Esaias Tegnér Frithjofs-Sage Übersetzung von G. Mohnike neu bearbeitet von Peter Johann Willatzen.   Dreiundzwanzigste Auflage   Halle. Hermann Gesenius. Vorbemerkung. Von Tegnérs Frithjofs-Sage hatte ich bereits eine Anzahl Gesänge übertragen, und zwar einige derselben seit Jahren, als mein Herr Verleger den Wunsch äußerte, die Mohnikesche Übersetzung dieses Gedichtes einer sorgfältigen Bearbeitung durch mich unterzogen zu sehen und sie in dieser Form als Bestandteil in meine deutsche Ausgabe der »Poetischen Werke« Tegnérs aufzunehmen. – Erst widerstrebte ich diesem Ansinnen, da ich selbständig schon so weit mit der mir besonders lieb gewordenen Arbeit vorgeschritten war, und ich glaube, daß meine anfänglichen Bedenken ihre Berechtigung hatten. Ich sagte mir aber, daß es der Frithjofübersetzungen bei uns nachgerade genug gebe, und ferner mußte ich gestehen, daß der alte Mohnike es wohl verdiene, daß sein Name in Ehren bleibe, da an Treue keiner seiner Nachfolger ihn erreicht hat. Bei seinem gänzlichen Mangel an musikalischem Verständnis, der Unbeholfenheit seiner Diktion, die so auffallend gegen das Original absticht, war die mir gestellte Aufgabe keineswegs eine leichte, und natürlich habe ich Mohnike zu liebe nichts an meiner eigenen Arbeit geändert; mit den übrigen Gesängen ist jedoch eine so gründliche Umwandlung vorgenommen, daß jeder Vergleich den Beweis liefert, wie hingebend ich mich meiner Aufgabe widmete. W. I. Willatzen. Erster Gesang. Frithjof und Ingeborg. Es wuchsen in getreuer Hut Zwei Pflanzen einst auf Hildings Gut. Nie war zuvor auf Nordlands Auen Solch wunderherrlich Paar zu schauen. Die eine wie ein Eichbaum sproß. Dem Speer gleicht seines Stammes Schoß; Die Krone rauscht so lind, so leise, Zum Helm gewölbt, des Windes weise. Die andre einem Röslein glich, Das, wenn der Winter eben wich, Noch in der Knospenwiege säumet Und ahnungsvoll vom Lenze träumet. Doch wenn ein Sturm durchrast die Welt, Dann kühn die Eiche stand ihm hält; Wenn Sonnengluten Lenz verkünd'gen, Erschließt die Ros' ihr Purpurmündchen. So wuchs bei Scherz und Spiel das Paar. Die junge Eiche Frithjof war, Schön Ingborg hieß jedoch die Rose In dieses Thales grünem Schoße. Sähst du die zwei im Sonnenstrahl, Du wähntest dich in Freias Saal, Wo Liebende, im Goldhaar Rosen, Purpurbeschwingt sich haschend kosen. Doch sähst du sie im Mondenschein Im grünen Hain beim Ringelreih'n, Dir wär's, als wenn im bleichen Glanze Elfkönig mit der Königin tanze. So traut war's Frithjof und so lieb, Als er die erste Rune schrieb: Kein König schien ihm gleich an Ehren – Die Rune mußt' er Ingborg lehren. Wie schön, wenn übers dunkle Meer Mit ihr im Boot er fuhr daher, Und wenn sie dann beim Segelwenden Klascht' mit den kleinen weißen Händen! Zu hoch kein Nest auf Baum und Joch: Für Ingeborg erklomm er's doch; Zum Adlerhorst selbst aufgeschwungen, Bracht' er die Eier ihr und Jungen. Stob auch der Wildbach sonder Rast, Hindurch trug er die süße Last; Wie schön, wenn in des Tobels Branden Die weißen Ärmchen ihn umwanden! Die erste Blum' an Baches Rand, Die erste Erdbeer', die er fand, Die erste Ähre, reif und golden, Die bot er Ingborg, seiner Holden. Doch schnell entflieht die Kinderzeit. Bald steht ein Jüngling vor der Maid Mit Glut im Blick und voll Verlangen, Und sie erbebt in süßem Bangen. Oft zog jung Frithjof aus zur Jagd, Die andre hätte grau'n gemacht: Der Kühne! sonder Speer und Klingen Liebt' er es, Bären zu bezwingen. Dann kämpften Brust sie gegen Brust, Und Frithjof bracht' in heller Lust, Wenn auch oft blutend, ihr die Beute, Und stolz sich Ingborg dessen freute. Denn Mannesmut das Weib stets ehrt; Das Starke ist des Schönen wert: Wie Helm und Stirn, so passen beide Zusammen sie in Lust und Leide. Doch las er in der Winternacht Beim Schein, den Herdesglut entfacht, Von Göttern und Göttinnen allen In Odins strahlenreichen Hallen, Dann dacht' er: »Freias Goldhaar fliegt, Wie sich im Wind ein Kornfeld wiegt; Ein golden Netz, umrahmen lose Auch Ingborgs Locken Lilj' und Rose. »Idunas Busen, schön und reich, Wogt unter grüner Seide weich, Doch lächeln unter andrer Seide Lichtelfen zwei, wie Röslein beide. »Und Friggas Augen sind wohl blau, Gleichwie der Himmel ob der Au; Doch kenn' ich Augen, ach, vor denen Wir Nacht das Licht des Lenzes wähnen. »Wie frischer Schnee bei Nordlichtschein, So sollen Gerdas Wangen sein: Zwei Morgenröten aber flammen Auf Wangen, die ich sah, zusammen, Ich weiß ein Herz, das Nannas gleich An Lieb', nur nicht an Ruhm so reich, O Balder, der einst die errungen, Wohl wird mit Recht dein Glück besungen! Wie du, wär' ich zum Tod bereit, Beweinte mich so treue Maid; Ja, Hel, dein wär' ich sonder Bangen, Dürft' eine Nanna ich umfangen!« – Die Königstochter aber hob Ein Heldenlied an, wenn sie wob, Und wob ein Bild alsdann des Kühnen In Wogenblau und Waldesgrünen. Dann wuchs auf weißem Wollengrund Der goldnen Schilde blankes Rund, Rot flogen Lanzen hin und wieder Im Kampf auf Silberpanzer nieder. Doch wie sie wob: der Recke trug Stets Frithjofs Antlitz, Zug um Zug, Und sie, gewahrte sie's beim Weben. Errötete – vor Freude eben. Und Frithjof schnitt im Birkenhain Ein I und F den Rinden ein; Verbunden so die Runen standen, Wie längst sich ihre Herzen fanden. Und prangt der Tag am Himmel klar, Weltkönig mit dem goldnen Haar, Wenn Leben pulst, wenn Menschen wandern, Denkt eines treulich nur des andern. Und prangt die Nacht am Himmel klar, Weltmutter mit dem dunkeln Haar, Wenn Schweigen herrscht, wenn Sterne wandern. Dann träumen sie nur eins vom andern. »Du Erde, die sich stets, wenn's lenzt, Das grüne Haar mit Blumen kränzt, Laß mich zum Kranz die schönsten pflücken, Um Frithjofs Stirn damit zu schmücken!« »»Unendlich Meer, des dunkler Saal An Perlen reich ist ohne Zahl, O, laß die herrlichsten mich finden, Um Ingborgs Hals will ich sie winden!«« »Du Knauf an Odins Königsthron, Weltauge Sonn' in ew'gen Loh'n, O, wärst du mein: fürs Schlachtgefilde Dann gäb' ich Frithjof dich zum Schilde!« »»Du Mond mit deinem bleichen Strahl, Der Ampel gleich im Göttersaal, O, wärst du mein, gäb' zum Geschmeide Ich dich der lieblichsten der Maide!«« Doch Hilding sprach: »Mein Pflegesohn, Hier ist nur Leid der Liebe Lohn. Laß ab von ihr, hör', ich befehl' es! Bedenk': die Tochter König Beles! »Zu Odin – ungezählt fürwahr! – Hinauf reicht ihrer Ahnen Schar; Du, der nur Thorstens Sohn, mußt weichen, Denn Gleiches fügt sich nur zum Gleichen.« Doch Frithjof lacht: »»Zum Todesthal Hinab reicht meiner Ahnen Zahl. Waldkönig Bär fällt' ich – beim Sterben Ließ er mich Fell und Ahnen erben. »»Der Freie thut, was ihm gefällt; Des Freigebornen ist die Welt. Was Glück versah, giebt Glück zum Lohne; Hoffnung trägt eine Königskrone. »»Nur Kraft hebt aus dem Staub empor, In Thrudwang wohnt ihr Ahnherr Thor; Der mißt die Welt nach ihrem Werte – Ein mächt'ger Freier steckt im Schwerte. »»Ich kämpf' um meine junge Braut, Und selbst vorm Donn'rer mir nicht graut. Du Lilie, bleib getrost im Leiden! Weh dem, der dich und mich will scheiden!«« Zweiter Gesang König Bele und Thorsten Wikingssohn König Bele stand im Hochsaal,      gestützt aufs Schwert, Und bei ihm Thorsten Wikingssohn,      der Bonde wert, Der zählt', sein Waffenbruder      im Silberhaare, Vielnarbig wie ein Runstein,      fast hundert Jahre. Sie standen, wie im Thale      zwei Tempel stehn, Geheiligt Heidengöttern,      doch im Vergehn, An deren Wänden Runen      der Weisheit prangen, Und die von Tagen künden,      die längst vergangen. Und Bele sprach, der König:      »Die Nacht kommt her; Der Met will mir nicht munden,      der Helm dünkt schwer; Das Leben rückt mir ferner      mit seinen Bahnen, Und näher scheint Walhall      mir im Todesahnen. »Drum rief ich meine Söhne      und deinen her, Gehören doch zusammen      stets sie und er. Ich will noch warnend mahnen      der Aare jeden, Eh' toten Mannes Zunge      verlernt das Reden.« Da traten in den Saal sie      nun nach Befehl; Der erste, Helge, blickte      so scheu, so scheel; Am liebsten mit den Priestern      stets im Vereine, Kam jetzt mit blut'ger Hand er      vom Opferhaine. Dann kam der junge Halfdan      im Lockenhaar, Der edel wohl von Antlitz      doch weichlich war. Ihm schien das Schwert am Gurt nur      zum Spiel zu dienen; Er, nach der Rüstung Recke,      war Maid an Mienen. Zuletzt, im blauen Mantel,      trat Frithjof ein. Er mocht' um Hauptes Länge      wohl höher sein Und glich, so neben ihnen,      dem Tagsgefunkel Bei ros'gem Frühlingsmorgen      und Waldnachtsdunkel. »Ihr Söhne,« sprach der König,      »mein Tag sinkt hin, Nun herrscht nach mir in Eintracht      mit Brudersinn. Eintracht macht stark, sie gleichet      dem Ring der Lanze, Die nichts ohn' ihn: die Eintracht      erhält daß Ganze. »Die Kraft bewach' als Hüter      des Landes Thor, Im Innern blüh' der Frieden      im vollen Flor. Das Schwert soll nur beschirmend      den Feind bekriegen, Der Schild vor Bauernscheunen      als Thürschloß liegen. »Sein Volk bedrücket nur ein      bethörter Mann, Denn das nur kann der König,      was jenes kann. Es muß der Wipfel welken,      sobald dem Stamme Das Mark verdorrt auf nacktem      Gebirgeskamme. »Vier Säulen stützen sicher      des Himmels Rund –: Der Thron ruht einzig      nur auf Gesetzes Grund. Geht Macht vor Recht am Thinge,      muß Unheil kommen, Denn Recht bringt Ruhm dem König,      dem Lande Frommen. »Die Götter, Helge, wohnen      im goldnen Haus, Doch nicht wie Schnecken enge      so überaus; So weit die Stimmen lauten      und Sonnen lohen Und die Gedanken fliegen,      da sind die Hohen. »Des Opferfalken Lunge      täuscht oft genug, Und manche Balkenrunen      sind nichts als Trug. Ein redlich Herz, o Helge,      mit offnen Zügen, Schrieb Odin voll mit Runen,      die nimmer trügen. »Sei hart nicht, König Helge,      doch immer fest, Wie ja der Schwerter bestes      sich biegen läßt. Es schmückt die Huld den Fürsten,      wie Blumen Schilde, Und mehr als Winterstrenge      schafft Lenzesmilde. »Zu Grund' geht jeder,      dem es an Freunden fehlt, Dem Stamm gleich, dem die Rinde      wird abgeschält; Wer freundreich, gleich dem Baume,      der reich an Blättern, Des Wurzeln Wässer tränken      im Schutz vor Wettern. »Sei stolz nur auf die Ehre,      die du gewannst; Dein Bogen ist nur jener,      den selbst du spannst, Was kann dir frommen andrer      begrabne Ehre? Der starke Strom bahnt Weg sich      durch weite Meere. »O Halfdan, Frohsinn ziert auch      den weisen Mann, Doch Tändeln steht vor allem      nicht Kön'gen an. Im Met braut man zum Honig      der Hopfen viele: Nimm Stahl zum Schwert, o König,      füg' Ernst zum Spiele. »Zu vielen Witz hat keiner,      ob Mann, ob Greis, Doch weiß zu wenig jeder,      der gar nichts weiß. Den Dummen ehrt kein Hochsitz,      dem Gast von Witze Lauscht alles gern beim Feste,      wo er auch sitze. »Zum Waffenbruder, Halfdan,      ist nah der Pfad, wie fern auch seine Wohnung      der treue hat; Ob auch an deiner Straße,      liegt doch dagegen Der Hof des Feindes immer      weit abgelegen. »Nicht jedem traue, welcher      von Treue spricht: Das leere Haus steht offen,      das reiche nicht. Wähl' einen Freund, der Treue      dir mag bewahren: Was dreie wissen, wird auch      die Welt erfahren.« – Und Thorsten trat hervor nun:      »Das soll nicht sein, Daß ich zu Odin lasse      dich gehn allein, wir teilten, König Bele,      stets Lust und Leiden, Im Tod auch, hoff' ich, bleiben      vereint wir beiden. »Sohn Fritjof, sieh, das Alter,      das raunte mir Ins Ohr so manche Warnung,      vernimm sie hier. Auf Grabhöh'n, wohnt im Norden      hier Odins Rabe, Wie auf dem Mund des Greisen      des Wortes Gabe. »Vor allem ehr' die Götter!      Nur sie verleih'n Unglück und Glück, Sturmwetter      und Sonnenschein. Geheimste Tiefen wissen      sie zu erkunden Und lange Jahre büßen      die Schuld von Stunden. »Gehorch dem König! Einem      gebührt die Macht, Wie tags am hohen Himmel       ein Auge wacht. Der Bess're folgt dem Besten,      weiß nichts von Neide. Scharf Schwert bedarf des Griffs auch,      nicht bloß der Schneide. »Wohl ist Geschenk der Götter      des Kriegers Kraft, Doch sonder Klugheit selten      sie Segen schafft. Ein Mann erschlägt den zwölfmal      so starken Bären, Schutz vor Gewalt mag Schild      und Gesetz gewähren. »Furcht weckt der Stolze wenig,      Haß überall, Und Hochmut kommt, o Frithjof,      stets vor dem Fall. Hoch sah ich manchen fliegen,      des jetzt die Krücke; Die Luft gebeut den Saaten,      der Wind dem Glücke. »Den Tag, o Frithjof,      preise vorm Abend nie, Bier nach dem Trunk, den Rat nur,      wenn er gedieh; Der Jüngling trauet arglos      so manchem Dinge, Erst Not erprobet Freunde      und Kampf die Klinge. »Vertrau nachtaltem Eise      und Lenzschnee nie, Der Schlang' im Schlaf', dem Lieb      nicht auf deinem Knie, Denn Weiberlaune läßt sich      von keinem zügeln, Und Wankelmut nur wohnet      in Lilienhügeln. »Du selber stirbst, und alles,      was dein, verweht, Doch weiß ich eines, Frithjof,      was nicht vergeht: Das ist der Ruhm des Recken,      der ging zur Ruhe, Drum wolle nur, was edel,      was recht, das thue!« – So warnten ernst die Greise      im Königssaal, Wie Skalden später sangen      im Hawamal. Geschlecht hat nach Geschlecht fromm      gelauscht den Worten, Der Wind raunt sie an Grabhöh'n      noch nächtens dorten. Drauf sprachen ferner beide      manch herzlich Wort Von ihrer treuen Freundschaft,      berühmt im Nord, wie tapfer sie zusammen      allzeit gehalten In Freud' und Leid, gleich Händen,      wenn sie gefalten. »Sohn, Rücken gegen Rücken      wir hielten Stand, So war ein Schild der Norne      stets zugewandt. Nun eilen nach Walhalla      vor euch wir Alten, Mag stets der Geist der Väter      in euch auch walten.« – Und viel noch sprach der König      von Frithjofs Mut, von Heldenkraft, die mehr sei      als Königsblut, Und viel von Glanz sprach Thorsten,      der ewig kröne Des Nordens hohe Fürsten,      die Asensöhne. »Und wollt ihr drei getreulich      zusammen stehn, Dann wird euch überwunden      der Nord nie sehn, Denn Kraft und Königshoheit,      vereint mit Milde, Ist wie der blaue Stahlrand      am goldnen Schilde. »Grüßt nun die Rosenknospe,      mein Töchterlein, In Stille aufgewachsen,      wie das soll sein; Umhegt sie, daß wenn Sturmwind      sie auch umwüte, Er an den Helm nicht hefte      die zarte Blüte. »Dir, Helge, übertrag' ich      des Vaters Macht: Ingborg sei dir wie Tochter,      hab ihrer acht, Zwang reizt den Sinn der Edeln,      doch sanfte Lehre Lenkt Weib und Mann, o Helge,      zu Recht und Ehre. »Wölbt nun uns an der Meerbucht      der Hügel zwei, Daß einer gegenüber      dem andern sei. Die Geister werden gern dann       den Wogen lauschen, wenn wie ein Heldenlied sie      am Strande rauschen. »Streut aufs Gebirg' der Mond      dann den bleichen Schein Und netzt der Tau der Mittnacht      den Bautastein, Dann sitzen wir, o Thorsten,      dort manche Stunde Und tauschen überm Wasser      geheime Kunde. »Und nun lebt wohl, ihr Söhne!      Zum letztenmal! Wir sehnen uns nach Walhall,      nach Odins Saal, Wie müde Ströme sehnend      zum Meer hinstreben. Heil mögen Frei und Odin       und Thor euch geben.« Dritter Gesang. Frithjof tritt sein Erbteil an. Waren nun, wie sie's gewollt, der König und Thorsten der Alte Beigesetzt in den Hügeln: an jeder Seite der Meerbucht wölbte das Rund sich des einen, zwei Brüste, geschieden im Tode. Helge und Halfdan beherrschten laut Volkes Beschluß nun gemeinsam Nach dem Vater das Reich; doch Frithjof als einziger Sprößling Teilte mit keinem und nahm in Frieden Besitz so von Framnäs. Rings drei Meilen weit dehnten die Äcker sich seines Gehöftes, Thäler und Höhen an dreien, das Meer an der vierten der Seiten. Birkenwald krönte die Hügel, doch rings auf sonnigen Halden Reifte üppig das Korn, und manneshoch wogte der Roggen. Bergen zum Spiegel hier dienten der friedlichen Seeen gar viele, Hielten dort Wäldern ihn vor, wo Elche mit mächt'gen Geweihen Königlich schritten einher, getränkt von zahlreichen Bächen; Aber es gras'ten ringsum in den Thälern auf grünenden Triften Glänzende Rinder in Menge, mit Eutern, gewärtig des Eimers, Während dazwischen die Schafe mit schneeweißschimmernden Fließen Weideten zahllos schier, wie du hoch am Himmelsgewölbe Haufenweis flockige Wölkchen im Hauche des Lenzes siehst wallen. Rot durchflochten die Mähnen, und blank beschuhet die Hufe, Drängten sich wild an den Raufen voll duftenden Heues der Rosse Zweimal zwölfe, laut wiehernd und stampfend, gefesselte Winde. Einsam ragte der Trinksaal, gebaut von fichtenem Kernholz. Nicht fünfhundert der Gäste, zu zehnmal zwölfen das Hundert, Füllten den mächtigen Raum bei frohen Gelagen am Julfest. Ganz durch die Länge des Saales hin zog sich die eichene Tafel, Blank gebohnt wie von Stahl; doch als Pfeiler standen am Hochsitz – Kunstvoll aus Ulmen geschnitzt – zwei gewaltige Göttergestalten: Odin gebietenden Blicks, und Frei, die Sonn' auf dem Haupte. Jüngst saß zwischen dem Paar auf dem Bärenfell (welches schier kohlschwarz, Scharlach gefärbt der Rachen, die Klau'n von geschmiedetem Silber) Thorsten im Kreise der Freunde, wie Gastlichkeit neben der Freude. Oft, wenn der Mond durchs Gewölk hinzog, erzählte von Wundern Fremder Länder der Greise, und von seinen Wikingerfahrten Fern auf den Wogen der Ostsee, im Westmeer, so wie in Gandwik. Stumm dann hing wohl der Blick der Lauscher am Munde des Alten, Wie an der Rose die Biene; und Bragas gedachte der Skalde, Wie – auf den Lippen die Runen – er sitzet im Silberbarte Unter der Buche Gewölb' und Sagen erzählet an Mimers Ewig murmelndem Quell, er selbst eine lebende Sage. Mitten auf halmenbestreueter Diele entloheten fröhlich Flammen gemauertem Herd, und durch den luftigen Rauchfang Lugten herein in den Saal die Sterne, die himmlischen Freunde; Doch an den Wänden umher, mit stählernen Nägeln gefestet, Hingen Panzer und Helme, und hier und dorten dazwischen Blitzte hernieder ein Schwert wie ein Sternschuß in Nächten des Winters. Mehr noch glänzten als Panzer und Helm' im Saale die Schilde, Blank wie des Tages Gestirn, wie des Mondes silberne Scheibe. Schritt um den Tisch eine Maid, den Zechern die Hörner zu füllen, Hold errötenden Blicks, dann errötete lieblich ihr Bild auch Rings auf den Schilden zumal – das ergötzte die zechenden Recken. – Reich war das Haus: wohin auch du schautest, gewahrte dein Auge Voll so Keller wie Schreine und voll bis zum Giebel die Speicher. Manches Kleinod auch barg es, die Beute errungener Siege, Gold, mit Runen geschmückt, und kunstvoll getriebenes Silber. Aber es galten zumal von dem Reichtum drei Dinge am höchsten: Allem voran war das Schwert, das der Vater dem Sohne vererbte, Angurwadel, so hieß es, genannt auch »Bruder des Blitzes«. Fern einst im Lande des Morgens geschmiedet (so wollte die Sage), War es von Zwergen gestählt und Björn erst zu eigen, dem Blauzahn. Doch mit dem Schwerte zugleich verlor der Riese das Leben, Als er im Gröningersund mit Wifell dem Mächtigen kämpfte. Wifells Sohn hieß Wiking. – Bejahrt und gebrechlich, bewohnte Damals Ullraker ein König mit seiner erblühenden Tochter. Plötzlich erstand aus der Tiefe der Wälder ein schrecklicher Hüne, Übermenschlich an Größe und zottig und rohen Gebahrens, Heischete Zweikampf oder das Reich samt der Tochter des Königs. Keiner vermaß sich des Kampfs, denn des Riesen Schädel zu spalten (Eisenkopf nannte man ihn), im Lande sich nirgends ein Schwert fand; Wiking nur, fünfzehnjährig erst, wagt's, der Kraft seines Arms und Angurwadel vertrauend, und siehe! das grausige Scheusal Hieb er mitten hindurch, also die Schöne befreiend. Wiking vererbte das Schwert auf Thorsten, den Sohn, und von Thorsten Kam es auf Frithjof. Wenn dieser es zog, dann flammt' es im Saale, Wie wenn jählings ein Blitz ihn durchzucke oder ein Nordlicht. Pures Gold war der Griff, doch geschmückt war die Klinge mit Runen, Seltsamen, fremd unserm Nord, nur bekannt an den Thoren der Sonne, Wo einst die Väter gewohnt, eh' herauf die Asen sie führten. Waltete Frieden im Lande, nur matt dann erglänzten die Runen, Aber wenn Hildur ihr Spiel begann, dann glühten sie alle Rot wie des Hahnen Kamm, wenn er kämpft. Verloren war jeder, Hielt er Stand in der Schlacht dem Stahl mit den flammenden Runen. Weithin berühmt war das Schwert und der Schwerter bestes im Norden.     