Friedrich Spielhagen Allzeit voran Roman   Vierte, neu durchgesehene Auflage   Verlag von L. Staackmann   Leipzig 1875 468 Seiten Erste Auflage: 1871 Erstes Kapitel. Der Fürst hatte heute die Tafel früher aufgehoben, da für die Ankunft der Gäste, welche morgen bevorstand, noch Manches zu besprechen und anzuordnen war. Er hatte sodann beim Kaffee auf der Terrasse die schon über Tisch flüchtig berührten Gegenstände der Reihe nach gründlich mit den beiden zur Tafel befohlenen Herren seines Haushaltes erörtert. Jetzt wendete er sich zu dem älteren derselben und sagte: Nehmen wir Alles in Allem, lieber Iffler, so wird uns der Besuch noch immer theuer genug zu stehen kommen. Wir sind, Dank der Sparsamkeit Ew. Durchlaucht, glücklicherweise in der Lage, größere Ausgaben machen zu können, ohne nach irgend einer Seite hin genirt zu sein; erwiederte der Kanzleirath. Ich finde Sie bei dieser Gelegenheit gegen die Gewohnheit spendabel, lieber Iffler, sagte der Fürst lächelnd. Durchlaucht geruhen – begann der Kanzleirath. Ich weiß, was Sie sagen wollen, unterbrach ihn der Fürst. Sie haben diese Einladung weder angeregt, noch befürwortet. Und das wäre auch von Ihnen zu viel verlangt. Ich fürchte, Sie würden sich mit dem Grafen schwer darüber verständigen, daß die Fürsten von Roda ein hundertfach verbrieftes Recht auf Sitz und Stimme im Rathe der deutschen Fürsten haben. Der Kanzleirath zuckte die Achseln. Bei Ihnen, lieber Zeisel, fuhr der Fürst fort, indem er sich zu dem jüngeren Herrn wendete, ist das etwas Anderes. Freilich ist das Preußenthum auch bei Ihnen nicht besonders accreditirt; aber Sie sind jung und der Einförmigkeit unseres Lebens gewiß schon längst überdrüssig und sehnen sich nach einer Veränderung, besonders wenn es dabei ein wenig bunt hergeht, wie wir ja wohl im voraus annehmen dürfen. Habe ich recht? Der Fürst wartete die Antwort des Cavaliers nicht ab, und trat an den Rand der Terrasse. Die beiden Herren sahen einander an. Herr von Zeisel zuckte die Achseln. Der Kanzleirath hätte gern das Wort, das er auf den Lippen hatte, angebracht, da er aber, ohne sich dem Cavalier auf ein paar Schritte zu nähern, es nicht hätte leise sagen können, und der Fürst, wenn er sich umwendete, ihn doch auf derselben Stelle finden mußte, so begnügte er sich damit, die Geberde des Cavaliers nachzuahmen und über seine kahle Stirn ein paar Falten zu ziehen. Der Fürst stand noch immer an dem Steingeländer und blickte über die Wiesen unter ihm an den höher gelegenen Partien des Parks hinauf in das Gebirge, dessen einzelne sich übereinander aufbauende Stufen der Abendschein mit goldigen und rosigen Lichtern überhauchte. Von der höchsten Stufe schimmerten die Häuschen eines Dörfleins herüber, das dort auf einer Matte am Rande des Waldes lag. Die noch immer scharfen Augen des alten Herrn blieben längere Zeit an diesem Punkte haften; dann wendete er sich mit Lebhaftigkeit um und sagte zu dem Kanzleirath: Nach keiner Seite, sagen Sie. Ich will Ihnen gleich eine zeigen: da, das arme Hühnerfeld! Es könnte das Geld brauchen, sehr brauchen! Sie kennen ja meine Schrulle: Hühnerfeld ist mein Barometer. Wenn die da oben zufrieden sind, darf ich hier unten auch zufrieden sein. Und die Hühnerfelder sind es nicht. Können Sie es leugnen? Ich stelle es nicht in Abrede, Durchlaucht, erwiederte der Kanzleirath, aber wohl, daß die Leute mit Recht unzufrieden sind. Der Brand des Dorfes im vergangenen Winter war ja eine große Calamität, und daß die Kartoffeln in diesem Jahre so schlecht angesetzt haben, ist eine andere. Aber der Typhus ist ja nun im Erlöschen – Nachdem das halbe Dorf ausgestorben ist, sagte der Fürst. Allerdings, sagte der Kanzleirath, fünf ein halbes Procent; aber der eigentlichen Noth ist durch Ew. Durchlaucht Freigebigkeit über das hinaus, was der arme Mann in einer solchen Lage zu erwarten hat, gesteuert, und für die möglichen Verlegenheiten des nächsten Winters wird auch wohl Rath und Abhülfe geschafft werden können, wie – ich darf es wohl sagen – noch immer geschehen ist, so lange Durchlaucht das Regiment führen. Um die feinen Lippen des Fürsten zuckte ein ironisches Lächeln. Ein schönes Regiment, sagte er, das ich mit dem Herrn Landrath theile, und noch dazu so ungleich! Ah bah, lieber Iffler, was ist denn unsere ganze Arbeit, als ein Schöpfen in das Faß der Danaiden! Wenn wir ein paar Löcher glücklich zugestopft haben und das Wasser in dem Fasse steigt, kommt eine landräthliche Verordnung und bohrt ein neues, oder es platzt eine Großmachtslaune des großmächtigen Herrn Ministers hinein und schlägt dem Faß den Boden aus. Wir haben es 1866 gesehen. Wie nöthig brauchten wir gerade damals unser Geld, unsere Leute! Aber der Minister brauchte beides noch viel dringender, wie er sagte, und da mußten wir natürlich Alles stehen und liegen lassen und vor den Thüren anderer Leute fegen, die sie nun einmal nicht rein halten können. Nun, ich sollte mich eigentlich nicht beklagen. Es geschah bei der Gelegenheit in Hannover und Hessen, was seiner Zeit meinem Vater geschehen ist, trotz der Declaration der Schutzmächte auf dem Wiener Congreß; ihm geschehen ist von demselben Haus Brandenburg, dem 1723 auf dem Reichstage zu Regensburg anbefohlen war, die Fürsten und Herren von Roda gegen fernere Bedrängnisse, Beeinträchtigung und Vergewaltigung von Kaisers- und Reichswegen zu schützen. Nun, uns hat man doch auf unserem Grund und Boden gelassen! Wir können uns also noch für gnädige Strafe allerunterthänigst bedanken. Ein Jahr Sechsundsechszig wird sobald nicht wiederkommen, Durchlaucht, sagte der Kanzleirath. Sie denken, weil die Artischocke aufgegessen ist! Bah, lieber Iffler, es sind noch ein paar Blätter da, die man in diesen vier Jahren ebenfalls schon verspeist hätte, wenn man nicht fürchtete, sich daran die Zähne auszubeißen. Und dann, meinen Sie, daß die Franzosen die Revanche für Sadowa in saecula saeculorum verschieben werden? Ich habe sehr sichere Nachrichten, daß man Tag und Nacht in den maßgebenden Kreisen davon spricht, träumt, und wir werden eines schönen Morgens aufwachen und uns verwundert die Augen reiben, wenn wir anstatt unseres guten deutschen Hennig den gallischen Hahn krähen hören. Sie lachen, lieber Zeisel? Freilich, Ihnen, als gewesenem Soldaten, ist der Krieg als Krieg willkommen; nur vergessen Sie nicht, daß Sie diesmal leicht in der Gefolgschaft desselben Kriegsherrn kämpfen dürften, gegen den Sie Sechsundsechszig im Felde standen. Und folgst Du nicht willig, so brauch' ich Gewalt, wird der geistreiche Premier citiren, wenn er Euch Sachsen sammt den Uebrigen in's Schlepptau nimmt. Sehen Sie sich nur bei Zeiten vor, daß man Ihr Lieutenantspatent auch gehörig respectirt. Sprechen Sie doch einmal mit dem Grafen, wenn er morgen kommt. Sie sind ja anerkannt ein Meister im Reiten, da werden Sie sich mit dem Rittmeister schnell verständigen. Ich wußte nicht, daß meine geringen Dienste Durchlaucht bereits zu lange gewährt hätten; sagte der junge Cavalier, auf dessen weißer Stirn bis zu den blonden Schläfen hinauf bei den letzten Worten des Fürsten sich eine rothe Wolke gelagert hatte. Verzeihen Sie, lieber Zeisel, sagte der Fürst, auf den Beleidigten zutretend und ihm mit einer anmuthigen Bewegung die Hand entgegenstreckend, ich wollte Ihnen nicht wehthun, noch viel weniger Ihnen eine Unzufriedenheit zu erkennen geben, die zu empfinden ich weit entfernt bin. Im Gegentheil, ich danke Ihnen für Ihre treuen und sorgsamen Dienste, die ich während des Jahres, welches Sie nun bei mir sind – wie schnell die Zeit vergeht! – niemals nöthiger gehabt habe, als eben jetzt. Sie sind ja der Einzige von uns Allen hier, der da weiß, wie es in der großen Welt zugeht. Wer soll mir denn unseren Gästen die Honneurs machen helfen? – mir waren diese Dinge immer ziemlich fremd, und ich habe das Wenige, was ich davon wußte, mittlerweile verlernt – Der Fürst schwieg. Er hatte den Faden seines Gedankens verloren. Es begegnete ihm das in letzterer Zeit häufiger, obgleich es ihm fast immer mit einer für ihn und für die Andern peinlichen Anstrengung gelang, sich wieder zurechtzufinden. So stand er denn auch jetzt da und blickte mit gut gespielter Aufmerksamkeit nach dem Giebel des Schlosses, um welches die Schwalben im Abendsonnenschein spielten, und fuhr dann wie aus einem Traum erwachend fort: Als Sie, der Sie an dem Hofe Ihres Prinzen eine gute Schule durchgemacht haben. Und dabei fällt mir ein, lieber Zeisel, ich wollte Sie fragen, ob es doch nicht am Ende nothwendig ist, daß Sie selbst morgen die Wagen zur Station begleiten. Nicht als ob ich glaubte, daß Porst es an irgend etwas fehlen lassen würde, aber es ist doch am Ende besser so. Meinen Sie nicht? Ganz wie Ew. Durchlaucht befehlen, sagte der Cavalier. Also abgemacht, sagte der Fürst. Wenn dann die Herren nichts weiter vorzutragen hätten – Der Kanzleirath verbeugte sich; der Cavalier sagte: Befehl in Betreff der Fasanerie zu bitten. Der Kanzleirath that, als ob er nicht bereits eine Bewegung zum Fortgehen gemacht hätte und verlor sich in Betrachtung eines Albums, welches geöffnet auf einem der Tische lag, wobei er nicht bemerkte, daß er das Blatt über den Kopf betrachtete. Ich dächte, die Sache wäre heute schon bei Tafel ausreichend besprochen, sagte der Fürst. Es lag ein gewisser Unmuth in dem Ton, mit welchem er das sagte. Der Kanzleirath konnte sich nicht von dem merkwürdigen Blatt trennen. Durchlaucht befehlen also, daß ich die Fasanerie in Angriff nehmen lasse, sagte der Cavalier zögernd, und fuhr, als die Antwort des Fürsten ausblieb, mit seiner gewöhnlichen harmlosen Lebhaftigkeit fort: Es wäre dann wohl gerathen, daß ich noch heute Auftrag gebe. Die Stakete müßten ausgebessert und die Wege aufgeräumt werden, die in der That sehr verwildert sind. Prachatitz kann das ganz gut bis morgen oder spätestens übermorgen fertig haben, wenn er ein paar Dutzend Leute anstellt. Auch ist die Aussicht von den Fenstern des Theehauses eigentlich nur nach dem Schlosse zu frei; auf der Südseite und nach dem Hirschpark müßte ich nothwendig ein paar Bäume wegschlagen, um die es mir freilich leid thut – So lassen Sie sie stehen, sagte der Fürst ärgerlich. Der Kanzleirath machte leise das Album zu, der Cavalier schaute verlegen darein. Oder sprechen Sie noch einmal mit der gnädigen Frau, sagte der Fürst. Sie haben recht, lieber Zeisel, wir waren bei der Tafel doch wohl nicht ganz schlüssig; ich erinnere mich. Es ist ja auch im Grunde ziemlich irrelevant, ob wir das Theehaus zur Verfügung haben oder nicht. Wie oft wird es denn geschehen, daß der Thee da wirklich eingenommen wird! Zwei- oder dreimal, wenn es hoch kommt! Also, wie gesagt, sprechen Sie noch einmal mit der gnädigen Frau, oder ich will auch selber mit ihr sprechen, wenn Ihnen das lieber ist. Jedenfalls warten Sie, bis ich Ihnen bestimmte Ordre gebe. Guten Abend, lieber Zeisel. Sie, lieber Iffler, muß ich nun doch noch eine Minute aufhalten. Der Cavalier verbeugte sich und verließ die Terrasse. Der Kanzleirath blieb, ein wenig unruhig, was der gnädige Herr noch vorbringen werde. Ohne Zweifel wünschte er seine vertrauliche Ansicht hinsichtlich der Fasanerie. Der Kanzleirath war entschlossen, seine Antwort von der Fragestellung und dem Tone, in welchem der gnädige Herr fragen würde, abhängen zu lassen. Ich habe die Absicht, ein wenig indiscret zu sein, sagte der Fürst. Der Kanzleirath lächelte. Wie stehen Sie mit dem Doctor, ich meine, Sie und Ihre Damen? Da der Kanzleirath diese Frage nicht erwartet hatte und für den Augenblick schlechterdings nicht wußte, worauf dieselbe zielte, sagte er nicht ohne einige Verlegenheit: O, in der That sehr gut, wie immer, ohne Zweifel! Wie immer? sagte der Fürst mit Betonung. Daß ich nicht anders wüßte, Durchlaucht. Sie machen es mir schwer, indiscret zu sein, wenn Sie selber so sehr discret sind. Es ist das gar nicht meine Absicht, gnädiger Herr, sagte der Kanzleirath; nur daß ich in der That nicht weiß – Nun, wenn Sie nichts wissen, lieber Iffler – und Sie sehen in der That nicht aus wie ein Wissender – so kann ich mir auch meine Indiscretion ersparen. Guten Abend, lieber Iffler, und erscheinen Sie morgen eine Stunde früher zum Vortrag, Die Herrschaften kommen um ein Uhr. Es wird im Laufe des Vormittags noch so Mancherlei zu überlegen sein. Der Kanzleirath ging, unglücklich über seine Dummheit. Und doch hatte die Frage des gnädigen Herrn nur Eine Bedeutung haben können! Wie war es möglich gewesen, das nicht sofort herauszufinden? Und wie sollte er das nun seinen Damen vorbringen? Aber schließlich hatte der Doctor doch die Schuld. Weshalb hatte er sich immer noch nicht erklärt? Er mußte sich erklären, heute Abend noch! Er hatte ja so wie so versprochen, heute Abend vorzusprechen, wenn er von Hühnerfeld zurückkam. Was gab es denn noch so Wichtiges? fragte der Cavalier, an den Kanzleirath, auf den er im Schloßhof gewartet hatte, herantretend. O nichts, wenigstens nichts von Bedeutung, erwiederte der Kanzleirath. Nun, sagte der Cavalier lachend, heute Abend werden Sie hoffentlich weniger zugeknöpft sein. Ich hatte mir nämlich vorgenommen, gegen acht Uhr zu Ihnen zu kommen, wenn Sie nicht in den Kegelklub gehen und Ihre Damen frei sind. Es wird uns zum größten Vergnügen gereichen, sagte der Kanzleirath stotternd. Ich komme also, rief der Cavalier, den Kanzleirath auf die Achsel klopfend und sich in das Schloß wendend. Schon wieder eine Dummheit, sagte der Kanzleirath, den Hut abnehmend und die perlende Stirn vorsichtig bis zu der graublonden Perrücke mit dem seidenen Taschentuche trocknend; nun habe ich sie wieder Beide auf dem Halse. Es ist zum verzweifeln! Und der Kanzleirath verließ ganz zerknirscht den Schloßhof und machte sich auf den Weg nach seinem Hause, das, ein paar tausend Schritte vom Schlosse entfernt und ebenso viele hundert Schritt von dem Städtchen Rothebühl, an der prachtvollen Chaussée, welche vom Schloß zum Städtchen hinablief, aus Baum und Busch freundlich zu ihm heraufgrüßte. Der Fürst war, nachdem der Kanzleirath ihn verlassen, auf derselben Stelle stehen geblieben, in tiefes Sinnen verloren. Das halb gütige, halb ironische Lächeln, welches während der Conferenzen mit den Beamten seine Lippen zu umspielen pflegte, hatte einem Ausdruck tiefer Bekümmerniß Platz gemacht. Es fällt eben Alles von mir ab, murmelte er. Dieser Iffler, der sein Leben damit hingebracht hat, aus den Urkunden zu beweisen, daß wir so gut souverän sind, wie irgend ein Haus in Deutschland: der dem Grafen seine Demüthigung vor diesen übermüthigen Hohenzollern nicht vergeben zu können behauptet – wie zahm ist er jetzt! Wie macht er sich bereit, mit klingendem Spiel in das feindliche Lager überzugehen! Ich kann mich auf Niemand mehr verlassen, am wenigsten auf mich selbst – das ist das Bitterste. Aus der großen, vom Flüßchen Roda durchströmten Parkwiese unten, auf welche jetzt zwischen den Bäumen hervor die Hirsche erst einzeln, dann rudelweise heraustraten, wehte es kühl herauf. Der Fürst war im Begriff, seinem Kammerdiener zu klingeln und sich einen Ueberrock bringen zu lassen, aber er zog den Finger, der bereits auf der Glocke lag, zurück. Sie konnte jeden Augenblick kommen, sie sollte ihn in dem leichten Sommeranzuge finden; er durfte jetzt, gerade jetzt nicht unnöthigerweise den alten Herrn spielen. Freilich konnte er auch in sein Arbeitscabinet treten, dessen Thür nach der Terrasse offen stand, aber der Sonnenuntergang war so schön mit den goldenen, langgezogenen Wolkenstreifen durch den mattgrünen Himmel und den in rosigem Duft verschwimmenden Bergreihen. Sie liebte dieses Schauspiel so; sie hatten dasselbe so oft von dieser Stelle aus gemeinsam bewundert und jede kleinste Wandelung beobachtet, als sie vor drei Jahren die ersten schönen Frühlingstage hier verlebten. Drei Jahre! Die eine Hand auf die Steinbalustrade lehnend, stand der Fürst da und blickte mit starren Augen in den Sonnenuntergang. Aber er sah nichts mehr von dem prächtigen Farbenspiel! Es war der erste wahrhaftige Sonnenschein gewesen in seinem Leben; ein Licht wie aus einer anderen, besseren Welt, ein romantischer Wunderfrühling im Spätherbst seines Lebens – es war sehr, sehr schön und köstlich gewesen. Und wenn es gewesen und nicht mehr ist, wer trägt die Schuld, als ich selbst? Wer hat den Sonnenschein verdüstert, das Licht ausgelöscht, dem Frühling seine Wunder genommen, seine Romantik abgestreift, als ich selbst, ich selbst! Ich selbst? Was ist denn meine Schuld, als daß ich gegen mich habe, was Andere für sich haben? Sie war siebzehn, jetzt ist sie zwanzig; ich war zweiundsechszig, jetzt – ich habe die Zeit gegen mich. Das ist es! Der Fürst schrak zusammen, als er hinter sich auf der Terrasse das Rauschen eines Gewandes hörte. Er strich sich schnell mit der Hand über das Gesicht, und als er sich umwendete, zeigte er der jungen Dame, die in einem Reitkleide von dunkelgrünem Sammt, Baret, Handschuhe und Reitpeitsche in der Rechten, und das lange Gewand mit der Linken hebend, auf ihn zukam, ein lächelndes Gesicht. Sieh da, Hedwig! Du kommst heut spät zu Deiner Promenade, sagte er, die Stirn der Dame mit seinen Lippen berührend. Es gab so viel zu thun, erwiederte Hedwig; Conferenzen mit der Putzmacherin, da noch Einiges an den Herrlichkeiten, die Du mir hast kommen lassen – überreich und überreichlich, wie gewöhnlich – zu ändern blieb; dann die Zimmer auszuräumen, obgleich gerade nicht viel von meinen Sachen darin war – Die Zimmer, fragte der Fürst, Deine Zimmer? Weshalb ausräumen? Hast Du nicht Befehl gegeben, daß die beiden Zimmer in dem Rothen Thurm noch zu den Fremdenzimmern gezogen werden sollten? erwiederte Hedwig. Eine zornige Röthe flog über das bleiche Gesicht des Fürsten. Er drückte statt einer Antwort ein paarmal heftig auf den Knopf der Glocke und rief dem alten Kammerdiener entgegen, der aus dem Vorzimmer durch das Arbeitscabinet schnellen Schrittes herankam: Porst soll hierherkommen, sofort! Porst ist soeben, wie Herr von Zeisel befohlen, auf dem Küchenwagen in die Stadt gefahren, erwiederte der Kammerdiener. Er mag, sagte der Fürst, sich in Acht nehmen, wenn er zurückkommt! Uebrigens warst Du ja zugegen, als ich heute Morgen die Befehle gab; und da Dein Herr Schwiegersohn, wie ich weiß, sich seine Lection noch immer erst einmal von Dir überhören läßt, so ist mir der Eine so gut wie der Andere. Wer hat Euch gesagt, daß Ihr an die zwei Zimmer im Rothen Thurm Hand anlegen sollt? Ich frage, wer? Aber, mein Gemahl, sagte die junge Dame, wenn es ein Versehen ist – Es ist kein Versehen, sagte der Fürst, und auch kein Verhören, man hätte denn absichtlich nicht sehen und nicht hören wollen – ich kenne das. Durchlaucht hatten ausdrücklich befohlen, daß die sämmtlichen Wohnräume der hochseligen Frau Fürstin Durchlaucht für die gnädigen Herrschaften eingeräumt werden sollen, sagte der alte Diener mürrisch, und die beiden Zimmer im Rothen Thurm – Die sämmtlichen, die sämmtlichen Zimmer; rief der Fürst, aber doch selbstredend nur die unbenützten; aber doch selbstredend nicht die, welche die gnädige Frau vom ersten Tage an innegehabt hat – Aber, mein Gemahl, sagte die junge Dame, der diese Scene außerordentlich peinlich schien, noch einmal. Bitte, laß mich, sagte der Fürst, ihr seine Hand, welche stark zitterte, schnell entziehend: ich kann keine Diener brauchen, welche klar und deutlich gegebene Befehle so gröblich mißverstehen. Daß die Sache noch heute redressirt ist, bevor die gnädige Frau von ihrem Spazierritt zurückkommt! Du kannst abtreten, Andreas! Aber wie magst Du Dich nur über eine solche Bagatelle ärgern! sagte Hedwig, sobald Herr Andreas Gleich sich entfernt hatte. Dein Comfort, Deine Ruhe sind mir keine Bagatelle, erwiederte der Fürst, indem er mit noch zitternder Hand über den glänzenden Scheitel der Dame strich; am wenigsten jetzt, wo ich leider in der Lage bin, unser Leben so uncomfortabel und unruhig machen zu müssen. Das läßt sich nun freilich nicht ändern, aber über das Nothwendige hinaus sollen sie unsere Freiheit nicht beschränken und die Gewohnheiten unseres Lebens nicht stören. Wo wolltest Du heute hin, liebes Kind? Nach der Fasanerie, erwiederte die Dame. Ich wollte Deine Befehle selbst überbringen. Prachatitz ist so gewohnt, mich dort oben schalten zu sehen; er würde, fürchte ich, immer erst auf meine Ordre warten. Aber ich denke ja gar nicht mehr daran; sagte der Fürst nicht ohne einige Verlegenheit. Und ich bitte Dich, meinen unschicklichen und kindischen Widerspruch von vorhin zu vergessen, sagte die Dame; kindisch in der That! Mein Wunsch, das Theehaus so zu lassen, wie ich es damals fand – mit den vergilbten Kupferstichen und den erblindeten Spiegeln, den schönen, alten, wurmstichigen Rococomöbeln, dazu den kleinen Park mit den verrosteten Gittern, umgestürzten Statuen und wild überwucherten Wegen – das ist ja schließlich eine romantische Grille, die dem siebzehnjährigen Mädchen vielleicht nicht übel stand, aber doch jetzt nicht mehr recht für mich passen will. Du lachst? Ja, wenn man vier Jahre so weglachen könnte! Möchtest Du das Geheimniß verstehen? sagte der Fürst. Es klingt fast so; und für wen wolltest Du es in Anwendung bringen? Für Dich, für mich, für uns Beide? Er sagte das noch immer lächelnd, aber um seine Lippen zuckte es. Ich muß fort, sagte die junge Dame, es ist die allerhöchste Zeit. Also, lieber Freund, ich darf Prachatitz die nöthigen Befehle geben? Im Gegentheil; Du würdest mich ganz besonders verbinden, wenn Du die Sache ruhen ließest und Herrn von Zeisel dahin instruirtest. Auch die beiden Thurmzimmer mußt Du wieder nehmen. Und nun adieu, und reite mir nicht so wild! Wir werden heute Abend Niemand zum Thee haben, Du wirst mit mir vorlieb nehmen müssen. Vorlieb nehmen? sagte Hedwig. Das klingt wie ein Vorwurf für mich. Es sollte keiner sein, erwiederte der Fürst. Denn Du weißt selbst am besten, wie gerade die Abendstunde Deine beste Stunde ist, wie gut es sich da mit Dir plaudert. Wirklich? sagte der Fürst. Er hielt die Hand der jungen Dame in der seinigen, seine Augen ruhten mit leidenschaftlichem Ausdruck auf dem schönen Gesicht. Wieder zuckte es um seine Lippen, aber er fand das Wort nicht und ließ mit einem leisen Seufzer ihre Hand aus der seinen gleiten. Ich will Dich nicht länger aufhalten, sagte er. Die Dame hatte bereits die Thür zum Salon erreicht, als der Fürst ihr nachrief: Doch noch Eines, Hedwig! Hat denn der Doctor Dir in letzter Zeit eine Andeutung gemacht, daß er um seine Entlassung einzukommen beabsichtigt? Hat er das gethan? sagte die Dame. Es schien, daß sie mit der Schleppe ihres Kleides in der Thür hängen geblieben war; sie bückte sich sehr schnell und ihre Wangen waren, als sie sich langsam wieder aufrichtete, geröthet. Um seine Entlastung, sagte der Fürst, der ein paar Schritte nach der Dame gemacht hatte, ihr die Schleppe loszulösen. Er hat vorhin, als ich nach der Tafel einen Augenblick mit ihm allein war, darum angehalten, nicht in aller Form, aber doch in einer nicht mißzuverstehenden Weise. Du hast sie ihm gegeben? sagte die Dame. Ich werde mich wohl hüten, erwiederte der Fürst, einer reinen Caprice – denn mehr ist es doch schließlich nicht – Vorschub zu leisten. Wirken in's Allgemeine – das sagen die Leute stets und reden sich's auch ein, wenn sie irgendwo ganz im Speciellen der Schuh drückt. Ich habe vorhin bei Iffler auf den Busch geklopft; ich dachte, er habe sich am Ende von der Elise einen Korb geholt, aber Iffler schien wirklich nichts davon zu wissen – freilich kein zwingender Beweis; er weiß selten, was er wissen soll – vielleicht bekommst Du es heraus. Auf den schönen Zügen der Dame lag es wie eine Wolke und bei den letzten Worten des Fürsten flammte ein Blitz aus ihren dunklen Augen. Sie richtete den Kopf stolz in die Höhe, sah dem Fürsten gerade in's Gesicht und sagte: Es bedarf dessen nicht; der Doctor ist nicht der Mann, Dich oder sich selbst mit Scheingründen zu täuschen. Und sind denn die Gründe, die er vorgebracht, nicht stichhaltig? Du sprichst ja, als ob Du diese Gründe kenntest! unterbrach sie der Fürst. Ich kenne sie nicht, erwiederte die Dame noch lebhafter als zuvor; wenigstens hat er sie mir nicht mitgetheilt. Aber ich kann mir denken, was einen Mann, wie den Doctor, von hier treibt; ich kann mir denken, wie es ihn drängt, seine Kraft, sein Wissen auf einem größeren Felde zu verwerthen; kann mir denken, wie ihm die Enge unserer Verhältnisse – Sie brach plötzlich ab, als fürchtete sie, zu viel zu sagen. Ihre Wangen hatten sich mit einer brennenden Röthe überdeckt, der Fürst dagegen war sehr blaß geworden und mit blassen Lippen sagte er: In der That, Enge der Verhältnisse! Nun, ich sollte meinen, die Verhältnisse, in denen ich ihn vor drei Jahren fand, aus welchen ich ihn vor drei Jahren zog, wären enger gewesen. Freilich, es verstehen Wenige die Kunst, sich empfangener Wohlthaten gern zu erinnern. Und Wenige die schönere, gewährte Wohlthaten gern zu vergessen. Ich hoffe, liebe Hedwig, Du hast diese Bemerkung nicht auf mich gemacht. Er fühlte die Kniee unter sich wanken, nur mit Mühe hielt er sich aufrecht. Sollte die Abrechnung, die er immer gefürchtet hatte, die er in letzter Zeit näher und näher hatte hereindrohen sehen, jetzt erfolgen? Wie sollte ich, sagte Hedwig; Du kennst ja meine Unart, bei jeder Gelegenheit Sylben zu stechen! Und welche Anwendung hätte das auch auf unseren Fall? Aber nehmen wir die Sache wie sie liegt. Du hast den Doctor damals auf drei Jahre engagirt, die Zeit ist abgelaufen; Du wärst der Letzte, der ihn halten wollte, wenn er selbst sich nicht mehr gehalten fühlt. Du irrst, liebe Hedwig, sagte der Fürst. Ich will aufrichtig sein und eingestehen, daß ich ihn sehr ungern verlöre. Er kennt mich, ein Anderer müßte mich erst kennen lernen; vor Allem, ich habe mich einmal an ihn gewöhnt, ich habe ihn gewissermaßen gern. Und ganz abgesehen von mir: Gräfin Stephanie ist, wie Du weißt, der ärztlichen Hülfe entschieden bedürftig. Die Generalin selbst ist sehr ängstlich; ich habe ihr versprochen, daß Stephanie meinen Leibarzt vorfinden wird, für dessen Geschicklichkeit ich mich verbürge. Wie fatal wäre es mir nun, nachdem Alles verabredet ist und wir sie morgen schon hier haben werden, mein Versprechen nicht halten zu können! Aber der Doctor wird doch nicht alsbald fort wollen? fragte Hedwig. Doch, doch, sagte der Fürst. Man hat ihm auf der Naturforscher-Versammlung neulich den Kopf so warm gemacht. Er muß sich in kürzester Zeit entscheiden. Es ist fatal, wirklich recht fatal. Und doch bleibt Dir nur Eines übrig, sagte Hedwig. Ich bin überzeugt, Du wirst, wenn Du es ruhig überlegst, zu demselben Resultate kommen. Der Fürst lächelte. Nun gut, sagte er, wir wollen es uns ruhig überlegen. Vorläufig haben wir uns in eine Aufregung hineingesprochen, welche die Sache denn doch wohl nicht verdient. Mache Du Deinen Ritt, ich will eine Stunde lesen. Wir sprechen heute Abend beim Thee weiter darüber. Adieu, liebe Hedwig! Er küßte der jungen Dame die Hand und begleitete sie durch den Salon, an dessen Fenster er stehen blieb, um sie unten im Schloßhof ihr Pferd, welches der Reitknecht nebst dem seinigen am Zügel führte, besteigen zu sehen. Sie hatte im Davonsprengen mit der Reitpeitsche heraufgegrüßt und er hatte mit der Hand hinabgewinkt und hatte dann gewartet, um noch einen Schimmer von ihr zu haben, wenn sie über die Brücke ritt, welche unten im Thal über das Flüßchen führte und die er durch eine Lücke zwischen dem Cavalierhause und einem andern Gebäude des Schlosses sehen konnte. Schnell, wie sie ritt, pflegte sie in zwei, höchstens fünf Minuten dort zu sein; aber die fünf Minuten vergingen – es vergingen zehn Minuten – der Fürst machte ärgerlich das Fenster zu. Die Thür nach der Terrasse war offen geblieben. Er merkte jetzt erst, daß er in einem lebhaften Zuge gestanden hatte. Er fühlte sich frostig und unbehaglich; in seinem Arbeitscabinet angekommen, klingelte er. Durchlaucht befehlen? sagte der eintretende Kammerdiener. Ich wollte das Feuer im Kamin angezündet haben, erwiederte der Fürst. Indessen laß es nur, man darf sich nicht verwöhnen. Und andere Menschen auch nicht, halten zu Gnaden, Durchlaucht. Was meinst Du? Ich wollte mir nur erlauben, zu bemerken, daß Durchlaucht während der vierzig Jahre, die ich Durchlaucht zu dienen die Ehre habe, mich durch Ihre Güte etwas sehr verwöhnt hat, so daß mir ein hartes Wort von Durchlaucht ganz besonders wehthut; und da Durchlaucht nun einmal keine Diener brauchen kann, welche die Befehle von Durchlaucht so gröblich mißverstehen – Kommst Du nun auch noch? unterbrach der Fürst den Redenden heftig. Willst mir auch den Stuhl vor die Thür setzen? Seid Ihr denn Alle toll geworden? Oder glaubt Ihr Euch dadurch ganz besonders bei dem neuen Herrn zu insinuiren, wenn Ihr gegen den alten noch zu guter Letzt möglichst undankbar und impertinent seid? So wartet doch wenigstens, bis Ihr das reine Wasser habt, ehe Ihr das alte wegschüttet! Ich werde Euch dem Grafen denunciren; er soll sich vor solchen treulosen Schelmen hüten. Und nun habe ich genug von der Sache. Gieb mir die Decke da; ich habe im Zuge gestanden, das bekommt mir immer schlecht. Der Fürst hatte sich in ein Fauteuil geworfen und hüllte sich fröstelnd in die weiche Decke. Durchlaucht hätten auf der Terrasse bleiben sollen, sagte der Kammerdiener mit einer Bestimmtheit, als ob die letzten Worte seines Herrn nur eine Erklärung zuließen. Die gnädige Frau sind nach der Fasanerie geritten. Hast Du sie gesehen? Ich stand just hier am Fenster und sah die gnädige Frau den Weg nach der Fasanerie hinauf galoppiren. Es ging ein wenig schnell für den steilen Weg. Da hätte ich freilich lange warten können, sagte der Fürst. Was sie noch oben wollen mag? Die Sache ist doch abgemacht. Der Fürst sprach das halb für sich, halb für den Kammerdiener. Er war seit vielen Jahren gewöhnt, sich von Herrn Andreas Gleich seine Zweifel lösen und seine Gedanken deuten zu lassen. Vielleicht reitet die gnädige Frau noch über die Fasanerie hinaus auf den Weg nach Hühnerfeld; man hat von dort eine gar schöne Aussicht auf das Schloß hier und auf das Thal der wilden Roda nach der andern Seite. Als Herr Gleich bei diesen Worten sich langsam aus seiner knieenden Stellung aufrichtete, warf er einen schnellen prüfenden Blick auf Stirn und Augen des Gebieters. Nicht sehr wahrscheinlich, sagte der Fürst. Vielleicht daß die gnädige Frau dem Herrn Doctor, der um diese Zeit zurückkommen muß, etwas mitzutheilen hat? Noch viel unwahrscheinlicher, murmelte der Fürst. Ich habe der gnädigen Frau nicht gesagt, daß der Doctor hinaufreiten würde. Aber ich hörte, wie der Herr Doctor der gnädigen Frau es bei der Tafel mittheilte. In der That, sagte der Fürst; Du hörst wohl so ziemlich, was im ganzen Salon gesprochen wird? So ziemlich, sagte der Kammerdiener. Sonst haben Durchlaucht für den Augenblick nichts zu befehlen? Der Fürst hatte den Kopf in die Hand gestützt; der Kammerdiener, welcher keine Antwort bekam, wollte sich geräuschlosen Schrittes entfernen, als der Fürst hinter ihm herrief: Du kannst bei der gnädigen Frau, wenn sie zurück ist, anfragen lassen, ob sie vielleicht vorzieht, den Thee auf ihrem Zimmer zu trinken. Ich fühle mich ein wenig angegriffen, und muß doch morgen frisch sein; auch habe ich ein paar nothwendige Briefe zu schreiben. Sehr wohl, Durchlaucht, sagte Herr Gleich, die Thür leise hinter sich zuziehend. Der Fürst saß regungslos, die weißen schönen Hände auf der Decke ausgestreckt. Er dachte an morgen, wo die Ruhe und Stille um ihn her, die er so liebte, durch die laute Gegenwart von Menschen, die er im Grunde haßte, gestört sein würde, und er nicht wohl, wie jetzt, sich zurückziehen könnte, seinen Gedanken nachzuhängen. Ein fragliches Glück, Gedanken nachzuhängen, die vor uns hertrotten wie die Pferde eines Leichenzuges, und ich selbst bin der Todte, den sie zu Grabe tragen! Weshalb habe ich sie mir denn eingeladen? Ich weiß es selbst kaum noch, und doch habe ich recht gehabt; ich hatte nicht zu düster gesehen; es stand ihr zu deutlich auf der Stirn geschrieben, es blickte aus ihren Augen, es klang hervor aus jedem ihrer Worte, aus dem Ton ihrer Stimme! Nur eben jetzt! Wie das Alles scheinbar so ohne Beziehung gesagt war, und doch so absichtsvoll! Wenn man vier Jahre weglächeln könnte! Vier Jahre – was wäre das! Wenn es noch vierzig wären! Und ich liebe sie besser als ein Jüngling von zwanzig, mehr als ein Mensch sie lieben kann! O, mein Gott, mein Gott wie ich sie liebe! Der Fürst warf sich in seinem Sessel herum, er konnte keine Ruhe finden. Er legte seine rechte Hand um das Gelenk der linken. Pah, sagte er, ich bin nervös und fieberhaft; mein Nachfolger wird nicht allzu lange zu warten brauchen. Und er ist ein Herkules im Vergleich mit mir. Das Exerciren auf ihren langweiligen Paradeplätzen erhält diese Leute frisch und dumm. Nein, dumm ist er nicht, er ist mir nur antipathisch. Es wird eine solche Freude für mich sein, meinen blühenden Nachfolger hier vor mir herumspazieren zu sehen, und für den Nachfolger des Nachfolgers ist ja wohl auch schon gesorgt. Der Fürst lachte. Es war kein heiteres Lachen, und dann seufzte er tief. Herr Gleich, der im Vorzimmer mit dem einen Ohr an der Thür stand, nickte zufrieden. So was kommt bei ihm immer nach, sagte er, sich jetzt emporrichtend; man muß nur jede Gelegenheit benützen; einmal wird er's doch merken. Und ich müßte ja schon viel weiter sein, wenn der Dietrich nicht ein solcher Strohkopf wäre. Er sagt, er könne nichts Besonderes sehen, wenn sie so zusammen ritten, und hören könne er auch nichts. Ich sollte nur an seiner Stelle sein; ich wollte schon hören, was zu hören, und sehen, was zu sehen ist. Zweites Kapitel. Unterdessen war Hedwig den schönen, kunstvollen Weg, welcher in vielen Krümmungen allmälig zur Fasanerie emporstieg, in einer Eile hinaufgeritten, die dem Dietrich, ein so guter Reiter er war, das Folgen schwer machte. Und, was sie sonst niemals unterließ, wenn er ihr in den Sattel half, oder sie so allein durch den grünen Wald dahinsprengten: sie hatte kein Wort mit ihm gesprochen, ihn nicht um seine Hochzeit mit Meta Prachatitz befragt, die noch in diesem Sommer sein sollte, und wie es mit der Ausstattung stehe. Auch die armen alten Weiber, die ihnen mit den großen Reisigbündeln auf dem Rücken begegneten, und, sich gegen die Felswand lehnend, der gnädigen Frau ihr »guten Abend« zuriefen, waren heute keines Blickes, keiner Antwort gewürdigt worden. Das geht ja, als wenn der Teufel hinterdrein wäre, brummte Dietrich, seinem Pferde die Sporen gebend; wenn das so beibleibt, strecken die Thiere oben alle Viere von sich. Aber gerade jetzt zog die Dame den Zügel an und begann die letzte Ansteigung langsamen Schrittes hinaufzureiten. Sie wollte nicht oben ankommen, ohne wegen der Fasanerie einen Entschluß gefaßt zu haben, und sie konnte gegen ihre Gewohnheit zu keinem Entschlusse kommen. Aber wie klein, wie gleichgiltig erschien auch alles Andere neben dem Einen, wovon jetzt ihre ganze Seele erfüllt war. Er wollte fort! Er hatte um seine Entlassung gebeten! Er hatte das thun können in diesem Augenblicke, wo für sie mit der Ankunft der Gäste die schwierigste, peinlichste Lage hereindrohte, wo sie ihre ganze Kraft, ihren ganzen Muth würde aufbieten müssen, wo sie einen Freund nöthiger hatte als je! Er wollte fort! Nun gut, er sollte fort, er sollte ihr kein Opfer bringen, er sollte die heißerstrebte Freiheit endlich haben! Hedwig hätte laut aufweinen mögen, als sie so in Gedanken den Freund in die Welt entließ zur Nimmerwiederkehr, aber sie hatte ja auf ein ganzes Glück ein- für allemal verzichtet; so mochte auch dieses halbe, dem grausamen Schicksal abgerungene, abgeschmeichelte verwehen, wie die anderen Blüthen vom Baum ihres Lebens! Da stand das Pferd schnaubend vor der Gitterthür des Fasanerieparks und Hedwig erwachte aus ihrem schmerzlichen Traum. Der Reitknecht war herangekommen. Sie hieß ihn das Gatter öffnen und ritt im Trabe die von riesenhohen Bäumen überdüsterten, mit Gras und Waldkraut aller Art übersponnenen Wege hin nach dem kleinen Gehöft, in welchem der Böhme Prachatitz mitten zwischen seinen Putern, Hühnern und Fasanen ein kleines, epheuumranktes Haus allein bewohnte, seitdem seine Nichte Meta als Kammerjungfer in den Dienst der gnädigen Frau getreten war. Der Alte war nicht im Hause. Hedwig traf ihn in dem offenen Schuppen, wo die vor wenigen Tagen ausgekommene Fasanenbrut munter das ausgestreute Futter pickte, während die Truthühner, welche sie ausgebrütet, bedächtig zwischendurch schritten, den an einem Beine befestigten Strick gravitätisch hinter sich herschleifend. Gott zum Gruß, gnädige Frau, sagte der Alte, die Futtermulde wegstellend und den kleinen grünen Jägerhut ziehend, Ei, wer hätte das gedacht, bin lange nicht solcher Ehre gewürdigt, und die Küchlein sind unterdessen ausgekommen: fünfundneunzig Stück. Waren ihrer hundert auf den Kopf, aber der hier hat mir fünf weggeputzt, bis ich ihn vor einer Stunde selbst weggeputzt habe. Bei diesen Worten hob Prachatitz einen todten Gabelweih, der neben ihm auf der Kiste lag, an einem der langen Flügel empor. Dem habe ich auf den Dienst gepaßt, sagte er, aber er war so klug wie Unsereiner, und in die Falle wäre er nicht gegangen, und hätte ich ein halbes Dutzend Tauben hineingesperrt. Der Alte war so gewohnt, bei der gnädigen Frau allezeit ein gnädiges Ohr für seine Jagdgeschichten zu finden, und deshalb nicht wenig erstaunt, als sie jetzt, ohne den prächtigen Vogel eines Blickes zu würdigen, die Reitpeitsche ungeduldig hin- und herbewegend, sagte: Ganz schön, Prachatitz, ganz schön, aber wir haben heute Anderes zu bedenken. Sie wissen, daß morgen der Graf und die Gräfin eintreffen; der Fürst wünscht, daß die Fasanerie in Ordnung gebracht werde. Sie wollen also zu morgen früh so viel Arbeiter bestellen, wie Sie brauchen, um womöglich bis zum Abend fertig zu sein. Herr von Zeisel wird jedenfalls kommen und Sie können ja das Nähere mit ihm besprechen. Natürlich wird auch das Theehaus aufgeräumt; meine Malsachen nehmen Sie vorläufig in Ihr Haus. Sie haben doch den Schlüssel bei sich? Sie ging, ohne die Antwort des erstaunten Jägers abzuwarten, vorauf nach dem Theehaus, und stieg eilends die Treppe hinauf. Kopfschüttelnd folgte der Alte und kopfschüttelnd schloß er die mittelsten drei Fensterthüren auf, an deren Scheiben die Dame bereits ungeduldig mit ihrer Reitpeitsche pochte. Sie schritt schnell durch den mittleren Raum in das Seitengemach, welches sie als Atelier benützt hatte. Das muß fort, Alles fort, sagte sie, auf die Staffelei in der Nähe des Fensters deutend und auf die mancherlei Skizzen und angefangenen Bilder, welche an den Wänden hingen oder in die Ecken gelehnt waren; hören Sie, Prachatitz, Alles noch heute Abend, und Sie schließen es bei sich in eine Stube und lassen Niemanden hinein. Und nun gehen Sie und sagen Sie dem Dietrich, er solle die Pferde vorführen. Ist der gnädigen Frau etwas zugestoßen, fragte der Alte zögernd, oder dem gnädigen Herrn? Hedwig antwortete nicht; Jener wagte seine Worte nicht zu wiederholen und ging. Sie trat an die Staffelei und blickte, die Arme über den Busen verschränkend, auf das angefangene Bild – eine Landschaft, zu welcher die, welche man durch das Fenster sah, das Motiv gegeben. Pah, sagte sie, wie das aussieht nach vierzehn Tagen! Und ich glaubte, diesmal wirklich etwas geleistet zu haben. Elende Stümperei! Und da sagen sie mir, ich wäre ein großes Talent. Er hat es nie gesagt, er weiß besser, was dazu gehört; was auch nur dazu gehört, sein täglich Brod mit seiner Hände Arbeit ehrlich zu verdienen. Und doch hätte ich es erreicht, wenn ich seitdem gearbeitet hätte wie andere Frauen, wenn ich hätte arbeiten dürfen; ich habe nur spielen dürfen – vier volle Jahre! Hätte ich die vier Jahre zurück! Sie ließ sich auf einen Stuhl sinken und saß da, mit gespannten Brauen und starren Augen vor sich hinblickend, während es tief schmerzlich um ihren schönen Mund zuckte. Er wollte fort, und was blieb dann für sie? Die Oede, die Leere! Die grenzenlose Oede, die fürchterliche, beängstigende Leere! Ach, sie hatte eine Vorempfindung gehabt, als er jetzt auf ein paar Tage verreist gewesen. Wie langsam die sonnigen Stunden dahingeschlichen waren, wie verwelkt der Fürst ausgesehen hatte, wie unerträglich langweilig die übrigen Gesichter! Und das mit ansehen zu sollen, das ertragen zu sollen in alle Zukunft! Mit einem dumpfen Angstschrei sprang sie empor; ihr war, als ob sie ersticken müßte. Sie riß das Fenster auf. Vor ihr lagen die Berge in dem milden Licht eines Spätabends im Juni. Obgleich die Sonne bereits untergegangen, war noch Alles hell; ja, auf den Matten des in sanftem Bogen sich herumschwingenden Sattels, welcher den Fasanerieberg mit der Hauptmasse des Gebirges verband, lag von dem Widerschein des Lichtes in den oberen Aetherräumen ein goldiger Schimmer. Ueber diesen Sattel mußte er zurück, wenn er von Hühnerfeld kam. Sie dachte plötzlich daran – woran sie kaum je wieder gedacht – daß sie ihn da zum erstenmal gesehen hatte vor drei Jahren und daß es auch an einem schönen Juni-Abende gewesen war. Sie war mit dem Fürsten von einem Spazierritt zurückgekommen und er hatte oben an dem einsamen Baum, der sich jetzt so klar vom lichten Himmel abhob, auf seinen Wanderstab sich lehnend, gestanden und in den Thalkessel, aus welchem sich auf einem isolirten Felsen das Schloß erhob, hinabgeschaut und sich kaum umgeblickt, als sie dicht hinter ihm wegritten. Aber der Fürst war in besonders heiterer Laune gewesen, hatte den einsamen Wandersmann angeredet, der höflich antwortete; und so waren sie in ein Gespräch gerathen, welches den ganzen Weg in's Thal hinab nicht abbrach und den Fürsten so interessirte, daß er noch an dem Abend den jungen Gelehrten aus dem Gasthofe »zu den drei Forellen« auf das Schloß bitten ließ und ihn nicht eher verabschiedete, als bis er ihm das Versprechen abgenommen, wiederkehren zu wollen und zu versuchen, ob er sich in diese Verhältnisse eingewöhnen könne. Er hatte es versucht – drei volle Jahre lang: nun endlich war er zum Resultate gekommen und er wollte fort. Warum nicht? er durfte es ja! Sie lachte laut, daß Prachatitz, der eben zur Thür hereintrat, ganz erschrocken stehen blieb und kopfschüttelnd folgte, als sie jetzt an ihm vorüber, zum Theehaus hinaus, die Treppe hinabeilte, sich unten auf ihr Pferd heben ließ und davonsprengte. Das sieht so aus, als bliebe sie lieber allein, sagte Dietrich, der noch an dem Gurt seines Sattels schnallte. Ich soll sie nicht aus den Augen lassen, und sie thut, was sie kann, mir aus den Augen zu kommen. Unsereiner weiß nie, woran er ist. Wer sagt, daß Du sie nicht aus den Augen lassen sollst? fragte Prachatitz. Wenn Ihr mir die Meta erst werdet gegeben haben, sollt Ihr's wissen, vorher nicht. Hopp, Liese! Und der Diener ritt im Galopp davon, seiner Gebieterin nach, den Baumgang entlang, nach der stets offenen Westpforte der Fasanerie. Hier führte ein Vicinalweg vorüber, der in manchen Krümmungen durch das felsige Waldterrain oben auf die Höhe nach Hühnerfeld und in das Gebirge lief, während er nach unten wieder in den chaussirten Weg fiel, welcher von dem Schlosse heraufkam. Dietrich, der nicht anders meinte, als daß seine Gebieterin diese letztere Richtung eingeschlagen, ritt, so schnell es der abschüssige Weg erlaubte, bergab, verwundert, daß der Vorsprung, den er der gnädigen Frau gelassen, so gar groß war. Unterdessen war Hedwig bergauf durch den Tann geritten, anfänglich ohne zu merken, wie der Diener ihr nicht folgte. Dann, als sie nach wenigen Minuten an den Rand des Dickichts kam, fiel es ihr auf, daß sie allein war. Sie hielt ihr Pferd an. Im Walde blieb Alles still, auf der Haide zirpten die Grillen und eine Lerche sang hoch herab aus dem noch immer lichten Aether. Und als sie so in der milden Schönheit des Abends wie in einem reinen Spiegel ihr eigenes gramverdüstertes Antlitz schaute und in dem tiefen Frieden der Natur rings um sie her ihr zuckendes Herz das Einzige war, was fühlte und litt, überkam sie jäh eine unendliche Traurigkeit. Unaufhaltsam entstürzten die Thränen ihren Augen; sie weinte, wie sie nie geweint, als könnte sie mit ihren Thränen verrinnen in dem All und Friede und Ruhe haben für und für. So hielt sie am Rande des Waldes, das Tuch vor die Augen gedrückt, während der Zügel auf dem Halse des Pferdes ruhte, welches, den schlanken Hals erdwärts gebogen, sich nach dem schnellen Ritt verschnaufte und nun den feinen Kopf langsam hob, mit den glänzenden Augen die Hügelböschung hinaufschaute, die Ohren nach vorn bewegte und endlich leise wieherte. Hedwig richtete sich empor und griff, mit dem Tuch in der Rechten die Thränen trocknend, mit der Linken nach dem Zügel, das Pferd scharf nach dem Walde herumwerfend. Der Gedanke, jetzt in dieser Stimmung von ihm gesehen zu werden, erfüllte sie mit Entsetzen. Aber es war zu spät. Sie hörte hinter sich den schnellen Trab eines Pferdes. Sieh da, Herr Doctor! Hermann hielt sein Pferd an und rief, indem er den Hut zog: Noch so spät, gnädige Frau, so weit vom Schlosse und allein? Ich war auf der Fasanerie, erwiederte Hedwig, und muß den Dietrich da irgendwo verloren haben. Erlauben Sie, daß ich Ihnen Gesellschaft leiste, da unser Weg doch nun, wie es scheint, zusammengeht? Bitte, sagte Hedwig. Der junge Mann setzte den Hut wieder auf und lenkte sein Pferd auf die linke Seite; so ritten sie ein paar Minuten schweigend neben einander durch den Wald. Wie steht's in Hühnerfeld? fragte Hedwig endlich. Besser, erwiederte Hermann; ich habe nur noch drei Kranke und auch die werde ich durchbringen. Und wieder schwiegen Beide. Hedwig fürchtete, sich zu verrathen; Hermann erging es nicht anders. Er hatte den Versuch gemacht, sich aus einer Lage zu befreien, die ihm, das fühlte er, verderblich werden mußte, wenn sie es ihm nicht schon geworden war. Der Versuch war halb und halb mißglückt; er wußte nicht, ob er sich deshalb bitter tadeln, ob er sich glücklich preisen sollte. Und was würde sie sagen? Würde sie das Opfer gnädig annehmen? Würde sie es verwerfen? Darüber hatte er gegrübelt, während er den einsamen Weg nach dem einsamen Dorfe ritt; darüber hatte er gesonnen, wie er jetzt über die Haide daherkam und lange Zeit an der Buche stillhielt, wo er sie zuerst vor drei Jahren gesehen. Da hatte er wieder und stärker als je zuvor gefühlt, daß er nichts mehr habe, was er sein Eigen nennen könne, daß sein Leben nur noch der Widerschein ihres Lebens sei, daß sein Leben in dieser allmächtigen, hoffnungslosen Leidenschaft sich verzehren werde, ob sie ihn nun bleiben, ob sie ihn gehen hieß. Darf ich mir den Rath der gnädigen Frau erbitten in einer Angelegenheit, die für mich persönlich wichtig ist? sagte er. Er wußte nicht, woher er plötzlich den Muth bekommen, auch klang seine Stimme ihm seltsam fremd und sein Herz schlug zum Zerspringen. Was ist es? fragte Hedwig und fügte dann, als Hermann nicht allsogleich antwortete, hinzu: Aber was kann es sein, als die Angelegenheit, über welche der Fürst noch eben mit mir gesprochen. Sie haben um ihre Entlassung gebeten. Ja, ich kann und muß Ihnen noch mehr sagen: der Fürst, der, wie Sie wissen, die gütige Gewohnheit hat, in schwierigen Fällen meinen Rath in Anspruch zu nehmen, trug mir auf, Sie von Ihrem Entschlusse zurückzubringen. Sie wissen, gnädige Frau, sagte Hermann tonlos, wie unendlich hoch ich Ihr Urtheil schätze, wie ganz ich geneigt bin, mich demselben jederzeit unterzuordnen. Um so größer ist die Verantwortung, die ich übernehme, sagte Hedwig mit einem schwachen Versuch zu lächeln. Ich will es Ihnen nur gestehen: Ihre Angelegenheit ist während meines Spazierrittes mir unausgesetzt durch den Sinn gegangen; ich habe mir das Für und Wider, so gut ich vermochte, klar zu machen gesucht. Und Sie haben entschieden, daß ich gehen muß, nicht wahr, gnädige Frau? Ja, sagte sie, dafür habe ich mich entschieden Sie blickte bei diesen Worten ihren Begleiter an. Es entging ihr nicht, wie blaß er war und daß seine Lippen zuckten, wie die eines Kindes, das nicht in Weinen ausbrechen will. Ihre eigenen Augen wurden heiß. Und dann zürnte sie ihm wieder, daß er schwankte, daß er schwächer war als sie, daß er ihr die Last der Entscheidung zuwälzte. Und während ihr Herz von so widerstrebenden Empfindungen zerrissen war, sprach sie gemessen und beinahe kalt: Ich gebe zu, daß Manches, wenn Sie wollen viel, sehr viel für Ihr Bleiben spricht. Sie erfreuen sich hier in unseren lieblichen Bergen mancher Vortheile, die Ihnen nirgends wieder geboten werden, Sie mögen eine Stelle erlangen, welche es sei. Sie sind durch die Ansprüche, welche der Fürst an Sie macht, sehr gebunden, ich gebe es zu; aber Sie müssen sich doch wieder sagen, daß in dem Moment, in welchem Sie dem Fürsten dienen, Sie auch den Hunderten dienen, die von dem Fürsten abhangen und die einen so gütigen, fürsorglichen Herrn schmerzlich vermissen würden. Und dann die Achtung, die Ihnen Jung und Alt hier entgegenbringt, die Dankbarkeit, die Sie sich redlich erworben haben und die Ihnen so willig gezollt wird; das gemüthliche Verhältniß zu manchem braven Mann hier herum, der sich vielleicht nicht durch Geist und Gelehrsamkeit auszeichnet und mit dem sich ein geistvoller und gelehrter Mann dennoch nicht ungern unterhält; die Freundschaft, ja die Liebe eines so feinen, liebenswürdigen, vielerfahrenen Herrn wie der Fürst – was soll ich Ihnen die Vorzüge Ihrer Stellung herzählen, die Sie selbst schon so oft willig anerkannt haben! Dennoch – Dennoch, gnädige Frau! Müssen Sie fort aus einem einfachen Grunde. Sie können hier nicht werden, was Sie zu werden bestimmt, nicht leisten, was Sie zu leisten berufen sind, und was Sie in Folge dessen werden, was Sie in Folge dessen leisten müssen, wollen Sie sich nicht einer Sünde gegen den heiligen Geist schuldig machen. Als Sie vor drei Jahren kamen, trugen Sie sich mit großen wissenschaftlichen Plänen. Die Pläne sind Pläne geblieben bei all' der Muße, die Ihnen hier scheinbar für große zeitraubende Arbeiten blieb. Weshalb? Weil Sie sich, wie wir Alle, durch das ewige Einerlei der stillen sonnigen Tage, die wir hier so hinspinnen, haben einlullen lassen; weil Sie der Anregung entbehren, welche der Mann nur im Umgange mit Gleichstrebenden, Gleichringenden findet, des Spornes entbehren, welcher für jedes edlere Gemüth die Erfolge der Anderen sind. Es hat mir wehgethan, Sie neulich so niedergeschlagen, so tief traurig von der Naturforscherversammlung zurückkehren zu sehen. Da hatten Sie erfahren, was wir in der Schule lernen: daß, wer nicht fortschreitet, zurückgeht. Da hatten Sie jüngere Männer mit Erfolgen triumphiren sehen, die Ihnen zukamen, und Sie hatten nebenbei am Wege gestanden und sich sagen müssen: Ich habe meine Zeit verloren. Hedwigs Wangen glühten, während sie also sprach. Die künstliche Ruhe wich mit jedem Worte mehr und mehr der Leidenschaft, die in ihr wühlte. Sie fuhr, ohne die Antwort ihres Begleiters abzuwarten, fast als spräche sie zu sich selbst, fort: Ich weiß, was es heißt, die glänzenden Ideale, an denen unsere jugendliche Seele sich berauschte, nach und nach verbleichen sehen, bis sie endlich wie abgeschiedene Geister am Saume unseres Lebens schweben und, wenn sie vorübergleiten, uns nicht mehr begeistern, wie ehemals, sondern uns nur tief, ach, so tief traurig machen. Ich, das Kind des Dienstmannes, die Leibeigene einer gräflichen Familie, habe es erfahren, ich! Und ich bin nur ein Weib; wir dürfen ja nicht den Anspruch erheben, uns auszuleben, wir dürfen nur den Schmerz über dies unwürdige Leben empfinden und sehen, wie wir damit fertig werden. Aber wenn ich mich in die Seele eines Mannes versetze, wenn ich mir denke, ich hätte einen Bruder, einen Freund, und wüßte ihn in dieser furchtbarsten Sklaverei und er zerbräche nicht die Ketten, komme danach, was da wolle – ich weiß nicht, aber ich meine, ich könnte den Bruder, den Freund nicht mehr lieben; ich müßte den aufgeben, der sich selber aufgiebt. Hedwig riß den Kopf ihres Pferdes, das sich, während sie so im Schritt dahin ritten, nahe an das befreundete Pferd gedrängt hatte, heftig in die Höhe. Und das ist denn doch nur eine Seite, nach welcher Sie Ihre Lage hier zu einem halben Müßiggang verurtheilt. Anderes kommt hinzu, was in meinen Augen nicht minder schwer in die Wagschale fällt. Sie sind, wie in der Wissenschaft, so in dem öffentlichen Leben gezwungen, die Lösung der Aufgaben, um die es sich heutzutage handelt, Anderen zu überlassen. Können Sie das verantworten? Haben Sie nicht wie Jedermann einen Platz auszufüllen in dem großen Heere? Und wie können Sie das hier? Die kleinen Anstrengungen, die wir hier machen: unsere Gewerbeschule mit den drei Schülern, unsere Fortbildungsanstalt für junge Mädchen, die wir aus Mangel an Theilnehmerinnen haben schließen müssen – wie kläglich ist das Alles? Wie beschämend für Jemanden, der nur zu wollen braucht, um anderswo im Großen und in's Große zu wirken! Ist denn die Pflicht gegen das Vaterland nicht die oberste aller Pflichten? Ich habe kein Vaterland mehr, sagte Hermann. Weil Sie Hannoveraner sind, weil Hannover aufgehört hat, als selbständiger Staat zu existiren? Weil Sie sich, wie Sie sagen, einer solchen Vergewaltigung nicht beugen wollen und können? Weil Sie hier im Dienste des Fürsten einen Ausweg gefunden zu haben glauben aus dem Dilemma: Norddeutschland, an dem Sie nun einmal hangen, in das Sie nun einmal gehören, ganz meiden, oder Preuße im eigentlichen Sinne des Wortes werden zu müssen? Aber ist das nicht eine seltsame Verblendung? Ist unser Fürst deshalb souverän, weil wir Alle hier an dieser Fiction festhalten, oder uns doch den Anschein geben, es zu thun? Sind wir deshalb weniger Preußen, weil wir Alle hier gegen die Hohenzollern'sche Dynastie frondiren? Und dann, ich will Sie nicht zu einem Preußen machen, aber ein Deutscher sollen Sie sein! Für das Deutschland, das wir im Herzen tragen, sollen Sie leben, streben. Und können Sie das hier, in diesem engen Thal, zwischen diesen Bergen, über die den Schmetterling selbst die weichen Schwingen tragen, und die doch uns die ganze große Welt des Wollens und Wagens, die jenseits liegt, verdecken? Nein, nein! Das Alles ist nicht gut; aus dem Allen kann nun und nimmer Gutes kommen. Und so sage ich: gehen Sie, da das Schwierigste gethan, da Sie zur Einsicht gekommen, daß Sie gehen müssen. Ich bitte, ich beschwöre Sie, denken Sie nur an sich, denken Sie nicht an uns, an den Fürsten, an mich, an Niemanden. Das letzte Wort verlor sich in ein krampfhaftes Schluchzen und ihre Thränen brachen unaufhaltsam hervor. In demselben Moment hieb sie ihr Pferd mit der Gerte über den Hals, daß es erschrocken zusammenzuckte und in Galop ansetzte, und da kam auch der Reitknecht in scharfem Trab um den Vorsprung, welchen an dieser Stelle der Felsen machte. Er hatte, nachdem er aus dem Walde heraus war und die Strecke von dort hinab bis zum Schlosse übersehen konnte, sich überzeugt, daß die gnädige Frau den anderen Weg eingeschlagen. Schnell war er zurückgeritten und ließ jetzt, an der Wegseite Front machend und den Hut ziehend, die gnädige Frau und den Herrn Doctor vorübersprengen, um dann sich ihnen anzuschließen. Aber vergebens, daß er diesmal die zwanzig vorschriftsmäßigen Schritte nicht respectirte, vergebens, daß er gespannt auf jedes Wort lauschte, welches die Beiden sprechen könnten. Das Gespräch war zu Ende, sollte zu Ende sein. Hedwig ritt dahin, scheinbar nur des Weges achtend, ohne mit einem Worte, mit einem Blicke von dem ebenfalls stummen Manne an ihrer Seite eine Antwort zu fordern. Und was hätte er auch antworten sollen? Sagen: ich will gehen, während sein Herz in ihm schrie: ich kann nicht gehen, jetzt nicht mehr, wenn ich es je vermocht! Und dann wüthete er gegen sich, daß er sich nicht entschließen, daß er sich nicht losreißen konnte und daß er keine Kraft habe, sein schäumendes Pferd über die niedrige Hecke an der Wegseite in die Tiefe zu spornen. Er war außer sich. So kamen sie auf die Chaussée, vorüber an dem Gasthof »zu den drei Forellen«, wo eben angekommene Reisende vor der Thüre standen und den Kellner fragten, ob der Herr und die Dame dort der Fürst und die Fürstin seien und sich von Jean belehren ließen, daß es eigentlich keine Fürstin, sondern nur eine gnädige Frau gebe, da die Frau Fürstin Durchlaucht schon vor fünfundzwanzig Jahren gestorben und die gnädige Frau Sr. Durchlaucht nur zur linken Hand angetraut sei. Der Herr neben der gnädigen Frau aber sei der Herr Doctor Horst und sei ein gar lieber gefälliger Mann, mit dem Jeder gut auskomme, ob er gleich gar nicht von hier, sondern aus Hannover sei. Zwischen Hedwig und ihrem Begleiter wurde weiter kein Wort gewechselt und sie hemmten den Lauf der Rosse nicht, bis sie, über die Brücke durch das dunkle Thor sprengend, aus dem Schloßhof hielten. Hermann sprang vom Pferde und half Hedwig aus dem Sattel. Sie dankte, ohne die Augen aufzuschlagen, nur durch ein Nicken des Kopfes und war im nächsten Moment im Portal des Schlosses verschwunden. Drittes Kapitel. Wenn Du nur nicht wieder eine Dummheit gemacht hast, sagte Frau Kanzleirath Iffler, als sie ungefähr um dieselbe Zeit mit ihrem Gatten in eifrigem Gespräch zwischen den neu angelegten Spargelbeeten ihres Gartens einherschritt, während Lieschen in der Veranda an der Hinterseite des Hauses über dem Abendtisch, der schon längst für die erwarteten Gäste gedeckt war, die Hängelampe anzündete. Aber liebes Kind! sagte der Kanzleirath kleinlaut. Wolltest Du mich doch nur einmal ausreden lassen, fuhr Frau Iffler in gereiztem Tone fort. Ist das wirklich Deine Meinung, willst Du sie dem Doctor geben, so mußt Du Herrn von Zeisel das begreiflich machen und mußtest ihn vor Allem heute Abend loszuwerden suchen. Aber das Unglück ist, daß Du niemals thust, was Du sollst, und niemals weißt, was Du willst. Gestern hast Du noch gesagt, wenn Herr von Zeisel doch nur endlich den Mund aufthun wollte, und heute – Aber liebes Kind! murmelte der Kanzleirath. So laß mich doch nur ein einzigesmal zu Worte kommen! – und heute heißt es wieder, wenn Doctor Horst doch nur endlich den Mund aufthun wollte; blos weil Durchlaucht gefragt hat: wie stehen Sie mit dem Doctor? als ob er nicht morgen fragen könnte: Wie stehen Sie mit Herrn von Zeisel? Aber das ist doch unmöglich, sagte der Kanzleirath. Woher weißt Du das? Woher weißt Du, ob er nicht blos hat hören wollen, daß es mit dem Doctor nichts ist, und ob er sich nicht sehr freuen würde, wenn er hört, daß es mit dem Herrn von Zeisel auch nichts ist? wenn er mit einem Worte – Mit einem Worte? fragte der Kanzleirath erstaunt, als seine Frau plötzlich abbrach und eifrig nach der Veranda blickte. Lieschen war in's Haus gegangen. Frau Iffler nahm den Arm ihres Gatten und sprach in einer Aufregung, die dem Kanzleirath das Herz unter der weißen Weste unruhig klopfen machte: Es steht oben nicht, wie Ihr immer sagt, trotzdem ich doch auch meine Augen im Kopfe habe und, Gott sei Dank, sehen kann; und der alte Gleich wird auch nicht umsonst so geheimnißvoll thun. Heute Morgen hat unser Kind bei ihr einen Besuch gemacht, um mit ihr quatre mains zu spielen, und weil sie Niemanden gefunden, der sie anmelden konnte und das schon öfter vorgekommen ist, geht sie ohne weiteres durch das Vorzimmer bis in ihren Salon, und da hat sie vor dem offenen Flügel gesessen, so vornübergebeugt, den Kopf in beide Hände gestützt, und Lieschen hat nicht anders gedacht, als sie sei über dem Spielen eingeschlafen, und ist leise herangetreten, und plötzlich hat sie sich aufgerichtet und ihr Gesicht ist ganz mit Thränen übergossen gewesen, und sie hat einen großen Schrecken gehabt, dann aber gleich zu lachen angefangen und gesagt: Lieschen solle sich nicht wundern, sie habe eben, ich weiß nicht was, gespielt, und das habe sie so traurig gemacht. Aber Lieschen sagt: sie sei gewiß, daß sie aus einem anderen Grunde geweint habe; und es ist auch aus dem Spielen nicht viel geworden, denn nach einer Viertelstunde hat sie gesagt: sie habe so arge Kopfschmerzen und Lieschen möchte doch an einem der nächsten Tage wiederkommen. Aber Du hörst schon wieder nicht zu, Iffler! Doch, doch, sagte der Kanzleirath, wenn ich auch in der That nicht weiß – So warte doch nur einen Moment! sagte Frau Iffler. Also Lieschen hat sich empfohlen, und weil sie nun schon einmal eine Stunde frei gehabt, den Umweg durch den Schloßgarten und unten durch den Wildpark machen wollen, und so ist sie die Terrasse hinabgegangen und dann an der Roda hin und hat noch immer bei sich gedacht: was es wohl da oben gegeben haben müsse, als sie plötzlich, wie sie um den Schwanenfels biegt – weißt Du, gerade der ersten Wildhütte gegenüber, wo der Weg so schmal ist – Durchlaucht in der Felsengrotte sitzen sieht, den Hut neben sich auf der Bank und das Gesicht in beide Hände gedrückt, gerade wie sie vorhin am Flügel gesessen hatte, so daß Lieschen, die schon dicht vor ihm gestanden, auf den Tod erschrocken gewesen ist und nicht gewußt hat, was sie um Alles in der Welt nun anfangen solle; und plötzlich hat er aufgeblickt, gerade Lieschen in's Gesicht, und Lieschen schwört, daß er beide Augen voll Thränen gehabt, gerade wie sie oben, und so sonderbar ausgesehen hat, daß Lieschen es gar nicht beschreiben kann. Dann hat er sich natürlich gleich zusammengenommen und angefangen von dem schönen Morgen zu sprechen und wo Lieschen herkomme und wo sie hin wolle, und so ist er den ganzen Weg an der Roda hin mit ihr bis an das Wärterhäuschen am unteren Parkthor gegangen und hat fortwährend die sonderbarsten Reden geführt: daß es nur ein Unglück auf Erden gebe, wenn man von Niemandem geliebt werde, und daß Lieschen, wenn sie heirathe, ihren Mann gewiß recht lieben würde, weil sie ein so gutes und bescheidenes Mädchen sei; und als Lieschen, um doch nicht ganz stumm zu bleiben, gesagt hat, ich werde niemals heirathen, Durchlaucht, ist er stehen geblieben und hat sie wieder so sonderbar angesehen und gesagt: sie müsse heirathen, sie würde ihren Mann sehr glücklich machen. Dann hat er ihr wiederholt die Hand gedrückt und ist langsam zurückgegangen, und Lieschen sagt, sie habe noch aus der Ferne gesehen, wie er sich noch ein paarmal mit dem Taschentuch über die Augen gewischt. Ist das nicht sonderbar? Sehr, sehr sonderbar, erwiederte der Kanzleirath. Aber was schließt Du daraus? Ich schließe daraus, sagte Frau Iffler, daß ich Recht habe und daß der Krug so lange zum Wasser geht, bis er bricht, und daß noch lange nicht aller Tage Abend ist. Sehr wahr, sehr wahr, sagte der Kanzleirath, aber – Du wirst mich noch umbringen mit Deinem Aber, sagte Frau Iffler heftig. Freilich, ich sollte es schon längst wissen, daß Du keinen Funken von Liebe für Dein Kind in der Brust hast, wenn Du auch hundertmal wiederholst, daß sie eigentlich gar nicht verheirathet sind, da Durchlaucht nicht einmal um den Consens beim Könige eingekommen ist, und daß sie jeden Augenblick auseinandergehen können, ohne daß sie sich scheiden zu lassen brauchen. Und auf dem letzten Hofball vergangenen Winter hat er sich auch eine halbe Stunde mit ihr unterhalten, so daß es schon damals aller Welt auffiel; und ich möchte doch wahrhaftig wissen, was so Eine, von der man kaum weiß, wer ihre Eltern waren, vor unserem Lieschen voraus hat, das so wunderhübsch singt und Clavier spielt, und Französisch und Englisch liest und Gedichte macht, und sich in grünem Sammet ausnehmen würde wie eine Prinzeß, wenn sie auch nicht reiten kann, was sich Alles nachholen läßt, wofür ich schon sorgen würde. Aber dafür ist mein Vater auch fürstlicher Hofprediger gewesen, und Dir wird man den Rothebühler Stadtschreibersohn immer ansehen, und Art läßt nicht von Art. Frau Iffler warf einen grimmigen Blick auf ihren Gatten und eilte den Gang hinauf nach dem Hause, von wo die klare Stimme Herrn von Zeisels, der eben angekommen war, ertönte. Der Kanzleirath war wie vom Donner gerührt stehen geblieben; die wunderbare Perspective, welche eben vor ihm aufgethan war, hatte ihn vollständig geblendet. Er hatte ein dunkles Gefühl, daß, was seine Frau da zuletzt gesagt, durchaus windig, närrisch und – sozusagen – abscheulich unmoralisch sei. Und in demselben Moment rückte er seine Brille höher und blickte nach dem Schlosse hinauf, um dessen hohe Zinnen der letzte Abendschein spielte. Verheirathet sind sie im Grunde genommen nicht, murmelte er, und Lieschen würde sich in einer dunkelgrünen Sammetrobe wunderschön ausnehmen; und reiten könnte sie in der That auch noch lernen. Papa, Papa! ertönte eine sentimentale Stimme ganz in seiner Nähe. Der Kanzleirath wachte aus seinem Traum auf. Vor ihm stand Lieschen, die blassen Wängelein ungewöhnlich geröthet, die lichtblauen Augen von einem lebhafteren Glanz erhellt. Wo bleibst Du denn, Papa? Herr von Zeisel ist schon lange hier und eben kommt auch Doctor Horst. Warum siehst Du mich so sonderbar an, Papa? Gefällt Dir mein Anzug nicht? Herr von Zeisel hat mir schon die schönsten Complimente darüber gemacht. Du verdienst, in Sammet und Seide zu gehen, murmelte der Kanzleirath mit gerührter Stimme. Wie meinst Du, Papa? Armes unschuldiges Kind! armes unschuldiges Kind! murmelte der Kanzleirath, die junge Dame an sich ziehend und ihr einen Kuß auf die Stirn hauchend. Gott, Papa, Du zerdrückst mir ja meine neue Schleife, rief Lieschen, sich etwas ärgerlich aus der väterlichen Umarmung befreiend und eilig nach dem Hause zurückkehrend. Die lautere Unschuld! sagte der Kanzleirath, seinen Kragen zurechtzupfend. Es ist das eine sonderbare Lage, eine ganz merkwürdige Lage. Zwei Freier auf einmal und im Hintergrunde – man muß eine abwartende Position einnehmen; man muß transigiren, man darf sich auf keinen Fall engagiren, auf keinen Fall. Die Gesellschaft war beim Nachtisch. Herr von Zeisel erzählte die närrischsten Geschichten und wußte dann wieder so gefühlvoll zu sprechen und mit seiner reizenden Tenorstimme die ersten Tacte von den neuen Liedern anzuschlagen, die er selber dichtete und componirte, daß Lieschens kleines Herz entschieden nach der linken Seite hin schlug, wo der bezaubernde Cavalier saß und an seinem blonden Schnurrbärtchen drehte. Aber dennoch war Lieschen nicht ganz sicher, ob sie nicht auch Ja sagen würde, wenn der ernste Doctor zu ihrer Rechten das entscheidende Wort zuerst sprach. Der Doctor war nach ihrem Vater ganz unbestritten der angesehenste Mann auf Schloß Roda, in dem Städtchen Rothebühl und in der ganzen Umgegend bis weit das Thal der Roda hinab, bis hoch hinauf in die einsamsten Dörfer des Waldes. Auch war Frau Doctor ein schöner Titel, der fast so gut klang wie gnädige Frau, umsomehr, als Herr von Zeisel das Rittergut, welches zu der gnädigen Frau gehörte, mit seinem kleinen fürstlichen Kammerjunkergehalt – und andere Ressourcen hatte er nicht – schwerlich würde kaufen können. So wurde es denn der jungen Dame, wenn auch nicht ohne einige Mühe, möglich, den beiden Herren gegenüber jene liebenswürdige Unparteilichkeit zu bewahren, welche sie sich zur Regel gemacht hatte und die auch von ihren Eltern noch immer gebilligt worden war. Sie hatte mit dem heute Abend noch ganz besonders ernst gestimmten Doctor über die Mühseligkeiten des ärztlichen Berufs gesprochen und war dann wieder auf die Scherze des Herrn von Zeisel mit mädchenhafter Schüchternheit eingegangen. Wie erstaunt war sie nun, als die Mutter ihr durch Stirnrunzeln, Kopfschütteln und Augenwinken deutlich zu verstehen gab, wie sie mit ihrer Haltung keineswegs einverstanden sei, und der Vater, bei dem sie sich in ihrer Verlegenheit Rath erholen wollte, ihr nur mit Augenwinken, Kopfschütteln und Stirnrunzeln antwortete. Sie versuchte es jetzt, indem sie den Ton wechselte, den Doctor wegen seiner Melancholie neckte und Herrn von Zeisel ermahnte, endlich einmal den Ernst walten zu lassen, der doch die Grundstimmung eines Mannes sein müsse; aber das arme Mädchen konnte es heute den Eltern nicht recht machen. Die Geberden der Mutter nahmen einen immer bedrohlicheren Charakter an und die Augenbrauen des Vaters erreichten fast den Rand der dunkelblonden Perrücke. In ihrer gänzlichen Rathlosigkeit verstummte Lieschen gänzlich und hatte nichts zu erwiedern, als die Mutter jetzt erklärte, daß das liebe Kind den ganzen Tag die heftigsten Kopfschmerzen gehabt habe, und es die höchste Zeit für sie sei, sich zurückzuziehen. Herr von Zeisel war außer sich über ein so trauriges Ende eines so reizenden Abends und erklärte, noch mindestens eine Flasche auf das specielle Wohl des Fräuleins trinken zu wollen; der Doctor schien in seiner düsteren Zerstreutheit die Entfernung der Damen kaum bemerkt zu haben; so mußte denn der Kanzleirath nothgedrungen die Herren, welche keine Miene zum Aufbruch machten, dringend ersuchen, doch noch nicht aufbrechen zu wollen, und eine frische Flasche entkorken. Im Grunde ist es mir lieb, daß wir noch einen Augenblick zusammen bleiben, sagte Herr von Zeisel. Ich habe schon den ganzen Abend eine Frage auf den Lippen gehabt, die sich doch in Gegenwart der Damen nicht wohl aussprechen ließ. Ich bitte Sie um Himmelswillen, meine Herren, sagen Sie mir, wenn Sie können, was war das heute bei Tafel für ein sonderbarer Ton zwischen Durchlaucht und der gnädigen Frau? Der Kanzleirath, welcher selbst viel darum gegeben haben würde, hätte er die Frage beantworten können, nickte geheimnißvoll. Hermann war aufgestanden und schritt auf dem Gartenwege vor der kleinen Veranda hin und her. Ihr Herren hüllt Euch in geheimnißvolles Schweigen, rief der Cavalier, ärgerlich lachend, und das ist nicht recht. Ihr habt wahrhaftig nicht Ursache, Euch mir gegenüber in dieser Weise zuzuknöpfen, sobald auf gewisse Dinge die Rede kommt. Nichts könnte meiner Absicht weniger entsprechen, sagte der Kanzleirath würdevoll. Wer könnte tiefer als ich die Solidarität empfinden, welche uns Alle gleicherweise an die durchlauchtige Person unseres gnädigsten Herrn bindet? Wer könnte mit größerer Sorge als ich diesem Besuch entgegensehen? Wer? sagte von Zeisel mit schlauem Lächeln. Nun, ich dächte doch, die gnädige Frau – Wollen wir nicht aufbrechen? sagte Hermann, an den Tisch tretend. Aber so bleiben Sie doch noch ein wenig, rief der Cavalier, den Doctor auf den Stuhl zurückziehend. Ich wette, Sie möchten ebenso verteufelt gern wissen, wie ich, warum die gnädige Frau von dem Augenblicke an, als die Nachricht von dem Tode des jungen Grafen Casimir Tyrklitz einlief und der Steinburger Erbherr wurde, und nun gar, seitdem der Besuch auf's Tapet kam, so ganz augenscheinlich den schönen Kopf hangen läßt und noch ein wenig düsterer als sonst aus den schönen Augen schaut. Ich meine, ihr könnte es ganz gleich sein, ob die Tyrklitzer oder die Steinburger Linie erbt. Und doch müssen da zweifellos persönliche Interessen mit im Spiele sein; aber welche? Ich wüßte Niemanden, der uns darüber Auskunft geben könnte, wenn nicht hier unser verehrter Wirth, welcher damals, als sich die Sache in Wiesbaden anspann, von Anfang bis zu Ende dabei gewesen ist. Was da, Kanzleirath, knöpfen Sie sich einmal auf! Wir sind ja unter uns. Ist es wahr, daß Durchlaucht wirklich im Anfang an eine Ehe rechter Hand gedacht und die Sache zu Stande gekommen sein würde, wenn der Steinburger sie nicht hintertrieben hätte? Es war eine schwache Stunde im Leben unseres gnädigen Herrn, sagte der Kanzleirath, an seinem Glase nippend. Ich habe ein Faible für schwache Stunden, rief der Cavalier, und ich beschwöre Sie, Herr Kanzleirath, bei diesem Mondschein, der so discret durch den venezianischen Epheu fällt, bei dem Gesang der Nachtigall, der so verführerisch aus dem Schloßpark herübertönt, beschwöre ich Sie, Kanzleiräthchen, geben Sie uns die Erzählung der schwachen Stunde unseres Herrn! Viertes Kapitel. Der junge Mann hatte der Flasche viel zu eifrig zugesprochen, als daß er hätte bemerken können, welch' sonderbaren Ausdruck während seiner letzten Worte das Gesicht des Doctors annahm. Dem Kanzleirath aber kam die Wendung, welche das Gespräch genommen, sehr gelegen. Er hatte sich im Laufe des Tages so viel Blößen gegeben und durfte nun endlich einmal mit seiner höheren Einsicht glänzen. So zupfte er denn an seinem Hemdkragen, versicherte sich, daß seine Perrücke an der rechten Stelle saß, nahm seine wichtigste Miene an und sagte: Die Herren kennen meine Denkschrift – Der Kanzleirath machte eine Pause. Hermann hatte den Kopf in die Hand gestützt und antwortete nicht; der Cavalier nickte; der Kanzleirath fuhr fort: Ich frage nicht ohne Absicht. Diese Schrift, deren Autor ich mich, was die Herbeischaffung des gelehrten Apparates und die Anordnung des Stoffes betrifft, wohl nennen darf, wurde doch auf die Anregung und sozusagen unter den Auspicien von Durchlaucht verfaßt, und war, wenn sie auch erst im folgenden Jahre erschien, als der Verlauf der Ereignisse unsere Voraussicht so wunderbar bestätigt hatte, doch bereits im Spätsommer des Jahres 1866, das heißt, gleich nach der Beendigung des Krieges und vor der Badereise Sr. Durchlaucht geschrieben, die für uns Alle von den bedeutsamsten Folgen werden sollte. Ich erwähne dieses Umstandes, um den Herren den Beweis zu liefern, daß die künftigen Ereignisse diesmal auch nicht die Spur eines Schattens vorauswarfen in das Gemüth unseres Herrn, der mir im Gegentheil gerade jetzt, wo alle Welt vor dem goldenen Kalb des Erfolges kniete, von seinem heiligen, unantastbaren und unveräußerlichen Recht mehr als je erfüllt schien. Wir kamen nach Wiesbaden und fanden die Zimmer, welche Durchlaucht nun bereits seit zwanzig Jahren eingenommen, von einer Familie aus Berlin occupirt: der Generalin Gräfin Turlow Excellenz nebst Comteß Tochter und Begleiterin. Der Hotelier hatte, wie er sagte und wie sich allerdings herausstellte, für Durchlaucht eine Flucht von Zimmern, die um vieles schöner und comfortabler waren, reservirt. Als ob Durchlaucht in's Bad zu reisen braucht, um in schönen Zimmern zu wohnen! Herr Gleich, der Durchlaucht wie immer begleitete, und ich selbst waren höchlichst indignirt; aber Durchlaucht meinte mit einem melancholischen Lächeln, es sei nun einmal das Zeichen der Zeit, daß das alte gute Recht durchaus nichts mehr gelte, daß das Alte dem Neuen weichen müsse, vor Allem, wenn dieses Neue aus Berlin komme, und wir könnten uns nicht früh genug mit diesem Gedanken vertraut machen. In dieser Weise scherzte er noch mehr, als ich die Ehre hatte, am Abend im Salon den Thee mit ihm einnehmen zu dürfen und, wie es ganz natürlich war, die Rede viel über die neuen Insassen unserer alten Zimmer ging. Sie wissen, Herr von Zeisel, daß die Geschichte des deutschen Adels meine Specialität ist. Ich wäre sonst wohl schwerlich im Stande gewesen, die Fragen Seiner Durchlaucht zu beantworten. Sind doch die Turlows ein verhältnißmäßig junger Adel, von dem noch nicht die Rede war, als man zum Beispiel den Namen Ihres Geschlechtes, Herr von Zeisel, bereits längst in allen Ritter- und Turnierbüchern findet. Die Turlows haben es nichtsdestoweniger weiter gebracht, als wir, meinte der Cavalier mit einem leichten Seufzer. Allerdings, das heißt, wie man es nehmen will, sagte der Kanzleirath. Sie haben zu wiederholten Zeiten einen ansehnlichen Stand des Vermögens gehabt, ja unterschiedlichemale große Gütercomplexe besessen, denn sie wurden von dem Hause Brandenburg, in dessen Gefolgschaft sie in die Geschichte treten und in dessen Gefolgschaft wir sie finden während der drei Jahrhunderte, die sie geschichtlich existiren, durch Huld und Gnade aller Art ausgezeichnet. Aber nimmer sind sie lange im Besitz geblieben. Wenn auch einmal ein reicher Turlow mit unterläuft, so wußten es die Söhne meistens so einzurichten, daß sie wieder so arm wurden, wie der Großvater gewesen war, und gewöhnlich verthat noch der jeweilige Besitzer bei Lebzeiten, was ihm seine guten Dienste in Krieg und Frieden eingetragen hatten. Deshalb sagt man auch in der Provinz, aus welcher das Geschlecht stammt: Er ist so arm wie ein Turlow, wie man an anderen Orten sagt: Er ist so arm wie eine Kirchenmaus; mit einem Wort: die Turlows sind so recht der eigentliche Typus des jungen Militäradels, der nur in der Gefolgschaft und an den Höfen so rühriger kriegerischer Fürsten, wie es die Hohenzollern sind, gedeiht und alle etwaigen Wandlungen, die in dem Hause des Lehensherrn vorgehen, genau mitmacht, wie der Schatten die Bewegungen seines Körpers. Das ist in meinen Augen kein unfeines Leben, sagte der Cavalier, an seinem blonden Bärtchen drehend. Auch in den meinen nicht, erwiederte der Kanzleirath rasch, und am wenigsten in den Augen unsers gnädigsten Herrn, der, wenn irgend Einer, die Treue zu schätzen weiß, und der auch an jenem Abend mit sichtbarem Vergnügen anhörte, was ich etwa aus der Geschichte der Turlows zu berichten wußte, besonders von Hans von Turlow, der im siebenjährigen Kriege sich hervorthat, für seine Verdienste von Friedrich II. in den Grafenstand erhoben wurde und von dessen kühnen Reiterstücken man noch in der preußischen Armee sich erzählen soll. Auch der jüngst bei Sadowa gebliebene letzte Graf war ein kühner Reiter gewesen, und Durchlaucht, dessen rücksichtsvolle Freundlichkeit wir ja Alle verehren, äußerte seine Genugthuung, daß er der Wittwe eines Mannes eine Gefälligkeit erwiesen habe, der, wenn er auch auf der unrechten Seite gekämpft, doch als braver Officier und treuer Vasall seines Lehensherrn gefallen sei. Damit verabschiedete mich Durchlaucht. Ich ließ mir in dieser Nacht nicht träumen, was uns bereits der nächste Tag bringen würde. Und wie hätte ich das auch gekonnt, ich, der ich aus jahrelanger Erfahrung wußte, wie scheu und schüchtern Durchlaucht im Verkehr mit Fremden ist, wie sorgfältig er auf Reisen, und nun gar im Bade, auch die Möglichkeit der Berührung mit der Gesellschaft vermeidet. Zwar daß die Excellenz Turlow am nächsten Tage Gelegenheit nahm, sich durch mich Durchlaucht vorstellen zu lassen, ihm die Comteß Tochter zu präsentiren und wegen des Derangement um Entschuldigung zu bitten, war ja selbstverständlich; aber unter allen anderen Umständen hätte das zu keinem Verhältniß geführt; Durchlaucht hätte auf der Promenade vor den Damen stumm den Hut gezogen und damit wäre die Sache abgethan gewesen. Und was geschah jetzt? Es kommt mir heute, wo ich doch den Schlüssel des Wunders habe, noch immer wie ein Wunder vor, wenn ich denke, daß wir am Abend dieses nächsten Tages in unseren alten Gemächern am Tisch der Excellenz den Thee einnahmen. Und wie dieser Abend, so noch manche folgenden; und auf den Promenaden freundlichste Begrüßungen, ja gelegentliche gemeinschaftliche Ausflüge. Ich kannte meine Durchlaucht nicht wieder, obgleich ich ja für dieses Intermezzo in der sonstigen Monotonie unseres Bade-Aufenthaltes nur dankbar sein mußte; auch, von den übrigen Curgästen um meine exceptionelle Stellung wahrlich nicht wenig beneidet wurde. Denn Excellenz hatte den leise angedeuteten Wunsch Serenissimi pünktlich befolgt und war in Durchlauchts Interesse so exclusiv, wie Durchlaucht es nur immer hätte sein können. Diese zarte Aufmerksamkeit war Excellenz um so höher anzurechnen, als unter den Curgästen gerade sehr viel preußischer Adel, das heißt sehr viele Bekannte der Familie waren, vor Allem viele Officiere, die nach dem eben beendigten Kriege an den Wassern von Wiesbaden Stärkung für ihren geschwächten Organismus suchten und wahrhaftig nichts dagegen gehabt hätten, in der Gesellschaft höchst reizender, in jeder Beziehung ausgezeichneter Damen ihre Nachmittage oder Abende zu verbringen. So verlebten wir die angenehmste Woche, als Durchlaucht am achten Tage mit allen Zeichen großer Verstimmung zu mir sagte: Ich werde abreisen müssen; es kommt Jemand, mit dem ich nicht in einem engen Bade zusammen sein mag. Können Sie rathen, wer? Nun, meine Herren, es war Graf Heinrich Roda-Steinburg und was das Schlimmste war, der Graf kam nicht blos zur Nachkur seiner bei Sadowa erhaltenen Wunden, er kam der Damen wegen, wie Durchlaucht soeben aus dem Munde der Excellenz selbst erfahren. Sie habe mit der Nachricht gezögert, weil sie die Abneigung unseres Herrn gegen seine preußischen Verwandten kenne und es nun um so peinlicher empfinde, eingestehen zu müssen, daß Graf Heinrich mit ihrer Familie sehr liirt sei, wie er denn auch im Kriege der Adjutant des Grafen Turlow gewesen war. Sie können sich die Aufregung unseres guten Herrn denken. Er liebte seine böhmischen Vettern wahrhaftig nicht und hatte auch im persönlichen Sinne keine Ursache dazu; aber die Tyrklitzer waren doch wenigstens immer und immer der guten Sache treu geblieben; hatten in diesem Kriege wieder für Kaiser und Reich treu gekämpft und zwei von den vier Söhnen des alten Grafen hatten ein vielleicht nicht schuldloses Leben – die ungemessenste Genußsucht ist in der Tyrklitzer Linie erblich – durch ihren Heldentod gut gemacht. Aber die Grafen Steinburg, die schon vom Großvater her – dem ersten Sohne Erichs XXXIV., des gemeinschaftlichen Stammvaters der drei Linien, wie die Herren wissen – von Kaiser und Reich abgefallen waren, und die Durchlaucht deshalb niemals als seine Verwandten betrachtete, von denen er nie sprach, wenn er es vermeiden konnte, und die er, wenn es sich nicht vermeiden ließ, immer nur die Verräther nannte! Und nun mit dem letzten Sprossen aus dieser Linie zusammenkommen zu sollen, nachdem man sich Menschenalter hindurch vermieden, kein Rothebühler jemals einem Steinburger die Hand gedrückt – es war in der That hart, um so härter, wenn man bedachte, daß durch den Tod der beiden Grafen Tyrklitz dieser Graf Heinrich der Succession um ebensoviel näher gerückt war; und weiter bedachte, daß die Tyrklitzer Grafen in demselben Kriege gefallen waren, aus welchem der junge Graf Steinburg als Sieger, sozusagen, mit Orden geschmückt und durch die höchste Anerkennung Seiner Majestät geehrt, hervorging! Ich werde abreisen, wiederholte der Fürst noch mehrmals. Aber wir reisten nicht ab. wir blieben. Der Graf kam und wartete seinem Senior auf; und wenn der Empfang auch gerade kein herzlicher war, so hatte der junge Herr sich doch auch keineswegs zu beklagen. Sie kennen ja unsere Durchlaucht; er haßt die Menschen immer nur in Gedanken; wenn er sie vor sich sieht, und gar, wenn er ihnen helfen kann, vergißt er Alles, was er vorher über sie gedacht, gefühlt, und ist die Freundlichkeit, die Güte selbst. Nun aber konnte unser gnädigster Herr dem Grafen helfen, und ich muß hier diesen Umstand um des pragmatischen Zusammenhanges willen gleich erwähnen, obgleich sich derselbe vorläufig meinen Blicken entzog, und Alles, was damit zusammenhing, aus Rücksichten, die ich zu verehren habe, vor mir verschwiegen blieb. Der Herr Graf war mit der Comteß Stephanie verlobt, so gut wie verlobt. Aber der Herr Graf war nicht nur arm, er hatte auch noch sehr, sehr beträchtliche Schulden, und an eine standesgemäße Haushaltung des jungen Paares war vorläufig nicht zu denken. Zwar interessirte sich die Prinzessin, welche mit Excellenz längst befreundet war und dieselbe nach dem Tode des Generals sofort zu ihrer Oberhofmeisterin ernannt hatte, lebhaft für die Verbindung. Auch stand zu erwarten, daß Majestät seiner bewährten Milde gegen seinen treuen Diener nicht vergessen werde. Indessen, das waren alles nur Aussichten, Möglichkeiten – und Durchlaucht hätte eben nicht Durchlaucht sein müssen, wenn er sich trotz alledem und alledem nicht seinem armen jungen Verwandten gegenüber als Senior der Familie und als Besitzer eines mehr als fürstlichen Vermögens gefühlt hätte. Möglich auch, daß unser Herr bei dem Allen noch andere, politische Gedanken verfolgte, und gewiß, daß noch ein drittes Moment im Spiele war, welches – ich muß es um des Folgenden willen, das sonst ganz unverständlich wäre, wiederholen – von mir um diese Zeit nicht gekannt und nicht geahnt war, so wenig geahnt, daß ich im Gegentheil – die Herren werden mich verstehen – die Empfindlichkeit Serenissimi fürchtete, wenn der junge Graf sich eifriger, als es die gesellschaftliche Courtoisie erfordert, um Comteß Stephanie zu bemühen schien, und ich die Verstimmung unseres Herrn, die manchmal, wenn wir allein waren, sichtbar genug hervortrat, auf diesen Umstand schob und auf nichts weniger gefaßt war, als auf das, was nun in aller Kürze eintrat. Der Kanzleirath machte eine kleine Pause. Herrn von Zeisels hübsches blondes Gesicht hatte etwas von dem Ausdruck eines Hühnerhundes, der endlich eine bestimmte Witterung von der Kette bekommt, nach der er den ganzen Morgen gesucht hat; selbst des Doctors ernste dunkle Züge zeigten die gespannteste Aufmerksamkeit. Der Kanzleirath durfte mit dem Effect, den er hervorgebracht, zufrieden sein. Er nippte an seinem Glase, zupfte ein weniges an seinem Kragen und fuhr in seiner Erzählung also fort: In einer Nacht aber – ich hatte noch sehr spät gearbeitet und war eben im Begriff zu Bett zu gehen – kam der Herr auf mein Zimmer: Er habe noch Licht bei mir gesehen, er könne nicht schlafen; ob ich noch eine Stunde mit ihm verplaudern wolle? Er bat sich eine Cigarre aus, was mich schon nicht wenig wunderte, da der Herr bekanntlich nicht raucht, und fing an im Zimmer auf- und abzugehen. Ich schlug ein Thema nach dem anderen an, aber ich mußte nicht das rechte treffen, der Herr blieb einsylbig, antwortete kaum; ich wußte zuletzt nicht mehr, wovon sprechen, ja ich schwieg endlich ganz – Durchlaucht schien es nicht zu bemerken. Er ging mit der Cigarre, die er alsbald wieder hatte ausgehen lassen, in der Hand auf und ab, bis er dieselbe plötzlich in den Kamin schnellte und sich mit der Frage zu mir wendete: Was würden Sie sagen, Iffler, wenn ich mich noch einmal vermählte? Ich würde den Tag, an welchem ich das erlebte, zu den glücklichsten meines Lebens zählen, sagte ich. Und was, meinen Sie, würde die Welt sagen? Die Welt würde Ihnen Recht geben müssen, Durchlaucht, erwiederte ich. Durchlaucht haben das Unglück gehabt, daß Ihre Ehe mit der Prinzeß Ernestine kinderlos blieb; Durchlaucht haben gerade jetzt die dringendste Veranlassung, die Folgen dieses Unglücks zu bedauern. Was wäre natürlicher, als daß Durchlaucht sich beeilten, das so lange Jahre Versäumte nachzuholen. Es kommt nur ein wenig spät. Aber nicht zu spät, erwiederte ich. Durchlaucht stehen jetzt in Ihrem zweiundsechzigsten Lebensjahre, in ungebrochener Kraft – der souveräne Hof, der Durchlaucht schon einmal eine seiner Töchter anvertraute, würde mit Freuden – Darum handelt es sich nicht, sagte Durchlaucht, nahm einen Leuchter und ließ mich allein, in großer Unruhe, wie sich die Herren denken können. Die Verbindung mit einem souveränen Hause war selbstverständlich die einzige, welche der Verfasser der Denkschrift, betreffend das fürstliche und gräfliche Gesammthaus Roda, billigen konnte; ja in diesem Augenblicke, wo es die Erkämpfung unseres guten Rechtes auf Einräumung von Sitz und Stimme im hohen Bundesrath des Norddeutschen Bundes galt, wo ich dieses Recht in meiner Denkschrift so klar erwiesen, in diesem Augenblicke, sage ich, war eine Wiedervermählung unseres Herrn mit einer Prinzessin von Geblüt sozusagen eine politische Nothwendigkeit. Und gerade jetzt hätte der gnädige Herr an mehr als einer Stelle anklopfen können. Hatten doch Mediatisirte und Depossedirte dasselbe Interesse daran, zu beweisen, daß Recht Recht bleiben muß trotz aller Gewalt und Vergewaltigung! Darum handelte es sich aber nicht, hatte der Herr im Fortgehen gesagt. Um was dann? Ich konnte die Nacht vor banger Erwartung kaum ein Auge schließen. Ich harrte am nächsten Tage mit Ungeduld der weiteren Mittheilung, welche mir der Herr versprochen hatte. Der Tag verging, ohne daß es dazu gekommen wäre: Durchlaucht machte mit der Gesellschaft einen längeren Ausflug, von welchem man erst gegen Abend retournirte. Ich war zum Thee in die Gemächer der Excellenz befohlen. Die Herrschaften waren wie gewöhnlich allein. Die Stimmung, welche in der letzteren Zeit manchmal eine etwas gedrückte gewesen, war heute eine belebtere; zum Theil wenigstens. Die Excellenz – eine ungemein geistreiche, liebenswürdige Dame – ließ die Unterhaltung nicht abreißen; Comteß Stephanie sang und spielte, Durchlaucht, der den Platz am Flügel kaum verließ, schien entzückt und sagte der Comteß die feinsten Schmeicheleien. Der Graf war allerdings sehr schweigsam, und was das junge Fräulein, die Gesellschafterin, betrifft, welche den Thee bereitete, so konnte sie still sein, ohne daß es auch einem scharfsinnigen Beobachter aufgefallen sein würde. Um kurz zu sein, ich verließ gegen elf Uhr den Salon mit der Ueberzeugung, die Wahl Seiner Durchlaucht sei auf keine andere als auf Comteß Stephanie gefallen; und das erklärte denn auch, in Anbetracht der Verhältnisse, die sonderbare Stimmung, in welcher ich den Herrn in der vergangenen Nacht gesehen hatte. In diese Betrachtungen verlor ich mich, als ich mich wieder auf meinem Zimmer befand. Ich dachte an meine Denkschrift, die jetzt zum Drucke fertig war und nun ungedruckt bleiben würde; ja ich begann bereits sie im Geiste umzuarbeiten. So war es wieder sehr spät geworden, ich konnte mich noch immer nicht entschließen, zu Bette zu gehen; mir war, als müsse die Entscheidung, die ich herbeisehnte, noch in dieser Nacht eintreten, und meine Ahnung hatte mich nicht betrogen. Gegen zwei Uhr – mir ist diese denkwürdige Nacht bis in die kleinsten Einzelheiten gegenwärtig – vernehme ich einen hastigen Schritt auf dem Corridor, ein nervöses Klopfen an meiner Thür und, bevor ich noch Herein sagen konnte, tritt Durchlaucht in das Zimmer. Nie werde ich diesen Anblick vergessen. Vor einer Stunde noch hatte ich ihn in Gesellschafts-Toilette gesehen, conversirend, verbindlich lächelnd, mit der vornehmen Reserve, die ihm so wohl läßt; jetzt stand er vor mir ohne Binde, das Hemd aufgerissen, die Haare wirr um die Stirne stehend, als hätte er daran gezaust und gezerrt, und das Schrecklichste war, daß er dies Alles gar nicht zu merken schien, daß er offenbar jede Empfindung der Zeit, des Orts verloren hatte, wie man es von den Nachtwandlern behauptet. Und wie ein Nachtwandler, mit verstörter Miene und starren Augen, wanderte er im Zimmer auf und nieder, ohne ein Wort zu sprechen, und ich glaube, er würde es ebenso wieder verlassen haben, bis ich mir endlich ein Herz faßte und ihn beschwor, dieses fürchterliche Schweigen zu brechen und seinen ältesten und treuesten Diener des Vertrauens zu würdigen. Ich wagte zu gleicher Zeit anzudeuten, wie ich seine Scrupel ja nur zu begreiflich fände, wie ich aber, Alles in Allem, einer Wahl, welche der actuellen politischen Situation so volle Rechnung trage, meinen allerunterthänigsten Beifall mit voller Ueberzeugung spenden könne. Das freut mich, sagte er, freut mich um so mehr, als ich es von Ihnen keineswegs erwartet hatte. Die Verbindung von Durchlaucht mit Comteß Stephanie – fing ich an. Wollen Sie mich zum Besten haben? schrie Durchlaucht, indem er von dem Stuhl, in den er sich eben erst geworfen, in die Höhe fuhr. Was sprechen Sie von Comteß Stephanie! Ihre Verbindung mit Graf Heinrich ist abgemachte Sache. Ich habe gestern schon meinen Consens gegeben und dem jungen Paare alle nur möglichen Concessionen gemacht. Die Sache ist entschieden, vollkommen entschieden; für sie! aber ich? aber für mich? O mein Gott, mein Gott! Die Herren können sich mein Entsetzen vorstellen. Ich glaubte einen Augenblick allen Ernstes, der gnädige Herr habe den Verstand verloren. Sie lächeln, Herr von Zeisel; aber ich bin überzeugt, wären Sie an meiner Stelle gewesen, Sie hätten sich ebensowenig wie ich zu rathen und zu helfen gewußt. Vor einer Stunde wollten Sie die Helligkeit hinter dem Schlosse durchaus für Feuerschein halten und haben meine Damen nicht wenig damit erschreckt. Nun, da der Mond hell am Himmel steht und uns hier in die Laube scheint, können Sie freilich leicht behaupten, Sie hätten von Anfang an gewußt, daß es der Mond gewesen. Wer die gnädige Frau jetzt im grünen Sammetkleide sich auf das Pferd schwingen und zum Schloßhof hinausjagen, oder auf einem unserer Winterbälle in einer weißen Atlasrobe die Honneurs im Spiegelsaale machen sieht, erkennt freilich das junge siebzehnjährige Mädchen nicht wieder, das bei der Excellenz an jenem Abend in einem bescheidenen schwarzen Kleide hinter dem Theetisch stand und den Mund nur öffnete, wenn sie, was nicht allzu häufig geschah, angeredet wurde. Wie hätte ich denken, wie hätte ich ahnen können, daß sie es war, welche unseren sonst so gemessenen, den Frauen gegenüber so reservirten, ja schüchternen Herrn bezaubert hatte! Ich nehme das Wort in seiner eigentlichen Bedeutung, meine Herren, denn nur durch einen Zauber kann ich mir, was damals geschah, erklären. Die Tochter eines Sergeanten, der später in dem Hotel des Generals eine Art Haushofmeisterstelle, oder wie Sie es nennen wollen, bekleidet – ein Mädchen, das – ich spreche zu den Freunden, deren Discretion ich gewiß bin – unter allen Umständen es schwerlich weit über eine Kammerjungfer gebracht haben würde und sich noch in diesem Augenblicke in einer Zwitterstellung zwischen Kammerjungfer und Gesellschafterin oder Gespielin der jungen Comteß befand; auf der anderen Seite unser hoher Herr, der Abkömmling eines Geschlechts, das runde tausend Jahre geblüht hat, der eben noch durch meine Denkschrift vor sämmtlichen Cabinetten Europas sein Anrecht auf Sitz und Stimme unter den Fürsten Deutschlands reclamirt hatte – ich überlasse Ihnen, meine Herren, sich mein schmerzliches Erstaunen auszumalen, als ich nun sah, sehen mußte, daß das für unmöglich Gehaltene doch möglich, daß es gewiß war, unser gnädigster Herr wollte diese junge Dame zu seiner Gemahlin erheben. Und dies, mein Herr von Zeisel ist, was ich vorhin als die schwache Stunde unseres Herrn zu bezeichnen mir erlaubte. Ich bin ein Mann der unbedingten Pflichttreue, meine Herren, und so that ich auch in diesem schwierigen Falle meine Pflicht, indem ich Durchlaucht meine allerunterthänigste, aber unumstößliche Meinung sagte, die dahin ging, daß er weder vor Gott, noch vor sich selber, weder vor dem Andenken seiner erlauchten Ahnen, noch vor dem Forum der jetzt lebenden Menschen, weder vor der Geschichte, noch vor der Gegenwart sein Vorhaben verantworten könne. Ich weiß nicht, wie sehr diese Gründe bei Durchlaucht verfingen; glücklicherweise hatte ich noch ein Argument in Petto: Und dann, Durchlaucht, sagte ich, die Sache ist ja so wie so eine Unmöglichkeit. Von Durchlauchts Legitimität einmal abgesehen, wenn man davon absehen kann, so bleibt Durchlaucht doch ohne allen Zweifel Mitglied des hohen Adels. Das preußische Landrecht aber läßt zwischen Mitgliedern des hohen Adels und Personen aus dem niederen Bürgerstande nur eine Ehe linker Hand zu. Seit wann stehe ich unter dem preußischen Landrecht? rief Seine Durchlaucht. de facto leider bereits seit 18l5; wagte ich zu erwidern, aber auch de jure , wenn Durchlaucht sich auf eine so eclatante Weise von der heiligen Pflicht des Souveräns, sich nur ebenbürtig zu vermählen, lossagen. Bleiben wir also beim preußischen Landrecht, sagte Durchlaucht. Die ganze Frage ist, so viel ich weiß, controvers. Und gesetzt, die landrechtlichen Bestimmungen über die Ehe zur linken Hand seien so unanfechtbar, wie sie anfechtbar und in sehr vielen Fällen bereits angefochten sind, so gehören die Unterofficiere, Sergeanten und Feldwebel der Armee nach einer Cabinetsverfügung Friedrichs II. vom Jahre 1774 nicht zu dem niederen Bürgerstande, Mithin stünde meiner Verbindung mit dem Fräulein auch nach dieser Seite hin nichts im Wege. Die Herren werden mir zugeben, dies war eine schwache, sehr schwache – es war die schwächste Stunde im Leben unseres gnädigen Herrn. Aber ich bemerkte schon vorhin: der Herr glich in dieser entsetzlichen Nacht einem Rasenden; er war außer sich. Ich habe ihn niemals sonst, weder vorher, noch auch, Gott sei Dank, nachher so gesehen. Nur ganz allmälig gelang es mir, ihn einigermaßen zu beruhigen. Seine letzte Aeußerung hatte mir bewiesen, daß er sich die Eventualität einer Ehe zur linken Hand bereits überlegt hatte, und Sie können sich denken, daß ich mir diesen Vortheil zunutze machte. Gegen eine derartige Verbindung hatte ich natürlich principaliter nichts einzuwenden; ich erinnerte mich und erinnerte Seine Durchlaucht noch in jener Nacht an einen analogen Fall in der Geschichte des fürstlichen Hauses und habe bei späterer genauerer Nachforschung noch einen zweiten der Art entdeckt. Dazu wird sich das Fräulein nie verstehen, sagte Durchlaucht. Dann haben Durchlaucht dem Fräulein diese Proposition bereits gemacht oder nicht? fragte ich. Hier mußte Durchlaucht nun, gern oder ungern, mir einen Einblick in sein Verhältniß zu der Dame gewähren, welches denn allerdings des Ueberraschenden genug für mich enthielt. Ich erfuhr, daß Durchlaucht sozusagen vom ersten Augenblick an von der heftigsten Leidenschaft für die junge Dame ergriffen worden war, daß er – gleichsam als Preis seiner Concession zu der Verbindung des Grafen mit Comteß Stephanie – seine eigene Verbindung mit dem Fräulein von vornherein in's Auge gefaßt; daß er, bei seiner bekannten rührenden Bescheidenheit, die er noch stets dem weiblichen Geschlechte gegenüber bewährt, es nicht gewagt hatte und nicht gewagt haben würde, mit einer Erklärung hervorzutreten, wenn er nicht heute auf der Landpartie das Fräulein abseits von der Gesellschaft in großer Traurigkeit überrascht und Zeit und Ort günstig für eine Erklärung gefunden hätte. Wie war die Erklärung aufgenommen worden? Unser guter Herr wußte, streng genommen, darüber keine Rechenschaft zu geben, und diese nachträgliche Ungewißheit war denn auch der Grund der furchtbaren Aufregung, in welcher er sich befand. Mir ist zu Muthe, sagte er, wie einem auf Leben und Tod Angeklagten, dem sein Urtheil vorgelesen ist und der in seinem Fieber nicht gehört hat, ob es schuldig lautete, oder nichtschuldig. Wollen Durchlaucht mir verstatten, diese delicate Angelegenheit weiter zu führen, sagte ich hier. Durchlaucht können sich unter keinen Umständen einem doch möglichen Refus aussetzen. Ich glaubte nun freilich keineswegs an diesen Refus, aber es schien mir die höchste Zeit, daß hier die Diplomatie an die Stelle der persönlichen Leidenschaft trat, und mochte nun unser Herr dieselbe Ueberzeugung haben oder war seine Kraft gebrochen – ich erhielt die gewünschte Erlaubniß und ließ mich am nächsten Morgen, so früh als ich, ohne die Schicklichkeit zu verletzen, irgend durfte, bei dem Fräulein melden. Die Herren werden natürlich nicht erwarten, daß ich über den weiteren Gang dieser Angelegenheit mit einer Ausführlichkeit berichte, welche mir der Respect vor unserem gnädigsten Herrn ebenso wie mein Diensteid verbieten. Ich darf nur so viel sagen, daß ich schon manche wichtige und intricate Verhandlung geführt habe, aber keine, in welcher ich den Faden so oft verloren hätte, wie in dieser. Ich war gekommen in der sicheren Voraussetzung, es werde Mühe kosten, meinen Vermittelungsvorschlag dem Fräulein acceptabel zu machen, und ich fand zu meiner freudigsten Ueberraschung eine solche Gleichgültigkeit gegen alle und jede Form, eine solche Selbstlosigkeit, um mich so auszudrücken, daß die Rollen gewissermaßen vollständig vertauscht schienen, und ich es war, der mit allem Ernst auf der Notwendigkeit einer gesetzlichen Verbindung bestehen mußte. Ja, es wäre mir wahrscheinlich gar nicht möglich gewesen, die mir damals unbegreifliche und noch heute unverständliche Abneigung der Dame gegen diese doch immerhin schon hinreichend lockere Form der Ehe zu besiegen, wenn unser Herr in einer geheimen Unterredung, welche noch im Lauf des Vormittags stattfand, nicht verstanden hätte, die rechten Töne anzuschlagen. Wenigstens muß ich das aus dem Erfolge schließen, und auch unserem Herrn kann dieser Sieg nicht leicht geworden sein. Ich sehe ihn noch immer, als er von dieser Unterredung kam, bleich, erschüttert, fassungslos in den Salon wanken, wo ich seiner harrte, sich in einen Stuhl werfen und die Stirn in die Hand pressen, so daß ich im ersten Augenblick nicht anders glaubte, als Alles sei verloren, bis er auf mein respectvolles wiederholtes Fragen endlich hervorstieß: Doch, doch, sie willigt ein! Und wir reisen noch heute Abend! Heute Abend! rief ich in meinem Erstaunen, welches die Herren begreiflich finden werden. Und die kirchliche Ceremonie und die gnädigen Verwandten! und der Consens Seiner Majestät, der doch nach den landrechtlichen Bestimmungen selbst zur Giltigkeit einer Ehe linker Hand durchaus nothwendig ist! Wir reisen heute Abend, wiederholte Durchlaucht mit einer Heftigkeit, die keinen Widerspruch duldete. Nun, meine Verehrtesten, Sie wissen, es ist das Vorrecht der hohen Herrschaften, immer den Tisch gedeckt zu finden und auch niemals zu sehen, wenn derselbe abgedeckt wird; und so hatte denn ich, nachdem der Herr wirklich noch an demselben Abend in Begleitung Gleichs und einer Kammerjungfer, die in aller Eile herbeigeschafft war, mit der jungen Gemahlin nach Italien aufgebrochen und ich zur Regelung so vieler schwebender Angelegenheiten zurückgeblieben war – ich hatte, sage ich, die dornenvolle Aufgabe, den Damen und dem Grafen gegenüber die Verantwortung gewissermaßen dessen, was geschehen war, nachträglich übernehmen zu müssen. Ich darf sagen, daß dies keine leichte Aufgabe war. – Excellenz, die Frau Gräfin Mutter – eine so unendlich liebenswürdige, vortreffliche Dame sie ist – konnte doch ihre tiefe Erregung über das Geschehene nicht verbergen. Noch weniger als die Frau Gräfin Mutter war Comteß Stephanie im Stande, für ihre Empfindungen immer einen wohlthuenden Ausdruck zu finden; aber eine peinliche Wendung nahm die Sache doch erst dem Grafen Heinrich gegenüber. Als ich im Auftrage des Fürsten ihm die Mittheilung machte, verfärbte er sich und stand ein paar Augenblicke sprachlos da. Dann rief er mit Heftigkeit: Ich protestire dagegen! zu wiederholtenmalen; und auch, als ich ihm sagte, daß es sich nur um eine Ehe zur linken Hand handle, wollte er sich durchaus nicht zufrieden geben. Hätte ich jetzt nicht gewußt, daß der Graf schon so lange officiös und nun seit gestern officiell mit Comteß Stephanie verlobt war, ich hätte glauben müssen, er selbst habe – ganz andere Absichten gehabt. Dessen wird man den stolzen Herrn freilich nicht fähig halten, wenn man ihm näher getreten ist und ihn besser kennen gelernt hat; aber für mich war der Graf damals doch eine verhältnißmäßig neue Erscheinung, in der ich mich nur schwer zurechtfand. Man kann es Durchlaucht und dem Herrn Grafen, wenn sie so beisammen sind, wahrlich nicht ansehen, daß Erich XXXIV. der gemeinschaftliche Stammvater Beider, und unser gnädigster Herr der rechte Großonkel des jungen Herrn ist. Aber daß die Steinburger so lange in preußischen Diensten waren, hat sie zu anderen Menschen gemacht. Es ist ein wunderlich Ding, Ihr Herren, um das preußische Wesen. Das hat eine Schneide, der sich nichts abschleifen läßt, und eine Höflichkeit, vor der man sich in Acht nehmen mag. Ich weiß davon zu reden. Unser gnädigster Herr hatte, wie ich nun von ihm, der mich in die Transactionen eingeweiht, erfahren, dem jungen Paare ein bedeutendes Jahrgehalt ausgesetzt und die, wie gesagt, enormen Schulden des Grafen zu zahlen übernommen. Er ließ jetzt durch mich andeuten, aber auch nur andeuten, daß er es gern sehen würde, wenn der Graf nach seiner Vermählung den preußischen Dienst quittire. Aber das war ein Funke in ein Pulverfaß. Die Ehre, preußischer Officier zu sein, rief der Graf, ist mir um keinen Preis der Welt feil, geschweige denn um die paar tausend Thaler, mit denen mir Durchlaucht diese Ehre abkaufen zu können meint! Ja, er verweigerte sogar die Annahme des Capitals, welches ihm Durchlaucht zur Abzahlung der Schulden zur Verfügung gestellt. Ich will nichts von ihm, weder Großes noch Kleines, sagte er; ich bin bis jetzt ohne ihn fertig geworden und werde auch mit Gottes und meines allergnädigsten Herrn Hilfe in Zukunft ohne ihn fertig werden. Und wie lange wird es denn dauern, bis ich den Gaul zwischen den Beinen habe! Glauben Sie mir, lieber Kanzleirath, die Steinburger halten es länger aus, als die Rothebühler und Tyrklitzer zusammengenommen. Nun, meine Herren, diese Prophezeiung ist zum Theil schneller in Erfüllung gegangen, als ich oder irgend Einer damals ahnen konnte. Wer hätte für möglich gehalten, daß die Tyrklitzer Linie, die vor dem Kriege auf zehn Augen gestanden hatte, und nach dem Kriege immer noch auf sechs stand, bald auf vier, dann auf zwei stehen würde, und nun mit dem Tode des jüngsten Grafen Casimir gänzlich erlöschen sollte? Ich kann Ihnen sagen, meine Herren, mir ist gar wunderlich zu Muthe, wenn ich daran denke, und weiter denke, daß wir morgen in dem Grafen unseren zukünftigen Herrn zu begrüßen und zu verehren haben werden. Hat aber schon für uns Beamte dieses hochwichtige Ereigniß mindestens seine zwei Seiten, so darf man wohl, ohne sich einer Indiscretion schuldig zu machen, behaupten, daß für die gnädige Frau – Wollen wir gehen? sagte Hermann, indem er aus dem brütenden Sinnen, in welches er während der Erzählung des Kanzleiraths versunken gewesen schien, jäh in die Höhe fuhr. So nehmen Sie mich doch wenigstens mit! rief Herr von Zeisel, fein Glas leerend und sich ebenfalls erhebend. Der Kanzleirath wußte nicht recht, was er von dieser plötzlichen Unterbrechung denken sollte. Er hatte sich bei seiner Erzählung vortrefflich unterhalten und war ja eben erst bei seinem Thema angekommen. Aber vergeblich suchte er seine Gäste zu längerem Bleiben zu überreden. Bereits wenige Minuten später wandelten sie nebeneinander auf dem chaussirten Wege, der, von Buschwerk hie und da eingerahmt, in manchen Krümmungen den langgestreckten Hügelrücken zum Schlosse emporstieg. Der Cavalier war von dem reichlich genossenen Wein sehr aufgeregt und sang mit angenehmer Tenorstimme ein Lied, in welchem ein adeliger Page und ein bürgerlich Kind in irgend eine Beziehung gebracht waren, die nicht klar hervortrat. Dann unterbrach er sich, um seinem Gefährten den Vorschlag zu machen, hier in dieser mitternächtlichen Stunde auf dem Kreuzweg, den sie eben passirten, im Dämmerlicht des Mondes, der sich hinter Wolken verbarg, mit ihm um die Eine, die Reine, die Kleine, die er meine, auf Leben und Tod zu kämpfen; wurde dann plötzlich wieder beinahe ernsthaft und setzte seinem Gefährten auseinander, in welch' sonderbarer Lage er sich der Dame seines Herzens gegenüber befinde. Sehen Sie, Doctor, sagte er, uns Zeisels geht es wie den Turlows, nur ein Bischen schlechter; auch wir sind seit undenklichen Zeiten Vasallen unserer Lehensherren gewesen, nur daß die Fürsten von Roda-Rothebühl uns nicht zu Grafen gemacht haben, und, wie die Sachen standen, auch wohl nicht machen konnten. Aber ich fühle mich darum nicht minder adelig und bin nicht minder adelig, wie irgend ein ritterblütiges Geschlecht in Deutschland. Und wenn auch die anderen Nebenzweige meiner Familie sich mehr und mehr in das bürgerliche Leben verloren haben und ich mit einem Erröthen, welches Sie jetzt nicht sehen, bekennen muß, daß in diesem Augenblick ein Zeisel in Leipzig Handschuhe verkauft und ein Anderer in Chemnitz Strümpfe fabricirt – der Hauptzweig hat sich immer rein erhalten; ich wäre der Erste, der eine Bürgerliche heirathete. Kann ich Das? Darf ich Das? Bliebe also nur eine Ehe zur linken Hand, wie Serenissimus sie geschlossen hat. Aber was bei einem so hohen Herrn selbstverständlich ist, würde doch bei Unsereinem ein wenig wunderlich aussehen, denn wie der Dichter sagt: Zwischen Sinnenglück und Seelenfrieden! – Apropos, Doctor des hohen Uraniden, unseres gnädigsten Herrn! Wissen Sie, daß mir bei der Erzählung unseres trefflichen Kanzleiraths, bei der Sie, glaube ich, mehr als halb geschlafen haben, ganz besondere Gedanken gekommen sind – Lichtblicke, Ueberblicke, Einblicke in unsere Verhältnisse, von denen sich jener Biedermann nichts träumen läßt, und daß ich jetzt mehr als je überzeugt bin: der Graf hat es zu verantworten, wenn damals nur eine Ehe linker Hand zwischen unserem Herrn und der gnädigen Frau zu Stande kam. Ich kenne unseren Herrn, er ist ein Jüngling mit weißen Haaren und würde seinen Entschluß ausgeführt haben, wäre ihm die Ausführung desselben nicht unmöglich gemacht worden. Durch wen? Durch den Kanzleirath? Er ist eine Null. Durch die Dame selbst? Pah, das wäre gegen die Natur – contra naturam , wie wir auf der Schule sagten. Wie würde ein Mädchen sich mit der Linken begnügen, wenn sie die Rechte haben kann! Bleibt nur der Graf. Er und er allein hatte ein reelles Interesse daran, daß keine rechte Ehe zu Stande kam; er und er allein, als Agnat, hatte die Macht, es zu verhindern, oder doch wenigstens die Energie, dagegen zu reagiren und Gott weiß welche Contreminen springen zu lassen; und so erklärt sich mir auch, warum in diesen drei Jahren der Graf und die Gräfin von unserem Hofe verbannt gewesen sind, und nur das verstehe ich noch immer nicht, weshalb diese Verbannung nun gerade jetzt aufgehoben ist. Haben Sie denn keinen Schlüssel zu diesem Räthsel? Aber freilich, wir müssen eben doch gute Miene zum bösen Spiel machen. Wollen Sie noch eine Cigarre auf meinem Zimmer rauchen? – Nein? Nun dann auf Wiedersehen morgen, in keiner besseren Welt! Die beiden jungen Männer schüttelten sich die Hände und traten in ihre Zimmer, die an demselben Corridor in einem Nebengebäude des Schlosses lagen, welches das Cavalierhaus genannt wurde. Hermann öffnete das Fenster und starrte in die Nacht hinein; und da waren sie wieder, aus dem Dunkel glänzend: ihre Augen! Ach, diese großen, ernsten, schwermuthsvollen, glänzenden Augen! Sie hatten es ihm angethan vom ersten Moment, sie hatten seine Seele getrunken, sein Blut, sein Leben; sein ganzes Wesen war darein versunken, wie in ein tiefes, abgrundtiefes Meer! Der junge Mann drückte die pochenden Schläfen in die Hände. Er hatte ein trübes Bewußtsein, daß auf diesem Wege der Wahnsinn lauere; er wollte sich aufraffen, zu Bette gehen, schlafen. Er ging in sein Schlafcabinet und trat an den Tisch, auf welchem ein Brief lag. Erst jetzt fiel ihm wieder ein, daß der Diener, der ihm geleuchtet, gesagt hatte, daß Durchlaucht ein Billet herübergeschickt. Er erbrach das Siegel und las: Mein junger Freund! Lassen Sie mich, bevor ich schlafen gehe, ein Unrecht gutmachen, das ich heute gegen Sie begangen habe. Sie wollen fort. Es ziemt mir nicht, Sie zu halten, wenn Sie selbst sich nicht mehr gehalten fühlen. Wie ungern ich Sie scheiden sehe, will ich Ihnen nicht sagen, weil, wenn ich es sagte, es wieder eine Fessel für Sie sein würde. Mag es denn also geschieden sein. Wer, wie ich, in der Abenddämmerung des Lebens wandelt und gen Untergang schaut, muß sich ja auf's Meiden gefaßt machen, muß sich ja auf's Scheiden verstehen! Aber lassen Sie es nicht sogleich geschieden sein. Ich darf es bitten, weil es nicht mein persönliches Wohl ist, das ich dabei im Auge habe, sondern das Wohl Anderer, denen gegenüber ich eine Verbindlichkeit übernommen, bei welcher ich durchaus auf Ihre Unterstützung rechnete. Sie wissen, was ich meine. Erlauben Sie mir also, Sie von heute für die nächsten Wochen als meinen Gast zu betrachten und treffen Sie unter dessen alle Maßnahmen, welche die Einrichtung Ihres späteren Lebens nothwendig macht. Da, wohin man Sie haben will, wird man ja wohl begreifen, daß ein Platz, den Sie so lange ausgefüllt, nicht von einem Tag zum andern wieder zu besetzen ist. Und damit wünscht Ihnen eine gute Nacht Ihr immer wohlgewogener Erich. Hermann ließ den Brief langsam sinken. Für wenige Wochen! sagte er. Und das Fieber rast nun schon drei Jahre in meinen Adern! So werde ich es ja wohl auch noch diese wenigen Wochen ertragen; und sie selbst muß begreifen, daß ich die gütige Hand, die dies geschrieben, nicht ohne weiteres von mir stoßen kann. Fünftes Kapitel. Die jungen Herrschaften, wie die Rothebühler sagten, waren bereits drei Tage auf dem Schloß, und noch immer hatte sich die Aufregung, welche das große Ereigniß in dem Städtchen hervorgerufen, nicht gelegt. Nie hatten die Gevatterinnen den Tag über ihre Arbeit so oft unterbrochen und über die Zäune herüber, welche die Gärtchen trennten, im eifrigsten Gespräch die Köpfe zusammengesteckt; nie waren die Kaffeegesellschaften in der großen Laube vor der Apotheke zum Schwan am kleinen Marktplatz so häufig gewesen; nie hatte Frau Büchsenschmied Findelmann, Frau Kaufmann Zeller, Frau Fabrik-Inspector Körnicke der guten Frau Apotheker Hippe ihre Freundschaft mit der Frau Kanzleirath so neidlos gegönnt; nie war die Eintracht der Damen so groß gewesen; nie hatten sie die Gewohnheit der Frau Kanzleirath, immer und immer von ihrem Elischen zu reden, so lächerlich und unpassend gefunden als eben jetzt. Frau Kanzleirath war natürlich mit Elischen auf dem Schlosse gewesen, um sich den Herrschaften zu präsentiren. Sie durfte ohne Uebertreibung sagen, daß der Empfang ihre Erwartung übertroffen habe. Sie für ihr Theil mache keine Ansprüche; sie sei eine alte Frau und es komme ihr nicht weiter darauf an, ob man sie auszeichne oder nicht, wenn man ihr nur die nöthige Achtung erweise; und an der