zu retten, setzte ein neuer Wetterstoß ein. Das Häuslein bebte in den Fugen und die Tropfen gingen nieder, als regne es Eggenzinken. Deswegen begnügte sich Mandel, kopfschüttelnd in seinen Schneidertisch zu steigen. Amadeus schaute ganz vertieft in die Sturmnacht und rührte sich nicht. Um seine Überlegenheit zu beweisen, sagte Mandel: »Es geht zu, als ob die Knechte den Bauern hau'n.« »Und dazu mit Flegeln«, setzte Schilling hinzu. »Das steckte schon den ganzen Tag in den Büschen«, meinte Pfitzner, »die Silberquelle an der nassen Stiege kochte schon zu Mittag über.« »Ja, ja, mein Hund fraß um den Abend Gras«, bestätigte Finger mit seiner hohen, betenden Stimme. Auf diese Weise drehten sich die Männer ins Plaudern. Schilling erzählte von dem alten Teuber aus Kaiserswalde, der mit Farnsamen Gewitter gemacht habe. Einmal sei er dabei doch umgekommen, weil er das letzte Körnchen habe fallen lassen. Finger berichtete von einem Bauern, der dadurch zu großem Reichtum gekommen sei, daß er unter sein Saatgut Körner aus dem Kröpfe eines schwarzen Hahnes gemischt habe. Plötzlich kehrte sich Amadeus vom Fenster ab und trat mit leuchtendem Gesicht an den alten Mandel. »Kann ein Haus ein Schiff werden?« fragte er erregt. »Nein«, antwortete Eusebius. »Aber es kann fahren, wenn ein großer Wind geht!« behauptete der Knabe, und man sah ihm an, wie wichtig ihm die Einbildung war. »O ja, Jungla«, antwortete Schilling, »es könnte schon fahren, aber auseinander.« Alle lachten unbändig über den Witz, und Eusebius sagte ärgerlich über des Amadeus Niederlage: »Geh und setz du dich lieber!« Der kleine Mandel, der mit dem Laut des Sturmes entrückt über alle Berge geflogen war, während er am Fenster dem Wetter zugesehen hatte, wurde rot, hockte sich auf seinen Stuhl ins Dunkel und versuchte hartnäckig weiter, ob ihn der Wind mit auf eine Reise nehme. Aber es wollte nicht mehr gelingen, und so überließ er sich wie an allen anderen Abenden einem versonnenen Hinhorchen. Das Gespräch schwankte dumpf von einem zum anderen. Pfitzners Stimme klang, als rolle ein Stein in einer Holzrinne. Finger sprach wie ein singendes Huhn. Schilling schnarrte wie ein Wachtelkönig. Aber alle redeten gedämpft, eintönig, wie aus einem geschlossenen Kasten. Das Toben des Wetters, ob es auch etwas nachgelassen hatte, machte die Stimmen noch bleierner, leerer; die Stille der Stube lastender, daß dem kleinen Lauscher auf dem Stuhle alles grau und verschwommen vorkam. Es sog ihn förmlich aus. Endlich konnte er das nicht mehr aushalten. »Vater«, sagte er zwischen das Geplauder; der Schneider hörte es nicht. »Vater«, rief das Kind. Das Gespräch stockte. »Was hat's denn, Amadeus?« fragte Eusebius. Der Knabe sagte: »Wenn meine Beine jetze zu Stein werden und meine Arme und alles, alles, und ich bin ein Steinmann, was wird denn da?« Niemand hörte, wie da eine Seele gegen das Fürchten rang. Die Männer sahen einander kopfschüttelnd an, und Schilling sagte endlich zum Schneider, nicht ohne Ironie: »Na, Mandel, du mußt es ja wissen, denn es is ja dein Junge.« Eusebius spürte den Stich und kehrte sich mißgelaunt gegen das Kind: »Freilich, wenn du aus Stein bist, da ist auch dein Mund aus Stein und du störst uns nich mehr.« Amadeus verstand nicht, was sein Vater sagte, hörte nur aus seiner Stimme den Unmut und sank wieder auf seinem Stuhl in sich zusammen. Nach kurzer Zeit war er eingeschlafen, und die Männer überließen sich weiter ihrem gemächlichen Neuigkeitskram. Das Wetter hatte sich beruhigt und flatterte nur manchmal wie ein großes Tuch vorüber, und der Regen fiel strichweise, als streue ein müder Sämann Erbsen aus lahmer Hand. »'s hat nachgelassen«, sagte Pfitzner, grub in seinem struppigen Bart und horchte. »Ja«, sang Finger, lauschte auch und setzte nach einem Blick auf die Uhr hinzu: »'s is auch fast neune. Da wer ich geh'n, eh's wieder losgeht. Denn durch die Riegerhohle macht's sich sowieso schlecht.« Er stand auf und zog seinen versessenen, mageren Körper auseinander. »Stoß'm Schneider nich die Decke ein«, sagte neckisch Schilling. Finger verzog sein sommersprossiges Gesicht, das von mageren Büscheln eines roten Bartes unregelmäßig übertupft war, zu einem Lächeln und wollte etwas Launiges erwidern. Da trieb in der Ferne mit dem schwachen Winde der Ruf einer hohen Stimme vorüber. »Hör's doch«, mahnte der Handelsmann und ließ seinen Schurz wieder fahren. »Uhu«, äffte der spottsüchtige Fuhrmann Schilling. Dann verstummten alle und lauschten. Richtig, nun rief es wieder, aber näher, und man unterschied deutlich den Laut einer angstvollen weiblichen Stimme. Die Männer ballten sich am Fenster zusammen und horchten. »Siehst du was, Mandel?« fragte Finger den Schneider, der sein Gesicht ans Fenster drückte. Ehe Eusebius antworten konnte, tauchte die verzweifelte Stimme wieder auf und schrie zwischen gelles Weinen immer wieder den zweisilbigen Ruf, der sich wirklich wie »Uhu« anhörte. Die Stimme konnte nicht weiter als von der krummen Weide herkommen, denn wenn man auch kein Wort verstehen konnte, hörten jetzt doch alle das Gekeif eines zornigen, bösen Weibes, das vielleicht seinen trunkenen, verlaufenen Mann suchte. »Die hat Messer und Sägen im Maule«, sagte Pfitzner grimmig. Plötzlich ging durch das reißende Gewölk ein Lichthauchen über den Wiesenplan, und man sah die undeutlichen Umrisse einer Frau, zu der ein Mann trat und begütigend auf sie einredete. »Ich hätt' ihr ein anderes Pflaster aufgelegt«, sprach empört der Holzhauer, »so ein Windsack von Mann.« Die beiden draußen gingen auseinander. Im nächsten Augenblick wurde die Tür des Mandelhauses aufgerissen, und der Maurer Nitschke, ein viereckiger, bartloser Mann in Arbeitskleidung, trat eilig und mit allen Zeichen vergnügter Aufregung in die Stube. »Gu'n Abend, Schneider«, sagte er lächelnd, nahm sein Bündel vom Zollstabe, den er über der Achsel trug, und stellte beides neben den Topfschrank, dann reichte er allen die Hand. »Warst'n du das?« fragte Finger. »Freilich, aber nich alleine«, gab er zur Antwort, »verdammt, das is keine Gute. Na, daß sie nich hier zu dir reinkam, das haste mir zu verdanken, Schneider.« »Wer denn?« fragte Mandel. Nitschke schüttelte den Kopf und nahm Platz. »'s is eigentlich nich zum Ladren«, sagte er dann, in Nachdenken verfallend, »na, es weiß doch ein jeder, wie's mit dem Lehrer Wudhof aus Neudeck und der Pfarrschwester steht.« »Steht eigentlich nich«, unterbrach ihn Schilling, »wenn's och uns stände.« »Nu ja, recht hast du eigentlich, was den Herrn Wudhof angeht«, gab Nitschke zu. Alle begriffen und lachten vergnügt. Eusebius allein blieb ernst. »Laßt doch erst den Maurer erzählen«, sagte er ärgerlich. »Also, es geiht eben rüber und nieber. Sie will, und er will nich. Und nu kann jeder eigentlich die Wut verstehen, die das Pfarrfräulein hat. Nich? Jung is se ja nich. Aber gegen das, geradeheraus gesagt, Mensch, das in der Schule Lehrersfrau spielt, na 's is doch nich anders, da is se doch das reene Püppel. Wie? Und wenn ich ein Haus bin, will ich doch gemauert sein. Aber der Herr Wudhof mauert scheint's lieber an der Kaluppe wie am Hause ... Hört doch? Da is sie wieder!« Es war draußen läubelstill. Ganz fern rief es machtlos, schrill: »Herr Wudhof ... Herr Wudhof ... Herr Wudhof ...!« Immer leiser wurde der Ruf und verklang schließlich tiefer ins Feld hinaus gegen die Berghäuser. Alle horchten dieser schmerzvoll untergehenden Stimme nach, und in ihre spöttische Lustigkeit tauchte ein Schatten nachdenklicher Beklommenheit. »Die läßt nich locker, scheint's«, meinte Finger. »Nee, die hat den Hammer beim Stiel«, nahm Nitschke wieder das Wort, »na, und wenn Weiber spielen und 's is vollends um een Mann, da hat die Woche keen Sonntag mehr, versteht ihr! Wie also das Pfarrfräulein sieht, daß der Herr Lehrer bei seiner Wirtin egal polnisch lernt und nich abrüstet, kriegt sie's mit der Wut, ich denk' mir's wenigstens so. Da legt sie bei ihrem geistlichen Herrn Bruder Feuer an und läßt nich nach, bis der lichterloh brennt. Das heißt, ich weeß das nich – aber's muß doch so was sein, denn heute morgen soll's der Wudhof mit der Post gekriegt haben, daß er aus Neudeck 'nausmuß, nich bloß aus Neudeck, nee, rausgeschmissen is er. Und wie der den Brief gekriegt hat, die Porzelten hat's mir erzählt, die von der Schule geradeüber wohnt, kaum eine Stunde nachher stürzt der Lehrer über die Schulstufen herunter blaß wie der Kalk, den Stock in der Hand, den Hut auf dem Kopfe, im Sonntagsanzug, und zum Dorfe 'naus. Na, nu weeß ma's nich, is er of die Bahne oder wohin. Denn aso verdreht und einirdisch wie der is, da kann doch alles passieren, wie? Arbeiten kann er nich, Geld kann auch nich zuviel da sein. Wenn eens da nich feste unterm Dache is, Herrgott noch amol, wie leichte hoppt sich's da an den ersten besten Baum.« »Ach nee«, sagte spöttisch Schilling, »hä, hä, der ersäuft eher wo.« »Nu hä, wär' das nich dasselbe?« erwiderte der Maurer erregt. »Aber nich im Wasser«, vollendete der Fuhrmann. »Du mußt eenen ausreden lassen. Und außerdem is das ein Musiker. Da erwürgen immer achtzig vom Hundert am Propfen.« »Hätt'st du bloß seine Wirtin gehört, dir wär' auch ein wenig anders geworden«, entgegnete Nitschke, der sich in düsteren Ernst geredet hatte, »das muß ich dir sagen. Als ich den Kirchberg 'rauf durch die Birken kam und der Wind ging los, da hab' ich meiner Seele hin und her gesehen, ob da nie einer am Baume hängt, den der Teufel vollends kalt läutet. Denn das muß doch ein jeder sagen, daß das Wetter nich der Herrgott gemacht hat. Is es jetze nich stille wie in einer Totenkammer und schwarz wie in der Hölle? Da sieh och 'naus, Schilling!« Der Fuhrmann blickte mürrisch auf, stieß aber doch einen höhnischen Laut aus. Finger dagegen trat ans Fenster, wiegte den kleinen Kopf und sagte sanft: »Ja, ja, als sich vor drei Jahren der Schindlerschmied in die Riegerhohle knüpfte, war's wie heute.« Der Mandelschneider saß schweigend in sich zusammengesunken und rieb sich von Zeit zu Zeit die Nase, wie es seine Art bei schweren Gedanken war. Dann pickte er mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf den Schneidertisch, als bitte er sich Ruhe zu einer Bemerkung aus, und ließ seine Augen zwinkernd über den kleinen Kreis schweifen. Im nächsten Augenblick pickte es wieder, ebenso klein, ebenso zaghaft, aber in einer anderen Gegend der Stube, als sei der Laut unter dem Finger des Schneiders fortgehuscht und treibe als ein eigenes Wesen sein bescheidenes Rumoren weiter. »Wer klopft denn?« fragte endlich Eusebius betroffen. »Nu, du klopfst ja!« antwortete Finger. »Ich? ... da sieh!« Der Meister hob beide Hände in die Höhe, aber das Klopfen kam doch wieder. Jetzt war es an die Tür gelaufen und tat, als knabbere es mit verhaltenen Mäusezähnen. Über alle Gesichter rieselte ein bläßliches Schauern. Der Fuhrmann Schilling allein bekam sich sofort wieder in die Hand und rief spöttisch: »Holla, macht die Pferde nich scheu!« und stand auf, um zu sehen, was sich im Hause rühre. Aber seine reißenden Schritte trugen ihn nur bis in die Mitte der Stube, da ging die Tür von selbst auf, und ein hoher Mann, geduckt von den niederen Pfosten, schob sich zaghaft herein wie ein Dieb oder ein landfahrender Stromer, der um Unterkommen bettelt. Die ganze Kleidung war zerwürgt, durchnäßt, beschmutzt, die blonden gewellten Haare hingen um eine mächtig ausladende Stirn, die sich nach unten in ein Gesicht verlor, das wie scheu zurückgekrochen im Schatten lag. Aber um den Mann hing wie ein blasser, heiliger Schein ein schwerer, verzweifelter Schmerz. »Guten Abend!« sagte er mit einer fröstelnden, aber durchgebildeten Stimme. Keiner von der Runde brachte vor Verdutztheit ein Wort heraus. Schilling tat die zwei Schritte zu seinem Stuhl zurück und flüsterte dem Maurer Nitschke ins Ohr: »Das is ja der Lehrer Wudhof.« Das scharfe Gehör des Ankömmlings hatte die Worte des Fuhrmannes eher vernommen als Nitschke. Er sagte: »Ja, ganz recht, Wudhof. Der bin ich. Ich hatte auf den Berghäusern zu tun, hab' mich da verweilt und bin in dem rasenden Wetter vom Wege abgekommen, von Gräben in Pfützen. Sie sehen ja, wie ich ausseh', und nun bin ich so müde, daß ich bei Gott zusammenbreche, wenn Sie mir nicht gestatten, hier ein wenig zu ruhen.« Finger erhob sich, um ihm den Stuhl hinzutragen. Wudhof dankte und setzte sich auf die Ofenbank, dort versank er, die beiden großen, langen Hände über seinen auf den Stock gestülpten, arg mitgenommenen Hut gelegt, sofort in einen Zustand, der dem plumpen, geräuschvollen Schlaf Trunkener gleicht. Unter der Lampe regten sich die Stimmen wie raschelndes Laub. Da fuhr Wudhof von einem inneren Stoß getroffen auf, sah mit ratlos erstauntem Gesicht auf die Menschen, die in dem rötlichen Lichtdunstkegel hockten, und fragte mit bebender Stimme: »Wo bin ich denn?« doch so, als sitze er allein auf der Welt im Finsteren, und kein Mensch könne ihm antworten. »Nu, Herr Lehrer«, antwortete Eusebius, »den Mandelschneider in Röhrsdorf kennt doch hier ein jedes Kind. Seh'n Sie, da und nirgendwo anders sind Sie.« »Ich bin nicht mehr Lehrer«, sagte Wudhof mit bösem Lächeln, »ach, tun Sie doch nicht so. Das weiß doch schon die ganze Gemeinde.« »Freilich, freilich. Aber warum sind Sie denn abgegangen?« fragte Mandel neugierig. »Abgegangen. Ganz famos: abgegangen! Der Baum sagt, ich gehe ab, wenn ihn der Holzschläger losschneidet. Nicht, Pfitzner? Das ist doch der Vater von den Pfitznermädeln. Drei oder viere sind's.« »Ja, ja, Herr Wudhof, das bin ich«, antwortete der Holzhauer betroffen, daß er angeredet wurde. »Ja, ja. Abgegangen«, setzte Wudhof in einem wirren Flackern fort, »mich haben sie mit dem Küchenmesser losgeschnitten: In nomine domine.« »Aber 's war geweiht«, warf Schilling ein, »da tut's nich so weh.