Diesem zunächst an Wert und berühmt war ein herrlicher Armring, Welchen der nord'sche Vulkan, der hinkende Waulund, geschmiedet; Drei Mark schwer an Gewicht, bestand er aus lauterem Golde. Drauf war der Himmel zu schaun mit der zwölf Unsterblichen Burgen, Wechselnder Monde Bild, doch Sonnenhaus nannten's die Skalden. Alfheim erblickte man dort, Freis Burg, die Sonne, die freudig Himmlische Höhen verjüngt zu erklimmen beginnt um die Julzeit. Söquabäck sah man dort auch, wo Odin bei Saga im Saale Wein trank aus goldenem Kelch, und dieser Kelch ist das Weltmeer, Goldig von Gluten des Morgens, die Saga ist aber der Frühling, Auf ein grünendes Feld mit Blumen statt Runen geschrieben. Balder auf prangendem Thron, der Mittsommersonne, auch sah man, Gießend vom Himmel herab den Segen, ein Sinnbild des Guten, Denn das Gute ist strahlendes Licht und Dunkel das Böse. Immer zu steigen, ermüdet die Sonne; das Gute desgleichen Schwindelt auf ragender Höh', und seufzend sinken sie beide Wieder zu Hel hinab: das ist Balders lodernder Holzstoß. Glitner dann sah man, die Burg des Friedens: jegliches schlichtend Saß, in der Hand die Wage, Forsete, der Richter beim Herbstthing. Diese Bilder und viele noch sonst, die Kämpfe des Lichtes Droben am Himmel und tief im Gemüte des Menschen bezeichnend, Ritzte des Meisters Geschick in den Ring. Ein prächt'ger Rubinknopf Krönte den köstlichen Reif, wie die Sonne krönet den Himmel. Lang' war der Ring beim Geschlecht; als Erbteil weiblicher Seite, Ward zurück er geleitet auf Waulund, den Ahnherrn des Stammes. Einst jedoch wurde das Kleinod gestohlen von Sote, dem Räuber, Welcher die nördlichen Meere durchschweifte. Später verscholl er. Endlich taucht' auf das Gerücht, daß Sote am Strande von Bretland Lebend mit Schiff und mit Gut ein gemauertes Grab sich erkoren, Aber dort Ruhe nicht finde; beständig dort spuk' es im Hügel. Thorsten vernahm's, und alsbald den Drachen bestieg er mit Bele, Schäumende Wogen durchfurchend, und steuerte hin zu der Stelle. Weit wie ein Tempelgewölb', eine Königsburg, welche verschüttet Liegt unter grünendem Rasen, so hob sich der mächtige Hügel. Lichtschein flimmert' heraus. Durch die Spalten der Pforte nun lugend, Schauten die Kämpen hinein, und mit Ankern und Masten und Rahen Stand da das Wikingerschiff; doch hinten zuhöchst an dem Steven Saß eine grause Gestalt, im Flammenmantel ein Recke. Grimmig saß er, bemüht das Blut von der Klinge zu reiben, Was ihm doch nimmer gelang. Das Gold all, das je er gestohlen, Lag rings in Haufen umher, doch den Goldring trug er am Arme. »Steigen wir,« flüsterte Bele, »hinab und bekämpfen zu zweien Dieses scheusäl'ge Gespenst?« Doch zornig entgegnete Thorsten: »Einer mit einem war Sitte der Väter – ich kämpfe alleine!« Lange zankten sie nun, wem zuerst es gebühre zu steh'n in Diesem gefahrvollen Kampfe; doch schließlich nahm Bele den Stahlhelm, Schüttelnd zwei Lose darin, und beim matten Scheine der Sterne Zog nun Thorsten das seine. Ein Stoß von der eisernen Lanze Sprengte so Riegel wie Schloß; doch fragte ihn jemand wohl später, Was in der nächtlichen Tiefe geschehen – erschaudernd dann schwieg er. Anfangs vernahm zwar der König ein Lied voll grausigen Zaubers, Dann jedoch rasselnden Laut, wie wenn Klingen sich kreuzen im Zweikampf, Endlich entsetzlichen Schrei ... nun schwieg es. Und Thorsten – ha! – stürzte Bleich heraus und verstört, denn er hatte gekämpft mit dem Tode. Doch –: er hielt ihn, den Ring. »Er ist teuer erkauft,« sprach er oft, »denn Einmal\</k\> erbebt' ich im Leben – das war, als den ich genommen!« Weit berühmt war der Schmuck, im Norden das hehrste Geschmeide. Schließlich besaß das Geschlecht ein Kleinod, ein Schiff war's »Ellida«. Einst als Wiking – so sagt man – heimkehrend von blutigem Heerzug, Segelte längs dem Gestade, da sah er auf treibendem Schiffswrack Schaukeln und kühn mit den Wogen fast spielend, hinziehn einen Menschen. Hoch war der Mann und von edler Gestalt und von offenem Antlitz, Froh, doch veränderlich auch, wie das Meer im Glanze der Sonnen. Blau war der Mantel, der Gurt von Golde, besetzt mit Korallen, Weiß sein Bart wie der Woge Schaum, doch meergrün das Haupthaar. Wiking lenkte sein Schiff dorthin, den Armen zu bergen, Nahm den Erfror'nen mit heim und verpflegt' ihn als Gast im Gehöfte. Aber als abends der Wirt ihn zu Bett lud, da lachte der Fremde: »Gut ist der Wind, und mein Schiff, wie du siehest, ist nicht zu verachten; Hundert Meilen, so hoff' ich, werd' ich heut' Abend noch fahren. Dank für den gastlichen Schutz, den wohlgemeinten; ich gäbe Gern dir ein Zeichen desselben, mein Reichtum liegt aber im Meere. Morgen entdeckst du vielleicht trotzdem am Strand eine Gabe.« Tags drauf stand nun am Meere Wiking, und sieh! wie ein Seeaar, Wenn seinen Raub er verfolgt, so flog in die Föhrde ein Drachschiff. Führerlos schien's, nicht einmal ein Steuermann war zu entdecken; Kreuzend fand es den Weg doch zwischen den Schären und Riffen, Gleichwie von Geistern gelenkt. Und als es dem Ufer sich nahte, Refften die Segel sich selbst; ohn' Hilfe von menschlichen Händen Sank der Anker hinab und bohrte sich fest in den Meergrund. Stumm stand Wiking und sah's, doch da sangen die spielenden Wogen: »Ägir, zum Dank für den Schutz, entsendet als Gabe den Drachen.« Königlich war das Geschenk. Die gebuchteten eichenen Planken Waren gefugt nicht wie andre, nein, waren zusammengewachsen. Langgestreckt war das Schiff, wie ein Meeresdrache; am Bug vorn Hob er dräuend sein Haupt, im Schlunde rotgoldige Flammen; Blau, gesprenkelt mit Gelb, war der Bauch, doch nach hinten am Ruder Bog er aufwärts in Ringeln den Schweif, den silbergeschuppten. Spannt' er all seine schwarzen, von Rot umrandeten Schwingen, Dann mit dem sausenden Sturm wettflog er, der Aar blieb dahinten. Füllten gewappnete Männer das Schiff, du wähntest zu sehen Schier eine schwimmende Burg, wenn nicht gar die Stadt eines Königs. Weit berühmt war das Schiff, war der Schiffe bestes im Norden.     Dieses und noch weit mehr ererbte Frithjof vom Vater. Kaum in nordischen Landen gab's je einen reicheren Erben, 's wär' denn der Sohn eines Königs, denn Königsgewalt ist das höchste. Wenn auch nicht fürstlichen Stammes, so war er doch fürstlichen Sinnes, Huldvoll, edel und mild, und täglich mehrte sein Ruhm sich. Kämpen hatte er zwölf, grauhaarige, Kriegesgenossen Schon seines Vaters, mit stählerner Brust und narbiger Stirne. Unterst saß zwischen den Kämpen ein Jüngling. Gleichaltrig mit Frithjof, Glich er der Rose beim welkenden Laube – Björn war sein Name – Froh wie ein Kind, aber fest wie ein Mann, war ein Greis er an Weisheit. Aufgewachsen zusammen, Milchbrüder, hatten sie beide Nach dem Gebrauche des Nordens ihr Blut gemischt und geschworen Treue in Lust und in Leid und einander zu rächen im Tode .... Unter der Menge der Kämpen und Gäste saß Frithjof beim Grabtrunk, Saß als ein trauernder Wirt, im Auge schimmernde Thränen, Trank nach Vätergebrauch zum Gedächtnis des Vaters und hört' ihn Preisen im Liede der Skalden, in donnernder Drapa; dann stieg er Auf zu dem Sitze des Vaters, der sein jetzt, und setzte sich zwischen Freis und Odins Gebilden – Asathors Platz ist's in Walhall. Vierter Gesang. Frithjofs Brautwerbung. Zum Preise der Ahnen ertönt beim Mahl Von Skaldenliedern wohl Frithjofs Saal,             Doch Freude bringen Mag dies ihm nimmer – er lauscht nicht dem Singen. Und schmückt auch die Erde sich grün und hehr, Und schwimmen auch Drachen wieder aufs Meer:             Im Mondenscheine Durchirrt er, der Sohn des Helden, die Haine. Jüngst war gleichwohl ihm so wonnig zu Mut, Als die Königsbrüder zu Gast er lud,             Und nun mit ihnen Die schöne Schwester zugleich war erschienen. Er saß ihr zur Seiten, er drückt' ihr die Hand, Und heimlichen Gegendruck leis er empfand,             Und an den Zügen, Den holden, hing er mit sel'gem Genügen. Da hielten sie über die Tage Schau, Wo die Welt ihnen lag im Morgentau:             Beim Kinderspiele Wie blühten ihnen der Rosen einst viele! Sie gemahnt' ihn an Thal und Flur, an den Hain, Wo die Runen er schnitt in die Rinden ein,             Ans Grab des Hünen, Ob dem die Eichen so üppig grünen. »In der Fürstenburg bin ich nie so froh, Denn Halfdan ist kindisch und Helge so roh.             Die Königssöhne Vernehmen nur knechtische Schmeicheltöne. »Und Klagen?« – sie sah ihn errötend an – »Wer ist, dem man dort sie vertrauen kann?             Im Königssaale Wie schwül doch gegen Hildings Thale! »Die Tauben, die einst wir gehegt, die so zahm, Entflogen, als der Habicht kam;             Ein Paar alleine Noch blieb mir: o nimm doch von dem die eine! »Sie fliegt dann heim wohl, ohne zu ruhn, Zum Freund sich hinsehnend – wie's andre thun.             Mir Gruß zu bringen, Bind' heimlich Runen ihr unter die Schwingen.« Sie flüsterten so tagüber lang' Und flüsterten noch, als die Sonne sank,             Wie Abendwinde Wohl flüstern im Lenz mit dem Laub der Linde. Doch nun ist sie fort, und Frithjofs Mut Ist mit ihr verschwunden. Das junge Blut             Steigt in die Wangen: Er glüht und seufzt vor stillem Verlangen. Mit dem Täubchen dann schrieb er vom Gram, der so tief, Und freudig entflog's mit dem Liebesbrief;             Doch kehrt' es nimmer, Es blieb getreu beim Geliebten auf immer. Solch Wesen schien Björn gar wunderbar. Er sprach: »Was fehlt unserm jungen Aar?             Warum verschlossen? Ist wund die Brust? Ist die Schwinge zerschossen? »Was soll's, da genug zu Gebot uns steht An Bärenschinken und braunem Met?             Und nun die Menge Der Skalden! Schier endlos sind ihre Gesänge! »Der Streithengst bäumt sich umsonst im Stall, Umsonst nach Raub schrei'n die Falken all'.             In Wolken jagen will Frithjof ja nur, sich verzehrend in Klagen. »Hin drängt es Ellida zum Meere fern, wir sehn sie am Ankertau zerr'n und zerr'n.             Lieg still! Friedfertig Ist Frithjof, Ellida, nicht Kampfes gewärtig. »Ha, Strohtod ist auch ein Tod! Ich muß, wie Odin, ihn selbst mir wohl geben zum Schluß.             Mit Hohnwillkommen Dann werden von Heia wir aufgenommen.« – Den Anker Ellidas Frithjof nun hob. Das Segel schwoll; die Woge schnob.             Rasch ging's die Pfade Zur Königsburg drüben am Felsgestade. Thing hielten die Fürsten gerade zur Zeit Auf Beles Hügel und schlichteten Streit,             Doch laut vor allen ließ Frithjof die Stimme nun weit erschallen: »Ihr Kön'ge, schön Ingborg ist lieb mir und wert. Drum wird sie von mir zur Braut begehrt.             Hold war dem Bunde Schon König Bele im Herzensgrunde. »Er ließ uns, zwei Bäumchen, bei Hilding erblühn, Wo die Wipfel sich einten im Morgenglühn;             Wie so sie standen, Umschlang sie Freia mit goldnen Banden. »Nicht Fürst war mein Vater, nicht Jarl an Rang; Doch sein Lob verkündet der Skalden Gesang,             Und Runen melden Von meines Geschlechts gewaltigen Helden. »Leicht würd' ich erstreiten Reich und Land, Doch bleib' ich lieber am Heimatstrand,             Um da zu stützen Der Könige Burg und die Hütten zu schützen. »Hier stehn wir auf Beles Hügel. Hinab Dringt jedes Wort in des Helden Grab.             Nun sprecht den Segen! Mit mir fleht der Alte – wollt's wohl erwägen!« Da erhob sich Helge und sprach mit Hohn: »Nie wird unsre Schwester dem Bondensohn,             Denn Throneserben Nur dürfen um Walhallstöchter werben. »Laß nur dich schelten den Ersten im Nord, Durch Kraft bann' Männer und Weiber durchs Wort –             Dem Übermute Preis giebt man kein Weib aus Odins Blute. »Meines Reiches nehm' ich mich selber an; Dein bedarf's da nicht – aber sei mein Mann:             Ein Platz ist ledig Beim Hausgesind, den verleih ich dir gnädig,« – »Dein Knecht werd' ich nie!« rief Frithjof drein, »Wie mein Vater will eigner Herr ich sein.             Entfahr' der Scheide Nun, Angurwadel! Sprich du für uns beide!« Auf blitzte das Schwert im Sonnenstrahl, Rot glühten die Runen dran allzumal.             »Du, Angurwadel,« Sprach Frithjof, »du bist doch von altem Adel. »Und wäre der Ort hier kein heiliger Ort, Dich, gekrönter Feigling, zermalmt' ich aufs Wort!             Jedoch empfahe Den Rat, komm' hinfort meinem Schwert nicht zu nahe!« König Helges Goldschild hing am Zweig – Ein Hieb genügte schon, daß er sogleich             Das Prachtstück spalte. Ringsher und tief in den Hügel das hallte. »Ha, brav, mein Schwert! In der Scheide sinn' Auf größ're That nun und birg darin             Die Runengluten! Jetzt heimwärts über die blauen Fluten!« Fünfter Gesang. König Ring. König Ring schob vom Tisch seinen Goldstuhl fort.             Auf sprang da im Kreise Die Schar der Kämpen, zu lauschen dem Wort,             Das berühmt im Nord, Denn wie Balder war fromm er, wie Mimer weise. Es glich sein Land einem Götterhain.             Kein Waffentosen Scholl dröhnend in dessen Frieden hinein;             Auf Flur und Rain sproß üppiges Grün, und es blühten die Rosen. Auf dem Richterstuhl saß Gerechtigkeit,             In Maßen strenge; Der Bauer war jährlich zu Zinsen bereit,             Lag weit und breit Doch im Sonnenschein goldig der Acker Menge. Und Schiffe zogen wie Schwäne durchs Meer             Mit weißen Schwingen, Aus hundert Landen, beladen schwer,             Zu schaffen her, Was Reichtum nur wünscht zu erringen. Zum Frieden war aber auch Freiheit beschert             In froher Einung; Geliebt war des Landes Vater, geehrt,             Der's keinem wehrt Zu sagen des Herzens Meinung. Schon dreißig Winter beherrschte so Ring             Des Nordens Söhne. Mißmutig schlich keiner von seinem Thing,             Und zu Odin ging Gebet stets, daß Segen ihn kröne. Und vom Tisch schob der König den Goldstuhl fort,             Und mit Behagen Erhoben sich alle zu lauschen dem Wort,             Das berühmt im Nord; Doch man hörte seufzend ihn sagen: »Meine Königin atmet nun Volkwangs Luft             Auf Purpurdecken, Und Gras entsprießt schon ihrer Gruft,             Um welche Duft Rings hauchen Rosenhecken. »So gut, so schön find' ich keine fürwahr,             So dem Reich zur Ehren; Ihr wird nun Lohn in der Götter Schar,             Doch das Land und gar Die Kinder der Mutter begehren. »König Bele, den oft ich in diesem Saal             Als Gast empfangen, Er starb – seine Tochter ist meine Wahl,             Die Lilj' im Thal Mit Morgenrot auf den Wangen. »Sie ist jung, und es liebt so junge Maid,             Bei Blumen zu hocken – Ich ging in die Saat schon, die Winterzeit             Hat mir beschneit Des Hauptes spärliche Locken. »Doch sagt ihr zu ein ehrlicher Mann             An Alters Grenze, Und nimmt sie der Kleinen sich mütterlich an,             Gern teilet dann Der Herbst den Thron mit dem Lenze. »So nehmt aus dem Schatz denn Gold für die Braut             Der Kleinode viele; Folgt, Skalden, dem Zuge mit Harfenlaut:             Gesänge traut, Sie ziemen beim Frei'n wie beim Spiele.« – Ein reisiger Zug, so bunt, so lang,             Mit Pauk' und Drommeten! Dazu auch Skalden mit Heldengesang             Und Harfenklang! – Vor König Beles Söhne sie treten. Zwei Tage tafeln sie, tafeln drei,             Welch ein Gelage! Am vierten fragen sie frank und frei,             Was die Antwort sei, Die zu geben es Helge behage, König Helge opfert Fall und Roß             Im grünen Haine Und forscht bei der Wala, beim Priestertroß,             Ob als Eh'genoß, Als der rechte für Ingeborg Ring erscheine. Kein Beifall, mag Helge auch Gaben weih'n!             Umsonst jedwede! Da ruft er, erschreckt durch die Zeichen, sein Nein             Entschieden drein, Denn der Mensch gehorche der Götter Rede, Und Halfdan, der lustige, lachte hell:             »Das Fest ist zu Ende! wär' König Graubart selber zur stell',             Ich hülf' ihm schnell In den Sattel, daß heim er fände.« Erbittert trugen die Mannen fort             Des Schimpfes Märe Zu Ring. Der sprach das stolze Wort:             »Ich will den Hort Schon schirmen von ›König Graubarts‹ Ehre!« Und dröhnend schlug er den Heerschild am Stamm             Der hohen Linde, Und bald eine Flotte von Drachen schwamm             Mit rotem Kamm, Und Helmbüsche nickten im Winde. Der Herold zum Kampf König Helge lud.             Der sprach voll Sorgen: »Vor Rings Gewalt, vor des Krieges Wut             Nur in Balders Hut Ist die Schwester, im Tempel geborgen.« – Und schwermutvoll weilt nun die Jungfrau hold             Im Heiligtume; Sie wirket Seide, sie spinnet Gold,             Doch die Thräne rollt, wie Tau fällt auf die Blume. Sechster Gesang. Frithjof spielt Schach. Björn und Frithjof, die Vertrauten, Saßen vor des Schachbretts Rauten; Prächtig wechselnd waren diese, Blankes Silber hier, dort Gold. Ein trat Hilding ernst, gemessen. »Sei willkommen mir! Indessen Ich mit Björn das Spiel beschließe, Leer' dein Horn, mein Vater hold!« Hilding sprach: »Von Beles Erben Komm' ich, um dein Schwert zu werben, Denn in dieser Zeit der Trauer Hofft auf dich das Land mit Fug.« Frithjof sprach: »Such' dich zu wahren, Björn! Dem König droh'n Gefahren! will sich opfern jetzt ein Bauer, Dazu ist er gut genug!« »»Frithjof, hüte deine Junge! schnell erstarken Adlerjunge; Mögen sie vor Ring auch Zagen, Mächtig sind sie gegen dich.«« »Björn, ich seh', es gilt dem Turme, Aber leicht trotzt' ich dem Sturme, Rückst du vor, um ihn zu schlagen, Zieht er in die Schildburg sich.« »»Ingborg sitzt in Balders Hage Und verweint dort ihre Tage. Denke des, daß es dich sporne: Sie vergeht in Thränen schier.«« »Björn, die Königin willst du jagen? Sie, mein Stern seit früh'sten Tagen, Sie, des Spieles hohe Norne: wie es geht, sie rett' ich mir!« »»Wolle doch mir Rede stehen! Muß ich ungehört denn gehen Aus des Pflegesohnes Pforte Eines Spieles wegen nur?«« Frithjof, da vom Spiele lassend, sprach, des Alten Hand erfassend: »Vater Hilding, meine Worte Kündeten, was ich mir schwur. »Geh', und Beles Söhne lehre: schwer gekränkt an Glück und Ehre, Sag' ich los mich, wie's mag enden, Und zerreiße jeglich Band!« »»Nun, so wandle eigne Bahnen! Ist umsonst auch all mein Mahnen: Odin wird es gnädig wenden!