habe man es weder jemals vorher, noch auch bei dieser Gelegenheit auf dem Schlosse fehlen lassen. Aber Elischen! Die Damen mögen es nun glauben oder nicht, Elischen sei von der jungen Frau Gräfin empfangen worden wie eine Schwester; und da sehe man wieder, was sie freilich immer gesagt, daß die echte Liebenswürdigkeit und wahre Humanität sich nur bei der echten, der wahren Aristokratie finde. Die Frau Gräfin sei nach den ersten vier Minuten mit ihrem Elischen so vertraut gewesen, wie ihr Elischen mit der gnädigen Frau – hier schob Frau Iffler ihr Haubenband energisch unter das Kinn – in allen diesen vier Jahren nicht geworden. Die Frau Gräfin habe sogleich bemerkt, wie rein das Blau in Elischens Augen und wie zart Elischens Teint und wie geschmackvoll sich das Kind zu kleiden wisse; und das sei umsomehr anzuerkennen, als die Frau Gräfin selbst die schönsten blauen Augen und den lieblichsten Teint und die wundervollsten blonden Haare habe, von ihrer Garderobe gar nicht zu sprechen, die natürlich bei einer so vornehmen, jungen, schönen Dame, die eben aus Berlin komme, nicht anders als über alle Erwartung geschmackvoll und reizend sein könne, und, wie sie wohl nicht zu sagen brauche, dem Zustand, in welchem sich die junge Frau befinde, in der delicatesten Weise angepaßt. Hier richteten sich die Blicke sämmtlicher anwesenden Damen durch die Thür der Laube nach dem Schloß, welches über die Dächer des Städtchens herüber und gleichsam in die Laube hoch hineinschaute, und ein gemeinschaftlicher, energischer Versuch wurde gemacht, Frau Kanzleirath an einem so hochwichtigen interessanten Punkt festzuhalten. Aber Frau Kanzleirath konnte oder wollte den Inhalt des Gespräches, welches sie mit der Frau Gräfin über dies Thema allerdings gehabt, nicht mittheilen; überdies habe die Unterredung nicht lange gedauert, denn die Frau Gräfin habe eigentlich nur Auge und Ohr für Elischen gehabt. Elischen habe singen und spielen müssen und die Frau Gräfin habe sich nicht wenig gewundert, daß Elischen die Gnadenarie aus Robert der Teufel mit französischem Text vorgetragen habe, und habe Elischen gefragt, ob sie lange in Paris gewesen, worauf das Kind ganz roth geworden sei und geantwortet habe, daß sie eigentlich noch nie aus Rothebühl herausgekommen. Aber der Herr Graf – nebenbei der schönste Mann, den man sehen könne – groß und schlank und mit einem Vollbart – sei nicht weniger höflich zu Elischen gewesen, und – was sie doch auch erwähnen müsse – Durchlaucht habe sich sichtlich über die Bewunderung, die Elischen erregt, sehr gefreut und gesagt: Ja, ja, wir Kleinstädter haben noch Lust und Zeit, uns mit nützlichen Dingen zu beschäftigen; wir sind nicht die Huronen, für die Ihr Berliner uns haltet. Was ist Huronen? fragte Frau Körnicke. Frau Kanzleirath hatte eben nur noch Zeit, einen Blick unsäglichen Mitleids auf die Fragerin zu werfen. Es sei die höchste Wahrscheinlichkeit, daß die Frau Gräfin heute Nachmittag den Besuch erwiedere; Elischen sei deshalb zu Hause geblieben und sie selbst sei auch nur einen Augenblick gekommen, um den Damen den Beweis zu liefern, daß sie für ihr Theil nicht zu Denen gehöre, welche über neuen und vornehmen Bekanntschaften die alten Freunde vergessen. Ich glaube, die gute Frau schnappt noch einmal über, sagte Frau Fabrik-Inspector Körnicke, als die Haubenbänder der Frau Kanzleirath kaum zur Gartenlaube hinausgeflattert waren. Das ist ein hartes Wort, liebe Körnicke, sagte die sanfte Frau Apotheker Hippe. Ich sehe auch nicht viel Gutes, was aus dem Allem für uns herauskommen wird, sagte Frau Kaufmann Zeller. Wir haben uns bisher wohl genug befunden, auch ohne die Berliner Herrschaften. Das sprechen Sie Ihrem Manne nach, sagte Frau Büchsenschmied Findelmann. Er ist schon 1866 für Oesterreich gegen Preußen gewesen. Und Sie, sagte Frau Zeller, sind seit gestern erst für Preußen und – so viel ich sehen kann – blos deshalb, weil der Herr Graf bereits in Ihrem Laden gewesen ist. Aber, liebe Freundinnen, wollen wir die Politik nicht den Männern überlassen? sagte Frau Hippe beschwichtigend. Unser Geschäft ist glücklicherweise nicht davon abhängig, ob sie oben auf dem Schlosse preußisch oder österreichisch sind; unser Porcellan geht, Gott sei Dank, bis Holland und Amerika, sagte Frau Fabrik-Inspector Körnicke. Während so die weiblichen Honoratioren von Rothebühl es schwer fanden, dem großen Ereignisse gegenüber die friedliche Stimmung zu bewahren, welche für gewöhnlich um den Kaffeetisch in der Laube der Apotheke schwebte, waren ihre Männer auf der Kegelbahn in dem Garten des Gasthauses zu den drei Forellen geradezu in einen hitzigen Streit gerathen. Und ich behaupte noch einmal: er sieht dem Kronprinzen ähnlich, sagte Herr Findelmann. Und ich: dem Herrn von Bismarck, sagte der Kaufmann Zeller, indem er dabei höhnisch lachte. Er kann ja Beiden ähnlich sehen, sagte der Apotheker Hippe beschwichtigend. Meinetwegen dem Teufel, wenn wir nur weiter spielen wollten, sagte der Fabrik-Inspector Körnicke. Die Sache ist, daß Gevatter Zeller, weil er seine Strumpfwaaren aus Chemnitz bezieht und sein Backobst aus Böhmen, sächsisch-österreichisch gesinnt sein zu müssen glaubt, sagte Herr Findelmann. Und Gevatter Findelmann preußisch, weil der Herr Graf sich gestern in seinem Laden ein Paar Pistolen zu kaufen geruht hat. Aber schließlich sind wir doch seit 1815 Alle Preußen, wie wir vorher Sachsen waren, sagte Herr Hippe. Preußen oder Sachsen oder Oesterreicher, das ist für mich ganz gleich; in ein paar Jahren sind wir doch alle Republikaner, sagte Herr Körnicke. Das lassen Sie unseren Herrn Kanzleirath nicht hören! sagte Herr Hippe ängstlich, als man jetzt den Genannten durch den Garten auf die Kegelbahn zukommen sah. Wahrhaftig, Herr Kanzleirath – die große Ehre – wer hätte das gedacht! riefen die Herren durcheinander. Sehr obligirt, sehr obligirt! sagte der Kanzleirath, den Anwesenden mit huldvoller Miene die Hand reichend. Aber ich konnte heute wirklich nicht früher kommen. Meine Frau erwartete den Gegenbesuch der Berliner Herrschaften und da durfte ich doch nicht fehlen. Nun, sie sind nicht gekommen, aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Und was die drei letzten Tage angeht – großer Gott, ich weiß noch heute nicht, wo mir der Kopf steht; eine Welt voll Geschäfte, eine Welt! die Begrüßung der Herrschaften, lange Conferenzen des Morgens mit Durchlaucht, mit Durchlaucht allein in gewohnter Weise, oder mit Durchlaucht und dem Herrn Grafen bezüglich der Tyrklitzer Erbschaft; Galavisite meiner Damen auf dem Schlosse, Mittagstafel, Abendtafel – Verderben Sie sich nur nicht den Magen, sagte Herr Körnicke. Wie steht es denn oben? fragte Herr Hippe, um der üblen Wirkung von Herrn Körnicke's schlechtem Scherz zuvorzukommen. Gut, sehr gut, sagte der Kanzleirath, ich darf wohl sagen, über meine kühnsten Erwartungen gut. Die Herren wissen, ich hatte bereits 1866 im Herbste die Ehre, dem Herrn Grafen in Wiesbaden aufwarten zu dürfen und ein Zeuge, ein intimer Zeuge der wichtigen Ereignisse jener denkwürdigen Tage zu sein. Jetzt darf ich es sagen, das Wesen des Herrn Grafen war mir damals schon ausnehmend sympathisch und ich bedauerte im Herzen, daß zwischen ihm und der Herrschaft noch die Tyrklitzer Linie stand, und wahrhaftig, einen leutseligeren, liebenswürdigeren, charmanteren Herrn – Und dem Kronprinzen sieht er ähnlich, sagte Herr Zeller mit bitterem Spott. Und ich kenne Leute, denen ich weniger gern ähnlich sähe, sagte Herr, Findelmann. Aber wir sind doch hier nicht beisammen, um zu politisiren, sagte Herr Hippe ängstlich. Ganz, was Durchlaucht heute Mittag sagten, rief der Kanzleirath eifrig; wahrhaftig, beinahe dieselben Worte: wir sind nicht beisammen, um zu politisiren! Unter uns: die Unterhaltung hatte eine etwas peinliche Wendung genommen. Die gnädige Frau ist, trotzdem sie ja geborene Preußin, ja die Tochter eines preußischen Soldaten ist – hier lächelte der Kanzleirath ein ganz klein wenig – und in dem Hause, ja in der Familie eines preußischen Generals erzogen wurde, sehr antipreußisch, und das trat denn auch heute bei der Tafel ein wenig schärfer hervor, als im Interesse unserer gnädigen jungen Herrschaften wünschenswerth war. Man muß es dem Herrn Grafen lassen, daß er sehr ruhig und höflich blieb, trotzdem die gnädige Frau so weit ging, zu sagen, daß Preußen sich nicht eher zufrieden geben werde, als bis es sich mit sämmtlichen Mächten Europas der Reihe nach gemessen. Das haben Sie selbst in Ihrem Buch gesagt, Herr Kanzleirath, rief der Kaufmann Zeller, und hier auf dieser selben Stelle haben Sie es hundertmal wiederholt. Geben Sie Acht! – haben Sie gesagt – dieses Preußen wird noch ganz Deutschland mit Stumpf und Stiel aufessen, haben Sie gesagt. Und das wäre auch nur ganz in der Ordnung! rief der Büchsenmacher Findelmann, auf den Tisch schlagend. Der Friede ist ein gutes Ding, Gevatter Findelmann, aber auch im Kriege giebt es zu verdienen, Gevatter Zeller, sagte Herr Hippe. Und schließlich arbeitet Ihr doch nur Alle für die Republik, sagte Herr Körnicke. Aber ich muß denn doch sehr bitten – sagte der Kanzleirath. Die Herren vom Kegelclub erfuhren nicht, um was der würdige Mann so sehr bitten zu müssen glaubte, denn in diesem Augenblick ertönte das Geräusch von ein paar Wagen, welche schnell vom Schlosse her die Chaussée herabkamen, die kurz vor den drei Forellen in zwei Arme sich theilte: der eine zur Fasanerie und höher hinauf in die Berge, der andere nach Rothebühl und weiter hinab in das Thal. Die Herren drängten sich an das Fensterchen des Kegelhauses, von welchem man die Straße überblicken konnte; selbst Herr Körnicke verschmähte es nicht, sich auf die Fußspitzen zu stellen und den Anderen über die Köpfe zu schauen. Durchlaucht und der Graf mit den beiden Damen in dem ersten Wagen! Und Herr von Zeisel und der Doctor in dem zweiten! Und Sie nicht dabei, Herr Kanzleirath? An unserem Kegelabend! sagte der Kanzleirath, der keine Einladung erhalten hatte, mit sanftem Vorwurf. Sie fahren gewiß nach der Maierei! Oder nach der Fasanerie! Oder über die Maierei nach der Fasanerie! Sie biegen links ab – nach der Fasanerie, sagte der Kanzleirath im Tone der Entscheidung. Meinetwegen können sie auf den Blocksberg fahren, sagte Herr Körnicke. Sechstes Kapitel. Heute Morgen in der Conferenz, welche der Fürst vor dem Frühstück mit seinen Beamten zu halten pflegte, hatte Herr von Zeisel gemeldet, daß der Fasaneriepark und das Theehaus zur Aufnahme der Gesellschaft in Stand gesetzt seien, und daß er Durchlaucht um die Erlaubniß bitte, für heute Abend den Thee oben ansagen zu dürfen. Der Fürst hatte diese Erlaubniß nur halb widerwillig gegeben; und er ward erst, als bei der Tafel die Rede auf das Theehaus kam, durch Hedwigs Unbefangenheit beruhigt. Sie sei dem Fürsten dankbar, daß er ihr die romantische Grille vertrieben. Wenn man sie und den Prachatitz länger hätte walten lassen, wäre das Theehaus eine klägliche Ruine in einem Urwald gewesen. Jetzt habe sie selbst ihre Freude an der Restauration und sie hoffe heute Abend einige Ehre einzulegen. Hedwig hatte nicht zu viel versprochen. Die Wiederherstellung des Hauses und des Parks war in der That eine vollkommene. Man überschüttete Hedwig mit Lobeserhebungen, welche sie auf Herrn von Zeisel ablenkte, der wiederum behauptete, er habe nichts weiter gethan, als die Angaben der gnädigen Frau blindlings ausgeführt. Besonders war der Fürst entzückt. Was ich noch mehr bewundere, sagte er, als die staunenswerthe Schnelligkeit der Arbeit, das ist die feine Empfindung, mit welcher man dem Geist der Zeit, der diese ganze Anlage geschaffen, bis in seine leisesten, fast verschütteten Spuren nachgegangen ist. Sie müssen wissen, lieber Graf, daß wenigstens ein Jahrhundert über dies Alles hier hinweggezogen, ohne daß sich irgend Jemand ernstlich darum bekümmert hätte. Die Wege verwachsen, die Bosquets undurchdringliches Gestrüpp, die verschnittenen Bäume und Hecken aus aller Form gewildert, die Statuen umgesunken, die Grotten verfallen – eine romantische Wüstenei, wie Hedwig heute Mittag mit Recht sagte; aber so romantisch, so wüst, daß unser gemeinschaftlicher Ahnherr Erich XXXIV., der Schöpfer der Fasanerie, vermuthlich seine eigene Schöpfung nicht wieder erkannt haben würde. Und nun hat eine sinnige Hand die entstellenden Spuren von hundert Jahren weggewischt und Alles ist wieder wie es war. Der Fürst hatte bei diesen Worten Hedwigs Hand ergriffen und an seine Lippen geführt. Auch der Graf beeilte sich, seine Zustimmung auszusprechen. Ich vermag ja nicht zu beurtheilen, sagte er, was Alles geschehen mußte, um dies hervorzubringen. Ich kann nur versichern, daß das Ganze auf mich den harmonischsten, liebenswürdigsten Eindruck macht. Auf Dich nicht auch, liebe Stephanie? Ganz gewiß, erwiederte die Gräfin; Alles harmonirt. Wir sind die einzigen Flecken in dem Gemälde; ich schlage vor, daß wir morgen uns sämmtlich wieder hier zusammenfinden, aber – wenn ich bitten darf, im Costüme Louis XV. Was sagst Du dazu, Hedwig? Die Gräfin lachte hell auf. Ich spiele nicht gern Comödie, antwortete Hedwig trocken. Wollen wir nicht weiter gehen? sagte der Fürst. Man kam zum Theehause. Der Fürst führte Stephanie die gewundene Treppe hinauf. Ich mache Durchlaucht viel Mühe, sagte die Gräfin; ich bin Durchlaucht aber auch von Herzen dankbar. Der Fürst drückte den schönen Arm, der in dem seinen ruhte. Ich bin nach dieser Seite hin nicht gerade verwöhnt, erwiederte er, und seine Augen richteten sich dabei unwillkürlich auf Hedwig, die bereits oben auf der Terrasse stand. Und doch wüßte ich Niemand auf Erden, der so viel Anspruch auf Dankbarkeit hätte, sagte Stephanie, welcher der Blick des Fürsten nicht entgangen war. Der Fürst seufzte. Ich glaube, Durchlaucht ist ein wenig hypochondrisch, fuhr Stephanie mit schelmischem Lächeln fort; seine unterthänige Dienerin wird sich Mühe geben, ihm diese kleine Schwäche – die einzige, die sie hat bemerken können – abzugewöhnen. Da wären Sie freilich die Erste, die sich eine so undankbare Mühe gäbe, und Sie würden vermuthlich auch die Letzte sein, erwiederte der Fürst, indem er auf Stephaniens heiteren Ton einzugehen versuchte. Durchlaucht belieben zu scherzen. Stephanie fand das Theehaus, die Lage, die Einrichtung – sie fand Alles entzückend. Ich habe doch so manches Lusthaus in königlichen Gärten gesehen, rief sie, aber keines, welches den Vergleich mit diesem aushielte. Wahrhaftig, die wahre Poesie des Rococo! Und wie wundervoll dieser Blick in die Berge, wechselnd nach jeder Seite, und auf der einen immer schöner als auf der andern! Und, Alles in Allem, wie behaglich, wie ganz geschaffen zum Sinnen und Träumen! Das muß etwas für Dich gewesen sein, Hedwig! Du wußtest von jeher in dem Sande des Alltagslebens die poetischen Perlen zu finden. Wahrhaftig, jetzt begreife ich erst die Größe des Opfers, das Du uns gebracht hast! Solchen Heimathswinkel des Herzens öffnet man nicht gern den Anderen. Aber die Anderen wissen es Dir auch zu danken. Nicht wahr, Durchlaucht? Gewiß, gewiß, sagte der Fürst, obgleich ich eigentlich ein wenig ungehalten sein sollte, denn Sie, meine Herrschaften, ahnen doch kaum, wie groß das Opfer ist. Ich sehe, Hedwig, Du hast selbst Dein Atelier ausräumen lassen; das heißt die Güte zu weit treiben. Ich meine, es heißt uns Eindringlinge für Barbaren erklären, sagte der Graf. Bitte, bitte, liebe Hedwig, das mußt Du redressiren, rief Stephanie, und Du mußt mir erlauben, Dich hier zuweilen zu besuchen. Du weißt, welches Interesse ich von jeher an Deinen Studien genommen habe. Und für die Malerei hattest Du immer ein so entschiedenes Talent. Du hast es gewiß sehr, sehr weit gebracht. Nicht wahr, Durchlaucht? Das müssen Sie den Prachatitz fragen, erwiederte der Fürst lächelnd, jenen Alten mit dem grauen Bart, der uns vorhin in der Fasanerie herumführte. Er allein ist begnadigt, die Arbeiten unserer Künstlerin bewundern zu dürfen. Gegen uns Andere – mich nicht ausgenommen – hüllt sie sich in ein eifersüchtiges Dunkel. Freilich, Sie wollen nicht vergessen, liebe Gräfin, daß wir Alle hier vielleicht zu einsam gelebt und Alle etwas einsame Neigungen ausgebildet haben, die wir unsern Gästen zu Ehren ein wenig ablegen wollen, nachdem unsere liebe Hedwig mit einem so guten Beispiele vorangegangen. Aber es ist, glaube ich, Zeit, daß wir unsern Thee einnehmen. Er bat um Stephaniens Arm, sie aus dem Seitengemache, in welchem das Gespräch stattgefunden, nach der Rotunde zu führen, wo der Thee servirt war. Graf Heinrich führte Hedwig; der Cavalier und Hermann folgten. In dem Augenblicke, als der Fürst mit Stephanie bereits an den Tisch getreten war und die beiden Herren noch ein wenig im Hintergrunde zögerten, beugte der Graf seine hohe Gestalt zu Hedwig herab und sagte leise und dringend: Ich beschwöre Sie, gnädige Frau, gewähren Sie mir einige Minuten ungestörter Unterredung! Hedwig hob die dunklen Augenwimpern und sah den Grafen mit einem so eigenthümlichen Blick an, daß ihn ein Schauer durchbebte. Sie war viel schöner, als damals, wo sie ja eigentlich noch ein halbes Kind gewesen war; aber welcher Trotz schürzte jetzt diese rothen Lippen, welcher Stolz blickte aus diesen braunen Augen! Der Graf wußte nicht, ob er sich freuen solle, eine Bitte gewagt zu haben, die ihm schon seit der ersten Stunde auf den Lippen geschwebt hatte. Er hatte während des Thees Zeit, darüber nachzudenken; jedenfalls war er vorläufig ohne Antwort geblieben. Er mischte sich wenig in die Unterhaltung, die fast ausschließlich von dem Fürsten und Stephanie geführt wurde. Seine Augen ruhten wiederholt auf dem lebhaften Antlitze seiner Frau und glitten dann immer wieder zu Hedwig hinüber. Es kam ihm sonderbar vor, daß er jemals für seine Frau ernsthaft gefühlt haben sollte. Wieder und immer wieder verglich er sie mit Hedwig, und er mochte den Vergleich anstellen, von welcher Seite her er wollte, stets fiel derselbe zu Ungunsten seiner Gattin aus. Selbst die größten Schönheiten der reizenden Frau, ihr ungemein reiches blondes Haar, ihre weichen, von langen Lidern umfächerten blauen Augen, ihr blendend weißer Teint verblaßten neben den dunklen tiefen Farben Hedwigs. Winterlicher Mondschein neben Sommersonnengluth, sagte der Graf bei sich und dann fuhr er jäh aus seinen Träumereien auf und suchte den Faden des Gesprächs, den er verloren, wieder zu erhaschen. Weshalb nur, sagte Stephanie, ist dieses reizende Haus trotz seiner schönen und bequemen Lage von seinen letzten Besitzern, sowohl von Durchlauchts seligem Herrn Vater, als auch von Durchlaucht selbst so arg vernachlässigt worden? Ich kann mir nicht anders denken, als daß hier irgend eine romantische Veranlassung vorliegt, die ich – offen gestanden – herzlich gern kennen lernen möchte. Sie irren, liebe Gräfin, erwiederte der Fürst. Es handelt sich hier gar nicht um einen galanten Roman, um ein dunkles Geheimniß, aus welchem ein paar schöne blaue oder braune Augen hervorschimmern, vielleicht gar gezückte Degen blitzen. Im Gegentheil, das Ereigniß, das hier hineinspielt, gehört der Geschichte an. Wer glauben Sie, meine Damen und Herren, ist es gewesen, der hier zuletzt gewohnt, der hier zuletzt an dieser selben Stelle, an diesem selben Tisch soupirt, für wen jener Kronenleuchter zum letztenmal gebrannt hat? Nun, Sie würden es nicht rathen, und so will ich es Ihnen sagen, wer es war: kein Geringerer als Napoleon nach der Schlacht bei Jena. Ich wiederhole, lieber Graf, die Sache gehört der Geschichte an, und so dürfen wir mit voller Ruhe darüber sprechen und es kann Niemanden kränken, wenn ich der Geschichte nacherzähle, daß mein hochseliger Vater, ein Schüler Rousseau's und begeisterter Apostel der humanitären Bestrebungen des vorigen Jahrhunderts, in dem Kaiser der Franzosen den Gesalbten Gottes, den Vollstrecker der großen Ideen der Menschheit sah, für welche er selbst schwärmte. Ich, sein Sohn, brauche wohl kaum hinzuzufügen, daß seine Begeisterung für den Kaiser auch nicht durch den Schatten des Egoismus getrübt wurde. Man hat daran , weil ein großer weltlicher Vortheil im Hintergrunde gestanden habe: die unbedingte Herstellung der ehemaligen Souveränetät, Vermehrung des Gebiets auf den Umfang, den das Fürstenthum zur Reichszeit besessen, ja, die Krone eines neu zu errichtenden Herzogthums. Nun will und kann ich nicht leugnen, daß dies Alles sich so verhielt, aber für meinen hochseligen Vater – ich bin davon auf's tiefste überzeugt – war dies Alles nur Mittel zum Zweck, und dieser Zweck kein anderer, als die Realisirung seiner Träume von Menschenwohl und Menschenglück in großartigem Maßstabe. So begrüßte er den Kaiser, so empfing er den Kaiser, den er schon von Paris her kannte und dessen Gastfreundschaft er nur erwiederte, als er denselben auf dem Schloß seiner Ahnen willkommen hieß. Hier in diesem Pavillon, dessen Lage ihn wunderbar anzog, hatte der Kaiser Wohnung genommen. Der Fürst schwieg einen Augenblick und strich sich mit der Hand über die Stirn, dann fuhr er, wie aus einem Traume erwachend, fort: Es war der Glanzpunkt in dem Leben meines unglücklichen Vaters. Er sah sich schon auf der Höhe, die ihm vor Vielen gebührte; er fühlte sich bereits als das Centrum eines großen Kreises, bis zu dessen äußersten Grenzen sein großes schönes Herz Leben, Licht und Wärme ausstrahlte. Es war nur ein Traum. Nur zu bald sah er, daß Napoleon seine Versprechungen nicht erfüllen wollte oder konnte, und daß es nur ein Traum gewesen, hat jenes schöne große Herz gebrochen. Die Gegenwart war ihm durch den Sturz seines Helden, durch die Anfeindungen, denen er sich selbst ausgesetzt sah, verbittert; die Zukunft konnte ihm nichts mehr bringen; an die Vergangenheit mochte er nicht weiter erinnert sein. Vor Allem hat diese Stätte, die gleichsam die Wiege jenes Traumes war, die ihm durch die grenzenlos schmerzliche Erinnerung zugleich geweiht und verflucht erschien, sein Fuß nie wieder betreten. Das Fürsten Stimme hatte bei den letzten Worten gezittert und wieder strich er sich mit der Hand träumend über die Stirn. Was mich nun betrifft, fuhr er in leichterem Tone fort, denn ich sehe, liebe Stephanie, daß Ihnen diese Frage auf den Lippen schwebt, so habe ich meinen Vater so tief bewundert und so heiß geliebt, daß ich ihn selbst in seinen Schwächen verehrungswürdig und nachahmenswerth fand. Dieser Park, den sein Fuß nie betrat, galt auch mir von vornherein unbetretbar; und es hat lange gedauert, bis ich meine Scheu so weit überwinden und wenigstens die Erlaubniß zur Wiedereinrichtung der Fasanerie geben konnte. Ja, ich will es jetzt gestehen, es berührte mich förmlich unheimlich, als Du, liebe Hedwig, von Anfang an Dich so hiehergezogen fühltest. Ich meinte immer, Dich hier vor bösen Dämonen beschützen zu müssen. Nun freilich sehe ich, wie unnöthig das war, und wie behaglich es sich in dem verwunschenen Hause Thee trinkt. Ich danke Allen, die mir zu der angenehmen Stunde verholfen: unseren verehrten Gästen, welche die erste Veranlassung gewesen; Dir, liebe Hedwig, die Du uns Dein Asyl geopfert; Ihnen, lieber Zeisel, daß Sie bei dem schönen Arrangement so wacker mitgeholfen, und Ihnen, bester Doctor, daß Sie mir, trotz meiner Indisposition, die Erlaubniß gegeben, heute Abend auszufahren, aber jetzt gewiß an den alten Spruch erinnern werden, daß man die Tafel aufheben soll, wenn es Einem am besten mundet. Der Fürst gab das Zeichen zum Aufbruch. Die Wagen hielten vor dem Pavillon. Als die Gesellschaft auf die Rampe hinaustrat, ging eben der Mond über den Wäldern auf, während im Westen der letzte Schein des scheidenden Tages den Horizont umdämmerte. Die Luft war sommerlich warm; kein Lüftchen regte sich in den hohen Bäumen, deren Silhouetten sich scharf von dem lichteren Himmel abhoben. Ich möchte mir fast den Vorschlag erlauben, daß Durchlaucht die Wagen ein wenig voraussendet und wir zu Fuß gehen; sagte der Graf. Bravo! sagte der Fürst. Wir müssen etwas für die Damen thun. Mondscheinpromenade, das ist das Wort! So etwas darf man nicht verabsäumen. Ich weiß nur nicht, ob unsere theure Gräfin – nun denn, lieber Zeisel, wollen Sie den Leuten Bescheid sagen: bis zur großen Eiche, das ist der halbe Weg; und mir dann Ihren Arm geben, ich möchte Sie etwas fragen. Die Wagen waren vorausgefahren. Der Fürst sah im Dunkeln sehr schlecht und fürchtete, wenn er die Führung einer Dame übernähme, seine Schwäche zu verrathen. Selbst jetzt ging er vorsichtig langsam. So kam es, daß die Anderen, der Graf und Hedwig, die Gräfin und der Doctor, bald eine Strecke voraus waren, und da die Ersteren in eifrigem Gespräch, wie es schien, weiter schritten, die Letzteren langsamer gingen, um den Fürsten herankommen zu lassen, zwischen den Paaren ein Zwischenraum entstand, der die Freiheit der Unterhaltung sehr begünstigte. Haben Sie meinen Auftrag ausgeführt, lieber Zeisel, und herauszubringen gesucht, was ihn eigentlich von uns treibt? fragte der Fürst. Ich kann mir nicht anders denken, Durchlaucht, als daß der von dem Herrn Doctor angegebene Grund der wahre ist, erwiederte der Cavalier. Jedenfalls ist Fräulein Iffler, wie Durchlaucht anfänglich vermutheten, nicht im Spiel. Ich glaube das mit Bestimmtheit zu wissen. Das ist ja sehr unangenehm, sagte der Fürst. Ich hoffte noch immer, von jener Seite her für ihn eine Fessel zu finden. Daß ich selbst ihn nicht zu halten vermag, Euch Alle nicht zu halten vermag, habe ich immer gewußt und niemals tiefer empfunden, als jetzt, wo über Roda dieses neue Gestirn aufgegangen ist. Durchlaucht meinen – Unsern Grafen, lieber Zeisel; wen anders könnte ich meinen! Gestehen Sie nur, Sie sind fascinirt, Ihr Alle seid es. Der Rattenfänger von Hameln ist ein Lehrbube gegen diesen Meister. Worin seine Meisterschaft besteht, ich weiß es nicht; aber wissen möcht' ich's, sehr gern. Der Fürst sagte das Alles in seiner heitersten, scherzhaftesten Weise, aber selbst der junge Cavalier, so wenig er auf dergleichen zu achten pflegte, glaubte herauszufühlen, daß diese Heiterkeit gemacht sei, daß dieser Scherz einen bitteren Ernst nur mühsam verhülle. Auch verfiel der Fürst alsbald in einen andern Ton und fuhr ohne allen Uebergang fort: Die Wolken ziehen sich immer dichter am politischen Horizont zusammen. Ich habe heute eine Nachricht aus Paris, die mich sehr stutzig gemacht hat; ich kann die Empfindung nicht los werden, daß es bald zum Ausbruch kommen wird. Ich meine, Durchlaucht sehen die Dinge doch zu schwarz, sagte der Cavalier. Meinen Sie? sagte der Fürst in sonderbarer Erregung. Nun, die Sache hat auch ihre lichte Seite, ihre sehr lichte Seite, und aus dem Traume könnte doch noch Wirklichkeit werden. Ich bin ein deutscher Fürst, so deutsch wie Einer, aber gerade deshalb will ich kein preußischer Vasall sein, wenn ich es hindern kann; und wir werden die Fesseln, in die uns Preußen schmiedet, nie aus eigener Macht brechen können. Ich sage das Ihnen, lieber Zeisel, weil ich weiß, daß Sie den Erbfeind nicht da finden, wo ihn die bornirte Menge sucht; weil ich weiß, daß Sie mir nicht nur persönlich attachirt sind, sondern meine Sache auch die Ihre ist. Auf alle Fälle darf Durchlaucht meiner unbedingtesten Discretion versichert sein, sagte der Cavalier. Ich weiß es, lieber Zeisel. Und dabei fällt mir ein, ich habe ja ganz vergessen, Ihnen mitzutheilen, daß wir in den nächsten Tagen noch einen Gast mehr haben werden: den Marquis de Florville, den wir im Herbst 1866 in Rom als Attaché der französischen Gesandtschaft trafen, und den ich als einen liebenswürdigen, vielfach unterrichteten jungen Mann kennen und schätzen lernte. Er hat vor Kurzem seinen Vater beerdigt und kommt jetzt nach Deutschland, um unsere agrarischen Verhältnisse zu studiren. Ich hatte ihm in Rom von unserer Musterwirthschaft erzählt. Er bittet um die Erlaubniß, sich dieselbe ansehen zu dürfen. Der junge Mann schien mir nebenbei ein wenig verwöhnt. Sie werden gut thun, lieber Zeisel, Porst zu sagen, daß er ein Paar unserer besten Zimmer einrichtet. Ganz wie Durchlaucht befehlen. Man darf also von dem bevorstehenden Besuche sprechen? Weshalb denn nicht, lieber Zeisel? Mein junger französischer Freund ist doch kein geheimer Agent? Aber ich glaube, wir haben die Gesellschaft wieder eingeholt. Wer ist es? Die Frau Gräfin und der Doctor, wie es scheint. Da wird man über häusliche Angelegenheiten verhandelt haben. Die Gräfin hatte kaum bemerkt, daß sie mit Hermann so gut wie allein war, als sie sich seinen Arm ausbat, um sich auf denselben fester zu stützen, als ihr Zustand vielleicht erforderte. Sie sagte dabei: Dem Arzte gegenüber kann man ja seine Schwächen eingestehen, ohne sich etwas zu vergeben, nicht wahr, Herr Doctor? O gewiß, gewiß! sagte Hermann, dessen Gedanken durchaus bei dem Paar weilten, welches eben vor ihnen her in dem dämmernden Walde verschwand. Ich bin sonst sehr tapfer, fuhr die Gräfin fort, aber das Gefühl der großen Verantwortlichkeit macht mich zaghaft und feig. Sie werden mich auslachen, lieber Doctor; lachen Sie immerhin, Aber wenn Sie wüßten, was eine Frau empfindet, der nun schon zwei Kinder wenige Tage nach der Geburt entrissen wurden und die jetzt ein drittes erwartet – und wenn uns abermals ein Mädchen bescheert werden sollte, oder mein armer Heinrich stürbe – Warum sollte der Graf sterben? sagte Hermann zerstreut. Es wäre entsetzlich, sagte die Gräfin; denn sehen Sie, lieber Doctor: ist die männliche Nachkommenschaft ganz erloschen – und der Stifter hat auf diesen Fall nichts Ausdrückliches verordnet – so wird das Fideikommiß freies Eigenthum des zeitweiligen Besitzers, also des Fürsten, der es mit gewissen Einschränkungen vermachen kann, wem er will; so lautet die Successionsordnung im preußischen Landrecht. In welchem die gnädige Frau, wie es scheint, sehr bewandert ist. Nun, man hat wahrhaftig Ursache, sich darum zu bekümmern, wenn davon unsere ganze Zukunft und die Zukunft unserer Kinder abhängt, sagte Stephanie eifrig; und das ist ja hier durchaus der Fall. Freies Eigenthum, lieber Herr Doctor! Ich kann Ihnen sagen, es hat mir schon manche schlaflose Nacht gekostet. Erlöschen der männlichen Nachkommenschaft! und wir armen Frauen werden für Alles verantwortlich gemacht! Ist das nicht ein grausames Unrecht, lieber Herr Doctor? Bitte, bitte, Sie können es mir sagen: ist es wirklich kein Zufall, wenn jetzt so viele fürstliche Häuser aussterben? Schließlich sind wir Alle sterblich, gnädige Gräfin. Freilich, aber das beiseite; ich wollte Sie eigentlich etwas Anderes fragen. Unsere arme liebe Durchlaucht beunruhigt mich. Ich habe ihn, wie Sie wissen, seit vier Jahren nicht gesehen. Damals war er so rüstig, so munter, so – ich würde ihn jeden Augenblick selbst geheirathet haben – und jetzt finde ich ihn sehr gealtert, so gar nicht, wie ich ihn zu finden erwartete. Sagen Sie mir um Gottes willen, lieber Doctor, was ist das? Der bloße Einfluß der Jahre? Unmöglich. Der Fürst ist zweiundsechzig, was will das sagen! Ich kann mir nicht anders denken, als daß er ernstlich leidet. Sie dürfen gegen mich ganz aufrichtig sein. Durchlaucht erfreut sich Alles in Allem einer vortrefflichen Gesundheit. Wirklich! Gott lohne Ihnen das Wort! Sie nehmen mir einen Stein vom Herzen. Aber so hat er irgend einen andern Grund des Kummers? Ich sagte ihm das heute Abend geradezu und er seufzte; Herr Doctor, er seufzte! Bitte, erklären Sie mir das. Sie dürfen meiner vollkommenen Discretion versichert sein. Die gnädige Gräfin fordern wahrlich mehr, als wozu ich beim besten Willen von der Welt im Stande bin, erwiederte Hermann, dem dieses Gespräch von Minute zu Minute peinlicher wurde. Ich sollte indessen denken, daß so manche Sorge, welche einem so gütigen, weitblickenden Herrn nicht erspart bleibt, die drohende politische Lage – Um Himmels willen, rief Stephanie, kommen Sie mir nicht damit, wie mein Mann, der anzunehmen scheint, daß ich mich für nichts Anderes interessire, und fortwährend behauptet, wir würden binnen kurzer Zeit einen Krieg mit Frankreich haben. Aber, Herr Doctor, Sie sind doch nicht Soldat; Sie sind ja wohl nicht einmal Preuße, ich meine geborener Preuße, denn schließlich gehört Ihr Hannoveraner jetzt doch zu uns. Aber, großer Gott, ich glaube, nun fange ich am Ende auch noch an, zu politisiren! Um wieder auf unser Thema zurückzukommen, Sie kennen mich nicht lange genug, lieber Doctor, und wissen nicht, daß man mir Alles sagen darf. Und dann vergessen Sie nicht, Hedwig und ich sind von unserem dritten Jahre an zusammen gewesen, zusammen groß geworden. Und ich verstehe in Folge dessen Hedwig besser als irgend ein Mensch, vermuthlich sogar als sie sich selbst. Da kann mir denn so Manches nicht entgehen, was für Andere allerdings unverständlich sein muß. Ich habe es ihr damals genug gesagt: Du machst Dich unglücklich, Hedwig, und den Fürsten nicht glücklich. Es war vergebens; sie wollte ihren Willen haben. Sie hat ihn gehabt. Es ist nicht immer gut, lieber Herr Doctor, wenn die Menschen ihren Willen haben. Freilich, freilich, murmelte Hermann. Wir waren auch Alle ganz consternirt und gewissermaßen indignirt, fuhr Stephanie fort. Ich sehe noch immer die bestürzte Miene von Mama und der Graf war wirklich ganz außer sich. Nun, unter uns, wir hatten das vielleicht nicht um Hedwig verdient. Aber wir sind Alle ein wenig egoistisch. Meinen Sie nicht? Wie schade, ich hätte Sie noch so Vieles zu fragen, aber vielleicht haben Sie morgen die Güte – Wo sind die Anderen? fragte der Fürst, der jetzt mit Herrn von Zeisel herankam. Wir haben sie verloren, sagte die Gräfin. Wir werden sie bei den Wagen wiederfinden, sagte Herr von Zeisel. Unterdessen hatte der Graf kaum bemerkt, daß er, schnell vorwärts schreitend, einen hinreichenden Vorsprung gewonnen hatte, als er mit leiser leidenschaftlicher Stimme sagte: Ich danke Ihnen, gnädige Frau, daß Sie mir meine Bitte so schnell gewährt haben. Ich vermuthe, Sie haben keinen Grund, mir zu danken, erwiederte Hedwig. Sie hatte ihren Arm aus dem ihres Begleiters gezogen, und in ihrer Stimme zitterte eine Aufregung, die der Graf keineswegs zu seinen Ungunsten auslegte. Ich würde die Gnade einer Unterredung nicht erbeten haben, sagte er, wenn ich irgend hätte hoffen dürfen, daß Sie die stumme Sprache meiner Blicke verstehen würden, verstehen wollten. So aber – Verzeihen Sie, Herr Graf, unterbrach ihn Hedwig, ich glaube, ich kann Ihnen alles Uebrige ersparen, wenn ich Ihnen sage, daß ich meinestheils nicht verstehe, daß es mir gänzlich unfaßbar ist, woher Sie, Herr Graf, den Muth nehmen, mich auch nur mit einem Blicke daran erinnern zu wollen, daß Sie und ich uns jemals vor dieser Zeit gekannt haben. Und da ich nun weiß, was Sie mir sagen wollten und Sie die einzige Antwort kennen, die ich Ihnen zu geben habe, so ist ja wohl diese Unterredung zu Ende. Hedwig dachte in ihrer zornigen Aufregung nicht daran, daß, sollte diese seltsame Scene wirklich zu Ende sein, sie stehen bleiben und die Anderen herankommen lassen mußte. Sie ging mit hastigen Schritten vorwärts, der Graf blieb an ihrer Seite. Er hatte vorausgesehen, daß Hedwig ihm so antworten würde, und in die Leidenschaft, die mit jedem Augenblick sich mächtiger in seinem Herzen regte, während er so allein mit dem schönen Wesen durch den nächtlichen Park dahinschritt, fielen ihre Worte wie Oel in loderndes Feuer. Dennoch sagte er im gemessenen Tone sicherer Ueberlegenheit: Freilich, gnädige Frau, ist diese Unterredung zu Ende, wenn Sie es befehlen; aber Sie würden Unrecht damit thun, sich selbst und mir. Sich selbst, denn es kann Ihnen nicht gleichgiltig sein, wie wir für jetzt und für die Folgezeit mit einander stehen; und mir thun Sie Unrecht, weil es dem Verbrecher verstattet sein muß, seine Vertheidigung zu führen. Ich bin mir keines Verbrechens bewußt, wohl aber, daß ich von Ihnen falsch beurtheilt werde; und ein solches Bewußtsein, gnädige Frau, drückt einen Mann von Ehre wie ein Verbrechen. In der That, sagte Hedwig. In der That, gnädige Frau, und deshalb müssen Sie mir verstatten, das zu sagen, was ich Ihnen an jenem Abend in Wiesbaden sagen wollte und – Großer Gott, sagte Hedwig, ist es möglich, daß Sie mich daran erinnern dürfen, ist es möglich! Es ist möglich, gnädige Frau, und es ist einfach nothwendig. Es ist nothwendig, daß, wollen wir zu einer Verständigung kommen, ich da wieder anknüpfe, wo der Faden abriß – ich frage nicht, ob durch meine Schuld oder wessen. Ja, bei Gott, gnädige Frau, heute müssen Sie mich anhören und, damit es Ihnen nicht allzu schwer wird, denken Sie, wir sprächen nicht von Ihnen und von mir; denken Sie, wir sprächen von dritten Personen: von einem jungen vierundzwanzigjährigen Manne und einem Mädchen von sechzehn Jahren. Der junge Mann ist Officier, von einem so alten und echten Adel, mit einem so großen Namen, daß er in der Gesellschaft wohl oder übel eine Rolle spielen muß. Er verkehrt in hohen und höchsten Kreisen, am liebsten aber in dem Hause seines Generals, der, als Obrist, Gouverneur der Cadettenschule war, in welcher er erzogen wurde, und dem er nach jeder Seite hin Außerordentliches verdankt. Die Gemahlin des Generals hat die Güte einer Mutter für den jungen Mann, und, wenn sie ihn merken läßt, daß sie es nicht ungern sehen würde, ihn Sohn nennen zu dürfen, so ist das wiederum ein Beweis mehr ihrer uneigennützigen Liebe, denn der junge Officier ist arm, blutarm, und der General nichts weniger als reich. Dennoch spricht man allerorten – in der Gesellschaft, bei Hofe – von dieser Verbindung als von einer selbstverständlichen Sache. Da kommt der Krieg, den der junge Officier als Adjutant des Generals mitmacht, und der General fällt an der Seite des jungen Officiers, dem er sterbend seine Gattin, seine Tochter anvertraut. Der Officier wird verwundet. Er geht in Gesellschaft der Damen, die sich seine Pflege nicht nehmen lassen wollen, in ein Bad und trifft dort mit dem Senior seiner Familie, von dem er sich durch tiefgehende Familien-Differenzen geschieden weiß, den er selbst niemals vorher gesehen hat, zusammen. Auch jener protegirt gegen alle und jede Erwartung in auffallender Weise die besprochene Verbindung. Der Officier thut, was er – gleichviel ob gern oder ungern – wie die Dinge nun einmal lagen, unbedingt thun mußte – was jeder Andere an seiner Stelle gethan hätte: er spricht nur öffentlich aus, was seit zwei Jahren Jedermann weiß, und – Die rührende Geschichte ist zu Ende, sagte Hedwig. Sie haben sie vortrefflich erzählt, so gar nichts hinzugesetzt, so gar nichts weggelassen, bis auf das junge Mädchen, Herr Graf, das von sechzehn Jahren, wissen Sie, mit welchem Ihre Geschichte anfing, und das hernach nicht wieder vorkommt. Aber das war wohl nur eine feine Allegorie, nicht wahr? Sie wollten damit andeuten, daß das junge Mädchen zu denen gehört, die in der Gesellschaft nicht zählen und die Aufgabe haben, auf den Wink eines Auges spurlos zu verschwinden, sobald sie im Wege stehen; und sie stehen leider immer im Wege. Oder dachten Sie, in diesem Theil der Geschichte wüßte ich denn doch am Ende besser Bescheid als Sie; wüßte besser, wie es dem jungen Ding zu Muthe war, wenn der Herr Graf kam und ging, und ging und kam und der Tochter vom Hause den Hof machte und – nein, Herr Graf, lassen wir die Masken fallen, spielen wir nicht weiter eine Comödie mit einander, die sich für uns Beide und gewiß für mich nicht schickt. Haben wir den Muth, uns offen in's Gesicht zu sehen und die Wahrheit zu sagen. Nur unter dieser Bedingung kann ich eine Unterredung, die ich nicht gewünscht, die ich nicht herbeigeführt habe, vor mir selbst rechtfertigen. So hören Sie denn die Wahrheit, ich schäme mich derselben nicht, ich schäme mich nicht, es auszusprechen: daß ich Sie damals geliebt habe mit ganzer, voller Leidenschaft, und daß ich mich von Ihnen wieder geliebt glaubte! Ich will nicht untersuchen, ob ich ein Recht dazu hatte, ob Sie mir ein Recht zu dieser Annahme gegeben haben. Ich sage nur: es war so; ich muß es sagen, weil ich mich sonst in Widersprüche verwickeln würde, und ich darf es sagen, denn ich war jung, kindisch jung und unerfahren und konnte nicht begreifen, daß ein edles Herz etwas Anderes wollen könne als seine Liebe, daß es auf Erden ein Hinderniß, eine Schwierigkeit gebe, welche die Liebe nicht zu überwinden im Stande wäre. Nun, Herr Graf, ich muß jetzt selbst darüber lächeln. Damals lächelte ich nicht, damals lachte ich: ein wildes, verzweifeltes Lachen, als ich endlich mich nicht länger gegen die furchtbare Wahrheit verschließen konnte, daß der Mann, den ich liebte, von dem ich mich wieder geliebt glaubte, zum Verräther an meiner, an seiner Liebe werden konnte; als ich es, – denn keinem Andern hätte ich's geglaubt – aus dem Munde dieses Mannes hörte, und er nicht einmal die edle Grausamkeit hatte, mir zu sagen, daß unsere Liebe ein Irrthum gewesen sei; nein, im Gegentheil, bei Allem, was ihm heilig war, schwur, daß er mich noch immer liebe, immer lieben werde. Und Sie, Herr Graf, glaubten wirklich, diese unerhörte Scene sollte anders endigen? Sie glaubten wirklich und glauben vielleicht heute noch, daß es das letzte allmächtige Aufflammen der Liebe war in der bitteren Trennungsstunde, was mich an jenem Abend verhinderte, Ihre Hand von mir zu schleudern, den Kuß, den Sie mir zu geben wagten, nicht zu verweigern? Muß ich es wirklich sagen, auf die Gefahr hin, heute so wenig verstanden zu werden, wie damals? Nun wohl, auf diese Gefahr hin! Mir war ein Kuß der Liebe, der erste Kuß, heiliger, als dem Gläubigen die Hostie sein kann. So hätte ich den ersten Kuß gegeben, so hätte ich den ersten Kuß genommen; und weiter hatte ich nicht vergessen aus der Lehre von dem Abendmahl, daß, wer unwürdig zum Mahle des Herrn tritt, sich selber ißt und trinkt das Gericht! Das Gericht, hören Sie, Herr Graf, das Gericht! das allsogleich über den Verräther hereinbrechen müsse. Und als kein Blitzstrahl vom Himmel niederzuckte, als der Verräther nicht vor meinen Füßen zusammenbrach, als der Mond ruhig weiter schien und die Bäume über uns, als wäre das Unerhörte nicht geschehen, ihre Wiegenlieder weiter säuselten – da riß für mich der Vorhang, der mir mein Heiligstes verhüllt hatte, mitten durch; ich sah die Puppencomödie, die dahinter abgespielt wurde, und ich lachte, lachte, daß die Anderen herbeikamen und verwundert fragten, was es gäbe. Und, da wir von den Anderen sprechen, bemerke ich, daß wir vom rechten Wege abgekommen sind. Wunderlich! Ich kenne hier jeden Schritt, aber das Mondlicht läßt eben Alles anders erscheinen. Ach, jetzt sehe ich, wir haben uns zu weit rechts gehalten und werden zu hoch auf die Chaussée hinauskommen. Nun, von dort können wir glücklicherweise nicht mehr irren. Hedwig sagte das in einem leichten Ton, der seltsam genug von dem abstach, in welchem sie zuletzt gesprochen. Der Graf rang vergeblich nach Worten. Die Unterredung hatte eine andere, eine ganz andere Wendung genommen, als er derselben hatte geben wollen. Nun war er zornig über sich selbst, und in demselben Augenblick war ihm Hedwig nie so anbetungswürdig, so begehrenswerth erschienen. Er mußte sich Gewalt anthun, daß er das schöne Wesen an seiner Seite nicht in seine Arme schloß, an seine Brust preßte und ihr sagte: Sprich, was du willst, demüthige mich, wie du willst, ich liebe dich dennoch, wie ich nie geliebt, nie geahnt habe, daß ich lieben könne. Und dort ein paar hundert Schritte die Chaussée hinab, die in dem Vollmondlicht hell schimmernd zwischen den dunklen Tannen lag, standen die Wagen; um die Wagen her ein paar Gestalten; die Gesellschaft war ohne Zweifel bereits angelangt. Die Unterredung war zu Ende. Sie durfte so nicht zu Ende sein; er sagte schnell: Sie lachten, gnädige Frau, und gingen hin und gaben sich einem alten Mann, nicht für Gold und Macht und Rang – dessen sind Sie unfähig, ich weiß es wohl – aber, um sich an dem Verräther zu rächen und sich für Ihr ganzes Leben unglücklich zu machen. Das ist zu viel! rief Hedwig! das ist schmachvoll! das ist eine Beleidigung! Nein, gnädige Frau, keine Beleidigung, nur einfache, traurige Wahrheit, die mir in's Herz schneidet, so tief, daß ich sprechen mußte. Oder glauben Sie, ich würde nicht geschwiegen haben, hätte ich Sie so glücklich gefunden, wie ich Sie unglücklich gefunden, wie ich Sie unglücklich finde? Ja, gnädige Frau, das traurige Vorrecht, Sie besser zu kennen als andere Menschen, das werden Sie mir trotz alledem und alledem doch lassen müssen. Ich hoffe Ihnen zu beweisen, daß, was Sie Ihr Herz zu nennen belieben, nichts ist, wie pure Eitelkeit, und das, was Sie mein Unglück nennen, nichts weiter ist, als das Unglück, das Ihnen begegnet ist, mich nicht unglücklich gemacht zu haben! Möchten Sie mir das beweisen, gnädige Frau! sagte der Graf. Was soll Ihnen Hedwig beweisen? fragte der Fürst, dessen scharfes Ohr die letzten Worte aufgefangen hatte. Daß die gnädige Frau hier bei Nacht sich ebenso gut zurecht findet wie am hellen Tage, erwiederte der Graf. Sie ist mir eben den Beweis schuldig geblieben; wir wären sonst wohl zu gleicher Zeit mit den Herrschaften angelangt und brauchten jetzt nicht Durchlaucht wegen des Aufenthalts um Entschuldigung zu bitten. Ich will nur wünschen, daß die Nachtluft unserer Gräfin nicht schadet, sagte der Fürst zu Stephanie gewendet, die bereits im Wagen saß. O, die ganze Nacht möchte ich draußen bleiben! rief Stephanie, sich möglichst dicht in ihren weichen Mantel hüllend. Stephanie übernahm es, die schweigsame Gesellschaft während der kurzen Rückfahrt zu unterhalten. Es war Alles so überaus reizend gewesen, so ganz nach ihrem Herzen: das herrliche Wetter, der wundervolle Park, das liebe Theehaus, die anmuthige Unterhaltung, und nun zuletzt die Romantik einer nächtlichen Promenade durch den mondscheindämmerigen Wald, während welcher sie Gelegenheit gehabt, in dem Doctor einen ebenso gescheidten wie unterrichteten Mann kennen zu lernen, zu dessen Acquisitum sie Durchlaucht nur Glück wünschen könne und der auch für sie ein rechter Trost sei. Mama sei schon besorgt gewesen. Sie wolle nun gleich morgen an die Mama schreiben, daß sie sich in diesem wie in jedem anderen Punkte vollkommen beruhigen dürfe. Sie habe sich Schloß Roda immer als einen reizenden Aufenthalt vorgestellt, aber es sei mehr als das, es sei ein Paradies. Sie sind sehr gütig, liebe Gräfin, sagte der Fürst zerstreut. Sonst antwortete Niemand. Man legte den übrigen Theil des Weges schweigsam und, wie es schien, verstimmt zurück. Auch in dem anderen Wagen hatten die beiden Insassen stumm neben einander gesessen. Nur einmal hatte der Cavalier gesagt: Ich glaube, Doctor, unsere Frau Gräfin ist eine kleine Schlange. Meinen Sie nicht auch? Es fehlt ihr nur die Klugheit. Bewahre! sagte der Cavalier lachend; in unserm Paradies brauchen die Schlangen nicht einmal klug zu sein. Siebentes Kapitel. In das Zimmer der Gräfin wehte durch die weit geöffnete Balconthüre die warme würzige Gartenluft. Die Terrassen unter dem Balcon, die Parkwiesen im Thal, die Wälder drüben auf den sanft emporsteigenden Bergen lagen in vollem Vormittagssonnenschein. Es that der Gräfin leid, daß sie den Ausflug nach der Musterwirthschaft Erichsthal, zu welchem der Fürst eingeladen, ausgeschlagen hatte, um endlich an die Mama schreiben zu können. Sie trat auf den Balcon, schaute in die Landschaft, ging in das Zimmer zurück, ließ sich in einen der Fauteuils sinken, betrachtete ihre rosigen Nägel und dachte an den jungen Doctor und daß er einer der schönsten Männer sei, die sie je gesehen, und daß er auch recht wohl heute Morgen nicht nach Hühnerfeld, oder wie das Nest hieß, hätte hinaufzureiten brauchen; trat dann wieder auf den Balcon, weil sie sich erinnerte, gehört zu haben, daß man das Dorf vom Schlosse aus auf dem Berge könne liegen sehen; wurde etwas ärgerlich, als in dem blendenden Sonnendunst auf den oberen Bergreihen nichts Einzelnes mehr zu erkennen war; endlich setzte sie sich an den Schreibtisch, betrachtete noch ein paar Augenblicke ihre Nägel und schrieb dann in einer leichten zierlichen Handschrift:   »Du bist böse, liebste Mama, daß Du außer den paar Zeilen nach unserer Ankunft noch immer ohne die versprochene ausführliche Nachricht bist; aber die Möglichkeit, ausführlich zu schreiben, wenn uns die Gesellschaft den ganzen Tag in Anspruch nimmt! Habe ich mir doch selbst diese Morgenstunde ertrotzen müssen; die ganze Welt ist ausgeflogen. Der Fürst wollte durchaus meine Begleitung, aber Deine Stephanie war standhaft: sie weiß, was eine gute Tochter einer so guten Mama schuldig ist. Liebste Mama, ich kann Dir nicht sagen, wie glücklich ich mich hier fühle und wie dankbar ich bin, daß Du damals Deinen Willen durchgesetzt hast. Der arme Dagobert! Gestern sagte mir Heinrich, wie es schien, nicht ohne Absicht, daß er seine Güter, wenn der König nicht noch einmal aushilft, unmöglich länger halten könne und die ganze Herrschaft zum Herbst subhastirt werden soll. Das würde denn eine traurige Situation für mich geworden sein. Ich bedauere ihn von ganzem Herzen, er war wirklich ein gar zu lieber Mensch, wenn auch wohl von jeher ein wenig leichtsinnig. Nun, wir können ihm nicht helfen, und, wie gesagt, es ist ja nun auch Alles für uns so glücklich ausgeschlagen, wie ich es damals allerdings nicht hoffen konnte. Aber mein kluges Mamachen hat wie immer recht gehabt. Darin hat sie freilich nicht recht gehabt, daß sie nicht gleich mitgekommen ist und ihre arme Stephanie allein hat reisen lassen. Ich versichere Dich, liebste Mama, es hätte dieser Zurückhaltung nicht bedurft, obgleich ich zugebe, daß es mehr comme il faut ist, wenn Du ein wenig später und scheinbar erst zu dem großen Ereignisse eintriffst, denn das hier abzuwarten, bin ich fest entschlossen. Der Fürst, welcher die Liebe und Güte selbst gegen mich ist, hat es nun einmal angeboten, hat es, wie er an Dich schrieb, sehr schön und wünschenswerth gefunden, daß der Erbe von Roda-Rothebühl-Steinburg – Tyrklitz nicht zu vergessen! – auf dem Schlosse seiner Ahnen das Licht der Welt erblicke. Nun wollen wir ihn auch beim Wort halten. Du wunderst Dich vielleicht, liebste Mama, daß ich mit solcher Sicherheit von einem Erben spreche, aber ich bin diesmal meiner Sache so gewiß, als wäre das Kind schon getauft und hätte die Namen: Erich Heinrich Leopold, die er ja als Gesammterbe der drei Linien haben muß, bereits erhalten. Wie ich zu dieser Sicherheit komme, ich weiß es, wie gesagt, selber nicht; es ist auch noch gar nicht lange her, ich glaube, eigentlich erst seit gestern Abend, wo ich auf einem Ausfluge nach der Fasanerie eine lange, sehr verständige, ganz hausmütterliche Unterhaltung mit dem Doctor hier gehabt habe, die mich ganz merkwürdig erquickt und beruhigt hat. Es ist aber auch ein zu lieber, prächtiger Mensch, ein wenig scheu und melancholisch, wie aber, glaube ich diese Herren meistens sind, wenn sie nicht, wie unser lieber Geheimrath, fortwährend in der großen Gesellschaft sich bewegen, die denn auch die rauhesten Edelsteine etwas abschleift. Bei dem Fürsten steht er hoch angeschrieben und der Fürst hat ihn mir in jeder Beziehung auf das Wärmste empfohlen. Der Mann ist rein wie Gold, hat er gestern zu mir gesagt, und man darf ihm unbedingt vertrauen. Indessen nehme ich an, daß dieses große Attachement des Fürsten wesentlich durch den Umstand bedingt wird, daß der Doctor kein Preuße, sondern Hannoveraner ist, der Sohn eines kleinen Beamten am Hofe des Königs Georg, der den Knaben, dessen Eltern früh starben, auf seine Kosten hat erziehen lassen. Da kann man es dem armen Menschen freilich nicht verdenken, daß er 1866 als Freiwilliger den unglücklichen Feldzug gegen uns mitgemacht hat. In der Schlacht von Langensalza – das, wie Du wissen mußt, nur wenige Meilen von hier liegt – ist er verwundet worden und im folgenden Frühjahr, ich weiß nicht durch welchen Zufall, hierher gerathen und in den Dienst des Fürsten getreten, der sich doch gewissermaßen mit dem unglücklichen König Georg in gleicher oder doch ähnlicher Lage befindet und seine ehemalige Souveränetät ebenfalls nicht verschmerzen kann. Aber darüber sprechen wir ausführlich, wenn Du hierherkommst. Es ist das ein gar delicater Punkt und ich wünschte wohl, daß Heinrich etwas mehr Verständniß dafür zeigte. Aber Du weißt ja, daß Rücksichten nehmen nicht gerade seine starke Seite ist, und so hat denn die Conversation schon ein paarmal eine recht häßliche Wendung genommen, woran freilich im Grunde fast immer Hedwig Schuld war, die so antipreußisch thut, als hätte sie mindestens selber durch den Krieg eine Krone verloren. Es ist das ein recht häßlicher Zug von Hedwig, dem es auch hauptsächlich zuzuschreiben ist, daß wir noch gar nicht auf einen leidlichen Fuß kommen können. Du darfst versichert sein, liebste Mama, daß ich unserer Verabredung ganz getreu geblieben bin und es ihr gegenüber in Artigkeit nie habe fehlen lassen. Ich bin ihr mit dem schwesterlichen Du entgegengekommen, habe sie noch jedesmal, wenn wir uns das erstemal am Tage sahen, und am Abend, wenn die Gesellschaft auseinanderging, umarmt; aber das scheint nicht den geringsten Eindruck auf sie zu machen und ich glaube manchmal wirklich, das arme Kind hat vor Hochmuth den Verstand verloren. Ich bedauere nur die liebe alte Durchlaucht, die doch wahrhaftig nicht eine solche Mesalliance eingegangen ist, um hinterher mit schnödem Undank belohnt zu werden und den ganzen Tag kein freundliches Wort von seiner Frau – wenn man dergleichen Frau nennen darf – zu hören und keinen freundlichen Blick zu erhalten. Ich habe genau darauf geachtet und kann es beschwören, und trotzdem nimmt der liebe alte Herr die undenklichsten Rücksichten auf sie, daß er wahrhaftig nicht mehr thun könnte, wenn sie eine Prinzessin von Geblüt wäre und ihm ein Herzogthum zugebracht hätte. Nun, liebste Mama, uns kann das ja eigentlich nur recht sein, denn allzu scharf macht schartig; und so sagte ich auch gestern Abend, als wir nach Hause kamen, zu Heinrich, aber er wurde gleich so heftig und eigentlich recht unartig. Als ob ich etwas dazu könnte! Heinrich sollte doch wirklich dankbarer sein, wenn ich ihm sein Faible für Hedwig niemals vorgerückt habe. Und er hat so gar keine Ursache dazu, wieder in seine alte Schwachheit zurückzufallen, denn Hedwig behandelt ihn nichts weniger als liebenswürdig, was ihr freilich um so leichter wird, da sie es gegen Niemanden ist. Mit dem Doctor, zum Beispiel, spricht sie gar nicht. Der Himmel mag wissen, was der ihr gethan hat! Vielleicht neidet sie ihm die Gunst, in welcher er bei dem Fürsten steht; vielleicht verzeiht sie ihm seine unglückliche Liebe zu einer kleinen Rothebühlerin nicht, der Tochter von des Fürsten Kanzleirath, einem unglaublich insipiden Geschöpf, das, wie ich höre, halb und halb mit einem Herrn von Zeisel verlobt ist, dem Cavalier des Fürsten, für den sie auch wohl besser paßt, als für meinen Doctor. Du siehst, liebste Mama, ich habe mich schon ganz eingewöhnt und weiß von Allem ordentlichen Bescheid. Das ist ja auch nothwendig, wenn ich hier über lang oder kurz die Herrin sein soll. Und nun, nachdem ich mich mit meiner liebsten Mama wieder einmal so recht ausgeplaudert, will ich nur Sophie klingeln, Toilette machen und eine Stunde spazieren fahren. Ich erwarte eigentlich den Doctor, aber er bleibt mir zu lange und vielleicht begegne ich ihm unterwegs, da ich weiß, wo er hingeritten ist. P.S. Eben, als ich Sophie weggeschickt hatte, um den Wagen zu bestellen, kam der Doctor doch noch und ich habe wieder eine lange, höchst interessante Unterredung mit ihm gehabt. Denke Dir nur meinen Schrecken: er will fort! Er hat schon an dem Tage vor unserer Ankunft den Fürsten um seine Entlassung gebeten, die ihm Durchlaucht, Gott sei Dank, verweigert hat. Nun ist er freilich geblieben, aber er hielt es für seine Pflicht, wie er sagte, mir mitzutheilen, daß er nichtsdestoweniger sein Bleiben nur noch nach Tagen berechne. Ich habe ihm sofort erklärt, daß er an ein Fortgehen nicht denken dürfe, daß wir ganz und gar auf ihn gerechnet haben, daß er unmöglich eine Dame in meiner Lage hilflos lassen könne. Natürlich blieb diese kleine Attaque, die ich mit Willen etwas lebhaft machte, nicht ohne den gewünschten Erfolg. Solche Leute widerstehen uns ja nie, wenn wir es darauf anlegen. Er hat mir in die Hand versprochen, nicht zu gehen, ohne vorher für ausreichenden Ersatz gesorgt zu haben – den alten, stumpfen Landdoctor von Rothebühl nehme ich natürlich nicht als Ersatz – und dabei habe ich die Bemerkung gemacht, daß der Mann die aristokratischste Hand hat, die man sich denken kann. Er ist ein Phänomen. Eben kommt die Cavalcade zurück. Ich höre sie über die Brücke galoppiren. Ach, daß ich auf dergleichen nun so ganz verzichten muß! Es ist zu hart! Und Hedwig macht sich das natürlich zu nutze. Sie reitet nicht schlecht, obgleich ich glaube, nicht so gut wie ich, aber sie kokettirt natürlich mit ihrer Kunstfertigkeit und thut, als ob sie nicht leben könne, wenn sie nicht alle Tage ein paar Stunden im Sattel gesessen hat. Ich fürchte, es wird doch bei aller meiner Gutmüthigkeit auf die Dauer recht schwer werden, Prinzessin Hochmuth gegenüber die Rolle, die wir uns vorgeschrieben haben, durchzuführen. Adieu, liebste Mama, ich höre Heinrich in seinem Zimmer und muß eilig schließen. Er bekümmert sich freilich, Gott sei Dank, nicht um meine Korrespondenz, aber es ist immer unbequem, wenn man weiß, daß der Mann jeden Augenblick hereinkommen und Einem im Vorbeigehen auf das Papier sehen kann; und Heinrich hat so scharfe Augen. Adieu!«   Der Graf trat herein, ging quer durch den Raum auf den Balcon und blickte, sich auf das Geländer stützend, zu den Bergen hinüber, in den Garten hinab. Dann kam er wieder in das Zimmer. Ah, sagte er, ich hatte Dich nicht gesehen. Ich dächte, wir hätten uns seit gestern Abend nicht gesehen, lieber Freund, sagte Stephanie, die Briefmappe schließend. Freilich, sagte der Graf, Du warst ja so müde und ich auch. Und konntest doch so heftig gegen Deine kleine Frau sein, sagte Stephanie aufstehend und sich an die hohe Gestalt des Gatten schmiegend. Ich heftig? erwiederte der Graf, das blonde Haar der jungen Frau streichelnd. Wo denkst Du hin! Lebhaft vielleicht, aber gewiß nicht heftig. Weiß ich doch gar nicht mehr, um was es sich handelte. Jetzt erinnere ich mich. Du machtest eine Bemerkung über das Verhältniß zwischen dem alten Herrn und Hedwig, die mir nicht gefiel. Und ich meine wirklich, wir sollten die Delicatesse haben, uns jedes Commentars darüber zu enthalten. Ich dächte, Du hättest seinerzeit genug darüber commentirt, sagte Stephanie, die sich in einen Fauteuil gesetzt hatte. Seinerzeit, sagte der Graf, es hat eben Alles seine Zeit. Jetzt sind wir hier zu Gaste, und es ist nur billig, wenn man gegen seine Wirthe freundlich und nachsichtig ist. Nun, ich dächte, ich hätte es an Freundlichkeit und Nachsicht aller Art nicht fehlen lassen, sagte Stephanie. Aller Art, mit Ausnahme vielleicht der rechten, sagte der Graf, im Zimmer hin- und hergehend. Laß mich offen sein, Stephanie; Deine Art Freundlichkeit gefällt mir nicht. Und was Du Nachsicht nennst, hat etwas zu viel von der Absicht, die man bekanntlich nicht merken darf, soll sie nicht verstimmen. Man merkt aber bei Dir die Absicht. Du unterschätzest den Fürsten. Er ist bei allen seinen Schrullen ein echter Gentleman von feinstem Tact. Man darf ihm nicht allzu deutlich den Hof machen. Meine Frau darf es wenigstens nicht aus zwei Gründen: einmal, weil sie meine Frau ist, Du weißt, was ich damit sagen will; sodann weil ihn seine Frau – denn das ist die Hedwig doch nun einmal – an diese Sorte Freundlichkeit – verzeihe mir das Wort – nicht gewöhnt hat, und es nun immer den Anschein gewinnt, als wolltest Du Hedwig eine unschickliche Concurrenz machen. Du bist sehr zärtlich für Hedwig besorgt, sagte Stephanie. Umgekehrt, sagte der Graf, ich bin für Dich besorgt, wenn ich Dein Betragen gern so schicklich wie möglich sehen möchte. Du bist mir auch gegen Hedwig zu freundlich; auch sie wirst Du damit nicht gewinnen, wirst sie nicht vergessen machen, wie Du früher oft und nur zu oft die Herrin herausgekehrt, sie ihre abhängige Lage mitleidslos hast fühlen lassen. Frage Dich doch selbst, ob Du von Hedwig bis jetzt etwas Anderes als höflich kühle Zurückweisung erfahren hast! Du wirst mir zugeben, daß dieses Schauspiel für mich gerade nicht erbaulich ist. Bin ich nicht, sagte Stephanie, auch gegen die Anderen zu freundlich: gegen Herrn von Zeisel, gegen den Doctor, gegen – Wenn ich ganz offen sein soll, ja, erwiederte der Graf lebhaft, besonders gegen den Letzteren, bei dem Du abermals das Unglück hast, an den Unrechten gerathen zu sein. Der Mann haßt uns preußische Aristokraten mit dem doppelten Haß des Hannoveraners und Demokraten. Ich beehre ihn freilich nicht wieder mit meinem Haß – dazu finde ich keine Veranlassung – aber ich mag ihn auch nicht, und ich wünschte wohl, daß wir, da wir uns seine Gesellschaft nun einmal gefallen lassen müssen, ihm wenigstens sonst für weiter nichts verbunden wären. Und das bringt mich auf den Punkt, über den ich eigentlich mit Dir sprechen wollte. Du schriebst ja wohl an Deine Mama; möchtest Du nicht hinzufügen, daß ich auf unseren ursprünglichen Plan zurückgekommen bin und sie bitte, den Geheimrath auf jeden Fall mitzubringen? Aber mein Gott, sagte Stephanie ernstlich erschrocken, das geht ja nicht mehr, das würde den Fürsten empfindlich beleidigen und den Doctor dazu. Ich habe ihn ja gewissermaßen ganz ausdrücklich engagirt – noch heute Morgen – vor einer Stunde. Ich sehe nicht ein, erwiederte der Graf, weshalb Du hier nicht ebensogut, wie in Berlin gelegentlich – und noch dazu bei einer solchen Gelegenheit! – zwei oder drei Aerzte haben solltest. Und nun, liebes Kind, muß ich Dich verlassen. Ich will noch vor dem Diner mit Zeisel nach einem benachbarten Gute reiten, wo ein paar Pferde, die er als vorzüglich rühmt, zu kaufen sind. Es ist mir nicht angenehm, immer des Fürsten Pferde reiten zu müssen, und die meinen mag ich mir nicht nachkommen lassen. Wer weiß, wie schnell ich nach Berlin zurück muß. Adieu, liebes Kind, und nicht wahr, Du thust mir den Gefallen? Der Graf berührte die Stirne seiner Frau flüchtig mit den Lippen und verließ das Gemach. Stephanie war regungslos in ihrem Fauteuil sitzen geblieben, wie es ihre Gewohnheit war, wenn sie mit ihrem Gatten eine lebhaftere Scene gehabt hatte. Sie hegte gar keinen Zweifel mehr über zwei Dinge: einmal darüber, daß der Graf auf dem besten Wege sei, sich wieder in Hedwig zu verlieben, wenn er es nicht bereits gethan, und zweitens, daß er sie im Verdacht habe, sich für den Doctor zu interessiren. Sie wußte nicht, ob sie sich über das Erstere mehr ärgern, oder über das Letztere mehr freuen solle. Daß der Graf schönen Frauen leidenschaftlich den Hof zu machen pflegte, war ihr nicht gerade etwas Neues, aber sie hatte ihn, trotzdem sie ihm ein- und das anderemal dazu Gelegenheit gegeben, jetzt zum erstenmal eifersüchtig gesehen. Das war pikant, das schmeichelte ihrer Eitelkeit. Dem Willen des Grafen mußte sie natürlich Folge leisten; man konnte ihm nicht ungestraft widersprechen oder gar zuwiderhandeln. Aber die kleine Genugthuung, den schönen Doctor vollends zu umstricken, wollte sie sich wenigstens gewähren. Dieser Gedanke hatte etwas so Tröstliches für Stephanie, daß sie in einer zweiten Nachschrift der Mutter den Wunsch ihres Gemahls ohne besondere Bitterkeit melden und bei der Tafel mit jener Freundlichkeit erscheinen konnte, die der Graf für so unangebracht und sie selbst für so bezaubernd hielt. Achtes Kapitel. Und Stephanie konnte wenigstens für sich geltend machen, daß – um von den Andern zu schweigen – der Fürst, auf den es doch hauptsächlich ankomme, für ihre Aufmerksamkeiten keineswegs unempfindlich war, im Gegentheil, dieselben in jeder Weise erwiederte. Er richtete bei den Mahlzeiten vorzugsweise gern das Wort an sie und hatte stets ein gefälliges Ohr für ihr Geplauder. Er lächelte über ihre Scherze, allerdings in seiner stillen und manchmal leicht ironischen Weise, aber er lächelte doch; und wenn es irgend möglich war, ihre Behauptungen in Schutz zu nehmen, so that er es gewiß. Er war ihr sehr dankbar, daß sie des Abends einigemal auf dem Flügel in dem Salon gewisse moderne Piecen vortrug, und ließ sich angelegen sein, sie selbst in der herrlichen Bildergallerie umherzuführen und sie über die Styl-Unterschiede der verschiedenen Schulen und Meister zu belehren. Ja, er trieb die Gefälligkeit so weit, ihr einzelne Mappen aus seiner reichen Kupferstichsammlung auf ihr Zimmer zu senden, und als Lady, ihr englisches Wachtelhündchen, ein sehr kostbares Blatt arg benagt hatte, die Sache scherzhaft zu nehmen und das Thier wegen seines guten Geschmacks zu beloben. Besonders aber war es Stephanie's Zustand, der ihr übrigens nicht im Mindesten beschwerlich fiel, auf welchen er die zartesten Rücksichten nahm. Stephanie durfte keine Stufe hinauf- und hinabschreiten, ohne daß er ihr den Arm bot oder einen der Herren veranlaßte, es statt seiner zu thun; und so hatte Stephanie kaum geäußert, daß es sich in einigen zur ebenen Erde nach dem Terrassengarten gelegenen Zimmern gar bequem wohnen müsse, als er sofort Befehl gab, dieselben für die Gräfin einzurichten und um Entschuldigung bat, daß er nicht von selbst auf einen so selbstverständlichen Gedanken gekommen sei. Stephanie ließ sich nach einigem Sträuben diese Veränderung gefallen, sobald sie sah, daß der Graf nichts dagegen hatte; aber sie war nicht wenig erschrocken, als er schließlich um die Erlaubniß bat, für sein Theil in den alten Zimmern, die ihm ganz besonders zusagten, bleiben zu dürfen. Es fiel ihr ein, daß der Graf wahrscheinlich nur deshalb an diesen Zimmern hange, weil dieselben so nahe an den von Hedwig bewohnten lagen und von jenen nur durch den sogenannten Rothen Thurm getrennt waren, aus welchem eine Wendeltreppe, die den beiden hier zusammenstoßenden Flügeln gemeinschaftlich war, in den abgelegensten, stillsten Theil des Schloßgartens hinabführte. Nun hätte sie am liebsten die Sache rückgängig gemacht, aber die Einrichtung war getroffen und sie mußte sich begnügen, ihrem Aerger dadurch Luft zu machen, daß sie dem Fürsten, als die Gesellschaft nach dem Diner im Garten promenirte, in mildester Weise das Leid einer Frau klagte, die ihren Gatten über Alles liebe, die nur für ihren Gatten lebe und dann doch gelegentlich sehe; wie leicht dieser geliebte Gatte der Gattin entbehren könne. Es ist nicht anders, sagte sie, zu solchem Verhältnis gehören, wie die Franzosen sagen, Zwei: Einer, der liebt, und Einer, der sich lieben läßt. Des Fürsten Stirn umwölkte sich. Freilich, sagte er, aber was müssen wir nicht erst entbehren lernen, und was ist am Ende unentbehrlich! Sie, zum Beispiel, Durchlaucht, sagte Stephanie. Ich? rief der Fürst. Guter Gott, wem denn? Aller Welt. Aller Welt? Das ist ein weiter Begriff. Ich möchte gern aller Welt entbehrlich sein, wenn ich es nur dem Einen oder dem Andern nicht wäre. Ich will von mir, ich will von uns nicht sprechen, sagte Stephanie, aber Hedwig – Für Hedwig ist auf alle Fälle gesorgt, sagte der Fürst. Wer denkt daran? rief Stephanie. Und dann, für wen würde Durchlaucht nicht sorgen? Und nun gar für Hedwig, die – aber es ist wirklich abscheulich, auch nur davon zu sprechen! Sprechen Sie immerhin, sagte der Fürst. Ich denke öfter an den Tod, als Sie zu glauben scheinen, und der Tod hat für mich nichts Schreckliches. Aber was wollten sie von Hedwig sagen? Ich wollte sagen, erwiederte Stephanie, daß Hedwig ja in einem Falle, den ich nicht ausdenken kann und mag, doch immer noch uns hätte, die wir sie so lieben. Sollte diese Liebe wohl auf Gegenseitigkeit beruhen? fragte der Fürst mit einem ironischen Lächeln. Es ist wahr, erwiederte Stephanie, Hedwig ist so zurückhaltend, so verschlossen; man kann so selten sagen, woran man mit ihr ist und, wenn ich aufrichtig sein soll, eigentlich hat von uns Niemand sich rühmen können, ihr wirklich nahegestanden zu haben, außer allerdings Heinrich. In der That, sagte der Fürst, die Augen starr auf den Grafen und Hedwig richtend, die schon seit einer Viertelstunde auf einer der tiefer gelegenen Terrassen neben einander standen und in den Wildpark hinabblickten. Der Graf schien etwas zu demonstriren; er bewegte lebhaft den Arm; dann verschwanden sie in einem Heckengange, durch den man auf die letzte Stufe der Terrasse gelangte. In der That, wiederholte der Fürst. Freilich, sagte Stephanie, und ich begreife das auch vollkommen. Sie haben so manches Aehnliche in ihren Charakteren. Der selige Papa sagte immer, Hedwig müsse ein Mann geworden sein, die würde einen guten Soldaten abgegeben haben. Nun ja, Muth hat sie – das ist nicht zu leugnen, und da das die Eigenschaft ist, die Heinrich am allerhöchsten schätzt, so konnte es nicht fehlen, daß sie sich vielleicht gegenseitig ein wenig anzogen. Der selige Papa hat mich oft damit geneckt und die gute liebe Mama machte sogar manchmal ein bedenkliches Gesicht. Ich habe sie natürlich immer ausgelacht. Mein Gott, Ihr Männer könnt nun einmal nicht anders, als schönen Frauen den Hof machen. Sollen wir uns darüber die Augen ausweinen? Wie thöricht wäre das! Nein, lieber machen wir ein Auge und wenn es sein muß, beide zu. Wir wissen ja doch, der liebe Ungetreue wird schon zur rechten Zeit zurückkommen. Und nun gar seitdem Hedwig erlangt hat, was ihr Herz nur immer wünschen kann und mein Heinrich hoffentlich sich auch nicht zu beklagen braucht – aber was haben Durchlaucht? Rief man da nicht? sagte der Fürst, der plötzlich Stephanies Arm losgelassen hatte, an das Steingeländer der Terrasse getreten war und in den Wildpark hinabblickte. Ich hörte nichts, sagte Stephanie. In diesem Augenblicke vernahm man deutlich den Schrei einer Frauenstimme. Um Gott, was ist das? rief der Fürst, mit einer Schnelligkeit, die man seinen Jahren nicht zugetraut hätte, die steilen Stufen der Treppe hinabspringend, während auch schon ein paar Bediente aus dem oberen Theil des Gartens herbeigelaufen kamen. Stephanie war zweifelhaft, ob sie ebenfalls nacheilen oder auf eine Bank in der Nähe sinken und dort das Resultat des sonderbaren Vorfalls abwarten sollte. Sie entschied sich nach kurzem Besinnen für das Letztere, indem sie mehr verwundert als erschrocken bei sich selber sagte: Heinrich wird doch nicht so unvorsichtig gewesen sein! Hedwig hatte dem Grafen nicht ausweichen wollen, als er nach der Tafel mit seiner gewöhnlichen Ungezwungenheit an sie herangetreten war und über die Lage des Schlosses vom militärischen Standpunkt aus ein Gespräch begonnen hatte. Man brauchte gar nicht erst in den Chroniken nachzulesen, sagte er, um zu wissen, daß das Schloß zu einer Zeit erbaut ist, wo man keine Geschütze irgend welcher Art hatte, und also ein Felsen, der von den nächstliegenden Höhen durch ein, ein paar hundert Fuß breites Flußthal ringsum getrennt ist, ausreichende Sicherheit bot. Mir kommt so eine Burg auf ihrem steilen Felsen immer vor wie ein geharnischter Ritter auf seinem ebenfalls geharnischten Roß, erwiederte Hedwig. Ein vortrefflicher Vergleich, sagte der Graf lebhaft. Gerade das ist es; man konnte dem Kerl von keiner Seite beikommen und das gab ihm in der Schlacht das Uebergewicht und ließ es ihn mit einem ganzen Haufen schlecht gerüsteter und bewaffneter Fußgänger aufnehmen. Wenn man sich die Situation einer solchen Burg vergegenwärtigt, so hat man das ganze Mittelalter mit seinem Faustrecht der Ritter, der Winkelpolitik der kleinen Dynasten, der Bannmeile der Städte und den übrigen charakteristischen Zügen, die ja jener Zeit, weil sie ihr natürlich sind, wohl stehen, aber über die man doch lachen muß, wenn man sie heutzutage wiederfindet. Das Mittelalter soll sonst bei dem Adel besser accreditirt sein, erwiederte Hedwig. Doch nur bei dem Theil des Adels, erwiederte der Graf mit Lebhaftigkeit, der nichts gelernt und nichts vergessen hat, bei dem Adel, der uns seine Einsichtslosigkeit als Erbweisheit und seinen Starrsinn als Charakterstärke verkaufen möchte und dadurch nichts weiter erlangt, als daß er sich in den Augen aller intelligenten Menschen prostituirt und schließlich gegen sein eigenes Fleisch und Blut wüthet. Wer den Zweck will, muß auch die Mittel wollen. Auch auf Kosten des Charakters? Der Charakter leidet nicht darunter, daß man beisammen läßt und zusammen bringt, was zusammen gehört. Zum Beispiel? fragte Hedwig. Nun eben, gleich Mittel und Zweck. Das heißt? Das heißt für uns, daß wir, wenn wir uns erhalten wollen – und wer möchte das nicht? – uns associiren müssen, ebenso wie alle Welt sich heutzutage associirt, und daß wir uns eine Firma wählen, unter der wir gemeinschaftlich für unsere Interessen wirken und streben können, weil die Interessen dieser Firma wesentlich auch die unseren sind: ich meine ein starkes Königthum von Gottes Gnaden. Ein sehr – kaufmännischer Gedanke für einen weiland reichsunmittelbaren Grafen! Wir Steinburger waren nie reichsunmittelbar, erwiederte der Graf, und wären wir es gewesen, ich würde es nicht kaufmännisch, ich würde es nur politisch nennen, wenn wir einen Schein geopfert hätten, dem auch nicht die Spur von Wesen mehr anhaftete. Wie es denen erging und ergehen mußte, die kein Verständniß für die Lehren der Geschichte haben, nun, ich dächte, das Jahr 1866 hat es hinreichend deutlich gezeigt. Ich habe kein Mitleid mit Menschen, die mit offenen Augen nicht sehen wollen. Auch nicht mit einem alten Manne, dessen Gast wir sind, und den wir, und wäre es auch nur aus diesem Grunde, zu schonen haben? fragte Hedwig. Ich weiß, was Sie sagen wollen, erwiederte der Graf, und es thut mir aufrichtig leid, wenn ich in den politischen Disputen die wir nur allzu oft geführt haben, so freimüthig gewesen bin. Aber sagen Sie selbst, gnädige Frau, ob ich gleichgiltig bleiben kann, wenn ich den Fürsten Doctrinen aufstellen höre – die Sie theilen, wollen Sie sagen? – mag sein; ich will einmal annehmen, daß Sie nicht ein grausames Vergnügen empfinden, mich durch Widerspruch zu reizen; daß es Ihnen mit Ihrer Freiheitsschwärmerei das einemal und mit Ihrem Welfenthum das anderemal – obgleich ich Beides nicht recht zusammenreimen kann – Ernst ist. Ich räume den Frauen gerne das Recht ein, Gefühlspolitik zu treiben. Ich habe auch gar nichts dagegen, wenn ein Mann wie der Doctor nach Herzenslust Republikaner ist. Leute seines Schlages stammen aus einer Classe, die jahrhundertelang im tiefsten politischen Schlaf gelegen hat. Ich sage nicht, daß es die Schuld dieser Classe ist, aber es ist doch nun einmal so. Kann man billigerweise verlangen, daß jene Leute in dem Moment, wo sie, aus ihrem Schlaf erwachend, sich die Augen reiben, die Welt sehen sollten wie sie ist? Daß sie nicht ihre Träume – denn geträumt haben sie die Hülle und die Fülle – mit der Wirklichkeit verwechseln? Aber das ist denn doch mit dem Fürsten etwas ganz Anderes. Wer wie er aus einem Geschlecht stammt, das mitgesprochen und mitgehandelt hat, so lange es eine deutsche Geschichte giebt, der muß auf der Höhe des Moments stehen, muß wissen, wie die Dinge liegen. Wo wäre der Fürst jetzt, wenn er 1866 die ohnmächtige Macht gehabt hätte, wie jene anderen Verblendeten, in das rollende Rad der Weltgeschichte zu greifen? Es hätte ihn zu den Todten geschleudert wie jene. Und der Fürst ist der Senior meines Hauses! Es wäre unbillig, von mir zu verlangen, daß ich ruhig zusehen soll, wenn ein Name wie der unsere in dem goldenen Buch unseres Adels gelöscht wird und, was schlimmer ist, sich selbst auslöscht. Der Graf hatte mit Lebhaftigkeit und Wärme gesprochen. Hedwig glaubte zum erstenmal zu sehen, daß in dem Manne, dessen andere glänzende Eigenschaften einst ihr junges Herz bezaubert hatten, auch eine tiefe Ueberzeugung von der Berechtigung seiner Weltanschauung lebe. Diese Weltanschauung war das genaue Gegentheil dessen, was sie für das Rechte hielt, worüber sie sich mit Hermann in langen, ernsten, begeisterten Gesprächen wieder und wieder verständigt hatte. Sie fragte sich, was Hermann wohl erwiedern würde, wenn er an ihrer Stelle wäre; sie sagte sich: siehe, hier ist unser Feind, unserer schlimmsten Feinde einer! Und zugleich konnte sie diesen Feind, mit wie kühler Geringschätzung er auch von seinen Gegnern gesprochen hatte, nicht wieder geringschätzen, ihm die Achtung nicht versagen, die ihr jede männliche Haltung abnöthigte. Sie antworten nicht? fing der Graf wieder an. Ueberzeugt habe ich Sie nicht, ich weiß es wohl; so halten Sie mich einer Erwiederung nicht werth. Aber Sie gebe ich noch nicht auf. Frauen wie Sie tragen in sich ein tiefes Gefühl der wahren Ordnung, ein dunkles und doch untrügliches Bewußtsein von dem, was ist; sind mit ihrem Herzen, was auch ihre Zunge spricht, da wo sie die Kraft und die Macht sehen. Und glauben Sie, gnädige Frau, die Kraft ist bei uns und unser ist die Macht. – Aber wo sind wir denn eigentlich hingerathen? Sie waren den zuletzt ziemlich steilen Pfad vollends hinangestiegen und befanden sich jetzt auf einem Wege, welcher unterhalb der Gartenterrassen hinlief, von deren letzten steilen Felswänden er auf der einen Seite eingeengt wurde, während auf der andern die gerade hier sehr tiefe Roda ihre dunkelklaren Wasser in langsam sich drehenden Wirbeln vorüber wälzte. Drüben stiegen die mit Buschwerk überstreuten Wiesenhügel des Wildparks empor, welcher hier keiner Einzäunung zu bedürfen schien. Nur die schmale Brücke, die in einiger Entfernung nach einem Wildhäuschen führte, war mit einem Gitterthor verschlossen. Der Weg, welchen man an dieser Stelle aus dem Felsen hatte heraussprengen müssen, war so schmal und der Rand nach dem Flusse so steil, daß man nur eben neben einander gehen konnte. Ich glaube, der Weg ist zu Ende, sagte der Graf, nachdem sie eine zeitlang schweigend neben einander hingeschritten waren. Es scheint nur so, erwiederte Hedwig. Eine scharfe Biegung um jenen Felsen dort, den wir den Schwanenfelsen nennen. Etwas weiterhin ist eine Grotte eingesprengt, neben der ein Pfad wieder in die Gärten heraufführt. Sie ging schnellen Schrittes voran, der Graf folgte. Ein muthiger und starker Mann, sagte er, könnte hier einem ganzen Regiment den Weg verlegen. Er hatte die Worte kaum gesprochen, als um die Kante des Felsens herum ein riesiger Hirsch trat, der die Beiden kaum erblickt hatte, als er das ungeheure Geweih senkte und wieder auf- und wieder niederbewegte, wobei die ungeheuren Enden tönend gegen den Felsen schlugen. Das wird ernsthaft, sagte der Graf. Es ist der alte Hans, sagte Hedwig weiterschreitend; er thut mir nichts, wir sind gute Freunde. In diesem Augenblicke stieß das wüthende Thier ein dumpfes Gebrüll aus und kam, das Geweih noch tiefer senkend, in einem seltsam tänzelnden Schritt auf die Beiden los. Im Nu hatte der Graf Hedwig hinter sich gerissen und stand vor dem Thier, es mit lauter Stimme anschreiend, ob er es vielleicht doch noch wegscheuchen könne; aber der Hirsch schien dadurch nur zu größerem Zorn gereizt. Seine Mähnen sträubten sich, die blutunterlaufenen Augen glühten und, ein paar Schritte zurückweichend, setzte er zum Sprunge ein. Um Gotteswillen, Hedwig, fliehen Sie! rief der Graf, indem er sich dem Thier entgegenwarf, bevor es noch selbst zum Angriff übergehen konnte. Seine Bewegung war so schnell gewesen und er hatte das Geweih so glücklich gefaßt, daß es einen Augenblick aussah, als würde er seine Absicht, das Thier von dem schmalen Pfad hinab in den Fluß zu stürzen, ausführen können. Aber es war nur ein Moment, dann siegte die Riesenkraft des Thieres über die gewaltige Stärke des Mannes. Es drängte ihn, ob er auch mit äußerster Anstrengung rang, als wäre er ein leichter Knabe gewesen, gegen den Felsen, an dessen Wänden es ihn annageln zu wollen schien. Hedwig konnte den furchtbaren Anblick nicht länger ertragen. Laut schrie sie auf; da krachte der kurze scharfe Knall einer Büchse in ihren Schrei hinein. Der Hirsch machte einen ungeheuren Satz vorwärts, schleuderte den Grafen bis unmittelbar vor ihre Füße und brach dann selbst zusammen, im Todeskampf verendend. Drüben aber, jenseits des Flußes auf der Parkwiese, aus deren Büschen er eben herausgetreten war, stand der alte Prachatitz, die noch rauchende Büchse jägermäßig langsam aus dem Anschlage nehmend. Ist er todt? rief er hinüber. Hedwig antwortete nicht. Sie war neben dem Grafen niedergekniet, der, mit fahler Blässe bedeckt, ohne ein Zeichen des Lebens zu geben, auf dem Rücken vor ihr lag. Er ist für mich gestorben, murmelte sie. Sie hob seinen Kopf, dem die Militärmütze entfallen war, empor und suchte ihn aufzurichten; und wie nun sein todtenbleiches Haupt an ihrer Brust ruhte, durchzuckte sie der seltsame Gedanke, was sie wohl jetzt empfinden würde, wenn sie seine Gattin geworden wäre. Es war, als ob ihr der tiefe Schrecken jede andere Erinnerung ausgelöscht, als ob Alles um sie her versunken und sie mit dem Todten allein wäre in der Welt. Aber dieser traumwache Zustand währte nur einen Moment. Durch das bleiche Gesicht flog ein Zucken, die Lider hoben sich langsam von den Augen, die in seltsamer Starrheit zu ihr aufblickten. Was eben in Hedwigs Seele vorgegangen war, wiederholte sich in der Seele des Grafen. Auf dem dunklen Hintergrunde der Todesohnmacht zeichnete sich von dem Leben, zu dem er eben erwachte, nichts ab, als das eine Bild der schönen Frau, die ihn in ihren Armen hielt. Er sah nur sie, und sah sie so, als ob in dem reizenden Oval dieses himmlischen Gesichtes die ganze Welt umschlossen sei. Dann trat die Wirklichkeit in ihre Rechte. Er sah ein braunes bärtiges Gesicht, er hörte Hedwig sagen: Was sollen wir thun? Die Erinnerung dessen, was geschehen, kam zurück und mit der Erinnerung die Kraft. Er versuchte sich emporzurichten; es gelang ihm mit Hülfe des braunen Mannes, in welchem er jetzt den Förster Prachatitz erkannte. Und da kamen auch um die Felsenecke ein paar Bediente, die über den todten Hirsch, der am Wege lag, klettern mußten, um bis zur Gruppe zu gelangen; und jetzt erschien auch der Fürst, von der ungewohnten Anstrengung des raschen Laufes die Treppen hinab und vor innerer Aufregung noch bleicher als gewöhnlich, mit düsterem Auge die wunderbare Scene, die er sich kaum erklären konnte, überblickend, mit unsicherer Stimme fragend, was es denn gegeben habe. Der Graf hatte sich soweit erholt, daß er selbst eine Aufklärung versuchen konnte. Die Sache hätte schlimmer ablaufen können und wäre ohne Zweifel schlimm abgelaufen ohne das rechtzeitige Erscheinen des Prachatitz, der einen Schuß gethan, welcher sich mit dem Tellschuß messen dürfe. Der Graf wollte bei diesen Worten dem Förster die Hand reichen und bemerkte erst jetzt, daß er den rechten Arm nur mit Mühe bewegen konnte – wie es schien, in Folge einer starken Quetschung, die er beim Kampfe oder im Fallen erlitten. Die beiden Diener hatten unterdessen den Hirsch auf die Seite schieben wollen und dabei war das gewaltige Thier dumpfen Falles von dem steilen Rande in das Wasser gestürzt. Ein Dritter, der noch dazu kam, und den Anderen helfen wollte, wäre in seinem Uebereifer beinahe hinterdrein gefallen; Alle wurden über und über mit Wasser bespritzt. Das hatte zu Lachen gegeben. Dennoch wollte die dumpfe Spannung, die über der ganzen Scene gelegen hatte, nicht weichen. Der Fürst war ganz verstört. Hedwig blieb stumm; der alte Prachatitz hatte sich still über die kleine Brücke entfernt; die Diener gingen flüsternd hinterher. Der Graf, der jede Hilfe abgelehnt hatte, war entschieden der am meisten Gefaßte. Er sprach, obgleich ihm offenbar das Sprechen noch schwer wurde, mit Ruhe, ja mit Heiterkeit über den Vorfall. Er erinnerte sich eines ähnlichen Ereignisses aus dem Leben des ihm befreundeten Prinzen, der von einem Keiler angenommen wurde und eben auch nur mit dem Leben davongekommen war. Freilich sei das auf der Jagd gewesen, wo man auf dergleichen gefaßt sein müsse, während der alte Bursche, der seinen Vorwitz und einen Moment übler Laune so theuer bezahlt, unritterlich genug gewesen sei, sich einen waffenlosen Gegner auszusuchen. Der Graf deutete mit keiner Sylbe an, daß es Hedwig gewesen war, welcher der erste Angriff gegolten hatte; daß er selbst leicht durch einen Sprung in das Wasser oder ein paar Schritte rückwärts die Treppe hinauf sich hätte retten können. Hedwig fühlte, daß es ihre Pflicht sei, hier einzufallen und den Vorfall in das rechte Licht zu setzen; aber sie vermochte den Ausdruck nicht zu finden, schwieg und wurde durch das Bewußtsein ihrer Ungeschicklichkeit nur noch stiller, verlegener. So gelangte man bis in den Garten hinauf, wo unterdessen Stephanie durch das Rennen und Rufen der Bedienten und nun gar durch den Schuß so in Schrecken gesetzt worden war, daß sie Hermann, der jetzt auch herbeilief und eilends an ihr vorüber wollte, um seine Hilfe ansprechen mußte. Ich weiß nicht, gnädige Frau, ob man meiner dort unten nicht noch dringender bedarf, erwiederte Hermann; und war im Begriff, Stephanie, die ihm in halb wirklicher, halb gespielter Ohnmacht fast in den Armen lag, wieder auf die Bank, von der sie sich eben erst erhoben, gleiten zu lassen, als man bereits von unten heraufkam und der Graf schon von Weitem rief: Ich bitte um Entschuldigung, liebe Stephanie. Um Gotteswillen, rief Stephanie, sich schnell emporrichtend und dem Grafen entgegeneilend, was ist geschehen? Was hast Du gethan? Gethan nicht eben viel, erwiederte der Graf, mir nur den Arm von einem tollen Hirsch so zurichten lassen, daß ich Deine Begrüßung nicht einmal erwiedern kann, wie es sich gebührt, und unseren Herrn Doctor hier bitten muß, sich meiner auf hoffentlich nicht allzu lange freundlich anzunehmen. Man hatte sich für den übrigen Theil des Tages getrennt, da der Graf auf Hermanns Verordnung das Zimmer hüten mußte und den Wunsch ausgesprochen hatte, mit seinem Kammerdiener Philipp allein zu bleiben; der Fürst ebenfalls erklärte, der Ruhe zu bedürfen und die Damen keine Veranlassung hatten, ihre Empfindungen über das, was geschehen war, auszutauschen. Wissen Sie, Doctor, sagte Herr von Zeisel, der erst spät von Buchholz, dem benachbarten Gute des alten Herrn von Fischbach, wo er für den Grafen den Kauf der Pferde abgeschlossen, zurückgekommen war und jetzt erst die Ereignisse des Nachmittags erfahren hatte, wissen Sie, Doctor, das ist eine dumme Geschichte. Wir waren schon so schön im Zuge; und wenn nun erst der Marquis hier war, den Durchlaucht als einen Lebemann ersten Ranges schildert, so sollte es erst recht losgehen. Ich hatte Malortie's Hofmarschall wieder durchstudirt und war auf alle Eventualitäten eingerichtet: Tafel, Concert, Ball in jederlei Gestalt, Theater, was Sie wollen. Ich hatte eine Welt von Plänen im Kopf, und nun dieser Unfall, der mir die ganze Gesellschaft auseinandersprengt und uns Alle wieder zu Einsiedlern zu machen droht! Es ist zum verzweifeln! Der Fürst, von dem ich eben komme, auf das tiefste verstimmt – der Graf mit kalten Umschlägen auf seinem tapfern Arm, die Gräfin vermuthlich mit dito auf ihren roth geweinten Augen, und unsere gnädige Frau – nun, bei der weiß ich freilich nie, was ich denken, wie ich sie mir denken soll. Und Sie selbst, Doctor, Sie finde ich nun gar abscheulich. Ich werde zu Ifflers gehen, kommen Sie mit? Ich kann nicht. Nun wohl, so bleiben Sie hier und verwenden Sie die Zeit dazu, ein Recept gegen die Melancholie zu erfinden und nehmen Sie selbst eine tüchtige Dosis. Der Cavalier ging lachend aus dem Zimmer. Hermann lachte ebenfalls und dann schlug er sich vor die Stirn und sagte: Es ist ein Wahnsinn, daß ich bleibe. Hedwig aber saß auf ihrem Zimmer und schrieb:   »Ich kann die Nacht nicht über diesen Tag hereinbrechen lassen, ohne Ihnen zu sagen, was mir das Herz abdrückt. Sie haben mir heute das Leben gerettet. Was Sie gethan haben, hätte ein Anderer auch gethan, und überdies mache ich mir aus dem Geretteten nicht viel. Aber immerhin ist es ein eigen Gefühl, Jemandem sein Leben zu verdanken, besonders wenn man von Natur so wenig dankbar ist, wie ich. Wollen Sie mir dies drückende Gefühl abnehmen? Ich weiß nicht, ob Sie gegen mich eine Schuld zu haben glauben; ich vermuthe es. Ich kann mir wenigstens nur so die sonderbare Unterredung, zu der Sie mich neulich gezwungen haben, erklären. Nun wohl: rechnen wir gegen einander ab! Sie sollen mir, ich will Ihnen nichts mehr schuldig sein. Wir sind quitt. Vielleicht ist es gut so und hat so sein müssen, damit wir uns begegnen und mit einander verkehren können, nicht wie zwei alte Freunde, nicht wie zwei alte Feinde, sondern wie zwei ehrliche Menschen, die ihre Forderungen verglichen und ausgeglichen haben und nun Jeder mit ruhigem Herzen ihres Weges gehen können.«   Hedwig hatte das Billet gesiegelt und wollte der Kammerjungfer klingeln, als ihr der Gedanke kam, es möchte den Leuten auffallen, daß sie an den Grafen schrieb, und noch dazu so spät. Wäre es nicht besser, das Billet in ein Buch zu legen, das sie dem Grafen zur Lectüre für die Nacht sendete? Aber ihr Stolz sträubte sich gegen eine so kleinliche Handlungsweise und sie klingelte. Ist August im Vorsaal? fragte sie die eintretende Meta. August hat um die Erlaubniß gebeten, nach Rothebühl hinabgehen zu dürfen, erwiederte das Mädchen. Und Du hast ihm statt meiner diese Erlaubniß gegeben? Ich glaubte, die gnädige Frau würde nichts dagegen haben und – Ist sonst Jemand da? Nein, erwiederte Meta stockend. Glaubst Du, den Kammerdiener des Grafen finden zu können? Er war noch eben im Corridor, erwiederte Meta schnell. So gieb ihm dies Billet für seinen Herrn. Es bedarf keiner Antwort. Meta nahm das Billet und entfernte sich eilends, um weiterer Fragen überhoben zu sein. Sie hatte den August weggeschickt, um mit Dietrich, ihrem Verlobten, eine Stunde bequemer verplaudern zu können. Nun, fragte Dietrich, was gab es denn? Einen Brief? Der ist gewiß für den Doctor. Was Du nur immer mit dem Doctor willst, sagte Meta. An wen denn? fragte Dietrich, indem er dem Mädchen mit einer geschickten Wendung den Brief entriß. Du unartiger Mensch! Still, man hört uns ja! – An den Grafen? Man könnte das Ding leicht aufmachen. Und er drehte das Billet in den Händen herum. Wo Du Dich unterstehst, Dietrich. Unterstehen? sagte Dietrich. Dummes Zeug, man kann sich Alles unterstehen, wenn es Niemand zu erfahren bekommt. Aber das geht, mich eigentlich nichts an. Was sollst Du denn damit? Ich soll's des Grafen Philipp geben. Das will ich denn doch lieber selber thun, sagte Dietrich. Aber Du thust es doch auch? Na, gewiß! Gute Nacht, dummes Mädel. Dietrich lief den Corridor hinauf. Meta wollte ihm nach, aber die Klingel aus Hedwigs Zimmer ertönte; sie mußte zurück. Soll ich oder soll ich nicht? sagte Dietrich, der unter einer der Lampen, die im Corridor brannten, stehen geblieben war, das Billet in der rechten Hand haltend und mit der Linken die Knöpfe an seiner Reitjacke abzählend. Ich soll! Na meinetwegen! Wenn ich partout nicht herausbringen kann, was sie mit dem Doctor vorhat, so weiß ich doch jetzt, daß sie in nachtschlafender Zeit an den Herrn Grafen schreibt. Das ist schon immer etwas für den Alten. Neuntes Kapitel. Der Marquis de Flottille hatte seinen Besuch jetzt bestimmt angekündigt, auch Herr von Fischbach, der Edelmann, von welchem der Graf die Pferde gekauft, sich vorstellen zu müssen geglaubt; ebenso hatte Baron Neuhof, ein Gutsnachbar und früherer Camerad des Grafen, welchen dieser gleich in der ersten Woche aufgesucht, mit seiner jungen Gattin die Gegenvisite gemacht; die Ankunft der Frau Gräfin Mutter Excellenz war – aus naheliegenden Gründen – eine Frage der allernächsten Zeit – und so standen in der That belebtere, glänzendere Tage bevor, als Schloß Roda vielleicht seit zwei Menschenaltern gesehen. Indessen hatte Herr von Zeisel länger als ihm lieb war Muße, Malortie's Hofmarschall wieder und wieder zu studiren. Die Verletzung des Grafen hatte sich zwar nur als eine Quetschung des Oberarmes herausgestellt, doch hatte er einige Tage stark gefiebert und mußte noch immer das Zimmer hüten; aber auch die Anderen kamen nicht viel aus den Zimmern. Ein kaltes Regenwetter war, im Anfang Juli, den schönen Junitagen gefolgt. In den Schluchten brauten unaufhörlich schwarzgraue Nebel, um dann als weißliche Wolken in phantastischen Formen an den Bergen hin- und herzuziehen und dieselben manchmal bis an den Fuß in dichte Schleier zu hüllen. Unaufhörlich tropfte es von den Nadeln der Tannen, die ihre gewaltigen Häupter hie und da drohend aus dem Dunst hervorstreckten; unaufhörlich zauste der Wind an den Büschen und Beeten in dem Schloßgarten und unaufhörlich sausten und rauschten Wind und Regen um das Fürstenschloß, das bei solchem Wetter so alt aussah, wie die Porphyrfelsen, von denen es aus dem Rodathale aufragte. Dennoch würde der muthige Cavalier den Kampf mit den bösen Regengeistern, welche ihm die Gesellschaft in das Haus bannten, nicht gescheut haben, wenn die Gesellschaft nicht selbst, wie er sagte, die Waffen gestreckt hätte. Aber was half es ihm, daß er das lange nicht benützte Billardzimmer wieder hatte in Stand setzen lassen? daß er in den beiden Kaminen des schönen Bibliotheksaales fortwährend behagliche Feuer unterhielt und die schönsten Blattgewächse und die herrlichsten Blumen aus den Treibhäusern in den Wintergarten bringen ließ, welcher an den Speisesaal stieß? daß er die verdeckte Reitbahn jeden Morgen wie eine Scheunendiele glattfegen ließ und die etwas kahlen Wände mit Tannenreisern gar zierlich ausschmückte? Es kam Niemand in das Billardzimmer, es wärmte sich Niemand die Kniee an dem Feuer in der Bibliothek; seine Rosen und Azaleen blieben ohne Bewunderer und in der Reitbahn machten nur die Stallknechte den Pferden die nöthige Bewegung. Es ist zum verzweifeln! sagte Herr von Zeisel. Aerger könnten sie's doch auch nicht treiben, wenn der Graf sich beide Arme und Beine zugleich gebrochen hätte und wir jeden Augenblick erwarten müßten, daß er zu seinen Vätern versammelt würde! Da sitzt Durchlaucht in seinem Zimmer über den alten Charteken, die ihm Gleich armweise aus dem Archiv herbeischleppen muß und die er wahrhaftig unserem Bücherwurm, dem Kanzleirath, überlassen könnte. Von dem Grafen will ich nichts sagen: er ist der einzige Gescheidte in der ganzen Gesellschaft; er würde viel lieber seine schönen Pferde selbst reiten, als daß er sie jetzt von mir reiten läßt. Aber die Frau Gräfin! – Nun, ich will annehmen, sie macht die Melancholie mit, weil sie hier einmal Mode ist, wie sie jede andere Mode mitmachen würde; und schwer genug mag's ihr werden mit den Augen! Sapristi! Doctor, sind Sie ein beneidenswerther Mensch! Sehen Sie, für solche Augen könnte ich mein Leben lassen, wenn ich's nicht schon nach einer andern Seite versagt hätte; obgleich diese Seite – unter uns, Doctor! – in letzter Zeit ganz sonderbare Saiten aufzieht. Ich sage Ihnen, Doctor, gehörte ich nicht zu den Rittern, die eine Leidenschaft dafür haben, getreu der Dame, der sie zugeschworen, für Alles, was sie will, zu sterben – ich müßte die Undankbare verlassen, die mich verlassen hat. Für wen? Ich würde natürlich in erster Linie Sie in Verdacht haben, wenn man einen Weiberfeind wie Sie in Verdacht haben könnte. Sagen Sie, Doctor, haben Sie wirklich kein Herz in der Brust? Sind Sie in Drachenblut gebadet? Oder was ist es, was Sie für Reize und Lockungen unempfindlich macht, denen wir frauenhaft Gesinnte widerstandslos unterliegen? Frauenhaft gesinnt! ein Goethe'sches Wort, dessen Tiefe nur der zu ermessen weiß, der ist, was das Wort besagt! Oskar von Zeisel schämt sich nicht, er ist stolz darauf, es zu sein. Aber Sie! Ich war noch nicht vierundzwanzig Stunden hier, da schwärmte ich für die gnädige Frau, daß ich fragte, ob die Pflicht mir nicht gebiete, mich in einen wilden Falken zu verwandeln, die Schöne mit starkem Schnabel an den Flechten zu packen und mit ihr über die Haide weit zu fliegen, wie es die Pagen in den Volksliedern thun, wenn sie in hoffnungsloser Leidenschaft für die Frauen und Töchter ihrer Lehensherren entbrennen! Sie aber blieben starr und kalt. Dann fand ich unten im Thal die holde Wiesenblume, welche die Menschen Elise Iffler nennen – ich reimte nur noch Wiese und Elise – und abermals blieben Sie kalt. Nun ist ein neuer Stern an unserem Himmel aufgegangen; ich schau' empor zu seinem milden Glanze aus meiner hoffnungslosen Erdenferne im düstern Schweigen schlummerloser Nacht, und Sie, Glücklicher, der Sie in Ihrer internationalen Heiligkeit ungestraft der Göttlichen nahen dürfen – zum drittenmal bleiben Sie kalt! Das deutet darauf, wir müssen uns in mein Zimmer zurückziehen, um mit einer Partie Piquet am flackernden Kaminfeuer in Gesellschaft von ein paar guten Cigarren und einer Flasche Burgunder dieses Juliwinters trübe Schauer ritterlich zu bekämpfen. So sprach der heitere junge Mann, der von dem ersten Tage seines Aufenthalts auf Schloß Roda eine herzliche Neigung zu dem um mehrere Jahre älteren Doctor gefaßt hatte und den der Trübsinn, in welchen der Freund neuerdings immer tiefer zu versinken schien, mit wahrhafter Bekümmerniß erfüllte. Er, der sonst die Dinge des Lebens ernst genug nahm, grübelte ernstlich darüber nach, was wohl die Ursache dieser großen Verstimmung sein möchte. Aber vergebens, daß er hin- und herrieth, vergebens, daß er mit Ernst und Scherz in den düsteren Gefährten drang, sich auszusprechen und, wenn irgend möglich eine Last zu theilen, die ihm allein zu tragen offenbar zu schwer wurde. Hermann zeigte sich nicht unempfindlich gegen die uneigennützige Theilnahme des guten jungen Mannes. Er dankte ihm mit Worten, die aus dem Herzen kamen, er drückte ihm warm die Hand, aber das war Alles. Und wenn dann Jener, der sein Herz immer auf der Zunge trug, auf solche Verstocktheit, wie er es nannte, bitter schalt, und, so weit es ihm überhaupt möglich war, böse wurde, sagte Hermann: Sie dürfen mir nicht zürnen, lieber Freund, ich gehöre nun einmal nicht zu den Menschen, denen ein Gott gegeben hat, zu sagen, was sie leiden, besonders wenn sie sich das Leid in ihres Sinnes Thorheit selbst bereiteten. Und ich werde Sie nicht lange mehr quälen; in wenigen Wochen bin ich fort, und das erinnert mich, daß ich die Zeit so nützlich wie möglich ausfülle. Hier braucht man mich auf ein paar Stunden nicht und oben in den Dörfern auf dem Walde steht es wieder einmal gar nicht gut; ich will noch hinauf. Sollte ich zum Thee nicht zurück sein, entschuldigen Sie mich wohl. Hermann drückte dem Freunde nochmals die Hand, entfernte sich schnell, bestieg im Schloßhof sein Pferd, das schon gesattelt stand, und sprengte hinaus in die Berge, um allein zu sein mit sich und seinen Gedanken. Sie stimmten zu der Natur, wie sie sich seinen trüben Blicken in diesen trüben Tagen bot, und er war ihr dankbar, wie einer Mutter, die den bekümmerten Sohn nicht fragt, die nur sein Haupt an ihren Busen nimmt, daß er sich da ruhig ausweine. Sie fragten ihn nicht, diese schroffen Felsenhöhen in ihren wallenden Trauerschleiern; sie fragten ihn nicht, die dunklen Tannen, die ihre ernsten Häupter kummervoll hinüber und herüber bogen; sie fragten ihn nicht, die Wasser, die an den Wegseiten in ihren steinernen Rinnsalen schluchzten; der Wind fragte ihn nicht, der seufzend durch das Waldthal strich und seine brennende Stirn kühlte; der Regen nicht, der lang und langsam niedersäuselte und seine heißen Lippen netzte; sie fragten ihn nicht um sein Geheimniß, denn sie kannten es längst, und so durfte er ihnen auch das noch gestehen, was er am liebsten vor sich verschwiegen hätte, wenn es sich hätte verschweigen lassen: daß zu dem Schlimmen noch das Schlimmste gekommen, daß er verloren, was ihm in seinem trüben Leben der einzige wahrhafte Halt gewesen, daß er die Achtung vor sich selbst verloren. Ja, murmelte er, die Achtung vor mir selbst, die das widrigste Geschick, das ihn heimsucht, das furchtbarste Unglück, das ihn trifft, dem Manne nicht rauben kann, so lange er noch im Stande ist, zu handeln nach seiner Ueberzeugung, und die ihm unwiderbringlich entschwindet, sobald er fühlt, daß die Kraft von ihm weicht, daß er nicht mehr kann, was er soll; und deshalb leidet, nicht, was er leiden muß, was unser Aller Erbtheil – nein, nur das Erbtheil des Schwächlings, der das verderbliche Gift so gierig trinkt, weil es so süß ist. So sprach der unglückliche Mann bei sich und hielt an jener einsamen Buche, auf der Haide, unter der er sie zum erstenmal gesehen. Er hörte den Wind durch die Blätter rauschen und ließ den Regen auf sich niedertropfen und dachte, was furchtbarer war als Alles; dachte, was er kaum zu denken wagte, was er dem Wind nicht anzuvertrauen wagte, der eine Stimme hatte und es weiter tragen konnte; was ihm, wenn er es dachte, das Herz zusammenkrampfte, daß er wie im Wahnsinn seinem Pferde die Sporen gab und auf den schlüpfrigen Wiesenwegen durch den dichten Nebel dahinsprengte, als wäre die Hölle hinter ihm und wollte ihn gar verschlingen. Er ritt nach Hühnerfeld, dem elendesten der elenden Dörfer oben auf dem Walde; er stellte sein Pferd in den Schuppen eines der ersten Häuser, das Hufschmiede und Wirthshaus zugleich war, und ging, nach seinen Kranken zu sehen, deren Zahl in den letzten Tagen wieder zugenommen hatte. Es gab da viel des Elends, so viel, daß ihm die Hilfe, die er brachte, bringen konnte, erschien, wie das Thun eines Menschen, der einen faulen Sumpf mit der Hand ausschöpfen will. Er sagte sich das selbst, wie er jetzt von einer der jämmerlichen Hütten zu der anderen ging; dennoch blieb das Leid, das ihn quälte, jenseits der Schwellen dieser Hütten, durfte nicht mit hinein in die qualmenden Stuben. Hier bedurfte man seiner, hier würde man ihn, wenn er fort war, schmerzlich vermissen. Die Leute hatten erfahren, daß er fort wollte. Sie klagten nicht, aber sie fühlten es doch als ein neues Unglück zu den alten. Eine junge Frau meinte: Dann werden wir ja wohl Alle sterben und verderben. Ein alter Mann fügte hinzu: Ja, ja, und wenn nun unser Fürst nicht mehr ist, der doch noch half, wo er konnte, und der neue Herr aus Preußen an das Regiment kommt, der hat ja wohl kein Herz für den armen Menschen. Das ist nicht wahr, Großvater, sagte ein junger Bursche. Er hat mir neulich, als ich oben im Walde Holz fuhr, einen Thaler geschenkt, blos daß ich ihm sagte, er müsse rechts über die Fasanerie reiten, wenn er die gnädige Frau noch einholen wolle, die eben vorbei geritten war. Weiß nicht, ob er was für seinen Thaler gehabt hat. Und der Bursche lachte. Er hatte sich gewiß nichts gedacht, der plumpe Bursche mit seinem plumpen Lachen; aber Hermann, als er jetzt im Nebelgeriesel über die Haide heimwärts ritt, gellte es im Ohr wie das Gelächter eines schadenfrohen Dämon, der frech herausschreit, was der fromme Mensch im tiefsten Herzen scheu verbirgt. Ja, da war sie wieder, die Schreckgestalt, die ihn vorhin verfolgt, da huschte sie wieder neben ihm her durch den Nebel, da hing sie wieder auf seinem keuchenden Roß, da klammerte sie sich wieder an den Reiter und schlug die Krallenhände in sein Herz. Herein, herein! rief der alte Prachatitz, den das Geräusch der Pferdehufe in die Thür getrieben. Das ist ein böses Wetter, um darin herumzutraben; ich will den Gaul in den Stall ziehen. Hermann hatte sich vom Pferde gleiten lassen; er wußte nicht, wie er zu der Försterei gekommen war; er fühlte sich gänzlich erschöpft und sank, in die Stube getreten, fast ohnmächtig auf einen Stuhl. Der Alte holte dienstfertig aus dem Schrank eine Flasche und nöthigte Hermann ein Glas Branntwein auf. Noch eins, sagte er, das bringt Leib und Seele wieder zusammen; und ziehen sich der Herr Doctor den nassen Rock aus, ich will selbigen in der Küche trocknen, wenn Sie sich unterdessen diese Decke gefallen lassen wollen. Von mir kleinem Kerl kriegten Sie doch keinen Rock über die Schultern. Hermann lehnte das Anerbieten des Alten ab; er fühle sich wieder ganz wohl und müsse doch in wenigen Minuten aufbrechen. Erst jetzt blickte er auf und war verwundert, in dem halbdunklen Gemach eine Menge Bilder herumliegen und herumstehen zu sehen. Das sind der gnädigen Frau ihre, sagte Prachatitz. Ich sollte sie ihr aufheben, als sie das Theehaus in Ordnung brachten, wie sie es nannten. Ich hatte sie oben auf den Boden geschlossen, aber es regnete da herein und nun wollte ich sie eben in die Kammer tragen. Sie bekümmert sich ja gar nicht mehr darum, als wär's Trödelwaare, und es sind so schöne Sächelchen, sehen Sie mal hier, Herr Doctor! nun, ich dächte doch, das wäre ein Meisterstück! Aber die arme gnädige Frau kann's schon Niemandem recht machen. Und er trug das Bild, da Hermann noch immer schwieg, unwillig fort. Niemandem? sagte Hermann. Ja, sagte der Alte, und von Ihnen, Herr Doctor, hätte ich's nun am wenigsten geglaubt. Sie habe ich noch immer für ihren besten Freund gehalten und mir immer gesagt: der bleibt ihr treu, wenn die Anderen sie verlassen. Die Anderen? sagte Hermann. Ja, die Anderen, sagte Prachatitz, wie sie da sind; es gönnt ihr ja Keiner die liebe Luft, die sie athmet, und hat ihnen doch nur Gutes gethan, wo sie gekonnt, und hat Niemand jemals ein böses Wort von ihr zu hören bekommen. Die Menschen sind zu schlecht, zu schlecht! Aber dem Dietrich will ich's eintränken; der Galgenstrick kann lange warten, bis er die Meta zur Frau bekommt. Was giebt's? Was soll's geben, rief der Alte, mächtig aus seiner kurzen Thonpfeife dampfend; sind sie doch immer hinter ihr her mit lautem Gekläff wie Schäferhunde hinter dem Reh, das sie im Walde aufgetrieben. Bald hat sie dies gethan und bald das, bald dies gesagt und bald jenes; und das wird verdreht und verklatscht und verträtscht, daß Unsereiner mit der Hetzpeitsche dreinschlagen möchte. Ja, ja, Herr Doctor, das bekommen Sie nicht so zu hören, aber vor Unsereinem da genirt man sich nicht, wenn ich auch tausendmal gesagt habe, ich will davon nichts wissen, würgt's allein hinunter. So ist's alle diese Jahre gegangen; nun haben sie wieder eine Geschichte ausgeheckt, die schlimmer ist, als die vorigen und mir wollen sie's einreden, der ich doch am besten weiß, daß Alles eine grausame Lüge ist. Um Gotteswillen, was giebt's? Nichts um Gotteswillen und um der Heiligen willen auch nichts, sagte Prachatitz; die hören nicht hin und glauben's nicht, wenn sie's hören, wie ich's nicht glauben will, unheiliger Christ, der ich bin, was sie sich da unten in Rothebühl erzählen, wo ich gestern Nachmittags war, um Pulver zu kaufen beim Zeller. Ruft der gleich: Das ist recht, daß Sie mir endlich die Ehre erweisen, und ich habe es schon so lange gewünscht, es von Ihnen zu hören. – Was zu hören? frage ich. – Sie wissen ja, was ich meine, sagt er und gießt mir einen Kümmel ein vom allerbesten. Ich erzählte nun, wie ich in der Wildhütte bin und sehe, daß der Zaun kurz und klein gestoßen ist und bei mir denke, da hat gewiß der Hans einmal wieder seinen Koller gehabt, und daß man das alte Thier todtschießen müsse, wie ich schon längst gethan, wenn die gnädige Frau nicht immer Nein gesagt hätte; gehe dann in den Busch, ein paar Stöcke zu schneiden und sehe meinen Musje drüben jenseits der Roda, wie er alle seine sechzehn Enden auf einmal an dem Felsen probirt. Hast wieder einmal ein Bad genommen, sage ich; ich sollte es Dir eigentlich gesegnen, daß es Dein letztes wäre, und nehme so die Büchse an den Kopf. Da kommen sie die Treppe hinab und gehen an der Roda hin, der Graf und die gnädige Frau, und will ihnen eben zurufen, sie sollten wieder umkehren; setzt sich das Thier in Galopp und ist im Nu an dem Schwanenfelsen, und ehe ich's noch denke, sind sie an einander, daß ich erst gar nicht zum Worte kommen kann, bis mir das Thier das Blatt zuwendet – na, und da war's freilich mit ihm Matthäi am Letzten. Und das war Alles? sagt der Zeller und lacht so vor sich hin; und die Frau Zeller, die während dessen aus dem zweiten Laden, wo sie das Zeug verkaufen, wissen Sie, Herr Doctor, gekommen ist und zugehört hat, lacht auch so vor sich hin. – Was denn sonst? sage ich. – Nichts für ungut, sagt der Zeller, ich meine nur so; wie finden Sie denn das seidene Kleid, das der Graf Ihrer Meta geschenkt hat? – Meiner Meta? frage ich und muß wohl sonderbar dreingeschaut haben, denn die Frau Zeller fällt gleich ein und sagt: das sei ja nur ganz in der Ordnung, daß der Graf der Meta ein Kleid schenke, wenn ich ihm das Leben gerettet, und daß ihnen der Herr Graf auch einmal die Ehre erweise wie dem Findelmann, wenn auch nicht in Person, so doch durch seinen Kammerdiener. Nun aber werde ich fuchswild bei solchem Gerede und habe wohl den Kolben ein wenig hart auf die Erde gesetzt, denn der Zeller wird ganz blaß und das Weib fängt an zu heulen und sagt: sie habe ja nichts gegen die Meta sagen wollen und sie für ihr Theil habe ja auch nicht geglaubt, daß der Graf mit der Gnädigen ein Stelldichein in der Grotte am Schwanenfels gehabt und ich Alles gesehen, wie sie sich geherzt und geküßt, und den Grafen habe todtschießen wollen und statt seiner den Hirsch getroffen, und der Graf der Meta das Kleid geschenkt und mir tausend Thaler gegeben, damit ich reinen Mund halte. Das sei Alles gewiß erlogen, wenn auch der Dietrich gestern Abend in der Rothen Henne solche schlechten Reden geführt und gesagt habe: für nichts wäre nichts und der Graf werde wohl wissen, weshalb er auf einmal so splendid würde. Ich will's aber auch wissen, sage ich und laufe wie toll aus dem Laden zum Städtel hinaus, die Chaussée hinauf in das Schloß, wo ich mir denn die Meta kommen lasse und in's Gebet nehme. Die fängt natürlich auch an zu heulen und sagt: sie wisse ja von gar nichts, nur daß ihr der Herr Graf das Zeug zum Kleid mit einem Compliment durch seinen Kammerdiener geschickt habe, und das habe ihr der Dietrich so übel genommen, weil er auf den Philipp des Herrn Grafen so eifersüchtig sei, und sie könne doch nicht wissen, was der Dietrich in seiner Wuth Alles geschwätzt habe. Ich also zum Dietrich und frage: Was hast Du geschwätzt, Kerl? Wird er so verlegen und dann aus purer Verlegenheit grob und sagt: nichts habe er geschwätzt, das sei aber auch nicht in der Ordnung, daß der Philipp und die Meta immer auf dem Corridor zusammensteckten, während er unten in den Ställen sei. Sage ich zu ihm: Dietrich, sage ich, wenn Dir die Meta zu schlecht ist, so bist Du mir noch nie gut genug gewesen, und damit Basta! Aber daß Du mir das Mädel in's Gerede bringst, das will ich Dir eintränken. Jetzt will ich nur eben zum Herrn Grafen und mich für die tausend Thaler bedanken, die er mir geschenkt hat, weil ich ihn nicht todtgeschossen. Wird der Kerl ganz blaß und sagt: ich solle ihn nicht unglücklich machen und er wolle auch das nächste Mal gewiß reinen Mund halten, wenn die gnädige Frau dem Herrn Grafen wieder einmal zu nachtschlafender Zeit kleine Billets schicke. Das lügst Du wieder, Dietrich, sage ich. Verschwört sich der Mensch, es sei die pure Wahrheit. Er habe ja die Billets immer der Meta aus der Hand genommen und dem Philipp gegeben, der sie dann hineingetragen. Und was er mit eigenen Augen gesehen, das werde ihm Keiner abstreiten. Der Alte schwieg und ging an's Fenster, das er öffnete. Der Regen hatte ein wenig nachgelassen, es schimmerte für den Augenblick heller durch die Bäume. Er blieb am Fenster stehen, mächtig rauchend. Plötzlich knickte er die Pfeife entzwei, warf die Stücke hinaus und sagte, sich umdrehend, heftig: Und es ist doch Alles erstunken und erlogen. Meinen Sie nicht, Herr Doctor? Was wäre es denn nun, wenn es wahr wäre? Das sage ich auch, erwiederte der Alte eifrig. Hab's mir schon hundertmal gesagt: was wäre denn daran? Warum soll die gnädige Frau dem Herrn Grafen nicht einen Brief schreiben oder auch mehrere – und – und – sehen Sie, Herr Doctor, doch wurmt mich's, daß ich närrisch werden möchte. Der Dietrich ist ein Lügenmaul, aber so frech könnte er's doch nicht treiben, wenn – wenn – Himmel-Höllen-Element! der Herr Graf mag sich in Acht nehmen, daß er nicht wieder in die Lage kommt wie neulich. Ich möchte nicht immer bei der Hand sein, und wenn ich's wäre, nicht immer so gut treffen. Der Alte fuhr sich mit beiden Händen in die krausen, grauschwarzen Haare, lief im Zimmer hin und her; plötzlich blieb er dicht neben Hermann stehen und sagte in leisem Tone: Ich muß es von der Seele haben, und Ihnen sage ich's lieber als dem Pfarrer oben im Kirchdorf, den ich unter Euch Protestanten hier niemals für einen rechten katholischen Pfarrer halten kann. Was der Dietrich da gesagt hat, ich glaube es Alles, und hab's geglaubt, ehe er's gesagt hat. Sie war ja ganz verstört an dem Abend, bevor sie kamen, oben im Theehaus, und kommt jetzt nimmer herauf. Aber der Graf ist alle Tage hier gewesen und ich habe ihm das Theehaus aufschließen müssen und er hat stundenlang am Fenster gestanden, wo man ein Stück von dem Wege nach dem Schloß und den Rothen Thurm sieht; und den Tag vor der Geschichte mit dem Hirsch kam er wieder in vollem Jagen und fragte so hastig, ob nicht die gnädige Frau eben über die Fasanerie geritten sei. Ich habe sie nicht gesehen, sagte ich, und hatte sie auch wirklich nicht gesehen. Schaut er mich so sonderbar an, daß mir's kalt über den Rücken läuft, sagt aber nichts, sondern läßt sich wieder das Theehaus aufschließen und bleibt eine Stunde da wie angenagelt am