« »Weh tut es schon«, sagte Wudhof, »aber es schmerzt nicht. Der Pfarrer kann nichts dafür und seine Schwester auch nicht. Gott bewahre. Ich bin auf drei Rädern gefahren und mußte umschütten. Aber wer hat vier Räder an seinem Wagen und in jedem alle Speichen? Welcher Mensch? Nicht ein einziger. Warum mußte man mich herunterstoßen?« »Weil Sie halt nicht alleine in der Kutsche sitzen«, sagte keck Schilling. »Ja, und hätte ich mir Pfarrers Schwester hereingenommen, wäre das eine Gemeinheit gewesen. Nein, nein, das tut Wudhof nicht. Ich bin ein Mann von Ehre und habe meine besondere Art Stolz.« Der Arme war in ein Lodern geraten, daß seine Worte wie über glühenden Gründen aus ihm herausbrachen. Eusebius sah sein zermartertes, überreiztes Gesicht und winkte dem Fuhrmann ab, der eben wieder auf ihn einreden wollte. »Ja, ja ... nein, nein, Herr Wudhof«, sagte begütigend der Mandelschneider, »Sie haben recht, und alle in der Gemeinde sind auf Ihrer Seite. Schlafen Sie jetze ruhig ein wenig, bis Sie wieder bei Kräften sind.« Wudhof lehnte sich mit schiefem Oberkörper an die Ofenwand, und sein Gesicht sank in den Nacken, daß es der Decke zugekehrt war. »Schlafen«, sagte er wie für sich, halblaut und dumpf, »wenn Schlafen eine Axt wäre, die uns erschlüge, wie gerne wollte ich schlafen.« Die Worte verloren sich in unruhiges schweres Atmen. Doch schon nach kurzer Zeit der Ruhe wurde Wudhof aus diesem Hinsinken noch tiefer in sein Unglück gerissen, richtete sich auf und sprach dann mit beschwörender Stimme: »Sie haben niemand auf der Welt, nicht tot, nein mehr als tot, zernichtet ist ihr Vater, dahin die Mutter. Laß sie nicht im Land umirren, Fürst, laß sie nicht betteln, Fürst, sie sind von deinem Blut.« Den letzten Satz redete er in die Höhe, als spreche er zu Gott. Dann raffte er sich jach auf. Alles Zerbrochene, Unwürdige, Ziellose schien von ihm gesunken. Er ordnete mit leichtem Finger an seinem Anzug, als sei es ein Staatsgewand, und sagte mit überlegener, befehlend-gütiger Manier: »Herr Mandel, ich danke Ihnen für die kleine Unterkunft. Bitte, leihen Sie mir jetzt noch eine Laterne, damit ich heil nach Hause komme.« Eusebius hüpfte eilig aus seinem Schneidertisch und um Wudhof herum. Die Männer saßen geduckt über die verblüffende Verwandlung, die mit dem entlassenen Lehrer vorging. Der kleine Amadeus saß jetzt auch aufrecht. Er war unter dem klingenden, wunden Strom der Ödipusworte Wudhofs wie von eiligen Händen aus schwarzem Schlaf gehoben worden und sah nun einen hohen Mann, schöner als der König von Preußen, in einem Tore von Licht vor sich stehen. Denn seinen Vater mit der Laterne hinter dem Rücken konnte er nicht erblicken. Wudhof, die Stube ein letztes Mal überschauend, wurde nun auch seiner gewahr, wie er mit der ehrfürchtigen Spannung tiefster Ergriffenheit jeder seiner Bewegungen folgte. »Ah, dich habe ich ja noch gar nicht gesehen, Kind«, sagte der Lehrer nähertretend. »Ist das Ihr Ältester, Herr Mandel?« »Ja, Herr, mein Ält'ster und Jüngster«, antwortete der Schneider. »Wie heißt du denn, liebes Weißköpfchen?« »Amadeus«, hauchte der kleine Mandel verzagt. »Seh mir einer den Schneider an«, sagte Wudhof verweisend und spöttisch zugleich. »Aber jedenfalls hat der Junge einen feinen Kopf, ich versteh mich auf so was. Ja, na adje, Meisterlein Amadeus ... Gute Nacht ... Ach, geben Sie mir die Laterne, Schneider. Ich schick' sie Ihnen morgen zu ... Gute Nacht!« So, geräuschvoll, fahrig, schon wieder halb verstoben, schritt er über die Schwelle. Eusebius folgte ihm bis zur Tür und sah ihn dann mit langen Schritten über den Steg an der krummen Weide dem Neudecker Kirchweg zustreben. Die drei anderen Männer traten auch zum Fortgehen gerüstet zu ihm und hörten den verhallenden Schritten nach. Als ihre letzten Laute von der hauchstillen Nacht verschluckt waren, kamen ihre Meinungen zaghaft wie Frösche aus einem Teich zum Vorschein. Der alte Mandel antwortete auf nichts. Denn obgleich es doch schlagfinster war – er sah den Schatten Wudhofs immer tiefer ins Finstere hineinschreiten und dabei immer größer werden. Da ... jetzt löste er sich auf. Eusebius tat einen erleichterten Atemzug. »So eenfach is das nich mit dem Herrn Wudhof«, sang gerade Finger. »Na, ich meen's auch«, bestätigte der Fuhrmann, »aber wenn du mich bloß gelassen hätt'st, Mandel, da hätt' ich ihm's Gewinde noch mehr umgedreht.« »Mich friert«, sagte der Schneider trocken und in einer Bedrücktheit, die er nicht verstand. »Gute Nacht.« Er gab jedem die Hand und ging zurück in die Stube. Dort empfing ihn Amadeus mit leuchtendem Auge. »War das ein König?« fragte er. »Ein Lehrer war's und kein König«, antwortete Eusebius unwirsch und begann ihn auszukleiden. »Kann ein Lehrer auch ein König sein?« fragte das Kind leidenschaftlich. »Freilich, Amadeus, laß bloß das ewige Gefrage sein«, erwiderte Eusebius gereizt, »meinswegen ein Papst und ein Kaiser.« Damit hob er ihn ins Bett und löschte die Lampe aus. 22 Am anderen Tage war der Himmel golden klar, nicht ein grämliches Wolkenfältchen zu sehen, weit und breit. Wie ein strahlendes Netz fiel das Licht aus der Höhe herunter. Die ersten Lerchen hingen flatternd in seinen leuchtenden Maschen und jubelten über ihre glückvolle Gefangenschaft. Alle Rinnsale in den Gräben schlugen mit ihren Wellen klingende Wirbel. Die Waldwand des Langen Busches stürzte verzückt in die blaue Höhe; die Berghäuser tummelten sich wie eine Herde bunter Rinder über das junge Grün der Hochwiesen, und der Hainwald hauchte aus tausend dunklen Torfahrten stille weiße Dunstschleier über das Feld, die an der Grenze seiner Schatten ins Licht zerflossen. Das war für den Amadeus nach dem gestrigen Abend so ein rechter Morgen. Niemand konnte seiner habhaft werden, so schweifte er auf den trockenen Rainen durch alle Felder; und wenn man ihn so traben sah, daß seine weißen Haare im leichten Sonnenwinde spielten, war es, als habe er an seinem Kopfe glänzende Flügel, mit denen er durch das Feld gaukele. Manch ein Griesgram von Oberröhrsdorf guckte durchs Fenster, zog sein Weib vom Ofen zu sich heran und sagte: »Da sieh, das richtige Mandelblut!« Dem Amadeus aber standen rundum in der Welt große sonnige Tore, höher und strahlender noch als das, aus dem gestern der Lehrer Wudhof zu ihm gesprochen hatte. Ihre Wölbungen reichten bis ins Blaue hinauf, der Hainwald fuhr darunter durch wie ein schwarzblauer Planwagen, und der Lange Busch stand gleich einem Fuder Heu darunter. Wenn das Amadeuslein gewollt hätte, er hätte zu einer der vielen Sonnentüren hinaustreten können und wäre dann vielleicht zu seiner Mutter gekommen oder zu Veronika oder zu seinem Vater, wie er war, als er noch mit dem König von Preußen reiste. Aber er lief immer nur eine Strecke gegen das Sonnentor hin. Dann merkte er bald, daß es doch weiter entfernt sei, als er anfänglich geglaubt hatte. Deswegen setzte er sich und ließ allerlei Gedanken die Straße reisen, zu der seine Beine noch nicht lang genug waren. Was ihm vorkam, das sagte er zu sich selber. So, gegen die lange Lehne gewendet, sprach er: »Es kriecht ein Haus über die Lehne. Es ist an die Felder gespannt wie eine Kuh vor den Wagen. Und vor ihr geht ein Baum. Der hat nur ein Bein und fällt nicht um. Auf dem Kopfe trägt er ein Reisigbündel. Das bringt er der Sonne. Wenn er auf dem Berge ist, wirft er es hinein. Da brennt das Sonnenfeuer viel roter.« Und alles, was er sagte, das wußte er nicht aus sich selber, sondern ungesehen stand der Lehrer Wudhof neben ihm und flüsterte es in seine Ohren. Amadeus nannte das neue Spiel Schule halten und wurde nicht müde, es immer und immer zu wiederholen, bis es in ihm feststand, daß der Lehrer die Kinder durch Sonnentüren führe, um ihnen zu zeigen, was in aller Welt sei. Eusebius sah seinen Jungen an diesem Tage und den folgenden durch die neuen Einbildungen spazieren, und er war eigentlich froh, daß Amadeus wieder ein Wesen gefunden hatte, in dem er hausen konnte. Außerdem würde das Kind auf diese Weise fröhlich über des Schulmeisters Schwelle schlüpfen, was bei manchen nicht so ohne Sperren und Tränensackschütteln abgeht. Aber doch fiel dem Eusebius in diesen Schluck Beruhigung ein geheimes Tröpflein Bitternis. Denn nicht durch ihn, sondern diesen wilden, verdröselten Menschen, den Wudhof, war dem Jungen der Weg zu den goldenen Pforten gewiesen worden, wohin ihn das Spiel drängte, und wenn er den Amadeus sein verträumtes Gesprächeln treiben sah, so kam es ihm manchmal in den Sinn, daß das irgendein fremdes Kind sei und nicht sein eigen Fleisch und Blut, das da herumvagierte. Und schlüpfte der Schneider recht in ein solches Betrachten hinein, dann konnte es nicht fehlen, daß es sich wie eine Wolke über ihm zusammenzog, aus der sich ein Brausen losnestelte und um ihn herschwoll. Er kam sich an seinem Schneidertisch nicht zu Hause vor, und ihm war, als kreise irgendwer um das Mandelhaus und riefe, wie es des Lehrers Wirtschafterin in der Wetternacht getan, aber nicht etwa nach Wudhof, sondern nach ihm. Der Klang der Stimme hatte jedoch eine andere Färbung und der Ruf einen Sinn, den er zwar nicht ganz zu fassen vermochte, von dem er jedoch ganz genau spürte, daß er auf ihn gemünzt sei. Freilich wußte der Mandelschneider, daß er mit seinem Leben einem Manne glich, der in der Ebene aufgewachsen ist; zudem hatte er es von seinem Vater her im Blute, das heißt, er war weitsichtig, und was ihm vorkam, das übertrieb er ein wenig. Deswegen suchte er sich damit zu trösten und bemühte sich an allerlei anderes zu denken, an Geschichten, die er im Pfennigmagazin gelesen hatte, von dem Handwerksburschen zu Anklam oder von dem General Elliot, und sann auch darüber nach, was er den Amadeus werden lassen sollte, wenn er soweit wäre, einen Feldmesser oder einen Gerichtsbeamten oder einen Förster. Doch wenn er anfangen wollte, den Zwirn zu spalten, um herauszubekommen, auf welche Weise der Mandelname durch seinen Jungen an den höchsten Giebel geschrieben werden könne, schlich das Rufen wieder um sein Haus, und es war aufs neue, als gösse es aus der Rinne. Er verwünschte den Abend, an dem dieser Mensch in seinem Hause gewesen war und sagte sich, er hätte klüger getan, die Laterne auf seinem Rücken in Scherben zu schlagen, als ihm noch freundlich die Wege zu weisen. Denn zum Dank hatte ihm der Lehrer seinen Schatten dagelassen, der ihm das Gemüt verdunkelte, den Schrei seiner Wirtin, der um sein Haus scholl, und seinen Blick, der ihm alles im Auge verkehrte. In diesem Schritt trabte der Mandelschneider durch die Woche und konnte das Brot nicht in den Ofen kriegen, an dem er herumwirkte. Am Sonnabend, genau acht Tage nach dem Wudhofwetter, wie der Schneider bei sich den Besuch des Lehrers nannte, ereignete sich etwas, dessen Bedeutung er erst einsah, als alle Wasser, durch die er sich jetzt zwängte, schon über den Berg hinabgelaufen waren. Es war vielleicht zehn Uhr vormittags, die Aprilsonne fiel in die Schneiderstube und schnitt alle Gegenstände haarscharf aus dem Schatten ins Licht. Die Stubentür stand halb auf, daß von seinem Platz aus ein Teil des kleinen Flures zu übersehen war, wo die Finger-Lene, auf einem Schemel sitzend, Kartoffeln abkeimte und in ein Schäffchen fallen ließ. Das Licht traf ihre Augen von der Seite, daß sie wie zwei blitzende Kugeln in dem frischen jungen Gesicht standen, ihre Brust stieg strotzend unter der Jacke. Die Muskeln ihrer prallen Arme spielten zuckend unter der roten Haut, hinter ihr lag der Schatten ihres Leibes, aus dem ihre Gestalt wie ein stilles, unaufhaltsames Lodern floß, daß dem Eusebius schier die Augen übergingen und er sie für Sekunden schließen mußte, weil ihn ein Schwindel anfiel. Das Mädel schien diesem Aufgehen im Licht ganz hingegeben und streifte mit keinem Blick die Stube, geschweige über den Schneider. Amadeus aber segelte draußen im Felde durch seine Sonnenschule, und Eusebius sah ihn durch die frühlingsblanken Ruten des Gesträuches wie von einem goldenen Gitter umfriedet. Immer wenn der Schneider von dem flackernden Glühen, in dem die Lene aus ihrem Schatten wuchs, seinen Blick in das sonnige Vogelschweben seines Amadeus hob, tauchte er wieder in das Brausen der Wudhofnacht wie in einen unsichtbaren Strom, und sein Junge erschien ihm als fremdes Kind, das auf einer fremden Erde spielte. Unbekümmert, vaterlos, mutterlos, vom Licht getragen, vom Blau überdacht. Den verborgenen Sinn dieser Empfindungstatsache spürte Eusebius an sich als eine Zurücksetzung und von seinem Jungen als eine Art Überheblichkeit. So bitter spürte er es, wie nur ein Schneider dazu die Macht hat, der alles in sich auf der Nadel balanciert. Doch er geriet nicht, weil er wollte, in diesen geheimen Essigdampf – der saure Geruch einer Mahlzeit fiel über ihn, die in den unsichtbaren Häusern seines Schicksals für ihn gekocht wurde. Und es gelang ihm nicht, diese beizende Bitterkeit aus sich herauszubeuteln. Nein, je länger er seines Jungen Getreibe auf dem Felde beobachtete, desto tiefer kam er in das Schwelen. »Haha, ein schöner Feldmesser das«, sagte er in einer Art Hohn zu sich, »läuft wie ein Hase über die Raine und springt wie ein dreibeiniger Bock. Das is ein Junglein, ha, wo sollte denn da um Himmels willen der Gerichtsbeamte stecken?« Nein, das war zuviel. Jetzt gebärdete sich Amadeus geradezu irrsinnig da draußen, sprang in die Höhe wie ein Fisch, drehte sich wie ein Kreisel und schoß dann wie ein Pfeil geradeaus, ohne zu sehen, wohin er trat, über Saaten, Sturzäcker und Gräben! Eusebius trommelte ans Fenster, daß die Scheiben klirrten: »He, wirst du wohl, Amadeus, hierher!« Und wirklich, nach einer Weile hielt der »vermaledeite Junge« auf das Mandelhaus zu, doch nicht geduckt und betreten, sondern gaukelnden, glücklichen Schrittes. Von Zeit zu Zeit wandte er sein Gesicht zurück, als locke er mit seinen Augen etwas hinter sich her, und verfiel dann wieder in dies verrückte wie selige Traben. Jetzt wand er sich durch das Gebüsch. Nun konnte Eusebius sein glühendes Gesicht unterscheiden und sein jubelndes Geschrei hören. Der durch den Lärm herbeigezogene Schnallkebauer trat breitbeinig aus dem Hofe und schüttelte spöttisch den Kopf. Der Schneider zog sich in Scham zurück und konnte vor Zorn kaum atmen. »So ein Hallodri!