«« Hilding sprach es und verschwand. Siebenter Gesang Frithjofs Glück. Ziehn Hilfe heischend Beles Erben Auch jetzt umher thalaus, thalein: Vergebens um mein Schwert sie werben, Mein Wahlplatz ist in Balders Hain. Zurück denk' ich an Fürstentücken Dann nicht und nicht an Erdensorg', Ich koste göttliches Entzücken Vereint mit meiner Ingeborg. So lang' die Sonn' in stiller Feier Auf Blumen ihren Purpur gießt, Wie jener rosenfarbne Schleier, Der Ingborgs Busen leicht umfließt: So lang' am Meerstrand auf und nieder Irr' ich von Sehnsuchtsqual verzehrt Und ritze in den Sand stets wieder Den teuren Namen mit dem Schwert. Wie schleicht so träge Stund' um Stunde! Sohn Dellings, zögerst du zu gehn? Hast du zuvor denn Inseln, Sunde, Gebirg' und Haine nicht gesehn? Harrt deiner auf des Westens Auen Denn keine Maid mit leisem Flehn, Ihr süß Geheimnis im Vertrauen An deinem Busen zu gestehn? Doch endlich, matt von deiner Reise, Sinkst in die Fluten du zurück; Dann zieht den ros'gen Vorhang leise Der Abend vor der Götter Glück. Von Liebe raunt die Wog' am Strande, Von Liebe säuseln Lüfte sacht –: Im Perlenschmuck, im Brautgewande Willkommen, Göttermutter Nacht! Wie auf den Zeh'n ein Bursch verschwiegen Nun eilet zum geliebten Kind, Soll durch die Bucht Ellida fliegen – Fort schnell' uns, Woge, pfeilgeschwind! O, trage mich zum heil'gen Hagen, Zu guten Göttern trag' mich hin! Dort seh ich Balders Tempel ragen, Der Liebe Göttin weilt darin. Wie froh betret' ich dies Gestade! Ich küsse dich, du teures Land, Und euch am vielgewundnen Pfade, Blaublümlein, die ihr schmückt den Rand! Dein Silber rings auf Heldenmale Und Haine streuend, prangst du, Mond, Wie Saga hehr im Hochzeitssaale Voll träumerischer Schönheit thront. Wer lehrt mein tiefst Gefühl dich lallen, Du Bächlein, das durch Blumen rauscht? Wer lieh euch, Nordlands Nachtigallen, Die Klagen, die mir abgelauscht? Mit Abendrot wohl Alfen malen Mir Ingborgs Bild am Himmel dort, Doch angewandelt von den Qualen Der Eifersucht haucht's Freia fort. Verschwind' es nur, mich soll's nicht kränken! Wie Hoffnung schön, naht selbst sie schon, Treu wie der Kindheit süß Gedenken, Sie naht mit meiner Liebe Lohn. Komm', laß an dieses Herz dich drücken, Geliebte, komm', o komm' zu mir! Nur du allein kannst mich beglücken, In meinen Arm, und ruhe hier! Der Lilie gleich an Wuchs, du Schlanke, Bist du wie Rosen voll erblüht, Rein wie ein göttlicher Gedanke, Warm wie der Busen Freias glüht. Küss' mich, daß nun von meinen Flammen Auch dein Herz sich durchlodern läßt! Sink' Erd' und Himmel nur zusammen, Wenn Lippe sich an Lippe preßt! Nicht sorge, daß Gefahren drohen, Da Björn gewappnet Wache hält; Wenn's not, schirmt er mit kampfesfrohen Genossen wider eine Welt. Wenn ich doch selbst das Glück erführe, Im Kampfe für dich einzustehn! O, hätt' ich dich nur als Walküre, Wie gern würd' ich nach Walhall gehn! Was fürchtest du von Balders Grimme? Der Gott, der fromme, zürnt uns nicht. Wir folgen treu nur seiner Stimme, Die macht uns Liebe ja zur Pflicht. Der Gott, der selbst so treu – sieh's glänzen Auf seiner Stirn wie Sonnenschein! – Einst liebt' er Nanna sonder Grenzen, Wie ich dich liebe treu und rein. Dort steht sein Bild; er selbst ist nahe. Wie mild auf mir sein Auge ruht! Als freudig Opfer denn empfahe Er dieses Herz voll Liebesglut. Knie' hin mit mir, denn bess're Spende Bringt Liebe nie dem Gotte dar, Als Herzen, treu bis an das Ende, So treu, wie einst das seine war. Dem Himmel mehr als dieser Erden Ist meiner Liebe Glut verwandt, Geboren ließ sie jener werden, Und heim strebt sie ins Vaterland. O, wer schon dürfte droben weilen! Ich stürbe froh und sonder Harm, Dürft' ich nur zu den Göttern eilen, Du bleiche Maid, in deinem Arm! Wenn dort die andern Kämpen reiten Aus Silberthoren in die Schlacht, Dann säß' ich still an deiner Seiten Und hätte liebend dein nur acht. Und geht das Methorn dann von Golde, Kredenzt von Jungfrau'n, dort im Kreis. Mit dir abseits dann säß' ich, Holde, Und zärtlich flüsterten wir leis. Ich würd' uns schattige Lauben flechten An dunkelblauer Meeresbucht, Dann ruhten dort wir in den Nächten Des grünen Hains mit goldner Frucht, Und strahlte neuverjüngt hernieder Der Walhallssonne klarer Blick: Wir kehrten zu den Göttern wieder, Doch sehnten uns zu uns zurück. Ich würde dann mit Sternen kränzen Die Stirne dir, die Locken reich, Du solltest rosig glühn von Tänzen Im Wingolfsaal, du Lilie bleich, Bis daß ich aus dem Reigen führte Zum Zelt der Lieb' und Treue dich, Wo Braga seine Saiten rührte Beim Brautgesang allabendlich. Die Drossel schlägt im dunkeln Haine – Das Lied kommt her von Walhalls Strand! Den Sund bedeckt mit Silberscheine Der Mond – ein Gruß vom Totenland! Des Liedes und des Lichtes Auen Sind Liebeswelten sonder Sorg', Ach, Welten, die ich möchte schauen Mit dir, du meine Ingeborg! O, nicht geweint! Noch strömt das Leben In meinen Adern! Nicht geweint! Lieb' und des Mannes Träume schweben Gern hin durchs weite All vereint. Umfängt jedoch dein Arm mich wieder, Ach, weilt dein Auge nur auf mir, wie leicht lockst du den Schwärmer wieder Dann aus der Götter Reich zu dir! »Horch, Lerchenruf!« Nein, dort im Walde Gurrt leis ein Tauber im Geäst; Das Lerchlein schläft auf grüner Halde Beim trauten Lieb im warmen Nest. Die Glücklichen! denn ihnen bringet Der Tag nicht Trennung noch Gefahr, Frei leben sie, zur Wolke schwinget Sich frei hinauf das frohe Paar. »Schau nur, dort tagt's!« Nein, ostwärts flammen Die Brände einer Hafenwacht. Noch kosen selig wir zusammen, Noch ist nicht hin die holde Nacht, Komm' heute spät mit deinem Schimmer, Verschlaf' dich, goldner Tagesstern! schliefst du bis Ragnarok auch immer, Ach, Frithjof säh' es nur zu gern! Doch eitel, eitel ist dies Hoffen, Kühl haucht bereits der Morgenwind. Des Ostens Rosen sind schon offen, Frisch wie die Wangen Ingborgs sind. Das Heer der Sänger kommt gezogen Und stimmet seine Hymnen an, Das Leben rauscht, es glühn die Wogen, Und Buhl' und Schatten ziehn hindann. Sie naht in ihrem Strahlenmeere! 's ist eine Gottheit, welche naht In solcher Schönheit, solcher Hehre! Vergieb, o Sonne, was ich bat! O, wer wie du auf seinen Bahnen Einher doch zog' in Herrlichkeit, Den frohen Sieg auf seinen Fahnen, Das goldne Strahlenlicht zum Kleid! Nun soll dein Aug', o Sonne, schauen Das Schönste hier im Nordgefild, Sie, die die Krone aller Frauen, Sie, die auf grüner Au' dein Bild! Rein ist ihr Herz wie deine Strahlen, Ihr Aug' ist wie dein Himmel klar, Das Gold, womit wir dich sehn malen, Trägt sie in ihrem Lockenhaar. Leb' wohl, Geliebte! Uns vereinen Wird eine längre Nacht einst doch! Noch diesen Kuß der Stirn, der reinen, Und deinen Lippen diesen noch! Nun schlaf', und magst im Traum du wähnen, Mit mir vereint am Ziel zu sein! Erwacht, gedenke mein voll Sehnen – Leb' wohl, leb' wohl, Geliebte mein! Achter Gesang Der Abschied * Ingeborg Es tagt bereits, und noch kommt Frithjof nicht! Und doch ward gestern Thing gehalten schon Auf Beles Grab – der Platz war gut gewählt, Das Schicksal seiner Tochter zu entscheiden! Wie viele Bitten hat es mich gekostet, Wie viele Thränen – Freia zählte sie! – Des Hasses Eis um Frithjofs Herz zu schmelzen, Das Wort dem stolzen Munde zu entlocken, Aufs neu die Hand zu bieten zur Versöhnung! Ach, hart ist doch der Mann! Für seine Ehre (So nennt er seinen Stolz) dünkt's ihn gering, Ob er ein treues, liebevolles Herz Mehr oder minder rücksichtslos vernichtet. Das arme Weib, an seine Brust gelehnt, Gleicht einem Moosgewächs, das auf der Klippe Mit blassen Farben blüht; nur mühevoll Hält sich das unbemerkte fest am Fels, Und Thränen, Tau der Nacht, sind seine Nahrung, So ward denn gestern mein Geschick entschieden! Die Abendsonne ging derweilen unter, Und doch kommt Frithjof nicht! Erlöschend schwinden Die blassen Sterne, einer nach dem andern, Und, ach, mit jedem Sterne, der erlischt, Geht eine Hoffnung meiner Brust zu Grabe. Doch warum hoffen auch? Walhallas Götter, Sie lieben mich ja nicht, sie sind erzürnt. Der hohe Balder der mein Schutzgott war, Ist schwer beleidigt; denn der Menschen Liebe Ist nicht den Blicken eines Gottes heilig, Und Erdenfreude darf sich nimmer wagen In jene Hallen, wo die ewig hohen Gewalten ihren Sitz sich aufgeschlagen. Und doch! Worin hab' ich gefehlt? Was zürnt Der fromme Gott ob einer Jungfrau Liebe? Ist sie nicht keusch wie Urdas blanke Woge, Nicht unschuldsvoll wie Gefions Morgenträume? Es wendet nimmermehr die hehre Sonne Ihr Strahlenauge von zwei Liebenden; Die Sternennacht, des Tages Witwe, hört – Obgleich selbst trauernd – ihre Eide gnädig! Was unterm Himmelsdach gestattet ist, Was wäre sündhaft unterm Tempeldach? Ich liebe Frithjof! Ach, so weit zurück Ich denken kann, hab' ich ihn stets geliebt. Mit mir zugleich geboren ward die Liebe; wann sie begann, ich weiß es nicht, und nimmer Kann ich es fassen, daß sie einst nicht war. Wie sich die Frucht setzt rings um ihren Kern Und auswächst und um ihn im GIühn der Sonne Den goldnen Ball sich runden läßt und reifen: So bin auch ich gewachsen und gereift Um jenen Kern, und all mein Wesen ist Die äußre Schale nur von meiner Liebe. Vergieb mir, Balder! Mit getreuem Herzen Trat ich in deinen Saal, und mit getreuem Auch will ich scheiden: ich nehm' es hinweg Mit über Bifrosts Brücke, stelle mich Mit meiner Liebe hin vor Walhalls Götter. Da wird sie stehn, ein Asensproß wie jene, Sich in den Schilden spiegelnd, und wird fliegen Mit freien Taubenflügeln durch das blaue, Unendlich weite All zum Schoß Allvaters, Woher sie kam. – O, warum ziehst in Falten Du deine klare Stirn beim Morgengrauen? In meinen Adern fließt wie in den deinen Des alten Odins Blut. Was willst du? Sprich! Ich kann nicht opfern meine Liebe dir, Ich will's nicht; sie ist deines Himmels würdig! Doch opfern kann ich wohl mein Lebensglück, Wegwerfen es, wie eine Königin Den Mantel von sich wirft und doch dieselbe Noch bleibt, die sie gewesen. 's ist beschlossen! Die hohe Walhall soll nicht ihres Bluts Sich schämen; dem Geschick entgegentreten Will ich, wie's Helden thun. – Doch dort kommt Frithjof! Wie wild, wie bleich! Es ist vorbei, vorbei! Mit ihm zugleich kommt meine zorn'ge Norne. Ermann' dich, Herz! – Frithjof, sei mir gegrüßt! Bestimmt ist unser Los, es steht zu lesen Auf deiner Stirn. Frithjof. Stehn dort nicht auch Blutrote Runen, die von Schimpf und Lohn Und von Verbannung reden? Ingeborg. Mäß'ge dich! Berichte, was geschehn: das Schwerste ahnt' ich Schon lang' und bin gefaßt auf alles, Frithjof! Frithjof. Zum Thinge kam ich auf der Väter Hügel, An dessen grünen Seiten, Schild an Schild, Das Schwert zur Hand, des Nordens Männer standen, Der eine Ring dicht hinter einem andern, Bis an den Gipfel. Auf dem Richterstein Saß wie Gewitterwolken düster Helge, Dein blut'ger Bruder mit den finstern Blicken, Und neben ihm, ein ausgewachs'nes Kind, Saß Halfdan, achtlos mit dem Schwerte spielend. Da trat ich vor und sprach: »Es steht der Krieg Den Heerschild schlagend an des Landes Grenzen; Dein Reich ist, König Helge, in Gefahr: Gieb deine Schwester mir, alsdann leih' ich Dir meinen Arm im Streit; er kann dir nützen. Laß zwischen uns den Groll vergessen sein, Nicht gern heg' ich ihn wider Ingborgs Bruder. Sei billig, König: rette dir zugleich Die goldne Krone und der Schwester Herz! Hier meine Hand! Bei Asathor! Ich biete Zum letztenmal sie zur Versöhnung dir!« – Da braust es durch das Thing. Zustimmung klirrten Wohl tausend Schwerter rings auf tausend Schilden; Das Erzgetös', gen Himmel scholl's, der froh Trank freier Männer Beifallssturm fürs Recht. »Gieb ihm doch Ingeborg, die schlanke Lilie, Die schönste, die in unsern Thälern wuchs! Er ist in unserm Land die beste Klinge, König! gieb Ingborg ihm!« – Mein Pflegevater, Der alte Hilding mit dem Silberbarte, Trat auf und redete zum Volk voll Weisheit. Wie Schwertschlag kernig klang's und kurz, Und Halfdan selbst sprang auf vom Königssitz, Mit Worten stehend so wie mit Gebärden, Vergebens! Jede Bitte war vergeudet, Gleich wie an einen Felsen Sonnenstrahlen: Sie locken kein Gewächs aus dessen Herzen. Das Antlitz König Helges blieb sich gleich, Ein bleiches Nein fürs Fleh'n der Menschlichkeit. »Dem Bondensohne (sprach verächtlich er) Gäb' Ingborg ich; jedoch dem Tempelschänder, Scheint mir, gebührt die Walhallstochter nicht. Brachst du nicht, Frithjof, Balders Tempelfrieden? Hast du nicht meine Schwester dort gesehn, Wenn vor dem Frevel sich der Tag verbarg? Ja oder nein!« – Da scholl es aus dem Ringe Der Männer brausend: »Sprich nur nein! Sprich nein! Wir glauben dir aufs Wort; wir frei'n für dich, Sohn Thorstens, der an Wert ein Königssohn! Sprich nein, sprich nein, und dein ist Ingeborg!« – »An einem Wort hängt meines Lebens Glück,« Sprach ich, »doch König Helge, fürchte nichts! Ich will mir nicht erlügen Walhalls Glück, Nicht das der Welt. Ja, deine Schwester hab' ich Gesehn, gesprochen in des Tempels Nacht, Doch damit war sein Frieden nicht gebrochen.« – Mehr reden konnt' ich nicht. Ein Schreckensruf Flog durch das Thing: die mir am nächsten standen, Sie wichen wie vor einem Pesterkrankten. Wohin ich sah, da lähmte jede Zunge Der dumme Wahn und färbte jede Wange, Noch eben hoffnungglühend, schreckenbleich. Da siegte König Helge. Und mit einer Stimme, So schauerlich wie die der toten Wala In Wegtamsqvida, als vom Sturz der Asen Und Helas Siegen sie vor Odin sang, So sprach er: »Nach der Väter Satzung könnte Verbannung oder Tod ich nun verhängen Für dein Verbrechen; aber mild sein will ich, Wie Balder, dessen Tempel du entweiht. Im Westmeer fern liegt eine Inselgruppe, Von einem Jarle Angantyr beherrscht. So lange Bele lebte, zahlte jährlich Tribut der Jarl, jetzt aber ist er säumig. Zieh' übers Meer und treib' mir ein die Schatzung; Dies sei für deine Frevelthat die Strafe. Es heißt« – sprach er voll Hohns – »daß Angantyr Harthändig sei und wie der Drache Fafner Auf seinem Golde brüte; doch wer steht Im Kampf dem neuen Sigurd Drachentöter? Versuche du nun männlichere That Als Jungfräulein im Tempel zu bethören. Im nächsten Sommer kehr' alsdann zurück Mit Ehren, doch vor allem mit der Schatzung, Wo nicht, erklär' ich, Frithjof, dich für ehrlos Und vogelfrei auf ewig hier zu Lande!« Das war das Urteil, das des Thinges Schluß. Ingeborg Und was thust du? Frithjof. Bleibt mir wohl eine Wahl? Heischt meine Ehre nicht, was er begehrt? Ich thu' nach seinem Wort, ob Angantyr Sein elend Gold verbarg in Nastrands Fluten. Noch heut' geht's fort. Ingeborg. Und mich läßt du zurück? Frithjof Nein, nicht zurück; begleiten sollst du mich. Ingeborg Unmöglich! Frithjof. Hör' mich, eh' du weiter sprichst. Dein weiser Bruder Helge, scheint's, vergaß, Daß Angantyr der Freund war meines Vaters, Wie Beles Freund. Vielleicht giebt er im guten, Was ich zu fordern komme; doch, wenn nicht, Besitz' ich trefflichen Fürsprecher, hier Das Schwert, das ich an meiner Linken trage. Das liebe Gold send' ich alsdann zu Helge, Und damit lös' ich beide uns auf ewig Vom Opfermesser des gekrönten Heuchlers. Wir selber aber, schöne Ingborg, hissen Ellidas Segel über fremden Wogen; Sie wiegt uns hin zu freundlicherem Strand, Der eine Freistatt beut verfolgter Liebe. Was ist der Nord mir, was ist mir ein Volk, Das schon erbleicht vor einem Wort von Kindern Und frech doch meines Herzens Heiligtum Und meines Wesens Blumenkelch betastet? Bei Freia, das soll ihnen nicht gelingen! Ein Sklav' nur ist gefesselt an die Scholle, Die ihn gebar, frei aber will ich sein, Frei wie der Wind! Nur eine Hand voll Staub Von meines Vaters und von Beles Hügel Nehm' ich an Schiffes Bord – das ist's allein, Das wir bedürfen von der Heimaterde. Geliebte du, es giebt noch andre Sonne Als die, die bleich steigt über jenem Schneeberg, Und schönern Himmel giebt's als diesen Und mildre Sterne, welche magisch strahlend In lauer Sommernacht von ihm herab In Lorbeerhainen treuer Liebe leuchten. Mein Vater, Thorsten Wikingssohn, kam weit Auf seinen Fahrten und erzählte oft Beim Schein des Herds in langen Winternächten Von Griechenland und seinen sel'gen Inseln Mit grünen, wogumspielten Wundergärten. Einst wohnte dort ein mächtiges Geschlecht, Und Göttern diente man in Marmortempeln. Die stehn zerbröckelnd nun; es wachsen Gräser Auf öden Stufen, und ein Blümchen sprießt Aus Runen, die der Vorzeit Weisheit reden, Und schlanke Säulen ragen dort, umschlungen Vom üppig grünenden Gerank des Südens. Dort trägt der Boden ungesä'te Ernten, Die Erde baut, was nur der Mensch bedarf, Und aus dem Laube leuchten goldne Äpfel, Und von den Zweigen hangen Purpurtrauben, Die üppig schwellen, so wie deine Lippen. Dort, Ingborg, bau'n in einer Meeresbucht Wir uns ein Norden, schöner noch als dies, Und jene Tempelhallen füllen wir Mit unsrer treuen Liebe und erfreu'n Mit Menschenglück die längstvergess'nen Götter. Wenn dann mit schlaffem Tuch (dort giebt's nicht Stürme) Ein Schiffersmann im Abendrot vorbei An unsrer Insel fährt und von den Wellen Des flüss'gen Goldes hin zum Strande blickt – Auf eines Tempels Schwelle schaut er dann Die neue Freia (Aphrodite, glaub' ich, Heißt sie in jener Sprache), und bewundert Die blonden Locken, die im Winde flattern, Und Augen, leuchtender als Südlands Himmel. Und um sie her wächst dann allmählich auf Ein kleines Tempelvolk von jungen Alfen Mit Wangen, daß du meinst, der Süden habe Gepflanzt in Nordlandsschnee all seine Rosen. – Ach, Ingeborg, wie schön, wie nahe steht Der Erde Glück doch unsern treuen Herzen! Nur daß den Mut sie finden zuzugreifen, Dann folgt es willig ihnen und gewährt Ein Wingolf ihnen hier bereits auf Erden. Komm', eile! Jedes weitre Wort, es raubt Uns einen Augenblick der Seligkeit. Bereit ist alles, und schon spannt Ellida Die dunkeln Adlerschwingen für den Flug, Und frische Winde zeigen uns den Weg Auf ewig fort von diesem falschen Strande! Was zögerst du? Ingeborg.                     Ich kann nicht folgen dir. Frithjof. Kannst mir nicht folgen? Ingeborg.                     Frithjof, du bist glücklich! Du folgst niemandem, schreitest selbst voran Wie deines Drachen Bug, indes am Steuer Der eigne Wille steht und deine Fahrt Mit fester Hand lenkt durch empörte Wogen. Wie anders aber ist es doch mit mir! Mein Schicksal ruhet in den Händen andrer. Die lassen nicht vom Raub, ob er verblute. Sich opfern, klagen, sich in Gram verzehren, Langsam – das ist der Königstochter Freiheit. Frithjof Bist du nicht frei, wenn du nur willst? Dein Vater, Im Hügel sitzt er. Ingeborg.                     Helge ist mein Vater, Ist mir an Vaters Stelle; meine Hand Vergiebt nur er, und Beles Tochter stiehlt Ihr Glück sich nicht, wie nah es liegen möge. Was wär' das Weib, wenn es sich risse los Von jenen Banden, die Allvater schlang, Daß starkem sich ihr schwaches Wesen eine? Der bleichen Wasserlilie gleicht das Weib, Die mit der Woge steigt und mit ihr fällt. Des Seglers Kiel geht über sie hinweg Und merkt nicht, daß er ihren Stengel schneidet. Dies ist nun einmal ihr Geschick; jedoch So lange fest die Wurzel noch im Sande, Hat ihren Wert die Pflanze noch, leiht Farbe Dort oben her vom bleichen Schwesterstern, Und selbst ein Stern schwebt sie auf blauer Tiefe. Reißt sie sich aber los, dann treibt sie gleich Als welkes Blatt umher auf öder Woge. In letzter Nacht – entsetzlich war die Nacht! – Erwartet' ich dich stets, und du kamst nicht. An meinem wachen Aug', dem thränenlosen, Vorüber glitten schwarzgelockt die Kinder Der Nacht, die düsteren Gedanken, Und Balder selber, der blutlose Gott, Warf Blicke mir des tiefsten Hasses zu – In letzter Nacht hab' ich bedacht mein Schicksal, Und fest steht mein Entschluß – ich bleib' zurück, Ein willig Opfer dem Altar des Bruders. Doch gut war's, daß ich dich vorher nicht hörte Mit deinen Inseln, jenen Luftgebilden, Wo ew'ge Abendröte Blumenwelten Von Lieb' und Frieden wundersam umfängt. Wer weiß, wie schwach er ist? Der Kindheit Träume, Die längst verschwundnen, wachen wieder auf Und flüstern mir ins Ohr mit einer Stimme, So wohlbekannt, als wär' es die der Schwester, So traut, als wär's die Stimme des Geliebten. Ich hör' euch nicht, o nein, ich hör' euch nicht, Ihr lockenden, mir einst so lieben Stimmen! Was soll ich Nordlandskind im fernen Süden? Zu bleich bin ich für seine üppigen Rosen, Zu farblos ist mein Geist für seine Glut; Die heiße Sonne würde mich versengen Und sehnsuchtsvoll mein spähend Auge suchen Den Stern des Nordens, welcher ewig steht Und Wacht hält an den Gräbern unsrer Väter. Mein edler Frithjof wird das Land nicht fliehn, Das zu beschützen er geboren ward; Er soll den Ruhm verscherzen nicht um so Geringes wie die Liebe eines Mädchens. Ein Leben steten Sonnenscheines voll, Wo ein Tag immerdar dem andern gleicht, Ein schönes, aber ew'ges Einerlei Wär' nur für's Weib; jedoch für einen Mann, Zumal für dich wär's unerträglich Leben. Gedeihn wirst du im wilden Sturme nur, Auf schäum'gem Renner über dunkler Tiefe; Auf deinen Planken mußt auf Tod und Leben Mit der Gefahr du um die Ehre kämpfen. Die schöne Wüste, die du maltest, würde Ein Grab der Thaten, die noch ungeboren, Und mit dem Schild zugleich verrostete Dein freier Geist. So aber soll's nicht sein! Nicht will ich meines Frithjof Siegsruhm stehlen Dem Lied der Sänger! Ich will nicht verlöschen Im Frührot schon die Ehre meines Helden. Sei weise, Frithjof! Laß den hohen Nornen Uns weichen! Laß aus unsers Schicksals Schiffbruch Doch uns die Ehre retten, da das Glück Nicht unsers Lebens mehr zu retten ist! Wir müssen scheiden! Frithjof.                     