Fenster. Das gefiel mir schlecht, Herr Doctor, denn – es mag sich für einen gemeinen Mann nicht schicken, so etwas zu sagen – aber ich liebe sie, als wenn sie mein eigen Kind wäre. Wenn ich sie mal lachen sehe, lacht mein ganzes Herz mit, und wenn ich sie traurig sehe, schmeckt mir den ganzen Tag die Pfeife nicht. Und sie war in der letzten Zeit so traurig, Herr Doctor! Und daran ist der Graf schuld, habe ich alle diese Tage bei mir gesagt, und das fehlte noch gerade. Er hat so schon einen schwarzen Stein bei mir im Brett, der preußische Herr, der Sechsundsechzig mein schönes Heimathland mit Feuer und Schwert verwüstet hat, und kommt nun hieher, um meinem guten Herrn solch' Leid anzuthun und – Der Alte schwieg und seine Stimme klang ganz heiser, als er nach einer kurzen Pause fortfuhr: Und da ich sie neulich kommen sah, so ganz allein an dem stillen Ort, in eifrigem Gespräch, und ich auf der andern Seite hinter dem Busch stand, die Büchse in der Hand, da dachte ich, ob's wohl eine gar so große Sünde wäre, wenn ich ihm den Garaus machte, bevor noch größer Unglück geschieht. Aber als die Hatz mit dem Hirsch losging und ich sah, wie er mit dem wilden Thiere rang, daß es schier über Menschenkräfte war, da dachte ich – nein, da dachte ich nichts, aber ich schoß den Hirsch todt und nicht den Mann. Der Alte athmete tief auf, als er so seine Beichte beendigt hatte, und fuhr dann in viel ruhigerem Tone fort: Gott sei Dank, daß ich's vom Herzen habe, und nun schelten Sie mich weidlich aus, Herr Doctor, und sagen Sie mir, daß ich ein schwarzgalliger Mensch bin, der am hellen Tage Gespenster sieht. Aber das kommt von der Einsamkeit und dem Müßiggang. Ich habe zu wenig zu thun, Herr Doctor; aber der gnädige Herr kümmert sich ja gar nicht mehr um uns, und der Herr Oberforstmeister auf dem Jagdschloß macht's dem gnädigen Herrn nach. Das meint der Herr Graf auch, und das muß man ihm lassen: er hat in seinem kleinen Finger mehr Jägerblut, als unsere Durchlaucht und der Oberforstmeister zusammen. Wenn er einmal an's Regiment kommt, weiß nicht, wie die Anderen dabei fahren, aber wir Grünröcke haben's besser – das ist gewiß. Der ehrliche Alte wollte sein Unrecht dadurch wieder gutmachen, daß er nachträglich an seinem Feinde alle möglichen guten Eigenschaften fand. Der Herr Graf habe ihn auch schon ein paarmal zu sich entbieten lassen und er habe immer taube Ohren gehabt. Nun aber wolle er morgen hin, und wenn das mit den tausend Thalern auch ein dummes Gerede sei, so müsse man doch einen Menschen, dem man das Leben gerettet, zu Worte kommen lassen, und wenn's auch nicht einmal ein so vornehmer Herr wäre. Hermann hörte das Alles nur wie im Traum. Er antwortete, ohne zu wissen, was er sagte; und dann fand er sich auf dem Wege nach dem Schloß, ohne sich zu erinnern, wie er in den Sattel gekommen. Der Regensturm, der nach der kurzen Pause wieder losgebrochen war, heulte und sauste durch den Wald, daß die Wipfel der Riesentannen sich hinüber und herüberbogen und die Aeste knarrten und knackten. Das Pferd blieb ein paarmal stehen, aber Hermann spornte es weiter. Zehntes Kapitel. Die Gesellschaft war heute zum erstenmal seit mehreren Tagen wieder einmal vollständig in dem sogenannten persischen Zimmer zum Thee versammelt. Nur Hermann hatte sich durch Herrn von Zeisel entschuldigen lassen. Der Graf trug den rechten Arm noch in der Binde, sonst sah man ihm die schmerzensreiche Zeit, die er durchgemacht, nicht mehr an. Er ging mit dem Cavalier in dem Gemach auf und nieder in behaglichem Gespräch, Ich habe Ihnen noch gar nicht für die Mühe gedankt, die Sie sich mit den Gäulen gegeben haben, sagte er. Was halten Sie denn jetzt, nachdem Sie ihn wiederholt geritten, von dem Wallach? Es wird ein famoses Chargepferd, sagte der Cavalier mit Enthusiasmus. Nun, sagte der Graf lachend, das Pferd hätten wir, fehlte also nur noch die Charge. Aber ich denke, wir werden nicht lange darauf zu warten haben. Was meinen Sie? Ich weiß es nicht, erwiederte Herr von Zeisel; auf jeden Fall werde ich nicht von der Partie sein. Weshalb haben Sie Ihren Abschied genommen? fragte der Graf. Ich hatte mich bei Königgrätz auf einer Recognoscirung ein wenig zu stark engagirt, erwiederte der Cavalier; ich will nicht sagen gegen den Befehl, denn ich hatte im Grunde keinen, aber doch gegen die nachträgliche Ansicht meines Obersten, der für einige Fehler, die er an dem Tage gemacht, einen Sündenbock brauchte, und da ich für die Rolle eines Sündenbocks keine ausgesprochene Neigung habe – Verstehe, verstehe, sagte der Graf. Indessen, dergleichen ist nicht irreparabel, und wenn es Ihnen unbequem sein sollte, wieder in die sächsische Armee zu treten – ich habe in der unsrigen Verbindungen genug – Verzeihen Sie, Herr Graf, unterbrach ihn der Cavalier ernst, ich glaubte gesagt zu haben, daß es bei Königgrätz war, wo ich das letztemal den Degen zog. Ich weiß es, erwiederte der Graf, und wenn wir das nächste Mal den Degen ziehen, wird es Schulter an Schulter sein, und wir werden die Front nach Westen haben. Die beiden Herren gingen ein paar Augenblicke schweigend neben einander her. Am Theetisch sprach der Fürst von der morgen erwarteten Ankunft des Marquis. Der Graf hob wieder an: Haben Sie denn diesen Vogel Phönix schon gesehen? Nein; Durchlaucht hat den Marquis auf der italienischen Reise im Herbste Sechsundsechzig kennen gelernt. Und scheint sehr viel Sympathie für ihn zu haben. Man muß es fast annehmen. Es giebt Zeiten, wo dergleichen persönliche Sympathien fast eine Art von politischer Bedeutung gewinnen. Aber wir leben ja im tiefsten Frieden mit Frankreich, sagte Herr von Zeisel, der sich plötzlich der sonderbaren Aufregung erinnerte, in welcher ihm der Fürst, als sie an jenem Abend von der Fasanerie zurückkehrten, die bevorstehende Ankunft des Marquis mitgetheilt hatte. Sie irren sich, sagte der Graf mit lauterer Stimme, als in welcher er bisher gesprochen. Wenn man Euch Heißsporne hört, sollte man wahrhaftig glauben, es werde morgen schon losgehen, sagte der Fürst vom Theetisch her. Freilich, Ihr müßt es am besten wissen – Wie meinen Durchlaucht? fragte der Graf an den Tisch herantretend. Weil Ihr die Situation gemacht habt, erwiederte der Fürst. Wir gemacht? Nun freilich, durch Sechsundsechzig, oder wer wüßte nicht, daß seitdem die Revanche für Sadowa das Schibolet aller Parteien in Frankreich ist. Die Situation ist durch Sechsundsechzig nicht gemacht, erwiederte der Graf, sie ist nur klarer geworden, und das ist, meine ich, allewege, im politischen wie im privaten Leben, ein Glück. Die beiden Herren hatten ihre Stimme nicht erhoben. Sie hatten auch nicht schneller gesprochen; dennoch warf Herr von Zeisel unwillkürlich einen bittenden Blick auf die Damen, von denen Stephanie offenbar seine Empfindung theilte, während Hedwig keinen Theil an dem Gespräche zu nehmen schien. Der Herr Doctor kommt nun doch wohl nicht mehr, sagte Stephanie. Das sollte mir leid thun, sagte der Graf. Ich habe mich schon auf das Vergnügen gefreut, ihm in Gegenwart der Herrschaften für die liebenswürdige Pflege zu danken, die er mir in diesen Tagen hat angedeihen lassen. Und dabei erinnere ich mich, gnädige Frau, daß ich auch Ihnen noch einen Dank schulde. Mir? fragte Hedwig, ohne aufzuschauen. Ihnen, gnädige Frau, sagte der Graf, sich mit einem Blick versichernd, daß ihn Alle hörten: für das treffliche Recept, das Sie die Güte hatten, mir noch am Abend meines Unfalls zu senden. Ein Recept? fragte der Fürst. In Form eines Billets, sagte der Graf lachend, in welchem ich mindestens einen feinstylisirten Dank für meine Heldenthat erwartete, und welches nichts weiter enthielt als den Rath: Halten Sie sich ruhig und sparen Sie das Eis nicht! Ein kalter Rath, für den ich Ihnen, gnädige Frau, den wärmsten Dank schulde, und den ich so treu befolgt habe, daß ich bereits heute Abend wieder meinen Platz am Theetisch einnehmen kann. Der Graf verbeugte sich vor Hedwig und ließ sich auf einen Stuhl nieder mit einer Unbefangenheit, die wunderlich genug mit der Befangenheit contrastirte, welche sich auf den Gesichtern der Uebrigen nur zu deutlich ausprägte. Stephanie war sehr roth geworden und hatte sich schnell auf ihre Handarbeit gebeugt; Hedwig hatte nicht minder schnell die großen dunklen Augen zu dem Grafen erhoben und dann zum Fürsten, dessen Blick mit einem ungewissen Ausdruck von ihr zum Grafen, vom Grafen zu ihr schweifte. Ihr Gesicht war auffallend bleich, um ihre Lippen zuckte es. Sie schien im Begriff, ein Wort zu sprechen, das dieser seltsamen Scene ein für Alle unerwartetes Ende gemacht hätte, als ein Diener hereintrat und, den Cavalier beiseite winkend, demselben ein paar Worte zuflüsterte, über welche dieser sichtlich zusammenschrak. Was giebt's, lieber Zeisel? fragte der Fürst, dem in diesem Augenblicke jede Unterbrechung recht kam. Wenn Durchlaucht verstatten, so möchte ich – Und der Cavalier winkte dem Fürsten mit den Augen nach den Damen hin, er dürfe nicht weiter fragen; aber der Fürst bemerkte in seiner Aufregung den Wink nicht und rief ungeduldig: Aber so reden Sie doch, lieber Zeisel: Sie sehen ja, daß die Damen bereits anfangen sich zu ängstigen und das Unglück wird ja so groß nicht sein. Ich hoffe, es ist gar kein Unglück, sagte der Cavalier, schnell gefaßt; ein sonderbarer Zufall höchstens, der sich hoffentlich bald als ganz unverfänglich herausstellen wird: man meldet mir, daß soeben das Pferd des Herrn Doctors reiterlos auf den Hof gelaufen ist. O, mein Gott! rief Stephanie überlaut. Hast Du noch niemals gehört, daß Jemand vom Pferde gefallen ist? fragte der Graf. Der Doctor ist ein ausgezeichneter Reiter, sagte der Fürst, man wird jedenfalls nachsehen müssen. Wollen Sie, lieber Zeisel – Ich habe bereits Befehl gegeben, sagte der Cavalier, möchte aber um die Erlaubniß bitten, die Nachforschungen selbst dirigiren zu dürfen. Thun Sie das, lieber Zeisel, sagte der Fürst, thun Sie das ja, und lassen Sie mich, sobald Sie können, wissen, wie dies zusammenhängt. Der Cavalier war im Begriffe, das Zimmer zu verlassen, als er sich plötzlich am Arm berührt fühlte und, sich umwendend, zu seinem größten Erstaunen, ja Schrecken, Hedwig, die er eben noch am Theetisch gesehen zu haben glaubte, vor sich erblickte. Ihr Gesicht war wie verzerrt und er erkannte ihre Stimme kaum, als sie mit seltsam zuckenden Lippen ganz laut und doch tonlos rief: Er ist todt, sagen Sie es nur! Ich weiß von nichts; ich glaube es nicht, sagte der Cavalier. Er ist todt, wiederholte Hedwig; ich – Hedwig, um Gotteswillen, was ist Dir? rief der Fürst, indem er Hedwigs Hand ergriff, die kalt und leblos in der seinen liegen blieb. Ich bitte Sie, lieber Zeisel, machen Sie, daß Sie fortkommen! Wir sind hier Alle in einer Aufregung, die doch wahrlich außer jedem Verhältniß mit diesem leidigen Vorfall steht. Hedwig sah ihn mit einem wirren Blick an; aber bevor sie noch etwas erwiedern konnte, wurde die Thür abermals geöffnet und ein zweiter Bedienter trat herein. Hat man ihn gefunden? rief der Fürst. Zu Befehl, Durchlaucht, erwiederte der Mann, ganz vorn im Walde; Leute, die nach Hühnerfeld hinaufwollten; sie sind gleich wieder umgekehrt und haben sich eine Tragbahre aus den Forellen geholt, auf der sie ihn eben brachten. Nun? fragte der Fürst, der sehr blaß geworden war. Er war wie leblos, sagte der Diener, aber Doctor Strupp – Das ist der alte Arzt aus Rothebühl, sagte der Fürst, zu den Damen gewendet. Er war gerade in den Forellen, als die Leute kamen, fuhr der Diener fort, und ist auch gleich mit hinausgegangen. Er sagt, es sei nur eine Ohnmacht und habe weiter nichts zu bedeuten. Ich werde zur Beruhigung der Damen selber einmal nachsehen, sagte der Fürst. Wollen Sie mich begleiten, lieber Zeisel? Du thätest gewiß auch gut, wenn Du Dich zurückzögest, liebe Stephanie, sagte der Graf, sobald die Herren das Zimmer verlassen hatten. Du warst vorhin so ernstlich erschrocken und ich sehe Dir an, daß Du Dich unwohl fühlst. Der Geheimrath wird Dir von Tage zu Tage nöthiger. Er bot seiner Frau den Arm. Es thut mir so leid, liebe Hedwig, sagte Stephanie, die jetzt gern geblieben wäre, aber nicht wagte, der Aufforderung ihres Gatten keine Folge zu leisten. Hedwig antwortete nicht; sie regte sich nicht. Sie schien nicht zu bemerken, daß der Graf mit ein paar entschuldigenden Worten Stephanie zum Salon hinausführte. Dazu also hatte sie ihn gebracht! Das hatten seine düsteren Blicke, sein trübes Lächeln bedeutet: siehst du denn nicht, daß du mich zum Leben hinaustreibst, wenn du mich von hier treibst? Sie hatte es nicht verstehen wollen, nun war es da. Er war gegangen – ohne Abschied – auf Nimmerwiederkehr! Sie blickte wirr in dem Gemache umher; da schaukelten sich auf den gestickten Tapeten die bunten Papageien auf den schwanken Stielen der Palmenblätter; da glänzten in dem Schein der Lichter der Krystallkrone die silbernen Kannen und Schalen auf dem Theetisch; da waren die durcheinandergeschobenen Fauteuils, und da stand sie mitten in dem Prunkgemache allein. Alle waren gegangen, Jeder hatte seine Theilnahme zeigen dürfen, seinen Interessen folgen dürfen, wie sie nun eben waren. Und sie durfte sich nicht regen, durfte nicht mit einer Miene verrathen, was in ihrem Herzen vorging, sie mußte zurückbleiben, geduldig warten, bis sie wiederkamen – o Schmach, o Schmach! Sie that ein paar hastige Schritte nach der Thür und blieb wieder stehen. Und werden seine Wunden nicht wieder zu bluten beginnen und werden seine stummen todtenblassen Lippen nicht in einer fürchterlichen Sprache, die nur ich verstehe, sagen: du wagst, zu mir zu kommen, die du dir jahrelang meine Liebe gefallen ließest und mich jetzt ruhig hast sterben lassen, damit du den Andern lieben kannst! Wie kannst du sagen, daß ich ihn liebe? Wer darf es sagen? O, mein Gott, mein Gott! Sie warf sich wie zerschmettert in den Sessel, das Gesicht in die Lehne gedrückt. Aber was heißt dies nur? fragte der Graf. Er war, von Hedwig nicht bemerkt, in das Gemach getreten und stand jetzt vor ihr. Ich begreife nicht, fuhr der Graf fort, wie ein Vorfall, der doch, weiß es Gott, herzlich unbedeutend ist, die ganze Gesellschaft in eine solche Aufregung versetzen kann. Ich bin mehr als einmal in meinem Leben gestürzt und für todt liegen geblieben. Ich komme eben von unserm interessanten Patienten und bin ganz der Meinung des alten Rothebühler Arztes, ein solcher Dummkopf der Mann auch sonst zu sein scheint, daß der Doctor in wenigen Tagen so wohlauf sein wird, wie Einer von uns. Ich habe das dem Fürsten gesagt; er glaubt mir nicht, oder thut, als ob er mir nicht glaubt. Ich habe es Stephanie gesagt: dieselbe Scene. Sie, gnädige Frau, denke ich, sind von kräftigerem Stoff als diese so überaus zart organisirten Naturen. Der Graf sagte das in seinem leichtesten Ton. Er wollte sich nicht merken lassen, daß er über Stephanie's Betragen in innerster Seele empört war, während in demselben Augenblick die eifersüchtige Wallung seine Leidenschaft für Hedwig zum Ueberschwellen brachte. Daß die Aufregung, in welcher er Hedwig fand, dem Doctor gelten konnte, war ihm nicht im Entferntesten in den Sinn gekommen; er wußte ja, was dies zu bedeuten hatte, und so sagte er denn, sich auf einen Stuhl an ihrer Seite setzend, in leisem vertraulichen Ton: Verzeihen Sie, gnädige Frau, meine Indiscretion von vorhin. Ich pflege mit der Gunst einer Dame nicht zu prahlen, und es war keine Prahlerei, nur einfache Abwehr, für Sie selbst. Es scheint, daß die Leute geschwatzt haben; jedenfalls weiß Stephanie – durch ihre Kammerjungfer, glaube ich, die es wieder von meinem Kammerdiener hat – daß Sie an mich geschrieben. Stephanie hat sich selbstverständlich ein so dankbares Motiv zu einer rührenden ehelichen Scene nicht entgehen lassen, und bei Stephanie's Unberechenbarkeit ist nicht abzusehen, wer es noch erfahren wird, oder bereits erfahren hat. Ihre Mutter sicher, wahrscheinlich auch der Fürst. Es lag mir natürlich daran, das Gerede zum Schweigen zu bringen. Sollte ich nicht das rechte Mittel gewählt haben – und ich muß nun fast annehmen, daß ich ein falsches gewählt – so bitte ich, sagen Sie mir's offen, von Ihnen will ich gerne gescholten sein. Der Graf wartete auf Antwort, die seiner Ungeduld zu lange ausblieb. Haben Sie kein Wort für mich, gnädige Frau? fragte er leise und dringend. Verzeihen Sie, ich hörte nicht, was Sie sagten, erwiederte Hedwig, die sich plötzlich erhob und in dem Gemache hin- und herzugehen begann. Der Graf biß sich in die Lippen. War Hedwig so erzürnt, daß sie nicht hören wollte; war sie so aufgeregt, daß sie nicht hören konnte, und durfte er diese Aufregung zu seinen Gunsten auslegen? Er würde das Letztere in einem andern Falle vielleicht gethan haben, aber während seine Augen Hedwigs schlanke Gestalt verfolgten, wie sie jetzt, scheinbar seiner gar nicht achtend, in dem Gemache hin- und wiederging, sprach er bei sich: Ein einziger falscher Schritt, ein unrichtiger Ton, und das Spiel ist für immer verloren. So will ich es nicht wiederholen, sagte er, will Ihnen lieber für die paar köstlichen Zeilen danken, mit denen Sie mir – jetzt darf ich es aussprechen – eine Last vom Herzen genommen haben. Aber Sie hören wieder nicht, was ich sage. O doch, doch, erwiederte Hedwig, ich habe Ihnen eine Last vom Herzen genommen. Wie schwer wog sie wohl, diese Last! Ich begreife Sie nicht, sagte der Graf, begreife Ihren Spott nicht und Ihre Bitterkeit, jetzt nicht mehr, nachdem Sie, Sie selbst mir die Hand zur Versöhnung geboten; nachdem ich es von Ihrer eigenen Hand gelesen, daß das Vergangene vergangen sein soll, daß wir fortan wie Menschen leben wollen, die ihre Forderungen gegen einander verglichen und ausgeglichen haben. Ich hätte das nicht schreiben sollen! Weil es den Geschichtenträgern einen willkommenen Stoff gegeben hat? Was kümmert mich das! Warum denn sonst nicht? Weil es eine Unmöglichkeit in sich schließt; weil Ihr nun und nimmer mit uns einen ehrlichen Vertrag ehrlich halten werdet; weil, wenn Ihr tausendmal behauptet, daß wir quitt sind, Ihr in Eurem egoistischen Herzen noch immer unsere Gläubiger zu sein wähnt, die sich Wunder wie großmüthig dünken, wenn sie ihre Forderungen nicht gerade mit Gewalt eintreiben, aber es niemals für zu klein erachten, auf einem andern Wege zu ihrem Ziele zu kommen, und ginge dieser Weg mitleidslos über unser Herz. Sie schritt, während sie so sprach, immer im Gemach auf und nieder, daß die Schleppe ihres seidenen Kleides rauschte und knisterte, während das Licht von dem Kronleuchter jetzt hell über sie hinstrahlte, und dann wieder, in der Tiefe des Gemaches, ihre hohe Gestalt von weichen Schatten umflossen war, gerade wie ihre Stimme jetzt in heller Leidenschaft vibrirte und dann fast zu einem Murmeln herabsank. Nicht zum erstenmal fühlte der Graf, der wie gebannt in seinem Fauteuil sitzen blieb und jede ihrer Bewegungen mit aufmerksamen Blicken verfolgte, daß hier eine schrankenlose fessellose Kraft daherbrauste, die zu zügeln, zu bändigen, außer seiner Macht lag; und er fragte sich, ob ein Wesen zu lieben, daß ihm in jedem Augenblick unfaßbar werden konnte, unfaßbar wurde, nicht Zeit und Mühe verlieren heiße. Sie dürfen nicht mit mir in Räthseln sprechen, wenn Sie wollen, daß ich Sie verstehen soll, sagte er. Ich verlange nicht, daß Sie mich verstehen, Herr Graf, Sie oder irgend einer von Euch Anderen. Von Euch? und von Euch Anderen, gnädige Frau? Es ist etwas hart für einen Aristokraten, wie mich die Leute nennen, so ohne weiteres mit den Anderen zusammengeworfen zu werden. Und worin bestände denn der Unterschied zwischen Ihnen und den Anderen? sagte Hedwig, stehen bleibend, indem sie die Arme unter dem Busen verschränkte und den Grafen voll mit den großen, dunklen, in Leidenschaft blitzenden Augen ansah. Immer wollt Ihr die seligen Götter sein, die sich von uns das Opfer darbringen lassen, niemals und unter keinen Umständen uns ein Opfer bringend. Aber ich will Ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen: Sie sind ehrlicher als die Anderen, Sie haben nie die Heuchelei so weit getrieben, sich für einen Heiligen auszugeben, haben nie geleugnet, daß Sie zur Rolle eines Opferlammes ganz und gar nicht geeignet sind und daß Sie es uns gegenüber nicht anders zu halten gedenken, als Sie es überall im Leben halten: Allzeit voran! – Das war ja seit dem dänischen Kriege Ihr Wahlspruch und ist es ja wohl noch? Allzeit voran! Ob nun, was wir erobern wollen, eine feindliche Batterie ist, oder ein socialer Vortheil, oder ein schönes Weib – allzeit voran! Wir geben keinen Pardon, wir machen keine Concessionen, wir brechen ein Herz, das wir nicht beugen können. Daß Sie das meine nicht gebrochen haben, war, beim Himmel, nicht Ihre Schuld, war nur die Schuld davon, daß in mir ein Etwas lebt, was in allen Euren Gegnern leben müßte, wenn Ihr es mit Eurem »allzeit voran« nicht so weit bringen sollt, wie Ihr es in Wirklichkeit bringt. Und was wäre dies Etwas? fragte der Graf. Die Liebe zur Freiheit, der feste Entschluß, mich nicht knechten lassen zu wollen, es sei von wem es sei; nimmer mein Haupt zu beugen, wo meine Seele es nicht kann; mein Leben zu leben, wie ich es verstehe, den Weg zu gehen, den ich mir vorgezeichnet, und mich durch nichts von diesem Wege abbringen zu lassen, durch keine Schmeichelei, durch keine Drohung, mag er dann führen, wohin er will, und wäre es – In meine Arme! rief der Graf, auf Hedwig zueilend, die keinen Schritt zurückwich, und nun, mit einem großen, strengen Blick in sein flammendes Gesicht schauend, ruhig sagte: Sie haben den Augenblick nicht gut gewählt; wer mich halten will, müßte es schon mit beiden Armen thun. Sie vergessen, Herr Graf, daß Sie vorläufig noch den einen Arm in der Binde tragen. Und Sie, gnädige Frau, weshalb ich ihn so trage. Ich meine, Sie sagten vorhin, wir wären quitt? Oder wollten Sie mir nur beweisen, wie recht ich hatte, daß bei Euch die Rechnung niemals stimmt? Es bedurfte dieses Beweises nun nicht gerade, aber ich danke Ihnen dennoch. Und fürchten Sie nur nicht, daß diese unausgeglichene Differenz mich unruhig macht. Thäte sie es, würde ich sagen: geben Sie mir meine Ruhe wieder, reisen Sie sobald als möglich. Ich sage es nicht, Herr Graf, hören Sie, ich sage es nicht! Und jetzt fürchte ich, daß unser langes tête-à-tête anfängt, Sie zu langweilen. Es scheint, daß die Anderen nicht wiederkommen; ich will Sie nicht aufhalten, wenn Sie dem Beispiel folgen und sich auch zurückziehen wollen. Sie machte eine Bewegung des Abschieds, die der Graf mit einer Verbeugung erwiederte. Sie sind heute Abend in einer furchtbaren Laune, sagte er. So fürchten Sie sich! Das ist nicht gerade mein Metier, aber auch ebensowenig das, mit mir spielen zu lassen, wie Sie eben mit mir gespielt haben. Eine kleine Zurechtweisung? Sie sind nicht in dem Gemach Ihrer Frau Gemahlin. Spannen Sie den Bogen nicht zu straff. Ich habe nichts dagegen, wenn er bricht. Das könnte schneller geschehen, als Sie denken. Ich denke, daß es nicht schnell genug geschehen kann. Sie endigen mit Räthseln, wie Sie mit Räthseln angefangen. Es ist schön, wenn das Ende dem Anfang entspricht. Und doch wird es nicht das letzte Wort sein, das zwischen uns gesprochen wird. Da Sie dessen so sicher sind, wird es Ihnen ja recht sein, wenn wir uns für heute mit dem, was gesprochen ist, begnügen. Ganz wie Sie befehlen, gnädige Frau. Der Graf verbeugte sich noch einmal und ging nach der Thür, in welcher er mit dem Fürsten zusammentraf. Ah, sagte der Fürst, Sie Beide allein? Wo ist die Gräfin? Stephanie hat sich bereits auf meinen Wunsch zur Ruhe begeben, erwiederte der Graf. Der leidige Vorfall hatte sie doch etwas angegriffen; auch ich war im Begriff zu gehen. Mit dem Herrn Doctor steht es hoffentlich gut? Ganz gut, das heißt, ich denke; sagte der Fürst. So will ich nicht länger stören; sagte der Graf. Es vergingen mehrere Minuten, bevor in dem persischen Gemache das Schweigen gebrochen wurde. Der Fürst war in einer fieberhaften Aufregung; ein fürchterlicher Verdacht, der ihn alle diese Tage verfolgt hatte, war ihm heute Abend fast zur Gewißheit geworden. Als der Graf vorhin des Billets erwähnte, das ihm Hedwig geschrieben, hatte es ihn durchzuckt, als sei er unversehens auf eine Natter getreten. Eine ahnungsvolle Stimme hatte ihm gesagt, daß es mit dem Billet eine andere Bewandtniß haben müsse, um die Stephanie bereits wußte. Weshalb wäre sie sonst so sichtlich erschrocken gewesen? Nun traf er sie hier, gegen sein Erwarten allein und Beide in einer Aufregung, die unmöglich durch ein ruhig gesellschaftliches Beisammensein hervorgebracht sein konnte. Er schenkte sich an dem Theetisch ein Glas Wasser ein und netzte seine zuckenden Lippen. Als er das Glas niedersetzen wollte, entglitt es seinen zitternden Händen und fiel klirrend auf das silberne Präsentirbrett. Hedwig schien es nicht zu hören, sie regte sich nicht; sie starrte mit gespannten Brauen vor sich hin. Hedwig! sagte der Fürst. Sie blickte empor. Er hatte fragen wollen: Liebst Du den Grafen? aber als seine Augen ihren dunklen Augen begegneten, entsank ihm der Muth, das entscheidende Wort kroch scheu zum Herzen zurück und über seine Lippen kam, er wußte selbst nicht, wie: Es scheint, daß Du an dem Vorfall geringeren Antheil nimmst, als selbst Stephanie. Hedwig strich sich mit der Hand über die Stirn. Was sagtest Du? Ich sagte, der Unfall unsers Horst, für den Du doch sonst einiges Interesse an den Tag legtest, scheint Dich im Grunde wenig zu kümmern. Er ist ja nicht todt. Müssen denn die Leute erst sterben, bevor sie Dir interessant werden? Wieder strich sich Hedwig über die Stirn. Er ist ja nicht todt, wiederholte sie. Sie erhob sich und schritt wieder im Gemach auf und nieder. Sollte sie Allem ein Ende machen, jetzt gleich? Sollte sie sagen: Ihr quält mich; der Starke mit der beleidigenden Zuversicht auf seine Stärke, der Andere mit seiner schwankenden Seele, die sich nicht entschließen kann zum Bleiben und nicht zum Gehen, zum Leben nicht und nicht zum Sterben; du, alter Mann, der du forderst, was dir nicht zukommt, in keinem Sinne; ihr Alle quält mich und ich will die Qual nicht länger dulden. Sollte sie das sagen? Vor dem, was dann kam, fürchtete sie sich nicht, und nicht aus Furcht hatte sie vorhin geschwiegen und dem Grafen die plumpe Lüge durchschlüpfen lassen. Was galt es ihr, was aus ihr wurde! Aber der alte Mann! Der alte Mann mit dem ergrauenden Haar und den bleichen angsterfüllten Zügen, er würde den Schlag nicht verwinden, den tödtlichen Schlag in sein weiches, edles Herz. Er war sehr, sehr gut gegen sie gewesen – damals! und hatte wohl ehrlich geglaubt, seinen Schwur erfüllen zu können. Und er war derselbe geblieben, voll immer gleicher liebenswürdiger Zuvorkommenheit und ritterlicher Zärtlichkeit. Nein, sie konnte ihm das nicht anthun, es durfte nicht sein, sie durfte den Bund nicht brechen, bevor er selbst ihn brach; sie mußte schweigen und leiden, so lange er schweigend litt, wie jetzt, wo ihm der Schmerz die noch immer schönen Augen tief in die Höhlen zurückdrängte und tiefe Furchen über seine feine Stirn, durch seine bleichen Wangen zog. Armer alter Mann! Sie trat an ihn heran und beugte sich nieder und berührte seine Stirn mit den Lippen. Im nächsten Augenblick hatte sie das Gemach verlassen. Der Fürst saß da, die Hand an die Augen gepreßt, als wolle er vor sich verbergen, daß er weine. Er wußte es ja, es war nur Mitleid gewesen, Mitleid! Und er war so schwach, dies zu dulden, so arm, daß er dankbar für den Brocken war, der von dem Tisch ihrer Liebe für ihn abfiel, ihrer Liebe zu dem verhaßten Mann, dem Verräther an dem heiligen Vermächtnis seines Hauses, dem Söldling des fremden Herrn, dem Glücksritter, der die ruchlose Hand nach seinem Fürstenhut ausstreckte, und nach ihr, die ihm theurer war als seine Fürstlichkeit, als die ganze Welt! Durchlaucht haben gerufen, sagte Herr Gleich, der schon seit einer Minute hinter seinem Herrn stand und jetzt that, als ob er eben in das Zimmer getreten sei. Ah, Du bist es, Andreas, sagte der Fürst; es ist gut, daß Du kommst. Du kannst mich zu Bette bringen, ich fühle mich sehr unwohl; gieb mir Deinen Arm. Durchlaucht nehmen sich Alles so sehr zu Herzen, sagte Herr Gleich, als er seinen Herrn zu Bett gebracht hatte, und nun, ein paar Garderobestücke über dem einen Arm und die andere Hand an dem Zuge der Gardine, vor dem Bette stand. Die Menschen danken es Durchlaucht schlecht genug. Wenn ich sehe, wie Durchlaucht um den Herrn Doctor bekümmert ist, und der Herr Doctor nichtsdestoweniger fort will, ich sage immer bei mir: Andreas, sage ich, der geht auch nicht von ungefähr, den treibt etwas von hier. Du hast ihn nie leiden können, sagte der Fürst. Und ist doch sonst ein recht leidlicher Mensch, sagte Herr Andreas so vor sich hin. Es werden viele Thränen vergossen werden, wenn er nun fortgeht. Befehlen Durchlaucht, daß ich die Gardine schließe? Ich befehle Dir, daß Du heraussagst, was Du auf dem Herzen hast, rief der Fürst heftig. Herr Andreas zog die buschigen Brauen zusammen. Die Entscheidung kam ihm ein wenig zu früh; war er doch selbst noch nicht ganz entschlossen, welchen von beiden Trümpfen, die er in der Hand hielt, er ausspielen solle. Was sein Herr hören wollte, wußte er sehr genau, und möglich war es ja auch, daß sie es jetzt mit dem Grafen hielt, wie vorher mit dem Doctor. Der Brief, von dem ihm Dietrich erzählt, war verdächtig genug, und wenn der Dummkopf ihn aufgebrochen hätte, wäre vielleicht was zu machen gewesen, so aber war das nichts. Und den Grafen haßte der Fürst ohnedies. Und dann, sobald der Graf in's Spiel kam, nahm die Sache eine gefährliche Wendung; mit dem Doctor war es weniger gefährlich und schließlich sicherer. Wird's? sagte der Fürst. Da Durchlaucht befehlen, sagte Herr Andreas, so ist's freilich meine Pflicht, und da es ja nun doch zu Ende geht, ist's auch schließlich einerlei, wenn ich sage, er hätte niemals kommen sollen. Ich hätte freilich alles Andere eher erwartet, murmelte der Fürst. Er will nicht darauf anbeißen, sagte Herr Andreas bei sich, und laut sagte er: Wenn man so drei Jahre lang Tag für Tag sich sieht und jung ist und schließlich doch – Von wem sprichst Du? rief der Fürst in die Höhe fahrend. Von dem Herrn Doctor Horst, Durchlaucht. Du bist ein Dummkopf, Alter, sagte der Fürst, sich wieder in die Kissen lehnend. Herr Andreas biß sich auf die dünnen Lippen. Aber er war jetzt zu weit gegangen, um nicht noch weiter gehen zu müssen; und daß er ein Dummkopf sein solle, ärgerte ihn auch. Durchlaucht meinten sonst wohl, daß ich Alles höre und sehe, was um mich her passire; und wenn man so zusammennimmt, was man in diesen drei Jahren gehört und gesehen hat – Er schwieg; der Fürst lag nachdenklich da. Unmöglich wäre es nicht, murmelte er, und erklärte mir schließlich Manches. Der arme Mensch, freilich – da konnte er wohl nicht länger bleiben. Aber weshalb hast Du mich nicht früher darauf aufmerksam gemacht? Ich dachte nicht, daß Durchlaucht es so leicht nehmen würden. Was ist da schwer zu nehmen? Freilich, freilich, die arme Motte, die sich die Flügel verbrennt – man sieht das so ruhig mit an, aber es mag wehthun, recht weh! Ja wohl, Scheiden und Meiden! sagte Herr Andreas. Und deshalb meinte ich auch vorhin, es werden viele Thränen vergossen werden, wenn er fortgeht. Der Fürst sah seinen Vertrauten mit großen Augen starr an. Du kannst die Gardine schließen, Andreas. Herr Andreas that, wie ihm geheißen und verließ leisen Schrittes das Gemach. Aber die Thür hatte sich kaum hinter ihm geschlossen, als der Fürst die Vorhänge wieder auseinanderriß und, im Bett aufgerichtet, in die Dämmerung starrte, welche die Nachtlampe in dem großen kostbaren Gemache verbreitete. Das also meint der Andreas? Darauf haben seine Anspielungen früher und später, die ich nie recht verstand, hinausgewollt? Nun, es mag ja sein – von seiner Seite; und eine gewisse Theilnahme von der ihren ist gewiß nicht wegzuleugnen; aber auch nur ein ernsteres Engagement! – Pah, wo der Andreas die Augen gehabt haben mag! Und sollte der kluge alte Mensch wirklich nicht sehen, was ich so klärlich sehe, was auch Stephanie offenbar sieht und – sie wollte ihn fort haben, ehe der Andere kam! Fürchtete sie ihn, dessen treue Ergebenheit sie kannte, von dem sie vielleicht wußte, daß gerade er sie schärfer beobachten würde? – Und wie schlecht sie ihn seitdem behandelt; das muß ja Allen auffallen, und vorhin diese Gleichgültigkeit nach dem ersten Schrecken! Ja, ja, er weiß darum, auch er; auf mich ging es, was er da vorhin phantasirte: morde nicht den heiligen Schlaf! – ja, ja, ich habe Euch zu tief geschlafen! Wer hätte das gedacht, daß der alte Mann noch so viel Blut hat! – beim Himmel, noch habe ich Euch zu viel Blut! Der Fürst schrak zusammen; es war ihm, als hätte eben, dort in der dunklen Ecke, eine Gestalt gestanden mit einem Messer in der Hand. Aber was er gesehen, war nur das lebensgroße Porträt seines Vaters gewesen, und das Messer eine weiße Rolle, welche der Vater in der Hand hielt. Ein Aufflackern der Nachtlampe mochte das Bild für einen Augenblick etwas heller getroffen haben. Es ist Dein Blut, das in meinen Adern fließt, murmelte der Fürst. Du hast mir Deine Gestalt gegeben, Deine Züge, ich gleiche Dir in Allem, nur daß ich noch unglücklicher bin, als Du. Auch sie, die Du so heiß liebtest, meine Mutter – sie konnte Dich dem schlechteren Manne opfern; aber sie hatte Dich doch einmal geliebt; Du hast sie einmal besessen, und es war doch Dein Sohn, der Dir im Erbe folgte, für den Du Deine stolzen Pläne träumtest, mit dem Du von Deinen stolzen Plänen sprechen konntest. Aber ich! ach, ich muß ja immer nur von den Früchten leben, die meine Hand nicht erfassen kann, mit dem Wasser meinen Durst löschen, das unter meinen Füßen verrinnt! Und der stolze Traum Deines Lebens trat Dir doch einmal in fester, greifbarer Gestalt entgegen. Es war eine Lüge, aber sie kam von den Lippen des Herrn der Welt. Wer mag Dir verargen, daß Du daran glaubtest! Ich, ich habe den Neffen statt des Onkels, und ihn nicht einmal selber – seinen Abgesandten nur, der heimlich auf heimlichem Wege zu mir schleicht, dem Wege des Verräthers! Dennoch, dennoch! so habe ich dies Preußen nie gehaßt wie jetzt; ich könnte jetzt thun, was ich vorher nicht gethan hätte. Und wieder schrak der Fürst zusammen. Ein furchtbarer Sturm brach jählings herein. Vor dem Fenster des Schlafgemaches im Schloßgarten sauste und donnerte es durch die hohen Wipfel der Bäume und prallte gegen die Mauern und pfiff um die Thürme, und das alte Fürstenschloß bebte bis in seinen tiefsten Grund, als ob es fühle, daß es die längste Zeit auf seinem Felsen gestanden habe und nothwendig untergehen müsse, wenn sein Herr so furchtbare vaterlandsverrätherische Gedanken hegte, wie sie jetzt durch sein überreiztes Gehirn jagten und hasteten und immer wieder kamen, und nicht weichen wollten, wie tief er auch das graue Haupt in die seidenen Kissen drückte und den Schlummer herbeisehnte, der ihn, und wäre es auch nur auf wenige Minuten, von seinen Qualen erlösen sollte. Elftes Kapitel. Dem Regensturm der Nacht war ein wonniger Morgen gefolgt. Um die grauen Zinnen des alten Fürstenschlosses fluthete das goldene Julilicht so heiß, daß man die feuchten blauen Schatten in den tiefen Höfen bereits als eine Wohlthat empfand. Von den Terrassen, wo die Gärtner mit ihren Gehilfen eifrig beschäftigt waren, die Schäden der letzten Tage zu beseitigen und zu ersetzen, stieg ein warmer Duft aus unzähligen Blumen und Blüthen. In dem frisch glänzenden Laub der Bäume zwitscherten und sangen und schwirrten die Vögel; aus den schimmernden Wiesen unten im Wildpark wallten leichte Nebelstreifen durch die Schluchten hinauf in die Wälder, während die höheren Partien der Berge bereits in vollem Glanze strahlten. Hermann stand an dem Fenster seines Schlafzimmers und betrachtete lange das reizende Schauspiel. Wer hätte das gestern denken können, sprach er bei sich; gestern schien es, als wollte die Natur den dunkeln Trauermantel, in den sie sich gehüllt, nimmer wieder ablegen, und heute lacht sie und strahlt sie wie eine glückliche Braut. Könnte man es dem Unglücklichen als Schwäche anrechnen, wenn er nicht ungerührt bleibt von diesem milden Zuspruch, wenn er der holden Botschaft, die Himmel und Erde zu verkünden scheinen, freudig lauscht, wenn in den verdüsterten Sinn der fromme Glaube wiederkehren will, daß noch Alles, Alles sich wenden kann? Aber ich bin zu bitter enttäuscht worden und die Qual des gestrigen Tages war zu groß. Es bedurfte dieses Zeichens nicht. Er stützte die Stirn in die Hand, die nach der Fiebernacht noch immer schmerzte, und starrte wieder in die Landschaft, lange Zeit, und dann schüttelte er wehmüthig den Kopf und machte eine Bewegung, wie wenn man ein Buch leise zumacht. Was sollte ihm das jetzt! Es würde noch manche Stunde kommen, wo er in diesem Buche blättern konnte nach Herzenslust und Herzensschmerz. Denn nun sollte geschieden sein. Schwach, wie er sich fühlte, er hatte jetzt die Kraft; und er war dankbar, daß er die Kraft hatte und doch sein Herz nicht mehr raste und tobte wie die Tage vorher; nein, wenn auch ein wenig dumpf, doch ruhig und gemessen schlug, wie das Herz eines Menschen wohl schlagen kann, der scheiden muß, aber gern in Frieden scheiden möchte. In Frieden – in Frieden mit Allem und Allen, damit ich Frieden habe in mir selbst, den Frieden, der mein Herz erfüllte, bevor mir das Schicksal diese Prüfung brachte, die ich so schlecht bestanden habe. Ich glaubte, ein Eingeweihter zu sein und ein Meister des großen Geheimnisses und das Wort aus dem Grunde zu verstehen, welches das trübe Räthsel dieser Welt löst, das große feierliche Wort: Entsagung. Ich sehe jetzt, wie sehr ich Anfänger war, wie viel ich noch zu lernen hatte. Gleichviel, die Prüfung liegt hinter mir; ich lebe, ich athme noch, und so kann ich sühnen, was ich gefrevelt habe gegen den heiligen Geist der Freiheit und der Wahrheit. Ich habe in Ketten gelegen, die ich mir selbst geschmiedet; so kann ich mich auch selbst befreien. Ich spotte dieser Ketten nicht, sie haben mir die Glieder allzu wund gedrückt, aber fallen sollen sie von meinen Händen, wie sie von meiner Seele bereits gefallen sind. Ein paar Federstriche, und ich bin äußerlich so frei, wie ich im Herzen meines Herzens bin. Er ging in sein Zimmer und setzte sich, um an den Fürsten zu schreiben. Es war im Grunde nur eine Schwierigkeit zu beseitigen, aber Hermann fand bald, daß sie nicht so leicht zu beseitigen war. Er hatte dem Fürsten versprochen, ihn nicht durch ein allzu plötzliches Scheiden seinen Gästen gegenüber in Verlegenheit zu bringen; er hatte der Gräfin selbst zugesagt, nicht von Roda fortzugehen, bis ein Ersatz für ihn vorhanden sei. Es waren zu diesem Zweck bisher keine Schritte geschehen; und daß man seinem Rothebühler Collegen, der vor einer halben Stunde von ihm gegangen, keinen einigermaßen schwierigen Fall anvertrauen könne, wußte er nur zu gut. Es war eine lästige Verpflichtung; aber lästig oder nicht, er war nicht gewohnt, es mit einer Pflicht leicht zu nehmen. So ließ er denn seine Studiengenossen von der Universität her Musterung passiren, ob nicht Einer unter ihnen sei, der sein Nachfolger werden möchte. Sie befanden sich Alle in auskömmlichen, zum Theil angesehenen Stellungen. Es war nicht anzunehmen, daß irgend Einer von ihnen das schon Erreichte mit einem Posten vertauschen werde, der für einen strebsamen oder gar ehrgeizigen Mann wenig Anziehungskraft haben konnte. Hermann fühlte wieder einmal tief, daß er hinter dem großen Heereszuge zurückgeblieben war, ein Nachzügler, der in der Oede seinen Weg verloren. Und doch mußte Rath geschafft werden. Aber war denn das seine Sache? oder seine Sache allein? Das Einfachste schien, sich direct an den Grafen selber, an den zumeist Betheiligten, zu wenden und ihn aufzufordern, seinerseits die Angelegenheit zu betreiben. Es konnte dem vornehmen Herrn ja nicht allzu schwer fallen, sich einen Arzt zu schaffen; man brauchte sich doch sonst keinen Wunsch zu versagen. So legte er denn den angefangenen Brief an den Fürsten beiseite, um dem Grafen in wenigen Zeilen seine Bitte vorzutragen, und er hatte eben das Billet unterzeichnet, als der Diener anfragte, ob der Herr Graf sich persönlich nach dem Befinden des Herrn Doctors erkundigen könne. Hermann erhob sich, dem Grafen entgegenzugehen, der alsbald in das Zimmer trat. Der Tausend, sagte der Graf lachend, das hätte ich gestern Abend nicht erwartet, als die Nachricht von Ihrem Unfall wie eine Bombe in unsere Gesellschaft fiel und eine fürchterliche Verwirrung anrichtete. Man muß an die Hilfskraft und Heilkraft eines Arztes glauben, der sich selbst so schnell helfen und heilen kann. Und doch scheint nach Allem, was ich gehört, der Fall ein sehr ernster gewesen zu sein. Wie haben Sie denn das nur angestellt? Ich wollte mich gegen den Regen schützen, erwiederte Hermann, und vergaß dabei, daß der Sturz mit einem schlecht geführten Pferde noch empfindlicher werden kann, als der stärkste Regen. Also ganz wie ich dachte, sagte der Graf. Nun, ich kann mir lebhaft vorstellen, wie Ihnen in dem Augenblick zu Muthe gewesen ist. Aber Sie werden mir zugeben, daß Ihre Patienten Ihnen Ehre machen und ich freue mich jetzt, wo Sie selber Patient sind, doppelt, daß ich heute Morgen endlich im Stande war, die leidige Binde abzulegen. Ich wünsche, daß es nicht zu früh geschehen sei, sagte Hermann. Wollen wir noch einmal nachsehen? Ich möchte Sie nicht gerne derangiren, sagte der Graf. Wie Sie meinen, sagte Hermann. Doch würde ich rathen, sich noch für die nächsten Tage einiger Vorsicht zu befleißigen, wenn Sie bald wieder in den vollen Gebrauch Ihres Armes kommen wollen. Ob ich will; sagte der Graf. Gewiß will ich das. Mein Urlaub ist freilich erst am sechszehnten zu Ende, aber die Rolle eines Einarmigen würde mir auch bis dahin zu lange dauern. Und wer weiß denn, wie bald wir nicht beide Arme brauchen werden. Ich habe heute Morgen Briefe aus Berlin erhalten. Man beruft sich darin auf ein bedeutendes Ereigniß, das gestern stattgefunden haben soll; als ob uns hier die Zeitungen in's Haus gebracht würden, wie in der Behrenstraße; als ob wir hier nicht immer einen oder zwei Tage hinter der Weltgeschichte zurück wären! Ich habe keine Ahnung, was sich ereignet haben kann, wenn der König im Bade und Graf Bismarck in Varzin ist; und doch muß die Sache bedeutend sein, da mein Korrespondent, sonst ein klarer, nüchterner Kopf, ganz vergißt zu sagen, was es ist. Nur so viel geht aus Allem hervor, daß es sich um eine Differenz mit Frankreich handelt – ein Gewitter, das schon seit lange in der Luft steht und früher oder später – und meinetwegen lieber früher als später – doch einmal losbrechen mußte. Wir bekommen ja heut französischen Besuch; vielleicht kann man da etwas Näheres erfahren. Aber nun will ich Sie auch nicht mehr langweilen. Sie waren beschäftigt, wie ich sehe. Der Graf war aufgestanden und hatte Mütze und Handschuhe ergriffen, die er vor sich auf den Tisch gelegt. Ja so, sagte er, da wäre es mir bald gegangen wie den Leuten, auf die ich noch eben gescholten. Meine Frau, die sich Ihnen nebenbei bestens empfehlen läßt, hatte ebenfalls heute Morgen einen Brief aus Berlin, von ihrer Mutter erhalten. Die Gräfin wollte, wie Sie wissen, erst im nächsten Monat zur Entbindung meiner Frau kommen, frühestens zum Geburtstage des Fürsten am sechszehnten; sie hat sich nun aber doch besonnen, sagen wir: besinnen können, da ihre Prinzessin diesmal früher als sonst zum Herzog nach Hause reist und sie also auch früher als sonst ihre Ferien hat, die sie natürlich hier zubringen will. Sie wird schon in den nächsten Tagen eintreffen, das heißt – wir haben heute den sechsten – am achten oder neunten, und – Sie werden daran sofort die überängstliche Mama erkennen – in Begleitung ihres Hausarztes, des geheimen Rathes Winkler. Ich habe meine Frau ausgelacht, aber was soll man thun, wenn man Frieden haben will? Die guten Geschöpfe meinen es ja nicht bös, auch wenn es einen noch so bösen Anschein hat; und ich muß meiner Frau nachsagen, daß sie diesmal gänzlich außer Schuld ist und die Schwäche ihrer Mama nicht minder peinlich empfindet, als ich. Ich bin überzeugt, daß Sie sich in unsere Lage versetzen können. O gewiß, sagte Hermann, und ebenso werden Sie, wenn Sie die Güte haben, einen Blick auf dies Blatt zu werfen, mir nachfühlen können, aus welcher peinlichen Situation Sie mich durch Ihre Mittheilung gerissen haben. Ah, sagte der Graf, die Zeilen überfliegend, Sie wollen ernstlich fort? Sie erinnern sich, Herr Graf, daß ich bereits vor Ihrer Ankunft den Fürsten um meine Entlassung gebeten hatte und nur auf den dringenden Wunsch Sr. Durchlaucht geblieben war. Allerdings, allerdings, sagte der Graf, um unserthalben; ich meine, um der Gräfin willen. Das arrangirt sich ja nun Alles recht schön. Ich darf von Ihrer Mittheilung Gebrauch machen? Und er faltete das Blatt zusammen und steckte es in die Tasche. Doch nur der Frau Gräfin gegenüber, wenn ich bitten darf, Durchlaucht müßte wohl – Was Sie ihm mitzutheilen haben, von Ihnen selbst erfahren, fiel der Graf schnell ein. Nun, natürlich, das versteht sich ja von selbst. Aber noch einmal, ich will nicht länger stören. Guten Morgen, Herr Doctor. Hermann schaute mit bitterem Lächeln auf die Thür, durch die sich eben der Graf entfernt hatte. Da habe ich mir wieder einmal eine recht unnöthige Sorge gemacht, sprach er bei sich. Daß Unsereiner doch so schwer begreift, wie leicht er zu entbehren ist! Nun, Gott sei Dank, der Weg steht offen, und diesmal will ich ihn bis zu Ende gehen. Er nahm den Brief an den Fürsten wieder vor. Was er geschrieben, paßte nach der Mittheilung des Grafen nicht mehr; er mußte von vorn beginnen. Die Situation war ja jetzt so viel einfacher; dennoch wollten die rechten Worte nicht kommen. Die dumpfe Schwere in seinem Kopfe wurde immer peinlicher. Wiederholt mußte er absetzen; endlich brachte er mit Mühe einige Zeilen zu Stande, die ihm, als er sie überlas, gar nicht genügten, die er aber dennoch einsiegelte und adressirte. Durchlaucht sind in Conferenz mit Herrn von Zeisel und dem Herrn Kanzleirath, sagte der Diener; ich werde das Billet schwerlich anbringen können. Versuchen Sie es dennoch. Ganz gewiß, Herr Doctor. Der Diener war gegangen. Man wird zuletzt gar noch selber egoistisch, sagte Hermann. Aber Jeder ist sich selbst der Nächste. Er mußte lächeln, als er die Worte laut und ernsthaft gesagt hatte. Eine neue Weisheit in Deinem Munde, aber unter den Wölfen lernt man heulen. Was wäre jetzt zunächst zu thun? Das Zelt abzubrechen, unter dem Du so lange – zu lange gehaust. Es wird schnell genug geschehen sein. Er ließ seine Blicke durch das Zimmer schweifen. Wie viel gehörte ihm denn von dieser eleganten, ja reichen Ausstattung? Dieses bequeme Sopha nicht, auf dem er saß, dieser Tisch mit der prunkhaften Decke nicht, an dem er geschrieben, der große Spiegel nicht, in welchem er sein bleiches Gesicht sah – so gut wie nichts; die kleine medicinische Bibliothek, die Instrumente zu seinen physikalischen und chemischen Experimenten – das war Alles. Das Andere war nur das kostbare Gewand, in das man den Statisten hüllt, damit er an dem prächtigen Schauspiel schicklich Antheil nehmen könne, und das er wieder abzustreifen hat, wenn er verabschiedet wird. Und daran hatte ich diese ganze Zeit nicht gedacht! Und es lag doch so nahe, war so gar nicht zu übersehen, wenn man nur die Augen aufmachte. Aber ich war eben ein Blinder gewesen; die Welt ist nicht ganz so herrlich, wie ich sie geträumt, im Gegentheil, ein wenig nüchtern und ärmlich. Desto besser! desto leichter werde ich in Zukunft wach bleiben können. Und während er das bei sich dachte, sanken ihm die Wimpern über die schlummermüden Augen. Als er sie wieder öffnete, schien die Sonne hell in das Zimmer, von dem Hofe ertönte das Gerassel von Wagen, das Wiehern von Pferden und rufende Stimmen der Leute. Aber es dauerte Minuten, bis er sich dieser Umstände voll bewußt wurde. Endlich besann er sich, daß er geschlafen, lange geschlafen haben mußte. Er erinnerte sich, daß der Graf um Zwölf bei ihm gewesen, und seine Uhr wies auf Vier. Wankend erhob er sich und trat an's Fenster. Eine Equipage fuhr über den Schloßhof nach dem zweiten Hof, wo die Ställe und Remisen sich befanden; vor dem Portal standen mehrere Bediente in großer Livree; in dem Cavalierhause selbst war ein Kommen und Gehen und Oeffnen und Schließen von Thüren und jetzt wurde auch an seine Thür geklopft. Herr von Zeisel trat herein im Frack und weißer Binde und Weste, den Chapeau unter dem Arm, in der linken Hand ein Paar Glacés, während er die rechte Hermann entgegenstreckte. Was werden Sie von mir denken, liebster Freund, rief er, daß ich mich den ganzen Morgen noch nicht um Sie bekümmert habe! Aber zuerst, wie geht es Ihnen? Was machen Sie? Der Graf sagte, er habe Sie vollkommen wohl verlassen. Ist es wahr? Ich finde, Sie sehen sehr angegriffen aus und Ihre Hand ist heiß: Sie haben noch immer Fieber. Ich denke, nein, sagte Hermann; ich komme eben aus dem Schlaf. Und ich habe Sie aufgeweckt, sagte der Cavalier. Wie dumm! ich will auch gleich wieder gehen. Bleiben Sie lieber, sagte Hermann, ein paar Minuten wenigstens, und erzählen Sie mir, was es giebt. Eine halbe Stunde kann ich bleiben, sagte der Cavalier, neben Hermann auf dem Sopha Platz nehmend. Ich habe möglichst schnell Toilette gemacht, um noch ein wenig mit Ihnen zu plaudern. Und was es giebt? Aber Sie haben ja geschlafen, sagten Sie. Vier Stunden. Vier Stunden, das ist aller Ehren werth. Nun, ich finde das begreiflich nach solcher Nacht. Sie haben mir rechte Sorge gemacht. Und Sie haben mich so treulich behütet; ich habe Ihr gutes Gesicht wohl von Zeit zu Zeit gesehen, wenn ich einmal aus meinem Torpor aufwachte. War nicht auch der Fürst da? Gewiß, sagte Herr von Zeisel; auch Gleich und selbst der Graf auf eine Minute. Ich habe sie Alle weggeschickt, um allein bei Ihnen zu bleiben. Warum das? Der Cavalier sah Hermann mit einem halb schelmischen, halb verlegenen Lächeln an. Sie führten so seltsame Reden, Sie Verschlossenster der Menschen, und da dachte ich, es wäre am Ende besser, wenn Jemand bei Ihnen blieb, der ein so windiges Gehirn hat, wie Ihr ergebenster Freund und Diener. Nun, sagte Hermann, was für Reden waren das? Mir dürfen Sie es schon sagen; mir erzählen Sie jedenfalls nichts Neues. Wir sprechen ein andermal darüber, sagte der Cavalier lachend. Lieber jetzt gleich, sagte Hermann. Sie sehen, ich bin noch etwas nervös; nichts regt mehr auf, als eine unbefriedigte Neugier. Nun denn, sagte Zeisel, Sie lieben. In der That; habe ich das gesagt? Nicht geradezu, aber doch verständlich genug. In Gegenwart des Fürsten? fragte Hermann, dem das Blut in die Schläfe schoß. Nein, da führten Sie nur wirre Reden: Reminiscenzen aus Macbeth, die mir nebenbei etwas peinlich waren. Ein älterer Herr und Fürst läßt sich nicht gern mit dem gnadenreichen Duncan vergleichen und sich daran erinnern, daß er noch so viel oder zu viel Blut hat, ich weiß nicht, wie es heißt; aber später, als ich allein bei Ihnen war – lieber Freund, Sie sprachen fürchterliche Dinge und tauchten so viele imaginäre Dolche in das Herz eines gewissen Herrn, daß mir's heute Morgen ordentlich leicht um's Herz wurde, als ich ihn lebend vor mir sah. Wie ist Ihnen diese Leidenschaft nur so plötzlich gekommen? Aber habe ich ein Recht, danach zu fragen, der ich die schönste der Frauen selber anbete! Und das treibt Sie nun wirklich von uns? Sie sprechen in Räthseln, lieber Freund, die zu lösen ich außer Stande bin. Was meinen Sie? Ich möchte Sie um Alles in der Welt nicht betrüben, liebster Freund, erwiederte der Cavalier. Aber ich glaube es unserer Freundschaft schuldig zu sein, wenn ich Ihnen nicht verhehle, daß mir sogar der Fürst mindestens eine Ahnung des wahren Motivs Ihres plötzlichen Entschlusses zu haben scheint. Unmöglich! rief Hermann. Ich war zugegen, fuhr der Cavalier fort, als ihm Ihr Brief überbracht wurde. Er las ihn, reichte ihn mir und sagte: Was heißt dies? Ich zuckte natürlich discret die Achseln und murmelte etwas von: doch einmal einen Entschluß fassen müssen, als ich den Fürsten so ganz in Gedanken verloren vor sich hin sagen hörte: vielleicht ist es besser für ihn, wenn ich ihn jetzt auch weniger missen kann, als je vorher; und dann, Sie kennen ja sein ironisches Lächeln, fügte er hinzu, immer in demselben verlorenen Ton: die Gräfin wird untröstlich sein, der Graf wird sich zu trösten wissen. Hermann athmete auf. Und daraus schließen Sie? Ich schließe gar nichts, ich sage gar nichts, als daß es schändlich von Ihnen ist, jetzt, gerade jetzt zu gehen, wo Sie mich, der ich so lange eine subalterne Rolle gespielt habe, in meinem Glanze sehen könnten. Das sage ich Ihnen aber gleich: vor dem sechszehnten lasse ich Sie nicht weg und wenn Ihnen das Herz sechszehnmal bricht. Ich habe ungeheure Projecte; ich werde mich selbst übertreffen, und das Alles mit hoher obrigkeitlicher – will sagen durchlauchtiger Bewilligung. Denken Sie sich, liebster Freund, vorhin, als ich schon meine letzte Verbeugung gemacht zu haben glaubte, sagt der Fürst: Ich weiß, daß meine guten Rothebühler die liebenswürdige Gewohnheit haben, sich meines Geburtstages zu erinnern. Sie werden es auch diesmal thun. Nur sind ihre Aufmerksamkeiten meist besser gemeint, als sie geschmackvoll sind. Und doch wäre auch das Letztere, da wir das Haus voller Gäste haben, diesmal wirklich wünschenswerth. Wie wär's, lieber Zeisel, wenn Sie, so ganz unter der Hand, die Sache ein wenig in die Hand nehmen wollten. – Sie werden mir zugeben, liebster Freund, der Wink war deutlich, sehr viel deutlicher, als Durchlaucht sonst zu winken pflegen. Aber die Sache ist, daß ein wenig Eifersucht gegen den Grafen mit unterläuft, vor dem man sich nicht ungern als vielgeliebten Landesvater zeigen möchte. Freilich darf man auch den französischen Gästen nichts zu lachen geben; der Marquis sieht ohnedies trotz seiner glatten Manieren aus, als ob er sich innerlich fortwährend über uns lustig machte. So ist der Marquis gekommen? Ja, Sie Mann aus dem Monde, vor einer Stunde bereits, mit Extrapost wie der Teufel, er und sein Secretär nebst einem Kammerdiener und zwei Bedienten – eine ganze kleine Carawane. Außerdem waren, wie Sie sich erinnern – oder auch nicht erinnern, wann hätten Sie sich je um dergleichen bekümmert! – Herr und Frau und Fräulein Adele von Fischbach und Baron Neuhof nebst Frau Gemahlin zu heute geladen. Durchlaucht, der jetzt durchaus Hof halten will, hat zu morgen auch noch an Baron Manebach und die Herren von Kammerberg und von der Kuhruh Einladung ergehen lasten, und es thut ihm, glaube ich, beinahe leid, daß nun außer dem disreputirlichen alten Grafen Pechtiegel kein Adeliger mehr sechs Stunden in der Runde aufzutreiben ist. Uebermorgen kommt nun auch noch die Gräfin Excellenz, und dabei den Kopf voller Pläne für das Fest am sechszehnten! Deputation der ehrenwerthen Bürger, Serenade, Illumination, lebende Bilder, Festspiel: Barbarossa's Erwachen, Schlußtableau: Germania – blauer Rock, Berliner Blau natürlich, Brustharnisch, Gürtel von allerlei kostbaren Steinen, auf dem Haupte einen strahlenden Helm, in der Linken den Schild mit dem Reichsadler, in der Rechten den Flamberg – wozu hätten wir denn unsere Rüstkammer! – über ihr die wehenden Zweige der deutschen Eiche, im Hintergrunde die burgengeschmückten Ufer des alten Rhein! Und nun muß ich fliegen, um die Honneurs zu machen und im Vorbeigehen Ihren schuftigen Johann aufzugabeln, damit er Ihnen ein kleines feines Diner aus der Küche holt. Sie könnten gleich mit dem Secretär des Marquis speisen, der Migräne hat und auch nicht zur Tafel kommt. Er wohnt hier neben uns. Ich mußte ihn doch im Cavalierhause unterbringen, obgleich ich im Malortie nichts darüber finden konnte, wie es mit den Secretären französischer Marquis, die in Deutschland auf Entdeckungsreisen ausgehen, zu halten sei. Gleich nach der Tafel geht's nach Erichsthal in drei oder vier Wagen. Sie werden uns sehen, bewundern, gesund werden, hier bleiben, Zulage haben, mich hinauswerfen, wenn ich noch ein Wort spreche, und somit Gott befohlen! Der heitere junge Mann schüttelte dem Freunde die Hand und eilte davon. Hermann blickte ihm mit einem trüben Lächeln nach. Glücklicher Mensch, sagte er, wer doch auch wie Du das schwere Leben so auf die leichte Achsel nehmen und dabei so brav bleiben könnte! Ich weiß, Dir thut es leid, daß ich gehe, aber Du hast Dir darum Deine weiße Binde nicht weniger sorgfältig geknüpft und über Deine neuen Lackstiefel keine geringere Genugthuung empfunden. Ich möchte Dich wohl heute in Deinem Glanze sehen und Dein Winken und Stirnrunzeln, und Dein zufriedenes Lächeln, wenn Alles nach dem Schnürchen geht, ich möchte es wohl sehen! Aber Hermann sah, während er so sprach, nicht seinen Freund, sondern Hedwig, wie sie in der Bildergalerie, wo sich die Gesellschaft vor der Tafel zu versammeln pflegte, in ruhiger Anmuth dastand, die Verbeugungen der Herren mit jenem kaum bemerkbaren Neigen des Hauptes erwiedernd, das ihr eigenthümlich und, mochte sie Vornehm oder Gering grüßen, immer dasselbe war. Er sah sie sich zu den Damen wenden, und während sie die junge, hochmüthige Baronin Neuhof nur eben mit einem Blick der dunklen Augen streifte, das schüchterne Fräulein Adele von Fischbach mit ernster Freundlichkeit bewillkommnen. Der Fürst trat mit dem Marquis heran; der Franzose sagte ihr die verbindlichsten Dinge und der Graf verwendete keines seiner blauen, stahlharten Augen von der Gruppe, während er sich scheinbar mit der schönen Neuhof unterhielt; und nun trat Herr von Zeisel an Durchlaucht heran und flüsterte ihm ein paar Worte in's Ohr und Durchlaucht sagte laut: Darf ich die Herren bitten, während er selbst der alten Frau von Fischbach den Arm reichte. Und so weiter, sagte Hermann, heute und die folgenden Tage und in alle Ewigkeit. Was geht es mich noch an? Der Diener trat herein mit einem großen Präsentirbrett, eilfertig. Er bitte um Entschuldigung, er habe die Klingel des Herrn Doctor heute vielleicht einmal überhört, es gäbe heute gar so viel zu thun. Das Diner für den Herrn Doctor habe Herr von Zeisel selbst mit dem Chef verabredet; Herr von Zeisel lasse dem Herrn Doctor guten Appetit wünschen; und dann habe er auch noch eine Karte von dem französischen Herrn Secretär, dem er eben auch auf seinem Zimmer servirt habe, und der Herr Secretär lasse fragen, ob er dem Herrn Doctor nach Tische aufwarten dürfe. Johann wollte diensteifrig den Tisch decken, aber Hermann hieß ihn nur etwas Brod und Wein dalassen und das Andere wieder fortnehmen. Er habe keinen Appetit und Johann werde drüben im Schlosse wohl nöthiger sein. Der Mann ließ sich diese Erlaubniß nicht zweimal geben und verschwand so eilig, wie er gekommen war. Hermann nahm die Karte zur Hand, welche neben der Weinflasche auf dem Präsentirbrett lag, und las: M. Ludovic du Rosel. Der Name erweckte in ihm Erinnerungen an eine der trübsten und kummervollsten Zeiten seines Lebens, an die Zeit, als er noch am Hofe seines Königs und Herrn verkehrte und den Dank für die königliche Gnade, die dem Knaben und Jüngling auf der Schule und der Universität zu Theil geworden, in Form von Unterrichtsstunden in den Naturwissenschaften an die königlichen Kinder abtragen mußte. Die Stunden selbst hätte er gern gegeben, wäre es damit abgethan gewesen, aber das war es nun eben nicht. Er mußte viel Schlimmes mit in den Kauf nehmen, nichts Schlimmeres als die Berührung mit Menschen, die ihn für Ihresgleichen ansprechen zu können glaubten, weil sie sich mit ihm auf demselben Parquet begegneten, und die ihn nur zu oft mit einem Vertrauen beehrten, das für einen geraden Mann nichts weniger als erfreulich und oft geradezu beleidigend war. Unter diesen Menschen hatte sich auch eine Zeit lang ein gewisser Herr Charles Rosel befunden, der sich für einen Pariser ausgab, obgleich man ihm nachsagte, daß er aus einem Elsässer Dorf stamme und eigentlich Karl Rose heiße. Er hatte anfänglich in der Stadt von Privatstunden ein kümmerliches Leben gefristet und war dann – Niemand wußte wie – an den Hof gekommen, wo er sich durch seine große Gewandtheit schnell angenehm und bald unentbehrlich zu machen wußte. Dann war er – wiederum ohne daß Jemand zu sagen wußte wie aus dem Hofkreise und aus der Stadt und sogar aus dem Lande verschwunden. Man hatte natürlich darüber seine Glossen gemacht und den Namen des Herrn Rosel oder Rose in unliebsamste Verbindung gebracht, einmal mit einer gewissen königlichen Cassette, die man seit einigen Tagen vermißte, das anderemal mit dem Namen einer Dame aus der haute-volée , die eine plötzliche Reise zu ihren Eltern nach Galizien angetreten. Aber man war in diesen Kreisen an den kometarischen Lauf solcher Wandelsterne zu sehr gewöhnt, und nach kurzer Zeit war der Mann bis auf den Namen vergessen gewesen. Auch Hermann würde den Mann und seinen Namen vergessen haben wie die Anderen, hätte sich ihm nicht Herr Rosel auf eine gewisse Weise interessant zu machen gewußt durch verschiedene Unterredungen, die der Franzose auf das geschickteste herbeizuführen verstand und in denen er sich, wenn man ihm glauben wollte, als den glühendsten Freiheitsschwärmer dargestellt hatte. Hermann hatte ihm nie so recht glauben können – des Mannes Thun stand in zu auffälligem Gegensatz mit diesen seinen Bekenntnissen; ja es war ihm manchmal der Verdacht gekommen, ob die feurigen Tiraden des Herrn Rosel nicht einfach geschickt ausgestreute Leimruthen seien für die dummen Vögel, welche lange genug in der Sonne der königlichen Gnade geflattert hätten. Alles in Allem war ihm Herr Rosel ein Räthsel gewesen und geblieben und er hatte es für etwas mehr als ein Spiel des Zufalls gehalten, daß in des Mannes schmalem, grauem, von Leidenschaften durchwühlten Gesicht die dunklen Augenbrauen über der Nasenwurzel zusammenstießen, und er also auch äußerlich war, was man in der Volkssprache hie und da ein Räthsel zu nennen pflegt. An das Alles dachte Hermann und er blickte mit einiger Spannung auf, als jetzt gepocht wurde, die Thür sich öffnete, ein Herr schnell hereintrat und mit ausgestreckter Hand auf ihn zukam. Es war Herr Charles Rosel. Zwölftes Kapitel. Sie erinnern sich meiner nicht mehr, sagte der Herr, indem er die Hand, welche Hermann zu erfassen keine Miene machte, mit einer geschickten Bewegung zurückzog. O doch, sagte Hermann, nur daß die Verschiedenheit der Namen – Charles Rosel oder Ludovic du Rosel, wie Sie wollen, sagte der Herr; bei uns nimmt man das weniger genau als bei Euch, und nebenbei habe ich ein wirkliches Recht zu beiden Namen, welche jeder nur ein Theil meines vollständigen Namens sind: Charles Ludovic du Rosel. Und Herr Charles Ludovic du Rosel verbeugte sich noch einmal. Wollen Sie Platz nehmen, sagte Hermann. Ich hörte zu meinem Bedauern, daß Sie unwohl seien, sagte Herr Rosel, indem er der Einladung alsbald Folge leistete, und daß Sie bei Tafel nicht erscheinen würden. Ich beschloß sofort, diese Gelegenheit womöglich zu benützen und Sie um eine Privatunterredung zu bitten, damit ich Ihnen ein paar Briefe übergeben und, falls es Ihnen genehm ist, mit Ihnen weiter darüber plaudern kann, nachdem Sie dieselben gelesen. Er hatte bei diesen Worten zwei Briefe aus seinem Portefeuille genommen, welche er jetzt Hermann mit einem Lächeln auf den dünnen Lippen überreichte. Ich weiß in der That nicht – sagte Hermann. Bitte, lesen Sie, sagte Herr Rosel. Das Räthsel, welches den Mann umgab, war noch immer so dicht und dunkel, wie es seine Augenbrauen waren. Als Herr Rosel damals vom Hof verschwand, war strenge Ordre gegeben, vor den höchsten Herrschaften mit keiner Sylbe des Vorfalls Erwähnung zu thun, selbst den Namen des Mannes nicht zu nennen. Und hier in diesem Briefe von höchster Hand wurde der treue und bewährte Freund des Hauses aufgefordert, dem Ueberbringer ein unbedingtes Vertrauen zu schenken; und in dem zweiten Briefe von der Hand eines Mannes, der an dem Hofe der verbannten Königsfamilie stets eine große und verhängnißvolle Rolle gespielt, bat man ihn, ohne Furcht dem bewährten Führer auf dem Wege zu folgen, welchen die Vorsehung so sichtbar vorgezeichnet, bis zu dem Ziele, das für alle Welfenherzen nur eines und dasselbe sein könne. Ich erlaube mir nicht den mindesten Argwohn hinsichtlich der Authenticität dieser Schriftstücke, sagte Hermann, nachdem er die Briefe mit einer immer wachsenden Unruhe gelesen; auch stimmt die Adresse gewiß, und doch kann gar kein Zweifel darüber sein, daß sie an eine falsche Adresse gerichtet sind. Darf ich Sie deshalb bitten, diese Briefe wieder zu sich zu nehmen? Sie wollen sagen? fragte Herr Rosel, indem er Hermann's Aufforderung Folge leistete mit der Bereitwilligkeit eines coulanten Kaufmanns, der eine Waare, die nicht angesprochen hat, zurücknimmt. Ich will sagen, erwiederte Hermann, daß sich die hohe Frau, welche jene Zeilen geschrieben, in Beziehung auf mich in einem Irrthum befindet, der, wie aus dem zweiten Briefe hervorgeht, von Allen, welche sich in jenem Kreise bewegen, getheilt wird. Und dieser Irrthum bestünde? fragte Herr Rosel. Dieser Irrthum besteht in der Annahme, fuhr Hermann fort, daß ich bis zur Katastrophe ausgehalten habe aus persönlicher Anhänglichkeit, wie vielleicht Manche, oder um eines äußeren Vortheils willen, wie gewiß Viele, oder um der Sache willen, wie gewiß die Meisten. Ich aber blieb, weil ich die Last einer Dankbarkeit abzutragen hatte und sie nicht anders abtragen zu können glaubte. Unsereiner hat in einer solchen Lage nur sein Leben zu bieten. Ich habe es gethan; es ist nicht meine Schuld, wenn ich mit dem Leben davongekommen bin. Da es aber einmal geschehen ist, so glaube ich ein Recht zu haben, diesen Lebensrest für mich zurückzufordern. Ich verstehe Sie vollkommen, sagte Herr Rosel. Desto besser, sagte Hermann, denn das würde auch die Antwort sein, welche ich geben müßte und geben würde, sollte ich jene Briefe beantworten, die ich eben deshalb lieber als nicht an mich gerichtet ansehen möchte. Herr Rosel hatte, während Hermann sprach, wiederholt mit dem Kopfe genickt. Jetzt sagte er: Verzeihen Sie, mein Herr, wenn ich noch einen Augenblick einen Gegenstand verfolge, der Ihnen offenbar so peinlich ist. Ich glaube Ihnen nachfühlen zu können, was es heißt, gegen seine Ueberzeugung – Verzeihen Sie, mein Herr, unterbrach ihn Hermann, ich sagte nicht gegen meine Ueberzeugung; oder sagte ich es, so meinte ich: überzeugt wie ich war, daß eine Sache nicht siegen könne, die so schlecht vertheidigt wurde. Unter der Sache aber verstehe ich und verstand ich damals die Autonomie der deutschen Stämme gegenüber der Vergewaltigung, die von Preußen ausging, den Kampf der Freiheit, die ich liebte und für die ich leben wollte, gegen die Herrschaft einer brutalen Gewalt, die ich bis in den Tod haßte und als deren höchsten politischen Ausdruck ich den preußischen Militärstaat ansah. Und – halten Sie dem Boten, der einen Auftrag auszuführen hat, seine pedantische Genauigkeit zu gute – ist das heute noch Ihre Ansicht? Sollte diese Frage nicht bereits jenseits der strictesten Erfüllung Ihres Auftrags liegen? erwiederte Hermann. Sie haben Recht, sagte Herr Rosel. Mein Auftrag hat nichts mehr damit zu thun. Sie sind, das ist klar, für meinen Auftraggeber verloren. Aber ich selbst möchte Sie nicht so leicht verloren geben. Ich bitte um Verzeihung, wenn ich Sie nicht verstehe. Dann hätten Sie mich, hätten wir uns nie verstanden, sagte Herr Rosel, und das würde ich selbst Ihnen nicht glauben, wenn ich es aus Ihrem eigenen Munde hörte. Oder es wären nur Worte gewesen, wie Hamlet sagt, was wir sprachen an jenem Abend – Sie erinnern sich gewiß, Sie müssen sich erinnern – Sie kamen aus dem Gemache der Prinzessinnen, ich aus dem des Prinzen – wir trafen in dem Vorzimmer zusammen, gingen zusammen die Treppe hinab und hernach durch den Park, still. Jeder in seine Gedanken verloren, bis wir durch die Gänge der verschnittenen Taxushecken, vorbei an den verrenkten Sandsteingöttern und abgezirkelten Schwanenteichen, bis zum Fluß kamen, der vom Abendschein beleuchtet seine stillen Wasser durch umbuschte Ufer drängte. Drüben jenseits des Flusses zogen sich Wiesen, über denen eine Wolke Staare hin- und wiederschwebte; weiterhin in Abendduft und Abendgold verzitternde Felder, die endlich von einer blauen Hügelkette begrenzt wurden. Wir waren allein, kein Laut in der weiten Runde, kein Lauscher in der Nähe; wir sahen nach all der Unnatur, die hinter uns lag, endlich wieder ein Stück Natur vor uns, und da, werther Freund, öffneten sich unsere Herzen und wir fanden, woran ich meinestheils vom ersten Augenblicke an nicht gezweifelt hatte, daß wir, obwohl verschiedenen Stammes und verschiedene Sprachen redend, doch Angehörige waren eines und desselben Staates, des Staates der Vernunft und des Lichtes; Bürger waren derselben Republik der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, die keine Franzosen und Deutschen, die nur Menschen kennt. Welcher Mensch, ich meine, welcher gebildete Mensch unserer Tage bekennte sich nicht schließlich zu diesem schönen Glauben? sagte Hermann, der sich jenes Abends sehr wohl erinnerte, aber auch des Mißtrauens, mit welchem ihn schon damals die glänzenden Reden des Fremden erfüllt hatten. Nur mit dem Unterschied, fuhr der Franzose fort, daß bei den Einen dieser Glaube bleibt, bei den Anderen sich in die Praxis umsetzt; und ich müßte meine Menschenkenntniß nicht so theuer erkauft haben, wenn es möglich wäre, daß ich mich hier in Ihnen irrte, wenn Sie nicht zu der ecclesia militans des alleinseligmachenden Glaubens gehörten. Wir kamen damals dahin überein, erwiederte Hermann, daß dieser Glaube nur immer in wenigen, sehr wenigen Menschen zur thatfrohen Leidenschaft erglühen wird. Man sollte, erwiederte Herr Rosel, dergleichen Axiome niemals formuliren, die immer nur auf unserer Unkenntniß der actuellen Verhältnisse basiren. Ich hatte schon an jenem Abend die Empfindung, die bald so mächtig in mir wurde, daß ich die Probe auf das Exempel machen mußte und Knall und Fall mir liebgewordene Verhältnisse aufgab. Ich ging, ohne Abschied zu nehmen; wem außer Ihnen hätte ich auch sagen können, was mich in die weite Welt trieb! und daß ich Sie wiederfinden würde, sagte mir mein Herz. Ich war seitdem ein wenig überall, in der Schweiz, in Italien, Spanien, in England, Rußland, zuletzt wieder in meiner Heimath. Ich habe meine Ahnung bestätigt gefunden. Ich kann es jetzt mit Zahlen belegen, daß eine große, nach Hunderttausenden von Köpfen zählende republikanische Gemeinde über die ganze Erde verbreitet ist, die einig ist in ihren Principien, ja auch in den Mitteln und Wegen, die zum Ziele führen. Man hat es auf dem Congreß in Genf gesehen, sagte Hermann. Allerdings hat man es gesehen, erwiederte Herr Rosel, das heißt, der hat es gesehen, der zu sehen verstand, der es verstand, die ecclesia militans zu sondern von der großen Masse, die nie begreift und nie begreifen wird, daß die ultima ratio der Könige gegen ihre Völker auch das letzte Zufluchtsmittel der Völker gegen ihre Könige ist. Die Krönung des Gebäudes muß eben ohne Krone stattfinden. Ihr habt 1848 in Frankreich den Versuch gemacht, sagte Hermann, und habt es glücklich zum Imperialismus gebracht; wir beschäftigten uns in demselben Jahre theoretisch und practisch mit derselben Frage. Die Antwort darauf ist das Jahr Sechsundsechzig gewesen. Es kostete allerdings einigen Häuptern die Krone, aber nur um sie desto fester auf das Haupt eines Andern zu drücken. Nein, werther Herr, glauben Sie mir, die Freiheit der Völker in Ihrem Sinne ist eine Utopie ebenso, wie der ewige Frieden. Wer spricht vom ewigen Frieden! rief Herr Rosel. Doch nicht ich, der ich mich zu beweisen bemühe, daß wir nur durch den Krieg aus der Stelle kommen können, daß ein Krieg zwischen Frankreich und Deutschland das sicherste, ja das einzige Mittel ist, Deutschland von seinen Tyrannen zu befreien. Es ist ein Verbrechen, dies nur zu denken! rief Hermann. In den Augen dessen, der an den Worten klebt, erwiederte der Franzose, aber doch nicht für Sie, der Sie wissen, daß Frankreich und Deutschland – ich meine das Frankreich und Deutschland von heute – sich gar nicht mehr bekriegen können, daß beide Völker den Frieden wollen und, wenn der Krieg doch kommt – und er wird kommen, so wahr ich Republikaner bin – er von den Fürsten und nicht von den Völkern ausgeht und in seinen Folgen auf die Fürsten und nicht auf die Völker zurückfallen wird. Die Völker sind ewig, aber die Fürsten sind sterblich; für ein Volk ist ein Krieg ein Aderlaß, für die Fürsten ist er heutzutage eine Frage um Sein und Nichtsein. Ein Fürst, der aus dem Kampf als Besiegter hervorgeht, hat die Schlacht und hat die Krone verloren. Nun aber ist doch in dem Kampf zwischen Frankreich und Preußen nur zweierlei möglich: entweder Preußen siegt oder Frankreich. Im ersten Falle ist – glauben Sie Jemandem, der die Verhältnisse genau kennt – Frankreich nach der ersten verlorenen Schlacht eine Republik. Und in dem zweiten Falle? fragte Hermann. Lassen Sie mich noch ein wenig bei dem ersten bleiben, ,sagte der Franzose. Wir werden also die Republik haben und Ihr – nun, Ihr steht ja in dem Ruf, Euch gern in die Mode zu kleiden, die man soeben in Paris ablegte. Ihr werdet haben, was, wie es scheint, den Völkern nicht erspart bleiben kann, und besonders Euch Deutschen nicht, die Ihr politisch etwas schwerfällig seid, ich sage: Ihr werdet haben, was wir soeben los wurden, die militärische Dictatur und den Imperialismus, und da Ihr ein so ausnehmend gründliches Volk seid, vermuthlich in der allerschroffsten Form. Nun denn, wie ist es möglich, daß ein gründliches philosophisches Volk, wenn ihm Zeit gelassen wird, die beiden Formen, auf die heute wie im Alterthum alle politischen Exempel hinauslaufen, die Republik und den Absolutismus, zu studiren, den Absolutismus bei sich, die Republik bei seinen Nachbarn – daß, sage ich, ein solches Volk nicht zur Besinnung, zur Einsicht kommen und eines schönes Tages uns die republikanische Mode nachmachen sollte, wie es uns die imperialistische nachgemacht hat? Ohne daß Ihr dieselbe vorher ablegtet? Ohne daß wir sie vorher ablegten. Man verkauft seine Erstgeburt wohl einmal für ein Linsengericht, vielleicht auch zweimal, zum drittenmale gewiß nicht. Angenommen, sagte Hermann, obgleich nicht zugegeben; aber angenommen, das wäre der Verlauf der Dinge im ersten Fall, so sind Sie mir noch immer den zweiten schuldig. Wie nun, wenn Deutschland unterliegt, wenn Frankreich siegt? So steht die Sache freilich für uns viel weniger gut, obgleich nur hinausgeschoben ist, was uns, wie wir geartet sind, auf die Dauer doch nicht entgehen kann. Aber für Euch ist es profit tout clair . Ein besiegtes Preußen ist kein Preußen mehr; Ihr seid mit Einem Schlage die Hohenzollern los, das heißt den Alp los, der jetzt auf der deutschen Nation liegt. Deutschland kann und wird sich wieder auf sich besinnen, wird – aber Sie würden mich mit Recht auslachen, wollte ich Ihnen im Ernste auseinandersetzen, was aus Deutschland wird, werden muß, wenn es sich selbst wieder gewinnt. Und einige Provinzen verliert? Oder würdet Ihr Euch so große Dienste nicht bezahlen lassen? Nimmermehr! rief der Franzose, die Hand auf das Herz legend. Oder wenn es in der großmüthigsten aller Nationen egoistische Herzen gäbe, die sich den Dienst, welchen der Bruder dem Bruder leistet, bezahlen lassen wollten, so wird sich einfach zeigen, daß, was in einer barbarischen Zeit, die Gott sei Dank hinter uns liegt, ein Unglück und ein Uebel war, heute bei der Solidarität der Nationen keines von beiden ist. Oder können sich Brüder untereinander berauben? Bleibt der Raub nicht wenigstens in der Familie? Und werden nicht Frankreich und Deutschland, ja werden nicht alle Völker binnen kürzester Frist eine einzige Familie ausmachen: die große Familie der vereinigten Staaten Europas? Hermann schaute empor in die stechenden Augen, die unter der geraden Linie der Brauen unheimlich funkelten. Des Mannes ganzes Gesicht, in welchem alle Leidenschaften getobt hatten und nun ausgebrannt waren, war der Typ jener Spielergesichter, wie sie Hermann hie und da in den Bädern beobachtet. Der Mann hatte eben eine Volte geschlagen, und eine recht plumpe dazu. Das würde man in Wahrheit nennen können: corriger la fortune , sagte Hermann. Und warum nicht? rief der Franzose; le malheur est une bêtise , sagte der große Cardinal Richelieu. Weshalb hätte der kluge Mensch seine beiden Augen, als um die Launen des blinden, dummen Glückes nach seinem Vortheil zu lenken, und ebenso die Launen von Menschen, die zum Glück dazu verdammt sind, ewig blind und dumm zu bleiben! Der müßte allerdings sehr blind sein, der sich der Führung eines – so gewandten Lenkers anvertraute, sagte Hermann mit einem Spott, welchen zu verhüllen er sich nicht die Mühe gab. Und doch beweisen die Briefe, die ich Ihnen vorzulegen die Ehre hatte, daß es noch solche blinde Menschen giebt. Ich weiß nicht, wen ich mehr bedauern soll, den Blinden oder den Sehenden, sagte Hermann. Ich halte es mit den Sehenden, sagte der Franzose, ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen. Freilich heißt in diesem Falle nicht Alles sehen, nichts sehen. Und was heißt Alles sehen? Der Franzose warf von seinem Platz einen Blick durch das Fenster auf den Schloßhof, von welchem man schon seit einiger Zeit das Geräusch der Wagen gehört hatte, und blickte dann nach seiner Uhr. Ich will die Promenade mitmachen, sagte er, und habe also nur noch wenige Minuten. Aber in wenigen Minuten läßt sich viel sagen und – viel hören, wenn man will. Hören Sie also: Alles sehen, heißt sehen, daß der Krieg unvermeidlich ist. Es handelt sich immer nur um einen casus belli ; man hat ihn gefunden. In diesem Augenblicke werden bereits die Würfel geschüttelt, sind vielleicht schon gefallen. Binnen acht, höchstens vierzehn Tagen haben wir den Krieg, das ist keine Frage mehr, das ist ein fait . Das zweite aber ist eine Frage: soll es ein Krieg zwischen Frankreich und Deutschland sein, die sich lieben, oder ein Krieg zwischen Frankreich und Preußen, die sich hassen. Diese Frage zu entscheiden, steht nicht bei uns, sondern bei Ihnen, ich meine, bei den deutschen Republikanern, auf deren Weisheit wir französische Republikaner, die wir den Krieg haben wollen, haben müssen, von vornherein gerechnet haben und rechnen. Sollten wir uns verrechnen? Es ist unmöglich, wäre nur dann möglich, wenn die deutschen Republikaner nicht wissen sollten, was Castelar in Spanien schon längst ausgesprochen hat, was alle Republikaner in allen Ländern der Erde wissen: daß der stärkste Hort, die eigentliche Zwingburg des Absolutismus auf Erden die preußische Monarchie, der preußische Militärstaat ist. Fällt diese Burg in Trümmer, so ist die Republik, die Weltrepublik nur eine Frage der nächsten Zeit, über welche die Einsichtigen leicht hinweggehen. Bleibt sie stehen, wird sie sogar befestigt, so ist die Verwirklichung unserer Ideale vielleicht auf Jahrhunderte hinausgeschoben. Diese Burg aber kann nur fallen, wenn wir sie isoliren, wenn wir sie mit einem breiten Graben umgeben, den wir nicht graben können, den uns die Sklaven des Glückes: blinde Könige und verblendete Fürsten graben müssen, natürlich um hinterher selbst hineinzufallen und uns den Weg zu bahnen. Scheint Ihnen dieser Weg zu schwer, zu gefährlich? Werden Sie mir jetzt ein Vertrauen schenken, welches Sie mir vorhin verweigerten? Werden Sie mich jetzt als den erprobten Führer annehmen, dessen Hand Sie vorhin zurückwiesen? Die Wagen sind vorgefahren, meldete ein Diener, der eilends in das Zimmer trat. Sogleich, sagte Herr Rosel, und sich dann wieder zu Hermann wendend: Sie zaudern, einzuschlagen? Ueber Euch gründliche Deutsche! Aber ich kenne Euch ja nicht erst seit heute, und Sie, theurer Freund, Gott sei Dank, seit Jahren. Wir werden uns wiedersehen, wieder sprechen, und dann wird die letzte Wolke des Zweifels schwinden, die ich jetzt noch auf Ihrer Stirn bemerke. au revoir ! Herr Rosel ergriff seinen Hut und eilte davon, Hermann in unaussprechlicher Aufregung zurücklassend. Was hatte er eben gehört? Was hieß dies? Was war dies? Die Phantasie eines hirnverbrannten Kopfes? Ein wohlüberlegter politischer Plan? Diese Briefe, die der Mann bei sich führte – seine zuversichtliche Sprache – die geheimnißvolle Hindeutung auf ein Ereigniß, dasselbe ohne Zweifel, von welchem man dem Grafen heute aus Berlin geschrieben; der sonderbare Accent, den der Fürst, so oft er in den letzten Tagen von dem bevorstehenden Besuche des Marquis gesprochen, darauf gelegt, daß derselbe ein alter Bekannter von ihm sei, der zu Privatzwecken Deutschland bereise – das Eintreffen des Fremden gerade in diesem Augenblick in Begleitung dieses Menschen – Großer Gott, sagte Hermann, wäre es möglich! Blinde Könige und verblendete Fürsten! Sollte er wirklich so verblendet sein und ich zu der Rolle ausersehen, ihn vollends blind zu machen? Er trat an das Fenster. Auf der anderen Seite des Hofes vor dem Portale hielten die Wagen. Die Gesellschaft stand auf der Rampe. Er sah Hedwig, wie er sie vorher im Geiste gesehen, Arm in Arm mit dem jungen Fräulein von Fischbach. Der Fürst unterhielt sich angelegentlich mit einem elegant gekleideten jungen Manne, den Hermann nicht kannte und der ohne Zweifel der Marquis de Florville war. Eben trat Herr Rosel heran und wurde, wie es schien, von dem Marquis dem Fürsten vorgestellt, der ihm mit großer Zuvorkommenheit die Hand reichte. Hermann durchzuckte es. Er hatte die Hand zurückgewiesen, die der Fürst jetzt in der seinen hielt! Der Marquis war zu Hedwig herangetreten und ging jetzt neben ihr. Es mußte eine scherzhafte Conversation sein. Der Marquis lachte und Hedwig lachte, heiter, ja übermüthig! Hermann trat von dem Fenster zurück, er mochte nichts weiter sehen, und während jetzt die Wagen aus dem dunklen Schloßthor in die sommerhelle Landschaft rollten, klangen ihm im Ohr die Worte des Dichters von dem Einsamen, der gar bald allein ist und den man seiner Pein läßt, während man lacht und liebt. Dreizehntes Kapitel. Sie sind zu gütig, Madame, sagte der Marquis de Florville, als er Stephanie in den Wagen half, in welchem außerdem der Fürst und Frau von Fischbach Platz genommen hatten. Die übrige Gesellschaft hatte sich auf die beiden anderen Wagen vertheilt, da der Graf und Baron Neuhof gebeten hatten, noch erst den Marstall des Fürsten besichtigen und dann zu Pferde nachkommen zu dürfen. Sie sind wahrlich zu gütig, wiederholte der Marquis, ich habe das schöne Wetter nicht mitgebracht, das schöne Wetter hat mich mitgebracht. Auch dafür müssen wir dem Wetter dankbar sein, sagte Stephanie. Ich bin es wenigstens und mit Recht, sagte der Marquis. Mein Gott, der erste Sonnenstrahl seit den acht Tagen, die ich in Deutschland reise! Wissen Sie, meine Damen, was das für einen Franzosen, und noch dazu für einen Südfranzosen sagen will, acht Tage ohne Sonnenschein! Sie können es nicht wissen, höchstens ahnen, wenn Sie denken, wie einem Deutschen zu Muthe ist, der acht Tage kein philosophisches Buch gelesen hat. Ich habe noch nie eins gelesen, sagte Stephanie. Ah, die Damen, die Damen, sagte der Marquis, ich spreche nicht von den Damen; sie sind überall eine Ausnahme zur Regel, das kosmopolitische Medium, welches die zerstreuten Elemente miteinander verbindet und das sich überall gleich bleibt, in London, Paris, Rom oder – Rothebühl, sagte der Fürst. Sie sagten, Monseigneur? Rothebühl, meine Residenz, in der wir eben angelangt sind, erwiederte der Fürst lächelnd. Ah, ah, sagte der Marquis, das Monokel in das rechte Auge klemmend und im Herzen die Stöße, die er vom holprigen Pflaster empfing, verwünschend, das ist Rothebühl! Nun, das ist charmant, dieses dunkle, mittelalterliche Thor mit dem hohen viereckigen Thurm, diese schmalen Gassen mit den grasübersponnenen Steinen, diese kleinen weißen Häuser mit den grünen Jalousien – das ist ganz Poesie, ganz deutsch. Man lachte und fuhr durch Rothebühl, wo das Geräusch der Wagen in den Gäßchen die Unterhaltung nicht eben begünstigte. Der Fürst war in einer Stimmung, welche er nach der furchtbaren Nacht kaum hätte erwarten dürfen. Er empfand den hellen Tag, der die Gespenster verscheuchte, schon als Wohlthat und gab sich gern der Illusion hin, daß er doch am Ende Alles in einem Uebermaß seiner hypochondrischen Laune zu schwarz gesehen habe. War der Graf schuldig, Hedwig brauchte es deshalb nicht zu sein. Der Kuß gestern Abend – der erste, den er je von ihren Lippen empfing – war doch vielleicht mehr gewesen als ein Almosen, war das Pfand eines Glückes gewesen, an dem er schon so gänzlich verzweifelt war und das die Zukunft doch vielleicht in ihrem Schoße barg. Wenn der sanfte, weiche Ausdruck, den das geliebte Antlitz heute gehabt, seine Hoffnung bestätigte, ach, so mochte der Marquis von den furchtbaren Plänen, die er mitgebracht, schweigen, wie er bis jetzt geschwiegen; so mochte er gehen, wie er gekommen war. Stephanie ihrerseits war in der Verfassung eines Kindes, welches sieht, daß es sich unnöthigerweise geängstigt hat. Sie hatte sich gestern Abend sehr geängstigt. Die Billetangelegenheit in Gegenwart des Fürsten, in Gegenwart Hedwigs zur Sprache zu bringen, das war so ganz in Heinrichs schlimmster Weise gewesen: eine so eclatante Rache für die kleine Scene, die sie ihm deswegen gemacht hatte, eine so verständliche Drohung: Du hoffst vergebens mich einzuschüchtern, ich werde meinen Weg dennoch gehen. Und das hatte er ihr, als er sie auf ihr Zimmer geleitete, mit dürren Worten gesagt und ihr geradezu befohlen, der Mama aufzutragen, den Geheimrath sofort mitzubringen, der Dich kennt, liebes Kind und sich durch Mangel an Selbstbeherrschung nicht aus der Fassung bringen läßt, wie ich fürchte, daß es dem Herrn Doctor vielleicht in einem entscheidenden Momente begegnen könnte. Das war sehr deutlich gewesen und so hatte sie sich denn, sobald er sie verlassen, hingesetzt und der Mama geschrieben und sie beschworen, um Himmelswillen Heinrichs Befehle nicht leicht zu nehmen und nicht ohne den Geheimrath zu kommen, am liebsten sofort und nicht erst, wie zuletzt verabredet, zum Geburtstag des Fürsten am sechszehnten; das sei noch beinahe zehn Tage hin; wenn sie so lange noch von der liebsten Mama getrennt sein solle, werde die liebste Mama ihre Stephanie als ein Opfer der Angst und Aufregung todt finden. Und nun mußte Stephanie lächeln, wenn sie an diese pathetischen Zeilen dachte, die heute Morgen kaum abgesendet waren, als ein Brief von der Mama einlief, in welchem diese ihre Ankunft auf übermorgen festsetzte. Es handelte sich jetzt nur noch um den Geheimrath, von dem die Mama nichts geschrieben. Aber das würde sich schon arrangiren lassen. Und so blickte denn Stephanie aus ihren blauen Augen heiter in die heitere Landschaft und sah dann wieder ihr reizendes vis-à-vis an, den jungen Marquis mit dem braunen Teint und den braunen Augen, in einem Anzug, wie man demselben so elegant selbst in Berlin nur selten begegnete. Und da war man auch wieder aus dem abscheulichen Rothebühl heraus auf der Chaussée und die unterbrochene Conversation konnte wieder aufgenommen werden. Ich glaube jetzt zum erstenmal in Deutschland zu sein, sagte der Marquis aufathmend und sein Monokel bald rechts, bald links wendend. Dieses enge Thal, der braune Fluß, der uns zur Seite durch sein steiniges Bett rauscht, diese steilen Wände und vor Allem diese unendlichen Tannen; ich kann mir Deutschland nicht ohne Tannen denken; wir Alle können es nicht; unsere Dichter haben es uns nie anders geschildert, wenn sie einmal, was allerdings sehr selten geschieht, viel zu selten, ich gebe es zu, die Scene nach Deutschland verlegen. Ob das nun George Sand oder Dumas fils ist – immer ist der Horizont von Tannen begrenzt, die, wie hier, von schroffen Felsenhöhen aufragen, oder in einem weiten Bogen eine braune Haide umschließen, über welche die untergehende Sonne ihre letzten melancholischen Strahlen wirft. Ja, hier ist Deutschland oder nirgends! Und entsprechen unsere Menschen hier ebenso Ihren Vorstellungen, wie es die Landschaft thut? fragte der Fürst. Menschen? sagte der Marquis, rechts und links in den Bergwald blickend. Verzeihung, Monseigneur, wo sind Menschen? Ich habe auf unserer Fahrt – das hübsche, kleine, verschlafene Städtchen, wie heißt es doch gleich, abgerechnet – keinen Menschen gesehen; aber auch das ist charakteristisch. Wir denken uns die deutsche Landschaft niemals mit Menschen erfüllt, wie die französische oder belgische; höchstens staffirt mit einem blonden Schäfer, der auf der Haide seine Heerde weidet und dazu auf einer Flöte traurige Weisen bläst, oder von einem Jäger mit wildem Bart und struppigem Haar, der, eine verdächtig lange Büchse in den braunen Händen, durch den Wald schweift und eine flüchtige Aehnlichkeit mit Kain hat, als er eben seinen Bruder erschlagen. Ein reizendes Bild, sagte Stephanie, in welchem wir Frauen, wie es scheint, nicht weiter figuriren. Ah, Madame, sagte der Marquis, die Frauen, die deutschen Frauen, das ist etwas ganz Anderes! Das sind für uns einfach Engel von Carlo Dolce mit sanften Augen und goldigen Haaren, die auf Wolken von Guido Rem hoch über der niederen Erde in den Himmel schweben. Was hat er gesagt? fragte, als sie Stephanie und den Fürsten lachen sah, Frau von Fischbach. Stephanie übersetzte die letzten Worte des Marquis. Frau von Fischbach, eine stattliche Matrone mit bereits ergrauendem Haar konnte den Scherz nicht so ausgesucht finden und lächelte zerstreut. Der Marquis fand das begreiflich; Stephanie's Üebersetzung war nicht besonders correct gewesen. Tausend Dank, Madame, sagte er, daß Sie die Gnade haben, meine unbedeutenden Worte zu wiederholen, aber Ihr deutschen Frauen seid so gelehrt! Freilich, Ihr müßt es wohl sein, wenn Ihr Eure Männer auf die Dauer fesseln wollt. Wie, Herr Marquis, rief Stephanie, so hätten wir keine anderen Reize? Verzeihung, Madame, tausend für einen: aber es darf Euch eben von diesen tausend nicht einer fehlen; Ihr braucht sie alle. So wären unsere Männer Ungeheuer von Undankbarkeit und Ungenügsamkeit. Wie es die Jugend immer ist, Madame; man heirathet in Deutschland zu jung; ich meine die Männer – mit den Frauen ist es natürlich anders. Bitte, erklären Sie mir das, sagte Stephanie. Bedarf es einer Erklärung, Madame? sagte der Marquis. Die Frau braucht die Liebe nicht zu lernen; sie kommt, ich möchte sagen, liebend auf die Welt; sie liebt, so lange sie lebt, sie stirbt und liebt noch immer, sie ist die Liebe selbst. Sie darf deshalb so jung heirathen, wie sie will, sie wird stets unter allen Umständen auf der Höhe der Situation sein. Wir Männer dagegen, ah, Madame, wir Männer sind geborene Egoisten; der Egoismus ist unsere Stärke, unser Stolz, unsere Wissenschaft; eine schwache Stärke, ich gebe es zu, ein fluchenswerther Stolz, eine armselige Wissenschaft; aber bevor wir zu dieser Einsicht gekommen, ja, ist nicht die Liebe eben diese Einsicht! – vergeht das halbe Leben, und, wenn man jung heirathet, die halbe Ehe in fortwährenden herzbrechenden Kämpfen, in tausend Krisen, bei denen es sich jedesmal um Sein oder Nichtsein handelt. Und die Folge? In Deutschland liebt man sich vor der Ehe am zärtlichsten und läßt sich scheiden, wenn man ein paar Jahre verheirathet ist; in Frankreich liebt man sich vor der Ehe gar nicht, denn man kennt sich nicht, man lernt sich erst in der Ehe kennen und lieben. Monsieur und Madame sind erst seit fünf Jahren verheirathet und lieben sich schon so; wie oft habe ich diese Worte in Frankreich gehört! Fragen Sie sich, Madame, wie oft Sie es in Deutschland hörten! Aber wir Franzosen sind eben so klug, nicht zu heirathen, bevor wir klug sind. Klug sein und jung sein aber, das ist für den Mann, wie ich bewiesen zu haben glaube, unmöglich. Wir heirathen deshalb – Wenn Ihr alt seid, sagte Stephanie. Man ist niemals alt, Madame, wenn man liebt, sagte der Marquis. Stephanie wurde roth: sie hatte in ihrem Eifer nicht bedacht, daß man in Gegenwart des Fürsten dieses Thema entweder gar nicht behandeln durfte, oder dem Marquis unbedingt recht geben mußte. Zum Glück für sie kam man eben durch ein Dorf, welches sich durch seine Reinlichkeit, durch die Solidität der Baulichkeiten und den sichtbaren Wohlstand der Bewohner vortheilhaft auszeichnete. Es gehörte, wie alle in dem Umkreise des Schlosses, zu dem Gebiete des Fürsten. Nun, sagte der Fürst, als man sich wieder außerhalb des Dorfes befand, jetzt haben Sie ja auch die Menschen gesehen, die Sie vorhin in unserer Landschaft vermißten; es waren freilich keine blonden Schäfer und halbwilden Nimrodssöhne, sondern einfache deutsche Landleute. Aber welchen Eindruck haben sie auf Ihr Auge gemacht, das freilich durch die glücklichen Bewohner des reichen, schönen Frankreich ein wenig verwöhnt ist. Ah, Monseigneur, sagte der Franzose, was hilft der Reichthum des schönen Frankreich Denen, welche seinen Boden bebauen! Ich kenne Frankreich, ich kenne den französischen Landmann; ich habe nie bei ihm gefunden, was hier auf den Gesichtern Aller liegt, des Kindes, des Mannes, ja – und das ist das Höchste – auch auf dem Gesichte der Frau. Und das wäre? fragte der Fürst. Zufriedenheit, sagte der Franzose mit einer Verbeugung nach dem Fürsten, Zufriedenheit mit ihrem Lose, das heißt bei dem Landmann, mit seinem Herrn. Der französische Bauer ist nicht zufrieden mit seinem Herrn, und er kann es nicht sein. Er kennt seinen Herrn nicht, der in Paris lebt, um dort in unrühmlicher Trägheit oder in wenig ehrenvollen Zerstreuungen das Mark seiner Aecker und sein eigenes zu vergeuden. Das Schloß seiner Ahnen steht leer; anstatt seiner lebt in dem Nebenhause der Pächter, den der Landmann haßt und alle Ursache zu hassen hat. Diese Leute haben kein anderes Interesse, keine anderen Gedanken, als in möglichst kurzer Zeit möglichst reich zu werden. Es gelingt ihnen selten, denn sie selbst sind meistens schon schlecht genug gestellt; aber, mag es gelingen oder nicht, der Landmann ist unter allen Umständen das Opfer der zwiefachen Habgier des Herrn und des Pächters. Nichts Elenderes als der französische Landmann, so lange er an der Scholle klebt, auf der er geboren; nichts Furchtbareres als der französische Landmann, wenn er sich von der Scholle losreißt und sich in eines der beiden Heere flüchtet, welche ihm offen stehen, ich meine in das Proletariat der großen Städte oder in die Armee. Dort wie hier bedeutet er, will er den Krieg; dort gegen Alles, was besitzt, hier gegen Alles, was nicht Frankreich heißt. Sehr wahr, nur zu wahr! sagte der Fürst. Aber glauben Sie nur nicht, daß wir hier im Paradiese leben. Ich glaube kein schlechter Herr zu sein und die Pflichten, die mir das Schicksal zugetheilt hat, treu zu erfüllen. Dennoch bin ich nicht, im Stande, daß jeder Bauer, um mit Eurem Heinrich IV. zu reden, des Sonntags sein Huhn im Topfe hat, nicht einmal hier in den reichen Dörfern des Thales, geschweige denn oben in meinen armen Nagelschmiededörfern auf dem Walde. Der Fluch der Centralisation, Monseigneur, sagte der Marquis, der bei Ihnen freilich noch nicht die furchtbare Höhe erreicht hat, wie bei uns, aber auch schon fühlbar genug ist; der Fluch der Centralisation, welche das Mark, das Blut der ganzen Nation für ein paar Interessen opfert, die niemals die wahren Interessen der Nation sind. Und wie sollen wir uns von diesem Fluch befreien? fragte der Fürst. Der Marquis antwortete mit einem leichten Achselzucken und mit einem Blick auf die Damen, als wollte er sagen: darüber und über manches Andere werden wir ja reden, wenn wir erst einmal unter vier Augen sind. Der Fürst verstand den Wink wohl, aber er fühlte sich außer Stande, sogleich ein anderes Thema anzugeben. Die letzten Worte des Marquis waren ihm wie ein Hammerschlag gewesen, gegen die verschlossene Thür, vor der er stand, und hinter welcher die Entscheidung lag, die sich – des Marquis Briefe hatten es gesagt – für Frankreich vorbereitete und mit Frankreich für Deutschland; die Entscheidung, zu der er selbst beitragen sollte, zu der beizutragen er gestern Abend fest entschlossen gewesen war. Gestern Abend! Der Fürst blickte düstern Auges in die Landschaft. Ueber die bunten Wiesen zu seiner Rechten, welche noch eben im Sonnenlicht gefunkelt hatten, zog der blaue Schatten einer Wolke. War, was er jetzt dachte, auch nur der Schatten einer Wolke, war es mehr? Der Marquis an seiner Seite schwieg noch immer; für den Fürsten war es ein nur zu beredtes Schweigen. Aber der Marquis wußte einfach für den Augenblick nichts mehr zu sagen und gab Stephanie dadurch Veranlassung zu der Bemerkung, daß der junge Franzose doch Alles in Allem nicht so unterhaltend sei, wie sie heute Mittag, wo er sich so angelegentlich mit Hedwig unterhielt, gedacht hatte. Auch daß er – offenbar an ihr vorüber – wiederholt nach dem zweiten, unmittelbar folgenden Wagen lorgnettirte, in welchem Hedwig saß, gefiel ihr gar nicht. So schwieg auch sie. Und was die würdige Frau von Fischbach anbetraf, so dankte sie Gott, daß sie nicht fortwährend zu einer Conversation, von welcher sie so wenig verstand, vielleicht an der unrechten Stelle zu lächeln brauchte und daß die peinliche Situation ihrem Ende nahte. Denn jetzt war man aus dem engen Thal heraus; die Bergwände zu beiden Seiten traten weiter und weiter auseinander und ließen zwischen sich eine fruchtbare Ebene, welche die Roda in vielfach sich schlängelndem Lauf durchströmte, vorüber an Dörfern, die aus Busch und Baum mit ihren weißen Häuschen und dem schlanken Thurm eines bescheidenen Kirchleins freundlich herübergrüßten. Dann bog man rechts von der Hauptstraße ab und gelangte in wenigen Minuten nach Erichsthal, dem Ziele des Ausfluges. Der Oberverwalter empfing ehrfurchtsvoll die ankommende Gesellschaft. Der Fürst hatte Befehl gegeben, daß die Arbeit des Tages nicht unterbrochen werde. Es kam ihm darauf an, seinen Gästen die Wirtschaft in vollem Betrieb zu zeigen. Ich will den Herrschaften keine Sonntagscomödie vorspielen, die leicht arrangirt ist, sagte er; was Sie sehen werden, ist Alltagsleben, aber ich hoffe, Sie werden dieser ungeschminkten Darstellung der Wirklichkeit Ihren Beifall nicht versagen. Man hatte gehofft, daß der Graf und der Baron Neuhof auf den schnelleren Pferden mit den Wagen zusammen in Erichsthal eintreffen würden, aber noch war nichts von ihnen zu sehen. Man wartete eine Viertelstunde, bis der Fürst, der diese Verzögerung übel zu vermerken schien, den Vorschlag machte, mit der Besichtigung zu beginnen. Er bat die Herrschaften, ihm zu folgen, und den Marquis im Besonderen, möglichst in seiner Nähe zu bleiben. Der Marquis verwünschte im voraus die Langeweile, die ihm auf der unendlichen Promenade an der Seite des Fürsten durch die weitläufigen Räume der Wirtschaft drohte. So wußte er es denn durch einige geschickte Manöver bald so einzurichten, daß der würdige Herr von Fischbach an seine Stelle trat. Herr von Fischbach war ein Landmann aus der alten Schule. Er hatte natürlich, wie alle Nachbarn, sehr viel von des Fürsten Musterwirthschaft gehört und auch wohl selbst gesprochen, obgleich er nie dort gewesen war. Er hatte immer behauptet, daß die Sache Schwindel sei, gar nichts Anderes als ein Schwindel sein könne. Jetzt sah er eine Einrichtung, deren Vortrefflichkeit seinem geübten Blick nicht entgehen konnte, sah Bekanntes, das er in dieser Form kaum wiedererkannte, sah Neues, das er kennen zu lernen wünschte. Seine Bewunderung stieg von Minute zu Minute und er gab dieser Bewunderung einen so naiven Ausdruck, daß der Fürst, dem seine Musterwirthschaft und die Verbreitung seiner Principien sehr am Herzen lag, sich fast nur noch mit dem alten Herrn unterhielt und ganz gegen seine Gewohnheit die übrige Gesellschaft sich selbst überließ. Laß uns hier ein wenig sitzen, sagte Stephanie zu ihrer Freundin Neuhof, auf deren Arm sie sich stützte. Die Damen waren auf einen kleinen Nebenhof gerathen, der von der Milchwirtschaft umschlossen wurde. Wo nur unsere Männer bleiben, fuhr Stephanie fort, sie müßten schon längst hier sein. Sehnst Du Dich so nach dem Deinen? sagte die Baronin lachend. Ich für mein Theil habe nichts dagegen, wenn Curt auch einmal eine Stunde ohne mich fertig wird; diese Männer sind so anspruchsvoll. Ihr seid erst so kurze Zeit verheirathet, sagte Stephanie. Eben so lange wie Ihr. Mag sein, aber Ihr lebt auf dem Lande, da gehört man sich ganz, vielleicht ein wenig mehr, als Einem manchmal lieb ist. In der Stadt, weißt Du, ist das anders: der Dienst, Spazierenreiten, Herren-Diners, Soupers, Zerstreuungen aller Art; ich sehe Heinrich manchmal den ganzen Tag nicht. Nun, an Zerstreuungen scheint es Deinem Manne hier auch nicht zu fehlen, sagte die Baronin. Ich dächte, Du hättest Dich nicht zu beklagen gehabt, erwiederte Stephanie. Er hat Dir, meine ich, heute ganz ernstlich den Hof gemacht; er hat sich ja fast nur mit Dir unterhalten. Meinst Du, sagte die Baronin. Nun ich kann Dich versichern, Liebe, sein Herz war nicht dabei und seine Augen auch nicht. Die waren natürlich bei mir, sagte Stephanie mit einem Lachen, das etwas gezwungen herauskam. Vermuthlich, sagte die Neuhof, sich vornüberbeugend und mit der Spitze ihres Sonnenschirmes Figuren in den feinen Sand des Hofes zeichnend. Es ist abscheulich! sagte Stephanie, mit ihren Thränen kämpfend. Arme Stephanie! sagte die Neuhof. Stephanie brach in Thränen aus. Und in solcher Zeit, schluchzte sie, wo ich jeden Augenblick – Ich denke, erst Ende nächsten Monats, sagte die Neuhof; aber Du mußt die Sache auch nicht schwerer nehmen, als sie ist. Man stirbt von dergleichen nicht so leicht; ich habe auch – gleichviel – ich meine, man sollte in solchen Fällen dem Manne den Willen lassen. Wir machen es durch unsere Thränen nur schlimmer, und Frauen, wie ich und Du, sollte ich denken – Er sieht mich ja gar nicht mehr an, er hat ja nur noch Augen für sie, schluchzte Stephanie. Nun, da Du es selbst sagst, erwiederte die Neuhof, will ich Dir nicht widersprechen. Diese Männer sind unbegreiflich. Und wie abscheulich von ihr, die uns so viel Dank schuldet, sagte Stephanie. Was wissen dergleichen Personen von Dank, sagte die Baronin. Sie sind von Jugend auf daran gewöhnt, mitzunehmen, was sich ihnen bietet; und die Geliebten der Männer ihrer Damen zu sein, scheinen sie gar für eine Art Pflicht zu halten. Schließlich heirathen sie dann den Kammerdiener. Stephanie lachte, schüttelte aber gleich wieder den Kopf und sagte: Hedwig ist – Dem Fürsten zur linken Hand angetraut, sagte die Neuhof, ich weiß es; aber, unter uns, das heißt denn doch kaum etwas Anderes, als Maitresse sein – eines alten Herrn noch dazu, wodurch die Sache nicht erbaulicher wird. Man kennt das ja. Mama und ich haben immer gefürchtet, er werde sie noch einmal in aller Form heirathen. Liebes Kind, erwiederte die Baronin, so etwas fürchtet man immer, aber es geschieht nie; hier am wenigsten. Der Fürst, trotz aller seiner zur Schau getragenen Freisinnigkeit, ist im Herzen ein vielleicht strengerer Aristokrat, als selbst Dein Mann; er wird, so oft er etwas gegen Euch hat, immer zuerst auf den Gedanken kommen, Euch durch eine Heirath zu ärgern, aber er wird eines Tages über diesen Gedanken wegsterben; sie hat natürlich mittlerweile ihr Schäflein in's Trockene gebracht – Und heirathet den Kammerdiener, sagte Stephanie lachend. Nein, sagte die Neuhof, den Doctor. Horst? rief Stephanie erschrocken. Ich glaube, so heißt er. Aber wie kommst Du darauf? fragte Stephanie mit einem ungläubigen Lächeln. Ich bin nicht darauf gekommen, erwiederte die Baronin, was geht die Sache mich an? Aber die Leute sprechen so Mancherlei, und ich muß es Dir nur sagen, auch von Deinem Mann und von ihr ist in diesen Tagen viel gesprochen worden; besonders scheint sich ein Mensch, ein Reitknecht glaube ich, ein großes Verdienst um die Verbreitung dieser Klatscherei erworben zu haben. Dieser Mensch, jetzt fällt es mir ein, Dietrich heißt er, hat einen Bruder, der bei meinem Manne dient, von dem es natürlich wieder mein Mann hat, und der sagte mir: in den letzten Tagen habe jener Mensch seinem Bruder erzählt: das mit dem Grafen sei Alles nicht wahr und von ihm erlogen, um seine Braut – eine Kammerjungfer der Hedwig, wenn ich mich recht erinnere – zu ärgern. Der eigentliche Geliebte von ihr sei der Doctor, und wenn es darauf ankomme, so könne er es beweisen. Ich weiß nicht, ob diese Dinge für Dich von Interesse sind, ich glaube aber doch, sie Dir mittheilen zu müssen; von so etwas läßt sich immer einmal gelegentlich Gebrauch machen. Aber ich denke, wir müssen uns wieder nach den Anderen umsehen. Die Baronin erhob sich. Es wäre zu schändlich! sagte Stephanie, der Baronin folgend. Weshalb das? sagte die Baronin. Stephanie antwortete nicht. Unterdessen hatte der Marquis durch allerlei klüglich ausgeführte Verzögerungen es dahin zu bringen gewußt, daß er mit Hedwig hinter den Anderen, die unter der Leitung des Fürsten eifrig weiterschritten, zurückblieb und sich zuletzt mit ihr allein befand. Ein wohlgepflegter Küchengarten stieß an eine Ecke des Hofes; der Marquis öffnete die Gitterthür und sagte: Um Himmelswillen, Madame, lassen Sie uns hier einen Augenblick eintreten und wieder zu uns kommen. Diese Allgäuer Kühe, diese Merinoschafe und Yorkshirer Schweine – c'est plus fort que moi . Man wird, sobald man mit dem Maschinenraum fertig ist, in diesen Garten kommen, sagte Hedwig. So wollen wir die Gesellschaft hier erwarten. Aber, mir däucht, für Jemanden, der eine weite Reise macht, um die deutsche Landwirthschaft kennen zu lernen, ist Ihr Eifer nicht eben groß. Die deutsche Landwirthschaft? sagte der Marquis. Ah, Madame, Sie können doch unmöglich an dieses Märchen glauben! Und was hätte Sie sonst zu uns geführt? fragte Hedwig. Der Marquis wollte mit einem Blicke antworten, aber seine dunklen Augen suchten vergebens Hedwigs Augen zu begegnen, die mit einer gewissen Zerstreutheit über den Garten schweiften. Ah, Madame, sagte er, was führt den Unglücklichen, als das Gefühl seines Unglücks? Und wohin führt es ihn, als wieder in Unglück. Hedwig blickte jetzt ihren Begleiter an. Sehr wahr, sagte sie, aber diese Bemerkung können Sie doch unmöglich an sich selbst gemacht haben? Weil ich die Maske eines Menschen trage, der entschlossen ist, von dem Leben nur die heitere Seite zu sehen? Aber, Madame, wer von uns geht denn ohne Maske? Sie selbst am wenigsten. Dann müßten Sie mein wahres Gesicht gesehen haben, sagte Hedwig, welche die sonderbare Wendung des Gesprächs, das bis jetzt immer nur über die leichtesten Dinge hingeflattert war, fast gegen ihren Willen zu interessiren begann. Ich habe es gesehen, sagte der Franzose, es ist vier Jahre her, aber einen solchen Anblick vergißt man in vier Jahren nicht, vergißt man nie: den Anblick eines Mädchengesichts von sechszehn Jahren, dessen große Augen sich zum erstenmal über der Herrlichkeit der Welt öffnen und nun diese ganze Herrlichkeit widerstrahlen, einer Welt, die untergegangen ist, die vielleicht nie gelebt hat und die, wenn sie lebte, gewiß nicht so herrlich war, als die Poesie des Herzens, die holden Illusionen, die hohen Aspirationen einer keuschen unberührten Seele. Ah, Madame, so habe ich Sie gesehen vor den Schöpfungen eines Raphael, eines Michel Angelo, unter den ehrwürdigen Trümmern des Colosseums, in der romantischen Einsamkeit der Campagna. Das war Ihr wahres Antlitz, das Antlitz der Corinna, an die Sie mich immer mahnten, nur daß Sie so viel jünger waren, so viel liebenswürdiger, so viel unschuldsvoller als jene Schöpfung meiner genialen Landsmännin. Jetzt – Jetzt? Jetzt, da ich Sie wiedersehe nach vier Jahren, muß ich an ein anderes Buch denken, an den Titel wenigstens eines Buches – von Balzac. Und der Titel dieses Buches? illusions perdues . So wäre die Maske, die ich trage, herzlich schlecht, sagte Hedwig, oder es wäre vielmehr gar keine Maske, wenn meine verlorenen Illusionen auf meinem Gesicht geschrieben stünden und dort für Jeden zu finden wären. Verzeihung, Madame, erwiederte der Marquis, ich sagte nicht: für Jeden. Für jeden Andern mag die Maske eines Stolzes ausreichen, der sich selbst genug ist, der keine Trauer um die Vergangenheit, keine Hoffnung auf die Zukunft kennt. Aber für den, welcher das Glück gehabt hat, Sie zu sehen, wie ich Sie sah, für den – Der Marquis hob beide Hände und ließ Sie dann wieder sinken mit einer anmuthig traurigen Bewegung. Hedwig fühlte sich ergriffen, umsomehr, als der Marquis nur die Wahrheit gesagt und sie von diesem Manne am wenigsten die Wahrheit zu hören erwartet hatte. Ihre Augen ruhten mit einem wehmüthig freundschaftlichen Ausdruck auf dem Gesichte des jungen Mannes, der ihr in diesem Moment wie ein alter lieber Freund erschien. Der Marquis, der den Blick der schönen Augen ganz anders verstand, fuhr mit leiserer und leidenschaftlicherer Stimme fort: Muß ich noch sagen, was Sie wissen, daß dieses Glück mein Unglück war, jenes Unglück, das von Ihren himmlischen Augen ausstrahlte, und das fortan mein Führer geworden ist durch dieses öde Leben, dem ich immer folgen muß und das mich wieder dahin geführt hat, von wo es ausging, in das tödtliche Licht Ihrer himmlischen Augen. Ja so, sagte Hedwig, ich hatte es wirklich für einen Moment vergessen. Der Marquis wußte nicht recht, wie er diese Worte deuten sollte; aber das spöttische Lächeln, das um Hedwigs Lippen schwebte, verkündete nichts Gutes. Madame, sagte er, Sie sehen mich in einer Verwirrung, die besser als Alles für die tiefe Empfindung meines Herzens spricht. Keine Entschuldigung, Herr Marquis, sagte Hedwig, es bedarf deren in meinen Augen ganz und gar nicht, im Gegentheil, ich bin Ihnen dankbar, aufrichtig dankbar. Der Marquis wußte noch viel weniger, als vorher, was er aus diesen räthselhaften Worten machen sollte, und stand mit verlegener Miene da, als zum Glück für ihn der Fürst mit seiner ganzen Gesellschaft herbeikam. Er wendete sich mit Lebhaftigkeit zum Fürsten. Er hätte der Versuchung, einen Blick in den Garten zu werfen, nicht widerstehen können, Madame war so gütig gewesen, ihn ein wenig herumzuführen. Sie konnten sich keiner besseren Führung anvertrauen, sagte der Fürst; meine Frau kennt den Namen jeder Pflanze und die Eigenschaft einer jeden. Der Fürst schien in vortrefflicher Laune. In der That hatte das Führeramt, dem er mit Eifer obgelegen, ihn auf eine Stunde die trüben Gedanken, welche seine Seele umnachteten, vergessen machen. Die aufrichtige Bewunderung des alten Edelmannes war ihm höchst erfreulich und schmeichelhaft gewesen. Herr von Fischbach galt in landwirthschaftlichen Dingen für die höchste Autorität in der ganzen Gegend und er hatte diese Autorität stets gegen die Bestrebungen des Fürsten in die Wagschale gelegt. War er einmal gewonnen, ließ sich nicht absehen, wer nicht Alles seinem Beispiel folgen würde; der Fürst sah Hoffnungen, die er fast schon aufgegeben hatte, endlich sich erfüllen; er empfand eine Zufriedenheit, wie er sie seit manchen Jahren nicht empfunden. Der kleine Erfolg, den er soeben gehabt, machte den unbefriedigten Mann beinahe wieder an das Leben glauben, das denn doch nicht ganz unnütz gewesen war und das er mit keinem anderen vertauschen wollte, wenn er auf Hedwigs Lippen immer das Lächeln sah, mit welchem sie ihn vorhin, als er in den Garten trat, begrüßt hatte; wenn die Freundlichkeit, mit welcher sie jetzt ihren Arm in den seinen legte, ihr von Herzen kam. Und Hedwig fühlte wirklich diese Freundlichkeit und ihr Lächeln sagte: Du bist im Grunde doch besser als sie Alle; ich kann mich schließlich auf Dich noch besser verlassen, als auf die Anderen alle. Ich vermisse die gnädige Frau und die Baronin, sagte der Fürst zu Herrn von Zeisel gewendet. Ich sah die Damen vor wenigen Minuten nach dem Verwalterhause gehen, erwiederte der Cavalier. Und dahin wollen auch wir, sagte der Fürst. Die Damen werden einer Erfrischung bedürfen. Wir kommen doch nicht zu früh, lieber Zeisel? Auf keinen Fall, Durchlaucht. Herr von Zeisel hatte auf dem von Bäumen umgebenen Platz vor der Verwalterwohnung inzwischen ein Zelt errichten lassen, unter welchem auf zierlich gedeckten Tischen eine Collation bereit war. Die Damen hatten auf Feldstühlen Platz genommen, die Herren standen umher, in den Händen die Gläser, welche die Diener immer wieder mit Champagner füllten. In dem dichten Laub der hohen Bäume, durch welches die rothen Sonnenlichter spielten, zwitscherten die Sperlinge; Schwalben schossen durch die klare Abendluft; girrende Tauben, welche aus den Dächern der Gebäude saßen, kamen mit hochgestellten Flügeln herabgeschwebt, um ein paar Brocken wegzupicken und flatterten wieder davon; aus den Ställen her klang das gelegentliche Brüllen einer Kuh; ein Wagen mit Grünfutter kam eben über den Hof gefahren – es war ein friedlich ländliches Bild, dessen Zauber sich das empfängliche Herz des Fürsten willig hingab. Er war voller Aufmerksamkeit gegen die Damen, voller Freundlichkeit gegen die Herren. Wie schade, daß der Graf und der Baron nun doch