« »Das Veronikavögelchen hat mich gesucht!« hörte er seinen Jungen schon nahe am Hause schreien. »Komm, komm ... hier wohn' ich, Schmetterlinglein, hier ist meines Vaters Haus. Hier, komm! ... Lene, sieh doch, er fliegt mir nach!« Von göttlicher Freude getragen erschien Amadeus im Hausflur. Die Finger-Lene hob den Kopf von ihrem Kartoffelschaff und sah mit herzlichem Aufmerken den Knaben an. Als sie einen gelben Falter gewahrte, der, angezogen von dem sonnigen Weißgold der Haare, dem Amadeus folgte, nicht anders, als halte er des Knaben Kopf für eine blühende Frühlingsblume, glitt ein warm leuchtendes Lächeln durch ihre Züge und verlieh für Augenblicke ihrer ganzen Gestalt etwas von dem Liebreiz einer eben erblühten Menschenknospe. Kaum daß Eusebius dieser zauberhaften Verwandlung des Mädchens gewahr wurde, flatterte er auch schon kopfüber aus dem Tisch und stand, die aufgerissene Tür mit bebendem Arm von sich haltend, auf der Schwelle. Eben hatte sich der Schmetterling auf des Amadeus Scheitel niedergelassen. Er faltete die Flügel immer wieder auseinander und lief über das seidige Haar. Der Knabe stand verzückt wie im Scheine eines Wunders, sah unter halb geneigter Stirn zu seinem Vater auf und flüsterte glücklich: »Sei still, Vater, das Sommervöglein wird mir gleich was von Veronika sagen!« Dem Mandelschneider saß es so dick im Nacken, daß er nach kurzem Stutzen, wohl mehr fuchtelnd als schlagend, den Schmetterling von dem Kopfe des Amadeus strich und wütig sagte: »Ein Molkendieb is's, sonst nischte! Was schreiste denn da das ganze Dorf voll. Mach dich jetze rein, man muß sich ja schämen, du Nichtsnutz, du Rumtreiber!« Aber zur Verblüffung des Schneiders machte Amadeus keine Miene zu gehorchen. Dem Mandeljungen war dieser Ausbruch einfach unverständlich. Er blickte den Vater nur aus blitzenden Augen an, stampfte einmal und noch einmal mit seinen Füßchen auf, rief dabei verächtlich: »Du alter Mann!« und hatte sich, ehe ihn Eusebius noch am Ärmel erwischen konnte, schon wieder zur Türe herausgedreht, dem entschwundenen Falter nachzusetzen. Dem Mandelschneider trat vor Zorn der Schweiß auf die Stirn, aber er beherrschte sich, trat in die Stube zurück, warf die Tür hinter sich zu und zog sich knurrend in sein Gehäuse zurück, wo er über irgendeiner Flickarbeit in tiefe Meditationen versank. Mit dem Jungen war nicht mehr fertig zu werden, soviel war nun erwiesen. Diesem Hang zu sinnlosem Schweifen mußte ein Ende gemacht werden, und das schleunigst. Das einzige, was hier helfen konnte, war die Schule. Da würde man ihn schon tüchtig an die Kandare nehmen und ihm die Flausen austreiben. Wenn der Wudhof jetzt seinen Dienst quittieren mußte, kam doch bestimmt ein anderer Lehrer an seine Stelle. Der Wudhof wäre für den Jungen auch nicht der Richtige gewesen. Gleich heute im Laufe des Abends konnte man ja einmal ganz unverfänglich die Sache mit dem Nachfolger aufs Tapet bringen. Aber so erleichtert der Schneider bei diesem Gedanken aufatmete, richtig wohl wurde ihm nicht. Was hatte der Malefizkerl ihm da zugerufen? »Du alter Mann!« Ja, und vorher, da war doch noch etwas ganz anderes gewesen, das ihn erst so verwirrt hatte, daß er aufspringen mußte, um sich Luft zu schaffen; na ja, und dann war das mit dem Lausejungen halt über ihn gekommen. Richtig, das Mädel, die Lene, dort hinter der Tür ... himmlischer Vater, ging es denn schon wieder los? »Du alter Mann!«, »Du alter Mann!« hatte der Junge gerufen. Christoph Eusebius erschrak bis in seine Seele. Plötzlich ließ er seine Arbeit fahren und warf aufs Geratewohl einige groteske Bewegungen mit seinen Armen in die Luft, die er sich zu Zeiten Maruschkas angewöhnt hatte, um sie heranzurufen. Nein, fuhr es ihm durch den Sinn, das war keine Entgleisung, das war der Zusammenbruch, und wenn das auch nur kurze Zeit noch so weiter ging und das Mädel ihm gänzlich den Kopf verdrehte, daß er es ... nicht auszudenken, dann wichen ihm die Leute schon von weitem aus, anstatt ihm Arbeit in die Stube zu bringen, und eines schönen Tages saß er mit seinem Jungen im Armenhause. Und jedesmal, wenn er dieses Kapitel seiner möglichen Not durchgesonnen und bis an das verzweifelte Ende gekommen war, fuhr er jäh auf und rief in die Stube: »So kann's een schmeißen, schockschwerenot, und an allem ist bloß der Weibsteufel schuld!« Der Weibsteufel, das war's! Diese Erkenntnis fuhr wie ein Blitz, der einen Baum spaltet, durch den Mandelschneider, daß sein Gesicht abwechselnd blaß und rot wurde. Dann war ja das damals mit der Stummen wie jetzt mit der Finger-Lene akkurat dasselbe, nichts anderes als nur der Weibsteufel, der ihn in den Klauen hielt wie den Wudhof. Aber der war noch jung. »Du alter Mann!« höhnte er vor sich hin. Doch allmählich bohrten sich die drei Worte, je öfter er sie wiederholte, gleichsam in ihn hinein. Es tat erst grausam weh, aber bald war ihm, als ließe er sich damit selbst zur Ader und befreie sich von etwas, was ihm das Blut bis in die Augäpfel hinein vergiftet hatte, daß der Weibsteufel sein Spiel mit ihm treiben konnte. So ging der Mandelschneider an diesem Tage durch Stunden und Stunden schmerzlicher Selbsteinkehr, die er seinem Jungen verdankte, in seine vorletzte irdische Verwandlung ein. Und als die Sonne in das Dämmern herüberzusinken begann, saß er nach dem Sturm, der ihn durch so tiefe Wogen geschleudert, nicht anders auf seinem gewohnten Platze in der Schneiderhölle wie ein Schiffer, den die Ebbe auf dem Sand zurückgelassen hat, indes die glänzenden Schaumwimpel der Wellen, die ihn soeben noch genarrt, schemenhaft, fast unwirklich, in den Horizont zurückfließen. Der, von dem ihm die Erleuchtung gekommen war, hatte sich, nun doch ein wenig furchtsam vor den Folgen seines Trotzes und seiner langen Feldstreiferei, im Dämmern wieder eingefunden und saß verschüchtert zwischen seinem Bett und dem Ofen auf dem hohen Holzsdiemel, bis der Schneider ihm und sich wortlos das Abendessen richtete. Dabei hätte Eusebius, der sich schuldig fühlte, seinen Weibsteufel an dem Jungen ausgetobt zu haben, das Junglein am liebsten mit beiden Armen an sich gepreßt. Im Geiste flüsterte er alle Kosenamen über ihn hin, glättete seinen Scheitel und küßte seine Wangen, aber ließ sich nichts davon anmerken. Der Junge war verwildert und mußte »in die Reschong« gebracht werden. »Und jetze marsch ins Bette mit dir, du Rumtreiber!« Das war alles, was er sich abrang, und Amadeus gehorchte so flink wie noch nie. Nicht lange danach lag Amadeus, ermüdet von seinem Herumstreunen, in tiefem Schlaf. Eusebius aber wartete ungeduldig darauf, die Lehrergeschichte einfädeln zu können. Richtig saß nach etwa einer Stunde die übliche Runde plauschend unter der Schirmlampe beisammen, und es machte sich wie von selbst, daß von der Neudecker Schule und dem Weggang Wudhofs gesprochen wurde. Das war schließlich ein Ereignis für die umliegenden Dörfer, um so mehr, als gleich nach Ostern das neue Schuljahr begann und so mancher Bauer ein Kind hatte, das wie der Amadeus für die Schiefertafel reif war. So erfuhr der Schneider bald, daß Wudhof am Sonntag Lätare, vor einer Woche also, zum letzten Male die Orgel auf dem Chor gespielt und in dieser Woche sein Amt dem Lehrer Körber aus dem Nachbarort Siebenhufen übergeben habe. Darüber, was das für ein Mann sei, wußte niemand etwas Gewisses, wenn man nicht das übereinstimmende Gerücht, daß er im Gegensatz zu Wudhof »einer von der alten Sorte« sei, dafür nehmen wollte. Das beruhigte den Schneider ausnehmend, denn er sagte sich, daß dieser Lehrer Körber nach dem Spruch »hast du Zucht, so hast du Wucht« Schule halten würde. Auf Wudhof aber, der ja vor paar Jahren von irgendwo weither gekommen und mit der Art der Leute hier nicht vertraut gewesen war, fiel noch mancher Tadel, weil er den Kindern allzu vieles nachgesehen habe. Dann tauschte man noch allerhand Meinungen über den weiten Schulweg, über das alte baufällige Schulhaus zu Neudeck und den zu hohen Preis für die Fibel, doch Eusebius gesprächelte nur noch unlustig und wie abwehrend mit; und dieser und jener seiner Besucher stellte für sich verwundert fest, was für ein ausnehmend alter Mann der Mandelschneider doch in der letzten Zeit geworden, so daß es kaum zu begreifen sei, wie er noch so einen Abc-Hösling zu Hause haben konnte. 23 Das Schicksal des Menschen macht gern tausend verwirrende Umwege, bis ihm der vollgeladene Wagen des Glückes oder auch des Unglückes in das Haus fährt. Schon nach den ersten Schulwochen des Jungen schien dem alten Mandel des Amadeus' völlige Untauglichkeit erwiesen, jemals auch nur das Abc schreiben zu lernen, und für ihn war es ausgemacht, daß nur der verderbliche und auch jetzt noch andauernde Hang zum Herumstreunen und das Gesinge schuld daran trage. Von der stickigen Luft aber, in die der kleine Amadeus hineingestoßen worden war, ahnte er lange nichts. Der neue Schulmeister Körber, den die Siebenhufener mit wahrem Aufatmen an die Neudecker abgegeben hatten, weil er ihre Kinder wie ein ungeduldiger, grober Fläz behandelte, war, genau genommen, ein armer Mensch; denn er war wirklich schon als kleine Säge zur Welt gekommen, und mit der Zeit hatte er sich unter der Ungunst des Lebens und der harten Last des Berufes zu einer richtigen, tief geschränkten Schrotsäge entwickelt. Schon vor dem Morgengebet sprang der Stock vom Klassenschrank und gab auch am Ende des Unterrichts die letzten eindrucksvollen Ermahnungen. Dieser mehr tatsächlichen Lehr- und Erziehungsweise blieb Körber treu, solange er sein Amt ausübte. Seine Haltung war leicht geneigt, und das blaßgelbe Gesicht trug immer von halben Bartstoppeln grämliche Schatten. Hinter der Brille kreisten spürende scharfe Augen, und während er die Finger der auf dem Rücken liegenden Hand auf- und zuspreizte, pfiff er mit schütteren Lippen leise wie eine überheizte Maschine. Seine ganze Lehrtätigkeit stellte sich im Grunde als Rache an den Eltern der Kinder dar, mit denen er wegen seiner Reizbarkeit in steter Fehde lebte. Jeden unschuldigen Spaß der Knaben ahndete er als heimtückische Bosheit, jedes Überschäumen kindlicher Freude als Frechheit; weinte jemand nach der empfindlichen Strafe, so war es Verstellung, und nahm er den Schmerz stumm hin, so machte er sich der Verstocktheit schuldig. Der großen Zahl der Fehler und Untugenden der Kinder paßten sich die Strafen in ihrer Vielfältigkeit an. Wer aber das Wasser gar zu tief umrührt, macht es schmutzig, und darum waren die Siebenhufener Jungen weit und breit die wildesten, und die Neudecker standen ihnen darin bald nicht nach. So stockte die Luft in der Neudecker Schulstube von der Verschlossenheit der Kinderseelen und dem Lauern des Lehrers. Stand einer auf, um eine Frage zu beantworten, so krachte die Bank hart in der übergroßen Stille, und die Stimme des Kindes klang schreiend vor geheimer Furcht und einem wilden Mut. Amadeus fühlte sich in der großen Schar Kinder beklommen, drückte sich soviel als möglich zusammen, um nicht gesehen zu werden, und hielt seine Tafel mit beiden Händen fest unter die Bank, weil er fürchtete, der Lehrer könne es ihr ansehen, wie sie von Stift und Lied mißhandelt worden war. In all diese geheime Angst mischte sich jedoch seine schrankenlose Bereitwilligkeit zum Erstaunen. Heftete er die Augen auf den Lehrer und dachte, daß in ihm alles steckte von dem Königreich Preußen, von dem Meer und den großen Städten, den Kriegen, wo man große Löcher in den Leib macht, daß alles Blut herausläuft, und von den wilden Tieren, von denen eines so laut schreien kann, daß die Bäume vor Schreck umfallen und das Gras vor Angst nicht wachsen mag – wenn er sich das alles dachte, dann stand der griesgrämige Körber für ihn in einem bunten Glanze. Er hörte mit offenem Munde auf alles, was er zu den größeren Kindern sagte, und es erschien ihm um so herrlicher, je weniger er davon verstand, weil er dann von allem träumen konnte. Während der großen Pause sprang er dann jubelnd und singend im Hofe umher, daß alle um ihn standen und lachten, und einmal trat der Lehrer zu ihm und fragte: »Gelt, du bist Mandelschneiders Junge?« Da durchfuhr ihn ein großer Schreck, daß er kaum mit dem Kopfe zu nicken wagte. Der Lehrer aber lachte und sagte: »Das sieht man.