Weshalb müssen wir? Weil deinen Geist schlaflose Nacht verstimmte? Ingeborg. Zu retten meine Ehre wie die deine. Frithjof. Des Weibes Ehr' ist eines Mannes Liebe. Ingeborg. Er liebt nicht mehr, die er nicht achten kann. Frithjof. Mit Launen wird die Achtung nicht gewonnen. Ingeborg. Die edle Laune ist Gefühl fürs Rechte. Frithjof. Noch gestern stritt's nicht wider unsre Liebe. Ingeborg. Auch heute nicht, doch desto mehr die Flucht. Frithjof. Notwendigkeit gebietet sie, o komm'! Ingeborg. Was recht und edel ist, das ist notwendig. Frithjof. Hoch steht die Sonne, und die Zeit entflieht. Ingeborg. Weh' mir, sie ist vorüber und auf ewig. Frithjof. Besinne dich! Ist das dein letztes Wort? Ingeborg. Besonnen hab' ich mich, es ist mein letztes. Frithjof. Wohlan, leb' wohl denn, König Helges Schwester! Ingeborg. O Frithjof, Frithjof, sollen so wir scheiden? Du gehst und spendest keinen Liebesblick Der Jugendfreundin, reichest nicht die Hand Der Unglücksel'gen, die du einst geliebt? Glaubst du, ich steh' auf Rosen hier und weise Mit Lachen von mir meines Lebens Glück Und reiße sonder Schmerz aus meiner Brust Ein Hoffen, das verwuchs mit meinem Wesen? Warst du nicht meiner Seele Morgentraum? Fritjof hieß jede Freude, die ich kannte, Und was das Leben Großes hat und Edles: Vor meinem Blick nahm's deine Züge an. Verdunkle mir nicht dieses Bild, begegne Mit Härte nicht der Schwachen, wenn sie opfert, Was ihr das Liebste war im Erdenrund, Das Liebste sein wird in Walhallas Sälen! So schon ist schwer genug dies Opfer, Frithjof; Zum Trost möcht' es ein Wort doch wohl verdienen. Ich weiß, daß du mich liebst, ich hab's gewußt, Seitdem's begann zu tagen meiner Seele, Und sicherlich gedenkst du Ingeborgs Lang', lange noch, wohin du ziehen mögest. Doch übertönt der Waffen Klang die Trauer, Und sie verwehet auf den wilden Wogen Und darf nicht sitzen auf des Kämpen Bank, Wenn er beim Trinkhorn seine Siege feiert. Nur dann und wann in stiller Nächte Frieden Läßt du vorbeiziehn die verschwundnen Tage; Dann taucht empor ein halb verblaßtes Bild: Du kennst es wohl, mein Frithjof, denn es grüßt Dich aus der Ferne dann – es ist das Bild Der bleichen Jungfrau in dem Haine Balders, O, weis' es nicht von dir, und wenn es auch Dich traurig ansieht! Flüstre ihm dagegen Ins Ohr ein freundlich Wort: die nächt'gen Winde, Sie führen mir's auf treuen Schwingen zu, Ein Trost mir doch – ich habe keinen andern! – Für mich ist nichts, das meinen Harm zerstreue, was alles um mich ist, mahnt mich an ihn. Die hohen Tempelhallen reden mir Von dir; des Gottes Bild, das dräuen sollte. Im Mondschein nimmt es deine Züge an; Blick' ich aufs Meer – dort schwamm dein Kiel und schnitt Im Schaum den Pfad zur Sehnenden am Strande; Blick' ich zum Hain – dort steht so mancher Stamm, Dem du die Rune Ingborgs eingeritzt. Die Rinde wächst nun aus, mein Name schwindet, Und das bedeutet Tod, erzählt die Sage. Ich frag' den Tag, wo er Zuletzt dich sah, Die Nacht frag' ich, jedoch sie schweigen beide; Das Meer selbst, das dich trägt, giebt mir am Strand Auf meine Fragen Antwort nur mit Seufzen. Ich sende Gruß dir mit dem Abendrot, Wenn's glühend untergeht in deinen Wogen; Dem Schiff des Himmels, dort der Wolke, geb' An Bord ich mit die Klagen der Verlass'nen, So werd' im Jungfrau'nsaal ich schwarzgekleidet Als Witwe meiner Lebensfreude sitzen, Gebrochne Lilien in den Teppich wirkend, Bis einst der Lenz den seinen webt und ihn Mit bessern Lilien schmückt auf meinem Hügel. Doch greif' zur Harfe ich, in Schmerzenslauten Mein Leid, das grenzenlose, auszusingen, Dann brech' ich aus in Thränen, so wie jetzt – – –! Frithjof. Du siegest, Tochter Beles! Weine nicht! Vergieb den Zorn mir – es war nur mein Schmerz, Der sich in das Gewand des Zornes hüllte. Nicht lang' vermag er dies Gewand zu tragen. Du, Ingeborg, bist meine gute Norne. Was edel ist, lehrt edler Sinn am besten. Die Weisheit der Notwendigkeit kann bessre Fürsprecherin nicht finden, als du bist, Du schöne Wala mit den Rosenlippen! Ja, weichen will ich der Notwendigkeit! Von dir, doch nicht von meiner Hoffnung scheid' ich, Die nehm' ich mit mir übers wilde Meer, Die nehm' ich mit bis an des Grabes Thor. Mit nächstem Lenze bin ich wieder hier; Dann soll mich König Helge wieder sehn. Dann ist mein Wort gelöst, erfüllt die Ford'rung, Gesühnt das mir erdichtete Verbrechen, Und dann begehr' ich, nein, dann fordr' ich dich Auf offnem Thing mit meiner blanken Waffe, Von Helge nicht, nein, von dem Volk des Nordens, Und hier ist dein Brautwerber, Königstochter! Ich sprech' ein Wort mit dem, der dich mir weigert! Bis da leb' wohl! Sei treu, vergiß nicht mein, Und nimm als Zeichen unsrer Jugendliebe Den Armring hier, ein schön Waulunderwerk, Mit Himmelswundern in das Gold geritzt: Das größte Wunder ist ein treues Herz. Wie paßt es schön zu deinem weißen Arm – Ein Leuchtwurm schmiegt sich an den Lilienstengel! Leb' wohl, o Braut! Geliebte, lebe wohl! Nur wen'ge Monde, und dann ist es anders!                                (Geht.) Ingeborg. Wie froh, wie trotzig und wie hoffnungsreich! Er setzt die Spitze seines guten Schwertes Der Norne auf die Brust, ihr drohend: »Weiche!« Die Norne, armer Frithjof, weicht dir nicht, Geht ihren Weg und lacht nur Angurwadels. Wie wenig kennst du meinen finstern Bruder! Dein offner Heldensinn ermisset nimmer Des seinen düstre Tiefe und den Haß, Der seine neiderfüllte Brust verzehrt. Der Schwester Land giebt er dir nimmer; eher Giebt seine Krone er, sein Leben hin Und opfert mich dem alten Odin oder Dem alten Ring, mit dem er jetzt im Kampf. – Wohin ich blick', ist Hoffnung nicht für mich; Doch freut's mich, daß sie lobt in deinem Herzen. So will ich heimlich tragen meine Schmerzen, Die guten Götter, sie geleiten dich! Auf deinem Armring rechn' ich nach die schweren, Die Leidensmonde banger Qual und Sorg'; Zwei – vier – auch sechs ... dann wirst du wiederkehren, Doch findest du nicht deine Ingeborg. Neunter Gesang. Ingeborgs Klage.           Herbst ist's und stürmt. Wütig die Woge des Meeres sich türmt!           Dennoch – trotz Sausen und Brausen –                     Wär' ich gern draußen!           Hoch dort vom Strand Sah ich, wie westwärts sein Segel verschwand –           Glücklich, die Frithjof begleiten                     Hin in die Weiten!           Schäumende Well', Sänft'ge dich! So schon entfloh er zu schnell,           weist ihm die Wege der Ferne,                     Freundliche Sterne!            Kommt er, wenn's mait, Nicht dann grüßt ihn die liebende Maid           Drüben im traulichen Thale,                     Nicht hier im Saale,           Schläft dann im Grab –: Liebesgram zieht vor der Zeit sie hinab,           Täglich ein sterbensmüder'                     Opfer der Brüder. –           Falk, der hier blieb, Falk meines Frithjof, nun mein, mir so lieb!           Fliegender Jäger, statt seiner                     Pfleg' ich nun deiner.           Ihm auf der Hand Wirk' ich dich ein hier auf Teppiches Rand,           Silbern die Schwingen zu schauen,                     Golden die Klauen.           Falkschwingen nahm Freia vor Zeiten und suchte, von Gram           Rastlos durchs Weltall getrieben,                     Öder, den Lieben.           Liehst du auch mir, Falke, die Schwingen, was hülfen sie mir?           Kann doch der Tod nur mir bringen                     Himmlische Schwingen.            Jäger, durchspäh' Mir von der Schulter die wogende See!           Ach, wir erblicken nicht jenen,                     Den wir ersehnen!           Bin ich einst tot, Wenn er heimkehrt, dann befolg' mein Gebot:           Grüß' ihn, o grüß' ihn, den einen! ....                     Frithjof wird weinen. Zehnter Gesang. Frithjofs Meerfahrt.           Doch am Strand voll Groll           Und mit grausem Fluch           König Helge den Troll           Rief durch Zauberspruch. Schwarz kommt's da heraufgezogen, Donner dröhnt im öden Raum, In der Tiefe brauen Wogen, Ihre Kämme krönt der Schaum. Blitze zucken und umziehen Nachtgewölk mit blut'gem Rand, Und des Meeres Vögel fliehen, Schreiend uferwärts gewandt.            »Hart wird's Wetter, Brüder!           Schon hör' ich des Sturmes           Flügel ferne schlagen,           Doch wir zagen nicht.           Denk' indes im Haine           Liebend mein voll Sehnsucht,           Schön in deinen Thränen,           Schöne Ingeborg!« *           Mit Ellida kam           Nun ein Trollpaar in Streit:           Windkalt schnaubend Ham,           Schneeflockstaubend Hejd. Los nun sind des Sturmes Schwingen! Bald taucht sie der Wilde jach Abgrundtief, um bald zu dringen Wirbelnd bis ans Himmelsdach. Alle Schreckensmächte reiten Auf den Wogen wild zuhauf Aus dem schäumenden, dem weiten, Bodenlosen Grab herauf.           »Schöner ließ sich's fahren           In des Mondes Schimmer           Über Spiegelwellen           Hin zu Balders Hain;            Wärmer, als es hier ist,           War's an Ingborgs Herzen;           Weißer als der Seeschaum           Hob ihr Busen sich.«             Seht, ein Eiland steigt           Aus den Wogen dort!           Steuert hin! Vielleicht           Bietet's friedlichen Port. Doch der kühne Wiking zaget Nicht so leicht auf treuem Kiel, Steuert froh, denn ihm behaget Dieser Winde tolles Spiel, Eilt die Segel mehr zu festen, Reißt die Wogen schärfer auf, Rasch gen Westen, rasch gen Westen Geht es mit der Wellen Lauf.           »Noch ein Weilchen freut mich's           Mit dem Sturm zu kämpfen;           Sturm und Normann ringen           Stets gern um den Preis.           Ingborg würd' erröten,           Wenn ihr Seeaar flöge,           Scheu vor einem Windstoß,           Flügelschlaff ans Land.« *            Wie sich's bäumt – o Grau'n!           Tiefer gähnt der Schlund!           Horch, wie's pfeift in den Tau'n,           Wie's erkracht im Grund! Doch ob das Gewog', das jache, Taumelt auch ohn' Unterlaß, Trotzt das Götterwerk, der Drache, Dennoch allem Grimm und Haß, Setzet mit des Steinbocks Schnelle Über jede Wogenkluft, Fährt dahin, gleichwie der helle Sternschuß blitzt in nächt'ger Luft.           »Schöner war's zu küssen           Dort die Braut im Haine,           Als den Salzschaum kosten,           Der mich hier umspritzt;           Schöner zu umarmen           Dort die Königstochter,           Als das Steuerruder           Festzuhalten hier!« *           Doch es stöbert wild           Aus der Wolk' alsbald,           Und auf Deck und Schild           Prasselnd Hagel prallt. Finsternis die Fahrtgenossen Unsichtbar einander macht, Wie im Grabgemach umschlossen Tote Kämpen hält die Nacht. Wogen wie verzaubert haschen, Um das Schiff zu ziehn hinab; Weißgrau, wie bedeckt mit Aschen, Gähnt ein unermeßlich Grab.           »Blaue Polster breitet           Ran uns in der Tiefe,           Doch mir winken deine           Polster, Ingeborg!           Wackre Burschen schwingen           Hier Ellidas Ruder,           Und noch hält der Kiel wohl,           Den ein Gott gebaut!« *           Nun ergießt sich, o Schreck!           Übern Steuerbord           Eine See, und das Deck           Spült sie klar sofort. Streift den Armring, pur von Golde, Frithjof da vom Handgelenk – Blank wie Frühlicht glänzt der holde, Beles fürstliches Geschenk. Mit dem Schwert zerschlägt er eilend Das Gebild der Zwergenkunst, Jeglichem ein Stück verteilend, Jeglichem bezeigend Gunst.           »Gold ist gut zu haben,           Geht man auf die Brautfahrt;           Niemand nah' der blauen           Ran mit leerer Hand.           Wohl ist kalt ihr Kuß nur,           Flüchtig ihr Umarmen,           Doch die Meerbraut fesseln           Wir mit lauterm Gold.« *           Mit erneuter Macht           Ist der Sturmwind da,           Und die Schote kracht,           Und es springt die Rah'. Und das Schiff, schon halb begraben, Jäh zu entern braust's daher! Wie sie schöpfen, Frithjofs Knaben Schöpfen doch das Meer nicht leer. Und er muß es sich gestehen, Daß den Tod er hat an Bord; Lauter läßt als Sturmeswehen Dröhnen er das Herrscherwort:           »Björn, herbei ans Ruder!           Pack's mit Bärentatzen!           Solches Wetter senden           Walhalls Mächte nicht.           Zauber ist im Spiele,           Den der Schurke Helge           Uns heraufbeschworen –           Selbst will ich's erspähn!« *           Gleich dem Marder flog           Er alsbald hinauf           Und hielt Umschau hoch           Von des Mastes Knauf. Wie ein Eiland sieht er schwimmen Eines Wales Ungetüm Mit zwei Trollen, feindlich grimmen, Durch der Wogen Ungestüm. Hejd zeigt in dem weißen Felle Zott'gen Eisbärs Mißgestalt, Ham als Sturmaar schwenket schnelle Flügel, dräuend mit Gewalt.           »Nun, Ellida, gilt es!           Zeig', ob Heldenmut du           Birgst in eisenfester,           Wölb'ger Eichenbrust!            Meinem Wort gehorche,           Wenn du Göttertochter:           Mit dem Kupferkiele           Stoß' den Zauberwal!« *           Wie der Ruf erklingt,           Da voll Kampfeslust           Auch Ellida springt           Nach des Wales Brust. Und gleich einer dunkeln Säule Blut aus tiefer Wunde raucht, Und das Untier mit Geheule In den Abgrund jählings taucht. Gleicher Zeit jedoch entsendet Frithjofs Arm ein Lanzenpaar Und der zott'ge Bär verendet, Sterben muß des Sturmes Aar.           »Brav, Ellida, trafst du!           Nicht so bald steigt, glaub' ich,           Helges Zauberdrache           Aus dem Meer herauf.           Hejd und Ham auch halten           Wohl die See nicht länger:           Bitter ist's zu beißen           In den blauen Stahl.«            Aber plötzlich legt           Sich der Sturm zur Ruh',           Nur ein Schaumberg trägt           Dort der Insel zu. Durchs Gewölk tritt da die Sonne Wie ein König in den Saal, Neubelebend gießt sie Wonne Über Woge, Berg und Thal. Letzte Purpurstrahlen brennen Noch auf Fels und Wiesengrund, Und den grünen Strand erkennen Alle froh als Efjesund.           »Ingborgs Bitten stiegen,           Maide bleich, gen Walhall,           Beugten lilienweiße           Knie' auf Göttergold.           Blauer Augen Zähren,           Schwanenbusens Flehen           Rührten Asenherzen –           Ihnen werde Dank.« *           Doch des Wales Stoß           Traf Ellida schwer,           Und sie schleichet bloß           Wie erschöpft durchs Meer. Aber noch erschöpfter, müder Sind die Mannen Frithjofs doch; Kaum, gestützt aufs Schwert die Glieder, Halten sie sich aufrecht noch; Auf gewalt'ger Schulter brachte Vier derselben Björn ans Land, Frithjof aber ihrer achte Zu dem schnell entfachten Brand.           »Schämt euch nicht, ihr Bleichen!           Wog' ist wilder Wiking,           Schwer auch zu bekämpfen           Sind die Meeresfrau'n.           Seht, da kommt das Methorn           Wandernd auf dem Goldfuß!           Wärmt erfror'ne Glieder!           Trinkt auf Ingborgs Wohl!« Elfter Gesang. Frithjof bei Angantyr. Vernehmt, was nun zu melden. Im hohen Föhrensaal Saß bechernd mit den Helden Jarl Angantyr beim Mahl. Er schaute voller Wonne Wohl auf den Ocean, In dessen Blau die Sonne Versank, ein goldner Schwan. Es hielt am Fensterbogen Der alte Halwar Wacht, Der, spähend auf die Wogen, Des Mets auch hatte acht. Eins war dem Alten eigen: Das Horn trank er stets leer Und reicht' es dann mit Schweigen Hinein und heischte mehr. Nun thät er's weithin schnellen, Und laut er Kunde bot: »Ein Schiff treibt auf den Wellen, Wie's scheint, in arger Not. Schier mit dem Tod sie ringen ... Nun legen sie an Land ... Zwei wahre Riesen bringen Erschöpfte an den Strand.« – Hin auf der Fluten Spiegel Vom Saal der Jarl nun sah: »Das sind Ellidas Flügel, Dann ist auch Frithjof da. An diesem stolzen Schreiten Wird Thorstens Sohn erkannt; Der Blick loht keines zweiten So in des Nordens Land.« Vom Zechtisch da ohn' Zaudern Sprang Wiking Atle. Traun, Es machte jeden schaudern, Den Berserk nur zu schau'n. »Nun soll es sich erweisen, Ob Frithjof« – so er schrie – »Bezaubern kann das Eisen »Und Gnad' erflehet nie!« Mit ihm vom Tische sprangen Zwölf Recken allzumal; Die Luft durchhauend, schwangen Sie Kolben wild und Stahl. Dann stürmten sie zum Strande, Wo müd' Ellida lag, Und Frithjof saß im Sande Und Mut den Seinen sprach. »Leicht wär's mir, dich zu fällen,« Anschrie jetzt Atle ihn, »Doch will ich's frei dir stellen Zu kämpfen oder fliehn. Nur Frieden zu begehren Brauchst du, dann als Genoß Geleit' ich dich in Ehren Zu Jarl Angantyrs Schloß.« »Wohl thät die Fahrt ermüden,« Sprach Frithjof zornbewegt, »Doch eh' ich bettle Frieden, Sei Hand ans Schwert gelegt!« Der Stahl fuhr auf im Schwunge Der sonnverbrannten Hand, Auf Angurwadels Zunge Stand jede Run' in Brand. Da blitzten jäh die Klingen, Da hagelt's Streich um Streich, Bis daß die Schilde springen Den Streitenden zugleich; Wohl trotzten sonder Tadel Die Kämpen jedem Schlag, Doch scharf biß Angurwadel, Und Atles Klinge brach. Sprach Frithjof: »Nie war Dränger Schwertlosen dieser Stahl; Doch lüstet dich's noch länger, Triff andern Kampfes Wahl.« Und aufeinander flogen Sie los in Todeslust Wie sturmempörte Wogen Und rangen Brust an Brust. Sie rangen, wie in Klüften Zwei Bären tief im Schnee, Wie Aare hoch in Lüften Ob sturmgepeitschter See. Wohl feste Klippen schwankten Und wurzelten sich los, Wohl mächt'ge Eichen wankten Bei minder wucht'gem Stoß. Vom Schweiß die Ringer dampfen, Hohl klingt der Brust Gekeuch; Wie stiebt von ihrem Stampfen Gestein rings und Gesträuch! Des Ausgangs harrt mit Zagen Die Kämpferschar am Strand; Weit pries in jenen Tagen Den Strauß das Nordenland. Ein Griff nun – Frithjofs letzter – Da lag sein Gegner, ha! Ihm auf die Brust schnell setzt' er Das Knie und herrschte da: »Fort warf ich mir zum Leide Mein Schwert, sonst – glaube mir! – Stieß ich's ins Eingeweide, Schwarzbärt'ger Berserk, dir!« »Die Sorg' ist nur geringe,« Voll Trotzes Atle sprach, »Geh, hole deine Klinge; Ich liege, wie ich lag. Der eine wie der andre Wird einst Walhalla sehn, Und wie ich heute wandre, Mußt du wohl morgen gehn.« Held Frithjof schwingt, weil enden Das grause Spiel er will, Sein Schwert mit beiden Händen, Und still liegt Atle, still. Vor solch todmut'gem Sinne Voll Rührung Frithjof stand, Hielt mit dem Schwertstreich inne Und bot dem Feind die Hand. Schrie Halwar: »Euer Raufen Bringt uns statt Lust nur Qual! Kommt schnell herbei zu Haufen, Im Saal winkt längst das Mahl! Kaum dampfen auf dem Tische Die Silberschüsseln mehr; Kalt werden Fleisch und Fische, Und Durst plagt mich gar sehr!« Und durch des Hochsaals Pforten Versöhnt die Helden gehn. Gar viel schaut Frithjof dorten, Was er noch nie gesehn. Die nackte Wand deckt weder Gebälk noch Borke hier, Nein, übergüldet Leder Mit bunter Ranken Zier. In Saales Mitten Feuer Auf niederm Herd nicht schien: Es lehnt sich ans Gemäuer Ein marmorner Kamin; So war des Rauchs kein Bleiben Im Hallenraum hinfür; Die Fenster zeigten Scheiben, Ein Schloß war an der Thür. Es flammt dem Reckenschwarme Zum Rausch der Kienspan nicht: Hier senden Silberarme Ringsum ein Meer von Licht, Und auf dem Tisch prangt oben Ein Hirsch, gebraten, frei, Den Goldhuf sprungerhoben Und Laubschmuck im Geweih. Und hinter jedem Stuhle Steht eine Maid so traut, Wie aus Gewölk in Thule Ein Stern holdselig schaut; Goldlocken wallend kosen, Und blaue Augen sprüh'n, Und wie in Runen Rosen, So rote Lippen blüh'n. Doch alles schier verdunkelnd Der Jarl im Hochstuhl sitzt, Sein Helm wie Sonnen funkelnd, Von Gold sein Panzer blitzt; Mit Sternen übersäet Der reiche Mantel schien, Der Purpur reich benähet Mit schneeigem Hermelin. Vom Tische ging drei Schritte Entgegen er dem Gast; Dem Handschlag folgt die Bitte: »Nimm mir zur Seiten Rast! Manch Trinkhorn wohl ich leerte Mit Thorsten einstmals hier; Sein Sohn, der weitgeehrte, Nicht sitz' er fern von mir!