nicht gekommen seien, aber es sollte sie keine Strafe treffen; sie hätten sich durch ihr Fortbleiben schon selbst hinreichend gestraft. Dann erhob er sein Glas und sagte mit einer Stimme, die vor freudiger Rührung zitterte und mit einem Blick, welcher Allen gelten sollte, aber auf Hedwig haften blieb: die Gesellschaft werde es nicht als Widerspruch empfinden und ihm nicht als Egoismus auslegen, wenn er das Wohl seiner Gäste in dem Wunsche ausbringe, es möge ihm vergönnt sein, noch manchen Tag so zu verleben wie heute. Die Damen neigten sich, die Gläser der Herren klangen an einander; der Marquis, welchem Herr Rosel in aller Eile die Worte des Fürsten übersetzt hatte, trat einen Schritt vor und sagte, sich anmuthig verneigend: er habe kein Recht, im Namen der Gesellschaft zu sprechen, er spreche nur in seinem und seines Freundes Namen; dennoch sei er gewiß, daß er nur der Empfindung Aller einen Ausdruck gebe, wenn er wünsche und sein Glas darauf leere: es möchten alle Fürsten der Welt dem gleichen, dessen Gäste sie in diesem Augenblick wären, und die Welt würde so friedlich sein, wie das ländliche Bild um sie her, dessen süßen Frieden auch nicht der Schatten einer Wolke trübe. Wieder klangen die Gläser aneinander, aber in das Klingen der Gläser hinein tönte diesmal der Hufschlag von Pferden so plötzlich und so nahe, daß einige von den Damen einen Schrei nicht unterdrücken konnten. Das dazwischen liegende Gebäude hatte bis dahin den Schall der Hufe verschlungen und so hielten der Graf und der Baron Neuhof in dem Augenblicke, in welchem man ihr Kommen hörte, auch schon vor der Gesellschaft. Die Herren sprangen aus den Sätteln, warfen den Reitknechten die Zügel zu und grüßten die Gesellschaft. Ich bitte um Verzeihung, sagte der Graf, aber als wir im Begriff waren, zu Pferde zu steigen, kamen die Zeitungen, die ich seit heute Morgen mit Ungeduld erwartet hatte. Sie enthielten eine Nachricht, welche den Baron und mich in einige Aufregung versetzte und mich vor Allem nöthigte, sofort noch einige Briefe nach Berlin zu schreiben. Was ist es? fragte der Fürst, dessen noch eben lächelndes Antlitz auf einmal sehr finster geworden war, obgleich er sich augenscheinlich Mühe gab, seine Aufregung zu verbergen. Darf ich die Aufmerksamkeit Eurer Durchlaucht auf diese Zeilen lenken? sagte der Graf, indem er dem Fürsten mit einer Verbeugung ein Zeitungsblatt überreichte. Der Fürst begann zu lesen. Die Gesellschaft blickte einander betroffen an. Der Marquis war der Einzige, dessen Gesicht vollkommen ruhig geblieben war. Er hatte, da deutsch gesprochen wurde, nicht verstanden, um was es sich handelte, und er sah sich jetzt nach Herrn Rosel um, der mit den Lippen ein oder zwei Worte bildete und dann mit großer Aufmerksamkeit einem Flug Tauben, welcher den Platz umkreiste, zu folgen schien. Nun, sagte der Fürst, das Blatt zusammenlegend und dem Grafen zurückreichend, das ist doch am Ende nichts Besonderes. Aber was ist es denn nur? riefen Einige von den Damen. Man scheint in Frankreich die Throncandidatur des Prinzen von Hohenzollern nicht eben gern zu sehen, erwiederte der Fürst, indem er sich zu den Damen wendete und, wie es schien, um des Marquis willen französisch sprach; wenigstens meldet diese Zeitung, die allerdings gut unterrichtet zu sein pflegt, daß der französische Geschäftsträger vorgestern in dem Auswärtigen Amt in Berlin erschienen ist, um den peinlichen Empfindungen Ausdruck zu geben, welche diese Angelegenheit in Paris erregt hat; aber ich sehe in der That nicht, lieber Graf, weshalb Sie diese Nachricht so alteriren kann. Auch ich nicht, sagte der Marquis, Dann fassen Sie jedenfalls die Sache anders auf als Ihre Landsleute, sagte der Graf, indem er sich plötzlich zu dem Marquis wendete, den er bisher gar nicht beachtet zu haben schien, und das ist mir lieb. Ich möchte um Vieles nicht, daß ein Gast Seiner Durchlaucht die Anschauungen theilt, die hier niedergelegt sind, von den Ausdrücken, deren man sich bei dieser Gelegenheit gegen Preußen bedienen zu dürfen geglaubt hat, ganz zu schweigen. Er hatte, während er sprach, dem Marquis ein französisches Zeitungsblatt überreicht, das mit den deutschen Zeitungen zugleich gekommen war. Der Marquis blickte hinein und zuckte die Achseln. Ein Zeitungsblatt, sagte er, ist nicht die Pariser Presse, die Pariser Presse ist nicht Paris und Paris ist nicht Frankreich. Ich freue mich, das zu hören, sagte der Graf; wäre es anders, so würden wir ganz sicher die längste Zeit Frieden gehabt haben. O mein Gott, rief Stephanie. Dann müßtest Du ja auch wieder mit, Curt, sagte die Baronin. Aber ich möchte die Herren wirklich ersuchen, sagte der Fürst, ein Thema fallen zu lassen, welches unter allen Umständen unerquicklich und mir jetzt doppelt peinlich ist. Wie Durchlaucht wünschen, sagte der Graf. Ich fürchte nur, es wird nicht in unserem Willen liegen, ob wir darauf zurückkommen oder nicht. Dann aber nicht mehr für heute, wenn ich bitten darf, sagte der Fürst, der durch die Hartnäckigkeit des Grafen sichtlich gereizt war. Die Gesellschaft gab sich Mühe, dem Beispiele des Fürsten zu folgen und zu thun, als ob nichts vorgefallen sei. Aber die schöne, friedliche Stimmung, in welcher man die letzte halbe Stunde verbracht hatte, war gestört und wollte sich nicht wieder einstellen. Dazu kam, daß der Fürst selbst innerlich der am wenigsten Gefaßte, ja im Grunde vollkommen fassungslos war. Der Sonnenstrahl war verschwunden, der ihm für den Augenblick die Welt erhellt hatte. Die Wolke, die er selbst heraufbeschworen, war da, dunkler, drohender als je zuvor. Hatte er sie wirklich selbst heraufbeschworen? hatten feindliche Dämonen es gethan? Sein unruhiger Blick streifte den Grafen. Ja, das war sein böser Dämon; er glaubte den Mann immer gehaßt zu haben – er wußte jetzt erst, wie sehr er ihn haßte. Und der Marquis – weshalb hatte er ihn nicht gewarnt, weshalb ihn unvorbereitet in diese Situation kommen lassen, ihm nicht gesagt, daß die Entscheidung vor der Thüre sei? Er hätte dann vielleicht doch noch gezögert, jetzt war es zu spät. Was war zu spät? Es hing ja Alles noch von ihm ab – nicht von ihm – von ihr, in deren Hand Alles lag, sein Herz, sein Glück, sein Leben, sein Schicksal. Und während er, von solchen Gedanken gefoltert, auf den Lippen ein verbindliches Lächeln, mit der Gesellschaft scherzte, suchten seine Augen immer den Augen Hedwigs zu begegnen. Warum mußte sie gerade jetzt mit dem Grafen sprechen, und so eifrig, daß sie auch nicht einen Blick für ihn hatte? Da trat der Graf mit einer Verbeugung zurück. Hedwig wendete sich zu ihm; er ging ihr hastig ein paar Schritte entgegen und bot ihr den Arm, sie von der Gesellschaft ein wenig abseits führend. Nun, Hedwig, sagte er, ich hoffe, Du hast Dir durch unsere so äußerst politischen Herren nicht ebenfalls die gute Laune verderben lassen. Eine solche Bagatelle! Es ist wirklich unverantwortlich. Ich sprach noch eben mit dem Grafen darüber, erwiederte Hedwig; er hält die Sache für keine Bagatelle, und nach dem, was er mir mitgetheilt, kann ich ihm nicht Unrecht geben. Und darf man wissen, was er Dir mitgetheilt hat? fragte der Fürst mit zitternden Lippen. Er sagte es mir eigens zu diesem Zweck. Und weshalb nicht mir selbst? Du hast ihm ja das Wort abgeschnitten. That ich das? Nun, und was sagt das politische Orakel? Wider seinen Willen trat die Bitterkeit, die er im tiefsten Innern empfand, auf seine Lippen. Er war mit seinem vollen Herzen zu Hedwig gekommen, er hatte ein gutes tröstliches Wort von ihr hören wollen – sie sprach Politik. Hedwig sah wohl, was in ihm vorging; sie fühlte sich auch nicht beleidigt, sie empfand eher Mitleid, vor Allem aber, daß sie die Wahrheit sprechen müsse. So sagte sie denn in mildem Ton: Man schreibt ihm aus Berlin, daß in den betreffenden Kreisen eine große Aufregung herrsche und daß die Situation in der That sehr ernst sei. Weil man sie so haben will, sagte der Fürst; man kennt das. Mir däucht, erwiederte Hedwig, in der Sache kommt es auf dasselbe hinaus und deshalb – Deshalb? Und deshalb wollte ich Dich recht freundlich bitten, die Augen nur auf die Sache gerichtet zu halten und Deinen klaren Blick nicht durch persönliche Empfindungen trüben zu lassen. Und bist Du ganz sicher, daß Du Dich nicht durch persönliche Empfindungen influiren läßt? Aber es handelt sich doch nicht um mich! Freilich, ich hatte das ganz vergessen. Ich verstehe Dich nicht, sagte Hedwig. Oder willst mich nicht verstehen, sagte der Fürst, indem er ihren Arm losließ und sich wieder zu der Gesellschaft wendete: Wie wäre es, meine Herrschaften, wenn wir jetzt an den Heimweg dächten? Die Sonne ist im Untergehen; ich fürchte, die kühle Abendluft möchte den Damen unbequem werden. Wollen Sie Befehl geben, lieber Zeisel? Die Wagen waren vorgefahren. Die Herren von Fischbach und Baron Neuhof empfahlen sich mit ihren Damen; sie hatten ihre Equipagen nachkommen lassen, da der Weg nach ihren Gütern über Erichsthal ging. Hedwig und Stephanie hatten bereits in einem der Wagen Platz genommen und man erwartete, daß der Fürst sich zu ihnen setzen werde, als derselbe Herrn von Zeisel heranwinkte. Ich möchte doch hören, was der Marquis von meinen Einrichtungen denkt. Wollen Sie die Güte haben, die Damen zu begleiten? Man langte ziemlich spät, und wie es schien, ermüdet auf dem Schlosse an; wenigstens blieb man nur noch kurze Zeit im Theezimmer und zog sich dann zurück. Herr von Zeisel hatte dem Marquis die Zimmer im Rothen Thurm angewiesen, die durch ihre Lage nach den Terrassengärten auf der einen, nach dem Englischen Garten auf der anderen Seite und durch ihre prachtvolle Ausstattung zu den schönsten des Schlosses und jetzt zu den Gastzimmern gehörten, da die gnädige Frau mit Bestimmtheit den Wunsch geäußert, daß dieselben von nun an zu diesem Zwecke benutzt würden. Herr Rosel war dem Marquis gefolgt; der Kammerdiener, Monsieur Baptiste, hatte die Lichter angezündet und sich entfernt. Der Marquis warf sich in einen Fauteuil und sagte verdrießlich: Ah, was das ermüdend ist, mein Lieber, und dabei die angenehme Gewißheit, daß wir schließlich denn doch pour le roi de prusse gearbeitet haben! Hat der alte Herr wider alles Erwarten zu guterletzt refusirt? fragte Herr Rosel erstaunt. Das nicht, erwiederte der Marquis, sich eine Cigarette anzündend; im Gegentheil, er schien meine Argumente im Ganzen zu goutiren und die Gründe, weshalb ich ihm brieflich nicht wohl mittheilen konnte, wie weit die Sache schon gediehen, begreiflich zu finden; aber was ist es denn nun, wenn wir wirklich diesen kleinen mediatisirten Fürsten gewinnen, der mir heute selbst gesagt hat, daß sein Gebiet keine zehn Quadratmeilen groß ist und der über die formidable Macht von einigen tausend Ackerbürgern eine sehr fragliche Gewalt hat? Warum haben Sie mich über diese Verhältnisse nicht vorher gründlich unterrichtet? Ich dachte, das Fürstenthum sei wenigstens fünfmal so groß. Verzeihung, erwiederte Herr Rosel, ich habe von diesen Dingen nicht gesprochen, weil ich annahm, daß der Herr Marquis von früher her darüber vollkommen unterrichtet sei und weil in der That gar nichts darauf ankommt. Der Herr Marquis glaubte, das Territorium sei fünfmal so groß; ich würde mich nicht wundern, wenn Herr Ollivier selbst es für zehnmal so groß hält; und auf alle Fälle wird man es in den Augen des Publikums fünfzigmal vergrößern und den Fürsten zum souveränsten aller Monarchen Europas machen können. Und das ist denn doch schließlich die Hauptsache. Weshalb die Hauptsache, fragte der Marquis. Der Herr Marquis würde mich auslachen, wenn ich die Frage ernsthaft nehmen wollte. Nun gut, sagte der Marquis, ich gebe zu, es würde eine vortreffliche Wirkung in Paris machen, wenn wir im rechten Augenblick ankündigen könnten, daß der Nestor der europäischen Regenten, das Haupt der deutschen Legitimsten, der regierende Großherzog von Roda – wie heißt das Nest doch, durch welches wir heute kamen? Gerolstein, sagte Herr Rosel, seine Augenbrauen zu einer undurchdringlichen Wolke zusammenziehend. Der Marquis lachte hell auf. Sie könnten mit Ihrem spaßhaften Ernst den Tod zum Lachen bringen; nun gut, ich will annehmen, daß unsere Mission so erfolgreich ist, wie sie wichtig ist, und daß ich mich vor Allem nicht alle Tage so ennuyiren werde wie heute. Nach meinen Beobachtungen, sagte Herr Rosel, stehen dem Herrn Marquis die heiteren und schönen Tage in Aussicht, welche sich der Herr Marquis von dem hiesigen Aufenthalte versprach und welche ihm diese kleine Mission, die ja allerdings unter den Ansprüchen des Herrn Marquis wäre, so acceptabel machten. Meinen Sie? Meinen Sie? sagte der Marquis eifrig. Nun ja, ich habe die Hoffnung keineswegs aufgegeben, wenn gleich die Gegenwart dieses preußischen Grafen ein unerwartetes Hinderniß ist. Er scheint sehr scharfe Augen zu haben, dieser Herr Graf. Was wäre ein Sieg in der Diplomatie oder in der Liebe ohne Hindernisse, sagte Herr Rosel, und wo ist ein Hinderniß, das für den Herrn Marquis nicht überwindlich wäre! Herr Rosel hatte seinen Hut ergriffen und empfahl sich mit einer tiefen Verbeugung. Elender Schmeichler! sagte der Marquis, ihm nachblickend. Diesmal freilich hat er Recht. Er berührte die Glocke. Sie haben Ihre Zeit nicht verloren? fragte er den Kammerdiener, der eilfertig hereintrat. Gott bewahre, sagte Monsieur Baptiste, wie sollte ich! Ich weiß Alles, was der Herr Marquis in Erfahrung gebracht wünschten: die Localität, die Gewohnheiten des hiesigen Lebens und über das Verhältniß des Fürsten zu Madame – ich habe dem Herrn Marquis eine Welt mitzutheilen. Während ich zu Bette gehe, sagte der Marquis; ich bin gerädert. Was Monsieur Baptiste nun von den Erkundigungen, die er im Laufe des Tages eingezogen, seinem Herrn zum Besten gab, klang so befriedigend, war zum Theil so amusant, daß Letzterer mehr als einmal laut lachen mußte; und als der Kammerdiener sich nach einer halben Stunde entfernte, war in dem Kopfe des Marquis ein Roman fertig, in welchem er eine so fascinirende, so dankbare, so glänzende Rolle spielte, wie sie nach seiner Meinung dem Marquis Anatole Victor de Florville hier und überall nothwendig zukam. Vierzehntes Kapitel. Die an dem schönsten Sommermorgen in der Laube der Apotheke zum Schwan um Frau Hippe versammelten Damen waren so in ihr Gespräch vertieft gewesen, daß sie den Hufschlag eines Pferdes nicht gehört hatten, welches von seinem Reiter langsam aus der schattigen Seitenstraße, die von Erichsthal heraufkam, über die Ecke des Marktplatzes bis an die Thür des Gasthofes zur Goldenen Henne gelenkt worden war. Dort war der Reiter abgestiegen, aber nicht in das Haus getreten, sondern hatte nur eben dem Vetter von dem Dietrich auf dem Schlosse, welcher in der Henne als Hausknecht functionirte und den sie den dummen Caspar nannten, seinen Braunen übergeben und war dann über den Markt an dem plätschernden Brunnen vorüber gerade auf die Apotheke zugeschritten. Das trifft sich glücklich, sagte Herr von Zeisel, indem er die Damen der Reihe nach begrüßte und jeder die Hand reichte; das hätte sich nicht glücklicher treffen können. Werthe Frau Körnicke, Sie würden mich verbinden, wenn Sie das allerliebste Körbchen da an Ihrem Arm wieder auf den Tisch stellen wollten. Sie dürfen unmöglich fort, keine von Ihnen darf fort, ich würde sonst einer jeden von Ihnen einzeln meine Aufwartung machen müssen, denn ich habe Sie Alle zu sprechen. Erlauben Sie, hochgeschätzte Frau Hippe, erlauben die andern verehrten Damen, daß ich mich einen Augenblick zu Ihnen setze. Aber um Himmelswillen, keine Umstände, meine Damen! Werthe Frau Hippe, ich flehe Sie an, behalten Sie Ihren Stuhl, ich sitze hier vortrefflich – ah, was das wohlthut nach dem langen Ritt! Und der Cavalier setzte sich auf die oberste der drei Stufen, die zu der Laube hinaufführten, und blickte mit seinen blauen Augen so überaus freundlich zu den Damen empor, daß Frau Körnicke ohne weiteres den Korb wieder auf den Tisch stellte, Frau Findelmann und Frau Zeller ganz vergaßen, daß sie in bloßem Kopf und in entschiedener Morgentoilette waren, und selbst die bescheidene Frau Hippe den Wunsch hatte, es möchte ganz Rothebühl an der Apotheke vorüberdefiliren und den Cavalier Sr. Durchlaucht auf der Schwelle Ihrer Laube sitzen sehen. Und nun, meine Damen, sagte Herr von Zeisel, Sie wissen, ich bin der undiplomatischste Mensch von der Welt; da müssen Sie es mir denn nicht übel deuten, wenn ich ohne lange Vorrede mit meinem Anerbieten herausrücke. Am sechzehnten ist der Geburtstag Seiner Durchlaucht; daß ein Ball stattfinden wird, daß die Damen sämmtlich geladen werden, brauche ich Ihnen nicht zu sagen, das versteht sich von selbst, und daß die Damen wie immer gütige Folge leisten, wage ich im Interesse unserer Durchlaucht, der unglücklich sein, würde, wenn auch nur Eine wegbliebe, voraussetzen zu dürfen. Hier richteten sich die Blicke der drei gesinnungstüchtigen Damen auf Frau Körnicke, die bis an ihre dichten braunen Flechten erröthete. Durchlaucht sind immer so überaus gütig, sagte Frau Hippe. Ich danke, verehrte Frau, sagte der Cavalier, ich danke Ihnen, meine Damen. Aber mich Ihrer freundlichen Zusage zu versichern war nicht der einzige Zweck meines Kommens. Das Fest wird diesmal gewissermaßen unter außergewöhnlichen Umständen stattfinden. Der kleine Kreis, der sonst Durchlaucht umgiebt, hat sich durch die Anwesenheit der Berliner Herrschaften, durch den Besuch der Gäste aus Paris – die gestern, als wir durch Rothebühl kamen, von der Schönheit unseres Städtchens entzückt waren, meine Damen – ansehnlich erweitert, und so ist es denn auch der Wunsch Seiner Durchlaucht, daß das Fest sozusagen diesen veränderten Umständen Rechnung trage und verhältnißmäßig größere Dimensionen annehme. Es würde sich also in erster Linie darum handeln, die Einladungen zum Ball reichlicher als bisher auszutheilen. Durchlaucht hat mir vollkommen freie Hand gelassen, aber ich würde mich gänzlich unfrei fühlen, wenn ich nicht mit den Damen Hand in Hand gehen könnte. Es wäre also meine Bitte, daß Sie sich der großen Mühe unterzögen und mir diejenigen Damen in Rothebühl bezeichneten, welche bisher keine Einladung erhalten haben, aber diesmal und vielleicht in Zukunft solche erhalten dürften. Bei Ihrer intimen Bekanntschaft mit den hiesigen Verhältnissen sollte Ihnen das, däucht mir, nicht allzu schwer fallen. Darf ich hoffen, meine Damen? Die vier Damen sahen eine die andere an. Da wäre vielleicht noch die Frau Körner, sagte Frau Zeller nachdenklich. Um Gotteswillen, sagte Frau Findelmann, wo denken Sie hin? Warum nicht? sagte Herr von Zeisel. Eine würdige Frau – wir dürfen auch nicht allzu wählerisch sein. Also Frau Oekonom Körner. Und er notirte den Namen in seine Schreibtafel. Dann freilich auch Frau Blume, sagte Frau Findelmann. Um Gotteswillen, sagte Frau Zeller, die Gärtnerfrau! Seiner Durchlaucht wohl bekannt, sagte der Cavalier. Nur keine Exclusivität, meine Damen! Notiren wir: Frau Kunstgärtner Blume. Dann können wir auch an Frau Heinz nicht vorübergehen, sagte die gute Frau Hippe. Um Gotteswillen; riefen Frau Zeller und Frau Findelmann. Ehren wir den Nährstand, meine Damen, sagte Herr von Zeisel. Also: Frau Hofbäcker Heinz; und da was dem Einen recht, dem Andern billig ist, so erlauben Sie mir noch gleich Frau Hofschlächter Schwarthals zu notiren. Das wären vier Damen mit ihren Töchtern, so viel ich weiß, zehn für den Anfang. Vielleicht einigen sich die Damen noch über einige Namen, und ich bitte in diesem Falle um die Güte, mir die Liste bis morgen früh zukommen zu lassen, damit die Karten zum zwölften ausgeschrieben werden können. Aber meine Damen, ich muß Sie noch länger aufhalten. Ich habe noch eine ganze Reihe von Bitten. Also Nummero zwei: Der Ball beginnt um Sechs, wie gewöhnlich, und endet um Neun, wie immer. Nach dem Ball große Illumination – Ah! riefen die Damen aus einem Munde. Der Terrassen, des Gartens und Wildparks, fuhr Herr von Zeisel fort. Ich verspreche mir davon einen nicht unbedeutenden Effect und der Gesellschaft, welche eben aus dem Saal heraustritt und nach Belieben in den erleuchteten Gängen promenirt, eine angenehme Ueberraschung, weshalb ich die Damen angelegentlichst bitte, diesen Theil des Programms vorläufig geheimhalten zu wollen. In der Pause um ein halb Acht soll ein kleines Schauspiel eingefügt werden, über welches ich noch nicht ganz mit mir einig bin und das ich deshalb hier übergehe, um auf eine kleine Ansprache zu kommen, welche von einer der Damen an Seine Durchlaucht zu richten wäre, wenn er in den Saal tritt, und die zu übernehmen ich Frau Körnicke freundlichst ersuchen möchte. Ich? rief Frau Körnicke mit allen Zeichen des Schreckens. Sie, verehrte Frau, sagte Herr von Zeisel. Das Gedichtchen, nebenbei von mir, wird nur wenige Verse enthalten. Aber weshalb gerade ich? sagte Frau Körnicke in tödtlicher Verlegenheit. Mein Mann – Gerade, oder auch mit deshalb, sagte der Cavalier. Es handelt sich um eine Huldigung, die der Person Seiner Durchlaucht gilt, und eine solche persönliche, von allen anderen Interessen und Beziehungen absehende Huldigung darzubringen, ist gerade die Gattin eines Mannes, der, wie Herr Körnicke notorisch eine – verzeihen Sie den Ausdruck – etwas extreme politische Richtung verfolgt, die geeignetste Vermittlerin, davon ganz abgesehen, verehrte Frau, daß Sie Alles besitzen, was zu dergleichen Rollen gehört: Stimme, Ausdruck, Jugend und die vortheilhafteste Erscheinung, wenn das Wort »Schönheit« aus meinem Munde Sie beleidigen sollte. Ja, ich muß noch mehr sagen: Seine Durchlaucht würde es als eine ganz besondere Aufmerksamkeit empfinden, wenn die Gattin unseres ersten Fabrikanten ihn, der ein solches Interesse an dem Gedeihen von Rothebühl nimmt, begrüßte und er hat sich zu mir in diesem Sinne ausgesprochen. Es ist eine große Auszeichnung, sagte Frau Zeller. Eine überaus große Ehre, sagte Frau Findelmann. Ich meine, liebe Körnicke, Sie können sich da gar nicht besinnen, sagte Frau Hippe. Ich thäte es ja nur zu gern, sagte Frau Körnicke, fast mit Thränen kämpfend; die gute alte Durchlaucht, die immer so freundlich grüßt, und ich habe schon auf der Schule immer declamiren müssen, aber mein Mann – Ueberlassen Sie das mir, werthgeschätzte Frau, sagte Herr von Zeisel, sich von seinem unbequemen Sitz erhebend. Ich habe so wie so von meinem Programm nur den Theil vorgetragen, welcher zum Departement der Damen gehört, und will mich nun eilends zu den Herren auf den Weg machen. Ich glaube, sie sind alle drüben in der Goldenen Henne, sagte Frau Hippe. Es pflegt so ihre Zeit vor Tisch zu sein. Danke ergebenst, sagte der Cavalier; tausend Dank, meine Damen. Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen und bitte das verehrliche Comité – so darf ich ja wohl die werthen Damen bezeichnen – schon im voraus um Verzeihung, wenn ich Sie im Laufe dieser Tage noch wiederholt behelligen sollte. Herr von Zeisel reichte wieder allen Damen der Reihe nach die Hand, verneigte sich, verließ die Laube, winkte draußen noch einmal mit dem Hut zurück, den er dann mit einem energischen: Gott sei Dank, das hätten wir hinter uns! auf den Kopf drückte, um über den sonnigen Marktplatz, vorüber an dem uralten Brunnen, nach der Ausspannung zur Goldenen Henne zu gehen. Als Herr von Zeisel diesem Hause schon ganz nahe war, sah er zu seinem nicht geringen Erstaunen Herrn Rosel aus der weit offenen Thür heraustreten. Herr Rosel hatte den Cavalier nicht sobald bemerkt, als er mit großer Aufmerksamkeit nach dem Himmel hinaufblickte, an welchem sich auch nicht das kleinste Wölkchen zeigte, und dabei hinter drei oder vier Bauerwagen gerieth, die ausgespannt vor dem Hause hielten. Herr von Zeisel sah das Manöver sehr wohl und sagte deshalb: bon jour, monsieur rosel . Ah, sagte Herr Rosel, monsieur de zeisel , hier, zu dieser Stunde! Herr Rosel zu dieser Stunde, hier? sagte der Cavalier. Das allerliebste kleine Städtchen! sagte Herr Rosel. Die Kirche aus dem fünfzehnten Jahrhundert; ein Reisender, wissen Sie, ein Liebhaber der Architektur – man muß die Zeit benutzen. Da will ich Sie denn auch nicht länger aufhalten, sagte der Cavalier, höflich den Hut ziehend. Ich theile Ihnen bei der Tafel meine Beobachtungen mit, sagte Herr Rosel, den höflichen Gruß nicht minder höflich erwiedernd. Sonderbar! sagte der Cavalier und blieb einen Augenblick vor der Gaststube stehen, aus deren halb geöffneter Thür ein nicht unbeträchtlicher Lärm ertönte. Das war abscheulich von Ihnen, sagte Herr Findelmann. Was muß der Mann nur von uns denken? rief Herr Zeller, Man muß die Gastfreundschaft heilig halten, sagte Herr Hippe. Und einem Wirth nicht seine Gäste vertreiben, sagte der Wirth, die ohnedies die Drei Forellen viel näher haben, wenn sie auch dort niemals echtes Rothebühler zu kosten bekommen werden. Meine Herren! rief Herr Körnicke. Hört, hört! sagte Herr von Zeisel. Herr Körnicke verstummte; aber der Cavalier, der sich ohne weiteres rittlings auf einen Stuhl an den Tisch gesetzt hatte, bat ihn, fortzufahren. Ich höre für mein Leben gern eine Rede, Herr Körnicke, sagte er, und wer wüßte es nicht, daß Sie ein famoser Redner sind. Sie sind sehr gütig, Herr von Zeisel, sagte Herr Körnicke, aber diese Mohren da würde ich doch schwerlich weiß waschen können. Sind die Herren so schwarz, sagte Herr von Zeisel, indem er die Bezeichneten mit schalkhafter Aufmerksamkeit zu betrachten schien. Ist mir noch immer lieber, als wenn ich ein Rother wäre, sagte Herr Findelmann höhnisch. Und der sonst immer den Franzosen das Wort geredet hat, sagte Herr Zeller. Und dann doch einem Franzosen die Thür weist, sagte der Wirth. Ich habe ihm nicht die Thür gewiesen, schrie Herr Körnicke; ich habe im Gegentheil selber gehen wollen, da ich Euch so darauf erpicht sah, vor dem Franzosen Eure schmutzige Wäsche zu waschen. Ich muß denn doch sehr bitten, sagte Herr Findelmann, in Gegenwart des Herrn von Zeisel nicht so anzüglich – Ist mir ganz gleich, schrie Herr Körnicke, und wenn der alte Herr selber hier wäre! Unter uns können wir sagen, was wir wollen; es weiß doch Jeder, wie es der Andere meint, und daß, wenn es zum Schlimmsten kommt, Einer für den Andern steht, wie ich laufen würde und löschen, wenn's hier drinnen beim Findelmann brennte, und der Findelmann laufen und löschen würde, wenn's draußen auf der Fabrik beim Körnicke brennte; und so Jeder bei Jedem, wie wir hier sitzen, durch ganz Rothebühl und durch ganz Deutschland, sollte ich meinen. Aber der Franzose weiß das nicht und meint das nicht. Der meint, wenn wir uns hier mit Worten tractiren, und Einer dem Andern kein gutes Haar läßt, das sei Alles baare Münze und wir gönnten Einer dem Andern das Weiße in den Augen nicht. Das aber soll so Einer von drüben nicht denken, und besonders jetzt nicht, wo sie wieder auf uns schimpfen, wie's hier in der Zeitung steht und ich's mit meinen Ohren gehört habe, als ich Siebenundsechzig während der Luxemburger Affaire meine Reise durch Frankreich machte, und wo's mich genug gewurmt hat, daß ich immer hätte dreinschlagen mögen, auch ein paarmal dreingeschlagen und die schönsten Prügel bekommen habe, denn viele Hunde sind des Hasen Tod, und damit wünsche ich den Herren einen guten Morgen. Bleiben Sie, Herr Körnicke! rief Herr von Zeisel, dem Zornigen in den Weg tretend. Ich lasse Sie nicht fort, bevor Sie mir die Ehre erwiesen haben, mit mir anzustoßen. Ja, Herr Körnicke, ich rechne es mir zur Ehre an, mit einem Manne Ihrer Gesinnung ein Glas zu trinken. Nun, nun, sagte Herr Körnicke, dem Cavalier Bescheid thuend, das Andere kann deshalb immer bleiben wie es ist. Freilich, freilich, sagte Herr von Zeisel, wenn wir nur wissen, daß wir Alle ein Deutschland und ein Vaterland haben. Ja, ja, Deutschland, das soll leben! sagte Herr Körnicke mit Enthusiasmus. Und Durchlaucht, unser gnädigster Fürst daneben! sagte Herr von Zeisel. Meinetwegen! sagte Herr Körnicke nach einem kurzen Bedenken. Und da ich die Herren nun einmal beisammen finde, sagte Herr von Zeisel, und in einer so liebenswürdigen Stimmung, so will ich nur gleich die Gelegenheit benützen und Ihnen bezüglich des Geburtstages Seiner Durchlaucht einige Mittheilungen machen, die Sie Alle, denke ich, gleicherweise interessiren werden. Herr von Zeisel machte nun die Herren mit seinen Plänen bekannt. Daß dem Fürsten von den Stadtmusicis ein Morgenständchen gebracht wurde, war uralter Brauch; aber das halbe Dutzend Instrumente, über welches man mit Aufbietung aller Kräfte verfügen konnte, machte im besten Falle keine besondere Wirkung, die sich aber Herr von Zeisel davon versprach, wenn der Rothebühler Männergesang-Verein, der so Ausgezeichnetes leiste, an dem Ständchen sich betheiligen und vielleicht drei Stücke, über die man sich ja leicht einigen werde, executiren wollte. Was die Herren dazu meinten? und besonders Herr Körnicke, der ja notorisch die kräftigste Stimme – hier lächelte Herr von Zeisel – in dem Gesangverein habe. Wenn dem alten – ich meine, wenn Seiner Durchlaucht ein Gefallen damit geschieht, bin ich gern dabei, sagte Herr Körnicke. Abgemacht, sagte Herr von Zeisel, und ich danke Ihnen zum voraus. Folgt Numero zwei. Numero zwei: die eigentliche Geburtstags-Gratulations-Deputation, die sonst immer nur aus dem alten Bürgermeister und dem Stadtpfarrer bestand, in welcher Herr von Zeisel diesmal aber auch die Stadtverordneten-Versammlung, und, wenn es sein könnte, auch die Gewerke vertreten wünschte, war nicht auf der Stelle zu erledigen, da man dieserhalb erst Umsprache mit den Betreffenden halten mußte. Doch sagten die Herren ihre Unterstützung zu und daß sie auch sonst ihren Einfluß in jeder Weise aufbieten wollten, damit die Deputation in der von Herrn von Zeisel gewünschten Weise zu Stande komme. Dann kommt sie zu Stande, sagte Herr von Zeisel. Wer wüßte nicht, daß die vier Herren, die hier sitzen, ganz Rothebühl in der Tasche haben! Was noch sonst etwa zu sagen wäre, meine Herren, sollen Sie von Ihren Gemahlinnen erfahren, deren Zustimmung ich mich bereits versichert habe. Und was das Feuerwerk am Abend nach dem Balle betrifft – ja, meine Herren, ein Feuerwerk, ein brillantes Feuerwerk, bei welchem ich mir die gütige Mitwirkung unseres vortrefflichen Herrn Hippe erbitte, und die kleine Serenade, mit welcher man vielleicht den festlichen Tag am würdigsten beschlösse – so sprechen wir über dies und Anderes, sobald ich mich wieder einmal auf eine Stunde freimachen kann. Aber jetzt ist es die höchste Zeit, daß ich in den Sattel komme und da wird auch eben von dem Caspar mein Brauner vorgeführt. Herr von Zeisel schüttelte den Herren die Hände, bestieg sein Pferd, winkte aus dem Sattel noch einmal nach den Herren, die ihm vor die Thür gefolgt waren, zog, als er über den Marktplatz sprengte, vor den Damen, die er noch sämmtlich in der Laube der Apotheke versammelt sah, den Hut und verschwand in der engen Gasse, welche auf die Chaussée mündete, die nach dem Schlosse hinaufführte. Die Chaussée stieg gleich hinter Rothebühl ziemlich steil bergan; aber das war nicht der einzige Grund, weshalb der Cavalier sein munteres Pferd so langsam in dem dünnen Schatten der Pflaumenbäume dahinschreiten ließ. Bis jetzt war Alles über Erwarten gut gegangen, aber zwischen Rothebühl und dem Schlosse lag noch das Haus des Kanzleiraths, und wenn er auch vorhin – allerdings auf einem bedeutenden Umwege – nach Rothebühl hineingekommen war, ohne das Iffler'sche Haus zu berühren, so ging das jetzt, wo er den directen Weg ritt, nicht wohl, besonders deshalb nicht, weil der schwierigste Theil der Aufgabe, die er übernommen, nur eben in diesem Hause seine Erledigung finden konnte. Zwar war die Sache, um die es sich handelte, im Grunde gar nicht so schwierig: er wollte Fräulein Elise Iffler bitten, am Abend, wenn der Fürst in Begleitung seiner Gesellschaft die Promenade durch den erleuchteten Park machte, aus der Schwanengrotte in einem weißen, mit grünem Schilf und gelben Wasserlilien garnirten Kleide und aufgelöstem Haar im rechten Momente hervorzutreten und als Nixe der Roda dem Herren von Roda ein paar Verse herzusagen, die der Verfasser in diesem Augenblicke halblaut recitirte und die sich von Fräulein Elisens Lippen ohne Zweifel ganz wunderbar ausnehmen würden. Die Frage war nur, ob Fräulein Elise die Verse würde recitiren wollen. Vor vierzehn Tagen wäre das gar keine Frage gewesen; Fräulein Elise fühlte sich für dergleichen Rollen geboren, Frau Iffler würde stolz gewesen sein, ihre Tochter in einer solchen Rolle zu sehen, und der Kanzleirath, so trocken er auch sonst war, mit Freuden der Metamorphose seiner Tochter in eine Wassernixe durch seine runden Brillengläser zugeschaut haben. Aber in vierzehn Tagen kann sich Vieles wandeln, und in diesen letzten vierzehn Tagen hatte sich viel gewandelt, nichts so sehr, als das Verhältniß Oscars von Zeisel zur Familie Iffler. Er war sich keiner Schuld bewußt; er hatte, trotzdem er, seit die Gäste auf dem Schlosse waren, wirklich beide Hände voll zu thun hatte, im Anfang seine regelmäßigen täglichen Besuche im Iffler'schen Hause gemacht, den Damen regelmäßig sein Bouquet überreicht oder sonst eine kleine zarte Aufmerksamkeit erwiesen, bis das sonderbare Benehmen des Vaters, die Einsylbigkeit der Mutter, das Verschwinden Elisens, sobald er das Haus betrat, ihm keinen Zweifel darüber ließen, daß er nicht mehr so gern gesehen werde wie früher, ja daß er überhaupt nicht mehr gern gesehen sei. Er hatte den Kanzleirath gefragt, was er verbrochen – der Kanzleirath hatte erwiedert: er sei außer Stande, eine Frage zu beantworten, deren Ursache er nicht einmal ahne; er hatte der Kanzleiräthin dieselbe Frage vorgelegt und dieselbe Antwort erhalten; er hatte Elise beschworen, ihm offen zu sagen, wodurch er sie beleidigt habe. Elise hatte die blauen Augen niedergeschlagen und dann gesagt: Herr von Zeisel, auch mir ist mein Geheimniß Pflicht. Was bedeutete dies Alles? Der Cavalier zerbrach sich vergebens den Kopf darüber. Liebte Elise den Doctor? Hatte man auf den Doctor gerechnet und wollte es ihn nun entgelten lassen, daß der Doctor fortging? Aber er hatte ihn doch nicht weggeschickt, und eine unglückliche Liebe, eine verfehlte Elternhoffnung nehmen doch nicht so wunderliche Mienen an, und schließlich hatte er immer geglaubt und zu glauben alle Ursache gehabt, daß er der Bevorzugte sei. So mag sie fallen, diese Blüthe vom Baum meines Lebens, hatte der junge Mann sich in den ersten Tagen hundertmal wiederholt; wenn Oscar von Zeisel verschmäht wird, so wird er sich zu trösten wissen. Und er hatte sich vorgenommen, Gräfin Stephanie's blaue Augen viel schöner zu finden als Elisens und ein Sonett angefangen, in welchem der jungen Mutter rührend zartes Bildniß in seines dunklen Lebens öde Wildniß strahlen sollte; aber Stephanie's blaue Augen hatten zu oft an ihm vorüber nach dem Doctor geblickt und das Sonett war nicht fertig geworden. Desto besser und leichter war ihm ein anderes gelungen, zu welchem er erst gestern Nachmittag während der Fahrt nach Erichsthal den Stoff erhalten hatte. Das Sonett war Liebestrost überschrieben und handelte von einem jungen Fischer, der mit verweinten Augen in einen Bach starrt, dessen Wellen das Grab seiner unerträglichen Leiden werden sollen, und den der Sang der Philomele aus dem nahen Fliedergebüsch wieder zum Glauben an den Frühling, an das Leben, an das Glück bekehrt. Der schöne Reim auf Philomele war Adele. Adele! sagte der Cavalier, sich im Sattel umwendend und einen Blick und einen Seufzer das Thal hinab nach Erichsthal und über Erichsthal weiter nach einem gewissen Rittergute schickend, durch dessen fruchtbare Breiten der fischreiche Bach seines Sonetts plätscherte: Adele! Aber nein, fuhr er fort, es soll Niemand von Oscar von Zeisel sagen, daß er die Schulden seines Herzens nicht bezahlt hätte, wie es auch immer mit seinen andern Schulden stehen mag, zu deren Liquidirung die Fonds weniger reichlich fließen. Du bist zu weit gegangen, als daß Du nicht Dir – wenn nicht ihr – einen Versuch der Verständigung schuldig wärest. Einen Versuch, den letzten, und schlägt er fehl, dann mag es auf immer vorbei sein. Er gab seinem Pferde die Sporen und hielt in wenigen Minuten vor der Villa des Kanzleiraths. Die Fenster der Wohnstube standen offen; es war Niemand darin. Vielleicht waren die Damen im Garten. Herr von Zeisel wendete sein Pferd und ritt an der Seite des Hauses auf einem schmalen Fußwege und dann an dem niedrigen Gartenzaun hin. Der Garten war leer. An den Garten stießen ein paar Wirthschaftsgebäude, hinter den Wirtschaftsgebäuden war ein kleiner Rasenplatz, auf welchem die Wäsche getrocknet zu werden pflegte und welcher der Sicherheit wegen mit einer höheren Mauer umgeben war, auf deren Kanten eingekalkte Glasscherben dem Frevler dräuend entgegenstarrten. Aber auch über diese Mauer konnte man, wenn man sich in die Bügel stellte, wegblicken. Herr von Zeisel, der einmal so weit gekommen war und aus dem innern Raum Stimmen gehört hatte, stellte sich in die Bügel, blickte über die Glasscherben, und das sonderbarste Schauspiel, das er sich je gesehen zu haben erinnerte, zeigte sich seinen erstaunten Augen. Im Schatten eines Apfelbaumes, der in einer Ecke stand, saß Frau Iffler auf einem niedrigen hölzernen Bänkchen in schwarzem Taffetkleide und der Haube mit Ponceau-Bändern, strickend. In der entgegengesetzten Ecke, wo ein Birnbaum seinen dünnen Schatten verbreitete, saß auf einem Stuhl der Kanzleirath im Sommeranzuge mit einem breitrandigen Strohhut. Zwischen ihnen, in der Mitte des freien Platzes, stand der alte Gärtner des Kanzleiraths, Habermus, in der einen Hand eine große Peitsche, in der andern Hand eine Leine, deren Bestimmung Herrn von Zeisel vorläufig unklar blieb, da er den Theil des Platzes, wohin die Leine lief, nicht überblicken konnte; aber er hatte einen zu großen Theil seines Lebens in Manègen zugebracht, um nicht bald auf die Vermuthung zu fallen, daß dieser Strick der Theil einer Longe und der ganze Platz nichts anderes sei, als eine improvisirte Manège. Es geht vortrefflich, nicht wahr, Iffler? rief die Frau Kanzleiräthin. Magnifique! rief der Kanzleirath. Und der Schimmel, sagte Habermus, das ist ein Capitalpferd; der hat seine alten Artilleriekünste noch nicht verlernt, ebenso wenig, wie der alte Habermus, wenn's auch schon ein bischen lange her ist. Nun aber sollen Sie erst einmal sehen! Habermus knallte mit der Peitsche und rief in lang gezogenem Ton: Batterie Trab! Und was Herr von Zeisel befürchtet und doch nicht für möglich gehalten, geschah: unter der Mauer hervor kam der Schimmel, der uralte, knochige, steifbeinige Schimmel, der stets, so oft er ihn sah, Herrn von Zeisels Lachlust erregte, in einer ganz unglaublichen Gangart, welche zwischen Galopp, Trab, Schritt und Stolpern eine glückliche Mitte hielt; auf seinem mageren Rücken in einem sonderbaren, aus Weidenruthen geflochtenen Gestell, das einen Damensattel vorstellen sollte, sich krampfhaft an der Lehne festhaltend und dennoch hin- und herschwankend wie ein Rohr im Wind, Elise – seine Elise, seine vielbesungene Elise in einem Reithabit von dunkelgrünem Sammet, dessen unendliche Falten dem Schimmel um die mageren Beine schlugen, auf den blonden Haaren einen Herrenhut, von welchem ein weißer Schleier melancholisch herabhing. Und nichts weniger als heiter war der Ausdruck von Elisens Gesicht, welches die Hitze, die ungewohnte Anstrengung und eine vielleicht nicht ganz unbegründete Furcht sehr roth und dabei doch höchst abgespannt und weinerlich erscheinen ließ. Sieht sie nicht wie ein Engel aus, Iffler? rief die Kanzleiräthin unter dem Apfelbaum. Wie ein vollständiger Engel! rief der Kanzleirath von dem Birnbaum zurück. Batterie Trab! donnerte Habermus und knallte mit der Peitsche. Halten Sie still? wimmerte Elise. Du wirst Dich daran gewöhnen, süßer Engel, rief die Kanzleiräthin. Du mußt auf der Höhe der Situation sein, sagte der Kanzleirath. Batterie Trab! donnerte Habermus. Ich kann nicht mehr! wimmerte Elise. Herr von Zeisel war über Alles, was er sah und hörte, in ein Uebermaß des Erstaunens versetzt und vergaß ganz, daß, wenn er auch, sich unwillkürlich höher und höher in den Bügeln hebend, zuletzt mit dem ganzen Kopf über die scherbengekrönte Mauer wegragte, dieser Kopf auch von drinnen und besonders von Elise gesehen werden konnte, die sich auf ihrem hochbeinigen Schimmel fast in gleicher Höhe mit ihm befand. Nun geschah dies aber wirklich. Elise erhob die angstvollen Augen von den Ohren ihres Schimmels in dem Moment, als der Schimmel nur durch die Mauer von dem Braunen getrennt war, erblickte unmittelbar vor sich den Kopf Oscars von Zeisel, als ob dieser Kopf, Oscar von Zeisel zur gerechten Strafe und Anderen zum abscheulichen Exempel, auf die Glasscherben gepflanzt sei, stieß einen gellenden Schrei aus und sank, wie es schien, ohnmächtig von ihrem Schimmel in das Gras. Herr von Zeisel fürchtete das wenigstens, wenn er auch diese absinkende Bewegung nicht mehr bis zu ihrem Ende verfolgen konnte. Der Braune, dem die Situation schon längst unbehaglich sein mochte, hatte den gellenden Schrei zum Vorwand genommen, um mit einem Satze anzuspringen, und Herrn von Zeisel würde unzweifelhaft Elisens Schicksal ebenfalls betroffen haben, wenn er ein weniger ausgezeichneter Reiter gewesen wäre. Und auch so vergingen noch mehrere Minuten, bevor er des Braunen, der lustig querfeldein courbettirte, wieder Herr werden und ihn nach der Mauer zurücklenken konnte. Aber der Rasenplatz war leer. Herr von Zeisel würde Alles für einen Sommertagstraum gehalten haben, wäre er zu dergleichen mehr geneigt gewesen und hätte er nicht auf dem zerstampften Rasen noch die Peitsche des biederen Habermus neben dem Schleierhut Elisens, und auf der Bank unter dem Apfelbaum das Strickzeug der Frau Kanzleiräthin liegen sehen. Er schwankte einen Augenblick, was er jetzt thun solle. Daß sein ohnehin schon so äußerst gespanntes Verhältniß zur Familie durch das eben Erlebte nicht besser geworden sein konnte, war klar; daß Elisens Herz, nachdem er sie in einer so überaus wunderlichen Situation belauscht, ihm nicht wärmer entgegenschlagen werde, leuchtete ihm nicht minder ein; ja, da er eine sehr lebhafte Empfindung für das Komische hatte, so mußte er fürchten, daß der Hauch der Poesie, der bisher für ihn seine Wiesenblume umschwebte, fortan mit dem Duft des Lächerlichen unweigerlich vermählt sein würde. Dann aber siegte seine Gutmüthigkeit. Vielleicht war das arme Mädchen an dieser tollen Situation viel weniger Schuld, als ihre thörichten Eltern, und auf jeden Fall mußte er sich überzeugen, ob sie sich keinen ernstlichen Schaden zugefügt habe. So wendete er denn den Braunen, galoppirte auf dem Fußsteige zurück bis vor das Haus, wo er aus dem Sattel sprang, das Pferd an das Gitter band und entschlossen in das Haus trat. In der Wohnstube trat ihm der Kanzleirath entgegen mit einem so verstörten Gesicht, daß Herr von Zeisel jetzt wirklich erschrocken rief: Um Himmelswillen, Herr Kanzleirath, wie steht es mit Elise? Fräulein Iffler befindet sich vollkommen wohl, erwiederte der Kanzleirath; ich meine so wohl, wie sich eine junge Dame befinden kann, die sich unter der Obhut ihrer Eltern einem unschuldigen Vergnügen hingiebt und dabei – Doch nicht von einem Fremden belauscht wird, Herr Kanzleirath? rief Herr von Zeisel. Ich versichere Sie, daß ich vollkommen unschuldig bin. Und er erzählte nun, wie er bis an die Mauer gekommen sei. Ich bitte Sie, Herr Kanzleirath, fuhr er fort, wie konnte ich ahnen, daß Fräulein Elise, bei der ich nie die mindeste Neigung zu dergleichen Künsten wahrgenommen hatte, und die, wenn sie reiten lernen wollte, aus dem Marstall des Fürsten die besten Pferde zur Verfügung hat; der ich selbst mit größtem Vergnügen die nöthigen Lektionen gegeben hätte – wie konnte ich ahnen, daß sie – Herr von Zeisel, sagte der Kanzleirath, ehren Sie den Willen der Eltern, welche Tag und Nacht über das Wohl ihres Kindes nachdenken und am besten wissen müssen, welches ihre Pflichten gegenüber ihrem Kinde und – ich darf wohl sagen – gegenüber einem solchen Kinde sind. Ich erlaube mir auch nicht den leisesten Zweifel, sagte Herr von Zeisel, weder an der Vortrefflichkeit ihrer Intentionen, noch an der gewiß hohen Bestimmung, welche Ihrem Fräulein Tochter vorbehalten ist. Der Kanzleirath zupfte an seinem Hemdkragen und blickte den Cavalier starr durch seine runden Brillengläser an. Wir werden des Wohlwollens, das uns Herr von Zeisel in den Tagen unserer Niedrigkeit zuwendete, stets eingedenk sein, sagte er. Der Cavalier; der nicht wußte, was er mit diesen in feierlichstem Ton gesprochenen Worten machen sollte, verbeugte sich. Und zweifeln keinen Augenblick, fuhr der Kanzleirath fort, an seiner Discretion, jener obersten aller Pflichten eines Mannes, der sich in der gefährlichen Höhe des Hoflebens bewegt. Der Cavalier verbeugte sich noch einmal. Seien Sie dessen versichert, Herr Kanzleirath, sagte er. Wir sind dessen versichert, Herr von Zeisel, sagte der Kanzleirath. Die Schnelligkeit, mit welcher Sie sich in eine so gänzlich veränderte Situation – ich darf wohl sagen, nicht ohne Schmerz, aber doch gefunden haben, ist uns Bürgschaft dafür. Ohne Schmerz? sagte Herr von Zeisel. Aber ich war ja längst darauf vorbereitet. Waren Sie es wirklich? fragte der Kanzleirath, vertraulicher werdend. Und Durchlaucht hatte es ja schließlich an Winken nicht fehlen lassen, wo mein leicht verzeihlicher Mangel an Routine in solchen Dingen gar zu auffällig war. Gott segne Seine Durchlaucht und Sie, mein junger Freund, sagte der Kanzleirath, indem er die Hand des Cavaliers ergriff und feierlich drückte. Wie leicht wiegt gegenüber einer so treuen und so edel ausgedrückten Gesinnung die kleine Unannehmlichkeit, welche der Zufall vorhin herbeigeführt! So darf ich denn mein Herz ganz aufschließen, darf dem Stolz und der Wonne eines Vaters Ausdruck geben, der sich endlich am Ziel seiner Wünsche sieht, die freilich Alles übersteigen – Anton, Anton! rief hier die Stimme der Frau Kanzleirath, welche durch die nur angelehnte Thür dem Gespräch mit fieberhafter Spannung gefolgt war und es jetzt für die höchste Zeit hielt, diesen doch möglicherweise sehr unzeitgemäßen Bekenntnissen ein Ende zu machen. Anton, willst Du nicht einmal einen Augenblick hereinkommen? Der Kanzleirath verschwand und Herr von Zeisel hörte, wie nebenan eifrig, wenn auch leise, zwischen den Gatten verhandelt wurde; auch Elisens Stimme glaubte er einen Augenblick zu vernehmen. Der Kanzleirath trat wieder in das Zimmer. Ich hoffe, es ist in Fräulein Elisens Zustand keine Verschlimmerung eingetreten? sagte Herr von Zeisel. Durchaus nicht, sagte der Kanzleirath, sie befindet sich vollkommen wohl. Die Damen lassen sich Ihnen angelegentlichst empfehlen. Der Kanzleirath war womöglich jetzt noch mehr zugeknöpft, als er es im Beginn der Unterredung gewesen war. Herr von Zeisel wußte nicht mehr, was er denken sollte. So will ich denn nicht länger stören, sagte er, seinen Hut ergreifend. Ich war in einer Angelegenheit gekommen, die sich auf die Feier am sechszehnten bezieht und hatte eine specielle Bitte an Fräulein Elise, durch deren Erfüllung, wie ich glaube, Seine Durchlaucht ebenso erfreut wie überrascht worden wäre. Aber ich will lieber zu gelegenerer Zeit wiederkommen. Eine Bitte – an Elise – Seine Durchlaucht ebenso erfreut, wie überrascht – sagte der Kanzleirath mit einem unsichern Blick nach der Thür zum Nebenzimmer. Soll ich nicht doch lieber – wollen Sie nicht doch lieber – Ich denke, wir lassen es für morgen, sagte Herr von Zeisel, dessen Geduld erschöpft war. Ich habe die Ehre, Herr Kanzleirath – Wollen Sie nicht doch lieber – soll ich nicht doch lieber – sagte der Kanzleirath. Aber Herr von Zeisel war bereits zur Thüre hinaus, im Sattel, und galoppirte die Chaussée hinauf, allerlei ärgerliche Worte murmelnd, welche zum Glück für die Familie Iffler der Wind verwehte, der durch die Pflaumenbäume und um des Reiters zornerglühte Wangen strich. Fünfzehntes Kapitel. In derselben Stunde als der Cavalier die sonnige Chaussée nach dem Schlosse hinaufsprengte, ritt Hermann langsam durch den schattigen Wald nach der Fasanerie. Es war derselbe Theil des Waldes, durch den er vorgestern Abend gekommen war, das Herz so voll unaussprechlichen Leides, daß er des tosenden Sturmes nicht geachtet hatte; und heute Morgen war die zauberhafte Schönheit des Ortes und der Stunde, der wolkenlose Himmel, der zwischen den Wipfeln der Riesentannen herniederblaute, die goldenen Lichter, die durch die smaragdnen Zweige schlüpften und auf den moosigen Stämmen spielten, die duftigen Schatten in den Waldgründen, der Gesang der Vögel, der wonnesame Duft der warmen Waldesluft – war Alles für ihn verloren, oder er empfand es nur, wie man den wohlgemeinten Zuspruch eines Freundes empfindet, der heiter von heiteren Dingen spricht, während wir unablässig den trüben Gedanken nachhangen, die unsere verdüsterte Seele zur Wohnstatt erwählten. Gestern noch hätte ihn der Gedanke, sie unter vier Augen sprechen zu sollen, in die größte Aufregung versetzt; ja er würde freiwillig nicht eine Stunde heraufbeschworen haben, die für ihn kein Glück mehr war, die für ihn und, wenn nicht Alles täuschte, auch für sie nur eine Qual sein konnte. Jetzt aber handelte es sich nicht um ihn; er war sich bewußt, daß auch nicht der Schatten einer Hoffnung, eines Wunsches, der sich auf ihn selbst bezog, in seiner Seele zu finden war, so wenig wie eine Wolke droben am blauen Himmel. Und so mußte er freilich gesinnt sein, wenn er den Muth haben sollte, sein Pferd weiter bergan schreiten zu lassen, wenn er jetzt absteigen und das Gatter am Fasaneriepark öffnen, und, das Pferd am Zügel führend, unter den ungeheuren hundertjährigen Eichen den Weg zu Prachatitz' Häuschen einschlagen sollte. Er fand den Alten unter dem großen offenen Schuppen an einem der Holzhäuschen beschäftigt, in welche zur Nacht die Puter mit ihrer Fasanenbrut getrieben wurden. Die Miene des Alten, den man sonst selten lächeln sah, war heute beinahe heiter. Sehen Sie, Herr Doctor, sagte er, hier hat heute Nacht ein Marder hineingewollt, in dieses Astloch hier, das ich alter Graubart übersehen habe; und nun schauen Sie da mal hin, da hängt der Schelm bereits, oder doch sein Balg, was auf dasselbe hinauskommt. Ich habe heuer rechtes Glück mit meinen Fasanen; noch ist außer den fünf gleich im Anfang keines daraufgegangen, und sie sind jetzt so derb, daß ihnen nicht mehr viel passiren kann. Sehen Sie nur. Prachatitz zeigte auf eine Kette Küchlein, die munter durch die Büsche schlüpften, während die Puterhenne mit dem Strick am Bein ängstlich hinterdrein schritt. Ist es nicht ein Stolz? sagte er, sich die braunen Hände reibend, und fügte dann, als schäme er sich seiner Heuchelei, in demselben Athem hinzu: Sie hat auch ihre Freude dran gehabt, vorhin, und ich bin so froh, daß ich sie endlich einmal habe lächeln sehen und daß sie wieder malen will wie in den guten Tagen, bevor diese Wirtschaft über uns hereinbrach. Und sie wird sich gewiß auch recht freuen, Sie zu sehen, kommen Sie nur, Herr Doctor, ich will Sie gleich melden. Hermann folgte dem Alten, der schnellen Schrittes vorausging. Es war doch ein eigner Zauber, der dieses schöne Wesen umgab, ein Zauber, dem sich Niemand, wie es schien, entziehen konnte und dessen Macht er selbst, so sehr er sich dagegen sträubte, jetzt wiederum spürte an dem unruhigen Schlagen seines Herzens, und immer stärker spürte, je mehr er sich dem Pavillon näherte. Und, sagte der Alte, plötzlich stehen bleibend und seine Stimme senkend, was mir da vorgestern durch den Kopf gegangen ist, das ist doch Alles Hirngespinnst und Teufelsspuk gewesen, und ich habe es ihr heute, als ich so vor ihr stand und ihr in die reinen Augen schaute, so recht von Herzen abgebeten. Und Sie, Herr Doctor, wollte ich noch recht schön bitten, daß Sie mir es nicht nachtragen und zu vergessen suchen, was ich, wenn mich der Teufel reitet, für ein grundschlechter Kerl sein kann. Kommen Sie nur gleich mit hinauf, Herr Doctor, sie wird Sie gewiß sprechen wollen. Prachatitz ging die Treppe zum Theehause hinauf; langsam folgte ihm Hermann. Der Gang war doch schwerer, als er gedacht. Endlich stand er oben vor einer der drei großen Fensterthüren, durch welche Prachatitz eingetreten war und die er weit offen gelassen hatte. Da stehst du abermals an der Schwelle, die dein Fuß nicht wieder betreten sollte, sprach er bei sich, und wenn, was dich hiehergeführt, die selbstsüchtige Schwäche wäre, welche die Menschen Liebe nennen, du würdest dir selbst der Verächtlichste der Menschen sein. Gott sei Dank! Die Liebe hat mit diesem Schritt nichts zu thun. Die gnädige Frau bittet Sie, in dem Saal zu warten; sie wird gleich kommen, sagte Prachatitz. Sie sitzt so in ihren Malsachen, fügte er wie zur Entschuldigung hinzu. Hedwig hatte früher oft genug Hermann in ihrem Atelier empfangen. Prachatitz war gegangen. Hermann stand in der Rotunde und ließ seinen Blick mechanisch über die alten Gobelintapeten schweifen, über die Marmorvasen und Marmorbilder in den Nischen, über all die verblichene Pracht des fürstlichen Raumes, als sähe er das zum erstenmale. Eine seltsame Erstarrung hatte sich seiner bemächtigt; er versuchte sich zurückzurufen, was ihn hiehergeführt, was er ihr hatte sagen wollen. Es war vergebens; er wußte nur, daß er sie wiedersehen sollte, daß dies die Thür war, durch welche sie kommen würde, und daß die Zeit stillstand, bis sie kam. Die Tapetenthür wurde geöffnet, Hedwig trat herein in sommerlich hellem Kleide und kam mit ausgestreckter Hand auf ihn zu, schön wie immer, und doch – der Zauber war gebrochen. Er wußte wieder, was er sollte, was er wollte, und daß die Wirklichkeit ihn nicht übermannen konnte, wie seine Träume es thaten. Sie kommen, Abschied zu nehmen, sagte Hedwig, nachdem sie sich ein paar Momente stumm gegenüber gesessen hatten. Ihre tiefe Stimme zitterte ein wenig, als sie das sagte und eine leichte Blässe flog über ihr Gesicht; aber als müßte sie diese Schwäche so schnell als möglich überwinden, fuhr sie, ohne Hermanns Antwort abzuwarten, fort: Sie haben einen weiten Weg nicht gescheut, mich hier in meiner Einsamkeit aufzusuchen, in die ich mich geflüchtet habe, dem Wirrwarr unten auf ein paar Stunden zu entrinnen. Um Hermanns Lippen zuckte ein bitteres Lächeln. Sie war die Einzige gewesen, die gestern keine Theilnahme an seinem Unfalle gezeigt; sie hatte auch heute kein Wort dafür. Er existirte eben nicht mehr für sie. Aber er wußte es ja längst, daß es so war, mochte es denn sein. Ich bitte um Verzeihung, wenn ich Ihre Muße in so unliebsamer Weise störe, sagte er. Was mich zu Ihnen führt, ist eine Angelegenheit, die leider für ein ruhebedürftiges Gemüth sehr wenig geeignet ist und von der ich deshalb zum voraus bemerke, daß dieselbe mich nicht persönlich betrifft. Auch nicht mich? sagte Hedwig, und es zog eine Wolke über ihre Stirn. Auch nicht Sie, erwiederte Hermann, wenigstens nicht direct, obgleich freilich Ihre Betheiligung unbedingt nothwendig ist. So wird es vielleicht das Beste sein, wenn Sie mich hören lassen, was es ist. Sie hatte sich in den Fauteuil zurückgelehnt, die linke Hand im Schoß, während die rechte mit der Schärpe spielte. Die großen Augen ruhten voll auf Hermann mit einem finstern, fast drohenden Ausdruck, als sei sie willens, ihm bei dem ersten Wort, das ihr mißfallen würde, die gegebene Erlaubniß wieder zu entziehen. Ich will mich bemühen, möglichst kurz sein, sagte Hermann, und, kann ich es doch nicht vermeiden, etwas weiter auszuholen, so muß mich eben die Schwierigkeit der Sache, um die es sich handelt, entschuldigen. Es handelt sich aber um Folgendes: Ich sehe den Fürsten auf einem Wege, auf welchem ihn Niemand, der es gut mit ihm meint, sehen kann, ohne ihn zu warnen, wenn er darf; ohne ihn von demselben abzuwenden, wenn er kann. Das erste habe ich gethan; es ist vergebens gewesen. Ich weiß Niemanden, der zu dem zweiten im Stande wäre, außer Sie, gnädige Frau, und ich wende mich deshalb an Sie. Ich glaube zu wissen, was Sie sagen wollen, erwiederte Hedwig, und glaube auch zu wissen, daß Sie in einem Irrthum befangen sind; aber bitte, sprechen Sie weiter. Sie kennen die politischen Gesinnungen des Fürsten, fuhr Hermann fort, kennen sie vermuthlich besser als ich, der ich wohl wußte, daß er Preußen hasse, aber nicht wußte, daß dieser Haß grenzenlos sei, daß dieser Haß selbst die Schranken überrenne, die dem Patrioten ein für allemal gesetzt sind. Ich weiß es jetzt – Sie hatte die Schärpe aus der Hand gleiten lassen, ihr Gesicht trug nur noch den Ausdruck gespanntester Aufmerksamkeit. Seit heute Morgen weiß ich es, fuhr Hermann fort. Der Fürst hatte mich zu ungewöhnlich früher Stunde zu sich bescheiden lassen; er empfing mich in seinem Schlafzimmer. Das Bett war unberührt. Die fieberhafte Aufregung, in der er sich befand und die er vergebens vor mir zu verbergen suchte, bewies mir ohnedies, daß er die Nacht nicht geschlafen haben konnte. Ich will Ihnen, gnädige Frau, nicht die Unterredung, welche jetzt zwischen ihm und mir stattfand, ausführlich wiederholen, ich wäre das auch vielleicht nicht einmal im Stande; ich will nur sagen, daß ich die Mittheilungen, die mir der Fürst machte, eher für die Phantasien eines Fieberkranken, als für die wohlerwogenen Entschlüsse eines staatsmännischen Kopfes halten mußte. Der Fürst versicherte mich mit einer Bestimmtheit, die ihre Quelle nicht in den Zeitungsnachrichten haben konnte, welche uns bis jetzt vorliegen, daß der Krieg zwischen Frankreich und Preußen in Paris beschlossene Sache und also unvermeidlich sei; daß dieser Krieg in der allernächsten Zeit schon zum Ausbruch kommen werde. Er machte mich weiter mit den extravaganten Hoffnungen bekannt, die er an diesen Krieg knüpft; wie Oesterreich, Italien, Dänemark zu Frankreich halten, ganz Süddeutschland, Hannover, Hessen, Schleswig-Holstein sich erheben und das preußische Joch abschütteln würden; und weiter theilte er mir die Entschlüsse mit, die er selbst für diese Eventualität gefaßt habe: daß er kraft seines legitimen Rechtes, welches ihm keine Vergewaltigung habe rauben können, sich auf die Seite stellen werde, wo er das Recht und die Ehre erblicke; daß er hoffe, sein Beispiel werde das Signal des Losbruchs für unsere ganze Landschaft sein, und, wenn er sich ja in dieser Annahme täusche, er für seine Person, ganz allein, wenn es denn so sein müsse, sich an dem Kampfe gegen Preußen betheiligen wolle. Schließlich machte er mir, von dem er voraussetzte, daß ich seine Ansichten, seine Hoffnungen, seine Entschlüsse unbedingt theile, billige, das Ansinnen einer Mission, über die ich um des Fürsten willen schweigen und nur so viel sagen will, daß ich dieselbe auf der Stelle ablehnte, und dies mit einer Heftigkeit, die ich sofort bereute. Weiter, weiter! sagte Hedwig. Nicht, als ob ich jemals anders denken könnte, fuhr Hermann fort, sondern weil ich mir dadurch meine Position unnöthig erschwert hatte. Der Fürst wußte jetzt, daß er auf mich nicht zählen könne und er sagte mir, daß er bereue, so weit gegangen zu sein, und daß es meine Pflicht gewesen, ihn früher zu unterbrechen, bevor er mir sein Geheimniß enthüllt. Ich nahm diese Kränkung ruhig hin; ich dachte wahrlich in diesem Augenblicke an nichts weniger als an mich. Ich dachte nur, daß es meine Pflicht sei, zu versuchen, so viel in meiner Kraft stand, einen Herrn, den ich liebte und verehrte, vor dem augenscheinlichsten Verderben zu warnen. Ich habe diese Pflicht erfüllt, gnädige Frau, so schwer mir dieselbe auch durch den immer heftiger auflodernden Zorn des Fürsten gemacht wurde. Ich habe ohne jede andere Rücksicht als die, welche der jüngere Mann dem älteren schuldig ist, gesprochen. Ich habe dem Fürsten zu beweisen gesucht, daß es jetzt, wo es sich um einen Krieg mit Frankreich handle, ganz anders liege als Sechsundsechszig; ich habe ihm gesagt, daß er sich zum Spielball in den Händen gewissenloser Abenteurer hergebe; ihm den Beweis geführt, daß mindestens Herr Rosel, den ich von früher kenne und der diese Bekanntschaft zu erneuern die Frechheit gehabt, ein solcher Abenteurer der schlimmsten Sorte sei; ich habe mich zuletzt nicht gescheut, das Wort auszusprechen, daß ein solches Unterfangen für jetzt und alle Zukunft in den Augen jedes Patrioten brandmarken wird – das Wort Landesverrath – es ist Alles, Alles vergeblich gewesen. Und wie schieden Sie von einander? fragte Hedwig. Wie ich es nicht erwartet hatte, erwiederte Hermann, und doch nach meiner Kenntniß von der Herzensgüte und dem Seelenadel des Fürsten erwarten konnte. Ich war bereits an der Thür, als er mich wieder zurückrief und mit einem Händedruck, der fast eine Umarmung war, sagte: Sie meinen es doch gut mit mir, trotz alledem. Die Thränen standen ihm dabei in den Augen. Ich schäme mich nicht zu sagen, daß meine Rührung nicht minder groß war. Und was haben Sie beschlossen? fragte Hedwig. Zu beweisen, daß der Fürst sich nicht geirrt hat, wenn er annimmt, daß meine persönliche Liebe zu ihm jetzt nicht geringer ist als vorher, und sollte ich dabei wiederum die peinliche Rolle eines unbefugten und unbefragten Rathgebers übernehmen müssen. So will ich Sie denn lieber direct um Ihren Rath fragen und bitten, sagte Hedwig. Was wünschen Sie, das ich thun soll? Dasselbe, was ich gethan habe, erwiederte Hermann. Ich bitte Sie, daß Sie mit dem Fürsten sprechen, wie ich gesprochen, oder vielmehr, wie ich weiß, wie Sie sprechen können und sprechen werden. Und wenn ich nun bereits gesprochen hätte, sagte Hedwig, gestern Abend, gleich nach dem Eintreffen der Nachricht – und mein Erfolg um nichts günstiger gewesen wäre als der Ihre? So müssen Sie es noch einmal versuchen! erwiederte Hermann. Muß ich das? Sie war aufgestanden und schritt durch das Gemach bis zu einem der Fenster, in welchem sie stehen blieb. Plötzlich wendete sie sich wieder um und sagte mit Heftigkeit: Weshalb muß ich? Ich habe keine Antwort auf eine Frage, die Sie nur selbst beantworten können, sagte Hermann. Er hatte sich erhoben, während Hedwig in der Rotunde auf- und abschritt, sich dann wieder zu ihm wendete und jetzt mit größerer Ruhe sagte: Gesetzt, ich müßte, und ich wollte, was ich müßte, was spricht dafür, daß ich erreichen würde, was Sie, ein Mann, nicht erreicht haben, dessen Stimme in solchen Dingen doch ein ganz anderes Gewicht hat, als die einer Frau? Verzeihung, erwiederte Hermann, ein Mann, und wäre er noch so wohlgelitten, vermag in solchem Moment wenig über einen Mann; aber viel, sehr viel eine Frau, die nicht an den Verstand, sondern an das Herz sich wendet, und diese Frau vermag Alles, wenn sie von dem Manne geliebt wird, wie der Fürst Sie liebt. Eine flammende Röthe ergoß sich über Hedwigs schönes Gesicht und ihre Stimme klang sonderbar erregt, als sie nach einer kurzen Pause antwortete: Wäre dazu nicht erforderlich, daß die Frau den Mann ebenso liebt, wie er sie, oder, was freilich auf dasselbe hinauskäme, daß der Mann sich ebenso von dieser Frau geliebt glaubt? Gnädige Frau, erwiederte Hermann, ich weiß nicht – Was Sie darauf erwiedern sollen, unterbrach ihn Hedwig. Weshalb nicht? Wir sind einmal auf einen Punkt gerathen, wo es nicht mehr hilft, sich zu verstecken. Wie nun, wenn weder das Eine noch das Andere der Fall ist? Wenn der Fürst in diesem Grade nicht von mir geliebt wird und sich nicht von mir geliebt glaubt, wie dann? Würde nicht Alles, was ich sage, sagen könnte, von vornherein vergeblich sein? Oder, wenn es das nicht sein sollte, müßte ich nicht einen Glauben erwecken, der einfach eine Täuschung wäre? Ja, würde ich eben durch meine Bitten, durch die herzlichen Töne, die ich anschlagen müßte, nicht nothwendig diese Täuschung hervorrufen? Und können Sie das von mir verlangen? Sie! – Sehen Sie, da liegt ein Widerspruch, den zu lösen Sie Ihren Scharfsinn vergebens aufbieten; und da liegt noch mehr: da liegt das Urtheil – Sie unterbrach sich und sagte dann in ruhigerem Tone: Nein, nein, es wäre ein schweres Unrecht, wollte ich in Ihrem guten Herzen eine Hoffnung erwecken, die nicht erfüllbar ist, und Sie dadurch abhalten, auf andere Mittel zu sinnen, wie man den Fürsten retten könnte. Hinge seine Rettung wirklich nur von mir ab, so wäre er verloren. Weil du ihn nicht retten willst, sprach Hermann bei sich, während Hedwig wieder in dem Gemache auf- und abschritt; aber ich, ich darf den alten Mann nicht so leichten Kaufs verloren geben, und so mag denn auch noch das gesagt sein, entstehe daraus, was da will. Verstatten Sie mir noch ein Wort, gnädige Frau, sagte er laut. Sie wissen, es ist das Schicksal der guten und vielleicht etwas schwachen Herzen, sich nicht beruhigen zu können, wenn nicht weniger gute, aber festere Herzen bereits ihr letztes Wort gesprochen haben. Ich hatte in diesen drei Jahren so reichlich Gelegenheit, den Fürsten zu studiren; es ist deshalb keine Anmaßung, wenn ich ausspreche, daß ich ihn genau zu kennen glaube. Der Fürst ist, so sehr er auch vom Gegentheil überzeugt sein mag, kein Staatsmann, nicht einmal ein Politiker. Bedürfte es dafür noch eines Beweises, so wäre es der gänzliche Mangel an Ruhe, an Selbstbeherrschung, den er heute Morgen mir gegenüber an den Tag gelegt hat; so wäre es die kopflose fieberhafte Hast, mit welcher er sich in ein so ungeheures Unternehmen stürzt. Aber es ist hier und jetzt wie immer und überall. Bei der unendlichen Erregbarkeit seiner Phantasie, bei der unglaublichen Empfänglichkeit seines Herzens verliert er nur allzu leicht die Sache, um die es sich handelt, aus den Augen. Niemandem liegt, wie ihm, die Gefahr so nahe, stets die Sache mit den Personen zu verwechseln. Es ist meine innigste Ueberzeugung, daß, mag er sich mit den französischen Emissären vorher noch so weit eingelassen haben, seine angeborne Bedenklichkeit ihn dennoch stets vom letzten, äußersten Schritt zurückgehalten hätte; daß selbst der Ausbruch des Krieges ihn schließlich heute ebensowenig wie Sechsundsechszig aus der Thatenlosigkeit eines langen Lebens aufrütteln würde. Was ihn bis zu diesem Grade der Leidenschaft entflammt, ist ein persönliches Moment, ist die tiefe Abneigung, ich darf wohl sagen: der Haß gegen den Grafen. Die Gegenwart dieses Mannes, welche durch das unseligste Verhängniß zusammenfallen mußte mit den anderen Momenten – das ist es, was ihn zu diesem Extrem treibt und ihn weiter und weiter treiben wird, bis von wo keine Umkehr mehr für ihn ist. Hermann konnte den Ausdruck von Hedwigs Gesicht nicht mehr sehen, während er diese Worte sprach. Sie hatte die Stirn in die Hand gestützt und hob auch den Kopf nicht, als sie jetzt antwortete: Ich habe Aehnliches schon selbst gedacht, aber was läßt sich dagegen thun? Der Fürst hat den Grafen eingeladen; er mußte wissen, was er that. Er hat es offenbar nicht gewußt, sagte Hermann, wie mir denn diese Einladung bis auf den Augenblick ein vollkommenes Räthsel ist. Aber gleichviel: der Graf ist hier, und ich meine, jede Stunde, die er länger hier bleibt, ist für den Fürsten ein Schritt auf der Bahn zu seinem Verderben. Der Graf geht am sechszehnten, sagte Hedwig. Bis dahin ist vielleicht Alles längst entschieden. Aber, mein Gott, rief Hedwig, in leidenschaftlicher Bewegung ihr Haupt emporrichtend, was verlangen Sie von mir? Ich kann den Grafen doch nicht wegschicken? Warum nicht, gnädige Frau? Ich glaube, daß dazu ein Wink von Ihnen genügt. Das Feuer aus Hedwigs dunklen Augen loderte Hermann entgegen; er hielt den Blick aus, ja, sein Herz pochte zornig, als er ruhig fortfuhr: Ich meine, daß eine Andeutung von Ihnen, die Sie, gnädige Frau, ja viel geschickter machen würden, als ich es anzugeben im Stande wäre, für den Grafen genügen müßte und genügen würde. Und Sie versprechen sich wirklich von diesem Schritt so viel? Ich wüßte wenigstens für den Augenblick keinen anderen, geschweige denn einen besseren, sagte Hermann. Nun gut, sagte Hedwig, das kann ich und will ich. Ich danke Ihnen, erwiederte Hermann; danke Ihnen aus tiefstem Herzen um des edlen Mannes willen, der mir in diesen drei Jahren so theuer geworden ist, viel theurer, als ich es selbst gewußt, und der wahrlich zu gut ist, um einer phantastischen Laune – denn mehr sind seine politischen Aspirationen kaum – zum Opfer zu fallen. Und nun, da ich um seinetwillen ruhig scheiden darf, da Sie ihn retten wollen, die Einzige, die ihn retten kann – ich glaube, es ist dies das letztemal, daß ich, wie in alter Weise, als lästiger Bittsteller Ihnen ohne Zeugen nahen durfte – lassen Sie mich auch Ihnen Lebewohl sagen, gnädige Frau. Hermanns Stimme bebte bei diesen Worten, wie sehr er auch nach Festigkeit rang. Hedwig schüttelte abwehrend den Kopf. Nein, nein, sagte sie, nicht Lebewohl! Wie, gnädige Frau? Nicht Lebewohl! wiederholte Hedwig. Es wäre ja besser, viel besser für Sie – wenn Sie gingen, wenn Sie nie wieder mit einem Fuß jene Räume betreten, in denen für Sie nur Unheil brütet; aber eine Ahnung sagt mir, daß Sie nicht gehen werden, nicht gehen dürfen, daß nicht ich es bin, daß Sie es sind, der den Fürsten retten kann. Nein, blicken Sie mich nicht so fragend vorwurfsvoll an, ich werde halten, was ich versprochen, aber – gehen Sie jetzt, ich bitte! Hermann war gegangen. Hedwig strich mit beiden Händen über ihr glühendes Gesicht und schaute mit irren Blicken um sich her. Plötzlich sprang sie auf und stürzte nach der Thür; sie mußte ihn zurückrufen, ihm sagen, daß sie den Grafen nicht liebe, daß sie es nicht ertragen könne, wenn er in diesem Glauben von ihr scheide, daß sie ihn Niemandem opfere. Es war zu spät; der Platz vor dem Pavillon war leer, kein Laut sich entfernender Schritte; Alles still, nur das Singen der Vögel in den sonnebeglänzten Bäumen. Sie kehrte langsam zurück und ging in ihr Atelier. Sie hatte sich heute Morgen ihre Malsachen bringen lassen, um die Zeit, die mit bleierner Schwere auf ihr lag, um ein paar Stunden zu täuschen, und Prachatitz hatte das Atelier wieder ganz in der früheren Weise hergestellt, als wolle er sie einladen, zu ihren alten Gewohnheiten zurückzukehren. Auf der Staffelei stand das Bild, an welchem sie zuletzt gemalt. Sie schien es lange prüfend zu betrachten, aber ihre starren Augen sahen nichts – nichts als das schöne ernste Antlitz des Mannes, der sie so eben verlassen. Du hättest ein besseres Loos verdient, murmelte sie; warum mußte dein Schicksal dich mir in den Weg führen, mich in deinen? Nun wird mein Schatten für immer dunkel in dein Leben fallen, wie dein Schatten in meines. Vielleicht habe ich dich nie verstanden. Guter, Edler! viel zu gut, viel zu edel für diese Welt des Lugs und Trugs, des Unrechts und der Gewalt! du kannst dich nur opfern; du hast es von je gethan, für deinen blinden König früher, wie jetzt für den alten Mann der nicht sehen will. Und Jeder nimmt dein Opfer an; wie sollten sie nicht; es ist ja so bequem! Und du zürnst niemals! Ja, wenn du zürnen könntest, wenn du dich besinnen könntest, wie stark du bist, und sie, die ohne dich und deinesgleichen nichts wären, in ihr Nichts zurückschleudertest! Aber ich, ich zürne für dich, daß du nicht zürnen kannst; ich will nicht, daß du so freundlich blickst; ich will nicht, daß du immer nur für Andere lebst! Wer weiß, wenn du für dich zu leben verstanden hättest, ob es jetzt nicht mein Stolz und meine Lust wäre, für dich zu leben, ob es nicht deine Schuld ist, wenn ich jetzt noch meine Ketten trage. Du hast mich dulden gelehrt; es war keine gute Lehre! Sie trat an das offene Fenster, durch welches Wald und Wiese und die im Sommerduft verschwimmenden Berge und der tiefblaue Himmel zu ihr hereingrüßten. Sie breitete die Arme aus: ich komme, ich komme! Sie eilte aus dem Gemach in die Rotunde, aus der Rotunde durch eine Tapetenthür in ein kleineres Hintergemach, aus welchem sie unmittelbar in das Grüne und in den Schatten der riesigen Bäume des Hügels trat, an den sich der Pavillon mit seiner Rückseite lehnte. Nun ging sie unter den Bäumen hin, eilenden Schrittes, einer Fliehenden gleich; plötzlich blieb sie wieder stehen. Was hatte er ihr doch zuletzt gesagt? was ihr aufgetragen? Das war es: sie sollte den Grafen fortschicken, und sie hatte es versprochen. Eine Kette wieder an den fliehenden Fuß! eine Kette, von ihm geschmiedet, der ohne Ketten nicht leben konnte und immer dafür sorgte, daß auch Andere nicht ohne Ketten seien. Und nun machte sich die überreizte Stimmung in Thränen Luft, deren sie sich schämte und die sie doch nicht zurückhalten konnte. Ich bin nur ein Weib, rief sie; ich bin nur ein Weib! Sie hatte sich in der von hohen Bäumen umdüsterten Allee, durch deren Ausgang man einen Theil des Theehauses wie in einem Medaillon eingerahmt erblickte, auf eine der Bänke sinken lassen. Ueber ihr säuselten die Winde in den Zweigen, rastlos sangen die Vögel, ein paar Fasanen huschten über den Weg; sie sah nichts, sie hörte nichts, in ihre verzweifelten Gedanken versunken, bis plötzlich ein Geräusch ertönte, wie der Hufschlag eines Pferdes. Erschrocken fuhr sie empor; vielleicht hundert Schritte von ihr tauchte aus einem schmalen Seitenpfade, der auf die Allee mündete, ein Reiter hervor; es war der Graf. Ihre erste Regung war, zu fliehen, dann aber sagte sie sich alsbald, daß es zu spät sei, daß der Graf sie ohne Zweifel schon bemerkt habe, und daß, wenn er sie wirklich liebte, er in diesem Augenblicke mehr Ursache habe, sie zu fliehen, als sie ihn. Da gab auch er bereits seinem Pferde die Sporen, war in dem nächsten Augenblicke bei ihr, sprang aus dem Sattel und sagte: Das nenne ich Glück, gnädige Frau! Ich reite nun schon eine Stunde die Kreuz und die Quer, da mir Niemand im Schlosse zu sagen wußte, wohin Sie gegangen, bis mir endlich einfiel, Sie könnten am Ende doch auf der Fasanerie sein – eine sehr entfernte Möglichkeit allerdings an diesem heißen Tage, indessen – da sind Sie nun und vor Allem: guten Morgen! Er bot ihr die Hand, von dem er den Handschuh abgestreift hatte. Seine Augen glänzten und aus den glänzenden Augen und aus jedem Zuge des schönen männlichen Gesichts sprach die leidenschaftliche Liebe, die er für sie empfand, deren Hand er jetzt in der seinen hielt und noch lange gehalten haben würde, wenn Hedwig sie ihm nicht alsbald entzogen hätte. Warum suchten Sie mich? fragte sie. Der Graf antwortete nicht sogleich. Er hatte wohl das Abwehrende in Hedwigs Bewegung empfunden und den eisigen Ton, in welchem sie ihre Frage gethan; aber das war doch nur der Widerstand gewesen, der sich dem Waldbach entgegenstemmt und an dem seine schäumenden Wasser nur höher aufbrausen. Jedesmal, wenn er sie sah, glaubte er, sie nie vorher so schön gesehen zu haben; und jetzt, und hier, als sie ihm unter diesen Bäumen in der schattigen Einsamkeit des Parkes so plötzlich entgegentrat, überkam ihn wieder dieselbe Empfindung mit einer solchen Allgewalt, daß Alles um ihn her zu schwanken schien und er krampfhaft nach der Mähne seines Pferdes griff. Warum ich Sie suchte? sagte er. Verzeihung, gnädige Frau, Ihr Anblick hat es mich wirklich vergessen machen. Es war durchaus keine Phrase, was er sagte, und Hedwig wußte es. Aber welchen Eindruck das auch in einem anderen Moment auf sie gemacht hätte, ihre Seele war eben jetzt zu tief in die nächtliche Fluth der Schmerzen getaucht und die Sonne und die Liebe hatten keinen Theil an ihr. Vielleicht besinnen Sie sich, sagte sie. Ich habe mich besonnen, sagte der Graf. Der Rausch war vorüber. Es hatte in den letzten Worten Hedwigs ein Hohn gelegen, der seinen Stolz jäh aufgeschreckt hatte. Um so gewaltiger und in seinem Sinne selbstloser die Leidenschaft eben in ihm aufgeglüht war, um so stärker war der Rückschlag. Ja, er fühlte jetzt deutlich, was er schon mehr als einmal dunkel gefühlt: Haß statt der Liebe, Haß gegen ein Wesen, das ihn nur anlockte, um ihn abzustoßen, um ihn vor sich selbst zu demüthigen. Sein Gesicht, das eben nur noch die innere Gluth seiner Seele wiedergestrahlt hatte, nahm einen finstern, drohenden Ausdruck an, und drohend klang seine Stimme, als er jetzt mit einem tiefen Athemzug fortfuhr: Sie erinnern sich, gnädige Frau, was ich Ihnen gestern aus meinen Briefen mittheilte. Ich sagte Ihnen, daß man in Berlin die Situation für im höchsten Grade bedenklich halte. Nun schickt mir heute mein Correspondent, der übrigens kein Anderer ist als Baron Malte, den Sie kennen und dessen Stellung, wie Sie wissen, ihn in den Stand setzt, so gut unterrichtet zu sein, wie irgend Jemand, per Expreß folgenden Ausschnitt aus einem Telegramm, welches gestern Nachmittag im Ministerium des Auswärtigen angekommen und auf das ich Ihre Aufmerksamkeit lenken möchte. Der Graf nahm aus seinem Portefeuille ein Blatt. Es ist die Antwort Grammonts, sagte er, auf die angekündigte Interpellation; die ersten Zeilen sind weniger wichtig, doch hier, wenn Sie die Güte haben wollen: »Wir hoffen, daß diese Eventualität sich nicht verwirklichen wird; wir rechnen dabei auf die Weisheit des deutschen und die Freundschaft des spanischen Volkes; wenn es aber anders kommen sollte, so würden wir, stark durch Ihre Unterstützung und durch die der Nation, unsere Pflicht ohne Zaudern und ohne Schwäche zu erfüllen haben.« Der Graf faltete das Blatt wieder zusammen und wartete, daß Hedwig etwas erwiedern werde; aber Hedwig antwortete nicht sogleich. Das Alles war so schnell gekommen, der Moment zu handeln so plötzlich vor sie hingetreten und in so anderer Gestalt als sie gedacht! Sie hatte vorhin, als sie Hermann das Versprechen gab, darauf gerechnet, daß sie mit dem Grafen ruhig werde reden können, daß sie im schlimmsten Falle, wenn ja das Gespräch eine persönliche Wendung nahm, dem zu begegnen wissen werde. Sie hatte sich geirrt; so durfte ein Gespräch nicht beginnen, das gut enden sollte; sie hatte die Leidenschaft des Grafen leidenschaftlich zurückgewiesen; wie war hier ein Einlenken möglich? Ihr Herz schlug zum Zerspringen; sie brachte nur mit Anstrengung die Worte hervor: Und weshalb mir diese Mittheilung, Herr Graf, gerade mir? Sie waren sonst in diesen Dingen scharfsichtiger, gnädige Frau, erwiederte der Graf. Sie haben mir noch gestern Abend eine Probe Ihres Scharfsinns gegeben. Gestern wußten Sie, ohne daß ich es Ihnen zu sagen brauchte, daß die eingelaufenen Nachrichten den Krieg zwischen Frankreich und Preußen bedeuten. Heute, wo der Krieg so gut wie erklärt ist, wissen Sie es nicht mehr, oder wollen es nicht wissen. Gleichviel. Mir geht es hier wie den Männern in Paris: ich muß meine Pflicht ohne Zaudern und ohne Schwäche erfüllen. Diese Pflichterfüllung würde mir nun verhältnißmäßig leicht werden, wenn Sie die Gnade hätten, mich dabei zu unterstützen; und ich bin jetzt in der peinlichen Lage, gnädige Frau, Sie direct fragen zu müssen, ob ich auf Ihre Unterstützung hoffen darf oder nicht? Und worin bestünde meine Unterstützung? fragte Hedwig. Auch das muß ich Ihnen sagen! rief der Graf. Nun gut, Sie sollen wenigstens nicht darüber zu klagen haben, daß ich Ihnen etwas verschwiegen. Ich würde eine Unterstützung meiner Absichten darin sehen und würde Ihnen dankbar sein, wenn Sie den Fürsten darauf aufmerksam machen wollten, daß man bei einem so hohen und möglicher Weise so gefährlichen Spiel seine Karten nicht so offen zeigen darf, wie er es gestern Abend gethan und wie er es, wenn Sie wollen, diese ganze Zeit gethan hat und – Ich kann darüber mit dem Fürsten nicht reden, sagte Hedwig; nach gestern Abend – wo ich ihm sofort mittheilte, was Sie mir gesagt, um von ihm auf das schärfste zurückgewiesen zu werden – kann ich es nicht mehr. Die Sache liegt heute anders und schlimmer als sie gestern lag, erwiederte der Graf; vielleicht würden Sie heute gnädigeres Gehör finden. Sie müssen mir verzeihen, Herr Graf, wenn ich, die ich den Fürsten besser kenne, darüber anderer Meinung bin. Ich hätte Ihre Macht über den Fürsten höher angeschlagen, sagte der Graf, indessen, Sie müssen das besser wissen; und wenn Sie mich versichern, daß Sie nach dieser Seite hin nichts über ihn vermögen, so habe ich mich zu bescheiden. Aber das werden Sie doch dürfen, gnädige Frau: als Dame des Hauses den Herrn des Hauses auf eine gesellschaftliche Unschicklichkeit – verzeihen Sie das Wort, ich weiß kein anderes zu finden – aufmerksam machen? Herr Graf! Ich bitte noch einmal um Verzeihung, aber es handelt sich hier nicht um Worte, sondern um Thatsachen, und ich meine, es ist eine Thatsache, die vor Aller Augen liegt, welche sehen wollen, daß es gegen die Gesetze der Schicklichkeit verstößt, mich hieher einzuladen und mir zur Gesellschaft den Marquis de Florville zu geben; oder besser, mich in der Gesellschaft dieses Herrn zu lassen, nachdem die Lage der Dinge eine Wendung genommen hat, wo er und ich ohne die peinlichsten Inconvenienzen uns nicht mehr wohl auf dem Boden eines und desselben Zimmers bewegen können. Sie erlassen mir sicherlich, gnädige Frau, den Beweis für eine so einfache Sache, ebenso wie Sie es mir erlassen, die einfachen Folgerungen aus diesen Prämissen zu ziehen. Der Graf blieb stehen, verbeugte sich, die Hand an der Mütze; und, sich von Hedwig abwendend, fing er an, die Zügel seines Pferdes zu ordnen. Hedwig hatte ein paar Schritte gethan in grenzenloser Verwirrung. Das Gespräch hatte genau die entgegengesetzte Wendung von der genommen, welche sie demselben hatte geben wollen, welche sie demselben geben mußte, wenn sie ihr Versprechen erfüllen, und mehr als das: wenn sie die Lage ändern wollte, deren Gefahr ihr nie so klar gewesen war als jetzt. Wenn der Graf so von ihr ging, voll Zorn, tief beleidigt, stand Alles zu befürchten, mußte eine Katastrophe erfolgen. Und doch, was sollte sie thun? Ihm gute Worte geben, sich auf's Bitten legen, von ihm erbitten, was jetzt geradezu wie ein Hohn klang? Und doch, und doch! Herr Graf, sagte sie, sich umwendend, einen Augenblick! Sie befehlen, gnädige Frau? sagte der Graf, den Fuß, den er bereits in dem Bügel hatte, zurückziehend. Ich wollte Ihnen eine Bitte vorlegen, die – Eine Bitte? Von Ihnen? Nun, gnädige Frau, das ist etwas so Neues in Ihrem Munde – Sie machen mich in der That neugierig. Um seinen Mund zuckte, um seine Augen blitzte es. Hedwig wußte, daß es sie nur ein Wort kostete und der stolze Mann lag zu ihren Füßen; sie konnte von ihm verlangen, was sie wollte; aber sie konnte, sie wollte das Wort nicht sprechen, das sie zur Sklavin machte, und wäre es auch nur eine Lüge. Herr Graf, sagte sie, ich wende mich an Ihren Edelmuth, an die Großmuth, die dem Starken ziemt und die er sich verstatten darf, weil man ihn deshalb noch nicht der Schwäche zeihen wird. Was Sie von mir fordern, ist unmöglich. Den Fürsten auffordern, seine französischen Gäste wegzuschicken, heißt: ihm zumuthen, einzuräumen, daß er – wie Sie selbst sagten – eine Unschicklichkeit begangen hat; ja noch mehr, heißt: ihn zwingen, einzugestehen, daß seine Politik eine Thorheit, vielleicht etwas viel Schlimmeres ist. Das können Sie von dem Fürsten, und wenn von dem Fürsten, so können Sie es von dem alten Mann nicht verlangen, der ein langes Leben vergrollt hat, auf den die ungeheure Last eines so furchtbaren Schicksals drückt, gleichviel ob verdient oder unverdient. Er hat die Kraft nicht mehr, sich aufzuraffen; er kann nicht mehr ein Anderer werden, als er ist. Und das verlange ich auch nicht von Ihnen; Sie sollen ja bleiben, der Sie sind, und werden es bleiben, auch wenn Sie den Fürsten schonen, wenn Sie thun, als sähen Sie nicht, was Sie sehen. Und Sie können das so leicht; Sie brauchen nur einen Besuch abzukürzen, der Ihnen unter diesen Umständen eine Qual sein muß, vielleicht nie eine Freude gewesen ist. Die Frau Gräfin kommt in den nächsten Tagen. Es liegt kein Grund vor, weshalb Sie Stephanie nicht so lange hier allein lassen könnten, und ich – Nun, gnädige Frau, so endigen Sie doch; Sie wollten sagen: ich würde glücklich sein, Sie auf diese bequeme Weise loszuwerden. Das war es, was ich erwartete, murmelte Hedwig. Und was Sie erwarten mußten, sagte der Graf. Sprechen wir ganz offen, gnädige Frau; ich hatte und habe keine Ahnung, weshalb der Fürst mich eingeladen hat. Die Tyrklitzer Erbschaft war offenbar nur ein Vorwand, den ich wohl durchschaute, aber nicht, was dahinter steckte. Ich war in meiner Ruchlosigkeit kühn genug, anzunehmen, die Gestalt, die holde Gestalt der Geliebten meiner Jugend könnte dahinter stehen. Es war eine ungeheure Thorheit, diese Annahme, aber ich bin zu dem beschämenden Bekenntniß gezwungen, weil ich sonst nicht erklären könnte, weshalb ich kam, und nicht erklären könnte, weshalb ich jetzt nicht gehe. Nein, gnädige Frau, nicht gehe! Hätten Sie mich gerufen, nun, bei Gott, ich würde mich auch von Ihnen wegschicken lassen. Ihr Herz konnte sich ja geirrt haben; dieser Irrthum würde für mich sehr schmerzlich, sehr demüthigend gewesen sein, dennoch hätte ich Ihren Willen respectirt. Davon ist jetzt keine Rede. Warum man mich hieher gerufen hat, ich weiß es nicht; desto besser weiß ich, weshalb ich bleibe. Noch einmal, blicken Sie mich nicht so drohend an, gnädige Frau; Ihre Umgebung hat Sie etwas verwöhnt, mich schreckt man nicht so leicht. Und daß zwischen uns von diesem Augenblicke an der Kampf erklärt ist, bedarf eben keiner Erklärung; ich kenne Sie nach dieser Seite so gut, wie Sie mich darauf hin kennen, daß ich keinen Pardon gebe und ein Herz breche, das sich nicht beugen lassen will. Aber glücklicherweise für Sie und für mich ist ja in diesem Kampfe von dem Herzen überall nicht die Rede. Es ist, soviel ich sehe, ein Kampf der Interessen. Was Sie wollen, nun, Sie werden es recht genau wissen; Sie sind ja ebenso klug, wie Sie schön sind. Was ich will, ich kann es Ihnen ebenfalls sehr genau sagen, und es ist vielleicht gut, wenn Sie es wissen: ich will, daß der Fürst die Ehre meines Hauses nicht zum Spielball seiner phantastischen Launen macht; ich will, daß der Fürst den Namen, den ich einst führen soll, nicht mit dem Stempel des Hochverraths brandmarkt; ich hätte das nie gelitten, unter keinen Umständen, aber es giebt verschiedene Mittel zum Zweck, und ich würde um Ihretwillen die mildesten gewählt haben. Wenn ich diese Rücksicht jetzt nicht mehr walten lasse, wenn ich auf dem kürzesten Wege zu meinem Ziele zu gelangen suche und gelangen werde – Sie und Sie allein haben es zu verantworten. Wie ich – so Vieles in Ihrem Leben zu verantworten habe, erwiederte Hedwig mit bitterem Spott; wenn das Wasser einmal trübe sein soll, muß es freilich Einer getrübt haben. Und das Ganze ist ja wohl nur die Fortsetzung von der Geschichte, die Sie mir vor vierzehn Tagen auf eben diesem Wege unter eben diesen Bäumen erzählten. Dann hüten Sie sich vor den letzten Capiteln, sagte der Graf. Diese Drohung steht Ihnen gut, Herr Graf, sehr viel besser, als die Schäfermaske; und hier trennen sich ja wohl unsere Wege. Sie machte eine Bewegung mit der Hand und wendete sich. Hedwig, schrie der Graf, Hedwig! Aber sie hörte es nicht, sie wollte es nicht hören, und schritt, ohne sich umzusehen, eilends dem Pavillon zu. Der Graf stand mit ausgestrecktem Arme da; dann stampfte er zornig den Boden mit dem Fuße, knirschte mit den Zähnen, warf sich auf's Pferd und sprengte in rasender Eile durch die Allee davon. Fünfzehntes Kapitel. [Nummerierung der Kapitel im Buch falsch. Re] Wenige Minuten nachdem Hedwig den Pavillon verlassen hatte, war vor der Freitreppe der Wagen des Fürsten vorgefahren. Er hatte mit dem Marquis einen Ausflug nach dem Jagdschlosse gemacht und wollte ihm auf dem Rückwege die Fasanerie zeigen. Man hatte den Weg direct zum Theehause genommen; der Diener sollte die Schlüssel von Prachatitz holen. Aber die große Thür nach der Rampe hatte offen gestanden; vermuthlich war Prachatitz zum Reinigen mit den Leuten drinnen. Jedenfalls brauchte man nicht nach den Schlüsseln zu schicken. Die Herren standen am Fuß der Treppe. Der Marquis ließ mit vortrefflich gespieltem Interesse seine Blicke durch den Park und über das Theehaus schweifen. Aber das ist charmant, das ist entzückend! rief er. Ich habe, so lange ich so glücklich bin, in Gesellschaft Eurer Durchlaucht zu sein, etwas wie französische Luft um mich her zu fühlen geglaubt; aber hier sehe ich mich ganz in mein geliebtes Frankreich zurückversetzt: diese Anmuth, diese Heiterkeit, dieser vollendete Geschmack – dazu diese Lichter und Schatten, diese Sonne – das Alles ist französisch. Verzeihen Sie, Monseigneur, das Wort ist vielleicht nicht ganz schicklich, aber man kann doch schließlich für das, was uns gefällt, keinen treffenderen Ausdruck finden, als daß man sagt: ganz wie bei uns! Vor Allem der Franzose kann es nicht. Und in diesem Falle ist der Ausdruck wirklich berechtigt, erwiederte der Fürst mit Heiterkeit. Wenn einem Franzosen dieser Park wie ein Stück Frankreich vorkommt, so ist es genau, was der Schöpfer desselben gewollt hat. Treten wir einen Augenblick hinein. Der Marquis bot dem Fürsten den Arm und so stiegen sie die Steintreppe hinauf, verweilten noch ein paar Minuten auf der Rampe und traten in die Rotunde, deren schattige Kühle nach der langen heißen Fahrt doppelt angenehm empfunden wurde. Der Fürst war ein wenig erstaunt, auch hier Prachatitz und dessen Leute nicht zu finden, aber der Marquis ließ ihm keine Zeit, weiter daran zu denken. Der Marquis fand die innere Einrichtung womöglich noch geschmackvoller als das Aeußere des Gebäudes; er bewunderte die Gobelins; er wußte die Sèvresvasen auf den Kaminen nach ihrem Werth zu schätzen; er amüsirte sich vortrefflich an den chinesischen Figuren; er gerieth in Entzücken vor einer Marmorgruppe, welche die Befreiung der Andromeda durch Perseus darstellte und die, wenn es nicht eine Copie des bekannten Bildwerks im Louvre von des Künstlers eigener Hand sei, ohne Zweifel von einem Schüler Pugets und unter den Augen des Meisters gefertigt sein müsse. Der Fürst hörte dem Geplauder des jungen Mannes mit Wohlgefallen zu und konnte dennoch seine Aufmerksamkeit nicht zusammenhalten. Der Inhalt der wichtigen Gespräche, die er gestern Abend und heute auf der Fahrt mit dem Marquis gehabt, beschäftigte ihn unaufhörlich. Zwischen beiden Unterredungen lag die, zu welcher er heute Morgen Hermann hatte rufen lassen, wie ein finsteres Gebirge zwischen zwei lachenden Thälern. Was der Marquis gestern und heute so leicht, so einfach, so aus der Natur der Dinge hervorgehend dargestellt – Hermann hatte von Allem das Gegentheil behauptet, und mit seinen Auseinandersetzungen, seinen Bitten einen um so tieferen Eindruck auf den Fürsten hervorgebracht, als dieser gerade von dem jungen Hannoveraner eine wenigstens bedingte Zustimmung durchaus erwartet hatte und von der Lauterkeit seiner Gesinnung, von der Interessenlosigkeit seiner Rathschläge nach wie vor auf das innigste überzeugt war. Der Marquis seinerseits hatte sehr wohl bemerkt, daß der Fürst heute mit viel geringerem Eifer auf seine Pläne einging, sich heute einer viel größeren Vorsicht im Ausdruck befleißigte; und er hatte daraus geschlossen, daß zwischen gestern und heute auf den Fürsten eine Einwirkung stattgefunden haben müsse, die wohl von Niemand ausgehen konnte als von Hedwig. Er hätte es gern herausgebracht und hatte bereits verschiedene Anspielungen zu diesem Zwecke versucht; aber der Fürst war immer ausgewichen und er hatte nicht weiter zu gehen gewagt. Ich ermüde Durchlaucht mit meinem Geplauder, sagte er endlich, als er bemerkte, daß der Fürst, der nachdenklich, den Kopf in die Hand gestützt, in seinem Fauteuil saß, seit einigen Minuten nicht mehr geantwortet hatte. Nicht doch, nicht doch, sagte der Fürst aufblickend, aber Sie werden es begreiflich finden, daß ein Mann in meinen Jahren die wichtigen Dinge, welche der Gegenstand unserer Unterhaltungen waren, nicht ganz so leicht nimmt, wie Ihr jüngeren Leute; ganz abgesehen davon, daß, was Sie wollen, für Sie im Grunde sehr einfach, sehr logisch ist, und Ihr Gemüth in Folge dessen vollkommen frei sein darf; mein Vorhaben aber, oder besser die Aufgabe, die Sie mir stellen, sehr schwierig, sehr dunkel und sehr verworren ist, und folglich auch meine Stimmung nicht anders als widerspruchsvoll und ganz gewiß nicht heiter sein kann. Verzeihung, Monseigneur, sagte der Franzose, ich verkenne keinen Augenblick die Größe des Opfers, das Sie bringen, die Höhe des Einsatzes, den Sie wagen, den Muth des Herzens, die Kühnheit des Geistes, mit welcher Sie sich von gewissen Empfindungen losmachen, die der große Haufe heilig hält, gewisse Traditionen über Bord werfen, welche die Welt nun einmal sanctionirt hat. Und fern sei es von mir, weiter in Sie dringen zu wollen, da ich so schon die Empfindung habe, für meinen patriotischen Eifer Ihrer Nachsicht zu bedürfen. Aber, Monseigneur, die Bemerkung müssen Sie mir verstatten, daß für mich als Person – wenn ich Kleines mit Großem vergleichen darf – die Lage kaum minder schwierig und verwickelt ist. Es ist wahrlich kein Geringes für den Abkömmling eines so alten Geschlechts, die Geschichte seiner Ahnen vergessen zu sollen; vergessen zu sollen, daß so viele Geschlechter der Marquis de Florville mit dem Hause Bourbon gekämpft, gelitten haben, und statt dessen in den Dienst eines Mannes zu treten, der in meinen Augen und in den Augen Aller, die denken wie ich, schließlich doch nichts weiter als ein glücklicher Abenteurer ist, hervorgegangen aus der fluchenswerthesten aller Revolutionen und gewissermaßen nur die letzte Consequenz dieser Revolution; – das, sage ich, Monseigneur, ist gewiß eine harte Prüfung, eine dornenvolle Aufgabe, und Gott mag es wissen, was ich empfinde, indem ich diese Prüfung auf mich nehme und diese Dornen in mein blutendes Herz drücke. Aber, Monseigneur, es muß eben sein! Für den Augenblick – es wäre mein Tod, wenn ich sagen müßte: für immer! – aber für den Augenblick ist die Sache der Legitimität in Frankreich hoffnungslos, das Steuer des auf der Sturmfluth der Zeiten dahintreibenden Staatsschiffes ist einmal den allzu schwachen Händen entglitten. Die schwankenden Wogen wechselnder Volksgunst müssen sich erst wieder ebnen, bevor sie in ihrem reinen Spiegel das heilige Bild des Königthums von Gottes Gnaden zurückstrahlen können. Aber bis dahin, Monseigneur, bin ich gezwungen und ist jeder Verständige, Wohlmeinende mit mir gezwungen, von zwei Uebeln das kleinere zu wählen – ein Satz, der im privaten Leben vielleicht noch angefochten werden kann und gegen den die private Moral sich sträuben mag, der aber unbedingt im öffentlichen Leben gilt und den die politische Moral acceptiren muß. Anders aber liegt die Sache nicht. Der Speer, der die Wunde schlug, hat auch nur die Wunde heilen können. Der Schlund der Revolution konnte nur von dem geschlossen werden, den die Revolution gleichsam als ihre Incarnation, als ihre höchste Potenz und Consequenz erzeugte. Für den Augenblick ist der Kaiser und nur der Kaiser im Stande, die Revolution zu bändigen, die zu unseren Füßen, ich meine zu den Füßen Europa's gährt. Fällt der Kaiser, so bricht das Chaos unaufhaltsam über uns herein, und er muß fallen, wenn er nicht losschlägt. Der Erfolg des Plebiscits ist nur ein Scheinerfolg; das freche Nein der großen Städte, die sechzigtausend Nein der Armee schnellen sämmtliche sieben Millionen Ja in die Luft, die Republikaner wollen den Krieg, die Armee will ihn, der Kaiser muß wollen gegen seinen Willen, muß im Interesse der Ordnung, im Interesse von Allem, was dem edeldenkenden Menschen heilig ist, muß im Interesse des Friedens den Krieg wollen. Nun, Monseigneur, ich meine, hier sind doch auch unsere Interessen, die Interessen der französischen und deutschen Legitimsten – wenn ich mich dieses Ausdrucks bedienen darf – identisch. Ein so scharfsichtiges Auge wie das Ihre kann sich doch durch die scheinbaren Unterschiede nicht täuschen lassen, nicht dadurch täuschen lassen, daß die Revolution bei uns die rothe Mütze des Jacobiners und in Deutschland eine usurpirte Krone trägt? Hier wie dort handelt es sich um die Frage: sollen die Barbarei, die Frechheit, die brutale Gewalt, der Diebstahl siegen, oder die Civilisation, die Humanität, die friedliche Entwickelung, das Eigenthum? Und dort wie hier kann es auf diese Frage doch nur Eine Antwort geben. Der Marquis hatte mit bescheidener Lebhaftigkeit gesprochen und in einem gedämpften Ton, der auf die schattige Kühle des Pavillons berechnet schien. Der Fürst hatte nur mit halbem Ohr zugehört. Seine Phantasie weilte in der Vergangenheit bei seinem Vater, der sich mit denselben Gedanken getragen, über denselben Plänen gebrütet, der auch nicht hatte zum Entschluß kommen können; und in diesem Schwanken zu einer Zeit, als es galt zu handeln, und in der Reue über sein Schwanken, als die Zeit des Handelns vorüber war, sein Leben hingebracht und sich zum unglücklichsten Menschen gemacht hatte. Dann dachte er daran, wie seltsam es doch sei, daß die Unterredung gerade hier im Theehause stattfinden mußte, daß die Worte des französischen Emissärs denselben Raum erfüllten, in welchem sein Vater einst den Worten Napoleons gelauscht, und daß sein Vater diese Räume nie wieder betreten und daß er selbst jahre- und jahrelang diese Schwelle gemieden; und ob es nicht besser gewesen wäre, er hätte den pietätsvollen Schauder nicht gewaltsam unterdrückt, hätte nie den Fuß hieher gesetzt. Und weshalb hatte er es gethan? Ihr zuliebe, ihr, die es zu verantworten hatte, wenn er sich in den Jahren, die er für eine glückliche Häuslichkeit aufbewahrt glaubte, in die Unruhe, den Kampf der Politik stürzte, sein Leid, das Leid, das sie ihm bereitet, zu vergessen. Der Fürst seufzte und strich mit der Hand über die Stirn, als jetzt der Marquis schwieg. Er hatte die letzten Worte desselben gar nicht mehr vernommen; er gab eine Antwort, wie sie ihm eben der Augenblick eingab, eine Antwort, die den Marquis nicht befriedigte und nicht befriedigen konnte. Ich muß wissen, woran ich bin, sprach der Marquis bei sich, und laut sagte er: Ich begreife vollkommen, Monseigneur, Ihre Zurückhaltung, so dringend auch der Moment Ihre Entscheidung heischt, und – darf ich offen sprechen? – ich wünsche Ihre Entscheidung umsomehr, als ich fürchten muß, daß der Eindruck, den meine schwache Beredtsamkeit etwa hervorgebracht hat, jedesmal wieder durch einen Einfluß paralysirt wird – dem gegenüber ich allerdings meine Machtlosigkeit peinlich genug empfinde. Was meinen Sie? fragte der Fürst. Ich weiß nicht, ob ich mich irre, sagte der Marquis, daß Madame, Ihre Gemahlin, mein Hiersein nur mit wenig günstigem Auge ansieht. Woraus schließen Sie das? fragte der Fürst. Ich hoffte, annehmen zu dürfen, daß Sie vom Gegentheil überzeugt seien. Ich bitte, mich nicht mißzuverstehen, sagte der Marquis; eine Dame von so vollendeten Formen würde auch einer etwaigen persönlichen Abneigung gegen den Gast des Hauses niemals einen Ausdruck geben, und ich schmeichle mir mit der Zuversicht, daß Madame eine derartige Abneigung gegen mich nicht empfindet; ich habe im Gegentheil für die unendliche Güte, mit welcher sie sich unserer früheren Beziehungen erinnert hat, nur dankbar zu sein, und bin es im höchsten Grade. Aber es handelt sich hier nicht um persönliche Fragen. Madame ist die liebenswürdigste Frau, und gewiß dadurch nicht weniger liebenswürdig, daß sie ein Interesse für Alles und auch für Politik hat. Daß die politischen Ansichten von Madame meinen Wünschen so entgegengesetzt sind, kann ich ihr nicht zum Vorwurf machen; es ist eben mein Unglück. Das Sie auf jeden Fall überschätzen, erwiederte der Fürst. Ich kann Sie sogar versichern, daß der Haß meiner Frau gegen Preußen kaum geringer ist als der meine. Ich hätte gestern Abend, als der Herr Graf unserer reizenden Idylle ein so unerwünschtes Ende machte, fast das Gegentheil geschlossen, sagte der Marquis. Der Fürst hob so schnell und mit einem so sonderbar zornigen Ausdruck die Augen, daß der Marquis die seinen unwillkürlich senkte. Er hatte in diesem Moment wirklich nur wissen wollen, was er von Hedwig nach dieser Seite hin zu fürchten oder zu hoffen habe. Es schien, daß er statt dessen eine andere Entdeckung gemacht hatte, die ihm nicht minder interessant war, und er fuhr, mit Entschlossenheit die Spur verfolgend, fort: Wenigstens ist die Aufnahme, welche sich der Graf von Seiten Madames zu erfreuen hatte, ein Beweis, wie wenig Madame ihre persönlichen Beziehungen durch ihre politische Ueberzeugung beeinflussen läßt. Der Fürst richtete sich aus seinem Fauteuil jäh empor. Wollen wir aufbrechen? sagte er; und dann, da er seine Heftigkeit sofort bereute: Ich sehe, jene Thür zu dem Cabinet ist ebenfalls nicht geschlossen; man hat von dort einen schönen Blick in die Berge. Wie Monseigneur befehlen, sagte der Marquis. Sie traten in Hedwigs Atelier; der Fürst blieb erschrocken auf der Schwelle stehen. Er glaubte, daß Hedwig seit jenem Abend das Theehaus gemieden und ganz gewiß ihr Atelier nicht wieder hatte einrichten lassen, und doch schien, nach den Vorrichtungen zu schließen – dem offen stehenden Malkasten auf dem Tisch, der Palette, die auf dem Stuhl lag, dem Malstock, der an der Staffelei lehnte – als ob sie noch heute Morgen, noch eben erst hier gewesen sei. Ein vortreffliches Bild, sagte der Marquis, sein Monokel in das Auge klemmend. Ich meine: ein Bild, das vortrefflich werden kann, wenn die Ausführung, woran ich nicht zweifle, der Genialität des Entwurfes gerecht wird. Und wer ist der Künstler, wenn man fragen darf? Ich muß annehmen: meine Frau, in deren Atelier wir uns befinden, erwiederte der Fürst mit einem verlegenen Lächeln. Ah, sagte der Marquis, das Monokel wieder in's Auge klemmend und das Bild von neuem mit erhöhtem Interesse betrachtend, in der That erstaunlich! Der Fürst wendete sich mit einiger Ungeduld ab. Das Entzücken des Marquis schien ihm etwas übertrieben, und es war ihm fast, als ob ein leiser Spott, der ihm das Blut auf die Stirn trieb, durch die Worte des jungen Mannes hindurchklänge. Er trat an das Fenster. Nicht zweihundert Schritt von dem Pavillon in der großen Allee, die von dem Pavillon nach dem westlichen Parkthore führte, schritten Hedwig und der Graf; der Graf, das Pferd am Zügel und eifrig sprechend, Hedwig, wie es schien, mit gesenkten Augen und flammenden Wangen zuhörend. So war es denn wirklich, was er gefürchtet! So stand es denn vor seinen leiblichen Augen das Schreckbild, das er nun schon so oft in seiner Phantasie gesehen, im hellen, frechen Licht des Tages! Ein Rendezvous, zu dessen Zustandekommen nichts weiter gehörte, als daß er ein paar Stunden über Land fuhr. Ein Stelldichein, für welches der künstlich aufgebaute Apparat des Ateliers im schlimmsten Falle den bequemen Vorwand abgeben mußte! Der Fürst taumelte vom Fenster zurück, fast in die Arme des Marquis, der noch immer vor der Staffelei stand. Lassen Sie uns gehen, sagte er. Durchlaucht befinden sich nicht wohl, sagte der Marquis, schnell den Arm des Fürsten, der zu schwanken schien, ergreifend. Ich fürchte, die Hitze des Tages, vielleicht die aufregenden Gespräche, mit denen ich Durchlaucht belästigt habe; ich bin bekümmert, wahrlich bekümmert. Eine vorübergehende Indisposition, unter der ich bisweilen leide, sagte der Fürst, dem der kalte Schweiß auf der Stirn stand. Es ist dumpfig in diesen Räumen; ich denke, wir machen uns auf den Heimweg. Der Marquis leitete den Fürsten die Treppe hinab und bemerkte dabei, daß derselbe sich offenbar nur mit Mühe aufrecht hielt. Aber der Fürst wollte nicht schwach sein, sein Körper sollte gehorchen, wenn seine Seele Rache schrie. Auch athmete er wieder freier, als sie nun unter den hohen Bäumen der Fasanerie der Chaussée zufuhren. Es war ihm, als ob die Schnelligkeit der Bewegung von ihm ausgehe, als ob die Kraft der Racepferde die seine sei, als ob er noch sei, was er vor Jahren war, da er in eben diesem leichten Wagen zur Jagd in die Berge fuhr. Ja, zur Jagd, zur Jagd! einer andern, höheren Jagd, als er sie gejagt in den Tagen seiner Jugend! Da hatte er Krieg geführt gegen die Wildschweine, die seinen Bauern die Saat verwüsteten. Jetzt mußte er sein eigenes Gehege befreien von den frechen Eindringlingen. Er mußte es und sollte er darüber zu Grunde gehen. Herr Marquis, sagte er, sich plötzlich zu seinem Begleiter wendend, wann sagten Sie, daß Sie meine Entscheidung haben müßten? Ich habe Ihre Entscheidung, Monseigneur, sagte der Franzose. Durch solche Augen schaut nur eine Seele, die sich entschieden hat. Er nahm die Hand des Fürsten und drückte sie an seine Brust. Ich danke Ihnen, Monseigneur; ich danke Ihnen im Namen Frankreichs, im Namen der Gerechtigkeit und der Humanität. Sechszehntes Kapitel. Nichts konnte dem Fürsten ungelegener kommen, als die große Gesellschaft, die auf den Abend gebeten war. Er fühlte sich nach der furchtbaren Aufregung des Morgens wie betäubt. Unfähig zu denken, einen Entschluß zu fassen, ganz die widerstandslose Beute der qualvollen Empfindungen, die seine Brust erfüllten, lag er in seinem Schlafzimmer auf dem Sopha ausgestreckt, ohne sich zu regen, ohne ein Wort zu sprechen, ohne es zu bemerken, wenn der alte Kammerdiener von Zeit zu Zeit leise aus dem Vorzimmer hereinschaute, auch wohl sich auf ein paar Schritte dem Sopha näherte und ein- oder das anderemal mit leiser Stimme fragte, ob Durchlaucht gerufen, ob Durchlaucht nichts zu befehlen habe? Herr Gleich war in Verzweiflung. Daß Durchlaucht heute Morgen mit dem Marquis auf der Fasanerie gewesen, wußte er; er hatte auch bald genug erfahren, daß die gnädige Frau den Vormittag oben zugebracht; aber der Bediente und der Kutscher sagten gleicherweise aus, daß sie die gnädige Frau nicht im Theehause gesehen. So hatte zwischen dem Fürsten und der gnädigen Frau eine Begegnung nicht stattfinden können. Aber etwas mußte vorgefallen sein. Herr Gleich schickte nochmals in die Ställe und ließ sich seinen Neffen, den Dietrich, kommen, um ihn im Corridor genauer zu examiniren. War von den Herren heute Morgen Jemand fort gewesen? – Gewiß war Jemand fort gewesen: der Herr Graf und der Herr Doctor; wo der Graf geblieben, wisse er nicht, der Doctor aber sei auf die Fasanerie geritten; das habe ihm Meta erzählt, die es von ihrem Onkel gehört, der vor einer Stunde auf dem Wege nach Rothebühl hinab durch das Schloß gekommen sei. Herr Gleich schalt den Dietrich diesmal nicht, daß er ihm eine so wichtige Nachricht nicht aus freien Stücken gebracht hatte. Er war zu erfreut, endlich einen festen Punkt in seiner gänzlichen Rathlosigkeit und einen Gegenstand zu finden, von dem man Durchlaucht doch möglicherweise unterhalten könnte, wenn Durchlaucht sich zur Abendgesellschaft ankleidete. Durchlaucht haben mir heute rechte Sorge gemacht, sagte Herr Gleich, als sein Gebieter eine Stunde später bleich, zusammengefallen vor ihm saß und er demselben das noch immer dichte und lockige, wenn auch hie und da stark ergrauende Haar arrangirte. Ich hätte es beinahe auf Durchlauchts Ungnade ankommen lassen und den Herrn Doctor, ohne befohlen zu sein, geholt; aber dann meinte ich, da Durchlaucht den Herrn Doctor schon heute Morgen auf der Fasanerie gesprochen und gewiß über Ihren Zustand consultirt haben – Doctor Horst auf der Fasanerie? fragte der Fürst. Was meinst Du? Wann wäre er dort gewesen? Ich dächte, es müßte um dieselbe Zeit gewesen sein, als Durchlaucht oben waren, sagte Herr Gleich. Von wem weißt Du das? fragte der Fürst. Der Prachatitz war vorhin hier, sagte Herr Gleich ausweichend. Welches Pferd hat er geritten? Den Brownlock, so viel ich weiß, antwortete Herr Gleich auf gut Glück. Der Fürst starrte sein bleiches Gesicht im Spiegel an. Gab es hier eine Verwechslung? Der Graf war in Civil gewesen, wie schon manchmal, aber er hatte ihn doch ganz genau gesehen. Nein, nein, es war keine Verwechslung. Der alte Fuchs, der Gleich, spürte noch immer auf der falschen Fährte. Ich möchte gern noch ein paar Minuten allein sein, Andreas. Der Fürst schritt im Gemach auf und nieder. Ein seltsamer Zufall, sprach er bei sich; und wenn kein Zufall, wenn er sie hätte sprechen wollen um meinethalben – es wäre nicht schön von ihm; ich habe ihm keine Verschwiegenheit abgefordert, die verstand sich von selbst; aber vielleicht glaubte er mit ihr eine Ausnahme machen zu dürfen. Er ahnt nicht, der Gute, wie groß diese Büberei ist und geht hin und verräth mich an meine schlimmsten Feinde. Und soll ich ihn warnen? ihn vor ihr warnen? immer und immer weiter mich schleppen in diesen Sumpf der Schmach? Er lehnte sich über seinen Arbeitstisch, auf welchem ihr Bild stand: ein kleines, außerordentlich feines Pastellgemälde, in Rom vor vier Jahren von einem eminenten Künstler ausgeführt. Er hatte es in Diamanten fassen lassen und die Fassung hatte ihn nicht kostbar genug gedünkt, und das goldene Gestell, auf dem es ruhte, hatte ihm nicht würdig geschienen, so viel Holdseligkeit und Schönheit zu tragen. Er blickte lange auf das Bild. Zum erstenmale erschien es ihm leblos, todt, ein Stück bemaltes Elfenbein, weiter nichts. Plötzlich bebte er zusammen: da war es wieder das holde melancholische Lächeln um den kleinen Mund, das strahlende Licht der braunen Augen; der leichte Flor selbst, der den schönen Busen züchtig bedeckte, schien sich bewegt zu haben. Ja, ja, du lebst, murmelte er, du schönes Bild! Mir lebst du, wirst du immer leben, und wenn ich dich hier vernichte – die Erinnerung könnte ich doch nicht vernichten; und wenn sie selbst mich verließe, sie wäre doch bei mir hier und hier! Er berührte mit der zitternden Hand seine Brust, seine Stirn, und warf sich vor dem Tisch in den Sessel. Es ist ja Alles vergebens, murmelte er. Herr Gleich trat wieder herein, zu melden, daß Herr von Zeisel sich im Vorzimmer befinde. Die Gesellschaft sei versammelt, nur Graf Pechtiegel fehle noch; ob Durchlaucht die Gnade haben wolle? Ist es der gnädigen Frau schon angesagt? Die gnädige Frau kommt soeben und wird im Grünen Zimmer wie gewöhnlich mit Durchlaucht zusammentreffen. Der Fürst verließ sein Gemach und nahm im Vorzimmer Herrn von Zeisels Arm. Herr von Zeisel bemerkte, daß sich der Fürst ungewöhnlich schwer auf seinen Arm stützte und daß der sonst elastische Schritt des alten Herrn ungleichmäßig und wankend war; aber er hütete sich, darüber eine Bemerkung zu machen, trotzdem Durchlaucht unter dem Vorwande, zu angegriffen zu sein und sich für den Abend reserviren zu müssen, an der Mittagstafel nicht Theil genommen hatte. Er wußte, daß Durchlaucht Fragen nach seinem Gesundheitszustand nicht liebte. Wie steht es mit den Vorbereitungen? fragte der Fürst, indem sie weiterschritten. Waren Sie in Rothebühl? Gewiß, Durchlaucht, und man ist mir von allen Seiten mit einer Bereitwilligkeit entgegengekommen, die auf das beredteste für die warme Liebe spricht, welche man für Durchlaucht empfindet. Herr von Zeisel, der nicht ganz sicher war, ob er mit seinen Einladungen nicht doch die ihm ertheilte Vollmacht überschritten habe, gab ein kurzes Referat seiner Unterhandlungen mit den Rothebühler Damen. Er bemerkte aber, daß der Fürst nur sehr zerstreut zuhörte. Seine Augen waren starr auf die Thür gerichtet, durch welche Hedwig eintreten mußte. Die gnädige Frau bleibt lange, sagte er. Da ist die gnädige Frau, sagte Herr von Zeisel, der Hedwig durch das anstoßende Zimmer hatte kommen sehen. Ein Zittern flog durch den Körper des Fürsten. Herr von Zeisel faßte unwillkürlich den Arm desselben fester; aber der Fürst machte sich mit einer gewissen Heftigkeit los und that einen Schritt auf die Thür zu. Hedwig trat herein, ganz in Weiß gekleidet, ohne jeden Schmuck. So, genau so hatte er sie eben noch auf dem Bilde gesehen; so, genau so hatte sie eben noch vor seines Geistes Augen gestanden. Castruccio, sagte er mit bebenden Lippen. Hedwig blickte ihn fragend an. Es war ihr entfallen, daß der römische Maler, der jenes Bild gefertigt, Castruccio geheißen hatte; so wußte sie nicht, wie der Fürst zu dem Namen kam. Aber für den Fürsten hatte der fragende Blick eine andere Bedeutung: die der Zurückweisung; und selbst der herzliche Ton, in welchem Hedwig jetzt, als er ihr den Arm gereicht hatte und sie unter Herrn von Zeisels Vortritt nach dem Gesellschaftssaale schritten, sagte: Nicht wahr, es geht Dir besser? konnte den Rückschlag, den seine bis auf's Aeußerste gespannte Stimmung empfangen, nicht wieder gutmachen. Ich danke Dir, sagte er, vollkommen gut. Und dann fügte er mit einer furchtbaren Anstrengung hinzu: Du warst heute Morgen auf der Fasanerie, nicht wahr? Ich habe ein wenig gemalt, erwiederte Hedwig. Sie hatte, als sie von der Unterredung mit dem Grafen zurückgekommen war, eilig den Pavillon verlassen und die Spur der Wagenräder auf dem Vorplatze nicht beachtet. Hattest Du Stephanie aufgefordert? fragte der Fürst. Stephanie? erwiederte Hedwig. Weshalb? So warst Du den ganzen langen Morgen allein? Doctor Horst war auf einen Augenblick oben, erwiederte Hedwig. Also doch! sagte der Fürst bei sich. Und dann fragte er weiter: Sonst Niemand? Seine Durchlaucht und die gnädige Frau, sagte Herr von Zeisel, durch die Thür, deren beide Flügel von den Bedienten geöffnet waren, den Herrschaften in den Spiegelsaal voranschreitend. Auch der Graf, sagte Hedwig. Die Etikette erforderte, daß der Fürst mit seiner Gemahlin eine Tour durch den Saal machte, die ihm bekannten Gäste bewillkommnete und sich durch den Cavalier die ihm noch unbekannten