« Deshalb war er bald wieder fröhlich, und erzählte zu Hause dem Vater, der Lehrer habe ihn gelobt. Eusebius wurde rot bis an die Ohren und sah verwirrt zum Fenster hinaus. Nachdem er sich gefaßt hatte, wollte er genau die Worte des »Herrn« wissen. Amadeus konnte sich aber durchaus nicht an sie erinnern, und so begnügte sich der alte Mandel stolz mit der Tatsache, eines gelehrten Mannes Wohlgefallen erregt zu haben. Von diesem Tage an hielt er es sogar für möglich, auf seiner Wanderschaft auch Rußland berührt zu haben. Glückvoll hörte er den Geschichten zu, die sich Amadeus aus dem Ton der Körberschen Stimme und dem Takt seiner Worte gebildet hatte und als Erzählungen des Lehrers in der Schneiderstube daheim wiedergab; und der vielgereiste Meister mußte sich eingestehen, die Schule sei »heutzutage weit, sehr weit« gekommen. Diese glücklichen ersten Tage schwanden schnell hin. Die kleinen Schützen, die mit großen Augen voller Erwartung alles beobachteten, was um sie vorging, wurden wie alle die anderen in den schreienden Strom der Unterweisung untergetaucht. Statt der Geheimnisse, denen die feinen Seelen entgegenzitterten, mußten sie sich mit unverständlichen Worten beladen. Stieg aus einem Ton oder aus einem Bild eine nie gesehene Geschichte in ihnen auf, so wurden sie von dem Zwang dieses gemeinsamen Lebens fortgestoßen. Schnell starb das Eigenleben der kleinen Menschen, wenn die dumpfe Luft des Schulzimmers um sie war. Alle Erwartung, aller Eigenwille erlosch in ihnen. Die Begeisterung verwandelte sich schon bald in furchtsame Bereitwilligkeit. In Amadeus aber glühte der Dampf märchenhafter Ferne, das Bunt der Träume, der krause Tanz verschlungener Geschichten so stark, daß ihn nichts dauernd in das regelmäßige Klappern der Stunden zu bannen vermochte. In seinem Kopfe, in dem sich auch das Gewöhnliche als ein Großes wie das erste Mal auf Erden gebar, formten sich alle Erkenntnisse so seltsam und neu, daß es den scholastischen Kunstgriffen Körbers unmöglich wurde, aus ihnen den Zwirn gewohnter Einsicht zu drehen. Die Antworten des kleinen Mandel wurden für ihn die naiven Äußerungen schnurriger Torheiten, die er dem Spott der ganzen Klasse preisgab. Lachte dann die Menge überlaut, so bog der Geschändete sein Köpfchen tiefer und weinte stumme Tränen auf die Bank. Trotz allem blieb er, wie er in seiner Seele war: wie vorher staunte er mit großen Augen in die Sonne hinauf, wenn der Name Gott genannt wurde, wie sonst erbebte seine Seele, sooft von den Engeln erzählt wurde, die mit den Menschen sprechen, und voll ehrfürchtiger Sehnsucht erwartete er ihr Erscheinen, wenn er sie droben am Himmel als weiße Wolken fliegen sah. Die anderen alle schalteten mit Worten, er litt immer an den schönen Schauern des Erlebens. Auch der Stift und die Tafel ließen nicht von ihrer Zauberkraft. Nach wie vor formten sich die Buchstaben unter seiner Hand zu lebendigen Dingen und verloren so ihre natürliche Gestalt. Niemand gab es, der ihm aus dieser verzweifelten Lage helfen konnte. Nun wagte er den Lehrer nicht mehr anzusehen, im Hofe drückte er sich, von allen gehänselt, in einem entfernten Winkel am Zaune umher und schielte sehnsüchtig nach dem Spiel der anderen. Auf dem Heimwege wandelte er ausgestoßen hinter seinen Mitschülern und sprang oft, um nicht weinen zu müssen, die Gräben hin und zurück, bis er keuchte und sich niederlegen mußte. Himmel und Erde kreisten dann um ihn, und schwoll von Neudeck das Geläut der Glocken herüber, so erzitterten die Wolken, und es war dem Junglein, als wolle das tiefe Dröhnen gar die Würzlein aus der Erde ziehen und zu einem Tanz durchs Gras verführen. Bald blieb dem armen Amadeus von seiner ganzen Schulzeit nichts Schönes als diese Schulgänge über die Wiesen an dem Hainwalde hin. Denn er durfte auf die Begleitung der anderen nie mehr hoffen, seitdem er in Verzweiflung dem Zelkerjungen gesagt hatte, er sei vom Teufel besessen. Sie warfen, von jenem bestochen, mit Steinen nach ihm, sooft er ihnen nahe kam. Dem alten Eusebius blieb dieser schmerzvolle Umschwung in seinem Amadeus auch nicht verborgen, und seit das Junglein auf sein Erkunden, wie es in der Schule gehe, ihm einmal bitterlich an die Knie gesunken war, traute er sich nicht mehr zu fragen, um es ihm und sich nicht noch schwerer zu machen. Er begnügte sich damit, bei seiner Heimkehr verstohlen hinzusehen; und lag wieder dieselbe blasse, gramvolle Verlorenheit auf seinem Gesicht, trat er zu ihm hin und streichelte liebkosend seinen silberblonden Scheitel, ohne ihn mit einem Wort anzurühren. 24 In jener Zeit, da Eusebius seines Jungen halber so viel Kummer und Herzeleid mit seiner Nadel in den Kleidern seiner Kunden zu überwinden hatte, verging keine Woche, daß nicht ein Röhrsdorfer den Meister in seiner Schneiderstube wegen einer verpfuschten Arbeit bedrängt hätte. Das ging alles nicht so ohne weiteres ab. Denn die Oberröhrsdorfer wohnen alle nahe beim Wald in einem niederträchtigen Wetterwinkel, der das rechte Stelldichein der Winde ist, die man sonstwo nicht brauchen kann. Deswegen sind ihre Köpfe recht wie aus Astknorren zusammengedübelt, und was sich einmal da eingenistet hat, bringt niemand wieder heraus, und hätte er auch wie der alte Mandel die halbe Welt gesehen und noch etwas mehr. Umsonst bewies Eusebius ihnen mit allen vier Himmelsgegenden und allen Meistern, die aufzutreiben waren, daß sein Werk nach den Regeln der Kunst gebaut sei. Die Männer warfen sein sauberes Werk nur immer zwischen den gespreizten Beinen auf die Dielen, die Weiber dehnten es auf dem Schoß auseinander, daß die unglücklichen Nähte platzten. Niemand hörte auf die Abenteuer, die der bedrängte Mann in seiner höchsten Not einflocht, um die zornigen Kunden auf andere Gedanken zu bringen, sondern jeder schnitt wie nach einer Verabredung mit höhnischen Worten die schönen Geschichten mitten durch und erlangte endlich von dem erschöpften Schneider die Zusage einer völligen Änderung der verfehlten Arbeit. Amadeus zog sich bei solchen Kämpfen ängstlich in einen Winkel zurück oder flüchtete gar vor die Tür unter die Bank, weil er, auf welchem Wege immer, zu der Überzeugung gekommen war, schuld an der Bedrängnis seines lieben Vaters zu sein. Dann saß er wohl draußen unter der Weide und sah in quälender Vereinsamung umher. Das Wasser lief zu seinen Füßen, die Wolken breiteten ihre weißen Fächer und flogen davon, der Lange Busch stand fern und rauschte vor sich hin. Alles, was sonst so leicht zu seiner verzückten Seele geredet hatte, ging fremd, kühl und stumm an ihm vorüber. Je öfter er von dem Vater wegen seiner Fehler zurückwich, desto größer erschien ihm seine Schuld. Selbst wenn er, mit Zwang herbeigeholt, an seiner Seite lehnte oder neben ihm hinging, war er nicht ganz bei ihm, und die Geschichten, die nun wieder reichlicher aus der empfindungsreichen Seele des Schneiders flössen, erlebte er mit heimlicher Bedrücktheit, wie die Luft eines Fremden. Eusebius litt nicht nur an der unbegreiflichen Scheu seines Einzigen, sondern auch an dem Scheitern der verborgenen Hoffnungen, die er auf seinen Sohn vom ersten Tage gesetzt hatte. Die feinfühlige Seele des Kleinen empfand gar oft dieses Schwelen aus der väterlichen Brust. Die Augenblicke, in denen er den Vater in seiner zerbrechlichen Zeitlichkeit erblickte, kamen nun öfter über ihn und verleiteten ihn zur Widersetzlichkeit. Aber was er mit seinem Trotz ersehnte, daß der Vater ihm wehe tun möge, geschah niemals. Eusebius wiederholte seine Vermahnungen nur in immer größerer Liebe und schwieg endlich, wenn Amadeus zusammengekauert mit gesenktem Kopf auf seinem Platz verharrte. So kam der arme Junge ganz in die Irre, und weil er zuletzt nicht mehr ein noch aus wußte, überfiel ihn Erschöpfung wie einen, der in unbekanntem Walde lange nach einem Auswege gelaufen ist. Gleichgültig saß er weiter in der Schule auf dem letzten Platz, still, wie verweht, wohnte er im Hause seines Vaters, ging mit ihm um wie früher und lebte doch in einer fremden Welt, in der er alles um ihn so qualvoll genau verstand und erkannte; doch wagte er nie, weil er das Hohnlachen Körbers nicht aus dem Ohr brachte, davon zu sprechen. In tiefster Seele aber blühte in ihm die Gewißheit einer traumhaften Erhöhung, die oft aus seinem Gesicht als schwermütige Verzückung leuchtete, daß er allen ein Rätsel war, die, von seinem Anblick gefesselt, von irgendwem erfuhren, »er sei nicht recht bei Kopf und komme in der Schule nicht vom Flecke«. Allerhand abfällige Bemerkungen über seinen Vater nahm er mit Augen hin, die groß und starr ins Weite sahen, und machte keine Miene, ihn zu verteidigen, wenn man den Schneider einen Fabelhengst oder Flausenbläser nannte. Nicht, daß er seinen Vater durch die Erzählung solcher Vorfälle betrübt hätte, aber er saß und ging spähend umher. Endlich tat sich doch ein Zugang zu seinen verborgenen Süchten auf. Eines Tages, als er wieder als letzter über die Wiesen tändelte und, von Zeit zu Zeit aufsehend, seine Kameraden in übermütigem Spiel den Abhang hinauftollen sah, der sich aus der welligen Ebene zum Hainwalde erhob, es war gegen ein Uhr nachmittag im lichtesten Vorsommer, begann vom Turme her das kleine Glöckchen seine dünnen Schläge, eilig und energisch, als rührten die Engel im Himmel eine klingende Trommel. Unversehens fiel er nach dem Takt des Geläuts in frohen Marschtritt. Die anderen waren schon entschwunden, und als er mit fliegendem Atem auf der Höhe angelangt war, flatterten die bunten Kleidchen der Mädchen schon zwischen den Feldern nach Röhrsdorf zu. Die Knaben riefen sich manchmal etwas laut zu, schwenkten die Mützen und liefen dann eine Strecke aus allen Kräften. Amadeus hätte nun auch denselben Weg wählen und in einer Viertelstunde zu Hause sein können; aber er suchte sich den halb vergessenen Steig auf, der im lichten Gesträuch dem Rande des Hainwaldes folgend in großem Bogen der Chaussee zuführte, die vor Rohrsdorf durch die Felder schnitt. Da ein Blatt vom Zweige zupfend, dort sich nach einer Blume bückend, jetzt einem Vogel nachrufend, der aufgeschreckt in den Wald flüchtete, und dann wieder in dem wunderbaren Gefühl unter einem Strauch sitzend, die Blätter seien ein grüner Regen, der über ihn herniedergehe, kam er langsam weiter und immer tiefer in allerhand unnennbare Träume hinein. Er vergaß ganz, der arme Mandeljunge zu sein, den alle verlachten, und der fast keinen Vater mehr hatte. Da hörte er nicht weit von sich auf das offene Feld zu einen hellquiekenden Ton, den er für den Laut eines schlecht geschmierten Karrens gehalten hätte, wäre nicht darauf von irgend etwas eine Kadenz gezittert worden, so ohnmächtig und zaghaft, daß sie aus Bestürzung bald abbrach. Er bog das Gesträuch ein wenig auseinander und bemerkte einen alterskrummen Mann unter Murmeln an einem Kästchen hantierend, das vor ihm auf einem Gestell balancierte. Es war nicht nur Neugierde, was es Amadeus rätlich erscheinen ließ, in vorsichtigem Bogen das Freie zu gewinnen, denn in dem Augenblick fielen ihm alle die Geschichten seines Vaters von Räubern und Zauberern ein. Er setzte sich also draußen in einiger Entfernung von dem Manne in einen Graben, das Schulzeug mit entschlossenem Griff auf den Knien haltend, damit er jeden Augenblick fliehen könne. Aber der Alte hatte einen friedlich geflickten Rücken und redete immer über den Kasten gebeugt, kosend und verweisend, begütigend und zornig, vor sich nieder, als sei wer da, der in grilligem Trotz nicht tue, was ihm zukomme. Indessen waren seine Arme in eiliger Bewegung, und das Kästchen schnurrte, knackte und klapperte dazu. Endlich ließ er von dieser eifrigen Tätigkeit ab, streckte seinen zusammengehutzelten Körper seufzend auf und ging schwerfällig nach demselben Graben, an dessen Rande, ein Stück weiter oben, Amadeus saß. Nachdem er dort gemächlich die Füße breit auseinandergestellt und einigemal verwundert vor sich hin gelächelt hatte, hob er sein Gesicht und sah den kleinen Mandel freundlich prüfend an, indem er nach einer Weile sagte: »Ja, ja, ich weeß schon.« Amadeus hörte die Worte nicht vor dem seltsamen Gesicht, das er sah. Eigentlich war es wie das Gesicht eines jeden Menschen, aber die große Nase hatte es ganz in Unordnung gebracht, sie hing wie ein Schlagbaum daraus hervor und hatte offenbar den Stolz, sich ohne Rücksicht auf ihre nächste Umgebung noch mehr zu entwickeln, denn an straff gespannten Falten zog sie an der Stirn, die unwillig ein wenig herabgerutscht war, und an den Augenlidern, die kaum den Blick freiließen. Der Mund war von ihrer Last ganz eingedrückt worden und lag immer im Schatten. Als der Alte bemerkte, daß Amadeus vor seiner Nase zu keiner Antwort kommen konnte, sagte er: »Ich bin Windel Bonifaz«, und als er noch keinen Bescheid erhielt, fragte er: »Gelt, du bist aus'm Röhrsdorfe?« Amadeus faßte Mut, und weil der alte Windel ihn nicht verlachte wie die anderen alle, daß er in der Schule nichts taugte, sondern immerfort freundlich auf ihn einsprach, erzählte er endlich alles von seinem Vater, dem Schneider, und seiner Mutter im Himmel, von der stummen Maruschka, der Finger-Lene und den Ziegen. Er war Windel immer näher gerückt und sah jetzt, daß der Kasten auf dem Gestell eine Drehorgel sei, die man Vogelleier nennt, weil sie so dünn pfeift wie die Vögel im Walde. »Ja, ja, ihr Purschen«, sagte jetzt Windel Bonifaz, »ihr Volk, ihr denkt, a so ein Leiermann hat's gut. Nu, da hat's woll manches, was eenem 's Leben auch schwer macht und nie a so leichte is, wie die Pfennige in die Tasche und das Brot in den Sack stecken. Zum Beispiel ein solches Leierla is bloß ein Kasten und hat Mucken wie ein großer Mensch, und wenn se und se will nich, da kann ich mir die Arme ausdrehen, se pfeift nich, se gibt keenen Ton und hält keenen Takt. Früher, wie ich noch jung war und raschig, da dacht' ich, es mißte mit Gewalt giehn. Aber da hätt' se mir den Kasten zerrissen. Etze aber seh ich, wo's fehlt, gieh von ihr weg, stell' se ins Grüne und warte, bis se sich erholt hat.« Amadeus guckte sich die trotzige Leier an, aber sie sah gar nicht widerspenstig aus, sondern stand gehorsam auf dem Gestell. Der Gurt hing gemächlich von ihrem Rücken, und die blanke Kurbel hielt sie richtig an der rechten Seite. Dann sah er wieder den Alten an, dessen Gesicht doch recht mager und voll Kummer war. Als dieser aber das Mitleid in den Mienen des kleinen Mandel bemerkte, hustete er energisch und sagte dann: »Aber daß ihr etwan ja nich denkt, een Leiermann is weniger als ein Schneider oder sonst was. Musik erfreut des Menschen Herze, sagte schon unser Herrgott und ließ seine Engel singen. Siehste, mei Jungel, und wenn's mit mir altem Manne mal gar nich gehen will, da such ich mir wo einen Pusch, der da den Schall weit übers Feld schmeißen kann, wie dahier, stell die Leier davor, rück' ein lustiges Stückel zurecht und dreh und dreh, da kommt das Lied zurücke über mich, und mir is dann immer, als wenn ich een kleiner Junge wär' und die Mutter säng' mir übers Gesichte und spräch': ›Bonifazla, laß gut sein, es wird sich alles wieder machen.‹« Dann erhob sich Windel, rückte seine Leier zurecht und spielte »Gott erhalte Franz den Kaiser«. Sein Arm flog nur so, die kleine Leier hüpfte leidenschaftlich hin und her, daß er sie festhalten mußte, und das Gestell zitterte. Der nahe Hochwald nahm das dünne Lied auf, führte es hoch in seine Äste hinauf und verwandelte es in ein leises Brausen, das sich endlich im ruhigen Licht der sommerlichen Felder ganz zart verlor. Als Bonifaz Windel das Lied dreimal gespielt hatte, nahm er den Kasten auf den Rücken, das Gestell in die Linke, den Stock in die Rechte, nickte dem Amadeus freundlich zu und schritt so stark und sicher auf einem Raine nach Neudeck zu, als habe er eine stärkende Mahlzeit genossen. 