« Den Becher füllt der Hohe Mit Wein von Sikelö; Der glühte wie die Lohe, Der schäumte wie die See. »Ein Gott thät her dich lenken! Willkommen, Freundessohn! Auf Thorstens Angedenken! Wir tranken's oftmals schon.« Von Morvens Höh'n ein Skalde Prüft nun der Harfe Klang – Es scholl wie Sturm im Walde Der welsche Heldensang; Doch nach der Väter Weise Norränisch sang man dann Ein Lied zu Thorstens Preise, Und dies den Sieg gewann. Gar viel der Jarl nun fragte Nach Freunden fern im Nord, Und Frithjof Antwort sagte Mit frohbereitem Wort; Sein Urteil klang verständig Und seine Rede schlicht Und malte doch lebendig, Wie Saga hält Gericht. Er sprach von Abenteuern, Die er im Meer bestand Mit grausen Ungeheuern, Von Helge ausgesandt; Da jauchzten alle Recken, Da lachte Angantyr, Und Frithjof ward, dem kecken, Ihr Beifallssturm dafür. Man hört' ihn drauf erwähnen Schön Ingborgs und vernahm Von der Geliebten Thränen, Von ihrem tiefen Gram; Da seufzt' verstohlnerweise Manch Mädchen; glutentbrannt Drückt's gern voll Rührung leise Des treuen Jünglings Hand. Den Auftrag, wie er's schuldig, Erledigt Frithjof dann; Der Jarl hört' ihn geduldig, Worauf er ernst begann: »Zins wagt man zu begehren? Mein Volk ist frei, wie ich! Stets thät ich Bele ehren, Doch nie beherrscht' er mich. »Nicht kenn' ich seine Erben; Doch wird Tribut begehrt, Laß sie wie Männer werben, Ihn fordernd mit dem Schwert. Auch unser Schwert dann blinket – Doch Thorsten sah ich gern –« Und mit der Hand er winket Der Tochter, die nicht fern. Auf sprang die Weidenschwanke, Vom goldnen Stuhl geschnellt, Zart war der Leib, der schlanke, Der volle Busen schwellt'; Im Grübchen saß der lose Schelm Astrild, neckisch froh; Wohl sitzt im Kelch der Rose Der Schmetterling also. Sie sprang zur Kemenate, Ein Beutelchen holt sie Von köstlichem Brokate Es war zu schauen hie, Vom Silbermond beschienen, Ein segelvolles Meer, Das Schloß war von Rubinen, Von Gold die Quaste schwer. Den Säckel legt die Holde Dem Vater in die Hand; Mit fern gemünztem Golde Füllt er ihn bis zum Rand. »Nimm dies als Willkommsgabe! Mach', was du willst, mit ihr; Doch diesen Winter labe Dich, Frithjof, nun bei mir! »Mut nützt zu allen Zeiten, Doch wütet jetzt das Meer, Und Ham und Hejd, sie reiten Auf Wogen dort einher. Ellida springt nicht immer So glücklich, wie sie's pflegt, Auch fehlt's an Walen nimmer, Ist einer auch erlegt.« So scherzte man im Saale Bis an das Tageslicht Und trank aus dem Pokale Wohl Lust doch Rausch sich nicht. Zum Schluß ließ man erschallen Vom »Skål dem Jarl!« die Burg... Hier ließ sich's wohlgefallen Der Held den Winter durch. Zwölfter Gesang. Frithjofs Rückkehr. Durchs Blau Lenzwolken schon leuchtend ziehn, Und wieder neu wird der Erde Grün, Da scheidet Frithjof vom Wirt, dem teuern, Der Fluten Ebenen zu durchsteuern, Und freudig ziehet sein schwarzer Schwan Die Silberfurch' auf der Spiegelbahn. Des Westwinds Zungen im Segel klingen, Wie Nachtigallen im Frühling singen, Und Agirs Töchter mit Schleiern blau Das Schiff fortschnellen auf feuchter Au'. Es ist so schön, wenn vom fernen Lande Der Kiel sich wendet zum Heimatstrande, Wo Rauch vom eigenen Herde steigt, Wo dir Erinn'rung die Kindheit zeigt, An Spiele rieselnde Quellen mahnen, Doch in den Hügeln sanft schlummern Ahnen Und voller Sehnsucht die treue Braut Vom Uferfels auf die Wogen schaut. – Sechs Tage schifft er, am siebten zeiget Ein blauer Streif sich, der aufwärts steiget; Der wächst und wächset am Himmelsrand Mit Klippen, Inseln, zuletzt mit Land. Sein Land ist's, das aus dem Meere scheidet, Er sieht die Wälder in Grün gekleidet, Sieht in des Wildbaches Schaumkaskaden Den Marmorbusen die Felsen baden. Er grüßt den Sund und das Felsgesteine Und fährt vorüber am Baldershaine, Wo letzten Sommer so manche Nacht Mit Ingborg kosend er froh verbracht. »Was säumt sie? Sollte sie denn nicht ahnen, Wie nah ich schaukle auf blauen Bahnen? Verließ sie etwa Gott Balders Hut Und sitzt nun trauernd auf Helges Gut Beim Harfenspiele, beim Seidespinnen?« Da steigt urplötzlich von Tempelzinnen Sein Falk empor, und wie sonst nun wieder Auf Frithjofs Schulter läßt er sich nieder. Er schlägt und schlägt mit den weißen Schwingen, Ist von der Schulter nicht fortzubringen, Er kratzt mit goldener Klau' voll Hast, Er läßt nicht Ruh und er läßt nicht Rast. Den Schnabel will er ins Ohr ihm stecken, Als hätt' er etwas ihm zu entdecken, Vielleicht von Ingborg, der teuren Braut, Doch keiner faßt den gebrochnen Laut. Ellid' umsaus't nun die Landeszunge, So hüpft im Grase das Reh, das junge; Bekannte Wogen der Kiel durcheilt, Und Frithjof munter am Steven weilt. Er reibt die Augen und hält dann spähend Die Hand darüber, zum Ufer sehend; Doch wie er reibet und schauet umher, Sein Framnäs findet er nirgend mehr: Dem Schutt entragen nur nackte Schlote – Im Grabeshügel so thront der Tote: Verkohlt Getrümmer, wo Framnäs stand, Und Asch' umfliegt den verheerten Strand. Ans Land springt Frithjof erzürnt mit Grauen; Nichts als Verwüstung ist rings zu schauen, Wo Kindheitstage ihn glücklich sah'n. Da kommt in Eile der zott'ge Bran, Sein Hund, der treue, herangesprungen, Der oft mit Bären für ihn gerungen; Er springt schweifwedelnd, was er nur kann, Vor Freuden winselnd am Herrn hinan. Milchweißer Renner mit goldner Mähne, Rehschenkeln und mit dem Hals der Schwäne, Den Frithjof ritt wie so manches Mal, Kommt mächt'gen Satzes nun aus dem Thal. Er wiehert fröhlich, den Hals er wendet Nach Brot, wie's oft ihm der Herr gespendet; Doch Frithjof, ärmer ja noch als sie, Hat nichts zu geben den Treuen hie. Trüb, obdachlos auf ererbten Fluren Steht Frithjof, rings der Verwüstung Spuren; Da wird er Hilding, den Greis, gewahr, Den Pflegevater im Silberhaar. »Nicht nimmt mich's wunder, was hier ich schaue: Ist fort der Adler, gilt's seinem Baue! Das nenn' ich löbliche Königsthat! Den Eidschwur Helge gehalten hat In Götterfurcht und in Menschenhasse, Und Mordbrand heißt ihm die Eriksgasse. Zwar Ärger macht es mir mehr denn Sorg'; Doch sag' mir an, wo ist Ingeborg?« – Der Alte sprach: »Was ich dir muß künden, Du wirst es wenig erfreulich finden. Kaum warst du fort, als auch Ring schon kam: Fünf Schild' auf einen, wie ich vernahm. Im Disarthal sie am Fluß sich wogen, Von Blut gerötet die Fluten zogen. Wie sonst hat Halfdan gescherzt, gelacht, Doch zeigt' als Mann er sich in der Schlacht. Mein Heerschild deckte den jungen König, Sein Probestück, mir gefiel's nicht wenig. Doch lange dauerte nicht der Strauß, Als Helge floh, da war alles aus. Vorüberfliehend – ihm war's Ergetzen – Ließ dein Gehöft er in Flammen setzen. Den Brüdern blieb nur die eine Wahl: Ring heischt' die Schwester sich zum Gemahl, Sie nur sei Sühnung nach allem Hohne, Wenn nicht, so nähm' er sich Land und Krone. Wohl hin und her dann viel Botschaft ging – Die Braut heimführte nun König Ring.« »O Weiber, Weiber!« so Frithjof klagte, »Das erste, welches bei Loke tagte, War eine Lüg', und in Weibsgestalt Trat hin die Falsche zum Mann alsbald Mit blauen Augen, die stets berücken, Mit falschen Thränen, die stets entzücken; Die Wangen rosig, der Busen weiß, Mit Treue, schwindend wie Frühlingseis; Es flüstern Falschheit und Trug im Herzen, Meineide stets auf den Lippen scherzen ... Und teuer war mir die Falsche doch! Wie teuer war sie und ist sie noch! So weit mein Denken zurück ich leite, War sie im Spiele mir stets zur Seite; Was je ich übte mit Sinn und Fleiß, Sie war vor allem mir stets der Preis. Zwei Stämm', entwachsen der Wurzel zusammen: Schlägt Thor den einen mit Himmelsflammen, So welkt der andre; ist einer grün, Auch alle Zweige am andern blühn: So war auch Freud' uns und Schmerz gemeinsam, Ich kann, ich kann mich nicht denken einsam. Jetzt bin ich einsam. Du hohe War, Die rings du waltest so offenbar Und Eide schreibest auf goldnen Scheiben, O laß die Possen, o laß das Schreiben! Die Scheibe füllst du mit nichts als Lug, Zu gut das Gold ist für solchen Trug. Von Balders Nanna sie zwar erzählen, Doch Wahrheit ist nicht in Menschenseelen, In Menschenbrust ist die Falschheit nur, Seit Ingborgs Stimme den Meineid schwur –: Sie klang wie Winde durch Blumen gleiten, Sie klang wie Laute von Bragas Saiten. Nicht horchen will ich auf Harfenlaut, Nicht denken will ich der falschen Braut. Ihr, Sturmestänze, nur sollt mir winken! Blut, Weltmeerswoge, nur sollst du trinken! Auf Höh'n und Thälern erwächst mir Freud', Wo Grabessaaten das Schwert verstreut. Treff' einen König ich mit der Krone, Möcht' sehen wohl, ob ich den verschone! Treff' ich wohl auch in der Streiter Schwarm Ein Bürschlein an mit verliebtem Harm? Was will auf Treue der Narr noch bauen? Aus Mitleid will ich ihn niederhauen, Will's ihm ersparen, dereinst zu stehen Beschimpft, verraten, wie mir geschehen!« »Wie kocht's gleich über im Jugendmute!« Sprach ruhig Hilding; »dem heißen Blute Muß Kühlung bringen der Schnee der Zeit! Wie thust du Unrecht der edeln Maid! Nicht Ingborg schelte, sie fehlte nimmer! Die Norne schelte; die schleudert immer Aus Wetterwolken des Zornes Los Dem Erdgeborenen in den Schoß. Wohl schwieg beständig der Edeln Klage, Wie Widar schweigt in der Göttersage, Wie's Turteltäubchen im Süd vor Gram Verstummt, wenn ihm man den Tauber nahm. Ihr Leid erschloß sie, die tiefen Schmerzen, Die namenlosen, nur meinem Herzen; Wie's Wasservöglein, verwundet schwer, Zu Grunde tauchet im tiefen Meer, Daß nicht es möge der Tag durchgluten Und still es könne sich dort verbluten: So auch ihr Kummer in Nacht versank – Ich weiß allein, wie die Starke rang, ›Ein Opfer bin ich,‹ die Worte klangen, ›Für Helges Herrschsucht; Schneeglöckchen prangen Im Haar der Jungfrau, und Wintergrün Muß nun das Opfer, wie schön! umblühn, Ich könnte sterben, doch wär's Verhöhnung, Der zorn'ge Balder will zur Versöhnung Langsamen Tod, gönnt nicht Ruh' im Schmerz; Die Pulse fliegen, es pocht das Herz. O, sprich mit keinem von meinem Trauern, Wie ich auch leid', ich will kein Bedauern! König Beles Tochter, sie trägt ihr Weh – Grüß' Frithjof, kehret er heim von See!‹ – Am Hochzeitstag – o wie säh' ich gerne Doch diesen Tag von dem Runstab ferne! – Zum Tempel schritten nun Paar bei Paar Bewehrte Männer, der Jungfrau'n Schar, Trüb zog der Skalde vorm Hochzeitstrosse, Bleich saß die Braut auf dem schwarzen Rosse, Bleich wie ein Geist auf der Wolke sitzt, Der schwarzen, wenn es am Himmel blitzt. Dem Roß enthob ich die Lilienschlanke Und fühlte hin sie zur Altarschranke Im Raum des Tempels. Da gab die Braut Ihr Ja an Lofna so fest als laut Und flehte lange zu Balder. Keinen Gab's außer ihr, den man nicht sah weinen. Als deinen Ring ihr am Arm nun sieht König Helg', ingrimmig er ab ihn zieht, Und Baldern gab er, was ihr genommen. Zu viel! Der Zorn war mir wild erglommen, Voll Grimmes faßt' ich mein gutes Schwert Und – Helges Leben war wenig wert. Doch Ingborg raunte: ›Das Schwert laß fahren! Er hätte können mir dies ersparen; Viel trägt das Herz ja, bevor es bricht; Allvater richtet, ich murre nicht.‹ »Allvater richtet!« streng Frithjof sagte. »Wenn mir das Richten nun auch behagte?! Ist heut nicht Balders Mittsommerfest, Bei dem auch Helge sich blicken läßt? Mordbrennerfürst, der die Schwester verhandelt, Die Lust zu richten auch mich anwandelt!« Dreizehnter Gesang. Balders Scheiterhaufen. Mitternachtssonn' auf den Bergen lag, Blutrot anzuschauen; Nicht war es Nacht und nicht war es Tag, Rings nur Dämmerungsgrauen. Balders Holzstoß, der Sonne Bild, Flammte auf heiligem Herde, Bald sinkt er zusammen wild, Dann ist Höders die Erde. Schürend standen die Priester geschart, Nahrung den Gluten zu spenden, Bleiche Greise im Silberbart, Flintsteinmesser in Händen. Helge, in hehrer Königspracht Schafft am Opfersteine – Horch, da klirren um Mitternacht Waffen im Baldershaine. »Björn, gefangen sind alle, sind mein! Wache am Thor nun gehalten! Keinen laß aus und keinen laß ein! Eher den Schädel gespalten!« Bleich ward der König, und ihn durchlief Beben beim Klange der Stimme. Ein trat Frithjof voll Zorns und rief Wie mit des Herbststurms Grimme: »Hier ist der Schoß, den dein Gebot Fern mich im Westmeer hieß fodern. Nimm ihn, doch Kampf dann auf Leben und Tod; Balders Flammen laß lodern! »Schild auf den Rücken! Brust – wenn dir's lieb – Frei: so ziemt es zu streiten; Du führst als König den ersten Hieb, Ich hab' – das merke! – den zweiten. »Schiele nicht scheu nach jener Thür! Fuchs, kein Verließ war je fester! Denk' an Framnäs, so teuer mir, Denk' der goldlockigen Schwester!« Also sprach der Held mit Fug, Rasch den Beutel, den reichen, Lösend vom Gurt; ins Gesicht er ihn schlug Helge, dem schreckensbleichen. Dunkles Blut entquoll dem Mund, Auge schien zu verglasen; Ohnmächtig lag am Altarrund Da der Sprößling der Asen. »Schmach du alles Königtums, Feigster zwischen den Fjällen, Angurwadel begehrt nicht des Ruhms Deinesgleichen zu fällen. »Priester ihr mit dem Opferbeil, Bleiche Mondscheinfürsten, Schweigt, sonst wird euch euer Teil, Unsere Schwerter, sie dürsten. »Weißer Balder, den Zorn bezwing', Blick' nicht so finster verhohlen! Hier an deinem Arm der Ring, Mit Verlaub, ist gestohlen. »Nicht für dich, soweit bekannt, Schmiedete ihn Waulunder; Räuber entwand ihn der Jungfrau Hand – Her damit jetzunder!« – Kraftvoll zerrt' er, doch Ring und Arm Schienen gewachsen zusammen – Endlich löst sich's, da stürzt voll Harm Balder sich in die Flammen. Horch, wie's knattert! Den Goldzahn schlägt Lohe in Dachstuhls Sparren. Todbleich Björn sich am Thor nicht regt, Frithjofs Glieder erstarren. »Auf die Thür! Das Volk hinaus! Wachen eingezogen! Gießt! Übers brennende Tempelhaus Gießet des Weltmeers Wogen!« Emsig vom Tempel hinab zum Strand Schafft eine Kette ohn' Enden: Wellen wandern von Hand zu Hand, Kämpfen mit knisternden Bränden. Frithjof schickt wie ein Regengott Hochher vom Dache die Güsse, Alles beherrschet sein Machtgebot, Ruhig lenkt er die Flüsse. Eitel! Das Feuer nimmt überhand, Rauchwolken wirbelnd sich wälzen, Schon tropft Gold auf glühenden Sand, Silberplatten schon schmelzen. Alles verloren! Der rote Hahn Läßt sich nicht zähmen, nicht zügeln, Schwingt sich krähend zum First hinan, Schlägt mit entfesselten Flügeln. Frühwind spielt vom Norden herein, Läßt die Lohe sich mehren; Sommerdürr ist Balders Hain, Hungernd will jene nur zehren. Züngelnd zuckt's in die Zweige hinein, Gierig schlagend zusammen. Hei, wie schauerlich prächtig der Schein Dieser Baldersflammen! Horch, wie's tief in den Wurzeln kracht! Schau nur der Wipfelglut Schöne! Was sind Menschen gegen die Macht Roter Muspelsöhne! Feuermeer woget im Hain umher, Uferlos wallen die Fluten; Sonne geht auf, doch Sund und Meer Spiegeln nur Abgrundgluten. Asche nur blieb vom Tempel dort, Asche von Balders Haine; Traurig schwanket Frithjof fort, Weinend im Morgenscheine. Vierzehnter Gesang. Frithjof wird landflüchtig. Auf Deck verwacht Der Held die Nacht, Durchras't von Schmerzen. Ihm tobt im Herzen Wie Meeresflut Bald Weh, bald Wut –; Vom Tempelbrande Noch raucht's am Strande. »Steig', Tempelrauch, Mit mächt'gem Hauch Zu Walhalls Stufen, Herabzurufen Mir das Gericht Vom Gott im Licht! Schrei', daß die Hallen Der Götter schallen, Vom Tempelrund, Das Schutt jetzund; Vom Bild von Holze – Es sank das stolze, Zerstört vom Brand, Wie andrer Tand; Vom Hain künd' weiter, Gefeit, seit Streiter Gesehn dies Land – Verbrannt! Verbrannt! Statt zu vermodern, Mußt' er verlodern. Was hier geschah, Was sonst man sah, Dem Gott erzähle Und nichts verhehle, Verhehle nichts Dem Gott des Lichts! Einst hallen Lieder Des Namen wieder, Der bannte mich, Zwar nicht von sich, Doch aus dem Reiche. Wohlan, ich weiche Ins Reich, so blau, Zur Wogenau'! Ellid', ans Ende Der Welt behende Nun fortgeeilt Und nicht verweilt! Weit fortgezogen Durch Meereswogen, Mein Drache gut! Ein Tropfen Blut Mag dir nicht schaden; Auf, dich zu baden! Im Sturmgebraus Bist du zu Haus, Das andre brannte Der Gottverwandte. Du bist mein Nord, Mein Heimatort, Denn von dem andern Muß ich ja wandern; Bist meine Maid, Du, schwarz von Kleid – Die Treu' der Weißen War nichts als Gleißen! Du, freies Meer, Läßt nimmer schwer Dich je bedrücken Von Königstücken. Gebieter dein Ist der allein, Der nimmer bebet, Wie sich auch hebet In Zorneslust Die schaum'ge Brust; Auf blauen Wiesen Ihm Wonnen sprießen; Als Pflug zieht drauf Der Kiel im Lauf; Blutregen tauen Auf diese Auen; Blank ist wie Stahl Die Saat zumal. Das Feld der Meere, Es trägt ihm Ehre, Es trägt ihm Gold – Meer, sei mir hold! Auf euch, ihr Wogen, Nun fortgezogen! Mein Vätergrab Schaut hoch herab Zum Meeresspiegel, Grün steht sein Hügel –: Mein Grab ist blau Auf schaum'ger Au', Umstürmt, wogt's immer Im Nebelschimmer, Zieht andre mehr Stets zu sich her. Dich, mir gegeben Zum Heim im Leben, Zum Grab begehr' Ich mir dich eben, Du freies Meer!« – So sang der Wilde, Der trauernd schied Vom Heimgefilde, Das nun er mied, Umfuhr im Schiffe Des Sundes Riffe, Die weit und breit Zahllos verstreut. Doch Rächer wachen. Mit zehn der Drachen Kam auf dem Meer Nun Helge her. Da scholl's von allen: »Nun will er fallen Im Kampf als Held; Nicht mehr gefällt Dem Walhallsohne, Daß hier er wohne: Zur Heimat hin Steht ihm der Sinn, Zu Odins Höhen Will er nun gehen!« – Gesagt, geschehn; Denn ungesehn An Helges Drachen Sich Kräfte machen, Die mehr und mehr Sie ziehen schwer In Ranas Arme. Mit Müh' und Harme Entrann zur Not Dem nassen Tod Im Wogenschaum Der König kaum. – Björn, froh unmaßen, Ruft: »Sproß der Asen, Gelungen ist Mir diese List! Ohn' andrer Wissen War ich beflissen: Nachts bohrt' am Riff Ich Schiff um Schiff Dir, Helge, an. Wohl war's gethan! Ran, hoff' ich, heget Sie, wie sie's pfleget, In ihrem Schoß; Doch schade bloß, Daß du im Sunde Nicht gingst zu Grunde!« Von Grimm entbrannt König Helge stand, Entfloh'n den Wogen, Und spannt' den Bogen Von Stahl zur Stund', Ohn' Überlegen Ihn stemmend gegen Den Klippengrund, Bis er zersprang Mit schrillem Klang. Doch Frithjof wieget Den Speer: »Hier lieget Mein Todesaar, Gebannt fürwahr. Wollt' ich ihn senden, Du würdest enden Im Strafgericht, Gekrönter Wicht! Doch laß dein Zagen, Nicht ihm behagen Kann Feiglingsblut! Er ist zu gut Für deinesgleichen! Wohl ritzt als Zeichen Man ihn in Steine, Wo die Gebeine Von Helden ruh'n; Nie wird man's thun Auf jenen Pfählen, Die einst erzählen Dem ganzen Lande Von deiner Schande. Hinab ins Meer Sank deine Ehr'; Zu Land' auch, König, Gilt sie gar wenig. Rost bricht den Stahl, Nicht du. Ein Mal Will ich mir stecken, Das wert des Kecken. Gieb acht, mein Stern Ist deinem fern!