vorstellen ließ. Herr von Zeisel war deshalb nicht wenig erschrocken, als er, ein wenig auf die Seite tretend, sah, daß Se. Durchlaucht den Arm der gnädigen Frau bereits losgelassen und sich von ihr ab nach links gewendet hatte, während sie selbst die Richtung nach rechts genommen. Herr von Zeisel hätte sich in zwei Theile theilen müssen, um seinen Pflichten nachzukommen, und er empfand diesen Wunsch um so dringender, als heute Abend eine Menge Personen sich in der Gesellschaft befanden, die allerdings nach der an sie ergangenen Einladung ihre Karten abgegeben hatten, aber weder Durchlaucht, noch der gnädigen Frau bekannt waren: Herr Baron Manebach nebst Gemahlin und zwei Söhnen, Herr und Frau von der Kuhruh nebst einem Sohn und zwei Töchtern, Herr und Frau von Engenstein mit einem Sohn und einer Tochter; zwei junge Engländer, Mr. Alfred und Arthur Simpleton nebst ihrem Bärenführer Mr. Dull, welche die jungen Barone Manebach auf ihrer Reise in England im vorigen Jahre kennen gelernt hatten und die jetzt auf ihrer großen Tour den Besuch erwiederten und von Baron Manebach nach erhaltener Erlaubniß mitgebracht waren. Dazu noch ein halbes Dutzend unbekannter Herren und Damen – und nun Durchlaucht hier an dem einen Ende des Saales und die gnädige Frau an dem andern! Es war, wie Herr von Zeisel im Vorübergehen zu Hermann bemerkte, um aus der Haut zu fahren und sich mit dem Chapeau-Claque umzubringen: es hieß das Unmögliche von ihm fordern. Aber Herr von Zeisel leistete das Unmögliche; Herr von Zeisel war überall und er durfte, als er nach einer Viertelstunde sich die perlende Stirn discret mit dem Battisttuche trocknete, seine Blicke durch den Bildersaal gleiten lassen und sich sagen, daß er die Schlacht gewonnen habe. Es konnte nun nicht mehr viel passiren. Von Zehn bis Elf sollte getanzt werden; um Elf war das Souper angesetzt, um ein halb zwölf waren die Wagen befohlen. Für den Augenblick gingen die Bedienten mit ihren Theebrettern durch die sich jetzt lebhafter bewegende Gesellschaft. Herr von Zeisel athmete auf. Er hatte eine freie Minute und diese freie Minute hatte er Fräulein Adele von Fischbach gelobt schon seit gestern Nachmittag, wo er auf der Promenade durch die Musterwirthschaft fast nicht von der Seite des hübschen Kindes gekommen war. Ja, hier fand Oscar von Zeisel, was er sein langes vierundzwanzigjähriges Leben hindurch, Sehnsucht und Verzweiflung im Herzen, vergeblich gesucht: blaue Augen, die nicht kokettirten, einen rothen Mund, der sich beim Sprechen nicht zierte; hier fand er Alles, selbst eine sehr stattliche Mitgift vorderhand und ein unverschuldetes Rittergut in der dämmernden Ferne, wenn Herr und Frau von Fischbach nicht mehr ihre ansehnlichen Schatten auf diese Erde warfen – die ihnen der Himmel noch lange bewahren mochte! Ich bin kein Egoist, sagte Oscar von Zeisel bei sich: ich kann schwärmen ohne Nebengedanken, selbst ohne dabei an eine unglückliche Liebe zu denken, über der sich das frische Grab kaum geschlossen. Nur einmal in einem köstlichen, allzu kurzen Gespräch, das er mit Adele in einer Fensternische hatte, mußte die Erinnerung an jenes frische Grab dennoch seine Seele umdüstern, denn eine Wolke flog über seine Stirn und er fragte ganz aus dem Zusammenhang, ob das gnädige Fräulein reiten könne. Aber seine Stirn wurde wieder heiter, als die junge Dame mit Lebhaftigkeit antwortete: Nein, Mama findet das so unpassend für junge Mädchen! Gott segne Ihre Frau Mutter! rief der Cavalier mit einer Rührung, die sich das junge Mädchen nicht zu erklären wußte, ebensowenig wie den feierlichen Ernst, mit welchem er in demselben Athem um den Walzer bat und sich dann rasch entfernte, oder, wie er zu Hermann sagte, dem er sofort von seiner neuesten Leidenschaft Mittheilung machte, sich mit blutendem Herzen losriß. Herr von Zeisel mußte Hermann sprechen. Es war ihm eben, als er mit Adele von Fischbach in der Fensternische stand, der glänzende Einfall gekommen, diese junge Dame für ein lebendes Bild zu gewinnen, in welchem natürlich auch er figuriren und so die Gelegenheit haben würde, den Gegenstand seiner jüngsten Anbetung noch vor dem sechszehnten wiederholt zu sehen und zu sprechen. Dieser geistreiche Plan war nur eine Seifenblase, wenn nicht mehrere lebende Bilder zu Stande kamen. Der Glanz, die Poesie, ja das Zustandekommen des ganzen Festes hing, wenn man Herrn von Zeisel hörte, davon ab. Mir ist wirklich nicht nach Comödienspielen zu Sinn, sagte Hermann. Sagen Sie lieber: mir ist nicht nach dem Leben zu Sinn! erwiederte der Cavalier. Das ganze Leben ist eine Comödie. Und oft genug eine recht abgeschmackte. Ich finden sie heute Abend entzückend. Die Comödie? Die gnädige Frau, erwiederte Herr von Zeisel, anbetungswürdig, schöner als je! Ich muß es ihr auf irgend eine Weise sagen, vielleicht kann man dabei die Germania einfließen lassen, oder umgekehrt; man wird ja sehen. Herr von Zeisel trat zu Hedwig, der er sich zufällig, da sie gerade die beiden jungen Engländer mit einem Kopfnicken verabschiedete, ungehindert nahen konnte. Hedwig hatte inmitten der lächelnden, conversirenden Gesellschaft, selbst conversirend und dann und wann gesellschaftlich lächelnd, eine trübe halbe Stunde verlebt. Die Empfindung, welche sie vorhin gehabt, als ihr Meta die Brillanten umhängen wollte, daß sie sich nicht für eine Gesellschaft schmücken dürfe, in welche sie mit keinem Gedanken, mit keiner Regung des Herzens gehörte, diese Empfindung hatte sich ihrer immer stärker bemächtigt, so daß sie sich zwischen all diesen Menschen, die doch von Interessen irgend welcher Art bewegt wurden, wie ein abschiedener Geist vorkam. Sie hatte kaum darüber nachdenken können, welche Bedeutung die Fragen des Fürsten vorhin gehabt. War er auf der Fasanerie gewesen? Hatte er so oder so gehört, daß sie mit Hermann, mit dem Grafen dort gesprochen? Es schien fast so. Und hatte er sie seine Unzufriedenheit darüber empfinden lassen wollen, als er vorhin so schnell ihren Arm fahren ließ? Es schien nicht minder so. Und doch, was war ihr das Eine und das Andere? Selbst jenes Mitleid, das sie heute Morgen noch mit dem alten Mann empfunden, der, vielleicht mit um ihretwillen, so Schweres auf sich nahm und die letzten Tage seines Lebens sich verkümmerte – jenes Mitleid, um dessentwillen sie sich bis zur Bitte gegen den Grafen erniedrigt hatte – sie empfand es jetzt nicht mehr oder kaum noch. Das bunte Spiel der Intriguen, das da vor ihren Augen aufgeführt wurde und welches schon als solches früher ihren scharfsinnigen Geist beschäftigt haben würde, hatte kein Interesse mehr für sie; sie fürchtete nichts, sie hoffte nichts; sie wünschte nur, daß Alles bald für sie vorbei sein möge, wie der Müde den Augenblick des Einschlummerns herbeiwünscht. Und da kam der vielgeschäftige Herr von Zeisel und beschwor sie, als hinge das Heil der Welt davon ab, doch die Gnade zu haben und am Abend des Geburtstages in einer Reihe von lebenden Bildern, die er beabsichtige, mitzuwirken. Was die gnädige Frau zu einer Germania meine? Es wäre ein Bild, das der Situation merkwürdig angepaßt sei, da eine solche Germania – hier lächelte Herr von Zeisel verbindlich – alle Parteien vereinigen müsse, einer solchen Germania alle Parteien würden dienen wollen; daß überdies seine Verse – die gnädige Frau will keine Verse? Ich hatte, offen gestanden, eigentlich mehr als bloße lebende Bilder – ein keines Festspiel im Sinne. Indessen – eine Germania mit so sprechenden Zügen braucht in der That nicht zu sprechen. Sie machen mich zum glücklichsten der Menschen, gnädige Frau! Herr von Zeisel verbeugte sich tief, die Hand auf dem Herzen. Der gute Mensch, sprach Hedwig bei sich, er hat mir so unzählige Gefälligkeiten erwiesen; ich ihm kaum eine, und wer weiß, ob mir noch viel Zeit bleibt, meine Schulden abzutragen. Der Marquis trat zu ihr heran. Er habe gehört, daß man tanzen werde; Madame werde ihn zum glücklichsten der Menschen machen, wenn sie die Française mit ihm tanzen wolle. Hedwig mußte wider Willen lächeln; sie hörte dieselbe Phrase auf französisch, die sie vor ein paar Secunden auf deutsch gehört. Es war eben überall dasselbe Spiel mit blanken Rechenpfennigen. Sie hatte dem Marquis antworten wollen: ich werde nicht tanzen, aber in dem Moment sah sie das Gesicht des Grafen, der in ihrer Nähe stand und sie mit einer halb lächelnden, halb drohenden Miene betrachtete. Du sollst mich nicht in deinen Willen zwingen, sagte sie bei sich und neigte zum Zeichen der Bejahung ihr Haupt mit einem Lächeln gegen den Marquis. Der Marquis dankte mit Ueberschwänglichkeit. Er hatte seit gestern Abend im Stillen doch einige Zweifel gehegt, ob er den Weg zum Herzen der schönen Frau nicht am Ende abermals verfehlt habe. Der kleine Erfolg gab ihm sein Selbstvertrauen wieder. Er erwähnte der Scene im Küchengarten mit keinem Worte; aber jede seiner Gesten, jede seiner Mienen, jeder Ton seiner Stimme bat um Verzeihung, wenn er zu kühn gewesen und sich von seiner Leidenschaft habe fortreißen lassen. Es war ein altes Virtuosenstück, das der Mann da herunterspielte, mit einigen neuen Variationen, wie sie die Situation erheischte; und Hedwig hörte das vollkommen heraus; aber der Ausdruck im Gesicht des Grafen, der sie unverwandt beobachtete, ließ sie das Stück, das sonst kein Interesse für sie hatte, weiter anhören, und plötzlich schlug der Marquis ein Thema an, das wider ihren Willen ihre Aufmerksamkeit fesselte. Der Marquis war entzückt gewesen von dem Theehause; er theilte ganz den Geschmack Madames für die poetische Einsamkeit eines solchen Aufenthalts, den alle Musen und Grazien umschwebten. Auch habe er die Göttin dieses Tempels, wenn nicht in Person, so doch in einem ihrer Werke verehren dürfen, dessen Meisterschaft er erst jetzt recht erkenne, wo er zwischen der Copie und dem Original eine Vergleichung anzustellen im Stande sei. Monsieur Rosel habe ihm bereits Vieles von dem Herrn erzählt, der ja wohl in dem Hofhalt Seiner Durchlaucht eine bevorzugte Stelle einnehme. Er müsse hernach Herrn von Zeisel aufsuchen und sich durch denselben dem Herrn vorstellen lassen. So will ich Sie nicht länger aufhalten, sagte Hedwig; dort finden Sie Herrn von Zeisel mit eben jenem Herrn. Sie stand ein paar Augenblicke in Nachdenken versunken; dann ging sie entschlossen auf den Fürsten zu, der sich mit dem alten Herrn von Fischbach unterhielt. Ich glaube, Herr von Fischbach, Ihr Fräulein Tochter sucht Sie. Herr von Fischbach trat zurück. Ich muß Dich auf einen Augenblick sprechen. Der Fürst sah sie mit einem finsteren fragenden Blick an, folgte aber doch der Bewegung, die sie andeutete. Du hast mir vorhin keine Zeit gelassen, Dir zu sagen, was den Doctor Horst und den Grafen heute zu mir auf das Theehaus geführt hat. Du darfst dem Doctor nicht zürnen, wenn er mir, von der er annahm, daß ich fester in Deinem Vertrauen stehe, als es der Fall ist, sein volles, von Sorgen um Dich volles Herz ausschüttete. Er verlangte von mir, ich solle meinen Einfluß aufbieten, um den Grafen, dessen Dir unsympathische Gegenwart in gefährlicher Weise auf Deine Entschlüsse einwirke, zur Abreise zu veranlassen. Da der Graf wenige Minuten später kam, konnte ich den Versuch wagen. Mein Versuch ist mißglückt. Der Graf behauptet, und wohl nicht mit Unrecht, daß Du ihn eingeladen habest, er folglich mit Fug und Recht hier sei, und daß, wenn er und der Marquis in diesem Augenblicke nicht wohl gleichzeitig Deine Gäste sein könnten, ohne Inconvenienzen aller Art zu veranlassen, es an dem Marquis sei, zu gehen. Nun ist mir ja vollkommen klar, daß, wenn der Marquis nicht von selbst zu dieser Einsicht kommt, Du ihm nicht wohl zu derselben verhelfen kannst; aber ich könnte es sehr wohl für Dich. Man wird es einer Frau immer verargen, daß sie sich in den Streit der Männer mischt; die Bemühungen einer Frau, diesen Streit zu schlichten, die Ursachen dieses Streites zu entfernen, scheinen mir unbedenklich, und was etwa Bedenkliches daran ist, will ich gerne auf mich nehmen, sobald ich Deine Erlaubniß dazu habe. Ich kann Dir diese Erlaubniß nicht geben, sagte der Fürst. Ich bitte Dich darum. So bin ich in der peinlichen Lage, Dir diese Bitte abschlagen zu müssen. Es ist, soviel ich weiß, meine erste Bitte. Und dennoch kann ich sie Dir nicht gewähren. Auch nicht, wenn diese erste Bitte zugleich meine letzte wäre? Des Fürsten Blicke schweiften zu dem Grafen hinüber, der eben mit dem Baron Neuhof sprach und in diesem Momente nicht eben laut, aber doch laut genug lachte, daß es bis zu dem Fürsten herüberklang. Ihm war, als ob dies Lachen nur ihm gelten könne, als ob der Graf schon im voraus triumphire über den blinden Gehorsam, mit dem man seinen Befehlen folgte. Auch dann nicht, sagte er. Er wußte nicht, daß er es laut gesagt hatte; er wußte es erst, als Hedwig sich plötzlich von ihm wendete. Er wollte sie zurückrufen, ihr nacheilen, aber er sah oder glaubte zu sehen, daß man bereits angefangen hatte, sich über diese Scene zu wundern; und da trat auch Herr von Zeisel auf ihn zu, ihm den alten Grafen Pechtiegel zu präsentiren, der sogleich mit lauter krähender Stimme um Entschuldigung wegen seines späten Kommens bat; aber Durchlaucht wisse wohl: ein alter Capitän auf Halbsold habe nicht jederzeit eine Equipage zur Verfügung, und was ihn betreffe, so habe er nie eine gehabt, als Anno Dreizehn in Frankreich eine requirirte, und mit seinen beiden abgetriebenen Ackergäulen fahre es sich sehr langsam durch den Wald bei den vertracten Wegen. Ich kann den Kerl doch nicht so ohne weiteres mit der Reitpeitsche tractiren, sagte der Graf an einer andern Stelle des Saales zu dem Baron Neuhof. Er verdiente es schon, sagte der Baron. Aber ich gebe zu, so ohne weiteres geht es nicht; einen Grund müßte man schon haben. Wenn Du fändest, daß er für Deinen Geschmack zu sehr durch die Nase spricht? Der Graf lachte. Das verstehst Du nicht, Curt; Du hattest, so viel ich weiß, im Französischen sechszehn Points minus. Habe aber nichtsdestoweniger seit der Zeit recht gut auf französisch pointiren gelernt, sagte der Baron. Ernsthaft, Curt, ich muß einen Grund haben, einen plausiblen Grund. Meine Schwiegermama, der Stephanie von der Situation hier ausführliche Nachricht gegeben zu haben scheint, beschwört mich, es zu keinem Eclat kommen zu lassen, am allerwenigsten zu einem, der auf eine politische Differenz zurückzuführen wäre. Ich fühle ihr das vollkommen nach, so wenig auch die Schuld auf meiner Seite liegen würde. Es bleibt immer etwas am Namen hangen, und ich will den Namen Roda, wenn ich es vermeiden kann, ebensowenig in einen politischen Scandal verwickelt sehen wie in einen politischen Prozeß. Und an ihrem Hofe, wo meine Schwiegermama die Sache zur Sprache gebracht hat, denkt man ebenso: um Himmelswillen an dergleichen nicht rühren! Sehr schön; aber hinterher heißt es doch: Sie hätten es nicht dulden sollen. Ich kenne das, man giebt immer die Prämissen zu und zieht nie die rechten Schlüsse, sobald diese unbequem sind. Gut, sagte der Baron, so mache die Entdeckung, daß er der schönen Hedwig auf unverschämte Weise den Hof macht. Er thut es aber nicht. Du bist nicht mehr verliebt, lieber Henri, sonst würdest Du die Manieren des Laffen schon hinreichend provocirend finden. Nehmen wir also an, ich finde sie provocirend. So haben wir, wonach seine Landsleute jetzt so eifrig suchen: den Vorwand zum Kriege. Als nächster Verwandter des Hauses kannst Du das nicht dulden; als jüngerer Mann bist Du verpflichtet, einem alten Herrn die Mühe zu ersparen, dem Herrn Marquis eine Kugel in die rechte oder in die linke Schulter zu placiren. Der Plan steht freilich auf schwachen Füßen, da der Marquis nicht gerade übermäßig zu reussiren scheint und die schöne Hedwig, wenn sie behauptet, bereits nach einer andern Seite engagirt gewesen zu sein, schlimmstenfalls den Beweis der Wahrheit dafür antreten könnte. Meine Chancen stehen seit heute gar nicht mehr so gut, sagte der Graf. Deine Chancen, lieber Henri? und seit heute? Nimm es mir nicht übel, aber ich glaube. Du hast, wie auch früher Euer Verhältniß gewesen sein mag, schon längst keine mehr gehabt. Was meinst Du? fragte der Graf. Ja, hat Dir denn meine Frau, deren großes Thema es jetzt ist, nie davon gesprochen? Wovon soll mir Deine Frau gesprochen haben? Daß doch dergleichen zu Denen, die es zumeist angeht, immer zuletzt kommt, sagte der Baron; und er theilte nun in gedrängter Kürze dem Grafen die Gerüchte mit, welche – man wußte kaum, wie und woher – in letzter Zeit über ein Verhältniß, das Hedwig mit dem Doctor Horst haben solle, in der Gesellschaft und in der Umgegend circulirten. Der Graf hörte ungläubig zu. Wie kannst Du Dich nur zum Träger eines so durchaus leeren und – verzeihe mir das Wort – so albernen Gerüchtes hergeben! Weshalb leer, weshalb albern? fragte der Baron. Weil Hedwig viel, aber viel zu stolz ist, an eine so elende Intrigue nur zu denken, geschweige denn, sich darauf einzulassen, und weil, selbst wenn sie nicht zu stolz wäre, sie viel zu klug ist, einen Weg zu gehen, der sie so weit von dem Ziel ihres Ehrgeizes abbringen könnte. Ich zweifle aber jetzt keinen Augenblick mehr an ihrem Ehrgeiz, wie ich auch früher anders darüber gedacht haben mag. Als sie sich dem Fürsten hingab, that sie es einfach aus Rache, ohne Ueberlegung; sie würde sich jedem Andern ebenso in die Arme geworfen haben. Mittlerweile aber hat sie herausgefunden, daß die Rache nicht blos sehr süß, sondern auch sehr profitabel ist und sich vielleicht noch profitabler machen läßt. Mit einem Worte – Mit einem Worte? Sie will dem Fürsten nicht blos zur linken Hand angetraut sein, sie will die Zügel nicht blos factisch und im Geheimen, sondern auch legitim und öffentlich in Händen haben, und deshalb bestärkt sie den alten Herrn in seinen politischen Tollheiten, die, ihn immer mehr isoliren, ihn immer mehr mit der Welt verbittern müssen und aus denen er eines schönen Tages als Verbannter und rechtmäßiger Gemahl einer jungen Frau erwachen wird, die ihn unbedingt beherrscht. Ich sollte meinen, an seinem Vermögen müsse ihr mehr gelegen sein. Man ist an unserem Hofe sehr großmüthig, wie Du weißt. Im schlimmsten Falle bleibt immer noch genug übrig. So siehst Du die Sache an. Ich habe es von Anfang an geahnt; seit heute bin ich ganz sicher, und was den Menschen, den jungen Hannoveraner, betrifft, so mag sie ihn vielleicht zur Durchführung ihrer Zwecke so oder so brauchen, aber weiter ist es nichts, glaube mir. Baron Neuhof zuckte die Achseln. Du mußt es ja am besten wissen, sagte er. Ich für mein Theil habe immer daran festgehalten und mich sehr wohl dabei befunden, daß die Frauen zwar, Gott sei Dank! unseren Geschmack nicht beurtheilen können, wir aber, Gott sei's geklagt! ebensowenig den ihren; und von dem Doctor geht das Gerücht, daß er im Allgemeinen sehr nach dem Geschmack der Frauen sei. Der Graf warf einen finsteren Blick auf seinen Freund; der Baron lachte. Wenn Du Dich vorher mit mir schlagen willst, sagte er, so wirst Du, kommt der Marquis an die Reihe, um einen Secundanten verlegen sein. Man fängt an zu klimpern, Henry; wir werden ein wenig mit herumspringen müssen. Schade, daß Deine Frau nicht mehr tanzt, sie walzte früher göttlich. Stephanie sah im Spiegelsaal, in welchen man sich jetzt begeben hatte, dem Tanz aus einer Ecke zu. Ihre gute Laune war ganz dahin; sie fühlte sich zum Weinen traurig. Man hatte sie heute so gut wie gar nicht beachtet, sie in der erschrecklichsten Weise vernachlässigt. Von ihrem Manne war sie das freilich gewohnt, aber auch er hatte es selten so arg wie heute getrieben. Der Doctor hatte sie nur aus der Ferne stumm begrüßt; selbst Baron Neuhof, der früher zu ihren Anbetern gehörte, sich kaum um sie bekümmert, und selbst der Fürst war seit einigen Tagen ein ganz Anderer geworden; er mußte sie durchaus vergessen haben. Wie würde er sonst haben tanzen lassen, da sie nicht mittanzen konnte! Wahrhaftig, wenn die alte langweilige Frau von Fischbach sich jetzt nicht zu ihr gesellt hätte, sie würde vielleicht zum erstenmale in ihrem Leben in einem Ballsaale während des Tanzes nicht nur gesessen, sondern, was das Schlimmste war, allein gesessen haben. Wir freuen uns recht, liebe Gräfin, sagte die gute Dame, daß Sie endlich einmal zu uns gekommen sind, wo Sie ja doch von Gottes- und von Rechtswegen hingehören. Es wird Ihnen, schon bei uns gefallen, denn ich nehme an, daß der Graf den Dienst quittirt und hier residirt, wenn die alte Durchlaucht – der Gott noch lange das Leben erhalten wolle! – einmal die Augen zumacht. Wir sind ein bischen einfach und hinter den Anderen zurück, aber es lebt sich doch gut bei uns; und nun gar Sie werden auf Händen getragen werden. Sie haben es besser und leichter als das arme Mädchen da. Was hilft ihr Schönheit und Jugend und vornehmes – Aussehen es hat doch Keiner den rechten Respect, wenn man auch ihr in's Gesicht freundlich genug ist. Eigentlich ist es spottschlecht von den Leuten, denn sie hat während der vier Jahre, die sie hier ist, viel, ja, nimmt man's recht, unglaublich viel gethan. Wann und wo es galt zu helfen – und wann und wo thäte auf dem Lande nicht Hilfe noth! – da war sie gewiß mit Rath und That. Und als in diesem Winter oben auf dem Walde der Typhus so arg wüthete, ist sie wirklich eine zweite Vorsehung für die armen Menschen gewesen. Das ist ja Alles wahr, und dennoch – sehen Sie, gnädige Frau – so ist der Mensch nun einmal; mir selbst wird es schwer, so recht von Herzen zu glauben, daß sie das Alles um Gotteswillen thut, wie ist es da den Leuten zu verdenken, wenn sie sprechen: sie thäte es nur, damit die alte Durchlaucht sie noch mehr bewundere und schließlich doch Ernst und sie auf seine alten Tage zu seiner rechtmäßigen Gemahlin mache, was ja wohl jetzt zulässig sein soll, obgleich ich für mein Theil nichts davon verstehe. Nun, dergleichen kann man Ihnen doch nicht nachsagen; und darum wiederhole ich: man wird Sie auf Händen tragen, wenn Sie einmal erst Herrin sind. Sie werden gewiß recht gut sein, daran zweifle ich nicht, und Ihnen wird man's glauben. Stephanie hatte nie daran gedacht, ob sie gut sein werde oder nicht, wenn sie erst einmal Fürstin von Roda war; auch die Frage, was die Leute von ihr sagen würden, schien ihr nicht eben wichtig; sie hörte von der Rede der alten Dame nur, daß Jedermann annehme, Hedwig lege es darauf an, des Fürsten rechtmäßige Gemahlin zu werden; und wie sie nun die Augen hob und Hedwig wenige Schritte vor ihr mit dem Marquis in der Française sich anmuthig hin- und herbewegen sah, und sah, wie die Augen mehr als eines der Herren fortwährend die schlanke weiße Gestalt verfolgten, und jetzt selbst die Neuhof, die in ihrer Nähe tanzte, sich zu ihr herabbeugte und sagte: Sei nur nicht so traurig, Du wirst auch einmal wieder schön werden – da konnte sie ihren Jammer nicht länger bekämpfen . und sie weinte heiße Thränen in ihr Spitzentaschentuch und lächelte zwischendurch die Baronin freundlich an und warf dem Fürsten eine Kußhand zu. Da kommt mein Alter, mich zu Tisch zu führen, sagte die gute Frau von Fischbach. Es schmeckt ihm nicht, wenn ich ihn nicht essen sehe. Und da kommt der Baron Neuhof, um Sie zu holen, liebe Gräfin, Nun, zu Ihnen gehört ein so stattlicher Cavalier. Der Tanz war zu Ende; man ging in den Muschelsaal, um zu soupiren. Der Marquis, welcher zuletzt mit Hedwig getanzt hatte, führte sie auch in den Speisesaal. Das südlich lebhafte Antlitz des Mannes glänzte und seine heißen dunklen Augen strahlten, als er mit ihr an dem Grafen vorüberschritt. Der Graf knirschte mit den Zähnen. Weshalb so ungnädig, lieber Graf? sagte die Baronin Neuhof, die er am Arme führte. Ich könnte die Hedwig küssen; ich finde sie bewunderungswürdig. Sie rächt unser armes hilfloses Geschlecht an Euch grausamen Männern. Sie lachen; das ist recht. Es klang noch ein wenig forcirt, aber Sie sind auf dem richtigen Wege; Sie werden sich schon in Ihr Schicksal finden. Sie haben das Alles von Anfang an viel zu ernst genommen. Oder nicht ernsthaft genug. Verfallen Sie schon wieder in den alten Fehler! Ich versichere Sie, das Lachen ist weit klüger und bequemer. Ich habe auch Stephanie dazu gerathen. Ach, was werdet Ihr für ein glückliches Paar werden, wenn Ihr Beide erst einmal lachen gelernt habt! Um das in der Mitte des schönen großen Raumes hergerichtete prachtvolle Büffet war eine Anzahl kleiner Tische arrangirt, an welchen sich die Gesellschaft in zwangloser Weise, heiter plaudernd, niederließ. Ist das nicht ein reizender Abend? sagte Herr von Zeisel, als er gegen das Ende des Soupers sich auf einen Augenblick Hermann nähern konnte. Geht nicht Alles vortrefflich, wie am Schnürchen, trotzdem unsere Leute wenig Uebung haben und mehr als Einer heute zum zweiten- oder drittenmale in dem Rocke steckt? Dennoch kein Kerl hingeschlagen, kein Theebrett hingefallen, keiner Dame eine Saucière in den Schoß geschüttet oder ein Loch in die Schleppe getreten! Und die Gesellschaft selbst! Hätte im Leben nicht geglaubt, daß wir ein solches Ensemble hier zusammenbekommen würden: elegante Männer, liebenswürdige Frauen, himmlische Mädchen! Ach, mein Freund, verzeihen Sie, ich dachte in diesem Augenblick nicht an Ihre unglückliche Liebe. Dem Glücklichen schlägt keine Uhr, aber leider auch nicht einmal das Gewissen! Alles Würde, Anmuth, Grazie, Harmonie, in der kein Mißton, trotzdem der schreckliche alte Graf Pechtiegel – Himmel, was ist das! Herr von Zeisel eilte quer durch den Saal auf den alten Herrn von Pechtiegel zu, der mit einem Glase Champagner in der Hand vor dem Tisch stand, an welchem der Marquis an Hedwigs Seite mit noch einigen anderen Herren und Damen saß. Was da Spanien, was da hohenzollerische Candidatur! rief der alte Haudegen. Das sind Alles nur Finten und Flausen. Uns wollen sie an's Fell, sie haben's immer gewollt; aber ich will wissen, woran wir mit den Franzosen sind; ich habe immer gewußt, woran ich mit den Franzosen war! Der Mann scheint zu mir zu sprechen, sagte der Marquis zu der erschrockenen Gesellschaft. Will nicht einer von den Herren die Güte haben, dem Herrn zu sagen, daß ich nicht das Glück habe, ihn zu verstehen? Aber ich verstehe Sie ganz gut, mein schöner Herr! schrie der Alte. Ich – Wollen Sie mir erlauben, Herr Graf? sagte Herr von Zeisel, den Halbtrunkenen beim Arm ergreifend und ihn trotz seines Schreiens und Sträubens durch eine Thür hinausführend, die sich glücklicherweise in unmittelbarster Nähe befand und von den Bedienten schnell geöffnet worden war. Der Fürst hatte sich, sobald die ersten lauten Töne an sein Ohr schlugen, sofort erhoben und damit auch für die Anderen das Zeichen zum Aufstehen gegeben. Dennoch hatte er nicht verhindern können, daß die häßliche Scene so ziemlich von Allen in dem Saale bemerkt war, trotzdem Jeder sich die Miene gab, nichts gehört und nichts gesehen zu haben, und darin dem Beispiele des Fürsten folgte, der sich ruhig mit dem alten Herrn von Fischbach unterhielt und erst seine Fassung zu verlieren schien, als jetzt der Graf und Hedwig von verschiedenen Seiten an ihn herantraten. Nun, sagte er zu Hedwig in scharfem Ton, und laut genug, daß der Graf es hören mußte, wie fandest Du das? Der Unwille über das soeben Erlebte bebte noch auf Hedwigs bleichen Lippen. Ich bin empört, sagte sie, aber – Sie schwieg, da sie plötzlich den Grafen neben sich sah. Ich dächte, sagte der Fürst, hier wäre kein Aber. Ein Aber würde uns zu Barbaren machen; und selbst der Barbar respectirt die Gastfreundschaft. – Ah, da sind Sie ja, lieber Marquis. Der Fürst hatte dem Marquis einen Schritt entgegen gethan und begann jetzt, sich vertraulich auf den Arm desselben lehnend und mit offenbar absichtlicher Freundlichkeit zu ihm redend, eine Runde durch den Saal zu machen. Der Graf und Hedwig sahen sich starr an. Er, der nicht wußte, wie weit sie in dieser Sache bereits gegangen war, glaubte in ihren Mienen nur Haß und Trotz, sie wiederum in den seinen eine Herausforderung und Drohung zu lesen. Durchlaucht wünschen aufzubrechen, gnädige Frau, sagte Herr von Zeisel. Darf ich um die Gnade bitten? Sie ließ sich von dem Cavalier zu dem Fürsten begleiten. Der Fürst hatte, während er mit Hedwig weiterschritt, für jeden seiner Gäste ein freundliches Wort; aber Herr von Zeisel bemerkte, daß er sofort verstummte, als sie den Gesellschaftsraum jetzt hinter sich hatten und in das Grüne Zimmer traten, und daß, als er sich vor der gnädigen Frau verbeugte, er ihr zum erstenmal nicht die Hand küßte. Die letzten Wagen waren davongerollt; in den Sälen waren die Diener mit dem Abräumen beschäftigt; die Herrschaften hatten sich längst schon in ihre Gemächer zurückgezogen. Baptiste, des Herrn Marquis Kammerdiener, wartete mit Ungeduld auf den Augenblick, wo der Herr Marquis Herrn Rosel wegschicken und sich zur Ruhe begeben werde. Der Marquis hätte nichts dagegen gehabt, wenn Herr Rosel gegangen wäre, aber Herr Rosel sagte: Ich bitte um Verzeihung, Herr Marquis, wenn ich lästig falle, aber ich halte es für meine Pflicht, den Herrn Marquis daran zu erinnern, daß wir in der That hier fertig sind und daß wir gut thun würden, an den übrigen Theil unserer Aufgabe zu denken. Denken Sie immerhin, sagte der Marquis, das ist ja Ihr Metier. Ich für mein Theil bin noch nicht fertig. Wie, Herr Marquis, sagte Herr Rosel, nachdem der Fürst heute in aller Form sein Versprechen gegeben hat, das er unbedingt halten wird – was wollen Sie mehr? Sie nehmen die Sache auf einmal sehr leicht, sagte der Marquis, nachdem Sie mir noch gestern Abend Gott weiß was Alles von der Wichtigkeit derselben vorgeredet haben. Jetzt, da ich anfange, mich dafür zu interessiren, ist Ihr Interesse zu Ende. Weil ich in der That nichts mehr zu thun sehe, sagte Herr Rosel. Mit dem Fürsten haben wir Alles, was wir hier haben können. Meine Mühe, einen Einfluß auf seine Umgebung zu gewinnen, ist ganz vergeblich gewesen. Und Sie rechneten so sicher darauf! Ich habe mich eben verrechnet, ebenso wie ich mich in der Stimmung der Bürgerschaft täuschte. Ich bin den ganzen Morgen in dem Städtchen und in der Umgegend herumgeschlichen. Glauben Sie mir, Herr Marquis, wir werden alle diese Leute gegen uns haben, sobald der Krieg losbricht; ja, wir haben sie jetzt schon gegen uns. Nun gut, sagte der Marquis, machen Sie daraus ein hübsches Exposé, das wir dem Minister schicken können. Benützen Sie dazu die Nacht, wenn Sie nicht müde sind, aber verzeihen Sie mir, wenn ich für meinen Theil jetzt zu Bette gehen möchte. Und hat Sie die Scene vorhin nicht stutzig gemacht, Herr Marquis? fragte Herr Rosel. Pah! sagte der Marquis. Ich glaube, der Herr Graf und vielleicht auch der Herr Baron Neuhof stecken dahinter; der alte Vaurien würde sonst nicht so weit gegangen sein. Möglich, sagte der Marquis, ein Gähnen fingirend. Herr Marquis, sagte Herr Rosel, den Hut in die Hand nehmend, es sollte mir unaussprechlich leid thun, wenn ich dem Exposé an den Herzog von Grammont einen Privatbrief an Monsieur Ollivier, mit dem ich, wie der Herr Marquis weiß, sehr gut stehe, nachschicken müßte, in welchem ich anzudeuten gezwungen wäre, daß der lebhafte Briefwechsel des Herrn Marquis mit dem Herrn Grafen Chambord vielleicht die Zeit des Herrn Marquis zu sehr in Anspruch nimmt, als daß der Herr Marquis auf die Interessen der aktuellen Regierung, speciell auf unsere Mission die nöthige Aufmerksamkeit verwenden könnte. Ja so, sagte der Marquis, weshalb haben Sie das nicht gleich gesagt? Wie viel brauchen Sie? Meine arme Mutter in Straßburg – sagte Herr Rosel. Und die noch ärmere Internationale in London – Herr Marquis! Großer Gott! rief der Marquis, ich will mich nicht in Ihre politischen Geheimnisse mischen; hätten Sie doch nur dieselbe löbliche Gewohnheit! Und Ihr Internationalen arbeitet uns doch nur in die Hände; mit einem Wort – Baptiste, welcher aus langer Weile das Ohr an das Schlüsselloch gelegt hatte, konnte nicht hören, was Herr Rosel antwortete; aber er hörte, wie der Marquis seine Cassette aufschloß und wieder zuklappte und dann lachend sagte: Sehen Sie, mon cher , so lange Sie es nicht zu arg treiben, werden Sie mich bereit finden, für die Dummheit, Ihnen im Anfang zu weit getraut zu haben, den Preis zu zahlen. Aber, wie gesagt, zu arg dürfen Sie es nicht treiben. Ich danke, Herr Marquis, sagte der Secretär, und da der Herr Marquis so gütig ist, möge er mir erlauben, meine Dankbarkeit in Form eines guten Rathes abzustatten: Nehme sich der Herr Marquis in Acht! Ich bin überzeugt, der Herr Graf will nichts als einen plausiblen Vorwand, um den Herrn Marquis in einen Streit zu verwickeln. Die Politik ist, wie die Sachen hier liegen, nicht wohl dazu geeignet, sagte der Marquis; wir haben es eben gesehen; man setzt die Leute, die eine andere politische Meinung haben als der Fürst ganz einfach vor die Thür. Man kann den Herrn Grafen nicht vor die Thür setzen. Deshalb darf er sich nicht in eine Lage bringen, wo dies bei Anderen unfehlbar geschehen würde. So gebe ihm der Herr Marquis keinen Anlaß, der außer anderen auch noch die üble Folge haben könnte, den Herrn Marquis mit dem Fürsten zu verfeinden, das heißt: den Erfolg unserer Mission auf das ernstlichste zu compromittiren. Mein lieber Herr Rosel, sagte der Marquis, ich bin Ihnen sehr verbunden, aber davon verstehen Sie nichts. Und nun, gute Nacht! Der Marquis drückte auf die Glocke. Leuchte dem Herrn; und Du brauchst nicht wieder zu kommen, ich werde allein zu Bett gehen. Der Marquis sah sich nicht sobald allein, als er seine Cigarrette fortschleuderte und mit ausgebreiteten Armen in dem großen Teppichgemach auf- und niederzurennen begann. Die Schönheit Hedwigs hatte heute Abend seine Leidenschaft auf das höchste entflammt; die Gunst, die sie ihm durch die Annahme des Tanzes erwiesen, ihre Freundlichkeit während der Tafel, ihr sichtbares Erschrecken in der Scene mit dem alten tollen Herrn – es war ja, wenn man wollte, herzlich wenig; aber er war der Mann aus Wenigem Viel zu machen! er kannte die Kunst! er! Sie liebt mich, sie liebt mich! rief er erregt, und wenn die Liebe für sie ein Märchen ist wie für mich, so weiß sie doch die Reize eines Verhältnisses zu schätzen, das darum nicht weniger reizend sein wird, weil es voraussichtlich nur von kurzer Dauer ist. Sie ist nicht, wie diese insipiden anderen deutschen Frauen, wie diese blonde Gräfin zum Beispiel; sie weiß nicht blos, was sie will, sie hat auch den Muth, ihren Willen durchzusetzen. Wer das erreichte, was sie erreicht hat, braucht nicht erst seinen Muth zu beweisen. Und von Scrupeln kann nun gar nicht bei ihr die Rede sein; ein alter Gemahl, der noch dazu nach der unrechten Seite eifersüchtig ist – auf diesen widerwärtigen Grafen, diesen preußischen Eisenfresser aus dem Charivari, der immer aussieht, als ob er am liebsten ein Gabelfrühstück aus mir machen möchte, – pah, Gelegenheit, Gelegenheit, das ist's, nichts weiter! Durch des jungen Mannes Phantasie zogen in bunten Schwärmen die tollfrechen Abenteuer aus dem Faublas. Er schwang sich an zerbrechlichen Spalieren über Gartenmauern; er tastete dunkle Hintertreppen hinauf und suchte die verborgene Feder an Tapetenthüren; er fand tausend Hindernisse, die er alle besiegte, zuletzt und am leichtesten den Widerstand in den Armen der angebeteten Frau, war er erst einmal bis zu ihr gelangt! Siebzehntes Kapitel. Am Frühabend des nächsten Tages bewegte sich eine lange Reihe fürstlicher Equipagen die schöne Chaussée hinauf, welche von Roda über die Fasanerie rechts durch den Wald nach dem Jagdschlosse und nach den in der Nähe des Jagdschlosses auf einem einsamen Bergkegel gelegenen Ruinen der uralten Rodaburg führte. Die wirkliche Entfernung vom Schlosse betrug nur eine halbe Meile; doch hatte man, um die allzu starke Ansteigung zu vermeiden, sich in unzähligen Curven die Berge hinaufwinden müssen. Der Weg war dadurch um das Doppelte lang geworden und auch so mußten die herrlichen Pferde sich an manchen Stellen fester in das Geschirr legen und aus dem Trab in Schritt fallen. Aber Niemand, der für die Reize eines Bergwaldes an einem schönen Sommertage empfänglich ist, könnte mit diesem Tempo unzufrieden sein, sagte Herr von Zeisel mit Enthusiasmus. Ich bitte Sie, meine Damen, sind sie nicht über alle Beschreibung herrlich, diese goldenen Lichter auf den moosigen Stämmen, auf dem kräuterübersponnenen Waldgrunde, und diese dämmerigen Schatten in den Waldeshallen, und nun, dieser Blick hier in das duftige Blau des wilden Rodathales! Ach, schon ist er wieder verschwunden, aber wir werden ihn ein paar hundert Schritte weiter auf der Höhe noch einmal und großartiger haben; und dazu eine allerdings etwas coupirte Aussicht auf das Thal unserer zahmen Roda mit dem Schloßberge; ich hoffe, Durchlaucht wird auf dem Punkt ein paar Minuten anhalten lassen, ich habe ihn wenigstens darum gebeten. – Der Wagen von Durchlaucht hält schon; wollen wir einen Augenblick aussteigen, meine Damen; darf ich bitten, Mr. Simpleton? Herr von Zeisel war in einer fieberhaften Aufregung. Die Damen des Wagens waren Niemand anders als die Gegenstände seiner vorletzten und letzten Liebe: Fräulein Elise Iffler und Fräulein Adele von Fischbach. Er hatte heute Morgen einen großen Schrecken bekommen, als der Fürst, dem er über seine für die Fahrt getroffenen Anordnungen referirte, zuletzt sagte: Und ehe ich's vergesse, lieber Zeisel, wir müßten auch wohl Ifflers wieder einmal eine Aufmerksamkeit erweisen; ihn selbst mag ich nicht, ich kann mich neuerdings in sein Wesen noch weniger finden als sonst schon; auch seine Frau könnten wir wohl weglassen, aber wir haben eine Menge junger Mädchen in der Gesellschaft, da mag die Tochter so mit unterlaufen. Sie könnten eine halbe Stunde vorher meinen Wagen mit einem Billet hinschicken. Seien Sie so gut, das Nöthige zu veranlassen. Herr von Zeisel war außer sich. Er hatte sich seit gestern Abend wie ein Kind auf die Fahrt gefreut, die ihn wieder mit Fräulein von Fischbach zusammen und, wenn irgend möglich, in einen Wagen bringen sollte. Er hatte eine süße Ahnung, daß sich auf dieser Fahrt sein Schicksal entscheiden werde. Auf alle Fälle wollte er das Philomelen-Sonett zu sich stecken, und nöthigenfalls glaubte er, auch in Prosa sein übervolles Herz ausschütten zu können. Der wolkenlose Sommerhimmel war ihm den ganzen Tag wie die Kuppel eines Domes erschienen, aus dem die lieblichen Chöre unsichtbarer Engel herabtönten, die alle Adele, Adele sangen – und nun, und nun! Aber das einmal entfesselte Unglück wollte sobald nicht wieder schlafen gehen. Er hatte es besonders geschickt anzufangen geglaubt, als er sich von dem Fürsten die Erlaubniß erbat, die jüngeren Leute in den drei letzten Wagen, von den älteren Herrschaften getrennt, unterzubringen, um so in der Vertheilung freieste Hand zu haben. Nun hatte er Fräulein Elise Iffler an Mr. Alfred Simpleton, den ältesten der beiden Brüder, gegeben, und ihnen nebst dem jungen Herrn von der Kuhruh und der Baroneß Auguste Manebach den ersten der drei Wagen angewiesen, während er selbst für sich und Fräulein von Fischbach und für die jüngste Baroneß Clotilde von Manebach, mit Mr. Arthur Simpleton als Cavalier, den letzten Wagen reservirt hatte. Er war noch einmal die lange Reihe der Wagen hinabgegangen. Alles war in bester Ordnung; die ersten setzten sich bereits in Bewegung; er eilte, zu seinem Wagen zu kommen und fand in demselben allerdings Fräulein Adele, aber auch zu seinem Entsetzen statt Mr. Arthur, Mr. Alfred Simpleton, und anstatt Fräulein von Manebach Fräulein Elise Iffler. Die beiden jungen Engländer hatten in der Eile die Wagen verwechselt. Das Unglück war geschehen, es wieder gut zu machen in diesem Augenblick unmöglich. Und da saß nun Herr von Zeisel und erlaubte sich, im Bewußtsein seiner Schuld, nicht, die Augen geradeaus zu richten, sondern ließ seine Blicke nur rechts oder links schweifen und, ihren Weg von der einen Seite nach der andern stets nur oben über den blauen Himmel oder unten über seine eigenen und Mr. Alfred Simpletons Kniee nehmen. Ebensowenig wagte er an eines der beiden jungen Mädchen unmittelbar das Wort zu richten, und wenn eine directe Anrede unerläßlich war, sagte er: meine Damen; vermied auch geflissentlich jedes Thema, das irgendwie eine persönliche Wendung hätte nehmen können, sondern hielt sich beständig auf dem neutralen Boden der Naturbewunderung und wurde in seinen Dithyramben von Mr. Alfred secundirt, der alle fünf Minuten regelmäßig ein monotones beautiful oder very fine indeed einfließen ließ, worüber Adele von Fischbach hinter ihrem Sonnenschirm ein paarmal herzlich lachte, während Elise Iffler von Allem, was um sie vorging, nichts zu sehen und zu hören schien, sondern unverwandten Blickes vor sich hinstarrte. Wie ein egyptisches Isisbild, sagte der ironische Herr von Zeisel, als er jetzt den Damen aus dem Wagen geholfen hatte und nun endlich ein paar Schritte abseits mit Adele ein freies Wort sprechen konnte. Ist die junge Dame immer so? fragte Adele unschuldig. Ich weiß es nicht, erwiederte der schuldbewußte Cavalier. Aber ich denke, Sie verkehren seit einem Jahre täglich in dem Hause? fragte Adele. Seit einem Jahre? täglich? rief Herr von Zeisel. Um Himmelswillen, wer kann Ihnen das gesagt haben! Ein paar Besuche, meist geschäftlicher Natur, und wenn daraus wirklich mit der Zeit eine Art von geselligem Verkehr – ach, mein gnädiges Fräulein, Sie, die Sie in so glücklichen Verhältnissen leben, glauben nicht, wie dem Einsamen zu Muthe ist, wie er sich nach Gesellschaft sehnt, in dieser Sehnsucht oft mit der unbedeutenden, ja der unbedeutendsten fürlieb nimmt, während die gute, die beste so nahe ist! Hätte ich vor einem Jahre, als ich hieherkam, das Glück gehabt, Ihren trefflichen Herrn Vater, Ihre verehrte Frau Mutter kennen zu lernen und die Erlaubniß erhalten, Ihnen in Buchholz aufwarten zu dürfen, wie anders würde dies Jahr für mich vergangen sein! Nun, sagte Adele, es ist wirklich ganz hübsch bei uns, ein bischen einfach natürlich, wie sich das für uns schickt; für Sie, der Sie so verwöhnt sind, vielleicht ein wenig zu einfach. Das ist unmöglich! sagte der Cavalier mit Enthusiasmus. Das Einfache ist meine Liebe, meine Anbetung, mein Leben; ich kann mein Glück nur in der Einfachheit finden. Nun dann können Sie es ja einmal mit uns wagen, sagte Adele lachend. Ich hatte mir vorgenommen, schon morgen herüberzukommen sagte Herr von Zeisel; nun aber hat sich heute die Frau Gräfin Mutter definitiv für morgen angemeldet. Dann also übermorgen, sagte Adele. Aber ich glaube, wir werden wieder einsteigen müssen. Die kleine Unterredung hatte Herrn von Zeisel merkwürdig erquickt; er fühlte sich nicht mehr ganz so nervös; wenigstens hatte er seine Augen, die vorher ruhelos umherschweiften, so weit in der Gewalt, daß er sie von Zeit zu Zeit auf Adelens frisches lachendes Gesicht wenden konnte. Auch war seine Naturbewunderung nicht mehr ganz so überschwänglich, trotzdem man eben jetzt – unmittelbar unter der Höhe, auf welcher das Jagdschloß lag – so recht im Herzen der Berge sich befand, wo der Hochwald seine ganze Pracht und Majestät enthüllte und wie mit einem Zauberbann die übermüthige Gesellschaft umfing, die stiller und stiller wurde, bis man zuletzt nur noch den Hufschlag der Pferde und das Geräusch der Räder vernahm und erst wieder freier aufzuathmen wagte, als man aus der grünen Waldesdämmerung heraus auf den freien Platz vor dem Jagdschlosse gelangte. Hier begrüßte die Gesellschaft der fürstliche Oberforstmeister von Kesselbusch, ein alter Herr mit langem schneeweißen Schnurrbart, der seinerzeit mit dem Fürsten zusammen erzogen und diesem noch immer eng befreundet war. Seit einigen Jahren verließ er seiner Kränklichkeit wegen nur noch selten das Haus, welches, dem Jagdschloß gegenüber, aus dem Grün der Büsche und Bäume freundlich herüberblickte. Der Fürst stellte den alten Herrn der Gesellschaft vor und nahm die Meldung des Castellans entgegen, unter dessen Führung man sich alsbald an die Besichtigung des Schlosses machte, eines schönen, von dem Vater des Fürsten angefangenen und von ihm selbst in den ersten Jahren seiner Regierung vollendeten Baues in romanischem Styl, dessen bedeutende Verhältnisse vortrefflich mit der ernsten Natur rings umher harmonirten und von Kennern und Nichtkennern gebührend gepriesen wurden, ebenso wie die innere Einrichtung, deren einfache Gediegenheit ganz dem Charakter und Zweck des Schlosses angepaßt war. Die zahlreiche Gesellschaft hatte sich im Anfang ziemlich zusammengehalten, aber man hatte kaum den stattlichen, mit den seltensten Hirschgeweihen und anderen Jagd-Trophäen geschmückten Vorsaal und die ersten Zimmer durchschritten, als man sich, da die Einen dem führenden Castellan folgten, die Anderen sich von diesem oder jenem besonders kostbaren Möbel oder merkwürdigen Gemälde hatten fesseln lassen, zu trennen begann, und so währte es nicht lange, bevor sich der Schwarm der Herren und Damen durch die beiden Etagen des Schlosses und durch sämmtliche Räume zerstreut hatte. Der Fürst, welcher dergleichen Verstöße gegen die von ihm beliebte Ordnung sonst nicht eben gnädig aufnahm, schien es heute nicht zu merken. In sich gekehrt, schweigsam, nur dann und wann ein Wort an den Oberforstmeister oder an Herrn von Fischbach richtend, schritt er dahin, oft stehen bleibend und seine Blicke über die Gegenstände in den Zimmern schweifen lassend, von denen ein jeder ihm irgend eine Erinnerung erweckte. Es waren keine freundlichen Erinnerungen. Er hatte vor fündunddreißig Jahren, als das Schloß eben vollendet war, mehrere Sommer mit seiner jungen Gemahlin hier residirt und sich in ein Glück hineinzuträumen versucht, das niemals Wirklichkeit werden sollte. Der kalte enge Geist der Prinzessin hatte jede herzliche Annäherung seinerseits vereitelt und ihm nach und nach die kinderlose Ehe zu einer Qual gemacht, von der ihn nicht einmal der nach vier Jahren erfolgende Tod der beständig kränkelnden Frau vollständig erlöste; der dunkle Schatten des unseligen Verhältnisses hatte ihm, dem um seine liebsten Hoffnungen Betrogenen, das ganze folgende Leben verdüstert. Er hatte mit dem liebebedürftigsten Herzen ein liebeleeres Dasein verseufzt und von Stunde an die Frauen gemieden; er, der sich durchaus bewußt war, in der Liebe einer Frau, die er aus voller Seele wieder lieben durfte, einen Schutz und Schirm finden zu müssen gegen das Leben, das den Weichmüthigen, Phantastischen wie eine öde liebeleere Wüste und oft genug wie eine drohende, unheilvolle Sphinx anstarrte. Und als nun endlich zu einer Zeit, wo fröhliche Enkel die Kniee glücklicherer Männer umspielen, ihm eine Gestalt entgegentrat die, nur die wesenhafte Erfüllung seiner Träume schien; als er mit einer Leidenschaft, die er nicht zu äußern wagte, diese holdselige Gestalt in seines Herzens Herzen aufnahm, da hatte er erfahren sollen, daß, was er bis jetzt für Schmerz und Leid gehalten, nur die Wolke gewesen war, die den Himmel trübt, daß der fürchterliche erbarmungslose Sturm erst jetzt über ihn hereinbrechen sollte, wo er keine Kraft mehr hatte, demselben zu widerstehen, wo ihm, wie dem alten Lear in der Gewitternacht auf der Haide, kein Ausweg blieb als Wahnsinn oder Tod. Und dann raffte er sich gewaltsam aus diesem düsteren Brüten auf und lächelte zerstreut zu einer Bemerkung des alten Herrn von Fischbach, oder beantwortete eine Frage des Oberforstmeisters und versank dann wieder in sein dumpfes Wehgefühl, das über ihm zusammenschlug wie das stille Wasser eines Waldsees über dem Selbstmörder, und fuhr erschrocken auf, als er sich plötzlich, in der Fensternische eines der Säle – die Herren seiner Begleitung bewunderten in einer anderen Ecke des Saales eine Sammlung alter Waffen – an der herabhängenden Hand ergriffen fühlte. Aber es war nicht Hedwig, deren Bild jetzt wie immer vor seiner Seele gestanden, es war Fräulein Elise Iffler, die seine Hand erfaßt und an ihre Lippen geführt hatte und, mit schwärmerischem Blick zu ihm aufschauend, flüsterte: Mein hoher Herr! Gutes Kind! sagte der Fürst. Er wußte nicht recht, wie die junge Dame zu einer so ganz außergewöhnlichen, gegen alle Etikette verstoßenden Handlung kam; vielleicht hatte er die schmerzlichen Gedanken, die ihn erfüllten, zu deutlich auf seinem Gesichte gezeigt und die naive Kleine wollte ihm ihre Theilnahme auf diese sonderbare Weise zu erkennen geben. Mein hoher Herr! sagte Elise noch einmal. Vielleicht war es auch etwas Anderes: die Kleine hatte ein Anliegen und wagte nicht mit der Sprache herauszukommen. Und was konnte dies für ein Anliegen sein, als ihr Verhältniß zu dem Doctor, von welchem er seinerseits immer gewünscht hatte, daß es zu einer Heirath führe. Hermann hatte sich heute persönlich von der Partie entschuldigt, da er seine Abreise nun, nachdem die Ankunft der Generalin mit dem geheimen Rath definitiv auf den morgenden Tag festgestellt war, nicht länger verschieben könne. Es war eine Art von Abschiedsaudienz gewesen. Der Fürst hatte seine Empfindlichkeit nicht verbergen können und man hatte sich nicht freundlich getrennt. Es thut mir selber herzlich leid, sagte der Fürst in gütigem Ton; aber vielleicht bringt die Zukunft, was die Gegenwart versagt, wenn nicht mir, so doch Ihnen, liebes Kind, die Sie noch so jung sind. O, ich werde zu warten wissen, sagte Elise; ein so hohes Glück kommt dem bescheidenen Herzen immer noch zu früh. Erscheint Ihnen diese Verbindung als ein so hohes Glück? fragte der Fürst mit melancholischem Lächeln. Das können Durchlaucht fragen? flüsterte Elise, die Hand auf's Herz legend und ihre Augen schamvoll senkend. Nun, nun, sagte der Fürst, hoffen wir, daß Ihnen in Fülle wird, was Sie jetzt in der Jugend so heiß wünschen, und hoffen wir, daß es Ihnen nicht erst im Alter wird. Was ich dazu thun kann – es wird freilich herzlich wenig sein – soll gewiß geschehen. Und nun, liebes Kind, sehen Sie, daß Sie sich wieder an die junge Gesellschaft anschließen können. Elise wollte dem gnädigen Herrn noch einmal die Hand küssen, aber er wehrte es freundlich ab und wendete sich zu seinen Begleitern. Sie eilte davon, ganz berauscht von einem Erfolge, der ihre kühnsten Erwartungen so weit übertroffen, wenn die Mama auch immer gesagt hatte: Glaube mir, Elischen, es handelt sich nur darum, daß man den alten Herrn zum Reden bringt. Der übrige Theil der Gesellschaft schweifte noch immer in Gruppen, wie sie der Zufall oder die Laune gebildet hatte, durch die Räume des Schlosses. Herr von Zeisel, eingedenk des alten Wortes, daß, wer die Tochter haben will, zuerst der Mutter den Hof machen müsse, ließ Frau von Fischbach nicht von seinem Arm und legte für die etwas corpulente Dame eine so ängstliche Sorgfalt an den Tag, wenn er sie die Treppen hinauf- oder hinabführte, als müsse ein falscher Tritt unabwendbares Verderben auf sie herabziehen. Der Marquis hielt sich, so weit es, ohne die Aufmerksamkeit zu erregen, möglich war, in Hedwigs Nähe. Er konnte sich freilich nicht verhehlen, daß einen weniger erfahrenen oder muthigen Mann als den Marquis de Florville die ernste, ja finstere Miene der schönen Dame hätte stutzig machen können; ihm freilich konnte ein solches Versehen nicht passiren. Im Gegentheil! er wußte es Hedwig Dank und hielt es für einen schlagenden Beweis ihrer Klugheit, daß sie durch ihre ruhig gesellschaftliche Haltung jede Möglichkeit eines Verdachtes abwehrte und die Blicke der Späher so gründlich täuschte. So dachte der Marquis, während er an Hedwigs Seite, die dem Fräulein von Fischbach den Arm gegeben, durch die Gemächer schritt, und er mußte jedesmal innerlich schadenfroh lachen, wenn er auf dieser Wanderung an dem Grafen vorüberstrich, der sich fast ausschließlich mit dem Baron Neuhof unterhielt. Er wird den Mann zu seinem Vertrauten gemacht haben, sagte der Marquis bei sich, und die Beiden stecken nun ihre Köpfe zusammen und wundern sich, daß ihnen kein gescheiter Einfall kommt, wie sie mich loswerden könnten – diese dummen deutschen Bestien! Der Graf hatte die vergangene Nacht fast schlaflos hingebracht. Der entsetzliche Gedanke, welchen er zuerst fast wie eine Versündigung an Hedwig, mindestens doch an seinem eigenen Stolze mit Abscheu von sich gewiesen, war immer wieder und wieder in sein überreiztes Gehirn zurückgekehrt und hatte endlich nicht mehr daraus weichen wollen. Er erinnerte sich, daß der Marquis den Fürsten und Hedwig schon vor vier Jahren auf der italienischen Reise getroffen habe und damals wochenlang in ihrer Gesellschaft gewesen sei. Er dachte daran, welche Leidenschaften damals in dem jungen siebzehnjährigen Mädchen gewühlt, wie ihr Herz von einer verrathenen Liebe geblutet und wie unwahrscheinlich es sei, daß dies junge blutende Herz in der Liebe eines Greises Trost gefunden; wie wahrscheinlich dagegen, daß ein jüngerer, überaus gewandter und ohne Zweifel auffallend schöner Mann, wie der Marquis, sie besser zu trösten verstanden habe. Und weiter dachte er, daß der Marquis schon damals seinen Besuch versprochen und, wenn er mit der Ausführung desselben so lange gezögert, dies von anderen Umständen abgehangen haben konnte; jedenfalls die lange Dauer des Attachement von Seiten eines so frivolen Mannes im höchsten Grade auffallend sei und auf die Intimität ihres früheren Verhältnisses einen Rückschluß erlaube. Daß aber den Marquis das Interesse an der deutschen Landwirthschaft nicht hiehergeführt, bedurfte keines Beweises; und war der Mann, wie es dem Grafen jetzt fast zur Gewißheit geworden war, wirklich nur einer von den vielen französischen Emissären, die in diesem Augenblicke vor dem wahrscheinlichen Ausbruche eines Krieges in Deutschland herumreisten – nun, so sprach auch das nicht dagegen; man war ja gewandt genug, mehrere Interessen auf einmal zu verfolgen und das Nützliche mit dem Angenehmen auf diese bequeme Weise zu verbinden. Er hatte seinem Freund den Verdacht, der sich mit dämonischer Gewalt immer tiefer in sein eifersüchtiges Herz bohrte, mitgetheilt, aber theils aus Wahrheitsliebe, theils aus Stolz sogleich hinzugefügt, daß er seiner Sache keineswegs sicher sei, ja, so sehr auch der Anschein: ihr Benehmen gestern Abend, der bloße Umstand, daß der Marquis heute noch auf dem Schlosse sei, gegen Hedwig spreche, er sie dennoch einer so elenden Intrigue – er kam immer wieder auf das Wort zurück – für unfähig halte und jedenfalls, bevor er weiterzugehen wagte, die zwingende Bestätigung abwarten müsse. Der Baron hatte ihm nicht direct widersprechen können; in solchen Dingen müsse man allerdings mit der größten Vorsicht operiren. Die Möglichkeit, daß Alles auf einem Irrthum beruhe, sei ja durchaus vorhanden, wenn er auch nach seinen Erfahrungen von den Frauen in der Sache selbst etwas so Ungeheuerliches und Außerordentliches nicht sehen könne. Dann war er, bemerkend, wie peinlich diese Wendung den Grafen berührte, auf den von ihm gestern bereits angeregten Gedanken zurückgekommen, ob es nicht weit einfacher sei, die Politik zum Vorwand zu nehmen, wenn man einen Vorwand nennen könne, was für den Grafen als preußischen Edelmann und Officier, der triftigste Grund von der Welt sei. Hatten doch die Zeitungen heute Morgen bereits die famose Phrase des pays von dem Caudinischen Joch gebracht, das für Preußen bereit sei und unter das sich Preußen, ohne Kampf besiegt und entwaffnet, beugen würde. Ihr Kriegsgeschrei soll bis jetzt ohne Antwort geblieben sein, sagte der Baron; nun gut, gieb Du dem Burschen die Antwort, die ihm gebührt. Sprich Du mit ihm die Sprache, die Preußen bis jetzt leider nicht gesprochen hat und schicke ihn seines Weges. Ich habe bereits wiederholt daran gedacht, erwiederte der Graf, aber es ist unmöglich, nicht blos aus dem Grunde, den ich Dir gestern mittheilte, sondern vor Allem, weil ich, gerade als Officier, eine Sache, die der König noch nicht dafür geeignet hält, nicht zum Gegenstand eines Streites machen kann. Du bist nicht in der Lage des Königs, sagte der Baron; vielleicht sind sie in Berlin einfach nur noch nicht fertig. Jeder Tag ist jetzt so und so viel Millionen Thaler und so und so viel tausend Menschen werth. Du bist fertig, also: en avant ! Es geht nicht, sagte der Graf. Nun denn, rief der Baron ungeduldig, ich habe nicht so strenge Rücksichten zu beobachten wie Du, von den anderen Bedenken ganz zu schweigen. Laß mich für Dich handeln, so ist die Sache abgemacht. Ich danke Dir, Curt, sagte der Graf lächelnd, aber ich kann Dich nicht für mich in's Feuer schicken. Es ist gut, Henri, daß Dein Muth über alle Zweifel erhaben ist; so müssen wir uns freilich auf's Warten verlegen, erwiederte der Baron verdrießlich. Vielleicht brauchen wir das nicht lange zu thun, sagte der Graf. Die letzten Worte waren bereits auf dem Platze vor dem Schlosse gesprochen, wo sich jetzt nach und nach die ganze Gesellschaft zusammenfand. Herr von Zeisel drängte zur Eile, die Sonne ging in einer Stunde unter; eine halbe Stunde brauchte man, um von dem Schlosse durch den Bergwald auf den Gipfel und zur Ruine zu kommen. Er bat den Fürsten um die Erlaubniß, das Zeichen zum Aufbruch geben zu dürfen. Für die älteren Herrschaften standen Wagen bereit, da ein, allerdings etwas steiler und beschwerlicher Fahrweg bis unmittelbar unter die Ruinen führte. Die jüngere Gesellschaft machte sich unter dem Vortritt einiger Förster zu Fuß auf durch den Wald, den man nach wenigen Minuten durchmessen hatte, um beim Heraustreten auf der andern Seite sich des wundersamsten Anblicks zu erfreuen. Vor den Wanderern stieg eine mäßig steile steinige Halde auf, deren scharfe oberste Kante ein Streifen des herrlichsten Hochwaldes bekränzte. Die bereits tief stehende Sonne, welche man im Rücken hatte, sendete ihre schrägen Strahlen die Halde empor, die mit den zahllosen großen und kleinen übereinander gethürmten, hierhin und dorthin zerstreuten Blöcken und Steinen aussah wie eine Stadt, die ein furchtbares Naturereigniß in Trümmer verwandelt oder ein grausamer Feind dem Erdboden gleich zu machen versucht hat. Die Stämme aber der Riesentannen oben standen vor dem dunkelblauen Schatten unter dem undurchdringlich dichten Wipfeldach in der Tiefe des Waldes gleich den dorischen Säulen eines alten Tempels, welchen die Abendsonne eines südlichen Himmels in Purpur malt. Still und hehr lag über dem großen Bilde ein wolkenloser Himmel, in dessen blauen Tiefen sich das Auge mit Bewunderung verlor. Man war überrascht, entzückt und becomplimentirte in Abwesenheit des Fürsten, der mit den älteren Herrschaften gefahren war, Herrn von Zeisel, als ob er ein so schönes Tableau eigens für die Gesellschaft arrangirt habe. Der Cavalier nahm so freundlich gemeinte Worte mit bescheidener Dankbarkeit hin, im Stillen hoch erfreut, daß ihm in Gegenwart der Dame seines Herzens eine solche Auszeichnung zu Theil wurde, und überglücklich, als das frische junge Mädchen sich noch besonders bei ihm bedankte. Er verbeugte sich, die Hand auf dem Herzen nach allen Seiten und verbarg seine Verlegenheit unter der Bitte, nun aber auch nicht zögern zu wollen, damit man zur rechten Zeit und womöglich noch vor den Wagen bei der Ruine ankomme. Die Halde war bald erstiegen und man trat in den Wald, sich noch einmal der Gluth auf den Stämmen freuend, die selbst jetzt, als man unmittelbar vor ihnen stand, wie aus Bronce gegossen schienen, und die goldenen Lichter bewundernd, welche vor den Wandernden her hie und da einen der entfernteren Stämme streiften und auf das wundersamste mit den blauen Schatten des Mittelgrundes und der schwärzlichen Nacht in der Tiefe des Waldes contrastirten. Die vorher heiter plaudernde Gesellschaft war still geworden unter den lautlos stillen Bäumen und die Rufe der vorauseilenden jungen Engländer, welche sich in der überflüssigen Rolle von Pfadfindern gefielen, schallten wie häßliche Mißtöne in die schöne Harmonie. So sagte Adele, und Herr von Zeisel, der gerade allein mit ihr war, sagte es auch und faßte nach seiner Brusttasche, wo das Philomelen-Sonett ruhte; aber zugleich fühlte er das Klopfen seines Herzens und er sagte sich, daß sein Herz noch eine andere und bessere Sprache sprechen könne als diese künstlichen Verse, daß aber die Zeit für diese Herzenssprache erst gekommen sein werde, wenn das holde Mädchen nicht mehr ganz so unbefangen wie jetzt aus den blauen Augen zu ihm aufschaute. Er fragte sich, wie es möglich sei, daß er je vorher für blaue Augen geschwärmt, ja, ob es außer diesen hier, die ihm jetzt wie Sterne aus der Waldesdämmerung strahlten, überhaupt blaue Augen gebe; und mit so wichtigen Fragen beschäftigt, wandelte er an der Seite der Geliebten durch den Wald dahin wie durch einen wunderbar herrlichen Traum und erschrak beinahe, als das Hallo der rufenden Engländer jetzt die Gesellschaft auf dem freien Platze unter dem Gipfel am Fuß der Ruine empfing. In diesem Augenblicke trafen auch, von der andern Seite kommend, die Wagen ein und man konnte gemeinschaftlich die Besichtigung der Ruine vornehmen, an der freilich nach der Meinung einiger skeptischer Gemüther wenig zu sehen war. In der That bestanden die Ueberreste der alten Rodaburg aus zerstreuten, mit Moos und Haidekraut übersponnenen, von Gebüsch theilweise überwucherten Trümmern, die einem unhistorischen Geist oder nicht romantischen Gemüth kein besonderes Interesse gewähren konnten, umsoweniger, als der Tannenwald seine Wipfel rings umher so hoch ausstreckte, daß man eine Aussicht gar nicht gehabt hätte, wäre für eine solche nicht durch einen freistehenden, erst in jüngster Zeit von dem Fürsten erbauten runden Thurm gesorgt gewesen. Indem nun Einige, unter ihnen voran die jungen Engländer, ungeduldig waren, diesen Thurm zu ersteigen, von dessen Zinnen man die herrlichste Aussicht über einen großen Theil des Waldgebirges haben sollte, Andere wieder in den Ruinen oder im Walde umherschweiften, kam die Gesellschaft, die sich eben erst wieder zusammengefunden hatte, abermals auseinander, und war noch keineswegs versammelt, als der Fürst, nachdem er kaum eine Viertelstunde oben verweilt, bereits das Zeichen zum Aufbruch gab. Der Weg bergab werde auch von den älteren Herrschaften besser zu Fuß zurückgelegt als zu Wagen auf den abschüssigen Waldpfaden; so werde man längere Zeit brauchen, und mit einem Worte, lieber Zeisel, Sie würden mich verbinden, wenn Sie die Gesellschaft davon avertiren wollten. Der Fürst war so ungeduldig, fortzukommen, daß er nicht einmal warten wollte, bis Herr von Zeisel durch einige nach verschiedenen Richtungen ausgesendete Forstleute und Bediente die Umherschweifenden gesammelt hatte, sondern sich sofort mit den in seiner Nähe Befindlichen in Bewegung setzte, während der Cavalier, in peinlichster Verlegenheit über diese Rücksichtslosigkeit des sonst so zartfühlenden Herrn, den nach und nach Herbeikommenden mittheilte, daß Durchlaucht aus Sorge für die älteren Herrschaften nicht länger haben warten mögen und er seinerseits bitte, von dem schönen Schauspiel des Sonnenuntergangs Abschied zu nehmen, damit nicht vor dem Jagdschloß abermals ein Aufenthalt entstehe. Des Cavaliers Uebereifer hatte die Folge, daß die Verwirrung, der er zu steuern gedachte, nun erst recht einriß, indem Einige sofort dem Fürsten nacheilten, Andere wieder auf die Fehlenden warten zu wollen erklärten und dann doch aufbrachen, so daß zuletzt auch Herr von Zeisel nicht mehr wußte, wer gegangen war, wer noch fehlte, und mit dem kleinen Häuflein, das sich um ihn gesammelt hatte und bei welchem sich auch zu seinem Trost Fräulein Adele von Fischbach befand, nun ebenfalls den Rückzug antrat. Wo ist die gnädige Frau? fragte Adele, als man bereits den schmalen Waldpfad wieder betreten hatte. Sie ist gleich zu Anfang in Gesellschaft Seiner Durchlaucht gegangen, sagte eine Dame. Ich habe sie nicht gesehen, sagte eine Andere Ich dächte, auch der Herr Marquis wäre noch nicht wieder zum Vorschein gekommen, meinte einer von den Herren. Auch der Graf nicht, sagte ein Zweiter. Ich bitte Sie, der Graf war ebenfalls unter den Allerersten, rief ein Dritter. Ich meine, man müßte der gnädigen Frau halber doch noch ein wenig warten, sagte Adele. Freilich müssen wir warten, sagte Herr von Zeisel; ich bitte Sie, meine Damen, ich ersuche die Herren. Hedwig hatte die Verwirrung, welche in der Gesellschaft eingerissen war, erst bemerkt, als sie sich, sie wußte selbst nicht, wie es zugegangen, plötzlich in den Ruinen allein sah. Nun schritt sie langsam auf dem unebenen Terrain zwischen den Trümmern hin und war den zerbröckelnden Mauern dankbar, daß sie ihr einen Schirm gewährten gegen die Gesellschaft, deren Lachen und Rufen noch eben zu ihr drang. Diese Ruinen waren ihr immer das liebste Ziel, wenn sie einmal einen langen Ritt machen wollte. Es träumte sich gar schön unter den rauschenden Wipfeln der Urwaldstannen, zwischen den grauen Trümmern der alten Burg, in welche hoch die weißen Wolken vom blauen Himmel herabschauten, während die gelben Ginsterblumen, die in den Mauerspalten wuchsen, melancholisch im Abendwinde nickten. Und dann die Aussicht vom Thurm meilenweit, nach allen Seiten hin über das wogende Wäldermeer! Wie oft hatte sie sich aus diesem Blick in die Weite neuen Muth und neue Kraft getrunken, die Enge dieses Lebens zu ertragen! Es mußte ja doch einmal erreicht werden das Land der Verheißung, das jetzt in duftig blauen Streifen fernster Bergketten mit dem Horizont zusammenfloß. Ehe sie sich's versah, stand sie auf dem Platze vor dem Thurm, dessen offene Thür sie einzuladen schien, sich wieder einmal an dem Hoffnungsbild der Ferne zu erlaben. Sie brauchte diese Labung gerade jetzt. So stieg sie die gewundene Steintreppe hinan, die in drei Absätzen bis in die oberste Etage führte, von der man auf einer kleinen Holzstiege bis zur Zinne gelangte. In dieser obern Etage befand sich ein kleiner Bretterverschlag, in welchem der Wärtel, der von dem Jagdschlosse aus die Fremden zu dem Thurm geleitete, Fernrohre, Flaggen und andere Utensilien aufbewahrte, ebenso wie das dicke Buch, in das er die Besucher ihre Namen einzutragen bat. Als Hedwig an diesem Gelaß vorüberkam, hörte sie innerhalb desselben ein Geräusch; sie glaubte nicht anders, als daß es der Wärtel sei, der die gebrauchten Sachen wieder in Ordnung bringe, und stieg die Holzstufen hinauf. Und da lag es nun zu ihren Füßen, ihr geliebtes Meer grünragender Wipfel, aus dem hie und da eine kahle Felszacke inselgleich hervorragte oder ein blauduftiges Waldthal wie ein versunkenes Eden still heraufgrüßte. Kein Laut in der weiten Runde, als dann und wann ein Ruf der sich entfernenden Gesellschaft, oder ein Geräusch der Wagen, welche sich in Bewegung gesetzt hatten und auf den steilen steinigen Wegen in ihren Federn kreischten; dann verhallten auch diese Töne und der Schrei des Falken, der jetzt plötzlich hoch über dem Thurm flog, klang wie ein Triumphgeschrei, daß er nun endlich sein Revier wieder für sich allein habe. Du sollst es ganz allein haben, sagte Hedwig. Sie wendete sich zum Gehen, als sie einen eiligen Schritt die Treppe hinaufkommen hörte; ohne Zweifel war es einer von den Herren, der sie zu suchen kam, von den Ueberlästigen einer, die sie den ganzen Tag umschwärmt hatten und ihr auch jetzt diese paar Minuten Einsamkeit nicht gönnten. Der Marquis, welcher Hedwig nicht aus den Augen gelassen, hatte kaum bemerkt, daß sie, nachdem der Fürst bereits aufgebrochen war, keine Miene machte, mitzugehen, sondern – ohne allen Zweifel absichtlich – langsam und langsamer zwischen den Ruinen einherschritt und endlich sogar eine andere Richtung einschlug, die sie noch mehr von der Gesellschaft entfernte, als er sofort einem Beispiele folgte, das doch wohl nur für ihn gegeben sein konnte, und der Dahinwandelnden leise, langsam nachging. Und nun verschwand sie im Thurm, der längst von allen Neugierigen verlassen war. Er ließ sich nur eben Zeit, seine Blicke umherzuschicken und sich zu vergewissern, daß kein Lauscher in der Nähe sei und eilte dann, immer drei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinauf. Ah, der Herr Marquis! sagte Hedwig. Sie hatte es nicht eben freundlich gesagt; von allen Lästigen war ihr der Mann heute der lästigste gewesen; aber der Marquis hatte eine besondere Auslegung für Hedwigs unfreundlichen Blick. Fürchten Sie nichts, Madame, sagte er, die Stunde, die ich herbeigesehnt, ist endlich da. Hedwig war über eine Frechheit, an der sie keine Schuld zu haben sich bewußt war, die ganz und gar auf den Mann zurückfiel, im ersten Augenblicke weniger empört als erstaunt. Sie blickte den Marquis mit großen Augen an, wie man Jemanden anblickt, der plötzlich etwas sagt oder thut, dessen man ihn nicht für fähig gehalten, wofür uns der Schlüssel fehlt; dann aber erinnerte sie sich der Bewerbungen dieses Mannes vor vier Jahren – Bewerbungen, deren freche Absicht sie damals nicht einmal verstanden; erinnerte sich der Scene vorgestern in Erichsthal und daß dies der Dank für die Güte war, mit welcher sie seine phantastische Liebeserklärung zurückgewiesen, und der Zorn kochte in ihrem heißen Herzen auf. Sie wollte, ohne den Mann einer Antwort zu würdigen, an ihm vorüber; aber er, der dieses Schweigen, diese Flucht nur für einen Rest von Schüchternheit hielt, die nur durch Kühnheit zu besiegen sei, vertrat ihr den Weg Ah, Madame, sagte er, wagen denn wirklich die Herzen deutscher Frauen nur unter dem Schleier der Nacht kühn zu sein? Hier ist kein Lauscher in der Nähe; bis hieher hat der Graf seine Späher noch nicht gesendet. Wovon reden Sie? rief Hedwig, sich zu ihrer vollen Höhe aufrichtend. Der Marquis beantwortete diese Frage mit einem Lächeln, das Hedwig beleidigender dünkte, als irgend eines seiner Worte. Herr Marquis, sagte sie, ich muß, wenn ich Sie nicht für den verächtlichsten der Menschen halten soll, annehmen, daß Ihre allzu lebhafte Phantasie Ihnen die sonderbarste Täuschung vorgegaukelt hat, daß Sie sich in einem ungeheuren Irrthum befinden. Wie dem aber auch sein mag; diese Scene, die überaus lächerlich sein würde, wenn sie nicht so überaus unschicklich wäre, muß zu Ende sein. Sagen, daß sie sich nicht wiederholen darf, hieße mich beleidigen; aussprechen, wie Sie am leichtesten einer Versuchung entgehen, der Sie so sehr ausgesetzt scheinen, verbietet mir die Erinnerung an die Freundlichkeiten, die Sie mir früher und später erwiesen haben, und mein Glaube an Ihre bessere Natur, auf die Sie sich so schnell als möglich besinnen mögen. Diesmal wagte der Marquis nicht, Hedwig aufzuhalten, als sie an ihm vorüber nach dem Eingang zur Treppe schritt und in der Oeffnung alsbald verschwand. Wie in einer Bühnenversenkung, sagte der Marquis, mit dem Fuße stampfend. Er trat an die Brüstung und schaute hinüber, hinunter, und sah, wie Hedwig eben aus dem Thurm trat, als er plötzlich hinter sich ein Geräusch vernahm. Erschrocken wandte er sich um; der Graf stand vor ihm. Der Graf hatte mit einer größeren Abtheilung der Gesellschaft auf der Zinne des Thurmes gestanden, als man unten Herrn von Zeisel rufen hörte, daß Durchlaucht bereits aufgebrochen sei. Man hatte sich beeilt, diesem Ruf nachzukommen; langsamer war der Graf gefolgt. Als er an dem kleinen Verschlage vorüberkam, hatte er einen Blick durch die nur angelehnte Thür geworfen und das dort auf einem Tische ausliegende Fremdenbuch hatte seine Aufmerksamkeit erregt. In zerstreuter Neugier war er eingetreten, hatte angefangen, in dem Buche zu blättern, ein paar Namen gefunden, die ihn interessirten, und weiter geblättert. So waren ihm einige Minuten verstrichen, als er das Rauschen eines Gewandes hörte und durch die Spalte der Thür eine Dame die letzte kleine Holztreppe hinaufgehen sah. Er glaubte Hedwig erkannt zu haben. Regungslos, mit hochklopfendem Herzen, das Blatt, welches er eben hatte umwenden wollen, zwischen den Fingern, stand er da. – Diese Leidenschaft macht Dich zu einem feigen Kinde, sprach er bei sich. Und während er noch immer unschlüssig zauderte, ob er sich Gewißheit verschaffen solle oder nicht, hörte er einen zweiten Schritt – den Schritt eines Mannes – eilig die steinerne Wendeltreppe heraufkommen. Das Blatt, das er hielt, begann zu zittern; aber diesmal war es der Zorn, der seine Hand beben machte. Wer konnte der Eilige sein, wenn nicht der Marquis? Und es war der Marquis. Wie er vorhin Hedwig durch die Thürspalte gesehen zu haben glaubte, sah er jetzt sehr deutlich den Verhaßten daran vorüberfliegen und unmittelbar vernahm er über sich des Verhaßten Stimme. In dem Zinkdach, das er fast mit dem Haupte berührte, war freilich ein kleines Fenster eingeschnitten, durch welches der Verschlag Licht empfing. Aber es bestand aus sehr dickem Glase und war zum Ueberfluß fest verschlossen. So war es dem Grafen nicht möglich, von der kurzen, in athemlos leidenschaftlichem Ton geführten Unterredung der Beiden mehr als dann und wann ein Wort zu verstehen. Sein Stolz wollte nicht zugeben, daß er für diese Bewegung Hedwig verantwortlich machen dürfe, aber die Eifersucht raunte ihm zu, selbst der Marquis könne dies nicht gewagt haben, ohne ihrer Verzeihung von vornherein sicher zu sein. Und dann – gleichviel – wenn sie es duldete – er wollte es nicht dulden; und sein Herz schlug hoch, daß er endlich habe, wonach er gesucht. Da kamen sie die Treppe herab – nein – nur sie! natürlich! sie durften sich ja nicht zusammen sehen lassen! aber er war noch oben, discret wartend, bis er ihr den nöthigen Vorsprung gelassen! Das Rauschen ihres Kleides war nicht mehr zu hören; mit einem Sprunge war der Graf die Treppe hinauf. Die beiden Männer standen sich gegenüber, sehr nahe – es war nicht eben viel Raum auf der kleinen Plattform – und sie starrten einander mit glühenden Augen an. Das Ausweichen ist hier schwieriger, als auf dem Parquet des Tanzsaales, sagte der Graf. Ich habe nicht das Glück, den Herrn Grafen zu verstehen, sagte der Marquis. Es liegt vielleicht an meinem schlechten Französisch, sagte der Graf; ich beklage, daß ich nicht deutsch mit Ihnen reden kann, hoffe aber, daß wir dennoch zu einer Verständigung gelangen. Er hatte bei diesen Worten die Thür zugemacht und sich darauf gestellt, als wolle er den Marquis an einem Fluchtversuch verhindern. Der Marquis fühlte die Absicht und das Blut schoß ihm in die Schläfen. Genug, sagte er, und mehr als genug! Sie werden mir die Satisfaction für diese Beleidigung nicht verweigern. Das caudinische Joch ist bereit, sagte der Graf, indem er von der Thür heruntertrat, diese an dem Ringe in die Höhe zog und den Marquis mit einer höflichen Handbewegung einlud, voranzugehen. Der Marquis taumelte zurück. Das caudinische Joch ist bereit, wiederholte der Graf. Es giebt nur diesen einen Weg, denn der andere über die Brüstung da, sechszig Fuß hinab auf den Waldboden, ist doch wohl nicht nach Ihrem Geschmack. Wenigstens würde ich diesen zweiten Weg nur gemeinschaftlich mit Ihnen machen, sagte der Marquis, vor Wuth zitternd. Ich zweifle daran, sagte der Graf; sollten Sie nicht auch meinen? Eine Brutalität, deren nur ein Deutscher fähig ist, murmelte der Marquis. Wollte Gott, wir Deutschen wären immer so brutal gewesen! erwiederte der Graf. Geniren Sie sich nicht; es ist nur der erste Schritt, der etwas kostet. Ihnen das Leben, sagte der Marquis, an dem Grafen vorüber die Treppe hinabstürzend. Das werden wir sehen, erwiederte der Graf mit verächtlichem Lächeln, einen Blick grimmiger Zufriedenheit über den kleinen Raum werfend, wie ein Sieger über das Schlachtfeld, das er widerspruchslos behauptet; folgte dann dem Marquis die Treppe hinab, durch den Wald und erreichte die Gesellschaft fast in demselben Augenblicke mit ihm. Wenige Minuten vorher war Hedwig, die auf dem längeren Fußpfade mehr Zeit gebraucht hatte, von einer anderen Seite eingetroffen. Sie bemerkte zwar die Anwesenheit der beiden Männer mit einiger Befremdung, ohne indessen auf den Gedanken zu fallen, daß unterdessen eine Begegnung zwischen ihnen stattgefunden haben könne. War doch die fieberhafte Lebendigkeit, mit welcher sich der Marquis in die Conversation mischte, für sie nur zu erklärlich! Und was den Grafen betraf, so erinnerte sein vornehm-ruhiges Gesicht nicht mit der leisesten Miene an die verhängnißvolle Scene, die auf der Zinne des Thurmes eben jetzt gespielt hatte. Auch ließ ihr die Emsigkeit, mit welcher einige Herren der Gesellschaft sich jetzt um sie bemühten und ihr bei dem Hinabsteigen ihre Hilfe anboten, nicht viel Zeit zum Nachdenken. Herr von Zeisel trieb die Gesellschaft unaufhörlich zur Eile, indem er die Gefahr der Bergnebel, die jetzt wirklich in den tieferen Schluchten zu ziehen begannen, als sehr erheblich schilderte, sogar von einem Gewitter sprach, das durchaus in einer großen, weißen, goldgeränderten Wolke stecken sollte und sehr wahrscheinlich die Gesellschaft noch unterwegs überraschen werde. Man lachte, scherzte, suchte, indem man von Stein zu Stein sprang, einander an Gewandtheit und Schnelligkeit zu überbieten und gelangte in der heitersten Laune auf dem offenen Platze vor dem Jagdschlosse an. Hier hatte unterdessen der Oberforstmeister nach Verabredung mit Herrn von Zeisel aus Stangen und Tannenzweigen eine große offene Laube herrichten lassen, unter welcher mit Erfrischungen aller Art reichbesetzte Tafeln nach der Anstrengung der Wanderung den Meisten doppelt willkommen waren. Man verbrachte, während die Sonne, die bereits hinter die Berge getaucht war, nur noch auf den höchsten Zinnen des Schlosses schimmerte und dann auch diese verließ, um oben die Ränder der weißen Wolken mit Purpur zu säumen, Thee trinkend oder Champagner schlürfend, eine behagliche halbe Stunde, bis die kühlere Luft, die aus den Waldthälern heraufwehte, ernstlich zur Heimkehr mahnte. Der Weg bergab konnte freilich viel schneller zurückgelegt werden, dennoch war es bereits dunkel, als man auf Schloß Roda anlangte, und vollkommen Nacht, als man sich eine Stunde später, nachdem noch einmal im persischen Zimmer Thee und Erfrischungen herumgereicht waren, bei Seiner Durchlaucht und der gnädigen Frau verabschiedete. Das war ein heißer Tag, sagte Herr von Zeisel, als er auf seinem Zimmer angelangt war, ein heißer, glückseliger Tag. Durchlaucht war mit seiner Launenhaftigkeit zum verzweifeln; aber sie war himmlischer, als Worte es sagen können, und ich bin so müde, daß ich Gott danke, wenn für heute Alles vorbei ist: durchlauchtige Launen, langbeinige Engländer, Naturschwärmen, Waldduft, Sonnenschein, Liebe, Alles! Und morgen Mittag nach der Station zum Empfang der Frau Gräfin Mutter, Diner um Fünf – eine Welt – hol' sie der Geier! Es ist genug, daß ein jeder Tag seine eigene Plage habe; heute bin ich zu nichts mehr gut als zum Schlafen. Achtzehntes Kapitel. Herr von Zeisel schlief, ermüdet von des Tages Last und Lust, so tief, daß er von dem auffallend regen Leben, welches bald nach Mitternacht die tiefe Stille des Schlosses unterbrach, nichts hörte; nichts von dem Gehen und Kommen zwischen dem Schlosse und dem Cavalierhause, nichts von dem Hin- und Herlaufen der Leute auf den Corridoren, nichts von dem Geräusch, mit welchem man eine Stunde später drei Wagen aus den Remisen auf den Hof schob, bis man endlich laut und lauter an die Thür seines Zimmers pochte. Vor seinem Bette stand, mit einem Licht in der Hand, der Diener und bat um Entschuldigung, wenn er Herrn von Zeisel habe wecken müssen. Was giebt's denn, fragte der Cavalier, sich den Schlaf aus den Augen reibend. Die französischen Herrschaften wollen fort. Wie? was? rief der Cavalier, der seinen Ohren nicht traute. Und der Herr Rosel ist in dem Zimmer des Herrn von Zeisel und lassen den Herrn von Zeisel um ein paar Minuten bitten. Der Cavalier sprang aus dem Bett, hüllte sich in den Schlafrock und trat in sein Wohnzimmer, wo er Herrn Rosel, bereits im Reiseanzug, seiner harrend fand. Ich bitte tausendmal im Namen des Herrn Marquis und in meinem eigenen Namen um Entschuldigung, sagte Herr Rosel, aber diese leidige Politik, mit der wir ein- für allemal abgeschlossen zu haben glaubten! Man gönnt uns nicht die wohlverdiente Ruhe. Unsere Regierung glaubt, in solcher Zeit die Dienste des Marquis nicht entbehren zu können. Der Marquis findet gestern Abend beim Nachhausekommen einen eigenhändigen Brief des Ministers, in welchem dieser ihn beschwört, ihm zuliebe noch einmal das Nessushemd des Diplomaten anzuziehen und unverzüglich zur Unterstützung des Herrn von Benedetti nach Ems abzugehen. Der Marquis ist außer sich, aber was thun? Zu einer solchen Bitte Ja sagen, wenn man sich so vortrefflich unterhält, ist schwer; Nein sagen, wenn das Wohl Frankreichs, Deutschlands, der Welt auf dem Spiele steht, noch schwerer, ja unmöglich. Der Herr Marquis wollte anfänglich wenigstens erst den Morgen erwarten, aber seine Ungeduld läßt sich nicht länger zügeln; er will, oder besser, er muß fort, sogleich, und bittet den Herrn von Zeisel um Pferde für unsere Equipagen nur bis Rothebühl, auf keinen Fall weiter, von dort werden wir selbstverständlich Extrapost nehmen. Seine Durchlaucht wird untröstlich sein, sagte Herr von Zeisel. Ich werde sofort Befehl geben, ihn zu wecken. Ich beschwöre Sie – sagte Herr Rosel. Auf meine Verantwortung! sagte der Cavalier. Ich beschwöre Sie, dies auf keinen Fall zu thun, sagte Herr Rosel. Der Herr Marquis würde sich das nie vergeben können. Er hat bereits in einem Briefe, welchen ich hier zu überreichen die Ehre habe und den ich Durchlaucht bei dem Lever zuzustellen bitte, Durchlaucht für seine unbeschreibliche Güte gedankt, und er hofft mit Bestimmtheit, diesen Dank in wenigen Tagen, wenn diese leidige Affaire, wie wir Alle wünschen, glücklich erledigt und er wieder frei ist, persönlich abstatten zu dürfen. Wir kommen auf der Rückreise jedenfalls, und wäre es auch nur auf eine Stunde, nach dem lieben Roda. Also auf Wiedersehen, Monsieur! Herr Rosel streckte dem Cavalier die Hand entgegen, die dieser zögernd nahm. Die plötzliche Abreise in nächtlicher Weile, ohne vorherige Ankündigung, ohne Abschied – in Malortie's Hofmarschall war dieser Fall nicht vorgesehen; der Cavalier war ganz verstört. Sie sehen mich auf's Aeußerste überrascht, sagte er. Ich weiß wirklich nicht – Unsere Dispositionen sind getroffen, sagte Herr Rosel dringend. Ich werde die nöthigen Befehle geben, sagte Herr von Zeisel entschlossen. Eine Viertelstunde später stand er auf dem Hof neben den zur Abreise fertigen Wagen, an die jetzt auch der Marquis, aus dem Schlosse kommend, herantrat. Der Marquis war außer sich, daß Herr von Zeisel sich nun doch hatte derangiren lassen. Das sei ganz und gar gegen seine Absicht, wenn es ihn auch wahrhaft glücklich mache, nun Herrn von Zeisel für seine Liebenswürdigkeit persönlich danken und ihm seine ehrfurchtsvollen Grüße an Madame und Durchlaucht persönlich überliefern zu dürfen. Der Marquis drückte dem Cavalier wiederholt die Hand und sprang dann schnell in den Wagen; Herr Rosel folgte langsamer. Als er bereits den Fuß auf dem Tritt hatte, beugte er sich zu dem Cavalier zurück und sagte auf Deutsch: Wir hoffen, als guten Dank für Ihre Gastfreundschaft, in kürzester Frist ein Stück blutiger Revanche für Sadowa zurückschicken zu können, das der Marquis an den alten Herrn und seine junge Gemahlin zu adressiren gedenkt, und das ich für mein Theil an Sie, den sächsischen Officier, adressire. Herr Rosel hatte an der Seite des Marquis Platz genommen; die drei Wagen setzten sich in Bewegung. Herr von Zeisel sagte den Leuten, die umherstanden und sich in halblautem Ton ihre Bemerkungen mittheilten, daß sie nun wieder zu Bett gehen möchten und begab sich zu demselben Zweck auf sein Zimmer Aber es dauerte lange, bis der Schlaf sich wieder auf seine Augen senkte. Die Abreise des Marquis, die ihm bis dahin um des Fürsten willen nur unangenehm gewesen war, hatte durch die letzten Worte des Herrn Rosel einen sonderbar zweideutigen, mysteriösen Charakter angenommen, der ihm viel zu denken gab. Was hatte der Mann mit diesen Worten, deren Inhalt und Form so ganz der ersten höflichen Auseinandersetzung widersprach, sagen wollen? Ein Stück blutiger Revanche für Sadowa, an den Fürsten adressirt – an mich adressirt? Sollte es wirklich zum Kriege kommen? Meint er, ich werde mich freuen, wenn wir geschlagen werden? Nun ich habe Sechsundsechszig darüber anders gedacht; damals hatte ich, wie wir Alle, entschieden französische Sympathien, aber ich glaube, man braucht nur ein paar Tage in persönliche Berührung mit den Herren zu kommen, um von seiner Vorliebe gründlich geheilt zu werden. Diese französischen Windhunde! Ich liebe den Grafen just auch nicht, aber das ist denn doch ein anderer Mann; ich werde ihn wahrhaftig in diesen Tagen einmal an seine Proposition erinnern; man kann doch nicht zurückbleiben, wenn es wirklich losgeht. Dazu ist der alte Herr von Fischbach ein enragirter Preuße. Adele wird nicht weniger gut preußisch sein; ich würde ihr zuliebe kosakisch oder tartarisch werden; da liegt mir Preußen doch näher. Die Politik war ein Thema, das unter allen Umständen auf Herrn von Zeisel wie ein Schlaftrunk wirkte, selbst wenn der Trank, wie in diesem Falle, stark mit Liebe gemischt war. Herr von Zeisel schlief wieder ein; er sollte nicht lange schlafen. Ich bitte um Entschuldigung, sagte der Diener, der abermals vor dem Bette stand – ohne Licht diesmal, der Morgen dämmerte bereits durch die Vorhänge – aber der Herr Graf wünschen eine Equipage zu einer Ausfahrt für den Tag nach Neuhof, und da heute Mittag noch Wagen an die Station müssen, um Excellenz abzuholen, wußte der Wagenmeister nicht, welche Wagen genommen werden sollen. Und der Stallmeister läßt fragen – Nehmt, was Ihr wollt, laßt mich zufrieden! schrie Herr von Zeisel, der aus einem himmlischen Traum erweckt war, in welchem er mit Adele Hand in Hand am Ufer eines Baches wandelte, drin silberne Fischlein spielten; und drüben auf dem anderen Ufer hatten die glücklichen Eltern gestanden und Herr von Fischbach hatte aus der Schürze seiner Frau mit vollen Händen immer mehr silberne Fischlein in den Bach gestreut und gesagt: Dies Alles ist für Euch, seid glücklich! In Kukuks Namen, laßt mich zufrieden! sagte Herr von Zeisel noch einmal und legte sich auf die andere Seite. Aber der Diener hatte kaum das Zimmer verlassen, als der Cavalier aufrecht im Bette saß. Das war denn doch ein sonderbares Zusammentreffen! Um zwei Uhr, das heißt drei Stunden früher als nöthig, um über Rothebühl den Anschluß an die Bahn zu erreichen, reist der Marquis mit Sack und Pack. Jetzt um drei Uhr Morgens fährt der Graf nach Neuhof, wo er in anderthalb Stunden bequem sein kann und den Tag zubringen will, denselben Tag, an dessen Abend seine Schwiegermutter kommt! Was bedeutet das? Was konnte es bedeuten als ein Rencontre? Aber die Herren waren ja gestern Abend jeder in seiner Weise noch so überaus heiter gewesen beim Imbiß vor dem Jagdschlosse und hernach noch beim Thee, und der Baron Neuhof hatte sich so angelegentlich mit Herrn Rosel, den er früher gar nicht beachtet hatte, unterhalten. Ja gerade das war verdächtig; man hatte Verabredungen getroffen, man hatte sich verständigt; das Ganze war ein abgekartetes Spiel. Das mich nichts angeht, sagte der Cavalier; möge der Geier Beide holen, wenn sie einen ordentlichen Kerl nicht schlafen lassen wollen. Da wurden die Pferde vorgeführt und Oscar von Zeisel sprang mit beiden Füßen zugleich aus dem Bett. Hatte denn der Graf schon einen Secundanten? War es nicht Pflicht eines Zeisel, einem Roda-Steinburg im Kampfe beizustehen? Ich hätte ja den Herrn Rosel auf mich nehmen können – partie quarrée ! Es ist schändlich von dem Grafen, daß er an mir vorübergegangen ist! Aber diese preußischen Aristokraten sind am liebsten unter sich und gönnen einem ehrlichen Kerl nicht einmal das Bischen Dreinschlagen! Diesmal ging Herr von Zeisel nicht wieder zu Bett, da er fühlte, daß er doch nicht würde schlafen können. Er zündete sich eine Cigarre an und legte sich auf das Sopha, über diese seltsame Geschichte in Muße nachzudenken – Um dieselbe Zeit schritt Hermann in seinem Zimmer auf und nieder zwischen den Koffern, die er bereits gestern gepackt hatte, sobald er erfahren, daß die Gräfin mit dem Geheimrath am folgenden Tage kommen werde. Er war sofort entschlossen gewesen, daß die Ankunft der Erwarteten und seine Abreise auf denselben Tag fallen müßten; daß er sich durch nichts bestimmen lassen dürfe, bis zum Geburtstag des Fürsten zu bleiben. Er hatte seinen Entschluß dem Fürsten persönlich mittheilen zu müssen geglaubt; der Fürst hatte ihn sehr ungnädig angehört und sehr ungnädig verabschiedet. Hermann hatte sich dadurch nicht irremachen lassen; er hätte am liebsten die Stille und Einsamkeit, die gestern im Schlosse herrschte, benützt, um, von Niemandem beachtet, von Niemandem gehalten, von Niemandem fortgeschickt, einsam seine einsame Straße zu ziehen. So war der Tag vergangen, der Abend herangekommen. Die Gesellschaft war von dem Jagdschloß zurückgekehrt; er hatte das Rollen der Wagen gehört und einen flüchtigen Blick auf den von Fackellicht erhellten Schloßhof geworfen, als die Gesellschaft eine Stunde später aufbrach, und war in seinem Herzen dankbar gewesen, daß er mit dem Allem nichts mehr zu thun hatte, daß man ihn unbehelligt auf seinem Zimmer ließ, wie einen Schauspieler, der für den Abend seine Schuldigkeit gethan und nun still zur Hinterthür hinausschleicht, während der Lärm aus der Bühne ununterbrochen weiter geht. Morgen mußte er noch einmal hinauf auf diese Bühne, die Abschiedsrolle zu spielen, eine leidige Rolle, die unleidlich gewesen wäre, hätte er sich nicht mit dem Gedanken getröstet: es ist eben das letztemal! Er hatte seine Sachen vollends gepackt, seine Papiere geordnet, Briefe geschrieben. Darüber war die Nacht hereingebrochen, deren Stille diesmal so wenig respectirt wurde. Aber Hermann hatte nicht auf die Unruhe geachtet; so war es ein, zwei Uhr geworden. Endlich war er fertig; er stand auf und trat an das offene Fenster. Das erste Morgengrauen dämmerte am östlichen Horizont, aber noch war Alles still, kein Vogellaut in den regungslosen Bäumen. Wie oft hatte er so in seliger Freude den Tag herangewacht, der wieder eine Stunde bringen mußte, wo er sie sehen, sie sprechen durfte! Das war derselbe Morgenstern, der ihm so oft in das Herz geschienen; das waren dieselben Berge, deren verschleierte Formen zu unterscheiden er sein scharfes Auge gewöhnt hatte; das waren dieselben Wipfel, die wie in tiefem Schlaf dem Anhauch der Frühe entgegenharrten; das war dasselbe geheinmißvolle Rauschen und Raunen, das nur die Nacht kennt – es war Alles wie damals, und doch war Alles anders; es war nicht mehr dieselbe Welt. Auf dem Hofe wurde es laut: man machte die Wagen des Marquis zur Abreise fertig. Auf dem Gange, der an dem Zimmer hinlief, war ein Kommen und Gehen und jetzt wurde an seine Thür gepocht. Auf sein verwundertes Herein schlüpfte Herr Rosel in das Zimmer. Ich sah Licht durch Ihre Thürspalte, sagte Herr Rosel, und wollte auf jeden Fall den Versuch machen, mich Ihnen zu empfehlen. Ja, mein lieber Freund – ich nenne Sie so, obgleich Sie dem Drange, der mich zu Ihnen zieht, wenig Aufmunterung haben zu Theil werden lassen; aber die gemeinschaftlichen Interessen sind ein stärkeres Band als persönliche Sympathien – ja, mein lieber Freund, der Kampf, dessen Ausbruch ich Ihnen prophezeit habe, er beginnt, und beginnt in der Weise, wie ich ihn prophezeit habe. Unsere Herren gehen, einander die Hälse zu brechen im Kleinen, wie sie es, so Gott will, demnächst im Großen thun werden. Aber das alte quiquid delirant reges soll diesmal nicht seine leidige Geltung haben; die Argiver diesseits und jenseits des Rheins werden den Wahnsinn ihrer Fürsten nicht büßen. Sie sehen mich verwundert an, lieber Freund; aber soll ich Ihnen auch Sand in die Augen streuen, wie ich es eben bei dem lieben Herrn von Zeisel auf Befehl des Marquis habe thun müssen? Soll ich Ihnen auch erzählen von der diplomatischen Mission, welche den Marquis nach Ems führt? Dazu habe ich zu viel Hochachtung vor Ihnen, und wir haben unsere letzten Minuten zu wichtigeren Dingen zu verwenden. Ja, mein Freund, der Krieg um Troja entbrennt und wir werden auf derselben Seite fechten. Wir wissen, wo das heilige Bild der Pallas sich befindet, das Bild der Herrscherin; was kümmert uns die schöne Helena, die unsere lieben reges freilich als casus belli haben müssen und natürlich auch diesmal haben. Ihr guter alter Menelaus, dem nun zwei Paris auf einmal geworden, nur daß er, wie es scheint, den rechten behält, während der falsche bei Nacht und Nebel aus Lacedämons Fluren weichen muß! Es ist zum Lachen, aber selbst zum Lachen habe ich nicht Zeit. Auf Wiedersehen also, mein Freund, mein Waffenbruder! Auf Wiedersehen in der Ebene des Scamander, dessen Wogen fortan nicht mehr die freien Männer hüben und drüben trennen sollen! Herr Rosel war leise gegangen, wie er gekommen war; Hermann blickte ihm mit starren Augen nach. Was hatte der Mann mit den unheimlichen Augen da gesagt? War es eine Ausgeburt seiner hirnverbrannten Phantasie gewesen, in welcher sich die einfachsten Dinge zu abenteuerlichen Fratzen verzerrten? Hatte er die Thatsache, daß der Marquis plötzlich abreisen mußte, in seinem Geschmack zu einem seltsamen Räthsel aufgeputzt, zu einem Räthsel, das vielleicht nicht so seltsam war, wenn man den Faden festhielt, der sich durch seine tollen Reden zog? Ja, ja, es war kein Räthsel, was der Mann erzählte; im Gegentheil, es war die Lösung der Frage: wer von Beiden weichen solle, der Graf oder der Marquis. Er hatte gedacht, daß es der Graf sein müsse; der Graf war anderer Meinung gewesen; er hatte den Marquis in einen Streit verwickelt, ihn zum Duell gezwungen, das, wie es auch ausfiel, den Marquis von Roda vertrieb. Es sah dem Grafen gleich, zu einem solchen Auskunftsmittel zu greifen. Und was nun geschehen sollte, geschah es mit ihrem Wissen, mit ihrer Zustimmung? Sie hatte versprochen, ihren Einfluß bei dem Grafen geltend zu machen, ihn zur Abreise zu bewegen. Hatte sie ihr Versprechen nicht halten können? warum nicht halten können? Mußte der Graf nicht gehen, wenn sie ihn ernstlich bat? Ernstlich! Es war ihr vielleicht nicht Ernst damit gewesen, gewiß nicht Ernst gewesen. Sie hatte ihn nicht verlieren wollen, hatte es lieber auf einen Kampf ankommen lassen wollen, aus dem ihr Ritter natürlich siegreich hervorging, aus diesem Kampfe wie aus jedem! Konnte er sie vor einem tollen Hirsch beschützen, weshalb nicht vor einem galanten Franzosen, der noch dazu eine Art von Nebenbuhler war oder doch mit Leichtigkeit dazu gemacht werden konnte, wenn man wollte, wenn das Spiel sich nur auf diese Weise gewinnen ließ. Ja, ja, so war es, es konnte nicht anders sein. Den eitlen Marquis in die Parismaske zu bringen, war ja eine Kleinigkeit, und der gute alte Menelaus mußte dem wahren Paris noch dankbar sein, daß er ihn von dem falschen befreite! Und heute, vielleicht schon in ein paar Stunden war er wieder zurück, um sich den Dank einzufordern und – so lag ich aus, so führt' ich meine Klinge! Und ich soll das ruhig mit ansehen, mich womöglich auch noch bedanken, daß man so zartfühlend war, sich in dieser delicaten Sache meiner Dienste zu entschlagen? Ich will verdammt sein, wenn ich das thue! wenn ich jetzt noch irgend ein Bedenken, eine Rücksicht gelten ließe, die mich ewig vor mir selbst verächtlich machen müßten. Was sollte ich denn noch hier? Ich habe den Fürsten gewarnt, beschworen – er hat mich ungnädig angehört, den unberufenen, überlästigen Rathgeber; mich gestern noch verabschiedet wie einen Diener, mit dem man unzufrieden ist. Ich habe sie die Stimme des Freundes hören lassen – sie hat ihr Ohr, sie hat ihr Herz verschlossen! Ich habe nach allen Seiten gethan, was ich konnte; ich bin Niemand, Niemand etwas schuldig geblieben, mögen die Anderen sehen, wie es mit ihrer Rechnung steht! Er nahm die Cassette, in welcher er seine wichtigen Papiere hatte, wieder aus dem Koffer und setzte sich an den Schreibtisch. Von den Briefen, die vorhin geschrieben waren, mußten ein paar umgeschrieben werden, und dann war noch einer zu schreiben: ein paar Zeilen nur an den Einzigen, der es von Anfang an treu und ehrlich mit ihm gemeint und der auch der Einzige war, der ihn vermissen würde. Er hatte hastig geschrieben, wie Jemand, der fertig werden will; und als er jetzt hastig die Cassette wieder schließen wollte, entglitt dieselbe seinen Händen und streute die Papiere, welche sie enthielt, auf den Schreibtisch und auf den Boden. Hermann glaubte sämmtliche Packete aufgesammelt zu haben; aber er war zu ungeduldig, um sich davon zu überzeugen, wie es die Wichtigkeit der Papiere erheischte, und er es unter andern Umständen sicher gethan hätte. Jetzt nahm er sich nicht einmal die Mühe, das Licht, welches beim Umherleuchten am Boden und unter dem Schreibsecretär ausgegangen war, wieder anzuzünden. Er setzte den Leuchter auf den Tisch und trat an das Fenster. Die Dämmerung war schon weit vorgeschritten; deutlich hoben sich die Berge ab von dem helleren östlichen Himmel; der Park lag, in durchsichtiges Grau gehüllt, zu seinen Füßen, aber schon regte sich hie und da ein Blatt in dem Hauch des Morgenwindes, ein paar Vogelstimmen ertönten wie verschlafen; dann war Alles wieder regungslos und still. Heiß quoll es auf in dem Herzen des jungen Mannes. Er grüßte hinüber zu den Bergen und hinab in den stillen Garten. Ich habe euch ja so geliebt, und ihr seid ja nicht schuldig; ihr habt mir niemals wehe gethan, lebt alle wohl! – Herr von Zeisel lag noch immer ausgestreckt auf dem Sopha, die sonderbaren Ereignisse der Nacht in seinem bekümmerten Herzen wälzend. Da hörte er auf dem Hofe, wo es in der letzten Viertelstunde ganz ruhig gewesen war, schon wieder Rosseshufe und, an das Fenster springend, sah er nur eben noch, wie ein Reiter zum Thor hinausritt. Diesmal wartete er nicht, bis der Diener ihm abermals eine fatale Meldung gebracht hätte; er klingelte so heftig, daß die Schnur in seiner Hand blieb und schrie dem Johann, der denn auch alsbald kam, entgegen: Wer war denn das, der da eben fortritt? Der Herr Doctor, sagte Johann, und hier ist ein Brief, den mir der Herr Doctor, als er zu Pferde stieg, für Herrn von Zeisel gegeben hat. Der Cavalier riß das Couvert auseinander und las:   »Leben Sie wohl, lieber Freund! Ich hätte Ihnen im Laufe des Tages doch Lebewohl sagen müssen, so mag es nun ein paar Stunden früher sein. Und wenn ich nicht versucht habe, noch einmal Ihre Hand zu drücken, so ist es, weil ich Ihnen und mir den Abschied ersparen wollte. Sie werden sagen: das ist keine Abreise, das ist eine Flucht. Sagen Sie es immerhin! Ich will in Niemandes Augen besser und tapferer erscheinen, als ich bin, in Ihren Augen am wenigsten. Kein Mensch ist verpflichtet, über das Maß seiner Kraft hinaus zu handeln und zu dulden, und ich bin an der Grenze meiner Kraft angekommen. Ich lasse nur eben eine Last fallen, die ich nicht weiter tragen kann. Und wälzen sie auf mich, werden Sie sagen? Nein, mein Freund, Sie sollen nichts zu verantworten haben. Für Sie bin ich einfach fortgeritten, und das sei genug. Alles Andere überlassen Sie mir. Der Fürst wird mir nicht verzeihen können, aber darauf bin ich gefaßt. Meine Sachen finden Sie in meinem Zimmer. Sie wollen sie mir nach Hannover nachschicken, wohin ich gehe. Meinen Goethe habe ich zurückgelassen; Sie hatten die Ausgabe immer so gern. Den Brownlock stelle ich in der Goldenen Henne ein; ich bitte Sie nicht, daß Sie sich des schönen Thieres besonders annehmen; ich weiß, daß Sie das ohnehin thun würden. Und nun noch einmal Lebewohl, lieber, einziger Freund, und mögen wir, bis wir uns wiedersehen, gelernt haben, daß, wer sein Glück von Individuen abhängen läßt, einem Schatten nachjagt; daß wir nur Befriedigung finden können in dem strengen Dienst für das Große und Ganze, dem gegenüber wir uns nicht zu schämen brauchen, wenn wir weder groß, noch etwas Ganzes sind.