25 Lange Zeit litt Amadeus nun nicht mehr so sehr unter der Qual der Schule, denn wenn es ihm wieder einmal gar zu schlimm ging, dann dachte er nur daran, wie er mit der Leier, die er einst haben würde, sich alles erspielen wollte, was die anderen in der Schulbank lernen, und noch viel mehr. Außerdem hatte er von Veronika erfahren, daß eine Leier kein Haus koste. Da war er seiner Erhöhung noch sicherer als vorher. Während die anderen lasen, schrieben und rechneten, sang er in seiner Seele das Leiblied Windels. Allerhand leuchtende Straßen öffneten sich vor ihm, die zu großen Städten mit goldenen Königen führten. Er redete mit diesen wie mit seinesgleichen, und sie schenkten ihm am Ende so viel, daß er seinem Vater ein großes und schönes Haus kaufen konnte. Alles das aber behielt er ganz für sich und lief und saß nur immer mutterseelenallein in Wald und Feld, am Wasser und unter dem Winde, und lauschte gespannt auf alle Lieder, mit denen der Himmel und die Erde von sich sangen, damit er sie dann auch auf seiner Leier spielen könne. Und bald öffneten auch die stummen Dinge ihren geheimen Mund, und seine verzückte Seele verstand das weiche Brausen, mit dem die Dämmerung gegen die Berge wandelt, den Gesang des Schattens und was die Blumen reden, die im Grase nebeneinander stehen und sich mit ihren roten und blauen, weißen und gelben Blüten zunicken, Röhrsdorf ward ihm auch wieder weit, und die Wege, die zur Zeit seines großen Kummers nur noch nach Saalweiden, Glatz und Reinerz geführt hatten, liefen wie ehedem nach Hamburg, Berlin und Hildesheim. Allein, wie er auch stand und hinauf- und hinabspähte – auf der einen Seite spannte der Fuhrmann Schilling seinen Fuchs ein und aus, auf der anderen Seite saß die alte Mahlingen unter ihrem Fenster und wartete hustend auf Kunden; nichts Wunderbares aber ereignete sich, selbst der Bonifaz Windel, der doch Bescheid wissen mußte, ließ sich nicht sehen. Eusebius merkte von der geheimen Sehnsucht seines Amadeus nichts, sondern war glücklich über die freiere Stirn und das eiligere Wesen seines Einzigen und meinte, jetzt könne es auch in der Schule nicht mehr soviel Kopfnüsse und Haselstecken regnen. Amadeus aber getraute sich nicht, dem Vater etwas zu sagen. Denn einmal hatte er ihn so von ungefähr gefragt, ob eine Flöte oder eine Leier besser spiele, und von ihm barsch zur Antwort erhalten, mit allem, worauf man spielen könne, verspiele man bloß. Sein Onkel Ignaz – womit Eusebius seinen verstorbenen Schwager, den Bruder seiner Frau Agathe meinte – habe auch »partuh« nicht von der Trompete gelassen, die er sich bei den Teufelssoldaten zugezogen hätte, und das Ende vom Liede wäre gewesen, daß er von der Musikerbank auf die Saufbank geraten sei und sein schönes Haus, seine Kühe, sein Weib und seine Kinder in alle Winde geblasen habe und elend im Straßengraben zugrunde gegangen sei. Er, Amadeus, solle nur alle Flausen lassen und tüchtig schreiben, lesen und rechnen. Dann finde sich alles von selber. So rannen dem Amadeus die Tage, Wochen und Monate des Sommers und des Herbstes doch recht traurig durch seine Seele, ja manche Woche vergaß er ganz seine Sehnsucht. Wehrlos duldete er dies ganze unbegreifliche Leben und ging wie an einem unsichtbaren Seile gezogen umher, ohne je durch die Träume zu dringen, die gleich bunten Dämmerungen um ihn lagen. Bonifaz Windel, den er um vieles hätte fragen können, kam noch immer nicht, statt dessen zog ein schwerer, schneereicher Winter ins Land. Der Lange Busch donnerte hinter einem grauen Tuch in den hohen Himmel hinauf, und die Schneejungfrauen tanzten alle Nacht um das Haus, indes der Ahornbaum mit leeren Ästen ein hohes angstvolles Lied sang. Die Wellen des kleinen Baches neben der krummen Weide glucksten unter dem trüben Eise wie ertrinkende Kätzchen vorbei. Vielleicht leben die Pflanzen so, wie seine Seele in diesen matten winterlichen Tagen in ihm lag, so ganz ohne eigenen Ton, dem Wachsen unerklärbar großer Mächte ganz hingegeben, das Wissen um sich ausgelöscht. In geduldiger Schwermut ertrug Amadeus seine geheime Sehnsucht, und als er von Eusebius einmal gehört hatte, die Leiermänner seien im Winter eingefroren, beschloß er, noch bis zum nächsten Frühjahr auszuharren. Tapfer stiefelte er alle Tage die gute Dreiviertelstunde bis zur Neudecker Schule und ebenso wieder zurück durch den Schnee. Tapfer saß er auf seinem untersten Platz in der letzten Bank, keine Scham schmerzte ihn, er war nur froh, daß ihn der Lehrer dort anscheinend vergessen hatte und ganz in Ruhe ließ. Und als ihm dieser zu Beginn der Weihnachtsferien ein Brieflein für den Vater mitgab, nahm er es wie ein Geschenk von ihm hin, brachte es ebenso heim und konnte es nicht fassen, daß sich der Vater darüber so erboste, wie er ihn noch nie gesehen hatte. Der Mandelschneider war freilich von seinem innersten Wesen her viel zu klug, um nicht zu wissen, daß Schläge hier nichts fruchten würden. Nicht seinem Jungen gab er die Schuld an dessen Unvermögen, sondern allein dem Lehrer Körber, der eben keine blasse Ahnung davon habe, wie ein Mandeljunge zu behandeln sei. Tagelang sprühte der Meister so vor Zorn auf den groben Fläz im Schulhause, daß es dem Amadeus angst und bange ward. Denn er glaubte, jetzt und jetzt würde der Vater seinen Pfefferrohrstock hervorholen und damit nach Neudeck stapfen, um mit dem Lehrer abzurechnen. Wenn das aber geschähe, so fürchtete er, dürfe er dann sicher nicht mehr in die Schule gehen und würde in seinem ganzen Leben kein Musiker werden können. Darum bettelte er den Vater so sehr, den Lehrer Körber zu verschonen, daß Eusebius, der tatsächlich mit dem Gedanken gespielt hatte, dem Schulmeister gelegentlich »auf die Bude« zu rücken, ganz gerührt wurde und dem Jungen versprach, noch bis Ostern damit zu warten. Insgeheim aber litt Eusebius alle Qualen eines Mannes, dem seine schönste Zukunft zerstört wurde. Und da sein eigenes Lebensschiff obendrein wieder einmal nur noch mühsam in vielerlei widrigen Winden kreuzte, ist es kaum zu verwundern, daß es in der letzten Nacht des Jahres, die mit einem brausenden Schneesturm um das Mandelhaus fuhr, gänzlich die Richtung verlor. Der letzte Tagesschimmer war längst ins tiefste Dunkel hineingestorben, Amadeus lag schon in seinem Bette, und Eusebius schritt unruhig in einem fort die Schneiderstube ab, immer vom Ofen an die Tür bis zur Schneiderhölle am Fenster und wieder zurück, redete mit irgend jemandem abgebrochene Worte, zog sich zu seinem Bett zurück, legte einige Kleidungsstücke ab, zog sie seufzend wieder an, löschte endlich das Licht in der Stube und setzte sich mit hochgezogenen Beinen wieder an seinen Schneidertisch am Fenster. Dort saß er lange Zeit und starrte unter Räuspern und gelegentlichem Gebläse durch die Nase in das Wetter der Nacht. Dem Amadeus, der von dem Getöse um das Häusel nicht einschlafen konnte, wurde es schon bänglich zumute, auf was der Vater dort wohl noch aus der grauslichen Finsternis draußen warten mochte – da sprang der Mandelschneider mit einem Ruck vom Tisch, tastete sich durch die Stube, riß ein Zündhölzchen an, holte sich die kleine Petroleumlampe herunter, die immer auf dem Wandbrett über seinem Bett bereit stand, entzündete sie und schickte sich an, die Stube zu verlassen. Unter der Tür hielt er an und rief nach seinem Jungen hin: »Ich muß sehn, was es Wetter macht und ob all's im Hause in Ordnung is. Sei stille und schlaf; ich komm' glei wieder.« Die Haustür ging, der Riegel am Ziegenstall fiel klappernd an die Tür, dann ächzte die Bodentür ganz schwach, und schließlich hörte Amadeus nichts mehr. Auch der Schneesturm hatte sich von einem Augenblick zum anderen ausgerast, und in der plötzlichen Stille fühlte Amadeus, wie er langsam in den Schlafgrund fiel. Doch noch war er nicht ganz in ihn hinabgesunken, da vernahm er, wie über ihm ein merkwürdiges Rumoren anhob. Es drang nur schwach aber ununterbrochen an sein Gehör, und Amadeus wußte bald nicht mehr, ob er noch wache oder schon träume. Ihm war, als ob der alte große Webstuhl, der als Erbstück von seinem Großvater her zerlegt unter den Sparren des Dachbodens steckte, zu knarren begonnen hätte. Wie das zugehen konnte, vermochte das Junglein freilich nicht zu begreifen, er war doch ganz auseinandergenommen, aber er knarrte genau wie eine lebendige Maschine, die gehorsam unter den Händen des alten Mandelwebers schnurrte und Faden auf Faden durcheinanderschlug. Davon wurde Amadeus wieder munterer, schlug die Augen auf und suchte durch die Nacht und die niedrige Decke über sich das Geheimnis zu ergründen. Und wirklich, nach einer Weile, sah er seinen Großvater rüstig am Weberbaum rucken, indessen seine langen weißen Haare unter jedem Stoß zitterten. Zwischen dem gedämpften Poltern klang seine schwache, schöne Stimme, die sich bald in das Lied aus Bonifaz Windeis Leier verwandelte. Da war Amadeus auch schon mitten in den Süchten seiner Seele und lag die ganze Nacht mit traumroten Wangen. Doch als er erwachte, nahm er sich vor, niemandem auf der Welt sein Geheimnis zu offenbaren. Was sich wirklich in dieser letzten Nacht des Jahres auf dem Boden zugetragen hatte, davon konnte der Mandeljunge nichts ahnen. Aber die Wirklichkeit der Sinne ist niemals gleich der Wirklichkeit der Seelen, und daß Amadeus keineswegs nur einer Alfanzerei seiner Sinne erlegen war, sollte sich erst allmählich herausstellen. Als der Mandelschneider in der Silvesternacht aus dem dunklen Fenster seiner Schneiderstube in die Winternacht starrte, war ihm zumute, als schnüre ihm der Sturm, der draußen tobte, den Atem ab. Es war aber nichts anderes als der Gram um das Versagen seines Einzigen in der Schule, das Gefühl seiner väterlichen Ohnmacht dagegen, wie überhaupt die Erkenntnis, daß ihm der Zugang zu dem Jungen ganz und gar verlorengegangen war und zugleich die Einsicht in seine eigene, schon zum Gespött der Gegend gewordene Schneiderunmächtigkeit, die sich ihm zentnerschwer auf die Seele legte. Wie weit zurück lag doch jene glückliche Zeit, da er sein ganzes Leben als ein einziges hohes Gelingen in sich gespürt hatte, damals, als er mit der Stummen wie in einer zauberhaften roten Kugel zu schweben meinte. Und so heiß überflutete diese Erinnerung den vereinsamten Mann, daß es ihn wie einen Traumwandler über die quietschende Stiege auf den Boden vor die Tür der Dachkammer zog. Und ganz wie ein Schlafwandler, der aufwacht, wen ihn jemand anruft, stieß es ihn in die nüchterne Wirklichkeit zurück, als er vergeblich an der Klinke rüttelte, bis ihm einfiel, daß er ja den Schlüssel längst, im vergangenen Winter war's, durch die Dachluke in den Schnee geschleudert hatte. »Gut, gut...« Des Eusebius Atem hauchte die Worte mehr vor sich hin, als daß sie sich zu Lauten von seinen Lippen formten. »Da hat's nichts mehr zu rütteln. Vorbei ... vorbei ... unterm Schnee begraben.« Als er dann bedrückt nach der Petroleumlampe griff, die er gedankenlos irgendwo abgestellt hatte, stieß er mit dem Schenkel gegen ein Stück Holz, das plötzlich und knarrend rückwärts glitt, daß er hingeschlagen wäre, hätte er nicht rasch eine Stütze gesucht und gefunden. Im Anblick des zerlegten alten Webstuhles durchfuhr ihn mit einem Male der Gedanke, sein Vater habe ihm »zu Fleiße« ein Bein stellen wollen, um ihm in seiner Ratlosigkeit einen nützlichen Wink zu geben. Kaum daß er, noch darüber nachsinnend, mit der erhobenen Lampe einen vollen Blick über die Stellage geworfen hatte, kam es wie eine Erleuchtung über ihn. Er brauchte ja nur zuzupacken, das nutzlose Möbel wieder zusammenzusetzen und wie sein Vater zu webern, um dadurch vielleicht doch noch einmal von seinem Schneiderelend loszukommen. Närrisch wie ein Kind, das unverzüglich jedem Einfall nachgibt, machte sich der von diesem »Wink« bis zum Herzklopfen erregte schmächtige Meister beim trübseligen Schein seines Lämpchens an die Arbeit. Mit Aufbietung aller Kräfte rückte und zerrte er die einzelnen Teile zurecht und hatte wahrhaftig nach stundenlangem Mühen den Webstuhl wieder soweit beisammen, daß er nur noch die hölzernen Bolzen einzusetzen brauchte, die das Gestänge zusammenhalten. Aber diese waren nirgends zu finden. Ärgerlich gab es Eusebius für diese Nacht auf. Am frühen Neujahrsmorgen schnitzte er sich heimlich, denn niemand sollte etwas von seinem Plan erfahren, auf dem Hackklotz vor dem Ziegenstall neue Bolzen zu und konnte es dann tagsüber in seinem Schneidergehäuse kaum erwarten, daß es wieder dunkelte und nach ein paar weiteren Stunden Amadeus endlich in seinem Bette eingeschlafen war. In dieser Nacht wollte er mit der Geschichte schon zu Rande kommen. Die Bolzen paßten haargenau, als er sie aufsetzte. Doch damit war auch alles schon so gut wie zu Ende. Denn als er sie, wie es sich gehörte, erst noch mit dem Hammer tiefer in die Löcher der Leisten zu treiben begann, brach das von innen her völlig vermorschte Holz auseinander. Jetzt erst untersuchte Eusebius die übrigen Teile genauer. Das Ergebnis war niederschmetternd. In den dreißig Jahren, die der Webstuhl nun schon auf dem Boden stand, hatte der Holzwurm ganze Arbeit getan, und Eusebius stand als Narr seiner bunten Einbildung davor. Die Erschütterung darüber lähmte ihn dermaßen, daß er augenblicklich seinen ganzen Plan begrub, alles stehen- und liegenließ, wie es war und in den nächsten Tagen mit einer Erbitterung über sich selbst die Nadel durch die verwünschten Flicksachen der Kundschaft fliegen ließ, daß er manches Mal meinte, sie fange ihm zwischen den Fingern zu glühen an. Den Dachboden betrat er von da ab bis an sein Lebensende nicht mehr. Eines Morgens aber, mehrere Tage danach, erwachte Amadeus, dem in der Nacht der Mandelweber bereits zum dritten Male mit seiner schönen Stimme des Bonifaz Windels Leiblied zum Takt des Weberbaumes gesungen hatte, so erfüllt von seinem nächtlichen Erleben, daß er nicht länger an sich halten konnte, seinen Vorsatz, niemandem etwas davon zu verraten, fallen ließ und dem Vater mit glückhafter Stimme erklärte: »Gestern nacht hat der Großvater wieder gewebert unterm Dache.