« – Nun faßt' er kräftig Ein Ruder heftig, Das stolz einmal Im Gudbrandsthal Als Mastföhr' prangte. Das andre langte Er sich dazu, Und dann im Nu Bewegt' er sie Mit Hünenkraft, Ließ rudernd wie Des Rohrpfeils Schaft, Wie Stahlesklingen Im Takt sie springen. Da flammt empor Des Morgens Thor, Und Winde säuseln Von Land und kräuseln Die See zum Tanz Im Frühlichtsglanz! Auf blauer Welle In Purpurhelle Ellida jagt, Doch Frithjof klagt: »Heimskringlas Scheitel, Du hehrer Nord! Hoffnung ist eitel – Ich muß nun fort. Daß ich entstamme Dir, freut mich wohl, Doch, Heldenamme, Nun lebe wohl! »Leb wohl, du Wonne, Du Nordlandspracht, Mittsommerssonne: Auge der Nacht! Leb' wohl, o Himmel, So klar, so rein! Du Sterngewimmel! Du Nordlichtschein! »Lebt wohl nun alle, Gebirg' und Thal, Der Ehren Halle, Thors Runensaal! Ihr blauen Seeen, Du Inselbucht – Muß von euch gehen, Verfehmt, verflucht! »Lebt wohl, Grabhügel Am Strand der See, Euch deckt Lenzflügel Mit Blütenschnee; Doch Saga wäget, Was tief im Grund Die Erde heget – Lebt wohl jetzund! »Lebt wohl, ihr Haine, Du Silberbach, Ihr grünen Raine, Wo oft ich lag! Ihr Freunde teuer, Gehabt euch wohl! Stets denk' ich euer, Lebt wohl, lebt wohl! »Verhöhnt mein Lieben, Mein Hof verbrannt! Von Heim vertrieben, Entehrt, verbannt! Vom Land wir scheiden, Die See geht hohl – Nun, Lebensfreuden, Lebt wohl! lebt wohl!« Fünfzehnter Gesang. Wikingerbalk. Nun er schweifte umher auf dem einsamen Meer,                     zog er weit wie ein jagender Falk; Für die Kämpen an Bord gab Gesetz' er und Recht.                     Willst du hören den Wikingerbalk? »Nimmer zelt' auf dem Schiff, und im Hause nicht schlaf',                     denn im Saal sind die Feinde stets wach; Auf dem Schild schlaf' der Wiking, das Schwert in der Faust,                     und der Himmel nur dien' ihm als Dach. »Kurzen Schafts ist der Hammer des siegenden Thor,                     eine Ell' lang bei Frei nur das Schwert. Das genügt! Hast du Mut, auf den Feind dann nur los,                     und zu kurz bist du nimmer bewehrt. »Wenn es stürmet mit Macht, dann die Segel du hiß';                     es ist lustig auf stürmischer See, Mag es gehn, wie es geh'! Segel streicht nur, wer feig';                     und weit lieber zu Grunde du geh'! »Schütz' am Lande die Maid, doch sie bleibe von Bord;                     wär's auch Freia, sie täuschte dich doch! Denn das Grübchen der Wang' ist die falscheste Grub',                     und ein Netz nur ist fliegend Gelock'. »Wein ist Walvaters Trank und ein Rausch dir vergönnt,                     doch Besinnung bewahre du dir; Wer da taumelt am Land, steht wohl auf, doch zu Ran,                     die dich einwiegt, enttaumelst du hier. »Wenn der Krämer sich naht, so beschirme sein Schiff,                     doch der Schwache den Zoll dir bezahl'. Du bist König der See, er ist Sklav des Gewinns,                     und so gut wie sein Gold ist dein Stahl. »Den Gewinn teilt auf Deck man durch Würfel und Los –                     wie er fällt, nicht beklage du dich; Doch der Seekönig selber den Würfel nicht wirft,                     nur die Ehre behält er für sich. »Kommt ein Wiking in Sicht, dann giebt's Ent'rung und Kampf;                     unter Schilden geht's heiß her im Streit. Wenn du weichst um ein Haar, ist gelöst unser Bund;                     das Gesetz kennt nur diesen Entscheid. »Dir genüge der Sieg! Wer um Frieden dich fleht,                     wer entwaffnet, ist nicht mehr dein Feind. Fleh'n ist Walhallas Sproß; gieb dem Bleichen Gehör,                     nur ein Schurke die Bitte verneint. »Wund' ist Wikingsgewinn, und sie zieret den Mann,                     wenn die Narbe schmückt Brust und Gesicht; Wie sie blute, verbinde vor Abend sie nie,                     sonst bist einer der Unsern du nicht!« So nun schrieb er Gesetz, und sein wachsender Ruhm                      flog durch Lande und Meere bald weit; Seinesgleichen nicht kannte die blauende See,                     und die Kämpen ergötzte der Streit. Doch er selbst saß am Steuer und blickte hinab                     in die Wogen mit gramvollem Leid: »Du bist tief – in der Tiefe ist Frieden vielleicht,                     doch hier oben er nimmer gedeiht. »Ist der Weiße mir gram, nun so zieh' er sein Schwert –                      soll es sein, geh' ich gerne dahin; Doch er sitzt im Gewölk und Gedanken er schickt,                     die mir stetig verfinstern den Sinn.« Doch wenn Kampf ward verkündet, dann hob sich sein Mut,                     wie nach stärkender Ruhe der Aar, Und die Stirn ward ihm klar und die Stimme voll Klangs,                     wie der Blitz zog er her vor der Schar. Und so schwamm er von Siegen zu Siegen getrost                     auf dem schäumenden Grabe daher, Und er schaute die Schären und Inseln im Süd                     und durchkreuzte das griechische Meer. Als die Gärten er dort sah entsteigen der Flut                     mit der Tempel verfallender Zier, was er sann da, weiß Freia, der Skalde es weiß,                     und ihr wißt es, ihr Liebenden, ihr! »Hier wir hätten gewohnt, hier ist Insel und Hain,                     hier der Tempel, den Vater beschrieb, Ach, hierher, ach, hierher die Geliebte ich lud,                     doch im Norden die Grausame blieb. »Wohnt nicht Frieden in seligen Thälern allhier,                     in der Prachtsäulen hallendem Gang? Ach, wie Liebesgeflüster tönt Plaudern des Quells,                     wie ein Brautlied der Vögel Gesang. »Wo weilt Ingeborg nun? Ob sie mein schon vergaß                     bei dem greisen, dem welken Gemahl? Ach, ich gäbe mein Leben, mein Leben dahin,                     sie zu sehn, sie zu sehn nur einmal! »Und drei Jahre sind's nun, seit mein Land ich geschaut,                     das des Ruhmes hochfürstlicher Saal! Ragt der herrliche Fjällen noch himmelempor?                     und ergrünt noch mein heimisches Thal? »Auf mein väterlich Grab eine Linde ich pflanzt',                     ob sie sproßt wohl mit freudigem Trieb? Wer nimmt ihrer sich an? Gieb, o Erde, den Saft,                     und den Tau du, o Himmel, ihr gieb! »Doch was schweif' ich noch länger auf fremdem Gewog'                     und brandschatze mit mordender Hand? Mir ward Ehre genug und des flammenden Golds –                     ich verachte den elenden Tand. »Auf dem Mast weht die Flagg' und nach Norden sie weis't,                     und das Land meiner Lieb', es ist dort; Ja, ihr himmlischen Winde, ich folg' eurem Gang,                      und ich steure zurück nach dem Nord!« Sechzehnter Gesang. Frithjof und Björn. Frithjof. Björn ich bin müde der wogenden See, Wellen sind unruhevolle Gesellen, Norwegens hehre, gewaltige Fjällen Locken mein Herz mit unendlichem weh, Wer nicht vertrieben vom Grabe der Ahnen, Nicht von der Heimat, glückselig ist der! Ach, nur zu lange des Friedlosen Bahnen Schweif' ich, zu lang, auf dem stürmischen Meer! Björn. Gut ist das Meer, das darfst du nicht schmähen, Freiheit und Freud' winken dort nur dir zu, Wissen nichts von der weichlichen Ruh', Wollen mit wandernden Wellen nur gehen, Werd' ich einst alt, mag im grünenden Port Fest wie das Gras ich am Boden auch kleben; Jetzt will ich kämpfen und trinken an Bord, Kosten das wonnige, sorglose Leben. Frithjof. Nun doch das Eis uns getrieben ans Land, Tot nun die Flut, sonst voll Lebens und Freuden, Soll ich den Winter, den langen, vergeuden Zwischen Geklipp auf unwirtlichem Strand? Einmal noch will ich das Julfest begehen, Gast König Rings und der einstigen Braut, Einmal die Locken, die goldnen, noch sehen, Hören der Stimme bezaubernden Laut. Björn. Gut, ich versteh'. König Ring soll's verspüren, Wikingerrache sei gleichwie der Blitz, Wenn wir ihm zünden den Königssitz, Sengen den Alten, die Schöne entführen; Oder vielleicht auch nach Wikingerweis' Willst du den Herrscher zum Holmgang bescheiden, Oder du lädst ihn zur Schlacht auf dem Eis – Wähle, mein Herz wird an jedem sich werden. Frithjof. Sprich nicht von Krieg mir, von Mord und Brand! Friedevoll will ich zum Könige gehen. Er nicht, die Gattin nicht hat es versehen: Rächender Götter ferntreffende Hand, wenig nur hab' ich zu hoffen auf Erden, Abschied nur nehm' ich von ihr, die mein Glück, Abschied auf ewig! will Frühling es werden, Früher wohl gar, kehr' ich zu euch zurück. Björn. Freund, deine Thorheit ist schier nicht verzeihlich! KIag' und Geseufz' um ein Weib – das ist toll! Leider, die Welt ist von Weibern ja voll – Wünschest du eins, schaff' ich tausend dir eilig, Hol' ich dir doch, kann's dir lindern den Gram, Schnell eine Ladung vom Süd her zum Kosen, Rot wie die Rosen, wie Lämmlein so zahm, Daß wir wie Brüder dann teilen und losen, Frithjof. Björn, gleichwie Frei bist du offen und schlicht, Klug bist im Rat du und tapfer im Streite; Doch, stehn auch Odin und Thor dir zur Seite, Freia, die himmlische, kennest du nicht. Reize die Ew'gen nicht! Übermuttrunken Spotte doch fürderhin nicht ihrer Macht. Früh oder spät ihr noch schlummernder Funken Göttern und Menschen im Busen erwacht. Björn. O, geh' allein nicht! Ich seh' es mit Bangen! Frithjof. Bin nie allein! Wo ich bin, ist mein Schwert, Björn. Daß dir nicht Hagbarts Los widerfährt! Frithjof. Wer sich läßt fangen, verdient auch zu hangen. Björn. Fällst du, mein Bruder, dann räch' ich dich wohl! Werde den Mörder zu Boden mähen! Frithjof. Björn, unnötig! Des Hahnes Krähen Hört er nicht länger als ich. Leb' wohl! Siebzehnter Gesang. Frithjof kommt zu König Ring. König Ring, im Hochsitz thronend, beim Mete julend trank, Die Königin saß daneben so blühend und so schlank, Wie Frühling bei dem Herbste, sah man sie bei einand': Er wie der Herbst so frostig, sie hold, wie Lenz im Land. Und sieh, da trat ein alter wildfremder Mann herein, Vom Haupt bis zu den Füßen hüllt' Bärenfell ihn ein. Am Wanderstabe ging er gebückt einher und schwach, Doch standen ihm an Größe die andern alle nach. Er setzte sich ganz unten dicht bei der Thür im Saal, Das ist der Armen Stelle noch jetzt wie dazumal; Die Schranzen lachten höhnisch und sah'n einander an, Und mit den Fingern wiesen sie auf den Zottelmann. Scharf blitzt' des Fremdlings Auge wie jäher Wetterstrahl, Rasch packt' er einen Hofmann mit einer Faust von Stahl, Und spielend auf und nieder wog so er den Kumpan – Da schwiegen still die andern; wir hätten's auch gethan. »Was für ein Lärm ist drunten? Wer stört den Frieden hier? Herauf zu mir, du Alter, und stehe Rede mir! Wie heißest du? Was willst du? Wo ist dein Vaterland?« So sprach voll Zorns der König; der Greis im Winkel stand. »Gar vieles fragst du, König. Das mag die Antwort sein: Nicht sag' ich, wie ich heiße, der Nam' ist mein allein. Land Jammer ist mir Heimat, mein Erbteil heißet Not, Jetzt komm' ich her vom Wolfe, der Unterschlupf mir bot. Vor Zeiten ritt ich fröhlich auf meinem Drachen hin; Er hatte starke Flügel und flog mit frohem Sinn; Nun ist er eingefroren und liegt gelähmt am Land, Ich selbst bin alt geworden und brenne Salz am Strand. Seh'n wollt' ich deine Weisheit, man rühmt sie tausendfalt, Da neckten sie mich höhnisch – für Hohn bin ich zu alt; Ich packte einen Narren und drehte ihn herum, Doch stand er auf ganz munter, nicht zürn', o König, drum!« – »Nicht übel,« sprach der König, »stehn deine Worte dir; Das Alter muß man ehren, komm', setz' dich her zu mir. Laß fallen die Vermummung, zeig' uns dich frank und frei, Vermummung stört die Freude, ich will, daß froh man sei!« Da fiel vom Haupt des Gastes die zottige Bärenhaut, Und statt des Alten jeder nun einen Jüngling schaut. Von hoher Stirne nieder um Schultern breit und prall Floß es von lichten Locken wie goldner Ströme Fall. In blauem Sammetmantel trat er nun prächtig auf, Handbreit der Silbergürtel, und wilde Tiere drauf, In hochgetriebner Arbeit vom Meister angebracht, Ging um des Helden Mitte die Hatz der wilden Jagd. Des Ringes goldne Zierde umgab den Arm ihm reich, Das Schwert hing an der Seite, gehemmtem Blitze gleich. Das stille Heldenauge auf Saal und Gäste sah; Schön stand er da wie Balder, wie Thor stand hoch er da. Schnell in die bleichen Wangen der Königin schießt das Blut; So wird ein Schneegefilde bestrahlt von Nordscheinsglut; Gleichwie zwei Wasserlilien bei wilder Sturmeslust Sich schaukeln auf den Wogen, hob sich die weiße Brust. Nun blies das Horn im Saale, still stand der Zungen Lauf, Es war Gelübdesstunde, Freis Eber trug man auf. Mit Kränzen um den Nacken, im Rüstel Äpflein bunt, Deckt' er, die Knie gebogen, der Silberschüssel Rund. Und König Ring erhebt sich in grauer Locken Schein, Des Ebers Stirn berührend; dies das Gelübde sein: »Besiegen will ich Frithjof, geht gleich kein Kämp' ihm vor; So helfe Frei' und Odin, dazu der starke Thor!« Mit trotz'gem Lächeln hob sich der fremde Mann empor, Ein Blitz des Heldenzornes schoß aus dem Aug' hervor; Sein Schwert schlug auf die Tafel, so daß der Saal erklang, Und von den Eichenbänken jedweder Kämpe sprang, »Vernimm auch mein Gelübde du nun, Herr König, hier; Wohl kenn' auch ich den Frithjof, er ist verwandt mit mir. Ich schwöre, ihn zu schützen, sei's gegen eine Welt! Das helfe meine Norne, den Schwur mein Schwert dann hält!« Der König lacht' und sagte: »Das nenn' ich keck einmal! Doch frei ist jede Rede im nordischen Königssaal! Gieß Wein ins Horn ihm, Kön'gin, den besten, den du hast, Der Fremdling, will ich hoffen, ist unser Wintergast.« Da nahm die edle Fraue das Hom, das vor ihr stand, Das Kleinod, einst die Zierde des Urs, in ihre Hand; Auf Silberfüßen prangt' es mit goldner Reifen Wehr, Und Vorzeitsbilder schmückten's und Runenschrift ringsher. Mit zücht'gen Augen reichte dem Gast das Horn sie dann, Doch ihre Hand erzittert', und etwas Wein verrann; Wie abendroter Purpur auf zarte Lilien strahlt, So auf der Hand, der weißen, die dunkle Flut sich malt. Der Gast nahm's von der Hohen mit leuchtendem Gesicht. Wie jetzt die Männer, leerten es zwei der Männer nicht, Leicht leert' der Starke solches zur Luft der Königin In einem Atemzuge, kein Tropfen blieb darin. Zur Harfe griff der Skalde, er saß beim Königsmahl; Von treuer Lieb' im Norden erklang es nun im Saal, Von Hagbart und schön Signe: da schmolz zu süßer Lust Das härteste der Herzen in stahlbedeckter Brust. Er sang von Walhalls Sälen und der Einherien Ehr', Von tapfrer Väter Thaten im Feld und auf dem Meer. Da griff ans Schwert ein jeder, im Auge Heldenzorn, Und fleißig um die Tafel im Kreise ging das Horn. Nun wurde scharf getrunken im hohen Königshaus, Und derben Julrausch holte sich jeder hier beim Schmaus Und ging dann fort zu schlafen, befreit von Gram und Sorg'; Doch König Ring, der Alte, schlief bei schön Ingeborg. Achtzehnter Gesang. Die Eisfahrt. Zum Festgelag fährt das Königspaar, Das Eis auf dem See liegt spiegelklar. »Fahr' nicht übers Eis!« der Fremdling rief, »Es bricht, und das Bad wär' zu kalt und tief.« »Ein König,« sprach Ring, »ertrinkt nicht so leicht! Den See umgehe, wen Furcht beschleicht.« So drohend, so streng blickt der fremde Mann, Dann schnallet er eilig den Stahlschuh an. Das Schlittenroß, wie ras't es so wild Dampfschnaubend über das Eisgefild! »Greif aus,« schrie der König, »mein Traber gut! Laß sehn, ob du bist von Sleipners Blut!« Das geht, wie der Sturm übers Weltmeer geht, Umsonst ist's, wie auch die Königin fleht. Der Held mit den Stahlschuh'n steht auch nicht still, Er jagt vorüber, so oft er will. Und Ingeborgs Runen ritzt so sein Fuß, Daß ihr Schlitten darüber hinfliegen muß. So eilen sie fort auf der glatten Bahn Doch unten lauert die falsche Ran. Sie öffnet plötzlich ihr Silberdach – Hinein das Roß und der Schlitten nach! Da ward schön Ingeborgs Wange bleich, Doch der Gast, wie ein Wirbelwind kommt er sogleich. Ins Eis bohrt er den stählernen Schuh Und packet die Mähne des Rosses im Nu. Und sieh! in einem Ruck mit Macht Sind Roß und Schlitten aufs Eis gebracht. »Den Griff muß ich rühmen!« der König lacht, »Das hätte selbst Frithjof nicht besser gemacht!« Und zurück zur Hofburg den Weg man nahm; Der Fremde blieb, bis der Frühling kam. Neunzehnter Gesang. Die Versuchung. Frühling kommt mit Vogelliedern, Waldesgrün und Sonnenstrahl, Und die eisbefreiten Flüsse tanzen singend nun zu Thal, Und wie Freias Wangen glühend steht das Röselein in Blust, Und das Menschenherz fühlt sprühend neuen Mut und Lebenslust. Heute will der alte König mit der Königin auf die Jagd, Und der Hof ist schon versammelt in bewegter, bunter Pracht. Bogen klirren, Köcher rasseln, Hengste scharren stolz den Staub, Und die Kappe vor den Augen schrein die Falken laut nach Raub. Sieh, da naht des Jagdzugs Herrin! Armer Frithjof, flieh doch, flieh! Wie ein Stern auf Lenzgewölke sitzt auf weißem Zelter sie. Halb wie Freia, halb wie Rota, nur weit schöner noch zu schau'n, Blaue Federn auf dem Hütchen, naht die holdeste der Frau'n. Sieh nicht in der Augen Himmel, auf der Locken Goldgeroll! Nicht wie dieser Leib geschmeidig, dieser Busen wie so voll! Lilj' und Rosen dieser Wangen, wie sie wechseln so geschwind! Lausch' nicht! Ihre teure Stimme säuselt wie der Frühlingswind. Fertig ist der Troß der Jäger. Heißa! Über Berg und Thal! Hörner schmettern, Falken steigen jach hinan zu Odins Saal. Angstvoll fliehn des Waldes Tiere zu der Höhlen Schirm und Dach, Doch mit vorgestrecktem Speer setzt die Walküre ihnen nach. Nimmer kann der alte König folgen dieser wilden Jagd. Ihm zur Seite reitet Frithjof, ernst und schweigsam wie die Nacht; Tiefwehmütige Gedanken peinigen die Seele ihm, Ihre Klagetöne flüstern stets mit größerm Ungestüm: »O, daß ich das Meer verlassen, vor dem eignen Unheil blind! Gram gedeiht nicht auf dem Meere, da entführt ihn jeder Wind, Wenn der Wiking grübelt, rufen Kampf und Not ihn auf zum Tanz, Und die finstern Grillen weichen vor der Waffen hellem Glanz. Hier ist's anders! Unaussprechlich Sehnen läßt den Flügelschlag Um die Stirn mir wehn, und träumend geh' ich, wo ich gehen mag. Balders Hain vergeß ich nimmer, nimmer je den heil'gen Eid, Den sie schwur, und den gebrochen sie nicht, nein, der Götter Neid. Das Geschlecht der Menschen hassend, schau'n sie neidisch deren Lust. Meine Rosenknospe setzten so sie an des Winters Brust. Was soll der mit einer Rose, die er nicht zu schätzen weiß? Er umkleidet kalten Bauchs nur Stengel, Knosp' und Blatt mit Eis!« Also klagt' er; da erreichten sie ein felsumschloss'nes Thal, Welches Birken rings und Erlen überschatteten zumal. Und vom Rosse stieg der König: »Sieh, wie schön, wie kühl der Hain! Müde bin ich, laß uns ruhen, auf ein Weilchen schlummr' ich ein.« – »Hier darfst du nicht schlafen, König, wo das Lager hart und kalt, Laß uns hier nicht ruhn, ich führe dich zurück zur Hofburg bald!« »Unverhofft, wie andre Götter, kommt der Schlaf und oft im Nu,« Sprach der Greis, »gönnt denn der Gast nicht seinem Wirt ein Stündchen Ruh'?« Da nahm Frithjof seinen Mantel, deckt' auf Blumen ihn und Moos, Und des Königs Haupt, es ruhte voll Vertraun in seinem Schoß, Sicher wie auf ihren Schilden Helden ruh'n nach heißer Schlacht, Wie das Kind im Schoß der Mutter, welche seinen Schlaf bewacht. Horch! da singt ein schwarzer Vogel von des nächsten Baumes Ast: »Frithjof, töt' ihn und befreie dich von deiner Sorgen Last! Nimm dir Ingborg, die als Braut sich einst zum Kusse dir geneigt, Keines Menschen Auge sieht es, und das tiefe Grab – es schweigt.« – Frithjof lauscht – ein weißer Vogel, horch! läßt da vernehmen sich: »Sieht's auch keines Menschen Auge, Odins sieht es sicherlich. Feigling, willst den Schlaf du morden? Einen Greis, der wehrlos liegt? Was du auch damit gewinnest, Ruhm wird nicht damit ersiegt!« – Also sangen beide Vögel; doch sein Schwert ergriff alsbald Frithjof, und er schleudert' weit es von sich in den finstern Wald, Und nach Nastrand fliegt der schwarze, doch der weiße Vogel hebt Sich zur Sonne, und sein Flug klingt wie wenn Harfenton erbebt. Da erwacht der alte König: »Viel war dieser Schlaf mir wert; Angenehm ruht sich's im Schatten, treu beschirmt von tapferm Schwert. Doch wo ist dein Schwert, o Fremdling? Wo des Blitzes Bruder? Sprich! Wer hat euch getrennt, die beide nimmer sollten trennen sich?« Frithjof sprach: »Laß diese Fragen! Schwerter hat genug der Nord; Scharf ist, König, Schwertes Zunge, redet nicht des Friedens Wort. Finstre Geister sind im Stahle, welche Nifelheim gebar, Nicht der Schlaf ist ihnen heilig, Silberhaar reizt sie sogar.