«   Nun, der müßte doch ein Engel sein, der da nicht des Teufels werden sollte! rief der Cavalier, den Brief auf den Tisch schleudernd. Es fehlte nur noch, daß ich selber fortginge! Und wer könnte es mir verdenken, wenn ich es thäte, bevor man mich wegschickt! Dies wird mir Durchlaucht nie vergeben; ich hätte Alles wissen, ahnen, ich hätte ihn von Allem avertiren müssen. Heiliger Malortie, ist je ein Hofmarschall in solcher Noth gewesen! Wie muß der Tag enden, der so angefangen hat! Neunzehntes Kapitel. Nach der unruhigen Nacht war es heute sehr still auf dem Hof und in dem Innern des Schlosses; unheimlich still nach Herrn von Zeisels Empfindung. Die Stunde war gekommen, in welcher er sich nothwendig mit dem Uriasbrief, wie er das Schreiben des Marquis nannte, zu dem Fürsten begeben mußte, wenn er wenigstens den Schein retten wollte, dem gnädigen Herrn die wichtige Nachricht, wie es sich ziemte, zuerst überbracht zu haben. Denn Herr von Zeisel, obgleich er es sich niemals merken ließ, wußte nur zu gut, daß er dem gnädigen Herrn für gewöhnlich wenig zu berichten hatte, was derselbe nicht bereits anderweitig erfahren. Er hatte das oft sehr peinlich empfunden, vor Allem, weil die Quelle, aus welcher der Herr schöpfte, fast niemals lauter und oft sehr unlauter war. Aber heute Morgen hätte er gar nichts dagegen gehabt, wenn Herr Andreas Gleich ihm die Erfüllung seiner Pflichten vollständig abgenommen hätte. Herr Gleich war diesem Wunsche heute ausnahmsweise nicht zuvorgekommen, obgleich er, noch bevor der Cavalier sein Zimmer verlassen, die Ereignisse der Nacht: die Abreise des Marquis, die Ausfahrt des Grafen, das Wegreiten Hermanns erfahren. Auf den letzteren Umstand hatte er kein besonderes Gewicht gelegt; er hatte sich mit dem Plane, den ihm tief Verhaßten aus der Nähe des Gebieters zu entfernen, viel zu lange getragen, als daß er zu hoffen wagte, er werde ihn jemals so leichten Kaufes los werden. War er doch überzeugt, daß all das Gerede von des Doctors Fortgehen nur eitel Wind sei, den der Mann aussäe, um sich bitten zu lassen, da zu bleiben und nebenbei noch ein höheres Gehalt vom Fürsten zu erpressen. Aber die Abreise des Marquis und die Ausfahrt des Grafen hatten ihm zu denken gegeben. Eine dunkle Ahnung, daß Beides in irgend einem Zusammenhange stehen könne, hatte sich ihm unwillkürlich aufgedrängt, da er aus flüchtig hingeworfenen Aeußerungen des Gebieters und noch mehr aus seiner eigenen Beobachtung zur Ueberzeugung gekommen war, daß das Verhältniß der beiden Herren keineswegs besonders gut sei. Indessen der eigentliche Zusammenhang war ihm nicht klar geworden und nur das hatte ihm sofort eingeleuchtet, daß, welche Bewandtniß es auch immer mit den großen Neuigkeiten des Morgens habe, dieselben keineswegs angenehm in das Ohr seines Gebieters – der überdies in den letzten Tagen ganz ausnahmsweise verstimmt gewesen war – klingen würden. Und da er die Maxime hatte, besonders Unangenehmes, so lange es ihn nicht direct anging, lieber durch Andere als durch ihn selbst an den Fürsten kommen zu lassen, war er heute Morgen, als er Durchlaucht einen guten Morgen wünschte, mit sehr leidender Miene vor demselben erschienen und er hatte auf Befragen geantwortet: er habe eine sehr schlechte Nacht zugebracht und sei erst gegen zwei Uhr eingeschlafen, weshalb er auch wegen seines späten Kommens um Entschuldigung bitte. Der Fürst hatte ihn darauf geheißen, sich wieder hinzulegen, was aber Herr Gleich sehr höflich und bestimmt abgelehnt hatte. Er werde, wenn Durchlaucht es verstatte, nur noch eine Stunde im Vorzimmer auf dem Lehnstuhl nicken. Und da saß nun Herr Gleich im Vorzimmer auf dem Lehnstuhl, aber ohne zu nicken, höchstens, wenn er einen Schritt auf dem Corridor hörte, um sich zu überzeugen, ob das wohl Herr von Zeisel sein könne, der doch jetzt unbedingt bald kommen mußte, Durchlaucht Rapport zu erstatten. Und jetzt war es wirklich des Cavaliers Schritt, und der Cavalier schaute zur Thür herein und fragte Herrn Gleich, der aus seinem tiefen Morgenschlaf ganz verstört emporschreckte, ob Durchlaucht bereits auf sei und ob er Durchlaucht ausnahmsweise jetzt schon in dringenden Angelegenheiten sprechen könne. Herr Gleich sagte, daß Durchlaucht allerdings schon auf und sogar schon in seinem Arbeitscabinet sei und daß er fragen wolle, ob er Herrn von Zeisel vorlassen dürfe. Der Alte weiß noch von nichts, sagte Herr von Zeisel, oder will von nichts wissen; ich werde das ganze Vergnügen für mich allein haben. Durchlaucht lassen bitten, sagte Herr Gleich. Der Cavalier wollte fragen, wie Durchlaucht geschlafen habe, aber er hatte ein solches Zugeständniß an den allmächtigen Kammerdiener noch niemals gemacht; so verschluckte er denn seine Frage und folgte beklommenen Herzens dem Voranschreitenden, der ihm die Thür zum Arbeitscabinet des Fürsten öffnete. Der Fürst saß an seinem Schreibtisch in der Mitte des schönen Gemaches, so daß er den Blick durch die beiden Fenster in die Berge hatte, und wendete sich jetzt nach dem Eintretenden um. Das helle Morgenlicht fiel ihm dabei voll in das Gesicht, und in dem hellen Morgenlicht sah das Gesicht so bleich und verfallen aus, daß der gutmüthige Herr von Zeisel die Schwere seiner Pflicht doppelt fühlte und die Neigung, die er bereits vorher verspürte, nicht mehr zu sagen, als unbedingt nothwendig sein werde, vollauf berechtigt fand. Er begann also, dem gnädigen Herrn, der ihn mit einer freundlichen Handbewegung zum Sitzen eingeladen, in möglichst unbefangener Weise mitzutheilen, was er mitzutheilen hatte, und er zwang sich, diese Unbefangenheit beizubehalten, trotzdem er die Miene des Fürsten aus Befremdung in Verwunderung, aus Verwunderung in Bestürzung übergehen sah. Ich kann nichts dafür, dachte er bei sich; mögen sie es verantworten, die es angeht; ich sehe nicht ein, weshalb ich meine Haut zu Markte tragen soll. Und so hielt er denn die befremdeten, verwunderten, bestürzten Blicke des gnädigen Herrn muthig aus, begnügte sich mit einer Relation des Thatsächlichen, erwähnte nichts von Herrn Rosels letzten zweideutig unzweideutigen Worten, hütete sich wohl, ein Wort von dem Verdacht laut werden zu lassen, der jetzt bei ihm bereits zur Gewißheit geworden war, und überreichte schließlich das Schreiben des Herrn Marquis. Er bemerkte, daß die Hände des Fürsten, als derselbe das Schreiben entgegennahm und öffnete, heftig zitterten und daß er sich, nachdem er die ersten Worte gelesen, sofort abwendete, ohne Zweifel, um den Eindruck, welchen der Inhalt auf ihn machte, nicht sehen zu lassen. Er kam dieser Absicht des gnädigen Herrn dadurch entgegen, daß er bescheiden seitwärts trat und sehr eifrig durch das offene Fenster über die Gebüsche des Terrassengartens fort in die von grellem Morgenlicht überströmten Berge blickte, bis Durchlaucht seine Lectüre beendet haben und ihn wieder anreden würde. Aber Herr von Zeisel mußte so lange in die Berge blicken, daß er zuletzt gar nichts mehr sah und das Blut in seinen Ohren zu sausen begann. Er konnte es endlich nicht mehr aushalten und mußte sich, auf die Gefahr der Indiscretion, nach dem Fürsten umwenden. Großer Gott! sagte Herr von Zeisel. Der Fürst saß in seinen Arbeitsstuhl zurückgesunken, ganz bleich, mit fast entstellten Zügen, ohnmächtig oder einer Ohnmacht nahe, den Kopf hinten übergelehnt, die rechte Hand, der der Brief entglitten war, schlaff herabhangend, während die zusammengeballte Linke krampfhaft auf das Herz gedrückt war. Herr von Zeisel sprang hinzu, aber der Fürst lehnte, beide Hände ausstreckend, die Hilfe ab und richtete sich mit einer gewaltsamen Anstrengung mühsam auf. Es ist nichts, lieber Zeisel, sagte er, mein Herzkrampf, der mich in letzter Zeit mehr als billig plagt. Das geht schnell vorüber. Gleich weiß damit Bescheid, schlimmstenfalls hat unser Doctor noch immer bald geholfen. Der Doctor? Großer Gott! Herr von Zeisel hatte sich vorgenommen, Hermanns Angelegenheit erst zuletzt vorzubringen und, wenn es sein müßte, hier, wo es sich um seinen Freund handelte und ein Vertuschen und Verschweigen auch kaum möglich war, in möglichst schonender Weise den wahren Sachverhalt anzugeben. Sollte er jetzt dem Fürsten, der durch das, was er erfahren, bereits so erschüttert war, auch noch dieses Leid anthun? Es schien unmöglich. Doctor Horst ist heute sehr früh fortgeritten, sagte er; ich vermuthe – Er wollte sagen: nach Hühnerfeld, aber er konnte eine positive Unwahrheit nicht über die Lippen bringen und schwieg verlegen. Daß er nicht wiederkommt, sagte der Fürst mit einem Lächeln, das Herrn von Zeisel in die Seele schnitt. Nun, überraschen kann es mich nicht; er hat mir oft genug gesagt, daß er fort wolle, noch gestern, und ich bin unfreundlich genug von ihm geschieden. Warum sollte er nicht von hier gehen, wo ihm der Boden unter den Füßen brannte! Herr von Zeisel war auf das tiefste erschrocken. Der Fürst sagte das Alles in einem so sonderbaren Ton, als ob er gar nicht mit ihm, sondern mit sich selbst spräche, und Herr von von Zeisel fürchtete jeden Augenblick, es werde etwas kommen, was er auf keinen Fall gehört haben dürfe, und war fest entschlossen, es auf keinen Fall zu hören; aber der Fürst machte dieser peinlichen Scene ein Ende, indem er, mit Anstrengung seine alte Weise copirend, sagte: Ich danke Ihnen recht sehr, lieber Zeisel, und wenn Sie dann nichts weiter vorzubringen hätten – Der Cavalier wollte sagen, daß er noch sehr viel vorzubringen habe, aber er war zu verwirrt, um einen Entschluß fassen zu können und fand sich draußen auf dem Corridor, ohne recht zu wissen, wie er dahin gelangt war. Hier kam ihm die Besinnung wieder. Er sagte sich, daß es doch seiner gänzlich unwürdig sei, in dieser Weise, aus bloßer Furcht vor der Heftigkeit des alten Herrn, den Unwissenden und Stummen zu spielen; daß es seine Pflicht gewesen wäre, ihn, den er so liebte und verehrte, bei einer solchen Gelegenheit nicht im Stich zu lassen, daß er wenigstens hätte sagen müssen: wenn Durchlaucht der Dienste eines treuen und ihm gänzlich ergebenen Mannes bedürfe, so befehlen Sie über Oscar von Zeisel. Er war im Begriff, umzukehren, aber er wußte, daß er jetzt Herrn Gleich, der an ihm vorüber in das Zimmer des gnädigen Herrn geschlüpft war, bei demselben finden würde, und er sagte sich, daß der Fürst die Dienste des Vielerfahrenen in diesem Augenblicke jedenfalls nöthiger habe, als die seinen. Dennoch war es ihm in dieser Stimmung unmöglich, die Dinge eben gehen zu lassen, wie sie wollten. Und da kam ihm plötzlich ein Gedanke, der einen Ausweg aus diesem Labyrinth zeigte. Weshalb ist sie denn seine Frau, sagte er bei sich, wenn sie ihm in solchen Augenblicken nicht zur Seite stehen will! Und Herr von Zeisel ging, Hedwig in einem Billet zu bitten, ihn, sobald es möglich sei, in einer wichtigen Angelegenheit zu empfangen. Hedwig saß in finsteres Brüten versunken, als Meta Herrn von Zeisels Billet brachte. Er ist willkommen! sagte Hedwig. Vielleicht sendet ihn der Fürst, dachte sie; vielleicht bringt er mir den Scheidebrief. Aber Herr von Zeisel brachte keinen Brief, als er bald darauf bei der gnädigen Frau eintrat. Er kam nur, um seiner Besorgniß wegen Durchlaucht Luft zu machen, den die Nachricht von der Abreise des Marquis sehr erschüttert zu haben scheine, trotzdem er doch wohl kaum den wahren Zusammenhang ahnen könne, den freilich er selbst nur muthmaße, oder doch höchstens nur aus ungewissen Indicien schließe, über die er das sichere Urtheil der gnädigen Frau einholen möchte. Und Herr von Zeisel erzählte nun, was ihm Herr Rosel in der Nacht mitgetheilt, und wie ihm die diplomatische Mission des Herrn Marquis von Anfang an nicht eben wahrscheinlich gewesen, und ganz verdächtig geworden sei, als er heute Morgen von dem Hofcourier Porst erfahren, daß gestern Abend ausnahmsweise gar keine Briefe, keine Depeschen gekommen seien, die dem Marquis den Befehl seiner Regierung hätten übermitteln können. Er kam dann auf die sonderbare Aeußerung Herrn Rosels zu sprechen: die blutige Revanche für Sadowa, die der Marquis an den Fürsten, Herr Rosel an ihn adressirte; sodann die plötzliche Ausfahrt des Grafen zum Besuch beim Baron, das heißt Demjenigen, an welchen sich der Graf jedenfalls bei einem Ehrenhandel zuerst wenden mußte. Dies Alles sind, wie gesagt, nur Muthmaßungen, gnädige Frau, fuhr Herr von Zeisel fort; es ist ja möglich, daß es mit der diplomatischen Mission des Marquis seine Richtigkeit hat, daß der Graf, Gott weiß aus welchem Grunde, drei Uhr Morgens für die geeignetste Zeit zu einer Visite hält. Aber wenn ich die große Aufregung bedenke, in welcher sich der Graf alle diese Tage in Folge der politischen Ereignisse befunden hat, die hinreichend sichtbare Mißstimmung, mit der ihn die Anwesenheit der französischen Gäste erfüllte – die bedenklichen Nachrichten, welche noch gestern die Zeitungen über die wahrhaft tolle Haltung der französischen Kammer brachten – wie leicht kann ein Funke in dieses Pulverfaß gefallen sein! Verzeihen Sie, gnädige Frau, diesen vulgären Ausdruck, aber mein Kopf ist von der schlechten Nacht ein wenig angegriffen, und mein Herz ist schwer, wenn ich denke, daß durch diese unselige Politik ein Kreis auseinandergerissen wird, der sich eben erst zu einem so schönen – ich darf wohl sagen, ideal schönen – Leben entfaltete; und nun muß unser trefflicher Freund den Einfall haben, mitten in der Nacht ohne officiellen Abschied aufzubrechen und mich dadurch in die unbequemste, ja peinlichste Lage zu versetzen. Hermann war fort; auch das noch zu dem Uebrigen. Es war zuviel! Hedwig senkte den Kopf, die Thränen zu verbergen, die ihr in die Augen stiegen; aber sie raffte sich gewaltsam empor. Und glauben Sie, daß die Abreise Doctor Horsts mit der Angelegenheit, von der Sie eben sprachen, in Verbindung steht? fragte sie mit dumpfer Stimme. Ich habe es einen Augenblick vermuthet, erwiederte der Cavalier; handelt es sich um ein Duell – und es scheint mir, daß die gnädige Frau sich ebenfalls zu dieser Annahme neigt – so ist ja ein Arzt unbedingt nothwendig und unser Doctor der nächste, an den man sich wenden konnte. Ueberdies habe ich durch meinen Diener erfahren, daß Herr Rosel heute Nacht, nachdem er bei mir gewesen, sich zu Horst begeben und längere Zeit mit ihm conferirt hat; aber bei reiflicher Ueberlegung bin ich doch wieder von meiner ersten Annahme zurückgekommen. Einmal glaube ich sicher, daß Horst es mir geschrieben hätte, wenn es sich so verhielte, sodann – und das ist die Hauptsache – mir wollte immer scheinen, als ob der Herr Graf und Horst nicht besonders zusammen stünden, und ich glaube den Grund zu kennen – aber Sie werden mich für einen Schwätzer halten, gnädige Frau, wenn ich weiter spreche, und für einen Schmeichler, wenn ich sage, daß bei der grenzenlosen Verehrung, die ich Ihnen zolle, ein Geheimniß für mich Ihnen gegenüber gar nicht existirt. Was für ein Geheimniß meinen Sie? fragte Hedwig. Ich wollte sagen, fuhr der Cavalier fort, ich glaube den Grund zu kennen, welcher unserem Freunde den klaren Geist so sehr verdüsterte, daß er sich so unceremoniell von unserem Hofe trennen konnte, und dieser Grund ist derselbe, weshalb es mir nicht eben wahrscheinlich dünkt, daß der Herr Graf sich in diesem Falle an Horst wendete. Mit einem Worte, gnädige Frau, ich glaube zu wissen, daß die Gräfin auf das verschlossene und deshalb nur um so weichere Gemüth unseres Freundes einen allzu tiefen Eindruck gemacht hat; aber ich erzähle der gnädigen Frau jedenfalls nur, was dem Scharfblick der gnädigen Frau längst klar gewesen ist. Doch nicht, sagte Hedwig, ich habe nie daran gedacht, und hat Doctor Horst Ihnen je vorher oder in dem Briefe, von dem Sie sprachen, eine dahin zielende Andeutung gemacht? Er, der verschlossenste der Menschen! sagte der Cavalier. Würden Sie mich den Brief sehen lassen? fragte Hedwig. Hier ist er, sagte Herr von Zeisel; ich habe ihn wiederholt gelesen, und doch würde er mir vollkommen dunkel geblieben sein, wenn – aber ich bitte! Für Hedwig hatte der Brief keine Dunkelheit; aber als sie damit zu Ende war, verschwammen ihr die Zeilen vor den Augen, aus denen jetzt die Thränen unaufhaltsam hervordrangen. Nicht wahr, gnädige Frau, sagte Herr von Zeisel, hier ist auch nur Eine Auslegung möglich? Nur die Liebe kann einen sonst so ruhigen, leidenschaftslosen Mann zu einer so unbesonnenen Handlung treiben. Und nun nehmen Sie noch dies, gnädige Frau: die Frau Generalin Excellenz kommt heute mit dem Geheimrath. Gestehen wir, gnädige Frau, Horst mußte sich dadurch beleidigt fühlen, nachdem er seine Abreise nur um der Gräfin willen, auf Bitten des Fürsten, auf Andringen der Gräfin selbst, so lange hinausgeschoben; jeder andere Arzt hätte sich dadurch beleidigt gefühlt, auch ohne gerade für die schöne Patientin wärmer zu empfinden. Die Frau Gräfin ist ja gewiß in jeder Beziehung unschuldig; sie folgt hier, wie ich glaube in den meisten Dingen, blindlings dem Herrn Grafen; aber man wendet sich doch in einer so wichtigen Angelegenheit, wie ein Duell ist, nicht gern an Jemand, den man zum Fortgehen gezwungen hat. Und ich sollte denken, daß Durchlaucht, dem ich von Horsts verzweifeltem Schritt pflichtschuldige Mittheilung machte, die Sache nicht anders auffaßt. Der Cavalier schwieg. Hedwig saß mit zuckenden Lippen und starren Augen da. Endlich sagte sie: Und in welcher Weise wünschen Sie nun, daß ich in dieser Angelegenheit meinen Einfluß bei dem Fürsten geltend mache? Ich meine, erwiederte Herr von Zeisel, die gnädige Frau würde uns Allen und Durchlaucht im Speciellen eine unendliche Wohlthat erweisen, wenn Sie Durchlaucht auf die Möglichkeit eines Rencontre zwischen dem Marquis und dem Grafen vorbereiteten; oder falls Durchlaucht – was mir wahrscheinlich däucht – bereits eine Ahnung des wahren Sachverhalts hat – der Brief des Marquis muß eine Andeutung enthalten haben, ich könnte mir sonst Durchlauchts Erschrecken nicht erklären – ihm über diese schwere Prüfung weghülfen, wie es ja eben nur die gnädige Frau vermag. Ich danke Ihnen, sagte Hedwig. Ich danke Ihnen, gnädige Frau, sagte der Cavalier, indem er aufstand und Hedwig die Hand küßte. Sie sind schon so oft unser guter Engel gewesen, seien Sie es auch diesmal und immerdar! Der Cavalier war gegangen. Hedwig blickte ihm mit einem wehmüthigen Lächeln nach. Ja wohl, sagte sie, guter Engel! So hat er mich tausendmal genannt, der alte Mann, aber es gibt keine guten Engel, nur böse Menschen. Sie klingelte und sagte zu Meta, die alsbald hereintrat, man solle Durchlaucht ansagen, daß sie ihn zu sprechen wünsche, sogleich. Meta kam nach wenigen Minuten zurück und meldete, daß Durchlaucht bereits ausgefahren sei, nach dem Jagdschlosse, sage Herr Gleich. Zwanzigstes Kapitel. Der Fürst, der vor einer halben Stunde gekommen war, ging mit Herrn von Kesselbusch in dem schattigen Garten der Oberforstmeisterei auf und nieder. Er hatte mit einer Stimme, die von Leidenschaft zitterte und manchmal von Thränen halb erstickt war, lange gesprochen, sein Begleiter gesenkten Hauptes aufmerksam zugehört. Jetzt schwieg er, und der Andere, die noch immer klaren blauen Augen zu dem blassen Gesichte des Fürsten erhebend, sagte: Durchlaucht – Ich bitte Dich, nenne mich nicht so; ich bin zu dem alten Freunde gekommen, dem Gespielen meiner Jugend; ich will eine Menschenstimme hören, die Stimme eines Menschen, von dem ich weiß, daß er mich liebt. Denke, wir wären Jeder fünfzig Jahre jünger! Wenn sich das so denken ließe! erwiederte der alte Mann mit melancholischem Lächeln. Aber wie Durchlaucht – wie Du willst, Erich. So ist es gut, sagte der Fürst. Wie Du willst, wiederholte der alte Herr. Ach, wenn ich Dir doch jeden Wunsch so leicht erfüllen könnte! Aber es ist ein eigen Ding mit den Wünschen. Du hast mich oft gescholten, daß ich so gar keine habe, daß Du so wenig für mich zu thun im Stande wärest. Nun, ich will mich nicht rühmen; es ist vielleicht, daß mein Blut von Natur nicht so warm fließt wie das anderer Menschen, oder daß es die Waldluft, in welcher ich geboren und groß geworden bin, so kühl erhalten hat, aber ich habe mich nicht schlecht dabei gestanden. Mag sein, daß ich manche Freude nicht kennen lernte, die Anderen zu Theil wird, aber ich habe auch viele Sorgen nicht erfahren, unter denen ich Andere leiden sah; und so bin ich, der Einsame, in meinem einsamen Walde alt geworden, ohne der verlorenen Jugend auch nur einen Seufzer nachzuschicken, und jetzt seit Jahren ein todtkranker Mann, ohne mich nach dem Tode zu sehnen. Ein solcher Mann ist vielleicht wenig geeignet, Rath zu ertheilen in einer Sache, wie diese, oder man kann im voraus wissen, welcher Art sein Rath sein wird. Er wird predigen, was er immerdar gepredigt hat: fahren zu lassen, was sich nicht halten lassen will; er wird Resignation predigen. Und thäte ich es nicht, würden es nicht meine grauen Haare, meine gebeugte Gestalt viel eindringlicher thun, als meine Stimme es vermöchte? Du sagst, Du kannst nicht von ihr lassen; aber auch nicht, wenn Du bedenkst, daß Du nur läßt, was Dir nie zukam und deshalb nie wirklich gehörte? Du warst zweiundsechszig, als Du sie zu Deiner Gemahlin erhobst, sie sechszehn. Was hat sechszehn mit sechszig zu schaffen? So wenig wie das wache Leben des Tages mit dem Traum der Nacht, und weniger, denn der Traum kann uns durch den Tag begleiten, und der Traum unserer Jugend ist ausgeträumt für immer. Und sage nicht, daß Deine Fürstlichkeit und was damit zusammenhängt, den Unterschied der Jahre in den Augen der Dame aufwiegen mußte. Wäre es der Fall gewesen, so war sie doppelt und dreifach nicht werth, die Gattin Erichs von Roda zu sein. Aber Du sagst ja selbst: sie sei eine zu reine, groß angelegte Natur, um sich durch den Zauber der Macht blenden zu lassen. Nun gut, so folge dieser reinen Natur auch weiter; wolle nicht Ja sagen, wo sie Nein sagt, wo sie – ich muß es aussprechen – gezwungen ist, Nein zu sagen, ist sie wirklich diese reine, groß angelegte Natur. Ja, Erich, es ist nicht anders: die Natur ist gegen Dich. Sie hat kein Kind aus dieser spät geborenen Leidenschaft erblühen lassen. Ein flammendes Roth zog über des Fürsten bleiches Gesicht. Du weißt nicht Alles, Gerhard, sagte er. Dann hast Du mir nicht Alles gesagt, erwiederte der Oberforstmeister. Nein, nein, rief der Fürst, ich habe Dir nicht Alles gesagt. Ich muß es, denn ich sehe, daß Du mich nicht verstanden hast. Sie ist nie die Meine gewesen, Gerhard, ich habe nie, nie auch nur ihre Hand anders berührt, als ein Vater seiner Tochter Hand berühren würde. Ich kann es nur preisen und loben, sagte der Oberforstmeister. Ich verdiene dies Lob nicht, sagte der Fürst Es war mein freier Wille nicht; ich war der Sklave eines Wortes, das ich ihr gegeben, damals, in dem Wahnsinn einer Leidenschaft, die keine Grenzen kannte, in der Hoffnung, daß sie mir, wenn sie meine Liebe begriffen hätte, mein Wort zurückgeben würde – in der Furcht, sie ganz zu verlieren, wenn ich mich mit dem Wenigen nicht begnügte – ach, Gerhard, Du sagst ja selbst, Du habest die Liebe nie gekannt. Du weißt nicht, was ich damals litt, was ich seitdem gelitten habe, was ich leide. Er warf sich an die Brust des Freundes und schluchzte wie ein Kind. Der Oberforstmeister war tief erschüttert. Armer Freund; sagte er, steht es so um Dich! Ja, jetzt begreife ich Manches, was ich vordem nicht begreifen konnte. Aber, mein Fürst und Freund, auf die Gefahr hin, Deinen höchsten Unwillen zu erregen – nun bleibe ich erst recht bei dem, was mir die innere Stimme von vornherein sagte. Erich! wie nun, wenn sie wirklich Deine Tochter wäre, eine so stattliche, so schöne, so gute Tochter, würdest Du Dich nicht glücklich preisen müssen? Würdest Du in der Liebe zu einem solchen Kinde nicht eine zweite, schönere Jugend wiederfinden? Und dies von Süßigkeiten übervolle Verhältniß, womit wolltest Du es vertauschen? Mit einem andern, das Dir schon, während Du es nur träumtest, Bitternisse ohne Zahl bereitet hat, und, wenn Du aus diesem Traum eine Wirklichkeit machen könntest, Dir noch schlimmere Bitternisse bereiten würde? Es ist zu spät, sagte der Fürst. An ein idyllisches Glück, wie Du es schilderst, würde ich, würde sie nie mehr glauben können. Ich weiß nicht, erwiederte der Oberforstmeister. Es glaubt sich leicht an das, was der Natur gemäß ist. Und ahnt sie wirklich Deine Leidenschaft – sie wird den Vater, den sie in Dir gesucht hat, wiederfinden, wenn Du Dich nur erst selbst wiedergefunden hast, und wird Dir doppelt dankbar sein und Dich mit doppelter Liebe wieder lieben. Es ist zu spät, wiederholte der Fürst. Und wäre es zu spät, sagte der Oberforstmeister, so bliebe Dir doch nichts Anderes, so müßtest Du doch lassen, was nicht gehalten sein will. Mein Fürst und Freund, ist es denn wirklich wahr, daß Ihr Hochgeborenen nicht lernen könnt, was wir Anderen doch Alle lernen müssen? Es muß wohl sein, wenn selbst ein so guter, edler Mensch, wie der, den ich in Dir liebe und verehre, es nicht lernen konnte! Aber Du bist besser und weiser, als Du Dich schilderst; ich weiß es, der Dich Dein Leben hindurch beobachtet, der gesehen hat, wie Vielem im Leben Du schon zu entsagen gelernt. Ja, war denn Dein Leben etwas Anderes als eine Kette von Entsagungen? Mit welchen stolzen Plänen hast Du Dich getragen in den schönen Tagen unserer gemeinschaftlichen Jugendzeit! Für die ganze Menschheit schlug Dein Herz; Du wolltest – der Verkünder einer reineren Lehre, deren tiefste Geheimnisse Du erkannt zu haben glaubtest – sie zu einer höheren, edleren Stufe emporheben. Die Menschen sind geblieben, wie sie waren, wie sie ewig sein werden. Wie schlug Dein Herz für Deutschland so warm! Du wolltest aus ihm einen Staat der Freiheit, der Brüderlichkeit, der Gleichheit machen! Wo ist die Freiheit, wo die Brüderlichkeit, wo die Gleichheit? Du hast auf diese Träume verzichtet; Du hast gelernt, unter dem Druck eines Regiments, das just das Gegentheil von Deinen Idealen ist, in aller Stille auf Deine Weise für das Wohl Deiner Unterthanen zu wirken; ja, Du dankst Gott, daß Deine Jahre Dir erlauben, aus der Arena des politischen Kampfes fernzubleiben; sie einem jüngeren Geschlecht zu überlassen, das zusehen mag, wie es mit den Aufgaben des Jahrhunderts fertig wird, die es so leichten Muthes auf die übermüthigen Schultern nimmt. Das Alles hast Du gelernt, Erich, hast im Großen verzichten lernen, und wolltest es nur da nicht, wo es sich um das handelt, was Du Dein eigenes Glück nennst? So hättest Du doch Dich selbst immer mehr geliebt als die Anderen? Das will ich Niemand glauben, der es von Dir sagte, ich will es Dir selbst nicht glauben, wenn Du es sagst. Aber Du wirst es nicht sagen, nicht wahr, Erich, mein Fürst, mein Herr, mein Freund – Du wirst es nicht sagen! Die Stimme des alten Mannes hatte bei den letzten Worten vor Rührung gezittert und mit zitternden Händen ergriff er jetzt die Hand des Fürsten. Ich danke Dir, Gerhard, sagte der Fürst, ich danke Dir von Herzen, wenn ich gleich – laß mich jetzt allein, Gerhard, ich muß mit mir allein sein. Er zog hastig seine Hand zurück. Der Oberforstmeister unterdrückte einen Seufzer, der in seiner Brust aufsteigen wollte, wendete sich und ging. Der Fürst schaute ihm mit düsteren Augen nach. Worte, Worte! murmelte er. Wie mochte ich auch etwas Anderes von dem guten Menschen erwarten? Wie konnte ich so thöricht sein, zu wähnen, daß er mir helfen könne, daß mir ein Mensch helfen könne – was sage ich, helfen wolle! Es denkt eben Jeder nur an sich, der da an seine Ruhe, und jetzt ist er außer sich, daß ich ihm seine Ruhe gestört habe. Wenn er Alles wüßte – aber ich habe ihn nur schon zu viel wissen lassen. Er hat am Ende Recht, daß er mich für seinesgleichen hält. Bin ich doch, wie er selbst, zum Schwätzer geworden. Der Fürst warf einen scheuen Blick um sich her; kein Mensch war in dem Gange, in dem Garten zu sehen. Aber es war ihm noch nicht einsam genug. Eine angelehnte Pforte führte unmittelbar in den Wald, auf einen Weg, der sich in einem Bogen durch den Wald bis zu dem Jagdschloß hinaufzog. Er schritt durch die Pforte in den Wald mit hastigem Schritt, als würde er verfolgt. Plötzlich stand er wieder still! was hatte er nur gewollt? Weshalb hatte er ganz allein sein wollen? Den Brief des Marquis zu lesen, den er nun schon ein dutzendmale gelesen hatte und den er jetzt wiederum so gierig las, als läse er ihn zum erstenmal:   »Monseigneur! Verzeihung, wenn mein allzu empfindsames Herz mich in eine Lage gebracht hat, die mich zwingt, in dieser unschicklichen Eile, zu dieser ungewöhnlichen Stunde Roda zu verlassen, das mir ewig theuer sein wird, ohne Abschied von Ihnen zu gehen, der Sie mir immer als das hellleuchtende Ideal jeder menschlichen und fürstlichen Tugend erscheinen werden. Ach, Monseigneur, bewunderte ich Sie weniger, liebte ich sie minder, so würde mein Herz geschwiegen haben, das laut um Rache schrie, als ich Ihr intimstes Glück bedroht sah, und bedroht von einem Manne, der Ihnen die Liebe ebensowenig gönnt wie die Herrschaft, und die Herrschaft ebensowenig wie das Leben. In der Sicherheit meiner uneigennützigen Liebe, getragen von dem Bewußtsein meiner reinen Absichten, glaubte ich wagen zu dürfen, was ein Verbrechen gewesen sein würde, wenn es zu seiner Ausführung nicht jeder Tugend bedurft hätte. Ich wollte eine Seele, die ich den Lockungen der Liebe nur allzu leicht erliegen sah, durch jene Zauber, die zu lernen wir unsere Jugend opfern, verwirren und betäuben, um, wenn sie, betäubt, verwirrt, dem Zauberer folgen wollte, die Stimme des warnenden Freundes ertönen zu lassen, ihr zuzurufen: sieh, das ist das Ende, dies würde das Ende sein, wenn du jetzt anstatt in die reinen Hände des Freundes, in eines Verführers Arme gefallen wärest! Monseigneur, ich wiederhole: ein kühnes Unternehmen, ein wahnsinniger Plan, von jener Kühnheit, jenem Wahnsinn, welche immerdar die Genien jeder heroischen Handlung sein werden. Lassen Sie mich kurz sein, Monseigneur. Meine Absicht ist erreicht; jene schöne, aber allzu leidenschaftliche Seele ist gewarnt; sie hat den Zauber empfunden, den Schwindel am Rande des Abgrundes gefühlt; sie wird nicht weiter gehen, sie wird zurückkehren, sie wird jetzt wissen, daß man im Abgrund nicht wohnen kann, daß eine Frau, die tugendhaft bleiben will, nicht den Geliebten, sondern die Liebe, nicht den Versucher, sondern die Versuchung fliehen muß. Daß der Weg zu diesem Ziele von Gefahren bedeckt war, ich wußte es, Monseigneur. Aber ich wäre der erste Florville gewesen, der sich durch diese Rücksicht hätte abschrecken lassen. Ich spreche nicht von der Gefahr, die ich lief, selbst dem Zauber zu erliegen – ich fühlte, daß die Freundschaft mein Talisman sein würde; ich spreche nicht von der Gefahr, von Ihnen verkannt zu werden – ich wußte, daß der beste der Menschen auch der weiseste ist; am wenigsten würde ich von der verächtlichsten aller Gefahren sprechen, die sich in der Mündung einer Pistole concentrirt, wenn ich schweigen könnte, ohne in einer Situation, die ich ganz klar machen wollte, mehr als eine Dunkelheit zurückzulassen. Monseigneur, der, gegen welchen ich die wankende Tugend beschützen wollte, indem ich den Zauber, der von ihm ausging, durch einen größeren Zauber besiegte, ist scheinbar zum Vertheidiger der Unschuld geworden. Ich beklage diese Wendung, und würde sie noch mehr beklagen, wenn sie zu vermeiden gewesen wäre und wenn eine solche Täuschung von Dauer sein könnte; das aber ist unmöglich. Wer wird im Ernst glauben, daß jener Mann, der überall sonst Ihr Feind ist, in diesem heiligsten Punkt Ihr Freund sein könne; wer nicht lieber annehmen, daß Sie dem, welchem Sie Ihre Stellung, Ihr Leben, Ihre Ehre anvertrauten, auch Ihre Liebe anvertrauen durften? Monseigneur, in wenigen Tagen wird ein blendendes Licht die dunkle Situation Europas erhellen und die erstaunte Welt wird endlich begreifen, daß Frankreich immer nur auf der Seite fechten kann, wo die Palladien der Nächstenliebe, der Gerechtigkeit, der Brüderlichkeit sind, daß Frankreich die Verteidigung der Selbstsucht, der Lüge, der Tyrannei stets seinen Feinden überlassen wird. Monseigneur, das kleine Duell mit der Wahrheit und der Lüge, der Lüge und der Perfidie, dem ich entgegengehe, ist nur ein Vorspiel des großen Kampfes, der hereinbrechen wird, auch darin, daß er endigen wird wie jener. Ich werde diesen armen König von Preußen eines seiner stolzesten Ritter berauben müssen. Es thut mir leid, aber dieser stolze Ritter hat es nicht anders gewollt. Ich endige, Monseigneur, wie ich angefangen, mit der Versicherung der höchsten Liebe und tiefsten Ehrfurcht, welche für den besten, den gütigsten Fürsten immer empfinden wird sein ganz ergebener Victor Anatole de Florville.«   Der Fürst steckte das zerknitterte Blatt wieder ein und murmelte, indem er weiterschritt: welche Mühe er sich giebt, der arme Junge, zu erklären, was für mich keiner Erklärung bedarf. Weshalb sollte er seine Jugend und Schönheit nicht auf den Markt bringen, wo so begierige Nachfrage nach dieser Waare ist? Und bei Gott! dies hätte ich begreifen können. Ich würde die Zauberkraft von so viel Anmuth und Geist respectirt haben; aber so; entsetzlich, entsetzlich! Und wenn er in wenigen Stunden wußte, wie es hier stand, werden es nicht nächstens die Spatzen von den Dächern pfeifen? Was hat ihn fortgejagt, den armen braven Horst, als eben wieder dieses Gespenst, das durch mein Haus geht, dieses Skelett, das mich aus jeder Ecke angrinst und das ich selbst bin, ja, ich selbst – eine lächerliche Schreckgestalt, welche Alle vertreibt, die mich in besseren Tagen gekannt haben und nicht sehen wollen, daß Erich von Roda so tief sinken konnte. Und wieder stand er still und blickte scheu um sich her. Wenn er nun fiele, wenn sie mir schon entgegenkämen mit der Nachricht! Pah! er wird mir die Freude nicht machen, aus dem Leben zu gehen; er weiß recht gut, daß es die einzige wäre, die er mir in seinem Leben machen kann. Dies verruchte Geschlecht ist unausrottbar wie giftiges Unkraut, wie der Schierling dort; ich werde mir den Tod daran trinken. Und aus ihrer Hand den Giftbecher nehmen zu müssen, aus ihrer Hand! Ja, sie trägt Tod und Leben in ihrer Hand! nicht Leben, nur den Tod! Ich will und kann nicht leben ohne sie; und mit ihr – ich hoffte es gestern noch, heute hoffe ich es nicht mehr, heute ist es unmöglich! Der unglückliche Mann irrte weiter, den immer steileren Waldweg hinauf, der jetzt in einen Pfad mündete, welcher, den Felsen linker Hand abgewonnen, rechts unter sich ein tief eingeschnittenes Waldthal hatte, in dessen Tiefe ein Bach nach der Roda rauschte. Oben auf der Höhe des Felsens führte der Pfad zum Jagdschlosse, ja vermittelst einer Steintreppe unmittelbar auf einen dreieckigen Altan, der gestern, da er etwas abseits lag, nur von einem Theil der Gesellschaft aufgefunden worden war, die denn allerdings die schauerliche Romantik des Platzes nicht genug hatte rühmen können. Der Fürst hatte sich, erschöpft von der Anstrengung des Steigens und noch mehr von der in ihm wühlenden Leidenschaft, auf eine der zierlichen Bänke sinken lassen, mit welchen der Altan versehen war, und starrte, den Kopf in die Hand gestützt, über das eiserne Geländer in den Abgrund zu seinen Füßen. Ja, murmelte er, heute ist es unmöglich, heute kann ich nur noch als ihr Ankläger vor sie hintreten: dies hast du gethan, dies teuflische Verbrechen hast du an mir verübt! Ihr Ankläger und ihr Richter! Aber diese tiefe dunkle Schlucht wäre nicht tief und dunkel genug, sie und die Schande, die sie über mich gebracht, zu begraben, und wenn dieser Wald hier in Feuer aufginge, die Flammen wären nicht machtvoll genug, sie und die Schmach, die sie auf meinen Namen gehäuft, zu vertilgen von dem Angesichte des Himmels! O Schande, o Schmach! – Hedwig! In der Thür, die von dem Altan in einen der unteren Säle des Schlosses führte, stand sie, in hellem Sommerkleide, den breitgeränderten Strohhut in der Linken. Die Lichter, die durch das dichte Gezweig der mächtigen Platane fielen, welche neben dem Altan aus dem Waldboden aufragte und mit ihrem kühlen Schatten den Platz bedeckte, zitterten über sie hin. Und verweht, wie die leichten Nebel des Morgens vor dem Anhauch der Frühe, waren die fürchterlichen Gedanken, mit denen sich eben noch der Fürst getragen, vergessen der Haß, der sein pochendes Herz erfüllt, vergessen die Rache, über der er gebrütet, vergessen Alles; seine ganze Seele erfüllt von dieser Gestalt, die ihm die Verkörperung aller Holdseligkeit, aller Schönheit auf Erden war, die anzubeten, vor der sich zu beugen ihn eine Macht zog, gegen die anzukämpfen so unmöglich schien, wie das Auge nicht zu schließen vor den Strahlen der Sonne. Und mit zur Erde gesenkten Augen, mit wankenden Knieen, bebend stand er vor ihr, seine zuckenden Lippen auf ihre Hände pressend und murmelnd: Vergieb mir, Hedwig, vergieb mir! Sie geleitete den Fassungslosen zu der Bank zurück, von der er sich bei ihrem Kommen erhoben hatte, und ließ sich an seiner Seite nieder. Du hast mir mehr zu vergeben, als ich Dir; sagte sie. Nein, nein, sagte der Fürst, ich bin schuldig, ich allein; ich habe – lies diesen Brief. Er wollte ihr den Brief des Marquis reichen; Hedwig drängte seine Hand zurück. Ich bitte um Verzeihung, daß er so zerknittert ist, sagte der Fürst. Ein schwacher Schimmer seines alten höflichen Lächelns spielte auf seinen bleichen Lippen und rührte Hedwig wider ihren Willen. Sie nahm den Brief, las und sagte, das Blatt zurückgebend: Und was hältst Du davon? Daß es ein Bubenstück ist, ein verruchtes Bubenstück! rief der Fürst, den Brief zerreißend und die zusammengeballten Stücke über das Geländer schleudernd. Hast Du es vom ersten Augenblicke an dafür gehalten? fragte Hedwig. Der Fürst starrte, keiner Antwort mächtig, vor sich nieder. Hedwigs dunkle Augen hafteten fest an dem bleichen Gesicht und mit fester Stimme fuhr sie fort: Du hast es nicht dafür gehalten, konntest es vielleicht nicht. Das Bubenstück hat sich ja nicht vor Deinen Augen abgespielt; auch vor den meinen nur zum Theil. Was ich aber davon weiß, mußt Du zuerst erfahren. Hedwig berichtete nun in ruhigen klaren Worten, was zwischen ihr und dem Marquis früher und später vorgegangen von der ersten Begegnung vor vier Jahren in Italien bis zu der vor drei Tagen in dem Garten zu Erichsthal. Sie wiederholte jedes Wort, das zwischen ihnen gesprochen, so weit sie sich dessen erinnerte, und ihr Gedächtniß ließ sie kaum bei gleichgiltigen Einzelheiten im Stich. Sie schilderte das Benehmen des Mannes in seinem Gemisch von Galanterie und Phantasterei, das manchmal ihre Verwunderung, öfter ihre Spottlust erregt, bis in der wahnsinnigen Scene gestern Abend auf der Zinne des Thurmes das Unglaubliche geschehen. Das ist es, sagte sie, was diesen Mann betrifft; ich könnte mich schämen, über einen Narren so viel Worte zu machen, wenn ich es nicht müßte, um durch dieses lächerliche Vorspiel zu einer Tragödie zu kommen, deren beklagenswerthe Personen Du und ich sind, nur daß ich noch vorher von einer dritten Person sprechen muß. Der Fürst saß da, ohne sich zu regen. Die kühne Sicherheit, mit der Hedwig auf das Ziel losging, um welches er selbst so scheu herumgeschlichen war und das er jetzt in unerreichbare Ferne gerückt wünschte, raubte ihm den Athem. Von einer dritten Person, sagte Hedwig. Du weißt, daß ich Graf Heinrich meine; auch von ihm habe ich eine Geschichte zu erzählen, die freilich wesentlich anders lautet, als diese erste; eine Geschichte, die auch gar nicht lächerlich ist, denn sie hat mich sehr viel Thränen gekostet, und die Dir nicht früher erzählt zu haben eben jenes Unglück ist, dessen ich mich vorhin gegen Dich schuldig bekannte. Halt ein! rief der Fürst. Ich will, ich kann nichts weiter hören. Du mußt, sagte Hedwig, ich kann Dir diese Qual nicht ersparen, die im Grunde doch nur eine Wohlthat ist. Die Wahrheit ist allewege eine Wohlthat. Ich habe Dir damals gesagt, daß mein Herz todtkrank war von einer unglücklichen Liebe; ich habe Dir nicht gesagt, wer der Mann gewesen, der mich so grenzenlos unglücklich gemacht. Ich mußte annehmen, daß Du, der Du mich nicht fragtest, ebenso dachtest wie ich und es Dir genügte, zu wissen, daß ich unglücklich war; daß ich bei Dir eine Zuflucht suchte aus einer Welt, die mir wie ein offenes Grab erschien; daß ich, was noch von freundlicher Gesinnung, von dem Bedürfniß, wohlzuthun, von der Leidenschaft, zu helfen, zu trösten, in mir lebte, Dir widmen wolle, dem zartsinnigen Freunde; Dir und den vielen Deinen, die zu dem gütigsten Herrn, als zu ihrem Schutz und Schirm auf Erden, gläubig aufblickten; und daß ich hoffte, in dieser schönen herrlichen Aufgabe die Ruhe meines Herzens, den Frieden meiner Seele wiederzufinden. Und ich schwur Dir in jener feierlichen Stunde, daß ich Dich nun und immerdar lieben wolle mit einer Tochter reiner Liebe. Ich habe Dir viel zu danken für die überschwängliche Güte, mit der Du Deine Tochter überhäuft, für all das Schöne, Herrliche, mit dem Du sie beschenkt hast, und von dem ihr nichts schöner und herrlicher däuchte als das Vertrauen, das Du ihr entgegenbrachtest, als Du sie nach und nach an Deinen Arbeiten Theil nehmen ließest, in Deine Sorgen einweihtest – Du allezeit für das Wohl der Deinen zärtlich Besorgter! Und wenn ich mich nun in dieser Stellung, die mich himmelhoch hinweghob über das Elend meiner Jugend, die mir von Tausenden und aber Tausenden wohl mit Recht beneidet werden mußte, von Anfang an und im Anfang am wenigsten glücklich fühlte, wenn ich Dir keine gute Tochter war – Undankbarkeit war es nicht, wahrhaftig nicht. Ich bin Dir stets von Herzen dankbar gewesen, so weit mein Herz für Dankbarkeit empfänglich ist, und werde Dir ewig dankbar sein. Auch der Schmerz der Wunde war es nicht, an der mein Herz noch blutete – ich hatte mir geschworen, daß diese Wunde heilen müsse, und ich wußte, daß sie heilen werde – nein, dies Alles war es nicht; es war die Ungenügsamkeit meines Herzens, die Ueberschwänglichkeit meiner Phantasie, der ungebändigte Thatendrang meiner Seele, der immerdar in's Grenzenlose schweifte. Ich habe Dir viel Kummer damit bereitet, mein armer Freund. Dich verlangte nach Ruhe, ich brachte Dir die Unruhe; Du sehntest Dich nach der Muße, die dem Denker, dem Gelehrten, dem Kunstfreunde Bedürfniß ist – ich regte Dich zu dieser, zu jener praktischen Unternehmung an und machte Dir einen Vorwurf, wenn so Manches nicht gedieh, das vielleicht nicht gedeihen konnte. Halt ein! rief der Fürst. Ich kann es nicht hören, daß Du Dich selbst so lästerst. Die Unglücklichen, deren Thränen Du getrocknet, die Kranken, denen Du die heiße Stirn gekühlt, die Armen, in deren Hütten Du Brod und Arbeit gebracht – sie zeugen gegen Dich. Sie zeugen nur dafür, erwiederte Hedwig, daß der Einzelne überall nicht viel vermag im Guten wie im Bösen. Und diese Einsicht, zu der ich denn doch bald gelangte, hat die Ruhelosigkeit, mit der ich mich und Dich plagte, wohl gemindert, aber die Qual des Unbefriedigtseins, unter der ich litt und Dich mitleiden machte, nur vergrößert. Aufgewachsen, wie ich war, in der sklavischen Abhängigkeit von einer verarmten adeligen Familie, die mir mit ihrem Stolz, der so übermüthig sein kann, ihren großen Ansprüchen, die sich so trefflich mit engster Engherzigkeit vertragen, ihrer Vornehmthuerei, die so emsig nach Pfennigen rechnet, der wahre Typ des preußischen Junkerthums schien, hatte ich den Haß, den ich gegen diese Familie und ihre Untugenden eingesogen, auf das ganze Preußen übertragen, und fand es im Anfang herrlich, daß hier alle Welt, Deinem Beispiel folgend, nicht anders über Preußen und preußisches Wesen dachte; ja, die seltsame Uebereinstimmung der Empfindungen des Mädchens aus dem Volk und des hochgeborenen Fürsten in diesem Punkte war es vielleicht vor Allem gewesen, was mich so sehr zu Dir und, ich glaube, auch Dich zu mir zog. Nun aber, je länger ich unsere Verhältnisse hier studirte, um so deutlicher wurden mir die Widersprüche, die sich aus unserer Lage ergaben: die Unzulänglichkeit der Mittel, mit denen wir so Großes zu leisten gedachten, die Unmöglichkeit in einer Zeit, wo Alles in's Ganze und Große strebt, Volkswirthschaft und Politik auf eigene Hand treiben zu wollen. Diese Einsicht, sage ich, war ebenfalls die Quelle von Bitternissen für uns Beide, eine Quelle, die deshalb nicht weniger reichlich floß, weil wir sie scheinbar unbeachtet unter unseren Füßen hinsickern ließen. Und um diese Zeit war es auch, wo ich anfing, anders über ihn zu denken, der mich so grausam betrogen. Vielleicht war diese Grausamkeit nicht so groß, vielleicht war dieser Betrug nicht so unverzeihlich gewesen, vielleicht hatte er den Verhältnissen, von denen ich bis dahin so klein gedacht und deren fürchterliche Kraft ich jetzt zu ahnen begann, nur einfach Rechnung getragen; vielleicht hatte er von seinem Standpunkt: dem Standpunkt des armen, adeligen, ehrgeizigen Officiers nicht anders handeln können; hatte er eine Jugendleidenschaft opfern müssen, die ihn in den Augen der Welt lächerlich, in der Armee unmöglich machte, ihn in der Gesellschaft, bei Hofe unrettbar compromittirte; hatte er eine Verbindung eingehen müssen, die in jeder äußeren Beziehung schicklich war und die man überdies allseitig von ihm erwartete. Ich sagte, ich fing an, anders über ihn zu denken; ich hätte sagen sollen: ich fing an, über ihn zu denken, das heißt, ich hörte auf, ihn zu hassen, wie ich ihn bis dahin gehaßt hatte, mit der ganzen Energie meines leidenschaftlichen jungen Herzens; ich suchte ihn zu verstehen, seine Handlungsweise zu begreifen. Das Resultat dieses Nachdenkens war kein glänzendes für ihn, aber aus dem Haß wurde doch auch keine Verachtung; man kann nicht leicht Jemand verachten, dem man, wie man auch sonst über ihn denkt, einräumen muß, daß er weiß, was er will, und daß er die Kraft hat, seinem Willen Geltung zu verschaffen. Ich konnte es gerade jetzt um so weniger, als ich vor meinen Augen das Bild eines Mannes hatte, der, wahrhaft überreich ausgestattet mit allen Gaben des Geistes und Gemüths, ja auch der körperlichen Anmuth und Schönheit, nur dieser einzigen Gabe des festen energischen Willens zu entbehren schien und dadurch in meinen Augen sich um den besten Theil seines Werthes brachte. Du weißt, daß ich von Doctor Horst sprechen will. Es wäre ganz müßig, noch in diesem Augenblicke darüber zu grübeln, ob ich ihn hätte lieben können, wäre er mir begegnet zu einer Zeit, wo mein Herz noch nicht sein bestes Blut in einer großen unglücklichen Leidenschaft verströmt hatte. Es kann sein; glaubte ich doch selbst jetzt noch mehr als einmal ihn zu lieben, aber ich zweifelte stets, daß es ein Glück für ihn und mich gewesen wäre. Seine Weichheit würde meine Härte zu unleidlicher Starrheit getrieben, seine Unschlüssigkeit meinen freien Muth zu unweiblicher Waghalsigkeit gereizt haben. Wenn ich in dem Grafen den Typ des ehrgeizigen, wie Stahl biegsamen und zugleich spröden preußischen Junkerthums zu erkennen glaubte, so sah ich in Horst das Bild des deutschen Bürgerthums mit seiner Ueberfülle von Geist und Wissen, von Talenten aller Art, von Fleiß, Ehrbarkeit – köstlichen Eigenschaften, denen doch der rechte Lohn nicht wird und werden kann, da der angeborene und anerzogene Sinn des opferfrohen Duldens, des resignirten Tragens, des zuwartenden Gewährenlassens wohl den Acker bestellen und die Saat sähen, aber nicht die Ernte mit kräftiger Sichel schneiden und in die eigenen Scheuern bringen kann; ein Bild, das anzieht und rührt, aber auch eben so oft abstößt und unseren Zorn erregt. Ueber diese gemischten Empfindungen bin ich Horst gegenüber früher nicht hinausgekommen, und heute, wo er uns nun wirklich verlassen, zürne ich ihm wieder, und möchte auch wieder weinen, wenn ich denke, was ihn der abschiedlose Abschied gekostet haben muß, was er mich noch kosten wird. Ich ermüde Dich, mein Freund, mit meinen Bekenntnissen und darf sie Dir doch nicht ersparen, wollen wir in einer Stunde nachholen, was wir jahrelang versäumt haben. Und wie könnte das, was jetzt geschehen ist, klar werden, wenn wir nicht endlich einmal zusammenrechneten, was geschah; wie könnten wir vor Allem uns darüber einigen, was nun geschehen muß! Was aber geschehen ist, kann ich mit wenigen Worten sagen. Als Du mit einer Hartnäckigkeit, die mir lange unbegreiflich war, auf diesen Besuch bestandest, wäre es vielleicht meine Pflicht gewesen, den Schleier zu heben, der für Dich einen so wichtigen Theil meiner Vergangenheit bedeckte; aber diese Vergangenheit schien mir ein Grab, welches sich von selbst nicht wieder öffnen konnte, und daß ich selbst es nicht wieder öffnen würde, dessen war ich gewiß; von ihm aber – von Graf Heinrich – glaubte ich diesen Widerwillen gegen Erinnerungen, die doch auch für ihn nicht erfreulich sein konnten, voraussetzen zu dürfen. In diesem letzten Punkte hatte ich mich geirrt. Ich will nicht entscheiden, ob, was ihn zu mir zog, der Wunsch war, wieder gut zu machen, was nicht wieder gut zu machen ist, oder ob er nur dem Antrieb seiner Natur folgte, die ihn, wie das Raubthier, immerdar nach Beute jagen läßt, und wäre es nur, um zu jagen; vielleicht war es Beides, ich weiß es nicht; desto besser weiß ich, wie es um mich selbst stand, und davon muß ich jetzt reden. Vielleicht kann einer Frau nichts Härteres zugemuthet werden, als den Mann, der sie verlassen, der sie auf Jahre hinaus unglücklich gemacht hat, an der Seite Derjenigen wiederzusehen, welcher sie geopfert wurde, mit welcher er sich für das Leben verbunden hat. Für die Verlassene liegt in dem bloßen Anblick der Bevorzugten ein schneidendes Urtheil, das auch ein demüthiger Sinn selten gerecht finden wird, und eine höhnende Herausforderung, die nicht zu beantworten einer leidenschaftlichen Natur fast unmöglich ist. In meinem Falle war, was mir zugemuthet wurde, doppelt hart. Ich kannte Stephanie so gut, wie überhaupt, glaube ich, ein Mensch einen andern kennen kann; war ich doch von frühester Jugend auf mit ihr zusammen gewesen, hatte so unsäglich viel durch sie gelitten! Und dieses Wesen, bei dem jede anmuthige und zierliche Gabe der Natur durch eine frivole Eitelkeit getrübt ist – sie war seine Gefährtin, die Gefährtin eines Mannes, von dem ich jetzt weit stärker als damals den Eindruck einer Kraft empfing, die, wenn ihr nur das rechte Feld der Bethätigung geboten wurde, das Bedeutendste leisten mußte, eines Mannes, der an der Seite einer hochsinnigen Frau, die der Leidenschaftliche leidenschaftlich lieben durfte, sein stolzes Wort: Allzeit voran! zur Wahrheit gemacht hätte, nicht, wie jetzt, in dem engen und selbstischen Sinn seiner Parteigenossen, sondern in dem großen und edlen Sinn des Patrioten, der über seine Partei hinaus ein Vaterland hat. Und wenn Du mich nun fragst, jetzt noch fragst, was Deine düsteren Blicke mich alle diese Tage gefragt haben, ob die alte Leidenschaft von neuem in mir erwachte, ob ich den Grafen liebe, nicht wie ich ihn damals liebte, aber dennoch liebe – ich hätte Alles, was ich gesagt, vergeblich gesagt. Aber Du wirst es nicht fragen; Du wirst Dir selber sagen, daß, wer, wie ich, so ruhig, leidenschaftslos über seine Empfindungen sprechen kann, nicht die widerstandslose Beute dieser Empfindungen ist, und Du kennst mich hinreichend, um zu wissen, daß von allem Unerträglichen der Zwang, den man auf mich auszuüben sucht, das Unerträglichste ist. Nein, mein Freund, ich liebe den Grafen nicht. Sein Weg und mein Weg haben sich hier und jetzt zum letztenmale gekreuzt, um für alle Zukunft weit und weiter auseinander zu gehen. Daß sich aber unsere Wege hier kreuzen mußten – Du wirst mir zugeben: dies und Alles, was daraus gefolgt ist und folgen wird – es ist in keinem Sinne meine Schuld. Ich habe den Grafen nicht hieher eingeladen, ich habe ihm nicht den Marquis zur Gesellschaft gegeben, habe dem Zufall nicht gebieten können, der ganz offenbar gestern den Grafen zum Zeugen – und welch' einem Zeugen! – der Scene auf dem Thurme machte und ihm den Vorwand gab, den Vorwand zu dieser Comödie, für deren Heldin ich ihm gerade gut genug war! ich! Nein, wende Dich nicht ab von mir und decke die Hand nicht über die Augen. Wir können uns nicht immer verblenden, wir sehen ja doch, wie es mit uns, um uns steht. Ich sehe es wenigstens so deutlich, wie die Lichter und Schatten, die hier zu unseren Füßen durcheinander zittern. Ich kann die Sonne nicht wegleugnen, die droben über uns scheint, ich kann die Wahrheit, die meine Seele erhellt, nicht Lügen strafen. Ich bin Dir nicht, was Du wünschest, daß ich Dir sei, was Du glaubst, daß ich Dir sein könne, und so ist selbst die Freude an dem, was ich Dir wirklich bin, auf ein Geringstes beschränkt, und was übrig bleibt, ist eitel Qual, in welcher Du Dein schönes Selbst zerrüttest und die Dich, wird sie nicht von Dir genommen, nothwendig ganz zerstören muß. Denn anders ist es nicht. Deine jetzige unselige Lage ist nur eine Folge der unseligen Stimmung, welche unser segenloser Bund nach und nach in Dir bis zum Uebermaß genährt hat. Von dieser Stimmung hast Du Dich leiten lassen, als Du diese Menschen, die Du jahrelang gemieden, hieher beschiedest; ihr bist Du gefolgt, als Du Dir ein Interesse an der Tagespolitik aufzwangst, die Dir früher so fern gelegen hat; als Du Dich in einen Haß gegen Preußen hineinwühltest, der alle Grenzen überspringt, in eine Liebe zum Erbfeinde, vor der das Vaterlandsgefühl erröthet; als Du das Gebot der Klugheit ebenso wie das Gesetz des Patriotismus so weit vergessen konntest, um Dich, Deine hohe Stellung in der Welt, Deine reine Ehre einem Charlatan wie diesem Marquis anzuvertrauen, und die leise Mahnung Deines Gewissens ebenso mißachtetest, wie den muthigen Vorwurf des Freundes, und nun erleben und dulden mußt, daß der Mann, den du haßt, jetzt vor Dich hintreten und auch nur mit einem Anschein von Wahrheit sagen darf: ich habe Dich aus einer so großen Gefahr befreit. Aber Dich wahrhaft freimachen, das kann jener Mann nicht, das kann einzig und allein ich. Ich kann es und will es. Ich kann und will Dich von dem Alp erlösen, der auf Deinem schönen Leben lastet, Dich von der Kette befreien, die Deine edlen Glieder blutig drückt; ich will und kann und muß Dich von mir selbst befreien und erlösen. Das war es, sagte der Fürst mit dumpfer Stimme. Das war es und das ist's, erwiederte Hedwig, und anders kann es nicht sein. Unser Verhältniß war vielleicht von vornherein eine Unmöglichkeit, jedenfalls ist es das jetzt. Der trügerische Schatz, den wir heben wollten, muß in dem Augenblicke versinken, wo das erste Wort gesprochen wird. Ich habe es gesprochen – und er ist versunken. Und wäre er es bis zum Mittelpunkt der Erde, rief der Fürst aufspringend, er muß, er soll wieder an das Licht! Hedwig, bei Allem, was Dir heilig ist, beschwöre ich Dich, wende Dich nicht von mir, zieh' Deine Hand nicht von mir; Du giebst mich nicht dem Leben wieder, wie Du sagst, Du nimmst mir das Leben, Du giebst mich dem Tode! Die Lüge ist der Tod, nicht die Wahrheit, erwiederte Hedwig; die Lüge hat uns krank, todtkrank gemacht, in der Wahrheit werden wir wieder gesunden. So sei es Wahrheit, rief der Fürst, vor uns, vor den Menschen, vor Gott, was bis dahin Lüge war. Ja Hedwig, es war Lüge, was ich Dir damals schwur, denn ich liebte Dich, sobald ich Dich erblickte, wie nur je ein Weib geliebt ist. Aber, Hedwig, jene erste Lüge ist auch die letzte gewesen, denn alles Andere ist nur eine Folge dieser ersten und letzten. Und wäre sie wirklich so ganz unverzeihlich? Bedenke, Hedwig, wie das Alles über mich kam, den wilden Wassern gleich, die ein Gewitter von den Bergen sendet, urplötzlich, urgewaltig, unwiderstehlich! Wie hätte ich da Zeit gehabt, Alles zu bedenken, an etwas Anderes zu denken, als wie ich Dich mir gewinnen könnte; etwas Anderes zu fürchten, als daß ich Dich ganz verlieren würde? Ich hörte aus Deinem Munde, daß Dein Herz an einer unglücklichen Liebe verblutete, daß Du der Verzweiflung nahe warst. Sollte ich der Unglücklichen, verzweifelten von Liebe sprechen? Und doch, Hedwig, hätte ich es gethan, – Du sagtest ja selbst damals, es sind nicht die Jahre, die uns trennen – wer weiß, ob all dies Leid uns nicht wäre erspart worden! Denn nun freilich mußte jener ersten Lüge die zweite und die tausendste folgen; nun freilich mußte unser ganzes Leben eine Lüge sein. Und alles Andere ist so Folge jenes Ersten, daß es eben, wie jenes Erste, immer nur gethan wurde in der Hoffnung, Dich zu gewinnen, in der Furcht, Dich zu verlieren. Prüfe mein ganzes Leben seit jener Zeit, jede meiner Handlungen, jedes meiner Worte, ob Du es anders findest. Du hattest mir nicht gesagt und ich hatte Dich nicht gefragt, wer der Mann war, den Du liebtest; ich hatte keine Ahnung davon, es könne der Graf sein; aber ich wußte, daß Du diese Familie, die Dir Dein junges Leben zur Qual gemacht, haßtest, verabscheutest, verachtetest; ich dachte nicht anders, als daß Jener in diesem Haß einbegriffen sei, und ich, der ich jene Menschen wahrlich nie geliebt hatte, haßte sie doch erst eigentlich von diesem Augenblicke. Dein Haß war mein Haß! Du weißt, wie Preußen an den Fürsten von Roda früher und später gehandelt hat, Du weißt, wie ich als meines Vaters Sohn gegen Preußen gesinnt sein mußte. Aber was ich je von heimlichem Groll gegen Preußen empfunden – es war eine milde Regung im Vergleich zu dem Zorn, der mich jetzt erfaßte, seitdem ich Dich auf meiner Seite sah, und sah, wie Dein dunkles Auge Flammen sprühte, und hörte, wie Dein beredter Mund in zornige Anklagen sich ergoß, sobald wir auf Preußen zu sprechen kamen. Dein Haß war mein Haß! Und wie in diesen Fällen, so war es immer und überall. Meine Seele war unter Deinem Einfluß wie das Instrument unter des Künstlers Hand, wie die Erde unter dem Himmel, die jeden Sonnenstrahl freudig empfängt, und auf die jede Wolke ihre dunklen Schatten wirft. Ach, Hedwig, es fiel so mancher dunkle Schatten auf Deine arme Erde und die geliebte Sonne verhüllte sich mehr und mehr. Hedwig, was ich darunter gelitten habe – ich will, ich kann es Dir nicht sagen. Es würde wie eine Anklage klingen und soll doch keine sein; es würde wie ein Verzweiflungsschrei klingen, Dein Mitleid zu erwecken, und das will ich nicht; arm, wie ich bin, grenzenlos arm und verlassen ohne Deine Liebe – von Deinem Mitleid könnte und wollte ich nicht leben. Das habe ich mir unzähligemale gesagt, und wenn ich so in der tiefsten Nacht der Verzweiflung umherirrte, dann reichte ein Lächeln Deines Auges, ein gütiges Wort aus Deinem Munde hin, mich wieder hoffen zu machen, es könne noch Alles gut werden, wie – so sagte ich mir in jenen hoffnungsfrohen Augenblicken – doch schon so Manches gut war. Ja, Hedwig, jene erste Lüge mußte doch wohl keine sein, die vor den Augen des Allwissenden nun und nimmer Gnade findet; wie hätte sie sonst Gnade finden können vor den Menschen, wie hätte aus unserem Bund, wäre er eine ganz segenlose, unheilige Lüge gewesen, für so viel Menschen Heil und Segen entspringen können? Hedwig, es steht geschrieben: an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! Du hast sie bisher mißachtet, diese Früchte – unsere Armen und Elenden wissen es besser. Wie oft, Hedwig, habe ich sie sagen hören: Gottes Segen über sie, die uns Licht und Leben ist, die uns dem Leben wiedergegeben hat! Hedwig, die Stimme dieser Armen wird Deine Stimme übertönen vor dem Ohr des Richters da droben, und hier auf Erden wirst Du diese Stimme hören, wohin Du Dich wendest und sie wird Dir sagen: Du durftest ihn nicht verlassen, denn Du durftest uns nicht verlassen! Und, Hedwig, so sprach es auch immerdar in mir: es kann ja nicht sein, sie kann dich nicht verlassen, denn sie kann diese hier nicht verlassen. Aber würdest Du sie nicht verlassen müssen in der Stunde, da ich die Augen schloß? Die Stunde konnte fern, sie konnte nahe sein: einmal mußte sie kommen. Aber, ob früher oder später, sie raubte den Armen ihren Trost, ihre Zuflucht, vernichtete die schöne Saat, die Du gesäet, wie ein eisiger Hauch des Nachwinters die Keime des Frühlings. Eine grenzenlose Angst ergriff mich, Hedwig, wenn ich das dachte – nicht für mich, ich schwöre es Dir bei meiner Ehre, nur für Dich, die Du dann erst wissen würdest, was Du werth warst. Du wußtest es nicht; Du mußtest es lernen, ehe es zu spät. Ich sah nur ein Mittel: wenn Du die mit leiblichen Augen sehen würdest, die nach mir, nach Dir hier schalten und walten sollten und Dir sagen mußtest: dieser hochmüthige Mann, der kein Herz hat für das Wohl und Weh seiner Mitmenschen, der nie darüber nachgedacht hat, wie dieses Wohl zu vermehren, dieses Weh zu vermindern ist, ja, der sie kaum für seine Mitmenschen und ganz gewiß nicht für Seinesgleichen hält; der den jungen Burschen, welcher den Pflug durch die Scholle drängt, nur daraufhin ansieht, ob er ein brauchbarer Soldat sein wird oder nicht, der an der jungen Dirne, welche mit der schweren Last auf dem Haupte bergan schreitet, nicht die Kraft und den emsigen Fleiß, sondern nur die üppigen Formen bewundert: – er, er soll hier Herr sein! Diese eitle Stephanie, die nie den Fuß in eines Armen Hütte gesetzt hat, die nie an einem Krankenbette gewacht, die nie ein gebrochenes Auge zugedrückt hat, die Armuth, Krankheit, Tod für eine Beleidigung ihrer aristokratischen Nerven hält, die den Schweiß von hundert Arbeitstagen für den ersten besten frivolen Einfall, für das erste beste, eitle Gelüst gedankenlos hingeben würde: – sie, sie soll hier Herrin sein! Und die Kinder dieser Menschen sollen wieder Herren sein nach ihnen und so soll dies verruchte Geschlecht Herr bleiben immerdar! Hedwig, ich meinte, ein Schauder müßte Dich ergreifen vor diesem Bilde, wenn Du es sähest in seiner ganzen nackten Häßlichkeit; und wenn dieser Schauder Dich ganz ergriffen, dann wollte ich vor Dich hintreten, wollte mich Dir zu Füßen werfen, wie ich jetzt zu Deinen Füßen liege, und zu Dir sprechen: Hedwig, laß uns der Lügenschlange kühn den Kopf zertreten, laß uns der Wahrheit die Ehre geben, sei Du meine Herrin, meine Fürstin, sei Du mein Weib vor Gott und vor den Menschen! Um Gotteswillen, steh auf! schrie Hedwig, indem sie selbst von der Bank, auf welcher sie gesessen, sich rasch erhob und den Knieenden mit sich emporzog. Sie standen sich Beide gegenüber, Beide zitternd, sprachlos. Endlich sagte Hedwig mit tonloser Stimme: Erich von Roda hat mir geschworen bei seiner fürstlichen Ehre, daß er mich nie zum Weib begehren wolle. Ich habe ihm ersparen wollen, daß er sein Wort brach, indem ich ihm das seine zurückgab und alle Schuld auf mich nahm. Es ist vergeblich gewesen. Sie that ein paar rasche Schritte, dann wandte sie sich wieder um und, langsam zu dem Fürsten, der regungslos auf derselben Stelle stand, zurückkehrend und seine Hand ergreifend, sagte sie: Erich, mein Freund, laß uns nicht so von einander gehen, nicht so; in dieser furchtbaren Aufregung, in diesem Sturm durcheinander wühlender Gedanken und Empfindungen, mit Groll im Herzen und trüben lieblosen Worten auf den Lippen. Laß uns unser Haupt beugen vor dem Schicksal; es muß ja schließlich Jeder, der Hohe, wie der Niedriggeborene; aber wie wir es thun, das steht bei uns und entscheidet über unseren Werth. Laß uns einander werth sein und bleiben. Der Fürst starrte sie mit wirren Blicken an. Wie schön dies Alles klingt! sagte er; wie Musik der Engel, und ist doch Alles Lug und Trug. Erich! Ja, Lug und Trug! rief der Fürst. Wer ist denn hier von uns Beiden, der der Wahrheit die Ehre giebt, ich oder Du! Ich habe Dir mein ganzes Herz enthüllt, warum sagst Du nicht, wie Dir's um's Herz ist? Warum nicht, daß Du glücklich bist, nun endlich den Vorwand zu haben, nach welchem Du so lange gesucht! Erich! Ja, presse nur die Hände auf Dein Herz! Du wirst es fürder doch nicht vor mir verbergen können. Ich kenne es jetzt, sein rührendes Geheimniß! Erich! Dies das Ende! Dies! Hören zu müssen, daß der Mann, der mir Licht und Luft raubt, der mich Schritt vor Schritt aus dem Leben drängt, mein schlimmster Feind, den ich hasse, wie ich noch Niemanden und nichts auf Erden gehaßt habe, derselbe ist, an den sie ihr Herz gehängt, damals, jetzt und immer – ihr Held, ihr Ritter, ihr Gott! Und das wagt sie mir zu sagen, mir in's Angesicht! Unerhört, schamlos, entsetzlich! Zu viel, murmelte Hedwig, zu viel! Und dann, sich zusammenraffend, sagte sie mit einer Stimme, in welcher durch ihren Unwillen die Rührung hindurchklang: Ich wollte so nicht scheiden. Ja, scheiden, rief der Fürst: es ist Dein letztes Wort, wie es Dein erster Gedanke war. So sei es denn mein letztes, sagte Hedwig. Hedwig! schrie der Fürst, und noch einmal in angstvollem und fast kreischendem Ton: Hedwig! Und als sie, wider ihren Willen fast, ihren Kopf wendete, sah sie ihn, wie er, mit der rechten Hand den obersten Stab des Gitters fassend, den einen Fuß auf die Bank gesetzt, den Oberkörper vornübergebeugt, einem Rasenden gleich da stand. Wenn Du so von mir gehst, Hedwig, bei Gott, dem Allmächtigen, im nächsten Augenblicke liege ich zerschmettert dort unten! Hedwig wußte, daß nicht das niedere Gitter, daß nur das Wort, das er von ihr erwartete, ihn von dem Abgrund trennte. Auf diese Weise sie zu zwingen, Ja zu sagen, wo Alles in ihr Nein sprach – es war unedel, es dünkte ihr verächtlich, und mit düsteren Augen und grollender Stimme fragte sie: Was verlangst Du von mir? Aufschub, keuchte der Fürst, für wenige Tage, für wenige Stunden, gleichviel; ich kann Dich nicht so verlieren, ich kann es nicht. Auch wenn Du hältst, was sich nicht halten lassen will? Es waren dieselben Worte fast, aus ihrem Munde, die er vor wenigen Minuten aus dem Munde des alten treuen Freundes gehört. Wäre er ihm gefolgt! Hätte er entsagt, als es Zeit war, entsagt, bevor er seine fürstliche Ehre auf eines Messers Schneide stellte, wo ihm nur die Wahl blieb zwischen dem Tod und dem Wortbruch. Das zuckte blitzschnell durch sein Gehirn; er konnte den Ausweg nicht finden aus dem Labyrinth, in das er sich verirrt. Da kam der Diener, den Hedwig vorhin nach dem Fürsten ausgeschickt, zurück, um zu sagen, daß Durchlaucht die Oberförsterei verlassen habe und nirgends zu finden sei. Der Diener war ein alter umständlicher Mann, der seine Botschaft ausrichten zu müssen glaubte, trotzdem die Gegenwart dessen, den er gesucht, dieselbe unnöthig machte; und dann ließ Herr von Zeisel noch gehorsamst vermelden, daß er in Abwesenheit von Durchlaucht und der gnädigen Frau selbst nach der Station zu fahren gedenke, um Ezcellenz die Frau Generalin abzuholen, wenn Durchlaucht nicht anders – Es ist gut, sagte der Fürst. Und dann sei hier ein Brief, den vor einer halben Stunde der Herr Graf durch einen expressen Boten auf das Schloß gesendet und den der Herr von Zeisel geglaubt habe, gleich weiter befördern zu müssen, weil vielleicht eine Antwort nothwendig sei. Du kannst dort im Saale warten, sagte der Fürst. Der alte Mann verbeugte sich und zog sich in den Saal zurück, wo er sich so aufstellte, daß ihn ein Wink des Herrn sofort herbeirufen konnte. Mit Deiner Erlaubniß, sagte der Fürst. Er öffnete den Brief des Grafen und reichte das Blatt, nachdem er es gelesen, an Hedwig. Ich bitte Dich, sagte er, der Inhalt betrifft Dich so gut wie mich. Hedwig nahm den Brief und las:   »Durchlaucht! Der Herr Marquis de Florville hat die Unvorsichtigkeit gehabt, die gnädige Frau, Ihre Gemahlin, zum Gegenstand seiner Galanterien zu machen. Ich habe den Herrn Marquis deshalb zur Rechenschaft ziehen zu müssen geglaubt, die wohl in diesem Falle keine andere als eine blutige sein konnte. Das Duell hat soeben – neun Uhr Morgens – in unmittelbarer Nähe der Station Kirchenrode in Gegenwart der Herren von Neuhof und du Rosel als Secundanten und des Herrn Doctor Bertram aus Kirchenrode als ärztlichen Beistandes stattgefunden. Ich habe um Eurer Durchlaucht willen den Gast Eurer Durchlaucht schonen zu müssen geglaubt. Der Herr Marquis liegt in dem Bahnhofshotel an einer Verwundung in der rechten Schulter darnieder, die ihn allerdings für den Augenblick kampfunfähig macht und ihm vielleicht für das Leben eine schmerzliche Erinnerung an ein paar leichtsinnige Stunden zurückläßt, ihn aber nach dem Ausspruch des Arztes nicht verhindern wird, spätestens morgen in kleinen Abtheilungen seine Reise fortzusetzen. Durchlaucht, ich weiß, daß dieser Vorfall, den ich nicht provocirt, dem ich im Gegentheil in jeder Beziehung die bestmögliche Wendung zu geben gesucht habe, Eurer Durchlaucht nichtsdestoweniger sehr schmerzlich sein wird. Ich würde deshalb durch meine Gegenwart die Erinnerung an das Geschehene in Durchlaucht nicht wieder wachrufen und die Gastfreundschaft Eurer Durchlaucht länger in Anspruch nehmen, wenn dies auf irgend eine Weise thunlich wäre. Dies ist aber nicht der Fall. Wollte ich mich jetzt von Eurer Durchlaucht beurlauben, so würde man ohne Frage darin einen Beweis erblicken, daß Durchlaucht mit dem Ausgang des Duells unzufrieden, oder mir doch in Folge desselben weniger gnädig gesinnt sei, und ich brauche nicht zu sagen, wie peinlich mir eine solche Auslegung sein würde. Ueberdies wird die Neugier des Publicums, der sich in solchen Fällen nichts unterschlagen läßt, bald herausgefunden haben, daß die Ursache des Streites eine Dame war, welche Durchlaucht so nahe steht, und meine plötzliche Abreise würde eine Auslegung hervorrufen, mit deren Detaillirung ich Durchlaucht billig verschone. Ich erlaube mir also anzunehmen, daß es mit Durchlauchts speciellen Wünschen übereinstimmt, wenn ich nicht vor Beendigung meines Urlaubs, also nicht vor dem sechszehnten abreise, nachdem ich Durchlaucht zu seinem Geburtstage meine ehrfurchtsvolle Huldigung dargebracht. Ich hatte, wie Durchlaucht wissen, nicht die Absicht, die Frau Generalin von der Station abzuholen. Da mich diese Angelegenheit aber einmal bis hieher geführt hat, werde ich die Ankunft derselben umsomehr erwarten, als sie die geeignetste Person sein dürfte, meiner Frau Nachricht von diesen Ereignissen zu geben. Ich selbst werde die Frau Generalin nicht bis Roda begleiten, da ich den Zustand des Marquis, so wenig beunruhigend derselbe auch ist, für diesen Tag noch zu überwachen wünsche. Ich werde also die Nacht entweder hier oder bei dem Baron Neuhof zubringen und mich erst im Laufe des morgenden Tages Eurer Durchlaucht und der gnädigen Frau, der ich meine Empfehlung zu machen bitte, wieder vorstellen. Eurer Durchlaucht gehorsamster Heinrich Roda-Steinburg.«   Er schreibt uns vor, was wir zu thun, ja, was wir zu denken haben, sagte der Fürst bitter, als Hedwig ihm den Brief zurückgab. Hedwig antwortete nicht. Die Worte des Fürsten waren nur eine Üebersetzung ihrer eigenen Gedanken von heute Morgen: er ist der Herr, weil er sich die Situation schafft, wie er sie braucht. Sie waren sich in demselben Gedanken begegnet und sie hingen diesem Gedanken schweigend nach, während zu ihren Füßen die Schatten mit den Lichtern spielten und zu ihren Häuptern in dem dichten Gezweig der Platane die Vögel zwitscherten. Hedwig! sagte der Fürst. Er trat an sie heran, aber ohne sie zu berühren. Hedwig, vergieb mir meine Heftigkeit, ich war außer mir. Laß mich meine häßliche Drohung jetzt als freundliche Bitte wiederholen: fasse keine allzuraschen Entschlüsse! Unsere Interessen sind trotz alledem dieselben, in diesem einen Punkte wenigstens. Es muß Dir um Deiner weiblichen Würde willen so viel daran gelegen sein, wie mir um meiner Mannesehre willen, daß die Folgen dieses unglückseligen Ereignisses nicht zu hart auf uns zurückfallen. Das würden sie auf Dich und mich, wolltest Du – ich kann nicht aussprechen, was ich nicht auszudenken wage. Der Graf hat den Marquis gezwungen, von hier zu gehen, und mich, indem er Dich in diese Sache verwickelte, gezwungen, ihm vor der Welt Recht zu geben. In diesen beiden Punkten hat er sein Spiel gewonnen. Das Andere aber und das Teuflische ist, daß er zwischen uns diese unselige Stunde heraufgeführt hat, die uns auf immer von einander scheiden, oder – Hedwig, ich will es nicht wiederholen, ich will nichts, als Dich bitten, Dich anflehen, ruhig zu überdenken, ob er auch hier Recht behalten, oder ob er sein Spiel in einer Weise verlieren soll, von der er sich in seinem Hochmuth doch wohl nichts träumen läßt. Ja, ich fühle in jedem Nerv: das ist die Entscheidung, die ich heraufrufen wollte, als ich diese Menschen hieher entbot. Sie ist anders gekommen, als ich dachte, schärfer, schneidender – tödtlich schneidend. Vielleicht ist es besser so; ich will zu dem Allmächtigen flehen, daß er es zum Besseren wende. Laß ihm Zeit; auch er braucht Zeit, der Menschen trotzige Herzen zu erweichen. Laß uns Zeit, ein paar Tage nur, bis zu meinem Geburtstag! Es ist ja so wenig, um was ich bitte, im Vergleich zu dem Ungeheuren, das für mich auf dem Spiele steht. Willst Du Hedwig? Hast Du mir eine Wahl gelassen? murmelte Hedwig. Anspannen lassen! rief der Fürst, nach dem Diener gewendet. Beide Wagen, Durchlaucht? sagte der Mann herantretend. Der Fürst blickte Hedwig an. Ich werde mit Durchlaucht fahren, sagte Hedwig. Einundzwanzigstes Kapitel. So lange ich zurückdenken kann, sagte der Nachtwächter Wenzel, als er mit dem Rathsdiener Müller des Abends um zehn Uhr auf dem Rothebühler Marktplatz am Brunnen stand, so lange ich als vereidigter Nachtwächter zurückdenken kann, und das werden nächsten Martini vierzig Jahre, sind die Mädchen um diese Zeit des Jahres noch nicht so spät Wasser holen gekommen. Ja, sagte der Rathsdiener Müller, und ich habe die Eimer, die von Anfang Juli bis Ende August nach der Verordnung von anno sechs vor den Hausthüren mit Wasser gefüllt stehen müssen, noch nie so oft leer gefunden als jetzt. Ein Dutzend habe ich schon in Strafe nehmen müssen und wir schreiben heute den dreizehnten Juli; wenn das so fortgeht, werden wir ja wohl bis zum September die offene Revolution haben. Krieg sollen wir ja so wie so wohl bekommen, sagte der Nachtwächter Wenzel. Ist nicht so schlimm wie Revolution, sagte der Rathsdiener; ich weiß es noch von Achtundvierzig, und werde mein Leben lang daran denken, als sie ja wohl Alle närrisch waren und unserer Durchlaucht und mir das Leben sauer machten. Nun, sagte der Nachtwächter Wenzel, sie sind ja auch jetzt wohl wieder eifrig dabei, aber diese Confession macht er ihnen nicht. Concession, Gevatter Wenzel, sagte der Rathsdiener. Concession oder Confession, sagte der alte Wenzel ärgerlich, das ist Alles eins. Er heirathet sie, wenn er sich's einmal in den Kopf gesetzt hat. Ich kenne die alte Durchlaucht; na, mich geht's nichts an. Herr du meines Lebens, da schlägt's schon ein Viertel, und ich habe noch nicht Zehn abgeblasen. Und der würdige Mann stieß in sein großes Horn, daß man es draußen bis in Herrn Körnicke's Fabrik auf der einen und bei Kanzleiraths auf der anderen Seite hören konnte, und ganz gewiß in der Gaststube der Goldenen Henne, wo die Herren beim Biere saßen, und vor Allem in der Laube der Apotheke zum Schwan, wo die Damen noch immer conferirten. Aber die laute Mahnung fand heute wie die Tage vorher nur taube Ohren, und als der alte Wenzel seine Runde gemacht und nach einer halben Stunde wieder an dem Brunnen anlangte, waren weder in der Goldenen Henne, noch in der Apotheke, noch in einem halben Dutzend anderer Häuser des Marktes die Lichter gelöscht; die Mädchen gingen noch immer ab und zu, Wasser zu holen; und, wahrhaftig, da stand Gevatter Müller in derselben nachdenklichen Stellung, gerade wie vorhin, den einen Arm auf den Brunnenrand gelehnt, und sagte, als Gevatter Wenzel herantrat – gerade als wäre unterdessen kein Wasser aus der Röhre gelaufen: Glaubt Ihr wirklich, Gevatter, daß er uns diese Concession nicht macht? In der Wirthsstube der Goldenen Henne aber, deren Fenster der großen Wärme wegen geöffnet waren, sprach Herr Findelmann, das Resultat einer langen Debatte über die Lage der Welt im Allgemeinen und des Fürstenthums Rothebühl im Besonderen zusammenfassend: Mit einem Worte, ich hätte es an des Königs Stelle nicht gethan; ich hätte dem Napoleon die Concession nicht gemacht. Ich hätte zu dem Prinzen von Hohenzollern gesagt: setz' Dich nur immer auf den Thron, mein Sohn, hätte ich gesagt, und wenn sie Dir was wollen, dann ruf' mich, ich werde es ihnen besorgen. Und wir hätten Krieg mit Frankreich gehabt, rief Herr Körnicke, und vielleicht mit der halben Welt. Auch im Kriege giebt es zu verdienen, sagte Herr Zeller. Der Krieg ist ein Unglück, bei dem schon Mancher sein Glück gemacht hat, sagte Herr Hippe. Der Krieg ist immer ein Unglück, sagte Herr Körnicke, wenigstens jeder Krieg, der etwas Anderes will, als den Feind von den Grenzen fernhalten; und darin muß ich dem Rochefort Recht geben. Das ist auch so ein Rother, sagte Herr Findelmann. Roth oder nicht, sagte Herr Körnicke, recht hat er doch. Wie man den Krieg anfängt, das weiß man zur Noth, aber wie man daraus hervorgeht, das kann kein Mensch wissen. Und darum sag' ich noch einmal: der König hat als ein braver, verständiger Mann gehandelt, wenn er sich nicht gleich auf's hohe Pferd gesetzt, sondern ganz vernünftig mit dem Benedetti gesprochen hat. Und ich denke, die Franzosen werden auch noch Vernunft annehmen. Die und Vernunft, sagte Herr Findelmann; nein, da lobe ich mir unseren Herrn Grafen, der weiß, wie man mit den Kerls sprechen muß; der hat kurzen Proceß gemacht. Ja, wohl, sagte der Wirth; 'raus mit dem Kerl, wenn er nicht gehen will! Ja, das ist ein Herr, der Haare auf den Zähnen hat, sagte Herr Zeller. Der versteht's, der ist wie der Bismarck, sagte Herr Findelmann. Ja, ja, der hält das Haus rein, sagte Herr Zeller. Und der hannöversche Herr Doctor hat sich auch schon aus dem Staube gemacht, sagte der Wirth. Das sind Privatangelegenheiten, die uns nichts angehen, sagte Herr Körnicke, sich verlegen in dem dichten schwarzen Haar krauend. Wohl gehen sie uns was an, sagte Herr Findelmann; es kann uns als Preußen nicht gleich sein, ob unsere Durchlaucht uns französisch oder hannoversch machen will. Oder republikanisch, sagte Herr Zeller ironisch. Was redet Ihr Alle auf mich ein, rief Herr Körnicke; geht hin und sagt's dem alten Herrn, was Ihr gegen ihn auf dem Herzen habt. Das werden wir auch, sagte Herr Findelmann. Am sechszehnten, sagte Herr Zeller, sobald Ihre Frau das schöne Gedicht hergesagt hat. Nun habe ich's aber satt! rief Herr Körnicke, indem er heftig den Stuhl zurückstieß und aufsprang. Wer hat mir denn in den Ohren gelegen, ich könnte mich nicht ausschließen vom Fest und ich müßte die Sache in die Hand nehmen und die Bürgerdeputation führen und das Ständchen arrangiren und all das? Ich habe mich nicht dazu gedrängt und habe es ungern genug gethan und meiner Frau die Erlaubniß gegeben, Euch zu Gefallen und dem Herrn von Zeisel, der ein braver Herr ist, und der alten Durchlaucht, obgleich ich noch kein Wort mit ihm gesprochen habe und er immer auf die andere Seite sieht, wenn er mir begegnet. Er ist ein alter Mann, habe ich mir gesagt, der nicht mehr viel Geburtstage haben wird, und du bleibst deshalb doch, der du bist. Aber wenn Ihr mir so kommt, mögt Ihr sehen, wie Ihr ohne mich fertig werdet. Ja, das werden wir sehen, sagte Herr Findelmann. Wir sind früher immer ohne Sie fertig geworden, sagte Herr Zeller. Aber meine werthen Freunde! sagte Herr Hippe. Und übrigens, rief Herr Körnicke, schon an der Thür, das muß ich Euch noch sagen: Undankbar und spottschlecht ist es von Euch, wenn Ihr jetzt Alle so gegen den alten Herrn seid, der Euch zeitlebens nur Gutes gethan und dem Ihr Alle, wie Ihr da sitzt, tausend Dank schuldet und vor dem Ihr tausendmal die Mütze gezogen habt und unsere allergnädigste Durchlaucht hinten und unsere allergnädigste Durchlaucht vorn! Ich würde mir an Eurer Stelle doch erst das neue Wasser ansehen, ehe ich das alte wegschüttete; ich denke, Euch wird mit dem neuen Wasser noch so der Kopf gewaschen werden, daß Euch die Augen übergehen. Und damit Gott befohlen! Herr Körnicke stürmte zur Gaststube hinaus und warf die Thür hinter sich ins Schloß, daß man es über den stillen Marktplatz bis drüben in der Laube hörte. Drüben aber in der Thür der Laube stand Frau Körnicke und band sich mit zitternden Händen die Bänder unter dem runden Kinn zu und sagte: Wenn Ihr so denkt, dürft Ihr gar nicht zu dem Ball gehen; ich zum wenigsten ginge nicht hin. Aber erstens halte ich es für ein leeres Gerede, daß er sie nun wirklich heirathen will, und zweitens fände ich es nur recht und billig und anständig, wenn er sie heirathete; denn diese Ehe zur linken Hand, wie sie's nennen, das ist ja doch nur eine gottlose Erfindung von den vornehmen Herren, und ich meine, jede ehrbare Frau müßte wünschen, daß so etwas gar nicht in einem christlichen Lande existire. Und was man jetzt hier Alles von ihr erzählt, daß sie ein Verhältniß mit dem Franzosen gehabt und dann ein Techtelmechtel mit dem Grafen, und nun gar, daß sie mit dem Doctor heimlich verheirathet sei, das ist ja doch Alles ein elender Klatsch, den wir uns schämen sollten, in den Mund zu nehmen und uns damit lächerlich zu machen. Es müßte noch ganz anders kommen, ehe ich so etwas von einer Dame glaubte, der bisher Niemand etwas hat nachsagen können, als daß sie von Haus aus ein armes Mädchen gewesen ist; und ich für mein Theil bin auch nicht so hoch geboren wie der Storch, und ich meine, keine von uns ist es, und wir sollten deshalb lieber zu Unseresgleichen halten. Das sind Ihre Ansichten, liebe Körnicke, sagte Frau Findelmann. Natürlich sind es meine, sagte Frau Körnicke. Was so ein kleines Gedicht, das man aufsagen soll, nicht Alles macht, sagte Frau Zeller. Aber meine Damen! sagte Frau Hippe. Das fehlte noch gerade! sagte Frau Körnicke, ihren Hutbändern einen letzten Ruck gebend. Ich habe schon so viel einstecken müssen wegen des Gedichts, zu dem Ihr mich erst, wie Ihr wohl wißt, lange habt bitten müssen, und ich habe nun genug und die Damen werden ja auch wohl ohne mich fertig werden. Und da kommt mein Mann, mich abzuholen, und ich wünsche Ihnen eine wohlschlafende Nacht. Endlich! sagte Gevatter Wenzel. Nun werden die Anderen auch wohl gehen; aber das sage ich Euch, Gevatter: es ist gerade wie vor vierzig Jahren, als der Blitz am fünfzehnten Juli in den Thurm schlug und die halbe Stadt abbrannte und am sechszehnten die alte Durchlaucht starb. Die Käuze hatten die ganze Nacht durch geschrien, gerade wie jetzt, und ich sage Euch, es giebt ein Unglück: Revolution oder Krieg, denn ich kenne unsere alte Durchlaucht, der ist wie der hochselige Herr, der machte auch nie nicht eine Confession. Concession, sagte Gevatter Müller. Zweiundzwanzigstes Kapitel. »Der Prinz von Hohenzollern wird nicht in Spanien regieren. Wir haben nicht mehr verlangt und mit Stolz nehmen wir von dieser friedlichen Lösung Kenntniß. Ein großer Sieg, der nicht eine Thräne, nicht einen Tropfen Bluts gekostet hat.« Der Geheimrath ließ das Zeitungsblatt, aus welchem er diese Zeilen vorgelesen, auf seine Kniee sinken und schaute die beiden Damen durch seine Brillengläser verwundert an. Nun, meine Gnädigen, der Ueberbringer so trefflicher Nachrichten hoffte ein freudiges Staunen hervorzurufen und sich den holdesten Dank zu verdienen. Ich verstehe so wenig von diesen Dingen, sagte Stephanie. Wann hat der constitutionel das gebracht? fragte die Generalin. Am zwölften, erwiederte der Geheimrath, in die Zeitung blickend. Und wir schreiben heute den vierzehnten. Wie langsam man die Nachrichten hier bekommt. Und was kann nicht seitdem schon Alles wieder geschehen sein. Aber Excellenz sind auch zu skeptisch! rief der Geheimrath. Mag sein, erwiederte die Generalin, man wird das mit den Jahren; und diesmal habe ich, wie Sie wissen, meine besonderen Gründe. Man war an meinem Hofe der Sache so sicher. Indessen, möglich ist ja Alles. Ich bin begierig, zu hören, was der Graf davon halten wird. Er kommt ja mit Neuhofs zum Diner, sagte Stephanie. Um fünf Uhr, sagte der Geheimrath aufstehend. Es ist jetzt Zwei und ich habe Durchlaucht versprochen, ihm bei Tafel einen kleinen Vortrag zu halten über die Beobachtungen, welche ich während dieser vier Tage hinsichtlich des Gesundheitszustandes der Leute hier herum, über die klimatischen, die geologischen Verhältnisse und so weiter angestellt habe. Ich bitte Sie, meine Damen, was läßt sich denn in vier Tagen beobachten, wenn man hiehergekommen ist, sich der liebenswürdigsten aller Frauen ganz zu widmen, und die andere Zeit von Diners, Soupers und kleinen Ausflügen in die paradiesische Gegend hinreichend in Anspruch genommen ist! Aber Durchlaucht würde das freilich nicht als genügende Entschuldigung gelten lassen. Man muß für die armen Menschen immer Zeit haben, höre ich ihn sagen. Doctor Horst hatte immer Zeit für sie. Ich hasse diesen ausgezeichneten Collegen, ohne das Glück seiner näheren Bekanntschaft gehabt zu haben; er ist Durchlauchts drittes Wort. Und wenn ich aus der groben Fahrlässigkeit, mit der er unsere liebe Gräfin hier behandelt hat, mir einen Schluß verstatten darf, scheint mir der Mann Alles in Allem ein leichtsinniger Mensch und ein großer Ignorant dazu gewesen zu sein. Ganz meine Ansicht, lieber Geheimrath, sagte die Generalin; vergessen Sie ja nicht, das dem Grafen auf das ernstlichste zu insinuiren und ihm zu sagen, daß sich unsere Wünsche viel früher, als wir gedacht, erfüllen werden. Viel früher gerade nicht, Ezcellenz. Sagen Sie: viel früher. Ich habe meine Gründe. Wann hätte es der vorsichtigsten, weitschauendsten aller Frauen daran gefehlt! sagte der Geheimrath mit einem leisen Anflug von Ironie, indem er der Generalin die Hand küßte. Ich habe die Ehre, mich den Damen bis zum Diner gehorsamst zu empfehlen. Der Geheimrath hatte sich kaum durch die offene Thür in den Garten entfernt, als Stephanie in Thränen ausbrach. Ach, wenn doch nur Alles erst vorbei wäre! Ich werde diesmal sicher sterben! rief sie. Aber liebes Kind, sagte die Generalin, Du bist wirklich wie ausgetauscht. Ich muß mich manchmal ordentlich darauf besinnen, daß dies meine muntere, leichtblütige, sonst Alles so leicht nehmende Stephanie ist. Nun ja, ich wollte, wie Du, daß Alles vorbei und glücklich vorbei wäre; die Situation würde dadurch eine ganz andere und für uns viel günstigere. Und deshalb muß der Fürst, muß Dein Mann, alle Welt in Erwartung und Spannung erhalten werden. Wenn etwas, wovon man sich so viel verspricht, noch nicht eingetreten ist, kann man nichts Anderes thun, als sagen, daß es morgen, heute, in jedem Augenblick eintreffen wird. Dann hat man, wenn nicht das Capital, so doch vorläufig die Zinsen. Es ist dieselbe Maxime, die unser Prinz immer befolgt hat. Erklären wir Jeden, der den Krieg mit Frankreich nicht für eine absolute Notwendigkeit hält, für einen Dummkopf, pflegt er zu sagen, dann haben wir den Krieg ganz gewiß. Nun, er hat nicht immer recht, unser lieber Prinz, aber darin hat er recht, dreimal recht; wir werden es erleben. Und dann muß Heinrich fort und ich sehe ihn vielleicht nicht wieder! schluchzte Stephanie. Die Generalin hatte nicht übel Lust, gerade herauszulachen; der sentimentale Ausbruch kleidete Stephanie doch gar zu wunderlich; aber man mußte Rücksicht auf das Kind nehmen. So zog sie denn ein paar leichte Falten über ihre weiße Stirn und sagte: Du bist meines Wissens die erste Turlow, die es nicht selbstverständlich findet, daß ihr Mann sein Leben Gott und dem König schuldig ist. Aber Heinrich ist in diesen Tagen so sehr gut gegen mich gewesen, sagte Stephanie. Ich gebe es zu, erwiederte die Generalin, obgleich ich lieber gesehen haben würde, wenn er seine Besuche bei Neuhofs auf die Hälfte der Zeit reducirt hätte; aber glaubst Du, er wird weniger gut sein, wenn ihm gesagt wird: Du kannst jede nächste Stunde Vater werden? Ich sage Dir, Stephanie, schenke mir heute Nacht einen Enkel und ich stehe Dir für Alles. Für Alles, wiederholte die Generalin, die sich erhoben hatte und jetzt vor dem Spiegel ihre grauen Locken arrangirte. Man müßte die Männer nicht kennen, wenn man nicht wissen sollte, wie das ihrer Eitelkeit schmeichelt, ihre Energie anspornt und sie Entschlüsse fassen, ausführen läßt, an die sie vorher kaum gedacht haben. Nicht, daß ich an Heinrichs Energie zweifelte, aber bei einem so großen Spiel kann man nicht genug Trümpfe in der Hand haben; und dies wäre ein Haupttrumpf. Und nun gar unsere Durchlaucht, der gute, alte, confuse Mann, der mit seinen grauen Haaren noch solche Pagenstreiche macht, er würde Respect vor einem fait accompli haben, dem ein Paroli zu biegen ihm denn doch – Die Generalin beendete den Satz nicht, sondern fuhr, sich von dem Spiegel wieder in das Zimmer wendend, fort: Und phantastisch, wie er ist, würde er darin womöglich ein Zeichen des Himmels sehen. Ist doch das Ganze, so wie so, pure Phantasterei. Ihr seid hier Alle Phantasten; es muß in der Luft liegen; Gott sei Dank, daß ich dergleichen Einflüssen nicht unterworfen bin, wenigstens habe ich mir meine normale Stimmung bis jetzt bewahrt und hoffe, Euch Alle wieder zur Vernunft zu bringen, bevor viele Tage in's Land gehen. Ich wollte noch eine kleine Promenade machen, liebes Kind, Du bist zu angegriffen und mußt versuchen, eine Stunde zu schlafen. Ich werde Dich zur rechten Zeit wecken lassen. Keinen Widerspruch, liebes Kind, wenn ich bitten darf. Deine alte Mama hat jetzt das Commando ergriffen, und Du weißt, daß sie keinen Ungehorsam duldet. Sie küßte Stephanie auf die Stirn; ein paar Minuten später wanderte sie zwischen den sonnenbeschienenen Beeten, auf denen unzählige Blumen süße Düfte in die warme Luft sendeten, unter ihrem grauen Sonnenschirm langsam dahin, bis sie den andern Theil der Anlagen jenseits des Rothen Thurms erreichte, wo das dichte Gezweig der hohen Bäume Schatten und Kühlung spendete und an schicklichen Stellen placirte Bänke zur Ruhe einluden. Die Generalin nahm auf einer dieser Bänke Platz. Es war ihr nicht um einen Spaziergang zu thun gewesen. Sie hatte allein sein wollen, um ungestörter ihren Gedanken nachhängen zu können. Hier war sie allein, und das leise Rauschen in den hohen Bäumen und dann und wann eine Vogelstimme, die bald wieder schwieg, und das monotone Plätschern der Fontaine im Blumengarten störte sie nicht. Sie hatte Anderes zu thun, als auf Windesrauschen, Vogelstimmen und murmelndes Wasser zu hören. Sie hatte über die schwierige Lage nachzudenken, die sie hier vorgefunden, die Möglichkeiten zu überschlagen, welche eintreten konnten, die Mittel zu erwägen, wie Alles zum guten Ende geführt werden mochte. Daß dieses Ende aber ein gutes sein werde, daran zweifelte sie ihrerseits nicht. War doch seit nun beinahe sieben Jahren – seit Graf Heinrich als junger Lieutenant zuerst in ihr Haus kam, die Hoffnung, ihre Stephanie einst als Fürstin von Roda-Rothebühl zu sehen, der Angelpunkt gewesen, um den sich all ihr Denken, Sinnen, Plänemachen bewegte. Hatte doch diese im Anfang so schwache Hoffnung immer deutlichere Gestalt angenommen, war doch die dämmernde Ferne immer näher gerückt – und das sollte nur ein Traum gewesen sein, aus dem sie wiederum als arme Generals-Wittwe erwachen sollte, Schwiegermutter eines schuldenbehafteten Garde-Rittmeisters, auf dessen alten gräflichen Namen nicht einmal mehr ein Diner vom Garkoch zu haben war! Und weshalb? Weil hier ein Mädchen als gnädige Frau herumstolzirte, das sie sich aus der Portiersloge hatte kommen lassen aus purem Mitleid – nein, aus Mitleid nicht – um für ihre Stephanie, die so grenzenlos ungezogen war, ein Spielding zu haben – gleichviel – weil die hier herumstolzirte mit ihrer hoffährtigen Miene und den Männern die Köpfe verdrehte und es mit ihrer raffinirten Koketterie nun glücklich so weit gebracht hatte, daß der alte Don Quixote noch diesen letzten Narrenstreich begehen und sie alles Ernstes heirathen wollte. Lächerlich! sagte die Generalin, und sie lachte, da ihr der alte Graf Sylow einfiel, der, mit der goldenen Lorgnette vor den blöden Augen, in den Gesellschaften immer hinter seiner jungen liebenswürdigen Frau hersuchte und den sie deshalb selbst Diogenes getauft hatte. Aber freilich, Diogenes war zum größten Ergötzen des ganzen Cirkels, trotz seiner siebzig Jahre, seiner wässerigen Augen, falschen Haare, Zähne und Waden, glücklicher Vater geworden und hatte ihr selbst noch neulich ganz ernsthaft versichert, daß ihm das Kind mit jedem Tage ähnlicher werde. Man lachte in dem Kreise sehr über Diogenes' Vaterschaft; über Don Quixote's Vaterschaft würde niemand lachen; Don Quixote hatte noch sehr klare Augen und eine vortreffliche Haltung und konnte noch wer weiß wie lange leben und – Das scharfgeschnittene Gesicht der Generalin hatte, während sie diesen Gedankengang verfolgte, einen beinahe ernsten Ausdruck angenommen. Ja, hier war der Knoten, den man zerhauen mußte, wenn man ihn nicht lösen konnte, das Andere war ja Nebensache. Ob es nun zum Kriege kam, wie sie trotz der Nachricht von heute Morgen noch immer glaubte, oder nicht – der Fürst hatte Sechsundsechszig die Faust in der Tasche geballt und würde es heute, wo seine Lage so viel schwieriger war, auch nicht anders machen. Heinrich hatte Unrecht gehabt, die Sache so gar ernst zu nehmen, und würde sie auch niemals so genommen haben, wäre er nicht selbst in Hedwig verliebt gewesen. Heinrich war ein Narr! Er hatte doch wahrhaftig die Auswahl; er konnte sich ja, wenn er sich verlieben wollte, in die Neuhof verlieben, die gar nichts dagegen gehabt haben würde, oder in der Himmel weiß wen; warum nun gerade wieder in die Hedwig? Es war ein Scandal, daß es so war. Aber, war es einmal, hätte Stephanie gute Miene zum bösen Spiel machen, ihren Mann gelinde auslachen, die ganze Affaire als eine Kinderei behandeln müssen. Und was hatte sie stattdessen gethan? Sich aigrirt, ihm sentimentale Scenen gespielt, sich ein wenig in diesen Doctor verliebt, und, um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, selbst die Eifersucht des Fürsten auf Heinrich gelenkt. Konnte man sich etwas Tolleres denken? Sollte man nicht, wenn man dergleichen an seiner eigenen Tochter erlebte, ganz und gar an der Welt verzweifeln? Auf Heinrich, auf ihren eigenen Mann, von dem sie jeden Verdacht, und wäre er zehnmal dringender gewesen, hätte fernhalten, auf irgend Jemand, der sich nur irgend dazu qualificirte, hätte ablenken müssen? Und das Richtige hatte so nahe gelegen, war mit Händen zu greifen gewesen; die kluge Neuhof hatte es ihr überdies vor acht Tagen schon mit dürren Worten gesagt! Der Mensch muß in seiner Art bedeutende Qualitäten gehabt haben, sprach die Generalin bei sich, während sie mit der Spitze ihres Sonnenschirms Schnörkel in den Sand zog. Stephanie's Caprice wäre sonst ganz unerklärlich und ebenso die Hartnäckigkeit, mit der Heinrich sich noch immer gegen unsere Behauptungen sträubt, trotzdem die gute Neuhof und ich selbst doch wahrhaftig das Unsere gethan haben und die Thatsachen deutlich genug reden. Gäbe er nicht innerlich die Möglichkeit zu, würde er nicht so keck die Unmöglichkeit behaupten. Darin hat er freilich Recht, daß es sehr gleichgültig ist, ob sie den Menschen liebt oder nicht, wenn sie schließlich doch den Fürsten heirathet. Niemand auf der Welt kann es mir verdenken, wenn ich mit diesem Unsinn aufräume, so oder so. Hätte man doch nur etwas Greifbares, etwas Plausibles, ich weiß nicht, was ich darum gäbe! Die Generalin blickte auf, da sie den Schritt Jemandes gehört zu haben glaubte, der aus der Richtung des Cavalierhauses, dessen Giebel man durch die Bäume schimmern sah, auf den Platz zukam. Sie schob sich die grauen Locken, welche ihr, während sie so gebückt dagesessen, etwas in die Stirn geglitten waren, zurück, verwischte mit dem Fuße die Schnörkel im Sande, lehnte sich, behaglich mit ihrem Sonnenschirm spielend, in die Ecke der Bank und blickte scharf nach den Gebüschen, aus denen der Kommende alsogleich hervortreten mußte. Es war Herr Gleich, der alte Kammerdiener des Fürsten. Ein freudiger Schreck durchzuckte sie. Wenn irgend Jemand auf der Welt, so war der alte Mann im Stande, ihr zu helfen. Sie hatte das vom ersten Augenblicke an herausgefühlt und alle Welt hatte es ihr bestätigt. Es war ein merkwürdig glücklicher Zufall, der ihr gerade heute Morgen und hier den Mann in den Weg führte! Ein Zufall mußte es sein. Der Mann hatte sie offenbar nicht gesucht, wie sie im ersten Augenblicke gedacht hatte. Er kam, den langen dürren Leib vornüber gebeugt, den grauen Kopf tief gesenkt, langsam den Baumgang daher, wiederholt stehen bleibend und in der Luft fingerirend, dann wieder ein paar Schritte machend, um abermals stehen zu bleiben, sich die breitschirmige Mütze abzunehmen und mit den Händen durch die grauen Haare zu fahren – das Bild eines Menschen, der über eine wichtige Angelegenheit nicht mit sich in's Reine kommen kann. Da mußte er, aufschauend, sie erblickt haben. Mit einem Ruck richtete er sich in die Höhe, sein Schritt wurde gleichmäßig, langsam, wie es sich für einen alten Mann schickt; und das discrete Erstaunen, mit welchem er, als er kaum noch sechs Schritte von ihr entfernt war, sie bemerkte, war so vortrefflich gespielt, und die Vorsicht, mit welcher er, die Mütze tief ziehend und ganz leise auftretend, um sie nicht zu stören, vorübergleiten wollte, so natürlich ausgedrückt, daß die Generalin sich nicht enthalten konnte, halblaut Bravo! zu sagen. Excellenz befehlen? fragte Herr Gleich. Der Mann war so prompt stehen geblieben; es war kein Zweifel, er wünschte angeredet zu werden. Sie haben eine Stunde frei? sagte die Generalin. Zu befehlen, Excellenz, erwiederte Herr Gleich, eine halbe Wendung nach der Generalin machend. Durchlaucht ist ausgefahren? Durchlaucht sind nach einer Conferenz mit dem Herrn Kanzleirath ausgefahren. Allein? Zu befehlen, Excellenz. Haben Excellenz noch sonst – Setzen Sie die Mütze auf und nehmen Sie da auf der Bank Platz. Excellenz! Ich wünsche es. Wie Excellenz befehlen, sagte Herr Gleich, indem er in der anderen Ecke der Bank so vorsichtig Platz nahm, als wäre keineswegs zwischen ihm und der Gnädigen noch mindestens für drei Personen Raum. Dennoch war Gleich durch die ihm angethane Ehre nicht im mindesten in Verwirrung gebracht. Er hatte mit seinem Gebieter unzähligemale in derselben Weise gesessen, stundenlang, in der guten alten Zeit, als er noch mit Durchlaucht sozusagen allein war. Und Excellenz die Frau Generalin hatte ihn damals in Wiesbaden auf einsameren Promenaden auch schon so mit Durchlaucht sitzend gefunden. Durchlaucht ist in diesen Tagen oft allein ausgefahren, sagte die Generalin; ich dachte, er ließe sich immer und überall von Herrn Gleich begleiten. Herr Gleich zuckte zusammen wie Jemand, dem eine offene Wunde rauh berührt wird. Durchlaucht will sich nach und nach daran gewöhnen, ohne mich fertig werden; sagte er mit einem bittern Lächeln um den zahnlosen Mund. Sie wollen sich zur Ruhe setzen? Legen, Excellenz, legen! sagte Herr Gleich und deutete mit vor Aufregung zitternder Stimme auf den Boden. Hypochondrische Grillen, lieber Herr Gleich! sagte die Generalin. Sie sind nicht älter als der Fürst selbst. In einem Jahre mit ihm geboren, sagte Herr Gleich, und in demselben Monat und bin sein Reitknecht gewesen von meinem sechszehnten bis zu meinem sechsundzwanzigsten, zehn Jahre lang. Und nun vierzig Jahre sein Kammerdiener, seitdem er anno Dreißig an's Regiment kam, und habe Alles ausgeschlagen, was er mir angeboten, heute die Mühle in Erichsthal, morgen die Braunsteingrube bei Hühnerfeld und die Castellansstelle auf dem Jagdschloß und so fort, nur um bei ihm bleiben zu dürfen, aus purer abgöttischer Liebe zu meinem gnädigsten Herrn, und muß nun das erleben! Die abgöttische Liebe zu seinem gnädigen Herrn hat ihm vermuthlich mehr eingebracht, als die sämmtlichen aufgezählten Herrlichkeiten, dachte die Generalin bei sich und laut sagte sie: Was muß man erleben, lieber Herr Gleich? Aber wenn man den alten Andreas zum Aeußersten treibt, fuhr Herr Gleich fort, dann wird er so deutlich sprechen, daß man ihn endlich doch wohl wird hören müssen, vermeine ich, halten zu Gnaden. Was wird hören müssen, lieber Herr Gleich? fragte die Generalin in freundlich theilnehmendem Ton, während ihr das Herz vor ungeduldiger Erwartung schlug. Daß nicht Alles Gold ist, was glänzt, sagte Herr Gleich, und daß schöne Worte den Kohl nicht fett machen. Was hat er davon gehabt als schöne Worte alle diese Zeit? Nichts als schöne Worte, nicht einen Pfifferling mehr! Wer hat ihn gepflegt und gewartet, wenn er seinen Herzkrampf hatte und seinen Rheumatismus? Wer hat die Nächte bei ihm gewacht, so weh ihm selbst die alten Knochen thaten? Nun, andere Leute haben noch keine Nacht an ihn gewendet, keine Stunde einer Nacht; sie haben derweilen ganz ruhig geschlafen in ihren weichen Betten und haben dann freilich des andern Morgens frisch und glatt aussehen können wie die Schlange im Paradiese. Sollte sie ihn wirklich nur immer am Narrenseil geführt haben? sagte die Generalin bei sich. Und darum, fuhr Herr Gleich fort, für nichts und wieder nichts sind wir Anderen alle Narren und Dummköpfe und können jeden Tag gehen, lieber heute als morgen, und haben die bösen Blicke und die bösen Worte und die bösen Launen, wenn er wie ein Unsinniger umherrennt und keine Ruhe und Rast hat, als hätte er seine Seele dem leibhaftigen Satan verkauft. Gott verzeih' mir die Sünde! Der alte Mann hatte sich immer tiefer in seinen Zorn hineingeredet. Er bebte am ganzen Leibe und dabei nestelte er mit den langen weißen Fingern fortwährend an den oberen Knöpfen seines schwarzen Fracks, als sei es ihm zu eng über der Brust, in der so viel böse Leidenschaften kochten. Die Generalin saß da, an ihrer dünnen Unterlippe nagend. Es war offenbar, daß der Mann von derselben Furcht bewegt wurde wie sie selbst; daß der armselige Einsatz seines Lebens für ihn auf dem Spiele stand, wie der große Einsatz ihres Lebens für sie, daß ihre Interessen zusammenfielen, und daß man ihn auf jeden Fall für sich gewinnen mußte. Es hilft nichts, sprach sie bei sich selbst, ich muß ihm entgegenkommen. Und laut sagte sie: Sie thun mir von Herzen leid, lieber Herr Gleich, wahrhaftig von ganzem Herzen. Aber Sie wollen doch bedenken, daß wir: ich meine die Gräfin, der Graf und ich selbst, unter dieser seltsamen Verbindung mehr gelitten haben als Sie. Ihnen, dem alten Diener, darf ich es sagen, und ich sage ihm ja nichts, was er nicht selbst in seinem treuen braven Herzen fühlte. Nun, wir haben Geduld geübt und Alles ruhig getragen, wenn es uns auch – der Himmel mag es wissen – oft schwer genug geworden ist. Zu befehlen, Excellenz ganz recht, sagte Herr Gleich. Ich habe mich auch in Geduld geübt und es ruhig getragen; aber noch ist nicht aller Tage Abend, halten zu Gnaden, und wir können erleben, was Excellenz denn doch wohl nicht so in Geduld hinnehmen und ruhig tragen würde; wir können es erleben. Unmöglich, sagte die Generalin, unmöglich! Ein böses Lächeln zuckte um Herrn Gleichs zahnlosen Mund. Es kitzelte ihn, daß er doch mehr wußte wie die gnädige Excellenz. Gar nicht unmöglich, Excellenz, sagte er. Er hat nicht umsonst schon vorher das ganze Archiv durchsucht und über den alten Acten ganze Nächte gesessen und mit dem Herrn Kanzleirath bei verschlossenen Thüren gearbeitet, heute wieder den ganzen Vormittag, und nun soll es richtig gemacht werden – ich vermuthe übermorgen, an seinem Geburtstage. Unmöglich, rief die Generalin noch einmal, absolut unmöglich! Das würden wir, das würde der Graf niemals dulden, niemals, niemals! Die Generalin hatte sich während dieser Tage die größte Mühe gegeben, ihrer Tochter und dem Grafen die Möglichkeit, ja die Wahrscheinlichkeit dieses Falles zu beweisen; sie hatte noch in diesem Augenblick erwartet, daß die Reden des alten Kammerdieners darauf hinauslaufen würden, und jetzt war sie doch beinahe so erschrocken, als hätte sie nie vorher daran gedacht. Excellenz würden nicht so außer sich sein, wenn Excellenz es wirklich für unmöglich hielten, sagte Herr Gleich; und es soll ja wohl jetzt gar nicht mehr so unmöglich sein wie früher, nachdem wir Alle vor dem Gesetz gleich sind; und in den alten Acten steht so Mancherlei, worauf man sich schlimmstenfalls berufen kann, von Präcedenzfällen oder wie es heißen mag, wovon Durchlaucht in letzter Zeit so oft mit dem Herrn Kanzleirath gesprochen haben. Die Generalin hatte ihre Fassung wiedergewonnen. Hier war keine Zeit, in müßige und noch dazu äußerst unschickliche Klagen auszubrechen. Hier war nur noch Zeit zum Handeln. Lieber Herr Gleich, sagte sie, ich will offen mit Ihnen sprechen. Die Sache mag sich nun vom rechtlichen Standpunkte verhalten wie sie wolle, geschehen darf sie nimmermehr, und wir würden Denjenigen, welcher im Stande wäre, sie zu hintertreiben, ja uns nur dabei eine wesentliche Hülfe leistete, glänzend belohnen. Excellenz sind sehr gnädig, sagte Herr Gleich, und ich für mein Theil würde gewiß Excellenz und der jungen Frau Gräfin und dem gnädigen Herrn Grafen von ganzer Seele in dieser Sache dienen, aber Excellenz werden mir zugeben, man müßte doch schon sozusagen etwas haben, was man ihm vor die Augen bringen könnte, was man mit Händen greifen könnte. Sie haben dergleichen, sagte die Baronin eifrig; gestehen Sie es nur. Nun denn, sagte Herr Gleich, nachdem er sich scheu nach allen Seiten umgesehen, hier wäre vielleicht etwas für den Anfang; und er nahm aus der Tasche seines Fracks ein kleines, sorgsam zusammengebundenes Packet. Was ist das? fragte die Generalin. Ich habe es vor einer Stunde gefunden, sagte Herr Gleich, auf seinem Zimmer, zu dem ich mir von meinem Schwiegersohn den Schlüssel geben ließ, um doch einmal ein wenig nachzusehen – und da fand ich das unter dem Secretär; kann nicht sagen, wie es dahin gekommen. Es sind Briefe, sagte die Generalin, die das Band abgestreift hatte, von ihr an ihn – ohne Zweifel. Haben Sie sie gelesen? Nur eben so hineingeschaut, Excellenz. Und – Excellenz werden ja selber lesen, sagte Herr Gleich. Und glauben Excellenz Jemand, der Durchlaucht ganz genau kennt: das mit dem Herrn Grafen hat sie nicht schlechter in seinen Augen gemacht; aber die Liebschaft mit dem Doctor, der nicht besser ist als unser Einer, darüber kommt er nicht weg. Ich danke Ihnen, lieber Herr Gleich, ich danke Ihnen. sagte die Generalin, das Packetchen in die Tasche ihres Kleides gleiten lassend. So will ich Ezcellenz nicht weiter stören, sagte Herr Gleich, der schon während der letzten Minuten mit der Mütze in der Hand vor der Generalin gestanden hatte und sich jetzt mit einer tiefen Verbeugung entfernte. Die Generalin blickte der dürren schwarzen Gestalt nach, bis dieselbe hinter den Büschen verschwunden war. Dann zog sie das Packet wieder aus der Tasche. Sie konnte ihre Neugier nicht zügeln, und hier war sie ja so ungestört wie auf ihrem Zimmer. Es waren Alles in Allem einige zwanzig Blätter, meistens nur Billets aus wenigen Zeilen bestehend. Die zierliche Handschrift machte der Generalin keine Schwierigkeit. Einige Stellen, bei welchen sich die Verfasserin einer fremden Sprache bedient hatte, von der die Generalin vermuthete, daß es Englisch sei, überschlug sie. So dauerte die Lectüre nur kurze Zeit. Nun, sagte die Generalin, ich hatte mehr vermuthet, wenn das Beste nicht noch in den Zeilen steht, die mir Stephanie übersetzen soll; etwas sehr platonisch oder sehr vorsichtig, aber doch immerhin sehr brauchbar, und ein paar Aeußerungen über ihn sind geradezu hochverrätherisch. Im rechten Augenblick muß es Wirkung thun. Sie blickte auf ihre Uhr. Noch zwei Stunden bis zum Diner. Ich habe gerade Zeit, zu dem Kanzleirath zu fahren; der Geheimrath soll mich begleiten; wir müssen Gewißheit haben, volle Gewißheit über den wichtigen Punkt; und der Mensch ist dumm genug, daß man Alles aus ihm herausbringen kann, was man will. Dreiundzwanzigstes Kapitel. In derselben Stunde, als die Generalin mit Herrn Gleich conferirte, saß in der Laube des Ifflerschen Gartens Herr von Zeisel, bald auf seine Uhr sehend und bald den Gang hinab nach der Thür des Hauses, in welcher die ungeduldig Erwarteten sich immer noch nicht blicken lassen wollten. Herr Zeisel hatte gar keine Zeit. Er hatte zu dem Feste übermorgen noch eine Welt von Geschäften in Rothebühl zu besorgen und hatte überdies gehofft, eine Stunde herauszubringen, um in schlankem Trabe bis nach Buchholz zu reiten, Herrn von Fischbach die Hand zu schütteln, Frau von Fischbach ein Recept zu einer Gänseleber-Pastete zu bringen, das er ihr von dem französischen Koch des Fürsten versprochen, Fräulein Adele Geibels Gedichte zu überreichen, um die sie ihn gebeten, und im Galopp zur rechten Zeit wieder zum Diner zurück zu sein. Aber wenn er überall so lange festgehalten wurde, wie hier, konnte er die süße Hoffnung nur aufgeben. Es ist unverantwortlich, sagte Herr von Zeisel, und dieser Unsinn! Eine Probe im Costüm in der hellen heißen Sonne, weil sie ohne Wasserplätschern nicht in die rechte Stimmung kommen kann. Wasserplätschern! Die guten Leute müssen verrückt sein. Herr von Zeisel warf einen verachtungsvollen Blick auf das sechs Fuß im Durchmesser große Sandsteinbecken vor der Laube, in welchem ein kleiner melancholischer Triton aus einer Muschel einen kaum sichtbaren Strahl auf ein halbes Dutzend Goldfischchen herunterrieseln ließ, die regungslos in dem zollhohen Wasser des Beckens standen und ihrem unvermeidlichen Schicksal, von der glühenden Julisonne gar gekocht zu werden, mit Ergebung entgegenzusehen schienen. Es ist zum Verzweifeln! sagte Herr von Zeisel. Dasselbe sagte auch Fräulein Elise, als Frau Wiesebrecht ihr die Haken an dem Muschelgürtel, der ihr Costüm abschließen sollte, um eine Hand zu weit angesetzt hatte, nachdem der Gürtel vorher ebensoviel zu eng gewesen war. Unsere gute Wiesebrecht wird mit jedem Tage unzuverlässiger, sagte die Kanzleiräthin, die in einer nervösen Aufregung war. Meine Geduld ist zu Ende. Denken Sie, meine nicht? sagte Frau Wiesebrecht, die Scheere, die sie eben ergriffen hatte, um die unglücklichen Haken abermals abzuschneiden, energisch auf den Tisch werfend und von ihrem Stuhl in die Höhe fahrend. Denken Sie, die alte Wiesebrechten hat nichts Anderes zu thun, als hier bei Ihnen Tag für Tag zu flicken und zu sitzen und zu fetzen, während die ganze Stadt auf sie wartet und noch bis übermorgen sechs Kleider zuzuschneiden sind bei Zellers und bei Blumes, die auf Kohlen sitzen, und bei Bäcker Heinz, deren beide Mädchen sich die Augen ausweinen, weil sie nicht fertig werden ohne die alte Wiesebrechten; und das sind doch Kleider, bei denen man weiß, woran man ist, und nicht solches gottloses Zeug, das kein Christenmensch trägt, und lassen Sie es sich gesagt sein, Frau Kanzleirath, daß die alte Wiesebrechten nur für Christenmenschen arbeitet und für Christenmenschen auch noch zuverlässig genug ist, und daß Sie sich in Zukunft Ihren sündhaften Firlefanz allein machen und Nixe oder Naxe spielen können, ich weiß nicht, wie es heißt, aber wenn es Naxe hieße, wäre es nur eben recht, denn so herumzulaufen ist eine Sünde und Schande in der Nacht, geschweige denn am hellen Tage, und sich so vor Mannsleuten sehen zu lassen, wozu ich kein Kind nicht hergeben möchte, und wenn's die alte Durchlaucht zweimal heirathen wollte, was ja doch Alles nur Unsinn und Thu-nur-so ist, wozu ich bis jetzt geschwiegen und gedacht habe: der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht; und das wird das Ende vom Liede sein und dann werden Sie ja wohl an die alte Wiesebrechten denken. Die erzürnte Dame hatte ihre Sachen mit zitternden Händen in den großen Arbeitsbeutel zusammengerafft und war zur Thür hinaus, bevor Mutter und Tochter von ihrem Schrecken über ein so unerhörtes Betragen sich hinreichend erholen konnten, um auch nur ein Wort herauszubringen. Jetzt brach Fräulein Elise in hysterisches Weinen aus, während die Kanzleiräthin, die eigene Aufregung kräftig bemeisternd, sagte: Die Großen der Erde können sich nicht früh genug an die Undankbarkeit der Menschen gewöhnen. Du mußt auf der Höhe der Situation sein, mein Kind. Sieh mich an, ich bin auf der Höhe der Situation. Ach Mama, schluchzte Elise, und sie wird nun in der ganzen Stadt herumlaufen und es aller Welt erzählen. Mag sie, sagte die Kanzleiräthin; einmal muß es ja doch bekannt werden, und es sollte mich wundern, wenn es nicht schon die Meisten wüßten. Und nun, mein Kind, laß uns zu Herrn von Zeisel gehen, der, glaube ich, schon seit einer halben Stunde auf uns wartet. Ich kann nicht, schluchzte Elise, mit einem Blick in den großen Spiegel, ich sehe wirklich – Elise, sagte die Kanzleiräthin in strengem Ton, bist Du meine Tochter? Laß mich wenigstens den Regenmantel umnehmen, sagte Elise. Und Dir den ganzen Anzug verdrücken? Elise, ich kenne Dich nicht wieder! Nur bis zur Laube, sagte Elise, die Mädchen stehen Beide am Küchenfenster. Nun denn, bis zur Laube, sagte die Kanzleiräthin, die Zitternde in einen langen braunen Regenmantel hüllend, über welchen die aufgelösten, mit Schilfblättern durchwebten blonden Haare lang herabfielen. Endlich! sagte Herr von Zeisel, als er den braunen Regenmantel, über welchen die Kanzleiräthin sorgsam einen großen rothen Regenschirm ausgespannt hielt, den sonnigen Weg heraufkommen sah. Wir werden uns immer Ihrer Zuvorkommenheit erinnern, sagte die Kanzleiräthin, nachdem sie den Cavalier mit einem gnädigen Kopfnicken begrüßt. Herr von Zeisel war neuerdings an die Seltsamkeiten der Iffler'schen Damen zu sehr gewöhnt und begnügte sich, diese feierliche Anrede mit einer stummen Verbeugung zu erwiedern, während seine neugierigen Blicke nach der Gestalt im Regenmantel glitten, unter welchem ein Paar rothe, mit Muscheln besetzte Schuhe und die äußersten bauschigen Falten von einem Paar grünseidener türkischer Beinkleider, wie es schien, hervorlauschten, die der Cavalier mit dem Nixencostüm, das er erwartete, nicht recht in Harmonie bringen konnte. Ich denke, wir gehen gleich an die Probe, sagte er, da ich annehme, daß die Damen mein Urtheil über das ohne Zweifel höchst gelungene Costüm, welches mir der neidische Mantel verhüllt, nicht weiter bedürfen. Wir glauben das Rechte getroffen zu haben, sagte die Kanzleiräthin. Elise! Ich halte es nicht für unbedingt nöthig, sagte der gutmüthige Cavalier, der bemerkte, daß Fräulein Elise den Mantel, welchen ihr die Mama von hinten abnehmen wollte, vorn angstvoll zusammenhielt. Elise! sagte die Kanzleiräthin noch einmal, und in dem Eingang der Laube, welcher als Schwanengrotte gelten sollte, stand die Nixe der Roda, stand Oscar von Zeisels Wiesenblume in einem unglaublichen Anzuge, den man, trotz mancher phantastischen Abweichungen von der stricten Observanz, für türkisch hätte nehmen müssen und Herr von Zeisel auch ohne Zweifel so genommen haben würde, wenn ein krampfhafter Hustenanfall ihn nicht gezwungen hätte, sich blitzschnell nach dem Bassin umzuwenden und den unglücklichen sechs Goldfischen durch ein weißes Taschentuch, das er aus der Brusttasche zog und sich vor das Gesicht drückte, einen tödtlichen Schrecken einzujagen. Ich bitte um Verzeihung, sagte Herr von Zeisel hinter dem Taschentuch hervor, es wird gleich vorübergehen. O Gott, dieser Husten! Ich bitte um Verzeihung. Und Herr von Zeisel kehrte sich mit Vorsicht um, zog langsam das Taschentuch fort und zeigte ein Gesicht, welches der Hustenanfall mit einer Farbe bedeckt hatte, die mit dem Roth der Goldfische oder auch dem von Elisens muschelbesetzten Saffianschuhen kühn den Vergleich aushalten konnte. Ich bitte die Damen nochmals um Verzeihung, sagte Herr von Zeisel. Ganz ausgezeichnet, magnifique , vollendet geschmackvoll, so ganz im Charakter! Durchlaucht wird entzückt sein; aber ich denke, meine Damen, wir beginnen. Ich werde mir erlauben, die allerdurchlauchtigste Person unseres gnädigen Herrn vorzustellen, der eben den schmalen Pfad an der Roda heraufkommt, und bitte Fräulein Elise, aus der Laube, wollte sagen der Grotte, heraus- und vor mich hinzutreten, wenn ich mich auf sechs Schritte ungefähr genähert habe. Herr von Zeisel entfernte sich ein wenig von der Laube, wobei er abermals mit einem Hustenanfall zu kämpfen schien, und kam dann würdevollen Schrittes auf die Laube zu, aus welcher Elise ihm jetzt entgegentrat. Etwas schneller, wenn ich bitten darf, sagte Herr von Zeisel. Ich dächte, schneller wäre eine Verletzung der weiblichen Würde, sagte die Kanzleiräthin. Wie Sie wollen, sagte Herr von Zeisel; also, darf ich bitten: Welch seltner Glanz – Fräulein Elise hob beide Arme in der Geberde des betenden Knaben und begann: »Welch' seltner Glanz bestrahlt mein nasses Haus!« Feuchtes Haus, wenn ich bitten darf, sagte Herr von Zeisel. Das Wasser ist naß und nicht feucht, sagte die Kanzleiräthin. Herr von Zeisel verbeugte sich; Elise fuhr fort: »Sind es des goldnen Mondes Silbersterne?« Trauten Mondes! mit Ihrer gütigen Erlaubniß, sagte Herr von Zeisel. Gold und Silber würde sich, fürchte ich, nicht gut in einem und demselben Verse ausnehmen. Wir finden »goldnen Mondes« poetischer, sagte Elise. Herr von Zeisel verbeugte sich; Elise fuhr fort! »Und in den stillen Lüften welch' Gebraus! Ist es der Wälder Rauschen aus der Ferne? Nein, Wälderrauschen nicht und Mondenstrahl Sie lockten mich empor die glatten Stufen: Die Lichter sind es aus des Festes Saal, Und dankerfüllter Menschen Jubelrufen.« Sehr schön! sagte Herr von Zeisel, und meinte seine Verse, nicht Elisens Vortrag, der ihm entsetzlich theatralisch und übertrieben vorkam. Wie müßte das aus Adelens Munde klingen! sprach er bei sich, während Elise weiter declamirte: »Ich sollte fern sein, die Du Dir erwählt –« Verzeihen Sie, sagte Herr von Zeisel: »die Dein Stamm erwählt.« Wir finden »die Du Dir erwählt« unendlich sinniger, sagte die Kanzleiräthin. Ohne Zweifel, sagte der Cavalier, nur daß der folgende Vers lautet: »Die starken Wurzeln ewig frisch zu tränken,« wo sich doch »Wurzeln« offenbar auf den »Stamm« bezieht, den ich gewissermaßen aus den Wassern der Roda herauswachsen lasse, während bei »die Du Dir« »Du« doch offenbar Durchlaucht selbst sein würde und »die starken Wurzeln« – nein, meine Damen, ich muß wirklich bitten: »die Dein Stamm erwählt.