« Der Mandelschneider machte große Augen, die starr waren wie vor Schreck. »Wer hat gewebert?« fragte er, wartete jedoch die Antwort des Amadeus nicht erst ab, sondern setzte gleich hinzu: »Du bist wohl nicht recht gescheide, Junge. Untersteh' dich und sag' das noch amol!« Aber Amadeus, der des Großvaters weiße Haare hatte zittern sehen und dem die schöne Stimme noch in der Seele klang, blieb dabei und beschrieb seinem Vater alles genau, wie es gewesen war. Da gebot ihm Eusebius mit aller Strenge noch einmal, ihm niemals wieder vom Großvater und all dem »Traumgemäre« zu sprechen. Dann tat er behutsam seine Arbeit auf die Seite, legte seine langen, mageren Hände auf die Knie und blickte unverwandt darauf, ohne aufzusehen. Schließlich begann sein Atem ruckweise zu gehen, fast wie schluchzend. Amadeus blickte ihm von seinem Bette her erschrocken zu, denn mit einem Male sprang der Vater auf und lief aus der Stube. Wäre der Junge nicht viel zu verschüchtert gewesen, ihm nachzugehen, hätte er sehen können, was für sonderbare Dinge Eusebius trieb. Erst lief er in den Holzstadel, aus dem er nach einer Weile mit einer alten Weidenrute herauskam, dann schlich er sich auf die Bank hinters Haus und schrieb mit dem Rütchen lange allerlei krause Figuren in den Schnee, wobei er halb scheu; halb verächtlich bestimmte Worte vor sich hin murmelte. Von dem Moment an, da ihm Amadeus seine Traumgeschichte erzählt hatte, sah Eusebius, daß es jetzt nur noch zwei Möglichkeiten gab: Entweder ging seines Vaters Seelenleib wirklich unter dem Dache um; dann geschah es, weil er seines sündhaften Lebens halber noch immer nicht hatte in die ewige Ruhe eingehen dürfen. Aber warum hatte er sich dann dreißig Jahre nicht hören oder blicken lassen? Oder ... und bei dem Gedanken wurde es dem armen Meister heiß und kalt zugleich – oder es bedeutete eine schlimme Botschaft für ihn, Christoph Eusebius. Denn so viel stand ja fest, daß der Geist eines Verstorbenen, mußte er nicht seiner Sünden wegen noch lange auf Erden umgehen, sich nur meldete, und auch nur vor unschuldigen Kinderseelen, um einen Todesfall anzukündigen, der sich spätestens zwölf Monde danach ereignen mußte. Der Mandelschneider war sich im klaren darüber, daß die Ankündigung, wenn es eine war, nur ihm gegolten haben konnte. Doch um ganz sicher zu gehen, versuchte er es mit der althergebrachten Beschwörung unerlöster Seelen durch die Wünschelrute. Den Tag darauf drang er, kaum daß Amadeus die Augen aufgeschlagen hatte, mit der Frage in den Jungen: »Hat der Großvater in der Nacht wieder gewebert? He?« Das Junglein, das meinte, der Vater wolle ihn nur listig dazu verlocken, sein strenges Verbot zu übertreten, sagte nach kurzem Besinnen: »Das weiß ich nicht.« Was Eusebius auch anstellen mochte, er blieb dabei und ließ sich weder mit Drohen noch mit Schmeicheln noch ein Wörtlein mehr darüber entreißen. Und da Amadeus, als der Vater immer wieder mit der gleichen Frage in ihn drang, standhaft bei derselben Antwort blieb, gab es Eusebius endlich auf, den kleinen Hartkopf zu erweichen und auf diese Weise zu erfahren, ob er mit seiner Beschwörung den Geist des Mandelwebers hatte vertreiben können. So blieb ihm auch der nagende Zweifel im Herzen, ob er nicht doch binnen Jahresfrist werde sterben müssen. Darum begann er kummervoll darüber nachzusinnen, wie er es zuwege bringen könne, für seines Amadeus Zukunft zu sorgen, bevor man ihn selber aus dem Mandelhause auf den Gottesacker tragen würde. 26 Über alledem verging, viel zu rasch für den immer gramvoller in die Welt blickenden Eusebius, und viel zu langsam für sein sehnsüchtiges Junglein, der Winter, und eines Tages schrie der Wald des Langen Busches laut über das Dach des Schneiderhauses; der krummen Weide kam der goldene Traum ihrer Kätzchen; durch das junge Gras liefen die ersten Lerchenrufe, und einmal hörte Amadeus übers Feld selbst ein leises Lied, fast als sei es aus Windeis ungehorsamer Leier erklungen. Daraus entnahm er, daß die Erfüllung seines Wunsches ganz nahe sei. Von diesem Tage an überfiel ihn eine solche schmerzvoll-glückhafte Beklemmung, daß er immerzu dachte, er müsse sterben, wenn er jetzt nicht bald ein Musiker werden könne. Er klopfte sich wohl Pfeifchen aus jungen Zweigen und blies darauf, aber die Weidenhölzchen sangen nur öde lange Töne. Die vielen Lieder in seiner Seele konnte sie nicht fassen. Er versuchte es mit dem Gesang, aber auch der brachte ihm das Glück nicht, nach dem er sich sehnte. Da lief er in die Wälder und lag hinter den Sträuchern am Wege, lauschte und spähte, ob Windel nicht käme. An einem Nachmittage endlich schien es ihm, als ob das leise Lied, das er schon einmal gehört, wieder erklinge und diesmal hinter ihm näher und näher käme. Er wagte nicht, sich danach umzudrehen, nicht einmal sein Weidenpfeifchen ließ er aus seinen Lippen, lauschte dabei aber mit angehaltenem Atem und dachte, vielleicht kann ich es mir einfangen, wenn ich mich nur nicht rühre. Und wirklich, das Lied erklang immer klarer und süßer hinter ihm, dann brach es plötzlich ab und eine Stimme rief: »Sieh an, da sitzt ja Mandels Weißköpfchen!« Als Amadeus sich bei diesem Anruf, fast unwillig über die Störung, umblickte, stand der Lehrer Wudhof schon dicht hinter ihm am Strauch und unter seinem Arm hatte er einen merkwürdigen, rotbraunen, länglichen Kasten und in der rechten Hand einen langen dünnen Stecken, der aber fast aussah wie ein Lineal, nein, eher schon wie ein grader Flitzbogen. Des Amadeus Träumerei war wie fortgewischt, und die Kinderneugier gewann die Oberhand. Nur wußte er nicht recht, wie er den Lehrer anreden könne, denn in der Schule hatte Körber den Kindern eingebläut, daß man ungefragt zu einem Lehrer niemals sprechen dürfe. Aber Wudhof, der sich von seinem Wesen her, wie wenige seiner Zunft, auf kindliche Gedanken und Wünsche verstand, und je bunter es hinter den kleinen Stirnen zuging, um so größere Freude daran hatte, las in des Amadeus Mienen wie in einem offenen Buche. Er zwinkerte ihm ein paarmal zu, hob seine Geige unters Kinn, setzte den Bogen an und begann eine so liebliche Tanzweise in die Luft zu fiedeln, daß es dem Amadeus in die Beine fuhr und er sich, ob er wollte oder nicht, vor lauter Glück und Staunen Luft schaffen mußte. Woher hatte der Junge nur dieses feine Empfinden für Melodie und Rhythmus? staunte Wudhof, er hob seine Füßchen so geschmeidig und wiegte sich so graziös im Takte, als sei es für ihn das Natürlichste von der Welt, ein Mozartsches Menuett zu tanzen. Als Wudhof schließlich mit einer jubelnden Kadenz abbrach, hatte das Junglein alle Scheu verloren. Es flog nur so auf ihn zu und sprudelte alles heraus, was es sich in den langen Wintermonaten in seiner verworrenen Sehnsucht ausgedacht hatte; von Windel Bonifaz, von der Leier, die er sich kaufen wolle, um ebenso schön wie Windel spielen zu können, daß das aber lange nicht so schön gewesen sei wie eben, und daß er jetzt erst recht ein Musiker werden wolle. Wudhof unterbrach den Redestrom des Knaben mit keinem Wort, aber er betrachtete ihn dabei von der Stelle, auf der er sich, die Geige auf den Knien, gemächlich niedergelassen hatte, so verzückt, als stünde eine Lichterscheinung vor ihm, nicht aber des dürren Mandelschneiders hoffnungsloser Sprößling, von dem er wußte, daß er noch immer nicht viel weiter in die Geheimnisse des Schreibens und Rechnens eingedrungen sei als ein Bälgetreter in die Kunst des Orgelspiels. »Die Menschen sind doch merkwürdige Geschöpfe«, sann Wudhof vor sich hin, indes sich Amadeus zutraulich dicht neben ihn hinhockte, freilich ein wenig erstaunt darüber, daß ihn der Herr Wudhof so unverwandt anschaute, ohne zu sprechen. »Wohl haben sie alle eine Seele, das ist der Atem Gottes in ihnen«, sinnierte Wudhof weiter, »doch die meisten halten sich lieber an ihre eigenen Lungen und kriechen daher zeitlebens nur gleich Würmern durchs Erdenleben. So manchem gelingt es allerdings auch, sich zu verpuppen und als Schmetterling auszuschlüpfen, aber ach, sie bringen es meist nur zu gewöhnlichen Kohlweißlingen, und nur ganz selten fliegt einer als königlich gezeichneter Falter ins Licht. Ich bin auch nur ein Kohlweißling geworden, auch der Mandelschneider ist nur einer, obgleich er so rührend emsig durch die Lüfte flattert – aber sein Sprößling gehört, wie mir scheint, zu jenen seltenen geflügelten Exemplaren aus Gottes Werkstatt, die mit ihrer Seele hören, sehen und denken. Und diese sind es von jeher, aus denen die richtigen Musiker, Maler oder Dichter wachsen. Ja, irgend etwas dergleichen steckt in dem Bürschlein, und wenn es ein Musiker sein sollte, so will ich schon dahinterkommen. Auf meiner alten Kindergeige soll er bei mir fiedeln lernen. Mit seinen bald acht Jahren hat der Mozart schon ganz tüchtig geigen können.« »Du willst also unbedingt ein Musiker werden, Amadeus?« begann Wudhof ernsthaft. Der Knabe nickte ihm aufmerksam und ebenso ernsthaft zu. »Nu, da kann ich dir vielleicht ein bissel helfen, Junge, willst du?« Amadeus schluckte, beklommen vor Glück, und konnte als Antwort wieder bloß nicken. Wudhof hatte sich, seitdem er seinen Dienst quittieren mußte, in eine Stube im Auszugshäusel beim Nesselmüller zurückgezogen, dessen Anwesen noch zu den Röhrsdorfer Berghäusern zählte, obwohl es schon in halber Höhe des Rimberges lag. Dort konnte ihn Amadeus, wenn er einen nicht allzu großen Bogen beim Heimweg von der Schule schlug, aufsuchen. Da ihm aber daran lag, daß die Lästermäuler über ihn verstummten, nachdem er sich auch seiner Wirtschafterin entledigt hatte, wollte er nicht, daß der Junge einstweilen in der Schule oder dem Vater etwas davon erzählte. Das war so recht ein Geheimnis nach dem Herzen des Amadeus, und als Wudhof sich gar mit einem Handschlag ihre Abmachung besiegeln ließ, fühlte sich das Junglein fast so erwachsen wie sein großer neuer Freund.   *   Schon nach ein paar Wochen gab es für Wudhof angesichts der Anstelligkeit und des scharfen musikalischen Gehörs des Knaben, der mit wahrem Feuereifer bei der Sache war, keinen Zweifel mehr darüber, daß dieser Mandeljunge das Zeug dazu hatte, einmal ein tüchtiger, ja vielleicht ein begnadeter Geiger zu werden. Doch dieser Gedanke stimmte Wudhof in anderer Hinsicht nachdenklich. Wie konnte Amadeus samt seiner Geige im Leben vorwärts kommen, wenn er weiter so in der Schule versagte? Am Ende wurde aus ihm nichts anderes als ein lieber, aber beschränkter Tölpel, und vielleicht eine Art belächelter Straßen- oder Wirtshausmusikant, von dem die Leute sagen würden, »er hoat halt eim Oberstübel zu wing Grütze mitgekriegt«. Aber wie, so grübelte es in Wudhof weiter, wenn ihn nur die Neudecker Schrotsäge auf dem Gewissen hatte? Auch aus ein und derselben Geige lockt ja der Bogen eines Meisters betörende Klänge und unter den Händen eines Stümpers läßt sie die herrlichsten Melodien nur hart und hohl wiedertönen. Eines Tages war Wudhof mit sich ins reine gekommen und ging entschlossen daran, auf seine Art die Probe aufs Exempel zu machen. Hatte er sich bis jetzt bei seinen Unterweisungen auf die rein manuelle Handhabung des Instruments und auf das Nachspielenlassen einfacher Liedchen nach dem Gehör beschränkt, so begann er nun, den Knaben in die Zauberwelt der Noten einzuführen. Das aber war für Amadeus im Grunde ein altes Spiel. Denn als ob es nur des sicheren Begreifens dessen bedurft hätte, was, ihm unbewußt, einst bei seiner spielerischen Malsängerei vorschwebte, als ihn die Lieder umgaukelten, die ihm aus seiner Seele aufstiegen, kletterte er jetzt bald, wieder Pünktchen nach Pünktchen malend, die Tonleitern so emsig und geschickt herauf und herunter, daß sich sein Lehrerfreund kaum vor Verwunderung über den kleinen Musikus zu fassen vermochte. Und das Allerschönste war, daß auch das, was er sich als Nebenwirkung davon für Amadeus erhofft hatte, eintrat, ohne daß er, Wudhof, selbst mehr dabei zu tun hatte, als ihn mit leichter Hand auf dem eingeschlagenen Wege weiterzuführen. Denn in seiner eifervollen Beglückung, dem Geheimnis auf die Spur gekommen zu sein, Töne, Klänge und Melodien zwischen ein dünnes Gitter von fünf Notenlinien unverrückbar aufs Papier zu bannen, trug es den Jungen wie einen furchtlosen Wellenreiter fast wiegend auch durch die sechsundzwanzig Wirbel des Alphabets, als ob ihn ihre Tücken nicht immer wieder in der Schule überfallen und jedesmal kläglich auf die Sandbank der Nichtskönner zurückgeworfen hätten. Ja, es zeigte sich, daß es dem Amadeus aus einer Laune der Natur nicht möglich war, die Schlüssel zu dem elementaren Wissen, das sich der Mensch nun einmal fürs Leben aneignen muß, und das ihm durch die Schule vermittelt wird, anders zu finden, als auf dem Umweg über die Notenschlüssel. Von dem Moment an, da sich seinen Ohren und Augen von dorther eine Welt der Ordnung und der Gesetzmäßigkeit geöffnet hatte, war es, als flöge sein Verstand nur so durch die Türlein eines Käfigs, darin er so lange hilflos wie ein Vöglein herumgeflattert war, in die Lüfte; und so rasch wie mit dem Abc ging es mit Wudhofs gelinder Nachhilfe bald auch mit dem Einmaleins und allem, was ein Achtjährling aus der Schule mit nach Hause tragen muß. Wudhof aber, den gestrandeten Mann, spülte die Flut, die seinen Schützling ergriff und auf das Meer des Lebens hinaustrug, halb gegen, halb mit seinem Willen, auch wieder von der Klippe, an der er gescheitert war. Seine Scham wie seine Menschenscheu, vor denen er in die Selbstverbannung beim Nesselmüller geflüchtet war, und von wo er sich nur noch auf wenig begangenen Pfaden ins Freie gewagt hatte, verloren sich zusehends aus ihm und wichen im Erwecken des traumbefangenen Schneiderjungleins zu einem lebenstüchtigen Menschenkinde immer mehr dem Gefühl einer neuen Menschenwürde seiner selbst. 