« – »Nicht geschlafen hab' ich, Jüngling! Dich zu prüfen war mir Pflicht, Unerprobtem Schwert und Manne traut ein Kluger ewig nicht. Du bist Frithjof, mir bekannt, seit meinen Saal dein Fuß erstieg, längst schon weiß der alte Ring, was ihm sein kluger Gast verschwieg. Warum schlichest du verkleidet, namenlos dich ein bei mir? Stehlen wolltest deine Braut du aus dem Arm des Alten dir. Nie mischt namenlos sich Ehre in ein gastfrei Festgelag, Blank ist wie die Sonn' ihr Heerschild und ihr Antlitz wie der Tag! Frithjof heißt ein Feind der Götter, gilt als aller Menschen Schreck; Schilde spalte, Tempel brenne, sagt man, dieser Wiking keck – Mit dem Heerschild also, wähnt' ich, zieh' er gegen dieses Land, Und er kam, jedoch als Bettler, mit dem Stab in seiner Hand. Warum schlägst den Blick du nieder? Ich auch weiß von wilder Zeit! Nur ein Kampf ist alles Leben, Jugend ein Berserkerstreit, Wo es gilt, sich durchzuringen, bis die tollen Tage fliehn – Nun, geprüft hab' ich, vergeben, dich beklagt und dir verziehn. Siehst du? Ich bin alt geworden; bald zieh' ich zum Hügel ein! Nimm mein Reich alsdann, o Jüngling, meine Königin sei dein. Sei im Königssaal bis dahin mir als Sohn ein lieber Gast! Fried' und Freundschaft! Schirme fürder mich, wie du geschirmt mich hast!« – »Wie ein Dieb,« sprach Frithjof düster, »nimmermehr beschlich ich dich; Wollt' ich deine Königin nehmen, wer hätt' es verhindert? Sprich! Meine Braut nur wollt' ich sehen, sie ein einzig Mal nur sehn! Thor ich! Halb erloschne Flammen ließ aufs neue ich erstehn. »Schon zu lang' als Gast, o König, säumt' ich hier, ich darf's nicht mehr! Zorn der unversöhnten Götter ruht auf meinem Haupte schwer. Balder, der den Menschen sonst als Freund sich zu erweisen sucht, Er selbst haßt mich, einsam irr' ich, bin geächtet und verflucht. »Ich zerstörte seinen Tempel – Tempelwolf nennt man mich drum. Kinder schrei'n bei meinem Namen, jedes Festmahl macht er stumm. Ein verlorner Sohn, verbannt von meiner Heimat Mutterschoß, Bin ich friedlos nicht nur dorten, auch im Herzen friedelos. »Nicht auf grüner Erde will ich fürder Frieden suchen hier; Unterm Fuß brennt mir der Boden, Schatten beut der Baum nicht mir. Ingeborg ist mir verloren, die der alte Ring gewann, Meine Sonne ist erloschen, Finsternis hüllt mich fortan. »Darum hin zu meinen Wogen! Ei, hinaus, mein Drache gut! Bade dir die Brust, die schwarze, wieder in der Meeresflut! Auf die Schwingen in die Lüfte! Zischend durch das Meer gesaust! Flieg', so weit dich Sterne leiten, dich besiegt die Well' umbraust! »Laß mich Sturmgetöse hören, Donnerkrach ist meine Lust! Wenn der Weltkampf mich umwettert, ist es still in Frithjofs Brust! Schildesklang, Pfeilregen, Alter! Schlachtfeld soll das Meer mir sein! Und ich falle froh und gehe zu versöhnten Göttern ein!« Zwanzigster Gesang. König Rings Tod.           Skinfaxe ziehet,           Goldmähnumflossen, Schöner Lenzsonn' aus dem Meer als zuvor.           Frührot erglühet;           Holder ergossen, Spielt es im Thronsaal; da pocht's an das Thor.           Steht auf der Schwellen           Frithjof in Leiden. Bleich sitzt der König, der Busen bebt lind           Ingborg gleich Wellen.           Lieder vom Scheiden Klagend der Fremdling zu singen beginnt.            »Daß es sich bade,           Sehnt in die Wogen Sich das geflügelte Seeroß vom Strand.           Fort vom Gestade,           Heißt's nun, gezogen, Fort, ach, vom Freund und vom heimischen Land!           »Laß mich den Ring dir           Wiederum geben, Ingborg, ihn weihen Erinn'rungen hehr!           Doch ich beding' mir:           Keinem im Leben Reich' ihn – mich siehst du auf Erden nicht mehr!           »Nie seh' ich lichten,           Ringelnden Rauch hier Steigen im Norden mehr! – Sklaven sind wir:            Nornen hier richten!           Grab werdet auch ihr, Wüsten des Meers, die jetzt Vaterland mir.           »Nie geh zum Strande,           Ring, mit der Frauen, Niemals vor allem beim Sternenschein.           Möchtest im Sande           Schauen voll Grauen Frithjofs, des friedlosen Wikings, Gebein!« –            Singt da der König:           »Feige kommt's vor mir, Klaget ein Mann gleich der wimmernden Maid.           Schon klingt dumpftönig           Grablied ins Ohr mir, Doch, wer da lebt, sei zum Sterben bereit.           »Nornengewebe           Schlingt uns in Bande; Klage nicht wendet's, nicht wendet es Hohn.           Frithjof, ich gebe           Weib dir und Lande, Schirm' sie für meinen erwachsenden Sohn!           »Liebt' ich Gelag' auch,           Fröhlich beim Mahle, War ich stets goldenem Frieden geneigt:           Schilde doch brach auch           Gern ich im Thale, Schilde zur See und bin nimmer erbleicht.           »Will nun verbluten;           Geirsodd ich schneide! Normannfürst hat nicht nach Strohtod Begehr.           Nicht mich entmuten           Soll's, ob ich leide: Minder als sterben, ist leben nicht schwer.«            Mutig an Mienen,           Odingeweih'te Runen er ritzte nun, schweigend, voll Lust;           Rot wie Rubinen,           Blut sich befreite Zwischen dem Silber behaareter Brust.           »Her mit dem Horne!           Heil deinem Ruhme, Heil deiner Ehren, du herrlicher Nord!           Segen dem Korne!           Segen der Blume! Friedlichem Thun war ich treu stets ein Hort.           »Aber vergebens           Unter den wilden Fürsten des Nordens hatt' seiner ich acht;           Irdischen Lebens           Lohn in Gefilden Walhalls reicht nun mir die Tochter der Nacht.           »Heil sei euch Göttern,           Walhallasöhnen! Erde verschwindet – zum Feste nun laßt           Laden das Schmettern           Gellerhorns; krönen Soll dort die Seligkeit jeglichen Gast!«            Sprach es und drückte           Ingborg die Hände, Drückt' sie dem weinenden Freund und dem Sohn.           Und der entrückte           Geist flog behende Mit einem Seufzer zu Allvaters Thron. Einundzwanzigster Gesang. Rings Drapa. Sitzt nun im Hügel Herrlich der Häuptling, Schwert an der Seiten, Schild auf dem Arm. Traber, der treue, Tief unten wiehert, Scharret mit Goldhuf an Grabes Grund. Reitet nun reicher Ring über Bifrost, Bogig die Brücke sich Beugt unter ihm. Auf springen Walhalls Wölbige Thore – Hände der Hehren Holen ihn heim. Thor ist von Hause, Heerfahrt zu üben. Walvaters Wink den Weinpokal heischt. Frei schmückt des Königs Krone mit Ähren, Frigg windet blaue Blumen hinein. Braga, der greise, Greift in die Saiten, Sanfter nun säuselt Sang denn zuvor; Wanadis lauschend Lehnt an die Tafel, Bebend ihr blendender Busen sich hebt. Hell singt der Schwerter Schwung in den Helmen; Wogende Wellen Wallen mit Blut. Kraft, die der Götter Gütige Gabe, Beißt wie der Berserk Barsch in den Schild. Hoch drum wir schätzen den Herrlichen Herrscher, Schirmte sein Schild doch des Friedens Gefild; Ruhiger Stärke Strahlendes Abbild, Auf stieg wie Rauch er vom Opferstein. Worte der Weisheit Walvater redet, Sitzend bei Saga, Söquabäcks Maid. So klang des Königs Wort auch, wie Mimers Wellen so klar und Wieder doch tief. Friedliebend schlichtet Forsete Zwiste, Waltend an Urdas Wallender Flut, So saß als Richter Ring auf dem Richtstein; Bruderhand bot die Blutrache dar. Karg gab der König Keinem, er teilte Tagsglanz der Zwerge, Drachenbett aus. Gern ging die Gab' aus Gütiger Hand ihm, Leicht von den Lippen Lindernder Trost. Willkommen, weiser Walhalla-Erbe! Lang' noch im Norden Lebet dein Lob! Braga begrüßt dich, Bringt dir den Becher, Bote der Nornen, Nahend vom Nord! Zweiundzwanzigster Gesang. Die Königswahl. Zum Thing! Zum Thing! Der Botstock geht           Von Berg zu Thal. König Ring ist tot: bevor nun steht           Die Königswahl. Da greift zum Schwert der Bonde frank           Und läßt den Pflug, Prüft, ob die Schneide ihm zu Dank           Auch scharf genug. Mit Jubel sieht der Knaben Schar           Die wucht'ge Wehr. Zwei heben sie – für einen war           Sie noch zu schwer. Den Helm putzt ihm die Tochter traut           So blank wie nie, Und wenn ihr Bild sie drin erschaut,           Errötet sie. Den runden Schild nimmt er alsdann,           Eine Sonn' in Blut. Heil, Mann von Eisen, freier Mann,           Dir, Bonde gut! Du, aller Landesehre Hort,           Führst kühn sie durch; Im Frieden wirst du ihr zum Wort,           Im Krieg Zur Burg! Sie sammeln sich mit Schildgekrach           Auf offnem Feld, Mit Waffenschall; des Himmels Dach           Ist ihr Gezelt. Hoch ragte Frithjof auf dem Stein,           Und bei ihm war Der Königssohn, ein Knäbelein           Mit goldnem Haar. Da geht ein Murmeln durch den Kreis:           »Zu klein ist der Als Richter, und zu führen weiß           Er nicht das Heer!« Doch auf dem Schilde Frithjof hebt           Das Kind empor: »Hier ist der König! In ihm lebt           Des Landes Flor! »Seht hier des alten Odin Bild,           So schön und hehr; Der Knabe fühlt sich auf dem Schild           wie Fisch im Meer. »Ich schütze seines Reiches Glanz           Mit meinem Stahl Und schmücke mit des Vaters Kranz           Den Sohn einmal. »Forsete, Balders hoher Sohn,           Hört meinen Schwur, Und sprech' ich jemals diesem Hohn,           Töt' er mich nur!« – Vom Schildesthron blickt in die Luft           Das Kind so klar, wie zu der Sonn' aus tiefer Kluft           Ein junger Aar. Doch endlich ward dem kecken Blut           Die Zeit zu lang; Mit einem Königssprung voll Mut           Zur Erd' er sprang. Laut rief das Volk da auf dem Thing:           »Dich küren wir, Wir alle! Werd' wie König Ring,           Schildknabe hier! »Und Frithjof herrsch' im Königssaal,           So lang' du klein, Die schöne Mutter mag Gemahl           Dem Helden sein!« »Heut' ist,« ruft finster Frithjof laut,           »Hier Königswahl, Nicht Hochzeit, und ich nehm' die Braut           Nach meiner Wahl. »Fort treibt es mich zu Balders Hain;           Es harren ja Längst mein zum ernsten Stelldichein           Die Nornen da. »Ein Wort muß mit den Schildjungfrau'n           Ich reden dort, Die unterm Baum der Zeiten bau'n           Und drüber fort. »Der bleiche Balder ist mir gram,           Der finster schaut; Zurück giebt nur, der mir sie nahm,           Die Herzensbraut.« Den kleinen König küßt der Held,           Dann noch ein Gruß, Und schweigend durch das Heidefeld           Lenkt er den Fuß. Dreiundzwanzigster Gesang Frithjof auf dem Grabhügel seines Vaters Wie hold die Sonne lacht! Von Zweig zu Zweigen Hüpft milden Scheins ihr Goldstrahl hier im Hain. Tautropfen schon Allvaters Blicke zeigen So klar uns wie das Weltmeer und so rein! Rot angeglüht der Berge Gipfel steigen – O, das ist Blut auf Balders Opferstein! Der Sonne goldner Schild sinkt in die Wogen, Bald ist von Nacht das weite Land umzogen. »Laß erst mich wiedersehn die teuren Stellen, Die einst des Kindes liebster Aufenthalt! Dieselben Blumen duften an den Quellen, Dasselbe Vogellied durchklingt den Wald! Ans Ufer branden noch wie sonst die Wellen – Den nie sie wiegten, preis' ich tausendfalt: Von Thatenruhm die falschen stets dir prahlen, Und führen fort dich von der Heimat Thalen. »Dich kenn' ich, Fluß, der du so oft getragen Den kühnen Schwimmer auf krystallner Flut; Dich kenn' ich, Thal, in dessen Schattenhagen Wir Treu' uns schwuren voll von heil'ger Glut; Ihr Birken, denen ich in schönern Tagen Einst Runen einschnitt, steht noch wohlgemut, Weißstämmig, grünbelaubt – in meinem Norden Ist es wie sonst, nur ich bin anders worden. »Ist es wie sonst? Ist's so in Framnäs' Saale? In Balders Tempel am geweihten Strand? Ach, schön war es in meiner Kindheit Thale, Doch wie ward dies verheert mit Mord und Brand; Von Menschenhaß, vom Rachegötterstrahle Erzählt dem Wandrer das versengte Land. Hierher nie, frommer Waller, du dich wage: Das Wild des Waldes haust im Baldershage. »Ja, ein Versucher schreitet durch das Leben, Der grimme Nidhögg aus des Dunkels Wust; Er haßt das Asenlicht, das fromme Streben Des Heldenschwertes und der Heldenbrust. Wenn wir im Zorn vor Frevel nicht erbeben, Ist es sein Werk, der bösen Mächte Lust, Und glückt's ihm, setzt den Tempel er in Flammen, Schlägt er die schwarzen Hände froh zusammen. »Wohnt denn Versöhnung nicht in Odins Hallen? Sühnt, frommer Balder, nichts denn deine Wut? Der Mann nimmt Wehrgeld, wenn Verwandte fallen, Die hohen Götter selbst versöhnet Blut. Man sagt, du sei'st der mildeste von allen, Sprich, und ich opfre freudig jedes Gut. Den Brand verschuldet' ich nicht in Gedanken, Nimm diesen Flecken mir vom Schild, dem blanken! »Die Bürde nimm hinweg, die gar zu schwere! Der Seel' erlaß all ihre Pein und Schmach! Verschmäh' die Reu' nicht; eines Lebens Ehre Laß sühnen, was ein Augenblick verbrach! Ich bebe nicht, ob nah' selbst Thor, der Hehre, Der Anblick Hels ruft keine Furcht mir wach: Dich, frommer Gott, der mondscheingleich du blickest, Dich fürcht' ich und die Rache, die du schickest. »Hier ruht mein Vater! Ach, es muß wohl gelten: Von wannen keiner kehrt, weilt längst er schon, Weilt, wie sie sagen, in den Sternenzelten, Trinkt Met, freut sich an Schildgeklirres Ton. Du Asengast, schau her aus Himmelswelten, Dich ruft dein Sohn, dich, Thorsten Wikingssohn! Mit Runen komm' ich nicht und Zaubertönen, Lehr' mich nur Asa-Balder zu versöhnen! »Giebt Antwort nicht das Grab? Um eine Klinge Sang einst aus seinem Hügel Angantyr. Das Schwert war gut, doch Tyrfing ist geringe; Ich bitte mehr, kein Schwert erbitt' ich mir – Im Holmgang hol' ich's selbst; du aber bringe Verzeihung von der Asen Stadt mit dir. Dem trüben Blick, der Ahnung laß es tagen, Kein edles Herz mag Balders Zorn ertragen. »Du schweigst, o Vater? Horch, welch süßes Klingen! Die Wogen murmeln – leg' dein Wort hinein! Der Sturmwind saust – häng' dich an seine Schwingen Und flüstre mir, wenn er durchbraust den Hain. Das Westgewölk schmückt sich mit goldnen Ringen – Laß einen deiner Botschaft Herold sein! Kein Wort, kein Zeichen wird dem Sohn entboten? Mein Vater, o wie arm sind doch die Toten!« – Die Sonn' erlosch, und Abendwinde sangen Ihr Schlummerlied den Erdenkindern mild. Auf Purpurrädern fuhr mit Rosenwangen Das Abendrot im himmlischen Gefild. In blauen Thälern, auf den Höh'n welch Prangen! Vorüber jagt's wie ein Walhallabild. Da plötzlich, säuselnd ob des Westens Fluten, Naht ein Gesicht, geformt aus Gold und Gluten. Luftspieglung nennen wir dies Himmelszeichen, Mit schönerm Namen nennt es Walhalls Saal. Sanft schwebt es nieder über Balders Eichen, Ein Goldkranz ruht es überm grünen Thal; Es schimmert rings, so weit die Blicke reichen, Kein Auge sah so lichten Glanzes Strahl. Zur Erde sinkt zuletzt das Bild, das helle, Ein Tempel an des frühern Tempels Stelle. Ein Abbild Breidablicks! Die Mauern ragen Am Felsgestad' empor im Silberschein; Die Pfeiler sind aus blankem Stahl geschlagen, Und der Altar ein einz'ger Edelstein. Die Wölbung hängt, von Geisterhand getragen, Ein Winterhimmel, sternenklar und rein; Gewandung himmelblau mit goldnen Kronen, Also die Götter Walhalls droben thronen. Und sieh, gestützt auf ihre Runenschilde, Stehn dort die hohen Nornen an dem Thor, Gleichwie drei Rosenknospen in der Wilde Ernst blühn, doch schön, aus einem Zweig empor. Auf den zerstörten deutet Urda milde, Und Skuld weist auf des neuen Tempels Chor. Doch kaum hat Frithjof wieder sich gefunden, Von dem Gesicht entzückt, da ist's verschwunden. »O, ich versteh' euch, hohe Schicksalsfrauen, Ein Zeichen, Vater, war's, von dir gesandt: Den Tempel Balders soll ich wieder bauen Auf jenem Fels erhaben, wo er stand. Durch Friedenswerk gesühnt soll man nun schauen Der Jugend Frevel, jenen Tempelbrand. Es blüht die Hoffnung dem Verstoßnen wieder, Vergebung blickt der weiße Gott hernieder. »Heil euch, ihr Sterne, die ihr kommt gezogen! Froh schau' ich wieder euern stillen Gang. Willkommen, Nordlichtschein am Himmelsbogen, An Tempelflammen mahntest du mich lang'. Ergrüne, Heldengrab, und aus den Wogen Steig' schön wie sonst, du wunderbarer Sang! Hier will ich träumen, schlummernd auf dem Schilde, Von Menschensühn' und von der Götter Milde.« Vierundzwanzigster Gesang. Die Versöhnung. Vollendet war nun Balders Tempel. Ringsherum Stand nicht wie sonst ein Pfahlzaun; nein, von Eisen war, Mit goldnem Knauf auf jeder Stange, nun die Wehr Um Balders Hain. Wie eine eh'rne Kämpenschar, Bewehrt mit goldnen Helmen und Hellbarden, stand Sie da zur Wach' um Balders neues Heiligtum. Von lauter Riesensteinen war der Dom erbaut, Die kühne Kunst zusammenfügt', ein Riesenwerk Für Ewigkeit, dem Tempel zu Upsala gleich, Wo sein Walhall der Norden sah im ird'schen Bild. Stolz stand er da auf steilem Fels und spiegelte Im blanken Glanz des Meergewogs die hohe Stirn. Doch ringsumher, gleich einem prächt'gen Blumengurt, Lag Balders Thal mit seiner Haine sanftem Weh'n, Mit seiner Vögel süßem Lied, ein Friedenssitz. Hoch war das Thor von Kupfer, und im Innern trug Ein Säulenreihenpaar auf starken Schultern stolz Das Rund des Domgewölbes; überm Tempel hing So schön es da, gleich einem Riesenschild von Gold. Ganz vorn stand der Altar des Gottes, der gehau'n Aus einem einz'gen nord'schen Marmorblocke war. Ringsum schlang sich mit Runenschrift ein Schlangenreif Voll tiefer Wort' aus Wala und aus Hawamal; Doch in der Mauer oberhalb fand sich ein Raum, Wo goldne Stern' erglänzten auf dem dunkeln Blau. Da saß des Gottes Silberbild, so fromm, so hold, Wie hoch am Blau des Himmels thront der Silbermond. – Der Tempel so. Zu Paaren traten nun herein Der Jungfrau'n zwölf, gekleidet reich in Silberstoff, Mit Rosen auf den Wangen und mit Rosen auch Im unschuldvollen Herzen. Vor des Gottes Bild Umtanzten sie den neugeweiheten Altar, Wie Frühlingswinde tanzen auf dem klaren Quell, Wie Waldeselfen schweben auf der Wiese Grün, Wenn Morgentau noch glänzend an den Halmen hängt. Indes sie tanzten, sangen sie ein heilig Lied Von Balder, von dem Frommen, wie geliebt er war Von jedem Wesen, wie er fiel von Höders Pfeil, Beweint von Erde, Meer und Himmel. Nicht als käm' Hervor er aus der Menschenbrust, war der Gesang, Nein, wie ein Klang aus Breidablick, des Gottes Saal, So wie der Maid Gedanken an den fernen Freund, Wenn sanften Tons die Wachtel schlägt in stiller Nacht Und mild der Mond strahlt auf des Nordlands Birkenwald. – Entzückt stand Frithjof, auf sein Schwert gelehnt, und sah Hin auf den Tanz; es drängte sich an ihm vorbei Der Kindheitsträume lustig und unschuldig Volk Mit himmelblauen Augen und das Haupt umwallt Reich von der goldnen Locken Flut; sie winkten nun Den Freundesgruß dem früheren Genossen zu. Und niedersank als blut'ger Schatten tief in Nacht Mit seiner Abenteuer Zahl und allem Streit Das Wikingsleben, und ihm war, als stünd' er selbst, Ein blumbekränzter Bautastein, auf ihrem Grab. Es schwoll das Lied, die Seele hob sich immer mehr Empor vom niedern Erdenthal gen Walaskjalf, Und Menschenrache, Menschenhaß schmolz sanft dahin, Wie Eisespanzer schmelzen von des Felsens Brust, Wenn Frühlingssonne scheinet, und es drang ein Meer Von Frieden und Entzücken in sein Heldenherz. Als wenn an seinem Busen er den Puls des Alls Vernähm', als wenn er tiefbewegt mit Bruderarm Heimskringla wollt' umfassen, so war's ihm; als ob Mit allem Fried' er schlösse vor des Gottes Blick. – Und siehe, Balders Oberpriester trat herein, Nicht schön und jung wie Balder, doch von hohem Wuchs; Im edlen Angesichte lag des Himmels Huld, Und nieder aus den Gürtel floß der Silberbart. Ein neu Gefühl der Ehrfurcht faßte Frithjofs Brust; Die Adlerflügel auf dem Helme senkten tief Sich vor dem Greis; der aber sprach das Friedenswort: »Willkommen hier, Sohn Frithjof! Sieh, ich harrte dein! Ich weiß, gern schweift die Kraft umher in Land und Meer, Dem Berserk gleich, der grimm beißt in des Schildes Rand; Doch müde und gebändigt kehrt sie endlich heim. Der starke Thor zog oftmals hin gen Jotunheim; Doch