« Herr von Zeisel, sagte die Kanzleiräthin, das ist eine Frage, welche, glaube ich, nur das Herz einer Mutter entscheiden kann. Ich sollte doch meinen, sagte Herr von Zeisel, daß die Logik auch etwas mitzusprechen hätte; ja, und auch das Ohr. »Die Du Dir« klingt gar nicht besonders; für mein Ohr wenigstens. Herr von Zeisel, sagte die Kanzleiräthin, wir danken Ihnen für Ihre Aufrichtigkeit, die wir Ihnen übrigens nicht vergessen werden, aber entschuldigen Sie die Bemerkung: es kommt schließlich wohl weniger darauf an, wie es Ihnen im Ohr klingt. Für unser mütterliches Herz ist »die Du Dir« Sphärenmusik, und ich kenne noch ein anderes Ohr, dem die Worte nicht minder himmlisch lauten werden. »Die Du Dir erwählt« heißt es und dabei bleibt es, und ich bitte nun fortzufahren. Und ich, meine Damen, rief Herr von Zeisel, bitte, die Probe gefälligst ohne mich zu Ende bringen zu wollen. Die Zeit ist mir gerade heute Morgen ganz außerordentlich karg zugemessen, und ich muß fürchten, daß über der Vergleichung der Veränderungen, mit welchen die werthen Damen meine bescheidenen Verse beehrt haben, der Abend herankommen würde. Frau Kanzleirath, mein gnädigstes Fräulein – ich habe die Ehre, mich Ihnen gehorsamst zu empfehlen. Herr von Zeisel faltete sein Manuscript zusammen, machte seine große Verbeugung und schritt den Gang hinab, ohne nur einen Blick nach den verlassenen Damen zurückzuwerfen, von denen die ältere, beide Hände in die Seite stemmend, mit zornigen Augen dem Frevler nachschaute, während die jüngere in die Laube zurückschwankte und sich dort auf die Bank sinken ließ. Sie werden es bereuen! rief die Kanzleiräthin mit lauter Stimme. Ach, Mama, ich glaube, es kommt noch Alles anders! schluchzte Elise. Weil Du nicht auf der Höhe der Situation bist, sagte die Kanzleiräthin. Mein Gott, der Papa! sagte Elise. Siehst Du, daß ich Recht hatte! Was ist Dir, Mann? sagte die Kanzleiräthin. Der Kanzleirath war, vor wenigen Minuten vom Schloß kommend, durch die Hinterpforte in seinen Garten getreten und hatte zuerst, als er die Stimmen hörte, sich wieder aus dem Staube machen wollen, war dann aber doch hinter den Hecken näher geschlichen und so Zeuge der letzten Scene zwischen seinen Damen und dem Cavalier geworden. Jetzt, nachdem der Letztere sich entfernt und er die Damen in solcher Aufregung sah, hielt er den Augenblick für besonders geeignet, seine Hiobspost anzubringen. Und da saß er nun auf der Bank neben seiner Tochter, sich mit dem rothseidenen Taschentuch Kühlung zuwehend, deren sein erhitztes Gesicht in der That sehr zu bedürfen schien. Was ist Dir, Mann? rief die Kanzleiräthin noch einmal und schüttelte ihren Gatten derb am Arm. Elise hat Recht gehabt, murmelte er. Ich komme eben von ihm; der Heirathscontract ist fertig; die Schenkungsurkunde über die Tyrklitzer Güter ist fertig; wir sind betrogen, schändlich betrogen. Die für den Namen leer gelassenen Stellen hat er jetzt mit eigener Hand ausgefüllt; er denkt gar nicht daran, Elise zu heirathen. Er will sie heirathen! O, du gerechter Gott! kreischte Elise. Es giebt keinen gerechten Gott! rief der Kanzleirath pathetisch. Aber dumme Menschen giebt es! rief die Kanzleiräthin, indem sie ihren Gatten der Abwechslung halber jetzt mit beiden Händen an dem Kragen faßte und bei jedem Wort mehr oder weniger derb schüttelte. Dumme Menschen giebt es, die niemals hören, was ihre Frauen sagen. Du Unglücksmann, der uns mit seiner Dummheit noch zum Kinderspott machen wird! Habe ich Dich nicht gewarnt und beschworen an dem Abend, als Zeisel und Horst zum letzten Male bei uns waren: sei vorsichtig, Anton, habe ich gesagt, es wird wieder einmal eine von Deinen Einbildungen sein; Du wirst Dich blamiren! Aber Du Unglücksmensch mußtest es ja natürlich besser wissen. Nun ist Horst über alle Berge, mit Zeisel sind wir für immer auseinander, Durchlaucht heirathet die Portiertochter, und das Alles verdanken wir Dir, Du Barbar, Du Rabenvater! Unser armes Kind! murmelte der halberstickte Kanzleirath. Sie stirbt. Laß sie sterben! rief die Kanzleiräthin. Das überlebt sie doch nicht. Ja, laßt mich sterben! rief Elise, die plötzlich aufsprang; das überlebe ich nicht. Sie wird sich ertränken! rief der Kanzleirath, als Elise ein paar verzweifelte Schritte machte, in der augenscheinlichen Absicht, wie sie war, sich zu den sechs Goldfischen hinunter auf den Grund des Bassins zu stürzen; aber in der Thür der Laube mit einem gellenden Schrei umkehrte und der nacheilenden Mutter jetzt alles Ernstes ohnmächtig in die Arme fiel. Mein Gott, was ist das? fragte die Generalin, welche soeben in Begleitung des Geheimraths angekommen und von den schadenfrohen Dienstmädchen unmittelbar in die Laube geführt war. Das arme Kind! sagte der Geheimrath. Die Aufregung einer Probe zum Geburtstag Seiner Durchlaucht, wie es scheint, dazu die Hitze; wir werden sie in's Haus schaffen müssen. Und man geleitete Elise, die allmälig mit Hülfe des Riechfläschchens der Generalin und einiger Hände warmen Wassers aus dem Bassin wieder zu sich gekommen war, in's Haus, wo sie von dem Geheimrath und ihrer Mutter gepflegt wurde, während die Generalin mit dem bekümmerten Vater die kühlere Veranda auf- und niederschritt in eifrigem Gespräch über verschiedene Dinge, welche für das gräflich-fürstliche Gesammthaus Roda im Allgemeinen und für die Zukunft des Kanzleirath Iffler im Besonderen von der äußersten Wichtigkeit waren. Vierundzwanzigstes Kapitel. Auch auf dem Gute des Barons Neuhof, bei welchem der Graf sich schon seit gestern befand, waren die Zeitungen mit den friedlichen Nachrichten eingetroffen: der Verzichtleistung des Prinzen von Hohenzollern auf den spanischen Thron, der beruhigenden Erklärung Olliviers in dem Vorsaal der französischen Kammer, des Steigens der Course an allen Börsen. Die beiden Freunde hatten ihren Herzen in den bittersten Worten vergebens Luft zu machen gesucht, bis endlich die Scherze der Baronin: daß ja doch eine Kriegserklärung in nächster Zeit bevorstehe, und sie dem, welcher ihr die meisten Hasen und Hühner in die Küche liefere, Avancement in ihrer Gunst und sonstige gnädige Auszeichnungen verspreche, den leichtlebigen Baron zum Lachen brachten, während der Graf – mit allem Dank für die Güte der Freundin – offen erklärte, seine tiefe Verstimmung nicht bemeistern zu können. Dies ist viel schlimmer als Olmütz, sagte der Graf, und das hat schon Königgrätz nothwendig gemacht; was werden wir thun müssen, diese Scharte auszuwetzen! Gestehen Sie nur, lieber Freund, sagte die Baronin, als der Baron das Zimmer verlassen hatte, um vor der Abfahrt noch einige Anordnungen in seiner Wirtschaft zu treffen; gestehen Sie: es ist nicht, oder doch nicht allein der Soldat, der aus Ihnen spricht; Sie würden die Sache viel leichter nehmen, sähen Sie nicht im Geiste bereits die triumphirende Miene, mit welcher man sie heute auf dem Schloß empfangen wird. Die scharfsichtige Frau hatte den Nerv der Frage berührt. Es war dem Grafen ein unerträglicher Gedanke, daß in dem Conflict zwischen ihm und dem Fürsten die Ereignisse nun gleichsam gegen ihn Partei nahmen und ihm nach allen Seiten hin Unrecht gaben. Wie seltsam und lächerlich mußte jetzt seine mit so großer Sicherheit ausgesprochene Behauptung erscheinen, daß es zum Kriege kommen müsse und werde. Wie unpassend und thöricht die ablehnende Haltung, deren er sich vom ersten Augenblicke an gegen den Marquis befleißigt! Wie tadelnswerth und strafwürdig die Hartnäckigkeit, mit welcher er den Conflict genährt und geschärft hatte, bis die Frivolität des Gegners ihm eine so bequeme Handhabe bot, die häkliche Sache in seinem Sinne zum Austrag zu bringen! Und in der That, fuhr die Baronin, ihren Gedanken verfolgend, fort, man hat dort einige Ursache, zu triumphiren und Sie, mein armer Freund, gegründete Veranlassung, finster dreinzuschauen. Die Partie steht für Sie in diesem Augenblicke wirklich nicht besonders, und könnte doch so sehr viel besser stehen, wären Sie meinem Rathe gefolgt, hätten Sie wenigstens ein wenig mit meinen Augen sehen, sich ein wenig auf meine Beobachtungsgabe verlassen wollen. Ich weiß, wie schrecklich peinlich Ihnen dies Thema ist, wie sehr Sie mir es übel nehmen, daß ich von Anfang an Recht gehabt habe, und daß Ihre Schwiegermama mir nun auch noch Recht giebt. Mag sich Ihr Stolz und – verzeihen Sie mir das Wort – Ihre Eitelkeit noch so sehr dagegen sträuben, Sie müssen zur Einsicht gekommen sein, daß Hedwig Sie nicht liebt oder nicht mehr liebt, wenn Ihnen das weniger schmerzlich ist; zweitens, daß Sie es sich selbst und mir, Ihrer Freundin – um von Stephanie zu schweigen – schuldig sind, eine Dame zu vergessen, die nichts von Ihnen wissen will, und drittens – was Sie nach Nummer Eins und Zwei ohne weiteres zugeben werden – daß Sie das Mädchen weit überschätzt haben; daß Sie einer Person, die kein Verständniß für die Ehre hat, von Graf Steinburg geliebt zu sein, nicht den Ehrgeiz zutrauen dürfen, sich zur Fürstin von Roda machen zu lassen, aber sehr wohl die spießbürgerliche Sentimentalität, für einen demokratischen Phraseur, mit dem sie drei Jahre lang über Menschenwohl und was weiß ich geschwärmt, tugendsam in himmlischer Liebe zu entbrennen, die gelegentlich auch wohl einen kleinen irdischen Beigeschmack hat. Sehen Sie, lieber Freund, jetzt müssen Sie selbst lachen; ich habe Ihnen schon immer gesagt: es ist nicht nur das Beste, sondern auch das Einzige, was Sie thun können: lachen, sodann die kleinen Schnitzer, die Sie gemacht haben, reumüthig eingestehen, in Zukunft sich vor ähnlichen romantischen Velleitäten sorgsam hüten, mir jetzt die Hand küssen – einmal ist genug – und nun den Shawl umhängen, denn ich höre Curt, der uns ankündigen wird, daß der Wagen vorgefahren ist. Es war für den Grafen eine düstere Fahrt von Neuhof durch das Thal der Roda, so goldig die Sonne auch aus dem blauen Himmel auf die braunen, tannengekrönten Felsen und die bunten Wiesen herabstrahlte, und so hell auch das Lachen der Baronin klang, die in der muntersten Laune war und dem Grafen durch gelegentliches Schmollen andeutete, wie sie es ihm sehr übel nehme, daß er nicht in ihre muntere Laune einstimmte. Sie hatte gut lachen! Für sie war das Ganze ein amüsantes Intriguenstück, in welchem sie von vornherein die dankbare Rolle der klugen uneigennützigen Freundin übernommen hatte, und das sich nun, nach den nöthigen Verwicklungen im fünften Acte so abspielte, wie sie es gewünscht und vorausgesagt. Aber er! Welche Rolle war ihm zugetheilt worden – nein, hatte er sich selbst zugetheilt, ausgesucht, zurechtgemacht: die Rolle eines hochmüthigen Narren, der nicht sehen kann, was alle Welt sieht, der nach den Wolken greift und sich wundert, daß er nichts in der Hand behält, als den Beweis seiner Narrheit! Ja, er war der Narr des Stückes, der klägliche Narr! und das nun, wie er es eben von der Baronin gehört, in der nächsten halben Stunde von der Generalin abermals hören zu sollen, und dann wieder von Stephanie und von aller Welt – dieselbe gräuliche Melodie in immer neuen Tonarten, heute und morgen und in alle Zukunft – es war ein entsetzlicher Gedanke: ihm war zu Muthe, als müsse er aus dem Wagen springen und sich den Kopf an einem der Felsen zerschellen, an denen sie auf der Fahrt so dicht vorüberstreiften. In dieser Stimmung war er auf dem Schloß angekommen; die Stunde, die man noch bis zum Diner hatte, sollte schlimmer sein, als irgend eine dieser letzten Tage, in denen doch wahrlich an schlimmen Stunden für ihn kein Mangel gewesen war. Die Generalin hatte sein Kommen mit der größten Ungeduld erwartet und den Auftrag gegeben, ihn, sobald er angelangt sei, wissen zu lassen, daß sie ihn, bevor er sich zur Gesellschaft begebe, in ihrem Gemach noch auf ein paar Augenblicke zu sprechen wünsche. Nur auf ein paar Augenblicke, sagte die Generalin, aber ich wollte Ihnen doch mittheilen, was ich heute Morgen in Erfahrung gebracht, und es Ihnen allein mittheilen, ohne daß unsere liebe Stephanie davon hört, die wir ein- für allemal mit diesen Dingen verschonen müssen. Sie sprechen von der schauderhaften Nachricht aus Berlin, sagte der Graf, als die Generalin nach den ersten Worten eine Pause machte. Doch nicht, erwiederte die Generalin. Ich bin überzeugt, daß es ganz gleichgiltig ist, was die Zeitungen sagen und was Herr Ollivier sagt; daß der Krieg bei denen, auf die es ankommt, beschlossene Sache ist und wir folglich den Krieg haben werden. Es ist eine Angelegenheit, die uns noch ein wenig näher angeht und deren Entscheidung glücklicherweise bei uns steht. Mit einem Wort: es ist das Verhältniß Hedwigs zu dem Fürsten. Verzeihen Sie, wenn ich Sie unterbreche, sagte der Graf; ich habe davon neuerdings ein wenig viel gehört. Sie werden mir die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß ich nicht mit Vorliebe von unangenehmen Dingen rede, erwiederte die Generalin, aber man kann sich die Gegenstände nicht immer wählen, dieser gar drängt sich uns gebieterisch auf. Und dann ist Hedwig ja immerhin eine Erscheinung, die auch nur vom rein psychologischen Standpunkte die Theilnahme eines Menschenbeobachters herausfordert. Mir wenigstens wird es stets ein merkwürdiges Phänomen sein und bleiben, wie Jemand den Muth und die Klugheit haben kann, sich eine Position zu erringen, wie dieses Mädchen sich errungen hat, um wieder Alles preiszugeben und die widerstandslose Beute ihrer vulgären Instincte zu werden. Dies wäre also die Einleitung, sagte der Graf in einem ruhigen Ton, mit dem das Zucken seiner Lippen und das düstere Feuer in seinen Augen sehr wenig stimmen wollten. Wie wäre es, wenn wir nun an die Lectüre des Buches gingen, von dem ich übrigens glaube, daß es dasselbe ist, in welchem ich eben mit Frau von Neuhof einige Capitel durchgeblättert habe. O, wie charmant! rief die Generalin. Die liebe Neuhof! Ja, ja, Ihr solltet dergleichen Bücher immer mit einer Frau lesen – ich meine nicht mit der eigenen; man würde mit der nicht sehr weit, oder leicht zu weit kommen – aber mit einer klugen und womöglich jungen Frau, von der ein Blick der Augen so manchen dunklen Punkt klar macht, den aufzuhellen eine alte Frau, wie ich, tausend Worte braucht. Und die Generalin erzählte dem Grafen nun, wie sie durch Combination ihrer eigenen Beobachtungen und der Mittheilungen, die ihr geschäftig von allen Seiten zugetragen wurden, zu der Gewißheit gelangt sei, daß, wahrscheinlich schon seit Jahren, jedenfalls aber in der letzten Zeit zwischen Hedwig und dem Doctor Horst ein Liebesverhältniß bestanden habe, welches bei der Energie Hedwigs in allen Dingen sicher die bestimmteste Form angenommen. Die Sache sei so positiv, daß daran nur Jemand zweifeln könne, der geflissentlich nicht sehen und nicht hören wolle, vor Allem nicht hören, was sich hier auf dem Schlosse die Dienerschaft, von dem klugen alten Kammerdiener des Fürsten, bis zu den Leuten in den Ställen und in den Küchen, Einer dem Andern in die Ohren raune; worüber man in Rothebühl in jedem Bürgerhause, in jeder Bierstube, ja auf der Gasse laut die unziemlichsten Scherze mache. Ich meine, schloß die Generalin, daß ein so einstimmiges vollgewichtiges Zeugniß jedem Richter der Welt für eine Verurtheilung genügen würde. So viel ich sehe, sind weder Sie, gnädige Frau, noch bin ich es, noch ist irgend Jemand außer dem Fürsten Richter in dieser Angelegenheit, sagte der Graf. Nicht Richter, erwiederte die Generalin, mag sein, aber Partei sind wir doch gewiß; und ich verlange von Ihnen nichts, als daß Sie sich auf diesen Parteistandpunkt stellen. Ich gebe zu, sagte der Graf, daß es nicht eben angenehm ist, den Senior seiner Familie so übel associirt zu sehen; aber der Begriff einer Mesalliance ist so weit – vielleicht gehört auch das in diesen weiten Begriff. Sehr gut gesagt, lieber Henri, ausgezeichnet! erwiederte die Generalin. Sie müssen erlauben, daß ich von diesem Bonmot gelegentlich Gebrauch mache. Aber, lieber Henri, die Sache ist wahrlich für Wortspiele zu ernst. Und wenn nun Mesalliance nicht einmal das rechte Wort wäre, wenn es sich um eine Alliance, das heißt um eine wirkliche Verbindung, um eine legitime Ehe handelte, wie dann? Würden Sie auch noch dann auf jener höheren Warte des ironischen Zuschauers stehen bleiben wollen? Würden Sie auch dann ablehnen, Partei zu ergreifen? Was sage ich: würden Sie sich nicht in dieser Angelegenheit zu einem Richter in jeder Bedeutung des Wortes berufen fühlen? Der Generalin, die ihre scharfen Augen unverwandt auf den Grafen gerichtet hielt, war es nicht entgangen, wie die Gelassenheit, welche er zur Schau trug, nur eine Maske war; wie das von ihr so klug genährte Feuer in dem leidenschaftlichen Manne wilder und wilder aufloderte und er nur noch mit der äußersten Anstrengung seine Haltung bewahrte. Sie antworten mir nicht, fuhr die Generalin fort, und ich lese aus Ihren Mienen: auch dieses Thema ist mir bekannt; wir haben es nun bereits drei Jahre lang nach allen Seiten ventilirt. Wie nun aber, lieber Freund, wenn wir die eine Seite, die allein wichtige Seite, ich will nicht sagen, außer Acht gelassen, aber doch nicht hinreichend beachtet hätten? Wenn wir über unserem Hin- und Herreden einigermaßen vergessen hätten, daß es noch einmal zum Handeln kommen könnte und dieser Augenblick des Handelns nun gekommen wäre? Wenn Sie – ich muß annehmen, ohne es zu wissen, und ganz gewiß, ohne es zu wollen, durch das Ungestüm, mit welchem Sie die Situation hier aufzuklären gedachten, diesen Augenblick so recht eigentlich selbst herbeigeführt hätten – würden Sie auch dann Ihre Natur so weit verleugnen, diese Tollheit ihren Gang gehen zu lassen? Würden Sie mir auch dann nicht erlauben, den Beweis zu führen, daß der Fürst ein Mädchen wie dieses nicht zur Fürstin von Roda machen kann und soll und darf? Und wie gedenken Sie zu beweisen, daß jener Augenblick jetzt gekommen ist? sagte der Graf. Durch die Aussage Jemandes, erwiederte die Generalin, der von dieser Angelegenheit mehr weiß, als irgend Jemand; mit einem Worte durch die Aussage Ifflers, welcher nach des Fürsten eigener Angabe und unter den Augen des Fürsten die Stipulationen des Ehecontractes ausgearbeitet und vor einer Stunde beendet hat. Und das haben Sie aus seinem Munde? Aus seinem Munde. Wie ist das möglich? Was ist einem alten Schwätzer unmöglich, der noch dazu die Dummheit gehabt hat, zu glauben, daß der Name seiner eigenen Tochter die anfänglich leer gelassenen Stellen des Contractes ausfüllen werde? Haben Sie dem Manne – der übrigens keine Schonung verdient, aber gleichviel – haben Sie versprochen, ihn zu schonen? Nein, erwiederte die Generalin nach kurzem Bedenken. Nun wohl! rief der Graf, von seinem Stuhl in die Höhe fahrend. Was wollen Sie, Heinrich? Das ist doch einfach, gnädige Frau. Heinrich, ich beschwöre Sie, rief die Generalin, mit einer schnellen Wendung dem Grafen den Weg nach der Thür vertretend; ist es Ihnen denn wirklich ganz unmöglich, Ihren Stolz fahren zu lassen, der Sie selbst, uns Alle zugrunde richtet? Was wird die Folge sein, wenn Sie jetzt, wie Sie beabsichtigen, zum Fürsten gehen und ihn zur Rede stellen, als daß Sie ihn in eine Position treiben, aus welcher er nicht mehr zurück kann, und wenn er es tausendmal wollte. Weshalb haben Sie mir sonst diese Mittheilungen gemacht? Einmal, weil ich sie Ihnen auf alle Fälle schuldig zu sein glaubte, sodann, um eine ganz bestimmte Bitte an Sie zu richten. Und diese Bitte? Daß Sie mich gewähren lassen, daß Sie nicht eher gewaltsam eingreifen, als bis die Klugheit wirklich nichts mehr vermag. Bedenken Sie, Heinrich, ich war durch nichts zu diesen Mittheilungen gezwungen; jetzt seien Sie loyal gegen mich, wie ich es gegen Sie gewesen bin. Sehen Sie einem Gefecht, das Sie nicht engagirt haben, Gewehr bei Fuß bis auf Weiteres ruhig zu. Bis auf wie lange? Bis übermorgen. Bis zum Geburtstag des Fürsten? Bis zum Geburtstag des Fürsten. Wenn er an diesem Tage noch Hedwig wird zur Fürstin von Roda machen wollen, thun Sie nach Ihrem Belieben. Nun wohl! sagte der Graf. Ihre Hand darauf! Hier! Die Hand, die er der Generalin reichte, war kalt wie Eis. Wenn Sie sich heute von der Tafel entschuldigen ließen? sagte die Generalin. Ich? sagte der Graf. Ich habe einen grausamen Appetit und bin glücklich, daß wir in fünf Minuten bei Tische sitzen werden. Er hatte das Zimmer verlassen. Nun, sagte die Generalin bei sich, das hat ja verzweifelt schwer gehalten. Ein wahres Glück, daß ich von den Briefen nichts gesagt habe! Er brauchte nur den Schatten eines Vorwandes, um uns ohne Gnade zu opfern. Vielleicht hätte ich besser gethan, Stephanie's Vorschlag zu folgen und ganz zu schweigen. Aber dann wäre er uns doch so oder so dazwischen gefahren; jetzt wird er sein Wort halten – und auch den Mund, wenn der Geheimrath und ich heute Mittag die süße Prinzessin ein wenig in's Gebet nehmen. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Das Diner, an welchem auch der Oberforstmeister von Kesselbusch und der Oberpfarrer aus Rothebühl theilgenommen hatten, schien zu Ende gehen zu wollen, wie es angefangen: mit unbedeutender Conversation, an der Niemand ein eigentliches Interesse nahm und die wiederholt ganz gestockt haben würde, wenn Herr von Zeisel nicht noch immer wieder eine kleine Geschichte zu erzählen gehabt hätte, an welche er gerade in diesem Augenblicke lebhaft erinnert wurde. So war man bis zum Nachtisch gekommen. Der Fürst sah bereits ungeduldig zu Herrn von Zeisel hinüber, der Seine Durchlaucht durch einen Blick nach dem Buffet und ein leichtes Zucken mit den Achseln ersuchte, noch einige Minuten zu verziehen, als der Geheimrath sich plötzlich zum Fürsten wendete, von welchem er zwei Plätze entfernt saß, und mit lauterer Stimme, als nöthig schien, sagte: Ich habe noch nicht die Ehre gehabt, Durchlaucht das Resultat der Beobachtungen mitzutheilen, die ich auf Durchlauchts Wunsch und, ich darf wohl sagen, aus eigenem wissenschaftlichen Interesse in diesen Tagen über die Zustände hiesiger Gegend angestellt habe. Meine Absicht war, Sie nach der Tafel um diese ohne Zweifel äußerst schätzenswerthen Mittheilungen zu ersuchen, erwiderte der Fürst. Ich fürchte, Durchlaucht wird in seinen Erwartungen sich getäuscht finden, fuhr der Geheimrath fort; ich habe wenig zu berichten und möchte mit diesem Wenigen vorläufig umsomehr zurückhalten, als dasselbe leider in directem Gegensatz mit der schriftlichen Relation steht, welche mein junger College im Frühjahr über diesen Gegenstand ausgearbeitet und Durchlaucht mir behufs schnellerer Information anzuvertrauen die Gnade hatten. Im Gegensatz? sagte die Generalin. Ei, das interessirt mich in der That – und was wäre das nun für ein Gegensatz? Vielleicht, Excellenz, erwiederte der Geheimrath lächelnd, derselbe, der zwischen dem Alter und der Jugend besteht. Und da sieht natürlich das Alter Alles schwarz, was die Jugend rosig sieht, sagte die Generalin. Umgekehrt, Excellenz, sagte der Geheimrath, oder doch keineswegs, wie Sie vermuthen. Mein Urtheil über die gesundheitlichen Zustände hiesiger Gegend, über die Lage der Leute im Allgemeinen und was sonst in dieses Gebiet gehört, lautet unendlich viel günstiger, als das meines jungen Collegen, der freilich nach der außerordentlich starken Mortalität während der letzten Typhus-Epidemie in den Walddörfern keine Ursache hatte, den Kopf besonders hoch zu tragen. Der Herr Geheimrath kann doch damit unmöglich andeuten wollen, daß es die directe Schuld des Doctor Horst gewesen ist, wenn unsere Verluste so groß waren? sagte Hedwig, sich von der andern Seite zum Fürsten wendend. Directe Schuld, gnädige Frau, Gott bewahre! rief der Geheimrath. Wer hat das gesagt! Oder die Erfahrungslosigkeit des Anfängers müßte denn straffällig, das unsichere Umhertasten des Neulings ein Verbrechen sein. Hedwig blickte wieder und dringender als vorher den Fürsten an, der ganz augenscheinlich ihrer stummen Bitte nicht Folge leisten wollte. So vergingen ein paar Momente, bevor sie zögernd antwortete: Gewiß kann der Anfänger straffällig sein und der Neuling zum Verbrecher werden, wenn er im Besitz einer Kunst zu sein prätendirt, von der er weiß und wissen muß, daß er sie nicht besitzt und in deren Besitz er nun auf Kosten seiner Mitmenschen zu gelangen sucht. Aber in dieser Lage ist mehr oder weniger jeder junge Arzt, gnädige Frau. Und an dem Segen des Himmels ist Alles gelegen! sagte der Pfarrer mit Anspielung auf Hermanns notorisch unkirchliche Gesinnung. Doctor Horst hatte, bevor er hieher kam, bereits mehrere Jahre lang practicirt, sagte Hedwig, ohne den geistlichen Herrn eines Blickes zu würdigen. Sie überraschen mich, gnädige Frau, durch diese Notiz auf das Aeußerste, sagte der Geheimrath; ich würde – aber ich sehe zu meinem Bedauern, daß ich bereits zu weit gegangen bin und bitte um Verzeihung, wenn eine rein wissenschaftliche Frage, ohne Zweifel nur durch meine Ungeschicklichkeit, eine persönliche Wendung genommen hat. Auch ich bin dafür, daß wir das Thema fallen lassen, sagte der Fürst. Unmöglich! sagte Hedwig. Ihre Wangen glühten und das lodernde Feuer ihrer dunklen Augen flammte über die ganze Gesellschaft. Es war lautlos still um die Tafel geworden; selbst die Diener im Saal standen bewegungslos oder huschten auf den Fußspitzen weiter, als wollten sie keine Silbe von dem verlieren, was nun kommen mußte. Weshalb, liebe Hedwig? sagte der Fürst nach einer ziemlich langen Pause. Weil, erwiederte Hedwig, Du dies Thema jetzt und hier nicht fallen lassen kannst, ohne das alte Wort, daß der Abwesende Unrecht habe, in einer Weise zu bewahrheiten, die dem schönen Ruf der Billigkeit und Gerechtigkeit, in dem Du bei aller Welt stehst, wenig entsprechen würde. Ich danke Dir, daß Du für diesen meinen guten Ruf so freundlich besorgt bist, sagte der Fürst mit bebenden Lippen. Ich nehme diesen Dank buchstäblich, sagte Hedwig, und ich nehme ihn an für meinen abwesenden Freund, der Dir drei Jahre seines Lebens jede Stunde gewidmet hat, Dir und den Deinen – ich meine: den Armen, Elenden und Kranken von den Deinen – mit einer hingebenden grenzenlosen Liebe und Treue, die ihn – und wären seine Bemühungen nicht von dem Erfolge gekrönt worden, mit welchem sie der Himmel begnadigt hat – ein für allemal gegen Angriffe schützen sollten, wie er sie eben hier erfahren. Wollen wir unsere Unterhaltung auf der Terrasse fortsetzen, sagte der Fürst; ich glaube, die frischere Luft dort wird uns Allen wohlthun. Er erhob sich plötzlich von der Tafel und that ein paar Schritte, bevor er sich darauf besann, daß er der Generalin, die neben ihm gesessen, den Arm zu bieten hatte. Ich bitte um Verzeihung, sagte er, es ist hier wirklich auffallend schwül. Nun, beim Himmel, was ist dies? sagte Herr von Zeisel zu dem Oberforstmeister, als die Gesellschaft jetzt auf der Terrasse und in den zunächst gelegenen Gartengängen promenirte. Was bedeutet dies? Daß hier ein Gewitter in der Luft steht, erwiederte der alte Herr mit einem melancholischen Zucken seines langen weißen Schnurrbartes, und daß ich mich eilends wieder in meinen Wald begeben will. Adieu. Herr von Zeisel trat an Hedwig heran, die, von der Gesellschaft abgewendet, an dem Rande der Terrasse allein stand und in die Gegend schaute. Gnädige Frau! sagte der Cavalier. Hedwig hatte ihn nicht kommen hören; er sah, als sie für einen Moment das Gesicht nach ihm kehrte, daß ihre Augen mit Thränen gefüllt waren. Ich danke Ihnen, gnädige Frau, sagte Herr von Zeisel, daß Sie sich unseres guten Doctors so tapfer angenommen haben; glauben Sie mir, es war nicht Feigheit, wenn ich schwieg. Ich weiß es, erwiederte Hedwig. Ich erhielt heute – eben als wir zu Tisch gingen – einen Brief von ihm, fuhr Herr von Zeisel fort; er schreibt aus Hannover, daß es ihm gut gehe und daß er, wenn es zum Kriege kommen sollte – und er glaubt es mit Bestimmtheit – seine frühere Eigenschaft als hannöverscher Militärarzt geltend machen werde. Nun, ich werde wahrhaftig auch nicht davon bleiben, wenn es losgeht, mag Durchlaucht dazu noch so böse Miene machen. Aber darüber wollte ich nicht sprechen. Horst schreibt mir, daß er ein Packet Briefe vermisse, die er jedenfalls in einem Fache seines Secretärs zurückgelassen; ich habe nun den Secretär sofort auf das allergenaueste durchsucht und nichts gefunden und ich bin nun einigermaßen besorgt. Weshalb? Horst scheint an den Briefen sehr gelegen, sagte der Cavalier. So hätte er sie besser verwahren sollen; sagte Hedwig, dem Cavalier durch ein Nicken andeutend, daß sie allein zu bleiben wünsche, als sie jetzt die Stufen nach den tieferen Partien des Gartens hinabzuschreiten begann. Trotz im Kopfe und Thränen in den Augen! sagte der Cavalier, der schlanken Gestalt nachblickend; den Fürsten, die ganze Gesellschaft brüskiren um eines Mannes willen, für den man fünf Minuten später nicht das mindeste Interesse zu haben scheint – ich verstehe es nicht und werde es nie verstehen; und dabei weiß sie ohne Zweifel so gut, als hätte sie es selbst in Horsts Briefe gelesen, daß die Briefe, um die es sich handelt, ihre eigenen sind. Ich will nur wünschen, daß nichts darin steht, was nicht darin stehen sollte. Der Cavalier schüttelte bedenklich den hübschen blonden Kopf, und schüttelte denselben noch einmal, als er jetzt bemerkte, daß die Gesellschaft, welche der Fürst nach der Tafel eine Stunde beim Kaffee zusammenzuhalten pflegte, sich, wie der Oberforstmeister und der Pfarrer, bereits verabschiedet hatte, oder, wie Neuhofs und der Graf, im Begriffe stand, sich zu verabschieden. Es war dies das Werk der Generalin. Sie hatte vorhin den Grafen beiseite gezogen und ihn dringend gebeten, unter gleichviel welchem Vorwande mit Neuhofs aufzubrechen, und zwar so bald als möglich. Ich hoffe, lieber Freund, sagte sie, daß, Dank unserem guten Geheimrath, der seine Sache vortrefflich gemacht hat, Ihnen jetzt der letzte Zweifel geschwunden ist. Ich konnte Ihnen die Scene nicht ersparen. Sie haben Ihr Versprechen gehalten, so schwer es Ihnen augenscheinlich wurde, und sich nicht hineingemischt; nun thun Sie mir auch die Liebe und lassen Sie mich weiter allein gewähren, ganz allein. Ich habe auch Stephanie gebeten, sich zurückzuziehen. Die Abwesenden haben nicht immer Unrecht und Ihr sollt diesmal glänzend Recht behalten. Und als der Graf düster dareinschauend zögerte – Ich erinnere Sie an Ihr Wort, Henri! Ich hätte es nicht geben sollen. Aber Sie haben es gegeben und, glauben Sie mir, Henri, es ist besser so. Eine Heuchlerin zu entlarven, ist nicht die Sache eines Mannes; dazu ist Euer Herz zu stolz und Eure Hand zu ungeschickt. Ich bitte Sie, Henri! Sie können sich doch unmöglich noch für ein Mädchen interessiren, das ihre Liebe zu diesem Quacksalber an der Tafel des Fürsten vor den Domestiken eingesteht! Der Graf lachte bitter. Ich danke Ihnen für dies Lachen, sagte die Generalin und später soll Stephanie Sie für Alles entschädigen. Inzwischen machen Sie unserer schönen Baronin den Hof, die sich dort das Köpfchen nach Ihnen ausdreht; und vor Allem machen Sie, daß Sie fortkommen. Die Eingeladenen waren weggefahren; Stephanie hatte sich schon vorher von dem Geheimrath auf ihr Zimmer geleiten lassen; Hedwig war auf die Fasanerie geritten; es blieb Niemand, dem Fürsten Gesellschaft zu leisten als die Generalin; sie hatte eigens um diese Erlaubniß gebeten, und der Fürst hatte geantwortet, daß ihm nichts größere Freude gewähren könne. Er war während dieser Tage noch nicht eine Minute mit der Generalin allein gewesen, ja, er hatte jede Gelegenheit dazu scheu vermieden; er wußte auch recht wohl, daß sie sich heute an ihn drängte, nicht aus Mitgefühl, sondern aus grausamer Neugier, aber er fühlte sich so grenzenlos elend – und die Frau war so kalt und klug! Wenn ich doch nur den kleinsten Theil ihrer Kälte und Klugheit hätte! sprach er wiederholt bei sich, während er jetzt an ihrer Seite auf der Terrasse hin- und herwandelte und ihrem Geplauder zuhörte, das munter um hundert Dinge spielte. Wird sie nicht endlich zur Sache kommen? Aber die Generalin schien keine Eile zu haben. Sie theilte die interessantesten Dinge von ihrem Hofe mit, von der Ehe der prinzlichen Gatten, die in keiner Weise so schlecht sei, wie man es im Publikum annehme, wenn man auch selbstverständlich eine Geßner'sche Idylle in dieser Sphäre nicht erwarten dürfe. Ja, das Verhältniß zwischen dem Prinzen und der Prinzessin habe sie oft schon an das zwischen dem Grafen und ihrer Stephanie erinnert, wie denn besonders der Graf in seiner soldatisch einseitigen Tendenz, in der Hartnäckigkeit, mit welcher er seine Ziele verfolge, in dem stürmischen Muth, mit welchem er sich in eine Gefahr stürze, dem Prinzen, dessen intimer Freund er übrigens auch sei, auffallend gleiche. Ich protegire diese entante cordiale auf jede Weise; sagte die Generalin; nicht, um Heinrich eine glänzende Carrière zu verschaffen, die er ja doch so wie so machen wird – der Prinz sagte mir noch im Moment meiner Abreise, daß, wenn wir Krieg bekommen, Heinrich sofort zum Major avanciren werde – sondern um seinen Blick für die Aufgaben der großen Politik offen zu erhalten. Denn schließlich kommt doch Alles darauf an, daß der Mensch, nachdem er einmal in eine bestimmte Sphäre sozusagen hineingeboren und für dieselbe erzogen ist, sich nun auch in dieser Sphäre erhält, und von Allen, die es gut mit ihm meinen, in diesem seinem legitimen Bestreben gefördert wird. Nach dieser Theorie, sagte der Fürst, würde die Menschheit niemals aus dem Kastenwesen der alten Egypter hinausgekommen sein. Ich verstehe mich wenig auf Geschichte, erwiederte die Generalin; ich habe immer vollauf zu thun gehabt, die Menschen, mit denen ich lebte, zu beobachten und, wenn es möglich war, zu begreifen; und da kann ich nicht anders sagen, als daß ich normale Entwicklung, gleichmäßige Haltung, harmonische Zustände, Behaglichkeit, Zufriedenheit, Glück immer nur da gefunden habe, wo die Leute in ihrer naturgemäßen Sphäre waren und blieben, und das Gegentheil überall, wo sie sich in einer Lage zurechtfinden sollten oder wollten, für die sie nun einmal der Himmel nicht bestimmt hatte. Ich meine, Jeder, der offene Augen hat, müßte zu diesem Resultat kommen, für das mir jeder Tag, ja, ich möchte behaupten, jede Stunde einen neuen Beweis liefert. Der Fürst warf einen scheuen schnellen Blick in das scharfgeschnittene Gesicht der Dame; er wußte, daß jetzt endlich kommen würde, was er schon seit einer halben Stunde gefürchtet und doch wieder mit fieberhafter Ungeduld erwartet hatte. Man erlebt allerdings nach dieser Seite hin seltsame Dinge, murmelte er. Die seltsamsten, sagte die Generalin, so seltsam, daß man am hellen lichten Tage zu träumen glaubt, bis man sich darauf besinnt; daß man selbst freilich ganz wach ist und aus seinen gesunden Augen blickt, die Anderen aber allerdings in den abenteuerlichsten Phantasien befangen sind. Ich hatte mir ohnedies schon vorgenommen, die wunderliche Sache, welche für Durchlaucht aus mehr als einem Grunde interessant sein wird, mitzutheilen. Die Generalin erzählte nun, wie sie vor dem Diner mit dem Geheimrath einen Besuch bei Ifflers gemacht, und wie sie dort das hübsche, übrigens herzlich unbedeutende Kind, die Elise, in einem weniger phantastischen als abgeschmackten, ja tollen Aufzuge ohnmächtig in den Armen ihrer Eltern gefunden; wie sie nach mancherlei vergeblichen Fragen aus dem Kanzleirath, der ebenfalls ganz außer sich gewesen, herausgebracht, daß es sich um die Probe einer Aufführung zum Geburtstag des Fürsten gehandelt; und bei dieser Gelegenheit – der Kanzleirath habe nicht sagen können wie – vielleicht durch ein Wort aus dem Munde des Herrn von Zeisel, der die Probe abgehalten – ein rührend alberner Wahn, in welchem sich das arme Kind schon seit längerer Zeit gewiegt: der Fürst werde sie an seinem Geburtstage zu seiner Gemahlin und Fürstin von Roda erheben, plötzlich und unwiederbringlich zerstört sei. Durchlaucht kann sich denken, fuhr die Generalin fort, welchen peinlichen Eindruck diese Scene auf mich gemacht hat, einen um so peinlicheren, als – auch nach der Beobachtung unseres Geheimraths – die Eltern des Mädchens selbst mehr oder weniger in diesen Wahn-Ideen befangen waren. Der Geheimrath sagte mir, daß dergleichen Fälle nicht selten vorkommen. Großer Gott, rief der Fürst, jetzt erklärt sich mir so Manches: die Wunderlichkeit des Mannes in letzter Zeit, das extravagante Benehmen des Mädchens neulich auf dem Jagdschlosse: – aber wie ist das möglich? Wie kam ein in seiner Art gescheiter, ja gelehrter Mann und meiner treuesten Diener einer zu solchem Unsinn; wie mag ein sittsam erzogenes Mädchen, das sonst die Demuth und Bescheidenheit selbst ist, zu einer so frechen Aspiration gekommen sein! Es ist doch gänzlich unmöglich, daß ich zu dieser Verrücktheit, die mich zu gleicher Zeit betrübt und empört, die Veranlassung gegeben habe durch ein Wort, das man hätte falsch auslegen, durch irgend eine meiner Handlungen, die man hätte mißdeuten können. Würden mir Durchlaucht eine Bemerkung verstatten? fragte die Generalin. Ich weiß, was Sie meinen, erwiederte der Fürst. Sie wollen, an Ihre vorhin aufgestellte Behauptung anknüpfend, sagen: Du hast die Grenze der verschiedenen Sphären menschlichen Seins nicht geachtet; was wunderst du dich, wenn sich diese eben in den Augen der Menschen, die von dir abhangen, die zu dir als zu ihrem Vorbild und Muster emporschauen, in so heilloser Weise verwirren und verwischen! Ungefähr das wollte ich allerdings andeuten, erwiederte die Generalin, und vielleicht habe gerade ich dazu ein gewisses Recht, die ich die beiden Sphären, welche in diesem Falle verwirrt und verwischt sind, besser als irgend ein Anderer zu übersehen vermag. Wie könnte ich wohl an ein Wunder glauben, dessen einzelne Bestandtheile ich sozusagen in diesen meinen Händen habe! Wie könnte mir die glänzende Dame imponiren, die ich als kleines kränkliches Mädchen in einem fadenscheinigen Anzug und in – ich muß es leider sagen – nicht eben sauberer Verfassung aus der Portierloge heraufgeholt habe, wo ihr Vater – ein wüster, disreputirlicher und zuletzt dem Trunk in trauriger Weise ergebener Mensch – eben sein elendes Leben ausgehaucht hatte! Lieber Himmel, dergleichen Momente prägen sich ein! Man sagt sich: gut, das bist Du jetzt, aber das warst Du einst; und wir mögen uns stellen, wie wir wollen: das Einst schimmert bei allen möglichen Gelegenheiten durch das Jetzt deutlich hindurch. Und wie könnte es anders sein! Wir sind eben die Kinder unserer Eltern, das heißt: die Erben der Tugenden und Schwächen ihres Blutes, wie wir ihre Gestalt, ihre Haltung, ihre Mienen, ihre Stimme erben. Das Köhlerkind, das man aus dem Schoße der Mutter in eine Prinzenwiege legte, würde im allerbesten Falle ein Köhler auf dem Königsthron werden. So dachte ich heute an der Tafel, als unsere Hedwig jener Sympathie, die der Niedriggeborene mit dem Niedriggeborenen ein- für allemal hat, einen so unverhüllten Ausdruck gab. Es war wieder ganz das kleine Mädchen von sechs, acht Jahren, das durchaus auf der Promenade der Bonne entlaufen und mit den Bürgerkindern spielen wollte, oder die ein wenig frühreife Schönheit von vierzehn, die sich in den Kopf gesetzt hatte, sie müßte Malerin werden, um sich einmal von ihrer Hände Arbeit zu ernähren, und – unter uns – den schönen Maler heirathen zu können, der den jungen Mädchen Unterricht im Zeichnen gab. Nun, man sollte über dergleichen nicht lachen, was so todesernsthaft gemeint ist, aber ich kann mich noch heute des Lachens nicht erwehren, wenn ich an diese Zeit denke und an die lange pathetische Rede, die mir der überspannte Mensch hielt, als ich ihn endlich doch wegschicken mußte, und an die verzweifelten Thränen der jungen angehenden Künstlerin, als sie ihren Abgott mit den langen Haaren, ihren Meister, ihren Rafael zum letztenmal die Treppe hinabgehen sah. Es war ja Alles so unglaublich kindisch, albern und thöricht, und dennoch wieder so charakteristisch, so ganz aus dem Wesen des Mädchens, und ich muß sagen: des Proletarierkindes heraus. Für uns bleiben jene Menschen, was sie sind: Maler, Doctoren, was weiß ich: nützliche, vielleicht sehr achtenswerthe Individuen, die wir sogar dann, wenn wir das Unglück haben, uns in sie zu verlieben, nie für Unseresgleichen halten. Ein Mädchen, wie Hedwig, fühlt sich so sehr, so ganz als die Gleiche dieser Menschen, daß sie, wie zum Beispiel vorhin, für einen Freund thun könnte und würde, was man im gewöhnlichen Leben nur für seinen Geliebten thut. Aber ich ermüde Durchlaucht mit meinem Geplauder und die arme Stephanie wird schon längst nach ihrer Mama verlangen. Das gute Kind! sie leidet viel, und trotzdem leidet sie gern. Ist sie sich doch vollauf bewußt, um was es sich handelt, liebt und verehrt sie doch Durchlaucht so, daß sie mir noch heute sagte: mir ist, als ob ich das Kind für ihn zur Welt bringen sollte! Die Generalin war gegangen; der Fürst blickte starr auf die offene Glasthür zum Salon, durch welche sie verschwunden war; aber er dachte nicht an sie. Er dachte an Hedwig, wie sie in derselben Thür stand vor vier Wochen, an dem Abend, als er ihr sagte, daß Horst fort wolle, und sie so außer sich gerieth, wenn sie auch Geistesgegenwart genug hatte, zu behaupten, daß er fortmüsse, daß sie ihn selbst fortschicken würde. Was kam darauf an, ob sie dies gesagt oder das, ob man das Spiel so abgekartet oder so, wenn nur nachträglich Alles stimmte, wenn man das Spiel nur zu guterletzt gewann auf Kosten des alten Mannes, den man drei Jahre genasführt! Der Fürst schlug sich vor die Stirn und schaute mit wirren Blicken um sich. Das Ganze war am Ende nur ein schlau ersonnenes Märchen, ihn auf eine falsche Spur zu bringen; ein fein ausgeklügeltes Stück boshafter Rache an ihr, die den stolzen Grafen verschmäht und sich nun natürlich in den bescheidenen Doctor verliebt haben mußte! Aber er war ja ganz von selbst auf denselben Verdacht gekommen, er trug sich ja mit diesem Verdacht schon seit vier Tagen, seit sie ihm ganz offen erklärt, sie habe mehr als einmal den Mann zu lieben geglaubt. Ganz offen! Wie konnte man ganze Offenheit von einem Mädchen erwarten, das von Menschen stammte, bei welchen die Lüge von Generation zu Generation sich forterbt wie der Schmutz! Der Vater ein Trunkenbold, die Mutter wahrscheinlich eine Metze – grauenhaft, grauenhaft! Daß er daran früher nie gedacht hatte! Weshalb sollte Elise Iffler nicht Fürstin von Roda werden wollen! Sie hat doch anständige Eltern; so ist sie eigentlich zu gut für mich, und überdies hat die Sache gar keinen Reiz für den Fürsten von Roda, wenn er nicht mit Malerjünglingen, Doctoren und dergleichen concurriren kann! Der Fürst lachte laut und brach plötzlich im Lachen ab. Ein Schauder lief ihm über den Leib. Es war gewiß die Abendluft, die kühl aus den Parkwiesen heraufwehte. Aber er hatte denselben Schauder in den letzten Tagen öfter empfunden und am hellen Morgen, am heißen Mittag. Er hatte den Geheimrath schon consultiren wollen; es war am Ende ganz zweckmäßig, wenn er den Geheimrath einmal kommen ließ. Der Geheimrath, den Gleich nach wenigen Minuten in das Cabinet führte, hatte schon über Tafel die Indisposition Durchlauchts bemerkt und war jetzt doppelt betrübt, durch seine Unvorsichtigkeit die fatale Scene hervorgerufen zu haben, welche den Zustand Durchlauchts jedenfalls verschlimmert hatte. Ob Durchlaucht sich wohl entschließen würde, ihm eine genauere Exploration zu verstatten? Der Fürst gab die Erlaubniß; die Untersuchung dauerte lange; endlich richtete sich der Geheimrath wieder auf. Nun? sagte der Fürst. Sie machen ein bedenkliches Gesicht? Daß ich nicht wüßte, Durchlaucht, erwiederte der Geheimrath; es wäre dazu in der That nicht der mindeste Grund: von den Organen kein einziges wesentlich alterirt, von einer imminenten Gefahr nicht die Rede, wenn ich auch allerdings nicht in Abrede stelle, daß der von vornherein überaus zarte Organismus Durchlauchts sehr erschüttert ist und einer langen Erholung dringend bedarf. Ruhe, Durchlaucht, Ruhe – das ist es, wozu ich in erster Linie rathe; unbedingte Ruhe, wie sie in der Stellung Durchlauchts glücklicherweise leicht zu beschaffen und den Jahren Durchlauchts – ich meine unsern Jahren, in denen man die Leidenschaften der Jugend, Gott sei Dank, hinter sich hat – natürlich und erwünscht ist. Ruhe, sagte der Fürst, nachdem er den Geheimrath bis an die Thür begleitet, und leicht zu beschaffen, ja wohl! sie machen es mir leicht genug! Was ist das für ein Packet, Andreas, das Du da auf den Schreibtisch gelegt? Papiere, Durchlaucht, die Porst beim Aufräumen in dem Zimmer des Herrn Doctors gefunden und von denen er meint, daß sie der Herr Doctor ungern verlieren würde und die er deshalb mir gegeben hat, der ich nun um Durchlauchts Befehl bitte. Was geht das mich an? sagte der Fürst. Schickt sie ihm nach, oder gebt sie an Herrn von Zeisel, wenn Ihr seine Adresse nicht wißt. Es sind Briefe, Durchlaucht, die doch wohl nicht durch zu viel Hände gehen dürfen, meint der Porst, der so ein wenig hineingeschaut hat; vielleicht daß Durchlaucht es für passend erachtet, sie der gnädigen Frau direct zuzustellen – Ich werde sehen, sagte der Fürst, und Dir klingeln, wenn ich zu Bette gehen will. Herr Gleich verließ das Gemach, der Fürst sank wie zerschmettert in das Sopha zurück. Daß diese Versuchung nun noch an ihn herantreten mußte! Daß er noch diese Schmach auf sich nehmen sollte! Wie wäre so etwas früher möglich gewesen! Nicht einmal der Gedanke, geschweige denn die That! Aber das war ja das Fürchterliche, daß diese Leidenschaft seine Seele erniedrigte, wie sie seinen Körper zerrüttete. Und wenn er seine reine Hand vergeblich besudelte? Wenn diese Briefe ihn nichts lehrten, als was er schon wußte? Oder wenn sie ihm in die Hände gespielt waren, nachdem sie eigens zu dem Zweck gestohlen! Und während der unglückliche Mann jeden Grund hervorsuchte, dies nicht zu thun, klebte ihm die Zunge am Gaumen vor Begierde nach der verbotenen bittern Frucht; und während er sich erhob, die Briefe einzusiegeln und an Hedwig zu senden, hatte er das Gummiband, welches das Packet zusammenhielt, abgestreift und seine Augen flogen gierig durch die Zeilen der schönen Handschrift, mit denen die sehr verschieden geformten Blätter bedeckt waren. Die Generalin hatte Recht gehabt, als sie zu ihrer Tochter sagte: für einen Unbefangenen ist es eine harmlose Lectüre, besonders bei Tage; aber ich hoffe, es so einrichten zu können, daß er nicht unbefangen daran geht, und wenn wir einige weglassen, die gar zu idyllisch sind, werden die andern heute Nacht ihre Wirkung nicht verfehlen. Je länger der Fürst in diesen Blättern las und die Data miteinander verglich und sich besann, bei welcher Gelegenheit wohl dies und bei welcher jenes geschrieben sein könne und den Werth der einzelnen Ausdrücke gegen einander abwog und darüber grübelte, wieviel »lieber Freund« – mehr besage, als »lieber Doctor« – in demselben Maße verlor er den kleinen Rest von klarer Urtheilskraft, den ihm die Unterredung mit der Generalin noch gelassen; und es war keine Stunde vergangen, als ihm jedes dieser Blätter vom schwärzesten, schamlosesten Verrath doppelt und dreifach getränkt schien. War es nicht Verrath, auch nur dem Namen nach die Gemahlin des Fürsten von Roda zu sein und trotzdem – aus Wiesbaden im vorigen Jahre, während Horst eine Ferienreise die Mosel hinauf machte – an einen Mann im Dienste dieses Fürsten zu schreiben? »Es sind jetzt verschiedene fürstliche Personen hier und ich bin immer von neuem über den Götzendienst erstaunt, den man mit ihnen treibt. Mir hat die irdische Größe niemals imponirt; und wenn ich nun sehe, wie scheu die Menschen auf die Seite treten und wie willig sie den Hut ziehen, wenn ein Fürst vorübergeht, nicht, weil er etwa ein guter Mensch ist, dem sie Dank schulden, sondern, weil er ein Fürst ist – ja, so kann ich nur annehmen, daß mein Gehirn und mein Herz anders sind, als anderer Menschen. Ach! nichts ist gewisser: die Großen dieser Erde sind nur deshalb so erstaunlich groß, weil die Kleinen so erbärmlich klein sind.« Und hier: »Ich meine wirklich, je länger ich darüber nachdenke, daß ein König, ein Fürst niemals, oder doch nur unter ganz außergewöhnlichen Verhältnissen, ein so guter und auch nicht ein so großer Mensch werden kann, wie er es im gewöhnlichen Gang der Dinge geworden wäre. Denn was macht den Menschen gut, als daß er sich als Gleicher unter Gleichen weiß und fühlt, deren Schicksal sein Schicksal ist, deren Freuden und Leiden seine Freuden und Leiden sind oder es jeden Augenblick werden können; und was macht ihn groß, als daß an den Hindernissen dieser Welt die eingeborene Kraft bis zum äußersten Maß erprobt und erweitert. Wann aber hätte je ein Fürst, so lange er Fürst war, sich als der Gleiche seiner »Unterthanen« gefühlt? Wann wäre er je, so lange man ihm als Fürsten diente, schmeichelte, huldigte, zum vollen Bewußtsein über das Maß seiner Kraft gelangt? Und wie sollte er auch, wenn ihm Alles und Jedes leichter gemacht wird als anderen Menschen? Jeder andere Mensch muß um das Weib seiner Wahl freien, muß sich das Wild selbst suchen, sich auf seine Büchse selbst einschießen, sein übermüthiges Pferd selbst müde reiten, die Thür, durch welche er gehen will, selbst öffnen. Für den Fürsten giebt es nur offene Thüren! Denken Sie daran, lieber Fremd, so oft Sie an Fürsten denken!« Und hier: »Unser Fürst ist der beste unter ihnen, gewiß! aber ist er es nicht, weil er der kleinste ist!« Und dies: »Der Fürst ist ein guter Herr – aber er weiß es auch, und doch würde er ein besserer Herr sein, wenn er es weniger wüßte.« Und hier, aus der allerletzten Zeit, als Horst neulich auf der Naturforscher-Versammlung war: »Die Gesundheit des Fürsten hat mir in diesen Tagen Ihrer Abwesenheit rechte Sorge gemacht. Es ist das Herz, sagen Sie. Ach! wenn wir ihn doch, »in die Welt weit aus der Einsamkeit, wo Sinne und Säfte stocken,« führen und locken könnten! Mein Freund! an dieser Einsamkeit kranken wir hier Alle, der Fürst, Sie und ich; Jeder, den ich ansehe, trägt den Leidensausdruck. Ach, einen Athemzug aus der weiten Welt, wie er Ihnen jetzt wird! Und Sie haben den Muth, wiederzukehren! Es ist der Muth des Selbstmörders!«   Durchlaucht haben gerufen? fragte Herr Gleich, in der Thür erscheinend. Er wußte recht gut, daß der Fürst nur laut gesungen hatte: »Treibt der Champagner,« oder etwas der Art; aber das Singen hatte so gräulich geklungen in der tiefen athemlosen Stille, und Herrn Gleichs Gewissen war denn doch wegen dessen, was er heute Abend gethan, ein wenig unruhig. Die Medicin könnte am Ende doch zu stark wirken, meinte Herr Gleich. Wieviel Uhr ist es? Gleich Drei, Durchlaucht. Der Fürst trat an eines der Fenster, dessen Vorhänge er öffnete; Herr Gleich war hinzugeeilt; der Fürst wendete sich um: Nun, welchen Ausdruck hat denn mein Gesicht; den rechten Leidensausdruck, wie? Durchlaucht sehen blaß aus von der durchwachten Nacht und dem grauen Morgenlicht, sagte Herr Gleich. Der Fürst riß das Fenster auf. Einen Athemzug aus der weiten Welt, murmelte er; da liegt sie, ich will hinein, in die Berge. Durchlaucht, es ist drei Uhr, sagte Herr Gleich, der anfing, zu fürchten, sein Gebieter möchte wahnsinnig geworden sein. Einen Wagen! rief der Fürst, sich heftig umwendend und mit dem Fuße stampfend. Den Jagdwagen! Warum bist Du noch nicht fort? Sechsundzwanzigstes Kapitel. Die sonnigen Stunden schienen Hedwig heute langsamer und träumerischer als sonst über Schloß Roda hinzugleiten, die Vögel in den Zweigen lauter und doch trauriger zu singen, die Blumen auf den Beeten stärker und doch weniger erquicklich zu duften. War es eine Folge der schlaflos verbrachten Nacht? War es der Gedanke, daß die Sonne dieses Tages die letzte sei, die sie über Roda würde untergehen sehen? Denn morgen mußte es sich entscheiden, nicht für sie – für sie war es längst entschieden – aber für den Fürsten, für alle Welt; morgen war die Frist zu Ende, die er sich erbeten hatte. Ach, sie hatte bitter bereut, daß sie, gegen ihre Ueberzeugung, gegen ihre Natur, dieser Bitte, die eine Drohung gewesen war, nachgegeben: sie hatte diese Nachgiebigkeit bereits theuer bezahlt, würde sie aller Wahrscheinlichkeit nach noch theurer bezahlen müssen. Es waren schlimme Tage für sie gewesen, die sie durchlebt in stundenlangem Beisammensein mit der Generalin, die ihr aus den trostlosen Tagen ihrer geknechteten Jugend das Urbild der schlimmsten Tyrannei auf Erden war – der schlauen, abgefeimten Tyrannei, die ihre Brutalität hinter die glattesten Formen versteckt; mit dem Geheimrath, der die sanfteste Stimme hatte, wenn er mit vornehmen Leuten sprach, und der einen kranken Dienstboten anherrschte, wie einen räudigen Hund; mit Stephanie, die seit geraumer Zeit schon und nun besonders seit Ankunft der Mutter, ihre frühere Munterkeit mit einer larmoyanten Duldermiene vertauscht hatte und ihre schmachtenden Augen nicht von dem Grafen wendete, der, offenbar ganz absichtlich, seine Frau, um die er sich sonst in der Gesellschaft so wenig bekümmerte, mit Aufmerksamkeiten aller Art überhäufte; mit dem Fürsten endlich, der jetzt düster und zerstreut die Gesellschaft gewähren ließ und sich dann wieder mit fieberhafter Lebhaftigkeit in die Conversation mischte – das Bild eines Menschen, der, von einem einzigen Gedanken vollständig beherrscht, in allem Uebrigen nur noch mechanisch lebt. Und sie wußte, welches dieser einzige Gedanke war. Sie las es aus der scheuen Miene, mit der er sie gelegentlich verstohlen betrachtete; sie hörte es heraus aus den dürren Worten, die er an sie richtete, wenn es die Schicklichkeit erforderte, daß er mit ihr sprach; sie hörte es heraus aus dem verlegenen Schweigen, in das er sofort verfiel, sobald er es nicht vermeiden konnte, auf ein paar Augenblicke mit ihr allein zu sein; sie hörte, sie sah aus Allem: es that ihm leid! Es that ihm leid, daß er so weit gegangen! Es that dem Fürsten von Roda leid, daß er sich so tief gedemüthigt, daß er vor ihr auf den Knieen gelegen, daß er sein Schicksal in ihre Hände gegeben, daß ein Ja oder Nein von ihren Lippen über seine Zukunft entscheiden sollte! Und sein Blick irrte nun umher, ob es im Himmel und auf Erden nichts gab, was ihn retten mochte aus dieser Noth, und blieb dann hilfesuchend auf seinen Verwandten haften, die ihm mit einemmal seltsam nahe getreten waren, so nah, daß er erst jetzt die Schwere der Versündigung empfand, die er an ihnen zu begehen im Begriffe war, die er um eines Haares Breite an ihnen begangen hätte. Und sie verstanden diesen Blick; sie schöpften Hoffnung, Trost aus diesem Blick und den Muth, ihren Empfindungen Ausdruck zu geben, merken zu lassen, wie sie sehr wohl wüßten, daß die Gefürchtete nicht mehr ganz so fürchterlich sei. Würden sie sonst die Stirn gehabt haben, diese Scene gestern bei der Tafel zu arrangiren? Und der Erfolg hatte ihnen ja Recht gegeben, der Fürst hatte durch sein klägliches Verstummen den schamlos-frechen Ausfall gegen einen Abwesenden sanctionirt, von dessen Lob sein Mund und doch auch wohl sein Herz früher so voll gewesen. Es war der Tropfen, der den Becher überlaufen macht. Hedwig fühlte es in der Tiefe ihres leidenschaftlichen Herzens, daß dies das Signal sei zu dem Bruche zwischen ihr und dem Fürsten; daß sie auf ein freundschaftliches Verhältniß, wie sie es um seinet-, um ihrethalben gewünscht und gehofft, fortan zu verzichten habe. Und in dieser leidenschaftlich-bitteren Stimmung war sie hinaufgeritten auf die Fasanerie und hatte den alten Prachatitz gefragt, ob er sich bereit halten wolle und könne, sobald sie ihm Botschaft sende, zu jeder Stunde des Tages und der Nacht an einem Punkte, den sie angeben werde, sie mit einem Gefährt zu erwarten und mit ihr zu gehen, wohin sie jetzt selbst noch nicht wisse. Und der Alte hatte sich mit der harten Hand über die borstigen Wimpern gewischt und gesagt: er habe es längst kommen sehen und sie werde ihn bereit finden. Dann war sie von der Fasanerie durch den Wald auf eine Klippe geritten, die trotzig-hoch hinausschaute in das Rodathal. Sie hatte zum letztenmal einen Blick werfen wollen auf das wunderliebliche Bild, an dem sie so oft Herz und Auge gelabt: auf die dunklen Wälder hüben und drüben, auf die sonnigen Matten, auf die zackigen Berge, auf den Fluß, der sich tief unten – eine braune Schlange – um den Felskegel zog, von dem das stolze Schloß, in Abendsonnengluth gebadet, mächtig aufragte. Es hatte ein kurzer Abschied sein sollen und ohne Wehmuth. Aber als sie dort oben hielt und ihr zu Häupten die Riesentannen schauerlich im Abendwinde flüsterten und durch die tiefe Stille das Rauschen der Roda in ihrem steinigen Bett zu ihr hinaufmurmelte, und ein Falk mit lustigem Schrei sich vorüberschwang durch die blaue Luft, und der prächtige Rappe, ihr Lieblingspferd, ungeduldig mit dem schönen Kopfe nickte und das nackte Gestein mit dem Eisen schlug, daß es laut ertönte, – da waren ihr die Thränen heiß aus den Augen gestürzt und eine Stimme in ihr hatte gefragt: ob es nicht sein könne? ob sie diese Herrlichkeit aufgeben und hinausziehen müsse in die Wüste der Welt, ein armes verlassenes Mädchen, das nur eben ihrem Sterne folgte, der sie vielleicht in grenzenloses Elend führte, aus dem es keine Rettung gab als den Tod. Und wäre es in den Tod, hatte eine zweite Stimme der ersten geantwortet, doch mußt du fort von hier; du kannst nicht deinem Gott dienen und dem Mammon. Da war es ruhig in ihr geworden, ganz ruhig; und so war sie zurückgeritten und hatte während der Nacht ihre Sachen geordnet wie Jemand, der zu einer langen, langen Reise aufbricht, von der er vielleicht nicht wiederkehrt. Aber in das kleine ärmliche Bündel, das sie sich zurechtmachte, war nichts gekommen von dem unendlichen Reichthum, der ihr aus den geöffneten Schränken und Laden entgegenglänzte und schimmerte, nichts von den herrlichen Kleidern von den zahllosen Kostbarkeiten; nur die dürftige Habe, die sie besessen, als sie noch hinter dem Theetisch der Generalin stand und die sie sorgfältig aufgehoben. Dann hatte sie im Kamin Papiere verbrannt, und dabei waren ihr denn auch die Briefe in die Hand gekommen, die Hermann im Laufe der letzten drei Jahre an sie geschrieben. Es hatte sie seltsam berührt, als sie das Packet so in der Hand hielt; es war ihr gewichtiger vorgekommen, als die anderen alle, und einen Augenblick hatte sie geschwankt; dann aber hatte sie es auf die glühende Asche geworfen und zugesehen, wie die Flammen es verzehrten. Ich kann nicht von hier gehen mit dem Bilde eines Mannes im Herzen, sprach sie bei sich. Es würde mir die Festigkeit rauben, die der Augenblick von mir heischt, und würde mir das Vertrauen zu mir selbst rauben, mein einzig Gut für die Tage, die da kommen werden. Dann war sie auf den Balcon getreten und hatte, in die Dämmerung hinausschauend, durch den stillen Morgen vom Schloßhofe her das Geräusch eines Wagens gehört und bald darauf über die Brücke unten einen Wagen fahren sehen, ohne zu ahnen, daß es der Fürst sei. Sie hatte es erst heute Morgen von Meta gehört. Ihr erster Gedanke war gewesen: er flieht vor dir! ihr zweiter: benutze diese Stunde, die vielleicht nicht wiederkommt, zu deiner eigenen Flucht. Aber sie hatte ihr Wort gegeben, bis zum Geburtstag des Fürsten auszuharren; sie mußte es halten, wenn vielleicht auch ihm, der es ihr so unritterlich abgezwungen, nicht mehr daran gelegen war, daß sie es hielt. Und so wandelte sie nun in dem morgensonneüberstrahlten Garten zwischen den Beeten, von denen ihr der Würzduft der Reseda und des Heliotrops entgegenhauchte, unter den schattigen Bäumen, deren glänzendes Gezweig sich leise im Morgenwinde hob und senkte, aus deren dichten Kronen die Vögel rastlos sangen; und Morgensonnenschein und labender Schatten, säuselnder Wind und nickende Zweige, duftende Blumen und singende Vögel – alle sagten ihr Lebewohl, und: lebet wohl! tönte es aus ihrem tiefsten Herzen wieder: lebet Alle wohl! Da sah sie Stephanie am Arm des Grafen, denen die Generalin und der Geheimrath folgten, den Gang heraufkommen; der Becher süßer wehmuthsvoller Abschiedstrauer war geleert, der bittere Tropfen des Hasses mochte drinnen bleiben; sie wendete sich langsam in das Schloß. Wie danke ich Dir, Henri, daß Du gekommen bist, sagte Stephanie, sich zärtlich an die hohe Gestalt des Gatten schmiegend. Nur keine Aufregung, liebe Stephanie, sagte der Graf, düsteren Blickes der zwischen den Büschen Verschwindenden nachschauend; Du weißt, wie streng Dir der Geheimrath jede Emotion verboten hat. Und dann – wollen Sie nicht die Güte haben, Herr Geheimrath, meine Frau ein wenig zu führen; ich möchte eine paar Worte mit Deiner Mama sprechen, liebe Stephanie. Es ist doch nichts Schlimmes? rief Stephanie. Aber ich bitte Dich, liebes Kind! rief der Graf etwas ungeduldig. Lassen wir die Politiker allein, gnädige Gräfin, sagte der Geheimrath; von diesen Dingen verstehen wir jungen Frauen und Gelehrten doch nichts. Nennen Sie mich eine alte Frau! rief die Generalin, rückwärts gewendet mit dem Finger drohend. Der Graf hatte vor einer Stunde eine wichtige Nachricht gebracht, die allerdings für die Generalin nichts Ueberraschendes enthalten hatte. Sie war fest überzeugt gewesen, daß es diesmal zum Kriege kommen werde, und so bestätigte das Extrablatt, welches vorgestern Abend spät in Berlin ausgegeben und dem Grafen von seinem Freunde, dem Baron Malte, sofort übersendet war, nur ihre Prophezeiung: Seine Majestät der König hatte es abgelehnt, den französischen Botschafter nochmals zu empfangen und demselben durch den Adjutanten vom Dienst sagen lassen, daß Seine Majestät dem Botschafter nichts weiter mitzutheilen habe. Unser Prinz hätte ihm schon lange nichts mehr mitzutheilen gehabt, sagte die Generalin; aber wir wollen doch lieber gegen Stephanie nichts davon verlauten lassen; und dann, eine Kriegserklärung ist es noch immer nicht, und diese Affaire hat schon so seltsame Wandlungen durchgemacht, daß schließlich Alles möglich ist. Die Generalin glaubte, der Graf wolle noch einmal von dieser Sache mit ihr reden, und sie war deshalb nicht wenig überrascht, ja erschrocken, als derselbe ihr jetzt in einer Aufregung, die er bis dahin mühsam beherrscht hatte, anvertraute, was ihn eigentlich in vollem Rosseslauf von Neuhof hatte herüberjagen lassen. Lesen Sie, sagte er, ihr einen Brief reichend, den er aus der Tasche nahm, als Stephanie mit dem Geheimrath nicht mehr zu sehen war; er ist ebenfalls von Baron Malte, der, wie Ihnen bekannt, mehr davon weiß und wissen kann, als ein Anderer. Hier diese Zeilen, wenn ich bitten darf.   »Soeben komme ich von **, der mir ein Geheimniß anvertraute, das ich Ihnen sofort communicire, da es mir offenbar zu diesem Zweck mitgetheilt wurde. Seine Durchlaucht, dessen welfische Gesinnung diesseits um so mehr bekannt ist, als er aus derselben nie ein Hehl gemacht, hat sich neuerdings zu einer Handlungsweise hinreißen lassen, welche der mildeste Beurtheiler nicht anders als hochverrätherisch nennen kann. Die ganze Sache ist durch einen Mr. Rose oder Rosel herausgekommen, der aus vorläufig unbekannten und auch irrelevanten Gründen an seinem Herrn, dem Marquis de Florville, mit dem Sie vor drei Tagen das Rencontre gehabt, und der jetzt noch krank in Hannover liegt, zum Angeber geworden ist. Es ist eine Verschwörung in optima forma , die ihre Centralstelle natürlich in . . ., aber eine Hauptcommandite, wie sich jetzt herausstellt, auf Schloß Roda hat, und deren Verzweigungen über Hannover u.s.w. bis nach Brüssel und London laufen. Das Ganze ist von einem Gewicht, daß es niemals ungeahndet hingehen könnte, im jetzigen Moment aber, unmittelbar vor dem wahrscheinlichen Ausbruch eines Krieges mit Frankreich, die ganze Strenge des Gesetzes herausfordert. Das fühlt man auch Allerhöchstenorts, so schmerzlich es berührt, daß ein Fürst Roda mit communistischen Schneidern, internationalen Abenteurern und welfischen Enragés gemeinschaftliche Sache machen konnte, und wie man auch, mildgesinnt, wie man ist, Gnade für Recht ergehen lassen möchte. Noch schwankt die Wage, aber **, dessen Meinung doch zuletzt den Ausschlag giebt, sagte mir, daß er selbst, so leid es ihm um Ihrethalben thue, nicht zur absoluten Milde rathen könne und werde. Morgen Abend ist Ministerrath, wo die Sache officiell entschieden wird; in der Nacht gehen die Depeschen ab. Einen bestimmten Avis, waren **s letzte Worte, kann ich dem Grafen nicht geben, außer etwa, daß er den Fürsten zu bestimmen sucht, ruhig auf Schloß Roda zu bleiben und nicht etwa durch eine kopflose Flucht dem, was man unter Umständen als blosen Verdacht gelten lassen darf, volle Bestätigung zu geben und uns die Möglichkeit zu rauben, die Karten so zu mischen, daß die Trümpfe nicht zu stark gegen ihn fallen.«   Das ist denn doch toller als toll, sagte die Generalin, den Brief sinken lassend und den Grafen mit großen Augen starr ansehend; dieser alte Mann erschöpft die Geduld eines Engels. Ich habe gethan, was ich konnte, es zu verhindern, sagte der Graf. Es herbeizuführen, dachte die Generalin, und laut sagte sie: Jedenfalls steht die Sache nun nicht mehr zu ändern, und dann hat sie doch, fatal wie sie ist, auch ihre gute Seite. Dieser wahnsinnige Streich, der ihm, wenn er ihm vergeben wird, nur unserethalben vergeben wird, macht ihn in demselben Maße von uns abhängig. Ich fürchte, er wird dem einen wahnsinnigen Streich schnell genug den anderen folgen lassen, sagte der Graf. Dafür ist gesorgt oder vielmehr habe ich gesorgt, erwiederte die Generalin. Sie deuteten dergleichen schon gestern an; ich muß gestehen, daß ich einigermaßen neugierig bin, Ihren Feldzugsplan etwas genauer kennen zu lernen. Sie haben mir versprochen, Henri, mich bis morgen frei gewähren zu lassen. Aber Sie sehen meine Ungeduld; ich meine, die Zeit ist nicht dazu angethan, Comödie zu spielen. Sie sind in böser Laune, Henri, sagte die Generalin, und das macht Sie sogar in der Wahl Ihrer Ausdrücke weniger glücklich als sonst. Wenn ich eine Comödie gespielt habe, so hat dieselbe jedenfalls einen sehr bedeutenden Erfolg gehabt, für den ich einiges Lob zu verdienen glaube. Sie hat ihn die ganze Nacht wach erhalten und um drei Uhr nach einem Wagen rufen lassen, vermuthlich, sich den heißen Kopf in der Morgenluft etwas abzukühlen. Er wird nur an einem so warmen Tage wie heute bald zurückkommen müssen, soll die gute Wirkung nicht wieder verloren gehen. Der Fürst um drei Uhr weggefahren und noch nicht wieder zurück! rief der Graf. Und das sagen Sie so ruhig, wenn es die größte Wahrscheinlichkeit hat, daß dies nichts Anderes ist als eine Flucht. Wie leicht kann er von irgend einer Seite – diese Menschen haben ja tausend geheime Wege – gewarnt worden sein! Er kommt nicht zurück, sage ich Ihnen, und unser Name bleibt gebrandmarkt für alle Zeiten! Er kommt zurück, erwiederte die Generalin, verlassen Sie sich darauf; er hat ja nicht einmal sein Factotum, den alten Gleich, mitgenommen. Das spricht umsomehr für meine Ansicht. Im Gegentheil, oder er müßte sich denn geradezu das Leben genommen haben; ich bin überzeugt, daß er ohne Gleich nicht seine Toilette für eine einzige Nacht machen kann. Sie sind noch immer in der Comödienlaune. Die ich mir durch Ihre Undankbarkeit nicht werde rauben lassen. Wir Frauen könnten die Hände nur ein- für allemal in den Schoß legen, wenn wir überhaupt auf Dank von Euch rechneten. Und nun geben Sie mir hübsch den Arm und lassen Sie Stephanie nicht merken, daß Sie der Hedwig ihr Faible für diesen Wunderdoctor durchaus nicht vergeben können. Die Generalin sagte das in ihrer gewöhnlichen leichten und heiteren Weise, während sie innerlich über die Hartnäckigkeit, mit welcher der Graf an seiner Leidenschaft festhielt, empört war und die Abwesenheit des Fürsten ihr jetzt ernstlich Sorge zu machen begann. Die Frühstückszeit, zu welcher der Fürst regelmäßig auf einige Minuten im Salon bei den Damen zu erscheinen pflegte, war längst vorüber; zum Diner war heute freilich ausnahmsweise Niemand eingeladen, und so mochte es sein, daß der Küchenzettel, den sich der Fürst sonst jeden Morgen vorlegen ließ, heute dem Chef überlassen blieb; aber es harrten für das Fest morgen hundert Dinge der Erledigung. Herr von Zeisel war in Verzweiflung, und auch der alte Gleich, den die Generalin beiseite nahm, schüttelte bedenklich den grauen Kopf. Durchlaucht sei heute Nacht in der That ganz ungewöhnlich erregt und, mit Respect zu sagen, wie toll gewesen; und so allein in die graukalte Dämmerung hinauszufahren, sei und bleibe ein wunderlich Stück, wenn Durchlaucht auch wohl je zuweilen gar absonderliche Einfälle hätte und schon mehr als einmal gerade den Tag vor seinem Geburtstag auf seinem Gebiete hin- und herkutschirt sei, sich den Zustand der Leute aus der Nähe an zusehen und sich zu vergewissern, wie Durchlaucht das so auszudrücken pflegte, ob er auch am nächsten Tage vergnügt sein dürfe. Die Generalin that, als ob sie großen Werth auf diese Mittheilung lege, aber der Graf konnte ihr nicht beipflichten. Das hätte die Sache unter gewöhnlichen Verhältnissen zur Noth erklärt; es handle sich jetzt nicht um patriarchalische Wallungen. Seine Unruhe wuchs mit jeder Minute; er wünschte, daß Herr von Zeisel Reitende nach verschiedenen Richtungen aussende. Der Cavalier war dazu bereit, meinte aber, daß nicht viel dabei herauskommen werde. Wenn Durchlaucht auf den Wald gefahren ist, sagte er, ich meine in die Berge, könnte man ebenso gut ein geständertes Huhn ohne Hund in einem Runkelrübenfelde suchen; aber da sich die Damen so ängstigen und dem Herrn Grafen viel daran zu liegen scheint, Durchlaucht möglichst bald zu sprechen, wollen wir es versuchen, während ich selbst nach dem Diner mich hier ein wenig in der Nachbarschaft umsehe. Durchlaucht hatte sich in der letzten Zeit so sehr an Herrn von Fischbach attachirt, daß er ebensogut dorthin, wie irgend wohin sonst gefahren sein kann; nach Rothebühl und Erichsthal muß ich so wie so, da ist es ja nur ein Trab von zehn Minuten bis Buchholz. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Herr von Zeisel hatte es so eilig, fortzukommen, daß er nicht einmal das Ende des Diner abwartete, wie sehr dasselbe auch heute beschleunigt worden war, und sich schon vor dem Dessert bei den beiden Damen – Hedwig hatte sich entschuldigen lassen – verabschiedete. Gott sei Dank, daß ich fort und im Sattel bin, sagte Herr von Zeisel, als er zum Schloßthor hinausritt; es fehlte nur noch Banquo's Geist, so war das Mahl auf Macbeth' Schloß fertig. Und dabei so ganz en famille ! so ganz wie in Berlin! ich kam mir lächerlich ausländisch vor mit meinem sächsischen Singsang unter diesen schnarrenden preußischen Trompeten. Und nun dies Menu! Ich habe mich geschämt! Man sah so recht, daß der Herr nicht zu Hause war! Aber wie leicht wog ein verfehltes Menu im Vergleich zu Allem, was auf das Gemüth des wackern Cavaliers drückte! Es war so viel, daß er manchmal ordentlich bedauerte, kein Kind mehr zu sein, um sich in irgend eine stille Ecke setzen und recht von Herzen ausweinen zu können. Wie war er diesen Weg noch vor wenigen Tagen so selig dahingeritten! Es hatten schon Wolken, schwere Wolken am Himmel gestanden, aber die Sonne seiner Liebe hatte doch immer noch einen Weg gefunden, hindurch und gerade hinein in sein Herz zu strahlen; heute vermochte gegen die trüben Erdennebel selbst diese liebe Sonne nichts. Da unmittelbar rechter Hand vor ihm lag das Iffler'sche Haus wie ein memento mori . Was half es, daß er seinem Braunen die Sporen gab und im Vorüberjagen starr nach links in das grüne Thal blickte, auf welchem er einst die Wiesenblume seiner Gedichte gepflückt? Er sah doch, daß sämmtliche Jalousien des Hauses geschlossen waren, nicht gegen die Sonne, die längst auf der andern Seite im Garten an den sechs Goldfischen weiter kochte, sondern gegen die böse schadenfrohe Welt, zu welcher ohne allen und jeden Zweifel im Iffler'schen Sinne Oscar von Zeisel in erster Linie gehörte. Vorbei! Vorbei! Aber in Rothebühl war die Sache nicht besser. Schien doch jedes Gesicht, welches am Fenster sich zeigte, als er durch die stillen sonnigen Straßen trabte, darüber zu triumphiren, daß morgen nun doch, nach so vielen Vorbereitungen, nach so unendlichem Hin- und Herreden aus dem Feste nichts, so gut wie nichts werden sollte! Da war der Marktplatz, da die Gaststube zur Goldenen Henne – der Schauplatz seiner demagogischen Umtriebe an jenem Morgen; da die Laube der Apotheke, durch deren grüne Ranken die Kleider der abtrünnigen Damen zu schimmern und hämische Blicke auf Oscar von Zeisel zu fliegen schienen, während er jetzt am Brunnen hinritt, dessen Wasser verschlafen in der warmen Abendsonne murmelten. Vorbei! Vorbei! Vorbei und weiter bis zu der Fabrik vor der Stadt, wo Herr von Zeisel sein muthiges Pferd plötzlich anhielt, als er den Besitzer in dem Thorwege stehen sah. Wollen Sie nicht absteigen? sagte Herr Körnicke. Herr von Zeisel dankte; er habe es sehr eilig, müsse noch nach Erichsthal, vielleicht bis Buchholz. Ich wollte Ihnen nur kurzen Bericht erstatten, wie die Sachen hier stehen, sagte Herr Körnicke. Schlecht natürlich! rief Herr von Zeisel. Daß sie nicht schlechter stehen können, sagte Herr Körnicke. Es ist wahrhaftig, als ob sie Alle des Teufels wären. Die Geschichte mit dem französischen Herrn hatte schon böses Blut gemacht; nun rückt uns der Krieg immer näher, der ja nach den heutigen Nachrichten wohl so gut wie gewiß ist, und man besinnt sich darauf, woran man sonst in diesem stillen Winkel am liebsten gar nicht denkt, daß man doch Preuße ist und – Herr Körnicke schwieg und klopfte nachdenklich den schlanken Hals von des Cavaliers Renner. Und wenn man ehrlich sein will, Herr von Zeisel, verübeln kann man es ihnen just nicht. Wer möchte denn, daß die heillose Wirthschaft von ehemals wieder über uns hereinbräche, wo Niemand wußte, wer Koch oder Kellner war im Heiligen römischen Reich, derweilen uns Jeder, der wollte, die Butter vom Brode nahm und das Brod dazu. Von der Noth hat uns Preußen doch nun einmal erlöst, und kann uns auch fürder nur Preußen erlösen; und deshalb muß Jeder, der es ehrlich mit Deutschland meint, jetzt zu Preußen halten, wie sehr es ihm auch sonst gegen den Strich gehen mag. Das weiß ich und fühle ich so gut wie Einer, und es ist mir sauer genug geworden, dem alten Herrn das Wort zu reden gegen meine Ueberzeugung. Und schließlich habe ich die Sache dadurch nur noch schlimmer gemacht, denn, wenn der alte Herr von mir gelobt wurde, der ich den guten Leuten so ein Stück Satanas bin, so mußte es wohl sehr schlimm mit ihm stehen, dachten sie, und wurden nun erst recht scheu und haben heute in der Stadtverordneten-Versammlung beschlossen, daß man sich nicht, weder in corpore – wir sind nämlich unserer Sieben – noch deputationsweise, an der Gratulation betheiligen könne. So sagen sie auch in den Gewerken, und meine Liedertäfler wollen nicht singen, wenn ich sie nicht mit: »Ich bin ein Preuße« anfangen und mit: »Was ist des Deutschen Vaterland« endigen lasse. Na, Herr von Zeisel, da habe ich denn gedacht, das werde dem alten Herrn just keine große Freude machen an seinem Geburtstage, und habe den Männern gesagt, wir wollten die Geschichte dann lieber ganz sein lassen. Herr von Zeisel mußte nun doch absteigen, um Frau Körnicke begrüßen zu können, die aus dem Wohnhause über den Hof herbeikam mit dem Ausdruck lebhafter Bekümmerniß auf dem hübschen frischen Gesicht. Ich kann wahrhaftig nichts dafür, sagte sie, indem sie dem Cavalier die Hand reichte. Ich weiß es, verehrte Frau, erwiederte der Cavalier, und danke Ihnen und werde Ihnen für Ihre Freundlichkeit immer dankbar sein. Die gute alte Durchlaucht, sagte Frau Körnicke, während sie sich die hellen grauen Augen trocknete; wie gern hätte ich ihm die schönen Verse hergesagt, und ich würde meine Sache auch gewiß nicht schlecht gemacht haben; aber die Rederei war ja endlich gar nicht mehr auszuhalten, und wenn sie auch für mein Theil schwätzen möchten, so viel sie wollen – mein Alterchen ist ein bischen heftig – Dummes Zeug, sagte Herr Körnicke. Und man lebt doch nun einmal unter den thörichten Menschen, und hernach sollen die Kinder in die Schule gehen und – Es bedarf wahrlich keiner Entschuldigung, verehrte Frau, sagte der Cavalier; auch würde Ihre ohne Zweifel vortreffliche Leistung jetzt ganz vereinzelt bleiben, da ich mein Festspiel aus anderen Gründen habe fallen lassen, und Fräulein Iffler noch gestern Abend – Ist es denn wahr, daß sie einen Schwan hat machen sollen und nicht in's Wasser gewollt hat? fragte Frau Körnicke. Großer Gott, rief der Cavalier, wie können Sie nur – Eine solche Gans sein, dergleichen zu glauben, sagte Frau Körnicke, welcher der Schelm schon wieder aus den grauen Augen blitzte. Nun, ich glaube es ja auch nicht, aber in der Stadt erzählt man es überall. Der Braune fing an, ungeduldig zu werden, sehr zu gelegener Zeit für seinen Reiter, der durch die Wendung, welche das Gespräch genommen, in nicht geringe Verlegenheit versetzt war und sich jetzt empfahl, nachdem er dem Ehepaar die Hände geschüttelt. Man wird noch zum Kinderspott werden, sprach er bei sich, während er im scharfen Trabe auf der Chaussée weiterritt; und dabei weiß Keiner außer mir, wie kläglich es in Wirklichkeit um unser Fest steht. Es fehlte nur noch, daß Durchlaucht sich in den Kopf setzte, gar nicht zurückzukommen, bis der Tag vorüber ist. In dieser Lage der Dinge ist schließlich Alles möglich. Herr von Zeisel kam nach Erichsthal, dessen Verwalter ungeduldig war, verschiedene wichtige Verabredungen für den morgenden Tag endgiltig getroffen zu sehen. Wie viel Puter sollten noch in die Küche geliefert werden? und waren sechs Gespann Pferde ausreichend, um die Rothebühler Damen zusammenzuholen und nach dem Fest wieder nach Hause zu fahren? Und wie war es mit dem Aufzuge der Knechte und Mägde von Erichsthal und von den anderen fürstlichen Gütern während der Illumination? Sollten die Leute schon in Ordnung auf den Schloßhof ziehen, oder sich erst dort aufstellen, wo man sie dann allerdings mehr in der Hand hatte? Ich werde noch verrückt werden, sagte der Cavalier, nachdem er diese und andere Fragen, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, mit unsicherem Zögern nothdürftig beantwortet hatte; ein wahres Fegefeuer, das ich hier durchzureiten habe. Vor dem Reiter lag in der Tiefe der Ebene, in welche er jetzt hinabritt, ein Gutshof, zwischen Bäumen und Buschwerk fast versteckt, daß nur eben die rothen Dachfirsten von einigen der Gebäude zu sehen waren, und jetzt auch der oberste Giebel des Herrenhauses weiß zu ihm herüberschimmerte. Er hob sich im Bügel und sendete Kuß und Seufzer vor sich her, bevor er seinen Braunen in einen Jagdgalopp setzte, der ihn in wenigen Minuten zu einer Stelle brachte, wo von dem längeren Hauptwege ein kürzerer Seitenweg an dem erlen- und weidenumschatteten Ufer des Baches entlang durch ein anmuthiges Wiesenthal nach Buchholz führte. Der Cavalier ritt mit Vorliebe diesen Weg, den er bereits in seinem Philomelen-Sonett verherrlicht und der freundlichste Traum bald darauf zum Schauplatz der köstlichsten der Scenen sich erwählt – die fata morgana , eines Glückes, an dessen Realität Oscar von Zeisel eben nur im Traume glaubte. Der Braune war schon längst aus dem poetischen Galopp in nüchternen Trab gefallen und vertauschte denselben jetzt mit einem melancholischen Schritt. Der Cavalier seufzte: Das kluge Thier weiß, daß der Ueberflüssige keine Eile zu haben braucht! Plötzlich spitzte der Braune die Ohren und in demselben Moment begann Oscars Herz heftig zu schlagen Aus den Erlenbüschen, in welche der Pfad sich verlor, ertönte eine frische Mädchenstimme in ein paar lauten Cadenzen, die ihm süßer wie der Lockruf der Nachtigall klangen. Die singende Ruferin machte eine kurze Pause, in welcher sie, wie es schien, vergeblich auf Antwort gelauscht haben mochte, denn sie stimmte jetzt die ersten Tacte eines Volksliedes an, dessen melancholische Weise ihm rührender schien, als der Philomele schluchzendes Klagen. Mein Gott, wie ich erschrocken bin! Oscar war aus dem Sattel gesprungen und stand jetzt, den Zügel über dem Arm, den Hut in der Hand, erröthend vor der erröthenden jungen Dame, eine Entschuldigung stammelnd, die kaum gehört wurde. Aber die freudige Bestürzung währte nur einige Momente, dann schritten sie, indem Herr von Zeisel den Braunen am übergestreiften Zügel hielt, nebeneinander den schmalen Pfad zurück, welchen Adele eben gekommen war; er hatte bereits gefragt, ob der Fürst vielleicht bei Herrn von Fischbach sei und eine verneinende Antwort erhalten. Der Fürst sei vorgestern dagewesen und habe so sehr traurig ausgesehen. Daß es mir in's Herz schnitt, sagte Adele; ich habe den Herrn, der immer so gütig gegen mich ist, ordentlich lieb gewonnen, und da thut mir nun sein Unglück in der Seele leid; denn unglücklich ist er, nicht wahr? Dem Himmel sei es geklagt! sagte Herr von Zeisel seufzend. Und die gnädige Frau auch, fuhr Adele fort; und die habe ich ebenfalls so lieb gewonnen in der kurzen Zeit; und nun frage ich mich immer, weshalb haben sich die Beiden nur geheirathet? Gott mag es wissen, sagte Herr von Zeisel. Es schickt sich vielleicht für ein junges Mädchen nicht, so etwas zu sprechen, sagte Adele, aber Mama und ich denken den ganzen Tag an nichts Anderes, und dem Papa geht es auch unaufhörlich durch den Kopf, obgleich er immer sagt, wir sollten uns um unsere eigenen Angelegenheiten kümmern. Papa, müssen Sie wissen, schwärmt für den Fürsten und sagt, nichts auf der Welt thue ihm mehr leid, als daß er der guten Durchlaucht vorher immer ausgewichen sei. Aber es ist so unrecht von mir, daß ich Sie von so traurigen Dingen unterhalte. Weshalb unrecht, mein gnädiges Fräulein? Weil Sie immer so heiter und lustig sind. Ich heiter und lustig? rief Oscar von Zeisel im Tone gekränkter Unschuld. Ja, ist es denn ein Verbrechen, wenn man heiter und luftig ist? Das gerade nicht, erwiederte Oscar, nur daß ich es nicht bin, und am wenigsten von allen Menschen Ursache habe, es zu sein. Wie können Sie so etwas sagen, rief Adele, auch nur im Scherze sagen! Wahrhaftig, Herr von Zeisel, Sie versündigen sich! Es ist mein vollkommener Ernst, gnädiges Fräulein, sagte Oscar, die Hand auf's Herz legend, mit so feierlicher Stimme, daß Adele heftig erschrak. Sie hatte – trotz des Cavaliers Versicherung – daran festgehalten, daß er, wie alle Welt behauptete, mit Elise Iffler heimlich verlobt sei und sie nur seiner Armuth wegen noch nicht geheirathet habe. Sie war selbstlos genug gewesen, sich diese Lage des liebenswürdigen jungen Mannes zu Herzen und es ihm sehr übel zu nehmen, daß er so leicht daran trug. Jetzt sah sie, daß sie sich geirrt und daß sie eine wunde Stelle in seinem Herzen unzart berührt. Verzeihen Sie, Herr von Zeisel, sagte sie, es war nicht hübsch von mir, an Ihrem Kummer zu zweifeln. Wie kann man wissen, wie einem Andern zu Muthe ist. Sehr wahr, sagte der Cavalier mit einem feurigen Blick nach dem jungen Mädchen, das mit niedergeschlagenen Augen neben ihm ging, wie kann man das wissen! Und einen bescheidenen Wunsch wird der Himmel ja auch erfüllen, fuhr Adele tröstend fort. Aber ich bin nicht bescheiden, rief Oscar, ich bin der Unbescheidenste der Menschen, der sich das Höchste, das Herrlichste wünscht, was diese Erde bietet. Sie werden noch glücklich werden, verlassen Sie sich darauf, sagte Adele. Niemals, rief Oscar von Zeisel, niemals! Mein Glück ist unerreichbar wie die Sterne. Armer Mann, armer Mann! sprach das mitleidige Mädchen bei sich. Und dann dachte sie daran, wie wohlwollend ihr Vater gegen den Cavalier gesinnt war und wie er nur noch gestern Abend gesagt hatte: dem Zeisel gäbe ich gleich Buchholz in Pacht, wenn ich einmal das Wirthschaften satt habe; und langsam zögernd kam über ihre Lippen: Sprechen Sie doch einmal mit meinem Vater. Darf ich? Soll ich? rief Oscar. Süßestes, himmlischstes Mädchen! Er hatte, weil er für den Augenblick seine beiden Hände brauchte, den Braunen losgelassen, der, als ein verständiges Pferd, seinem Herrn in einem so wichtigen Augenblick seines Lebens keine Ungelegenheit machte, sondern ruhig hinterdrein schritt und nur von Zeit zu Zeit den Kopf hob, um nicht auf den Zügel zu treten. Das ist abscheulich von Ihnen! Das habe ich nicht um Sie verdient! schluchzte Adele, sich aus den Armen des allzu kühnen Cavaliers reißend. Oscar von Zeisel stand wie erstarrt. Er sollte mit dem Vater sprechen! und für so süße, köstliche, himmelerschließende, seligkeitverheißende Worte nicht mit einem glühenden Kusse danken! Wann, seitdem Liebende mit den betreffenden Vätern zu sprechen aufgefordert waren, hatte man diese Aufforderung nicht mit einem Kusse beantwortet! Ja, gab es überhaupt eine andere Antwort! Er sagte und fragte das nicht in Worten, aber seine zärtlich-vorwurfsvollen Blicke, das wehmuthsvolle Zucken seiner rothen Lippen sagten und fragten es; und, als die Liebenden jetzt vor ihm her durch ein Bosquet schritten, dessen dichtes Gezweig die rothen Abendstrahlen durchzitterten, hielt der gute Braune es für angemessen, die Muße zu benutzen und sich, soweit es die Zügel erlaubten, in dem kurzen saftigen Grase gütlich zu thun. Um Gott, der Vater! sagte Adele, als plötzlich ihr Name von der kräftigen Stimme Herrn von Fischbachs aus nächster Nähe gerufen wurde. Hast Du mir nicht gesagt, daß ich mit ihm sprechen soll? sagte der Cavalier, das erröthende Mädchen noch einmal an sein Herz drückend. Adele! Adele! Und auch die Mutter, flüsterte Adele. Und auch die Mutter wird Ja und Amen sagen, rief der Cavalier; komm mein holdes Mädchen, laß uns ihnen entgegen gehen. Ich fürchte mich vor der ganzen Welt nicht, am wenigsten vor Deinen guten Eltern. Unmittelbar hinter dem Wäldchen führte eine Brücke über den Bach, und als nun der glückliche Oscar, an der rechten Hand das geliebte Mädchen, in der linken den Zügel des Braunen, bescheidenmuthig zwischen den letzten Büschen heraustrat, sah er – wie er sie im Traum gesehen – Herrn und Frau von Fischbach drüben, ihn, im Begriff mit an den Mund gelegten Händen zum andernmal »Adele« zu rufen, sie, über das Geländer der Brücke sich lehnend und die Fische, welche dort gegen die Strömung standen, von einer mitgebrachten Semmel fütternd. Es war Oscars schöner Traum in die schönere Wirklichkeit übersetzt. Das letzte Zagen schwand aus seiner Seele, und die kleine Hand, welche einige Neigung verspüren ließ, aus der seinen zu gleiten, kräftig festhaltend, trat er an das würdige Paar heran und begann: Verehrter Herr von Fischbach, meine gnädige Frau – Ulrich, habe ich es Dir nicht gestern Abend gesagt, rief die gute Frau von Fischbach, den Rest der Semmel in's Wasser werfend, um beide Hände erst vor Verwunderung zusammenzuschlagen und dann die Arme für Adele zu öffnen, die sich in stürmischer Zärtlichkeit an den Busen der Mutter stürzte. Freilich, sagte Herr von Fischbach, aber – Lieber, theurer Herr, rief der Cavalier, die ein wenig zögernd dargebotene Hand des würdigen Mannes schüttelnd, ich bitte, ich flehe Sie an: stören Sie die wunderbare Schönheit dieser glückseligen Stunde nicht durch ein unglückseliges Aber! Nun meinetwegen, ich bin nie ein Störenfried gewesen, rief Herr von Fischbach mit herzlichem Lachen. Und Adele entzog sich den Armen ihrer Mutter, um sich in die ihres Vaters zu werfen, während Oscar von Zeisel sich beeilte, in herzlicher Dankbarkeit seine Lippen auf die Finger der guten Frau zu drücken. Ich dächte, wir machten nun, daß wir hereinkämen, sagte Herr von Fischbach; die Forellen werden so wie so schon nicht mehr besonders sein; aber das kommt davon, wenn man solche Allotria treibt, wie diese jungen Leute hier, und sich zum Abendbrod erst lange suchen läßt. Wenn man sich schließlich nur findet, flüsterte der glückliche Cavalier mit einem zärtlichen Blick auf seine junge schöne Braut. Achtundzwanzigstes Kapitel. Die Forellen hatten vielleicht fünf Minuten zu lange gestanden, aber der Rheinwein hatte die rechte Zeit im Keller gelegen; und bei der zweiten Flasche dieses firnen Weines saßen die Herren noch lange nach dem Abendbrod, so lange, daß die Geduld des Jüngeren auf eine harte Probe gestellt wurde. Aber der Aeltere lachte und sagte: Da zappeln Sie nun, wie der Fisch an der Angel; zappeln Sie nur noch ein bischen. Unsereiner wird früher oder später doch auf's Altentheil gesetzt, da muß man sein Heu machen, so lange die Sonne scheint, das heißt: so lange man uns braucht. So sagte mein Vater, und hat uns zappeln lassen, mich und meine gute Alte, daß wir schier aus den Heirathsjahren schon heraus waren, als wir uns endlich heirathen durften. Nun, da sei Gott vor, daß ich es mit Euch ebenso machte! aber ein wenig werdet Ihr mich wohl noch brauchen, Sie lieber Zeisel, in erster Linie. Ich muß Sie ja nun – gegen alles göttliche und menschliche Gebot – Ihrem gnädigsten Herrn abspänstig machen; und da sollten Sie doch ohne mich einen schweren Stand haben. Durchlaucht ist Ihnen sehr gewogen, man wird es schlau anfangen müssen, sehr schlau. Ich weiß nicht, erwiederte Herr von Zeisel, ob Durchlaucht und ich noch lange gut mit einander fertig geworden wären. Unsere Ansichten gingen in neuester Zeit doch schon manchmal recht weit auseinander, und wenn es ja noch zum Krieg kommen sollte, so wäre ohnedies – Der Cavalier unterbrach sich plötzlich mit einem Blick auf Adele, die mit der Mutter in dem abenddämmerigen Garten auf- und niederwandelte. Er hatte in den letzten Tagen die Möglichkeit des Krieges oft genug in Erwägung gezogen und er hatte keinen Augenblick geschwankt, was ihm in diesem Falle zu thun bleibe; aber er war als der arme Oscar von Zeisel, nach dem, so viel er wußte, im Grunde kein Mensch fragte, in den Krieg gezogen, nicht als der erklärte, anerkannte Bräutigam des liebenswürdigsten Mädchens. Das fiel ihm jetzt schwer auf die Seele und er schluckte die Worte, die ihm in der Kehle stecken blieben, mit ein paar nachdenklichen Zügen aus seinem Römerglase hinunter. Ja freilich, sagte Herr von Fischbach mit einem scheuen Blicke nach den beiden Frauengestalten, so wäre ja ohnedies abonnement suspendu . Daß Sie mit müssen, ist ja so sicher, wie daß ich Sie zum Schwiegersohn haben will, und wenn es nach mir ginge, könnten Sie mit Ihrem Schwiegervater zusammen aufbrechen. Aber wenn man fünfundfünfzig Jahre und kein Militär von Beruf und ein starker Rheumatiker ist, schickt es sich, daß man erst einmal euch Jüngeren das Feld läßt. Lieber Gott, wer wünschte nicht, daß der Kelch an uns vorüberginge! Ich beneide Keinen, der es nicht wünschte, am wenigsten Ihre Durchlaucht. Er möchte am liebsten die Zeit seit Sechsundsechszig, ja, was sage ich, seit anno Fünfzehn und noch länger ausstreichen, damit ein paar Dutzend staubiger, mottenzerfressener Pergamente doch ja gegen neun Zehntel aller Deutschen Recht behalten. Ich verstehe es nicht, wie ein so guter und sonst so kluger, verständiger Herr in diesem einen Punkte geradezu toll sein kann. Da mußte er freilich dem Grafen gegenüber in eine schiefe, unhaltbare Lage kommen, obgleich ich dessen Standpunkt auch nicht billigen mag. Den Krieg mehr oder weniger um des Krieges willen wollen, ist absolut nicht zu rechtfertigen, denn es heißt, wissentlich oder unwissentlich, die Elemente nähren, aus denen der Krieg erwächst. Und auf diesem Standpunkt steht, so viel ich sehen kann, mit seltenen Ausnahmen, der ganze preußische Militäradel und Alles, was mit demselben zusammenhängt. Diese Tendenz giebt ihm nun in einer Zeit, die mit kriegerischen Elementen so gesättigt ist, wie leider die unsere, ein ungemeines Uebergewicht über alle anderen Stände, gerade wie in einem Krankenzimmer der Doctor der wichtigste Mann ist, zu dem Alles in scheuer Ehrfurcht aufblickt. Aber wenn außerordentliche Verhältnisse einen andern Maßstab für den Werth des Menschen bedingen, so ist das doch nur ein relativer Werth; und dessen sollten unsere Standesgenossen sich bewußt sein, oder sie laufen Gefahr, sich und uns Andere für die Zeiten, die doch kommen werden und müssen, zu discreditiren, ja unmöglich zu machen. Sie haben mir aus der Seele gesprochen, sagte der Cavalier, über den Tisch herüber dem älteren Herrn die Hand reichend. Jetzt erkläre ich mir auch, weshalb, wenn der Graf und ich vom Kriege sprachen, wir über zwei ganz verschiedene Dinge zu sprechen schienen, und vielleicht auch, weshalb ich eine gewisse Abneigung gegen ihn nicht überwinden kann, trotzdem ich ihn im Grunde genommen bewunderte. Ja, ja, sagte Herr von Fischbach lachend, so wie der Leopard den Löwen! Stammen wir doch Alle von Raubthieren, wollte sagen von Raubrittern – ich meine wir alten Geschlechter – und da haben denn unsere preußischen Vettern noch ein wenig mehr von der ursprünglichen natürlichen Wildheit behalten, als wir zahm gewordenen Thüringer und Sachsen. Dies Bewußtsein giebt ihnen die stolzere und straffere Haltung und die bewundert wieder die liebe Plebs. So der Eisenbahnschaffner, der neulich, als ich mit Baron Neuhof auf dem Perron gehe, ihm die erste Klasse öffnet und mir ohne weiteres zuruft: »Zweite Klasse weiter hinten!« Ja, ja, lieber Zeisel, die Neuhofs fahren heutzutage erster Klasse; wir sind in die zweite gerathen! Das ist's! Und nun will ich Ihre Ungeduld nicht länger quälen. Kommen Sie! Ich habe noch ein paar Worte mit meiner Frau zu reden und da könnt Ihr junges Volk derweilen im Mondschein schwärmen. Es war ein sehr glücklicher Abend für Oscar von Zeisel, und die Nacht begann schon herabzusinken, als er sich endlich wieder im Sattel und auf der Chaussée befand. Man hatte ihm ein wenig das Geleit gegeben und der Kuß, den er in Gegenwart der Eltern von dem Munde der Geliebten trinken durfte, schwebte noch auf seinen Lippen. Eine selige Stimmung füllte seine Brust und die rasche Bewegung des muthigen Braunen, der sich von dem scharfen Ritt längst erholt hatte, trug dazu bei, seinen Lebensgeistern einen nie gekannten Schwung zu geben. Alle edlen Empfindungen, die je sein Herz belebt, er glaubte sie auf einmal zu empfinden; alle poetischen Gedanken, die je seine Phantasie begeistert, schienen sich in Wirklichkeit verwandelt zu haben: in die Strahlen des Mondes, die auf den Wassern des Baches glitzerten, in das Säuseln des Nachtwindes durch die Zweige der Bäume, in den Hufschlag seines Pferdes auf der einsamen Chaussée, in den Ruf des Rebhahns aus dem Weizenfelde, in den balsamischen Duft des frisch geschnittenen Heues auf den Wiesen. O, Glück, o, Wonne! sagte der junge Mann wieder und wieder. Ist es denn möglich? Ist denn nicht Alles ein Traum? Nein, Oscar, vorbei ist es nun mit den Träumen. Jetzt heißt es: wachen, leben, schaffen für sie, für mich, für die Menschen, die von uns abhangen werden und die wir alle glücklich machen müssen, nicht so glücklich wie wir – das würde nicht möglich sein, beim besten Willen – aber doch glücklich, so glücklich, wie ein Mensch sein kann, der nicht so liebt wie ich, der nicht so geliebt wird wie ich! Und eine Zukunft von Friede und Freude öffnete sich seinem entzückten Blick: das friedliche, freudenreiche Leben des begüterten Landwirths. Er sah sich auf dem Felde zu Pferde inmitten der Schnitter und der Binderinnen; er sah sich auf dem Hofe stehen in Stulpenstiefeln, während die vollen Wagen in das Scheunenthor schwankten; er sah um sich her die jubelnden Paare tanzen in der lustigen Kirmeßzeit. Und wo er ging und stand, war sie, die Herrin von Buchholz, die Königin seines Herzens, sein holdes schlankes Mädchen, sein Weib, sein Alles! Ihr runder Arm ruhte in seinem Arm mit schüchtern-zärtlichem Druck; ihre zarte, warme Hand lag in seiner Hand; ihre blauen, strahlenden Augen ruhten in seinen Augen. O Glück, o Wonne! ist es denn möglich! Das Wiehern des Braunen unterbrach die friedlichen Phantasien und zugleich hob das Thier den Kopf und spitzte die Ohren und wieherte abermals in den dunklen Abend hinein, und jetzt hörte auch sein Reiter Hufschlag. Es mußten mehrere Pferde sein, mindestens zwei, in vollem Jagen, denn der Schall, wenn ihn auch manchmal der Abendwind verwehte, näherte sich sehr schnell. Und vor diesem dumpfen, näher und näher kommenden Donner erbebte dem sonst so muthigen Cavalier das Herz in der Brust. Eine Ahnung sagte ihm, daß diese Reiter Boten sein müßten, die ein Unglück kündeten. Waren es ein paar von den Leuten, die er ausgesendet, den Fürsten zu suchen? Hatten sie ihn gefunden, todt? Großer Gott, er hatte seit Stunden nicht an das gedacht, weshalb er eigentlich ausgeritten war. Und näher und näher kamen die Reiter; der Braune, den Herr von Zeisel angehalten hatte, um besser zu hören, scharrte den Boden, als könne er nicht erwarten, an der Jagd theilzunehmen, und stieg endlich gegen seine Gewohnheit, daß der Cavalier ihn gewaltsam herunterdrücken mußte, in dem Augenblick, als die Reiter um die scharfe Biegung des Weges herumkamen und an ihm vorüberschossen. Er gab dem Braunen die Sporen und war im Nu an der Seite der Reiter, in denen er jetzt den Grafen und den Baron Neuhof erkannte. Guten Abend, meine Herren! Warum die Eile? Ah, Herr von Zeisel! Was giebt's, Herr Graf? Der Krieg ist erklärt! Unmöglich! Das wäre schlimm! Glücklicherweise ist die Nachricht ganz sicher. Neuhof war auf der Station, als die Depesche, die heute Abend um sieben Uhr in Berlin angekommen, hier durchging. Ein wahres Glück, daß es mir, als Sie schon fort waren, einfiel, noch einmal hinüber zu jagen. Ich hätte Dir doch die Nachricht auf jeden Fall gebracht, sagte der Baron. Oder auch nicht; Du gehörst zu den Leuten, die sich ganz gut allein freuen können. War Durchlaucht bereits zurück? Nein; und was haben Sie herausgebracht? Er war in Erichsthal und Buchholz nicht gewesen; ich hoffe, daß er mittlerweile gekommen ist. Ich hoffe es sehr! Dies Alles wurde gesprochen, ohne daß die Reiter den Lauf ihrer Rosse anhielten. Im Gegentheil, die edlen Thiere fanden jetzt erst, da es zu Dreien ging, die rechte Freude am Wettlauf, und da alle drei gleich gute Renner waren, konnte kaum das eine oder das andere einmal um die eigene Länge vorauskommen. Aber auch in den Reitern zitterte eine nervöse Erregung, die in dem sausenden Ritt durch die Nacht ein Gegengewicht fand – in ihren Ohren klang eine Musik, für welche der Donner der flüchtigen Hufe den rechten Tact schlug: die Musik zur Attaque blasender Trompeten, die Jeder von ihnen mehr als einmal auf dem Schlachtfelde gehört. So ging es weiter in Carrière durch die stille Nacht, daß Hecken und Bäume und einzelne Häuser vorüberflogen, und jetzt ein Gehöft, in welchem die Hunde laut wurden, und wieder Hecken und Bäume und einzelne Häuser, und jetzt Herrn Körnicke's Fabrik, vor welcher der Besitzer, seine Abendpfeife rauchend, stand: Halloh! Herr von Zeisel? Gott bewahre mich! Der Krieg ist erklärt! Der Cavalier hatte nur eben sein Pferd so weit angehalten, um Herrn Körnicke die Worte verständlich zurufen zu können, und jagte jetzt den Andern nach. Was gab's? Ich sagte es dem Körnicke nur. Was geht's den an? Da war sie wieder die Kluft zwischen ihm und dem preußischen Grafen. Was geht's den an! Heiliger Gott, wen geht es nicht an? Wessen Leben, wessen Eigenthum steht jetzt nicht auf dem Spiel! Wie lange werden die guten Leute in Rothebühl, durch dessen enge Gassen jetzt die Hufe der Pferde donnern, behaglich in ihren Stübchen vor den Thoren sitzen und plaudern; werden die Mägde in Frieden Wasser holen können aus dem plätschernden Brunnen? Wie lange wird der nächtliche Himmel nicht von Feuerzeichen brennender Städte und Dörfer geröthet sein? Wie lange noch wird der Fuhrmann bei Nacht so ruhig wie bei Tage neben seinen klingelnden Gäulen, die Pfeife im Munde, einherschreiten? Und ihn, sie Alle soll es nichts angehen! Und da halten sie auf dem Schloßhof und schwingen sich aus den Sätteln, während die Stallknechte den dampfenden Thieren in die Zügel greifen und aus dem Portale die Diener herauskommen. Ist Durchlaucht zurück? Noch immer nicht, Herr Graf. Neunundzwanzigstes Kapitel. Am folgenden Tage um die Mittagsstunde bot der Schloßhof einen seltsamen Anblick. Eine Menge Menschen wogte durcheinander: Männer zumeist, aber auch viele Frauen, selbst Kinder: Einwohner, Bürger von Rothebühl, Pächter, Knechte von den fürstlichen Gütern im Thal, Bauern, Köhler »vom Walde«, Bergleute – eine bunte Schaar, die immer noch anwuchs, denn wenn auch Manche, des langen Wartens müde, gingen, so strömten in jedem Augenblick durch das dunkle Thor Andere herzu. Auf den Gesichtern aller dieser Menschen aber lag derselbe Ausdruck der Sorge, der Spannung; auf den Lippen aller dieser Menschen schwebte dieselbe Frage: ob es denn wirklich zum Kriege kommen werde? nur manchmal – und fast immer von älteren Leuten – wurde gefragt: ob er denn noch immer nicht gefunden sei? Freilich würde es zum Kriege kommen, darüber sei gar kein Zweifel; der Herr Graf habe gestern Abend in eigener Person die Nachricht durch Rothebühl gebracht; heute Morgen sei ja schon die gedruckte Depesche angekommen; und vor einer halben Stunde auch die Botschaft von dem Herrn Oberforstmeister, daß Durchlaucht die Nacht bei ihm zugebracht habe; und das sei doch unverantwortlich von dem Herrn von Zeisel, den Menschen einen solchen Schrecken einzujagen und die Leute überall hinzuschicken, nur nicht dorthin, wo jeder Durchlaucht am ersten gesucht hätte. Ja freilich, meinte ein stämmiger Pächter, der hinzutrat, aber für unsere Durchlaucht wäre es vielleicht ebenso gut gewesen, wenn er gar nicht zurückgekommen wäre; der wird an dem Kriege keine große Freude haben. Ja, ja, sagte ein Anderer, da ist unser Herr Graf schon besser am Platze; und vorhin haben sie ihn ja schon als unsere neue Durchlaucht leben lassen, als der Bote von dem Herrn Oberforstmeister noch nicht da war; aber er hat's nicht annehmen wollen. Und daran hat er recht gethan, sagte der stämmige Pächter. Freilich, der Alte lebt ja noch! rief ein Rothebühler Witzbold in der Gruppe. Die Anderen lachten. Und lebt hoffentlich noch manches gute Jahr, sagte der Pächter, sich unwillig abwendend. Das ist auch so Einer, der das Herz wo anders sitzen hat, sagte der Witzbold. Und der es mit den Franzosen hält, meinte ein Anderer. Das ist kein echter deutscher Mann! Und kein guter Preuße. Da ist der Herr Graf am Fenster! Hurrah, für unseren Herrn Grafen, und abermals hurrah! und zum drittenmale hurrah! »Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben,« intonirte der Rothebühler. Die Umstehenden fielen ein, und als jetzt an der Flaggenstange auf der Zinne eines der Thürme eine große schwarz-weiße Fahne aufgezogen wurde und lustig im frischen Winde zu flattern begann, brauste es in vollem Chor: »Die Fahne schwebt uns schwarz und weiß voran.« Man drängte heran, nach dem Fenster aufzuschauen, an welchem der Graf noch immer stand – den Rücken der Menge zugekehrt und sich eifrig mit einem Herrn unterhaltend, welcher vor einer halben Stunde mit Extrapost angekommen war. Man sang um so lauter, je weniger der Graf darauf zu hören schien; kaum Einer oder der Andere wandte sich nach dem Jagdwagen um, welcher in diesem Augenblicke auf den Schloßhof gefahren kam und vor einer der Nebenthüren stillhielt. Zwei Herren stiegen aus und waren alsbald in der Thür verschwunden. War es nicht Seine Durchlaucht? fragte Einer. Gott bewahre: der Herr Oberforstmeister und ein alter Herr mit weißen Haaren, sagte ein Anderer. Da flatterte auf der Zinne des zweiten Thurmes die fürstlich Roda'sche Fahne in die Höhe, die dort immer wehte, wenn Seine Durchlaucht im Schlosse war. Durchlaucht ist zurück! riefen ein paar Stimmen. Hurrah für unsere Durchlaucht! Aber die Anderen sahen die Fahne entweder nicht oder hielten sich für verpflichtet, nun erst recht ihrem Patriotismus Luft zu machen und mächtiger noch als zuvor, wie im Jubel erschallte es jetzt: »Ich bin ein Preuße, will ein Preuße sein!« Dreißigstes Kapitel. Der Fürst hatte sich sofort in sein Cabinet zurückgezogen und durch Herrn von Zeisel sagen lassen, daß er von der Fahrt sehr angegriffen sei und daß man ihm eine Stunde Ruhe gönnen möchte. Herr von Zeisel stand mit dem Oberforstmeister in der tiefen Fensternische eines der Vorzimmer in leisem Gespräch. Er meint in einer Stunde, sagte der Cavalier, aber ich habe den Herren bereits angedeutet, daß sie sich darauf gefaßt machen möchten, gar nicht vorgelassen zu werden. Wie kann er in diesem Zustande Reden anhören und erwiedern! Es ist ein Jammer, es mit anzusehen, sagte der Oberforstmeister; gestern Abend war er grau, heute Morgen ist er weiß; er ist binnen vierundzwanzig Stunden ein Greis geworden. Wann kam er gestern? fragte der Cavalier. Gegen Zehn, erwiederte der Oberforstmeister; ich wollte eben zu Bett gehen, da höre ich einen Wagen im Schritt heranfahren und vor meiner Thür stillhalten. Ich ziehe so, ohne ein Arg zu haben, das Rouleau ein wenig in die Höhe und lasse es vor Schrecken fallen, als ich Durchlauchts alten Jagdwagen erkenne und ihn darin. Ich weiß nicht weshalb, aber mir war sofort, als müsse es ein Unglück gegeben haben. Nun, und als er mir aus dem Wagen in die Arme schwankte und ich armer kranker Mensch den sonst so Rüstigen fast in's Haus tragen mußte, da konnte ich wohl nicht länger zweifeln, daß meine Ahnung mich nicht betrogen hatte. Herr von Kesselbusch wischte sich mit dem Tuche über die feuchten Wimpern. Und wo ist er während der ganzen Zeit gewesen? fragte der Cavalier. Gott mag es wissen, erwiederte der Oberforstmeister, sonst weiß es Keiner, nicht einmal der Johann Kreiser, der ihn gefahren hat. Der alte Mensch war ganz gebrochen und weinte wie ein Kind, als ich ihn hernach in der Küche ausfragte. Sie sind überall gewesen, in Hühnerfeld, in Dachsloch, bei den Braunkohlengruben, oben in Wüsttrumnei – er wußte es eben selbst nicht mehr, die Kreuz und die Quer, von den Wegen ab, eine Schneise hinauf, eine andere wieder hinunter, auf Punkte, wohin sonst nur Hirsche und Wilddiebe kommen. Da hat er denn halten lassen und ist ausgestiegen und hat sich auf einen Baumstumpf oder Stein gesetzt, den Kopf in die Hände gestützt und hat stundenlang so gesessen, ohne sich zu regen, ohne ein Wort zu sprechen, daß der alte Johann vor Kummer und Angst fast vergangen ist. Er sagte, und wenn man ihm eine Grafschaft böte, er möchte den Tag nicht noch einmal erleben. Endlich gegen Abend, als die Pferde schon gar nicht mehr weiter gewollt, hat er sich ein Herz gefaßt, und trotzdem er immer nur »in die weite Welt« hat fahren sollen, nach dem Jagdschloß gelenkt, in dessen Nähe, er weiß selbst nicht wie, sie schließlich gekommen waren. Hat er mit Ihnen selbst gar nicht gesprochen? fragte der Cavalier. Doch, erwiederte der Oberforstmeister, ein paar Stunden später, so um ein Uhr, als er aus einem unruhigen Schlaf, in welchen er alsbald gefallen war, erwachte. Aber da sprach er nur von alten Zeiten, die er und ich gemeinsam verlebt, und der Refrain war immer, daß er ein alter Mann sei. Er! du lieber Gott! der nie vorher hat alt sein wollen! Es war herzzerreißend! Der Oberforstmeister schwieg und fragte dann, die Stimme noch mehr senkend: Wie hat sie es denn aufgenommen? Ich weiß es nicht, sagte Herr von Zeisel; ich habe sie gestern den ganzen Tag und auch heute noch nicht gesehen. Es ist ein schrecklich unheimlicher Zustand, Herr von Kesselbusch, und ich habe schon gedacht, wenn irgend Jemand, so sind Sie im Stande, hier zu vermitteln. Hier ist nichts zu vermitteln, mein lieber junger Freund, erwiederte der Oberforstmeister, glauben Sie mir. Was Gott nicht zusammengefügt hat, muß sich trennen. Und so muß hier eine Trennung stattfinden, aber das Herz wird ihm darüber brechen. Er hat sie zu sich bitten lassen, sagte Herr von Zeisel; sie muß jetzt schon bei ihm sein. Dann möge Gott ihr und sein Herz lenken! sagte der Oberforstmeister, die Hände faltend. Unterdessen hatte der Fürst sich von Herrn Gleich umkleiden lassen, ohne ein Wort mit dem alten Vertrauten zu sprechen; nur ganz zuletzt, als Herr Gleich ihm das beinahe weiß gewordene Haar arrangirte, sagte er: Das hättest Du vorgestern Abend nicht geglaubt, nicht wahr? Du hast mir einen schlimmen Dienst geleistet. Herr Gleich, der ganz bleich und verstört aussah, hatte jetzt etwas erwiedern wollen, aber der Fürst winkte mit der Hand und sagte: Laß nur, Andreas, Du bist ja doch nur Werkzeug in einer höheren Hand gewesen. Dann war er aufgestanden, mühsam, hatte sich in sein Arbeitscabinet begeben, aus der Schatulle auf dem großen Tisch zwischen den beiden Fenstern einige Papiere genommen und sorgsam zurecht gelegt, dann Alles wieder hastig in die Schublade gethan und sich zuletzt vor dem Tisch in seinen Sessel sinken lassen. Und da saß er nun, vornübergebeugt, den Kopf in die Hände gestützt, wie ihn der Johann Kreiser gestern im tiefsten Walde auf den Baumwurzeln hatte sitzen sehn. Und dieselben Gedanken zogen wieder durch das tiefgesenkte Haupt, dieselben Gedanken, die ihn gestern die großen weißen Wolken am ewigen Himmel, und der schwermuthsvolle Sonnenschein durch die dunklen Wipfel der Urwaldstannen, und das graue Moos auf den Porphyrfelsen gelehrt; er wollte sehen, ob er die Lection noch wüßte. Er wußte nicht Alles mehr; es war, als ob die engen Zimmerwände, die Mauern auf seinen Kopf drückten, und ach! auch auf sein Herz, das so dumpf und unruhig schlug; aber die Hauptsache wußte er doch noch, und das Andere würde ja wohl der Augenblick bringen. Ein leichter Schritt durch das Vorzimmer und das Rauschen eines Gewandes! Still, armes Herz, still! Nur jetzt halt aus! Halt aus! Er hob langsam das Haupt. Hedwig stieß einen lauten Schrei aus. War der Mann da im Sessel, der alte Mann mit den weißen Haaren und den tiefen Furchen im abgemagerten Antlitz, den eingesunkenen erloschenen Augen – war das er, der Fürst! Hatte es so weit kommen müssen! Sie eilte auf ihn zu, der sich bei ihrem Eintritt hatte erheben wollen, aber kraftlos zurückgesunken war; sie fiel an seiner Seite auf die Kniee und preßte seine zitternden bleichen Hände gegen ihre von Thränen überströmenden Augen, gegen ihre heißen Lippen. Ein unendliches Wehgefühl, das in Luft verzitterte, erfüllte des Fürsten Herz; er sollte den Kampf, den er vierundzwanzig Stunden lang durchkämpft, noch einmal, in eines Augenblicks engen Grenzen, durchkämpfen! Er stöhnte laut; dann wurde es ruhig in ihm; und ruhig und mild sagte er: Ich bitte, liebe Hedwig, stehen Sie auf! Hedwig erhob sich, ein schmerzliches Lächeln auf den zuckenden Lippen. Es hatte sie eine harte Ueberwindung gekostet damals, bis sie seinen dringenden Bitten nachgab, und das Du, das er ihr beinahe abgetrotzt, war ihr niemals echt erschienen – und doch! und doch! Setzen Sie sich, liebe Hedwig, hieher zu mir, sagte der Fürst; blicken Sie mich nicht so schmerzlich an, das raubt mir die geringe Kraft, über die ich noch gebieten kann, und Sie haben ja schließlich an der Veränderung, die mit mir vorgegangen, keine Schuld. Die Natur hat nur ihr gutes Recht verlangt, das ich ihr vorenthalten zu können glaubte, und hat den Zauber, der sie bannen sollte, zerbrochen. Seine Augen blickten starr: er schien fast mit sich selbst zu sprechen, als er nach einer kurzen Pause fortfuhr: Oben auf der Wüsttrumnei hab' ich's erfahren. Da weidete einmal ein junger Hirte seine Schafe, und hörte ein Klingen und Singen in dem Berge, und ging dem Schalle nach durch die Felsenspalte, und tanzte eine kurze Sommernacht mit den schönen Elfen. Eine kurze Sommernacht, aber sie hatte hundert Jahre gedauert, daß die wenigen Menschen, denen er in der Morgenfrühe begegnete, erschrocken vor dem Uralten flohen. Und als er sein Dorf erreicht und die Sonne aufging und die ersten Strahlen ihn beschienen, fiel er in Staub. Der Hirt bin ich, liebe Hedwig; die Hoffnung, Ihre Liebe zu erringen, war der Zauber, der mich die Zeit vergessen ließ. Aber die Zeit vergißt nichts und Niemand, und holt schnell nach, was sie scheinbar versäumt. Sie hat bei mir nur einen Tag gebraucht. Einen schmerzensreichen Tag, mit dessen Erzählung ich Sie nicht behelligen will; nur, was er mich gelehrt hat, will und muß ich Ihnen sagen. Er hat mich gelehrt, daß Sie Recht gehabt haben von Anfang an: daß ein alter Mann nicht um die Liebe eines jungen Mädchens werben darf und kann, ohne sich an ihr und an sich selbst zu versündigen. Die Jugend will leben, genießen; das Alter fragt nicht danach, ob der Mensch sein Leben genossen hat; es giebt nichts heraus von der verlorenen Zeit, keine Stunde, keine Minute, und sagt: bereite dich zum Sterben. Das sind sehr einfache Wahrheiten, und doch, welche Schmerzen habe ich Ihnen und mir bereiten müssen, bevor ich in den Besitz derselben gelangt bin! Lassen Sie mich kurz sein, denn das Sprechen wird mir schwerer, als ich gedacht. Hier in der Schatulle liegt der Contract, den ich unter dem Eindrucke unserer letzten Unterredung von Iffler habe ausarbeiten lassen. Ich will Ihnen nicht verhehlen, daß ich mich gefragt und wieder gefragt habe, ob ich diesen Schritt vor meinen Ahnen verantworten könne, und daß es mich einen schweren Kampf gekostet hat, das anerzogene, vielleicht angeborene Vorurtheil zu besiegen. Ich darf Ihnen das jetzt sagen, wo mir dieser Kampf sehr kläglich und dieses Vorurtheil sehr kindisch erscheint; jetzt, wo ich weiß, daß eine Macht uns scheidet, die sich nicht beeinflussen läßt durch unser Wähnen, Wünschen, Wollen – daß die Natur uns scheidet. Aber, liebe Hedwig, auch die Natur ist manchmal gütig, und scheidet, was sie scheiden muß, in milder, schmerzloser Weise. Der Fürst schwieg und blickte wieder mit den starren nachdenklichen Augen vor sich nieder. Was haben Sie beschlossen? fragte Hedwig leise. Ein trübes Lächeln spielte um die bleichen Lippen des Fürsten. Beschlüsse fassen, ist Sache der Jugend, sagte er, welche Zeit hat, das Beschlossene auszuführen. Wollen Sie dem alten Manne verzeihen, wenn er das junge, in Kraft und Schönheit blühende Mädchen fragt, wie sie sich ihre Zukunft gedacht? Hat der Einzelne eine Zukunft, wenn die Zukunft des Vaterlandes auf dem Spiele steht? fragte Hedwig, den Kopf, welchen sie in beide Hände gestützt hatte, hebend und den Fürsten mit großen Augen anschauend. Ich verstehe Sie nicht, sagte der Fürst. Die Thür aus dem Cabinet in den Salon stand offen, und die Fenster des Salons, welche auf den Schloßhof gingen, mußten ebenfalls offen stehen; man hatte schon wiederholt von dort her das Summen und Schwirren der versammelten Menge gehört und in diesem Augenblicke erschallten die Klänge des Arndt'schen Vaterlandsliedes: »Das ganze Deutschland soll es sein!« Hedwig deutete stumm nach jener Seite. Der Fürst schüttelte den Kopf und sagte mit einem matten Schimmer seiner alten ironischen Weise: Die Botschaft hör' ich wohl! Und ich, rief Hedwig, ich klammere mich an den Glauben, an die Ueberzeugung von unseres Volkes eingeborener Kraft und Herrlichkeit wie ein Ertrinkender an den rettenden Balken. Ja, wie ein Ertrinkender! Wir müssen zugrunde gehen ohne diesen Glauben; ich habe es immer gefühlt, aber ich weiß es erst, seitdem ich diese Kriegsbotschaft hörte und jeder Blutstropfen in mir brausend, jauchzend antwortete. O mein Gott, mein Gott! Ich habe ja das Ungeheure ganz allein tragen müssen, habe Niemanden gehabt, dessen Hand ich fassen, in dessen Auge ich schauen, in dessen Herz ich mein übervolles Herz ausschütten konnte! Ihre abwehrende Hand, Ihr vorwurfsvoller Blick sagen mir, daß nicht Sie es sind, an den ich mich wenden dürfe, ich habe ja durch meinen Spott, meinen Zweifel dazu beigetragen, den Glauben in Ihnen nur noch immer mehr zu untergraben, das Bild unseres Volkes in Ihren Augen zum Zerrbild zu machen! Schauder erfaßt mich, wenn ich dieses Frevels denke; und doch! wie habe ich immer mein Volk geliebt, wie heilig ist mir in innerster Seele stets sein Bild gewesen! Ihre edle schöne Seele kann ja nicht anders empfinden. Weg mit den finsteren Wolken des Unmuths! Fort aus diesem Nebellande blinden Vorurtheils, kleinlicher Rechthaberei, ängstlichen Zagens und Verzagens! Hinaus in das helle Sonnenland der frischen frohen That! Die Sonne wird uns nicht in Staub verwandeln, sie wird uns das Blut erfrischen und die Kraft verjüngen! Auch Ihnen! Auch Ihnen! Es ist heute Ihr Geburtstag; und wäre jedes Wort ein Tropfen meines Herzblutes – ich wüßte Ihnen nichts Besseres, nichts Höheres zu wünschen und zu sagen. Sie stand hoch aufgerichtet, die Hände halb erhoben, ein himmlisches Feuer in den großen dunklen Augen, wie eine Prophetin anzuschauen. Des Fürsten Blicke ruhten auf ihr mit einem Ausdruck, der Bewunderung und Staunen zugleich verrieth. Sie haben sich sehr verändert, sagte er, oder – ich habe Sie nie verstanden. Hedwig ließ die Arme sinken, das Feuer in ihren Augen erlosch: ihr Gebet war nicht erhört, der dürre Felsen blieb verschlossen, sie mußte verschmachten, gab es keine andere Möglichkeit, ihren Durst zu löschen. Sie kniete neben ihm nieder, küßte seine herabhängende Hand, die sie an ihre Lippen drückte, richtete sich dann langsam wieder empor und schritt leise nach der Thür. Auf Wiedersehen, Hedwig, sagte der Fürst mit tonloser Stimme; wir haben noch gar Vieles zu besprechen. Er ahnt nicht, daß es das letztemal gewesen ist! sagte Hedwig bei sich selbst, als sie sich in der Thür noch einmal umwendete, einen Scheideblick auf ihn zu werfen. Aber sie sah die immer noch verehrte Gestalt nur durch den Nebel der Thränen, die ihr heiß aus den Augen quollen. Noch gar Vieles murmelte der Fürst, und gar Wichtiges, das Wichtigste: sie muß wissen, daß sie fürder ihrem Herzen frei folgen darf; sie muß es von mir hören, vielleicht, daß sonst ihr Herz doch nicht frei würde. Der Herr Graf bittet, sogleich vorgelassen zu werden, sagte Herr Gleich. Der Fürst war so in seine schmerzlichen Gedanken versunken gewesen, daß er den Kammerdiener gar nicht hatte eintreten hören. Herr Gleich mußte seine Meldung wiederholen. Er hat mich ja schon bei meiner Ankunft begrüßt, sagte der Fürst. Sag' ihm, daß ich sehr, sehr angegriffen bin; oder nein, laß ihn doch lieber kommen. Aber erst nimm die Papiere dort aus der Schatulle. Es war der von Iffler ausgearbeitete Ehevertrag, eine Schenkungsurkunde und ein kleines versiegeltes Packet mit der Aufschrift: »Briefe von Doctor Hermann Horst. Im Falle ich plötzlich sterben sollte, der gnädigen Frau zuzustellen.