27 Nicht nur der schon fast zum Ausgedinger seiner einst so hoch geschwungenen Lebenshoffnungen gewordene Lehrer Wudhof wurde in diesen eilfertig dem höchsten Sonnenstand des Jahres zustrebenden Wochen von den Glückswirbeln des Lern- und Musiktreibens, in denen sich sein kleiner Zögling tummelte, bis zur Rückverwandlung in sein wahres Wesen ergriffen. Auch für Christoph Eusebius kam der Tag, an dem er durch seinen Einzigen bis in sein nur noch grämlich schlagendes Schneiderherz hinein erschüttert und noch einmal in einen neuen, letzten Tanz seiner einst so unerschöpflichen Bildkraft gedreht werden sollte. Seit der Berührung mit den Todesschatten, die ihm der Mandelweber angekündigt hatte, schien dem Meister jene Kraft, sich durch den Zauber seiner Seele all die wundersamen Geschichten zusammenzufügen, in denen er sich vor sich selber und der Welt wie in einer schimmernden Wolke verbergen konnte, ganz gebrochen zu sein. Wie ein Schiffbrüchiger am Strande saß er Tag für Tag auf seinem Schneidertisch und sann selbstverloren in die Welt hinaus, in der sein Amadeus, ohne daß er etwas davon ahnte, längst munter darauf losmarschierte, sich darin zwischen Zahlen, Buchstaben und himmlischen Klängen auf die krause Art der verträumten Mandelsippe zurechtzufinden. Nichts als eine drohende Weite, nach der er hinschauen mußte, obgleich er sich dagegen wehrte, sog von ferne an ihm. Die Wege, die aus dem Langen Busch nach Röhrsdorf führten, hingen vor seinen Augen wie graue Bindfäden wirr aus der grünen fernen Höhe herunter und verknoteten sich zwischen Feldern und Hecken. Die Straße vor seinen Fenstern buckelte leer und reizlos vorbei, und während vieler Stunden tauchte höchstens einmal der Fuhrmann Schilling auf, der breit und grobschlächtig neben seinem Gefährt hinwatete. Und der Anblick der alten Mahlingen, die, einzig mit ihrem blasenden Husten beschäftigt, vor ihrem kleinen Kramladen hockte, war auch nicht danach angetan, des Eusebius Gemüt aufzuheitern. Zwar erscholl von den Ernteplätzen tiefer hinaus dann und wann der rauhe Ruf eines Bauern oder das Gelächter der Mägde – aber alles das traf den Schneider nüchtern, abgerissen. Umsonst blinzte er mit den versteckten Äuglein. Dabei hungerte er förmlich danach, daß ihm von irgendwoher ein Eindruck käme, ein glänzender Faden zufliege, der ihn für eine Weile wenigstens die Öde in sich vergessen ließe. Eines Tages, als der Mandelschneider wieder so verstockt bei seiner Arbeit saß, war es ihm, als trete ein linder, lichter Mensch an ihn heran und lege die Hand auf seine Achsel. Der Meister fuhr auf und meinte, es habe wer durch das offene Fenster herüber an seine Schulter gerührt und wolle ein Gespräch mit ihm beginnen oder ihm seinen Gruß entbieten. Aber wie er sich umdrehte, war das Fenster leer, und er wußte nicht, was das zu bedeuten habe. Kopfschüttelnd langte er wieder nach der Nadel und zog den Stich fest, da glitt ein leises Klingen durch die Stube, und wie Christoph Eusebius nach der Richtung schaute, von woher dieser weiche Wohllaut erklungen war, sah er seinen Amadeus unter dem anderen Fenster über den kleinen Tisch gebeugt sitzen, daran er zu spielen oder seine Schularbeiten zu verrichten pflegte. So andächtig und versunken hockte der Knabe dort, als gälte es, einer geheimnisvollen, doch zugleich höchst beglückenden Aufgabe, die sein Herz bedrängte, auf die Spur zu kommen. Ein Blättlein Papier lag vor ihm und Wiesenblumen, Knöterich und Wolfsmilch, Schafgarbe und Skabiosen hatte er als einen bunten Kranz darum gestreut. Amadeus verwandte kein Auge von dem Stilleben, hielt nur seinen Stift zwischen den Fingern, bewegte summend die Lippen und tupfte ab und zu mit dem Stift irgendwelche Zeichen auf das Blättchen. Der Anblick war so rührend, daß der alte Mandel behutsam die Arbeit beiseite legte und auf den Zehenspitzen über die Stube hinter seinen Jungen schlich. Da sah er dann mit vor Staunen offenem Munde, daß vor Amadeus ein merkwürdig liniertes Blatt lag, da hinein er schon zwei Zeilen, oder wie man das nennen sollte, mit fast genau solch winzigen Pünktchen ausgefüllt hatte, wie er sie schon auf seine erste Schiefertafel zu malen pflegte. Wie dem Eusebius eben vorher selbst geschehen war, so tat er nun mit seinem Jungen: er sagte nichts, sondern legte nur sanft die Hand auf dessen Schulter. Der Knabe sah herauf. Seine tief in den Zauber der Klänge getauchten Augen waren zehrend weit, und sein Gesichtchen schien blaß wie von einer großen Anstrengung. Er mochte wohl erwartet haben, jemand anderes wäre hinter ihn getreten und beuge sich über ihn. Als er aber nun seinen Vater erkannte, malte sich einen Augenblick Erschrecken in seinen Zügen, dann errötete er und senkte verwirrt den Kopf. »Was soll denn das sein, Amadeusla?« fragte Mandel aus beklommenem Verwundern heraus. Doch der Knabe verbarg sein Gesicht zwischen den Armen, mit denen er zugleich auch wie schützend die Blumen bedeckte, und war lange nicht aus der Verschämtheit herauszubringen. Weil aber Mandel mit gütigem Drängen nicht nachließ, hob Amadeus endlich seinen Kopf und hauchte: »Ein Liedchen für meine himmlische Mutter.« Da hob sich der Schatten, der in diesen Wochen um den Mandelschneider gelegen hatte und trat so weit von ihm zurück, daß er ein lindes Licht über sich sinken fühlte. Er hob seinen Jungen zu sich herauf, drückte einen langen Kuß auf seine Stirn und bat ihm im Herzen ab, daß er ihn die langen Wochen seit dem schlechten Weihnachtszeugnis und dann seit dem Vorfall mit der Erscheinung des Mandelwebers bis in ein paar grämliche Worte hinein vernachlässigt hatte. Und während er ihn liebkosend in den Armen hielt, entlockte er ihm listig und Stück nach Stück das ganze Geheimnis, das Amadeus ihm bis heute getreu seiner Abmachung mit Wudhof vorenthalten hatte, seine Freundschaft mit dem entlassenen Lehrer, sein Lern- und Musiktreiben mit ihm und damit natürlich auch seine gewaltigen Fortschritte in der Schule. Anfänglich wollte sich Christoph Eusebius angesichts dieser Eröffnungen gekränkt einreden, Wudhof habe ihm zu Fleiße den Amadeus angestiftet, ihn zu hintergehen, um ihm, dem Mandelschneider, dadurch seine Überlegenheit zu zeigen und um wieviel besser er sich auf den Jungen verstehe als der eigene Vater. Dann aber verwarf er diesen Gedanken bald als unchristlich, und die Spannung gegen Wudhof, von der er aber den Amadeus nichts merken ließ, löste sich auf in eine sänftliche Erleichterung, in der ihm sein eigenes Leben plötzlich nicht mehr so gefährdet erschien. Mit einer gewissen festen Gemessenheit reichte er, als er sicher war, sich nun aber auch aller Heimlichkeiten des Knaben bemächtigt zu haben, Amadeus die Hand, was ihm selbst als der Ausdruck höchster väterlicher Anerkennung erschien und als die es auch auf den Jungen wirkte. Nach ein paar Tagen innerer Bedenklichkeit, das Aufderhutsein vor dem Drohenden gänzlich von sich abzustreifen, dessentwegen er all die Monate kaum noch tief zu atmen gewagt hatte, fand der Mandelschneider den Mut, sich dieser Lebenserleichterung, die ihm von seinem Amadeus gekommen war, ohne Widerstreben zu überlassen und sich durch das Spiel bunter Einbildungen das Lichte und Schöne zu eigen zu machen und ganz in sein Leben zu führen, darin er zum ersten Male seit seinen Ehetagen wieder Agathe, sein gestorbenes Weib, um sich fühlte. Er hütete sich allerdings, diesem Gefühl ihren Namen zu geben, wenn Amadeus in der Stube war, da er fürchtete, er würde den Jungen dadurch verleiten, sich nur noch tiefer in das Liederwesen einzulassen und ihn darüber am Ende doch wieder dem Lernen und der Schule entfremden. Christoph Eusebius scheute aber noch viel mehr davor zurück, vor Fremden, etwa wie früher, als sich noch ein Kreis von Kunden unter seiner Lampe einzufinden pflegte, von jener höchsten Glückhaftigkeit seines Lebens zu reden, die ihm einst durch die Lieblichkeit seines Weibes Agathe geschenkt worden war, und der er sich nun dank einer wundersamen Fügung wieder teilhaftig fühlte. Auf diese Weise geriet der vereinsamte Meister schon bald so sehr in die Gefangenschaft seiner Erinnerungsseligkeit, daß mit jedem Liede, das Amadeus nun oft daheim aus einer Geige fiedelte und darin Eusebius den Gesang seiner Agathe zu hören glaubte, eine Unruhe in ihm hochstieg, die so an ihm lockte und sog, daß er am liebsten seine Flickarbeit in einen Winkel gefeuert und zum Hause hinaus in alle Welt getanzt wäre. »Das ist ja rein zum Närrischwerden«, sprach er dann wohl zu sich und sah mit hilflosem Verwundern umher, ob auch alles an ihm noch an seinem alten Fleck säße. Hatte er sich notdürftig mit seinen Augen wieder in sein Leben hineingefunden, so vertiefte er sich gewaltsam in die Arbeit. Allein auch hier lief das Rad, und der Wagen stand: die Nadel stolperte fast bei jedem Stich und wußte oft nicht, zu welchem der vielen Löcher sie hineinfahren sollte. Der alte Mandel befand sich wirklich in einem Zustand, daß er nicht wußte, ob er fluchen oder lachen sollte, und er wagte kaum mehr, seinem Jungen ins Gesicht zu sehen, weil er fürchtete, er könne es ihm von den Mienen ablesen, was für ein ausgemachter Narr sein Vater geworden sei. Endlich, nach langem Zögern, entschloß er sich eines Tages kurz nach dem Mittagessen, der Sache auf den Leib zu rücken. Er mußte über einen noch ziemlich vage in ihm brodelnden Plan, wie er freilich keinem anderen als dem Mandelschneider hätte überhaupt in den Sinn kommen können, mit sich ins reine gelangen, und dazu war es nötig, daß er sich seinen Kopf frei lief. Also rüstete er sich für einen langen Marsch, wählte bedachtsam statt des Pfefferrohrstockes den griffigeren aus Berghasel mit der geschnitzten Krücke, trat dann vors Haus, vergewisserte sich, daß nichts auf einen Wechsel des warmen und sonnigen Wetters deutete, und verließ ohne Jacke und Mütze sein Haus. Amadeus, der seinen letzten Ferientag hatte, war schon wieder mit der Wudhof geige irgendwohin entlaufen; nur die Finger-Lene werkte noch mit Kübeln und Schäffern an der großen Wäsche herum, die sie sich für diesen Tag eingerichtet hatte und die schon zum größeren Teil zum Bleichen auf der rückwärtigen Wiese lag. Nach etwa einer halben Stunde überquerte Christoph Eusebius, der seine Füße laufen ließ, wohin sie wollten, die saure Wiese des Schnallkebauern und geriet unversehens in die Nähe einer Strauchwildnis, auf der die stille Sonne des Spätsommers golden tanzte. Es war der vom Mandelschneider noch nie aufgesuchte Lieblingsplatz seines Amadeus, jenes Strauchstüblein, von dem aus er einst seine Federbotschaften für Veronika in die Lüfte geschickt hatte. Wie Eusebius hier seine Schritte verhielt, weil sein Ohr ein feines Zirpen traf, das aber ganz anders als das von Grillen klang und das aus jener Richtung zu kommen schien, sah er mit einem Male das Weißhaar seines Amadeus im Gesträuch untertauchen. Nun erst recht neugierig geworden, näherte er sich der grünen Mauer und fand, daß sie sich um einen großen Haufen von Rodesteinen gebildet hatte. Auf diesem so von Lichtgarben überschütteten Steinberg, daß des Schneiders schwache Augen zuerst nur wie geblendet blinzeln konnten, saß der kleine Geiger mit dem Rücken zu ihm und neben ihm ein anderes Kind, ein Mädelchen, das, wie er schließlich nach längerem Hinschauen feststellen konnte, keine andere als die Hübner-Veronika war. Das Mädchen saß mit über den Knien verschränkten Ärmchen da und horchte glücklich lächelnd dem auf und ab klingenden Tönewogen zu, das ihr fast gleichaltriger Schulkamerad aus seiner Geige zauberte. Schon stiegen dem alten Mandel bei diesem Anblick vor Rührung Tränen in seine Augen, als er sich noch rasch auf seine väterliche Würde besann und mit gemachter Barschheit seinen Berghasel schwang und zu den beiden ganz in ihre Seligkeit Versunkenen herüberrief: »Was treibt ihr denn da, ihr Audiate?« Die beiden fuhren davon wie von einer Tarantel gestochen auf, so daß der Mandelschneider hell herauslachen mußte. Das machte sich Amadeus gleich zunutze, kletterte von seinem Sitz, wand sich durch die grüne Rotunde und versicherte Eusebius mit einem Schwall von schmeichelnden Worten, daß er der Veronika nur habe vorspielen wollen, wie er, wenn er noch etwas größer geworden sei und dann noch viel besser werde spielen können, seine Mutter vom Himmel in die Hübnerbäuerin hineingeigen wolle, so daß er doch noch eine Mutter für sich bekäme und sie dann beide dieselbe Mutter hätten. Christoph Eusebius aber, der ausgegangen war, mit seinem geheimen Plan zurechtzukommen, durch den er sich auf seine Weise sein Weib Agathe noch einmal so in sein Dasein beschwören zu können hoffte, daß ihr mildes Wesen sein ruhelos gewordenes Herz besänftige, erschrak über die gläubige Phantasie seines Sprößlings dermaßen, daß er ihn wohl minutenlang sprachlos anblickte, als stünde ein Bote aus dem Jenseits vor ihm, nicht aber sein eigen Fleisch und Blut. Amadeus jedoch hatte seine Gedanken schon wieder auf ganz andere, irdische Dinge gerichtet und bettelte jetzt darum, daß der Vater ihm doch ein einziges Mal erlauben möge, die Veronika nach Hause zu bringen, über Nacht im Hübnerhof bleiben und morgen mit ihr von dort zusammen in die Schule gehen zu dürfen. Zum Erstaunen von Amadeus erhob der Vater kaum einige Einwendungen dagegen. Ja, der Mandelschneider fand, was Amadeus freilich nicht ahnen konnte, daß es ihm sein geheimes Vorhaben nur erleichtern würde, wenn der Junge einmal eine Nacht nicht im Mandelhause schliefe. Kaum hatte Eusebius dem kleinen Bittsteller das Versprechen abgenommen, daß er sich mit Veronika nun auch sofort auf den Weg zum Hübnerhof machen und dort auch aufs akkurateste benehmen werde, kroch Amadeus jauchzend vor Glück wieder durch das Gesträuch zu seiner kleinen Freundin. Der Mandelschneider aber schlug die Richtung nach dem Rimberg ein und war bald hinter einer Lehne verschwunden.   *   Um die sechste Stunde, als die Finger-Lene, ermüdet von der Arbeit und der schwülen Luft, doch zufrieden mit ihrem Tagewerk, die blütenweiße, halbtrockene Wäsche zum Mangeln zusammenlegte, begann es vom Langen Busch herüber dumpf zu grollen, ein heftiger Wind kam auf, der bald schwere dunkle Wolken vor sich her trieb, und es dauerte keine halbe Stunde, bis es rings um das Mandelhaus blitzte und krachte, daß das Mädchen sich ängstlich eine Gewitterkerze anzündete und zur heiligen Muttergottes zu beten anfing. Als ob alle Schleusen des Himmels sich geöffnet hätten, strömten die Regenfluten auf Äcker, Wiesen und Häuser, schließlich prasselten Hagelkörner so groß wie Pflaumenkerne aufs Schindeldach, und rings ums Häusel glitzerte es weiß wie von frisch gefallenem Schnee. Nach wohl einer Viertelstunde hatte sich der Hagelschlag ausgetobt, aber es goß noch immer wie aus Kübeln, und nach wieder einer Stunde gab es die Finger-Lene auf, darauf zu warten, daß der Landregen, zu dem sich der Himmel entschlossen zu haben schien, heute noch einmal aufhöre. Sie band sich ihr Kopftuch um, schürzte ihre Röcke und wollte gerade in großen Sprüngen nach Hause traben, als sie dem Mandelschneider geradenwegs in die Arme lief, der eben, taumelnd vor Schwäche, bis auf die Haut durchnäßt und zitternd vor Kälte, auf sein Häusel zustrebte. Sogleich faßte sie resolut den Schneider unter, stützte ihn, bis sie ihn ins Haus gebracht hatte, und redete dabei auf ihn ein: »Herrjeeses nee, Herr Mandel, wie se ock aussiehn, se müssen glei ins Bette, ich wer' ihn' een' heeßen Ziegel zurechte machen und nei legen« – aber Christoph Eusebius hatte ganz etwas anderes im Sinne. Sowie er in der Schneiderstube stand, schüttelte er sich wie ein ins Wasser gefallener Pudel und verlangte von dem Mädel, sie solle ihm »stantepeh« die Kiste vom Boden runterholen, die gleich rechter Hand neben dem Webstuhl stehe, und sich dann ohne langes Gemäre nach Hause machen. Es war das aber die Kiste, in die er einst die Kleider, die Agathe am letzten Sonntag ihres Lebens getragen, weggepackt hatte. Die Finger-Lene wußte zwar nicht, was sie davon halten solle, tat aber ohne Widerrede, wie ihr geheißen war und begab sich dann kopfschüttelnd, doch ohne einen weiteren Versuch, dem Schneider behilflich zu sein, zum zweiten Male auf den Heimweg. Kaum hatte sie das Haus verlassen, zündete sich der Mandelschneider, dem ein Frostschauer nach dem anderen über den Leib lief, daß ihm die Zähne aufeinanderschlugen, den Petroleumkocher an, kochte sich einen Pfefferminztee, schnitt sich ein paar dicke Scheiben Brot, griff, während er noch hastig kaute, nach Hammer und Zange und machte sich daran, den Kistendeckel zu lösen. Als er die langen Schindelnägel herausgezogen hatte, fiel ihm ein, daß er noch etwas Wichtiges vorzubereiten habe. Er lief, so durchnäßt wie er war, noch einmal hinaus in den Regen nach dem Holzschuppen, von wo er nach einer Weile, ein um das andere Mal in der Finsternis stolpernd, mit der seit langem dort unbenutzt weggestellten großen Schneiderpuppe zurückkam. Er stellte sie in den halbdunklen Stubenwinkel hinter dem Schneidertisch und zog aus der geräumigen Flickenlade darunter das ebenfalls längst nicht mehr gebrauchte Rohrgestell, das für Frauenkleider unten am Rumpf der Puppe befestigt werden kann. Mit fahrigen, ungeschickten Griffen hantierte er so lange, bis es ihm endlich gelang, das Geflecht anzubringen. Dann wandte er sich wieder der Kiste zu, hob behutsam den Deckel ab, entfernte das wegen der Motten obenauf gelegte Zeitungspapier, nahm die Haube mit den bunten Bändern, den langen braun und schwarz gestreiften halbwollenen Rock, die blaugeblümte Jacke, das Mieder und die Unterkleider heraus und begann mit seinen fieberheißen und zitternden Händen, der Puppe der Reihe nach die Kleidungsstücke überzuziehen. Als er sein Werk vollendet hatte, ließ er sich erschöpft samt den nassen Kleidern auf sein Bett fallen, starrte von dort auf das in seinem Winkel vom Schein der Schirmlampe in der Mitte der Stube nur noch ungewiß angeleuchtete, aufrechtstehende Kleiderwesen und verfiel in seinem Anblick der ihm immer gewisser werdenden Einbildung, daß es jetzt nur noch eines Anrufs bedürfe, um es aus seiner Unbeweglichkeit zu erlösen, und es würde auf ihn zukommen und ihm mit linden Händen über seinen sonderbar schmerzenden Kopf streichen. Doch zugleich schnürte ihm ein Bangen wie vor etwas, das auch übel ausgehen könne, die Brust ein, so daß er es nicht über sich brachte, das Kleiderwesen mit dem einzigen Namen anzurufen, auf das es hätte hören und folgen müssen. So lag der schmächtige Meister lange zwischen der Furcht vor etwas, was er doch ersehnte, und der Hoffnung auf etwas, was er doch fürchtete, bis ihm das Herz in den Hals hinein zu klopfen begann und eine siedende Hitze durch seine Adern tobte, ohne daß er fähig gewesen wäre, sich gegen den Aufruhr in seinem Inneren zu wehren. Auf den Gedanken, daß er sich, von seinem stundenlangen Marsch auf dem Rimberg erhitzt, dann durchgefroren vom Hagelschlag, der ihn in der Riegerhohle überraschte, eine Lungenentzündung angelaufen hatte, kam er gar nicht. Die Fieberschauer schlugen über ihm zusammen und stürzten ihn in eine Welt, darin es so phantastisch zuging, wie er es nie für möglich gehalten hätte. Alle Dinge waren auf seltsame Weise verwandelt. Er selbst war Amadeus und fürchtete sich zum Weinen vor der stummen Maruschka, die vor dem Feuerloch am Ofen hockte; dann wieder war er der Lehrer Wudhof, der welteinsam mit entgleisten Augen auf der Ofenbank saß und über sein verpfuschtes Leben klagte – nur der Christoph Eusebius Mandel, der er einmal gewesen, war er nicht mehr und konnte ihn auch, so sehr er sich mühte, ihn auf dem Schneidertisch flink mit der Nadel hantieren zu sehen, nirgends entdecken. Dabei wußte er ganz genau, daß alles wieder in seine Ordnung käme, wenn es ihm nur gelänge, das eine Wort zu finden, das er eben noch auf der Zunge gehabt und das er jetzt total vergessen hatte. So lange grübelte er sich damit ab, dieses Wort zu erjagen, das ihm immer wieder entglitt, bis er sich widerstandslos den heißen Strudeln überließ, die ihn gepackt hatten und in einen Wirbeltanz drehten, daß ihm der Atem ausging und er die Besinnung verlor.   *   Am anderen Morgen vergewisserte sich die Hübnerbäuerin, bevor sie die beiden kleinen Schläfer weckte, daß die Welt wie frischgewaschen unter einem wolkenlosen Himmel lag. Und da sie ohnehin an diesem Tage der Moserwirtin, ihrer alten Mutter, den fälligen Geburtstagsbesuch abstatten wollte, schloß sie sich den Kindern auf ihrem Schulweg an. Als sie unter fröhlichem Geplauder nach etwa einer halben Stunde am Birkenwäldchen angelangt waren, durch das der Abkürzungssteig von Oberröhrsdorf nach Neudeck läuft, verabschiedete sie die beiden mit herzlichen Worten und wollte in Richtung auf die Moserschenke abbiegen. Allein Amadeus verhielt sich mit einem Male so sonderbar, blieb unentschlossen stehen, druckste an irgend etwas herum, was ihm offenbar eben eingefallen war, was er aber nicht auszusprechen wagte, daß die Bäuerin sich den Jungen vornahm und ihm zusprach, ihr doch zu sagen, was er auf dem Herzen habe. Da kam es denn auch bald zutage, daß er doch die Wudhofgeige nicht mit in die Schule bringen könne und deshalb jetzt gleich noch einmal ins Mandelhaus laufen müsse, um die Geige loszuwerden; auch habe er ja seinen Schulranzen noch zu Hause liegen. Die Bäuerin hörte sich diese Eröffnungen eher belustigt an, fragte ihn dann, ob es denn am ersten Schultag nach den großen Ferien nicht auch mal ohne den Schulranzen ginge, und als er das mit einem Kopfnicken zugab, schlug sie ihm vor, die Geige doch ihr zu überlassen. Es sei jetzt sowieso keine Zeit mehr, nach Hause zu laufen, wenn er pünktlich in die Schule kommen wolle. Sie werde lieber selbst ins Mandelhaus gehen und seinem Vater erzählen, wie brav er sich auf dem Hübnerhof aufgeführt habe, und daß er, wenn der Vater einverstanden sei, so lange ganz bei ihnen auf dem Hofe bleiben könne, wie er wolle. Darüber geriet Amadeus fast außer sich vor Freude, fiel der Bäuerin um den Hals und herzte sie so zärtlich, daß sie sich richtig Vorwürfe darüber machte, sich um dieses mutterlose Bürschlein nicht schon längst mehr gekümmert zu haben. Sie winkte den Kindern, die Hand in Hand loszogen, noch nach, bis sie im Wäldchen verschwunden waren, war sich aber dabei noch nicht recht klar, ob sie jetzt gleich auf die Moserschenke zusteuern und sich den im Grunde doch recht lästigen Umweg nach dem Mandelhause bis zum Heimweg nach der Vesper aufsparen solle. Da huschte es ihr durch den Kopf, daß sie ja den weit und breit als wunderlich bekannten Meister Eusebius überhaupt noch niemals aufgesucht hatte; immer hatte ihr Mann, und einmal auch Veronika, ihm ausgerichtet, was zu bestellen war. Kaum hatte sie dies gedacht, als sich ihre Schuhspitzen auch schon hügelabwärts drehten. Wer vermöchte nun wohl mit Sicherheit zu sagen, ob die Hübnerbäuerin der Verlockung zur ungesäumten Besichtigung der Schneiderburg nur aus erwachter weiblicher Neugier nachgab, oder ob nicht in diesen Sekunden von ganz woandersher, durch einen unseren Sinnen verborgenen Magnetismus ihr Herz in die Richtung des Mandelhauses gezogen wurde. Wie dem auch sei: der Entschluß der Bäuerin, sich nicht erst in etwa zehn Stunden ihres dem Amadeus gegebenen Versprechens zu entledigen, verhalf dem Mandelschneider zu einem gnädigen, ja glückhaften Ausgang seiner abenteuerlich-bunten Lebensreise. Mit verweintem und ratlosem Gesicht trat ihr im Mandelhause die erst kurz vor ihr dort zu ihrem Tagewerk erschienene Finger-Lene entgegen, die eben nach Hause eilen wollte, um ihre Mutter zu Hilfe zu holen. Mit einem Blick auf das Bett in der Schneiderstube übersah die tüchtige und gescheite Frau, was hier als erstes zu tun war. Sie schickte das Mädel los, den Doktor aus Siebenhufen heranzuholen, wohin es freilich zwei gute Wegstunden waren. Wenn er nicht gerade unterwegs war, konnte er bis gegen Mittag im Mandelhaus eintreffen. Dann wandte sie sich dem kleinen, mageren, fieberglühenden und röchelnden Schneider zu, entkleidete ihn, holte sich aus der Mangelwäsche, was sie an Tüchern für feuchte Umschläge brauchte, und wickelte ihn, der offensichtlich nichts von dem wahrnahm, was um ihn vorging, nicht anders, als wenn er ihr krankes Kind wäre. Erst als er endlich versorgt unter den hochgebauschten Federkissen in dem alten, für ihn viel zu großen Ehebett lag und sie ihm auch etwas Tee eingeflößt hatte, zog sie sich einen Stuhl ans Bett und sah sich in der großen Stube um. Immer wieder wurden ihre Blicke von der großen Kleiderpuppe in der dunklen Stubenecke angezogen, die sie bis jetzt kaum beachtet hatte. Bald war ihr klar, daß es mit diesem sorgfältig hergerichteten Kleiderwesen eine besondere Bewandtnis haben mußte; doch erst, als sie die stehengebliebene, offene leere Kiste mit dem hineingeknüllten Zeitungspapier entdeckt hatte, ging ihr auf, daß es sich um nichts anderes als um die Kleider der seligen Agathe Mandel handeln konnte, in denen sie sie noch selbst, wie sie sich jetzt erinnerte, bei den sonntäglichen Kirchgängen nach Neudeck gesehen hatte. Je länger sie darüber nachdachte, desto gewisser spürte sie, daß der Mandelschneider den Tod seiner Frau bei der Geburt des Amadeus niemals hatte verwinden können und nur davon in jene Wunderlichkeit gestürzt worden war, mit der er sich wohl über den Abgrund seines Grames hinwegspielen konnte, es aber nicht vermocht hatte, ihn zuzuschütten. Auch alles, was sie im Laufe der Zeit über die taubstumme Maruschka und des Schneiders Verhältnis zu ihr hatte munkeln hören, erschien ihr nun in einem gänzlich neuen Licht, und grenzenloses Mitleid mit dem vereinsamten, im Grunde seines Wesens so fröhlichen und liebenswerten Mann zog in ihr Herz. Nun wollte sie erst recht alles tun, ihm wieder auf die Beine zu helfen. Da holte der unbekümmert tickende alte »Seeger«, der zwischen dem Topfschrank und dem großen Kachelofen an der Wand hing, zum Schlage aus. Erschrocken stellte sie fest, daß mindestens schon eine Stunde seit ihrer Ankunft vergangen sein mußte und beeilte sich, dem Schneider, der noch immer wie ein Backofen glühte, den schon salztrocken gewordenen Umschlag zu erneuern. Um nicht weiter untätig an seinem Bett zu sitzen, kramte sie so lange in den Schüben, bis sie ein abgenutztes, schwarzes Gebetbuch gefunden hatte. Als sie es aufblätterte, sah sie aus der Einschritt, daß es der Agathe Mandel gehört hatte, und ohne daß sie hätte sagen können warum, rührte sie das auf eine ganz sonderbare Weise an. Nach einer ganzen Weile, während sie Gebet nach Gebet in sich hineinmurmelte, spürte sie, daß der Kranke seine wie versteckt in dem großen Kopf liegenden kleinen Augen aufgeschlagen hatte und sie unverwandt anblickte. Unwillkürlich erschrocken, fast als hätte der Schneider sie bei etwas Unrechtem ertappt, drückte sie das Gebetbuch an ihre Brust, nur die Schlußworte des Vaterunser, das sie gerade vor sich hingesprochen, glitten ihr etwas lauter von den Lippen: »... und erlöse uns von allen Übeln, Amen!« Da stockte ihr buchstäblich das Herz, denn der Mandelschneider, in seinem Fieberwahn, hielt die Gestalt, die da ganz nahe seinem Gesicht, mit ihrem glatt in der Mitte gescheitelten Haar und ihrem langen, ruhigen Gesicht, das Gebetbuch in Händen, an seinem Bette saß, für das Wesen, das er sich noch ein einziges Mal hatte in sein Leben beschwören wollen. Mit Anstrengung hob er den Kopf und hauchte mit ausgehendem Atem, aber wie verzückt, zweimal: »Agathe ... Agathe.« Dann fielen ihm die Augen zu, der Kopf sank in die Kissen zurück, und Christoph Eusebius Mandel hatte heimgefunden in jenes Reich des Friedens und der Glückseligkeit, das allen Menschen auf Erden von der Stunde ihrer Geburt an bereitet ist.