trotz der Stahlhandschuhe, trotz des Göttergurts Sitzt Utgard-Loke immer noch auf seinem Thron. Das Böse weicht, selbst eine Kraft, vor keiner Kraft; Fehlt aber Kraft, ist Frömmigkeit nur Kinderspiel. Sie ist, gleich wie der Sonne Strahl auf Ägirs Brust, Ein schwankend Bild, das mit der Woge steigt und fällt, Unzuverlässig, ohne Halt – der Grund gebricht. Ach, ohne Frömmigkeit verzehrt sich selbst die Kraft, Gleichwie das Schwert im Grab: sie ist des Lebens Rausch; Doch des Vergessens Reiher schwebet überm Horn, Und nach verschlafnem Rausche schämt man sich der That. Die Kraft stammt von der Erde nur, von Ymers Leib; Die wilden Wasser machen drin die Adern aus, Geschmiedet sind die Sehnen ihr aus festem Erz So lang' bleibt aber öde sie und unfruchtbar, Bis auf sie scheint die Sonne Himmelsfrömmigkeit. Dann grünt das Gras, dann hebt der Purpurteppich sich, Es glänzt des Baumes Krone und der Früchte Gold, Und Tier und Menschen saugen an der Mutterbrust. So ist es auch mit Askurs Sprossen! Für die Sterblichen Legt zwei Gewicht' Allvater in der Wage Rund, Gleichwiegend miteinander, steht die Wage recht: Sie heißen Erdenkraft und Himmelsfrömmigkeit. Stark ist wohl Thor, o Jüngling, wenn den Megingurt Er um die felsenfeste Hüfte spannt und schlägt, Und weise wohl ist Odin, wenn hinab er schaut In Urdas Silberwogen, wenn des Vogels Flug Dem Asenvater Kunde bringt vom Weltenrund; Jedoch sie beid' erblaßten, und zur Hälft' erlosch Der Kronen Glanz, als Balder, als der Fromme fiel, Denn Balder war in Walhalls Götterkranz das Band. Nun wurde gelb am Zeitenbaum der Krone Pracht, Die Wurzel fühlte Nidhöggs Biß. Frei wurden da Der alten Nacht Gewalten; Midgardsdrache schlug Den Schwanz, den giftgeschwollnen, Fenrir heulte laut, Und Surturs Flammenschwert blitzt' her von Muspelheim. Wohin seitdem dein Auge blickt, durchtost der Streit Mit Waffenlärm die Schöpfung; in Walhalla kräht Der goldne Hahn, der feuerrote kräht zum Kampf Auf Erden und darunter. Friede war zuvor Nicht in der Götter Sälen nur, hienieden auch, Wie in der Menschen, so in hoher Götter Brust. Denn was auch hier geschehn mag, es geschah bereits In größerm Maß dort oben. Ist die Menschheit doch Ein kleines Bild von Walhall nur; des Himmels Licht, Es spiegelt sich in Sagas runenvollem Schild. Ein jedes Herz hat seinen Balder. Denk' der Zeit, Da Frieden dir im Busen war! Es war so froh, So himmlisch still dein Leben, wie des Vogels Traum, Wann hin und her der Sommernacht Gesäusel wiegt Der Blumen müde Häupter und ihr grünes Bett. Da lebte noch in reiner Seele Balder dir, Du Asensolm, du Abglanz von Walhallas Bild. Denn für das Kind starb nicht der Gott, und Hela giebt, Sobald ein Mensch geboren wird, den Raub zurück. Jedoch zugleich mit Balder wächst in Menschenbrust Sein blinder Bruder Höder auf, das Kind der Nacht; Blind kommt jedwedes Böse, wie die Bärenbrut, Nacht ist sein Mantel; Gutes glänzt im Lichtgewand. Geschäftig auf tritt Loke, der Versucher, lenkt Die Mörderhand des Blinden, und es fährt der Spieß In Balders, des Walhallalieblings, junge Brust. Auf wacht der Haß, zum Rauben auf springt die Gewalt. Des Schwertes Wolf durchstreichet hungrig Berg und Thal, Und wilde Drachen schwimmen auf dem blut'gen Meer. Denn wie ein schwacher Schatten sitzt die Frömmigkeit, Die Tote unter Toten, bei der bleichen Hel. Es liegt in Asche Balders hohes Götterhaus. – So ist der hehren Asen Leben Vorbild dir Vom niederen der Menschheit; beide sind allein Allvaters Traumbild, und sie wechseln nicht. Was längst Vergangen und was kommen wird, singt Wala tief, Das Wiegenlied der Zeit, ist es ihr Drapa auch. Heimskringlas Thaten gehen nach demselben Ton; In ihm hört eigner Saga Wiederhall der Mensch. »Verstehst du seine Deutung, Mensch?« fragt Wala dich. – Versöhnung willst du? Weißt du, was Versöhnung ist? Sieh mir ins Auge, Jüngling, und erblasse nicht. Auf Erden rings sühnt einer, und sein Nam' ist Tod: Nur Bodensatz der Ewigkeit ist sie, die Zeit, All irdisch Leben Abfall von Allvaters Thron. Versöhnt zu sein, heißt reiner heimzukehren dort. Die hohen Asen selber fielen. Ragnarok, Das ist der Asen Sühnungstag, ein blut'ger Tag Auf Wigrids Hundertmeilenfeld; dort fallen sie, Jedoch nicht ungerochen, denn das Böse stirbt Auf ewig, doch erhebt das Gute sich vom Fall Geläutert für den Himmel ans dem Weltenbrand. Wohl fällt der Kranz der Sterne bleich und welk herab vom Himmelszelt, und wohl versinkt die Erd' ins Meer; Doch schöner wird sie neu geboren und erhebt, Gekrönt mit Blumen, aus den Wogen froh das Haupt, Und junge Sterne wandeln dann mit Götterglanz Hoch über der verjüngten hin den stillen Gang. Dort auf den grünen Hügeln lenket Balder dann Der neuen Asen und der Menschen rein Geschlecht, Und goldne Runentafeln, die verloren einst Am Zeitenmorgen gingen – auf dem Idawall Entdeckt sie neu versöhnter Walhallkinder Schar. So ist der Tod des Guten Feuerprobe nur, Ist Sühnung ihm, zum bessern Leben die Geburt, Das nun geläutert wieder fliegt zur Heimat hin Und schuldlos, wie ein Kind spielt auf des Vaters Knie. Ach, hinterm Grabeshügel, Gimles grünem Thor, Liegt einzig das Vollkommene; denn niedrig ist, Befleckt ist alles unterm blauen Sternendom. – Doch hat auch dieses Leben seine Sühne schon, Ein stilles Vorspiel jener größern, höhern dort. Dem Vorspiel gleicht des Skalden sie, der den Gesang Mit kunsterfahrnem Finger anschlägt und den Ton Sich anstimmt, leise prüfend, bis mit Macht die Hand Hineingreift in der Saiten Gold und aus dem Grab Hervorlockt die Erinnerungen grauer Zeit, Und Walhalls Glanz auf die Entzückten niederstrahlt. Des Himmels Schatten ist die Welt, das Leben hier, Der Vorhof ist es nur zu Balders Heiligtum. Den Asen bluten Opfer, ihnen wird das Roß Mit Purpurzaum und goldnem Sattel dargebracht. Ein Zeichen ist es, des Bedeutung tief; denn Blut Ist eines jeden Sühnungstages Morgenrot. Doch Zeichen ist nicht Sache, es versöhnet nicht; Was du verbrochen, nimmt kein andrer je dir ab. Die Toten söhnen aus sich an Allvaters Brust, Die Lebenden jedoch im eignen Herzensschrein. Ein Opfer weiß ich, das den Göttern teurer ist Als Rauch von Opferschalen: o, zum Opfer bring' Des eignen Herzens wilden Haß, der Rache Lust. Kannst diese du nicht bändigen und kannst du nicht Verzeihn, was, Jüngling, willst du dann in Balders Haus? Was soll der Tempel dann, den du uns hier erbaut? Versöhnen läßt sich Balder so nicht – die Versöhnung wohnt Hienieden nur, wie droben, wo der Friede wohnt. Versöhne dich mit deinem Feind und mit dir selbst, Dann bist du mit dem lichtgelockten Gott versöhnt. Der Süd kennt einen Balder auch, der Jungfrau Sohn. Daß klar der Runen Rätsel auf dem schwarzen Schild Der Nornen würde, sandte ihn Allvater her. Sein Feldgeschrei war Frieden, Liebe war sein Schwert, Der Unschuld Taube saß auf seinem Silberhelm. Fromm lebte er und lehrte fromm, starb und vergab, Und unter fernen Palmen steht sein Grab im Licht. Sein Wort, erzählt man, wandert hin von Thal zu Thal, Erweichet harte Herzen, leget Hand in Hand Und bauet auf versöhnter Erd' ein Friedensreich. Nicht kenn' ich recht die Lehre, aber dunkel schon Hab' ich in meinen bessern Stunden sie geahnt; So wie das meine, ahnt sie jedes Menschen Herz. Einst wild sie kommen, weiß ich, und dann schwebt sie leicht Mit weißen Taubenflügeln ob des Nordlands Höh'n. Doch giebt's zu jener Zeit für uns kein Norden mehr, Und Eichen säuseln über der Vergess'nen Grab. Ihr glücklichen Geschlechter, ihr, die ihr dann trinkt Den Strahlenkelch des neuen Lichts, o seid gegrüßt! Wohl euch, wenn's bricht durch jede Wolke, die seither Als feuchte Decke um des Lebens Sonne hing! Doch schmäht dann uns nicht, uns, die treulich wir gesucht Und unverwandten Auges ihren Götterglanz. Allvater, er, der eine, hat der Boten viel'! Du hassest Beles Söhne? Warum hassest du? Weil sie dem Sohn des Odalbonden weigerten Die Schwester, die entsprungen ist aus Semings Blut, Des großen Odinsohnes; ihrer Ahnen Zahl Reicht bis zu Walhalls Thronen auf; des sind sie stolz. ›Geburt ist Glück und kein Verdienst,‹ erwiderst du. Auf sein Verdienst, o Jüngling, wird der Mensch nicht stolz. Nur Glück macht stolz die Menschen, denn das Beste ist Doch guter Götter Gabe. Bist du selbst nicht stolz Auf deine Heldenthaten, deine höh're Kraft? Gabst du dir selbst die Kräfte? Schlang nicht Asa-Thor Dir fest des Armes Sehnen wie den Eichenast? Ist's nicht des Gottes höh'rer Mut, der freudig dir Klopft in der Schildburg der gewölbten Brust? Ist nicht Thors Blitz es, der dir funkelt in des Auges Glut? Die hohen Nornen sangen bei der Wiege schon Das Heldenlied des Lebens dir, und dein Verdienst Ist mehr nicht als des Königssohns ob seinem Stamm. Schon' andrer Stolz, wenn Schonung du für deinen willst. Tot ist nun König Helge.« – Hier fiel Frithjof ein: »Tot König Helge? Wie und wo?« – »Du weißt ja selbst: So lange du hier bauetest, war er in Krieg Mit Finnen des Gebirges. Dort auf ödem Fels Stand noch ein alter Tempel, Jumala geweiht. Geschlossen war er und verlassen lange schon; Es hing jedoch noch überm Thor ein wunderlich Uralt Gebild des Gottes, morsch und sturzbereit. Sich ihm zu nahen, wagte keiner, denn es ging Im Volk die Sage lange: wer als erster sich Zum Tempel wage, solle schauen Jumala. Dies hörte Helge und erklomm in wildem Zorn Die öden Steige zu dem ihm verhaßten Gott, Den Tempel zu zerstören. Sieh, die Pforte war Verschlossen, und der Schlüssel saß verrostet drin. Die Pfosten nun umarmt' er fest und rüttelte Wild an den morschen Stämmen – da, mit grausem Krach Fiel um das Bild, in jähem Sturz den Göttersohn Zu Boden schmetternd, und so schaut' er Jumala! Ein Bote brachte diese Kund' uns heute Nacht. Jetzt sitzt allein nur Halfdan auf dem Königsstuhl. Biet' ihm die Hand, den Göttern opfre deinen Haß. Dies Opfer heischen Balder und sein Priester, ich, Zum Zeichen, daß den Friedensgott du nicht verhöhnst, Verweigerst du's, ist nichtig dieser Tempelbau, Ich aber sprach vergebens.« – – Nun trat Halfdan ein, Die Kupferschwelle überschreitend; zag und scheu Stand dem Gefürchteten er fern und schwieg. Da nahm Den Panzerhasser Frithjof von der Seit' Und stellt des Schildes goldnes Rund zum Hochaltar; Und unbewaffnet trat entgegen er dem Feind. »In diesem Streit« – mit weicher Stimme sprach er so, – »Ist edler, wer zuerst die Hand zum Frieden reicht!« Errötend zog nun Halfdan ab den Stahlhandschuh, Und langgetrennte Hände einigten sich fest In kräft'gem Handschlag, wie der Berge Grund so treu. Den Bannfluch löste nun der Greis, der immer noch Lag auf dem Warg in Weum, dem Geächteten. Als er gelöst war, trat im Brautschmuck Ingeborg, Im Hermelin herein; ihr folgt' der Jungfrau'n Schar, So wie dem Mond am Himmel folgt der Sterne Heer. Mit Thränen in den schönen Augen sank ans Herz Des Bruders sie; der aber legte tiefbewegt Die teure Schwester nun an Frithjofs treue Brust, Und über dem Altar des Gottes reichte sie Dem Jugendfreund, dem Heißgeliebten ihre Hand. – – Erklärungen.   Erster Gesang. Freia , die nordische Göttin der Liebe. Iduna , die Göttin der Jugend. Frigga , Odins Gemahlin, die oberste der Göttinnen. Gerda , Gemahlin Freis (Freirs). Nanna , Gemahlin Balders. Hel (Hela), die Göttin des Todes, eine Tochter Lokes und des Zauberweibes Angerboda. Odin , die oberste Gottheit in der nordischen Mythologie. Thor (Asa-Thor), Sohn Odins, auch der Donnerer genannt, gilt nächst jenem als die mächtigste Gottheit. Thrudwang , Thors Wohnung in Walhalla.   Zweiter Gesang. Bonde ist nicht ein einfacher Bauer, sondern ein Freisasse, wie hier der freie Besitzer eines umfangreichen Gebietes. Hawamal , einer der Gesänge der älteren Edda, besonders Weisheitssprüche enthaltend. Walhalla , die himmlische Wohnung der Götter und gefallener Helden (Einherien). Bautasteine , Denkmale mit Runenschriften zur Erinnerung an Helden oder hervorragende Begebenheiten. Frei (Freir), der Sohn Njords, Spender des Guten und Schönen, der Lenzgott.   Dritter Gesang. Framnäs bedeutet soviel wie Vorland, Vorgebirge, Im norwegischen Stift Bergen zieht sich der malerische Sognefjord tief ins Land hinein. Um nördlichen Ufer desselben lag Beles Reich, noch heute Belestrand genannt. Im Innern des Landes verzweigt sich der Sognefjord in zwei Arme, und auf der zwischen beiden befindlichen Landspitze lag Framnäs. Im südlichen Norwegen, etwa um das jetzige Christiania herum, lag Ringerike, das Gebiet König Rings. Elche , Elentiere, einst weitverbreitete Hirschart von plumpem Aussehen, mit mächtigem Geweih. Zehnmal zwölf das Hundert, 120, alte nordische Rechnungsart. Julfest , Jul, Fest der Geburt Freis, des Lenzgottes, denn vom Jul an – unserm Weihnachtsfest entsprechend – nehmen die Tage zu und gewinnt die Sonne an Kraft. Zu julen heißt also das Julfest feiern. Gandwick , das Weiße Meer am Ausfluß der Dwina; es muß bei dieser Stelle also an Umsegelungen des Nordkaps gedacht werden. Braga (Brage), der Gott des Gesanges und der Dichtkunst. Mimer , ein Riese, Besitzer des Brunnens der Weisheit (Urdarbrunnen). Gröningersund (Grönsund), der Sund zwischen den dänischen Inseln Seeland, Möen und Falster. Hildur , eine der Walküren. Waulund (eine Erinnerung an den Wieland unserer Nibelungensage) war ein kunstreicher Schmied finnischer Herkunft. Alfheim , die Wohnung Freis, die Heimat der Lichtelfen. Söquabäck , die Wohnung der Saga. Glitner , die Wohnung des Forsete , des Gottes der Gerechtigkeit. Er war ein Sohn Balders und der Nanna. Bretland , Britannien. Ägir , der Gott des Meeres; Ägirs Töchter sind die Wellen. Drapa , Totenklage, Preislied auf einen gestorbenen Helden.   Vierter Gesang. Strohtod , Tod im Bette, ein den Kriegern unrühmliches Ende. Jarl , etwa soviel wie Unterkönig.   Fünfter Gesang. Volkwang , Freias Saal in Walhalla. Wala , Zauberweib mit der Gabe der Prophetie. Die Völuspa, der erste Gesang der älteren Edda, enthält ihre Prophezeiungen.   Sechster Gesang. Schachspiel . Ob zur Zeit, wo die Handlung unsrer Sage spielte, das Schach im Norden bekannt gewesen, ist jedenfalls zweifelhaft; doch bleibt die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß die kecken Wikinger auf ihren weiten Fahrten nach dem Süden wirklich eine Art Schachspiel kennen lernten. Der im Originale der Sage gebrauchte Ausdruck scheint mehr auf Brettspiel hinzudeuten.   Siebenter Gesang. Sohn Dellings . Einer der Asen, der letzte Gatte der Nacht, die Morgendämmerung, hieß Delling; dessen Sohn war Tag. Saga , die Göttin der Geschichte. Alfen , Naturgeister, welche freundlich oder feindlich ins Menschenleben hineingreifen; die freundlichen heißen Lichtalfen, die feindlichen Schwarzalfen. Walküren , Schildjungfrauen Odins. Wingolfsaal , Wohnung der Göttinnen in Walhalla.   Achter Gesang. Urda , die Norne der Vergangenheit. Gefion , die Göttin der Jungfräulichkeit. Bifrost , der Regenbogen, die Brücke zwischen Himmel und Erde, der Zugang zu Walhalla. Wegtamsqvida , ein Gesang der älteren Edda, den Besuch Odins im Reiche Hels darstellend, den er machte, um von der toten Wala Balders Schicksal zu erfahren. Fafner , der Drache, welcher den Schatz König Sigurds bewachte. Sigurd , der Drachentöter genannt, weil er den Drachen Fafner erlegte. Nastrand , die Wohnung der Finsternis und des Entsetzens, der Unseligen Aufenthalt.   Neunter Gesang. Öder , der ungetreue Gatte Freias, welcher von ihr in heißer Sehnsucht gesucht wurde.   Zehnter Gesang. Troll , böses Zauberwesen, gespenstische Erscheinung (Ham und Hejd). Ran (Rana), die Meeresgöttin, Ägirs Gemahlin; sie wird als hinterlistig und falsch dargestellt. Efjesund . Auf Mainland, der größten der Orkneys, heißt noch jetzt ein Ort Evie; vielleicht war dort dieses Efjesund.   Elfter Gesang. Berserker , wilde, durch hitzige Getränke bis zur Sinnlosigkeit berauschte Krieger, die in ihrer Wut wohl auch ihre besten Freunde anfielen. Sikelö , Sicilien. Morven , die Heimat Ossians, Hochschottland. Welscher Heldensang, gälisches Lied in der alten Keltensprache. Norränische Lieder, in altnordischer Sprache verfaßt. Astrild , der nordische Liebesgott, Kupido.   Zwölfter Gesang. Eriksgasse , der Umritt der nordischen Könige, wenn sie sich in den verschiedenen Landesteilen huldigen ließen. Disarthal , Götterthal, so genannt, weil in der Nähe des Baldershaines gelegen. War , die Göttin der Eide. Widar , der Gott der Verschwiegenheit; nach Thor der stärkste der Asen. Lofna , Göttin der Ehe.   Dreizehnter Gesang. Höder , der Gott der Nacht und Finsternis, Balders blinder Bruder. Fjäll , Fels, Felsengebirge. Muspelheim , die südliche Feuerwelt, welche Surtur bewacht: Muspelsöhne sind die Flammen.   Vierzehnter Gesang. Heimskringla , das Erdenrund, die Welt.   Fünfzehnter Gesang. Balk , Namen der einzelnen Abteilungen im alten schwedischen Gesetzbuch.   Sechzehnter Gesang. Holmgang , Zweikampf, der womöglich auf einer kleinen Insel (Holm) ausgefochten wurde, wo ein Aus- und Entweichen nicht möglich war. Hagbart und Signe . Hagbart, ein norwegischer Königssohn, hatte sich in Mädchenkleidern zu Signe, seiner Geliebten, der Tochter eines mit seinem Vater verfeindeten Königs von Seeland, geschlichen, wurde aber von diesem ergriffen und gehenkt; die nordischen Romeo und Julie. Die Sage ist dichterisch vielfach verwertet, von Oehlenschläger zu einem Drama.   Siebzehnter Gesang. Salz am Strande brennen , eine Arbeit, welcher sich nur solche unterzogen, welche auf kriegerischen Ruhm Verzicht leisten mußten. Gelübdesstunde . Bei allen Festen wurden den Göttern Gelübde dargebracht. Einherien , die in der Schlacht gefallenen Helden.   Achtzehnter Gesang. Sleipner , Odins achtfüßiges Roß, auf welchem derselbe allnächtlich die Welt durchjagt.   Neunzehnter Gesang. Rota , eine der Walküren. Niflheim , Nebelwelt, das Reich der Finsternis und Kälte, nördlich von Ginungagap. Tempelwolf (Warg in Weum), Tempelschänder.   Zwanzigster Gesang. Skinfaxe , das Roß, mit welchem Tag aus dem Meere herauffährt. Seinen Namen hat es wegen seiner glänzenden Strahlenmähne. Nornen , Schicksalsgöttinnen (Urd, Verdandi und Skuld). Geirsodd , tödliche Verwundung durch eigne Waffe, um dem schimpflichen Strohtod zu entgehen. Gellerhorn , das Horn Heimdals, des Wächters der Walhalla. Der Ton desselben wurde über die ganze Welt vernommen.   Einundzwanzigster Gesang. Wanadis (die schöne Disa, Göttin), ein Beiname Freias, der Göttin der Liebe. Tagsglanz der Zwerge, Drachenbett , das Gold, welches die Sage von Zwergen im Bergesinnern losgebrochen und gehämmert werden läßt. Der Name Drachenbett bezieht sich darauf, daß der Drache Fafner den goldenen Schatz auf ihm ruhend bewachte.   Zweiundzwanzigster Gesang. Botstock . Sollte eine Nachricht schnell verbreitet oder ein Thing zusammenberufen werden, dann sandte man einen mit Runen versehenen Stab von etwa einem Fuß Länge von Hofe zu Hofe. Wer den Botstock nicht unverzüglich weiter beförderte, wurde mit Strafe belegt.   Dreiundzwanzigster Gesang. Nidhögg , ein Lindwurm, welcher mit anderem Gewürm unablässig an derjenigen Wurzel der Esche Yggdrasil nagt, welche über Niflheim hingeht. Breidablick , Balders weißschimmernde Burg, der schönste Ort in Walhalla.   Vierundzwanzigster Gesang. Walaskjalf , Walas in der Luft schwebende Burg; auch Odins Thronsitz. Jotunheim , Heimat der Jätten, Lokes Wohnung. Utgård-Loke , ein Beiname Lokes, weil er in Jotunheim an den Grenzen der Welt wohnt. Ymer , ein Riese, aus dessen Körper die Götter die Welt erschufen. Askur (Askr), der erste Mann. Megingurt , der Gürtel Thors. Fenrir , Fenrirswolf, erzeugt von Loke mit dem Zauberweibe Angerboda. Surtur , Beherrscher Muspelheims, der Feuerregion. Ragnarok , Götterdämmerung, Weltuntergang. Wigrids Hundertmeilenfeld , die Kampfebene der Götter beim Ragnarok. Gimle , Wohnstatt der Seligen nach dem Ragnarok. Seming , einer der Söhne Odins. Jumala , eine finnische Gottheit.