« Herr Gleich zögerte, als er das Packet zu den anderen Sachen legen wollte; die Aufschrift hatte ihm einen Stich in's Herz gegeben; aber wenn auch – so konnte es doch nicht bleiben. Gesenkten Hauptes schritt er nach der Thür, durch die alsbald der Graf hereintrat. Einunddreißigstes Kapitel. Der Graf war heute in voller Uniform, die breite Brust mit seinen sämmtlichen, bereits ziemlich zahlreichen Orden geschmückt. Der Blick des Fürsten haftete mit einer Empfindung des Staunens an der kriegerischen Gestalt, die sich ihm jetzt mit langsamen und doch elastischen Schritten näherte. Der Mann war ihm nie so mächtig, nie so reckenhaft erschienen. Von der andern Seite ruhten die Augen des Grafen mit Theilnahme auf der gebrochenen Form des Fürsten, der vor wenigen Tagen noch mit fast jugendlicher Rüstigkeit einhergeschritten war. Wenn er in demselben immer einen persönlichen Feind gesehen hatte und jetzt auch den Feind seines Landes, seines Königs sehen mußte – der Feind lag am Boden; es widerstrebte ihm, den so tief Gebeugten noch tiefer beugen zu müssen. Ich ersuche Durchlaucht, Platz zu behalten und mir zu erlauben, mich zu Ihnen setzen zu dürfen, sagte er mit milder Stimme, den Fürsten, der sich erheben wollte, sanft in den Sessel zurückdrückend. Es ist mir unsäglich peinlich, Durchlaucht – noch dazu an diesem Tage – mittheilen zu müssen, was ich doch um Durchlauchts, ja, ich darf sagen, um unser Aller willen nicht eine Minute länger verschweigen darf. Kehren Sie sich nicht an meine zitternde Hand, sagte der Fürst; sie zittert nicht vor Furcht. Wer erlebt hat, was ich, fürchtet sich nicht mehr. Was haben Sie mir Schlimmes mitzutheilen? Dies! sagte der Graf. Und er berichtete nun, wie die Nachricht, welche er gestern bereits durch Baron Malte empfangen, heute durch den Polizeirath, der vor einer Stunde als Special-Commissär in der Angelegenheit von Berlin eingetroffen, in jeder Weise bestätigt und vervollständigt sei. Mr. Charles Ludovic du Rosel, oder wie er eigentlich heiße, Karl Ludwig Rose, habe die ganze Correspondenz des Fürsten mit dem Marquis abschriftlich ausgeliefert; die Echtheit dieser Abschrift sei durch die Originalbriefe des Fürsten, welche man bei dem noch immer in Hannover krank darniederliegenden Marquis vorgefunden, constatirt worden, während wiederum die Erläuterungen Herrn Rosels einerseits, andererseits die Aussagen compromittirter Personen, die man schon verhaftet, oder die mit Beschlag belegten Briefschaften Anderer, die man noch verfolge, den anfänglich zum Theil dunklen Inhalt der Briefe vollständig aufgehellt und unwiderleglich bewahrheitet hätten. Der Graf hatte seine Relation mit jener klaren Ruhe gemacht, die man an ihm gewohnt war, nur daß ein gewisses Schwingen in dem Klang seiner Stimme je zuweilen verrieth, wie schwer ihm diese Ruhe wurde. Der Fürst saß da, den Kopf in die Hände gestützt, ohne sich zu regen, wie er gestern im Walde gesessen. Es gehörte vielleicht zu der herben Lection, an der er gestern den ganzen Tag gelernt; sein Kopf faßte es ja zur Noth, so würde es sein Herz auch wohl fassen lernen, wenn es auch jetzt von diesen Bitternissen überquoll. Er hob sein bleiches Antlitz. Ich danke Ihnen, sagte er, für die schonende Weise, in welcher Sie sich Ihrer Aufgabe erledigt haben und absolvire Sie zum voraus von Allem, was bei solchen Dingen unvermeidlich ist und zu dessen Exemtion man eben Polizeiräthe aus Berlin schickt. Meine Papiere sollen versiegelt werden? Es wird sich das nicht vermeiden lassen, Durchlaucht. Der Commissär ist im Vorzimmer und bittet durch mich um die Erlaubniß, hernach unverzüglich mit der Untersuchung vorgehen zu dürfen. Ich selbst verhaftet? Der Commissär hat den ausdrücklichen Befehl, zu dieser Maßregel nur in dem Falle zu schreiten, daß Durchlaucht sich nicht entschließen könnte, sein Ehrenwort zu geben, bis zur Entscheidung der Sache keinen Versuch zu machen, sich dem Urtheile seines Richters zu entziehen. Seines Richters! sagte der Fürst, schmerzlich lächelnd. Meines Richters! Diese Hohenzollern Richter eines Fürsten von Roda! Nun wohl! ich gebe mein fürstliches Wort. Können Sie es in Empfang nehmen? Ja, sagte der Graf, nach einigem Besinnen. Werde ich ein Verhör vor diesem Commissär durchzumachen haben? Es ist möglich, daß er im Laufe dieser Tage eine oder die andere Frage an Durchlaucht zu richten haben wird, wenn Durchlaucht die Gnade haben will, den Herrn gewissermaßen als Gast auf dem Schlosse zu betrachten. Er wird sehr wenig Wesens von sich machen und Niemand wird erfahren, in welcher Eigenschaft er sich hier aufhält, wie Durchlaucht denn versichert sein darf – ich habe den ganz speciellen Auftrag, Durchlaucht die Versicherung zu geben – daß man Allerhöchstenorts nichts dringender wünscht, als diese Angelegenheit den Augen des Publikums zu entziehen. Also ein geheimes Gericht? Ueber dessen Strenge Durchlaucht sich keinesfalls zu beklagen haben wird. Der Fürst lächelte. Ich kenne die preußische Milde, sagte er; sie hat sich noch stets bewährt. Aber genug davon. Der Graf wollte sich erheben; der Fürst winkte ihm sitzen zu bleiben. Schenken Sie mir noch einige Augenblicke, sagte er. Ich hatte schon vorher die Absicht, eine Angelegenheit, die mir sehr am Herzen liegt, mit Ihnen zu besprechen; die Situation, in die ich so unerwartet gerathen bin, macht es mir doppelt wünschenswerth, ja geradezu nothwendig. Ich bitte, sagte der Graf. Der Fürst beugte sich über die Papiere, die vor ihm auf dem Tische lagen; seine Stimme wurde leise und unsicher; der Graf hatte Mühe, ihn zu verstehen, als er jetzt fortfuhr: Sie können sich denken, daß, nachdem ich mich einmal meines freien Willens begeben habe, ich keinen Finger mehr für mich regen werde und daß vor Allem meine Papiere nicht mehr meine Papiere sind, sie mögen nun auf jene durchsprochene Angelegenheit Bezug haben oder nicht. Dennoch möchte ich Sie mit dem Inhalt dieser Schatulle bekannt machen; vielleicht finden Sie sich veranlaßt, dieselbe unter Ihre besondere Obhut zu nehmen. Zuerst hier! Seine Hand zitterte heftig, als er jetzt ein paar zusammengeheftete, mit der großen runden Handschrift des Kanzleiraths bedeckte Bogen berührte: Hier! Es ist der vollständig ausgearbeitete und bereits mit meiner Unterschrift versehene Contract einer projectirten Verbindung rechter Hand zwischen mir und Hedwig. Er stockte und fuhr dann kaum hörbar fort: Der Contract ist aus Gründen, die demüthigend für mich sind, aber in keiner Weise ihr zur Last gelegt werden können, unnöthig geworden; ich weiß nicht, ob die Regierung ein so großes Interesse an dieser Angelegenheit meines Privatlebens nehmen wird. Auf keinen Fall, erwiederte der Graf; ich übernehme es, kraft der discretionären Befugniß, die mir der Allerhöchste Auftrag einräumt, das Document zu vernichten, falls Durchlaucht es wünschen sollte. So vernichten Sie es, sagte der Fürst. Dies hier bitte ich desto sorgfältiger zu bewahren. Er hob ein ähnliches Actenstück empor und ließ es wieder auf den Tisch sinken. Dies hier ist eine Schenkungsurkunde, datirt und giltig vom heutigen Tage an, über die Tyrklitzer Güter an Hedwig für den von mir vorausgesehenen und nun eingetretenen Fall, daß der Contract dort unausführbar werden sollte. Sie wunderten sich, daß ich ein solches Gewicht darauf legte, Ihren Antheil abgetreten und die Güter als freies Eigenthum zu erhalten. Sie wissen jetzt, welchen Gebrauch ich davon machen wollte. Darf ich – ich bin ein alter Mann und kann jeden Tag sterben – darf ich hoffen, daß Sie diesen meinen Willen respectiren werden? Mit einer gewissen Einschränkung, Durchlaucht. Es hatte ein paar Momente gedauert, bevor der Graf zu antworten vermochte. So hatte also die Gräfin doch recht gehabt, und auch ihre Voraussage, daß auf den Geburtstag des Fürsten die Entscheidung fallen werde, war eingetroffen! Was war hier vorgegangen? Welches Mittels hatte man sich bedient? Sie glauben, daß man dies wird zu den Acten legen müssen? fragte der Fürst, ängstlich zu dem Grafen emporblickend. Als Durchlaucht mir meinen Antheil für hunderttausend Thaler abkaufte, fuhr der Graf fort, glaubte ich nicht anders, als Durchlaucht wünschte in der Verwaltung der Güter nicht beschränkt zu sein; ich dachte nicht daran, daß Durchlaucht dieselben veräußern oder verschenken könnte. Ich würde sonst schwerlich auf Durchlauchts Propositionen eingegangen sein. Die Güter sind hundertundfünfzig Jahre Eigenthum des Gesammthauses gewesen, ein Zweig der Familie hat sich nach ihnen genannt. Nun habe ich nichts dawider, finde es im Gegentheil vollkommen schicklich, daß eine Dame, welche die Ehre gehabt hat, sich Durchlauchts Gemahlin nennen zu dürfen, bei ihren Lebzeiten und so lange sie eine andere Verbindung nicht eingeht, in dieser Weise ausgezeichnet wird. Aber sie dürfte meiner Ansicht nach die Güter weder vermachen, noch anderweitig darüber verfügen; dieselben müßten vielmehr, je nachdem, an uns zurückfallen, oder sich in eine schon im voraus zu bestimmende Ablösungssumme verwandeln lassen. Wenn Durchlaucht sich mit diesen Propositionen einverstanden erklären, würde ich die stricte Ausführung des Vertrages als eine Ehrenpflicht betrachten. Wohl, sagte der Fürst; wollen Sie Iffler Auftrag geben, die nöthigen Umänderungen vorzunehmen. Der Graf verbeugte sich. Und nun, sagte der Fürst, während eine brennende Röthe in seinen bleichen Wangen aufstieg, sind hier zuletzt noch einige Papiere – Briefe von ihr an – an den Doctor Horst, die ich – die man mir – ich habe dieselben erst seit vorgestern Abend in Händen. Der unglückliche alte Mann schwieg in grenzenloser Verwirrung und Beschämung; der Graf starrte zornig vor sich nieder. Das also war das geheimnißvolle Mittel, dessen man sich bedient: gestohlene Briefe! Und er hatte sich, indem er die Generalin gewähren ließ, gewissermaßen zum Mitschuldigen einer solchen Erbärmlichkeit machen können! Ich schwöre bei meiner fürstlichen Ehre, begann der Fürst von neuem, daß diese Briefe kein Wort enthalten, welches mit meiner Angelegenheit in irgend einer Beziehung stände; Mittheilungen durchaus privater Natur, wie sie zwischen jungen Leuten ausgetauscht zu werden pflegen, die sich durch eine gewisse Uebereinstimmung ihrer Ideen und Empfindungen zu einander hingezogen fühlen. Der Graf schaute auf. Ich werde Ihren Wünschen gemäß die gnädige Frau fragen, ob sie die Briefe an sich nehmen will, sagte er; und nun, fuhr er mit einem Blick nach dem Vorzimmer fort, möchte ich um die Erlaubniß bitten – Ich verstehe, sagte der Fürst. Der Graf drückte auf die Glocke und sagte zu dem hereintretenden Gleich: Führen Sie, sobald Durchlaucht und ich das Cabinet verlassen haben, den Herrn Rath hieher und leisten Sie ihm die Hilfe und geben Sie ihm jede Auskunft, die er etwa wünschen wird. Diese Schatulle tragen Sie selbst auf mein Zimmer und sagen Sie dem Herrn Rath, daß Sie es auf meinen Befehl thun. Ich selbst werde Durchlaucht unterdessen – In mein Schlafcabinet, wenn ich bitten darf, sagte der Fürst. Der Graf bot dem Fürsten den Arm und leitete den Wankenden sorgsam hinaus. Sie mußten, um in das Schlafcabinet zu gelangen, wenn sie nicht das Vorzimmer passiren wollten, durch den Salon, dessen Fenster auf den Schloßhof gingen. Die Menge war noch immer angewachsen; man hörte laut sprechen, rufen, singen. Sollten Durchlaucht den Leuten nicht eine Aufmerksamkeit schuldig sein? sagte der Graf. Wir werden sie ohne das schwerlich los. Ich fürchte, meine Kräfte sind erschöpft, sagte der Fürst. Vielleicht, daß Durchlaucht sich nur einmal hier am offenen Fenster zeigten? Wenn Sie meinen, daß es sein muß. Sie traten an das Fenster. Von denen im Schloßhof hatten es sofort Einige bemerkt, die wieder die Anderen aufmerksam machten. Im Nu waren Aller Augen empor auf das Paar gerichtet: den prächtigen ordengeschmückten Officier, in dessen Arm ein alter welker Mann mit weißen Haaren und bleichem kummervollen Angesichte hing. Unsre Durchlaucht soll leben! riefen ein paar Stimmen. Aber ihr schwacher Ruf wurde übertönt durch ein brausendes: »Der Herr Graf soll leben, hurrah, hoch!« und: »Nieder mit den schuftigen Franzosen!« und: »Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben –« Ein unheimliches Lächeln irrte durch des Fürsten todtenbleiche Züge: Dieser Krieg scheint in der That sehr populär zu sein, sagte er. Der Graf erwiederte nichts, aber es lag ein eigener Glanz auf seinen stolzen Zügen, als jetzt, da sie sich von dem Fenster gewendet hatten und er den Wankenden weiterführte, hinter ihnen her, triumphirend, in den Klängen seines geliebten Liedes erschallte: »Ich bin ein Preuße, will ein Preuße sein!« Zweiunddreißigstes Kapitel. Und derselbe Glanz lag auf seinem Gesichte, während er jetzt durch die lange Flucht der Zimmer und Säle dahinschritt und seine Augen von Zeit zu Zeit über die Stuckdecken und parquettirten Fußböden, die hohen Spiegel, herrlichen Bilder, Vasen und die tausend anderen Kostbarkeiten der prunkhaften Ausstattung dieser prachtvollen Räume schweiften. Es handelte sich jetzt um größere Fragen, als um die: wer hier Herr war, und er wußte das wohl, aber die größeren Fragen würden entschieden werden, wie diese hier, und sein stolzes Preußen würde aus jenem Kampfe als Sieger hervorgehen, wie er aus diesem Kampfe als Sieger hervorgegangen war. Plötzlich schwand der Glanz von seinem Gesicht und seine düster blickenden Augen suchten den Boden. Ohne Opfer war dieser Sieg nicht erkauft worden und einen letzten Kampf würde er den Sieger noch immer kosten. Noch immer, murmelte er, selbst jetzt noch! Dieses Weib ist ein Dämon. Im Mittelalter würde ich sie als Zauberin haben verbrennen lassen; heute muß ich schon so mit ihr fertig werden. Aber die Generalin hat recht: ich allein hätte es nicht vermocht; dazu mußte ein Weib helfen; nur ein Weib kann ein anderes so treffen. Ohne diese Briefe hätte ich mein Richteramt allzu schonend ausgeübt, und doch verdient sie nicht, daß ich sie schone. Aber nicht wie ein Richter empfand der Graf, als er eine Viertelstunde später, ein paar Papiere in der Hand, tief aufathmend, vor der Thür von Hedwigs Zimmer stand, bei der er sich zuvor durch seinen Philipp hatte anmelden lassen. Endlich öffnete er entschlossen die Thür und sah Hedwig sich gegenüber. Ich weiß es, rief sie ihm entgegen, das Geheimniß hat nicht lange vorgehalten; der Fürst ist ein Gefangener in seinem eigenen Hause; das Verhängniß, das er selbst heraufbeschworen, ist furchtbar schnell hereingebrochen. Herr Gleich hatte, als er die Schatulle auf des Grafen Zimmer trug, im Vorübergehen die ungeheure Neuigkeit an Meta erzählt, die trotz des ihr abgenommenen Versprechens der Verschwiegenheit nichts Eiligeres zu thun fand, als das eben Gehörte sofort ihrer Herrin zu berichten. Wie ein Blitz hatte die Nachricht Hedwig durchzuckt. Die furchtbarste Erregung sprühte noch aus ihren glänzenden Augen, flammte noch auf ihren Wangen, während sie jetzt, scheinbar des Grafen nicht achtend, in dem Gemache mit raschen Schritten und leidenschaftlichen Bewegungen auf- und niederging und sagte: So soll denn die Abrechnung auf einmal erfolgen nach allen Seiten; es ist herzbrechend, denkt man nur an den unglücklichen alten Mann. Aber es mußte ja doch einmal geschehen, früher oder später; Gott läßt sich nicht spotten und was der Mensch säet, das wird er ernten. Und in einem Augenblick wie dieser, wo die große Saat der Menschheit geschnitten werden soll, da, meine ich, wird und muß auch der einzelne Mensch sein Schicksal leichter tragen als sonst. Der Fürst empfindet das noch nicht – es ist Alles zu plötzlich, zu gewaltsam gekommen – aber er wird es empfinden, und das ist mein Trost. Ich freue mich, sagte der Graf, Sie jetzt so sprechen zu hören – Jetzt! unterbrach ihn Hedwig. Wann hätte ich je anders gesprochen? Welchen meiner Grundsätze brauchte ich heute zu verleugnen? Aber es wäre wohl vergeblich, mich darüber mit Ihnen verständigen zu wollen; und dann: ein philosophisch-politisches Gespräch mit mir zu führen, sind Sie wohl schwerlich hier. Was haben Sie mir zu sagen? Was sind das für Papiere, die Sie da in der Hand tragen? Die Philosophie war allerdings nie meine starke Seite, erwiederte der Graf, aber die Politik werde ich doch wohl nicht ganz vermeiden können. Sie kennen, gnädige Frau, meine Ansichten in dieser Beziehung, und ich bin überzeugt, daß ich meine Auffassung betreffendenorts werde zur Geltung bringen können, wenn man dort auch vorläufig anderer Meinung zu sein scheint. Wenigstens erklärt sich nur so die Instruction des Untersuchungsrichters, nach welcher Sie, gnädige Frau, das milde Schicksal Seiner Durchlaucht zu theilen und zu versprechen hätten, das Schloß nicht ohne Erlaubniß verlassen zu wollen. Der Graf machte eine Pause, sowohl um seinethalben, denn das Sprechen wurde ihm seltsam schwer, als auch um Hedwigs halber, ob sie vielleicht eine Antwort hätte. Aber Hedwig antwortete nicht, sie regte sich nicht. Stumm, die Arme unter dem Busen verschränkt, stand sie da; nur die Röthe ihrer Wangen und das Zucken ihrer Nasenflügel bewies, daß sie gehört, was der Graf gesagt. Der Graf fuhr fort: So lagen wenigstens die Sachen noch vor einer halben Stunde; sie liegen jetzt anders. Nach den Mittheilungen, die mir der Fürst gemacht hat – Mittheilungen, deren Inhalt ich auf tiefste beklage – ist wohl kein Zweifel, daß Ihnen – vielleicht auch ihm – aber lassen Sie mich nur von Ihnen sprechen – ein Beisammensein, und wäre es auch nur innerhalb derselben Mauern, auf das äußerste peinlich sein würde. Und hier komme ich sofort zu diesem Papiere; es ist eine Schenkungsurkunde der Tyrklitzer Güter an Sie, gnädige Frau, mit gewissen Einschränkungen, über welche ich mich hernach auslassen zu dürfen bitte. Sie würden auf Schloß Tyrklitz das hoffentlich bald erfolgende und Sie vollständig entlastende Ergebniß der Untersuchung abzuwarten haben, und ich würde mir meinerseits dann den Vorschlag erlauben, daß Sie noch heute Abend dahin aufbrechen. Ist dies auch der Wunsch des Fürsten? fragte Hedwig. Ich habe den Fürsten schonen zu müssen und ihm die Instructionen des Commissärs, so weit dieselben Sie, gnädige Frau, persönlich betreffen, vorderhand verschweigen zu müssen geglaubt; doch meine ich, nach der Bereitwilligkeit, mit welcher er auf alle meine anderen Vorschläge eingegangen ist, seiner Zustimmung gewiß zu sein. Wollen Sie mir das Dokument erlauben? fragte Hedwig. Hier ist es. Und hier ist die Antwort! sagte Hedwig, indem sie die Bogen von einem Ende bis zum andern zerriß. Sie finden das sehr unweiblich, nicht wahr? Der Graf lächelte spöttisch. Im Gegentheil, sagte er, ich finde unbesonnene Handlungen sehr weiblich; indessen, guter Rath kommt über Nacht; der fleißige Iffler wird die Arbeit gern noch einmal machen und der Fürst gern seine Unterschrift noch einmal darunter setzen. Und jene anderen Papiere? Briefe, gnädige Frau, von Ihrer Hand an den Herrn Doctor Horst, wenn ich Durchlaucht recht verstanden habe, die, ich weiß nicht durch welchen Zufall, nach der Abreise des Herrn gefunden und dem Fürsten ausgeliefert sind. Der Fürst möchte nicht, daß diese Briefe zu den Untersuchungsacten gelegt würden und hat mich gebeten, dieselben Ihnen zuzustellen, was ich hiemit gethan haben will. Hedwigs Gesicht hatte, während der Graf so sprach, einen Ausdruck halb des Zornes, halb der Verachtung angenommen. Was wäre für einen Großen wohl zu klein, murmelte sie; wie trefflich hast Du, großer Mann, diese Kleinen gekannt! Sie hob den Kopf. Ich kann diese Briefe nicht annehmen, sagte sie laut; ja, ich bin erstaunt, daß man mir diese Zumuthung macht. Weshalb sendet man sie nicht einfach an den Eigenthümer? Durchlaucht war vielleicht zu verwirrt, um auf einen allerdings so nahe liegenden Gedanken zu kommen, sagte der Graf. Und für Sie war es so süß, mich durch dieses Anerbieten, von dem Sie im voraus wußten, daß ich es nicht acceptiren würde, zu demüthigen – in Ihren Augen, in meinen nicht! Ich frage nicht und will nicht wissen, wie die Briefe in des Fürsten Hände kamen; durch wie viel Hände sie gegangen sind, bevor sie dahin kamen. Mögen die, welche es angeht, sich in die Schmach theilen! ich – und wenn jede Zeile dieser Briefe ein Liebesgeständniß und eine Liebeswerbung wäre, ich würde mich nicht zu schämen haben; ich könnte nur stolz darauf sein, einen solchen Mann zu lieben, und glücklich, von ihm wieder geliebt zu werden. Ja, mein Herr Graf, stolz und glücklich, trotz des verächtlichen Lächelns, mit dem Sie mich beehren. Lassen Sie es sich sagen, daß ich eine Ehre darin sehe, in Ihren Augen verächtlich zu sein. Wer ist es denn in Ihren Augen nicht? Ist es nicht Jeder, der nicht, wie Sie und die paar Auserwählten, zum Herrschen geboren, und Sclave, wie er ist, die sclavische Neigung hat, etwas Herrliches und Heiliges über sich anzuerkennen, dem er sich willig opfert? Oder wäre Ihnen die Menge nicht verächtlich, die jetzt mit ihrem plebejischen Geschrei den Schloßhof erfüllt, und die Sie längst weggeschickt hätten, wenn Sie nicht überlegten, daß es doch schließlich dieselben Menschen sind, mit denen Sie die Schlachten schlagen, in welchen Sie sich Ihre Orden holen? Oder den Tod! sagte der Graf. Der auch Andere trifft, mit dem Unterschiede, daß er für sie einfache Pflicht, und keineswegs eine Auszeichnung ist, welche der ganzen Familie zugute kommt. Oder dem Staat, sagte der Graf. Dem Staat, den Sie kennen; dem Staat, in welchem Sie nichts weiter als eine ungeheure Domäne zum Nutzen und Frommen Ihrer Familie sehen. Hätten Sie eine Ahnung davon, daß aus diesem Kriege, den Sie seit Sechsundsechszig herbeigewünscht und herbeigesehnt, den Sie und Ihresgleichen, hier und drüben, haben machen helfen, wenn nicht einzig und allein gemacht haben – hätten Sie eine Ahnung, daß aus diesem Kriege Deutschland frei und glücklich hervorgehen könnte im Sinne jener von Ihnen so tief verachteten Schwärmer und Ideologen – Sie würden lieber Ihren Degen zerbrechen, als ihn in solcher Sache ziehen. Das ist Ihr Patriotismus und Ihr Heldenmuth! Sollten wir nicht etwas von unserem Thema abgekommen sein? sagte der Graf mit bebenden Lippen. Für Sie, erwiederte Hedwig, nicht für mich. Ich habe des Volkes Sache immer für meine eigene gehalten, und meine eigene Sache auch ein wenig für die des Volkes. Die Sehnsucht meines Lebens ist gewesen, daß das Volk zum vollen Bewußtsein seiner Kraft, seines Werthes kommen möchte, daß ich und Meinesgleichen, soviel an uns ist, dazu beitragen könnten; ich hoffe zu Gott, daß diese Sehnsucht jetzt gestillt wird. Vielleicht, daß dann das reichere Leben des Volkes auch für mich und Meinesgleichen Früchte bringt; daß das Volk sich dankbar erweist und Mir und Meinesgleichen ein lebenswerthes Leben möglich macht. Verzeihen Sie, daß ich, ohne Rücksicht auf die Zeit, welche für den Herrn der Situation nicht anders als äußerst kostbar sein kann, Sie mit diesen Phantasien behellige, für die Sie schwerlich ein Interesse und auch wohl kaum ein Verständniß haben. Hedwig nickte in ihrer alten stolzen Weise kaum merkbar mit dem Kopfe und wendete sich, zu gehen. Der Graf stand da, das Gesicht ganz bleich, die Adern an seiner Stirn geschwollen, sein starker Körper zitternd vor grimmem Zorn; dann raffte er sich mit einer furchtbaren Anstrengung auf und war im nächsten Augenblicke aus dem Gemach gestürmt. Hedwig lehnte an dem Pfosten der Thür zum nächsten Zimmer; ihr Busen flog, Thränen des Schmerzes und der Begeisterung tropften aus ihren Augen. Sie hatte kaum so ganz gewußt, wie heiß sie ihn geliebt, als eben jetzt, wo sie den letzten Rest ihrer Liebe auf dem Altar der großen und heiligen Sache geopfert, der ihr Leben fortan geweiht sein sollte So fand sie Meta, die nun in das Gemach schlüpfte. Ach, gnädige Frau, sagte sie, was haben Sie gethan! Das verzeiht er Ihnen nie! Du hast es gehört, sagte Hedwig, gleichviel? Ich weiß, daß Du mir treu bist. Du kannst Deine Treue jetzt beweisen. Und Sie wollen wirklich hier bleiben, wo doch nun wohl Alles für uns vorbei ist, sagte Meta schluchzend, und wollen die prächtigen Güter in meinem schönen Böhmen nicht nehmen? Das verstehst Du nicht, liebes Kind, sagte Hedwig. Ich will nicht hier bleiben und nach Böhmen will ich auch nicht, und Du mußt zu Deinem Oheim hinauf und ihm sagen: heute Abend um zehn Uhr am Theehause; er weiß, was es bedeutet. Dreiunddreißigstes Kapitel. Der Abend war bereits tief hereingesunken, aber auf Schloß Roda wollte es nicht dunkel werden. Aus allen Fenstern schimmerten und strahlten die Lichter; auf dem Schloßhofe warfen aus großen Candelabern brennende Pechkränze ihre rothe Gluth bis hoch hinauf an die alten Thürme; in den Gärten schlangen sich Ketten bunter Laternen von Ast zu Ast, die Terrassen hinab, bis die letzten sich in den braunen Wassern der Roda spiegelten. Und durch die Säle, über die Höfe, die Gärten hinab und hinauf wogte, drängte eine aufgeregte Menge in buntem Durcheinander, daß die seidene Robe der gnädigen Frau oft genug den dunklen Kattunrock der Bäuerin streifte und der Herr im Frack sich unversehens von einem Mann in blauem Kittel angeredet sah. Aber die gnädige Frau fühlte sich heute nicht beleidigt und der Herr im Frack gab mit bereitwilliger Höflichkeit die gewünschte Auskunft; er habe es ebenfalls erst heute Mittag erfahren, und er habe auch zwei Söhne, die mit müßten. Das sieht halb aus wie ein Fest und halb wie eine Volksversammlung sagte Herr von Fischbach zu Herrn von Zeisel, als er desselben einmal habhaft werden konnte. Und ist auch beides, erwiederte der Cavalier, sich den Schweiß von der Stirne wischend; ich weiß nicht mehr, wo das Eine aufhört und das Andere anfängt, und will es nun gehen lassen wie's Gott gefällt. Wer hätte das gestern Abend denken können! Von zweihundertfünfzig Eingeladenen hatten gestern Abend hundert absagen lassen – unter uns: hauptsächlich auf Anstiften Neuhofs, die damit eine Demonstration gegen unsere Durchlaucht beabsichtigten; heute kommen sie Alle und, so viel ich sehen kann noch fünfzig mehr. Aus Rothebühl, wo gestern die offenbare Revolution war, ist alle Welt hier; und was so aus dem Walde und vom Lande herbeigelaufen, ist gar nicht mehr zu berechnen. Es will eben Jeder hören, erzählen, sich unter Seinesgleichen wissen – Wofür er in diesem Augenblick jeden Menschen hält, sagte Herr von Fischbach; und das mit Recht – einem so gewaltigen Ereigniß gegenüber sind wir Alle gleich klein und hilfsbedürftig. Freilich, erwiederte der Cavalier eifrig, und das ist's, was sie von heute Morgen an hergetrieben hat und noch immer hertreibt. Ich habe Leute gesehen, die ihre drei Meilen zu Fuß gemacht haben, um eine halbe Stunde hier zu sein. Der Geburtstag unserer armen Durchlaucht ist eben nur ein Vorwand. Wer denkt heute an den! Er hat dem Grafen seinen Platz abgetreten. Wird der alte Herr sich gar nicht sehen lassen? fragte Herr von Fischbach. Ich hatte mich recht darauf gefreut, Sie als meinen Schwiegersohn vorstellen zu können. Daran ist schwerlich zu denken, sagte der Cavalier seufzend. Ich war vorhin bei ihm, nach seinen Befehlen zu fragen – nur zum Schein; ich wußte ja, daß ich wieder dieselbe Antwort erhalten werde: wenden Sie sich an den Grafen! Aber ich gehe nicht wieder hinein, ich kann den Jammer nicht mit ansehen. Der arme alte Mann, der über Nacht zum Greis geworden ist, wie er dasitzt, den Kopf in beide Hände gestützt, noch gerade so, wie der Johann Kreiser erzählt, daß er gestern oben im Walde stundenlang gesessen. Wer ist bei ihm? Gleich, und Herr von Kesselbusch geht ab und zu; er will sonst Niemanden sehen. Da kommen unsere Damen, fuhr der Cavalier fort. Lassen Sie uns eine Promenade durch den Garten machen. Es soll hernach nun doch noch das Feuerwerk abgebrannt werden. Der Graf will es ausdrücklich. Er meint, das sei die passendste Unterhaltung, die wir unseren Gästen an dem heutigen Tage bieten können. Die Herren gingen Frau von Fischbach und Adele entgegen, die aus dem ebenfalls erleuchteten großen Gewächshause kamen. Adele hing sich in ihres Verlobten Arm und flüsterte: Gott sei Dank, daß ich Dich endlich wieder habe. Ich bin so erschrocken. Worüber, liebstes Herz? Mama und ich werden schon seit einer Viertelstunde von zwei verschleierten Damen in tiefster Trauer verfolgt; es ist ganz unheimlich. Siehst Du, da sind sie schon wieder. Das scharfe Auge des Cavaliers hatte in den schwarzen Gestalten sofort die Frau Kanzleiräthin und Fräulein Elise erkannt. Die Erinnerung an alle die Stunden, die er in der Veranda des Ifflerschen Hauses mit dem Kanzleirath bei der Flasche zugebracht, an alle Gedichte, in denen er Wiese auf Elise gereimt, überkam sein weiches Herz; er konnte sich eines leichten Seufzers nicht erwehren. Wer sind die schwarzen Schatten? fragte Adele. Es sind die Schatten, die in das Leben jedes Menschen, ich wollte sagen: jedes Mannes fallen, erwiederte Oscar von Zeisel mit nachdenklicher Miene; damit das Licht ihm desto heller strahle, damit er desto dankbarer für das holde Licht sei. Siehst Du dort, wie es durch die Zweige schimmert, heller und immer heller, während die Schatten kleiner und immer kleiner werden, so daß nun Alles Licht und Glanz ist. Und alles Licht und Glanz – in Deinem lieben Antlitz sehe ich es vereinigt, und so soll es mir ewig strahlen Dein liebes Antlitz durch mein ganzes Leben, komme, was kommen mag. Die Liebenden blickten einander an mit trunkenen Blicken, die doch nicht ohne Wehmuth waren. Heute gehörten sie sich noch; morgen schon wollte Oscar sich Urlaub nach Dresden erbitten, seine militärischen Angelegenheiten zu betreiben; und was mochte dann kommen! Die Menge hatte zu den letzten Terrassen gedrängt, von denen man den besten Blick nach der großen Parkwiese hatte, auf welcher jetzt – unter Herrn Hippe's kundiger Leitung – ununterbrochen bengalische Flammen leuchteten, Raketen emporstiegen, Feuerräder prasselten. Einzelne laute Ausrufe des Staunens und der Bewunderung begleiteten jede besonders gelungene Production, aber ein allgemeines Freudengeschrei erscholl, als jetzt erst matter, dann immer heller und heller, zuletzt in blendendem Glanz ein weißes Licht von einem Punkte drüben am Waldesrande herüberschimmerte, wie von einer Sonne, die plötzlich aufgegangen, und Alles ringsumher mit Tagesklarheit übergoß, besonders die vorspringende Ecke der mittleren Terrasse, auf welcher in diesem Moment der Graf, an einem Arm seine Schwiegermutter, an dem andern die Baronin Neuhof, erschien, während Baron Neuhof Gräfin Stephanie führte. Die in der Nähe aufgestellte Musik begrüßte mit einem dreimaligen Tusch die Herrschaften und intonirte dann, dem Grafen zu Ehren, die heute unzähligemal schon executirte Melodie des Preußenliedes, in welche die Menge enthusiastisch einstimmte. Der Graf dankte wiederholt, zog sich dann aber alsbald von dem Rande der Terrasse zurück, wie Näherstehende bemerkt haben wollten, mit einem mißmuthigen düsteren Gesicht In der That hatte die Miene des Grafen, seitdem er heute Mittag aus Hedwigs Zimmer gekommen war, keinen anderen Ausdruck gezeigt; nur einmal, als ihm während der Tafel ein Schreiben überbracht wurde, welches soeben per Estaffette angekommen war und die eigenhändige Gratulation des Prinzen zu seinem Avancement enthielt, und daß der Prinz hoffe, ihn noch am siebzehnten Abends in Berlin zu sehen, indem er Dinge von der größten Wichtigkeit mit ihm zu besprechen habe – als er das Schreiben gelesen und sich nun erhob, die Anwesenden aufzufordern, mit ihm auf das Wohl Seiner Majestät zu trinken und auf Preußens Wohl, das mit Gottes Hilfe, gestützt auf sein herrliches Heer, unter der bewährten Führung des Königs, glorreich aus diesem Kriege hervorgehen werde – und die zahlreichen Gäste diese Worte mit begeisterten Hochrufen beantworteten – da war die trübe Wolke von seiner Stirn verschwunden und seine stahlblauen Augen hatten in kriegerischem Feuer geglänzt. Aber das war eben nur ein Moment gewesen. Dann hatte sich der starre Ausdruck wieder eingefunden, und wie pünktlich er auch seinen Pflichten als Stellvertreter des erkrankten Fürsten nachkam, und mit wie gleichmäßiger Höflichkeit er die unzähligen Anreden und Beglückwünschungen erwiederte –, die Generalin hatte erfahren, daß jene äußere Ruhe nur die trügerische Hülle der im Innern wühlenden Leidenschaft war. Mit einer Heftigkeit, die an Raserei grenzte, hatte er ihr die Brief-Affaire vorgeworfen und sie beschuldigt, die bis dahin loyalste Sache in heilloser Weise compromittirt zu haben. Stephanie, welcher die Mutter die Scene wiedererzählt hatte, war, im Bewußtsein ihrer Mitschuld, in äußerst gedrückter Stimmung gewesen, die Generalin hingegen hatte sich nicht irremachen lassen. Das ist nun einmal die Art der Männer, sagte sie; sie sehen durch die Finger, wenn wir in ihrem Interesse Dinge thun, die ihr Hochmuth ihnen verbietet, und geht die Sache gut, ist nicht weiter davon die Rede; geht sie aber schlecht, ist die Entscheidung zweifelhaft oder nur noch nicht eingetreten, müssen wir freilich ihre Spannung, ihre Unruhe, ihre Gewissensbisse entgelten. Aber haben wir denn etwas so Schlechtes begangen? fragte Stephanie erschrocken. Kinderei! sagte die Generalin. Es dauert keine acht Tage, so wird er uns auf den Knieen dafür danken. Morgen früh muß er ja schon fort, sagte Stephanie. Wir können es nicht ändern, sagte die Generalin; übrigens kann man auch sehr gut brieflich auf den Knieen danken. Und kehrt vielleicht nicht wieder! rief Stephanie, in Thränen ausbrechend. Die Generalin zuckte die Achseln. Darum schaffe mir einen Enkel, sagte sie trocken; und nun laß um Himmelswillen Deine larmoyante Miene! Die Männer wollen nicht sehen, daß wir für sie leiden. Stephanie litt wirklich; sie hatte sich den ganzen Tag unwohl gefühlt und würde geglaubt haben, daß ihre Stunde gekommen sei, wenn der Geheimrath nicht auf das bestimmteste versichert hätte, daß es damit noch gute vier Wochen Zeit habe. Dennoch hätte sie sich jetzt gern zurückgezogen, nachdem sie den ganzen Tag, so weit ihr Zustand es erlaubte, an Stelle Hedwigs die Honneurs gemacht, wagte aber nicht Nein zu sagen, als jetzt ihr Gatte und Baron Neuhof herantraten, die Damen zum Feuerwerk zu geleiten. Sie hielt sich nur mit Mühe aufrecht und mußte – als das elektrische Licht eben seine hellsten Strahlen aussendete – doch bitten, daß man sie auf ihr Zimmer bringe. Der Graf hatte die beiden anderen Damen losgelassen und seiner Gattin den Arm gegeben. Ich mache Dir so viel Mühe, sagte Stephanie, und Du bist so sehr gut gegen Deine arme kleine Frau. Du weißt, daß ich dergleichen Phrasen in Deinem Munde gar nicht leiden kann, erwiederte der Graf mit einem flüchtigen Druck seines Armes. Warum hat sich nur Hedwig, wenn sie doch nicht bei dem Fürsten ist, den ganzen Tag nicht sehen lassen? fragte Stephanie. Der Graf antwortete nicht. Er hatte bemerkt, daß der Reitknecht Dietrich, offenbar Jemanden suchend, durch die Menge drängte und jetzt eilig auf ihn zukam. Der Mann sah ganz verstört aus. Was giebt's? fragte der Graf. Darf ich den Herrn Grafen um einen Augenblick bitten? Der Graf überließ Stephanie Herrn von Neuhof, der mit den beiden anderen Damen auf dem Fuße folgte und trat mit Dietrich ein wenig auf die Seite. Dieser Zettel ist mir eben von dem Herrn Gleich für den Herrn Grafen übergeben worden, sagte Dietrich. Von Herrn Gleich, wiederholte er, als ob mit dem Namen Alles gesagt sei. Wirst Du ein vernünftiges Gesicht aufsetzen, Dummkopf, herrschte der Graf, welcher bemerkte, daß ein Kreis von Zuschauern ihn bereits umstand, den Dietrich leise an. Zu Befehl, sagte Dietrich zurücktretend. Der Graf warf einen Blick auf den offenen Zettel, faltete denselben, steckte ihn zwischen zwei Knöpfe seiner Uniform und wendete sich wieder zu den Anderen. Um Gotteswillen, was hast Du? fragte Stephanie, die wohl bemerkt hatte, daß ihr Gatte, als er den Zettel las, bleich geworden und zusammengezuckt war. Nichts, absolut nichts, erwiederte der Graf; eine rein geschäftliche Meldung, die mich auf ein paar Minuten in Anspruch nehmen wird. Es hat gewiß ein Unglück gegeben! rief Stephanie, einer Ohnmacht nahe, der Baronin Neuhof in die Arme sinkend. Bitte, schaffen Sie sie fort, sagte der Graf zur Generalin. Und dann fügte er durch die Zähne hinzu: Wenn es ein Unglück giebt, so danke ich es Ihnen. Was ist es denn? fragte leise der Baron. Der Fürst ist geflohen und Hedwig, erwiederte der Graf. Vierunddreißigstes Kapitel. Es war vor einer halben Stunde ungefähr gewesen, als der Dietrich durch die Menge schlenderte, welche die Gärten erfüllte, halb seine Meta suchend, die er den ganzen Tag noch nicht gesehen hatte, halb hoffend, daß er ihr nicht begegnen werde. Denn es gab heute Abend so viel hübsche Mädchen, die, wenn der Herr Lakai in seiner schwarzen Schnürjacke und den gelbledernen Beinkleidern, das Käppchen kokett auf dem braunen Krauskopf und die klirrenden Sporen an den Stulpstiefeln vorüberschritt, einander in die Seiten stießen und anfingen zu kichern – weshalb sollte ich die Gelegenheit nicht mitnehmen? fragte sich der Dietrich. Dietrich war im besten Zuge, die Gelegenheit mitzunehmen und hatte eben mit ein paar besonders drallen Dirnen oben »vom Walde« ein sehr ergötzliches und lächerliches Gespräch begonnen, als er sich plötzlich von hinten am Arm ergriffen fühlte, und, sich umwendend, seinen Vetter, den »dummen« Caspar aus der Rothen Henne dastehen sah. Er wollte den »dummen« Caspar, den er stets verleugnete, auch diesmal mit einem derben Fluche seines Weges schicken, aber der Caspar wollte sich nicht fortschicken lassen. Er hatte einen Brief für die gnädige Frau, den er der Meta geben solle, aber er habe im Schlosse vergebens nach der Meta gefragt und auch keinen Menschen gefunden, der ihm den Brief, hätte abnehmen wollen – da sei er denn seelenfroh, daß er endlich den Dietrich getroffen. Und von wem ist der Brief? fragte Dietrich. Das soll ich Niemandem sagen; erwiederte Caspar Dann nehme ich Dir den Brief auch nicht ab, sagte Dietrich, welcher den Brief bereits in den Händen hielt. Er hat es mir streng verboten, sagte Caspar. Wer? fragte Dietrich. Je nun, der Herr Doctor, sagte Caspar, sich hinter den Ohren krauend. Unser Doctor? Ei freilich; er war eben angekommen mit Extrapost von der Station und gleich weiter nach der Fasanerie gefahren, aber nicht hier vorbei, sondern über den Dachsberg, was ein heidenmäßiger Umweg ist. Es ist gut, sagte Dietrich, und den Brief werde ich richtig abgeben. Dietrich ließ den Caspar stehen, ebenso wie die beiden ländlichen Schönen und entfernte sich eilig in der Richtung eines der lampenerhellten Laubengänge, der in diesem Augenblicke zufällig ganz leer war. Hier angekommen, blickte er sich noch einmal scheu um und erbrach dann, ohne sich Zeit zu lassen, das Orakel seiner Jackenknöpfe zu befragen, den Brief. So, sagte er, nachdem er gelesen, so! Ich habe mich ausschelten lassen müssen von dem Alten hier unten, weil ich nichts herausbringen konnte, und von dem Alten oben, weil ich that, als hätte ich Wunder was herausgebracht; nun habe ich's endlich schwarz auf weiß. Dietrich hatte sich auf eine Bank geworfen, welche in dem Laubengange stand, um darüber nachzudenken, was er nun mit seinem Raube anzufangen habe. Sollte er das Billet an die gnädige Frau bringen und sagen, das Siegel sei entzwei gewesen und der Dietrich könne reinen Mund halten, wenn – ja wenn! aber ich glaube, sie hat selbst nicht viel übrig; und Meta sagt, die Sache könne so gar nicht mehr lange dauern, und dann habe ich mein Pulver umsonst verschossen. Da ist's doch am Ende viel besser, wenn ich's dem Alten direct gebe. Der Bursche überlegte noch immer, welcher Weg wohl der beste, das heißt der gewinnbringendste sei, und fragte sich eben, ob man nicht vielleicht die beiden Wege vereinigen könne, indem man den Brief an die richtige Adresse brachte, den etwaigen Lohn einsteckte und hinterher die Sache an den Alten verrieth. Aber der Alte würde den Brief auch haben wollen. Wie oft hatte er nicht gesagt: wenn wir nur was Schriftliches hätten! Dietrich sah noch einmal in das Billet: »Ich komme eben in Rothebühl an, fahre sofort über den Dachsstein nach der Fasanerie weiter und werde Sie dort erwarten. Vielleicht, daß Ihnen gerade die Verwirrung des Festes Gelegenheit giebt, für eine Stunde abzukommen. Auf jeden Fall mögen Sie wissen, daß es sich um Tod und Leben handelt.« Um Tod und Leben! sagte Dietrich. Na, ganz so schlimm wird es wohl nicht sein; die Sorte nimmt immer gleich den Mund voll. Oder sollte sie gar mit ihm weglaufen sollen! Ja, wahrhaftig, das wird es sein; und dann ist keine Minute zu verlieren. Der Alte muß es erfahren; der Alte wird wissen, was da zu thun ist. Dietrich sprang auf und lief, so eilig er, ohne Aufsehen zu erregen, konnte, durch den Garten dem Schlosse zu. Der nächste Weg war die Treppe im Rothen Thurm hinauf, über die Corridore des Flügels in den Haupttheil des Schlosses bis zu einem kleinen Seitencorridor, aus welchem eine Tapetenthür unmittelbar zu dem Vorzimmer führte, in welchem sein Oheim sich aufzuhalten pflegte. Als Dietrich eben die linke Treppe im Rothen Thurm hinauf wollte, hörte er, wie von der Treppe rechts Jemand herabkam; und da er ein sehr leises Ohr hatte, unterschied er bald, daß es eine Frau sein müßte oder auch zwei. Es waren zwei und sie standen, als sie den unteren Absatz erreicht hatten, still, nicht drei Schritte von Dietrich, der sich dicht an die Mauer drückte und den Athem anhielt. Nun nicht weiter, liebes Kind, sagte die Eine von den Beiden, die ohne allen und jeden Zweifel die gnädige Frau war, sonst sähe man uns am Ende doch beisammen; und habe tausend Dank für Deine Treue, die ich Dir nie vergessen werde. Und nicht wahr, Du thust mir die Liebe und hältst Dich ein paar Stunden in dem Zimmer, und nun leb wohl. Es war eine kleine Pause, in welcher Meta der gnädigen Frau die Hände zu küssen schien, und dann hörte Dietrich, wie die gnädige Frau die Treppe weiter hinabging und die Meta leise vor sich hin schluchzte. Nun ist die Luft rein, sagte Dietrich bei sich, und, um den Vorsprung der Mauer tretend, faßte er die weinende Meta an beiden Händen. Meta stieß einen Schrei aus und wollte in die Kniee sinken, aber Dietrich riß sie unsanft empor. Nur keine Dummheiten, Mädel, sagte er; ich habe Alles gehört und weiß auch, wo die Reise hingeht. Ach, um Gotteswillen, Dietrich, verrathe uns nicht! rief das tödtlich erschrockene Mädchen. Es geht um Tod und Leben. So! sagte Dietrich. Habt Ihr doch schon einen Brief gehabt? Ich weiß nicht, was Du meinst, sagte Meta. Sie muß ja fort, wenn sie nicht nach Böhmen will, was freilich viel vernünftiger wäre; aber bei ihr hilft kein Reden, wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat. Und so habe ich heute hinauf gemußt und dem Ohm Bescheid gesagt, und nun ist sie eben fort, und Dietrich, um Jesus und Maria willen, verrathe die arme, unglückliche gnädige Frau nicht! I, wie werde ich denn! sagte Dietrich. Geh' Du nur auf Deine Stube, wenn Du es ihr einmal versprochen hast; ich komme nachher und leiste Dir noch ein bischen Gesellschaft. Dietrich gab Meta, die nur halb beruhigt war, einen Kuß, war in drei Sprüngen die Treppe hinauf und klopfte nach wenigen Minuten athemlos an die Tapetenthür, aus welcher alsbald der graue Kopf des alten Gleich vorsichtig herausschaute. Ein kurzes Geflüster, ein Papier, welches gegeben und genommen wurde, dann schloß sich die Thür so leise, wie sie sich aufgethan hatte. Vor der Thür in dem kleinen, halbdunklen Corridor auf einem Schemel kauerte Dietrich, der die Weisung erhalten, auf alle Fälle bis auf Weiteres zu warten, in dem Vorzimmer aber unter der Hängelampe stand Herr Andreas Gleich, das Briefchen, nachdem er es aufmerksam durchgelesen, in der herabhängenden Linken haltend, während der Zeigefinger der Rechten nachdenklich an der langen, spitzen Nase ruhte, auf welcher noch die große Hornbrille saß, deren sich Herr Gleich beim Lesen zu bedienen pflegte. So blieb er ein paar Minuten unbeweglich, dann war er zu einem Resultat gekommen. Er ging entschlossen auf die Thür zu, die in das Schlafcabinet des Fürsten führte, war er doch heute ein Dutzendmal eingetreten, ohne gerufen zu sein. Durchlaucht! Was willst Du? fragte der Fürst. Er saß vor seinem Arbeitstisch, auf welchem heute die Actenbündel und Briefschaften ebenso sorgfältig aufgeschichtet waren, als sonst, nur daß um jedes Bündel, jedes Packet, ganz schmale Streifen blauen Papiers liefen, die mit einem Siegel verschlossen waren. Aber der Fürst hatte, als er gegen Abend hieher zurückkehrte, nachdem der Herr Rath aus Berlin mit seinem Secretär eine Stunde gearbeitet, keinen Blick für die unterdessen vorgegangenen Veränderungen gehabt. Er war nur an den Tisch geeilt und hatte sich überzeugt, daß das kleine in Diamanten gefaßte Pastellbild noch auf seiner alten Stelle war; und vor diesem Bilde hatte er auch jetzt gesessen und es nur so ein wenig mit dem Rücken der Hand bei Seite geschoben, als er sich plötzlich von Herrn Gleich anrufen hörte. Durchlaucht, sagte Herr Gleich noch einmal, es hat mir heute Morgen einen großen Stich durch mein altes Herz gegeben, als ich hören mußte, daß ich Durchlaucht einen bösen Dienst geleistet mit den Briefen, obgleich Durchlaucht wissen mögen, daß ich nur dem Befehl der Frau Gräfin Excellenz gefolgt bin, als ich Durchlaucht die Briefe gab. Und nun hat der Herr Graf sie Durchlaucht wieder gebracht, und Durchlaucht hat sie dort in der Tasche auf dem Herzen, obgleich ich es eigentlich nicht sehen soll, und nun meine, wenn Durchlaucht diesen Brief hier noch dazu thut, dann wird das Packet doch zu schwer und dick, und Durchlaucht geben mir's, daß ich die ganze Geschichte in's Feuer werfe. Bei diesen Worten hatte Herr Gleich den Brief Hermanns ausgebreitet vor dem Fürsten hingelegt. Der Fürst hatte in Hermanns Briefen vergangene Nacht zu viel gelesen, um nicht auf den ersten Blick seiner noch immer jugendlich scharfen Augen zu sehen, daß diese Zeilen von derselben Hand sein mußten. Und so ist's damit zugegangen, fuhr Herr Gleich fort, indem er mit wenigen Worten berichtete, wie das Billet in seine Hand gekommen; – und was das Schlimmste, oder soll ich sagen, das Beste ist: sie hat es nun doch auf andere Weise erfahren, oder es ist auch eine alte Verabredung gewesen, denn eben ist sie mit der Meta Prachatitz ihrer Hilfe, die nie etwas getaugt hat, davongelaufen, und wenn Durchlaucht nur noch ein bischen auf meinen Rath giebt, so läßt er sie laufen und legt sich schlafen und steht morgen frisch und gesund wieder auf, wo denn für Durchlaucht und seinen getreuen Knecht trotz alledem und nun erst recht noch ein paar gute Jahre kommen sollen, vermeine ich. Der Fürst hatte, während Herr Gleich so sprach, mit weit geöffneten Augen und starrer blasser Miene dagesessen. Das hatte Herrn Gleich nicht besorgt gemacht, denn er hatte es erwartet; aber er erschrak auf's heftigste, als sein Gebieter jetzt mit einem Satze aufsprang und ohne Aufenthalt durch das weite Gemach in das Vorzimmer eilte. Hier stand er plötzlich wieder still, und so war Herr Gleich im Stande, ihn einzuholen und mit zitternder Stimme zu fragen, was denn Durchlaucht nur eigentlich beabsichtige. Der Fürst antwortete nicht; er ließ seine wirren Blicke rings durch das Gemach schweifen und Herr Gleich glaubte ganz gewiß, daß sein Gebieter wahnsinnig geworden sein müsse, als derselbe plötzlich nach einem Stuhl deutete, auf welchem Mantel und Mütze des Oberforstmeisters lagen, und nun auf den Stuhl zustürzte, sich den Mantel umhing und die Mütze tief in das Gesicht zog. Du mußt mich begleiten, sagte er, ich finde sonst den Weg nicht im Dunkeln. Ich gehe durch den Corridor, es wird mich Niemand erkennen; Du folgst in einer Minute, ich warte auf Dich an dem Thor. Wir gehen rechts durch den Moorgrund, da begegnen wir Niemand; der Weg ist hernach sehr steil, aber auch kürzer. In einer Minute! Herr Gleich traute seinen Augen und Ohren nicht. War das wirklich seine Durchlaucht, er, der eben noch wie ein Greis von achtzig Jahren zusammengekauert dagesessen, und jetzt so straff dastand, wie in seinen besten Jahren und das Alles mit leiser zwar, aber so klarer und sicherer Stimme sagte, als ob es gar nicht anders sein könne? Zu Befehl, Durchlaucht, sagte Herr Gleich; Durchlaucht kann sich auf mich verlassen. Er öffnete dem Fürsten die Thür nach dem Hauptcorridor, der jetzt, wo alle Welt nach den Gärten drängte, gänzlich verlassen war, sah, wie Durchlaucht in den Mantel des Herrn Oberforstmeisters gehüllt und wirklich in Gestalt und Haltung und Gang dem Herrn Oberforstmeister täuschend ähnlich, den Corridor hinabging, riß ein Blatt aus seinem Portefeuille, auf das er ein paar Worte schrieb und das er dem Dietrich mit der Weisung einhändigte, es sofort dem Grafen zu bringen, und eilte dann, Mütze und Mantel, die im Corridor immer bereit hingen, ergreifend, mit langen Schritten seinem Gebieter nach. Fünfunddreißigstes Kapitel. Aus den Fenstern des Theehauses dämmerte Licht. Prachatitz war eben gegangen, den Wagen zurechtzumachen; Hermann lehnte an der Treppenwange, in die Dunkelheit starrend, die bereits mit dichtem Schleier Alles ringsumher bedeckte. Seine physischen Kräfte waren von der langen rastlosen Fahrt nahezu erschöpft und auf seiner Stirn lag ein Druck, der ihm das Denken schwer machte, so daß er kaum noch wußte, weshalb er denn eigentlich Tag und Nacht gereist war in athemloser Haft, und doch, wie es schien, zu langsam, wenn Prachatitz die Meta recht verstanden und der Fürst bereits ein Gefangener war. Und einen solchen Augenblick konnte sie wählen, den alten unglücklichen Mann zu verlassen? Oder hatte sie den Augenblick auch nicht gewählt? war er ihr aufgezwungen worden? Durch wen? Wodurch? Durch wen anders, als durch den Grafen? Wodurch anders, als durch den Umstand, daß er selbst heute oder morgen das Schloß verließ, um zu seinem Regimente zu gehen? Aber die Meta wollte ja heute gehört haben, daß es ganz aus sei zwischen den Beiden, und der alte Prachatitz sagte auch, daß es unmöglich der Graf sei, um dessenwillen sie fort wolle. Was ging es ihn selbst an? Nicht um ihretwillen war er gekommen, und wenn sie an dem Schicksal des Fürsten nicht einmal mehr den ganz gewöhnlichen menschlichen Antheil nahm, so mußte er eben ohne sie fertig zu werden suchen. Es war ja im besten Falle so wenig, was er jetzt noch bieten konnte: ein guter Rath vielleicht, ein tröstliches Wort – ein Nichts; und doch meinte er, nicht starken Herzens in den Krieg ziehen zu können, wenn er nicht dem alten Manne, den er so liebte, dieses Nichts dargebracht zu seinem Geburtstage! Großer Gott! Hermann schaute zu den Sternen auf, die jetzt zahlreicher und heller aus dem nächtlichen Himmel zu funkeln begannen; er horchte auf das Raunen und Rauschen des Windes in den Büschen und Bäumen. Die Nacht war so schön – wie die vor vier Wochen, als die Gesellschaft hier den Thee einnahm. Vier Wochen! Es konnte ebensowohl vier Jahre her sein; und doch war es wieder, als wäre es gestern gewesen; gleichviel – er hatte an jenem Abend die Vorahnung dieser Stunde gehabt. Hermann stieg die Treppe langsam hinauf und trat in die Rotunde. In dem Dämmerlicht der Kerzen, die Prachatitz an einem der Wandleuchter entzündet, blickten die mit Gaze verhüllten Spiegel, Vasen und Statuen geisterhaft herab, und die eingeschlossene Luft ließ ihn an ein Grabgewölbe denken. Und wandelte er doch hier an dieser Stelle über den Gräbern jener glückseligen Tage – der einzigen, die ihm das Leben gebracht und die nun unwiederbringlich dahin waren. Ein leichter Schritt knisterte auf dem Sande des Vorplatzes und kam die Treppe herauf. Hedwig, schrie er, beide Hände ausstreckend, Hedwig! Sie hatte seine Hände ergriffen, sie neigte sich zu ihm; einen Augenblick schien es, als wolle sie sich an seine Brust werfen, dann aber richtete sie sich wieder auf. Wie kommen Sie hieher? Haben Sie meinen Brief nicht erhalten? Welchen Brief? Wenige Worte genügten, Hedwig mitzutheilen, was ihn hieher geführt; wie der fanatische gewissenlose Elsässer, nachdem sein großes Ziel erreicht und der Krieg gewiß, die Verschwörung der Behörde verrathen habe, um, wie er Hermann selbst gesagt, von Anfang an Verwirrung in den Regierungskreisen zu erregen und durch die harten Maßregeln, die man ohne Zweifel gegen die Schuldigen ergreifen würde, den Zorn der Republikaner allerorten in Deutschland anzustacheln, und so, wie er sich ausdrückte, dem Kriege von vornherein die nationale Färbung zu nehmen und statt derselben den communistischen Stempel aufzudrücken. Ich ließ den Schurken sprechen, sagte Hermann, um ihn sicher zu machen, und eilte dann, da ich die Sache einem Briefe nicht anzuvertrauen wagte, und einem Telegramm selbstverständlich nicht anvertrauen konnte, stehenden Fußes hieher, den Fürsten zu warnen, zu retten. Aber der Verräther hatte nach der andern Seite sein Handwerk schon ein paar Tage früher begonnen und ich bin ebensoviel zu spät gekommen. So kehren Sie zurück, woher Sie kommen, sagte Hedwig, und lassen Sie die Todten ihre Todten begraben. Hermann blickte auf. Das war ein anderer Ton der eben noch so milden Stimme, das war ein anderer Ausdruck der eben noch so weichen Augen; das war die Hedwig, die er nie verstanden hatte, die er niemals verstehen würde. Sie sehen mich erschrocken, vorwurfsvoll an, sagte Hedwig, daß ich nicht so bereit bin wie Sie, wenn das Haus brennt, noch ein Amulet aus der Kindheit Tagen zu retten. Es ist immer dasselbe. Niemand weiß, wie dem Andern zu Muthe ist, und will ihm doch das Gesetz seines Thuns und Lassens vorschreiben. Sie wissen nicht, wie mir zu Muthe ist, können es nicht wissen; nicht wie sie mich gequält und gepeinigt haben, bis jeder Blutstropfen in mir siedete, so daß ich wahnsinnig werden müßte, wollte oder könnte mich jetzt noch irgend Etwas, irgend Jemand halten. Nein, Niemand und nichts! Ich habe es heute Morgen empfunden, als ich den guten alten Mann sah, dem der Kummer einer Nacht das graue Haar weiß gefärbt. Hätte mich etwas zu halten vermocht, dieser Anblick wäre es gewesen. Was ist das Scheitern seiner Pläne, die nie mehr waren als Seifenblasen; was ist diese sogenannte Gefangenschaft, der man ihn jetzt unterwirft und die man in kürzester Frist mit überschwänglicher Huld und Gnade wieder gutmachen wird – was ist dies und alles Andere im Vergleich zu dem Kummer, den ich ihm bereitet habe, habe bereiten müssen! Und weil ich es mußte, wollte ich nicht freveln an Allem, was unserem Leben Werth und Weihe giebt: an der Stimme meines Herzens, an dem Gebote meiner Vernunft, an der Freiheit göttlichem Gesetz – deshalb fühle ich jetzt mein Herz leicht und meine Seele frei, so frei, daß ich es selbst ertragen kann, von Ihnen verkannt zu sein, der Sie der einzige Mensch auf Gottes weiter Erde sind, der mich rein und wahr geliebt hat und den ich wieder lieben würde, dürfte, könnte ich lieben. Ich darf es nicht, ich kann es nicht – jetzt nicht! Und was sind wir, in einem solchen Augenblick von der Zukunft und von uns zu sprechen! Nein, gepriesen und gesegnet sei mir der Augenblick, der ungeheure, der mich – das irrende Atom – erfaßt und hinwegwirbelt in den Weltenkampf, wo der Einzelne und sein Schicksal nichts mehr gilt, wo Alle sich bereiten müssen, Alles zu opfern. Und nun, ich höre Prachatitz, leben Sie wohl, mein Freund, leben Sie wohl! Sie hatte, Hermann winkend, daß er ihr nicht folgen möge, den Pavillon verlassen; ein Peitschenhieb, das Knirschen der Räder im Sande – sie war fort. Hermann sank gebrochen in den Stuhl und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Leb' wohl, murmelte er, leb' wohl! Leb' wohl! hallte es wie ein, dumpfes Echo durch den weiten Raum. Entsetzt sprang Hermann auf und sein Haar sträubte sich, als er mitten in der Rotunde den Fürsten stehen sah – das Gespenst des Fürsten mit weißen Haaren und geisterhaften Zügen, die Arme weit ausgebreitet nach der Thür, durch welche Hedwig verschwunden war. Leb' wohl! rief der Fürst noch einmal in herzzerreißendem Tone, dann fiel er mit lautem Weinen Hermann, der herzu geeilt war, in die Arme. Sie sollte nicht in Unfrieden von mir scheiden, rief er schluchzend; ich wollte ihr sagen, daß sie frei lieben dürfe, daß die Erinnerung an mich ihr Leben nicht trüben dürfe. Sie hat meinen Segen nicht gebraucht; sie braucht keines Menschen Segen, keines Menschen Liebe; sie hat Keinen von uns geliebt. Keinen, Keinen. Er brach jäh zusammen; Hermann glaubte, mit dem alten Gleich, der jetzt auch herbeigeeilt war, einen Todten nach dem Sopha zu tragen. Das konnte ja nicht anders kommen, sagte Herr Gleich; der unsinnige Lauf die Berge hinauf! mir selbst schlagen noch alle Glieder. Und er hat Alles von da gehört – er deutete auf die Thür nach dem dunklen Nebengemache, die noch offen stand. Das überlebt er nicht, Herr Doctor, das überlebt er nicht. Der alte Mensch war ganz erschüttert; so hatte er es nicht gemeint; so hatte es nicht kommen sollen! Er hatte seinen alten Herrn wieder für sich haben wollen, wie in der guten alten Zeit, und nun – Das überlebt er nicht, murmelte er immer vor sich hin, während er Hermanns Winken, der den Ohnmächtigen wieder zu sich zu bringen suchte, willig Folge leistete. Er hatte ganz vergessen, daß es der ihm so tief verhaßte Doctor war, mit welchem er gemeinsam das Unglück, das nun hereingebrochen, bekämpfte. Gemeinsam und, wie es schien, vergeblich. Der Puls wurde langsamer und härter, die Augenlider wollten sich nicht heben, die magern weißen Hände fingerten ungeduldig auf der röchelnden Brust. Er will die Briefe los sein; sagte Herr Gleich. Was für Briefe? In seiner Brusttasche; nehmen Sie sie nur, es sind ja Ihre. Hermann nahm das kleine, mit dem Siegel des Fürsten und mit seiner Adresse versehene Packet; der Sterbende versuchte seine Hand zu fassen. Hermann gab ihm beide Hände; ein schwacher Druck – ein tiefer Athemzug, und das edle bleiche Haupt neigte sich seitwärts. Es geht sehr schnell, murmelte Hermann. Da kam ein rascher Schritt die Treppe herauf; im nächsten Augenblicke stand der Graf in der Rotunde mit einem Gesicht, das von dem eiligen Lauf glühte und mit blitzenden Augen, die in wildem Zorn aufflammten, als er plötzlich Hermanns gewahr wurde. Was giebt es hier? herrschte er. Einen Todten, sagte Hermann, sich langsam aufrichtend und auf die hingestreckte Gestalt deutend, die er und Gleich bis jetzt dem Grafen verdeckt hatten. Der Graf zuckte zusammen, faßte sich aber alsbald wieder und kam festen Schrittes heran, während Hermann und Gleich ein wenig auf die Seite traten. Er blieb vor dem Todten stehen und schaute prüfend in die bleichen Züge. Als er nach einigen Secunden sich aufrichtete, lag nur noch ein tiefer Ernst auf seinem Gesicht und seine Stimme klang beinahe mild, indem er jetzt, zu Hermann sich wendend, sagte: Wollen Sie die Güte haben, mir mitzutheilen, wie dies gekommen ist. Nehmen Sie vorläufig meinen besten Dank entgegen. Auf dem Platze vor dem Pavillon ließ sich das Geräusch eines Wagens vernehmen. Es ist der Wagen, in welchem ich heraufgefahren bin, sagte der Graf; ich hatte zuletzt einen nähern Weg genommen; ein zweiter Wagen mit Herrn von Zeisel, dem Oberforstmeister und Herrn von Neuhof wird vermuthlich sogleich hier sein. In der That fuhr alsbald ein zweiter Wagen vor und die drei Herren traten in den Pavillon; der Oberforstmeister lief herzu und sank weinend an der Seite des Todten in die Kniee. Daß ich den Tag erleben mußte! schluchzte der alte Mann. Ueber Herrn von Zeisels Wangen liefen die hellen Thränen und selbst von des Barons Gesicht war der frivole Zug verschwunden. Man hatte aus der Försterei, wo Prachatitz' Gehilfe noch wachte, einen offenen Wagen herbeigeschafft und auf Stroh und Decken die Leiche schicklich gebettet; der alte Gleich, der ganz außer sich war, wollte seinen todten Herrn nicht verlassen. Die Herren hatten sich auf die Wagen vertheilt, welche sich eben in Bewegung setzten, als plötzlich ein heller Schein über sie hin bis in die ferner stehenden Bäume fiel. Niemand hatte auf die Lichter geachtet, die auf dem Candelaber an dem schmalen Pfeiler zwischen zwei der Fenster brannten. Die große Glasthür nach der Rampe und die schmale Hinterthür waren offen geblieben. Der heftige Luftzug hatte eine der Gardinen mit dem Lichte in Berührung gebracht, die Flamme war an dem mürben Stoff hinaufgeschnellt und hatte an den alten seidenen Tapeten reichliche Nahrung gefunden; bevor man noch die Wagen halten lassen, hinausspringen, die gewundene Treppe hinaufeilen konnte, stand der ganze innere Pavillon in Flammen, die sogar schon aus den Fenstern hinausschlugen. Lassen Sie, meine Herren, sagte der Graf, hier ist nichts mehr zu retten. Und durch die Zähne murmelte er: Mag die Schmach des Verraths, der da gesponnen, ebenso von unserem Namen weggebrannt werden. Sechsunddreißigstes Kapitel. Der Graf, der jetzt Fürst war, stand am Fenster und schaute gedankenvoll in den Hof hinab, über welchen eben die Equipage langsam herangerollt kam, die ihn nach der Station bringen sollte. Auf den Zinnen der Thürme lag der erste schwache Frühschein, röthliche Wolken schwammen hoch oben in dem lichtgrünen Himmel; die kurze Sommernacht war zu Ende. Die kurze Sommernacht – wenige Stunden nur, aber wie viel hatten diese wenigen Stunden gebracht! Sie hatten ihn zum Fürsten von Roda gemacht; sie hatten ihm den seit Jahren heiß ersehnten, in heimlichen Gebeten vom Himmel erflehten Erben endlich geschenkt. Als er, dem langsamer folgenden Wagen, der die Leiche des Fürsten trug, vorausfahrend, um die nöthigen Anordnungen treffen zu können, im Schlosse anlangte, hatte man ihm bereits die Nachricht entgegengebracht, daß die Stunde der Gräfin gekommen sei. Er war sofort in ihr Zimmer geeilt und hatte sie selbst in Krämpfen, die Generalin, die sonst nichts auf der Welt außer Fassung brachte, sehr besorgt, und den Geheimrath, wie es schien, vollkommen rathlos gefunden. Die Stunde sei viel zu früh gekommen – um mehrere Wochen – Folge der übergroßen physischen Anstrengungen dieses Tages und nun zuletzt der seelischen Erschütterung bei der Nachricht von der Flucht Seiner Durchlaucht – dazu die schwache Constitution der Patientin und gewisse bedenkliche Symptome – Glauben Sie für den Ausgang stehen zu können? fragte der Graf. Ich bitte Sie, Herr Graf, sagte der Geheimrath, ohne Frage; das heißt: wenn gewisse Möglichkeiten, die ich nicht gerade für wahrscheinlich – der Gang der Natur ist schwer im voraus zu fixiren; sie hat so manche Mittel und Wege – freilich, wenn wir in Berlin wären, ich würde selbst bitten, einen meiner geschätzten Collegen – Nun wohl, sagte der Graf, der die Ueberzeugung erlangt hatte, daß der Mann der Lage nicht gewachsen war, ich werde Ihnen einen Collegen schaffen, mit dem ich Sie ersuche, sich zu vernehmen. Es war ein schwerer Entschluß für den Grafen gewesen, aber er hatte sich gesagt, daß seine Maxime, sich, wenn es die Erreichung eines Zieles galt, nicht durch Empfindelei beeinflussen zu lassen, ganz gewiß zur Anwendung kommen müsse, jetzt, wo vielleicht – wer konnte es wissen – die Fortexistenz seines uralten Stammes auf dem Spiele stand. So hatte er sich denn zu Hermann begeben und denselben von der Leiche des Fürsten, die man unterdessen in dem Schlafcabinet niedergelegt, an das Schmerzenslager seiner Gattin geholt. Die Generalin war sehr bestürzt, der Geheimrath außer sich gewesen; aber der Graf war in gewissen Momenten absolut untraitabel, wie die Generalin es ausdrückte, und dies war unzweifelhaft einer von den gefürchteten Momenten. Er erklärte der Generalin, daß, wenn sie nicht mit seinen Anordnungen einverstanden sei, sie vielleicht zur Vermeidung von Mißverständnissen besser thue, sich auf ihr Zimmer zurückzuziehen, und dem Geheimrath, daß, im Falle die Herren sich nicht verständigen könnten, er sich verpflichtet fühle, die Verantwortung dem zu übergeben, welcher, wie der Doctor Horst, sich bereit erklärt habe, dieselbe zu übernehmen. Bei dieser Entscheidung war er geblieben, trotzdem über Stephanie's schmerzdurchwühltes Gesicht, als er ihr dieselbe mittheilte, ein fast seliges Lächeln gezogen war und sie sofort erklärt hatte, nun keine Angst mehr zu empfinden und Alles gern ertragen zu wollen. Zwei Stunden später, um ein Uhr Morgens, hatte ein schwacher Schrei den Kammerfrauen im Vorzimmer verkündet, daß der Erbe von Roda geboren sei. Aus dem Vorzimmer hatte die große Kunde über die Corridore schnell den Weg gefunden bis zu denen, welche trotz der späten Stunde nach immer unten in der großen Halle, ja selbst auf dem Schloßhofe die seltsamen Ereignisse dieser Nacht besprachen und derjenigen, die noch kommen sollten, harrten. Einige hatten die frohe Botschaft mit einem solennen Hurrah oder mit einem patriotischen Liede begrüßen wollen, das man unter den Fenstern des Grafen absingen sollte; aber Andere hatten gemeint, in einer Stunde, wo der alte Herr todt auf dem Bette liege, könne man nicht wohl etwas Anderes singen, als: »Jesus meine Zuversicht,« und das Beste sei jedenfalls, daß man vorläufig einmal still nach Hause gehe. Das hatte den Anderen eingeleuchtet, und so war es denn in dem Schlosse und auf dem Schloßhof nach beinahe vierundzwanzig Stunden still geworden. So still, daß der Wagen, der eben jetzt aus dem zweiten Hofe langsam herangerollt kam, ein lautes Geräusch verursachte. Der offene Wagen hielt vor dem Portale; der Kammerdiener Philipp trug die Sachen des Herrn heraus – wenige nur – was der Herr eben zur Reise brauchte – das Andere sollte nachkommen; er legte den Mantel des Herrn in der Ecke zurecht, aber der Herr stand noch immer oben am Fenster, ohne sich zu regen, in Gedanken verloren. Sie waren nicht alle erfreulich, diese Gedanken: es waren sogar recht schmerzliche darunter, die den Grafen, der jetzt Fürst war, die Lippen zusammenpressen und die Stirne senken machten. Es war nicht erfreulich, daß der Mann, in dessen geschickten Händen eben die Zukunft seines Hauses gelegen und der, wenn nicht Alles trog, diesen kostbaren Schatz über den Abgrund des Todes hinübergerettet hatte in das sichere Leben, ohne den Dank abzuwarten, der ihm gebührte, ohne den Lohn, der ihm zukam, ohne Abschied, leise, heimlich das Schloß verlassen hatte, und jetzt bereits wieder auf dem Wege nach der Welfenstadt war, aus welcher er herbeigeeilt, den zu warnen, zu retten, für den jede Warnung zu spät kam, der nicht mehr gerettet werden konnte und wohl nicht mehr gerettet werden wollte. Und unerfreulich war die Unterredung gewesen, die er eben mit Herrn von Zeisel gehabt, den er gebeten, während seiner Abwesenheit für Alles Sorge zu tragen, und der ihm mit höflichen Worten für ein so großes Vertrauen gedankt und dann hinzugefügt, daß er leider nur bis zum Begräbniß seines gnädigen Herrn eine so verantwortliche Stelle übernehmen könne, da er dann unverzüglich nach Dresden müsse, um seinen Wiedereintritt in die Armee persönlich zu betreiben. Und unerfreulich war's, daß der alte Oberforstmeister von Kesselbusch, als derselbe ihm vorhin zu der Geburt des Sohnes und Erben gratulirte, die Bitte hinzugefügt, ihn von dem Posten, den er so lange, viel zu lange, innegehabt, zu entbinden und ihm zu vergönnen, daß er den kurzen Rest seines Lebens in stiller Trauer um den verewigten Herrn und Freund verbringe. Wollten sie und der alte Gleich selbst, der jetzt, halb todt vor Kummer und Gram, neben dem Todten saß und der Amtmann von Erichsthal, der bereits um seine Entlassung gebeten, und wer sonst noch kommen und ihm den Dienst und die Gefolgschaft kündigen würde – wollten sie ihm sagen, daß er nicht würdig sei, hier Herr zu sein an der Stelle des Gestorbenen? Das Gesicht des Mannes am Fenster war immer düsterer geworden; aber plötzlich raffte er sich mit einer gewaltsamen Anstrengung empor. Pah, sagte er, was hilft es ihnen, daß sie seine Verdienste aufzählen und ihre eigenen zusammenrechnen, und nun herausbringen, daß ich doch im Vergleich dazu so gar nichts werth sei! Was haben sie mit all ihrem Ameisenfleiß, ihrer Bienenemsigkeit fertig gebracht, als einen kunstvollen Bau, den der Tritt des ersten Besten, welcher des Weges daherkommt, niederwirft und zertrümmert? Ist jene Menge, die hier den Platz so lange gefüllt hat, sind sie Alle, wie sie da sind, viel Anderes, als mein Pferd, ohne das ich freilich wenig vermag, das aber doch nur erst von dem Augenblicke werthvoll wird, wo ich mich in den Sattel schwinge und es hiehin lenke und dorthin und es zwinge, mir den Sieg erringen zu helfen? Wer von diesen Menschen allen hätte die freche Herausforderung zu beantworten gewagt, die jetzt von drüben her an uns ergangen ist? Wer hätte nicht den Kopf geduckt und die Schmach eingesteckt und den Verlust, und Gott gedankt, daß er für sein Theil doch noch das liebe Leben habe? So ist's, trotz ihr, der Stolzen, Unzähmbaren, die für das Volk zu schwärmen vorgiebt, sich womöglich selbst für den Genius des Volkes hält. Ja, wenn das Volk ihr gliche! Sie thut ihm wahrlich zu viel Ehre an. Ich habe das Volk nie gehaßt, und ich hasse sie grenzenlos, wie ich sie einst grenzenlos geliebt habe. Vorwärts! rief sie, als ich heute Nacht ihren Pferden in die Zügel fiel, vorwärts! und der wahnsinnige Böhme peitschte auf die Pferde und sie hätte mich mitleidlos in den Sand treten und von ihren Rädern zermalmen lassen. Vorwärts! Nun wohlan, vorwärts und voran! Allzeit voran! Es war das Wort des armen Steinburger Grafen, der nichts hatte, als seinen Gott, sein Pferd und sein Schwert; es soll das Wort Heinrichs von Roda sein; in seinen Sporen soll es klirren, wenn er stolz wegreitet über die Köpfe der stumpfen Menge; auf seiner Klinge soll es funkeln, wenn er seinen Schwadronen voranjagt in den Sieg, in den Tod. Allzeit voran! Siebenunddreißigstes Kapitel. Die Sonne war gesunken am Tage von Gravelotte. Ueber den Höhen von St. Privat, dem Preis des Tages, um welchen die Garde im Verein mit den Sachsen den furchtbaren Strauß gestritten, brütete die Nacht und deckte mit finsterm Schleier das entsetzliche Blutgeld, das der Tag gekostet und das noch ungezählt auf dem Schlachtfelde lag. Der Nachtthau, der nach Mitternacht stärker und stärker fiel und die furchtbaren Schmerzen, die jetzt, wo das Blut nicht mehr floß, in seinem zerschmetterten Arm zu toben begannen, erweckten den Fürsten Heinrich aus seiner stundenlangen Ohnmacht. Er hatte zuletzt geträumt: der alte Hans, der tolle Hirsch, habe ihn mit seinem Geweih an den Schwanenfels genagelt und Hedwig stand drüben am Ufer und rief: vorwärts, vorwärts! und lachte und höhnte, als er nicht von dem Felsen loskommen konnte, ob er sich auch an dem zackigen Gestein das Fleisch von den Händen rang. Und nun war Hedwig verschwunden, die Roda stieg und stieg, höher, immer höher, bis an seine Kniee, bis an sein Herz; kälter, immer kälter, daß es ihn durch Mark und Bein schüttelte; siedend, rauschend, schäumend, Wasser überall, so weit er sehen konnte; aber sobald er den Kopf niederbiegen und den Fluß austrinken wollte, der nun zum Meer geworden, kam der riesenhafte Hirsch und legte sich auf seine Brust, so centnerschwer, daß er nicht mehr athmen konnte, daß er um Hilfe rufen wollte, so sehr er sich dessen schämte: Hilfe! Hilfe! Er mochte es laut gerufen haben, denn eine Stimme in seiner unmittelbaren Nähe sagte: Uns hilft Niemand mehr, Herr Major. Wer ist es? fragte der Fürst. Der Johann Kreiser, Herr Major. Der Johann Kreiser, der lange Johann genannt, war aus Roda, der Sohn von des verstorbenen Fürsten altem Kutscher. Fürst Heinrich kannte ihn wohl. Er erinnerte sich, daß, als sie, schon nach Sonnenuntergang die letzte Attaque auf die französische Infanterie machten, die bereits im vollen Rückzuge war, aber wüthend, verzweifelt den Kampf aufnahm, der lange Johann dicht hinter ihm geritten war. Die Erinnerung war wie ein Blitz durch seine Seele gefahren, während er bereits, kalt entschlossen, begann, sich über seinen Zustand und über die Situation klarzumachen. Das Erste war, daß er den Versuch wagte, sich ein wenig auf den Rücken zu drehen, um die linke Schulter und den linken Arm frei zu bekommen, in welchem die schlimmsten Schmerzen wühlten. Aber die Wendung wollte sich nicht ausführen lassen, da von einem Sichstützen auf den zerschmetterten Arm nicht die Rede sein konnte, und überdies sein linkes Bein, wie er jetzt bemerkte, unter seinem Pferde lag. Er versuchte es nochmals, aber die Schmerzen, die er sich bei dieser Bewegung verursachte, waren so furchtbar, daß er bereits wieder eine Ohnmacht herannahen fühlte und vorläufig davon abstehen mußte. Dann wollte er, wenn es möglich war, herausbringen, wo er sich befand; aber es vergingen mehrere Minuten, bevor er sich aus den Einzelheiten ein ungefähres Bild seiner Lage zusammensetzen konnte. Es schien, daß er in einem Graben lag, welcher den tiefsten Grund einer kleinen Terrainsenkung bildete. Auch erinnerte er sich, daß, als sie durch die französische Infanterie ritten, er sein Pferd eben über einen Graben hatte spornen wollen. In diesem Augenblick mußte er mit sammt dem Pferde zusammengeschossen worden sein. Das bestätigte auch der lange Johann und fügte hinzu, daß er in dem Augenblicke auch noch sächsische Cavallerie über den Bergrücken habe kommen sehen, er wisse aber nicht, wie es nun weiter geworden sei, denn da sei es auch mit ihm Matthäi am Letzten gewesen. Fürst Heinrich konnte den Johann nicht sehen, der hinter ihm lag. Ich wache hier schon seit einer Stunde, Herr Major, sagte der Johann; mir sind beide Beine, als kämen sie aus einem Mörser, und was ich für Schmerzen aushalte, das mag Gott im Himmel wissen. Der Johann schwieg; er schien auf ein leises Wimmern zu hören, welches ganz aus der Nähe herzzerreißend ertönte. Das ist der August Schwarz, Herr Major, sagte Johann; aus dem zweiten Gliede. Er ist der Letzte, außer uns, Herr Major; sie sind Alle nacheinander, Franzosen und Unsere, still geworden; der wird's auch nicht mehr lange treiben. Er jammert schon, so lange ich wach bin, nach Wasser; ich kann nicht zu ihm, er liegt zu weit weg. Wieder schwieg der lange Johann; auf des Fürsten von Durst zerrissenen Lippen schwebte eine Frage, die nicht heraus wollte, und endlich doch zögernd heiser kam: Haben Sie noch einen Schluck, Kreiser? Freilich, Herr Major, sagte der lange Johann; wenn Sie nur ein bischen heranrücken wollten. Ich liege fest, wo ich liege, sagte der Fürst, trotz seiner grausamen Schmerzen lächelnd. So will ich's versuchen, sagte der lange Johann. Es waren vielleicht zwölf Schritte, welche die Beiden von einander trennten, aber jeder Zoll, den der lange Johann, die Finger in die Rasendecke krampfend, sich weiter zog, mußte mit Höllenqualen erkauft werden, die den eisernen Menschen durch die zusammengebissenen Zähne wimmern und stöhnen ließen wie ein Kind. Und plötzlich fiel dem Fürsten ein, daß es noch keine Woche her war, als er dem langen Johann, weil er sein Pferd nicht vorschriftsmäßig geputzt, drei Tage Arrest dictirt hatte, die der Johann, in Ermangelung eines Arrestlocales, dadurch abbüßte, daß er drei Tage hintereinander während des Rendezvous an einen Baum gebunden wurde. Laßt es gut sein, Kreiser, sagte er. Ich bin gleich da, sagte der Johann. Der Mann war so weit gekommen, daß er mit dem langen ausgestreckten Arm ihm die Flasche reichen konnte – eine große lederne französische Feldflasche, die er ein paar Tage vorher bei einem Recognoscirungsgefecht erbeutet. Es ist freilich nur Essigwasser, Herr Major, sagte Johann. Der Fürst trank mit gierigem Zuge. Plötzlich setzte er wieder ab; er durfte den Mann nicht seiner letzten Hilfe berauben. Trinken der Herr Major aus, sagte Johann; ich brauche es doch nicht mehr. Und nach einer Pause: Oder wenn der Herr Major zu stolz sind, es von einem armen Kerl anzunehmen, so kaufen der Herr Major mir's ab. Der Herr Major haben gewiß noch ein paar Schüsse in seinem Revolver; geben Sie mir einen – hier über's Ohr. Sie können noch durchkommen, Kreiser, sagte der Fürst. Ich komme nicht durch, Herr Major; und wenn ich durchkomme, was habe ich davon: Hunger und Kummer. Wir sind unserer zwölf Kinder; ich bin der älteste; und die Pension, die der Vater hat, reicht nimmer weit. Der Mann sprach mit so seltsam klarer, schwingender Stimme, aber seine Riesennatur konnte doch dem Wundfieber nicht länger widerstehen. Er fing plötzlich an, von der Katherine zu reden, die nicht in's Wasser zu laufen brauche, weil sie einen Buben von Einem habe, der doch ein ehrlicher Kerl sei, wenn ihn der Herr Major auch drei Tage hintereinander habe an den Baum binden lassen. Dem Fürsten gingen die wirren Worte des Aermsten wie ein Schwert durch's Herz. Hätte ich dem Menschen den Arrest nicht dictirt, murmelte er, ich weiß nicht, was ich darum gäbe! Aber sein eigener Zustand war jetzt derart geworden, daß er daraus erlöst werden oder binnen kürzester Frist den Schmerzen erliegen mußte. Er machte eine verzweifelte Anstrengung, sein Bein zu befreien; in demselben Augenblicke hob das Thier, das bis jetzt regungslos dagelegen, den langen Hals mit schauerlichem Stöhnen und warf sich im Todeskampfe herum. Der Fürst schrie laut auf in wahnsinnigem Schmerz, die Sinne vergingen ihm. Er wußte, als er abermals erwachte, nicht, wie lange er so gelegen haben mochte. Doch mußte es ziemlich lange her sein. Das Sternbild des Großen Bären, das vorhin noch gerade gestanden, hatte sich tief geneigt; kälter wehte der Wind durch die Thalmulde; Fieberschauer schüttelten ihn, seine Zähne klappten. Dennoch war seine Lage nicht mehr so gräßlich; die Schmerzen hatten etwas nachgelassen und vor Allem war er von der entsetzlichen Last befreit; sein Pferd hatte sich im Todeskampfe von seinem Beine heruntergewälzt. Er konnte sich, wenn auch mit unsäglicher Mühe, erst auf den Rücken, dann auf die rechte Seite wenden und sehen, was er zu sehen erwartet: einen Haufen Todter in wüstem Durcheinander, dazwischen die Leiber von Pferden – eine grauenhafte Nachbarschaft – unmittelbar vor ihm das verzerrte Gesicht des Johann Kreiser, der keiner Revolverkugel mehr bedurfte. Das sonst so feste Herz pochte dem tapferen Manne bange gegen die Rippen. So lange der Johann Kreiser noch gelebt, so lange er noch eine Menschenstimme gehört hatte, war ihm der Gedanke des Todes eigentlich noch nicht nahe getreten; jetzt, in dieser stillen furchtbaren Todtenwacht, zu der er verdammt war, sagte er sich, daß er werde sterben müssen, nicht, wie er es immer gedacht, an der Spitze seiner Leute, in vollem Rosseslauf vom Pferde geschossen, vor den Augen seiner Cameraden, vor den Augen seines Commandirenden, vielleicht seines Königs und Herrn, sondern hier in diesem vergessenen Winkel des Schlachtfeldes in tiefer finsterer Nacht, einsam, allein, um ein paar Tage nachher aufgefunden, vielleicht gar nicht gefunden, von französischen Bauern eingescharrt, unter den »Vermißten« aufgeführt zu werden: Major Fürst Heinrich Roda-Steinburg vermißt – wie ein Marodeur, den die Weiber im Dorfe todtgeschlagen! Und dem fiebergequälten, schmerzgefolterten Mann kam ein Gedanke, den er nie bei sich für möglich gehalten hätte, der Gedanke: ob der Handel wohl ehrlich, ob der Sieg wohl nicht zu theuer erkauft sei. Und war es ein Sieg gewesen? Das Gefecht hatte stundenlang gestanden, war erst gegen Abend, als das sächsische Armeecorps in die Feuerlinie rückte, wieder in Gang gekommen; war Bazaine trotz aller der fürchterlichen Verluste durchgebrochen? War es möglich? War der Tag verloren? Fürst Heinrich saß auf einmal aufrecht da; der für einen Soldaten gräßlichste Gedanke hatte vermocht, was bis dahin unmöglich gewesen. Er schaute um sich. Ueber den Rücken des Hügels leuchtete ein hellerer Schein; es mußte St. Privat sein, das schon am Abend an mehreren Stellen gebrannt hatte, und weit in der Runde über die anderen Ränder der Mulde dämmerte Licht, ohne Zweifel von Bivouacfeuern – französischen oder preußischen? Da! in weiterer Ferne, aber doch dem aufmerksam lauschenden Ohr deutlich vernehmbar, ein preußisches Hornsignal! und jetzt, etwas näher: von dem Musikchor eines Bataillons: die Wacht am Rhein! Der Fürst hatte oft im Stillen gehöhnt und gewettert, wenn aus den marschirenden Colonnen, aus den lagernden Gruppen auf den Rendezvous, bei den Wachtfeuern stundenlang dieselbe Melodie des neuen Liedes erschallte, von rauhen disharmonischen Stimmen gesungen, von den Musikchors den müden Leuten, die sich nicht daran ersättigen konnten, vorgespielt; aber jetzt wurden seine Augen heiß; es war ein Gruß an den einsamen Verwundeten und eine Verheißung: das Feld, auf dem das Lied gespielt wurde, konnte nicht in des Feindes Händen sein! Und hier so liegen, hier so verenden müssen! seufzte der Fürst. Er machte noch einmal einen Versuch, sich vollends aufzurichten, ob er sich vielleicht weiter schleppen könnte. Es war unmöglich; das Bein, auf welchem das Pferd gelegen, war zerquetscht oder gebrochen; er konnte es nicht von der Stelle bewegen; auch war seine Kraft ohnedies vollständig erschöpft; er sank, vor Schmerz stöhnend, auf den Boden zurück, welcher ihm jetzt eiskalt erschien. Er glaubte, es wäre der Morgenthau; er wußte nicht, daß es sein eigenes Blut war. Aber er hatte überhaupt nicht mehr die Kraft, sich irgend etwas klar zu machen. Immer wirrer, wilder schießen die Phantasien durch sein erschöpftes Gehirn. Er sitzt an der reichbesetzten Tafel im Schlosse zu Roda, er winkt einem Bedienten, ihm das Glas mit Champagner zu füllen; dann wieder ist er der lange Johann Kreiser, der nichts auf der weiten Welt besitzt, als ein paar Tropfen Essigwasser in der Feldflasche und die will er für einen Revolverschuß verkaufen. Er kann den Fürsten Heinrich von Roda und den langen Johann nicht mehr auseinanderbringen und auseinanderhalten. Einmal in einem besonders klaren Momente sagt er laut: Es ist ja auch eines und dasselbe. Auf einmal schlagen Menschenstimmen an sein Ohr. Im Nu sitzt er aufrecht. Gar nicht weit von ihm leuchtet ein heller Schein, der alsbald wieder verschwindet, um nach einigen Secunden abermals aufzublitzen. Ist es ein Irrlicht auf dem Sumpfboden der Thalmulde? Ist es die Laterne eines Trupps Krankenträger? Er will rufen, aber der Athem stockt ihm in der Kehle, die Zunge klebt ihm am Gaumen; nur ein leises heiseres Stöhnen kommt über seine verbrannten Lippen. Wenn sie ihn nicht finden, wenn sie vorübergehen? Er kann es keine Stunde mehr aushalten. Zwei Schüsse hat er noch in seinem Revolver. Er hat sie sich aufgespart für den äußersten Fall. Er will einen abfeuern, den Leuten ein Signal zu geben; er zieht mit unsäglicher Mühe den Revolver heraus, aber seine steifen kraftlosen Finger tasten vergeblich nach dem Abzug, er wird nicht damit fertig und das Licht entfernt sich mehr und mehr. Aber jetzt kommt es wieder näher und immer näher; es ist, als ob sich neues Leben durch die ausgetrockneten Adern des Unglücklichen ergießt; er murmelt ein Dankgebet, seine brennenden Augen feuchten sich, ein Schleier fällt darüber, durch den das Licht in Strahlen schimmert. Jetzt ist es so nahe, daß er die Gestalten unterscheiden kann: eine, zwei, drei. Sie haben es eben nicht eilig; sie halten sich länger, als es ihm nöthig scheint, bei den einzelnen Todten auf, welchen der mit der Laterne in's Gesicht leuchtet, während die beiden Anderen – Heiliger Gott, was ist das? Der Fürst hat deutlich gesehen, wie der Eine mit einem Messer zwischen den Zähnen auf der Brust des Todten kniet und der Andere den linken Arm des Todten hebt und mit einem sacré fallen läßt. Der Dritte hält die Laterne, dem Spießgesellen zu leuchten und besser umschauen zu können. Das Licht fällt grell in sein wüstes, thierisches Gesicht, aus welchem die Augen der Hyäne funkeln, und die Hyänenaugen sehen jetzt den Dasitzenden. Er schwenkt ungeduldig die Laterne. Macht, daß Ihr fertig werdet, sagte er; da ist ein Officier. Wie durch ein Wunder hatte der tapfere Mann seine Geistesgegenwart, seinen trotzigen Muth, ja sein untrügliches Auge, seine feste Hand wiedergefunden. Er nimmt nicht den Laternenträger, sondern den ersten der Räuber auf's Korn, um für den zweiten noch Licht zu haben. Ein kurzer scharfer Knall und noch einer; der Laternenträger, der seine Gesellen rechts und links neben sich stürzen sieht, läßt in grausem Schreck die Laterne fallen unmittelbar neben dem Fürsten und läuft davon, so schnell ihn die Beine tragen. Das Licht in der Laterne brennt weiter; es dient einem Trupp von Männern, die von den beiden Schüssen herbeigelockt, eben über den Hügelrand kommen, zum sichern Leitstern. Aber der letzte helle Funken alter Kraft und Energie, der eben noch in der Feuerseele des Mannes aufgeglüht war, ist im Erlöschen. Er glaubt Herrn von Zeisels Gesicht über sich zu sehen und die Stimme des Doctor Horst zu hören, aber er weiß nicht, ob es Wirklichkeit ist oder Fieberphantasie. Nur einmal wacht er von einem fürchterlichen Schmerze auf und, da sieht er des Doctors Gesicht und hört Herrn von Zeisels Stimme und dann versinkt Alles in tiefe finstere Nacht todtähnlicher Ohnmacht. Unterdessen tragen den mit einem Nothverbande Versehenen, auf einer Tragbahre möglichst weich Gebetteten und mit einem Mantel Zugedeckten ein paar stämmige Hannoveraner über das Schlachtfeld, während Herr von Zeisel und Hermann nebenher gehen. Herr von Zeisel in der Uniform eines sächsischen Dragoner-Officiers, Hermann in der eines preußischen Militärarztes. Herr von Zeisel erzählt mit halblauter Stimme ausführlich, was er vorher nur in den allgemeinsten Umrissen dem Freunde mitgetheilt. Ich hatte den Fürsten deutlich gesehen, als wir über den Hügelrücken kamen, an der Spitze seiner Leute: eine prachtvolle Charge; aber wir bekamen in demselben Moment von einer ganz intacten Compagnie ein so furchtbares Feuer, daß wir in halben Zügen rechts abschwenken mußten und jenseits der Hügelwelle mit den Preußen zusammentrafen, die eben durch die andere Compagnie geritten waren. Es ging ein wenig bunt her, lieber Freund, preußische und sächsische Dragoner durcheinander; aber es war doch ein Geist und ein Zug in dem Ganzen. Im Nu hatten wir wieder Front gemacht und jagten in die Thalmulde zurück und durch, denn die Kerle waren mittlerweile bis auf die andere Seite gekommen, wo sie wieder hinter einer Hügelwelle die prachtvollste Deckung hatten, die sie meisterhaft benützten und uns mit einem Schnellfeuer empfingen, das ich nicht so leicht vergessen werde. Aber wir hatten uns einmal festgebissen, und da unsere Leute es den Preußen und die Preußen es uns zuvorthun wollten, blieb die Sache nicht lange zweifelhaft. Was nicht um Pardon bat, wurde niedergeritten, und ich fürchte, manch armer Junge dazu, der gar zu gern Pardon genommen hätte. Mittlerweile waren wir aber weit genug von hier weggekommen, und da wurde Sammeln geblasen und noch einmal Sammeln; wir mußten unsere Leute zusammenziehen und zurück. Ueberdies war es schon beinahe Nacht geworden. Jetzt erst fiel mir auf, daß ich den Fürsten nicht wiedergesehen hatte, als wir zur zweiten Attaque vorgingen. Es war freilich nur ein Theil von den Preußen gewesen, mit denen wir uns vereinigt hatten; ein paar Escadrons waren links geschwenkt, um die Franzosen in der Flanke zu fassen. Er konnte bei diesen Escadrons gewesen sein, aber ich hatte, als wir durch die Thalsenkung jagten, mehr als einen hellblauen Rock zwischen den Rothhosen liegen sehen und – die Rodaer sind unsere Lehensherren gewesen seit zweihundert Jahren und mein alter Vater sitzt noch heute auf einem der Roda'schen Güter in Sachsen. Ich bekam auf eine Stunde Urlaub und ritt herüber; Ihr Regiment war unterdessen hier eingerückt. Ich danke Gott, daß ich den finden mußte, den ich mir in dieser Roth von allen Menschen zuerst herbeigewünscht haben würde. Glauben Sie, Horst, daß er durchkommt? Ich denke; ob man den Arm wird retten können, weiß ich freilich nicht. Man muß eben sehen. Glücklicherweise war der Weg nach dem Verbandplatze, auf welchen sie losgingen, nicht allzuweit. Der Fürst, der bei dem ungeheuren Blutverluste aus der Ohnmacht nur erwachte, um sofort wieder in Ohnmacht zu fallen, wurde jetzt von Hermann, dem ein junger College assistirte, regelrecht verbunden. Das Resultat war im Ganzen günstig, besonders wenn man die überaus kraftvolle Natur des Verwundeten mit in Anschlag brachte, doch war es unmöglich, den Ausgang zu bestimmen. Herr von Zeisel hatte eben nur Zeit gehabt, diesen Bericht abzuwarten, er mußte unbedingt zurück. Hermann seinerseits hatte alle Hände voll zu thun. Er sagte dem Freunde, daß er hoffe, ihm morgen mit Sicherheit sagen lassen zu können, wohin man den Fürsten gebracht habe. Sein Regiment sollte vorrücken; er selbst war dazu designirt, einen Transport Leichtverwundeter zurück zu begleiten; wahrscheinlich würde er bis Coblenz gehen; vielleicht noch weiter. Herr von Zeisel reichte aus dem Sattel dem Freunde nochmals die Hand. Und ich habe noch gar nicht einmal gefragt, wie es Ihrer Braut geht, sagte Hermann. Vortrefflich, erwiederte Herr von Zeisel, das heißt, sie weint den halben Tag: ich trage immer einen Brief von ihr hier – er legte die Hand auf das Herz – das ist mein Talisman diese ganze Zeit gewesen und – dann denke ich mit Georg im »Götz von Berlichingen,« daß ein tüchtiger Regen und ein guter Reiter überall durchkommen. Es hat sich heute bewährt, wo es Noth that; und ich danke deshalb Gott – um der Kleinen willen. Er wollte dem Pferde die Sporen geben, aber er hielt es nochmals an: Und, Doctor, Sie haben keine Nachrichten von ihr? Keine. Auf Wiedersehen also! Auf Wiedersehen! Achtunddreißigstes Kapitel. Es war acht Tage nach der Schlacht. In einem der großen Säle des zum Lazarett eingerichteten Jesuiten-Seminars von Pont-à-Mousson dämmerten die Nachtlichter dem Morgen entgegen. Trotzdem der obere Theil der hohen Fenster weit geöffnet war, herrschte in dem Raume eine schwüle, drückende Atmosphäre und jener eigenthümliche Dunst, der dem Kundigen sofort sagte, daß hier Schwerverwundete lagen. Und hier nun, wohin man ihn in dem ersten Augenblick grenzenloser Verwirrung gebracht, hatte seit acht Tagen der Major Fürst Heinrich Roda-Steinburg gelegen. Prinzen und Fürsten waren gekommen, um ihre Theilnahme zu beweisen; der König hatte ihm durch einen seiner Adjutanten das Eiserne Kreuz mit den schmeichelhaftesten Ausdrücken seiner besonderen Huld und gnädigen Gesinnung überreichen und sein Bedauern aussprechen lassen, daß die Zeit ihm nicht erlaube, sich nach dem Befinden eines seiner tapfersten Officiere persönlich zu erkundigen; es hatte an Aufmerksamkeiten keiner Art gefehlt, auch war der Zustand der Wunden über alles Erwarten gut: die Kugel in der Schulter war gefunden und wenn der Arm gleich für immer gelähmt bleiben würde, hatte man doch nicht zu einer Amputation zu schreiten brauchen – dennoch hatte den Verwundeten eine trübe düstere Stimmung nicht verlassen wollen, ja dieselbe schien mit jedem Tage und in demselben Maße zuzunehmen, in welchem die Besserung vorwärts ging. Er hatte auf das bestimmteste und, als man weiter in ihn drang, in fast leidenschaftlicher Weise abgelehnt, aus diesem Saal, welchen er mit ein paar Dutzend Leidensgefährten theilte, von denen über die Hälfte gemeine Soldaten und Unterofficiere waren, in ein ruhigeres Gemach gebracht zu werden. Ich habe in der Schlacht vor dem Feinde keine besseren Chancen gesucht als meine Leute, sagte er; ich will auch nach der Schlacht keine besseren haben. Man hatte das an der Tafel des Höchstcommandirenden als Grille und Eigensinn ausgelegt, aber ein wegen seiner losen Zunge bekannter General sagte: Ich glaube seit heute mit Bestimmtheit zu wissen, weshalb er nicht aus dem Saale will. Nun? Weil das schönste der Mädchen dort als Krankenwärterin functionirt. Wer ist es? Der General zuckte die Achseln: Braucht die Schönheit einen Namen, königliche Hoheit? Und doch, ich habe sie im Vorübergehen von einem der Kranken, deren Abgott sie zu sein scheint, Fräulein Hedwig rufen hören. In den Acten des Centralcomités mochte wohl ihr voller Name stehen, aber hier nannte sie Niemand unter einem anderen. Es hatte auch Niemand in diesen Tagen Zeit und Lust, sich um Dinge zu bekümmern, die nicht zur Sache gehörten; es kam so ganz nur darauf an, daß Jeder seinen Posten ausfüllte, und Fräulein Hedwig füllte ihren Posten aus. Die Aerzte wußten es und legten demzufolge für sie eine Achtung an den Tag, die an Ehrfurcht grenzte; die Krankenwärter und Lazarethbediensteten wußten es und räumten ihr, als ob es sich von selbst verstände, eine unbestrittene Autorität über sich ein; aber am besten wußten es die Kranken. Sie wußten, daß, wenn sie riefen, mochte es Tag sein oder Nacht, Fräulein Hedwig an ihrer Seite war; ja, es bedurfte meistens der Bitte gar nicht; das schöne Mädchen schien mit ihren dunklen ernsten Augen in der Seele des Kranken zu lesen; und während sie so vorüberging, strichen ihre weißen Hände, denen man es nicht ansah, daß sie zu arbeiten gelernt hatten, eine Falte glatt, rückten eine Decke höher, als ob Alles eine Sprache spräche, die ihr Herz ohne weiteres verstand. Und so zog denn über das schmerzenreichste Gesicht ein freundlicher Schimmer, sobald sie herantrat; mehr als eine erkaltende Hand hatte ihre Hände im letzten Druck festgehalten; mehr als ein im Tode erbleichender Mund hatte seine letzte Bitte, seine letzte Beichte in ihr Ohr geflüstert. Und nur Einer hatte nie gelächelt, wenn sie unhörbaren Schrittes durch den Saal ging, hatte ihre anmuthigen Bewegungen nicht mit Lust verfolgt; nur Einer hatte ihren Namen nie über die schweigsamen Lippen gebracht. Nicht daß sie für diesen Einen geringere Sorge getragen hätte, als für die Anderen; sie reichte ihm die Erfrischungen, ehe seine heißen Lippen noch darum baten; sie erneuerte die Eisumschläge keine Minute zu spät; sie vergalt auch seine Schweigsamkeit nicht mit Schweigen, hatte im Gegentheil immer ein freundliches Wort, wie es nun eben der Dienst, den sie gerade leistete, mit sich brachte, und nur die Frage, die sie oft genug an die armen Soldaten richtete: ob sie Angehörige zu Hause hätten, denen sie Nachricht zu geben wünschten? ob sie einen Brief für sie schreiben solle? diese und ähnliche Fragen hatte sie nie an ihn gethan. Es war das freilich auch nicht nöthig gewesen und sie hatte durch diese Unterlassung keine Pflicht der Krankenwärterin versäumt. War doch kein Tag vergangen, ohne daß von dem Höchstcommandirenden Anfrage geschah, wie Seine Durchlaucht die Nacht zugebracht? wie Durchlaucht sich heute befände? Hatte der Höchstcommandirende doch, trotz der Arbeit, die in diesen Tagen auf seinen Schultern lag, zwei- oder dreimal Zeit gefunden, sich persönlich nach dem Freunde umzusehen und eine Viertelstunde an seinem Bette zu sitzen; kamen doch jeden Tag Cameraden, ihre Dienste anzubieten; stand doch im Nothfalle selbst der Telegraph für Seine Durchlaucht zur Verfügung, und hatte wirklich bereits am ersten Tage die Kunde von seiner Verwundung und was sonst für die Seinen zu wissen nothwendig oder wünschenswerth war, in das Kriegsministerium nach Berlin und von dort nach Roda getragen. Nein, für Seine Durchlaucht den Fürsten Heinrich Roda-Steinburg schien nach allen Seiten gesorgt; er mochte der besonderen Hilfe, des tröstenden Zuspruchs einer einfachen Krankenwärterin wohl entbehren; und dennoch fühlte sich vielleicht von allen diesen Unglücklichen, deren Seufzer bei Tag und Nacht den Raum erfüllten, keiner so hilflos, keiner so trostlos als dieser Mann, über dessen stolze Lippen nie eine Klage kam; war vielleicht das Lager keines dieser Aermsten so dornenvoll als sein Lager; wünschte keiner sich so ehrlich den Tod, der ihn von einem Leben erlösen sollte, das fürder keinen Reiz und keinen Werth mehr zu haben schien. Was blieb von Heinrich von Roda, wenn er von diesem Lager erstand, als sein Schatten? Er hatte immer nur mit dem Tode gerechnet, niemals mit dem Umstand, daß der Tod an ihm vorübergehen und ihm nur sein Mal aufdrücken würde, daß Heinrich von Roda zum Krüppel werden könne. Er warf sich jetzt mit bittersten Worten die Thorheit vor, eine so nahe liegende Möglichkeit nie in's Auge gefaßt zu haben – aber er hatte es doch nun einmal nicht gethan, und jetzt war das nie Gedachte zur schauderhaften greifbaren Wirklichkeit geworden. Nie mehr würde Heinrich von Roda eine linke Hand haben, die stark genug war, das stärkste Pferd im rasendsten Laufe zu pariren; nie mehr würde er, den Pallasch schwingend, seinen Schwadronen voraus, in den Feind jagen können. Allzeit voran! Das war jetzt vorbei für immer! Für immer! Er biß die Zähne aufeinander vor grimmem Weh, wenn er's dachte. Dieser Krieg, er hatte ihn herbeigewünscht, herangezürnt; dieser Krieg mit Frankreich war der eigentliche Inhalt seines Lebens gewesen, seine wahre Aufgabe, im Vergleich zu welcher alles Andere nur als Vorbereitung gelten konnte. Und jetzt sollte er die Erfüllung dieser Aufgabe Anderen überlassen, jetzt sollte er von seinem Schmerzenslager das Wirbeln der Trommeln, das Schmettern der Trompeten, das Rasseln der Kanonen, den dumpfen Tritt der Colonnen hören, die weiter gegen den Feind marschirten; jetzt sollte er im Geist ihren Siegeslauf verfolgen, sollte nicht theilnehmen an dem großen Schlage, der vorbereitet wurde und von dem ihm seine Freunde aus dem Generalstab mit Begeisterung erzählten, sollte nicht den Fuß des Siegers auf die in den Staub geworfene Hauptstadt des Feindes setzen! Und was blieb, wenn ihm das genommen war? Wenn er von dem Felde weggedrängt wurde, wo er zu Hause war, wo seine Kraft lag, wo er es bis dahin kühn mit Jedem hatte aufnehmen können? Was blieb? Die Landwirthschaft im großen Maßstabe – was wußte er von der Landwirthschaft im Großen oder Kleinen? Die Verwaltung eines fürstlichen Vermögens – war das so leicht wie Schuldenmachen? Die Muße eines großen Herrn auf seinen Schlössern, in der Residenz, auf Reisen – sie mußte zur öden Qual der Langeweile werden für Jemanden, der keine andere Wissenschaft kannte als die des Krieges, keine andere Kunst als etwa die der Belagerung. Hatte er doch jenes plebejische Können, jenes demokratische Wissen von jeher gern Denen überlassen, die ihre Geburt dafür bestimmte: Bürgerlichen oder herabgekommenen Adeligen: den Horst, den Zeisel. Sollte er mit den Horst, den Zeisel concurriren? Und nun mußte er sie wiederfinden, hier, zu dieser Stunde, die einst so heiß, ach, noch immer so heiß Geliebte! Es hatte einen furchtbaren Eindruck auf ihn gemacht, als er sie – in einer frühen Morgenstunde der ersten Nacht – in den Saal treten sah – in demselben schwarzen, vollkommen einfachen Kleide, das die junge Gesellschafterin im Hause der Generalin getragen – von Bett zu Bett gehend, hier sich verweilend, dort leise vorüberhuschend, bis sie an sein Bett kam – einen Moment stutzte und nun herantrat, ihm schweigend von dem Trank reichte, der vor ihm auf dem Tischchen stand, die Hand für einen Moment ganz leise auf seine Stirn legte und dann weiter ging zu den anderen Betten, während er den Kopf in die Kissen drückte und weinte wie ein Kind. So war sie jeden Morgen um dieselbe Stunde in den Saal getreten, um dann den Tag bis in den späten Abend zu bleiben, kommend, gehend, wieder kommend – unermüdlich, unhörbar, Schmerzen lindernd, Trost sprechend, wo ihr Anblick, ihre Gegenwart schon als Labsal und Trost empfunden wurde. Und jeden Morgen um dieselbe Stunde hatte er wach gelegen, unverwandten Auges auf die Thür blickend, durch die sie einzutreten pflegte, ungeduldig des Augenblicks harrend, da sie eintreten würde. Neununddreißigstes Kapitel. Und so lag er heute Morgen wieder. Es sollte der letzte Morgen sein. Auf heute war ein Sanitätszug angesagt, der aus Deutschland kam und noch am Abend von hier in die Heimath zurückkehrte, mit einer Auswahl transportabler Verwundeter, zu denen auch er, Dank der ausgezeichneten Pflege und seiner kraftvollen Natur, gehörte. Zurück! entsetzlicher Gedanke! Heim! – sein Heim war das Schlachtfeld! Und sie zum letztenmal zu sehen, ach! ganz gewiß zum letztenmal! Die Thür ging auf, sie trat herein. Der Dämmerschein der Nachtlampen und des ersten matten Tagesschimmers fiel in ihr jetzt so blasses, von dem schwarzen Flortuch eingerahmtes holdes Gesicht. Es war ihm nie so hold erschienen; eine Wehmuth, wie er sie nie zuvor empfunden, füllte seine Brust, wenn er dachte, daß sie morgen so wiederkommen, wieder von Bett zu Bett gehen, auch an das Bett treten würde, in welchem er nicht mehr lag, in welchem ein Anderer lag, für den sie dieselbe Sorgfalt, dieselbe weiche Hand, dieselbe leise Stimme hatte. Es gilt ja nicht dir, sagte er bei sich, es gilt ja dem Kranken; dein einziges Anrecht an sie war ja nur, daß du krank warst. Von all der Liebe nichts geblieben, als nur ein wenig Mitleid. Er konnte es nicht ausdenken; ein rasendes Schmerzgefühl raubte ihm schier die Besinnung, er sah die geliebte Gestalt nicht mehr vor den Thränen, die seine Augen füllten. Heinrich, sagte eine leise Stimme, ob seinem Haupte, und eine Hand legte sich sanft auf seine Rechte, die auf der Decke ausgestreckt lag. Er führte die Hand an seine heißen Lippen, an seine Stirn. Lassen Sie uns in Frieden scheiden, fuhr die sanfte Stimme fort, und möge nie, wenn Sie an mich zurückdenken, ein bitteres Gefühl die Erinnerung trüben; und so soll es sein, wenn ich an Sie denke. Wir haben schon einmal mit einander abzurechnen gesucht – als Sie mir das Leben gerettet vor dem wüthenden Hirsch – es war noch zu früh, zu viel Persönliches trübte unsern Blick. Jetzt, da Sie das Vaterland gerettet haben, haben retten helfen vor dem wüthenden Feinde, jetzt, da der Einzelne freudig sich dem Ganzen unterordnet und opfert, sehe ich Sie doch deutlicher, klarer, als je vorher; vielleicht, daß unsere Rechnung jetzt besser stimmt. Und wie stände unsere Rechnung jetzt? fragte Fürst Heinrich mit trübem Lächeln. Fragen Sie unseren Feind, erwiederte Hedwig; fragen Sie das Entsetzen, mit welchem er zusammen sich gegenüberstehen, zusammen und unwiderstehlich sich auf ihn werfen sieht, was er für ewig getrennt hielt. Fürst Heinrich schüttelte leise den Kopf. Das ist wohl Ihre rechte Antwort nicht, sagte er. Sie können sich nicht wie ein blöder Schwärmer durch diesen Schein einer Einigkeit täuschen lassen, die nur die Noth des Augenblicks hervorgebracht. Wie wir jetzt stehen, das sehe ich wohl; wie werden wir stehen, wenn die Gefahr vorüber ist? Werden wir nicht immer noch die alten Gegner sein? Die gelernt haben, daß sie gelegentlich zusammenstehen müssen und zusammenstehen können, erwiederte Hedwig, und das ist schon viel; viel mehr, als die Heißsporne auf beiden Seiten je gedacht haben. Im Uebrigen freilich wird es wohl bei der Gegnerschaft bleiben, und doch wird auch die jetzt einen andern Charakter annehmen. Und welchen? Aus den Gegnern werden Nebenbuhler werden, Nebenbuhler um Deutschlands Größe und Glück; Nebenbuhler, die einander weniger ihre Schwächen als ihre Tugenden ablauern, um alle womöglich in sich zu vereinigen. So wollen Sie das Bürgerthum kriegerisch und den Adel gelehrt machen? Hedwig deutete auf eines der Betten im Vordergrunde des Saales. Dort, sagte sie, liegt ein junger Mann von dreiundzwanzig Jahren; er phantasirt in allen Sprachen, die ich kenne, und noch in vielen, die ich nicht kenne; – wie mir die Aerzte sagen, eines Schuhmachers Sohn, jetzt Docent an einer Universität. Er hat sich – der Letzte der ganzen Mannschaft – bei Mars la Tour auf einer Kanone zusammenhauen lassen, die er nicht verlassen wollte und die nur deshalb nicht in die Hände der Franzosen fiel; sein König hat ihn mit demselben Kreuz geehrt, das hier auf Ihrem Nachttisch liegt und – Hedwig schwieg. Fürst Heinrich sagte mit schmerzlichem Lächeln: Fahren Sie doch fort! Sie wollen sagen: und hier liegen Sie, der Sie um nichts tapferer – und nur um so viel unwissender sind. Sie deuten meine Gedanken schlecht, erwiederte Hedwig; ich wollte sagen: und so müssen Sie, wie ich es vorhin ausdrückte, die Tugenden Ihrer Gegner verschmelzen mit Ihren angeborenen und anerzogenen Vorzügen. Fürst Heinrich wies auf seinen Arm, der in der Schiene lag. War denn Ihr starker Arm Ihre einzige Tugend? sagte Hedwig. Dann hätte es wahrlich immer schlimm um das Wort gestanden, das Sie sich zum Leitstern Ihres Lebens erwählt: Allzeit voran! Aber Sie sind ungerecht gegen sich. Sie vergessen den Muth, den vielerprobten, das starke Selbstgefühl, das Ihnen die feste Haltung giebt, die frühe Gewohnheit zu befehlen, den sichern Blick für die realen Verhältnisse – unschätzbare Vorzüge, die Sie sämmtlich in der neuen Lage, in welche das Schicksal Sie gebracht hat, auf das herrlichste verwerthen können. Es ist vielleicht ein wenig unpolitisch, seinen Gegner über die Vortheile seiner Stellung aufzuklären, fuhr Hedwig nach einer kurzen Pause fort, in welcher Fürst Heinrich, nachdenklich vor sich hinblickend, still dagelegen hatte, aber es ist ja das letztemal, daß wir uns hier gegenüber finden – der Kranke und die barmherzige Schwester. So lassen Sie mich, wenn nicht barmherzig, doch Ihre Schwester sein – für diese wenigen Augenblicke. Und dies nun ist mein schwesterlicher Rath und Wunsch, daß Heinrich von Roda die köstlichen Gaben, welche ihm eine gütige Natur in die Wiege legte, nun, da ihn das Schicksal auf sich selbst angewiesen, verwerthen möge für den unendlichen Kreis, den das Glück ihm erschlossen. Ja, unendlichen Kreis! Wenigstens vermögen meine Blicke nicht zu ermessen, was ein Fürst von Roda – der Besitzer eines solchen Vermögens, der natürliche Beschützer, Lenker, Leiter so vieler Menschen – zu leisten vermag, bis zu welchem Umfang er seine Sphäre erweitern kann, wenn er die Zeichen seiner Zeit versteht. Und, Heinrich, Sie sind der Mann, diese Zeichen zu verstehen und was Ihr scharfer Verstand erfaßt und Ihr starkes Herz aufgenommen hat, mit eisernem Willen in's Werk zu setzen. Sie sind hier unendlich besser gestellt, als unser verstorbener, unglücklicher, edler Freund. Er war zu alt geworden, um neu zu lernen, und was er einst gelernt, war das Fürstenthum von Gottes Gnaden in den Händen eines weichen Gemüthsmenschen, der in seinen Träumereien eine Welt hat, die ihm die wirkliche für immer verdeckt. Sie werden nicht träumen, Sie werden wachen, handeln, Sie werden so glücklich sein, wie ein Mensch auf dieser Erde glücklich sein kann. Mit Ihnen als Gefährtin meines Lebens. Wer weiß! Sie hätten, wie Sie waren, wollten Sie die Harmonie Ihres Lebens nicht zerstören, nie eine Andere als eine Aristokratin zu Ihrem Weibe machen können; und ich weiß nicht, ob ich, wäre ich als Aristokratin geboren, die wäre, die ich bin, und das besäße, was Sie an mir halb hassen und halb lieben. Da mußte denn freilich Stephanie mein Weib werden, sagte Fürst Heinrich. Auf jeden Fall ist sie es, das muß für Sie, den Mann der Thatsachen, genug sein. Und dann, vergessen Sie nicht: wir Frauen ertragen von Euch unsäglich viel, fast Alles – nur vernachlässigt zu werden, ertragen wir nicht. Der Fürst lag still da, in das Morgenlicht schauend, das immer heller durch das hohe Fenster, seinem Lager gegenüber, hereinblickte. Ich habe Sie oft im Zorn meinen bösen Dämon genannt, sagte er. Ich glaube nicht an Dämonen und Engel, sagte Hedwig lächelnd; ich glaube nur an Menschen und daß, wo ihre Tugenden liegen, auch ihre Schwächen sind. Wenn ich diesen Satz auf Sie anwende, sagte Fürst Heinrich, so hüten Sie sich vor ihrem Edelmuthe, der die Menschen stets höher schätzt, als sie in Wirklichkeit sind. Sie haben darunter schon viel gelitten; ich fürchte, Sie werden noch viel darunter leiden. So ginge es mir nur, wie dem Volk, aus dem ich stamme, sagte Hedwig; es hat von jeher seine Großen für größer geachtet, als sie waren, von jeher an seinen Idealen gläubig festgehalten und mit der traurigen Wirklichkeit vorlieb genommen. Und glauben Sie auch an diese Ideale? rief der Fürst, sich auf seinem gesunden Arm im Bette aufrichtend, glauben Sie an diese Ideale? Ich glaube daran, sagte Hedwig ernst. Aber Sie glauben nicht an das Volk, und daß es diese Ideale je verwirklichen wird, sagte der Fürst, auf das Kissen zurücksinkend. Sprechen wir nicht von mir, sagte Hedwig. Sprechen wir von Ihnen, sagte Fürst Heinrich; meinen Sie, ich könne ruhig von hier gehen, für immer von Ihnen scheiden, ohne eine Ahnung, wie Ihre Zukunft sich gestalten wird? Hedwig, es ist für mich ein unerträglicher Gedanke, Sie in das Getriebe des Alltagslebens geschleudert zu sehen. Täuschen Sie sich nicht über sich selbst. Dies hier ist ein Leben voll Grauen und Schrecken der furchtbarsten Art; aber eben deshalb, und weil es im Dienste einer großen Idee steht, hoch erhaben über der gemeinen Wirklichkeit. Und Sie sind nach dieser Seite verwöhnt, mehr vielleicht als Sie wissen. Hedwig, Sie haben dem einst Geliebten, der zu Ihrem Feinde geworden war, abgeschlagen, was er in eines Anderen Namen Ihnen bot; können, wollen Sie es nicht von dem Freunde, nicht von dem Bruder nehmen? Auch als das Weib des Doctor Horst? Hedwigs Augen ruhten mit einem sonderbar wehmüthig lächelnden Ausdruck auf dem Gesicht des jungen Fürsten, der bei ihrer Frage zusammengezuckt war, als hätte ihm Jemand rauh den zerschossenen Arm berührt. Sie wissen recht wohl, daß der Heinrich, der jetzt hier liegt, nicht derselbe ist, der er vor vier Wochen war und daß er ebensowenig mit Ihnen marktet wie rechtet. Und weiter: Sie werden nie jenes Mannes Gattin werden, wozu also die nutzlose Grausamkeit dieser Frage? Ich habe es von Zeisel, der Sie hier sah, als er mich am ersten Tage besuchte und den Sie zur Verschwiegenheit verpflichteten – Horst war in Ihrer unmittelbaren Nähe; Sie gaben ihm keine Nachricht. Ich gab ihm keine Nachricht, erwiederte Hedwig; dennoch – da ist er und – Stephanie! Sie waren eben in den Saal getreten. Hermann war am Eingange stehen geblieben, im Gespräch mit dem Arzte, der sie hereingeführt hatte; Stephanie näherte sich, von einer Wärterin geleitet, rasch der Stelle an dem letzten Fenster, wo Fürst Heinrich lag. Bleiben Sie, sagte der Fürst, als Hedwig sich entfernen wollte; Stephanie muß wissen, wer so lange ihre Stelle eingenommen. Er hielt ihre Hand noch fest, als Stephanie bereits an seinem Bette kniete. Man hat es mir ja verschwiegen, Heinrich, schluchzte sie; sie haben es mir ja erst vor drei Tagen gesagt. Ich bin Tag und Nacht gefahren, und doch, ich wäre wohl kaum hiehergekommen ohne Doctor Horst, der mich mit in den Sanitätszug nahm; da war ich denn freilich geborgen. Ach, mein armer, armer Heinrich! Gutes Kind, sagte der Fürst, mit seiner Rechten das blonde Haar der Knieenden streichelnd, gutes Kind, willst Du nicht Hedwig begrüßen? Stephanie hatte in ihrer Verwirrung noch, keinen Blick auf die schwarzgekleidete Dame an ihres Gatten Seite geworfen; jetzt hob sie ihre Augen und, Hedwig erkennend, streckte sie, ohne sich von den Knieen zu erheben, ihre Arme nach ihr empor. Ich danke Dir für Alles, was Du an ihm, an uns gethan hast, sagte sie, und vergieb mir, Hedwig, vergieb mir! Sie bedeckte unter strömenden Thränen Hedwigs beide Hände mit Küssen; sie war außer sich. Ich habe nicht mehr zu vergeben, als mir vergeben werden mag, sagte Hedwig, die Knieende sanft aufrichtend, und sich zu Hermann wendend, der, um den Fürsten zu begrüßen, langsam herangekommen war, und nun, plötzlich stehen bleibend, Hedwig wie eine Geistererscheinung starren Auges anblickte. Sie spottet unserer Vermuthungen und Berechnungen, sagte Fürst Heinrich, indem er Hermann lächelnd die Hand entgegen streckte. Ich hätte es mir denken können, murmelte Hermann. Vierzigstes Kapitel. Der Sanitätszug, welcher den Fürsten Roda und seine Gemahlin nach der Heimath führte, war eben – kurz vor Sonnenuntergang – abgelassen worden. Ein Militärzug, der wenige Minuten später angekommen, hatte sich auf denselben Schienenstrang gestellt. Er brachte das Regiment, dem Hermann zugetheilt war und mit dem er sofort weiter mußte. Die Soldaten – Landwehrleute, braune, bärtige Männer – stiegen aus den Wagen und hasteten durcheinander, hierhin, dorthin, ihre Reihen suchend – es sollte vom Bahnhofe abmarschirt werden – für den Blick des Uneingeweihten ein Chaos, das sich doch in wenigen Minuten zur vollkommensten Ordnung gelichtet haben würde. Auf einer anderen Stelle wurde eine Batterie abgeladen; eine Kanone war tief in den weichen Boden gesunken; breitschultrige Kanoniere zogen sie mit Hurrah aus dem Schlamm, an einer andern wurde eine schadhafte Stelle in dem Geleise ausgebessert, die vor wenigen Minuten ein Zug passirt, der tausend gefangene Franzosen gebracht hatte. Ein paar Dutzend Spitzäxte waren in Bewegung, Hämmer schlugen rasselnd gegen das Eisen, der Pfiff der Locomotiven schrillte drein – Rufen der Leute, Wiehern der Pferde, Commandoworte der Officiere – die Klänge der Musik des Regiments, dessen Tête sich eben in Bewegung setzte; »Lieb' Vaterland, kannst ruhig sein!« Und Hermann, der mit Hedwig etwas abseits von dem bunten Treiben stand, sprach: Aus den Pflügen sind Kanonen geworden, aus der Holzart des Waldbauern die Spitzaxt des Pioniers, aus der Arbeit des Landmanns, des Bürgers die Arbeit des Soldaten; dennoch, es ist wieder das vielgeplagte, mühsalbehaftete Volk – und an den Sorgen kann es ja auch nicht fehlen; wer von diesen braven Männern Allen hat sie zu Hause gelassen? Wer trägt sie nicht, so laut er singt und so ausgelassen er sich geberdet, auf seinem Herzen, und trägt schwerer daran, als an dem Tornister auf dem Rücken oder dem Zündnadelgewehr auf der Schulter? Der Tornister wird beim Bivouac abgelegt, das Gewehr im Marsch von der linken auf die rechte Schulter genommen; was nimmt ihm die Sorge ab – die Sorge um Weib und Kind? Hedwigs dunkle Augen hingen unverwandt an dem merkwürdigen Schauspiel. Daß ihnen ihr Lohn werde! murmelte sie. Zweifeln Sie daran? fragte Hermann. Wenn ich mit Ja antwortete, erwiederte Hedwig aufblickend, sagte ich nicht die ganze Wahrheit, und antworte ich mit Nein, verschweige ich wieder meinen letzten Gedanken. Mein Herz ist eben zwiefach getheilt. Nicht daß ich an dem Siege zweifelte, ich habe nie auch nur einen Augenblick gezweifelt, daß wir siegen würden; wir haben gesiegt, wir werden siegen, Deutschland wird aus diesem Kriege hervorgehen in einer Macht und Herrlichkeit, die unsere kühnsten Hoffnungen weit überflügelt. Aber, mein Freund, Sie und ich und Tausende und aber Tausende – wir haben des Vaterlandes Glück und Ehre auf diesem Wege nie gesucht – werden wir, was wir so gefunden, zu bewahren verstehen? Wird das gutherzige, leichtbewegliche Volk nicht wieder des Sieges besten Theil an die abtreten, die es zum Siege führten, und die den Sieg noch immer für sich ausgebeutet, das heißt, das Volk und schließlich sich selbst um den unermeßlichen Gewinn gebracht haben! Ich denke nicht, sprach Hermann; ich habe ein unendliches Vertrauen zu unseres Volkes eingeborener Kraft, zu seinem gebunden Sinn, seinem geraden Verstande, seinem rastlosen, unerschöpflichen Genie. Wir haben es nicht so gewollt – ich gebe es zu, aber wer hat es schließlich so gewollt? Nicht einmal die, welche sich jetzt den Ruhm laut oder in der Stille anmaßen – die Ritter, deren stolzes Wort es war: Allzeit voran! Sie folgen schließlich auch nur dem Rufe, den der Genius der Nation an sie ergehen ließ, wie an uns Alle; sie werden schließlich auch nur getragen von der ungeheuren Woge, die uns trägt. Wohin? Wer wäre vermessen genug, das zu sagen; aber wer wäre so lieblos, nicht zu wünschen, es möge in den Hafen sein, den Hafen nicht einer trägen Ruhe, aber einer Zukunft von Arbeit, die den Arbeiter lohnt, voll Licht, das Jedem, dem Hochgeborenen, wie dem Niedriggeborenen, dem Scepterträger, wie dem Tagelöhner voll und warm in's Herz scheint. Amen! sagte Hedwig. Und nun, ich muß fort, Hedwig; wenn der Krieg mich verschont, wenn ich wiederkehre – ich kann nicht sagen: heimkehre – ich habe kein Heim – werde ich Sie finden? werden Sie sich finden lassen wollen? Wer kann, wer möchte ohne Freunde sein! sagte Hedwig Hermanns Blick suchte den ihren – vergeblich. Wieder hafteten die dunklen Augen an dem großen Kriegsbilde, das sich vor ihnen ausbreitete. Sie hatte seine letzte Frage wohl kaum vernommen; wußte wohl kaum noch, was sie darauf geantwortet. Ein Wehgefühl wollte in seinem Herzen aufsteigen; aber er hatte ja längst alle Hoffnung aufgegeben, und dies war keine Zeit für privaten Kummer. Kaum noch vernehmbar ertönte die Musik an der Spitze des Regiments; die letzte Compagnie setzte sich eben in Marsch. Als Hermann sich noch einmal umwendete, sah er Hedwig auf dem erhöhten Punkte, wo sie zusammen gestanden. Das röthliche Licht der sinkenden Sonne umfloß ihre dunkle Gestalt, die jetzt von dem helleren Hintergrunde aufragte, schlank und groß schier über Menschenmaß. Und jetzt hob sie die Arme, zum Gruß, zum Segen. Er wußte es: es galt nicht ihm; es galt den Braven Allen, die mit ihm zogen in den heiligen Kampf für ein einiges und freies Vaterland. * * *